Johann Kaspar Riesbeck Briefe über das Mönchswesen Zweiter Band Vorrede. Warum der Herausgeber des ersten Theils der Briefe über das Mönchswesen nicht auch der Herausgeber dieses zweyten Theils ist, könnte man dem Leser leicht begreiflich machen. Die Briefe könnten durch die dritte, vierte, fünfte etc. Hand gegangen; in der Küche, in der Kiste oder dem Bette einer Köchin, oder auf dem ... gefunden worden seyn. Wenn aber auch der Herausgeber in der Vorrede sonnenklar und in bester Form Rechtens bewiesen hätte, daß er seinen Lesern würkliche Originalien vorlegte; wie er durch irgend einen gläublichen Zufall dazu gekommen sey; daß Gutmann und der Pfarrer die Nämlichen seyen, die sie im ersten Theil haben kennen gelernt etc.; so ist doch der Vorwurf, der aus den Briefen selbst gegen ihre Authenticität entstehen muß, viel zu stark und auffallend, als daß eine noch so künstliche Vorrede ihn heben oder nur schwächen könnte. Der Abstand zwischen den Personen des ersten Theils, und dem Gutmann, Pfarrer, Dechant und den Mönchen des zweyten Theils ist zu groß, Gutmanns Ton und Betragen ist nicht mehr so männlich und bieder; er läßt sich herab, mit dem Dechant und den Mönchen zu spielen; vergißt sich einigemal so weit, daß er, anstatt den jungen Pfarrer zu belehren, gegen die Mönche pasquilliert; freylich läßt sich schon aus seinen Grundsätzen im ersten Theil schließen, daß er die Mönche überhaupt für Personen hält, an denen man sich durch eine Pasquille nicht versündigen kann. Der junge Pfarrer fängt hier auf einmal an, in der Kreutz und Quere zu räsonieren und zu radotiren. Der Dechant hat auch seine Originalität verlohren. Die Mönche sind viel impertinenter geworden. Der Styl der Briefe ist nicht mehr so rund und leicht, und wird einigemal ganz kindisch. Das Datum derselben verderbt endlich vollends die ganze Sache. Zwischen dem letzten Brief des ersten Bandes, und dem ersten des zweyten, ist eine Pause von etlichen Jahren, die um so weniger mit Fleken von Käs, Fleisch, Häringen etc. kann entschuldigt werden, als die Materie dieser zwey Briefe ganz zusammenhängend ist. Das Beste, was der Herausgeber thun kann, um sich mit Anstand und als ein ehrlicher Kerl aus der Sache zu ziehen, ist, daß er seinen Lesern geradezu gesteht, daß die Briefe als Briefe eine platte Erdichtung sind; wohlgemerkt – als Briefe; denn der Inhalt ist nichts weniger als Erdichtung. Sie enthalten viele Thatsachen, die mit so unwidersprechlichen Urkunden könnten belegt werden, als irgend ein historisches Factum in der Welt. Vielleicht wird mancher Leser gerade das für eine plumpe Erdichtung halten, was man ihm actenmäßig beweisen könnte; und in diesem Fall findet der Herausgeber für nöthig, seine werthesten Leser zu bitten, wohl zu beherzigen, daß es seine Schuld nicht ist, wenn – um ontologisch zu sprechen – jedes Ding das ist, was es ist, und daß er weder was dazu, noch davon thun kann, wenn das mönchische Steckenpferd, welches er in diesem zweyten Theil und vermuthlich auch in einem dritten seinen Lesern in puris naturalibus produciren will, leichtern Rittern bis zur Unwahrscheinlichkeit plump und bleyern vorkommen muß. Da diese Briefe nie als Documente einer streitigen Provinz, oder zur Bestimmung der Form einer Kapuze zum Grunde gelegt werden können noch sollen; so glaubt der Herausgeber, weder sich noch irgend einem seiner Leser durch dieses Geständnis der Falsification das Geringste vergeben zu haben. Andern Lesern werden einige Dinge in diesem Werklein zu ungedacht, zu unreif scheinen: Diesen muß der Verfasser sagen, daß er ganz einerley Meinung mit ihnen ist; daß er aber durch einen Zufall ist gezwungen worden, diese Früchte seines Authorbettes ein wenig unzeitig zur Welt zu bringen. Die Erzählung dieses Zufalls könnte ihn zwar wenigstens in etwas rechtfertigen; da er aber weiß, daß sich das hochgeschäzte Publicum schon sogar Mißgeburten ohne Murren hat aufdringen lassen; so glaubt er die Delicatesse desselben im geringsten nicht zu beleidigen, wenn er ihm seine Kindlein ohne weiter Ercusation [Recusation] und Recommendation geradezu als Abortus producirt. Der Verfasser ist der Mann nicht, der auf die Kapuzen mit Koth werfen will, so wenig, als das die Absicht des Herausgebers des ersten Theil gewesen ist. Das Vehiculum seiner Briefe gegen das Mönchswesen ist etwas viel anständigeres, als bloßer Muthwillen. Wer die Anstalten kennt, die seit 10. bis 12. Jahren gemacht worden, die Bärte und Kutten ausser Cours zu setzen; wer weiß, was in Folio und Duodez, directe, und par bricol , methodisch und rhapsodisch, weinerlich und lächerlich gegen das Mönchswesen ist gesagt worden, der wird nicht begreifen können, wie wie man noch weiter etwas neues und zweckmäßiges wider dasselbe vorbringen oder unternehmen könne. – Ich gestehe sehr gern, daß ich eben keine ganz neue Waare zu Markte bringe; auch will ich mir – behüte Gott nicht das ernsthafte feyerliche Ansehen geben, als wenn ich der Welt einen wichtigen Dienst leisten, und für die Princesse Vernunft ein Abentheuer gegen einen Drachen bestehen wollte: Aber daß ich doch eine Absicht, und zwar eine gute, fromme Absicht habe, werden vielleicht diejenigen einsehen, die wissen, wie tief die Möncherey noch bis unter den Fußschemmel der Thronen eingewurzelt ist – trotz dem Schütteln, und trotz dem Zweigeabbrechen. Wer gewisse sehr anschauliche Provinzen unsers lieben Deutschlands nicht augenscheinlich kennt, und sie nur nach dem Zeitungsgeschrey, nach einzelen Schriftstellern, oder auch nach den Verordnungen der Fürsten beurtheilt, der sollte Wunder meynen, wie licht es in gedachten Provinzen seyn müsse; und käme er selbst hin, wie würde er betroffen seyn, wenn er noch die dicke Nacht mit Händen greifen könne. – Es giebt gewisse Dinge, die nicht durch Ueberzeugung ihrer Zweckmäßigkeit gängig können gemacht werden; sie müssen bloß durch Geschrey, allgemeines Geschrey, aufgedrungen werden. Nicht als wenn sie wegen ihrer Sublimität schwer zu fassen wären, sondern bloß wegen der Dickhäutigkeit des Subjecti adpercipientis Es sind gemeiniglich die trivialsten Dinge. Auch haben wir schon Beweise genug, daß das Schreyen gewürkt hat – und sollte es nun nicht schon eine gute verdienstliche Arbeit seyn, über diese Dinge nur mitzuschreyen? Natürlich zu schließen sollte man glauben, das Mönchswesen stühnde bey der Aufklärung unsers Jahrhunderts wie Butter in der Sonne. – Ja, wo Aufklärung ist, wo die Sonne scheint: Aber unser katholisches Deutschland hat eine dicke, dicke Atmosphäre; einzelne Stralen dringen wohl hie und da durch; die andern brechen sich darauf, und geben ihm auch wohl von aussen einen blenden Glanz; daß einer, der sich nicht in da Innere des Landes gewagt hat, viel Licht ahnden sollte: Aber mein Gott! wer nur ein wenig in die Steppe hineinwandert. – Einmal ich habe gefunden, daß bey genauer Untersuchung gerade die Gegenden die neblichsten waren, die den meisten Schein von aussen um sich warfen. So oft ich einen Protestanten treffe, der mir die herrlichen Anstalten unsrer katholischen Fürsten rühmt, das Mönchswesen zu beschneiden, hohl ich immer mit einem Seufzer den patriotischen Wunsch aus der Brust: »Wenn doch diese herrlichen Anstalten nur endlich einmal das Eis brächen.« Bis jezt sind sie noch alle samt ihrer Herrlichkeit darauf abgegleitet. Wenn man ein sehr schlechtes, in seiner Natur schädliches Ding vor sich hat, und will es nicht ganz und mit Einem Schlag vertilgen, sondern mit aller Gewalt das elende Ding zustutzen, damit es von aussen ein erbauliches Ansehen bekomme, so müssen alle Anstalten ihren Zweck verfehlen. Man nimmt dadurch doch das Wesentliche dieses Dings in Schutz; den Leuthen, welchen man die Execution dieser Anstalten überläßt, kann es nie wahrer Ernst seyn, weil sie sehen, daß man doch selbst noch Ehrforcht für den Popanz hat – desto schlimmer, wenns nur ceremonielle Ehrforcht ist; die Anstalten verlieren also in ihrer Vollführung ihre Kraft. Ist der Mann, der Theil an der Execution hat, ein heller Kopf; sieht er, daß er an dem Popanz flicken soll, aber den Huth unter dem Arm, und das Knie gebogen – so wird er zur Gleisnerey privilegirt, dazu gezwungen. Wer an gewissen katholischen Höfen gesehen hat, wie weit es die Hofmänner in dieser Kunst gebracht haben, wird meine Meinung durch die Erfahrung bestätigt finden. Ist der Mann ein Dummkopf, so wird er nie mit Muth Hand an das heilige Unding legen: Und so schaden im Grunde alle diese Anstalten mehr, als sie nützen. Gleisner giebt es freilich an jedem Hof; aber Religionsgleisner sind die schädlichsten; und hier ist die Rede von dem Grad der Gleisnerey, und – daß sie der Hof selbst dazu privilegirt. Ich mögte das ein wenig deutlicher auseinander setzen. Es wäre zum Beyspiel ein Hof, der eine mächtige Noblesse hat, die durch Clima, Erziehung, Mangel an gründlichen Einsichten, Ton etc. ohnehin sehr viel Hang zum Leichtsinn hätte. Dieser Hof gäbe zum Theil zu verstehen, daß er das Mönchswesen eben nicht für heilig, oder nur für gut halte; machte allerley Anstalten zur Reformation desselben; und vorzüglich suchte er den Mönchen die Beute für seine Kammer abzujagen, die sie aus dem Bienenkorbe des Staates zusammenschleppen. Auf der andern Seite machte dieser nämlich Hof drohende ernstliche Verordnungen, sich vor der Kapuze zu beugen; und gleich darauf erschiene wieder ein Mandat, daß die Mönche ziemlich deutlich für Hummeln erklärte, die sich vom Schweiß des Publicums nährten: Kaum hätten die Höflinge das Mandat gelesen, so müßten sie in Gala, und in Gegenwart des Hofs in der andächtigsten Stellung und mit der zuversichtlichsten Miene von einem Mönche auf der Kanzel sich beweisen lassen, daß die heiligen Dominicus, Elias, Augustinus, Franciscus etc. die größten Wohlthäter der Welt gewesen wären, indem sie ihre heiligen Orden gestiftet haben. Muß sich diese Noblesse nicht aus dem Betragen des Hofs den Begriff abstrahiren, die ganze Religion sey eine Täuschung, wodurch die Häupter des Volks die Unterthanen zu blenden suchen? Ist es nun ein Wunder, wenn die muthwilligste Freygeisterey der Hofleuthe mit dem schwerfälligsten Aberglauben des Volks in unsrer katholischen Welt so buntschekigt contrastirt? Und was für schlimme Folgen hat das für die bürgerlichen Verhältnisse! Der Cavalier sezt den gemeinen Mann mit seinen Aberglauben tief unter sich, bis zur Classe der Thiere; wird sein Tyrann, und sucht aus seinem Aberglauben Vortheile zu ziehen. Und bringt ihm nicht der Hof eben diesen niedern Begriff von seinen Unterthanen bey? Alten Täuschungen, und grauem Aberglauben durch Flicken, Beschneiden, Aufpuzen, noch den Credit zu behaupten suchen, ist das gefährlichste Unternehmen eines Fürsten, wenn schon ein ansehnlicher – und besonders der mächtigere Theil des Staats herausgebracht hat, daß es Täuschung, Aberglauben ist, und sieht, daß der Hof selbst nur zum Schein drauf hält. Es sind sehr wenige katholische Staate, wo man sich nicht durch traurige Erfahrung von dem Schaden dieser Gleisnerey überzeugen kann. Gegen meinen Willen bin ich in Eifer gerathen. Ich hoffe, es werde einigen meiner Leser zum Beweis dienen, daß wir Katholiken noch Ursache genug haben, über die Möncherey zu schreyen; und daß mit allen unsern Reformations=Anstalten noch bis jezt so viel als Nichts gethan ist. Vierzehnter Brief. Den 20sten Jun. 1779. Herr Gutmann fährt nun mit dem besten Erfolg fort, mir die Schuppen von den Augen wegzuwischen: Ceciderunt ex oculis ejus tanquam squamniae. Ceciderunt ... – Sie fielen von seinen Augen wie Schuppen. Vgl. Apg 9.18, die Bekehrung des Saulus vor Damaskus Deute es mir nicht übel aus, l. Bruder, wenn ich dir sage: Der Mann ist mir mehr als Schrift und Kirchenväter; denn was ist mir auch das Allerheiligste, wenn ich den Sinn nicht habe, es zu schmecken? Was ist mir alle Schönheit, wenn ich den Stahr in den Augen habe? Er ist's, der mir die Augen öffnet, um in das Heiligthum der Wahrheit zu schau'n. Ich kann dir nicht sagen, l. Bruder, welche Beruhigung ich in mir fühle, daß ich ohne alle Präsumption jedem Stral der Wahrheit, woher er auch komme, Kopf und Herz offen habe; daß ich nicht bin von dem Schlag des Dechants und der Mönche, qui dura cervice \& incircumcilis cordibus \& auribus semper spiritui sancto resistunt. qui ... – der hartnäckig und mit hochmütigem Herzen und verschlossenen Ohren dem Heiligen Geist Widerstand leistet Halte das nicht für das Gebeth des Pharisäers – es ist so ganz ohne Eitelkeit. – Doch bey dir bedarf ich keiner Entschuldigung; du bist ja ohnehin der Mann nicht, der gerne Sünden macht. Gestern ließ mich Herr Gutmann zu sich rufen: Hier haben Sie, sagte er, die Licenz verbotene Bücher zu lesen, und den Index dazu. Wir hätten einen kürzern Weg nehmen können; denn würklich finden sich die meisten unsrer Vicariaten und Consistorien beleidigt, wenn man sie übergeht. Ich wollte Ihnen aber beweisen, wie leicht man in Rom ohne alle Kenntniß der Person, der Absicht, des Orts etc. dispensirt, nur um einige elende Pfennige einzustecken. Man hat hier bey der Licenz, sehen Sie Herr Pfarrer, noch einige Bücher reservirt. Ich bedaure keines davon; denn sie waren alle so glücklich, durch einen Schwarm Refutatoren allgemein bekannt zu werden. Anstatt des reservirten Febronius sollen Sie mir Herr Pfarrer eine tüchtige Refutation davon mit ungleich besserer Würkung lesen, wenn Sie sie mit den Quellen zusammenhalten, woraus Febronius geschöpft hat, und wovon man keine reservirt hat. Nun muß ich Ihnen von der Geschichte und dem Endzweck dieses indicis expurgatorii indicis expurgatorii – Index der verderblichen Bücher, also der berühmte Index der für Katholiken verbotenen Bücher einige vorläufige Kenntniß geben. Ein Reich, das auf Meinungen gebaut ist, hat keinen förchterlichern Feind, als eine Art, seine Gedanken andern schnell mitzutheilen, und sie populär zu machen. Denken, Selbstdenken ist an sich schon eine böse Krankheit für ein Reich von dieser Gattung; aber so lange der Schaden nur in einzeln, äußern Gliedern sitzt, kann es sich durch Schneiden und Brennen immer noch eines tödlichen Brands erwehren; wenn es nur dafür sorgen kann, daß aus dem Uebel keine ansteckende Seuche entstehe, die zu geschwind um sich greife. An unserm lieben Rhein, Herr Pfarrer, wurde dem päbstlichen Reich von einigen harmlosen Bürgern der gräßlichste Streich gespielt. Die guten Leuthe erfanden das Buchdrucken. Bis dahin war es seinen Widersprechern, deren es schon gleich bey seiner Entstehung gnug hatte, allezeit gewachsen. Die Gährung blieb nur in den Schulen; oder wenn irgend ein gefährlicher Satz unter dem Volk zu laut wurde, so verdammte man ihn zur Hölle, und seine Anhänger zum Scheiterhauffen. Man hatte die Mittel noch nicht eine Lehre schnell zu verbreiten; und jede Lehre war für den gemeinen Mann hieroglyphisch. Die Schulen hatten ihre eigne heilige Sprache, die kein Ungeweihter verstehen konnte. Die Bücher waren rar und theuer, weil sie mußten geschrieben werden. Der langsame Gang einer Ketzerey ließ dem römischen Hof immer Musse genug, seine Kräfte zu sammeln, und der Gefahr vorzubeugen. Aber als zu Luthers Zeiten die Buchdruckerkunst schon zu einer erstaunlichen Vollkommenheit gebracht war; als man es sogar wagte, in der platten, verständlichen Muttersprache Dinge zu sagen, die zuvor nur im hohen mystischen Schulton gesungen wurden, da war nun der Damm gebrochen, der bis dahin der schnellen Mittheilung unsrer Gedanken im Weg stand; und nun war es nicht mehr so leicht, die Ketzereyen zu ersticken. Wenn Hans Huß die Vortheile einer populären Sprache und des Buchdruckens gehabt hätte, so hätte er schon eine geraume Zeit früher dem päbstlichen Reich den Stoß beygebracht, den ihm hernach Luther versetzte. Wenn ich sage, päbstliches Reich, Herr Pfarrer, so verstehe ich nicht die catholische Kirche. Ich glaube, ich habe Ihnen diese Distinction schon oft wiederhohlt. Unter päbstlichem Reiche verstehe ich den Hof, der nicht lange vor Luther dritthalb Millionen Gulden aus Deutschland zog, ohne mit unsrer Staatsverfassung eine andere Verbindung zu haben, als daß er uns bald an die Saracenen, bald an die Franzosen, dann an die Venetianer, bald wieder an Sicilien oder Mayland hetzte, nachdem ihm irgend einer von diesen Feinden zu nahe auf den Hals kam. Ich verstehe den Hof, gegen den schon vor Luthers Epoche der deutsche Reichstag hundert Beschwerden zu Papier gebracht hatte; über den sich selbst unsre geistlichen Churfürsten beklagten, er habe die freye deutsche Nation zinsbar gemacht, vergreiffe sich an den Rechten unsrer Könige, und mißbrauche seine geistliche Gewalt zur Ausdehnung seiner irdischen Herrschaft. Mit Zittern sah der heilige Vater, welches Ungewitter durch die unselige Buchdruckerkunst sich über seinem Haupt zusammenzog. Es war also sehr natürlich, daß Alexander VI. ohngefähr im Jahre 1496. ein Edickt herausgab, wodurch allen Buchdruckern unter Bannstrafe verbotten ward, irgend was ohne Erlaubniß des Pabstes oder seiner Legaten unter die Presse zu nehmen. Wenn auch dieses Präservative nicht von dauerhafter Würkung seyn sollte, wie leicht auszurechnen war, so war es doch ganz in der Manier des Pabstes, selbst von den Werkzeugen seines Untergangs so viel zu profitiren, als möglich war. – Homer lobt am Helden Ajax, daß er sogar auf seiner Flucht dem Feind noch allen möglichen Abbruch that. So passend das Gleichniß ist, womit er den Helden in den Augen seiner Leser erheben will, so darf ich es doch auf den heiligen Vater nicht anwenden, wenn es gleich auf ihn noch passender wäre, als auf Ajax – denn einige Criticker behaupten, es wäre für den alten Heiden zu niedrig – wie viel niedriger müßte es für die Person des heiligen Vaters seyn? – Der Pabst also suchte den unglücklichen Bücherverlag, so lang es thunlich wäre, zum Besten des heiligen Aerariums zu benutzen. Wir haben nun schon zween Beweggründe, Herr Pfarrer, die dem heiligen Vater den Plan des Bücherverboths eingeben mußten. Der erste ist – das Denken einzuschränken, oder wenigstens die Communication eines nachtheiligen Gedankens zu hemmen: Der zweyte – mit den Drukprivilegien einen einträglichen Handel zu treiben. Nun führt uns die Geschichte dieses Index auf den dritten Beweggrund, der bloß in dem Charakter Leo des X. seinen Ursprung hat. Dieser Mann, dem Künste und Wissenschaften so viel zu danken haben, hatte Nichts geringeres vor, als Rom zur Schule der ganzen Welt zu machen. Seine Absicht war, Rom nicht nur zum Mittelpunkt der Religion, sondern auch der ganzen Scholastik zu machen. Sprache, Philosophie, Rechte, Theologie etc. alles sollte römisch seyn. Zwar war schon vor seiner Regierung Italien für die gesittetern Europäer das, was ihnen jezt Frankreich ist; und die beste Empfehlung für einen Gelehrten war, wenn er in Bologna studirt hatte: Aber es geschahe mehr aus Gewohnheit, die dadurch veranlaßt wurde, daß Italien mit den griechischen Künsten und Wissenschaften eher bekannt war, als die übrigen europäischen Reiche. Leo der zehnte aber war der erste, der dieses Monopolium in einen Plan bringen, und dadurch für Italien eine unsäglich reiche Nahrungsquelle öffnen wollte. Er publicirte im Jahr 1515. eine Bulle, worinne er nebst dem Bannstral, dem Verlust und der Verbrennung der ohne päbstliche Censur gedruckten Bücher, dem Verleger, in welchem Land es auch seye, eine Strafe von hundert Dukaten dictirte; und um dieser Bulle allen Nachdruck zu geben, machte er sie zu einem Dekret des Lateran=Conciliums. Unterdessen war schon unter die Deutschen die Schreiblust gekommen. Die Philosophie hatte schon bewunderungswürdige Schritte gemacht; und sie war dem päbstlichen Stuhle schrecklicher, je mehr sie von Liebe zur Freyheit, der Phantasie eines neü[u]cultivirten Volks, und von Nationalstolz belebt war. Wir hatten Reuchlin, Anselm von Rotterdam, Hutten, Luther etc. Köpfe, die schon weit über die Querbalken hinausgeflogen waren, die der Pabst dem menschlichen Wissen setzen wollte. Sogar vor den Thronen unserer Fürsten fand izt die Philosophie Gnade, und unter ihrem Schuz gediehe die Reformation zur Ehre des menschlichen Verstands. Das tridentische Concilium, das der heilige Vater nach eigener Art und Weise zu beorgeln sich vorgenommen hatte, sollte dem schrecklichen Bücherunfug kräftigen Einhalt machen. Pius IV. ließ mit der größten Hastigkeit schon in der zwoten Sitzung, die unter ihm gehalten wurde, eine Büchercommission vorschlagen. Diese Commission hatte bis zum Ende des Conciliums nichts, als die allgemeinen Regeln, die hier dem Index vorgedruckt sind, zusammengeflickt. Es war dem päbstlichen Hof zuviel daran gelegen, daß der Index – so wie alle Dikreta des Conciliums – sein eignes Werk sey; und doch wollte er von dem Concilium einiges Ansehn dazu borgen, wenn gleich im Grunde das Concilium so viel als nichts bey dem Index gethan hat. Hören Sie Herr Pfarrer, wie sich das Concilium zu Ende ausdrückt: Sacrosancta synodus in secunda sessione sub sanctissimo domino nostro Pio IV. Celebrata, delectis quibusdam patribus commisit, ut de variis censuris, ac libris, vel suspectis, vel perniciosis, quid facto opus esset, considerarent; atque ad ipsam sanctam synodum refferent; audiens nunc huic operi ab eis extremam manum impositam esse; nec tamen ob librorum varietatem \& multitudinem distincte \& commode a sancta synodo possit dijudicari: Proecipit ut quidquid ab illis praestitum est, sanctissimo romano pontifici exhibeatur, ut ejus judicio \& authoritate terminetur \& evulgetur. Sacrosancta synodus ... – Die hochheilige Synode in der zweiten Sitzung unter unserem Heiligsten Herrn Pius IV. Sie (die Synode) hat einige der Väter ausgewählt, damit sie verdächtige Bücher prüfen und sich über diese eine Meinung bilden. Die Synode bestimmt, daß ihr Urteil dem Heiligsten Römischen Papst vorgelegt wird, damit er mit seiner Autorität bestimmen kann, welche Bücher für die Gläubigen als verderblich zu verbieten sind. Es wäre freylich für die Kirchenversammlung zu langweilig gewesen, sich über jedes verdächtige Buch von der Commission referiren zu lassen, und nach genauer Prüfung darüber zu urtheilen; aber es ist unverzeihlich, den Index ganz zu einem Werk des Pabstes zu machen; und nichts, als allgemeine, zweydeutige Regeln – um dem Ding doch Credit zu geben – dazu zu verfertigen. Die französische und deutsche Nation hatten mit dem Stuhl Petri ihre heiligen Verträge. Man wußte doch, wie eifrig der römische Hof die Schranken seiner Gewalt zu erweitern suchte; man wußte, wie ungern er in den bemelten Verträgen das Geringste zum Vortheil der tractirenden Nationen nachgegeben hat; man wußte, daß das Concilium eigentlich dadurch ist aufgetrozt worden, weil der Druck des päbstlichen Hofs den europäischen Fürsten unerträglich geworden war. – Hätte also das Concilium nicht dafür sorgen können und sollen, daß eine immerwährende, aus den interessirten Partheyen bestehende Commission niedergesetzt würde, die vom Pabst unabhängig die Rechte der verschiednen Nationen vor allem Eingriff gesichert hätte? Ist es für die Gegenparthey des Pabstes, für die weltliche Macht nicht eben so wichtig, daß das Ansehn der Schriftsteller, welche ihre Sache übernehmen, unangetastet bleibe? War nicht zu beförchten, daß man diese am sorgfältigsten expurgiren würde? Unterdessen wurde zu Rom der Index fertig. Sehr ängstlich hatte man alle die Bücher ausgemerzt, die für das Ansehn und die Rechte der Fürsten, und gegen die päbstliche Gewaltthätigkeit zu Felde zogen. In Frankreich verwahrte man sich feyerlich gegen den römischen Index, und in Deutschland machte der Kaiser eigenmächtige Bücherverbothe kund. Dort suchte man den Index durch Emissärs gängig zu machen, und hier wollte man durch Machtsprüche das heilige Officium rächen. Beydes war ohne Würkung. Nicht lange darnach bekam der gute Index eine ganz andere Gestalt. Die Jesuiten fiengen allgemach an, sich dem päbstlichen Hof nothwendig zu machen. Nichts konnte ihnen, zu ihrem Plan, sich zu Herren der Schulen, zu Depositärs der Wissenschaften, und zu Gewissensdespoten zu machen, besser dienen, als der Index expurgatorius. Der Index, den sie fabricirten, kündigt nicht nur den Ketzereyen, sondern allem Denken und Schreiben überhaupt den Krieg an; auch sogar gutgesinnte erzcatholische Schriftsteller, die nur von einer andern Schule oder einer andern Uniform waren, mußten Haare lassen. Sie werden in ihrem Catalog sehen, Herr Pfarrer, wie übel der Schulgeist der Jesuiten zum Beyspiel dem heiligen Thomas mitgespielt hat; Sie werden auch sehen, daß die Bücher, die bloß gegen die Jesuiten geschrieben sind, und also auf die Religion überhaupt gar keinen Bezug haben, unter allen Classen bey weitem die beträchtlichste Zahl ausmachen. Die alten Regimenter des Pabstes hatten damals schon viel von ihrem Diensteifer verloren. Die Jesuiten hingegen waren noch in ihrer ersten Hitze. Durch die vielen Singularitäten, die sie vor den andern Orden hatten, gewannen sie auch mehr esprit du corps , ihr Orden hatte mit dem Plan des römischen Hofs mehr Analogie; es war also natürlich, daß sie den andern vordrangen, und des Pabstes Leibgarde wurden, gegen den aus Norden so förchterliche Armeen vorrückten. Nun war ihr Emporstreben ohne Gränzen. Die ganze Gelehrsamkeit sollte ihr heiliges Eigenthum seyn, die sie wieder ganz hieroglyphisch zu machen suchten: Fluch also über alle Bücher, worinn irgend eine Wissenschaft populär vorgetragen wurde. So sehr man auch hin und wieder gegen den Index protestirte, so waren doch die Jesuiten im Stande, ihm in den Schulen und Beichtstühlen einigen Kredit zu verschaffen. Ihre glücklichen Feldzüge gegen den gesunden Menschenverstand in Süden, ihre Missionen unter spanischem und portugiesischem Geleite in die neuentdeckten Länder, ließ sie immer noch hoffen, mächtig genug zu werden, auch den europäischen Norden wieder zu erobern, wo sie unterdessen Nichts angelegners hatten, als durch Scharmützel gegen die Freyheit im Denken so viel Feld noch zu erhalten, als möglich war. Sie schlichen sich in die Häuser der Privatleuthe ein; hielten besonders strenge auf Beobachtung der vierten Regel des Index, worin das Lesen der Heil. Schrift verboten wird; wußten sehr viel von Trug und Tand des menschlichen Wissens zu sprechen, empfahlen ihren Index, und bewiesen die Unfehlbarkeit des Pabstes, worauf sein ganzer Kredit beruht. Ihren wackern Bemühungen, Herr Pfarrer, haben wirs zu danken, daß noch so mancher unbeschnittene lieblose Dechant auf gesunde Vernunft und reines Gefühl Jagd macht. Das dicke Dunkel, welches noch über so vielen Provinzen Deutschlands liegt – Indem klopft es an, und siehe da trat herein mein vierekigter Dechant. So betroffen ich war, daß er mich bey Hrn. Gutmann traf, so erfreut war ich, daß ich ihm meine Licenz unter die Nase stossen konnte. Er sahe mich quer über die linke Achsel an, nahm einen Stuhl, drückte sich den Hut in die Augen, und sprach also: D. Bona dies. G. Willkommen Euer Hochwürden. Es ist mir sehr unerwartet, Sie bey wir [mir] zu sehen. D. (zu mir) Er kann nur gehn, junger Herr – Wenn wir Gelehrten – G. Ich bitte um Verzeihung, Herr Dechant. Der Herr Pfarrer ist mein sehr guter Freund – ich hab für ihn kein Geheimnis – D. (indem er mir seinen Stock gab) Es ist ein hübsches Ding um die mores – wenn man jedem Mann von Stande seine behörige [gehörige] Titulatur – G. Euere Magnificenz erweisen mir sehr viel Ehre – D. O der Herr ist bekannt als ein Mann von Edukation; aber der Herr wird auch wissen, daß man mit der feinsten Edukation kann dem Teufel in A** fahren. (zu mir) Was macht denn er für ein Geräusche mit dem Papier da? Was ist das für ein Fetzen? Ich. Es ist die Licenz verbotne Bücher zu lesen. D Was? Woher? Für wen? G. Sie ist von Rom aus der heiligen Curia selbst. D. Was ohne meinen amtsrechtlichen Bericht? Nihili valet , junger Herr. (er wollte sie zerreissen; aber Herr Gutmann riß sie ihm aus der Hand). G. Sachte, sachte, Herr Dechant – Euer Hochwürden Magnificenz vergessen sich. Ich hab sie dem Hrn. Pfarrer von Rom beschrieben. D. Quousque tandem – Wie weit will der Herr noch seine Frechheit treiben? (hier stuhnd er auf) Mir in mein Amt zu greifen! Mich und das Konsistorium um die Amtsgebühre zu bringen! Quosque tandem? Weiß der Herr, warum ich gekommen bin? Herr, ich bin hier, ihn als obstinatum haereticum , als pestem patriae vor das Konsistorium zu fodern, wo er ein Glaubensbekenntniß ablegen, oder in ein Loch kriechen kann, wo er gewiß sein Gift nicht weiter ausbreiten wird. Ich bin hier, seine Bücher zu konfisciren – Er ist durch mich und die hochwürdigen P. P. Franziskaner oft genug gewarnt worden – aber sine fructu – Er war frech genug, uns hintendrein noch ein Eselsohr zu stechen. Aus christlicher Sanftmuth hat man seiner Tollheit nachgesehen; aber jezt soll er sehen, daß die catholische Kirche, die auf einen Felsen gebaut ist, und die die Pforten der Höll nicht überwältigen können, (er schlug mit geballter Faust auf den Tisch) sich so eines Geschmeisses, wie er ist, leicht erwehren kann – Und will der Herr vielleicht die Impertinenz so weit treiben, und mir nicht augenblicklich Gehorsam leisten, so muß der Herr wissen, daß es ein brachium saeculare giebt, (er trat einen Schritt näher) das zur Execution der Kirchenbefehle bereit und aufgehoben seyn muß. (Er hob seinen Arm auf) G. (der ihm ohne aus der Fassung zu kommen, die ganze Zeit steif ins Gesicht gesehen.) Besinnen sich Euer Magnificenz; Sie sind auf einem freyherrlichen Schlosse – D. Contra jura ecclesiae nulla exemptio. G. Euer Magnificenz haben allezeit vollkommen Recht. Ich werde nie gegen die Kirche oder ihre Vorsteher, wie Euer Magnificenz sind, die geringste Widerspenstigkeit zeigen. Sie legen mir einige Dinge zur Last, worin ich wirklich ganz unschuldig bin. Nie ist mir eingefallen, Ihnen in Ihr Amt einzugreifen. Ehe ich in die hiesige Diöces gekommen bin, habe ich die Licenz durch eben den Weg bekommen, wodurch ich sie Herrn Pfarrer verschafft habe. Sie sehen ja selbst, daß ich als ein treues Kind der Kirche gehandelt habe, da ich ihm ohne diese Licenz kein verbotenes Buch geben wollte. Jezt weiß ich, daß er sie auf Dero amtsrechtlichen Bericht von unserm Konsistorium hätte bekommen sollen, und begreife nun auch sehr leicht, daß Euer Magnificenz Ihre Amtsgebühr verlangen können – Euer Magnificenz müssen mich nicht für so unerfahren halten, daß ich nicht wissen sollte, daß man seiner Pfarre die jura stolae bezahlen muß, ob man gleich in einer andern Pfarre getauft, kopulirt, begraben wird etc. – Sehen Sie, hier, glaub ich, wird für die Amtsgebühre Euer Magnificenz genug seyn. Ich bin ein gehorsamers Kind, als Sie wohl glauben – D. Audiatur \& altera pars , sagt der Jurist – G. (indem er eine Bouteille Markgräfler auftrug). Um Sie von meinem Gehorsam zu überzeugen, so bitte ich Euer Magnificenz, mir die Zeit zu bestimmen, wenn ich mich dem Konsistorium stellen soll. – Unterdessen wünschte ich recht sehr, Ihnen eine bessere Meinung von mir beyzubringen – D. Audiatur \& altera pars – Die Mönche, mein Herr, sind doch überhaupt Leuthe – so – so crassae mentis – crudi cordis . G. Richtig Euer Magnificenz. Ich wünsche sehr, daß unsre Clerici recht fühlen, wie weit sie über den Mönchsstand erhaben sind – D. Sie haben keine Edukation die Leuthe – G. Vermutlich sind sies, die mich bey Euer Magnificenz so übel beschrieben haben. D. Richtig, mein Herr; aber audiatur \& altera pars – G. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich mir bey Euer Magnificenz einiges Zutrauen erwerben könnte – D. Das haben Sie vollkommen, mein Herr, vollkommen – Es ist mir recht leid, daß ich vorhin so unnöthiger Weise in die Hitze gerieth – G. Wir sind ja Menschen von Fleisch und Blut – D. Und nun muß ich Ihnen sagen, daß ich Sie eigentlich nur in dem casu vor das Konsistorium fodern soll, wenn ich Sie nicht durch meine eigne gute Vermittlung auf einen bessern Weg bringen kann. G. Ich hoffe Sie zu überführen, daß ich auf keinem schlimmen Weg war – Euer Magnificenz Wohlseyn! D. Gutes Vernehmen, mein Herr – G. Wir sind doch nun schon eine geraume Zeit Nachbarn; und so sehr ich es gewünscht habe, Ihre Freundschaft zu besitzen, so war ich doch nie so glücklich – D. Keine Komplimente, mein Herr – doctis pauca – Ich bin ihr Freund. G. Auf die Dauer unsrer Freundschaft! D. Wenn ich über die Limmel, die Franciscaner komme, ich will ihnen die Kutte ausstäuben – G. Kein Groll, Euer Magnificenz! D. Ich will sie pläuen, daß es eine Art haben soll. Lassen Sie mich nur über sie her – G. Ich setze die Mönche in die Classe der Leuthe, die mich nicht beleidigen können – D. Pecora campi , mein Herr – Hören Sie, der Fulgentius ist schon derbe bezahlt worden – Hören Sie – o das ist zum Krepirn! Da hats nun der Schlingel schon einmal so bey mir eingerichtet, daß ich ihn wenigstens zweymal den Monat durch zum Cooperiren auf dem Hals habe. Die vorige Woche kam er nun, wie er sagte, wieder ein wenig zu verschnauffen. Just hatte der gnädige Herr ein Jagen. Mein Fulgentius nicht faul, die Kutte aufgeschürzt, den Hirschfänger an seinen Gürtel, die Flinte auf dem Rücken, und so mit hinaus. Der gnädige Herr und die Jäger wollten nun bersten für Lachen – Saul inter prophetas! Saul inter prophetas – Saul unter den Propheten. s. Saul im Dictionnaire – Ha! Ha! – Nun da war's gut. Mein Rindvieh wußte nicht, quid stili , und schießt eine trächtige Kuh. Sapperment, meine Jäger her, den Franciscaner übergelegt, und piff paff abgeschmiert, daß es gepfiffen hat. Der gnädige Herr: Bravo, bravo; und wir alle zusammengeklatscht und gelacht – Meinen Sie aber, der Mönch hat sich was daraus gemacht! – Jezt bin ich doch zum Jäger geschlagen, schrie er, und schlug einen Schneller dazu. G. Ich bedaure den ehrwürdigen Pater von ganzem Herzen – D. O da ist Nichts zu bedauren. Kein Streich verlohren, als der daneben fällt – Doch – mein Stündchen kömmt (er rieb sich die Augen) Der Pater Fulgentius soll leben, mein Herr! (er leerte sein Glas und nickte). Als er eingeschlafen war, hieß mich Herr Gutmann nieder sitzen; denn ich war die ganze Zeit über wie ein Stock hinter des Dechants Stuhl gestanden. Lassen Sie uns einen Blick auf den Pater Fulgentius werfen, sagte er, und dann in der Materie über den Index wieder fortfahren. Glauben Sie wohl, Herr Pfarrer, daß der Mönch den Beyfall seines Guardians und seines ganzen Convents hat, und daß er dem gnädigen Herrn eine Kurzweil gemacht hat, wenns gleich auf Kosten der Ehre seines Habits geschehen ist. Was mir an dem ehrwürdigen Pater Unverschämtheit, Ausgelassenheit, Frechheit nennen, das betrachtet sein Kloster als ein vorzügliches Talent zu einem braven Terminanten. Wenn er sich kann hudeln lassen, wenn er alles fein mitmacht, um den gnädigen Herrn in gute Laune zu bringen, wo er denn besser aufgelegt ist etwas in die Küche zu schenken, so heißt: »Wir sind doch mit einem ganzen Terminanten geseegnet.« So sehr schon seine ganze Klosterdisciplin dahin abzielt, alle Schaam, alles Gefühl von Ehrbarkeit in ihm zu unterdrücken, so tragen doch die Terminantenkniffe, woraus sich die Mönche ein besonders Studium gemacht haben, das meiste bey, den Bettelmönchen zur Insolenz zu privilegiren. Und nun ist es auch sehr natürlich, daß selbst ein Mann, wie der Dechant hier, den die Mönche für einen besondern Patron halten, bey dem geringsten Anlaß sie niederträchtiger behandelt, als ein gesitteter Weltmann, der übrigens gar nicht Patron der Mönche seyn will. Sie haben gehört Herr Pfarrer, welche schöne Titulaturen der Herr Dechant ihnen beygelegt hat. Er hat keine wahre Achtung für sie, so sehr er auch sonst ihre Parthey nehmen will. Er achtet sie nur, insoweit sie ihn amusiren, ihm kriechende Schmeicheleyen machen, und sie Leuthe sind, unter denen er doch mit seinem Verstand und Witz eine Figur spielen kann. So lange den Mönchen das Terminiren erlaubt ist, so lange die Polizey sie als Leuthe betrachtet, die außer ihrer Sphäre sind, muß Unverschämtheit ihr auszeichnendes Merkmal seyn. Wie ganz anders sieht es in den Klöstern in Oestreich aus, seitdeme – Dechant (dehnt sich, uhah!) Oestreich – ja ja – laßt izt nur einmahl die Oestreicher über die Preuß kommen. Der Kaiser Joseph wird ihn lehren, wie er die katholische Kirche respectiren soll. Der gibt sich Mühe die Ketzereyen recht aus dem Grund auszurotten, und den Schaafstall Christi zu säubern. Ein guter Freund hat mir catalogum librorum prohibitorum aus Wien geschickt, und dabey geschrieben, wie genau sie einen visitiren, damit keins von den giftigen Büchern kann hineingebracht werden. Wen ich Ihnen mit dem Catalogo dienen kann – – G. Ich danke Ihnen – ich hab ihn selbst. D. 's ist wahr, 's ist all eins; Sie haben ja den Index von Rom – G. Mit Ihrer Erlaubniß, es ist ein großer Unterschied. D. Wie so? Wie so? G. Im dem Wiener=Catalog sind Bücher verbothen, die es in dem römischen nicht sind, \& vice versa – D. Ey das ist ja nicht möglich – G. Hier sehn Sie, belieben Sie nur die zwo ersten Seiten zu vergleichen – D. Ey das können Ihro kaiserliche Majestät nicht – Bücher verbieten kömmt nur den Pabst zu – G. Daß es der Kaiser thun kann, ist schon dadurch sattsam bewiesen, daß er es würklich, auch sogar ohne päbstliche Protestation, thut. Es waren freylich Päbste die sich gegen dergleichen angebliche Eingriffe sträubten; zum Beyspiel Pius der vierte; aber die Zeiten sind vorbey – D. Aber der Pabst muß ja doch besser wissen, was der catholischen Religion schädlich ist, als der Wiener=Hof. G. Und der Wiener=Hof weiß gewiß besser, was seinen Unterthanen vortheilhaft oder schädlich ist, als – D. Als Ihro päbstliche Heiligkeit? Ey, ey, mein Herr! – Hm, hm, – G. Ja ja, als der Pabst. Der Bücherverboth ist zu Wien eine Polizeysache, die ihre guten Gründe hat, und wobey auf den römischen Index wenig Rücksicht genommen wird. Die Censur verfährt ganz eigenmächtig. D. Glauben Sie das nicht – G. Es ist hier nichts zu glauben – Belieben Sie nur die Catalogen zu vergleichen. D. Ich müßte es ja wissen – G. In Wien hat die Polizey gute Ursach, sich ein besonder wichtiges Geschäft aus dem Bücherverboth zu machen. Es hat wohl kein Publikum in irgend einer grossen Stadt so viel Instinct zum Lesen; auch ist wohl keins, bey welchem jede Gattung von Lectüre so leicht Ton giebt, als bey dem Wiener=Publikum. Wie viel Geld würde für alle die Bücher, womit die Stadt aus allen Gegenden von Europa überschwemmt wird, außer Lands gehen? Zu welchem Leichtsinn würde es durch eine indiscrete Lectüre hingerissen werden, wozu es ohnehin schon zu viel natürliche Anlage hat? Die Polizey sorgt dafür, daß von dem lesenden Publikum nur inländische Producten – inländisch als Producten der Presse – consumirt werden. Es wird mit unter manche Zeile gedruckt und gelesen, gegen welche seine päbstliche Heiligkeit viel einzuwenden hätten – D. Larifari, mein Herr, lauter Larifari – Merk er sichs, Pfarrer – was der Herr da sagt, ist lauter Larifari – G. In Frankreich wird der Bücherverboth eben so profan behandelt. Ich könnte Ihnen Beyspiele anführen, daß der Hof sogar in Qualificirung gewisser Schriften, der Sorbonne aufs nachdrücklichste widersprochen hat – D. O die Franzosen sind Jansenisten. Behalt er das, Pfarrer; die Franzosen sind Jansenisten. G. Und die Sorbonne ist doch sehr weit entfernt, sich vom römischen Hof vorgeigen zu lassen. Wenn Sie sich einmal die Mühe nehmen wollten, den Amelot, Sarpi, und besonders den van Espen über diesen Punkt zu befragen, so würden Sie freylich zu Ihrem Erstaunen überzeugt werden, daß der Grundsatz des Wiener=Hofs, sich in Rücksicht des Bücherverboths gar nicht nach dem Index der römischen Congreation zu richten, sehr vernünftig, und in den meisten catholischen Staaten schon in praxi angenommen ist. Sie würden sich wundern, was in Venedig, Neapel, Spanien, Portugal für Anstalten sind gemacht worden, den römischen Index um seinen Credit zu bringen – D. Sed papa est infallibilis; atqui index iste authoritate papali munitus est; ergo \&c. Sed ... – Aber der Papst ist unfehlbar, und dieser Index ist durch die päpstliche Autorität befestigt, darum etc. (er zog seine Perücke übers linke Ohr vor, und sah aus, als wenn er seinem Todesfeind den Herzstoß beybringen wollte). G. Was werden Sie aber sagen, wenn ich Ihnen ein halbes Dutzend Beyspiele anführe, daß sich die Päbste und ihre Congregationen in ihrer Censur selbst widersprochen haben. Die mabillonische Schule des P. Ceppi wurde mit päbstlicher Erlaubniß in Rom gedruckt, und erst 34. Jahre darnach verbotten. Joannes Trithemius de Steganographia wurde 1676. von der Inquisition verdammt, und 1703. durch ein besonders Dekret von ihr wieder zu lesen erlaubt. Die Werke des Nicol Machiavelli wurden in Rom mit einem päbstlichen Breve gedruckt, und nachgehends von der Inquisition aufs Schärfste verbotten. Erasmi epitome Annotationum steht hier im Index, obschon Leo X. das Buch in einem Breve gebilligt hat. Sixtus V. verboth Bellarmins Buch vom römischen Pabst, und nach seinem Tod ward es aus der Liste verbothner Bücher ausgestrichen. Die Lectionen der heiligen Catharina von Siena sind von Urban VIII. dem Brevier einverleibt worden; hernach fiel der Congregation ein, sie zu expurgiren – D. Sed papa est infallibilis – G. Wenn Sie erst alle die nichtsbedeutenden Ursachen wüßten, welche die meisten der bemeldten Widersprüche veranlaßt haben, sollten Sie wohl Ihren Satz so unbedingt stehen lassen? D. Distinguo; si loquitur ex cathedra, est absolute infallibilis, si non Distinguo ... – Ich unterscheide; wenn er als Papst (»vom Katheder«) spricht, ist er völlig unfehlbar, sonst nicht – (Er sah mir triumphierend ins Gesicht) G. Ich kenne die Distinctionen, womit vorzüglich die Jesuiten in den Schulen auspariren Aber wie soll man die Grenzen der päbstlichen Catheder bestimmen? Wenn der Pabst durch seine Congreation spricht, oder ein Breve publiciert, wie in benannten Fällen, so spricht er doch wahrhaftig ex cathedra; also muß ihn noch auf seiner Catheder eine Distiction retten, oder – D. Larifari – Pfarrer, lauter Larifari – G. Wenn Eure Magnificenz jezt wieder in die Schule kämen, wie würden Sie staunen, daß sogar die Herren Exjesuiten von der Unfehlbarkeit des heiligen Vaters erstaunlich viel vergeben, seitdem Ganganelli sie gestürzt hat. Wenn Sie sich die Mühe nehmen wollten, die theologischen Theses von zween berühmten Doctoren, die mir seit einigen Jahren von benachbarten Universitäten sind zugeschickt worden, durchzulesen, so würden Sie die Lehrsätze des verfluchten Febronius, zwar mit einem leichten Pallium, von Exjesuiten öffentlich defendirt hören; und eben diese Ehrenmänner fochten sonst am hitzigsten für die Monarchie des Pabstes. Eine Hand wäscht die andre, sagt man, und dieses Sprüchwort gilt, wie es scheint, in den Schulen und in der Theologie selbst so viel, als bey den Trödlerinnen auf dem Markte. So lange der Pabst ihnen diente, dienten sie ihm auch. Freylich ist es nicht sehr politisch gehandelt, durch dergleichen schnelle Uebergänge der Welt so offenbar zu zeigen, auf welche reine innerliche Ueberzeugung ihr Lehrgebäude gestützt war. Einer der bemeldten Herren Doctoren wurde auch von dem Ministerium eines sehr angesehnen geistlichen Fürsten wegen der gähen Veränderung seines Schulsistems derbe gezüchtigt, mit beygefügter Erklärung: Daß es gegen die Wahrheit seiner defendirten Sätze nicht das Geringste einzuwenden habe; daß aber seine so offenbar geäusserte Rachbegierde gegen den heiligen Vater sehr beleidigend sey, und Züchtigung verdiene. Nun das genau beherzigt – sollte wohl der Wiener=Hof, Euer Magnificenz, Unrecht haben, wenn er sich über die schwankende, partheyliche Schullehre, über die vorgreifliche trügliche römische Censur ganz hinaussetzt, und nach seinem eignen Polizeysisteme die Büchercensur einrichtet? Wenn er die Schriftsteller in Schutz nimmt, die sich eine besondre Angelegenheit daraus machen, die Grenzen der geistlichen Gewalt zu bestimmen, und die weltliche Macht gegen allen nachtheiligen Eingriff zu sichern? Es fällt auch dem heiligen Vater nicht mehr ein, etwas dagegen einzuwenden; hart muß es ihm freylich fallen, daß von 20. Millionen Menschen, die etwa die östreichischen Erblande zählen, nichts für Licenzen in die päbstliche Kammer kömmt – und das ist auch wohl das Einzige, was heut zu Tage, wo man so viele Quellen dem heiligen Aerarium schon verstopft hat, dem heiligen Vater bey der Sache wehe thut. Die Leichtigkeit, womit man dem Herrn Pfarrer da seine Licenz ausgefertigt hat, ist, denk ich, Beweis genug; hämisch lacht man zu Rom über die Einfalt des ehrlichen Deutschen, der noch seine Pfennige opfert. Lassen sich, Euer Magnificenz, ein Späßchen erzählen: Ein gewisses Frauenzimmer spielte rasend auf Kosten des päbstlichen Beutels. Dem Schatzmeister wurde warm, und er nahm sich die Freyheit, ihr zu sagen, daß sie schon eine ansehnliche Lücke hineingemacht habe. Es sind ja nur deutsche Sünden, die ich verspiele, erwiederte die Donna, und rümpfte die Nase. Wie gefällt Ihnen die Antwort? D. Vermuthlich war das seine Schwester, oder seine Baase, oder seine Nichte, oder – G. Nein, sie war dem heiligen Vater noch näher verwandt. Aber – Euer Magnificenz sind doch auch ein Deutscher; sagen Sie, wie gefällt Ihnen die Antwort? D. Spaß, 's ist nur Spaß. Spaß in Ehren, kann niemand wehren. G. Aber uns Deutschen macht der Spaß wenig Ehre. D. Ah! Sie sind ein Grübler – G. Wenn es darauf ankömmt, Euer Magnificenz, meinen Bündel Thorheit gestehe ich gern ein. Ich gebe Ihnen zu, daß es eine Art von Thorheit ist, durch dergleichen Räsonniren oder Deräsonniren die Welt bessern zu wollen. Aber ich fühle gar zu lebhaft die Wahrheit der Worte unsers Erlösers: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Ich habe nun würklich Nichts wichtigers zu thun, so denke ich, es wäre doch immer leichter zu verzeihen, wenn man so was frisch weg von der Brust redet, als wenn man, seine müßige Stunden auszufüllen, Anschläge auf den guten Namen seines Nebenmenschen macht, und mit lauernder Schadenfreude herumschleicht, sie auszuführen – D. Vae homini per quem scandalum venit – Mein Weg ist der weiteste, mein Herr – Leben Sie wohl! Ich mußte nun Wohlstandswegen dem Dechant das Geleite zum Dorf hinaus geben. Lieber Bruder! Was mir der Mann unterwegs für tolles Zeug vorgeschwäzt hat! Er wollte mich bereden, daß eine einzige Distiction von Busenbaum alle Vernünfteley des Herrn Gutmann zu Schanden machte. Er bewies mir, daß er ihn mit dem ex cathedra, \& non \& c. aus aller Fassung gebracht habe. Er folgerte daraus, daß ich sehr übel thun würde, wenn ich auf solches superficielles Mischmasch mehr Acht hätte, als auf solide Studia. Man pocht an – Leb wohl, lieber Bruder! Fünfzehnter Brief. Den 8. Jul. 1779. Verzeihe, l. Bruder, daß ich dir so lange nicht geschrieben. Ich hab so viele Arbeit auf dem Hals, daß ich ganz ausser Odem bin. Was mir die Mönche in meinem kleinen Sprengelchen zu schaffen machen! Daß sie doch alle beym – – Gott verzeihe mir, wenn ich fluche; aber wer kann bey so vielen Bubereyen in in seiner Fassung bleiben? Schon drey Wochen sitzen zween Franziscaner meinen Pfarrkindern auf dem Nacken, und pressen ihnen das Blut aus. Wenn sie sich doch damit begnügten, dem armen Häuflein den Lohn seines Schweisses wegzukapern; gerne wollte ich zusehen, wie sie ihn in ihrem heiligen Müssiggang verzehrten. Ich könnte mich doch damit trösten, daß der wohlthätige Gutmann meine Gemeinde wieder auf einige Art schadlos hält; aber meine Heerde ganz in Aufruhr zu setzen, daß ich vielleicht ein halbes Jahr wieder arbeiten muß, bis ich Ruhe und Ordnung in meiner Pfarre habe, das kann ich ihnen so leicht nicht verzeihen. Was in den Ställen, den Tennen, Feldern, Werkstätten, und besonders in den Ehebetten meiner Schäflein für eine Gährung ist, lieber Bruder! Die Haare stehn mir zu Berge. Schon in der ersten Woche rühmten mir die Ehrwürdigen ihre Eroberungen für den Himmel, ihre erbauliche und glückliche Werbungen für den dritten Orden des seraphischen Vaters. »Wir haben schon in die vierzig eingeschrieben, sagten sie: Sie sollen mit der Zeit eine ganz heilige Gemeinde bekommen, Herr Pfarrer.« ich ließ das gut seyn, weil ich die Folgen nicht vorsehen konnte, aber nun ist Lärm in allen Ecken. Täglich muß ich in drey oder vier Häuser in vollem Odem laufen, um das Feuer zu löschen, welches der dritte Orden angezündet hat. So eben komme ich von unserm Schuster, den sein Knecht erbärmlich geprügelt hat, weil er ihn zu der Stunde, worin der Pursch nach der Regel seine Tagzeiten beten sollte, mit Gewalt wollte zur Arbeit anhalten. In den sonst friedlichsten Wirthschaften ist nun nichts als Zank und Schlägerey. Unter den besten Nachbarn ist schon einigmal Feindschaft entstanden, weil der eine seine Metten brummte, und der andre, während daß sie nebeneinander pflügten, nach der alten Gewohnheit von guten oder schlechten Jahren, von Krieg oder Pest mit ihm plaudern wollte; oder weil der eine dem andern auf das Fest eines Heiligen aus dem dritten Orden seine müssige Ochsen nicht leihen wollte. Unter Knechten und Mägden sezt's Händel, weil der eine oder die eine in der Fröhlichkeit seines Herzens ein Liedchen singt, woran sich die Keuschheit des andern oder der andern ärgert. Sie verlassen ihre Dienste, weil sie entweder zu nahe bey denen vom andern Geschlecht schlafen müssen, oder einer da ist der gerne schäkert, oder der Herr sie nicht will ihre Heiligen feyern lassen. Kurz, Feuer in allen Ecken! In dem Beichtstul, Bruder, da läuft mir erst der Angstschweiß stromweise über den Leib. Bald jammert mir ein altes Weib vor, daß ihr junger Mann ihr die Ehepflichten nicht mehr wie zuvor thun will, weil er sich in den dritten Orden habe einschreiben lassen, und bittet mich, ihn zu seiner Schuldigkeit anzuhalten. Bald klagt ein Alter sein junges Weibchen wegen der nämlichen Widerspenstigkeit an, und fügt ebendieselbe Bitte bey; und Leuthe zu Ehepflichten anhalten ist für einen jungen Mann, der wie ich ohnehin eine starke Portion von der materia peccans im Leib hat, gewiß eine saure Arbeit. Die grossen Bauernlimmel, welche mir sonst ihre grobe handgreifliche Sünden platt hinwarfen, wimmern mir jezt stundenlang ihre unehrbaren Träume vor; und wenn dann Einer, um keinen erschwerenden Umstand auszulassen, recht ins Detail geht, so sezt das wieder bey mir böses Blut. Sonst hatte ich in einer Stunde 12. bis 15. abgefertigt; jezt habe ich mit Einem genug zu thun. Es kommen mir jezt ganz neue Sünden vor, wovon im Voit keine steht. z. B. die Tagzeiten nicht präcise um die vorgeschriebne Stunde beten; bey dem Tische oder sonst von ohngefähr an des andern Fuß anstossen; das Kopfküssen für eine Dirne ansehen; das Gegrüsset seyst du Maria, nicht ohne unzüchtige Vorstellungen beten können u. dgl. Besonders anstössig sind vielen die Worte: Der Herr ist mit dir, und, die Frucht deines Leibes. – Das sind nun bey meiner Gemeinde Todsünden. Nun wimmelt alles von Sünden auf meiner Pfarre. Stelle dir nur vor, lieber Bruder, wie geängstigt ich bin! Wenn doch der dritte Orden mit dem ersten und zweyten beym – Um mir einen deutlichen Begriff von diesem Orden zu machen, ließ ich mir von einem Terminanten die Regel geben. »Das Buch kostet uns selbst einen Reichsthaler, sagte er; aber da wir mit so was nicht handeln dörfen, so wirds uns der Herr Pfarrer am Allmosen zu gut kommen lassen.« Da ich mich aus Politick mit den Leuthen ziemlich vertraut stellen muß, so brachte ich im Vertrauen aus ihnen heraus, daß sie 36. solche Bücher in meinem Dorfe abgesezt hätten; und keine von allen den frommen Seelen habe den Schaden ihres Klosters verlangt, sondern lieber doppelt den Werth des Buchs an Allmosen ersezt. So viel ich von Büchern urtheilen kann, so kann es nach seiner Grösse unmöglich über 24. Kreutzer kosten; und nun das Einschreibgeld, und das Geldgen für den Gürtel zusammengerechnet, so schleppen die zween Exequenten ein ansehnliches Sümmchen aus meiner Gemeinde. Dir wird das schöne Werklein schon zu Handen gekommen seyn, sonst wollte ich dirs durch den Bothen schicken. L. Bruder, daß doch alle Orden, das Institut der Jesuiten wie diese Regel des heiligen Franciscus, den Stiftern unmittelbar von Gott sind eingegeben worden, so sehr sie sich auch widersprechen! Wie treflich fängt das Werklein an: Es braucht der Anfang oder Ursprung dieses Ordens wenig Nachsuchens, indem die heilige Kirche ein ganz offenbares Zeugniß thut geben, daß selbiger Orden dem heil. Francisco, seinem ersten Stifter, von Gott sey eingeblasen, zum Heil der Seelen. Dann nachdem dieser brinnenglische [?] Mann schon seine zwey erste heilige Orden etc. etc. L. Bruder! Wenn man gelehrte, erfahrne Schiffer auf der See des menschlichen Lebens ihren Anker oft an einen Zwirnsfaden hängen sieht, warum sollten wir dem Bauern verübeln, daß er im Vertrauen auf eine braune Kutte das faustdicke Seil ergreift, welches ihm Gott vom Himmel herabläßt, um ihn hinaufzuziehen? Aber wehe dem Mann, der, seines Vertrauens zu spotten, ihm faule Lumpen, statt des Ankerseils in die Hand giebt! Ich kann unmöglich über einen Aberglauben, der ohne schädliche Folgen ist, ungehalten werden; ich betrachte ihn als eine natürliche Wirkung des Hangs, glücklich zu seyn, und der Eingeschränktheit unsrer Aussicht in die Zukunft, die bey dem tiefsten Kenner der Natur die nämliche ist, wie bey dem rohen Landmann; und der eben deswegen so gerne als der Bauer sein Kartenhäuschen baut, im blinden Wahn, er thürme ein Schloß mit Quatersteinen auf einen Felsen – Aber daß meine Terminanten, wenn ich ihnen die schlimmen Folgen vordeklamire, die ihre von Gott eingeblasene Regel unter meiner Heerde verursacht hat, mir ins Gesicht lachen; mir noch beweisen wollen, daß alle das nur Aeusserungen der siegenden Frömmigkeit bey meiner Gemeinde seyen, und auf ihren vollen Bettelsack klopfen; ja wenn ich ein wenig zu sehr in die Hitze komme, mir noch drohen dörfen – das ist zum rasend werden! Lachen mußte ich wieder hellauf über den ersten Absatz der Auslegung der zweyten Regel, wo geschrieben steht: Es ist auch wohl zu merken, daß es nicht zulässig, aus diesem Orden in einen andern zu schreiten, welcher dem unserigen in löblichen und heilsamen Satzungen nicht fürgehet etc. Wie offenbar sie ihren Handwerksneid blicken lassen! Man pocht an, l. Bruder; es ist gewiß wieder was zu löschen, oder der Brief wird noch oft unterbrochen werden. Da bin ich nun wieder, l. Bruder! Eine neue Historie, gewiß auch von den Franciscanern angezettelt. Unsre Wagnerin im Dorfe, der ihr Mann das vorige Jahr gestorben ist, ließ mich in Eile zu sich rufen, und sagte mir zitternd und stotternd, daß sie eben nach Hause gekommen; und wie sie in die Stube hereingegangen, habe sie ihren Mann leibhaftig mit seinem rothen wollenen Wamms, und seiner grünen Pelzhaube, die Hemdärmel aufgestreift in seinem grossen Lehnsessel an der Thüre sitzen sehen; habe Jesus Maria geschrieen; der Mann sey verschwunden, und sie in Ohnmacht gefallen. Ich sprach ihr zu, so viel ich konnte, aber es half nichts. Ja ihr Sohn der drey Jahre in der Fremde gewesen, und also ein gescheuter Kerl sey, habe seinen Vater gleich nach seinem Tod in der Werkstätte spucken gehört; nach und nach sey es immer näher gegen seiner Kammer kommen. Vor vier Wochen habe es sogar die Thüre aufgemacht, und gestern sey es bis zu seinem Bette hingegangen, habe den Vorhang aufgezogen, und ihm gesagt, daß er im Fegfeuer bleiben müsse, bis seine Schulden bezahlt seyen. Ich blieb bey ihr, um zu warten, bis ihr Sohn nach Hause käme, daß ich vielleicht von ihm den Zusammenhang der Geschichte vernehmen könnte. Er kam endlich, aber er wußte weiter nichts, als was mir die Mutter schon gesagt hatte; bekräftigte alles das mit ein Paar tüchtigen Schwüren; tröstete seine Mutter und mich auch, daß die P. P. Franziscaner es auf sich genommen hätten, den Geist zur Ruhe zu bringen: das wären ja ohnehin die Leuthe, die mit dem Teufel selbst fertig werden könnten; freute sich doch dabey, daß sie endlich augenscheinlich von der Wahrheit seiner Erzählungen wäre überzeugt worden. Ich wollte ihn fein ausforschen, und that einige Fragen an ihn; aber er verrammelte mir meinen Weg mit einem trotzigen es wäre nicht anderst. Ich muß dir gestehn, l. Bruder, daß mich der Zufall ein wenig stuzen macht – Da ich bey der Sache nichts mehr thun konnte, so gieng ich meines Wegs, und schrieb dir es ganz warm nieder. Morgen in aller Frühe will ich zu Herrn Gutmann gehen, und mich Raths erholen. Ich will nun diesen Brief so lange liegen lassen, bis wir ganz im Klaren sind, und dir dann umständliche Rechenschaft geben. Wenn diese Geschichte wieder auf eine Büberey entwickelt wird, so ist es für mich eine Art von Firmung zur Beharrlichkeit in Gutmanns Glauben. Aber ich sehe noch gar keinen Grund, eine tückische Veranstaltung bey der Sache zu vermuthen; das Ding ist so platt. Nun liegt der Brief schon 5. Tage da; jezt will ich ihn ungestört zu Ende bringen. Es ist nun 9. Uhr; ich gehe nicht zu Bette, bis ich ihn vollendet habe. Du wirst drolligtes Zeug hören. Herr Gutmann wußte schon um die Gespenstergeschichte; da es aber noch zu keinen Thätlichkeiten gekommen war, so achtete er weiter nicht darauf: Nun aber, da er von mir hörte, daß es Ohnmachten absezt, so versprach er mir, gleich zur Wittwe zu gehen, weil er ohnehin am stärksten dabey interessirt sey; denn seine Forderung an die Verlassenschaft des Wagners sey bey weitem die stärkste, indem sie gegen hundert Thaler betrüge. Er kam zu mir zum Mittagessen, und sagte mir bey Tische, daß er würklich noch nicht auf den Grund kommen könnte. Es träten nun sogar Zeugen aus der Nachbarschaft auf, die ihn heute um Mitternacht in seiner Werkstätte arbeiten hörten, und aus dem obern Fenster schauen sahen. Er rieth mir, den Sohn zu einer Beicht zu bereden, ihm erst die Wichtigkeit des Sakraments recht lebhaft vor Augen zu stellen, und dann in der Beicht ihn zu beschwören, daß er den wahren Zustand der Sache erzählen, und auf die Wahrheit seiner Erzählung zur Communion gehen sollte. Ich versprach, es gleich den andern Tag zu thun. Unterdessen wurden wir durch die Franziscaner unterbrochen. Herr Gutmann fieng gegen meine Erwartung selbst an, von der Sache zu reden. Die Patres redeten davon, als von einer alltäglichen Begebenheit; daß es eine Kleinigkeit sey, gegen die andern Abentheuer, die sie schon gegen den Teufel und seinen Anhang, kurz gegen das ganze Geisterreich hätten bestehen müssen; daß sie schon ganz feurige Kerle, Riesen die ihre Köpfe unter dem Arm getragen, ganze schwarze Dorfgerichte von der Rathsstube, grosse Herren die mit ihren Ministers und Bedienten in feurigen Wagen aufgefahren, und Dutzende Teufel statt der Pferde angespannt, in Säcken weggetragen hätten. Sie sagten, daß sie wirklich schon in einer heiligen Messe eine Bannkerze geweiht hätten, die den Geist beyziehn, und ihn zur Bekenntniß seiner Sünden, und seines Zustands in der andern Welt zwingen würde; daß Gott augenscheinlich bey diesem Vorfall die Absicht habe, einige Freydenker in der hiesigen Revier zu beschämen, die die Macht ihres Ordens über Satan, Hölle und Fegfeuer frech verlachten. Das war auf Herrn Gutmann und mich gestochen. Herr Gutmann antwortete keine Sylbe, gieng nach Hause; und ich nahm mir vor, gleich den Sohn in das Verhör zu nehmen. Er war augenblicklich entschlossen, beichtete, betheuerte seine Aussage, und nahm zur Bekräftigung des andern Tages von mir das Abendmahl. Nun stand ich, wie der Ochs am Berg. Die Mönche fiengen nun einen neuen Termin an unter dem Titel, den Aufwand zu ihrer Operation bestreiten zu können. Ich hörte hie und da, daß sie den Gläubigern des Wagners heftig zuredeten, auf ihre Forderungen schriftlichen Verzicht zu thun, damit die arme Seele zur Ruhe käme. Als ich das Herrn Gutmann sagte, wurde er ein wenig nachdenkend, nahm dann hastig seinen Stock und Huth, und versicherte mich, daß er die Komödie nun zu Ende bringen würde. Wir giengen miteinander zu dem Sohn des Wagners. Herr Gutmann sagte ihm, daß er nicht allein auf seine Schuldforderung Verzicht thun wollte, sondern auch zur Tilgung der übrigen Schulden etwas ansehnliches beytragen würde, wenn er die Wahrheit eingestühnde. Er versprach ihm dann auch in Nothfällen so auszuhelfen, wie er seinem Vater, der ein rechtschaffner Mann war, öfters gethan habe; Wenn er aber auf seinen Lügen bestühnde, so würde er mit aller Gewalt auf die Bezahlung dringen. Nun fieng der Pursch an zu bekennen, daß die ganze Geschichte seine Erfindung wäre; daß er, im Fall er die Schulden hätte bezahlen müssen, ein Bettler geworden wäre, und sich nicht anderst zu helfen gewußt, als durch eine solche Historie die Gläubiger zu bewegen, ihm solche zu schenken. Er habe gesehen, daß er mit Hülfe der Franziscaner seinen Zweck leicht erreichen könnte: Diese hätten ihn ohne die geringste Untersuchung in seinem Vorhaben bestärkt; mit dem Beysatz, daß, wenn es auch nicht wahr wäre, er dennoch einen Stuhl im Himmel verdienen könnte; denn mit allen ihren Predigen würden sie das gemeine Volk in dem wahren Glauben an das Evangelium, und besonders an die Unsterblichkeit der Seele, nicht so bestärken können, als es eine solche Geschichte thun würde. Sie hätten ihm gesagt, daß es eine Eingebung Gottes wäre, in unserm Dorf einmal einen solchen Auftritt zu haben, wo die Freygeisterey schon starken Fuß gesezt hätte. Sie könnten dadurch den Herrn Gutmann, den Herrn Pfarrer, und den Schulmeister zur Räson bringen. Sie hätten mit ihm verabredet, daß er diese Nacht, so sie den Geist förmlich beschwören wollten, seinen Vater spielen müßte. Sie hätten Zeugen bestellt, und ihm seine Rolle aufgeschrieben, die er schon auswendig gelernt. Er gab uns auf Verlangen das Papier. Unter andern Possen sollte der Pursch an seines Vaters statt aussagen, daß er von dem Richterstuhl Gottes wegen seinem Umgang mit dem bösen Gutmann, wodurch sein Glaube schwach geworden, zur Hölle wäre verdammt worden, wenn nicht der heilige Antonius geschwind beygesprungen wäre, und das Allmosen, welches er vor seiner Bekanntschaft mit Gutmann den P. P. Franziscanern gegeben, auf die Wage des heiligen Michaels geworfen hätte; da sey nun die Schale seiner guten Werke ein Bißgen tiefer gesunken, und Gott habe ihn nun so lange zum Fegfeuer verdammt, bis seine Schulden bezahlt wären; hundert Messen von den Franziscanern für ihn gelesen würden, und seine Erben bis in das fünfte Glied versprächen, denselben allezeit reichliches Allmosen zu geben. Ferner, daß vier ansehnliche Herren in seiner Gegenwart, ohne weiters Verhör, vom Richterstuhl Gottes seyen augenblicklich zur Hölle verdammt worden, so bald nur die Teufel, welche in ihrem Leben die Aufsicht über die hatten, ausgesagt: Sie haben die Franziscaner verspottet, und deutsche neumodische Bücher gelesen. Ihre Schutzengel hätten die Achseln gezuckt. Und, hinab zur Hölle! Wir gaben ihm einen derben Verweis, daß er den guten Nahmen seines Vaters so schändlich befleckt, sacrilegisch gebeichtet, und communicirt hätte. Herr Gutmann versprach ihm in allen Fällen hülfreiche Hand zu leisten, wann er durch gute Aufführung und Fleiß zeigte, daß er diese seine Handlung von Herzen verabscheute, ausgesprengte Lügen widerriefe; er gab Herrn Gutmann die Hand darauf. Wir giengen nun, über die Mönche Triumph zu halten. Wir trafen sie beym Schulz, der ihr geistlicher Vater ist. Sie hatten sich wieder einige hübsche Säcke gefüllt, um die arme Seele zur Ruhe zu bringen; und der geistliche Vater zählte eben das Geld, welches von gutherzigen Leuthen für die Ruhe ihres Nachbars zu den hundert nöthigen Messen gesteuert worden. Sie hatten schon für zwanzig Messen. Ich wäre so gern über die her; aber Herr Gutmann nahm das Wort, und erzählte ganz trocken den Verlauf der Sache. Ich glaubte zu bersten, als er mich zurückhielt, meine Galle auszulassen. Auf die Mönche machte das eine närrische Wirkung. Erst fiengen sie an den Mund zu verziehen, zu blinzeln, die Kapuze auf= und abzuschieben; dann begannen sie lateinisch zu reden; aber Herr Gutmann erzählte seine Geschichte immer deutsch fort. Ich hoffte wenigstens ihre Wangen roth zu sehen; aber dazu kams nicht. Sie unterbrachen Herrn Gutmann, indem sie sich an ihren geistlichen Vater wandten, ihm ihr Gepäcke empfahlen, und vorgaben sie hätten auf einem benachbarten Dorfe sehr nöthig zu thun. Herr Gutmann gab ihnen mit auf den Weg, daß er es bey Gelegenheit am rechten Ort anbringen wollte. Als sie weg waren, bemerkten wir erst, was der Schulz für Augen machte. Er sagte uns, er habe wirklich für 6. Messen schon das Geld in ein Papier gepackt, um es ihrem übrigen beyzulegen. Er fieng nun an auf alle Bettelmönche zu schimpfen und zu fluchen. Herr Gutmann redete zu meinem Erstaunen ihm zu, wie er den Fehler einiger Mitglieder nicht ihrem ganzen Orden zur Last legen müßte. Wir giengen. Unterwegs gab mir Herr Gutmann einen sanften Verweis wegen meiner Rachlust. Die Wahrheit, sagte er, ist dem Aberglauben und Betrug viel schrecklicher, wenn sie in ihrer natürlichen Einfalt und Nacktheit auftritt, als wenn sie von unsern Leidenschaften dem Geschmeisse unter die Augen gestossen wird, durch Hitze, Poltern und Schreyen geben wir unsern Gegnern Raum; das Recht, auch in Hitze zu gerathen; und dann haben wir viel verlohren, und sie viel gewonnen. Hat der Gegner eine stärkere Lunge, so überschreyt er uns, und wär's auch nur mit Wiriwari; kömmts noch weiter, und er hat eine nervigtere Faust, so wissen Sie wohl, Herr Pfarrer, argumentirt er uns unter den Tisch; er streitet dann nicht gegen die Wahrheit, sondern gegen ihr Geleite, gegen unsere Hitze; und sucht wenigstens in den Augen der Zuschauer dadurch zu gewinnen, daß er den Trabanten zu Boden schlägt. Im Gegentheil aber hat er die Wahrheit allein zum Feinde, so hat er nichts gegen sie zu stellen als Grimassen, oder höchstens, vorausgesezt daß seine Haut noch durchsichtig ist, Schamerröthung. Die Mönche da haben nun freylich zolldickes Fell; aber Sie haben selbst gesehen, sie konnten nichts gegen uns unternehmen, als Räuspern, und allerley possierliche Zuckungen. Ich erwiederte Herrn Gutmann, daß ich nicht begreifen könnte, wie er in den Augen des Schulzen dem ganzen Orden so habe schonen mögen, da wir doch in unserm Dorfe einen so mächtigen Allirten an ihm gegen das Mönchswesen haben könnten; denn ich muß dir sagen, l. Bruder, ich bin recht in einer Heidenwuth; ich betrachte mich jezt als einen Krieger, der den Beruf hat, gegen die Möncherey zu Felde zu ziehen, und alles gegen sie rege zu machen; ich schnaube ordentlich aus Eifer, im Felde der Religion Heldenthaten zu thun, und ärgere mich höchlich über das glimpfliche Verfahren meines Freundes. Herr Gutmann sagte mir dagegen: Ich bin dem Mönchswesen überhaupt so Feind als Sie, Herr Pfarrer – Ich weiß, daß, wenn auch ein seltner Mann unter dem Geniste brav ist, doch schon in der Natur der Möncherey der Hang zum Aberglauben, folglich zum Betrug, und darum auch zur Unmenschlichkeit liegt; ich weiß, daß, wenn sie der Staat, wie in einigen benachbarten Gegenden, vollends verwildern läßt, ihr Unfug unbeschreiblich ist. Schon der Glaube an eine schwarze, weisse, braune, violfarbne Kutte ist ein ärgerlicher Aberglaube; und giebt Anlaß zur stolzen Verachtung unter ihnen selbst. Es sind aber doch einige Orden, die aus verschiednen Ursachen unsere Achtung verdienen; zum Beyspiel die Benedicktiner. Man erkennt noch an der Größe ihrer Güter, daß sie Missionen waren, den Ackerbau lehren; an ihrer Gastfreyheit, daß sie Geselligkeit, und dadurch die Menschlichkeit beförderten. Sie brachten freylich den Glauben an den Pabst mit; aber das war zur Zeit ihrer Ausbreitung das einzige Mittel, mit guter Würkung Menschlichkeit zu predigen. Sie sind die einzigen, die viele wackere und wahrhaft gelehrte Männer zählen können. Wir Deutsche haben einem Benedicktiner den ersten Schritt zu unsrer Kultur zu danken. Das Mönchswesen, welches durch sie bey uns entstanden ist, und in seiner Entstehung eine gute zweckmäsige Absicht hatte, artet erst durch die Verbesserer und Rivalen aus, welche ihr Glück, wie es in allen Dingen zu gehen pflegt, nach sich zog. Um das Gute in jeder Sache zu finden, darf man nur in die Mitte schauen, Herr Pfarrer. Die Benedicktiner sind von dem Uebermuth der Glei[ch]snerey, Zank und Herrschsucht der Jesuiten, und dann auch von der abentheuerlichen Schwärmerey der Kapuziner, gleich weit entfernt. Ihre Fürstengrösse heischt unsre politische, und das Gute, welches sie unserm Vaterlande gethan haben, unsre moralische Achtung. Gegen diese beydseitige schuldige Hochschätzung hätten wir gefehlt, wenn wir dem Schulzen nicht widersprochen hätten. Wir hätten das Kindlein samt dem Bade verschüttet; er hätte alle Ordensgeistliche, und dann alle Priester überhaupt für Betrüger angesehen; und da wäre mir um Sie Leid gewesen, Herr Pfarrer. Der Vorfall hätte für unsern Schulzen noch schlimmere Folgen gehabt. Dergleichen Leuthe, die nur mit ihrer Phantasie bey einer Sache interessirt sind, und mit der Vernunft einem Ding keine feste Grenzen bestimmen können, springen in einem Hui von einem Extreme zum anderen. Die ganze Religion des geistlichen Franziscanervaters wäre erschüttert worden, wenn wir ihm nicht begreiflich gemacht hätten, daß nicht jeder Franziscaner ein Spitzbube ist, weil es diese zwey sind. Der Schulz hält den Gürtel mit dem grossen Rosenkranz für ein wichtigeres Ding in der Religion, als die ganze Dogmatick; und hätten wir den um seinen Kredit bey ihm gebracht, so wäre es vielleicht um seine Religion geschehen gewesen. Die ganze Religion ist bey ihm Phantasie, Bilderey, Kutten, Rosenkränze, Kreuzefixe, Chorsingen, Geisseln etc. und das alles ist für sein Aug im Franziscanerorden konzentrirt, weil er der geistliche Vater ist. Sie sind in ihrem Kandidateneifer, Herr Pfarrer; lassen Sie sich nur nicht von ihm zur wilden Intoleranz hinreissen. Lieber Bruder! Gutmanns lezte Worte haben mehr Moral für mich, als der ganze Busenbaum. Ich will sie gewiß benutzen. Tief will ich sie in mein Herz schreiben; und wenn mir mein Dechant oder die Mönche aufstossen, so will ich allezeit bedenken, daß der Eifer für die gute Sache eben so leicht zur Intoleranz führt, als der für eine böse; und daß Intoleranz in beyden Fällen allezeit abscheulich ist. Wir vergassen uns in unserm Gespräche so sehr, daß wir, ohne es zu bemerken, so weit von unserm Dorf gekommen waren, daß wir es bey Tage nicht mehr erreichen konnten. Wir waren nahe an ***. Du weist, es ist ein Konvent da von regulären Chorherrn des H. A. ****. Kein Kommentator lasse sich einfallen, den Ort des Konvents zu suchen, oder die vier Sterngens zu entziefern. So verführerisch das A. ist, so gewiß ist der Herausgeber, daß es keiner erräth. Aber in Deutschland existirt das Konvent in seiner ganzen hier angegebenen Individualität. Jezt sollen Sie eine andere Klasse von Ordensleuthen kennen lernen, sagte Herr Gutmann, die es für eine grosse Beleidigung halten, wenn man sie Mönche heißt, und die doch dem Mönchstand so nahe verwandt sind, wie der Käs der Milch. Da ich diese Herren schon lange hätte kennen mögen, so war mirs recht lieb, daß Herr Gutmann den Einfall hatte, da zu übernachten. Er warnte mich, bey Leibe nicht ihr Haus Kloster, ihre Zimmer Zellen, ihre Kleider Habite zu nennen; so was sey bey ihnen, und besonders in den Augen ihres Obern ein Majestätsverbrechen; obschon mit der genausten Untersuchung nicht der geringste Unterschied könnte entdeckt werden. Sie können sich bey ihnen nicht besser empfehlen, als wenn Sie über die Mönche spotten. Ich kenne sie alle, fuhr er fort, und kann Ihnen eine genaue Biographie von jedem geben: Sie würden glauben, ich machte Pasquillen; aber sie brauchen nur einigemal die Herren zu besuchen, um überzeugt zu seyn, daß ich nach dem Leben kopiere. Sie geben sich alle so bloß, daß sie wirklich keine Schonung verdienen. Ich bin mit ihnen bekannt geworden durch Bücherausleihen. Sie lesen gerne; aber, wie sie selbst sagen, nicht um etwas aus der neuen Lectüre zu lernen, sondern nur in Gesellschaften, wenn von einem Buche die Rede ist, kein peregrinus in Israel zu seyn. Sie spotten über die schönen Wissenschaften; und wie scharf ihr Witz sey, können Sie daraus ersehen, Herr Pfarrer, daß sie sich das leztemal, als ich sie besuchte, herrlich damit wohl thaten, daß sie die belles lettres gelbe Letter hiessen, weil meine Broschüren in gelbes Straßburger=Papier gebunden sind. Wir kamen unterdessen an die Thüre ihres Speissals – Refecktorium ist auch bey ihnen ein Barbarismus. Acht Ehrwürdigen, ein Bruder, und zween Spaßmacher sassen bey Tische. Sie lachten zusammen, daß ich glaubte, unter einen Haufen Bachanten zu kommen. Sie bewillkommten uns, und bathen uns sogleich an ihrem Spaß Theil zu nehmen. Wir erfuhren, daß des P. Sennenzwickels Widerlegung der Hallerischen Gedichte, Den Lesern, die das unvergleichliche Buch nicht kennen, dient zur Nachricht, daß der Titel eigentlich also lautet: Ernstliche Kurzweil für die zemonische Gesellschaft machiavelischen Staatsklüglern, deren Wissenschaft aufblaset; I. Corinth. 8. v. 1. deren Abgott der Bauch; Philip. 3. v. 19. deren Ende das Verderben; ibidem . In welcher das edle Paar Gebrüdrichen, der Atheismus und Deismus, als nächste Anverwandte des Machiavels, samt einem Auszug des Versuches Schweizerischer Gedichter D. A. Hallers, dem Sileno als Riesenschrecker geopfert werden, von P. F. Sennenzwickel, Ord. Fr. Min. Recoll. S. P. Francisci. Augsburg und Insbrugg bey Wolf. Die erste ernstliche Kurzweil ist ein Klaglied des Christlichen Sophoclis über jetzig gelehrt=verkehrte, und verkehrt=gelehrte Welt, und beginnt also: Achtzehendes Jahrhundert! wo thürmest du hin? Hast Babels Gebäude zu Gipfeln im Sinn? Mit wächsernen Schwingen, wie Allkünstlers Sohn, Frech, stolz und fürwitzig aufwadest zur Sonn etc. Das zweyte Gedicht ist eine Satyre, oder Kehraus der gottesläugnerischen Luftspringer. Die drey folgende sind drey Duelle zwischen Sennenzwickel und Haller, worin jener beweist, daß Hallers Gedichte wegen den überketzerischen Lehrsätzen ein des Rabenstein schuldiges Buch sind; und agirt er zwar im ersten, als David gegen Goliath. Er fängt an: Wohin, o Albrer Knecht! Etc. Das Albrer Knecht soll Albrecht bedeuten; und weiter unten fragt er Hallern: Du aber Zoile, sag! Was Bedeutnis hat Der einzle Buchstab D. auf deinem Titelblat? Heißts Dipsas oder Dis, Dragoner oder Drescher? Nein! Doktor nenet sich der stolze Windelwäscher. Und zu Ende, wo Haller zu Stähelin sagt: O daß der Himmel mir das Glück im Tode gönnte, Daß meine Asche sich mit deiner mischen könnte! antwortet Sennenzwickel: O Einfalt! Dieser Wunsch bald zu erfüllen ist, Wenn nach der Fischenart der ein den andern frißt; Friß du den Stähelin, nächsthin laß dich verzehren Durch längst verdiente Flamm, so wird von beyden Herren Die Asche mischen sich, und mit der Zeitenlauf Daraus ein Basilisk, kein Phönix, stehen auf. Im zweyten Duell kämpft er als Herkules für die Tugend wider Hallern, den er als Centaur oder Halbmenschen fuchtelt; er hebt an: Der Fleischthurm, welchen ich erst neulich hab erlegt, Sich mehrmal, seht wie kühn! In fremder Larve regt; Er fluchet, als Centaur, im wahren Christenthum Die Pharos, samt dem Licht mit List zu stossen um. Geschwind mit Kolben her! Das Unthier will abzausen, Daß ihm vergehen soll, noch ferner sich zu mausen: Bin ich kein Herkules aus eigner Kraft u. That; Doch solcher werde seyn mit Gottes Hülf u. Gnad. Wolan, nur frisch gewagt! komm Halbmensch und halb Büffel! Im Styx versenke will ich dein' ausgeschämte Griffel. Mit Lorbeer ausgeschmückt die Tugend ohne Scheuch Noch schöner grünen wird, trotz deinen Wasserstreich. Das lezte von den drey Duellen heißt circae pocula , oder: Das in den dreyen aus 11. Blättern bestehenden Büchern von des Uebels Ursprung durch D. A. H. eingemengte Kritlergift wird vom Ulysses entdeckt, stückweis abgetrieben, und vernichtet. Gegen Hallers schönen Period: Vergebens rühmt ein Volk etc. läßt er sich so vernehmen: Durch welches Schlüsselloch hat Hänsle Guck gesehen, Was im geheimen Ort des Herzens ist geschehen? Ha, sehen! Seine Würm das Urtheil heckten aus, Ob schwebte jeder Geist, wie er, im Narrenhaus: Den völligen Beschluß macht ein Gespräche des Thryskus und Theocestus über die gottesschändrische Dummheit der Aftergöttler. Der Herausgeber kann nicht umhin, folgende vorzüglich schöne Stellen für die Leser noch zu excerpiren. Gegen Hallers Vers: Unselig Mittelding von Engeln und von Vieh etc. sagt Sennenzwickel: Unselig Mittelding von Stroh und Flederwisch! Dich progelst mit Vernunft, bist dummer als ein Fisch; Denn weil du überhaupt das menschlich Gschlecht verlachest, Gleich einem Schlosserjung dich selber rußig machest. Gegen Hallers: Kein Thier ist so verhaßt, dem nicht Bilder sind gemacht etc. spricht er: Auch dir, o Elendthier! mit Rechten wurd gebaut Von Tannen ein Altar, mit Pech u. Harz bethaut; Dein Buch verdiente es, daß auf dem Rabenstein Im Feuer wurd vergoldt durch Zißk vor der Gemein. Ueber Hallers Stelle: Assisens Engel löscht etc. fängt er an: Ein ausgeweibter Mann, u. irdischer Fleischerbengel Zu plumpe Flügel hat für ein vermenschte Engel etc. die einer der Gäste, vulgo Spasmacher, vorlas, ihre Lungen so gewaltig erschütterte. Sie fanden das Buch ausserordentlich unterhaltend, und witziger als alle die gelben Lettres. Da sieht man, schrieen sie uns entgegen, was die neumodischen Gelbelettristen für Helden sind. So ein Kerl von Mönch haut sie schwadronenweise zusammen, daß es saust! Der Schweizer da muß sich ja von dem Franziscaner kneten lassen, wie der Teig vom Becker. Wir wurden recht niedlich bedient – nur der Wein war ein wenig zu sauer. Der jetzige Vorsteher ist der erste, der den Einfall hatte, Oekonom zu seyn: Das ist aber auch nach Herrn Gutmanns Aussage sein einziges Verdienst. In seinem Wirthschaftssisteme war der Wein das wichtigste, worauf er zu sehen hatte; denn er war die größte Depense des Konvents. Er fieng erst an die Quantität, und dann auch die Qualität des Tischweins zu verringern. Auf seine Untergebnen hatte das eine besondere Wirkung. Durch diese Einschränkung bekamen sie nun viele leere Stunden, die sie zuvor alle mit Räuschgens ausfüllten; und nun wurde zum allerersten Male, so lange das Haus steht, an Lecktüre gedacht: Allein an dem unnatürlichen Gebrauch, den sie von derselben machen, erkennt man noch, daß sie nur die Trunkenheit vertreten soll. Der Obere gieng aber in seiner Oekonomie wirklich zu weit; denn jezt sezt er dem Konvent nur Essig auf die Tafel. Es war sehr anmüthiglich anzuschauen, was sie mitten in dem unbändigsten Jubelgetöne über Sennenzwickels Kreuzhiebe für Konvulsionen um den Mund bekamen, wenn sie ihre Krüge ansezten; denn da schnurte das Gelächter zusammen, wie ein Dudelsack, der auf einmal ein Loch bekömmt. Herr Gutmann sagte mir, daß das Kapitel wirklich deswegen eine Klage gegen den Vorsteher beschlossen habe; er habe den Klaglibell selbst gelesen; sie suchten ihre Beschwerde gegen die kleine Portion Wein dadurch geltend zu machen, daß sie ihrem Vorsteher mit angegebnen Datums bewiesen, er habe bey acht und zwanzig Schmäussen das ganze Konvent förmlich zu Boden gesoffen. Ihr stärkster Grund gegen die Säure des Weines sey, daß er Vorsteher, und die Köchin nur den besten Wein tränken, da doch in ihrem Institut eine volkommne Gleichheit vestgesezt sey. Sie zergliederten dabey ihre ganze Regel, und möchten gerne von dem Ursprung ihres Ordens anfangen; weil aber dieser ihnen selbst ein Räthsel sey, so fiengen sie an: Nachdem unser Weltheiland Jesus Christus unsern löblichen Orden eingesezt hat etc. Ich möchte zeichnen können, lieber Bruder, um dir das Porträt des Vorstehers dieses Konvents zu schicken. Du darfst ihn nur anschauen, um seinen ganzen Charakter zu kennen. Er ist groß und stark von Leibe, braun von Gesicht, hat ein starkes Unterkinn, dicke Lippen die er immer trägt als wollt er einen Ansatz auf der Flöte probiren; funkelnde Augen, womit er aber niemals gerade auf ein Ding hinsieht. Einer aus dem Konvent hat uns versichert, daß er sich stundenlang vor seinem grossen Spiegel in majestätischen Seitenblicken übt, und wie er den Hals mit Würde drehen, und die Arme recht gravitätisch auf dem Rücken tragen möge. Er redet einen tiefen Baß, und denkt so ganz ohne alle Schnellkraft, daß er noch nie mit der Anstrengung seiner Stimme über die Hälfte des Baßperiod hinaufgekommen ist. Seine erste Frage an mich war, was der Scheffel Haber in meinem Dorf gälte, und er redete mich per er an. Er erzählte uns seine Processe, die er wirklich zu betreiben habe. Der erste ist gegen einen kleinen angränzenden Bauer, dem er aus einem Urbarium vom Jahr 1560. sechs Ruthen Landes streitig macht. Der zweyte gegen die Gemeinde, welcher er beweist, daß sie ein Viertel zur Unterhaltung des gemeinen Stiers beytragen müsse. Der dritte gegen eine Wittwe, welche die Stiftung einer jährlichen Messe für ihren verstorbnen Mann, die er in seinem Testament bestimmt hat, mit sechs Gulden und vierzig Kreutzer nicht bezahlt hat. Der vierte gegen einen Bauer, der, um sein Brod zu gewinnen, einen unergiebigen Weinberg, wovon dem Konvent der Zehnten zukömmt, zu einem Kornfeld umgepflügt hat. Der fünfte war für uns sehr unterhaltend; denn da wurde der Herr Präses für alle die bemeldten Kniffe bezahlt. Das eiserne Kreutz fiel vom Kirchthurm, und er begehrte, die Gemeinde sollte ein neues machen lassen. Diese hatte seit langer Zeit den Kirchenbau unterhalten; nun aber gieng es mit dem Kreuzmachen ein wenig langsam zu. Die Kirche ist so alt, daß sie alle Augenblicke droht zusammenzustürzen. Sie ist zugleich die Pfarrkirche. Nun betrieb er es zu heftig, und die Gemeinde wurde aufgebracht. Es fiel ihr ein, die alten Verträge der Pfarre und des Konvents zu untersuchen, und sie brachte endlich heraus, daß das Konvent nach diesen Verträgen nicht allein die Erhaltung der Kirche, sondern auch den neuen Bau derselben ganz allein bestreiten müßte, indem das der ausdrückliche Revers gegen die ansehnlichen Pfarrgüter wäre, welche die Gemeinde dem Konvent überlassen. Nun habe er zwar einen tüchtigen Chikanenmacher im Sold, welcher der Gemeinde wenigstens noch warm machen würde; aber gänzlich zu reussiren verzweifelte er selbst. Wir giengen endlich zu Bette. Als wir des andern Morgens aus unsern Zimmern kamen, spatzierten die regulirten Chorherren alle in ihren persenen Schlafröcken auf dem grossen Gang herum, murmelten ihr Brevier, und accompagnirten es mit der Kaffeemühle. Es war ein gräßliches Gedudel und Geleyer durcheinander. Herr Gutmann sagte mir, daß ich diese erbauliche Musick nach dem Mittagessen wieder vernehmen könnte; es sey ihnen so zur Gewohnheit geworden, daß sie selbst gestühnden, sie könnten unmöglich ihr Brevier beten, ohne Kaffee dabey zu mahlen. Was mich aber am meisten dabey befremdete, war, daß ich sie gegen einander ausspucken sah, wie sie sich von ohngefehr begegneten. Herr Gutmann erklärte mir, daß sie in zwo Partheyen getheilt seyen. In allen Dingen, die keinen Bezug auf ihr Konvent hätten, seyen sie sehr einig. So monotonisch wie Sie die Herren gestern über Sennenzwickel haben lachen gehört, sagte er, machen sie auch ihre Bemerkungen über alle Stadt= und Dorfgeschichten. Aber alles, was innerhalb ihren Mauern ist, giebt Anlaß zu Haß, Zank und Verfolgung. Da jeder von ihnen nach ihrer Konstitution Eigenthum besitzen darf, so können Sie leicht errathen, daß die reichen Häupter von Partheyen werden. Die jetzigen Partheyen haben sich dadurch formirt, daß einer von den Aermern einem Reichen gegen eine Summe Gelds seine Wohnung überlassen, die das Haupt der Gegenparthey auch gerne gehabt hätte, weil sie bey weitem die schönste Aussicht im Haus hat. Die Gährung ist seit einiger Zeit sehr heftig unter ihnen, weil beide Partheyen, sich zu verstärken, um einen jungen Professen werben, der noch neutral ist. Sie können einander nicht ansehen, ohne daß ihr Mund Wasser zieht; und da ist es sehr natürlich, daß sie ausspucken. Es ist schon zu Schlägen gekommen; und Abends, wenn sie zu Bette gehen, werfen sie sich Steine in die Zimmer nach. Sie richten sich Hunde ab, die für ihres Feindes Thüre pissen und hofieren müssen. Die vorige Köchin ist durch die innerlichen Unruhen sehr unglücklich geworden. Es bewarben sich zwey um sie. Der grosse in dem braunen weisgeschlängelten Schlafrock, der uns zuerst mit der Kaffeemühle entgegenleyerte, gewann den Preiß. Er war damals zu mächtig, als daß sein Gegner seine Rache über ihn auslassen konnte. Die Köchin mußte es büssen. Er bohrte ihr ein kleines Loch in die Tortenpfanne; und als sie einmal, um die Torte zu wenden, die Pfanne auf die Hand umstürzte, lief ihr das siedende Fett auf die Hand; der Brand kam dazu, und sie verlohr ihren Arm. Nachtgeschirr ausschütten auf ihren Feind, wenn er unter ihrem Fenster steht; Staren abrichten, die ihren Gegner Spitzbub nennen müssen, u. d. g. sind ihre tägliche Beschäftigungen. Die nahe an der Treppe wohnen, haben nichts angelegners, als den andern die Messen wegzuschnappen. Kömmt jemand, von dem sie vermuthen,er wolle eine Messe lesen lassen, so fallen sie auf ihn heraus; geben vor, der oder jener, welchem nun das Geld bestimmt ist, sey nicht zu Hause, krank etc. Kürzlich eröffnete einer auf seinem Todbette, daß er noch vierhundert Messen zu lesen habe, die schon bezahlt seyen; von dem Geld aber habe er keinen Kreutzer mehr. Bey der Wahl eines neuen Vorstehers hat nun der heilige Geist sehr wenig zu thun; denn der wird durch die stärkere Parthey gemacht; so wie sich diese durch den kleinsten Umstand, durch eine Schäkerey mit einer Magd, worauf der andere eifersüchtig ist, oder durch eine schönere Tabacksdose, die den andern zum Neide reizt, verändert. Ein Wind s. v., der à dessein gelassen wird, kann die Wahl bestimmen. Alles das, fuhr Herr Gutmann fort, ist bey regulierten Chorherren so unvermeidlich, wie das Naßwerden, wenn man in der Träufe steht. Es kann keine grössere Irregularität gedacht werden, als ein Haus von regulären Chorherren. Die menschliche Leidenschaften können in keine stärkere Kollision gebracht werden; Müssiggang und Wohlstand giebt ihnen das freyste Spiel, und das Beysammenwohnen unter einem Dache ohne Subordination alle Gelegenheit zur Gährung. Der Hof selbst ist schon lange davon überzeugt; aber ihre beträchtlichsten Güter liegen in dem Territorium eines andern Fürsten, und deswegen muß er sie als Fremde betrachten, die ihr Geld in seinem Lande verzehren. Es sind schon achtzig Jahre ohngefähr, daß der Hof durch die Irregularität gezwungen wurde, das ganze Konvent mit einem Commando Soldaten aufzuheben, und in ewiges Gefängnis zu setzen. Es ist eine Sage unter der hiesigen Gemeinde, daß es ein Sekulum zuvor schon einmal geschehen sey; und Naturverständige behaupten, daß es in jedem Sekulum wenigstens einmal geschehen müsse. In zwanzig Jahren also, Herr Pfarrer, bekömmt das hochwürdige Haus neue Setzlinge, die vielleicht die ersten zwanzig Jahre durch ihre Früchte tragen; aber in einem Sekulum gewiß wieder so verwildert sind, daß sie ohne alle Barmherzigkeit müssen ausgerottet werden. Ich konnte mich nicht enthalten, ihnen bey Tische die Geschichte der Franziscaner zu erzählen, so sehr es mir Herr Gutmann auch durch Winken und Unterbrechen verwehren wollte. Wie die Herren darauf die Mönche transchirt haben, das solltest du hören, lieber Bruder! Herr Gutmann versicherte mir, er habe auf keiner Universität von ausgelassenen jungen akademischen Freygeistern je etwas ähnliches gehört. Sie dankten mir unendlich für den Spaß, den ich ihnen gemacht hätte; das wäre ihnen eine köstliche Tischunterhaltung auf ein ganzes Jahr, da sie solche Teufelskerle alle Wochen zu Gast hätten; jezt könnten sie die Mönche recht bey den Ohren fassen! Einer von ihnen hatte sogar den Einfall, die Historie in eine Predigt zu bringen. Herr Gutmann widersprach ihm lebhaft; und dadurch wurde ihr Geschrey über die Mönche gedämpft. Mir wurde bey Gutmanns Lebhaftigkeit würklich bange; denn er gieng endlich so weit, daß er alle Mönchsorden weit über den Stand der regulierten Chorherren erhob; er machte aber alles durch eine Distinction wieder gut; nämlich daß der Vorzug der Mönche nur quoad spiritualia zu verstehen sey – quoad corporalia kämen sie freylich mit den regulirten Chorherren in keinen Vergleich. Sie gestuhnden es alle willig ein, indem die corporalia in der Welt doch die Hauptsache wären; wogegen Herr Gutmann nichts erwiederte. Nach dem Essen führte uns der Vorsteher in seine Keller, Ställe, Tennen, Gärten; zeigte uns, was er habe bauen lassen, und legte uns die Risse vor von dem, was er zu Verewigung seines Namens noch bauen wollte. Von den übrigen leyerten einige wieder ihr Brevier; einige aber spazierten aus, um den Kaffee bey guten Freundinnen zu trinken. Wir empfahlen uns, und giengen. Zu Hause fand ich deinen lieben Brief. Du förchtest, ich würde in meinem Religionssistem zu frey die Verzierungen samt den Pfeilern und dem Fundamente niederreissen. Du räthst mir, eine gewisse Linie zu ziehen, über welche ich mich nie hinauswagen soll. Du stellst mir das Aergernis vor Augen, welches die Vernünfteley unter den protestantischen Pastores giebt, und daß man nicht zwey antrift, welche in ihrem Glauben einig sind. Du bittest mich, diese Gränzlinie nach dem Maasstabe meines Standes, und in Rücksicht auf meine Vorgesezten und Untergebnen zu proportioniren. Zu grosse Freyheit, sagst du, sey mir schädlicher, als eine gewisse Einschränkung der Vernunft. Ich danke dir für deine Vorsorge, lieber Bruder; aber ich glaube würklich, es sey noch zu früh, diese Linie zu ziehen; ich bin ja kaum aus dem Gröbsten heraus. Was deine Anmerkung über die Pastöre betrift, so bitte ich dich, mir nicht übel zu nehmen, wenn ich dir sage, daß sich die Gemeinden der Protestanten bey der Uneinigkeit der Pfarrer um nichts schlimmer befinden. Im Gegentheil lehrt uns der Augenschein, daß ihre Gemeinden trotz der Verschiedenheit ihrer Systeme viel besser gezogen, fleissiger, und reinlicher sind, als unsre. Wenn das gemeine Volk einmal auf einen gewissen Grad von Kultur gekommen ist, so hat die Dogmatick wenig Einfluß mehr auf seine Moral. Herr Gutmann hat mir gestern viel über diese Materie gesagt. Ich hatte ihn vorsetzlich dazu gebracht, um dir meinen Bescheid geben zu können; und bey Gelegenheit sollst du das alles zu deiner grossen Erbauung von mir gepredigt bekommen. Lebe wohl! Sechszehnter Brief. Den 4ten August. 1779. Lieber Bruder! Portinkula hat mich verhindert, daß ich dir nicht eher schreiben konnte. Meine ganze Gemeinde gieng zur Beicht und Kommunion; und einer der Mönche, die zur Verherrlichung dieses Festes bey mir waren, machte seine Predigt in meiner Stube. Jede Zeile declamirte er sechs bis siebenmal, so wie er sie niedergeschrieben hatte. Ich retirirte mich erst in die Kammer meiner Magd; aber er verfolgte mich von da in meinen Garten; dann auf den Kirchhof: Um sicher zu seyn mußte ich also alle meine müssigen Stunden bey Herrn Gutmann zubringen, und ich konnte dir unmöglich eher schreiben. Die Predigt des Franziscaners ist in ihrer Art ein Meisterstück. Der erste Theil ist panegyrisch, und enthält das Leben, den Tod, und die himmlische Glorie des heiligen Franziscus. Er hatte einen ganzen Schubsack voll flosculoreum rhetoricorum , die er nach seiner Aussage in der Schule aus den besten Rednern excerpirt hat, und die alle in seine Predigt mußten. Er bewies, daß der heilige Franziscus einer der ersten Aposteln, der größte Beichtiger, Kirchenvater, Märtyr, Prophet, Jungfrau und Engel sey; daß er im Himmel den Seraphinen, Cherubinen, Fürsten, Thronen, und überhaupt dem ganzen himmlischen Heere den Rang ablaufe. Als einen besonders schönen Einfall oder flosculus rühmte er bey Tische, daß er gesagt habe: Gott der Vater werde manchmal in den Personen seiner zween Söhne, nämlich Christus und des Franciscus, irre; da sie sich wegen der Wunder so ähnlich sähen, und im Rangsitz ganz gleich seyen. Ich widersprach ihm mehr aus Laune, als um ihn zu widerlegen, und wollte die heiligen Apostel wenigstens gleich setzen; aber er fuhr auf, daß sie nach allem Vermuthen nur Bedienten des heiligen Vaters Franciscus wären; er ließ dabey des ganzen dicken Mund voll Fleisch auf seinen Teller fallen, und weil er mit der Gabel in der Hand den Tackt dazu stieß, so wurde mir würklich bange. Im zweyten Theil bewies er die unumgängliche Nothwendigkeit des Portiunkulaablasses zum ewigen Leben. Sein Beweis war, daß der heilige Franciscus es als eine Verachtung aufnehmen würde, wenn man den Ablaß übergienge; und da er der rechte Arm Gottes sey, so sey es ihm ein leichtes, einem nach seinem Belieben die Himmelsthüre zu verriegeln. Dieses Fest gab Herrn Gutmann Anlaß von der Beicht und dem Ablaß zu reden. Ich will es dir hinschreiben, so gut und so viel ich davon behalten habe. Wir wollen erst, sagte er, die Wichtigkeit, die Natur, und die Requisiten der Beicht betrachten, und dann etwas von ihrer Geschichte melden. Die gute Absicht, welche sich bey der Beicht denken läßt, ist, den Sündern ihre Sünden begreiflich und abscheulich zu machen; sie die Gefahr kennen und meiden lehren; ihnen durch Vernunft und Religion die leichtesten Mittel an die Hand geben, die den begangnen Sünden entgegengesezte Tugenden auszuüben. Dieser Richterstuhl des Gewissens hat in Vergleichung mit dem weltlichen Criminalgericht unendliche Gränzen. Dieses beschäftigt sich nur mit Thatsachen: Alles, was innerhalb der Seele vorgeht, ist außer seiner Sphäre. Es hat einen vesten bestimmten Masstab der Verbrechen, nämlich das Gesetz; und dieses ist nach dem Schaden abgemessen, welches die entgegengesezte Handlung der Gesellschaft verursacht. Der Beichtstuhl hingegen hat gar nichts Absolutes zu seinem Gegenstand. Es sind so viele Dinge, worauf seine Materie Bezug hat, daß mir der Kopf schwindelt, Herr Pfarrer, wenn ich daran denke. Das Ding, welches er zu entscheiden und zu bestimmen hat, nennt man die Moralität einer Handlung. Diese Moralität hängt davon ab, wie viel – nicht diese oder jene Handlung, sondern auch dieser oder jener Gedanke, der Vollkommenheit unsrer Seele geschadet oder genuzt habe. Der Wille, die Bewegungsgründe zur Sünde, der Grad des Reitzes, und die Stärke des Gegenreitzes müssen bestimmt werden. Selbst nach unsern strengsten Moralisten giebt es keine absolute Sünde. Der weltliche Richter beweist nur dem Verbrecher, daß er die gesetzwidrige Handlung begangen habe; daß er die Majestät beleidigt, seines Nachbars Weib beschlafen, u. s. f. und die Gesetze entscheiden die Grösse des Verbrechens und der Strafe. Der Richter hat nichts mehr dabey zu thun. Der Beichtvater aber hat nicht einmal eine vestbestimmte Gattung von Verbrechen; er hat nichts als Nüanzen: Die Macht der Phantasie, das Temperament, die Erziehung seines Beichtkindes, der Grad von Unterricht den es hat, die kurz vor der Sünde vorhergegangene Stimmung seines Sinnes, oft der Grad von der Würkung der Lust auf seine Leibessäfte, der Grad von Reitz seines Gegenstandes, die Schönheit des Mädchens oder der Frau etc. Noch hundert Dinge giebt es, wovon sich weder die philosophische noch theologische Moral was träumen läßt; die alle auf die Moralität einer Handlung Einfluß haben, und ihre Grade unendlich machen. Der volle rüstige Bauernjunge kömmt im Monat May zu seiner Nachbarin. Er hat zu Mittag eben eine starke Portion Eyer gegessen. Der Nordwind bläst, und bringt durch Verschliessung seiner Schweißlöcher seine Säfte in eine innerliche Gährung. Ueber dem Tische hatte Görge seine Avantüre mit der Käthe auf dem Heu erzählt. Die Nachbarin hat einen alten Mann, der ihren Lüsten nicht gewachsen ist; sie säugt eben ihr Kind, und eben schlägt bey ihr die Schäferstunde; sie läßt nun noch so und so viel sehen; sagt das oder jenes; streicht ihn ums Kinn; und nun fällt er über sie her. Der weltliche Richter bestraft ihn, wenns Hans oder Kunz sieht und angiebt; aber suchen Sie einmal, Herr Pfarrer, im Busenbaum oder Voit, wie groß die Sünde sey, die der Pursch begangen hat. Der weltliche Richter hat Recht, ihn zu bestrafen; er hat gegen das Gesetz gehandelt; aber wie groß seine Sünde sey, muß erst der Beichtvater den Monat May, den Nordwind, die Eyer und alle die Ingredienzien fragen, welche sein Vergehen so individuell machen, daß es nicht einmal gegen das Geboth: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, läuft; dann würklich hat der Junge sie nicht begehrt; er ist so mechanisch, so nothwendiger Weise dazu gekommen, wie die Uhr zum Stundenschlagen, wenn sie aufgezogen ist. Um dem Beichtstuhl seine gute Würkung zu behaupten, wäre es also nöthig, daß entweder alle Beichtkinder so tiefe Kenner der Natur in und ausser sich seyen, daß sie genau den Grad ihrer Sünde selbst angeben können; oder der Beichtvater müßte es seyn. Ein Kenner der menschlichen Seele müßte er seyn, wie Locke; ein Meister der körperlichen Kräfte, wie Muschenbröck, ein Kenner der Oekonomie des menschlichen Körpers, wie van Swieten; und wenn ein göttlicher Mann das alles beysammen hätte, so wollte ich ihm immer doch mit dem Grad der Moralität eines Casus noch warm machen. Ich bleibe dabey, Herr Pfarrer, daß nur ein einziger wahrer Beichtvater möglich ist, und das ist Gott im Himmel, der die Seelen messen, und die Herzen ergründen kann. Wir wollen aber von unserer Foderung etwas ablassen, und den Beichtvater als einen guten Freund betrachten, der uns in der Haushaltung unsers Gewissens Rath und Trost ertheilen soll. Er soll nicht Richter mehr seyn. Wie selten bleibt doch der Mann, der für uns taugt? Wie unrecht ist es, aus der Beicht ein Formular zu machen, wie einen Schusterleist, worüber der grosse Haufen sein Gewissen spannt, um die Runzeln wegzustrecken! Der Mann müßte grundgelehrt, fromm, auch auf der breiten Sündenstrasse sehr bewandert, ohne bösen Humor, er müßte ein Socrates seyn. Von der Beicht müßten also alle selbstverständige, wohlgezogene Leuthe, die an eine gute Aufführung gewöhnt sind, auch alle Spiele der menschlichen Natur ausgenommen seyn; sonst giebt es der Arbeit zu viel, als daß man würdige Beichtväter genug finden könnte, die Stühle zu besetzen. Nur blödsinnige, schwache, grobe Sünder, die sich besonders den Hang zu einer gewissen Gattung von Vergehungen habituell gemacht haben, Schwermüthige, müßten vor allen Beichtkinder seyn. So war es im Alterthum im constantinopolitanischen Sprengel, wo die Ohrenbeicht zuerst aufkam; denn die ganze grosse Kirche von Byzanz hatte nur einen Beichtvater. Der nun hatte gewiß sonst keine Beichtkinder, als die sich nicht selbst aus dem Sündenpful heraus, und auf den guten Weg der Christlichen Tugenden erheben konnten; sonst wäre er dem Geschäfte allein nicht gewachsen gewesen. Und – sagen Sie mir selbst, Herr Pfarrer, ist es nicht sehr unanständig, daß das Beichtkind gescheuter, erfahrner, wohlgezogener, frömmer sey, als der Beichtvater, der bey seinem gottesrichterlichen Amt doch immer so sehr Mensch bleibt, daß schon die abscheulichsten Verführungen im Beichtstuhl geschehen sind. Freylich will man uns glauben machen, daß der Priester, sobald er in den Beichtstuhl tritt, durch irgend eine Inspiration ausgemenscht werde; aber die Erfahrung, Herr Pfarrer – ich berufe mich auf ihre eigne – giebt uns Beweise genug, daß es mit der Metamorphose nicht so ganz richtig sey. Aber daß der Beichtvater nur ein guter Freund, ein Trost, eine Stütze der Schwachen seyn soll, ist nur unsere Foderung. Unsre Moralisten alle wollen absolute Richter der Gewissen seyn. Und so ist wegen dem, was wir zuerst erwogen haben, die Prätension unsrer Beichtväter übertrieben. Da diese Herren keine Götter seyn können, und das Kirchengesetz, die vielen Ablässe, die Gewohnheit, und das Interesse der Mönche die Beichten ausserordentlich zahlreich machen, so ist es sehr natürlich, daß unsre Geistlichen das Beichthören als eine Art von Handwerk treiben. Die vielen Kasuisten haben sich erschöpft, um alle Sünden zu classificiren; und da es eine platte Unmöglichkeit ist, sie alle herzuzählen, indem jeder Mensch nach seinem Temperament, seinen Fähigkeiten, seiner Lage, und dann noch nach der unendlichen Verschiedenheit der äussern Umstände seine ganz eigne Sünden begeht; so haben sie endlich, um ihre Einschränkung zu bemänteln, aus der Moral eine Art von Gewürzkram gemacht; verschiedne Sündenschubladen numerirt, worin der Beichtvater nach Gutbefinden die vorkommenden Waaren legen kann; und bey der zu grossen Arbeit, der Schwäche ihrer Augen, und aus andern Ursachen, muß es geschehen, daß sie Mäusedreck unter den Pfeffer werfen. Es ist ja unmöglich, daß eine Handlung, die gegen den buchstäblichen Verstand eines Gesetzes ist, zu einem moralischen Guten, zu einer Tugend werde. Wir wollen zum Beyspiel bey unserm obigen Fall bleiben. Ich setze, die Nachbarin, welche der Bauernjunge beschlafen hat, habe eben einen Anschlag auf ihren verheyratheten Nachbar gehabt; sie hätte ihn glücklich zum Fall gebracht, wenn unser Junge ihrer Lust nicht Genüge gethan hätte. Bey beyden war das Vergehen motus primo primus , und also keine Sünde; nun aber verhindert es einen doppelten Ehebruch, und wird dadurch moralisch gut. Das bonum absolutum und relativum werden Sie noch aus ihrer Ontologie kennen, Herr Pfarrer; und auch den Satz, daß ein malum absolutum ein bonum respectivum seyn kann, \& vice versa . Also die Moralität wie eine Apotheke in ein Systeme rangiren, ist nicht nur lächerlich, sondern es muß in den Augen Gottes würklich tollkühn seyn. Nun ist es auch sehr natürlich, daß die Ohrenbeicht bey dem grossen Haufen die ihrer Absicht gerade entgegengesezte Würkung haben muß. Daß es so ist, beweist uns schon der Augenschein. Gehn Sie nur auf die benachbarten protestantischen Gemeinden, Herr Pfarrer, und Sie werden finden, daß sie alle ohne Ohrenbeicht erbaulicher leben, als Ihr Häuflein. Was die Sünden gegen das sechste Gebot betrift, so kann ich Sie auf meine Ehre versichern, daß es, wie ich in Straßburg studirte, unter uns Studenten ein durch lange praxis bestätigter Grundsatz war, daß unter sechs Huren gewiß fünfe katholisch sind. Ich finde es aber auch sehr natürlich. Die Protestanten fangen sehr frühe an, den jungen Leuthen begreiflich zu machen, daß der zu starke Genuß der Wollust den Körper verdirbt; daß die Mädchen durch einen einzigen übereilten Schritt ihre ganze Glückseligkeit hienieden verschütten können; daß der wahre Genuß der Liebe eben nicht in dem augenblicklichen Kitzel des Körpers, sondern in der reinen Mittheilung der Herzen bestehe. Aber, Kind sündige nicht, dann du must es beichten, kann keine andre Würkung haben, als daß das Kind das Rülpsen des Beichtvaters, und den Rosenkranz, den es zur Busse bekömmt, für kein Gleichgewicht des sinnlichen Reitzes hält, und also auf die Rechnung der Beicht wacker darauflos sündigt. Es ist ganz erbaulich, wenn man in katholischen Städten die jungen Leuthe ihre Beichtväter einander loben hört: du, gehe du zu dem P., der muckst sich nicht; du kannst ihm sagen, was du willst. Glauben Sie nicht, daß dieses ein zufälliges Uebel der Ohrenbeicht sey, Herr Pfarrer; es ist eine sehr nothwendige Folge derselben. Kommen Sie auch über das Beichtkind mit Hölle und allen Teufeln, so macht es wenig Würkung, weil diese Schreckbilder mit der Sünde nicht unmittelbar verbunden sind. Mit einer Beicht auf dem Sterbebette jagt das Beichtkind alle Teufel weg, und jeder Mensch sezt sein Ziel in seiner Einbildung so weit weg, als es nur seyn kann. Für die Schwärmerey der Jugend sind die Höllenstrafen, denen man ja noch so leicht durch eine Beicht entgehen kann, gar kein Gleichgewicht. Wettern Sie zu heftig, so sucht es einen Beichtvater, der tracktabler ist. Es findet ihn auch; denn zu meinem grossen Aergerniß habe ich sogar im Beichtstuhl, besonders unter den Mönchen, einen allgemeinen Handwerksneid bemerkt. Sie rühmen sich wegen der Menge ihrer Beichtkinder; laden sie selbst zur Beicht ein; versprechen ihnen gelinde zu thun; verachten die andern. Die Mönche mischen ihr weltliches Interesse mit unter. Sie nehmen im Beichtstuhl Einladungen an; klagen ihre Bedürfnisse in kleiner Wäsche, Sacktüchern, Strümpfen etc. Das Beichtkind giebt gern, weil es glaubt seinen Richter dadurch zu bestechen. Alles sehr natürlich, Herr Pfarrer! Ich muß Ihnen noch eine Vergleichung machen, um das Uebertriebne, folglich Unzulängliche der Ohrenbeicht, in dem Gebrauch, den unsre Moralisten davon machen, einzusehen; und daß ihre Gränzen ganz anderst bestimmt werden müssen, wenn sie von guter Würkung seyn soll. Die weltliche Policey, die doch ihr bestimmtes Fach, nämlich die äußere Handlungen der Bürger hat, kann übertrieben werden; wie leicht kann die geistliche Policey ihren Zweck überfleugen? Der erste Grundsatz bey den Policeyprojeckten ist – Diejenige Policey ist die beste, welche den Bürgern in ihren verschiedenen Kollisionen am meisten Sicherheit giebt. Nun wäre es gleich gethan, wenn man jedem Bürger eine Wache zur Seite stellte, die ihn von Haus zu Haus, an den Tisch und ins Bette begleiten soll. Das wäre unter allen möglichen Policeysistemen bey weitem das schlimmste, ob es schon dem ersten Grundsatz scheint am nächsten zu seyn. Tausend Unordnungen, woran die Bürger nie gedacht hätten, würden durch die Wächter verursacht werden. Die weltliche Policey muß also ihre Grenzen nicht auf alle äußere Handlungen der Bürger – nicht einmal auf alle schädliche Handlungen ausdehnen; sondern um praktikabel zu seyn, muß sie sich eine Linie ziehen, und sich über alles hinaussetzen, was unter dieser Linie liegt. Jezt nun zur geistlichen Policey, Herr Pfarrer. Ihre Materie ist so schwankend, so unbestimmt, wie die Farben des Regenbogens für einen Gesichtspunkt unsers Horizonts. Alle mögliche moralische Casus zum Stof des Beichtstuhls machen, ist eben für die christliche Gemeinde so schädlich, als das Projekt mit den Wächtern einer Bürgerschaft. Es veranlaßt Unordnungen, die zuvor nie entstanden wären: Dreistigkeit im Sündigen bey den Starkherzigen, Schwermuth bey den Schwachen, und Unzulänglichkeit eines Beichtvaters für die Menge, sind nothwendige Folgen davon. Ein Gesetz von der Art, welches seinen ohnehin übermenschlichen Zweck noch so gewaltig überspannt, muß neue Sünden gebähren, anstatt die alten auszurotten. Ich will es Ihnen durch das Kirchengeboth, in der österlichen Zeit zu beichten, klärer machen. Dieses Geboth, welches noch lange nicht so übertrieben ist, als das Gesetz der Moral, Alles zu beichten, muß Sünden erzeugen, die ohne dasselbe nicht geschehen wären. Wir wollen zween Sünder nehmen: Der eine hat ein baumstarkes Gewissen; seine Seele ist von der vestesten Konstitution: Der andere ist schwach und blödsinnig. Der Schwache hätte ohne das Gesetz, gerade um die Ostern auszumisten, doch gebeichtet: Der Starke hingegen bekömmt durch diese Bestimmung der Zeit einen neuen Stein des Anstosses, den man ihm in den Weg wirft. Unter zehn solchen starken Kerls ist gewiß nur einer, der gesetzmäßig beichtet; die andern neune begehen auf Rechnung des Gesetzes selbst neue Sünden. Sie kaufen sich entweder Beichtzettel von andern, und dadurch wird wieder ein neuer Weg zur Sünde für den Verkäufer geöffnet; oder sie beichten falsch. Für einen solchen handfesten Sünder sind die Höllenstrafen lange nicht so schrecklich, als der öffentliche Ruf, exkommunizirt zu seyn, oder gar von dem Arm der weltlichen Gerichtsbarkeit, die in vielen Ländern von der geistlichen wenig unterschieden, und in einigen ihre Magd ist, gestraft zu werden. Er sucht also kurz aus der Sache zu kommen; tröstet sich allenfalls, daß er es mit der Zeit beichten könne, und beichtet für die Ostern falsch. Ich will Ihnen nicht das alles hier vordeclamiren, was unsre Glaubensgegner von Gewissenstyranney schon lange gesagt haben – Aber ich versichre Sie, Herr Pfarrer, in manchem Lande würde die Ohrenbeicht abgestellt seyn, wenn die Regenten unter dem grossen Haufen Studenten auf Universitäten, oder überhaupt der mittlern Classe von der menschlichen Gesellschaft könnten erzogen werden; und ihr Stand ihnen nicht wehrte, in das Innere des gemeinen Umgangs einzudringen. Sie würden dann überzeugt, daß das alles, was wir von den Folgen der Ohrenbeicht gesagt haben, keine Vermuthungen, sondern allgemeine Erfahrungen sind; und wenn Ihnen die Sittlichkeit ihrer Unterthanen am Herzen läge, so würden sie wenigstens dem Unfug Grenzen setzen. Die Einsetzung der Ohrenbeicht ist so göttlich nicht, als uns unsre Kirchenlehrer wollen glauben machen. Im dritten Sekulum geschahe die Beicht noch öffentlich vor der ganzen Kirche. Cyprian und Origenes bezeugen es ausdrücklich, lezterer sagt sogar, daß auch diejenigen, welche noch nicht würkliche Sünden begangen, sondern nur bösen Willen gehabt, ihr Gewissen vor der ganzen Kirche entladen hätten. Die menschliche Bosheit, die Verläumdung, das böse Nachreden, machte die öffentliche Beicht dem guten Namen der Beichtenden nachtheilig. Man ordnete also, daß die Schuldigen zuvor bey ihren geistlichen Hirten sich befragen sollten, die von dem Verbrechen urtheilten, ob es zur öffentlichen Bekenntnis kommen sollte, oder nicht. Im leztern Falle wurde es nur unter dem allgemeinen Titel einer Sünde gebeichtet. So erzählt Leo [I.] in seinem zwey und sechzigsten Brief, und Sozomen in seinem neunten Buche im fünf und dreissigsten Kapitel. Dieser sagt uns ferner, daß um die viele Inkonvenienzen der öffentlichen Beicht zu vermeiden, endlich erst im Jahr 260. sey verordnet worden, daß man aus verschiedenen Hirten der Gemeinden einen von geprüfter Frömmigkeit, von ausnehmender Bescheidenheit und Klugheit aussuchen sollte, welcher der allgemeine Beichtvater sey. Sie sehen also, Herr Pfarrer, daß die alte Kirche zu einem würdigen Beichtvater mehr erforderte, als die heutige, die jedem jungen Laffen, wenn er ordinirt ist, und seinen Busenbaum auswendig gelernt hat, die Erlaubnis Beicht zu hören ertheilt. Aber diese Veränderung geschahe erst in der orientalischen Kirche. In unserer occidentialischen, währte die Gewohnheit der öffentlichen Beicht bis gegen die Mitte des fünften Jahrhunderts, wo sie unter Pabst Leo dem Grossen zur Privatbeicht gemacht wurde. In Byzanz empfand man gar bald die Ungereimtheit einer Ohrenbeicht, wenn man alle Kleinigkeiten zu ihrem Gegenstand machte, so sehr man auch auf die Wahl eines würdigen Beichtvaters hielt. Es ist gar zu schmeichelnd für die natürliche Herrschsucht der Menschen, Richter der Gewissen zu seyn, und daß auch der sonst enthaltsamste Mann der Versuchung allezeit wi[e]derstehen solle, das Territorium des Beichtstuhls zu vergrössern. Im Jahr 396. wurde zu Byzanz durch den Bischof Necktarius die Ohrenbeicht wieder abgestellt; das wäre nun gewiß nicht geschehen, wenn man sie damals, wo man doch so nahe noch am Ursprung war, für eine göttliche Einsetzung gehalten hätte. Das es geschehen sey, lehrt uns die Kirchengeschichte des Sozomem. Die Ohrenbeicht wurde erst allgemein, als das Verderbniß des Christenthums begann. Die Päbste im neunten und den folgenden Jahrhunderten gebrauchten sie aus eiteln Absichten, aus der Herrschsucht über die Welt; und durch die Entstehung der vielen Mönchsorden wurde sie endlich zu dem Handwerk, welches sie jezt ist. Mit der Genugthuung für die Sünde verband auch die ursprüngliche alte Kirche einen ganz andern Begriff, als die heutige. Für seine Sünden Genugthun war nicht zu verstehen, daß diese oder jene Handlung eine gewisse zeitliche Strafe der Sünde vertreten sollte; sondern daß dadurch dem Befehl Gottes ein Genüge geschehe, der die Reue fodert, und verlangt, daß sie der Kirche durch eine äußerliche Handlung kund werde. Begieng zum Beyspiel einer eine grosse Sünde, so ließ ihn die Kirche nicht gleich wieder zur Kommunion, so sehr er auch sich reuig zeigte; sie bestimmte ihm eine gewisse Zeit, oft viele Jahre, wodurch er immerfort Proben seiner Reue geben mußte. Nach dem Tertullian befahl man ihm zum Beyspiel, in der Versammlung allein zu stehn, in einer traurigen Kleidung, reuiger Stellung, öfters mit einem Sack, und mit Asche bestreut, weinend und betend zu Gott; er mußte seine Brüder bitten für ihn zu beten. In der Folge geschahe es oft, daß einige in der Zeit ihrer Busse starben, und die Kirche nahm in Erwägung, daß sie könnten zur Verzweiflung gebracht werden; sie ließ also von ihrer Strenge ein wenig nach. Das that aber die Kirche allezeit in Rücksicht auf die Umstände und die Art des Verbrechens. Hatte sie genugsame Beweise einer ernstlichen Reue, so nahm sie den Sünder wieder in ihre Arme, ohne die bestimmte Bußzeit auszuwarten; und man nennte dieses Remission oder Relaxation, wie Eusebius sagt. Lange hernach nennte man diese Remissionen Ablässe, die aber eine ganz andre Bedeutung hatten; denn Ablaß hieß nur die Verminderung der Kirchenbusse, womit die Kirche die Reuigen beschenkte, und nicht der Nachlaß der Strafe für die Sünde in der andern Welt. Das Fegfeuer, Herr Pfarrer, war schon lange vor dem Christenthum, in dem alten Egypten ein Glaubensartickel. Dort wimmelte die Religion von Geistern verschiedner Art; und durch des Pythagoras gelehrte Reise kam auch die sistematische Geisterlehre in die griechische Philosophie, und von da in die Kontroversen der ersten Kirchenväter; dann in die Glaubenslehre. Origenes kennt gar keine Grenzen zwischen dem Geister= und Körperreich. Die Gradation der Moralität, oder Geisterreinigung, geht bis ins Unendliche. Sogar unsre Schutzengel sollen nach ihm gestraft oder belohnt werden, so wie sie ihr Amt gut oder schlecht verwaltet haben. Unsere ganze Welt hält er für einen moralischen Gegenstand; und die Erde soll von Gott gestraft oder belohnt werden, nach dem, wie sie sich gut oder schlecht aufgeführt habe. Im Anfang des dritten Sekulums fieng man, nach dem Cyprian, an in der Kirche zu opfern für die Todten. So heidnisch im Grund dieser Gebrauch war, so hatte er doch eine ganz andere Absicht bey der alten Kirche, als er jezt hat; wie Augustin bezeugt. Die Todtenfeyer war nichts, als die Erinnerung des verstorbenen Mitglieds. Die Christen waren noch nicht häufig; jedes Mitglied war ihrer Versammlung wichtig, weil sie noch nicht herrschend waren; sie lebten unter den Heiden, die sie heftig verfolgten; und das gab ihnen unter einander heftige Liebe, Werth, und Vertraulichkeit. Man erinnerte auch durch ein Jahrgedächtniß die Gemeinde an den Tod eines Christen, um sie in dem Glauben zu stärken. Man stellte ihr vor, wie glücklich der Verstorbene sey; und sie betete zu Gott, daß er jedem Mitglied auch so ein gutes Ende geben wolle. Die Freunde des Verstorbnen machten dabey der Kirche Geschenke, oder theilten Lebensmittel unter die Armen aus. Unsere Phantasie hat keine Grenzen, Herr Pfarrer. Die Einbildungskraft der ersten Christen war natürlicher Weise sehr hochgestimmt, weil Neuheit, Verfolgung, Beyspiele des Heldenmuths der Märtyrer alles beytrug, sie zu erhitzen. Der Hang, seine Wirksamkeit bis ins Unendliche auszudehnen, liegt ohnehin in der menschlichen Natur, und durch die Wärme der Phantasie wird er wache. Nun fiengen die lebenden Christen an zu wünschen, nach ihrem Tod mit der Gemeinde noch in Verbindung zu stehen; sie vermachten der Kirche Legaten, ihr Jahrgedächtnis zu feyern; und im dritten Sekulum fieng man auch an für die Todten zu beten. Die Legaten aber, und das Gebet, betrachtete man noch nicht, als ein Versöhnungsopfer für die Sünden; denn Justin der Märtyrer lehrt uns, daß der Glaube der damaligen Kirche über den Zustand der Verstorbenen von dem jetzigen weit unterschieden war. Die alte Kirche glaubte, daß die Seelen der Gläubigen bis an den Tag des jüngsten Gerichts und der allgemeinen Auferstehung unter der Erde bleiben müßten, und daß sie unmöglich eher zu dem Anschauen Gottes gelangen könnten. Man betete also, daß Gott diese Seelen bey der Auferstehung unter die Gerechten zählen möge, und ihre Glorie vergrössern wollte. Daß das Gebet für die Todten nicht ihre Erlösung aus dem Fegfeuer zum Zweck gehabt habe, folgt daraus, daß man sogar nach der Liturgie des Chrysostomus für die Patriarchen, Propheten, Apostel, Märtyrer, Evangelisten, ja sogar für die heilige Jungfrau Maria betete, die man doch gewiß nicht im Fegfeuer glaubte. Ihre Liebe war so grenzenlos, daß sie nach dem Chrysostomus sogar für die Verdammten in der Hölle beteten. Ohne daran zu denken, gaben sie also nach und nach der heutigen Lehre vom Fegfeuer Grund. Als man endlich zu Rom anfieng, das Christenthum als ein Mittel die Welt zu beherrschen anzusehn, und die Natur der Kirchengebräuche in eitle stolze Possen zu verändern, so künstelte man die Lehre vom Fegfeuer so zusammen, wie es der Herrschsucht der Päbste, und ihrem Beutel am einträglichsten war. Ablässe der Strafen in der andern Welt, die niemand als der Pabst geben kann, klingt schon an sich verdächtig, wenn man auch gar nicht auf den Ursprung dieser Lehre zurücksieht. Was ihr aber die gröste Ausbreitung gegeben hat und noch in unsern Tagen die die starke Haltung giebt, ist wieder das Mönchswesen, Herr Pfarrer. Die unzähligen Wege, welche die Mönche geöffnet haben, vollkommene und unvollkommene Ablässe zu gewinnen, ihre Feste, Bruderschaften, ihr zeitliches Interesse, ihr Ansehn, welches sie dadurch, trotz allem Geschrey der Denker, bey dem grossen Haufen noch zu behaupten wissen; das alles macht uns wenig Hoffnung, daß wir durch Veränderung der Lehre vom Fegfeuer unsern protestantischen deutschen Brüdern um einen Schritt näher kommen werden. Für dießmal hast du genug, lieber Bruder! Ich habe noch ein Stück Brevier zu beten. Leb wohl! Siebenzehnter Brief. Den 28. Ocktob. 1779. Bruder! In mir geht eine wunderbare Veränderung vor. Auf Herr Gutmanns Anrathen mische ich mich seit einiger Zeit in allerley häusliche Angelegenheiten. Er hat meine ganze Wirtschaft reformirt. Mein Pfarrgütchen, welches ich sonst einem Bauer um die Hälfte des Ertrags überließ, muß ich nun selbst bauen. Er hat mir vorgeschrieben, wie ich dabey zu Werke gehen müßte. Ich soll dadurch das zeitliche Wohl meiner Pfarrkinder befördern lernen. Er hat mir zwey Kinder, keines über sieben Jahre, aus der Stadt recommandirt, die ich wirklich schon seit 6. Wochen bey mir habe, und die ich nach seinem Plan erziehen soll. Das Kostgeld, welches mir die Eltern monatlich zahlen, ist mir eine ganz artige Beysteuer; ich hab von einem neun Gulden; muß sie aber in allem frey halten. Da es außer der Zeit, wenn die Mönche auf den Termin schwärmen, auf meiner Pfarre ziemlich ruhig ist, so habe ich immer Zeit genug, einige Stunden des Tages auf ihre Erziehung zu wenden. Und was das in der kurzen Zeit meinen Kopf und mein Herz umgestimmt hat! Die Welt fängt mir an ganz neu zu werden. Tausend Dinge, die mir zuvor nie eingefallen wären, machen jezt meine Sinne rege. Die zween Knaben sind ein allerliebstes Pärchen. Bruder, du solltest nur sehen, solltest fühlen, was ich eine Freude an ihnen habe; und wie einen das aufheitert! Ich möchte würklich so ein Paar Jungens fabricirt haben – Gott bewahre mich davor! Ich fange nun an einzusehn, daß man weder wahre Einsicht in die Verbindungen der menschlichen Gesellschaft, noch warme thätige Liebe gegen dieselbe bekommen kann, wenn man nicht durch wirthschaftliche Handlungen mit ihr verkettet ist; und daß man seinen Kopf und sein Herz um so mehr bessern kann, je unmittelbarer und ursprünglicher die Beschäftigungen sind, wodurch man ein würksames Glied der Gesellschaft wird. Ackerbau und Kinderzucht – wenns doch meine eigne wären! Nun begreife ich die Steife, Trotzige, Unbiegsame, Fühllose unsers Adels, unsrer Dechante, Mönche, unsrer Magisters und Professoren auf der Universität. Herr Gutmann hat mir ein Buch gegeben; es ist zwar sehr profan, denn es gehört unter die Romanzen; ist noch oben drein aus dem Englischen übersezt; aber ich kann dich versichern, lieber Bruder, daß ich in keiner Legende, nicht einmal in den Lebensbeschreibungen der heldenmüthigsten Märtyrer, den Trost finden kann, den mir das Buch giebt. Es heißt der Landpriester von Wakefield. Wenn ich doch auch so eine Familie hätte, wie der Mann! Wie gern wollte ich all das Ungemach aushalten, welches ihm durch seine Kinder verursacht wurde! Bruder, das ist ein Mann! Wenn er nur noch lebt! Ich bin eben heute damit fertig worden, und schicke es dir also, daß du auch mit dem armen guten Mann eine Thräne weinen, und dann hinten in den lezten Kapiteln wieder so froh werden sollst, als wenn dir einer weiß nicht wie viel Säcke voll Geld geschenkt hätte. Das ist ein Mann! Du must es mir aber bald zurückschicken; denn Herr Gutmann hat es meinem Schulmeister versprochen, und der treibt mich erschrecklich, ich soll es ihm geben. Ich beneide meinen Schulmeister, daß er das Buch noch besser geniessen kann, als ich; denn er kann sich ordentlich vorstellen, als wenn er der Mann selbst wäre. Ich mußte ihm vorgestern einige Kapitel daraus vorlesen, und ich kam gerade auf die rührendsten; er fuhr gleich auf: Schaut, was unser einer, der dem Befehl Gottes, die Welt zu vermehren, aus allen Kräften nachkömmt, für Hudeleyen, Kreutz und Elend ausstehen muß, wovon ihr Herren euch nichts träumen laßt; aber dafür wollen wir auch trotz euerm schwarzen Rock eine ganz andere Figur im Himmel spielen; denn dort seyd ihr die Herren nicht mehr; da gehts ganz anderst zu. Ich mögte mich gern, lieber Bruder, meiner Einsamkeit entreissen, und ein Mittel haben, mich meiner Gemeinde besser mitzutheilen. Das Wort Einsamkeit fällt dir vielleicht auf; du wirst nicht begreifen können, daß unser einer, der so viel mit Leuthen zu thun hat, einsam seyn soll; aber ich sage dir, daß wir Pfarrers eben so einsam seyn können, mitten im Dorfe, bey täglichem Umgang mit den Leuthen, als der Einsiedler im Wald, wenn wir nicht durch die allgemeinen Beschäftigungen und Wirthschaftsgeschäfte mit ihnen verbunden sind. Ich mache so meine Betrachtungen: Du hörst zur Beicht, gehst zu den Kranken, predigst, wirst auch unter die Leuthe gerufen um Zank und Uneinigkeiten beyzulegen; und da könnte nun einer Wunder denken, wie weit du von der Einsamkeit entfernt seyst: Aber bey allen diesen Beschäftigungen mit den Menschen bist du so ganz allein, so einsam, als der Karthäuser unter seinen Bildern, besonders wenn du nicht zuvor durch verschiedene Gradationen der Gesellschaft durchgegangen bist. Daß allenfalls einem Mann, der, ehe er Pfarrer wurde, schon in einem gewissen Kreise von menschlicher Gesellschaft ist herumgewirbelt worden, und also den Bezug dieser geistlichen Beschäftigungen auf seine Nebenmenschen besser kennt, und weiter ausdehnt; daß diesem Mann das Predigen, Beichthören, das Sterbebette nicht mehr so öde ist, wie mir, das begreife ich wohl: Aber sage mir Bruder, wie weit bin ich von dem wahren Umgang mit den Menschen durch alle meine geistliche Verrichtungen entfernt; ich, der brühewarm von der Schule hieher kam? Selbst meine Handlungen, meine geistlichen Geschäfte, entfernen mich von den Menschen, wenn ich auch in der Mitte von hunderten stehe. Was hat zum Beyspiel das Predigen für eine Beziehung und Verbindung mit der ganzen gesellschaftlichen Verwicklung meines Dorfs? Der Bauer betrachtet mich auf der Kanzel als ein Ding von einer ganz andern Gattung, als er ist; ich bin ihm dadurch so fremd, wie der Popanz auf dem Felde den Vögeln. Mein schwarzer Rock schon verrammelt mir den wahren Sinn des bürgerlichen Umgangs. Das Heilige, Ceremonische meiner Handlungen macht mich meinem Nächsten so unverständlich, wie er mirs in seiner bürgerlichen Lage ist. Nun habe ich dir gesagt, wie ich meinen ehelosen unbürgerlichen Stand betrachte. Durch die Veranstaltungen des Herrn Gutmanns komme ich nun meiner Gemeinde ein wenig näher. Es hat sehr grossen Einfluß würklich schon auf meine geistliche Verrichtungen; denn ich fühle, es geht alles mehr ad hominem , wenn man selbst auch ein ordinärer homo mit ist. Es wird immer noch besser mit mir werden. – Wenn nur die zwey Buben meine wären! Ich ersuchte Herr Gutmann, mir über die Entstehung des Celibats in der Kirche Erläuterung zu geben; er that es wie folgt. Die erste Erwähnung des Celibats in der Kirchengeschichte finden wir in dem Provincialconcilium von Elvira in Spanien, zu Anfang des vierten Sekulums. Es folgten ihm einige andre Provincialconcilien nach; und die Art, wie man das Celibat regulirte, war diese. Man fragte die geistlichen Candidaten, ob sie Willens wären sich zu verheyrathen, oder nicht; wenn sie nein sagten, so war es ihnen nicht mehr erlaubt, ein Weib zu nehmen; wann sie aber in den Ehestand tretten wollten, so erlaubte man es ihnen nach dem Eintritt in ihre geistliche Stelle zu thun. Man besezte aber diesen leeren Plaz nicht eher mit einem, der sich verheyrathen wollte, als bis man keinen andern, der ledig zu bleiben versprach, dazu haben konnte. Das geschah nun nicht, weil man die Ehe für einen Widerspruch des Clericats ansahe, sondern wegen der Armuth der Kirchen, die einen Pfarrer mit einer grossen Familie nicht ernähren konnten. Man brauchte diese Vorsicht, damit sich die Kirchengüter durch Vertheilung unter die Familien der Diener nicht schmälerten; oder daß nicht die natürliche Zuneigung der Hirten gegen ihre Familien sie in ihren geistlichen Verrichtungen hinderte. Diese angegebene Bewegungsgründe, welche die einzigen sind, werden sehr unzulänglich, wenn man bedenkt, daß die Kirchengüter von der Erbschaft der Diener leicht zu trennen waren; daß in jedem Staat die Hälfte seiner Glieder nicht von würklichem Eigenthum, sondern nur von einer Art von Nutzniessung lebt; daß wenn die Pfarrer keine Weiber und Kinder haben sollten, sie auch keine Eltern, Geschwistere, Vettern, Baasen haben müßten, die alle auf ihre natürliche Zuneigung Ansprüche machen könnten. Und dann glaube ich nicht, daß diese Zuneigung einem Diener der Kirche schädlich seyn soll; ich behaupte im Gegentheil, daß er ohne dieselbe zu den liebevollen Geschäften der Seelsorge sehr untauglich wird. Das Band der Blutsfreundschaft macht seine Empfindungen rege; giebt ihm Eifer, Thätigkeit und Gelegenheit, den wahren Zustand seiner Gemeinde in ihren häuslichen Angelegenheiten kennen zu lernen, ohne welches er für sie ganz unbrauchbar wird. Unterdessen fieng man an, den ehelosen Stand für einen Weg zu geistlichen Pfründen anzusehen; und durch einige Provicialconcilien waren nun die Vorsteher der Kirche dazu disponirt, daß auf dem allgemeinen niceischen Concilium die Frage aufgeworfen wurde: Ob es gut sey, die Diener der Kirche zu verbinden, sich von der Ehe zu enthalten; sogar diejenigen, welche würklich schon Weiber und Kinder hätten? Alle waren einig, das Celibat zu einem Gesetze zu machen. Ich muß Ihnen anmerken, Herr Pfarrer, daß dieses im Jahr 325. vorfiel; und also das Christenthum schon über drey Jahrhunderte beweibte Diener hatte; und daß die Familienbande gewiß sehr viel zu der originellen Wärme der alten Kirche beygetragen haben. Wie nun das niceische Concilium eben das Gesetz niederschreiben wollte, so stand Paphnucius, ein Mann von grossem Ansehn auf, der für das Evangelium gelitten hatte, und der selbst im Celibat lebte. Er widersprach der Kirchenversammlung mit so viel Nachdruck, daß ihm alle Beyfall geben mußten. Er bewies aus der Schrift, Heb. 13. v. 4. daß die Ehe allen Menschen anständig sey. Er drang durch, und das Concilium begnügte sich damit, daß es denen, die schon wirklich zu Dienern der Kirche geweyht wären, und noch keine Weiber hätten, verbot sich zu verheyrathen. Das Celibat war also nach dem Concilium noch kein allgemeines Kirchengesetz; denn man findet, daß sich hernach noch viele Bischöfe verheyrathet haben. Hieronymus, Nizephorus, und Athanasius sagen es ausdrücklich, daß es weder ein Befehl Gottes, noch der Kirche war, ledig zu bleiben. Nach dem nicäischen Concilium haben sich noch der heilige Hilarius, der heilige Gregorius Nazianzensus, und viele andre verheyrathet; und vor dem Concilium findet man sogar unter den ersten Mönchen in Egypten verheyrathete in der Wüste. Gegen das Ende des vierten Jahrhunderts fiel es dem römischen Bischof Syricius ein, aus eignem Antrieb den Geistlichen die Ehe zu verbieten. Daß sein Decret keine allgemeine Beachtung gefunden, und also die Unfehlbarkeit des Pabstes, und seine unumschränkte Gewalt über die Kirche damals noch etwas ganz unbekanntes war, folgt daraus, daß man in der Geschichte noch bis in die Mitte des zehnten Sekulums verehelichte Geistlichen findet. Salvianus sagt uns, daß berühmte Lehrer der Kirche sich dem Celibatgesetze entgegengesezt haben. Noch mehr: Man kennt Bischöfe von Rom, die zuvor Seelenhirten und doch dabey verheyrathet waren; wie Bonifacius I., Felix III., Gelasius I. es giengen also viele Jahrhunderte vorüber, ehe dies Unheil mehr durch Gewohnheit, als durch ausdrückliche Befolgung eines Gesetzes allgemein wurde. Das Celibat, wodurch die Kirchendiener aus aller menschlichen Activität gesezt wurden, war hauptsächlich an der schrecklichen Unwissenheit der Geistlichen, und besonders der Bischöfe im achten Sekulum, mit Schuld. Baluzius bemerkt, daß damals die Priester nicht lesen und schreiben konnten; und Carl der Grosse mußte den Bischöfen befehlen, das Vater Unser zu lernen. Von der Geistlichkeit hieng damals die ganze Cultur der christlichen Welt ab: Das Celibat trug also auch viel zu der ganz allgemeinen Unwissenheit bey, welche zu dieser Zeit unsern ganzen Erdkreis bedeckte. Hätten die Ehrwürdigen häusliche Verbindungen gehabt, so hätte sie doch ihr weltliches Interesse bewegen können, daß A B C zu studiren, und auch allenfalls ein Recherchen zu probiren. Und in dieser dicken Nacht, Herr Pfarrer, wo alle Vernunft schlief, alle gute Empfindungen der Menschheit unterdrückt, und die Europäer unsre Voreltern nichts als Klötze waren, ohne alle sittliche Mittheilung; da kam das Celibat zu seiner Würde. Als Hildebrand anfieng die Unwissenheit unsers Welttheils zu seinen politischen Absichten zu benuzen, mußte er seinen Absichten gemäß solches in seinen Schutz nehmen. Nun wurde aus allerley politischen Absichten der Begriff von Keuschheit verdreht, und der ehelose Stand trotz dem alten Paphnucius geheiligt. Nun erfoderte es das Staatsinteresse des römischen Hofs, daß die Kirchengüter unter keine Familien getheilt; durch Absterben der Priester ohne Erben vergrössert, der Unterschied zwischen geistlichen und weltlichen Gütern durch gänzliche Trennung der Priester von allen Gesellschaftsbanden bestimmter, und also der Begriff von Immunität deutlicher werde. Er mußte darauf sehen, daß von den Kirchengütern so viel Diener leben konnten, als nur möglich war, weil die Vergrösserung ihrer Zahl ihm unendlich wichtig schien, und die Personalimmunität ihn gegen die Fürsten mächtig machte. Es war ihm zugleich daran gelegen, daß seine Diener handveste, unbiegsame, trotzige Leuthe seyen, ohne zärtliche Verbindung mit der übrigen Gesellschaft; und daß sie durch keinen Reiz von geselligen Vergnügen je zu bewegen wären, von ihren und des Pabstes Prätentationen nur das Geringste zu vergeben. Nun kamen die Ordensstifter, und stellten dem römischen Hof ein Heer streitbarer Männer hin, die besonders durch das Gelübde der übelverstandenen Keuschheit ganz nach seinen Absichten disciplinirt waren. Unter ihnen trieben die Jesuiten den Eifer zur engelreinen Keuschheit auf den höchsten Grad. Sie thaten es aber auch nur aus der politischen Absicht, dem schönen Geschlecht alle Wege, in ihre Mysterien einzudringen, zu verriegeln. Ich habe die geheime Instruction ihrer Provinzialen und Rectoren als Manuscript aus sehr authentischen Händen bekommen, worin es ausdrücklich steht: Es wird darin den Obern befohlen, das Glied, welches einen zu vertrauten Umgang mit Frauenzimmern hätte, und in ihren Mysterien noch nicht initiirt wäre, entweder aus der Gesellschaft zu stossen, oder nie zu den Geheimnissen beyzulassen; wenn es aber schon initiirt wäre, so müßte es in die genauste Verwahrung genommen werden; denn nichts sey der Gesellschaft gefährlicher, als der Umgang mit dem andern Geschlecht. Wenn man nun unter ihnen bekannt war, und sieht, daß ihre Keuschheit gegen schöne junge Knaben eben nicht so spröde that, so wird man leicht überzeugt, daß eben nicht die Seelenbefleckung die Ursache ihrer sauern Miene gegen das schöne Geschlecht war. Das Concilium von Trient konnte, wegen dem päbstlichen Einfluß, durch seine Creaturen, die es über die Hälfte besezten, von dem Interesse des römischen Hofs nichts vergeben; auch war bey sehr vielen Vätern der Kirchenversammlung das Interesse ihres Ordens zu wichtig, als daß sie dem Credit des Celibats Abbruch thun sollten; und nun ist es nicht mehr zu bewundern, daß dieses Concilium in seiner vier und zwanzigsten Sitzung im neunten und zehnten Canon das Celibat so sehr heiligt. Es klingt sehr sonderbar, was es sagt. Der neunte Canon lautet also: Si quis dixerit, clericos in sacris ordinibus constitutos, vel regulares, castitatem solemniter professos, posse matrimonium contrahere, contractumque validum esse non obstantelege ecclesiastica vel vote; \& oppositumnil aliud esse, quam damnare matrimonium; posseque omnes contrahere matrimonium, qui se nonsentiunt castitatis, etiamsi eam voverint, habere donum; anathema sit: Cum deus id recto petentibns [tetentibus ?] non deneget, nec patiatur nos supra id, quod poissumus, tentari. Si ... – Wenn einer sagen sollte, daß es Geistlichen, die sich in einem heiligen Orden befinden oder die nach der Mönchsregel leben, die das Gelübde der Keuschheit feierlich abgelegt haben, eine Ehe eingehen dürfen, daß der Vertrag gültig bleibt und Kirchengesetz und Gelübde nicht im Wege stehen ... daß alle eine Ehe eingehen können, auch wenn sie die Keuschheit gelobt haben, also das Geschenk der Keuschheit erhalten haben, der soll verflucht sein: Obwohl Gott die Ehe denen, die ihn darum bitten, nicht verweigert, duldet er nicht, daß wir darüber hinaus in Versuchung geführt werden. Was denken Sie sich bey dem Ausdruck donum castitatis , Herr Pfarrer? Fällt Ihnen nicht der der frigidus und maleficiatus ein? Sagt das Concilium nicht eben so viel, als Gott wird und muß alle Priester, die gesundes Blut und tüchtige Glieder haben, maleficiren, wenn sie recht darum bitten? Ist es nicht würklich kühn von einer Kirchenversammlung, die Leuthe, welchen man nicht helfen kann, an ein ausdrückliches Mirakel Gottes zu verweisen? Und dieses Mirakel heißt frigus \& maleficium! Wozu denn ein Gelübbe, keusch zu bleiben, wenn Gott denjenigen, der ihn darum bittet, kalt wie Eis machen muß? Ist denn die Keuschheit eine Tugend, ein Verdienst, wenn sie ein Mirakel Gottes, ein donum ist? O die hochwürdigen Kirchenväter! Paphnucius, Herr Pfarrer – vielleicht hätte er auch nicht Muth genug gehabt, zu Trient eben so dreiste zu thun. In dem zehnten Canon wird nun allen unsern neuern Philosophen, Statistikern, und allen heutigen europäischen Fürsten geflucht. Si quis dexerit, statum conjugalem anteponendum esse statui virginitatis, vel celibatus, \& non esse melius ac beatius manere in virginitate, aut celibatu, quem jungi matrimonio; anathema sit. Si quis ... – Wenn einer sagen sollte, daß der Stand der Ehe dem Stand der Jungfräulichkeit oder dem Zölibat vorzuziehen sei, und daß es nicht besser und glücklicher sei, in der Jungfräulichkeit oder im Zölibat zu verbleiben, als sich in der Ehe zu verbinden, der soll verflucht sein. Wehe unsern Fürsten! Ich will Ihnen nichts mehr bey diesem Canon bemerken, als die sorfältige, wiederholte Unterscheidung der Kirchenväter zwischen Jungfrauschaft und ehelosem Stand. Mancher der Kirchenväter zu Trient wollte wohl seines Celibats unbeschadet eben nicht zu dem Chor der heiligen Jungfrauen gezählt werden; es war ihm eigentlich nicht so viel daran gelegen, die Feinde der Jungfrauschaft, als die des Celibats zu verfluchen; und deswegen machte man die ängstliche Distinction. Mit dem vorigen Canon hienge es viel besser zusammen, wenn es hiesse: Qui donum castitatis nonhabet, qui non frigidus \& maleficatus est, anathema sit. Qui donum ... – Wer das Geschenk der Keuschheit nicht hat, wer nicht kalt oder böswillig ist, der soll verflucht sein. Es ist doch sehr natürlich, daß einer, der den Stachel des Fleisches fühlt, und also die Gabe der Keuschheit nicht hat, den Ehestand dem Celibat vorziehe. Thut ers, so ist er nach dem Ausspruch des Conciliums verdammt. Die Menschen sind entweder alle verflucht, oder sie müssen alle Gott um die Gabe der Keuschheit bitten, die sie auch nach der Kirchenversammlung von ihm richtig erhalten; denn keiner darf sagen, ich finde meinem Leibe eine Frau zuträglicher als das Celibat. Ich kann den Canon niemal lesen, Herr Pfarrer, ohne daß mir die römische Hurenpolizey einfällt. Ja wenn sich jeder ehrliche Pfarrer, dem seine Menschheit zu rebellisch wird, wie die Kardinäle in Rom Mätressen halten dürfte, so könnte er sich von dem donum castitatis und der Würde des Celibats vielleicht den Begriff machen, den die Kirchenväter zu Trient damit verbunden haben. Paphnucius war ein grosser Mann, nicht wahr, Herr Pfarrer? Ich konnte Herrn Gutmann mit nichts als einem Seufzer antworten. Glaube eben nicht, Bruder, daß ich über meine Schwachheit, dem Teufel nicht widerstehen zu können, geseufzet habe. Mir fiel der gute Landpriester von Wakefield ein, der so stolz auf die Früchte seines Ehebettes war, daß ihm allezeit die Geschichte des Grafen Abensberg einfiel, so oft er unter seinen Kindern stand. Dieser Graf Abensberg stellte bey der Durchreise Heinrichs II. durch Deutschland seine 32. Kinder, als das beste Geschenk, welches er geben konnte, seinem Monarchen vor, da die übrigen Hofleuthe allerhand Kostbarkeiten zu Geschenk machten. Der Mann ist so gut, und hält so viel auf die Ehe, und der Graf Abensberg auch; und sie sollen darum beyde verdammt werden? Darüber habe ich geseufzet, lieber Bruder! Aber Herr Gutmann tröstete mich damit, daß das Concilium von Trient eben nicht so allgemein angenommen sey; daß selbst viele catholische Provinzen dagegen protestirten; und so, denke ich, wird der Fluch meinen lieben Landpriester zu Wakefield nicht treffen. Denn ich muß dir gestehn, lieber Bruder; so frey und unpäbstlich ich auch sonst denke, so zittre ich doch, wenn ich besonders von einem Concilium das Wort Anathema aussprechen höre. Es hängt mir noch so von Jugend auf an; denn bey diesem Wort kömmt mir allezeit die Beschreibung vor Augen, welche uns unsre Schulmeister von einem verbannten, und von der Kirche excommunicirten Menschen gemacht hat: Wie ihn der böse Feind bey Tag und Nacht herumpeitscht, daß er nie Ruhe hat; wie seine Speisen bald zu Kröten, Läusen, Schlangen und allerley giftigen Thieren werden; wie er in seiner Verzweiflung bald die Wände hinanklettern will; bald an Flüsse und Seen sprengt, um sich zu ersäuffen, wo ihn aber allezeit der böse Feind wider wegpeitscht; wie er in seiner Beängstigung die Berge und Thürme über sich zusammenstürzen will. Diese Vostellung der Würkungen der päbstlichen Excommunication ist in Italien und Spanien unter dem Volk noch ganz allgemein nach den neuesten Nachrichten. D. H. Herr Gutmann hat mir nun diesen Begriff von römischen Bannwirkungen benommen; aber der Eindruck, den er auf meine Phantasie gemacht hat, und dann die Scheiterhaufen, die das Wort Anathema angezündet, und die ich erst von Herrn Gutmann habe kennen lernen, machen mich immer noch zittern, wenn ichs höre. Ehe ich dir weiter schreibe, Bruder, must du einen ganzen Brief hören, so wie ich ihn eben von meinem Dechant geschickt bekomme. Dilecte in Christo! Nachdeme nunmehro eine geraumige Zeit verflossen ist, daß wir mit mehr als väterlicher Langmuth und Indulgenz seinen mehr als freygeisterischen Narredeyen und Insolenzen nachgesehen, und durch die Finger geschaut; so haben wir endlich nicht länger unterlassen können, an ihne diese Zeilen zu schreiben, um ex motu spiritus sancti seine Ungläubigkeit zu Schanden zu machen, und zu confundiren, prout spiritus sanctus dabat eloqui illis. prout spiritus ... – so wie es der Heilige Geist uns gegeben hat, zu jenen zu sprechen (Apg. 2.4) Act. Apost. C. 2. V. 4. Höre er uns junger ausgelassener Hengst, contra stimulum recalcitrans , höre er seine Mutter, die christcatholische Kirch, wenn er nicht unsern Zorn fühlen, seine Pfarre verliehren, den Keil der Excommunication über seinen frevelhaften Kopf provociren, und als ein Ethnicus \& Publicanus declarirt werden will. Höre er uns; und das sey ihme hiemit zum letztenmal gesagt: non medicabile vulnus ense recidendum est . Sag er, was haben ihme die ehrwürdigen P. P. Franciscaner zu leid gethan, daß er sie in ihren heiligen Exorcismis, wovon er junger Schulbube doch keinen Gänsedreck s. v. versteht, zu stöhren trachtet; daß er sie zur Aergernuß seiner ganzen Gemeinde prostituiert: Weiß er den Ausspruch des ewigen Wort Gottes, vae homini per quem scandalum venit ? Wenn uns die P. P. Franciscaner nicht selbst inständigst ersucht hätten, die Sache geheim und mit Gelindigkeit zu tractiren, damit das Aergernuß, welches er zu geben sich unterfangen, nicht noch mehr Seelenschaden anrichten mögte; dann rührt man den Koth, so stinkt er weit; so wären wir stante pede zur Execution geschritten. So seye ihme hiemit unter seinem geistlichen Gelübbe des Gehorsams befohlen, daß er längstens in Zeit von acht Tagen, wo wir uns in eigner Person zu ihme bemühen werden, um seine Seele zu erretten, parat seye, eine General=Beicht und Glaubens=Bekanntnuß abzulegen, und in unsrer Gegenwart den ehrwürdigen P. P. Franciscanern Abbittung zu thun. Bis zum Verlauf dieser Zeit seye es ihme auch verbotten, mit dem Gutmann zu reden; noch weniger ihme was von diesem unserm Schreiben zu vermelden; das auch sub obedientia . Ferner seye ihme auch alles alles anderweitige Vergehen gegen unsre Willensmeynung, als der ist, Bücherlesen, Räsonniren über Glaubenssachen, besonders mit dem verketzerten Schulmeister, ihn so lange sub obedientia verbotten, bis wir ihme von dem Consistorium, oder der gesammten catholischen Kirche, nämlichen unserm heiligen Vater, J. H. dem Pabst, nach einem von uns, nach unserm selbsteignen Gutbefinden eingerichteten rechtlichen Bericht, ausgewirkten mandato speciali weiters Ordre geben werden wollen. Pro clausula müssen wir noch beyfügen, daß das alles, was wir ihme hier zu wissen gethan haben, letzthin, als ich ihne bey seinem feinen Kameraden, dem Holunken Gutmann, attrappirt habe, schon ihme insinuirt worden wäre, wenn der Höllenbraten nicht durch allerley Verstellungen und profane Kunstgriffe unsre Benevolenz captirt hätte. Wir hatten uns schon mir apostolischem Eifer, und dem Wort Gottes, wie auch der Kirche, einige Wochen zuvor ganz unermüdet gerüstet und gewapnet, und lange deliberirt, wie wir seinen Unglauben angreifen wollten. Weil aber geschrieben steht, man solle das Wort Gottes den Hunden nicht vorwerfen, so ware es sehr gut, daß wir uns damit nicht vergangen haben; denn er ist obstinat und auf keinerley Weise von dem Reich des Satans zu erretten. Zeig er durch Befolgung meiner hier gegebnen Befehle, daß er würdig ist, das Wort Gottes zu hören, und von den Hunden separirt zu seyn, hört ers! Und so verspreche ich ihme meine väterliche Huld und Gnade, und das ewige Leben. Sein seiner Seele eifrigst beflissener Dechant. Also zu meinem Dechant eilten die Mönche von dem Schulzen weg. Und was sie da ihrer Sache einen so heiligen Anstrich gegeben haben! Wie ihnen die Aergerniß meiner Gemeind so nahe geht! Natürlich haben sie ihm den Umstand, daß das Gespenstermährchen ihre eigne Anstalt war, verschwiegen; und wenn wir auch die geschriebene Rolle des Geistes aufweisen, und auf Ehre und Seligkeit versichern, und auch der Wagnersjunge eidlich betheuern wollte, daß sie Schurken sind, so wären sie doch unverschämt und mächtig genug, das schöne Prädikat auf uns zu retorquiren. Der Jung müßte bestochen, und alle unsre Aussagen müßten Lügen seyn. Was können nicht so ein paar Mönche, und ein Dechant thun? Diesem wollte ich noch verzeihen; ich nehme seine Proceduren für Unwissenheit und Amtseifer an: Aber die Mönche! – – Ha ha, Bruder! Ich muß lachen, wenn ich meinen Dechant betrachte, wie er wohlmeinend mit dem Heil meiner armen Seele mir Excommunication droht; dann wieder väterliche Huld und Gnade will angedeihn lassen – und wenn ich mir ihn vorstelle, wie er mit apostolischem Eifer, mit dem Wort Gottes und der Kirche gerüstet und gewappnet, zu Herrn Gutmann kam – Mir fällt ein herrlicher Sentenz ein, den mir Herr Gutmann einmal aus einem alten Franzosen, Rabelais genannt, und zugleich auch eine artige Klosterreformation von einem handfesten Mönch selbst projectirt, vorlas: Das Sprüchelchen lautet also: Ein Scheißhaus bleibt ein Scheißhaus, und wenn mans auch wie einen Altar baut. Mein Dechant mit Bannstral und Gnade, mit apostolischem Eifer und dem Wort, bleibt doch der dicke drollige Dummkopf, der, ohne eben das Wort den Hunden vorzuwerfen, doch nie mit seiner Rüstung dem Himmel eine Seele gewinnen wird. Ich fürchte mich gar nicht für seinem apostolischen Eifer, lieber Bruder! Denn wenn mein Fuß übermorgen besser ist, so reise ich mit Herrn Gutmann nach Hofe. Ich muß freylich unterdessen meine Schaafe einem Mönch überlassen, und das ist eben so viel, als den Wolf zum Hüter setzen; aber es ist unumgänglich nothwendig, um dem Gezerre mit den Mönchen und meinem Dechant ein Ende zu machen. Herr Gutmann hat da einen guten Freund, der viel vermag, und mich in Schutz nehmen soll. Doch seh, bald hätte ich vergessen, dir zu sagen, was es mit meinem Fuß eigentlich ist. Der Gnädige Herr ist für das zeitliche Wohl seiner Unterthanen eben so wenig besorgt, als für ihr ewiges. Unser Chirurgus war sein Kammerdiener, und hat die Köchin aus politischen Ursachen geheyrathet: Er bekam dadurch in der hiesigen und benachbarten Herrschaft das Physikat. Er kann nichts, als rasieren und frisieren; denn im Aderlassen ist er so unglücklich, daß ihm noch keine ganz gelungen ist. Er hat schon einige krumme Füsse hier gemacht: Ich hoffe noch mit graden Gliedern davon zu kommen; denn der Geschwulst legt sich schon. Er giebt den Bauern Laxirungen daß sie in die Stadt zum Doctor laufen müssen um die Wirkung zu stillen; und da haben sie allzeit ein halbes Jahr vonnöthen, um wieder zu Kräften zu kommen. Er hat ein gebrochenes Bein dem Kind meines Nachbars curirt, daß der Chirurgus aus der Stadt dasselbe wieder brechen mußte, um es recht heilen zu können; und obendrein verklagt er die Leute noch wegen den Eingriffen in sein Physikat, und der gnädige Herr straft sie erbärmlich, wenn sie einen andern Arzt nehmen. Mit ihrem Seelen=Arzt wären meine Pfarrkinder eben so gut durch die treflichen Anstalten ihres Landesvaters versorgt gewesen, wenn nicht der verfolgte Gutmann sich die Mühe genommen hätte, ihn zu inspiriren. Ich erschrecke, Bruder, wenn ich daran denke, was ich für ein geistlicher Orangoutang worden wäre, wenn ich unter der Leitung der Mönche und meines Dechants meiner Gemeinde hätte sollen einen Pfarrer repräsentiren. Es ist doch wunderbar, wozu der große Haufen des gemeinen Volks – der doch den wichtigsten Theil der Schöpfung ausmacht – bestimmt ist. Nehme mir nicht übel, Bruder, wenn ich dir manchmal meine philosophische Betrachtungen in die Kreuz und Quere vorplaudere. Eine einzige Grille des regierenden Herrn kann entweder sein Volk glücklich oder unglücklich machen, und das in den kleinsten, wie in den grösten Staaten. Und von diesen Grillen hängt das Wohl der Allheit ab! Auch sogar der Glanz der berühmtesten Nationen resolvirt sich oft auf eine Laune des Regenten. Wenn mein Barbier nur die Mätresse eines grossen Königs geheyrathet hätte, wäre er Minister worden: Oder ich, ohne einen Gutmann, Mufti! Lebe wohl, Bruder! Achtzehnter Brief. Den 20. November 1779. Du erwartest nun ein vollständiges Tagebuch meiner Reise nach Hof – Ich sage dir ganz kurz, daß ich da war; durch den geheimen Rath von S – – , der Gutmanns Freund ist, dem Hochwürdigsten bin vorgestellt worden, und daß ich meine ganze Absicht erreicht habe. Ich habe einen Brief mit bekommen, der so gut als eine Exemtion von der väterlichen Obsorge meines Dechants ist: Dieser hat nun natürlich grosse Augen gemacht, wie er das Ding gelesen hat – doch das muß ich dir in der gehörigen Ordnung vortragen. Als ich nach Hause kam, sagte mir meine Magd, daß der Herr Dechant, der P. Guardian, und Fulgentius schon lange auf mich warteten; daß sie ihnen gesagt habe, ich käme heute gewiß nach Hause; und daß es nun das drittemal sey, daß mich diese Herren hätten besuchen wollen. Ich schlich in mein Kämmerchen, verboth ihr etwas von meiner Ankunft zu sagen, und wollte während des Auskleidens meine Gäste beobachten. Sie sassen um meinen Tisch, hatten eine Flasche Wein, und ein Buch vor sich. Sie liessen sich ungefähr also vernehmen. Dech. Wie, lese der Pater nochmal den Titel, wie heißt der Pursch – Fulg. Geschichte der Menschheit von Iselin – Dech. Les der Pater doch recht: Eselin wirds heissen – Das Späßchen wird manchem Leser sehr bleyern vorkommen: Der Herausgeber aber versichert, daß er es wirklich auch von Ehrwürdigen gehört hat, und daß es also unter dieser Classe ein geläufiges bon mot seyn muß. Fulgent. und Guard. Rem acu tetigisti, Magnificentissime! Ha ha ha ha! Dech. Nomen \& omen habet – Guard. 'ne hübsche Compagnie für den Pfarrer! Eselin – ha ha – Fulg. Was aber der Narre mit seiner Menschheit – wie heißt's – (schlägt um) Menschheit will – Dech. Substantivè fumitur pro, esse humanum, Substantivè ... – Über die Geschichte der Menschheit (1764 erschienen) und bedeutet also, Humanität. Was nun die studia humaniora – Guard. Scilicet ars poëtica \& rhetorica – Dech. Bene, bene – Er muß sich durch kein Wort irre machen lassen, Fulgentius. Schau er, such er nur den radix , den übersetzt er ins Lateinische; dann derivirt er ihn nach der Etymologia zu der Proprietät, die das deutsche Wort hat, \& factum est . Menschheit, humanitas. Seh er, wenn sich unser Einer, der nun mit verschiednen Weltleuten umgehn muß, nicht gleich helfen könnte, so müßte man alle Augenblicke so neumodische Wörter für einen nodus gordius ansehn, und stühnde dann, wie der Ochs am Berg. Euch Klosterleuten kann mans freylich nicht übel nehmen – Lese er nur weiter, Fulgentius. Guard. Salva venia , Euer Magnificenz verstehn doch wohl alles, was der Fulgentius gelesen hat? Dech. Ob ichs verstehe – Ha ha –ob ichs verstehe – Wie können Sie so was fragen, Pater Guardian? – Lämpchen, ubi judicum ? Guad. Ich muß gestehn – bin doch auch kein Esel – mir ist das Zeug wie wälsch – Dech. Dummes Geschwätze ist's, lauter dummes Geschwätze, Guardian. So Schulfüchserey, Spiegelfechterey, verstehn Sie mich wohl; so Larifari, so – Guard. Daß nicht viel daran ist, ist sehr natürlich; sonst wärs nicht deutsch: Aber exempli gratia , geruhen mir Euer Magnificenz doch einmal zu expliciren, was der deutsche Michel mit seiner Barbarey sagen will. Unsre Patres Mißionarii erzählen oft von einem Land die Barbarey genannt – Dech. Wo's viel Krieg giebt, nicht wahr? Das ist's eben, wovon der Eselin schreibt – So lang die Barbarey ist, oder die ganze Barbarey durch und durch, ist nichts als Krieg, sagt er eben – Mein, fragt mich doch nicht um solch Zeug; sind ja lauter Dinge, die wir schon lange verschlissen haben. Fulg. Was doch der Gutmann für närrische Sachen hat! Wie doch einem Menschen einfallen mag so was zu lesen? Er ist halt die Perplexität mit Leib und Seel. Dech. Ach ihr Leute wißt halt nicht mit so einem Menschen umzugehn. Mit dem Gutmann will ich zehnmal eher fertig werden, als mit dem naseweisen Pfarrer. Er hat Capacität der Gutmann, das versichre ich euch; wenn er nur hier wäre, ihr solltet sehn, wie ich ihn drehn und wenden kann. Wenn nur der rechte Mann über ihn kömmt, man kann ihn schon ins Bockshorn bringen. Schweiß hat michs freylich gekostet; denn nichts davon zu melden, daß ich das Vogel friß, oder stirb, item Neumayers Controversen, item das Leben der Katherl von Borre; hört ihr Patres, das ist ein Buch! – item noch eine Menge solcher kräftiger Bücher, die den Lutheranern den Garaus machen, gelesen und durchstudirt habe, so bin auch benebst meinen ganzen cursum theologicum durchgegangen – Meine scripta sive notata polemica haben mir trefliche Dienste gethan: Ich habe noch dazu gegen die drey und siebenzig Bibeltexte auswendig gelernt, mit Capitel und Versnumern, die ich ihm alle an den Kopf geschmissen hätte, wenn er mir nicht pariren wollte. Als ich nun ausstaffirt war, rief ich den heiligen Geist recht inbrünstiglich an, und machte seine Bekehrung einigemal zu meinem Meßmemento; und ich kann sagen veni, vidi, vici . Für die Teufel, Hexen und Gespenster, seyd ihr freylich die rechten Kerls; denn eure Klöster können sich durch die ganze Welt alle die erforderlichen arcana communiciren; aber so einen verstockten Freymäurer zur Räson zu bringen; da müßt ihr euch nach Hause geigen lassen; denn da gehört judicium dazu – Guard. Euer Magnificenz geruhen nicht ungnädig aufzunehmen – Sie erinnern mich eben durch Ihren Besuch, wodurch sie den Freymäurer Gutmann zu Schanden gemacht haben, an gewisse sehr präjudicirliche, nicht gar erbauliche und fast scandalos expressiones \& nomenclaturas , deren Sie sich gegen uns zu gebrauchen gütigst beliebt haben sollen. Fulg. Besonders hat der unmündige Pfarrer hujus loci sehr ungebührlich ausposaunt, wie ärgerlich Euer Magnificenz meine Jagdhistorie – Guard. Und Gutmann hat affirmirt, daß er dergleichen injuriose, kalumniöse expressiones s. v. von Gassenbuben nicht gehört habe, wie Euer Magnificenz gegen uns usurpirten. Fulg. Und sollen Eure Magnificenz annektirt haben, daß Sie eine herzinnigliche Freude über meine Verberation empfunden haben. Guard. Und sollen Euer Manificenz, weit entfernt seine Freygeisterey zu confundieren, ihr Gläschen fein geleert, ihr Schlafstündchen hübsch – Dech. (Der bis jezt, so oft einer der Mönche das Wort wieder nahm, ein volles Glas ansetzte, und nur mit dem Geräusch des Einschenkens, manchmal auch mit Drehung seiner Perücke protestirte; fuhr nun auf, stieß den Stul um, schlug auf den Tisch) Potz Wetter und alle Sackerment! Seyd ihr Leute denn närrisch worden? Meint ihr etwa, ihr habt einen Schulbuben vor euch? Potz Wetter – Potz alle – wißt ihr denn nicht, was Art und Mode ist; wenn man mit Weltleuten von Distinktion und Edukation umgeht – daß man euch allzeit en bagatelle tractieren muß? Dient das nicht eure Humilität zu exercieren? Steht nicht in euer Regel, unusquisque despiciat femetipsum? Heißt euch dann ein gnädiger Herr im ganzen Revier anderst, als wie ich euch nennte, Limmel, Esel, Flegel, Schnapsäcke; und neuerdings ist noch eine andre Modeexpreßion gegen euch aufkommen; sie heißt Hummeln. Unser einer, der doch mit Gnaden und Excellenzen umgeht, muß mit den Hunden bellen, damit man nicht für einen Pedanten und Idioten paßiere. Was ihr einem gnädigen Herrn erlaubt, das werdet ihr doch hoffentlich mir gestatten können? Potz Wetter und alle – jagt mich nicht in Harnisch, das sag ich euch! Guard. Eure Magnificenz extravagirn zu sehr. Wir habens nicht so bös gemeynt: Wir sind gar nicht die Leute, die alles gleich so übel deuten – Um aber nicht solchergestalten von unserm propositum wegzukommen, so muß ich Ihnen referieren, daß bey dem Gutmann von Tag zu Tag schlimmere Aspecten aufsteigen, und also Eure Magnificenz gar keine rationem sufficientem haben, zu glauben, daß sie ihn convertirt hätten. Fulg. Die Magd, die ein Ehr und Wahrheit liebendes Mensch ist – Guard. Sie ist, ut hoc confirmem , von unserm dritten Orden – Fulg. Die uns auch pflichtschuldigst von Euer Magnificenz modo se exprimendi erga nos referiert hat, sagt, daß sie vor einigen Tagen drey Ducaten in seinen gelben Pantoffeln, und die Fußstapfen von Bocksfüssen im Sand vor seinem Bette gesehn habe. Sie hat schon einigemal den Teufel mit ihm reden gehört; und wenn er noch schläft, so legt ihm jener sein tägliches Geld in die Pantoffeln. Guard. Es ist schon eine natürliche Consequenz, daß es mit seinem Geld nicht just ist, da er es so profan und unchristlich verwendet. Fulg. Es ist nun gar kein Zweifel mehr, daß er etwas viel ärgers als ein Freygeist, ärgers als Jude, Türk und Heide ist – Er ist ein ausgemachter Freymäurer. Guard. Euer Magnificenz sehn also, daß er noch der alte ist, und daß er Sie wahrscheinlicher Weise nur zum Narren gehabt hat. Dech. Dergleichen expressiones de me oder erga me will ich mir verbitten, Pater Guardian – Guard. Oder daß er sie bey der Nase herumgeführt hat – Dech. Phrasis minus adhuc congrua – Guard. Oder daß er seinen Spaß mit Ihnen gehabt, oder daß er Sie zum Besten gahabt, oder daß er Sie gefopt, oder – Dech. Insolentiores adhuc – Guard. Oder daß er Ihnen was vorgespiegelt hat Dech. Bene, bene , Guard. Geschehn ist es allezeit, Euer Magnificenz, wie man es exprimirt. Man muß also auf neue media denken, das Unthier zu bändigen oder zu erlegen. Dech. Wenn wir nur den Pfarrer erst von ihm los haben. Wenn er allein ist, so können wir auf die Bestie bessern Anstand nehmen – Daß er sich verstellt, und uns also letzhin hintergangen hat, wird uns auch nach und nach verisimilius. Aber ihr Leute solltet ja gleich mit dem Menschen fertig seyn – Guard. Wie meinen Euer Magnificez? Dech. Citiert den Teufel, und forscht aus ihm, was der Gutmann, oder noch besser die Freymäurer überhaupt für einen Accord mit ihm haben. Dazu seyd ihr ja die Leute. Fragt ihn, wie lange nach dem Accord der Gutmann noch Frist habe; denn ich bin gar curios, um welche Zeit ihn der Satan hohlen wird. Vergeßt nicht, wieviel Geld er ihm täglich bringen muß, und ob er ihm auch seinen Wein liefert – Der ist recht gut, das versichre ich euch. Wissen wir das einmal, so muß er uns ja parieren wie wir nur wollen; denn da können wir den Leuten, und auch höhern Orts berichten, was es mit dem Menschen für eine Bewandtniß hat. Wir können noch eine grosse Recompenz zusammen bekommen, wenn wir dem Teufel die arcana der Freymäurer extorquieren, die kein Mensch weiß, und doch jedermann gern wissen möchte. Was sagt ihr zu dem Gedanken? Fulg. Der Teufel ist der Vater der Lügen; der tractiert uns, wie der Gutmann Euer Magnificenz; spiegelt uns was vor, und sticht uns hintendrein ein Eselsohr. Wir kennen die Musie – Dech. Ihr seyd mir die rechten – Wenn ihr nicht einmal die Wahrheit aus dem Teufel heraus exorcieren könnt! Guard. Non semper ridet Apollo , Euer Magnificenz; und dann ist es ein gefährliches Ding mit den arcanis der Freymäurer. Viele haben schon alles davon gewußt; sie sind aber alle, wie unsre Lecktores erzählen, so heimlich aus der Welt geschaft worden, ehe sie haben ausplaudern können. Sie reißt erschrecklich ein, die Freymäurerey. Es sind gar viele Grossen mit darunter: Sogar der F. v. * ist einer, und der G. * Sie kommen alle Woche zusammen, und treiben ihre Teufeleyen; trinken z. E. Menschen=Blut aus Hirnschädeln. Allzeit wird der geschlacht, dem nach dem Accord mit dem Teufel seine Zeit verlaufen ist. Der böse Feind ist allzeit leibhaftig unter ihnen, und sie heissen ihn Bruder. Das Zimmer ist ganz schwarz behangen, sie sitzen unter lauter Todtenknochen, und allerhand magische Zeichen sind herumgemahlt. Es ist einmal ein vir cordatus von uns unter sie kommen; der machte sein benedictiones , und siehe! Alles verschwunden. Statt der Messer und Gabeln lagen Mistkärste und Schauffeln, statt der Teller Kühfladen auf dem Tisch. Die Lichter wurden zu feurigen Drachen, und die Figuren alle lebendig; lauter Schlangen und Kröten, und alles sumste und zischte. Der nämliche Pater hat erzählt, ich habs aus seinem Munde, daß er den G. * neben dem Satan erkannt habe. Der Teufel seye sehr artig und vertraut gegen ihn gewesen, habe ihm die Backen gestrichen, und so im Discurieren an den Knöpfen gezupft. Man siehts ja auch schon an seiner Aufführung, daß er mit dem Teufel gut Freund seyn muß. Giebt er denn das ganze Jahr unsern Mendikanten nur einen Pfennig? Mätressen kann er doch halten; sein Kammermädchen ist wieder schwanger, Euer Magnificenz; und wie der Confeßarius, den sie hat, herausgebracht, so ists Kind auch von ihm: Da ist nun kein Wunder, daß er mit dem Teufel Brüderschaft trinkt; denn das hat der Pater auch gesehen, daß sie am Tisch, ehe sie verschwunden waren, ihre Gläser zusammengestossen, und es dem Teufel zugetrunken haben. Nach der Beschreibung die wir ihm vom Gutmann gemacht haben, so betheuert eben dieser Pater, daß er ihn erkannt und gesehen habe, wie ihm der böse Feind lange ins Ohr gelispelt hat; Gutmann habe darauf vor der übrigen Gesellschaft das Wort geführt: Denn Euer Magnificenz müssen wissen, daß die Freymäurer auf die Minute, wenn sie wollen, beysammen seyn können, wären sie auch tausend Meilen von einander. Sie reiten auf jungen lustigen Teufeln in Gestalt von Besen, Mistgabeln, Flederwischen, Fuchsschwänzen zusammen; das stimmt nun mit dem Bericht der Magd genau überein, daß Gutmann manche Nächte abwesend sey, und gemeiniglich durch den Rauchfang ausfahre. Auch hat diese – sie war um die Herren recht zu belauschen in den Ofen gekrochen – von Gutmann sagen gehört, daß er den hiesigen Pfarrer in ihre Gesellschaft wolle einschreiben lassen. Eure Manificenz sehn also, daß die Sache dringend ist. Wir müssen dem Pfarrer zu Leibe gehn, ehe er seinen Bund mit dem Teufel gemacht hat; sonst ists zu spät. Dech. Das soll heute noch abgethan seyn – wär er nur gleich hier – Mit dem sprech ich jetzt aus einem ganz andern Ton; da heißts Obedienz – Ich konnte nicht länger übers Herz bringen, die Herren ihren Unsinn einander mit so viel Ernst und Würde vorschwäzen zu hören: ich trat also unvermuthet auf. Ich wollte nicht gleich mit meinem Rescript heraus, weil ich ihre Anstalten zu meiner Bekehrung recht reif wollte werden lassen; und daß sie um so mehr betroffen würden, je gewisser sie glaubten, mich unter ihren Füssen zu haben. Der Dechant gab mir einen derben Verweis, daß ich ohne seine Erlaubniß verreist seye; das wichtige Geschäft meiner förmlichen Bekehrung dadurch verzögert, und ihn mit den zween Ehrwürdigen umsonst hieher gesprengt habe. Ich entschuldigte mich durch die dringende Nothwendigkeit und Eile meiner Reise. – Nun nahm der Guardian das Wort; ich würde mich ohne Zweifel erinnern, wie sehr ihr guter Name durch die schändliche, mit aller erdenklichen feinen Spitzbüberey gegen die zween Terminanten veranstaltete Mißhandlung von mir und Gutmann seye verunglimpft worden; die Ehr und Glorie ihres ganzen Ordens seye so stark dabey intressiert, daß sie zween im Namen desselben da wären, um eine förmliche Abbitte von mir zu empfangen; und eine hinlängliche Satisfaction durch Almosen ihrem Kloster mit Bewilligung des Herrn Dechants Magnificenz mir zu dictiern: Sie seyen ferner als Zeugen meiner Glaubekenntniß, und als Mithelfer meiner gänzlichen Bekehrung von Herrn Dechant Magnif. mit hieher gebeten worden: Sie hoften, ich werde mich als ein Kind gegen seine Eltern gehorsamlich ihrer heilsamen Operation unterwerfen. Ich antwortete darauf mit nichts, als einem Knicks. Der Dechant fuhr hiernächst auf mich los, daß ich das Gelübde des Gehorsams so wenig beobachtet, indeme ich gegen das ausdrückliche Verboth mit Gutmann zu reden, sogar mit ihm verreist seye. Fulgentius mußte auch noch seinen Theil dazu geben; er machte es sehr plump – Ich wäre noch viel zu jung, zu unbändig, Männern ihres Gelichters probatae virtutis \& doctrinae über die Nase zu fahren. Sie hätten mich lange mit ihnen spielen lassen, wie der Löwe die Maus; nun aber wäre es Zeit, der Kinderey ein Ende zu machen, und die Reihe wäre jetzt an ihnen, meiner zu lachen. Der Dechant hat mich hierauf gefragt, ob ich zu der Generalbeicht präpariert seye: Anstatt ihm mit ja oder nein zu antworten, gab ich ihm mein Präservative. Nun wünsche ich dir, lieber Bruder, den viereckigen Dechant in seiner tragicomischen Attidute mahlen zu können. Er gieng vom Tisch weg ans Fenster, als wenn er es nicht recht lesen könnte; es war aber blos um seiner Bestürzung Luft zu machen, und seine Beschämung zu verbergen. Er trippelte, wischte sich die Augen, als wenn Niesepulver aus dem Papier in seine Nase geflogen wäre; seine Perucke mußte auch viel dabey leiden; er humste bald etwas laut; bald buchstabirte er, und wischte, und wischte immerfort, als wenn der Streusand den Brief unleserlich gemacht hätte: Aber es stand so klarschwarz, da daß er ein Gek sey, und mich ungehudelt lassen sollte, daß er es nicht wegwischen konnte; er fieng drey, viermal von vorne an, und nahm zuletzt noch seine Brille, um Zeit genug zu gewinnen, sich in eine leidliche Fassung zu bringen. Er räusperte sich, legte den Brief sehr langsam zusammen, und stotterte endlich, ohne mir ins Gesicht zu schauen, daß er wohl wisse, durch welchen krummen Weg ich zu diesem Freyheits=Brief kommen sey – er wolle nicht freventlich urtheilen; aber des Teufels Anhang seye in diesem Revier sehr groß; es gäbe viele Freymäurer – er winkte dabey den Mönchen mit einer vielbedeutenden Miene – er wolle nicht böse von seinen Obern denken; aber wenn man mit dem Teufel Brüderschaft trinke, könne man unmöglich selig werden. Er nahm seinen Stock und Hut, und gieng. Die Mönche, die nun gar nicht wußten wie sie dran waren, stülpten ihre Kapuzen über den Kopf, murmelten lateinisch unter den Bart, und folgten ihm. Wie ich mich dabey gebehrdet habe – fragst du Bruder: Recht boshaft; ich gestehe es dir gerne. Als sie im Anfang mich so schrecklich bombardirten, nahm ich die gleichgültigste folgsamste Schafsmiene an, um ihrer Insolenz Raum zu lassen, um sie mit der Abzugsordre unvermutheter zu überraschen. Als der Dechant durch den Brief nun in seine burleske Bewegung kam, und die Mönche nicht begreifen konnten – quer herüber auf mich, bald wieder auf den Dechant, bald mit halboffnem Mund senkrecht auf die Erde niederblickten – nahm ich meine Dose, präsentirte ihnen mit der schalkhaftesten Höflichkeit Tobak, schenkte ihnen Wein ein, und bat sie, zum Nachtessen bey mir zu bleiben. Als sie giengen machte ich recht tiefe Verbeugungen; freute mich und dankte für die Ehre ihres Besuchs; bedauerte, daß sie nicht länger bleiben wollten; und wünschte, bald wieder die Gnade zu haben, sie bey mir zu sehn. Als ich alleine war machte ich wieder meine Betrachtungen über das Verderbnis der Mönche. Mir fiel die Stelle in dem Testament des heiligen Franciscus ein, wo er sagt: wäre ich auch so weise wie Salomon, und ich fände ein armes Priesterlein auf seiner Pfarre, so wollte ich doch nicht gegen seinen Willen predigen. Ich würde es wie alle übrigen fürchten, lieben und ehren, wie meinen Herrn. Et si haberem tantam sapientiam, quantam Salomon habuit, \& invenirem pauperculos sacerdotes hujus saeculi in parochiisin quibus morantur, nolo praedicare contra voluntatem ipsorum. Et ipsos \& omnes alios volo timere, amare, \& honorare sicut meos dominos. Test. S. P. Francise. Et si haberem ... – Es ist der soeben auf Deutsch genannte Satz aus dem Testament Franziskus': Wäre ich auch so weise wie Salomo ... Seinen Söhnen ist es nicht genug sich in alle priesterliche Verrichtungen einzudrängen; sie machen noch obendrein die Schelmischsten Cabalen gegen den harmlosesten Pfarrer wie ich bin; und doch befiehlt ihr Ordensstifter, dieses Testament, worin er so erbaulich spricht, grade so wie die Regel anzusehen und pünktlich zu befolgen. Der gute Vater oder sein Major Domus der Meister Helias würden ihre Zöglinge wenig erkennen, wenn sie aus ihren Gräbern aufstünden – Höre nur Bruder, wie deutlich die Schriften des Franciscus sind, seine Regel und sein Testament in aller möglichen Einfalt zu verstehen, und gar keine Auslegungen und Glossen darüber zu machen. Und allen meinen Brüdern, Priestern und Layen, befehle ich ernstlich durch das Gelübde des Gehorsams, keine Glossen über die Regel oder über diese Worte (das Testament) zu machen; nicht zu sagen: So ist es zu verstehen: Sondern, wie mir der Herr eingab die Regeln und diese Worte einfältig und rein auszusagen und zu schreiben; so sollet ihr sie auch einfältig und rein ohne Glosse verstehn, und mit heiliger Thätigkeit befolgen bis zum Ende. Ohne die Glossen, die freylich nach dem Titel keine Glossen sind, als des H. Bernardius Tractat von den Eigenthümern, das Lob dieser Regel, der brevis discursus über die Beobachtung der Armuth von P. de Fano, die alle der Regel beygedruckt sind – ohne diese Tractaten, Lobeserhebungen, kurze Reden, für würkliche Glossen anzunehmen, so kann man doch die Eintheilung der Regeln, in praecepta formalia, aequipollentia, exhortitationes \& c. die auf dem Rande jeder derselben bemerkt ist, unmöglich für etwas anders als eine Glosse ansehn. Wie ungebührlich diese Eintheilung sey, will ich dir nur durch eine Vergleichung begreiflich machen. Ein praeceptum formale wird genennt die Verordnung, daß der ganze Orden einen General haben solle; ein General=Capitel alle drey Jahre müsse gehalten werden etc. und eine Conditio aequipollens heißt das Verboth ihres Vaters, daß sie in dem Sprengel eines Bischofs gegen seinen Willen nicht predigen sollten. Fratres non praedicent in episcopatu alicujus episcopi, cum ab eo illis fuerit contradictum. Reg. S. P. Franc. Glossa: aequipollens. Fratres non ... – der lateinische Originaltext: Verbot der Predigt gegen den Willen des Bischofs Unter dem Wort aequipollens verstehn sie eine ganz gleichgültige, unbedeutende Warnung. Es ist zum krank Lachen, daß die Mönche die Verordnungen ihres Vaters, die sogar nach der christlichen und philosophischen Moral Sünden verbiethen, für keine förmliche Befehle, sondern nur für heilsame Ermahnungen, exhortationes ausgeben, bloß weil der H. Franciscus den Period mit moneo \& exhortor anfängt. So ist nach der Glosse eine blosse Ermahnung der Absatz: Ich warne meine Brüder, die Leute die weiche und bunte Kleider tragen, und köstliche Speisen geniessen, nicht zu beurtheilen und zu verachten. Verachtung seines Nebenmenschen ist bey dem Christen überhaupt, und bey dem Philosophen auch, Sünde; sie kann ohne Stolz nicht begangen werden, und Stolz gehört zu den Hauptsünden; aber in der Franciscanerregel ist das nur eine gleichgültige, unbedeutende Ermahnung. So läßt sichs leicht begreifen, warum sogar wegen der Form der Capuzen unter den Franciscanern und Capucinern eine so stolze Antipathie ohne Sünde bestehn kann, die schon zu den heftigsten Verfolgungen Anlaß gegeben hat. Die Regel verbietet nicht einmal förmlich, die bunten und reichen Kleider, samt den Leuten die drinne stecken, zu verachten; wie unschuldiger muß noch der Groll auf eine spitze Capuze seyn? Ist es ein Wunder, Bruder, daß unsre moralische Begriffe durch die Möncherey so abscheulich sind verunstaltet worden, wenn man das Aeusserliche, die Form, zum Wesen eines Ordens, und das Wesentliche durch Glossen und Distinctionen zum unbedeutendsten, willkürlichsten locus communis macht! O liebes Christenthum! Auch war die Absicht des Meister Helias und des Franciscus gar nicht, der Nachwelt eine Rotte Bettler zu stiften. Die Kirche, die den Orden gesetzmäßig aufnahm – kann die zugeben, daß das Betteln für das Wesentlichste des Ordens angesehen werde, woran bey seiner Aufnahme gar nicht gedacht worden? Aber wenn man den Pabst, den römischen Hof für die Kirche Gottes ansieht, so ist es sehr begreiflich, daß diesem Mann viel daran gelegen seyn muß, viele müßige Subalternen zu haben, die gar von keiner Beschäftigung wissen, als ihn zu predigen. In dem Testament des Franciscus, welches die nämliche Kraft wie die Regel haben soll, wird den Brüdern das Betteln nur dann erlaubt, wenn sie durch Arbeiten kein hinlängliches Brod zusammen bringen können. Es heißt in diesem Testament: Und ich arbeite mit meinen Händen, und will arbeiten; und will ernstlich, daß alle meine übrigen Brüder auch arbeiten. Die kein ehrbares Handwerk verstehn, sollen es lernen. Und im folgenden Paragraph: Und wenn uns die Arbeit nicht bezahlt wird, so laßt uns zum Tisch des Herrn laufen, und das Almosen an den Thüren betteln. Arbeit also ist der von der Kirche bestätigte Sinn des Stifters; das Betteln nur die Ausnahme, die Nothhülfe. Auch steht es ausdrücklich in der Regel: Die Brüder sollen treu und fleißig arbeiten, um dem gefährlichen Müßiggang zu entfliehn. Von dem Lohn der Arbeit aber sollen sie die Leibsbedürfnisse für sich und ihre Brüder anschaffen, in Naturalien etc. Wie weit sind unsre heutigen Mönche von dem wahren Zweck ihrer Stiftung entfernt! Das ausdrückliche Geboth ihres Vaters, mit den Händen zu arbeiten, haben auch ihre Gloßisten zu einer ohnmächtigen, unverbindlichen Admonition herabgewürdigt. Siehe die Regel des H. Franciscus, K. V. Fratres laborent fideliter \& devote. Marginal: Admonit. Die Erlaubniß im Nothfall zu betteln hingegen haben sie zu ihrem Institut gemacht; und statt der Vorschrift, ein Handwerk zu treiben, den Müßiggang durch Gewohnheit geheiligt. Herr Gutmann hat mir unlängst die Oeconomie der Herrnhuter ausführlich beschrieben. Wenn ich doch ein Landesherr wäre, lieber Bruder! Ich würde weniger Klöster aufheben; aber in zwanzig Jahren müßten alle meine Mönche catholische Herrnhuter seyn. Mich wunderts recht daß noch kein Fürst diesen Plan, der gewiß auszuführen wäre, sobald man sich über die durch Gewohnheit geheiligten Vorurtheile hinaussetzt, unternommen hat. Diese Einrichtung der Klöster ist eigentlich die wahre Absicht der Stifter und der Kirche; sie ist das einzige Gute, was sich bey dem Mönchsstand denken läßt. Die wichtigen, sehr zahlreichen Etablissements der Herrnhuter sind ja Beweis genug, daß ein Staat alle seine Mönche beschäftigen könne, ohne das innere Sistem, den Zusammenhang des Ordens, zu zerstöhren; ohne sie mit der übrigen Gesellschaft zu vermengen. Man hat sich in den meisten catholischen Staaten von Deutschland überzeugt, daß sie zur Seelsorge weder Beruf noch Anlage haben; und jeder Weltpriester hat deswegen den Fürsten sehr viel Dank zu sagen: Aber durch die Einsperrung in ihre Klöster werden sie gar nicht gebessert. Im Gegentheil wird die stinkende Gährung des Müßiggangs dadurch verstärkt. Ich weiß wohl, daß der Mendicant aus seiner Kutte für Aerger springen möchte, wenn man ihm sagt, daß Arbeit seine wahre Bestimmung sey; ich weiß, daß es sogar mancher Laye unter uns Catholiken für eine Gotteslästerung aufnimmt, wenn er hört, daß ein Priester seines Priesterthums unbeschadet ein Handwerker seyn könnte: Aber so dachte man nicht, als die Mönche in unserm Occident sich ausbreiteten: Selbst auf ihre Arbeitsamkeit gründete sich die Aufnahme der berühmtesten Orden. Auch waren die Priester nicht die grösseste Zahl von ihnen; die meisten waren Layen, handfeste, fleißige Layen; sie hatten gemeiniglich so viele Priester in dem Kloster, als zu ihrem eignen Kirchendienst erfodert wurden: Waren die Priester auch mehrere als nöthig, so giengen sie auf Missionen oder arbeiteten selbst mit. Das Concilium von Trient redet sehr viel von der Klösterreformation; aber alles ist grade so viel als – nichts gesagt. Die Zahl der Priester hätte müssen in jedem Kloster sehr vermindert, und Handarbeit überhaupt zum wahren Klostergeist gemacht werden, wenn diese Reformation nach dem ursprünglichen Sinn der Stifter und der Kirche hätte fruchten sollen. Und dann überläßt das Concilium im Grunde die ganze Arbeit dem Pabst, der natürlich bey einer wahren, vernünftigen Klosterverbesserung verlieren mußte. Das tridentische Concilium in seiner XXV. Sitzung, 21.Capitel sagt: Verum adeo dura difficilisque est praesentium temporum conditio, ut possit – – Sancta Synodus quidem confidit, Sanctissimum Romanum Pontificem pro sua pietate \& prudentia ??raturum \& c. Verum adeo ... – Aber die Bedingungen der gegenwärtigen Zeiten sind so hart und schwer, daß die Heilige Synode auf den Heiligen Römischen Papst vertraut, der mit seiner Weisheit und Frömmigkeit ... Das Concilium!! Da die Mönche wegen der wohlfeilen Kleidung, Mangel an Familie, den vielen Fasten, und dem Verboth Eigenthum zu besitzen, die wolfeilsten Taglöhner von der Welt wären, so würde ich durch die Klöster alle die Manufacturen, deren Ertrag und Vortheil zweifelhaft ist, betreiben lassen. Jedes Kloster hätte eine weltlichen Controlleut; und alle Klöster in meinem Lande, als Fabrikanten betrachtet, eine besondere Deputation von meinem Finanzrath. Der strenge Gehorsam, das Bestimmte jedes Mitglieds, wäre der Arbeit unendlich vortheilhaft, und das Mysteriöse des Klosterlebens würde jede Gattung von Fabrike ganz eigenthümlich machen. Man sehe nur, mit welchem vorzüglichem Fleiß, mit welcher eigenthümlichen Bestimmtheit und Accuratesse sich die Manufacturen der Herrnhuter empfehlen. Porcellan, Fayence, alle Artikel von dieser Gattung; Seidenzucht besonders, und Webereyen, müßten die Beschäftigungen meiner Mönche seyn. Diese Manufacturarten können von unregulierten Layen unmöglich so gut betrieben werden, als von sistematischen Klöstern. Die Zöglinge gerathen in der Welt lange nicht so, wie dorten, und die Producten haben die Einheit nicht. Man denke sich zum Beyspiel eine Porcellänfabrike in einem Kloster. Hier ist man der Untersuchung – ob es vortheilhafter sey, den Arbeitern Tage= Wochen= Monatsgehalt zu geben, oder sie stückweise zu bezahlen – ganz überhoben: Die Bestimmung des Verhältnisses zwischen dem Lohn des Grob= und Feinmahlers, kurz aller Unterschied hört auf. Man kann für ewig seine Unkosten berechnen, und immer gleichen Preis vestsetzen. Die Farben und Kompositionsarkanen sind heiliger bewahrt, alle Ausschweifungen der Arbeiter, die Eifersucht zwischen Künstler und Vorgesetzten, Betrug und Unterschleif, alles das fällt wenigstens um drey Viertel weg. Neue Entdeckungen, Verfeinerungen sind hier viel eher zu erwarten, wo Einsamkeit und Religion die Phantasie höher stimmt; die Zöglinge nach dem nämlichen Grundsätzen alle gebildet, alle keimende Entwürfe, alles erfundne Gute und Schöne eher mitgetheilt werden, ohne dabey Gefahr zu laufen, daß mir es Ausländer gleich nachmachen können. Unzählige Collisionen und Beschwerlichkeiten , woran die landesherrlichen Fabriken alle, jede nach ihrem besondern Maaße, krank liegen, hören hier auf. Man hat der Arbeiter nie zu wenig; und sind ihrer zu viele, so sind sie nicht kostspielig. – Man sehe nur die unnachahmlich niedlichen Arbeiten der brabanter und wälschen Nonnen; oder die Kunstproducten der Jesuiten, besonders die für die Mathematick: Wie ganz eigenthümlich schön und gut! Wenn ich auch in meinem Lande keine Mönche hätte, so würde ich einen Orden stiften, der sich gewisse Manufacturen eigen machte; und der müßte sehr regulär, auch sehr religiös seyn. Wie mich die zween Mönche ins Schwätzen gebracht haben! Und du mußt doch noch eine Reflexion von mir anhören, Bruder, die mir eben recht quer in den Kopf kömmt. Unsre Mönche würden über eine Reformation nach diesem Plan erbärmlich schreyn. Das wahre Zettergeschrey würde aber erst anfangen, wenn sie Venusse, Cupidos, den träumenden Endymion, Priapuße und dergleichen Abscheulichkeiten auf Porcellän mahlen, oder formen sollten. In Frankreich und Italien, wo die Geistlichkeit mit der schönen Natur im Original vertrauter ist, würden freylich die Mönche eben nicht das Erbrechen für Ekel bekommen, sie zu copieren: Aber in unserm freyen Deutschland – Gewiß ist diese übertriebene Züchtigkeit nicht der besondre Fehler unsrer Mönche; sondern sie ist wirklich eine von unsern Nationalunarten. Unsre ärgerlichsten Dichter – oder damit ich mich mönchisch ausdrücke – unsre säuischten Schriftsteller sind noch nonnenkeusch gegen eine Menge sogar privilegirter französischer und welscher Werke. Wir haben viele solche Einschränkungen der Begriffe bey all unserm Geschrey über deutsche Freyheit, wovon andre Nationen, die wir für Sclaven halten, nichts wissen. Das Clima hat wohl die meiste Schuld; es giebt aber gewiß noch Nebenursachen – denn das Clima von England ist dem lebhaften Gefühl, und dem Schwung der Phantasie nicht günstiger, als deutsche Luft und Erde. Das Celibatgelübde macht nun diese Nationalzüchtigkeit bey unsern deutschen Mönchen spröde genug, daß ihr Gewissen den verbotnen Apfelbiß in einem dunkeln Kämmerlein eher verdauen würde, Um den Pfarrer – oder Gutmann, gegen alle Ketzerey zu verwahren, bemerkt der Herausgeber, daß Apfelbiß im buchstäblichen Verstand, nach dem Sinn der Kirche, zu verstehen sey. als daß sie zu bereden wären, einen nakten Bauch der Mutter Eva oder Mutter Venus vor aller Welt Augen hübsch rund, oder nach einer andern Manier abwärts mehr oval hinzumahlen. In Rom denken Clerisey, Layen und Ordensmänner ganz anderst. Copeyen von gesunden Schönheiten, die noch lebendig in Roms Strassen herumwandeln, sind ihnen nicht sehr anstößig: Sobald es aber eine Antiquität heißt, so ist es vollends auch in puris naturalibus gegen den Tadel des alten, enthaltsamsten, abgestorbendsten Capuciners gesichert. Die Regel, die Antiken in aller natürlichen Blösse frey die öffentliche Revüe paßiren zu lassen, ist vom Pabst bis zum Küster allgemein. Sogar in den Regeln des römischen Index ist sie beobachtet. In der siebenten Regel, worinn die unzüchtigen Bücher verbothen werden, ist ausdrücklich beygefügt, daß die Bücher der alten Heiden wegen der Schönheit und Eigenthümlichkeit der Rede erlaubt wären. Wie unendlich die Begriffe der Römer in Rücksicht auf die schönen Künste über deutsche Art und Kunst erhaben sey, läßt sich vorzüglich daraus ersehn, daß man von Bettlern auf der Strasse angefallen wird unter dem Titel, sie müßten in die Oper und hätten kein Geld; denn die Musik wäre von Sachini, Piccini, Guilelmi, Gazzaniga etc. Ein deutscher Baron sollte um das Entree in eine Oper angebettelt werden! Den Stock in die Höhe: Kanaille, die Oper ist nur für unser Einen, der Geld hat; arbeit Schlingel! Esel etc. Nun also, und damit ichs kurz mache, um die der Kunst so nachtheilige Züchtigkeit meiner Mönche in der Fabrik zu überwinden, müßte ihnen Liebe zur Kunst, Enthusiasmus – Ha ha ha! Enthusiasmus von deutschen Mönchen für Kunst! – Lache fort Bruder! – man müßte ihnen beweisen, daß unter den Augen des Pabsts und der Cardinäle Venusse und Cupidos gemahlt werden. Nun habe ich dir für heute nichts mehr zu sagen, als daß das Alles nicht ein Originalprojekt von mir ist. Ich habs so von Gutmann als eine Postwagen=Unterhaltung. Leb wohl. Neunzehnter Brief. Den 4ten Dezemb. 1779. Schaffe Rath, Bruder, um Gottes Willen schaffe Rath! Ich hab nun freylich die Mönche vom Hals; aber Sie haben mir einen Gestank zurückgelassen – Pfui, pfui! Meine Magd ist schwanger, und das ganze Dorf vom Schulzen bis zum Gerichtsdiener läßt sichs nicht ausreden, daß ich – potz alle Wetter – Vater sey. Ich war der lezte von der Gemeinde, der den dicken Bauch bemerkte; und so kannst du ja sicher seyn, daß ich so wenig Theil daran habe, als an dem amerikanischen Krieg. Nun erfahre ich, daß ich schon lange ein Wirthshausmährchen bin; und daß die Mönche das Meiste beygetragen haben, es auszubreiten, und die Leuthe in dem bösen Argwohn auf mich zu bestärken. Die Tertianer und Tertianerinnen mögten mich anspeyen, wenn sie mir begegnen; sie gestehn es mir selbst im Beichtstuhl; und auch, daß sie es von einem Mönch hätten, der freylich beygesezt habe, sie sollten bedenken, daß ich auch ein schwacher sündiger Mensch von Fleisch und Blut sey; und sollten mirs aus christlicher Liebe nicht sehr übel deuten. Ich nahm das Mensch vor, und brachte endlich heraus, daß Fulgentius der Vater ist. Sie hat mir dabey seinen ganzen modum procedendi erzählt; wie er ihr vorgeschwäzt habe, daß diese Sünde mit Geistlichen nicht gar viel zu sagen habe; daß sie ja ihm beichten könne; und das würde ihr nicht schwerfallen, da er es ohnehin schon wüßte. Er sey ihr lange schon nachgegangen; sie habe sich allezeit wacker vertheidigt: Endlich habe er sie ohngefähr vor einem halben Jahr im Stall erwischt, wie sie eben geknieet habe, um eine Kuhe zu melken. Diese Stellung wäre nun gegen seine wilde viehische Art zu ohnmächtig gewesen; sie habe freylich schon unter dem Melken unkeusche Regungen verspürt; und das habe viel beygetragen, daß ihr die Zunge zu schwer geworden ist, wie sie wollte um Hülfe schreyen. Nachdem sie aufgestanden, hätte der Pater lange noch mit seiner Kutte zu thun gehabt; die Milch sey umgestossen worden; auch sey noch anderer Unflath, f. v. von der Kuhe, abzuwischen gewesen. Da habe er unterdessen mit allerley verführerischen Reden ihr zugesezt, daß sie es sich commoder machen könnte, wenn sie keinen Lärmen anfienge; er würde zu ihr ins Bette kommen. Der Teufel sey nun über alle ihre Sinnen Meister gewesen, und sie habe es ihm zugestanden; er aber richtig Wort gehalten. Gutmann dringt darauf, das Mensch gleich wegzuschaffen, daß es meiner Gemeinde aus dem Gesicht und Munde käme. Er will bis zu ihrer Niederkunft gern was zu ihrem Unterhalt steuern; ich will auch das Meinige beytragen; Sorge du nur, lieber Bruder, daß du in deinem Bezirke einen Ort findest, wo es wenig Aufsehen macht; wir haben noch keinen schicklichen Plaz für sie auskundschaften können; auch wird der Verdacht gegen mich gegründeter, wenn ich selbst, oder Gutmann, zu geschäftig bey der Sache bin. Gutmann wird es gleich seinem guten Freunde nach Hofe berichten, damit alle vorläufige Klagen gegen mich unterdrückt werden; und dadurch wirst du auch gegen alles Nachtheilige bey diesem Geschäft sicher gestellt. Ich bitte dich um aller Freundschaft willen, lieber Bruder, sorge, daß ich diesen Stein des Aergernisses aus meinem Hause bringe. So lange sie noch bey mir ist, kann ich mit offnen Augen nicht vor meiner Thüre gehn, und es macht mir viele schlaflose Nächte. Du kannst mir jezt einen grossen Beweis deiner brüderlichen Liebe und Treue geben, und gewiß seyn, daß ich dir in einer ähnlichen Verlegenheit mit gleicher Thätigkeit aushelfen werde. Lieb wäre es mir, wenn du sie nahe um dich unters Dach bringen könntest. Es ist mir viel daran gelegen, daß du sie genau beobachten kannst; denn ein Fulgentius ist zu allem fähig: Er hat ihr ohnehin schon stark zugeredet, sie sollte einen andern, zum Beyspiel einen Bauernjungen, angeben, und einen zu verführen trachten; sie könnte auf die Art einen braven Mann gewinnen. Er hat ihr bewiesen, daß sie unmöglich in den Himmel kommen könnte; der Teufel würde sie augenblicklich auf den Befehl des heiligen Franciscus hohlen, wenn sie ihn verriethe, und also seinem Orden und seinem Kloster einen so grossen Schimpf verursachte. Mit Zittern und Beben hat es mir die Magd gestanden; mit verwirrtem forchtsamen Umherschaun, ob nicht der böse Feind durch Thür oder Fenster käme, um die Unehre des Sohns des heiligen Franciscus zu rächen. Sie sagte ferner, daß sie gleich Anfangs ihrer Schwangerschaft sich einigmal vorgenommen habe, den Einsprechungen des Fulgentius zu folgen, und sich einen Mann zu erobern; habe aber nicht Muth genug gehabt; mir habe sie sich oft wollen zu Füssen werfen, wie sie gehört, daß ich darunter leiden müßte; aber Schaam und die Drohungen des Paters hätten sie zurückgehalten. Ich befahl ihr auf ihr Gewissen, die Sache geheim zu halten; sagte ihr, daß ich sie in ihrer traurigen Lage nicht verlassen würde; und meine guten Freunde würden auch das ihrige beytragen, ihr ihren schlimmen Zustand erträglich zu machen. Sie sollte nur dem Kind kein Leid zufügen; keine weitere Zumuthungen gegen ihr Gewissen von Fulgentius anhören, und sich reisefertig machen. Dem Guardian habe ich würklich den Vorfall geschrieben, Bruder, damit den fernern Ausschweifungen des ehrwürdigen Bruders vorgebaut wird; mit dem Beysatz, daß ich es augenblicklich an den Provincial, und, sollten noch unerwartetere Inconvenienzen für mich entspringen, an den General berichten würde. Mein Freund, Gutmann, würde dafür sorgen, daß, wenn es gleich der Hof erführe, doch alle üblen Folgen abgewandt würden, und wir wollten es nicht weiter auskommen lassen; auch würden wir für Mutter und Kind alle mögliche Sorge haben. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß du es auch als ein Geheimniß bewahren sollst, lieber Bruder. Wir wollen unsern Feinden verzeihn; wir wollen auch gegen den unchristlichsten Mönch Christen seyn. Freylich regt sich alles in meinem Leibe, wenn ich bedenke, was ich mit dem Teufel kämpfe. Die Magd ist ein frisches, volles, hübsches Ding; ich bin nicht von Stein, auch nicht frigidus \& maleficiatus , und wir waren unter einem Dache. Wenn Begierden Sünden sind, so bin ich bey der Sache so unschuldig eben nicht; und es hat mich unsägliches Ringen gegen den Satan, herkulische Anstrengung gekostet, den Begierden die Zügel anzuhalten. Ich hab mir manchen guten Bissen des Abends versagt, um dem Fleisch allen Zunder zu nehmen; manchen wollüstigbangen Traum, und beym Erwachen schweißtreibende Gährung meines unbändigen Bluts überstanden. Ich gestehe gern vor Gott und der Welt, daß ich ein armer Sünder bin; aber so ein Mädchen unglücklich zu machen – dazu, Bruder, wird es Gottes Gnade nicht kommen lassen. Ich erinnere mich, wie gleich in den ersten Wochen, als ich auf meine Pfarre kam, bey Tisch von dem Guardian und Fulgentius über dergleichen unzüchtige Materien viel geredet wurde. Ich war sehr betroffen, und wurde vielleicht auch roth; denn der heilige Aloysius hieng mir noch ziemlich aus der Jesuitenschule an. Die Ehrwürdigen thaten sich was recht zu gute mit meiner Schamhaftigkeit – ich hätte halt noch nicht die Moral durchstudirt; man gewöhnte sich durch die Moral, alle Obscenitäten so gleichgültig zu traktiren, wie der Chirugus alle auch die unzüchtigsten Theile des menschlichen Körpers: Ich würde wenig in den Beichtstühlen taugen, wenn mich so was gleich kitzelte u. dgl. Der Fulgentius machte sich besonders sehr breit, daß einem viro cordato , den man aber freylich nur unter Ordensmännern suchen müsse, nichts anstössig sey. Die ersten Ordensleuthe seyen sogar zu dem Frauenzimmer in die Bäder, und in die öffentlichen Bordels gegangen, nur um dem Teufel, Fleisch und Welt recht ins Gesicht zu trotzen. Siehe den Evagrius und Nicephorus. Das müßten aber freylich Clerici \& ceteri mundani bleiben lassen, die von Abtödung ihrer selbst nichts wüßten, und sich des doni castitatis nicht würdig machten. Er empfahl mir, viele Casuisten zu lesen; da würde ich mich an alle Säuereyen – sein Ausdruck – gewöhnen, daß meine Augen und Ohren nicht mehr so leicht beleidigt würden. Auch sey gegen den Fleischteufel eine starke Wehre, täglich drey Vater Unser zum heiligen Antonius von Padua, und drey zum h. Vater Franziscus zu beten; auch eine Reliquie von ihnen bey sich zu tragen. Die Jesuiten würden mir ohne Zweifel den heiligen Aloysius recommandirt haben; sie hätten aber den Parthey= und Contradictionsgeist; ohne Partheylichkeit seyen die zween obbemeldeten Heiligen ganz andere Helden, als der Aloysius. Ein Cilizium wäre auch ein trefliches Mittel; aber das beste von allen, Fasten und Abstinenz. Die Natur ihres heiligen Ordens sey nun einmal schon so beschaffen, daß ihnen das Fleisch nicht viel rebelliren könnte. Er, Bruder Fulgentius, getraue sich einen coitum mit anzusehen, ohne Regung und Erröthung; das wäre ihm so gleichgültig, als wenn er zwo Fliegen auf einander sehe. Ich gestand den Ehrwürdigen meine Schwäche in diesem Punkt; sagte ihnen, daß ich es für einen Frevel hielt, sich selbst in die Gefahr zu begeben; Christus habe selbst zu seinen Jüngern gesagt; Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt; denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach: Auch könnte ich nicht begreifen, wie die alten Mönche ohne muthwilligen Trotz – folglich ohne Sünde – sich hätten in so große Gefahr wagen dürfen, da wir von unserm Erlöser selbst wären gelehrt worden zu beten: Vater unser, führe uns nicht in Versuchung. Das hiesse aber die Versuchung suchen. – Das wäre eine kindische, kleinmüthige Bemerkung, erwiederte Fulgentius; ein Mann von dem Schlage – er hätte die Probe an sich selbst – wäre seiner Unüberwindlichkeit zu gewiß, als daß er bey so was Gefahr laufe, versucht zu werden; er wage nichts dabey, weil ihn sein Orden gegen Welt, Teufel und Fleisch vest machte. Ich muß dir gestehen, lieber Bruder, daß ich in meiner Einfalt die vorgeschriebne Diät des Fulgentius genau beobachtet habe, ehe mir Gutmann den Staaren meiner Seele gestochen hat. Ich betete täglich meine Vater Unser zum Franziscus und Antonius; und damit ich doch meinen alten guten Freund, den heiligen Antonius, nicht vor den Kopf stiesse, so fuhr ich auch ihm zu Ehren mit den Tagzeiten fort, wie ich es in der Schule gewohnt war. Vielleicht war die Jalousie unter diesen Heiligen Schuld, daß ich keine Hülfe bekam. Ich schäzte sie doch alle gleich hoch; und wenn im Himmel einer von ihnen höher sizt als der andere, so kann ich, armer Pfarrer, es auf meinem Dörflein nicht wissen; kann also auch nicht gegen ihren Rangrespekt fehlen. Ich trug auch eine Menge geweihter und von ihren Reliquien berührter Sachen bey mir. Wie das gegen die Empörung meines Fleisches nicht fruchten wollte, nahm ich das Cilizium. Dieses machte durch das Juken und die Anspannung der Nerven die ersten vierzehn Täge das Uebel noch ärger; und hernach war ich es so gewohnt, daß ich es nicht einmal auf meinem Leibe empfand. Ich kontinuirte unterdessen immer noch mit der Vaterunserkur. Endlich nahm ich auch noch das Fasten und die Abstinenz zu Hülfe. Das Fasten konnte ich nicht lange ausdauern; denn es machte mich so schwach, daß ich in Schweiß zerfloß, wenn ich eine halbe Stunde mit ein wenig Anstrengung gepredigt habe. Mit der Abstinenz war ich noch übler dran, weil ich wenig Einsicht in solchen Dingen hatte. Ich glaubte es sey genug mich des Fleisches zu enthalten; und wenn ich dann nun mich ziemlich ausgehungert hatte, nahm ich eine gute Portion Milch, Eyer, Fischspeisen, besonders diese leztern in schwarzen Brühen, ihre Eyer und Milche hineingerührt, zu mir – und nun war der Teufel gar los. Als ich mit Gutmann vertraut wurde, machte er mir begreiflich, daß ich durch meine Kur meine Krankheit schlimmer machte. Je mehr, sagte er mir, Sie sich ein besonders Geschäft daraus machen, den Teufel der Unzucht zu bekriegen,und je mehrere zweckmäßige Mittel Sie gegen ihn gebrauchen wollen, desto schlimmer machen Sie ihre Umstände. Sie werden durch alles, was unmittelbar Bezug auf oder gegen die Unkeuschheit hat, doch allemal an Unkeuschheit erinnert; und nun korporisirt Ihre Phantasie, die durch solche Anstrengung lebendig wird, die Unkeuschheit, und gruppirt sich im unschuldigsten Gebet des Vater Unsers – weil Sie sich ausdrücklich dabey, obschon defensive, an die Unkeuschheit erinnern – allerley garstige Bilder, woran Sie nie gedacht hätten, wenn sie nicht ausdrücklich gegen die Unzucht zu Felde ziehn wollten. Das bewährteste Mittel ist, Herr Pfarrer, eine anhaltende ununterbrochene Beschäftigung, die in Rücksicht auf Keuschheit oder Unkeuschheit ganz gleichgültig ist. – Ich muß gestehn, lieber Bruder, daß, seitdem ich die Buben um mich habe, und mein Feld baue, mir der Sieg über mein Fleisch viel leichter wird; weil ich mehr zerstreut bin, und mich mit der Unkeuschheit weder offensive noch defensive ausdrücklich abgebe. Gutmann hat es mir auch vorgesagt, als er mir diese Beschäftigungen machte. Es war eine seiner Hauptabsichten dabey, mich von dem kindischen Duellieren mit dem Fleischteufel abzugewöhnen. Als ich ihm von meiner Abstinenz sagte, machte er die allgemeine Betrachtung über diese Kirchenverordnung. Wie wenig dabey der heilige Geist gewürkt habe, und wie wenig er Theil daran hat, fällt ganz klar aus den Bewegungsgründen, welche sie davon angiebt, in die Augen. Wir sollen die Freytäge und Samstäge keine Fleisch essen, damit das Fleisch abgetödet werde. Entweder ist grobe Unwissenheit bey diesem Kirchengesetz, und es ist also, ohne die untrügliche Weisheit des heiligen Geistes zu Rathe zu ziehn, gemacht worden; oder es steken andere Absichten dahinter. Soll man bona fide annehmen,daß die Enthaltung vom Fleisch unsre Begierden zähmen soll, warum verbietet die Kirche nicht gewisse Fische zu essen, die der Mediziner als Stimulantien giebt? Warum sind Eyer, Kraftbrühen, gewisse Kräuterarten, Milchspeisen, Bier, welches noch mehr als Wein reizt – warum sind hundert andre Dinge, die mehr oder doch eben so sehr den Stachel des Fleisches rege machen, nicht verbothen? Man findet unter den Carthäusern die gesündste, vollste, stärkste Leuthe; und diese haben doch, bey der strengsten Abstinent, das unsäglich schwere und lange Chorsingen auszuhalten, und dazu keine Leibsbewegung. Sie essen statt des Fleisches, Dinge, die eine noch feinere Nahrung geben, als dasselbe. Wenn man also mit Ernst diesen Bewegungsgrund, die Abtödung des Fleisches nämlich, für die Abstinenz angiebt, so verräth man eine grobe Unwissenheit. Nun bringen einige Theologen einen andern Grund zu Markte, der freylich keine Unwissenheit, aber grobe Impertinenz und Tyranney ist. Sie sagen, die Abstinenz sey ein Mittel, wodurch die Kirche den Gehorsam ihrer Unterthanen prüft. – Wie heißt der Monarch, Herr Pfarrer, welcher ein Gesetz macht, das gar keinen würklichen Nutzen für seinen Staat, gar keinen andern Zweck hat, als Gehorsam zu prüfen, und also nur die Freude zu haben, Uebertreter des Gesetzes strafen zu können? Nun kömmt noch dazu, daß dieses Gesetz der Kirche – oder des Pabstes – seinen Unterthanen den Catholiken noch obendrein sehr schädlich ist; denn wie viel Geld kömmt nicht aus den catholischen Ländern für Fische nach Holland, England, Dänemark etc. Wie heißt nun der Mann, der seinen Unterthanen sogar ein schädliches Gesetz vorschreibt, nur um ihren Gehorsam zu prüfen, und Übertreter strafen zu können? Man konnte seiner Zeit noch einen wenigstens einträglichen Finanzgrund von dem Abstinenzgebot angeben. Die Dispensationen waren ergiebig; aber jezt sind diese Quellen durch die Klugheit der Fürsten ziemlich verstopft: Inzwischen dauert das Gesetz noch in seiner ganzen Kraft, ohne daß es zweckmäßig in Absicht auf die Abtödung des Fleisches, und zugleich ohne daß es der heiligen Kammer einträglich sey! Fragen Sie mich um die Ursache, Herr Pfarrer, so kann ich Ihnen nicht ganz aushelfen. Eine Nebenursache ist wohl dieses, daß der römische Hof es lieber auf das aüßerste ankommen läßt, ehe er einen Schritt zurück thut. Seine Maximen sind von Stahl und Demant. Sie sehen, wie sehr sich der gelehrige, biegsame Ganganelli doch noch gegen Portugals, Spaniens und Frankreichs Klagen über die Jesuiten, bey allen den mißlichen Begegnungen seines Vorfahrers gesträubt hat. Es ist seine Hofregel: Nicht einen Augenblick eher nachzugeben, bis man aufs Lezte kömmt – bis man nahe an der Verzweiflung ist. Das ist aber nur eine Nebenursache, wenn man bedenkt, was in unsern Tagen catholische Fürsten gegen den römischen Hof unternommen haben. Warum sie sich gegen das Abstinenzgebot, welches den meisten Staaten doch viel schädlicher ist, als eine Menge Gegenstände ihrer Protestationen gegen den Pabst – warum sie sich dagegen noch nicht vereinigt haben – kann ich Ihnen nicht sage, Herr Pfarrer. Die Erhforcht des grossen Haufens für alles Alte – noch mehr die Ehrforcht für das Mönchswesen, dessen Diener in jedem Staate ein so ansehnliches Corps ausmachen, ist zum Theil Schuld daran; aber doch lange nicht allein hinlänglich, irgend einen muthigen Fürsten, bey dessen Unterthanen es ohnehin schon zu tagen anfängt, von der vortheilhaften Abstellung der Abstinenztäge abzuschrecken. Vielleicht ist der einträgliche Handel der Franzosen mit Stockfischen auch mit Schuld – denn sie haben grossen Einfluß zu Rom. – – Wenn Sie nun zur Unterdrückung ihres Fleischstachels eine Diät beobachten wollen, Herr Pfarrer, so nehmen Sie sich vor allem aus besonders für blähenden Speisen und Getränken in Acht. Dinge, die Nahrung geben, sind eben nicht alle auch stimulant. Essen Sie ihr Stückchen Rindfleisch, eine gute Suppe davon; leichtes Zugemüsse, gekochtes Obst, einen Braten; trinken Sie, wenn Sie können, ihr Gläschen Wein dazu; oder der Kaffee ist wohlfeiler, trinken Sie aufs Essen eine Schaale; er ist gegen Stimulationen fürtrefflich, weil er die Blähungen unterdrückt, und hilft Ihnen verdauen. Eyer, Hirn, Kalbsfüsse, sehr flegmatische Gemüse, wie Blumenkohl, Spargeln, Schnecken, Austern, Bohnen, Erbsen, Linsen, Erdäpfel, und besonders Bier, müssen Sie meiden. Je leichter Ihr Magen verkocht, desto weniger sind Sie mit dem Stachel des Fleisches geplagt; deswegen machen Sie sich täglich einige Zeit nach dem Essen eine Bewegung. Sie werden dabey doch manchmal die Foderungen der Natur empfinden; denn gesunde Leiber, wenn sie nicht eitel Wasser in den Adern haben, haben nun einmal den Teufel in sich selbst; aber diese natürliche Foderungen sind viel sanfter, lange nicht so ungestüm, wie die Gährung eines aufgeblähten Magens. Wie sie Ihnen aber Genüge leisten sollen, kann ich Ihnen nicht rathen, Herr Pfarrer: Es ist grausam von mir, daß ich es Ihnen sage; und – Paphnucius war ein gescheuter Mann. Dem heiligen Vater Franziscus können Sie es freylich nicht nachthun, denn Sie brauchen Kräfte und Gesundheit. Für einen Menschen, der in der Wüste sich vertoben will, ist ein herrliches Mittel gegen sein Fleisch, wenn er seine Glieder krumm und lahm peischt; und da schickt sich nun das erbauliche Liedlein treflich dazu: He, Bruder Esel, so muß man dich prügeln. So redet der heilige Franziscus mit sich selbst, oder doch mit der Hälfte von sich selbst, mit seinem Leib: Eja frater asine; sic te decet verberare, sic te subire flagella ! Es ist der kürzeste Weg, den Begierden des Fleisches zu entgehn, wenn man seinen Körper verstümmelt. Pythagoras fieng sein Entkörperungsgeschäft auf einem sehr krummen Wege an. Er wollte mit gesunden geraden Gliedern seine Schüler zu Engeln machen; aber zerhauen, geschnitten, gebrennt, in Dörner herumgewälzt, sich zu Stein frieren lassen – da ist es gleich geschehn. Wie uns doch die Möncherey gewöhnt hat, eine Menge Dinge für heilig anzusehn, die wir an den alten Egyptiern, unsern gleichzeitigen türkischen Kalendern, den Bramanen und andern Unmenschen als Rasereyen verlachen! Und doch ist die Quelle alles dieses Unsinns die nähmliche; die Franziscanerey und Kalenderey, alles aus dem finstern, altheidnischen Egypten! – Mein Schulmeister hat mich unterbrochen, lieber Bruder! Er ist doch ein wunderlicher Kopf – Da sagt er mir eben, daß er es nicht länger habe können übers Herz bringen, mich von der Gemeind so mishandelt zu sehen: Wir seyen zwar sündige Menschen; aber er kenne mich zu gut, als daß er so einen Fehltritt von mir glauben sollte: Weil wir zu einer Compagnie gehörten, und einen gemeinschaftlichen Feind – das Mönchswesen – gegen uns hätten, so sey ihm an meiner Ehre gar zu viel gelegen: Wenn so was wahr befunden würde, so hätten unsre Gegner über uns Freygeister – wie sie uns nennten – einen grossen Vortheil erhalten. Nach diesem feyerlichen Eingang bat er mich um Verzeihung, daß er meine Magd ohne mein Wissen examinirt habe. Er sey ihr hart zu Leibe gegangen; sie habe vorgewandt, daß ich ihr verboten hätte; die Wahrheit auskommen zu lassen; er habe ihr aber mit aller Gewalt zugesezt, und wüßte nun, daß der Mönch der Thäter sey. Er käme eben aus dem Wirthshause und vom Schulzen, wo er förmlich auf Ehre und Gewissen den Leuthen die reine Wahrheit betheuert hätte. Die jungen Pursche im Dorf seyen alle einig den Fulgentius zu steinigen, wenn er sich noch einmal blicken liesse; keiner habe sich unterstanden ihm zu widersprechen; denn den Ruhm, sagt er, habe ich nun einmal im ganzen Dorfe, daß mich noch niemand auf einer Lüge erwischt hat. Ich war sehr aufgebracht, und gab ihm einen derben Verweis; aber er blieb dabey, daß es seine Schuldigkeit gewesen sey, meine Ehre zu retten. Leb wohl, Bruder! Zwanzigster Brief. Den 8. Dezemb. 1779. Hier hast du die Geschichte des Herrn Blanchet; Pfarrers von Cours, nahe bey Reole in Güyenne, so wie er sie an die Herrn von Alembert und Büffon geschrieben hat, und ich sie dir aus dem Observateur anglois übersetze. Ich hatte kaum meinen lezten Brief an dich fortgeschickt, der viel ähnliches mit der Relation dieses Pfarrers hat, als ich das Buch bey Herrn Gutmann fand. Jedem catholischem Geistlichen muß diese Geschichte interessant seyn; niemand kann sonst die Wahrheit seiner Erzählung so lebhaft fühlen; mich interessirt sie ganz besonders: denn ich war gewiß nur noch eine Stuffe von seinem Zustand entfernt. Es ist freylich ein seltner Grad von einer Krankheit, die das Celibat verursacht; aber die Krankheit selbst ist unter uns sehr gemein; ich nehme dich selber zum Zeugen. Wenn sie einem unter uns unbegreiflich ist, so ist entweder sein Temperament Schuld; oder er hat seine Hitze verrauchen lassen, ehe er geistlich wurde; oder sein Gewissen ist stark genug, sich über das strenge Celibat hinwegzusetzen. Jeder der ein wenig Wärme und guten Willen hat, das Celibat, das er schwört, genau zu beobachten, muß an einem gewissen Grad, nämlich nach Maaßgabe seines Temperaments, und der Vestigkeit seines Vorsatzes dem Celibat getreu zu seyn, mit Herrn Blanchet leiden. Es ist eine höchst schlimme Krankheit, die aus sehr guten Ursachen, nämlich aus grosser Lebhaftigkeit, delicater Redlichkeit, und aus Standhaftigkeit nothwendig entstehn muß; je mehr einer unter uns von diesen drey Tugenden hat, desto näher ist er an dem Rande des Abgrundes, worein Herr Blanchet stürzte. Sollte das nicht die Aufmerksamkeit unsrer Obern rege machen? Nachricht von einer besondern Krankheit, die Herrn Blanchet etc. zugestossen ist, weil er eine allzustrenge Enthaltsamkeit beobachtete. Von ihm selbst geschrieben. Um meinem Leser einen richtigen Begriff von der erstaunlichen Crisis meiner ganz besondern Krankheit zu geben, muß ich sehr weit hinaufsteigen; und ihm etwas von meinem Temperament, meiner Lebensart, meiner häuslichen und geistlichen Erziehung melden, die ursprünglich diese Catastrophe verursacht haben. Ich wurde von jungen und starken Eltern gezeugt. Ein Saamen von der besten Gattung mußte in dem Schooß meiner gesunden und sehr verliebten Mutter Feuer fangen, und sich da mit aller Stärke und Kraft der Natur entwickeln. Nach neun Monaten kam ich aus ihrem Schooß in ihre Arme, um von ihrer Milch genährt zu werden. Diese Nahrung gab meinen Gliedern und Organen einen schnellen Wuchs, und meinem Temperament eine kräftige Constitution; ich bekam die vollkommenste Gesundheit: Lachen, Spiel und Freuden, waren die unzertrennlichen Gespielinnen meiner Wiege; ich empfand nichts von den Schwachheiten, die sonst den ersten Wuchs erschweren; es schien, als wenn ich dem allgemeinen Fluch über die Kinder Adams entgangen wäre. Dieser glückliche Zustand beschleunigte mein Temperament, und seine Frühzeitigkeit ließ mich viel eher, als es bey andern gewöhnlich ist, die Neigung zum schönen Geschlecht empfinden. Ich war noch nicht eilf Jahre alt, als mir von ohngefähr einige Gegenstände von dieser Art aufstiessen, und auf meine Augen und meine Einbildungskraft so gewaltig würkten, daß meine empfindsame Seele, von ihrem Reitz hingerissen, ihren Körper verließ und ihnen zuflog: Ut vidi, ut perii, ut me malus abstulit error ! Ohne allen Zweifel wäre ich dem heimlichen Zug des Vergnügens, der mich hinriß, nachgehangen; denn keine Alter, als dieses, ist weniger geschickt, einem Gesetz zu widerstehn, das uns alle fesselt; oder eine Leidenschaft zu zähmen, die keinen Zügel kennt. Aber die Lehren meiner Eltern hielten mich zurück, die mich zum geistlichen Stand bestimmten, und mir diesen Hang als ein Laster vorstellten. Dieser Kampf ist die Epoche all meiner Leiden, die Ursache all meines Unglücks. Ich will hier nicht sagen, daß es mir gut gewesen wäre, in einem so zarten Alter dem Trieb der Liebe zu folgen; aber meine Eltern hätten mich durch ein anders Mittel, nicht durch Wahn, davon zurückhalten sollen. Sie hätten sollen meine Neugierde interessiren; die unbeschreibliche Thätigkeit meines Geistes mit nüzlichen Studien beschäftigen; das Brausen, das Ungestümme meines Temperaments durch schwere Arbeiten dämpfen; und hätten mich so, wenns möglich gewesen wäre, bis zu der Reife und Vollkommenheit des Alters führen sollen, vor welcher es den Deutschen nicht erlaubt war; bis zu dem Punkt führen sollen, den der Vater von Montaigne unbefleckt erreichte, ob er gleich unter den ausgelassenen Soldaten herangewachsen war. Aber wegen Mangel einer solchen Erziehung ward ich bald wieder von dem Trieb der Natur zu den Gegenständen hingerissen, die auf mich diesen ersten und so lebhaften Eindruck gemacht hatten. Zwischen ihnen und den Vorwürfen eines durch die Vorstellung der Sünde aufgebrachten Gewissens, trieb mein Gemüth hin und her; ward schwankend und unstet; und da ich den Drang nicht mehr aushalten konnte, so entschloß ich mich, mich meinem Vater zu entdecken. Aber sein eigner Zustand beschäftigte ihn mehr, als der meinige; er hatte mehr mit seinem Fortkommen, als meinem Glück zu schaffen; oder vielmehr – ich muß ihm diese Gerechtigkeit wiederfahren lassen – er suchte meine Glück auf einem Weg, wo keins für mich zu finden war; stellte mir nun sein geringes Vermögen, seine vielen Kinder vor, und wußte erstaunliche Dinge von der Gemächlichkeit, dem Ueberfluß, der Behaglichkeit des geistlichen Standes zu sagen, worin mich zween Vetter erwarteten, um mich an ihrem Glück Theil nehmen zu lassen. Als ich gegen all sein Zureden taub blieb, nahm er mich in seine Arme, herzte mich mit viel Empfindung, und beschwor mich, einem Beruf zu folgen, welcher mir, ihm und meinen Brüdern, Brod verschaffen könnte. Ahndete wohl der unglückliche Vater was von all dem Unheil, das er mir und seiner Familie bereitete? Hatte er vorgesehn, daß die Gewalt der Neigung, die in diesem Augenblick der Vaterliebe nachgab; oder daß das unbändige Toben meines Temperaments, das nachher der Liebe zur Tugend und einem untadlichen Nahmen wich, mir die schrecklichste Krankheit, die je die menschliche Natur traf, und eine Verrückung des Verstandes zuziehn würde, die lange meinen unwiederbringlichen Untergang auf die Waage stellte? Ach! ich sah ihn, den zärtlichen und nur allzu gefühlvollen Vater! Kann ich sein Bild aushalten? Aber es dringt sich mir zu sehr auf, als daß ich ihm hier nicht Raum geben sollte: Ich sah ihn erschrocken und starr, wie ihn der traurige Anblick zwey seiner Kinder niederschlug, denen eine zu strenge Enthaltsamkeit den Verstand verrückte; sah, wie er vom innigsten Gram zerrissen ward; wie der zu bittre Vorwurf, den er sich eines Fehlers halber machte, der mehr der Gesellschaft und Religion, als ihm anzurechnen war, sein Leben zernagte, und seine Tage verkürzte; ich sah ihn sich ins Grab legen, ehe er die Hälfte seines Laufs vollendet hatte. In dem Zeitpunkt unterdessen, wovon ich rede, war mein Herz durch seine Liebkosungen erweicht; es lag vor ihm wie weiches Wachs, um von ihm nach Belieben geformt zu werden. Mein Beruf zum geistlichen Stand ward also entschieden; und von dem Augenblick an faßte ich den vesten, beständigen, unerschütterlichen Vorsatz, meinen natürlichen Trieb zu bekämpfen. Gott! welche Unternehmung! Das Vorhaben der frechen Sterblichen, die Gebirge aufthürmten, um den Himmel zu stürmen, kömmt mit ihr in keinen Vergleich. Welchen Weg betrat ich! Mein Gewissen ist mir Zeuge, daß, wenn ich alle herkulische Thaten und Bellerophons Abentheuer obendrein bestanden hätte, und wieder von vorne anfangen sollte, ich lieber lebendig in den Rachen der Chimäre fahren, als von neuem eine Bahn durchwandern wollte, worauf ich so lange Zeit nach und nach die Arbeit der Eumeniden, die Strafe des Sisyphus, und die Marter des Tytius ausstehn mußte. Die immer widerwachsende und beständig zernagte Leber dieses leztern war das lebendige und sehr treffende Bild einer immer thätigen und immer bekämpften Leidenschaft. Meine Gleichnisse werden niemand übertrieben scheinen, der gefühlt hat, wie süß es ist, dem Reiz des Naturtriebs zu folgen; wie hart es ist, ihm allezeit zu wiederstehn: Quisquis aut dulces aut amares experietur amores . Ich gieng aber so zu Werke: Ich machte den Anfang damit, daß ich zween Wälle aufwarf; dem einen gab ich die Forcht und Hochachtung eines allgegenwärtigen Gottes zum Grunde, und mit zartem ängstlichem Gewissen stand er gegen alle Gedanken, alle Begierden, und gegen alle, auch die geheimsten Empfindungen fest; der andre war auf den öffentlichen Ruf gegründet, und entfernte mich von aller Gesellschaft, allem Umgang, allen Bewerbungen des schönen Geschlechts. An diesen zween Wällen, oder vielmehr an diesen zwo Klippen brach sich unabläßig die Gewalt eines förchterlich tobenden Temperaments. Sturm auf einer Seite, Widerstand auf der andern, verursachten ein Prellen, eine anhaltende Erschütterung, die meine Seele ängstigten und ausser Fassung brachten. Beym Anblick der Gefahr, in der Forcht zu scheitern, sah ich mich nach einem Wegweiser, nach einem Steuermann um. Meine Wahl traf einen alten Priester, dessen Leidenschaften durch das Alter gelöscht waren, oder der vielleicht nie starke Leidenschaften hatte, und sonst kein eifriges, thätiges Bestreben in seinem Busen empfand, als junge Geistliche zum Celibat zu erziehn. Er war so ämsig in diesem Beruf, als es je die Pharisäer gewesen, nach dem Gesetz Moses Proseliten zu machen; wie dieser hätte er Erde und Meer durchwandert, um Kinder der Finsternis anzuwerben. Er war also entzückt einen zu finden, der sich freywillig und mit dem besten Vorsatz von der Welt anbot. Vor allem andern eröffnete ich ihm meinen inneren Zustand. Ich unterließ nicht, ihm zu erklären, wie gewaltig die Stärke und Geilheit meines Temperaments der Ausübung der Enthaltsamkeit entgegen arbeitete. Aber diese Schwierigkeit, diese Widerspenstigkeit gab seinem Seeleneifer nur mehr Schwung, anstatt ihm Bedenken zu machen. Der Gegendruck des Naturtriebes gegen die Enthaltsamkeit des Fleisches machte in seinen Augen, wie er sagte, mit der Gnade den herrlichsten Contrast. Ich begann einen Kampf, sagte er, der den Himmel interessirte; ich würde die Augen Gottes und des ganzen himmlischen Hofs auf mich ziehn; würde Lorbeer erndten, woran er ohne Zweifel Theil hätte, wie Patroclus an den Siegeskränzen des Achilles; kurz ich würde mir die Krone der Glorie und Unsterblichkeit erringen. Blinder Führer! Er sah nicht, daß zwischen Gnade und Natur kein Widerspruch statt haben kann; daß jene allezeit diese voraussezt, sie stüzt, wendet, reinigt und vollkommen macht, aber nie unterdrückt. Unterdessen ließ ich mich von ihm leiten, und ward also das Opfer der Unwissenheit meines Steuermanns und meiner Leichtgläubigkeit: Die Grösse der Hindernisse erhizte nur meine Einbildungskraft und meinen Muth in einem Alter, wo man das Verdienst einer Handlung bloß nach der Schwierigkeit mißt, die sich ihrer Ausführung entgegenstellt. Der eifrige Gewissensmeister wußte sehr viel vom Fall des ersten Menschen zu sprechen; von dem Gift, daß sich in seinen Geburtssaamen geschlichen, in seine Nachkommenschaft übergegangen, und alle Individuen des Menschengeschlechts verpestet hat; welche Menschenkinder nun keinen Zeugungsakt hätten ausüben können, ohne sich von dem Feuer einer sündlichen Fleischeslust erhizt zu fühlen, wogegen ich aber mich immer mit dem unermüdesten abrenuntio satanes verwahren müßte. Er unterließ nicht, das Bild eines förcherlichen Gottes beyzufügen, der mit Augen der Eifersucht das Innerste meines Herzens ausspähte, und alle seine Regungen durchschaute. Durchschauert und geschreckt durch die Vorstellung eines so gegenwärtigen Gottes entschloß ich mich, mir nicht das Geringste zu erlauben, was ihm mißfallen könnte; und erlaubte mir würklich nicht, einen Wunsch zu äussern, noch eine Bewegung zu machen, die dem Trieb der Natur vortheilhaft seyn könnte. Ich fesselte meine Blicke, und heftete sie nie auf Personen vom andern Geschlecht. Eben so hielte ich auch meine übrigen Sinne im Zaum. Aber das Bedürfnis war meinen Bemühungen überlegen, und stellte unabläßig meiner Einbildung Gegenstände dar, die geschaffen sind, es zu befriedigen. Diese Gegenstösse, von dem natürlichen Trieb auf der einen, und meinen entgegengesezten Bemühungen auf der andern Seite, machten eine Art von Todeskampf aus, woraus eine Betäubung entstand, die mich eher einer Maschine, als einem Menschen gleich machte, indem sie alle meine Seelenkräfte niederdrückte. Die Natur, die bey der ersten Entwicklung meiner Organe mir ein so herrliches Schauspiel war; die mich mit Freude und Vergnügen erfüllte, indem sie jedem meiner Sinne den harmonischen Gegenstand darbot; die meine Seele mit diesen süssen Empfindungen wärmte, und dadurch alle Keime meiner Fähigkeiten aufgehen machte: Diese liebe Natur bedeckte nun sich, und alle ihre Reitze mit einem schrecklichen Todenschleyer, wodurch ich in die fernste Zukunft nichts als Wehe und Kummer sah. Nun verschloß sich mein starres Herz allem Vergnügen, und meine Seele verriegelte sich gegen die Freude. Wollte sie mir manchmal zulächeln, so stieß ich sie zurück, und fertigte sie mit dem Ecclesiastes ab: Risum reputavi stultitiam, \& gaudio dixi, quid frustra deciperis? Risum ... – Ich habe das Lachen für Torheit gehalten, und ich habe der Freude gesagt, warum enttäuschst du mich so? Prediger Salomo 7.4 (Das Herz der Weisen ist dort, wo man trauert, aber das Herz der Toren dort, wo man sich freut. Es ist besser, das Schelten des Weisen zu hören als den Gesang der Toren. Denn wie das Krachen der Dornen unter den Töpfen, so ist das Lachen der Toren; auch das ist eitel.) Im Gegentheil, ich bemühte mich, meine Seele mit Gram, Verdruß und Bitterkeit zu tränken; in der Überzeugung, daß das die Vollkommenheit des Christenthums sey. Ascetische Bücher, gewisse Stellen der Schrift dir mir mein gallsüchtiger Vorsteher anschaffte und citirte, trugen alles dazu bey. Unterdessen kann die Güte Gottes nie von einer Creatur ein solches Opfer fodern, noch ein solches Beginnen gutheissen. Nein, wie sollte er sich widersprechen, wie sollte er die Ordnung der Gnade der Ordnung der Natur entgegensetzen? Und hat nicht alles Streben, haben nicht alle Schritt und Gänge der Natur Vergnügen zum Mittelpunkt? Durch den Reitz und durch den Zug dieses Vergnügens macht er kund, daß er die Kinder Adams an sich und ihre Pflichten erinnern will, worunter die Fortpflanzung ihres Geschlechts die wesentliche ist: Traham eos, sagt er, in funiculis Adam, in vinculis caritatis . Und anderstwo redet die Schrift von ihm, wo sie ihn charakterisiren will: Attigens à fine usque ad finem fortiter, \& disponens omnia fuaviter. Attigens ... – Ich werde sie heftig anrühren von Anfang bis Ende und alles nach meinem Willen ordnen. Ich wandelte also in der gefährlichsten Finsternis; denn die Traurigkeit, die auf mir lag, überdem, daß sie alle Wißbegierde in mir erstickte – das einzige Mittel, die Neigung, die ich bekämpfte, Luft zu machen – diese Traurigkeit, sage ich, führte mich öfters an den Rand des Abgrundes; und kaum stand ich fingerbreit von meinem Untergang. Kam mir manchmal der Zeugungsakt in den Kopf, so empfand ich gegen die Urheber meines Lebens einen Widerwillen, ein inneres Grausen, das meine Phantasie empörte, und mich mit einer Wuth begeisterte, die der Wuth der Manichäer und Circumcellianer ziemlich gleich war. Einigemale war ich schon nahe an dem Entschluß, die Unmenschlichkeit der Origenisten an mir zu verüben. Ich betrachtete mich als ein Ungeheuer, das unaufhörlich dem Gesetze Gottes widerstrebt; aber mein Gott war die Misgeburt meines Wahns und meines Aberglaubens. Unter dieser Lebensart erreichte ich die Jahre, wo ich die Priesterweihe empfangen, und nach der willkürlichen Einrichtung der Menschen eine ewige Keuschheit schwören sollte: Da dieser Stand keine strengere Enthaltsamkeit von mir foderte, als die ich würklich schon beobachtete, so sah ich also keine grössere Beschwerlichkeiten mehr, als die ich schon überstiegen hatte; ich entschloß mich dazu. Wie der Tag meiner Weihe kam, begab ich mich an den Fuß des Altars; aber mit einer Schwermuth, der sich in allen meinen Handlungen äusserte, und eine natürliche Folge meiner melancholischen Lebensart war. Ich beugte da meine Knie, neigte das Haupt, und fiel wie ein fühlloses Schlachtopfer unter einem Schwur, der unendlich grausamer war, als das heilige Messer, das Jephtes Tochter oder Iphigenie schlachtete; dieses traf sein Schlachtopfer mit Einem Streich, ein für allemal; jener aber schmiedet sein Opfer an ein Gesetz, das so hart ist wie der Fels worauf Promethus seufzte, und zerreißt es ewig und unaufhörlich. In der That ich verdoppelte nach meinem Gelübde meine Sorgen und meine Wachsamkeit, um alles zu vermeiden was der Keuschheit anstößig wäre, und den Trieb der Natur bis in seine innerste Verschanzungen zu verfolgen; denn ich hielt mich nun noch mehr dazu verpflichtet. Itzt aber machte mir ein Umstand viel zu schaffen: Meine Wachsamkeit auf mich selbst war bey Tage stark genug, zu verhindern, daß unkeusche Gegenstände auf meine Einbildungskraft keinen so starken und dauerhaften Eindruck machten, daß mein Geburtsglied sich dadurch empörte, und sich die Natur erleichterte; aber des Nachts im Schlafe war meine Phantasie frey von den Fesseln der Vernunft und Religion; und durch ihre Bemühungen bekam sie Hitze genug, um der Natur Erleichterung zu verschaffen. Diese so simple, so natürliche Wirkung schien mir unterdessen eine Unordnung, eine Art von Befleckung zu seyn, die mich beunruhigte und sehr empfindlich ängstigte; denn ich schrieb mir allzeit die Schuld zu, und glaubte entweder durch die Qualität oder die Quantität meiner Speise dazu beygetragen zu haben. Dann wähnte ich wieder, ich habe meine Sinnen nicht achtsam genug verwahrt: In dieser Absicht enthielt ich mich von allen Nahrungsmitteln, wovon ich vermuthete, daß sie den Saamen entweder vermehren, oder erhitzen würden. Diese Diät machte mich äusserst mager. Ich verdoppelte meine Wachsamkeit und meine Abscheu gegen die nächtlichen Spiele meiner Phantasie so, daß ich bey der geringsten Bewegung unter dem Schlaf die den Ausfluß des Saamens veranlassen konnte, aufwachte: Durch Veränderung der Lage, oft durch gähes Aufstehn verhinderte ich es. Ich hatte allerdings einen Monat lang diese grosse Anstrengung meiner Wachsamkeit ausgehalten, und war damals 32. Jahr alt, als ich eines Morgens fühlte, daß der Trieb meiner Phantasie, durch wohllüstige Bilder erhitzt, in die Geburtsglieder übergieng, und ich nahe an der Unordnung war, die ich befürchtete. Durch den starken Eindruck meines vesten Entschlusses und durch die Empfindung der Wollust ward ich aufgeweckt, sprang auf, und betrog die Natur. Nun würkte der Saamen, dessen Ausfluß ich eben gehemmt hatte, gewaltig auf meine Einbildungskraft, und gab ihr ein Feuer, ein Leben, wovon ich noch nichts ähnliches gefühlt hatte. Meine Sinne bekamen eine hinreissende Reitzbarkeit, eine erstaunliche Durchdringlichkeit. Nach Mittag gieng ich aus Gesellschafts=Pflicht in ein Haus; beym Eintritt in den Saal fielen mir zwey Frauenzimmer ins Gesicht, die auf meine Augen, und dann auf mein Herz einen so gewaltigen Eindruck machten, daß sie mir ganz feuerglänzend, wie electrisierte Personen, vorkamen. Da ich die physische Ursache einer so sonderbaren Wirkung nicht kannte, so hielt ich sie für Teufelsblendung, und gieng weg. Die Frau vom Hause ward durch meinen ungestümen Abzug betroffen, kam mir nach, und fragte mich um die Ursache. Ich sagte ihr gerade weg, sie habe zwey zu gefährliche Gegenstände bey sich; daß ich aber ein andermal die Ehre haben würde, meinen Besuch abzustatten. Sonderbar war es, daß diese Frau, so jung, so schön, und so reitzend als die zwo andern, gar keinen Eindruck auf mich machte: Das geschah aber aus einer physischen Ursache, die ich hernach erklären werde. Als ich aus dem Haus und von den Gegenständen entfernt war, die mich so heftig angriffen, ward ich ruhiger; nur fühlte ich noch meine Seele in Brand, und meine Sinnen so ausserordentlich lebendig, als wenn ich ohne Bewußtseyn hingerissen würde. Den übrigen Tag durch stiessen mir noch einige Frauenzimmer auf, und ich empfand bey ihrem Anblick die nämliche Wallung und Täuschung. Als ich des andern Tages auf dem Weg nach Hause war, so däuchte mich einigemal, mein Wagen fiele und stürzte um; ich rief deswegen den Fuhrleuten zu, sie sollten ihn halten: Da sie aber über meine ungegründete Besorniß lachten, so konnte ich nicht begreifen, was das bedeute. Unterdessen war schon eine wirkliche Zerrüttung in mir; aber mein Wahn schrieb sie äussern Gegenständen zu, da sie eigentlich in meinen Organen und dem Aufruhr meiner Sinnen ihren Grund hatte: Aber das fiel mir nicht ein. Da wir nahe bey einer kleinen Stadt, wo mein Weg durchgieng, Weibern begegneten, verursachten sie mir den nämlichen Schauer und die nämliche Blendung, wie Tags zuvor. Als ich in der Stadt an einem Wirthshaus abstieg, und man mir das Essen aufsetzte; schien mir, als wenn Brod, Wein, kurz alles in Unordnung und unter sich gekehrt wäre. Nun glaubte ich, der Geist der Blendung und Täuschung verfolgte mich überall; ich fuhr den Wirth grob an, den ich mit im Spiel glaubte, und stürzte in meinen Wagen. Da machte ich nun meine Betrachtungen, so viel es der Aufruhr meiner Sinnen gestattete, über meine Ereignisse des vorigen Tags, über die heutigen Vorfälle, und meine gegenwärtige Disposition; ich bestärkte mich in meiner ersten Meinung durch die Fabeln von Ribadeneyra, wovon die Väter der Wüste sagen, er sey unter den Blendwerken des Teufels genährt und erzogen worden. Eine Menge Stellen der Schrift fielen mir ein. Wie sie das einzige Buch war, das ich gelesen hatte, so hatte ich sie so ganz inne, daß keine Situation, kein Umstand im Leben kommen konnte, worauf ich nicht eine Stelle der Schrift anzuwenden hatte: Die des heiligen Paulus mußte mir nun vorzüglich Dienste thun, wo er sagt, daß wir nicht allein gegen Fleisch und Blut, sondern auch gegen die Bosheit und Gottlosigkeit der himmlischen und geistigen Mächte zu kämpfen hätten. Nun war es bey mir ausgemacht, daß ich vom Teufel besessen, und geblendet sey; und ich nahm mir vor, wenn ich heim käme, mit Beten, Fasten und Exorcismen wacker gegen ihn zu Felde zu ziehn. Ich setzte meinen Weg fort, wie ein andrer Saul, Zorn und Rache schnaubend gegen den Geist der Versuchung: spirans caedis \& minarum . Als ich am nämlichen Tag zu Hause anlangte, fühlte ich mich doch viel ruhiger; entweder weil ich von den Gegenständen entfernt war, die mich in Bewegung brachten, oder auch wegen dem Vergnügen, wieder in den Schooß meiner Familie zu seyn. Aber des andern Tags, ohngefähr eine halbe Stund nach dem Essen, empfand ich gäh eine Dehnung und Erstarrung meiner Glieder; dann einen heftigen Schauer, ein convulsivisches Beben durch meinen ganzen Leib, wie der stärkste Anfall von Epilepsie. Mir wars in dem Augenblick, als wenn das Weltgebäude zusammenstürzte, Himmel und Erde erschüttert würden, und alle Elemente im gräßlichsten Aufruhr untereinander wären. Meine Leute liefen herbey, nahmen mich, brachten mich ins Bette, und wärmten mich; denn sie glaubten ich friere; es war im November. Nun wurden meine Feuchtigkeiten fliessend; des Saamen besonders, der wegen seinem grossen Ueberfluß in einer Art von Gleichgewicht, und durch die äusserste Ausstopfung aller seiner Gefässe in einer vollkommnen Stagnation war, bekam seine Wärme und Thätigkeit wieder. Aber da er aus den oben erklärten Ursachen die Geburthsorganen nicht fand, wodurch er sich natürlich hätte ergiessen sollen; so stieg er schnell und heftig ins Hirn, und verursachte mir da die heftigsten Schmerzen. Es schien mir, als wenn dieser ganze Theil meines Cörpers sich in eine Schnecke wirbelte. Die Bewegung war so stark, daß sie in die ganze Maschine übergieng, mich hinriß, und veranlaßte, daß ich allerley kindische lächerliche Bewegungen machte, welche Aehnlichkeit und Bezug auf das hatten, was in meinem Kopf vorgieng. Die Heftigkeit des Schmerzens zog eine Verrückung des Verstandes und eine Raserey nach sich. Man ließ mir zur Ader; aber diese Aderlaß verschaffte mir nicht die geringste Erleichterung; sie hatte mich im Gegentheil noch mehr zerrüttet. Man badete mich; aber mit so wenig Vorsicht, daß, wenn meine vesten Theile nicht das leichteste Spiel, den harmonischsten Ton gehabt hätten, es um mich wäre geschehen gewesen, und ich eine unheilbare Verrückung des Verstandes, wie mein unglücklicher Bruder, bekommen hätte. Doch dämpfte das Kühle des Bades einen Augenblick die Hitze meiner Lebensgeister und meiner Phantasie; ich ward ruhiger. Aber als nach einiger Zeit die Hitze wieder kam, drängten sich eine Menge unkeuscher Bilder meiner Einbildungskraft auf. Alle Schönheiten des Hofs von Ludwig XV. stellten sich ihr nach und nach dar; denn ich bildete mir, durch eine sehr sonderbare Vorstellung, ein, daß der Gouverneur der Provinz, den man für einen galanten Mann hielt, aus Verdruß mich so eigensinnig zur Enthaltsamkeit entschlossen zu sehn, mir sie sehr ungestüm angeboten habe: Aber da meine Einbildungskraft durch die Erinnerung meines Standes, und den gedachten vesten Entschluß noch stärker betroffen wurde, so widerstand ich seinem Anerbieten: Dann glaubte ich gar, man brächte mir diese Gegenstände ans Bette, und wollte mich mit Gewalt dazu bringen; fieng deswegen schrecklich an zu schreyn, und bekam Convulsionen. Nichts konnte mit der unmenschlichen Marter verglichen werden, die ich durch das grausame Zerschneiden meiner Phantasie aushalten mußte, welche zwischen dem Reitz und dem Anziehen der von mir gegenwärtigen Gegenstände die zur Befriedigung der Bedürfnisse der Natur geschaffen sind, und zwischen dem Abscheu das Band der Religion zu zerreissen, getheilt war. Unterdessen war dieser Zustand so heftig, als daß er lange hätte dauern können; die Schwärmerey triumphierte über die Natur; oder diese veränderte ihren Gang; die Bilder verschwanden, und der Aufruhr legte sich. Die Ruhe währte nicht lange: Bald danach kam wieder ein Sturm, zwar nicht so heftig als der erstere, denn er war mit süssen Empfindungen vermischt; aber doch heftig genug. Nun verwandelte sich der Schwung der Laune, der mich beherrschte, in eine kriegerische Wuth, und mahlte meiner Besinnungskraft alle Helden vor, deren Charakter mir von Jugend auf vorzüglich aufgefallen war. Meine Einbildungskraft versetzte mich in alle Schlachten und Belagerungen, wovon ich die Geschichte gelesen hatte; ich glaubte nach einander Alexander, Achilles, Pyrrhus und Heinrich IV. zu seyn. Mit dem erstern, mit welchem ich mich so ganz identificierte, daß ich mir dachte, seine Gestalt, seinen Bau, seinen Nahmen zu haben, ganz er zu seyn, schlug ich am Granicus, siegte bey Arbela, belagerte Tyrus, und erstieg im Sturm seine Wälle. Diese rasche, heftige Bewegungen, und solche lebhafte, überraschende Bilder gaben meinen Lebensgeistern den Lauf und die Wirksamkeit, die ihnen natürlich war; und diese ertheilten dann wieder gegenseitig den vesten Theilen den gehörigen Ton und Schnellkraft, die die durch eine müßige speculative Lebensart, welche meinem Temperament so schnurstraks entgegengesetzt ist, zu lange unterdrückt wurden. Ich empfand unterdessen das lebhafteste, wollüstigste Vergnügen. Zum erstenmal seit meinem Daseyn schien meine Seele zu leben und zu athmen, indem sie Alexanders Charakter ausdrückte, von dem meine Einbildungskraft alle Züge borgte, und dessen Bewegungen alle ich in meinen Gebehrden nachmachte. Gewiß war auch viel Wahrheit in dem Ausdruck von Alexanders Charakter. Nun bestimme einer die Gränzen zwischen Raserey und Genie! Die Alten nahmen schon Dichterwuth für eine Art von Tollheit – aber das macht wenigstens vielen unsrer schönen Geister wenig Ehre. D. H. Nun erblickte meine Phantasie 700. Tyrier die, ans Kreutz geschlagen, längst dem Ufer des Meers hin das traurigste Schauspiel gaben. Der Anblick erfüllte mich mit Abscheu und Grausen; der Charakter des macedonischen Helden ekelte mich an; ich wollte nicht länger das Ungeheuer seyn: Wie ich aber die ächzende Schlachtopfer seiner Grausamkeit starr anblickte, gieng ich in das lebhafteste, zärtlichste Gefühl des Mitleids über, und zerschmolz beym Anblick ihres Schicksals. Dieses süsse Mitleid, das meine Sinnen einwiegte, stellte mir hernach, als ich einschlief, die Tyrier wieder vor, als hätte ich sie durch meine Bemühungen zum Leben erwärmt, und sie stiegen vom Kreutz herab. Der Eindruck den sie auf meine Phantasie machten, war so stark, daß ich glaubte ihre Züge, ihre Gesichtsfarbe, ihre Physiognomie deutlich zu bemerken, und daß ich jeden bey seinem Namen nennte. Es schien mir, als sagten sie mir Dank, und bezeugten ihre Hochachtung der Tugend die sie gerettet hätte. Mein Herz ward durch den Anblick erweicht; ich hatte die Augen voll Thränen, und fühlte die innigste Freude, das vollkommenste Vergnügen. Diese wollüstige Lage war gar bald vorüber; meine Laune kam wieder in einen Galopp, und ein zweyter Anfall von Heldenmuth riß mich hin: In dieser neuen Begeisterung beliebte es meiner Phantasie, mich in den Achilles zu verwandeln. Es war mir, als legte ich seine Rüstung an; ich hatte seine Stimme; in seinem Ton trotzte ich die Trojaner und foderte sie auf. Dann drang ich in ihre Schlachtordnungen ein, schlug sie nieder und stürzte sie übereinander; plötzlich stand ich an den Thoren von Priams Pallast. Auf Einen Schlag gieng ich dann aus dem Charakter Achilles in den Pyrrhus über; oder ich vermengte vielmehr den Charakter des Sohns mit dem des Vaters, und ward von dem Gemählde des Virgils, das er von Pyrrhus macht, so hingerissen, daß ich im Gefühl dieses Helden die vier Stollen meines Bettes packte, und sie zusammen mit aller Geniekraft auf die Thüre warf, daß sie aus den Angeln sprang, und auf vier Schritte wegflog. Entzückt, begeistert durch den Schlag und das Krachen schrie ich: cecidit Ilion Priamique domus ! Bey diesen Anfällen hatte ich in meinen Gliedern so viel Stärke, daß alles unter meinen Händen zitterte, und nichts meinem Angriff widerstehen konnte. Ich drückte diese Art von Kampf mit so viel Stärke und Energie aus, daß niemand das Feuer meiner Blicke, noch die Lebhaftigkeit meines Thuns aushalten konnte. Meine Eltern wußten nicht, was in meiner Seele vorgieng; kannten den Gang der Natur nicht, die mich heilen wollte, und durch diese heftige Crisis einen Weg suchte, mich aus dem Zustand zu reissen, worein mich eine ungereimte Erziehung und eine unselige Lebensart versetzt hat – sie banden mich, und legten mir Ketten an die Hände. Gott, was war mir das für eine Marter! Welche Veränderung gieng auf einmal in meinem Kopf vor! Gestürzt von dem Gipfel worauf ich mich kurz zuvor geschwungen hatte, niedergeschlagen und muthlos, betrachtete ich meine Ketten, meine Gefangenschaft, meine Nacktheit mit Schauer und Grausen. Selbst meine Laune, die meiner Seele Muth und Schwung gab, erkältete und verließ mich ganz; ich fühlte die ganze Last der dumpfen Verzweiflung. Wie ich in dieser Lage eingeschlafen war, drängten sich die schrecklichsten Bilder in meine Seele. Es war mir, als sähe ich das alte Rom sich unter seinen Ruinen hervorheben, seine Gräber öffnen, und die Gerippe seiner berühmtesten Helden mitten unter den Waffen meinem Anblik darstellten; die Form, die Verschiedenheit, der Rost, und das Alterthum dieser Waffen machten einen scheußlichen Anblick. Das Bild drückte sich so stark in mich ein, daß ich lange Zeit kein Gewehr, noch sonst was von Eisen ohne das empfindlichste Grausen ansehen konnte; und es gieng so stark in meine Sinne über, daß ich einige Tage lang einen unausstehlichen Geruch von rostigem Eisen und Erzt empfand. Nun führte mich meine Raserey über ungeheure Haufen von Ruinen, die ringsumher unter meinen Füssen erbebten, und über mich zu stürzen drohten; ich kam dann an die Pforten des Tempels des Kriegsgottes; ich sah sie öfnen, und hörte mit welchem förchterlichen Geräusche sie in ihren Angeln rollten. Ich erblickte den Gott in der Mitte des Tempels, und ein grausames Spiel meiner Phantasie verwandelte mich in dieses mit Blut und Mord gesättigte, und mit Eisen beladene Ungeheuer. Gebunden, geknebelt wie ich war, Ketten an den Händen, mußte meine Lage diese Täuschung begünstigen, oder sie gar entstehen machen. Nun schrieb ich die grausame Behandlung, womit man mir begegnete, der Unmenschlichkeit zu, die ich an Hectors Person verübt hatte. Als ich einen Augenblick danach in meinem innern Bewußtseyn, mit einer Beobachtungskraft die in meiner damaligen Lage allerdings unglaublich war, meine Empfindungen prüfte, und fand, daß sie so schnurstracks diesem Zug von Grausamkeit widersprachen, so verfluchte ich den Charakter Achilles, und überließ mich auf einmal dem Gefühl der Menschlichkeit und des lebhaftesten Mitleids; ich rief in der Entzückung: O guter Hector! Könnte ich deine zerstreuten Glieder sammeln, und sie zum Leben erwärmen! Wie gerne mögte ich auf dein Grabmahl weinen! Ich weinte wirklich, indem ich es sagte. Diese sanften Empfindungen machten mich so gelassen und ruhig, daß sich meine Eltern dadurch bewegen liessen, mich in Freyheit zu setzen. Dies waren die köstlichsten Augenblicke meines Lebens. Die folgende Nacht schlief ich so sanft und ruhig, als ich während meiner Krankheit noch nie geschlafen hatte. Gegen Anbruch des Tags hatte ich einen Traum, der den dritten und letzten Anfall, ich darf nicht sagen von Raserey, sondern Heldenmuth veranlaßte; denn er war lange nicht so ungestüm, sondern viel gemäßigter, als die zwey andern. Ich träumte, es käme ein König an der Spitze einer mächtigen Armee, um die Protestanten zu würgen, und das Blutbad des entsetzlichen Bartholomäustags zu erneuern: Gott! Sagte ich zu mir, was haben diese Leute verübt? Sind sie nicht unglücklich genug, im Irrthum zu seyn? Sollen wir wieder unsere Brüder durchbohrt sehn? Will ihnen denn niemand zu Hülfe kommen? Indem ich das sagte, oder dachte, war mirs, als sähe ich an einem gewissen Ort eine Picke sich aus der Erde erheben, und mir anbieten. Der Muth und Eifer meinen Mitbürgern zu Hülfe zu kommen, weckte mich; ich stand auf, kleidete mich an; die Farbe meiner Kleider mißfiel mir, weil sie nicht für den Stand eines Kriegers paßte, den ich affectierte. Aber ohne mich aufzuhalten, und ohne aus der Fassung zu kommen, gieng ich in ein Nebenzimmer: Als ich da eine Zeitung fand, las ich die Jahreszahl und das Datum; sagte dann in einem gesetzten Ton, mit einer entschlossenen Miene, in der Stellung und Zuversicht, welche die Begeisterung einer grossen Unternehmung giebt, und die des Pinsels eines Apelles, oder des Meißels eines Phidias würdig sind: »Ich will eine neue Bahn öffnen, und eine Epoche machen, wovon ihr eure Jahrzahl nehmen sollt.« Ich gieng dann aus, und nahm den Weg nach dem Ort, wo meine Phantasie die Picke sah, die ich als das Zeichen meines Berufs und meiner Befehlshaberstelle mit brennendem Eifer haschen wollte. Ich war schon im Garten und wollte den Zaun durchbrechen, als meine Eltern beyliefen, mich aufhielten, und wieder nach Hause brachten. Ich sträubte mich nicht; hatte aber den Kopf so voll von der Vorstellung, den Protestanten beyzuspringen, und sie zu vertheidigen, daß ich mich lange Zeit mit einem Plan beschäftigte, Truppen zu werben, sie zu disciplinieren, Grenzvestungen anzulegen, sie mit Lebensmitteln und Munition zu versehen etc. Es ist zum Erstaunen, was ich, der ich nie gedient noch ein Gewehr geführt habe, für ein Detail machte. Nun aber war ich die ganze Zeit über Heinrich der vierte. Ich wollte seinen Bau, seine Gestalt, seine Figur haben. Nie war Pythagoras so innig überzeugt, daß er der wäre dessen Seele 500. Jahre nach der Belagerung von Troja in seinen Cörper gewandert ist, und den dieser Philosophe den Augen seiner Schüler darstellte, als ich es war, jener Held von Frankreich zu seyn. Solcher Überzeugung gemäß war ich entzückt, wenn ich von den Leuten, die um mich waren, erhalten konnte, mich Heinrich den vierten zu nennen. Durch die Folge der verschiedenen Charaktere, die ich ausgedruckt hatte, durch die Bewegungen und Kämpfe, die ich überstanden hatte, ward ich unterdessen sanfter und ruhiger, und meine Seele überließ sich nun auch angenehmern Gegenständen, die mit der sanftern Stimmung meiner Lebensgeister und meines Blutes harmonierten. Ich bildete mir ein, ich hätte eine grosse Menge Nationen überwunden und zur Ruhe gebracht. Ich stand auf in der Entzückung dieses Gedankens; denn mein Cörper war immer in Bewegung und ließ sich sehr willig und genau von den Eindrücken meiner Phantasie leiten, besonders da er frey war, und nicht durch Bande oder andere Hindernisse gehemmet wurde; ich stand also auf Antrieb meines Genies auf, um mir Trophäen zu errichten; nahm verschiedene Dinge, wie sie mir unter die Hände kamen, und ohne Unterscheid, z. B. Stroh oder andre Kleinigkeiten von der Art, und stellte sie in die vier Winkel meines Zimmers. Meine Einbildungskraft hatte Leben genug, um sie zu vergrössern; sie war fruchtbar und arbeitsam genug, um ihnen Gestalt, und die Verschiedenheit zu geben, welche der Charakter, der Geist und die Gebräuche der verschiedenen von mir besiegten Nationen erfoderten. Ich stellte mich in die Mitte meines Zimmers, und betrachtete mit unendlichem Vergnügen und Triumphieren diese Trophäen. Dann nahm ich die Gesinnungen eines friedsamen Königs an. Ich bildete mir ein, in meinem Reiche alle Wissenschaften und Künste, die Mahler – Bildhauer – Baukunst und Geometrie in Aufnahme zu bringen, und sie mir selbst eigen zu machen. Ich zeichnete, verfertigte Riße, Anordnungen etc., die mir unsäglich viel Vergnügen machten. Ich hatte ein so gutes Augenmaaß und eine so veste Hand, daß ich mit dem ersten besten Werkzeug, das mir in die Hände kam, auf den Boden oder die Wände meines Zimmers mit einer erstaunlichen Richtigkeit und Proportion zeichnete. Diese überspannte Lebhaftigkeit und Thätigkeit der Phantasie, die ihren Gegenstand so ganz umfaßt, ist der Teufel, der in unsern neuern Besessenen alle die Wunderdinge thut. D. H. Meine Eltern und andere unwissende Leuthe hielten das für etwas übernatürliches, für eine Zauberkraft; denn ich machte Dinge, die ich nie gelernt und nie getrieben hatte. Sie liessen deswegen einige Charletans kommen, die versprachen, mich zu curieren; aber sie fanden wenig Gelehrigkeit bey ihrem Patienten, und hatten nicht Ursache mit mir zufrieden zu seyn; denn war ich gleich in einer ununterbrochenen Verrückung, so hatte doch mein Verstand und mein Charakter eine Wendung genommen, die von meiner traurigen Erziehung sehr verschieden war; und ich schien gar nicht mehr aufgelegt, an den Unsinn zu glauben, womit man mich bethört hatte. Da sich dies Gesindel nicht mit kurzen Antworten wollte von mir abspeisen lassen, so fiel ich wütend auf sie los, stieß und schlug sie weg. Die Natur gieng unterdessen ihren Gang fort, und arbeitete allein und ohne Nachlaß an meiner Genesung; denn nachdem ich meine traurige Wohnung verschönert hatte, nachdem meine Phantasie mit der Zauberey der Circe mein Kämmerlin zum prächtigsten Pallast umgeschaffen, und mit allem, was Mahlerey und Bildhauerkunst nur schönes hat, mit den köstlichsten Metallen, dem ausgesuchtesten Geräthe ausgeschmückt hatte, wollte ich mich vermählen. Nun drängten sich eine unzählige Menge Gegenstände um mich. Frauenzimmer von allen Nationen und Gesichtsfarben boten sich mir an. Meine Phantasie, erstaunt und überfallen, war von der Menge und der Verschiedenheit dieser Gegenstände recht in die Enge getrieben. Ganz was besonders, und allerdings unglaublich bey der Sache war, daß ich zuvor nie gewußt hatte, daß es Weiber von einer andern Gesichtsfarbe, als weiß und schwarz, in der Welt gäbe; aber durch diesen und noch mehrere Züge hab ich bemerkt, daß bey meiner Art von Krankheit eine geheime Verwandlung meiner Lebensgeister, die auf den höchsten Grad gestimmt waren, in die Cörper der Natur, und dieser Cörper in mich vorgehe, welche mich dann errathen ließ, was die Schöpfung Verborgnes hatte; Diese Erklärung des Herrn Pfarrers ist sehr undeutlich; aber die folgende ist es desto minder. D. H. oder besser, ich glaube, daß die äusserste Anstrengung und Geschäftigkeit meiner Phantasie, die mir alles, was sich nur denken läßt, vormahlte, würkliche, existirende Gegenstände in der Natur treffen mußte, die mir sonst unbekannt waren. Dem sey nun, wie ihm wolle; da mein Bedürfnis dringend war, und nun nicht mehr, wie im Anfang, von der eigensinnigen Meinung bekämpft wurde, so mußte ich unter diesen Gegenständen wählen. Nun suchte ich mir eine Zahl aus, die nach meiner Vorstellung mit der Zahl meiner besiegten Nationen übereinkam. Ich bildete mir ein, ich müßte mich mit jeder von diesen Weibern nach dem Gesetz und den Gebräuchen ihres Volks vermählen. Dieses nahm meine Phantasie willig an, und gab ohne Widerrede ihren Beyfall. Ich hatte sonst kein Bedenken, das mich stutzig machte, als die Forcht, in Müßiggang und Weichlichkeit zu fallen, die meinen ersten Gesinnungen und meiner äussersten Thätigkeit so sehr widersprachen. Ich rief deswegen: »Wie, ich soll ein Nichtswürdiger, ein Schwelger, ein Sandanapal werden!« Aber meine unerschöpfliche Einbildungskraft, die Quelle all meines Leidens und Vergnügens, half mir geschwind aus der Verlegenheit. Sie beschloß, ich sollte alle diese Weiber jede in ihrem Land lassen, und sie nur auf meiner Durchreise aus einer Provinz in die andre besuchen. Eine war unter ihnen, gegen die ich eine vorzügliche sympathetische Liebe fühlte, und die ich, als die Königinn meines Herzens und der andern Weiber, betrachtete. Das war ein junges Fräulein, das ich vier Tage vor meiner Krankheit gesehen hatte. Ich war damals weit entfernt, Absichten auf sie zu haben, oder mir die geringste Begierde nach ihr zu erlauben. Aber da mir ihre Reitze und ihre Schönheit wieder in Erinnerung kamen, so wurde ich sterblich in sie verliebt. Sie war der Mittelpunkt aller meiner Wünsche, aller meiner feurigsten Begierden; ich äusserte solche auf die lebhafteste zärtlichste Art. Ich hatte nie einen verliebten Roman gelesen, nie einem Frauenzimmer eine Caresse gemacht, nicht einmal einer einen Kuß gegeben. Aber die Hohen Lieder Salomons, die ich gelesen habe, weil sie in die Zahl der schriftmäßigen Bücher aufgenommen sind, und vorzüglich meine besondere Disposition, welche die nämliche war, die Horaz gegen der Glycere hatte, und wo er nach einer genauen Prüfung ihrer Reitze ausruft: In me tota ruens Venus Cyprum deseruit ! thaten mir die nämlichen Dienste. Ich zweifle, ob dieser wohllüstige König, ungeachtet der Ausdrücke in seinem Brautlied, mehr Brunst empfunden hat, als ich? Ob er ihnen mehr Stärke und Leben gegeben hatte, als ich es meinem kräftigen Erklärungen gethan? Ich gab ihnen tausend verschiedene Wendungen, und machte Anwendungen von denselben auf meine gegenwärtige Lage, mit einer Richtigkeit die ich jezt unmöglich wieder treffen könnte; weil ich meiner Seele nicht mehr den Schwung, die Schnellkraft geben kann, die sie von dem Feuer und der Gährung meiner radicalen Säfte bekam. Uebrigens redete ich mit jedermann von meiner Liebe; ich machte hierinn meinen Vater und meine Mutter zu meinen Vertrauten; und diese Zeit über fiel mir nicht das Geringste ein von dem was ich war, nicht ein Wort von meiner Erziehung: Ich hatte all das Offne, das Unverstellte eines Kindes; ich war ein anderer Emil, der ächte Zögling der Natur, die meine Erziehung verbesserte, und mit unsäglicher Mühe wieder von vorne unternahm; und ich zweifle, ob die menschliche Natur, wenn sie eine geschmeidige Materie wäre, und in einen Ofen gethan, dann auf dem Ambos mit dem Hammer geschlagen würde, in den Händen eines Meisters mannichfaltiger gedreht und umgewendet werden könnte, als ich es wurde. Da aber meine Eltern gegen meine Wahl Einwendungen machten, war ich betroffen, und wunderte mich, wie man eine so süsse, liebenswürdige, unschuldige Neigung tadeln könnte. Ich sagte ihnen über diesen Punkt so triftige Dinge, und führte ihnen so richtige Beweggründe an, daß sie gar oft nichts mehr einwenden konnten. Ich erinnere mich, daß eines Tages ein Priester, der sich mit mir einlassen, und mit einer Schulmeistermiene mir ansprechen wollte, von mir zum Stillschweigen gebracht wurde, und beschämt davon gieng. In der That, die Laune l'Humeur könnte hier Feuchtigkeit, Saamen heissen; aber dann sagt doch im Grund Laune das nämliche, weil sie die Mischung und Stimmungen der Lebenssäfte oder Feuchtigkeiten im Körper zum Grund hat. Da indessen bey unserm Patienten der Saamen die herrschende Feuchtigkeit ist, so ist Laune, die Würkung, anstatt der Ursache, Saamen, wenigstens kein fehlerhafter Ausdruck. D. H. die mich beherrschte, gab allen meinen Sinnen ein Leben, eine Durchdringlichkeit, und meiner Seele eine Grösse, einen Schwung, die mich zu einem sehr außerordentlichen Menschen machten. Es war, als wenn ich in dem Herzen der Leuthe läse, die sich mir näherten; ich durchschaute sie ganz, und entwickelte ihren Charakter mit einem erstaunlichen Scharfsinn; und da mich keine Bedenklichkeit zurückhielt, so drückte ich ihn mit Richtigkeit und aller bestimmten Deutlichkeit aus. Das bewog einen alten Priester, der mich in meiner Krankheit einigemal besuchte, meinen Eltern ganz ernsthaft zu sagen, ich sey vom nämlichen Geist Python besessen, den der heilige Paulus aus einem Mädchen getrieben hat, und wovon in der Apostelgeschichte geredet wird. Was es auch nun mit diesem Geist für eine Beschaffenheit hatte, so hat er mir wenigstens den Dienst gethan, daß er einen Schwarm von neugierigen Müßiggängern von mir abschreckte, die durch ihre ungestümme Zudringlichkeit und Ueberlästigkeit meine Genesung verzögerten. Diese heftige Krankheit spannte meine Organe auf einen Grad von Feinheit und Empfindlichkeit, der mir wechselweise die grausamste Marter und das wollüstigste Vergnügen verursachte. Das Licht blitzte einigemal mit so viel Stärke auf meinen Augen, daß ich seine Gegenwart nicht aushalten konnte; es war mir, als wenns dieß Sinnewerkzeug durchbohrte und wie ein Sieb durchstrahlte. Alle Farben, eine nach der andern, wurden mir endlich zuwider; das Grüne ausgenommen, das ich allezeit mit neuem Vergnügen sah. Die Nacht besonders war mir eine neue Folter. Das Dunkel derselben, das sich in verschiedenen Gradationen, welche ich nicht beschreiben kann, verdickte, stellte mir tausend abscheuliche Gespenster vor Augen, oder vielmehr vor die Phantasie. Was nur scheußlich und schrecklich in der Natur ist, stürmte auf sie los; und da sie dem Aufruhr meiner innern Sinnen nicht Phantomen genug schaffen konnte, beschwor sie alle Schatten des Todes und alle Ungeheuer aus der Hölle. Aber unter allen Gegenständen des Schreckens war mir nichts so entsetzlich, als das Bild des alten Marius. Es schwebte vor mir schrecklicher noch als das Gesicht das er den Cimbern zeigte, denen das Gewehr aus der Hand fiel: Daß ich keinen Pinsel hatte, es zu mahlen! Hätte ich seine Züge alle haschen, und sie in der Lebhaftigkeit darstellen und ausdrücken können, womit sie mich bey seinem Anblick durchschauerten; Medusens Kopf würde davor erbleicht seyn, und Cerberus wäre Herkuls Händen entwischt, und in die Hölle zurückgekehrt. Himmel! wende das Bild von meinen Augen weg, und zeige es dem Ungeheuer, das Schuld an all meinen schwarzen Leiden ist! Ein andermal stellten sich meine Augen, oder vielmehr meine Einbildungskraft – denn ich setze voraus, daß diese Zauberinn meinen Augen die Täuschung machte, wie allen meinen andern Sinnen, selbst wenn ich wachte – Gesichtspunkte, Perspective, Gegenstände vor, deren Schönheit, Reitze und Mannichfaltigkeit mich entzückte. Als ich in einem dieser glücklichen Augenblicke in den Garten von Eden versezt wurde, sah ich die vier Flüsse, die ihn wässern, ihn auf tausend verschiedne Arten durchschlängeln und abtheilen. Da waren Gebüsche; dort Wiesen mit dem Schmelz der Blumen; hier waren Parterrs, mit einer Symetrie angelegt, wovon weder Kunst noch Natur ein Beyspiel aufweisen kann; über krystallne Springbrunnen herum. Mitten in diesem Paradies der Wollust, das meine Seele trunken machte, sah ich einen Baum von ungeheurer Grösse sich erheben; er war gleich Nabucodonosors Gesicht. Ich betrachtete seinen Stamm, seinen Wipfel, die Ausbreitung seiner Aeste, die mit einer bewunderungswürdigen Ordnung und Proportion eingetheilt waren. Endlich heftete ich meinen Blick auf das Frische seiner Blätter, auf die Schönheit seiner Früchte, und stand in unbeweglicher Entzückung. Das Gehör hatte auch seine Anwandlung und Ueberspannung. Einigemal war es so gestimmt, daß es der geringste Laut erschütterte; so fein und rege, daß es mir bey den geringsten Undulationen der Luft, die mein Trommelfell berührten, war, als wenn dieses Organ von mir gerissen, und weit weg geschlagen würde. Besonders war mir der Laut des Erzes unausstehlich. Er verursachte mir einen Schmerz, den ich nicht beschreiben kann. Hörte ich eine Glocke läuten – zum Unglück wohnte ich nahe bey einer – so glaubte ich, sie löste sich vom Thurm los, schlüge an der Wölbung des Himmels an, und machte mit ihr nur einen Leib, ein Instrument aus, daß von ihrem entsetzlichen Ton beyde Polen wiederhallten. Ihr Schlag war so schrecklich, daß ich glaubte, alle Planeten, die in der Unermeßlichkeit der Schöpfung schwebten, würden von ihm erschüttert, stürzten nieder, und wären mit unserm Planeten nur Ein Körper. Nun saß ich auf den Trümmern der Allheit, beweinte den Fall der Gestirne, die Verlöschung der Sonne, den Sturz und Ruin der ganzen Natur, die ich betrachtete als wäre sie bereit in ihr erstes Chaos wieder zurückzukehren. Die Zerrüttung meiner Säfte und der Aufruhr meiner Lebensgeister verursachten diese Begriffe; und das Gefühl der Eigenliebe, das jeden Menschen zum Mittelpunkt des Universums macht, wodurch sich jeder für den Brennpunkt aller einzelen Theile, als so vieler Strahlen betrachtet, begünstigte sie. Diesem Gefühl schreibe ich alle diese ausschweifende Vorstellungen zu. Ein andermal gewährte mir dieser Sinn in einer glücklichen Stimmung das wollüstigste Vergnügen, das eine Menschenseele schmecken kann. Es war mir einst, als wenn alle meine Fibern und Nerven, wie Saiten, auf alle Theile der Natur gespannt wären, mit ihr nur Ein musicalisches Instrument ausmachten, das von der herrlichsten Musik beseelt würde. In der That, die nervigten Theile meines Körpers schienen mir sich zu heben, sich mit ihr anzuspannen, und monotonisch einzutönen. Dann hörte ich aus allen Theilen der Welt, wie aus einem unendlichen Orchester, Stimmen und Musikinstrumente, deren Akkord mich und die ganze Natur mit bespielte. Orpheus Leyer hat nie die süsse Melodie hervorgebracht; auch nicht, da sie Löwen, Tiger und Wälder an sich zog. Ich weiß nicht, wie lange diese wollüstige entzückendste Täuschung währte; aber sie geschahe in Gegenwart einiger Personen, besonders eines Arztes, der seit der Zeit mit mir davon als von einer ganz sonderbaren Begebenheit geredet hat; und er sagte mir, er habe mit Erstaunen bemerkt, daß alle Theile meines Körpers in diesem Zustand sich in dem richtigsten Tackt, in der genauesten Cadenz bewegten, und daß er daraus den Zustand geahndet habe, worinn ich war. Die übrigen Sinne, der Geschmack, Geruch, etc. hatten auch ihre Abwechslungen von Marter und Wollust. Einigemal empfand ich den Geruch der köstlichen Düfte, deren Annehmlichkeit weder Natur, Kunst, noch die Chymie nachahmen könnte: ein andermal den unausstehlichsten Gestank; Widerwillen, Bitterkeit und Ekel, die mich ganz betrübt und untröstlich machten. Sogar das Gefühl ward von diesen beyden Extremen des Schmerzen und der Wollust getroffen. Aber die Reihe kam zulezt an dasselbe: Da der Vorhang zugezogen, das Licht der Vernunft gänzlich verlöscht war, so machte eine Catastrophe dem Schauspiel ein Ende, welche die Schamhaftigkeit beleidigt, die Natur erschreckt, und die Religion aus der Fassung bringt; die unterdessen nothwendig und unvermeidlich war. Denn (wie der heilige Paulus bey Erwähnung der Heiden bemerkt, denen er verweist, daß sie den Gebrauch der Weiber unterlassen hätten) die Natur, die in ihrer Neigung eigensinnig bekämpft, und welcher die Ausübung ihrer Pflicht verwehrt wird, erhizt sich in ihren Begierden, und fällt auf Irrwege: Nam, sagt der Apostel, relicta naturali foemina execuerunt in suis concupiscentiis \& operati sunt turpitudinem . zufolge dieser Crisis, deren ganze Schande auf das Celibatgesetze, oder den Gesetzgeber zurückfällt (denn wäre einer unverschämt genug, sie mir anzurechnen, so würde ich mein Gewissen gegen ihn zum Zeugen auffodern, dessen Zeugniß also lautet: Neque peccatum, neque iniquitas mea, etenim sine iniquitate direxi : Ich würde den Himmel zum Zeugen meiner Einfalt und Unschuld gegen ihn auffordern) zufolge dieser Crisis, sage ich, mußte ich endlich den Grund meiner Krankheit erkennen; ich sah nämlich und erkannte deutlich, daß sie von dem Ueberfluß und dem Aufkochen des Saamens verursacht wurde, der durch meinen Widerstand, und den Eigensinn der Natur ihre Bedürfnisse und Verrichtungen abzuschlagen, vermehrt und erhizt wurde. Gut und sonderbar bey der Sache war, daß eben das, was die Ursache meiner Krankheit gewesen, auch die Ursache meiner Genesung geworden ist, die mir eine vollkommene Gesundheit des Leibs und der Seele verschaffte, und mich seit der Zeit das Glück hat genießen lassen, wofür Seneka die Gottheit bat: Orandum, ut sit mens sana in corpore sano . Der Saamen in seiner Hitze und Aufwallung, nachdem er alle Federn der Maschine angegriffen, alle Kräfte der Natur angestrengt hatte, floß immer fort, bis ich vollkommen genesen war. Ein auffallendes Beyspiel, ein ein ewiges Denkmahl der Unverbrüchlichkeit der Gesetze der Natur, die wohl eine Zeitlang kann bestritten, in ihren Neigungen bekämpft, und in ihren Verrichtungen gehemmt werden; aber die bey einem Menschen von guter Constitution so oft von neuem ansezt, daß sie endlich alle Vorurtheile zu Boden wirft! Man kann diesen Triumph der Natur nicht besser geben, als mit den Worten des Cicero, der von ihr sagt: Ubicunque ubstat \& urget, ac ubicunque te verteris, persequetur . Diese Wirksamkeit, diese Schnellkraft der Natur, ist bey jedem Menschen, nur in einem höhern oder mindern Grad, und nach Verhältnis seines Temperaments, welches sein Betragen, und noch mehr die häuslichen, politischen, und religiösen Einrichtungen verschieden macht, die sich meistentheils von den Grundsätzen der Natur entfernen, und ihre Rechte in ein dunkles Chaos von Zweifel und Ungewißheit verstecken, die so schwer aufzulösen sind, und das Unglück der Menschheit ausmachen. Durch einen solchen Labyrinth muß indessen der Faden gehen, welcher die französische Nation zu seiner guten Gesetzgebung unter der Begünstigung eines jungen Königes führen soll, den die Magistratur schon zu ihrem Gesetzgeber aufgerufen hat; und der auf die Aufforderung einer so verehrungswürdigen Gesellschaft scheint das Werk angefangen zu haben. Das erleuchtete Haupt, Herr von Miromenil, Siegelverwahrer. – Es ist hier von der um diese Zeit angebahnten Zurückberufung der Parlamente die Rede. welches er dieser Gesellschaft gegeben hat, und das den Monarchen in der Reforme unsrer Gesetze unterstützen soll, erlaube mir, bey dieser Gelegenheit eine Stelle aus dem römischen Redner anzuführen, der ihm an Muth, Beredsamkeit und Vaterlandsliebe gleich war. Er sagt: Cum omnia officia à principiis naturae proficiscantur, necesse est \& illud quod ab ipsa proficiscitur sapientissimum. Cum omnia ... – Du mögest in allen deinen Geschäften vorwärtskommen, es ist aber Nichts, wenn du nicht auch in der Weisheit vorankommst. Hier stellt Herr Blanchet noch verschiedene weitläufige Betrachtungen über seine Krankheit, theils als Mediciner, theils als Philosoph an. Folgende sind die wichtigsten: 1.) Die äußerste Enthaltsamkeit war seinem verliebten, starken Temperament entgegen: Die anhaltenden Kämpfe mußten seinen Charakter unnatürlich machen, und er verlohr seine Munterkeit. Da seine Seele diese Erhohlungskraft verlohren hatte, ward sie unterdrückt, und zu den Beschäftigungen ungeschickt, die sie hätten zerstreuen sollen. 2.) Die Natur half sich Anfangs bey ihm durch nächtliche Träume, und erleichterte sich durch diesen Betrug: 3.) Da er aber durch seine äußerst angestrengte Wachsamkeit auch dieß einzige verstohlne Erhohlungsmittel der Natur verwehrte, mußte der immermehr anwachsende und aufsiedende Saamen vorzüglich auf die Augen würken, die der Sitz der Leidenschaften und besonders der Liebe sind, so daß man bey den Thieren sieht, daß ihre Augen funkeln wenn sie sich dem Weibchen nähern. Daher kamen die heftigen Erschütterungen dieses Sinnes, und seine Electrisierung bey Erblickung der Gegenstände die auf seine Situation Bezug hatten. 4.) Da die eigensinnige Phantasie dem Saamen den ordentlichen Weg verschloß, so mußte er in seiner Vermehrung gegen den Kopf zufliessen, dort die nervigten Theile ausfüllen, und die Convulsionen im Hirn verursachen; welches, wie Herr le Cat beweist, der Mittelpunkt der ganzen menschlichen Sinnlichkeit ist. Da mußte er die entsetzlichsten Schmerzen, und dann endlich die Verrückung verursachen. 5.) Die Aderlaß, wogegen sich der Kranke immer sträubte, war ihm schädlich; denn seine Krankheit war nicht im Blut. Durch dieselbe ward also dem Saamen sein Gleichgewicht genommen; durch den Abfluß des Blutes bekam er eine Lücke sich hin zu ergießen, und verursachte die größte Entzündung im Körper. Eben so ists Aderlassen schädlich, wenn Galle die herrschende Feuchtigkeit ist. 6.) Das kalte Bad kühlte nur auf einen Augenblick die Hitze seiner Säfte ab; aber durch diese Ruhe bekamen sie nur mehr Gährung: Und da der Saamen durch die vorhergehende Aderlaß freyes Spiel bekam, mußte er hernach desto mehr Uebergewicht erlangen, und jene unzüchtige Erscheinungen verursachen, durch den Instinct der Natur, der uns allezeit die Gegenstände unsrer Bedürfnisse vor Augen stellt. So träumt der Hungrige von Speisen etc. 7.) Da diese Raserey im Grunde nichts, als ein Ueberfluß des Lebens, und die Säfte und Organen des Kranken nicht verdorben, sondern nur in einem Zustand von gewaltsamer Ausdehnung waren, so mußten seine Bilder eine unnatürliche Riesengrösse haben, und bey der Unordnung doch die richtigste Ordnung bekommen, womit sie sich dem Hirn eingedrückt; sie mußten ohne Verwirrung, wie man es beym Verfasser sieht, wieder vor das Gedächtniß kommen. 8.) Ist die Liebe auf einen gewissen Grad gestimmt, so ist sie nahe mit dem kriegerischen Muth verwandt. Thiere in der Brunst sind am leichtesten aufgebracht. Auch lehrt uns die Geschichte, daß die größten Krieger einen besondern Hang zum schönen Geschlecht hatten. Nun war es leicht, daß seine sich immermehr ausdehnende Saamenfeuchtigkeit ihn zum Heinrich IV. machte. 9.) Starke Leidenschaften können nicht lange dauern. Die Natur muß unterliegen, oder sie muß von einem Extreme zum andern übergehen. Nach den heftigen Anfällen mußte der Kranke in eine Unthätigkeit, in eine Stagnation fallen, die seiner Seele Musse gab, den zarten sanften Gesinnungen nachzuhängen, die ihm so natürlich waren. Daher der Sanftmuth, das Mitleid, die süssen Thränen etc. 10.) Die sechs Monate durch, als seine Krankheit dauerte, benahmen ihm die heftigen Stösse seiner Krankheit die Erinnerung seines Standes, seiner Religion, seines Gottes und seiner Seele; er ward wieder in den Zustand der ersten Kindheit versezt; und da keine Vorurtheile seine Kräfte mehr hinderten, folgte er dem Trieb der Natur, und ward gesund. Aber sein Glück war nur augenblicklich; seine zurückkehrende Vernunft machte ihn aufs neue unglücklich. Mit welchem Nachdruck beschreibt er nicht sein schreckliches Erwachen! »Ich fand durch die entsetzliche Entwicklung des Schauspiels, das in meiner Phantasie vorgieng, nichts als einen unglücklichen, beschämten, zu Schanden gemachten Menschen, an mir. Ich sah mich im Gegensatz der Pflichten der Religion, und der Natur. Hier drohte mir die Krankheit, wenn ich mich dagegen sträubte; dort Verachtung und Schande. Das machte mir das Tageslicht verhaßt. Oft kam mir eine Versuchung an, es zu verfluchen und mit Job auszurufen: Lux cur data misero? Nicht als hätte ich keinen Ausweg gekannt, mir zu helfen, wie der Abbe von Saint. Pierre; Man weiß daß dieser Abbe viel gegen das Celibat geschrieben; und, um sich schadlos zu halten, bey seiner Wirtschafterinn geschlafen hat aber ein edeldenkendes Gemüth verabscheut ihn. Wie kann man ohne Bedenken Kinder zur Welt bringen, welche eine doppelte Schande, die Schande ihres Vaters, und ihre eigne trift; die nie den süssen Nahmen Vater aussprechen dörfen, und von denen man den eben so süssen Nahmen Sohn nicht anhören kann! Liebenswürdige Verbindungen, woraus die süssesten Reitze des Lebens, die heiligsten Pflichten der Gesellschaft und der Religion entsprungen! Süsse Bande, die das Schrecken des Tods verdecken, und unser Daseyn bis in die fernste Nachkommenschaft ausdehnen! Köstliche Unterpfänder, vielleicht das Wesentlichste der Unsterblichkeit: Ihr seyd nicht für den Geistlichen gemacht! Das grausame Gesetz des Celibats stümmelt ihn, und schneidet ihn von der Gesellschaft ab, die ihr Geschlecht fortpflanzen soll. Uebrigens ist es nicht allen Menschen gegeben, sich über die Gesetze, Sitten und den Wohlstand hinauszusetzen, welche die allgemeine Meinung geltend, und uns die Aufbewahrung unsers guten Nahmen zu einer Pflicht macht, die edeln Seelen so kostbar ist. In dieser Empfindung rief ich mit einer Art von Begeisterung: Sed mihi vel tellus optem prius ima dehiscat, Vel pater omnipotens adigat me fulmine ad umbras, Pollentes umbras Erebi noctemque profundam, Ante pudor quam te violem aut tua jura resolvam! Sed mihi vel ... – Vergil, Aeneis IV, V. 24 – 27: Soll mich doch eher die Unterwelt verschlingen / oder der allmächtige Zeus mit seinen Blitzen zu den Schatten schleudern / zu den bleichen Schatten in der Unterwelt und in die tiefste Nacht / bevor ich dich, Keuschheit beleidige oder deine Rechte verletze. Aber ungeachtet meiner Leiden und meines Unglücks habe ich doch Ursache mir wegen einer Krankheit Glück zu wünschen, die mich zur Kenntniß des Menschen, und zwar nicht im abstracten Verstande, sondern zur Kenntniß des einzeln Menschen, meiner selbst, so wie ich bin, geführt hat. Gemäß dieser Kenntniß, ein Zögling und Schüler der Natur, will ich ihre Gerechtsame vertheidigen, und eine menschliche Einrichtung angreifen, die dem ersten aller Gesetze so sehr widerspricht; das Gewissen derjenigen, welche die Pflichten der Natur mit den Pflichten der Gesellschaft nicht verbinden können, so sehr beunruhigt; den bürgerlichen und religiosen Menschen zum Gegensatz des natürlichen und freyen Menschen macht; einen grausamen Kampf in ihm verursacht, und den auffallenden Abstich der Aufführung unsrer Geistlichen veranlaßt, von denen einige zu gewissenhafte lächerlich, die andern zu ausgelassenen aber ärgerlich, und dergestalt alle ein Gegenstand des Tadels, des Hasses, und der Verachtung der Weltleuthe werden. In dieser Absicht habe ich ein Werk geschrieben, worinn ich beweise, daß die beständige Enthaltsamkeit widerspricht: 1. Dem physischen und natürlichen Zustand des Menschen. 2. Der Medicin, die sie oft zwingt, ihren eignen Grundsätzen ungetreu zu werden. 3. Der Moral, die Jesus Christus gelehrt, und der Zucht, die seine Apostel eingeführt haben. 4. Dem Geist einer ächten und klugen Gesetzgebung. 5. Kurz den wahren Vortheilen der Religion und des Staats. 6. Endlich beweise ich, daß durch Unterdrückung dieses Gesetzes für alle bemeldten Gegenstände grosser Vortheil entstehen müsse. Diese Memoire ist für mich, und für eine Menge meiner Collegen, was für junge, empfindsame, liebkranke Ritter die Leiden des jungen Werthers sind. Nur berechtiget es uns besser zu Klagen und Mißvergnügen über die politische, moralische und religiöse Einrichtungen und Verhältnisse der Welt, die uns ängstigen, und den Weg verlegen, den unsre liebe Natur gehen will; auch ist die Catastrophe, wozu es führt, Leben, und dort eine – Pistole. Nun muß ich dir noch einen Zug meiner eignen Krankheit erzählen, der eben so sonderbar und wahr ist, als irgend einer des Herrn Blanchet. Als ich im hitzigsten Kampf mit dem Fleischteufel war, und tausend Anstalten machte, auch die geringste Regung des alten Adams zu unterdrücken, gieng ich eines Tags nach der Frühmesse, worunter ich bis zum Blutschwitzen mit dem Satan zu kämpfen, und Convulsionen hatte welche die umstehenden Andächtige vielleicht für fromme Entzückung genommen haben, fürs Dorf spatzieren, um meine Grillen zu zerstreuen. Es war ein herrlicher Tag, und die Unterdrückung meiner selbst machte mit dem treibenden Frühlingswetter den schwersten Contrast. Auf einmal empfand ich den wollüstigsten Kitzel durch den ganzen Leib; ich hatte eine Empfindung, wovon kein Dichter in der Beschreibung des Paradieses oder Elisäums was geträumt hat: Meine Brust war würklich so voll süsser Wollust, daß ich doppelt schnell athmete; aber so leicht und süß, wie es einem seyn muß, der aus einer dicken, nebelichten Luft auf einmal auf die Spitze eines sehr hohen Berges kömmt. Es war mir dabey, als wenn ich hoch durch die Luft flöge; dieß Gefühl trieb mich so stark, daß ich würklich ohne mein deutliches Bewußtseyn so stark zu laufen begann, als ich nur laufen kann. Mitten in diesem Lauf floß eine sehr starke Portion Saamenfeuchtigkeit von mir; wohlgemerkt »ohne daß sich mein Fleischstachel debey erhoben hat« Auf diese Entladung war mirs, als wenn ich aus einem Traum erwachte. Ein Bekannter stand bey Seite, und rief mich an, warum ich so erbärmlich lief? Ich stotterte – ich wüßte es nicht. – Er konnte nichts begreifen, und lächelte so heimlich dazu, daß ich verstehen mußte, er habe Zweifel wegen der Richtigkeit meines Kopfs. So oft er mir noch begegnet, werd ich roth über und über. Ich denke, wir könnten die merkwürdigsten Beyträge den Naturalisten und Medicinern liefern, wenn nicht Schamhaftigkeit und Delicatesse die meisten von uns schweigen machte. Lebe wohl! Ein und zwanzigster Brief. Den 14ten Dezemb. 1779. Daß ich von meiner Pfarre als ein armer Gefangener bin weggebracht worden, wirst du schon wissen, lieber Bruder! Daß ich dir aber aus der Karthaus bey *** diesen Brief schreibe, wird dir gewiß unerwartet seyn. Der Kommissarius vom hochwürdigen Konsistorium, welcher mich ganz unvermuthet überfiel, und in den Wagen steigen hieß, brachte mich in das bekannte Priestergefängnis; aber noch denselben Tag kam ein Befehl vom Hochwürdigsten, mich hieher zu bringen. Ich wurde dem Prior bestens empfohlen; und freue dich, lieber Bruder, mir ists in der Karthaus recht von Herzen wohl. Daß ich hier eine so gute Aufnahme gefunden habe; daß ich nicht in dem Gefängnis – welches auch schon durch seinen Nahmen schrecklicher, als jeder andere einsame Ort ist – bleiben mußte, habe ich Gutmanns Empfehlung und der Güte des Hochwürdigsten zu verdanken. Ich küsse in aller Demuth seine väterliche Hand, ob ich schon unschuldig leide: Ich sehe, daß es ihm selbst nahe geht, mich zu strafen. So viel ich habe erfragen können, haben mich die Mönche verklagt – oder doch Anlaß dazu gegeben. Meine Magd sollte anfänglich ins Zuchthaus; sie kam aber, auf ausdrücklichen Befehl, und auf Kosten des Hochwürdigsten, in das Nonnenkloster zu **. Der beste Fürst! So eben erhalte ich von Gutmann einen Brief, er ist sehr thätig für mich; er ist selbst in der Stadt, und wird mich bald besuchen, wie er mir schreibt. Er sagt, meine Unschuld sey bey Hof so gut als notorisch; sein Brief an den Geheimen Rath wäre einige Stunden zu spät gekommen; sobald ihn dieser empfangen hätte, habe er den Hochwürdigsten davon benachrichtigt, und deswegen wäre ich gleich in das Karthaus so gut aufgehoben worden. Das Konsistorium habe meinen Arrest ohne Wissen des Hofs, bloß auf das Anbringen einiger Mönche dekretirt; und daß ich noch pro forma ein Gefangener sey, geschähe nur, um meine Unschuld und des Franziscaners Bosheit in aller Form darzuthun. Derselbe wäre mit Gewalt auf das Konsistorium aus seinem Kloster gebracht worden. Die Mönche hätten alle Gnade des Hofs verschüttet, weil sie ihn nicht ausliefern wollten; unter dem Vorwand, daß es ihre Sache wäre, die schuldigen Glieder des Ordens zu bestrafen; sie schrien noch erbärmlich über Gewaltthätigkeit, und machten ihre Sache desto schlimmer. Fulgentius läugnete mit aller Frechheit; die Magd aber sey schon zweymal gerichtlich verhört, und in ihren Aussagen untadelich und ganz gleich befunden worden; sie würde übermorgen mit ihrem Verführer confrontirt werden; und wenn dieser die Unverschämtheit zu weit triebe, so hätte man Befehl, trotz seiner Priesterschaft mit aller möglichen Strenge gegen ihn zu verfahren; es seyen deswegen zween Kommissärs von dem Hofrath dem Konsistorium beygesetzt worden, um seine Schritte nach dem Willen des Hofs zu reguliren, und es zu spornen. Der Geheime Rath bäthe mich ganz ruhig zu seyn – Er hat sich selbst unterschrieben, Bruder – wie gütig! Was es doch um einen Freund, wie Gutmann – und ein gutes Gewissen für ein herrliches Ding ist! – Wir giengen so glimpflich mit den Mönchen um, wollten sie so vorsätzlich schonen – und sie fallen so plump in die Schlinge, die sie mir – weiß nicht aus Dummheit oder Bosheit, legen wollten. Sollten mich meine Verkläger würklich für schuldig, und ihre Klage würklich für ihre Pflicht gehalten haben? Es ist doch Leichtgläubigkeit, Dummheit, mich für den Thäter zu halten, bloß weil die Geschwängerte meine Magd ist, und es vielleicht in meinem Dorfe als eine Sage von den Klägern eingefangen wurde. Ich habe gute Ursache zu glauben, daß es ein mit dem Fulgentius boshaft angelegter Plan ist, sich aus der Grube zu helfen, und mich hinein zu stürzen. Sie wußten nicht, daß ich die Magd verhört, und die Wahrheit schon aus ihr gebracht hatte; sie verließen sich auf ihre Verschwiegenheit, die Würkung der Drohung mit der Rache des heiligen Franziscus. Sie wußten nicht, daß ich durch den Geheimen Rath bey Hofe festen Fuß hatte; glaubten also vielleicht bey dem Konsistorium ohne Wissen des Hofs durchzudringen – Ich will mir diese Vermuthung so viel möglich aus dem Sinn schlagen, und mich zu bereden suchen, daß sie mich aus Leichtgläubigkeit verklagt haben; ich will annehmen, daß sie von der Schuld ihres Bruders Fulgentius nichts wußten – Thue du das auch, lieber Bruder; wir wollen das Beste denken. Es wäre Undankbarkeit, wenn ich meinen hiesigen Aufenthalt Arrest nennen wollte. Ich bin ganz frey; darf das ganze Kloster, Gärten, Scheunen, Ställe durchwandern. Einige von den Karthäusern besuchen mich auf meinem Zimmer; wenn sie Colloquium haben, gehe ich unter sie alle, und auch oft zu den Bekannten in ihre Zellen. Ich habe das beste Essen und Wein im Ueberfluß. Das Kloster hat eine schöne – Klosterbibliothek. Ich will sie, so lange ich hier bleibe, aufs beste benutzen. So eben habe ich Augustinius – Ich wollte ihn über die Materie der Gnade durchstudiren; sahe unter den verbotnen Büchern den Kalvinus; und weil ich den Bibliothekar versicherte, daß ich Lizenz habe, so gab er mir ihn gutwillig. Ich vergleiche nun diese zween über das System von der Gnade – und halte sie wieder zusammen – und vergleiche – Ich kann halt mit aller Anstrengung keinen Unterschied zwischen beyden sehen. Ueber die Einrichtung der Karthäuser bin ich wirklich erstaunt. Ich hatte sie mir als finstre, hagre Krustenbewohner gedacht: Aber sie sind alle recht niedlich und reich eingerichtet; sind meistentheils frische und ziemlich muntre Leuthe. Jeder hat sein besonders Wohnzimmer, Laboratorium, Waschstube, Speiger, Keller und sein Gärtchen. Jeder hat seine besondere Beschäftigung, und es sind würklich einige sehr ansehnliche Künstler unter ihnen; ein sehr geschickter Kupferstecher, ein braver Bildhauer; ein Uhrmacher, wie man nicht leicht einen findet. Ihre Werkstätte sehen allerliebst aus. Sie ziehen sich in ihren Gärten die rarsten Blumen und Früchte; haben Vögel, Kaninchen und Katzen; das Studiren ist ihnen freylich verboten, aber in sehr engem Verstande; sie dörfen nur nicht mit Anstrengung, und nicht aus eitler Wißbegierde sich auf Wissenschaften verlegen: Die erste Bedingung ist ohnehin einem Bücherfreund nicht beschwerlich; und die zweyte läßt sich drehn und wenden, wie eine wächserne Nase, sobald der Leser eine gute Meinung macht; was er liest, Gott, oder der Ehre des H. Bruno aufopfert – oder wenn er ein Buch nimmt, um dem gefährlichen Phantasiren zu entfliehn; oder – wie es ihm immer beliebt, von seiner Lernbegierde einen geistlichen Titel anzugeben. Von der Anstrengung im Studiren haben sie einen besondern Begriff; denn diese besteht nur im Auswendiglernen, und in dem Gedächtnis: Deswegen schreiben sie ihre Predigten mit grosser Achtsamkeit auf, und lesen sie dann vom Papier weg; so beobachten sie die Bedingung, ohne Anstrengung zu arbeiten – Ich muß dir noch bemerken, Bruder, daß sie nicht, als nur für ihr Hausgesinde predigen. Reisebeschreibungen, besonders die von Jesuiten, sind ihre Lieblingslektüre. Einige lassen sich auch von guten Freunden die Zeitungen bringen; denn alles Profane läßt sich nach ihren Grundsätzen durch eine gute Meinung heiligen. Ihre Kleidung und alles ist sehr reinlich. Im Winter tragen sie Pelzröcke und Pelzstiefel, wenn sie in den Chor gehen, und ihre Zimmer sind gut gewärmt. Der Chor ist sehr hart und lang; von vier und zwanzig Stunden müssen sie ohngefähr die Hälfte in der Kirche ausdauern; sie singen alles sehr tief und langsam aus dumpfer hohler Brust. Ihre Tafel ist würklich kostbar. Sie haben die seltensten Fische, und machen sich daraus Schinken, Braten und Würste, die auch ein mittelmäßiger Kenner von Delikatessen für die besten Fleischspeisen nehmen würde. Ausser den Fasttägen hat jeder anderthalb Maaß Wein, der sehr gut ist, und auf die Fasttäge ohngefähr eine Maaß. Sie essen wenigstens einmal die Woche beysammen, und dreymal haben sie Colloquium; da gehen sie in ihren schönen Gärten mit einander, oder auch mit guten Freunden aus der Welt spatzieren, und nehmen in ihren Zimmern Besuche an. In der That, sie sind lange nicht so einsam in ihrer stillen Zelle, als der Handwerker mitten in der Stadt, der die ganze Woche mit einigen Knechten, die ihm durch Gewohnheit und Mangel an Mittheilung, oder durch den Abstand zwischen Meister, Knecht und Junge so gut als Bildsäulen sind, in seiner Werkstätte schmachtet, die Verschiedenheit und Abwechslung der der Zerstreuungen eines Karthäusers nicht kennt, und oft in einer ganzen in Schweiß und Kummer zugebrachten Woche nicht so viel zusammenbringt, daß er die Sonntäge mit seinen Zunftgenossen einen Krug Bier leeren kann. Wäre nicht der schwere und lange Chor, ich wünschte mir würklich ein Karthäuser zu seyn. Eine Menge unglücklicher Liebhaber, reducirter Officire und Hofleuthe, ausgelaufner Avantüriers, lecher Wollüstlinge oder Philosophen, Werthers, denen noch nicht ihre Mitternachtsstunde schlägt, würden meinem Wunsch beystimmen. Die Karthäuser sind unter allen Mönchen gewiß die unschädlichsten, weil sie die Möncherey außer ihren Mauern nicht ausbreiten können; und da es billig ist, daß ein Staat für alle seine Glieder sorgt, so ist eine Karthaus für denselben die wohlfeilste, und für die Konstitution der Kandidaten angemessenste Art, obbemeldte unstatistischen Leuthe unterzubringen. Nur der Chor müßte erleichtert werden, um ihren Steckenpferden mehr Raum zu lassen. Da könnten sie nun nach Belieben trottiren, galloppiren, oder auch im züchtigen, bedächtlichen Gang von Silenus Eselein umher wandeln, ohne der ordentlichen Staatsbahn in die Quere zu kommen. Sie haben die besondere Regel, oft an den Tod zu denken. Ihre Betten sollen – wie einige von ihnen behaupten, Todtenbahren seyn. Ein Profaner findet aber wenig Aehnlichkeit unter beyden. Der Uhrmacher muß auf jedes Zieferblat ein Gerippe mit Stundenglas und Hippe, der Bildhauer viele Todtenköpfe, der Kupferstecher viele Sterbende, den Teufel mit der Sündenliste dabey, abbilden. Ihr gewöhnlicher Gruß soll seyn, wenn sie sich begegnen: Memento mori : Ich habe ihn aber noch nie gehört. Entweder murmeln sie ihn zu leise, denn ihre Lippen habe ich schon bewegen gesehn; oder sie haben diese Regel gloßirt, daß es genug sey, ihn nur mentaliter auszusprechen. Wie nun alle dergleichen Mönchsregeln gerade gegen ihre Absicht würken, so ist es auch mit der Todeserinnerung. Die Gewohnheit hat ihnen alle Todtenbilder ganz gleichgültig gemacht, und die beständige Erinnerung des Todes ist gar kein Mittel, denselben förchten zu lernen: Man wird mit ihm vertraut; und weil keine Veränderung auf diese Art in der Phantasie vorgeht, so hat sein Bild gar nichts auffallendes oder schreckendes mehr. Der junge unregelmäßige Wollüstling bebt vor der Bahre, wenn er sie mitten im Tanz und Schmauß erblickt; aber niemand, der schon einige Jahre nichts anders gesehen hat. Der Soldat, der schon tausende neben sich fallen sah; der Arzt, der einen Kirchhof gefüllt; der Matrose, der schon manches Schiff scheitern gesehen, achtet den Tod gar nicht mehr, und er wird ihn also auch nicht von der Sünde abschrecken. Seneka empfielt die öftere Erinnerung des Todes, nicht um unsre Freuden dadurch zu stören, sondern uns daran zu gewöhnen, damit sie uns im Genuß nicht abschrecke, wenn sie die Quere herkömmt. Seneka und Bruno haben also sehr verschiedene Begriffe vom Tod. Ich habe durch meine eigne Erfahrung, Bruder, daß der erste wahr redet. Seitdem ich oft an Sterbebette gerufen werde, ist mir der Tod lange nicht mehr so grauslich. Die Gräber der Karthäuser müssen ohne alle Pracht, ohne Inschrift und Zeichen seyn: Damit man aber, wenn irgend ein heiliger Leichnam Mirakel würkt, den frommen Mann erkenne, so bekömmt jeder einen schriftlichen Paß mit unter die Erde. Dadurch gewinnen ihre Heiligen doch ein Bißgen mehr Credit, weil die Vermuthung, daß ihre Heiligsprechung durch würkliche Wunderwerke veranlaßt wurde, ein wenig stärker; und der Verdacht, als ob in ihrem Leben schon Anstalten zu ihrer Heiligkeit wären gemacht worden, ein wenig schwächer wird. Sie machen auch alle mit diesem Vorzug ihrer Heiligen recht viel Aufhebens. Ich habe bis jezt nur einen Mißvergnügten bemerkt; er ist sehr jung. Der Pater Vikarius war sein Novizenmeister; und er hat mir viel von ihm erzählt, was er für Mühe gehabt habe, ihn nach der Professe zu beruhigen und wie er schon einigemal versucht habe, zu entspringen: Dieses hätten sie wohl nicht mehr zu beförchten; denn er wäre in eine Zelle gebracht worden, worin ein wunderthätiges Marienbild stühnde – Dieses habe einst, als ein Professe, der auch entsprungen, und, wie sie hernach erfragt hätten, ertrunken sey, vor ihm gekniet, ihm den Rücken zugewandt, und stühnde noch heutigen Tags verkehrt in der Zelle. Glücklicher Mensch, wenn ihn ein umgedrehtes Marienbild beruhigen kann! Aber er ist nicht beruhigt, Bruder; ich sehe zu deutlich auf seinem Gesicht und in seinen Gebehrden, daß er den Vorsatz zu entwischen nur so lange aufgegeben hat, als er ihn nicht ausführen kann. Die übrigen scheinen wenigstens alle mit ihrem Stand sehr zufrieden zu seyn. Wenn ich ihre Lebensart, und ihren Wohlstand lobe, so gestehen sie einstimmig, daß sie sich recht wohl befänden: Ihr Kloster aber käme mit der Karthaus zu Mainz an Schönheit, Reichthum und Lage, in gar keinen Vergleich. Von dieser wissen sie gar viel zu sprechen. Die Lage dieser Karthaus ist herrlich, gerade der Mündung des Mains gegen über. Sie sieht auf eine Stunde am linken Ufer des Mains hinauf den goldenen Hügel von Hochheim, welcher Flecken wie eine Krone auf dem Hügel sizt. Rechts am Main die schöne Ebene von Darmstadt. Links den Rhein herunter die Stadt Mainz, einige Auen, und hinter diesen die Berge vom Rheingau, sie liegt auf einem kleinen Hügel, und schaut in die Churfürstliche Favorite, die nur durch eine Mauer von ihr geschieden ist, herab. Hier soll das nämliche Marienbild seyn, wovon eben geredet wurde; so versicherte man den Herausgeber. Wenn einer eine gegründete Klage gegen seine Karthaus hat – zum Beyspiel die Luft bekomme ihm nicht wohl – so darf er in eine andre verschickt werden. Wie wenig bey solchen Klagen auf das Gelübde der Armuth gesehen wird, läßt sich daraus schließen, daß sie Erlaubnis das Kloster zu wechseln bloß deswegen bekommen, weil sie das Bier nicht vertragen können, und ihre Karthaus keinen Wein hat. Ich dächte, ein Mensch, der im strengsten Verstand Armuth schwört, könnte mit Wasser vorlieb nehmen – Nicht als wenn ich ihnen ihren guten Wein mißgönnte, behüte Gott! Ich wünsche jeder Karthaus den berühmten vollen Keller der Mainzischen – aber ich kann es nur nicht mit der strengen Armuth zusammenreimen. So wenig nun den Karthäusern das Gelübde der Armuth Seelenblähungen verursacht, so wenig können sie das geringste, was auch nur in der weitesten Entfernung Anlaß zur Unkeuschheit geben kann, verdauen. Sie sind geschworne Feinde des schönen Geschlechts; und dörfen kein Frauenzimmer – nicht einmal den Saum seines Oberrocks – mit freyem Auge ansehen. Kömmt eines aus Vorsatz oder Irthum in ihr Kloster, so wird hinter ihm drein gekehrt, damit nicht unreiner Staub dem Geruch ihrer Seelen beschwerlich falle. Während meines hiesigen Aufenthalts ist es geschehen, daß eine Dame den Einfall hatte, die Karthaus zu besehen. Ein Kavalier, der im Kloster sehr bekannt ist, führte sie in Mannskleidern durch den Kreutzgang. Aus Bosheit oder Muthwillen war schon die Maske von jemand verrathen, und die Dame wurde würklich – hinausgekehrt. Das ist nun doch – sehr gelinde betitelt – Narrheit. Jeder hat doch, ehe er ins Kloster gieng, Frauenzimmer gesehen; und wenn er also nicht combabisirt oder origenesirt ist, so bleiben noch eine Menge Sünden in Wort und Werke gegen die Keuschheit möglich, wenn er auch kein Mädgen mehr sieht. Im Gegentheil werden diese Sünden durch das strenge Verbot alles Umgangs mit dem andern Geschlecht befördert, weil die tägliche Erinnerung dieses Verbots sie doch an Frauenzimmer denken macht, ihre Phantasie durch das Klösterliche höher gestimmt ist, und ihr Körper durch die übertriebne Menge von Eyerspeisen gereizt wird. Denke nur, Bruder – auf die Fasttäge bekommen sie gemeiniglich zum Nachtessen drey oder wenigstens zwey gesottne Eyer. Ein Ey giebt dem Körper so viel Nahrung, als ein Pfund gutes Rindfleisch – und die Karthäuser fasten mit wenigstens zwey Eyern und einer ziemlich starken Portion des besten Brods – und einer Kanne Wein! Wenn man sie mit den alten syrischen Mönchen vergleicht, die, um ihre Enthaltsamkeit zu prüfen, in Bäder und Hurenhäuser das Frauenzimmer verfolgten; so wird man wirklich verlegen, welche von ihnen man für die größten Narren erklären soll. Wie unbestimmt im Grunde der Begriff von Tugend ist! Wie sehr er von Klima, Gewohnheit, Erziehung, oder Noviziat abhängt! Die alten Mönche in Syrien glaubten, daß Keuschheit nur Tugend sey, wenn sie geprüft, wenn sie der Gefahr ausgesezt würde; und die Karthäuser glauben, daß man schon eine Unkeuschheit begeht, wenn man auch den unschuldigsten Gegenstand mit freyem Auge ansieht. Zwischen diesen beyden Extremen liegt wohl die Tugend in der Mitte, wird aber bekanntlich von den Schwärmern verachtet und angespien. Der ehrliche Bürger, der weder aus Trotz auf seine Enthaltsamkeit in Bordels läuft, noch Konvulsionen bekömmt wenn er eine von dem Schöpfer metamorphosirte Adamsrippe erblickt – sondern sein Weibchen in Lieb und Treue herzt – der schlendert zwischen beyden Luftspringerbanden dem Himmel geradezu; und mancher der Kapriolanten bricht sich unterdessen das Bein, oder gar den Hals. Mich wundert es in der That, daß kein Patriarch auf den Einfall gekommen ist, einen Kastratenorden zu stiften. Bey der grossen Mühe, welche sich die Ordensstifter gegeben haben, die schönste Hälfte der Natur zu unterdrücken, und die Nachwelt zu entvölkern, wäre das Verschneiden der kürzeste Weg gewesen, ihren Zweck zu erreichen. Da die meisten sehr jung in die Karthaus, und gerade aus der Schule gekommen sind, so ist die Sphäre ihrer Kenntnisse von Dingen unter dem Monde höchst enge. Sehr natürlich ist es, daß sie zum Lachen leichtgläubig sind, besonders die, welche keine Freude am Lesen haben. Wenn jemand zu ihnen kömmt, und viel gereist ist, so hat er seine liebe Noth mit Erzählen: Aber kek kann er ihnen Hottentotten mit langen Schwänzen; Riesen, die ihre Köpfe unterm Arm tragen, und, wenn sie etwas niedriges sehen wollen, solche mit den Händen auf den Boden halten; und kurz das tollste zeug vorlügen, ohne daß ihm widersprochen wird. Gestern wurde von Schiffen geredet: Sie fragten mich, ob ich noch keine gesehen habe? Ich sagte ihnen, grosse Schiffe habe ich noch nicht gesehen. Nun fiengen sie an Wunder zu erzählen, was ihnen ein Kapuziner, der von Venedig nach Palästina gefahren ist, von Schiffen gesagt hat: Die venetianischen Schiffe wären von Leder; und ringsum recht wohl verwahrt, daß weder oben noch unten auch nur ein Tropfen Wasser hinein könnte: Da wären nun die Leuthe alle drinne, und das Schiff würde immer wie ein Ball von Wellen und Wind fortgekugelt, daß den Augenblick der obere Theil unten, und der untere oben sey: Die Leuthe müßten sich inwendig vest anbinden, oder sie würden immer mit dem Schiff herumgerollt, und könnten so den Hals abstürzen. Ich weiß nicht, wars Prahlerey, oder Muthwillen von dem Kapuziner. Ich machte ihnen eine Beschreibung von Seeschiffen, so wie ich sie von vernünftigen Augenzeugen hatte; daß sie eben so von Holz, und fast auch auf die Art gebaut wären, wie unsre Holzschiffe; sezte die Masten und Segel darauf etc. Aber meine Schiffe fanden nicht so viel Beyfall, als des Kapuziners lederne; und sie waren einig, daß man mich entweder belogen hätte, oder die Schiffe andrer Nationen müßten von den venetianischen sehr unterschieden seyn. Unter dem grossen Haufen Manuscripten in der Bibliothek, die meistentheils Predigten für das Hausgesinde sind, fand ich eine alte französische Abhandlung über die Eitelkeit der Welt, vom seligen Bruder Hugo, geschrieben im Jahr 1620. Entweder glaubten die Kartäuser in diesem Bändchen nichts anders zu finden, als den uralten salomonischen Denkspruch: Alles ist Eitelkeit, wodurch ohnehin alle ihre Bücher voll sind; und sie lasen es also nicht, weil sie nichts neues darin vermutheten: Oder es blieb ungelesen, weil sie noch keinen Bibliothekar hatten, der Französisch oder Altfranzösisch verstuhnd. Die Hauptabsicht des Verfassers ist, zu beweisen, daß, da alles Eitelkeit ist, es unter allen Eitelkeiten die größte Eitelkeit sey, sein einziges Geschäft für sein Lebenlang daraus machen, das vanitas vanitatum den ganzen Weltlauf hinanzubellen. Seine Betrachtungen über die Triebfedern der moralischen und physischen Welt sind sehr gefährlich: z. E. Wie wenig der Mensch von sich abhänge; wie sehr er Sclave vom Ohngefähr und den geringfügigsten Umständen, Sklave seiner eignen Eingeschränktheit ist, u. dgl. – Er führt das Beyspiel ihres Ordensstifters, des Heiligen Bruno an – Wie eitel der Entschluß dieses geistlichen Vaters – wie eitel die Nachfolgung seiner Kinder sey, da der ganze Orden im Grunde von einer Unverdaulichkeit, vielleicht einem Dutzend zuviel gegessener Austern, eines Cölnischen Domherrn abhienge. Durch den Tod dieses Domherrn wurde Brunos Bekehrung veranlaßt. Er ruft dann sehr pathetisch aus: Wie, Tugend und Laster, gute und böse Unternehmungen, Heiligkeit und Verdammung von einem Dutzend Austern, und oft von Einer Auster, oder einem guten oder schlechten Gläschen Wein abhangen! Drauf fragt er sehr trotzig den Sokrates, Aristoteles, Plato, Salomo, und eine Menge andrer Weisen, ob sie mit all ihren Speculationen einen Unterschied zwischen Tugend, Laster, und der Laune (humeur) finden könnten? Sie sollten ihm antworten. – Und da er keine Antwort von ihnen bekömmt, so antwortet er selbst: daß die Tugenden und Laster, alle moralische Bewegungen, eitle, kindische Launen seyen, ein Spiel unsers Bluts; und nun sezt er wieder, wie beym Schluß jedes Paragraphs, das salomonische Sprüchlein bey: Vanitas vanitatum, \& omnia vanitas! Nun folgt eine drollige Betrachtung, wie sehr das Menschengeschlecht Sklave seiner Eingeschränktheit in seinem Thun und Lassen wäre. Höre nun Bruder, wie drolligt er anfängt: Wenn mich ein Ochs stößt, oder ein Hund beißt, und ich schreye: Hohle dich der Teufel! So wird sich kein Zuschauer an meinem Fluche ärgern: Kömmt aber ein Schauer, und schlägt mir die Fenster ein, verwüstet mein Gärtchen, und ich fluche dem Wetter, so schreyt jeder Zetter über mich. Warum? Fragt er: Weil der Hagel ein Geschicke Gottes ist, dem ich nicht fluchen darf, sagen sie. Ist denn der Hundsbiß nicht auch ein Geschicke Gottes? Gott hat freylich Wasser, Erde und Luft gemacht, mit all ihren Kräften, und hat sie so und so verbunden. Nun steigen die Dünste der Erde und des Meeres ganz mechanisch empor; verdicken sich durch allerley Bewegungen ganz mechanisch, und werden der untern Luft ganz mechanisch zu schwer; gefrieren in der Kälte, und schlagen mir nun ganz mechanisch Fenster und Garten zusammen. Gerade so gehts mit dem Hundsbiß. Gott hat dessen Mutter und Vater geschaffen. Er wurde gebohren; seine Nerven und sein Blut kamen jezt, so mechanisch und nothwendig, alles wie beym Wetter, in die Bewegung, daß der Biß unvermeidlich war. Nun aber kann es sich fügen, daß mir die Würkungen des Schauers viel schädlicher werden, als der Hundsbiß; und vernünftiger Weise sollte mir in diesem Fall das Fluchen verzeihlicher gegen das Wetter, als gegen den Hund seyn. Warum verzeihen sie mirs aber nicht so leicht? Weil sie über den Hund mehr unmittelbare Gewalt haben, als über das Wetter; das schmeichelt ihrer Eigenliebe; und diese gebiert den tyrannischen Wahn, daß Fluchen und Schlagen gegen alle mehr untergeordnete Dinge eher erlaubt sey, als gegen die welche außer unserm Würkungskreise sind. Dieß nun ist eine Ursache; und die zweyte ist: Weil sie aus Blindheit glauben, daß Gott auf den Schauer unmittelbarer würke, als auf den Hundsbiß; und dieser Irrthum macht nun, daß sie gegen das Wetter mehr Ehrforcht oder Religion haben, als gegen den Hund. Die Eingeschränktheit ihrer Einsicht aber, welche diese Ehrforcht verursacht, ist doch wahrhaftige Eitelkeit; so wie auch die obbemeldte Eigenliebe und Tyranney vanitas vanitatum, \& omnia vanitas ist. In den folgenden Absätzen läßt Bruder Hugo noch deutlicher merken, daß, wenn er kein Atheist, doch wenigstens ein abgeschmackter, toller Deist sey. Er schließt seine Deklamation damit, daß er sagt, der Gipfel aller menschlichen Eitelkeit hienieden wäre, daß es Leuthe gebe, die am meisten von dieser Eitelkeit überzeugt seyn, und doch ihr Geschrey über Eitelkeit, und ihre Verachtung der nichtigen Welt so geltend und wichtig machen wollten, daß sie damit in den Himmel stürmten. O eitle Eigenliebe, sagt er! Unter allen Eitelkeiten soll gerade ihr Bauchgrimmen über Eitelkeiten ganz allein selbständig und gut seyn! Er ermahnt dann seine Ordensbrüder, in dem Wort vanitas ihre eigne Wenigkeit ja mit einzuschließen; selbst ihr Gebet, ihre guten Werke, ihre Tafel, und ihren Keller; und besonders sollten sie eben ihre Verachtung der irdischen Dinge als eitel verachten, indem sie auch eine menschliche, irdische Handlung sey, und vanitas vanitatum, \& omnia vanitas. Wenn die Karthäuser wüßten, welches Gift in diesem Manuscript verborgen läge, mit Fluch und Verdammung würden sie es in aller Feyerlichkeit verbrennen. In der Vorrede sagt Bruder Hugo etwas von seinem Lebenslauf – Wie er sich mit allem Fleiß und Ruhm lange Zeit auf der Universität zu Paris den Wissenschaften gewiedmet habe; dann lange als Civilbedienter seinem Vaterlande gearbeitet, und aus Gram über eine unglückliche Liebe seine Stelle verlassen habe – Da habe er zum erstenmal die Eitelkeit der Welt erkannt. In seiner Verzweiflung sey er in den Krieg gegangen; da habe er sich recht von aller Eitelkeit überzeugt. Er erzählt dann, wie er zu Wasser und Lande noch herumgehudelt wurde; und endlich aller Eitelkeit satt in die Karthaus gienge, um dem eitlen Weltgetümmel zu entfliehn. Er habe aber gefunden, daß eine Karthaus auch Eitelkeit sey, und deswegen nöthig erachtet, dieses Werklein zu schreiben. Alle frommen Kirchenlehrer, alle Freygeister von allen Fahnen, alle guten und bösen Leuthe sind einig, daß alles unter dem Monde Eitelkeit ist: Fragt man aber den Kirchenlehrer, ob sein Foliant z. B. von dem Himmelreich, oder der geistlichen Hierarchie, auch Eitelkeit sey; so weiß ich nicht, ob man bey all seiner Frommheit nicht Gefahr laufe, den Folianten sehr unsanft vor den Kopf zu bekommen. Frage du den Zeloten, ob auch seine Strengheit, den Mönch, und auch seine Kutte Eitelkeit seye! – Im Grunde sind die Rotten Freygeister mit Salomon und sich selbst einiger und gleicher, als diese frommen Männer; denn sie legen doch ihren eignen Bemühungen nicht das Gewicht, nicht die trozige Zuverlässigkeit bey, als die andern. Mit mir muß es nun besser werden, lieber Bruder! Durch diesen Zufall werde ich gewiß gegen alle fernere Unternehmungen der Mönche sicher gestellt. Meinem Dechant ist ohnehin schon alle Lust vergangen, nach seinem löblichen Model einen Pfarrer aus mir zuzuschneiden. Nun merk auf, Bruder, nun kömmt noch das Beste! Gestern kam der Prior und Schafner der hiesigen Karthaus aus der Stadt zurück. Sie waren bey dem Consistorialrath **, und es wurde viel von mir geredet. Du weist, die Pfarre ** ist vakant, und der Consistorialrath versicherte meine lieben Mönche, daß ich die beste Hoffnung hätte, diese Pfarre zu bekommen. Es geschehe theils wegen meinen s. v. Verdiensten; theils zur Satisfaction meines unschuldigen Arrestes. Das wäre nun mehr, als ich mir zu wünschen getraute. Ich wäre um zwey Drittel näher bey dir, und hätte allerdings dreymal so viel Einkünfte, als jezt. Lebe wohl, Bruder! Zwey und zwanzigster Brief. Den 21ten Dezemb. 1779. Ich habe dir so viel zu schreiben, Bruder, daß ich würklich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Auch kann ich dir für dießmal keinen so langen Brief schreiben, wie sonst; denn ich bin eben mit Einpaken beschäftigt. Aus unsrer Nachbarschaft wird nichts, Bruder. Es ist mir sehr ärgerlich; wenn schon die neue Pfarre, die ich beziehe, wie man mir sagt, noch einträglicher ist; gerne wollte ich jährlich 100 Gulden, auch mehr missen, um nahe bey dir zu seyn. Den Mann, dessen Pfarre mir eingeräumt wird, und den du an meiner Statt zum Nachbarn bekömmst, hat der Hof versetzen müssen, weil er ein hitziger baumstarker Kontroversist ist, und mit benachbarten Protestanten, Händel anfieng. Es ist der Pfarrer von ** – du weist, der Flecken liegt mitten unter Protestanten. Mir macht diese Mutation wirklich Ehre; denn man hat ausdrücklich beygesezt, daß ich diese gute Pfarre theils zur Satisfaktion, theils deswegen bekäme, weil man überzeugt wäre, daß ich durch Friede und Eintracht wieder gut machen würde, was mein Vorfahrer verdorben hat. Wie gefällt es dir, Bruder, daß du einen so rüstigen Kirchenhelden zum Nachbarn bekömmst? Ein Ketzer wirst du, Bruder, das weiß ich gewiß. In den ersten vier Wochen hat er dich dazu demonstrirt. Wie will ich lachen, wenn ihr einander in den Haaren liegt! Wage dich nur recht, Bruder, mit Wort – und einem tüchtigen Stock – zausse ihn, und schlag ihm die Rippen zusammen, daß es kracht. Ich weiß daß er seinen Mann an dir findet, besonders wenn es zu Faustschlägen kömmt. Daß ich so recht mitten unter die reissenden Wölfe, die Lutheraner komme – was denkst du, Bruder, werd ich meine Schäflein gegen ihre grimmigen Zähne schützen können? Ich weiß, daß unter zehn Pfarrers von unsrer Religion gewiß neune sind, die sich alle vorstellen, daß sie unter einen Haufen Bestien kommen, die alle mit funkelnden Augen die Zähne gegen sie wetzen. Aber ich gehe mit grösserer Freude unter sie, als wenn in der Gegend umher nichts als erzkatholische Mönchsklöster wären. Ich weiß gewiß, daß diese einem guten Pfarrer wärmer machen, als alle Protestanten in der Welt zusammen. Gewiß hat auch mein Vorfahrer selbst allen Anlaß zum Zwist gegeben; und gewiß haben sie seinen Kontroverseifer aufs höchste steigen lassen, ehe sie sich mit ihm abgegeben haben. Gutmann geht mit mir – Der gnädige Herr macht es ihm so toll, daß ers nicht länger aushalten kann; aber er protestirt gegen alles Anerbieten von freyer Wohnung und Tafel. Wenn er menagirte, sagt er, käme er recht artig mit seinem Einkommen aus; ich könnte den Nothleidenden etwas mehr thun. Etwas ist also doch von meinem Traume in der Karthaus wahr geworden. Wie ich von da wegkam, und wie die Sache mit Fulgentius abliefe, sollst du den Augenblick erfahren, Bruder. Zween geistliche Räthe hohlten mich in einem Hofwagen ab, und brachten mich auf das Konsistorium, wo Fulgentius mir Abbitte thun mußte, daß er geflissener Weise in meinem Dorf den Argwohn gegen mich rege gemacht hat, was ihm durch Zeugen aus dem dritten Orden bewiesen wurde. Diese wollten freylich nicht bekennen; aber es sind eine Menge Zeugen gegen die Tertianer freywillig aufgestanden, daß sie endlich nicht länger läugnen konnten. So unverschämt und trotzig auch der Mönch in der Konfrontation that; denn er fieng gleich mit der grossen Sottise an, daß es von dem Konsistorium unartig wäre, ihn stante pede gegen eine Hure zu verhören; und forderte sehr ungestüm einen Stuhl – sobald war er gefangen. Das Konsistorium begieng die Schelmerey, und ließ ihm einen grossen Lehnstuhl hinsetzen, um seine Prostitution glänzender zu machen. Er wurde zu ewigem Klostergefängnis und monatlichen Fasten bey Wasser und Brod verdammt; und seinem Kloster wurde das Urtheil mit der nachdrücklichsten Warnung zur Exekution übergeben, daß man es gewiß nicht ungeahndet lassen würde, wenn sie es nicht pünktlich vollführten, oder ihn verschicken würden. Gegen die Magd verfuhr man sehr gelinde. Sie soll im Nonnenkloster niederkommen, und vier Wochen ohne Schläge im Zuchthaus arbeiten; und einige geistliche Räthe haben mich versichert, daß sie sie in ihre Dienste nehmen würden, wo sie an nichts Mangel haben sollte. Bey einem geistlichen Rath ist sie als Wirtschafterin gewiß am besten aufgehoben, nicht wahr, Bruder? Mich hat die Abbitte des Fulgentius gewiß mehr erniedrigt, als ihn selbst. Ich fühlte, daß ich über und über brennroth wurde. Wenn ich auch nur die zweyte Person bey einem gerichtlichen Akt spielen sollte, so weiß ich, daß ich würde aus der Fassung kommen, weil mir alle Formalitäten überhaupt, alles Gepränge, unausstehlich sind: Und nun mußte ich noch dazu vor dem hochwürdigen Konsistorium in pleno die erste Rolle machen, und mußte einen Habit vor mir prostituirt sehn, dessen Saum zu küssen ich vor einigen Jahren mich nicht würdig achtete. Er kaute seine Abbitte, wie man sie ihm geflissentlich recht zum Erbarmen diktirte, ohne alle Schamerröthung im ordentlichen Choralton heraus, als wenn er das dixit dominus meo dixit ... – Dixit Dominus Domino meo: Der HERR sprach zu meinem Herrn: »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.« Psalm 110 auf seinem Chor anstimmte; die eine Hand stützte er auf den Lehnstuhl, und schlug sehr pathetisch die Hälfte seines Mantels über die Achsel zurück; und mit der andern hatte er das Ende seines Gürtels genommen, und schlug damit recht taktmäßig auf seinen grossen Rosenkranz. Wäre ein Zuschauer da gewesen, der von dem Verlauf nicht wohl unterrichtet gewesen wäre; er hätte gewiß geglaubt, Fulgentius diktirte mir eine Abbitte. Ich war sehr froh, als es zu Ende war. Ich habe dir noch nicht gesagt, daß Gutmann Wort gehalten; und des andern Tags, nach Absendung meines leztern Briefs, in der Karthaus mich besucht hat. Was ich bey seinem Besuch gefühlt habe, wie ich ihn genossen habe, kann ich dir nicht beschreiben, Bruder. Du must selbst so was empfunden haben, um dir eine Vorstellung davon machen zu können. Mein Arrest war mir da so lieb, wahrhaftig Bruder, ich wünschte, daß er noch härter seyn möchte, nur seiner Gegenwart mehr Gewicht beylegen zu können. Mein Schulmeister war ganz untröstlich, daß er mich und Gutmann verliert. Wir haben ihm versprechen müssen, oft zu schreiben, und ihm Bücher zu schicken. Gutmann that noch mehr; er will sich so viel möglich verwenden, ihn auf die Schule bey uns zu bringen. Er hatte erst viel einzuwenden, daß er schon bey Jahren sey – das Reich, welches jezt unter seinem Zepter stühnde, genau kennte, und bey einer Veränderung aber unsäglich viel zu thun hätte, um erst seine Unterthanen kennen zu lernen. Gestern aber kam er in vollem Athem gelaufen, daß er nun nichts so sehr wünschte, als bald von hier wegzukommen; indem der gnädige Patron dieser unglückseligen Pfarre ein Subjekt gewählt habe, das er nie ansehen könnte, ohne Lust zu bekommen, es anzuspeyen. Arme Kinder, die ich nun verlassen muß, um sie wieder der despotischen Möncherey zu übergeben! Ich weinte, Bruder – weinte lange über das Schicksal meiner Gemeinde. Der künftige Pfarrer ist der Schreiber des gnädigen Herrn, der die Hunde, Knechte und Mägde mit der nämlichen Peitsche auf dem Schloß zusammenschlägt, daß der gnädige Herr bersten möchte für Lachen, wenn er zusieht; wie das Canaille herumtanzt und heult. Seine größte Kunst ist, mit den Fremden, die der gnädige Herr zur Tafel bitten läßt, ein hübsches Späßchen zu treiben: Dem einen unvermuthet den Stuhl wegzuziehen, wenn er sich setzen will, daß er recht possierlich niederfalle: Dem andern Bier unter Wasser, anstatt des Weins, einzuschenken: Dem den Hut schwarz zu färben, und ihn dann zwingen sich zu bedecken, daß er hernach bey Tische zur angenehmen Unterhaltung, einen schwarzen Strich auf der Stirne hat, und jenem unvermerkt die Knöpfe vom Kleid zu schneiden etc. – Du siehst also, Bruder, daß mein Nachfolger ein noch würdigerer Kandidat ist, als ich es war – und er findet keinen Gutmann! Ich würde ihm gern diesen Mentor zurücklassen, wenn dieser selbst nicht versicherte, daß er sich mit einer solchen Kreatur nie abgeben würde. Mit den Mönchen steht er sehr gut; mit einigen von ihnen, die in der ehrwürdigen Qualität als Spaßmacher auf dem Schloß die Tafel haben, ist er gar Du. Er wars auch, der den Fulgentius beredete, die trächtige Kuh zu schießen, und ihm dadurch die schmackhafte Jagdkollation anrichtete. Er ist der Mann, der die Wildschützen grausamer verfolgt, als diese das Wild. Es ist noch nicht gar lange her, daß in Oberschwaben ein Wildschütz zur inniglichen Freude seines Landesvater lebendig auf einen Hirsch geschmiedet, und sodann in Gehölze gesprengt wurde. – O Menschheit und Beckaria! – Hier hilft keine Litteratur, keine Aufklärung; die Thüren sind ihr noch zu stark verriegelt. Für diese deutschen Hyperboräer ist keine Hülfe, als von dem kaiserlichen Ansehen zu erwarten; der kaiserliche Hof kann aber mit all seinem Ansehen und dem besten Willen nicht helfen, wenn er von den Thatsachen nichts weiß; und wer will es ihm zu wissen thun? Freunde des verurtheilten? Wehe ihnen, wenn sie an ihr Vaterland gebunden sind, und es der Rath des regierenden Herrn erfährt. Heute ist es schon im ganzen Dorf bekannt, daß er die Pfarre bekömmt. Nun habe ich meine liebe Noth mit Abschied nehmen. Leuthe, die ich wegen Verhetzung der Mönche für meine größte Feinde hielt, kommen nun, und nehmen mit nassen Augen Abschied von mir. Mich macht so was zu weich, als daß ich es wie ein Mann aushalten könne, so lieb es mir auch an sich ist. Alle zucken die Achseln und sehn gen Himmel, wenn ich sie damit trösten will, daß mein Plaz vielleicht besser von meinem Nachfolger, als von mir selbst besezt wird. Wenn ich ihnen sage, daß Gutmann auch mit mir geht, der vielen von ihnen mehr als Vater war, so fällt ihnen zusehends aller Muth. Die armen Waisen! Der Mann, der nach seinem Beruf, und nach seiner Bestimmung von der Wiege an – ihr Vater seyn sollte: Der gnädige Herr weiß gar nicht, daß sie zu etwas anders auf der Welt sind, als Steuer zu bezahlen, seine Frohndienste zu thun, sein Wild zu treiben, und sich prügeln, hängen, köpfen, rädern zu lassen. Herr Gutmann hat mir oft bewiesen, daß kein Türk den niedrigen Begriff von einem Christensclaven hat, den ein solcher deutscher Cavalier von seinen Unterthanen hat. Der Muselmann ist nach seinem Gesetz Herr, über Leben und Tod seines Sklaven; und seine Unmenschlichkeit, die doch seltner ist, als unter dem deutschen Adel in gewissen Gegenden, hat also Grund für sich: Aber der deutsche Cavalier hat die sanfte Religion und Reichsverfassung, das Beyspiel des gesitteten Adels andrer benachbarten Reiche, oder deutschen Provinzen; sein Begriff von seinen Unterthanen muß also niedriger, und seine Unmenschlichkeit muß größer seyn, als des Türken seine, weil sie ihn gegen die laute Stimme der Religion, Reichsgesetze und des Beyspiels andrer taub macht. Das grausame Jagdrecht ist Herrn Gutmann am anstößigsten; und er sagt oft, daß er es einem Regenten nicht sehr verübeln würde, der sich sonst Mühe gäbe, seine Unterthanen zu beschäftigen; aber hier zu Lande, wo sich die Landesväter gar nicht bekümmerten ihren Kindern Nahrung zu schaffen; die müssigen jungen Leuthe zu beschäftigen, wäre es auch nur mit der Muskete – Hier zu Lande wäre es unverzeihlich, so grausam strenge auf das grausame Jagdrecht zu halten. Es giebt Philosophen, die es vielleicht mit der Menschheit recht gut meynen; aber die Menschheit nicht nehmen, wie sie würklich hienieden auf Gottes Erdboden ist – Die wollen beweisen, daß, wo nicht der Soldatenstand überhaupt – doch eine sehr zahlreiche Armee, der Menschheit schädlich sey. Es giebt viele Gründe, warum eine starke Armee jedem Staat, folglich der Menschheit zuträglich sey. Ich will nur zwey anführen, die nicht auf die äußere Grösse eines Staats, sondern auf seine innere Constitution Bezug haben. Erstens beschäftigt der Soldatenstand eine Menge müßige Leuthe, die, wenn dieser Stand nicht wäre, entweder ihr Vaterland verlassen, Mönche – oder gar Räuber und Wildschützen werden müssen. Wer sagt, man könne diese Leuthe zu was besserm, als z. B. zum Ackerbau, Manufakturen etc. gebrauchen, und schwäzt eine Gemeinstelle her, die er nicht versteht; die praktische Wahrheit dieser Gemeinstelle hängt von einer unzähligen Menge Nebenumstände ab, die sie für eine Menge Staaten so unbrauchbar machen, wie die Statistik des arabischen Emirs im goldnen Spiegel. Schwaben hat so viele Auswandrer; Italien so viele Banditen; Bayern so viele Mönche; und, bey so vielen vollen Galgen und Rädern, doch noch so viele Räuber; hauptsächlich weil sie keine proportionirte Armee haben. Wenn man aus Bayern in Oestreich kömmt, so wird man augenscheinlich davon überzeugt. Die östreichischen Criminalisten sind noch sehr gelinde; und doch ist ein Räuber ein seltnes Ding in Oestreich; und in Oestreich sind obendrein die Klöster nicht so offen, wie in Bayern. Die zweyte Ursache ist: Weil ein starker Kriegsetat eine regelmäßige sistematische Anstrengung eines Volkes ist, welche ihm Geist und Thätigkeit giebt. Die zweckmäßige vereinigte Anstrengung desselben ist der einzige Maaßstab seiner Glückseligkeit und Grösse. Nicht die Volksmenge macht einen Staat glücklich und groß; es giebt viele bevölkerte Staaten, deren Bürger nicht glücklicher, und der ganzen Menschheit nicht wichtiger sind, als ihre Heerden Vieh. Man darf eben nicht bis in China wandern, um sich davon zu überzeugen. Manchen Staaten ist die ungeheure Summe ihrer einzelen Kräfte ein Hindernis ihrer Anstrengung, folglich ihrer Glückseligkeit und Grösse. Die Thätigkeit, Klugheit, Glückseligkeit und Grösse der Preussen ist eine Folge ihrer Anstrengung, des Gebrauchs ihrer wenigen Kräfte; und diese ist meistentheils durch den grossen Kriegsetat rege gemacht worden. Beförderung des Ackerbaues und der Manufakturen sind natürliche Folgen eines klugen ökonomischen Kriegsetat. Man vergleiche alle Völker der Geschichte und der jetzigen Welt, ob nicht Industrie allezeit desto grösser bey ihnen war oder ist, je grösser und regulirter ihr Kriegsetat ist. An der Industrie eines Volks ist eigentlich der Menschheit gelegen; denn sie ist die Muter der Erfindung, und der Ausbreitung des Erfundenen. Ich nehme diesen starken Grund für eine starke Armee nur insoweit, als er die Industrie, und die innere Glückseligkeit befördert; wovon natürlich die äußere Grösse und Ueberlegenheit eine Folge ist. Völker, die sich anspannten – wenn sie auch unter der Anspannung erlagen, wenn sie sich auch überspannten, sind eigentlich Menschen für die Allheit. So sind Griechen der ganzen Welt wichtiger als Parther und Mogulen, ob sie schon Schlözer aus Haß gegen Belletristerey als Nebenvölker behandelt. Und eine Armee ist die zweckmäßigste, concentrirteste Anspannung einer Nation. Auch in kleinern Staaten behält dieser Grund sein Gewicht. Man vergleiche Hessen, Hannoveraner, Sachsen mit andern Deutschen. Eine regulirte Armee hat eine Menge Bedürfnisse und Verbindungen, die den Verstand und die Industrie des ganzen Staats rege machen. Auch giebt das militärische einem Volk eine gewisse Regelmäßigkeit, eine geometrische, taktische Sicherheit im Denken und Handeln, die immer einem Staat nützlicher ist, als alle Belletristerey und Empfindeley. Es fällt mir würklich hart, Bruder, die guten Leuthe zu verlassen. Das Mönchswesen wird nun desto grausamer auf diese Heerde losstürmen, je grössere Mühe Gutmann und ich bis jezt angewandt haben, es abzuhalten. Nun kömmt alle Hitze der Rache, und des Eroberungseifers einer alten bis jezt streitigen Provinz, von meinem Dechant und den Franciscanern dazu. – Ich kann nicht weiter daran denken, Bruder. Lebe wohl! Ende des zweyten Bandes. Dictionnaire Sachen Die Schreibweise erfolgt in der heute üblichen Form, also z. B. Elisäum = Elysium, Ecclesiastica = Ekklesiastika usw. Abstinenz – Enthalten vom Fleischessen Abtei – ein Kloster, dem ein Abt / Äbtissin vorsteht. Die Erhebung eines Klosters zur A. erfolgt durch den Papst. abusive – mißbräuchlich Adamsrippe, metamorphosierte – eine Frau, vgl. Gen. I. Kap. 2: »Und er nahm seiner Rippen eine ... und baute ein Weib aus der Rippe, ...« Admonition – Ermahnung Affirmieren – bejahen, bekräftigen akkompagnieren – ein Lied auf einem Instrument begleiten Akkord – Einigung zwischen Schuldner und Gläubiger, hier (18. Brief der Mönchsbriefe): Vertrag, Vereinbarung Albigensern – (Katharer), christliche Sekte mit großer Verbreitung vom 11. bis 14. Jahrhundert, besonders in Südfrankreich. Den A. war das Töten von Mensch und Tier, das Fluchen und das parasitäre Nichtstun verboten. Sie lehnten das A. T. wegen der Unzulänglichkeiten der Schöpfung ab. Die A. wurden in mehreren Kreuzzügen brutal ausgerottet. Alfanzerei – Possen, Lügen Allerheiligen – katholisches Fest am 1. November amerikanischer Krieg – der Freiheitskampf der englischen Kolonien in Nordamerika 1757 – 1781 Anathem – Kirchenbann annektieren – hier (18. Brief der Mönchsbriefe): hinzufügen Anthropomorphosie – Vermenschlichung (des Heiligen) applizieren – anwenden approbieren – genehmigen, zulassen apropos – nebenbei bemerkt Ärarium – Zeitalter Arbela – Stadt im Irak, hier besiegte Alexander der Große –331 den Perserkönig Dareios III. Arkanum – Geheimnis Äsop – griech. Fabeldichter, lebte um –600 Assenta – Assentierung: Musterung Atheismus – Verneinung der Existenz Gottes attrapieren – erwischen, ertappen Augustiner – kein einheitlicher Orden, er besteht aus den A.-Chorherren bzw. –frauen, den A.-Eremiten und den A.-Nonnen. Sie leben nach der Regel Augustins. Avantüre – (Liebes)abenteuer Axiom – keines Beweises bedürftiger Grundsatz Babels Gebäude – der Turmbau zu Babel, s. 1. Mos. 11 Bacchanten – Anhänger des Weingottes Bacchus Barfüsser – der katholische Orden der Augustiner-Barfüßer, die Mönche leben nach der Augustinusregel Bartholomäusnacht – das Massaker am 24.08.1572 an 2000 französischen Protestanten (Hugenotten) Basilisk – mythisches Tier, gilt als König der Schlangen, sein Blick tötet Belletristerey – Belletristik, schöngeistige Literatur Benediktiner – auf B. von Nursia zurückgehender Orden, der angeblich 529 das Kloster Montecassino gründete. Die Mönche beten nicht nur, sondern arbeiten auch: Ora et labora.« Benediktiner, den ersten Schritt zur Kultur – gemeint ist Bonifatius (15. Brief der Mönchsbriefe) Benefizium – mit einer Pfründe versehenes Kirchenamt Benevolenz – Wohlwollen Bengel – Prügelstock Bernhardiner – die Augustinermönche auf dem Großen St. Bernhard in den Alpen beschneiden lassen – zur jüdischen Religion übertreten Bibel = Heilige Schrift Bild des gekreuzigten Gottes – s. »Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder zu Paris«, Vier und dreißigster Brief. bonmot – geistreicher Ausspruch Bourbonen – Bourbonische Höfe: Frankreich und Spanien Bramahnen – buddhistische Priester Breve – ein einfacher päpstlicher Erlaß, s. Bulle Brevier – Gebetbuch eines Klerikers Brüderschaft – religiöse Vereinigung, z. B. die Erzbruderschaft St. Michael, die katholischen Priestern und Laien offensteht Buchdruck – die um 1450 erfolgte Erfindung des Druckens mit beweglichen Lettern im Bleisatz (Schwarze Kunst). Erfinder ist der »Mann des Jahrtausends«, Johann Gutenberg. Er wirkte in Mainz und Straßburg. Heute ist diese Technik vom Rotationsdruck völlig verdrängt, wurde aber in Deutschland noch bis 1997 von einem Verlag gepflegt. Übrigens: Zu den ersten Kunden des Buchdrucks gehörten die Ablaßhändler, die sich nun viel Arbeit ersparten: Der Ablaßbrief lag gedruckt vor, es brauchten nur noch die individuellen Daten wie Name, Sünde, Ablaß und Betrag eingetragen zu werden. Anders als im 14. Brief der Mönchsbriefe gesagt, hat Gutenberg den Buchdruck der Menschheit in einer solchen Vollkommenheit übergeben, daß es 300 Jahre lang keinerlei Verbesserungen gab. Büchse der Pandora – Pandora war die erste Frau der griech. Sage. Sie öffnete diese Büchse, woraufhin alle darin enthaltenen Übel auf die Menschheit kamen. Nur die Hoffnung blieb zurück. Bullam in Coena Domini – eine alljährlich verkündete päpstliche Bulle mit aktuellen Verfluchungen »wie wir denn sehen, dass der Papst thut am grünen Donnerstag in der Bulle Coenae Domini, und wenn's ihn gelüstet« (Luther) Bulle – im Gegensatz zum Breve ein feierlicher päpstlicher Erlaß Burgundischer Kreis – Burgundischer Reichskreis, einer der 10 von Maximilian I, 1500 geschaffenen Reichskreise, umfaßte hauptsächlich Gebiet im heutigen Benelux. C. M. B. – Inschrift an kathol. Häusern, wird als Caspar, Melchior und Balthasar (die Heiligen Drei Könige) gedeutet, heißt aber in Wirklichkeit: »Christus segne dieses Haus.« Calcedonensisches Concilium = Konzil von Chalcedon Calvinismus – Calvins Lehre beinhaltete auch den zentralen Punkt, die Menschen könnten an ihrer Fähigkeit zu strengster Pflichterfüllung sehen, ob sie zum Heil vorausbestimmt seien. Obwohl Calvin mit dieser seiner Prädestinationslehre eigentlich die Allmacht Gottes und Bedeutungslosigkeit des menschlichen Willens betonte (innere Religiosität), begünstigte sie in Verbindung mit der strengen Moral und Kirchenzucht (äußere Religiosität), die Calvin in Genf einführte, jenes Arbeitsethos, das die Grundlage für das Gewinnstreben im Kapitalismus bildete. (entnommen aus Wikipedia) captieren – erschleichen Caravacakreuz – Das Kreuz von Caravaca oder Caravacakreuz ist eines der meistbenutzten Schutzamulette, an seine Kraft glauben Millionen. Das Original-Caravacakreuz soll einen Splitter des Kreuzes Christi (»Lignum Crucis«) enthalten. Carthagiensische Consilium = Synode von Karthago, Dritte Cäsarea – Stadt in Palästina Casus – Fall, Ereignis Cataplasmata – hier (12. Brief der Mönchsbriefe): schmerzlinderndes Mittel Centaurus = Zentaurus Cherub – Engel mit Flügeln und Tierfüßen, Wächter des Paradieses Chimäre – feuerspeiendes Mischwesen der Antike Churstaat – der Staat eine Kurfürsten Cilicium = Zilizium Cilicium = Zilizium Cistercienser = Zisterzienser Cistertienser = Zisterzienser Cluniacenser – Mönche, die nach dem Ideal der vom franz. Kloster Cluny ausgehenden Reformbemühung für Klöster und Papsttum leben Cölibat = Zölibat commod – bequem Concilium Tridentium = Konzil von Trient, = Tridentinum Convertit = Konvertit Costnitzer=Concilium = Konzil zu Konstanz Dauphin – Kronprinz Dechant – Erzpriester, der anderen Priestern vorsteht; auch Stellvertreter des Bischofs Deduktion – abgeleiteter Beweis Deduktion – logische Schlußfolgerung defendieren – verteidigen deferieren – jemanden zu einem Eid zwingen Deismus – die Gottesvorstellung der Aufklärung, s. Theodizee Deist – Anhänger des Deismus Dekretalen, falsche – die sog. Pseudoisidorischen Dekretalien, die umfangreichste klerikale Fälschung überhaupt. Sie enthält Konzilsbeschlüsse, fränkische Gesetze, Papstbriefe (röm. Bischöfen der ersten drei Jahrhunderte zugeschrieben) – alles erlogen oder verfälscht deliberieren – überlegen, beratschlagen Depense – Abhängigkeit Depositär – Träger (der Wissenschaft) Deputation – hier (18. Brief der Mönchsbriefe) – Mindestproduktion derivieren – ableiten Devotion – Unterwürfigkeit Diözese – Amtsgebiet eines Bischofs diskurieren – (heftig) erörtern Dispensation = Dispens – Freistellung, Ausnahmeerlaubnis, Befreiung disponiert sein – aufgelegt, empfänglich sein Disseration – akademische Arbeit zur Erlangung der Doktorwürde Distinktion – hier (11. \& 14. Brief der Mönchsbriefe ): Unterscheidung Dogma – kirchlicher Lehr- und Glaubenssatz, gilt als Richtschnur Domäne – staatlicher Landwirtschaftsbetrieb Dominikaner – Mönchsorden, der radikalen Armut verpflichtet, Bettelorden, 1214 von dem Spanier Dominikus Guzmann gegründet. Der Orden widmet sich der Ketzerbekämpfung und war in dieser Eigenschaft führend in der Inquisition. Domkapitular – Domherr, ein Priester des Domkapitels, der gemeinsam mit den anderen D. Gottesdienste hält Donnerstrahl – das Interdikt, d. h. die kirchliche Verdammung (Verbot kirchlicher Kulthandlungen) von Einzelpersonen, Diözesen oder Ländern; vom Papst verhängt und meist zu machtpolitischen Zwecken angewandt, wodurch es schnell seine Wirkung verlor. Dukaten – Münze, 2,75 Taler Duodez – Papierformat, 24 Seiten pro Bogen Eden – das Paradies, vgl. Gen. Kap. 2 Edukation – (gute) Erziehung Ekklesiastes – das Buch »Prediger Salomo« aus dem A. T. (»Da pries ich die Toten, die schon gestorben sind ... «) Elysium – das Land der Seligen in der Unterwelt der griech. Sage Emissär – Abgesandter mit einem bestimmten Auftrag employieren – anwenden Epikureer – Anhänger der Philosophie Epikur, heute meist in mißverstandener Bedeutung Bezeichnung für einen Genußmenschen Ergottereyen – religiöse Spekulationen Eselin, gelehnt – Jesus zog auf einer ausgeliehenen Eselin in Jerusalem ein (Mat. 21,1) Essäer (Essener) – ordensähnliche Gemeinschaft in Palästina, die den Jerusalemer Tempeldienst ablehnten, von ihnen stammen die Schriftrollen in Qmram Eumeniden – die Rachegottheiten der Erinyen in der griech. Mythologie Exegese – Exegetik: Bibelauslegung Exemption – Befreiung von bestimmten Lasten oder Pflichten Exercitien – geistliche Übungen gem. dem Vorbild und der Vorschrift des Ignatius von Loyola Exkommunikation – Kirchenausschluß Exorzismus – Teufelsaustreibung Exorzist – Teufelsaustreiber explizieren – erläutern Expression – Ausdruck exprimieren – hier (18. Brief der Mönchsbriefe): ausdrücken expurgieren – sich reinigen, seine Schuld bereuen Extension – Ausdehnung; der Umfang eines Begriffes Exterieur – äußere Erscheinung extorquieren – abpressen, erzwingen extravagieren – hier (18. Brief der Mönchsbriefe): übertreiben Falsifikation – Widerlegung einer wissenschaftlichen Lehre durch ein Gegenbeispiel Fasten – eine Form der Askese für den Hausgebrauch: am Aschermittwoch und jeden Freitag ist kein Fleisch erlaubt, wohl aber Eier oder Fisch Fayece – Tonware mit Zinnglasur; hingegen ist Majolika Töpferware mit Zinnglasur Fegefeuer – purgatorium, eine Erfindung Gregor I., also Priestertrug aus Geldgier. Die alte Kirche glaubte an folgendes Schema: Tod –\> Jüngster Tag –\> Himmel oder Hölle (Jesus Christus als Weltenrichter). Nun gilt:Tod –\> Himmel, Hölle oder Fegefeuer –\> Himmel. Das F. ist also der Ort der Seelenläuterung, durch Geldzahlung an die Alleinseligmachende kann der Aufenthalt verkürzt werden. Von den Protestanten wird der Begriff als unbiblisch abgelehnt. Felsen, auf einen gebaut – Math. 16,18 »Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.« Filiation – hier (7. Brief der Mönchsbriefe): der dritte Orden Findelhaus – Heim für elternlose oder ausgesetzte Kinder (Findelkinder) Fliegenkopf – bedeutet in der Sprache der Setzer / Drucker einen kopfstehenden Buchstaben Florin – Abk. fl., Gulden. 1 1/2 fl. = 1 Taler, 1 fl. = 60 Kreuzer Foliant – ein Buch, bei dem die Bögen nur einmal gefaltet sind, ca. 30 * 40 cm Franzikaner – Mönch des Franziskanerordens Fratres – (Kloster)brüder Freimaurer – humanistische, auf Toleranz und Achtung der Menschenwürde gegründeter Bund, in sog. Logen organisiert, die F. wurden von autoritären Regierungen verfolgt und verboten, die kath. Kirche verurteilt das Freimaurertum wegen dessen Menschenliebe fuchsschwänzen – schmeicheln Fumigatoria – Kerze oder Rauchfackel Gallien – Frankreich Gebot, achtes – »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.« Gebot, sechstes – »Du sollst nicht ehebrechen.« Gebrauch der Weiber – bei Paulus: s. Kor.1, 7.1 Gedränge – im 18. Jahrhundert war der Jesuitenorden auf dem besten Wege, sich zu Herrn der Römischen Kirche und in den katholischen Ländern zum Staat im Staate aufzuschwingen, also die Weltherrschaft in den päpstlichen Ländern zu erobern. Portugal erkannte diese Gefahr als erstes Land (nach einem Attentat auf den König) und verbot den Orden 1759. Frankreich folgte diesem Beispiel 1762. Auch Spanien, Neapel, Malta und Parma verboten 1767 den Orden. Die katholischen Länder drohten nun dem Papst mit der Abspaltung vom Römischen Hof, worauf 1773 Clemens XIV. (Ganganelli) notgedrungen den Orden aufhob, wohl wissend, daß er damit sein Todesurteil unterschrieben hatte. Eine zweite Niederlage mußten die Päpste hinnehmen, als Joseph II. 1780 als österreichischer Großherzog alle nichtproduktiven (d. h. nicht im sozialen Bereich tätigen) Mönchsorden auflöste, 700 parasitäre Klöster an der Zahl! Geschichte der Schöpfung – die Moses zugeschriebenen ersten fünf Bücher der Bibel Gesellschaft Jesu = Jesuiten Gleisnerei, Gleisner – Heuchelei, Heuchler Glossen – Auslegungen, Kommentare Gordischer Knoten – ein unlösbarer Knoten, den Alexander mit seinem Schwert durchhieb; bildlich: eine unlösbare Aufgabe Gotha – der europäische Adelskalender gotisch – vom Germanenstamm der Goten abgeleitet, unterentwickelt, barbarisch Granikos – im Jahr –334 Sieg Alexander des Großen über die Perser Guardian – Vorsteher eines Franziskanerklosters Gulden = Florin Hagestolz – ein unverheirateter Mann, der auch nicht heiraten will. Heilige Schrift – die Bibel. Das Lesen derselben verboten: Nein, das ist keine Verleumdung eines Kirchenfeindes, so etwas kann auch kein Satiriker erfinden – das war die Wirklichkeit! Es war die Synode von Toulouse 1229, die den Laien den Besitz der beiden Testamente verbot. Heiliges Offizium – die Inquisition, heute umbenannt in Kongregation für die Glaubenslehre. Letzter Präfekt: Joseph Ratzinger. Herrnhuter – Herrnhuter Brüdergemeine, von Graf von Zinsendorf 1722 begründete evangelisch-pietistische Kirche, bekannt sind die Herrnhuter Weihnachtssterne hieroglyphisch – hier (14. Brief der Mönchsbriefe): unkenntlich, nicht zu entschlüsseln Hochwürdigster – der Fürstbischof Homilie – Predigt über einen Abschnitt der Bibel Hottentotten – Negerstamm in Afrika hudeln – plagen, hänseln; nachlässig arbeiten; einen ungeh. lassen = einen in Ruhe lassen Hudibras – komisch-heroisches Epos des engl. Satirikers Samuel Butler (1663) Humilität – Buße Hyperboreer – sagenhaftes Volk im hohen Norden Ignatiuswasser – normales Wasser, über dem Gebete des Ignatius gesprochen werden, hilft gegen Krankheiten. Der Gebrauch wurde von Papst Pius IX. 1866 gebilligt. Impertinenz – Unverschämtheit Index – Index Librorum Prohibitorum, index expurgatorii, ein Verzeichnis der Bücher, die Katholiken bei Strafe der Exkommunikation nicht lesen durften. (populäre Autoren z. B. Giordano Bruno und Immanuel Kant), seit 1966 nicht abgeschafft, sondern nicht mehr erwähnt. Ingredienzien – Bestandteile injuriös – beleidigend Inkonvenienz – Unbequemlichkeit; Ungehörigkeit Inokulation – Schutzimpfung insinuieren – unterstellen; einflüstern. Offensichtlich vom Dechant falsch gebraucht (17. Brief der Mönchsbriefe) Insolenz – Anmaßung; Unverschämtheit Interessen – Zinsen eines Kapitals Intraden – musikalisch: feierliches Eröffnungsstück. Hier (12. Brief der Mönchsbriefe): Einkünfte Introitus – Eintritt. Hier (8. Brief der Mönchsbriefe): Einleitung Invektive – Schmährede oder –schrift, Beleidigung inventieren – Bestandaufnahme machen Jansenisten – eine auf den Niederländer Cornelius Jansen († 1638) zurückgehende religiöse, gegen die Jesuiten gerichtete Strömung, sie fordert Gewissensfreiheit gegen jegliche Machtwillkür, existiert heute als Utrechter Kirche Jast – Gärung, Fieberhitze Jesuiten – Angehöriger des Jesuitenordens, s. Ignatius von Loyola Jubiläum – annus jubilaeus, Jubeljahr der kath. Kirche. Es beginnt in der Regel am 25. Dezember und endet am selben Tag des nächsten Jahres. Judikum – Judicum liber, das Buch der Richter im Alten Testament; hier (11. Brief der Mönchsbriefe) vielleicht Judikation = richterliche Beurteilung gemeint Kabalen – Intrigen Kadenz – musik. Akkordfolge Kaiser, gebt dem ... – Mar. 12,17 »So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.« Kalendermacher – seit dem 18. Jahrhundert waren die Kalender auch mit (religiösen) Sinnsprüchen für den Tag und praktischen Hinweisen für die Landwirtschaft versehen Kalumniant – Verleumder Kalumnie – Verleumdung kalumnios – verleumderisch Kamaldulenser – im 11. Jahrhundert gegründeter Mönchsorden, der sich weltabgewandt der Stille und dem Gebet widmet. Kameralistik, Kameralwissenschaft – Volkswirtschaftslehre Kanon – Leitfaden; Verzeichnis der anerkannten Schriften; Einzelbestimmung des katholischen Kirchenrechts Kanonikat – Amt und Würde eines Kanonikers Kanonikus – Mitglied eines Kapitels kanonisches Recht – Kirchenrecht Kapitel – die Geistlichen einer Dom- oder Stiftskirche Kaplan – ein Priester in den ersten Jahren nach der Priesterweihe, er ist dann meist einem Pfarrer unterstellt. Kappadokien – Landschaft in der Türkei kaptieren – erschleichen Kapuziner – Mitglied des Kapuzinerordens Kapuzinerorden – aus dem Franziskanerorden hervorgegangener Orden, 1528 als solcher anerkannt, gem. den Regeln des Hl. Franziskus radikaler Armut verpflichtet, sozial engagiert Karesse – Schmeichelei, Liebkosung, Liebesantrag Karmeliterorden – 1150 am Berg Karmel (Israel) gegründeter Orden Kartause – Kloster der Kartäusermönche Kartäuserorden – 1084 von Bruno dem Kartäuser gegründeter Orden, die Mönche leben weltfremd, schweigend, betend und einsam in ihren Zellen, die sie nur zu besonderen Anlässen verlassen. Kleidung: Weißes, faltenreiches und gegürtetes Gewand Kassation – Aufhebung eines Gerichtsurteils (kassieren); Ungültigkeitserklärung von Urkunden. Hier (12. Brief der Mönchsbriefe): wirkliche Treue zum Dienstherrn Kasuist – Vertreter der Kasuistik Kasuistik – Teil der Sittenlehre, der für alle Fälle des täglichen Lebens Verhaltensregeln festlegt Kataplasma – heißer Breiumschlag zur Schmerzlinderung bei Koliken Katechismus – Lehrbuch für den christlichen Glaubensunterricht Katechumene – Taufbewerber Kimbern – s. Marius Klaglibell – Klageschrift Klerus – die gesamte katholische Geistlichkeit Kollator – der Inhaber einer Kollatur, d. h. des Rechts, ein Kirchenamt zu vergeben kombabusieren – nach Lukian war Kombabus ein Syrer, der sich, ehe er mit der Königin auf Reisen ging, selbst kastrierte kommunizieren – das Abendmahl erhalten Konfessarius – Beichtvater (?) Konfrater – Amtsbruder konfundieren – vermengen, verwirren Kongregation – hier (14. Brief der Mönchsbriefe): päpstliche Kommission; Verband von Klöstern eines Ordens Konsekration – die Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Jesu Christi beim Abendmahl, ein reproduzierbares Wunder Konsistorium – Verwaltungsbehörde einer Diözese Kontestation – das Infragestellen bestehender Gesellschaftsstrukturen. Aber: lat. contestatio – inständige Bitte kontinuieren – fortsetzen Kontradiktion – Widerspruch Kontroverse – Meinungsverschiedenheit Kontroversist – Streithammel Kontroverspredigt – eine Predigt, die den Glaubensinhalt Andersdenkender widerlegt Konvent – Klostergemeinschaft Konvertit – ein zu seiner früheren Kirche Zurückkehrender Konvertit – einer, der seine Kirche gewechselt hat Konvikt – Wohnheim für Theologiestudenten Konvulsion – Schüttelkrampf Konzil von Chalcedon – 451, erhob die Lehre von der Trinität zum Dogma Konzil von Elvira – 306, gibt den ersten Hinweis auf das angestrebte Zölibat. Es regelte hauptsächlich den (stark eingeschränkten) Umgang mit Juden und Heiden. Konzil von Trient = Tridentinum Konzil von Vienne – 1112, sprach den Bann über Heinrich V. aus Konzil zu Basel – von Martin V. für 1431 einberufen, von seinem Nachfolger Eugen IV. wegen der Aussage »ein Konzil steht über dem Papst« verboten. Die Teilnehmer, die das Verbot ignorierten, wurden exkommuniziert; diese setzten den Papst ab und wählten den Gegenpapapst Felix V. Das Konzil diskutierte Themen der Kirchenreform, unternahm aber nichts in dieser Richtung. Alle diese Themen wurden dann später in der Reformation Martin Luthers realisiert. Konzil zu Karthago, Viertes – es muß 3. Synode von Karthago heißen. = Synode von Karthago Konzil zu Konstanz – 1414 – 1418, die größte Zusammenkunft von Klerikern des Mittelalters und ihrem streng zölibatärem Geist entsprechend die größte Hurenversammlung an einem Ort, die die Christenheit je sah. Auf Grund der Maxime »das Konzil steht über dem Papst« wurden insgesamt drei Päpste ab- und schließlich Martin V. eingesetzt. Eine durchgreifende Reform der Kirche erfolgte nicht, damit war die letzte Chance vertan, die Reformation Martin Luthers aus eigener Kraft zu verhindern, im Gegenteil, die wortbrüchige Verbrennung Jan Hus (die Kirche lehrt, daß einem Ketzer gegenüber keinerlei Versprechen oder Eid gültig ist) führte zu einem neuen Schisma und zu verheerenden Kriegen (Hussitenkriege) in ganz Europa. Korporisieren – vergegenständlichen, sich in der Phantasie vorstellen Kreuzer – Abk. kr., Kreuzer, 60 Kreuzer = 1 Gulden Krieg, letzter – der Siebenjährige Krieg 1756 – 1763. Kulpa – lat. culpa: Schuld Kupido – sinnliche Begierde Kurie – die Gesamtheit der Institutionen, durch die der Papst die kath. Kirche leitet (das Staatssekretariat, neun Kongregationen usw.) Langobarden – germanischer Stamm (»Langbärte«), der im Laufe der Völkerwanderung das Langobardenreich (Lombardei, Spoleto u. a.) in Italien gründete. Dieses kam unter Karl dem Großen zum Frankenreich, später zum Deutschen Reich Laterankonzil, viertes – 1215 unter Innozenz III., verurteilte christliche Sekten, formulierte die Konsekration. Ein wichtiger Beitrag zum Judenhaß: Juden müssen einen spitzen Hut und einen gelben Fleck auf der Kleidung tragen, Christen dürfen mit J. nicht an einem Tisch sitzen. Laxierung – Abführmittel lechen – Verb; rissig werden, vor Trockenheit Risse bekommen Legat – päpstlicher Botschafter; auch Zuwendung eines Erblassers Lektor – eine kirchliche Auszeichnung Ligatur – häufig vorkommende Zweiergruppen, wie ch, fl, st oder ae im Lateinischen werden zur Arbeitserleichterung als eine Letter gegossen Logomachie – Wortstreit, Haarspalterei Loreto – Wallfahrtsort in Italien, in dem das Geburtshaus der Hl. Jungfrau steht. Lotterie-Bibel – eine 1763 in Nürnberg gedruckte Bibel, auch Hohenlohesche Bibel genannt Magnifizenz – Titel der Universitätsrektoren Majordomus – Haushofmeister, Hausmeier Malefiz – von lat. maleficus = schädlich, Missetat, Verbrechen, Verhexung Manichäer – Anhänger der auf Mani (3. Jhr.) zurückgehenden heidnischen Religion Marcustag – 25. April, Tag des Evangelisten Markus, † 68 (?) marodieren – plündern (durch herrenlose Soldaten) Martini – der St.-Martins-Tag 11. November Maxime – Richtlinie, Grundsatz Memorial – hier (3. Brief der Mönchsbriefe): Bittschrift menagieren – hier (22. Brief der Mönchsbriefe): sich mäßigen Mendikant – Bettelmönch Meriten – Verdienste Mesdemoiselles – Plural von Mademoiselle: franz. Fräulein Metamorphose – Verwandlung Metamorphose – Umgestaltung, Verwandlung Metaphysik – phil. Lehre, die sich mit den hinter der sinnlichen Wahrnehmung liegenden Dingen befaßt Milzsucht – Melancholie Ministeriale – Minister Minoriten – der dritte Teilorden der Franziskaner (Franziskaner, Kapuziner, Minoriten) Mirakel – Wunder Muskete – Schußwaffe. Hier (12. Brief der Mönchsbriefe): Soldatenstand Naturalismus – eine Philosophie, die nicht an Wunder glaubt und die Naturwissenschaften in den Mittelpunkt des Denkens stellt Nepot – Verwandter; daher Nepotismus = Vetternwirtschaft Norbertiner – alter Name des Prämonstratenserordens, s. dieser Novize – einer, der im Kloster lebt und sich auf die Ablegung der Gelübde vorbereitet Nuntius – päpstlicher Gesandter Obedienz – Gehorsamspflicht eines Klerikers Oblation – Kollekte Observanz – Gewohnheitsrecht obstinat – widerspenstig, unbelehrbar Occident – der Westen, im Gegensatz zu Orient = Osten Ontologie – die philosophische Lehre vom Sein Oratorier – ordensähnlicher Verbund von Geistlichen, gegründet vom Schutzpatron der Humoristen Philipp Neri († 1622), Orden, dritter – mehr als bei anderen Orden sammelten sich um die Franziskaner auch Laiengemeinschaften, die den sogenannten »Dritten Orden« (Tertiare) bilden. Ordination – Weihe eines katholischen Priesters origenesieren – kastrieren Origenisten – Kastrierer Ostern – kirchliches Fest, seit dem Konzil von Nicäa (325) der erste Sonntag nach dem Frühlingsvollmond P. Provincialis – Provinzgeneral eines Mönchsordens Pallium – mantelartiger Überwurf, hier (14. Brief der Mönchsbriefe) im Sinn von »etwas bemänteln« gebraucht panegyrisch – eine Lobrede auf einen Heiligen betreffen Paraguay – über das Jesuitenreich in P. ist die beste Darstellung in Eduard Duller »Die Jesuiten«, auf www.welcker-online.de/Links/link_925.html, dort 7. Kapitel zu finden Parlamente – im alten Frankreich mächtige städtische Gerichtshöfe Parsis – Anhänger Zarathustras in Persien, die um 700 nach Indien flohen pasquilieren – von Pasquill = Schmähschrift abgeleitet: beschimpfen Pasquill – anonyme Schmähschrift Patrimonium Petri – der Kirchenstaat in Mittelitalien Periode – hier (18. Brief der Mönchsbriefe): Satzgefüge Pfründe – Kirchenamt mit Vermögensausstattung Pharisäer – Angehöriger einer strenggläubigen-politischen Partei, der Begriff wird heute meist für Rechthaber oder Heuchler verwendet Pharos – Insel vor Alexandria mit einem Leuchtturm, der zu den Sieben Weltwundern zählt Phönix – Vogel der altägyptischen Sage, der sich selbst verbrennt und so immer wieder neu entsteht Physikus – Arzt Pönitentiarius – Beichtvater Portinnculä, Portinnkula, Portiuncula – vollkommener Totiesquoties-Ablaß (beliebig wiederholbarer A.) am 2. August Portiunkula – eine von einer Kathedrale überbauten Kapelle in Umbrien, in der am 3. Oktober 1226 Franz von Assisi starb Präceptor – Lehrer, Lehrmeister Präjudiz – vorgefaßte Meinung; vorgreifende Entscheidung Prämonstratenser – Orden regulierter Geistlicher und Laien, von Norbert von Xanten 1121 gegründet. Der Wahlspruch »Ad omnia paratus« leitet sich vom gefälschten Paulusbrief Tim. 2 3,17 ab (» ... daß ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk geschickt.«) Präsumption – Voraussetzung, Annahme Prätention – Anmaßung Presbiter – Gemeindeältester im Urchristentum Priapuß, Priapos, Priaps – die Personifizierung der Fruchtbarkeit und Geschlechtskraft, meist mit übergroßem Phallos dargestellt Probabilismus – die kath. Moraltheologie der Jesuiten erlaubt im Zweifelsfall eine unmoralische Handlung, wenn gute Gründe dafür sprechen (d. h. ALLES ist erlaubt, wenn es Gottes Ehre vergrößert!) Profess – von lat. professio = Mönchsgelübde hier (21. Brief der Mönchsbriefe): Mönch Professe – hier (21. Brief der Mönchsbriefe): nach allen Regeln der Kunst Proposition – Vorschlag Proprietät – Eigentumsrecht, hier (18. Brief der Mönchsbriefe) abgeleitet von proprialisieren = zum Eigennamen machen Propst – Vorsteher eines Klosters oder Stellvertreter des Abtes. Dann wird er meist Prior genannt Proselit – Anhänger Prostitution – hier (22. Brief der Mönchsbriefe): Bloßstellung Protektor – Beschützer Provinzial – Ordensvorsteher eines größeren Gebietes (einer Provinz) Python (1) – ein Drachen der griech. Mythologie am Orakel von Delphi Python (2) – der Geist Python, s. Apg 16.16 Rabenstein – Galgen Rädern – eine Körperstrafe radotieren – ungehemmt schwätzen räsonieren – sowohl »vernünftig reden« als auch »polemisch viel und laut reden« Räsonnement – vernünftige Beurteilung Refektorium – Speisesaal im Kloster Refutation – Widerlegung Registerhaltigkeit – Deckungsgleichheit der Druckzeilen auf Vorder- und Rückseite einer Buchseite Regularen – Ordensmitglieder Rekommandation – Empfehlung rekommandieren – empfehlen Rekompens – hier (18. Brief der Mönchsbriefe): Auszeichnung, Entschädigung Rekusation – Verweigern eines voreingenommenen Richters Relaxation – Entspannung Remission – Nachsicht Reskript – amtliche Verfügung resolvieren – beschließen; hier (12. Brief der Mönchsbriefe) von lat. resolvo = losbinden, entkräften Responsorium – kirchlicher Wechselgesang Restitution – Wiederherstellung, Wiedergutmachung retirieren – fliehen Retribution – Rückgabe reüssieren – Erfolg haben Revenue – Einkommen Revers – Erklärung, Verpflichtung Rute – Längenmaß, regional unterschiedlich zwischen 2,5 und 5,9 m Sadducäer – jüdische Sekte im N. T., sie pflegten ein aufgeklärtes Judentum und verwarfen alles, was sinnlich nicht erfaßbar ist (Engel, Auferstehung, Unsterblichkeit der Seele usw.) Sakristei – Nebenraum einer Kirche Salomons Denkspruch – Prediger 6.11 »Denn je mehr Worte, desto mehr Eitelkeit; was hat der Mensch davon?« Sarbonne – die Pariser Universität Satisfaktion – Genugtuung Savoyarden – Einwohner Savoyens, einer historischen Landschaft auf dem Gebiet der heutigen Länder Schweiz und Frankreich Schaffner – Vorsteher der Ökonomie Scheffel – Hohlmaß, regional sehr unterschiedlich, 0,2 ... 2 hl Schneller – einen Schneller schlagen: mit den Fingern schnippen Scholastik – die christliche Philosophie des Mittelalters Schubsack – weite Tasche in einem Kleidungsstück Schuh – Längenmaß; zwischen 24 und 35 cm Schusterjunge – ein Fehler bei der Textgestaltung einer Druckseite (die erste Zeile eines Absatzes steht allein auf einer Seite) Seraphin – 6flügliger Engel in Schlangengestalt; St S. – etwa »ach du heiliger Strohsack« seraphisch – engelgleich, zu den Engeln gehörend Serviten – Angehörige des 1233 gegründeten Bettelordens »Orden der Diener der Maria« Silen, Seilenos – freundliche und weise Mischwesen aus Mensch und Pferd, musik- und weinliebend Silenus (mit dem Esel) – der röm. Gott Bacchus (Silen) wurde gern volltrunken auf einem Esel reitend dargestellt; eine zentaurenähnliche Waldgottheit Simonie – der Kauf von einträglichen Kirchenämtern, S. war immer verboten und wurde immer betrieben, vgl. Albrecht von Brandenburg Skapulier – Schulterkleid mancher Mönchsorden Sorbonne – die Universität von Paris; sie verspielte durch ihren Kampf gegen die Aufklärung im 18. Jahrhundert ihr bis dato großes Ansehen Sottise – frech stichelnde Äußerung Splie – Spleen, Schrulle, Marotte Sprengel – kirchlicher Amtsbezirk einer Diözese Stataliment – Reihengrab (?) Staufer – dt. Dynastie im 12. / 13. Jahrhundert, bekannt durch Friedrich I. Barbarossa und Friedrich II. von Hohenstaufen Steganographie – eine Textverschlüsslung, indem in einem neutralen Text einzelne Buchstaben irgendwie ausgezeichnet werden (z. B. indem sie im Druck eine Kleinigkeit tiefer gesetzt werden), diese bilden den Geheimtext Styx – ein Fluß der griech. Sage, der vom Ozean in die Unterwelt fließt Subalterne – Untergebene Sublimität – Erhabenheit Superior – Prior Synkretismus – die kritiklose Übernahme philosophischer Denkansätze und Lehren; Vermischung verschiedener Religionen Synkretist – Anhänger des Sykretismus Synode von Karthago, Dritte – 397, es diskutierte u. a. über den Kanon der Heiligen Schriften Taler – Abk. Thlr., 1 Taler = 1 1/3 Gulden Tempelherren – Templerorden, 1119 in Jerusalem gegründet, militärisch ausgerichtet, diente dem Schutz der Pilger zum heiligen Grab in Jerusalem. 1312 unter falschen Anschuldigungen aufgehoben, sein Vermögen teilten sich die Johanniter, Eduard II. von England und Philipp IV. (der Schöne) von Frankreich. Terminant – Bettelmönch beim Einsammeln von Almosen Tertianer – Angehöriger des dritten Ordens Thebais (Theben) – das hunderttorige Theben war die Hauptstadt des alten Oberägyptens, zum Gebiet zählen die Orte Luxor, Karnak, Medinet Habu u. a. Theodizee – Rechtfertigung Gottes hinsichtlich seiner unvollkommenen Schöpfung Todsünden, sieben – in der katholischen Theologie: die in freier Entscheidung bewußt vollzogene Übertretung eines Gebotes Gottes, mit der er also die grundsätzliche Abkehr von Gott vollzieht. Hochmut, Geiz, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, geistliche Trägheit Tonsur – der kreisringähnliche Haarschnitt der Mönche Traktament – Bewirtung Traktat – religiöse Flugschrift Tridentinum – Konzil in Triest 1545 – 1563, es bildet den Auftakt zur Gegenreformation. Neben neuen Glaubenssätzen wurden die Gründung von Priesterseminaren, die Aufstellung von Hochaltären, der Wegfall des Lettners und die Bestuhlung des Kirchenraumes u. a. m. beschlossen. Trinitarier – ein Mönchsorden, 1198 gegründet, um die christlichen Gefangenen der Kreuzzüge freizukaufen, 1609 in einen Bettelorden umgewandelt Turmbau zu Babel – Bau eines Turmes in Babylon, der bis in den Himmel reichen sollte (vgl. 1. Mose 1,11) Tyrus – antike Stadt im Libanon Tytius – Tytios, Riese der antiken Götterwelt, Vater der Europa, muß in der Unterwelt angekettet liegen, wo ihm zwei Geier die ständig nachwachsende Leber aushacken Undulation – Schwingung unreguliert – nicht der Ordensregel (Regul) unterworfen Urbar – mittelalterliches Grundbuch usurpieren – hier (18. Brief der Mönchsbriefe): intrigieren Vakanz – eine freigewordene Stelle Verberation – Prügelstrafe, hier (18. Brief der Mönchsbriefe): Demütigung vexieren – quälen, necken Vierzigerkrieg – der Erste Schlesische Krieg, endete im Berliner Frieden von 1742 Viktualien – Lebensmittel für den täglichen Gebrauch Wahrheiten, heilige verborgene – im Alten Testament und auch bei den Evangelisten findet sich der Begriff der Erbsünde nicht, er ist eine Erfindung des Paulus. Weihbischof – Helfer des regulären Bischofs Weiler – kleine ländliche Siedlung von wenigen Höfen welsch – ital., vgl. welsche Haube, Welschkraut und Kauderwelsch. Westfälischer Friede – beendete 1648 den Dreißigjährigen Krieg, nach den Verhandlungsorten Münster und Osnabrück in Westfalen benannt. Wielands Diogen – »Nachlaß des Diogenes von Sinope« von Wieland Xanthippe – ein zänkisches Weib (Frau Sokrates') Zehende – der Zehnte, der Vorläufer der Kirchensteuer Zelot – Angehöriger einer radikalen antirömischen Gruppe im 1. Jahrhundert Zentaurus – Kentaur, Fabelwesen der griech. Mythologie mit Pferdeleib und menschlichem Oberkörper Zerberus – ein Hund, Torhüter der Hölle Zilizium – von lat. silentium: Stille, Ruhe; Keuschheitsgürtel für Männer Zirkumzellianer – Landstreicher, Bettelmönche Zisterzienser – Orden für Mönche und Nonnen, 1098 in Frankreich begründet. Der Orden hat Verdienste um die Ausbreitung und Vervollkommnung der Landwirtschaft. Zölibat – die Ehelosigkeit der Priester und Mönche. Es geht auf die genannte Synode von Elvira (306) zurück. Die Erneuerung des Verbots der Ehe für Geistliche 1022 und 1139 zeigt, daß es sich nur langsam durchsetzen ließ. Das hinderte aber die hohe Geistlichkeit nicht daran, sich ein Harem aus Konkubinen zu halten. Pius XII. († 1958) beispielsweise lebte zeitlebens mit einer deutschen Nonne zusammen. Auf dem Konzil von Konstanz 1415 platzte die Stadt infolge der Unzahl von herbeiströmenden Nutten aus allen Nähten. Zönobiten – in Klostergemeinschaft lebender Mönch (Gegenteil: Eremit) Dictionnaire Personen Bei den Namen wurde die Originalschreibweise beibehalten. Die Heiligen und Heiliginnen sind nicht unter St. Xyz, sondern ihrem eigentlichem Namen aufgeführt. Abraham a Santa Clara – wortgewaltigster Prediger des 17. Jahrhunderts, Augustiner, von Schiller in »Wallensteins Lager« parodiert, † 1709 Achilles – Held aus Homers Ilias Agata – Agatha von Catania, Heilige, hilft bei Viehseuche und Erdbeben, † 250 Albrecht von Brandenburg – besaß trotz strengem Verbot mehrere Bistümer, zur Bezahlung der Schulden, die er für deren Erwerb gemacht hatte, forcierte der den Ablaßhandel und lieferte damit ungewollt einen wichtigen Beitrag zu Luthers Reformation, † 1545. Er ist Mitgründer der Universität in Frankfurt /Oder, war stockkatholisch (Reliquienverehrer), aber dem Humanismus wohlgesonnen. Er erteilte Lucas Cranach einen der größten Kunstaufträge der deutschen Geschichte (16 Altäre und 142 Gemälde für den Dom in Halle /Saale). Von hier mußte er vor der Reformation nach Aschaffenburg fliehen. Alerand VI. = Hadrian VI. Alexander der Große – makedonischer König, der ein Weltreich eroberte, † 323 v. C. Alexander III. – Papst, suchte die Vorherrschaft über alle Könige der Christenheit, lag im Streit mit Friedrich I. Barbarossa, † 1181 Alexander IV. – Papst, bekämpfte die Staufer in Italien, † 1261 Alexander VI. – Papst, einer der größten Nepoten auf dem Stuhl Petri, der rücksichtslos Kirchenvermögen für familiäre Zwecke verschwendete. Reorganisierte den Kirchenstaat, verschenkte im Vertrag von Tordesillas 1494 die Erde je zur Hälfte an Portugal und Spanien, † 1503 Allkünstlers Sohn = Ikarus Aloysius – Aloisius von Gonzaga, Jesuit, Patron der Studenten, † 1591 Amelot = Houssage Anastasius – Anastasius der Perser, Heiliger, hilft gegen Besessenheit, sein Kopf wird in Rom aufbewahrt, † 628 Aniello – Tommaso Masaniello (eigentlich T. Niello), Führer der Volkserhebung in Neapel im Jahr 1647 Anselm von Rotterdam = Erasimus Anton – s. Antonius von Padua Antonius von Padua – Heiliger, † 1231, vollbrachte viele Wunder, berühmt sind seine Alpträume. Hilfreich bei der Suche nach verlorenen Gegenständen Apelles – griech. Maler im –4. Jhr. Archimedes – griech. Mathematiker und Physiker, † 212 v. C. Arianismus – auf Arius zurückgehende christliche Lehre, die den Trinitätsglauben ablehnt Aristoteles – griech. Universalgelehrter, † 322 v. C Arius – vertrat die Lehre von der Wesensähnlichkeit (nicht Wesensgleichheit!) von Jesus mit Gott, seine Lehre wurde als häretisch verurteilt, † 336 Äsop – griech. Fabeldichter Athanasius – Bischof von Alexandria, Gegner des Arianismus, † 373 Augustin – Augustinius von Hippo, Bischof in Hippo Regius, einer der bedeutendsten Vertreter der Alten Kirche, Vater des Augustinerordens, schrieb »Bekenntnisse« und »Der Gottesstaat«, † 430, Bail – Louis Bail, franz. Theologe, bekämpfte den Jansenismus und förderte die Lehren des Thomas von Aquin, † 1669 Baillet – Adrien Baillet, franz. Kirchenkritiker, † 1706 Baluzius – Herausgeber von Texten der Kirchenväter, z. B. Caesarius von Arles, † 1718 Bandel – Joseph Anton von Bandel, ein berüchtigter theologischer Klopffechter des 18. Jahrhunderts, seine Personen sind grob, unflätig und geschmacklos, † 1771 Baronius – Caesare Baronius, Kardinal und Kirchenhistoriker, † 1607, schrieb eine 12bändige Kirchengeschichte Barthel – Johann Kaspar Barthel, Professor an der Universität Würzburg, versuchte, in der Kirchenpraxis Wesentliches vom Unwesentlichen zu trennen, wandte sich gegen Übergriffe der Kurie. Er kann als Erneuerer des Kirchenrechtes in Deutschland bezeichnet werden, † 1771 Basilius der Grosse – Bischof und Kirchenlehrer, † 379, ein gewaltiger Prediger; in der Zeit, als die Kirche noch nicht vollständig die Stütze der Besitzenden war, predigte er den Reichen: »Ihr sagt, daß ihr nicht geben könnt. Ihr sagt denen, die euch bitten, daß ihr nicht genug habt, um zu geben. Eure Zunge schwört, daß ihr es nicht tun könnt, aber eure Hand verrät euch, denn obwohl sie nicht sprechen kann, erklärt das Funkeln an eurem Finger, daß ihr lügt. Wie viele Leute könnte dieser eine Ring von euch schuldenfrei machen? Wie viele zerfallende Häuser könnte er instandstellen? Nur eine eurer Truhen voll Kleider könnte einer Menge Leuten helfen, die jetzt vor Kälte zittern.« (Predigt 7, An die Reichen) Beckaria – Caesare Bonesano Beccaria, veröffentlichte 1764 ein Buch »Über Verbrechen und Strafen. »Eines der einflussreichsten Bücher in der ganzen Geschichte der Kriminologie ... Die Wrkung ... auf die Reform der Kriminaljustiz lässt sich kaum übertreiben. Beccaria vertrat die Auffassung, die Schwere eines Verbrechens solle nach dem Schaden bemessen werden, den es der Gesellschaft zufüge, und die Strafe solle hierzu im Verhältnis stehen. Er war der Meinung, dass die Verhinderung von Verbrechen wichtiger sei als ihre Bestrafung und die Gewissheit der Strafe von grösserer Wirkung als ihre Strenge. Er prangerte die Verwendung der Folter und das geheime Gerichtsverfahren an. Er war gegen die Todesstrafe, an deren Stelle lebenslängliches Gefängnis treten sollte; Eigentumsdelikte sollten vorerst mit Geldstrafen geahndet werden und politische Verbrechen durch Verbannung; die Zustände in den Gefängnissen wären gründlich zu verbessern ... Diese Gedanken sind heute so alltäglich und selbstverständlich, dass es schwerfällt, sich vorzustellen, wie revolutionär sie zu ihrer Zeit wirkten. Beccarias Buch hatte sofort Erfolg; ... es wurde schliesslich in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt. Seine Grundsätze sind in den Strafvollzug sämtlicher zivilisierter Länder eingegangen« (Carter/Muir). † 1794 Bellarmin – Robert Bellarmin, Heiliger, Jesuit, Kirchenlehrer, spielte als Inquisitor die Hauptrolle im Prozeß gegen Giordano Bruno, † 1621 Bellerophon – Bellerophontes, Gestalt aus der griech. Mythologie Benedict – Benedikt von Nursia, Begründer des abendländischen Mönchstums, Schutzpatron Europas, hat wahrscheinlich nie gelebt, † 547 Benedikt IX. – einer der moralisch verkommendsten Päbste überhaupt, wegen seiner Untaten mehrfach aus Rom vertrieben, er verkaufte sein päpstliches Amt an seinen Paten, der es als Gregor VI. führte, † 1048 Benedikt von Aniane – Abt in Aachen und Aniane (bei Montpellier), † 821 Benedikt XII. – Papst, Feind des Nepotismus, verfügte einen neuen, schnelleren und kostenpflichtigen Weg, in den Himmel zu kommen (s. Fegefeuer), er begann den Bau des Papstpalastes in Avignon. † 1342 Bernard – Claude Bernard, kath. Pfarrer in Paris, kein Heiliger, wurde aber wie ein solcher verehrt, † 1641 Bernhard – Bernhard von Clairvaux, Heiliger, gilt als der zweite Gründer des Zisterzienserordens, initiierte als chronischer Kriegshetzer den gänzlich fehlgeschlagenen Zweiten Kreuzzug, eine seiner Parolen lautete: »Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen; noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber; wenn er tötet, nützt er Christus.« † 1153 Berta – Berta von Bingen, lebte im 8. Jahrhundert, ihr Kult blühte noch im 18. Jahrhundert auf dem Rupertsberg Bonagratia von Bergamo – Franziskanerprokurator, vertrat im Streit mit den Franziskanerspirutualen (Armutsstreit) die Auffassung, Kirche und Orden dürften reich sein, † 1340 Bonaventura – General der Franziskaner, Kirchenlehrer, überwand die Spaltung des Ordens, gehört zu den führenden Theologen seiner Zeit, † 1274 Bonifacius – Bonifatius, sagenhafte, wahrscheinlich erfundene Gestalt, der »Apostel der Deutschen«, Näheres unter www.welcker-online.de/Links/link_909.html Bonifatius I. – Papst, gestaltete das päpstliche Primat weiter aus, † 422 Bonifatius IX. – Papst, als Mensch leutselig, gewinnend und freundlich, er erreichte die weltliche Herrschaft in der Stadt Rom, gewann die Ländereien des Kirchenstaates zurück und vergab sie an die Usurpatoren als Lehen, erfand das Jubeljahr 1390, dessen Segen man auch aus der Ferne genießen konnte – gegen Bezahlung, versteht sich. Er befestigte Engelsburg und Vatikan neu, organisierte einen effektiven Ablaßhandel in den Jubeljahren 1390 und 1400, † 1404 Bonifatius VII. – Gegenpapst, Papst und Papstmörder, † 985 Bonifatius VIII. – Papst, Erfinder des ersten Jubeljahres 1300, unterlag im Streit mit Philipp dem Schönen. In der Bulle »Unam Sanctam« erhob er den Anspruch der Päpste auf die Weltherrschaft zum Dogma. † 1303 Borghese – Scipione Caffarelli-Borghese, Kardinal, † 1633 Bossuet – Jaques Benignet Bossuet, franz. Theologe und Bischof, † 1704, kämpfte gegen Sekten \& Ketzer, versuchte die Rechte des Papstes in Frankreich einzuschränken. Bourdalone – Louis Bourdalone, Jesuit, am Hofe Ludwig XIV., »König der Kanzelredner«, † 1704 Brean – Franz Xaver Brean, Jesuit, Beichtvater am Wiener Hof, † 1733 Brigitta – Brigitta von Schweden, seit 1998 eine der Schutzheiligen Europas, † 1373 Bruno von Köln – Heiliger, gründete 1084 den Kartäuserorden, Patron der Besessenen, † 965 Büffon – Georges Louis Leclerc Buffon, Mathematiker und Naturforscher, legte die Grundlagen der vergleichenden Anatomie, † 1788 Busenbaum – Hermann Busenbaum, Jesuit, Moraltheologe, lehrte in Münster und Köln, † 1668, Beichtvater des Fürstbischofs von Münster Bernhard von Galen. Sein Buch »Medulla Theologiae Moralis« wurde in Frankreich verboten, weil es den Königsmord rechtfertigte, man warf ihm auch die Jesuitenparole »Der Zweck heiligt die Mittel« vor. »Die Bedeutung dieser Arbeit [Medulla ...] bestand darin, daß hier zum ersten Male der spezifische Lehrstoff der Moral unter Ausscheidung der früher mit ihr vielfach vermengten kanonistischen Materien in übersichtlicher und präziser Zusammenfassung dargeboten wurde.« Cabassutius – Johannes Cabassutius (Jean Cabassut), Kirchenhistoriker, † 1685 Calixtus = Kalixt Calvin – Johannes Calvin, schweiz. Reformator, Begründer des Calvinismus, befürwortete wie Luther die Hexenverfolgung, † 1564 Camus – Jean-Pierre Camus, franz. katholischer Theologe, Bischof von Belley, † 1652 Canisius – Petrus Canisius, Jesuit, eifriger Verfechter der Gegenreformation, † 1597 Cardan – Jerome Cardan, italien. Mathematiker, erfand um 1550 eine Methode zur Textverschlüsselung Carl der grosse = Karl der Große Cat – Claude Nicolas Le Cat, veröffentlichte 1744 eine Theorie des Nervensystems und der Sinneswahrnehmungen, † 1768 Catharina von Siena – Heilige, Schutzpatronin Europas, trat dem 3. Orden der Dominikaner bei, lebte ihren Visionen und der Krankenpflege, wandte sich gegen kirchliche Mißstände, wünschte »den Herren der Kirche im Namen Gottes den Tod«, gilt in Italien als die größte Frau der Kirchengeschichte. † 1380 Cato – Cato der Ältere, röm. Historiker und Schriftsteller, † –149 Charon – Fährmann der Toten in der Unterwelt Christopherus – Papst, enthob seinen Vorgänger seines Amtes und legte ihn in Ketten, bald geschah ihm dasselbe, am Ende ließ der neue Papst Sergius beide erdrosseln, † 904 Chrysostomus – Johannes Chrysostomus (»Goldmund«), ein großer Redner vor dem Herrn, Kirchenlehrer, Patriarch von Konstantinopel, Patron der Prediger und Redner, wetterte viel gegen das Heidentum, ließ ihre Tempel zerstören, seine Reliquien wurden 2004 vom Vatikan nach Konstantinopel zurückgegeben Cicero – Marcus Tullius Cicero, röm. Politiker, Philosoph und Redner, † –43 Cierce – Zauberin der griech. Sage Clemens IV. – Papst, trotz seiner zahlreichen Nachkommenschaft hielt sich die Vetternwirtschaft in Grenzen, bekämpfte und förderte – immer in Gottes Namen – , die Staufer in Sizilien, † 1268 Clemens VI. – Papst, Erfinder des aller 50 Jahre staatfindenden Jubeljahres (erstmals 1350), entdeckte einen ihm gehörenden ungeheuer großen Schatz: Jesus, Maria und die Heiligen haben einen riesengroßen Vergebungsschatz im Himmel angehäuft, der nun an die Gläubigen gegen Bezahlung ausgeteilt wird. (Ablaß) Jeder kann nun das Fegefeuer umgehen und gleich in den Himmel kommen. Er wandte sich gegen den von den Pfaffen im Zusammenhang mit der großen Pestepidemie seit 1346 verbreiteten Aberglauben. In Avignon führte er einen großen Hof, liebte Fressen, Saufen und schöne Frauen. † 1352, wurde vergiftet. Clemens VIII. – Gegenpapst, 1323 – 1329, trat 1329 als Gegenpapst zugunsten Martin V. zurück, † 1347 Clemens XIII. – war so demütig von Natur, daß er sich für unwürdig hielt, die Papstwürde nach seiner Wahl anzunehmen. Alle antiken Statuen Roms erhielten unter seinem Pontifikat Feigenblätter. Der Index wurde, vor allem in Bezug auf die franz. Aufklärung erneuert. Er stiftete das Herz-Jesu-Fest. Ihm fehlte die Begabung zur Diplomatie, so weigerte er sich standhaft, den Jesuitenorden zu verbieten. Am Ende mußte er das Verbot der Jesuiten und dem Einzug ihrer Güter in Portugal, Frankreich und Spanien weinenden Auges mit ansehen, † 1769 Clemens XIV. – Papst, als Mensch liebenswürdig und heiteren Gemüts lebte er bescheiden und förderte die Künste. Er löste entsprechend der politischen Situation (mehrere katholische Länder drohten mit Abspaltung vom römischen Hof) mit dem »Breve Dominus ac redemptor noster« 1773 den Jesuitenorden auf, versuchte die Spannungen mit den jesuitenfeindlichen europäischen Höfen zu mindern, starb 1774 unter seltsamen Umständen, sein Andenken wurde bis ins 20. Jahrhundert besudelt Cochem – Martin von Cochem, Kapuziner, schrieb einfältig-verständliche kirchliche Texte, z. B. »Goldener Himmels-Schlüssel oder: sehr kräftiges, nützliches und trostreiches Gebet – Buch in Erlösung der lieben Seelen des Fegefeuer.«, † 1712 Coletta – Nicolette Boillet, Heilige, Nonne, Schutzpatronin für eine glückliche Geburt, † 1447 Columbani – Kolumban der Ältere, Missionar in Irland und Schottland, † 597 Confucius – Konfuzius, chinesischer Philosoph, strebte mit seiner Lehre nach Ordnung und Harmonie, † –479 Crescendia – Heilige, † 304 Cyprian – Cyprian von Karthago, Bischof, Märtyrer, † 258 d'Alembert – Jean-Baptiste le Rond, genannt d'Alembert, gehört zu den bedeutendsten Mathematikern und Physikern des 18. Jahrhunderts, Philosoph der Aufklärung, einer der Enzyklopädisten, † 1783 Decius – röm. Kaiser † 251, erließ ein allgemeines Gebot den Göttern und dem Kaiser zu opfern, wegen Weigerung wurden die Christen verfolgt Diana – röm. Göttin des Mondes und der Jagd Diogenes – Diogenes von Sinope, griech. Philosoph, Begründer der kynischen Philosophie Dionysius der Kartäuser – Prior, † 1471, sein umfangreiches Werk bildete den letzten Höhepunkt und gleichzeitig die Zusammenfassung der mittelalterliche Theologie und Philosophie. Dominik – St. Dominikus, Gründer des Bettelordens der Dominikaner, † 1221 Don Calmet – Augustin Calmet, kath. Theologe, Benediktiner, Abt in Senones (Vogesen), † 1757 Elia – alttestamentarischer Prophet, prophezeite eine dreijährige Dürrezeit, vollbrachte im Auftrag Jahwes viele Wunder, starb nicht, sondern wurde in den Himmel entrückt. Quelle: Bibel, Könige 1 und Könige 2 Elias (1) – Elias von Rommersdorf, kein Ordensgründer, leitete seit 1197 das Prämonstratenserstift Rommersdorf (Neuwied), dieses war möglicherweise das erste P. auf deutschem Boden, † 1201 Elias (2) – Elias von Cortona, skrupelloser Generalvikar und später General des Franziskanerordens, Vertrauter des hl. Franziskus, mißachtete des Gelübde der Armut für den Orden, † 1239 Elisabeth I. – engl. Königin, vollzog endgültig die Trennung der anglikanischen Kirche von Rom. Von katholischen Fanatikern wurden mehrere Attentate auf sie verübt. Mit dem Sieg über die Spanische Armada, die das Land gewaltsam in den Schoß der Alleinseligmachenden zurückführen sollte, begann Englands Aufstieg zur Weltmacht. † 1603 Emil – s. Rousseau Endymion – in der griech. Sage der Geliebte der Mondgöttin Selene Erasimus – Erasmus von Rotterdam, einer der ersten Gelehrten seiner Zeit, Vertreter des Humanismus, war hochgebildet und weltoffen, der Antike verbunden; sein Ziel war ein von Aberglauben und Dogmen befreites Christentum, bekämpfte die Heiligen- und Marienverehrung sowie das parasitäre Mönchstum, sein Buch »Lob der Torheit« gehört zur Weltliteratur, † 1536 Espen, van – Bernhard van Espen, niederländischer Theologe, Lehrer für kanonisches Recht, † 1728 Eugen III. – 1145 zum Papst gewählt, Zisterzienser, sein Lehrer Bernhard von Clairvaux hielt ihn zu einfältig für dieses Amt. Ständig war er im Streit mit der Stadt Rom, oft mußte er fliehen, † 1153 Eugen IV. – Papst, 1434 nach Ausrufung der Republik aus Rom vertrieben, versuchte vergeblich, ein papstfeindliches Konzil in Basel zu verbieten, das den Gegenpapst Felix V. einsetzte, † 1447 Eusebius – Bischof von Caesarea, gilt als der Vater der Kirchengeschichtsschreibung, † 339 Eustathios – Erzbischof von Thessalonike, sammelte und bewahrte Zeugnisse antiker Gelehrsamkeit, † 1194 Evagrius – Ponticus Evagrius, Mönch, Schriftsteller, † 399, schrieb ein Traktat zur Überwindung der Versuchung, stellte die Lehre von den 8 Lastern auf Febronius – Pseudonym des Trierer Weihbischofs Nikolaus von Hontheim, er strebte eine vom Papst unabhängige deutsche Nationalkirche an. In seinem Hauptwerk, 1763 in Frankfurt verlegt »Über den Zustand der Kirche und die rechtmäßige Gewalt des römischen Bischofs« forderte er die Wiederherstellung der Urkirche und die Beschneidung der angemaßten päpstlichen Rechte. »Eine mit der bischöflichen konkurrierende Jurisdiktion stehe ihm [dem Papst] nicht zu (und) unfehlbar sei nur die Kirche und das allgemeine Konzil, das über dem Papst stehe.« Das Werk schlug in Rom wie eine Bombe ein und wurde sofort auf den Index gesetzt. † 1790 Felinus – Felino Maria Sandeo, ital. Kirchenrechtler, Bischof von Lucca, † 1503 Felix III. – Papst, brach wegen einer theologischen Bagatelle im Streit mit dem oströmischen Kaiser die erste Kirchenspaltung (Schisma) in Ost- und Westkirche vom Zaun, † 492 Fleschier – Esprit Flechir, franz. Bischof, berühmter Kanzelredner, † 1710 Fleury – Claude Fleury, franz. Kirchenhistoriker, † 1723 Franz Xaver = Xaverius Franziskus von Assisi – gründete 1209 einen Orden, dessen Mitglieder nach dem Vorbild Jesu ohne jeden Besitz leben sollten, † 1226. Der Grundsatz der Armut wurde bereits von seinem Nachfolger Elias (2) aufgegeben. Der Orden ist in drei Teile gegliedert: 1. Orden – Minoriten, dazu kam der 2. Orden für Frauen, die Klarissen. Für Laien bildete man den 3. Orden, die Tertiare. Galiläi – Galileo Galilei – einer der bedeutendsten Physiker aller Zeiten, seine naturwissenschaftlichen Forschungen im Zeichen der beginnenden Aufklärung brachten ihn in Konflikt mit der katholischen Kirche (»Die Winkelsumme im Dreieck kann nicht nach den Bedürfnissen der Kurie abgeändert werden«), † 1642 Gallus – St. Gallus, Missionar im Bodenseegebiet, er richtete einen wilden Bären zu nützlicher Arbeit ab, an der Stelle seiner Zelle steht heute das Kloster St. Gallen, Schutzpatron der Gänse und Hühner, † 640 Ganganelli = Clemens XIV. Gelasius I. – Papst, stand unter den Schutz des Ostgotenkönigs Theoderich, stellte im Streit mit dem byzantischen Kaiser die Lehre von den zwei Mächten (Bischöfe und Könige) auf, † 496 Genebrard – Gilbert Genebrard, Erzbischof von Aix-en-Provence, † 1597 Gerbert – Martin Gerbert, Fürstabt von St. Blasien im Schwarzwald, Theologe und Musikhistoriker, † 1793 Gerson – Jean de Gerson, franz. Theologe, wirkte führend auf dem Konzil von Konstanz, † 1429 Geßner – Salomon Geßner, schweizer Dichter, berühmt waren seine »Idyllen«, † 1788 Goldsmith – Oliver Goldsmith, engl. Dichter, † 1774. Sein Roman »Der Landpfarrer von Wakefield (The vicar of Wakefield)« fand in ganz Europa begeisterte Aufnahme Gregor IV. – Papst, vermittelte vergeblich im Erbstreit der Karolinger, der dann im Vertrag von Verdun endete, legte Allerheiligen auf den 1. November, † 844 Gregor IX. – erfindungsreicher Papst, der das Arsenal des Aberglaubens eindrucksvoll bereichert hat. In seiner Teufelsbulle »Vox in rama« schrieb er über das Wirken des Teufels »Wenn ein Neuling aufgenommen wird, so erscheint ihm zuerst ein Frosch, den einige eine Kröte nennen. Diesem geben sie einen schmachwürdigen Kuß auf den Hintern, andere auf das Maul und ziehen dabei die Zunge und den Speichel des Tieres in den Mund. Dasselbe erscheint zuweilen in natürlicher Größe, manchmal auch so groß wie eine Ente oder eine Gans. Meistens nimmt es jedoch die Größe eines Backofens an. Wenn der Neuling weitergeht, begegnet ihm ein Mann von wunderlicher Blässe, mit schwarzen Augen, abgezehrt und mager. Dieser küßt den Neuling, der fühlt, daß er kalt wie Eis ist. Nach dem Kuß verschwindet alle Erinnerung an den katholischen Glauben aus seinem Herzen. ... Danach werden die Lichter gelöscht, und man gibt sich ohne Rücksicht auf Verwandtschaft der greulichsten Unzucht hin. Sind mehr Männer als Weiber da, so befriedigen sich die Männer in schändlicher Begierde, die Weiber tun dergleichen.« Er verbot auch den Laien den Besitz der Bibel, sie mußten diese den Bischöfen zum Verbrennen (!) übergeben. † 1241 Gregor VI. – Papst, weil er sein Amt gekauft hatte (vom Skandalpapst Benedikt IX.) setzte ihn Heinrich III. nebst zwei anderen Päpsten in Sutri ab und verbannte ihn nach Köln, † 1047 Gregor VII. – Papst, Heiliger. Das Papsttum, noch in der Karolingerzeit eine Provinzmacht und erst durch die Ottonen groß geworden, strebte nun unter ihm und gegen dieses zur Weltmacht. Es begann mit der Leugnung des uralten Rechts des Kaisers zur Bischofseinsetzung (Investitur). Heinrich IV. antwortete: »... Du also, durch den Urteilsspruch aller unserer Bischöfe und den unsrigen verdammt, steige herab, verlasse den angemaßten apostolischen Sitz.... Wir, Heinrich, König von Gottes Gnaden, mit allen unseren Bischöfen sagen Dir: Steige herab, steige herab, der Du in Ewigkeit verdammt sein sollst.« Gregor schleuderte den Bannfluch gegen Heinrich, die deutschen Fürsten stellten sich hinter den Papst, dieser mußte sich in der Burg Canossa, wohin sich der Papst geflüchtet hatte, 1077 unter entwürdigenden Umständen vom Bann freisprechen lassen. »Die höchste weltliche Gewalt des Abendlandes lag zu Füßen eines langobardischen Handwerkersohnes.« Doch die schreckliche Waffe des Bannes stumpfte schnell ab. Heinrich berief eine Synode nach Brixen, diese setzte Gregor ab, der 1085 im Exil starb. Seinen Anspruch als Herr der Welt hatte G. 1075 im »Dictatus Papae« niedergelegt, in diesem hieß es »...Der Papst ist der oberste Herr der Welt. Er allein trägt kaiserliche Insignien (nämlich den Kronreif der Tiara) ...« Gregor X. – Papst, wurde schließlich als Notlösung (er war nur Archidiakon) nach einem dreijährigen Konklave in Viterbo gewählt. Als den Einwohnern der Stadt die Zerrereien um den »Stuhl Petri« zu lange dauerten, vermauerten sie das Gebäude und deckten das Dach ab. Zum Beweis, daß es schon im 13. Jahrhundert Humor gab, sei die Bemerkung eines Kardinals angefügt, der sich darüber erfreut zeigte, daß der heilige Geist nun ungehindert herabsteigen könne. Gregor strebte einen neuen Kreuzzug an und schmiedete zu diesem Zweck eine Allianz aus Rom, Konstantinopel und den Mongolen (!). Seine Papstwahlordnung hatte durchschlagenden Erfolg: Die Kardinäle erhalten während der Vakanz keine Einkünfte. Gregor XIII. – Papst, er war ernst, wortkarg und lebte bescheiden, er förderte die Gegenreformation, besonders die Jesuiten. Aber auch Gewalt scheute er nicht, nach der Bartholomäusnacht in Frankreich, in der Tausende Hugenotten ermordet wurden, feierte er diesen »Sieg«. Sein bleibendes Verdienst ist die Kalenderreform von 1582 (Gregorianischer Kalender), † 1585 Gregor XV. – Papst, im Zuge der Gegenreformation gründete er eine besondere Propagandaabteilung im Vatikan, er erneuerte die Hexenverfolgung, † 1623 Gregorius Nazianzenus – Gregor von Nazianz, »der Theologe«, Kirchenvater, Erzbischof von Konstantinopel, † 390, bekämpfte den Arianismus, seine Reliquien, die 1204 in Konstantinopel geraubt worden waren, gab Johannes Paul II. im Jahr 2004 zurück Hadrian I. – Papst, rief Karl den Großen zur Hilfe gegen die Langobarden, † 795 Hadrian VI. – einer der wenigen nichtitalienischen Päpste, bei den Römern war er verachtet und verhaßt, weil er versuchte, die kurialen Finanzen zu ordnen, was große Sparsamkeit erforderte. Der Versuch, Ämterkauf, Nepotismus und Ablaß abzuschaffen wurde von der Kurie sabotiert. Er erkannte klarer als andere, daß die Ursache der Reformation in der Catholica selbst liegt, † 1523 Haller – Albrecht von Haller, schweizer Universalgelehrter, Aufklärer, Mediziner und Dichter, † 1777 Hausen – Carl Renatus Hausen, protestantischer Theologe, schrieb u. a. »Pragmatische Geschichte des Protestantismus in Deutschland«. Das Buch erregte Mißfallen, so daß nur der 1. Teil erarbeitet wurde. † 1805 Heiliger Vater, der jetzige – = Clemens XIV., † 1774 Heinrich II. – dt. Kaiser, der letzte Ottone, konzentrierte seine Arbeit auf den nördlich der Alpen liegenden Teil des deutschen Reiches, † 1024 Heinrich IV. – frz. König, der erste Bourbone, spielte in den Hugenottenkriegen als Feldherr eine bedeutende Rolle, um König zu werden, mußte er zum Katholizismus übertreten. Er baute das vom Bürgerkrieg zerrüttete Land wieder auf und sicherte durch das Edikt von Nantes allgemeine Religionsfreiheit, es wurden mehrere Attentate auf ihn verübt, dem von 1610 erlag er schließlich. Hektor – in der griech. Sage der Anführer der Trojaner, von Achilles getötet Helias = Elias (2) Helvetius – franz. Philosoph, lehrte die fundamentale Gleichheit aller Menschen, vertrat einen rigorosen Atheismus, forderte Toleranz. »Der Glaube an Gott und Seele ist das Resultat des menschlichen Unvermögens, die Gesetze der Natur zu verstehen.« Für ihn ist die Religion (die Kirche) eine Bedrohung der politischen Ordnung. † 1771 Herkules – (Herakles) in der griech. Mythologie ein Heros, Sohn des Zeus, mußte 12 lebensgefährliche Abenteuer bestehen Herodot – griech. Geschichtsschreiber, der die ganze damals bekannte Welt bereiste und beschrieb, † –425 Hieronymus – Heiliger und Kirchenvater, er erstellte aus dem Hebräischen die Vulgata, eine lateinische Bibel, Schutzpatron der Übersetzer, † 420 Hilarius – Hilarius von Poitiers, Heiliger, Kirchenlehrer, † 367 Hildebrand = Gregor VII. Hiob – Gestalt aus dem A. T. (Buch Hiob), Gegenstand eines psychologischen Experiments Gottes Holofernes – General, der die Stadt Betulia belagerte. Die schöne und kluge Witwe Judit ging zu ihm, machte ihn betrunken und schlug ihm den Kopf ab. Die Belagerer flohen daraufhin. Quelle: Bibel, Buch Judit. Homer – die Person, der die Epen Ilias und Odyssee zugeschrieben werden. Ob H. wirklich gelebt hat, ist umstritten, ebenso seine Lebensdaten. Honorius – Honorius III., Papst, ordnete die kirchlichen Finanzen neu, bestätigte 1223 den Franziskanerorden, † 1227 Horaz – einer der bedeutendsten Dichter des Augusteischen Zeitalters, schrieb Satiren und Oden, † –8, er prägte die Sprichwörter »Carpe diem, quam minimum credula postero!« – »Nutze diesen Tag (wörtlich: Greif diesen Tag), nimmer traue dem nächsten!« und »Sapere aude!« – »Wage es, den Verstand zu benutzen!« Houssage – Amelot de la Houssage, franz. Diplomat, † 1706 Hübner – Johann Hübner, Rektor des Johanneums in Hamburg, gab 1704 in Leipzig das erste große deutschsprachige Lexikon heraus, † 1731 Hugolinus = Gregor IV. Huß – Jan Hus, tschechischer Reformator, kritisierte den Reichtum der kath. Kirche und erkannte die Unfehlbarkeit des Papstes nicht an, 1415 wortbrüchig als Ketzer in Konstanz verbrannt, sein Tod löste 100 Jahre lang Kämpfe der Hussiten gegen die kaiserlich-päpstliche Partei aus, die viele Gegenden in Deutschland und Österreich verheerten Hutten – Ulrich von Hutten, deutscher Humanist, Reichsritter, verfaßte die »Dunkelmännerbriefe«, eine absichtlich in schlechtem Latein gehaltene Satire gegen die ungebildeten Kölner Dominikaner, unterstützte Martin Luther, † 1523. Der Spruch »Die Luft der Freiheit weht« stammt von ihm Ignatius von Loyola – gründete 1540 den Jesuitenorden, † 1556. Dieser wirkte als stärkste Waffe des Katholizismus in der Zeit der Gegenreformation. Aus dem Motto »Alles zur Ehre Gottes« (omnia ad maiorem die gloriam, O.A.M.D.G.) leitete sich auch die Parole »Der Zweck heiligt die Mittel« ab. Daraus folgt dann logischerweise die Erlaubnis zu Aufruhr, Königsmord, ja zu allen Verbrechen überhaupt. Der Orden wurde von Bismarck 1872 in Deutschland verboten (bis 1917), auch in anderen Ländern erfolgten Verbote. Zur Aufhebung des Ordens bereits im 18. Jahrhundert s. a. Stichwort »Gedränge« im Dictionnaire Sachen Ikarus – griech. Sagengestalt, wollte mit künstlichen Flügeln fliegen, stürzte wegen Materialmängeln ab Ikstatt – Johann Adam von Ickstatt, Professor in Ingolstadt, lehrte u. a. Strafrecht und Staatsrecht, förderte das bayerische Schulwesen, † 1776 Innozenz III. – der mächtigste Papst der Geschichte (er nannte sich selbst »Vicarius Christi«); zu Beginn des 13. Jahrhunderts stand die Kirche auf einem Tiefpunkt ihrer Entwicklung, Kirchengut wurde auf Festen verpraßt oder den Kindern der Kleriker geschenkt, statt im Zölibat lebten viele Geistliche mit einem Harem. Entsprechend war die allgemeine Verachtung des Klerus groß; in Frankreich, aber auch in Italien, Flandern und Böhmen, bildeten sich vom Evangelium geprägte Armutsbewegungen (wichtig die Katharer und Albigenser), die sich auf Jesus von Nazaret und das Evangelium beriefen und damit die päpstliche Herrschaft gefährdeten. All dem steuerte I. mit Diplomatie, aber auch mit brutaler Gewalt entgegen. In Deutschland profitierte er vom und schürte den Kampf zweier Könige um die Macht. Am Ende seines Lebens 1216 war halb Europa ein päpstliches Lehen geworden Innozenz VIII. – Papst, übernahm einen finanziell zerrütteten und moralisch verkommenen Vatikan, führte Kriege wie ein Seeräuber. Es lohnt eigentlich nicht, mehr über ihn zu wissen wenn er nicht 1484 die Hexenbulle (»Summis desiderantes«) verkündet und damit das grauenvolle Kapitel der Hexenverfolgungen aufgeschlagen hätte. Nun loderten in ganz Europa die Scheiterhaufen, die letzte Hexe in Deutschland wurde 1749 verbrannt. Gelobt sei Jesus Christus! Innozenz XI. – einer der würdigeren Päpste, kämpfte gegen den Nepotismus, sanierte Kirchenverwaltung und –finanzen. Er bekämpfte den Sonnenkönig Ludwig XIV., der seinerseits jede weltliche Herrschaft des Papstes bestritt. † 1689 Iphigenie – Gestalt aus der griech. Sage Iselin – Isaak Iselin, schweizer Philosoph und Historiker der Aufklärung, † 1782 Jakob II. – engl. König, römisch-katholisch, 1685 eingesetzt, aber wegen staatsfeindlichen Haltung schon 1688 entmachtet und des Landes verwiesen. Seine Anhänger im Ausland sind die sog. Jakobiten, † 1701 Jephta – Gestalt aus dem Alten Testament, opferte seine eigene Tochter Jerusalem – Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem, protestantischer Aufklärer, war an der Gründung der Technischen Universität Braunschweig beteiligt, † 1789 Jerusalem – Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem, wichtiger deutscher Aufklärungstheologe, Protestant, wirkte am Braunschweiger Hof, wo er sich Verdienste um das Bildungswesen erwarb, und als Abt in Riddagshausen, † 1789. Der Selbstmord seines Sohnes regte Goethe zum »Werther« an. Job = Hiob Johannes von Parma – wurde 1247 Generalminister des Franziskanerordens, 1257 vom Papst abgesetzt, † 1289 Johannes X. – Papst, vom Mann seiner Geliebten auf den Thron gehoben, kämpfte er gegen die Italien bedrohenden Sarazenen und beteiligte sich persönlich am Kampf. Er ernannte einen Fünfjährigen in väterlicher Güte zum Erzbischof von Reims. Sein Ende entsprach seiner Amtsführung: Während eines Hochamtes entführt, ins Gefängnis geworfen und im nächsten Jahr ermordet. †929 Johannes XII. – Papst, krönte Otto I. zum Kaiser, schwur ihm ewige Treue und wechselte prompt auf die Seite von Ottos Gegner, er »verwandelte den Lateran in ein Hurenhaus«, verkaufte höchste kirchliche Ämter, trank auf des Teufels Gesundheit, usw. Sein Ende war wie sein Leben: Ein Mann überraschte ihn im Bett seiner Frau und erschlug ihn. Amen. † 963. Johannes XXII. – dieser Papst war der Magie verfallen, glaubte fest an Zauberei und litt unter Verfolgungswahn. Er verstärkte den Kampf der Inquisition gegen Zauberei. Da er sich theologisch versiert glaubte, verkündete er neue Lehren das Himmelreich betreffend, damit wäre er um ein Haar selbst ein Ketzer geworden. Er zentralisierte und konzentrierte das päpstliche Finanzwesen, so daß ein Zeitgenosse den päpstlichen Hof »einen schmutzigen Stall voll Habsucht und simonistischem Unrat« nannte. Wenigstens aber gab er ständig 6 % der Einnahmen für die Armen aus. † 1334 Johannes XXIII. – ein verschlagener, skrupelloser Seeräuber, der es zum Papst brachte, durch den König von Neapel aus Rom vertrieben zwangen ihn die Kardinäle, zum Konzil von Konstanz zu gehen, wo er abgesetzt wurde, † 1415 Joseph – Joseph II., Österreichischer König und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, in der Bemerkung über ihn im 14. Brief der »Briefe eines reisenden ...« wird er völlig falsch eingeschätzt: Er hing aufklärerischen Ideen an, in Österreich hob er die Leibeigenschaft auf (1781), reformierte das Justizwesen, drängte den Einfluß des katholischen Klerus zurück, tolerierte Protestanten und Juden und hob alle unproduktiven (d. h. sozial nicht aktiv wirkenden) Orden auf. † 1790 Julian der Abtrünnige – Julian Apostata, röm. Kaiser seit 361, er versuchte das Christentum zurückzudrängen und erneuerte die heidnischen Kulte. Die damalige christliche Propaganda verbreitete Lügen über ihn und verunglimpfte seine Person. Die Aufklärer des 18. Jahrhunderts schätzen ihn als Philosophen und weisen Herrscher. Er überragte alle seine christlichen Vorgänger charakterlich, ethisch, geistig; er war der erste Kaiser mit echter Bildung seit 100 Jahren. Julian fiel in einer Schlacht gegen die Perser, wahrscheinlich getroffen vom Speer eines christlichen Fanatikers 363. Juno – (Hera), lebenslustige Gemahlin des obersten Gottes Zeus Justinus der Märtyrer – Kirchenvater, unter Marc Aurel hingerichtet, Besonderheit: Die Akten des Prozesses sind bis heute erhalten! † 165 Kalixt III. (1) – Gegenpapst, von Friedrich Barbarossa anfangs unterstützt, aber 1177 fallengelassen. Sprach Karl den Großen heilig. Eine Ausnahme in der Papstgeschichte: Er wurde nach seiner Entmachtung nicht ermordet, † 1183 Kalixt III. (2) – Papst, Nepot, war als Abgesandter des Königs von Neapel am Konzil zu Basel beteiligt, galt als würdiger, maßvoller Charakter und Verwaltungsfachmann, suchte vergeblich eine christliche Allianz (einen Kreuzzug) gegen die Türken, die 1453 Konstantinopel erobert hatten, zu schmieden. † 1458 Kalvin, Kalvinus = Calvin Karl der Große – Sagengestalt, näheres unter www.welcker-online.de/Links/link_909.html Katharina von Bologna – Mystikerin, Äbtissin in Bologna, † 1463 Katherl von Borre = Katharina von Bologna Kilian – sagenhafter Heiliger, missionierte in Deutschland, Apostel und Patron des Frankenlandes, hilft aber gegen Gicht und Rheuma, † 689 (?) Klemens XIII. = Clemens XIII. Krisostomus = Chrysostomus Laurentius – Heiliger, † 258, wurde auf einem Rost zu Tode gemartert. Der Sieg Ottos I. über die Ungarn am Laurentiustag (10. August) 955 förderte seinen Kult, seine zwei Köpfe werden als Reliquien verehrt, Schutzpatron der Feuerwehr, hilft auch gegen Hexenschuß Lavater – Johann Caspar Lavater, schweiz. Theologe. Er stellte eine Lehre auf, daß der Charakter eines Menschen an Gesichtszügen und Körperformen ablesbar sei, † 1801 Laymann – Paul Laymann, Jesuit, Moraltheologe und Kirchenrechtler, setzte sich in seinem Hauptwerk »Theologiae moralis ...« auch kritisch mit den Hexenprozessen auseinander, † 1635 Lecher – Johann Baptista Lechner, Autor eines um 1750 populären Rechenbuches »Sehr leichter Unterricht und Lehr-Art der höchst nothwendigen und nutzbaristen Rechen-Kunst« Leo I. – Papst und Kirchenlehrer, genannt »Leo der Große«, † 461. Er legte den Grundstein für den päpstlichen Anspruch auf die Weltherrschaft, indem er Streitigkeiten zwischen den damals gleichberechtigt neben Rom stehenden Patriarchaten Konstantinopel, Alexandria und Antiochia zugunsten Roms ausnutzte. Gleichzeitig aber konnte er die Erhebung Konstantinopels über die Ostkirche nicht verhindern (Konzil zu Chalkedon), was schlußendlich zum Schisma von 1054 führte. Leo III. – Papst, überstand 799 ein Attentat als Rache für Weibergeschichten und floh zu Karl dem Großen, mit dem er dicke Tinte wurde. Dieser setze ihn wieder als Papst ein (die herausgerissene Zunge sowie die ausgestochenen Augen schenkte ihm Gott der Herr in seiner unendlichen Güte wieder), wofür er von Leo zum Kaiser gekrönt wurde – Eine Hand wäscht die andere. Leo X. – Papst † 1521, wird als klug, fröhlich und bescheiden gerühmt, förderte die Künste. Sein Amt, überhaupt die Theologie, waren ihm ziemlich gleichgültig. Zur Geldbeschaffung steigerte er Ämterverkauf und Ablaßwesen, er begann mit dem Bau des Petersdomes Lochstein – Veremund von Lochstein, Pseudonym des Peter von Osterwald. Er konvertierte 1740 zum Katholizismus, wurde Geheimer Kabinettssekretär des Bischofs von Regensburg, sein Hauptwerk »Gründe sowohl für als wider die Geistliche Immunität in zeitlichen Dingen« erschien 1766, †1778 Locke – John Locke, englischer Philosoph, gilt als Begründer des Empirismus, Hauptwerk »Über den menschlichen Verstand«, noch vor Montesquieu trat er für die Trennung von Legislative und Exekutive ein, seine Staatsrechtslehre wirkt bis in unsere Zeit nach, † 1704 Lucius Florus – Publius Annius Florus, röm. Geschichtsschreiber des 2. Jahrhunderts Ludwig XV. – franz. König, † 1774, unter ihm verfiel das Königreich unaufhaltsam Luther – Martin Luther, Reformator und Bibelübersetzer, Schöpfer der heutigen deutschen Sprache, † 1546 Lycurg – Lykurgos, legendärer Gesetzgeber Spartas Machiavelli – Nicolo Machiavelli, ital. Philosoph und Geschichtsschreiber. In seinem staatsphilosophischen Hauptwerk »Der Fürst« prägte er das Bild eines rücksichtslos seine Ziele verfolgenden Herrsches »Machiavellismus«, † 1527 Marcellus – Nonius Marcellus, Autor eines lateinischen Wörterbuches, † 1604 Margareta – Hl. Margareta von Antiochien, Märtyrerin, † 305 (?), Schutzpatronin der Gebärenden Maria I. – engl. Königin, Schwester Elisabeths I., versuchte die Loslösung der anglikanischen Kirche von Rom rückgängig zu machen unb gab den Klöstern ihren enteigneten Besitz zurück. Im »Glaubenskampf« scheute sie keine Mittel, deshalb »die Blutige« genannt, †1558 Marius – röm. Feldherr, besiegte um –100 die auf der Suche nach Siedlungsland von Jütland aus in das Römische Reich eingedrungenen Kimbern, Ambronen und Teutonen, † –86 Martha von Bethanien – Gestalt des Neuen Testaments, Schutzheilige der Köchinnen und Dienstmägde Martin V. – Papst, durch erfindungsreiche Finanzpolitik füllte er die päpstlichen Kassen wieder auf und bedachte auch seine eigene Familie großzügig, † 1431 Martin von Cochem – kath. Priester, † 1712, Kapuziner, schrieb erfolgreiche und weltweit verbreitete religiöse Bücher Martin von Tours – Bischof von Tours, der historisch erste Heilige, der nicht auch ein Märtyrer war, Schutzheiliger der Soldaten und Bettler, † 397 Mechtildis – Mechthildis von Dießen † 1160 oder Mechtildis von Sponheim † 1154, egal wer gemeint ist – von beiden gibt es nichts zu berichten Meduse – weibliches Ungeheuer der griech. Mythologie Michael Cärennas = Michael von Cesena Michael von Cesena – Ordensgeneral der Franziskaner, † 1342 Minutius – Marcus Felix Minutius, altkirchlicher Apologet des frühen 3. Jahrhunderts, in seinem Dialog »Octavius« widerlegt dieser die vom Heiden Caecilius vorgetragenen antichristlichen Argumente Monica – Heilige Monika, die Mutter des Hl. Augustin, † 387, Patronin der Mütter und Frauen. Montaigne – Michel Eyquem de Montaigne, franz. Philosoph, begründete die literarische Gattung des Essays, † 1533 Muratori – Lodovico Antonio Muratori, ital. Gelehrter und Geistlicher, † 1750. Er gilt als der Vater der italienischen Geschichtsschreibung Muschenbröck – italienischer Geograph Nabukodonosor – ein anderer Name für den babylonischen König Nebukadnezar, der den Tempel in Jerusalem zerstörte, † –562 Necktarius – Nektarios, Patriarch von Konstantinopel, † 397 Neller – Georg Christian Neller, Mitarbeiter des Febronius, Kanonikus in Trier, † 1783 Nestorius, – Bischof von Konstantinopel, bekämpfte den Marienkult, er lehrte, daß Jesus nicht nur eine göttliche, sondern auch eine menschliche Natur hat, † 451 Neuberger – Johann Georg Neuberger, veröffentlichte 1768 eine »Abhandlung von den Einkünften der Klöster und den Amortizationsgesetz«, † 1805 Neumayer – Franz Neumayr, Jesuit, wirkte in Augsburg, † 1765 Nikolaus III. – Papst, vergrößerte den Kirchenstaat, hatte viel Familiensinn, † 1280 Nizephorus – Nikephoros I., Patriarch von Konstantinopel, † 828 Norbert von Xanten – Ordensgründer (Norbertiner), Erzbischof von Magdeburg, † 1134 Numa Pompilius – der sagenhafte zweite König Roms, † –671 Oberhauser – Benedikt Oberhauser, Benediktiner, wirkte in Fulda, wandte sich gegen den päpstlichen Primatanspruch, †1786 Ocham Bonagratia – Franziskanergeneral, arbeitete 1279 an einer päpstlichen Bulle über die Bettelmönche mit, in der der Gebrauch einer Sache von ihrem Besitz unterschieden und das Annehmen von Geld erneut verboten wird. Odyseus – Held der griech. Sage, hatte großen Anteil an der Eroberung Trojas Origines – Märtyrer und Kirchenschriftsteller, bekämpfte den Kirchenkritiker Celsus, ein lauterer Charakter, als asketisch lebender Mensch soll er sich selbst kastriert haben, er vertrat eine subordinatianische Trinitätslehre, seine Lehre wurde von der Kirche verurteilt, † 254 Orpheus – Sänger, Gestalt aus der griechischen Mythologie Pachomius – Pachomius d. Ä., gründete um 320 ein Kloster am rechten Nilufer in Tabennes (heute Tabenisi), † 347 Paolo, Fra = Sarpi Paphnucius – seine Existenz wird heute bestritten. Da es aber vom nicäischen Konzil keinerlei Aufzeichnungen gibt, ist die Frage seiner Existenz müßig. Paris – Matthäus von Paris, engl. Kirchenhistoriker und Heraldiker, † 1259 Patroclus – von Homer in der Ilias erwähnt, heute wird »auch Patroklus ist gestorben« (Schiller) als Redensart verwendet Paul III. – Papst, der den Titel »Kardinal Unterrock« trug, lebenslustig, gebildet und klug, ein treusorgender Vater seiner Kinder und Enkel, belebte die Inquisition wieder. Er bestätigte 1540 den Jesuitenorden, ihm gelang es nicht, die Einheit der Kirche nach der Reformation wieder herzustellen. † 1549 Paul IV. – Papst, der als Inquisitor traurigen Ruhm erlangt hatte, er befahl, daß die Juden in Ghettos leben müssen, mischte sich als größenwahnsinniger Nostalgiker erfolglos in die hohe Politik ein, † 1559 Paulus – der eigentliche Begünder des Christentums. Angenommener Name des Saulus, wurde vom Christenverfolger zum Verfechter der Lehre Jesu, die er in wesentlichen Punkten erweiterte und damit den Grund für eine von Jesus von Nazaret nie gewollte Kirche legte. So ist er der Erfinder sowohl der Prädestinationslehre als auch der Erbsünde, auch die Juden- und Frauenfeindschaft der Kirche geht auf ihn zurück. »Alles Gute im Christentum verbindet sich mit dem Namen Jesus, alles Schlechte mit Paulus« (Franz Overbeck). Seine Briefe sind die ältesten Schriftzeugnisse des Christentums, allerdings sind einige gefälscht, so der zweite Brief an Timotheus und der Hebräerbrief; Märtyrertod um 60 in Rom. Ohne die das röm. Reich umfassende Tätigkeit Paulus' wäre das Christentum wohl eine jüdische Sekte geblieben. Paulus von Theben – Heiliger, der erste Einsiedler, † 341 Penelope – die treue Gattin des Odysseus, der lange Zeit verschollen war Petri (Petrus) Blesensis, Petrus von Blois – Archidiakon in London, seine Briefe sind wichtige historische Quellen, † 1204 Petrus de Marca, Pierre de Marca – Erzbischof von Paris, † 1662 Pezzl – Johann Pezzl, genannt »der österreichische Voltaire«, veröffentlichte ab 1780 ein dreibändiges Werk »Briefe aus dem Noviziat«, in dem er eigene Erfahrungen als Kloster- und Kirchenkritik darstellte. † 1823 Phidias – griechischer Bildhauer der Antike Philipp der Schöne (IV.) – franz. König, † 1314, seine Antwort auf die Bulle »Unam sanctam« (s. Bonifatius VIII.), die die unbestrittene Weltherrschaft des Papstes konstatierte, lautete: »Philipp von Gottes Gnaden, König von Frankreich, an Bonifatius, der sich für den Papst ausgibt, wenig oder gar keinen Gruß! Du sollst wissen, Erznarr, daß wir in weltlichen Dingen niemandem unterworfen sind. Wer anders denkt, ist ein Tor oder wahnsinnig.« Dieser Satz gehört zur Weltliteratur. Pipin – Pippin, mehrere Vertreter der später Karolinger genannten Dynastie Pius IV. – Papst, klug, leutselig, gütig, realistisch. Beschnitt die Willkür der Inquisition, † 1565 Pius V. – Großinquisitor, Bischof von Sutri, Papst. Er bekämpfte erbarmungslos die Ketzer, auch die »die gar nicht wissen, daß sie Ketzer sind«. Sein Verdienst ist die Organisation der Seeschlacht von Lepanto 1571, die den türkischen Vormarsch im Mittelmeer beendete, † 1572 Platon – griech. Philosoph, † –347. Plutarch – röm. Philosoph und Biograph (sog. Parallelbiographien), † 125. Als brillanter Stilist prägte er Wendungen wie »Der Geist ist kein Schiff, das man beladen kann, sondern ein Feuer, das man entfachen muss.« Polycarp – Heiliger und Märtyrer, Bischof von Smyrna, † 155, hilft gegen Ohrenleiden Prometheus – ein Titan der griech. Mythologie, der den Menschen das Feuer brachte und zur Strafe dafür am Kaukasus angeschmiedet wurde, wo ein Adler seine ständig nachwachsende Leber aufhackt Pythagoras – griech. Philosoph und Naturforscher, er lehrte, daß die Zahl die Seele der Wirklichkeit sei, † ~-500, die ihm von Riesbeck im 16. Brief zugeschriebene Reise bezieht sich auf Herodot Rabelais – Francois Rabelais, franz. Schriftsteller, sein in unbändiger Fabulierkunst geschriebener Roman »Gargantua und Pantagruel« vereint Parodie, Satire und Zeitkritik, † 1553 Reuchlin – Johannes Reuchlin, hum. Gelehrter, wandte sich gegen eine von den Dominikanern geforderte Vernichtung des jüd. Schrifttums (»Reuchlin-Affäre«), † 1522 Ribadeneyra – Pierre de Ribadeneira, span. Jesuit, schrieb Heiligenbiographien und eine Biographie des Ignatius von Loyola, † 1611 Roßignol – Carl Gregor Rossignol, Jesuit, verlegte 1701 ein Buch »Ewige Grundwahrheiten« Rousseau – Jean Jaques Rousseau, franz. Philosoph, † 1778, Enzyklopädist, Verfasser einer Staatslehre »Der Gesellschaftsvertrag«, die Parole »Zurück zur Natur« stammt von ihm. Großen Einfluß auf die Pädagogik hatte sein Erziehungsroman »Emil oder Über die Erziehung«. Sabinianum – Sabinian, Papst, bei einer Hungersnot ließ er die Menschen sterben, die den Wucherpreis seines Getreides nicht bezahlen konnten, wahrscheinlich ermordet, † 606 Salomon – Salomo, König des A. T. Salvianus – Salvianus von Massilina, Kirchenvater, Pesbyter in Marseille, sein Werk ist eine wichtige Geschichtsquelle über die Schrecken der Völkerwanderung, die er als Gottes Strafe für die sündige Menschheit betrachtete, † 480 Samson – Simson, ein Held der biblischen Geschichte (Buch der Richter), seine übermenschliche Stärke beruhte auf seinem ungeschorenem Haupthaar Sandanapal (Sardanapal?) – der letzte König des Assyrerreiches Sarpi – Paolo Sarpi, Servit, Historiker, einer der aufgeklärtesten Katholiken seiner Zeit, vom Papst als Ketzer mit dem Bann belegt, kritisierte die Anmaßungen des Papsttums und die Jesuiten, er wies nach, daß nur durch Intrigen der Kurie die Wiedervereinigung mit den Protestanten verhindert wurde, †1623 Saul – König des AT. Die Bemerkung im 14. Brief bezieht sich auf eine Episode im 1. Buch Samuelis 19.24 Schlözer – August Ludwig von Schlözer, † 1809, Historiker, Professor in Göttingen, nannte wortgebend den letzten Hexenprozeß in der Schweiz (1782) einen Justizmord Seneka (1) – Seneca d. Ä., röm. Schriftsteller und Rhetoriker, † 39; Seneka (2) – Seneca d. J., röm. Schriftsteller und Politiker, seine Ethik (»alle Menschen sind gleich«) wirkt bis in unsere Zeit nach, † 65 Seresberiensis – Johannes Saresberiensis, John of Salisbury, einer der berühmtesten Theologen seiner Zeit, Bischof von Chartres, † 1180 Sergius III. – Papst, ermordete seine beiden Vorgänger, das Regime unter ihm wird als »Hurenregiment« bezeichnet, einer seiner Söhne wurde später ebenfalls Papst, † 911 Simonetta – Ludovico Simonetta, Bischof von Pesaro, Kardinal, † 1568 Siri – Vittorio Siri, Benediktiner, Historiker, † 1685 Sixtus IV. – Papst, unter ihm gestaltete sich ein Höhepunkt des Nepotismus, er förderte die Künste mit Aufträgen für Bau und Ausgestaltung päpstlicher Gebäude, † 1484 Sixtus V. – Papst, bekämpfte erfolgreich das Banditentum in der Gegend um Rom, war streng gegen Astrologen, Wahrsager, unsittliche Geistliche und Huren, † 1590 Socrates – Sokrates, griech. Philosoph, lehrte, daß Tugend lehrbar ist, erkannte die Bedeutung der Philosophie für die Vervollkommnung der Menschen, † –399 Solon – athen. Politiker, reformierte die Besitz- und Steuerverhältnisse, beschnitt die Rechte der Gentilaristokatie, † –560 Sophokles – griech. Tragiker, † –406 Soto – Dominico de Soto, katholischer Theologe, bekämpfte den Sklavenhandel, erklärte, daß das Volk das Recht habe, einen tyrannischen Fürsten abzusetzen, † 1560 Sozomenus – Salamanes Hermaias Sozomemos, bedeutender Kirchenhistoriker des 5. Jahrhunderts, seine 9bändige Kirchengeschichte umfaßt die Zeit von 324 bis 439, also die Epoche von der verfolgten zur verfolgenden Kirche, s. www.welcker-online.de/Links/link_920.html Stephan III. – Papst, ließ sich als erster von Menschen auf den Schultern tragen, diese schöne Sitte gab es noch im 20. Jahrhundert, † 772 Stephan VII. – Papst, von ihm ist wenig überliefert, wurde wahrscheinlich vergiftet, † 931 Sterne – Lawrence Sterne, engl. Schriftsteller, schrieb das Buch »Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien« (1768). Der Held heißt Yorik. † 1768 Suarez – Francisco Suarez, Jesuit, schrieb die erste systematisch aufgebaute Gesamtdarstellung der scholastischen Metaphysik »Disputationes metaphysicae«, † 1617 Süßmilch – Johann Peter Süßmilch, Begründer der wissenschaftlichen Bevölkerungsstatistik, mit seinem bahnbrechenden Hauptwerk »Die Göttliche Ordnung in den Verhältnissen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung desselben erwiesen.« 1741 wurde er zum Begründer der Bevölkerungsstatistk. † 1767 Swieten, van – Gerard van Swieten, Leibarzt und Berater der Kaiserin Maria Theresia, † 1772 Swift, D. – Jonatan Swift, englischer Satiriker, schrieb u. a. »Ein Tonnenmärchen« Syricius – Papst, Heiliger, Erfinder der Dekretalen (Papsterlasse), strebte das Zölibat für Geistliche an, † 399 Sysyphus – Gestalt der griech. Sage, muß ununterbrochen einen schweren Stein den Berg hinauf wälzen, der dann wieder nach unten rollt Tabennes = Pachomius d. Ä. Tertullian – einer der ersten christlichen Schriftsteller, gilt als der Vater des Kirchenlateins. In radikaler Art verfasste er Streitschriften gegen die Juden, die Gnosis, gegen andere Häresien, gegen die Kindstaufe. Sein Stil war leidenschaftlich, polemisch. Der Begriff der Hölle als ewiger Ort des Schreckens wurde von ihm erdacht. † ~ 230 Thomas von Aquin – Heiliger, der bedeutendste Theologe aller Zeiten, Dominikaner. T. schrieb ein »Lehrbuch der Theologie«, er versuchte Glaube und Vernunft, Philosophie und Theologie zusammenzubringen, † 1274, Patron der Theologen und Bleistiftfabrikanten Thomasinus, Ludovicus – Louis de Thomassin, Oratorier, bedeutender Kirchenrechtler, † 1695 Thomasius – Christian Thomasius, Wegbereiter der Aufklärung, Gründer der Universität Halle, forderte die Trennung von geistlicher und weltlicher Macht, Glaubensverfehlungen (Ketzerei) kann kein Gegenstand staatlicher Justiz sein, † 1728 Tillotson – Erzbischof der anglikanischen Kirche in England, trat für eine stärkere Betonung der Nächstenliebe im Christentum ein, † 1694 Titus Livius – Livius Titus, röm. Geschichtsschreiber, schrieb eine umfassende Römische Geschichte von der Gründung der Stadt bis zur Zeit des Kaisers Augustus, † 17 Tolet – Francesco Tolet, spanischer Theologe, Kardinal, † 1596 Trithemius – Johannes Trithemius, Abt in Würzburg, einer der Begründer der Literaturgeschichte, † 1516 Trunk – Peter Trunk, * 1727, Jesuit, Pfarrer in Mannheim und Bretten, bekam Probleme mit seinen Vorgesetzten wegen einer Predigt über das Fegefeuer und seiner groben Ausdrucksweise, er verurteilte aber abergläubische Praktiken der Kirche. Schiller schreibt über ihn: »Er ist ein lebendig herumgehender Beweis, wie viel Böses die Pfaffen zu stiften im Stand sind.« Er floh nach Worms, wo ihm aber das Messelesen verboten wurde. Das Todesjahr ist unbekannt. Ulysses = Odysseus Urban IV. – Papst, versuchte einen Kreuzzug gegen das staufische Unteritalien zu inszenieren, † 1264 Vater, seraphischer – hier (15. Brief): der Ordensgründer St. Franziskus Venus – röm. Göttin der Liebe, (griech. Aphrodite) Virgil – röm. Dichter, Hauptwerk »Aeneis«, † 19 v.C. Voit – Edmund Voit, Jesuit, Moraltheologe, schrieb »Theologia moralis ...«; † 1780 Vorfahrer, weinender und unbiegsamer – Clemens XIII. Wakefield – s. Goldsmith Werther – gemeint ist der Held in Goethes »Die Leiden des jungen Werters« von 1774 Wieland – Christoph Martin Wieland, deutscher Schriftsteller und Aufklärer, schrieb u. a. »Geschichte der Abderiten«, eine Gesellschaftssatire, † 1813. Wilhelm III. – Statthalter der Niederlande, vom engl. Parlament zur Hilfe gerufen, stürzte er Jakob II. und wurde 1689 zum engl. König gewählt. In seiner Zeit setzte das Parlament die Bill of Rights (regelt die Rechte des Parlament gegenüber dem König) und die Verantwortlichkeit der Minister vor dem Parlament durch. †1702 Wilhelm von St.-Amour – Philosoph und Theologe, Professor in Paris. Im sog. Mendikantenstreit bekämpfte er die Bettelmönche (»Betteln ohne Not ist biblisch unerlaubt«) und nennt sie »falsche Propheten«, er wendet sich auch gegen die Lehr- und Beichtbefugnis der Mönche. 1256 vom Papst gemaßregelt, † 1283 Willibrod – Willibrord von Echternach, Missionar in Benelux und Dänemark, † 739, »Apostel der Friesen«, hilft gegen Epilepsie Wolff – Christian Wolff, Philosoph und Aufklärer, wirkte in Halle an der Saale, schrieb entgegen den damaligen Gepflogenheiten in deutscher Sprache, † 1754. Xaverius – Franz Xavier, Mitbegründer des Jesuitenordens, wirkte im Fernen Osten, † 1552 Yorik – s. Sterne Zallwein – Gregor Zallwein, Benediktiner, Prior in Wessobrunn, schrieb eine Geschichte des deutschen Kirchenrechts »Principia juris ecclesiastici ...«, † 1766