Edmund Hoefer Deutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen Mit einem Titelstahlstich: »Die Poesie« nach Rafael gestochen von V. Froer.   Stuttgart. Verlag von A. Kröner.   1876. Druck von Gebrüder Mäntler in Stuttgart. Vorwort. Die Geschichte der deutschen Literatur ist seit den ersten Versuchen auf diesem Gebiet bis auf den heutigen Tag ein Lieblingsstoff unserer Schriftsteller geblieben, und, allerdings gemäß der unausgesetzt wachsenden Neigung und Theilnahme des Publikums, fast häufiger als irgend eine andere Materie behandelt worden – im Großen und Ganzen so gut wie in den Unterabtheilungen, in ausführlichen Werken und kurzen Uebersichten, für jede Bildungsstufe endlich, für Erwachsene und für die Jugend. Auch unter unseren gründlichsten Forschern und Kennern dürfte es nicht viele geben, welche noch im Stande sind, diese Literatur der Literaturgeschichte zu übersehen, und wer alles hieher Gehörende zu sammeln vermöchte, würde sich im Besitz einer ansehnlichen Bibliothek finden. Es ist in ihr, um mich so auszudrücken, für alles und jedes gesorgt, jede Frage behandelt und allen denkbaren Ansprüchen nach Kräften genügt. Die Flut des Mittelmäßigen, des Schwachen und sogar des Leichtfertigen ist begreiflicherweise freilich groß, aber es ist auch kein Mangel am Guten, ja am Besten. Wer sich heutzutage mit einem weitern Werk dieser Art hervorwagt, muß es stets schwieriger finden, dem Publikum etwas Neues oder auch nur Selbständiges zu bieten und für seine Arbeit in dieser Literatur einen ehrenwerthen Platz zu gewinnen. Des allen bin ich mir wohl bewußt gewesen und habe es mir oft und ernst genug wiederholt, als die Aufgabe an mich herantrat, eine kurzgefaßte und dennoch möglichst vollständige und übersichtliche Geschichte unserer schönen Literatur, hauptsächlich für die deutschen Frauen zu schreiben. Unvorbereitet ging ich an diese Arbeit nicht. Ich habe mich mit dieser Literatur und ihrer Geschichte schon seit mancher Zeit ernstlich beschäftigt und von jeher danach gestrebt, in der ersteren ein selbständiges und unbefangenes Urtheil und in der letzteren eine möglichst klare Uebersicht zu erlangen. Endlich bot mir auch eine vieljährige kritische Thätigkeit Gelegenheit, mit einer großen Zahl von nicht bloß modernen Schriftstellern und Schriften bekannter zu werden, als es auch der aufmerksamste – sage ich einmal: Vergnügensleser zu erreichen pflegt, und zwang mich zu einem vorsichtigeren und ernsteren Urtheil, als man es für sich oder in seinem Kreise zu fällen gewohnt ist. Aber freilich, als ich nun an die Ausführung ging, wurde es mir nur allzubald und auf das empfindlichste klar, wie viel mir zur Bewältigung der Aufgabe fehlte, wie beschränkt noch die Uebersicht, wie schwankend oft mein Urtheil, wie lückenhaft selbst meine Kenntnisse waren. Wer sich mit diesem Stoffe nur als Liebhaber oder immerhin auch als wirklicher Bildungslustiger beschäftigt, gelangt nur ausnahmsweise über, gleichviel wie zahlreiche, Einzelheiten hinaus und erfährt nur selten etwas von dem richtigen Zusammenhange, von der Ausdehnung, der Mannichfaltigkeit, dem Reichthum, von all den Schwierigkeiten und Hindernissen, mit denen der Darsteller aus diesem Gebiete allerwärts und stets von neuem zu kämpfen hat. Ich habe mich im Fortgange meiner Arbeit häufig nicht wenig gedemüthigt, ja zuweilen fast muthlos gefühlt und bin vor allem unendlich viel milder und nachsichtiger in meinem Urtheil über die Arbeiten und Versuche selbst derjenigen von meinen Vorgängern geworden, denen man, Gott weiß was alles für Schwächen und Fehler nachzusagen pflegt. Weiß und fühle ich doch gut gering, wie sehr mein eigenes Buch einer solchen Nachsicht bedarf. Wie ich meine Aufgabe erfaßte, handelte es sich um eine Schrift, welche etwa die Mitte hielt zwischen Werken, wie zum Beispiel dem bekannten und beliebten Vilmar 's, und den nicht allzu trockenen und dürftigen, besseren Leitfäden, die in höheren Unterrichtsanstalten gebraucht werden, aber auch noch zum Selbststudium dienen können. Es sollte den Lesern und vorzüglich den Leserinnen ermöglicht werden, über die dürftigen, halbvergessenen Schulkentnisse hinaus, ein einigermaßen vollständiges und anschauliches Bild unserer schönen Literatur zu gewinnen. Und zwar nicht im Spiel, denn es ist mir wahrhaftig am wenigsten darum zu thun, das verderbliche Halbwissen zu befördern und zu unterstützen, – aber doch auch ohne allzu große Mühe, ohne aufgehalten zu werden durch breite und genaue Ausführungen, wie sie in ausführlichen Werken nicht vermieden werden können. Es mußte mir im Gegentheil darauf ankommen, so einfach wie möglich und ohne lange historische, philosophische und ästhetische Deductionen, die einzelnen Perioden zu charakterisiren, die Uebergänge zu verdeutlichen, die fortschreitende Entwickelung darzulegen, und endlich von den rasch einander folgenden Einzelerscheinungen die bedeutenderen so weit zu fixiren, daß sie den Lesern anschaulich und diese sich ihrer Bedeutung, ihres Einflusses, ihres Werthes oder Unwerthes klar würden. Die Leser und Leserinnen sollten in Stand gesetzt werden, ihre Neigung und Theilnahme mit Gerechtigkeit und Unparteilichkeit dem Einen noch herzlicher, dem Anderen von neuem zuzuwenden oder dem Dritten zu entziehen. Daß ich hauptsächlich für unsere Frauen schreiben sollte, ist, wenn ich diese Seite meiner Aufgabe auch nie aus den Augen verlor, doch im Ganzen auf meine Arbeit ohne besonderen Einfluß geblieben. Der Stand der allgemeinen Bildung und das Gebiet der geistigen Beschäftigungen sind oder wollen doch, abgesehen von den eigentlichen Wissenschaften und einzelnen, kurz gesagt mehr praktischen Fächern, wenigstens in den, für mich in Betracht kommenden Ständen, gegenwärtig bei beiden Geschlechtern so ziemlich die gleichen sein. Wenn hier, zumal in der Behandlung und Darstellung der Literaturgeschichte, ein Unterschied zu machen ist, so konnte und kann ich denselben nur darin erkennen, daß für unsere Frauen allenfalls das Milde, Innige und Reine noch ein wenig mehr hervorzuheben und das Unreine, ein feineres Gefühl Verletzende noch bestimmter abzuweisen ist, als es den Männern gegenüber uns nöthig zu scheinen pflegt. Beides habe ich allerwärts so viel wie möglich im Auge behalten. Eine andere, ernstere Beschränkung legte mir allerdings der annähernd bestimmte Umfang des Buches auf. Da ich meine Darstellung in einen Band zu fassen hatte, blieb mir nur die Wahl zwischen einer, obendarein gedrängten Uebersicht über das Ganze oder einer eingehenderen Behandlung des Haupttheils. Die erstere hätte mich gezwungen, von allen bedeutenderen Erscheinungen nur die allerwichtigsten klarer hervortreten zu lassen und den Leserinnen im Uebrigen kaum etwas Anderes als Verzeichnisse von Namen und Büchertiteln vorzulegen. Eine solche Behandlungsweise würde dem eigentlichen Zweck meiner Arbeit aber doch gar zu wenig entsprochen haben. Ich zog es daher auch ohne viel Zögern vor, die gesammte älteste und ältere Zeit bis zum Anfange des 18. Jahrhunderts, gewissermaßen als Einleitung zu geben, in welcher nur das Allernothwendigste anzudeuten war, und ich verstand mich um so leichter hierzu, als die gesammte hier in Frage kommende Literatur mit wenig Ausnahmen nur für die Literaturgeschichte oder für diejenigen von höherem Werthe ist, welche aus der letzteren ein wirkliches Studium machen. Von den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts, d. h. vom Beginne der Blüthezeit an, nimmt die Literatur aber mehr und mehr das Interesse und die Theilnahme aller Gebildeten in Anspruch und haben wir nicht nur alle Veranlassung, sondern auch die Pflicht uns immer genauer mit ihr bekannt zu machen. Somit begann hier auch für mich erst die Nöthigung zur eingehenderen Behandlung und diese erstreckte sich bis in die fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts. Denn wie unendlich hoch ich auch Goethe stelle, so bin ich doch weit entfernt von der engherzigen Ansicht mancher Literarhistoriker, daß mit seinem Scheiden – alles zu Ende, und fortan höchstens nur noch Einzelnes überhaupt einer Berücksichtigung werth sei. Im Gegentheil, grade die Literatur der dreißiger und vierziger Jahre steht an Reichthum, an Reiz und Frische, an Werth und Eigenartigkeit weit über dem größten Theil derjenigen, welcher wir während der letzten zwanzig oder gar dreißig Lebensjahre des Altmeisters begegnen. Mit dem Anfang der fünfziger Jahre aber brach ich ab und beschränkte mich wieder auf wenige einzelne, besonders hervorragende Erscheinungen, welche bereits wirklich erfaßbar und voraussichtlich fertig vor uns stehen. Das Literaturleben der Gegenwart ist ein allzu unfertiges und verworrenes, als daß ich mir eine Darstellung und Würdigung desselben hätte erlauben können. Alles, was ich sonst noch über die Eintheilung und Anordnung des Stoffes zu sagen hätte, wird der Leser nebst den mich bestimmenden Gründen am leichtesten und besten aus dem Buche selber ersehen können. Wenn ich zum Schlusse hier auf das dankbarste des großen Koberstein 'schen Werkes gedenke, das mir bei dem größten Theil meiner Arbeit ein sicherer und kaum jemals vergeblich in Anspruch genommener Führer gewesen ist, so wird dadurch nicht ausgeschlossen, daß ich auch anderen meiner Vorgänger oft genug zum Dank verpflichtet worden bin. Ohne die Hülfe solcher Vorarbeiten, und angewiesen auf meine alleinige Einsicht und meine alleinigen Kenntnisse, wäre ich schwerlich im Stande gewesen, auch nur das zu leisten, was ich überhaupt etwa geleistet habe. Da die erste Hälfte des Buches während meiner Abwesenheit zum Druck gelangte, haben sich zu meinem Bedauern einige Irrthümer eingeschlichen, welche ich die Leser zu entschuldigen bitte. Sie werden die hauptsächlichsten im »Nachtrage« berichtigt finden. Stuttgart im October 1875. Edmund Hoefer. Erster Abschnitt. Von den ältesten Zeiten bis zur Reformation (1500). 1. Die Poesie als Ausdruck der Gefühle und Empfindungen, der Freude, des Glücks und der Leidenschaft, als Schilderung des Wahrgenommenen, als Spott oder Neckerei, als Belebung der Natur und der gesammten Umgebung, ist so alt und dem Menschen so zu eigen, wie die Sprache selber, und sie bricht um so leichter, natürlicher und unbefangener hervor, je weniger er noch durch die Zustände und Verhältnisse des äußeren Lebens beschränkt ist. Der Trieb zu dieser Poesie ist, wie wir alle Tage beobachten können, auch in unseren Kindern noch vorhanden und äußert sich gelegentlich in voller Naivetät und Unbefangenheit, und nicht minder nehmen wir wahr, daß er sich selbst im eigentlichen Volke noch frischer erhalten hat und sich kräftiger regt, als es bei dem – sagen wir kurz: Gebildeten der Fall ist. Wie mit der Poesie ist es aber auch mit dem Gesange. Er ist gleichfalls ursprünglich nichts weniger als ein Product der Kultur, sondern gleich der Sprache und Poesie dem Menschen angeboren. Die erhöhte Betonung des in erregter Stimmung Ausgesprochenen, des Gedichteten, enthält die Anfänge der Melodie. Da dies Alles selbst bei den rohsten Völkern zu beobachten ist, dürfen wir ohne Weiteres annehmen, daß es auch unseren Vorfahren, den alten Deutschen, niemals an diesen Gaben gefehlt hat. Die Deutschen sind, wo wir sie genauer kennen lernen, ein so durchaus edler, gesunder und kräftiger Stamm, daß sie selbst in der fernsten Urzeit sich über die Rohheit und Barbarei erhoben haben müssen, in denen wir noch heutigentags andere Urvölker versunken sehen und welche – es ist kaum zu glauben – in einer noch gar nicht fernen Zeit, gerade von deutschen Geschichtsforschern auf das willkürlichste auch bei den Germanen angenommen wurden. Die ersten genaueren und einigermaßen ausführlichen Nachrichten, welche wir über die Deutschen erhalten und bei dem großen römischen Geschichtsschreiber Tacitus , besonders in seinem unschätzbaren Buche »über Germanien« finden, können uns daher auch schon von mehreren Liederarten erzählen, welche bei dem Volke im Gange waren und gesungen wurden. Ja es fanden sich zwischen ihnen, wie Tacitus versichert, einige, welche schon sehr alt waren und anscheinend in die Urzeit zurückreichten, da sie dem Volke als geschichtliche Erinnerungen und Ueberlieferungen galten. Das sind diejenigen, in denen sie den Gott Tuisco , seinen Sohn Mannus und dessen Söhne, die Stammväter und Namensgeber der einzelnen Stämme des Gesammtvolkes feierten. An diese schlossen sich Schlachtgesänge zu Ehren des Herkules , des tapfersten aller Männer, und aus den Tönen dieser, deren Vortrag Baritus oder Barritus (Barditus) geheißen wurde – ein Name, der dann zu Klopstock's Zeiten Veranlassung zu dem wunderlichsten Mißverständniß geben sollte, – schlossen sie auf den Ausgang der Schlacht. – Auch das Andenken des Arminius soll in Liedern zwischen ihnen fortgelebt haben, und endlich erwähnt Tacitus auch noch sogenannter »froher Gesänge«, die bei fröhlichen Gelagen erklangen. Das sind die Anfänge unserer Literatur, und selbst dieser Reichthum an Arten beweist uns, daß die Dichtung und der Gesang schon zu einer bemerkenswerthen Ausbildung gelangt waren, welche, wenn sie in den folgenden ruhlosen und blutigen Zeiten auch keine großen und schnellen Fortschritte machte, dennoch sicherlich auch nicht in ernstliche Abnahme verfiel. Kaiser Julian, der Apostat, der dreihundert Jahre nach Tacitus wieder der Lieder der Deutschen gedenkt, welche er am Rhein vernahm, vergleicht dieselben zwar mit dem »Gekrächze der Raubvögel«; allein ein solches Zeugniß über die bitter gehaßten und nicht weniger gefürchteten, übermächtigen »Barbaren« ist um so bedeutungsloser, als selbstverständlich zwischen einem so außerordentlich großen und in so zahlreiche Stämme getheilten Volke mehr als einer der letzteren, aus fernen Gebieten erst heranziehenden zu finden sein mußte, der anderen in Ansehung nicht nur der Kultur, sondern vielleicht auch der geistigen Begabung und Ausbildung nachstand. Daß dies wirklich der Fall war, erfahren wir aus dem großartigen Werke, das uns wirklich erhalten ist und das erste, unüberschätzbare Denkmal unserer alten Sprache bildet, – wir meinen die gothische Bibelübersetzung des Ulfilas , welche leicht möglich schon zu derselben Zeit, als Kaiser Julian jene wegwerfende Aeußerung that, im Entstehen begriffen gewesen ist. Ulfilas, geboren um 318 und gestorben 388, war ein Bischof der Gothen, deren Hauptsitze wir damals in den Landstrichen an der unteren Donau finden, obgleich der Sage nach alles Volk vom schwarzen Meer bis an die Küsten der Ostsee ihrer Herrschaft unterworfen war. Sie waren zum Theil seit kurzem zum Christenthum bekehrt, und für sie wurde von Ulfilas selber oder unter seiner Aufsicht die erwähnte Bibelübersetzung abgefaßt. Die Sage fügt prägnanterweise hinzu, daß die »Bücher der Könige« ausgeschlossen blieben, weil der Bischof gefürchtet habe, daß die in denselben erzählten kriegerischen Begebenheiten sein kaum noch an friedliche Zustände gewöhntes Volk allzu heftig aufregen würden. Kunde soll man von diesem Werke bis ins neunte Jahrhundert behalten, ja unter den Nachkommen der spanischen Gothen sogar die Sprache noch verstanden haben. Nach dieser Zeit verscholl es, und man erfuhr erst wieder von ihm, als gegen Ende des 16. Jahrhunderts in der Benedictinerabtei Werden die berühmte Abschrift entdeckt wurde, welche, wenn auch nach dem Verluste zahlreicher Blätter, noch heute unter dem Namen des silbernen Codex ( codex argenteus ) zu Upsala in Schweden aufbewahrt wird. Später sind einzelne Bruchstücke auch zu Wolfenbüttel und Mailand aufgefunden worden, und zu ihnen gesellen sich als weiter erhaltene Reste jener ältesten Zeit und Sprache gothische Namensunterschriften und Fragmente eines Kalenders, sowie einer angeblichen Homilie oder Erklärung – Skeireins – des Evangeliums St. Johannis. Mit dem Uebergang der Hunnen über die Wolga, im Jahre 374, bezeichnet man gewöhnlich den Beginn der großen Völkerwanderung, jener – wir dürfen schon sagen: grausigen Zeit, die wenn irgend eine dazu angethan zu sein schien, nicht nur alle Kultur, sondern auch alles edle und selbstständige Volksthum zu vernichten und unsern Erdtheil in den Abgrund der Barbarei zu stürzen. Das Auf- und Abwogen der Völkerschaften und ihr Andrängen gegen das römische Reich hatte freilich schon viel früher begonnen, war aber bisher stets von Pausen einer, sei es freiwilligen, sei es durch die römischen Waffen erzwungenen, sei es durch innere Zwistigkeiten veranlaßten Ruhe unterbrochen und gestört worden. Seit dem Einbruch der Hunnen aber war es damit zu Ende und die Völker brausen fast hundert Jahre lang rastlos heran und vorüber, bis endlich einzelne glücklichere und kräftigere Stämme sich wieder seßhaft zu machen versuchen können. Kräftig hatten sie sich durch die Stürme durchgearbeitet und diese Kraft und Tüchtigkeit erprobte sich bei den meisten auch in den neuen Sitzen und Verhältnissen, denn sie behaupteten sich in den nächsten Jahrhunderten gegen die Araber, die sogenannten Ungarn und gegen die, in das entvölkerte Deutschland hereindrängenden Slaven. Allein im Uebrigen war die schreckliche Zeit auch an ihnen nicht spurlos vorüber gegangen, und von den alten Stammes-Erinnerungen und Ueberlieferungen, von den geistigen Besitzthümern wird ihnen schwerlich viel erhalten geblieben sein. Einzig von den Gothen erzählt ihr Geschichtsschreiber Jornandes (um 550), daß sie noch alte Gesänge und Lieder besaßen, von dem Zuge ihres Volkes aus Skanzien nach dem Süden; von den Thaten und dem blutigen Ende des großen Königs Ermanrich , der gleich anfangs den hereinbrechenden Hunnen erlag, und er fügt hinzu, daß diese Lieder vor den Königen des Volks im Rythmus gesungen und mit Citherklang begleitet wurden. Außerdem finden sich leise Spuren, daß auch die Siegfrieds - und die Thiersage in die Zeit vor der Völkerwanderung zurückreichen, die Grundstoffe der Nibelungen und des Reineke Fuchs. Damit ist aber auch so ziemlich alles erschöpft, was wir von der Rettung solcher alten geistigen Schätze erfahren und wir dürfen getrost annehmen, daß die übrigen Stämme, die Longobarden, Burgunden, Franken, Alemannen, Thüringer, Sachsen, Friesen, und wie sie uns sonst genannt werden, schwerlich glücklicher hierin gewesen sind als die unleugbar in Kultur und Bildung – vordem wenigstens – vorgeschrittenen Gothen. Es ist hierbei aber noch mehr zu berücksichtigen als die aufreibende Zeit der rastlosen Wanderzüge und Kämpfe. Die Verhältnisse und Zustände waren vollständige andere geworden und wurden es, zum mindesten bei den Stämmen, welche sich in den früheren römischen Provinzen niederließen, im Laufe der Zeit mehr und mehr. Die Sieger traten mit den Resten der alten Bevölkerung in eine Verbindung, in Folge deren sie sich der Kultur und Bildung, so viel davon noch erhalten geblieben, den Anschauungen, ja bis auf einen gewissen Grad der Sprache der Besiegten unterwarfen und sich, wo dies nicht schon stattgefunden hatte, auch schnell zum Christenthum bekehrten. Die Gothen machen auch hier eine, für die Erhaltung ihrer Stammeseigenthümlichkeit günstige Ausnahme: sie waren seit Ulfilas' Zeiten Christen und zwar Arianer, ihre Sprache wurde seit eben damals geschrieben und der Gottesdienst in derselben abgehalten, wovon bei den übrigen Stämmen kaum jemals die Rede war. Zu allem Uebrigen, was zur Abflachung der Stammesart und zur Ausgleichung der Gegensätze zwischen Siegern und Besiegten führte, gesellte sich fortan als Hauptfactor der Einfluß der Geistlichkeit, welche nicht bloß den neuen Glauben zu schirmen und weiter auszubreiten hatte, sondern auch, wie sich das unter solchen noch unfertigen und schwankenden Verhältnissen am Ende von selber verstand, die junge Bildung und die neuen Sitten in ihre Hut und Pflege, unter ihre Herrschaft nahm. Bei der Ausbreitung und Befestigung des Christenthums mußte es ihr hauptsächlich darum zu thun sein, das noch immer halb-wilde Volk von allem abzuziehen, was dasselbe an den »heidnischen Greuel«, an die alte Religion, an die gesammte, zumal kriegerische Vergangenheit zu erinnern geeignet war – wir erinnern hier an jene Sage von den »Büchern der Könige«, die den Gothen vorenthalten wurden. Die Geistlichkeit wandte sich daher auch ausdrücklich gegen die Volkspoesie, gegen die Götter- und Heldensagen und alles, was sonst hieher gehört. Und da sie in ihren Gliedern obendarein einstweilen noch häufig der alten Bevölkerung angehörte, fast ausschließlich im Besitze der Schreibkunst war und endlich der Volkssprache im Allgemeinen abgeneigt blieb, so läßt es sich begreifen, daß von ihr nichts zur Rettung der Erinnerungen, Sagen und Lieder geschah, welche sich durch alle Stürme etwa im Volke erhalten hatten. Trotz alledem gelangte die Geistlichkeit nicht vollständig zum Ziele; die alten Erinnerungen, die Sagen- und Volkspoesie waren nicht zu besiegen, hier erhielten sie sich, dort rafften sie sich sogar auf und entwickelten sich weiter. Das erfahren wir zum Beispiel aus Paul Warnefrieds (Paulus Diaconus) Geschichte der Langobarden (Ende des achten Jahrhunderts), wo selbst durch den lateinischen Vortrag noch die Kraft und Fülle der Dichtung leuchtet, wo überall die schönsten Liederstoffe, ja ganze Stücke poetischer Erzählung hervortreten. Und wenn wir uns hier auch nur mit Andeutungen und Berichten begnügen müssen, so sind von der alten Sprache doch wirkliche Denkmäler vorhanden. Denn es fanden sich selbst unter der Geistlichkeit immer noch vorurtheilsfreie und einsichtige Männer, welche sich nicht mit Verachtung und Mißtrauen vom Volke und seiner Sprache abwandten, sondern die letztere einer sorgsamen Pflege für Werth hielten. Solche Männer begegnen uns dazumal in mehr als einem Kloster und besonders in demjenigen, welches der heilige Gallus um das Jahr 620 gründete. Hier entstanden schon im gleichen Jahrhundert deutsche Schriftwerke, wie z. B. das Glossar des heiligen Gallus oder im folgenden Jahrhundert des Mönches Kero Uebersetzung der Regel des heiligen Benedict ; und ähnliche Arbeiten, Uebersetzungen des Vaterunser, Glaubensbekenntnisse, Beichtformeln u. s. w. sind uns auch von anderwärts erhalten. Hierher gehören denn auch, als gleichfalls erhalten, das sogenannte Wessobrunner Gebet und ein Muspilli geheißenes Bruchstück eines längeren Gedichts über das jüngste Gericht. Beide stammen sicher aus dieser, wo nicht aus einer noch viel früheren Zeit, wenn sie auch erst im neunten Jahrhundert aufgeschrieben wurden. Das Beste zur Erhaltung der Volkspoesie mußte jedoch die Zeit mit ihren großen Ereignissen thun. Was die Völkerwanderung den Menschen an Erinnerungen nahm, das ersetzte sie auf der andern Seite durch neue Erfahrungen und Erlebnisse und statt der alten Stammhelden führte sie neue auf die Bühne. So war Attila oder Etzel , der Fürst aller Wanderer, eine Erscheinung, um den sich, wie um einen Kernpunkt, alles Uebrige zusammenzog und gruppirte, und neben ihm tritt beinah ebenbürtig Theoderich der Große , der Ostgothe, hervor, der Dietrich von Bern des Volksepos. So sammelten sich denn hier die Reste der Siegfriedssage, die nach Abstreifung des Heidnischen, als eine fränkische vom Niederrhein erscheint; die gothische kam dazu, die burgundische folgte, und alles Einzelne, was dem Volk sonst noch von Bedeutung war, sich aber in den großen Rahmen und das Hauptgemälde nicht recht einfügen wollte, wurde dennoch in irgend einer Weise in Beziehung zu ihm gebracht. Eine Probe von derartigen Gedichten ist uns im Hildebrandsliede erhalten, das bestimmt in einer sehr frühen Zeit entstand und verbreitet war, obschon es erst zu Ansang des neunten Jahrhunderts von zwei Fuldaer Mönchen aufgeschrieben wurde. Die Sprache ist die alt-niederdeutsche, mit hochdeutschen Formen gemischt, die Versart die alliterirende , – die am stärksten betonten Wörter einer Zeile beginnen mit dem gleichen Laute, wie wir Heutigen es noch bei Zusammenstellungen wie Haut und Haar , Stock und Stein , Thau und Tage u. s. w. im Gebrauch haben. Den Inhalt bildet die Begegnung des alten Hildebrand, der vordem mit Dietrich von Bern zu Etzel zog, mit seinem, von ihm nicht erkannten Sohne Hadubrand , und der von diesem endlich erzwungene Kampf. Ein zweites Gedicht dieser Zeit und dieses Sagenkreises ist der Walther von Aquitanien , der uns aber nur in lateinischer Umdichtung und Bearbeitung durch St. Galler Mönche, Eckehard I. und IV. und Geraldus (973-1024) erhalten ist. Als drittes können wir auch den angelsächsischen Beowulf erwähnen, der allerdings mehr zur englischen, als zur deutschen Literatur zu rechnen ist. Neben diesen Heldenliedern gab es auch andere, leichtere, ins tägliche Leben eingreifende Weisen und Gesänge, Freundes-, Liebeslieder, fröhliche, possenhafte, spottende Dichtungen, mit dem gemeinsamen Namen Winiliod bezeichnet, und überall, auf Straßen und Plätzen, bei Festen und Gastmahlen, sogar in den Kirchen gesungen. Die Geistlichkeit wehrte sich nach Kräften gegen sie, die sie in ihrem Grimm wohl Teufelsgesänge schalt; sie versuchte es mit wirklichen und ausdrücklichen Verboten aller weltlichen Dichtung – es gibt ein solches, das sogar gegen Klosterfrauen gerichtet ist, welche sich mit diesen Liedern unterhielten! – ohne damit freilich etwas zu erreichen. Nur das eine mag mit diesem Widerstande in Verbindung zu bringen sein, daß von dieser gesammten Literatur so gut wie gar nichts für uns gerettet ist und wir von denselben fast nur gelegentlich, durch sehr ärgerliche und tadelnde Aeußerungen der geistlichen Zeitgenossen, überhaupt etwas erfahren. Höchstens ließen sich hier zwei Zaubersprüche anführen, welche nach dem Fundort die Merseburger Gedichte genannt werden. Auch sie sind erst viel später ausgeschrieben, als Ueberreste heidnischer Dichtung aber gleichfalls in eine frühere Zeit zurückzusetzen. 2. Mit Kaiser Karl dem Großen beginnt für unsere Sprache und Literatur eine bessere Zeit. Man hat befremdlicherweise neuerdings hie und da seine Verdienste herunterzusetzen versucht, indessen werden auch die Gegner kaum ableugnen können, daß seine Kriege das Reich gegen äußere Störungen sicherten und selbst die blutige Bezwingung und Bekehrung der Sachsen die Entwickelung geordneter Zustände ermöglichte und beförderte; daß seine Gesetze eine Ruhe und einen Wohlstand sich ausbreiten ließen, von denen bisher schwerlich die Rede gewesen war, und daß endlich der Eifer und die Einsicht, mit denen er auch die geistige Bildung in seine Hut nahm, zu reellen und erfreulichen Resultaten führten. Um sich Lehrer und Führer des Volks zu verschaffen, gründete er vor allem die Klosterschulen und berief zu ihrer Gründung und Leitung von allerwärts her die tüchtigsten Männer, von denen wir hier nur des Alkuin , des Peter von Pisa , des schon oben genannten Paulus Diaconus gedenken. Er gründete an seinem eigenen Hofe eine Schule und lernte selber, wie wir wissen, noch in seinen spätern Jahren die lateinische Sprache und schreiben. Er hielt – und damit kommen wir auf den für uns wichtigsten Punkt – die Volkssprache in Ehren, so daß er mit seltener Einsicht, gerade zur Stärkung der jungen christlichen Lehre, ihre Anwendung beim Gottesdienst verordnete; er interessirte sich, wie wir gleichfalls wissen, lebhaft für die Grammatik dieser mißachteten Sprache und befahl, die alten Volks- und Heldenlieder zu sammeln und aufzuschreiben. Der Erfolg entsprach solchen Absichten und Hoffnungen leider nur in sehr beschränktem Maße. Die Klosterschulen entwickelten sich allerdings hin und wieder auf das erfreulichste – wir nennen als glänzendes Muster nur diejenige zu Fulda unter der Leitung des Rhabanus Maurus . Neben den theologischen Studien wurden weltliche Wissenschaften, neben der lateinischen die deutsche Sprache gepflegt, und neben den Uebersetzungen aus dieser in jene, entstanden neue deutsche Dichtungen, wenn auch meistens wohl nur über kirchliche Themata. Hatte doch für diese selbst Karl des Großen Nachfolger Ludwig der Fromme, noch eine gewisse Theilnahme, während er den Volksgesang verachtete! Auch jene Verordnung über die Aufzeichnung der alten Lieder blieb nicht ohne Wirkung und wurde befolgt: das Kloster Reichenau z. B. besaß um 821 zwölf solche Gedichte, das Hildebrandslied wird gleichfalls hieher zu rechnen sein, und auch später noch berufen sich die Chronisten zuweilen auf derartige Aufzeichnungen. Allein alle diese Erfolge blieben, wiederholentlich gesagt, im Allgemeinen nur lokale und temporäre. Karl der Große lebte für alle solche Schöpfungen nicht lange genug, und die Geistlichkeit im Großen und Ganzen blieb ihnen, zumal soweit sie die Sprache und Literatur betrafen, unzweifelhaft abgeneigt. Wenn dies häufig auch nur wegen der Schwierigkeit der ersteren der Fall war, so dürfen wir doch daneben auch mit Sicherheit auf andere Motive schließen. Es wäre zum mindesten ohne solche und den durch sie begründeten Widerstand kaum begreiflich, daß von wirklich vorhandenen zahlreichen Aufzeichnungen aus dieser früheren Zeit außer dem Hildebrandslied auch nicht eine einzige erhalten zu sein scheint. Es ist noch ein Glück, daß sie trotzdem nicht ganz verloren sind. Wie schon jene oben erwähnte Umdichtung des Walther von Aquitanien bezeugt, liebte man die Uebertragung und Bearbeitung der alten deutschen Lieder in lateinischer Sprache, und in dieser Gestalt besitzen wir dieselben, sei es zum Theil auch nur ihrem Inhalte nach, noch größtentheils. Die folgende Zeit selber mit ihrer Schwäche und Zwietracht, der inneren Unruhe und den äußern grausamen Kämpfen, war Karls Absichten und Schöpfungen gleichfalls wenig günstig. Die Klosterschulen gingen, kaum recht erblüht, schon wieder zurück, die allgemeine Bildung und der Wohlstand kamen in Verfall, und es mußten wieder einmal hundert Jahre und darüber vergehen, bis es – freilich auch nur momentan – besser wurde. Als die großen sächsischen Kaiser, Heinrich der Vogler und Otto I. die Feinde besiegten, Deutschland zur ersten herrschenden Macht erhoben und trotz Zwistigkeiten und Unruhen im Einzelnen, für das große Reich im Ganzen die Ordnung, das Vertrauen und ein berechtigtes Selbstgefühl – man möchte sagen: von neuem entstehen ließen, – da begann allerwärts wieder ein gedeihliches Regen und Schaffen. Die alten Klosterschulen blühten zum Theil von neuem auf, in den jungen Städten gesellten sich zu ihnen die Stifts- und Domschulen, und es fehlte nirgends an eifriger und ernster Thätigkeit. Nur war sie mehr den klassischen Studien zugewendet, die lateinische Poesie kam wieder zur Blüthe, und daneben begann, begünstigt durch die Verbindung des sächsischen Kaiserhauses mit den Byzantinern, auch die griechische Sprache und Literatur die Geister in Anspruch zu nehmen. Die Zeit solcher friedensvollen und arbeitsamen Muße währte nicht lange. Einerseits litten die Blüthe und Wirksamkeit der Schulen und der durch sie beförderten Studien unter dem steigenden Reichthum, der Ueppigkeit und der zunehmenden Entsittlichung der Geistlichkeit, und wo solche Factoren hie und da möglicherweise nicht in Rechnung kamen, wurden sie leider nur allzubald und fast überall durch andere, noch um vieles verderblichere ersetzt. Die Folgen der verhängnißvollen, von Karl dem Großen begonnenen und von Otto I. wieder aufgenommenen Verbindung mit Italien fingen an immer schärfer hervorzutreten und der Streit der weltlichen und geistlichen Macht um die Oberherrschaft nahm mehr und mehr alle Interessen, alle Gedanken, Empfindungen und Leidenschaften und alle Thätigkeit in Anspruch. Das alles gedieh unter der langen, unglücklichen Regierung Heinrich IV. zur erschreckenden Höhe. Ueberall gab es Zwietracht und Streit, ganz Deutschland war in trostloser Verwirrung, alle friedliche, geistige wie sittliche Entwickelung wurde gelähmt und ließ bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts hiefür einer erschreckenden Rohheit und Unkultur nur allzuviel Platz und eine nur allzu freie Bahn. Daß unter solchen Umständen und in solchen Zeiten, solchem Unfrieden, so vielen Störungen und solcher wirklichen Unlust gegenüber, von einer fröhlichen Entwickelung unserer einheimischen Literatur, zumal der Dichtung, nicht viel die Rede sein konnte, bedarf keiner weiteren Erklärung. Von der Begünstigung, die sie unter und von Karl dem Großen erfahren, zeigt sich, wie schon bemerkt, bei seinen Nachfolgern fast nirgends mehr eine Spur, und der lange Zeitraum vom Anfang des neunten Jahrhunderts bis zum Beginn des zwölften erscheint in Ansehung der nationalen und Volksdichtung beinahe vollständig verödet. Indessen ist es bei eindringender Forschung doch nicht ganz so schlimm. Zwar das sogenannte Ludwigslied , das ums Jahr 881 auf den Sieg König Ludwig III. über die Normannen, vermuthlich von einem Geistlichen, gedichtet wurde, und den halb deutschen, halb lateinischen Leich auf Otto den Großen oder von den beiden Heinrichen , entstanden nach dem Jahre 962 und Ottos zweite Versöhnung mit seinem Bruder Heinrich besingend, rechnen wir hieher eben nur als erhaltene Denkmäler der noch nicht ganz abgestorbenen weltlichen Dichtung. Aber auch die wirkliche Volkspoesie und die Theilnahme für dieselbe starben nicht aus. Dafür bürgen uns die unverwüstliche Kraft und Frische des deutschen Geistes und Gemüths, und mehr als ein noch vorhandenes ausdrückliches Zeugniß. Wir erinnern hier an jene Uebersetzungen und Bearbeitungen der alten deutschen Gedichte und wir gedenken vor allem jener in der »Klage« enthaltenen Angabe, nach der wir selbst, sei es nur den Grundstoff, sei es die Entstehung des Nibelungenliedes in seiner frühesten Gestalt, grade in der Mitte dieses Zeitraums zu suchen haben. Der Bischof Pilgerin von Passau (971-991), heißt es, habe aus dem Munde von Spielleuten, fahrenden Sängern, die Märe von dem furchtbaren Schicksal der burgundischen Könige zusammentragen und durch seinen Schreiber, Meister Konrad, in lateinischen Buchstaben niederschreiben lassen. Seitdem sei es (das Buch) öfter in deutscher Zunge gedichtet worden. Desto reichlicher ist die geistliche und gelehrte Poesie unter den erhaltenen Denkmälern vertreten. Da ist ein religiöser Volksgesang, das Lied auf den heiligen Petrus ; da sind, in Leichform, Christus und die Samariterin , eine Bearbeitung des 138. Psalmes , ein Gedicht auf den heiligen Georg und was dergleichen mehr ist. Vor allen übrigen aber sind die beiden Evangelienharmonien zu merken, die altsächsische und alliterirende, der Heliand geheißen, vielleicht schon zur Zeit Ludwig des Frommen von einem sächsischen Sänger, ja angeblich einem Bauer, verfaßt, auf die Volkspoesie gegründet und zu dem Besten zählend, was die religiöse Poesie hervorgebracht hat; und eine althochdeutsche, der Krist genannt, von dem Mönche Otfried , der das Werk mit einer deutschen Zueignung ums Jahr 868 König Ludwig dem Deutschen widmete. Es ist das älteste Denkmal der Reimpoesie , aber ohne eigentlich poetischen Werth. – Der gelehrten Poesie dieses Zeitraums gehört das Bruchstück eines größeren, anscheinend kosmographischen Werkes an, der sogenannte Merigarto . Auch an Prosadenkmälern besitzen wir eine so reiche Zahl, daß wir von ihnen gleichfalls nur ein paar hervorragende anführen können: die Uebersetzung der Tatianischen Evangelienharmonie , deren unbekannter Verfasser zu Otfrieds Zeiten gelebt zu haben scheint; eine Uebersetzung und Umschreibung der Psalmen , von dem St. Galler Mönche Notker , und eine Uebersetzung und Auslegung des Hohenliedes von dem Abt zu Ebersberg, Williram . Dazu gesellen sich andere Schriften nicht streng geistlichen Inhalts, wie die, von dem eben genannten Notker herrührenden Uebersetzungen von einem Theile des Aristotelischen Organons , vom Trostbuch des Boëthius , von zwei Büchern der Vermählung Merkurs mit der Philologie , von Marcianus Capella , und dergleichen mehr. Bei solchen uns fremdartig berührenden Werken müssen wir bedenken, daß sie von sehr bedeutendem Werth für die Weiterbildung der Sprache waren, welche sich in ihnen und durch sie nun schon zur Darstellung und Behandlung philosophischer und abstracter Themata erhob. 3. Mit dem Auftreten der Hohenstaufen beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte des deutschen Landes und Volkes, nach innen, wie nach außen. Es strebt alles auf- und vorwärts, überall zeigt sich eine gewisse frische und bewußtvolle Kraft und eine glänzende Größe, und auch die deutsche Literatur oder, was uns von dieser doch am meisten interessirt, die Dichtung entfaltet sich im raschen Austreiben zur leuchtendsten und duftvollsten Blüthe, von welcher noch ganz vor Kurzem kaum eine sich eben färbende Knospe sichtbar war. Wir müssen es schon zugestehen, die Hohenstaufen sind ein wunderbares Geschlecht. Trotz der verderblichen Politik und der – wir Heutigen müssen sagen: räthselhaften Verblendung, welche sie rastlos einer Art von Phantom nachtrieben und sie dabei ihre eigenen und Deutschlands edelste Kräfte bis zur vollen Erschöpfung, bis zum vollen Ruin opfern ließen, – trotzdem finden wir in ihnen überall, wo jene Politik und Verblendung nicht mehr wirksam sind, eine Höhe und Klarheit des Geistes, eine helle Einsicht in die Forderungen der Zeit und ihrer Stellung, eine Willens- und Thatkraft, welche sie, Otto den Großen ausgenommen, alle ihre Vorgänger und Nachfolger hoch überragen läßt und die Zeit ihrer Herrschaft zu der glänzendsten macht, die Deutschland erlebt hat. Das Volk sieht und feiert in ihnen noch einmal gewissermaßen Nationalhelden, wie unsere Altvorderen sie in ihren Sagen und Liedern verherrlichten. Ja es thut das, obgleich die Hohenstaufen, selbst Friedrich I., durch ihre Kämpfe und ihre Politik Deutschland entzogen und entfremdet wurden und ihre Hauptkraft der Fremde widmeten. Und das Volk hat ein Recht zu seinem Glauben und seiner Treue. Vor dem Glanz, der von ihnen ausgeht, verschwinden alle Schatten, und wo sie erscheinen, treten sie in wunderbarer Größe auf. Trotz der inneren Zertheilung ist Deutschland unter solchen Häuptern ein einiges. Wie der Kaiser unter den Fürsten, stehen die Deutschen unter den Nationen voran, und das Bewußtsein ihrer Einigkeit, ihrer Kraft und ihres Werthes, ihres Ranges und ihres Glücks erfüllt sie, wie nie zuvor. Solche Zeiten vergißt kein Volk. Wie stets zu solchen Tagen, blieben die Hohenstaufen nicht die einzigen großen Gestalten, die uns entgegentreten. Es standen ihnen grade Fürstengeschlechter zur Seite, welche ihnen an Geist, an Bildung, an Willens- und Thatkraft ebenbürtig, an Verständniß und Einsicht in die Zeit und ihre Forderung sogar überlegen waren. Wir gedenken nur der Babenberger, der Thüringer, der Braunschweiger, obschon auch Andere wohl genannt zu werden verdienten. Und mit und neben ihnen traten in allen Ständen und allen Gegenden Männer aus dem bisher herrschenden Dunkel hervor, welche überzeugend bewiesen, daß die anscheinend ganz Deutschland durchdringende Zerrüttung seinen tiefsten Lebenskern nicht zu schädigen vermocht, daß die geistige und sittliche Bildung trotz aller Hemmnisse und Störungen im Stillen stets vorgeschritten, stets sich weiter ausgebreitet hatte. Nur die Geistlichen waren im Allgemeinen zurückgeblieben oder zurückgewichen und hatten ihre Herrschaft auf diesem Gebiet verloren, sei es weil Wohlleben und Luxus, sei es weil der große Streit zwischen Kaiser und Papst ihnen weder Verständniß, noch Lust oder Zeit zur Verfolgung der früheren Interessen übrig ließen. – Wir glauben nicht zu irren, wenn wir die Erklärung, ja die Ermöglichung des wunderbaren Aufschwunges, den die Literatur und vor allem die Dichtung im zwölften Jahrhundert nahm, vor allem in den vorausgegangenen schweren Zeiten suchen und grade aus der allgemeinen Zerrüttung ableiten zu müssen glauben. Die lange Minderjährigkeit Heinrich IV. und die Eifersucht seiner Erzieher hatte bereits Zustände in Deutschland hervorgerufen, welche jeden Einsichtigen und nicht direct am Streit Betheiligten mit Trauer und Sorge erfüllen mußten. Durch Heinrichs eigene Regierung wurde nichts gebessert, alles war voll von Verrath, von Aufruhr, von Fehden und Kämpfen, und der alsbald ausbrechende Streit zwischen Staat und Kirche vollendete das Unheil. Das gesammte Volk wurde aus seiner Ruhe aufgerissen und zur Parteinahme gezwungen; jedermann sah sich in den grausamen Conflict zwischen Gefühl und Verstand, zwischen Glauben und Vernunft hineingerissen, sich vor den Treubruch und die weltliche Strafe, oder vor die zeitliche und ewige Verdammniß gestellt. Hier gab es nur die Wahl zwischen der Betäubung durch Kampf und Krieg und wilden Lebensgenuß, und der ernsten Einkehr bei sich selbst, dem Ringen nach innerer Klarheit, nach geistiger Freiheit. In diesem letzteren Falle aber stand die Poesie nahe genug. Sie ist der natürlichste Ausdruck einer solchen tiefen, Geist und Gemüth erfüllenden Bewegung, und zugleich der einzige, welcher der Gewalt solcher inneren Kämpfe entspricht und derselben gewachsen ist. Eine derartige Poesie muß aber eine wesentlich subjective sein, und wir finden daher beim Beginn des neuen Zeitraums vor allem die Lyrik im raschen Erblühen, neben ihr aber auch das Lehrgedicht und selbst die Epik unter dem Einflusse der neuen Geistesrichtung. Allein auch in anderer Weise ward der große weltliche und kirchliche Streit für die Entwickelung der Literatur und für die Richtung, die sie nahm, von Bedeutung. Früher hatte die Geistlichkeit durch Bildung, Kenntnisse, Reichthum und Einfluß in Wirklichkeit die erste Stelle eingenommen und den ersten Stand des Reiches gebildet. Sie stand den Kaisern im Rath und bei der That am nächsten und war ihre beste Stütze gegen die unruhigen und ehrgeizigen Großen. Mit dem Beginn des großen Kampfes gab sie diese Stellung freiwillig oder gezwungen auf und machte den Kriegsleuten und Waffenkundigen Platz, welche fortan bevorzugt und mit Vorrechten und Freiheiten aller Art belohnt wurden. So erhob sich der Herrenstand, der Adel, rasch aus der Masse des Volks und nahm alsbald eine um so abgesondertere Stellung ein, als gerade zu dieser Zeit das Ritterthum zur Ausbildung gelangte. Den Ursprung desselben haben wir in dem Verkehr und den Kämpfen der Spanier mit den geistvollen, hochgebildeten Arabern zu suchen, und seine Weiterentwickelung finden wir bei den Provenzalen, Normannen, Franzosen und Burgundern, mit einem Wort, bei dem Adel jener Völkerschaften, welche den Stamm und Kern des ersten Kreuzheeres bildeten. Bei diesem Adel gelangte nicht nur die äußere Seite zur Ausbildung, zu der alles gehört, was man in Frankreich mit dem Worte Courtoisie , und hernach in Deutschland mit dem Ausdruck »höfische Sitte« bezeichnete; sondern es ging von ihm auch die edlere, tiefere und geistige Richtung auf die Poesie und ihre künstlerische Ausbildung aus, welche in Deutschland gleichfalls lebhaft aufgenommen und verfolgt wurde. Seinen rechten Gehalt, seine äußere Vollendung und eine größere Ausbreitung empfing das Institut, um es so zu heißen, jedoch erst durch die Kreuzzüge. An dem ersten Zuge unter Gottfried von Bouillon waren die Deutschen allerdings nur in verhältnißmäßig geringer Zahl betheiligt gewesen. Der zweite, den Kaiser Konrad III. selber führte, zog sie dagegen in Schaaren herbei, und nicht kleiner war das Heer, das fünfzig Jahre später Friedrich der Rothbart um sich vereinigte. Auf diesen Zügen trafen alle Völker des Abendlandes zusammen, dem gemeinsamen Ziele zustrebend, von den gleichen großen Ideen erfaßt, vom gleichen Wetteifer beseelt. Die Anregung war für den Einzelnen wie für alle eine ganz außerordentliche, eine allseitige und unaufhörliche; wohin man blickte und horchte, wohin man sich wandte und wohin man griff, – überall fand man Neues an Erfahrungen, Vorstellungen und Anschauungen, an Sitten und Gebräuchen, und wer endlich nach Hause und zu den Seinen zurückkehrte, brachte möglicherweise Schätze und Reichthümer, sicherlich aber diesen ganzen inneren, geistigen und seelischen Erwerb in die Heimat zurück. Wir brauchen es nicht auszuführen, daß darin aber leider Gutes und Böses gemischt war: das Leben, das man durchlebt, die Gefahren und Strapazen, die man bestanden, und der Verkehr mit allen, freundlichen und feindlichen Nationen, mußten auf jeden und selbst den Kraftvollsten und Gesundesten einen tiefen, unter Umständen verhängnisvollen Einfluß ausüben und konnten auf die heimischen Sitten und das schlichte häusliche Leben, auf den ruhigen und friedlichen Fortschritt der Bildung kaum von günstiger Wirkung sein. Es kam dazu, daß das erwählte Muster, dem zumal die höheren Stände bisher nachgestrebt hatten, unter solchen Einflüssen und Folgen selber am schwersten litt und von der früheren Höhe herabsank. Der Einfluß der vorgeschrittenen französischen und provenzalischen Bildung auf die deutsche war Anfangs unzweifelhaft nur ein günstiger gewesen, das Leben war unter ihm milder, heiterer und, in geistiger Beziehung, inhaltsvoller und strebsamer geworden. Jetzt aber kamen von dort auch Luxus und Ueppigkeit, leichte Sitten und – um es kurz so zu bezeichnen: Verzerrungen aller Art herüber und fanden in Deutschland nur allzubereitwillige Aufnahme und Ausbreitung. Denn man darf es nicht vergessen, daß die Kreuzzüge durch die heimgebrachte Beute so gut wie durch den steigenden Handel und Wandel Reichthum und Wohlhabenheit begründeten, und daß die herrschenden, verhältnißmäßig friedlichen Zustände dem freiesten Lebensgenuß keinerlei Hindernisse entgegenstellten. Man lebte so zu sagen lustig darauf los, und ließ sich von dem glänzenden Beispiel der lebensfrohen, leichtherzigen Nachbarn weiter und weiter locken. Die Bildung, wenn man es noch so heißen will, die Sitten und Lebensweise, ja die Sprache derselben herrschten am Hofe der Hohenstaufen, wie der meisten anderen Fürsten und breiteten sich von hier zu den anderen Ständen aus. An Glanz und Pracht fehlte es nicht, zu Lust und Ausgelassenheit gab es schier täglich Gelegenheit und Platz, bei Königswahlen und Hochzeiten, bei Turnieren, bei Festen aller Art. Aber wie der Ernst des Lebens, so kamen auch die Würde und der Werth desselben rasch in Abnahme und Verfall. Die Dichter und Chronisten klagen bereits im zwölften Jahrhundert über die zunehmende Entartung der Sitten, der Bildung, des gesammten, immermehr nur auf raschen und wilden Genuß gerichteten Lebens. Und es spricht in eigenthümlicher Weise für die Wahrheit und Berechtigung solcher Klagen, daß die Dichter und die Dichtung selber, die sich so glänzend entfaltet hatte, schon gegen das Ende des zwölften und zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts, rasch von der erreichten Höhe herabzusinken begannen und, mit wenig Ausnahmen, dem vollen Verfall entgegentrieben. Aber auch hier liegt die Erklärung nicht gar fern. Die Liebe zur Poesie war, in einzelnen geistig bevorzugten und gebildeten Fürsten eine ächte und verständnißvolle, alsbald zu einer Art von Modesache geworden und gehörte fortan zum Luxus des Lebens und zum Glanz der großen und kleinen Höfe. Solch' eine Mode, solcher Vorzug und der materielle Lohn, der auf's reichlichste gespendet wurde, waren aber, wie immer auch damals eine Lockung und ein Antrieb, dem nicht leicht zu widerstehen war, und dazu gesellten sich – wir reden hier selbstverständlich nicht von den großen und ächten, geborenen Dichtern, sondern nur von der großen Masse der Dichtenden! – hier das Beispiel und dort die Nachahmungssucht, welche, wie wir auch zu anderen Zeiten und in anderen Regionen beobachten können, zuweilen zu den wunderlichsten Folgen führen. Die »Dichter« schossen wie Pilze aus der Erde. Sie gehörten in großer, ja der größten Zahl dem Adel, und zwar dem ärmeren und dienenden an, was nicht bloß aus den ihm an den Höfen eingeräumten Vortritt und auf den materiellen Vortheil hindeutet, den man außer Ruhm und Ehre von der Ausübung der Kunst verlangte, sondern uns auch von neuem auf den Weg hinweist, auf dem wir zum mindesten den ersten Anstoß zu dem raschen Auftreiben und Erblühen der Dichtung gerade unter der Ritterschaft, d. i. dem Adel, in Deutschland zu suchen haben. Denn selbst die größten Dichter dieser Zeit, Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide und wie sie sonst heißen, sind meistens Adelige. So ist auch von diesem Gesichtspunkte aus die Bezeichnung als »höfische Poesie und Dichtung« eine völlig richtige und berechtigte. Sie gedieh im Glanz und Schutz, unter der Begünstigung der Höfe, sie sonnte sich darin und buhlte schmeichelnd um dieselben, ja sie verwuchs damit. Als daher einerseits der Luxus in Ueppigkeit und die Sitten in – Liederlichkeit ausarteten, und andererseits mit dem Ausgang der Hohenstaufen und der anderen geistvollen, hochsinnigen und kunstliebenden Fürsten das Verständniß und die Begünstigung aufhörten; als alle Verhältnisse ins Schwanken und Stürzen kamen und Deutschland und sein Volk in Verwirrung, in Unfrieden und Unordnung gestürzt wurden: da verfiel das Ritterthum, da sank der Adel gerade fast am tiefsten, und die mit ihnen zusammenhängende Poesie ging rettungslos zu Grunde. Mit der Pflege und Begünstigung des Adels und der höfischen Dichtung war aber selbstverständlich die Verachtung der volksthümlichen und der anderen Stände Hand in Hand gegangen. Man blickte aus die sogenannte Spielmannspoesie und ihre Ausüber, auf die »fahrenden Leute«, auf das gesammte Volk hoch herab, und wo wir die Dichter zu diesem herunter steigen sehen, wie in der sogenannten »höfischen Dorfpoesie« eines Neidhart, Tannhäuser u. s. w., ist dies ein ziemlich sicheres Zeichen der abnehmenden edleren Bildung und der ausartenden Sitte: man hatte an der Kunst kein Genüge mehr und haschte nach derben Reizmitteln. Von den Höfen und dem Adel flüchtete die Dichtung in die Städte und zu den Bürgern, d. h. in den einzigen, einigermaßen sicheren Schutz, den es zu dieser Zeit noch gab, zugleich aber auch in eine äußerliche und innerliche Abgeschiedenheit und Beschränkung, wo an einen frischen Aufschwung und eine freie Entfaltung nicht zu denken war, vielmehr die Kunst fast unvermeidlich zur Künstelei und ihre Ausübung zu einer Art von Handwerk werden mußte. Die Bürger hatten dazumal mit der Ordnung ihres Gemeinwesens und des städtischen Regiments, mit der Sicherung ihrer Stadt, überhaupt mit materiellen Interessen im Allgemeinen allzuviel zu thun, als daß sie viel Sinn und Zeit für die Verfolgung der geistigen übrig gehabt hätten. Dafür spricht schon, daß von einem Verständniß der Volkspoesie bei ihnen ebenso wenig zu finden war, wie bei den höfischen Sängern. Auch hier herrscht jene schon erwähnte Verachtung des Naturwüchsigen und Volksthümlichen im vollsten Maße, und wir haben es wohl nicht am wenigsten ihr zuzuschreiben, daß uns von der Volkspoesie dieser ganzen Zeit so außerordentlich wenig erhalten ist. Die deutsche Sprache war schon seit dem Anfang des elften Jahrhunderts in rascher Aus- und Umbildung begriffen gewesen und ging im zwölften vollends aus dem dialectischen Altdeutschen in jenes Mittelhochdeutsch über, das die dialectischen Abweichungen und Verschiedenheiten ausgleichend und selbst das Niederdeutsche zurückdrängend, sich zur herrschenden Hof-, Gesellschafts-, Schreib- und vor allem Dichtersprache erhob. Auch hier begegnen wir aber dem Zusammenhange unserer Dichtung mit der französischen, denn die Unsitte der eingestreuten und zu dieser Zeit französischen Fremdwörter erscheint bei den Dichtern schon im zwölften Jahrhundert, d. h. also zur Zeit der reinsten und schönsten Blüthe unserer Poesie. Die Zahl der Dichter und ihrer Werke ist so überschwänglich groß, daß in unserer kurzen Uebersicht von einem näheren Eingehen, von einer Würdigung und Characterisirung gar keine Rede sein kann. Ja wir müssen selbst ein Namensverzeichniß uns versagen und die Leserinnen, die hier sich genauer unterrichten wollen, auf eines der zahlreichen Handbücher verweisen, in dem dieser Zeitraum eingehender behandelt wird. Als ein solches Buch läßt sich die »Geschichte der deutschen Literatur« von Heinrich Kurz warm empfehlen. So gedenken wir denn nur der verschiedenen Abtheilungen und führen in der ersten, der epischen, vor allem auf alte deutsche Stoffe gegründete Dichtungen an: »König Rother«, »Ornit«, »Hug- und Wolfdietrich« u. s. w. Sie sind meistens viel früher entstanden und, weil sehr beliebt, später von neuem, ja mehrfach bearbeitet worden, zum Theil als Reste der Spielmannspoesie anzusehen. Ihre Verfasser und auch die Bearbeiter kennen wir meistens nicht. Dies gilt denn auch von dem größten Gedichte dieser Zeit, ja unserer gesammten Literatur: dem Nibelungenliede . In der uns vorliegenden Gestalt ist es keinenfalls vor 1190 vollendet worden, wenn es auch vermuthlich schon fünfzig bis sechzig Jahre früher gedichtet worden ist. Die Untersuchungen des zu früh verstorbenen Franz Pfeiffer , einer der ersten Autoritäten auf diesem Felde, machen es wahrscheinlich, daß wir in dem uns bekannten ältesten Liederdichter, dem Kürnberger (um 1120-1140) den Verfasser zu erkennen haben. Die Fortsetzung des Gedichts, die sogenannte Klage , ist um das Jahr 1200 entstanden und jedenfalls von einem anderen Verfasser. – Das einzige, den Nibelungen ebenbürtige, gleichfalls dieser Zeit angehörende Gedicht ist die Kudrun oder Gudrun . – Gleichfalls ins zwölfte Jahrhundert gehört noch ein Bruchstück des Reinhart Fuchs von Heinrich dem Glichesaere , das für uns als Grundlage des späteren großen Gedichts »Reineke Vos« von besonderem Interesse sein muß. Die zweite Gruppe der epischen Dichtung bilden alle jene Gedichte, welche aus den Sagenkreisen von Karl dem Großen, von Artus und der Tafelrunde, dem heiligen Gral oder aus der antiken Götter- und Heldensage hervorgingen, mithin alle, welche ihre Stoffe aus der Fremde nach Deutschland herüberzogen. Hier begegnen uns der große Meister Wolfram von Eschenbach (um 1200, »Wilhelm von Oranse«, – »Parcival«, – »Titurel«), und die kaum weniger bedeutenden Hartmann von Aue (1170-1220 – »Erek«, – »Iwein«), und der zugleich glänzende und tiefe Gottfried von Straßburg (erste Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts – »Tristan«). – Von den poetischen Legenden, Gedichten über historische Personen, gereimten Chroniken und poetischen Erzählungen, gedenken wir nur »des armen Heinrich« von Hartmann von Aue, und des »Salman und Morolt«, der, noch aus dem zwölften Jahrhundert stammend, eines der wenigen Denkmäler der Spielmannspoesie dieser Zeit bildet. Die lyrische Poesie tritt erst in diesem Zeitraum als selbstständige, von der epischen geschiedene Gattung vor uns, haben doch selbst die ältesten lyrischen Gedichte dieser Zeit noch etwas von der Erzählung. Gibt es hier frühere, für uns nicht erhaltene Ausnahmen, so müssen sie in den Gedichten gesucht werden, welche beim Tanz, bei Umzügen, bei Begrüßung der Jahreszeiten u. s. w. gesungen wurden, oder allenfalls auch in der längst beim Volke einheimischen Spruchpoesie. Das Erfreulichste ist, daß wir in dieser ganzen Abtheilung fast überall auf nationalem Boden stehen und die Gedichte als Schöpfungen und Ausflüsse des deutschen Geistes, Herzens und Gemüths erkennen. Das eigentliche Minnelied trägt zwar manche Züge der Verwandtschaft mit der provenzalischen und französischen Poesie, doch liegt der Grund offenbar theils in der, von allem Lokalen unabhängigen, rein menschlichen Natur des Gegenstandes, theils im allgemeinen Character der Zeit und der, wieder überall ziemlich gleichmäßigen Entwickelung und Färbung der betreffenden höfischen oder ritterlichen Lebens- und Standesverhältnisse. Das Minnelied war vorzüglich bei den fürstlichen und adeligen Dichtern daheim, welche eben im Allgemeinen außerhalb der eigentlich nationalen Bildung standen. Alles Uebrige, was sonst zur Lyrik gehört, konnte sich selbstständiger entwickeln und hat dies auch gethan. In Ansehung der Formen, in denen wir die lyrische Poesie sich bewegen sehen, darf uns wohl der Reichthum an solchen auffallen, der uns überall entgegentritt. Wir stoßen hier nämlich auf ein eigenthümliches Gesetz, das zu dieser Blüthezeit streng aufrecht erhalten und selbst während des herandringenden tiefen und tieferen Verfalls von den Meistersängerschulen in den Städten noch immer einigermaßen befolgt wird: jeder Erfinder eines neuen »Tons« oder einer neuen »Weise« bleibt im unantastbaren Besitz seiner Erfindung, die von Anderen wohl nachgeahmt, d. h. umgestaltet und erweitert, niemals aber unverändert angenommen werden darf. Wer dies Gebot übertritt, wird ein »Tönedieb« gescholten, und selbst dem Erfinder wird die öftere Wiederholung seines neuen »Tons« als »Unkunst« vorgeworfen, so daß jeder auf den häufigen Wechsel und immer Neues bedacht ist. Walther von der Vogelweide zum Beispiel hat in seinen Liedern und Sprüchen hundert verschiedene Tonweisen. Ueber die Zahl der Dichter und die Fülle ihrer Lieder und Dichtungen, welche alle Gattungen der Lyrik vertreten, von der Minnepoesie, der eigentlichen Lyrik und der schon erwähnten »höfischen Dorfpoesie«, bis zu den religiösen Gedichten, den Lob-, Straf-, Klage- und politischen Liedern, den gnomischen Liedern und Sprüchen und hinüber in die didactische Poesie mit den Lehr- und Mahngedichten, den »Beispielen« – d. h. Thierfabeln und kleine Erzählungen mit angehängter Moral u. s. w., u. s. w. – darüber, sagen wir, haben wir uns schon oben geäußert und sind bescheiden in die uns gestatteten Grenzen zurückgewichen. Man muß eben nur bedenken, daß aus dieser Zeit über dreihundert Dichter bekannt sind, von denen nicht wenige sich einen guten Namen erworben haben. So nennen wir denn nur die ältesten, von denen wir erfahren: den schon erwähnten Kürnberger , den Burggrafen von Regensburg , Meinlo von Seflingen , Dietmar von Eist (1143-1171), und als Begründer der eigentlichen Kunstform Friedrich von Hausen und Heinrich von Veldecke , den sogenannten »Vater der höfischen Poesie«. Ihnen gegenüber mag als einer der letzten Heinrich von Meißen , genannt Frauenlob , erwähnt werden, um den zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts zu Mainz die erste Genossenschaft bürgerlicher Sänger, wohl als eine Art von Schule, zusammentrat und welcher von Mainzer Frauen zu Grabe getragen wurde. – Zwischen ihnen steht als Repräsentant der gesammten Liederdichtung und als Fürst aller Lyriker derjenige Dichter, der für alle folgenden Jahrhunderte, bis auf Goethe, der größte blieb und dessen Rühm noch heute so glänzend und unverkümmert strahlt, wie zu seinen Lebzeiten – das ist Walther von der Vogelweide (ungefähr von 1170 bis 1230). Liebe und Religion, die Natur und das Leben, Zeitverhältnisse und Tagesereignisse, die tüchtige alte ehrenhafte Zucht und Sitte und ihr rascher Verfall, die Größe und der Ruhm Deutschlands und die Anmaßungen der Geistlichkeit – alles wurde von diesem außerordentlichen Geiste mit wunderbarer Kraft und Frische aufgenommen und in Liedern und Gedichten zum Ausdruck gebracht. Von einer dramatischen Poesie läßt sich in diesem Zeiträume noch kaum reden, obschon es in den sogenannten geistlichen Spielen oder »Mysterien« schon im dreizehnten Jahrhundert zwischen dem lateinischen Text auch einzelne deutsche Zeilen und Strophen gegeben haben mag. Statt dessen müssen wir hier zum Schluß des Abschnittes noch der Prosa zum wenigsten gedenken, welche wir jedoch gegen den außerordentlichen Aufschwung der Dichtung weit zurückbleiben sehen – es drängte sich in dieser merkwürdigen Zeit alles zur poetischen Aeußerung und Darstellung. – Wir besitzen noch einzelne deutsche Predigten aus dem dreizehnten Jahrhundert vom Minoriten Bruder David und seinem Schüler Berthold ; daneben die beiden Rechtsbücher, den »Sachsenspiegel« von Eike von Repgow (1215-1235) und dem »Schwabenspiegel« von einem oberdeutschen Geistlichen (vor 1276); darauf Land- und Stadtrechte, die sogenannten »Weisthümer«, Urkunden in wachsender Zahl und endlich Chroniken. Zum Schluß erwähnen wir noch das Bruchstück eines aus dem Französischen ins Niederdeutsche übersetzten Romans und die sogenannte Meinauer Naturlehre (Ende des dreizehnten Jahrhunderts), wo die Natur gewissermaßen schon von wissenschaftlicher Seite betrachtet wird. 4. Mit dem Ausgange der Hohenstaufen und dem Beginn der »kaiserlosen, der schrecklichen Zeit« gelangen wir zu einem Abschnitte, in welchem es der eigentlichen Poesie ebenso schlecht erging, als dem armen Deutschland selber. Auf anderen geistigen Gebieten, wie z. B. in der bildenden Kunst und in den Wissenschaften, sah es bei weitem besser aus; hier zeigte sich eine lebhafte Regsamkeit und ein ernstlicher, zum Theil der schönste Fortschritt: wurden doch grade in diesem Zeitraume alle unsere älteren Universitäten gegründet und die Buchdruckerkunst entdeckt, und gehören ihm doch jene Meisterstücke und Wunderwerke der Baukunst an, die bis auf den heutigen Tag unser Staunen erregen und uns mit Stolz und Verehrung der Männer gedenken lassen, deren Geiste so Herrliches und Großes entstammte. – Selbst um die deutsche Prosa stand es viel besser. Mag die Sprache während dieser Uebergangszeit im Allgemeinen auch noch so verwildert erscheinen; wir sehen sie trotzdem unverdrossen vorwärts arbeiten, bis sie sich endlich mit dem Beginn des nächsten Zeitraums zu der Fülle, Kraft und Schönheit erhebt, welche wir, vorzüglich in Luther's Bibelübersetzung, noch heute zu bewundern haben. In Ansehung der Poesie aber sah es wirklich traurig aus, genau so wie – um dies zu wiederholen – in und für Deutschland und das deutsche Volk selber. Die gute Zeit war vorübergegangen und es folgten die Tage der Rohheit und Nichtswürdigkeit, der vollendeten Recht- und Sittenlosigkeit, der Auflösung aller politischen und socialen Verhältnisse, der Treulosigkeit und des Verraths, des Raubens und Mordens, mit einem Wort: des wildesten Faustrechts. Da konnte weder Rudolf von Habsburg mit seiner Strenge, seinem Hängen und Brennen helfen, geschweige denn die Nachfolger desselben, die sich einer immer unfähiger als der andere erwiesen oder durch Privatinteressen aller Art der Reichsregierung entzogen wurden. Es gab keine Unternehmungen nach außen mehr, welche die Nation als solche in Bewegung gesetzt, zur Theilnahme vermocht, zum Bewußtsein ihres Werthes und ihrer Würde, ihrer Einigkeit und ihrer Macht gebracht hätten, und auch im Innern geschah und zeigte sich nichts, was der Erweckung solcher Gefühle günstig gewesen wäre. Das Unheil, welches die Schwäche oder – sagen wir: die Entartung der Menschen über Deutschland herausführte, wurde durch die Natur und das Geschick zur Vollendung gebracht. Es drängten sich zu dieser Zeit erschreckende Naturereignisse aller Art, Erdbeben, Ueberschwemmungen, Mißwachs und Hungersnoth, und daran schloß sich die in kurzen Zwischenräumen sich stets erneuernde, Land und Stadt entvölkernde Pest. Zu solchem Elend hin lag zur Zeit Ludwig des Baiern lange Jahre auch noch das Interdict auf dem unglücklichen Volke, und das kirchliche Schisma und der Hussitensturm verscheuchten vollends alle geistige und leibliche Ruhe. Unter solchen Umständen, da nicht nur das Glück, sondern auch der Friede von Deutschland Abschied genommen zu haben schienen und das rauhste Leben und die wildeste Gegenwart an und in Jedem ihre unerbittlichen Forderungen geltend machten, – unter solchen Umständen hatte niemand Zeit oder Sinn für andere als practische Richtungen, und die eigentliche Poesie mußte weit zurückweichen. War doch von einer Liebe zu ihr, von einer Begünstigung, einer Pflege und einem Schutz, wie sie dieselben vordem an den Höfen und in der höheren Gesellschaft gefunden hatte, nirgends mehr die Rede; zeigte sich doch nirgends mehr eine von jenen Blüthen, welche damals die Liebe und Gunst hervorgerufen und gerechtfertigt hatte. Ja es sieht fast so aus, als sei dem gewaltigen Aufschwünge und der wunderbar reichen und glänzenden Entfaltung eine anscheinend fast nothwendige ebenso tieft Abspannung und Erschöpfung gefolgt, die man sich freilich nicht eingestehen mochte und der man auch wohl zu wehren suchte, indem man frisch daraus losproducirte. Aber es konnte nicht ausbleiben, daß bei solcher Thätigkeit die Kunst mehr und mehr der Künstelei wich und das Producirte sich daneben vor allem der Beschaulichkeit und Lehrhaftigkeit und – in klareren und kräftigeren Köpfen der Satire zuneigte. Nur im eigentlichen Volk erhielt sich auch jetzt noch etwas von der alten Frische und Regsamkeit des poetischen Geistes, wenn auch selbst die hier hervorbrechenden Blüthen häufig genug unter den traurigen öffentlichen Zuständen und der Unsicherheit des Lebens, vor allem aber unter der ihnen entgegentretenden Theilnahmlosigkeit, ja Mißachtung aller übrigen Stände zu leiden hatten. Denn abgesehen von den bürgerlichen Meistersängern, standen der Volkspoesie auch grade die Wiederbelebung des klassischen Alterthums und der Fortschritt der wissenschaftlichen Bildung auf das hinderlichste entgegen. Indessen würde sich sehr irren, wer aus dem Vorstehenden schließen wollte, daß die poetische Production demgemäß im Allgemeinen nun auch wirklich ins Stocken gerathen sei. Wie schon angedeutet, fand vielmehr das grade Gegentheil statt, und wenn es nur auf die Zahl der »Dichter« und auf die Masse ihrer Schöpfungen ankäme, müßte dieser Zeitraum unbedingt als einer der reichsten bezeichnet werden. Allein wie gleichfalls schon erwähnt, müssen wir in Ansehung des wirklichen künstlerischen Werthes zu einem durchaus entgegengesetzten Urtheil kommen. Die Zeit und ihre Noth spiegeln sich in den Schöpfungen dieser Tage meistens nur allzudeutlich wieder, und mit wenig Ausnahmen ist die gesammte Literatur von der Art, daß man schon ganz besondere Zwecke und Ziele verfolgen muß, wenn man auch nur den Versuch machen will, sie kennen zu lernen. Wir finden alle Arten und Unterarten vertreten, nur daß nach den großen Originalwerken des vergangenen Zeitraums gegenwärtig in der epischen Poesie nur Bearbeitungen der alten Stoffe und Umarbeitungen der großen Dichtungen erscheinen z. B. der »hörnen Siegfried«, das »Lied vom Hildebrand«, »Dietrichs Drachenkämpfe« u. s. w. – und obendarein gar, in wieder erneuerter Ueberarbeitung, in einem Werk zusammengestellt, den Lesern angeboten werden, – wie wir es zum Beispiel in dem »Heldenbuch« Caspars von der Rhön (gegen 1472) sehen. In gleicher Weise wurden die fremden Sagenkreise verarbeitet, den »Legenden« erging es nicht anders, und auch, wo einmal etwas Neues und Selbstständiges, wie Ereignisse der Gegenwart, zum Stoff der Dichtungen gewählt wurde, ist die Poesielosigkeit und Schwerfälligkeit stets in der gleichen Herrschaft. Selbst die namhaftesten Dichter, wie Peter Suchenwirth im vierzehnten und Hans Rosenblüt oder Michael Beheim im fünfzehnten Jahrhundert, kommen meistens nur durch den thatsächlichen Inhalt ihrer Dichtungen für uns in Betracht, und genau dasselbe gilt von allerhand allegorischen poetischen Geschichten und Erzählungen, welche wirkliche Begebenheiten mit freier Erfindung mischen. Dahin gehört der Roman »Theuerdank«, aus dem Jugendleben des Kaisers Maximilian I., von ihm selber entworfen und von Melchior Pfinzing überarbeitet. Mitten zwischen all' diesem Armseligen, Nüchternen und Unfähigen ragt aber ein einzelnes Werk hervor, das bis auf den heutigen Tag den höchsten Werth behalten hat, – das ist das Thierepos »Reineke Vos«, welches wir allerdings nur in einer angeblich von Nicolaus Baumann verfaßten, plattdeutschen Uebersetzung aus dem Niederländischen besitzen. Allein dieselbe ist mit so viel Geist, Verständniß und Geschick ausgeführt, daß schon dadurch der Beifall gerechtfertigt wird, den das Gedicht von jeher bei Hoch und Gering fand, und wir uns desselben mit vollem Recht als eines eigenen, deutschen freuen dürfen. Der erste Druck desselben ist von 1498. Hiermit gehen wir zu einer Gruppe über, in welcher uns Einzelnes gleichfalls einen besseren, hin und wieder sogar sehr erfreulichen Anblick gewährt, – das sind die kleinen poetischen Erzählungen, Schwänke und Schalksstreiche, »der Ritter von Staufenberg«, »der Pfarrer von Kalenberg«, einzelne Stücke von dem genannten Hans Rosenblüt und seinem jüngeren Zeitgenossen Hans Folz ; vor allem aber eine ganze Reihe unserer schönsten, epischen Volkslieder, »der Tannhäuser«, »die Frau von Weißenburg« und die Kriegs- und Siegeslieder der Schweizer. In der lyrischen Poesie gedenken wir des »Meistergesanges« und der städtischen Singschulen nur durch diese Anführung, und in gleicher Kürze erwähnen wir auch die geistliche Poesie mit den Liedern auf kirchliche Feste, bei Buß- und Bittgängen (der Geiselbrüder oder Flagellanten), dem eigentlichen, nicht selten aus dem Lateinischen übersetzten Kirchenliede und den Liedern der Mystiker ( Johann Tauler 1294-1361). Dagegen verdient das eigentliche Volkslied , so viel uns von demselben erhalten ist, auch hier wieder die herzlichste Aufmerksamkeit und würde die eingehendste Besprechung rechtfertigen. Da uns diese versagt ist, verweisen wir wenigstens auf des Freiherrn von Erlach »Volkslieder der Deutschen«, eine Sammlung, die trotz aller Ausstellungen für das nicht gelehrte Publikum noch immer eine durchaus brauchbare bleibt und eine genügende Ein- und Uebersicht gewährt. Auf dem Gebiete der dramatischen Poesie begann in den schon früher erwähnten »Mysterien« gegenwärtig die deutsche Sprache allmälig die lateinische zu verdrängen – es gibt einen niederdeutschen »Theophilus« und des Theoderich Scherenberg (1480) »Spiel von Frau Jutten«. Dazu gesellten sich mehr und mehr »Fastnachtsspiele«, dialogisirte Schwänke und dergleichen ( Hans Rosenblüt und Hans Folz ) und gegen den Schluß des Zeitraums Uebersetzungen der Stücke des Terenz und Plautus, welche vielleicht in den Schulen hie und da zur Aufführung gebracht wurden. In der didactischen Poesie, welche in diesem Zeitraume, wie wir schon oben erwähnten, mit all' ihren Untergattungen besonders blühte und sogar in die übrigen Dichtungsarten hinübergriff, gedenken wir allein der sogenannten Priameln , d. i. einer Mittelgattung zwischen Spruch, Sprichwort, Räthsel und Epigramm mit einer kurzen Nutzanwendung zum Schluß. Hans Rosenblüt ist auch hier wieder als einer der besten Dichter zu nennen. Gegen den Schluß dieses Abschnitts erscheint aber das bedeutendste aller hieher gehörigen Gedichte, »das Narrenschiff« des Straßburgers Sebastian Brant (1458-1521), in welchem die Thorheiten und Gebrechen der Zeit gegeißelt und verspottet werden. Und hieran schließen sich die sprachlich roheren, aber witzigern Dichtungen seines in den folgenden Zeitraum hinüberreichenden Landsmanns und jüngeren Zeitgenossen, des Thomas Murner (1475-1536), die »Narrenbeschwörung« und die »Schelmenzunft«. In der Prosaliteratur begegnen uns die ersten Versuche auf dem Gebiet des Romans und der Novelle, häufig aus dem Französischen oder Lateinischen übersetzt, hin und wieder auch aus älteren deutschen Sagen und Dichtungen bearbeitet. Sie erschienen theils in Sammlungen kleinerer Stücke: »die sieben weisen Meister«, »die Gesten der Römer«, das »Decameron« des Boccaz, Johann Pauli 's »Schimpf und Ernst« (zum Schluß des Zeitraums); theils einzeln: »Lother und Maller«, »Pontus und Sidonia«, »Melusine«, »Tyll Eulenspiegel«, »Wigalois« u. s. w., mit einem Worte jene Gattung von Geschichten, welche, im folgenden Jahrhundert noch eifriger cultivirt und selbst uns noch unter dem Namen der »Volksbücher« bekannt, viel des Guten und Schönen bietet und gewissermaßen eine friedliche und erquickende Oase in der öden, ja barbarischen übrigen Literatur dieser Zeiten bildet. Eine besondere Erwähnung verdient in unseren Augen aber die aus dem Lateinischen des Aeneas Sylvius von Niclas von Weil 1462 übersetzte Liebesgeschichte »Euriolus und Lucretia«, in der wir trotz der schwerfälligen Form und der breiten Darstellung noch heute eines der poesiereichsten und ergreifendsten Stücke dieser Gattung bewundern müssen. Von der übrigen Prosa genügt für unsere Zwecke die Anführung der beiden Chroniken – der Limburger (1336-1398), und der Elsassischen von Jakob Twinger von Königshofen (1346-1420); daran schließen sich von Werken der lehrhaften Prosa Johann Taulers »Nachfolgung des armen Lebens Christi«, »das Büchlein von der ewigen Weisheit« von Heinrich dem Seusen ( Suso , 1300-1366), und endlich Predigten des großen Straßburger Münsterpredigers Geiler von Kaisersberg (1445 bis 1510), des Vorläufers und Vorarbeiters der Reformation und eines der größten Volksredners aller Zeiten. Von ihm gibt es sogar eine lange Reihe von Predigten über Sebastian Brants »Narrenschiff«.   Zweiter Abschnitt. Von der Reformation bis zum zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts. 5. Als Martin Luther am 31. October 1517 seine berühmten 95 Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg anschlug, ahnte der große Mann ebenso wenig wie ein anderer Mensch, wie weit die kühne That über die nächsten Zwecke und Ziele hinausgreifen, von welcher tiefgreifenden Bedeutung und von wie unermeßlichen Folgen sie für Deutschland, ja für die ganze Erde sein, und daß sie eine neue Periode in der Weltgeschichte anheben lassen würde. Mit dieser That und durch sie tritt die gewaltige Bewegung an die Oeffentlichkeit und in den Kampf, welche wir in viel zu enger, nur die kirchliche und religiöse Seite berücksichtigender Auffassung, die »Reformation« zu nennen Pflegen, während sie doch nicht minder auch alle übrigen Gebiete umfaßt, alle Verhältnisse durchdringt und dem gesammten Leben eine andere Richtung und andere Ziele gibt. Die Abflachung und Erstarrung des religiösen Lebens, welche hier zuerst und vor allem das Verlangen nach einer erneuten Vertiefung und Wiederbelebung zu einem allgemeinen und unabweisbaren machte, fand sich, wenn auch in anderer Weise, überall anderwärts wieder; die ganze Entwickelung der vorausgehenden Periode war zu Ende gediehen und im Absterben begriffen. Die Ahnung eines besseren, lebensvolleren Neuen und das Bedürfniß eines frischeren und freieren Aufschwungs durchdrang jeden Kopf und jedes Herz, alles und alle, selbst die Zeit und ihre Ereignisse, drängten und trieben dem Ausbruche der Umwälzung und dem Anbruch der neuen Epoche entgegen, und der Durchbruch des kühnen Augustiner Mönches eröffnete dieselbe in allen Richtungen und für alle Gebiete. Wenn trotz aller Vorbereitung, trotz allem Treiben und Drängen, trotz der Lebensfülle und Lebensfrische die jetzt freigegebene Bewegung dennoch nur allzu bald in ein zunehmendes Stocken gerieth, weit hinter ihren natürlichen Zielen zurückblieb und nirgends zu den ersprießlichen Folgen und den Vortheilen führte, welche man grade für Deutschland von ihr zu erwarten berechtigt war, – so findet dies trübselige Ergebniß auch wieder grade in Deutschland seine Erklärung nur allzuleicht. Einerseits fand sich, wie meistens in den entscheidenden Momenten unserer Geschichte, auch jetzt nicht ein einziger Mann, der die volle Bedeutung und Gewalt der großen neuen Bewegung zu begreifen und zu würdigen im Stande gewesen wäre und den Geist und Muth, die Kraft und Ausdauer besessen hätte, sie sich fortpflanzen und weiter entwickeln zu lassen und sie für unser Vaterland und sein äußeres und inneres Leben nutzbar und folgenreich zu machen. Andererseits verschlangen die gleich Anfangs in den Vordergrund getretenen und – um den Ausdruck zu wählen – mit der Führung betrauten religiösen und kirchlichen Interessen alle übrigen in einer Weise, daß von ihnen so gut wie gar keine Rede mehr war oder sie zum mindesten in die schwerste Abhängigkeit von jenen geriethen. Dies zeigte sich selbst da, wo überhaupt noch etwas wie eine lebhaftere Bewegung stattfand, d. i. auf dem staatlichen und politischen Gebiet, wo das religiöse Moment gleichfalls alsbald das bestimmende und herrschende wurde, über Krieg und Frieden und alle übrigen Verhältnisse entschied, und, obschon die Entwickelung der fürstlichen Macht begünstigend und die Unabhängigkeit vom Kaiser und Reich anbahnend, Land und Leute in eine desto abhängigere und unfreiere Stellung hinabzwang. Dazu kam aber auch noch, daß selbst jene höchsten und herrschenden, religiösen und kirchlichen Interessen nur allzu schnell und zwar schon unter den ersten Reformatoren von ihrer Höhe und Reinheit herab und immer rascher und tiefer in den Staub und Dunst der Erde gezogen wurden. Der gewaltige, großartige und freisinnige Aufschwung verlor sich in eine immer engherzigere Auffassung und Anschauung, die bewußtvolle, feste Einigkeit löste sich in einander anfeindende Parteien auf, die edelsten Kräfte ruinirten sich in den armseligsten, widerlichsten Zänkereien, und statt der ersehnten und verheißenen Freiheit erhob sich die starrste, geist- und lebenslose Orthodoxie, der finsterste Obskurantismus, und die Unduldsamkeit und Streitsucht, der Hochmuth und die Anmaßung des Pfaffenregiments lähmte jede frischere und freiere Regung und ließ das gesammte geistige wie leibliche Leben immer nüchterner und trübseliger werden. So konnte, ja mußte es geschehen, daß dem wunderbar klaren und frischen Morgen ein nur allzu trüber und fauler Tag folgte und die Reformation nach keiner Seite hin und auf keinem Gebiet zur Vollendung gelangte, ihre rechten Ziele zu erreichen im Stande war. Es lief im Gegentheil, wie schon bemerkt, alles nur zu bald in Erschöpfung, Abflachung und Erstarrung aus, und als im 18. Jahrhundert endlich ein frisches Wehen sich erhob und ein neues sich Regen begann, mußte man beinahe noch einmal und von vorne anfangen, den Glauben zu einem geistigeren und lebendigeren zu machen und den Geist aus den Banden zu befreien, in die man ihn geschnürt hatte. Wie es unter solchen Umständen und bei solchen Verhältnissen um die Entwickelung unserer Literatur stand, braucht kaum noch gesagt zu werden. Nirgends machte sich die Oberherrschaft der religiösen und kirchlichen Interessen in drückenderer Weise fühlbar, nirgends war der Einfluß derselben ein so tiefer und verderblicher, nirgends endlich zeigt sich uns die Verfinsterung, die Erschöpfung und Erstarrung des gesammten Lebens in so erschreckender Deutlichkeit und trübseliger Gestalt. Was Goethe von der Literatur des 18. Jahrhunderts sagt: »an Talenten war niemals Mangel, aber es fehlte der nationale Gehalt,« – das gilt auch schon von dieser frühsten Zeit und allen folgenden Jahren dieser Epoche: nirgends geschah oder trat etwas hervor, das zu erheben, zu begeistern im Stande gewesen wäre, und von irgend etwas wie einer Theilnahme für die Poesie und die Dichtung war nur im allerbeschränktesten Maße die Rede. Die Zeiten, man muß es wohl zugestehen, waren allerdings auch äußerlich wenig dazu angethan, eine solche Theilnahme zu begünstigen, denn es gab in diesen zweihundert Jahren kaum eines oder das andere, wo ganz abgesehen von den erbitterten und nicht weniger verderblichen theologischen Fehden, nicht ein wilder und blutiger Krieg Deutschland durchtobte und alle friedliche und behagliche Entwickelung störte oder – sei es auch nur für einige Zeit – vernichtete. Zu Grunde ging Poesie und Dichtung trotzdem allerdings auch jetzt keineswegs: es ist in ihnen etwas Unverwüstliches, weil dem Menschen An- und Eingeborenes, das nicht zu verlieren ist. Es blieben, wie sich bei Gelegenheit immer wieder erwies, trotz aller Verheerung, trotz aller Verfinsterung, trotz aller leiblichen und geistigen Schrecken, unter dem wilden und wüsten Gestrüpp, das den Boden überwucherte, nicht nur edle Keime erhalten, die in besseren Tagen wunderbar frisch und fröhlich hervortrieben, sondern es erschienen auch immer noch hie und da einzelne Blüthen, denen man weder den Duft, noch die Schönheit absprechen konnte. Der Zank und Parteihader ließen manche Kämpen erstehen, die mit Spott und Satire dem Gegner selber sogut wie den herrschenden Zuständen scharf zu Leibe gingen, und wenn das Leben gar zu düster und nüchtern werden wollte, mußten Possen und Schwänke und wilde Ausgelassenheit Erholung und Zerstreuung bieten. – Ebenso wenig verkamen trotz aller Ungunst der Zeiten die Wissenschaften. Es ging vielmehr, wenn auch in aller Stille, unausgesetzt vorwärts, und obschon unsere Sprache auf diesen Gebieten noch immer zurückstehen mußte, kamen die Studien und Forschungen doch allmälig in zunehmendem Maße auch der Kultur des deutschen Geistes und der Fortentwickelung der heimischen Literatur zu gute. In manchen Regionen der Poesie sah es trotzdem verzweiflungsvoll genug aus und zeigte sich beinah ein völliges Ab- und Aussterben. Das bemerken wir vor allem in der Epik, wo von größeren Werken gar nichts erscheint, es müßte denn sein, daß man »Gedichte«, wie den schon im vorigen Abschnitt genannten »Theuerdank« des Kaisers Maximilian oder Georg Rollenhagens (1542-1609) »Froschmäuseler« anführen wollte. Einige balladenartige Volkslieder, Johann Fischarts »Glückhaftes Schiff«, ein paar erzählende oder schwankartige Kleinigkeiten von Hans Sachs , dem unerschöpflichen Nürnberger, von Burkard Waldis und Lazarus Sandrub (Mitte des 16. Jahrhunderts), das dürfte so ziemlich alles sein, was auch nur einer Erwähnung verdient. In der Lyrik erstarrte der »Meistergesang« vollends und selbst Hans Sachs konnte ihn nicht retten. Aber vielleicht eben darum fanden die übrigen, natürlicheren und frischeren Untergattungen wieder mehr Verständniß, Theilnahme und Uebung. Das eigentliche Volkslied fand, wie zahlreiche, aus dieser Zeit stammende fliegende Blätter, Liederbücher und Sammlungen (z. B. das »Ambraser Liederbuch«) anzeigen, viel Beachtung und Beifall. Vor allem aber erscheint hier als eine jener erwähnten leuchtenden Blüthen voll Duft, Schönheit und frischer Kraft das Kirchenlied , unbedingt das beste, was die Poesie des 16. Jahrhunderts geschaffen hat. Hier nimmt Luther in seinen eigenen Liedern sogut, wie in seinen Umdichtungen alter lateinischer oder deutscher geistlicher Gesänge unbestritten die erste Stelle ein, obgleich es auch zwischen seinen Zeitgenossen und Nachfolgern mehr als einen wirklichen Dichter gab. Männer wie Erasmus Alberus , Paul von Spretten , Justus Jonas , Nicolaus Decius , Michael Weiße , Bartholomäus Ringwaldt und die Uebersetzer des Psalters, Hans Gamersfelder und Burkard Waldis , und viele andere, verdienen stets der ehrendsten Erwähnung. Die hieher gehörigen Dichter dieses Zeitraums sind zahllos und die Lieder wachsen zu einer unabsehbaren Menge an. Im 18. Jahrhundert brachte ein Sammler schon 33712 Lieder in 300 Bänden zusammen, und andere Spätere gelangten sogar auf die doppelte Zahl von Liederanfängen. Auch in der dramatischen Poesie macht sich ein entschiedener Fortschritt bemerkbar, denn seit Hans Sachs , den wir hier als Meister zu erkennen haben, kommen zu den biblischen Stoffen und den leeren Schwänken der Fastnachtspiele jetzt auch andere, ausgiebigere: geschichtliche Begebenheiten, beliebte Romane und Erzählungen, Sagen des Alterthums; ja hin und wieder erscheint sogar schon die freie Erfindung. Gegen den Schluß dieses ersten Abschnitts beginnen dann die sogenannten englischen Komödianten in Deutschland in den aus ihrer Heimath mitgebrachten Stücken aufzutreten, was selbstverständlich nicht ohne Einfluß auf unser einheimisches Drama bleiben konnte. Bemerkenswerth ist es, daß zu dieser Zeit im letzteren die Prosa zur Herrschaft gelangt und die »lustige Person« (Hans Wurst, Narr u. s. w.) eine Hauptrolle erhält. – Von den Dichtern nennen wir außer Hans Sachs (1494-1576) nur seinen jüngeren Zeitgenossen Jacob Ayrer , gleich dem Ersteren durch außerordentliche Fruchtbarkeit und durch ein nicht unbedeutendes Talent für lebendige Darstellung ausgezeichnet. Von Ayrer gibt es, beiläufig gesagt, auch die ersten deutschen Singspiele . Einen dritten Dichter, den Herzog Heinrich Julius von Braunschweig führen wir mehr nur darum an, weil er zuerst an seinem Hofe eine Art von stehender Truppe »englischer Komödianten« hielt (um 1605). In der didactischen Poesie treten uns neben den Spruchgedichten (Hans Sachs), Fabeln (Hans Sachs, Luther, Burkard Waldis, Erasmus Alberus) und kleinen erzählenden Stücken nur vorzüglich jene Schöpfungen entgegen, welche wir in der einen oder andern Weise sämmtlich gewissermaßen als Ausflüsse der eigentlichen Reformation und des durch dieselbe hervorgerufenen Kampfes zu betrachten haben, bald belehrend und mahnend, wie Ulrichs von Hutten »Klag und Vermahnung wider die Gewalt des Pabstes«, oder Fischarts »Mahnrede an die Deutschen«, Bartholomäus Ringwaldts »Die lautere Wahrheit«, »Der treue Eckart« u. s. w.; bald polemisirend oder satirisch und spottend, wie Murners »Vom großen Lutherischen Narren« und vor allem Johann Fischarts zahlreiche Dichtungen und Prosawerke. Ueberhaupt haben wir in Johann Fischart (geb. in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu Mainz oder Straßburg, gestorben um 1589) einen der hervorragendsten Geister nicht bloß seines Jahrhunderts und einen Mann von treuer vaterländischer Gesinnung, von umfassender Bildung, von bewunderungswürdiger Kenntniß des gesammten deutschen Lebens und von einer Sprachgewandtheit zu erkennen und zu schätzen, welche niemals wieder erreicht worden ist. In der Prosa begegnen uns zuerst die Fortsetzungen jener schon in der vorigen Periode beginnenden und dort erwähnten Volksbücher und Schwank- und Anecdotensammlungen. Wir nennen hier von den ersteren nur noch das »Faust«- und das »Lalenbuch« oder die »Schildbürger«; von den letzteren Kirchhofs »Wendunmuth«, Georg Wickrams »Rollwagenbüchlein« und Jacob Frey 's »Gartengesellschaft«. – Daran schließen sich Satiren und Fabeln, wo Fischart mit seinen Werken »Aller Practik Großmutter«, und dem nach Rabelais bearbeiteten Roman »Gargantua und Pantagruel« wieder allen Uebrigen weit voran steht. In der Historie begann man von den Chroniken allmälig zur wirklichen Geschichtschreibung überzugehen. Hier macht sich der Einfluß der großen Alten, deren Werke immer häufiger auch in Uebersetzungen erschienen, vorzüglich bemerkbar und zugleich läßt sich auch die Wirkung von Luthers Schreibart erkennen. Neben den Chroniken, der baierischen von Thurnmayer (Aventinus), der schweizerischen von Tschudi und der pommer'schen von Kantzow , müssen wir vor allem Sebastian Franks (geb. 1500 zu Donauwörth, gest. zu Basel um 1545) »Chronik des ganzen deutschen Landes« und seine treffliche »Weltgeschichte« nennen, denen sich eine »Erdbeschreibung« des gleichen Verfassers würdig anschließt. Die beiden, in diese Zeit fallenden Autobiographien, diejenige des Götz von Berlichingen und die »Denkwürdigkeiten« des Ritters Hans von Schweinichen , sind von dieser Literatur auch heute noch wohl am weitesten bekannt. Der ersteren entnahm Goethe bekanntlich den Stoff zu seinem Schauspiele »Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand«. Zu den übrigen Prosawerken weitergehend, finden wir in Luthers Bibelübersetzung das größte, das wir in unserer gesammten Literatur besitzen, und sehen den großen Mann auch in seinen Predigten, Sendschreiben und Streitschriften fast auf der gleichen Höhe, zumal in Ansehung der Sprache, obgleich ihm im Uebrigen Zwingli und der spätere Mathesius zuweilen nahe genug kommen. In einer gewissen Ebenbürtigkeit, ja an tiefer Bildung dem Reformator überlegen, ragt der einzige Ulrich von Hutten (1488 bis 1523) hervor, wenn er auch erst in seinen letzten Jahren deutsch zu schreiben begann. In ihm bewundern wir ein publicistisches Genie des höchsten Ranges, wie wir im ganzen Verlaufe unserer Literaturgeschichte kaum ein zweites kennen lernen, und einen der kühnsten, geistvollsten, gewaltigsten Streiter, welche jemals durch eine revolutionäre Bewegung, wie auch die Reformation es war, hervorgerufen wurden. Die Beurtheilungen, welche dieser außerordentliche Mann gefunden hat, werden nur ausnahmsweise seinem Werthe und seiner Bedeutung gerecht. Nicht selten klammern sie sich in armseligster und unwürdigster, aber in Deutschland bekanntlich sehr beliebter Weise, an äußere und persönliche Verhältnisse des armen und kranken Menschen, obgleich dieselben für den großen Schriftsteller nicht im allerentferntesten von Bedeutung und Folgen sind. Von dem gesammten Rest der Prosaliteratur sind nur wenige einzelne Werke zu nennen; so Sebastian Franks »Lob des göttlichen Worts«, Fischarts »Ehezuchtbüchlein«, die Sprichwörtersammlungen von Johann Agricola und wieder von Sebastian Frank , und Albrecht Dürers beachtenswerthe Schrift »Vier Bücher von menschlicher Proportion«. – Im Uebrigen beginnt sich hier ein furchtbarer Wust von metallurgischen, alchymistischen und astrologischen Faseleien, von Eruptionen des finstersten, heutzutage an den vollen Wahnsinn gemahnenden Aberglaubens und was dergleichen mehr ist, aufzuhäufen, und wir finden nur Trost in der Erinnerung, daß zu der gleichen Zeit dennoch Copernikus und Tycho de Brahe ihre großen Entdeckungen machten, daß Paracelsus als Arzt und Chemiker glänzte und Conrad Gesner durch seine, zwar lateinisch verfaßten, aber fast gleichzeitig ins Deutsche übersetzten Schriften der Vater der deutschen Naturhistorie und Literaturgeschichte wurde. 6. Mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts gelangen wir zu jener Periode unserer Literatur, wo von einer volksthümlichen und selbstständigen Weiterentwickelung immer weniger zu finden ist und statt dieser uns eine schwächliche Anlehnung und sklavische Nachahmung fremder, älterer oder jüngerer Muster entgegentritt. Der Einfluß, den das Wiedererwachen des klassischen Alterthums anderwärts schon im Laufe des 16. Jahrhunderts auf den Geschmack und die Bildung gewonnen hatte, wurde in Deutschland erst zu dieser Zeit auf dem literarischen Gebiete bemerkbar und – freilich nicht in günstiger Weise – folgenreich. Die gelehrte Bildung und der Gelehrtenstand, die sich zu allem, was nicht zu ihnen gehörte und besonders allem Einheimischen und Nationalen, von jeher auf das kälteste, ja verachtungsvollste gestellt, nicht selten ihm sogar gradezu feindlich entgegengetreten waren, hatten inzwischen nicht bloß in der klassischen Philologie, sondern auch in der Theologie und der Jurisprudenz die Herrschaft an sich gerissen und begannen dieselben gegenwärtig auch auf alle übrigen Gebiete des deutschen Lebens und vorzüglich auf die Literatur und selbst die Poesie auszudehnen. Schwer wurde ihnen der Sieg, bei der Verdumpfung und Verdunkelung, die sich auf Deutschland niedergelassen hatte, nicht gemacht. Es ist bemerkenswerth, daß die deutsche Dichtung in der langen Zeit von 1590 bis in den Anfang der Zwanziger des folgenden Jahrhunderts so gut wie vollständig schweigt. Daß aus dieser – sei es Theilnahme, sei es Herrschaft, der deutschen Poesie kein Segen erwuchs, bedarf keiner weitläufigen Ausführung. Die Kälte gegen das Einheimische und Volksthümliche und die Verachtung desselben ließen im Verein mit dem gelehrten Hochmuth die neuen Herrscher von vornherein in Bahnen ablenken, welche sich immer weiter von der Heimat hier und den »ungelehrten« Ständen da entfernten. Man brach mit der gesammten poetischen Vergangenheit, so viel man überhaupt – und es war wenig genug! – von ihr erfahren hatte und wußte, oder erklärte sie gewissermaßen für gar nicht vorhanden. Und man bot dafür dem armen Deutschland ein Neues an, das man mit dem ganzen Hochmuth und Dünkel des Gelehrtenstandes als das einzig Richtige und Schöne, ja Mögliche pries. Das ist die auf die Anbetung fremder Muster und die Anerkennung ihrer Regeln gegründete, und in sklavischer Nachahmung derselben aufgehende gelehrte Poesie, wie wir sie schon heißen müssen, – im starrsten Gegensatz gegen alles, was wir als freie Entwickelung und als frischen Ausfluß des Geistes, des Herzens und Gemüths zu erkennen haben. Den Inhalt dieser Dichtung bildet nicht mehr das Erlebte und Empfundene, sondern nur das Gelernte. Sobald man dies nur völlig inne, vor allem die Mythologie der Römer am Schnürchen, die in den beliebten Mustern prunkenden Redensarten, die stehenden Beiwörter, die sinnreichen Redefiguren und die Regeln des Versbaus in »Saft und Blut« aufgenommen hatte, war man ein fertiger Poet und schuf unsterbliche Gedichte! – Und wären die Muster nur noch in den Schöpfungen der wirklich großen alten Griechen und Römer gesucht worden, so hätte die Nachahmung wenigstens nicht zu dem vollendeten Ungeschmack und dem Absterben des poetischen Bewußtseins führen können, die sich in der gesammten Literatur dieses Jahrhunderts – die Ausnahmen ließen sich an den Fingern herzählen! – auf das erschreckendste ausprägen. Allein davon war keine Rede. Man suchte vielmehr die Nachahmungen der großen Muster hervor und hielt sich an diese, stellte sie als Muster auf, ahmte sie nach – die späteren lateinischen Dichter und die von diesen gleichfalls inspirirten und verbildeten Fremden, die Franzosen, die Italiener und Holländer, vor allem freilich die Ersteren, da der Einfluß Frankreichs, seiner Bildung und Sprache, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts schon im Wachsen begriffen, allmälig jeden andern verdrängte. Es ist in der That merkwürdig und gewissermaßen doch auch tröstlich genug, daß sich trotz aller Versunkenheit und Verblendung unter den vornehmen und gelehrten Ständen Deutschlands noch einzelne Köpfe fanden, welche die Gefahr dieses Einflusses wenigstens theilweise zu erkennen vermochten und sich derselben, so gut sie's verstanden und vermochten, entgegenstellten. Wir meinen hier die sogenannten »Gesellschaften«, welche nach dem Muster der italienischen Akademien gegründet, vor allem und ausdrücklich die Erhaltung und Ausbildung der deutschen Sprache, die Pflege ihrer Reinheit und daneben auch die Pflege der Dichtkunst für ihren Zweck und ihre Ausgabe erklärten. Daß sie den einen nicht erreicht und die andere nicht erfüllt haben, liegt, möchten wir sagen, in der Natur der Sache: weder ihre Einsicht, noch ihre Macht und ihr Einfluß entsprachen den bereits vorhandenen, tief greifenden Schäden und der Gewalt der Zeitströmung, und auch ihre Wirksamkeit und Tätigkeit gingen alsbald in Formen ohne Inhalt, in leerem Schein, in Tändelei und Künstelei zu Grunde. – Wir nennen von ihnen, die in großer Zahl gegründet wurden, neben der ersten, dem »Palmenorden« oder der »fruchtbringenden Gesellschaft« (gestiftet 1617 zu Weimar von fünf Fürsten und vier adeligen Herren), nur noch die »deutschgesinnte Genossenschaft« (gestiftet 1646 zu Hamburg von Philipp von Zesen ), und die »Gesellschaft der Pegnitzschäfer« oder »der gekrönte Blumenorden«, die im Jahre 1644 von G. P. Harsdörfer und I. Klaj zu Nürnberg gestiftet wurde und dem Namen nach noch heute existirt. Genützt wurde durch sie, wiederholentlich gesagt, wenig, es müßte denn sein, daß sie der neu auftauchenden Dichtung zuerst einen gewissen Halt gewährten und den Boden bereiteten, daneben derselben auch durch ihre vornehmen Mitglieder an den Höfen und in der höheren Gesellschaft Eingang verschafften und für sie ein günstiges Vorurtheil erweckten. Der bedeutendste, vielleicht aber auch einzige Vortheil, den die Entwickelung unserer Literatur der neuen gelehrten Poesie verdankt, besteht in der zugleich gegründeten neuen Metrik , als deren wo nicht Entdecker, doch Begründer wir Martin Opitz nennen müssen. Bei dem völligen Aufgeben unserer poetischen Vergangenheit und der an deren Stelle gesetzten Nachahmung alter und fremder Muster, mußte selbstverständlich die alte Versmessung nach der Zahl der Hebungen und die ihr folgende nach der Zahl der Silben zu Fall kommen und nach einem aus den fremden Mustern abgeleiteten Ersatz verlangen lassen. Diesen bot Martin Opitz in dem kleinen, Epoche machenden und die ältere und neuere Zeit unserer Poesie für immer scheidenden, 1624 erschienenen Buch »Die deutsche Poeterei«. Seine Lehre ist im Kurzen, daß im deutschen Verse zwischen Hebung und Senkung gerade so regelmäßig abgewechselt werden müsse, wie im antiken Verse mit Länge und Kürze im jambischen und trochäischen Maße. Dactylen verwirft Opitz noch, als unmöglich; bald nach ihm aber tauchten nicht nur sie, sondern auch alle übrigen Metra auf, alle Strophenformen der griechisch-römischen, wie der neueren, französischen und italienischen Poesie. Das Hauptmaß aber wurde der den Franzosen nachgeahmte Alexandriner , der, nach der Stellung der Reime »heroische« oder »elegische« Vers. Plötzlich vollzog sich der Uebergang zu dieser »gelehrten Poesie« und der modernen Metrik selbstverständlich nicht. Schon seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts gibt es vielmehr einzelne Dichter oder richtiger gesagt, Gedichte, welche aus anderen Sprachen übersetzt oder im fremden Geschmack verfaßt wurden und auch die fremden Versarten und Versmaße nachahmten. Hier ist neben Paul Schede (Melissus) , von dem wir sogar Sonette und Terzinen haben, Peter Denaisius , I. V. Andreä , vor allem aber ein höchst merkwürdiger Dichter Ernst Schwabe von der Heide zu nennen (aus dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts und kurz vor Opitz), von dessen Lebensumständen wir so gut wie nichts wissen und von dessen Gedichten nur ein paar einzelne kleine Stücke erhalten sind, welche aber sprachlich, metrisch und dichterisch zu dem Besten gehören, was diese Zeit hervorgebracht hat. – Endlich ist hier auch noch G. R. Weckherlin (1584-1651) zu nennen, zugleich als Vorläufer und Nachfolger Opitzens, wenn er sich auch im Ganzen stets selbstständig hielt und sich keiner von den Dichterschulen anschloß. Zur wirklichen Durchführung und Herrschaft gelangte die neue Metrik jedoch erst, als Opitz, der sie, wie gesagt, theoretisch feststellte und practisch zur Anwendung brachte, sich zu steigendem Ansehen und Einfluß erhob. Und trotz alledem sehen wir – wir dürfen wohl sagen zu unserer Freude, – auch hier jenen unbesieglichen Drang nach Selbstständigkeit und Freiheit, der unsere deutsche Dichtung mehr oder minder stark zu jeder Zeit belebt und vor Erstarrung bewahrt hat, grade in besseren Dichtern dieser Zeit noch lebendig: Logau, Lauremberg, Schuppius, Moscherosch und andere bleiben stets in einer gewissen Opposition gegen allen Zwang und gehen bei Gelegenheit immer wieder einmal ihren eigenen Weg. Von den »Schulen«, in denen sich die Dichter um einzelne hervorvorragende und bewunderte Männer zusammenschlössen, ist diejenige, welche ihr Haupt in Opitz selber sah und zum Unterschied von der späteren des Lohenstein und Hofmannswaldau als die erste schlesische bezeichnet wird, unzweifelhaft die bedeutendste. Wenn Martin Opitz , geboren 1597 zu Bunzlau und gestorben 1639, wie es wohl von begeisterten Anhängern und Zeitgenossen geschehen und noch von Späteren ihnen nachgeredet wurde, der »Vater der deutschen Dichtkunst«, ein »Fürst der Poesie«, ein »Pindar, Homer und Maro seiner Zeiten« genannt wurde, so müssen wir, abgesehen von der Ueberschwänglichkeit und dem Bombast, in denen sich grade die derzeitige Dichtung zu gefallen begann, die Veranlassung und Erklärung einer so ungemessenen Bewunderung selbst für die Damaligen sicherlich mehr in dem Formellen, als in dem Stofflichen und eigentlichen Poetischen suchen. In der Form war Opitz wirklich und unbestritten der Meister und das Vorbild der gesammten Dichtung und aller Dichter nicht nur jener Tage, sondern auch einer langen Folgezeit, ja bis auf einen gewissen Grad sogar für unsere klassische Periode und selbst noch für die Heutigen. Die Entdeckung oder Feststellung der Metrik, die angebahnte Gewandtheit der Darstellung, und das ernstliche, wenn auch oft genug irre gehende Streben nach dem Wohllaut, – das ist und bleibt sein stets zu schätzendes Verdienst. – Allein auch als Dichter soll man ihn nicht so ganz unterschätzen und verwerfen, wie man es, von der ersten Bewunderung zum anderen Extrem übergehend, später und neuerdings zu thun pflegt. Ein großes dichterisches Talent war er freilich keineswegs, nimmt jedoch trotzdem in seiner Umgebung und über dieselbe hinaus noch immer einen ganz achtungswerthen Platz ein, und schlägt in seinen kleineren Gedichten und selbst in jenem Genre, das mit ihm und durch ihn auf hundert Jahre hinaus zu einem der beliebtesten, ja unentbehrlichsten wird – wir meinen die »Gelegenheitsgedichte« – zuweilen Töne an, die denn doch aus tieferen Regionen als denen des Verstandes und der Gelehrsamkeit stammen und von mehr als bloßer Versmacherei zeugen. Ebenso sind auch seine Uebersetzungen großentheils durchaus anerkennenswerth. Der Hauptvorwurf freilich, den man neuerdings gegen ihn erhebt, seine Character- und Gesinnungslosigkeit, welche ihn stets nach der Gunst und Gnade der Höfe und Vornehmen streben ließ, mag berechtigt genug sein. Allein es ist auffällig genug, daß die Zeitgenossen trotz der schroffen Parteigegensätze, davon so gut wie nichts laut werden lassen. Indem wir fortan nicht mehr die Dichtungsarten, sondern die Dichtergruppen oder -Schulen verfolgen und an diese die Einzelnen reihen, welche, sei es sich zu ihnen in Opposition stellten, sei es zum mindesten selbstständig zu bleiben verstanden, nennen wir unter Opitzens Anhängern vor allen Paul Flemming (1609-1640), den Lyriker, dessen Kirchenlied »In allen meinen Thaten« noch heute gesungen wird, und neben ihm Andreas Gryphius (1616-1664), den Aelteren dieses Namens, der zwar gleichfalls als Lyriker der ernsteren Richtung zu nennen ist, seinen Hauptruhm aber als Dramatiker erworben hat – hat man ihn doch sogar »den Vater der dramatischen Dichtkunst« geheißen! Man findet in seinen Tragödien jedenfalls inhaltsvollere Stoffe, eine gewisse kunstmäßige Darstellung, eine freiere Erfindung nebst einem festeren Zusammenhang der Begebenheiten, endlich – wohl nach dem Muster des Holländers Joost van den Vondel – einen Versuch, den Chor der Alten anzuwenden. Zwischen seinen höher stehenden Lustspielen sind die beiden in Prosa geschriebenen, »Peter Squenz« und »Horribilicribrisax«, wirklich originell und zeigen einen bedeutenden Fortschritt zu ächter, höherer Komik. Zu der gleichen Schule, aber wie schon oben erwähnt, keineswegs in sklavischer Abhängigkeit, gehört der treffliche Epigrammendichter Friedrich von Logau (1604-1655), der niemals nach Gunst und Anerkennung strebte, sogar seinen Namen verbarg und nach hundert Jahren von Lessing und Ramler gewissermaßen erst entdeckt wurde. – An ihn schließt sich der Satiriker in Prosa, Moscherosch (1601-1669), dessen »Wunderliche und wahrhaftige Geschichte, d. i. Strafschriften Philanders von Sittewald« zu den besten Schöpfungen des ganzen Zeitraums gehören und selbst für uns, als treffliche Zeit- und Sittenbilder noch Werth haben. – Als Opitzens entschiedenen Anhänger und Freund nennen wir noch J. W. Zinkgref (1591-1635). Sein Buch »Apophthegmata, scharfsinnige Sprüche der, Deutschen« enthält eine Sammlung von Aussprüchen bedeutender Personen, in überaus passender und anziehender Fassung mitgetheilt und auch heut noch lesenswerth. In entschiedener Opposition gegen die gelehrte und verkünstelte Dichtung, schon weil in, sei es auch nur noch annähernder Volksthümlichkeit, finden wir die gleichfalls oben schon genannten, den Mecklenburger J. Lauremberg (1591-1659), den Letzten, der in plattdeutscher Sprache etwas Selbstständiges schuf, und den Hessen J. B. Schuppius (1610-1661), voll Witz, Laune und Humor, einen strengen Gegner aller Schulweisheit und auch als Volksprediger hochbedeutend. Sein Name muß uns auch schon um dessentwillen unvergessen bleiben, weil er es war, der im Jahre 1648 die feierliche Friedenspredigt zu Münster hielt. In voller Selbstständigkeit, fast immer frei von aller Verkünstelung und Gefühlsverrenkung, volksmäßig, warm und wahr, erhält sich nur eine Gattung der Dichtung, und das ist das Kirchenlied . Der Fortschritt gegen das, was das vergangene Jahrhundert hier entstehen ließ, ist ein fast durchaus innerlicher: man geht von dem Allgemeinen in's Einzelne, zur Anwendung des Glaubens auf die persönlichen Verhältnisse und Schicksale, auf all' die Unruhe, die Noth und die Gefahren der furchtbaren Kriegszeiten über. Die Form ändert sich kaum, und die ganze Ausdrucksweise erhält sich fast ausnahmslos einfach und wahr, ohne Bombast und ohne Reflexion, worin grade die gesammte übrige Dichtung ihren Ruhm sucht. Hier ist Paul Gerhard (1606-1670) vor allen Uebrigen und als der unerreichte Meister zu nennen – seine Lieder sind nicht nur zu bekannt und verehrt, sondern auch zu zahlreich, als daß wir sie noch namhaft zu machen versuchen sollten. Zunächst stehen denselben einzelne Lieder von Simon Dach , der Kurfürstin Luise Henriette von Brandenburg (»Jesus, meine Zuversicht«), Rinkart (»Nun danket alle Gott«), Neumark (»Wer nur den lieben Gott läßt walten«), und eine große Zahl von anderen, weniger bekannten Dichtern. – Gedenken müssen wir hier auch noch der beiden katholischen Liederdichter, des Jesuiten Friedrich von Spee (1591-1635), dessen unter dem Titel »Trutz-Nachtigall« erschienenen Gedichte voll großer Wärme und Innigkeit, aber lange Zeit fast völlig vergessen geblieben sind, und des wohl am besten als Mystiker zu bezeichnenden Johann Scheffler , genannt Angelus Silesius (1624-1677). Beide stehen in voller Unabhängigkeit von Opitzens Schule. Für die übrigen Gesellschaften oder Dichtergruppen genügt eine kurze Erwähnung. Nur die Königsberger, in der wir Simon Dach (1605-1659), Robert Roberthin (1600-1648) und den auch als Komponisten nennenswerthen Heinrich Albert (1604-1668) finden, hebt sich über die platte Mittelmäßigkeit und Nichtigkeit der übrigen hervor. Wir brauchen nur an das bekannte Lied Dach's »Aennchen von Tharau« zu erinnern. – Die Nürnberger Pegnitzschäfer unter Harsdörfer und Klaj ergingen sich in arkadischen Schäfergedichten, Idyllen und Singspielen; die Holsteiner unter Rist sind fast nur um dieses ihres Hauptes willen zu nennen, das zum mindesten in der geistlichen Poesie einiges Bessere geschaffen hat; endlich »Die deutsch gesinnte Genossenschaft« oder »Rosengesellschaft« des Philipp von Zesen verdient nur um der von diesem auf die »Reinlichkeit« der Sprache gerichteten Versuche willen der Erwähnung: er probirte es mit einer höchst originellen, höchst willkürlichen Orthographie und daneben mit der Verdeutschung der Fremdwörter, die zu halb lächerlichen, halb ungeheuerlichen Ausgeburten führte. An Anhängern und Schülern fehlte es ihm trotzdem keineswegs. Noch zu Gottscheds Zeiten gab es solche sogenannte Zesianer. 7. Indessen der Putz und die Flitter, mit denen man seine Schulgelehrsamkeit bisher verziert und seine bewunderungswürdigen Kenntnisse auf das zierlichste und pathetischste zum Ausdruck und zur Darstellung gebracht hatte, genügten allmälig nicht mehr dem Publikum – wenn wir diese Bezeichnung auf die damalige Lesewelt anwenden dürfen – und auch nicht den Dichtern selber. Man verlangte nach stärkeren Reizmitteln, nach grelleren Farben und höheren Tönen, und die Rhetorik und Declamation der Opitzianer ging zum Schwulst, die immer noch nicht ganz verleugnete Natur in die lächerlichste Unnatur, der verhältnißmäßige Geschmack in die reine Abgeschmacktheit über. Diese Umwandelung vollzog sich von der Mitte des Jahrhunderts an und gipfelte in der, nach der Heimat ihrer Häupter so benannten zweiten schlesischen Schule des Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1618-1679) und Daniel Caspar von Lohenstein (1635-1683). Wir dürfen nicht vergessen, daß grade zu dieser Zeit die Muster der Deutschen, die späteren, faden und süßlichen Italiener und die französischen Hofdichter Ludwig XIV., gleichfalls in ihrer, aller Kunst und Sitte hohnsprechenden Weise das Mögliche leisteten. Ueber diese Beiden, wie über alle, die sich ihnen anschlossen und folgten – die »Wasserpoeten« pflegt man diese edle Gesellschaft nicht mit Unrecht zu bezeichnen – und nicht minder über die gesammte poetische Literatur dieser Zeiten, die Trauer- und Schauspiele, die Schäferidyllen, die Singspiele und Opern und alle die geistlichen und weltlichen Lieder, können wir rasch fortgehen. Nur der Liebhaberei für die »Opern« wollen wir besonders gedenken, deren Verbreitung und Stärke man schon daraus erkennen kann, daß für solche Aufführungen eigene große und feste Opernhäuser erbaut wurden (Hamburg 1677), und sich feststehende Bühnengesellschaften bildeten, während das nicht musikalische Schauspiel von den wandernden Truppen noch immer in schlechten Privatlokalen, Scheunen und Bretterbuden aufgeführt wurde. Gedenken wir lieber einiger erfreulicherer Zeichen der Zeit. Gleich der gesammten Dichtung dieser Epoche verfiel auch der Roman , dem wir, als solchem, jetzt zuerst begegnen, von Anfang an der vollen Unnatur und Abgeschmacktheit der zweiten schlesischen Schule. Die sogenannten »historischen oder Heldenromane« eines Zesen, Buchholz (»Herkules und Herkuladiska«), Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig (»Octavia«), Ziegler (»die Asiatische Banise«), Lohenstein (»Arminius und Thusnelda«); die politischen und galanten Romane eines Happel (»Der Asiatische Onogambo«), Hagdorn (»Aeyquam oder der große Mogul«), Rost (»Meletaon«) u. s. w.; die satirischen Romane, wie z. B. des Paters Abraham a Santa Clara ( Ulrich Megerle )»Judas der Erzschelm« – sie stehen alle auf der gleichen Höhe oder vielmehr in der gleichen Tiefe der Unnatur, der Hohlheit und der Langweiligkeit. Neben ihnen gibt es aber zum mindesten zwei Werke, von denen das eine noch heute des höchsten Ansehens genießt, und das andere dies Ansehen zum mindesten verdient. Das erste ist der »Abenteuerliche Simplicissimus« des H. J. Ch. von Grimmelshausen (vom Anfang der zwanziger bis gegen die ersten achtziger Jahre), ein ächt volksthümliches, geschickt angelegtes und durchgeführtes, reich belebtes, frisches Gemälde aus der vollen Gegenwart – ein glücklicher Griff, muß man wohl sagen, da die übrigen Schriften des Verfassers weitaus nicht an dieses sein Hauptwerk hinanreichen. – Das andere Werk ist Ludwig Schnabels allerdings erst gegen den Schluß des Zeitraums (1731-1743) erscheinende Robinsonade »Wunderliche Fata einiger Seefahrer u. s. w.«, bekannter unter dem Titel »Die Insel Felsenburg«. Auch hier finden wir neben manchem Abenteuerlichen und Phantastischen, besonders unter den kleinen Erzählungen sehr viel Natürliches, Einfaches und Frisches in der Schilderung wie in der Darstellung, und einzelne Stücke lassen sich füglich noch heute als Muster in ihrer Art hinstellen. – Zu diesen beiden Büchern lassen sich auch noch die Romane (»Die drei ärgsten Erznarren«, »Die drei klügsten Leute« u. s. w.) des Zittauer Schulrectors Christian Weise (1642-1708) wenigstens insofern als bessere Erscheinungen hinzurechnen, als sie ihre Stoffe aus den mittleren Ständen und der Gegenwart wählen und aus der, von den Gelehrten gepflegten Literatur wieder zum Volke zurücklenken. Dieses Christian Weise (1642-1708) haben wir auch sonst in ehrenvollster Weise zu erwähnen, da er, abgesehen von seinen Dichtungen (Gedichte, dramatische Arbeiten u. s. w.), welche sich gleichfalls über die große Masse weit erheben, einer von denen ist, die mit vollem Bewußtsein der Geschmacklosigkeit und Unnatur auch auf sprachlichem und wissenschaftlichem Gebiet entgegen arbeiteten und eine Umkehr vor allem in der Schule und der Schulbildung anbahnten. War es doch eine seiner Hauptforderungen an die letztere, daß sie »den Schülern die deutsche Zunge löse« und sie – dergleichen gehört denn freilich auch bei ihm dazu! – aus der lateinischen Versekünstelei zu deutschen Dichtversuchen hinüberführe. Während auf dem Felde der poetischen Literatur so untröstliche Zustände herrschten, finden wir aber auf den meisten übrigen literarischen Gebieten erfreulicherweise einen immer rascheren und sichtbareren Fortschritt zum Besseren. Samuel von Pusendorf (1632-1694) legte den Grund zu einer wissenschaftlichen Behandlung des Natur- und Staatsrechts; in der Astronomie und den Naturwissenschaften brauchen wir nur Kepler und Otto von Guericke zu nennen; in der Philosophie folgte auf den originellen, tiefsinnigen Jacob Böhme zu Anfang des Jahrhunderts, von der Mitte desselben an der große Gottfried Wilhelm von Leibnitz (1646-1716); Christian Thomasius (1655-1728) bemühte sich, gleich dem obengenannten Weise um die Einführung der deutschen Sprache auch auf dem philosophischen Gebiet und erwarb sich unsterbliche Verdienste um die Verbreitung der Humanität und Aufklärung, während zur gleichen Zeit die sogenannten Pietisten, Philipp Jakob Spener (1635-1705) und August Hermann Francke (1663-1727) von Berlin und Halle, der jungen Preußischen Universität aus, auf Wiederbelebung und Vertiefung des Glaubens hinarbeiteten. Und endlich erscheint hier Christian von Wolff (1679-1754), der das Leibnitz'sche System streng methodisch ausbaute und der Philosophie ihren außerordentlichen Einfluß auf die gesammte wissenschaftliche Bildung und auf die Entwickelung des geistigen Lebens sicherte. Allein auch auf dem poetischen Gebiet begann an der Grenzscheide beider Jahrhunderte endlich ein frischeres Wehen, denn die Unnatur, um nicht zu sagen der Unsinn, war allgemach zu einer Höhe gediehen, wo sich endlich auch in den, sei es verschrobensten, sei es nüchternsten Köpfen etwas wie Vernunft und Einsicht regen und sich mit dem Schrecken über solche Zustände auch der Widerstand gegen dieselben erheben mußte. So haben wir den Streit anzusehen, der sich zwischen Christian Wernicke (von der Mitte des 17. bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts) und den Anhängern und Verkündigern des alten Geschmacks, den Hamburgern Hunold (Menantes) und Postel , um 1697 auf seine Epigramme (»Ueberschriften«) hin erhob, mit unendlicher Erbitterung und Grobheit weiter geführt wurde und mit der Niederlage der Hofmannswaldauer endete. Ebenso haben wir auch die Umkehr oder den Abfall einzelner Dichter anzusehen, die sich, wenn auch von geringerem Eindruck zur gleichen Zeit etwa immer häufiger zeigen, so bei dem jüngeren Gryphius , Benjamin Neukirch , dem steifen, aber achtungswerthen Freiherrn von Canitz und anderen. Die Poesie gewann dabei allerdings einstweilen so gut wie nichts, denn wer sich aus dem Bombast und der Lüsternheit der Hofmannswaldau'schen Epigonen freirang, kam damit noch keineswegs zum Wahren und Schönen, sondern blieb für jetzt in der vollsten Nüchternheit und dem langathmigsten Moralisiren stecken. Erst ganz allmälig machte sich eine Richtung auf die Natur geltend, allein auch hier kam man über Kleinlichkeiten und Detailkrämerei kaum hinaus. So erscheinen uns die Hamburger Brockes (»Irdisches Vergnügen in Gott«, – neun Bände!) und Richey , ein Schweizer Pseudonymus Reinhold von Freienthal , und der Badener K. F. Drollinger . Trotz alledem sind sie die Vorboten der besseren Zeit. Als ein wirklicher Dichter begegnet uns nur Johann Christian Günther aus Striegau (1695-1723), der obschon noch aus der alten Schule stammend, dieselbe alsbald weit überflügelt und uns erkennen läßt, wie eine wahre innere Begabung sich über alle Schranken und Verzerrungen hinauf schwingt. Sein Unglück war, daß er der traurigen Verhältnisse, in denen er leben mußte, niemals Herr zu werden vermochte, sie vielmehr häufig durch seine Schwäche und Schrankenlosigkeit noch viel drückender machte. Bei ihm kann man von der Persönlichkeit nicht absehen, da sie sich stets in seine Dichtungen hineindrängt und dieselben, zugleich mit dem Menschen, möchte man sagen, in den Staub zieht. Günther ist niemals zu der Höhe gelangt, der ihn sein außerordentliches Talent entgegenhob.   Dritter Abschnitt. Vom Beginn des Gottsched-Bodmer'schen Streits bis zur Gründung des Hainbundes (1772). 8. Es heißt im Sprichwort: »Gott läßt uns wohl sinken, aber nicht ertrinken«, und ein anderes, das wir schon einmal ernst und ohne den ironischen Nachsatz aufnehmen dürfen, behauptet: »Gott verläßt Deutschland und die Deutschen nicht.« – Grade in dieser trübseligen und öden Zeit, wo Günther starb und ein Johann Ulrich von König , der Hofpoet und Ceremonienmeister August des Starken von Sachsen, in die Wolken erhoben wurde, wo kein frischer Hauch sich regte und kein Talent sich zeigte, von dem man etwas wie einen neuen Aufschwung hätte erwarten mögen: grade jetzt wurde in aller Stille und mit den kleinsten und unscheinbarsten Anfängen die Wiedergeburt unserer Poesie angebahnt und es begann eine Zeit der rastlosesten Arbeit, des unermüdlichen Ringens und Strebens, der oft mißlingenden, immer wieder aufgenommenen und endlich auch immer glücklicheren Versuche, die fast verdorrte und verlorene edle Pflanze mit besserem Erdreich zu umgeben, sie zu pflanzen und zu schirmen, bis sie anhob kräftig zu grünen und zu schießen, und sich endlich wirklich zur glänzendsten und duftvollsten Blüthe erschloß. Aus dem Gebiete der Poesie selber erscheinen und regen sich diese ersten Anfänge indessen nicht, und auch von einer friedlichen Arbeit an dem großen Werk ist keine Rede. Die ersten Arbeiter und zugleich erbitterten Streiter, Bodmer und Breitinger in der Schweiz und Gottsched in Leipzig, sind als Dichter selbst für ihre Zeitgenossen von sehr geringem Werth und als solche seitdem völlig verschollen. Ihre Bedeutung und ihre Erfolge sind vielmehr allein auf dem Gebiete der Kritik und der Aesthetik zu suchen, und der zwischen ihnen geführte Streit sollte trotz aller langweiligen oder widerwärtigen Einzelheiten, trotz aller, von uns längst als falsch erkannten Züge, trotz der Fehlgriffe und Lufthiebe, uns allen stets bekannt und gegenwärtig bleiben; denn er ist die Geburtsstätte unserer neueren Poesie, ja unserer gesammten, seitdem erblühten Literatur. Um das Jahr 1721 fand sich zu Zürich um zwei junge Leute, Bodmer und Breitinger eine Zahl von Altersgenossen allwöchentlich zusammen, um sich über Kunst und Literatur, Wissenschaft und Leben zu unterhalten und eigene Ausarbeitungen der Mitglieder zu beurtheilen. Alle diese jungen Leute standen, sei es auch nur auf Bodmers Vorgang, unter dem Einfluß der englischen Literatur. Man gründete, in Nachahmung des berühmten, von Addison und Steele herausgegebenen Spectators , eine Wochenschrift für die erwähnten Arbeiten der Mitglieder, die man zuerst »Discourse der Maler«, später »Maler der Sitten« hieß – man hatte sich, wie es bei den poetischen Gesellschaften Mode war, besondere Namen und zwar diejenigen berühmter Maler gewählt. Zum Stoff und Gegenstand seiner Beiträge nahm man alles, was geeignet war, das Nachdenken anzuregen, die Anschauung und Auffassung des Lebens zu lichten und zu vertiefen, den Geschmack zu bilden und, gleich den Engländern, die Natur und Naturwahrheit, das Einfache und Volksmäßige in ihre unverjährbaren Rechte wieder einzusetzen – im strengen Gegensatz zu der Künstelei und dem Schulzwange der französischen Hof- und Kunstpoesie. Schon im 20. Discourse findet sich ausgesprochen, was von Bodmer und Breitinger fortan, wenn auch allmälig in erweiterter Fassung, als Fundamentalsatz ihrer Theorie festgehalten wird: Die Dichtkunst bestehe in der Nachahmung der Natur. Wie der Maler dieselbe abmale, müsse der Dichter sie abschreiben. – Und hieran schließt sich alsbald der zweite Satz: die Quelle der Poesie ist das lebendige Gefühl und die frische, unverkünstelt erregte Phantasie, und auch ihr Ziel ist nur die Beschäftigung der Einbildungskraft. – Hiermit traten sie gewissermaßen in graden Gegensatz zu der gesammten Poesie seit Opitz, und was in Ansehung der unmittelbaren Wirkung und der nächsten Folgen viel wichtiger ist, zu dem, der in der Ferne auf dem gleichen Felde eben die gleiche Arbeit aufgenommen hatte und seine Lehre mit allen Mitteln zur Geltung zu bringen suchte. Johann Christoph Gottsched , geboren bei Königsberg im Jahre 1700, kam vierundzwanzig Jahre alt nach Leipzig und fand als Hauslehrer bei dem Professor der Geschichte, Mencken , Aufnahme. Dieser war Herausgeber der » acta eruditorum ,« einer nach dem Muster des » Journal des savants « gegründeten, weitverbreiteten Zeitschrift, und daneben der Gründer der sogenannten »Görlitzer (poetischen) Gesellschaft«. So gelangte Gottsched sogleich in literarische Verbindungen und wußte sich dies bestens zu nutze zu machen. Es spricht für den Geist und die Begabung des jungen Mannes, ja selbst für den persönlichen Werth des Menschen mehr, als man ihm früher und später zugestehen mochte, daß er sich ungesäumt, voll Ernst und Unermüdlichkeit, in eine selbstständige, ganz außerordentliche literarische Thätigkeit stürzte und sich in kurzer Frist schon, im fremden Lande und unter den fremden Menschen, eine hochangesehene, einflußreiche, alsbald dominirende Stellung zu erringen wußte. Schon mit dem Jahre 1725 sing er seine erste Wochenschrift, »die vernünftigen Tadlerinnen«, an, welche allmälig eine ganze Reihe von anders betitelten Fortsetzungen erhielt, und verfolgte die Aufgabe, die deutsche Sprache und Literatur zur Reinheit, Einfachheit und Regelmäßigkeit zurückzuführen. Im nächsten Jahre erwählte ihn die vorhin erwähnte poetische Gesellschaft zu ihrem »Senior«, und er durfte es wagen, sie in eine »deutsche Gesellschaft« umzugestalten, die nach dem Vorbilde Académie francaise eine Art von Aufsichtsbehörde der Poesie und Literatur in Deutschland vorstellen sollte. Seine Lehre fand ihre Feststellung vorzüglich in seinem »Versuch einer kritischen Dichtkunst« 1730, wo dieser Stoff in Deutschland zum erstenmal in wissenschaftlicher Form verarbeitet ist. Er nimmt zwar noch mit Opitz an, daß das Dichten nur eine Operation des Verstandes sei, der durch Einbildungskraft, Menschenkenntniß, gründliche Studien und guten Geschmack unterstützt werde. Ein so ausgestatteter Kopf könne immer ein Gedicht machen, sobald er sich nur streng an die von der Vernunft anerkannten Regeln halte. Er geht aber weit über Opitz und dessen Nachfolger hinaus, indem er die Dichtungslehre nach philosophischer Methode in ein wirkliches System zu bringen sucht; indem er ferner das innere Wesen der Poesie als Nachahmung der Natur bezeichnet, und indem er endlich die Kunstregeln der Alten darum für die richtigen erklärt, weil er sich durch Denken überzeugt habe und stets überzeugen könne, daß sie die allein vernünftigen seien. Daher stellt er neben den Alten die Franzosen als Muster auf: sie erscheinen ihm in ihren Meisterwerken als die vernünftigsten und glücklichsten Nachahmer der Alten, und wenn die deutschen Dichter ihnen folgten, würde man hoffentlich die bisherigen Mängel gehoben sehen. Dieser, den Franzosen zugestandene Vorzug gewann ihm und seiner Lehre von Anfang an die Zustimmung der ganzen vornehmeren und feineren Gesellschaft, deren Bildung bekanntlich in der französischen wurzelte. Es war aber mit diesem Vortheile nicht genug. Als er 1730 Professor der Philosophie und Beredtsamkeit geworden war, erlangte er dadurch eine Autorität, wie sie kein anderer Schriftsteller leicht zu erreichen vermochte, und zwar nicht bloß in den Augen des großen Publikums, sondern auch in den gelehrten Kreisen. Hier brach er denn die Herrschaft der lateinischen Versmacherei und brachte die deutsche Dichtkunst neben, ja vor der lateinischen Schulpoesie zur Geltung. Und um ihre Befähigung und Berechtigung zu erweisen, sorgte er dafür, daß das Publikum »Dichtungen« zu lesen bekam, die, nicht mehr Uebersetzungen, sondern Originale, nach den aus dem Französischen abstrahirten Regeln gearbeitet waren und zeigen sollten, wie die deutschen Köpfe und die deutsche Sprache mit allen Ehren neben den ausländischen bestehen könnten. Mit einem Wort, Gottsched war bei weitem nicht der plumpe und geistlose, durch Aufgeblasenheit und Herrschsucht betäubte Kopf, für den man ihn später auszuschreien liebte. Er hat im Gegentheil für die Sicherung und Ausbreitung seiner Lehre und seiner Dictatur mit einer Energie und einem Tact gearbeitet und gekämpft und die von ihm für richtig gehaltenen Ziele mit einer Unermüdlichkeit verfolgt, die im Grunde unsern vollen Respect verdienen. Von Anfang an hatte er begriffen, daß die Zeitschriften von einem um vieles bedeutenderen Einfluß auf die Verbreitung seiner Lehre und seines Ansehens sein mußten, als die dickleibigen Bücher, welche die einzeln aufgestellten Sätze zusammenfaßten und sozusagen in ein System brachten, aber für die Meisten unzugänglich und allzu schwer blieben. Ebenso begriff er bald die Bedeutung, welche das Theater für ihn in der gleichen Richtung hatte. Er nahm sich daher desselben auch mit der gleichen, ja wo möglich noch gesteigerten Energie an – eine Besserung und Reinigung that freilich nirgends mehr noth als grade hier. Es spielte damals die Neuber 'sche Truppe in Leipzig. Er verstand die Leiterin derselben für seine Principien zu gewinnen und brachte diese nicht nur in eigenen – »der sterbende Cato«, – sondern auch in anderen, regelmäßig komponirten, bald übersetzten, bald deutschen Originalstücken dem Publikum zur Anschauung. Sein Erfolg war ein staunenswerther. Die wüsten »Haupt- und Staatsactionen« verschwanden, die »Opern« verstummten, und im Jahre 1737 verbrannte er mit Zustimmung der Neuberin den »Hanswurst« feierlich auf der Bühne. Zugleich lieferte er in der »Deutschen Schaubühne nach den Mustern der Alten« gewissermaßen ein Repertoire von fast vierzig Stücken. Seine Fehlgriffe liegen freilich auf der Hand. Aber es ist leicht sagen, daß es wichtiger gewesen wäre, den gesunden, volksthümlichen Kern der Haupt- und Staatsactionen und Hanswurstiaden festzuhalten und ihre Stoffe in der Weise und mit dem Geist der Engländer aufzufassen und zu entwickeln. Wie hätte Gottsched von seinem Standpunkte aus und mit seiner beschränkten Anschauung dazu auch nur kommen können? Erkennen wir es im Gegentheil an, daß er der Poesie und dem Theater wieder eine gewisse Haltung aufzwang, die bis auf ihn und seit langer Zeit vollständig verloren gegangen war, daß er Muster aufstellte und Regeln angab, welche, sei es auch nur äußerlich, diese Haltung befestigten. Und wie er dies practisch bei seiner, wir dürfen schon sagen, Bühnenleitung durchführte, so stellte er es theoretisch durch seine obenerwähnte »kritische Dichtkunst« her. So hat er unermüdlich durch seine Zeitschriften, durch die »Grundlegung der deutschen Sprachkunst«, durch sein eigenes Beispiel für Reinigung der Sprache und des Geschmacks wie für die Correctheit fortgearbeitet und in gewissem Sinne die deutsche Schriftsprache erst festgestellt. Um schließlich dessen zu gedenken, ist sein Buch »Nöthiger Vorrath zur Geschichte der deutschen dramatischen Dichtkunst«, bis auf den heutigen Tag ein werthvolles, ja unentbehrliches. Im Laufe der dreißiger Jahre erreichte sein Ansehen und sein Einfluß die größte Höhe. Er herrschte wie ein Dictator über Sprache, Dichtkunst und Geschmack, und Leipzig war der Mittelpunkt des gesammten Literaturlebens und aller feinen Bildung. Von einem Widerspruch gegen seine Verordnungen und Aussprüche war nirgends die Rede; alles was er unternahm, gelang ihm. Nur sein Wunsch, die »deutsche Gesellschaft« zu einer königlichen und damit zu einer wirklichen, herrschenden Akademie erheben zu lassen, ging nicht in Erfüllung, wie denn ja die später auftauchenden ähnlichen Pläne auch immer an ihrer eigenen Albernheit zu Grunde gegangen sind. Gottscheds immer mehr anschwellender Hochmuth und seine Aufgeblasenheit, seine Unduldsamkeit und seine Herrschsucht sollen nicht geleugnet werden. Allein sie erscheinen uns in einem bei weitem nicht so schlimmen Licht, wenn wir auf der einen Seite seiner wirklichen großen Verdienste, und auf der anderen der übertriebenen Verehrung und des sklavischen Gehorsams gedenken, mit denen man ihn umschmeichelte, und ihn allmälig verderbte. Hier, wenn jemals, darf man sagen: seine blinden Anhänger wollten es und verdienten es, geknechtet zu werden. Mit den Schweizern war er bisher, trotz des längst hervorgetretenen Gegensatzes, in leidlichem Einvernehmen geblieben: sie verehrten gleich ihm Martin Opitz und er ließ, unter dem Einfluß seiner hochgebildeten Gattin, Louise Adelgunde Victoria , geb. Kulmus , bis auf einen gewissen Grad auch die Engländer gelten. Bodmer nahm den »sterbenden Cato« sehr freundlich auf, Gottsched erkannte 1737, in der zweiten Ausgabe seiner »kritischen Dichtkunst« die Schweizer an. Im Grunde mag er sie, die er an eigentlicher gründlicher Bildung, ja für jetzt auch in Handhabung der Sprache und der dichterischen Formen weit überragte, für ziemlich unbedeutend, am wenigsten für gefährlich gehalten haben. Von einem nennenswerthen Einfluß derselben war bisher, zumal in Deutschland, nichts bemerkbar geworden. Allein in der »kritischen Dichtkunst« wurde nach Voltaire's Vorgang der von den Schweizern hochgepriesene Milton auf das heftigste angegriffen, und die Schweizer nahmen den Handschuh auf. Ihre Schüler und Freunde hatten sich von Zürich aus über Deutschland verbreitet und überall in der Stille vorgearbeitet; die philosophische Bildung war vorgeschritten. Liscow , der Satiriker, bewies eben in einer kleinen Schrift, daß das Recht zu kritisiren, ein allgemeines Recht der Menschen sei. Das Publikum war empfänglich und aufmerksam, und als in den Jahren 1740 und 1741 Breitinger mit der Abhandlung »über die Gleichnisse« und mit seiner »kritischen Dichtkunst«, Bodmer mit den Abhandlungen »von dem Wunderbaren in der Poesie« und »kritische Betrachtungen über die Gemälde der Dichter«, sowie mit erläuternden Anhängen zu den Arbeiten des Freundes auftraten, zündeten diese Schriften überall und ließen den Kampf von allen Seiten entbrennen. Gottscheds Tyrannei war selbst für seine Getreuesten allmälig schier unerträglich geworden. Von allem Aeußeren und Formellen, von der Darstellung, der Entwickelung, ja zum Theil von der Begründung muß man bei diesen Schriften absehen und sich allein an die Grund- und Kernsätze halten, welche trotz alles Schwankens und Irrens, trotz Unbehülflichkeit und Weitschweifigkeit, mit einer größeren Bestimmtheit hervortreten. – Die Musterwerke der Alten, heißt es, bieten allerdings die ächten, untrüglichen und streng zu befolgenden Regeln dar, allein diese Regeln waren nicht vorher aufgestellt, sondern die Alten fanden die Kunst in der Natur und lieferten die Regeln dieser Kunst in ihren, der Natur nachgeahmten und auf sie gegründeten Werken. Das heißt also: die Kunst, welche das Schöne schafft, gibt sich selbst ihre Regeln. Ein schönheitsvolles Werk kann nicht wider die Regeln verstoßen, und wo dies dennoch der Fall zu sein scheint, müssen die Schönheit oder die Regeln betrügliche sein. – Die Poesie ist gleich der Malerei eine wirkliche Kunst, welche nur durch die Phantasie zu wirken vermag, indem diese nicht nur die äußeren Gegenstünde, sondern auch das, was den Geist erfüllt, mit solcher Kraft, Lebendigkeit und in solcher Versinnlichung darstellt, daß es wie gegenwärtig und sichtbar erscheint. – Zuletzt wird auch die Darstellung der Sitten, Charactere und Leidenschaften, d. i. des inneren Menschen überhaupt, als eine Hauptaufgabe der Poesie aufgestellt. Trotz der Mängel, Lücken und wirklichen Irrthümer im Einzelnen, geben uns diese Lehren, von allseitiger Theilnahme und Nachdenken, durch den lebhaften Widerspruch und den heftigen Streit weitergebildet, gelichtet und befestigt, ja alsbald durch poetische Werke auch sozusagen practisch bewährt, die Grundlage der neueren Kunsttheorie und, wie wir schon sagten, der gesammten, wunderbar sich entfaltenden neueren Poesie. Der Streit mit Gottsched wurde ins Besondere durch die Abhandlung »von dem Wunderbaren in der Poesie« hervorgerufen, da Bodmer hier Miltons »verlorenes Paradies« gegen Voltaire's und Anderer Angriffe vertheidigte. Gottsched antwortete um so heftiger, als er sich hier zuerst in seiner Anmaßung, der oberste Geschmacksrichter Deutschlands zu sein, angegriffen sah und, was nicht zu übersehen ist, zu gleicher Zeit auch durch andere Vorgänge in seiner Nähe gereizt war. Er hatte sich mit der Neuberin überworfen, die Directrice brachte ihn zu allgemeinem Ergötzen in einem Vorspiel auf das Theater, und ein junger Dichter Rost schilderte die Vorgänge in einem Gedicht, welches selber den Titel »das Vorspiel« trug. Dies war sozusagen das erste Beispiel der Auflehnung gegen Gottscheds Dictatur. Den auf das leidenschaftlichste weitergeführten Streit haben wir hier nicht mehr zu verfolgen. Er endete mit Gottscheds völliger Niederlage und seiner, kaum weniger vollständigen Vereinzelung. Lessing war es, der ihm endlich in den »Literaturbriefen« den Todesstoß gab. Die Schweizer waren freilich um nichts klüger als er und an gutem Willen, statt seiner die Dictatur zu übernehmen und mit der gleichen Anmaßung fortzuführen, fehlte es ihnen keineswegs. Allein die Poesie war nicht mehr der fast verdorrte Keim, den Gottsched zuerst vorgefunden und in seine Pflege genommen hatte, sondern erhob sich bereits in selbstständiger und kräftiger Entwickelung, und die schwachen und öden Köpfe, über welche der Leipziger Dictator zu herrschen gehabt hatte, wurden von immer begabteren, licht- und geistvolleren abgelöst und auf die Seite geschoben, die allzu muthig, zu stolz und zu selbstbewußt waren, als daß sie sich noch hätten die zu verfolgenden Wege weisen lassen sollen. 9. Von den Anhängern Gottscheds, welche ihm auch während des Kampfes und nach seiner vollendeten Niederlage treu blieben, haben wir nur wenige zu nennen. Seine schon genannte Gattin nimmt unter ihnen einen hervorragenden Platz ein. Sie war eine hoch- und feingebildete Frau, und dem Gatten an Geist und Geschmack entschieden überlegen. Sie hat nicht nur aus dem Französischen, Englischen und Dänischen ( Holbergs Lustspiele) viel übersetzt, sondern auch Originalwerke geliefert, und ihre Briefe sind, natürlich mit Berücksichtigung ihrer Zeit, noch heute lesbar und nicht ohne Interesse. Als Klopstock mit den ersten Gesängen der Messiade einen Sturm von Beifall und Bewunderung hervorrief, setzte Gottsched, dessen Niederlage bereits entschieden war, ihm und seinen Nachahmern das Heldengedicht des Freiherrn Christoph Otto von Schönaich , »Hermann oder das befreite Deutschland«, als Muster- und Meisterstück richtiger Poesie entgegen. Er that für das Werk, was er nur vermochte, und pries es in einer Weise, die seinem Verstande und Geschmack gleich wenig Ehre macht. Denn es ist ein armseliges Product eines geistlosen Kopfes, und wenn es trotzdem selbst in unserem Jahrhundert noch von neuem aufgelegt werden und Leser finden konnte, so beweist dies nur, einerseits, mit welcher Starrköpfigkeit man an Gottscheds früherem Ansehen und seiner Lehre hie und da festhielt, und andererseits, gegen welche Geschmacklosigkeit selbst unsere größten Dichter noch zu kämpfen hatten. Auch als Satiriker begegnet uns Herr von Schönaich und zwar in gleicher Geistesarmuth, und neben ihm finden wir, gleichfalls als Heldendichter und Satiriker, einen gewissen, um nichts höher begabten Naumann . Endlich wollen wir noch Johann Joachim Schwabe nennen, dessen Monatsschrift »Belustigungen des Verstandes und Witzes«, gegründet 1741, ein Haupttummelplatz der Kämpfer wider die Schweizer war. – Andere, die aus Gottscheds Schule hervorgegangen, ihn nicht vollständig verleugneten, wenn sie sich allmälig auch freier und selbstständiger entwickelten, als er und seine Lehre es ihnen gestattet haben wurden, werden wir an anderen Stellen kennen lernen. Wir wenden uns zu drei Männern, die mit den Parteien in keinem oder nur oberflächlichem Zusammenhange standen, von vornherein ihre eigenen Wege einschlugen und von uns als diejenigen begrüßt zu werden verdienen, welche sich über die herrschenden trübseligen Literaturzustände erhoben und von vornherein einen ehrenvollen Platz in der anbrechenden neuen Periode einnahmen. Diese drei sind Albrecht von Haller, Friedrich von Hagedorn und Christian Ludwig Liscow. Albrecht von Haller ist zu Bern 1708 geboren. In seiner Jugend noch dem Lohenstein'schen Ungeschmack unterliegend, machte er sich doch bald durch die Kraft seines Geistes und durch eine gründliche wissenschaftliche Schulung von demselben frei, um sich fortan, zumal in der lehrhaften und beschreibenden Poesie an die Engländer anzulehnen. Sein bekanntestes Werk, »Die Alpen«, bietet beachtungswerthe Naturschilderungen und auch unter seinen Gedichten finden sich manche werthvolle. In seinem Alter schrieb er auch ein paar Romane, von denen wir nur den »Usong« nennen, da Goethe ihm das Motto für seine »Geschichte Gottfrieds von Berlichingen« entlehnte. Hallers Beispiel wirkte nicht am wenigsten durch seinen außerordentlichen wissenschaftlichen Ruf: er stand als Arzt und Physiolog, als Anatom und Botaniker im höchsten Ansehen. Er starb 1777. Friedrich von Hagedorn wurde gleichfalls 1798 zu Hamburg geboren. Er erhielt eine vortreffliche Erziehung und stand schon im elterlichen Hause mit dem damaligen literarischen Kreise seiner Vaterstadt, Wernicke, Richey u. s. w., in Verbindung. Nach einem längeren Aufenthalt in England, erhielt er daheim eine Anstellung bei einer englischen Handelsgesellschaft und starb 1754. Er blieb mit Gottsched, wie mit den Schweizern stets im besten Einvernehmen. Als Dichter der Fabel, der Geselligkeit und Zufriedenheit und unter den Einflüssen der Engländer so gut wie der Alten, besonders des Horaz, – ist er ein Vorbild hier für Gellert, dort für Gleim und ihre Anhänger geworden. Ja in der Sprache, wie in der Darstellung übertrifft er viele von ihnen, und es gibt zwischen seinen Gedichten auch außer den bekannten: »Der Nachtigall reizende Lieder«, »Ein verhungert Hühnchen fand« u. s. w., mehrere, die uns heut noch ansprechen. Führen wir nur zwei Anfangsstrophen an: An die Freude. Freude, Göttin edler Herzen, Höre mich. Laß die Lieder, die hier schallen, Dich vergrößern, dir gefallen: Was hier tönet, tönt durch dich. An den verlorenen Schlaf. Wo bist du hin, du Tröster in Beschwerde, Mein güldner Schlaf? An dem ich sonst die Größesten der Erde Weit übertraf. Du hast mich oft an Wassern und in Büschen Sanft übereilt. Und konntest mich mit bess'rer Rast erfrischen, Als mir voritzt der weiche Pfühl ertheilt. Christian Ludwig Liscow , der Satiriker, ist heutzutage so gut wie völlig unbekannt, ja schon von seinen Zeitgenossen haben nur wenige seinen Werth und seine Bedeutung erkannt. Man stellte ihn sogar weit unter den unbedeutenden Rabener , und aus solcher Mißachtungdürfte es auch zu erklären sein, daß man erst neuerdings etwas über seinen Lebensgang erfahren hat. Er ist 1701 in Mecklenburg-Schwerin geboren und vermuthlich zu Lübeck und Rostock gebildet worden. Nach einem unruhigen Leben wurde er 1741 Privatsecretär des Grafen Brühl zu Dresden, verlor die Stelle aber, wegen unvorsichtiger Reden in Untersuchung gezogen, 1750 und starb zehn Jahre später auf einem Gute, das seine Frau bei Eilenburg besaß. Anfangs mit Gottsched in freundlicher Verbindung, wurde er von dem Dictator jedoch schon in den letzten dreißiger Jahren mit Mißtrauen und Verstimmung angesehen, möglicherweise wegen seiner kleinen vielgelesenen Schrift: »Die Vortrefflichkeit und Nothwendigkeit der elenden Skribenten gründlich erwiesen«. Im Jahre 1742 brach er mit Gottsched vollständig, indem er in einer Vorrede erklärte: Gottsched und seine Bewunderer behaupteten die Ehre des deutschen Witzes schlecht und thäten am klügsten, sich in Zeiten zurückzuziehen und zu schweigen. – Da Liscows Satire sich meistens gegen bestimmte Personen richtete, erschreckte er die vorsichtigen und scheuen Philister um sich her und galt ihnen mehr nur als ein Pasquillant. Allein er war denn doch etwas Besseres und übertrifft an satirischem Witz, an Keckheit, Correctheit und Klarheit der Sprache die meisten seiner Zeitgenossen. 10. Die Regsamkeit auf dem Gebiete der Literatur war zu dieser Zeit eine ganz außerordentliche. Nicht allein der fortdauernde Kampf führte immer neue Kämpfer ins Feld und erhielt alle Welt in Spannung, bei Interesse und Thätigkeit, sondern es tauchten nun auch, als habe der Boden sich genug geruht, überall die jungen Poeten selber auf und schlossen sich zärtlich aneinander und sangen lustig darauf los. Daß Leipzig noch immer eine Art von Hauptstadt blieb, wenn es auch dem Haupt selber immer schlechter ging, versteht sich, sozusagen, ohne Erklärung und schon aus der einzigen Thatsache, daß es grade zu dieser Zeit immer entschiedener zu dem literarischen und buchhändlerischen Mittelpunkt wurde. Allein es bildeten sich auch anderwärts solche Freundes- und Dichterbünde, die sich in erträglicher Selbstständigkeit zu erhalten verstanden und mit Leipzig nur noch in äußerlicher Verbindung blieben. Einen solchen finden wir in Halle, der sich um Baumgartens , des Gründers der deutschen Aesthetik, Schüler und Freund G. F. Meier ansammelte. Zuerst waren es nur S. G. Lange und J. I. Pyra , aber schon demnächst gesellten sich zu ihnen drei Namen von gutem Klang: Gleim, Uz und Götz und andere folgten, die wir nicht weiter zu erwähnen haben. Sie lasen die Dichter des Alterthums, vorzüglich den Anakreon, und versuchten sich in eigenen Dichtungen und Uebersetzungen. Zu Gottsched stand man ziemlich freundlich, aber die Baumgarten'sche Lehre war den Schweizern günstiger, und das Vorbild der jungen Leute war, wie wir es schon erwähnten, gewissermaßen Hagedorn. Als sich mit dem Ende der Studienzeit die Gesellschaft auflöste, bildeten sich zwei, fürs erste noch eng verbundene Kreise, – der eine um Lange, den jetzigen Pfarrer zu Laublingen, und seine gefeierte Gattin, der andere um Gleim, welcher anfangs zu Berlin lebte. Unter den hier Vereinten wurde der Grund zu der Literaturschule gelegt, die nach kurzer Zeit schon nicht nur für die Entwickelung der Literatur, sondern auch für die deutsche Geistesbildung von eingreifendster Bedeutung werden sollte. Pyra 's haben wir noch besonders zu gedenken. Gottsched vertrieb ihn durch stets erneute Rücksichtslosigkeit gewissermaßen muthwillig von sich und den Schweizern in die Arme, und als er nun die Schale des vollen Zornes über ihn ausgoß, veröffentlichte Pyra im Jahre 1743 seine Schrift: »Beweis, daß die G.ttsch.dianische Secte den Geschmack verderbe.« Es war einer der gewaltigsten Stöße, die der wankende Dictator empfing, ja wir dürfen annehmen, daß sich in Folge dieser Schrift der Leipziger, bisher noch immer abhängige Kreis von Gottsched und der erwähnten Schwabe'schen Zeitschrift zurückzog und demnächst eine eigene gründete, »Neue Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes«, oder wie sie nach dem Verlagsort gewöhnlich genannt wird, die » Bremer Beiträge «. Mit diesem, vom Jahre 1744 an erscheinenden Blatt beginnt die neue, bessere Zeit in der Poesie wie in der Prosa. Sie machte von Anfang an ein ungemeines Aufsehen und gewann den größten Einfluß auf die Ausbreitung der Bildung, auf die Hebung des Geschmacks und auf die Erweckung eines höheren Interesse's für die Literatur auch in den mittleren Ständen. Und was hierbei von höchster Bedeutung erscheint, ist, daß es das erste Blatt war, welches mit allem Takt und Verständniß ausdrücklich auch für weibliche Leser bestimmt und auf sie berechnet wurde. An der Spitze des Unternehmens stand Karl Christian Gärtner , selber nur wenig productiv, aber rühmenswerth wegen seiner gründlichen Kenntnisse, seines Geschmacks und seiner Urtheilskraft. Ihm schlossen sich, theils früher, theils später, in der Nähe und Ferne an: J. A. Cramer , Adolf und Johann Elias Schlegel , Rabener , Konrad Schmid , I. A. Ebert , F. W. Zachariae , Ch. F. Gellert , N. D. Giseke , zuletzt noch G. Fuchs und Klopstock , von dessen Messiade die ersten drei Gesänge 1748 in den »Beiträgen« erschienen. Bei diesem Vereine, den man allenfalls die »sächsische Schule« heißen könnte, müssen wir festhalten, daß seine Mitglieder trotz ihrer Abwendung von Gottsched, dennoch niemals ganz von ihm los kamen: seine Lehre war allen bereits allzutief in Fleisch und Blut gegangen, und ein Kopf, der sich zur wirklichen Freiheit und Selbstständigkeit durchgearbeitet hatte, fand sich, natürlich den übrigens nur locker mit ihnen verbundenen Klopstock abgerechnet, zwischen ihnen nicht. Ja, es ist bezeichnend für ihre Stellung in der Literatur, daß mehrere von ihnen keineswegs zu den Vergötterern Klopstocks und der Messiade gehörten, vielmehr den Stoff zu groß für den Dichter hielten. Um Einzelner von ihnen wenigstens zu gedenken, so ist J. A. Cramer nicht, wie man es zuweilen findet, mit seinem excentrischen Sohne Karl Friedrich zu verwechseln. Der Vater hat sich in Oden, Verskünsteleien und auch geistlichen Liedern versucht, welche im Ganzen alle werthlos sind. – J. A. Ebert ist als Hauptvertreter und Verbreiter der englischen Literatur von Bedeutung, und seine Uebersetzung von Youngs »Nachtgedanken« ist eines der ersten Glieder in jener langen Kette von englischen Dichterwerken, welche von einem so gewaltigen Einfluß auf den Geschmack und die Empfindung der Deutschen und auf die Entwickelung unserer Literatur waren. Wir erinnern nur an Thomsons »Jahreszeiten«, Richardsons , Sterne 's, Fieldings , Smollets Romane, Goldsmiths »Landprediger von Wakefield«, endlich Macphersons »Ossian«. Von drei Brüdern Schlegel interessirt uns nur der älteste, Johann Elias. Seine Dramen, Trauer- und Lustspiele sind die Zierden der Gottsched'schen Sammlung und werden später auch von Lessing noch gerühmt. Er möchte Besseres geschaffen haben, wäre er nicht schon 1749, einunddreißig Jahre alt, gestorben. Der inneren Verwandtschaft wegen nennen wir hier auch schon den jüngeren J. F. v. Cronegk (1731-1758), dessen auf das ausschweifendste gelobte Trauerspiel »Codrus« noch ganz in diesen Kreis gehört. – Rabener , der Satiriker (1714-1771), zeigt uns, man darf schon sagen, in erschreckender Deutlichkeit, wie wenig dazu gehört, dem Publikum gewissermaßen zu imponiren und sich den ausgebreitetsten Beifall zu sichern, wenn man die Leute nur auf ihrer schwachen Seite zu fassen versteht. Rabener ist ein beschränkter, nüchterner Kops, der seine »Dichtungen« aus jenen Regionen schöpft und an sie richtet, die mit ihm aus der gleichen geistigen Höhe stehen. Statt Satire gibt er nur Ironie und von poetischer Erhebung findet sich bei ihm keine Spur. Trotzdem oder vielmehr grade deßhalb fand er, wie wir schon bei Liscow erwähnten, viel Beifall. – Zachariä wandte sich nach dem Vorgange des Gottschedianers Dusch , dem komischen Heldengedicht zu. Sein »Renommist« ist durch seine Schilderungen des damaligen Jenenser und Leipziger Studentenlebens, als Zeit- und Sittenbild auch heute nicht uninteressant. Hier gehen wir zu Christian Fürchtegott Gellert über, geboren zu Hainichen in Sachsen 1715 und gestorben als »außerordentlicher« Professor der Philosophie zu Leipzig 1769 – die ihm angebotene ordentliche Professur hatte der bescheidene und hypochondre Mann abgelehnt. Die Verehrung, deren er als Lehrer – er las auch über Poesie und Beredtsamkeit – als Schriftsteller, als Mensch genoß, ist schwerlich einem Anderen in solchem Maße zu Theil geworden. Sie breitete sich durch ganz Deutschland aus und reichte bis ins Ausland, sie durchdrang alle Stände, man bot ihm Dank, Ehren und Pensionen, und als er in seine letzte Krankheit verfiel, wurden täglich mit Dresden Stafetten gewechselt. Die Anhänglichkeit an seine Schriften und die Freude an ihnen hat bis tief in unser Jahrhundert fortgereicht; Goethe hat sich seiner Fabeln angenommen und Lessing seinen Briefen Anerkennung gezollt. Neuere haben ihn achselzuckend für gar unbedeutend erklärt – mit keinem Erfolg. Seine Stellung ist ihm in der Literatur gesichert. Die Fabeln, von den Schweizern hervorgezogen, waren damals die beliebteste Dichtungsart, und sie hauptsächlich sicherten Gellert seinen außerordentlichen Einfluß. Ob er durch Hagedorn und den Franzosen Lafontaine angeregt wurde, kommt wenig in Betracht: seine und Lichtwers Fabeln behaupten in dieser Gattung einen hohen, wo nicht den höchsten Rang. Sie mögen zuweilen an Breite leiden, erklären uns aber durch anschauliche und klare Darstellung und Sprache, durch ihren milden Humor, durch die ruhige Behaglichkeit und unzerstörbare Ehrbarkeit, noch heute die außerordentliche Wirkung, die sie zuerst auf die schlichten Leute, neben diesen indessen auch auf alle Stände machten. Von Poesie ist hier kaum die Rede, aber doch von poetischen Zügen. Gellert ist eine gemüthvolle und liebenswürdige, vor allem aber leidenschaftslose und rein verständige Natur, und die ähnlich gearteten Menschen, die schlichten Leute sind es, an die er sich am liebsten wandte und die ihn am wärmsten in ihr Herz schlössen. Seine Lustspiele, Briefe und Kirchenlieder sind alle auf den gleichen Leser- und Hörerkreis berechnet und waren daher auch von ähnlicher Wirkung. Für uns haben die beiden ersten Gattungen keinen eigentlichen Werth mehr, nur daß wir die Sprache in den Briefen auch heut noch mit aller Achtung anzusehen haben. Wo er sich in den Kirchenliedern einmal über den lehrhaften und nüchternen Ton zur herzlichen Gefühlswärme erhebt, hat er Vortreffliches geleistet. – Sein Roman, »Leben der schwedischen Gräfin von G.«, lehnt sich an die Richardson'schen Romane an und hat seinerzeit viel Beifall gefunden. Wer ihn heute liest, und das thun nicht einmal alle Literarhistoriker, muß ihn, als Product grade dieses Kopfes, für ein Räthsel erklären. Denn eine ähnliche Sammlung von Unwahrscheinlichkeiten und Ungeheuerlichkeiten, eine gleiche Beschönigung des Widerlichen und Sündhaften findet man vielleicht nur in der Demimonde-Literatur der neuesten Zeit wieder. Verwandt mit diesem Dichterkreise sind noch zwei Schriftsteller, welche sich jedoch stets abgeschlossen und für sich hielten. Der eine ist Magnus Gottfried Lichtwer (1719-1783), als Fabeldichter, wie schon bemerkt, neben Gellert zu nennen. »Die Katzen und der Hausherr« sind ein noch heute wohlbekanntes Gedicht dieses Genre's. Der zweite ist Abraham Gotthelf Kästner (1719-1800), anfangs zu Leipzig, später in Göttingen Professor. Ursprünglich aus Gottscheds Schule hervorgegangen, ist er im Grunde nie abtrünnig geworden, sondern hat die wirklichen Verdienste des alten Lehrers stets auf das ehrendste anerkannt. Seine Dichtungen sind werthlos. Als Epigrammatist aber ist er kaum jemals übertroffen worden, und als hochbegabter, geist- und witzvoller Kopf steht er hoch über dem Leipziger Kreise, ja über den meisten seiner Zeitgenossen. Um mit den Leipziger Dichtern abzuschließen, fügen wir hier zuletzt noch Christian Felix Weiße (1726-1804) an. Obgleich von Gottsched auf das grimmigste gehaßt, mit Lessing, wenigstens in vorübergehender, Verbindung und als Dichter zu den Anakreontikern gezählt, ist er doch niemals ganz aus dem Dunstkreise der alten Zeit und der alten Schule herausgelangt. Er hat viel und vielerlei geschrieben und wurde seinerzeit mit dem reichsten Beifall belohnt. Seine »scherzhaften Lieder« und seine »Amazonenlieder« fanden überall Anklang; seine Lust- und Liederspiele (»Die Matrone von Ephesus«, »Der lustige Schuster«), seine Operetten (»Die Jagd«, »Der Dorfbarbier« u. s. w.), seine Trauerspiele (»Eduard III.«, »Richard III.«, »Jean Calas« u. s. w.), alles wurde gern gesehen. Ein nach dem Englischen bearbeitetes Stück, »Die verwandelten Weiber oder der Teufel ist los«, erregte Gottscheds vollen Zorn: es wurde in den Zeitschriften wüthend angegriffen, ja sollte sogar von Dresden aus verboten werden, was natürlich nicht gelang. – Ein zweites Stück, »Die Poeten nach der Mode«, band mit den Gottschedianern und den Schweizern zugleich an und gab beide dem allgemeinen Gelächter Preis. Dies ist bemerkenswerth als erstes Zeichen der Auflehnung gegen den neuen kunstrichterlichen Despotismus und die Vergötterung Klopstocks. Wir sagten schon, daß es den Schweizern nicht an Willen, sondern nur an Fähigkeit und Gelegenheit fehlte, Gottscheds Stelle einzunehmen. Sein Hauptverdienst hat Weiße als Kinderschriftsteller erworben; sein »Kinderfreund« enthält, trotz aller zopfigen Anhängsel unendlich viel Gutes und verdient selbst heute noch den Vorzug vor vielen modernen sogenannten Kinderschriften. Die oben erwähnten Hallenser und Berliner werden erst in einem späteren Paragraphen zu betrachten sein. 11. »An Talenten,« sagt Goethe in der literarischen Rundschau, welche er in das siebente Buch seiner Biographie aufnahm, »war niemals Mangel. Was der deutschen Poesie fehlte, war ein Gehalt, und zwar ein nationaler.« Einen solchen Gehalt begann man zu eben der Zeit, als der Streit Gottscheds mit den Schweizern entbrannte und eine zugleich natürlichere und künstlerische Anschauung auf dem Gebiete der Poesie anbahnte, durch die außerordentliche Veränderung und durch die Ereignisse zu erhalten, welche sich seit der Thronbesteigung Friedrich des Großen in dem kleinen Preußen vollzogen und von ihm aus für das ganze Deutschland folgenreich wurden. Das alte Reich war seit dem dreißigjährigen Kriege in einem immer zunehmenden Verfall begriffen. Von einer Reichsgewalt war längst schon nur nominell noch die Rede, der Rechtlosigkeit im Innern stand die völligste Schutzlosigkeit nach außen gegenüber. Grade die wesentlichen Seiten des nationalen Daseins litten schwer unter solchen demüthigenden und erniedrigenden Zuständen, und die Nation, wenn man überhaupt noch von einer solchen reden kann, war nach allen Seiten hin zertheilt, gelähmt und in stumpfe Muthlosigkeit versunken. Hier erschien Friedrich der Große als Retter. Es begann mit ihm auch auf staatlichem Gebiet die neue Zeit; die Erfolge seiner Gesetzgebung und Verwaltung, seiner gesammten Regierung, die Gewalt seines Geistes und seiner Persönlichkeit, waren von einer unwiderstehlichen Wirkung auch auf das ganze übrige Deutschland und ließen es sich aus den alten unsichern und rechtlosen Zuständen aufraffen und zu einem längst nicht mehr gekannten Selbstgefühl erheben. Die glänzenden Siege und der glänzende Widerstand, den das arme Preußen unter ihm im siebenjährigen Kriege dem halben Europa leistete, erhoben Preußen zu dem Range einer Großmacht und stellten zugleich auch Deutschlands Ansehen wieder her. Die Nation begann sich wieder selber zu achten und sich, sei es auch nur in den ersten Anfängen, als Nation wiederzufinden. Und mit allem dem noch nicht genug, gewährte er als Feind aller Finsterniß und geistiger Unfreiheit, voll Klarheit und Großsinnigkeit seinen Unterthanen die vollkommenste Glaubens-, Denk- und Schreibefreiheit, jeder geistigen Thätigkeit den offensten Spielraum, befreite die Bildung und beförderte die Aufklärung in jeder Richtung, und zwang durch ein solches Beispiel und seinen wachsenden Einfluß auch hier wieder das übrige Deutschland ihm zu folgen. Der geistige Druck verschwand, die Fesseln, welche Wissenschaft und Kunst niedergehalten hatten, zersprangen allerwärts, man fing an, sich wieder daheim zu fühlen in Deutschland, und zu dem Selbstgefühl gesellte sich schon die Begeisterung. Bisher, möchte man sagen, hatten unsere Dichter deutsch sein wollen , ohne es jemals werden zu können. Jetzt wurden sie es wirklich, und der erste, in dem sich dies mit voller Entschiedenheit offenbart, ist Friedrich Gottlieb Klopstock , den das vorige Jahrhundert vergötterte, und den auch wir Heutigen noch zu unseren ersten Literaturgrößen zu zählen gewohnt sind. Geboren zu Quedlinburg am 2. Juli 1724, verlebte er seine Jugendzeit meistens auf einer Pachtung seines Vaters, war sechs Jahre lang ein Schüler der altberühmten Schulpforte und studirte darauf in Jena und Leipzig, wo er 1746 seinen Messias zu schreiben begann. Von Langensalza aus, wo er Hauslehrer geworden, folgte er 1750 einer Einladung Bodmers nach Zürich und von hier aus im folgenden Jahre einem Ruf des dänischen Ministers, Grafen Bernstorff nach Kopenhagen. Hier erhielt er eine Pension, um »den Messias zu vollenden«, und blieb, bis Bernstorff seinen Posten aufgab. Dann siedelte er, 1771, nach Hamburg über und hat dasselbe, einen kurzen Aufenthalt in Karlsruhe abgerechnet, nicht wieder verlassen. Er starb, durch eine dänische und badische Pension vor allen materiellen Sorgen bewahrt, am 14. März 1803. – Verheirathet war er zweimal, zuerst, 1754, mit Margaretha (Meta) Moller, die nach wenigen Jahren starb; später, nach seiner Heimkehr von Karlsruhe, mit einer langjährigen Freundin, einer verwittweten Frau von Windhan. Vor und zwischen diesen Heirathen finden wir aber noch eine stattliche Reihe von – sagen wir: Liebes- und Bewerbungsversuchen, die alle mißlangen. Wie wir oben gesehen haben, gehört Klopstock zu den Mitarbeitern der »Bremer Beiträge« und an Zügen seiner Verwandtschaft mit den übrigen fehlt es nicht. Er steht allerdings von Anfang an wie ein Höherer und wie ein Glücklicherer unter ihnen, denn des Lebens Noth und Sorgen hat er im Grunde niemals kennen gelernt, sein Jugendleben und seine Erziehung schon ließen seine geistigen und leiblichen Anlagen und Kräfte sich auf das ungestörteste entfalten. Zu Schulpforte nahm er die Begeisterung für die großen Alten in sich auf, durchdrang ihn eine glühende Liebe zum Vaterlande und ein brennender Ehrgeiz, seinem Lande, seinem Volk und seiner Sprache ein Werk zu liefern, das sich dem Besten aller Zeiten und Völker an die Seite stellen lasse und ihm den höchsten Nachruhm sichere. Zu dem ausgesprochensten Freundschaftsgefühl gesellt sich in ihm ein fast elegischer Hang zur Natur und zur Einsamkeit, und neben dem hellsten Frohsinn und der vollen Lust finden wir eine bis zur Sentimentalität überreizte Empfindung, den Trübsinn, ja beinah' die wirkliche Schwermuth. Dies sind ausnahmslos ächt und national deutsche Züge und sie finden sich daher auch theilweise an seinen Strebensgenossen wieder. Allein sie sind eben an ihm um vieles stärker ausgeprägt, ja der eine oder andere erscheint gewissermaßen zuerst an ihm und greift der Bildung, den Strömungen, man möchte sagen, selbst der Empfindungsweise seiner Zeit voraus. So wird es denn auch ganz begreiflich, daß sich sein Einfluß noch unter einem viel späteren Geschlechte geltend macht. Er vereinigt, gleichsam als der erste, in sich die in Thränen zerschmelzende, von jetzt an hervorbrechende Sentimentalität und die alle Schranken umstürzende übermüthige Kraftfülle der siebziger Jahre. Selbst das halb edle, halb fratzenhafte »Deutschthum« in den ersten Jahrzehenden unseres Jahrhunderts greift noch auf ihn zurück, und nur die »Romantik«, wie sie von Wieland und den späteren rechten »Romantikern« kultivirt wurde, blieb ihm völlig verschlossen. So ist Klopstock, als Einzelner, derjenige, der in sich den Abschluß der älteren und den Beginn der neueren Literatur vereinigt und repräsentirt, ein Geist von so umfassender und hoher Begabung, wie wir vor und nach dieser Zeit nur wenige seines Gleichen finden. Sein Einfluß auf unsere Literatur und Sprache, auf die gesammte Bildung seiner Zeit ist daher, wie wir auch schließlich über seine Wirkungen urtheilen mögen, gleichfalls ein so außerordentlicher, wie vor und nach ihm kaum ein einziger anderer Geist ihn noch in solcher Stärke und solchem Umfange gewonnen und ausgeübt hat. Klopstocks Geist und Wesen offenbart sich uns in drei Grundrichtungen, die er vom Anfang bis zum Ende unausgesetzt verfolgt. Das ist die vaterländisch-deutsche , ausgesprochen nicht bloß in der Liebe zum Vaterlande und in der Bewunderung seiner großen Vergangenheit, sondern auch in den Grundzügen und -Eigenschaften von Klopstocks Natur: dem Ernst und der Tiefe, der Einfachheit und Wahrheit seines Denkens und Empfindens, dem stark ausgeprägten Nationalgefühl und jenen oben schon erwähnten weichen, dem deutschen Herzen und Gemüth entstammenden Zügen. – Hieran schließen sich als zweite die religiös-gläubige , streng christliche , und endlich die antik-klassische . Man darf es ihm zugestehen, daß er sich nicht bloß an die äußere Form hielt und von den Alten auch den Formensinn sich aneignete, sondern daß er auch in den Geist des klassischen Alterthums einzudringen und uns denselben zu erschließen wenigstens versuchte. Diese drei Richtungen nahm Klopstock von Anfang an mit einer Art von fast vollendeter Meisterschaft auf, sie offenbaren sich uns schon in seinen frühesten Oden. Er steht von Anfang an über seinen Zeitgenossen, an Geist und Bildung, an Klarheit und Sicherheit, und vor allem an wirklicher poetischer Begabung. So wird auch die Begeisterung, mit der man ihn aufnahm und gewissermaßen als Ideal begrüßte, sehr begreiflich. Allein in dieser gleich anfänglichen Meisterschaft und Vollendung sind auch schon die Grenzen seines Talents gegeben und die Keime der Irrthümer und Schwächen enthalten, denen er je länger, desto entschiedener erlag. Ein Fortschritt war hier von Anfang an im Grunde ausgeschlossen und findet sich auch nicht in seinen späteren Werken. Statt seiner erscheint alsbald der Stillstand und nur allzuschnell der wirkliche Rückschritt. Jene drei vorhin aufgestellten Richtungen führen ihn mehr und mehr, die eine in die Mystik und zur Einbuße aller sinnlichen Anschaulichkeit, die andere zu einem unverstandenen und unhistorischen Deutschthum, richtiger einem durchaus undeutschen Bardenthum, die dritte endlich zu einem neuen starren Formalismus, der in Wirklichkeit von den Alten selber wenig mehr noch als das Wörtergepolter leiht, das er in der Ode an Voß dem deutschen Reimverse vorwirft, und zu stets zunehmender Dunkelheit und wirklicher Verschrobenheit. Klopstocks wirkliche Größe und seine wirklichen Verdienste, hier in der Schöpfung und Begründung der poetischen Sprache und in der Wiedereinführung wahrhaft großer Gedanken in die Poesie, dort als Dichter jener Oden seiner Jugend und auch noch seines Mannesalters, in denen eben diese Gedanken sein religiöses Gefühl, seine Liebe zum Vaterlande und seiner Sprache, das Gefühl der Freundschaft uns voll tiefer Empfindung zum Herzen sprechen und, zum erstenmal, auch der Mensch uns sein tiefstes Inneres rückhaltlos erschließt – sie sollen ihm unverkümmert bleiben und in keiner Weise angefochten werden. Allein wir müssen uns, und zwar auf das ernstlichste vor der Uebertreibung hüten, welche sich in der Verehrung für Klopstock und in dem Urtheil über ihn uns nicht selten sogar bis auf den heutigen Tag entgegendrängt. Schon Lessing sagt in einem bekannten Epigramm, daß man Klopstock wohl lobt, aber nicht liest, und Schiller in seiner meisterhaften Abhandlung, »über naive und sentimentalische Dichtung«, erklärt trotz dem überaus günstigen und ehrenvollen Urtheil über ihn, daß man fast »jeden Genuß, den seine Dichtungen gewähren, durch eine Uebung der Denkkraft erringen muß«, daß es ihm »um den Kopf desjenigen bange sei, der wirklich und ohne Affectation diesen Dichter zu seinem Lieblingsbuche machen könne«, und endlich, daß man, wenn man einsichtig und klar geworden sei, ihm kaum noch Liebe zu widmen vermöge, ob man ihm auch die höchste Achtung gewähren müsse. Von seinen Verdiensten um die poetische Sprache zu reden, vermögen wir, trotz unserer dankbaren Anerkennung auf der einen Seite, es auf der anderen noch nicht für so ausgemacht zu halten, wie Gervinus und andere es behaupten, daß die Einführung der klassischen Maße und vor allem des Hexameters für die eposartigen Gedichte unserer Poesie und Literatur wirklich zu so ganz außerordentlichem Vortheil und Segen gereicht habe. Wenn ihm darin unsere größten Dichter gefolgt sind und selbst die Heutigen zuweilen noch folgen, so beweist das in unseren Augen wenig mehr, als daß bei uns Bequemlichkeit und Autoritäts-Angst eine keineswegs lobenswerthe Herrschaft ausüben; man könnte sonst unmöglich die Nachtheile übersehen, welche sich jenen sogenannten Vortheilen gegenüberstellen. Und wäre es nur der eine, beklagenswerthe, daß solche Dichtungen durch die fremden Maße von vornherein nur für Leser eines bestimmten Bildungsgrades und Bildungskreises geschaffen zu sein und der vollen Wirkung auf die Nation entzogen zu werden scheinen. Klopstocks Werke, die biblischen Dramen, die »Bardiete«, die Messiade und sogar seine Oden – sie sind alle so gut wie völlig vergessen, und die krampfhaften Anstrengungen, mit denen man sie zuweilen wieder hervorzuziehen und anzupreisen sucht, bleiben vergeblich. Ueber seine Prosaschriften ist am besten ganz zu schweigen. Klopstock hat für uns im Grunde nur noch einen literar-historischen Werth. 12. Von ihm gehen wir zu demjenigen über, der von ähnlichen Anfängen beginnend, eine Zeitlang auf ihn sich stützend, ihn bewundernd und nachahmend, später in den entschiedensten Gegensatz zu ihm trat, von den Zeitgenossen hier über ihn erhoben, dort dem heiligen Messiaden- und Bardensänger als eine Art von Antichrist gegenübergestellt, und in der Literaturgeschichte endlich als der dritte von den drei sogenannten älteren Klassikern anerkannt – das ist Wieland . – Lessing , seinem Alter nach allerdings zwischen Klopstock und Wieland stehend, muß, wenn man ihm gerecht werden und ihn in seiner vollen Größe gelten lassen will, für sich allein betrachtet werden. Er nimmt in der Literatur wie in der ganzen Zeit eine so völlig unabhängige, selbstständige und isolirte Stellung ein, daß er weder mit Früheren, noch mit Späteren in Verbindung gebracht, ja auch nur verglichen werden kann. Es gab nicht neben und nicht nach ihm seines Gleichen. Christoph Martin Wieland wurde am 5. September 1733 zu Oberholzheim bei Biberach geboren, kam jedoch schon früh mit seinen Eltern – sein Vater war Prediger – in die kleine Reichsstadt und genoß hier den ersten Unterricht. Mit dem vierzehnten Jahre bezog er das altberühmte Gymnasium zu Kloster Bergen bei Magdeburg, wo er, daheim schon streng und fromm erzogen, anfangs dem Einflusse des herrschenden Hallenser Pietismus unterlag. Bald aber regte sich schon hier sein eigener freierer Geist und die Wolf'sche Philosophie, die Schöpfungen der großen Alten, die Werke der Franzosen und Engländer führten ihn weit über die starren Schranken hinaus. Bei einem längeren Aufenthalt zu Erfurt, wo er philosophische Studien machen wollte, beschäftigte er sich statt dieser aber lieber mit dem Don Quixote, den er eben erst kennen lernte, und schöpfte daraus eine bessere Kenntniß der natürlichen und wirklichen Verhältnisse der Welt und der Menschen. Aber zum vollen Durchbruch kam seine Natur noch nicht. In Biberach, wohin er 1750 zurückkehrte, begann seine schwärmerische Liebe zu Sophie von Gutermann, der späteren La Roche. Sein Dichtertalent regte sich; zu Tübingen, wo er die Rechte studiren wollte, beschäftigte er sich bald nur noch mit der Poesie und schrieb 1751 als Achtzehnjähriger sein erstes Werk, ein philosophisches Lehrgedicht, »Die Natur der Dinge«. Zu dieser Zeit waren Klopstock und neben diesem Thomson vom größten Einfluß auf ihn. Ein unvollendetes Heldengedicht, »Hermann«, brachte ihn mit Bodmer in Verbindung; er wurde von diesem 1752 in Zürich mit offenen Armen aufgenommen und gab sich ihm, eindrucksfähig, wie er es sein ganzes Leben lang blieb, vollständig hin. Er gab die Streitschriften der Schweizer gegen Gottsched neu heraus, er schrieb für Bodmer und seinen Ruhm, endlich sogar einen »geprüften Abraham« in Hexametern. Der Verlust der Geliebten, die 1754 mit Herrn von La Roche verheirathet wurde, stürzte ihn in Verzweiflung. Er warf sich auf die Platonische Philosophie und in die mystisch-ascetische Theologie, und Klopstocks und Youngs Dichtungen rissen ihn immer weiter fort auf dieser neuen Bahn und verdüsterten seine Stimmung dermaßen, daß er sich gegen die gesammte Liebesdichtung der alten und neuen Zeit erklärte, die nicht in Klopstocks Weise schwärmte, ja sich sogar in der an den Prediger Sack zu Berlin gerichteten Zueignung der »Empfindungen des Christen« zu einer offenen Denunciation der »Anbeter des Bachus und der Venus«, d. i., der anderen deutschen Lyriker fortreißen ließ. Erst mit dem Jahre 1758 begann die Zeit der Aufraffung und Wiedergenesung. Aus Bodmers Banden erlöst und seinem Einfluß entzogen, das alte Liebesleid in mehr als einer neuen zärtlichen Neigung vergessend, fing er an, sich wieder mit den Alten, mit Cervantes, mit den Engländern und Franzosen zu beschäftigen und auch der sich eben mächtig regenden deutschen Literatur seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. So kam er 1760 nach Biberach zurück, und als er sich zwei Jahre später in den Kreis und Umgang des früheren Chur-Mainzischen Ministers, Grafen Stadion, aufgenommen sah, der in dem nahe gelegenen Warthausen residirte, da fand er alles, was er bedurfte, um sich seines wahren Naturells und seiner außerordentlichen Begabung bewußt und dem einen, wie der anderen gerecht zu werden. In diesem Umgang – es weilten auch La Roche und seine Gattin, die frühere Geliebte, hier – empfing er Erhebung und Aufheiterung, eine stete Anregung, die feinste weltmännische Bildung; ein Leben im großen Stil, eine geistvolle Unterhaltung, eine große Bibliothek, alles kam ihm zu Hülfe. Die französischen Philosophen und Encyclopädisten, die englischen Humoristen, Ariost, Lucian und Horaz, alles drängte ihn in die Richtung auf die Natur und Lebensweisheit und machte ihn zum Gegner aller Schwärmerei und jeder Art von Idealismus. Nachdem er seine hochverdienstliche Uebersetzung von »Shakespeare's theatralischen Werken« schon 1762 begonnen hatte, folgten neue, größere und kleinere Schöpfungen einander Schlag auf Schlag, Zeugnisse der gefährlichen Anstauung seines Geistes und einer fast unerhörten Fruchtbarkeit. »Komische Erzählungen«, »Don Silvio von Rosalva«, »Agathon«, »Idris«, »Nadine«, »Musarion«, »Die Grazien«, »Der neue Amadis«, von 1769 an auch philosophische Versuche – alle diese und zahlreiche andere Schöpfungen drängen sich in diese Jahre zusammen. Das Aufsehen war ein gewaltiges, der Beifall, ob auch getheilt, ein ganz ungemeiner. Emmerich Joseph von Mainz berief ihn 1769 als Professor der Philosophie nach Erfurt, und als er 1772 den »Goldenen Spiegel oder die Könige von Scheschian« geschrieben hatte, wählte Herzogin Amalie von Weimar ihn zum Erzieher ihrer Söhne. In Weimar blieb er, als ältestes Mitglied des glänzenden Kreises, der sich um die Herzogin und Karl August zusammen fand; mit F. H. Jacobi zusammen gründete er den von 1773 an erscheinenden »Deutschen Merkur«, eine Zeitschrift von höchster Bedeutung für die Entwickelung der Literatur, wie für die gesammte Bildung der Zeit. Von seinen übrigen Werken nennen wir nur »Die Abderiten«, den »Oberon«, sein Meisterwerk, und die noch heute werthvollen Uebersetzungen des Lucian, der Briefe und Satiren des Horaz und der Briefe Cicero's. Er starb am 20. Januar 1813. In dem, von den Banden Bodmers und seinen Jugendverirrungen befreiten Wieland begrüßen wir ein Talent ersten Ranges, voll ächt poetischen Geistes, ausgerüstet mit Witz, Ironie und Laune, mit reicher Erfindungsgabe, mit Grazie, Anmuth und Geschmack, und hochbefähigt, diese glänzenden Gaben auch in glänzendster Weise, mit wunderbarer Leichtigkeit zum Ausdruck zu bringen. Klopstock hat der Poesie einen großen und hohen Inhalt gegeben und der poetischen Sprache einen Ernst und eine Würde, die dem ersteren angemessen waren; Wieland führt der Poesie in seinen antikisirenden, orientalischen, romantischen Schöpfungen eine Fülle von neuen Stoffen zu, er gibt ihr zahllose neue Gesichtspunkte, er verleiht der Darstellung und Diction eine Anschaulichkeit, Lebendigkeit und Natürlichkeit, eine Geschmeidigkeit, eine graziöse Leichtigkeit, wie man sie bei uns vor ihm nicht gekannt und für unerreichbar gehalten hatte. Die Breite, Zerflossenheit und Weichlichkeit, denen man in seinen Werken, zumal den prosaischen, nicht selten begegnet, kommen gegen solche Vorzüge und Verdienste kaum in Betracht. Hier schließt sich ein anderes, zwar gewissermaßen nur mittelbares, aber kaum geringeres Verdienst Wielands um unsere Literatur an. Was man einen tiefen Schriftsteller heißt, war Wieland nicht, und, bis auf einen gewissen Grad auch kein selbstständiger. Er hat vom Alterthum sozusagen nur den leichten und lockeren, zierlichen Schaum geschlürft und alle seine Stoffe, weniger ernst und gründlich, als spielend, mit dem Geist und Geschmack, dem Witz und der Laune eines freigeistigen Welt- und Lebemanns behandelt. Er huldigt durchaus der materialistischen und sensualistischen Philosophie der Franzosen und Engländer; er lehnt sich als Dichter gleichfalls an die neueren Franzosen, einen Voltaire und Diderot; er schließt sich an die Encyclopädisten und erhebt sich mit ihnen gegen alle Verschrobenheit und Erstarrung, gegen jeden Zwang, gegen Despotie und Obskurantismus, gegen jede leibliche und geistige Unfreiheit, unter steter Hinweisung auf das Vernünftige und Natürliche. Und da er dies alles, wie schon bemerkt, in die glänzendste und verlockendste Form zu kleiden verstand, so ist es sehr begreiflich, daß er alsbald und vor allem Aufnahme und Beifall in jenen Kreisen fand, wo man den französischen esprit und die französische Grazie bewunderte und für unnachahmlich erklärte – er zeigte ihnen, daß das alles im Deutschen ebenso gut möglich sei und von einem Deutschen in gleicher Weise geschaffen werden könne. Allein mit diesem Einflusse auf die feinen Weltleute und französisch Gebildeten ist es keineswegs genug. Wieland ist kein Nachahmer der Fremden, vielmehr ein, in gewissen Richtungen gleichgearteter, in seiner Tiefe jedoch grunddeutscher Geist, voll Gemüth, Ehrlichkeit und Gutmüthigkeit. Vermöge einer ganz ungemeinen Empfänglichkeit vermag er von allerwärts her alles Verwandte auf- und anzunehmen; aber er verarbeitet es in sich und läßt es endlich als sein volles Eigenthum hervortreten – es offenbart sich an ihm bereits etwas von dem Kosmopolitismus der folgenden Zeit. So reicht sein Einfluß denn auch in gut deutsche Kreise hinein und er erweckt auch hier ein gesteigertes Interesse, zuerst für die durch ihn repräsentirte neue Entwickelungsphase der Literatur und damit endlich für diese selber im Ganzen. Das erscheint uns aber beinah' als die Hauptsache und, um dies zu wiederholen, als ein Hauptverdienst Wielands. Unsere Literatur war nicht am wenigsten um dessentwillen so tief gesunken, weil sie kein theilnehmendes und verständnißvolles Publikum mehr gefunden hatte. Jetzt, wo mit der neuen Entwickelung sich ein solches wieder zu bilden begann, kam es vor allem darauf an, die Theilnahme und das Verständniß sich ausbreiten und steigern zu lassen und sie der Literatur zu sichern. Wie an Freunden und Bewunderern, hat es Wieland auch an Feinden und Verkleinerern nie gefehlt. Die ächten Klopstockianer nebst den Göttinger Hainbündlern, die Frommen im Lande, die späteren Romantiker und wer weiß sonst noch alles, haben die volle Schale des Zornes und der »moralischen Entrüstung« über ihn ausgegossen. Es gibt selbst heute noch Leute genug, die ihn für einen Gottesleugner, Volks- und Jugendverführer, Verhöhner aller Sitte und alles Anstandes erklären, seine »Frivolität« aus das eifrigste verdammen, ja ihn am liebsten für all die schlechten, schmutzigen und schamlosen Scripturen verantwortlich machen möchten, die in den letzten Zeiten des 18. und im ersten Decennium des 19. Jahrhunderts zu Platz kamen. Darüber läßt sich nicht streiten. Abgesehen von dem letzten, gradezu albernen Vorwurf, muß man Wieland so gut, wie jeden Schriftsteller, als Sohn seiner Zeit und Wieland insbesondere als Repräsentanten einer ganz bestimmten Richtung derselben auffassen und beurtheilen und dabei nicht übersehen, daß seine sogenannte Leichtfertigkeit sich ausdrücklich der Tugendseligkeit und Scheinsittsamkeit entgegenstellte, die in den gegnerischen Kreisen herrschte. Ueber seine Zeit hat Wieland sich nicht erhoben, wie Lessing und nach ihm Goethe und Schiller es thaten. Er wurzelt vielmehr in ihr mit all seinen Anschauungen, seinem gesammten Wesen, seiner ganzen Poesie. Und wie wir Heutigen über diese Zeit hinausgegangen sind, so sind auch, bis auf den »Oberon«, seine Dichtungen heutzutage so gut wie vergessen. Als neue Gattungen in unserer poetischen Literatur erscheinen mit Wieland das romantische, eposartige Gedicht, die komische und didactische Erzählung und, trotz mancher vorausgehenden Versuche auf diesem Gebiet, auch der eigentliche Roman, fürs erste noch mit pragmatisch lebhafter, später mit mehr historisch philosophischer Tendenz. »Agathon« ist der erste Roman von wirklich originaler Erfindung. Denn wie, um es kurz so zu heißen, im ganzen Zuschnitt, so lehnte man sich selbst in der Erfindung an die ausländischen – englischen, spanischen, französischen – Vorbilder an, fast als ob das Einheimische, Stoff und Lokal, Auffassung und Behandlung, für die deutschen Leser den ersteren gegenüber, keinerlei Interesse zu haben vermöge. So tritt uns Wielands hohe Bedeutung überall entgegen. Die Bahnen, die er neu eröffnet hat, die leichte Auffassung, die geistvolle Behandlung, die glänzende und gewandte, einschmeichelnde Darstellung, sind unserer Literatur und Sprache, nicht bloß für den Augenblick und während seines eigenen Lebens und Schaffens, sondern für alle Folgezeit zu gute gekommen. Trotzdem finden wir verhältnißmäßig Wenige, welche sich unmittelbar an Wieland anschlössen und sich entschieden auf ihn stützten. Die Zeit der Schulen , wie wir sie in der vergangenen Periode beobachtet haben, war vorüber, die Entwickelung im Ganzen, wie im Einzelnen war eine raschere, eine freiere und selbstständigere geworden, und wer zu Anfang vielleicht noch auf den Wegen des Meisters wandeln und seinem Beispiel folgen mochte, suchte dennoch gewöhnlich bald genug eigene Pfade auf und gab den eigenen Eingebungen Gehör. Wenn wir daher in diesem Abschnitt noch einiger anderer Schriftsteller gedenken, so geschieht dies nicht sowohl um dessentwillen, weil sie, abgesehen von den wenigen wirklichen Nachahmern, zu Wieland in einem Abhängigkeitsverhältnisse ständen, sondern nur, weil sie allerdings, auch schon durch Arbeiten auf den gleichen Gebieten, eine gewisse Verwandtschaft mit ihm zeigen, sich, wenn überhaupt irgendwo, am ersten noch an ihn anschließen und somit hier am leichtesten sich gruppiren lassen. Auf dem Gebiete des romantischen Epos hat L. H. v. Nicolay sich nur in Nachbildungen Ariosts und Bojardo's versucht; I. B. v. Alxinger (1755-1797, »Doolin von Mainz« und »Bliomberis«) und Fr. A. Müller (1767-1807, »Richard Löwenherz«, »Alfonso«, »Adelbert der Wilde«), sind Beide ziemlich gleich gering an poetischem Geist und Werth. – In der kleinen poetischen Erzählung gibt es kaum etwas, das der Erwähnung Werth wäre, dagegen ist es auf dem Gebiet des Romans wenigstens nicht ganz leer, obschon auch hier das Meiste vergessen zu bleiben verdient. I. K. A. Musäus , geboren zu Jena 1735, zuerst Pagenhofmeister, später Lehrer am Gymnasium in Weimar, wo er 1787 starb, trat zuerst, 1760, mit einem »Grandison der Zweite« auf, worin er sich über die Vergötterung der englischen, besonders Richardson'schen Romane und ihrer Charactere lustig machte. In seinem späteren Werk, »Physiognomische Reisen«, wandte er sich gegen Lavaters Träumereien auf diesem Gebiet, und versuchte auch die kleine Erzählung in seinen »Straußfedern«. Am bekanntesten wurde er durch seine »Volksmärchen der Deutschen«, welche einen ungemeinen Beifall fanden, durch witzelnden Ton und satirische Abschweifungen aber schon längst jeden Unbefangenen mehr abstoßen als anziehen. – An ihn schließen wir, als Repräsentanten jener übertriebenen Schwärmerei für den englischen Familienroman, J. T. Hermes (1738-1821). Seine »Geschichte der Miß Fanny Wilkes« spielt auf englischem Boden und lebt und webt in englischer Weise. Und von der oben erwähnten Anschauung der Schriftsteller wie des Publikums zeugt es, daß Hermes auf den Titel setzen konnte, der Roman sei »so gut wie aus dem Englischen übersetzt«, und dadurch wirklich einen nicht unbedeutenden Erfolg gewann. Sein zweiter Roman »Sophiens Reise von Memel nach Sachsen« spielt, ohne das englische Vorbild zu verleugnen, allerdings in Deutschland und gibt uns Charakter- und Sittenschilderungen aus dem deutschen Mittelstande. Es ist ein Buch von außerordentlicher Weitschweifigkeit und Langweiligkeit, voll zahlloser Thränen, jammervoller und gefährlicher Situationen und endlosen Tugendgeredes. Seine Aufnahme war trotz alledem eine schier enthusiastische und selbst bis in unser Jahrhundert hinein fand es noch Beifall und Leser. Den beiden genannten Schriftstellern an Geist und Geschmack weit überlegen ist M. A. v. Thümmel (1738-1817), dessen komisches Heldengedicht – in Prosa – »Wilhelmine« schon allgemeinen Beifall fand, ja in mehrere fremde Sprachen übersetzt wurde. – Ein zweites in Versen, »Die Inoculation der Liebe«, tritt dagegen bedeutend zurück. Sein Hauptwerk aber, der humoristische Roman, »Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich«, ist zumal in Ansehung der Darstellung und der Sprache, zum Allerbesten zu rechnen, was unsere Prosaliteratur besitzt. Zu bedauern ist allein, daß das Werk manches enthält, was das sittliche Gefühl der Heutigen allzusehr verletzt, als daß man es zur Lecture wählen könnte. In die Wieland'sche Zeit und Weise gehören gewissermaßen auch W. Heinse 's (1749-1803) wilde, völlig verwerfliche und alles Maß überschreitende Anfänge; nicht minder Uebersetzungen aus dem Petron, von Tasso's »befreitem Jerusalem« und Ariosts »wüthendem Roland«. In seinen späteren Romanen, »Ardinghello« und »Hildegard von Hohenthal«, erscheint er, nachdem die sogenannte Sturm- und Drangperiode bereits überwunden war, als einer der Schrankenlosesten und Ausgelassensten von allen Zeitgenossen. Beide Romane sind in Ansehung der ästhetischen Beurtheilung, hier der bildenden Künste, dort der Musik, von einer doch wohl um vieles höheren Bedeutung, als man ihnen, befangen in allzuweit getriebener Prüderie, in der Literaturgeschichte zugestehen möchte. Zu lesen sind sie allerdings trotzdem kaum oder gar nicht. Denn eine recht eigentlich abstoßende Sinnlichkeit vernichtet gewissermaßen jeden Genuß an dieser Lecture und schreckt selbst den Vorurtheilsfreiesten zurück. 13. Als Gleim im Jahre 1740 nach Berlin kam, war von etwas wie einem literarischen Leben und Streben daselbst vielleicht weniger zu finden, als an irgend einem anderen Platze Deutschlands. Um die Geistesbildung und die Verfolgung geistiger Interessen hatte es in den Marken von jeher schlecht ausgesehen, und als die Königin Sophie Charlotte im Verein mit Leibnitz die Gründung der Akademie der Wissenschaften durchsetzte, blieb dies Institut selbst in den nächsten Jahren und bis zum Schluß der Regierung Friedrich I. wie eine ausländische Pflanze, die auf dem märkischen Sande kein Gedeihen zu finden vermochte. Schon mit dem Tode der Königin gerieth die Akademie ins Stocken und ging unter der Regierung Friedrich Wilhelm I. thatsächlich vollständig zu Grunde. Es gab in Berlin, mit Ausnahme vielleicht von ein paar Theologen (Jablonsky, Reinbeck), vermuthlich kaum eine Menschenseele von höherer deutscher Bildung, und wir glauben nicht zu irren, wenn wir Friedrich des Großen Mißachtung unserer Literatur diesem Umstände in kaum geringerem Grade beimessen als seiner vorherrschend französischen Erziehung. Wir haben oben schon von dem Umschwung gesprochen, der mit dem Beginn seiner Regierung sich überall bemerklich machte; allein man darf denn doch nicht vergessen, daß die Wirkungen dieser geistvolleren und freisinnigeren Regierung sich nicht von heut zu morgen offenbaren konnten: vergingen doch noch neun Jahre, bis Klopstock »den aufsteigenden Geist« des großen Königs feierte. Die beiden ersten schlesischen Kriege betäubten mehr und schreckten zurück, als daß sie begeistert und das Selbstbewußtsein erweckt hätten, wie es dem siebenjährigen Kriege gelang. Gleim fand sich anfangs so einsam in Berlin, daß er bald entwich und in Potsdam eine Hauslehrerstelle annahm. Hier lernte er in Ewald Christian von Kleist einen strebsamen und poetischen Geist kennen, mit dem er fortan im regsten Verkehr blieb. Zu ihnen gesellte sich bald Pyra , der von 1742 an in Berlin angestellt war, aber schon 1744 starb. Dafür trat jetzt Ramler heran, ihm folgten, wenn fürs erste auch noch brieflich von Magdeburg aus, der Schweizer Sulzer , der Hofprediger Sack , schon seit 1740 in Berlin, der Theologe Spalding , so daß Gleim, als er aus dem Feldzuge von 1745 nach Berlin zurückkehrte und daselbst bis 1747 verweilte, schon in Mitten eines regen literarischen Lebens stand. Daß sich dasselbe rasch entwickelte und hob, dürfen wir schon daraus folgern, daß mit dem Ende des Jahres 1748 Lessing , seinem Freunde Mylius folgend, in Berlin erschien, um alsbald der Mittelpunkt dieses Kreises zu werden und, trotz seiner mehrfachen Abwesenheit und seines endlich vollständigen Scheidens, auch zu bleiben. Schon in diesen ersten Anfängen zeigt sich als characteristisch für den Berliner Literaturkreis und seine Thätigkeit das Zurücktreten der dichterischen Richtung und das Vorwiegen der kritischen und populär philosophischen, die unbedingte Herrschaft des Verstandes und das rastlose Streben nach Aufklärung hier und dem Realismus da. Als Gleim nach Halberstadt gegangen war, blieben zwar in Kleist und Ramler zwei Dichter zurück, welche lange Zeit zu den ersten Deutschlands gezählt wurden. Beide waren indessen nicht productiv und Ramler wurde obendarein der Form und der Sprache wegen mehr gerühmt, als wegen seiner dichterischen Begabung. Das erste Werk von literarischer Bedeutung, das aus diesem Kreise hervorging, war der von Ramler und Sulzer unternommene Versuch einer kritischen Zeitschrift, »Kritische Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit«. Das Blatt hatte aber keinen nennenswerthen Erfolg, und die Herausgeber zogen sich schon im nächsten Jahre davon zurück. Dagegen schrieb und redigirte Lessing im Jahre 1751 und nach einer längeren Abwesenheit vom Winter 1752 bis zum Herbst 1755 den sogenannten »kritischen Artikel« der Vossischen Zeitung und ein eigenes Beiblatt derselben, »Das Neuste aus dem Reiche des Witzes«. Während dieses zweiten Abschnitts lernte er Moses Mendelssohn kennen, der schon seit zehn Jahren in Berlin lebte, aber noch völlig unbekannt war, und trat auch mit Christoph Friedrich Nicolai in Verbindung, aufmerksam gemacht durch dessen 1755 erscheinende »Briefe über den jetzigen Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland«. Als Lessing im Jahre 1755 nach Leipzig ging, verband Nicolai sich mit Mendelssohn zur Herausgabe der »Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien Künste«, und als der Erstere 1758 nach Berlin zurückkehrte, begann er mit den beiden Anderen eine Zeitschrift, die unter dem Titel »Briefe, die neueste Literatur betreffend«, kürzer gewöhnlich »Literaturbriefe« geheißen, alles übertraf, was in Deutschland bisher auf dem Felde der ästhetischen und wissenschaftlichen Kritik versucht worden war. Vom Jahre 1705 an erschien dann endlich unter Nicolai» Leitung die »Allgemeine deutsche Bibliothek«, ein Blatt, das als Organ der deutschen Aufklärungspartei, als Verkündiger und Vertreter des Realismus und Rationalismus, trotz des sich als hie und da regenden Widerspruchs, doch manche Jahre lang von überwältigendem Einfluß auf die deutsche Literatur, die Bildung des literarischen Urtheils, ja auf die ganze Entwickelung des geistigen Lebens bleiben sollte. Friedrich der Große war aus dem siebenjährigen Kriege siegreich und in einem Glanze hervorgegangen, wie kaum ein Fürst vor ihm; von jetzt an war er der erste Geist und Held der Welt, sein kleines Preußen hatte er zur europäischen Großmacht erhoben, und was von ihm ausging, steigerte die Bewunderung und trieb zur Nacheiferung. Was Wunder, daß in seinem eigenen Lande der Eindruck seiner Größe der tiefste war, das Anstaunen sich mit Stolz vermischte und das Selbstgefühl mehr und mehr in jenes Selbstbewußtsein und Selbstüberhebung überging, die man von dieser Zeit an dem übrigen Deutschland entgegenzuhalten, mit denen man auf dasselbe herabzuschauen begann. Es bedurfte, auch auf literarischem Gebiet, schwerer Schläge, um hier endlich eine gewisse Ernüchterung zu erzwingen. Auf die einzelnen Dichter und Schriftsteller des alten Hallenser und des mit ihm stets in einem gewissen Zusammenhange bleibenden Berliner Kreises übergehend, können wir uns kurz genug fassen. Wie langjährig die Wirksamkeit des einen oder anderen auch gewesen sein mag, und welchen Einfluß, welches Ansehen dieser und jener auch gewann – das alles ist von temporärem Werth geblieben und für uns nur noch rein geschichtlich vorhanden – daß wir Lessing ausnehmen, ist selbstverständlich. Eines aber müssen wir bei beiden Gruppen festhalten: von einem festen Anschließen an die eine oder andere der kämpfenden Parteien, von einem entschiedenen Anlehnen an die damaligen Spitzen der Literatur, finden wir im Grunde kaum bei einem sämmtlicher hieher Gehörender etwas. Im Gegentheil, wenn auch bis auf einen gewissen Grad unter einander verbunden, verharren sie doch fast alle, dichtend oder kritisirend, auf ziemlich eigenen Wegen und in einer Art von Selbstständigkeit, welche auf kritischem Gebiete zu einer wenigstens versuchten, höchst achtungswerthen Unparteilichkeit führt, gleichviel, ob sie dieselbe hauptsächlich nur dem Einfluß und dem Beispiel Lessings verdankten. 14. Ueber Pyra und den Laublinger Pfarrer S. G. Lange , die Stifter des ersten Hallischen Kreises, würden wir, nach dem oben Angeführten, hier ganz schweigen können, hätten wir nicht des Letzteren Uebersetzung des Horaz zu erwähnen, die Friedrich dem Großen gewidmet und zugesendet, ein Dank- und Belobigungsschreiben desselben hervorrief, während sie ungefähr zu gleicher Zeit Lessing zu der unter dem Namen »Vademecum für den Pastor Lange« bekannten, vernichtenden Kritik veranlagte, der ersten, welche wirklich in den Geist des Alterthums eindrang und ihn den Neueren zu erklären suchte. Von größerer Bedeutung ist der zweite Hallische Kreis, in welchem wir die Nachfolger Hagedorns vereint fanden, die sogenannten Anakreontiker. Johann Wilhelm Ludwig Gleim , geboren zu Ermsleben im Halberstädtischen 1719, folgte nach seiner Studienzeit dem »alten Dessauer« als Stabssecretär in den zweiten schlesischen Krieg, wurde 1747 Domsecretär in Halberstadt und alsbald auch Kanonikus und gelangte damit in so günstige Verhältnisse und zu einer Muße, wie sie unseren deutschen Dichtern nur ausnahmsweise einmal zu Theil zu werden pflegen. Hier lebte er im regsten literarischen Verkehr, im enthusiastischen oder sentimentalen Freundschaftsbunde mit Allem und Jedem, was in der Literatur hervortrat, selbst ein unermüdlicher Sänger, bis er 1803 starb. Als Dichter ist er über die Versetändelei kaum jemals hinausgelangt, trotzdem aber von den Zeitgenossen fast als ein Dichter ersten Ranges gepriesen worden. Seine Anspruchslosigkeit, trotz der gelegentlich durchleuchtenden, behaglichen kleinen Eitelkeit, seine Gutmüthigkeit, seine Zufriedenheit oder vielmehr sein Entzücken über alles Dichterische, was ihm nahe kam, die schon erwähnte, ausgeprägteste Freundschaftsschwärmerei – das alles verband ihm so zu sagen alle «Welt und ließ niemand eigentlich ihm feind werden – sein eigener Zorn oder seine eigene Feindschaft, wo sie jemals bemerkbar werden, machen fast immer nur einen beinah komischen Eindruck. Zwischen seinen Fabeln findet sich noch am Ersten etwas Erträgliches, ja gewissermaßen, wegen Einfachheit und Klarheit Schätzbares; seine, die Kriegsjahre 1756 und 1757 begleitenden »Grenadierlieder« sind das Beste, was er geschrieben und als Ausdruck der Aufregung und Begeisterung für Friedrich den Großen wirklich von Werth. Von dem Enthusiasmus der Zeitgenossen freilich spüren wir Heutigen nichts mehr. Vor allem aber müssen wir an die wahrhaft liebenswürdige und zarte, unermüdliche Theilnahme und Unterstützung erinnern, die er jungen, durch die Verhältnisse gedrückten Talenten zuwendete, mit denen er für sie sorgte und selbst älteren Freunden zu Hülfe kam. Und ob er auch manch liebes Mal fehl gegriffen hätte, hat er dadurch dennoch noch viel mehr Gutes gewirkt. Das soll ihm in der Geschichte unserer Literatur unvergessen bleiben. Von viel höherer Bedeutung ist sein alter Hallenser Freund Johann Peter Uz , geboren 1720 zu Ansbach und gestorben ebendaselbst 1796. Er zeichnet sich nicht nur durch seine Lieder aus, in denen er Gleim weit übertrifft, sondern auch durch Oden, in denen er sich mehr an Klopstock lehnt. Für die edlere Sprache und den einfacheren, natürlichen Ausdruck verdanken wir ihm viel, und die Gunst, welche ihm das gebildetere Publikum erwies, war eine dauernde und verdiente. – Mit dem dritten Hallenser, Johann Nicolaus Götz , geboren 1721 zu Worms und gestorben als Superintendent 1781 zu Winterburg, ergeht es uns eigen. Wir besitzen von seinen Dichtungen nicht die Originale, sondern nur die von Ramler besorgte Redaction und wissen daher nicht, was wir als des Einen oder Anderen Eigenthum zu erkennen haben. Von den Uebrigen, welche sich zu Gleim hielten und meistens zu Halberstadt bei ihm weilten, haben wir den später weit über ihn hinausgehenden Wilhelm Heinse schon angeführt. Aehnlich ist es mit Johann Georg Jacobi , 1740-1814, dem Bruder des Goethe'schen Freundes Friedrich Heinrich. Mit Gleim in einem, durch Tändelei und Uebertreibung bis zum Komischen gesteigerten Freundschaftsbunde, stand er in der Poesie anfangs ganz auf dessen Boden. Später, in den siebziger Jahren, erhob er sich zu mehr als einem trefflichen Liede, und seine Quartalschrift »Iris« ist ein Sammelpunkt der damaligen Dichtung – es stehen manche der schönsten Jugendgedichte Goethe's darin – und daher noch heute von Wichtigkeit. Als der bedeutendste Dichter dieser Zeit und Richtung begegnet uns hier jener Ewald Christian von Kleist , den Gleim in Potsdam, wo er in Garnison stand, kennen lernte und fortan zu seinen besten und geliebtesten Freunden zählte, wie denn Kleist, ein geistvoller, liebenswürdiger und trefflicher Mensch, abgesehen von den anderen Freunden, auch mit Lessing in kurzer, aber sehr herzlicher Verbindung stand – es ist sogar leicht möglich, daß er dem Letzteren Züge zur Zeichnung des Tellheim in »Minna von Barnhelm« geliefert hat. – Bekannt ist er besonders durch sein Gedicht »Der Frühling« geworden und lange Zeit geblieben, während seine übrigen Gedichte, wenn auch zwischen den übrigen jener Zeit einen guten Platz beanspruchend, längst vergessen sind. Sein »Frühling« aber, das Vorbild Geßners und der übrigen Idyllen-Dichter, bietet uns Naturschilderungen der einfachsten und zugleich anschaulichsten Art und führt uns, fast zuerst, in das wirkliche Leben und die volle Wirklichkeit ein. Geboren war Kleist 1715 in Pommern, bei Cöslin, und starb, 1759 in der Schlacht bei Kunnersdorf an der Spitze seines Bataillons schwer verwundet, einige Tage darauf in Frankfurt a. O., zum – wir dürfen wohl sagen: unüberwindlichen Schmerz für alle seine Freunde. Mit ihm sind wir zum eigentlichen Berliner Kreis gelangt. Wir haben schon oben als characteristisch erwähnt, daß das dichterische Element hier gegen das kritische und philosophische zurücktritt. Karl Wilhelm Ramler , 1725 bis 1798, während Friedrich II. Leben als Lehrer an der Kadettenschule in der ärmlichsten Stellung und erst nach dem Tode des Königs von seinem Nachfolger anerkannt, mit einem Jahrgehalt bedacht, zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt und Director des Nationaltheaters, ist als Dichter , obgleich außerordentlich gefeiert, von sehr untergeordneter, dagegen in formeller Beziehung von höchster Bedeutung. In seinen Oden zu Klopstock neigend und in seinem preußischen Patriotismus eins mit Gleim, hat er der Metrik einen festen Grund und Halt gegeben und zugleich mit aller Schärfe auf die Reinheit und Correctheit des Ausdrucks gehalten – nicht selten bis zur Pedanterie. Ebenso bedeutend ist er in allem Formellen der Uebersetzungskunst, und wenn er auch von Voß und den Neueren bei weitem übertroffen ist, so darf man dennoch sagen, daß von diesen allen nur weiter gebildet wurde, was von ihm begonnen ist. Sein Takt und sein kritischer Scharfblick standen in solchem Ansehen, daß seine Freunde – selbst Lessing – ihm ihre Gedichte zur Feile und Correctur anvertrauten. So hat er im Verein mit Lessing Logau's Sinngedichte herausgegeben und Lichtwer's Fabeln bearbeitet. Später artete diese Neigung und Thätigkeit zu einer immer rücksichtsloseren – Verarbeitung der fremden Dichtungen aus. Wir haben in dieser Richtung vorhin seiner Ausgabe von Götz' Gedichten zu erwähnen gehabt. Hier müssen wir denn auch die Dichterin Anna Luise Karsch , gewöhnlich die Karschin genannt, 1722-1791, wenigstens erwähnen. Man muß es immerhin anerkennen, daß sie, ihr ganzes Leben lang in den allertrübseligsten Verhältnissen existirend, oft genug mit wirklicher Noth und wirklichem Mangel kämpfend, dennoch durch ihre poetische Begabung aufrecht erhalten wurde. Sie fand neben dem Mitleid und der Theilnahme doch auch gar keine geringe Anerkennung – Gleim erklärte sie sogar für »die deutsche Sappho«. Mit Friedrich dem Großen, den sie auf das glühendste verehrte und in ihren Versen feierte, hatte sie eine Unterredung und erhielt eine kleine Unterstützung. Später, als sie sich um 1773 von neuem an ihn wandte, erhielt sie zwei Thaler , schickte dieselben jedoch entrüstet mit den bekannten Versen zurück: »Zwei Thaler sind zu wenig Für einen großen König.« Friedrich soll herzlich darüber gelacht haben. Erst sein Nachfolger aber hat, wie für Ramler, auch für die Karschin einigermaßen gesorgt. Eine ganz andere Bedeutung und einen ganz anderen Einfluß als die dichterischen, erlangten jene kritischen und philosophischen Köpfe, die wir oben schon kurz erwähnt haben. Hier begegnet uns zuerst der Schweizer Johann Georg Sulzer , geboren 1720 zu Winterthur, dann Hauslehrer in Magdeburg, seit 1747 durch Gleims Vermittlung Professor am Joachimthal'schen Gymnasium zu Berlin, später Mitglied der Akademie der Wissenschaften, gestorben 1779. Sulzer, Schüler und Verehrer von Bodmer und Breitinger, verkündigte und vertrat ihre Dicht- und Geschmackslehre in Preußen zuerst und fortan in solcher Hartnäckigkeit und Befangenheit – er pries Bodmers »Noah« als das beste Gedicht neben dem Messias! –, daß er darüber mit den meisten früheren Freunden zerfiel. Sein Hauptwerk ist die, auf die Grundlage von Baumgartens, Breitingers und Batteux' Lehren gestützte »Allgemeine Theorie der schönen Künste«, welche jedoch, als sie 1771 zuerst erschien, schon von der Literatur völlig überholt war. Wir gehen zu Moses Mendelssohn über, der 1729 in Dessau geboren war und seit 1743 in Berlin, hier trotz der allerdürftigsten Umstände nicht aufhörte, sich mit den alten Sprachen, mit Mathematik und philosophischen Studien zu beschäftigen, bis ihn endlich die Anstellung in einer Fabrik wenigstens der wirklichen Noth entzog. Durch sein Schachspiel kam er mit Lessing in Verbindung und blieb fortan in freundschaftlichster Verbindung mit ihm bis an den Tod. Lessing machte den jungen Mann, den er in Wolff's und Locke's Schriften schon eingeführt fand, auch mit Shaftesbury bekannt und brachte ihn dadurch auf die Behandlung von Fragen über die Natur des Schönen und die Wirkungen desselben auf das Gemüth – »Ueber die Empfindungen«, – »Betrachtungen über die Quellen und Verbindungen der schönen Künste und Wissenschaften« –, so daß auch hier die Baumgarten'sche Aesthetik weiter entwickelt und ihre Grundsätze auch auf die redenden Künste zur Anwendung gelangten, vorzüglich aber die englischen Aesthetiker und ihre Lehren für unsere Literatur fruchtbar gemacht wurden. Nicht am wenigsten wichtig wurde er für die Einführung und Kräftigung einer populärphilosophischen und publicistischen Literatur, welche nicht bloß im Sinn und Geist der sogenannten »Aufklärung« wirkten, sondern auch in Ansehung der fortschreitenden wirklichen Bildung, der wachsenden Theilnahme und des zunehmenden Verständnisses von größter Bedeutung sind. – Als sein Hauptwerk sieht man »Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele« an. Er starb 1786. Christoph Friedrich Nicolai wurde 1733 zu Berlin geboren. Nach vorausgegangener tüchtiger Schulbildung, kam er in eine Buchhandlung zu Frankfurt a. O., arbeitete jedoch unablässig auf den Gebieten der deutschen Literatur, der Wolff'schen Philosophie, des Englischen und Griechischen weiter, so daß er, 1752 nach Berlin zurückkehrend und mit seinem Bruder die väterliche Buchhandlung fortführend, des Geschäfts alsbald überdrüssig wurde und sich, zumal seit seiner Bekanntschaft mit Lessing und Mendelssohn, ganz den Wissenschaften zu widmen beschloß. Der Tod des Bruders zwang ihn jedoch, die Handlung wieder selber zu übernehmen und fortzuführen. Er ist auch Mitglied der Akademie geworden und endlich 1811 gestorben. – Seine kritischen Unternehmungen, an denen er sich selber auf das thätigste betheiligte, und die von außerordentlichem, unleugbar wohlthätigen Einfluß auf unsere Literatur und Bildung waren, haben wir bereits kennen gelernt. Daß Nicolai nicht ganz der öde und geistlose Kopf war, als den man ihn auszuschreien beliebt hat, dürfte nicht bloß aus einem Theil seiner eigenen kritischen Schriften und Arbeiten, sondern vorzüglich auch aus seinem Verkehr mit vielen seiner bedeutendsten Zeitgenossen und aus der Achtung und Freundschaft hervorgehen, die ihm mehr als einer von ihnen unausgesetzt erhalten hat. Allein, das Haupt der »Aufklärer« und der Verkündiger und Verfechter der »Aufklärung«, welche, freilich im besseren und edleren Sinn, als er Nicolai begreiflich wurde, diese ganze Periode der Literatur und Bildung. erfüllt und ihr sogar ihren Namen leiht, ist er jeder Weiterentwickelung und jedem Fortschritt über diese Periode hinaus fremd geblieben, und von dem Einfluß, den er gewonnen und von der Verehrung, die man ihm erwies, betäubt, erstarrte er zu immer größerer Kälte und Oede, verlor er allmälig alles Verständniß für jede freiere und geistigere, wie für jede gemüths- und gefühlvolle Regung und versank in erbitterten Kämpfen für seine schwindende Autorität in stets zunehmenden Dünkel und – stets hohlere Anmaßung, die letzte Zuflucht solcher absterbenden Köpfe. Von Poesie war in seinem Kopse nie auch nur eine Ahnung vorhanden, und was er selber in dieser Richtung zu versuchen wagte, wie seine Romane, von denen wir nur »Leben und Meinungen des Magisters Sebaldus Nothanker« anführen, sucht an Dürre und Nüchternheit seines Gleichen. Nicht bloß, weil er hauptsächlich in Berlin lebte, sondern auch, weil er im Grunde noch ganz der alten Richtung angehört und von dem Ausschwung der Geister in der folgenden Periode fast gänzlich unberührt geblieben ist, führen wir hier endlich auch noch den späteren Johann Jacob Engel , (1741-1802) an, – Gymnasiallehrer, Prinzenerzieher, Mitglied der Akademie und Oberdirector des Nationaltheaters. Er hat allerhand geschrieben, »Ideen zu einer Mimik«, – »Anfangsgründe einer Theorie der Dichtungsarten«, »Der Philosoph für die Welt«, – »Herr Lorenz Stark«, – Schauspiele u. s. w., alles voll des nüchternen, guten, ein wenig philiströsen Hausverstandes. 15. Am 22. Januar 1729 wurde zu Kamenz in der Oberlausitz Gotthold Ephraim Lessing als der älteste von zehn Söhnen des späteren Hauptpastors der Stadt geboren. Die Verhältnisse waren nicht ganz die dürftigen, wie wir sie in anderen Pfarrhäusern dieser Zeit finden: man hielt dem Knaben einen Hauslehrer und ließ ihn sogar mit einem seiner Brüder von einem, uns nicht weiter bekannt gewordenen Künstler malen, ein Bild, das erst vor kurzem wieder aufgefunden ist. Er besuchte sodann einige Jahre lang die Stadtschule, kam jedoch, als sein Vater sich mit dem, in seinen Augen allzu frei- und schöngeistigen Rector Heinitz – derselbe stand mit den Gottschedianern in Verbindung – überworfen hatte, im Sommer 1741, wenig über zwölf Jahre alt, auf die altberühmte Fürstenschule zu Meißen. Er war, wie man sich denken kann, zum Theologen bestimmt und die ganze Einrichtung der Schule war auch auf ein solches Studium berechnet und bereitete ausdrücklich auf dasselbe vor. Allein Lessing schlug schon hier seine eigenen Wege ein. Er studirte für sich die Alten und unter ihnen zumeist Plautus und Terenz; neben ihnen kamen Theophrast und Euklid, und damit auch die griechische Poesie nicht fehle, Anakreon. Er scheint schon jetzt sich dem Geist des Alterthums genähert zu haben und legte den Grund zu der tiefen Auffassung desselben, die alle seine späteren Schriften auszeichnet. In Leipzig, wohin er 1746 ging, sollte nun das Studium der Theologie wirklich beginnen. Er war in der lebhaften Stadt mit den vielen gelehrten, schöngeistigen, geputzten Leuten, die man ja »das kleine Paris« hieß, zuerst wie betäubt und lebte monatelang in tiefster Zurückgezogenheit. Dann aber raffte er sich auf. Er begriff, daß »die Bücher ihn wohl gelehrt, aber nicht zum Menschen machen« könnten; er wollte leben und sich im Leben bewegen lernen; er übte sich im Tanzen, Reiten, Voltigiren und Fechten; er trieb sich mit lustigen Gesellen und auch mit Schauspielern der Neuber'schen Truppe umher; er warf die gelehrten Bücher auf die Seite und las Schauspiele, welche »ihn sich selbst kennen lehrten«. – Für viele, ja die meisten Anderen dürfte ein solches Treiben verderblich geworden sein; für Lessing, der sozusagen ein geborener Character war, wurde es eine wirkliche Schule der Bildung, wie er denn selbst auch aus dem intimen Umgange mit seinem leichtsinnigen und haltlosen, aber geistvollen Freunde, Christlob Mylius , nur Vortheil zu ziehen verstand. Denn ernste Studien gingen stets nebenher, er besuchte die Vorlesungen Kästners, der damals noch in Leipzig war, des großen Philologen Ernesti, des Archäologen Christ; er studirte daheim die Philosophie Wolff's und trieb mit dem ebengenannten Freunde Naturwissenschaften und Mathematik. In zwei, von eben diesem Freunde gegründeten Zeitschriften trat er dann auch zuerst mit eigenen Arbeiten, lyrischen und epigrammatischen Kleinigkeiten und einem Lustspiel, »Damon oder die wahre Freundschaft«, hervor. Am wichtigsten aber wurde für ihn, daß die Neuberin 1748 sein Stück, »Der junge Gelehrte«, aufführen ließ und ihn dadurch in noch nähere Verbindung mit den Schauspielern und dem Theater brachte. Denn aus diesem Umgange, aus dem Spiel der zum Theil tüchtigen Künstler, aus der lebendigen Anschauung gewann er, was keine Bücher und keine Studien hätten gewahren können, nicht nur die Praxis, sondern auch die Einsichten, mit einem Wort alles, was ihn befähigte, der Reformator der deutschen Bühne und des deutschen Drama's zu werden. Inzwischen hatte er die Theologie aufgegeben und sich der Medicin zugewendet, mit der er, zur Beschwichtigung der unzufriedenen Eltern, Schulfach-Studien verbinden wollte. Trotzdem ließ ihn der Vater, der über sein Leben allerhand Bedenkliches erfahren haben mochte, nach Hause kommen, überzeugte sich jedoch bald, daß es mit dem Sohne besser stand, als er gefürchtet, und entließ ihn von neuem nach Leipzig. Aber Lessing hielt hier nicht mehr aus. Die Neuber'sche Truppe zerfiel, Mylius ging nach Berlin, und Lessing, von Schulden gedrückt, folgte ihm, nach einem kurzen Verweilen in Wittenberg, zu Ende des Jahres 1748 oder in den ersten Tagen 1749 gleichfalls dahin. Damit begann jenes rastlose Wanderleben und die unermeßliche, anscheinend zersplitterte Thätigkeit, die wir an ihm fast während seiner ganzen Lebenszeit in gewissem Sinne sogar noch zu Wolfenbüttel beobachten. Man hat mit Recht gesagt, daß wie Klopstock der Erste war, der in voller Unabhängigkeit von Amt und öffentlicher Stellung, nur Dichter sein wollte und den Namen und Rang eines solchen zur Anerkennung und Ehren brachte, ebenso, ja noch entschiedener Lessing als Schriftsteller überhaupt das gleiche Ziel ins Auge faßte, den gleichen Anspruch erhob und den gleichen Erfolg hatte. Von seinem Leben und seiner Thätigkeit in Berlin ist oben schon das Hauptsächliche angedeutet worden. Er hatte anfangs mit bitterer Armuth zu kämpfen und nach allein zu greifen, was ihm seine Existenz möglich machte. Allein, wie er im lustigen Leipziger Leben niemals sich selbst verlor, so erhielt er auch hier sich stets über der Noth des Daseins, in der ehrenhaftesten Selbstständigkeit. Eine Vierteljahrsschrift, »Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters«, die er schon im Jahre 1749 im Vereine mit Mylius unternahm, ließ er bald wieder fallen, weil sein Mitarbeiter seiner Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit nicht mehr Genüge that. Dafür übersetzte er nun, schrieb selber mehrere Lustspiele, gab 1751 die erste Sammlung Gedichte, »Kleinigkeiten«, heraus, denen zwei Jahre später die beiden ersten Theile seiner »Schriften« folgten, redigirte, wie wir erfuhren, den gelehrten Artikel und das Beiblatt der Vossischen Zeitung und arbeitete endlich daneben unermüdlich an Vermehrung und Vertiefung seiner Kenntnisse. Wie ernst er es damit nahm, ersehen wir auch aus seinem Aufenthalt zu Wittenberg, der vom Ende 1751 an fast ein rundes Jahr währte; er verweilte beinah' unausgesetzt auf der Universitätsbibliothek, studirte die Gelehrtengeschichte und römische Dichter und schöpfte, gleich Wieland, aus Bayle's kritischem Wörterbuch die vielseitigste Anregung. Als Frucht dieser Studien – Magister wurde er hier gleichfalls – dürfen wir seine Epigramme und seine »Rettungen« ansehen, in denen er sich älterer, verkannter und falsch beurtheilter Schriftsteller und Gelehrter annahm. Aber auch in allem, was er fortan, wieder in Berlin thätig, schuf, treten solche Früchte zu Tage. Es vertiefte oder, wenn man so will, klärte sich alles. Er stand schon beim Beginn seiner kritischen Thätigkeit wunderbar frei und unbefangen über den kämpfenden Parteien der Gottschedianer und Schweizer. Wie er dem alten Gottsched den Todesstoß versetzte, so begann er auch Bodmers angemaßten Einfluß zu brechen; wie willig er Klopstocks Verdienste und Werth anerkannte, so sicher wies er doch auch auf die Mängel im Messias und in Klopstocks Sprache hin. Er verlangte, wie der auf ihm fußende Nicolai in seinen »Briefen über den jetzigen Zustand u. s. w.«, für die feste Begründung und gedeihliche Entwickelung unserer Literatur keine nachsichtige und schönrednerische, sondern eine scharfe, ja die schärfste und präziseste Kritik. Er übte diese aber auch selber von Anfang an, wie z. B. in jenem unübertrefflichen »Vademecum für S. G. Lange«. Allein er erkannte auch die Aufgabe und erfüllte dieselbe in eminentem Grade, daß die gesunde und wirklich nützliche Kritik nicht bloß die Irrwege, sondern zugleich auch die rechten Pfade nachweisen müsse; daß sie nicht nur unerbittlich die alten Schäden und Irrthümer bloßzulegen und zu verurtheilen habe, sondern auch jede neue Wendung zum Besseren und Richtigeren, jedes frische, aussichtsvolle Streben von Herzen anerkennen und unterstützen, mit einem Wort, nicht bloß unireißen, sondern auch aufbauen, nicht bloß tödten, sondern auch beleben solle. So hielt und übte er es sein ganzes Leben lang, mit zunehmender Sicherheit und Klarheit; so zieht es sich wie der rothe Faden durch alles, was er schuf, durch seine Beiträge zu der »Bibliothek der schönen Wissenschaften« und den »Literaturbriefen«, durch die kunstphilosophischen und antiquarischen, durch die literarhistorischen, die theologischen, die polemischen Schriften. Sie bilden im Verein das gährende und endlich klärende Element, dessen unsre Literatur bedurfte, um sich gedeihlich und kräftig fortbilden zu können. Seine eigenen poetischen Arbeiten sind gewissermaßen nur die Belege der sich aus seinen anderen, besonders kritischen Arbeiten emporhebenden neuen Dichtungs- und Kunstlehre. Seine früheren dichterischen Schöpfungen erklärte er selber als Producte nicht des wirklichen Genie's, sondern nur der Schaffenslust und zugleich als Versuche auf allen möglichen Gebieten der Poesie; von den späteren sagt er, daß er das, was »darin erträglich«, »einzig und allein der Kritik zu verdanken« habe. Man darf schon sagen, daß er in und mit allen diesen Schöpfungen gewissermaßen eine Art von Probe mit der Richtigkeit und Haltbarkeit seiner neuen Lehren zu machen und abzulegen versuchte. Wie er von Anfang an der Bühne zugewendet war, so nahm er alsbald nach seiner Rückkehr von Wittenberg die frühere Mylius'sche Zeitschrift in seiner »theatralischen Bibliothek« wieder auf. Daneben führte er 1755 in seiner »Miß Sara Sampson« das bürgerliche Familientrauerspiel in unsere Literatur ein, einem Stück, das in zwiefacher Richtung bedeutend erscheint, denn es lenkte zum erstenmal mit Entschiedenheit in die freieren englischen Kunstformen hinüber und es stellte sich auf den Boden der bürgerlichen Familie, d. i. jenes dritten Standes , der eben drüben in Frankreich sich aus dem Drucke zu erheben begann. Noch deutlicher zeigte sich dies freilich in einigen Stücken Diderot 's, die er ein paar Jahre später übersetzte. – Inzwischen ging er im Herbst 1755 nach Leipzig, wo die Koch'sche Gesellschaft spielte und ihn von neuem anzog. Dabei kam er auf Goldoni's Lustspiele und sammelte auch hier wieder Stoff zu eigenen Arbeiten und zur Weiterbildung seiner sich immer fester gestaltenden Kunstlehre. Was aber die Hauptsache war, – er machte zu dieser Zeit schon einen neuen Versuch auf dem Gebiete des nationalen Schauspiels, indem er die Faustsage zum Stoff eines Trauerspiels wählte. Er hat sich damit lange Jahre beschäftigt. Das Manuskript aber ging auf der Reise nach Italien verloren und es ist nichts als ein kleines Bruchstück gerettet worden. Seine Unruhe und seine Lust, sich in der Welt umzusehen, ließ ihn jedoch nicht in Leipzig. Als Reisebegleiter eines reichen jungen Mannes brach er 1756 auf und zog mit ihm durch Norddeutschland nach Holland. Weiter kamen sie nicht, der Ausbruch des siebenjährigen Krieges scheuchte sie zurück und Lessing begann von neuem jenes trübselige Arbeiten um die nackte Existenz, wie es jeden Anderen zu Grunde gerichtet haben würde, ihm aber Stimmung, Muße und Kraft ließ, in altgewohnter Weise seine ernsten Studien, zumal altdeutsche Dichtung und Sprache, und seine großen Ziele zu verfolgen. Denn in dem Briefwechsel dieser Zeit finden wir ihn zuerst mit kunstphilosophischen Fragen und der Theorie des Trauerspiels ernstlich beschäftigt. Kleist's Verweilen in Leipzig bildete einen Lichtpunkt in dieser ernsten Zeit, und als der Freund im Frühling 1758 wieder schied, brach Lessing noch vorher auf, und ging aufs neue nach Berlin. Hier folgte jetzt eine Zeit der literarischen Thaten. Mit Ramler im Verein gab er Logau 's verschollene Sinngedichte neu heraus; er arbeitete im Stillen an seiner »Emilia Galotti«, ließ 1759 seine prosaisch abgefaßten »Fabeln« nebst den »Abhandlungen über die Fabel« erscheinen, veröffentlichte demnächst das Trauerspiel »Philotas«, wo er ebenso, wie in der Fabel, auf die vollste Einfachheit und stricteste Wesenheit der Gattung zurückzugreifen suchte. Dazu kamen eine Arbeit über den »Sophokles« und die schon erwähnte Uebersetzung Diderot'scher Stücke, vor allem aber der Beginn der gleichfalls schon mehrfach genannten »Literaturbriefe«. Gedenken wir zur Kennzeichnung derselben nur des einen, 17. Briefes, wo Lessing es zum Erstenmale mit Entschiedenheit ausspricht, daß der deutsche Volkscharacter und unsere alte dramatische Poesie sich mehr zum Geschmack und Wesen der Engländer, als zu dem der Franzosen neige, daß Shakespeare, selbst nach den Mustern der Alten, ein um vieles größerer tragischer Dichter sei als Corneille, und daß eine Anlehnung unserer – zumal dramatischen Dichtung an Shakespeare und die Engländer für uns von viel günstigeren Folgen gewesen sein würde als jene von Gottsched verlangte und eingeführte Abhängigkeit von den Franzosen. So liegt denn auch in diesen Sätzen, obschon nicht ausgesprochen, die bewußte Forderung, daß unsere Literatur versuchen müsse, eine wirklich deutsche, nationale zu werden, wie sie denn eine solche in den verworfenen und verdammten rohen Anfängen und Auswüchsen unserer dramatischen Poesie im Grunde schon mehr gewesen sei, als gegenwärtig nach den Gottsched'schen Reinigungsmanipulationen. Die hier hinter einander aufgeführten Arbeiten Lessings sind alle in dem kurzen Zeitraum bis zum Herbst 1760 vollendet. Nachdem er zuletzt in Berlin noch zum Mitglied der Akademie ernannt worden, ging er zu der angegebenen Zeit als Secretär des Generals von Tauenzien nach Breslau und blieb hier, auch nach dem Frieden, noch bis 1765. Auch hier wieder war's, wie vordem in Leipzig: trotz des zerstreuten, ja wilden Lebens in und mit den militärischen Kreisen, blieb er innerlich unangefochten und arbeitete in der alten Weise weiter. Angeregt durch Johann Joachim Winckelmann 's (geb. zu Stendal 1717, ermordet zu Triest 1768) Schrift: »Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst«, und durch das spätere unsterbliche Werk des Gleichen: »Geschichte der Kunst des Alterthums«, begann er jene Aufsätze zu schreiben, die er im Jahre 1766 unter dem Titel »Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie« vereint erscheinen ließ, – ein Buch, das unter Lessings Meisterwerken vielleicht das meisterlichste ist. In ihm ist nicht bloß mit jener Gründlichkeit, Klarheit und Schärfe, wie nur er sie besaß, die Scheidelinie zwischen der bildenden und redenden Kunst überhaupt gezogen, sondern er verfolgt auch und stellt auch fest die Grundgesetze und höchsten Ziele der einen wie der anderen, und er eröffnet endlich der deutschen Wissenschaft und Dichtung zum erstenmale den offenen und sicheren Einblick in die antike, vorzüglich griechische Poesie und Kunst. Unmittelbar an dies Buch schloß sich eine andere, nicht weniger schöne und reife Frucht seines Breslauer Lebens, das ist »Minna von Barnhelm«, vollendet bereits 1763, herausgegeben aber erst vier Jahre später, das Stück voll wunderbarer Frische und Kraft, voll unübertrefflicher Einfachheit und Naturwahrheit, mitten aus der Zeit heraus und mitten aus dem Leben und der bewegten Wirklichkeit, mit dem großartigsten Hintergrund und voll endlich von einer Handlung, voll von Zuständen und Characteren, welche von vorn herein die Theilnahme aller in Anspruch nehmen; »ein Markstein«, wie man es bezeichnet hat, »nicht nur der dramatischen, sondern der gesammten deutschen Dichtung«, bis auf den heutigen Tag das reinste und vollendetste deutsche National- und Volksdrama. Inzwischen war Lessing 1765 von neuem nach Berlin gegangen, verließ dasselbe aber schon wieder nach kaum zwei Jahren auf einen Ruf, den er nach Hamburg an das hier zu begründende Nationaltheater erhielt. Und hier beginnt er vom 1. Mai 1767 an sein drittes Meisterwerk erscheinen zu lassen, die »Hamburgische Dramaturgie«. Was er schon in den »Literaturbriefen« zum Theil als Grundideen der Dramaturgie angedeutet hatte, gelangte hier zur ausführlichen Entwickelung und Feststellung. Hier wurde der Einfluß der Franzosen vollständig gebrochen und neben den großen Alten auf die Engländer und Spanier hingewiesen, vor allem aber Shakespeare als Muster und Führer im Gebiet der dramatischen Kunst festgestellt. Sie blieb, wie Gervinus schön sagt, »der Leitstern unserer gesammten folgenden Poesie«. Was Lessing von dem Hamburger Theater gehofft hatte, wurde jedoch nicht erfüllt und die »Dramaturgie« ging an der Theilnahmlosigkeit des Publikums zu Grunde. Von Feiern war trotzdem für ihn keine Rede. In diese Jahre 1768 und 1769, fallen seine »Briefe antiquarischen Inhalts«, und seine Abhandlung »Wie die Alten den Tod gebildet«, hervorgegangen aus seinem Streit mit dem Hallenser Philologen Klotz , Meisterstücke in ihrer Art, wie alles, was von ihm fortan erschien. Aber verstimmt wurde er und mißmuthig und trug sich mit Plänen nach Italien und Rom zu entweichen, dort ganz für sich zu leben und zu arbeiten. Da erhielt er 1769 einen Ruf als Bibliothekar nach Wolfenbüttel mit dem Titel eines »Hofraths«, und folgte demselben im Frühling 1770. Damit beginnt der letzte Abschnitt seines Lebens, äußerlich der einförmigste, da er, ein paar Reisen abgerechnet, in dieser Stellung bis an seinen Tod blieb; innerlich der ruhloseste und bewegteste, ein fortwährender Kampf zwischen Gehen und Bleiben, eine Zeit der Vereinsamung, der Verbitterung, der Sorgen und der Noth und gegen ihr Ende hin erfüllt von den erschütterndsten Erlebnissen. Lessing hatte nicht unberührt vierundzwanzig Jahre lang gelebt, wie er gelebt hatte. Das Genügen an Enge und Stille war ihm abhanden gekommen, von einer gewissen festen Ordnung des täglichen Lebens verstand er nichts; die Fesseln, welche ihm seine Stellung anlegte, drückten ihn wund, die engen, die ärmlichen und sorgenvollen Verhältnisse zerdrückten ihn. Der Adler siechte und verging vor Heimweh nach der alten Freiheit. Es ist auch anderen so ergangen. Daß er trotzdem nicht feierte, sondern rastlos weiterstrebte, braucht von diesem Geist nicht erst versichert zu werden. Doch müssen wir uns begnügen, hier nur ein paar von den Werken anzuführen, welche er noch erscheinen ließ. 1772, ein Jahr vor dem »Götz von Berlichingen«, erschien seine »Emilia Galotti«, deren Anfänge bis in die Zeit der »Miß Sara Sampson« zurückreichen. Es ist ein bürgerliches Trauerspiel, dessen Stoff, dem Alterthum entnommen, auf das meisterhafteste in die Neuzeit und ihre Zustände und Anschauungen herübergerückt ist, voll der, grade damals schärfer und schärfer hervortretenden Conflicte der Stände, ihrer Ansprüche und ihrer Bildung. Die Klarheit der Exposition, das Ineinandergreifen der Begebenheiten und der Handlung, die feinste und sicherste Characterzeichnung machen es bis auf den heutigen Tag zu einer unserer größten dramatischen Dichtungen. Sieben Jahre später, 1779, erschien Lessings letztes dramatisches Werk, »Nathan der Weise«, auf »Subscription«, um – ihm eine bessere Einnahme zu sichern! Ein didactisches und zugleich ein wesentlich polemisches Stück, ging es aus seinen damaligen theologischen Streitigkeiten hervor; seinen Stoff schöpfte es aus einer Novelle von Boccaccio und brachte die Idee zur Darstellung, daß der Werth des Menschen sich nicht auf die Religion des dogmatischen Bekenntnisses, sondern auf diejenige des frommen, liebevollen Herzens gründe. Es ist in fünffüßigen Jamben geschrieben und hat, obschon darin nicht ohne Vorgänger, die Herrschaft dieses Verses in unserer dramatischen Poesie begründet. Rein dichterisch betrachtet, ist Nathan sicherlich eine der höchsten Schöpfungen unserer Poesie und die größte Lessings: es ist voll mehr Wärme und Gemüth, als irgend eines seiner anderen Werke, und was es an Poesie überhaupt in Lessing gab, athmet uns hier entgegen. Als dramatisches Werk dagegen wird es, trotz seiner technischen Vollendung, schon durch den bestimmten Zweck und die ausgesprochene Tendenz unter seine anderen Werke dieser Gattung hinabgerückt. Von 1773 an gab Lessing die »Beiträge zur Literatur aus den Schätzen der Bibliothek zu Wolfenbüttel« heraus und veröffentlichte darin »Fragmente des Wolfenbüttel'schen Ungenannten«, Bruchstücke eines von dem Hamburger Professor H. S. Reimarus hinterlassenen Werks, welches sich vom deistischen Standpunkte mit der Untersuchung der geoffenbarten Religion und der in den Evangelien enthaltenen Lebens- und Leidensgeschichte Jesu beschäftigt. Das Aufsehen und die Wirkung dieser Fragmente waren beide gleich groß, die Theologen zumal geriethen in hellen Aufruhr und allen voran erhob sich der Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze zum grimmigsten Angriff. Daher richtete sich denn auch Lessings Abwehr hauptsächlich gegen ihn, und die Reihe der kleinen Schriften, die den gemeinsamen Titel »Anti-Goeze« tragen, sind auf dem Felde der polemischen Literatur das Kühnste, Großartigste und Vollendetste, was wir besitzen, ja was auch in anderen Literaturen kaum seines Gleichen findet. – Der »Nathan« ging, wie wir schon sagten, aus diesem Streite hervor, und im Jahre 1780 erschien die gleichfalls hieher gehörige kleine Schrift: »Die Erziehung des Menschengeschlechts«, eine Art von religiösem Testament Lessings. Nachdem er, so viel wir wissen, bis in sein vierzigstes Jahr jeder näheren Verbindung mit einer Frau so gut wie völlig fremd geblieben war, lernte er zu Hamburg in Eva König , der Gattin eines ihm befreundeten Kaufmanns, das Wesen kennen, vor dem seine Kälte schmolz. Der Mann starb nach einiger Zeit auf einer Geschäftsreise und wiederum nach einer Weile verlobten sich die Beiden – Lessing sah in ihr »die einzige Frau, mit der er sich zu leben getraute«. Nach solchem glücklichen Anfang folgte nun aber ein unendlich trübseliger und langwieriger Verlauf; Hindernisse und widrige Verhältnisse aller Art traten eines über das andere dem Paare entgegen, und erst nach sechs Jahren, als Lessing von der unerquicklichen und unfruchtbaren Reise zurückgekehrt war, die er als Begleiter des Prinzen Leopold durch Italien gemacht hatte, konnte im Herbst 1776 die Verbindung geschlossen werden. Nun begann Lessings schönstes und glücklichstes Lebensjahr, allein eine längere Dauer war dieser schönen Zeit auch nicht beschieden – »ich wollte es auch einmal so gut haben, wie andere Menschen,« schrieb er später davon, »aber es bekam mir schlecht.« – Um Weihnachten 1777 wurde ihm ein Sohn geboren, der indessen schon nach vierundzwanzig Stunden wieder starb, und am 10. Januar 1778 folgte ihm die Mutter nach. »Meine Frau ist todt,« schreibt er am gleichen Tage an Eschenburg, »und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viele dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen; und bin ganz leicht.« – Die Briefe oder vielmehr Zettel aus dieser Zeit an den genannten Freund und seinen Bruder Karl wird kaum jemand ohne Thränen zu lesen im Stande sein. Grade in der folgenden, schwersten Zeit schrieb Lessing den »Anti-Goeze«, und wie die anderen oben genannten Werke zeigen, blieb er auch in den folgenden Jahren nicht müssig. Aber seine rechte Kraft war dennoch gebrochen. Er »mußte nun wieder anfangen, seinen Weg allein so fort zu duseln«. Er war »ein fauler knorrichter Stamm«. – »Die Scene war aus«. – Er kränkelte, die Verstimmung wuchs, die geistige Abspannung nahm zu, und bei einem Besuch in Braunschweig starb er nach kurzem Unwohlsein plötzlich am 15. Februar 1781. Er war so arm, daß der Herzog ihn begraben lassen mußte. Sein Grab versank und wurde vergessen. Als man in neuerer Zeit danach zu suchen begann, konnt' es nur mit Mühe wieder ausgefunden werden. Jetzt erhebt sich darauf das würdige Denkmal von Rietschel's Meisterhand. Die Nachwelt ist gegen ihn gerechter gewesen und geblieben, als es seine Zeitgenossen waren. Zwischen diesen und den ihnen zunächst Folgenden gab es nur wenige Einzelne, welche sich zu einem gewissen Verständniß dieses Geistes erhoben, und seinem ganzen Werthe und seiner vollen Bedeutung nach wurde er selbst von denen nicht erkannt und gewürdigt, welche ihm als »Freunde« verbunden waren und von uns wenigstens als Mitarbeiter an dem großen Werke der Regeneration unserer Literatur und der Aufklärung auf allen geistigen Gebieten anerkannt werden müssen. Von einem Einfluß und Erfolgen seiner wunderbaren reformatorischen Wirksamkeit ward unmittelbar und offen bei weitem nicht so viel bemerkbar, wie man es erwarten sollte. Wir müssen schon wiederholen: es gab zwischen seinen Zeitgenossen, den einzigen späteren Herder ausgenommen, nicht einen Geist! der dem seinen gewachsen gewesen wäre, der seinen Bahnen zu folgen und auf den von ihm gegründeten Fundamenten weiter zu bauen vermocht hätte. Lessing wurzelte allerdings wie jeder andere in seiner Zeit, er war erfüllt von den Ideen und Bestrebungen der Aufklärungsperiode, er vereinte in sich die gesammte Bildung seines Zeitalters. Aber es war damit nicht genug. Er erhob sich mehr und mehr über dies alles bis zu einer, damals noch völlig einsamen Höhe und ragte über die Gegenwart weit in die Zukunft hinaus. Daß er dies selber geahnt, daß er auf diese Zukunft gerechnet und auf den unermeßlichen, allseitigen Fortschritt gehofft hätte, dürfen wir schwerlich annehmen. Grade zu der Zeit, als die neue Entwickelungsphase unserer schönen Literatur begann, wandte er sich verstimmt und unmuthig von ihr ab und was ihm von dem jungen, aufstürmenden Dichtergeschlecht zu Gesicht kam, wies er im Allgemeinen kalt oder verdrießlich fortan zurück, sah er doch durch die beginnende Regel- und Schrankenlosigkeit einen guten, ja den besten Theil seiner Lebensarbeit gefährdet. Selbstverständlich hatte diese Entfremdung seinerseits nur die Folge, daß man auch aus der anderen Seite ihm fremd wurde oder fremd blieb. Und zwar um so eher, als die Stürmer und Dränger ohnehin verzweifelt wenig dazu angethan waren, sich vor einer Autorität zu beugen, schon geöffneten Wegen zu folgen und vor ihnen Geleistetes anzuerkennen. Sie waren sich selber genug. Größere Dichter besitzen wir, einen größeren Geist gibt es weder vor, noch neben und auch nicht nach ihm. Schon mit seinen Jugendwerken stellte er sich neben, ja über die Besten seiner Zeitgenossen und fortan führte ihn jeder neue Schritt eine Stufe höher, wurde jedes Werk ein neuer kernfester Baustein zu dem aufstrebenden Gebäude der Literatur und Kunst, der gesammten Bildung seiner Nation. Denn in dieser seiner Nation wurzelt Lessing mit allen Fasern seines Wesens; mit seiner ganzen Natur, gleichviel, wie weit der Weltbürger über solche Beschränkung sich zu erheben meinte. Von welcher, seine ganze Umgebung überragenden und bis in unsere Zeit reichenden Größe Lessing gewesen und wie sein Einfluß, wenn auch in aller Stille und meistens kaum erkannt, fortgelebt und fortgewirkt und selbst heute noch nicht gebrochen ist, das zeigt uns jeder unbefangene Blick auf die Entwickelung der Literatur und des geistigen Lebens überhaupt: wir finden uns überall grade auf ihn zurückgeführt und vermögen ihn nicht zu entbehren. Aber wir erkennen es auch an seinen Werken selber und an der Gewalt, welche sie noch immer über uns haben. Lessing ist, wenn wir von seinen Jugendversuchen absehen, weniger veraltet als die meisten anderen, ja als im Einzelnen selbst die Größten unter unseren sogenannten klassischen Schriftstellern. Seine Werke und zwar zumeist grade die prosaischen, haben auch heute und für uns noch nichts von ihrer unwiderstehlichen Anziehungskraft und ihrem fesselnden Reiz verloren. Wir sind ihnen, mag der Stoff hie und da ein anscheinend noch so fremdartiger oder sage man immerhin: veralteter sein, schon von den ersten Zeilen an zu eigen, wir kommen nicht mehr los, bis zum Schluß und wir beugen uns an diesem Schluß bewundernd und dankbar vor dem Geiste, der das geschaffen. Und das Geheimniß dieses Reizes und dieser Anziehungskraft, dieser Herrschaft über uns? Es liegt nicht nur in der Fülle von großen und treffenden Gedanken, welche sich in ununterbrochener Reihe aneinander schließen, in der durchsichtigen Klarheit, in der überzeugenden Wahrheit, in und mit denen sie uns entgegentreten; nein, es beruht auch und zwar vor allem auf dem unvergänglichen, man möchte sagen, gegenwärtigen Leben, das diese Arbeiten erfüllt und durchzuckt. Sie treten nicht, wie andere Bücher, von Anfang an vor uns wie etwas Fertiges hin, sondern entstehen gewissermaßen, wachsen, werden fertig unter unseren Augen, unter unserer lebendigen, ja beinahe thätigen Theilnahme. Ihr Verfasser zwingt uns, mit seinen Gedanken zu denken, mit seinen Empfindungen zu empfinden, mit ihm zu studiren, mit ihm zu suchen und zu finden, mit ihm zu gestalten und endlich festzustellen. Und wiederum ist dies alles nicht bloß die Gewalt des außerordentlichen Geistes, der sich uns unterthan macht, es ist daneben auch die Macht der Darstellung und der Sprache, wo nicht ein Wort zu viel, nicht ein Wort zu wenig laut wird, nicht eines am unrechten Platz uns begegnet – es ist die kunstlose Kunst, die Frische, die Kraft und Schönheit dieser gewaltigen Prosa, welche, vielleicht nur von Goethe in seiner besten Zeit zuweilen auf anderen Gebieten erreicht, bis auf den heutigen Tag als unübertroffenes Muster zu, uns redet. 16. Wie der Einfluß und die Wirkungen von Lessings kritischer und überhaupt reformatorischer Thätigkeit, trotz der Bewunderung, die man ihm zollte und trotz der Angst, welche man vor ihm hatte, zum mindesten auf practischem Gebiet anscheinend sehr geringfügige blieben, so führten auch die Arbeiten und Bemühungen der Berliner Kritiker und Aufklärer fürs erste zu keinen recht nennenswerthen und erfreulichen Folgen. Diejenigen, welche außer Klopstock und Wieland eine Art von höherer und freierer Begabung und, wo nicht wirkliche Einsicht, doch einen richtigeren Instinct verriethen, welche bald wahrhaft poetisch angehaucht wie Kleist und Uz , bald technisch wie Ramler , oder in jener harm- und sorglosen Duselei, wie Gleim vorwärtsschritten und sich einen Namen sicherten, blieben vereinzelt und gelangten zu keinen durchschlagenden Erfolgen – finden wir doch auch sie meistens in keiner wirklichen Selbstständigkeit, sondern gestützt auf ältere oder gleichzeitige größere Vorgänger. Alles, was wir neben ihnen finden, tappt in Unfreiheit und Unklarheit vorwärts, es vermag des freilich unermeßlichen und überwältigenden, von allen Seiten herandrängenden neuen Stoffs, der Flut von neuen Ideen und Anschauungen, mit einem Wort, der anbrechenden neuen Zeit nicht Herr zu werden und sich aus der Betäubung und Confusion zur Selbstständigkeit und Klarheit zu erheben. Hier finden wir einige von den oben genannten, alten Mitarbeitern an den »Bremer Beiträgen« wieder, wie den Klopstockianer J. A. Cramer , den »vortrefflichsten Versificateur«, wie er von Lessing bezeichnet wurde, dessen »poetisches Feuer aber ein kaltes Feuer« blieb, der in seiner Wochenschrift, »der nordische Aufseher« sich besonders auch mit der »christlichen« Erziehung der Jugend beschäftigte und hierin bald J. B. Basedow zum Nachfolger und Genossen fand, der, von Rousseau 's »Emile« beeinflußt, der Reformator des Erziehungswesens werden wollte und 1774 zu Dessau eine Musterschule, das bekannte, sogenannte »Philanthropin« gründete. – Hier begegnen wir anderen, nur an Plattheit und Geistlosigkeit Großen, wie dem furchtbaren Vielschreiber und Nachahmer J. J. Dusch , der alles Denkbare und Undenkbare zu Stande brachte, Lehrgedichte, Epopöen, Uebersetzungen, Romane, oder, wie Lessing sagt: »Schoßhunde und Gedichte, Liebestempel und Verleumdungen, – bald satirische, bald hämische Schriften, bald verliebte, bald freimüthige, bald moralische Briefe u. s. w.« Allein wir treffen auch noch andere, wirklich Talentvolle und Begabte, nur daß sie sich eben, wie wir oben sagten, nicht zur Freiheit und Selbstständigkeit zu erheben vermochten. Da ist der österreichische Jesuit Michael Denis (1729-1800), weniger nennenswerth wegen seiner eigenen, an Klopstock und Ossian sich anlehnenden Bardenpoesie, als wegen seiner Uebersetzung »Ossians«, mit der er 1765 hervortrat. An ihn schließt sich ein anderer »Barde«, K. F. Kretschmann , der seinerzeit sogar fast berühmt war. – Als Natur- und besonders Idyllendichter machte sich der Züricher Salomon Geßner (1730-1787) einen ganz außerordentlichen Namen, über den wir, wenn wir jetzt in diese öden und unwahren, bis zur Unerträglichkeit süßlichen Producte (»Schäfergedichte«, »Der erste Schiffer«, »Der Tod Abels« u. s. w.) hinein zu lesen versuchen, nur bestürzt den Kopf zu schütteln vermögen. – Die Fabelndichter J. G. Willamov (»Dithyramben«, »Dialogische Fabeln«) und der um vieles höher stehende, blinde Colmar'sche Lehrer G. K. Pfeffel , von dem das Gedicht »Der Türkenkopf« ja noch heute bekannt ist, gehören gleichfalls hierher und schließen sich noch an Gellert und Lichtwer, obgleich Pfeffel, der erst 1899 starb, sich in seiner späteren Zeit an die Franzosen hält und mit bemerkenswerther politischer Freimüthigkeit auftritt. Um vieles bedeutender und ein wirkliches Talent ist L. F. G. von Göckingk (1748-1828), der gleichfalls in dieser Zeit wurzelt, mit Gleim und Nicolai verbunden ist, ja zuerst sich in satirischen Jugendversuchen noch zu Rabener hält. Besseres aber finden wir schon zwischen den »Epigrammen« und »poetischen Episteln«, und seine »Lieder zweier Liebenden« sind voll von so viel Naturwahrheit, Anmuth und wirklicher Empfindung, daß man sie nicht mit Unrecht mit Goethe's Liedern verglichen hat. Zuletzt begegnet uns H. W. v. Gerstenberg (1737-1823), der in seinen »Tändeleien« (1759) noch französischen Mustern folgte, sich an Theokrit und Anakreon lehnte und gewissermaßen als ein Vorläufer des lustigen Wieland angesehen werden könnte. Später ging er zu den Klopstockianern über; seine »Gedichte eines Skalden« verrathen eine wirkliche Kenntniß der nordischen Mythologie und Poesie, und seine, im Verein mit Anderen herausgegebene Zeitschrift, »Briefe über Merkwürdigkeiten der Literatur« begründeten nicht am wenigsten den gewaltigen Einfluß Shakespeares auf unsere Literatur. Von seinen selbstständigen dichterischen Werken nennen wir nur noch die zwei, welche weit über ihre Zeit hinaus im höchsten Ansehen blieben: die Cantate »Ariadne auf Naxos«, und das Trauerspiel »Ugolino«, das, aus Dante's Hölle geschöpft, die erste deutsche Tragödie ist, welche sich nicht nur frei von den französischen Kunstregeln macht, sondern auch ausdrücklich unter Shakespeare's Einfluß entstanden ist. Während sich alle hier und früher erwähnten dichterischen Arbeiten und Bestrebungen mit nicht vielen Ausnahmen zwanzig und mehr Jahre lang so ziemlich in der gleichen Ebene halten und nur wenig von dem großartigen Aufschwung verrathen, den das geistige und sociale Leben nahm, – währenddem, sagen wir, zeigt sich unsere Prosaliteratur in einem ganz anderen Fortschritt begriffen. Hier ist die »Aufklärung«, die Signatur dieser Periode, so zu sagen in Action, hier vollzieht sich eine Arbeit, über deren Vielseitigkeit wir erstaunen, wo der Ernst und der Eifer ihrer Arbeiter uns mit Achtung und Bewunderung erfüllen. Wie viel auch auf dem eigentlich literarischen Gebiete zu thun sein mochte, es gab anderwärts nicht weniger zu schaffen. In Staat und Kirche, in Wissenschaft und Leben und wo sonst immer, man fand überall das Veraltete und Zusammengebrochene, eine Erstarrung und Verfinsterung sonder Gleichen. Es galt überall Luft und Licht zu schaffen, um nur erst wieder sehen und athmen zu können, und den Schutt fortzuräumen, um den Platz zum Neubau der kommenden Zeit zu gewinnen. Und das geschah in jeder Richtung und auf alle Weise, mit unermüdlicher Thätigkeit, so daß wir, wie wir schon wiederholen müssen, mit Achtung, ja Bewunderung erfüllt werden. Man muß nur von den Auswüchsen und Extremen absehen, in welche sich die plötzlich Erlösten und ihrer Glieder und ihres Verstandes kaum noch Mächtigen hie und da verrannten; und man darf sich andrerseits auch nicht durch das verdammende Zetergeschrei des aufgescheuchten damaligen und heutigen Nachtgevögels betäuben lassen, das sein erstarrendes und verfinsterndes Regiment aufgedeckt und umgestoßen sah und ohnmächtig zu erhalten strebte, was nicht zu erhalten war. So sehen wir denn, ganz abgesehen von den kritischen Arbeiten Lessings und der Berliner, eine Literatur entstehen und heranwachsen, die ungeachtet aller Schwächen, Mängel und Fehlgriffe, als eine hoch erfreuliche zu bezeichnen ist. Sie geht nicht mehr vom Gelehrtenstande aus und wendet sich nicht mehr bloß an diesen oder überhaupt an besondere Klassen und Kasten, sondern an die immer wachsende Zahl der Gebildeten. Sie verbreitet sich über alle Gebiete des Wissens, der Erfahrung und Erkenntniß, sie rückt vor allen Dingen den Menschen selber dem Menschen wieder näher; sie erweckt die Theilnahme und steigert sie; sie erregt das Selbstdenken und vermittelt das Verständniß, sie schafft sozusagen und läutert zugleich den Geschmack; sie trägt die allgemeine Bildung in immer weitere Kreise. Hier hauptsächlich begegnen wir dem Einfluß der englischen und französischen Philosophen und zwar nicht bloß in der Wahl der Gegenstände, sondern auch in ihrer Auffassung und Behandlung und vor allem in der Darstellung: man fängt an, einfach, klar und gut zu schreiben. Und dies alles gilt nicht bloß von den eigentlichen Schriftstellern, sondern auch allmälig immer entschiedener von den wirklichen Gelehrten und Fachleuten, welche aus ihren engen Kreisen hervortreten und die Wissenschaft und die Resultate ihrer Forschungen und Studien dem großen Publikum zugänglich zu machen beginnen. Die Zahl der hieher gehörenden Schriftsteller und ihrer Schriften ist so groß, daß wir nur die hauptsächlichsten kurz namhaft machen können. – Thomas Abbt , geboren zu Ulm 1738, gestorben schon 1766, führte nach Lessings Abgang von Berlin 1760 die »Literaturbriefe« in anerkennungswerther Weise weiter. Sein »Fragment der portugiesischen Geschichte« ist das erste Beispiel einer gedrängteren und lebendigeren Darstellung aus diesem Gebiet; seine Abhandlungen, »Vom Verdienste«, und »Vom Tode für's Vaterland«, sind lange Zeit im Ansehen geblieben. – Christian Garve (1742 bis 1798), einer der Hauptvertreter und Verbreiter der populären Philosophie, entwickelte eine große Thätigkeit nicht nur in den Uebersetzungen aus den alten und neuen Sprachen (Cicero's Schrift de officiis , die Ethik und Poetik des Aristoteles, Burke's Buch über das Erhabene und Schöne, Ad. Smiths Untersuchung über die Natur und Ursachen des Nationalreichthums, u. s. w.), sondern auch in eigenen Schriften (»Ueber Gesellschaft und Einsamkeit«, »Ueber Gegenstände der Moral, der Literatur und des gesellschaftlichen Lebens«). Er gehört neben H. P. Sturz (1736-1779) in seinen »Briefen eines Reisenden« zu den besten Prosaisten dieser Zeit. – Johann Georg Zimmermann , geboren 1728 zu Brugg in der Schweiz, gestorben 1795 als Leibarzt zu Hannover, schrieb ein paar bekannte Werke »Vom Nationalstolz« und »Ueber die Einsamkeit«; sein Landsmann und Zeitgenosse Isaak Iselin (1728-1782) die hochangesehenen »Philosophischen Muthmaßungen über die Geschichte der Menschheit«, »Philosophische und patriotische Träume eines Menschenfreundes«, u. s. w. An ihn schließen sich die Universitätslehrer Johann Matthias Schröckh zu Wittenberg (1733-1808) in seiner »Kirchengeschichte« und mehreren biographischen Schriften; der große Staatsrechtslehrer Johann Stephan Pütter (1725-1807, »Grundriß der Staatsveränderungen des deutschen Reichs«), der Historiker und Geograph Joh. Chr. Gatterer (1727-1799, »Handbuch der Universalhistorie«), der freilich schon etwas spätere, hochbedeutende August Ludwig Schloezer (1735-1809), einer der Hauptbegründer der lebensvollen Geschichtschreibung, durch seine »Staatsanzeigen« besonders bekannt und gefürchtet – alle drei in Göttingen. Selbst die Theologen blieben nicht zurück, die Aufklärung und Toleranz zu fördern und die religiöse Bildung zu heben und auszubreiten, nicht nur in ihren Predigten, sondern auch in anderen Schriften, wie sich denn in solcher Weise G. J. Zollikofer (1730-1788) zu Leipzig, J. F. W. Jerusalem (1709-1789) zu Braunschweig, J. J. Spalding (1714-1804) und der Dogmatiker W. A. Teller (1734-1804) zu Berlin auf das rühmlichste hervortraten. Vor allen übrigen aber müssen wir hier noch zweier Schriftsteller gedenken, deren Einfluß nicht nur auf diese Zeit, sondern auch noch weit hinein in die kommende, ein tiefgreifender und folgenreicher war. Friedrich Karl von Moser , geboren zu Stuttgart 1723 und, nachdem er acht Jahre lang Staatsminister zu Darmstadt gewesen, gestorben zu Ludwigsburg 1798, hat in zahlreichen kleinen und größern Schriften – »Der Herr und der Diener«, – »Beherzigungen«, – »Vom deutschen Nationalgeiste« u. s. w. – sein ganzes Leben lang auf das kühnste für Recht und Freiheit gekämpft, für die Menschen- und Unterthanenrechte, für die Hebung aller noch herrschenden Uebelstände im Staat und bürgerlichen Leben gestritten., Der vollen Wirkung dieser Schriften stand leider eine meistens mangelhafte Form entgegen, durch welche sie für uns sogar beinahe ungenießbar werden. Dagegen ist Justus Moeser , geboren zu Osnabrück 1720 und gestorben ebendaselbst 1794, gerade auch formell zu unseren Besten zu zählen. In ihm begrüßen wir einen Volksschriftsteller ersten Ranges, ja wir besitzen und kennen keinen, der einfacher und wahrhaftiger, edler und vor allen Dingen gesunder für das leibliche und geistige, für das sittliche Wohlergehen seiner Mitbürger und Zeitgenossen, für die Forträumung von Vorurtheilen, für die Verbreitung einer vernünftigen Aufklärung gesorgt und gearbeitet hat. Alles, was er geschrieben hat, trägt den Stempel der Vortrefflichkeit. Seine »Osnabrückische Geschichte« ist eine Grundlage der ältesten Geschichte des ganzen Deutschlands; seine »Patriotischen Phantasien« darf man trotz ihrer häufig anscheinend nur lokalen Bedeutung, fast als ein klassisches Werk bezeichnen, und seine Antwort auf Friedrich des Großen Schrift » de la littérature allemande « – das »Schreiben an einen Freund über die deutsche Sprache und Literatur«, verdient als Aeußerung eines hohen und klaren, vor allem männlichen Geistes, noch heute unsere lebhafteste Anerkennung. 17. Wenn wir während dieser sechziger Jahre uns auf deutschem Boden und im deutschen Leben umsehen, begegnen wir überall, in den Bildungszuständen, in den Lebensverhältnissen, in den Geistesregungen, in der Literatur endlich und hier natürlich vor allem einer merkwürdigen Verwirrung und Aufregung und erkennen darin ohne Schwierigkeit bereits alle Elemente, aus denen der wenige Jahre später sich erhebende Sturm, man möchte sagen, zusammengesetzt war und durch die er zum Ausbruch getrieben wurde. Herz und Gemüth, Geist und Verstand der Deutschen waren überfüllt mit einer Flut von neuen Empfindungen, Vorstellungen und Ideen, Anregungen aller Art, unter denen man sich kaum mehr zurechtfand, geschweige denn, daß man ihrer Herr zu werden vermochte. Die Verfeinerung und Vertiefung der Empfindung, schon mit den Hallenser Pietisten anhebend, gelangte in und durch Klopstock zum vollen Durchbruch und freien Ausdruck, als Anbetung Gottes, als überströmende irdische Liebe, als Begeisterung für die Freundschaft, für die Natur und das Vaterland. Aber wie sie schon bei ihm selber aus ihren klaren Höhen herabsank und zu nebelhaften Umrissen verschwamm oder sich in Mysticismus und Schwärmerei verlor, so wurde sie bei seinen Nachfolgern und Nachahmern zur leeren Gefühlsschwelgerei, und ging, oben darein begünstigt und gesteigert durch die schwärmerischen und sentimentalen englischen Muster, von hohler Empfindsamkeit zur noch hohleren Empfindelei über. Gegenüber machte sich, seit Wielands Rückkehr nach Deutschland, seine heitere, nicht selten leichte, ja leichtfertige Lebensanschauung und seine anmuthige und pikante Darstellung geltend, während Lessing mit seiner gewaltigen Kritik nach allen Richtungen hin, bald umstürzend und ausräumend, bald neu gründend und aufbauend, vor allem befreiend eingriff; während die Aufklärer, wie wir sahen, theils auf das unermüdlichste an der Ausrottung der alten Vorurtheile und des Aberglaubens, an der Läuterung des Geschmacks, an der Klärung und Vertiefung des Denkens und Erkennens arbeiteten, theils in ihren Extremen sich schon zur nüchternen und platten Negation alles Höheren und Geistigen steigerten und dadurch eine, sich nicht selten gleichfalls überstürzende Opposition wachriefen. Allein es war mit diesen einander, sei es ergänzenden, sei es sich begegnenden oder gar feindlich gegenüberstehenden Anregungen und Einflüssen bei weitem nicht zu Ende. Auf allen Seiten erschlossen sich dem deutschen Geist und Gemüth neue Gebiete, mit dem von überallher herbeiströmenden neuen Stoff ergaben sich immer neue Gesichtspunkte, Anschauungen und Ideen. Wieland, Lessing und Gerstenberg brachten Shakespeare uns näher und näher; mit der Uebersetzung der jüngeren Edda (1765) eröffnete sich ein Einblick in die nordische Poesie und Mythologie von ungeahnter Neuheit und Großartigkeit. Die englischen Humoristen gewannen einen neuen und stärkeren Einfluß; Sterne 's »Tristram Shandy«, »Yorik's empfindsame Reise«, Goldsmith 's »Landprediger von Wakefield«, erschienen fast zugleich in Uebersetzungen und machten einen geradezu unermeßlichen Eindruck. Und wiederum fast zugleich kam Macpherson 's »Ossian« herüber und erschienen Percy 's »Ueberbleibsel der alten englischen Poesie«, wo nach langer Vergessenheit und schnöder Mißachtung die Volkspoesie endlich wieder sich zu ihrem gebührenden Range erhoben sah. Mit dieser Wiederentdeckung der Volkspoesie und dem Hinweisen und Zurückgreifen auf diese ursprünglichen Aeußerungen und Schöpfungen des Volksgeistes trifft, wir möchten sagen, in überraschender Weise die geradezu unbeschreibliche Wirkung zusammen, welche theils im Verein mit Montesquieu 's (1689-1755) Werken, theils weit über diese hinaus, die Schriften Jean Jacques Rousseau 's (1712-1778) hatten. Seine » Julie ou la nouvelle Héloise « drang in Deutschland nicht minder als in Frankreich durch alle Thüren und in alle Herzen; sein » traité sur l'origine de l'inégalité parmi les hommes «, und noch mehr der » contrat social « stellten den glücklichen Naturzustand der Menschen der Verderbniß der civilisirten Welt gegenüber; sie leugneten die Gründung des Staats auf das Recht des Stärkeren und erklärten als Grundlage der rechtlichen Gewalt unter den Menschen den freien Vertrag . – Sein » Emile « und die » lettres de la montagne « predigten und verlangten eine Erziehung der Jugend, welche mit den bisher aufgestellten Principien in nächster Verbindung stand – auch sie sollte vor allen Dingen der Natur folgen. – Neben dieser Sehnsucht und diesem rastlosen Streben nach Unabhängigkeit und Natürlichkeit bildet das Bedürfniß der Liebe den Grundzug von Rousseau's Wesen, und der Kampf des Herzens wider die conventionellen Schranken und seine Befreiung von ihnen, der Zusammenstoß des Ideals und der Wirklichkeit erfüllen sein eigenes Leben so gut, wie sie durch alle Schöpfungen seines Geistes hinklingen. Es braucht kaum noch betont zu werden, mit welcher Gewalt solche Anschauungen und Lehren in die Ueberfüllung, Verwirrung und Aufregung der deutschen Herzen und Geister griffen. Wenn das alte Bild vom angehäuften Brennstoff und zündenden Funken jemals der Wirklichkeit entsprach, so war es hier der Fall. Die ganze, während und nach dem siebenjährigen Kriege heranwachsende Generation war voll von den neuen Ideen, Vorstellungen und Regungen. Es begann ein immer leidenschaftlicheres Streben nach Umkehr zum Naturzustande, bis zum Brechen mit aller bisherigen Cultur, mit allen bisher giltigen Regeln und Gesetzen. Es steigerte sich zum überwältigenden Freiheitsdrang, zum Kampf wider jede Beschränkung, jeden Zwang, wider alle angemaßte Autorität, sei es auf staatlichem, auf socialem, sei es auf rein geistigem Gebiet; zum Kampf für die Rechte des Menschen und des Herzens wider die traditionellen, allmälig immer mehr verschrobenen und erstarrten gesellschaftlichen Institutionen; zum Kampf des hohen, reinen, schönen Ideals wider die rauhe, nüchterne Wirklichkeit. Mit einem Wort, es war auf geistigem Gebiete die gleiche Revolution, welche sich zwanzig Jahre später in Frankreich auf dem weltlichen vollzog. Die Vorbereitungen derselben lassen sich schon von der Mitte des Jahrhunderts an verfolgen, aber zum Ausbruch gelangt sie erst in der nächsten Periode, welche wir unter dem Namen des Sturmes und Dranges kennen lernen werden. Auf geistigem Gebiete erhielt der neue Aufschwung nicht nur seinen ersten Anstoß, sondern auch sogleich eine bestimmte Richtung durch das Wiederauftauchen der Volkspoesie, wie man sie im Ossian und in Thomas Percy's altenglischen Balladen und Gedichten zu finden glaubte. Die Umkehr zum Besseren, Natürlicheren und Einfacheren, welcher wir in unserer schönen Literatur begegneten, war im Grunde nichts weniger als eine Rückkehr zu dem gewesen, was wir selber schon in dieser Art von Altersher besaßen. Man hatte zwar hie und da angefangen, den mittelalterlichen Dichtern eine gewisse Aufmerksamkeit zu widmen und ihre Werke in einzelnen Fällen aus langer Vergessenheit wieder ans Licht zu ziehen; man begann überhaupt sich in der älteren Literatur umzusehen und sich mit seinem vererbten Besitze wieder bekannter zu machen. Allein von der eigentlichen Volksdichtung war dabei bisher so gut wie gar nicht die Rede gewesen; man wußte nichts und wollte nichts von ihr und erklärte sie, wo man dennoch einmal zufällig auf sie stieß, für alles eher als für Poesie und beachtenswerth. Wie weit das Verständniß für sie selbst den Einsichtigsten und Geistvollsten entschwunden war, müssen wir schon aus dem Beifall schließen, der Gleims Grenadierliedern gespendet wurde – angeblich grade wegen ihrer Volksthümlichkeit, während die zwar sparsam erscheinenden, aber immer noch einmal sich erschließenden ächten Blüthen, wie die Soldatenlieder »Prinz Eugenius, der edle Ritter«, »Als die Preußen marschirten vor Prag«, u. s. w., so viel wir noch zu erkennen vermögen, auch nicht den leisesten Eindruck auf die Gebildeten machten. Da ist es denn von höchster Bedeutung, daß sich wiederum grade zu dieser Zeit zwei Männer fanden, in denen sich bereits jenes verloren gegangene Verständniß von neuem geregt hatte und die nun, als der äußere Anstoß von England herüber dazu kam, denselben aufzufassen und für Deutschland fruchtbar zu machen vermochten. Das sind die beiden Ostpreußen Hamann und Herder , in denen wir die hauptsächlichsten Vorläufer und Verkündiger der Sturm- und Drangzeit zu erkennen haben und die wir daher auch, obgleich der zweite weit über dieselbe hinaus und fast bis ans Ende unserer großen Literaturepoche reicht, auch schon hier zum Schluß des ablaufenden Zeitalters, zu besprechen haben. Und zwar zusammen, wie sie denn genau zu einander gehören: Hamann, der ältere und tiefere; Herder, der in ihm wurzelt und von ihm aus, aber auch über ihn hinausgeht, der Schüler, der des Meisters dunkle Lehre erst klärt und feststellt, weiterbildet und nutzbar macht; Hamann als dichterisches Talent ohne irgend eine, und Herder als solches von nur untergeordneter Bedeutung, und beide dennoch für das neue Dichtergeschlecht und in der neuen Dichtungsperiode anregend und weiterführend, auf höchster Höhe, als – wie man sie schön geheißen hat – »offenbarende Geister«. Johann Georg Hamann 's Leben ist ein trübselig zerrissenes und zerstreutes, ärmliches und mühevolles. Geboren wurde er zu Königsberg 1730, als Sohn eines verhältnißmäßig wohlhabenden Wundarztes, der ihm nicht nur eine ausreichende Schulbildung geben, sondern ihn auch von 1746 an fünf Jahre lang die Universität der Vaterstadt besuchen ließ. Von der Theologie ging Hamann bald zur Jurisprudenz über, ohne jedoch auch dieser treu bleiben zu können, obgleich ihn fürs erste noch der Wille des Vaters und die Nothwendigkeit, sich eine Lebensstellung zu schaffen, äußerlich daran festhielt. Er war von Jugend auf ein Geist voll hoher Befähigung für die Speculation nicht nur, sondern auch für die Kunst, für Poesie und Musik, voll unstillbaren Wissensdurstes und nie rastenden Bildungstriebes, ein Mensch voll des tiefsten Gefühls, voll einer hohen Begeisterung für alles Gute und Schöne und voll wunderbarer Ursprünglichkeit und Kindlichkeit; voll Freiheit und Klarheit endlich in sich selbst, aber auch voll Befangenheit und Unbeholfenheit der Welt gegenüber. So war er denn auch jetzt schon in den Schranken des Brodstudiums und in den engen bürgerlichen Verhältnissen nicht mehr an seinem Platz und ging 1752 als Hauslehrer nach Kurland. Aber auch hier hielt er nicht aus, lebte bald zu Riga in einer befreundeten Kaufmannsfamilie, beschäftigt mit Politik und Handelswissenschaft und Uebersetzungen aus dem Französischen, bald wurde er nochmals Hauslehrer und gab auch diese Stelle wieder auf, um von neuem bei den Freunden in Riga zu leben, bis er für das Geschäft derselben eine Reise antrat, welche ihn über Berlin, Lübeck und Hamburg nach Holland und England führte. Diese Reise wurde von höchster Bedeutung für ihn, und zwar nicht nur durch die Bekanntschaften, die er unterwegs, wie in Berlin mit Mendelssohn und Ramler, machte, durch die Verbindungen, die er anknüpfte, durch die Einblicke in die Literatur und die literarischen Zustände in den durchreisten Ländern, sowie durch die Erweiterung seines ganzen Gesichtskreises; sondern auch und vor allem durch die schweren Erfahrungen, welche ihm zu London wurden und durch die Ein- und Umkehr, die sich in Folge derselben in ihm vollzog. In seinen Geschäften scheiternd, durch Betrug Anderer und durch eigene schlechte Wirthschaft um das Letzte gebracht, überließ er sich den wildesten Ausschweifungen, die ihn an den Rand des Verderbens führten und der Verzweiflung nahe brachten. Da, in tiefster Versunkenheit und fast völliger Vereinsamung, griff er nach der Bibel und fand in ihr den Trost, den er suchte, den neuen Lebensmuth, dessen er bedurfte, und die Hauptrichtung seines gesammten inneren Lebens, seiner Studien und seines Schaffens. Nach einem neuen kurzen Aufenthalt zu Riga, kehrte er endlich 1759 auf den Wunsch des alten Vaters nach Königsberg zurück und gab sich fortan allen möglichen Studien und einer gradezu unermeßlichen Lecture hin. Im gleichen Jahre erschien seine erste Schrift, die »Sokratischen Denkwürdigkeiten«, und wandte ihm sogleich die Aufmerksamkeit und Anerkennung unserer größten Geister zu, und die lange Reihe der übrigen, welche allmälig in den folgenden Jahren, sämmtlich vom geringsten Umfang, hervortraten, verringerte diesen ersten Eindruck nicht. Sein äußeres Leben blieb dabei das denkbar kümmerlichste. Eine Zeitlang war er Copist, später Kanzellist ohne Besoldung. Dann bot ihm der oben von uns erwähnte Präsident von Moser eine Anstellung in Darmstadt. Allein als Hamann, hier anlangend, den Gönner verreist fand, verzichtete er auf die Stelle und kehrte nach Königsberg zurück. Endlich, gegen das Ende der sechziger Jahre erst, erhielt er aus Kants und Anderer Empfehlung eine Anstellung bei der Accise- und Zolldirection und wurde zehn Jahre später »Packhofsverwalter«. Gebessert wurde für ihn dadurch kaum etwas, denn sein Einkommen war das armseligste und wurde obendarein, wo irgend möglich, stets von neuem beschnitten – ein beständiger, bitterer Kampf mit Noth und Hunger. Erleichterung kam ihm erst 1785 durch die Theilnahme eines jungen reichen Westfalen, Buchholz, der ihm freigebig ein größeres Capital zur Verfügung stellte. Und da er zu gleicher Zeit durch seine Schriften auch mit der Fürstin Gallizin zu Münster und ihrem Kreise in Verbindung gekommen war, so nahm er nun seinen Abschied und reiste zu den neuen Freunden, lebte bei ihnen, bald bei der Gallizin, bald bei F. H. Jacobi, bald bei Buchholz, starb aber, schon zur Heimreise gerüstet, bereits im Sommer 1788 in Münster. Hamann ist eine Erscheinung von solcher Eigenartigkeit und Vereinzelung, wie wir ihr weder in unserer, noch in irgend einer anderen Literatur jemals sonst begegnen. »Der Magus im Norden«, wie Moser ihn zuerst genannt hat und wie man noch heute ihn bezeichnet, steht wie ein Räthsel vor uns, dessen Lösung uns nicht ruhen läßt. Ueberall begegnen wir an und in ihm einer Reihe von scheinbaren und wirklichen Widersprüchen, die uns stets von neuem verlegen machen und häufig genug umsonst nach einer Erklärung und Vermittelung suchen lassen. Sein Character ist ein schwankender, voll Entschiedenheit, ja Härte hier, voll Weichheit und Schwäche da. Seine Persönlichkeit und sein Umgang haben nichts Bestechendes und bestechen doch alle Welt, sie stoßen beinahe ab und verbinden sich doch jedermann. Als Schriftsteller endlich galt er den Einen für einen »abstrusen Schwärmer« und Schwätzer, während die Anderen in ihm einen der tiefsten Geister der Nation und seiner Zeit ahnen. Es ist wahr, Hamanns Schriften sind durch Dunkelheit und unbeholfene Sprache, durch Paradoxen, seltsame Wendungen, Anspielungen und Beziehungen aller Art, schwer, ja zuweilen fast ungenießbar. Dies wird noch dadurch gesteigert, daß wir in ihnen fast immer eine Art von Gelegenheits schriften zu erkennen haben, hervorgerufen durch ganz ausdrückliche Anregungen und Veranlassungen des Augenblicks, welche selbstverständlich für einen Dritten, je später, desto weniger erkennbar sein müssen. Hier tritt aber der Umstand hülfreich ein, daß außer den Aeußerungen der Zeitgenossen, welche Hamann und seinen Schriften noch näher standen und sich die Mühe eines gründlichen Forschens nicht verdrießen ließen, auch seine zahlreichen Briefe, durch Einfachheit und Klarheit die Schriftwerke weit übertreffend, uns nicht nur hin und wieder jene, anscheinend verschwundenen, augenblicklichen Anregungen erkennen lassen, sondern uns auch die willkommensten Einblicke gewähren in seine Anschauung und, wenn man es so heißen will, seine Lehre, in das Arbeiten seines Geistes und diesen selbst. In solcher Weise und auf solchem Wege, welche freilich für manchen zu schwer oder vielmehr zu langweilig sein mögen, gelangen wir denn auch zu dem ächten Kern seines Wesens, seines Strebens und Schaffens und vor allem zu einem gerechteren Urtheil, als es grade neuerdings Verkehrtheit und Oberflächlichkeit zu fällen beliebte. »Das Princip, auf welches sich die sämmtlichen Aeußerungen Hamanns zurückführen lassen,« sagt Goethe, »ist dieses: alles was der Mensch zu leisten unternimmt, es werde nun durch That oder Wort oder sonst hervorgebracht, muß aus sämmtlichen vereinigten Kräften entspringen; alles Vereinzelte ist verwerflich.« – Was Hamann immer von neuem und vor allem verlangt, ist eine möglichst vollkommene Uebereinstimmung zwischen dem natürlichen und geistigen Leben, zwischen Empfinden und Denken, Wissen und Glauben; er fordert die Umkehr zur Natur und zur Einfalt des kindlichen Glaubens an die Offenbarung Gottes in der Natur, in der Geschichte, in seinem Wort. Die Poesie gilt ihm als die Muttersprache des menschlichen Geschlechts und die Poesie des alten Testaments erscheint ihm als die höchste, da er in ihr die, durch den Gottesglauben geheiligte, innigste Vereinigung des natürlichen und geistigen Lebens findet. Daher verlangt er denn auch hier die Umkehr von der modernen Schul- und Kunstdichtung zu der Natur- und Jugendpoesie der Völker; nur aus dieser könne die erstere neue Kraft, Frische und die Möglichkeit einer wirklichen und gedeihlichen Entwickelung schöpfen. Diese höchst eigenartige Verschmelzung der weltbewegenden Ideen Rousseau's mit dem vertieften, lebendigen und belebenden Gottesglauben, der eben als naturgemäße Reaction gegen die sich zu wüsten Extremen steigernde Aufklärerei, die Gemüther zu erfüllen begann, finden wir bei Hamann zuerst und bei niemand in schärferer Ausprägung. Diese Richtung unserer Bildung und Literatur geht nicht minder von ihm aus, als der Kampf des Ideals wider die Wirklichkeit, welcher sich durch sein ganzes geistiges und leibliches Dasein zieht. Daß Hamanns unmittelbarer Einfluß auf die Grundrichtung und Gesammtentwickelung der Bildung und Literatur seiner eigenen und der folgenden Zeit trotzdem nur ein beschränkter bleiben mußte, ja nicht selten übersehen oder gar völlig verkannt wurde, wird nicht nur durch seine persönliche Stellung und seine traurigen Lebensverhältnisse, sondern auch durch die schriftstellerischen Mängel erklärt, deren wir gedacht haben. Durch seine inhaltsvollen, nicht selten inhaltsschweren Briefe und durch die von ihm im persönlichen Verkehr ausgehende mächtige Anregung konnte er stets nur bei Einzelnen und im Einzelnen wirken. Allein er verzagte und rastete nicht in der trostlosen Gegenwart. – »Was sind die sämmtlichen Leiden des jungen Werthers gegen den Druck«, sagt er einmal, »worunter ich gottlob schon sieben Jahre in meinem Vaterlande als ein Palmenbaum getrieben!« – Und er schaute auch mit ruhigem Vertrauen, oder heißen wir's Selbstbewußtsein, in die Zukunft. Die Worte, welche er einmal (Brief vom 11. Februar 1762) an Mendelssohn schreibt, sind ganz abgesehen von der augenblicklichen Veranlassung und Beziehung, interessant und bezeichnend genug: er appellirt an die Zeit, »die alle Fragen beantworten wird in meinem Namen, denn sie erobert, aber erfüllt auch alles.« Darin hatte er sich nicht betrogen. Die Zeit eroberte und erfüllte alles früher, als er gerechnet haben mochte. Denn Herder war schon da, Herder, der wie wir schon oben sagten, von Hamann ausgehend, die Ideen und Lehren desselben zur Klarheit durch- und weiterbildete, verkündete und anwandte, und den »Magus im Norden« trotz aller Mängel und Schwächen zu der Bedeutung erhob, die wir ihm, wo wir nicht blind und kleinlich sein wollen, ein für allemal zugestehen müssen. Johann Gottfried Herder wurde am 25. August 1744 zu Mohrungen, einer kleinen Stadt Ostpreußens, als Sohn eines Mädchenschullehrers geboren. Ausgerüstet mit einem unstillbaren Wissenstrieb, fand er zwar bei zwei Geistlichen seiner Vaterstadt, Willamov und Trescho, beide auch literarisch thätig und bekannt, freundliche Aufnahme und Unterstützung, sowie auch die wackeren und frommen Eltern nach Kräften für die Erziehung des reich begabten Knaben sorgten; allein die Verhältnisse blieben so eng und drückend, daß der Arme nur allzubald und allzutief des Mißverhältnisses zwischen dem leidenschaftlichen Aufwärtsstreben seines Geistes und dem Druck des häuslichen Lebens inne werden mußte. An diese Zeit hat selbst der spätere Mann niemals anders als mit Trauer und auch mit Bitterkeit zurückgedacht, und zwar mit vollem Recht. Denn die damals empfangenen Eindrücke sind, niemals überwunden, für sein ganzes Leben und seine ganze Entwickelung verhängnißvoll geworden. Als ihm die Aussicht zum Studiren anscheinend völlig abgeschnitten war, ging er mit einem russischen Regimentschirurgus 1762 nach Königsberg, um – es klingt unglaublich! – bei ihm die Chirurgie zu erlernen und dadurch womöglich zum Studium der Medicin zu gelangen. Allein schon nach kurzer Zeit erkannte er seine vollständige Unfähigkeit für eine solche Laufbahn und wandte sich, trotz seiner verzweiflungsvollen Lage der Theologie zu. Privatstunden, die Unterstützung einzelner freundlicher Menschen, endlich auch ein kleines Stipendium halfen ihm fort, und als er schon im Jahre 1763 zum Unterricht an dem Collegium Fridericianum berufen wurde, waren die Erfolge seiner Lehrthätigkeit so überraschend, daß er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte und sich eine steigende Achtung und Theilnahme erwarb. Hier ist neben Kant, dessen fleißiger Zuhörer und Schüler Herder war, vor allem Hamann zu nennen, mit dem er schon früh in eine sich immer enger und inniger gestaltende Verbindung trat. Hier lernte er nicht nur die englische Sprache kennen, sondern wurde auch zuerst mit Ossian und Shakespeare bekannt, während er sich ungefähr zugleich, vorzüglich durch Kant, in Rousseau's Schriften eingeführt sah. So wurde seine Neigung zu dem Natürlichen und Volksthümlichen von allen Seiten geweckt und gefördert und Hamanns Hinweis auf die ursprüngliche Poesie der Bibel und des Volkes traf bei ihm, der von Jugend auf schon selber in der heiligen Schrift daheim war, auf das lebhafteste Verständniß. Daß ein so empfänglicher und nie rastender Geist endlich der deutschen Literatur und dem, was auf diesem Gebiete geschah, nicht fremd blieb, braucht kaum noch gesagt zu werden. Die »Literaturbriefe« und ihre Kritik zogen ihn mächtig an. Im Jahre 1764 ging er als Collaborator an die Domschule in Riga, wo er sich von neuem viel Theilnahme und gute Freunde erwarb und eifrig fortstudirte, bis er dann vom Jahre 1767 rasch hintereinander mit drei kleinen Schriften hervortrat – »Fragmente, die neuere deutsche Literatur betreffend,« – »Ueber Thomas Abbts Schriften«, und »Kritische Wälder«. In der ersteren Schrift schloß er sich an die »Literaturbriefe« an, in der letzten theils an Lessings Laokoon, theils erhob er sich gegen jenen Philologen Klotz, den wir auch mit Lessing im Streit fanden. Schon hier betrat er mit festem Schritt das Gebiet der Kritik und Aesthetik, wo sein Einfluß der größte und seine Bedeutung für unsere Literatur und Bildung die höchste werden sollte, schon hier dem Kern der wirklichen Poesie und dem wirklichen poetischen Verdienste der Dichter nachforschend und zuerst den vollen Einblick in Homers Gesänge eröffnend. Diese Schriften machten überall den bedeutendsten Eindruck. Was aber ihre Wirkung besonders vermehrte und Herders Ansehen und Einfluß steigerte, war, daß er die schriftlich aufgestellten Anschauungen und Lehren alsbald sozusagen persönlich fortführte und weiter verbreitete, als er nach einer lehrreichen Reise nach Frankreich und Paris im Jahre 1769 eine Stelle als Instructor und Reiseprediger bei dem Sohne des Fürstbischofs von Holstein-Eutin annahm. Auf der Fahrt zu seinem Zögling kam er nach Hamburg, wo damals noch Lessing weilte und einen Kreis hochbegabter Menschen um sich vereinigte; nach dem Antritt der eigentlichen Reise, 1770, traf er in Darmstadt auf Merck und lernte durch ihn Caroline Flachsland kennen, mit welcher er sich schon demnächst verlobte und den Briefwechsel begann, der zu den lesenswerthesten und stoffhaltigsten Büchern dieser Art in unserer Literatur gehört. Denn es sind darin nicht bloß die beiden Menschenkinder selber, die uns wahrhaftig schon eigenartig genug entgegentreten und unsere Theilnahme und unser Interesse fesseln, sondern es eröffnen sich auch von Seite zu Seite immer neue Einblicke in die Zustände des socialen und literarischen Lebens dieser Zeit und dieser Gegenden, und einen Verein von – man möchte sagen: Geistern und Herzen, wie wir ihn kaum jemals irgendwo wiederfinden. Von Darmstadt führte die Reise nach Straßburg, wo Herder sich aus seiner Stellung bei dem Prinzen frei machte und eines alten Augenleidens wegen zurückblieb, für das er hier Heilung suchte. Und nun, im Winter von 1770 auf 1771 wurde die Bekanntschaft mit Goethe gemacht, die für Beide persönlich nicht nur, sondern auch für die Entwickelung unserer Literatur von höchster Bedeutung werden sollte. Hier drang Herder immer tiefer in Ossian und Shakespeare, in die Griechen ein, er wandte der Volkspoesie und dem Volksliede eine steigende Aufmerksamkeit zu und zog mit wunderbar anregender und fesselnder Kraft Goethe und dessen Freunde sich nach; nicht bloß hier, sondern auch, als er im Mai 1771 nach Bückeburg als Hauptpastor und Consistorialrath gegangen war: die Verbindung wurde fortan nicht mehr gelöst – wie herb und kalt, ja wie unfreundlich Herder sich auch gab, Goethe ließ ihn nicht wieder los. Die Studien gingen in den erschlossenen Bahnen weiter, alles was Herder schrieb, war von tiefgreifendster Wirkung; die beiden Abhandlungen »Ueber den Ursprung der Sprachen«, und »Ursachen des gesunkenen Geschmacks«, gewannen die Preise der Berliner Akademie; zwei andere in den Blättern »Von deutscher Art und Kunst«, – »Ueber Ossian und die Lieder alter Völker« und »Shakespeare« sind gradezu epochemachend. Ihnen folgten die »älteste Urkunde des Menschengeschlechts« und andere von kaum geringerer Bedeutung. Im Frühling 1773 hatte er endlich die Braut heimgeführt, was nicht nur für die erwähnten Arbeiten, sondern auch für seine Gesundheit und Stimmung von den wohlthätigsten Folgen war. Nach dem Tode seiner Gönnerin, der Gemahlin des Grafen, wurde ihm jedoch seine Stellung zu Bückeburg entleidet, und 1776 folgte er dem Rufe Goethe's nach Weimar als Oberpfarrer und Generalsuperintendent. Hier ist er fortan geblieben, in rastloser Thätigkeit und frischer Strebsamkeit, für welche die Schriften dieser Zeit vollgültiges Zeugniß ablegen, die »Volkslieder«, die »Lieder der Liebe«, »Vom Geiste der ebräischen Poesie«, »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« u. s. w. – Von den letzten achtziger Jahren an erscheint an ihm eine zunehmende Verstimmung und Verbitterung – schon der Briefwechsel mit seiner Frau während seiner Reise nach Italien 1788-1789, enthält die auffälligsten Spuren –, hervorgerufen nicht nur durch die Häufung seiner Amtsgeschäfte, sondern auch durch zunehmende Kränklichkeit, und entfremdet ihn allmälig immer mehr dem glänzenden Weimar'schen Kreise und den alten Freunden und läßt ihn, sei es vereinsamen, sei es in Regionen zurückweichen, die nicht die seinen waren. Es ist traurig zu verfolgen, wie Mißmuth und Mißtrauen, Mißgunst und wie immer solche Feinde des gesunden und klaren Menschen geheißen werden mögen, sich fester und fester in ihm setzen, ihn von aller Welt entfernen, ihn aus der reinen Höhe herunterziehen. Von den Schriften dieser Zeit nennen wir nur die »zerstreuten Blätter«, mit den »Blumen aus der griechischen Anthologie und den morgenländischen Dichtern«, »Parabeln« und »Legenden«, und außer mehreren kritisch philosophischen Schriften, »Kalligone«, »Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft«, durch die er auch mit Kant und seinen Schülern brach, sein letztes, treffliches Werk, den nach spanischen Romanzen gedichteten »Cid«, der erst nach seinem Tode vollständig erschien. Er starb am 18. December 1803 – wir müssen leider hinzusetzen: zu spät für seinen Ruhm. In der Geschichte unserer Poesie tritt Herder nirgends in den Vordergrund. Das was er hier, aus dem eigenen Geiste schöpfend, selbstständig zu leisten versuchte, ist im Gegentheil von meist sehr geringer Bedeutung und bleibt, allegorisirend und didactisch, im Allgemeinen hinter der zeitgenössischen Dichtung zurück. Der lebendig ringende und treibende, poetisch schöpferische Geist ist in ihm in noch geringerem Grade mächtig gewesen als in Lessing. Dieser gesteht es in seiner nie getrübten, wunderbaren Klarheit und seiner, von keinen Ausflüchten und Beschönigungen, von keiner Selbsttäuschung wissenden Wahrheit und Wahrhaftigkeit, wie wir erfuhren, ruhig ein, daß er mit seinen dichterischen Arbeiten nichts beabsichtigte, als sich auch einmal in diesem oder jenem Genre zu versuchen und seine Kraft zu prüfen. Bei Herder könnte man beinah' zuweilen auf um vieles andere, gewissermaßen augenblickliche Motive rathen: es scheint in ihm wohl einmal etwas wie ein Nachahmungstrieb, wo nicht gar eine Art von Eifersucht auf das Blühen und Duften um ihn her rege geworden zu sein, etwas wie eine, in herbem Selbstbewußtsein wurzelnde Empfindung: das kann ich auch. Dagegen ist Herders Geist von einer Empfänglichkeit, von einer Hingebungs- und Ausfassungsfähigkeit und von einer Reproductionskraft, wie wir diese Gaben kaum jemals in einem anderen in solchem Verein und in solcher Schärfe ausgeprägt wiederfinden werden. Und hier ist es, wo Herders unvergängliche Größe begründet ist. Von Rousseau ausgehend, schreitet der unter Hamanns Augen entwickelte und durch dessen Geist genährte Herder alsogleich weit über jenen hinaus, indem er die allein auf staatliche und gesellschaftliche Verhältnisse gerichtete Grundanschauung desselben zuerst mit voller Klarheit aufnimmt, weiterbildet und auf die sozusagen geistigen Urzustände der Völker in der Poesie, der Religion und Geschichte überträgt. Er geht überall rastlos den ersten Aeußerungen des menschlichen Geistes nach; er führt die Kunst und Bildung der neuen Zeit so weit es möglich auf die ursprüngliche Einfachheit, Reinheit und lebenskräftige Frische zurück und sucht sie hier zu begründen. So entdecken wir mit ihm den innigen Zusammenhang der Poesie mit der Religion, Geschichte und Philosophie und erkennen die erstere, deutlicher und entschiedener als bei Hamann, als die Muttersprache des menschlichen Geistes und Geschlechts. Sie, die Poesie ist daher auch, wie Goethe es ausspricht, kein Privaterbtheil einzelner Bevorzugter und Gebildeter, sondern eine allgemeine Welt- und Völkergabe. Von dieser Grunderkenntniß und Grundbestimmung ist der Schritt zum Volk und zu seiner Dichtung ein naher und gegebener. Herder hat ihn denn auch mit einer Klarheit und Sicherheit gethan, wie keiner vor ihm, und sein rastlos nach Ausbreitung strebender Geist und sein freier Blick haben sich nicht durch Zeit und Raum binden lassen, sondern dringen in alle Zeiten und zu allen Völkern; sie erschließen uns die Regungen und Offenbarungen ihres Geistes in ihrem Entstehen, ihrem nationalen Character und ihrem historischen Zusammenhange; sie versetzen uns mitten hinein in ihr tiefstes und edelstes Leben. Und indem Herder mit seiner schon erwähnten, wunderbaren Feinfühligkeit und Empfänglichkeit, mit seiner Aneignungs- und Reproductionskraft dies Leben entdeckt und in sich aufnimmt, es in sich verarbeitet und zu seinem eigenen macht und es endlich, erfüllt von seinem, dem deutschen Geist und Leben, von neuem entstehen und hervortreten läßt, – so stellt er einen großartigen Wechselverkehr zwischen dem deutschen Geiste und demjenigen aller anderen Zeiten und Völker her und erfüllt und befruchtet den ersterern mit dem der letzteren. Das ist der Universalismus , der in Herders Vorgängern, in Wieland und Lessing, nur angedeutet, bei ihm und durch ihn zuerst zur vollendetsten Ausprägung gelangt; der Universalismus, der nach dem Durchgang durch die gewaltigen Geburtsstürme unserer großen Dichtungsperiode ihren eigenthümlichen Character verleiht und sie zur klassischen erhebt und die gesammte deutsche Bildung erfüllt und beherrscht. Das ist Herders großes Werk und sein unvergängliches Verdienst. Aber wie seine Stärke, so ist hier auch seine Schwäche. Denn wie wir in ihm das Bestreben und auch die Fähigkeit finden, sich überallhin auszubreiten, so fehlt es ihm an dem einen, wie an der anderen, zum Abschluß zu gelangen. Er ist der offenbarende und anbahnende Geist, nicht der ausführende und gestaltende. Wo er aufhört, da tritt Goethe ein. In Herders »Volksliedern«, die uns mit allen Nationen in Verbindung setzen, und nicht minder im »Cid« zeigt sich seine ganz eigenartige Begabung, die Aufnahms- und Reproductionsfähigkeit, im glänzendsten Licht; der »Cid« zumal ist durch ihn ein deutsches Gedicht von größter Schönheit geworden. Seine Prosa ist häufig voll Leben und Frische, ja von wirklicher Schönheit, erreicht jedoch ebensowenig wie der Geist den Geist, jemals die wundervolle Klarheit und bewußte Ruhe Lessings. Der unwiderstehliche, zauberhafte Reiz, den Lessings Schriften noch heute auf den Leser ausüben, fehlt den Herder'schen. Sie befriedigen uns, aber sie fesseln uns nicht.   Vierter Abschnitt. Von der Stiftung des Hainbundes bis zur Rückkehr Goethe's aus Italien (1788). 18. Die Universität zu Göttingen, welche 1737 eröffnet wurde, war von Anfang an das geliebteste Pflegekind des hannöverisch-englischen Königshauses gewesen und hatte sich durch die liebevolle und einsichtige Sorgfalt ihres Curators, des Freiherrn Gerlach Adolf von Münchhausen und durch die liberale und großartige Unterstützung der Regierung rasch zu einer, in Deutschland kaum noch gekannten Blüthe erhoben. Eine eigentliche Theilnahme für die vaterländische Literatur haben wir unter den großen Lehrern Göttingens allerdings nicht zu suchen, im Gegentheil sah man nicht nur jetzt, sondern auch noch später ein wenig vornehm auf derartige Bestrebungen hinab – die Frage eines von diesen alten Göttingern an den ihn besuchenden Wieland: »Sind Sie der Wielandus, der den tractatum de Oberone ediret hat?« soll als wunderbar bezeichnend unvergessen bleiben. Haller war längst in die Schweiz zurückgekehrt; Kästner hatte, wie wir erfuhren, nur ein sehr beschränktes Feld seiner poetischen Thätigkeit, Und Lichtenberg war noch ohne Namen und Einfluß. Aber das wissenschaftliche Leben war ein sehr reges und zugleich, zumal durch Heyne , den großen Philologen, vertieftes; der Einfluß der englischen Literatur und Wissenschaft war hier, in Folge von Göttingens eigenthümlicher Stellung zu England, ein um vieles, unmittelbarerer als im übrigen Deutschland; die reiche Bibliothek empfing alles hieher Gehörende in größter Vollständigkeit und früher als jede andere; und das berühmte Universitätsblatt, die »Göttinger Anzeigen von gelehrten Sachen« gab davon überall hin Nachricht. So wird es erklärlich, daß zumal bei dem ungemeinen Interesse und dem außerordentlichen Einfluß, welchen die englische Literatur grade jetzt in ganz Deutschland gewonnen hatte, Göttingen trotz seiner abweisenden Kälte und Vornehmheit, dennoch eine unwiderstehliche Anziehungskraft für alle besaß, welche sich ernster solcher Richtung zuwandten, ja sie nicht selten erst in dieselbe hineintrieb, und dadurch der Sammelplatz der jungen Leute und die Geburtsstätte ihres Bundes wurde, mit dem die neue Periode unserer poetischen Literatur beginnt. Es ist das letzte Beispiel von jenen jugendlichen dichterischen Verbindungen, wie wir sie vordem in Leipzig und Halle entstehen und wirksam werden sahen. Heinrich Christian Boie , geboren 1744 zu Meldorp in Dithmarsen und gestorben ebendaselbst 1806, ein begabter und geschmackvoller, aber nicht productiver Kopf, wie wir ihn auch in dem Gründer und Leiter der »Bremer Beiträge«, Gärtner , kennen lernten, war es, der sich im Jahre 1769 mit Friedrich Wilhelm Gotter (geboren zu Gotha 1746 und gestorben daselbst 1797), zu der Herausgäbe eines Musenalmanachs nach französischem Vorbilde verband. Von Kästner mit Rath und That unterstützt, ließen sie den ersten Jahrgang 1770 erscheinen, der jedoch, wie auch die erwähnten Vorbilder, mehr nur eine Auswahl aus neuen poetischen Schriften, als wirkliche Originalbeiträge bot. Er wurzelte, abgesehen von der Neigung der beiden Herausgeber zu der französischen Eleganz, zu den epîtres und sogenannten poésies fugitives , noch ganz und gar in der bisherigen Literaturrichtung und läßt uns Klopstock und Ramler, Denis und Willamov, Gleim und die Karschin, und wie sie sonst heißen, entgegentreten. Aber schon beim zweiten Jahrgange änderte sich dies einigermaßen, da Boie, der nach Gotters Abgang den Almanach allein herausgab, nicht nur eine Menge auswärtiger literarischer Bekanntschaften heranzog und zur Zuführung von neuen Mitarbeitern veranlaßte, sondern auch in Göttingen selber bald alles, was nur einen Vers zu machen verstand, um sich vereinte. Denn das Unternehmen fand bei den Schriftstellern nicht weniger gute Aufnahme als beim Publikum, da es ihnen die beste Gelegenheit bot, in bester Gesellschaft und unter zierlicher Form in die weitesten Kreise zu gelangen. So finden wir denn von den Göttingern bei Boie schon 1770 Bürger , der gleich darauf auch bereits Hölty und Johann Martin Miller heranführte, denen sich wieder Andere, wie ein Vetter Millers und Wehrs anschlossen. Im Frühling 1772 kamen Johann Heinrich Voß , Karl Friedrich Cramer , der Sohn des Klopstock-Freundes, und Johann Friedrich Hahn aus dem Zweibrückischen, die beiden Letzteren von Anfang an voll einer Art von ekstatischer Verehrung für Klopstock und sein Bardenthum, in welche sie alsbald auch Voß hineinrissen. Man bildete zu dieser Zeit bereits ein poetisches Kränzchen, allein der eigentliche und rechte Hainbund wurde erst am 12. September 1772 geboren, als Voß, Hahn, Hölty, die beiden Miller und Wehrs Abends auf ein benachbartes Dorf gingen, dort Milch aßen, dann in einem nahen Eichenwäldchen sich mit Eichenlaub schmückten, im Mondschein tanzten und sich ewige Freundschaft schworen. Von nun an gewannen die samstäglichen Zusammenkünfte einen anderen Character, sie wurden feierlicher und sozusagen tendenziöser: man feierte und erhob Klopstock nebst allen Urdeutschen bis in den Himmel, während man Wieland als »Sittenverderber« sterben ließ und seine Bücher verbrannte. Man gab sich alte Namen, man schwärmte für Freundschaft, Natürlichkeit, Vaterland und Freiheit und erging sich im Franzosenhaß. – Der arme Boie, der auf den Ehrenstuhl gesetzt war und »Werdomar« geheißen wurde, mag sich unter dieser wilden Gesellschaft zuweilen wie verrathen und verkauft vorgekommen sein. Denn er als feingebildeter Mann, der nach allen Seiten hin und selbst zu dem verketzerten Wieland in nahen Beziehungen stand, konnte der Engherzigkeit und Verschrobenheit, wie sie häufig genug hervorgekehrt wurde, unmöglich Geschmack abgewinnen. Und auch andere, wie Cramer und die beiden Grafen Christian und Friedrich Leopold Stolberg , scheinen dem innersten Bunde trotz aller Freundschaft niemals ganz für voll gegolten zu haben – der Standesunterschied und die Standesgewöhnung ließen sich eben nicht ganz zum Schweigen bringen. Durch die Stolberge, welche im Herbst 1772 mit ihrem Hofmeister Clausewitz eintrafen, kam nicht nur das neue Element des gesteigerten Freiheitsdranges und des grimmigsten »Tyrannenhasses« heran, sondern erlangte der Bund auch, was er am leidenschaftlichsten ersehnte, eine wirkliche Verbindung mit dem vergötterten Klopstock. Denn mit den Stolbergen war er persönlich bekannt, durch sie erfuhr er von den Göttingern, durch sie sandte er ihnen die Aushängebogen des Messias, jedem Mitgliede »einen Kuß und einen Kupferstich«, sprach ihnen seine volle Zufriedenheit aus und gedachte des Bundes in seiner wunderlichen »Gelehrtenrepublik« auf das lobendste. Denn Klopstock, der – es muß schon gesagt werden – in Ansehung der Eitelkeit seines Gleichen suchte, mußte sich durch die ihm hier gewidmete Begeisterung um so mehr geschmeichelt fühlen, als die damaligen Stimmführer der Literatur bereits angefangen hatten, sich kühler und kühler von ihm abzuwenden. Hier, bei den Göttingern, fand er noch alles, wie in seiner schönsten Zeit – seine Geburtstage waren die Feste des Bundes und wurden mit einem Aufwände, ja mit einer Uebertreibung des Enthusiasmus gefeiert, die uns Heutige halb bestürzt, halb lachen macht. Diese Steigerung zum durchaus Maßlosen und für uns völlig Unverständlichen, findet sich allerdings in dieser ganzen Zeit und überall wieder und durchdringt mehr oder weniger die ganze Gesellschaft. Sie zeigt sich uns aber nirgends – sagen wir gesteigerter, als unter den Göttingern: man möchte glauben, die derbe norddeutsche Natur der Meisten habe einmal aufgeschüttelt, nun auch tollere Sprünge hervorgerufen, als wir es bei den leichter und seiner organisirten, gleichzeitigen Rheinländern zu beobachten haben. Man muß nur einmal bei Voß den Bericht über die Tage lesen, an denen man im Herbst 1773 Abschied von den Gebrüdern Stolberg nahm: es werden Fluthen von Thränen vergossen, alles wird bleich vor Schmerz und fast ohnmächtig vor »fürchterlicher« Wehmuth. Die Kunde von diesem Bunde und seinem Treiben verbreitete sich weithin durch Deutschland und ließ ihm überall eine steigende Aufmerksamkeit zuwenden und fast alles, was sich dichterisch angeregt fühlte, mit ihm in Verbindung treten – sei es auch nur durch den »Musenalmanach«, der ob auch eine Art von Bundesorgan, dennoch auch für jeden Anderen zugänglich blieb, so daß er zumal in den Jahrgängen 1773 und 1774 und überhaupt, bis Boie 1776 die Leitung an Voß überließ, gewissermaßen die Haupturkunde der neu entstehenden deutschen Lyrik ist. An Wichtigkeit kommt ihm selbst die von J. G. Jacobi 1774 gegründete Zeitschrift »Iris« nicht völlig gleich. In ihm erschienen alle die besten Lieder von Bürger, Hölty, Stolberg, Voß und neben ihnen Matthias Claudius , der Wandsbecker Bote, Friedrich Daniel Schubart , der alte Klopstockianer und Tyrannenhasser, und außer anderen mehr oder minder Bekannten, vor allen Goethe , der schon zu Wetzlar durch Gotter in »einige Berührung« mit den Göttingern gebracht war. So vermittelte der Musenalmanach eine lebhafte Verbindung unter den überall auftauchenden jungen Dichtern und zugleich eine eigenthümliche Vereinigung der anscheinend verschiedenartigsten Richtungen. Denn gerade der Almanach belehrt uns, daß der Klopstock- und Bardenkultus, in welchem man lange Zeit die Göttinger gipfeln zu sehen wähnte, die jungen Köpfe keineswegs völlig erfüllte und betäubte, sondern ihnen noch ein rechtes Verständnis für die neuen Zeitströmungen übrig ließ. Durch dies Verständniß und durch die Hingebung an die neue Richtung grade sind sie für die Entwickelung unserer Literatur erst wirklich bedeutend geworden. Auch außer Bürger, der dem Klopstock'schen Einfluß niemals unterlag, und unter den Uebrigen und zum Bunde überhaupt eine unabhängige und selbstständige Stellung einnahm, finden wir bei allen den gleichen Zug zum Volksthümlichen und die mächtige Wirkung von Herders Lehre über das Wesen der ächten Volkspoesie. Von der Engherzigkeit und Feindseligkeit, welche uns in der Bundesspielerei begegnet, ist im Almanach wenig zu entdecken. Hier stellen sich die jungen Dichter nicht bloß mit den kalten Oden, sondern ganz ungenirt mit jenen von Klopstock verpönten, gereimten und wirklich volksthümlichen Liedern ein, die bald zum Gemeingut der Nation wurden und ihnen um so mehr alle Herzen gewannen, als der Almanach häufig sogar die leichtfaßliche und singbare Musik dazu lieferte. Wer kann sie alle nennen, die Lieder, die, wenn auch nicht alle grade im Almanach gedruckt, doch aus diesem Kreise hervorgingen, sie, die unsere Vorväter erfreut und die noch heute geliebt werden und, wo sie erklingen, die Augen hell aufblicken lassen! Wir müssen uns schon begnügen, nur wenige anzuführen, wie vor allen anderen das schöne Abendlied von Claudius – »Der Mond ist aufgegangen, – Die goldnen Sternlein prangen – Am Himmel hell und klar«; – sein »Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher!« – das herrliche »Stimmt an mit Hellem, hohem Klang;« – »Es stand ein Sternlein am Himmel;« – »War einst ein Riese Goliath;« – »Wenn jemand eine Reise thut.« – Von Bürger : »O was in tausend Liebespracht – Das Mädel, das ich meine, lacht!« – »Herr Bachus ist ein braver Mann;« – »Ich will einst bei Ja und Nein;« – »Ach könnt' ich Molly kaufen!« – Von Hölty : »Ueb' immer Treu' und Redlichkeit;« – »Rosen auf den Weg gestreut;« – »Wer wollte sich mit Grillen plagen;« – »Mir träumt, ich wär' ein Vögelein;« – »Dein Silber schien durch's Eichengrün.« – Von J. M. Miller : »Was frag' ich viel nach Geld und Gut;« – »Auf, ihr meine deutschen Brüder;« – »Das ganze Dorf versammelt sich;« – »Traurig sehen wir uns an.« – Von F. L. von Stolberg : »Süße, heilige Natur;« – »Mein Arm wird stark und groß mein Muth;« – »In der Väter Hallen ruhte.« – Von Voß : »Die Lerche sang, die Sonne schien;« – »Tanzt Paar um Paar den Ringeltanz;« – »Seht den Himmel, wie heiter;« – »Das Mägdlein, braun von Aug' und Haar;« – »Ich saß und spann vor meiner Thür.« – Von Schubart : »Auf, auf, ihr Brüder und seid stark!« – Von Göckingk : »Der Himmel ist so trübe.« – Von Overbeck : »Blühe, liebes Veilchen;« – »Warum sind der Thränen – Unterm Mond so viel?« – »Wer gleichet uns freudigen Fischern im Kahn?« – »Das waren mir selige Tage.« – Der Sommer 1774 brachte dem Bunde noch allerhand Gutes: Klopstocks fünfzigster Geburtstag wurde auf das feierlichste begangen; an diesem Tage wurde Johann Anton Leisewitz (1752-1806) als Mitglied aufgenommen, der einzige Dramatiker in dieser Runde. Er hat nur ein einziges Stück geschrieben, den »Julius von Tarent«, ein achtes Kind der Sturm- und Drangperiode, das von Lessing anfangs für eine Arbeit Goethe's gehalten wurde und ihn später zu dem hübschen Ausspruch veranlaßte: Leisewitz habe nur ein Junges geworfen, aber es sei ein Löwe gewesen. – Endlich, im Herbste kam Klopstock selber nach Göttingen und weilte einige Tage bei den jungen Leuten, deren Selbstgefühl dadurch aufs mächtigste erweckt wurde. – Er hatte, wie es hieß, »mit dem Bunde große Dinge vor«, und für diesen und sein Fortbestehen und seine Wirksamkeit trugen sich auch die Mitglieder selber mit allerhand abenteuerlichen Plänen. Allein das alles zerfiel in nichts. Die Zeit war erfüllt. Die Studenten zogen in die Heimat und suchten und fanden diese oder jene Stellung. Einige starben, andere verdarben und noch andere wurden endlich zu bittern Feinden. Die Musenalmanache – als Boie 1776 die Redaction an Voß überließ, erschien fortan nicht nur dieser, sondern auch ein zweiter in Göttingen, von Bürger u. s. w. herausgegeben – und Boie's neue, treffliche Zeitschrift! »Das deutsche Museum« erhielten zwischen den alten Freunden allerdings einstweilen noch einen gewissen äußerlichen Zusammenhang. Allein allmälig lockerte sich auch dieser, und die spätere Thätigkeit und Bedeutung der Hainbündler wird von Jahr zu Jahr mehr eine nur noch vereinzelte und persönliche. 19. Es ist bemerkenswerth, daß die Entwickelung aller dieser, unleugbar großen Talente, eine beschränkte geblieben, ja sogar meistens bald ins Stocken gerathen ist und – mit einer einzigen Ausnahme – nicht eines sich über seine frischen und reichen, verheißungsvollen Anfänge recht zu erheben vermochte. Nur derjenige, der an eigentlich dichterischer Begabung den Meisten entschieden nachstand, Johann Heinrich Voß, ist wirklich fortgeschritten und hat, wenn auch auf anderen Gebieten als denen seiner Göttinger Schwärmzeit, eine Bedeutung gewonnen, die für seine Zeit nicht nur, sondern für die Gesammtentwickelung unserer Literatur niemals verkannt, noch unterschätzt werden darf. Nicht wenige von den Mitgliedern verschwinden alsbald vollständig, andere starben schon früh. Zu den Ersteren gehört Leisewitz , der, wie schon bemerkt, nur den einzigen »Julius von Tarent« schrieb. Zu den Anderen zählt vor allen Ludwig Heinrich Christoph Hölty , geboren 1748 zu Mariensee bei Hannover, der schon 1776 starb. Hölty ist, ob auch nur in beschränktem Kreise, doch eine ächt dichterische Natur. In sich gekehrt, sentimental, träumerisch und melancholisch, unbeholfen und Sonderling im täglichen Leben, hat er den Barden- und Freiheitsschwindel seiner Bundesfreunde allerdings gutmüthig auch getheilt und sich in Oden und sogar Balladen versucht, die jedoch sämmtlich als mißlungen anzusehen sind. Die Naturbetrachtung und die Freude an der Natur, durchzogen von einer leisen Todesahnung, erfüllen seine gemüth- und empfindungsvollen, hin und wieder freilich auch empfindsamen Gedichte; hier aber zeigt er sich uns voll Innigkeit und Wahrheit, und da die Saite, welche er anschlägt, in jedem, zumal dem jugendlichen Menschenherzen einmal wiederklingt, so sind diese Lieder damals auf das herzlichste aufgenommen worden und auch heute noch nicht vergessen. Johann Friedrich Hahn , geboren um 1750 im Zweibrückischen, starb schon 1779. Er hat nichts mehr geleistet. – Karl Friedrich Cramer , geboren 1752, wurde Professor in Kiel, 1794 aber wegen seiner Schwärmerei für die französische Revolution entlassen. Er ist verkümmert, im Jahre 1807 gestorben. Auch von ihm besitzen wir nichts Nennenswerthes, es müßte denn ein mehrbändiges Buch, »Klopstock, Er und über ihn«, sein, in welchem die Verherrlichung des alten Meisters auf die Spitze getrieben wurde. Eine ganze Reihe von Namen übergehen wir und bleiben erst wieder bei Johann Martin Miller stehen, der 1750 zu Ulm geboren, daselbst 1814 als Decan und geistlicher Rath gestorben ist. Auch seine eigentlich dichterische Thätigkeit ist nach der Göttinger Zeit kaum noch sichtbar, dagegen erhebt er sich nun, 1776, zu der großen That seines Lebens, zu dem Roman »Siegwart. Eine Klostergeschichte,« – einem Buch, das Goethe's kurz zuvor erschienenen »Werther« noch – man möchte sagen: überwertherte und das Wertherfieber zur Siegwartstollheit steigerte. Die Empfindsamkeit, die Schönthuerei mit seinem sogenannten Herzen, die Thränen- und Schmerzschwelgerei erreicht hier eine Höhe, die für uns, wo sie nicht unsern Ekel erregt, völlig unverständlich bleibt und es räthselhaft erscheinen lassen muß, daß abgesehen von dem Beifall der entnervten Gesellschaft, sich trotz alledem selbst gewichtige Stimmen für das Werk erheben konnten und daß elende Nachahmungen es womöglich noch zu überbieten versuchten. – Prutz bezeichnet in seinem »Göttinger Dichterbund« Miller als »das wort- und thränenreiche Weib in der Gesellschaft der Stürmer und Dränger«. Das trifft wirklich auf das genaueste zu. – Die übrigen Romane Millers sind überhaupt keiner Erwähnung werth. Von den Brüdern Stolberg interessirt uns nur der jüngere, Friedrich Leopold , geboren 1750 in Holstein, gestorben 1819. Der ältere Graf Christian war nur so eine Art von Nachbeter und Mitläufer des jüngeren. Stolberg ist, wie wir aus den oben erwähnten Liedern und auch aus späteren einzelnen Arbeiten schließen dürfen, ein keineswegs unbedeutendes Talent, aber er ist ohne Character als Mensch und ohne Ernst und Tiefe in seiner dichterischen und künstlerischen Anschauung. Trotz seiner unausgesetzten Beschäftigung mit dem Alterthum – er übersetzte auch den Homer – findet sich bei ihm niemals eine wirkliche Hingebung an dasselbe, geschweige denn etwas wie ein rechtes Verständniß desselben. Trotz seiner Freiheitsschwärmerei oder, um es richtiger zu bezeichnen, Tyrannenfresserei, bleibt er der vollbewußte Edelmann von altem Namen und schlägt, da die französische Revolution ihn sozusagen beim Wort nimmt, in das extremste Gegentheil um. Am meisten wurden und werden ihm seine religiösen Wandelungen und sein endlicher Uebertritt zum Katholizismus verdacht – ob mit wirklichem, vollem Recht, das ist eine Frage, die denn wohl noch eine ernstere und unparteiischere Untersuchung verdiente, als ihr seit Vossens groben und schrankenlosen Angriffen stets zu Theil geworden ist. Es scheint uns die Möglichkeit einer Erklärung nicht ausgeschlossen zu sein, durch welche diese Seite von Stolbergs Wesen und diese Partie seines Lebens in viel milderem Lichte erscheinen muß und auch unser Urtheil ein milderes werden sollte. Die fromme, oder sage man immerhin, die pietistische Richtung, welche von den Hallensern ausgegangen war, wurde während des achtzehnten Jahrhunderts niemals verlassen, sie begegnet uns vielmehr, und nicht am wenigsten grade im mittleren Deutschland, gegen den Norden zu und in Holstein, in den höheren Ständen stets wieder. Sie gewinnt an Stärke durch die, wie wir es schon früher betonten, völlig naturgemäße, ja nothwendige Reaction gegen die sogenannte Aufklärung; wie diese steigert auch sie sich bis zum Extrem, ja bis zur Monstrosität und ruft Erscheinungen hervor, wie Hamann in seiner späteren Zeit, wie Lavater und den Teufelsbanner Gaßner , wie den Kreis der Fürsten Gallizin, wie das Wöllner'sche Religionsedict. Die Starken verfolgen unbeirrt ihren Weg, die Schwachen werden fortgerissen auf schwindelnde oder dunkle Bahnen. Und ein solcher Schwacher ist eben Fritz Stolberg, der viel geschmähte, während er uns im Grunde nur Bedauern einflößen sollte, daß er nach einem äußeren Halte greifen mußte, den der Stärkere und Klarere in sich selber findet. Was der Mensch sein sollte , darf unser Urtheil über ihn weniger bestimmen, als das, was er ist und seiner Anlage nach zu sein vermag . Wir sind nicht alle Helden im Leben und noch weniger im Geist. Zu ganz der gleichen nachsichtigen und schonenden Anschauung müssen wir uns erheben, wenn wir einigermaßen gerecht, ja in diesem Falle gradezu gesagt – menschlich über denjenigen urtheilen wollen, der uns zunächst entgegentritt: das ist Gottfried August Bürger . Wir begegnen in Bürger einem Menschen, dessen Leben, und einem Dichter, dessen Dichten in nur allzutrauriger Verwandtschaft mit dem armen Christian Günther steht, dessen wir früher gedacht haben. Wie dieser hat auch Bürger persönlich sein ganzes Lebenlang mit Noth und Jammer zu kämpfen gehabt und unter Geringschätzung und Verkennung, ja nackter Mißhandlung gelitten; freilich, weil er, wiederum wie Günther, niemals der trübseligen Verhältnisse Herr zu werden vermochte, vielmehr sie häufig genug durch seine Schwäche und Characterlosigkeit erst hervorrief und bis zum Unerträglichen sich steigern ließ. Und noch einmal wie Günther hat auch er das Unglück, daß man von seiner Persönlichkeit und seinen persönlichen Verhältnissen bei der Betrachtung und Beurtheilung seiner Dichtungen nicht ganz abzusehen vermag, da der Einfluß der Ersteren in den Letzteren nur allzuhäufig und allzuverderblich zur Geltung gelangt und Bürger niemals zu dem werden und das erreichen ließ, wozu ihn sein Talent berechtigte und was es ihm unter günstigeren Umständen gewährt haben würde. Denn dieses, sein dichterisches Talent ist von der Art, daß wir unter unseren Dichtern nur wenige seines Gleichen und kaum eines oder ein paar finden, die ihm wirklich überlegen gewesen sind. Bürger wurde 1748 zu Wolmerswende im Halberstädtischen geboren, wo sein Vater Prediger war. Doch kam er schon früh zu seinem Großvater und wurde von diesem alsbald nach Halle aufs Pädagogium gethan, von dem er 1764 zur Universität überging, um Theologie zu studiren. Hier hatte, wie man sagt, der Philologe Klotz , den wir mit Lessing und Herder in Streitigkeiten verwickelt fanden, den schlimmsten Einfluß auf ihn und führte, ihn in das lockere Leben ein, so daß schon hier der Grund zu dem haltlosen Treiben gelegt wurde, in das er je länger desto mehr verfiel. Der Großvater rief ihn entrüstet zurück, ließ ihn jedoch später nach Göttingen gehen, um die Rechte zu studiren, zog dann aber, in neuer Entrüstung, die Hand völlig von ihm ab. Freunde unterstützten den völlig Mittellosen, Boie interessirte Gleim für ihn, nahm seine Gedichte in den Musenalmanach und bewirkte endlich 1772 seine Anstellung als Amtmann in Altengleichen bei Göttingen. Die Unterstützung, die ihm der Großvater jetzt gewährte, ging durch Betrug verloren; die Ehe, welche er 1774 schloß, wurde eine um so unglücklichere, als er bald entdeckte, daß er die jüngere Schwester der Frau liebte und Gegenliebe fand. Von der nächsten Zeit kann man nur sagen: es schlug ihm alles fehl, es ging ihm alles verloren, selbst die Achtung und Theilnahme seiner Umgebung, in Folge der schlimmen häuslichen Verhältnisse. Endlich legte er sein Amt nieder und ging nach Göttingen, um hier als Privatgelehrter zu leben. Aber er kam aus Hunger und Noth nicht heraus, und als seine Frau starb und er endlich die Geliebte – die gefeierte Molly – heirathen konnte, verlor er diese schon nach kurzer Zeit durch den Tod. Da war es denn mit ihm aus. Er wurde noch Professor in Göttingen; er ging noch einmal eine Ehe mit dem sogenannten »Schwabenmädchen« ein, das sich ihm brieflich antrug; sie wurde, leichtsinnig geschlossen, noch unglücklicher als die frühere und bald getrennt, und Bürger starb 1794, verzehrt von Krankheit und Sorgen, vereinsamt und mißachtet, verdüstert und gebeugt, bis zum Verhungern arm – ein deutscher Schriftsteller! Ueber seine Schwächen und Verirrungen wollen wir den Schleier des Schweigens und Vergebens decken. Sagen wir nur das Eine, daß es unter unseren großen Dichtern fast nur einen oder zwei gibt, welche von den ebenen und zahmen Pfaden des Lebens in der Glut und Leidenschaft der Jugend nicht einmal ungestüm auf die wilden und rauhen hinübergeschweift sind. Was ihnen zu Hülfe kam und sie rettete, günstige Verhältnisse, eine gesellschaftliche Stellung, nachsichtige und thätige Freunde – dem armen Bürger ist von dem allem wenig oder nichts zu Theil geworden. – Das wollen und dürfen wir nie vergessen. Von dem Klopstock-Schwindel und dem Bardenthum blieb Bürger stets frei; dem Hainbunde gehörte er, der zu dieser Zeit auch schon in Altengleichen hauste, sozusagen nur als »auswärtiges Mitglied« an. Seine Bildung wurzelte tief in den Alten, in Shakespeare, Percy und Herder; das volksthümliche Element spricht sich in seinen Dichtungen unter den Göttingern am reinsten und entschiedensten aus, wenn es sich allmälig auch mehr und mehr ins Rohe und Platte, in das rein Bänkelsängerische verliert. Dies gilt grade von der Ballade oder Romanze, in welcher Dichtungsart man sich gewöhnt hat. Bürgers Hauptverdienst zu finden, und er hat in der That hier die ersten Muster- und Meisterstücke geliefert, denen Goethe und Schiller, Uhland und so viele Andere nacharbeiten. Hier war Percy's Sammlung vom größten Einfluß auf ihn: mehr als eine seiner Balladen ist nur eine Bearbeitung der alten englischen Gedichte. Seine »Lenore« dagegen ist eine ureigene Schöpfung seines Geistes, ein mächtiges, nie wieder erreichtes Werk, das seinen Ruhm mit einem Schlage begründete und heut wie damals als ein Kleinod unserer gesammten Dichtung erscheint. Selbst Bürger hat, was er hier erreichte, niemals wieder zu Stande gebracht, obschon er noch manches Gute – z. B. »Das Lied vom braven Manne« – geliefert hat. Einen fast noch höheren Werth müssen wir Bürgers Lyrik zugestehen, nur muß man es bei ihm noch entschiedener als bei manchem anderen Dichter festhalten, daß man diese Lieder in ihrer ersten Gestalt liest, bevor die spätere Bearbeitung den ursprünglichen frischen Duft und Reiz von ihnen fortkünstelte. Dann finden wir in ihnen, zumal in den Liebesliedern, diesen Duft und Reiz, eine Tiefe der Empfindung, eine glückselige Heiterkeit, einen Wohllaut des Verses, die sie dem Schönsten an die Seite stellen, was wir besitzen. Der arme Bürger, dem das Leben schwerer bettete, als irgend einem Anderen, weiß nichts von dem gemachten Weltschmerz und all dem eingebildeten Herzensjammer, die später auch unsere Poesie zu einem Jammerthal gemacht haben, und wo einmal die Klage laut wird, ist auch sie voll Wahrheit und ein achter Schmerzenston des Herzens. – Das Sonett endlich hat Bürger nach langer Ruhe zuerst wieder aufgenommen und zu einer Vollendung erhoben, die noch heute nicht übertroffen ist. – Mit einem Worte, Schiller, der in einer bittern Recension Bürger herab- und sogar unter den Vers- und Reimspieler Matthisson setzte, hat Bürger weder von seiner Stelle in unserer Poesie, noch aus dem Herzen seiner Nation zu verdrängen vermocht, sondern zeigt nur, wie auch ein großer Geist sich einmal verirren und zur vollen Ungerechtigkeit steigern kann. Bürger hat sich selber sein Urtheil gesprochen und seine Grabschrift geschrieben in den wundervollen, herzergreifenden Zeilen: »Zwar ich hätt' in Jünglingstagen Mit beglückter Liebe Kraft, Lenkend meinen Götterwagen Hundert mit Gesang geschlagen, Tausende mit Wissenschaft. Doch des Herzens Loos, zu darben, Und der Gram, der mich verzehrt, Hatte Trieb und Kraft zerstört; Meiner Palmen Keime starben, Eines besseren Lenzes Werth.« Der Einzige, der an eigentlicher poetischer Begabung fast allen diesen Dichtern nachstand, dennoch aber nicht nur als solcher, sondern auch in anderer Richtung mehr geleistet hat und von größerer Bedeutung für unsere Literatur und Bildung geworden ist, als seine Gottinger Jugendversuche zu verheißen schienen, ist, wie wir oben sagten, Johann Heinrich Voß , geboren 1751 zu Sommersdorf in Mecklenburg und als Sohn eines verarmten Pächters in den dürftigsten Verhältnissen herangewachsen. Auf dem guten Gymnasium zu Neu-Brandenburg legte er einen tüchtigen Grund zu den klassischen Studien. Die deutsche Literatur, vor allen Ramler und Klopstock, gingen nebenher, die Liebe zur Natur und ein wirkliches Verständniß derselben fand sich schon in dem Jüngling ausgesprochen; Shakespeare, den er bald darauf kennen lernte, begeisterte ihn. Durch Gedichte für den Musenalmanach wurde er mit Boie bekannt und ging, wie wir erfuhren, 1772 nach Göttingen, um Philologie und neuere Sprachen zu studiren. Und dies führte er, trotz der Zerstreuungen des Bundeslebens und ohne darum die deutsche Literatur zu vernachlässigen, auf das gewissenhafteste durch. Auf einer Reise nach Hamburg und Holstein lernte er nicht nur Klopstock, sondern auch Boie's Schwester, Ernestine, kennen, welche bald schon seine Gattin werden sollte. Nach seinem Abgang von Göttingen privatisirte er bei Claudius in Wandsbeck, setzte, wie schon erwähnt, den Boie'schen Musenalmanach fort und begann schon hier die Uebersetzung der Odyssee. Dann wurde er Rector der Schule in Otterndorf, und kam einige Jahre später in der gleichen Stellung nach Eutin, wo er mit Friedrich von Stolberg wieder zusammen lebte, bis allmälig eine gegenseitige Erkaltung eintrat, welche, nach Stolbergs Uebertritt zum Katholicismus in die bitterste Feindschaft überging. Seiner geschwächten Gesundheit wegen ließ er sich 1802 pensioniren, lebte einige Jahre in Jena und folgte endlich 1805 einem Rufe an die Universität zu Heidelberg. Da lebte er, unausgesetzt thätig, bis an seinen Tod, der 1826 erfolgte. Voß ist eine derbe und ein wenig herbe, aber durchaus gesunde, norddeutsche Natur, in welcher die Klopstocks- und Bardenschwärmerei den gesunden, tüchtigen Kern, die Liebe zur Natur und das Verständniß für dieselbe, die ächt volksthümliche Richtung nicht zu übertäuben und zu verwirren vermochte. Seine volksthümlichen Lieder freilich leiden alle mehr oder minder an einer gewissen Nüchternheit und trockenen Verständigkeit und zeigen ihn uns auf eben dem Irrwege, auf dem wir auch Bürger und Claudius und manchen Späteren begegnen, wo die Dichtung aus dem Volk zu einer ausdrücklich für das Volk bestimmten wird. Wie ernst er es mit dieser »Volkspoesie« nahm, geht aus der Thatsache hervor, daß er 1775 bei dem Markgrafen Karl Friedrich von Baden um Anstellung als »Landdichter« nachsuchte. Seine poetische Beschränkung in dieser Richtung zeigt sich aber am deutlichsten grade in seinen Versuchen in der plattdeutschen, d. i. in der Volkssprache seiner Heimat, in denen kaum eine Spur des plattdeutschen Volksgeistes zu entdecken ist. – Trotzdem sind grade seine Idyllen, aus dem Studium Theokrits hervorgegangen, ein ernstlicher Fortschritt gegen die Unnatur der Geßner'schen Arbeiten, wirkliche Abbilder der Natur, des Land- und Dorflebens, und der »siebzigste Geburtstag« und seine »Luise« gehören trotz mancher Breite und fast kleinlicher Detailmalerei noch immer zu den Mustern auf diesem Gebiet. Hier wurde der Grund gelegt, aus welchem Goethe seine Meisterschöpfungen, »Alexis und Dora« und »Hermann und Dorothea« sich erheben lassen konnte. Sein größtes Verdienst aber und seine höchste Bedeutung hat er durch seine Uebersetzungen und vor allem durch die erste von Homers Odyssee , 1781, gewonnen. Hier ist das tiefste Verständniß der nun wirklich sich auch für weitere Kreise erschließenden antiken Welt und zugleich eine Natürlichkeit und Frische, welche das Werk zum vollen Eigenthum des deutschen Geistes macht. Das war nicht nur der Beginn der wirklichen Uebersetzerkunst, sondern auch die Feststellung der Form, und mit noch größerer Entschiedenheit als durch Klopstock, wird durch Vossens Homer der Hexameter zum feststehenden epischen Versmaße unserer Poesie. Ueber den für uns wenigstens durchaus zweifelhaften Werth und Segen dieser Errungenschaft haben wir uns schon oben, bei Klopstock, geäußert und wiederholen hier nur: die Poesie, die man so eben erst als eine »allgemeine Welt- und Völkergabe« erkannt und bestimmt hatte, wurde schon jetzt wieder gewissermaßen für Privateigenthum erklärt. – Wir gehen endlich zu einigen Dichtern über, welche, sei es äußerlich durch den Musenalmanach, sei es als Anhänger und Schüler Klopstocks, sei es durch ihre Richtung auf das Volksthümliche und Natürliche, mit den Göttingern in Verbindung standen und sich daher auch auf das schicklichste hier an sie anreihen lassen. Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß dieselben fast alle gleichzeitig auch mit den rheinischen, eigentlichen Stürmern und Drängern in nahen Beziehungen stehen und gewissermaßen das Verbindungsglied der beiden großen Literaturkreise bilden. Bei manchen genügt die Anführung der Namen: Anton Matthias Sprickmann , geboren 1749 zu Münster, Verfasser einiger Dramen und kleiner Beiträge zu den Musenalmanachen, Mitglied des Gallizin'schen Kreises, gestorben in der Vaterstadt 1833. – Christian Adolf Overbeck , geboren zu Lübeck 1755, gestorben daselbst 1821; von seinen nicht selten wirklich hübschen Liedern haben wir oben einige angeführt. – Gerstenberg ist schon früher genannt, nicht minder Göckingk ; zu ihnen gesellt sich G. F. E. von Schönborn , geboren zu Stolberg 1737, gestorben im Holsteinischen 1817, in dänischen Diensten, weniger durch seine Dichtungen bekannt, als durch seine Verbindung mit Goethe und dessen Eltern, mit welchen er im Briefwechsel stand. – Von größerer Bedeutung ist Friedrich Müller , zur Unterscheidung von manchen Namensgenossen gewöhnlich der Maler Müller genannt,, geboren 1750 zu Kreuznach, gestorben zu Rom, wo er fast fünfzig Jahre lebte, 1825. In seinen Anfängen wurzelt er noch ganz in Klopstock und daneben in Geßners Idyllen, während er später hier Theokrit folgt und endlich zum Volkston übergeht, wo »Die Schafschur« und »Das Nußkernen« vielen Beifall fanden und verdienten. Sein Drama »Golo und Genovefa« behandelt zum erstenmal den alten, von den späteren Romantikern gepriesenen und verwendeten Stoff und ein anderes, »Dr. Fausts Leben« ist ein verunglückter Vorläufer der Goethe'schen Dichtung. In Rom widmete er sich mehr und mehr dem Studium der Kunst und der Alterthümer und' war ein geschätzter Fremdenführer. Christoph Friedrich Daniel Schubart , geboren 1739 zu Obersontheim in Schwaben, gestorben 1791 zu Stuttgart als Musikdirektor, Hof- und Theaterdichter, ist nicht nur ein musikalisches, sondern auch dichterisches und publicistisches Talent hohen Ranges. Ursprünglich Klopstockianer vom reinsten Wasser, der den »Messias« stets bei sich führte und allerwärts vorlas, ahmte er dennoch gelegentlich auch Wielands Leichtfertigkeit nach; zugleich Wüstling und Tyrannenhasser, war er ein Stürmer und Dränger sozusagen auf eigene Faust, und Freigeist in des Wortes schärfster Bedeutung, bekehrte er sich auf dem Asberg, im Gefängniß, zum Mysticismus. So ist denn auch er einer von den unglücklichen Halbmännern, die durch ihre eigene Schranken- und Haltlosigkeit verhindert wurden, ihrem Talente gerecht zu werden. – Das beste seiner Lieder, das sogenannte Kaplied , »Auf, auf, ihr Brüder und seid stark«, haben wir schon oben genannt; das berühmteste, »Die Fürstengruft«, hat seinen Ruhm wenig verdient, da es durchaus phrasenhaft ist. Andere Lieder sind dagegen ihrerzeit wirklich ins Volk gedrungen und lange gesungen worden. Besonders zu erwähnen ist seine Zeitschrift, »Deutsche Chronik«, ein Blatt, das zu den verbreitetsten Deutschlands gehörte und an kühnem Freimuth alles bisher Bekannte übertraf. In ihm findet sich auch das bekannte Epigramm auf den Herzog Karl: »Als Dionys von Syrakus aufhören muß Tyrann zu sein – Da ward er ein Schulmeisterlein«, wodurch der Fürst so erbittert wurde, daß er den Dichter zehn Jahre lang in zum Theil schwerer Haft hielt. Man darf sagen, daß Schubart durch dieses Unglück und die ihm allseitig gewidmete Theilnahme bekannter wurde und bekannter blieb, als seine Dichtungen es im Grunde rechtfertigten. Friedrich Wilhelm Gotter , der Mitbegründer des Musenalmanachs und der Jugendbekannte Goethe's zu Wetzlar, ist 1746 zu Gotha geboren und starb ebendaselbst 1797. Den Einflüssen französischer Bildung, welche in der Vaterstadt am Hofe und in allen mit diesem zusammenhängenden Kreisen mächtig waren, blieb er sein Lebenlang unterthan, hier mit Wieland, dort mit Weiße und Gleim verwandt. Seine poetischen Briefe, Operetten, kleinen Lieder, Bearbeitungen französischer Theaterstücke – alles ist zierlich, sauber und elegant, heiter und ansprechend. Und da sich zu diesem leichten, hübschen Talent eine überaus angenehme Persönlichkeit gesellte, so wird es erklärlich, daß er seinerzeit in weiten Kreisen beliebt und angesehen war. Wir schließen diesen Abschnitt mit dem »Wandsbecker Boten«, Mathias Claudius , wiederum einem nicht großen, aber wirklich ansprechenden Talent, voll Bravheit und Biederkeit, voll Herzlichkeit, Wärme und einer gewissen Natürlichkeit, vermöge welcher er in seinen Schriften hin und wieder einen wirklich volksthümlichen Ton anzuschlagen vermochte. So schwang er sich zu einem Liebling des Publikums auf. Da ihm jedoch das ächte und klare Verständniß der Volksthümlichkeit gleich fast allen übrigen Dichtern dieser Zeit abging, so blieben jene Töne eben nur vereinzelte und zufällige, und wo er auf sie ausging und sie erzwingen wollte, verfiel er nach und nach in eine immer pedantischere, unleidliche, ja endlich nicht selten läppische Manier, die jeden Genuß zerstört. – Sein Leben ist eines der schlichtesten und geordnetsten, die man sich denken kann. Geboren 1740 im Holstein'schen und gestorben 1815 zu Hamburg, war er nur einmal, auf einen Ruf Mosers, in Darmstadt, konnte jedoch das Klima nicht vertragen und kehrte in seine Heimat und seine beschränkten Verhältnisse freudig zurück. Seiner religiösen Richtung nach gehörte er zu Hamann, Lavater, F. H. Jacobi und dem holsteinischen frommen Kreise, verfällt aber auch hier im Alter mehr und mehr einer gewissen Uebertreibung und Ungesundheit. – Von seinen Schriften nennen wir nur die bekannte Wochenschrift, »Der Wandsbecker Bote«, welche er unter dem Schriftsteller-Namen Asmus herausgab. Seiner Lieder haben wir gleichfalls schon oben gedacht und wollen neben den dort genannten hier nur noch an das innige Abendlied erinnern: »Das schöne große Tagsgestirn Vollendet seinen Lauf; Komm', wisch' den Schweiß dir von der Stirn', Lieb' Weib, und dann tisch' auf.« 20. Herders Reise im Jahre 1770 durch Deutschland nach Darmstadt und sein Aufenthalt während des folgenden Winters zu Straßburg ist eine Art von moderner Hedschra. Denn mit ihr beginnt das große Zeitalter unserer neueren Poesie. Es ist etwas Zauberhaftes in diesem plötzlichen Ausbruch der seit langem vorbereiteten Bewegung. Im nördlichen und mittleren Deutschland und bei den Göttingern war er bei weitem kein so gewaltsamer, sondern blieb ein annähernd maßvoller oder, wenn man es so heißen will, vernünftiger. Trotz der Extravaganzen Einzelner, haftete all' den derben und kühlen Naturen etwas Ruhiges und Nüchternes, ja Lehrhaftes an, das sie, mit Ausnahme des einzigen Bürger, niemals überwunden und völlig aufgegeben haben; das gelegentlich verlorene Maß und die verspottete Regel wurden bald wiedergefunden oder durch neue, selbstgeschaffene ersetzt und wieder zur Geltung gebracht. In den Rheinlanden dagegen war es wirklich beinahe wie ein Märchen: die Siegel wurden von den Salomonischen Flaschen gelöst, und die Geister drangen hervor und erhoben sich, riesenhaft und gewaltsam, formlos und über jedes Maß hinaus brausend, jede Schranke verspottend und jede Regel verlachend – es war, wie wir schon früher andeuteten, der Sturm der Revolution auf geistigem und auch auf sittlichem Gebiet, der auf dem politischen in Frankreich erst zwanzig Jahre später zum Ausbruch gelangte. Es könnte auf den ersten Blick überraschen, daß dieser gewaltsame Ausbruch hier und nicht im nördlichen oder mittleren Deutschland erfolgte, selbst wenn man auch das in Berechnung zieht, was wir soeben von den nord- und mitteldeutschen und Göttinger Dichtern sagten. Das deutsche Literaturleben war seit hundert und mehr Jahren fast ganz auf diese letzteren Gegenden beschränkt geblieben. Seit hundert und mehr Jahren war in den Rheinlanden sowohl wie im ganzen Süden nicht ein Dichter, ja kaum ein Geist von Bedeutung und Einfluß hervorgetreten, und selbst die Neueren, die Drollinger und Abbt, die Uz und Götz, und wer sonst hier noch zu nennen sein möchte, blieben alle, ob auch noch so anerkennungswerth und schätzbar im Einzelnen, dennoch von durchaus untergeordnetem Range. Wieland, der erste, wirklich hell aufleuchtende Stern am Dichterhimmel, war erst vor kurzer Zeit aus den Jugenddünsten und Nebeln hervorgetreten und nun freilich im raschen Aufsteigen begriffen. Allein auch er war im Grunde nichts weniger als eine revolutionäre Größe, sondern konnte noch ganz und gar in den, sich allerdings immer freier und weiter gestaltenden Kreis des bisherigen Literaturlebens gerechnet werden und in ihm völlig zur Genüge Platz und Raum zur Ausbreitung und zum Fortschreiten finden. Sein Einfluß war ein immerhin beschränkter und von einer besonderen Anregung und einer Erweckung neuen Lebens, die von ihm ausgegangen wären, zeigte sich um ihn her und grade in seiner Heimat kaum eine Spur. Alles war überhaupt noch ringsum still, und nichts deutete anscheinend aus einen plötzlichen Wechsel hin, noch auf die Fülle von neuen Trieben, welche nur auf den ersten freundlichen Sonnenstrahl warteten, um auf das kräftigste aus ihrer langen Ruhe hervorzubrechen. Wer es sich nicht verdrießen läßt, den Ursachen der Dinge nachzuforschen, kann in dieser Stille und diesem Zurückbleiben kaum etwas Ueberraschendes finden. Alles was in Nord- und Mitteldeutschland der fortschreitenden Entwickelung des Geistes und des Kulturlebens so lange Zeit hindernd in den Weg getreten war, fand sich am Rhein und im Süden in gesteigertem Maße wieder. An die Verheerungen des dreißigjährigen Krieges hatten sich fast unmittelbar die Raub- und Brandzüge Ludwig XIV. geschlossen, mit ihren methodischen Verwüstungen, mit der Vernichtung aller Ordnung und Ruhe, aller Wohlhabenheit und Kultur. In zahllosen Duodezherrschaften blühte die schrankenloseste Willkür und das liederlichste Hofleben und das letztere breitete sich pestartig weiter und weiter über die geknechteten unteren Stände aus, für deren Wohl und deren Hebung von obenher so gut wie nichts geschah, deren Bildung vielmehr meistens die verächtlichste oder unwissendste Mißachtung oder der ausdrückliche Wille der Niederhaltung sich entgegenstemmte. So fand man es zumal nicht selten auf den geistlichen Territorien, wo obendarein auch noch die Religionsfrage mit allem, was sich an sie anschließt, in schärfster Weise hervortrat. Im Norden hatte man sich, ungefördert und unbegünstigt, seit dem Ansänge des Jahrhunderts selber aufzuraffen begonnen und Friedrich des Großen Regierung war endlich diesem Streben auf das dankenswertheste und glücklichste zu Hülfe gekommen. Aber auch am Rhein und im Süden hatte sich, wenn schon langsamer, ein neues Leben zu regen angefangen, und sich bei weitem lebhafter und kräftiger zu entwickeln begonnen, als man es fürs erste noch nach außen hin wahrnahm. Man darf nicht vergessen, daß den ungünstigen und beschränkenden Verhältnissen und Zuständen hier andere gegenüberstanden, welche der vordrängenden neuen Entwickelung auf das förderlichste entgegen und zu Hülfe kamen. Das war nicht nur das regere und entzündlichere Blut dieser Stämme, sowie der empfänglichere Volkscharacter und der ganze leichtere Lebenszuschnitt. Sondern es war auch die Nähe Frankreichs und der um vieles unmittelbarere Einfluß seiner Sitte, seiner Bildung, seiner Literatur. Die drüben aufgährenden neuen Ideen gewannen diesseits der Grenze rasch Zugang und gelangten zur tiefsten Wirkung, obschon man im Grunde hier gut, ja besser deutsch dachte und fühlte, als man es bis auf den heutigen Tag wohl hie und da aussprechen hört, und sich äußerlich das französische Wesen nach Kräften vom Leibe zu halten suchte. Rousseau's Lehren fanden nirgends einen empfänglicheren Boden, denn der Gegensatz der verrotteten und unerträglichen öffentlichen und socialen Zustände gegen die inneren Forderungen und die Gemüthswelt überhaupt, trat nirgends greller hervor, wurde nirgends schwerer empfunden. Zu diesen nächsten und man möchte sagen, inneren Antrieben gesellte sich nun der Einfluß des außerordentlichen Aufschwunges, den die Literatur und die Geistesbildung im Norden von Tag zu Tage mehr nahm. Die freiere und lebensvollere Luft, die von Preußen herüberstrich, mußte endlich, wie wir schon früher sagten, auch hier zur Wirkung gelangen und die Nebel und Dünste zerreißen; der Sturm des siebenjährigen Krieges machte sich auch hier, zugleich reinigend, aufklärend und kräftigend geltend. Und allmälig fingen hie und da auch einzelne Fürsten an, die neue Zeit und ihre Forderungen zu verstehen, und machten den Versuch, ihnen gerecht zu werden. So finden wir die »große Landgräfin« Henriette von Darmstadt und ihren Präsidenten Moser; den Markgrafen Karl Friedrich von Baden mit seinem Minister Edelsheim; den Herzog Karl von Württemberg und seine »hohe Karlsschule«, die man nur allzu lange in einem viel zu ungünstigen Lichte erblickt hat; und endlich selbst den Kurfürsten Emmerich Joseph von Mainz und den Coadjutor Dalberg. Ueberall rang und drängte es aus der langen Erstarrung und Verdumpfung zum Leben und zur Bewegung empor, hinauf zum Licht und zur Freiheit. Es fehlte ihm sozusagen nur das Wort, das es in die Wirklichkeit einführte und es zur Herrschaft rief. Da traf Herder in Straßburg auf denjenigen, in welchem dies gesammte Gähren und Drängen der Zeit, des Geistes, des Gemüths und der Empfindung, der Bildung und – man möchte sagen: des Lebens selber concentrirte und der dazu befähigt und bestimmt war, dafür das erlösende Wort zu finden und es zugleich zum gewaltigsten und vollendetsten Ausdruck zu bringen. Das ist er, der größte Dichter der neueren Zeit und einer der größten, reichsten, klarsten und kraftvollsten Geister und Menschen aller Zeitalter und aller Nationen – Johann Wolfgang Goethe . »Genie vom Wirbel bis zur Zehe«, – »ein Geist voll Feuer, mit Adlerflügeln«, – »körperlich und geistig so hoch begabt, daß er als das Bild des vollkommensten Menschen erscheint«, – so, und noch viel begeisterter, urtheilen die Zeitgenossen des wunderbaren und wundervollen Menschenkindes; so steht es vor ihnen, so schließen sie es in ihre Herzen. Und wenn auch der Eine oder Andere, wie Herder oder Merck, wohl einmal über ihn zankt und an ihm und seinem Treiben mäkelt und nergelt, so sind und bleiben doch auch solche ihm zu eigen. Unterliegen wir Heutigen doch diesem Zauber noch immer in gleicher Weise, wenn wir uns nicht absichtlich gegen die Wahrheit verblenden und vor ihr entfliehen. Wo Goethe uns entgegentritt, sei es als Dichter, sei es nur als Referent, in den eigenen Briefen oder in denen der Freunde, überall fühlen wir uns ihm zu eigen und unterthan. Es athmet uns eine so frische und natürliche, gesunde und schöne Jugend an, ein solcher Jubel des fröhlichsten Uebermuths und der sorglosesten Ausgelassenheit, und daneben und zugleich dennoch so viel Tüchtigkeit, Ehrlichkeit und Bravheit, so viel Wärme und Herzensgüte, so viel Geist und Herz, so viel Gemüth, eine solche Lebensfülle und eine solche Lebensgewalt, – daß auch heute, nach vollen hundert Jahren noch dieser »singuläre Mensch«, wie ihn der eigene Vater hieß, dieser »böse Mensch mit dem guten Herzen« Betti Jacobi's, gleichsam lebendig vor uns steht, gleichsam zwischen und mit uns lebt, wie ein Gegenwärtiger. Ein gewaltigerer und segensreicherer, tiefer dringender und weiter reichender Einfluß auf die gesammte geistige Entwickelung und Bildung seiner Zeit ist niemals von einem Menschen ausgeübt worden. Wenn irgend jemals, darf man hier von dem »Zeitalter Goethe's« sprechen und als solches die sechzig Jahre von 1773 bis 1832 bezeichnen, in denen es auf deutschem Boden im Grunde nichts und niemand von irgend welcher Bedeutung gibt, das und der nicht in einer gewissen Beziehung zu, in einer Art von Verbindung mit dem großen Manne stände. Wo er sich, gleichviel wie flüchtig, zeigt, ist der Eindruck ein unwiderstehlicher, beherrschender, und selbst wo er gar nicht wirklich hervortritt, bleibt man sich seines Daseins, seiner Herrschaft, seines Einflusses tief bewußt. Er besteht ebenbürtig nicht nur neben der gewaltigsten Gestalt dieser Zeit, neben Napoleon, sondern auch neben der Revolution und Reaction, und drückt der Zeit neben und trotz ihnen sein Gepräge auf. So schließen sich denn auch die Abschnitte und Verzweigungen unseres literarischen Lebens für diese Periode auf das allergenauste an diejenigen seines eigenen Lebens und an die Stufen seiner eigenen Entwickelung. Sie wurzeln alle in ihm und bleiben in steter inniger Verbindung mit ihm; sie verfallen, wo sie sich von ihm loslösen, oder gar über ihn hinauszugehen wagen, fast ausnahmslos der Unnatur und Unwahrheit und gelangen schnell zu einem wenig rühmlichen Ende. 21. Indem wir zu der Darstellung von Goethe's Leben und der Besprechung seiner Werke gelangen, müssen wir es vor allen Dingen betonen, daß wir nicht daran denken, noch denken können, unsern Lesern und Leserinnen etwas auch nur annähernd Ausführliches und Vollständiges zu bieten. Das vermag keine Schrift wie die unsere zu leisten, und auch wir selber sind weit davon entfernt uns für fähig zu einem solchen Unternehmen zu halten. Hat doch bisher das sorgfältige Studium und die gewissenhafte Arbeit so vieler begabter und einsichtiger Köpfe im Grunde noch nirgends über Materialsammlungen und Versuche hinausgeführt, welche hinter dem, was wir von einer wirklichen Biographie und einer erschöpfenden Darstellung der poetischen Bedeutung des großen Mannes mit Recht verlangen dürfen, weit zurückgeblieben sind. Aber wir glauben freilich auch die Zeit zu einer solchen vollständigen Geschichte seines Lebens und seiner Thätigkeit und zu einer erschöpfenden Würdigung seiner Bedeutung und seiner Schöpfungen, noch gar nicht gekommen. Und zwar nicht bloß wegen der Lücken, welche uns hier leider noch überall begegnen, sondern auch und mehr noch, weil Goethe gewissermaßen noch immer zwischen uns lebt und wirkt, und weil unsere geistige Entwickelung und Production nirgends weit genug über ihn hinausgegangen und von seinem Einflusse frei genug geworden ist, um uns einen Standpunkt einnehmen zu lassen, von dem aus wir dies außerordentliche Leben und diese nicht minder außerordentliche Schöpfungskraft zu übersehen und unbefangen und gerecht zu beurtheilen im Stande wären. Wir können und werden uns daher auch nur an die Umrisse halten und dürfen dies um so eher, als das Leben des Dichters im Allgemeinen und zum mindesten seine Hauptwerke theils bekannt genug sind, theils durch die billigen Ausgaben und durch zahlreiche, häufig recht brauch- und lesbare Darstellungen jedem Wissensdurstigeren leicht bekannt werden können. Wir wollen hier nur das treffliche Buch des Engländers Lewes über »Goethe's Leben und Schriften«, anführen, das trotz mancher unleugbaren Mängel und Irrthümer, nur von der verletzten deutschen Eitelkeit hie und da nicht als das beste Buch anerkannt werden wollte, welches wir über diesen Gegenstand besitzen. Johann Wolfgang Goethe wurde am 28. August 1749, einem Donnerstage, grade als die Uhren Mittag schlugen, in der alten Kaiserstadt Frankfurt am Main geboren. Sein Vater war der Doctor beider Rechte und kaiserliche Rath Johann Kaspar Goethe, geboren 1710, ohne feste Anstellung, in guten Lebensverhältnissen, ein strenger, kalter Mann, pedantisch bis zum Eigensinn, aber von großer literarischer Bildung, voll Liebe und Verständniß für die Kunst, voll unstillbarem Wissensdrang und voll Lust und auch Fähigkeit, das Erlernte wieder mitzutheilen. Seine Mutter war die älteste Tochter des Schultheißen Textor, Katharina Elisabeth, geboren 1731 und daher bei des Dichters Geburt wenig über achtzehn Jahre alt. Sie war eine einfache und geistvolle, herzliche und liebevolle, immer heitere, lebenslustige und bis in ihr höchstes Alter hinein jugendliche Natur, eine Natur voll von unendlicher Liebe zu den Menschen und daher auch von allen, die ihr nahe kamen, ausnahmslos geliebt und verehrt. In der Hut und Pflege solcher Eltern wuchs Goethe neben der, von mehreren Geschwistern allein übrig bleibenden, 1750 geborenen Schwester Cornelia fröhlich gedeihend auf, von keiner Seite gehemmt und beschränkt, durch keine engen Verhältnisse zurückgehalten, vielmehr von überallher und durch alle Umstände begünstigt, angeregt und gefördert. Zu dem, was das Vaterhaus und die Vaterstadt, die Familie und ihr Verkehrskreis ihm boten, kamen bald genug auch von außen her mächtige Anregungen und tiefe Eindrücke: die ersten Gesänge von Klopstock's Messiade waren auf ihn von der außerordentlichsten Wirkung, Friedrichs des Großen Kämpfe und Thaten im siebenjährigen Kriege erregten und begeisterten ihn auf das höchste. Die Besetzung Frankfurts durch die Franzosen und der Verkehr mit ihnen, der Besuch ihres Theaters, vermittelten immer neue Anschauungen und Begriffe; sein Kunstsinn begann sich zu bilden, er lernte eine Schauspielkunst kennen, welche der damaligen deutschen noch um vieles überlegen war; er gewann Einblicke in die französische Literatur und Dramaturgie und erlangte, halb spielend, eine steigende Gewandtheit im Gebrauche der französischen Sprache. Und was er im hohen Alter noch von sich sagte und durch die That bewies, daß das Bedürfniß seiner Natur ihn zu vermannigfaltigter Thätigkeit zwang – das zeigte und bethätigte er schon jetzt. Als die unruhigen Zeiten vorüber waren, ging es wieder eifrig in die ernste Arbeit hinein: Griechisch und Lateinisch, Englisch, Französisch und Italienisch, ja das Frankfurter Judendeutsch waren ihm noch nicht genug – er wollte auch noch das Hebräische lernen. Und er sammelte diese Kenntnisse nicht nur, sondern suchte sie auch anzuwenden: mit einer wunderbaren Productionslust und Productionskraft begabt, fing er eine Art von Roman in Briefen an, die in den genannten Sprachen abgefaßt wurden, versuchte sich in der Behandlung von alttestamentlichen Stoffen, wo die anderen Versuche in geistlichen Oden und Liedern, in der sogenannten anakreontischen Poesie und endlich Gelegenheitsgedichte unausgesetzt nebenhergingen. Die letzteren entstanden vorzüglich in einem Kreise von jungen Leuten, mit dem er bekannt geworden war und in welchem er, der Vierzehnjährige, das Glück und die Qual der Liebe kennen lernte, zu jenem »Gretchen,« von dem er uns in Wahrheit und Dichtung erzählt. Die Entdeckung und der gewaltsame Abbruch dieser Verbindung, die im Frühling 1764, während der Festlichkeiten bei der Wahl und Krönung des römischen Königs Joseph II. erfolgten, stürzten ihn in eine ernste Krankheit. Im Herbst 1765 ging er, um die Rechte zu studiren, nach Leipzig, der Stadt, wo noch immer ein reges literarisches Leben herrschte, Gottsched auf den Trümmern seines Ruhmes vegetirte und Gellert lehrte; wo ein großer Handels- und Fremdenverkehr die Verbindung mit der halben Welt vermittelte und die »feine Sitte« und gesteigerte Lebensansprüche nicht nur die »gute Gesellschaft« auszeichneten, sondern sich in allen übrigen Kreisen und dem gesammten Tagesleben bemerklich machten. Aus dem Besuche der Vorlesungen und der Fachstudien wurde nicht viel, allein in Ansehung seiner gesellschaftlichen und universellen Bildung, erwies sich dieser Aufenthalt von eingreifender Wichtigkeit. Der Umgang mit gebildeten und geistvollen Frauen, wie die Hofräthin Boehme eine solche war, zeigte sich von wohlthätigster Wirkung nicht nur auf die äußere Erscheinung und Haltung des wilden und reichsstädtisch befangenen Frankfurter Kindes, sondern auch auf die Förderung seines Geschmacks und auf die Berichtigung seiner Auffassung und seines Urtheils in der Poesie und über dieselbe. Hier freilich trat auch der Einfluß einzelner Männer heran, des Leipziger Professors Morus zum Beispiel, vor allem aber J. G. Schlossers , seines späteren Schwagers, der in allen Richtungen anregend und aufklärend eingriff und ihn zu neuer Thätigkeit antrieb. Goethe brach mit seiner gesammten Vergangenheit, möchte man es heißen; er warf die Frankfurter Garderobe fort und verbrannte alle älteren poetischen Arbeiten und Entwürfe. Nun traten ihm Wielands Schriften, besonders »Musarion« nahe und er lernte Shakespeare kennen – die Beiden erklärt er für seine ächten Lehrer. Und da der Trieb zum eigenen dichterischen Schaffen immer lebhafter wurde und er in seiner Umgebung und bei den Genossen im Allgemeinen sich durchaus vereinzelt und einsam fand, so fing er an, immer entschiedener die Anregung so gut, wie die Stoffe in sich selber zu suchen, aus dem eigenen Herzen und der eigenen Empfindung, aus der Natur und Wirklichkeit zu schöpfen, alles, was ihn erfüllte und bewegte, in poetische Form zu fassen, um Herz und Kopf wieder leicht und klar zu machen. Von dieser neuen, nicht nur für Goethe selber, sondern auch für die gesammte Entwickelung unserer Literatur unberechenbar wichtigen und folgenreichen Richtung liegen uns schon aus dieser Leipziger Zeit einzelne Zeugnisse vor. Das sind vor allem die Lieder, von denen zwanzig unter dem Titel: »Neue Lieder, in Melodien gesetzt von B. Th. Breitkopf,« im Herbst 1769 zu Leipzig erschienen, als das erste gedruckte Werk Goethe's, wenn auch noch ohne seinen Namen, Gedichte, welche sich an Innerlichkeit, Wahrheit und Formgewandtheit bereits meistens auf das Vortheilhafteste vor der übrigen damaligen Liederdichtung auszeichnen. Da finden wir weiter zwei kleine Lustspiele, »Die Laune des Verliebten«, und »Die Mitschuldigen«, beide, obschon erst viele Jahre später gedruckt, doch schon in dieser Zeit entstanden. Das erstere, eine Art von Schäferspiel und noch im Geschmack der Franzosen, ging aus den Seelen- und Herzenskämpfen hervor, welche dem Dichter seine Liebe zu »Aennchen« oder »Annette,« d. i. zu Anna Katharina Schönkopf bereitete. Von dichterischer Bedeutung ist das Stücklein kaum, aber dennoch schon reich an einzelnen, ächt dichterischen Zügen und voll von Andeutungen des wunderbaren, unwiderstehlichen Reizes der späteren Schöpfungen. – Die zweite Arbeit entstammt gewissen Einblicken in allerlei bedenkliche gesellschaftliche und Familienverhältnisse; es verräth gleichfalls noch die französische Geschmacksrichtung, wie es denn auch in Alexandrinern geschrieben ist. Es ist allerdings ein peinliches und das feine Gefühl verletzendes Stück, aber es ist voll Leben und wirkungsreich, in der Characterzeichnung wenigstens einzelner Personen immerhin höchst beachtenswerth. Und wenn wir das Alter seines Verfassers bedenken – Goethe zählte damals achtzehn Jahre! – so muß uns die sich hier offenbarende Beobachtungsgabe und Gestaltungskraft stets von neuem ein lebhaftes Interesse einflößen. Aber der Leipziger Aufenthalt wurde auch in anderen Richtungen für Goethe und seine Entwickelung von größter Bedeutung. Es ist einerseits beachtenswerth genug, daß die in ihm schlummernde Neigung zu anatomischen und botanischen Studien in seiner, meistens aus Medicinern bestehenden, ersten Mittagsgesellschaft schon hier angeregt wurde, wenn sie auch, in Straßburg flüchtig wieder erweckt, erst viele Jahre später, zur wirklichen Herrschaft gelangte. Andererseits aber begann in Leipzig auch jene leidenschaftliche Liebe zur Kunst sich zu offenbaren, die sein ganzes Leben beherrscht und alle seine Werke durchdringt. Der, von dem sie hier erste, wohlthätige Nahrung erhielt, der dritte »ächte Lehrer«, den er neben den obengenannten anerkennt, war der Maler und Vorstand der Kunstschule, Oeser , welcher, durch Goethe's Trieb zum Zeichnen auf ihn aufmerksam gemacht und mit ihm in Verbindung gebracht, fortan nicht nur diesen Trieb weiter bildete und leitete, sondern auch überhaupt seinen Sinn für das Wesentliche der Kunst weckte, ihn in die Kunstgeschichte einführte und ihm das Verständniß von Winkelmanns Arbeiten und Lessings Laokoon eröffnete. Zur weiteren Förderung durch die lebendige Anschauung reiste Goethe in aller Stille nach Dresden und besuchte die große Bildergallerie. Nach seiner Rückkehr warf er sich mit Leidenschaft auf die Kupferstecherei und Holzschneidekunst, – wie er denn sein ganzes Leben lang stets bestrebt gewesen ist, das geistig Gewonnene sich womöglich auch durch die practische Anwendung und Ausübung zu eigen zu machen. Der Schluß seines Leipziger Aufenthaltes wird auch wieder durch eine schwere Krankheit bezeichnet, deren Nachwehen ihn sogar im Spätsommer 1768 nach Frankfurt verfolgten und ihn noch lange Zeit körperlich, wie selbst geistig niederhielten. Von dichterischem Schaffen wissen wir aus dieser Zeit nichts. Dagegen setzte er seine Leipziger künstlerischen Uebungen fort, kam auch zu alchemistischen und kabbalistischen Studien und der Umgang mit der Freundin seiner Mutter, dem Fräulein von Klettenberg, gab ihm auch eine Richtung auf die Religion. Erst nach Jahr und Tag, mit dem Anfange des Jahres 1770 war er völlig wieder hergestellt und ging in den ersten Apriltagen zur Vollendung seiner Studien nach Straßburg. Der Straßburger Aufenthalt bildet vielleicht den interessantesten und bedeutendsten Abschnitt in Goethe's Leben und seinem Entwickelungsgange. Mit der zurückgekehrten Gesundheit gewinnt alles ein helleres und frischeres Aussehen; die krankhaften Neigungen und Träumereien, die mystischen Nebel und Dünste verschwinden und machen der freien und sonnigen Lebensluft Platz. Es hat sich aus dieser Zeit ein Heftchen »Ephemerides« erhalten, in welchem er alles notirte, was ihn beschäftigte und ihm durch den Kopf ging. Es zeigt sich uns ein gewaltiger Thätigkeits- und Bildungstrieb, ein rastloses Streben nach Ausbreitung, ein unausgesetztes Suchen und Sammeln: seine Natur probirt's auf alle Weise, sich aus ihrer Unfertigkeit und Verworrenheit herauszuarbeiten. Den Boden der Wirklichkeit verliert er darum keineswegs aus den Augen. Er wendet sich mit Lust und Eifer anatomischen und naturwissenschaftlichen Studien zu und genießt eben so lustig das Leben, indem er dabei aber unausgesetzt und ausdrücklich auf die Ausbildung seines Körpers und die Kräftigung seiner Gesundheit bedacht ist. Aber freilich, von rechter Klarheit, von einem sichern Halt und einer festen Richtung war bei diesem Treiben noch keine Rede und zwar um so weniger, als sich in seinem Kreise niemand fand, der ihm wirklich hätte zu Hülfe kommen können. Der junge Mann mit den hellen großen Augen, der prachtvollen Stirn und dem freien Wesen, der die Regierung am Tisch hatte, ohne sie zu suchen, wie Jung-Stilling den damaligen Goethe zeichnet, hatte diese Regierung auch allerwärts sonst in den Händen; er hatte es allen angethan und zog sie mit sich fort, wohin es ihm einfiel. Hier mußte ein anderer, ebenbürtiger, in sich geklärter und strenggeschulter Geist, ein Mann auf der Höhe der Zeit und ihrer Aufgaben, kommen, um den bestimmenden und entscheidenden Einfluß zu gewinnen. Und dieser Mann kam. Im September traf Herder ein und verweilte um der Heilung eines Augenleidens willen bis zum folgenden April. Beide trafen alsbald zusammen und erprobten an einander ihre Anziehungskraft – keineswegs zu Ungunsten des Jüngeren. Der kalte, spröde, verdrießliche, krankhaft gereizte Herder duldete, sich weit überlegen fühlend, anscheinend den »guten, nur etwas leichten und spatzenmäßigen Menschen« kaum neben sich, wurde jedoch in Wirklichkeit gleichfalls und in dieser Zeit schon ihm zu eigen und kam niemals wieder von ihm los. Sein Einfluß aus Goethe war ein völlig umgestaltender. Die Ein- und Umkehr, welche unter Schlosser und Oeser zu Leipzig begonnen hatte, setzte sich nun erst ernstlich fort. Es gab Demüthigungen ohne Ende; sein Wesen, sein Wissen, seine Neigungen, sein Treiben wurden nach der unbarmherzigsten Kritik verworfen; Herder räumte auf das grausamste auf, aber – und das ist das Große! – Goethe hielt aus, und der erstere fing an, nun auch wieder zu geben, wo er bisher nur genommen hatte. Es zeigten sich die richtigen Wege und die wahren Ziele; das Wesen und die Richtungen des Literaturlebens wurden deutlicher; jener Fundamentalsatz, daß die Poesie kein Privaterbtheil einzelner Bevorzugter, sondern eine allgemeine Welt- und Völkergabe sei, zog den Bruch mit aller bisherigen Convenienz, der Pedanterie und dem Herkommen unvermeidlich nach sich. Die gesammte Ur- und Volkspoesie that sich auf, das deutsche Volkslied, von Goethe für Herder aufgespürt, machte den tiefsten Eindruck, Homer wurde zugänglich und Shakespeare's Geist erschloß sich; Hamann wurde bekannt und Rousseau gewann an Bedeutung; Ossians Gesänge und Goldsmiths »Landprediger« boten die lebhafteste Anregung. Und so brach das Licht überall hervor, strömten neue Eindrücke, neue Ideen und Anschauungen von allen Seiten herbei. Es war eine Ueberfülle und ein Ueberdrang, allein die sonnigste Wirklichkeit hielt ihnen das Gleichgewicht – die sozusagen docirte Poesie wurde lebendig. Denn fast zugleich mit Herders Eintritt in sein Dasein begann jene zauberschöne Liebesidylle mit Friederike Brion, dem Pfarrerskinde von Sesenheim, und rief Goethe zum Leben und, was bei ihm Eins ist, zum Dichten. Der knabenhafte Frankfurter Goethe Gretchens und der krankhafte Leipziger Annettens sind beide verschwunden; die Unfertigkeit und Ungeberdigkeit, die Gereiztheit und Wildheit, die mit Händen und Füßen um sich schlägt oder die Geliebte und ihn selbst und alle Welt bis auf's Blut peinigt, sind von ihm abgefallen, und alles ist voll Gesundheit und Heiterkeit, voll des schönsten Glücks und der jauchzenden Liebeslust. Selbst der Greis wurde wieder warm, als er sich dieser goldenen Zeit erinnerte, wo die Liebe in und bei ihm war auf allen Stegen und Wegen, in jeder Stunde des Tags und in jedem Traume der Nacht, und diese Schilderung in »Wahrheit und Dichtung« gehört zu dem Schönsten, was in deutscher Sprache geschrieben worden ist. Aber um wie viel reicher und schöner die Wirklichkeit gewesen, davon zeugen noch heute die Lieder jener Tage, die, jetzt nicht selten schon des größten Lyrikers aller Zeiten würdig, uns mit dem ganzen, einzigen Reiz der Goetheschen Lyrik ansingen – »Gelegenheitsgedichte« im höchsten Sinne des Wortes, entstammen sie dem Augenblick, spiegeln ihn wieder und halten ihn fest für alle Ewigkeit. Wir erinnern nur an die Lieder: »Erwache, Friederike«, – »Kleine Blumen, kleine Blätter«, – »Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde«, – »Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen«, – vor allem aber an das »Mailied«: »Wie herrlich leuchtet – Mir die Natur«, mit dem jubelvollsten aller deutschen Verse: »O Lieb', o Liebe So golden schön, Wie Morgenwolken Auf jenen Höh'n!« Ueber die Entstehungszeit dieses Liedes hat man bisher nur Muthmaßungen geäußert. Man darf es aber wohl mit Sicherheit in die Straßburger Zeit verweisen. Es glänzt und klingt uns aus jedem Wort jenes: »Ich war grenzenlos glücklich an Friederikens Seite!« an. Das hat Goethe von keinem Moment seines Lebens wieder gesagt und keines seiner Lieder hat es wieder so hell und so voll in die Luft gejubelt. Ein solches Liebesglück, in solcher Frische und Fülle, wird freilich selbst einem Goethe nicht zweimal zu Theil. Auch hier währte es nur kurze Zeit und endete schon vor Goethe's Abgang von Straßburg. Was den Abbruch herbeiführte, ist nicht klar geworden. Mag es die Einsicht gewesen sein, daß die Geliebte höheren Lebens- und Bildungsansprüchen am Ende nicht zu genügen vermöge; gesellte sich dazu vielleicht die, sei es auch nur unklare Empfindung seiner eigenen Unreife: er hatte noch so viel an sich selber zu arbeiten, daß er gar nicht daran denken durfte, ein ander Menschenkind an und mit sich zu erziehen. Vor allem aber wird es wohl das, freilich wiederum erst keimende Bewußtsein seiner Begabung und seines Berufs gewesen sein, was ihn sich frei zu machen zwang. Wie hätte er den eben die Flügel lüftenden Genius an die Erde und die engen irdischen Verhältnisse fesseln sollen! Außer den Liedern scheint es in dieser Zeit nur bei Plänen und Entwürfen geblieben zu sein. Doch soll er schon jetzt zwei von den kleinen Flugschriften verfaßt haben, welche fast zwei Jahre später veröffentlicht wurden: »Von deutscher Baukunst«, – »Brief des Pastors zu *** an den neuen Pastor zu ***«, – »Zwei wichtige bisher unerörtete biblische Fragen, zum erstenmal gründlich beantwortet von einem Landgeistlichen in Schwaben«. Als Zeugnisse der Vielseitigkeit seines Geistes und seiner Beschäftigung sind alle drei für uns von Interesse, am bedeutendsten erscheint jedoch die erste, da sie uns in überraschender Weise von der merkwürdigen, intuitiven Kraft dieses jungen Kopfes überzeugt. Goethe ist der Erste, dem ohne irgendwelche Vorstudien das Verständniß der Gothik auf den ersten Blick aufgeht, der die mißachtete, als barbarisch verschrieene Kunst wieder zu Ansehen und Ehren bringt. Von jenen Plänen und Entwürfen ist wenig zu sagen. Eine Cäsar-Tragödie und ein dramatisirtes Leben des Sokrates blieben liegen. Der ganz in der Gegenwart und Wirklichkeit wurzelnde Dichter wäre durch solche Stoffe auf das ihm fremde Gebiet der Abstraction hinübergezwungen worden. Dagegen könnte vielleicht schon in Straßburg ein erster Entwurf des Gottfried von Berlichingen entstanden sein. Zum wenigsten beschäftigte er sich mit der Lebensbeschreibung des alten Ritters und war gleich seinem ganzen Kreise der deutschen Vorzeit und, im Gegensatz zu dem französischen, dem deutschen Wesen zugethan. Am bedeutsamsten bleibt aber, daß auch der Faust schon hervorzutreten begann. Dies ist der in der Zeit und in Goethe selber nach Ausdruck ringende Grundstoff. Denn die Idee der Faustsage und der alten Faustdichtung steht im innigsten Zusammenhange mit derjenigen, welche die Sturm- und Drangperiode erfüllt. 22. Am 6. August 1771 promovirte Goethe und kehrte noch im gleichen Monat über Mannheim, wo er die großen Kunstwerke des Alterthums wenigstens in Gypsabgüssen kennen lernte, nach Frankfurt zurück. Am 31. August wurde er als Advokat vereidigt. Daß ihm nach dem heiteren, glücklichen, zu Zeiten auch einmal wilden Straßburger Leben die Vaterstadt, »das Nest«, »das leidige Loch«, nicht gefiel, läßt sich denken. Das Leben im Vaterhause erschien ihm pedantisch und drückend; die juristische Praxis war ihm mißfällig und beengte ihn, obgleich der Vater nicht viel von ihm verlangte; der Abschied von Friederiken zitterte in ihm nach und verdüsterte ihn. Allein seine Natur war eine zu gesunde, zu elastische und sonnige, als daß er solchen Schatten lange hätte unterliegen können. Alsbald raffte er sich wieder auf, der gesellige Verkehr mit den Jugendfreunden und Leipziger Studiengenossen, mit dem munteren Kreise der Schwester Cornelia ist im Gange, die Leibesübungen beginnen von neuem, die Ruhe und Ordnung thut ihm nach all der Aufregung doch wohl, und nun kommen auch die Künste wieder, Zeichnen, Musik, vor allem freilich die Poesie. Im Herbste wurde die »Geschichte Gottfrieds von Berlichingen« dramatisirt und ging im November an Herder ab, mit welchem die Verbindung, wenigstens von Goethe's Seite, aus das lebhafteste unterhalten wurde. Und zugleich rückte auch der »Faust« vor. Von der größten Bedeutung aber sollte es für ihn werden, daß er nicht nur mit J. G. Schlosser wieder zusammentraf, sondern auch durch diesen mit Johann Heinrich Merck in Darmstadt bekannt gemacht wurde, dem er schon durch Herder, dessen Braut zu Darmstadt lebte, nicht unfreundlich genannt worden war. Johann Heinrich Merck wurde 1741 geboren und wuchs in so günstigen Verhältnissen auf, daß er seinen Neigungen folgen, von einem Fachstudium absehen und sich mit einer allgemeinen wissenschaftlichen Bildung begnügen durfte. Als Kriegszahlmeister, mit dem Titel Kriegsrath, in Darmstadt angestellt, behielt er Zeit genug, seinen literarischen und künstlerischen Neigungen nachzugeben und in Folge seiner Vermögensverhältnisse sein Haus zum Mittelpunkt eines Kreises von liebenswürdigen, geistreichen und strebsamen Menschen zu machen. Denn wie anderwärts, war auch in diesen Gegenden unter der Herrschaft der sogenannten »großen Landgräfin« Karoline, einer der vorzüglichsten Frauen aller Zeiten, und ihres schon oben von uns genannten trefflichen Ministers Moser, das regste geistigste Leben erwacht; und wenn wir den Merck'schen Kreis näher kennen lernen, müssen wir erstaunen über die Fülle von Geistes- und Herzensbildung, von redlichstem Ernst und gründlicher Wissenschaftlichkeit, von heiterster Lebenslust und herzlicher Theilnahme für alles Edle und Schöne, welche uns aus all diesen Menschen anspricht und uns selbst mit den Zeitkarikaturen versöhnt, an denen es gleichfalls nicht fehlt. Merck zeigt uns eine von jenen merkwürdigen Naturen, die dem genauen Beobachter gerade zu jener Zeit nicht selten begegnen, in besonders scharfer Ausprägung. Ueber die wild und unklar gährende Zeit sich mit wunderbarer Einsicht erhebend, vermögen sie selbst dennoch niemals zur eigenen Klarheit sich durchzuringen. Er war ein Mensch von eminentem Verstande, von hoher Begabung, von trefflichen Anlagen und Eigenschaften, von vielseitiger Bildung. Allein diese ganze Begabung war gewissermaßen eine allzureiche und existirte, wie man sagen möchte, kaum recht für ihn selbst. In ihm strebte alles auseinander, so daß er niemals zu einer wirklichen Concentration, zur Ruhe, zur Herrschaft über sich und seine Gaben gelangte, während er mit der schärfsten Einsicht für die Menschen und Verhältnisse in seiner Umgebung begabt, zum Führen, Berathen und Ordnen wie geschaffen war und den wohlthätigsten Einfluß auszuüben vermochte. Das ist das »wunderbare Mißverhältniß«, das Goethe in ihm findet, und seine Natur offenbart sich uns auf der einen Seite allerdings als eine eminent kritische , trotzdem aber auch, wiederum nach Goethe's Bezeichnung, als eine ursprünglich und wesentlich dilettantische . Von seinen eigenen Schöpfungen und Beiträgen zu den »Frankfurter gelehrten Anzeigen«, zu Wielands »Merkur«, Nicolai» »Allgem. deutsch. Bibliothek« u. s. w. läßt sich füglich schweigen. Etwas Anderes ist es aber in Ansehung seiner Verbindung mit Goethe. Er hat auf diesen den wohlthätigsten und fördernsten Einfluß geübt. Der Erste, der die Dichternatur des jungen Mannes wirklich und ganz erkannte, umfaßte er ihn mit aller Liebe, deren seine Natur fähig war, stärkte durch sein Urtheil das Vertrauen des Dichters zu sich selbst und seinem Talent, ließ ihn sich klarer und klarer werden, und trieb ihn von den Entwürfen zur Ausführung und zu stets sich erneuernder Production. Und wenn er dies alles auch mit Kälte und Schärfe, ja mit Spott that und dem Freunde nichts nachsah und nichts schenkte, so suchte er ihn dennoch trotzdem und daneben in jeder Richtung zu fördern und vertrat ihn hinter seinem Rücken nach allen Seiten hin auf das wärmste und – liebevollste. So verdankte Goethe ihm unendlich viel und bei weitem mehr, als er später, da er über diese Zeit und diese Menschen berichtete, noch recht zu würdigen vermochte. Aber auch das Darmstädler Leben selber war für ihn ein überaus förderndes. Das waren andere Menschen, das war ein anderes Verständniß, eine andere Theilnahme, eine andere Anregung, als er sie bis dahin kennen gelernt hatte. Die Geselligkeit war eine heiter rege und anregende. Die Verhältnisse waren die weitesten und freiesten. So gewann er selber an Ruhe und Klarheit, an Freiheit und Sicherheit, so lernte er die Menschen und das Leben von immer neuen Seiten kennen und sich zwischen ihnen zurecht finden und fing an, sich weiter und weiter auszubreiten. Es ergaben sich von Tag zu Tag neue Beziehungen und Verbindungen. In Homburg lernte er unter Mercks Führung einen kleinen Hof kennen und erhielt neue, sei es auch seltsame, doch lehrreiche Eindrücke. Gleich darauf zog in Darmstadt Sophie La Roche an ihm vorüber. Sie, die Jugendgeliebte Wielands, war eben durch ihren empfindsamen und moralisirenden, aber durch allerlei Persönlichkeiten interessanten Roman »Geschichte des Fräuleins von Sternheim« berühmt geworden und sammelte auf ihren Zügen die Huldigungen der Gesellschaft ein. Mit aller Welt bekannt und in Verbindung, hielt sie zu Thal-Ehrenbreitstein bei Coblenz offenes Haus für die schönen Geister von nah und fern. Auch Goethe blieb ihr für die nächsten Jahre ziemlich eng verbunden, und diese Verbindung ist für ihn um dessentwillen von Bedeutung, weil sie ihn nach einiger Zeit dem niederrheinischen Kreise der Heinse und Jacobi und durch Friedrich Heinrich Jacobi später dem Münster'schen der Fürstin Gallitzin und Fürstenbergs näherte. Das äußere Band zwischen ihm, Schlosser und Merck, bildeten die »Frankfurter gelehrten Anzeigen«, welche die beiden Letzteren im Verein mit dem Gießener Professor Höpfner von 1772 an erscheinen ließen. Das Blatt existirte nicht lange genug, um einen eingreifenden und nachhaltigen Einfluß auf die Literatur zu gewinnen, ist jedoch für diese eigentliche »Sturm- und Drangzeit« von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit. Goethe's Betheiligung war eine lebhafte. Seine Beiträge verrathen allerdings noch den Ungestüm und Ueberschwang der Jugend, allein als Zeugnisse der wachsenden Kraft, des tiefen Gemüths, der Milde und Nachsicht, der dem Durchbruch entgegendrängenden ächten Humanität müssen sie für uns von hohem Werthe bleiben. Ende Mai 1772 ging er nach Wetzlar, um beim Reichskammergericht mit dem Reichsprozeß und dem Staatsrecht vertrauter zu werden und sich – nach dem Wunsch des Vaters – für die höhere juristische Carriere auszubilden. Der gleiche Zweck versammelte hier junge Leute aus allen Gegenden Deutschlands und vermittelte eine Art von akademischem Leben. Für uns ist von ihnen nur der einzige, schon früher erwähnte Gotter von Interesse, durch den Goethe, wie gleichfalls schon angegeben, auf die Göttinger Hainbündler aufmerksam gemacht und dem dortigen Musenalmanach zugeführt wurde. Dagegen wird aber dieser Aufenthalt zu Wetzlar, der nur bis zum Anfang des September dauerte, von tief- und weitgreifender Bedeutung für Goethe und seine Entwickelung selber, für die Literatur und Bildung der ganzen folgenden Zeit, durch das Verhältniß des wunderbaren, auch hier wieder alles und alle gewinnenden und beherrschenden Menschen zu Charlotte, der Tochter des Amtmanns Buff, der Braut des Legations-Secretärs Kestner. Ueber dies Verhältniß weitläufiger zu sprechen, würde uns zu weit führen. Es ist ja auch, kaum die Sesenheimer Idylle ausgenommen, das bekannteste von allen, in dem Goethe uns erscheint. Hier genügt es völlig, wenn wir das zwiefache Ergebniß desselben anführen: für den Dichter, für unsere Literatur und Bildung jenes einzige Buch: »Die Leiden des jungen Werthers«; für den Menschen: die zum erstenmale freiwillig und voll Bewußtsein auf sich genommene Entsagung, die ernste und strenge, tief sittliche Selbstzügelung und die Läuterung und Klärung seines gesammten Wesens und seiner gesammten Natur, welche ihn schon in der nächsten Zeit allen einsichtigeren Freunden und Genossen als einen völlig veränderten Menschen erscheinen ließ. Von Wetzlar wanderte er über Ems zur La Roche nach Thal-Ehrenbreitstein und soll, der Sage nach, am ersteren Ort der Herzogin Amalie von Weimar begegnet sein, auf die seine Erscheinung einen solchen Eindruck machte, daß dadurch seine spätere Uebersiedlung nach Weimar gewissermaßen schon jetzt angebahnt wurde. Mit der La Roche und ihren schönen Töchtern, Maximiliane und Louise – die erstere, bald darauf die zweite Gattin des Frankfurter Handelsmanns Peter Brentano, wurde, beiläufig gesagt, die Mutter von Clemens Brentano und Bettina von Arnim – wurden heitere Tage verlebt, getrübt nur durch die Anwesenheit eines anderen Gastes, des zum Darmstädter Kreise gehörenden Franz Michael Leuchsenring , eines Menschen, der wie eine Verkörperung der damals herrschenden häßlichen, bis hart an völlige Verrücktheit streifenden Empfindsamkeit erscheint. Goethe hat ihn nicht lange nachher in seinem Fastnachtspiel vom Pater Brey , als diesen, verewigt. – Mit Merck und den Seinen, die sich gleichfalls eingestellt hatten, fuhr Goethe durch den schönsten Herbst auf dem Rhein nach der Vaterstadt zurück. Der juristischen Praxis entsagte er mehr und mehr, die Dichtkunst nahm ihn immer völliger hin. Von einzelnen Dichtungen wissen wir freilich wenig. Zu Wetzlar beschäftigte ihn eine Uebersetzung »des verlassenen Dorfs« von Oliver Goldsmith ; das merkwürdige Gedicht »der Wanderer« – »Gott segne dich, junge Frau«, – gehört gleichfalls in diese Zeit. Die Hauptsache aber ist, daß er nun zu Frankfurt endlich auf seiner Schwester und Mercks Drängen den Götz von Berlichingen einer wiederholten Bearbeitung unterzog und, wie es scheint im Frühling 1773, gedruckt erscheinen ließ. Die Wirkung des Stückes war eine blitzartige und beispiellose, ja das Erscheinen des Götz war ein Ereigniß, dessen Gleichen bisher in der deutschen Literatur nicht zu finden war. Die gefeiertsten Dichterwerke, selbst Klopstocks Messiade und Lessings Minna von Barnhelm, waren stets nur in Kreisen, wo sie einer verhältnißmäßigen, schon vorgeschrittenen Bildung begegneten, wirklich durchgedrungen. Sie hatten ihren Weg, wenn wir es so heißen wollen, durch die Kritik und durch die Köpfe ihrer Leser in deren Herz und Gemüth zu machen gehabt. Götz von Berlichingen litt unter keiner Beschränkung und keinem Umwege. Er traf unmittelbar und gradeswegs ins Herz und eroberte, weit über die Kreise der Literaturfreunde und Gebildeten hinaus, mit einem Schlage und zum erstenmale das, was wir heutzutage das »große Publikum« heißen, und zwar zuerst und vor allem die gesammte Jugend. Ein ähnlicher Erfolg wurde nur noch zweimal, rasch hintereinander, und zwar annähernd von Bürgers »Lenore« und in womöglich noch höherem Grade von Goethe's »Werther« erreicht. Selbst unsere größten Dichter erzielten mit keinem ihrer Werke wieder eine so unmittelbare und zündende Wirkung. Götz von Berlichingen eröffnet die neue Literaturperiode, und mit ihm hat die Geschichte derselben anzuheben. Ob auch im Grunde nur eine dramatisirte Geschichte – in der ersten Gestalt ist das Werk von Goethe selber so genannt worden – ist das Stück doch das erste wirkliche Volksdrama, blieb jedoch, bei Lichte besehen, bis auf den heutigen Tag auch das einzige. Wer von dem albernen Einfall absieht, der unter den Damaligen und hie und da sogar noch unter den Heutigen spukt, daß der Götz eine Nachahmung oder Wiederbelebung Shakespeare's sei oder sein solle, und statt dessen das Werk als die freie und selbstständige Schöpfung eines auch an Shakespeare gebildeten, im Uebrigen aber gleichfalls völlig selbstständigen Geistes ansieht, – der muß sich noch heute vor dem beugen, was hier erschaffen worden ist. Der unbekannte, schlichte, unbedeutende Rittersmann verwandelt sich ohne Zwang, ohne Kunst und Putz, in eine aller Welt Achtung gebietende Heldengestalt; aus der trockenen, nüchternen Biographie geht ein glänzendes, farbenreiches Gemälde hervor. Das Leben der alten Zeit erwacht, die alles erschütternde Bewegung, welche sie erfüllte, ergreift auch uns und zieht uns mit sich fort. Die uns begegnenden Personen sind keine Abstracta, nicht die Schatten- und Spukgestalten der Nachahmer oder der späteren Romantiker, sondern lebendige, leibhaftige, handelnde Menschen. Alles lebt vor uns und um uns und zwingt uns mitzuleben in jener Zeit, in jener Bewegung, mit diesen Menschen. Und diese Natürlichkeit oder vielmehr Naturnothwendigkeit, und dieses gegenwärtige und leibhaftige Leben, das ist es vor allem, was dies Stück so groß macht und so groß bleiben läßt, für jedermann. Davor verschwinden die Fehler, welche es, als dramatische Composition angesehen, unzweifelhaft hat: daß ihm nicht nur die äußere, sondern auch die innere Einheit fehlt, daß es des festen Mittelpunktes ermangelt und des sicheren Gleichgewichts, daß es an einzelnen modernen Zügen leidet, und was man noch sonst hervorheben will. Die unmittelbare Wirkung auf die Zeitgenossen und die Literatur erklärt sich schon daraus, daß der Stoff und die Grundidee desselben mit denen zusammentrafen, welche die Gegenwart erfüllten: der Kampf des Alten wider das Neue, der Conflict der auf eigene Kraft sich stützenden Individualität mit dem Zwang und der Herrschaft des modernen Staats, hatte sich soeben, wenn auch mehr auf geistigem Gebiet, und in grade umgekehrter Weise von neuem erhoben. Denn jetzt stritt man allerdings gegen das verlebte Alte, gegen die Fesseln und den Zwang des veralteten Staats und eines in äußeren Formen erstarrten Kulturlebens. Aber der Götz brach auch äußerlich mit den conventionellen, hergebrachten Formen, mit der regelrechten Dramatik und dazu gesellte sich eine Originalität und Natürlichkeit des Ausdrucks und eine Gewalt der Sprache, wie ihresgleichen in der deutschen Poesie noch nicht gefunden worden war. Kurz, was man bisher geahnt und in dunklem Drange erstrebt hatte, als das Nothwendige, als das einzig Richtige und Wahre, als das Höchste – im Götz schien das alles erreicht zu sein. Die Revolution hatte begonnen, die Bahn war frei. Aber freilich, wie es immer geht, die ersten frischen und bahnbrechenden, ihrer Aufgabe wirklich gewachsenen Kräfte finden selten oder nie die ebenbürtigen Nachfolger, und die ersten glänzenden und würdigen Ziele der Ersteren verschwinden den Folgenden nur allzuhäufig hinter wilden und wüsten Phantomen einer ungeregelten oder gar impotenten Einbildungskraft. Das zeigte sich auch hier in der erschreckendsten Weise. Von einer ebenbürtigen Kraft, welche durch Goethe und den Götz wachgerufen worden, war nicht im Allerentferntesten die Rede, aber auch nur eine frische und gesunde und annähernde originale ließ sich bloß ganz ausnahmsweise und vereinzelt entdecken, während die Schwäche und die völlige Unfähigkeit sich von allen Ecken und Enden herbeidrängte und sich mit den ungeheuerlichsten Producten breit machte. Von diesen Letzteren dürfen wir füglich schweigen, man kann ihnen keine größere Ehre anthun, als sie zu vergessen. Aber auch über die Ersteren können wir in aller Kürze berichten, denn mit Ausnahme des schon früher erwähnten »Julius von Tarent« von Leisewitz und des gleichfalls angeführten Stücks »Golo und Genovefa« vom Maler Müller finden wir bis zu den, den Schluß der Sturm- und Drangperiode bezeichnenden ersten Stücken Schillers und fortan durch die folgende Zeit auf dem Gebiete des Trauerspiels und überhaupt des eigentlichen Drama's auch hier nichts, was für die Literatur von Bedeutung geworden wäre und heutzutage noch gekannt zu werden verdiente. Hier nennen wir zuerst Reinhold Lenz , der geboren 1750 in Liefland, 1771 als Hofmeister junger Edelleute nach Straßburg kam und hier sich Goethe aufdrängte, der sich in seiner grenzenlosen Gutmütigkeit anfangs von ihm täuschen ließ und ihn mit übermenschlicher Geduld und Nachsicht zu ertragen, ja zu stützen versuchte. Nur so darf man unserer Ueberzeugung nach das Verhältniß Beider und ihre Stellung zu einander ansehen, wenn es auch früher und später nicht an Versuchen gefehlt hat, Lenz auf Kosten Goethe's zu erheben. Es ist eine begabte, aber ihrer Gaben nicht mächtige, verworrene und im tiefsten Grunde eine unedle Natur, welche durch Ehrgeiz, Mißgunst, Eifersucht und innere Haltlosigkeit nach und nach aufgerieben wurde und endlich in äußerem und innerem Elend zu Grunde ging – er starb 1792 zu Moskau. Goethe nachzueifern und ihn zu überbieten, unter seinen Genossen, in seinen Bestrebungen und Studien, in seiner Liebe, in seinen Erfolgen und in seinem Ruhme – das war von Anfang an das Streben dieses unruhigen und unklaren Kopfes, ein unseliger Flug, der gar nicht anders als mit einem vernichtenden Sturze enden konnte, Den tiefsten Einblick in diese Natur dürfte man durch das Fragment: » Pandaemonium germanicum « erhalten, wo Lenz sich selbst neben Goethe, Herder, Lessing, Klopstock verherrlicht. Seinen ästhetischen Standpunkt sucht er in den »Anmerkungen über's Theater« darzulegen. Seine Dramen »Der Hofmeister«, »Der neue Menoza«, »Die Soldaten«, sind trotz bedeutender, ja von einer Art Genialität zeugender Einzelheiten, formlos und ausschweifend und heutzutage nicht mehr lesbar. Nach ihm nennen wir Friedrich Maximilian Klinger , der 1752 zu Frankfurt geboren und in drückenden Verhältnissen aufgewachsen, 1831 in Rußland als Generallieutenant starb. In ihm sehen wir den eigentlichen Repräsentanten dieser sogenannten »Kraftgenie's«, wie denn auch sein Drama »Sturm und Drang« der Periode den Namen gegeben hat. Sein erstes Stück »Die Zwillinge« gewann 1774 in Hamburg den Preis vor dem »Julius von Tarent«. Seine Stücke sind voll von Formlosigkeit, Gewaltsamkeit, dämonischem Trotz und roher Unnatur, voll Zerstörung und Vernichtung und wieder voll finsterer Menschenverachtung: es ist der Sieg des Schlechten und Bösen über das Edle und Schöne. Ebenso sind auch seine Romane, zu denen er schon nach wenigen Jahren überging und von denen wir nur »Faust's Leben, Thaten und Höllenfahrt«, »Geschichte Giafars des Barmeciden«, »Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit« anführen. Von Versöhnung ist bei ihm kaum die Rede, im Gegentheil erweitert sich, wie Jean Paul es bezeichnet, stets nur der Zwiespalt zwischen Ideal und Wirklichkeit, aber wir begegnen bei ihm einer gewissen trotzigen Mannhaftigkeit, welche uns, wenn auch nicht anzieht, doch Respect einflößt. Endlich Heinrich Leopold Wagner , geboren 1747 zu Straßburg, gestorben schon 1779 zu Frankfurt, an beiden Orten ein Mitglied des Goethe'schen Kreises. Den Stoff zu einem Drama »Die Kindsmörderin« soll er aus Goethe's Mittheilungen über die Gretchen-Episode im Faust geschöpft haben. Außerdem ist er durch eine gegen Nicolai und Consorten gerichtete Farce »Prometheus, Deucalion und seine Recensenten« bekannt geworden, die man eine Zeitlang Goethe selber zuschrieb. Daß der letztere ihn als »Wagner« im Faust verewigt habe, ist ein leerer Einfall; Faust's Famulus heißt schon im Volksbuch und Puppenspiel Wagner. Ueberdies scheint Leopold Wagner nichts weniger, als der lederne und pedantische Gesell gewesen zu sein, den wir im Faust finden. Goethe hat, wo er lebende Personen in seine Dichtungen herübernahm, niemals die Charactere umgestaltet, sondern in ihren Grundzügen festgehalten. Von allem, was später noch in diesem Fache erschien, sind völlig genügender Weise nur noch drei Dichter mit ihren Hauptwerken anzuführen: Jakob Mayer (1739-1784), dessen »Fust von Stromberg« Schiller noch für aufführungswerth erklärte; J. M. Babo (1756-1822), dessen »Otto von Wittelsbach« sich lange auf dem Theater gehalten hat, und Graf J. A. von Törring (1753-1826), der durch seine »Agnes Bernauerin« berühmt wurde. Für uns existiren aber auch diese Arbeiten nicht mehr. 23. Die nächstfolgende Zeit, die Jahre 1773-1775, gehört zu den bewegtesten, die Goethe verlebt hat, und ist im dichterischen Sinne seine reichste. Das Schaffen und Produciren nahm kein Ende, und es gab Zeiten, wo Alles ihm zum Gedicht wurde und er selbst Nachts aus dem Bett sprang, um die Plötzlich auftauchenden Verse niederzuschreiben. Früher hatte sein Gefühl sich gegen Veröffentlichung seiner Dichtungen gesträubt, jetzt nachdem der Götz durch Mercks Drängen herausgebracht war, schien dieser Bann einigermassen gebrochen zu sein und auch die Publikationen folgten einander ziemlich rasch. Erwähnt mögen hier werden: die hauptsächlich gegen Wielands Alceste gerichtete tolle kleine Farce »Götter, Helden und Wieland«, von Lenz eigenmächtig veröffentlicht; »Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern, ein Schönbartspiel«, erinnernd an die Fastnachtsspiele des alten Hans Sachs; »Prolog zu den neusten Offenbarungen Gottes verdeutscht durch Dr. C. F. Bahrdt«; das »Fastnachtspiel vom Pater Brey, dem falschen Propheten«; »Des Künstlers Erdenwallen«. Andere ähnliche kleine Satiren wurden durch seine Sorglosigkeit verzettelt oder, wie »Satyros« nur durch Zufall später wieder entdeckt; noch andere, wie »Hanswursts Hochzeit«, aber auch, ernstere und größere, wie »Mahomet«, »Prometheus«, »Der ewige Jude«, blieben Fragmente. Gegen Ende October 1772, bald nach Goethe's Abgang, hatte sich zu Wetzlar der junge Jerusalem , ein Sohn des braunschweigischen Oberhofpredigers, erschossen. Kestner hatte einen Bericht über den ganzen unglücklichen Fall aufgesetzt, den Goethe las. Von dieser Zeit an begann der Plan zu seinem »Werther«, einer Verschmelzung seiner Herzensgeschichte mit der Geschichte Jerusalems, in ihm zu entstehen; an die Ausführung ging er freilich erst in der Mitte des Jahres 1773 zu einer Zeit, wo er sich nach vielfacher gemüthlicher Aufregung tief vereinsamt fühlte. Denn im April war Kestners Hochzeit mit Lotte Buff gewesen; im Mai führte Herder seine Braut, Karoline Flachsland, eines der Hauptmitglieder des Darmstädter Kreises und mit Goethe in naher Verbindung, heim; Merck selber war auf einer Reise nach Petersburg entfernt; und zu Anfang November schied auch die Schwester Kornelia als Schlossers Frau von Frankfurt. Daneben fehlte es ihm äußerlich freilich keineswegs an geselliger Anregung in dem schon früher erwähnten, ihn und seine Schwester umgebenden heiteren Kreise und ebensowenig an dieser oder jener, dem lebhaft Empfindenden und Leichterregbaren nun einmal fast nothwendigen bald flüchtigeren, bald tieferen Neigung. Eine solche regte sich anscheinend auch zu der schon genannten Maximiliane La Roche, als dieselbe mit dem Gatten Brentano zu Anfang des Jahres 1774 in Frankfurt anlangte und Goethe sich, wiederum zur Entsagung verurtheilt, als Hausfreund bei ihr eingeführt fand. Dies neue schmerzliche Gefühl mag die Abfassung des »Werther« beschleunigt haben. Im April 1774 redet er von der fertigen Handschrift zu Lavater. Allein erst im September erschien das Buch. Und da er alle Herzensnoth und alle Bedrängnisse der vergangenen Zeit durch und mit seinem Werther von sich abgeschüttelt hatte und sich wieder frei und frisch für das Leben fühlte, so ging er alsbald auch keck an ein neues Schaffen. Einer jungen Freundin seiner Schwester, Anna Sibylla Münch, zu Liebe schrieb er in acht Tagen, nach einem Memoire des Beaumarchais, seinen »Clavigo«, ein zwar bühnengerechtes, ansprechendes, aber unbedeutendes Stück. Das heißt: für den damaligen Goethe, von dem die Freunde und, man darf wohl sagen, auch schon Deutschland nichts als ganz Besonderes und Großes erwarteten. Merck sagte zu des Dichters Aerger: »Solchen Quark mußt du mir nicht mehr schreiben; das können die Anderen auch.« Das war auf der einen Seite freilich richtig, obgleich auch der »Clavigo« noch hoch über allen anderen derzeitigen Erscheinungen auf diesem Gebiete stand; auf der anderen aber that er nicht nur Goethe selber, sondern auch überhaupt dem Dichter als solchem allerdings unrecht und zeigt, wie selbst ein so scharfer Kopf wie Merck der rechten Einsicht in das Wesen und das Schaffen des Genius entbehrte. Selbst der größte Genius schafft nicht in rascher Folge große und meisterhafte Werke. Er bedarf der Zwischenpausen und, sei es des völligen Ausruhens, oder sei es, wo Schaffenslust und Schaffenskraft eine so gewaltige, wie bei Goethe ist, wenigstens des Spielens und Scherzens mit leichter Waare, um sich zu erholen und zu neuen größeren Schöpfungen zu stärken. Die Wirkung der »Leiden des jungen Werthers« war in ganz Deutschland und weit über dessen Grenzen hinaus, eine so allgemeine, eine so tiefe und gewaltige, wie sie von keiner literarischen Erscheinung jemals erreicht worden war und niemals wieder von einer solchen hervorgerufen worden ist. Man muß diesen Roman, als Roman, so hochstellen, wie irgend denkbar: nach Einfachheit, Klarheit und Natürlichkeit der Composition, und nach Schönheit und Gewalt der Sprache und Darstellung, gehört der Werther zu den größten Schöpfungen des Genius, welche zu irgend einer Zeit und in irgend einem Lande bekannt geworden sind. Hier ist alles im Einklang und im höchsten Sinne des Wortes vollendet , und selbst Goethe hat, abgesehen vielleicht von einzelnen Briefen, nie in seinem Leben wieder etwas geschrieben, was auch nur in der Sprache dem Werther gleichkäme. Allein den unermeßlichen Eindruck und die geradezu erschütternde Wirkung dieses wunderbaren Buches wird man dennoch heutzutage nicht begreifen, wenn man sich nicht das Wesen und den Character jener Zeit und all' ihre durcheinanderwogenden, nicht selten hart sich einander entgegenstemmenden Strömungen völlig klar gemacht hat. Diese Zeit war eine kranke und alle bisher geltenden herrschenden Verhältnisse waren in einer Gährung, welche zur völligen Auflösung führen zu wollen schien. Jedermann litt unter diesen Zuständen auf das ernstlichste und schmerzlichste, und niemand war sich doch des eigentlichen Wesens der Krankheit und der wirklichen Gründe der Auflösung recht bewußt. Jedermann suchte nach Hülfe, nach Rettung und Heilung; bald in schmerzlicher Sehnsucht, bald voll grimmigen Ungestüms; hier in thränenvoller Empfindelei und hinschmachtender Entsagung, dort in düsterer Schwermuth, in wildem Trotz, in aufreibender Verzweiflung; bald in mystischer Schwärmerei und Schönseligkeit, bald in der ödesten Aufklärungssucht und der fadesten Nüchternheit. Mit einem Worte, wie wir es schon öfters angedeutet haben: das Ideal stand im heißen Kampf gegen die Realität, das Individuum erhob sich wider die Gesellschaft und setzte sein Recht gegen ihre Ordnung und Regel. Diesen Kampf hatte auch Goethe in sich selber durchzukämpfen und brachte ihn in all seinen Phasen und Schattirungen zum erstenmal im Werther zum vollendeten Ausdruck und zur klaren Darstellung – bis zum unabwendbaren Untergang des Kämpfenden. Hier liegt das Geheimniß des außerordentlichen Effects, den dies Buch machte, und hier seine Lösung: jedermann fand die Zeit wieder mit all' ihren Schäden und Schatten, und jedermann sich selbst mit all' seiner Noth, seinen Schmerzen und seinen Kämpfen, die zum Untergange führten, wie bei dem Helden, oder zum Siege, wie bei dem Dichter selbst. Denn Goethe ging in seinem eigenen Kampfe nicht zu Grunde; die Darstellung desselben gab ihm die Freiheit und die Herrschaft über sich selbst, die den Anderen versagt war und nicht von ihnen erlangt wurde, im schönsten Maße zu eigen, und wie der Adler schwang er sich höher und höher empor über die Schmerzen und den Staub der Erde zu den reinen und sonnigen Höhen der schönen Menschlichkeit. Wer es versteht, über das Aeußere des Menschen und sein Tagestreiben in das Innere und sein tiefstes Wesen hineinzublicken, der findet in dem nach-Wertherschen Goethe einen bei weitem anderen als den früheren. Trotz aller Wildheit, »Genialität« und alles »Skandalisirens«, läßt sich schon hier, sei es auch nur in vereinzelten Zügen, jene »Sophrosyne« spüren, welche ein paar Jahre später Wieland dem wunderbaren Menschen in Weimar nachrühmen muß. Von der ganz außerordentlichen Aufmerksamkeit, die der junge Frankfurter in Deutschland überall erregte, zeugt es, daß schon zu dieser Zeit niemand, dessen Reise in die Nähe der alten Reichsstadt führte, leicht die Gelegenheit versäumte, den »Doctor Goethe« kennen zu lernen. So begegnen uns hier gleich im Sommer des Jahres 1774 zwei Männer, welche uns in ein paar Hauptrichtungen jener neuen, auf allen Gebieten nach innerer und äußerer Befreiung ringenden Zeit einführen. Das ist der Schweizer Prediger und Physiognom Johann Kaspar Lavater (1741-1801) und der schon früher von uns erwähnte Reformator des Erziehungswesens und Philantropist Johann Bernhard Basedow (1724-1790). Lavater gehört zu denen, welche sich in Opposition zu der öden und zweifelsüchtigen Verständigkeit oder dem nackten Unglauben der norddeutschen, hauptsächlich Berliner Aufklärer fanden und sich zusammenschaarend zu einer stets wachsenden Partei von größter Bedeutung erstarkten. Um den tüchtigen und edlen Kern von wahrer Religiosität und ächter, herzlicher Frömmigkeit her finden wir indessen alsbald die verschiedenartigsten und seltsamsten Auswüchse, und hier begegnen wir auch Lavater, einer seinen einschmeichelnden Persönlichkeit und einer ganz merkwürdigen Natur voll unendlicher, schwärmerischer Liebe und Treue, einfältiger Gläubigkeit und daneben voll einer wundergläubigen, nicht selten fast koketten Schönseligkeit und Schönrednerei und des rein pfäffischen Zelotismus. Als Dichter (»Schweizer-« und religiöse Lieder) gehörte er zu Klopstocks Nachfolgern und darf unbekümmert vergessen werden, ebenso wie auch seine übrigen schriftstellerischen Leistungen für uns keinen Werth mehr haben. Nur seine »physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe« müssen hier erwähnt werden, ein Versuch, den Character des Menschen aus der Gesichtsbildung zu deuten. Es ist immerhin bemerkenswerth, ja bezeichnend genug für die damalige, gährende, unruhige und unklare Zeit, daß ein so halb phantastischer halb gradezu fratzenhafter Einfall den allertiefsten Eindruck machen und von den licht- und geistvollsten Köpfen der Zeit – ja bis weit in unser Jahrhundert hinein, mit Beifall und Glauben aufgenommen werden konnte. Selbst Goethe, der klarste und natürlichste Mensch, ließ sich blenden und fortreißen und hat eine Zeit lang durch zahlreiche Beiträge das Werk unterstützt. Ueber Basedow haben wir uns nicht weiter zu äußern, als daß er, ob auch in den directen Erfolgen seiner Lehre und Methode scheiternd, dennoch für uns als derjenige von Bedeutung bleiben muß, der die Umbildung des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens anbahnte und gewissermaßen der Begründer unserer reichen Kinder- und volksfreundlichen Literatur wurde, die in allen Darstellungsformen und auf allen irgend für sie zugänglichen Gebieten hervortrat. Wir erinnern hier nur an Joh. Heinr. Campe 's (1746-1818) Jugendschriften »Robinson der Jüngere«, »Entdeckung von Amerika« u. s. w., wobei denn auch seines großen deutschen, wider die Fremdwörter kämpfenden, Wörterbuchs nicht vergessen sein soll; an des Schweizers J. H. Pestalozzi (1746-1827) Volksgeschichte »Lienhard und Gertrud«, die abgesehen von stilistischen Mängeln bis auf den heutigen Tag an Gemüthstiefe, gesunder Moralität und ächter Volksthümlichkeit ihres Gleichen sucht; an – um auch solcher Arbeiten zu gedenken – die weitverbreitete, possierliche »Naturgeschichte« von Raff und an die trefflichen, für die Jugend bestimmten historischen Schriften von dem allerdings späteren Bredow . Als Goethe mit Basedow dem nach Ems gegangenen Lavater dahin nachzog und von neuem bei der La Roche einsprach, ließ er sich von dieser endlich zu einem Besuch bei Friedrich Heinrich Jacobi bereden. In Elberfeld traf er mit ihm, mit Heinse und einem alten Straßburger Freunde Jung-Stilling zusammen und schloß nach der langen Abneigung einen desto – von Jacobi's Seite wenigstens – leidenschaftlicheren Freundschaftsbund. Ueber den wilden und ausschweifenden, genialen Heinse haben wir schon früher uns in der Kürze ausgesprochen. Die beiden anderen müssen hier aber näher betrachtet werden. Heinrich Jung, genannt Stilling , war 1740 im Nassauischen in dürftigen Verhältnissen geboren. Er hatte sich durch eine traurige Jugend durchzuarbeiten und nur der eiserne Wille des jungen Menschen erzwang es endlich, daß er, der bei dem Vater das Schneiderhandwerk erlernt hatte, völlig mittellos, aber im Vertrauen auf Gottes Hülfe, 1770, also im dreißigsten Jahre nach Straßburg gehen konnte, um Medicin zu studiren. Hier kam er alsbald mit Goethe in Verbindung, der sich des bescheidenen, schüchternen und unbeholfenen Menschen auf das herzlichste annahm. Später practicirte er zu Elberfeld und erlangte bedeutenden Ruf durch Staaroperationen. Einige Jahre darauf gab er die Praxis aber auf, übernahm eine Professur der Oekonomie-, Finanz- und Kameralwissenschaft zu Marburg, kam später nach Heidelberg und starb 1817 zu Karlsruhe. – Bei dem erwähnten Besuche in Elberfeld fand Goethe bei ihm ein Manuscript, in welchem Jung die Geschichte seiner Jugend dargestellt hatte, nahm es mit und veröffentlichte es unter dem Titel »Heinrich Stillings Jugend« – ein Buch, das zu den vortrefflichsten seiner Art in unserer gesammten Literatur gehört. Die von Jung selbst herausgegebenen Fortsetzungen: »Jünglingsjahre«, »Wanderschaft«, »Häusliches Leben« – er war beiläufig gesagt, schon auf der Universität verheirathet – »Lehrjahre«, »Alter«, erreichen den Reiz der »Jugend« bei weitem nicht. – Von seinen weiteren zahlreichen Schriften führen wir nur an die Romane »Geschichte des Herrn von Morgenthau«, »Geschichte Florentins von Fahlendorn«, »Heimweh« u. s. w. und die späteren Werke »Theorie der Geisterkunde« und »Scenen aus dem Geisterreich«. Jung ist schon durch seine Jugend in eine pietistische Richtung gedrängt, die sich später mehr und mehr in einen seltsamen, confusen Wunderglauben, in Gespensterseherei und mystische Träumereien verliert. So stellt sich eine gewisse Verwandtschaft mit Lavater heraus, nur daß Jung einerseits dichterisch begabter und andererseits um vieles ehrlicher und schlichter erscheint. Friedrich Heinrich Jacobi , der jüngere Bruder des früher genannten Johann Georg, wurde 1743 zu Düsseldorf geboren. Nachdem er in Frankfurt und Genf ausgebildet worden, übernahm er das kaufmännische Geschäft seines Vaters, beschäftigte sich nebenher aber mit der Literatur, wie er den 1772 mit Wieland den »Deutschen Merkur« gründete, hing allerhand wissenschaftlichen Neigungen nach und knüpfte überall literarische Bekanntschaften und Verbindungen an. In vollster Unabhängigkeit lebend, ließ er sich doch in den Staatsdienst, zum Zoll- und Commerzwesen, ziehen. Später flüchtete er vor den Franzosen nach Hamburg und Wandsbeck, wo er nicht nur mit Klopstock, Voß, sondern auch mit Claudius, den Stolberg und dem übrigen frommen Holstein'schen Kreise in Verbindung trat. Im Jahre 1806 wurde er nach München, an die Akademie der Wissenschaften berufen und Präsident derselben. Er starb daselbst 1819. Jacobi gehört in unserer Literatur zu den Schriftstellern, welche, und zwar obendrein in völlig räthselhafter Weise, weit über ihren Werth und ihre Bedeutung erhoben worden sind. An wirklichem Talent steht er seinem Bruder, dem häufig zu tief gestellten Johann Georg, entschieden nach. Eine empfindsame und überschwängliche, vor allem aber dilettantische Natur von geringer Tiefe und noch geringerer wirklicher Kraft, wurde er, wie es in solchen geistig regsamen Zeiten und Kreisen stets zu finden ist, in gewissem Sinne von der Regsamkeit und dem Schaffensdrange seiner Umgebung angesteckt und durch die von ihm bewunderten Erfolge Anderer zu eigenen Versuchen gereizt. Ja, er hatte das Unglück, daß der durch seinen Freundschaftsraptus und auch wohl durch seine persönlichen Vorzüge bestochene, von ihm gradezu vergötterte Goethe ihn bei der erwähnten ersten Begegnung, in vollständigem Verkennen, sogar ausdrücklich zum Schaffen antrieb. So entstanden schnell hintereinander die beiden unvollendeten, trübseligen, halt- und gestaltlosen Romane »Allwills Briefsammlung« und »Waldemar, eine Seltenheit aus der Naturgeschichte«, wie auf dem Titel der ersten Ausgabe zu lesen steht. Hier fand sich denn wenigstens Goethe gründlich enttäuscht, und es verdient erwähnt zu werden, daß er dies letztere Buch eines schönen Tages zu Ettersburg vor einer großen lustigen Gesellschaft feierlich dem Teufel übergab und danach »kreuzigte«, d. h. an einen Baum nagelte. – Ueber Jacobi den Philosophen, der nicht viel höher steht als der Romanschreiber, haben wir hier nichts zu äußern. Von der gesammten Wertherliteratur, welche eine ganz ansehnliche Bibliothek bildet, der Nachahmungen, der Dramatisirungen, Fortsetzungen und Uebersetzungen, der Gegenschriften u. s. w. haben wir Millers »Sigwart, eine Klostergeschichte«, den Ausdruck der hart an Verrücktheit streifenden Empfindsamkeit jener Generation, schon früher genannt, und genügt es, wenn wir hier von den Gegenschriften Nicolai 's abgeschmacktes und bleiern witziges Schriftchen »Freuden des jungen Werthers, Leiden und Freuden Werthers des Mannes«, eben nur anführen, in welchen der geschmacklose Mensch obendrein die, hin und wieder freilich bis zum Fratzenhaften gesteigerte Sprache der damaligen Kraftgenies zu verspotten unternahm. Inzwischen producirte Goethe rastlos weiter, und manches entstand zu dieser Zeit, was selbst von seinem Geiste später niemals überboten wurde. So brauchen wir wohl nur an jenes monologartige Prometheus-Gedicht zu erinnern: »Bedecke deinen Himmel, Zeus – Mit Wolkendunst«, das zu dem Kühnsten und Erhabensten gehört, was jemals dichterisch geschaffen worden ist. – Daran schließen sich Scenen aus dem »Faust«, welcher sich unter den Wirbeln des Frankfurter Lebens in aller Stille zu bilden begann: dem ihn besuchenden Klopstock las der Dichter einzelne Stücke davon vor, ohne freilich mit ihnen auf den vor der Zeit Gealterten einen günstigen Eindruck zu machen. Dazu kommen auch wieder wie früher Kleinigkeiten, an denen der Dichter sich, wie wir es hießen, gewissermaßen ausruhte: Die später, in Italien, überarbeiteten Singspiele: »Erwin und Elmire« und »Claudine von Villa Bella«, endlich jene »Stella, ein Schauspiel für Liebende«, das wir als den ersten – später werden wir dergleichen noch mehrere finden! – wirklichen und schweren Fehlgriff zu bezeichnen haben, ein zugleich widerwärtiges und überaus schwaches Stück, in welchem kaum hie und da ein einzelner Zug an den großen Dichter erinnert, und ein Fehlgriff, der um so räthselhafter erscheint, als Goethe auch später, ja stets diese unglückliche Arbeit mit einer gewissen Vorliebe betrachten mochte. – Um den Lesern eine Probe von den Träumen der Ausleger und Erklärer zu geben, wollen wir hier die Frage eines solchen anführen, ob der Dichter in jener Zeit, »als er Kestner um Lottens Besitz beneidete, sich nicht vielleicht mit dem phantastischen Gedanken an die Möglichkeit ähnlicher (d. h. wie in Stella) Lösung« getragen habe? – Gedichte und Lieder, nicht selten schon von höchster Vollendung und unvergänglichem Reiz, gingen unausgesetzt nebenher, ja wir dürfen hinzufügen, daß Goethe's ganzes Leben, Denken und Treiben im Grunde nichts als Dichten war, denn selbst die Briefe dieser Zeit sind zum Theil wie die reizvollsten, lustigsten, ergreifendsten Gedichte – man lese z. B. einzelne von denen, welche er an Fritz Jacobi und seine Frau und an die Gräfin Auguste Stolberg schrieb, die gleichsam nur rein zufällig der Verseintheilung und des Reimes entbehren. Von den Liedern nennen wir hier nur die bekannten: »Neue Liebe, neues Leben«, – »Herz, mein Herz, was soll das geben?« – »Warum ziehst du mich unwiderstehlich«, – »Hoch auf dem alten Thurme steht«, – »Es war ein Buhle frech genung«, – »Es war ein König in Thule«, und den wunderschönen »Klagegesang von der edlen Frauen des Asan Aga« u. s. w. Mehrere von den hier genannten Gedichten, sowie eine ganze Reihe weiterer, entstammen seinem Verhältniß zu Elisabeth (Lili) Schönemann , der sechzehnjährigen Tochter eines reichen Frankfurter Banquiers, der er vom Herbst 1774 an die leidenschaftlichste Liebe widmete, ja mit der er sich nach einigen Monaten wirklich verlobte, um sich endlich auch von ihr wieder loszureißen. Diese Liebe barg schon von Anfang an den Keim des Endes in sich. Zwei verschiedenere, oder richtiger gesagt, sich mehr entgegengesetzte Naturen als der wilde und leidenschaftliche, in unbeschränkter Freiheit sich gefallende, durch und durch geniale und dem Höchsten zustrebende Goethe – »der Geist voll Feuer mit Adlerflügeln« – und die junge, schöne, sorglos hintanzende, fröhlich kokettirende, oberflächliche, endlich im vornehmen Hause und in vornehmen gesellschaftlichen Verhältnissen erwachsene und verwöhnte Lili: zwei so verschiedene Naturen mögen sich schwerlich jemals zu einander gefunden und von der Möglichkeit einer Vereinigung phantasirt haben. »Glück ohne Ruh' – Liebe bist du«, singt Goethe selbst und erprobte die Wahrheit dieser Klage vom ersten Augenblick an auf das schmerzlichste, keinen Augenblick, möchte man glauben, zur vollen Empfindung des Glücke und zum frohen Genuß der Gegenwart gelangend. Davon zeugen noch besser, als die Briefe an Auguste Stolberg, die Gedichte dieser Zeit, von denen kaum eines ohne einen trüben Beiklang ist. Schon im nächsten Frühling, ja schon im Februar, wo er Auguste Stolberg in einem schönen Briefe den Gesellschafts- und den natürlichen Goethe zeichnet, fingen ihm die Augen über der Unnatur dieses Verhältnisses an aufzugehen. Er wollte sich losreißen, wie er denn mit den ihn besuchenden Brüdern Stolberg im Mai eine Reise in die Schweiz machte – es galt einen Versuch zu machen, »ob ich Lili entbehren könne«. Allein er kam nicht von ihr frei; nach Frankfurt zurückgekehrt, fand er die alte Quälerei wieder, bis endlich im September die Verlobung gelöst wurde, – zum tiefsten, noch lange ihn durchzitternden Schmerz, und dennoch, wie wir hinzu setzen dürfen, zu seinem und der Dichtkunst Heil. In seinen letzten Jahren hat er einmal erklärt, Lili sei die Erste und auch die Letzte gewesen, die er tief und wahrhaft geliebt habe. Ob wir das dem Greise glauben dürfen, dem das volle herzliche Verständniß des Jünglings zu fehlen anfing und der auch anderwärts gegen den früheren Goethe überhaupt einigermaßen ungerecht zu werden begann? Wir zweifeln. Es würde uns wie eine schwere Anklage gegen seine Gefühle nicht nur für Friederike und Lotte, sondern auch und noch mehr für diejenige sein, in der er zehn Jahre lang den Inbegriff seines Lebens und die Krone und den Zweck seines Daseins erkannte – für Frau von Stein. 24. Unterdessen hatte sich bereits das Thor zu Goethe's ganzer Zukunft geöffnet. Am 12. December 1774 trat bei dem Dichter Karl Ludwig von Knebel ein, um seine Bekanntschaft zu machen und ihn zu den beiden jungen Weimar'schen Prinzen Karl August und Konstantin , abzuholen, welche auf der Durchreise nach Karlsruhe in Frankfurt verweilten und gleichfalls Goethe kennen zu lernen wünschten, nicht bloß als Dichter des Götz, des Clavigo und Werther, sondern auch und sicher nicht am wenigsten, als den unbarmherzigen Angreifer und Verspotter Wielands, der bekanntlich der Erzieher der Prinzen gewesen war. Man gefiel einander sehr, denn man fand bei weitem mehr in einander, als man erwartet hatte: der siebzehnjährige Karl August war von einer Reife und von einer Fülle der Interessen und auch der Vorsätze, die bei solcher Jugend wohl in Staunen setzen mußte, und Goethe war nicht bloß der Wunderpoet, sondern auch, um diesen Ausdruck zu wählen, der Wundermensch, der sich weit über seine gesammte Umgebung erhob und auf jeden und alle seinen Zauber ausübte. Als er den Reisenden, auf ihren Wunsch, nach Mainz folgte, erhielt er beim Abschied schon hier eine Einladung nach Weimar. Und ob er derselben auch noch nicht folgte, so kam man doch nicht mehr von einander los. Im folgenden Herbst, als Karl August, achtzehn Jahre alt, am 3. September 1775 die Regierung übernommen und sich gleich darauf mit der Prinzessin Louise von Darmstadt vermählt hatte, wurde die Einladung von dem jungen fürstlichen Paare wiederholt und Goethe traf, ihr Folge gebend, am 7. November in Weimar ein, um es nie wieder zu verlassen. Man hat Goethe's Uebertritt in das Weimar'sche Leben und, wie man es wohl zu heißen liebt, den »Fürstendienst«, bald auf das lebhafteste bedauert, bald auf das härteste getadelt und sich, der Himmel weiß was alles für Vortheile und Erfolge für den Dichter und Menschen ausgemalt, falls er frei und unabhängig seinen eigenen Bahnen gefolgt wäre. Wir stimmen mit dieser Voraussetzung nicht überein. Eine zugleich so weit, so hoch und so rastlos angelegte Natur würde sich in den engen und gewissermaßen stabilen Kreisen und Verhältnissen des bisherigen Lebens entweder schnell abgenützt haben und lahm geworden sein, oder sie hätte sich, gewaltsam und ungezügelt die Schranken durchbrechend, selber zu Grunde gerichtet. In Weimar dagegen fand er sich in Verhältnisse versetzt und vor Aufgaben gestellt, die ihm fremd waren und in die er erst hineinwachsen mußte, um ihnen gerecht und ihrer Herr zu werden, die unaufhörlich seine ganze Kraft, all' seinen Muth und all' seine Ausdauer in Anspruch nahmen, in Uebung erhielten und kräftigten; die ihn tagtäglich zur Selbstzügelung zwangen und ihn Schritt vor Schritt zu immer vollerer Herrschaft, zu immer größerer Klarheit über sich, über seine Aufgabe und seine Ziele gelangen ließen. Hier, wenn irgendwo, gilt Schillers Wort im Wallenstein-Prolog: »Im engern Kreis verengert sich der Sinn, Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken.« Goethe bedurfte einer ernsten Schule und einer strengen Prüfung, es bedurfte, wie er selbst es heißt, eines gewaltigen Hammers, um seine Natur von den vielen Schlacken zu befreien und sein Herz gediegen zu machen. Aber es gelang. Die Prüfung wurde glänzend bestanden, und er ging aus ihr als der größte Dichter und, wie man hinzu setzen darf, als der größte, als der vollendetste Mensch der ganzen neueren Zeit hervor. Man schüttet, wenn man diese zehn oder elf Jahre bis zur Flucht nach Italien (1786) in Ansehung seines dichterischen Schaffens betrachtet, gewöhnlich das Kind mit dem Bade aus. Sein ausgelassenes Leben, die gesellschaftlichen Zerstreuungen und seine Amtsgeschäfte – er wurde 1776 Legationsrath, 1779 Geheimerath, 1782 geadelt und interimistisch Kammerpräsident – sollen ihm keine Zeit und Stimmung zu großen und ächten Werken gelassen, vielmehr seinen Geist und seine Kraft zu allerhand Piecen für Hoffestlichkeiten und für das Liebhabertheater herabgestimmt haben. Man faßt bei diesem Urtheil alle die Maskenaufzüge und die Stücke und Stücklein ins Auge, die wie »Lila«, »Die geflickte Braut« (später »Der Triumph der Empfindsamkeit« geheißen), »Die Geschwister«, »Die Fischerin«, »Jery und Bätely«, »Scherz, List und Rache«, das Melodram »Proserpina«, »Die Vögel«, »Das Neueste von Plundersweilern« u. s. w., allerdings meistens für den Augenblick und die Erheiterung eines großen geselligen Kreises bestimmt waren. Aber man übersieht schon bei ihnen, daß sie an Witz und Humor, an Lust und Leben, an heiterer Laune und wirklichem Geist sich unter allem, was wir an Gelegenheitsdichtungen besitzen, nicht wenig auszeichnen, daß »Die Geschwister« ein kleines Stück von großer Anmuth und nicht geringem Werth sind, und daß »Der Triumph der Empfindsamkeit« uns schon um dessentwillen von Interesse sein und bleiben muß, weil Goethe in oder mit diesem tollen Stücke für sich und die Literatur mit aller Sentimentalität und Empfindsamkeit bricht. Aber man übersieht weiter, daß es während dieser Zeit doch auch keineswegs an ernsteren und würdigeren Arbeiten fehlte. Er hatte die Anfänge des »Egmont« von Frankfurt mitgebracht und setzte ihn, sei es auch nur in Pausen fort; er schrieb die »Iphigenie«, die 1779 aufgeführt, schon in ihrer ersten prosaischen Gestalt alle Welt bezauberte und, wiederum in dieser ersten Gestalt, unzweifelhaft zu den schönsten und edelsten Blüthen des Goethe'schen Geistes zu rechnen ist. Er schrieb die beiden ersten Acte der Tragödie »Elpenor«, er vollendete, gleichfalls noch in Prosa, den »Tasso«, und es entstanden sechs Bücher von »Wilhelm Meister«. Das ist denn immerhin eine stattliche Reihe von Werken und zeugt, zumal wenn man noch diese und jene der gleichen Zeit angehörenden Entwürfe dazu rechnet, nicht grade von einem Feiern, geschweige denn von einem Nachlassen der dichterischen Kraft. Und wenn diese Arbeiten theils ganz auf die Seite gelegt wurden, theils erst nach einer späteren erneuten und gründlichen Bearbeitung zur Vollendung gelangten, so sollten wir darin grade die hohe Bescheidenheit und die tiefe Selbstkenntniß Goethe's bewundern, der für das Publikum, für sich selbst und für die Kunst einen immer höheren Maßstab an seine Schöpfungen zu legen und Forderungen an dieselben zu stellen begann, denen er trotz der wachsenden geistigen Reife und Einsicht noch nicht zu genügen vermochte. Als diese Reife und Einsicht dann endlich erlangt war, da brauchte er, nach Schillers bewunderndem Wort, auch nur »leis am Baume zu schütteln, um sich die schönsten Früchte, reif und schwer, zufallen zu sehen«. Aber wir sind mit Goethe's Schöpfungen in dieser Zeit noch immer nicht zu Ende. Denn nun treten uns erst die Gedichte entgegen, die Lieder, die Balladen, die Dichtungen aller Art und die ersten epigrammatischen Versuche, von denen allen in diesem ersten Weimar'schen Zeitraum nicht wenige entstanden sind und zum Schönsten und Vollendetsten gehören, was unsere Lyrik überhaupt aufzuweisen hat. Erinnern wir nur an die beiden kleinen Nachtlieder: »Der du von dem Himmel bist«, und »Ueber allen Gipfeln ist Ruh'«; an das Mondlied: »Füllest wieder Busch und Thal«; die Balladen »Der Fischer« und »Der Erlkönig«; die »Zueignung«: »Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte«; die beiden Gedichte »Miedings Tod« und »Ilmenau«. – Möge es hiermit genug sein, denn schon aus diesen wenigen Stücken erkennen wir klar genug, zu welcher Höhe der Dichter sich erhoben hatte, einer Höhe, die von keinem Anderen erreicht und auch von Goethe selber im Grunde nicht mehr überstiegen wurde. Die Kraft und Klarheit des Gedankens, die Tiefe und Reinheit der Empfindung, die Natürlichkeit, Einfachheit und Kongruenz des gesammten Ausdrucks, die reine Schönheit und Melodie der Sprache endlich – kurz alles, was überhaupt einer Dichtung den Stempel der Vollendung aufdrückt, finden wir in diesen kleinen Schöpfungen ungekünstelt und in schönster Harmonie bei einander. Ein Geist, dem auch nur ein einziges Gedicht, wie z. B. jenes wundervolle »Ilmenau« entblüht, feiert sicherlich nicht in träger Ruhe, noch wird er durch das Erdengewühl beeinträchtigt. Wir müssen nur bei Goethe, wie bei allen seines Gleichen, von jener Ueberproduction absehen, zu welcher sich die Geister zweiten Ranges zu steigern lieben. Das wahrhaft Schöne und Vollendete muß, seiner Natur nach, stets ein Seltenes und Vereinzeltes bleiben. Für Goethe erwuchs aus seinem Gesellschafts-, Hof- und Geschäftsleben nirgends ein ernstlicher Nachtheil – »an diesem herrlichen Gottesmenschen,« sagte Wieland damals, »ist nichts verloren.« Im Gegentheil, sein Blick erweiterte, sein Standpunkt erhöhte, seine Einsicht und seine Kraft steigerten sich unausgesetzt und er »lernte täglich mehr steuern auf der Woge der Menschheit«. Die Zustände und Verhältnisse in Weimar, über welche die Leserinnen sich in einer langen Reihe von kleineren und größeren Darstellungen des Näheren unterrichten können, mochten an und für sich allerdings häufig drückend und eng genug sein, waren jedoch immerhin unendlich viel weitere und freiere, als diejenigen, welche der Dichter in Frankfurt verlassen hatte. Das gesammte Leben war, trotz aller Kleinlichkeit im Einzelnen, von einem bei weitem größeren Zuschnitt, und der Kreis, in den er trat und der sich rasch immer glänzender gestaltete, war völlig einzig in seiner Art. Man lerne nur einmal die Glieder desselben kennen. Die geistvolle, groß- und freisinnige, frohherzige und unermüdlich strebende Herzogin-Mutter Anna Amalia ; der wilde, aber auf's Höchste angelegte, geniale und kernhafte Herzog Karl August ; die vornehme und kalte, aber durchaus edle und, einmal gewonnen, unverbrüchlich treue Herzogin Louise ; der launenhafte und launige Wieland ; der reizbare, aber grundtüchtige, stets theilnahmsvolle, hochgebildete Knebel ; der bittere und unbefriedigte, aber durch Größe und Freiheit der Anschauung und Tiefe der Einsicht alle gewinnende und allen imponirende Herder . Dazu gesellt sich eine Reihe von theils wunderlichen, theils trefflichen, insgesammt aber bedeutenden Persönlichkeiten, wie die Fürsten von Gotha und Dessau und der Coadjutor Dalberg . Und endlich schließt sich im Innern und von außen eine Menge von Persönlichkeiten an, unter denen sich manche fanden, die nur hier, neben den Größeren und Größten, sich mit einem bescheideneren Range und Namen begnügen mußten. Und diese alle waren vereint anscheinend nur zum fröhlichsten, sorglosesten, ja ausgelassensten Lebensgenuß, während unter solcher Decke von nicht wenigen mit Ernst und Treue edle Zwecke und hohe Ziele verfolgt wurden. Das war in Wahrheit eine Vereinigung, wie sie nie und nirgends wieder in Deutschland sich zusammenfand, und ein Leben, wie es nie und nirgends wieder gelebt wurde. Ueber Goethe's öffentliches und Privatleben können wir hier nur wenige kurze Andeutungen geben. Im tiefsten Vertrauen des Herzogs und der fürstlichen Familie, wurde er nach und nach an die Spitze aller Geschäfte und der gesammten Verwaltung gestellt und suchte auf das treueste und redlichste dieser Aufgabe zum Wohl des Landes und des fürstlichen Freundes gerecht zu werden. Daneben verfolgte er aber auch die weitere sich selbst auferlegte Aufgabe, die Erziehung und Ausbildung des jungen Fürsten zur Selbstständigkeit und ächten und schönen Menschlichkeit unermüdlich und zum Theile wenigstens mit dem günstigsten Erfolg. Denn Karl August gehört unzweifelhaft, trotz seines beschränkten Wirkungskreises, zu den tüchtigsten, großsinnigsten und vorurtheilsfreiesten Fürsten, die jemals in Deutschland geherrscht haben. Hiernach bleiben uns nur noch ein paar Worte über diejenige zu sagen, mit der er zehn Jahre und länger in engster Verbindung stand und die er als »den Inbegriff seines Schicksals, aller seiner Freuden und Schmerzen und als die Seelenführerin« liebte. Das ist Charlotte , die Tochter des Hofmarschalls von Schardt, seit 1764 die Gattin des Oberstallmeisters von Stein . Beide waren schon vor ihrer Begegnung durch den uns bereits bekannten, schwatzhaften und galanten hannoverschen Leibarzt Zimmermann auf einander aufmerksam gemacht worden und trafen jetzt um so leichter zusammen, als Frau von Stein dem Hofkreise angehörte, welcher sich auch Goethe von Anfang an öffnete. Ueber die Natur, das Wesen und die Grenzen der von ihnen geschlossenen Verbindung herrschen bis auf den heutigen Tag die allerverschiedensten Ansichten. Die Einen erklären diesen Freundschafts- und Liebesbund für den schönsten, reinsten und heiligsten, der jemals existirt habe; die Anderen heißen ihn sogar einen »mystischen«, wohl nur, weil sie die Schönheit und Heiligkeit nicht zu leugnen wagen und sie dennoch in Ansehung grade dieser Persönlichkeiten und aller sie umgebenden Verhältnisse und Zustände nicht recht zu begreifen und erklären vermögen. Noch Andere gefallen sich in rein frivolen Erklärungen, und endlich gibt es denn doch auch nicht Wenige, welche zu allem bisher Angeführten den Kopf schütteln und zur Erwiderung nur auf Goethe, den natürlichsten und menschlichsten aller Menschen hinweisen, dessen Liebe gleichfalls nur eine natürliche und menschliche sein und ebenso nur gefesselt werden konnte. Zur vollen Klarheit könnten wir aber nur dann gelangen, wenn die angeblich verbrannten Briefe Charlottens an den Geliebten doch gerettet wären und noch einmal zum Vorschein kämen. Die Briefe Goethe's sind schon seit längerer Zeit gedruckt und gehören theilweise zum Schönsten, was von ihm jemals geschrieben worden ist, wie sie denn auch zur Kenntniß seiner selbst und seines Lebens in Weimar der wichtigste Beitrag sind, den wir besitzen. Am 3. September 1786 reiste Goethe von Karlsbad in aller Stille ab und in die Welt hinein. Niemand, selbst der Herzog nicht, der ihm Urlaub gegeben hatte, wußte von dem Ziel dieser Reise. Erst von Terni, von Rom aus, ließ er die Geliebte und die Freunde erfahren, wo er sei. Denn nach Italien ging er und blieb daselbst bis zum Frühling 1788, dichtend, zeichnend und malend, sammelnd und studierend, träumend und schwärmend, im frischen und weiten, durch keine Schranken und Rücksichten eingeengten und bedrückten Leben. Was ihn zu dieser Flucht, denn eine solche war es, vermochte, darüber ist von ihm selbst und Anderen gleichfalls viel erklärt und gesagt worden. Halten wir uns nur daran, daß er jetzt den Hof, die Gesellschaft, die Geschäfte zur Genüge »probirt« und für sie und sich selbst, häufig in harter Arbeit und nicht selten ernüchtert und enttäuscht, alles erreicht hatte, was sich im damaligen Weimar erreichen ließ. Nach der langjährigen Selbstlosigkeit trat das Selbst wieder in seine Rechte mit den Ansprüchen des Menschen und den unabweisbaren Forderungen des Künstlers und Dichters. Der eine war müde geworden und bedurfte einer gründlichen Erholung und Auslüftung, und der andere erkannte auf der Stufe, welche er in stiller Weiterentwickelung gewonnen hatte, wie tief er noch unter der höchsten stand und wessen er benöthigte, um sich zu ihr empor zu schwingen. So ging er und ging mit Recht. Er war gereift genug, um mit Selbstvertrauen in die offene See hinauszusteuern. Man macht es dem Dichter zum Vorwurf, daß er während der anderthalb Jahre seines italienischen Aufenthalts so gut wie nichts Neues geschaffen, sondern nur schon fertiges Aelteres einer Umarbeitung unterworfen oder bisher Unfertiges vollendet habe. Das so Entstandene genügte obendrein dem Publikum im Großen und selbst den sogenannten einsichtigen Freunden nicht. Das eine wußte im Grunde nur vom Dichter des Götz und Werther und fand sich durch die neuen, himmelweit von jenen verschiedenen Schöpfungen schwer enttäuscht: sie sind ihm bis auf den heutigen Tag ziemlich fremd geblieben, und »populär«, wie die ersten Schriften, ist keine spätere Goethe's mehr geworden. Aber auch die »Freunde« vermochten sich nicht zu der künstlerischen Höhe der neuen Werke und zur gerechten Würdigung des höher und höher sich aufschwingenden Geistes zu erheben. Statt zu »dichten«, ergab der räthselhafte Mensch sich allen möglichen Allotrien. Er ließ es nicht bei den natürlichen Alterthums- und Kunststudien bewenden, sondern widmete sich auch naturwissenschaftlichen »Grillen und Träumereien«, trieb sich im gesammten Leben auf und ab und »verschwendete« seine beste Zeit und Kraft in unendlichen eigenhändigen Zeichen- und Malversuchen, fast als ob er sich zum wirklichen Künstler ausbilden wollte. Uns kann dies alles weder räthselhaft erscheinen, noch wird uns die Zeit und Mühe für eine verlorene gelten, gleichviel, ob jene letzteren Versuche auch nur zu der Erkenntniß führten, daß Goethe die Ausübung dieser Kunst versagt sei. Wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß er sein ganzes Leben lang bestrebt blieb, das geistig Erfaßte und Gewonnene sich nach Kräften auch practisch, geläufig und nutzbar zu machen. Man darf aber auch nicht vergessen, daß in Goethe der Mensch und Dichter, Leben und Dichten eins und nicht von einander zu trennen sind; daß der zweite nur das, geläutert und geklärt, gleichviel ob früher oder später, reproducirt, was der erste in sich aufgenommen und durchlebt hat. Für Goethe kam es in Italien zuerst und vor allem darauf an, sich nach der voll Ernst und Treue durchlebten verhältnißmäßigen Enge des Weimarschen oder vielmehr seines ganzen bisherigen Lebens, nun in der wirklichen, unbegrenzten Weite heimisch zu machen, dieselbe nach allen Richtungen zu durchkosten, sie in jeder Weise auf sich wirken zu lassen. Dabei konnte von einer augenblicklichen dichterischen Verwerthung oder, wenn man so will, Wiederspiegelung der neuen Eindrücke und Anschauungen, mit einem Wort, des gesammten neu Gewonnenen, unmittelbar schwerlich die Rede sein. Mittelbar aber finden wir sie in den sämmtlichen Werken, welche während dieser Zeit vollendet wurden, und in allem, was der Dichter später überhaupt noch von sich ausgehen ließ. Seine volle Größe hat der Mensch und Dichter erst in, oder sage man durch Italien erreicht. Während dieser Zeit wurden neu bearbeitet oder überhaupt erst vollendet: »Iphigenie auf Tauris«, die beiden Singspiele »Erwin und Elmire« und »Claudine von Villa Bella«, »Egmont«, »Tasso«, der erst gleich nach der Rückkehr in Deutschland zum Schluß gelangte, und endlich der »Faust«, noch als Fragment. Die beiden Singspiele wollen freilich nicht viel bedeuten, wenn auch die »Claudine« immerhin eine ernstere und liebevollere Beachtung verdient, als man ihr gewöhnlich zu gönnen pflegt. Die anderen drei aber – der »Faust« steht völlig allein – sind abgesehen vom Götz und Werther, die poetischen Meisterwerke des Dichters, die er nicht mehr überboten hat und denen sich, genau erwogen, später nur noch »Hermann und Dorothea« anschließt. Und da, was Goethe diesen Stücken in Italien gab, um vieles mehr ist als eine Bearbeitung oder Umdichtung im gewöhnlichen Sinne, eine Neudichtung nämlich, welche die gesammte dichterische Kraft und Thätigkeit des Dichters in Anspruch nahm, so darf uns ein solches Ergebniß der italienischen Reise selbst für einen Goethe wohl als ein außerordentliches erscheinen. Die »Iphigenie« ist und bleibt in Ansehung ihrer Klassicität vielleicht das vollendetste Dichterwerk, das wir überhaupt besitzen, gleichviel ob wir sie für ein wirkliches Drama erklären oder nur für ein dramatisches Gedicht gelten lassen, ob wir darin den »ganzen Geist des Alterthums« finden oder dies letztere nur im Nebenwerk, im Lokalen, im eigentlichen Stoff wiedererkennen; oder ob wir endlich das Stück, mit Schiller, als »erstaunlich modern und ungriechisch« bezeichnen. Letzteres dürfen wir sicherlich am wenigsten. Denn die Personen, welche uns entgegentreten, sind weder Gestalten des Alterthums noch der neuen, d. i. Goethe'schen Zeit, sondern Repräsentanten der ewig einen, schönen und reinen Menschlichkeit. Darum ist der Eindruck, den wir von ihnen empfangen, auch zu allen Zeiten der gleiche hohe und reine. Das, was man als modern oder ausdrücklich als deutsch bezeichnen könnte, ist die wunderbare Innigkeit, die das ganze Stück durchzieht, und der Hauch des Friedens, der über dem Ganzen, zumal über dem Schlusse schwebt. – Im »Tasso« finden wir das Gleiche, nur in fast noch gesteigertem Maße: das schön und rein Menschliche in völliger innerer Unabhängigkeit von Zeit und Ort. Als Drama ist das Stück schwächer als Iphigenie: von Handlung und Effecten ist in ihm wenig oder nichts zu entdecken. Dagegen ist die Nuancirung der Charactere eine wundervoll feine und zugleich feste und das Ganze von einer bezaubernden Anmuth. In der Sprache sind beide Stücke, was auch ein überstrenger Metriker hie und da gegen einzelne Verse einwenden möchte, völlig tadellos und von nirgends wiedererreichter Schönheit. Die Entstehung des »Egmont« reicht, wie wir schon erfahren haben, noch in die Frankfurter Zeit zurück und das Stück gehört, auch in der uns vorliegenden Bearbeitung, um es so zu bezeichnen, viel entschiedener dem Dichter des Götz an, als die beiden vorhin genannten Dramen. Es ist darin noch etwas von jener Sturm- und Drangzeit, wie denn auch die Sprache die prosaische blieb und Egmont selber in seiner frohherzigen, heiteren, sorglosen und ein wenig schwankenden Männlichkeit an die anderen Gestalten der damaligen Periode erinnert. Das Stück ist ungleichmäßig gearbeitet und entbehrt der rechten Abrundung und eines reinen Abschlusses. Dagegen ist es reich an den anmuthigsten und ergreifendsten Zügen, und die Liebesscenen gehören, gleich denen im Faust, zu dem Lieblichsten und Innigsten, das jemals gedichtet worden ist. Diese Scene und der ganze liebenswürdige Charakter des Egmont selber haben das Werk von Anfang an unserem Volke lieb gemacht und ihm diese Zuneigung bis heut erhalten. Ueber den »Faust«, dessen erster Theil allerdings erst 1808 in der uns vorliegenden Gestalt erschien, haben wir nur Weniges zu sagen. Dies Lebenswerk Goethe's – die ersten Scenen stammen, wie wir wissen, aus den ersten siebziger Jahren, während der zweite Theil erst im Sommer 1831, nicht lange vor des Dichters Tode, abgeschlossen wurde – ist nicht nur ein Bild des über seine Schranken hinausstrebenden Menschengeistes, sondern umfaßt auch, daran anschließend, das gesammte Leben und die gesammte Menschheit. So muß es recht eigentlich als ein Weltgedicht und als das größte erkannt und geschätzt werden, das die neuere Zeit überhaupt hervorgebracht hat. Näher auf dasselbe einzugehen, verbietet nicht bloß der Umfang dieser Schrift. Wir stehen auch im tiefen Gefühle unserer Unzulänglichkeit von einer Erklärung oder einer auch nur einigermaßen genügenden Darlegung ab. Wir kennen unter den zahlreichen Commentaren und Erörterungsversuchen, welche der »Faust« hervorgerufen hat und noch immer hervorruft, nicht einen, welcher der ganzen Größe des Werkes gerecht würde, und wir sind auf das tiefste davon überzeugt, daß diese Größe auch niemals demonstrirt und documentirt, sondern nur vom Geist und Herzen desjenigen geahnt und empfunden werden kann, der sich ohne Grübeln und Suchen, in voller Freiheit und Innigkeit der Dichtung und ihrem Zauber zu eigen gibt. 25. Die übrige Literatur dieser Zeit, von der Mitte der siebziger bis gegen das Ende der achtziger Jahre, welche den Chorführern nachstürmte, -tobte, -schwärmte und -empfindelte, gewährt im Allgemeinen ein wirres und wenig erfreuliches Bild. Was wir früher von den Nachfolgern Goethe's und den Nachahmungen seines »Götz« sagen mußten, findet mehr oder weniger auch überall anderwärts seine Anwendung. Es muß freilich wohl als ein Fortschritt erkannt werden, daß die Literatur sozusagen weiter und weiter wurde, neue Richtungen einschlug und neue Gebiete eroberte. Allein die Plan- und Einsichtslosigkeit dieses Fortschritts, das Aufgeben aller Regeln und jedes Maßes, die souveräne Herrschaft des sogenannten »Genie's« war nicht nur für die Literatur selber, sondern auch für das Publikum von höchst ungünstigen Folgen. Die erstere füllte sich mit einer Unzahl der mattesten und plattesten, der schwächsten, ja völlig nichtigen, der rohsten, ja gradezu gemeinen Producte an, so daß das wenige Gute und Gesunde davor kaum bemerkbar wurde. Und bei dem letzteren verschwand folgerichtig mehr und mehr wieder das Minimum von Kunsteinsicht, selbstständigem Urtheil und gutem Geschmack, zu dem es mühsam genug herangebildet war. Ja die einreißende Rohheit und Geschmacklosigkeit waren so groß, daß sie während der großen klassischen Periode und über dieselbe hinaus noch das ganze erste Drittel unseres Jahrhunderts erfüllten, und mit vollem Recht Platen zu seinen bitter spottenden und zürnenden Parabasen veranlassen durften. Man kann es den höheren, gesunderen und kräftigeren Geistern unter solchen Umständen kaum verdenken, daß sie sich von dem wüsten Treiben und den formlosen Erscheinungen voll Unmuth, Verachtung, ja mit Ekel und in heller Verzweiflung abwandten und sich, mißtrauisch und zurückhaltend auch gegen das Bessere, immer entschiedener oder, wie man es wohl hieß, hochmüthiger auf sich selbst und ihre einsame Höhe zurückzogen. Denn daß es trotz alledem, wie immer, auch jetzt noch des Besseren und wirklich Guten gab, darf allerdings nicht bezweifelt werden. Gehen wir von der gährenden und häßlichen Oberfläche ins Innere hinab und suchen und verfolgen mit einigem guten Willen und ohne Voreingenommenheit die Einzelnen und das Einzelne, so wird unser Urtheil wohl ein billigeres und milderes werden dürfen. Wir sehen mehr als eine ältere oder jüngere, rüstige und tüchtige Kraft, die sich nicht nur über dem allgemeinen Taumel erhält, sondern sich auch demselben nach Kräften entgegenstemmt. Einzelne schwingen sich aus ihrer eigenen anfänglichen Verirrung zur reinsten Höhe auf, und Andere endlich bleiben zwar nicht völlig frei, halten sich jedoch immer noch vom ärgsten Treiben fern und besitzen zudem Einsicht, Lust und Raum genug, um über die tollsten Tollheiten spottend herzuziehen. Und so bleibt uns, trotz des untröstlichen Anscheins, auch hier der Glaube an den wenn gleich leisen, doch rastlosen Fortschritt und die stetige Weiterentwickelung des geistigen Lebens der Nation. Während wir früher auch die Philosophen und Gelehrten wenigstens anführen zu müssen glaubten, welche sich in ihren Schriften überhaupt nur unserer Sprache bedienten und, bei der geringen Zahl der Schreibenden überhaupt, auch ihrerseits als Fortbildner und Pfleger der deutschen Prosa zu schätzen waren, müssen wir uns fortan mehr und mehr auf die sogenannte schöne Literatur beschränken. Sie ist zu dieser Zeit bereits gewachsen und wächst so reißend fort, daß eine Uebersicht über dieselbe nur dann auf mäßigem Raume herzustellen ist, wenn man alle übrigen Gebiete mehr und mehr außer Acht läßt. Doch soll hier wenigstens der glänzendsten Offenbarung des deutschen Geistes und der höchsten Geistesthat des 18. Jahrhunderts gedacht werden, welche grade in diese Jahre fiel. Im Jahre 1781 erschien des Königsberger Philosophen Immanuel Kant , 1724-1804, »Kritik der reinen Vernunft«, ein Werk, das nicht nur für die eigentliche philosophische Wissenschaft neue Bahnen eröffnete, sondern auch im gesammten geistigen und sittlichen, ja selbst im socialen Leben der Nation einen Umschwung hervorrief, dessen Nachwirkungen sich bis auf unsere Zeit nach allen Richtungen hin verfolgen und spüren lassen. Unter denen, welche ganz und gar dieser Zeit angehören, nimmt Georg Forster , geboren 1754 zu Nassenhuben bei Danzig und gestorben in Noth und Kummer, verlassen und vervehmt, zu Paris 1794, unzweifelhaft die erste Stelle ein. Als Sohn des Naturforschers und späteren Hallenser Professors Johann Reinhold Forster, gelangte er mit diesem schon in früher Jugend nach England und begleitete ihn auf die zweite große Entdeckungsreise Cooks. Alsbald nach der Rückkehr veröffentlichte der wenig über zwanzig Jahre alte Jüngling bereits die erste, englische Ausgabe der Reisebeschreibung, welcher im Jahre 1779 unter dem Titel »Johann Reinhold und Georg Forsters Reise um die Welt während der Jahre 1772-1775« die deutsche folgte, ein Meisterwerk voll Tiefe, Wärme und Klarheit, voll Natürlichkeit und Schönheit, Wissenschaftlichkeit und Poesie, – eine Schrift, die ihrem Verfasser für immer einen der ersten Plätze unter unseren klassischen Schriftstellern sichert. 1778 kam er nach Deutschland und fand zu Kassel eine Anstellung als Lehrer der Naturgeschichte. Mitten in das verworrene und ausschweifende Treiben jener Sturm- und Drangzeit versetzt, wurde auch er, der völlig Unvorbereitete, eine Zeitlang von demselben betäubt, in religiöse Abirrungen hineingezogen und dem Geheimbunde der Rosenkreuzer mit seinen alchymistischen Träumereien, seinen Goldmacherkünsten, seinem Glauben an den directen Verkehr der Lebenden mit den Todten u. s. w. in die Arme geführt. Aber er war ein zu gesunder und zu kräftiger Geist, als daß er sich nicht alsbald aufgerafft und sich höher und höher, zu der reinen und freien menschlichen Bildung und Würde aufgeschwungen hätte, in der wir den Grund und das Ziel der großen klassischen Periode zu erkennen haben. Sein ganzes Leben lang ums Brod arbeitend und vom »Glück« niemals begünstigt, fand er, nach einer bald wieder aufgegebenen Professur an der Universität in Wilna, erst 1788 als Bibliothekar in Mainz einen anscheinend sorgenfreien und angemessenen Wirkungskreis. Allein theils die traurigsten häuslichen Verhältnisse, theils die französische Revolution, zu deren begeistertsten, ehrenhaftesten und einsichtigsten Verehrern und Verfechtern er zählte, trieben ihn schon nach wenigen Jahren, geächtet, hinaus und, wie wir schon erwähnten, in den Tod. Seine zahlreichen kleinen Abhandlungen sind, und zwar nicht bloß als Zeugnisse von der Höhe und Klarheit dieses Geistes, auch heute noch von hohem Werth und in Ansehung der Darstellung von tadelloser Schönheit. Zwischen den nicht minder zahlreichen Lohnübersetzungen machte das indische Drama »Sakontala« des Kalidasa ein außerordentliches Aufsehen und darf schon um dessentwillen nicht vergessen werden, weil mit seinem Bekanntwerden der tiefgreifende und nachhaltige Einfluß der indischen Sprache und Literatur auf die deutsche Poesie und Wissenschaft beginnt. Forsters letztes und bekanntestes Werk, die »Ansichten vom Niederrhein«, ist das Ergebniß einer Reise, die er 1790 mit dem damals einundzwanzigjährigen Alexander von Humboldt rheinabwärts nach Belgien, Holland und England unternahm. Alles zusammengenommen besitzen wir in Forster einen Schriftsteller, dessen Werke zu den Zierden unserer Literatur gehören und jedem bekannt und lieb bleiben sollten, der einen Anspruch auf wirkliche Bildung macht. Im unmittelbaren Anschluß an ihn finden wir einen zweiten, verschiedenartigen, aber nicht geringeren Geist, seinen Freund, den Göttinger Professor Georg Christoph Lichtenberg , geboren 1742 bei Darmstadt, gestorben 1799 zu Göttingen. Durch seine »Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche« ist er auch heute noch in verhältnißmäßig weiten Kreisen bekannt und angesehen, und die geistvolle, launige und witzvolle Darstellung rechtfertigt eine solche Theilnahme im vollsten Maße. Von noch größerem Werth aber sind oder sollten doch sein für uns seine zahlreichen übrigen kleinen Schriften und Aufsätze, gewissermaßen Zeit- und Literaturbilder der pikantesten Art und in Darstellung und Sprache fast ausnahmslos von vollendeter Meisterschaft – wir nennen hier nur: »Bittschrift der Wahnsinnigen«, »Ueber die Macht der Liebe«, »Ueber Physiognomik wider die Physiognomen«, »Gnädigstes Sendschreiben der Erde an den Mond« u. s. w. Der unerbittlichste, einsichtigste und gründlichst gebildete Gegner der Original- und Kraftgenie's, der Empfindsamkeit und Schwärmerei » à la mode «, kämpft er gegen alle Auswüchse, Schäden und Thorheiten jener Zeit und Literatur unermüdlich mit unversieglicher Laune, mit dem geistreichsten Witz, mit dem treffendsten Spott, mit niemals versagendem Geschmack. Und das alles ist von einer solchen Originalität und Frische, daß es auf jeden gebildeten und einsichtigen Leser auch heute noch die gleiche Wirkung auszuüben vermag, wie auf die Zeitgenossen. Von der Höhe Forsters und Lichtenbergs müssen wir bei den Folgenden allerdings um manche Stufen herabsteigen. Jene Beiden sind leider fast vergessen, aber nichts weniger als veraltet; im Gegentheil, wer ihnen heutzutage nahe tritt, wird sie sogar um vieles höher stellen müssen, als ein großer Theil der vorurtheilsvollen Zeitgenossen zu thun pflegte. Wohin wir aber jetzt gelangen, begegnet uns kaum das eine oder andere Werk, das für den heutigen Forscher und Leser von mehr als literarhistorischem Werth und überhaupt genießbar sein möchte, wie viele, zum Theil hochgefeierte Namen uns auch entgegenklingen. Die Grund- und Hauptrichtung dieser Literatur läßt sich als eine oppositionelle bezeichnen: sie wendet sich bald direct, bald indirect, gegen die Irrthümer und Schäden, gegen den Ueberdrang und den Empfindsamkeitsschwindel der Zeit. Sie ist selber keineswegs völlig frei von den Zeitfehlern, aber sie sucht sich doch über dieselben zu erheben, sei es ernsthaft, sei es lächelnd, spottend, oder endlich, beides verneinend, humoristisch. An gutem Willen fehlt es nicht, aber die Kraft reicht, wenige Ausnahmen abgerechnet, nicht aus, und von Kunsteinsicht und Kunststreben, von Geschmack und gar von wirklicher Poesie zeigt sich in den seltensten Fällen auch nur eine Spur. Sehen wir uns zuerst die Hauptvertreter der Humoristik an, einer Empfindungs- und Kunstform, der wir im Grunde hier zuerst in unserer Literatur begegnen. Die Humoristen treten ungefähr zu gleicher Zeit mit den Stürmern und Drängern auf und zeigen uns wie diese den Kampf der Individualität und des Ideals gegen die beengende Wirklichkeit und gegen die drückenden Verhältnisse auf staatlichem, religiösem, gesellschaftlichem und literarischem Gebiet. Nur ist dieser Kampf bei ihnen ein wesentlich innerlicher und wird nicht in alle Schranken überbrausender Leidenschaft, sondern in einer um vieles milderen Weise, bald lachend und scherzend, bald wehmüthig und voll thränenvoller Entsagung weitergeführt, wozu sich dann, genau wie bei den Stürmern und Drängern, ein ganz ansehnlicher Theil von der die ganze Zeit durchflutenden hinschmachtenden Empfindsamkeit gesellt. Ob der Humor als solcher von Hause aus im deutschen Herzen und Gemüth wurzelt, oder ob er in seinem eigentlichen Wesen von ihnen nur von auswärts übernommen und allmälig ihnen angebildet wurde, ist eine Frage, die wir hier nicht weiter erörtern können. Uns genügt es festzustellen, daß die ersten Aeußerungen dieses Humors in Deutschland im genauesten Zusammenhange mit der englischen Humoristik jener Zeit und zwar vor allem mit Sterne 's Romanen, »Yoriks empfindsame Reisen« und »Tristram Shandy«, stehen. Am deutlichsten gewissermassen zeigt sich dies allerdings erst in jener von uns früher schon erwähnten »Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich«, von M. A. v. Thümmel , einem Roman, der trotz solcher Anlehnung sich in voller geistiger Unabhängigkeit entwickelt und trotz seiner sittlichen Mängel, wie wir wiederholen, zu dem Vorzüglichsten gehört, was unsere Prosaliteratur aufzuweisen hat. Indessen findet, wer einigermaßen aufmerksam in diese Werke hineinliest, auch in den frühesten – Thümmels »Reise« erschien erst vom Anfang der neunziger Jahre an – und schwächsten jenen Einfluß wieder, wenn auch, wie man mit Recht gesagt hat, die deutschen Humoristen ihrem Vorbilde Sterne ebenso fern blieben, wie die Stürmer und Dränger ihrem Shakespeare. Als der Bedeutendste von allen tritt uns Th. G. v. Hippel entgegen, geboren 1741 zu Gerdauen in Ostpreußen, gestorben 1796 zu Königsberg. Sein erstes und bestes Werk ist der Roman »Lebensläufe in aufsteigender Linie«, in welchem er seine eigene Jugendgeschichte, ob auch breit und mit zahlreichen Abschweifungen, voll tiefer Empfindung und Wärme, mit großer Anschaulichkeit und reicher Menschen- und Herzenskenntniß behandelt. An heiterem Scherz, an munterer Laune, an Ironie und Witz fehlt es gleichfalls nicht, obgleich der Hintergrund durchweg ein melancholischer bleibt. Der Roman verdient, trotz manches für uns Fremdartigen, auch heute noch unsere vollste Aufmerksamkeit und Theilnahme. – Sein zweiter Roman »Kreuz- und Querzüge des Ritters A-Z«, tritt gegen den ersten weit zurück. Auf Verspottung des Adels und der geheimen Gesellschaften jener Zeit hinauslaufend, entbehrt er nicht ansprechender Züge und einzelner anziehender, ja bedeutender Partien, ist aber im Allgemeinen von ermüdender Breite und meistens gesuchtem und frostigem Witz. Eine dritte Schrift »Ueber die Ehe«, hat damals großes Aufsehen gemacht und wurde lange Zeit für ein Werk Kants gehalten, dessen Schüler Hippel war. Bemerkenswerth ist es, daß Hippel, so lange er lebte, seinen Namen nicht auf den Titel seiner Werke setzen wollte und sie anonym erscheinen ließ. Außerordentlich gering, ja roh und widerlich sind die »Empfindsamen Reisen durch Deutschland« von J. G. Schummel (1748-1813) in Breslau; besser ist sein humoristischer oder richtiger satyrischer Roman »Spitzbart, eine komi-tragische Geschichte für unser pädagogisches Jahrhundert,« in welchem Basedows und Anderer neue Erziehungs- und Unterrichtsmethoden verspottet werden. In Ansehung seines Stils gehört Schummel zu den besseren Schriftstellern seiner Zeit. Nicht weniger gering sind die, schon früher von uns erwähnten Romane »Physiognomische Reisen« von Musäus , und »Leben und Meinungen des Herrn Magisters Sebaldus Nothanker«, von Fr. Nicolai ; beide gehören gleichfalls weniger dem eigentlich humoristischen als dem persiflirenden und spottenden Genre an. Dagegen zeichnen sich einige von den zahlreichen Romanen J. K. Wezels (1747-1819, wo er im Wahnsinn starb), durch eine gewisse Natürlichkeit und humoristische Züge immerhin vortheilhaft aus. Sein »Tobias Knaut« erinnert an »Tristram Shandy«, »Peter Marks, eine Ehestandsgeschichte«, weist nicht üble Schilderungen und Characterzeichnungen auf; »Wilhelmine Arend, oder die Gefahren der Empfindsamkeit«, ist eine Arbeit von wirklicher psychologischer Tiefe und ergreifender Wahrheit. Er hat auch Lustspiele (z. B. »Rache für Rache«) und ernste Stücke (z. B. »Graf Wickham«) geschrieben, die ihrerzeit beliebt waren und jedenfalls zu den bessern Erscheinungen zu zählen sind. Adolf Freiherr von Knigge (1752-1796) ist durch sein nichts weniger als romanhaftes Buch »Ueber den Umgang mit Menschen«, am bekanntesten geworden, eine Schrift, welche seltsamerweise bis vor noch gar nicht langer Zeit von unvorsichtigen Eltern ihren strafwürdigen Kindern empfohlen wurde, während der Verfasser doch nur lehrt, daß und wie man sich strecken und fügen soll, um mit aller Welt in gutem Einvernehmen zu bleiben. – Aehnliche Lehren enthält sein Roman »Geschichte des armen Herrn von Mildenburg«. Von allen übrigen genügt es, den »komischen« Roman, »Die Reise nach Braunschweig«, zu nennen, den man, wenn er einem zufällig in die Hände kommt, trotz all seiner Breite immer noch lesen kann, da er neben unendlich viel Lehrhaftem und Trockenem doch auch reich an guter Laune ist und, was Darstellung und Stil betrifft, sich vor vielem Damaligem auszeichnet. Endlich nennen wir noch Johann Gottwerth Müller , zur Unterscheidung gewöhnlich »von Itzehoe,« zubenannt, zuerst Buchhändler, später »Privatgelehrter«, d. h. sehr fruchtbarer Schriftsteller, geboren 1744, gestorben 1782. Von seinen zahlreichen Schriften führen wir nur seinen Roman »Siegfried von Lindenberg« an, ein Buch, das sich freilich gleichfalls an die Engländer lehnt, allein sich durchaus im deutschen Geiste hält und auch heute noch seinen Werth behauptet. Der Roman leidet wie alle damaligen, an großer Breite und einer Menge von Einschiebseln aus allen möglichen Fächern des Wissens und der Erfahrung, erhebt sich aber durch wirkliche Handlung und wirkliches – uns allerdings oft zopfartig erscheinendes – Leben, durch ansprechende Wärme und ungesuchte Natürlichkeit in der ganzen Behandlung und Darstellung weit über die Mehrzahl dessen, was auf diesem Gebiete damals als gut bezeichnet wurde. Er wurde daher auch von den Zeitgenossen sehr hochgestellt und sollte von uns nicht gar zu tief herabgesetzt werden, wie es neuerdings zu geschehen pflegt, – wohl nur, weil man ihn entweder gar nicht gelesen hat und nur Anderer wegwerfenden Urtheilen nachgeschwatzt, oder weil man die Aeußerlichkeiten nicht überwinden mochte, die auch dies werth- und lebensvolle Character- und Zeitbild beeinträchtigen. Die Leser ersehen schon aus diesen kurzen Anführungen, daß selbst bei diesen Schriftstellern, welche man doch, ausdrücklich als die ersten Humoristen anzuführen liebt, von Humor , nach seiner eigentlichen und richtigen Bedeutung, verzweifelt wenig zu entdecken ist, derselbe vielmehr, abgesehen von einzelnen humoristischen Zügen und Wendungen, in Wirklichkeit fast überall durch das ersetzt wird, was wir richtiger nur als launig, scherzhaft, witzig, spöttisch und komisch bezeichnen müssen. Bei Lichte besehen, ist es im Allgemeinen in unserer Literatur auch bis auf den heutigen Tag so geblieben und gehört der wirkliche und reine Humor in derselben zu den allerseltensten Erscheinungen, während an seinen – man erlaube uns den Ausdruck! – Surrogaten, im guten und schlechten Sinne, niemals ein Mangel zu spüren war. In Ansehung der übrigen erzählenden Literatur können wir uns kurz fassen, obgleich dieselbe während dieser und der folgenden Zeit in ungeahnter Weise anschwoll und die Uebersetzungen und sogenannten Originalwerke in rascher Folge einander drängten. Von einer gesunden Entwickelung und einem wirklichen Fortschritt war hier wenig zu bemerken. Jene öfters erwähnte lehrhafte Tendenz spukte noch immer in einer großen Zahl dieser Werke. Die Aufklärung der Leser über das praktische Leben blieb Hauptzweck; die Anschauungen und Erfahrungen des Verfassers wurden in breitester Weise zur Mittheilung gebracht; allerhand Wissenswerthes und Nützliches, Meinungen, Reflexionen, angeblich komische Einfälle und was es solcher Mittelchen mehr gibt, mußten zu einer gewissen Belebung dienen, ohne doch die Schwäche der Erfindung und den Mangel an Handlung verhüllen oder ersetzen zu können. Von wirklicher Motivirung, psychologischer Begründung, fester Characterzeichnung ist nur ausnahmsweise und in sehr bescheidenem Maße die Rede. Das einzige Werk, welches hier eine rühmliche Ausnahme macht und genannt zu werden verdient, ist des geistvollen K. Ph. Moritz (1757-1793, bekannt auch durch seine Schriften »Versuch einer deutschen Prosodie« und »Ueber die bildende Nachahmung des Schönen«) »Anton Reiser«, ein psychologischer Roman, in welchem er sein eigenes Leben schilderte. Daneben fand die Empfindsamkeit des »Siegwart« und »des Fräuleins von Sternheim« unendlich viele Anhänger und Verkündiger; die Wertheriaden, die »romantischen Gemälde«, die »Sagen der Vorzeit«, die Ritter-, Räuber-, Geister- und Gespenster-Romane, die Biographien der Selbstmörder und Verbrecher, die zärtlichen Familiengeschichten, die »moralischen« Erzählungen, die Günstlings-, Minister-, Geheimbunds-Romane, und, damit es doch auch daran nicht fehle, eine Unmasse von sogenannten komischen, auch mit angeblich komischen Titeln geschmückten Erzählungen aus der allerbedenklichsten, unreinsten Sphäre des gemeinsten Lebens, in denen der ohnehin für uns kaum verständliche freie Ton dieser gesammten Literatur gradeswegs frech wurde und die Nacktheiten für den Geschmack der Verfasser wie der Leser das denkbar schlechteste Zeugniß ablegten. Hier möge es genügen, wenn wir einzelne von den bekannteren Schriftstellern und Romanfabrikanten – dieser Titel gebührt nicht wenigen von ihnen! – dieser und der nächstfolgenden Periode kurz neben einander stellen. J. F. Jünger , 1759-1797, wo er in Elend starb, schrieb zahlreiche ziemlich frivole Lustspiele – »Maske für Maske«, »Verstand und Leichtsinn« u. s. w. – und nach seinem ersten komischen Roman »Huldreich Wurmsamen von Wurmfeld«, eine ganze Reihe größerer und kleinerer anderer, »Ehestandsgemälde«, »Fritz« u. s. w. – Leonhard Wächter , als Schriftsteller sich Veit Weber nennend, 1762-1837, schrieb die hochgefeierten, bald aber durch Manierirtheit unleidlichen »Sagen der Vorzeit«. – Benedikte Naubert , 1756-1819, schrieb eine ganze Bibliothek von abenteuerlichen, empfindsamen, ritterlich-romantischen, sogenannten historischen Romanen, Erzählungen, Märchen u. s. w. – Nicht minder fruchtbar und beliebt war Fr. G. Schilling , 1766-1839, der sich auch gelegentlich auf dramatischem Gebiet versuchte. – Die großen Fabrikanten der Ritter-, Räuber- und sogenannten politischen Romane, der Biographien der »Selbstmörder und Wahnsinnigen«, sind K. G. Cramer , 1758-1817, – »Der deutsche Alcibiades«, »Leben und Meinungen des Paul Ysop« » Haspar a Spada « u. s. w. –, Chr. H. Spieß , 1755-1799, – »Der alte Ueberall und Nirgends«, »Die Deutschherren«, ein Drama »Die Löwenritter«, – und Chr. A. Vulpius , 1763-1827, der gefeierte Verfasser des weltbekannten »Rinaldo Rinaldini«, der Schwager Goethe's durch seine Schwester Christiane, welche nach langjähriger Verbindung erst 1806 die Gattin des Dichters wurde. – Hier möge auch noch der durch seine »Geschichte der Poesie und Beredtsamkeit« bekannte Göttinger Professor Fr. Bouterwek , 1766-1828, genannt werden, dessen Roman, »Graf Donamar«, trotz allerlei Seltsamkeiten zum wenigsten als nicht ganz unlesenswerthes Werk bezeichnet werden darf. Und zuletzt sei auch W. F. v. Meyern , 1762-1829, genannt, mit seinem unendlich gefeierten, angeblich aus dem »Sanskrit« übersetzten Romane »Dya-Na-Sore«, der in Oesterreich sogar noch heute gelesen und als »edles« Buch citirt wird. Auch das Feld der kleineren Erzählungen wurde, und zwar mit mehr Glück angebaut. Man findet neben zahlreichen Uebersetzungen auch ebenso viele und noch mehr Originalwerke in den verschiedenen Sammelwerken dieser Zeit. A. H. O. Reichard 's, 1751-1828, »Romanbibliothek«, mehreren »Landbibliotheken«, »Abendstunden in lehrreichen und anmuthigen Erzählungen« und dgl. m. Nennen wollen wir hier als einen der besten damaligen Erzähler dieser Art Chr. L. Heyne , 1751-1821, der unter dem Schriftstellernamen Anton Wall die durch mehr als ein wirklich hübsches Stücklein ausgezeichnete Sammlung von Erzählungen, Lustspielen, Märchen u. s. w. »Bagatellen«, veröffentlichte, und den kaum weniger lobenswerthen G. W. Ch. Starke , 1762-1830, mit seinen »Gemälden aus dem häuslichen Leben«. Und schließlich mögen hier die beiden beliebtesten Erzähler jener Zeit folgen, A. G. Meißner , geboren 1753, Professor der Aesthetik zu Prag und Consistorialrath zu Fulda, wo er 1807 starb, dessen Sammlung »Skizzen«, und Romane »Alcibiades«, »Bianca Capello«, »Masaniello« u. s. w. einen ganz unglaublichen Beifall bei Hoch und Gering errangen, obgleich sie mit gesuchter Eleganz und Vornehmheit geschrieben, voll Verstand, aber ohne Poesie und Schwung höheren Anforderungen nirgends zu genügen vermochten; und A. H. J. Lafontaine , geb. zu Braunschweig 1758, Kanonikus zu Magdeburg, gestorben 1831 zu Halle, ein Schriftsteller, der nach den frühesten dramatischen Versuchen, »Antonia, oder das Klostergelübde«, »Die Tochter der Natur« u. s. w. alsbald seine zahlreichen Erzählungen und Romane zu veröffentlichen begann – »Die Gewalt der Liebe«, »Der Naturmensch«, »Rudolf von Werdenberg«, »Clara du Plessis«, »Gemälde des menschlichen Herzens«, »Familiengeschichten« u. s. w. – und einen gradezu beispiellosen Erfolg hatte. War doch selbst eine so feingebildete Frau, wie die Königin Louise von Preußen, eine seiner lebhaftesten Verehrerinnen! Und dennoch sind auch diese Schöpfungen für die Heutigen durch die Gefühlsseligkeit und schwärmerische Zärtlichkeit, durch eine Sentimentalität und Süßlichkeit ohne Gleichen völlig ungenießbar geworden, und wir müssen, um den unermeßlichen Beifall zu verstehen, an jenen Ausspruch A. W. Schlegels denken, der von der damaligen erzählenden Literatur, gleichsam als wolle er das Lafontaine zugestandene Ansehen entschuldigen, mit einer Art von Seufzer sagte: »wir haben so wenig Ausgebildetes darin!« 26. Auch auf dramatischem Gebiet herrscht während dieses Abschnitts eine rührige Thätigkeit und neben den zahlreichen Uebersetzungen aus fremden Sprachen drängen sich die Originalwerke in stets wachsender Menge hervor. Die wilden und stürmischen Ritter- und Soldatenstücke verschwinden allerdings, wie wir schon früher gezeigt haben, noch keineswegs, allein zu ihnen gesellen sich, der empfindsamen und sentimentalen Richtung folgend, mehr und mehr weiche und süßliche, ein wenig oder auch recht sehr frivole häusliche und Familienstücke und eine große Zahl von mehr oder weniger ächten Lustspielen. Auch hier wieder fanden sich, wie auf dem Gebiete der Erzählung, außerordentlich Viele berufen, während doch nur wenige Einzelne, bald mit Recht, bald auch mit Unrecht, »ausgewählt« wurden. Es genügt daher auch hier, wenn wir im Anschluß an jene Erzähler, welche sich gleichfalls auf dramatischem Gebiet versuchten, hier die bedeutendsten von denen folgen lassen, welche sich vorzüglich als Dramatiker bekannt machten. Der Graf F. J. H. von Soden , 1754-1831, ließ von 1772 an Schauspiele aller Art, aber auch Erzählungen und Gedichte erscheinen, welche trotz aller Unbedeutendheit den noch außerordentlich bescheidenen Ansprüchen des Publikums dennoch zu genügen vermochten. – Technisch vollendeter und wirkungsreicher und daher auch sehr beliebt waren die zahlreichen Trauer-, Schau- und Lustspiele von dem Braunschweiger F. W. Ziegler , 1760 bis 1827, der lange Jahre in Wien als Schauspieler angestellt war. – Neben ihm nennen wir E. Schikaneder , 1751-1812, nur, weil sein absurder Operntext, »Die Zauberflöte«, durch Mozarts Composition verherrlicht wurde. – G. A. von Halem , 1752-1819, hat sich nicht bloß auf dramatischem Gebiet und in der Poesie, sondern auch als Historiker gar nicht unglücklich versucht, ja wurde von Schiller als Mitarbeiter an den »Hören« willkommen geheißen. Das interessanteste seiner Stücke dürfte das Trauerspiel »Wallenstein« sein, eine Arbeit, die vollständig vergessen ist, obgleich sie, wie schwach sie auch immer sein mag, schon um der Vergleichung mit Schillers Schöpfung willen, unsere Aufmerksamkeit verdient. – Weit über diese erhebt sich F. L. Schroeder , geboren 1744 zu Schwerin und gestorben bei Hamburg 1816. Ein Stiefsohn des bekannten Directors Ackermann , arbeitete er sich selbst, nach der mühseligsten Jugend und den wechselvollsten Schicksalen, zu einem der größten Schauspieler und zum Vorstande des trefflichen Hamburger Theaters empor. Seine eigenen Arbeiten, das rührende Familiendrama »Der Fähndrich«, »Der Vetter von Lissabon«, »Das Portrait der Mutter« u. s. w., zeichnen sich in der damaligen Bühnenliteratur vortheilhaft aus. Aber sein rechtes und wirkliches Verdienst hat man darin zu erkennen, daß er zahlreiche fremde Stücke, und vor allen diejenigen Shakespeare's, mit Geschick und Geschmack bearbeitete und für die deutsche Bühne gewann. – Und um hier auch eines anderen fleißigen und glücklichen Uebersetzers zu gedenken, nennen wir L. F. Huber , 1764-1804. Aus seinem Leben muß es erwähnt werden, daß er, in Dresden einer von Schillers besten Bekannten, aber bald durch den Abbruch seiner Verbindung mit Körners Schwägerin, Dora Stock, als unzuverläßiger Character gekennzeichnet, nicht lange nachher die Stelle eines kursächsischen Residenten zu Mainz erhielt und hier sich in die Häuslichkeit des unglücklichen Georg Forster auf das verhängnißvollste eindrängte. Nach Forsters Tode heirathete er die Wittwe desselben, Therese , eine Tochter des berühmten Göttinger Philologen Chr. G. Heyne , und erhielt sich und seine Familie durch seine und seiner Gattin schriftstellerische Arbeiten. Therese, 1764-1829, war unzweifelhaft eine hochbegabte Frau, wie schon, ganz abgesehen von ihren »Erzählungen«, durch ihre musterhafte Redaction des Stuttgarter »Morgenblatt«, 1819-1824, bestätigt wird. Als die ersten dramatischen rührenden Familiengemälde müssen »Der deutsche Hausvater« von dem Freiherrn O. H. von Gemmingen , 1739 bis 1822, und »Nicht mehr als sechs Schüsseln«, von G. Fr. W. Großmann , 1746-1796, angeführt werden. Beide Stücke sind nicht ohne Verdienst, sie machten die Namen ihrer Verfasser augenblicklich bekannt und gehörten zu den beliebtesten Bühnenstücken dieser und der folgenden Zeit. Allein nicht nur sie, sondern auch andere damals angesehene Dichter dieser rührenden, frivol angehauchten Gattung, wie T. Ph. v. Gebler , 1726 bis 1786, und Chr. F. Bretzner ; 1748-1807 (»Das Räuschchen«), wurden dennoch alsbald durch die Werke der beiden Folgenden in Schatten gestellt, welche gleichfalls vom Anfang der achtziger Jahre an zu erscheinen begannen. Das sind die beiden fruchtbarsten und glücklichsten – wir sagen nicht, verdienstvollsten , Dramatiker, welche Deutschland, allenfalls mit Ausnahme der späteren Birch-Pfeiffer , jemals kennen gelernt hat. A. W. Iffland wurde 1759 zu Hannover als der Sohn angesehener Eltern geboren. Seine unüberwindliche Neigung zum Theater ließ ihn 1778 heimlich dem elterlichen Hause entfliehen und trieb ihn nach Gotha, wo damals der größte deutsche Schauspieler, Konrad Eckhof , »der Vater der deutschen Schauspielkunst«, das herzogliche Theater leitete. Sein Auftreten hatte Erfolg, und als er, nach Eckhofs Tode und der Auflösung der Gesellschaft, 1779 nach Mannheim an das unter W. H. von Dalbergs Intendanz rasch erblühende Theater kam, schwang er sich bald zu einem der besten Schauspieler jener Zeit auf. Im Jahre 1781 versuchte er sich zum erstenmal mit dem »bürgerlichen« Trauerspiel »Albert von Turneisen«, dem dann bald die lange Reihe seiner Rühr- und Familienstücke folgte: »Verbrechen aus Ehrsucht, ein ernsthaftes Familiengemälde«, »Die Jäger« u. s. w. u. s. w., Lieblingsstücke des Publikums und selbst von unseren Größten geschätzt, wie denn bekanntlich selbst Goethe ein Nachspiel zu den »Hagestolzen« schreiben mochte. – Iffland besaß unleugbar nicht nur die gründlichste Bühnenkenntniß, sondern auch ein Talent für sein Genre, das kaum einem einzigen andern nachsteht. Er offenbarte überdies ein ganz ausnehmendes Geschick in allem Detail und wurde bei der Einführung prägnanter Züge, bei der Schilderung häuslicher Verhältnisse, in der Zeichnung der Charactere von einem merkwürdig glücklichen Instinkt für das Richtige geleitet. Aber sein Geschmack bei der Wahl seiner Stoffe war kein sicherer und geläuterter, seine Erfindungskraft in der Aufstellung der Charactere und der Verwendung der Motive war niemals eine namhafte und ließ überdies sehr bald ganz nach, und endlich fehlte ihm und seinen Arbeiten vor allem die eigentliche dichterische Weihe, ein Mangel, welcher durch die vorwiegend lehrhafte Tendenz und durch die empfindsame, moralisirende, selbstgefällige Tugendseligkeit und redselige Breite nicht übertüncht, geschweige denn ersetzt werden konnte. Trotz alledem geht, was manchen Mangel entschuldigt und selbst für die Schwächen und Fehler entschädigt, durch mehr oder weniger alle diese Stücke ein gewisser anständiger und ehrlicher, ja freisinniger Zug: Iffland deckt die gesellschaftlichen Schäden rücksichtslos auf und fragt nicht, gleich den meisten seiner Zeitgenossen, erst viel nach Rang und Stand seiner Sünder. Schon hierdurch, noch mehr aber durch seinen eigenen, durchaus achtungswerthen Character unterscheidet er sich vortheilhaft von seinem ihm hier folgenden Rivalen. Er war nicht ohne Pedanterie, aber ein anständiger und braver Mann. Als er, seit 1796 zur Direction des Nationaltheaters in Berlin berufen, das Kunstinstitut alsbald durch die Noth und den Druck der französischen Vergewaltigung weiter zu führen hatte, erwies er sich, vor vielen Anderen, als tüchtiger Beamter, als treuer Sohn des Vaterlandes und als ein Mann, der selbst den Feinden Respect einflößte. Er starb als Generaldirector der Schauspiele 1814 zu Berlin. Von allen solchen rühmlichen Eigenschaften ist an A. F. F. von Kotzebue wenig oder nichts zu entdecken. Wenn in diesem Manne überhaupt von einem »Character« die Rede sein kann, so ist derselbe nur als einer der zweifelhaftesten, ja wirklich unlautersten zu bezeichnen, und der Einfluß, den Kotzebue auf die Literatur so gut wie auf die Bildung und Sittlichkeit seines Zeitalters ausübte, muß gradezu als der verderblichste und zugleich beschämendste anerkannt werden, den jemals ein deutscher Schriftsteller gewonnen hat. Seine dichterische Begabung ist keine höhere als diejenige Ifflands, aber in der gesammten dramatischen und Bühnentechnik steht er ihm wenigstens gleich, und in Ansehung der Erfindungskraft und jener Vielseitigkeit, die sich in jeder Form mit Geschick zu bewegen und jeden Stoff auf das gewandteste zu handhaben versteht, ist er ihm unendlich überlegen. Wir haben in ihm neben, ja noch weit vor Iffland, einen und zwar den ersten und gleich auch großartigsten Erfolgschreiber zu erkennen, d. h. einen von jenen, seit ihm häufiger und häufiger erscheinenden Autoren, denen die Kunst nichts und der unmittelbare und unausgesetzte Erfolg beim Publikum alles ist. »Ich werde ohne Unterschied jeden Gegenstand meiner Behandlung werth glauben,« spricht er einmal in einer Vorrede unumwunden aus, »welchen das Publikum seines Interesses werth findet.« Er hat, fernab von Ifflands sentimentaler und philiströsen Moralität, für alle Schwäche der menschlichen Natur stets eine Schmeichelei bei der Hand und erweckt für alle Sünden, ja für das Verbrechen und die Nichtswürdigkeit in seinen Zuschauern um jeden Preis eine süßliche Rührung und schwachherzige Theilnahme. Aber es ist damit noch nicht genug. Auf alles Höhere und Edlere, was sich in der Zeit und im geistigen, öffentlichen und socialen Leben hervorthut, schaut er mit faunischem Lächeln herab und sucht es mit dem frivolsten, herzlosesten und nichtswürdigsten Spott in den Staub und die Gemeinheit herunterzuziehen. Und so hat er es durch die kaum glaubliche und für uns völlig unverständliche Wirkung seiner Arbeiten dahin gebracht, daß in der gesammten Gesellschaft und selbst in den bis dahin noch verhältnißmäßig gesunden Mittelständen alle Begriffe von Tugend, Recht und Sitte sich verwirrten, das sittliche Gefühl und der gesunde Geschmack gradeswegs ruinirt wurden, ja daß die ganze geistige und sittliche Bildung seines Zeitalters ernstlich gefährdet wurde. – Statt jenes, Iffland und seine Schöpfungen characterisirenden achtungswerthen Zuges entdeckt man bei Kotzebue fast stets ein gewisses Etwas, das sich, abgesehen Von seiner Frivolität und überhaupt von dem herrschenden Zeitton, kaum anders denn als gemein bezeichnen läßt und jeden Menschen von Gefühl, Sittlichkeit und Ehre anwidert. Und – traurig, daß man es sagen muß! – etwas Aehnliches lag auch in dem Character des Mannes selber. Wir wollen hier nur eines dramatischen Pasquills erwähnen, das er gegen eine Anzahl mit Zimmermann in Streit liegender bekannter Schriftsteller richtete und unter dem Titel »Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn« erscheinen ließ, als Verfasser den bekannten Freiherrn von Knigge nennend. Es ist eines der nichtswürdigsten, gemeinsten und unfläthigsten Producte, die jemals in Deutschland gedruckt worden sind. Eine gerichtliche Untersuchung zwang Kotzebue, sich als Verfasser zu nennen, und zwei Jahre später bat er das Publikum für seine »Unbesonnenheit« um Verzeihung. Kotzebue war 1761 zu Weimar geboren, wo sein Vater Legationsrath und Kabinetssecretär der Herzogin Amalie war. Das außerordentlich anregende Weimar'sche Leben trieb auch ihn schon früh zu allerlei Dichtversuchen und 1780 bereits veröffentlichte Wieland eine seiner Erzählungen im »Merkur«. Bald darauf ging er nach Petersburg, um dort sein »Glück« zu machen, wurde auch angestellt, mit der Leitung des deutschen Theaters betraut, rückte im Dienst vorwärts und wurde später geadelt. Im Jahre 1795 gab er den russischen Dienst auf, war eine Zeit lang Theaterdichter in Wien, kam bald nach Weimar und ging wieder nach Rußland. Hier wurde er dem Kaiser Paul verdächtig und auf vier Monate nach Sibirien geschickt, dann wieder zu Gnaden angenommen und angestellt, bis er nach des Kaisers Tode von neuem seine Entlassung erbat. Fortan lebte er bald in Weimar, bald in Berlin und anderen Orten, wurde 1813 russischer Staatsrath und 1815 als eine Art von Spion angestellt, der allmonatlich über Deutschlands geistiges und öffentliches Leben nach Petersburg zu berichten hatte. So verfiel er mit Recht der Verachtung aller Vaterlandsfreunde und Männer von Ehre und dem grimmigen Haß der Jugend. 1819 wurde er zu Mannheim von Karl Sand ermordet. Von seinen zahllosen Schriften, den Romanen, Novellen, Erzählungen, in Prosa und Versen, Miscellen, Gedichten, historischen und biographischen Werken, polemischen Arbeiten, Pasquillen und dramatischen Stücken aller Art – von diesen allein gibt es über zweihundert! – haben wir nach dem Vorstehenden nichts weiter zu sagen. Das erste Werk, welches beliebt wurde, war der Roman »Die Leiden der Ortenburg'schen Familie«, und das berühmteste seiner Stücke ist das »rührende Schauspiel« »Menschenhaß und Reue«, das seinen Weg über die ganze Erde und Kotzebue's Namen für eine Weile zu dem gefeiertsten der Welt machte. – Endlich möge auch noch der eigentlichen Dichter gedacht werden. Doch finden sich außer den Göttingern und den schon früher erwähnten Uebrigen und außer einer Anzahl von Jüngeren, deren Anfänge bereits in diesem Abschnitt liegen mögen, die sich jedoch erst in der folgenden Periode wirklich bekannt machten, verhältnißmäßig nur wenige, welche auch jetzt schon mit ihren Hauptwerken auftraten und sich Beifall gewannen. Hier sind denn zuerst zwei zu nennen, die sich nur durch eine einzelne Dichtung Ruf erwarben: K. A. Kortüm , geboren 1745 und gestorben 1824 als Arzt zu Bochum, welcher sich durch seine bekannte, nicht selten bis ins Fratzenhafte und Rohe sich steigernde, aber durch unwiderstehliche Komik stets wieder ergötzende »Jobsiade« einen Namen machte, der noch heute nicht vergessen ist; seine übrigen Gedichte sind völlig verschollen. – Und zweitens J. Al. Blumauer , geboren 1755 zu Steier in Oesterreich und gestorben zu Wien 1798, dessen Travestie der Aeneide Virgils gleichfalls einen ganz ungemessenen Beifall erzielte und als ein Muster dieser, allerdings weder erquicklichen, noch nachahmungswürdigen Art anzusehen ist. Ebenfalls durch komische und launige Gedichte, Schwänke und dergleichen wurde A. F. E. Langbein , 1757-1835, bekannt, den man in allen Musenalmanachen und allen Blumenlesen dieser Zeit wiederfindet, – ein Dichter voll unleugbar großer Gewandtheit, voll glücklicher Laune und einer guten Anlage für Schilderung und Zeichnung. Seine Gedichte vermögen, wo sie uns einmal in die Hand kommen, auch heute noch auf einen Augenblick zu ergötzen, während seine Erzählungen und Schwanke in Prosa völlig veraltet sind. Um vieles anspruchsvoller als diese drei tritt uns der Vierte und Letzte entgegen, dessen wir hier gedenken. Fr. Matthisson , geboren im Magdeburgischen 1761, war nach Beendigung seiner Studien eine Zeit lang Lehrer im Philanthropin zu Dessau, begleitete einen Lievländer auf seinen Reisen durch Deutschland und lebte dann ein paar Jahre bei seinem Freunde R. V. von Bonstetten , der auch ein wenig à la Geßner in Poesie machte, am Genfersee. Hernach war er eine Zeit lang Erzieher in einer Familie zu Lyon, wo er die Revolutionsstürme erlebte, und wurde, nach Deutschland zurückgekehrt, Vorleser und Reisebegleiter der Fürstin von Dessau. Nach dem Tode derselben fand er eine Anstellung als Mitglied der Oberintendanz des Hoftheaters und Oberbibliothekar zu Stuttgart, zog sich später jedoch von dieser Stellung zurück und starb 1831 zu Wörlitz bei Dessau. – Als Dichter vereinigt er in sich den Geschmack und die Richtung der älteren und neueren Periode. Hier ein wenig an Ramler erinnernd und dort an Hölty, seine Landschaftsbilder gelegentlich mit antiken Göttern staffirend, durchdrungen von der Empfindsamkeit und der weichlichen Zartheit der Zeit, zeigt er in der Naturmalerei ein Talent, dessen sich zumal in jener Zeit nur sehr wenige zu rühmen hatten, und erhebt sich in manchen Gedichten zu einer Anmuth des Verses und einer Melodie der Sprache, die gleichfalls nur selten von anderen erreicht wurde. Wer kennt nicht seine von Beethoven componirte »Adelaide«, – »Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten«; oder Gedichte wie: »Wenn in des Abends letztem Scheine«; – »Der Vollmond schwebt im Osten«; – »Schweigend in der Abenddämmerung Schleier« u. s. w.? – Aber was bei vielen dieser Gedichte, ja fast durchgängig bei Matthisson – wie z. B. in seinen »Erinnerungen«, – den reinen Genuß beeinträchtigt und nicht selten einen geradezu unleidlichen Eindruck macht, ist einerseits weniger die Uebertriebenheit, als die Affectation und Unwahrheit der Empfindung und Melancholie, und andererseits eine Eitelkeit, welche die eigene Person stets in den Vordergrund rückt und voll seines Ruhms und seiner Verdienste ist. – Im Allgemeinen ist Matthisson wenigstens eine Zeit lang viel zu sehr überschätzt worden und dazu hat nicht am wenigsten eine Recension Schillers beigetragen, welche im Verein mit der, den armen Bürger mißhandelnden den Beweis liefert, wie selbst ein solcher Geist zuweilen auf das gründlichste irren und über das Ziel hinausschießen kann.   Fünfter Abschnitt. Von Goethe's Heimkehr aus Italien bis zum Tode Schillers (1788-1805). 27. »Nach meiner Rückkunft aus Italien,« schreibt Goethe in den »Annalen« vom Jahre 1794, wo er über sein erstes Anknüpfen mit Schiller berichtet, »wo ich mich zu größerer Bestimmtheit und Reinheit in allen Kunstfächern auszubilden gesucht hatte, unbekümmert, was während der Zeit in Deutschland vorgegangen, fand ich neuere und ältere Dichterwerke von großem Ansehen, leider solche, die mich äußerst anwiderten; ich nenne nur Heinse 's »Ardinghello« und Schillers »Räuber«. – Bei den Männern von Talent verargte ich nicht, was sie unternommen und geleistet, – das Rumoren aber, das im Vaterlande dadurch erregt, der Beifall, der jenen wunderlichen Ausgeburten allgemein, so von wilden Studenten, als der gebildeten Hofdame gezollt ward, der erschreckte mich. – Und was mich am meisten schmerzte, alle mit mir verbundenen Freunde schienen mir gleichfalls gefährdet. – Man denke sich meinen Zustand! Die reinsten Anschauungen suchte ich zu nähren und mitzutheilen; und nun fand ich mich zwischen »Ardinghello« und »Franz Moor« eingeklemmt. – Ich vermied Schiller, der sich in Weimar aufhaltend in meiner Nachbarschaft wohnte. Alle Versuche von Personen, die ihm und mir gleich nahe standen, lehnte ich ab, und so lebten wir eine Zeit lang neben einander fort. – An keine Vereinigung war zu denken.« Und Schiller schrieb an seinen Freund Körner in dieser frühesten Zeit seiner Bekanntschaft mit Goethe: »Endlich kann ich dir von Goethe erzählen. – Ich zweifle, ob wir einander je nahe rücken werden. Vieles, was mir jetzt noch interessant ist, hat seine Epoche bei ihm durchlebt. Er ist mir, an Jahren weniger als an Lebenserfahrungen und Selbstentwickelung so weit voraus, daß wir unterwegs nie mehr zusammentreffen werden. – Seine Welt ist nicht die meine, unsere Vorstellungsarten scheinen wesentlich verschieden.« Und ferner: »Oesters um Goethe zu sein, würde mich unglücklich machen; – ich glaube in der That, er ist ein Egoist in ungewöhnlichem Grade. – Er macht seine Existenz wohlthätig kund, aber nur wie ein Gott, ohne sich selbst zu geben. – Eine ganz sonderbare Mischung von Haß und Liebe ist es, die er in mir erweckt hat.« Und endlich: »Dieser Mensch, dieser Goethe, ist mir einmal im Wege, und er erinnert mich so oft, daß das Schicksal mich hart behandelt hat. Wie leicht ward sein Genie von seinem Schicksal getragen, und wie muß ich bis auf diese Minute noch kämpfen!« Das war der Eindruck, den die beiden größten Geister der Nation und der ganzen neueren Zeit zuerst von einander empfingen und durch den sie, anscheinend für immer, von einander fern gehalten wurden. In den Jugenddramen Schillers brauste Goethe noch einmal der alte Sturm und Drang in ungestümer, aller Schranken spottender Genialität entgegen, den er selber längst überwunden hatte und auf dessen Ausgeburten er mit voller Ueberlegenheit, ja mit Mißachtung hinabschaute. Und diese Ausgeburten wurden wiederum von Deutschland angestaunt, und seine eigenen neuen höheren Schöpfungen fanden nur den mäßigsten Beifall! – Während dessen sah Schiller aber nur den »Götterliebling« vor sich, dessen Leben von jeher auf den sonnigsten Bahnen des Glücks schattenlos zu verfließen schien; und er selber hatte nicht nur von Jugend auf mit der Noth und dem Drucke des Daseins zu kämpfen gehabt, sondern mußte auch jetzt noch, wo sein Ruhm schon jeden anderen zu übergipfeln begann, mühselig genug mit diesem Dasein und um dasselbe ringen! – Und trotz alledem wurde von den beiden grundverschiedenen, nur in der Kunst und ihren höchsten Zielen einigen Männern nach sechs Jahren jener Freundschaftsbund geschlossen, der in der Geschichte der Literatur einzig dasteht und selbst in derjenigen der Menschheit überhaupt kaum seines Gleichen hat. Ihn konnte selbst der Tod nicht lösen, denn der Ueberlebende blieb dem Geschiedenen mit höchster Treue und Liebe zu eigen bis an seine letzte Stunde. Aber mit gleicher Treue und Liebe ist auch die Nation ihrem von früh auf vielgeliebten Dichter ergeben geblieben bis auf den heutigen Tag. Wie jener Freundschaftsbund, so ist auch diese Liebe des deutschen Volkes eine einzige Erscheinung. Wohin wir anderwärts sehen, finden wir im gleichen Falle wohl die höchste Bewunderung und Verehrung, die in ungeschwächter Kraft jahrhundertelang einem großen Dichter in allen gebildeten Kreisen seiner Nation gewidmet werden, und den Stolz aus ihn, den man den Seinen nennen darf. Allein über diese Bewunderung und Verehrung und diesen Stolz hinaus geht, was Deutschland seinem Schiller widmet. Er ist unser nationalster Dichter und unser vertrautester gewesen und geblieben, und wir glauben nicht, daß wo es überhaupt in einer deutschen Familie eine kleine Büchersammlung gibt, Schillers Werke darin fehlen. Und das ist um so wunderbarer, als Friedrich Schiller selber von seiner Nation als solcher weder etwas wußte, noch hoffte, und vom deutschen Publikum so gering dachte, wie irgend möglich. – Johann Christoph Friedrich Schiller Von den zahlreichen Biographien des großen Dichters erwähnen wir hier nur der ausführlichen Schrift E. Palleske 's, »Schillers Leben und Werke«, welche 1872 schon in 5. Auflage erschienen ist. wurde am Martinstage den 11. November 1759 in der kleinen württembergischen Stadt Marbach geboren, wo seine Mutter während der Abwesenheit des im Militärdienst stehenden Gatten bei ihren Eltern lebte. Sein Vater – er hieß wie derjenige Goethe's Johann Caspar, war Chirurg und hatte als Feldscheer den österreichischen Erbfolgekrieg in einem bairischen Husarenregiment mitgefochten, nahm nach dem Aachener Frieden seine Profession wieder auf und heirathete im Jahre 1749 Elisabeth Dorothea Kodweis , die Tochter des Löwenwirths in Marbach. Der Ertrag seines Handwerks war jedoch so gering, daß er beim Ausbruch des siebenjährigen Krieges Soldat wurde und als Fähnrich und Regimentsadjutant mit ins Feld zog. Zwei Jahre darauf, als sein großer Sohn geboren wurde, war er zum Lieutenant avancirt, und nach dem Abschluß des Hubertsburger Friedens finden wir ihn als Hauptmann in Ludwigsburg endlich wieder mit seiner Familie vereint. – Dieser Vater war ein Mann von großer Klugheit, Gewandtheit und Umsicht, von Kraft und rastloser Thätigkeit, ordnungsliebend und streng, aber auch gerecht und voll Unparteilichkeit, – mit einem Wort, ein tüchtiger, braver und rechter Mann. Und ebenso war die Mutter, die auf den Sohn ihre schlanke, hohe Statur und die Gesichtsbildung vererbte und während seiner ersten vier Lebensjahre ihn fast allein erzog, eine rechte Frau, von unbeschränkter Herzensgüte und ächter Weiblichkeit, voll Milde, Sanftmuth und Empfindung – alles Eigenschaften, welche den Mangel einer höheren Bildung im vollsten Maße ersetzten. Zwei Jahre später kam der Hauptmann Schiller als Werbeoffizier mit den Seinen nach Lorch, und hier erhielt der Sohn den ersten Unterricht, der vom Jahre 1768 ab wieder zu Ludwigsburg in der Lateinschule fortgesetzt wurde. Hier wohnte er zum erstenmale Theatervorstellungen, und gleich recht glänzenden, bei und wurde durch sie so erregt, daß er sich schon mit Plänen zu Trauerspielen getragen haben soll. Auch entstand bereits um das Jahr 1770 sein erstes deutsches Gedicht. Inzwischen wurde der Vater als Oberaufseher aller Gartenanlagen und Baumpflanzungen bei dem Lustschloß Solitude hieher versetzt und bald daraus erhielt der Sohn eine Freistelle in der militärisch zugeschnittenen Lehr- und Erziehungsanstalt, welche Herzog Karl auf der Solitude gegründet hatte. Die militärische Einrichtung und Zucht drückten den Körper und Geist des Knaben, und seine wissenschaftlichen Fortschritte waren äußerst gering; wurde er doch des Griechischen z. B. nie so weit mächtig, daß er die Werke der alten Autoren anders als in Uebersetzungen hätte lesen können. 1775 wurde die Erziehungsanstalt nach Stuttgart verlegt und zur »hohen Karlsschule« erhoben. Schiller, der ihr auch jetzt angehörte, entschloß sich, bei der von jedem Zögling verlangten Berufswahl, zum Studium der Medizin. Die Werke der deutschen Dichter, welche den Karlsschülern auf das strengste verboten waren, wurden von Schiller und seinen Freunden heimlich desto eifriger studirt, und Klopstock, Bürger, Uz, Schubart, Gerstenbergs »Ugolino«, »Julius von Tarent« von Leisewitz, die Stücke Klingers und endlich und vor allem Goethe, vorzüglich mit seinem »Götz,« enthusiasmirten die jungen Köpfe. Und um den Eindruck noch zu vertiefen und den Dichter noch entschiedener von der Lyrik zur Dramatik hinüberzuziehen, gelangte nun auch die Wieland'sche Uebersetzung der Shakespeare'schen Dramen in seine Hände. – Unter solchen Anregungen entstanden seine ersten dramatischen Versuche: »Der Student von Nassau« und »Kosmus von Medicis«, die jedoch beide alsbald wieder vernichtet wurden. Vom Jahre 1778 an beschäftigte er sich aber mit den »Räubern« und ließ dieselben 1781 auf seine eigenen Kosten drucken, – jenes Stück, in welchem er, voll von den gährenden und treibenden Ideen der Sturm- und Drangzeit, und eingezwängt in die starrsten und drückendsten Verhältnisse, sich knirschend aufbäumt gegen den Zwang und die ganze Kraft des Geistes wild sich ausschäumen und sein »Herz in eine Ideenwelt hinausschweifen« läßt. »Aber unbekannt mit der wirklichen,« sagt er selber schon ein paar Jahre später davon, »unbekannt mit den Menschen; unbekannt mit den Neigungen freier, sich selbst überlassener Wesen; unbekannt mit dem schönen Geschlecht; unbekannt mit Menschen und Menschenschicksal – mußte mein Pinsel nothwendigerweise die mittlere Linie zwischen Engel und Teufel verfehlen. – Wenn von allen unzähligen Klagschriften gegen die Räuber eine einzige mich trifft, so ist es diese, daß ich zwei Jahre vorher mir anmaßte, Menschen zu schildern, ehe mir noch einer begegnete.« Das Stück machte alsbald das größte Aufsehen, und der uns schon bekannt gewordene Intendant des Mannheimer Theaters, Freiherr Wolfgang Heribert von Dalberg , forderte den Dichter zu einer Umarbeitung für die Bühne auf. Zu der Aufführung reiste Schiller, der inzwischen die Karlsschule absolvirt hatte und in Stuttgart als Regimentsmedicus angestellt war, heimlich nach Mannheim. Der Erfolg war ein glänzender und regte die Productionskraft des jungen Dichters ungemein an. Gegen Ende des Jahres 1781 war bereits, anonym gleich den »Räubern«, ein Musenalmanach, »Anthologie für das Jahr 1782«, erschienen, der meistens nur seine eigenen, später völlig veränderten oder ganz verworfenen Jugendgedichte nebst wenigen Beiträge seiner Freunde enthielt. Nun begann er den Plan zur »Verschwörung des Fiesko« zu entwerfen und ein »Württembergisches Repertorium der Literatur« herauszugeben, in welchem er, wiederum anonym, die »Räuber« selbst kritisirte. Seine Lage ward jedoch unerträglicher von Tag zu Tag, alle Verhältnisse gestalteten sich immer mißlicher. »Die Räuber« hatten freilich ein außerordentliches Aufsehen gemacht, aber auch Veranlassung zu Verdruß und Aergerniß gegeben. Herzog Karl verbot dem Dichter, andere als medicinische Schriften drucken zu lassen und mit dem »Auslande« zu verkehren. Eine zweite heimliche Reise nach Mannheim wurde entdeckt und mit vierzehntägigem Arrest bestraft. Da unterlag auch der Rest des Vertrauens auf allmälige Aenderung und Besserung, und im September 1782 entfloh er in Begleitung des ihm befreundeten jungen Musikus Streicher nach Mannheim. 28. Es folgten Jahre voll Trübsal, voll des mühseligsten Ringens, voll sich häufender Verlegenheiten und nackter Noth, voll Enttäuschungen und Irrungen, voll Gefahren aller Art, wie nur wenige Menschen sie jemals zu bestehen haben und noch weniger sie ungeschädigt an Leib und Seele zu bestehen vermögen. In Mannheim nicht grade freundlich aufgenommen, ging er nach Frankfurt weiter, siedelte sich aber bald in dem benachbarten Oggersheim an, vollendete rasch »Die Verschwörung des Fiesko« und begann das »bürgerliche Trauerspiel« – »Louise Millerin«, das erst später von Iffland den jetzigen Titel »Kabale und Liebe« erhielt. Als Dalberg den »Fiesko«, welcher den Mannheimern zu schwach erschien, achselzuckend zurückwies und dem Armen jede Unterstützung – hauptsächlich wohl aus Angst vor dem Zorn des Herzogs Karl – versagte, verkaufte Schiller das Stück um ein Spottgeld an den Mannheimer Buchhändler Schwan, der es 1783 erscheinen ließ. Und da der Dichter sich zu Oggersheim vor seinem Landesherrn nicht mehr sicher hielt, so zog er sich im November 1782 nach dem Wolzogen'schen Gute Bauerbach bei Meiningen zurück – ein junger Wolzogen war sein Mitschüler gewesen. Da lebte er den Winter über in tiefster Einsamkeit, vollendete die »Louise Millerin«, die erst 1784 als »Kabale und Liebe« gedruckt wurde, und begann seinen »Don Carlos«. Im Sommer 1783 berief ihn der jetzt weniger ängstliche Dalberg nach Mannheim als Theaterdichter zurück. Seine Stücke wurden aufgeführt und, zumal »Kabale und Liebe«, mit Enthusiasmus aufgenommen. Zur Charakterisirung dieser drei Jugendstücke haben wir wenig hinzuzufügen. In den »Räubern« stehen wir auf völlig erdichtetem Boden und begegnen nur Gestalten der ausschweifenden Phantasie. Trotzdem trägt das Stück eine gewisse Wahrheit in sich, die uns noch heute ergreift und mit fortreißt, und dieser Eindruck wird durch die Lebhaftigkeit der Handlung, durch die unleugbare Fülle der Empfindung und durch die zwar übertriebene, aber gewaltige Sprache noch um vieles erhöht. – Im »Fiesko«, dem republikanischen, politischen Trauerspiel, finden wir allerdings historische, gewissermaßen greifbare Gestalten und Charaktere. Allein grade dies Stück zeigt es am deutlichsten, wie vollständig es dem jungen Dichter noch an historischer Bildung und Lebenserfahrung fehlt: es treten uns Nebelbilder oder Karikaturen entgegen und die Sprache ist nicht selten bis zur vollen Unnatur gesteigert. So ist es wohl erklärlich, daß das Publikum den »Fiesko« verhältnißmäßig kalt ausnahm und daß selbst die Freunde Schillers in dem Stücke, trotz des sogenannten festeren Kerns, eher nur einen Rückschritt finden zu müssen glaubten. – »Kabale und Liebe« tritt entschiedener als die beiden ersten Arbeiten in das wirkliche Leben ein; es ist die Gegenüberstellung der in Liederlichkeit und Despotismus schwelgenden, französirten Hofwelt und der mißhandelten und verachteten, verzweifelnden Mittelstände. Aber auch hier rächt sich die Unerfahrenheit des Dichters und wir stoßen überall wieder auf die grassesten und unnatürlichsten Gegensätze, eine unmögliche Nichtswürdigkeit und eine nicht weniger unmögliche, edle Hochsinnigkeit – alles zusammengenommen eine Karikatur der unerquicklichsten, ja abstoßendsten Art. Allein trotz aller solcher und anderer zahlreicher Fehler, trotz aller Unklarheit und Formlosigkeit, trotz aller Unnatur, Uebertreibung und Grellheit, standen diese Stücke doch schon fast allen übrigen dramatischen Producten der Sturm- und Drangzeit selbst durch die Anlage und Ausführung weit voran und überragten dieselben noch mehr durch die »Genialität des Gedankengehalts, durch die Größe der Gesinnung und die erschütternde Wirkung auf das gesammte deutsche Publikum«. Inzwischen arbeitete er am »Don Carlos« fort, dessen erste drei Acte in der anfänglichen, prosaischen Bearbeitung noch ganz und gar der wilden und formlosen Sturm- und Drangzeit des Dichters angehörten, und begann sie in der von ihm eben gegründeten, hauptsächlich dem Schauspiel und Theater gewidmeten Zeitschrift, der »Rheinischen Thalia«, allmälig zu veröffentlichen. Seine Lage besserte sich indessen nicht, sondern wurde eher noch drückender. Die Schulden mehrten sich, Dalberg zeigte sich kaltsinnig und unzuverlässig; die Schauspieler wurden ihm wegen seiner Urtheile über das Theater feind; und wenn es auch an kleinen Glücksfällen nicht ganz fehlte – die »kurpfälzische deutsche Gesellschaft« nahm ihn als Mitglied auf, und Karl August, « dem er zu Darmstadt am Hofe den ersten Act des »Don Carlos« vorlesen durfte, verlieh ihm den freilich sehr unfruchtbaren Weimar'schen Rathstitel –, so wurden auch diese wieder durch allerhand andere Mißlichkeiten paralysirt. Der heißblütige, unerfahrene junge Mann gerieth von einer eingebildeten und unglücklichen Neigung in die andere und endlich, grade zu dieser Zeit, in eine Verbindung der leidenschaftlichsten Art. Seit dem Sommer 1784 weilte Charlotte von Kalb in Mannheim, da die französische militärische Etikette ihr den Aufenthalt bei ihrem in Landau stehenden Gatten nicht gestattete. Diese Frau, eine geborene Marschalk von Ostheimb, ist gewissermaßen ein Musterbild der damaligen vornehmen, von den Zeitideen erfüllten und fortgerissenen Gesellschaft. Ungewöhnlich begabt, voll Esprit, ja Geist, voll Excentricität im Fühlen, Denken, Handeln und Reden und endlich von den freieren Grundsätzen ihrer Zeit, war sie ganz dazu angethan, nicht bloß den jugendlichen Schiller so gut, wie später den schwärmerischen reizbaren Jean Paul fortzureißen, sondern selbst auf ernstere Männer einen vorübergehenden freilich, aber für den Augenblick bestrickenden Eindruck zu machen. Alle diese und ähnliche Verhältnisse verwirrten Schiller, verleideten ihm Mannheim und trieben ihn in die Ferne, wo sich wahre Freunde und ein ruhigerer Hafen für ihn finden zu wollen schienen. Christian Gottfried Körner hatte im Juni 1784 voll schwärmender Anerkennung von Leipzig aus an ihn geschrieben, ihm kleine Geschenke und die Portraits seiner selbst, seiner Braut Minna und ihrer Schwester Dora Stock und des uns schon bekannt gewordenen C. F. Huber geschickt. Darauf hatte Schiller spät geantwortet und gedankt, auch seiner üblen Lage gedacht, wo Körner ihn dann einlud, es bei ihnen in Sachsen zu versuchen. Dieser Einladung folgte er gegen Ende März 1785, und es begann jener Freundschaftsbund mit Körner – das Verhältniß mit Huber löste sich bekanntlich durch dessen Schuld bald –, der nie gelockert wurde und für Schiller in jeder Richtung von den allersegensreichsten Folgen war. Die anmuthige, wohlgeordnete Häuslichkeit des Freundes, sein nüchtern klares, immer ehrliches und offenes, grundbraves und tüchtiges Wesen, seine gründliche Bildung, seine Liebe und Treue, seine thätige Hülfe endlich, – das alles kam dem sich langsam herausarbeitenden Schiller, zumal jetzt nach all den Wirren, Irrungen und Quälereien der Mannheimer Zeit unausgesetzt und auf das uneigennützigste zu Gute und ließ ihn langsam Fuß fassen im geordneten Leben und nicht unterliegen bei dem schweren Kampf, der ihm noch bevorstand. Denn von einem leichten Leben war auch jetzt noch immer für ihn keine Rede. Zuerst in Leipzig und dem nahen Gohlis hausend, folgte er im September dem in Dresden angestellten Freunde hieher und weilte bis in den Sommer 1787, bald in Dresden selber, bald auf Körners Weinberge zu Loschwitz, unermüdlich und auf das angestrengteste arbeitend. Während dieser Zeit wurde vor allem der »Don Carlos« vollendet, die drei früheren Akte, welche ursprünglich noch ganz und gar der Sturm- und Drangzeit angehörten, überarbeitet und mit den beiden jetzt geschriebenen letzten nach Kräften in Einklang zu bringen versucht. Das ist dem Dichter allerdings kaum recht gelungen und die Ebenmäßigkeit fehlt dem Stücke auch heute noch. Das ursprünglich beabsichtigte Familiengemälde mit der Zerrüttung im eigenen Hause, mit der Opposition des Sohnes gegen die Tyrannei des Vaters, ist auch heute noch nicht genug verwischt, um nicht überraschend von Posa, seinem Weltbürgerthum, seiner Begeisterung für Völkerfreiheit und seinen republikanischen Träumereien abzustechen, welches alles durch den, anfänglich für Carlos, später für Posa begeisterten Dichter erst später in das Stück hineingearbeitet wurde. Dadurch mußte diese Schöpfung nothwendig auf das empfindlichste geschädigt werden. Die Exposition wurde durch die Bearbeitung und Abkürzung nicht bloß übermäßig zusammengedrängt, sondern auch unklar, die Handlung überstürzt sich und ermangelt nicht selten der genügenden Motivirung, die Charaktere erscheinen häufig unsicher, ja voll innerer Widersprüche. Dazu geht das Stück auch jetzt noch über alles Bühnenmaß hinaus und eignet sich bei weitem mehr zur Lectüre als zur Darstellung. Aber die glanzvolle, nur hin und wieder allzusehr gesteigerte Sprache und der hinreißende Vortrag dieser Freiheits- und Völkerbeglückungsideen, das Weltbürgerthum und die Freundschaftsschwärmerei, ließen den »Don Carlos« zumal der Jugend ans Herz wachsen und verbreiteten des Dichters Ruf auch im Auslande: der französische Convent schickte dem Monsieur »Gilles« den französischen Bürgerbrief. Literarhistorisch ist der »Don Carlos« auch um dessentwillen von Bedeutung, weil Schiller nach Lessings Vorgang im Nathan hier zuerst den fünffüßigen Jambus wählte und damit diese Form als die herrschende in der Tragödie einführte. Außerdem gehören dieser Zeit, neben den später noch zu erwähnenden Gedichten, das Bruchstück eines Drama's, »Der Menschenfeind«, die Erzählung »Der Verbrecher aus verlorener Ehre«, der Anfang des unvollendet gebliebenen Romans »Der Geisterseher«, und die »philosophischen Briefe« an. Auch die beiden erzählenden Stücke zeichnen sich in der damaligen Literatur vortheilhaft aus und fanden viel Beifall, ohne jedoch, künstlerisch angeschaut, den Ruhm des Dichters eigentlich zu erhöhen: zum Erzähler fehlte Schiller die Leichtigkeit, Ungezwungenheit und Natürlichkeit der Composition so gut wie der Ausführung und Darstellung, wie nicht minder der ungezwungene und behagliche Fluß der einfachen Sprache. Nunmehr tritt eine Pause der poetischen Production ein. Vom Juli 1787 an weilte Schiller in Weimar und widmete sich vorwiegend historischen Studien und, wie früher in Mannheim, den französischen Tragikern, jetzt auf des ihm freundlich entgegenkommenden Wieland Treiben der Lecture der griechischen Dichter, die er übrigens nur in Uebersetzungen las. Daraus ergaben sich eine – nach der lateinischen Version gearbeitete – Uebersetzung der »Iphigenia in Aulis« und einzelner Scenen aus »den Phönizierinnen« des Euripides, – und einzelne Gedichte, wie die hinreißend schönen, viel angefeindeten »Götter Griechenlands« und »Die Künstler«. Als Ergebnisse seiner historischen Studien führen wir die beiden größeren Werke, »Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung«, und die erst in Jena geschriebene »Geschichte des dreißigjährigen Krieges« an. Daneben entstanden noch einzelne kleine historische Stücke, erschien ein Band »Geschichte der merkwürdigsten Rebellionen und Verschwörungen«, und gab er eine »Sammlung historischer Memoires vom 12. Jahrhundert bis auf die neuesten Zeiten« heraus, die er indessen bald seinen Mitarbeitern weiterzuführen überließ. Diese seine historischen Schriften fanden den unbegrenztesten Beifall, und. wenn sie denselben auch als wirkliche Geschichtswerke nicht verdienten, so rechtfertigten sie ihn desto mehr als die ersten Beispiele einer freieren Auffassung und Behandlung des historischen Stoffs und durch eine glänzende, nicht selten von fast dramatischem Leben erfüllte, freilich aber auch hin und wieder sich zum Pathetischen steigernde Darstellung. Inzwischen hatte er, bei einem Besuch seiner, an den Meiningischen Bibliothekar Reinwald verheiratheten Schwester Christophine in Meiningen die schon in Mannheim angeknüpfte Bekanntschaft mit der Frau von Lengefeld und ihren beiden Töchtern Caroline (Frau von Beulwitz, später von Wolzogen) und Charlotte erneuert und fühlte sich durch die letztere so angezogen, daß er bald an eine Verbindung mit ihr dachte. Im Sommer 1788 lebte er in ihrer Nähe und in regem Verkehr mit der Familie auf dem Dorfe Volkstädt, und in diese Zeit fällt seine erste Begegnung mit Goethe, die beiden Männern, wie wir oben gehört haben, einen so wenig günstigen Eindruck hinterließ. Trotz dieser Abneigung vermittelte Goethe, da das Verhältniß zu Lotte Lengefeld ein immer innigeres wurde und der arme Dichter sich nach einer festen Stellung sehnte, 1789 seine Anstellung als außerordentlicher Professor – fürs erste ohne Gehalt! – in Jena. Seine Vorlesungen eröffnete er unter dem außerordentlichsten Beifall, und als ihm der Herzog ein Jahrgehalt von 200 Thalern bewilligt hatte, führte er zu Anfang des Jahres 1790 (22. Februar) die Geliebte heim. Er lebte sehr glücklich und meinte, nun habe alle Noth ein Ende. Schon in den letzten Tagen dieses Jahrs bekam er auf einer Reise zu Erfurt einen sehr heftigen Krankheitsanfall, der sich nach der Rückkehr in Jena so schwer wiederholte, daß man das Schlimmste fürchtete. Und wenn auch dieser überwunden wurde und Schiller wieder genas, so war doch von einer völligen Wiederherstellung nie mehr die Rede: mit Schillers Gesundheit war es auf immer vorüber, und nicht nur, daß der Arme seine Vorlesungen nicht wieder aufnehmen konnte, nein er konnte auch nicht mehr recht arbeiten und verdienen, wie es der junge Hausstand verlangte. Es drohten die sorgenvollsten Zeiten. Da kam Hülfe aus dem fernen Dänemark. Der Dichter Jens Baggesen (1764-1826) hatte Schiller auf einer Reise kennen gelernt. Es drangen jetzt Gerüchte vom Tode des Armen zu ihm, und er veranstaltete mit zwei anderen Verehrern, dem Herzog Christian Friedrich von Holstein-Augustenburg und dem Minister Grafen von Schimmelmann und ihren Gattinnen eine Art von Todtenfeier. Als dann die Nachricht von seinem Leben anlangte, man aber auch von seinen drückenden Verhältnissen erfuhr, setzten ihm der Herzog und der Graf für drei Jahre ein Jahrgehalt von 1000 Thalern aus, damit er sich in Muße erholen könne. Nun hatte er Zeit zu sammeln, zu lernen und sich weiterzubilden und warf sich, nachdem er die »Geschichte des dreißigjährigen Krieges« beendet hatte, mit voller Kraft auf das Studium der Philosophie und besonders Kants. Diese Richtung war für ihn allerdings keine neue. Seiner »philosophischen Briefe« haben wir schon erwähnt und in Jena hatte er neben seinen historischen auch Vorlesungen über Aesthetik gehalten. Nach der schweren Krankheit aber warf er sich ganz auf diese Studien und schrieb kleine, noch jetzt bemerkenswerthe Abhandlungen, »Ueber den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen«, »Ueber die tragische Kunst«, »Ueber Anmuth und Würde«, »Ueber das Pathetische« u. s. w. Dagegen feierte die Poesie so gut wie ganz. Er übersetzte nur, in einer Art von Wettstreit mit Bürger, der ihn 1789 in Jena besucht hatte, zwei Bücher von Virgils Aeneis in Ottaverime, und trug sich mehrfach mit dem Plane zu einem großen epischen Gedicht, zu dessen Helden er bald Friedrich den Großen, bald Gustav Adolf, bald Wallenstein wählen wollte, das jedoch bekanntlich nie auch nur begonnen wurde. Endlich beredete er, da er bei einem längeren Aufenthalt in Schwaben (1793-1794) den Tübinger Buchhändler Johann Georg Cotta kennen gelernt hatte, mit diesem den, gleichfalls schon länger gehegten Plan einer neuen großen Zeitschrift, an der sich die besten Köpfe Deutschlands betheiligen sollten. Das sind »Die Horen«, welche vom ersten Januar 1795 an erschienen, gewidmet »der schönen Welt zum Unterricht und zur Bildung, und der gelehrten zu einer freien Forschung der Wahrheit und zu einem fruchtbaren Umtausch der Ideen«. Am 13. Juni 1794 lud Schiller Goethe zur Mitarbeiterschaft ein und schickte ihm den vom gleichen Tage datirten Prospect der »Horen«, – und am 24. Juni sprach Goethe in seiner Antwort seine Bereitwilligkeit aus: »er werde mit Freuden und mit ganzem Herzen von der Gesellschaft sein«. Und als nun Beide einander bald auch persönlich begegneten, ward der Bund unzerreißbar geschlossen. »Schillers Anziehungskraft war groß,« sagt Goethe, »er hielt alle fest, die sich ihm näherten«. 29. Als Goethe aus Italien zurückkam, wurde ihm nach seinem Wunsch die Last der eigentlichen Staatsgeschäfte abgenommen – er war fortan mehr nur der Freund und Beirath seines Fürsten. Bloß die Leitung der Bergbaucommission und die Aufsicht über alle, der Kunst und Wissenschaft gewidmeten Anstalten, sowie des Theaters, blieb ihm übertragen, und er erlangte eine verhältnißmäßige Freiheit damit, wie er sie daheim kaum jemals genossen hatte und wie sie ein erneutes, frohes dichterisches Schaffen nur begünstigen zu können schien. Davon zeigte sich indessen einstweilen nichts. Der Abstand zwischen dem, was er draußen genossen hatte und verlassen mußte, und dem, was er daheim wieder fand, war allzu groß, als daß er sich bald aus der Weite in die Enge, vom Großen zum Kleinen hätte zurückgewöhnen und zu einem gewissen Ausgleich zwischen der leidenschaftlichen Liebe zur Fremde und zur antiken Welt und der fast feindseligen Stimmung gegen die Heimat und ihr modernes Leben und Streben hätte gelangen können. Wie man ihn äußerlich ernst, steif und kalt fand, so schien es auch in seinem Innern auszusehen: es war, als habe mit dem Abschluß des »Tasso« die Poesie von ihm Abschied genommen. Selbst den »Faust« vollendete er nicht mehr, sondern gab ihn, wie wir wissen, als Fragment. Es gesellten sich freilich grade in den nächsten Jahren zahlreiche äußere und innere Störungen und Zerstreuungen hinzu. Schon im Juli 1788, wenige Wochen nach seiner Rückkehr, schloß er seine Verbindung, – oder, wie man es wohl richtiger heißen muß, Gewissensehe mit Christiane Vulpius (geb. 1764, gestorben 1816), der Mutter seines Sohnes August, die er stets, wie er selber sagt, für seine rechte Frau angesehen und als solche gehalten hat, wenn er auch erst im October 1806 sich mit ihr trauen ließ. Diese Verbindung zerriß das ohnehin schon gelockerte Band zwischen ihm und Frau von Stein vollständig und erregte, wenn auch nicht bei einzelnen Vorurtheilsfreien, wie z. B. dem Herzog selber, Herder, Knebel und Anderen, doch in der großen Weimar'schen Gesellschaft gewaltigen Anstoß und machte Goethe's Stellung zu einer ziemlich unbehaglichen. – Im Frühling 1790 wurde er der von ihrer italienischen Reise zurückkehrenden Herzogin Amalia nach Venedig entgegengesendet und hatte, wieder daheim anlangend, dem Herzog, welcher in Schlesien bei der preußischen Armee war, nachzureisen. Im Jahre 1792 endlich folgte er seinem Fürsten wiederum zur sogenannten Campagne in Frankreich und hatte die ganze Misere dieses Feldzugs und des bösen Rückzugs mitzubestehen. Dafür bot allerdings die Rückreise rheinaufwärts und durch Westfalen Ersatz: zu Pempelfort verlebte er mit F. H. Jacobi gute Tage und stellte nun erst das gestörte Verhältnis zu dem alten Freunde wieder her; und zu Münster erneuerte er die Bekanntschaft mit der Fürstin Galizin und ihrem Kreise und genoß auch hier, unter den seltsamen, aber doch auch hoch interessanten Menschen, genußvolle Stunden und lebhafte Anregung. Aber im December zurückkehrend hatte er schon im nächsten April zur Belagerung von Mainz wiederum den Fürsten zu begleiten. Und erst, als auch dies überstanden war und Karl August den preußischen Militärdienst verlassen hatte, trat verhältnißmäßige Ruhe ein. Unter solchen Umständen darf es uns wohl Wunder nehmen, daß noch überhaupt so viel entstand, wie es während dieser Zeit trotzdem der Fall war. Von dem inneren, wirklich poetischen Werth, geschweige denn von einer der Größe Goethe's würdigen Höhe, ist da freilich noch weniger zu reden. Was in diesen Jahren auf dichterischem Gebiete neu entstand und unternommen wurde, ist entweder nicht vollendet worden, oder als ein Fehlgriff zu betrachten. Davon sind nebst wenigen Liedern (unter ihnen vor allen das reizende »Ich ging im Walde so für mich hin«) die »Venetianischen Epigramme«, etwa jene Schilderung des »Römischen Carnevals«, vor allem aber die »Römischen Elegien« auszunehmen, jene Dichtungen, welche ihre Entstehung der Verbindung mit Christianen verdankend, von großer, für Viele abstoßender Sinnlichkeit, durch innige Vermählung des antiken und modernen Geistes und künstlerische Vollendung einen höchsten Platz in unserer gesammten neueren Poesie beanspruchen dürfen. »Der Groß-Cophta«, ursprünglich zu einer Oper angelegt, ist durch die Häufung des Abenteuerlichen und Mysteriösen ein nicht nur schwaches, sondern geradezu widerwärtiges, diesen Eindruck kaum durch den einen oder anderen Zug versöhnendes Stück. »Der Bürgergeneral« und das Fragment »Die Aufgeregten«, suchten die gewaltige Wirkung der großen französischen Revolution durch eine nichts weniger als angenehme, possenhafte, ja frivole Behandlung abzuschwächen und zu verspotten. – Die »Unterhaltungen der Ausgewanderten« mögen ernster sein, leiden jedoch an einer bis zur Langweiligkeit sich steigernden Breite und Leblosigkeit. In dem Romanfragment »Die Reisen der Söhne Megaprazons«, verräth sich bereits die Lust zu symbolisiren und allegorisiren, welche die Alterswerke beeinträchtigte. Und endlich die Bearbeitung des »Reineke Fuchs«, welche Goethe, wie er selbst gesteht, nicht am wenigsten versuchte, weil er sich im deutschen Hexameter üben wollte, muß uns schon um dieser, dem urdeutschen Stoff und Gedicht aufgezwängten, völlig widerstrebenden Form willen als ein vollständiger Mißgriff erscheinen. So schien die poetische Ader völlig bei ihm »aufzutrocknen«, und da wir seiner eifrigsten Arbeiten, der naturwissenschaftlichen und seiner hieher gehörigen Schriften, des »Versuchs die Metamorphose der Pflanzen zu erklären« und der »Beiträge zur Optik«, hier nur eben zu erwähnen haben, so würden wir aus dieser Zeit überhaupt nichts Tröstliches melden können, müßten wir nicht anführen, daß im Jahre 1794 die neue endgültige Bearbeitung des »Wilhelm Meister« ernstlich fortrückte und schon zum Druck befördert wurde. Und so war denn der Schein nicht Wahrheit. Es ruhte bei dem Dichter alles nur wie in einer Art von Winterschlaf, bis es ihm wieder warm im Leben wurde. Mit der Verbindung mit Schiller hob ein »neuer Frühling« für Goethe an, »in welchem alles froh neben einander keimte und aus aufgeschlossenen Samen und Zweigen hervorging«. 30. Schillers Sache war es nicht, an der Außenseite zu haften und sich mit Aeußerlichkeiten zu begnügen. Jetzt da das Wort gefallen und die Anknüpfung erfolgt war, faßte er den neuen Freund sogleich in seinem Kern. Schon am 23. August schrieb er an Goethe jenen wunderbaren Brief, in welchem er es ausspricht, daß er schon längst, ob auch aus der Ferne den Gang des Goethe'schen Geistes beobachtet habe, mit freundschaftlicher Hand, wie Goethe's Antwort dankend anerkennt, »die Summe seiner Existenz zieht« und ihn durch solche Theilnahme zum lebhafteren Gebrauch seiner Kräfte aufmuntert. Wie scharf und wie dauernd seine Beobachtungen gewesen und wie gründlich und mit welchem Erfolg er Goethe's Weg verfolgt hatte, bezeugen die späteren Briefe, in denen er sich über die eben erscheinenden »Wilhelm Meisters Lehrjahre« ausführlich und eingehend ausspricht. Wir finden in ihnen das Beste, was über diesen Roman bis auf den heutigen Tag geschrieben worden ist und überhaupt zu sagen sein dürfte, ob es auch in unserem Sinne hin und wieder fast allzu günstig erscheinen mag. Denn was und wie viel Schiller auch im Einzelnen und Ganzen an dieser »inkalkulablen Production«, zu der Goethe selber später »der Schlüssel« fehlte, auszusetzen und zu erinnern haben mag, für uns, die wir uns nur an das Gegebene halten und nichts hineindemonstriren, noch herausgrübeln wollen, reicht es nicht aus. Das »reiche und mannigfaltige Leben, das an unseren Augen vorübergeht«, ist freilich, wie Goethe selber meint, »auch ohne ausgesprochene Tendenz etwas«. Es ist sogar viel! Was der Roman davon enthält, bleibt von unvergänglichem Reiz und, abgesehen von allen übrigen, fast durchweg meisterhaft gezeichneten Gestalten, wird Mignons phantastische Erscheinung, trotz all dieser Phantasterei, stets eine der lieblichsten und zauberhaftesten bleiben, welche Geist und Herz eines Dichters jemals heraufbeschworen haben. Allein es ist eben nicht alles »reiches und mannigfaltiges Leben« in dem Werk. Im Gegentheil! Diese Verherrlichung der Schauspielkunst, mit allem, was sich daran schließt; dieser zu einer in Wirklichkeit gar nicht vorhandenen Bedeutung erhobene Geheimbund, diese Erziehungstheorie, welche in den letzten Büchern uns vorgetragen wird, – sie alle drängen anspruchsvoll sich hervor und auf uns ein und beeinträchtigen den Eindruck jener lebensvollen Partien dermaßen, daß der Reiz des Einzelnen nicht mehr zur Wirkung zu gelangen vermag und das Ganze uns fast nur noch als veraltet erscheinen kann. Dagegen sind grade die hieher gehörenden Briefe Schillers von bleibendem Werth und hoher Bedeutung, und zwar nicht bloß durch das sich in ihnen allerwärts offenbarende tiefe und liebevolle Verständniß Goethe's und seines Werkes, das, um es zu wiederholen, niemals einsichtsvoller erfaßt und beurtheilt worden ist, sondern auch durch die Offenbarung des Schiller'schen Geistes selber, seiner wunderbaren Entwickelung und der Höhe, zu der er sich bereits aufgeschwungen hatte. Hier nicht minder als in den beiden Abhandlungen, welche er in den »Horen« veröffentlichte, »Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen«, und »Ueber naive und sentimentalische Dichtung«, zeigte es sich, wie förderlich ihm jene, so häufig bekopfschüttelten philosophischen Studien und die fleißige Beschäftigung mit den großen Alten, besonders den Griechen, geworden war. Er hatte freilich das Glück gehabt, nach seiner Rückkehr aus Schwaben in Jena der Gesellschaft Wilhelms von Humboldt auf längere Zeit zu genießen und im täglichen Umgang mit dem engbefreundeten, geistvollen und gründlich gebildeten Manne seine Kenntnisse zu vermehren, seine Einsicht in das Wesen der Kunst zu steigern, seinen Kunstverstand weiterzubilden und seine eigene Kunsttheorie sich immer klarer und sicherer entwickeln zu sehen. So war er jetzt in aller Stille und auf seinem eigenen Wege zu der gleichen Höhe gelangt, aus der Goethe bisher so gut wie völlig einsam geweilt hatte, und schwang sich jetzt rasch mit ihm zur höchsten Spitze empor. Die »Horen« machten den Eindruck nicht, den Schiller und die Seinen allzu sanguinisch erhofft hatten: sie setzten voraus und verlangten eine Höhe der Bildung und eine Geläutertheit des Geschmacks, von denen im damaligen deutschen Publikum nichts zu finden war und, wenn man gerecht sein will, auch gar nichts zu finden sein konnte. Es kam dazu, daß das Blatt von Anfang an nicht wenig bot, was selbst dem engsten Kreise nicht genügen konnte. Goethe's »neuer Frühling« verrieth sich hier leider noch nicht. Die schon erwähnten »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten«, der Aufsatz »Literarischer Sansculottismus«, das überfrostige, gekünstelte »Märchen« und selbst die im nächsten Jahrgange beginnende Uebersetzung vom Leben des »Benvenuto Cellini«, konnten selbst dem Nächsten kaum erfreulich erscheinen, und die »Römischen Elegien«, die »Episteln« waren und blieben trotz aller Vollendung und künstlerischen Höhe für viele, ja die meisten eher zurückschreckend als anziehend. – Schillers eigene Beiträge, wie jene beiden oben genannten Abhandlungen, waren gleichfalls häufig nur für einen engen Kreis, und seine glänzend geschriebene »Belagerung von Antwerpen« und Gedichte wie »Das Ideal und das Leben«, »Der Spaziergang« u. s. w. konnten für den übrigens oft nur allzu dürren Inhalt nicht entschädigen und das Journal nicht im Gange erhalten. Es ging nach drei Jahren zu Ende. Bessern Erfolg hatte der »Musenalmanach«, den Schiller zugleich gründete und vom Jahre 1796 an in fünf Jahrgängen erscheinen ließ. Schillers eigene Beiträge, wie »Die Macht des Gesanges«, »Würde der Frauen« u. s. w. zeigten ihn, nach langem Feiern, zur Poesie wirklich zurückgekehrt. Goethe's Beisteuer, »Nähe des Geliebten«, »Der Besuch«, »Meeresstille«, »Glückliche Fahrt« und andere, ließen auch ihn als erwacht erkennen, und auch unter den übrigen Beitragspendern, deren wir später gedenken werden, fanden sich der Berufenen manche. – Indessen konnte dieser Erfolg den bösen Eindruck, den die schlechte Aufnahme der »Horen«, zumal auf Schiller gemacht hatte, nicht mildern. Er war gradezu erbittert und erklärte das deutsche Publikum, seinen Geschmack und das öffentliche Urtheil für die denkbar rohsten und verächtlichsten. Und nicht zufrieden mit solchem privaten Verdammungsurtheil, vereinigte er sich mit dem allerdings kaltblütigeren und humoristischeren, aber kaum freundlicher urtheilenden Goethe zur Dichtung der »Xenien«, d. h. jener Epigramme, in denen über Zeitschriften, Bücher, Menschen und literarische Zustände von den beiden Dichtern ein schonungsloses Strafgericht erging. Der Lärm, den sie erregten, und die Erbitterung gegen die »hochmüthigen« Richter, welche sie hervorriefen, waren außerordentlich und ließen eine ganze Flut von Gegenschriften entstehen, in denen sich freilich die gerügte Armseligkeit der Gegner auf das unwiderleglichste documentirte. Die beiden Dichter kehrten sich nicht daran. Und hatten sie schon in diesem Jahrgange des Almanachs neben die »Xenien« Gedichte gestellt, wie die wundervolle Idylle »Alexis und Dora«, »Musen und Grazien in der Mark« u. s. w. von Goethe; »Das Mädchen aus der Fremde«, »Die Klage der Ceres« und andere von Schiller, – so gaben sie nun sozusagen einander selbst das Wort, fortan Schöpfungen folgen zu lassen, welche ihre beanspruchte sogenannte Oberhoheit aller Welt bewiesen. Und sie hielten es. Die nächsten Jahrgänge des Musenalmanachs bringen von Beiden das Größte und Schönste, was sie in dieser Richtung wenigstens geschaffen, und damit das Größte, was wir, wiederum in dieser Richtung, in unserer Poesie überhaupt besitzen. Hier finden wir von Goethe neben dem »neuen Pausias« »Amyntas« und »Euphrosyne«, den »Zauberlehrling«, den »Schatzgräber«, »Die Braut von Corinth«, den »Gott und die Bajadere«, »Das Blümlein Wunderschön«, »Der Edelknabe und die Müllerin«; »Der Müllerin Verrath« und, um doch auch eines von den Liedern und zwar eines der köstlichsten zu nennen: »Erinnerung« – »Wenn die Reben wieder blühen«. – Und Schiller begegnet uns mit den meisten der großen Balladen: dem »Ring des Polykrates«, dem »Kampf mit dem Drachen«, den »Kranichen des Ibykus«, dem »Gang nach dem Eisenhammer«, dem »Taucher«, dem »Ritter Toggenburg«, dem »Eleusischen Fest«, und außer den zahlreichen anderen, in »Des Mädchens Klage«, »Nadowessische Todtenklage«, »Worte des Wahns« und jenem großen, vielleicht größten deutschen Gedicht, »Die Glocke«. Aber was sie hier geschaffen hatten und schufen, genügte Beiden nicht; sie erhoben sich, jeder zu einem großen Werk, das nicht nur, wenn wir Goethe's »Faust« ausnehmen, die Krone ihrer eigenen Schöpfungen wurde, sondern auch, jedes in seiner Art, das größte geworden ist, was wir überhaupt in unserer schönen Literatur besitzen. In der Zeit vom Herbst 1796 bis zum Sommer 1797 dichtete Goethe, der schon durch »Alexis und Dora« auf das epische Gebiet gelockt war, »Hermann und Dorothea«, klein angelegt, aber alsbald sich erweiternd, da der Dichter nach Beginn seiner Arbeit rasch von dem Stoffe und seiner Aufgabe ergriffen und fortgezogen wurde und es erkannte, daß er hier »ein Sujet gefunden habe, wie man es in seinem Leben vielleicht nicht zweimal findet«. Um uns den Stoff und die Wahl desselben klar zu machen, müssen wir vor allen Dingen uns daran erinnern, daß zu dieser Zeit die französische Emigration sich immer tiefer in Deutschland hinein ausbreitete, selbst Thüringen anfüllte und jedem Aufmerksamen Gelegenheit über Gelegenheit zu Beobachtungen aller Art bot. Als Goethe dabei ähnlicher früherer Züge und Verhältnisse gedachte, mußte ihm wohl die Auswanderung der Salzburger Lutheraner ins Gedächtniß kommen, welche siebzig Jahre früher gleichfalls durch diese Gegenden gezogen waren. Dabei fand er in einem der alten Berichte die Erzählung von der Liebe des Bürgersohns und der jungen Emigrantin und nahm sie zum Stoff seiner Dichtung. Goethe hat diesen Stoff in die Gegenwart gerückt und das einfachste und alltägliche, bürgerliche und häusliche Leben in einer kleinen Stadt auf das vollendetste zur Darstellung gebracht. So weit steht das Gedicht auf dem gleichen Boden, wie etwa Vossens »Louise«, und wer nicht weiter zu sehen vermag, wie es damals Vielen und selbst sonst Einsichtigen passirte, möchte immerhin über den Vorzug der einen oder anderen Dichtung in Zweifel sein können. Aber was die Kurzsichtigen und Neidischen nicht begriffen oder nicht begreifen wollten, und was dennoch grade »Hermann und Dorothea« nicht nur über die »Louise«, sondern auch über alles Aehnliche erhebt und die Dichtung von Schiller als »den Gipfel aller Goethe'schen und aller modernen Kunst« begrüßen ließ, das ist dieser Hintergrund der gewaltigen Zeitbegebenheiten, von dem sich das kleine, stille Einzelleben so wundervoll klar abhebt, das ist die Wiederspiegelung der ersteren in dem letzteren und die meisterhafte Verschmelzung beider zu dem einzig schönen, schlichten und friedlichen Ganzen. – Auf ein weiteres Eingehen haben wir an dieser Stelle zu verzichten und unsere Leser zur besseren Instruction auf Wilhelm von Humboldts eindringende Zergliederung und Beurtheilung zu verweisen. Inzwischen war in Schiller der Plan zu einer neuen dramatischen Arbeit herangereift und hatte er sich nach langem, selbst während der schon begonnenen Arbeit sich noch wiederholendem Schwanken endlich 1796 endgültig für den »Wallenstein« entschieden. Die Arbeit wurde nicht mehr aufgegeben, aber allerdings häufig durch andere Beschäftigungen und leider auch durch die traurigen, stets sich wiederholenden Krankheitsanfälle unterbrochen und verzögert. Nach unendlicher Mühe und Arbeit, nach zahlreichen Veränderungen im Einzelnen wie im Ganzen, gelangten endlich das »Lager« am 18. October 1798, die »Piccolomini« am 30. Januar, und »Wallensteins Tod« am 20. April 1799 zur ersten Darstellung in Weimar. Die Aufnahme war, nach einer anfänglichen gewissen Befremdung – denn was man hier, zumal im Lager, vor sich hatte, war ja allerdings etwas völlig Neues! – die glänzendste, die jemals einem Bühnenwerk in Deutschland zu Theil geworden, und der Beifall, den das Stück auf der Bühne und die Buchausgabe fanden, ein unerhörter, alle Klassen mit fortreißender, so daß Schiller, wenn er gerecht sein wollte, von seinem Mißmuth über das deutsche Publikum wohl hätte zurückkommen dürfen. Auch hier haben wir von einer eingehenderen Darlegung und Beurtheilung dieser »Trilogie« abzustehen, – dieses Werkes, das nach Stoff und Behandlung als die größte dramatische Schöpfung Schillers und daher überhaupt der deutschen dramatischen Kunst anzusehen ist. Schon die Wahl des Stoffes selber darf als die glücklichste bezeichnet werden, die Schiller jemals gelungen ist. Es ist eine historische, große Persönlichkeit, auf dem Hintergrunde einer tief bewegten, wilden Zeit, hervorgegangen aus ihr und untergehend in ihr; eine Persönlichkeit, welche auf die Zeitgenossen aller Parteien den tiefsten Eindruck gemacht hatte und in der Erinnerung des Volkes auch zu Schillers Zeit noch mit düsterer Größe weiterlebte. Und was die Behandlung angeht und die Sorgfalt und Einsicht, mit der alles erwogen, alles geordnet und gestaltet wurde, so verweisen wir unsere Leser hier auf den Schiller-Goethescheu Briefwechsel, der grade während dieser Jahre sein höchstes Interesse und seine höchste Bedeutung erreicht. – Wenn von einem Fehler des Werkes überhaupt die Rede sein kann, so ist es der, daß Wallenstein nicht durch die Gewalt der Verhältnisse, sondern nur durch den eigenen Fehler zu Fall kommt, was allerdings die tragische Theilnahme beeinträchtigen muß. Der zweite Vorwurf dagegen, den man zu erheben Pflegt, die Einführung der Nebenhandlung, d. h. der Liebesepisode zwischen Max und Thekla, mag künstlerisch noch so gerechtfertigt erscheinen: das Herz und die Empfindung seiner Zuschauer und Leser sprechen den Dichter von ihm frei. Idealeres freilich, aber zugleich auch Lieblicheres und Ergreifenderes ist von Schiller nicht gedichtet worden. Hat ihm doch, wie wir wissen, bei der Schöpfung des Ganzen grade diese Episode selber die reinste und höchste Freude gemacht, was bei keinem Dichterwerke und am wenigsten bei einem von unserem Schiller, gering angeschlagen werden sollte. 31. Es würde uns nur natürlich erscheinen können, wenn nach solchen Schöpfungen und solcher Thätigkeit eine Zeit der Ruhe eingetreten wäre, wo der Eine und der Andere sich sozusagen erholt und zu neuen Werken gestärkt und vorbereitet hätte. Eine solche Pause trat indessen nicht ein: Schillers große Dramen folgen einander Jahr auf Jahr bis an seinen Tod, und dazwischen fehlte es nie an anderen Arbeiten, welche den Geist gleichfalls in Spannung erhielten. Und auch Goethe entwickelte während dieser Jahre eine Thätigkeit, welche seiner gewohnten nicht nachstand, vielmehr dieselbe fast noch überbot, wenn es auch in Ansehung seiner eigenen dichterischen Schöpfungen meistens nur bei Anläufen und Kleinigkeiten blieb und er nur mit einem einzigen größeren Werke in die Oeffentlichkeit trat. Seine naturwissenschaftlichen und Kunst-Studien gingen unausgesetzt fort und die letzteren führten zu der Zeitschrift »Die Propyläen«, welche er ein paar Jahre lang im Vereine mit seinem alten römischen, jetzt bei und mit ihm in Weimar lebenden Freunde H. Meyer (1759-1832), dem sogenannten »Kunscht-Meyer«, Verfasser einer geschätzten »Geschichte der bildenden Künste bei den Griechen«, und »Uebersicht der Geschichte der Kunst bei den Griechen«, herausgab. Dazu gesellten sich Kunstausstellungen in Weimar, welche durch die Aufstellung von Aufgaben und durch die Beurtheilung der Concurrenzwerke neue Förderung und Unterhaltung boten und zu einer neuen Thätigkeit Veranlassung gaben. Die Aufsicht über die Universität und die wissenschaftlichen Institute zu Jena, wo es grade während dieser Jahre zu zahlreichen mißlichen Verhältnissen, Verdrießlichkeiten und Störungen aller Art kam, verlangte gleichfalls Goethe's unausgesetzte Aufmerksamkeit. Und endlich nahm die Leitung des Theaters und die Durchführung seiner dramatischen und theatralischen Principien und – Grillen, trotz Schillers treuer Hülfe, eine unendliche edle Zeit und Mühe in Anspruch. Solchen Ansprüchen und solchen Zerstreuungen gegenüber, wozu sich noch die Anforderungen des Hofes und der Gesellschaft, Reisen – in die Schweiz 1797, nach Pyrmont 1801 u. s. w. – eine lebensgefährliche Krankheit 1801, und wer weiß, was noch sonst alles gesellten, mußte die dichterische Thätigkeit wohl zurückstehen. Und dennoch fehlte es auch an ihr nicht, wenn sie es gleich, wie wir schon sagten, nicht zu bedeutenden Schöpfungen brachte. So begegnet uns in den letzten neunziger Jahren, außer mehreren Plänen zu epischen Dichtungen – wie: »Die Jagd« und »Tell«, das Bruchstück der »Achilleis«. Zum »Faust« entstanden die »Zueignung«, der »Prolog« und »Oberons und Titania's goldene Hochzeit«, wozu sich ein paar Jahre später auch die »Helena« gesellte. Zum Geburtstag der Herzogin Amalia am 24. Oktober 1800 schrieb er das kleine Festspiel »Paläophron und Neoterpe,« und zur Eröffnung des Theaters in Lauchstädt 1802, in übelster Stimmung, das Vorspiel »Was wir bringen«. – Dazu kamen, weil Karl August nun einmal eine große Vorliebe für die französische Tragödie bewahrte und die Weimar'schen Schauspieler unter Goethe's Leitung sich zu Experimenten aller Art zu bequemen hatten, die Uebersetzungen des Voltaireschen »Mahomet« und »Tancred«, Bearbeitungen des »Götz« und der »Stella«, die völlig mißriethen, und endlich im April 1803 »Die natürliche Tochter«, jenes auf der einen Seite vergötterte, und andererseits auf das härteste angegriffene Stück, unendlich breit in der Anlage, ohne Lebensfrische und Kraft, durchweg symbolisch, ganz Kunst, wie Schiller sagte, aber ohne alle Natur, – »marmorglatt und marmorkalt«, nach A. W. Schlegels Bezeichnung. Aber neben diesem allem her geht nun, zum hohen Troste, dennoch wiederum eine Reihe der anmuthigsten und heitersten Gesellschaftslieder, wie das »Tischlied«, das »Stiftungslied«, das »Hochzeitslied« u. s. w. und finden wir in dem mit Wieland auf das Jahr 1804 herausgegebenen »Taschenbuch«, jene Perlen der Goethe'schen Dichtung: »Schäfers Klagelied«, »Bergschloß«, »Trost in Thränen«, »Frühzeitiger Frühling«, »Wanderer und Pächterin«, »Der Rattenfänger«, »Nachtgesang«, »Sehnsucht« u. s. w., von denen freilich manche ihre Entstehung früheren Zeiten zu verdanken scheinen. Und so offenbarten sich auch jetzt wieder diese herrliche Natur und dieser gewaltige Geist, denen spielend und nebenher gelang, was die Anderen nur im ernsten, mühsamen Ringen zu erreichen vermochten und als Hauptwerk und Hauptgewinn ihres Lebens anzusehen hatten. Bei Schiller war es, wie bemerkt, anders. Auch bei ihm fehlte es freilich nicht an Zerstreuungen und Ablenkungen. Die Krankheit, welche den Freund nur von Zeit zu Zeit einmal packte und niederwarf, war sein steter, finsterer Begleiter und er hatte mit ihr zu ringen unausgesetzt, heute unterliegend, morgen sich wieder aufraffend, jede Stunde des Schaffens mühsam dem Feinde abstehlend und mit erneuter Qual und Schwäche büßend. Mit dem Schlusse des Jahres 1799 siedelte er nach Weimar über, um dem Theater näher zu sein, dem ja fast seine ganze Thätigkeit gewidmet war, und indem er sich fortan in die Leitung desselben mit Goethe theilte, ging er getreulich auf all die Grillen und Experimente des Letzteren ein und verfiel gleich ihm in den Grundirrthum, daß die Bühne kein allgemeines Bildungsinstitut und nicht für das gesammte Publikum da sei, sondern nur zur Belehrung der Leiter und Dichter selber, zur Erprobung und Anwendung ihrer Kunstideen und für den kleinen Kreis derjenigen gepflegt werden müsse, welche vermöge ihrer Bildung sich zu gleicher Höhe und Einsicht zu erheben vermöchten. So hat auch er viel edle Zeit verschwendet an die Bearbeitung fremder Stücke, des »Macbeth« von Shakespeare, der »Turandot« des Gozzi, der »Phädra« des Racine und der beiden französischen Lustspiele »Der Parasit« und »Der Neffe als Onkel«. Allein seine eigentliche Thätigkeit war und blieb doch immer nur der Bühne zugewendet. Seit er den Musenalmanach aufgegeben hatte, wurden der kürzeren Dichtungen immer weniger. Aus diesen Jahren stammen nur einige gesellige Lieder, wie »Die vier Weltalter«, das »Punschlied«, »An die Freunde« u. s. w., andere wie »Der Jüngling am Bache«, »Der Alpenjäger«, »Sehnsucht«, die Balladen »Hero und Leander«, »Der Graf von Habsburg«, sodann »Das Siegesfest« und »Kassandra«, die schönen Räthsel in der »Turandot« und was dergleichen noch mehr. Er concentrirte seine ganze Kraft auf das dramatische Gebiet und hatte allen Grund dazu. Denn als der Termin, den er selber dieser Thätigkeit gesetzt, kaum abgelaufen war, da stand auch sein Herz still im Tode und schwang sein Geist sich auf zu den reinsten Höhen, nach denen er voll Sehnsucht in allen seinen Schöpfungen schon immer emporgerungen. Nur durch solche Concentration und die Anspannung aller nicht nur geistigen, sondern auch körperlichen Kraft, konnte es Schiller gelingen, die Reihe von Werken in verhältnißmäßig so kurzer Zeit zu schaffen, die im Verein mit dem »Wallenstein« ihn als größten dramatischen Dichter Deutschlands und der gesammten Neuzeit erscheinen lassen. »Maria Stuart« wurde im Mai 1800 beendet und im Juni aufgeführt. – Im April 1801 war »Die Jungfrau von Orleans« vollendet, die indessen zu Weimar erst nach zwei Jahren zur Aufführung gelangte, weil der Herzog in einer Weise gegen das Stück eingenommen war, welche bis auf den heutigen Tag und obgleich der Hauptgrund der Abneigung nicht grade verborgen blieb, jedem Unbefangenen räthselhaft erscheinen muß. Während dessen hatte das Stück, ein überaus merkwürdiger Versuch auf dem Gebiete der Romantik und, in Ansehung der poetischen Fülle und Schönheit, vielleicht die reichste und erhabenste Schöpfung des Dichters, überall anderwärts den glänzendsten Erfolg gehabt; ja der Enthusiasmus, den es erregte, war ein gradezu unbeschreiblicher, und als Schiller im September 1801 einer Aufführung in Leipzig beiwohnte, wurde er vom Publikum in einer Weise begrüßt und gefeiert, wie es vor ihm noch keinem deutschen Dichter jemals zu Theil geworden war. – Um ihn für die Zurücksetzung und Nichtbeachtung, die er in Weimar erfuhr, einigermaßen zu entschädigen, – es ist bemerkenswerth genug, daß die sogenannte gute Weimar'sche Gesellschaft, sich im Allgemeinen gegen Schillers Schöpfungen auf das kälteste und ablehnendste verhielt, – wurde ihm im Herbst 1802 vom Herzog der Reichsadel verschafft, der für ihn freilich nur um seiner Familie und der geselligen Verhältnisse willen einen Werth hatte. Auf die »Jungfrau« folgten jetzt einige jener schon erwähnten Bearbeitungen und ein langes Schwanken zwischen älteren und neueren Plänen, den »Maltesern« und dem »Warbeck«, bis er sich im Sommer 1802 für »Die Braut von Messina« entschied, welche im März 1803 zur Aufführung kam. Das Stück ist unzweifelhaft die schwächste von den letzten großen Schöpfungen des Dichters und die erste jener unglückseligen Schicksalstragödien, welche später durch Werner, Müllner und Grillparzer zur Herrschaft auf der Bühne und in der Literatur gelangten. Aber in Ansehung der Sprache ist es ebenso unzweifelhaft das Glänzendste und Prachtvollste, was Schiller oder irgend ein anderer Dichter im Deutschen jemals geschaffen hat. – Endlich folgte nun im Anfang des Jahres 1804 der »Wilhelm Tell«, dessen Stoff Goethe 1797 von seiner Schweizer-Reise mit zurückgebracht und Schiller später überlassen hatte. Man pflegt dem Stücke den Vorrang vor allen übrigen Schillers zuzugestehen. Man hebt es hervor, daß er in Ansehung der Exposition und Oekonomie des Werkes, in den Motiven und in der Durchführung der Idee hier mehr geleistet habe, als in irgend einer anderen Schöpfung. Es gesellten sich dazu die prächtige Detailschilderung, die glänzende Localfärbung, vor allem aber jener Freiheitshauch, der jeden besticht und mit sich fortreißt. Dagegen wird es schwerlich geleugnet werden können, daß durch die Sonderstellung Tells selber die Einheit der Handlung zerstört wird. Dazu kommt, daß er, der angebliche Träger des Ganzen, durch seine Trennung von der Volkssache und dem Bunde, ganz entschieden an Interesse für uns verliert und gewissermaßen auf den zweiten Platz zurücktritt. Endlich ist die Ermordung Geßlers weder genügend motivirt, noch stimmt diese That zu dem vom Dichter geschaffenen Charakter. Im November 1804 schrieb Schiller in wenigen Tagen zum Einzug der jungen Erbprinzessin das kleine Festspiel »Die Huldigung der Künste«, und machte sich sodann, nach schweren Krankheitsstößen und unter nie endenden Leiden, an die »Phädra« des Racine und die Dichtung seines »Demetrius«, der nach den vorhandenen Bruchstücken zu schließen, vielleicht das wirklich größte Werk des Dichters und unserer dramatischen Literatur geworden wäre. Allein dieß Werk sollte nicht mehr vollendet werden. Schillers Gesundheit wurde immer hinfälliger; einer frischeren und freieren Stunde folgte eine Reihe von desto elenderen Tagen. Am 9. April, im Begriff ins Theater zu gehen, traf er noch einmal mit Goethe zusammen, der ebenfalls gefährlich krank gewesen war. Vor dem Hause schieden sie, um sich nicht wieder zu sehen. Denn an diesem Abend erkältete sich Schiller, erkrankte von neuem, und am 9. Mai 1805 schied sein Geist von der Erde und den Seinen. In Weimar hatte man kaum jemals gewußt, was man an dem großen Manne besessen, und verstand es jetzt nicht, was man an ihm verlor. Die Trauer war eine ziemlich mäßige: auf den Wunsch des Theaterpersonals erst, oder vermutlich nur, weil Karoline Jagemann sich zu spielen weigerte, wurde das Theater wenigstens am Begräbnißtage geschlossen, und dies Begräbniß selber war ein sehr stilles. Der Hof betheiligte sich gar nicht daran, die Behörden und die Stadt gleichfalls nicht, nur ein paar Freunde gaben dem Geschiedenen in der späten Abendstunde das Geleit. – Goethe hütete, von neuem erkrankt, das Haus. Man hatte nicht das Herz, ihm die Todesnachricht zu bringen. Als er am Morgen des 10. Mai das Unglück dennoch erfuhr, sagte er nichts als: »er ist todt!« und deckte die Hände über's Gesicht. – Es war der härteste Schlag, der ihn getroffen hatte und treffen konnte – er verlor mit Schiller »die Hälfte seines Daseins«. Was sollten auch wir hier, gleich so vielen Anderen, noch von neuem charakterisiren, unterscheiden, vergleichen! Was sollten wir versuchen, Schiller eine Stelle anzuweisen, wo er die höchste im Reiche der Poesie und im Herzen seiner Nation schon von jeher eingenommen hat und behaupten wird auch immerdar! Was sollten wir in jenen thörichten und häßlichen Streit eintreten, ob Schiller, ob Goethe der größere Dichter sei. Wir freuen uns vielmehr, daß, wie Goethe selber es derb ausspricht, »überhaupt ein paar Kerle da sind, über die man streiten kann«. Und wir halten an dem Einen fest, daß nicht Goethe allein und nicht Schiller allein auf der höchsten Höhe der Dichtung und Bildung, der Kunst und des Lebens erscheint, sondern daß sie vor uns stehen, eng verbunden, Eins bis ins Herz hinein, im Leben, wie in der Literatur und ihrer Geschichte. 32. Während das prächtige Doppelgestirn sich rasch zum Zenith emporschwang und das ganze Firmament mit seinem strahlenden Glanz erfüllte, erhob sich plötzlich ein anderer Stern, der bisher kaum beachtet, ja fast nicht bemerkt, tief drunten am Horizont gestanden, mit jähem Schwung und flog ihnen nach, ein zartes und schwermüthiges und auch wieder unstät funkelndes Licht, zusammensinkend und wieder aufflammend fast im gleichen Augenblick, angestaunt und bewundert, von enthusiastischem Beifall begleitet und emporgetragen von demselben noch weit über die wirklich erreichte Höhe hinaus. Zu halten vermochte er sich freilich nicht. Denn als der Enthusiasmus sich gab und die Augen wieder klar wurden, rückte er schnell auf seine wirkliche Stelle zurück, ja sank auch von dieser wieder herab und begann für die Blicke der meisten Beobachter mehr und mehr, ja so sehr zu erbleichen, daß die Heutigen ihn kaum noch recht wahrnehmen wollen. Müssen wir es noch aussprechen, daß wir Jean Paul meinen, jenen Schriftsteller, der in gleich verkehrter Weise von seinen Zeitgenossen und Bewunderern weit über seine wirkliche Größe und sein wirkliches Verdienst hinaus erhoben und gefeiert, und von den abgekühlten und ihm fremd gewordenen Nachkommen auf das gleichgültigste zur Seite geschoben worden ist. Johann Paul Friedrich Richter , denn so heißt er, der sich selber als Schriftsteller nur Jean Paul nannte, und den die Meisten von uns niemals unter einem andern Namen kennen lernen, wurde am 21. März 1763 zu Wunsiedel im Fichtelgebirge geboren, wo sein Vater Lehrer an der Schule und Organist war. Nicht lange darauf erhielt der Vater eine Pfarrstelle zu Joditz, einem Dorfe bei Hof, und in solchem Stillleben wuchs der Knabe still und innerlich auf und vergaß sein Lebenlang nicht dieser Jugendzeit und dieser Verhältnisse. Schon hier begann, wo ihm nur irgend ein Buch zur Hand kam, eine leidenschaftliche Lectüre und dehnte sich, seit der Vater 1776 nach Schwarzenbach versetzt wurde, immer weiter und über alles aus, was ihm zugänglich ward; er begann Auszüge zu machen und sie in eigenen Heften zusammenzutragen, eine Neigung, der er gleichfalls stets treu geblieben ist, und die sich in seinen Werken so auffällig, auf das überraschendste hier und auf das unerquicklichste und verwirrendste dort, widerspiegelt. Nachdem er das Gymnasium zu Hof bezogen hatte, verlor er bald den Vater, und die Familie gerieth damit in die tiefste Armuth. Trotzdem ging Jean Paul 1781 auf die Universität nach Leipzig, um Theologie zu studiren; er hatte mit den bittersten Nahrungssorgen zu kämpfen und führte auch hier wieder das einsamste, nur durch Lectüre erheiterte Leben: wir wissen, daß wie früher zu Hof schon Hippels »Lebensläufe«, so jetzt vorzüglich Rousseau und die englischen Satiriker und Humoristen den tiefsten Eindruck auf ihn machten. Im Jahre 1783 erschien sein erstes Buch, die aus kleineren satirischen Stücken zusammengesetzten »Grönländischen Prozesse«. Kaum beachtet, verbesserte er seine Lage nicht; im Gegentheil, da er das Studium aufgab und ganz der Schriftstellerei zu leben beschloß, verschlimmerte sich dieselbe immer mehr und er verlebte trostlose Jahre bei seiner armen Mutter in Hof, bis er 1787 eine ärmliche Hauslehrerstelle in der Nähe erhielt. 1789 erschien, wiederum unbeachtet, »Auswahl aus des Teufels Papieren«, und seine Lage besserte sich erst einigermaßen, als er 1790 eine Art von Privatschule in Schwarzenbach errichtete und nun auch mehr mit der Gesellschaft und gebildeten Menschen, man möchte sagen: mit dem Leben in Verkehr kam. 1792 brachte ihm sein erster (unvollendeter) Roman »Die unsichtbare Loge«, dem Moritz in Berlin einen Verleger verschaffte, das erste namhafte Honorar und lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums auf ihn. Der folgende Roman, »Hesperus oder 45 Hundsposttage«, begründete seinen Ruhm und gewann ihm zumal die Frauen. Fortan folgten kleinere Stücke, »Das Leben des Quintus Fixlein«, »Biographische Belustigungen unter der Gehirnschale einer Riesin«, endlich eines seiner besten Werke, »Blumen-, Frucht- und Dornenstücke, oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvocaten Siebenkäs«. Im Jahre 1796 folgte er einer dringenden Einladung der für ihn schwärmenden Charlotte von Kalb nach Weimar und wurde hier von den Herder, Wieland, Knebel und besonders den Damen auf das begeistertste aufgenommen, während Goethe und Schiller sich kühl und ablehnend verhielten. Er ging wieder heim und knüpfte, weltunerfahren, erregbar und betäubt vom Beifall, wie er nun einmal war, bald ein neues Verhältniß mit einer enthusiastischen Frau von Berlepsch. Nach dem Tode seiner Mutter, 1797, siedelte er auf den Wunsch der Geliebten nach Leipzig über, hielt jedoch wieder nicht aus, sondern zog ein Jahr später, Herder zu Liebe, nach Weimar und probirte es, von neuer Unruhe erfaßt, nicht lange nachher bald in Gotha, bald in Hildburghausen, wo er den Titel eines Legationsraths erhielt. Inzwischen hatten »Der Jubelsenior« und das »Campanerthal« die Zahl seiner Verehrer vergrößert, und 1800 ließ er den ersten Band seines »Titan« erscheinen, dem die weiteren drei Bände und zwei Anhangbändchen bis zum Jahre 1803 folgten. Von Ruhe war jedoch auch während dieser Zeit keine Rede. Er hatte schon wieder eine Weile in Berlin gelebt und dort geheirathet, war dann mit der Frau nach Meiningen gezogen und versuchte es darauf in Koburg. Erst 1804 fand er in Bayreuth einen Platz, wo es ihm gefiel, und er ist denn auch dort bis an seinen Tod geblieben, der am 14. November 1825 erfolgte. Seine Fruchtbarkeit war, besonders zu Anfang des Jahrhunderts, groß. An den »Titan« schlossen sich unmittelbar die »Flegeljahre«; auf diese folgten das wider die Censurzustände gerichtete »Freiheitsbüchlein«, und die »Vorschule der Aesthetik«, ein geistvolles Buch, voll der feinsten Bemerkungen, aber dennoch seinen Verfasser als Naturalisten kennzeichnend. Dann kam seine gefeierte »Levana oder Erziehlehre«: 1809 erschienen die patriotischen »Dämmerungen für Deutschland«, und das witzige und humoristische Stücklein, »Dr. Katzenbergers Badereise«. Von den sehr zahlreichen kleinen Arbeiten dieser und der folgenden Zeit sei hier nur die freisinnige »Friedenspredigt für Deutschland« erwähnt und neben ihr des grillenhaften, unendlich weitschweifigen Buchs »Ueber die deutschen Doppelwörter« gedacht. Sein letzter großer, unvollendet gebliebener Roman war »Der Comet oder Nikolaus Markgraf«. Von einer fortschreitenden Entwickelung ist bei Jean Paul und seinen Schriften in Wirklichkeit so gut wie nichts zu entdecken: er wurzelt in der Empfindsamkeitsperiode des vorigen Jahrhunderts und hat sie bis an seinen Tod nicht überwunden. Die Liebes- und Freundschaftsschwärmerei in höchster und zugleich zart-duftigster Potenz bleiben permanent; die unklaren und seligen Glücksträume der Jugend und ihre ebenso unklaren, selbstquälerischen Zweifel; die Ekstase des Hoffens, Wünschens und Planens und die unendlich genügsame Bescheidung bei der allerschlichtesten Wirklichkeit und in allerbescheidenstem Dasein; das Lachen und Weinen, das Aufjauchzen und das sanfte, wehmüthige Hinschmachten; die zarteste Unschuld, die weichste Sehnsucht, die süßeste Innigkeit – das alles begegnet uns und begleitet uns, vor wie nach, auf Steg und Weg, und dazwischen, und darum zuckt und wirbelt und prasselt ein Feuerwerk auf von jäh aufflammenden und empor und durcheinander schießenden tollen, glänzenden, spottenden, satirischen, pikanten und genialen Einfällen, Gedanken, Bildern, Bemerkungen, Notizen, und der Himmel weiß, wovon noch sonst. Durch alle solche Stimmungen hier, durch alle solche Absprünge und Einfälle da, mit einem Wort, durch die Einzelheiten und Einzelzüge von – das ist nicht zu leugnen! – häufig bezaubernder Schönheit blendet Jean Paul und reißt er fort, zumal die Jugend und die Frauen: er redet ihnen gradeswegs zu und aus dem Herzen. Den ernsten und nüchternen Leser freilich verwirrt und betäubt er eher durch die unermeßliche Masse von Stoff aller, selbst der widersprechendsten Art, die er anhäuft und weder zu ordnen und zu gliedern, noch künstlerisch zu beherrschen versteht. Aus diesem Wirrwar und diesem endlosen Gerede das vereinzelte Gute, Schöne und Herrliche herauszufinden, ist überall ein mühsames, häufig erfolgloses Unternehmen und an etwas wie einen reinen, dauernden Genuß ist nicht zu denken. Haben wir uns aber dennoch diese Mühe gemacht und sehen ab von den glänzenden Schilderungen, den unübertrefflich schönen Seelengemälden und Stimmungsbildern, mit einem Wort wiederum von diesen Einzelheiten, die in jedem Zuge den großen Dichter verrathen, und blicken wir nun einmal auf das Ganze der größeren und kleineren Werke, auf das, was solche Schöpfungen überhaupt erst zu Kunstwerken erhebt, so werden wir nothwendig bald immer strenger denken und urtheilen müssen. Wir finden kaum jemals etwas wie eine geschlossene, harmonisch durch- und ausgebildete Composition, sondern fast stets nur ein bunt und willkürlich zusammengewürfeltes Allerlei. Das bischen »Geschichte«, das uns geboten wird, ist theils so zersplittert, theils so obenhin angefaßt und dargestellt, daß wir es fast immer mehr nur errathen müssen. Die Personen, welche sich überdies im Grunde beinah' alle merkwürdig gleichsehen, treten selten hervor und erheben sich ebenso selten zum Handeln, zum eigenen, selbstständigen Leben. Jean Paul schildert sie, erzählt von ihnen, beobachtet, denkt, empfindet für sie und kümmert sich gewöhnlich sehr wenig darum, ob das alles nun auch zu ihrem Character und zu ihrer Lage paßt. Und dazu gesellen sich nun die schrankenlose Phantasie mit ihrem häufig völlig willkürlichen, capriziösen, ja erkünstelten Spiel und der nur gar zu oft sich bis zur Karikatur steigernde »Humor«. Bei dem Wirrwarr der Gefühle, der Zerfahrenheit, ja Rohheit des Geschmacks und der Unklarheit der künstlerischen und allgemeinen Anschauungen, wie sie am Schluß des vorigen und im Anfang unseres Jahrhunderts nicht nur das große Publikum beherrschten, sondern selbst in manchen »Gebildeten« spukten, kamen solche Mängel und Schwächen wenig in Betracht: man ließ sich blenden und mit fortreißen. Als man jedoch allmälig klarer und einsichtiger wurde und häufiger einen künstlerischen Maßstab an die Dichterwerke anzulegen begann, verschwand der Zauber, und der Enthusiasmus schlug rasch in eine stets zunehmende Gleichgültigkeit um. Auf der einen Seite ist dies kein Wunder: Jean Paul ist, ob auch erst 1825 gestorben, vorwiegend der Dichter des 18. Jahrhunderts und den Ideen und Anschauungen, dem Leben desselben nicht entwachsen. Auf der anderen Seite aber ist diese Gleichgültigkeit ein Unrecht. Denn er ist nicht nur einer der großen, ja größten Dichter seiner Zeit, sondern auch eine der eigenartigsten und interessantesten Erscheinungen, denen wir im ganzen Bereiche unserer Literatur begegnen. Allein seine Gestalt ist auch eine einsame in dieser Literatur. Nicht sowohl wegen der Größe, als wegen der Eigenartigkeit seines Talents, seiner Begabung und seiner Weise, hat er, obgleich die letztere sich nicht selten bis hart an die Manier steigerte, dennoch kaum jemals eigentliche Nachfolger und Nachahmer gefunden. Von einzelnen Versuchen der nackten Unfähigkeit und Verkehrtheit reden wir nicht. An solchen fehlt es in Deutschland nie, wo irgend ein Erfolg blendet und lockt. Von gleichzeitigen Schriftstellern besserer Art sind hier nur zwei zu nennen. Ernst Wagner , geboren 1769 im Meiningschen und gestorben, nach vieljährigen schweren Leiden, zu Meiningen 1812, gehört durch einige von seinen Werken zu unseren guten Autoren und ist nur mit Unrecht fast völlig vergessen worden. Sein erster Roman, »Wilibalds Ansichten des Lebens«, lehnt sich zwar eingestandenermaßen an Goethe's »Wilhelm Meister«, aber ersichtlich genug auch an Jean Paul an, dessen zugleich sentimentalisirende und idealisirende Grundrichtung sich denn auch in den späteren Werken wiederfindet. Als bestes von ihnen erscheinen die »Reisen aus der Fremde in die Heimat«, mit dem Anhange »Historisches ABC eines vierzigjährigen, hennebergischen Fibelschützen«. Es finden sich in dem ersteren Buch Jugenderinnerungen von ungemeiner Schönheit und Natürlichkeit, die den Leser, welcher etwa zufällig diese Blätter liest, auf das angenehmste überraschen müssen. K. Chr. E. Graf von Benzel Sternau , geboren 1767 zu Mainz, Minister in Baden und des Fürsten Primas, gestorben 1849, erlangte durch Romane, Erzählungen, auch einige dramatische Sachen einen gewissen Ruf, den die Heutigen kaum noch verstehen werden. Denn zu Anfang stellt er sich noch zu den älteren Humoristen und ist voll breiter Lehrhaftigkeit und unerquicklicher Empfindelei, während er später, wie z. B. im »steinernen Gast«, in eine ganz und gar unleidliche Nachäfferei Jean Pauls und seines Stils geräth. Sein bekanntester und auch bester Roman ist »Das goldne Kalb«. 33. Zur Zeit, als Goethe's und Schillers Bund der allerherzlichste war und Jean Paul's Ruhm bereits von aller Welt verkündet wurde, fand sich in Jena eine Zahl von jungen Männern zusammen, welche wir als die Begründer und Häupter der sogenannten romantischen Schule kennen lernen. Ohne uns bei der Entstehungs- und Entwickelungsgeschichte derselben aufzuhalten, gehen wir sogleich auf das Thatsächliche über, das heißt, auf die Wirksamkeit und den sowohl günstigen, als nachtheiligen Einfluß, den diese Schule auf unsere Literatur und Bildung ausgeübt hat. Hierbei ist es von vornherein zu constatiren, daß bei diesen ersten und eigentlichen Romantikern viel weniger Gewicht auf die eigene poetische Thätigkeit und die eigenen derartigen Schöpfungen zu legen ist, als auf den gewaltigen Anstoß, den sie nicht nur der Literatur, sondern auch dem gesammten Leben und der gesammten Bildung nach allen Seiten hin und auf allen Gebieten gegeben haben. Theils erreichten sie dies allerdings durch Schöpfungen von irgendeinem der Ihren; theils aber und zwar meistens durch die unermeßliche Masse von neuem Stoff, den sie von allen Seiten herbeischafften: durch eine ganz ungemeine literarische Rührigkeit, durch ein rastloses Verkündigen und Verherrlichen ihrer Principien und Tendenzen, ihrer Anschauungen und ihrer dichterischen und literarischen Suprematie, und endlich durch die sich hier anschließende kritische Thätigkeit, die sich rücksichtslos und ungestüm allem entgegen warf, was nicht zu ihnen schwor und sich ihren Maßen nicht fügte. Indem sie Poesie und Leben für eins, die Phantasie für die einzig berechtigte und allgebietende Macht erklärten und die Willkür des Dichters zum ersten und letzten, für ihn bindenden Gesetz erhoben, eroberten diese neuen Stürmer und Dränger der Poesie allerdings einen viel breiteren Boden, als dieselben ihn jemals bisher besessen. Sie erlösten sie aus den beengenden Schranken einer gesteigerten Bildung und, wenn man so sagen will, popularisirten sie. Wir müssen wohl zugestehen, daß sie durch eine solche Lehre, welche alles eben wieder Gewonnene und mühsam Aufgebaute von neuem gefährdete und jedermann gewissermaßen zu seinem eigenen Führer und Richter machte, der Talentlosigkeit, der Anmaßung, der Selbstüberhebung und der Träumerei ins Blaue hinein Thür und Thor noch viel weiter öffneten, der Literatur eine Unmasse von unfähigen und unklaren Köpfen zuführten und dieselbe von einer schier überwältigenden Fluth der unreifsten, überschwänglichsten, unklarsten, aller Natur und Wahrheit entbehrenden Phantasie-Produkte überschwemmen ließen. Aber wir werden auch anerkennen müssen, daß von den Romantikern aus auf allen Gebieten des Lebens, in der Poesie und Literatur, in der Kunst und in der Wissenschaft, eine Regsamkeit und eine Thätigkeit, ein frischer, fester Fortschritt anhob, denen selbst die rasche und glänzende Entwickelung während der letzten Hälfte des abgelaufenen Jahrhunderts bei weitem nicht zu vergleichen war. Durch ihr Zurückgehen aus der – angeblich – flachen und verdorrten Gegenwart zu dem – wiederum angeblich – gemüthstiefen, poesievollen, glaubensinnigen und glänzenden Mittelalter mit seinem alles erfüllenden und erhebenden Katholicismus, zogen sie freilich gleichfalls wieder eine große Zahl von unfähigen Köpfen sich nach, die noch viel unklarer als sie selbst, auch noch weniger vom Mittelalter und Katholicismus verstanden als sie und noch tiefer sich in die Irrwege und Phantasiegebilde verloren. Aber sie lenkten auch, fast zum erstenmale, eine wirkliche, ernste und folgenreiche Aufmerksamkeit auf diese Zeit und ihre Zustände, und es begann jene rastlose, wirkliche und ernste Literatur-, Sprach- und Geschichts-Forschung, welche zu so glänzenden Resultaten geführt und uns das Mittelalter in seiner wirklichen Größe und Herrlichkeit, seiner ganzen Wahrheit erst wiedergewonnen hat. Ja sie haben, um auch dessen hier zu gedenken, durch ihr Weiterdringen in den Orient und besonders Indien, in gleicher Weise auch den Grund zur vergleichenden Sprachforschung gelegt. – Aber, was für uns wichtiger ist, durch ihre Beschäftigung mit dem Mittelalter wurde auch unsere Volkspoesie, gleichfalls im Grunde zum erstenmale, wieder ans Licht gezogen und in ihre Rechte eingesetzt – ein Verdienst, das ihnen nie genug gedankt werden kann und ihnen niemals vergessen werden wird. Ein kaum geringeres Verdienst haben sie sich endlich, nach dem Glauben Vieler, dadurch erworben, daß sie, wiederum fast zuerst, in die ältere Poesie und Literatur der romanischen Völker, vorzüglich der Italiener und Spanier eindrangen, sie uns bekannt machten und durch die leidenschaftliche Einführung und Nachbildung ihrer Formen unsere poetische Sprache, durch die Einbürgerung ihrer Ideen und ihres Geistes unsern Ideenkreis und Geist zu erweitern und zu bereichern suchten. Die Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Anschauung, so wie die Vortheile oder Nachtheile dieses Erwerbs, wollen wir dahingestellt sein lassen, wenn wir auch nicht umhin können, daran zu erinnern, daß ein Götzendienst, wie er zumal den Spaniern gewidmet worden ist, einer – hier unserer – Poesie und Literatur niemals zum Vortheil gereichen kann. Aber das muß man auch hier wieder den Romantikern danken, daß im Grunde sie erst die Uebersetzungs kunst geschaffen haben – Johann Heinrich Voß steht mit seinem Homer fast völlig vereinzelt da. Schlegels und Tieck's Shakespeare-Uebersetzung, welche den großen Dichter geistig und sprachlich zu unserem vollen Eigenthum macht, hat in keiner anderen Sprache ihres Gleichen. Blicken wir hiernach noch auf die ungemein lebhafte, ja ungestüme und hervorragende kritische Thätigkeit der Schule, welche allerdings die Verherrlichung Goethe's und seiner Poesie hauptsächlich ins Auge faßte, daneben aber auch, wie wir oben schon andeuteten, in Selbstverherrlichung und Anpreisung der Romantiker und ihrer Anhänger auslief, – so erhalten wir bereits hier eine Erklärung des außerordentlichen Einflusses, den sie auf die Zeitgenossen und die Literatur gewonnen. Es ist nicht das erste Beispiel gewesen und nicht das letzte geblieben, wie betäubend dreiste Selbstgefälligkeit, kecke Anmaßung und die stets wiederholte Versicherung, daß man allein die rechte Einsicht und das volle Verständniß besitze, auf die stets vorhandenen, zahllosen schwachen Köpfe unter den Zeitgenossen wirken. Dazu kommt, daß für solche Köpfe nichts bestechender und verlockender ist als gerade die, mit hohen Worten und schönen Redensarten verhüllte und verbrämte Unklarheit, Verworrenheit und Ziellosigkeit, da jedermann sich dabei alles denken und daraus alles entnehmen kann, was er sich überhaupt zu denken und zu entnehmen vermag. Einer solchen Unklarheit und Verworrenheit, einer solchen Unsicherheit, Ziellosigkeit und Formlosigkeit begegnen wir aber, wo wir tiefer und unbefangen in die kritischen und auch schönwissenschaftlichen Schriften der Romantiker hineinsehen, fast auf allen Ecken und Enden. Sie reißen nur ein, ohne im Grunde auch nur einmal wieder aufzubauen, und während sie allen falschen Richtungen und aller Unnatur der Zeit, des Lebens, der Bildung, des Geschmacks und der Literatur auf das schonungsloseste den Krieg machen, verfallen sie selber einer anderen, nicht geringern, sondern eher noch größeren und verderblichem Unnatur und Geschmacklosigkeit. Das Allerübelste ist und bleibt aber, daß man nirgends das Mißtrauen gegen die Wahrheit und den Ernst des Kritikers und seiner Kritik, ja hin und wieder selbst des Dichters und seiner Dichtung, zu überwinden vermag. Wir begegnen statt dem Ausdruck wahrer Empfindung und eigener Ueberzeugung, nur gar zu häufig einem blitzenden und schillernden, sogenannten geistreichen Spiel mit Phrasen, Redensarten, Witzen und Einfällen, das sich zuweilen gradeswegs über den zur Schau getragenen Ernst und unsern Glauben an denselben lustig zu machen scheint. Wir finden selbst die Einheit der künstlerischen Composition und die reine Wirkung des Kunstwerks durch allerhand ähnliche willkürliche und fremdartige Einschiebsel und Anhängsel oft genug völlig aufgehoben und empfangen auch hier zuweilen wieder den Eindruck, als mache der Dichter überhaupt nur Spaß und glaube selber am allerwenigsten an seinen Stoff und die kunstvoll ausschattirte Herrlichkeit, als versuche er sich etwa nur einmal Vergnügens halber in dieser Weise und probire, wie weit allenfalls seine Kraft reichen möge. Mit einem Wort, was wir finden, was uns mißtrauisch macht und uns, jeden Glauben und jeden Genuß zerstörend, nicht selten sogar mit Widerwillen erfüllt, das ist die Ironie , die in den meisten Werken der Romantiker ihr unheilvolles und unleidliches Spiel treibt und nicht am wenigsten charakteristisch für diese Richtung, oder sage man: Schule ist. Von ihr freilich können zwar allerhand pikante und capriciöse – gelegentlich auch fratzenhafte –, aber niemals ächt künstlerische, wahrhaft werthvolle und bleibende Schöpfungen ausgehen. Der bedeutendste, einsichtigste und verständnißvollste, einflußreichste und, wenn man so will, wohlthätigste Kritiker und Aesthetiker dieser Gruppe ist der durch seine gründliche klassische Bildung getragene August Wilhelm Schlegel , geboren zu Hannover 1767, gestorben 1845 zu Bonn, wo er seit 1818 an der Universität lehrte. Ueber seine kritische und ästhetische Thätigkeit, über seine literatur- und kunstgeschichtlichen und besonders orientalischen (indischen) Studien haben wir nicht weiter zu reden, sondern können nur anführen, daß hier überall seine Verdienste keine geringen sind. Für uns kommt er vorzüglich nur als gewandter und geschmackvoller Uebersetzer aus dem Italienischen, Spanischen und Portugiesischen – »Blumensträuße« und »Spanisches Theater«, und durch seine Uebertragung Shakespeare'scher Stücke in Betracht, welche letztere seinen Ruhm zu einem bleibenden macht. Von seinen eigenen dichterischen Schöpfungen ist seine antikisirende Tragödie »Jon«, trotz Goethe's Protection, spurlos vorübergegangen. Seine Gedichte zeichnen sich weniger durch den dichterischen Gehalt, als durch die reine und schöne Form und Sprache aus. Doch verdienen seine Balladen – unter ihnen die bekannteste »Arion«, – auch heute noch mit Ehren genannt zu werden. Eine nicht weniger einflußreiche, in Wirklichkeit aber viel unbedeutendere, ja gradezu unerquickliche Erscheinung ist August Wilhelms jüngerer Bruder, Friedrich Schlegel , geboren 1772 und, nachdem er mit seiner Gattin zu Köln schon in den ersten Jahren des Jahrhunderts zur katholischen Kirche übergetreten und später im österreichischen Staatsdienst angestellt gewesen war, gestorben zu Dresden 1829. Ein wirkliches Verdienst hat er sich indessen durch die erstmalige, wissenschaftliche Behandlung der Literaturgeschichte erworben – »Geschichte der alten und neuen Literatur«. Seine Uebersetzungen aus dem Altspanischen und Indischen – »Sprache und Weisheit der Inder« – sind gleichfalls verdienstlich und seine Bearbeitungen mittelalterlicher Gedichte noch immer bemerkenswerth. Unter seinen, meistens phrasenhaften oder süßlichen lyrischen Gedichten finden sich nur einzelne von einem gewissen Duft, wie z. B. jenes wirklich schöne: »Bei Andernach am Rheine – Liegt eine tiefe See«. – Sein Trauerspiel »Alarkos« dagegen läßt sich fast nur als einen unsinnigsten Einfall auffassen: es wurde zu Weimar bei der Aufführung auch geradezu ausgelacht. Und sein Roman »Lucinde«, den der berühmte F. E. D. Schleiermacher (1768-1834) trotz all seiner Frivolität oder richtiger Lascivität in Schutz zu nehmen versuchte – »Vertraute Briefe über F. Schlegels Lucinde« – entzieht sich der Beurtheilung und bleibt mit Recht als ein Monstrum der Vergessenheit überlassen. Der von der Schule, seinen Freunden und sehr vielen seiner Zeitgenossen unendlich gefeierte, ja in einer Art von Heiligenschein erblickte Friedrich von Hardenberg , bekannter unter seinem Schriftstellernamen Novalis , geboren 1772, gestorben 1801, wird trotz seines frühen Todes und trotz der geringen Zahl von zudem meistens fragmentarischen Schöpfungen, ohne Widerspruch als der bedeutendste eigentliche Dichter unter den älteren Romantikern anerkannt werden müssen. Als Lyriker übertrifft er nicht nur den sogleich zu nennenden L. Tieck , sondern auch die meisten Gleichzeitigen durch Tiefe der Empfindung, Natürlichkeit, Wohllaut der Sprache und durch Reinheit und Einfachheit der Form. Ja, unter seinen Marien- und übrigen geistlichen Liedern finden sich einzelne, wie jene bekannten – »Wenn ich ihn nur habe«, oder »Wenn alle untreu werden«, – die sich dem Schönsten anreihen, was in unserer Sprache jemals gesungen worden ist. Novalis ist gewissermaßen der Repräsentant der Romantiker und der romantischen Schule. Sein gesammtes dichterisches Schaffen, ja man kann beinahe sagen, selbst sein Leben geht von ihren Principien aus und wird von ihnen erfüllt und getragen; er übertrifft sie alle an Unklarheit und Dunkelheit, an Sibyllinismus und an einer Traumseligkeit, welche sich in die Mystik verliert, und hat in dieser Hinsicht überhaupt in unserer Literatur kaum seines Gleichen. Um ihn von dieser Seite kennen zu lernen, muß man den unvollendet gebliebenen mystischen Roman »Heinrich von Ofterdingen« und einzelne Stücke des fragmentarischen, meistens nur aus Aphorismen und Sentenzen bestehenden Nachlasses lesen. Als Kunstwerk ist der Roman völlig mißlungen, ja im Grunde nicht mehr noch weniger als das reine Nichts. Und es ist bezeichnend nicht nur für die Romantiker selber, sondern auch für ihre Zeitgenossen und Anhänger, daß man die wunderliche Schöpfung trotzdem lange Zeit für eines der genialsten und tiefsinnigsten Dichterwerke auszugeben und als solches anzustaunen liebte. Wilhelm Heinrich Wackenroder , geboren 1773 und gestorben schon 1798 zu Berlin, hat durch seine uns freilich seltsam erscheinenden, aber interessanten und sehr lesenswerthen »Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders« einen unleugbar großen Einfluß auf die Ausbreitung und Erstarkung der Romantik in der Poesie, vor allem aber in der Kunst, sowie auf die ganze Entwickelung derselben ausgeübt. Von nicht geringerer Bedeutung war seine Wirkung auf den eng mit ihm verbundenen Tieck, den er erst zur Romantik hinüberzog und über dem er – es ist noch heute nicht ausgemacht, was in einigen Schriften dieser Zeit dem Einen oder Anderen gehört – vergessen worden ist. Und nun kommen wir schließlich zu dem, der als Haupt und Führer nicht bloß der Romantiker, sondern auch der gesammten, freilich überall mehr oder weniger von denselben beeinflußten schönen Literatur in den ersten dreißig Jahren unseres Jahrhunderts anerkannt und als Dichter von vielen neben, ja in ziemlich unverblümter Weise auch wohl über Goethe gestellt worden ist, und in dem man, mag man im Uebrigen von seinem Schaffen und seinen Schöpfungen halten, was man will, unzweifelhaft eines der größten Talente zu erkennen und zu schätzen hat, denen man überhaupt in der Geschichte unserer Literatur begegnet. Das ist Johann Ludwig Tieck , geboren zu Berlin am 31. Mai 1773. Von seinem Vater, der das Seilerhandwerk betrieb, wird uns versichert, daß er ein Mann von einer in seinem Stande ungewöhnlichen Bildung, von Kenntnissen und von lebhaftestem Interesse für die Poesie überhaupt, besonders aber für die, vom Anfang der siebziger Jahre an sich rasch einander folgenden, groß- oder doch neuartigen Dichterwerke gewesen sei. Dies würden wir auch schon um seiner drei Kinder willen glauben, welche sich alle als reich angelegte und hochbegabte Naturen erwiesen und von denen Ludwigs jüngerer Bruder als Bildhauer nicht geringen Ruhm erlangte, während die Schwester Sophie, verheirathete Bernhardt, später von Knorring , als Dichterin und Romanschriftstellerin zwar keine hervorragende Stellung einnimmt, aber doch wenigstens zu den besseren der schriftstellernden Zeitgenossen zu zählen ist. Bei Ludwig regte sich der poetische Sinn früh und gewannen schon während seiner Schuljahre, nach Goethe's »Götz von Berlichingen«, Shakespeare's Werke und der Don Quixote des Cervantes auf ihn den tiefsten Einfluß; ja selbst die Italiener, und von ihnen vor allem Tasso , wurden ihm bereits bekannt. Dazu gesellten sich das rege Geistesleben der besseren Berliner Gesellschaftskreise, in welche er bald hineingelangte, theatralische und musikalische Genüsse durch Vermittelung des bekannten Componisten und Kapellmeisters Reichardt , und endlich die Vorträge von K. Ph. Moritz über Alterthümer und Kunstgeschichte. Bei solchen Vorbereitungen und Anregungen war es erklärlich genug, daß der angeborene Schöpfungstrieb alsbald zum Durchbruch kam und bereits in den frühsten Jünglingsjahren dichterische Versuche entstanden, denen dann wenig später die ersten wirklichen Werke folgten. Von seinem Lebensgange können wir in aller Kürze berichten. Seine Studien zu Halle, Göttingen und Erlangen waren hauptsächlich den bildenden Künsten und der schönen, auch bereits der älteren Literatur der Deutschen und Engländer zugewendet. Darauf mehrere Jahre in Berlin lebend, wo er sich auch verheirathete, gab er sich ganz literarischen Beschäftigungen hin, und es entstammen dieser Zeit die gewaltsamen, leidenschaftlichen und ausschweifenden Erstlingsromane »Abdallah« und »William Lovell«, der humoristische und bereits romantisirende »Peter Leberecht«, und die ähnlich geartete Erzählung »Die sieben Weiber des Blaubart«, das gleichfalls romantische Trauerspiel »Karl von Berneck«, und die beiden polemisirenden Stücke, das Märchen »Das Ungeheuer und der verzauberte Wald« und das »historische« Schauspiel »Die verkehrte Welt«. Seinem Umgange mit dem kunstbegeisterten Wackenroder verdankt der unvollendete, an »Wilhelm Meisters Lehrjahre« erinnernde Künstlerroman »Franz Sternbalds Wanderungen« seine Entstehung, ein Werk voll mittelalterlich frömmelnder Kunstbetrachtungen und endloser, ermüdender Reflexionen. – Es folgen nun, während Tieck seinen Aufenthalt in den nächsten zwanzig Jahren häufig wechselte und bald zu Jena, zu Dresden, auf dem Gute eines Freundes, Ziebingen bei Frankfurt a. O., u. s. w. lebte, bald Reisen machte, wie 1805 nach Italien und später, 1818, nach London, und dazwischen von schwerer Krankheit heimgesucht und fast völlig gelähmt wurde – bald einige seiner besten Dichtungen, die an die bekannten Volksbücher sich anlehnenden Dramen »Leben und Tod der heiligen Genoveva«, »Fortunat« und »Kaiser Octavianus«, die polemisirenden, dramatisirten Märchen »Der gestiefelte Kater«, »Prinz Zerbino oder die Reise nach dem guten Geschmack«, vom »Kleinen Däumling« u. s. w., dann die im »Phantasus« gesammelten theils bearbeiteten, theils eigenen Märchen und Erzählungen. Nebenher gehen seine eigenen Gedichte, eine Auswahl altdeutscher Minnelieder, Ulrichs von Lichtenstein »Frauendienst«, und Uebersetzungen, wo denn außer anderen zahlreichen Werken besonders des Don Quixote und der Shakespeare'schen Stücke zu gedenken ist. Von 1819 an lebte er in Dresden als sächsischer Hofrath und in Folge seiner Theaterkritiken – »Dramaturgische Blätter« – alsbald als Dramaturg am Theater angestellt, berühmt und immer berühmter in Kurzem, bei Einheimischen und Fremden, durch den als meisterhaft gerühmten Vortrag dramatischer Werke. Während der folgenden zwanzig Jahre erschienen seine zahlreichen Novellen, die als Meisterstücke dieser Gattung und der Erzählungskunst gepriesen wurden, »Der Aufruhr in den Cevennen«, »Dichterleben«, »Die Wundersüchtigen«, »Die Gemälde«, »Die Reisenden«, »Die Gesellschaft auf dem Lande«, und nebst vielen anderen die späteren »Die Vogelscheuche«, »Der junge Tischlermeister«, und endlich der Greisenroman »Vittoria Accorombona«. – Seit 1846 lebte er, vom König Friedrich Wilhelm IV. berufen, in Berlin und Potsdam und starb am 28. April 1853. Sehen wir uns diesen, wohl einmal so geheißenen »romantischen Goethe« näher und im Ganzen an, so müssen wir von vornherein zugestehen, daß er als Dramaturg und Uebersetzer, trotz der gelegentlichen Grillen des Ersteren, unangefochten einen der ersten Plätze in unserer Literatur behauptet. Schauen wir aber auf den Dichter Tieck und seine Schöpfungen, von den ersten leidenschaftlichen Jugendarbeiten an, durch die romantisirenden, polemisirenden und nach Volksthümlichkeit strebenden dramatischen Dichtungen und Märchen, bis zu den späteren »Novellen«, und zwar mit unseren, der Heutigen Augen – ein wahrhaft großer Dichter bleibt in den Augen aller Nachkommen groß! –; lassen wir uns nicht durch den Enthusiasmus, die Verehrung, das Staunen der Anhänger, der Schüler und der Mehrzahl der Zeitgenossen blenden und einnehmen: – dann wird diese ins Ungemessene hinaufgesteigerte Größe und dieser fast alle anderen überfliegende Ruhm auf ein, zwar noch immer nicht geringes, aber um vieles bescheidneres Maß zurücksinken. Gehen wir seine Werke durch vom ersten bis zum letzten, so finden wir nur ganz ausnahmsweise einmal jene liebevolle und innige Hingabe an den Stoff und das selbstlose Aufgehen in die Schöpfung, welche den Dichter erst zum Künstler und seine Dichtung zum Kunstwerk erheben. Wir sehen Tieck sich nur ganz ausnahmsweise mit der eigenen, inneren Poesie seines Stoffes begnügen; er ist vielmehr stets mit Zuthaten bei der Hand, welche, ehrlich gesagt, der ersteren nicht oft zum Vortheil gereichen? sondern sehr häufig sie auf das empfindlichste schädigen, ja fast zerstören. Tieck betrachtet und erfaßt die Natur, das Leben, den Menschen wiederum nur ausnahmsweise mit dem Auge und dem Sinn des unbefangenen, natürlichen und warmherzigen Beobachters; er verliert sich viel lieber in jenen zugleich träumerischen und schwelgerischen Mondscheindämmer, den keiner vor oder nach ihm mit so phantastischem, zauberhaftem Reiz zu erfüllen und auszumalen verstanden hat, und ist ein außerordentlicher Liebhaber des »Wunderlichen« und Absonderlichen, mit einem Worte, alles dessen, was seiner Phantasie freien Spielraum? läßt und ihn nicht sie zu zügeln zwingt. Jene Fehler und Schwächen der Romantiker, das künstlich Mystische, das sentimental Frömmelnde, das zuweilen völlig Planlose und – auch in der Form – Zerflossene und Willkürliche, das angeblich geistvoll, in Wirklichkeit aber häufig genug schier kindisch Spielende und Witzelnde, das wiederum angeblich Humoristische und Satirische endlich, das jedoch häufig, ja meistens nichts als die gefährliche, zweischneidige Ironie ist – dies alles und zumal das Letztere findet sich in Tieck und der Mehrzahl seiner Schöpfungen nicht schwächer, sondern meistens noch schärfer ausgeprägt als in fast allen übrigen Romantikern. An Verstand fehlt es Tieck keineswegs, derselbe ist vielmehr voll Schärfe und Feinheit; aber es fehlt ihm an warmem und reinem Gefühl und, mag man sagen, was man will, an ächtem künstlerischem Geschmack. Darum stoßen wir so häufig in seinen Dichtungen auf das Widerwärtige und gradezu Häßliche; daher finden wir jenen, schon von A. W. Schlegel hervorgehobenen Mangel an dramatischer so gut, wie an metrischer Technik, eine Formlosigkeit, die, wie nicht am seltensten in den lyrischen Gedichten, schier bis zur Verwilderung geht, und in der Diction eine Verschwommenheit oder Gesuchtheit, die kaum ihres Gleichen haben möchte. Dazu gesellen, darüber ergießen sich nun jene schon erwähnte, gefährliche Ironie, phantastische Absprünge, rein willkürliche – zuweilen völlig geschmacklose Zuthaten aller Art, karikirende Züge, »wunderliche« Allotria, breite Reflexionen und wer sagt's, was noch sonst? – meistens wohl nur, um die Beschränktheit der Erfindungsgabe und die Schwäche der Gestaltungskraft einigermaßen zu verdecken. Sind doch seine »Novellen« zum großen Theil nichts als Tendenzstücke, – ein schmaler Rahmen von Erzählung und Handlung um einen breiten, wohl geistvollen, aber auch spitzfindigen Dialog, in dem die grade auftauchenden socialen, die künstlerischen, die Zeit- und Bildungsfragen des Tages abgehandelt werden. Daß es in Tieck's Schriften nicht an hohen dichterischen Schönheiten fehlt und daß er selber ein ächter und großer Dichter ist, – wer wird das leugnen wollen? – Lese man nur einmal in die »Genoveva« und den »Octavian« hinein, suche man nur einmal die Märchen und Erzählungen des »Phantasus« auf! Lerne man Tieck überhaupt nur einmal dort kennen, wo der traumselige Romantiker und – wir halten dies für einen Hauptpunkt! – das witzelnde Berliner Kind dem wahren Dichter Platz machen, wo dieser sich, wie wir oben sagten, wirklich einmal seinem Stoffe hingibt und in seiner Schöpfung aufgeht: das Urtheil wird schon günstig lauten müssen. – Aber freilich, wer hat heutzutage noch Lust, Zeit und – leider! – auch nur Verständniß genug, solche einzelne Perlen aus dem Haufen von leeren Schalen hervorzuklauben? 34. Die Uebersicht der Literatur und der Schriftsteller, welche, bald im Anschluß an Schiller und Goethe oder an die Romantiker, bald und zwar nur in seltenen Fällen mit einer gewissen Selbstständigkeit während der siebzehn Jahre dieses Abschnitts hervortraten, wird uns dadurch nicht wenig erleichtert, daß sie wie das gesammte literarische Leben und die gesammte Bildung der Zeit in Weimar-Jena eine Art von Mittelpunkt haben. Mögen sie im Uebrigen noch so weit auseinander bleiben, hier begegnen wir ihnen allen einmal, sei es persönlich, sei es in ihren Beiträgen zu Schillers »Hören« und seinem »Musenalmanach«, sei es in den »Xenien«, sei es endlich in allerhand bald schärferen, bald schwächeren Anfeindungen gegen die Dichterfürsten und ihren Kreis. Aber erleichtert wird uns die Uebersicht auch dadurch, daß, wie gewaltig auch die Geistesarbeit auf allen Gebieten damals sein mochte und wie außerordentliche Geister allerwärts glänzend hervortraten, dennoch von diesen letzteren auf dem Gebiete der schönen Literatur, außer den bisher schon genannten größeren und größten, nicht einer erschien noch zu irgend einer Bedeutung gelangte. Zwischen denen, die uns interessiren, fehlt es nicht an Regsamkeit und Strebsamkeit; es fehlt nicht an Ernst, es fehlt nicht an dem einzelnen Guten und Schönen. Ja, es stößt uns sogar die eine oder andere Erscheinung aus, die vom Geschmack des Tages hervorgehoben, sich eine Weile neben dem Größten behaupten zu wollen schien, allein fest ins Auge gefaßt, bald wieder auf ihren wirklichen, hin und wieder sehr bescheidenen Platz zurückwich. So sehen wir wohl einmal einen großen Erfolg und einen überwältigenden Eindruck, allein von Dauer war weder der eine, noch der andere. Mit einem Wort, was wir hier finden, sind alles, zum Theil gar achtungswerthe Nebenpersonen und Statisten und lassen sich, ohne daß man ihnen Unrecht thäte, mit wenigen Worten abfertigen. Der Bedeutendste und Größte von allen, aber auch der Unglücklichste, ist der nach dem glänzenden Anfang seiner Bahn jäh versinkende J. Ch. Friedrich Hölderlin , geboren 1770 zu Lauffen am Neckar, gestorben zu Tübingen, nach vieljähriger Wahnsinnsnacht erst 1843. Tiefer als er drang nicht einer der Neueren in den antiken Geist und das antike Leben Griechenlands ein. Er verstand nur diesen Geist und dieses Leben, er wußte nur von ihnen und wollte nur sie; nur ihnen galt seine Leidenschaft, während er der Gegenwart feindselig gegenüberstand – ein Conflict, wie man wohl sagen darf, an dem er erliegen mußte. In seinen Dichtungen, dem Roman »Hyperion«, der Tragödie »Empedokles«, den großartigen Hymnen, den Oden und Elegien, den Liedern an Diotima und seinen, nicht selten hinreißend schönen Naturdichtungen, finden wir einen Schwung, eine Begeisterung, eine Tiefe der Empfindung, vor allem aber eine Formenschönheit und ein plastisches Gestaltungsvermögen, welche ihn unseren Größten an die Seite gestellt haben würden, wäre er jemals zur Klarheit und Ruhe und zur Herrschaft über sich durchgedrungen. Nach ihm nennen wir den von ihm grundverschiedenen, aber seiner Zeit schier vergötterten, neben, ja über Schiller und Goethe gefeierten Ch. August Tiedge , 1752-1840, dessen »Urania« durch die blühende Darstellung und ihre angebliche Tiefsinnigkeit es aller Welt, zumal den Frauen, anthat, während sie und auch seine übrigen »Gedichte«, »Elegien«, »Episteln«, welche an Gleim und seine Halberstädter Schule erinnern, heutzutage mit vollem Recht zu den abgethanen Literaturacten gelegt sind. Erwähnt sei hier noch seine langjährige intime Verbindung mit der Kurländerin Elise von der Recke , 1754(?)-1833, die sich außer einer Schrift über Cagliostro, auch durch geistliche Lieder bekannt machte und sogar als Mitarbeiterin in den »Horen« zu finden ist. – Vergessen wie die »Urania«, aber mit weniger Recht, ist das in Hexametern geschriebene Lehrgedicht »Der Gesundbrunnen«, von Val. Wilhelm Neubeck , 1765-1827, das in diesem Genre noch heute als eines der besten anzuerkennen ist. K. L. von Knebel , 1744-1834, zuerst Offizier in Potsdam, von wo aus er in Verbindung mit Ramler, Nicolai und den übrigen Berlinern trat; von 1774 an Erzieher des Prinzen Constantin von Weimar, und seit dieser Zeit einer der treusten Genossen des dortigen Hof-, Gesellschafts- und Dichterkreises. Er hat sich weniger durch seine eigenen, wohlgemeinten, aber ein wenig altfränkischen Gedichte, als durch seine Uebersetzungen des Properz und Lucrez bekannt gemacht. Für uns ist er am interessantesten durch seinen ausgebreiteten Briefwechsel mit fast allen Mitgliedern des Weimar'schen Kreises, von dem einige Theile veröffentlicht worden sind. – An ihn schließen wir füglich den wunderlichen, jovialen, hypochondern, zerstreuten Genossen des Weimar'schen Kreises Friedrich Hildebrand von Einsiedel , 1750 bis 1828, von dem es neben kleinen eigenen Possen und Lustspielen auch Uebersetzungen von Stücken des Terenz gibt – Arbeiten, zu denen im Anfang des Jahrhunderts, wegen der theatralischen Experimente auf der Weimar'schen Bühne, von Goethe und Schiller alle Welt ermuntert wurde. Lieferte doch auch der seinerzeit berühmte Pädagog, Kanzler A. H. Niemeyer , 1754 bis 1828, eine solche Uebersetzung der »Andria« des Terenz ein. Gleichfalls weniger durch seine eigenen, übrigens nicht werthlosen Gedichte, als durch seine, für die damalige Zeit hochverdienstlichen, noch heute schätzbaren Uebersetzungen des Tasso, Ariost, Calderon u. s. w. gewann sich den angesehensten Namen J. D. Gries , 1775-1842, geboren und gestorben zu Hamburg, während der längsten Zeit seines Lebens jedoch in Jena und Weimar hausend. Seine anonym erschienene Biographie ist für die Geschichte des Weimarschen, d. i. deutschen literarischen Lebens jener Zeit ein höchst werthvolles Buch. Eine düstere Erscheinung ist Franz von Sonnenberg , geboren 1779, im Jahre 1805 sein Leben durch einen Sturz aus dem Fenster endend. Sein großes Epos in Hexametern, »Donatoa«, das vom Weltuntergang handelt, ist im Geiste Klopstocks und seiner Messiade abgefaßt. – Ebenfalls in den Bahnen Klopstocks und J. H. Voß' finden wir L. K. Th. Kosegarten , 1758 bis 1818, der sich jedoch auch in allen möglichen anderen Weisen versuchte. Seine Dichtungen, unter denen die beiden, an die »Luise« sich anlehnenden Idyllen, »Jukunde« und »Die Inselfahrt«, heben sich trotz aller Schwäche noch immer aus der großen Masse hervor. Am höchsten steht er in seinen, meist völlig übersehenen Romanen. »Ida von Plessen« zum Beispiel, und »Ewalds Rosenmonde«, beides Bearbeitungen des gleichen Stoffs, sind zwei Werke, die auch heute noch wohl unsere Aufmerksamkeit und Theilnahme zu fesseln vermögen. – Von gleichem Einfluß war Voß durch seine »Luise« auf den Hallischen Buchhändler A. G. Eberhard , 1769-1845, dessen Idylle, »Hannchen und ihre Küchlein« zumal in Norddeutschland, bis tief in unser Jahrhundert hinein eine der beliebtesten und gelesensten Dichtungen war. Der Däne Jens Baggesen , 1764-1826, dichtete in deutscher Sprache, gleichfalls der »Luise« folgend, das idyllische Epos »Parthenais« und, mehr an Wieland's leichte Manier erinnernd, das humoristische »Adam und Eva«. Von seinen ebenfalls deutschen Gedichten ist etwa nur das eine: »Als Vater Noah in Becher goß – Der Traube trinkbares Blut«, im Gedächtniß der deutschen Studenten geblieben. – Auch ein Schwede, K. G. von Brinkmann , als Dichter Selmar geheißen, 1764-1848, hat damals zahlreiche empfindsame und schwärmerische Gedichte, Epigramme u. s. w. geschrieben, ohne dadurch etwas Anderes als die Vergessenheit zu erlangen. Ein wirklicher Dichter dagegen trat in dem Schweizer Johann Gaudenz von Salis-Seewis , 1762-1834, auf. Seine nicht zahlreichen Gedichte sind, meistens von einer gedämpften, ja wehmüthigen Stimmung, voll Wohllaut und Einfachheit und lange Zeit zum Theil Lieblingslieder unseres Volks geblieben. »Das Grab ist tief und stille«, »Wann, o Schicksal, wann wird endlich«, »Wie schön ist's im Freien« sind ein paar von diesen, ihrerzeit vielgesungenen Stücken. Auch zwischen seinen Naturgedichten finden sich einzelne ansprechende. Dagegen werden andere, wie auch einige seiner Elegien, durch eine, damals freilich sozusagen in der Luft liegende, gesuchte Klassicität für uns unerquicklich. Nach Schwaben führen uns K. Ph. Conz , 1762-1827, ein Mitarbeiter des Schiller'schen Musenalmanach, mit lyrischen Gedichten der besseren Art, Romanzen, Schwänken, dem Trauerspiel »Conradin von Schwaben«, Uebersetzungen aus dem Aeschylos, Aristophanes, Tyrtäos u. s. w. – J. Chr. Fr. Haug , 1761-1829, ein Jugendfreund Schillers, einer unserer witzigsten Epigrammatisten. Am bekanntesten sind seine, zum Theil unvergleichlichen »Hyperbeln auf Herrn Wahls große Nase«. – Endlich der zu Berlin 1766 geborene, aber seit 1807 in Stuttgart angesiedelte G. Reinbeck , gestorben 1849, welcher sich nicht ohne Glück in Trauer-, Schau- und Lustspielen versuchte. Von den unendlich vielen Anderen, welche sich bald als Dichter, bald als Dramatiker, Erzähler oder auf allen diesen Gebieten zugleich versuchten, nennen wir wenigstens einige der Besseren und zu ihrer Zeit Beliebtesten. F. A. Krummacher , 1768-1815, ein Nachfolger von Herder und Claudius, machte durch seine »Parabeln« ein verdientes Aussehen. – G. Ph. Schmidt , gen. von Lübeck, 1766-1849, hat sich durch seine Lieder bekannt gemacht, von denen einzelne, wie »Fröhlich und wohlgemuth«, oder »Von allen Ländern in der Welt« u. s. w. durch ganz Deutschland gesungen wurden. Friedrich Rochlitz , 1769-1842, besonders als Kritiker und Theoretiker auf dem Gebiete der Musik bekannt, gewann sich durch kleine Lustspiele, Romane und Erzählungen Beifall. – Julius von Voß , 1768-1832, schrieb Possen, »Farcen«, Lustspiele, Erzählungen und Romane, letztere nicht ohne Verdienst, aber häufig durch eine fast unglaubliche Leichtfertigkeit entstellt. – A. E. Freiherr von Steigentesch , 1774-1826, wurde vorzüglich durch seine Lustspiele bekannt, hat sich indessen auch in Erzählungen und Gedichten nicht ganz ohne Glück versucht. – Stephan Schütze , 1771 bis 1839, war um seiner kleinen, recht lesbaren Erzählungen und heiterer dramatischer Werke willen seinerzeit weit bekannt und beliebt. – Eine besondere Stellung nimmt der Danziger, in Weimar angesiedelte Johannes Falk , 1770-1826, ein. Er wurde als Satiriker – »Die Helden«, »Die heiligen Gräber zu Rom« u. s. w. – überaus hochgestellt. Indessen ist er als solcher völlig vergessen, hat jedoch durch seine rastlose Thätigkeit für verwilderte und verlassene Kinder ein gutes Andenken hinterlassen. Seine bekannteste Schrift, »Goethe aus näherem, persönlichem Umgange dargestellt«, ist zwar reich an interessanten Mittheilungen, aber nur mit äußerster Vorsicht zu benützen. Von den schriftstellernden Damen, an denen es während dieser Periode keineswegs fehlt, finden wir die nennenswerthen gleichfalls in den »Horen« oder im Musenalmanach Schillers beieinander. Karoline v. Wolzogen , 1763-1847, die Schwester von Schillers Gattin und mit dem Dichter in herzlichster Verbindung, schrieb einen Roman »Agnes von Lilien«, der zu den gefeiertsten seiner Zeit gehörte und sogar von ersten damaligen Kritikern lange für eine Schöpfung Goethe's gehalten wurde. Von höherem Interesse als dies verschollene Buch sind für uns das »Leben Schillers« und der »Literarische Nachlaß« der gleichen Verfasserin. – Amalie von Imhof , später von Helwig , 1776-1831, lieferte außer anderen, freundlich aufgenommenen Beiträgen, ein idyllisches Epos »Die Schwestern von Lesbos«, welches Schillers und Goethe's Beifall errang. Ihre späteren Schöpfungen hielten sich nicht auf der Höhe der ersten. – Friederike Brun , 1765-1835, die Freundin Matthissons, gewann einen, für den Geschmack der Zeitgenossen beschämenden Ruf durch Gedichte von kaum glaublicher Empfindsamkeit und erschreckender Armseligkeit. – Desto vorzüglicher und wirklich poetisch, voll Phantasie und schöner Darstellung, dürfen auch uns noch die Dichtungen von Sophie Mereau , 1770-1806, erscheinen. Die Dame wurde, von ihrem ersten Manne getrennt, im Jahre 1803 die Gattin Clemens Brentano 's. Auch ihre Erzählungen und Uebersetzungen zeichnen sich Vortheilhaft aus. – Luise Brachmann , 1777-1822, in welchem Jahre sie den Tod in der Saale suchte und fand, muß als ein schönes Talent, voll Empfindung und Formgewandtheit, anerkannt werden. Ihre Liebeslieder rechtfertigen den Beinamen einer »deutschen Sappho«, den man ihr hin und wieder gegeben hat. Auch sie hatte einmal wieder das Loos, aus Armuth um das tägliche Brod schreiben zu müssen, und erlag daran schon vor ihrem Tode. Allein wir müssen enden, ohne doch kaum ein Ende finden zu können. Denn diese wunderbare Zeit, voll einer niemals wieder beobachteten Regsamkeit und Strebsamkeit auf allen geistigen Gebieten, zeichnet sich nicht am wenigsten auch dadurch aus, daß ihre Männer und Frauen, unter denen uns allerwärts die ersten unseres Jahrhunderts, ja der ganzen neueren Zeit begegnen, nicht bloß große und erhabene, sondern auch schöne Geister, im edelsten Sinne des oft mißbrauchten Wortes, waren, – voll einer Bildung, die nicht höher und zugleich freier gedacht werden kann, voll des tiefsten Verständnisses und der treusten Liebe für alles Hohe und Herrliche auf den Gebieten der Poesie und der Künste. Wohin wir sehen, begegnen uns diese Menschen, welche durch ihre Stellung, ihren Beruf, ihre Wissenschaft, nach alten Begriffen der Poesie und Kunst, der schönen Literatur ferngestellt, ihnen jetzt die lebhafteste Theilnahme widmeten, den tiefgreifendsten Einfluß auf sie erlangten, ja nicht selten sich selber mit mehr oder weniger Glück schaffend auf diesen Gebieten versuchten. Gehen wir an den Ersteren, wie dem Philologen und Alterthumsforscher Friedrich August Wolf , 1759-1824, dem Theologen und Kanzelredner Friedrich Ernst Schleiermacher , 1768-1834, dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel , 1770-1831, dem Historiker Johannes von Müller , 1752-1809, und anderen kaum weniger großen Geistern vorüber und sehen uns nur nach einigen der Letzteren um, so finden wir, um zuerst der älteren zu gedenken, schon von der Mitte der siebziger Jahre her und bis in unser Jahrhundert hinein, drei Brüder, die Freiherren von Dalberg, Karl Theodor , 1774-1817, Statthalter von Erfurt, später Erzbischof von Mainz und endlich Fürst Primas; Wolfgang Heribert , 1749-1806, Badischen Minister und Leiter des Mannheimer Theaters, und Johann Friedrich Hugo , 1760-1803, Domkapitular zu Trier, alle drei in Verbindung mit dem Weimar'schen Kreise und unseren großen Dichtern, Verfasser von beifällig aufgenommenen philosophischen, ästhetischen und kunsttheoretischen Schriften, dramatischen Versuchen und Uebersetzungen, z. B. des Sanskrit-Drama's »Gita Govinda«. – In den neunziger Jahren tritt Wilhelm von Humboldt , 1767-1835, auf, groß als Staatsmann und Sprachforscher, von hoher Bedeutung als Aesthetiker und als Dichter von Elegien und Sonetten, welche sich durch höchste Formvollendung auszeichnen. Selbst sein noch größerer Bruder Alexander von Humboldt , 1769 bis 1859, von dessen Schriften hier nur die »Ansichten der Natur« und der »Kosmos« erwähnt werden mögen, erscheint einmal in den »Horen« mit einer kleinen didactischen Erzählung, »Die Lebenskraft oder der Rhodische Genius«. – Der Philosoph F. W. J. Schelling , 1775-1854, schrieb außer anderen dichterischen Versuchen unter dem Namen Bonaventura seine »Letzten Worte des Pfarrers zu Drottning auf Seeland«, in Terzinen von einer Vollendung, die selbst der Meister in dieser Versgattung, Chamisso, nicht überboten hat. – Der namhafte Philologe Friedrich Jacobs , 1764-1847, lieferte musterhafte Uebersetzungen aus der griechischen »Anthologie« und versuchte sich daneben, freilich ohne Glück und seltsamerweise im allerweichlichsten Tone, auf dem Gebiet der Erzählung – »Rosaliens Nachlaß« war lange Zeit eine Art von deutschem Familienbuch! – Dem Historiker K. L. v. Woltmann , 1770-1817, werden wir später als dem Verfasser eines merkwürdigen und ausgezeichneten Romans begegnen. – Endlich sein Fachgenosse, Johann Wilhelm von Archenholz , 1745-1812, schrieb außer seiner, fast zum Volksbuch gewordenen »Geschichte des siebenjährigen Krieges« eine auch stilistisch mustergültige Reisebeschreibung, »England und Italien«. Wir brechen ab, denn es drängt sich, wie gesagt, in einer Zahl und mit einem Glanze heran, vor denen wir in diesem Abriß der Literaturgeschichte bescheiden zurückweichen.   Sechster Abschnitt. Vom Tode Schillers bis zum Scheiden Goethe's (1803-1832). 35. Mit dem Tode Schillers beginnt die Zeit, welche man als diejenige der tiefsten Erniedrigung Deutschlands zu bezeichnen pflegt. Es ist wahr, daß unser Vaterland niemals, weder vor- noch nachher, so vollständig in die Gewalt eines äußeren, erbarmenslosen Feindes gegeben und der Gefahr der Zerreißung so nahe war; daß es niemals unter einem so furchtbaren Druck und einer so schonungslosen Vergewaltigung von außen her gelitten hat. Wer die Geschichte eines Landes und Volkes indessen nicht bloß aus den äußern politischen Vorgängen und Ereignissen aufbaut, sondern auch die inneren Zustände und Verhältnisse, das geistige und Kulturleben einer Nation in Betracht ziehen zu müssen glaubt, wird jener Bezeichnung gar nicht, oder nur bedingungsweise beizupflichten im Stande sein. Als der Druck überwunden und die Fremdherrschaft abgeschüttelt war, folgte bekanntlich nur allzubald eine noch schlimmere Zeit, ein ganzes Menschenalter der grausamsten Knechtung und der schmachvollsten Entwürdigung, eine völlige Lahmlegung alles nationalen Lebens und jedes nationalen Fortschritts, sowie jedes nationalen Selbstgefühls, so daß es wohl am Ende dahin kommen mußte, wohin es kam, das ist, daß Deutschland und die Deutschen nicht nur den übrigen Nationen verächtlich wurden, sondern auch, wenn sie überhaupt noch nachdachten und verglichen und einer tieferen Empfindung fähig waren, sich selber verachten mußten. Man wird uns einzuwerfen versuchen, daß die Wissenschaft niemals in so rastlosem Vorschreiten begriffen gewesen und daß auf allen ihren Gebieten niemals größere Erfolge und Triumphe, sei es wirklich erzielt und gefeiert, sei es angebahnt und vorbereitet worden seien, als grade während dieser trost- und segenslosen Zeit. Das ist wiederum wahr, und wenn wir uns nur an diese Ergebnisse und Triumphe halten und nach ihnen über die damaligen Verhältnisse und Zustände auf geistigem, sittlichem und socialem Gebiet urtheilen wollten, so dürften wir möglicherweise zu dem Schlüsse gelangen, daß das deutsche Volk, grade umgekehrt, kaum jemals besser daran gewesen sei, als im zweiten, dritten und vierten Jahrzehend unseres Jahrhunderts. Aber es würde ein Trugschluß sein. Die Wissenschaft und die Stubengelehrsamkeit stehen mit der Gegenwart und dem gegenwärtigen Leben eines Volks an und für sich in keinerlei Verbindung, sondern bleiben ihnen vielmehr fremd. Ihre Ergebnisse und die von ihnen ausgehende Literatur sind daher für uns auch nur als Zeugnisse der fortschreitenden geistigen Entwickelung von Bedeutung, können jedoch niemals zum Gradmesser des Nationallebens, der Kulturverhältnisse, der öffentlichen und socialen Zustände während einer bestimmten Periode dienen. Einen solchen Gradmesser der untrüglichsten Art bietet uns nur die sogenannte Nationalliteratur , d. h. diejenige, welche in unlösbarem Zusammenhange mit der Nation und mit der Zeit steht, in ihnen wurzelt, mit ihnen steigt und fällt und sie von allen Seiten, im Einzelnen wie im Ganzen auf das getreuste wiederspiegelt. Wenn wir uns an diese halten, durch die Oberfläche ins Innere blicken und uns weder durch glänzende Einzelerscheinungen blenden, noch durch zuweilen erschreckende Auswüchse einschüchtern lassen, so wird unser Urtheil über den vor uns liegenden Zeitabschnitt und seine Unterabtheilungen kaum ein zweifelhaftes sein können. Wie grausam auch der äußere Druck während der nächsten sieben Jahre der Fremdherrschaft war und wie tief auch die nationale Schmach von allen Wackeren und Edlen empfunden wurde, so zeigt uns doch die Literatur dieser Zeit kaum eine einzige Spur von Erdrückung oder auch nur Lähmung des deutschen Geistes. Im Gegentheil, es ist fast, als ob sich derselbe aufrafft und anstrafft und einerseits muthig der Noth der Zeit entgegenringt und andrerseits ihren Forderungen gerecht zu werden strebt. Wir sehen ein Zurückweichen aus den, nur für wenige erreichbaren, idealen Höhen auf den festen und sichern, immerhin noch fruchtbaren Boden der Wirklichkeit und Gegenwart; ein Einlenken von den alten bequemen und herkömmlichen, häufig irreführenden Bahnen auf zuweilen rauhere, unbekannte, aber richtigere Pfade. Man fängt an, zum Volke zurückzukehren, sich an dasselbe anzuschließen, hier aus ihm schöpfend, dort dasselbe ermuthigend, kräftigend und aufklärend. Mit einem Wort, die Literatur dieser traurigen Zeit ist im Allgemeinen eine durchaus kräftige und gesunde, ehrenhafte und erfreuliche. Derjenigen, welche unbeirrt und unbegrenzt durch die Schrecken der Gegenwart, den alten Bahnen folgten und das heitere Reich der Kunst und Poesie gegen die rauhe und rohe Wirklichkeit abzusperren suchten, wie vor allen Uebrigen der Altmeister Goethe selber, waren begreiflicherweise nur sehr wenige. Die älteren Romantiker so gut, wie der sich nach und nach zu ihnen gesellende Nachwuchs, verharrten im Allgemeinen allerdings noch in ihren nebelhaften Regionen; sie bestrebten sich die von ihnen in ihrer Weise erweckte große und schöne Vergangenheit den Zeitgenossen glaubwürdig und nützlich zu machen, und suchten durch die nähere Heranziehung Shakespeare's und der Literatur der romanischen Völker, sowie allmälig auch der Orientalen unsere deutsche zu einer Art von Weltliteratur zu erheben. Allein auch bei einzelnen von ihnen ergab sich grade zu dieser Zeit eine hocherfreuliche Einsicht in die Forderungen der Gegenwart, wie denn Adam Müller und A. W. Schlegel mit voller Entschiedenheit den Fortschritt in der Kunst von demjenigen des politischen Lebens abhängig machten und statt der träumerischen und phantastischen, eine wache, unmittelbare, energische und vor allem patriotische Poesie verlangten, wenn man dem drohenden Unheil noch begegnen, oder dem schon hereingebrochenen Widerstand leisten wolle. Diesen Forderungen genügten die eigenen Schöpfungen direct meistens allerdings nicht im allerentferntesten: trotz der geträumten und verlangten Volkstümlichkeit stehen die eigentlichen Romantiker dieser in Wirklichkeit so fern wie irgend denkbar und dem Volke als solchem so vornehm und unnahbar wie möglich gegenüber. Indirect dagegen, um uns so auszudrücken, stellte sich die Sache bei weitem anders und fehlte es keineswegs an der tiefsten Einwirkung und den allererfreulichsten und dankenswerthesten Folgen. Den Romantikern bleibt das unvergängliche Verdienst, daß ihr steter Hinweis auf jene große nationale Vergangenheit, auf die alte Sprache und Literatur, die Aufmerksamkeit anderer, fähigerer und klarerer Köpfe diesen Gegenständen zuwandte und auf dem Gebiete der einheimischen Sprach- und Literaturforschung eine Thätigkeit anheben ließ, die einen Schatz nach dem anderen zu Tage förderte und uns Deutsche erst erkennen ließ, was für eine Vorzeit das ist, aus welche wir mit mehr Stolz zurückblicken und deren wir uns mehr rühmen können als irgend eine andere Nation. Allein man begnügte sich nicht mit diesem Durchforschen und Wiedererwecken der Vergangenheit, sondern man begann sozusagen auch in die Tiefen der Gegenwart einzudringen und sich, wie wir oben sagten, an das Volk anzuschließen, dasselbe in seiner Eigenart kennen zu lernen und seine Schätze zum Gemeineigenthum der ganzen Nation zu machen. Hier beginnt nicht nur die Literatur für das Volk, sondern auch diejenige aus ihm, und in dieser letzteren sind wenigstens die jüngeren Romantiker wiederum die Anführer. Was Herder vor dreißig Jahren begonnen und was seitdem fast vollständig geruht hatte, wurde jetzt auf das eifrigste und erfolgreichste wieder aufgenommen, und die Volkslieder, die Volksbücher, die Volkssagen, die Volksmärchen traten in die Literatur ein mit erfrischendem und belebendem Hauch; sie offenbarten die Einheit des deutschen Geistes in allen Klassen und Ständen und lehrten von neuem die Deutschen sich in ihrer Zusammengehörigkeit und als Nation erkennen und fühlen. Aber auf solche Aeußerungen beschränkte sich das Literaturleben während dieses ersten Abschnittes keineswegs. Hin und wieder erhebt sich nicht nur aus den Reihen der Aelteren, sondern auch und zwar noch häufiger aus dem Kreise der Romantiker eine Blume voll wunderbarer Schönheit und reichen Duftes, unangefochten vom Ernst und den Schrecken des Tags. Hie und da trat ein wirklicher Patriot auf die Bühne, der in stolzer Verachtung der ihm drohenden Gefahren, voll Strenge und voll Zorns, die Nation wach rief und an ihre Pflichten und ihre Aufgaben erinnerte. Und endlich tauchten, wiederum grade in diesen Jahren, vereinzelt in dem schwer heimgesuchten Norddeutschland, zur Schule, der schwäbischen, vereint im freieren Süden, junge Dichter auf, welche wir noch heute zu unseren größten und besten zählen müssen. Die Ungesundheit oder wirkliche Krankheit, die Entmuthigung oder volle Verzweiflung zeigt sich uns stets nur in ganz vereinzelten Fällen. Wie ganz, wie himmelweit anders erscheint uns, nach dem kurzen gewaltigen, todesmuthigen und jubelvollen Ausschwung der Befreiungsjahre, die Literatur während der folgenden anderthalb Dezennien bis zum Schluß dieses Abschnitts! Die Ungesundheit und wirkliche Krankhaftigkeit, die Unnatur und die geschmacklose Künstelei, die völlige Verwässerung und die nackte Unfähigkeit und Geistlosigkeit drängen sich uns bald mit widerlicher Ziererei oder in heuchlerischer Bescheidenheit, bald mit erschreckender Anmaßung oder gar mit anwidernder Frechheit entgegen. Die besseren und wirklich guten, natürlichen und einfachen oder gar noch wahrhaft schönen Erscheinungen auf dem Felde der sogenannten »schönen« Literatur sind zu seltenen und immer selteneren Ausnahmen geworden: hie und da erhebt sich ein Einzelner, meistens obendrein noch mit großer Schüchternheit und Unfertigkeit, gegen das allgemeine Verderbnis; und die fortwuchernde Fäulniß; hin und wieder ist einem Einzelnen das Verständnis; von Walter Scott's Größe ausgegangen und ermuthigt ihn zu eigenen Versuchen; dem Einen oder Anderen offenbaren sich die Schöpfungen Byrons oder Thomas Moore's, aber meistens nur, um ihn sich in schlechten Uebersetzungen versuchen zu lassen. Kurz, es ist die trostlose Zeit der Taschenbücher und belletristischen Zeitschriften, der Wasserpoeten und faden Unterhaltungsscribler, jene Zeit, von der Platen so bitter und so wahr sagt: »Dieses mark- und knochenlose Publikum beklatschet nur, Was verwandt ist seiner eignen Froschmoluskenbreinatur; Kommt ja von Berlin und Dresden ein Roman mit jeder Post, Bis die Deutschen kindisch werden über diese Kinderkost!« Aber das war es eben: man wollte im Volk keine Bildung, keine Interessen und keine Theilnahme, keine Anregung und keine Aufklärung, welche den Unterdrückern hätten gefährlich werden können. Und um alles aus dem Wege zu räumen, was den beschränkten Unterthanenverstand und den erleuchteten der Regierenden auch nur im Entferntesten inkommodiren könnte, unterwarf man nicht nur die neue Literatur einer nachsichtslosen Censur, welche kein offenes und freies Wort mehr passiren ließ, sondern rückte auch die älteren großen Werke der Nation aus den Augen: Stücke wie »Egmont«, »Fiesko«, »Tell« durften auf den Bühnen des größten deutschen Staats, Preußens, bis zum Jahre 1840 nicht aufgeführt werden. Und daß sie auch sonst unschädlich blieben, dafür sorgten die theuren Ausgaben, welche die Werke unserer Klassiker nur in die Hände der Begüterten gelangen ließen. 36. Wie tief der Verlust Schillers von Goethe empfunden wurde, das hat er selber viele Jahre später in den »Tag- und Jahresheften« uns ergreifender geschildert, als es irgend ein Biograph zu thun vermöchte: die kurze Mittheilung gehört zu dem Schönsten, was der Meister jemals geschrieben hat, und sie muß uns um so tiefer zu Herzen gehen und den Schmerz und die Trauer des Freundes uns um so rührender erscheinen lassen, als es die einzige Offenbarung dieser Art ist, die wir von Goethe irgend einmal erhalten haben. Wie tief und schmerzlich er sonst auch unter dem Verlust eines Freundes gelitten hat, so ließ er doch selbst seine nächste Umgebung kaum etwas erfahren und pflegte niemals davon Kunde zu geben. Hier, wo er die »Hälfte seines Daseins« verlor, ließ ihn die stille Fassung im Stich und kehrte ihm niemals zurück – er hat Schillers Verlust niemals überwunden. Daß er den Plan, des Freundes »Demetrius« zu vollenden und in ihm uns ein unvergängliches Denkmal dieses Freundschaftsbundes aufzustellen, nicht zur Ausführung zu bringen vermochte, dürfen wir nicht bedauern: einer solchen Aufgabe war er ebenso wenig gewachsen, wie einer von denen, die sich später wirklich an derselben versuchten. Statt dessen gab er uns den »Epilog« zu Schillers »Glocke«, welche er im August auf dem Theater zu Lauchstädt dramatisch aufführen ließ, – eine Todtenklage, wie sie nie und in keiner Sprache einem Geschiedenen wieder nachklang. Und wenn man es überhaupt von Worten und Versen sagen kann, daß sie wie Kirchenglocken, läuten, so muß man's hier sagen: »Denn er war unser! Mag das stolze Wort Den lauten Schmerz gewaltig übertönen! Er mochte sich bei uns, im sichern Port, Nach wildem Sturm zum Dauernden gewöhnen. Indessen schritt sein Geist gewaltig fort Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen, Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine, Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.« Wir bewundern auch in diesen Jahren die rastlose Thätigkeit Goethe's und die unversiegliche Geistesfrische, welche der nunmehr Sechzigjährige bei jeder Arbeit im unveränderten Maße bewährte, während der Körper allerdings häufig unter peinlicher Krankheit zu leiden hatte. Die naturwissenschaftlichen Arbeiten nehmen ihren Fortgang, seine Berufsgeschäfte werden auf das treulichste weiter versehen, die Leitung des Theaters und das Arrangement von allerlei Festdarstellungen, Aufzügen und was dergleichen mehr ist, verschlingt die edelste Zeit. Allein die Poesie kommt darüber nicht zu kurz: zwischen den zahlreichen Gedichten an einzelne Personen und zu besonderen Gelegenheiten finden sich stets wieder die duftvollsten Blüthen; hie und da erscheint auch ein köstliches Lied, und Balladen wie »Wirkung in die Ferne«, »Johanna Sebus«, »Der Todtentanz«, »Die wandelnde Glocke« u. s. w. folgen einander. Endlich gehören in diese Zeit auch die Sonette , welche an Minna Herzlieb , eine Pflegetochter des Buchhändlers Frommann in Jena, gerichtet sind und uns Kunde von dieser neuen, warmen – andere sagen: leidenschaftlichen – Neigung des Dichters geben. Er bewährte sich auch in dieser für ihn neuen Form, welche er später nur selten oder nie wieder gebraucht hat, als Meister. Zu den prosaischen Schöpfungen übergehend, gedenken wir vor allem der noch im Jahre 1805 vollendeten Uebersetzung eines Dialogs von Diderot , »Rameau's Neffe«, – eines wunderbaren Werkchens voll von Geist und Leben, von Grazie und Uebermuth und von unserem Dichter in einer Form wiedergegeben, die über alles Lob erhaben ist. Man muß daher, wenigstens von dieser Seite, diese Nachbildung eines fremden Originals auch zu unseren klassischen Schriften zählen, während grade andere eigene Prosa-Arbeiten aus diesen Jahren, wie die Erzählungen, welche später meistens in die »Wanderjahre« aufgenommen wurden – wir nennen nur: »St. Joseph der Zweite«, »Die neue Melusine«, »Die pilgernde Thörin«, »Der Mann von fünfzig Jahren«, »Die gefährliche Wette« –, auf einen solchen Platz nur einen sehr zweifelhaften Anspruch haben dürften. Denn wie kunstvoll sie sein mögen, erscheinen sie doch fast alle ohne Wärme und eigenes, dem Leser entgegenathmendes Leben und leiden auch sprachlich hin und wieder schon an der Steifheit oder vielleicht richtiger gesagt, Erstarrung, welche Goethe's späteren Stil leider uns häufig unerquicklich macht. Es sind, um uns so auszudrücken, keine eigenthümlichen, frischen Natur-, sondern auf das sorgfältigste ausgearbeitete Kunstproducte, welche nur ausnahmsweise noch den frisch und frei schaffenden Geist zum heiteren Aufschwung und zur unbefangenen Offenbarung gelangen lassen, vielmehr ihn meistens unter der Herrschaft des kühl und weise berechnenden Verstandes halten. Am deutlichsten zeigt sich uns dies an der im Jahre 1826 geschriebenen, vielgepriesenen, sogenannten »Löwennovelle«, einer Arbeit, welche ohne Vorurtheil angesehen, uns nur zum Beweise dienen zu können scheint, daß selbst dieser Geist endlich dahinzuschwinden begann. Eine von den kleineren Erzählungen wuchs dem Dichter unter der Hand aber über das beabsichtigte Maß hinaus und wurde zum Roman »Die Wahlverwandtschaften«, einer Schöpfung, welche in Ansehung der inneren Einheit, der harmonischen Gruppirung, der lebendigen Characterzeichnung, überhaupt der künstlerischen Verarbeitung des hochtragischen Stoffs selbst unter Goethe's Werken nicht ihres Gleichen hat; einer Schöpfung, in und mit welcher der Dichter sich ganz und gar wieder dem gegenwärtigen Leben, den modernen Verhältnissen und Conflicten zuwandte, so daß dieser Roman, so betrachtet, nicht nur der erste deutsche Socialroman überhaupt, sondern auch bis auf den heutigen Tag das unerreichte Vorbild und Muster dieser Gattung geblieben ist. »Niemand verkennt an diesem Roman«, sagt Goethe selber in den »Annalen«, »eine tief leidenschaftliche Wunde, die sich im Heilen zu schließen scheut, ein Herz, das zu genesen fürchtet. – Der 3. October (1809) befreit mich von dem Werke, ohne daß die Empfindung des Inhalts sich ganz hätte verlieren können.« Und anderwärts fügt er hinzu, daß kein Strich in dieser Arbeit sei, den er nicht selbst erlebt, wenn auch keiner so, wie er ihn erlebt habe. Wir haben also auch hier eine von jenen Confessionen vor uns, durch welche der Dichter sich von dem Druck und Schmerz einer neuen schweren Lebenserfahrung zu befreien suchte, und man gibt an, daß es diesmal die leidenschaftliche und aussichtslose Liebe zu der schon genannten Minna Herzlieb gewesen sei, welche er zu überwinden hatte. Ob diese, fast allgemein angenommene Erklärung die richtige ist, haben wir hier nicht zu untersuchen. – Goethe sagte einmal zu Eckermann, daß »die Wahlverwandtschaften« das einzige Product seien, bei dem er sich bewußt gewesen, nach Darstellung einer durchgreifenden Idee gearbeitet zu haben. Wie in der Chemie sich Stoffe anziehen und abstoßen, so fühlen sich auch, nach einem für uns nicht erkennbaren Gesetz, Charactere von einander angezogen und abgestoßen. Aber die sittliche Kraft im Menschen soll stärker sein als jener dunkle Trieb, wenn nicht Haus und Familie und der Mensch selber zu Grunde gehen soll. Durch den Conflict der Natur und des Gesetzes, der Leidenschaft und Pflicht wird dieser Stoff zu einem tragischen im vollen Sinn dieses Wortes und die ganze Ausführung und Behandlung von Seiten des Dichters entspricht diesem Grundcharacter bis zum Schluß. – Was den Eindruck dieses außerordentlichen Werkes abschwächt und was uns als sein Hauptmangel erscheint, ist die Dunkelheit, ja Unglaubhaftigkeit des eigentlichen Motivs: wir glauben weder an die unwiderstehliche, dämonische Naturmacht, noch an die ebenso unwiderstehliche und unbesiegbare Gewalt des Sittengesetzes, d. h. hier an die völlige Unauflöslichkeit der Ehe. Daher finden wir denn auch in dem hereinbrechenden Verhängniß und dem endlichen Untergange weniger die zwingende Naturnothwendigkeit, als die künstlerische und menschliche Willkür. Ob der Roman mehr sittlich oder unsittlich sei, darüber läßt sich nach unserer Ueberzeugung kein maßgebendes Urtheil fällen, noch eine Uebereinstimmung unter den Beurtheilern erzielen. Goethe behandelt keinen Satz aus der Sittenlehre, sondern gibt uns ein Bild des Lebens und eine Darstellung der Wirklichkeit. Darin haben wir zugleich Gutes und Böses vor uns, über das unvermeidlich jeder nach seiner individuellen Anschauung und Auffassung urtheilen muß. Der Stil der »Wahlverwandtschaften« rechtfertigt die ihm gezollte Bewunderung im Allgemeinen nicht: neben manchen vollendet schönen Stellen finden sich zahlreiche andere, deren Sprache uns durch ihre Künstlichkeit, durch übertriebene Glätte, merkwürdig steife Wendungen und allerhand abstracte Ausdrücke erkältet und befremdet. Wir begegnen auch hier schon jener erwähnten Erstarrung und Leblosigkeit, welche den Genuß der Alterswerke des Meisters je länger desto mehr beeinträchtigt. Ganz anders steht es grade auch in dieser Richtung mit dem zunächst folgenden großen Werke – mit der Biographie, welche unter dem Titel »Aus meinem Leben, Wahrheit und Dichtung«, vom Jahre 1811 an erschien. Als Lebensgeschichte hat man dies Buch allerdings mit großer Vorsicht aufzunehmen. Goethe stellt nicht nur manches anders dar, als es in Wirklichkeit gewesen und geschehen und verfällt nicht selten in Irrthümer, die allerdings dem der Jugend und den Jugendgenossen fernstehenden Greise verziehen werden dürfen. Nein, er fertigt häufig auch das Allerbedeutendste mit den flüchtigsten Worten ab oder verschweigt es ganz, ohne daß sich ein Grund für solche Heimlichthuerei entdecken ließe. Aber was nun das Vorhandene, die Erzählung, die Schilderung und Darstellung selber betrifft, so steht dies Werk in seinen allermeisten Partien durch ungeschminkte Natürlichkeit und durchsichtige Klarheit, durch entzückende Frische und reizvolle Anmuth, durch wunderbare Anschaulichkeit und nicht am wenigsten endlich durch die Höhe, die Reinheit und Freiheit der Lebensanschauung, auf der höchsten Höhe der Literatur und hat kaum auch in anderen Sprachen irgendwo seinesgleichen. Was hier erreicht wurde, ist dem Dichter in den später folgenden, an dies erste sich anschließenden und dasselbe ergänzenden Werken, der »italienischen Reise«, der »Campagne in Frankreich«, der »Belagerung von Mainz«, den ausgeführteren Partien der »Annalen« u. s. w. nur ausnahmsweise wieder gelungen. Um so beachtenswerther ist es jedoch, daß er bei Wiederaufnahme der eigentlichen Biographie, deren vierter Band erst im vorletzten Lebensjahre 1831, zum Abschluß gelangte, ganz den alten Ton wieder fand und dem Werk die gleichen Vorzüge zu geben vermochte, durch welche die früheren glänzen. Wo Goethe's einzige Natur zum reinen Ausdruck kam, siegte sie selbst über den Verfall und die Grillen des Alters und offenbart sich uns in ihrer vollen Ursprünglichkeit. Von den dramatischen Arbeiten während dieser Jahre bis zu den Befreiungskriegen wissen wir nichts zu sagen. Es fehlte nicht an Plänen und Anfängen, und ein kleines Lustspiel, »Die Wette«, wurde mit alter Leichtigkeit wie spielend aus dem Aermel geschüttelt. Etwas Nennenswerthes findet sich aber nicht, und das Festspiel zur Feier des Friedensschlusses in Berlin, »Des Epimenides Erwachen« – Goethe hatte den Antrag, ein solches Stück zu schreiben, mit merkwürdiger Selbstverblendung bereitwillig übernommen, hieß die Aufgabe aber gleich darauf schon eine ungeheure und kaum zu lösende! – gehört zu jenen Arbeiten, die am besten ungeschrieben geblieben wären: es ist ein kaltes, nüchternes, oft kaum verständliches Verstandesproduct, mit dem die Poesie so gut wie gar nichts zu thun hat. Goethe war eben nicht im allerentferntesten, was man einen Patrioten heißt, sondern stand auf seiner einsamen, alles überragenden und beherrschenden Höhe weit über den Parteien, ja über den Völkern – er sah die Welt nicht im Einzelnen, sondern im Ganzen vor sich. Der Druck der Fremdherrschaft und Deutschlands Schmach hatte ihn im Allgemeinen kaum berührt und der Aufschwung und die Begeisterung der Kriegesjahre rissen ihn nicht mit fort: er sah in der Vergangenheit kein besonderes Elend und in der Gegenwart kein besonderes Glück – er sah, wie er selber sagt, nicht Befreiung vom Joche der Fremden, sondern nur von einem fremden Joch und statt der Franzosen und Italiener Kosaken, Baschkiren, Kroaten und Magyaren; er sah statt des versinkenden Westen den jetzt herauf drohenden Osten und hat das kommende Unheil mit einer Klarheit, sei es vorausgeahnt, sei es vorausgesehen, von welcher nicht in einem einzigen unserer Staatsmänner und Patrioten auch nur eine Spur zu entdecken war. Man hat den großen Menschen und Dichter bekanntlich für seinen sogenannten Nicht-Patriotismus mit einem unermeßlichen, halb kindischen, halb albernen Haß angegriffen und verfolgt – sogar bis in die allerneueste Zeit. Darüber verliert man am besten kein Wort, denn ein solches vermöchte keinen zu bekehren, der nicht durch Goethe selber zu bekehren ist. Und nicht anders ist es mit jenem allergrimmigsten Vorwurf, daß er keine patriotischen und Kriegslieder gesungen. Darauf hat er selber die goldenen Worte geantwortet: »Kriegslieder schreiben und im Zimmer sitzen! Das wäre meine Art gewesen! – Was ich nicht lebte, habe ich auch nicht gedichtet.« – Er vermochte nicht mehr zu kämpfen und vermochte nicht zu hassen, so sang er denn auch keine Lieder des Kampfes noch des Hasses. 37. Zunächst betrachten wir einige Schriftsteller, deren Thätigkeit entweder ganz und gar oder doch in ihren bedeutendsten Werken diesem ersten Abschnitt unserer Periode angehört. Hier begegnet uns zuerst Friedrich Ludwig Zacharias Werner , der 1768 zu Königsberg geboren wurde, 1811 in Rom zum Katholicismus übertrat und 1823 in Wien, wo er eine Zeit lang als Prediger Aufsehen gemacht hatte, starb. Zacharias Werner zeigt uns in seltener Grellheit eine jener von Hause aus auf das höchste, ja gewaltig begabten Naturen, welche uns aber weniger durch ihre Riesenhaftigkeit als durch die, mit dieser verbundene Ungeschlachtheit und Plumpheit auffällig werden. Ohne den nothwendigen inneren sittlichen Halt und ohne die, den wahrhaft großen Geist auszeichnende, ja ihn erst zu seiner Höhe erhebende innere Klarheit, finden sie für sich weder im Leben, noch in der Kunst den richtigen Platz und vermögen weder im Leben, noch in der Kunst sich selber gerecht zu werden. Solche Erscheinungen können und dürfen uns unter Umständen Bedauern und Theilnahme einflößen, allein Werner vermag es dahin nicht zu bringen. Seine Natur und sein Leben offenbaren sich uns von früh auf als sich selbst zerrüttende in frivolster und unwürdigster Weise, und zwar ohne daß die Ungunst der Verhältnisse ihn ins Verderben getrieben hätte. Leichtsinn, Sinnlosigkeit, Anmaßung, Eitelkeit, Unwahrheit, Heuchelei und was den Menschen sonst verunehrt, erschrecken uns auf Schritt und Tritt und halten ihn auch in seinem künstlerischen Streben von der ihm, anscheinend durch sein Talent angewiesenen Höhe fern. In seinen Schöpfungen finden sich hart neben einander, ja wirr und wüst durcheinander Partien von unleugbar großer Schönheit, von überraschender Gewandtheit und Kraft in Darstellung und Sprache, und eine Formlosigkeit sondergleichen, ein grausiges Gebräu von Glauben und Aberglauben, von toller Mystik und wilder Phantasie, und eine bis zum Fratzenhaften sich steigernde Uebertreibung. Was zur Erklärung und Entschuldigung dieses abstoßenden Charakters – wenn überhaupt von einem solchen bei Werner noch zu reden ist! – allenfalls dienen könnte, ist der Umstand, daß seine Mutter schon früh an geistigen Störungen litt und endlich wirklich gemüthskrank wurde. Von seinen Arbeiten nennen wir außer seinem ersten und wohl besten dramatischen Gedicht, »Die Söhne des Thals«, in welchem eine Verschmelzung maurerischer, romantischer und katholischer Elemente versucht wird, nur das 1806 vollendete Drama »Martin Luther, oder die Weihe der Kraft«, ein Stück, das einzelne schöne, ja gewaltige und hinreißende Partien enthält, aber auch in toller Mystik und Rhetorik das Mögliche leistet und aller inneren Klarheit entbehrt. Das Werk hat seinerzeit in Berlin, wo es zuerst dargestellt wurde, viel Aufsehen gemacht und einen heftigen Streit im Publikum erregt, ob der Reformator auf die Bühne geführt werden dürfe oder nicht. Eine Maskenfahrt der Berliner Offiziere, bei welcher alle Personen des Drama's, zum Theil in den pikantesten Situationen erschienen, rief eine Sistirung der Aufführungen hervor. – Beiläufig sei hier erwähnt, daß Werner später als fanatischer Katholik das Stück durch eine »Weihe der Unkraft« zu widerrufen versuchte. Als eine weitere Arbeit führen wir die Tragödie »Der 24. Februar« an, welche, im Winter 1808 auf 1809 zu Weimar, so zu sagen unter Goethe's Augen geschrieben und bald nachher auch daselbst aufgeführt, im Publikum und in der Literatur Sensation machte und in der letzteren zu den unheilvollsten Folgen führte. Es ist ein noch mehr widerliches als grausenhaftes Stück, in welchem ein wilder und wüster Fatalismus dominirt und alle Vernunft und alle Selbstbestimmung des Menschen vernichtet. Obgleich etwas Aehnliches auch schon in früheren Arbeiten Anderer angedeutet ist, wie z. B. in einem verschollenen Stück von Moritz , »Blunt, oder der Gast«, in Jugendwerken Tieck's und vor allem, aber freilich in bei weitem edleren und höheren Sinne, in Schillers »Braut von Messina«, so ist doch diese, das menschliche Gefühl und die menschliche Vernunft entehrende Idee nirgends zuvor in solcher Nacktheit und Graßheit zur Darstellung gelangt. Und was das schlimmste war, es folgten diesem Stück alsbald die ganze Reihe der abscheulichen, sogenannten »Schicksalstragödien« von Müllner , Grillparzer , Houwald , Zedlitz , Raupach und wie sie sonst heißen, welche unsere Literatur verunehrten, den Geschmack des Publikums verwilderten und selbst die Schauspielkunst zur Unnatur hinüberführten. Eine um vieles edlere und zugleich tief ergreifende Erscheinung ist Heinrich von Kleist , einer der genialsten und unglücklichsten Dichter unseres Jahrhunderts. Es ist ein außerordentliches Talent, das, wenn irgend eines, demjenigen Goethe's nahe kommt und den Dichter weit über alle seine Zeitgenossen, zumal über die Romantiker erhebt. Ja, der alte Wieland hat wohl kaum Unrecht gehabt, als er sagte, daß Kleist dazu berufen gewesen zu sein scheine, die immer noch vorhandene Lücke in unserer dramatischen Literatur auszufüllen und er vor allen war dazu befähigt, uns das ächt nationale Drama zu geben. Allein dahin kam es nicht. Diese Natur und dies Leben waren schon von früh an tief dunkle und verdunkelten sich immer mehr unter dem Druck der Zeit und der Ungunst der Verhältnisse. Zu Frankfurt a. d. O. 1776 geboren, endete der Unglückliche, krank an Leib und Seele, im November 1811, nachdem er eine gleichfalls kranke Freundin auf ihr Verlangen erschossen hatte, durch eigene Hand. Was ihn aber in den Tod trieb, war sicherlich nicht allein diese leibliche und geistige Zerrüttung, sondern zugleich auch der Schmerz des an der Rettung des Vaterlandes verzweifelnden Patrioten und nicht am wenigsten die Entmuthigung des Dichters, der im Bewußtsein, das Höchste zu erstreben und im Gefühl seines Werths, sich von den Zeitgenossen weder erkannt noch unterstützt sah. Sie wußten kaum von ihm, und die nächste Generation vergaß ihn beinahe vollständig, bis erst die neueste Zeit ihn wieder hervorgezogen und ihn uns nach Verdienst würdigen gelehrt hat. Schon sein erstes großes Stück, »Die Familie Schroffenstein«, eine Art von Schicksalstragödie, machte damals, 1803, Aufsehen und ließ viel von dem Dichter erwarten. Das Lustspiel »Der zerbrochene Krug«, hervorgegangen aus einem poetischen Wettstreit mit Heinrich Zschokke und Ludwig Wieland , dem Sohn des alten Weimaraners, gehört zu dem Kennenswerthesten und Interessantesten, was wir auf diesem Gebiet besitzen: die gradezu meisterhafte Behandlung eines an und für sich trockenen und dürftigen Stoff's ist außerordentlich lehrreich. Das Ritterschauspiel »Das Käthchen von Heilbronn« und das reichste und schönste seiner Werke, »Prinz Friedrich von Homburg«, welches neuerdings wieder für die Bühne gewonnen ist, haben seinen Namen bei den Zeitgenossen und bei uns am bekanntesten gemacht. »Die Hermannsschlacht«, erst nach seinem Tode veröffentlicht, athmet den ganzen Haß des Dichters gegen die Fremdherrschaft aus und erregt nicht nur in einzelnen Theilen die vollste Bewunderung, sondern verdient auch als Ganzes unsere lebhafteste Anerkennung. – Endlich, um von den übrigen Stücken zu schweigen, finden sich zwischen seinen Erzählungen manche, die wie »Die Marquise von O...«, und »Michel Kohlhaas«, bis auf den heutigen Tag zu den Perlen unserer erzählenden Literatur und den Musterstücken einer klassisch-schönen Prosa zu rechnen sind. Auf diese beiden dunklen und krankhaften Erscheinungen, welche sich, ob auch in einem gewissen oberflächlichen Zusammenhange mit den Romantikern, doch im Grunde ziemlich unabhängig uns darstellen, folgt eine dritte desto hellere, kerngesunde und selbstständige und zugleich eine der liebenswürdigsten, deren wir im ganzen Bereiche unserer Literatur begegnen. Das ist Johann Peter Hebel , geboren 1760 zu Basel, wo seine armen, aber treuen Eltern, zu Hausen bei Schopfheim im badischen Wiesenthal wohnend, Sommers ihrem Verdienste nachgingen, und gestorben auf einer Dienstreise zu Schwetzingen als badischer Prälat 1826. Hebel kam verhältnißmäßig spät zum Dichten. Seit 1791 zu Karlsruhe als Lehrer am Gymnasium und Prediger angestellt, litt er unter den häufig drückenden Amtsgeschäften nicht selten an Heimweh nach seiner friedlichen, schönen Heimat, und dieses war es hauptsächlich, was in den Jahren 1801 und 1802 die meisten jener Gedichte hervorrief, welche zuerst ein Jahr später unter dem Titel, »Allemannische Gedichte, für Freunde ländlicher Natur und Sitten«, erschienen, in ganz Deutschland allsogleich das größte Aufsehen machten und von den Ersten der Nation, wie besonders von Goethe und Jean Paul, mit der herzlichsten Anerkennung aufgenommen wurden. In jenem Dialect abgefaßt, der »zwischen Frickthal und Sundgau und weiter, bis an die Vogesen und Alpen, über den Schwarzwald hin, in einem großen Theil von Schwaben« herrscht, sind sie, abgesehen von den früheren, wenig bedeutenden Versuchen von Johann Heinrich Voß in plattdeutscher Sprache, das erste Beispiel der seitdem ziemlich häufig cultivirten Dialectdichtung und, wenn wir gerecht sein wollen, an Volksthümlichkeit nur ausnahmsweise erreicht und in sehr seltenen Fällen übertroffen worden. Indessen müssen wir gestehen, daß gerade in Ansehung dieser letzteren, der ächten Volksthümlichkeit , auch die »allemannischen Gedichte« die ihnen gewidmete Bewunderung im Allgemeinen nicht rechtfertigen. Die Dialect-Dichtung erscheint als wirkliche Volksdichtung nur dann, wenn man in ihr nicht bloß die Mundart, sondern auch den Sinn und Geist, die Auffassung und Anschauung des Volksstammes wiederfindet. Wo dies nicht stattfindet, kann man eigentlich nur die Originalität und Naivetät des mundartlichen Ausdrucks und die Sprachgewandtheit des Verfassers bewundern, am wenigsten aber von wahrer und voller, geschweige denn volksthümlicher Poesie reden. Hieran leidet, wie die meisten der Nachfolger, auch Hebel nicht selten in hohem Grade. Diese Dichtungen sind voll frischer Eigenthümlichkeit und häufig auch Natürlichkeit, voll von Gemüth und frommem Sinn; es sind Bilder aus der Heimat und der Heimatgenossen, der eigenen Kindheit, Abspiegelungen der Lebensweise, der Sitten, der Denkart seiner Landsleute, aber letzteres doch nur insoweit, als sie in dem Dichter selbst noch nicht durch seinen Lebensgang und seine Bildung unwillkürlich und doch ganz unvermeidlich beeinflußt worden sind. Wir finden in diesen Gedichten nicht bloß Beschreibung und Schilderung, sondern auch die Lehre, die Moral, die Reflexion und Nutzanwendung, und sogar die Allegorie, alles, was dem Volke als solchem im Grunde völlig fern liegt und ein wesentliches Ingredienz der Kunst poesie bildet. Mit einem Wort, in und aus diesen Gedichten spricht nicht das Volk zu uns, sondern nur der treue, wackere, liebevolle, herzliche Volksmann Hebel von seinem geliebten, tüchtigen Volk und über dasselbe, so daß wir ihm selbst und seinem Volke herzlich gut werden müssen. Das erkennt man, ohne Vorurtheil lesend, grade an den bedeutendsten dieser Gedichte, wie an »der Wiese«, dem tiefsinnigen »Karfunkel«, dem schönen »Der Morgenstern« u. s. w., wie meisterlich sie formell und sprachlich und wie poetisch sie als Gedichte sein mögen. Und nur ganz wenige und zwar meistens auch nur in einzelnen Versen, wie beispielsweise das bekannte »Hans und Verene«, »Wächterruf«, »Der Sperling am Fenster«, »Der Schreinergesell«, das treffliche »Der Schwarzwälder im Breisgau (Z' Müllen an der Post)«, klingen uns sozusagen gradeswegs aus dem Volk entgegen und ins Herz hinein. Was aber gegen diese Gedichte am meisten und zwar mit vollem Recht einnehmen muß, jede reine Wirkung aufhebt und den Character der Volksthümlichkeit von vornherein völlig zerstört, ist der Umstand, daß auch der klare und einsichtige, poesie- und geschmackvolle Hebel auf jenen räthselhaften, damals freilich allgemein verfolgten und selbst heute noch nicht ganz ausgegebenen Abweg des klassischen Versmaßes, d. i. des Hexameters, gerieth, welches schon in unserer hochdeutschen Poesie als ein ungerechtfertigtes und fremdartiges erscheinen, in der Dialectdichtung aber für eine gradezu widersinnige und vollkommen geschmacklose Spielerei erklärt werden muß. Unter den hochdeutschen Gedichten Hebels finden sich wenigstens zwei ächte und schöne Lieder, die weit bekannten: »Jetzt schwingen wir den Hut«, und »Steh ich im Feld«. Aber auch hier tritt uns Hebel in seiner vollen Bedeutung und unerreichten Eigenthümlichkeit noch nicht nahe, sondern diese erreicht und offenbart er uns erst in jenen kleinen Geschichten, Schnurren, Anekdoten, belehrenden Artikeln, politischen Rundschauen u. s. w., welche er zuerst im »badischen Landeskalender« für 1807 und von da an im Kalender des »Rheinländischen Hausfreundes« Jahr auf Jahr bis 1814 veröffentlichte und – die ersten vier Jahrgänge – 1811 im »Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes« gesammelt erscheinen ließ. Dieser Kalender ist der beste seiner Art, der jemals in Deutschland oder irgend einem anderen Lande erschienen ist, und die Beiträge Hebels bilden vereint nicht nur die beste Volksschrift, welche wir besitzen, sondern müssen auch den Gebildetsten stets von neuem erfreuen. Hier ist die glänzendste Klarheit und unnachahmliche Frische, hier die reinste und naivste Volksthümlichkeit; hier spricht uns fort und fort das tiefste Gemüth an, die neckischste Laune, die fröhlichste Schalkhaftigkeit, ein unendlich wohlthuendes, reines Behagen, der frömmste Sinn, der redlichste, herzlichste Wille, das Volk zu belehren, zu bilden. Und das alles in durchweg edler und dennoch ganz und gar einfacher und natürlicher Sprache, wo nicht ein Wort, nicht eine Wendung aus dem Tone fällt, wo nicht ein Mißklang stört und nicht eine einzige Spur von berechneter Kunst des Prosaikers zu entdecken ist – alles ist aus einem, dem reinsten und schönsten Guß. Was Hebel hier zu Stande gebracht hat, ist völlig einzig in seiner Art, und die zahlreichen, zum Theil von hervorragenden Geistern versuchten Nachahmungen lassen uns eben nur die unerreichbaren Vorzüge des Vorbildes in um so hellerem Lichte erscheinen. Als Patriot im landläufigen, zumal im damaligen Sinne des Worts, zeigt sich Hebel in seinem »Schatzkästlein« eigentlich nirgends: zum Hassen war seine Natur nicht gemacht und überdies war der Druck der Zeit in Süddeutschland und besonders in Baden ein bei weitem nicht so schwerer, wie im Norden, wie denn später auch im Süden der endliche Ausbruch und Aufschwung wider den Feind ein bei weitem nicht so enthusiastischer und allgemeiner war. Im höheren und edleren Sinne jedoch war Hebel ein Vaterlandsfreund, wie wir ihrer nicht viele finden. Niemand hat seine Heimat und sein Volk mehr geliebt und besser gekannt als er, niemand hat es treuer und ehrlicher mit demselben gemeint und so unermüdlich auf die Aufklärung, auf die Erweckung und Pflege seiner guten Eigenschaften, seines gesunden Geistes, seiner geistigen und sittlichen Weiterbildung hingearbeitet. – Das »Schatzkästlein«, vermehrt durch Auszüge aus den folgenden Jahrgängen des Kalenders, ist ein Schatz für unser Volk wie für unsere Literatur, ein Volksbuch ersten Ranges und sollte in keinem Hause und keiner Familie Deutschlands fehlen. Von Joh. Gottl. Fichte , 1762-1814, dem großen Philosophen, über dessen außerordentlichen Einfluß und hervorragende Bedeutung wir in unserem Abriß nicht zu sprechen haben, wollen wir hier wenigstens die »Reden an die deutsche Nation« anführen, welche er im Winter von 1807 auf 1808 in Berlin hielt, trotz der Franzosenherrschaft; in denen er die Deutschen zusammenrief zur Nation und sie sich kennen lehrte in ihrer Schwäche und in ihrer Stärke, in ihren Pflichten wider das Vaterland. Diese Reden dürfen auch für uns noch als Zeugniß kühnen und freien Mannesmuths theuer sein und bleiben ein Muster der gewaltigsten öffentlichen Beredsamkeit. Johann Gottfried Seume , 1763-1810, ist, nachdem er während seines Lebens wenig bekannt geworden, neuerdings mehr und mehr vergessen worden – mit großem Unrecht, da seine Schriften uns nicht nur in ihrem Verfasser einen zwar trotzigen und herben, aber durchaus ehrenhaften, republikanisch strengen und reinen Charakter, einen Mann von tiefer Einsicht und unbeugsamer Wahrheitsliebe erkennen lassen, sondern auch die heimischen, trostlosen und schmachvollen Zustände vor 1806 und während der Franzosenherrschaft mit schonungsloser Offenheit ans Licht ziehen. – Als er in seiner Jugend, ein junger Student, von Leipzig nach Paris gehen wollte, wurde er unterwegs von hessischen Werbern aufgegriffen und an die Engländer für den Krieg in Amerika verkauft – diese Art des Menschenhandels florirte damals an den kleinen deutschen Fürstenhöfen. Nach seiner Rückkehr war er Jahre lang in Rußland und erlebte die Schrecken der Unterwerfung Polens; hernach wieder in Leipzig, brach er von hier 1801 zu jener Fußreise nach Syrakus auf, die er in seinem bekanntesten Buch, »Mein Spaziergang nach Syrakus«, beschrieben hat. In »Mein Sommer 1805« erzählt er von einer ähnlichen Tour durch Rußland und Schweden. – Aber auch seine Aufsätze und Aphorismen sind lesenswerth, und unter seinen Liedern finden sich einzelne voll Muth und Kraft. Sein Trauerspiel »Miltiades« stellt der Jugend das Bild eines ächten Mannes zur Nacheiferung auf und zeugt von neuem für die reine und strenge Gesinnung seines Verfassers. Den unermüdlichsten und erbittertsten Kämpen wider die Fremdherrschaft nicht nur, sondern auch gegen die Nichtswürdigkeit der deutschen Zustände, Ernst Moriz Arndt , dessen »Geist der Zeit«, so wie einzelne seiner schönsten Lieder schon dieser Zeit angehören, werden wir erst mit den andern Sängern der Befreiungskriege kennen lernen. 38. Wir wenden uns jetzt zu denen, welche, ob auch nicht eigentlich für das Volk schreibend, sich dennoch ihm, der untröstlichen Gegenwart entfliehend, zu nähern suchten und aus ihm zu schöpfen begannen. Es sind dies vor allen zwei von den sozusagen jüngeren Romantikern, Clemens Brentano und Achim von Arnim , neben ihnen Joseph Görres und die Gebrüder Jakob und Wilhelm Grimm . Clemens Brentano , geboren 1778 (1777?), ist ein Sohn jenes aus Italien stammenden »Handelsmannes« Peter Brentano, welcher zu Anfang des Jahres 1774 Maximiliane von La Roche als Gattin nach Frankfurt heimführte – die von Goethe so herzlich verehrte junge Frau – und diese Mischung des italienischen und deutschen Bluts führt zu einer der seltsamsten, widerspruchvollsten und confusesten Erscheinungen in unserer ganzen literarischen Welt. In Clemens Brentano finden wir eine Natur voll der grellsten, ja unbegreiflichsten Gegensätze, voll der erschreckendsten Disharmonie: eine wunderbare Reinheit, Innigkeit und Demuth, welche plötzlich in grasse Sinnlichkeit, Ueppigkeit, Eitelkeit und Prahlerei umschlagen; der heilige Ernst, der im nächsten Augenblick zur wildesten Ausgelassenheit, ja zur wirklichen Tollheit hinüberspringt; die – man möchte sagen: natürlichste und anmuthigste Natürlichkeit, welche Knall und Fall von der grellsten und fratzenhaftesten Unnatur abgelöst wird; eine, so sollte man wenigstens glauben, ächte Gottseligkeit und unmittelbar neben ihr eine erschreckende, bis ins Gemeine sinkende Frivolität, – mit einem Wort: die reichste Begabung und die grenzenloseste geistige und sittliche Verwilderung. Von seinen Werken nennen wir nur »Godwi, oder das steinerne Bild der Mutter«, das schon durch den eigenen Zusatz des Verfassers: »Ein verwilderter Roman«, characterisirt wird; das Lustspiel »Ponce de Leon«, aus welchem das fast zum Volksliede gewordene »Nach Sevilla, nach Sevilla« stammt; das berühmteste seiner Märchen, »Gockel, Hinkel und Gockeleia«, eine Dichtung von unleugbarer Tiefe und Innigkeit, von Kindlichkeit und Naivetät, die aber oft genug in das grade Gegentheil umschlagen, während zugleich häufig eine unendliche Breite und zahlreiche nüchterne Verse allen Genuß zerstören. Unter seinen Gedichten finden sich einzelne, welche von wirklichem Werth sind, wie außer dem eben genannten die gleichfalls volksliedartigen: »Ich wollt' ein Sträußlein binden«; – »Es sang vor langen Jahren – Wohl auch die Nachtigall«, das empfindungstiefe Gedicht »Die lustigen Musikanten«, oder das schöne geistliche Lied, das da anfängt: »Bleib' nur stille, Gottes Wille Hat auch dich ja ausersehn, Alle Armuth, alle Fülle Wird an dir vorübergehn.« Zwischen seinen Prosawerken finden wir aber eine der schönsten Perlen unserer Literatur, die kleine, ergreifende und hochpoetische »Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl«, ein Stücklein, das schon allein hinreichen würde, uns in Brentano trotz aller Verschrobenheit und Verworrenheit einen ächten Dichter erkennen zu lassen. Wir besitzen in ihm so ziemlich das erste Beispiel und zugleich ein kaum jemals überbotenes Muster – nicht, wie man wohl gesagt hat, der Dorfgeschichte, da dies Moment ein rein nebensächliches ist, aber der eigentlichen Geschichte in neuerem Sinn, d. i. gewissermassen ein Naturproduct, welches unabhängig von der Kunst entsteht und dennoch ihren höchsten Forderungen entspricht. Darum werden wir auch in dieser kleinen Arbeit von kaum einer einzigen der herkömmlichen Unarten und Fratzen Brentano's gestört – der Dichter tritt völlig zurück und begnügt sich, die Natur schaffen zu lassen. Brentano's höchstes Verdienst aber und das, was seinen Namen stets erhalten wird, ist die Sammlung von deutschen Volksliedern, welche er in Gemeinschaft mit seinem Freunde und späteren Schwager Achim von Arnim , unter dem freilich seltsamen Titel, »Des Knaben Wunderhorn«, von 1806-1808, in drei Bänden erscheinen ließ. Im Einzelnen betrachtet leidet diese Sammlung an mehr als einem Mangel, denn die Texte sind zum Theil überarbeitet und zwischen die ächten Volkslieder finden sich, sei es zufällig, sei es mit Wissen der Herausgeber, nicht ganz wenige andere, unächte eingeschoben; es sind seitdem auch andere Sammlungen entstanden, welche uns diesen schönsten und reichsten Schatz in viel größerer Vollständigkeit und Richtigkeit und in der pietätvollsten Behandlung vorlegen. Aber das alles kann den wirklichen Werth des »Wunderhorns« und das Verdienst der beiden Herausgeber nirgends beeinträchtigen. Wir verdanken dieser Sammlung vorweg nicht nur die Kenntnis, sondern auch die Rettung vieler unserer allerschönsten Lieder, und was sie zur Weckung des deutschen Volksbewußtseins beigetragen hat, wie tief ihr Einfluß auf die Weiterentwickelung unserer Poesie war und wie nachhaltig sie auf das Studium unserer älteren und überhaupt nationalen Literatur einwirkte, – das leuchtet jedem Nachdenkenden ein. Die Zeit, als nur einzelne Bevorzugte den Werth des Volksliedes zu erkennen und zu würdigen vermochten und die große Mehrzahl der sogenannten Gebildeten und sogar die angeblich großen Geister verächtlich über sie als rohe oder läppische Fratzen und Possen die Achseln zu zucken liebten, – war für immer vorüber und wir fanden nicht nur den Grund und Kern aller wahren Poesie, sondern auch unser Volk selbst wieder in seiner ganzen Eigenart, mit seinem Geist, seinem Herzen und seinem Gemüth, seiner Liebe und seinem Haß, seinem Lachen und seinen Thränen, seiner Innigkeit und Frömmigkeit, seiner Schwermuth und seiner Schalkhaftigkeit. – Darum bleibt die Sammlung und Herausgabe des »Wunderhorns« grade zu dieser Zeit auch eine nationale Großthat im besten Sinne des Worts. In dem Mitherausgeber Achim von Arnim (1781-1831) begegnen wir einem Character, der sich uns nach der menschlichen so gut wie nach der dichterischen Seite bei weitem natürlicher, maßvoller und gesunder offenbart, als Brentano, ohne daß er darum jedoch zur vollen inneren Klarheit gelangt wäre und sich aus den phantastischen Irrgärten der Romantik hätte befreien können. So wird die wahre und tiefe Empfindung, das Verständniß des Lebens und zwar ausdrücklich deutschen Lebens und nicht minder auch die Darstellung selbst in seinen Werken nur gar zu häufig, ja meistens durch Wunderlichkeit, Barockheit und eine Manierirtheit beeinträchtigt, welche uns nur ausnahmsweise noch zur unbefangenen Anerkennung der unleugbar schönen, ja genialen Einzelheiten und zum Genuß derselben gelangen lassen. Von seinen Dramen haben wir hier ganz zu schweigen: man hat von ihnen mit Recht gesagt, daß sie einem wie der reine Hohn auf diese Kunstgattung erscheinen müssen. Auch seinen novellistischen Arbeiten ist wenig Gutes nachzurühmen, zum mindesten muß man das spärlich erscheinende Gelungene und Erfreuliche so mühsam und aus einem solchen Wust von Verkehrtheiten und Ungeheuerlichkeiten herauslesen, daß die meisten Leser alsbald von einem so unfruchtbaren und unerquicklichen Unternehmen abstehen müssen. – Mehr Beachtung verdienen dagegen zwei größere Werke: »Armuth, Reichthum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores. Eine wahre Geschichte zur lehrreichen Unterhaltung armer Fräulein« (1810), und »Bertholds erstes und zweites Leben« (1817), der erste Band der »Kronenwächter«, dem aus dem Nachlaß des Dichters noch ein zweiter, aber gleichfalls als Fragment folgte. Das erste, die Geschichte einer jungen, lustigen und leichtsinnigen Dame, welche durch ihren Leichtsinn zu Grunde gerichtet, sich aufrafft und durch aufrichtige Buße zu versöhnen sucht, würde nicht nur lesbar sein, sondern auch unsere Theilnahme verdienen, falls dieser einfache Stoff auch einfach und mit Geschmack behandelt wäre. Allein die Komposition leidet an einer solchen inneren Zerrissenheit, an einer solchen Fülle der zwecklosesten Episoden, und der seltsamsten, phantastischen, ja rein schemenartigen und zudem überflüssigen Figuren, daß das Buch uns völlig unleidlich wird. Einzelne gelungene Characterzeichnungen, wie diejenige der Dolores selbst, oder hübsche Schilderungen, wie die des alten, verfallenden Schlosses und des armen Hauswesens im Anfang, bieten dafür keinen Ersatz. Nicht anders steht es um den zweiten Roman, in welchem Arnim den Uebergang des Mittelalters in die neuere Zeit in dem engen Rahmen einer Familiengeschichte darzustellen versucht. Auch hier finden wir einzelne Partien, wie die Schilderung des bürgerlichen Lebens und des zu Grunde gehenden Ritterthums, von großer Kraft und Anschaulichkeit, ja durchhaucht von mehr wirklich mittelalterlichem Geist, als die meisten Schöpfungen der anderen Romantiker ihn aufzuweisen haben. Allein auch hier überwiegt das Wunderliche, Phantastische und Barocke und schwächt jeden tieferen Eindruck ab. – Genug, um ein Gesammturtheil auszusprechen, so dürfen wir Achim von Arnim in Ansehung seiner eigenen Schöpfungen vor vielen anderen bei den Vergessenen ruhen lassen. An Arnim anschließend, gedenken wir hier nur flüchtig seiner Gattin Bettina , der Schwester Brentano's, (1785-1859), welche durch ihr Andrängen an Goethe und den bekannten, romanhaften »Briefwechsel Goethe's mit einem Kinde«, so wie durch allerhand andere, halb naiv-kindliche und poesievolle, halb aber phantastische, überschwängliche, in ihrer gesuchten, ans Kindische streifenden Naivetät völlig unleidliche Producte sich einen Namen gemacht hat und eine Zeit lang in gewissen Kreisen über alles Verdienst gefeiert worden ist. Nicht am wenigsten deßhalb, muß man hinzufügen, weil sie kokett und eitel, sich überall in den Vordergrund zu drängen und von sich reden zu machen liebte. Ihr Buch »Die Günderode« enthält ihren Briefwechsel mit einem Stiftsfräulein Karoline von Günderode – Verfasserin von Gedichten und dramatischen Dichtungen unter dem Namen Theano –, welche sich 1806 aus Liebesgram selbst den Tod gab. Auch hier ist unleugbar viel Poesie, aber auch ebensoviel Ueberschwänglichkeit und Gesuchtheit, und das Uebelste ist, daß auch hier nicht an Authenticität zu denken sein, vielmehr gleichfalls nur eine Art von Fabrikat Bettina's selber vorliegen dürfte. Joseph Görres , geboren 1776 zu Coblenz und gestorben 1848 zu München, ist, ob er auch kein Dichter war, doch zu den ersten Geistern unseres Jahrhunderts und zu unsern größten Prosaschriftstellern zu zählen. In früher Jugend ein Anhänger und Verfechter der französischen Revolution, gehört er in unserer Periode zu den entschiedensten Gegnern der Fremdherrschaft und trat vom Jahre 1814 an in seinem »Rheinischen Merkur« und einzelnen Flugschriften für Deutschlands Freiheit und Recht gegen den äußern Feind, wie gegen die furchtbar aufwuchernde Reaction mit der gewaltigsten Beredsamkeit ein, die wir in Deutschland jemals kennen gelernt haben. Später gehört er, von Hause aus Katholik, zu den extremsten Verfechtern und Verkündigern eines halb mystischen, halb fanatischen Ultramontanismus. Die volksthümliche Literatur verdankt ihm die Sammlungen der »deutschen Volksbücher« und der »altdeutschen Volks- und Meisterlieder«, von denen die erstere der Zeit angehört, wo er zu Heidelberg mit Brentano und Arnim in enger Verbindung lebte und sich an der Herausgabe ihrer »Einsiedler-Zeitung (Tröst-Einsamkeit)« betheiligte, 1807, während die andere erst zehn Jahre später, mitten zwischen den erbittertsten politischen Streitschriften, erschien. Von den Gebrüdern Jakob Grimm (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859), den großen deutschen Sprach- und Alterthumsforschern, haben wir unsern Lesern nur die »Kinder- und Hausmärchen« (1812) und »die deutschen Sagen« (1816) anzuführen, welche als poesievolle Offenbarungen des deutschen Volksgeistes von unvergänglichem Werthe sind. 39. Bevor wir zu den neueren Dichtern kommen, welche, wenn auch nicht von Anfang an, doch je länger desto entschiedener sich in frischer Selbstständigkeit entwickeln, haben wir noch flüchtig ein paar Dramatiker zu betrachten, welche, dieser Zeit angehörend, sich bald mehr Schiller, bald mehr den Romantikern zuneigen. E. A. F. Klingemann , 1777-1831, schrieb schon von den neunziger Jahren an eine Unzahl von Ritterromanen, Schau- und Trauerspielen aller Art, »Deutsche Treue«, »Cromwell«, »Columbus«, »Faust«, »Ahasver«, »Schill« u. s. w. u. s. w., Stücke, die theilweise von einer gewissen Bühnengewandtheit zeugen – er war selber Schauspieldirector –, im Allgemeinen aber von außerordentlicher Flachheit, Rohheit und Verkehrtheit sind. Bei weitem höher, obgleich auch er hinter seinem Vorbilde Schiller weit zurückbleibt, steht der Wiener Heinrich Joseph von Collin , 1772-1811. In seinen Trauerspielen, von denen »Regulus« und »Coriolan« die bekanntesten sind, ist außerordentlich viel Phrase, Schwulst und Empfindsamkeit, daneben aber auch zuweilen eine warme Freiheits- und Vaterlandsliebe. Von dieser zeugen auch seine »Wehrmannslieder«, welche er in den schweren Kriegen gegen Napoleon sang. – Noch unbedeutender ist sein jüngerer Bruder, Mathäus v. Collin , 1779-1824. Von seinen zahlreichen Stücken nennen wir nur »Bela's Krieg mit dem Vater«, in welchem ein Stoff aus der ungarischen Geschichte bearbeitet ist. Adam Oehlenschläger , ein Däne, 1779-1850, der sich die deutsche Sprache so weit aneignete, daß er seine Arbeiten auch in ihr abfassen konnte und daher zu unseren eigenen Dichtern und speciell zu den Romantikern zu zählen ist, beansprucht jedenfalls mehr Beachtung. Es mangelt ihm keineswegs an einem wirklich schönen dramatischen und epischen Talent, allein dasselbe war den Aufgaben, an welchen der Dichter sich meistens zu versuchen liebte, wenig gewachsen: die altnordische Sagenwelt mit ihren Riesen und Recken war für die weiche Behandlung des Romantikers Oehlenschläger zu gewaltig, und nur, wo sich auch im Stoffe selber schon mildere und rein menschliche Elemente fanden, wie in der Tragödie »Axel und Walburg«, vermochte er Erfreuliches und Bedeutendes zu leisten. Am bekanntesten ist sein Künstlerdrama »Correggio« geworden, das sich auch eine Zeitlang auf der Bühne behauptete, aber voll Kunstschwärmerei und einer gewissen sentimentalen, ja fast weinerlichen Weichheit, die ihm gezollte Bewunderung wenig verdient. Seine Lustspiele, Märchen und Erzählungen sind nicht hervorragend. Trotz alledem hat man an Oehlenschläger immer das ernste Streben und die künstlerische Einsicht zu schätzen, die sich mehr oder weniger in all seinen Werken angedeutet finden. Von ihm ist die Rückkehr zu unseren deutschen Dichtern durch den Freiherrn Friedrich de la Motte Fouqué vermittelt, der gleichfalls nicht selten die altnordischen Stoffe zu behandeln suchte. Fouqué, geboren 1777, gestorben 1843, ist ein Enkel jenes von Friedrich dem Großen schon in seine Rheinsberger Tafelrunde aufgenommenen und bis an seinen Tod hochgeehrten alten ritterlichen Generals, und diese Ritterlichkeit, verquickt mit allerhand patriotischen, romantischen, leider aber auch junkerhaften und modern soldatischen Elementen, spiegelt sich auch in seinem Character und seinen Dichtungen wider. Anfangs unter dem Namen Pellegrin , später und bis ins hohe Alter hinein unter seinem eigenen, hat Fouqué eine außerordentliche Productivität entfaltet und sich einer seltenen Beliebtheit zu erfreuen gehabt, bis er sich überlebt hatte und in die völlig veränderte Zeit nicht mehr paßte. Von seinen Zauber- und nordischen Heldenromanen nennen wir »Sintram und seine Gefährten«, »Die Fahrten Thiodulfs des Isländers«, vor allen den »Zauberring«, ein Buch, das man als Muster dieser Gattung ansehen und dem man auch heute noch Interesse abgewinnen kann. Von seinen Dramen dürfte die Trilogie »Der Held des Nordens« und in dieser »Sigurd, der Schlangentödter« das bemerkenswertheste sein. Seine Gedichte bieten uns hin und wieder allerdings wirklich Schönes, voll Empfindung, Phantasie und in guter Sprache; bekannt ist das Kriegslied – Fouqué machte den Befreiungskrieg natürlich mit –: »Frisch aus zum fröhlichen Jagen – Es ist nun an der Zeit«, – und das schöne geistliche Lied: »Wenn alles eben käme, – Wie du gewollt es hast«. – Im Allgemeinen aber leiden sie unter einer sehr unbehaglichen Steifheit und Manierirtheit. Den gleichen Vorwurf hat man seinen kleineren, auch stilistisch schwachen Erzählungen zu machen. Aber eine von ihnen, »Undine«, 1811, gehört zu den lieblichsten Blüthen unserer Literatur, eine Dichtung von ganz einziger duftiger Zartheit und Reinheit, voll wunderbarer Innigkeit, Kindlichkeit und Schalkhaftigkeit, und auch in Ansehung der Darstellung und Sprache weitaus das Beste, was Fouqué geschrieben hat. Eben nur erwähnt soll hier werden, daß auch die Gattin Fouqué's, Karoline , geb. v. Briest, gestorben 1831, als Schriftstellerin auftrat und eine große Zahl von Romanen, sowie auch andere Schriften, z. B. »Briefe über Zweck und Richtung weiblicher Bildung« zu Tage förderte. Sie gehören immer noch zu den besseren Producten der damaligen Erzählungsliteratur, wie werthlos sie auch, künstlerisch betrachtet, sein mögen. Nach und neben Fouqué erscheint eine ganze Reihe von jungen Dichtern, welche der Romantik nur noch oberflächlich verbunden, sich selbstständig zu entwickeln begannen und zuerst meistens in dem von Chamisso und Varnhagen herausgegebenen »Musenalmanach auf das Jahr 1804« auftraten. Außer den genannten beiden Herausgebern und Fouqué, der in diesem »Nordsternbunde« durch seine Persönlichkeit und auch durch seine gesellschaftliche Stellung eine Art von Vorrang behauptete, gehören ihm hauptsächlich an: F. W. Neumann , 1781-1834, Eduard Hitzig , 1780-1849, Franz Theremin , 1783-1846, Ludwig Robert , der Bruder der gefeierten Rahel Levin , 1778-1832. Aber wie wir Andere ganz übergehen, so begnügen wir uns auch hier mit der Anführung der Namen. Etwas Erwähnenswerthes ist von keinem von ihnen ausgegangen. Anders steht es mit den Herausgebern. Beide haben sich, wenn auch erst in späteren Jahren, zu einer hervorragenden Stellung in unserer Literatur aufgeschwungen und ihre Werke gehören zu den hier gehaltvollsten, dort liebenswürdigsten Erscheinungen, welche im Laufe des folgenden Zeitraums und weiter ans Licht getreten sind. Karl August Varnhagen von Ense , geboren 1785 zu Düsseldorf, aber zu Hamburg erzogen, kam zur Betreibung medicinischer Studien schon früh nach Berlin, fühlte sich aber bereits hier mehr zur klassischen Literatur und zur Poesie hinübergezogen. Auch in Halle 1806 und zu Tübingen 1808 gewann es die Fachwissenschaft nicht über ihn und zwar um so weniger, als ihn beidemale die Zeitereignisse, der über Preußen hereinbrechende Kriegssturm und der Krieg gegen Oesterreich im Jahre 1809, aus seiner ruhigen Bahn trieben. Den letztern Krieg machte er als Volontair in der österreichischen Armee mit, in den Jahren 1813 und 1814 zog er, der in Preußen keine Anstellung finden konnte, als russischer Hauptmann und Adjutant des Generals Tettenborn gegen den Feind. In Paris endlich wurde er vom Staatskanzler Fürsten Hardenberg in den preußischen diplomatischen Dienst berufen und war, nachdem er sich mit Rahel Levin verbunden hatte, von 1816-1819 Ministerresident am badischen Hofe. Durch die Reaction aus dieser Karriere geworfen, ging er nach Berlin zurück und lebte und schriftstellerte hier in voller Unabhängigkeit bis zu seinem 1858 erfolgenden Tode. Ein Dichter ist Varnhagen nicht. Seine meistens in verschiedenen Musenalmanachen veröffentlichten, später auch gesammelten Gedichte wollen nichts heißen; seine Erzählungsversuche sind verschollen und selbst die bekanntere historische Novelle »Die Sterner und Psitticher«, hat im Grunde nur darum noch einen Werth, als sie den Beweis liefert, daß ein Geist und eine Bildung, wie Varnhagen sie besaß, bis auf einen gewissen Grad jeder Aufgabe von allgemeinem Character gewachsen sind und, wo nicht Vollendetes, doch immerhin höchlich Beachtenswerthes zu leisten vermögen. Dagegen hat er auf dem Felde der literarischen Kritik und im Fache der Biographie und historischen Denkwürdigkeiten das Vorzüglichste geleistet und durch seine musterhaften Darstellungen auf die deutsche Geschichtsschreibung und die Literatur überhaupt einen tiefgreifenden Einfluß geübt. Seine »Denkwürdigkeiten (des eigenen Lebens) und vermischte Schriften« bieten uns eine Fülle von wahrhaft plastisch hervortretenden Gestalten, der lebensvollsten Characterköpfe; sie liefern ein glänzendes Zeugniß nach dem andern von seiner tiefen, gesunden und unbefangenen Einsicht in die verwickeltsten Zustände und – Naturen, von seiner ächt humanen und toleranten Auffassung neuer Erscheinungen, von der Schärfe und Feinsinnigkeit seines Urtheilens, von seinem Ueberblick, und sind zugleich Muster einer, durchweg als klassisch zu bezeichnenden, lichtvollen und harmonischen Darstellung. Manche von diesen Eigenschaften treten in den aus seinem Nachlaß, von seiner Nichte Ludmilla Assing veröffentlichten »Tagebüchern« u. s. w. allerdings zurück, der feinsinnige, humane und objective Beobachter und Beurtheiler erscheint hier als Parteimann; allein auch in ihnen zeigt sich noch jene ganz einzige, bis ins späteste Alter nicht versagende Aufnahmsfähigkeit und Aufnahmslust und erhält sich Sprache und Darstellung unverändert, selbst in zahlreichen, gewissermaßen nur noch schwatzhaften Partien, auf ihrer künstlerischen Höhe. Auf eben dieser stehen, was Sprache und Darstellung angeht, auch die »Biographischen Denkmale« und einzeln erschienenen Biographien, während sie, historisch angesehen, zum Theil an einer, man möchte sagen, diplomatischen Zurückhaltung leiden, welche dem Verfasser freilich durch die damaligen Zeitverhältnisse geboten sein mochte. Endlich die beiden, dem Andenken seiner 1833 verstorbenen Gattin, Rahel Levin , geweihten Bücher, »Rahel, ein Buch des Andenkens für ihre Freunde«, und »Gallerie von Bildnissen aus Rahels Umgang und Briefwechsel«, sind ein Denkmal nicht nur dieser freilich unzweifelhaft geistvollen, aber im Grunde doch weit überschätzten Frau selber, sondern auch der Liebe und Treue des Zurückgebliebenen, das Beiden in gleicher Weise zur Ehre gereicht und für uns durch die Einführung in einen überaus merkwürdigen Literatur- und Lebenskreis von großem Werthe bleiben muß. Adelbert – oder wie er eigentlich heißt: Louis, Charles, Adelaide – von Chamisso entstammt einem alten lothringischen Geschlecht und wurde 1781 auf dem Familienschlosse Boncourt in der Champagne geboren. Vor der großen Revolution flüchtete die Familie nach Deutschland und Adelbert trat in früher Jugend schon in die preußische Armee. In diesem Dienste blieb er auch, als die Seinen unter dem Konsulat nach Frankreich zurückkehren durften, kein bloßer Soldat, sondern schon von früh auf mit seiner Weiterbildung beschäftigt und besonders dem Studium der deutschen Sprache und Literatur zugewendet, ja sich selber dichterisch versuchend. Seine in dem oben erwähnten Musenalmanach mitgetheilten Gedichte und die Briefe dieser Zeit zeugen, ob auch noch unfertig, doch bereits von einer Beherrschung unserer Sprache, zu welcher die meisten Ausländer niemals gelangen. Der unglückliche Krieg von 1806 warf auch ihn aus seiner Bahn und in ein ruhloses Leben, welches ihn bald nach Frankreich, bald nach Deutschland zurückführte. Doch entschied er sich schon in diesen Jahren bestimmt für die neue Heimat. Er trieb voll Eifer naturwissenschaftliche und besonders botanische Studien, und als der Kapitän Otto von Kotzebue im Jahre 1815 mit einem russischen Schiff zu einer Entdeckungsreise in die Südsee und um die Welt aufbrach, betheiligte er sich an dieser Fahrt als Naturforscher. 1818 zurückkehrend, erhielt er eine Anstellung am botanischen Garten in Berlin und blieb hier bis zu seinem 1838 erfolgenden Tode. In Chamisso begegnet uns eine der interessantesten und eigenartigsten, aber auch liebenswürdigsten und anheimelndsten Erscheinungen in unserer ganzen Literatur: die besten und ansprechendsten Grundzüge des französischen und deutschen Characters und Wesens finden sich in ihm zu einem außerordentlich wohlthuenden Ganzen vereint. Wie er schon gleich zu Anfang der Gefahr, in die Unklarheit und Verschwommenheit der Romantiker zu verfallen, durch sein gesundes, wesentlich realistisches Naturell entging, so wurde er auch in der Folgezeit all der Unnatur, Verwässerung und Planlosigkeit unserer damaligen Literatur durch dieselbe fern gehalten und läßt sich neben sehr wenig Anderen stets auf dem rechten Wege finden. Wir begegnen in seinen Dichtungen einer höchst eigenthümlichen, aber überaus glücklichen Mischung von französischer Bonhommie und – man darf wirklich so sagen! – deutschem Gemüth, von Leichtherzigkeit und graziöser Schalkhaftigkeit hier, von zarter Empfindung, von tiefem, ja düsterem Ernst und von schwermüthiger Melancholie da. Ueberall tritt uns eine reiche Lebenserfahrung, eine genaue Kenntniß des Menschenherzens, ein scharfer Blick für die oft grassen Gebrechen und Schäden auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, eine edle, männliche und freisinnige Lebensauffassung entgegen. Er urtheilt streng, oft herb', er straft voll Härte, er wählt gern düstere Stoffe und rückt dieselben durch seine Behandlung nicht selten eher noch tiefer in den Schatten als ins versöhnende Licht. Aber es geht ihm darüber, wie zahlreiche andere Stellen uns zeigen, die Milde, die Innigkeit, die neckische, zuweilen spöttische oder auch wohl ernstlich spottende Laune keineswegs verloren. Er liebt im Grunde das Leben, die Menschen, die Natur auf das herzlichste und weiß sie mit Natürlichkeit und Kraft zu reproduciren, zu zeichnen und zu schildern; und da er endlich auch die Sprache und den Ausdruck, seltene Unbehülflichkeiten und Härten abgerechnet, mit großer Freiheit und Energie beherrscht, so dürfen wir ihn, alles zusammengenommen, wohl nicht nur zu unsern deutschen , sondern auch zu unseren besten Dichtern zählen. Zu einer Gruppe von diesen läßt er sich kaum zählen, sondern nimmt, in Folge der Mischung des Französischen und Deutschen, seine wesentlich eigene Stellung ein: es erscheinen allerdings Züge von Verwandtschaft mit den schwäbischen Dichtern, daneben aber auch andere, welche nur an die französischen Chansonniers, vor allen an Beranger gemahnen können. Zwischen seinen Liedern finden sich einige der schönsten Blüthen unserer Poesie, wie er sich denn durch den Cyclus »Frauen-Liebe und Leben«, und durch den anderen, »Lebens-Lieder und -Bilder« für immer die Liebe der deutschen Frauen sichern muß und in ihnen Töne anschlägt, die unseres Wissens, mit einziger Ausnahme Rückerts im »Liebesfrühling«, niemand vor oder nach ihm getroffen hat. Seine Balladen und Romanzen leiden häufig an jener schon erwähnten Düsterheit des Stoffes und der Ausführung, doch finden sich zwischen den letzteren auch manche gar anmuthige und neckisch heitere, wie z. B. die bekannte »Tragische Geschichte« – »'s war Einer, dem's zu Herzen ging, – Daß ihm der Zopf so hinten hing«, welche als ein kleines Meisterstück zu erachten ist. – Von den – um sie so zu heißen, Lebensbildern gehören einzelne, wie z. B. »Die alte Waschfrau«, zum Allerbesten, was wir in diesem Genre besitzen. – Seine Höhe erreicht der Dichter aber erst in der poetischen Erzählung, zu welcher ihn nicht nur die reiche Lebenserfahrung und die unter allen Zonen eingesammelten Naturbeobachtungen, sondern auch seine Gesundheit, Frische und innere Tüchtigkeit und sein Darstellungs- und Schilderungstalent vor vielen befähigen. Dazu handhabt er die von ihm gewählte Form, die Terzine, mit einer Meisterschaft, die in unserer ganzen Poesie fast nicht ihres Gleichen hat. Wir nennen hier nur jenes Meisterstück, »Salas y Gomez«, ein Seelengemälde der ergreifendsten Art und von einer Anschaulichkeit und Gewalt der Schilderung und Darstellung, die uns vom ersten bis zum letzten Wort zur Bewunderung zwingt. Chamisso's bekanntestes und beliebtestes Buch ist das Märchen »Peter Schlemihl's wundersame Geschichte«, welches er 1813 zur eigenen Aufheiterung und zur Unterhaltung für Frau und Kinder seines Freundes Hitzig schrieb, – ein Stücklein voll kindlicher Naivetät und guter Laune, hinter dem man mit der bekannten deutschen Spür- und Deutungslust, der Himmel weiß was alles gesucht und zu finden gemeint hat. Nach unsrer Ueberzeugung ist es aber, ob sich vielleicht auch hie oder da einzelne Bezüge entdecken lassen möchten, nichts Anderes als ein gut und lustig durchgeführter harmloser Schwank. – Wer Chamisso's Prosa kennen lernen will, soll an seinen Reisetagebüchern nicht vorübergehen, die sich durch Einfachheit, Klarheit und Anschaulichkeit vortheilhaft auszeichnen und sich noch heute mit Genuß lesen lassen. Lassen wir uns durch Mäkeleien, wie man sie neuerdings an Chamisso zu üben versucht hat, in unserem Urtheil über ihn nicht irre machen. Von seiner fremden Abstammung und allerhand mit dieser zusammenhängenden Mängeln weiß und will kaum die Literaturgeschichte noch etwas. Das deutsche Volk kennt in ihm einen Dichter, der durch Leben, Character, Gesinnung und Dichten ganz und gar der unsere ist und es vor vielen verdient, mit voller und warmer Liebe in unser Herz geschlossen zu werden. 40. Wenige Jahre, nachdem der dichterische Nachwuchs Norddeutschlands sich in jenem Musenalmanach Varnhagens und Chamisso's mit seinen ersten Versuchen in die Oeffentlichkeit gewagt hatte, fing auch in Süddeutschland ein neues poetisches Leben an zu erwachen – trotz des Druckes der Zeit. Von 1807 an brachten Leo von Seckendorf 's Musenalmanach und »Prometheus«, Brentano's und Arnims »Zeitung für Einsiedler«, das junge Stuttgarter »Morgenblatt«, eine Zeitschrift, die ein halbes Jahrhundert lang für die Entwickelung und Geschichte unserer neueren schönen Literatur von größter Wichtigkeit ist, und andere ähnliche Schriften allmälig Beiträge von den jungen Dichtern, welche den Stamm der sogenannten »schwäbischen Dichterschule« bilden. Diese Bezeichnung ist gerechtfertigt, denn die ersten Mitglieder gehören sämmtlich Schwaben an; sie sind Alters- und Studiengenossen und schaffen sich, ihrer Zusammengehörigkeit bewußt, schon auf der Universität einen Sammelpunkt in dem 1807 entstehenden, von Justinus Kerner redigirten, allerdings nur handschriftlich cirkulirenden »Sonntagsblatt«. Oeffentlich treten sie vereint und verbunden mit einzelnen Norddeutschen, zuerst in Kerners »poetischem Almanach« für 1812 und dem, ein Jahr später erscheinenden »Deutschen Dichterwald« auf. In ihren Anfängen lehnen sich die Schwaben entschieden an die Romantiker an. Das erwähnte »Sonntagsblatt« sollte nach dem Willen seiner Stifter ausdrücklich dem von Goethe begünstigten, anti-romantischen »Morgenblatt« entgegentreten, und es spricht, abgesehen von einzelnen, noch erhaltenen Jugendversuchen, auch ihr Anschluß an die Heidelberger, sowie ihre Verbindung mit den Norddeutschen, welche durch den in Tübingen zu dieser Zeit studirenden Varnhagen vermittelt wurde, dafür. Manche von ihnen sind dieser Richtung auch bis an ihr Lebensende mehr oder weniger treu geblieben, während die Kräftigeren und vor allen ihr Haupt und Führer, Ludwig Uhland , zu gesund, zu klar und zu unbefangen waren, als daß sie sich von den nebelhaften Reizen der phantastischen Irrgärten lange hätten täuschen und verlocken lassen sollen. Ihre Schule und ihr Meister ist, wie Kerner singt, allein die Natur , und wenn dieser Satz, so allgemein hingestellt, auch nicht ganz zutreffend erscheint, vielmehr einiger Erweiterung bedürfen möchte, so wird er doch in der Hauptsache nicht anzufechten sein. Die Schwaben sind vor allem und ausdrücklich nicht bloß Natur -, sondern auch natürliche Dichter und es ist ihr großes und bleibendes Verdienst, daß sie die Poesie aus der Idealität der Klassiker und der Phantastik der Romantiker zuerst wieder zur Wirklichkeit zurücklenkten, daß sie die Natur nicht mehr als die sogenannte »schöne« und idealisirte der Ersteren und als die traumumfangene und verkünstelte der anderen, sondern als die wirkliche und natürliche zu sehen wagen und den Menschen und sein Leben mit ihr im innigsten, unauflöslichen Zusammenhange erblicken. Erst bei ihnen finden wir, nach dem unmittelbaren Vorausgange Hebels in seinen »allemannischen Gedichten«, eine gesunde, herzliche Auffassung der Natur, ein Sich-hinein- und mit-Leben und eine unbefangene, ungekünstelte und treue Wiedergabe der Natur selber und der von ihr empfangenen Eindrücke. So sind sie gewissermaßen die ersten Begründer und Anbahner der wesentlich-realistischen Richtung in der neueren Literatur, wenn es auch noch einer langen Zeit, vieler Irrwege und schwerer Kämpfe bedurfte, bis dieselbe wirklich gewonnen war. Eigentliche Bahnbrecher wurden die Schwaben ebenso wenig, wie sie sich am Kampfe selber betheiligten: zu dem einen fehlte ihnen die Kraft, wie ihnen zum andern die Weiterentwickelung fehlte. Sie sind im Grunde niemals über das gleich anfangs Erreichte hinaus gekommen. Als Haupt und Führer dieses Kreises tritt uns der schon genannte Ludwig Uhland entgegen, geboren am 26. April 1787 zu Tübingen und gestorben ebendaselbst am 13. November 1862. – Das Leben dieses zu unseren Besten zählenden, ausgezeichneten Mannes ist äußerlich ein sehr einfaches. Auf der Universität sich zum Juristen ausbildend, verfolgte er diese Carriere manche Jahre lang im Staatsdienst und als Advokat, während er zugleich in der württembergischen Kammer als einer der freisinnigsten Abgeordneten das alte Recht des Landes und Volkes aufrecht hielt. Im Jahre 1829 erhielt er eine Professur der deutschen Literatur in Tübingen, legte dieselbe jedoch, als die Regierung ihm den Urlaub zu den Kammersitzungen versagte, alsbald wieder nieder und lebte fortan seinen Studien, mit einziger Ausnahme der Jahre 1848 und 1849, wo er als Abgeordneter in der Paulskirche sich als einer von den wenigen zeigte, welche mit einem ganzen Herzen für Deutschland, unwankbar auf der Höhe der Zeit standen und ihren Forderungen gerecht zu werden strebten. Ludwig Uhland gehört als Patriot und Mann des Volkes, wie wir schon sagten, zu unseren besten und edelsten deutschen Männern, zu denen, an welchen wir unsere reinste Freude haben, auf die wir von ganzem Herzen stolz sein dürfen. Es ist einer von den Characteren, welche wir antike heißen müssen, weil wir ihnen unter den Neueren so unendlich selten begegnen – ein Character von makelloser Reinheit, von unbeugsamer Kraft und von nie und nirgends verletzter Integrität. – Ludwig Uhland als Forscher auf dem ganzen Gebiet des deutschen Alterthums, der Mythologie, der Sage, der Literatur, steht den Meisten voran und ist den Größten ebenbürtig. Ludwig Uhland endlich, der Dichter, übertrifft nicht nur die mit ihm verbundenen Jugendgenossen und die meisten Dichter der folgenden Jahrzehende, man darf schon sagen, himmelweit, sondern sein Name steht auch als einer der schönsten Sterne unter der höchsten und glänzendsten Gruppe an unserem Dichterhimmel überhaupt. Alle Vorzüge der schwäbischen Dichterschule besitzen und zeigen uns seine Dichtungen in gesteigertem Maße; und von den Schwächen, welche derselben anhaften, erscheinen bei ihm gar keine, oder nur selten kaum sichtbare Spuren. Die gründlichste Kenntniß des alten deutschen Lebens und der deutschen Poesie; das innigste Verständniß des Volks und des Volksthümlichen, wie des Menschen und des ächt Menschlichen; die wärmste Liebe zur Natur und wiederum das tiefste Verständniß derselben; die durch nicht einen krankhaften Zug beeinträchtigte Klarheit und Gesundheit des Geistes und Herzens; die Reinheit und Tiefe der Empfindung; die unbefangene und unmittelbare Auffassung; die leichte und natürliche und zugleich durchweg künstlerische Reproduction; die vollendete Darstellung, die Prägnanz des Ausdrucks, die Musik der Sprache –: kurz alles und alles, was den großen Dichter macht, finden wir in ihm in seltener Fülle und Harmonie bei einander. Frei von den Sünden und Schwächen der Romantiker, vertritt er die wahre Romantik und weiß uns statt des Traumlebens das wirkliche, anmuthige und naive, kraftvolle und reckenhafte, statt der Traumgesichte, Gestalten von Fleisch und Blut entgegenzuführen. Und wo er in der Gegenwart weilt, da gibt er uns wiederum dieselbe ganz mit ihrem inneren und mit ihrem äußeren Leben, in ihren kleinen und individuellen, wie in ihren großen und allgemeinen Interessen, in ihrem rastlosen Fortschritt und in ihrem Kampfe für die freiheitliche Entwickelung. Daß Uhland das Recht des Volkes auf politische Freiheit und den Kampf um dieselbe mit vollster Klarheit und höchster Energie wieder als ein berechtigtes Element in die Poesie einführte und zum Ausdruck brachte, ist nicht nur für ihn selbst, sondern auch für die ganze Folgezeit so charakteristisch und bedeutungsschwer wie irgend denkbar. Sie, von der die Klassiker nichts wußten, noch verstanden, und gegen welche die Romantiker sich wehrten, wird fortan in steigendem Maße zum höchsten und edelsten Motiv der deutschen Dichtung. Fassen wir alles bisher Gesagte zu einem kurzen und bestimmten Urtheil zusammen, so müssen wir sagen, daß wir in Uhland zwar kein universelles, aber in den ihm gezogenen Grenzen eines der schönsten und reichsten Talente zu bewundern haben, die jemals einem Menschen verliehen worden sind. Was können wir über Uhlands Gedichte sagen, was die meisten unserer Leser nicht auch ohne uns wissen, bei ihnen empfunden haben und an ihnen lieben? – Diese Gedichte sind, nachdem sie anfangs eine lange Zeit übersehen, ja hie und da sogar kalt zurückgewiesen waren – die erste Auflage erschien 1815, die zweite 1820, die dritte 1825 – von unserem Volk mit immer herzlicherer Liebe aufgenommen und zum Eigenthum aller Klassen geworden. Und zwar sind es nicht einzelne und einige, sondern die große Mehrzahl aller, welche der mäßige Band enthält. Sehe man nur einmal in die sogenannten poetischen »Blumenlesen« hinein – alle schöpfen mit Vorliebe aus Uhland und finden immer wieder Anderes mitzutheilen, so daß man, falls man einmal alle solche Sammlungen zusammenstellen wollte, weitaus das meiste bei einander haben würde, was der Dichter überhaupt gesungen hat. Oder schlage man einmal die »Gedichte« selber auf – Seite für Seite klingt es uns vertraut und innig entgegen: »Da liegen sie alle, die grauen Höhen«, – »Droben stehet die Kapelle«, – »Ich bin so hold den sanften Tagen«, – »Das ist der Tag des Herrn«, – »Ich bin vom Berg der Hirtenknab'«, – »Im Walde geh' ich wohlgemuth«, – »Kein bess're Lust in dieser Zeit«, – »Die linden Lüfte sind erwacht«, – »Bei einem Wirthe wundermild, – Da war ich jüngst zu Gaste«, – und so fort, und so fort, durch die ernsten und schönen vaterländischen Gedichte – wer kennt nicht jenes gewaltige und ergreifende: »Wenn heut ein Geist herniederstiege –"? – zu den Balladen und Romanzen: »Bertrand de Born«, »Das Glück von Edenhall«, »Graf Eberstein«, »Der Wirthin Töchterlein«, »Der gute Kamerad«, »Der weiße Hirsch«, »Der Schenk von Limburg«, dem Cyclus »Graf Eberhard der Rauschebart«, und all den übrigen, – – wer kennt sie nicht und liebt sie nicht? Als Dramatiker steht Uhland in seinen beiden Stücken, »Ernst, Herzog von Schwaben« und »Ludwig der Baier«, nicht auf der gleichen Höhe. Auch hier begegnet uns ächt deutsches Leben und alte deutsche Treue, überall spricht uns eine ernste Würde und eine ruhige Größe an, es fehlt auch nicht an guter Characterzeichnung und stetiger Entwickelung, und die Sprache endlich ist von größter Schönheit. Allein das wirkliche, dramatische Leben, welches grade viele der Balladen so bewunderungswürdig erfüllt und vor allem auszeichnet, geht diesen größeren Compositionen in empfindlichem Maße ab. Hier waren eben die Grenzen von des Dichters Talent. – Seine wissenschaftlichen Arbeiten, welche ihm unter den Alterthums- und Literaturforschern einen der ersten Plätze sichern, haben wir hier nicht zu besprechen. Ihm zunächst steht Justinus Kerner , geboren zu Ludwigsburg 1786, gestorben 1862 in jenem, seinerzeit in ganz Deutschland und über dessen Grenzen hinaus bekannten Dichterhause an der »Weibertreue« zu Weinsberg. Von seinem äußeren Leben ist nichts zu melden: es war das einfache eines Landarztes, nur daß derselbe sich nicht mit dem herkömmlichen Beruf eines solchen und den gewöhnlichen Kranken begnügte, sondern der sogenannten »Nachtseite« der Natur zustrebend, überall nach einem in das Diesseits herüberragenden Jenseits spürte, mit dem letzteren selbst in Verkehr zu treten suchte und daher den Besessenen, Visionären, Somnambulen u. s. w., eine noch größere Aufmerksamkeit widmete: sie bildeten ja die Vermittler! Seine »Seherin von Prevorst«, in welchem Buch er die Krankheit einer solchen Visionärin erzählt, hat eine Art von Weltruhm erlangt; seine »Geschichten Besessener« und sein »Magikon« berichteten von ähnlichen – Wundern oder Schrecken, und Kerner wurde zu einem der gefeiertsten Apostel des Geisterglaubens, der zu dieser Zeit eine, jeden Vernünftigen bestürzende Ausbreitung gewann. Einer solchen Erscheinung gegenüber bleibt dem unbefangenen Beobachter nur die Wahl, den betreffenden Verkündiger für krank und unzurechnungsfähig; oder für nicht ganz wahr zu erklären. Zu der ersteren Annahme bietet Kerner kaum recht Veranlassung. Er zeigt sich uns nicht nur im Uebrigen, sondern auch in diesen Geister-Affairen gelegentlich immer wieder, sei es als ein ganz practisches, sei es als ein humoristisches, oder richtiger gesagt, spaßhaftes und sogar ausgelassenes Menschenkind, das sich um den Geisterspuk kein graues Haar wachsen läßt und mit den nächtigen Gesellen ganz kordial und fidel verkehrt. Es ist fast, als machte er sich nur einen Spaß mit uns. Der Dichter Kerner hält sich in der Poesie gewissermaßen gleichfalls an die Nachtseite und bleibt unter den schwäbischen Dichtern seiner Jugendliebe, d. i. der Romantik, bis in sein höchstes Alter am getreusten. In seiner Auffassung und seinen Schilderungen der Natur und des Lebens werden wir sehr häufig durch einzelne Blicke, Züge und Wendungen an die alte Schule erinnert: Goldglanz, Maiengrün und Himmelblau, Rosenlicht und süße Dämmerung erfüllen die ganze Natur, die Menschen gehen darin träumerisch, voll Zartheit und Schwermuth oder krank zum Sterben umher, und wo es gar zu Balladen und Romanzen kommt, wimmelt es von Spuk und Gespenstern, Gerippen, unheimlichen schwarzen Vögeln und einander im Arme ruhenden Todten. Durch Kerners meiste Dichtungen geht mit seltenen Ausnahmen und abgesehen von einer gelegentlichen krankhaften Spaßhaftigkeit, ein endloser Wehlaut: alles ist todtkrank und sterbenstraurig, voll Lebensmüdigkeit und Todessehnsucht, aus allen Blumen duftet der Schmerz und aus allen Tannen werden Särge gezimmert. Ernst gesprochen haben aber diese sinnlose Uebertreibung und dies Schwelgen und Wühlen im Schmerz die nothwendige Folge, daß wir mit Mißtrauen gegen den Dichter und sein Empfinden erfüllt werden: es ist ihm nicht Ernst, fürchten wir, sondern er tändelt und kokettirt nur mit etwas, von dem er in Wirklichkeit gar nichts weiß noch empfindet. Der Dichter Kerner ist entschieden über sein wirkliches Verdienst gefeiert worden. Man wird kaum in der Annahme irren, daß er einen großen Theil des Ruhmes, den er außerhalb seiner engeren Heimat erlangte, und der Beliebtheit, deren seine Gedichte sich auswärts eine Zeitlang zu erfreuen hatten, theils jenen erwähnten mystischen Schriften und der Zeitstimmung, theils dem Eindruck zu verdanken hatte, den der joviale, launige, unterhaltende Wirth auf die aus allen Himmelsgegenden herbeiströmenden Besucher seines gastfreien Hauses machte. Dies Weinsberger Dichter- und Geisterhaus wird selbst in der Geschichte unserer Literatur nicht vergessen werden! – Wenn wir aber seine »Dichtungen« und den »letzten Blüthenstrauß« ohne Voreingenommenheit durchmustern, so erstaunen wir über die Fülle des, häufig auch formell, Schwachen und Unfertigen, des Krankhaften, Verzerrten und gradezu Geschmack-, ja Poesielosen; während Gedichte von einer gewissen inneren und äußeren Vollendung, von Wahrheit und Tiefe der Empfindung, von nicht gesuchter, sondern ächter Volksthümlichkeit, uns verhältnißmäßig recht selten begegnen. »Preisend mit viel schönen Reden«, »Wohlauf noch getrunken«, »Mir träumt', ich flög' gar bange«, das bekanntlich als vermeintliches Volkslied ins »Wunderhorn« aufgenommen wurde. »Ich armes Klosterfräulein«, »Schwarzes Band, o du mein Leben«, – diese weit bekannten, beliebten und gesungenen Lieder stehen neben wenig anderen in Kerners Poesie ziemlich vereinzelt da. Von Kerners Prosawerken nennen wir nur sein erstes: »Reiseschatten. Von dem Schattenspieler Lux«, – ein originelles Stück Arbeit, voll von komischen und phantastischen, aber auch sentimentalen und forcirten Zügen, ansprechend und amusirend zuweilen, aber häufiger verwirrend, oder durch Witzhascherei erkältend, so daß der Leser, zumal der heutige, nirgends zu einem wirklichen Genuß kommt. – Sein bestes Buch ist das »Bilderbuch aus meiner Knabenzeit. Erinnerungen aus den Jahren 1786-1804«. Hier erzählt, zeichnet und schildert der Verfasser voll Einfachheit und Wahrheit, voll Anschaulichkeit, voll Gemüthlichkeit, Behagen und Lust sich selbst und die längst entschwundene Zeit und weiß den Leser bis zum Schluß zu fesseln. Als Dritter gesellt sich zu diesen beiden ersten Gründern des Bundes Karl Mayer , geboren 1786, gestorben 1870, ein Dichter von keinem bedeutenden, aber ansprechenden und freundlichen Talent, ein liebevoller Freund und Kenner der Natur und ganz eigenthümlich befähigt, uns im engsten Rahmen ein hübsches Naturbild zu liefern. Sein Empfinden ist kein tiefes, aber ein durchweg natürliches und gesundes, und wo er wirklich einmal, dem Zeitgeschmack nachgebend, ein wenig in Weltschmerz zu machen versucht, ruft die Natur ihn alsbald wieder auf den rechten Weg zurück: »Ach das Herz, das irre, schwanke, Gleicht dem weiten Erdenrund; Wie es gähre, wie es kranke, Lebt's hinwieder sich gesund .« Als Vierter begegnet uns der etwas jüngere Gustav Schwab , 1792 bis 1850, ein ungemein rühriger Schriftsteller, dem wir mehr als ein gutes und nützliches Buch zu verdanken haben. Als Dichter zeigt er kein bedeutendes, aber ein ganz angenehmes Talent, und hätte er sich statt der mittelalterlichen Stoffe häufiger neuere gewählt und statt in die Sagenwelt ins Volksleben hineingegriffen, so würden wir sicherlich mehr wirklich poetische Gedichte von ihm besitzen und seltener über Breite und Nüchternheit zu klagen haben. »Das Eßlinger Mädchen«, vor dessen Reinheit der wilde Melac entweicht, »Das Gewitter« – »Uhrahne, Großmutter, Mutter und Kind« –, »Der Reiter und der Bodensee«, »Ein Fund in der Opferbüchse«, »Die Engelskirche auf Anatolikon«, und andere, sind Gedichte von Tiefe der Anschauung, von vorzüglicher Komposition, voll Schwung und Kraft und von fast durchweg trefflicher Sprache. Zwischen seinen Liedern finden wir das bekannte Studentenlied: »Bemooster Bursche zieh' ich aus«. – Von seinen übrigen Werken erwähnen wir das warmherzige und für die damalige Zeit höchst beachtenswerthe »Schillers Leben«. Die Sammelwerke, »Fünf Bücher deutscher Lieder und Gedichte«, »Die deutsche Prosa«, »Die deutschen Volksbücher«, »Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums«, zeugen auch heute noch von seinem Geschmack in der Auswahl und der Bearbeitung. – »Die Neckarseite der schwäbischen Alb«, »Der Bodensee nebst dem Rheinthal«, »Die Schweiz in ihren Ritterburgen und Bergschlössern«, sind Bücher von trefflicher Darstellung und durch die zahlreichen eingeflochtenen Sagen von Interesse. – Eine Ausgabe von Paul Flemings erlesenen Gedichten, Uebersetzungen von Lamartine 's » Meditations « und Barthélemy 's und Méry 's » Napoléon en Egypte « sind gleichfalls erwähnenswerth. Ganz besonders aber und auf das ehrendste müssen wir des überaus wohlthätigen Einflusses gedenken, welchen er so gut wie Chamisso nicht nur im persönlichen Verkehr, sondern auch durch den von beiden herausgegebenen Musenalmanach auf die jungen Dichter und die Literatur, zumal der dreißiger Jahre ausübte, voll warmer Theilnahme, anregend und ermuthigend, belehrend und berathend – ein freundlicher Mentor. Hiermit könnten wir von der eigentlich schwäbischen Schule scheiden, da wie viele auch in allen Gauen Deutschlands sich zu ihr bekannten und an sie anschlossen, zwischen ihnen nirgends ein hervorragendes Talent erscheint. Es ist aber bemerkenswerth, daß sich in dieser Schule und ihrer Richtung strenggenommen nichts von einer Weiterentwickelung zeigt, vielmehr auch ihre späteren Schüler und Anhänger sich gewissermaßen überall an die Tradition und die ersten Themata halten und nur ausnahmsweise neue Wege aufsuchen und neue Weisen vernehmen lassen. In Folge davon würden diese Angehörigen mit allem Recht schon hier zu nennen sein, wenn sie auch hin und wieder einer viel späteren Zeit angehören. Allein wie achtungswerthe Talente auch zwischen ihnen wieder sich finden – wir nennen nur die Schweizer A. E. Fröhlich und Rudolf Tanner , die Elsasser Brüder August und Adolf Stöber , die Schwaben Niklas Müller , Theobald Kerner , den frommen Liederdichter Albert Knapp u. s. w. –, so gilt doch auch von ihnen das oben Gesagte: etwas Hervorragendes und Bleibendes ist von ihnen nicht ausgegangen. Nur zwei Dichter erheben sich noch über das Niveau – Gustav Pfizer und Eduard Mörike – und verlangen unsere Aufmerksamkeit, nicht nur wegen ihres wirklichen und schönen Talents, sondern auch weil Beide sich, sei es auch nur im Einzelnen, von der Grundrichtung der Schule entfernen. Einige andere, welche sich zu noch größerer Unabhängigkeit erhoben und späteren Literaturströmungen folgten, werden uns auch erst in dieser späteren Zeit begegnen. Gustav Pfizer , geboren zu Stuttgart 1807, ist kein großer Dichter, aber er hat Gedanken und Empfindung und eine schöne Sprache, welche durch Schwung und Pracht zuweilen an Schiller erinnert. Sie steht freilich eben hierdurch, wie sich zumal an seinen kleineren lyrischen Gedichten zeigt, nicht selten in einem gewissen Mißverhältniß zu den einfachen und natürlichen Stoffen, und ebenso leidet auch die Empfindung hin und wieder unter seiner Lust zur Reflexion. Pfizer besitzt eine gründliche klassische Bildung und behandelt gern Stoffe aus dem Alterthum, aber er ist auch im Orient und wieder in der Neuzeit und ihren Sprachen daheim, wie einige, für die damalige Zeit vortreffliche Uebersetzungen zeigen – z. B. Lord Byrons »Lebewohl« und Shelley's »Leichenbegängniß,« – und offenbart endlich zugleich ein Verständniß der Gegenwart und eine Theilnahme für sie, die ihn unter den Dichtern seiner Zeit auf das Vortheilhafteste auszeichnen und ihn sich fast den eigentlich politischen Dichtern anreihen lassen. Neuerdings ist er völlig verstummt. Eduard Mörike , geboren zu Ludwigsburg 1804 und gestorben zu Stuttgart am 4. Juni 1875, nimmt unter seinen Heimatsgenossen einen der ersten Plätze ein, ja er würde auf einen solchen unter den deutschen Dichtern überhaupt Anspruch zu machen haben, hätte die Entwickelung seines Talents nur einigermaßen der ursprünglichen Anlage entsprochen. Romantiker von Hause aus, streckt er, um uns so auszudrücken, andere Wurzeln in das Leben der Gegenwart herüber und betheiligt sich an ihren Fragen und Interessen mit dem Ausdruck des modernsten, freilich tiefen, aber keineswegs immer klaren Empfindens. Zu einer Vermittelung dieser beiden Richtungen kommt es in ihm nicht, vielmehr schwankt er unausgesetzt zwischen ihnen hin und her, wie es sich vorzüglich in seinem angeblichen Hauptwerk, »Maler Nolten, eine Novelle«, zeigt, einem Künstlerroman, der auf jeden Unbefangenen einen nicht nur unkünstlerischen, sondern auch ungesunden, ja fast abstoßenden Eindruck macht. Bei weitem höher stehen seine kleineren Schöpfungen, wie z. B. das Märchen »Der Schatz«, und die schöne Novelle, »Mozart auf der Reise nach Prag«. Am größten und liebenswürdigsten zeigt Mörike sich aber in seinen Gedichten, welche noch bei weitem nicht genug bekannt geworden sind. Es finden sich unter ihnen manche Stücke von tiefer Gemüthlichkeit und Empfindung, von größter Innigkeit und harmloser Fröhlichkeit, von hoher Einfachheit und frischer Volksthümlichkeit, so daß sie nicht selten an Goethe's schönste Lieder erinnern. Um diesem Dichter auf das herzlichste zu eigen zu werden, muß man die anmuthigen, die schalkhaften, die ergreifenden Stücklein lesen, wie: »Rosenzeit, wie schnell vorbei«, »Ach wenn's nur der König auch wüßt«, »Drei Tage Regen fort und fort«, mit dem herzigen Schluß: »Und auf und nach der Liebsten Haus, Und sie gefaßt ums Mieder: »Drück' mir die nassen Locken aus Und küss' und hab' mich wieder!« Oder man lese jene Krone seiner Poesie und eine der schönsten Perlen unserer ganzen deutschen Dichtung: »Wie heißt König Ringang's Töchterlein? – Rohtraut, Schön-Rohtraut!« – Oder endlich das völlig volksliederartige: »Früh, wenn die Hähne krähn, Eh' die Sternlein verschwinden, Muß ich am Herde stehn, Muß Feuer zünden. »Schön ist der Flammen Schein, Es springen die Funken, Ich schaue so drein, In Leid versunken. »Plötzlich da kommt es mir, Treuloser Knabe, Daß ich die Nacht von dir Geträumet habe! »Thräne auf Thräne dann Stürzet hernieder, So kommt der Tag heran – O ging' er wieder!« Seine »Idylle am Bodensee« ist ein hübscher Schwank, reich an schönen Naturbildern und guten Schilderungen aus dem Volksleben, aber ohne Einheit der Composition. – In dem Märchen »Das Stuttgarter Hutzelmännlein«, hat er mit vielem Glück mehrere Volkssagen benützt. Auch Mörike hat in seinen letzten Lebensjahren öffentlich kaum noch etwas von sich hören lassen. 41. Inzwischen war die Zeit erfüllt, und »das Volk stand auf und der Sturm brach los,« der die Franzosenherrschaft vom deutschen Boden fegte. Glück und Liebe einen freilich die Menschen, wo es Wenige gilt, auf das innigste, aber wo Alle sich verbinden sollen, da ist Zorn und Noth ein noch festerer Kitt, wenn der eine und die andere Alle gemeinsam so eisern umpressen und so grimmig erfüllen, wie es die vergangenen Jahre uns Deutschen gebracht hatten. Die allgemeine Schmach und der allgemeine Druck hatte Alle einander gleich und gleiches Sinnes und Willens gemacht. Sie wußten plötzlich, wie sie es noch nie gewußt, von Memel an der ganzen Küste entlang bis gegen Holland und rückwärts, bis in Mitteldeutschland hinein und nach Schlesien hinüber, daß sie zu einander gehörten und zu einander stehen wollten zum einen großen Werk der Befreiung, – eine Erscheinung, welche in diesem Glanz und dieser Gewalt in Deutschland niemals sonst beobachtet worden ist. Und als der russische Winter die Macht Frankreichs gebrochen hatte und die unglücklichen Flüchtlinge mit der Kunde des Verderbens auch die Botschaft in alle Paläste und Hütten brachten, daß die Stunde geschlagen habe, da waren Alle bereit und die Begeisterung schlug auf und zusammen zu einer gewaltigen Flamme. Wie groß und schön, wie rein und selbstlos diese Begeisterung war, deß ist noch heute die Literatur und sind die Dichter Zeugen, welche diesen Tagen angehören: wie das Volk, so wurden auch sie weit über sich selbst hinausgerissen und zu einer Höhe erhoben, die unter gewöhnlichen Verhältnissen keiner von ihnen erreicht haben würde. Was uns das deutsche Volk und Heer dieser Zeit und dieses Krieges beobachten läßt: die Tüchtigkeit und den Adel der Gesinnung, den festen, klaren Willen zu siegen oder zu sterben, den Opfermuth und die durch nichts zu brechende, alle Gefahren und Intriguen, allen Widerstand besiegende geistige und moralische Kraft – wir finden seines Gleichen weder in der deutschen, noch in irgend einer anderen Geschichte wieder und erstaunen um so mehr, je schneller das alles nach dem Kriege wieder in die müdeste Gleichgültigkeit und das ödeste Philisterthum zurücksank. Und ebenso nimmt, was in der Literatur und Poesie dieser Tage ans Licht tritt, nicht nur in ihr, sondern auch, wie schon bemerkt, im Leben und unter den Werken der Schriftsteller und Dichter seinen eigenen, höheren Platz ein. Wenige Vorläufer, wie die früher erwähnten »Reden an die deutsche Nation«, von Fichte , einzelne Schriften und Lieder von Arndt u. s. w., abgerechnet, hebt diese patriotische und Kriegsliteratur auch wirklich erst mit der Volkserhebung an und endet mit oder doch bald nach dem Wartburgsfest, zugleich mit dem romantischen Traumbilde von des deutschen Volkes und Reiches »alter Herrlichkeit«. Wie einzig und wie hoch diese Poesie dasteht – denn nur von ihr haben wir hier zu reden! –, das ersehen wir am deutlichsten, wenn wir sie mit derjenigen vergleichen, welche der neusten großen Erhebung Deutschlands im Kriege gegen Frankreich ihre Entstehung verdankt. Diese letztere ist und bleibt, trotz einzelner trefflicher Gedichte, im Großen und Ganzen eine Haus- und Stubenpoesie, die den Leser erhebt und erfreut, während jene von anno Dreizehn, wie Goethe es will, »aus dem Bivouac heraus, wo man Nachts die Pferde der feindlichen Vorposten wiehern hört«, gewaltig ins Herz des Volkes klang und von dem ganzen Heer und der ganzen Nation tausendstimmig in die Lüfte gesungen wurde. Eine Begeisterung, wie jene der Freiheitskriege, ist eine wesentlich und eminent poetische von Hause aus und wo sie sich in Wort und Schrift offenbart, tritt dieser ihr Character uns mehr oder weniger deutlich entgegen. Und wie sie selber nicht auf einen Stand beschränkt war, sondern das ganze Volk in all seinen Ständen und Klassen erfüllte, so gelangte sie auch allerwärts zur poetischen Aeußerung, und die patriotischen Lieder und Kriegsgesänge klingen uns von allen Seiten her an. Es ist eine ganz außerordentlich reiche Literatur, diese der damaligen Krieges-, Sieges- und Traumzeit, und sie erscheint uns um so reicher, als sie sich, wie bemerkt, mit wenig einzelnen Ausnahmen, auf den kurzen Zeitraum von fünf Jahren beschränkt. Die Dichtungen der Arndt und Körner , der Schenkendorf, Rückert und Fouqué mögen freilich wohl gewissermaßen den Stamm bilden, wie sie ja auch am weitesten bekannt geworden sind. Allein neben und zwischen ihnen und um sie her erscheinen zahlreiche andere Lieder, deren Verfasser niemals bekannt geworden oder längst vergessen sind, während unser Volk und zumal unsere Jugend sie noch immer singt. Da ist gleich das Lied: »Schön ist's unter freiem Himmel«, von Hiemer , den niemand mehr kennt, und das treffliche: »Hinaus in die Ferne mit lautem Hörnerklang«, das Methfessel gedichtet haben soll (?), wie er es komponirt hat. – Da ist das, nur als fliegendes Blatt bekannt gewordene, viel gesungene: »Mit Mann und Roß und Wagen – So hat sie Gott geschlagen«, und das nur in der gleichen Weise verbreitete: »Es reiten drei Jäger zum Thor hinaus – ade! Feinsliebchen, du siehst ja nicht traurig aus – ade! Warum sollt' ich denn traurig sein? Ein Krieger ist der Herzliebste mein! Ade, ade, ade – Wer gehen kann, der geh'! – oder das trauervolle, ächt volksthümliche: »Die Preußen haben Allarm geschlagen – Du schwarzbraun Mädel, nun hilft kein Klagen, – Dein Tambour, der rückt ins Feld!« – oder das Spottlied: »Kaiser der Napoleon – Ist nach Rußland kommen«. Allein es ist hier von diesen Kriegs- und den zahlreichen folgenden Turner- und burschenschaftlichen Liedern kein Ende zu finden, und selbst von den bekannteren Dichtern genügt es völlig, wenn wir nur einzelne Namen nennen, wie Ludwig Follen , der stürmische Vaterlandslieder und ein paar Jahre später die »freien Stimmen frischer Jugend« schrieb; Gottlob Wetzel, Karl Lappe, August Binzer , den Dichter des bekannten: »Wir hatten gebauet – Ein stattliches Haus«; Friedrich Förster , den alten Lützower, der außer Kriegs- und Zeitliedern später eine lange Reihe von historischen, biographischen, statistischen, geographischen Schriften, Erzählungen, Dramen, Erinnerungen u. s. w. zusammenschrieb; Friedrich August von Stägemann , den specifisch preußischen Kriegssänger, von dem hier noch seine »Erinnerungen an Elisabeth« erwähnt werden mögen, eine Auswahl der formell vollendet schönen Sonette, die er an seine Gattin richtete und, wie die Sage geht, unendlich viele Jahre lang alltäglich an sie gerichtet haben soll. Näher haben wir indessen jene vier Stimmführer unter den Freiheits- und Kriegssängern zu betrachten, – Schenkendorf, Körner, Arndt und Rückert . – Fouqué wurde bereits früher genannt, und Uhland gehört, obgleich manche ihn hieher rechnen wollen, dennoch im Grunde nicht zu diesem Kreise. Max von Schenkendorf , geboren 1783 und gestorben 1817, ist, zumal Fouqué's Kriegslyrik von keiner namhaften Bedeutung, der Romantiker unter diesen Dichtern. Er begeistert sich am lebhaftesten zugleich für »Kaiser und Reich« und die »alte deutsche Herrlichkeit«, und für das Vaterland und seine Erhebung aus der Schmach, und es geht durch seine Gedichte nicht nur ein ritterlicher und frommer, sondern auch ein ächt deutscher und treuer Ton. Seine Gedichte zeugen von einer schönen Begabung, sie sind zuweilen voll Schwung und immer voll Wärme, Innigkeit und Vaterlandsliebe und zeichnen sich auch durch Melodie und Schönheit der Sprache vortheilhaft aus. Bekannt sind manche noch heut; so die Lieder: »Freiheit, die ich meine«, »Erhebt euch von der Erde«, »Die Feuer sind entglommen«, »In dem wilden Kriegestanze«, – vor allen der »Frühlingsgruß«: »Wie mir deine Freuden winken Nach der Knechtschaft, nach dem Streit! Vaterland, ich muß versinken Hier in deiner Herrlichkeit. Wo die hohen Eichen sausen, Himmelan das Haupt gewandt, Wo die starken Ströme brausen – Alles das ist deutsches Land.« Auch zwischen den übrigen Gedichten des frommen Sängers finden sich nicht wenige, welche den Wunsch rechtfertigen, daß man Schenkendorf seiner halben Vergessenheit wieder entziehen möge. Er verdient es uns lieb zu bleiben. Was Schenkendorf zu wenig wurde, das ist Körner in desto höherem Maße zu Theil geworden: er ist das Vorbild jener todesmuthigen und nicht selten opferungssüchtigen Jugend und der gefeiertste Sänger der Befreiungskriege, den man, wie es die damalige, jedes Maß überflutende Begeisterung mit sich brachte, zu einer Höhe hinaufgehoben hat, die er in Wirklichkeit gar nicht oder nur durch seine Kriegsgedichte zu behaupten im Stande ist. Karl Theodor Körner wurde 1791 zu Dresden geboren. Sein Vater war der Lebensfreund Schillers und mit diesem in herzlichstem Verkehr, wie der umfangreiche, bis an des Dichters Tod reichende Briefwechsel beider Männer bezeugt, der uns erhalten worden ist. Die Schiller'schen Werke wanderten, nicht selten schon im Manuscripte, zur Beurtheilung durch den gebildeten und geschmackvollen Freund, ins Körner'sche Haus; der Dichter selber stellte sich auch von Zeit zu Zeit persönlich ein oder sah die Freunde bei sich in Jena und Weimar. Es gab im Körner'schen Hause keine gefeierteren Namen als diejenigen Schillers und Goethe's, und die unsterblichen Werke dieser Heroen wurden nirgends mit mehr Liebe und mehr Verständniß aufgenommen als hier. Daß solche Zustände, ein solcher Verkehr und eine solche Anregung den tiefsten Eindruck auf einen, in seiner Jugend obendarein kränklichen und daher mehr auf ein Innenleben hingewiesenen, begabten Knaben machen und seine ganze Entwickelung beeinflussen und fördern mußten, ist begreiflich genug. Ob von der Natur zum Dichter bestimmt oder nicht, wurde ihm die Poesie vom frühsten Kindesalter an sozusagen eingeimpft und mit dem reifenden Verständniß und unter der unausgesetzten Anregung auch die Lust zur eigenen Production erweckt. Körner dichtete schon als Knabe und veröffentlichte bereits als Achtzehnjähriger eine Gedichtsammlung »Knospen«, und als er nach einer ziemlich wilden und unfruchtbaren Studienzeit zu Freiberg, Leipzig und Berlin nach Wien kam, wurden seine dramatischen Versuche mit so viel Beifall aufgenommen, daß er zum Hoftheaterdichter ernannt wurde. Hier folgen dann seine Schöpfungen: Trauerspiele – »Zriny«, »Rosamunde«, »Hedwig«, – Lustspiele – »Der Nachtwächter«, »Der grüne Domino«, »Der Vetter aus Bremen« u. s. w. – Operntexte, Gedichte, Erzählungen u. s. w. in gedrängter Reihe – Zeugen einer ungewöhnlichen Frühreife und einer außerordentlichen Productionskraft, aber nicht grade eines großen und selbstständigen Talents. Denn er ist vor allem ein Schüler und Nachahmer Schillers und zwar nicht einmal ein glücklicher, denn sein Pathos ist nicht selten ein äußerst hohles und seine Sprache aufs höchste gespreizt. Trotzdem wurde er zu seiner Zeit beinah wie ein zweiter Schiller begrüßt und angejubelt. Auch in seinen Lustspielen ist er nicht selbstständig, sondern steht häufig sichtbar genug unter dem Einflusse Kotzebue's. Auf sein eigenes und eigentliches Feld gelangte und zu einer wirklichen Höhe erhob er sich erst mit seinen vaterländischen und Kriegsgesängen, die er, mit dem Lützow'schen Freikorps 1813 wider den Feind ziehend, begeistert und begeisternd anstimmte. Zu Anfang des Waffenstillstandes bei dem bekannten Ueberfall von Kitzen schwer verwundet, genas er während der folgenden Wochen, zog im August wieder mit seinem Korps aus und fiel, tollkühn in den Tod jagend, am 26. August in einem Gefecht zwischen Schwerin und Gadebusch, – um eines solchen, fast als Märtyrertod gepriesenen Endes willen noch mehr gefeiert. – In seinen Kriegsliedern, welche unter dem Titel »Leier und Schwert« erschienen, steht er in unserer Poesie allerdings, Ernst Moritz Arndt ausgenommen, völlig einzig da. In diesen Liedern spiegelt sich jene Zeit mit ihrer Begeisterung, ihrem Glaubensmuth, ihrer Opferfreudigkeit, ihrer Liebe und ihrem Haß, in ihrer vollen Größe, auf das glänzendste und zugleich reinste wieder, und es athmet uns aus ihnen noch heute jener Geist an, der die Lötzow'schen »Schwarzen« auszeichnete. Sie sind, mag auch hier im Einzelnen Pathos und Bombast zu rügen sein, voll Schwung und Melodie und nicht bloß sing bar , sondern auch fast ausnahmslos gesungen im Heer und im Volk, bis auf den heutigen Tag. Jene Lieder – »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los«, – »Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen«, – »Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein«, – »Vater, ich rufe dich«, – »Du Schwert an meiner Linken«, und manche andere sind wirklich zum Eigenthum unseres Volkes geworden und werden das Andenken an ihren Dichter länger erhalten als das Denkmal unter der Eiche bei Wöbbelin. Wenn Theodor Körner die damalige Jugend vertritt und aus seinen Liedern uns die jugendliche Begeisterung jener Zeit anmuthet, so tritt uns in Ernst Moritz Arndt der Mann des Damals entgegen. Geboren zu Schoritz auf der Insel Rügen im Jahre 1769, war er beim Ausbruch des Befreiungskrieges längst kein Neuling im Leben mehr und ein schon seit langem erprobter Bekämpfer und unversöhnlicher Feind aller Unterdrückung. Nach weiten Reisen wurde er zu Anfang des Jahrhunderts in Greifswald als Professor der Geschichte angestellt und veröffentlichte unter anderen Werken auch eine »Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern«, welche nicht wenig Aufsehen machte und ihm den Haß des ganzen Adels eintrug. Gegen Napoleon aber und die Franzosenwirthschaft erhob er sich in seinem »Geist der Zeit«, der in mehreren Bänden während der folgenden Jahre erschien und sich voll des gewaltigsten Zorns gegen die Unterdrücker wie gegen ihre entarteten deutschen Anhänger und gegen alle Schäden und Gebrechen der Zeit erhob. Von den Franzosen verfolgt, flüchtete Arndt nach Schweden und Rußland und setzte von hier aus den Kampf in zahlreichen Schriften, Schriftchen und Liedern fort, den Haß predigend und zum Kriege rufend. Viele von diesen nach Deutschland und ins Lager der Feinde hinübergeschleuderten Feuerbränden findet man in seinen »Schriften für und an seine lieben Deutschen« gesammelt. Aber auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland und während des Krieges war er unermüdlich in dieser Weise thätig, setzte er rastlos den Kampf fort und ließ keine Seite des jungen öffentlichen Lebens aus den Augen, und obgleich er niemals selber das Schwert geführt hat, muß er doch als einer der gewaltigsten Kämpfer dieser Zeit angesehen werden. Nach dem Kriege artete auch sein »Deutschthum« freilich, wie man es damals an vielen zu erleben hatte, in Deutschthümelei aus und gefiel sich in allerhand seltsamen Forderungen und Uebertreibungen. Zu Bonn als Professor angestellt, wurde er bei der beginnenden Demagogenverfolgung 1819 vom Amte suspendirt und erst 1840 wieder angestellt. Im Jahre 1848 erschien er noch einmal als Abgeordneter in der Paulskirche und starb, der Gegenwart fremd, 1860 im einundneunzigsten Lebensjahre. Als Dichter gehört er ursprünglich fast noch der vor klassischen Zeit an: nicht wenige seiner früheren Gedichte klingen uns beinahe Klopstockisch an oder gemahnen auch wohl einmal an die zarten und tändelnden Liebes- und Natursänger jener Zeit. Alles aber, die Vaterlandslieder, die Oden, die Episteln, die Naturbilder, die Klinglieder, einzelne Balladen und was sonst immer dieser ersten Periode angehört, – ist weder poetisch noch sprachlich von höherem Werth und würde auch ihn schwerlich vor der Vergessenheit schützen. Nur ein paar Trinklieder zeigen Spuren von Frische und Lust und einen nicht unmelodischen Fluß. Schon in dem ersten uns bekannten Sturmliede aber, dem 1810 gedichteten »Schlachtgesang«: »Zu den Waffen! Zu den Waffen! – Als Männer hat uns Gott geschaffen!« erhebt der Dichter sich auf eine um vieles höhere Stufe und ist alles voll männlicher Kraft, eiserner Entschlossenheit und unbesieglichen Muthes, gewaltigen, grimmigen Zornes. Und nun stürmt und braust es fort, Lied auf Lied: »Brauset Winde, schäume Meer!« – »Auf zur Rache, auf zur Rache! – Erwache, edles Volk, erwache!« – »Es wurden die Väter gepriesen«, – »Der Gott, der Eisen wachsen ließ – Der wollte keine Knechte«, – »Das Lied vom Schill«, – »Es zog aus Berlin ein tapferer Held«, ein Lied voll der tiefsten und edelsten Mannestrauer, und daneben das übermüthige »Lied vom Gneisenau« – »Bei Kolberg auf der grünen Au«. Dann folgen die schönen Lieder aus dem »Katechismus für den deutschen Wehrmann«: »Gott du bist meine Zuversicht«, – »Auf, die Schwerter hell heraus!« – »Hebt das Herz, hebt die Hand!« – »Was ist des Deutschen Vaterland?« und wieder andere: »Durch Deutschland flog ein heller Klang«, – »Wer ist ein Mann? – Wer beten kann!« – »Was blasen die Trompeten? Husaren heraus!« u. s. w. u. s. w. Das sind alles Lieder, an denen man immerhin im Einzelnen, künstlerisch angesehen, mancherlei auszusetzen haben mag, daß die Begeisterung in ihnen bis zur Ekstase sich steigert, daß die Worte sich überstürzen und Bilder und Vorstellungen sich ins Ungemessene verlieren. Aber wenn wir sie heut noch lesen oder singen, so packen und durchschauern sie uns stets von neuem mit der alten unwiderstehlichen Gewalt und gemahnen uns wie die Kolbenschläge des deutschen Heers, denen kein Feind Stand zu halten vermochte. In allem, was Arndt während seines langen, späteren Lebens gedichtet und geschrieben hat, finden wir viel Gutes, Wackeres und Edles, vernehmen aber nur selten wieder Klänge, welche uns gleich den alten treffen. Wir gedenken hier nur noch des hochsinnigen »Bundesliedes«: »Sind wir vereint zur guten Stunde«, und der beiden weit bekannten, für unsere schönsten deutschen zu erachtenden Trinklieder: »Aus Feuer ward der Geist geschaffen«, und »Bringt mir Blut der edlen Reben«. Aus das französische Kriegsgelärm von 1840 antwortete der alte Kämpe noch einmal in dem mannhaften Gedicht: »Und brauset der Sturmwind des Krieges heran«, mit dem allgemein bekannten Refrain: »So klinge die Losung: Zum Rhein, über'n Rhein! All-Deutschland in Frankreich hinein!« Seine »Erinnerungen aus dem äußeren Leben« sind nicht nur geeignet, sondern verdienen es auch ein Volksbuch zu werden. Sie gewähren uns ein gutes Bild des treuen und wackeren Mannes selbst, seiner Zeit und mehr als eines seiner großen Zeitgenossen. Alles zusammengenommen, ist und bleibt Ernst Moritz Arndt ein Mann und ein Dichter, auf den Deutschland stolz sein darf, wie auf wenige. Friedrich Rückert ist zu Schweinfurt am Main 1783 geboren. Nachdem er seine Studien beendet hatte, lebte er eine Zeit lang in Stuttgart und betheiligte sich an der Redaction des »Morgenblatts«, bis er 1818 nach Italien ging. Zurückkehrend ließ er sich in Coburg nieder und lebte seinen Studien und der Dichtkunst, docirte eine Reihe von Jahren die orientalischen Sprachen an der Universität Erlangen, folgte 1841 dem Rufe des Königs Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin, wo der an das unabhängigste Leben in der schönen Natur gewöhnte Mann sich jedoch sehr unbehaglich fühlte, und lebte und dichtete dann wieder auf seinem Gute Neuseß bei Coburg, bis er am 31. Januar 1866 daselbst starb. Das ist der einfache Lebensweg eines Dichters, der in unserer Literatur wieder einmal fast einzig dasteht und auch in keiner anderen, fremden recht seines Gleichen hat. Sein Geist ist von einer Regsamkeit und Rastlosigkeit ohne Beispiel; die Gedanken, die Vorstellungen und, man möchte hinzusetzen, die Empfindungen strömen in niemals aussetzender Flut herbei und werden, zum Ausdruck gelangend, ohne Weiteres zu Verszeilen, zu Strophen und Gedichten. Und zu einer solchen unerhörten – sage man Thätigkeit oder Fruchtbarkeit, gesellt sich eine Herrschaft über die Sprache, für die es kein Hinderniß und keine Schwierigkeiten gibt, in welcher der Dichter sich vielmehr so sicher weiß, daß er sich nicht selten, wie aus reinem Uebermuth, solche Hindernisse und Schwierigkeiten erst schafft, um sie spielend zu besiegen, und sich in allerhand halsbrechenden Künsten versucht, ohne im Grunde doch jemals den Hals zu brechen. Denn was Rückert vor vielen, ja den meisten neueren Dichtern auszeichnet und als der größte Vorzug seiner Poesie zu erachten sein dürfte, das ist seine und seiner Poesie Gesundheit . Bei ihm findet sich kein krankhafter Zug, er weiß von keiner unreinen Stimmung und falschen Empfindung, und sein Schmerz und Ernst sind ebenso natürlich und gesund, wie seine Freude und sein Scherz. Daher läßt man sich von ihm auch die Künstelei und Barockheit des sprachlichen Ausdrucks und des Reims eher gefallen und verzeiht ihm selbst gelegentliche Fehlgriffe leichter, als einem anderen Dichter. Wie man freilich auf der anderen Seite auch über den barocken, aber gewandten und originellen Versen und Reimen wohl einmal eine außerordentliche Trockenheit und Nüchternheit des Inhalts zu vergessen hat und – zu vergessen vermag. Seine Eigenartigkeit und seine Eigenheiten begegnen uns schon in seinen ersten Schöpfungen, welche er unter dem Namen Freimund Raimar veröffentlichte – den »geharnischten Sonetten«, ziemlich zahlreichen patriotischen Gedichten und zwei aristophanisirenden, gegen Napoleon gerichteten Komödien: »Napoleon und der Drache« und »Napoleon und seine Fortuna«. – Die Sonette schreiten wirklich wie gepanzert einher, es ist häufig etwas Hartes und Rauhes im Ausdruck, in der metrischen Form, selbst in der Gliederung der Sätze, und dies alles stimmt gewissermaßen zu der flammenden Begeisterung, zu dem wilden Zorn, zu der grimmigen Verachtung und dem scharfen Spott und Hohn, welche jede Zeile erfüllen. Zwischen diesem national deutschen und ächt volksthümlichen Inhalt jedoch und der weichen, kunstvollen, völlig undeutschen Sonettform besteht ein Widerspruch, der durch keine noch so schönen Worte fortzudemonstriren ist, und die Wahl dieser Form bleibt ein ernster Mißgriff und eine obendarein nicht grade geistvolle Caprice des Dichters. – Es ist schon hier jener Kosmopolitismus angedeutet, der den Dichter Rückert mehr oder weniger von allen Seinesgleichen unterscheidet: er und seine Poesie schwingen sich über die Heimat und das Heimatliche hinaus, über den Erdkreis hin und wählen ihre Stoffe und Formen unparteiisch, wo sie sie finden, ob im Süden oder Norden, ob im Alterthum oder in der Neuzeit. Zwischen seinen übrigen patriotischen und, wenn man so will, politischen, der ersten Zeit angehörenden Gedichten finden sich manche hübsche, frische und kräftige. So wollen wir auf die »Blücherlieder« hinweisen und auf die bekannteren: »O, wie ruft die Trommel so laut!« – »Nehmt euch in Acht vor den Bächen – Die da von Thieren sprechen!« – »Der Landsturm! Der Landsturm!« – Oder auf die Spottlieder: »Ei ei – Ney, Ney!« – »Es waren einmal die Schneider – Die waren gar muthig und keck«. – Auch die treffliche, an das Volkslied erinnernde Ballade: »Der alte Barbarosse – Der Kaiser Friederich«, ist hieher zu rechnen. Im Allgemeinen aber reichen diese Zeitgedichte weit nicht an Körners Schwung, Arndts Kraft und Schenkendorfs Innigkeit und Ritterlichkeit hinan, und wäre Rückert uns nur durch sie bekannt geworden, so würde er sich in unserer Literatur mit einem sehr bescheidenen Platz zu begnügen haben und zu den Vielen zu zählen sein, denen eben hin und wieder auch wohl einmal das Bessere, ja selbst das Gute gelingt, ohne daß sie sich über dem Niveau der Mittelmäßigkeit zu erhalten vermögen. Aber Rückert betritt schon in und mit seinen nächsten Gaben, den »Oestlichen Rosen«, in welchen er sich zum erstenmal dem eben durch Goethe eröffneten, nie wieder von ihm verlassenen Orient zuwandte, der anmuthigen Idylle »Amaryllis«, den »Makamen des Hariri«, vor allem aber in zahlreichen Liedern und unter diesen besonders im »Liebesfrühling« sein eigenstes Gebiet und schwingt sich rasch zu einem unserer ersten Lyriker und zum größten Lehrdichter auf, den wir in unserer Literatur kennen lernen. In seinem bekannten »Liebesfrühling«, der Krone seiner gesammten Dichtung, und in seinen übrigen Liebes-, Haus-, Familien- und Lebensgedichten – seine wunderbar schönen und ergreifenden »Kindertodtenlieder« wurden erst ganz vor Kurzem aus seinem Nachlaß veröffentlicht –, seinen Wander- und Naturbildern offenbart sich uns ein Gedankenreichthum, ein Gemüth, eine Empfindung, eine Menschen- und Naturliebe, eine Kenntniß und ein Verständnis der tiefsten und geheimsten Seelenregungen, eine klare Anschauung und eine zugleich natürliche und liebevolle Auffassung, welche, durchdrungen und getragen von jener schon erwähnten, seltenen und unvergänglichen Gesundheit dieser Natur und dieses Talents und verbunden mit einer glänzenden, formengewaltigen Darstellungsgabe, die Mehrzahl dieser Dichtungen an die Seite des Besten stellen, was unsere Lyrik auszuweisen hat. Völlig einzig sind seine Kinderlieder und Kindermärchen, wie die wunderhübschen: »Vom Büblein, das überall hat mitgenommen sein wollen«, oder »Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt«. Nur ausnahmsweise und meistens nur da, wo sich auch hier das Lehrhafte eindrängt, haben wir über Verskünstelei und Reimspielerei zu klagen und fast überall athmet uns eine Fülle der wahren Poesie an. Nicht minder überraschend und bewunderungswürdig ist der Gedankenreichthum, die Fülle von Lebensweisheit und Lebenserfahrung, die ewig rege, unerschöpfliche, glänzende Phantasie, welchen wir in den größeren, meistens dem Orient entlehnten Dichtungen, den launigen »Makamen des Hariri«, dem anmuthigen, deutsch gemüthvollen »Nal und Damajanti«, dem bilderreichen und ergreifenden »Rostem und Suhrab«, dem großen Lehrgedicht »Die Weisheit des Brahmanen«, und all den kleineren Stücken, den Parabeln, den gnomischen Dichtungen, den Sagen und Geschichten u. s. w. begegnen. Auf eine Characterisirung aller dieser Arbeiten müssen wir ebenso verzichten, wie auf die Herzählung aller Werke und auf die Hervorhebung einzelner. Hier genüge es zu bemerken, daß unter den zahllosen Schöpfungen Rückerts das Schöne und Aechte, das Tiefsinnige, Warme und Weihevolle um vieles das Schwache und Matte, das Gesuchte und Erkünstelte überwiegt. Gänzlich Fehlgegriffenem und völlig Mißlungenem begegnen wir nur da, wo der Dichter sich an Aufgaben versuchte, denen selbst sein außerordentliches Talent nicht gewachsen war. So finden wir ein poetisch durchaus werthloses »Leben Jesu, Evangelienharmonie«, in – Alexandrinern! – Und seine dramatischen Versuche: »König Arsak von Armenien«, – »Columbus«, – »Heinrich IV.«, – »Saul und David«, u. s. w. suchen an Langweiligkeit und Unfertigkeit ihres Gleichen. Alles zusammengenommen besitzen wir jedoch in Rückert einen Dichter, der – wir wiederholen es – zu unseren größten Lyrikern gezählt werden muß und unter den Lehrdichtern die erste Stelle einnimmt. An Fruchtbarkeit und in Ansehung seiner Herrschaft über die Sprache übertrifft er fast alle vor, neben und nach ihm, ja steht beinah einzig da. Trotz seiner patriotischen Anfänge und seines lebhaften Eintretens in die, eben von Goethe eröffnete Richtung auf den Orient, gehört er im Grunde doch keiner Schule oder Gruppe von Dichtern, sondern stets nur sich selbst und der Poesie an. Der Lyriker Rückert ist durchaus selbstständig und auch von seiner Zeit unabhängig. Die besonderen Strömungen und Erscheinungen derselben blieben ohne nennenswerthen Einfluß auf ihn und seine Poesie. Es spiegelt sich in ihr, wenn auch allerdings in der Auffassung eines originellen und gesunden Geistes, vor allem der unvergängliche und unveränderliche Grundstoff aller Poesie wider, das ist das rein und ewig Menschliche und Natürliche. 42. Die praktische Anwendung oder sage man poetische Verwerthung der Studien, welche sich seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts mit wachsendem Eifer und immer günstigerem Erfolge den Sprachen und Literaturen des Orients zugewendet hatten, verdanken wir in unserer Poesie Goethe: es war ein gewaltiger Schritt weiter zu der, von ihm angestrebten Weltliteratur. Soweit sich dergleichen erkennen und angeben läßt, mag die von Josef von Hammer 1813 veröffentlichte Uebersetzung vom »Divan des Hafis«, ihm den unmittelbaren äußeren Anstoß gegeben haben, sich für den Ausdruck seiner Empfindung dieser neuen Formen und Farben dichterisch zu bemächtigen und, wie bisher mit Vorliebe das Alterthum, jetzt den Orient aufzusuchen und mit deutschem Geist zu erfüllen und beleben. »West-östlicher Divan« heißt diese Sammlung von Gedichten. Der Orient erwacht und umfängt uns in voller Fremdartigkeit und Märchenhaftigkeit; allein der ihn erweckt, der in ihm lebt und träumt, schwärmt und liebt, ist der Deutsche . Eine andere und um vieles interessantere Frage ist diejenige nach dem innern Antrieb, dem alle diese Lieder und Liederchen, Gedichte, Verse, Sprüche, Parabeln u. s. w. ihre Entstehung verdanken, – und zwar in verhältnißmäßig so kurzer Zeit. Denn vor dem Jahre 1814 finden sich keine Spuren von diesen Gedichten, und 1819 erschienen die zwölf Bücher des Divans vollendet. Wie rastlos Goethe's Lyrik auch immerdar treibt und blüht, – eine Fruchtbarkeit, wie die gegenwärtige, wird doch sonst niemals erreicht und selbst in jener glänzendsten Frankfurter Zeit, wo jeder Tag und obendarein manche Nacht durch ein Lied, einen Vers bezeichnet wurde, kaum überboten. Und man muß hinzurechnen, daß Goethe, wie wunderbar frisch sich dieser außerordentliche Geist auch erhalten hatte, zu dieser Zeit immerhin schon die letzte Hälfte der Sechziger durchmaß und obendarein durch zahlreiche andere Interessen, seine Kunst-, Alterthums- und naturwissenschaftlichen Studien, seine amtlichen Obliegenheiten, durch Abfassung neuer Arbeiten, der »italienischen Reise«, der Hefte »Ueber Kunst und Alterthum« u. s. w. und eine neue Ausgabe seiner Werke zerstreut und abgelenkt wurde. So überrascht denn auch diese Liederfülle und zwar um so mehr, als uns schon jener Spruch Goethe's: »Was ich nicht lebte, das hab' ich auch nicht gedichtet!« daran erinnert, daß diese Gedichte keineswegs als bloße Uebungsstücke und Versuche auf einem, dem Dichter bisher fremden Gebiet angesehen werden dürfen. Im Gegentheil, aus vielen athmet das wärmste, reichste und frischeste Leben, die tiefste Empfindung, die ächteste Poesie uns an. Und wer, wie ein gewisser Kritikaster, hier den Ausdruck einer »greisenhaften Lüsternheit« zu finden, ja auch nur zu ahnen wagt, hat weder Goethe, noch seine Poesie jemals verstanden. Es ist begreiflich und natürlich genug, daß Goethe, wie unberührt er auch anscheinend von allen Stürmen und aller Noth jener schweren Zeit geblieben war und wie fest er sich gegen die Erhebung des Jahres 1813 verschlossen hatte, 1814, wo die Stürme vorübergebraust waren und alles Leben umher wieder in ruhige und sichere Bahnen einzulenken begann, mit vollem Behagen sich der heiteren Gegenwart hingab und ihrer froh wurde. Dazu kam, daß er in diesem Sommer und Herbst zum erstenmal seit langer Zeit wieder in seinem alten schönen Geburtslande, am Rhein und Main, lebte und die heitere Natur und das frohe Leben dieser Gegenden und Menschen mit ganzem Herzen genießen konnte. So war die Anregung da und hatte kein Ende, und endlich wurde auch das Herz selber in Mitleidenschaft gezogen. »Und noch einmal fühlet Hatem Frühlingshauch und Sonnenbrand.« Bei der Feier der Leipziger Schlacht, am 18. October 1814, lernte Goethe auf der, nahe bei Frankfurt gelegenen Besitzung des Banquiers von Willemer, der Gerbermühle, die junge Gattin desselben, Mariane, kennen und blieb mit der schönen, anmuthigen, liebenswürdigen und hochpoetischen Frau fortan, bis zu seinem Tode in der herzlichsten Liebe und treusten Verehrung verbunden. An sie sind viele der schönsten und innigsten Lieder des Divans und zumal des Buches »Suleika« gerichtet, von denen wir hier nur jenes prachtvolle Lied anführen: »Ist es möglich, Stern der Sterne, Drück' ich wieder dich ans Herz? Ach, was ist die Nacht der Ferne Für ein Abgrund, für ein Schmerz!« Aber, und das ist für uns bei dieser – Liebe – und diesen Liedern nicht am wenigsten interessant, auch die Geliebte antwortete im Liede und sah diese Antworten in die Sammlung mit aufgenommen, – mit allem Recht, dürfen wir hinzufügen, da sie sich würdig an Goethe's Poesie anschließen. Wir können uns nicht versagen, eines dieser anmuthigen und innigen Gedichte wenigstens hier vollständig und in seiner ursprünglichen Gestalt mitzutheilen: »Ach, um deine feuchten Schwingen, West, wie sehr ich dich beneide! Denn du kannst die Kunde bringen, Was ich durch die Trennung leide. »Die Bewegung deiner Flügel Weckt im Busen stilles Sehnen, Blumen, Auen, Wald und Hügel Stehn bei deinem Hauch in Thränen. »Doch dein mildes, sanftes Wehen Kühlt die wunden Augenlider; Ach, für Leid müßt' ich vergehen, Hofft' ich nicht, wir sehn uns wieder. »Geh' denn hin zu meinem Lieben, Spreche sanft zu seinem Herzen, Doch vermeid' ihn zu betrüben, Und verschweig' ihm meine Schmerzen. »Sag' ihm nur, doch sag's bescheiden, Seine Liebe sei mein Leben; Freudiges Gefühl von beiden Wird mir seine Ruhe geben.« Goethe's Divan ist im Allgemeinen wenig bekannt und kaum jemals nach Verdienst geschätzt worden. Wie auch anderen Werken des Alters, pflegten selbst die Verehrer Goethe's ihm mit einer gewissen Höflichkeit aus dem Wege zu gehen, und das größere Publikum wurde ihm durch die wachsende Gleichgültigkeit gegen alle Poesie und den immer zunehmenden Ungeschmack von Anfang an fern gehalten. Sogar die Literarhistoriker schlüpfen an ihm gern mit einer respectvollen Verbeugung vorüber und begnügen sich mit ein paar entschuldigenden Worten über die »Grillenhaftigkeit« und »Spitzfindigkeit« des alten Goethe. Wir glauben aber, daß wer diese Lieder, Verse, Sprüche nur einmal wirklich kennen lernt und mit wahrer Theilnahme aufnimmt, dem Dichter auch hier voll Bewunderung und Liebe zu eigen bleiben muß, – eine solche Fülle des Lebens athmet uns, wie wir schon vorhin sagten, an; so viel ächte Poesie erquickt, so viel Gemüth und Empfindung erwärmt uns; eine so reiche Lebensweisheit und eine so reine, klare und großartige Lebensanschauung begegnet, stärkt und erhebt uns allerwärts. Da mögen immerhin einmal einzelne Züge und Zeichen des Alters hervorlauschen, – wie vermöchten sie die Größe und Schönheit des Ganzen zu entstellen und zu verkleinern? – Im Divan offenbart sich Goethe's Dichtergeist noch einmal in kaum verminderter Größe und Gewalt; in dem meisten, was später entstand, begegnen uns wirklich mehr und mehr die Spuren des Verfalls. Der Divan ist gewissermaßen die letzte Schöpfung unserer großen Literaturperiode und gewährt uns noch einmal eine reiche und erquickende Labung und Stärkung, bevor wir uns in die kaum von einzelnen Oasen unterbrochene Wüste der nächstfolgenden Literatur hinauswagen. 43. Wir haben die Zeit, welche jetzt anhebt, schon oben als eine solche zu characterisiren versucht, wo das gesammte nationale, sociale und geistige Leben Deutschlands auf eine erschreckend tiefe Stufe, sei es von selbst hinabsank, sei es von den damaligen Staatskünstlern hinabgebracht wurde. Erschwert wurde den Letzteren ihre Aufgabe und ihre Thätigkeit von der Nation als solcher kaum: das eben erst erwachte Einheitsgefühl ging bis auf wenig Reste wieder verloren; die gewaltige, alle erfassende und mit fortreißende Begeisterung fiel in einer Weise in sich zusammen oder nährte sich, wo sie noch nicht völlig erstarb, um im Bilde fortzufahren, von so kraftlosen und so seltsamen Stoffen, daß jene Staatskünstler und selbst die Staatsmänner wohl zu entschuldigen waren, wenn sie in ihr wenig mehr als ein Strohfeuer erkennen wollten, das sich mit dem Fuße austreten läßt. Es war in der That, als sei der allgemeine Rausch und der himmelstürmende Aufschwung zu groß gewesen für die deutschen Köpfe und – Herzen, so daß sie sich naturgemäß betäubt und schwach fühlten im folgenden Katzenjammer. Alles war krankhaft, alles verzerrt, die Patrioten, die Sentimentalen, die Schicksalsdichter, die Spuk- und Teufelsjäger und was sie sonst für Obliegenheiten sich erwählt hatten, und selbst wo sie sich aufzuraffen suchten, waren es nur krankhafte, trostlos unfähige Anstrengungen. Die Musen selber schienen, wie Ludwig Börne einmal sagt, hysterisch geworden zu sein. Es wäre für den Literarhistoriker eine fast unerfüllbare Aufgabe, wollte er auch nur den Versuch machen, seine Leser Schritt für Schritt durch diesen Wust und Graus zu führen und sie mit allen, bald lächerlichen, bald widerlichen und fast ausnahmslos armseligen Erscheinungen jener Tage bekannt zu machen. Aber nicht nur vergeblich wäre ein solcher Versuch, sondern er wäre auch unendlich überflüssig, da schwerlich jemand noch Verlangen tragen wird, eine Reihe von verschollenen Namen und Büchertiteln, geschweige denn die Werke selber kennen zu lernen. Das dürfte sich für die Heutigen selbst bei den Schriften eines Karl Julius Weber , 1767-1832, und des Ritters Karl Heinrich von Lang 1764-1835, kaum lohnen, obgleich des Letzteren satirische »Hammelburger Reise« und seine späteren »Memoiren«, und des Ersteren humoristische »Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen«, und »Demokritos, oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen«, zu den gelesensten und lesenswerthesten Schriften dieser Zeit gehören. Von der Versunkenheit dieser Literatur, von dem Rückgange des Geistes, der Kunsteinsicht und des Geschmacks zeugt es am deutlichsten, daß selbst die Kritik, welche sich vor und nachher noch immer wenigstens auf einer gewissen, achtungswerthen und geachteten Höhe zu erhalten wußte, jetzt dem allgemeinen Verderben unterlag: ihre damaligen Hauptvertreter, wie der eitle, unendlich nüchterne Franz Horn , der widerlich anmaßende und widerlich zanksüchtige Adolf Müllner , der schwachherzige Friedrich Kind , der süßliche Theodor Hell und wie sie sonst heißen, finden an Armseligkeit und Unfähigkeit weder vor noch nachher ihres Gleichen. Wenn wir trotzdem eine Reihe von Namen nennen, so geschieht es nur, um die Leser mindestens mit den damaligen Hauptträgern der schönen Literatur in ihren verschiedenen Gattungen und den derzeitigen Lieblingen der Lesewelt bekannt zu machen. So nennen wir zuerst die Dichter und Erzähler von bald patriotischer, bald romantischer, familienhafter oder allmälig auch historischer Richtung – Wilhelm Blumenhagen und Wilhelm von Lüdemann , den unerschöpflichen Tromlitz (von Witzleben), den unvermeidlichen Georg Döring , den in Parodien, Räthseln, Epigrammen, Anekdoten u. s. w. schwelgenden Karl Müchler , den »großen« Clauren (Heun) mit seinen zahllosen süßen, naiven, koketten, lüsternen Mimili-Geschichten, Romanen und auch Schauspielen, Apel und Laun (Schulze), die Gespensterjäger, der ein wenig spätere F. W. Bruckbräu , gestorben erst 1874, mit zum Theil höchst unsauberen Erzählungen u. s. w., Aloys Schreiber , die Brüder Ch. J. und K. W. Salice-Contessa , Mahlmann mit seiner wirklich guten Travestie der Kotzebue'schen »Hussiten vor Naumburg« – »Herodes von Bethlehem«, den schon genannten süßen, faden, langweiligen Redacteur der »Vespertina-Abendzeitung«, Theodor Hell (Winkler); Friedrich Kind , der nur um seines guten Textes zu Webers »Freischütz« willen genannt zu werden verdient; K. B. v. Miltitz , 1781-1845, einen gewandten Erzähler; Arthur von Nordstern (von Nostiz), und den unendlich gefeierten Isidorus Orientalis (Graf von Löben): die beiden, als Uebersetzer des Calderon, Dante, Tasso, Ariost immerhin achtungswerthen A. F. Streckfuß und E. von der Malsburg 1786-1829; endlich den bedeutendsten von diesen allen – K. F. van der Velde , 1779-1824, der eine große Zahl von historischen Erzählungen und Romanen schrieb und jedenfalls durch Geist, Geschmack und wirkliche Erzählungskunst seine große Beliebtheit rechtfertigte. Natürlich fehlt es auch nicht an Dichterinnen und Erzählerinnen, im Gegentheil: die Damen betheiligen sich allmälig immer häufiger an der Literatur. So sei hier Louise Brachmann erwähnt, die sich aus unglücklicher Liebe selber den Tod gab; Johanna Schopenhauer , † 1838, ein wenig pretiös nach gut weimar'scher Weise, aber nicht ohne Geist und Geschmack; Friederike Lohmann, Fanny Tarnow : die oben schon genannte Amalie von Helwig , geb. v. Imhof , 1776-1831, deren idyllisches Epos, »Die Schwestern von Lesbos« von Schiller und Goethe seinerzeit gelobt wurde, deren Uebersetzung von Esaias Tegnèr's »Frithiofs Sage« (1826) als eine für die damalige Zeit sehr gute zu schätzen ist und von Goethe auf das lebhafteste empfohlen wurde; Th. A. L. Robinson , geb. v. Jacob , als Schriftstellerin unter dem Namen Talvj bekannt, 1797 bis 1870, deren trefflich übersetzte »Volkslieder der Serben« auch heute noch gerühmt zu werden verdienen; die abenteuerliche und abenteuernde Enkelin der Karschin, Helmina von Chezy , geb. 1783; die Wienerin Karoline Pichler , geb. von Greiner , 1769-1843; endlich Henriette Hanke , 1785-1862, auf die man sich gewöhnt hat so außerordentlich mißachtend hinabzusehen, während ihre Familiengeschichten und Romane sich zwar nicht durch großen Geist und reiche Erfindung, aber durch Einfachheit und Natürlichkeit und eine gewisse äußere und innere, stille Sauberkeit vortheilhaft vor den zahlreichen unfertigen und verzerrten Producten dieser Zeit auszeichnen. Ueberhaupt muß man zugestehen, daß die Schriftstellerinnen dieser Zeit, allerdings ohne sich zu irgend einer bedeutenden Höhe zu erheben, in anerkennenswerther Weise wenigstens den Extremen des Ungeschmacks und all der Verirrungen fern blieben, die uns bei den Schriftstellern auf Schritt und Tritt begegnen. Die Krankhaftigkeit der Zeit, der Poesie und des Geschmacks spiegelt sich deutlich in den beiden romantischen Epen Ernst Schulze 's (1789 bis 1817), »Cäcilie« und »Die bezauberte Rose«, und in dem enthusiastischen Beifall und der schwärmerischen Verehrung wider, die man ihnen und dem an der Schwindsucht hinsterbenden Dichter in den weitesten Kreisen widmete. Ernst Schulze gehört den Romantikern an, und die beiden genannten Werke sind unbestritten die bedeutendsten epischen Gedichte, welche dieser Schule entstammen. »Cäcilie« schildert den Kampf des Christenthums mit dem nordischen Heidenthume; »die bezauberte Rose« singt von der Erlösung der in eine Rose verwandelten Königstochter. Beide Gedichte, zumal »Cäcilie«, sind reich an schönen Einzelheiten und zeichnen sich besonders durch die kaum von Anderen wieder erreichte Melodie der Sprache und die Vollendung des Versbaues aus, so daß der Dichter als Meister der Form stets in Ansehen zu bleiben verdient. Aber es ist in diesen Dichtungen auch soviel Mystisches, Weiches, Verschwommenes und – heißen wir es: Schwindsüchtiges, daß nur eine selber kranke Zeit sich über ihren wirklichen Werth zu täuschen vermochte. Ein ganz anderes, frisches, gesundes und liebenswürdiges Talent von hohem Range erscheint uns in den Liedern des Dessauers Wilhelm Müller , der geboren 1794, schon 1827 starb. Müller ist einer unserer besten Lyriker, von einem Gemüth und einer Innigkeit, einer heiteren Naivetät und einer thaufrischen Natürlichkeit und Fröhlichkeit, die uns bei den Früheren und Späteren, ja selbst bei unseren Größten nur ausnahmsweise und vereinzelt begegnet. Dazu gesellen sich die gesundeste Lebens- und Naturanschauung, eine hohe Empfänglichkeit für alle äußeren Eindrücke, verbunden mit einer kaum jemals getrübten Klarheit des künstlerischen Blicks und einer außerordentlich leichten und anmuthigen Reproductionsgabe, und, was nicht am wenigsten Bewunderung verdient, ein ganz eigenes Talent, sich in fremde Persönlichkeiten und ihren Anschauungskreis hineinzuversetzen. Seine Wander-, Musikanten-, Jäger-, Müllerlieder gehören zu den anmuthigsten und singbarsten, die wir besitzen, aber – man muß gerecht sein! – auch zu unseren beliebtesten, wenn schon der Name ihres Dichters für viele so gut wie verschollen ist. So sei hier nur einzelner gedacht: »Ich schnitt es gern in alle Rinden ein«; – »Es lebe, was auf Erden stolzirt in grüner Tracht«; »Im Krug zum grünen Kranze – Da kehrt ich durstig ein«; – »Guten Morgen, schöne Müllerin«; – »Das Wandern ist des Müllers Lust«; – »Bächlein, laß dein Rauschen sein«; – »Wo ein treues Herze – In Liebe vergeht«; – » Auszug .« »Ich ziehe so lustig zum Thore hinaus, Als ob's ein Spaß nur wär': Das macht, es wallt Feinsliebchens Bild Gar helle vor mir her. »Da merk' ich denn im Herzen bald, Ich sei dort oder hier, Ich gehe fort, ich kehre heim, Ich ziehe doch immer zu ihr. »Und wer zu seinem Liebchen reist, Dem wird kein Weg zu schwer, Der läuft bei Tag und läuft bei Nacht Und ruht sich nimmermehr. »Und ob es regnet, ob es stürmt, Mir thut kein Wetter weh: Es hat mein Liebchen mir gesagt Ein freundliches ade!« Seine »Griechenlieder« – die ganze gebildete Welt Europa's sang, schwärmte und sammelte damals für die Griechen und ihren Freiheitskampf gegen die Türken – sind noch besonders als kräftig, schwungvoll und auch als sprachlich hervorragend anzuführen. – Seine Prosaerzählungen – z. B. »Der Dreizehnte« – sind unbedeutend. Dagegen sind seine Ausgaben deutscher Dichter des 17. Jahrhunderts wiederum auf das ehrendste zu erwähnen. Und alles zusammengenommen, verdient dieser Dichter weit über die vereinzelten bekannten Lieder hinaus in seiner gesammten Lyrik den Heutigen wieder vertraut und lieb zu werden. Ein Talent vom höchsten Range, das jedoch niemals zur vollen Ausbildung gelangte, wie auch der Dichter selber weder bei den Zeitgenossen, noch bei den Nachkommen jemals zu seinem Recht kam, zeigt uns der Schwabe Wilhelm Waiblinger , geboren 1804 zu Reutlingen, gestorben 1830 zu Rom, durch raschen Lebensgenuß aufgerieben und in tiefem Elend. Unsere Literarhistoriker gehen meistens achselzuckend leicht über ihn hin und unser neueres Publikum weiß nichts von ihm. Trotzdem verdient er eine solche Mißachtung und ein solches Vergessen nicht. Wie zwanzig Jahre früher Hölderlin, ist auch Waiblinger voll Begeisterung für die Herrlichkeit der antiken Welt und ihres Lebens, und theilt mit ihm die krankhafte, zerstörende Sehnsucht nach der einen und dem anderen. Seine Phantasie ist eine reiche, aber freilich nicht selten auch eine unklare und ausschweifende, wie ihm denn überhaupt nur allzuhäufig das künstlerische Maß verloren geht. Ebenso wird auch die Reinheit der Empfindung häufig durch eine wilde Leidenschaftlichkeit getrübt, und selbst seine Metrik leidet unter diesem Ungestüm. Trotz alledem weht durch die Mehrzahl seiner Dichtungen ein Geist und spricht uns aus ihnen ein Gemüth an, welche ihn zum ächten Dichter stempeln und uns auf das ernstlichste den Untergang dieses Talents beklagen lassen. Seine Gedichte aus Italien – »Römischer Carneval«, – »Olevano«, »Neapel«, »Pompejanische Lieder« – und auch die übrigen – »Der Tod«, »Abschied auf dem Genfersee«, »Das Vaterland«, »Lebewohl«, – die – poetischen – »Erzählungen aus der Geschichte des jetzigen Griechenlands« u. s. w. sind reich an schönen Einzelheiten und ganzen Partien und voll ächter Poesie. Seine Prosa-Erzählungen, Märchen und das Trauerspiel »Anna Bullen« erheben sich dagegen fast nirgends über die Mittelmäßigkeit und leiden, ob auch im Einzelnen nicht ohne Geschick, doch im Allgemeinen an der ganzen Nüchternheit, Verschrobenheit und Unfähigkeit jener Zeit. Aber wir müssen auch hier hinzusetzen: dessenungeachtet sollte unsere Zeit auch diesen Dichter sich nicht entgehen lassen und ihn, gerechter als seine Zeit- und Heimatsgenossen, auf den ihm gebührenden Platz in unserer Literatur erheben. Es folgen zwei Andere, in denen dem Dichter der Erzähler gleich steht oder doch sehr nahe kommt – gleichfalls ein paar überaus tröstliche Erscheinungen in dieser Zeit des Ungeschmacks und der Unfähigkeit: der Schwabe Wilhelm Hauff und der Schlesier Josef Freiherr von Eichendorff . Wilhelm Hauff , geboren 1802, gestorben schon 1827, zeichnet sich schon dadurch aus, daß zwischen seinen Schöpfungen keine einzige unbedeutende und werthlose ist. Es spricht uns aus allen ein anmuthiges und liebenswürdiges Talent, eine warme Empfindung, ein ächter Dichtergeist, aber auch eine solche Klarheit der Einsicht in die Schäden und Gebrechen der Zeit und Literatur an, daß man nicht nur Freude an diesem Dichter haben muß, sondern auch mit Respect vor ihm erfüllt wird. Von seinen Gedichten erwähnen wir nur der beiden, zu Volksliedern gewordenen: »Steh ich in finstrer Mitternacht«, und »Morgenroth – Morgenroth«. Mit seinem »Mann im Monde«, den er unter Claurens Namen erscheinen ließ, und noch entschiedener mit der »Controverspredigt über den Mann im Monde« stellte er sich hoch über die gesammte Zeitliteratur und ihre Nichtsnutzigkeit und trug nicht wenig dazu bei, diese letztere auch dem besseren Publikum wieder deutlich zu machen. – Die »Mittheilungen aus den Memoiren des Satans«, sind voll Frische und Keckheit; sein historischer Roman »Lichtenstein« ist trotz einzelner Schwächen in der Komposition, der Characterzeichnung und Motivirung, ein glänzendes, poesievolles Zeitgemälde; seine »Phantasien im Bremer Rathskeller« sind voll wirklicher, anmuthiger und heiterer Phantasien und voll eines Humors, der diesen Dichter in jener armseligen Zeit schon allein zu einer hervorragenden Erscheinung macht. Und allen seinen Schöpfungen ist die leichteste und gewandteste, völlig natürliche Darstellung und ein Stil zu eigen, der sich nur als graziös bezeichnen läßt. Joseph Freiherr von Eichendorff , geboren 1788, Lützower Jäger 1813 und gestorben 1857, wird zu den Romantikern gezählt, ja pflegt »der letzte Ritter der Romantik« genannt zu werden, da er allerdings der Letzte war, der in Deutschland jener Richtung und jenen Weisen treu blieb. Aber wir glauben doch mehr in ihm sehen zu müssen. Während uns in den Irrgärten der rechten Romantiker, in ihren Nebeln und Dünsten nur allzuleicht angst und bange wird und wir unbehaglich und verdrießlich uns los zu machen streben, liegt bei Eichendorff alles im blauen Dufte ächter Poesie, fühlen wir uns traumhaft umfangen und weitergezogen in die zauberhaft aufdämmernde Ferne hinein. Eichendorfs ist ein ächter Dichter von Gottesgnaden und steht als Lyriker unter den Romantikern, vielleicht den einzigen Novalis ausgenommen, weitaus auf der ersten Stelle. Seine Poesie ist keine herangepflegte, sondern eine ursprüngliche; seine Natur erscheint uns nicht durch ein kunstvoll geschliffenes Glas oder in einer sorgsam vorbereiteten Beleuchtung, sondern im freien Blick des Auges und unter den Lichtern des Himmels; seine Lieder entstammen nie einer Absicht und Stimmung, in welche der Dichter sich hineingestimmt hat und in welche er auch uns versetzen möchte, sondern sie sind da und klingen heraus mit der ganzen Ursprünglichkeit und Frische, mit der ganzen Innigkeit und Sangeslust, mit aller natürlichen, oft regellosen und dennoch bezaubernden Melodie des Waldvogelliedes. Daran mäkelt man nicht, noch fragt man nach der Kunst, sondern man lauscht darauf und freut sich daran bis ins Herz hinein. Man schlage die Sammlung seiner Gedichte auf, wo man will, überall begegnen uns die unendlich innigen und anmuthigen, hier wehmüthigen, dort fröhlichen, bald kindlich neckischen und schalkhaften, bald männlich ernsten und gemüthvollen Lieder: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen«, – »Ich wandere durch die stille Nacht«, – »Frühmorgens durch die Klüfte – Wir blasen Victoria!« – »Ich hör' die Bächlein rauschen«, – »Schlafe Liebchen, weil's auf Erden – Nun so still und seltsam wird«, – »Wohin ich geh' und schaue«, – »Zwischen Bergen, liebe Mutter«, – »Ich kam vom Walde hernieder«, – »Es ist schon spät, es wird schon kalt«, das weltbekannte: »In einem kühlen Grunde – Da geht ein Mühlenrad«, – und endlich das – wir möchten fast sagen: schönste aller schönen: »Es schienen so golden die Sterne, Am Fenster ich einsam stand Und hörte aus weiter Ferne Ein Posthorn im stillen Land. Das Herz mir im Leibe entbrennte, Da hab' ich mir heimlich gedacht: Ach wer da mitreisen könnte In der prächtigen Sommernacht!« Große Stoffe zu bemeistern und kräftige Charactere zu zeichnen, war Eichendorff's Sache nicht. Seine Trauerspiele »Ezzelino von Romano«, »Der letzte Ritter von Marienburg«; sein dramatisches Märchen, »Krieg den Philistern«; sein Roman, »Ahnung und Gegenwart«; die Novellen: »Die Marmorbraut«, »Dichter und ihre Gesellen« u. s. w., sind sämmtlich unbedeutend und schwach: es kommt wohl hin und wieder zu muthigen Anläufen, denen aber der Weitergang nicht entspricht, und die einzelnen schönen und poetischen Züge verschwinden in der Zerflossenheit und Verworrenheit des Ganzen. – Ebenso können wir auch seine kritischen Versuche mit Schweigen übergehen: sie sind voll Einseitigkeit, ja erscheinen nicht selten krankhaft. Dagegen ist eine seiner letzten Schöpfungen, der Romanzencyclus »Julian«, noch ein ächtes Dichterwerk und ein schönes Schwanenlied des Sängers. – Das Schönste und Anmuthigste aber, was Eichendorff außer seinen Liedern geschaffen hat, und was ihm neben diesen einer der besten Plätze in unserer Literatur sichern wird, ist das köstliche Stücklein »Aus dem Leben eines Taugenichts«, eine Schöpfung von glückseliger Harmlosigkeit und hinreißender Kinderfröhlichkeit, von reizender Schalkhaftigkeit und unwiderstehlicher Komik, – welche in unserer Literatur kaum ihres Gleichen hat. 44. In der erzählenden Literatur dieser Zeit haben wir zunächst nicht sowohl eines Dichters, als eines einzelnen Werkes zu gedenken, welches unseres Wissens der einzige Versuch seines Verfassers auf diesem Gebiete blieb: es ist der Roman »Memoiren des Freiherrn von S?a«, der 1815 anonym erschien, aber von K. L. von Woltmann im Verein mit seiner, damals durch allerhand Romane, Erzählungen u. s. w. bekannten Gattin Karoline verfaßt war. Woltmann, 1770-1817, hat sich als Historiker einen gewissen Ruf erworben, ohne sich jemals zu einem höheren Standpunkt zu erheben, und sich auch auf diplomatischem Gebiete ohne sonderliche Erfolge versucht. Von poetischem Geist findet man in seinen, beiläufig gesagt, zugleich nüchternen und oberflächlichen Werken keine Spur. Der genannte Roman aber ist unbestreitbar ein Werk von hohem Werth, und zwar nicht nur durch den klassischen Stil und die vollendet maßvolle und klare Darstellung, durch hinreißend schöne und glänzende, freilich aber hin und wieder fast lascive Schilderungen, sondern auch durch außerordentlich scharfe Zeit- und Characterbilder und durch die hie und da eingeflochtenen, sehr, ja fast allzu strengen, stets jedoch scharfsinnigen und geistvollen Urtheile über die Dichter und die Literatur seiner Zeit. Zur Damenlectüre eignet sich der Roman, jener erwähnten Schilderungen wegen, freilich nicht, rechtfertigt jedoch nichts weniger als das Achselzucken und den Spott, die sich hin und wieder an ihm, zumal an der Darstellung versucht haben. Heinrich Zschokke , geboren 1771 zu Magdeburg, aber schon früh nach der Schweiz verschlagen und dort völlig eingebürgert, gestorben 1848, hat sich zuerst 1793, durch seinen auch als Trauerspiel bearbeiteten »Aballino, der große Bandit«, einen der ersten und bedeutendsten Räuberromane, bekannt gemacht. Seine zahlreichen, in dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts veröffentlichten kleinen und größeren Erzählungen werden ihm indessen unter unseren Erzählern und in unserer Literatur überhaupt stets einen hochgeachteten Platz sichern. »Der todte Gast«, »Der Fürstenblick«, »Das Loch im Aermel«, »Die Verklärungen«, »Ein Narr des neunzehnten Jahrhunderts«, »Die Herrnhuter Familie«, »Das blaue Wunder«, »Das Abenteuer der Neujahrsnacht« u. s. w. sind alles Muster einer überaus leichten, nur ausnahmsweise flüchtigen, gewandten, ansprechenden Darstellung, reich an Handlung, stets unterhaltend, leichtfertig zuweilen, aber in einer Weise, daß man nicht wohl zürnen kann, sondern nur etwa einmal lachend den Kopf schütteln muß, endlich fast durchweg voll der heitersten Laune und hin und wieder voll tiefer Empfindung. Noch höher steht die größere Erzählung, »Der Flüchtling im Jura«, ein Zeitbild von großer Klarheit, und die historischen Stücke, »Der Freihof von Aarau«, und »Addrich im Moos« sind gleichfalls Zeitbilder von vorzüglicher Art und reihen sich durch die Darstellung, die Characterzeichnung, durch treffliche Schilderungen dem Besten an, was wir in diesem Genre besitzen. – Auch Zschokke's Volksschriften, wie »Bilder aus der Schweiz« und »Das Goldmacherdorf«, verdienen unsere volle Anerkennung. Seine weit verbreiteten, anonym erschienenen »Stunden der Andacht« rechtfertigen den Beifall nicht, welchen das damalige, religiös völlig indifferente Publikum diesem nüchternen und verstandesmäßig frommen Werk widmete. Wie in der dramatischen Literatur die demnächst zu erwähnenden Schicksalstragödien, so spiegeln in der erzählenden die Schriften des sogenannten Callot-Hoffmann – Ernst, Theodor, Amadeus Hoffmann , geboren zu Königsberg 1776, später Musikdirector in Bamberg und Dresden, endlich Kammergerichtsrath in Berlin und nach langer, schwerer Krankheit gestorben 1822 – am deutlichsten, ja grassesten die Krankheit der Zeit, des Geschmacks, des gesammten Lebens und die Herabgekommenheit des Geistes wider, welche Dichter und Publikum nach den gewaltsamsten Reizmitteln greifen und verlangen ließen und Karikaturen, Spukgestalten, Teufelsfratzen aller Art in das heitere Reich der Schönheit einzuschwärzen versuchten. Hoffmann malt wirklich schwarz in schwarz, seine Phantasie und seine Phantasien, um uns so auszudrücken, sind die ausschweifendsten, ja völlig ungeheuerliche. Man könnte sagen, er kehre das Leben und der Menschen Verhältniß zu demselben gradeswegs um; während wir Anderen im Scherz oder Ernst die »Nachtseite« und das »Traumleben« als etwas gewissermaßen Nebensächliches ansehen, das keinen rechten Platz und kein volles Recht in der wirklichen und gewöhnlichen Tageswelt findet und, wo es in diese einmal hineingreift, nur stört und erschreckt, läßt Hoffmann uns grade auf jenem unheimlichen Territorium und mit jenen Spukgestalten auf das unbefangenste verkehren und nur zuweilen von der nüchternen, für uns nebensächlichen Wirklichkeit angefröstelt werden. Der Vorwurf von Unnatur und Unnatürlichkeit im gewöhnlichen Sinne haftet daher auch an Hoffmann und seinen Werken im Grunde nirgends. Im Gegentheil, wie er sie auffaßt und von uns aufgefaßt haben will, sind diese Unnatur und Unnatürlichkeit sein eigentlicher Boden und sein rechter Stoff. Er bewegt sich in ihnen und handhabt sie mit der höchsten, ja man könnte sagen, erschreckenden Virtuosität, mit dämonischer Lust und wildem und doch genialem Uebermuth. So zeigen es seine Werke: die »Phantasiestücke in Callots Manier«, die »Nachtstücke«, »Die Elixire des Teufels«, die Novellen- und Märchensammlung, »Die Serapionsbrüder«, die »Lebensansichten des Katers Murr«, die Märchen »Klein Zaches, genannt Zinnober«, »Prinzessin Brambilla«, »Meister Floh« und die meisten seiner letzten Erzählungen. Es ist wahr, wir erschrecken vor diesen Ausgeburten einer grenzen- und maßlosen Phantasie; wir fühlen uns taumelnd werden in diesem Wirbel von Spukgestalten und Teuselsfratzen; wir werden von Grausen geschüttelt, und das Herz zieht sich zusammen und der Kopf ist betäubt. Aber, und das ist das Wunderbare, wir entfliehen nicht dem wilden Reigen, dem Grausen und Entsetzen, sondern bleiben und folgen, gefesselt durch einen unheimlichen Zauber, einen dämonischen Reiz. Denn, krankhaft, ausschweifend, verzerrt oder nicht – es ist etwas Gewaltiges und Grandioses selbst in dieser Krankhaftigkeit, Ausschweifung und Verzerrung, in diesem Geist und dieser Phantasie und ihren Ausgeburten, das nie und von niemand in unserer Literatur wieder erreicht worden ist. Wie groß und wie völlig einzig Hoffmann in dieser seiner Art ist und von welcher Ueberlegenheit über alle, die sich auf dem gleichen Gebiet und in den gleichen Weisen versuchten, sieht man am deutlichsten, wenn man einmal unmittelbar nach den seinen die schwächlichen Producte seines bekanntesten und beliebtesten Nachahmers Weisflog liest, die uns langweilen oder anwidern, oder die von Blut, Mord, Wollust triefenden Romane des späteren Emerentius Scävola (v. Heyden), welche nur Ekel erregen. Solche Stimmungen ruft keine Hoffmann'sche Schöpfung jemals hervor. Wir wiederholen es: diese mögen uns mit Grausen oder auch mit Entsetzen erfüllen, ja uns zuweilen an der Vernunft des Autors oder gar unserer eigenen zweifeln lassen, aber fesseln werden sie uns immer. Es kommt freilich dazu, daß Hoffmanns Darstellung, Schilderung und – man muß wohl sagen: Karikaturzeichnung auf einer Höhe steht, die gleichfalls von nur sehr wenigen erreicht worden ist. Nur wo er sich einmal ausnahmsweise von seinem eigentlichen, unnatürlichen oder übernatürlichen Terrain auf das – ihm aber nicht – natürliche verirrt, verfällt er in den schwachen und faden Ton seiner Zeitgenossen. So ist z. B. seine unendlich, ja heute noch von Manchen hochgefeierte Erzählung, »Meister Martin, der Küfner«, trotz einzelner ansprechender Züge aus dem reichsstädtischen Leben, bei Lichte besehen ein außerordentlich schwaches, fades und süßliches, geziertes und sentimentales Product, das sich höchstens nur durch jene eben erwähnten einzelnen Züge und die Hoffmann eigenen formellen Vorzüge über das langweilige Niveau der damaligen Literatur erhebt. So wie man aber Hoffmann auf seinem eigentlichen Gebiete kennen lernt, begreift man auch den Beifall der Zeitgenossen. Der Zauber, dem sie unterlagen, wirkt in der Mehrzahl dieser Werke noch heute auf uns, wenn wir uns ihnen ohne Voreingenommenheit und Prüderie nahen, genau ebenso. Eine eigenthümliche Erscheinung ist Henrik Steffens , 1773-1845, geboren in Norwegen, aber bald nach Deutschland übersiedelnd, Verbündeter und Anhänger der ersten Romantiker, Schüler Schellings und Verkündiger seiner Naturphilosophie, völlig zum Deutschen werdend, so daß er mit deutschem Enthusiasmus in den Befreiungskrieg zog, daß er nur noch deutsch philosophirte, schrieb und – dichtete. Er könnte daher an Chamisso erinnern, aber er ist fernab von dessen Innigkeit, Klarheit und Liebenswürdigkeit: die Nebel und die Trübheit seiner nordischen Heimat begleiten ihn auch auf deutschem Boden und machen diese Gestalt auf wissenschaftlichem Gebiet so gut, wie aus dem dichterischen zu einer schwankenden und unklaren. – Seine beiden Romane »Die Familien Walseth und Leith« und »Die vier Norweger« verdienten den lebhaften Beifall des Publikums durch die Naturschilderungen aus der nordischen Heimat des Dichters, wie denn die Schilderung des großen Schloßbrandes in Kopenhagen in ihrer Art ein Meisterstück ist. Allein in der Nähe betrachtet, sind es unkünstlerische Producte, in denen der Verfasser sich uns überall und stets von neuem selber vorstellt und uns mit seinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen, seinen wissenschaftlichen, philosophischen, religiösen, politischen Ideen und Ansichten unterhält. Noch schwächer sind die späteren Romane »Malkolm« und »Die Revolution«. Seine biographische Schrift, »Was ich erlebte«, ist von wirklichem Werth für die Geschichte seiner Zeit und der damaligen Literatur, leidet aber an unerquicklicher Einseitigkeit und Engherzigkeit. Eine viel erfreulichere und bedeutendere Erscheinung trotz aller Beschränkung, von unleugbar großem und wohlthätigem Einfluß auf die Entwickelung unserer Literatur ist Wilhelm Häring , der sich als Schriftsteller Wilibald Alexis nannte, geboren 1798, gestorben nach langer trauriger Krankheit erst am 16. Dezember 1871. Wilibald Alexis ist der Schöpfer und zugleich der Meister des deutschen, eigentlich historischen Romanes und auf diesem Gebiet von keinem Späteren übertroffen worden. Es war damals die Zeit, wo die Waverley-Romane und die übrigen Dichtungen des »großen Unbekannten«, d. i. Walter Scott's, in Deutschland ein um nichts geringeres Aufsehen machten als in England selber, und für unerreichbare Muster erklärt wurden. Da hatte Wilibald Alexis die Kühnheit, einen Roman »Walladmor« ohne seinen Namen erscheinen zu lassen, der vom Publikum und Kritik für ein Werk des großen Schotten gehalten, ja von diesem selber auf das herzlichste belobt wurde. Von der gleichen Art ist der folgende Roman, »Schloß Avalon«; dann jedoch wandte der Dichter sich alsbald nationalen, und zwar preußischen und zunächst brandenburgischen Stoffen zu und betrat hiermit sein eigentliches Gebiet und erreichte hier seine volle Größe, während er sich in seinen mehr socialen Romanen, »Haus Düsterweg« und »Zwölf Nächte«, sowie auch in kleineren Schöpfungen nur ausnahmsweise über das Niveau der anderen erzählenden Literatur erhebt. In seinen historischen Romanen jedoch, »Cabanis«, »Der Roland von Berlin«, »Der falsche Waldemar«, »Die Hosen des Herrn von Bredow«, »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«, »Isegrim«, steht er als Meister vor uns. Seine Kenntniß der Zeit und ihrer Verhältnisse, der Menschen und des Lokals ist die genaueste und sicherste und seine Herrschaft über seinen Stoff eine nahezu vollständige. Was er darstellt, schildert und zeichnet, bleibt nicht auf diesem Boden, sondern erhebt sich zum Leben; seine Menschen stehen leibhaftig vor uns, sie wachsen, möchte man sagen, und entwickeln sich vor uns; seine Naturbilder sind nirgends Copien, sondern zeigen uns die Natur selber in wunderbar treuer und klarer Auffassung. Bei Wilibald Alexis steht alles im innigsten Zusammenhange und vereint zur Gesammtwirkung; selbst der Stil, den der Dichter sich erst zurecht machte, und der bei jedem anderen leicht möglich manierirt erscheinen könnte, stimmt in seiner chronikenartigen Einfachheit und Treuherzigkeit vortrefflich zu allem Uebrigen. Ueberhaupt ist in diesen Romanen fast nirgends von einem Ueberfluß und Zuviel die Rede, und die ängstliche Genauigkeit der Darstellung, die peinliche Detailmalerei, die behagliche Breite, welche uns bei Walter Scott nicht selten stören, verschwinden bei Wilibald Alexis fast immer vor dem raschen und frischen, selbstständigen inneren Leben dieser Werke. Was uns in dieser Weise begegnet, ist meistens nicht Fehler des Autors, sondern characteristische Eigenart der geschilderten Zeit und Menschen. Diese Werke sind, etwa »den falschen Waldemar« abgerechnet, Romane im großen Stil und stehen in Deutschland ziemlich vereinzelt da. Leider aber sind sie unter uns nicht nach Verdienst bekannt. Es ist, als habe die Enge des gewühlten Lokals auch ihre Ausbreitung und ihren Erfolg beschränkt. Ein anderer Autor, der gleichfalls, ja im Grunde noch bestimmter als der vorige, dieser Zeit angehört, weil nicht nur seine ersten Werke in diesen Jahren entstanden, sondern weil er auch, während Wilibald Alexis sich erst um vieles später zu seiner vollen Größe aufschwang, seinerseits niemals recht über das gleich zu Anfang Erreichte hinausgelangte, – ist Karl Spindler , 1796-1855. Spindlers Talent ist ein großes und angenehmes; seine Phantasie ist von der lebhaftesten Regsamkeit, seine Erfindungsgabe eine ungemein reiche und unversiegliche, seine Gestaltungskraft eine ungewöhnliche. Spindler war Straßburger und es zeigt sich in seinen Schöpfungen etwas von dem leichteren und rascheren Blut der Halbfranzosen: man hat ihn nicht mit Unrecht den deutschen Alexander Dumas geheißen. Von Reflexion ist in seinen Werken so gut wie keine Rede. Er erzählt nur und zwar mit Lebendigkeit und Anschaulichkeit, ohne eine Spur von Gezwungenheit und Gesuchtheit, stets unterhaltend, nie verlegen um den Fortgang. Seine Darstellung ist eine sehr gewandte, seine Schilderungen sind voll Naturwahrheit und Glanz, seine Charakterzeichnungen weisen alle prägnanten und entscheidenden Züge in seltener Schärfe und zugleich Sauberkeit auf, und ohne daß er sich viel auf etwas wie eine vorsichtige Unter- oder sorgfältige Ausmalung, auf psychologische Begründung und Entwickelung einließe, gewinnen seine Gestalten Wahrheit und Leben, erhebt sich die Zeit und das Lokal vor uns mit überraschender Klarheit und greifbarer Deutlichkeit. »Der Bastard«, »Der Jude«, »Der Invalide«, »Der Jesuit«, sind solche Zeit-, Sitten- und – sagen wir Standesbilder von ungemeiner Treue und Wahrheit, von einer merkwürdigen Realität; denn Spindler verliert sich hier selten oder nie ins Phantastische oder Ideale, sondern bleibt auf sicherem historischem Boden, ohne daß die Zeitgeschichte ihm mehr als den Hintergrund für seine Gemälde und seine Gestalten lieferte. Trotz aller Vorzüge erheben sich diese Romane indessen nicht zu der Höhe und dem großen Stil der Wilibald Alexis'schen Schöpfungen, sondern bleiben mehr nur, freilich vortreffliche, Unterhaltungsschriften. Denn Spindlers Talent und Schaffen sind mehr instinctiv, als künstlerisch angelegt, klar, bewußt und maßvoll. Daher hält es auch auf die Dauer nicht vor und verliert der Autor sich in den zahlreichen Novellen und selbst in dem, übrigens an reizenden Einzelheiten reichen »Vogelhändler von Imbst« häufig in die Oberflächlichkeit und Routine der Leihbibliotheksschriftsteller. Von einer gewissen Naturwüchsigkeit, aber noch weniger wirklich künstlerisch sind die zahlreichen Romane des damals beginnenden und bis in die neuere Zeit fortschaffenden L. Storch , geb. 1803, »Der Glockengießer«, »Der Freiknecht«, »Ein deutscher Leinweber« u. s. w. – Höher steht der scharfe und nicht selten geistvolle Berliner Kritiker, L. Rellstab , 1799-1860; seine Novellen erheben sich ausnahmslos über das Mittelgut, und sein Roman »1812«, ist ein geschicktes, farbenreiches Gemälde jener außerordentlichen Zeit und ihrer ebenso außerordentlichen Menschen. Auch hat er eine lesenswerthe Selbstbiographie, »Aus meinem Leben«, geschrieben. – Neben ihm finden wir den freilich späteren, aber vorwiegend dieser ersten Periode der historischen Erzählung angehörenden F. Stolle , 1806-1872; seine Romane, »1813«, »Napoleon in Aegypten«, »Elba und Waterloo«, u. s. w. sind nicht ohne Geschick und Erfindung, erheben sich jedoch kaum über die bessere Leihbibliothekswaare. Dagegen war sein kleines Blatt, »Der Dorfbarbier«, eines der freisinnigsten und volksthümlichsten in Deutschland, und seine »Nachtigallenlieder« verdienen unter den politischen Gedichten der vierziger Jahre lobend genannt zu werden. Weiter gehören die Erzählungen und Romane von G. K. Herloßsohn , 1802-1849, A. F. von Bronikowski , 1783-1834, Robert Heller , 1813-1871, und zahlreichen anderen hieher. Sie alle bewegen sich so ziemlich im gleichen Gleise, ohne sich zu einer besonderen Höhe zu erheben, sind indessen noch immer der besseren Unterhaltungsliteratur zuzuzählen. – Wegen seines Romans »Furore« sei hier auch Wolfgang Menzel , 1798-1873, genannt, der freilich durch seine langjährige kritische Thätigkeit, durch seine Angriffe auf Goethe und das »junge Deutschland«, sowie durch zahlreiche populäre Geschichtswerke bekannter geworden ist als durch seine dichterischen Versuche. – Zu gedenken ist auch noch eines seltsamen Buches, »Die Bernsteinhexe«, von dem Pastor W. Meinhold , 1797-1851, das ganz in der Sprache und dem Tone des 17. Jahrhunderts, nicht nur von der Lesewelt, sondern auch von gelehrten Leuten eine Zeit lang für ein ächtes Erzeugniß der alten Zeit gehalten wurde. Der Verfasser wußte den erlangten Ruhm in späteren Werken nicht zu behaupten; doch besitzt man einzelne gute, geistliche Lieder von ihm. Im unmittelbaren, durch die Widmung betonten Anschluß an Walter Scott, begegnet uns der anonym erschienene Roman »Scipio Cicala«. Sein Verfasser war der Tübinger P. J. von Rehfues , 1779-1843. Voll Geist und Kunst, voll Handlung und Bewegung, ausgezeichnet durch glänzende Schilderungen und Charakterzeichnungen, ist er doch mehr nur das Werk eines geistvollen und feingebildeten Mannes. Dem Talent, welches sich darin ausspricht, gebrach es an dem Haupterforderniß, der Dauerhaftigkeit. Schon der zweite, und unseres Wissens letzte Roman des Verfassers, »Die Belagerung des Castells von Gozzo«, steht bei weitem nicht auf der Höhe des ersten. Vor allen spricht wider diese Werke jedoch jene, den deutschen Schriftstellern leider von jeher anklebende Liebhaberei, ihre Stoffe aus der Fremde zu holen und den Schauplatz in diese Fremde zu verlegen. Es zeugt für Walter Scott's und nicht minder auch für Wilibald Alexis' Größe, daß der Erstere nur in der Zeit seines Sinkens und der Letztere niemals in diesen Fehler verfiel. 45. Die Saat, welche Zacharias Werner durch seinen »24. Februar« gesäet hatte, ging nur allzu rasch auf. Schon 1812 veröffentlichte Adolf Müllner , »der Advocat in Weißenfels«, sein greuliches Stück, »Der 29. Februar« und fortan folgten diese Ausgeburten der vollständigen geistigen und sittlichen Verkehrtheit mehr als ein Jahrzehend lang einander Schlag auf Schlag. Wir Heutigen stehen vor diesen »Schicksalstragödien« und dem Beifall, den sie fanden, wie betäubt oder vielmehr wie verdummt, ja wir dürfen wohl hinzusetzen, daß Vernunft und Verstand, ästhetisches und sittliches Gefühl sich in jedem in gleicher Weise vernichtet fühlen müssen. Wie es möglich gewesen, daß dieser Mischmasch von angeblicher antiker Tragik und verzerrter Romantik, servirt durch die allerdüfstigsten Talente, einen solchen Eindruck machen, solche Bewunderung erregen und beinah als das Höchste gepriesen werden konnte, was im Reiche der Kunst entstanden sei und entstehen könne, wird uns immer räthselhaft bleiben, obgleich wir gut genug wissen und sehen, wie weit sich nicht nur die Romantiker, sondern auch selbst die Klassiker von der Natur und dem Natürlichen schon entfernt hatten, wie das große Publikum an zunehmender Geschmacksverwirrung litt, und wie gewaltig und unheilvoll der Rückschlag war, der auf die Begeisterung der Kriegszeit folgte – jener geistige und sittliche Katzenjammer, wie wir es hießen, der nur in extremen Reizmitteln und durch dieselben Linderung finden zu können glaubte. Aber freilich, schamroth sollte man noch heute werden, für jenes Publikum und seinen Geschmack und für die damalige Kritik und ihre Kunsteinsicht. Der eine wie die andern haben niemals auf einer tieferen Stufe gestanden. Wir dürfen über diese »Dichter« und ihre Werke schnell hingehen. Adolf Müllner , 1774-1829, Doctor der Rechte und Advocat, auch ein Neffe Bürgers, ohne eine Spur von dem Geiste und Talent desselben, ließ jenem schon erwähnten »29. Februar«, sein bekanntestes und berühmtestes Stück »Die Schuld« folgen, welches wenigstens nicht ohne eine gewisse theatralische Lebensfähigkeit ist. Sein »König Yngurd« und »Die Albaneserin« gehen über das Bühnenmaß hinaus, sind aber nicht ohne Geist und Kraft. Seine Lustspiele, »Die Vertrauten«, »Der angolische Kater«, »Der Blitz« u. s. w. haben gute Einfälle und einen, häufig freilich geschraubten, Witz aufzuweisen. Müllners dichterisches Talent ist trotzdem ein geringes und wird obendarein, wo es sich noch einmal regen möchte, durch den allernüchternsten Verstand vollends lahm gelegt. In der Kritik, der er sich von 1820 an widmete, machte er sich durch Dünkel, Zanksucht, Rabulisterei und Persönlichkeiten der rücksichtslosesten und gehässigsten Art anrüchig und verhaßt, so daß sein Gedächtniß selbst von dieser Seite nicht aufgefrischt zu werden verdient. Er ruht bei den Todten und möge dort ruhen bleiben. Noch mehr gilt dies von seinen, schier noch talent- und geistloseren Nachahmern und Nachfolgern, von denen wir hier nur den schwächlichen, süßlichen und weinerlichen, von Börne hingerichteten, Ernst von Houwald , 1778-1845, mit seinen Stücken »Der Leuchtthurm« und »Das Bild« nennen. Das gleichfalls hieher gehörige Stück des Freiherrn Josef von Zedlitz , »Turturel«, ist mehr nur als eine Geschmacksverirrung und als ein dem Zeitgeschmack gebrachtes Opfer dieses unleugbar schönen und bedeutenden Talents anzusehen. Und nicht anders steht es mit jenem Dichter, dessen »Ahnfrau« neben, ja vor der »Schuld« Müllners, einen wahren Sturm der Bewunderung hervorrief, das ist der Wiener Franz Grillparzer , 1790 bis 1872, der trotz der Beschränkung seines Talents – er ist wesentlich, ja im Grunde nur Dramatiker – unter den Schicksalsdichtern die erste, unter den deutschen Dramatikern überhaupt eine sehr hohe Stelle beanspruchen darf. Grillparzer ist seit seiner »Ahnfrau« bis ganz neuerdings nie wieder recht bekannt geworden, geschweige denn zum verdienten Ansehn gelangt und wurde selbst in seinem Vaterlande nicht nach Verdienst gewürdigt. Erst nach seinem Tode, kann man sagen, hat man diesen Dichter wieder entdeckt und seine Werke aus dem Staube der Bibliotheken zusammengesucht und durch eine Gesammtausgabe dem Publikum bekannt gemacht. Grillparzer besitzt unzweifelhaft ein Talent, das in seiner Beschränkung und, wie wir hinzufügen müssen, trotz seiner Unselbstständigkeit zu den größten gehört, die seit unserer großen Literaturepoche in Deutschland erschienen sind. Dies Talent muß sich durchaus auf das dramatische Gebiet beschränken und sich anlehnen können, hier an den unglückseligen Calderon, dort an Shakespeare, bald an Goethe, bald an die großen Alten. Unter solchen Bedingungen kommt es zum Durchbruch und gelingen ihm Werke, welche wie »Sappho«, »Medea«, ja wie auch »König Ottokars Glück und Ende«, die nächste Stelle nach den Schöpfungen unserer größten Meister beanspruchen dürfen, während auch in den übrigen, »Die Argonauten«, »Des Meeres und der Liebe Wellen«, »Der Traum ein Leben«, sich Einzelheiten und Züge in Ueberfluß finden, die den großen Dichter kennzeichnen. So ist auch sein Lustspiel »Wehe dem, der lügt«, abgesehen von gelegentlicher Breite, ein hervorragendes Werk. Grillparzers Unglück war es, daß er als Oesterreicher geboren und in armselige persönliche und Zeitverhältnisse gebannt, sich nie zu größerer innerer Freiheit und einem höheren Standpunkte durchzuarbeiten und der von 1830 an beginnenden frischeren Zeit gerecht zu werden vermochte. So brauste diese letztere ganz naturgemäß an ihm vorüber oder gar über ihn hin. Bevor wir auf denjenigen zu reden kommen, der sich nicht nur wider diese letzte Verzerrung, sondern auch gegen die gesammte Unnatur und Geschmacklosigkeit der damaligen Literatur erhob – auf den Grafen August von Platen – haben wir noch eines Einzelnen hier zu gedenken, dessen lebhafteste, wenn auch nicht bedeutsamste Thätigkeit gleichfalls hauptsächlich dieser Periode angehört und ihn auf das Bitterste mit dem Letztgenannten verfeindete. Das ist Karl Immermann , geboren zu Magdeburg 1796, gestorben zu Düsseldorf 1840, hart verurtheilt von den Moralitäts-Enthusiasten wegen seiner vieljährigen illegitimen Verbindung mit der geschiedenen Gattin des Generals von Lützow, Elise von Ahlefeld. Seinen nüchternen lyrischen Gedichten ließ er vom Anfang der zwanziger Jahre an eine ganze Flut von dramatischen, bald romantischen, bald shakespearisirenden oder goethisirenden Werken aller Art folgen: »König Periander und sein Haus«, »Das Thal von Ronceval«, »Cardenio und Celinde«, »Ghismonda«, »Das Trauerspiel in Tirol«, »Friedrich II.«, die Trilogie »Alexis«, »Das Auge der Liebe«, »Merlin«, das hübsche Märchen »Tulifäntchen« u. s .w., und machte später auch als Leiter des Theaters in Düsseldorf nicht wenig Aufsehen. Trotzdem ist der Dichter hier nicht auf seinem richtigen Gebiet. Er zeigt in den besseren dieser Arbeiten Kraft, Geschick und Einsicht, wie denn auch seine Natur selber eine derbe und tüchtige, hin und wieder sogar schroffe, aber durchaus verständige ist. Es fehlt ihm nicht an Witz, an Satire und Ironie, allein er geräth trotz aller besseren Einsicht stets wieder in die Irrgärten der Romantik hinein und bleibt der wahren und vollen Poesie in Wirklichkeit ziemlich fern. Zu ihr, zu seinem eigentlichen Gebiet und seiner rechten Bedeutung gelangte er erst ungesucht, als er in den dreißiger Jahren das Gebiet des Romans, und zwar, wie man wohl sagen darf, des Zeitromans betrat, mit zwei Werken, welche er ausdrücklich in die Strömung des neuen Lebens und der neuen Literatur hinausstellte und in denen er mit vollem Bewußtsein und voller Schärfe den Schäden und Gebrechen, der Unwahrheit und Unnatur der abgelaufenen, aber noch hundertfältig in die neu anhebende hinübergreifenden Periode zugleich einen klaren Spiegel und die unverfälschte, reine und gesunde Natur selbst entgegenhielt. Dort werden wir ihn noch einmal zu betrachten haben. August Graf von Platen-Hallermünde ist am 24. October 1796 zu Ansbach geboren. Der äußerst beschränkten Vermögensverhältnisse wegen wurde er schon früh von seinen Eltern für den Militärdienst bestimmt, ohne daß er diesem Beruf jemals die geringste Neigung gewidmet hätte. Eine außerordentliche Wißbegierde, ein unermüdliches Streben nach Vermehrung und Vertiefung seiner Kenntnisse zeichneten ihn schon früh aus und bereits der Kadett und junge Lieutenannt versuchte sich neben den sprachlichen und philosophischen Studien auch in der Poesie. Nach dem Feldzuge von 1815 erlangte er einen längeren Urlaub, der ihm, da er sein Gehalt weiter bezog, erlaubte, nicht nur seiner Reiselust zu genügen, sondern auch sich auf das ernstlichste zu Würzburg und hauptsächlich zu Erlangen den Studien zu widmen, welche sich über die Gebiete der Philosophie, der Alterthumskunde, der alten und neueren Sprachen, der schönen Künste verbreiteten. Dabei begannen die poetischen Schöpfungen und setzten sich fort, ausgezeichnet bereits durch eine Reinheit und Vollendung der Form, die bis dahin in Deutschland noch nicht erreicht worden war. Allein seine Lage blieb eine armselige und drückende: es gab der Arbeit, ja selbst der Entbehrungen zu viel und der Erfrischung durch gelegentliche Reisen zu wenig; von einem rechten Verständniß seiner Begabung, von einer wahrhaft herzlichen und liebevollen geistigen Unterstützung und Anregung war wenig die Rede; die Erfolge des Dichters entsprachen bei weitem nicht den hochfliegenden Hoffnungen und den Ansprüchen seines Ehrgeizes und seines Selbstbewußtseins, und als er endlich 1826 von dem neuen König Ludwig einen Urlaub nach Italien erhielt, war nicht sein Dichtertalent, aber seine Frische und Gesundheit zerdrückt, war seine Melancholie zur Hypochondrie geworden, gewann alles, was fortan von ihm ausging, einen scharfen, herben, bitteren, ja feindseligen Character oder wiegte sich in einer Selbstüberhebung, die den Eindruck seiner besten Schöpfungen beeinträchtigte und den theils berechtigten Ausstellungen, theils aber auch nichtswürdigen Anfeindungen zahlreicher Gegner nur allzuviele Blößen bot. So starb er, nachdem er neun Jahre lang mit nur kurzen Unterbrechungen in Italien gelebt hatte, verbittert und niemals von der Noth des Lebens völlig befreit, am 5. December 1835 zu Syrakus und fand im Garten der Villa Landolina sein Grab. Platen gehört nicht zu unseren großen Dichtern, aber er ist von einer Eigenthümlichkeit, die kaum ihres Gleichen hat und ihn zu einem der hervorragendsten Plätze in unserer Poesie und in der Literatur überhaupt erhebt. Es gibt unter unseren Dichtern nicht einen, auf den jenes alte Wort: »Gott schütze mich vor meinen Freunden,« eher anzuwenden wäre, als auf Platen und niemand hat, nach seinem Tode, mehr gelitten durch seine »Freunde« als er. Die Anfeindungen und der Tadel seiner Feinde und Gegner zerfallen vor dem ruhigen und klaren Blick eines unbefangenen Beurtheilers leicht genug in nichts oder schwinden auf ein sehr geringes Maß zusammen. Aber die Lobpreisungen seiner Freunde forderten durch ihre Maßlosigkeit und ihren Unverstand stets von neuem den Widerspruch heraus und veranlaßten auch die billigsten und unbefangensten Beurtheiler lange Zeit zu einer größeren Strenge, als die wirklichen Mängel der Platen'schen Dichtungen sie zu rechtfertigen vermögen, da man sich weniger an die Feststellung dieser, als an die Zurückweisung jener hielt. Es ist ein schweres, nur durch völliges Nichtverstehen oder Nichtverstehenwollen zu erklärendes Unrecht, Platen die eigentliche Dichternatur und den wahren und vollen Dichterberuf absprechen zu wollen. Gemüth und Empfindung kommen bei ihm allerdings erst sozusagen in zweiter Linie zur Geltung, da sie unter der Herrschaft seines zugleich hohen und strengen Geistes stehen. Allein an Höhe und Reinheit der Begeisterung, an Adel der Gesinnung, an Klarheit und Kraft des Gedankens und an Prägnanz, Gewalt und Schönheit des Ausdrucks, die doch alle gleichfalls einer ächten Dichternatur angehören, ja sie als eine solche bestätigen, weicht Platen wenig Anderen. So kommt er zum eigentlichen, reinen Liede freilich nur selten und ausnahmsweise, und noch seltener gelingt ihm dasselbe, weil er sich nur ausnahmsweise voll Unbefangenheit und Hingebung durch sein Gefühl leiten läßt. Ueberall anderwärts aber in der Lyrik und zum Theil auch Epik, in der Ode und Hymne, im Epigramm, im Gasel und Sonett, in der Ballade und Romanze, steht er als wirklicher Dichter vor uns, der nirgends zur Alltäglichkeit hinabsinkt und demzuweilen das Höchste gelingt. Ein Volks-, oder auch nur volksthümlicher Dichter ist Platen allerdings nicht im Entferntesten, und er ist es auch schon um dessentwillen nicht, weil er von Hause aus eine vornehme und exclusive Natur ist, welche viel mehr auf den reinen Höhen der Kunst als im eigentlichen, beschrankten Leben daheim ist und sich wohl fühlt. Er ist ein Kunst-Dichter im edlen Sinne des Wortes, und er ist dies nicht am wenigsten durch die ausdrücklich verlangte und angestrebte Reinheit der Form und die Klarheit und Frische des Ausdrucks, die uns selten oder nie den Eindruck der Künstelei empfangen lassen. So erinnert diese Form-Reinheit und Vollendung freilich häufig an die Kälte und Glätte des Marmors, aber hin und wieder finden wir doch auch Gedichte, wo Form und Inhalt, Natur und Kunst in vollendeter Harmonie vor uns treten, einander tragen, heben und ergänzen. Gehen wir seine Gedichte durch, so begegnen wir auch zwischen den Liedern einzelnen duftvollen Blüthen. Lieder wie »Ich bin ein Wassertropfen«; – »Laß tief in dir mich lesen«, – »Geduld, du kleine Knospe«, – »Sich von den Menschen fern zu halten«, – »Süß ist der Schlaf am Morgen« kennzeichnen den ächten Dichter. Noch deutlicher tritt uns dieser aus den viel zu wenig bekannt gewordenen, wundervollen und zugleich gewaltigen »Polenliedern« entgegen, durch welche im Verein mit mehreren, gleichfalls als politisch zu bezeichnenden Oden – z. B. »Kassandra« – er nach und neben Uhland zuerst der politischen Dichtung im neueren Sinne einen Platz in unserer Poesie erobert. Auch zwischen den »Gaselen«, mit denen er, im Anschluß an Goethe und Rückert, zuerst hervortrat, findet sich mehr Gedankenreichthum und auch mehr Tiefe der Empfindung, als man hinter der künstlichen Form zu suchen pflegt; in seinen »Oden«, wo er die antiken Maße mit vollendeter Meisterschaft handhabt, begegnen uns die edelsten Gedanken und Anschauungen, die geläutertste Kunsteinsicht und gelegentlich, wie z. B. in dem Stücke »Der Vesuv im December 1830«, eine reiche Naturmalerei, während in den »Hymnen« die selbsterfundenen Metra nicht selten eher den Eindruck der Kunstfertigkeit als der wirklichen Kunst machen. Dagegen finden wir unter seinen Balladen und Romanzen wieder ächte Perlen, wie z. B. die bekannten »Der Pilgrim vor St. Just«, »Das Grab im Busento«, »Harmosan«, und jene selten erwähnte, aber herrliche: »In der Nacht, eh Lady Stuart Durch das Beil den Tod erlitt, Trat der Geist vom Weibe Bothwells Vor sie hin mit leisem Tritt.« u. s. w. In seinen »Sonetten« und zumal in den Venetianischen erhebt Platen sich zur vollendeten Meisterschaft, und wenn auch hin und wieder in ihnen deutlicher als in allen übrigen Dichtungen die Krankhaftigkeit des Dichters, seine Gereiztheit und Verbitterung, seine Selbstüberhebung und Eitelkeit hervortritt, so finden sich doch selbst zwischen diesen einzelne und unter den übrigen zahlreiche, welche als das Vorzüglichste erscheinen, das in dieser Form bei uns gedichtet worden ist. So nennen wir von den Venetianischen nur »Mein Auge ließ das hohe Meer zurück« – »Venedig liegt nur noch im Land der Träume«, – »Es scheint ein langes, ew'ges Ach zu wohnen«, und von den übrigen: »Wem Leben Leiden ist und Leiden Leben«, – »Ich möchte, wenn ich sterbe, wie die lichten – Gestirne schnell und unbewußt erbleichen«, – »Es sehnt sich ewig dieser Geist in's Weite«, u. s. w. Platens Märchen »Rosensohn« und das epische Gedicht »Die Abassiden« sind ein paar hübsche Stücke. Seine dramatischen Arbeiten, »Der gläserne Pantoffel«, in welchem er die Märchen von Aschenbrödel und Dornröschen nicht ohne Glück vermischte, »Der Schatz des Rampsinit«, wo die alte, durch Herodot bekannte Sage, durchschossen mit allerlei satyrischen Ausfällen auf moderne Zustände, zur Darstellung kommt – ein Stück, welches am deutlichsten Platens eigenen Zusammenhang mit den später so bitter angefeindeten Romantikern und vorzüglich Tieck verräth; die beiden Kleinigkeiten »Berengar« und »Der Thurm mit sieben Pforten«, das ausgeführtere Schauspiel »Treue um Treue«, das anspruchsvollere, aber dramatisch schwache Drama »Die Liga von Cambrai«, interessant, weil es sich streng auf historischem Boden hält und den Dichter von der Romantik befreit zeigt, – alle diese Stücke erheben sich, ob auch im Einzelnen talent- und wirkungsvoll, dennoch nirgends über die Mittelmäßigkeit und stellen Platens Beruf zur Dramatik nirgends außer Zweifel. Platens Hauptwerke, durch welche er am meisten Eindruck machte, und welche immerhin gewissermaßen als literarische Thaten anzusehen sind, wenn auch der Zweck nicht im Verhältniß zu dem Aufwande von Mitteln steht, sind die beiden polemisch-satirischen, sogenannten Aristophanischen Lustspiele: »Die verhängnißvolle Gabel«, und »Der romantische Oedipus«. In der ersteren vernichtet er die Schicksalstragöden, im anderen versucht er sich mit gleichem Glück gegen die Romantiker und vorzüglich Immermann, daneben aber auch gegen die Unnatur und Geschmacklosigkeit der damaligen Bildung und Literatur überhaupt. Hier ist denn wirklich erreicht, was in Deutschland bis dahin noch nirgends erreicht war, und Platen drückte, wie er es sich selber nachrühmte, in der That »der Sprache sein Gepräge auf«. Die Sprache und die antiken Maße wurden hier mit einer Anmuth, Grazie und Leichtigkeit gehandhabt, welche an Schwierigkeiten und irgend etwas Erlerntes gar nicht denken ließen. Hier war es nicht das oft übermüthige Spiel Rückerts, sondern die bewußte Kraft und der tiefe Ernst des Meisters, dem die Kunst gewissermaßen zur Natur geworden war. Diese Schönheit und Kraft hier und dieser tiefe, heilige Ernst da versöhnen uns sogar mit der Eitelkeit und Selbstüberschätzung des sich selbst rühmenden Dichters und mit der Bitterkeit und Gereiztheit, mit den unerquicklichen Persönlichkeiten, welche im zweiten Stück noch häufiger als im ersten, den scharfen Spott und den edlen Zorn des Kunstrichters ersetzen und ihn aus seiner Höhe sozusagen zwischen das Gewimmel der gezüchtigten Gegner herabziehen. Was jedoch den Werth und die Bedeutung dieser Komödien auf lange hinaus sichern sollte, ist, daß Platen in ihnen den Sündern und Ketzern neben der edlen und kunstvollen Form auch den Geist der ächten und hohen Kunst entgegenhält. Diese Stücke, zumal die auch formell völlig meisterhaften Parabasen – die Ansprachen des Dichters an das Publikum – sind nicht nur ein scharfes und geisterfülltes Spiegelbild der damaligen Literatur- und Kulturzustände, sondern auch gewissermaßen eine Aesthetik in nuce , deren Lehren noch heute, ja für immer alle Beherzigung verdienen und unsern Dichtern zur Richtschnur empfohlen werden müssen. So haben wir an diesem Dichter, außer anderen Vorzügen, vor allem die Schönheit und Reinheit seiner Sprache und die Meisterschaft zu bewundern, mit der er den Versbau und die Verskunst auszubilden und zu handhaben verstand. Wir müssen ihm stets dankbar bleiben, daß er in jener Zeit der Sprach- und Versverwilderung und Verliederlichung ein Muster aufstellte, das bis auf den heutigen Tag an Geltung und Werth noch nichts verloren hat. Denn ob auch selbst Platens Formvollendung seitdem in einzelnen Fällen von Einzelnen noch überboten sein mag, so spricht uns doch der Geist, der bei ihm diese Form erschuf, beseelte und – meistens wenigstens auch mit dem Inhalt untrennbar verschmolz, aus derartigen Versuchen der Neueren nur gar zu selten an. Wo Platens Beispiel und seine Meisterschaft ohne diesen seinen Geist nachgeahmt und angestrebt wird, können sie nur zu den wenig erfreulichen Folgen führen, die wir grade in unserer neueren und neusten Poesie zu beobachten finden, d. h. zu einem Formalismus und einer Ueberschätzung der Technik, welche von der wahren Kunst genau ebenso weit entfernt sind, wie die Nachläßigkeit und Mißhandlung, unter welcher die Form zu anderen Zeiten zu leiden hatte. Von Platen gehen wir zu den zahlreichen Dramatikern über, welche sich gegen die Verzerrungen der Schicksalstragöden und die Nebelhaftigkeit und Formlosigkeit der Romantiker wehrend, und gewillt höhere Ziele zu verfolgen, als Epigonen Schillers und etwa als Jambentragöden zu bezeichnen sind. Aber auch zwischen ihnen erhebt sich nicht einer zu wirklicher dichterischer Höhe und wir müssen uns auch hier wieder mit der Anführung derjenigen begnügen, welche sich zum wenigsten über dem Niveau der Alltäglichkeit zu erhalten vermochten oder sich beim Publikum und der Kritik eines gewissen Ansehens zu erfreuen hatten. So möge hier als der Erste Ernst Raupach , 1781-1852, stehen, ein Dramatiker von erschreckender Fruchtbarkeit und übermenschlicher, nur noch als wirklich industriell zu bezeichnender rastloser Thätigkeit, der Dramatiker der preußischen Bureaukratie, der langjährige tyrannische Beherrscher der Berliner Hofbühne, ohne irgend welches Verständniß für die moderne, freiere Zeit- und Lebensbewegung, vielmehr der erbitterte Feind von allem, was für Fortschritt gelten konnte. Er hat sich in allen denkbaren Richtungen versucht, schillerisirend, goethisirend, shakespearisirend, in die Romantik hineinpfuschend und in das klassische Alterthum, und mit diversen Streifzügen das politische und sociale, wir wissen nicht genau, ob auch religiöse Gebiet beehrend. »Die Fürsten Chavansky«, »Isidor und Olga«, »Der Müller und sein Kind«, »Tasso's Tod«, »Der Nibelungenhort«, »Corona von Saluzzo«, »Das Märchen ein Traum«, »Timoleon«, »Themisto«, sieben oder acht Bände voll »Hohenstaufentragödien«, u. s. w. – das sind nur so ein paar Titel aus dieser endlosen Reihe. Besser, wenigstens häufig nicht ohne Laune und, freilich oft geschraubten, Witz sind einzelne seiner gleichfalls zahlreichen Lustspiele: »Der versiegelte Bürgermeister«, »Laßt die Todten ruhen«, »Der geraubte Kuß«, »Die Schleichhändler« u. s. w. Von bedeutender Sprachgewandtheit zeugen die, im Uebrigen schwachen und an viel hohlem Pathos leidenden Stücke von Eduard von Schenk , 1788-1841; »Belisar« und »Die Krone von Cypern«, hielten sich sogar lange auf dem Theater. – Von größerem Geschmack und Talent, bei der gleichen sprachlichen Gewandtheit ist der, dem Vorigen engbefreundete Michael Beer , 1800-1833, ein Bruder des berühmten Componisten. Seine Tragödie »Der Paria«, und das Trauerspiel »Struensee«, sprechen für seine immerhin nicht geringe dichterische Begabung. – Weniger bühnengerecht und ohne dramatisches Leben, aber großartiger sind »Alexander und Darius«, und »Die Babylonier in Jerusalem«, von Friedrich von Uechtritz , 1800-1875, der sich später auch als Erzähler versuchte, z. B. in dem umfangreichen Roman »Albrecht Holm«. Endlich mögen hier stehen: Josef Freiherr von Aussenberg , 1798-1857, der mehr als zwanzig Bände Trauerspiele zusammenschrieb, von denen freilich das von ihm selbst als »Epos in dramatischer Form« bezeichnete »Alhambra« allein drei dicke Theile füllt; G. A. F. Freiherr v. Maltitz , 1794-1837, mit allerhand Trauerspielen und Dramen – »Hans Kohlhas«, »Der alte Student« u. s. w., und F. F. A. v. Maltitz , 1795 -?, von dem es unter Gedichten, Romanen, Schauspielen u. s. w. auch eine Fortsetzung des Schiller'schen »Demetrius« gibt. Der Schauspiel-, Lustspiel- und Possendichter gibt es eine Legion. Es finden sich unter ihnen manche angenehme und erfreuliche, wirkliche Talente, aber ohne daß sich im Grunde auch hier wieder eines voll Kraft und Glanz über die anderen erhöbe. Als die bekannteren führen wir an: die Breslauer Karl Sessa 1786-1813(?), mit seiner berühmten und berüchtigten Posse, »Unser Verkehr«, und Karl Schall ; die Berliner Louis Angely, Karl Blum, Karl Töpfer, Louis Schneider, Alexander Cosmar: Albini, Lebrun, Herzenskron , A. F. von Steigentesch, Costenoble , F. v. Holbein , Frau von Weißenthurn , v. Kurländer , die liebenswürdigen und heiteren, witzigen Wiener Bäuerle und Castelli , dessen Parodie der Schicksalstragödien, »Der Schicksalsstrumpf«, auch heut noch genannt zu werden verdient. Er hat auch hoch interessante und liebenswürdige »Memoiren meines Lebens« veröffentlicht. – Wir können uns hierbei die Bemerkung nicht versagen, daß die österreichischen Dichter dieser Zeit, ob sie auch, abgesehen von Grillparzer und Raimund, kein großes Talent verriethen, noch von hervorragender Bedeutung wurden, im allgemeinen um vieles gesunder und natürlicher erscheinen als ihre Collegen im übrigen Deutschland, zum mindesten in bei weitem nicht so hohen Grade an der Krankhaftigkeit, Verzerrtheit und all den übrigen Schäden litten. Man möchte glauben, daß in Oesterreich, wo die Theilnahme an dem großen deutschen Literaturleben eine sehr geringe und von dem gewaltigen patriotischen Aufschwung von anno 1813 kaum etwas zu spüren gewesen war, auch der jetzige sociale, politische und geistige Rückschlag von einer um vieles schwächeren Wirkung sein mußte. Ferdinand Raimund , der 1791 zu Wien geboren wurde und sich daselbst, krank und schwermüthig, 1836 durch einen Schuß das Leben nahm, muß, wenn auch nur flüchtig, doch besonders genannt werden. Seine zugleich in der phantastischen Welt der Wunder und in der nüchternen Wirklichkeit sich bewegenden Stücke – »Der Barometermacher«, »Der Verschwender«, »Der Bauer als Millionär«, »Der Alpenkönig und der Menschenfeind« u. s. w. – sind voll eines ganz eigenen Humors und der ächtesten Poesie, voll Wärme und Empfindung, voll glänzender Phantasie und psychologischer Vertiefung und von einer stets sittlichen Grundlage. So waren sie von der tiefsten Wirkung und verdienten den außerordentlichen Beifall, mit dem sie nicht bloß in Wien, sondern in ganz Deutschland aufgenommen wurden. – Der sich in der gleichen Gattung versuchende Johann Nestroy , 1802-1862, erhebt sich keineswegs zu der gleichen Höhe. Seine Stücke »Lumpacivagabundus«, »Zur ebenen Erde und im ersten Stock« u. s. w., sind nicht nur überhaupt roher, sondern entbehren auch meistens jenes sittlichen Grundzugs und streifen häufig hart an das Genre der Lokalposse. Karl von Holtei dagegen, geboren zu Breslau 1797 und noch jetzt lebend, verdient um seiner Sing- und Liederspiele willen die herzlichste Anerkennung: wer hat sich selbst von den Jetztlebenden nicht einmal an diesen Stücken und Stücklein: »Der alte Feldherr«, »Lenore«, »Eckensteher Nante«, »Die Wiener in Berlin« u. s. w. u. s. w. gefreut und ihre fast alle zu Volksliedern gewordenen, neckischen oder ergreifenden Gesänge nachgesummt? Holtei besitzt kein großes, aber ungemein liebenswürdiges, heiteres, leichtes, ja gewissermassen improvisatorisches Talent, das wo der Dichter ihm nicht all zu Schweres zumuthet, niemals versagt. Seine ernsteren Dramen sind verschollen, unter seinen Romanen aber finden sich mehrere von wirklichem und nicht geringem Werth, und werden wir ihn daher später noch einmal und genauer zu betrachten haben. Endlich müssen wir noch einer, allerdings eigenartigen, aber nichts weniger als erquicklichen Erscheinung gedenken, des sogenannten Humoristen und Wortwitzlers Moritz Saphir , 1794-1858, eines Oesterreichers, der als eine Art von privilegirtem Possenreißer, Lustig- und zugleich Skandalmacher, mit seiner Pritsche durch das Literaturgewimmel fährt, den Einen ärgert, den Andern zu lachen macht, den Dritten gar zu rühren versucht und, bei Lichte besehen, jedermann durch seine gesinnungs- und gedankenlose, ungezogene Schwadronage zurückschreckt. Unter solchen Umständen kann man auch zu seinen ernsteren Producten kein Herz fassen. Von seinen Gedichten (»Wilde Rosen«) dürfte das auf den Herzog von Reichstadt, »Im Garten zu Schönbronnen«, eines der bekanntesten und auch besten sein. 46. Und so treten wir zum Schluß dieses Abschnitts nun noch einmal an Goethe heran – um von ihm Abschied zu nehmen. Die Vergötterer und Enthusiasten, welche an und in diesem außerordentlichen Menschen dem Irdischen kaum irgend eine Stelle einräumen wollen, haben es wohl behauptet, daß das Alter weder in leiblichem noch geistigem Sinne jemals Macht über ihn gewonnen habe. Hier vermögen wir ihnen nicht zuzustimmen. Denn wie der Greis allmälig an mancherlei Gebrechen des Alters zu leiden begann, obschon in viel geringerem Grade, als es den meisten Menschen auferlegt ist, und bis zum Tode im Besitz einer Lebenskraft, die den schwersten Stößen trotzte, und gehoben von der Kraft seines Geistes sich immer noch wieder aufzuraffen vermochte: so fingen auch jene Spuren eines gewissen Nachlassens, denen wir schon früher begegneten, nach und nach an immer häufiger hervorzutreten. Die Reflexion drängte sich mehr und mehr hervor, die Lehrlust erging sich immer behaglicher, die reiche Lebenserfahrung und das alle Gebiete umfassende Wissen ließen sich stets häufiger vernehmen. Dazu gesellte sich eine steigende Lust am Symbolischen und Geheimnißvollen, ein Trieb mit den »Freunden« Versteckens zu spielen, die leider oft genug dahin führte, daß der alte Herr sich endlich schier selber nicht mehr wieder finden konnte; und während vordem Empfindungen und Gedanken stets den natürlichsten und ungezwungensten Ausdruck gesunden hatten, wurden diese letzteren mehr und mehr zu einem Producte der sorgfältigsten Ueberlegung und Erwägung, d. h. der Curialstil der Goethe'schen Alters-Prosa spricht uns gar nicht selten auch aus seiner Altersdichtung an. Aber unsere Leser dürfen das Gesagte nicht mißverstehen. Trotz eines solchen Nachlassens blieb dieser Geist noch immer von einer Größe und Höhe, von einer Kraft und Klarheit, welche über das gewöhnliche Maß weit hinausreichten, so daß, was uns an ihm allenfalls als ein Zeichen des Alters erscheint, bei jedem Anderen noch für die unverminderte seltene Kraft und Frische zeugen, ja als höchste Blüthe des Geistes zu erachten sein würde. Die Aufnahmsfähigkeit seines Geistes und seine Thätigkeit lassen nicht nach; sie steigern sich vielmehr von Jahr zu Jahr. Es gibt kaum ein Gebiet des menschlichen Strebens und Wissens, das auch er sich nicht zugänglich zu machen sucht; allen neuen Erscheinungen, allen Forschungen, allen neuen Strömungen und Fragen folgt er mit der regsten Theilnahme und bemächtigt sich ihrer und betheiligt sich an ihnen mit der tiefsten Einsicht. Naturwissenschaften und Kunststudien, der Electro-Magnetismus, die neuen Entdeckungen der Chemiker, alles beschäftigt ihn, alles wird mit Gründlichkeit durchgehandelt, und die Literatur aller Zeiten und Völker bildet sein tägliches Studium. Die Perser, Inder und Chinesen, die Serben, die Neugriechen, sie stehen ihm alle gleich nahe; hier ist es Camoens und Cervantes, dort sind es die französischen Romantiker; nun Walter Scott und Byron, dann Manzoni oder Esaias Tegnér, welche an die Reihe kommen, und die deutsche Literatur dieser Zeit bleibt stets unter seinen Augen und kann, mit Ausnahme sehr seltener Fälle, immer auf sein Verständniß, auf sein in aller Strenge gerechtes und billiges Urtheil rechnen. Kurz, wenn man dies alles überschaut, so wird man mit immer größerem Staunen und immer höherer Bewunderung erfüllt und muß sich mit immer herzlicherer und reinerer Verehrung vor dem großen Alten beugen, der sich in seiner zunehmenden Vereinsamung und in der um ihn her sich ausbreitenden Verödung noch immer so frisch, regsam und so hoch zu erhalten verstand. Es fing an zu Weimar traurig auszusehen. Der frühere glänzende Kreis war vollständig ausgestorben bis auf den einzigen, zu Jena hausenden, uralten Knebel, und der Ersatz war ein sehr unbedeutender. Die Nächsten des alten Meisters, seine Getreuen und Berather, die Mitredacteure und Herausgeber seiner Werke waren wackere, aber nüchterne Leute, wie z. B. F. W. Riemer , 1774-1845, vor Zeiten Lehrer seines Sohnes, Reisebegleiter und gewissermaßen Privatsecretär, für uns hauptsächlich um seines Buches »Mittheilungen über Goethe«, willen von Interesse, das indessen nur mit größter Vorsicht zu benützen ist, oder wie J. P. Eckermann , 1792-1854, die bescheidene, treue Seele, dessen erst neuerdings richtig gewürdigten »Gespräche mit Goethe« sich dem Werthvollsten anschließen, was über den Altmeister geschrieben worden ist. Von seinem eigenen dichterischen Schaffen während dieser letzteren Jahre haben wir nur wenig zu sagen. Der Fortsetzungen und Nachträge zu seiner Biographie haben wir bereits oben gedacht. Neben ihnen begegnen uns als die beiden Hauptwerke »Wilhelm Meisters Wanderjahre«, erschienen zuerst 1821, und der zweite, kurz vor seinem Tode vollendete Theil des »Faust«, welcher erst unter den übrigen nachgelassenen Schriften zum Abdruck gelangte. Ueber beide Werke enthalten wir uns jedes eindringenderen Urtheils, weil wir, bescheidentlich gesagt, trotz aller Commentare und Interpretationen, selber weder in das eine, noch in das andere einzudringen vermochten. Daß es keinem von ihnen an den schönsten und erhabensten Einzelheiten fehlt und daß sich Partien in ihnen finden, die ganz und gar Goethe's würdig sind, wird jedermann mit Freuden zugestehen dürfen, während die »Wanderjahre« so gut wie dieser »Faust« als Ganzes betrachtet, kaum irgend einem Unbefangenen genug thun dürften. In Ansehung jener geheimen Größe aber, und der geheimen Schönheiten, von welchen uns die Commentatoren und Interpreten erzählen, müssen wir an dem alten Satze festhalten, daß die Größe und Schönheit, überhaupt der Werth eines Dichterwerks, welcher, um uns sichtbar und verständlich zu werden, erst einer solchen Interpretation bedarf, auf äußerst schwachen Füßen steht, ja mit vollstem Recht bezweifelt werden darf. Von den kleinen Erzählungen und Novellen, welche in die »Wanderjahre« auf das willkürlichste und zusammenhangsloseste eingefügt sind, haben wir einzelne – »Der Mann von fünfzig Jahren«, »Die neue Melusine«, »Die pilgernde Thörin« u. s. w. – schon früher erwähnt. – Die neu hinzugekommenen, »Das nußbraune Mädchen«, »Wo steckt der Verräther«, stehen nichts weniger als hoch, und eine dritte »Nicht zu weit«, wird uns sogar als Fragment vorgelegt. – Hier schließt sich die in den Werken selbstständig veröffentlichte »Novelle«, die sogenannte »Löwennovelle«, an, welche, wie wir schon früher erwähnten, weit über ihren Werth hinaus gefeiert worden ist. Der Kuriosität halber wollen wir hier erwähnen, daß, wie Goethe's erster Prosadichtung, dem »Werther«, die Parodie Nicolai 's folgte, auch das Letzte, die »Wanderjahre«, eine solche von einem Pfarrer Pustkuchen hervorrief, ein ernstgemeintes, aber trauriges Product. Um vieles erfreulicher und erquickender ist und bleibt auch zu dieser Zeit Goethe's Lyrik. Wir haben es schon früher gesagt: wo Goethe's innerste und eigenste Natur zum Durchbruch und zur Aeußerung gelangte und er nichts wollte und nichts gab, als sich selbst, war er stets der Gleiche und ließ sich keine Schwäche oder Grille des Alters, kein Vorgreifen, keine Künstelei spüren. Wo wir die noch immer zahlreichen Lieder und Gedichte dieser letzten Zeit aufschlagen, – fast überall finden wir den großen Dichter wieder, und eine Dichtung, wie jene berühmte Marienbader »Elegie« –, »Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen?« –, welche er im Jahre 1823 nach dem Scheiden von einer unendlich Geliebten, einem Fräulein von Levezow, schrieb, ist seiner besten Zeit würdig. In der Mittagsstunde des 22. März 1832 verließ dieser wunderbare Geist die Erde. Es ging eine tiefe Trauerklage durch Deutschland, durch die ganze gebildete Welt, denn zu Goethe's Größe hatten alle bewundernd aufgestaunt, vor ihm sich alle in feiernder Verehrung gebeugt. Und wo man während seines Lebens und Schaffens ihm noch fremd geblieben, nun wußte man wohl, was man an ihm gehabt und was man an ihm verloren. »Der Mann entzieht sich uns,« sprach Schelling in der Sitzung der Münchener Akademie am 28. März, »der in allen inneren und äußeren Verwirrungen wie eine mächtige Säule hervorragte, an der Viele sich aufrichteten, wie ein Pharus, der alle Wege des Geistes beleuchtete; der die Herrschaft, welche er über die Geister ausübte, stets nur der Wahrheit und dem in sich selbst gefundenen Maß verdanken wollte; in dessen Geist und, wie ich hinzusetzen darf, in dessen Herzen Deutschland für alles, wovon es in Kunst oder Wissenschaft, in der Poesie oder im Leben bewegt wurde, das Urtheil väterlicher Weisheit, eine letzte versöhnende Entscheidung zu finden sicher war. Deutschland war nicht verwaist, nicht verarmt, es war in aller Schwäche und inneren Zerrüttung groß, reich und mächtig von Geist, so lange – Goethe lebte.« Und am 1. Mai spricht Wilhelm von Humboldt in Berlin: »Zu den schönsten Eigenthümlichkeiten Goethe's gehört sein Bemühen, auf die Geistesthätigkeit seiner Zeitgenossen einzuwirken, ja man kann mit gleicher Wahrheit hinzusetzen, daß er ohne alle Absicht, gleichsam unbewußt, bloß durch sein Dasein und sein Wirken an sich den mächtigen Einfluß darauf ausübte, der ihn vorzugsweise auszeichnet. Es ist dies noch geschieden von seinem geistigen Schaffen als Denker und Dichter, – es liegt in seiner großen und einzigen Persönlichkeit. – Es ist uns, als wäre uns bloß dadurch, daß er nicht mehr unter uns weilt, etwas in unseren innersten Gedanken und Empfindungen und grade in ihrer erhebendsten Verknüpfung genommen. – Er drückte dem deutschen wissenschaftlichen und künstlerischen Geist, durch die lange Dauer seines Lebens fortwirkend, ein neues, ewig an ihn erinnerndes Gepräge auf.« So war es vollbracht – nicht vorbei – denn: »Vorbei – ein dummes Wort!« sagt Mephistopheles, und am allerwenigsten läßt es sich auf das anwenden, was Goethe gelebt, gewirkt und gedichtet, er, dem jenes stolze Wort des sterbenden Faust gebührt: »Es kann die Spur von meinen Lebenstagen Nicht in Aeonen untergehen!« Aber sein Leben, Wirken und Dichten war zum Abschluß gelangt und damit die große Epoche, die wir als das »Zeitalter Goethe's« bezeichnen müssen, zu Ende. Das Leben, die Kultur und Literatur lenkten ungeduldig in neue Bahnen ein.   Siebter Abschnitt. Von Goethe's Tode bis auf den Anfang der fünfziger Jahre. 47. Der Glaube, den manche »kluge und einsichtige« Leute bis auf den heutigen Tag zu hegen und zu verkündigen lieben, daß mit dem Tode Goethe's alles auf geistigem Gebiet Erreichte in Frage gestellt worden, daß zumal für die Dichtkunst ein Zeitalter der Barbarei angehoben habe und die poetische Schöpferkraft in erschreckender, fortschreitender Abnahme begriffen sei; – dieser Glaube, dem sogar mehr als einer von unseren ersten Literarhistorikern verfallen ist, so daß er sich von der folgenden Literatur schier verächtlich abwenden mochte – er darf wohl füglich von uns als der reine Aberglaube bezeichnet werden. Die Julirevolution, welche mit Goethe's Scheiden beinahe zusammenfiel, bildet allerdings einen von jenen Abschnitten der politischen und zugleich der Kulturgeschichte, welche in bestimmtester Weise ein versinkendes Aeltere von einem sich erhebenden Neueren scheiden und das Letztere dem Ersteren schroff entgegentreten lassen. Ein solcher Vorgang muß aber im gewissen Sinne stets ein revolutionärer sein, während er zugleich auch ein durchaus naturgemäßer, ja naturnothwendiger ist. Denn das Leben und die Entwickelung überhaupt sind keine wandel- und abschnittslosen, sie sind vielmehr steten Wandlungen unterworfen und trotzdem in unausgesetztem Fortschritt begriffen, und es ist ein Grundirrthum, daß das Ende einer Entwickelungs periode jemals auch einen Stillstand oder gar ein Zurückgehen der Entwickelung überhaupt bezeichnen könne. In Wirklichkeit ist hier nur von einer anderen Seite oder Richtung die Rede, auf der die dort zum Ende gediehene Entwickelung von neuem anhebt und in der sie sich nunmehr fortsetzt. Von einem Besseren oder Schlechteren kann man in solchem Falle vernünftigerweise nicht wohl sprechen, da man etwas völlig Anderes, gar nicht Vergleichbares, möglicherweise selbst Entgegengesetztes vor sich hat. So ist es hier der Fall. Was wir vor uns haben, ist, kurz ausgedrückt, der Uebergang von der Idealität und, oft genug freilich nur eingebildeten Objectivität, zur ausgeprägten Subjectivität und Realität; von der Gefühls- und Phantasie-Schwelgerei zum, häufig nüchternsten, Verstande; von der dumpfen oder sentimentalen Ergebung in die Autorität, und von der selbstgenügsamen Gleichgültigkeit und Abgeschlossenheit gegen alle neuen Fragen und Forderungen der Zeit und des Lebens endlich, zu scharfer Opposition, zu unerbittlicher Kritik, zu gesteigerter, ja fieberhafter Theilnahme. Ein solcher Uebergang findet naturgemäß freilich niemals ohne eine lange Vorbereitung statt; dieselbe wird jedoch bis zum letzten Augenblick nur von Wenigen geahnt und selbst hinterdrein fürs erste nur ausnahmsweise erkannt und richtig gewürdigt. Der letzte, entscheidende Schritt hat für die Zeitgenossen und Parteien daher auch stets etwas Plötzliches und Betäubendes an sich. An Ruhe und Ordnung ist aber auch, trotz aller Vorbereitungen, im ersten Augenblick nicht zu denken. Was an die Stelle des absterbenden Alten tritt, ist nichts weniger als etwas Fertiges , sondern durchaus etwas Werdendes , das nicht nur nach rückwärts einen erbitterten Kampf zu führen hat, bis es das Alte zu überwinden und sich selber aus den Ruinen frei zu machen im Stande ist, sondern das auch seinen eigenen schweren Entwickelungsprozeß bestehen muß, bis die neue richtige Bahn gefunden wird und dem Auge das wirkliche neue und feste Ziel erscheint. So finden wir es auch in dem Kampfe des sogenannten »jungen Deutschlands« gegen die absterbende Periode. Als die Julirevolution auf politischem Gebiet für den Augenblick Luft geschafft hatte, wurde die unnatürliche Spannung aller Verhältnisse fühlbar und ließen sich die Schäden und die Fäulniß erkennen, welche das gesammte Leben auf allen seinen Gebieten und in allen seinen Erscheinungen erfüllten. Der Kampf begann daher auch auf der ganzen Linie und wurde mit Keckheit und Muth weitergeführt, gegen die offenen, wie gegen die versteckten Feinde, ungeregelt zuerst und häufig, wie man glauben konnte, nur um des Kämpfens willen; bald jedoch immer geordneter und sich mit klarer Erkenntniß und fester Entschlossenheit auf die entscheidenden Punkte richtend. Es würde uns indessen viel zu weit führen, wollten wir eine genaue Darlegung der damaligen Zeit-, Lebens- und Kulturverhältnisse und der mit einander streitenden Elemente versuchen und aller Umstände hier und aller Factoren dort gedenken, welche in Betracht zu ziehen sein würden. Darüber können die Leser in jeder größeren Literaturgeschichte genügende und, je nach ihrem und des Verfassers Standpunkt, befriedigende Auskunft erhalten. Wir wenden uns den Kämpfern selbst zu und zwar vorerst den Beiden, welche den Kampf schon von langeher begonnen hatten; das sind die stets zusammengenannten, aber in Wirklichkeit grundverschiedenen Ludwig Börne und Heinrich Heine . Ludwig Börne , ursprünglich Baruch , wurde 1786 zu Frankfurt am Main geboren, wo sein Geburtshaus in der Judengasse steht. Anfangs Medicin studierend, wandte er sich später der Rechts- und Staatswissenschaft zu und fand nach Beendigung des Studiums eine kleine Anstellung als Polizeiactuarius in seiner Vaterstadt. 1818 gab er eine Zeitschrift »Tie Wage« heraus, welcher er 1819 eine andere, »Zeitschwingen«, folgen ließ. Beide wurden schnell unterdrückt. Börne kam, wie so mancher unserer Besten damals, gleichfalls in eine vergebliche Untersuchung und lebte, sein Amt niederlegend, bald hier, bald da als Publicist, bis er 1830 nach Frankreich und Paris ging und dort bis an seinen Tod, 1837, blieb. Auf dem Père Lachaise liegt er begraben. Ludwig Börne, der von unseren meisten Literarhistorikern sehr oberflächlich oder sehr wegwerfend beurtheilt wird, wird trotzdem in unserer Literatur stets einen Platz einnehmen, von dessen Höhe ihn weder die Gleichgültigkeit, noch die Verkleinerungssucht, noch der Parteienhaß zu verdrängen vermochte und vermag. Als Publicist ist er Einer der Ersten, wo nicht der Allererste gewesen, der im modernen Sinne dieser Bezeichnung entsprach, und wie viele ihm auch später auf dieser Bahn folgten, ist er doch unter ihnen bis zur Jetztzeit der Größte geblieben, und dürfen seine Schriften auch heute noch, obgleich was in ihnen behandelt wurde, meistens längst historisch geworden ist, als unerreichte Muster der Auffassung und Behandlung solcher Gegenstände und Fragen gelten, als unvergängliche Zeugnisse eines Characters von stiller Größe, Einfachheit und Reinheit, von Uneigennützigkeit, Bescheidenheit und Wahrhaftigkeit, und von einer Höhe, einem Ernst und einer Unbestechlichkeit der Gesinnung, die ihm selbst in den Augen seiner entschiedensten Gegner stets zum Ruhme gereichen muß. Aus seinen Schriften spricht uns überall die redlichste und ehrlichste Ueberzeugung an und von dem, was man als Phrase bezeichnen könnte, findet sich nirgends auch nur eine Spur. »Was ich immer gesagt, ich glaubte es. Was ich immer geschrieben, wurde mir von meinem Herzen vorgesagt, ich mußte .« So spricht er es selber aus in der Ankündigung seiner »Gesammelten Schriften«, und so war und so hielt er es. Seine Behandlung der Gegenstände und Stoffe ist trotz aller Bequemheit hier und aller Ironie und alles Humors da, eine ungemein präcise und klare; er hält sich nie beim Aeußern auf, sondern geht stets und sogleich auf den Grund, er schweift niemals ab, sondern bleibt immer bei der Sache. Und wie scharf und streng hier auch sein Angriff und sein Urtheil sein mögen, so weiß er doch von der Sache fast immer die Person zu trennen und dieser gegenüber mit der Milde, der Duldsamkeit und dem Takt zu verfahren, welche einen Grundzug seiner Natur bilden und alle sogenannten Persönlichkeiten von seinen Angriffen ausschließen. Das hat er noch in seiner letzten Schrift gegen den sanatisch'sten seiner Gegner, »Menzel der Franzosenfresser«, bewiesen, obgleich das lange Exil, die vielen Enttäuschungen und Leiden aller Art ihn längst verbittert und herbe gemacht hatten. Seine Darstellung endlich und sein Stil erheben ihn unter die Ersten Deutschlands und die »Dramaturgischen Blätter«, die kleinen Aufsätze, einzelne der sogenannten Erzählungen, die »Schilderungen aus Paris«, die »Fragmente und Aphorismen«, die »Kritiken und die Tagebuchblätter, – mit einem Wort, so ziemlich alles, was in seinen »Gesammelten Schriften« vor uns liegt, stellt ihn vor Allen Anderen in die Nähe Lessings . Börne's Hauptbedeutung und sein größtes Verdienst nicht bloß für die damalige literarische Epoche, sondern für die moderne Literatur überhaupt, liegt jedoch darin, daß er, in erster Linie Politiker, trotzdem auch auf allen anderen Gebieten Stellung nahm wider die Unnatur, die Autoritätstyrannei und die Corruption; daß er das practische, wirkliche, alltägliche Leben der Gegenwart, befreit von der Idealität der Klassiker und der Vernebelung der Romantiker, wieder zur Geltung brachte und, wenn man es so heißen will, für die Literatur wieder entdeckte und zu erobern begann. So war er denn allerdings auch hier gewissermaßen der Revolutionär, als welcher er auf politischem Gebiet erschien und nicht selten bis auf den heutigen Tag characterisirt, verketzert und verdammt wird. Die heutigen Ketzerrichter haben aber die Entschuldigung der damaligen nicht. Denn heutzutage sehen und wissen wir, wenn wir es anders sehen und wissen wollen, längst, daß die Revolution durch die wahnsinnige Wirthschaft der Reaction damals selbst heraufbeschworen und zur Notwendigkeit geworden war und – dahin war es gekommen! – nicht bloß die sogenannten Freisinnigen oder Unruhigen, sondern alle Vernünftigen zu Anhängern und Beförderern haben mußte. Was Börne begonnen, aber in Folge seiner mehr nur kritischen und, wie man sagen könnte, epigrammatischen Begabung, meistens nur gestreift und angedeutet, nicht jedoch eigentlich selber bethätigt hatte, das wurde von seinem jüngeren Zeitgenossen und Mitkämpfer, Heinrich Heine , voll übermüthiger Ausgelassenheit aufgenommen, mit funkelndem und blendendem Witz fortgeführt und mit dem glänzendsten Talent dichterisch zur Ausführung gebracht – die Rückkehr aus den kühlen blauen Höhen und aus den nebelerfüllten Thälern, zur Erde und zum Leben schlechtweg, mit ihrer natürlichen Schönheit, mit ihren natürlichen Leiden und Freuden, aber freilich auch mit ihren nicht selten unbehaglichen Schatten und ihren unheimlichen, verwilderten, häßlichen Gründen. Heinrich Heine , geboren zu Düsseldorf am 13. December 1799, und gestorben, nach langen qualvollen Leiden zu Paris am 17. Februar 1856, ist eines der glänzendsten Talente, welche jemals in Deutschland erstanden, ja, wir dürfen hinzusetzen, überhaupt auf Erden erschienen sind. Wo seine Lyrik uns, wie Gottlob denn doch in unendlich vielen seiner Lieder, unentstellt in ihrer Reinheit entgegentritt, steht er mit vollstem Recht an der Seite Goethe's, nicht ihn überbietend, aber auch nicht von ihm überboten. Goethe's wunderbare, hohe und reine Natur stellte ihn hoch über das Leben und hob dieses adelnd und verklärend zu ihm empor, während Heine mitten in dem alleralltäglichsten Leben steht, wo er sich über dasselbe aufschwingt, nur allzuleicht gewissermaßen vor sich selber erschrickt und sich selber verhöhnt, sich nur um so schneller zurückwirft und um so tiefer versinkt. Wir wissen nicht, wer jenen Vergleich aufgestellt hat, aber wir glauben ihn mit vollem Recht gelten lassen und annehmen zu dürfen: Heine ist wie einer von jenen Menschen, welche von ihrer Empfindung wohl einmal bis zu Thränen übermannt werden, aber voll Scham über solche Schwäche, oder voll Verdruß, daß sie ihr Inneres in solcher Weise der großen Menge preisgegeben haben, dasselbe desto schneller wieder zu verhüllen streben und mit desto wilderer Ausgelassenheit, mit desto schärferem Spott und Hohn sich selbst zu strafen und die Menge zu täuschen suchen. So erklärt sich, glauben wir, am leichtesten jene Liebhaberei oder sage man Manie Heine's, die Tiefe und Reinheit des ersten Eindrucks nur allzu häufig auf das muthwilligste, auf das frivolste abzuschwächen und zu vernichten, dem innigsten Lächeln schon im nächsten Augenblick ein faunisches folgen zu lassen, die reinste Schönheit durch einen einzigen Zug in eine Karikatur zu verwandeln. Heine's Poesie ist jenes wunderschöne Weib mit dem träumerisch süßen Lächeln, mit den Märchenaugen, mit all den Zauberreizen, die uns berücken und verlocken und einwiegen bis zur seligen Selbstvergessenheit, bis die Langeweile oder der tolle Uebermuth die Nixe aufjagt und der Fischschwanz lustig hervorplätschert. Heine's Natur ist keine einfache, sondern eine, und zwar aus Gegensätzen und Widersprüchen, zusammengesetzte. Wer ihm Gemüth und Empfindung absprechen will, versteht ihn nicht, oder richtiger gesagt, will ihn nicht verstehen. Nehme man das erste beste dieser Lieder, z. B.: »Ich stand in dunkeln Träumen Und starrte ihr Bildniß an Und das geliebte Antlitz Heimlich zu leben begann. »Um ihre Lippen zog sich Ein Lächeln wunderbar, Und wie von Wehmuthsthränen Erglänzt ihr Augenpaar. »Auch meine Thränen flossen Mir von den Wangen herab – Und ach, ich kann es nicht glauben, Daß ich dich verloren hab'! –« Gibt es ein einziges deutsches Lied, in welchem Gemüth und Empfindung unmittelbarer, voll größerer Natürlichkeit, Einfachheit und Innigkeit zum Ausdruck kommen? – Aber freilich, Heine's Natur ist kein stiller, nur in der Tiefe bewegter See, sondern das Meer mit »Sturm und Ebb' und Fluth«. Dem Gemüth und der Empfindung stehen der bis zum Hohn sich steigernde Spott und der, wie kein anderer, blendende und treffende Witz gegenüber, durch nichts zu bändigen und nichts schonend, am wenigsten jenes Gemüth und jene Empfindung des Dichters selber. Im genausten Zusammenhange stehen hiermit seine unbesiegliche Zweifelsucht, oder vielmehr sein völliger Unglaube, die alles in Frage stellen und weder im Himmel, noch auf der Erde etwas Vollendetes und Vollkommenes gelten lassen, und sein Eigensinn und sein Widerspruchsgeist, die keine Größe anerkennen oder gar respectiren, die keiner fremden Anschauung beipflichten und sich jedem fremden Einfluß widersetzen. Und wo er jemals dennoch einem solchen unterlegen ist, da wird sein Spott am grimmigsten, sein Hohn am hohnvollsten und trifft sein Witz vernichtend. Es ist ein rastloses, für jeden Anderen, nur nicht für Heine, aufreibendes Widerspiel der Anlagen und Kräfte, der Empfindungen und Stimmungen in diesem Menschen, der sich uns oberflächlicher und frivoler und zugleich tiefer und sehnsuchtsvoller zeigt als irgend einer. Den Schäden und der Krankheit der Zeit und aller Verhältnisse, die er klar erkennt und grell zu zeichnen liebt, ist er selber rettungslos verfallen. Das weiß und fühlt er selber nur allzutief, und diese Erkenntniß jagt ihn in den tollsten Wirbel der Lust und des Genusses, ohne Schranke und ohne Ziel, gleichsam nur um Betäubung und Vergessen zu finden. Aber er irrt sich: mit der Ernüchterung kommt der bittere Schmerz, die düstere Trauer, die dumpfe oder wildaufschreiende Verzweiflung an Gott und Welt, an Leben und Glück und an sich selbst, und Hohn und Lästerung werden grimmiger und greller als je. Da haben wir denn die Kennzeichen und Bestandtheile des sogenannten »Weltschmerzes«, der bei Heine noch gewissermaßen ein berechtigter und wahrer, bei seinen zahllosen Nachfolgern und Nachahmern fast immer nur ein rein nachgeahmter und erheuchelter ist und unsere Literatur in einer Sündflut von miserablen Poemen und jammerseligen Producten aller Art schier zu ertränken drohte. Heine war von Hause aus Jude, im Rheinland geboren und erwachsen, wo seine Glaubensgenossen unter der französischen Herrschaft allen Anderen bürgerlich gleichgestellt waren und schon daher dem französischen Reich und seinem gewaltigen Fürsten auf das getreulichste anhingen. So erklärt sich auch der Napoleoncultus, dem Heine sein Lebenlang ergeben blieb – jenes prächtige Gedicht: »Nach Frankreich zogen zwei Grenadier«, ist schon vor 1820 entstanden. Allein, wie Heine nun einmal war, darf man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß er sich mit dieser Liebe zu dem großen geächteten Kaiser den fanatischen deutschen Patrioten und den Auswüchsen ihrer bis zur Fratzenhaftigkeit gesteigerten Deutschthümelei entgegenstellte. Jedenfalls brachte er hier die heilsame Wirkung hervor, daß diese Deutschthümelei alsbald einen guten Theil von ihrer Sentimentalität, ihrer süßlichen Schwärmerei und ihrem Bramarbasiren verlor und die Dinge nüchterner anzusehen begann. Da jedoch die Deutschen trotz aller ihrer gerühmten Ruheseligkeit und Verständigkeit von Zeit zu Zeit gern und leicht von einem Extrem zum anderen überspringen, so fand der als Antichrist und Gottseibeiuns ausgeschriene, verhöhnte, verleumdete, mißhandelte Kaiser plötzlich in Deutschland die leidenschaftlichsten Bewunderer und dem »kleinen Korporal« im grauen Rock, mit seiner »Granitkolonne von Marengo« wurde in unserer Literatur eine Siegessäule nach der anderen errichtet. Aber Heine war auch, wie so ein junger Dichter damals kaum anders durfte, Romantiker. Schon als er, nach einem verunglückten Versuch, Kaufmann zu werden, in Bonn studirte, nahm ihn August Wilhelm Schlegel in die Lehre, welche in Berlin und seinen geistreichen Theecirkeln und Weinstubenrunden fortgesetzt wurde. Seine ersten »Gedichte« und seine »Tragödien«, »Almansor« und »Ratcliff« sind ganz voll der romantischen Phantastik, die hispanischen Donna Clara's und Ton Ramiro's liebten einander die Sonette schossen hervor, und kurz und gut: »Das ist der alte Märchenwald, Es duftet die Lindenblüthe, Der wunderbare Mondenglanz Bezaubert mein Gemüthe.« Allein es fanden sich trotzdem doch auch hier schon allenthalben kuriose Töne, Wendungen, Einfälle, Bilder, eine originelle Laune, und in den formell rauhen Sonetten kamen nicht selten Dinge zur Sprache, die zu dieser Form ungefähr paßten, wie – die Faust aufs Auge, – kurz, vielerlei, was die phantastischen Herren wohl hätte ein wenig erstaunen, scheu machen und fragen lassen dürfen, ob es dem jungen Schüler nun auch wirklich ernst sei mit seiner Anhänglichkeit, oder ob sich der übermüthige Gesell am Ende gar erkühne, der ehrbaren Meister und ihrer süßen kunstvollen Weisen ein ganz klein wenig zu spotten? Indessen blieben sie guten Muths und freuten sich dieses vielversprechenden Jüngers, bis 1826 die ersten Bände der »Reisebilder« erschienen, denen dann 1827 die erste Ausgabe des »Buchs der Lieder« folgte. Da war denn mit einemmale etwas, von dem man bisher gar keine Ahnung gehabt hatte. Hier war ein kecker, frischer, burschikoser Ton, hier sprudelte ein glänzender Witz, hier erklangen die innigsten Herzenslaute und tanzte ein Uebermuth umher, der nach Gott und der Welt nichts fragte; der wundervollsten Zartheit trat nicht selten hart die derbste, ja zuweilen nackte Sinnlichkeit nach; anmuthige Idyllen, reizende Genrebilder rollen sich vor uns auf, die alten Sagen lauschen hervor, die duftigste Märchenpoesie umfängt uns, und gleich hinterdrein umschwirrt uns wieder allerhand toller Spuk. Durch das alles hin und aus dem allem hervor bricht aber jener blendende und funkelnde Witz und der erbarmenslose Spott und schlägt vernichtend auf die gesammte gesellschaftliche und literarische Misere nieder, auf die Theezirkel-Schwärmerei und -Kritik, auf die süßliche Sentimentalität und Sinnlichkeit, auf die Theaterverzückungen und die schmachtende Naturverhimmelung, auf den Autoritätsschwindel, auf das fadenscheinige patriotische Märtyrerthum, auf die, zwischen Leben und Sterben ringende, noch immer sich putzende und brüstende Romantik endlich. Ihr galten seine Hauptschläge, sie traf er mit dämonischer Lust stets von neuem, bis in den Tod, ja noch über ihn hinaus. Mitten aus diesem blendenden und knatternden Feuerwerk hervor erhebt sich aber stets wieder die Flamme der ächten Poesie. Und zwar sind es nicht bloß die süßen und tiefen Herzenslaute, sondern es schließen sich an diese überall auch die wundervollsten Naturbilder – oder eigentlich nur Skizzen , wie denn Heine's gesammte Poesie, oder sage man sein Talent, etwas Skizzenhaftes und Fragmentarisches hat. Es sind aber Skizzen der meisterhaftesten Art, so daß der flüchtige Entwurf, die wenigen, kaum verbundenen, gleichsam zufälligen Striche und Linien in unseren Augen das ausgeführteste Gemälde eines Anderen übertreffen. Heine ist streng genommen der erste, der die wirkliche, unentstellte, lebendige Natur in ihrer Lieblichkeit und Größe, in ihrer Stille und in ihrer Bewegtheit wieder völlig versteht und für die Poesie von neuem erobert. Die ihm vorausgegangenen Schwaben und selbst Uhland, hatten bisher auswärts wenig oder gar keinen Einfluß gewonnen und waren, in weiteren Kreisen fast unbekannt geblieben. Heine's »Reisebilder« und das »Buch der Lieder« aber schlugen überall ein; sie führen die Naturpoesie im modernen Sinne in unsere Literatur ein und eröffnen so die Hauptrichtung, der sie von der Mitte der Dreißiger an zu folgen begann und bis auf den heutigen Tag im Wesentlichen treu geblieben ist. Von Heine's späteren Schriften können wir nur die hauptsächlichsten dem Titel nach anführen: den »Salon«, »Die romantische Schule«, »Ueber Börne«, »Neue Gedichte«, »Deutschland, ein Wintermärchen«, mit welchem er, allerdings in seiner eigenen und unabhängigen Weise, in die politische Poesie der vierziger Jahre eintritt, »Atta Troll«, »Romanzero«, und endlich, erst nach seinem Tode veröffentlicht, »Letzte Gedichte und Gedanken«. Ueberboten hat er, was er in den ersten Werken erreichte, nicht mehr. In den »Neuen Gedichten« finden sich noch zahlreiche seiner schönsten Lieder – wir erinnern nur an das reizende: »Leise zieht durch mein Gemüth«, oder an das trauervolle: »Eine starke, schwarze Barke« –; im »Romanzero« gibt es immer noch einzelne Anklänge, und selbst unter den »Letzten Gedichten« trifft man hin und wieder ein paar Verse, welche an die alte schöne Zeit erinnern. Im Allgemeinen aber macht sich, zum wenigsten im guten Sinne, eher eine Abnahme als eine Steigerung geltend. Statt der anfänglichen Ursprünglichkeit und Naturfrische, statt der Naivetät und Ungesuchtheit, statt jener Freude und jener Trauer – sagen wir: auf eigene Hand, die von keinem Anderen etwas wollen oder wissen, begegnen uns immer häufiger die Absicht, die Berechnung, der – boshafte Seitenblick und Seitenhieb. Die gesunde, ob auch einmal grobe Sinnlichkeit wird zur raffinirten Sinnenschwelgerei oder auch wohl zum ordinären und nackten Cynismus; der Witz wird immer verletzender, der Spott immer schärfer und je länger desto mehr zum vollen Hohn, und die unausgesetzten Anfeindungen, Persönlichkeiten und – leider daß wir es sagen müssen! – dies ewige Wühlen im Klatsch und Skandal, lassen es für den Leser der späteren Heine'schen Schriften nur ausnahmsweise noch zu etwas wie einem reinen Genuß kommen. So ist es denn allerdings sehr begreiflich, daß das Urtheil über diesen Dichter im Allgemeinen ein sehr strenges war und geblieben ist. Seine Verstöße wider den wirklichen und noch mehr gegen den sogenannten Anstand, wider die »gute Sitte« und die »schickliche Höflichkeit« sind allzu zahlreich, und wie die Menschen nun einmal geartet sind, müssen nicht wenige seiner Treffer für Viele auch heute, ja in hundert Jahren noch ebenso empfindlich sein, wie sie denjenigen waren, die sie zuerst trafen. Aber was Heine wirklich Schönes geschaffen hat, kann durch die Mangelhaftigkeit und Leichtfertigkeit des Uebrigen niemals entstellt und verkleinert werden. Dieses Schöne ist von makelloser und unvergänglicher Schönheit und erhebt seinen Dichter trotz aller seiner »Sündhaftigkeit« zu einem der höchsten Plätze auf dem deutschen Parnaß. Ob auch Petrus entsetzt vor ihm die Thüre zuschlägt, Apollo nimmt ihn mit offenen Armen auf. 48. Von diesen Anbahnern und Vorkämpfern der »Bewegungsliteratur«, treten wir zu der Gruppe, in der man die Schriftsteller des sogenannten »jungen Deutschlands« bei einander findet. Gewählt wurde diese Bezeichnung zuerst 1834 von Ludwig Wienbarg in der Widmung seiner »Aesthetischen Feldzüge«. Officielle Bestätigung erhielt sie durch den Bundesbeschluß von 1836, der ein Verbot wider die Schriften dieser Autoren aussprach. Es sind die Schriftsteller Heinrich Laube , Ludwig Wienbarg , Karl Gutzkow , Gustav Kühne , Theodor Mündt , denen dann von einigen noch einer oder ein paar Andere zugerechnet werden – ohne rechte Nöthigung, da hier von einem wirklichen Bunde dieser Autoren, wie etwa von dem des »jungen Italiens«, ebenso wenig die Rede war, wie von einem festen Bande zwischen ihnen. Revolutionäre waren sie nicht, und Laube's bekanntes Wort: »Was nicht von selbst sterben will, muß todtgeschlagen werden!« – war gar nicht so grausam gemeint, sondern nur ein Trompetenstoß, der ein wenig Aufsehen machen und das Publikum herbeiziehen sollte, um ihnen ein größeres Ansehen zu geben und ihren Einfluß auf die Literatur zu sichern. Dessen bedurften und danach verlangten sie, und dabei war ihnen das erwähnte Bundestagsverbot ausnehmend förderlich. Denn es stempelte sie zu so etwas wie Märtyrern und ließ ihre Schriften eine Verbreitung gewinnen und einen Eindruck machen, den die meisten ohne solche Unterstützung und durch sich selbst schwerlich erreicht haben würden. Man hat diese Zeit mit derjenigen des »Sturms und Dranges«, und die ersten Stimmführer mit den alten Stürmern und Drängern verglichen. Solche Vergleiche haben stets ihr Mißliches. Schon Vereinigungspunkte, wie damals Göttingen, Straßburg, Frankfurt, gab es jetzt nicht, die »jungen Deutschen« waren, ob auch hier und da zusammentreffend, über ganz Deutschland zerstreut, und wenn man sie und ihr Wirken näher ins Auge faßt, so sind sie von ihren Vorgängern ungefähr ebenso weit verschieden, wie die Bildung und Kultur des Jahres 1770 es von derjenigen ist, zu welcher man in Deutschland nach der Julirevolution gelangt war. Die jungen Stürmer und Dränger wollten zwar gleichfalls verzweifelt wenig von den Errungenschaften der eben ablaufenden großen Geistes- und Bildungsepoche wissen und zuckten über ihre Größen die Achseln. Aber verleugnen konnten sie diese Errungenschaften dennoch nicht, da dieselben ihnen längst in Leib und Seele gedrungen waren und sie, ob sie wollten oder nicht, den Natur menschen von anno 1770 gewissermaßen als Kulturmenschen entgegenstellten. Von der rohen und naturwüchsigen, aber immerhin gewaltigen Kraft, die, von Goethe's und Schillers Jugendwerken ganz zu schweigen, doch auch manche Schöpfungen der Uebrigen durchbraust, war bei den Jetzigen wenig mehr zu spüren; die eingeborene Wildheit und tolle Ungebärdigkeit jener Alten, war hier zu einer solchen geworden, der sich auch der besterzogene junge Mensch wohl einmal eine Zeitlang überläßt, wenn er, aus der Enge des Elternhauses befreit, plötzlich sich in das weite Leben versetzt sieht und, in der Hoffnung, von jedem Zwange erlöst zu sein, sich dennoch wieder unter einem neuen, noch schwerern findet. Und diese Wildheit steigert sich noch, wenn er einen solchen politischen, gesellschaftlichen, conventionellen Zwang obendarein ganz in seiner Nähe von Anderen schon gebrochen oder doch bekämpft sieht. Da schreibt er die ihm mehr oder weniger klaren Schlagwörter des Tags auf seine Fahne und stürmt voran, bis er, seltene Fälle abgerechnet, seiner Natur, der Erziehung und Gewöhnung nachgibt und sich ernüchtert oder enttäuscht zum soliden Staatsbürgerleben bequemt. Die Schlagwörter dieser Zeit waren »Regeneration« und »Emancipation« auf allen Gebieten und in jeder Richtung. Die Wiedergeburt der Poesie durch das reale und gegenwärtige Leben; die Popularisirung der Wissenschaften; die Befreiung vom Dogmatismus; die freie Liebe und, wie man es damals hieß, die Emancipation des Fleisches; die Annahme und Weiterverbreitung der durch die Julirevolution herausgeführten liberalen Ideen, – das und wer weiß, was noch sonst, waren so ungefähr die neu gesetzten Ziele, denen man mit Keckheit nachzustreben verhieß und sich das Ansehen gab. In Wirklichkeit entsprach aber weder die schöpferische Kraft, noch die geistige Klarheit solchen Verheißungen. Die versuchten Anläufe kamen ins Stocken, und statt den allgemeinen und, um es zu wiederholen, nebelhaften Zielen, fing jeder an seinen besonderen und seiner Natur und seinem Talent angemessenen, sei es schlichteren oder zahmeren zu folgen. Auf ihren ersten Gebieten und zumal auf dem politischen, sind diese »Jung-Deutschen« von der Zeit und den Zeitgenossen sehr schnell überholt worden. Wenn wir sie zusammen betrachten und nach etwas suchen, was ihnen allen gemeinsam ist und sie als zusammengehörig erscheinen läßt, so ist dies einerseits anfangs die Vorliebe und Befähigung für die journalistische Thätigkeit, und andrerseits die in allen mehr oder weniger scharf ausgeprägte Herrschaft des Verstandes. Ein eigentliches und eminent dichterisches Talent findet sich zwischen ihnen nicht, wie denn selbst Gutzkow, der einzige von ihnen, der sich unseres Wissens jemals in der Lyrik versucht hat, in dieser Richtung völlig bedeutungslos geblieben ist. Dagegen zeigt sich in der Mehrzahl von ihnen der Verstand zu einer Reife und Schärfe entwickelt, die sie immerhin sehr hochstellen und erhalten und, soweit er bei der Schöpfung dichterischer Werke mitzusprechen hat, mehr als ein nicht nur formell, sondern auch inhaltlich bedeutendes, ja vollendetes Werk zu Tage gefördert haben. Ludwig Wienbarg , geboren 1803 zu Altona, Privatdocent in Kiel, später mehrfach an Journalen thätig, freiwilliger Jäger im Schleswig-Holstein-Kriege, gestorben beinahe in Vergessenheit 1866, gab wie wir schon sagten, durch seine Widmung: »Dir, junges Deutschland, widme ich diese Reden«, dieser Partei und dieser Bewegung den Namen, ohne die Wirkung des Worts zu ahnen oder irgendwie besondere Persönlichkeiten ins Auge zu fassen. Wienbarg ist eine durchaus achtungswerthe und tüchtige Natur, wissenschaftlich geschult, aber einseitig in seiner Forderung nach Läuterung und Veredlung des modernen Lebens und nach seiner harmonischen Umgestaltung im altgriechischen Geist. Seine »Aesthetischen Feldzüge«, die »Wanderungen durch den Thierkreis«, das »Tagebuch aus Helgoland«, die »Aufzeichnungen aus den schleswig-holstein'schen Feldzügen«, sind gedankenreiche, gehaltvolle, glänzend, ja wie das »Tagebuch aus Helgoland«, klassisch geschriebene Werke, die auch dem heutigen Leser noch vielfältige Anregung gewähren und ihm stets Achtung vor dem Ernst, der Gewissenhaftigkeit und der Gesinnungsreinheit ihres Verfassers und selbst vor seiner, der Wirklichkeit und dem practischen Leben fremden Ideologie abnöthigen. Heinrich Laube , geboren zu Sprottau 1806, Studiosus der Theologie und Burschenschafter, Hauptvertreter, -Verkünder und -Verfechter des »jungen Deutschlands«, nach rasch geschlossenem Frieden mit den Männern der alten Ordnung, dem dramatischen Felde zugewendet, Director des Wiener Burgtheaters und, nachdem er eine Zeit lang in Leipzig eine ähnliche Stellung eingenommen, neuerdings wieder in Wien mit der Leitung eines Theaters beschäftigt, – ist, ob auch kein so reiches und tiefes Talent wie Wienbarg, doch ein viel leichteres und beweglicheres, schlagfertigeres und vor allem moderneres . Laube ist ganz und gar der Mann jener Zeit und wie ausdrücklich für sie und ihre Kämpfe geschaffen, voll Keckheit, voll Derbheit, voll Ungeniertheit und Rücksichtslosigkeit und dennoch nicht ohne eine gewisse, begütigende Bonhommie; ausgerüstet mit derber Lebenslust und meistens natürlicher Sinnlichkeit und ganz und gar Realist. Zu sprechen weiß er über alles und hat stets etwas zu sagen, nicht mit Tiefe, um die er sich wenig kümmert, aber stets pikant und voll Geist und, in Ansehung des Aeußern wenigstens, treffend. Seine Darstellung und sein Stil endlich sind in dieser früheren Zeit gewandt, voll Leben, ja voll Leidenschaftlichkeit, aber ungleichmäßig, bald nachlässig und oberflächlich, bald voll gesuchter Würde und Glätte, welche nicht selten zur Steifheit führt. Als Journalist und Kritiker (»Zeitung für die elegante Welt«) übte er einen nicht geringen Einfluß aus; die »Modernen Charakteristiken«, sein bestes Prosawerk, liefern eine Reihe von Portraits damaliger literarischer und politischer Persönlichkeiten, in nicht selten oberflächlicher und auch in der Auswahl sich verrathender, allzu subjectiver Auffassung, die jedoch trotzdem meistens eine entschieden glückliche ist und sich in der Ausführung zu einer bemerkenswerthen Anschaulichkeit erhebt. Seine Romane und Erzählungen, »Das neue Jahrhundert«, »Das junge Europa«, die »Reisenovellen«, »Die Schauspielerin«, sind voll von den Tendenzen jener Zeit, voll üppigen Lebens und lebhafter, ja leidenschaftlicher Bewegung, aber dessen ungeachtet mehr Producte des Verstandes als des frei waltenden Dichtergeistes. Dieser Dichtergeist schafft und wirkt auch nicht in den späteren Arbeiten auf diesem Gebiet, »Gräfin Chateaubriant«, und »Der deutsche Krieg«, obgleich sie, zumal das letztere Werk, viel kunstvoller angelegt, viel sorgsamer in der Ausführung, voll meisterhafter Motivirung und von trefflicher Darstellung sind. Und dieser Dichtergeist und diese Dichternatur gelangt auch dort nicht zum Durchbruch und zur Wirksamkeit, wo wir Laube auf seinem eigentlichen Gebiet und auf der Höhe seines Schaffens sehen, d. i. in seinen Dramen. Dafür, oder trotzdem aber ist Laube ein Dramatiker voll Frische und Gewandtheit, glücklich in der Wahl seiner Stoffe, ein tüchtiger Praktiker und vollendeter Techniker, und seine Stücke, »Monaldeschi«, »Struensee«, das Lustspiel »Rokoko«, die Literaturkomödien »Gottsched und Gellert«, und »Die Karlsschüler«, »Prinz Friedrich«, das Trauerspiel »Essex« u. s. w. sind und bleiben hervorragende Werke unserer dramatischen Literatur. Der bedeutendste von diesen Schriftstellern, nicht nur der Anlage, sondern auch der Wirkung und dem Einflüsse auf die Literatur und die Zeitgenossen nach, ist unzweifelhaft Karl Gutzkow , geboren zu Berlin am 17. März 1811. Die Julirevolution entriß ihn dem Studium und ließ ihn sich voll Ungestüm den Tagesfragen zuwenden. Er ist ein Talent von der größten Eigenartigkeit und in dieser von höchstem Range, eine reich ausgestattete Natur, ein Geist von durchdringender Verstandesschärfe, von wunderbarer Beobachtungs- und Auffassungskraft, voll nicht minder wunderbarer Feinfühligkeit und ursprünglicher, ja fast instinctiver, aber durch umfassende Bildung und tüchtige Kenntnisse gesteigerter und gesicherter Einsicht in das gesammte Sein und Wesen und in alle Lebenserscheinungen der Gegenwart. Endlich eine gesunde und tüchtige Natur, die sich nach den ersten ungestümen Ausschreitungen und dem wilden Ueberschäumen bald zu verhältnißmäßiger Ruhe und geordneten Bahnen zurückfand. Gegen die Herrschaft des Verstandes tritt, was sich kurz als Herz und Gemüth bezeichnen läßt, in Gutzkow zurück. Ein Dichter im gewöhnlichen Sinne des Worts ist er ebenso wenig wie seine Jugend- und Parteigenossen, und was wir in dieser Richtung von ihm besitzen, ist, wie alles, was von einem solchen Kopfe ausgeht, von Interesse, aber, wie schon gesagt, ohne dichterische Bedeutung. Dagegen hat er uns nicht nur das moderne Drama, sondern auch den socialen und Zeitroman der Gegenwart geschaffen und dort wie hier Werke geliefert, die von Anderen wohl einmal erreicht, aber bisher nicht übertroffen worden sind. In der erzählenden Literatur haben seine reiferen Arbeiten stets eine psychologische Begründung und Entwickelung und eine kunstvolle Motivirung aufzuweisen, die kaum etwas zu wünschen übrig lassen, und erscheinen vor uns in einer Darstellung, die man vollendet nennen kann. Daß ihm hier freilich jene Oberherrschaft des Verstandes gefährlich wird, ja zum Nachtheil gereicht, ist allerdings nicht zu leugnen. Dieser Verstand beherrscht den Stoff und die Aufgabe des Dichters mit harter Kraft und Strenge und läßt ihnen weder Platz, noch Gelegenheit zu einer selbständigen Entwickelung. Gutzkow construirt das Leben und die Menschen in regelrechter, naturgemäßer und sozusagen lebensfähiger Weise; er weiß ihnen sogar, von sich aus, ein gewisses Leben einzuflößen. Allein zu einem eigenen , von ihm, dem Schöpfer, unabhängigen Leben vermag er sie nicht zu erwecken und ihnen daher auch nicht die volle Wärme eines solchen zu geben. Mit einem Wort – ein freies dichterisches Schaffen ist Gutzkows Sache nicht; er gibt niemals dem inneren, sozusagen, unmotivirten Antriebe und dem unwiderstehlichen Drange nach. Er hat vielmehr stets einen bestimmten Zweck, ein festes Ziel, er verliert nie die Tendenz aus den Augen. Seine ersten Werke, »Briefe eines Narren an eine Närrin«, und der kleine phantastische Roman »Maha Guru«, zeigen beide noch seinen Zusammenhang mit den Romantikern, und »Wally, die Zweiflerin«, das Buch, welches auf Wolfgang Menzels Denunciation hin, den früher erwähnten Bundesbeschluß gegen das »junge Deutschland« hervorrief, ist auch nichts weiter als ein matter Nachklang von Friedrich Schlegels »Lucinde« – ein Buch, von dem man nicht recht begreift, wie es jemals einen solchen Eindruck machen konnte. Auch die Novelle »Seraphine«, und der Roman »Blasedow und seine Söhne«, sind ein paar nichts weniger als bedeutende Schöpfungen, wie denn auch die beiden, dieser ersten Zeit angehörenden Dramen, »Nero« und »Saul« nur als, freilich interessante Versuche auf diesem Gebiet zu erachten sind. Viel höher stehen die auf den Journalisten, den Kritiker, den scharfen Beobachter der Zeit und der Menschen zurückzuführenden Veröffentlichungen: »Oeffentliche Charaktere«, »Beiträge zur Geschichte der neusten Literatur«, »Goethe im Wendepunkt zweier Jahrhunderte«, und vor allem die unter dem Namen Bulwers veröffentlichten »Zeitgenossen« u. s. w. – Von dieser Zeit an wandte Gutzkow sich vorzüglich der Bühne zu, aber zwischen den dramatischen Schöpfungen erschienen während der beiden folgenden Jahrzehende unausgesetzt – die Productivität dieses Dichters ist eine ganz außerordentliche! – auch jene kleinen Erzählungen und Novellen, wie »Ein Mädchen aus dem Volk« (neuerdings »Der Emporblick« betitelt), »Die Wellenbraut«, »Die Selbsttaufe«, »Imagina Unruh« (neuerdings »Eine Phantasieliebe«), »Die Nihilisten«, »Die Diakonissin«, u. s. w., welche abgesehen von jenem oben erwähnten, aus Gutzkows Begabung stammenden Mangel, fast ausnahmslos nicht nur auf der Höhe der modernen Erzählungskunst stehen, sondern meistens auch ihre Vorbilder gewesen und geblieben und als Kunstwerke ersten Ranges zu schätzen sind. – Der große neunbändige Roman, »Die Ritter vom Geist«, ein Spiegelbild der ganzen Zeit mit allen ihren Interessen und Fragen, mag immerhin Bewunderung einflößen für die Kraft und Elasticität des Gutzkow'schen Geistes, für seine wunderbare Auffassungs-, Reproductions- und Gestaltungsgabe, für das außerordentliche Compositionstalent und die noch außerordentlichere Beherrschung des unendlichen Stoffs. Allein diesem Stoffe, oder sage man: dieser Aufgabe war selbst Gutzkow's Geist und Kraft nicht gewachsen, und der Standpunkt, den er zu all diesen Fragen und Interessen, zu der ganzen Zeit einnahm, war bei weitem nicht hoch und frei, nicht unpersönlich genug. Nicht weniger, sondern eher noch mehr tendenziös und von noch persönlicherer Auffassung ist der zweite große Roman, »Der Zauberer von Rom«, in welchem sich, mit den »Rittern vom Geist« verglichen, trotz aller Größe dennoch schon ein gewisses Nachlassen der Productions- und Gestaltungskraft verräth. Auf seinem rechten Terrain aber und auf seiner vollen Höhe finden wir Gutzkow in seinen dramatischen Schöpfungen. Hier ist er mit vollem Recht als der »Bahnbrecher und Pfadfinder« bezeichnet worden, der auf diesem, von zahlreichen, aber unfähigen oder schwachen Händen nachlässig oder verkehrt angebauten Gebiet wieder Leben und Bewegung hervorrief, neue Wege eröffnete, die gesammte junge Literatur mit sich auf dasselbe hinüberführte, den tief gesunkenen Geschmack wieder zu heben und die Theilnahme des Publikums in einer Weise zu erwecken, zu fesseln und zu belohnen wußte, wie man es seit Jahrzehenden kaum noch in einzelnen Fällen kennen gelernt hatte. »Richard Savage« und »Werner«, »Patkul« und »Wullenweber«, »Uriel Akosta«, »Zopf und Schwert«, »Das Urbild des Tartuffe«, »Der Königslieutenant« und wie sie sonst noch heißen, mögen immerhin mancherlei Ausstellungen rechtfertigen, gehören aber mit wenig Ausnahmen (z. B. das Trauerspiel »Liesli«) zu dem Besten, was wir in den einzelnen Gattungen besitzen, und sind, wie wir schon oben sagten, von einzelnen Nachfolgern wohl erreicht, aber bis heute nicht überboten worden. Nach einem schweren Krankheitsanfall, der einen Selbstmordversuch hervorrief und den Dichter zu einer längeren Ruhe zwang, hat er sich mit neuer rastloser, ja unheimlicher Thätigkeit dem Gebiet der erzählenden Literatur zugewandt – wir können leider nicht hinzufügen, mit dem alten Glück und der alten Kraft. »Hohenschwangau«, »Die Söhne Pestalozzi's« u. s. w. zeigen trotz aller Kunst und Sorgfalt ein merkliches Nachlassen. Erfreulicher sind einzelne kleinere, den »Lebensbildern« einverleibte Erzählungen. Ein nicht großes, aber erfreuliches und angenehmes Talent zeigt der zu Magdeburg 1806 geborene Gustav Kühne , von den Uebrigen zuerst sich trennend, der langjährige, geistvolle und liebenswürdige Redacteur der von August Lewald gegründeten Zeitschrift »Europa«. Seine »Klosternovellen« und »Die Rebellen von Irland« sind in der Charakteristik historischer Persönlichkeiten, in der Schilderung, im Colorit von großem Verdienst und in Ansehung der Darstellung musterhaft. Sein Drama »Kaiser Friedrich in Prag« machte kein Glück, doch ist es immerhin erwähnenswerth, daß das in ihm enthaltene »Lied der deutschen Studenten« den Ton des Volksliedes in glücklicher Weise trifft, während die »Gedichte« Kühne's sich gleichfalls nicht über die Reflexionspoesie erheben. Sehr Erfreuliches, ja wirklich Bedeutendes finden wir dagegen in der Sammlung kleinerer und größerer Aufsätze, »Deutsche Charaktere«, wo er, wie z. B. in den, dem »goldenen Zeitalter der Literatur« entnommenen Character- und Literaturbildern, voll so viel Einsicht, Unparteilichkeit und Geist zu urtheilen versteht, wie es grade in dieser Region nicht vielen gelungen ist. Eine desto unerquicklichere Erscheinung in der Hauptgruppe dieser Dichter ist Theodor Mundt , 1808-1861. Von unleugbarem Talent, schätzt er selber dies Talent am allerhöchsten und präsentirt sich uns stets in einer Bedeutung, die über seine wirkliche weit hinausgeht. Die Emancipation des Weibes und Fleisches hat keinen erregteren Verkündiger und Verfechter gefunden als ihn, auf alle Tendenzen, Fragen und Stoffe der Gegenwart stürzte er sich voll Ungestüm, ohne zur Klarheit über sie zu gelangen und ohne sich ihrer wirklich zu bemächtigen, ohne durch seine äußerlich allerdings glänzenden Plaidoyers und seinen hohen Ton kaltblütige Zuhörer lange über jener und seine eigene Oberflächlichkeit, Characterlosigkeit und Unklarheit zu täuschen. Schon sein berufenstes Werk, »Madonna, Unterhaltungen mit einer Heiligen«, ist bei Lichte besehen ein völlig abstruses Product; gradezu fratzenhaft ist seine Verherrlichung der Charlotte Stieglitz , der Gattin des zu den »Orientpoeten« zählenden, schwachen Dichters Heinrich Stieglitz , welche sich, um die erliegende Productionskraft des Gatten wieder anzuregen, selber den Tod gab. Seine größeren Romane »Thomas Münzer«, »Mendoza«, »Die Matadore«, »Mirabeau« u. s. w., sind alles unerquickliche, halbreife, unendlich prätentiöse Producte und verirren sich zuletzt in die Gattung jener schlimmen Memoiren-Romane, die seine Gattin Louise Mühlbach mit so ausnehmendem Erfolg cultivirte. – Noch weniger kann die glänzende Darstellung die Oberflächlichkeit und Schwäche seiner sogenannten wissenschaftlichen und halbwissenschaftlichen Arbeiten verdecken: »Geschichte der Literatur der Gegenwart«, »Die Götterwelt der alten Völker«, »Aesthetik«, »Geschichte der Gesellschaft«, »Geschichte der deutschen Stände«, »Die Kunst der deutschen Prosa« u. s. w. Am erquicklichsten ist er noch, wo er sich in der damals beliebten Reiseliteratur versucht – »Spaziergänge und Weltfahrten« – oder wo er den geschichtlichen Ereignissen der Gegenwart nacheilt – »Der Kampf um das schwarze Meer«, »Italienische Skizzen«, »Pariser Skizzen«, »Paris und Louis Napoleon« u. s. w. – Hier weiß er zu zeichnen, zu schildern, zu characterisiren und portraitiren, und erreicht auch in Ansehung der Darstellung und des Stils eine, für ihn sonst nicht leicht zu behauptende Höhe. Hiermit könnten wir vom »jungen Deutschland« scheiden; denn obgleich die ganze Literatur dem plötzlichen Anstoß nachgab und, der neuen Strömung folgend, in einem unleugbaren Zusammenhange mit den Stimmführern und ihren Schriften erschien, so war doch von einer eigentlichen, an die Häupter sich anschließenden »Schule« wenig zu bemerken. Es sind vielmehr nur einzelne Schriftsteller, welche obendarein mehr zu Anfang ihrer Laufbahn, wirklich einen ähnlichen Ton versuchen. Gerke , unter dem Namen Friedrich Clemens schreibend, sah seine, heut verschollenen Schriften gleichfalls durch das erwähnte Bundestagsverbot betroffen. Es gibt von ihm Romane – »Bei Nacht und Nebel«, – Tragödien, Novellen, Biographien und andere Schöpfungen – »Natürliche Klänge des Herzens an die Gottheit«, »Manifest der Vernunft« u. s. w. – Mehr Aufsehen machte und mehr poetische Kraft, trotz Verwilderung und sogar völliger Verschrobenheit, zeigt Braun von Braunthal , bekannter unter dem Namen Jean Charles , 1802-? –, in Trauerspielen, Gedichten, Novellen, Romanen, welche letztere zumal an widerwärtiger Nacktheit leiden, wie z. B. »Schöne Welt«, »Die Stimme des Bluts«, u. s. w. – Ludwig Starklos , ein Schriftsteller, dessen Leben und Geschick in ein seltsames Dunkel gehüllt sind, hat außer manchem Anderen, eine Erzählung, »Sirene, Eine Schlösser- und Höhlengeschichte«, geschrieben, welche Zeugniß von einem großen Talent ablegt und neben mancher Gesuchtheit und Uebertriebenheit, Partien von hohem und ächtem poetischem Reiz und von ergreifender Wirkung enthält. Unsere Literatur ist an solchen Schöpfungen nicht reich genug, um sie, wie es leider der »Sirene« passirt ist, der Vergessenheit verfallen zu lassen. – Ernst Willkomm , geboren 1810, hat sich aus der Krankhaftigkeit und Verzerrtheit seiner ersten Zeit – man sehe z. B. die beiden Romane »Die Europamüden« und »Weiße Sclaven«, – später aufgerafft. Seine »Grenzer, Narren und Lootsen«, sind aus dem gesunden Volksleben herausgeschrieben; andere Erzählungen dieses Genre's, wie vor allem »Die Stimme von Keitum«, genügen auch hohen Ansprüchen, und spätere Romane, »Rheder und Matrose«, »Die Familie Ammer«, u. s. w. zeugen von der erfreulichsten Selbstbefreiung und Weiterentwickelung dieses, jedenfalls hervorragenden Erzählertalents. – Alexander Jung , ein Königsberger, geboren 1799, ein Schriftsteller voll Geist, Originalität und von gründlicher Bildung, aber ohne hervorragendes dichterisches Talent, hat sich durch literarische und kulturhistorische Schriften – »Vorlesungen über die moderne Literatur der Deutschen«, »Charaktere, Charakteristiken und vermischte Schriften«, »Königsberg und die Königsberger« – bekannter und verdienter gemacht als durch seine Romane, wie »Der Bettler von St. James«, »Rosmarin«, und neuerdings »Darwin«. Letzterer, »ein komisch tragischer Roman«, ist bei Lichte besehen weder komisch, noch tragisch, noch ein Roman. Es ist vielmehr eine Streitschrift wider Darwin und die gesammte materialistische Richtung der Gegenwart, voll von, bis zum Fratzenhaften gesteigerter Künstelei, aber auch wiederum voll Geist, Originalität und Gediegenheit in den zahlreichen Exkursen auf die Gebiete der Literatur, der Kunst, des modernen Lebens und der modernen Gesellschaft. – Endlich nennen wir hier noch Hermann Marggraff , geboren zu Züllichan 1809, gestorben zu Leipzig, in Armuth, 1864. Auch er hat sich weniger durch seine Trauerspiele »Heinrich IV.«, »Das Täubchen von Amsterdam« –, seine Romane – »Fritz Beutel«, eine Persiflage des modernen allgemeinen Schwindels –, und seine, beiläufig gesagt, immerhin beachtenswerthen »Gedichte« ausgezeichnet, als durch seine tüchtigen literarischen Arbeiten: »Bücher und Menschen«, »Deutschlands jüngste Literatur- und Kulturepoche« einen guten Namen gesichert. Am bekanntesten wurde er durch die langjährige, liberale, humane, geistvolle und würdige Redaction der bekannten »Blätter für literarische Unterhaltung«. An die Vorhergehenden möge sich hier noch ein Dichter anschließen, der freilich mit ihnen ebensowenig in irgend einem Zusammenhange steht, wie, bei Lichte besehen, überhaupt mit der Zeit und der Literatur – ganz einsam und für sich, eine Erscheinung von kaum näher zu bestimmender, düsterer, ja unheimlicher Größe und von titanenhafter, wilder und ungeschlachter Kraft. Das ist der unglückliche Christian Dietrich Grabbe , geboren zu Detmold 1801 und gestorben in Verkommenheit und schon beginnender Vergessenheit am 17. September 1836. Seine gewaltigen, an genialen Zügen reichen, aber bis ins Formlose und Ungeheuerliche gesteigerten Dramen, »Herzog Theodor von Gothland«, »Don Juan und Faust«, die beiden Hohenstaufentragödien, »Friedrich Barbarossa« und »Heinrich VI.«, »Napoleon, oder die hundert Tage«, »Hannibal«, »Die Hermannsschlacht«, – in welchen letzteren sich schon die abnehmende Kraft bemerklich macht, stehen in unserer Literatur völlig ohne Gleichen da. Das hie und da erscheinende Verwandte entbehrt nicht nur dieser Genialität, sondern auch dieser wilden und dennoch grandiosen Formlosigkeit. Und dennoch hat kaum ein anderer Neuerer, wie sein hochinteressanter Aufsatz, »Ueber die Shakespearomanie« erkennen läßt, eine tiefere Einsicht in das Wesen des Drama's und der dramatischen Kunst, in das, was unserem deutschen Drama fehlt und ihm gewonnen werden muß, sein eigen genannt als er, obgleich er selber freilich diesen Forderungen am wenigsten zu genügen vermochte. Auf das höchste angelegt und auf das reichste ausgestattet, wurde er doch seines geistigen Reichthums ebenso wenig jemals Herr, wie er sein menschliches und irdisches Theil zu zügeln vermochte. Zwischen den huldvollen Feen, welche seine Wiege umstanden, fehlte diejenige, ohne deren Gunst es in uns keine harmonische Einigung der Gaben gibt und kein Zusammenwirken derselben zu erhoffen ist. So mußte er an der Zeit, die ihn nicht zu verstehen und zu würdigen wußte, und an sich selbst, der sich nicht zu zügeln vermochte, – rettungslos zu Grunde gehen. 49. Die eigentlich und wirklich dichterischen Talente, welche wir unter den bisher Angeführten vermissen, treten uns zuerst desto glänzender und zugleich überraschender von einer Seite entgegen, woher man sie im Grunde am allerwenigsten erwartet hatte – d. i. aus Oesterreich-Ungarn. Oesterreich war, wie wir schon früher bemerkten, der großen deutschen Literaturentwickelung wenig zugänglich geworden, und der Character der Behaglichkeit und Gemüthlichkeit, des munteren Lebens- und Kunstgenusses, im Verein mit jenem durchaus achtungswerthen Lokalpatriotismus, der sein besonderes Vaterland lieb hat und sich wohl in ihm fühlt und an dem angestammten Herrscherhause weniger mit Ehrfurcht als mit herzlicher Vertraulichkeit hängt, – dieser Character des Oesterreichers und zumal Wieners, sagen wir, der von der isolirenden und applanirenden Staatskunst Metternichs obendarein ausdrücklich gepflegt und gehütet wurde, schien einem Aufschwunge des Geistes und einem Eintritt in die großen Interessen des Zeitalters wenig günstig zu sein. Die österreichischen Dichter, welche wir oben kennen lernten, erhoben sich, mit Ausnahme des einzigen Raimund, selten oder nie über die niedrigen Gattungen der Poesie. – Aber auch in den höheren trat nichts Namhaftes hervor. Ladislaw Pyrker von Felfö-Eör , der Erzbischof von Erlau, 1772 bis 1847, hatte epische Gedichte, die »Tunisias« und »Rudolfias«, geschrieben, welche freilich als Meisterwerke gefeiert wurden und durch formelle Vollendung und schöne Diction sich wirklich auszeichneten, während sie jetzt, wir können nicht sagen: mit Unrecht, völlig verschollen sind. Nicht anders steht es mit dem Deutsch-Böhmen Karl Egon Ebert , geb. 1891, von dem es schätzenswerthe Balladen und Romanzen und ein Nationalepos »Wlasta« gibt. Und dann war Grillparzer mit seinem wahrhaft großen und schönen Talent gekommen, gleichfalls jedoch, ohne sich über die engen Verhältnisse und den Druck der Gegenwart aufschwingen zu können. Aber wir haben gleichfalls schon früher, darauf hingewiesen, wie Oesterreichs Zurückhaltung und die ihm auferlegte Abgeschlossenheit die nicht zu unterschätzende gute Folge gehabt hatte, daß seiner Literatur und seinem Leben nicht wenige von den Verirrungen und Ausschreitungen erspart wurden, welche während der zehner und zwanziger Jahre im großen Deutschland so viel Unheil angerichtet hatten. Zwar Grillparzer war mit seiner »Ahnfrau« in die Literatur Deutschlands hinausgetreten und grade einer ihrer verderblichsten Richtungen verfallen. Und gleich ihm hatte sich auch Josef Christian , Freiherr von Zedlitz , 1790-1862, mit seiner ersten großen Tragödie »Turturel« den Schicksalsdichtern angeschlossen und war in den folgenden Arbeiten Calderons Vorbilde gefolgt, bis er sich erst in seinem bekanntesten, Tasso feiernden Stücke, »Kerker und Krone«, von dieser Richtung frei zu machen wußte. Aber grade dieser Dichter erhob sich, kurz vor der Julirevolution schon aus das überraschendste, in den canzonenartigen »Todtenkränzen«, weit über die Alltagsliederpoesie. Er führt uns mit sich an die Gräber der Glücklichen und Unglücklichen, der gestürzten und der unvergänglichen Größen, hier zu Wallenstein und Napoleon, dort zu Romeo und Julia, zu Petrarca und Laura und zu Tasso und Byron, zu Josef II. und zu Shakespeare, überall die ernsten Trauer- oder duftvollen Weihekränze niederlegend. Hier ist Empfindung, hier ist Schwung, und es überrascht uns eine seltene Höhe und Freiheit der Welt- und Lebensanschauung, während die Sprache melodisch und die Form eine fast durchweg schöne ist. Um vieles geringer sind seine »Gedichte«, von denen sich nur einzelne, wie z. B. die bekannte »Nächtliche Heerschau«, über das Mittelgute erheben. Dagegen gehört sein späteres Märchen »Waldfräulein« zu den anmuthigsten Dichtungen der neueren Zeit, – eine überaus glückliche Vermittelung zwischen der »mondbeglänzten Zaubernacht« der Romantik, und der Innigkeit und Naivetät, der Frische und dem Duft, der ächten und schönen, wirklichen und lebensvollen Natur. Aber die Schwingungen des neuen Lebens und des, mächtig über den Horizont heraufflammenden jungen Lichtes pflanzten sich unwiderstehlich auch über die verschlossenen Grenzen und in die – so muß man wohl sagen! – versiegelten Geister Oesterreichs fort und trugen zwei Dichter empor, in deren Poesie der Kampf des Alten mit dem Neuen, der Finsterniß mit dem Licht wirklich gekämpft wird – ernst, aber heiter, siegesgewiß und im Glauben an die Zukunft von dem einen; düster, voll bitterer Zweifel und finsterer Vertrauenslosigkeit von dem anderen. Dies ist Anastasius Grün und Nikolaus Lenau , in denen wir zuerst ein paar wirkliche, volle und ganze Dichter der neuen Zeit anzuerkennen und zu feiern haben. Anastasius Grün – mit seinem wirklichen Namen Graf Anton Alexander Maria von Auersperg – wurde am 11. April 1806 zu Laibach in Krain geboren. Seine Ernennung zum Kammerherrn in den dreißiger Jahren zog ihm die schonungslosen Angriffe der damaligen politischen jungen Heißsporne zu. 1848 saß er im Fünfzigerausschuß und nahm darauf als Abgeordneter eine kurze Zeit lang seinen Sitz in der Paulskirche ein. Von der Zeit an verschwand er aus dem öffentlichen Leben, und ebenso verstummte auch der Dichter fortan beinah ganz, nachdem seine Poesie sich überhaupt nur zu wenigen, aber meistens freilich desto schöneren und eigenartigeren Blüthen entfaltet hatte. Anastasius Grün kann als der Hauptvertreter der modernen Gedanken- und Reflexionspoesie aufgefaßt werden: die Gedanken gehen in hoher Flut und die Reflexion feiert nie, sondern breitet sich überallhin aus. Aber ein Vorwurf für den Dichter oder etwas wie eine Verkleinerung seines Talents kann hierdurch nicht begründet, soll hiermit nicht versucht werden. Denn was wir bei Grün vor uns haben, sind die Gedanken und die Reflexion, um uns kurz auszudrücken, nicht eines Denkers, sondern vielmehr des Dichters , in welchem auch die Phantasie schafft und die Begeisterung in reiner Flamme aufschlägt, in welchem auch die Empfindung immer lebendig bleibt und sich so alles vereint findet und im innigsten Zusammenhange zeigt, was den Dichter von höherem Beruf auszeichnet. Der Kern und der Grundton der Grün'schen Dichtung ist die Freiheit. Sie sucht er in der Vergangenheit auf, für sie kämpft er in der Gegenwart, auf ihren Sieg hofft und ihren Sieg verkündet er uns jubelnd für die Zukunft: »Freiheit ist die große Losung, deren Klang durchjaucht die Welt!« Daß bei solcher Höhe der Anschauung, vor einer solchen Aufgabe und einem solchen Ziel, die Persönlichkeit zurücktritt, das eigene Loos, das Leid und Glück des kleinen engen Lebens verschwindet, braucht nicht erklärt zu werden. Die Lyrik, insofern wir darunter hauptsächlich die Empfindungspoesie und das Lied verstehen, ist dieses Dichters Gebiet nicht. Sein erstes Buch, »Blätter der Liebe«, ging ziemlich spurlos vorüber, und auch unter den später gesammelten »Gedichten« finden wir verhältnißmäßig nur Weniges, das Grüns Dichtergröße auch hier bestätigt. Unter diesen Wenigen freilich finden sich dann wieder einzelne der glänzendsten Perlen unserer Poesie, so das zarte Gedicht: »Die Mannesthräne«, oder »Der letzte Dichter« mit dem schönen, von dem tiefen und reinen Verständniß Grüns für die Poesie und ihr Wesen zeugenden Schlußverse: »Und singend einst und jubelnd Durch's alte Erdenhaus Zieht mit dem letzten Dichter Der letzte Mensch hinaus.« oder das ergreifende, »Das Blatt im Buche«: »Ich hab' eine alte Muhme, Die ein altes Büchlein hat. Es liegt in dem alten Buche Ein altes dürres Blatt. »So dürr sind wohl auch die Hände, Die einst im Lenz ihr's gepflückt. Was mag doch die Alte haben – Sie weint, so oft sie's erblickt.« Um vieles höher erhebt der Dichter sich schon in seinem zweiten Werk, »Der letzte Ritter«, einem »Romanzenkranz«, in welchem er vom Kaiser Maximilian und seiner Zeit singt, dieser Zeit, in welcher sich ein ähnlicher Kampf des Alten mit dem Neuen vollzog, wie der Dichter ihn in der Gegenwart vor sich fand. – Mit der nächsten Dichtung – »Spaziergänge eines Wiener Poeten« –, welche anonym erschienen, tritt Grün aus der Vergangenheit in die Gegenwart, aus der Allegorie in die Wirklichkeit herüber. Hier beginnt er den Kampf für den Fortschritt und die Freiheit auf allen Gebieten des geistigen und sittlichen, des öffentlichen und socialen Lebens und führt ihn mit bewunderungswürdiger Kraft, mit glänzendem Muth, mit mächtigem Schwung, in gewaltiger, zuweilen nur gar zu bilderreicher Sprache – freilich einstweilen noch hauptsächlich nur für sein Oesterreich, aber darum nicht minder zündend und überwältigend auch für das weitere Deutschland. Und noch ein Schritt weiter – hier führte jeder aufwärts! – und der Dichter stand auf seiner Höhe: in seiner reichsten und vollendetsten Dichtung, »Schutt«, verläßt er das engere Vaterland und wendet sich der ganzen Menschheit zu. Ueber den Trümmern und dem Schutt der Gegenwart und über ihrer Nacht erhebt sich der stolze Bau der glücklichen Zukunft und das Licht des neuen Tags. Schwert und Kreuz sind begraben, und da sie einmal wieder gefunden werden, kennt niemand sie mehr. Diese Dichtung in ihren vier Abtheilungen: »Der Thurm am Strande«, »Eine Fensterscheibe«, »Cincinnatus«, »Fünf Ostern«, – steht in unserer Poesie fast einzig da und wird stets zu den gedanken- und empfindungsvollsten, den tiefsinnigsten und erhabensten Schöpfungen des deutschen Dichtergeistes gerechnet werden müssen. Folgende Probe möge dafür zeugen. Ihr, denen in die Hände ward gegeben. Ihr, denen in die Hände ward gegeben, Wenn sich's die Händ' etwa nicht selbst genommen, Das Recht, zu schalten über Menschenleben, Kennt ihr des Menschenlebens Sinn und Frommen? Ich rath' euch, wallt aus eurer goldnen Klause Einmal hinaus in Frühlings-Sonnenblicke, Doch laßt mir sein den Doktorhut zu Hause, Die grüne Brille, Codex und Perücke. Und wenn, von all dem Licht und Glanz entborget, Ein leiser Abglanz schlich in eure Seele, Dann ist es Zeit, dann weilet nicht und sorget, Daß Flinte, Beil und Messer auch nicht fehle. Seht dort den Rosenstrauch im Duftmeer fluten! Das Messer her, vom Stamme ihn zu trennen! –. Er liegt im Staub und scheint nun zu verbluten Aus so viel Wunden als da Knospen brennen. Seht ihr die Lerche hoch im Frühroth schimmern? Das Feuerrohr herbei und streckt sie nieder! – Vor euch im Rasengrün mit leisem Wimmern Versiegt die holde Quelle süßer Lieder. Seht dort der Linde Haupt die Wolken grüßen! Die Axt herbei, den Stamm ihr zu zerklüften! – Da liegt die Riesenleiche euch zu Füßen. Ihr Sterberöcheln ist ein süßes Düften. Und will euch Wehmuth nun ins Herz, so lenket Heimwärts den Pfad und nehmt auf eurer Schwelle Den Säugling aus der Gattin Arm und senket Eu'r sinnend Haupt zu seiner Lockenhelle. Und denkt des Baums, zerspellt zu todten Trümmern, Und denkt der Knosp', erblaßt im Todesbeben, Und denkt des Liedes, aufgelöst in Wimmern; Und ahnt es leise, was ein Menschenleben. In seinen späteren, nach langen Pausen erscheinenden Werken, den »Nibelungen im Frack«, und dem »Pfaffen vom Kahlenberge«, tritt der Dichter von dieser Höhe herab: sie sind beide ziemlich eindruckslos vorübergegangen, ob sie auch in einzelnen Zügen, in schönen Bildern und trefflichen Schilderungen des Dichters noch immer völlig würdig sind. – Auch eine Uebersetzung krain'scher Volkslieder und einen Romanzencyclus, »Robin Hood«, nach englischen Volksliedern, hat Grün in späteren Jahren erscheinen lassen. Nikolaus Lenau , mit seinem vollen Namen: Nikolaus Niembsch Edler von Strehlenau , wurde 1802 in Ungarn, unweit Temesvar geboren. Nach langen, vielfachen Studien, gelangte er auf einer Reise nach Stuttgart und fand im Kreise der schwäbischen Dichter die freundlichste Aufnahme. Aber die Ruhe war ihm schon damals abhanden gekommen. Es trieb ihn fort nach Amerika und von dort alsbald wieder heim in die alte ersehnte deutsche Heimat, wo inzwischen seine Gedichte erschienen waren und sein Ruhm sich glänzend erhoben hatte. Und die Ruhe fand sich nicht wieder. Es folgte während der folgenden Jahre ein stetes Hin- und Herziehen, ein Leben ohne Plan, ohne Beruf und ohne Halt, bis im Jahre 1844 der Wahnsinn den Unglücklichen überfiel. Erst sechs Jahre später, am 22. August 1850, wurde er von seinen Leiden erlöst. Es gibt Darstellungen von Lenau's Leben und Erinnerungen seiner Freunde an ihn in nicht geringer Zahl ( Schurz , »Lenau's Leben«, – Karl Mayer , »Briefe und Erinnerungen« u. s. w.), allein etwas Erschöpfendes ist uns nicht geboten worden, und eine volle Aufklärung dieses Menschen- und Lebensräthsels finden wir nicht. Wir ahnen – denn in dieser Natur und diesem Leben begegnen uns allerwärts und immerdar neue Geheimnisse, welche alles wirkliche »Wissen« ausschließen! – wir ahnen, daß diese Natur, von früh auf eine gefährdete, sich auch von früh auf am Leben zerrieb; wir ahnen, daß Lenau, wie Faust, durch das Wissen zu der Erkenntniß geführt war, wie »wir nichts wissen können«, und daß diese Erkenntniß ihm »schier das Herz verbrannte«. Wir ahnen, oder vielmehr, hier sehen wir es leider deutlich genug, daß ihm, der so gern vertrauen wollte, das Vertrauen zum Leben, zum Glück, zu sich selbst verloren gegangen war, und daß in ihm, den alles zum Glauben drängte, dieser Glaube durch den Zweifel aufgehoben und zerstört wurde. Wir wissen ihn endlich in den späteren Jahren von Verhältnissen umdrängt, denen seine sein organisirte, nervös überreizte und längst bis in ihre Grundfesten erschütterte Natur nicht gewachsen war, aus welchen er sich nur durch einen Gewaltstreich zu retten wußte – um – rettungslos ins volle Verderben zu stürzen. – So lichtet es sich hier, so lichtet es sich da, allein das Ganze ruht trotzdem, wie wir schon sagten, im tiefen und schier unheimlichen Dunkel. Lenau's Erscheinung ist eine durchaus und zwar hochtragische, und die Schlußkatastrophe, – dieser jähe Sturz von der gewaltsam eroberten freien Höhe, aus der ersehnten Ruhe und dem erträumten Glück, aus dem freundlichen jungen Licht in die endlose Nacht, – ist selbst dichterisch angeschaut, eine der furchtbarsten und ergreifendsten, denen jemals ein Menschenleben unterlegen ist. »Wenn's mir einst im Herzen modert, Wenn der Dichtkunst kühne Flammen Und der Liebe Brand verlodert, – Tod, dann brich den Leib zusammen! »Brich ihn schnell, nicht langsam wühle, Deinen Sänger laß entschweben, Düngen nicht das Feld dem Leben Mit der Asche der Gefühle!« So hat er gesungen und gefleht, und so – wurde es ihm nicht gewährt. Unter unseren neueren Lyrikern ist Lenau einer der bedeutendsten und vor allem originalsten – er ist bis in den Kern seines Wesens und bis auf den Grund seines Herzens ein Mensch und Dichter der neueren Zeit und ohne irgend welchen Zusammenhang mit dem abgestorbenen und absterbenden Alten. Der stete Kampf des ruhlosen, zersetzenden Gedankens mit der Tiefe und Innigkeit der Empfindung; die Belebung und Beseelung der Natur durch sein eigenes düsteres und krankes, von Schmerz zerrissenes Leben, durch seine eigene bange und trauervolle, sterbensmüde Seele; die Abspiegelung dieses ganzen, eigenen Selbst in seiner gesammten Umgebung, in jeder Aeußerung: – das ist es, was zumal seinen Naturbildern, die darum auch zugleich immer Stimmungsbilder im höchsten Sinne des Wortes sind, den eigenartigen Reiz verleiht und ihnen einen Einfluß auf unser Gemüth und unsere Stimmung sichert, dem sich kaum jemand zu entziehen vermag. Wir finden unter ihnen manche, die, natürlich stets von dem eben angeführten Gesichtspunkt aus, zu dem besten gehören, was in Deutschland gedichtet worden ist. – Nicht anders ist es in denen, wo der Dichter nur mit sich selbst verkehrt und uns statt der Natur, sein Herz und den Schmerz und den Kampf seines Inneren enthüllt. – Nun aber gibt es noch eine andere Klasse von Gedichten und zwar meistens auch wieder Naturbilder, in denen wir nichts von jener vorhin erwähnten Uebertragung oder Abspiegelung des Lenau'schen Selbst entdecken. Hier gleicht vielmehr die äußere Natur der inneren des Dichters von vornherein, sie stimmt mit ihr überein und kommt ihr ungefordert entgegen. Und da erst ist Lenau an seinem rechten Platz und erst da erhebt sein Talent sich in einer Energie und Originalität, welche in unserer Poesie kaum ihres Gleichen haben. Da breitet sich die weite öde Pußta aus, der Wind fliegt rauh über sie hin und der Himmel hängt schwer und düster herab; da fliegt der Schlitten durch die stürmische Winternacht hin, durch den schneebeladenen Kiefernforst, und die keuchenden Rosse entreißen euch kaum den Rudeln der heulenden Wölfe; da grüßen wir die Zigeuner, welche sich in glückseliger Faulheit in der freundlichen Sonne strecken und dehnen, oder wir lauschen ihren wilden, berauschenden Weisen in der Heideschenke, zwischen den kecken Räubern und ihren flinken Dirnen, wo der schlaue Werber sich seine Husaren fängt – das ist ein Leben voll Wildheit und Düsterheit, voll finsterem Trotz und grimmiger Entschlossenheit, voll dämonischer Lust und unbesieglichem Haß. Da weichen die Trauer und der Schmerz zurück, – sie sind viel zu weich und zu civilisirt in dieser Umgebung und zwischen diesen Menschen! – Und während der Dichter draußen in seiner civilisirten Welt oft, wo ein Anblick nicht zu ertragen ist, »vor's Aug' die Hände schlagen« möchte, und wünscht, daß so auch »das Herz dem Licht entfliehen« könnte, »beim Anblick, der es bricht«, – so haben ihm hier die Zigeuner gelehrt – – »Wenn das Leben uns nachtet, Wie man's verraucht, verschläft, vergeigt, Und es dreimal verachtet. Hier stimmt alles überein und finden wir alles im vollendeten Einklang, die Natur und die Menschen, die landschaftliche Färbung und die Stimmung, und selbst die Sprache und der Ausdruck, die uns anderwärts nicht selten durch eine gewisse Ueberladung, Formlosigkeit und Sperrigkeit stören, gehören hier zum Ganzen. Lenau's größere Dichtungen sind »Faust«, »Savonarola«, »Die Albigenser« und ein, in seinem Nachlasse veröffentlichtes Fragment »Don Juan«. Sie alle entbehren, im Großen und Ganzen betrachtet, der künstlerischen Einheit; sie sind Abdrücke der inneren Zerrissenheit ihres Dichters und spiegeln überall den Kampf wieder zwischen Geistigem und Sinnlichem, zwischen Glauben und Zweifel, Wahrheit und Irrthum, der in ihm selber rastlos weiter gefochten wurde und dennoch niemals zum Austrag kam. An einzelnen prächtigen Stellen, an wundervollen Naturschilderungen, an glänzenden und berauschenden Ausbrüchen einer glühenden Sinnlichkeit, an wildem und düsterem Leben sind sie reich, aber der Eindruck im Allgemeinen und häufig auch grade in dem erwähnten Einzelnen ist weniger ein erhebender, als vielmehr ein niederdrückender und unheimlicher. Denn sie zeigen uns in ihrer Steigerung und Ueberreiztheit nur allzudeutlich, wie dieser Geist und diese Natur auch ohne den Drang äußerer Verhältnisse sich aufrieben und aufreiben mußten. Als Dritter gesellt sich zu diesen beiden Koryphäen der Ungar Karl Beck , geb. 1817, ein ächter Dichter von reicher, aber häufig freilich ungezügelter Phantasie, von großem, aber sich auch überstürzendem Schwung, von wunderbarer Prägnanz und Gewalt des Ausdrucks, aber auch bei Gelegenheit der Phrase verfallend, von ungestümem Freiheitsdrang, der sich jedoch keineswegs unzügelbar erweist, – mit einem Wort: ein wirkliches und großes Talent, aber kein reifes. So finden wir es in seinen Schriften: »Nächte, gepanzerte Lieder«, »Der fahrende Poet«, »Stille Lieder«, in der größeren Dichtung, »Janko, der Roßhirt«, mit schönen Bildern aus der Heimat des Dichters, endlich in den ausgesprochen socialistischen »Liedern vom armen Mann«. Die späteren, »Monatsrosen«, »Aus der Heimat«, »Still und bewegt«, enthalten noch manches Schöne, ermangeln aber im Allgemeinen der Frische und Ursprünglichkeit, welche den früheren Gedichten, trotz ihrer gelegentlichen Regellosigkeit hauptsächlich ihre vielen Freunde gewann. Hieher ist auch, als ein Dichter, vorzüglich ein Dramatiker, welcher in dieser Zeit zuerst bekannt und zugleich berühmt wurde, Friedrich Halm , mit seinem wirklichen Namen Eligius Franz Josef, Freiher von Münch-Bellinghausen , geboren 1806, gestorben 1871, zu nennen. Sein Drama »Griseldis«, das im Jahre 1835 zuerst auf dem Hofburgtheater zu Wien aufgeführt wurde, erregte einen Beifall und ein Aufsehen, die in Deutschland völlig unerhört waren. Ein Dichter ersten Ranges schien aufgetreten zu sein, der Regenerator des Drama's, und die Hoffnungen, die man an ihn knüpfte, waren schwindelnde. Nach einigen anderen Stücken fand »Der Sohn der Wildniß« den gleichen Beifall. Allein schon er fiel in eine zerstreutere, der harmlosen Bühnenschwärmerei wenig günstige Zeit, und »Der Fechter von Ravenna«, der zwanzig Jahre nach der »Griseldis«, aus einer Grille des Dichters zuerst anonym erschien, wäre, obgleich Halms bestes; oder doch kräftigstes Stück, wahrscheinlich verhältnißmäßig unbeachtet geblieben, hätte nicht ein bairischer Schulmeister, Franz Bacherl , dasselbe für eine Art von Plagiat seiner »Cherusker in Rom« erklärt und dadurch einen furchtbaren Lärm erregt, eine Behauptung und ein Vorwurf, die selbstverständlich nicht stichhaltig waren und nach der ersten Verblüfftheit nur Lachen erregen konnten. Von den späteren Arbeiten nennen wir nur das auch heute noch beliebte Stück »Wildfeuer«. Halms Dramen sind, unparteiisch betrachtet, dichterisch reich ausgestattet, ja enthalten nicht selten Partien von wirklicher und großer Schönheit, wie sie denn überhaupt formell das größte Lob verdienen. In Ansehung des Gehalts und des dramatischen Ausbau's aber sind sie schwach und, wie z. B. die beiden zuerst genannten, wenig mehr als willkürliche und unerquickliche Gefühlsexperimente. – Halm hat auch Gedichte geschrieben – wer kennt nicht das bekannte: »Mein Herz, ich will dich fragen – Was ist denn Liebe, sag'?« –, die mehr künstlich als poetisch sind. In seinen uns bekannt gewordenen Novellen endlich ist und bleibt er, ob einzelne auch erst dreißig oder vierzig Jahre später entstanden, ganz und gar der Erzähler der zwanziger Jahre, und haben diese Arbeiten für uns nur noch, als Musterstücke jener Zeit und Richtung, einen literarhistorischen Werth. Außer den genannten traten zu dieser Zeit oder wenig später in Oesterreich zahlreiche andere Dichter hervor, welche, ob sich auch unter ihnen grade keine bedeutenden Talente finden, durch manche Schöpfungen dennoch die Aufmerksamkeit auch außerhalb ihrer engeren Heimat auf sich lenkten und sich einen geachteten Namen zu erhalten wußten. Zu nennen sind der fleißige und glückliche Balladendichter Johann Nepomuk Vogl , 1802 bis 1866, – wer kennt nicht sein, fast zum Volksliede gewordenes Gedicht: »Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand« –? – und der warme und innige Johann Gabriel Seidl , † 1806, der Dichter des »Gott erhalte Franz den Kaiser«. Ritter von Leitner , ein kräftiger, gemüth- und poesievoller Steiermärker; Josef Emanuel Hilscher , 1806-1837; der auch durch dramatische Versuche bekannt gewordene Hermann Rollet ; der gleichfalls auch im novellistischen und dramatischen Fach verdienstliche, wackere Schleswig-Holstein-Kämpfer Uffo Horn , geb. 1815; die beiden Ritter Heinrich von Levitschnigg , 1810-1862, und Adolf von Tachabuschnigg , geb. 1809; Ludwig August Frankl , geb. 1810; Johann Rudolf Hirsch ; Ludwig Foglar ; der den Jungdeutschen nachstrebende, gewandte und sinnige, aber auch künstelnde K. F. Dräxler Manfred , geb. zu Lemberg 1806; die Dramatiker J. L. Deinhardstein , 1794-1859, Verfasser des bekannten Stückes »Hans Sachs«, der Lustspieldichter E. von Bauernfeld , geb. 1802 (»Bürgerlich und romantisch«), und der kräftige Otto Prechtler . Endlich die beiden nach Deutschland übergesiedelten, der schon früher genannte Karl Herloßsohn , 1802-1849, Herausgeber der Leipziger Zeitschrift »Comet« und Verfasser guter Romane und Erzählungen – »Der Venetianer«, »Der letzte Taborit«, »Scherben« u. s. w. – und Eduard Duller 1809-1853, dessen Zeitschrift, »Der Phönix«, für die Entwickelung der neuen Literatur in den Rheinlanden von großer Bedeutung wurde; seine zahlreichen Erzählungen und historischen Romane – »Kronen und Ketten«, »Kaiser und Papst« u. s. w. sind auch heut noch durchaus schätzenswerth. 50. Die Bewegung, welche mit dem Jahre 1830 angehoben hatte, beschränkte sich, wie wir schon gesehen haben, keineswegs auf einzelne Gebiete und einzelne Stände. Sie breitete sich überall hin aus und erfaßte alle, ob es selbstverständlich auch noch immer genug einzelne Regionen gab, an denen sie einstweilen vorüberschlüpfte, und Menschen im Ueberfluß, die sich nach Kräften gegen sie wehrten. Vorzüglich aber machte sie sich im realen und practischen Leben selber geltend. Der langen stumpfen oder melancholischen Ruhe folgte eine, nicht selten fast fieberhafte Unruhe; alles rührte sich und strebte aus seinen engen Kreisen hinaus; mit dem alten Stoffe war niemand mehr zufrieden, sondern durchsuchte nach neuem die Nähe und Ferne und strebte sich mit der Gegenwart in allen ihren Regionen und Erscheinungen vertraut zu machen. Man hatte lange genug auf den idealen Höhen geweilt und wollte sich nun auch einmal in den Tiefen umschauen. Das Reich der Kunst war allerwärts durchschwärmt und durchforscht; wie sah es denn eigentlich im Reiche der Natur und im öffentlichen socialen Leben aus? – Die Reisebeschreibungen, die Reisebilder, -Skizzen, -Novellen und was noch sonst hieher gehört, begegnen uns fortan in wachsender Zahl. Eine glänzende und originelle, für jene Zeit und Literatur höchst bezeichnende Erscheinung ist Fürst Hermann von Pückler-Muskau , 1785 bis 1871, dessen »Briefe eines Verstorbenen«, »Semilasso's vorletzter Weltgang«, »Semilasso in Afrika«, »Tutti Frutti« u. s .w. von 1830 an mit einer Art von athemlosem Erstaunen und dem außerordentlichsten Beifall aufgenommen und verschlungen wurden. Diese Darstellungen, Schilderungen, Plaudereien waren von einer solchen Leichtigkeit und Beweglichkeit, von so viel Eleganz und so pikant, so feinsinnig und voll so viel Freigeisterei, so offenherzig, bis zur Rücksichtslosigkeit über alle Welt, aber auch über ihren Schreiber selbst, so geistvoll, so gutmüthig und so boshaft, wie man bisher in Deutschland noch nichts Aehnliches kennen gelernt hatte. Dazu gesellte sich die Persönlichkeit des Reisenden, welche stets im Vordergrunde stand, ein hoher Herr von durchweg französischer Schulung und mit englischen Sympathien, ein liberaler Fürst und menschenfreundlicher Herr, ein Mann der pikanten Opposition und ein vornehmer Mann, der auf der Höhe des Lebens, dasselbe spielend beherrschte, unnahbar für alles Niedere, aber wohlwollend demselben zuweilen die Hand schüttelnd, ohne dadurch »tangirt« zu werden, geschweige denn sich etwas zu vergeben. So gibt er sich, so plaudert er, in bequemem Selbstbewußtsein und lächelndem Selbstgenügen, nun französisch, dann englisch oder türkisch oder mit klassischen Citaten, für seine Standeskreise in erster Linie, in zweiter aber auch für all' die guten Leute, welche befähigt sind, ihn zu verstehen und zu würdigen. So fand er, wie gesagt, außerordentlich viel Beifall und sehr viele Nachahmer und Nacheiferer; so über dem Leben zu stehen, so mit demselben zu spielen, so den Schaum abzuschöpfen, mit so viel vornehmer Leichtigkeit und Sicherheit jeden Widerstand abzuweisen und jeden Einspruch abzulehnen, – das war etwas, das den Menschen und den jungen ehrgeizigen Schriftstellern ausnehmend imponirte und ihnen ungemein begehrenswerth erschien. Es war nur bös, daß was dem Aristokraten von Hause aus zu eigen, angeboren und anerzogen war, von seinen Nachahmern mit Mühe erlernt und künstlich ausgebildet werden mußte. Woher es denn auch kommt, daß Pücklers originelle, aber für ihn gewissermaßen natürliche Weise, sein Ton und seine Miene, in den sich an ihn anlehnenden Schriften, wie in denen der Jungdeutschen, so häufig in Ziererei, in Grimasse und Anmaßung umschlägt. – Pücklers spätere Schriften: »Der Vorläufer«, »Aus Mehmed Ali's Reich«, u. s .w. trafen in eine Zeit, welche über sie und ihren Verfasser hinausgewachsen war, und wurden durch die Wiederholung der alten Weise und die erneuerte Abspiegelung der längst bekannten Persönlichkeit einfach langweilig. – Neuerdings hat Ludmilla Assing den literarischen Nachlaß des Fürsten herauszugeben begonnen, der gegenwärtig, wie es scheint, aber wie es freilich auch vorauszusetzen war, völlig eindruckslos vorübergeht. Nur des Gegensatzes wegen wollen wir hier der zugleich geistreichen und gründlichen Schilderungen von I. G. Kohl , geb. 1808, gedenken, welche wie – »Petersburg in Bildern und Skizzen«, »Reisen in Südrußland«, »Hundert Tage auf Reisen in den österreichischen Staaten« u. s. w. – etwa gleichzeitig oder wenig später erschienen, und mit hohem Interesse und großer Aufmerksamkeit aufgenommen wurden. Als ein weiterer möge sich K. F. v. Rumohr anschließen, 1785-1843, Verfasser der verschiedenartigsten Schriften, »Italienische Forschungen«, »Reise in die Lombardei«, »Geist der Kochkunst«, »Schule der Höflichkeit«, »Novellen« u. s. w., überall voll Geist, Einsicht und Geschmack. Allein auch in der belletristischen Literatur machte sich der Trieb zur Ferne und ihren Wundern während dieser Jahre alsbald immer bemerkbarer, und zwar strebte man nicht mehr bloß den längst bekannten Reise- und Poesie-Zielen, Italien, England und Frankreich nebst einem bischen Griechenland und Türkei zu, und begnügte sich auch nicht mehr mit Rückerts und seiner Schüler geliebtem Orient, sondern schwang sich, weit über's Meer hinüber, in die neue Welt, aus welcher Cooper soeben erst seine glänzenden Lebens-, Land- und See-Schilderungen herüber zu schicken begonnen hatte. Hier begegnen uns die Romane von Charles Sealsfield , welche vom Anfang der dreißiger Jahre an erschienen und einen desto fesselndem Reiz ausübten, als auch der genannte Name ihres Verfassers erst später bekannt und damit überdies das Geheimniß, welches seine Persönlichkeit um. hüllte, noch keineswegs gelüftet wurde. Erst seit Kurzem weiß man, daß der Verfasser ursprünglich Karl Postel hieß, 1794 bei Znaim geboren wurde, eine Zeit lang im Kloster weilte, demselben entfliehend, sich nach Amerika wandte und, nach seiner Rückkehr, in der Schweiz, zuletzt bei Solothurn, lebte. Er starb 1864. Schon seine ersten Romane, »Der Legitime und die Republikaner«, und »Der Virey und die Aristokraten«, wandten ihm die allgemeine Aufmerksamkeit zu, und diese wurde durch die folgenden, »Transatlantische Reiseskizzen«, »Lebensbilder aus der westlichen Hemisphäre«, »Lebensbilder aus den beiden Hemisphären«, stets gesteigert. Selbst bei seinen letzten Werken, »Deutsch-amerikanische Wahlverwandtschaften« (unvollendet), »Kajütenbuch«, »Süden und Norden« blieb sie trotz der vollständig veränderten Zeit unvermindert. Und mit vollem Recht, denn ein geistiges Nachlassen zeigt sich in ihnen nirgends, ja das »Kajütenbuch« steht in keiner Richtung einer von den übrigen Schöpfungen nach. Charles Sealsfield ist ein Talent höchsten Ranges und steht als Charakter-, Sitten- und Naturmaler fast unerreicht da. Die Kraft der Gestaltung, die Pracht und Anschaulichkeit der Schilderungen, die Tiefe der Menschen- und Herzenskenntniß, die wahrhaft geniale Einsicht in die politischen, socialen und Kulturverhältnisse, sind fast ohne Gleichen. Dabei sind seine Darstellung und seine Sprache allerdings alles eher als ebenmäßig und künstlerisch maßvoll, aber von fortreißender Gewalt, von fesselndem Reiz, von Wildheit und Keckheit, von wunderbarer Frische, voll ruhiger, fast nüchterner Klarheit und hochpoetischem Schwung – mit einem Wort stets und ganz, wie es das Dargestellte, der Charakter, die Situation, das Lokal, die Natur, verlangen. Den gewöhnlichen Maßstab der Kunst und Kritik darf man an diese Werke kaum anlegen: sie brechen allerwärts über ihn hinaus. Der Genius beansprucht und behauptet eben stets sein eigen Maß, sein eigen Recht und eröffnet sich seine eigenen Bahnen. Einer seiner nächsten Nachfolger ist Theodor Mügge , 1806-1861, in seinen trefflichen Romanen, »Der Chevalier«, und »Toussaint«, welche uns nach Hayti, in die große Negerrevolution versetzen. »Die Vendnerin« liefert nicht weniger glänzende Schilderungen aus der französischen Revolutionszeit; in den späteren, »Der Voigt von Silt«, »Afraja«, »Erich Randal« u. s. w. folgen wir dem Verfasser in den Norden. Auch Mügge besitzt alles, was den ausgezeichneten Erzähler macht. Seine Gestaltungskraft und sein Schilderungstalent sind hochbedeutend, seine Charakterzeichnung ist voll Mark und Schärfe und daneben von überraschender Leichtigkeit und Ungesuchtheit; seine Erfindungsgabe versagt nirgends; und da seine Arbeiten sich stets auf die gründlichste Geschichts- und Lokalkenntniß stützen, gleichviel ob er diese letzteren, wie in den nordischen Romanen, durch eigene Anschauung gewonnen oder nur seinen gewissenhaften Studien verdankt, so sind seine Romane nicht bloß Zeit- und Charakter-, sondern auch getragen von einer ausnahmslos vorzüglichen, klaren und gewandten Darstellung, Lebens-, Sitten- und Landschaftsbilder von großer Anschaulichkeit, von überzeugender Wahrheit und lebenswarmem Reiz. Daß Mügge's Talent ein großes und zwar ein ächt dichterisches ist, zeigt sich überall; aber verglichen mit demjenigen Sealfield's, erscheint es bei weitem zahmer oder, richtiger vielleicht, civilisirter, indem seine ursprüngliche Frische und Kraft durch den im modernen deutschen Kulturleben geschulten Geist in Zügel gehalten und in geordnete Bahnen gelenkt wird. Ein Autor von unerhörter Fruchtbarkeit, von überraschender Schaffenslust und Schaffensleichtigkeit und von einer gradezu einzigen, bis an seinen Tod sich erhaltenden Frische, ist Friedrich Gerstäcker , 1816-1872, der sich hier füglich anschließt, da seine ersten Werke, »Streif- und Jagdzüge durch die vereinigten Staaten«, »Die Regulatoren in Arkansas«, »Die Flußpiraten des Mississipi« u. s. w. schon zu Anfang der vierziger Jahre erschienen und die Gunst des Publikums im Sturm eroberten. Es gibt von da an wenige Jahre – und zwar jedesmal nur die Wanderzeiten Gerstäckers – welche nicht ein oder ein paar neue umfangreiche Werke und daneben noch zahlreiche kleinere Erzählungen entstehen ließen, und es gibt zumal in der neuen Welt drüben kaum eine Region, welche der Verfasser nicht einmal heimgesucht und von der er uns nicht erzählt hätte. – »Gold«, »Die Kolonie«, »Die Blauen und Gelben«, »Unter den Penchuenchen« u. s. w. aus Amerika; »Die Missionäre«, »Im Busch«, »Tahiti«, »Die beiden Sträflinge«, u. s. w. aus der Südsee und von Australien; – »Unter dem Aequator«, aus Java u. s. w. Das sind nur so einzelne von diesen größeren Werken, und zu ihnen gesellen sich dann eine gradezu unglaubliche Zahl von Erzählungen – »Hüben und Drüben«, »Heimliche und unheimliche Geschichten«, »Hell und dunkel« u. s. w. – Märchen, Kindergeschichten, wirkliche Reisebeschreibungen, endlich auch die anonym erschienenen, meisterlichen, ja völlig einzig dastehenden »Gardinenpredigten der seligen Frau Kandel«. – Mag man über diese, wiederholentlich gesagt, unerhörte Fruchtbarkeit erstaunen und mag die Kritik hie und da auch ein wenig geringschätzig die Achseln gezuckt haben, so darf man sich doch in seinem Urtheile über Gerstäcker nicht irre machen lassen. Gerstäckers Talent als Erzähler ist ein unleugbar sehr bedeutendes. Ein Dichter ist er freilich nicht, sondern ganz und gar der Mann der That und stets auf dem Boden der Wirklichkeit, stets mitten im wirklichen und zwar ausdrücklich praktischen Leben, das er selber nach allen Richtungen hin, als Matrose, als Jäger und Waldläufer, als Flußschiffer, als Goldgräber u. s. w. probirt hat. So gibt er uns auch stets das Leben und die Wirklichkeit , die Menschen und die Natur wieder, voll Wahrheit, Anschaulichkeit und Gegenwärtigkeit, unverbrüchlich treu und mit einer, nicht selten an Naivetät grenzenden Unbefangenheit, ohne freilich sich grade zu höheren Gesichtspunkten zu erheben und ohne Steigerung, aber auch ohne Beschönigung oder Schwarzfärberei: Seine Anschauung und Auffassung sind durchweg gesund, seine Darstellung ist die leichteste und ungezwungenste von der Welt, voll Leben und Bewegung, seine Schilderung und Zeichnung flüchtig, aber derb und sicher. Und wie viel Gemüth und Empfindung uns auch aus seinen Schriften gelegentlich anspricht, so athmet uns doch meistens eine ausnehmend behagliche und zufriedene, gute Laune entgegen, die sich mit dem Leben verträgt, wie es ist, nicht schwer an ihm trägt und selten oder nie durch tiefsinnige Grübeleien und weitläufige Reflexionen unterbrochen und gestört wird. – Gerstäcker hat auf unsere Literatur einen überaus wohlthätigen Einfluß geübt. Seine Schriften bildeten und bilden ein heilsames Gegengift gegen die Unnatur und die Uebertreibungen aller Art, welche seit den fünfziger Jahren sich mehr und mehr wieder in der Literatur wie im Leben breit zu machen und den guten Geschmack zu ruiniren begannen. Von den übrigen, sämmtlich einer späteren und der neuesten Zeit angehörenden Nachfolgern auf diesem Gebiet des sogenannten »exotischen Romans«, Balduin Möllhausen, August Strubberg , der unter dem Pseudonym Armand schrieb, Otto Ruppius, Hans Wachenhusen , und wer sich sonst hier noch anschließt, genügt es hier nur die Namen anzuführen. Einzelne Werke, wie »Der Meerkönig« von Möllhausen, »Bis in die Wildniß« von Armand, »Der Pedlar« von Ruppius, »Rom und Sahara« von Wachenhusen u. s. w. haben mit Recht vielen Beifall gefunden und in ihren Verfassern höchst beachtenswerthe Talente erkennen lassen, ohne jedoch im Grunde neue Bahnen zu eröffnen oder neue Ziele zu zeigen. Von dem letzteren, Hans Wachenhusen , muß indessen bemerkt werden, daß er neuerdings auch auf dem Gebiete des modernen Sensations- und Salon-Romans mehr als ein Werk geliefert hat, welches sich den besten dieser Gattung anschließt, und daneben Kriegsberichte zu schreiben verstand, welche durch Gründlichkeit und brillante Darstellung unter den zahlreichen, von Anderen veröffentlichten ähnlichen Mittheilungen einen der ersten Plätze behaupten. 51. Der »Salon-Roman«, dessen wir eben erwähnten, ist aber ein Kind grade dieser Zeit und verdankt seine Entstehung deutlicher fast als irgend eine andere neuere Literaturgattung, ausländischen, d. i. französischen Einflüssen. Bald nach der Julirevolution fingen in Frankreich die genialen Romane der Dudevant-Sand an zu erscheinen. Sie wurden in Deutschland zumal von der Aristokratie auf das beifälligste aufgenommen, obgleich manche ihrer Tendenzen für diesen Stand grade am allerwenigsten angethan schienen, und riefen alsbald nachahmende Versuche hervor. Gräfin Ida Hahn-Hahn , geboren 1805, eine Tochter jenes bekannten alten mecklenburgischen Grafen, welcher durch eine krankhafte Leidenschaft für das Theater sein Vermögen ruinirte, und verheirathet mit einem Verwandten, von dem sie sich nach höchst unglücklicher Ehe wieder trennte, ergab sich einem rastlosen Reiseleben, »um für ihr heißes, wundes Herz« Kühlung und Heilung in der Welt zu suchen, und veröffentlichte von der Mitte der Dreißiger Jahre an Romane, Gedichte und Reiseschilderungen, von denen besonders die ersteren ihre Verfasserin allsogleich zu einer Berühmtheit und zu einer der gefeiertsten Schriftstellerinnen der neueren Zeit machten. An die – wir müssen es schon wiederholen! – Genialität der Sand'schen Romane reichen die Werke der Hahn allerdings bei weitem nicht hinan, sei es auch nur in Folge der grundverschiedenen Standpunkte und Gesichtskreise der beiden Schriftstellerinnen; trotzdem sind sie Zeugnisse eines originellen und hervorragenden Talents. »Aus der Gesellschaft«, »Faustine«, »Der Rechte«, »Ulrich«, »Cecil«, »Sigismund Forster« u. s. w. sind Bilder von capriciöser Anmuth und nachlässiger Sicherheit aus den exclusivsten Kreisen der Aristokratie, voll von oft blendendem Glanz und einem eigenartigen Parfüm, und zwar sophistische, aber zuweilen hinreißende Plaidoyers für die Rechte des Herzens, der Liebe und der – Damen. Wie eng diese Sphäre sein mag und wie einseitig die Verfasserin obendrein ihre Stoffe auffaßt und behandelt – in dieser Enge und Einseitigkeit ist sie unleugbar groß. Ihre Darstellung und ihre Sprache harmoniren mit allem Uebrigen vollständig: die erstere ist capriciös und nachläßig, aber voll Leben und Eleganz, und die letztere, reich an Fremdwörtern und undeutschen Wendungen, ist trotzdem als ächter Salon-Jargon ganz am Platz und ganz im Recht. Nachdem die Gräfin 1850 zum Katholizismus übertrat, hat sie, in Mainz lebend, eine lange Reihe von katholisirenden Schriften, auch Romane ausgehen lassen – »Von Babylon nach Jerusalem«, »Unsrer lieben Frau«, »Maria Regina«, »Doralice« u. s. w., welche für das Ansehen der Schriftstellerin und für die Literatur gleich bedeutungslos geblieben sind. Nahe an die Hahn, auch der Zeit nach, schließt sich Ida von Düringsfeld , geboren 1815 in Schlesien, verheirathet mit dem gleichfalls als Schriftsteller bekannten Baron Otto von Reinsberg , in den Gedichten und ersten Romanen, »Schloß Goczyn«, »Graf Chala« u. s. w. Höher steht sie in späteren historischen und Literatur-Romanen, und einzelne ihrer Novellen, von denen wir hier nur der dalmatischen »Milena« gedenken, sind abgesehen von der nicht selten rauhen und ungefügen Sprache, von überraschender Tiefe, Wärme und Kraft. – Andere Werke, wie »Von der Schelde bis zur Maas«, Bilder aus dem vlamländischen Literaturleben, Reisebilder »Aus Dalmatien«, und manche mit ihrem Gatten im Verein gearbeitete Werke, Sprichwörtersammlungen, Sitten- und Festgebräuche und was dergleichen mehr ist, zeugen von großem Sammlerfleiß und gewissenhafter Sorgfalt. Die Schriftstellerin Therese – geborene v. Struve (zu Stuttgart 1804), verheirathet mit dem russischen Generalkonsul v. Bacharacht , gestorben als Gattin des holländischen Obersten von Lützow auf Java 1852, stellt sich in ihren sauber geschriebenen Romanen, »Weltglück«, »Lydia«, »Falkenberg« u. s. w. gleichfalls hieher, nur daß ihr Standpunkt insofern ein höherer und ihr Gesichtskreis ein weiterer ist, als sie jenseits der aristokratischen Atmosphäre auch noch ein freieres Leben und vor allem die Natur ins Auge faßt. Wie beachtenswerth aber diese Schriften auch sein mögen, so sind sie doch keineswegs von der Bedeutung, die ihnen eine Zeitlang, unter dem Eindruck der liebenswürdigen Persönlichkeit ihrer Verfasserin, in der Kritik beigelegt zu werden pflegte. Weit bedeutender als die genannten Schriftstellerinnen, ein Talent von außerordentlichem Glanz, ungemeiner Beweglichkeit und als Erzähler einer der vorzüglichsten, welche Deutschland jemals kennen gelernt hat, ist Alexander von Sternberg , aus Esthland stammend, aber meistens in Deutschland lebend, 1806-1866. Doch verdient er dies Lob nur in seiner früheren Periode, wo weniger seine Literaturromane »Lessing«, »Molière«, als der ausgezeichnete »Saint Sylvan«, die hübschen »Kallenfels«, »Georgette«, vor allem aber »Diana«, und andere, sowie manche seiner kleineren Erzählungen den, durchaus verdienten, lebhaftesten Beifall fanden – Arbeiten voll Geist und glänzender Phantasie, voll Eleganz und Grazie, voll Wärme, Frische und Leben, und durchweht von wirklicher Poesie. Hierauf folgte eine Reihe von, im Einzelnen vielleicht immer noch trefflichen, aber im Ganzen unerquicklichen reactionären Romanen, Erzählungen und Zeitbildern, die er später gewissermaßen desavouirte. Darauf kamen, nachdem er sich schon in seiner frühsten Zeit in diesem Genre versucht – »Schiffersagen«, »Fortunat«, »Palmyra« u. s. w. – neue phantastische Geschichten und Märchen, »Tutu«, »Braune Märchen«, von, nicht selten fast erschreckender Frivolität, und endlich schloß er mit den Memoirenromanen »Elisabeth Charlotte« und »Dorothea von Kurland«, in denen sich bereits eine betrübende Abnahme seiner alten Frische und Kraft spüren läßt. Endlich läßt sich hier noch allenfalls der Ostpreuße Rudolf von Keudell anführen, der in mehreren Romanen und Novellen – »Außerhalb der Gesellschaft«, »Bergan« u. s. w. im Kunstenthusiasmus schwelgt, formlos und barok, und dennoch unleugbar mit Geist und Originalität. Von anderen zahlreichen Schriftstellern, welche, sei es in größeren Werken, sei es in Journal-Artikeln und -Erzählungen, in den gleichen Ton einstimmten, dürfen wir füglich schweigen. Es war ein Geschlecht, das sich in den Hüften wiegend, seine Salonfähigkeit pries, sich einer, beiläufig gesagt, ziemlich fadenscheinigen Modekupfer-Eleganz befleißigte und nach Kräften geistreich zu plaudern versuchte. Dahin gehört z. B. der »viel umirrende« Königsberger August Lewald , 1792-1871, Schauspieler, Regisseur, Redacteur der Zeitschrift »Europa«, durch welche er wirklich mehr als einem jungen Talent förderlich wurde, Verfasser von Bildern, Skizzen, Kritiken, Reiseschilderungen, Märchen, Novellen, Theater- und ultramontanen Romanen und der Himmel weiß, wovon noch sonst. Da existirte ein Herr Wilhelm von Chezy , der allerhand unterhaltende und »pikante« Stücklein und Sonstiges schrieb, die jungen »Cavaliere« mit einem Büchlein über »Die sechs nabeln Passionen« beglückte und unsres Wissens damit endete, daß er in seinen Lebenserinnerungen seine, freilich abenteuerliche, Mutter mit »geistvoller« Ungenirtheit in den Staub zog. Und so gab es noch diesen und den, welche ihrer Zeit durch Vielrednerei, durch unstörbare Dreistigkeit, durch Erzählerroutine und glatten Stil einen augenblicklichen Eindruck machten. Heutzutage weiß niemand mehr von ihnen und ihre Namen lassen sich selbst in den Conversations-Lexiken nicht mehr auffinden. 52. Einen Uebergang von dem eigentlichen Salon-Roman zu den gut deutschen, schlichten Erzählungen bilden die sogenannten historischen, gleichfalls in den aristokratischen Cirkeln sich bewegenden und alles Niedere und Rohe vornehm zurückweisenden Renaissance-Romane von Henriette Paalzow , 1788 bis 1847, einer Schwester des tüchtigen Berliner Malers Wilhelm Wach . »Godwie Castle«, »St. Roche«, »Thomas Thyrnau«, »Jakob von der Nees«, versetzten die Damen- und besonders die Mädchenwelt in Entzücken. Ihre Darstellung und Sprache sind von einer gewissen vornehmen Sauberkeit, aber auch wie ihre Schilderung und Zeichnung häufig von einer ziemlich unleidlichen Prätension. Zu zeichnen und zu gestalten, zu schildern versteht die Paalzow freilich und zwar nicht selten vortrefflich, nur beeinträchtigt auch hier die erwähnte saubere und maßvolle Vornehmheit gar zu leicht das innere, warme Leben. Am übelsten ist es aber, daß ihr historischer Gesichtskreis ein recht enger und ihre historische und Lebensanschauung bei Lichte besehen aus ihrer »vornehmen« oder gar poetischen Höhe zu einer merkwürdig beschränkten und sogar hausbackenen herabsinkt. Frau von Knorring , eine Schwester Ludwig Tiecks, schrieb außer manchem Unbedeutenden, einen Roman »St. Evremont«, der mit Unrecht vergessen worden ist. Es ist ein Zeit- und Lebensbild von großer Anschaulichkeit und seiner Charakterzeichnung, von trefflicher Darstellung, kurz ein guter deutscher Roman im besten Sinne des Worts. Außerdem gehören hieher auch noch verdienstliche Romane von Wilhelmine Sostmann und Henriette von Bissing . Eine grundtüchtige, hocherfreuliche und ächt deutsche Erscheinung ist Heinrich König von Fulda, 1790-1870, der mit gründlichen Kenntnissen und reicher Lebenserfahrung ausgerüstet, voll tiefer Herzens- und Menschenkenntnis und vor allem voll edler und reifer Humanität, uns eine Reihe von historischen Romanen und Lebensbildern geschenkt hat, welche unserer Literatur zur hohen Zierde gereichen. Seine Werke, »Die hohe Braut«, »Die Clubisten in Mainz«, »König Jerome's Carneval« stehen auf der Höhe des historischen und Zeit-Romans, und besonders die beiden letzteren, deren Schauplatz der engern Heimat des Dichters angehört und deren Begebenheiten und Menschen gewissermaßen noch seinem eigenen Zeitalter angehören, spiegeln uns dies alles mit einer Anschaulichkeit und Wahrheit wieder, welche diese Compositionen zum vollen und warmen, eigenen Leben erwachen lassen. – »Die Waldenser«, ins Mittelalter zurückführend, und »Williams Dichten und Trachten«, dessen Träger Shakespeare ist, zeichnen sich nicht bloß durch die Treue des historischen Colorits, sondern auch durch die Gestaltungskraft aus, welche uns die Menschen von damals greifbar und bis in ihre tiefsten Seelenregungen erkennbar entgegentreten läßt. Nicht minder sind auch die Novellen, »Regina, Eine Herzensgeschichte«, und »Veronika«, ja selbst die kleineren, von denen König trotz seiner langsamen Arbeit allmälig eine ziemliche Zahl geschaffen hat, von hohem Werth durch psychologische Tiefe und künstlerische Entwickelung. Was man König allenfalls zum Vorwurf machen kann, ist eben diese eher zu große, als zu geringe Tiefe und Gründlichkeit in der Durchforschung, Begründung und Darlegung des inneren Lebens. Sie beeinträchtigt nicht die Wahrheit desselben, aber zuweilen den raschen und lebenswarmen Fortgang sowohl der Handlung im Großen und Ganzen, als auch dieses inneren Lebens im Besonderen, und verleiht seinen Compositionen eine gewisse Schwere, welche einem reinen Eindruck auf den Leser nicht günstig sein kann. Von besonderer oder gar allzu großer Tiefe ist übrigens die deutsche Dichtung während dieser Jahre im Allgemeinen ebenso weit entfernt, wie zu jeder anderen Zeit, und es sind im Grunde nur wenige Einzelne, welche sich in dieser Richtung von der großen Menge trennen und ihre eigenen Wege verfolgen. Hier wollen wir vor allen Julius Mosen nennen, der im Jahre 1803 im sächsischen Voigtlande geboren, längere Zeit der Beamtencarriere treu blieb, bis er 1845 als Dramaturg an das Hoftheater zu Oldenburg berufen wurde. Daselbst ist er 1867, von langem, traurigem Leiden aufgerieben, gestorben. – Er hat sich auf den meisten Gebieten versucht und überall Hervorragendes geleistet. Seine beiden epischen Dichtungen, »Das Lied vom Ritter Wahn«, und »Ahasver«, sind reich an dichterischen Schönheiten, nur daß im Großen und Ganzen der Denker in beiden den Dichter überwiegt und die Poesie an der Allegorie zu Grunde geht. Auch seine Dramen, »Wendelin und Helene«, »Cola Rienzi«, »Heinrich der Finkler«, »Kaiser Otto III.«, »Bernhard von Weimar«, u. s. w. verdienen die wärmste Anerkennung als wackere, technisch bedeutende und poesievolle Leistungen, während sie uns jedoch meistens das eigentlich dramatische Leben vermissen lassen. Die Novellen, »Georg Venlot«, »Die blaue Blume«, u. s. w. sind Nachklänge der Romantik, und sein historischer Roman, »Der Kongreß von Verona«, ist durch einzelne Charakterbilder interessant, leidet jedoch im Allgemeinen an bedenklich greller Färbung und an einer, von Mosen überraschenden, Unebenmäßigkeit. Als Lyriker endlich und in seinen Balladen erscheint Mosen uns als ächter Dichter und auf der Höhe seines Talents, und wird stets zwischen unseren Besten zu nennen sein. Sein »Andreas Hofer« – »Zu Mantua in Banden«, sein »Trompeter an der Katzbach«, »Heinrich der Löwe«, vor allem aber jenes vollendet schöne Polenlied, »Die letzten Zehn vom vierten Regiment«, treffen uns wie ächte Volkslieder. Brennende Liebe. In meinem Garten lachet Manch Blümlein klar und roth, Vor allen aber machet Die brennende Liebe mir Noth. Wohin ich mich nur wende, Steht auch die helle Blum! Es glühet sonder Ende Die brennende Liebe ringsum. Brauch ihrer nicht zu warten, Sie sprießet Tag und Nacht? Wer hat mir doch zum Garten Die brennende Liebe gebracht? Die schlimmen Nachbarinnen, Die bleiben neidvoll stehn, Und flüstern: ach, da drinnen Blüht brennende Liebe so schön. Es schließt sich eine Gruppe von drei Dichtern an, deren Hauptwerke nicht der Natur- und Empfindungs-, sondern der didactischen, kurz gesagt, der Gedankenpoesie angehören. Voran steht der tiefsinnige, aber formlose Leopold Schefer zu Muskau, 1784-1862, der weder durch seine, übrigens gemüthstiefen und als glückliche Naturbilder ansprechenden Gedichte, noch durch seine seltsam verworrenen und verwirrenden Novellen und Romane – »Gräfin Ulfeld« –, irgend einen Einfluß zu gewinnen verstand, desto mehr Aufsehen aber durch sein, auf pantheistischer und optimistischer Weltanschauung beruhendes »Laienbrevier« machte, ein Product voll tiefer Uebereinstimmung des Natur- und Gemüthslebens, voll unleugbar großer und warmer Innigkeit und zugleich eines hohen, sittlichen und männlichen Ernstes. – Friedrich von Sallet , 1812-1842, ein preußischer Offizier, offenbart in seinen Dichtungen einen hohen und festen Charakter, die edelste Gesinnung und ein unermüdliches, ernstes Streben zur Höhe der Kunst, welches schon allein diesen Dichter vor vielen seiner Zeitgenossen und der Späteren auszeichnet. Sein »Laienevangelium« hat ihn am bekanntesten gemacht, doch dürfen wir hier wohl neben, ja vor demselben auf die Gedichte hinweisen, welche sich, nicht selten auch formell, weit über die Alltagspoesie erheben und auch den heutigen Lesern noch hohen Genuß gewähren werden. – Endlich Ernst von Feuchtersleben , 1806-1849, dessen am meisten bekanntes Werk, »Die Diätetik der Seele« ist. Von ihm gibt es auch einen »Geist deutscher Klassiker«, eine Blumenlese ihrer Gedanken, Maximen und Aussprüche, in deren Auswahl sich gleichfalls die Feinsinnigkeit und die Eigenartigkeit, aber auch Höhe seiner Welt- und Lebensanschauung offenbart. Sein schönes Gedicht »Es ist bestimmt in Gottes Rath«, ist bekanntlich fast zum Volksliede geworden. Sehen wir uns weiter in der derzeitigen Literatur um, so finden wir einerseits noch genug Nachklänge des absterbenden Alten, wie ja denn die meisten Dichter, welche in den zwanziger Jahren geglänzt, auch jetzt noch immer thätig, ja zum Theil noch in kaum vermindertem Ansehen waren. Denn die alten Richtungen werden nicht ohne Weiteres aufgegeben, die alten Neigungen finden sich mit seltener Treue bewahrt, und wenn man die Literatur dieser Zeit durchmustert, so begegnet man noch manchen Erscheinungen und einem Geschmack, die von dem unaufhaltsam sich vollziehenden Fortschritt kaum etwas zu wissen, geschweige denn gelernt zu haben scheinen. Von Concessionen an die neue Zeit ist wenig die Rede. Man hält sich hier entweder entschieden zu den Früheren, wie Eduard von Bülow in seinen eigenen »Novellen« und in seinem »Novellenbuch«, einer Sammlung von Novellen aus dem Italienischen, Spanischen, Französischen, Deutschen u. s. w. ganz im Fahrwasser Tiecks und der Romantiker steuert, oder man wendet sich, statt der neudeutschen Fortschritts- und Bewegungsliteratur, einstweilen lieber der ausländischen zu, die grade zu dieser Zeit allerdings den reichsten Unterhaltungsstoff liefert, den Balzac, Paul de Kock, Eugene Sue, Alexander Dumas u. s. w. in Frankreich, den Amerikanern und Engländern Washington Irwing und Cooper , Bulwer und vor allen den Seeromanen Marryats , welche gradeswegs verschlungen werden, den – man war nicht wählerisch! – häuslichen Kamillentheegeschichten der Schwedin Friederike Bremer , den außerordentlich mäßigen Romanen und den unendlich kindlichen, süßlichen und ebenso unendlich prätensiösen Märchen und Bilderchen des Dänen H. Chr. Andersen , und was dergleichen mehr war. Um ein Beispiel aus Deutschland selbst anzuführen, wie bescheiden und conservativ dieser Geschmack war, wollen wir nur der Schauspiele der Prinzessin Amalie von Sachsen erwähnen, »Der Oheim«, »Der Landwirth«, »Der Majoratserbe« u. s. w., welche um ihrer unleugbaren Feinheit und Liebenswürdigkeit willen sehr, ja zärtlich geliebt wurden, während sie sich doch im Grunde nur wenig über die alten Iffland'schen Regionen erheben. Andrerseits macht sich aber die neue Bewegung auch kräftig geltend, theils die Aelteren ergreifend und mit fortziehend, theils junge Talente hervorrufend. Die Literatur der dreißiger und vierziger vormärzlichen Jahre gewährt im Ganzen ein anziehendes und, trotz einzelner unerquicklicher Züge, erfreuliches Bild. Ueberall weht frische Luft und alles treibt rastlos vorwärts. An einem gewissen Suchen und Tasten fehlt es freilich noch nicht, aber es ist nicht mehr planlos. Vielmehr werden die neuen Ziele so gut, wie die neuen Wege immer sichtbarer, und die Natur und die Natürlichkeit gelangen immer entschiedener zur Herrschaft. Da begegnet uns der feinsinnige, hochgebildete, durch seine kunstgeschichtlichen Arbeiten berühmte Franz Kugler , 1808-1858, mit Dramen und Novellen, die inzwischen allerdings verschollen sind, aber auch mit seinem schönen »Skizzenbuch« und den »Gedichten«, von denen nicht wenige uns stets Werth bleiben müssen. Wir gedenken hier nur des bekannten Liedes: »An der Saale frischem Strande«. – Neben ihm steht der liebenswürdige und humoristische August Kopisch , 1799-1853, mit seinen Gedichten und dem gestaltenreichen »Allerlei Geister«. Sein scherzhaftes Weinlied: »Als Noah aus dem Kasten war«, zählt zu unseren beliebtesten. – Eduard Ferrand , mit seinem wirklichen Namen E. Schulz , 1813-1842, schließt sich in seinen zarten, wehmüthigen »Gedichten« Eichendorff an, wozu sich indessen hin und wieder auch Heine'sche Anklänge gesellen. – Gustav Pfarrius , geb. 1800, dessen »Das Nahethal in Liedern«, und »Waldlieder« und »Gedichte« besonders sich durch hübsche Naturbilder auszeichnen. – Ein wenig später tritt Robert Reinick herzu, 1805-1852, ein Danziger, Maler, wie Kopisch, einer der anmuthigsten und liebenswürdigsten Dichter dieser vormärzlichen Zeit, voll Innigkeit, Heiterkeit und Harmlosigkeit, voll Humor und Schalkhaftigkeit. Bekannt sind seine »Lieder eines Malers mit Randzeichnungen seiner Freunde (der Düsseldorfer Maler)«. – Möge hier eine Probe aus seinen Gedichten stehen: Keine Antwort. Wenn im Frühling die Erd' erwacht, Wie mag's ihr zu Muth wohl sein? Und tritt ein Quell aus dunklem Schacht, Was fällt ihm da wohl ein? Die Rose, die sich über Nacht Erschloß, was fällt ihr wohl ein? Und wenn ein Mädchen zur Lieb' erwacht, Wie mag's ihr ums Herze sein? Ich fragte den Quell, die Rose dann, Ich fragte die Erde drum; Sie alle lachten mich selig an, Und blieben doch alle stumm. Und als mein Lieb ich auch gefragt, Die sonst so vieles weiß. Da hat auch sie kein Wort gesagt, Und küßte mich still und heiß. Eine Thräne rann ihr die Wange hin, Selig schaute sie drein, – Nun denk' ich so in meinem Sinn: Soll das eine Antwort sein? In Thüringen finden wir den glücklichen Balladensänger Adolf Bube , 1802-1873, und Ludwig Bechstein , 1801-1860, welcher weniger durch seine eigenen Schöpfungen – sehr beachtenswerthe »Gedichte«, die epischen Dichtungen, »Die Haimonskinder«, »Faustus«, verschiedene Romane und Novellen, unter denen die »Fahrten eines Musikanten« sich auszeichnen – bekannt geblieben ist, als durch sein treffliches »Märchenbuch« und seine verschiedenen Sagensammlungen. – Adolf Böttger , 1815-1870, hat in unendlich zahlreichen Dichtungen lyrischen, epischen, märchenhaften Genre's und in seinen Uebersetzungen ein schönes und stets fertiges, gewissermaßen improvisatorisches Talent gezeigt – alles ist glatt, sauber, voll Phantasie, Empfindung, Takt, Geschmack, aber ohne irgend einen tiefern Eindruck zu hinterlassen: man liest ihn gern, aber man kehrt nicht zu ihm zurück. – Wilhelm Wackernagel , als Germanist und Literaturforscher hochverdienstlich, war in Berlin 1806 geboren, lebte und lehrte aber in Basel, wo er auch 1869 starb. Von seinen zahlreichen Gedichten, die in verschiedenen Einzelsammlungen erschienen, haben wir neuerdings eine sehr sorgfältige Auswahl erhalten. Diese Dichtungen sind voll ungemeiner Frische und froher Lust, von tiefer Innigkeit, von hohem sittlichem Ernst und edelster Gesinnung. In der folgenden anmuthigen Probe müssen die Leserinnen sich die lateinischen Worte schon von den Brüdern und Söhnen erklären lassen: Amara non amarum . Hört's einer jetzt zum erstenmal, Quam bellae sint puellae, So singen wir es noch einmal: Puellae quam sunt bellae! Sie leuchten in das Herz hinein So lieblich wie der Sonnenschein Et sicut noctis stellae. Wir trinken darum froh bewegt Tot milia guttarum, Weil unser Herz in jeden legt Salutem amatarum; Wir sprechen bis zum letzten Hauch: Süß ist der Wein, doch scheint mir auch Amare non amarum. Der Baier Georg Scheuerlin , 1802-1872, ist ein ächter Dichter von großer Innigkeit und Zartheit, ohne darum jedoch überall der Kraft zu entbehren. In der Naturmalerei ist er glücklich und den Volksliederton trifft er zuweilen mit überraschender Sicherheit. Der Vollständigkeit wegen möge sich eine Gruppe von frommen Sängern anschließen, welche, ob auch zum Theil schon früher beginnend oder auch in eine spätere Zeit fallend, dennoch als diesen Jahren angehörig betrachtet werden können. Als der älteste von ihnen muß zuerst G .F. A. Strauß , 1786 bis –? – genannt werden, dessen »Glockentöne« einen einigermaßen übertriebenen Beifall fanden. Viel bedeutender ist K. I. Ph. Spitta , 1801 bis 1859, der sich in zahlreichen Liedern seines bekannten »Psalter und Harfe«, als einen Dichter von Tiefe der Empfindung und sprachlichem Wohllaut bewährt. – Von Melchior von Diepenbrock , 1798-1852, dem Fürstbischof von Breslau, besitzen wir in seinem Buche »Geistlicher Blumenstrauß« nicht wenige schöne Lieder, ebenso von Guido Görres , 1805 bis 1852, einem Sohne des oben erwähnten Patrioten, Romantikers und Mystikers Joseph Görres. – Victor von Strauß , geb. 1808, veröffentlichte, außer Romanen und Tragödien, »Gedichte« und »Weltliches und Geistliches in Gedichten und Liedern«, in denen sich, abgesehen von einem pietistischen Zuge und gelegentlicher Unklarheit, manches tief Empfundene und Schätzbare findet. – Lebrecht Dreves endlich, 1816-1870 (?), verdient durch seine Innigkeit, durch sein tiefes Naturverständniß und durch die Melodie der Sprache einen ihm bisher kaum eingeräumten hohen Platz unter den neueren Dichtern. Nach diesen mehr oder weniger bekannten und von Erfolg begleiteten Schriftstellern wollen wir eines Unglücklichen gedenken, der ein unzweifelhaft großes Talent, niemals zur frischen und glücklichen Entwickelung gelangte, vielmehr an seiner inneren Haltlosigkeit zu Grunde ging. Das ist Ernst Ortlepp , geboren 1800, gestorben in einem Chausseegraben bei Schulpforta 1864, den die Mitlebenden nach kurzer Aufmerksamkeit gleichgültig zur Seite schoben und vergaßen, und welchen die Literarhistoriker mit Schweigen übergehen. Trotzdem hat er in die neue Bewegung anfangs mit großer Kraft eingegriffen und Gedichte, wie das »Osterlied«, wie die »Polenlieder«, »Polens Sterbelied« u. s. w. sollten nicht ganz vergessen werden. Selbst in den neuen politischen Sturm nach 1840 sang er kräftig mit seinen »Liedern eines politischen Tagwächters« hinein. – Romane und Erzählungen von ihm, wie »Briefe eines Unglücklichen«, »Die Zerrissenen«, u. s. w. gehören jedenfalls zu den besseren ihrer Zeit, und seine Uebersetzungen von Shakespeare und Byron sind, sei es auch nur wiederum für ihre Zeit, durchweg verdienstlich. – Um ein weiteres Unrecht gut zu machen, sei auch eines Autors gedacht, der zu unseren witzigsten und geistvollsten gehört, des viel zu sehr unterschätzten und jetzt fast vergessenen Eduard Maria Oettinger , geb. 1808, gest. –?, dessen Romane, »Onkel Zebra«, »Jerome Napoleon und sein Capri« etc. zu den pikantesten und stoffreichsten jener Zeit gehören, und dessen bibliographische Werke – » Bibliographie bibliographique « und » Moniteur des Dates «, von ausgebreiteten Kenntnissen und immenser Belesenheit zeugen. – Und schließlich möge der verschollene Ernst Koch , 1808-1858, genannt werden, dessen phantastische Märchendichtung »Prinz Rosa Stramin« und einzelne Gedichte, den Untergang dieses nicht unbedeutenden Talents bedauern lassen. An Dichterinnen fehlt es in diesen Jahren gleichfalls nicht. Adelheid von Stolterfoth , geb. 1800 zu Eisenach, zeigt in ihren »Rheinischen Liedern und Sagen«, eine gesunde Auffassung, eine beachtenswerthe Gestaltungskraft, ist aber nicht immer glücklich im Ausdruck und vernachlässigt allzuleicht die Form. – Louise von Plönnies , 1803-1872 (?), hat Phantasie und Empfindung, ist auch nicht ohne Talent der Schilderung, verfällt jedoch leicht in einen bänkelsängerischen Ton. In ihrer spätern Zeit verirrte sie sich zur Behandlung und Nachdichtung biblischer Stoffe, besonders der Psalmen. – Höher als diese beiden steht die Oesterreicherin Betty Paoli – Elisabeth Glueck – geboren zu Wien 1814 (? 1815), in den »Gedichten«, »Romanzero«, »Nach dem Gewitter«, »Neuen Gedichten«. Betty Paoli's Poesie ist eine lebenswarme und tiefempfundene, voll ungetrübter Reinheit und Klarheit, wozu sich eine formelle Vollendung gesellt, welche diese Gedichte nicht am wenigsten vor vielen ihres Gleichen auszeichnet. Ihre Liebeslieder, welche in der Sammlung »Nach dem Gewitter« unter dem Titel »Astern« stehen, gehören zu den besten dieser Gattung: »Und wenn sie Alle dich verkennen, So flieh' an deiner Freundin Herz; Und wenn zu heiß die Wunden brennen, So sprich mit mir von deinem Schmerz. »Und will das Sprechen dir nicht taugen, Dünkt dir das Wort ein leerer Tand, So sieh mir schweigend in die Augen Und weine still auf meine Hand.« Hier sei auch ganz besonders Luise Hensel , geb. 1798, erwähnt als Dichterin schöner, vorwiegend frommer und geistlicher Lieder. Wer kennt nicht ihr Gedicht, »Müde bin ich, geh' zur Ruh'« –? – Einem sehr großen, energischen und durchaus originalen Talent begegnen wir in Annette Elisabeth, Freiin von Droste-Hülshoff , geboren 1797 auf Hülshoff bei Münster und gestorben 1848 am Bodensee bei ihrem Schwager, dem bekannten, gelehrten alten Herrn von Laßberg. Es ist in ihr und ihrer Poesie viel von dem Ernst und der Strenge ihrer westfälischen Heimat, deren geheimnißvollen Reize nicht den oberflächlichen Menschen, sondern nur den Geweihten sichtbar werden und sie für immer umfangen und fesseln. Ihre Poesie, nicht blendend und glänzend, aber voll Gehalt, voll tiefer Empfindung, aber ohne alle Weichlichkeit, voll Milde und Frömmigkeit, aber auch voll Kraft und Leben, voll Originalität und Anschaulichkeit im Ausdruck, wie in der Schilderung, – diese Poesie ist allerdings nicht für das große Publikum, wie denn auch die Gedichte der Droste niemals in weiteren Kreisen bekannt wurden, während jeder Freund und Kenner des Aechten sie stets hochhalten wird. In ihren Naturbildern von der Heide, und in den poetischen Erzählungen finden sich zahlreiche Stücke von bewunderungswürdiger Schönheit, und in den Liedern, welche unter dem Titel »Das geistliche Jahr« aus ihrem Nachlaß herausgegeben wurden, begegnet man einigen der schönsten und reinsten Perlen unserer ganzen Poesie. 53. Wir gehen zu zwei Dichtern über, von denen der eine nicht bloß zu den hervorragendsten jener Zeit gerechnet werden muß, sondern auch in unserer Poesie überhaupt und bis auf den heutigen Tag einen ehrenvollen Platz behauptet, und deren zweiter, wenn auch weniger durch eigene Schöpfungen, auf die Entwickelung und Richtung der neueren Poesie und auf die Läuterung des poetischen Geschmacks einen Einfluß geübt hat, den wir ihm stets zu danken haben werden. Diese beiden sind die im Uebrigen freilich durch keine Aehnlichkeit einander nahe gestellten, gleichalterigen Franz von Gaudy und Karl Simrock . Franz, Freiherr von Gaudy , geboren 1800 zu Frankfurt a. O., gestorben 1840, ist ein Talent von ungemeiner Leichtigkeit, Anmuth und Heiterkeit, von einem Anhauch französischen Esprits, ohne daß er darum jedoch des deutschen Gemüths und, wo es die Gelegenheit mit sich bringt, des deutschen Ernstes entbehrte. In seinen früheren Gedichten macht sich hin und wieder der Einfluß Heinrich Heine's bemerkbar, während er später gelegentlich wohl an Chamisso oder auch an Beranger erinnert, den er im Verein mit dem Ebengenannten durch treffliche Uebersetzungen nach Deutschland herüberführt und fortan auch in seiner eigenen Poesie nicht sowohl nachahmt als vielmehr bei uns wirklich vertritt, – er ist ihm verwandt an Geist, an Liebenswürdigkeit und Innigkeit, an Schalkhaftigkeit und an, niemals platter, sondern ausnahmslos graziöser Leichtfertigkeit. Dabei verleugnet er, wie wir schon sagten, den Deutschen nirgends, und eine unbefangene, durch keine Künstelei verunstaltete Natürlichkeit und die unverfälschte Wahrheit der Empfindung, seine, durch kein Vorurtheil getrübte, gesunde, für die Gegner oft scharfe Anschauung des Lebens und der Zeit, machen seine Gedichte uns lieb und flößen uns Achtung für ihn ein. Seine Einfachheit, Natürlichkeit und Gefühlswärme zeigt das Gedicht: Nur fünf Jahre. Ein schlankes Reh – Du zähltest kaum zwölf Jahre – Hab' ich zum erstenmale Dich geschaut. Ich strich Dir lächelnd aus der Stirn die Haare – »Du« nannt' ich Dich, »mein Kind« und »kleine Braut«. Ich brachte Zuckerwerk Dir mit zum Naschen, Bemalte Bilder, bunten Kinderkram, Du forschtest emsig, ob des Onkels Taschen Von Gaben bauschten, wenn ich Abends kam. Ich ging und kam, bin täglich wiederkommen, Schalt, lobte Dich; – die Mandeln fehlten nie, Erst lachend, lächelnd später angenommen– So schwanden mir fünf Jahr', ich weiß nicht wie. Und wieder stand ich mit der Zuckerdüte Vor Dir – da war's als ob der Traum zerrann – Ich sah verwirrt die Jungfrau, die erblüh'te, Mitleidig Du mein grauend Haupthaar an. Die Wang' erglüht' in heller Scham – die Mandeln Entrollten meiner Hand. So alt – so blind! – Was alles doch fünf Jahre können wandeln, – Das Kind zur Jungfrau – und den Mann zum Kind. In den »Kaiserliedern« feiert er Napoleon und seine alte Garde höher als irgend ein anderer deutscher Dichter, mit wahrer Liebe und Bewunderung, voll Phantasie, Tiefe der Empfindung, voll Kraft und Schönheit der Naturmalerei, des Ausdrucks und der Sprache. – Aber auch als Erzähler und Reiseschriftsteller darf Gaudy einen um vieles höheren Platz beanspruchen, als ihm unsere moderne Gleichgültigkeit oder selbstgefällige Vornehmthuerei gegen frühere Talente einzuräumen pflegt. Er hat Erfindung, er hat Compositions- und Darstellungstalent, und wenn er auch nicht tief ist, so ist er dafür fast immer desto natürlicher, anmuthiger und geschmackvoller. Dazu gesellt sich in seinen Reiseschilderungen eine Kunsteinsicht, welche, ohne alle, Gaudy überhaupt fremde Prätension auftretend und ohne alles Dociren, den Leser seinen Schilderungen und Mittheilungen gern folgen läßt. Kurz, dieser Dichter muß den Heutigen ins Gedächtniß zurückgerufen werden und verdient vor manchen der Damaligen und Gegenwärtigen ihnen lieb zu bleiben. Karl Simrock , geboren am 28. August 1802 zu Bonn, wurde durch ein Gedicht auf die Julirevolution, »Drei Tage und drei Farben« mißliebig und aus dem Staatsdienst entfernt, bis er erst 1850 eine Professur der deutschen Literatur an der Universität seiner Vaterstadt erhielt. Er wirkt noch heute rüstig fort und hat 1870 auch seinen Beitrag zur Kriegs-Poesie geliefert. – Als Lyriker ist er von untergeordneter Bedeutung, steht jedoch als Epiker auf einer hohen Stufe. An der altdeutschen Poesie herangebildet und eingelebt in dieselbe, wie kaum ein Anderer, hat er vor allem durch seine trefflichen Uebersetzungen der alten Meisterwerke, der Nibelungen, der Gudrun, des Parcival, der Lieder Walthers von der Vogelweide u. s. w., sowie durch neue Ausgaben der »Volksbücher« und älterer Dichterwerke – Logau 's Sinngedichte – sich das hohe Verdienst erworben, daß er unsere alte große Literatur aus den gelehrten Forscherkreisen erlöste, gewissermaßen popularisirte und auch für die moderne Poesie wiedergewann. Es sind nicht nur manche junge Talente ihm auf die neueröffneten Wege gefolgt, sondern es ist auch unsere neuere Dichtung überhaupt seitdem unverkennbar durch den gesunden Geist der alten beeinflußt, erfrischt und belebt worden. Daß ihn selber dieser Geist erfüllt hat, zeigen nicht wenige der »Rheinsagen«, vor allem aber sein Meisterwerk und eines unserer besten epischen Gedichte, »Wieland, der Schmied«, eine Dichtung voll bewundernswerther Plastik, von Großartigkeit und zugleich Frische in der Anlage sogut, wie in der Ausführung, und in einzelnen Zügen voll überraschender Naivetät und eines derben, aber ansprechenden Humors. Dazu kommt eine Kraft und Schönheit der Sprache und eine Meisterschaft in der Handhabung der alten Nibelungenstrophe, welche dieser Dichtung den Vorrang vor allen ihres Gleichen sichern und uns veranlassen müssen, ihr ihren Platz unter den Schätzen unserer Poesie anzuweisen. Es begegnen uns wiederum zwei Dichter, welche schnell aufeinanderfolgend, alsbald, ob auch in verschiedenen Kreisen, zu einem Ansehen gelangten und mit einer Begeisterung gefeiert wurden, von denen es in der Geschichte unserer Literatur nur wenige Beispiele gibt. Ihrer inneren Verwandtschaft wegen stellen wir auch sie nicht zusammen, denn eine solche findet sich zwischen ihnen nicht. Im Gegentheil gehen ihre Richtungen entschieden auseinander, wie auch ihre ursprüngliche Anlage und Begabung fast entgegengesetzte sind. Aber der Dichtergenius erfüllt den einen wie den anderen und offenbart sich in den Schöpfungen Beider mit der gleichen Kraft und dem gleichen Glanz. Diese beiden Dichter sind Ferdinand Freiligrath , der Sproß der »rothen Erde«, geboren zu Detmold am 17. Juni 1810, und Emanuel Geibel , wie Goethe der Sohn einer alten Reichsstadt, geboren zu Lübeck, am 18. October 1815. Ferdinand Freiligrath hatte sich anfangs dem Handelsstande gewidmet und in Amsterdam schon früh Gelegenheit gefunden, den Weltverkehr zu belauschen und sein Auge über die engen Grenzen der Heimat in die weitesten Fernen hinausschweifen zu lassen. Hernach, als seine Beiträge zu Chamisso's und Schwabs Musenalmanach schon seinen Ruhm begründet hatten und die erste Ausgabe seiner Gedichte, 1838, seinen Namen plötzlich durch ganz Deutschland hin bekannt und zu einem der gefeiertsten der Neuzeit machte, widmete er sich ganz der Dichtkunst und lebte am Rhein ein frisches, frohes Dichterleben. Die politische Bewegung, welche in den vierziger Jahren, die Geschichtsverdreher mögen sagen, was sie wollen, das ganze Leben durchdrang und fast alle unsere Besten und Tüchtigsten mit fortzog, ergriff auch ihn und rauschte durch die Saiten seiner Leier, bis die Stürme der Jahre 1848 und 1849 ihn wiederum gleich vielen Anderen, in die Ferne trieben und ihn in England ein Asyl zu suchen zwangen. Von dort kehrte er erst 1868 wieder nach Deutschland zurück, und genießt hier unter uns, verehrt und geliebt wie wenige, in wohlverdienter Ruhe seinen Lebensabend – nicht verstummt und nicht gealtert. Denn was er 1870 gesungen hat, behauptet nicht nur in der damaligen Kriegspoesie den nur mit wenigen Anderen getheilten ersten Platz, sondern gehört auch zu dem Vollendetsten und Größten, was ihm selber jemals entströmte. Wenn wir Freiligraths Poesie als eine wesentlich beschreibende charakterisiren, so müssen wir wohl einräumen, daß es die vollendetste ist, die wir bisher gehabt haben. Weil sie sich unmittelbar an das äußere Leben und gewissermaßen zwar stets an das gegenwärtige anschließt, so sind auch diese Dichtungen selber voll eines warm pulsirenden, raschen und kräftigen, oft ungestümen und gewaltigen Lebens; weil sie nicht in der Heimat säumt, sondern über alle Ferne schwärmt, in den starrenden Norden, den brennenden Süden, in die Urwälder Amerika's und auf die stürmische See hinaus, so läßt sie dies Leben auch noch in einer Frische und Ursprünglichkeit hier, in einer Neuheit und einem Glanze da erscheinen, von denen an unserem heimischen civilisirten und poetisch hundertfältig ausgeschöpften längst nicht mehr die Rede sein zu können schien. Grade Freiligrath hat uns indessen bekanntlich gezeigt, daß auch die Heimat und das heimische Leben dem Dichter noch neue Bilder und Stoffe im Ueberfluß biete, falls er nur von den idealen Höhen auch hier zur Wirklichkeit herabsteigen und, statt in sich hinein, einmal mit lebendigem Aug' um sich herzublicken versucht. Von Vorgängern ist Freiligrath und seiner Poesie gegenüber im Grunde kaum zu reden. Goethe, Rückert, Platen, Heinrich Stieglitz, und wie sie sonst heißen, welche uns die Ferne erschlossen haben, bewähren alle eine gewisse Einseitigkeit; sie halten sich mehr oder weniger nur am innern Leben, sich und uns in der Beschaulichkeit und Lehrhaftigkeit des Orientalen selber wiegend, und interniren uns sozusagen, wie auch Graf Alexander von Württemberg , 1801-1844, dessen übriger Gedichte hierbei auf das ehrendste gedacht sein soll, in seinen bewegten Wüstenbildern, den »Liedern des Sturmes«, in einem beschränkten Lokal. Freiligraths Poesie dagegen schwebt, wie bemerkt, über der ganzen weiten Erde und läßt sie und ihr reales Leben mit wunderbarer Gegenständlichkeit im deutschen Geist, Gemüth und Auge wiederspiegeln. So tritt jener unsere, schon oft erwähnte, kosmopolitische Zug hier in größerer Energie und Prägnanz als bei irgend einem Früheren hervor und drückt dieser Poesie ihr eigenartiges, unterscheidendes Gepräge auf. Was unseren Dichter aber noch ganz besonders von den meisten Anderen unterscheidet und ihn unter den ebenbürtigen Genien fast einzig erscheinen läßt, das ist die höchst merkwürdige, nie gestörte Beschränkung eines solchen Geistes auf ein einzelnes Gebiet der Poesie. Wir besitzen von Freiligrath keine umfangreichere Dichtung, kein episches, kein dramatisches Gedicht, kein größeres, selbstständiges Prosawerk, sondern nur die verschiedenen Sammlungen seiner Gedichte (»Gedichte«, »Zwischen den Garben«, »Ein Glaubensbekenntniß«, » Ça ira «, »Neuere politische und sociale Gedichte«) und die Uebersetzungen fremder, den seinen verwandter Dichtungen. Hier, auf diesem, seinem Gebiet, ist er freilich der Meister aller Uebrigen. Wie es in Deutschland einmal steht, ist es ziemlich selbstverständlich, daß der Glanz und die Kühnheit, die Pracht und Originalität der Freiligrath'schen Poesie, wo Bild und Gedanke, Vers und Reim, Ausdruck und Sprache, kurz alles und jedes neu und fremdartig erschien, von Anfang an nicht bloß Bewunderung, sondern auch Erstaunen erregte. Unsere Vers-Pedanten und -Philister, die Schaar der Herz- und Empfindungs-Poeten, die verdorrten Anhänger des Alten, die gewohnheitsmäßigen Verkleinerer und Bemäkler jedes Neuen und Großen, das leider nicht von ihnen ausging, – sie alle erschienen mit ihren Ausstellungen und Vorwürfen und wußten und wissen kein Ende zu finden. Wir haben hier mit ihnen nicht zu verhandeln, sondern freuen uns der Größe und Originalität dieses Dichters und nennen ihn mit Stolz den unsern. Der Unbefangene sieht in dem brennenden, fremdartigen Kolorit nichts als die glücklichste Wiederspiegelung der exotischen Natur. Ihm erscheinen die, wiederum, fremdartigen Reime nicht wie eine Auffrischung der pomphaften Wörter, welche die Dichter des 17. und 18. Jahrhunderts hervorholten, sondern er sieht sie in voller Uebereinstimmung mit dem ganzen Bilde, entsprechend einer bestimmten Vorstellung und eine solche im Leser erweckend. Er findet im Versbau, wie in den so grausam getadelten Alexandrinern, nur die Form und das Gewand, welche sich in voller Eigenartigkeit dem Gedanken, der Vorstellung, dem Bilde, kurz dem eigenartigen Leben überhaupt, auf das knappste anschließen. Er sieht und fühlt endlich in allen diesen Darstellungen und Schilderungen nicht bloße Bilder des Lebens und der Natur, sondern diese selber, durchklopft von kräftigem Herzschlag, durchweht und belebt vom Geist und der Empfindung des Dichters. Hiermit könnten wir von Freiligrath scheiden, da ein näheres Eingehen auf einzelne Gedichte uns nur überflüssig erscheinen kann. Es mag sogenannte populärere oder, richtiger gesagt, dem großen Publikum vertrautere Dichter geben; allein wir fürchten nicht zu irren, wenn wir es aussprechen, daß außer Uhland nicht einer so tief in das Herz seiner Nation gedrungen ist, wie Freiligrath. Und dieser Erfolg ist um so bedeutsamer, als Freiligraths Poesie im Allgemeinen bekanntlich der Vortheil der Singbarkeit nicht zu Hülfe kommt. Aber wir müssen auch mit einigen Worten seiner politischen und socialen Gedichte erwähnen, welche einen nicht selten völlig sinnlosen Haß gegen ihn erweckten, die hämischsten Angriffe hervorriefen und das Urtheil über ihn und seine Poesie, nicht nur in manchen Kreisen des Publikums, sondern auch bei nicht wenigen Literarhistorikern, auf kaum glaubliche Weise beeinflußten und verunstalteten. Wer den politischen und socialen Standpunkt des Dichters sogut, wie seinen eigenen zur Seite zu lassen und diese Dichtungen nur als Dichtungen anzusehen und zu messen vermag, muß sie für das Höchste und Gewaltigste erklären, was in dieser Art jemals irgendwo geschaffen worden ist. Ein Gedicht wie das wunderschöne: »Am Baum der Menschheit drängt sich Blüth' an Blüthe«, muß stets als eine der schönsten Blüthen unserer Poesie betrachtet werden, und jener furchtbare, aber gewaltige Ruf »Der Todten an die Lebenden« – es ist, beiläufig bemerkt, seltsam und bezeichnend genug, daß die Literarhistoriker meistens nicht einmal den richtigen Titel kennen! – steht überhaupt ganz und gar einzig da. – Freiligraths Uebersetzungen stehen auf der Höhe dieser lebhaft und ernstlich gepflegten und unermüdlich weitergebildeten Kunst, und die Gedichte aus dem letzten Kriege endlich, wie »Hurrah Germania«, »Die Trompete von Vionville«, »An meinen Wolfgang«, nehmen unter ihres Gleichen, wie wir schon sagten, neben wenigen anderen unbestritten den ersten Rang ein. Sehen wir uns in der neueren Literatur voll Unbefangenheit um, so ist Freiligrath bis heute der letzte Dichter von voller und ganzer, scharf ausgeprägter Originalität geblieben und auch der letzte, der eine völlig neue Richtung eröffnet und der Poesie ein völlig neues Gebiet erobert hat, ein Gebiet, auf dem er von Anfang an eine Meisterschaft entfaltete, welche von keinem, der ihm folgte, erreicht worden ist und schwerlich jemals überboten werden kann. So ist und bleibt sein Platz in unserer Literatur einer der höchsten, welche von dem Dichtergenius zu erreichen sind. Ueber den Folgenden, Emanuel Geibel , können wir uns kürzer fassen. Nachdem er einige Jahre lang seinen Studien zu Bonn und Berlin obgelegen, weilte er ein paar weitere als Erzieher zu Athen. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1840 widmete er sich alsbald ganz der Poesie, ohne sich ihr auch durch seine Anstellung als Professor der Literatur und Aesthetik zu München, 1852, entfremden zu lassen. Nach dem Kriege von 1866 verließ er München und lebt seitdem wieder in Lübeck. Wir besitzen von ihm außer den verschiedenen Sammlungen seiner Gedichte – »Gedichte«, »Juniuslieder«, »Neue Gedichte«, »Gedichte und Gedenkblätter«, »Heroldsrufe«, – eine größere Dichtung »König Sigurds Brautfahrt«, verschiedene Uebersetzungen aus dem Griechischen, Spanischen und Portugiesischen, Französischen, endlich dramatische Gedichte, »König Roderich«, »Meister Andrea«, »Brunhild«, »Sophonisbe«, und einen Operntext, »Lorelei«. Er hat in diesen Dichtungen, ohne daß man darum seine Dichtergröße irgend bezweifeln oder gar herabsetzen dürfte, der Poesie kein neues Gebiet gewonnen und keine neue Richtung eröffnet oder verfolgt. Es ist vielmehr die Poesie des inneren, des Seelenlebens, des Herzens, der Empfindung, des Gemüths, wie sie in Deutschland vor, neben und nach ihm von zahllosen anderen Dichtern verkündet worden ist und, so lange Deutschland Deutschland bleibt, verkündet werden wird. Aber Geibels Herz ist so warm und so reich, sein Gemüth so tief, seine Empfindung so zart und rein, wie es nur wenig Anderen gegeben ist. Dazu gesellen sich bei ihm, was ihn von den meisten unterscheidet und vor ihnen auszeichnet, und was ihm und seiner Poesie ihre besonderes Gepräge verleiht, ein ungemein inniger, frommer Gottesglaube und eine Lebensanschauung voll Ernst, Wahrhaftigkeit und, wie wir hinzusetzen möchten, Treue. Hierdurch und durch seine stark ausgesprochene conservative Gesinnung, welche überall der Ordnung und der ruhigen Entwickelung huldigend, alles Stürmische und Heftige entschieden verwirft und zurückweist, – hierdurch, sagen wir, ist ihm ein tiefgreifender Einfluß auf einen außerordentlich großen Theil, zumal des weiblichen und jugendlichen Publikums bleibend gesichert. Was seiner Poesie ferner zur Auszeichnung gereicht und diesen Dichter auf seinem Gebiet über fast alle andere neuere erhebt, ist nicht sowohl der Formenreichthum, als die unverbrüchliche Formenschönheit und -Vollendung, die man an seinen Gedichten zu bewundern hat, die Melodie der Sprache, die Prägnanz und Kraft des Ausdrucks, der Schmelz der Farben, die Anmuth der Bilder. Die Mehrzahl seiner Gedichte sind moderne Minnelieder von duftvoller, zarter Schönheit und Anmuth, voll weicher und tiefer, nicht selten schwermüthiger Empfindung, und Geibels Lyrik steht im strengsten Gegensatz zu derjenigen Heine's und seiner Nachfolger. Daß es ihm aber auch nicht an wirklicher Kraft, an glänzenden Farben, an Darstellungstalent fehlt, ersieht man aus manchen, freilich ziemlich vereinzelten Gedichten, wie »Sanssouci«, »Der junge Tscherkessenfürst«, »Im Grafenschloß«, »Das Negerweib«, »Der Tod des Tiberius« u. s. w. Doch müssen und dürfen wir uns weiteres Eingehen auch hier versagen, da Geibels Gedichte gleichfalls in wenig deutschen Familien fehlen dürften. – Seine Uebersetzungen, die er meistens im Verein mit Anderen herausgab, rechtfertigen ein unbeschränktes Lob; seine dramatischen Arbeiten, von denen die letzte »Sophonisbe« sogar durch einen Preis ausgezeichnet wurde, haben trotz unleugbar großer einzelner Schönheiten, keinen Erfolg gehabt – Geibels Talent ist und bleibt eben ein ausgesprochen lyrisches. Seine politischen Dichtungen endlich wurzeln durchweg auf dem loyalsten deutschen Reichsboden und zeichnen sich durch edle, fromme, gelegentlich auch einmal zornige, gut patriotische Gesinnung aus. Endlich seine Kriegslieder von 1870 stellen sich würdig zu den besten, doch sind Politik und Krieg gleichfalls nicht das rechte Gebiet dieses Dichters und werden ihm stets fremd bleiben. So ist denn auch Emanuel Geibel einer von denen, deren wir uns rühmen dürfen und freuen müssen, und die es uns zeigen, daß trotz alles Hastens und Jagens der Zeit und trotz alles Realismus und Materialismus, die Poesie in den deutschen Landen nicht ausstirbt, sondern immer von neuem wieder ihre schönen und duftigen Blüthen treibt. 54. Inzwischen hatte die große Wandlung, welche schon von den Schwabendichtern her in unserer Literatur angehoben hatte und seitdem trotz aller Ungunst der Zeiten und aller Verirrungen des Geschmacks, niemals ganz wieder ins Stocken gerathen war, besonders seit der Julirevolution rasch an Kraft gewonnen und ging nun ihrer Vollendung entgegen. Das ist, wie wir schon öfters angedeutet haben, die Umkehr von der »schönen« Natur Schillers und der Klassiker überhaupt, und von der phantastischen der Romantiker, zur wirklichen und natürlichen, wie sie sich nicht bloß eximirten Sonntagskindern, sondern jedem klaren und gesunden Auge offenbart, das voll Unbefangenheit und Liebe um sich zu schauen versteht. Aber damit war es nicht genug. Hand in Hand damit ging die Umkehr von der Idealität zur Realität des Lebens selber und der Lebensanschauung. Jener alte von Hamann, Herder und Goethe festgestellte Fundamentalsatz, daß die Poesie kein Privaterbtheil einzelner Gebildeter, sondern eine allgemeine Welt- und Völkergabe sei, war überhaupt kaum jemals zu voller Anerkennung und zur praktischen Verwerthung gelangt und seitdem, wenigstens grade in praktischem Sinne, schon lange wieder völlig vergessen und aufgegeben worden. Die Dichter und die Literatur hatten sich stets in bestimmten, abgegrenzten Bildungs-, ja man könnte sagen: Gesellschaftskreisen bewegt und nur diese ins Auge gefaßt. Das Leben, welches dichterisch in Betracht gezogen und der Darstellung gewürdigt wurde, war, genau ebenso wie die gezeichneten Menschen, von einer gewissen Exclusivität und über die Alltäglichkeit emporgehoben. Von dieser letzteren wollte und wußte man nichts, man fand in ihr weder die Poesie selber, noch ahnte man daselbst etwas wie ein Verständniß für sie. Man ignorirte es oder wußte es wirklich nicht, daß die Bildung in den vergangenen sechzig Jahren sich unausgesetzt und in zunehmendem Maße ausgebreitet hatte und daß außer und neben der »Standesbildung« schon von einer allgemeinen und Volks bildung geredet werden durfte. – Man darf nicht vergessen, daß der Begriff des Volks, als des Inbegriffs aller Stände und Klassen der Nation, bisher noch gar nicht vorhanden oder doch ein völlig unklarer war, und daß auch im engeren Sinne das Volk nur ausnahmsweise von jemand als ein zu berücksichtigendes Etwas aufgefaßt und erkannt wurde, für die »Literatur« fast nicht vorhanden war. Ganz abgesehen von jener Salon- und exclusiven Literatur, deren wir oben gedacht, wissen selbst die Jungdeutschen von der Natur und Natürlichkeit, von der Realität, dem alltäglichen Leben und dem Menschen als Menschen schlechtweg, in unserem heutigen Sinne, genau ebenso wenig, wie fast alle ihre Vorgänger, bewegen sich vielmehr wie diese in besonderen Bildungskreisen und wenden sich auch nur an dieselben. Trotzdem vollzog die Wandlung sich im Stillen immer entschiedener und zwar machte sie sich zuerst, wie seltsam das heutzutage klingen und erscheinen mag, in den sinkenden Bücherpreisen bemerkbar, welche den außerwissenschaftlichen Schriften ein immer größeres Publikum gewannen; in zahlreichen Blättern und Büchern für Gärtner, Jäger und Landwirthe, für Künstler und Handwerker, für Gewerbtreibende aller Art, und endlich in einer bald gewaltig anschwellenden Literatur für alle Stände und für jedermann. – Wir nennen besonders die Volkskalender, die Heller- und Pfennigmagazine und was dergleichen mehr ist – neben welchen die Taschenbücher und Almanache und die alten, der Schöngeisterei huldigenden Zeitschriften immer weniger ihr Ansehen behaupten und ihr Leben fristen konnten. Man darf diese neuen Erscheinungen nicht unterschätzen. Es offenbarte sich in ihnen zu dieser ersten Zeit fast ausnahmslos ein höchst achtungswerthes Streben, für wenig Geld dem Unbemittelten viel und guten Bildungsstoff zu bieten, den Geschmack zu heben und selbst das Auge zu bilden. Denn es sollte nicht vergessen werden, daß F. W. Gubitz in seinem von 1834 an erscheinenden, trefflichen »Volkskalender« den Holzschnitt zum erstenmale wieder künstlerisch behandelte und das – Handwerk, müssen wir wohl sagen, wieder zu einer, alljährlich sich freier und schöner entfaltenden Kunst erhob. So schrieb man denn bereits für das »Volk« und begann nun, je näher man der Natur und Wirklichkeit rückte, allmälig auch aus demselben, seinem Leben und seiner Weise zu schöpfen. Derartiges war bisher nur selten versucht worden und hatte keine Nachahmung gefunden. Jung-Stillings Jugendleben, Pestalozzi's »Lienhard und Gertrud«, Zschokke's »Goldmacherdorf«, Clemens Brentano's »Vom braven Kasperl und dem schönen Annerl«, waren längst vergessen, und man staunte das letztere Stücklein, als es in jenem Gubitz'schen Volkskalender jetzt wieder zum Abdruck kam, wie etwas völlig Neues und Unerhörtes an. Ganz ähnlich erging es einer wirklich neuen Geschichte dieser Art, dem ganz vortrefflichen »Irwisch-Fritze« von der unter dem Namen Franz Berthold schreibenden Adelheid Reinbold , einem schönen Talent, welches der Literatur nur allzu früh durch den Tod entzogen wurde. Da trat im Jahre 1836 derjenige auf, den wir als den Begründer der neuen – heißen wir es Volks- oder Realitäts-Literatur zu erkennen haben, und der mit voller Klarheit, tiefem Verständniß und hoher Meisterschaft dieser neuen Richtung folgte. Das ist Albert Bitzius , bekannter unter dem Namen Jeremias Gotthelf , geboren zu Murten 1797 und gestorben 1854, Pfarrer zu Lützelflue im Emmenthal. Sein erstes, 1836 erschienenes Werk, ist der »Bauernspiegel«, das erste Buch, völlig aus dem Volke geschöpft, aber auch, wie wir hinzusetzen müssen, durchaus für dasselbe, und zwar ausdrücklich für sein schweizerisches, ja in erster Linie sogar für seine Berner Bauern, bestimmt. Wer Gotthelf gegenüber diesen Gesichtspunkt nicht festhält, wird niemals zu einem gerechten Urtheil über diesen großen Schriftsteller, geschweige denn zu einer richtigen Würdigung seines ungewöhnlichen Talents gelangen. Seine Sprache vor allem ist oft rauh und er hat sich nicht gescheut, gelegentlich auch den Dialect anzuwenden, ja reine Lokalismen einzufügen, wenn die Bezeichnung ihm zum Charakter, zum Ausdruck des Gedankens zu passen schien. Schon hierdurch hat er die Deutschen befremdet und seinem Einfluß geschadet. So sind auch seine Situationen meistens nicht salonfähig, seine Charaktere meistens derb – »mit der Axt« zugehauen –, und Schilderung und Darstellung gleichfalls entsprechend – man möchte sagen: ohne Komplimente. Er gibt uns das Leben und die Natur, wie sie sind, er stellt uns die Menschen hin, wie sie in dieser Natur, in dieser Umgebung, diesen Verhältnissen geworden und werden mußten, – und zwar nicht in einer schlechten Abschrift der Wirklichkeit, sondern in poetischer Reproduction derselben. Der außerordentliche Unterschied zwischen der gesammten älteren Dichtung und der neueren, den Viele noch heut nicht begreifen wollen, besteht darin, daß die Früheren ihre Poesie auf die Außen- oder sage man Sinnenwelt übertrugen und damit der Himmel weiß was alles inducirten, was ihr so fremd war, wie ein grüner Himmel und blaues Laub, während die Neueren grade umgekehrt – der Außenwelt ihre eigene Poesie abzulauschen, sie unter der ärmsten Hülle zu entdecken, auch dem formlosesten Stein noch den leuchtenden Funken zu entlocken suchen. Das ist freilich nicht jedem gegeben, aber denen es gegeben ist, das sind die Koryphäen der neuen Richtung. Und ob Jeremias Gotthelf zu ihnen gehört! Und ob er dem Stein den Funken entschlagen hat! Ob er die Natur und die Menschen verstand und erfaßte und sie lebendig uns hinstellte! Man muß bei diesem Schriftsteller nicht bloß, wie gesagt, von der oft rauhen Schale absehen, sondern man muß ihn auch nicht allein in den übrigens vortrefflichen größeren Erzählungen, »Uli, der Knecht«, »Dursli«, und wie sie sonst heißen, kennen lernen, am wenigsten in dem, durch ganz Deutschland seiner Zeit gefeierten »Silvestertraum«, einer Schöpfung, wo der Verfasser sich auf ein ihm völlig fremdes Gebiet verirrt; nein, man muß ihn grade in einzelnen seiner kleinen und kleinsten Schöpfungen aufsuchen, – diesen »Geschichten« im ächten Sinne des Worts, wenn er sie auch nicht so genannt hat. Hier steht er nicht selten auf seiner Höhe, und weicht in der Charakterzeichnung, in der Knappheit und Angemessenheit der Darstellung und Schilderung niemand. Das Größte aber ist, daß er, was er will, stets mit den allereinfachsten Mitteln, anscheinend ohne eine Spur von »Kunst« erreicht und uns dennoch ein kleines Kunstwerk ersten Ranges bietet; daß in diesen »Geschichten« nicht ein einziger Zug, keine Wendung, nicht ein Wort uns daran erinnert, daß es künstlerische Schöpfungen sind, sondern daß sie uns wie die Natur und das Leben selber erscheinen und ansprechen: nicht der Dichter hat sie geschaffen, sondern sie schufen sich unter seiner liebevollen Hut und Pflege selber. Zwei Jahre nach dem Erscheinen des »Bauernspiegels« folgte in Deutschland zuerst Immermann dem Schweizer auf das neu eröffnete Gebiet mit der Hofschulzen-Episode in seinem Romane »Münchhausen«. Immermann, der alte Romantiker, hatte schon einige Jahre vorher in einem Romane, »Die Epigonen« sich dem seit der Julirevolution erwachenden neuen socialen Leben und den Zuständen und Erscheinungen der Gegenwart zugewendet, indem er sich ihnen aber gewissermaßen feindlich gegenüberstellte und uns und unsere Zeit nur als schwächere Nachkömmlinge einer größeren Vergangenheit erkannt wissen wollte. So ist dieser Roman, obgleich technisch angesehen, ein Werk von hoher Vollendung, durch die schwarzgallige Lebens- und Zeitanschauung und durch seine, in ihrem Grunde unwahre Tendenz, ein unerquickliches Werk, das schon die Zeitgenossen eher abstieß als anzog und das Ansehen seines Meisters nicht eben vermehrte. Ganz anders stand und steht es dagegen mit dem zweiten Romane »Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken«, in welchem er dem in voller Auflösung begriffenen socialen Leben der Gegenwart und seinen fratzenhaften Gestalten und Erscheinungen, das tüchtige und derbe Volksleben mit seinen kernhaften Menschen und in sich gefestigten, alles Krankhafte ausstoßenden Zuständen und Verhältnissen schroff entgegenstellt. Als Roman und Ganzes betrachtet, ist der »Münchhausen« ein durchaus ungenügendes und unkünstlerisches Werk: die beiden Theile, in welche der Inhalt zerfällt, sind in Wirklichkeit fast ohne allen inneren so gut wie äußern Zusammenhang, und man fragt sich von einer Seite zur anderen, was es noch dieses grossen Gegensatzes zwischen dem tollsten Spuk und dem lebendigen, sonnig klaren Lebens bedürfe, um uns an das letztere glauben und seiner Kraft, seiner Klarheit und Natürlichkeit froh werden zu lassen. Denn diese Kraft und Natürlichkeit, diese Klarheit und Frische sind so groß, daß sie keinen Zweifel an der Wahrheit des Lebens und der Menschen gestatten – wer zweifelt am Tage, wenn ihm die Sonne in's Auge strahlt? – Diese sogenannte Dorf-Idylle, welche freilich genau genommen nichts weniger als eine »Idylle« im gewöhnlichen Sinne dieses Wortes ist, sondern ein Stück urwüchsigen, nicht selten harten und rauhen, ja düsteren, aber in seiner trotzigen Kraft einem jeden imponirenden Volkslebens, – diese Schöpfung, sagen wir, steht in diesem Genre nicht bloß als die erste, sondern auch als die größte, ja völlig einzig da. Von all den zahllosen Nachahmungen, welche sie hervorrief, ist nicht eine auch nur im Allerentferntesten ihr nahe gekommen, und die Darstellungs- und Gestaltungskraft, welche Immermann in diesem wunderbaren Werke bewährt hat, dem glänzendsten Beweis, welche Fülle von Poesie selbst in der vielgeschmähten »Realität« sich birgt, – die wundervolle Natürlichkeit und Einfachheit in der ganzen Composition, in der Handlung, in der Motivirung – sie alle sind auf dem Gebiet der Erzählung nur ausnahmsweise einmal wieder erreicht und nirgends übertroffen worden. Immermann unmittelbar nach traten drei Autoren, Alexander Weill in seinen »Sittengemälden aus dem elsassischen Volksleben«, welche, ob auch hübsch erzählt, durch ihre Frivolität zurückstoßen; Karl Stöber , aus Nürnberg, geb. 1796, mit »Geschichten und Erzählungen«, »Aus der Rockenstube« u. s. w., welche unverdienter Weise wenig Beachtung fanden; endlich Josef Rank , geboren 1817 zu Friedrichsthal im Böhmerwald, mit seinen kräftigen und charakter- und wahrhaft poesievollen, aber allerdings auch häufig verworrenen und des künstlerischen Maßes entbehrenden Schilderungen »Aus dem Böhmerwalde«. Mit den gleichen Vorzügen und Fehlern, zu welchen letzteren sich später auch häufig noch eine sehr unliebsame Breite und zuweilen noch etwas wie, den Stoffen gradezu widersprechende Empfindelei gesellt, finden wir auch die meisten seiner späteren, ziemlich zahlreichen Werke wieder: Romane »Achtspännig«, »Die Freunde« u. s. w., ein historisches Schauspiel, »Der Herzog von Athen« u. s. w. Nur einzelne, wie »Das Hofer-Käthchen«, und »Ein Dorfbrutus«, erheben sich über das Niveau der gewöhnlichen Erzählungsliteratur. Hierauf kommen wir zu demjenigen, der sich auf diesem Gebiete den höchsten Ruhm erworben hat und, was die innere Begabung und Ausrüstung zu einem großen Erzähler betrifft, in Wirklichkeit auch auf einer Höhe steht, die in unserem Deutschland nicht von vielen erreicht worden ist. Vor allem muß es bei ihm – und es zweifelt wohl niemand, daß wir von Berthold Auerbach reden! – mit hoher Bewunderung anerkannt werden, daß die Poesie in ihm mächtig ist wie in wenigen und seine Schöpfungen so reich, so warm und so schön durchdringt und erfüllt, daß sie schon hierdurch einen Reiz erhalten, der ihnen den Vorrang vor den meisten ähnlichen Werken Anderer sichert und sie in der Literatur den schönsten Offenbarungen des Dichtergeistes anreiht. Berthold Auerbach ist am 28. Februar 1812 zu Nordstetten im württembergischen Schwarzwald, von jüdischen Eltern geboren. Ueber sein Leben läßt sich nur wenig sagen; was man davon erfahren hat und für das Publikum sichtbar geworden, ist in ruhigen und ebenen Bahnen verlaufen und frei von besonderen Ereignissen und Erschütterungen geblieben. Nach seiner Studienzeit wandte er sich der Literatur zu und blieb derselben bis heute treu. Zuerst trat er mit einer Uebersetzung der Werke Spinoza's auf; ihr folgten demnächst zwei Romane, »Spinoza« und »Dichter und Kaufmann«, welche keinen Eindruck machten. Im Jahre 1843 erst erschien der erste Band der »Schwarzwälder Dorfgeschichten« und machte nicht nur seinen Namen mit einemmale zu einem der bekanntesten und gefeiertsten in dem, grade zu dieser Zeit bereits fieberhaft erregten Deutschland, sondern zeigte auch die realistische Wendung in der Literatur vollendet und sicherte der neuen Erzählungsgattung ein für allemal in derselben ihr Bürgerrecht. Das war und ist auch für uns noch ein staunenswerther Erfolg. Denn man darf sich über die damaligen deutschen Literatur- und Kulturzustände nicht täuschen. Jeremias Gotthelf war zu dieser Zeit in Deutschland ein fast noch unbekannter Name; Immermanns »Hofschulze« stand theils zu vereinzelt da, theils wurde der reine und allgemeine Eindruck desselben durch die, nur für Eingeweihte oder Höhergebildete einigermaßen durchdringbare spukhafte Umhüllung beeinträchtigt, und wußte man überhaupt auch noch nicht recht, wie man mit dieser neuen Erscheinung eigentlich daran war, was für einen Platz und was für eine Zukunft man ihr in der Literatur anzuweisen und zu prophezeien habe. Immermanns oben genannte erste Nachfolger waren noch weniger durchgedrungen und das Gleiche galt von denen, welche zu dieser Zeit ebenfalls schon die eine oder andere Seite des realen und Alltagslebens zu beleuchten angefangen hatten. Man muß es stets wiederholen, daß die Dichter und die Literatur von diesem realen Leben bisher im Allgemeinen noch ganz verzweifelt wenig wußten und ebenso wie das Publikum selbst, halb ungläubig, halb sogar verächtlich auf dasselbe hinabblickten. Und nun kamen Auerbach 's »Geschichten« – d. h. im Sinne der alten Kunstverständigen und Kunsttheoretiker, ein reines Nichts oder doch besten Falls etwas völlig Unkünstlerisches! – aus dem »Dorf«, d. i. aus dem allergewöhnlichsten, prosaischsten, niedrigsten Leben von der Welt, und schlugen dennoch durch, im Publikum, in der Kritik, in der Literatur! Ein Erfolg der ungewöhnlichsten Art, wiederholen wir, und ein Zeugniß für die poetische Begabung des Dichters und für den unvergänglichen, dichterischen Werth seiner Schöpfung, wie es Auerbach auch durch die höchste Anerkennung der Kritik niemals glänzender ausgestellt worden ist. Die Größe und Schönheit seines Talents offenbart sich uns bei diesen ersten Geschichten schon durch die Selbstbeschränkung, Klarheit und Sicherheit, mit denen er das engste und fast immer gleiche Lokal wählt und unter den einfachsten, im Grunde auch wieder fast durchweg gleichen Menschen weilt, – ohne Furcht sich zu wiederholen und uns zu ermüden. Denn er zeigt uns grade in und trotz dieser Enge und Einfachheit die ungeahnte und unerschöpfbare Tiefe, Frische und Neuheit der Natur und des Menschenlebens. Wir sehen dies Lokal oder diese Natur stets von einer neuen Seite, mit anderen Augen und zwar mit denen der Menschen an, welche uns grade begegnen; und wir erleben mit diesen Menschen zwar häufig Aehnliches oder sogar Gleiches, aber nicht in ähnlicher oder gleicher, sondern in streng individueller und originaler Weise. Auerbach ist freilich vor den meisten seiner Nachfolger und Nachahmer dadurch von Hause aus auf das höchste begünstigt, daß er in dieser Natur und zwischen diesen Menschen geboren und erwachsen ist, und daß sie sich daher ihm, der zu ihnen gehört, auch viel offener und völliger hingegeben und erschlossen haben als es auch von dem größten dichterischen Talent erreicht werden kann, das erst von außen her an sie herantritt. So steht Auerbach eigentlich nicht über , sondern vielmehr mitten in seinen Stoffen, die er sich gewissermaßen völlig selbstständig und naiv entwickeln, heranwachsen, gruppiren, man möchte sagen: durch und in sich selbst motiviren, und zum Schluß gedeihen läßt, ohne anscheinend selber dabei irgendwie thätig zu sein. Diese wunderbar liebevolle und schonende und, um dessen doch auch zu gedenken, sprachlich meisterhafte Behandlung der Stoffe, erhält oder – wie man will! – verleiht seinen Geschichten die duftige und thauige Frische, welche ihren höchsten Reiz bildet und sie unter allen ihres Gleichen stets auszeichnen wird. Dies alles finden wir selbst in den genrebildartigen Stücklein, dem »Tolpatsch«, »Der Kriegspfeife«, »Dem Tonele mit der gebissenen Wange«, auch in dem spätern, anmuthigen »Brosi und Moni«, noch schöner und reiner aber im »Lauterbacher« und in jenem Stücke von tiefer Schönheit, »Ivo, der Hajrle«. In diese beiden Geschichten legt der Dichter allerdings etwas von sich selbst hinein; da er aber, wie wir es oben sagten, diesen Menschen und dieser Natur selber von Hause aus angehört, so ist, was er von sich hinzugibt, auch nichts Fremdartiges und tritt nirgends aus dem Stoffe heraus. – Anders gestaltet sich die Sache in den späteren Erzählungen, »Die Frau Professorin«, »Diethelm von Buchenberg«, »Lucifer«, »Der Lehnhold« und den längeren »Josef im Schnee«, »Barfüßele«, Edelweiß« u. s. w. Hier läßt er nicht mehr wie früher gewissermaßen die Natur, sondern auch die Kunst walten, entwickelt, charakterisirt, motivirt und läßt aus einem bestimmten Fundament ein kunstvolles und kunstreiches Gebäude entstehen. Doch erwächst ihm hieraus kein Vorwurf. Denn einerseits ist sein poetisches Verständniß ein so tiefes und sein Takt und Geschmack so sicher und so rein, und andrerseits ist seine Herrschaft über den Stoff eine so vollendete, daß diese Schöpfungen als Kunstwerke, wie er selber als Künstler sich unverändert in der gleichen Höhe erhalten. Auf dieser Höhe erhält er sich, wo er das Gebiet der Dorfgeschichte verläßt, wie in manchen Erzählungen, welche sich in seinem »Gevattersmann« und dem späteren »Volkskalender« oder sonst finden, nicht. Hier fordern schon seine religiösen, politischen und socialen Anschauungen häufig den Widerspruch heraus und zerstören überhaupt den Charakter der einfachen, volksthümlichen Erzählung. – Ein Drama, »Andree Hofer«, ist ihm vollständig mißlungen, und sein Roman, »Neues Leben« ist gleichfalls ein Mißgriff. – Seine späteren Romane, »Auf der Höhe«, »Ein Landhaus am Rhein«, und der jüngst erschienene »Waldfried«, – zeigen uns alle, bald mehr, bald weniger deutlich, die Grenzen von Auerbachs Talent – es fehlt ihm nicht bloß an der flüssigen Erfindung, sondern auch an der Ausdauer und Kraft, die Entwickelung in stetigem, die Theilnahme der Leser fesselndem und steigerndem Fortgange zu erhalten, und vor allem an der Beherrschung eines großen, weit ausgesponnenen Stoffs. Dazu gesellt sich hin und wieder einerseits eine ihm sonst völlig fremde, leise anklingende Sentimentalität und andrerseits eine gewisse, schon in den spätern Erzählungen hie und da auftauchende Lehrhaftigkeit und Sentenzenlust, im letzten obendarein endlich eine Müdigkeit, welche den Freund und Bewunderer dieses großen Talents nur ernstlich betrüben kann. Auch Auerbachs Stil hat in diesen Werken von seiner alten Meisterschaft eingebüßt und sich nicht frei von Manier gehalten. – Hoffen wir, daß neue Werke uns den Meister wieder auf seinem rechten Gebiet und in seiner alten Kraft, Frische und Meisterhaftigkeit finden lassen. 55. Von dieser Zeit an wird das Gebiet der Dorf- und überhaupt der Volksgeschichte, sowie der volksthümlichen Erzählung von allen Seiten zugleich im Sturm genommen. Anfangs ließen sich die neuen Eindringlinge noch meistens in der Nähe der ersten glücklichen Anbauer nieder, aber die nachdrängende Menge stürzte sich alsbald ziellos und planlos über die ganze Weite hin, zu immer neuen Plätzen und in immer verstecktere Winkel. An eine Verfolgung der einzelnen Erscheinungen ist in dieser Literatur, welche sich obendarein auf keine Periode beschränken läßt, sondern noch heut und diesen Tag immer wieder neuen Zuschuß erhält, ebenso wenig zu denken, wie an die Anführung aller derjenigen, welche sich hier versuchten. Kann man doch behaupten, daß zumal in dem ersten Jahrzehend kaum ein einziger neuer Schriftsteller bekannt wurde – und es waren ihrer sehr viele und unter ihnen die ersten der Neuzeit! –, der sich nicht irgend einmal auch auf dem Gebiet der Dorf- und Volksgeschichte versucht hätte. Die Nachtheile der realistischen Wendung und der plötzlichen Ueberstürzung liegen auf der Hand. Die anscheinende Unerschöpflichkeit und leichte Zugänglichkeit des Stoffs und die angeblich unendlich erleichterte Aufgabe des Autors, der ja nur zugreifen und abschreiben zu dürfen schien, was er zufällig kannte oder doch zu kennen glaubte, zog eine Unmasse von Schreibelustigen herbei, in denen sich, genau betrachtet, auch keine Spur von schriftstellerischer, geschweige denn dichterischer Begabung fand. So wurden die Gattung, oder wenn man hier noch unterscheiden will, die Gattungen nur um so schneller todtgehetzt und dem Publikum zum Ueberdruß, so daß alsbald auch der wirklich Berufene und das wahrhaft Schöne und Gute, wo es sich noch einmal hervorgetraute, ohne Weiteres auf die Seite geschoben wurde. Aber ebenso deutlich sind auch die Vortheile, welche aus dieser Wendung und der ihr gewidmeten rührigen Theilnahme erwuchsen. Das Leben im Ganzen und Großen, wie im Einzelnen und Kleinen liegt vor uns Heutigen in voller Durchsichtigkeit und Aufgeschlossenheit, und das Interesse an ihm und der Gegenwart in allen Schattirungen und Erscheinungen hat sich in einem Grade gehoben und ausgebreitet, von dem die Früheren gar keine Ahnung hatten. Die Wirklichkeit und Natürlichkeit drang gewissermaßen sogar auch in die Schriftsteller und ihr Schaffen selber: die Erzählungskunst nahm mit einemmale einen großen Aufschwung, und Darstellung, Schilderung, Charakterzeichnung, und nicht am wenigsten auch der Stil gewannen, ohne unkünstlerisch zu werden, bei allen Besseren ein Leben, eine Beweglichkeit und Frische, eine Anschaulichkeit und Natürlichkeit, von denen in solcher Allgemeinheit bei den Früheren gleichfalls keine Rede ist. Von dieser Höhe begann erst die neuste Literatur wieder herabzusteigen, bei der unnatürlichen Hetzjagd auf den Prunk und das Pikante, den »Effect« und die »Sensation«. Unter den Nachfolgern und Nachahmern von Immermann und Auerbach – Jeremias Gotthelf kommt zu dieser Zeit in Deutschland, wie schon bemerkt, kaum recht in Betracht –, welche bald mehr der vorwiegend realistischen Richtung des ersteren, bald der, die Realität gewissermaßen idealisirenden des Anderen folgen, begegnet uns am Rhein der Pfarrer W. Oertel , 1798 bis 1867, der sich nach seinem Geburtsort Horn im Hundsrück, W. O. von Horn nannte. Außer in seinem, von 1846 an erscheinenden Jahrbuch, »Die Spinnstube«, hat er zahlreiche Erzählungen und Geschichten auch anderweitig veröffentlicht, deren unleugbare Volksthümlichkeit nur leider gar zu häufig durch einen hier süßlichen und salbungsvollen, dort hausbackenen Ton beeinträchtigt wird. In Hessen finden wir O. Glaubrecht , eigentlich R. L. Oeser , 1807-1859, dessen wahrhaft fromme Erzählungen viel Verständniß für Volksthum und Volksleben und wirklich poetischen Geist verrathen. – Im Dessauischen begegnen uns Friedrich Ahlfeld , geb. 1810, und der spätere Gustav Jahn , geb. 1818, mit wohlgemeinten, lesenswerthen Volksgeschichten. – Frommen Sinn bewährt C. A. Wildenhahn in den »Erzgebirgischen Dorfgeschichten« und anderen Romanen und Erzählungen. – Der Holsteiner I. Ch. Biernatzki , 1795-1840, schildert das Leben auf den Halligen in ansprechender Weise. – Nach Norddeutschland führen uns nicht ohne Glück K. Ernst und Georg Schirges ; in den Harz der verdienstliche Literarhistoriker und glückliche und liebevolle Sammler von Volkssagen, -Märchen und -Liedern, Heinrich Pröhle , geb. 1822, mit seiner anmuthigen, poesievollen Erzählung »Walddrossel«. In Baiern finden wir den frühverstorbenen J. F. Lentner und neuerdings den trefflichen Hermann Schmid , der sich auch in anderen größeren und kleineren Schöpfungen als einer unserer besten neueren Erzähler bewährt hat. Zu ihnen gesellt sich Melchior Meyr , 1810-1871, ein Schriftsteller von ächt poetischer Begabung und tiefer philosophischer Bildung, der als Lyriker und Erzähler in Ansehen steht und sich auch im Drama – »Herzog Albrecht« mit Glück versucht hat. Hieher gehören seine zwar einigermaßen breiten, im Uebrigen aber charakter- und poesievollen »Erzählungen aus dem Ries«, zwischen denen sich »Der Sieg des Schwachen« als eines der Meisterstücke der ganzen Gattung auszeichnet. Beiläufig wollen wir ihn als Verfasser der anonym erschienenen, ihrer Zeit mit dem lebhaftesten Beifall aufgenommenen »Gespräche mit einem Grobian« erwähnen. – Im Bregenzer Walde erstand erst neuerdings F. M. Felder , 1839-1869, hervorgegangen aus dem Bauernstande, aber begabt mit einem hervorragenden Erzählertalent und an Kraft und Anschaulichkeit in der Charakterzeichnung und Naturschilderung nicht wenigen weit überlegen. – In der Schweiz endlich finden wir die »Kiltabendgeschichten« von Alfred Hartmann , welche sich in jeder Rücksicht dem Vorzüglichsten in dieser Gattung anschließen. Nach ihm kommt Gottfried Keller , geboren 1819, der in den vierziger Jahren durch schöne, Freiheit athmende Gedichte und später durch den, der gleichen Tendenz huldigenden Roman »Der grüne Heinrich«, bekannt geworden war, und 1856 in seinen »Leuten von Seldwyla« Muster der Dorfgeschichte lieferte. Auch ein anderer Schweizer J. Frey hat anerkennenswerthe Schöpfungen dieses Genre's veröffentlicht, wogegen die ähnlichen Erzählungen von Meyer Merian und dem jüngst verstorbenen Arthur Bitter sich trotz mancher guten Einzelheiten und hübschen Züge nicht über das allgemeine Niveau erheben. Wenden wir uns von diesen – man könnte sagen: Specialschriftstellern jetzt ab und denen zu, welche auch andere Seiten und Regionen des Lebens, ja dieses selbst im Großen und Ganzen ins Auge faßten und uns darstellten, so tritt uns hier sogleich als der erste und gewissermaßen auch als der größte Friedrich Wilhelm Hackländer entgegen, geboren am 1. November 1816 zu Burtscheid bei Aachen und seit 1840 in Stuttgart als Schriftsteller thätig. Und wie thätig! Hackländer ist ein Schriftsteller von einer gradezu staunenswerthen Fruchtbarkeit und noch staunenswerther ist, daß dieselbe eine durch und durch gesunde und natürliche, heute wie vor dreißig Jahren, sich niemals verleugnet und das völlig einzige Talent dieses Autors allen Anforderungen genügt und niemals versagt hat. Hackländer hat im Jahre 1840 seine trefflichen Skizzen, »Soldatenleben im Frieden«, drucken lassen und gab im Jahre 1874 dem Publikum einen Roman »Kainszeichen« und noch so und so viele kleinere Stücke erzählenden oder plaudernden Genre's. Dazwischen liegen, wir wissen nicht, wie viele Romane, Erzählungen, Reise- und Kriegsberichte, Studien und Plaudereien, Märchen und Lustspiele und wer weiß, wie viel und was sonst noch alles. Und stets schöpft er mitten aus dem Leben und weiß es uns stets mit der besten Laune von der Welt, mit heiterer und zuweilen auch inniger Liebenswürdigkeit und Gemüthlichkeit, mit spielender Leichtigkeit, mit höchster Anschaulichkeit, mit bewunderungswürdiger Treue und in schier greifbarer Gegenständlichkeit wiederzugeben, wie – es leibt und lebt. Zu den Höhen des Daseins schwingt er sich nicht leicht und hat mit den Tiefen selten oder nie etwas zu thun; aber in der großen Mittelregion ist er völlig daheim, er kennt sie besser als irgend ein anderer und zwar aus eigener Erfahrung, und er faßt sie auf und schildert sie mit einer Liebe und Nachsicht hier, mit einer Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt da, die schon allein ihn unter unsern Erzählern auf das rühmlichste auszeichnen. Hackländer hat und kann nicht alles, aber was er hat und kann, besitzt er vollständig und übt es mit Meisterschaft aus – in der genauen Kenntniß seiner Gaben, seines Vermögens, seiner Grenzen, über welche er niemals hinausgeht. Er ist mit einem Wort kein großer Schriftsteller im höchsten Sinne, aber auf seinem eigenen und eigentlichen Gebiet, d. h. auf dem des wirklichen und täglichen Lebens in allen Ständen, Klassen und Regionen, leichtmöglich der größte von allen, ohne Vorgänger und ohne einen ebenbürtigen Nachfolger. Der Beifall des Publikums ist ihm von Anfang an bis heute in seltenem Grade zutheil geworden und treu geblieben. Nur die Morösen, die Prüden und die Klassicitätsschwärmer stehen ihm fremd gegenüber, alle anderen fallen ihm zu, und die unbefangene Kritik muß ihnen beipflichten. Denn er ist und bleibt einer unserer besten Unterhaltungsschriftsteller, völlig frei von Manier, vom Effect- und Sensationsschwindel – was er schreibt, ist von Hause aus schon voll des natürlichen Effects und der natürlichen Sensation – und endlich von jener Routine, welche bei so vielen Schriftstellern das frische Schaffen ersetzt. Er künstelt und modelt am Leben nicht, sondern gibt es unverfälscht wieder. Er macht nicht viel Wesens aus der Seelenschönheit und Tugendhaftigkeit des oder der einen, noch verdreht er die Augen über die Versunkenheit und Sündhaftigkeit des oder der anderen, und wo das »Pikante« erscheint, spielt und kokettirt er nicht damit, sondern gibt es mit der gleichen Harmlosigkeit und Naivetät wieder, wie alles Uebrige. So müssen alle diese Skizzen, Bilder, Romane, Plaudereien und so weiter, stets willkommen bleiben, »Soldatenleben im Frieden«, »Wachtstubenabenteuer«, »Handel und Wandel«, »Namenlose Geschichten«, »Europäisches Sklavenleben«, »Der neue Don Quixote«, »Ein Künstlerroman«, »Das Geheimniß der Stadt«, »Geschichten im Zickzack« u. s. w. u. s. w. – Die eigentliche und wirkliche kleine Erzählung ist Hackländers Sache nicht: er zeichnet und malt allzusehr ins Breite und verfällt, wo ihm dies nicht freisteht, leicht in eine gewisse Skizzenhaftigkeit oder, weit ihn der enge Rahmen genirt, Gewaltsamkeit. Dafür gehören aber von seinen Lustspielen wenigstens zwei, »Der geheime Agent« und »Magnetische Kuren« zu den bühnengerechtesten und amüsantesten, die wir besitzen. Man hat Hackländer wohl hin und wieder den deutschen Boz genannt und in seinen Schriften sogar ein gewisses Anlehnen an den englischen Autor entdecken wollen. Wir hallen von derartigen Vergleichen nichts und geben auch nichts auf ein solches Anlehnen oder Nichtanlehnen. Wer Hackländer richtig ansieht und wirklich kennt, muß unbedingt zugestehen, daß seine Natur, sein Talent, seine Entwickelung durchweg original, selbstständig und vor allem deutsch sind. Er wurzelt ganz und gar im deutschen Leben und drängt demselben nicht einen einzigen Zug auf, den es nicht wirklich hat, oder – denn das zeichnet Hackländer allerdings gleichfalls! – den der eine oder andere nicht mit Affectation zur Schau trägt. Als ein ähnlich glücklicher, gewandter und ansprechender Erzähler aus dem weiten, ausdrücklich deutschen Leben begegnet uns hier der uns früher schon bekannt gewordene Karl von Holtei wieder, gleichfalls vorwiegend für den Roman und geringer für die kleinere Erzählung begabt. Auch er schildert und zeichnet mit großer Anschaulichkeit und lebensvoller Wahrheit, mit Laune, Wärme, Liebenswürdigkeit und Unbefangenheit und erzählt mit Leichtigkeit und einem natürlichen guten Geschmack, der alles sagen darf und alles Verletzende oder Platte ausschließt, ja man möchte sagen: völlig unmöglich erscheinen läßt. Aber in Holtei's Talent finden wir einen stark hervortretenden lyrischen Zug – er ist ja auch ein glücklicher und liebenswürdiger Dichter und schließt sich zumal als Dialectdichter unseren Besten an! –, von dem in Hackländer auch nicht eine Spur zu entdecken ist, und während der Humor dieses Letzteren ein vorwiegend heiterer ist, zeigt sich uns häufig die Lebensauffassung und -Anschauung Holtei's, trotz alles gelegentlichen Uebermuths und aller zeitweiligen Ausgelassenheit, häufig als eine ernstere, ja fast schwermüthige. Die Romane »Die Vagabunden«, »Ein Schneider«, » Noblesse oblige «, »Die Eselsfresser« u. s. w. sind alle aus dem Leben und der Zeit bald mit großer Wärme und Innigkeit, bald mit überraschender Frische und Keckheit, vor allem aber mit viel Treue und einer, nicht selten fast naiven Unbefangenheit herausgeschrieben. Als sein bestes Werk müssen wir seinen »Christian Lammfell« bezeichnen, ein Buch von unendlicher Einfachheit und Herzenswärme, von hoher Liebenswürdigkeit, voll Empfindung, Gemüth und Poesie, wie dies alles nur wenige deutsche Romane in gleichem, geschweige denn höherem Grade ziert. Schließlich erwähnen wir noch seiner Selbstbiographie, »Vierzig Jahre« und »Noch ein Jahr in Schlesien«, einer Schrift, in welcher Holtei sich selbst und ein nicht geringes Stück des deutschen socialen und Buhnenlebens mit Offenheit, Unbefangenheit und Anschaulichkeit gezeichnet hat. Auf dem Gebiet des ganzen, ausdrücklich deutschen Lebens, den Fragen der Zeit nicht fremd, aber die Tendenz entschieden zurückweisend, und glücklicher in »Geschichten« und überhaupt kleineren Erzählungen als in größeren Werken, hält sich auch Edmund Hoefer , geb. 1819, der Verfasser des vorliegenden Buches, dessen frühste Geschichten von 1845 an im Stuttgarter Morgenblatt erschienen und später unter verschiedenen Titeln, zum Theil in den zwölf Bünden der »Erzählenden Schriften« bekannt und freundlich aufgenommen wurden. In noch engerem Kreise, vorwiegend im häuslichen und Familienleben ihrer schwäbischen Heimat, bewegt sich Ottilie Wildermuth , geboren 1817, welche in ihren »Bildern und Geschichten aus dem schwäbischen Leben«, und »Aus dem Frauenleben« uns Lebensbilder von ungemeiner Anschaulichkeit und Lebendigkeit und kleine, durch Einfachheit und Anmuth, Humor und Empfindung ausgezeichnete Musterstücke der Erzählungskunst geliefert hat. Man braucht nur eine von diesen früheren kleinen Erzählungen z. B. mit den langathmigen und hausbackenen, grade in ihrer gesuchten Einfachheit prätentiösen Haus- und Familienromanen der Bremer zu vergleichen, um nicht bloß den Vorrang vor der Schwedin, sondern auch überhaupt den Rang zu erkennen, den Ottilie Wildermuth in diesem Genre und in unserer Literatur einnimmt. – Auch in kleinen Erzählungen und Märchen für Kinder hat sie sich mit viel Glück versucht. Dagegen bewegt sie sich in manchen späteren Erzählungen und Schriften in einer frommen Richtung, in welcher ihr eben nur Gesinnungsgenossen zu folgen und treu zu bleiben vermögen. Wegen seiner Schilderungen aus dem schwäbischen und zumal reichsstädtischen Volksleben schließen wir hier Hermann Kurz an, geboren zu Reutlingen 1813, gestorben zu Tübingen am 10. October 1873. Obgleich im Zusammenhang mit seiner heimatlichen Dichterschule und nicht frei von romantischen Anklängen, steht er doch hauptsächlich in den kleineren Erzählungen, wie »Das Wittwenstüblein«, »Eine reichsstädtische Glockengießerfamilie«, »Wie der Großvater die Großmutter nahm«, »Die beiden Tubus«, in der trefflichen Dorfgeschichte »Ein Weihnachtsfund« u. s. w. auf dem Boden einer gesunden Realität. Seine Auffassung des Lebens und der Natur ist eine warmherzige und gemüthvolle, seine Lebensanschauung und Gesinnung eine männliche und tüchtige, und die Kunst seiner Darstellung, die Kraft und Anschaulichkeit seiner Schilderung und Charakterzeichnung verdienen auf das lobendste hervorgehoben zu werden. Seine beiden größeren Romane, »Schillers Heimatsjahre« – zuerst um vieles richtiger »Heinrich Roller« genannt, und »Der Sonnenwirth« behaupten diese Höhe nicht. Es fehlt dem Autor an der vollen Beherrschung so großer Stoffe, und während im ersteren noch häufig eine krause Romantik uns umspukt, leidet der andere nicht selten an unerquicklicher Breite und laboriren beide gemeinsam an ziemlich bedenklicher Unebenmäßigkeit. Trotzdem verdient Hermann Kurz bekannter zu werden und zu bleiben, als es ihm leider während seines Lebens vergönnt war. Die eben erscheinende Ausgabe seiner gesammelten Werke bietet dem Publikum Gelegenheit, diese alte Schuld abzutragen. Ein ganz neues Gebiet für die erzählende Literatur eröffnete und gewann Leopold Kompert in seinen trefflichen »Geschichten aus dem Ghetto«. – Ebenso versuchte sich Heinrich Smidt , 1798-1867, mit Glück in Schilderungen aus dem Hafen und von der See, aus dem Schiffer- und Matrosenleben. Er hat meistens kleinere Stücke, Skizzen und Novelletten, doch auch einen großen historischen und Seeroman, »Berlin und Westafrika«, geschrieben, stets voll Frische, Anschaulichkeit und Bewegung, ist aber im Ganzen mehr nur Naturalist: seine Darstellung und seine Sprache entbehren der Gewandtheit und Ebenmäßigkeit, an welche man sich zu dieser Zeit schon bei unseren Erzählern gewöhnt hatte. Nicht am wenigsten grade durch das, was dem Vorhergehenden fehlt, zeichneten und zeichnen sich bis heute die zählreichen Romane und Erzählungen von Lewin Schücking , geb. 1814, aus, einem Autor, dessen Erzählertalent zu den besten gehört, die man in Deutschland kennen gelernt hat. Immer dem Leben und der Wirklichkeit, sei es in der Vergangenheit, sei es in der Gegenwart zugewandt und den großen Fragen der Zeit nicht fremd, aber ohne sie zu alleinigen Trägern seiner Schöpfungen zu wählen, bewahrt er sich doch stets eine höhere und zwar durchaus poetische Lebensanschauung – eine Eigenschaft, welche seinen Werken grade in unserer heutigen Zeit und Literatur ihren besonderen Reiz verleiht. Leben, Bewegung und ein bunter Wechsel finden sich bei ihm überall, ja zuweilen in einem Maße, das den Leser gelegentlich fast verwirrt, und die sogenannte »Breite« ist ein Etwas, über das man bei ihm selten oder nie zu klagen hat. »Die Ritterbürtigen«, »Ein Sohn des Volks«, »Der Bauernfürst«, »Ein Schloß am Meere«, »Die Heiligen und die Ritter«, und wie sie sonst heißen, behaupten im Verein mit nicht wenigen der zahlreichen Erzählungen in unserer Literatur einen hervorragenden Platz und bilden einen tröstlichen und sicheren Damm wider die Uebergriffe der modernen Unnatur und der, kaum nur mit Schaumgold verhüllten Oberflächlichkeit und öden Nüchternheit. Möge auf ihn eine Schriftstellerin folgen, welche, gleichfalls in dieser Zeit zuerst auftretend, in ihren von Anfang an ernstlich beachteten und bald mit steigender Anerkennung aufgenommenen Werken wenig oder nichts von einer milderen oder gar poetischen Auffassung des Lebens offenbart, vielmehr dasselbe mit ruhigem, klarem, ja kaltem Blick überschaut und durchforscht und mit einer ebenso ruhigen Klarheit und Sicherheit zur Darstellung bringt. Wir meinen Fanny Lewald , geboren 1811 zu Königsberg, welche fest in der Gegenwart wurzelnd, mit scharfem, kräftigem, fast männlichem Verstände die religiösen, socialen und politischen Fragen und Conflicte der Zeit in ihren Romanen zur Verhandlung brachte. Sie steht schon in ihren ersten Erzählungen, »Clementine«, »Jenny« und »Eine Lebensfrage«, im starren Gegensatz gegen die Oberflächlichkeit und Vornehmthuerei der Salonschriftstellerinnen und faßt das Leben und ihre Stoffe nicht mit Handschuhen, sondern mit derber, fester Hand und bis ins Innere an. Sie spricht diesen Gegensatz in ihrer »Diogena«, einer scharfen Persiphlage der Hahn'schen Romane, sogar gradeswegs aus, und bewahrheitet ihn auch durch alle späteren Werke, »Wandlungen«, »Die Kammerjungfer«, »Von Geschlecht zu Geschlecht« u. s. w. Seit sie in Verbindung mit Adolf Stahr , geb. 1805, bekannt durch seine kunst- und literarhistorischen Schriften, »Ein Jahr in Italien«, »Torso«, »Weimar und Jena«, »Lessing« u. s. w. – einem unserer geistvollsten Schriftsteller und glänzendsten Prosaiker, trat, und sich mit ihm 1855 vermählte, wurde ihre Lebensanschauung eine freiere und zugleich höhere. Das zeigt sich am deutlichsten in den, jenen genannten späteren Romanen vorausgehenden Reiseschilderungen, »Italienisches Bilderbuch« und »England und Schottland«. Hier finden wir sie, man möchte sagen, voll Heiterkeit und Unbefangenheit in der frohen und schönen Gegenwart und erfreuen uns ihrer scharfen Beobachtungen, ihrer lebensvollen Schilderungen, ihrer geistvollen Urtheile viel häufiger und ungestörter, als in den unerbittlich verständigen und logischen, von innen und außen meisterlich ausgebauten Romanen. Von eigentlicher und wirklicher Poesie findet sich in Fanny Lewald wenig oder nichts, zum mindesten beherrscht, wo sich in dieser Richtung wirklich einmal etwas regen möchte, der Verstand mit niemals aussetzender Strenge, und es gelingt ihr daher auch nicht, ihren Gestalten im Einzelnen und ihren Schöpfungen im Ganzen, trotz aller Regelrechtigkeit, Lebenswahrheit und Lebensfähigkeit, ein wirkliches, eigenes, unabhängiges und warmes Leben einzuflößen. – Die gleiche Verständigkeit und klare und freisinnige, aber poesielose Lebensanschauung finden wir auch in ihrem, stilistisch gleich all ihren Schriften fast tadellosen Buch, »Meine Lebensgeschichte«, von welcher bisher drei Abtheilungen erschienen sind. Ein gleichgeartetes, schätzbares Erzählertalent spricht uns aus den Romanen von Mathilde Raven , geb. Beckmann , an, welche 1817 zu Meppen geboren wurde. »Eine Familie aus der ersten Gesellschaft«, »Eversburg«, »Welt und Wahrheit« u. s. w. sind Werke voll Klarheit und von ansprechender Darstellung, den Zeitinteressen zugewandt und entschieden fortschrittlich. Ihre Gedichte, »Aus vergangener Zeit«, sind gleichfalls voll reiner und klarer Empfindung und auch formell fast durchweg beachtenswerth. – Kecker und emancipationslustiger sind die Romane von Louise Aston , »Aus dem Leben einer Frau«, »Lydia«, u. s. w., einer Dichterin, deren Gedichte »Wilde Rosen« gleichfalls zarte Gemüther nicht wenig erschreckten, die sich aber, wie ihr unvergessen bleiben soll, im Schleswig-Holstein-Kriege mit aufopfernder Treue der Verwundeten-Pflege widmete und so bewies, daß die an der Dichterin vermißte Weiblichkeit, der Frau keineswegs verloren gegangen war. Hier möge nun unmittelbar ein gleichzeitiger Erzähler folgen, welcher den Interessen der Gegenwart desto fremder, das Leben durchaus von poetischer Seite auffaßt, ohne daß es ihm darum jedoch an Tiefe fehlte oder daß er der Natur und Wirklichkeit untreu würde. Das ist Adalbert Stifter , geboren 1806 in Böhmen, gestorben als Schulrath zu Linz 1868, in welchem wir, obgleich er unseres Wissens nur Prosa schrieb, dennoch ein rein dichterisches Talent von nicht geringem Range zu erkennen und zu bewundern haben. In der Sammlung von Erzählungen, welche unter dem Titel »Studien« veröffentlicht wurde, – wir nennen von ihnen hier nur beispielshalber »Den Hochwald«, »Die Narrenburg«, »Zwei Schwestern«, – ist alles Gemüth und Empfindung und finden Natur und Leben sich auf das poesievollste wiedergespiegelt. So angeschaut sind sie einzig in ihrer Art und gehören zu den anmuthigsten Schöpfungen des deutschen Dichtergeistes: der innige Zusammenhang der Gemüthswelt mit der Natur findet sich nirgends reizender dargestellt, und Seele und Herz des Menschen wurden niemals mit größerer Zartheit bis in ihre stillsten und geheimsten Tiefen durchforscht und uns enthüllt. Aber als Erzählungen angesehen, leiden diese duftigen und poetischen Natur- und Lebensbilder an einer empfindungsseligen Weichheit und Zerflossenheit, welche den Leser um so leichter ermatten laßt, als die Handlung in ihnen meistens gleich Null ist. – Vor allem aber fehlte es diesem schönen Talent an Dauerhaftigkeit. Schon die nächsten Werke, »Bunte Steine« und »Der Nachsommer«, offenbaren ein bedauerliches Nachlassen, und die letzte historische Erzählung, »Witiko«, erwies sich als ein durchaus schwaches Product. 56. Die Schriftsteller des »jungen Deutschlands« hatten sich mit großem Ungestüm und gewaltigem Lärm in die neue Bewegung gestürzt und sich mit Emphase selber als ihre Stimmführer und die Männer der Zeit ausgerufen. Sie kehrten jedoch bekanntlich sehr bald zur schicklichen Ruhe und Ordnung zurück. Anders stand es mit einer Reihe von Anderen, welche gleichfalls in diesen oder den nächstfolgenden Jahren in die neue Zeit eintraten und mit Entschiedenheit, Klarheit und Charakter auf den Gebieten des geistigen und Kulturlebens sowie der Wissenschaft ihre – selbstverständlich als revolutionär erkannten – Verkündiger und Verfechter wurden. Zu ihnen gehören David Strauß , 1808-1874, der weniger noch durch das bekannte »Leben Jesu«, als durch seine späteren biographischen und anderen kleineren Schriften sich den geistvollsten und gediegensten Schriftstellern unseres Jahrhunderts anschließt; die kampflustigen Gebrüder Bauer , Bruno , geb. 1809, und Edgar , geb. 1821; Arthur Schopenhauer , 1788-1860, dessen Philosophie erst in dieser Zeit mehr Beachtung zu finden begann, und der andere neue Bahnbrecher auf dem gleichen Gebiet, Ludwig Feuerbach , 1804-1872; Arnold Ruge , geb. 1802, endlich und Theodor Echtermeyer , 1805-1844, die Herausgeber der epochemachenden »Hallischen – später »Deutschen Jahrbücher«. Die Bewegung gewann von Tag zu Tag an Kraft und Ausdehnung, die Spannung der Geister wurde stets eine größere, und als im Juni 1840 Friedrich Wilhelm III., der letzte Mitbegründer der »heiligen Alliance« und einer von den zugleich ängstlichsten und starrsten Hütern und Vertretern der alten stillen Zeit, starb, brach es allerwärts durch und aus. Man wähnte ein neues Zeitalter gekommen und begrüßte, nicht bloß in der großen, leicht fortzureißenden Masse des Volks, sondern auch in den Kreisen der gebildetsten, einsichtsvollsten und kaltblütigsten Männer, den neuen König Friedrich Wilhelm IV., mit erstaunlicher Hoffens- und Vertrauensseligkeit, als den Erlöser und Erwecker des unruhig träumenden Deutschlands, als denjenigen, der alle Fesseln sprengen und überall »der Freiheit eine Gasse« brechen würde. Und es erleichterte die Ausbreitung dieser Vertrauensseligkeit über das ganze, auch außerpreußische Deutschland nicht wenig, daß sich dasselbe grade einmal wieder in Folge der französischen Kriegs- und Rheingrenzen-Schwadronnage in seiner Zusammengehörigkeit zu fühlen begann, und daß selbst die ersten Versprechungen und auch einzelne Handlungen des neuen Regenten den gewaltigen Hoffnungen wenigstens nicht direct widersprachen. Aber man hatte die Rechnung ohne den Wirth, d. h. nicht bloß ohne den unerschütterten alten unheimlichen Staatskünstler zu Wien, sondern auch ohne – die Natur, Schulung und Gesinnung des neuen Königs selber gemacht, des »Romantikers auf dem Throne«. Die Enttäuschung folgte der Hoffnung und dem Vertrauen bekanntlich schon im gleichen Herbst auf das grausamste, und damit erhob sich die Bewegung vor allem auf dem politischen Gebiet mit neuer Kraft und setzte sich unaufhaltsam und stets zunehmend bis zu dem ungestümen, unglücklichen Ausbruch in den Jahren 1848 und 1849 fort. Aus der Zahl der Kämpfer auf diesem Gebiet nennen wir, da die politische Prosaliteratur sich unserer Behandlung in diesem Buche entzieht, nur zwei. Johann Jacoby , geboren zu Königsberg 1805, dessen Broschüre, »Vier Fragen, beantwortet von einem Ostpreußen« inzwischen zu einem historischen Document ersten Ranges geworden ist, hat sich auch in anderen philosophischen, naturwissenschaftlichen und literarhistorischen Abhandlungen als einen Geist von Frische, Kraft und Originalität bewährt. Ihm können selbst die politischen Gegner die Anerkennung nicht versagen, daß er einer der am schärfsten und klarsten denkenden Köpfe der Gegenwart und einer der fleckenlosesten Charaktere unsrer Zeit ist, ein Mann, der seiner Ueberzeugung treu blieb sein ganzes Lebenlang und nie vor einem Opfer zurückwich, das aus einer solchen Treue ihm erwuchs – etwas unter allen Umständen Großes in unserer Zeit der Windfahnen. – Der andere, ihm in jeder Richtung ebenbürtige, ist Ludwig Walesrode , geboren 1810 zu Altona, aber in den vierziger Jahren gleichfalls zu Königsberg lebend. Walesrode ist nicht productiv, und das ist ernstlich zu bedauern, denn er hat alles und bewährt, wo er wirklich einmal auftritt, alles, was nicht den brillanten, aber den großen und einflußreichen politischen Schriftsteller macht: Gedankenreichthum und Gedankentiefe, eine eminente Verstandesschärfe, einen –unter Umständen – vernichtenden Spott, einen glänzenden Witz und zur Ausgleichung einen bald trockenen, bald hoch liebenswürdigen Humor, der auch den ihm Abgeneigten begütigt und mit fortzieht. Dazu gesellt sich endlich in allen seinen Schriften und Stücklein eine – wir müssen schon sagen: Gewalt der Rede und eine Kraft und Schönheit des Ausdrucks, die den Leser vollends fesseln und die Gegner von Anfang an als geschlagene erscheinen lassen. Denn Walesrode's Bildung ist die gediegenste und gründlichste und seinen Stoff und sein Thema nebst allem, was bei ihrer Behandlung in Betracht kommen kann, beherrscht und kennt niemand vollständiger als er. Seine kleinen Schriften, wie die »Politische Todtenschau«, »Unterthänige Reden«, »Glossen und Randzeichnungen zu Texten aus unserer Zeit« u. s. w. stehen in unserer politischen Literatur unübertroffen da. Daneben aber bezeugen andere Stücklein, wie das Märchen »Der Storch von Nordenthal«, oder die Humoresken, »Die Neumannsinsel«, »Aus dem Leben eines Stiefelknechts« und dergleichen auch ein überaus ansprechendes Erzählungs- oder richtiger gesagt: Plauder- und Darstellungstalent, das die Leser auf das heiterste zu unterhalten versteht. Neuerdings hat Walesrode begonnen, Bruchstücke aus seiner Lebensgeschichte zu veröffentlichen, ein Beginnen, dem man den raschesten Fortgang wünschen muß. Ein solches Werk, aus diesem Leben, diesem Geist und von dieser Feder muß für die Geschichte des deutschen Kultur- und inneren politischen Lebens während der letzten vierzig Jahre eines der wichtigsten und interessantesten werden, von allen, die geschrieben werden können. Nun aber drängen sich uns desto zahlreicher die politischen Dichter entgegen – wie wir oben sagten, daß es nur wenige vereinzelte Erzähler dieser Zeit gibt, die nicht irgend einmal sich an einer Dorfgeschichte versucht hätten, so dürfen wir auch hier aussprechen, daß sich nur wenige Dichter finden, deren Dichtungen nicht gelegentlich immer wieder Zeugniß ablegten von der Tiefe und Ausbreitung der politischen Bewegung. Wie es in Deutschland stand, können die Heutigen schon daraus schließen, daß einzelne Lieder, wie das unbedeutende »Rheinlied« des als »Dichter« kaum erwähnenswerthen Nikolaus Becker , »Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein«, oder das treffliche »Schleswig-Holstein, meerumschlungen«, von dem als Verfasser erst viel später bekannt gewordenen M. F. Chemnitz , im ganzen Deutschland mit der höchsten Begeisterung aufgenommen wurden und auf allen Stegen, Wegen und Gassen, in allen Kreisen gesungen wurden. Hier begegnet uns als der bedeutendste, wenn auch nicht erste, Georg Herwegh , geboren zu Stuttgart 1817, gestorben am 7. April 1875 zu Baden, dessen »Gedichte eines Lebendigen« im Jahre 1841 ganz Deutschland mit Staunen erfüllten und in einen Rausch der Begeisterung und Bewunderung versetzten. Selbst die Gegner wurden besiegt und fortgerissen, denn auch sie mußten wohl bekennen, daß Aehnliches bei uns daheim noch nie gesungen und belauscht worden war. Aus diesen Versen und Rythmen, in dieser Sprache, sprach kein bloßer dichterischer »Schwung«, sondern schlug eine gewaltige, glänzende Flamme empor; da war keine Allegorie mehr und kein schüchternes Tasten und Deuten, kein in die Ferne Schweifen, sondern die offene volle Wirklichkeit, der feste, harte Griff, die Heimat, in all ihrem Reichthum und all ihrer Armuth, in allen Hoffnungen und Enttäuschungen der Gegenwart. Das alles erklang obendarein und erbrauste in einer Sprache und erfüllte eine Form, die nicht schlichter und einfacher, nicht volksthümlicher, nicht melodischer und vollendeter gedacht werden konnten; und endlich brachen immer wieder von Zeit zu Zeit Herzens- und Empfindungslaute von einer Tiefe und Innigkeit hervor, welche nur dem wahren Dichter eignen. Gedichte, wie das treffliche »Reiterlied« – »Die bange Nacht ist nun herum«, – der zornige »Aufruf« – »Reißt die Kreuze aus der Erden«, – und »das Lied vom Hasse«, das schöne »Beranger«, der ernste »Gang um Mitternacht«, das bekannte, »Ich möchte hingehn wie das Abendroth«, und wie sie sonst alle erklingen, werden neben nicht wenigen der Sonette und Xenien stets zu den Schätzen unserer Poesie gerechnet werden müssen. Aber dies Feuer verflammte schnell. Herwegh verstummte alsbald und für immer fast vollständig und hat auch im politischen Leben nie einen hervorragenden Platz eingenommen. Franz Dingelstedt , geboren 1814 in Hessen, anfangs im Lehramt, später Bibliothekar in Stuttgart und neuerdings an verschiedenen Orten mit der Leitung größerer Bühnen betraut, hat sich in der Novellistik durch »Friedliche Erzählungen«, »Novellenbuch«, »Die Amazone«, Unter der Erde«, u. s. w. und durch seine poesie- und empfindungsvollen »Gedichte« rühmlich bekannt gemacht. Als politischer Dichter machte er durch die »Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters« und die Zeitgedichte »Nacht und Morgen« Aufsehen und sicherte sich zwischen den übrigen einen hervorragenden Platz. Eine Tragödie, »Das Haus der Barneveldt«, wird gerühmt. Ein bedeutendes, wenn auch nicht dichterisch hohes, aber tüchtiges und gesundes Talent zeigt uns Robert Prutz , geboren zu Stettin 1816, gestorben nach langen Leiden 1872. Seine »Gedichte« und »Neuen Gedichte« gehören zu den kräftigsten und gesinnungstüchtigsten; sein Aristophanes-Lustspiel, »Die politische Wochenstube«, in dem er mit kühnem Freimuth alle Schäden und Gebrechen – man könnte hinzusetzen: auch die »gebrechlichen« Menschen der Zeit angreift und verspottet, ist ein Stücklein voll Satire, Spott und schlagendem Witz, das nicht bloß als Product der damaligen Bewegung bekannt bleiben sollte. So hat alles, was er schrieb, Hand und Fuß; seine historischen Dramen, »Moritz von Sachsen«, »Karl von Bourbon«, »Erich, der Bauernkönig«, erheben sich, ob auch allzu tendenziös, im Uebrigen weit über die meisten ähnlichen zeitgenössischen Schöpfungen; die Romane »Das Engelchen«, »Der Musikantenthurm«, »Helene, ein Frauenleben«, u. s. w. zeichnen sich auch heut noch in unserer erzählenden Literaten aus, und die späteren Gedichte, »Aus der Heimat« und »Herbstrosen«, sind voll einer Empfindung und Innigkeit, die um so tiefer ergreifen, je seltener wir ähnlichen Offenbarungen dieses männlichen und charaktervollen Dichters zu lauschen haben. Am bedeutendsten und verdienstlichsten aber ist Prutz auf dem literarhistorischen Gebiet. »Der Göttinger Dichterbund«, »Geschichte des deutschen Journalismus«, »Die deutsche Literatur der Gegenwart«, »Menschen und Bücher«, »Ludwig Holberg«, das »Literarhistorische Taschenbuch«, und seine Zeitschrift, »Deutsches Museum«, und andere Schriften dieser Art zeigen ihn uns stets als einen Schriftsteller von Kenntnissen, von Einsicht, von Geschmack und von vorurtheilsloser Gerechtigkeit. Ein ebenso gründlicher Kenner und eifriger Forscher auf sprachlichem und literarhistorischem Gebiet und einer unserer fruchtbarsten und heitersten Lieder sänger ist August Heinrich Hoffmann , von Fallersleben , geboren 1798, gestorben zu Corvey im Januar 1874. Seine Professur in Breslau verlor er 1840 wegen seiner »Unpolitischen Lieder«, und zog seitdem, ein ächter »fahrender Sänger«, umher, bis der Herzog von Ratibor ihm bei der Bibliothek zu Corvey einen Ruheplatz gewährte. Hoffmanns Talent grade als Liedersänger ist ein ganz eminentes. Es erinnert an dasjenige Rückerts: es feiert niemals und versagt niemals; die Lieder sind da, man weiß nicht wie, und stets voll Anmuth und Liebenswürdigkeit, voll Naivetät und Frische, heiter und innig, spielend mit Spott und Satire und dennoch scharf treffend, wie es Stoff und Veranlassung, Gelegenheit und Zeit mit sich bringen. Vor allem aber – und darin freilich unterscheidet er sich von Rückert! – wird er niemals lehrhaft, sondern bleibt stets dem Leben und der Gegenwart zugewendet, ein treuer Sohn der Heimat und der Zeit. Es gibt in Deutschland keine Poesie, die singbarer wäre: man möchte sagen, alle diese Lieder und Liederchen singen uns mit ihrer eigenen Melodie an, die zugleich mit den Worten geboren wurde. – Seine sprachlichen und literarhistorischen Werke sind ebenso zahlreich wie die verschiedenen Liedersammlungen und lassen uns sein Gedächtniß stets in Ehren halten. Die » Horae belgicae «, die »Fundgruben für Geschichte der deutschen Sprache und Literatur«, »Das deutsche Kirchenlied«, »Deutsche Gesellschaftslieder«, » In dulci jubilo «, »Spenden zur deutschen Literaturgeschichte«, »Findlinge« u. s. w. sind alles Früchte gründlicher Studien und Zeugnisse einer Belesenheit, einer Kenntniß der älteren Literatur und eines Sammlerfleißes, die ihres Gleichen suchen. Schließlich soll hier auch noch seiner Selbstbiographie, »Mein Leben«, als eines werthvollen Beitrags zur Geschichte seiner Zeit erwähnt sein. Um auch noch anderer zu gedenken, so erinnern wir an die ungestümen und zornigen Lieder von Karl Heinzen , und die charakter- und schwungvollen Gedichte von dem trefflichen, gesinnungstreuen Schwaben, Ludwig Seeger , 1810-1864, in seiner Sammlung, »Der Sohn der Zeit«. Er nimmt aber auch unter den neueren Lyrikern überhaupt einen hervorragenden Platz ein durch seine gemüthstiefen und formenschönen Lieder und anmuthigen Naturbilder, die viel zu wenig bekannt geworden sind. Hieher gehören ferner zwei der glänzendsten und größten Talente, welche die Neuzeit kennen gelernt hat, beide durch den Tod uns und der Literatur zu früh entrissen, Moritz Graf von Strachwitz , 1822-1847, und Georg Spiller von Hauenschild , bekannter unter seinem Schriftstellernamen Max Waldau , 1822-1855. – Durch die Gedichte des Ersteren – »Lieder eines Erwachenden« und »Neue Gedichte«, geht ein aristokratischer und ritterlicher Zug, ohne daß sie darum der Zeit und ihrer Bewegung sich entfremdet zeigten. Und neben dem Schwung, der Begeisterung, der Kraft und dem edlen Zorn, neben der Gemüthstiefe und Naturandacht, zeichnet sie eine fast durchweg vollendete Form und schöne Sprache aus. – Von noch größerer Tiefe und noch höherem und reicherem Geist, begabt obendarein mit einem eigenartigen Humor, ist der zweite. Seine »Blätter im Winde« und die »Canzonen« – die schönste von ihnen, »O diese Zeit«, erschien besonders –, sein Idyll »Cordula, eine Graubündner Sage«, seine erzählenden Werke, »Nach der Natur« und »Aus der Junkerwelt«, sichern ihm einen der ehrenvollsten Plätze auf unserm Parnaß. Schon während der Revolutionsjahre und zur Zeit der ärgsten Reaction singen voll ungebrochenen Muthes andere. Beachtung verdient Heinrich Zeise , um seiner kräftigen »Kampf- und Schwertlieder« und seiner poesievollen »Gedichte« willen; Bernhard Endrulat 's, geb. 1824, »Gedichte« sind voll Begeisterung und seine erzählenden Dichtungen, »Geschichten und Gestalten« verrathen ein schönes Talent. Kräftiger und frischer noch singt Adolf Strodtmann , geb. 1829 (?) zu Flensburg, in seinen »Gedichten«, »Brutus, schläfst du?« u. s. w. Bekannter wurde er neuerdings durch seine guten biographischen Arbeiten und die trefflichen Ausgaben der Heine'schen Schriften und des Bürger'schen Briefwechsels. – Eine gewaltig einherstürmende, die Form überstürzende und dennoch gedankenschwere, ja philosophische Poesie spricht uns aus dem »Hohen Liede« und »Victor« von Titus Ullrich an. – Wilhelm Jordan , geb. 1819 zu Insterburg, schloß sich in seinen ersten Gedichten – »Schaum« – der revolutionären Bewegung an, von welcher er sich aber nach 1848 abwandte. Sein »Demiurgos« ist eine Art von Faustiade in episch-dramatischer Form und von außerordentlichem Umfang. Seine Dramen und Lustspiele »Die Wittwe des Agis«, »Der Liebesleugner«, u. s. w. sind beifällig aufgenommen worden. Neuerdings hat er durch sein großes episches Gedicht »Nibelunge«, eine Tiefer- und Weiterdichtung unseres Nationalepos, nicht geringes Aufsehen gemacht – ein Werk von unleugbarer Größe und reich an dichterischer Schönheit. Moritz Hartmann , am 15. October 1821 geboren und gestorben am 13. Mai 1872, machte sich durch seine ersten Dichtungen, »Kelch und Schwert« und »Neuere Gedichte« rasch bekannt und documentirte sein großes Dichtertalent schon durch die in dem ersteren Werk enthaltenen ergreifend schönen »Böhmischen Elegien« auf das glänzendste. Während der Revolutionsjahre und gleich nach ihnen erschienen die satirische »Reimchronik des Pfaffen Mauritius« und das anmuthige Idyll, »Adam und Eva«. Später brachten auch die »Schatten« einzelne köstliche Lieder und in den kürzlich erschienenen »Gesammelten Werken« finden sich wiederum solche, die zu den Perlen unserer Poesie gehören. Aber Moritz Hartmann hat es nicht bei Dichtungen bewenden lassen. Er hat eine große publicistische Thätigkeit entfaltet; er hat Schilderungen von Land und Leuten geliefert – »Wanderungen durch celtisches Land«, »Briefe aus Dublin«, »Tagebuch aus Languedoc und Provence« u. s. w.; er lieferte eine nicht geringe Anzahl Märchen und von größeren und kleineren Erzählungen, »Der Krieg um den Wald«, »Erzählungen meiner Freunde«, »eines Unstäten«, »Nach der Natur«, »Die letzten Tage eines Königs« u. s. w. Und überall finden wir ihn als ächten Dichter, der stets den Eingebungen der Muse gehorcht, der stets mit vollem, warmem Herzen schafft, und als einen Erzähler, dessen einfache und schöne, graziöse und anmuthige Darstellung, dessen tiefe Herzenskenntniß, dessen freisinnige und ächt humane Lebensanschauung selbst seinen kleinsten Arbeiten und den unbedeutendsten Stoffen einen ganz einzigen Reiz und eine unwiderstehliche Anziehungskraft verleiht. Kurz, Moritz Hartmann ist, wo und wie er uns auch begegnet, ein Dichter, den wir hoch in Ehren halten sollen, und auch seine Werke beweisen uns trotz alles Wirbels und Schwindels der Gegenwart, daß es mit wahrer Poesie und Kunst in Deutschland noch nicht zu Ende geht. Ein nicht geringeres Talent erscheint in Alfred Meißner , geboren 1822. Seine »Gedichte«, sein »Ziska« sind voll Feuer, Leidenschaft und ungemeiner Kraft. Sein »Sohn des Atta Troll. Ein Wintermärchen«, an Heine's Dichtung anknüpfend, ergießt einen bitteren Spott über die verunglückte deutsche Revolution. Seine Tragödie, »Das Weib des Urias« ist, obschon nicht bühnengerecht, ein Werk von hoher dichterischer Schönheit. In seinem farbenprächtigen Roman »Sanfara« und in den, der österreichischen neuesten Geschichte entnommenen beiden Werken, »Schwarzgelb« und »Babel« bewährt er ein bedeutendes Compositions- und Darstellungstalent. Später aber ist er von dieser Höhe in sehr rasch auf einander folgenden neuen Schöpfungen heruntergestiegen, und Erzählungen wie seine neusten, »Der Bildhauer von Worms« und »Oriola« zeichnen sich durch nichts in der großen Flut der modernen Erzählungsliteratur mehr aus. Endlich seien hier noch ein paar von den politischen Dichtern und Schriftstellern genannt, welche meistens viel zu vornehm ignorirt werden: Adolf Glaßbrenner , geb. 1816, der Satiriker und Humorist, der Verfasser von »Berlin, wie es ist und – trinkt«, »Caspar, der Mensch«, »Der neue Reinecke Fuchs«, Herausgeber des »humoristischen Volkskalenders«. Und die beiden Redacteure des »Kladderadatsch«, E. Dohm und der auch als Dichter reizender Kinderlieder bekannte Rudolf Löwenstein . Von Beiden ist mehr als ein Gedicht in jenem Witzblatt zu finden, das zu unseren besten gehört. Die Dramatiker blieben gleichfalls nicht hinter der Zeit und ihrer Bewegung zurück: an ihnen offenbarte es sich, daß Grabbe's formlose Gewaltigkeit, trotz aller vornehmen Ablehnung und Mißachtung, welche die Schöpfungen des Unglücklichen am liebsten für gar nicht vorhanden erklären zu wollen schienen, dennoch nicht eines tiefen Eindrucks verfehlt hatte und mehr als ein verwandtes, in sich klareres Talent auf seine Bahnen nachzog. Georg Büchner , geboren 1813 im Hessischen und gestorben als politischer Flüchtling 1837 zu Zürich, war hier mit seinem wilden, aber genialen dramatischen Gemälde, »Dantons Tod«, vorangegangen, einer Schöpfung, welche den frühen Tod ihres Dichters als einen schweren Verlust für die Poesie überhaupt beklagen ließ. – Ihm folgte schon in den nächsten Jahren eines der größten und markigsten Talente, die sich auf diesem Gebiete jemals hervorgethan haben, weßhalb es denn um so mehr zu bedauern ist, daß die ihm anklebende Schroffheit und Herbigkeit die allgemeine Anerkennung und volle Würdigung stets beeinträchtigen mußte: Friedrich Hebbel , geboren in Dithmarschen 1813, gestorben zu Wien 1863. Seine Tragödien »Judith«, »Maria Magdalena«, »Herodes und Mariamne«, »Der Ring des Gyges«, und neben den übrigen vor allen »Die Nibelungen«, sein letztes Werk, sind voll einer ächten und gewaltigen Tragik, von einem Gedankenreichthum und einer Gedankentiefe, von hoher Kraft der Gestaltung und des Ausdrucks, und endlich so reich an genialen und schönen Zügen, daß selbst jene Herbigkeit und Schroffheit den tiefsten Eindruck nicht zu hindern vermag. – Seine Lustspiele, z. B. »Der Diamant«, sind unbedeutend, dagegen findet man jene Gedankentiefe auch in seinen »Gedichten« wieder, und zwischen seinen »Erzählungen«, finden sich, neben den ernsten, nicht selten an Herbigkeit, ja Graßheit leidenden, einzelne Humoresken der gelungensten Art. Von tüchtiger Bildung und künstlerischem Geist zeugen die bühnengerechten, aber häufig an innerer Ueberschwänglichkeit leidenden Stücke, »Robespierre« und »Die Girondisten«, von Robert Griepenkerl , geb. 1810 in der Schweiz, der seinerzeit hochgefeiert, 1868 zu Braunschweig vergessen und in den trostlosesten Verhältnissen starb. – Ein bewegtes Leben und eine außerordentliche Naturwahrheit, vereint mit einer markigen Gestaltungskraft zeigen uns die Tragödien von Otto Ludwig , einem Thüringer, geboren 1813 (? 1815) und gestorben nach vieljährigen, traurigen Leiden zu Dresden 1865, »Der Erbförster« und »Die Makkabäer«. Bekannter noch wurde seine, in Ansehung der Darstellung und Charakterzeichnung hervorragende, aber durch grasse Einzelzüge und Schilderungen unerquickliche Novelle »Zwischen Himmel und Erde«. – J. L. Klein , geb. 1810, ein Ungar, aber in Berlin lebend, hat seit Anfang der vierziger Jahre zahlreiche Stücke geschrieben, welche unleugbar interessant und talentvoll, dennoch mehr nur in Literaturkreisen bekannt wurden und zum Ansehen gelangten. Ein beachtenswerthes Bühnengeschick und schöne, nicht selten fortreißende Diction zeigen die, in der Composition aber häufig mangelhaften Stücke von dem jüngeren S. Mosenthal , geb. 1821, »Deborah«, »Der Sonnenwendhof«, »Der Schulz von Altenbüren«, u. s. w. – Hier ist auch eine Schriftstellerin, Elise Schmidt , geb. 1827, zu nennen, deren »Judas Ischarioth«, viel Kraft und wirkliche dramatische Begabung verräth. Nicht nach steht ihm das spätere Stück »Macchiavelli«, wogegen ihre Erzählungen, z. B. »Zeitgenossen«, entschieden unreif sind. Ferner führen wir noch den Königsberger Albert Dulk , geb. 1819, gegenwärtig in Stuttgart lebend, an, einen Dramatiker von außerordentlicher, aber freilich auch ungefüger Kraft und einer gelegentlich bis zum Bizarren gesteigerten Originalität. Seine Dramen, »Orla«, »Simson«, »Jesus der Christ«, verdienen trotzdem mehr Beachtung, als sie gefunden haben. – Und endlich sei Arnold Schlönbach genannt, 1817-1866, ein eigenartiges und naturwüchsiges Talent von überschäumender, wilder Kraft. Das bezeugen nicht nur seine hierher gehörende Tragödie, »Burgund und Waldmann«, sowie das brave epische Gedicht, »Der Stedinger Freiheitskampf«, sondern auch seine Erzählungen und seine, auch sonst höchst bemerkenswerthen, unter dem Titel »Weltseele« veröffentlichten Gedichte. Daß auch die Prosa-, d. h. Erzählungsliteratur nicht hinter der Zeit zurückblieb, sondern der demokratischen oder richtiger revolutionären Strömung mit vollen Segeln folgte, braucht nicht erst versichert zu werden. Doch sieht es hier bei weitem dürftiger aus als auf den Gebieten der Dichtung und können wir uns begnügen, außer den früher schon erwähnten, z. B. Willkomms »Europamüden«, hier nur einzelne Namen und Titel zu nennen, wie Ernst Dronke 's »Polizeigeschichten«, Louise Otto 's – einer bis heute thätigen Schriftstellerin, Roman »Schloß und Fabrik«, »Schicksale eines Proletariers« von Eichholz , »Fürst und Proletarier« von Th. Oelckers , von dem es außer wahrhaft schönen »Gedichten«, auch noch zahlreiche andere anerkennungswerthe Romane und Erzählungen, z. B. »Humoristische Geschichten«, gibt, u. s. w. Schließlich möge auch noch der Roman von dem früher bei Fanny Lewald erwähnten Adolf Stahr , »Die Republikaner in Neapel« genannt werden, ein glühende Begeisterung und den ganzen revolutionären Ungestüm athmendes Werk. 57. Wir gelangen nunmehr vorerst zu einigen Dichtern dieser Jahre, welche sich persönlich der Zeit nicht fern stellend und der allgemeinen Bewegung vielleicht nicht fremd bleibend, in ihren Schöpfungen dennoch kaum etwas von solcher Theilnahme offenbaren. Der bedeutendste von ihnen, Gottfried Kinkel , ist 1815 zu Oberkassel bei Bonn geboren. Er studirte Theologie und hielt hernach theologische Vorlesungen in Bonn, bis er als Hülfsprediger und Gymnasiallehrer angestellt wurde. Er hat Predigten herausgegeben und, als er seiner theologischen Richtung wegen angefochten ward und an der Universität Vorlesungen über Kunstgeschichte und Literatur hielt, eine gerühmte »Geschichte der bildenden Künste bei den christlichen Völkern« geschrieben. In Folge seiner Betheiligung an der Revolution von 1848 und 1849 wurde er bekanntlich zum Zuchthause verurtheilt, entfloh aber von Spandau und lebte darauf meistens in London, bis er 1866 als Professor der Kunstgeschichte an das Polytechnikum zu Zürich berufen wurde. Kinkels »Gedichte«, die zuerst 1843 erschienen, zeichnen sich nicht nur durch ihre tiefe Gemüthsinnigkeit, sondern auch durch die heitere und gesunde Lebensauffassung und – wie z. B. in dem Cyclus »Die Weine«, einen frischen, höchst ansprechenden Humor aus. Dazu gesellen sich eine Anschaulichkeit, Kraft und Anmuth seiner Schilderungen und endlich eine Schönheit und Melodie der Form und Sprache, welche diesen Gedichten für immer in unserer Poesie einen der besten Plätze sichern. Und einzelne, wie der schöne »Gruß an mein Weib«, »Abendstille«: »Nun hat am klaren Frühlingstage«; »Trost der Nacht«: »Es heilt die Nacht des Tages Wunden«, und vor manchen weiteren das bekannte »Geistliche Abendlied« – »Es ist so still geworden, Verrauscht des Abends Wehn, Nun hört man allerorten Der Engel Füße gehn. Rings in die Thale senket Sich Finsterniß mit Macht – Wirf ab, Herz, was dich kränket Und was dir bange macht.« u. s. w. gesellen sich zu jenen, die wir als die Perlen unserer Lyrik bewundern. – Doch zeigen schon die »Bilder aus Welt und Vorzeit«, daß Kinkels Talent ein vorwiegend episches ist. »Dietrich von Berne«, »Scipio«, »Der Maure von Tetuan«, u. s. w. sind Gedichte voll außerordentlicher Anschaulichkeit und hoher Plastik. Die Krone seiner Schöpfungen auf diesem Gebiet aber ist »Otto, der Schütz«, nach einer, auch von anderen Dichtern schon benützten, rheinischen Sage, eine Dichtung voll poetischen Gehalts, voll Tiefe und Innigkeit der Empfindung, von ungemeiner Frische und Anmuth in der Darstellung und reich an den glänzendsten Schilderungen: rheinisches Leben und rheinische Natur erschließt sich uns nirgends reizender. Man darf dies Gedicht unbedenklich für das beste seiner Art in unserer Poesie erklären, und selbst Kinkel hat in seiner späteren ähnlichen Dichtung, »Der Grobschmied von Antwerpen« sich nicht wieder zur Höhe der ersten zu erheben vermocht. – Seine politisirenden Gedichte, ein paar dramatische Jugendversuche und auch eine spätere Tragödie »Nimrod«, sind von keiner Bedeutung. Dagegen erheben sich die, im Verein mit seiner, 1858 zu London verstorbenen ersten Gattin, Johanna Mockel , geschriebenen »Erzählungen« – z. B. »Die Heimatlosen«, »Margret«, »Der Hauskrieg« u. s. w. – durch treffliche Darstellung, scharfe Charakterzeichnung und Anschaulichkeit der Schilderungen aus dem Volks- und Naturleben, weit über den größten Theil der damaligen erzählenden Literatur. Schließlich erwähnen wir, daß nach dem Tode seiner genannten ersten Frau ein Roman derselben, »Hans Ibeles in London«, erschien, welcher von neuem ihr schönes Erzählertalent bekundete. Ein glücklicher, phantasievoller Dichter ist Wolfgang Müller von Königswinter , geboren 1816, gestorben im Juni 1873. Seine »Gedichte«, »Balladen und Romanzen«, »Junge Lieder«, das Rheinsagenbuch »Loreley«, »Die Maikönigin«, »Prinz Minnewin«, »Rheinfahrt«, »Johann von Werth«, »Sommertage am Siebengebirge«, u. s. w. sind alles, wenn auch nicht hervorragende, aber heitere und anmuthige Schöpfungen. Ihm ähnlich ist Alexander Kaufmann , geboren 1821, zu Wertheim lebend, in seinen leichten und angenehmen Gedichten. Als seine Gattin lernen wir die begabte Dichterin Amara George kennen. – In seinen früheren Schöpfungen tritt hier auch der bereits früher erwähnte Hermann Rollet , geb. 1821 bei Wien, aber seit 1845 eine Zeitlang in Deutschland weilend, heran, während er später sich aus der anfänglichen Frische und Heiterkeit in unerquickliche Unklarheit verlor. – Otto Friedrich Gruppe , ein Danziger, geboren 1804, zeigt in seinen »Gedichten« und epischen Dichtungen, »Kaiser Karl«, »Firdusi«, nicht geringe poetische Begabung, eine achtungswerthe Gabe der Darstellung, und zeichnet sich durch die Schönheit seiner Sprache und gelungene Form aus. – Gemüthvoller und inniger, stets einfach, frisch und gesund und, wo die Zeit ihn aufruft und der Stoff ihn begeistert, voll Kraft und Schwung, sind die Gedichte von Emil Rittershaus , geb. 1824 (?) zu Barmen, wo er auch gegenwärtig lebt. – Cäsar von Lengerke , 1803-1855, veröffentlichte Gedichte – »Gedichte«, »Lebensbilderbuch«, »Weltgeheimnisse« – voll Sinnigkeit, Empfindung und eines innigen Naturverständnisses. – Voll warmer Empfindung, edler Gesinnung und tiefen, religiösen Gefühls sind die »Gedichte« und die weitbekannten »Frommen Lieder« von Julius Sturm , geboren zu Köstritz, 1816. – Erinnernd an Rückerts und Leopold Schefers Spruchpoesie, erschienen von dieser Zeit an auch die weisheitsvollen und herzlichen, anmuthigen und gemüthlichen, formell meistens ausgezeichneten Dichtungen von Julius Hammer , 1810-1862, »Schau um dich und schau in dich«, »Zu allen guten Stunden«, »Fester Grund«, »Auf stillen Wegen«, »Lerne, liebe, lebe«. Stör' nicht den Traum der Kinder, Wenn eine Lust sie herzt; Ihr Weh' schmerzt sie nicht minder, Als Dich das Deine schmerzt! Es trägt wohl mancher Alte, Deß Herz längst nicht mehr flammt, Im Antlitz eine Falte, Die aus der Kindheit stammt. Leicht welkt die Blum', eh's Abend, Weil achtlos Du verwischt Den Tropfen Thau, der labend Am Morgen sie erfrischt. In Ch. F. Scherenberg , geb. 1798, finden wir einen streng patriotischen Dichter von keinem großen, aber durchaus eigenartigen Talent. Seine epischen Dichtungen »Waterloo«, »Leuthen«, Ligny«, »Hohenfriedberg«, »Abukir«, von denen das erste als das beste zu betrachten ist, sind Schlachtgemälde von einer gewissen primitiven Kraft, voll Bewegung, in gedrungener und markiger, aber auch oft harter und eckiger Darstellung und Sprache. Neuerdings hat er seinen Namen, der inzwischen fast verschollen war, durch eine Sammlung von Gedichten deutscher Dichter »Gegen Rom« in Erinnerung gebracht. F. A. von Heyden , 1789-1851, wurde zu dieser Zeit durch eine schon seit Jahren erschienene, aber bisher übersehene epische Dichtung, »Das Wort der Frau«, plötzlich zu einem Liebling des Publikums, – nicht mit Unrecht, da es ein kräftiges und frisches, lebens- und poesievolles Gemälde aus der Hohenstaufenzeit war, ein gutes Gegengift gegen die nach den Revolutionsjahren plötzlich wieder aufwuchernde Unnatur und süßliche Empfindungsspielerei. Einer solchen begegnen wir in dem gefeiertsten Werke dieser Zeit, der poetischen Erzählung »Amaranth« von O. v. Redwitz , geb. 1823 bei Ansbach, einer Schöpfung der reactionärsten Reaction auf kirchlichem, socialem, ja man möchte hinzufügen: auch auf poetischem Gebiet. In dieser Dichtung ist alles tendenziös. Die Menschengestalten, die Menschennaturen und die Menschenherzen sind so gut verfälscht und unwahr, wie das gesammte Mittelalter, das hier in einer mystischen Beleuchtung und Auffassung erscheint, welche von keinem der alten Romantiker überboten wurde; und wer die Natur mit liebevollen und verständnißinnigen Augen anzusehen versteht, wird auch hier, wo der Dichter am meisten bewundert wurde, häufig genug die reine Unnatur und Entstellung entdecken. Die ganz ungewöhnlich tiefe Wirkung dieser für Frauen und besonders für junge Mädchen gradezu gefährlichen Dichtung läßt sich nur einerseits durch die hochfromme, »christlich-germanische«, seit den Revolutionsstürmen von einem großen Theil des Publikums noch verbissener verfolgte Richtung, und andrerseits durch die tiefe Abspannung erklären, in welche man nach all der Aufregung der vorhergegangenen Jahre versunken war. – Die »Gedichte« des Verfassers und »Ein Märchen« leiden an allen Mängeln und Schäden der Amaranth-Dichtung, ohne daß die geringen Vorzüge derselben dies wieder gut machten. Seine ersten dramatischen Versuche, wie »Sieglinde«, »Philippine Welser«, sind durchaus mißlungen, und erst in den späteren, »Der Zunftmeister von Nürnberg«, »Der – übrigens an wunderlichen Einzelheiten reiche – Doge von Venedig« findet sich ein annähernd kräftiges dramatisches Leben. In seinem Roman »Hermann Stark«, erhebt der Dichter sich nach den beiden langweiligen ersten Bänden im dritten zu einer Art von gesunder Realität. Sein aus über fünfhundert Sonetten –! – zusammengesetztes »Lied vom neuen deutschen Reich«, leidet, ob auch nicht ohne gelungene einzelne Züge und gelegentlichen Schwung, an Skizzenhaftigkeit und formeller Ungelenkheit, und ist schon um seiner seltsamen Form willen als ein verunglückter Versuch aus diesem Felde zu betrachten. Gustav Gans zu Putlitz , geb. 1821, gegenwärtig Intendant des Karlsruher Hoftheaters, machte sich durch seinen phantasievollen, anmuthigen Märchenstrauß, »Was sich der Wald erzählt«, rasch und vortheilhaft bekannt. Später hat er sich meistens auf dramatischem Gebiet mit Glück bewegt, – wir nennen die Schauspiele, »Das Testament des großen Kurfürsten«. »Waldemar«, »Don Juan d'Austria«, die seinen Lustspiele, »Das Herz vergessen«, »Badekuren«, »Der Salzdirector« u. s. w. In nicht wenig Novellen bewährt er auch als Erzähler ein hübsches Talent: diese Arbeiten sind stets sauber angelegt und sein ausgeführt und durchweht von einem poetischen Hauch, der es dem Leser bald wohl werden läßt. Ein Roman »Die Nachtigall« ist trotz einzelner romantischer Nachklänge, eine durchweg brave und liebenswürdige Schöpfung. – Neuerdings hat er in seinen »Theater-Erinnerungen« einen interessanten Beitrag zu seinem eigenen Lebens- und Entwickelungsgange und zur deutschen Theatergeschichte geliefert. Ihm folgte unmittelbar nach Otto Roquette , geb. 1824 im Posenschen, eines unserer liebenswürdigsten neueren lyrisch-epischen Talente, mit seinem Rhein-, Wein- und Wandermärchen, »Waldmeisters Brautfahrt«, einem frischen, jugendlich heiteren, ächt poetischen Werklein. Von gleicher Frische, Innigkeit und Natürlichkeit sind auch die meisten seiner »Gedichte«. Das spätere epische Gedicht, »Der Tag von St. Jakob«, ist voll Klarheit und Kraft und ausgezeichnet durch vorzügliche Diction. Höher als diese und die übrigen früheren Schöpfungen, »Herr Heinrich«, »Hans Haidekukuk«, steht seine letzte, das dramatische Gedicht, »Gevatter Tod«, in welchem er den alten schönen tiefsinnigen Stoff des Volksmärchens zu einem gedankentiefen, an poetischen Schönheiten reichen Werke ausgearbeitet hat. Die Erzählungen und der Roman »Heinrich Falk«, muß man als weniger gelungen bezeichnen: Roquette ist und bleibt eben wesentlich Lyriker, der sich auf dem Gebiete der Erzählung weder zur vollen künstlerischen Klarheit, noch zur rechten Beherrschung seiner Stoffe erhebt. – Erwähnen wollen wir noch, daß er sich auch als Literarhistoriker versucht hat, in einer Monographie, »Joh. Chr. Günthers Leben und Dichten«, und in einer zweibändigen »Geschichte der deutschen Literatur«. Hier nennen wir ferner um seiner anmuthigen und poesievollen Dichtung »Euphorion« willen den Ostpreußen Ferdinand Gregorovius , geb. 1821, der mehr noch durch seine prächtigen Naturbilder »Corsika«, »Wanderungen in Italien«, »Die Insel Capri«, und durch seine gediegenen Geschichtswerke, »Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter« und »Lucrezia Borgia«, bekannt geworden ist. Ein schönes und ächtes Dichtertalent begegnet uns in Theodor Storm , geboren 1817 zu Husum, wo er auch jetzt wieder lebt. Seine anmuthige Idylle »Immensee« und seine »Gedichte« machten von Anfang an Aufsehen durch zarte Stimmung und seine Naturmalerei. Seine zahlreichen Erzählungen, Märchen u. s. w. »Im Sonnenschein«, »In der Sommermondnacht«, »Ein grünes Blatt«, u. s. w. zeichnen sich durch die gleichen Vorzüge aus, zu denen sich noch meistens eine hübsche Darstellung gesellt. Nur geht dieser Dichter auch in seinen Schilderungen oft gar zu sehr ins Detail und zeigt sich neuerdings von einer Weichheit, die oft hart an Sentimentalität streift und seinen Schöpfungen zuweilen fast den Stempel der Manier aufdrückt. Realistischer und kerniger ist Anton Niendorf , geb. 1826, in seinem liebenswürdigen Idyll, »Die Hegler Mühle«, einer Art von versisicirter märkischer Dorfgeschichte, welches viel Verfall fand. Seine »Gedichte« sind dagegen ziemlich leicht, und auch in seinen übrigen Werken, einem Lustspiel, Dichtungen, Sagen, Novellen u. s .w. – »Entfesselte Furien«, »Die Entsagungsurkunde«, »Wie man regiert«, u. s .w. hat er sich nicht wieder über die Alltäglichkeit erhoben. Um vieles höher, ja auf einem der ersten Plätze unter den neueren Dichtern, und als Uebersetzer, besonders russischer Dichterwerke und Shakespeare's, fast unerreicht, steht Friedrich Martin Bodenstedt da, geboren 1819 im Hannöver'schen, gegenwärtig in Meiningen lebend. Schon seine ersten Werke »Die Völker im Kaukasus« und »Tausend und ein Tag im Orient«, welche seinem mehrjährigen Aufenthalt zu Moskau und Tiflis ihre Entstehung verdankten, erregten die allgemeine Aufmerksamkeit und gleich darauf gewannen ihm die lebensfröhlichen und humorvollen, kecken und leichtsinnigen, aber unendlich anmuthigen und formell meisterhaften »Lieder des Mirza Schaffy«, aller Herzen. Auch seine, wieder der Heimat zugewandten »Gedichte«, die Sammlung »Aus der Heimat und Fremde«, sind reich an Stücken, welche seinen wahren Dichterberuf bekunden, und formell tadellos. Seine Uebersetzungen der Dichtungen Puschkin 's und Lermontoff 's und der Shakespeare-Sonette sind vielleicht das Vollendetste, das wir in dieser Richtung besitzen. Ein Werk »Shakespeare's Zeitgenossen und ihre Werke«, zeugt von seinen gründlichen Studien und umfassenden Kenntnissen. – Seine dramatischen Leistungen, z. B. »Demetrius«, sind dagegen nicht als gelungen zu bezeichnen, und während seine poetische Erzählung, »Ada, die Lesghierin«, ein farbenreiches Lebensbild aus dem Kaukasus ist und einzelne seiner Erzählungen auch auf diesem Gebiet sein Talent bewähren, leiden doch die meisten und so auch der Roman, »Das Herrenhaus im Eschenwalde«, an einer allzu großen Glätte und einer, durch sie noch gesteigerten, gewissen inneren Leblosigkeit. – Vor Kurzem erschienen Gedichte, »Aus dem Nachlasse Mirza Schaffy's«, welche sich den früheren nicht unwürdig an die Seite stellen. Am Schlusse des Abschnitts wollen wir noch zwei von den Bühnenherrschern dieser Tage anführen, welche ihre schriftstellerische oder, wenn man so will, schöpferische Thätigkeit fast ganz oder doch vorwiegend auf dem dramatischen Gebiete entfalteten. – Charlotte Birch-Pfeiffer , geboren 1800 zu Stuttgart und gestorben 1868 zu Berlin, selber zwar keine unserer größten Schauspielerinnen, aber immerhin eine bedeutende Darstellerin, hat vom Anfang der dreißiger Jahre an unser Repertoir durch eine ganz außerordentliche Zahl von Schau-, Trauer-, Rühr- und anderen Spielen erweitert, von denen nicht wenige bis auf den heutigen Tag als Zugstücke ersten Ranges anzuerkennen sind. Das Talent dieser Frau ist kein selbstständiges, sondern ein aneignendes: wo sie in Heimat oder Fremde, in Näh' oder Ferne irgend einen neubehandelten Stoff entdeckt, für den sich der, gleichviel ob gute oder schlechte, Geschmack des Publikums erklärt hat, da greift sie ihn frischweg auf und gestaltet ihn zu einem Bühnenstück, das, wenn auch kein Kunstwerk , dennoch in Ansehung der Spielbarkeit und Wirksamkeit und überhaupt als dramatische Composition und alles Technischen, sich über die meisten kunstvollen und ächt künstlerischen Werke der gleichzeitigen Dichter erhebt. Hier gibt es für die, verächtlich das Haupt schüttelnde Kritik und für die nicht minder verachtungsvoll herabschauenden Dramatiker noch viel anzuerkennen und zu beherzigen, was der Birch-Pfeiffer sozusagen angeboren, von ihnen erst gelernt werden muß. Von ihren Stücken nennen wir hier nur die bekanntesten: »Hinko«, »Pfeffer Rösel«, »Nacht und Morgen«, »Dorf und Stadt«, »Die Marquise von Billette«, »Die Waise von Lowood«, »Die Grille«, u. s. w. Von nicht geringerer Spielbarkeit und Wirksamkeit sind die gleichfalls ungemein zahlreichen, meist heiteren Stücke von Roderich Benedix , 1811-1873, der ebenso wie die Vorhergehende, früher selber Schauspieler war. Seine Lustspiele »Doktor Wespe«, »Das bemooste Haupt«, »Die Hochzeitsreise«, »Die Eifersüchtigen«, »Das Lügen«, »Die zärtlichen Verwandten« und wie sie sonst alle heißen, haben die Runde über die deutschen Bühnen gemacht und ergötzen und erheitern das Publikum noch immer. Künstlerisch betrachtet, stehen sie schon als Schöpfungen, die dem Geist ihres Verfassers selber entstammen, über den Arbeiten der Vorhergehenden. – Auch ein paar theoretische Schriften von Benedix, »Der mündliche Vortrag« und »Das Wesen des deutschen Rhythmus« sind brauchbare Bücher voll beherzigenswerther Winke, und die aus seinem Nachlasse veröffentlichte Schrift, »Die Shakespearomanie«, welche eben nach beliebter Weise todtgeschwiegen wird, hat trotz mancher Fehlgriffe doch unleugbar das Gute, daß sie sich einmal keck und kühn dem mit Shakespeare getriebenen Götzendienst entgegenwirft und uns mit Ernst und Würde auf unsere eigenen großen Dichter hinweist, die von den Vergötterern des Briten nur allzugern neben ihm kaum für voll angesehen und verkündet werden.   Achter Abschnitt. Die neueste Zeit seit dem Anfang der fünfziger Jahre. 58. Einen fortgesetzten, eingehenden und detaillirenden Bericht über die Literatur der letzten zwanzig Jahre, d. i. der vollen Gegenwart, wird kaum jemand von uns erwarten, welcher einmal ernstlich in diese Literatur hineingeschaut, oder richtiger gesagt, einmal den Versuch gemacht hat, wirklich in sie hineinzuschauen. Es ist ein böses Schauen auf Etwas, dem alle Stetigkeit und Klarheit, dem jede Originalität und jeder ausgesprochene Charakter fehlt. Es mögen uns immerhin einzelne schöne und reine, liebenswürdige und tröstliche Erscheinungen aufstoßen, aber ringsum sie her wirbelt die Alltäglichkeit und Gewöhnlichkeit, die Unfertigkeit und völlige Hohlheit desto wilder, betäubend und verwirrend dahin und nimmt uns Ruhe und Stimmung selbst für das Gute und Schöne. Wir sehen manche, die mit mehr oder weniger Glück den alten Richtungen folgen, ja hie und da zu längst verlassenen und vergessenen zurückkehren, um daselbst von neuem ihr Heil zu versuchen. Von einer neuen, die eröffnet worden, finden wir kaum ein Beispiel und noch seltener sehen wir sie auch festgehalten und von anderen gleichfalls aufgenommen. Die große Masse dagegen treibt in einer Richtung hin, die eigentlich gar keine mehr ist, da sie ins Wilde und Ziellose hineinführt, höchstens dem »Erfolge« zu, dem großen Götzen des Tages. Wir finden, um von den Aelteren zu schweigen, die früher auftretend, mit mehr oder weniger frischer Kraft auch noch durch diese Periode gehen, auch zwischen den neu Erscheinenden mehr als ein wirkliches, großes, ja glänzendes Talent und Schöpfungen, welche unserer Literatur zur Zierde gereichen und selbst dem Strengsten eine reine Freude machen dürfen. Wir haben noch lyrische und epische Dichter voll Gedankentiefe und Gedankenreichthum, voll Empfindung und Phantasie, voll Kraft und Melodie der Sprache und von einer formellen Sicherheit und Reinheit, die kaum etwas zu wünschen übrigt läßt. Wir besitzen Dramatiker von Geschmack, von Einsicht, von Kraft und Feinheit und ungemeiner Bühnengewandtheit; wir haben große und glänzende Erzähler, welche keinem früheren nachstehen, ja die meisten von diesen in jeder Richtung übertreffen; wir haben endlich geistvolle und auch gründliche, sogenannte Essai-Schreiber und scharfe pikante, witzige, humoristische Feuilletonisten, die es – das ist und bleibt bei uns ja einmal der höchste Ruhm! – mit den berühmtesten Ausländern aufnehmen. Und wenn wir gerecht sein wollen, so finden wir zwischen diesen allen immer noch manche, welche wir als rechte Hüter, Pfleger und Verkünder der wahren Kunst zu preisen und verehren haben, die nicht dem Tagesgötzen und Tagesgeschmack stöhnen, sondern den Eingebungen der ächten Muse gehorchen. Allein, trotzdem finden wir auch zwischen diesen, wie wir schon sagten, kaum einen, welcher eine wirklich neue Richtung eröffnete und indem er die Literatur, sei es auch nur in einem Genre und auf einem Gebiet, sich nachzog, ihr sein eigenes, unvergängliches Gepräge aufdrückte. Im Gegentheil, die Literatur der Neuzeit treibt, wie wir gleichfalls schon aussprachen, nach allen Seiten und Richtungen auseinander, und wenn wir von der Natürlichkeit und Realität absehen, die sich allerdings noch meistens als eine Art von Grundzug bemerklich macht, so ist von irgend etwas, wie einer wirklichen Signatur, von etwas Gemeinsamem und Charakteristischem so gut wie nichts mehr zu entdecken: jeder geht seinen eigenen Weg und schreibt was und wie er es mag. Man könnte hier eine beliebte Wendung der Modenberichte anführen: eine bestimmte Mode gibt es nicht; jedermann trügt, was ihm gefällt, und darf es tragen, vorausgesetzt, daß es ihm steht. Wenden wir uns nun aber gar von diesem besseren und edleren Kern zu seiner Umgebung, zu der Allgemeinheit der modernen Literatur und zu der großen Masse der Scribenten, so ist von jenem würdigen und ernsten Streben, von jenen hohen Zielen, von jener treuen Hut und Pflege der ächten Kunst und der wirklichen Poesie, so gut wie nichts mehr zu entdecken. Es ist eine Literatur des Leichtsinns und der Leichtfertigkeit, der Unnatur und des Ungeschmacks, die nur noch von »Effekt«, von der »Sensation«, von »Skandal«, von Reizmittel jeder, auch der extremsten Art etwas weiß und will, und keinen reinen und dauernden Eindruck hervorzurufen, sondern nur für den Augenblick zu »unterhalten«, d. h. zu berauschen und betäuben beabsichtigt. Diese Literatur erhebt die Leser nicht über die Alltäglichkeit, sondern sie hält sie grade absichtlich in derselben fest oder stürzt sie gar kopfüber in ihren Schlamm hinein. Hier kommt es nicht mehr auf den Gehalt und die Reife des Produkts, sondern auf das gleißende Gewand und auf die Raschheit des Producirens an. Hier ist von Kunst und Poesie ebenso wenig die Rede, wie von, sei es auch nur einem Minimum dichterischer Begabung; hier ist jeder am Platz und willkommen, dessen Phantasie noch nicht ausgebrannt ist und der ihre Eingebungen wohl oder übel zu Papier zu bringen versteht. Es ist daher nicht bloß begreiflich, sondern selbstverständlich, daß der nackte Dilettantismus niemals zu einer entschiedeneren und ausgebreiteteren Herrschaft gelangte, als gegenwärtig, wo der Gesammtcharakter der modernen Literatur ein durchaus dilettantischer ist. Von dieser Allgemeinheit haben wir unsern Lesern im Grunde nichts weiter zu sagen, als was wir in Vorstehendem ausgesprochen haben: es ist eine Eintagsliteratur, die nur dem Augenblicke dient, auf Dauer keinen Anspruch macht und ein eingehendes, ernstes Urtheil nicht verlangt, ja ihm gar nicht Stand hält: wenn man zu einem solchen gelangt, hat das Beurtheilte meistens schon lange seinen Zweck erfüllt und ist über irgend einem Nachfolger vergessen und verschollen. Es wird daher völlig genügen, wenn wir aus diesem Wirrwarr von Namen und Werken gelegentlich einzelne hervorragende und tonangebende, ganz besonders bezeichnende, anführen. Allein auch von den schöneren Namen und besseren Erscheinungen haben wir kaum etwas besonderes zu melden. Denn wir müssen es schon noch einmal wiederholen: wie manche schöne und rechte Talente auch noch aufgetaucht sind und gottlob von Zeit zu Zeit immer wieder erscheinen, so begegnen uns auch zwischen ihnen doch nur wenige, wirklich eigenartige, geschweige denn bahnbrechende. Sie erheben und bewegen sich vielmehr meistens in längst bekannten Sphären, und es wird daher auch hier völlig genügen, wenn wir nur einzelne Stimmführer bestimmter hervortreten und die ihnen Verwandten oder mit ihnen Verbundenen in aller Kürze folgen lassen. 59. Die Dialektdichtung ist, ob wir ihrer bisher auch nicht erwähnt haben, doch seit Hebels »Allemannischen Gedichten« nicht wieder aufgegeben, vielmehr in manchen Landschaften Deutschlands stets von neuem versucht worden. Schon 1806 erschienen »Volkslieder im Schweizer Dialekt« von Kuhn , und neuerdings hat der, als Jugendschriftsteller rühmlich bekannte A. Corrodi eine Dichtung »Der Herr Professer« in der gleichen Mundart veröffentlicht, gerieth aber ebenfalls auf den unglücklichen Abweg Hebels, d. h. auf den Hexameter, wo selbstverständlich alle Volksthümlichkeit verloren gehen mußte. In Schwaben schrieb ein Schultheiß Wagner sogar Lustspiele in seinem heimischen Dialect, und in Straßburg wurde das kleine Stück »Der Pfingstmontag« von Arnold verfaßt. – In niederösterreichischer Mundart dichteten die bekannten Castelli und Seidl , in obderensischer Franz Stelzhammer , gestorben 1874, der auch schriftdeutsche Gedichte herausgegeben hat. Um vieles höher als diese alle stehen die schlesischen Gedichte von Holtei , wie denn dieser Dichter überhaupt ja in allen seinen Schöpfungen den gemüthlichen, naiven und volksthümlichen Ton fast immer auf das glücklichste zu treffen gewußt hat. Ganz neuerdings ist von Caspar Hagen in seinen »Dichtungen« der Dialect Vorarlbergs versucht worden, und hat K. G. Radler in seiner kleinen Sammlung »Fröhlich Palz – Gott erhalt's«, manche wirkliche hübsche und den Volkston treffende Lieder und beschreibende Gedichte geliefert. – Ihnen schließt sich der Schwabe Th. Grimminger in den zum Theil reizenden Gedichten seiner Sammlung »Mei Derhoim« an. Unbestritten der erste aber von allen diesen Dialectdichtern und überhaupt ein dichterisches Talent von hohem Range ist Franz von Kobell , geboren zu München 1803. Seine oberbaierischen und pfälzischen Gedichte sind fast durchweg von ächter Volksthümlichkeit, von kecker, duftiger Frische, voll Anmuth und Schalkhaftigkeit, und der Dialect hängt nicht um sie herum, wie ein zufälliges, willkürliches und schlecht passendes Gewand, sondern gehört zu ihnen ganz und gar und von Hause aus: es ist wirklich der Oberbaier und Pfälzer, der hier singt, und nicht der Hochdeutsche. Aber wir sind es diesem Dichter schuldig hinzuzufügen, daß auch zwischen seinen hochdeutschen Gedichten sich nicht wenige wahrhaft schöne finden, die ihn in den weitesten Kreisen bekannter und beliebter machen sollten, als er es leider in einem großen Theile Deutschlands ist. Indem wir uns von der hochdeutschen Dichtung jetzt zur plattdeutschen wenden, müssen wir vor allen Dingen dem noch weit verbreiteten und hartnäckig festgehaltenen Glauben entgegentreten, daß das Nieder- oder Plattdeutsche auch nur ein Dialect des Hochdeutschen sei, wie etwa das Allemannische, Fränkische u. s. w. Das ist bekanntlich aber nicht der Fall, sondern das Niederdeutsche ist eine von den beiden Hauptmundarten, in welche unsere Sprache von jeher zerfiel und noch heute zerfällt. Es hat in der alten Zeit und bis ins sechzehnte Jahrhundert hinein eine keineswegs beschränkte und unbedeutende Literatur gehabt und ist bis in den Anfang unseres Jahrhunderts für ein gutes Drittheil des ganzen Deutschlands die Sprache nicht bloß des eigentlichen Volkes, sondern auch der übrigen Klassen geblieben, ja im geschäftlichen Verkehr und selbst hie und da in Schule und Kirche treulich festgehalten worden. Ja es gibt noch heute weite Landstriche, die dem Hochdeutschen nicht unterlegen sind und wo auch der Gebildete sich seiner alten guten Muttersprache nicht schämt. Ob aber auch gesprochen, geschrieben wurde die niederdeutsche Sprache schon seit langem so gut wie gar nicht mehr, d. h. für die Oeffentlichkeit, und die Predigten des trefflichen alten Jobst Sackmann , 1643-1718, des Pfarrers zu Limmer bei Hannover, dürften das Einzige dieser Art sein, was sich erhalten hat und noch heute Beachtung verdient. Als Johann Heinrich Voß, der derbe Sohn des Volks, wie bekannt auch mit plattdeutschen Gedichten hervortrat, wurde dies Experiment, denn etwas Anderes war es im Grunde nicht, mit mehr Verwunderung und Neugier, mehr mit gutmüthigem Lächeln, als mit wirklichem Beifall und warmer Anerkennung aufgenommen und fand keine nennenswerthen Nachahmer. – Kaum anders erging es den »Plattdeutschen Gedichten« von Joh. Wilh. Bornemann , 1767-1851; man freute sich ihrer in plattdeutschen Kreisen, ja bewunderte es, daß die gute alte Volks-, Haus- und Familiensprache sich wirklich in Verse und Reime bringen lasse, und selbst den Hochdeutschen im Norden machten die steifen Exercitia des übrigens patriotischen und wohlanständigen Mannes Spaß. Im übrigen Deutschland jedoch erfuhr man wenig davon und ging in der Literatur über sie zur Tagesordnung über: es war ein gescheiterter Versuch; die plattdeutsche Sprache, der plattdeutsche Mensch, die plattdeutsche Natur schienen poesielos zu sein und zu bleiben. Selbst die allmälig ziemlich zahlreich veröffentlichten schönen Märchen und Sagen besiegten dies Vorurtheil nicht und veranlaßten kaum einzelne, die allerdings nicht geringen Schwierigkeiten der Sprache zu überwinden. So währte es fort, bis, es wird zu Anfang der vierziger Jahre gewesen sein, das kleine seltsame Stück – »Het Wettloopen tüschen den Hasen und den Swinegel up der Buxtehuder Heid«, zuerst in Norddeutschland mit jubelndem Entzücken aufgenommen wurde, und weiter und weiter dringend, bald auch im übrigen Deutschland und unter den Hochdeutschen den lebhaftesten Beifall wachrief. Es ist seitdem hundert und hundertmal gedruckt und illustrirt worden und wird immer zu den Perlen nicht bloß der plattdeutschen, sondern auch unserer gesammten Literatur gerechnet werden – ein einziges Stücklein voll wunderbarer Natürlichkeit und Ungezwungenheit, voll unendlicher Schalkhaftigkeit, Naivetät, jovialer Behaglichkeit und eines wunderbaren Humors, plattdeutsch vom ersten Wort bis zum letzten, in jeder Wendung, in jeder Anschauung, kurz, eine treue und klare Abspiegelung plattdeutscher Natur und plattdeutschen Geistes. Als sein Verfasser ist erst später der treffliche Theodor von Kobbe , 1798-1845, genannt worden, der in unserer Literatur und leider noch viel mehr von unserem Publikum auf das ungerechteste unterschätzt und vergessen worden ist. Seine humoristischen Bilder, Skizzen, Erzählungen, die Erinnerungen aus dem akademischen Leben, die Humoresken aus dem Philisterleben u. s. w., lassen uns in ihm einen der gemüthvollsten, launigsten und witzigsten Schriftsteller seiner Zeit und als einen Humoristen erkennen, der unzweifelhaft zu den ersten Deutschlands zählt. Sieben Jahre nach seinem Tode, 1852, erschien der »Quikborn« von Klaus Groth , der am 24. April 1819 zu Heide in Norderdithmarschen geboren wurde und nach längerer Lehrthätigkeit gegenwärtig nur mit literarischen Studien beschäftigt, in Kiel lebt. Dies Werk »rettete«, wie Pastor Harms, der Landsmann des Dichters ausspricht, »die Ehre der plattdeutschen Sprache in einem Maße, wie es bis dahin keine andere Schrift, kein Aufsatz, kein Gedicht gethan hatte«. Aber diese Gedichte thaten, wie wir hinzufügen, noch mehr: sie bewiesen auch dem Ungläubigsten, daß Niederdeutschland und die Niederdeutschen eine Poesie in sich tragen, welche keiner andern der Welt nachsteht, – eine Thatsache, welche bis dahin selbst dem Einheimischen kaum recht klar und glaublich gewesen war. Mit dem »Quickborn« wurde dem Plattdeutschen sein eigener Platz in der Sprache und Literatur Gesammtdeutschlands auf einen Schlag zurückerobert und ein für allemal gesichert. Man hat hie und da die Ansicht geäußert, daß das Plattdeutsche eben »Mode« geworden und hiedurch der große Erfolg zu erklären sei, denn die Dichtungen Groth's und Reuter's erzielten. Das ist im Allgemeinen und in der Hauptsache nicht richtig, denn die plötzliche Anerkennung und Theilnahme war im Grunde keine zufällige, willkürliche und temporäre. Wer vielmehr überhaupt noch Sinn und Verständniß für die Poesie und das Poetische besitzt, sieht sich zu dieser Anerkennung und Theilnahme gezwungen: was er in vielen Quickborngedichten und einem großen Theil der Reuter'schen Schöpfungen vor sich findet, ist etwas so Ursprüngliches und Unmittelbares und von einer Naturfrische, einem Naturduft und einer naturwüchsigen Kraft, wie man es in der hochdeutschen, von einem gesteigerten Kulturleben getragenen Poesie nur ausnahmsweise noch bemerken kann. Richtig angeschaut, ist dies genau dasselbe, was die Hofschulzen-Episode in Immermann's »Münchhausen« einen so ganz ungewöhnlich tiefen Eindruck machen ließ, denn es sind auch in ihr niederdeutsche Gestalten und niederdeutsches Leben, welche das Publikum überraschten und gewannen. Bei den Groth'schen und Reuter'schen Dichtungen kam nun die Sprache noch hinzu, diese Sprache voll natürlicher Frische und Kraft, voll Treuherzigkeit und gemüthvoller Innigkeit, zart und derb, schalkhaft und traulich, wie es die hochdeutsche Schrift- und sogar Umgangssprache trotz ihres Reichthums und ihrer Bildungsfähigkeit, meistens längst abgestreift hat und nur ausnahmsweise noch zu erreichen vermag. Viele dieser Quickborn-Gedichte und vorweg die meisten liederartigen, sind nicht bloß als getreue Abspiegelungen des niederdeutschen Geistes und Charakters und als Ausströmungen des niederdeutschen Herzens und Gemüths, von eigenartigem und höchstem Werth, sondern ordnen sich auch in der deutschen Poesie überhaupt den besten Schöpfungen des Dichtergeistes zu. Dasselbe gilt von den kleinen Natur- und Lebensbildern und im Grunde stets, wo der Dichter, als Kind seiner Heimat und seines Volkes, ihnen nichts Fremdartiges, d. i. hier das Hochdeutsche, aufdrängt und sich selber von dem Einflüsse des Letzteren frei zu halten versteht. Hier sind Empfindung und Stimmung, Vorstellung und Anschauung, ja gewissermaßen sogar die Reflexion, so weit sie sich einmischt, somit also die Poesie Klaus Groth's überhaupt, durchweg ursprünglich und naturwüchsig, und die Sprache stets in allergenauestem und untrennbarem Zusammenhange mit allem Uebrigem: sie ist nirgends Zweck und Hauptaugenmerk, sondern der natürliche, ja einzig mögliche Ausdruck dieser Poesie. Dies trifft anderwärts, und zwar zuweilen auch schon im »Quickborn«, aber häufiger noch in den späteren Werken – »Vertelln«, »Rothgeter Meister Lamp und sin Dochder«, Voer de Goern« u. s. w. – keineswegs immer zu. Hier bleibt, sagen wir kurz nur, der Hochdeutsche nicht fern, und will der Dichter durch seine Schöpfungen in seiner Sprache gewissermaßen den Nachweis von ihrer Schönheit und Bildungsfähigkeit liefern und zugleich selber sie weiterbilden. Da begegnen uns denn auch wieder einmal die kunstvollen, sogar klassischen Metra – Klaus Groth scheut selbst vor dem Sonett nicht zurück! – die zu dem naturwüchsigen, schlichten Plattdeutschen wie die Faust auf's Auge passen, und es klingt so, als stimme ein Waldvogel plötzlich eine künstlich erlernte Stubenmelodie an. So wird die Natur poesie zur Kunst poesie, und es ist begreiflich genug, daß die glänzende Aufnahme, welche der »Quickborn« fand, keiner der späteren, jetzt fast schon verschollenen Schöpfungen zu Theil wurde, und daß der Ruhm Klaus Groth's, nicht als des Dichters der Quickborn-Lieder, sondern als plattdeutschen Dichters überhaupt, vor dem des Folgenden schnell erblaßte. Dieser Folgende, Fritz Reuter , hat freilich in gewissem Sinne, unter unseren Dichtern überhaupt nicht seines Gleichen. Fritz Reuter wurde am 7. November 1810 zu Stavenhagen in Mecklenburg-Schwerin geboren. Nachdem er das Gymnasium verlassen hatte, studirte er zu Rostock und Jena die Rechte, trat in die Burschenschaft und wurde in Folge der bekannten Demagogen-Untersuchung – die Namen jener Richter, eines Dambach, von Tschoppe und des »blutigen« Kleist, dürfen auch in der Literaturgeschichte nicht vergessen werden! – gleich mehr als dreißig anderen armen Gesellen, zum Tode verurtheilt, und zu dreißig Jahren Festungshaft begnadigt. Erst das Jahr 1840 und zwar der Herbst desselben gab ihm seine Freiheit wieder, und der Dreißigjährige hatte den Kampf mit dem Leben, dem der junge Student gewaltsam entrissen worden war, von neuem, mit geminderter Kraft und getrübten, ja fast verschwundenen Aussichten zu beginnen. Er wurde Landwirth, aber es gelang ihm damit nicht recht, und so suchte er sich durch die Gründung einer kleinen Privatschule und Stundengeben eine Art von Existenz zu gründen, die ihm trotz aller Mühseligkeit und Armseligkeit genügen mußte, bis der ungemein große Erfolg, den sein, nebenher und schier zufällig entstandenes erstes Buch und noch mehr die folgenden hatten, ihn in bessere und freundlichere Verhältnisse brachte. Nach längerem Aufenthalte in Neu-Brandenburg, siedelte er 1863 nach Thüringen über und starb hier in seinem Hause am Fuße des Wartberges bei Eisenach am 12. Juli 1874. Es mag sein, daß die außerordentliche Aufmerksamkeit, die schon sein erstes Buch, die »Läuschen un Riemels«, erregten, nicht am wenigsten durch den tiefen Eindruck des kurz vorher erschienenen »Quickborn« hervorgerufen und gesteigert wurde: man begegnete hier Plötzlich schon dem zweiten plattdeutschen Dichter und zwar einem, der ganz andere Töne anschlug und dem man, wie man alsbald erkannte, dennoch nicht seine völlige Originalität und seine durchaus eigenartige, hohe dichterische Begabung absprechen konnte. Von der Empfindungs- und Stimmungspoesie Klaus Groths findet sich in den »Läuschen und Riemels« verhältnißmäßig wenig; es sind meistens nur Schwanke, lustige Anekdoten, Possen, derb komische Geschichtchen, mitten aus dem alltäglichen niederdeutschen Leben, den Einheimischen häufig seit langem schon bekannt und von ihnen belacht, hier aber zum erstenmal auch für größere Kreise und Fremde erzählt, mit ganz einziger Natürlichkeit und Unbefangenheit, mit Behagen und Schelmerei und endlich mit einer Prägnanz der Darstellung und des Ausdrucks, wie es eben nur ein Landeskind zu erzählen und darzustellen versteht, das zwischen den Seinen solche Schwänke und Possen selber erlebt und – bei Gelegenheit – auch selber liefert. Von irgendetwas, wie einer Kunstdichtung ist hier weit und breit keine Rede, alles ist Natur, alles volksthümlich und, wie man wohl sagen muß, landläufig, auch in der Form. Und wir müssen es schon hier bemerken, daß Fritz Reuter in seinen poetischen Werken unseres Wissens nie und nirgends eine künstliche Versform gebraucht oder dem Reim entsagt hätte, ausgenommen, wo er dergleichen hin und wieder in ganz bestimmter Absicht und ausdrücklich als Gegensatz gegen die ächt volksthümliche und plattdeutsche Weise einführt – wie z. B. die Wanderburschen-Gedichte in »Hanne Nüte«, an die sich dann freilich unmittelbar daraus das unendlich schöne, schwermüthige Gedicht schließt: »Du kannst die Flüchten recken Fri äwer See un Land, Ach, wer mit di künn trecken Wit furt von Schimp und Schand!« u. s .w. Weit über die »Läuschen und Riemels« hinaus, sind schon die zunächst folgenden Werke, »De Reis' na Belligen, poetische Erzählung«, »Hanne Stüte un de lütte Pudel, 'ne Vagel- und Minschengeschicht«, »Kein Hüsung«, in ihrer wunderbaren Natürlichkeit und Einfachheit reich an eigenartigen dichterischen Schönheiten. Sie sind ausgezeichnet durch die natürliche, ungezwungene Erfindung, durch tadellose Composition, durch Tiefe der Empfindung sogut wie des Naturverständnisses, durch treffliche Naturschilderungen und eine Seelenmalerei, die ihres Gleichen sucht, und vor allem durch das, was Fritz Reuter überhaupt erst zu Fritz Reuter und zu einem unserer größten Dichter macht. Das ist der Humor , der ihn und seine Werke in einer Tiefe und Ganzheit erfüllt, von der uns kein anderer Autor ein Beispiel bietet. Trotzdem erhebt der Dichter sich auch in ihnen noch nicht zu seiner vollen Eigenartigkeit und Größe, sondern kommt dahin erst in seinen Prosaschriften. Und zwar auch hier weniger in den kleinen, meist scherzhaften »Schnurr-Murr«-Geschichten, welche sich den »Läuschen un Riemels« verwandt zeigen, als in den beiden Erinnerungen, »Ut de Franzosentid« und »Ut mine Festungstid«, und vor allem in dem sogenannten Romane »Ut mine Stromtid«. Dieses Gesammtbild plattdeutschen Wesens und Lebens in seiner vollen Eigenartigkeit und Naturwüchsigkeit, aufgefaßt und wiedergespiegelt durch Geist und Gemüth des selber von Kopf zu Füßen plattdeutschen Dichters, ein Werk aus einem Guß und ohne auch nur einen fremdartigen, ihm aufgedrängten Zug, steht in unserer so gut, wie in jeder anderen Literatur völlig allein und einzig da. Es fehlt in diesem unendlich reichen, frischen und klaren Gemälde sozusagen keine Gestalt und Erscheinung, keine Farbe und kein Ton, keine Regung des Herzens und kein Gedanke des Kopfes, und wie mit einem Zauberschlage sind die Natur und das Leben, die Menschen und die Verhältnisse vor uns aufgeschlossen und zum eigenen, selbstständigen, lebendigsten Leben erweckt. Die urwüchsige Natur und Persönlichkeit sind von einer solchen Selbstständigkeit und so überwältigend, daß alles, was in diesen engen und besonderen Daseinskreis aus dem großen, d. h. hochdeutschen, hereinragt, sich unbedingt und ausnahmslos gewissermaßen nach ihm zu regeln und ihm unterzuordnen Hai, nur in seiner Auffassung und in der, seiner Natur entsprechenden Umbildung erscheint. Dies zeigt sich fast noch deutlicher, weil noch persönlicher in dem Buche, »Ut mine Festungstid«, wo Reuter ein Stück wesentlich hochdeutschen Lebens in der Auffassung eines Plattdeutschen und in seiner Wirkung auf denselben, mit der gleichen Treue und Gegenständlichkeit und mit der gleichen – Naivetät, dürfen wir schon sagen, zur Darstellung gebracht hat. Künstlerisch betrachtet, sind die beiden letzteren Werke nicht fehlerlos. »Ut mine Festungstid« leidet nicht selten an bedenklicher, ja zuweilen störender Breite, und »Ut mine Stromtid« entbehrt nicht nur des festen Mittelpunktes, sondern auch der künstlerischen Gleichmäßigkeit: der Verfasser schraubt im zweiten Theile die Menschen und das Leben zu einer gewissen Uebertreibung hinauf und steigert hier das Ergreifende, dort die Lust und den Scherz hin und wieder über das natürliche Maß. Allein Reuters Werke weisen überhaupt und ein für allemal jeden alten künstlerischen und Schulmaßstab entschieden zurück: es sind keine Kunst-, sondern, um es so zu heißen, reine Natur produkte und ordnen sich als solche in ihrer Unverfälschtheit und Reinheit, in ihrer Urwüchsigkeit und Schönheit, überall dem Höchsten bei, was die Kunst zu schaffen vermocht hat, ja übertreffen dasselbe durch die Fülle des eigenen, inneren Lebens. Die beiden letzten Werke – der Nachlaß bietet nichts Erhebliches mehr – »Dörchläuchting« und »De meckelnbörgschen Montecchi und Capuletti, oder de Reis' na Konstantinopel«, stehen nicht mehr auf der Höhe der früheren Schöpfungen. Das erstere, ein Art von kulturhistorischer Erzählung aus der mecklenburgischen Geschichte des vorigen Jahrhunderts, kann uns nur als etwas wie ein Mißgriff erscheinen. »Dörchläuchten« Adolf Friedrich selber ist ein allzu unbedeutender Charakter für die Theilnahme des Lesers und hat nicht einmal den Dichter selbst zu fesseln vermocht. Dieser widmet sich mit viel mehr Liebe und viel mehr Glück den Nebenpersonen und zeichnet hier mehr als eine Gestalt und mehr als ein Lebensbild mit seiner alten Meisterschaft – aber kein Zeitbild. Denn diese trefflichen Einzelheiten sind, wenige unbedeutende Aeußerlichkeiten abgerechnet, von der vorausgesetzten Zeit völlig unabhängig. – Das zweite, »De Reis' na Konstantinopel« ist reich an den prägnantesten, ergreifendsten und ergötzlichsten Zügen und voll des Reuterschen Humors, und die Natürlichkeit und Einfachheit der Darstellung, die Kraft der Gestaltung und die Anschaulichkeit der Schilderung sind des Dichters bester Zeit würdig. Allein als Ganzes leidet das Buch gleichfalls an einer ermüdenden Breite der Reiseschilderungen und an der Ueberfülle und Buntscheckigkeit der Nebenpersonen, die genauer betrachtet, obendarein meistens überflüssig sind. Es erinnert uns an ein Skizzenbuch, in welchem der Zeichner die ihm auffälligen Figuren mit wenigen Strichen notirt, um sie später zu einem ausgeführteren Gemälde und einem harmonischen Ganzen zu benützen und zusammenzustellen – eine Operation, die hier ihm eben nicht geglückt ist. Aber wir müssen es wiederholen: alle solche einzelne Ausstellungen können Reuters Größe und Ruhm nicht beeinträchtigen. Wie seine Werke in unserer Literatur, so steht er selber nicht bloß unter unseren neueren Dichtern, sondern unter allen, in gewissem Sinne völlig einzig da. Er, ursprünglich nur der Vertreter und Dichter eines Volks stammes , hat sich in kurzer Frist trotz dieser Schranke zum deutschen Volksdichter im weitesten Sinne des Wortes aufgeschwungen und ist von allen Seiten als solcher mit Bewunderung anerkannt und gefeiert worden. Aber wenn wir ihn auch gleich unseren Größten bewundern und verehren, so müssen wir ihn doch, über diese Bewunderung und Verehrung weit hinaus, vor allem und immerdar auch von ganzem Herzen lieb haben. Wer ihm nahe tritt, im Norden oder Süden, im Osten oder Westen, der wird ihm zu eigen und bleibt's. Das ist es, was Fritz Reuter vor allen übrigen auszeichnet. Denn wir kennen nicht einen, der sich einer solchen Liebe in solchem Maße und solchem Umfange zu rühmen hatte. Von den vielen, die auf dem neuen Gebiet, d. h. im Plattdeutschen, sich gleichfalls versuchten, gedenken wir hier nur noch der Gedichte, welche unter dem Titel: »En por Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren«, erschienen. Die begabte Verfasserin hat sich nicht genannt. Nennen wir hier im Anschluß an den größten, ächten Humoristen der Neuzeit sogleich noch die wenigen, welche unter den Neueren gleichfalls diese Bezeichnung einigermaßen in Anspruch nehmen dürfen – den unklaren, durchaus unerquicklichen, sich in den grellsten Kontrasten gefallenden M. Solitaire , mit seinem rechten Namen Waldemar Nürnberger , 1818-1869, dessen Novellen und Romane, »Dunkler Wald und gelbe Düne«, »Erzählungen bei Nacht«, »Diana Diaphana« u. s .w. allerdings nicht einer gewissen Kraft entbehren, aber als Ausgeburten einer zügellosen Phantasie von jeher eher zurückstoßend wirkten und gegenwärtig – wir dürfen hinzusetzen, mit Recht vergessen sind; den begabten und feingebildeten Ernst Kossak , geboren 1814 in Marienwerder, aber in Berlin lebend, der einer unserer geistvollsten, witzigsten und gewandtesten Feuilletonisten und Sittenmaler, daneben jedoch auch ein gründlicher und strenger Kunstrichter ist. Seine »Berliner Federzeichnungen«, »Silhouetten«, »Humoresken«, »Historietten« u. s .w. bilden auch heute noch eine pikante Lecture. Neben ihm soll auch der humorvolle und witzige J. H. Detmold , 1807-1856, nicht vergessen werden. Seine »Anleitung zur Kunstkennerschaft«, »Randzeichnungen«, »Thaten und Meinungen des Herrn Piepmaier«, werden stets erheiternd wirken. Vor allen Anderen aber muß Wilhelm Raabe genannt werden, der früher unter dem Schriftstellernamen Jakob Corvinus schrieb, geboren 1831 im Braunschweigischen. Schon die »Chronik der Sperlingsgasse«, sein erstes Buch, machte ein nicht geringes Aufsehen und verdiente diesen Beifall, denn es ist ein Stück Kleinmalerei der reizendsten Art, skizzenhaft oft und dennoch voll überraschender Wahrheit, voll Lebensfülle, voll urgemüthlicher und kreuzfideler Lebensanschauung und dennoch auch voll der tiefsten Innigkeit, die dem Kältesten zu Herzen dringt – kunstlos und kunstvoll, mit einem Wort, ein kleines Meisterstück und das Werk eines ächten Humoristen. Auch Raabe's spätere Bücher gehören unbestritten zu den besten unserer neueren erzählenden Literatur und wissen stets unsere Theilnahme zu fesseln und unsere Aufmerksamkeit zu belohnen; allein den ganzen Connex von anmuthigen Zügen und liebenswürdigen Eigenschaften, die Schlichtheit, Naivetät und kindlich-glückselige, unbedächtige Unbefangenheit der »Chronik« finden wir nicht wieder. Schon das zweite Stücklein, »Ein Frühling«, und das folgende, »Die Kinder von Finkenrode«, sind nicht mehr so frisch. Und was dann später folgte, die alterthümelnden »Der heilige Born«, »Unseres Herrgotts Kanzlei«, die barocken »Drei Federn«, verschiedene Sammlungen kleinerer Erzählungen, die größeren Romane, »Die Leute aus dem Walde«, »Der Hungerpastor«, »Abu Telfan«, »Der Schüdderump«, und auch die neusten, »Christoph Pechlin«, und »Meister Autor«, – das alles ist freilich voll genialer Einzelheiten, voll hochpoetischer, ächt komischer, tief ergreifender Züge, wobei jedoch auch an phantastischen, barocken und seltsamen Einfällen und Absprüngen kein Mangel ist: es sind aufgereihte Perlen, die aber wegen der zwischen ihnen befindlichen Knoten dennoch keine volle zusammenhängende Schnur bilden. Raabe ist nicht heruntergegangen, aber er hat sich geändert: der Humor ist mehr zum Scherz und Spott geworden, die nicht selten bitter und scharf erscheinen, und statt des Besonderen und Eigenartigen wählt der Dichter aus Natur und Leben vorzugsweise das Seltsame zum Stoff seiner Darstellung. Endlich sei hier, um von einzelnen Versuchen Anderer auf diesem Gebiete zu schweigen, wenigstens noch Bogumil Goltz , 1801-1870, angeführt, ein Schriftsteller von großer Innerlichkeit, geistvoll und humoristisch und von Originalität in Inhalt und Form. Seine beiden ersten und besten Bücher, »Buch der Kindheit« und »Jugendleben«, erinnern einigermaßen, in gutem Sinne, an Jean Paul's Kinderzeichnungen und Kindheits-Verherrlichungen. Die späteren, »Typen der Gesellschaft«, »Der Mensch und die Leute«, »Die Deutschen«, »Ein Kleinstädter in Egypten« u. s .w. offenbaren eine nicht geringe Beobachtungsgabe und sind reich an geistvollen, witzigen und humoristischen Bemerkungen, wirken jedoch häufig durch Grillenhaftigkeit und bis zum Abstrusen sich steigernde, gesuchte Originalität; eher ermüdend, ja abstoßend, als anziehend. 60. Obgleich es selbstverständlich auch heute noch nicht an einzelnen, zuweilen gelungenen Versuchen auf dem Gebiete des historischen Romans fehlt, ist doch seine rechte Blüthezeit gegenwärtig entschieden vorüber, und statt seiner begegnen uns fortan die sogenannten »kulturhistorischen« Erzählungen, die uns noch viel entschiedener in das wirkliche und ganze alte Leben zurückversetzen und uns dasselbe noch viel detaillirter bis ins Innerste hier und dort bis in die kleinsten Aeußerlichkeiten hinein vorzuführen sich bestreben, als es z. B. die Romane Walter Scotts thun: auch hier macht sich der, durch unsere gesammte neuere Literatur gehende, realistische Grundzug geltend. Es kommt weniger auf ein glänzendes, als auf ein historisch treues Gemälde an, das seine Entstehung aber dennoch nicht der Kunst des gewissenhaften Historikers allein, sondern daneben auch dem schöpferischen Genius des Dichters verdankt. Hier steht Wilhelm Heinrich Riehl , geboren zu Biberich 1823, jetzt Professor an der Münchener Universität, voran, einer von den geist-, verständniß- und kenntnißvollsten, auch durch seine Darstellung und Sprache ausgezeichnetsten Schriftstellern der Gegenwart. Seinen ersten, durchweg von zugleich schärfster und feinster Beobachtung zeugenden, kulturhistorischen Schriften – »Land und Leute«, »Die bürgerliche Gesellschaft«, »Die Familie« – schlossen sich schon 1856 »Kulturgeschichtliche Novellen« an, denen später ein »Neues Novellenbuch« und »Kulturstudien aus drei Jahrhunderten« folgten. Es sind wunderbar treue und lebensvolle, heitere, glänzende und auch ergreifende Zeit- und Sittenbilder, durchweg entsprechend jener obigen Hauptforderung, daß sie zugleich sich als Früchte ernster und gründlicher Studien und als Schöpfungen des Dichtergeistes erweisen. Unmittelbar neben ihm finden wir Gustav Freytag , geb. 1816, den wir wohl als den geistreichsten und feinsten Schriftsteller und meisterlichsten Stilisten der Gegenwart zu schätzen haben, hervorragend zugleich durch dichterische Begabung und tiefe Kunsteinsicht. Schon seine frühere kritische Thätigkeit in der Zeitschrift, »Die Grenzboten«, die er im Verein mit dem, hie und da nur allzu scharfsinnigen, nicht vorurtheilsfreien Julian Schmidt redigirte, noch mehr aber die Tragödie »Die Fabier«, die socialen Dramen »Die Valentine« und »Graf Waldemar« und das feinste unserer deutschen Lustspiele »Die Journalisten«, hatten seinen Ruhm begründet. Noch mehr wuchs derselbe durch die beiden Romane, »Soll und Haben« und »Die verlorene Handschrift«, die wir als Musterbilder des modernen socialen Romans zu bewundern haben, und seine ganz vortrefflichen kulturhistorischen »Bilder aus der deutschen Vergangenheit«. – Sein neuster großer Roman, »Die Ahnen«, von dem die beiden ersten Abtheilungen, »Ingo und Ingraban« und »Das Nest der Zaunkönige« und soeben auch die dritte, »Die Brüder vom deutschen Hause«, erschienen, hält sich in seinen Anfängen wohl nicht fern genug von der Klippe, an der wir nicht wenige kulturhistorische Romane scheitern sehen: es wird eine Vergangenheit heraufbeschworen, von der wir kein Gesammtbild, sondern nur, gleichviel wie zahlreiche und prägnante Einzelzüge vor uns haben. Diese können durch die Kenntnisse und die Kunst eines gewandten und geschmackvollen Darstellers und Erzählers ausgefüllt, auf uns den Eindruck der Wahrheit und Richtigkeit machen, aber niemals zur vollen und zweifellosen Wahrheit selber, noch zum wirklichen, eigenen Leben erweckt werden. Dies gelingt auch dem Nächsten, Josef Victor Scheffel , geb. 1826 zu Karlsruhe, in seinem Romane, »Ekkehard, eine Geschichte aus dem 10. Jahrhundert«, nicht ganz, obgleich vorzüglich die alten Archive St. Gallens dem Dichter durch ein überaus reiches Material zu Hülfe kamen. Als eigentlich dichterisches Werk steht dieser Roman vielleicht allen seines Gleichen voran. Denn Victor Scheffel ist ein Dichtertalent ersten Ranges, wie auch seine übrigen, weit bekannten Schöpfungen, »Der Trompeter von Säckingen«, »Frau Aventiure«, »Gaudeamus«, »Juniperus«, »Bergpsalmen«, auf das unwiderleglichste bezeugen. Aber als geschichtliches und kulturhistorisches Gemälde tritt auch der »Ekkehard« nicht mit vollkommener Anschaulichkeit aus den Schleiern der Vergangenheit hervor, und was wir an ihm bewundern, ist weniger die historische Treue, als die glänzende Phantasie und das nicht minder glänzende Darstellungstalent des reich begabten modernen Dichters. Tausend oder ein paar tausend Jahre weiter zurück, in die Zeit des Cambyses, versetzt uns Georg Ebers , geboren 1837 zu Berlin, gegenwärtig Professor in Leipzig, in seinem Romane, »Eine ägyptische Königstochter«. Ebers ist einer der fleißigsten Durchforscher und gründlichsten Kenner des alten Aegyptens und überhaupt ein klassisch gebildeter Mann, wozu sich, wie man an der »Königstochter« erkennt, aber auch poetische Begabung gesellt. So hat er den dunkeln, spröden und bedenklichen Stoff in einer Weise bemeistert und – nicht ein ganzes großes Gemälde und daher auch keinen eigentlichen Roman, aber eine Reihe von Bildern geliefert, die so wahr, so lebensvoll, so glänzend und so trefflich behandelt und dargestellt an uns vorübergleiten, daß dies eine Buch ihm einen hervorragenden Platz unter den Erzählern der Neuzeit sichert. Ebenso hat auch ein anderer junger Gelehrter, E. A. Quitzmann , neuerdings in zwei Romanen »Isomara« und »Das Opfer der Hekate«, uns nicht ohne Glück in das alte Deutschland während der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung zurückzuführen versucht, und neben den nothwendigen historischen, archäologischen und antiquarischen Kenntnissen ein ansprechendes Erzählertalent bewährt. Durch einige von den hier Genannten – auch der letzte, Quitzmann gehört unseres Wissens zu ihnen – werden wir nach München geführt und zu einem Kreise von Dichtern und Schriftstellern, die fast ausnahmslos zu den begabtesten und angesehensten der Gegenwart zählen. Den Stamm bilden diejenigen, welche zu Anfang der fünfziger Jahre von dem kunstsinnigen König Max in seine Nähe berufen wurden. Von ihnen und den übrigen, welche sich ihm anschlössen, haben wir bereits Geibel , Bodenstedt , soeben Riehl und außer diesen den einheimischen trefflichen Hermann Schmid kennen gelernt. Nach ihnen begegnet uns hier zuerst Paul Heyse , geboren 1830 zu Berlin und einer von den wenigen, welche auch heute noch der neuen Heimat treu geblieben sind. Paul Heyse besitzt unleugbar eines der reichsten und glänzendsten Talente, welche in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland bekannt und gefeiert worden sind. Indessen ist er trotz seiner außerordentlichen Begabung, die ihn nicht nur zu einem unserer liebenswürdigsten und stimmungsvollsten Lyriker erhebt, sondern ihn sich auch auf dramatischem Gebiet mit Glück und entschiedenem Erfolge versuchen läßt – »Die Sabinerinnen«, »Kaiser Hadrian«, »Elisabeth Charlotte«, »Hans Lange« u. s. w. – dennoch in erster Linie Epiker, und seine Erzählungen in Versen und Prosa sichern ihm für immer einen hohen Rang. »Urica«, »Die Brüder«, »Die Braut von Cypern«, »Der Salamander«, »Thekla«, »Meraner Novellen«, »Im Grafenschloß«, »Erkenne dich selbst«, »Moralische Novellen« u. s. w. – das sind nur einzelne von diesen zahlreichen, meistens freilich weniger durch Lebensfülle und Lebenswärme, als durch psychologische Vertiefung, durch Feinheit der Ausführung, durch glänzende Diction und – in Versen wie in Prosa – formelle Vollendung hervorragenden kleinen Schöpfungen. Auf dieser Höhe hat er sich in seinem Romane, »Die Kinder der Welt«, nicht ganz zu erhalten vermocht: die volle Beherrschung eines derartigen großen Stoffs und die Gestaltung einer so weiten Composition scheint seinem Talente nicht gegeben. Neuerdings, vorzüglich seit den genannten »Moralischen Novellen«, stimmt er in die Weisen der alten italienischen und spanischen Novellisten ein, ohne daß wir darin einen Fortschritt erblicken könnten. Ihm verwandt, und zwar nicht am wenigsten in dieser zuletzt bezeichneten Richtung, ist Julius Grosse , geboren 1828 zu Erfurt, nach längerem Aufenthalt in München, gegenwärtig in Weimar lebend. Auch hier finden wir ein wahrhaft schönes Talent und reiche dichterische Begabung. Seine poetischen Erzählungen, »Gundel vom Königssee«, »Das Mädchen von Capri«, »Farek Musa«, »Der Domdechant von Compostella« u. s. w., sind liebenswürdige und anmuthige, phantasievolle, durch glänzende Schilderungen und treffliche Darstellung sich auszeichnende, formell fast durchweg tadellose Schöpfungen. Gleich hervorragend durch ihre formelle Vollendung und schöne Sprache sind auch seine »Gedichte« und nicht minder die Romane und Novellen, »Ein Revolutionär«, »Untreu aus Mitleid«, »Natürliche Magie«, »Daponte und Mozart«, in welchem letzteren Werke er sich mit weniger Glück auch auf dem Gebiete des Memoiren-Romans versucht hat, u. s. w. Auch Dramen gibt es von ihm, »Die Ynglinger«, »Gudrun«, »Johann von Schwaben« u. s. w. Franz Löher , der ein kräftiges episches Gedicht, »General Spork«, schrieb, hat sich mehr durch seine, von scharfer Beobachtung und geistvoller Auffassung zeugenden Schilderungen von Land und Leuten, in Amerika und Europa, bekannt gemacht. – Aehnliches gilt auch von dem geistvollen Ludwig Steub , geboren 1812 in Oberbaiern. Sein Romanversuch »Deutsche Träume« hat kein Glück gemacht, während z. B. seine »Drei Sommer in Tyrol« und zahlreiche von seinen, in die »Gesammelten kleinen Schriften« aufgenommenen Artikeln überall von Geist, Geschmack und gründlicher Kenntniß seines Stoffes zeugen und den lebhaftesten Beifall rechtfertigen. Einen Dichter von unbestreitbarem, aber seither wohl einigermaßen überschätztem Talent führte Emanuel Geibel in Hermann Lingg , geb. 1822 bei Lindau am Bodensee, in die Literatur ein. Seine »Gedichte«, formell gegen die der bisher Genannten zurückstehend, weisen eine gewisse realistische Auffassung und Behandlung aus, welche, wenn sie nicht gelegentlich in gar zu große Nüchternheit verlauft, zuweilen, wie in dem bekannten Gedichte »Der schwarze Tod«, eine entschieden glückliche genannt werden muß und des Eindrucks nicht entbehrt. Sein Hauptwerk, das Epos »Die Völkerwanderung«, bewährt in einzelnen Episoden allerdings seinen Dichterberuf, sinkt aber häufig zu einer gereimten Chronik herab. – Formell meisterhaft, voll glänzender Phantasie und seinem Geschmack, prächtig, oft auch düster gefärbt und im edelsten Stil sind die Dichtungen von Adolf Friedrich von Schack , geb. 1815 zu Brüsewitz in Mecklenburg. Seine Uebersetzungen in dem, vereint mit Geibel herausgegebenen »Romanzero der Spanier und Portugiesen« und »Epische Dichtungen aus dem Persischen des Firdusi«, noch mehr aber die eigenen Schöpfungen, »Gedichte«, »Episoden«, »Nächte des Orients«, die epischen Gedichte, »Durch alle Wetter«, »Lothar« u. s .w., dürfen in unserer neueren poetischen Literatur einen hervorragenden Platz beanspruchen. Ein glücklicher Bearbeiter mittelalterlicher und altfranzösischer Dichtungen und Stoffe ist der Stuttgarter Wilhelm Hertz , geboren 1835, gegenwärtig zu München am Polytechnikum angestellt. Seine »Gedichte«, sein »Lanzelot und Ginevra«, »Hug-Dietrichs Brautfahrt«, »Heinrich von Schwaben« u. s. w. weisen eine ungemeine Leichtigkeit, Anmuth und Grazie und eine überraschende Formenschönheit auf. Schließlich wollen wir hier auch seines geistvollen und fleißigen Werkes »Deutsche Sage im Elsaß«, rühmend gedenken, das auf diesem Gebiet den besten zuzuzählen ist. Neben ihm ist Felix Dahn zu nennen, geb. 1834, früher in München und Würzburg, jetzt an der Universität zu Königsberg, ein schönes Talent, dessen frühere »Gedichte« seinen Namen schnell bekannt machten. Er hat sich auch mit Glück in lateinischen Gedichten modernen Inhalts und eben solcher Form versucht, während dies Experiment bei den nicht ausbleibenden Nachahmern alsbald zur leeren Spielerei ausartete. Seine neueren »Gedichte« bekunden leider bereits eine unerfreuliche Abnahme. – Endlich sei hier auch noch des jüngeren Hermann Oelschläger gedacht, der sich in seinen »Gedichten« den Besseren zuordnet und ein erfreuliches Streben nach Klarheit und Correctheit erkennen läßt. Als fernere Angehörige der Münchener Schule begegnen uns noch August Becker , geb. 1829 in der Rheinpfalz, in der epischen Dichtung »Jung Friede!, der Spielmann«, wo sich besonders einzelne wirklich schöne Lieder finden, und in Romanen und Erzählungen, »Der Karfunkel«, »Des Rabbi Vermächtniß« u. s. w., die unter den besseren neueren zu nennen sind; – Hans Hopfen , geb. 1835 zu München, gegenwärtig in Berlin, von dem das »Münchener Dichterbuch« ganz vortreffliche, leider viel zu wenig beachtete Gedichte brachte, während seine sehr gut geschriebenen Romane und Erzählungen, wie die früheren – nur ein wenig freien – »Verdorben zu Paris«, »Arge Sitten«, und die späteren gemäßigteren, von denen wir hier nur »Den grauen Freund« anführen, allerdings von Anfang an mit aller wohlverdienten Aufmerksamkeit und Theilnahme aufgenommen wurden; – endlich Adolf Wilbrandt , geb. 1837 zu Rostock, gegenwärtig in Wien, der Verfasser des geschätzten Drama's, »Der Graf von Hammerstein«, ein begabter Lustspieldichter – »Unerreichbar«, »Jugendliebe«, »Die Vermählten«, u. s. w. – und ein guter Erzähler in den »Novellen«, einem Sensationsroman »Geister und Menschen« u. s. w., aber voll überraschender Unklarheit und Unreife in den kürzlich erschienenen Gedichten, zwischen denen nur einzelne Balladen sich über das Alltägliche erheben. Einen anderen Mittelpunkt des literarischen Lebens bildet Berlin, nur daß hier von irgend etwas wie einer Schule oder einer entschieden vorherrschenden Richtung wenig zu spüren ist. Man ist hier sozusagen moderner und – man darf es wohl kosmopolitischer heißen, und es sind verhältnißmäßig nur wenige, welche sich einerseits in klassischer und akademischer Würdigkeit bewegen und andrerseits sich uns als specifisch preußische Patrioten und als entschiedene Gegner der kaum überwundenen revolutionären Bewegung vorstellen. Hermann Grimm , ein Sohn Wilhelm Grimm's, geb. 1828, muß hier zuerst genannt werden. Seine klassisch kühlen, klaren und glatten »Novellen« und ein gleich musterhaft componirter und geschriebener, aber einigermaßen lebloser Roman, »Unüberwindliche Mächte«, haben viel Aufmerksamkeit, aber wenig Theilnahme erweckt. Einen gleich vornehmen Eindruck machen die, übrigens von gründlichen Studien zeugenden, aber auch von manchen Gegnern angefochtenen Werke, »Das Leben des Michel Angelo« und »Ueber Künstler und Kunstwerke«. Endlich hat er auch als einer der Ersten den sogenannten »Essay« bei uns einzubürgern gesucht und berufene und unberufene, geistvolle und geistesarme Nachfolger gefunden. Strenger Patriot und specifischer Preuße ist Theodor Fontane , geb. 1819 zu Neu-Ruppin, ein Dichter von Phantasie, Empfindung und Naturverständniß, Gestaltungskraft und Formtalent: seine Balladen zeichnen sich unter allen, welche neuerdings bekannt geworden sind, auf das vortheilhafteste aus. Seine Reiseschilderungen, »Ein Sommer in London«, »Jenseits des Tweed«, »Wanderungen in der Mark Brandenburg« u. s .w. sind durch scharfe Beobachtung, gesunde Auffassung und gewandte Darstellung ansprechende Werke, und seine Schilderungen aus den Kriegen von 1864, 1866 und 1870-71 ziehen nicht nur durch die gleichen Eigenschaften an, sondern bieten auch ein reiches, für einen Civilisten selten erreichbares Material. Verwandt mit ihm und auch äußerlich verbunden als Mitarbeiter an der, von ihm und Franz Kugler begründeten »Argo, Album für Kunst und Dichtung«, finden wir den früheren Offizier, Bernhard von Lepel , geb. 1818, der in seinen »Gedichten« und »Liedern aus Rom« mit Glück Platen nachstrebte und die Form mit annähernder Meisterschaft handhabte. – Hugo von Blomberg , 1820-1871, steht ihm darin in seinen »Bildern und Romanzen« kaum nach, liebt jedoch ein wärmeres, zuweilen düsteres Kolorit und versteht mit bemerkenswerther Anschaulichkeit und Lebendigkeit zu schildern. Hier schließen sich zwei Erzähler an: Max Ring , ein Schlesier, geb. 1817, der in seinen zahlreichen, historischen, politischen, socialen Romanen und Erzählungen – »Stadtgeschichten«, »Lieben und Leben«, »Rosenkreuzer und Illuminaten«, »Ein verlorenes Geschlecht«, »Unfehlbar«, u. s. w. – eine gute Gestaltungskraft, gewandte Darstellung und fließende Erzählung zeigt, aber statt der sauberen Darstellung des Lebens kaum jemals dieses selbst zu bieten vermag; und George Hesekiel , 1819-1874, der Schriftsteller des specifischen Preußen- und ausgeprägten Junkerthums, gefeiert und auf den Händen getragen von seinen Parteigenossen und unbeklagt, ja unbeachtet in die Grube gelegt. Er hat sein unleugbar gutes und frisches Darstellungstalent gar zu schnell durch Vielschreiberei abgenützt und ist je länger, desto tiefer in eine Art von Fabriciren versunken, über dessen annähernde Hohlheit die erworbene Routine immer weniger zu täuschen vermochte. »Bis nach Hohen Zieritz«, »Von Jena nach Königsberg«, » Lux et umbra «, »Unter dem Eisenzahn«, »Zwischen Hof und Garten« u. s. w. sind einige von diesen Schriften. Auch hat er das beifällig aufgenommene »Buch vom Grafen Bismarck« verfaßt. 61. Treten wir jetzt in die allgemeine, große, deutsche Literatur der Neuzeit hinaus, so haben wir uns noch strenger als bisher auf das wirklich Hervorragende oder doch Bekanntere zu beschränken. Zu der Charakteristik derselben, die wir in dem ersten Paragraphen dieses letzten Abschnitts versuchten, haben wir nichts mehr hinzuzufügen. Man muß es festhalten, daß die Zahl der Schriftsteller und Dichter eine völlig unberechenbare ist und sich noch alle Tage um ein Bedeutendes vergrößert – es ist wirklich, als ob Jedermann mit seinen Schreibversuchen in die Oeffentlichkeit treten und von dem Unterhaltungs-Heißhunger des Publikums profitiren wolle, der überhaupt seine Gedanken und Empfindungen zur Noth schriftlich auszudrücken gelernt hat. Und man muß es ferner festhalten, daß hier von irgend etwas wie einer vorherrschenden Richtung, mit einziger Ausnahme allenfalls der im Allgemeinen auch jetzt noch beobachteten Realität und Natürlichkeit, nicht im Allerentferntesten die Rede ist: Jedermann schreibt, was ihm gefällt, und wie's ihm gefällt, was ihm am meisten Eindruck zu machen und den Erfolg zu sichern scheint. Mit dieser großen Masse hat die Geschichte unserer Literatur nichts zu thun. Es sind Eintagsfliegen, welche aufflattern und sich sonnen in dem einen Augenblick und im nächsten schon verenden und vergessen sind. Für die Literatur, und uns kann es nur auf diejenigen ankommen, deren Werth nicht bloß die Gegenwart, sondern auch noch die Zukunft zu schätzen wissen wird. Hier begegnen uns vor allen anderen die durch treffliche Darstellung ausgezeichneten, künstlerisch maß- und stilvollen Romane und Erzählungen von Otto Müller , geboren 1818 im Hessischen, »Bürger«, »Charlotte Ackermann«, »Der Stadtschultheiß von Frankfurt«, »Der Klosterhof«, »Zwei Sünder an einem Herzen« u. s. w. – In der Pflege des biographischen Romans schließt sich ihm der leicht ein wenig breite und nüchterne Heribert Rau , geb. 1813 zu Frankfurt, an, »Beethoven«, »Jean Paul«, »Hölderlin«, »Theodor Körner« u. s. w. Seine unter dem Titel »Natur, Welt und Leben« erschienenen Gedichte haben wenig Eindruck gemacht. Zum beliebtesten und bedeutendsten Erzähler der Gegenwart hat sich Friedrich Spielhagen , geb. 1829 zu Magdeburg, gegenwärtig in Berlin, aufgeschwungen, durch seine lebensvollen und lebenswarmen, trefflich componirten und ausgeführten Romane, »Problematische Naturen«, »Auf der Düne«, »Clara Vere«, »Röschen vom Hofe«, »In Reih' und Glied«, »Hammer und Amboß« u. s. w. – Emil Brachvogel , geb. 1824 zu Breslau, der mit seinem nach »Rameaus Neffen« bearbeiteten Drama »Narciß« einen Glücksgriff that und einen auf diesem Gebiete von ihm nicht wieder erzielten Erfolg hatte, schrieb zahlreiche, meist historische, an Werth sehr ungleiche Romane und Novellen. Einzelne wie »Schubart und seine Zeitgenossen«, »Friedemann Bach«, »Ein neuer Falstaff« u. s. w. gehören nebst verschiedenen von den »Novellen«, der besseren und besten Erzählungsliteratur an, während andere, z. B. »Benoni«, an seltsamen Uebertreibungen und überraschender Unfertigkeit leiden. Die Romane von Philipp Galen (Lange) , »Der Inselkönig«, »Baron Brandau und seine Junker«, »Die Insulaner«, »Die Irre von St. James« u. s. w. verdienen den Beifall des Publikums durch leichte Erfindung und angenehme Darstellung. – Dagegen fanden die, durch die gleichen Eigenschaften sich auszeichnenden Romane von dem wackeren A. Diezmann , 1805-1869, dem langjährigen Redakteur der »Leipziger Modenzeitung« und einem unserer gründlichsten Goethe-Kenner, – »Leichtes Blut« und »Frauenschuld«, die verdiente Beachtung nur in geringem Grade. – Von A. Mützelburg finden sich ein wenig breite und zuweilen gar zu düster gefärbte, aber im Ganzen recht lesbare Romane und Erzählungen: »Der Sohn des Kaisers«, »Rheinsberg«, »Der Himmel auf Erden« u. s. w. – Sehr zahlreiche Romane und Erzählungen schrieb und schreibt der fleißige und gewandte Otfried Mylius (Karl Müller) in Stuttgart: »Graveneck«, »Die Irre von Eschenau«, »Ein verlorener Sohn« u. s. w. – Der Braunschweiger F. Friedrich , gegenwärtig in Eisenach lebend, lieferte viele Romane und Erzählungen, »Die Orthodoxen«, »Heiße Herzen«, »Wider das Gesetz«, »Nur ein Diener« u. s. w. häufig mit einer criminalistischen Färbung. Bei weitem glücklicher ist er in seinen kleinen heiteren und gesundkomischen Skizzen und Bildern »Studentenfahrten«, »Kriegsbilder«, »Das Buch von der Liebe« u. s. w. Nicht minder rühmenswerth sind die, von gründlichen Kenntnissen zeugenden, gut geschriebenen geschichtlichen und kulturhistorischen Erzählungen, Studentengeschichten, Sagen, Wandergeschichten u. s. w. von Karl Seifart . – Ein sehr gewandter Erzähler war der, seit Jahren schweigende Ernst Fritze (Reinhardt) in Magdeburg, dessen »Solitude«, »Gertrud« und manche andere von seinen zahlreichen Novellen ihm in unserer Erzählungsliteratur einen guten Namen sichern. – Ein Erzählertalent hohen Ranges zeigte der, gleichfalls schon lange schweigende A. Katsch , dessen Erzählung »Unter dem Storchnest« eine der anmuthigsten und ergreifendsten ihrer Art ist. – Als ein dritter, längst verstummter Autor sei hier der einsichtige und verständige, aber einigermaßen nüchterne Ludwig Rosen genannt mit seinen Romanen: »Der Buchenhof«, »Werner Thormann«, »Vier Freunde« u. s. w. Ein Dichter und Erzähler von Rang ist Julius Rodenberg , geb. 1831 zu Rodenberg im Hessischen. Seine touristischen Schriften, »Ein Herbst in Wales«, »Alltagsleben in London«, »Pariser Bilderbuch« u. s. w., die Sagen-, Märchen- und Liedersammlung, »Die Harfe von Erin«, die liebenswürdigen »Gedichte«, Romane wie »Die Straßensängerin von London«, »Die neue Sündfluth«, »Von Gottes Gnaden« u. s. w. und selbst die zahlreichen Feuilleton-Plaudereien kennzeichnen ihn alle als einen unserer besten neueren Schriftsteller. – Karl Frenzel , geboren zu Berlin 1827, genießt gleichfalls des besten Rufes als geistvoller Feuilletonist und seiner und gewandter Erzähler in kürzeren oder längeren Novellen, »Melusine«, »Vanitas«, »Watteau«, »Papst Ganganelli« u. s. w. – Ferdinand Pflug behandelt mit Vorliebe und Geschick patriotische oder Rococo-Stoffe, »Aus den Tagen des großen Königs«, »Blut und Eisen«, »Der kleine Abbé von Savoyen« u. s. w. – Dagegen bewegt sich Lucian Herbert mehr à la Mühlbach aus dem Gebiet des Memoirenromans aus der neuen und neuesten Geschichte, »Napoleon III.«, »1830«, »Nikolaus und Metternich«, »Casanova« u. s. w. voll Geschick, aber häufig voll Nüchternheit und Trockenheit. – Desto lebensvoller, reich an Erfindung und vortrefflich in der Darstellung und Erzählung sind die zahlreichen Romane und Erzählungen von Gustav vom See (v. Struensee in Breslau) 1803-1875, – »Vor fünfzig Jahren«, »Gräfin und Marquise«, »Zwei gnädige Frauen«, »Blätter im Winde«, »Erzählungen eines alten Herrn« u. s. w. – Aehnlich fruchtbar, erfindungsvoll und gewandt, vor allem patriotisch war der auch als Militärschriftsteller geschätzte Bernd von Guseck (Gustav von Berneck) , 1803-1871, »Karl X Gustav«, »Deutschlands Ehre«, »Der Graf von der Liegnitz« und sehr zahlreiche kleinere Erzählungen. – Unerschöpflich im Genre der Kriminal-Geschichte ist der, durch die politischen Maßregelungen in die Schweiz gescheuchte I. D. H. Temme , geb. 1798, – »Schwarzort«, »Dunkle Wege«, »Die Frau des Rebellen«, »Das goldne Herz« u. s. w. Neuerdings beginnt er seine hochinteressanten »Erinnerungen« zu veröffentlichen. – Endlich mögen hier sich noch Erzähler wie Gustav Höcker, Julius Mühlfeld, Robert Giseke, R. Schweichel anschließen, deren Schöpfungen nicht mit der großen Masse vergessen werden sollen. Eine vereinzelte Stellung nimmt der als Naturforscher angesehene Freiherr Ernst von Bibra , geb. 1806, in seinen sehr zahlreichen, bald als exotische, bald als – man gestatte diese Bezeichnung! – »Spitzbuben«-Romane erscheinenden längeren und kürzeren Erzählungen ein. Leichte Darstellung, scharfe Charakterzeichnung, glänzende Naturschilderungen, vor allem aber eine unversieglich gute Laune und eine, gelegentlich fortreißende Spaßhaftigkeit, zeichnen fast alle diese Bücher aus: »Ein Juwel«, »Hoffnungen in Peru«, »Die letzten Glieder einer langen Kette«, »Die Kinder der Gauner« u. s. w. Sein erstes Buch, »Erinnerungen aus Südamerika«, enthält einzelne Erzählungen, die im Genre der »Geschichte« zu dem Besten gehören, was wir besitzen. – Ein humoristischer Zug findet sich zuweilen auch in den, immerhin der besseren Unterhaltungsliteratur zuzuzählenden Arbeiten des Grafen Ulrich Baudissin , »Ronneburger Mysterien« u. s. w. – Eine chronikenartige, treuherzige Weise versucht der Baier Franz Trautmann in seinem hübschen Stücklein »Eppelein von Gailingen« und in dem umfangreichern Buche »Die Abenteuer des Herzogs Christoph von Baiern«. – Ziemlich leicht, ja wohl einmal salopp in der Darstellung und zuweilen übermäßig breit, im Allgemeinen aber unterhaltend ist der unermüdliche Julius von Wickede , bald Eigenes schaffend, wie »Der lange Isaak«, »Herzog Wallenstein in Mecklenburg« u. s. w., bald fremde Tagebücher, Erinnerungen, zumal aus dem militärischen und Kriegsleben bearbeitend, »Husarengeschichten«, »Aus dem Soldatenleben«, »Ein deutscher Landsknecht« u. s. w. – Ein vielversprechendes Talent zeigt sich plötzlich in dem neuerdings erschienenen, sehr braven socialen und Zeit-Romane, »Vor dem Gewitter«, von dem Schlesier Ludwig Habicht , der bis dahin in früher erschienenen Werken stets unsicher umhergetastet hatte. – Ansprechend durch leichte Darstellung sind die im Uebrigen nicht grade hervorragenden Romane von A. Schirmer , »Fabrikanten und Arbeiter«, »Der Waldmensch«, »Saison-Geschichten« u. s. w. – Hoher stehen die Erzählungen von dem, vorzüglich durch seine literarhistorischen Schriften über Schiller, Goethe und zur Literatur überhaupt bekannten Johannes Scherr , »Michel«, »Rosi Zurflüh«, u. s. w., während »Die Gekreuzigte« als ein wahres, aber grausiges Zerrbild nur zurückstößt. Durch humoristische Militär- – »Garnisons«-, »Manöver«- u. s. w. Geschichten hat sich A. v. Winterfeld zuerst einen guten Ruf erworben, den er später durch sehr viele, allerdings unterhaltende und spaßhafte, aber nicht selten salopp geschriebene, »aus dem Aermel geschüttelte« Romane und Erzählungen beim besseren Theile des Publikums oft ernstlich gefährdet hat: »Narren der Liebe,« »Ein gemeuchelter Dichter«, »Onkel Sündenbock«, »Groß-Busekow« u. s. w. – Auf die gleichen Abwege geräth E. A. König , ein unzweifelhaft hübsches Erzählertalent, durch seine Ueberfruchtbarkeit, welche es außer allen möglichen kleineren Stücken – darunter auch »Humoresken aus dem Soldatenleben« – Jahr für Jahr zu einem halben Dutzend und mehr Romanen bringt. »Um Gold und Ehre«, »Das Kind Bajazzo's«, »Das große Laos« u. s .w. werden im Grunde nur noch durch große Erzählerroutine über der weiten Fluth der gewöhnlichen Unterhaltungsliteratur gehalten. – Graf Stephan Grabowski hat sich gleichfalls in militärischen Humoresken versucht und daneben im Sensationsroman große Fertigkeit gewonnen – z. B. »Schicksal und Schuld« – ohne höheren Anforderungen zu genügen, aber, im besseren Sinne, unterhaltend. Auch Heinrich Mahler entnahm mit Vorliebe dem Soldatenleben die Stoffe seiner scherzhaften Schilderungen. Indessen sind unsere Erzähler in der Wahl ihrer Stoffe und ihrer Lokale keineswegs engherzig und exclusiv: das ganze Leben mit Licht und Schatten, mit allen Ständen und Gesellschaftskreisen muß herhalten und es gibt keinen Raum in Haus, Hof, Garten, in Straßen und auf Plätzen, im Felde und Walde, wo der Erzähler es sich und seinen Gestalten nicht einmal bequem macht. Feodor Wehl ( von Wehlen ), geb. 1821, gegenwärtig Intendant des Hoftheaters zu Stuttgart, hat außer seinen zahlreichen graziösen und unterhaltenden kleinen Theaterstücken und einzelnen beachtenswerthen Gedichten, ziemlich viele Erzählungen geschrieben – »Allerweltsgeschichten«, »Unheimliche Geschichten«, »Herzensgeschichten«, »Herzensmysterien« u. s. w., welche in diesem Genre zu den besten gehören, gleich hervorragend durch künstlerische Auffassung und Behandlung und angenehme Darstellung. – Talentvoll, aber gar zu leicht und ungleichmäßig geschrieben sind die Arbeiten von Hieronymus Lorm ( Heinrich Landesmann ), »Intimes Leben«, »Am Kamin«, »Erzählungen des Heimgekehrten« u. s .w. – Ein sehr schönes Talent verrathen die Erzählungen und Geschichten – »Am warmen Ofen« und mehrere in damaligen Zeitschriften veröffentlichte kleine Stücke – von dem seitdem völlig verschollenen A. Widmann . Sein Drama »Nausikaa« und das Trauerspiel »Kaiser und Kanzler«, verdienen gleichfalls alle Aufmerksamkeit. – Rudolf Reichenau schrieb seine anmuthigen Bilder aus dem Kinderleben, »Aus unsern vier Wänden«. – Arnold Wellmer , der durch seine Kriegsberichte aus Frankreich und ausgebreitete feuilletonistische Thätigkeit rühmlichst bekannt wurde, begann mit ansprechenden Geschichten, »Drei Treppen hoch«. – Eine nicht geringe Zahl von Erzählungen bald volksthümlichen, bald historischen Inhalts schrieb der begabte, viel zu schnell vergessene August Peters , 1817-1864, unter dem Namen Elfried von Taura , mit unleugbarem Geschick, voll Gesundheit, Natürlichkeit und Kraft, und in markiger Darstellung. Der wirklichen oder doch verhältnißmäßigen Gesundheit und Natürlichkeit der vorstehenden gegenüber, erschrecken uns Bücher, wie der pietistisch-mystische, »von Gott selbst eingegebene« Roman » Eritis sicut deus «, die Muckergeschichte »Briefe des deutschen Yorik an Elisa«, das sentimental-mystische »Deutsche Leben« – von Max Müller , dem Oxforder Gelehrten. Der Beifall, der diesen und ähnlichen Produkten wurde, kennzeichnet die erneuerte Geschmacksverirrung des Publikums in grellster Weise. Einer der beliebtesten Erzähler der Gegenwart ist der Holsteiner Wilhelm Jensen , dessen früheren, durch gute Charakterzeichnung, lebendige Schilderungen und ansprechende Darstellung sich auszeichnenden Schöpfungen, »Aus Lübecks alten Tagen«, »Unter heißerer Sonne«, »Die braune Erika«, »Magister Timotheus« u. s .w. nur allzuschnell andere, »Drei Sonnen«, »Sonne und Schatten«, »Nymphäa« u. s .w. folgten, welche uns dies wahrhaft schöne, ächt dichterische Talent – zwischen Jensens »Gedichten« finden sich einzelne überaus anmuthige und stimmungsvolle! – rettungslos immer tiefer und tiefer in die nackte Manier versinken sehen lassen. – Ihm gegenüber finden wir den nicht minder begabten, natürlichen und gesunden Robert Waldmüller ( Eduard Duboc ), geb. 1821, gegenwärtig zu Dresden lebend, der sich in seinen dichterischen Schöpfungen – »Gedichte«, »Unterm Schindeldach«, Irrfahrten«, »Dorfidyllen«, in Erzählungen – »Novellen«, »Leid und Lust« u. s .w., den Romanen »Unterm Krummstab«, »Schloß Roncanet«, in den trefflichen »Wanderstudien« auf das rühmlichste bewährte. – Leo Wolfram ( Prandler , starb 1870) machte durch seine, dem österreichischen Staats- und Gesellschaftsleben entnommenen Romane, » Dissolwing viws «, »Verlorene Seelen«, »Ein Goldkind«, ein freilich rasch sich wieder verlierendes Aufsehen. – Poly Henrion (S. A. von Kohlenegg † 1875) hat den Sensation»- und Salonroman auf das fleißigste, mit kavaliermäßiger Nonchalance angebaut – z. B. lese man »Das schwache Geschlecht«! – Ihm schließen sich eine Menge von den Neueren an, bald ausgezeichnet durch lebensvolle, tadellose Darstellung, wie Leopold von Sacher Masoch , der aber schon in den früheren, historischen Schöpfungen, »Graf Donski«, »Der letzte König der Magyaren« u. s. w. mit Vorliebe in Blut, Wollust und Schrecken aller Art badete und neuerdings in »Sociale Schattenbilder«, »Die Messalinen Wiens« u. s. w. bis an die Grenze des Darstellbaren, ja schon darüber hinaus gelangt ist; bald in der saloppsten Darstellung von der Welt und unbekümmert um Sprachsünden aller Art, wie der hypergeniale, überphantasievolle und überfreie Emile Mario Vacano , dessen »Vom Baum der Erkenntniß«, »Frivolitäten«, »Blaues Blut« und zahlreiche neue Novellen meistens als Demi-Monde-Lecture im bedenklichsten Sinne des Worts zu bezeichnen sind. – Ein gewisses Demi-Monde-Parfum hauchen leider auch einzelne Arbeiten des gewandten Erzählers J. v. Dewall aus, wie z. B. »Der rothe Baschlik«, während andere, wie »Der Ulan«, »Der Spielprofessor«, »Eine große Dame« u. s. w. sich mehr als Salon- und Gesellschaftsromane der neuesten Zeit und des neuesten Geschmacks bezeichnen lassen. – Max von Schlägel gehört auch hierher, ein Erzähler modernster Art, gewandt, pikant, wo er sich Mühe gibt, wie in »Ein Volksbeglücker«, entschieden Gutes leistend, während er in andern Erzählungen – wir nennen die Sammlung »Siege der That« – nur allzu häufig in die gewöhnlichste Gewöhnlichkeit, Unklarheit und Unfertigkeit versinkt. – Vom allermodernsten Schlage, gewandt, pikant, ein bischen frivol und frischweg aus dem Aermel geschüttelt, sind die Arbeiten von Karl Heigel , »Die Dame ohne Herz«, »Wohin?«, »Neue Novellen« u. s. w. – Ein überaus gewandter Darsteller von ungemeiner, häufig freilich allzu großer Leichtigkeit und Lebendigkeit ist der auch als Dichter – »Venus Urania«, »Schach der Königin«, »der Stumme von Sevilla« u. s. w. – und als rühriger Feuilletonist bekannte Ernst Eckstein in seinen, soweit uns bekannt, vorwiegend humoristischen Erzählungen. – Aber die Freiheit und Ungenirtheit, welche sich neuerdings fast in unserer gesammten erzählenden Literatur breit macht, ja beinahe selbst Sacher Masoch's und Vacano's Extravaganzen wurden in den vergessenen Werken eines jetzt verschollenen Schriftstellers C. Spielmann weit überboten und in Schatten gestellt. »Leicht geschürzt«, »Schloß Brandt«, »Ismael« sind Erzählungen, welche sich in Ansehung der Darstellung, Schilderung und Charakterzeichnung, den besten der neueren Zeit anschließen, aber durch die unglaublichsten Nuditäten völlig ungenießbar gemacht werden. – Endlich sei hier noch der als Sensations- und politische Mysterienromane zu bezeichnenden Werke von Gregor Samarow ( Meding ) gedacht, »Um Scepter und Kronen«, und »Europäische Minen und Gegenminen« – die weiteren Fortsetzungen haben wir nicht kennen gelernt – welche durch die zahlreichen, bald wirklichen, bald nur angeblichen Enthüllungen über die neueste Zeitgeschichte, durch die in der That merkwürdige Offenheit und Rücksichtslosigkeit des Verfassers und endlich nicht am wenigsten durch eine, wirklich nicht üble idyllische Dorfepisode, sowie durch andere, der reinsten Demi-Monde abgelauschte Partien, eine ganz unerhörte Neugier erregten und vom gesammten Publikum verschlungen wurden. Von ihnen ist der Uebergang zu den Schöpfungen der schriftstellernden Damen der bequemste, denn sie erinnern auf das lebhafteste an die Arbeiten derjenigen, welche unter allen, wo nicht die berühmteste, so doch bekannteste ist. Das ist Louise Mühlbach , geb. Clara Müller , Gattin von Theodor Mundt, geboren 1814 und gestorben am 26. September 1873, eine Romanfabrikantin im größten Stil, von unermüdlicher Schaffenslust und Schaffenskraft und geradezu-typisch für jene moderne Autorenklasse, für die es sich nicht um die Vollendung des Producirten, sondern nur um die Masse und rasche Folge desselben handelt. Voll wirklicher Begabung und Talent, voll reicher Erfindungsgabe, voll unleugbaren Compositions- und Darstellungsgeschicks, von wirklichen, wenn auch nicht geordneten Kenntnissen und einem Geschmack, der sie vor gar zu extremen Ausschreitungen bewahrt, hat sie mit allen solchen Gaben meistens aus das leichtfertigste, ja frivolste gewirthschaftet und nirgends ein künstlerisches Streben offenbart, sondern nur die Sensation hier und den Erfolg da in's Auge gefaßt. Ihre Bücher bilden eine ansehnliche Bibliothek und sie hat sich in allem und jedem versucht, was irgend wirksam zu sein und Beifall zu finden versprach. Nach den ersten Emancipations-Romanen und Erzählungen, wie »Bunte Welt«, »Des Lebens Heiland« etc. erkor sie sich später den Memoiren-Roman zu ihrem Liebling, und wo sich in Vergangenheit und Gegenwart irgend eine merkwürdige Persönlichkeit zeigte, nahm sie dieselbe in Arbeit: »Kaiser Joseph II.«, »Kaiser Leopold II.,« »Maria Theresia«, »Maria Antoinette«, »Erzherzog Johann«, »Königin Hortense«, »Friedrich der Große und sein Hos«, »Der große Kurfürst«, »Franz Rakoczy«, »Napoleon in Deutschland« – vier Abtheilungen! – »Von Solferino bis Königgrätz«, und ihr letztes unvollendetes Werk »Von Königgrätz bis Chiselhurst«, – das sind nur wenige von den zahllosen Werken gleichen Schlags. Julie Burow , geb. Pfannenschmidt , 1806-1868, eine Schriftstellerin von Talent, die voll Natürlichkeit und ernster Herzlichkeit zu erzählen verstand, hat während der fünfziger Jahre viel Beifall gefunden! »Aus dem Frauenleben«, »Laute Welt – stilles Herz«, »Johannes Kepler«, »Der Glücksstern«, zahlreiche kleinere Erzählungen und mehrere den Frauen gewidmete Werke, »Herzensworte«, »Die Liebe als Führerin der Menschheit« u. s. w. rechtfertigten denselben. Sie war aber schnell abgenützt und verfiel in Grellheit und allerhand Grillen und Uebertreibungen, welche das Publikum sich noch rascher wieder von ihr abwenden ließen. – Die schönsten Hoffnungen erweckten die ersten Werke von Elise Polko ; »Der Sabbath des Herzens«, »Musikalische Märchen«, »Faustina Haffe« und einzelne Künstlergeschichten, waren Schöpfungen von ungemeiner Einfachheit und Zartheit, voll Poesie und künstlerischer Weihe. Aber auch hier erfolgte nur allzubald ein Rückschlag, und Unnatur, Empfindelei und kokette Emancipations- und Kunsttändelei machen die neueren Werke für denkende Leser abstoßend. – Ein ansprechendes Erzählertalent und ein ernstes Streben weisen die Erzählungen und – häufig historischen – Romane von Paul Stein (Frau Doctor Henrich ) auf: »Albrecht von Brandenburg«, »Der letzte Kurfürst von Mainz« u. s. w. – und auch die, wir wissen nicht, ob gesammelten Erzählungen, Reiseschilderungen u. s. w. sind verständige, und, ob auch ein wenig hausbackene, doch unterhaltende Schriften. – Louise Ernesti ( Malwine von Humbracht ) schrieb zahlreiche, nicht immer gleichmäßig gearbeitete, gern gelesene, kleinere und größere Werke: »Die Tochter des Spielers«, »Zwei Fürstinnen«, »Ein neues Jahr«, »Bilder und Skizzen aus dem Leben« u. s. w. – Louise v. Gall , die Gattin Levin Schücking 's, gestorben 1854 (?), hat unter dem Titel »Frauenleben« gesammelte gute Erzählungen geschrieben. – »Aus dem Salonleben«, erzählte C. v. Göhren ; Amely Bölte versuchte sich nicht ohne Glück in allerhand Skizzen, Reisebildern und -Briefen, Erzählungen und Romanen, »Franziska von Hohenheim«, »Frau von Stael«, »Elisabeth« u. s. w. Diese Schriftstellerin schreibt verständig, sauber und maßvoll, verfällt jedoch im Einzelnen nicht selten in einen gewissen prätentiösen und gesucht geistreichen Ton, der nicht angenehm von der vorherrschenden Verständigkeit, und Nüchternheit des Ganzen absticht. – Emma von Niendorf (Frau v. Suckow ) hat sich durch biographische Schriften über Lenau und Justinus Kerner, Reiseschilderungen und zahlreiche, phantasievolle, aber hin und wieder gar zu leicht geschriebene Erzählungen bekannt gemacht. Eine der besten von diesen letzteren dürfte »Ueber diese Geschichten ist Gras gewachsen« sein. – Arthur Stahl ( Valeska Voigtl ) hat sich weniger durch ihre übrigens sehr guten Erzählungen – »Ein Prinz von Gottes Gnaden«, »Ein weiblicher Arzt«, »Die Tochter der Alhambra« u. s. w., als durch ihre ganz vortrefflichen, geist- und verständnißvollen Reiseschilderungen aus »Spanien« bekannt gemacht. – Eine unserer besten, bei weitem nicht nach Verdienst gewürdigten Erzählerinnen, ausgezeichnet durch Anmuth und Feinheit, wie durch Natürlichkeit und Kraft und nicht am wenigsten durch fast durchweg tadellose Darstellung und reine Sprache, ist die gegenwärtig in Dresden lebende Claire von Glümer . Es ist uns nicht bekannt, ob ihre Erzählungen gesammelt worden sind. Auch ihre »Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient« sind durchaus schätzbar. – Neben ihr ist auf das rühmendste Louise von Francois zu erwähnen, eine gleichfalls viel zu wenig bekannte Erzählerin voll Kraft, Feinheit und Tiefe. – Louise Pichler hat eine ziemliche Anzahl von kleinen und größeren, meist historischen Erzählungen aus der Vergangenheit, vorzüglich ihrer schwäbischen Heimat geschrieben, z. B. »Aus böser Zeit«, »Vergangene und vergessene Tage« u. s. w., die ihr einen geachteten Namen sichern. – Eine viel zu wenig gekannte und geschätzte Schriftstellerin ist Moritz Horst (Frau A. Schimpff in Triest), deren Novellensammlung »Aus dem Küstenlande« mehr als eine Erzählung von ungemeiner Feinheit und Anmuth und hervorragend auch durch eine nahezu tadellose Darstellung enthält. – Neuerdings haben sich die Erzählungen und Romane von Karl Detlef ( Clara Bauer ) viel Beifall erworben. Vordem längere Zeit in Rußland lebend, behandelt die Verfasserin mit Vorliebe russische Stoffe, mit unleugbarem Geschick und in ansprechender, leichter Darstellung. Neuerdings hat sie auch aus Deutschland und dem Süden erzählt. Wir nennen von den sehr rasch auf einander folgenden Werken, »Unlösliche Bande«, »Zwischen Vater und Sohn«, »Schuld und Sühne«, »Mußte es sein?« – »Auf Capri« u. s. w. – Eugenie Marlitt ( Eugenie John aus Arnstadt, geb. 1823) ist durch die Romane »Das Geheimniß der alten Mamsell«, »Goldelse«, »Reichsgräfin Gisela«, rasch bekannt und ein Liebling des großen Publikums geworden. Diese Werke zeichnen sich wirklich durch gute Erzählung und lebensvolle, warme Darstellung und – wenn auch nicht durchweg – scharfe Charakterzeichnung Vortheilhaft aus. – Einen nicht minder verdienten Erfolg hatten die markigen und lebensvollen Schilderungen und Zeichnungen »Aus dem Emslande«, von E. von Dincklage . Man erkennt allerwärts, daß die Schriftstellerin in diesen rauhen Landstrichen und bei diesen harten Menschen völlig daheim und mit ihnen vertraut. Auch ein Roman, »Die fünfte Frau«, verdient rühmend genannt zu werden. – Von Sophie Verena , von der wir seither nichts mehr vernommen haben, erschienen ein paar Romane, »Else«, »Ein Kind des Südens« und einzelne Novellen, die an Unfertigkeit und Stillosigkeit ihres Gleichen suchten, aber, wie das bekanntlich nicht schwer ist, durch eine gewisse Prätension manche Leser für den Augenblick bestachen. – Von Talent zeugen die sich mit der Frauen-Emancipationsfrage beschäftigenden Romane von Wilhelmine von Hillern , einer Tochter der Frau Birch-Pfeiffer, »Doppelleben«, »Ein Arzt der Seele« u. s. w., ohne sich indessen zu künstlerischer Klarheit und Ebenmäßigkeit zu erheben. – Um vieles bedeutender auf diesem Gebiete ist die schon früher genannte Louise Otto , die Wittwe des oben erwähnten August Peters, welche rastlos wider alle socialen Schäden kämpft, mit unleugbarem Geschick und nicht geringer Kraft, aber auch mit mehr Verständigkeit und Nüchternheit als Phantasie und Wärme. – Aline von Schlichtkrull , 1832 bis 1863, machte durch die Romane »Eine verlorene Seele« und »Der Cardinal von Richelieu« außerordentliches Aussehen: es war etwas Neues, daß ein junges Mädchen so ernste Geschichtsstudien gemacht hatte und das Leben und die gesellschaftlichen Verhältnisse mit mehr als männlicher Ungenirtheit anschaute und behandelte. Von weiterer Bedeutung sind diese Bücher nicht: es sind obendarein meistens verworrene und krankhafte Phantasien über das Leben und die Geschichte und nicht die Wirklichkeit. – Endlich möge hier noch eine renommirte Schriftstellerin der Gegenwart genannt werden, F. von Nemmersdorf , oder mit ihrem wirklichen Namen Frau von Reitzenstein , neuerdings in München, die in ihren Romanen und Erzählungen, »Moderne Gesellschaft«, »Allein in der Welt«, »Ritter unserer Zeit« u. s. w. mit seltsamer Unbefangenheit, ja überraschender Nacktheit die Zustände, Verhältnisse des modernsten vornehmen Gesellschaftslebens zur Darstellung zu bringen liebt – man möchte sagen: hektische Stoffe in hektischer Darstellung. Es ist bezeichnend für die tiefe Gesunkenheit des heutigen Geschmacks, daß solche Producte nicht bloß beim Publikum, sondern selbst bei der Kritik eine Art von Anerkennung gefunden haben und finden. Schließlich nennen wir auch hier aus der großen Zahl der Jugendschriftstellerinnen wenigstens die Namen der bekanntesten und beliebtesten: Clara Cron , Therese Messerer , die auch beachtenswerthe Novellen und Dorfgeschichten schrieb, Maria Osten , Hedwig Prohl und Louise Thalheim , die auch als Zeichnerin einen guten Namen hat. Die meisten Erzählungen dieser Damen sind für die heranwachsende Jugend von entschiedenem Werth und vermögen selbst Erwachsene zu unterhalten. 62. Gehen wir zu den eigentlichen Dichtern, d. h. zu denen über, die sich nur ausnahmsweise in der Prosa versuchten, so finden wir freilich eine Zahl, welche diejenige der Erzähler womöglich noch übertrifft: man darf auch hier wieder sagen, daß es anscheinend in Deutschland kaum noch ein »gebildetes« junges Menschenkind gibt, das nicht irgend einmal in die Sünde des Gedicht-Machens verfällt und seine Geistes- und Herzensblüthen, sei es vereinzelt, sei es in zierlichen Bändchen oder soliden Bänden dem Publikum – wir wollen einmal solche Bescheidenheit annehmen! – vor die Füße streut. In Ansehung des Werthes aber und der wirklichen Poesie sieht es im Allgemeinen recht trübselig aus, wenn man auch in der Form und in der Reinheit der Reime durchschnittlich sich zu einer gewissen Vollkommenheit heraufgearbeitet hat: eine formelle Meisterschaft wie diejenige Platen's war, ist heutzutage wenigstens kein Phänomen mehr. Aber freilich ist die hier verlangte und gewährte sorgfältige, nicht selten ängstliche Pflege und die wirklich erreichte Fertigkeit, der Poesie eher nur schädlich geworden. Es gibt manche, welche nur in solchen Aeußerlichkeiten ihr Verdienst gesucht und durch dieselben die innere Schwäche und Leerheit nothdürftig verhüllt haben. Daneben gibt es aber allerdings der auch hier Unfertigen im Ueberfluß, und wenn wir uns in der Dichter- und Gedichte-Flut ernstlicher umsehen könnten, würden wir die Verwandten der Wasserpoeten des vorigen Jahrhunderts und der zwanziger Jahre des unsrigen in Fülle finden und eine Armuth, Unklarheit und völlige Verschrobenheit der Gedanken, eine Geschmacklosigkeit der Bilder, eine sprachliche und formelle Unfertigkeit, eine romantische Nebelhaftigkeit, eine widerliche Jammerseligkeit u. s. w. zu bestätigen haben, welche von unseren schlechtesten früheren »Poeten« im Grunde nie überboten, ja sogar häufig niemals erreicht und dem Publikum angeboten worden sind. Verse wie die folgenden sind nichts weniger als Seltenheiten: »Und da hör' ich's durch die Adern rauschen: Nur der Mina strömet dieses Blut, Keiner Andern läßt es sich vertauschen, Keiner Andren quillt es Mannesmuth.«   »Vom ganzen Walde tief betrauert, Ward eines Hirsches Kraftgestalt, Von seiner Hindin arg belauert, Im ew'gen Gram vor Zeiten alt.«   »Diese Insel ist zwar klein, Dennoch aber unbestritten, Ob sie gleich nur Fels und Stein, Höchst bedeutend für die Britten.«   »Schon ein einzig Blatt Vom Buchenbaum Macht dich (das Würmchen) so müd' und matt, Und auch noch kaum Kriechst du es so behend' Eh' du stirbst, ganz zu End.«   »Leute gibt es, welche lügen Unverschämt und sonderbar; So lang' sie nicht Schläge kriegen, Glauben sie, man hielt's für wahr.«   »Sie (die Burgruine) hatte einstens selbst gewiegt Die Frevler an dem Gottgeschlechte, Und nun, verödet und besiegt, Schwelgt sie im ew'gen Mutterrechte.«   »Wie ein Fuchs umschleich' ich deine Fenster, Süßes Mädchen, vielgeliebtes Huhn! Heißer wohl als Hunger quält die Liebe: Ach, ein treues Herze kann nicht ruh'n.«   »Wie hündisch lacht sie mit verschmitztem Spitzmäulchen! Umstellt sie flink und schimpft mit euren Blitzmäulchen: »Du alte Schanddirn', her, den hübschen Band, Dirne! Den hübschen Band, Dirn', her du alte Schanddirne!«   »Nun mit Bajonetten d'rauf, Was uns widersteht, zu Hauf'! Erde bebt, Fahne schwebt, Sieg'skranz ist gewebt!«   Siehst du, Mutter, hier die Wunde, Die in meinem Herzen brennt? Diese trag' ich seit der Stunde, Der mein Geist im Trüben rennt ( sic ).« U. s. w. Unter den neueren, hier noch zu nennenden Dichtern dürfte Robert Hamerling , geboren 1832 in Niederösterreich, die erste Stelle einnehmen. Seine »Venus im Exil«, »Ahasverus in Rom«, »Der König von Sion«, die Gedichte, »Sinnen und Minnen«, »Ein Schwanenlied der Romantik«, zeichnen sich nicht nur durch poetischen Gehalt und Gedankenfülle, sondern auch durch die Pracht der Bilder, durch Formengewandtheit und schöne Diction auf das rühmlichste aus. – Als einen begabten Dichter erweist sich Albert Möser in den, nur allzu düster gefärbten Liedern, Sonetten, Oden, Canzonen seiner »Gedichte« und der zweiten Sammlung, »Nacht und Sterne«. – Julius Schanz , geb. 1828, ist erst neuerdings, seit er in Italien weilt und sich daselbst nicht geringe Verdienste um die geistige Verbindung Deutschlands und Italiens erworben hat, zu einer größeren inneren Klarheit und zu einer anerkennenswerthen Formvollendung gelangt. – A. Träger , geboren 1830, als Rechtsanwalt in Cölleda lebend, ist als Lyriker unter allen Neueren einer der begabtesten, von ungemeiner Anmuth der Form, Tiefe der Empfindung und Klarheit des Ausdrucks. Eine Novelle, »Uebergänge«, ist nicht bedeutend; dagegen hat er sich durch die Herausgabe von Blumenlesen und poetischen Jahrbüchern einen guten Ruf erworben. – Hierin steht ihm Georg Scherer in Stuttgart nahe, der weniger durch seine eigenen, stimmungsvollen Gedichte, als durch den mit Takt und Geschmack ausgewählten »Deutschen Dichterwald«, durch eine Sammlung »Volkslieder« u. s. w. bekannt geworden ist. – Und an ihn schließen wir als Dritten den Oesterreicher E. Kuh , neben dessen eigenen Gedichten sein »Dichterbuch aus Oesterreich« rühmlich erwähnt zu werden verdient. – Otto Banck , geb. 1824 zu Magdeburg, ist ein Dichter von Phantasie und Empfindung und bewährt in schöner Form. Seine »Gedichte«, die »Worte für Welt und Haus« verdienen mehr Aufmerksamkeit, als sie gefunden zu haben scheinen. Auch zeugen seine kritischen Schriften von seiner Einsicht und seinem Verständniß für das Wesen und die Forderungen der Kunst. – Als einen gemüthvollen, liebenswürdigen Dichter zeigt sich Eduard Tempeltey , geb. 1832, in seinem »Mariengarn«. Auch seine Tragödie »Klytämnestra« zeugt für seinen Dichterberus. – Michel Berend , ein politischer Flüchtling, noch jung im Auslande gestorben, war ein Dichter von wahrhaft schönem Talent. Seine »Gedichte« gehören zu den anmuthigsten und innigsten der neueren Zeit, und auch seine, in Zeitschriften veröffentlichten Erzählungen zeichnen sich vor vielen ihres Gleichen aus. – Bekannter, aber gleichfalls nicht nach seinem vollen Verdienst gewürdigt ist Adolf Schults , 1820-1858, dessen Gedichte – »Zu Hause«, »Haus und Welt«, wir zu dem Schönsten und Innigsten zählen müssen, was im Genre der Haus- und Familienpoesie in Deutschland. gesungen worden ist. – Moritz Horn , geb. 1814, ist durch »Die Pilgerfahrt der Rose« (componirt von R. Schumann) in weiteren Kreisen zum Ansehen gelangt als durch hie und da zerstreute, freilich nicht bedeutende Gedichte und durch die gleichfalls nicht hervorragenden Prosaschöpfungen, »Novellen«, und einen Roman »Dämonen«. – Von August Silberstein , geb. 1827, besitzen wir anmuthige, stimmungsvolle Lieder und hübsche Naturschilderungen. Seine Gedichte, »Mein Herz in Liedern«, sind ganz neuerdings in einer neuen Auflage erschienen. In Stuttgart finden wir J. G. Fischer , geb. 1816, der den guten Ruf der Schwabendichter von neuem bewährt. Als Lyriker zeigt er in seinen Liedern, seinen Wanderbildern, seinen Naturschilderungen viel Frische, Natürlichkeit, Tiefe der Empfindung, in schöner Form und nicht selten schwungvoller Sprache. Wir besitzen von ihm die Sammlungen »Gedichte«, »Neue Gedichte«, »Aus frischer Luft«. – Seine Dramen »Saul«, »Kaiser Maximilian von Mexiko« u. s. w. stehen trotz schöner Einzelheiten nicht auf der Höhe seiner Lyrik. – An ihn schließt sich mit nicht weniger trefflichen, empfindungs- und gehaltvollen Dichtungen Ludwig Pfau an. – Feodor Löwe , geb. 1816 zu Kassel, seit langer Zeit am Stuttgarter Theater wirkend, bewährt in seinen »Gedichten« und »Neuen Gedichten« viel Formsinn – es gibt gute Ghaselen von ihm –, eine Vorliebe für das Glänzende und Prächtige, daneben aber auch warme, nur zuweilen fast zu weiche Empfindung. – Vor allem aber ist hier Karl Gerok , geb. 1815, zu nennen, gegenwärtig Oberhofprediger zu Stuttgart, dessen »Palmblätter«, »Blumen und Sterne«, »Deutsche Ostern«, reich sind an den schönsten, weihevollsten und innigsten, nicht bloß religiösen, sondern auch weltlichen, auch der Kriegszeit angehörenden Dichtungen und uns selbst unter den Gelegenheitsgedichten wahre Perlen dieser Gattung entdecken lassen. – Dabei soll auch eines jungen, schwerlich über seine Heimat hinaus bekannt gewordenen Schwabendichters, K. Weitbrecht , auf das ehrendste gedacht werden. Seine Lieder »Von Einem, der nicht mit durfte«, gehören unleugbar zu den frischesten, kräftigsten und poesievollsten, die während des letzten Krieges überhaupt gesungen worden sind. – Und auch der Dichter des populärsten Gedichtes der Neuzeit, der »Wacht am Rhein«, war ein Schwabe, Max Schneckenburger , geb. 1819 zu Thalheim bei Tuttlingen und gestorben 1849 zu Burgdorf im Canton Bern. Sein Gedicht entstand gleichzeitig mit N. Beckers »Sie sollen ihn nicht haben«, im Jahre 1840. Hier seien noch zwei Dichter angeführt, die beide anonym auftretend, unseres Wissens bisher jeder auch nur durch eine Sammlung bekannt geworden sind, sich aber durch dieselben den ersten Dichtern der Gegenwart zugesellt haben. Das ist Julius v. d. Traun ( Schindler ?) mit seinen Gedichten »Die Rosenegger Romanzen«, in denen er einen ächt poetischen Geist, eine klare Auffassung, eine gesunde, heitere und kraftvolle Lebensanschauung, eine Beherrschung des Ausdrucks und eine Gewandtheit in der Form bewährt, welche Vorzüge wir in solchem Maße und solchem Verein nur selten bei einem anderen neueren Dichter wiederfinden; und das ist zweitens der Verfasser »Des neuen Tanhäuser« (E. Grisebach ), ein Dichtergeist, der wenn irgendeiner, auf das lebhafteste an H. Heine erinnert: er ist wohlverstanden nicht bloß etwa ein besonders glücklicher Nachahmer desselben, sondern man möchte glauben, daß von Heine's Geist hier etwas wieder in einem Späteren erwacht sei, – voll solcher Frische und Keckheit, voll solcher Innigkeit, solcher Grazie und solchen Uebermuths sprechen uns viele dieser Gedichte an. Schließlich dürfen auch einige von den zahlreichen Jugend- und Volksschriftstellern einen Platz in unserem Abriß beanspruchen. Friedrich Güll ist durch seine anmuthigen Büchlein, »Kinderheimat in Liedern und Bildern«, welche Franz Pocci illustrirte, unserer Jugend sehr lieb geworden. Wilhelm Hey 's »Fabeln für Kinder«, illustrirt von Otto Speckter , kann man als ächtes Haus- und Familienbuch ansprechen. Und Gustav Nieritz und Franz Hoffmann schließen sich in nicht wenigen ihrer zahlreichen Schriften unseren besten, vor allen Dingen wohlthätigsten und wohlthuendsten Erzählern an. – Werfen wir hiernach noch einen Blick auf die neuste Bühnendichtung, der freilich nur ein flüchtiger sein kann, da der Verfasser dieses Buches sich ehrlicher Weise für wenig erfahren auf diesem Gebiete erklären muß. Ueberdies sind auch nicht wenige von unseren bedeutendsten modernen Dramatikern schon an anderen Stellen, unter den Erzählern und Dichtern, erwähnt worden, und es haben daher hier auch nur noch einige von jenen genannt zu werden, deren Talent ein vorzugsweise dramatisches ist und welche auch den meisten Erfolg auf diesem Gebiete gefunden haben. Nennen wir hier zuerst den Chefredacteur der Kölnischen Zeitung, Heinrich Kruse , der sich durch seine Dramen »Die Gräfin«, »Wullenweber«, »Moritz von Sachsen«, »Brutus« rasch einen guten Namen machte. – Neben ihm stehe Rudolf Gottschall , geboren 1823 in Breslau, gegenwärtig in Leipzig die Brockhaus'schen »Blätter für literarische Unterhaltung« und »Unsere Zeit« redigirend. Gottschall ist ein dichterisches Talent hohen Ranges. Seine »Gedichte«, die epische Dichtung »Carlo Zeno«, das komische Epos, »König Pharao«, u. s. w. zeichnen sich alle durch schöne Sprache und Form, durch Gedankenreichthum und oft hohen Schwung aus. Seine »Reisebilder aus Italien« sind noch heute lesenswerth. Am höchsten steht er aber in seinen Dramen, »Mazeppa«, »Der Nabob«, »Katharina Howard« u. s. w., von denen mehrere den glänzendsten Bühnenerfolg erzielten und die überhaupt unserer besten Zeit würdig sind. – Als ein hervorragendes Werk muß hier noch erwähnt werden, »Die deutsche Nationalliteratur des 19. Jahrhunderts«, vier Bände, das, wenn auch nicht das unparteiischste, doch das reichhaltigste und umfassendste von allen ähnlichen ist. Ein Nachfolger Halms in der Tragödie ist Josef Weilen , geboren 1828, in Wien lebend; wir nennen von seinen Stücken die bekanntesten »Edda«, »Rosamunde«, »Graf Horn«. – Albert Lindner ist durch sein strenges Drama, »Brutus und Collatinus«, bekannt geworden, welches den Schillerpreis erhielt. – Hans Marbach schrieb einen »Timoleon«, Franz Nissel einen »Heinrich den Löwen«. – Hans Köster , geb. 1818, versuchte sich nicht ohne Glück in »Maria Stuart«, »Der große Kurfürst«, u. s. w. H. Hersch , geb. 1821, ließ auf das Trauerspiel »Sophonisbe«, das frische, derb volksthümliche Stück »Die Anna Liese« folgen. – Der unglückliche Arthur Müller , der sich 1873 selbst den Tod gab, verfaßte neben ernsteren Stücken, z. B. »Galilei«, das beifällig aufgenommene, patriotische Lustspiel »Die Verschwörung der Frauen«. – Von Leopold Feldmann , geboren 1802, machte unter anderen Stücken das Lustspiel »Der Sohn auf Reisen« großes Glück. – Ebenso waren auch die derben, frischen Stücke von Lederer – z. B. »Häusliche Wirren« – erfolgreich. – Aufsehen machte das historische Lustspiel »Schach dem König« von dem früh verstorbenen H. Schauffert . – Ernst Wichert ist durch die beliebten Stücke »Das eiserne Kreuz« und »Der Narr des Glücks« rasch bekannt geworden. – Die meistens kleinen, humoristischen Stücke von G. von Moser , z. B. »Aus Liebe zur Kunst«, – sind auf allen Bühnen daheim. – Paul Lindau , der mit geistvollen Reiseschilderungen – »Aus Venetien«, »Aus Paris« – seine schriftstellerische Laufbahn begann, durch die scharfe Satire in den »Harmlosen Briefen eines deutschen Kleinstädters«, und »Literarischen Rücksichtslosigkeiten«, Aufsehen machte und gegenwärtig als Feuilletonist und Kritiker zu den angesehensten, aber auch gefürchtetsten Deutschlands zählt, – hat mit seinen Schauspielen »Maria Magdalena« und dem neusten »Ein Erfolg« ein nicht geringes Aufsehen gemacht und einen bedeutenden Erfolg erzielt, der allerdings von manchen Kritikern hartnäckig bestritten wird. Das ist denn freilich in unserer Zeit der Coterien und Kameraderien am wenigsten ein Beweis gegen den wirklichen Werth einer dichterischen Schöpfung. Endlich von den Dichtern der Possen und phantastischen Volksschauspiele nennen wir hier vor allen anderen den witzigen und satirischen, aber auch stets liebenswürdigen Begründer und fleißigen Mitarbeiter des »Kladderadatsch«, David Kalisch , gestorben 1873, dessen Stücklein »Hunderttausend Thaler«, »Berlin bei Nacht« u. s. w. alle Welt amusirt haben. – Gleichen Ruf erwarben sich »Pechschulze« von Salingre , »Der Weltumsegler wider Willen« und »Der artesische Brunnen« von Friedrich Räder und die zahlreichen Stücke von dem jüngst zu Wien verstorbenen F. Kaiser , »Stadt und Land«, »Mönch und Soldat«, und andere.   Wir sind zum Schluß unserer Darstellung gelangt. Und wenn wir die Geschichte unserer »schönen« Literatur überblicken und wahrnehmen, wie die letztere sich unter allem Druck und aller Oedheit der Zeiten, in aller Stille, aber unwandelbar weiter entwickelte und aus allen Verirrungen sich stets wieder zum Rechten und Schönen zurückfand, – so dürfen wir auch aus unserer, wenig tröstlichen Gegenwart voll herzlichen Vertrauens in die Zukunft blicken: es muß und es wird wieder besser werden, als es gegenwärtig und zwar nicht bloß für Schwarzsehende, den Anschein hat. Berichtigungen und Nachträge. Seite 16 (auch 17) ist statt »Hartmann von Aue« richtig »H. von der Aue« zu lesen und heißt der Titel von Gottfrieds von Straßburg Dichtung »Tristan und Isolde .« Seite 23 fiel hinter dem Namen Martin Luthers der Satz aus: »geboren am 10. November 1483, gest. am 18. Februar 1546, dessen Leben wir als allgemein bekannt voraussetzen.« Seite 33 ist der Name des Dichters Paul Fleming unrichtig mit zwei m geschrieben. Seite 39, Zeile 18 v. u. ist statt pflanzen – pflegen zu lesen. Seite 54. Der Name von Klopstock's zweiter Frau heißt Winthem . Seite 61, Zeile 7 v. o. lies statt lebhafter – lehrhafter . Seite 152. Das Todesjahr J. G. Müllers ist 1828. Seite 166, Zeile 15 v. u. ist vor historische – angeblich ausgefallen. Seite 182. Die letzte Begegnung zwischen Schiller und Goethe fällt nicht auf den 9., sondern auf den 29. April. Seite 235. Der Schwabendichter Niklas Müller ist in diesem Sommer – 1875 – zu Newyork gestorben. Seite 367, Zeile 11 v. u. heißt das Reuter'sche Gedicht richtig Hanne Nüte .