Garba Roman von Friede H. Kraze     Erster Teil Das Spiel ist aus – Wird nun das Leben kommen?     C. Bertelsmann, Verlagsbuchhandlung in Gütersloh [1932]     Die Gründung der Dynastie Garba und die Krönung des Herrscherpaares begab sich um die letzte Jahrhundertwende im Kinderzimmer des Rittmeisters von Weddingstedt, hinten heraus dem Hof zu gelegen, in einer kleinen mitteldeutschen Residenz. König und Königin waren unsichtbar und außerdem göttlichen Geschlechts. Bei den Krönungsfeierlichkeiten standen sie auf Rohrstühlen. Das sehr zahlreich erschienene Volk aus Porzellan, Holz, und vor allem massenhaft Militär aus Blei, durfte, auf dem Fußboden liegend, durch das Geflecht der Stühle die königlichen Schuhsohlen bewundern. Die Königin von Garba, zehnjährig, hieß im Alltagsleben Roselin. Wolfram, königlicher Gemahl und Sextaner, war Roselins Vetter. Um ihre Unsichtbarkeit deutlich zu machen, waren sie bei den Krönungsfeierlichkeiten von oben bis unten in schwarze Krepprüschen eingewickelt. Die Rüschen bedeuteten den Rest einer Hoftrauertoilette der Freifrau von Weddingstedt. Besagte Freifrau, Roselins Mutter, entstammte dem ostpreußischen Adel. Wie alle nordischen Barone hatten die Stülphegels vor vielen hundert Jahren ihre unbedingten Herrenrechte mit Schild und Speer sich erkämpft. Seither lebten sie des 6 fröhlichen, stolzen und unerschütterlichen Glaubens, daß ihre siebenzackige Krone blank, frisch und direkt aus der Himmelsschmiede ihnen übersandt und aufs Haupt gedrückt worden war. Die Freifrau von Weddingstedt konnte man sich sehr wohl mit einem Krönchen in ihrem weichen, großwelligen Haar vorstellen. Sie war braunäugig, schmalköpfig, rassig, ebenso reizvoll in Trauerrüschen, wie im décolté eines Silberdamast oder im roten Reitfrack. Als die Freifrau zum Rang einer Königin-Mutter von Garba erhöht wurde, hatte sie soeben ihren fünfunddreißigsten Geburtstag gefeiert. Stephanie, Roselins ältere Schwester, wurde der Kürze halber und ihr Wesen zurzeit völlig erschöpfend »Bengel« gerufen. Der Mutter ähnlich, rassig und kühn wie diese, begleitete Stephanie auf ihrem Pony Viktor schon lange die Eltern bei Morgenritten. Roselin, in ihrer Phantasie Taten unerhörter Tapferkeit vollbringend, erlernte erst viel später das Reiten. Der Vater der beiden Schwestern trug zur Zeit der Gründung von Garba nicht mehr die entzückende blaue Husarenuniform mit der silbergestickten Attila. Auch hatte Roselin nicht mehr nötig, die zwei Burschen Emil und Bumüller, als zum Gesinde gehörig, in ihr Nachtgebet einzuschließen. Für den jetzigen Diener Jung betete Roselin nicht. Jung war von so stattlicher Ruhe und vornehmer Selbstbeherrschung, daß man in der Tat nicht gewußt 7 hätte, an welcher Stelle bei ihm des Himmels Beistand hätte einsetzen können. Von Bumüller pflegte die Baronin früher zu sagen, er habe Roselin zur Welt gebracht. Wenngleich diese Behauptung gewagt erschien, so war Bumüller jedenfalls während Roselins Geburt viele Stunden bitterlich weinend den Korridor auf- und abgelaufen. »Mensch, warten Sie doch mit Flennen, bis Sie selber Kinder kriegen!« hatte sein Herr ihn angeherrscht. Außerdem war Bumüller leicht X-beinig und hielt einen Stieglitz und einen Stock Rosenkraut in seiner Burschenstube. Roselin und Wolfram betrachteten ihn als den klügsten Mann im Regiment. Wenn der Rittmeister eine andere Meinung darüber hatte, so weiß man heute längst, daß der Militarismus von jeher blind war. Jetzt. wie gesagt, gab es keine Burschen mehr im Hause. Sie hatten aufgehört, als dieser eigentümliche Wechsel der Wohnungen und der Aufenthaltsorte aufhörte. Es war ein Glück gewesen, daß zu jedem Geburtstag von Papa, wo es auch war, die Regimentskapelle ihm ein Ständchen brachte, und daß in jedem neuen Kinderzimmer der große runde Tisch, den man beim Spiel durch eingelegte Platten beliebig strecken konnte, sich wieder vorfand. Nun, da sich die Verhältnisse gefestigt zu haben schienen, bediente bei Tisch Jung in einer feierlich schönen braunen Livree mit goldnen Knöpfen. 8 Roselin wußte nicht, weshalb ihr durch Jung eines Tages ein eigentümlicher Stich in der Herzgrube geschah. Es ereignete sich, als sie, aus einem ihrer Traumländer auftauchend, ihn in seiner bedeutenden Größe, Ausdehnung in die Breite und unerschütterlichen Ruhe hinter Papas Stuhl erblickte. Die Stirn des Papa, in den Schläfen eingefallen und blau geädert, erschien an diesem Tage wie mit Asche bestreut. Sein schlanker, etwas knochiger Ringfinger drückte in einer eigentümlichen Weise die geraden Linien der Brauen in die Stirn. An diesem Tage dämmerte es Roselin zum ersten Male dunkel und schmerzlich, daß der Papa leiden mußte. Später vergaß sie es wieder. Man war zu lange gewöhnt, daß man an seiner Zimmertür immer auf Fußspitzen vorüberging. Als der Oberst von Weddingstedt seinen Abschied nahm, weil ein Augenleiden sich als unheilbar herausstellte, hatte der Fürst einer der mitteldeutschen Kleinstaaten ihn zum Amt eines diensttuenden Kammerherrn berufen. Schon der Vater des Obersten hatte den Kammerherrenschlüssel getragen. Der Hof und die Familie von Weddingstedt waren seit Jahrhunderten verbunden. Immer schon hatten die Fürsten Minister, Räte, Hofmarschälle und Hofdamen aus ihren Reihen gewählt, Stiftsdamenstellen und an die männlichen Glieder des Hauses andere Ausruheposten verliehen. Der Oberst war von ganzer Seele 9 Soldat und Führer. Für ihn bedeutete es ein Opfer, die Hoftracht anzulegen. Nur Treue, durch Jahrhunderte in Hin und Wider erprobt, verhinderte ihn, zu bitten, daß die Gnade der Wahl einem andern zuteil würde. Seiner Frau wurde es noch schwerer. Sie war in den verschiedenen kleinen und großen Garnisonen, wo ihr Mann gestanden hatte, niemals als Frau Rittmeister oder Frau Major bekannt gewesen. Sie war immer die Frau Baronin. »Garba!« lächelte jetzt eben die Baronin mit ihren tadellosen und wunderschönen Zähnen, als sie Roselin und Wolfram auf den Stühlen erblickte. – Goldchen, die vielgeliebte Erzieherin Roselins hatte ihr flüsternd alles erklärt. »Garba!« wiederholte die Baronin leise. Es klang, als hätte sie gesagt: Orplid oder Avalun oder auch einfacher und innerlich näherliegend: Ostpreußen! Während Roselin und Wolfram mit eigentümlichen Gebärden beschwörende Worte murmelten, schloß die Baronin leise hinter sich die Tür. Eilig, als dürfe ihr niemand begegnen, schritt sie den langen Korridor hinunter in ihr Zimmer, das voll kleiner, buntgeblümter Polsterstühle, bauchiger Komoden, Blumenständer in Boule und kostbarem Porzellan in der Vitrine stand. Dort saß sie eine lange Weile vor dem Ölbild über ihrem Rokokoschreibtisch. Es stellte ein Landhaus dar, weiß, von feudaler Gediegenheit, im Ausmaß eines Schlosses. 10 Als die Baronin aufstand, drückte sie die feine Muschel ihrer Hände gegen die Augen, ging in ihr Ankleidekabinett und kühlte lange ihr Gesicht. Im Zimmer ihres Mannes lächelte sie ihr hinreißendes Lächeln. »Du sollst dich nicht um meinetwillen grämen, chérie !« Sie nahm das Gesicht des Obersten, das wieder völlig aschen aussah, zwischen ihre schlanken, nach Eau de verveine duftenden Handflächen und glättete mit den mittleren Fingern die schmerzenden Wülste über den Brauen. »Wenn dieser Hofdienst auch etwas an Mittelalter oder Orient erinnert – der Baron und die Baronin Weddingstedt sind nirgendwo Diener.« Der Oberst hob den Kopf mitsamt den festen und sanften Frauenhänden. Er sah in die Augen, die unter seinem Blick unbändigen Hochmut mit zarter und glühender Hingabe vertauschten. »Dank dir, Lenor!« Seine Stimme war bedeckt. Er legte den Arm um ihre Gestalt. Als die Baronin, auf dem Knie ihres Mannes sitzend, seinen Kopf herzte und ihm tausend süße Namen gab, ging draußen die Klingel. Völlig unerwartet, war Tante Bertrade, Stiftsdame in Kloster Lögum, eingetroffen. Wie es ihre Art war, ließ sie sich nicht melden. Der Wohnung noch unkundig, stand sie plötzlich in der Tür des Kinderzimmers hinter König und Königin von Garba. »Komm« sagte Roselin, auf die schwarzen Rüschen tretend, feierlich zu Wolfram. Sie kletterte 11 vom Stuhl, ohne Tante Bertrade in der Tür zu gewahren. »Da wir nun Götter sind, was hindert uns, unser Reich Garba zum glücklichsten Lande der Erde zu machen?« Roselin sah Wolfram atemlos an. Der König errötete. Er wußte nicht, welche Antwort Roselin erwartete. Goldchen hatte Tante Bertrade, die Baronin Stülphegel, zwischen der Doppeltür wohl bemerkt. Sie war in größter Verlegenheit, ob sie auch die Herren und Götter von Garba zum Handkuß bei Tante Bertrade anregen sollte. »Garba!« sagte Roselin strahlend, noch ehe sich Goldchen entschieden hatte. »Garba ist ein heiliges Geheimniswort. Nur die göttlichen Könige verstehen es, die Priester und die Dichter. – Für das Volk – –« »Aha,« erläuterte Tante Bertrade bei sich und auf der Türschwelle – »Kaviar fürs Volk!« Ihr gutes, langes Pferdegesicht wurde noch länger. »Ich meine,« Roselin hatte sich etwas verfahren, »das Volk kann nicht verstehen, daß Garba etwas Herrliches bedeutet. Das Volk braucht ein ganz einfaches und schönes Wort: Bund? Ja, Bund! Garba ist ein Bund zwischen allen. Alle wollen treu und kühn und redlich sein. Alle wollen einander helfen und sich lieben. Ist das nicht Glück?« Roselins Augen leuchteten. Ihr kleines stumpfes Näschen zitterte. Ihre Backen glühten. Sie war fast hübsch. 12 Sie bückte sich und wählte aus dem Volke, das noch immer Kotau machte, je einen Vertreter aus Porzellan, aus Holz und aus Blei. »Euch, Adel,« sagte Roselin mit den entsprechenden Gebärden zu der Porzellanfigur, »ich meine Barone und Dichter, Oberlandesgerichtspräsidenten, Pfarrer, Maler und den Herrn Schulrat, – ich stifte Euch, die Ihr mit ganzem Herzen und von ganzem Gemüt und umsonst Euren Mitbürgern Gutes tut, den Orden,« einen Augenblick zögerte Roselin, »zur türkisblauen Flöte,« sagte sie beglückt und griff nach einem Stopffädchen ähnlicher Färbung. Der winzige Berner Holzbär, der den fleißigen Bürgerstand vertrat, wurde mit einem Hut aus Goldpapier bedacht. Einmal, weil Handwerk einen goldenen Boden hat, zum andern aber, um die mehr erdhaft und sachlich gerichteten Aufgaben des zweiten Standes gegenüber dem stärkeren Idealgehalt der oberen Reihen auszudrücken. »Und nun zu dir, unglücklicher Jüngling!« Roselin hatte den lädierten Bleisoldaten ergriffen. Ihre Stimme schwang von Tränen und Zärtlichkeit. »Die Lebensrätsel, die jetzt in jedem Buchladen ausliegen, waren gewiß zu schwer für dich.« – »Donnerwetter,« sagte Tante Bertrade auf der Türschwelle. »Wir werden dich gern belehren – –« Hierbei erinnerte sich Roselin erschreckend an die peinlichen Subtraktionen und Divisionen der letzten 13 Rechenstunde. »Nun, jedenfalls,« ergänzte sie eilig, »wir werden dich lieben wie einen Erstgeborenen.« Danach verlieh Roselin dem Volk in Gestalt des einbeinigen Infanteristen eine Kornähre und ein Rosenblatt. – – –   An diesem Abend schob Tante Bertrade ihren goldenen Kneifer hoch über ihre schwarzen, ungeheuren Augenbrauen. »Kinder,« sagte sie, »eigentlich dauert Ihr mich.« Tante Bertrade hatte mit den »Kindern« den Oberst und die Baronin von Weddingstedt im Sinn. »Eure Jüngste ist,« – die Stiftsdame schnappte ein paarmal an zu einem »A«. Aber da sie nicht geradezu sagen wollte »anormal«, so sagte sie: »Das Mädel, die Roselin – sie ist reichlich apart!« – – –   Es kam während des Besuches der Stiftsdame noch des öfteren das Gespräch auf die »aparte Art« der Jüngsten. Ein Thema, von der Mutter des Kindes nicht herbeigeführt, vom Vater nervös vermieden, von der Stiftsdame energisch immer wieder ins Blickfeld geschoben. Dann eines Morgens beim Frühstück spielte das Gespräch von der aparten Roselin auf Wolfram hinüber, und von Wolfram auf dessen Vater. Dieser, wenngleich schön, elegant und äußerst lebendig, repräsentierte trotzdem bei Weddingstedts das Gespenst im Wandschrank. Eigentlich durfte man nicht daran rühren. Aber es war nun einmal 14 die mannhafte Art der Stiftsdame, Personen, Dinge und Erlebnisse zum Gesprächsstoff zu wählen, denen andere lieber aus dem Wege gingen. »Habt Ihr von Botho gehört?« fragte sie. Der betreffende Botho war kein Stülphegel, sondern ein Weddingstedt. Der Oberst fing die Hand seiner Frau, die unruhig einen Semmelrest zu zerkrümeln begann, in die seine. »Die Nachrichten von meinem Vetter sind wenig befriedigend,« wandte er sich, die Schulterblätter zusammenrückend, an das Stiftsfräulein. »Er hat seine Anstellung auf Farm Liebenau verloren, weil er leider wieder in seinen alten Fehler verfiel. Er verspielte zuerst im Kasino in Otjo sein Gehalt und hat sich dann – nun – Unregelmäßigkeiten zuschulden kommen lassen. Übrigens – teile ich Ihnen damit wohl kaum Neuigkeiten mit, Baronin. Sie kommen über Berlin.« Der Oberst sah dabei aus seinen ausnehmend hellen Augen – Roselin hatte sie von ihm geerbt – die Stiftsdame plötzlich so fest und durchdringend an, daß diese, was ihr selten geschah, mit ein paar roten Flecken auf den Wangen, den Kopf zur Seite wandte. »In der Tat,« murmelte sie wahrheitsgetreu. – Dieser stille Elimar war oft so überraschend. Sie hatte in der Tat mit Tante Adrienne über Botho gesprochen, der seinerzeit nur drei Jahre gebraucht hatte, um das beträchtliche Vermögen seiner Frau zu verspielen, zu vertun mit Frauenzimmern und 15 Wetten und anderen sehr farbigen und dunklen Dingen. Dann hatte er die europäische Bildfläche mit Afrika vertauscht. Die einzige Erinnerung an seine Person bestand in dem zwei Jahre alten Wolfram, und, wie sich bald genug herausstellte, in einem unheilbaren Leiden der jungen, seelisch bereits gebrochenen Frau. Der Oberst von Weddingstedt, damals noch Rittmeister, wurde der Vormund des Jungen. Ein paar Tage nach dem langen und schweren Tode seiner Mutter war der schmalschultrige Neunjährige bereits zu Hause in der Spielstube von Weddingstedts. Roselin hatte ihn vom Kopf zur Zehe mit Beschlag belegt. Jetzt eben wurde Garba gegründet, und man wußte kaum, wo man anfangen sollte. Nachdem die erste Landkarte mit bunten Stiften und in der lockenden Art früherer Orbis pictus entworfen war, mußte ein Gesetzbuch des Landes geschaffen werden, das in seinem Leitgedanken jeden und unbesoldet zum Dienste am Ganzen verpflichtete. Ferner wurde das Reich in Provinzen eingeteilt, und es fand statt die Grundsteinlegung von Dom, Burg, eines ethnographischen Museums, einer Konditorei und eines Schwimmbades. Später kamen hinzu ein Tierasyl und eine Suppenküche. Aber das Wichtigste war die Gründung einer Schule für Mädchen und Knaben, deren Besucher nicht fortwährend lernen mußten, sondern, ohne die Eltern und höchstens von der Erzieherin begleitet, weite Wanderfahrten an den Rhein unternehmen sollten, 16 nach Lappland oder Jerusalem. Unterwegs sollten sie spielen, singen, liebreich miteinander sein, ihre Mitmenschen erfreuen und im Wald oder auf den Bergen zu Gott beten. Wiewohl die Angelegenheit der Koedukation selbst in Amerika damals noch tief in den Kinderschuhen steckte und die Kunde hiervon keineswegs bis in das Weddingstedtsche Kinderzimmer gedrungen sein konnte, so hatte doch zu derselben Zeit in der Hauptstadt Deutschlands sich eine Handvoll Jugend aufgemacht, wie die ersten Schwalben des sehnsuchtsvollen Jahres. Sie hatten der überblühten Kultur, der Greisenhaftigkeit der Zeit, ihrer entleerten und überlieferten Form den Kampf angesagt und wandten sich gegen die Mechanisierung und Entgottung des Lebens. Mit Wandern und Singen und kultischen Spielen suchten sie zunächst nur sich selber zu entdecken und wollten Schöpfer sein neuer ursprünglicher Lebensformen. Von alledem konnte Roselin nichts ahnen, während sie mit Wolfram Garba gründete. Als sie zum ersten Male von der Bewegung der Jugend erfuhr, war diese bereits eine Bewegung zum Kollektivum geworden und hatte sich von der schmalen Stufe des idealen Individualismus zu einer breiteren und höheren heranreifend, zum Dienst an Volk und Menschheit verpflichtet. Aber war nicht im Garbanischen Schulsystem und in der Gesetzgebung des Landes bereits die erste und auch die zweite Stufe vorgeahnt? 17 »Wird Roselin einmal eine Dichterin werden?« fragte scheu und zweifelnd eines Tages die Baronin. »Eine Dichterin?« – Goldchen wiegte nachdenklich und liebreich den blonden Kopf. – »Ich bin nicht sicher. Sie muß ihre Träume doch immer gleich ins Lebendige umsetzen. Roselin träumt nicht nur Garba. Wird sie eine Gründerin werden, Frau Baronin?« Ein anderes konnte die Baronin zuweilen bis in die Träume beunruhigen: wie war es möglich, daß Roselin – daß ihr eigenes Kind der Natur gegenüber so empfindungslos schien? ›Moorwitten‹ – dachte dann die Baronin und legte die Hand wie zum Schirm über geblendete Augen. – So deutlich erblickte sie den meilenweiten See, perlmuttern, grau, silbergestreift oder mit weißen Schaumkrönchen über grünen und schwarzen Abgründen. Sie erblickte die bewaldeten Halbinseln, ernst oder lieblich, je wie Sonne oder Schatten sie berührten, und immer geheimnisvoll in den See hinausziehend, die Kraniche, wenn sie vom Rande der Wälder aufstiegen, eine schimmernde Eins, und die schweren und samtenen Mäntel der Föhren, wie sie über Reitweg und Reitern zusammenschlugen. Sie sah den gedehnten Park mit den riesenhaften Fliederbosketts und dem Jasmin voller Nachtigallen, die Teiche voll Schwäne und Wasserrosen, die geschorenen Rasenflächen, umfaßt von blühenden Rosenbändern und die Teppichbeete mit 18 roten, lila und weißblättrigen Gewächsen. Sie spürte den schwülen Atem des Heliotrop, den reinen der Reseda, den berauschenden der Rosen und den lockend süßen, der den Gewächshäusern voll Trauben und Pfirsichspalieren entquoll. All dieses hatte Roselin freilich niemals gekannt, nicht einmal den kleinsten Garten bei dem ewigen Herumziehen in den Garnisonen, kein eigenes Beet, wo sie hätte pflanzen können und säen und das Blühen erleben und Reifen. – Aber all dies in Abrechnung und trotzdem: ihr Kind!! »Stelle es dir nur vor, Elimar,« die Baronin kam von einem Spaziergang mit den Kindern nach Hause: »Der Bengel wurde einfach toll. Und Stephanie ist doch wahrhaftig keine Lyrikerin! Aber die überblühte Wiese stieg ihr zu Kopf. Sie stürzte sich hinein, beide Arme ausgebreitet, als ob sie sie austrinken wollte. Da –« die Baronin deutete auf einen Riesenstrauß in der schönen holländischen Vase – »die Frucht dieses dionysischen Rausches! »Hingegen Roselin –« Und jetzt erzählte die Baronin, wie sie mit Goldchen gesessen hätte auf dem Hang, so wunderbar rot von Thymian und ein einziger Duft unter der Sonne, und Roselin mitten in der Wiese, hinter ihr Wolfram, ihr ergebener Page. »Das blühende Gras ging ihr bis über den Gürtel. Sie bückte sich. Das Haar fiel ihr nach vorn. Kein Mensch hätte gemeint, unser Kind sei nicht reizend. Sie sah aus wie das hauchfeine Seelchen 19 der Wiese. Wir dachten: endlich!« Die Baronin wurde ganz aufgeregt. »Endlich einmal erlebt Roselin Blumen! Als wir behutsam näher gingen, was meinst du wohl, wie unser Kind naturschwärmte! Mit einer Hand hielt sie eine Skabiose und mit der anderen eine Marguerite, und den unglücklichen Geschöpfen pries sie die Vorzüge von Garba an, wie gut und edel dort alle Menschen wären, und daß die Garbaner eine Wochenschrift gegründet hätten: Zum Zeitvertreib! Sie sei ulkig. Sie brächte aber auch fromme Gedichte und Sachen aus der Politik und aus den Kolonien! – Elimar!« Die Baronin lachte und zürnte und sorgte durcheinander. Der Oberst stand im Grunde der Angelegenheit noch hilfloser gegenüber. Er lächelte, wie er seine Frau am Kinn faßte: »Du mußt das nicht tragisch nehmen, Liebling! Ich bin auch erst mit dreizehn Jahren dahintergekommen, daß der Wert eines Weidengebüsches, wie es ein Flüßchen begleitet, noch anderswo liegt als im Pfeifchenschnitzen im Frühling!« Der Baron hatte völlig recht mit seiner Behauptung. Und da die Baronin nicht daran dachte, daß er zwischen seinem achten und dreizehnten Jahre keinem umbuschten Flüßchen begegnet war, das sich durch morgendlich dampfende und überblühte Wiesen schlängelte, weil er diese Jahre im Kadettenkorps und die Ferien zu Hause in Berlin verbrachte, 20 so ließ sie sich beruhigen und trösten. Weil sie so gern beruhigt und getröstet sein wollte. Wolframs Vater war übrigens im letzten Jahr wieder aufgetaucht, und zwar in glänzenden Verhältnissen. Woher sie stammten, wußte niemand zu sagen. Er selbst äußerte sich nicht näher darüber. Elegant bis in die Fußspitzen und begleitet von einer ebenso eleganten Frau – Amerikanerin – hatte er die Verwandten besucht, und obwohl sie beide nur ein paar Stunden geblieben, riß die Baronin tagelang nachher im Salon die Fenster auf. Ein wildes exotisches Parfüm wollte noch immer nicht weichen. Es war bei diesem Besuch beschlossen worden, daß Wolfram den Vater, vielmehr die Eltern, jeden Sommer in Brüssel oder Spaa besuchen sollte. Als er zum ersten Male von dieser Ferienexkursion heimkehrte, erzählte er Wunderdinge. Er brachte einen ledernen Toilettenkoffer mit, silbergedeckeltes Kristall und eine Perle im Schlips. Auch benahm er sich herablassend in bezug auf Nachtisch und andere Dinge des täglichen Lebens. Nachdem die Baronin Kristall, Silber und Perle weggeschlossen hatte, war er völlig der alte Wolfram, selig hingegebener Sklave – wiewohl eigentlich Mitregent der Garbanischen Königin. Im folgenden Herbst wuchs das Reich Garba immer deutlicher sich zu einem völligen Lichtreich aus, sehr edel und wohlgeordnet. 21 Zugleich begann in derselben Zeit der Bengel in das unbegreifliche Alter des Backfisches einzutreten. Er hielt sich länger vor dem Spiegel auf, orientierte sich in der Modezeitung über einen gewissen » dernier cri «, bekam Freundinnen und schwärmte für den Literaturprofessor. Die Baronin sah es nicht gern, wenn der Bengel, später als nötig war, aus der Schule zurückkam. Man bemerkte auch des öfteren Jünglinge mit roten oder weißen Mützen auf der gegenüberliegenden Straßenseite flanieren, und eines Tages wurden Roselin und Wolfram mit der kurzen Mitteilung überrascht, daß der Bengel von jetzt ab als ihr Ideal anzusehen sei, Stephanie mit »weiblichem« Pronomen heiße, und daß man Gedichte auf sie zu machen hätte. – – Roselin fiel Dichtung nicht schwer. Sie begann sogleich auf den freien Stellen ihres alten Rechenheftes. Wolfram schwitzte Blut über seinem ihm abverlangten Gedicht. Als es trotzdem nicht gelang, begab er sich daran, mit Pastellstiften den Blumengarten aus Roselins Versen zu illustrieren. Die beiden unterhielten sich voll Staunen und heimlich über den eigentümlichen Wechsel im Wesen der Schwester. Man wäre geneigt gewesen, ihn auf die Schule zu schieben, die der B . . ., oh – die Stephanie seit Ostern besuchte. Aber da auch Wolfram zu eben dieser Zeit in die Quarta des Gymnasiums eingereiht wurde, und bei ihm 22 keinerlei Symptome eintraten, mit denen des Bengels vergleichbar, so mußten wohl andere, unerforschliche Vorkommnisse zugrunde liegen. Jedenfalls Roselin, als einzige und glückselig dem Schultisch von Goldchen noch immer verhaftet, entschied: Backfisch werden wollte sie keinesfalls. Um sich für den anstrengenden Dienst am Ideal zu entschädigen, nähten die Beherrscher von Garba des öfteren die Ärmel von Stephanies Nachthemd zu und legten ihr einen nassen Schwamm oder die Haarbürste ins Bett. – Übrigens erfuhr diese Periode ihren Abschluß durch Stephanies Konfirmation. Roselin war ein sehr frommes Kind. Wie zu einem Fest besuchte sie die Sonntagsschule, in der Goldchen selber ihre Abteilung betreute, und wo man obendrein keine Divisionen zu lösen brauchte, und Attribute und Adverbien völlig ausgeschaltet blieben. Roselin wußte nie, war es das Auge Gottes über dem Altar, wunderbar dreieckig, im Kranz seiner herrlich goldenen Strahlen, von dem sie behütet wurde, war es der Heiland, der mit liebend ausgebreiteten Armen zum Himmel entschwebte, oder war es auch Goldchen selber? Jedenfalls trug Roselin alle Anliegen dem Himmel vor: Gelöbnisse, Dankbarkeitsbezeugungen und Bitten. Vielleicht ging sie zu weit darin, wenn sie Gott anflehte, er möchte Goldchen ihre verlorene Briefmarke wiederfinden lassen? Aber ihre Bitte wurde gütig erhört. 23 Und vielleicht, daß die Gebete der großen Leute um Erfolg und Ruhm, um Liebe, Glück und Sieg dem Lächeln Gottes auch nicht viel bedeutsamer erscheinen als die Bitte eines Kindes um eine verlorene Briefmarke. 24   Im Sommer dieses Jahres sollte man nach Moorwitten reisen. Wolfram ging diesmal nach Ostende. Roselin entschied, daß er Strampel mitnehmen würde, während Zampel Ostpreußen kennenlernen sollte. Strampel und Zampel, winzige, ziemlich beschädigte Porzellanfigürchen, chinesische Bettler mit Suppennäpfen, waren zwei Originale des Reiches Garba. Eigentlich waren sie Exzellenzen – man erkannte es an der Nymphenburger Krone über dem N auf ihrem Untersatz, und es hatte etwas Ergreifendes, wenn man sich klarmachte, daß Strampel mit abgebrochenem Arm und Zampel, dem tatsächlich der Kopf nur mit Syndetikon aufsaß, daß diese beiden elenden Greise in Wirklichkeit die gnädig helfende Hand der göttlichen Herrscher des Landes waren. Nur das erwuchs nach und nach als wirkliches und fast unlösbares Garbanisches Problem: nämlich wem zuletzt Zampel und Strampel versteckte Wohltaten erweisen sollten in einem Lande, das schon wie der Himmel auf Erden war? Aus diesem Grunde – es muß das zugegeben werden – begann das Garbaspiel seine göttlichen Herrscher ein wenig zu langweilen. Nur daß den sonst Allwissenden der Grund für diese Empfindung verborgen blieb. Jedenfalls wurde beschlossen, daß 25 die beiden Exzellenzen ebenfalls auf Reisen gehen sollten. Vielleicht, daß sie in der Fremde Erlebnisse hatten, die ihnen Stoff zu Reformen in Garba geben könnten. Indessen, um in keiner Weise das Inkognito zu gefährden – denn ein Bettler findet leichter Zutritt zum guten und bösen Wesen der menschlichen Seele als eine Exzellenz – wurde beschlossen, Zampel und Strampel äußerlich noch etwas mehr zu entstellen. Früher hatte man in solchen Fällen einfach zum Schielen gegriffen, was aber verboten worden war. So beschlossen die göttlichen Herrscher, die Exzellenzen mit einer Geschwulst am Kinn zu versehen, zu welchem Zweck sie selber die Zunge zwischen Unterkiefer und Unterlippe klemmten und auf diese Weise eine neue, fremdartige und kloßige Redeweise einführten. In dieser Periode der Kinngeschwülste pflegte der Baron Weddingstedt sich zu beklagen: seine Jüngste sei sowieso keine Schönheit, und er sähe nicht ein, warum sie sich immer neue Möglichkeiten der Verunstaltung ihrer Person ausdenke. So sahen sich die Exzellenzen Zampel und Strampel, sowie Herrscher und Herrscherin von Garba am dritten Juni des Jahres 1902 auf dem Bahnhof von Höchenflug, nach entgegengesetzten Richtungen des Erdballs auseinandergerissen, bereits heimwehkrank nach einander, mißverstanden von ihrer Umgebung und einigermaßen begossen. Was Roselin trotzdem als das Schwerste erschien beim Besuch in Moorwitten, war die Sehnsucht nach 26 Goldchen, denn zum ersten Male nach sieben Jahren hatte Goldchen auf länger als vierzehn Tage von Roselin Abschied genommen und sie noch dazu einem fremden Land und einer fremden Umgebung ausgeliefert. Natürlich hielt sich Roselin an die Allgegenwart Gottes. Sie betete in den ersten Tagen sehr viel und sobald sie sich unbeobachtet wußte, zwischen ihren dünnen, immer kalten, gefalteten Händen Zampel mit dem Suppennapf und ohne Kopf, den er leider unterwegs durch Aufenthalt im Schwammbeutel wieder einmal eingebüßt hatte. Wenn Roselin auf diese Weise gestärkt, ihren Schlupfwinkel verließ, begab sie sich auf Entdeckungsfahrten. Das Gelände hier war ausgedehnt, und man mußte sich Zeichen machen, wie die roten und blauen und gelben Streifen, die Wegrichtungen andeuten in meilenweiten Wäldern. Natürlich hätte man sich Kusine Wera anschließen können. Aber was für eine Beziehung konnte entstehen zwischen zwei Menschen, von denen der eine wußte, man konnte alles sein, was man wollte: Herrscher und Zampel, Häuptling und Zigeunerkind, im Notfall sogar Braut, während der andere behauptete, man könne nur man selber sein. Allerdings besaß Wera etwas unerhört Herrliches, mit dem zu rechnen gewesen wäre: nämlich ein richtiges, winziges Blockhäuschen, mitten im Park. Welche Möglichkeiten von Robinsonaden, 27 heimlichen Räuberbanden, entrechteten und geflüchteten Königen, verbannten Günstlingen konnte dieses Blockhaus gewähren! Nun aber war es bevölkert von einer Puppenfamilie, die an Stupidität kaum ihresgleichen hatte, obwohl alle Kasten: Leder, Wachs, Porzellan und Zelluloid vertreten waren. Hier waren Pläne für Trost bereits zu Ende, ehe sie begannen. – – – Eines Morgens beschloß Roselin, und zwar allein, vom Frühstückstisch zu entwischen. Nicht so eilig, denn die Moorwittner Frühstücke waren Unternehmungen mit Eiern und Schinken, Fisch, Grützen, dreierlei Brot, Honig, eingekochten und frischen Früchten verschiedenster Gattung, von denen Roselin an ihrem bescheidenen Morgenplatz zu Hause sich auch in ihren phantastischen Träumen keine Vorstellung gemacht hätte. Aber einmal ist schließlich auch ein nicht verwöhnter Kleinmädchenmagen befriedigt. Roselin hatte vom obersten Tischende her erfahren, daß die liebe Großmama – einen Großpapa gab es nicht mehr – jemanden aus der Stadt erwartete, der Kühe kaufen wollte. Der Betreffende, der, wie es schien, sehr viel Geld hatte, hieß Klaguweit. Der Name hätte Roselin entzückt, wäre er nicht in einer Weise betont worden, die sie eigentümlich bedrückte. Auch hieß es, daß der Sohn des Alten jetzt Rechtsanwalt sei, eine große Kundschaft unter den kleinen Leuten habe und viele Vorträge halte. 28 Roselin faßte eine Zuneigung zu dem Betreffenden als einem verstehenden Kollegen. Dabei überlegte sie fortwährend, wie sie unbemerkt von dem langen Tisch fortkommen könnte. Sie studierte Gesicht auf Gesicht. ob sie von jemand beobachtet wurde: das kleine, feine Marquisenköpfchen der lieben Großmama mit der kurzen, geraden, hochmütigen Nase und dem vorgewölbten Kinn, Onkel Gustolf in weißer Leinenjacke, der Großmama zur Linken, mit den zwei riesigen, meerschaumbraunen Vorderzähnen über dem auseinandergekämmten fliegenden Paschabart, der drei Viertel des Jahres alle in- und ausländischen Gestüte bereiste, und in dessen Weinkeller Flaschen – Mengen, Namen und Jahrgänge von völlig sagenhaftem Ausmaß regierten. Neben Onkel Gustolf, der Roselin ganz gewiß nicht beobachtete, bewegte sich wie eine schöne Blume auf zartem Stengel das Gesicht der Mama, noch freier, noch strahlender, noch jünger als zu Hause. Sie unterhielt sich sehr lebhaft mit Onkel Aemil. Onkel Aemil mit den zusammengeschobenen Brauen unter der unermeßlich hohen, immer etwas wächsernen Stirn wäre ein Künstler geworden, wenn er nicht als Erbe einer der größten Baronien des Landes geboren wäre. Auch Onkel Aemil war nicht zu fürchten, ebensowenig wie die runden Äpfelchenbacken von Tante Karola, die in Männerstiefeln auf Jagd ging, große, schwarze Virginiazigarren rauchte und von alten Hofgeschichten überquoll. 29 An ihrer eigenen Tischseite heraufreisend, begegneten Roselins Augen vielen verschiedenen Gliedern der Familie von Hartmannsberg, die, in Berlin wohnend und nur von einem schmalen Beamtengehalt lebend, jedes Jahr in riesigen Körben ihre sämtliche Winterwäsche nach Moorwitten zur Reinigung mitbrachte. Es folgte das schöne Gesicht der Frau von Vierraden, das Roselin irgendwie nicht leiden mochte, besonders wenn Frau von Vierraden sich mit einem Herrn unterhielt, und das tat sie eigentlich immer, und augenblicklich mit dem so herzlich lachenden, riesenhaften Onkel Alexander, der bereits in Jagdgamaschen und Joppe mit Hornknöpfen frühstückte. Das lange Pferdegesicht von Tante Bertrade über der Stiftsbrosche beschäftigte sich eingehend mit einer gebratenen Forelle. Hinter ihrer breiten Schulter verschwand fast der glatte Scheitel von Tante Wilhelmine, die Mädchenabende gegründet hatte mit Theaterstücken, in denen Gehorsam und Fleiß verschwenderisch belohnt wurden, und worin der Teufel leibhaftig erschien. Aber alle diese Gesichter, jedes vom andern so völlig verschieden, hatten sie nicht irgendein Gemeinsames? Roselin überlegte peinvoll, was dieses Gemeinsame sein konnte. Denn – das verwirrte sie völlig – die Mama, auch die Mama sah hier nicht mehr aus wie zu Hause. Auch bei ihr war irgendeine Schwingung ihres schönen schlanken Halses, die sie Roselin fortzunehmen schien und den andern 30 zugesellte. Sie waren alle sehr lieb, aber jetzt eben, als sie von dem Viehhändler sprachen und von seinem Sohn, dem Rechtsanwalt, – waren es nicht ganz fremde Leute? – Und – Roselins Mama gehörte zu ihnen? Den Papa an ihrer eigenen Tischseite konnte Roselin eben nicht sehen. Aber wie ihr Blick noch umherirrte, stürzte er sich plötzlich in ein Paar Augen unten an der Jugendecke. Wie waren sie doch, diese Augen? Grau? Darauf kam es nicht an. Aber waren sie demütig oder überlegen? Das eigentlich knabenhafte Gesicht, in dem diese zwei Augen unter einem silberblonden Scheitel standen, gehörte Herrn Engelmann. Er war Kandidat der Philologie und Hauslehrer in Moorwitten während der Zeit, in der er seine Doktorarbeit baute. Die Vettern, besonders Archi, hingen sehr an ihm. Sie sagten: »Er paukt nicht bloß. Er macht mit.« – Er schien immer dabeizusein, wenn sie fischten und ritten und das Land durchstreiften und die hellen roten Sommernächte auf den Koppeln mit den Hütejungen durchwachten. Auch die Erwachsenen, sogar die liebe Großmama, Onkel Gustolf oder Onkel Alexander, fragten Herrn Engelmann zuweilen um seine Meinung, und wenn sie von der ihrigen abwich, wurden sie nachdenklich oder aufgeregt und versuchten in ausführlichen Gesprächen ihn zu sich zu bekehren oder gaben sich im äußersten Notfall sogar zuweilen besiegt. Dies war noch nie geschehen auf Moorwitten, einem Hauslehrer gegenüber. 31 Seit ein paar Tagen war die Doktorarbeit über »Nachweisliche Kultstätten der Stammvölker Ostpreußens« beendet, und Herr Engelmann stand vor der Abreise. Jetzt am Frühstückstisch lächelte er, als er Roselins Blick auffing. Wie man ein kleines Mädchen, das sich verzweifelt aus dem Fenster stürzt, mit festen und ausgebreiteten Händen auffängt. Herr Engelmann lächelte und nickte unmerklich zu Roselin hin, während er ruhig dabei sein kleines braunes Perlhuhnei aufklopfte, und das Wunder der Verständigung damit zugleich irgendwie fest dem Begreiflichen auf der Erde verankerte. Roselin empfand glühende Dankbarkeit. Nun bemerkte sie auch neben Herrn Engelmann Bob, den erst kürzlich angelangten Vetter. Bob sah ebenfalls anders aus als die anderen. Und, als Roselins Augen den Tisch wieder hinunterrannten – ja, da tauchte es eben auf, vor der angenehmen Fülle der Äbtissin, das geliebte Gesicht des Papa, hager, blaß, mit den Schmerzenswülsten über den Augen; aber auch hier ganz dasselbe, wie man es immer gekannt hatte. Nun konnte Roselin, mutig und getrost durch geheimnisvoll Verbündete, – witsch! – neben Joachim, der eben heißes Wasser in den Samowar nachfüllte, hinausschlüpfen. Denn zum und vom Frühstückstisch konnte jeder ohne Verletzung der Höflichkeit kommen und gehen, wann er wollte. »Goldchen,« sagte Roselin draußen und nickte mit zärtlich gespitztem Munde nach einer 32 Himmelsrichtung hin, wo sie fälschlich die Schweiz vermutete. »Guten Morgen, Goldchen!« Wolfram begrüßte sie nicht ausdrücklich. Sie kniff Exzellenz Zampel ein wenig in ihrer Tasche, das bedeutete ebensoviel. – Gleich danach war Roselin die breite Terrasse hinuntergesprungen, nur einen einzigen der kleineren Bethunientöpfe umkugelnd und die großen Hortensienkästen ganz unbehelligt lassend. Nun war sie Pfadfinder und Entdecker und verlangte nach der berauschenden Angst des Ausgeliefertseins an das Unbekannte. Um möglichst schnell außer Sehweite zu geraten, war Roselin um die breite Front des Hauses gerannt und befand sich dem Flügel gegenüber, in dem Küche und Wirtschaftsräume lagen und die Stuben der Hausbedienten. Hierher kamen die Bewohner des Hauses nur in ganz besonderen Fällen und niemals die Gäste. Roselin ging jetzt langsamer. Ein süßer Duft hieß ihr Näschen, das Hübscheste in ihrem kleinen, flachen Gesicht, schnüffeln: die Gerüche der nahen Obstgärten und der Erdbeerbeete machten sich köstlich bemerkbar. Roselin fand die Einleitung zu ihren Entdeckererlebnissen einladend genug. Nur daß jetzt ein Ton aus dem entfernteren Teil des Gartens kam, der ihr die Fischhaut in den Nacken gab. Sie rannte den kiesbestreuten Weg zwischen Bux, tränenden Herzen, Akeleien und Zentifolien 33 hinunter. War jemand in Gefahr? Mußte sie jemand befreien? Und dies war so wunderbar: eben noch glühte Roselin von Kühnheit und Helferwillen, und jetzt erschienen ihre Knie wie aus Teig. Roselin stand vor einem kleinen, grünen Pavillon, den sie noch niemals erblickt hatte. Die Flügeltüren waren an der ihr zugekehrten Seite weit geöffnet, und auf dem Vorbau, umrankt und umblüht von Jelängerjelieber stand ein Ruhebett. Roselin war stehengeblieben, wie eingemauert. Ein Gesicht, ganz zerfaltet von Qualen, richtete sich auf unter den seidenen italienischen Decken, erschrak, faßte sich schnell, lächelte Roselin zu. Ja, es war Onkel Eberhard, der nur manchmal abends nach Tisch im Rollstuhl in den großen Saal geschoben wurde, der ganze Seiten Gedichte hersagen konnte, und den niemand küssen durfte. Auch jetzt hob er in heftiger Abwehr die Hände, als Roselin ihm schluchzend um den Hals fallen wollte. Er pfiff in einer besonderen Weise, und schon kam der Diener, ein riesiger Mensch mit eigentümlichem Schädel und Ohren, fast wie ein Windhund, aber ohne die falschen Lichter, die ein Barsoi haben kann. Onkel Eberhard wies erregt auf Roselin: »Paul, sogleich die Baroneß in den Park führen, Pförtchen im Weidenzaun. Pfirsiche!« Er hob grüßend und scheinbar atemlos seine Finger zum Kuß an die Lippen für Roselin. Er nickte lächelnd und winkte. 34 Als Roselin, vom Paul geführt, jenseits des Törchens im Weidenzaun stand, ihr Russenkittelchen voll Pfirsiche – kam nicht wieder das Stöhnen herüber von dem umblühten Pavillon? – Roselin ließ die Hälfte der Pfirsiche auf den Rasen rollen. Sie sprang mit langen Beinen mitten in das Nelkenbeet und von da in den Park. Sie rannte – rannte. Da Roselin nicht sah und nicht hörte und immer nur rannte, war sie zuletzt an einer Stelle des Parks gelandet, die sie noch niemals betreten hatte. Jedenfalls gesehen hatte sie dies noch niemals. War es wirklich? Sie vergaß Onkel Eberhard darüber, ihren Kummer und ihr Entsetzen. Da standen nun die Massen kleiner lila Glockenblumen, die feinen Moose und hohe braun überperlte Farnwedel! Stämme uralter Eichen und Föhren mit langen Bärten standen da und die weißen, wiegenden Birken. Irgendwoher kam leises Glucksen eines Wässerchens, Liebeslaute der Holztauben, Klopfen des Spechts, und von weit, weit drin im Gebüsch das Lachen des Kuckucks. Sonnenflecke, rund und blank wie Taler, fielen vor Roselins Füße auf das grüne Gras, lösten sich auf und verflochten sich in blasse, silberne und ewig zitternde Ringe. Roselin ging auf den Fußspitzen zum Gebüsch und bog sich eine Lücke. Nun stand zu ihrer Rechten die unmeßbare Weite von Äckern und Wiesen und wieder Äcker und Wiesen und zur Linken die ebenso unmeßbare Weite eines Wassers, zartblau im 35 Vordergrund, bleiern und stumpf in der Mitte und dann wie vergehend im Raum. Nirgends war eine Grenze, nirgends ein Halt. – Nicht wie daheim, wo sanft bewaldete Berge oder blaue Kuppen überall die Welt einfaßten und festhielten, daß sie nicht von einem wegstürzte. – Hier, die ganz niedrige, schmale und dunkelblaue Linie der Wälder konnte man kaum als schützendes Geländer empfinden, hier war man noch kleiner als daheim, ganz preisgegeben, wenn man nicht – wenn man sich nicht entschloß . . . – Und jetzt war es, daß Roselin beide Arme um die nächste Birke klammerte, deren Stamm noch nicht gewaltig genug war, als daß ein kleines Mädchen von elf Jahren ihn nicht hätte umfassen können. »Baum,« sagte Roselin – sie wußte noch nicht einmal seinen Namen – »lieber Baum – Bäume – und Wasser und alles weit weg dort,« sie nickte in die unmeßbare Ferne hin, »ich bin auch – ich bin auch – ihr! Wirklich, ich bin ein bißchen Baum. Ich muß mich fürchten, lieber Gott,« flüsterte Roselin, »wenn sie mich nicht annehmen!« – Und wie sie wartete, ob man sie annehmen würde, flog ein Stieglitz so nahe über ihren Kopf, daß er ihr das Haar fast streifte. Er ließ vor Roselins Füßen eine rote Perle fallen. Ohne sich zu besinnen, verschluckte Roselin die Ebereschenfrucht, die ihr der Stieglitz geschenkt hatte, als könne sie sich damit die Natur und ihr Geheimnis einverleiben. Mit der Perle im Magen war Roselin sehr 36 fröhlich geworden. Sie lief hin und her, streichelte die Blumen, Sträucher und Bäume, beschämt, daß sie bloß die Eichen beim Namen kannte. Aber das, was Roselin soeben erfahren hatte, konnte ja doch niemals in einzelne Namen aufgelöst werden. – An diesem Abend schrieb Roselin an Wolfram: »Wir müssen überall in Garba Durchblicke herstellen lassen, daß die Einwohner die Weite erleben. Es ist ein erhabener Anblick, und sie werden besser davon werden!« Wolfram, der in Ostende am Strand, wenn er gewollt hätte, täglich die Wirkung der Weite erleben konnte, hatte sich bisher mehr mit Schiffen, Strandkörben, Muscheln, Schwimmen und amüsanten Badegästen beschäftigt. Er antwortete Roselin: »Hier ist ein Schottländer im Bade, der auch ohne Badeanzug mit nackten Knien geht und in einem ganz kurzen karrierten Mädchenrock. Aber an seiner Mütze trägt er eine schmale Adlerfeder, das bedeutet, er ist Häuptling von seinem Clan oder seinem Stamme. Er verachtet die Engländer und ist sehr nett. Er hat einen Königsmörder in der Familie. Papa ist öfters in Brüssel. Mama hatte gestern abend eine malvenrosa Toilette an mit vielen Brillanten, sie tanzt glänzend und hat furchtbar viele Verehrer. Sie küßt mich oft. Mir ist das nicht angenehm. Wir sind es nicht gewohnt. – Mit den Ausschnitten auf Weite in Garba, um erhabene Anblicke zu erzielen, bin ich natürlich einverstanden.« 37 Als die Baronin den Brief las, runzelte sie leicht die Brauen. Zuletzt lachte sie. »Wenn ihr morgen nach Talkmenen reitet, komm ich mit,« sagte in diesem Augenblick die liebe Großmama. Tante Bertrade redete ab. Und auch die Baronin sagte, es sei doch wohl zu weit und zu schlechter Weg, bei fast siebzig Jahren – – und die Augen nicht mehr ganz so wie früher. » Quelle folie! « sagte die liebe Großmama. Sie sah aus, als trüge sie eine siebenzackige Krone auf dem schneeweißen Marquisenköpfchen. »Was sind das für alberne Moden? Meine Mutter – du solltest dich noch erinnern – Lenor, sie war halb blind, und sie war weit über die siebzig, als sie noch den roten Frack anzog und immer dicht hinter dem Piqueur dem Fuchs hinterdrein.« Der Bengel, jetzt durchaus Stephanie, war selig in Moorwitten. Sie hatte ein Reitpferd, Fleurbleue, einen völligen Königinnenzelter, blau gesternt, die entzückendsten Ponys, nicht viel größer als sibirische Hunde, zum Fahren, und alle Jungens hinter ihr drein. Nur Bob mit den straffgebürsteten Haaren, den sehr hellen, klugen Augen zu seiten des schmalen Nasenrückens ging still und zielbewußt in den Garten, wenn er Roselin dort wußte, oder stand und suchte ausführlich nach einem Buche in den himmelhohen Borden der Bibliothek, wenn Roselin dort hineingeschlüpft war. 38 Bob las viel und mit Geschmack. Er sprach gut Verse. Er führte Roselin, die nicht weit über die Klassiker hinausgekommen war, in Eichendorff ein, und er hatte die Fächer ausgespäht, wo Liliencron, Strachwitz und Börries von Münchhausen standen. Es gab Regentage, an denen Roselins kleine, zarte Gestalt, vom tiefen Ledersessel eingeschluckt, vor dem mächtigen steinernen Kamin saß, in dem an solchen Tagen ein Holzfeuer prasselte. Bob lag auf dem Eisbärfell vor dem Feuer, die Flamme tönte sein helles Gesicht zu Bronze und machte seine Augen wie Stahl. »Der Page, der am Throne stand, Bog tief das feine Knie, Es spielte seine Knabenhand Am Dolch der Pagerie . . .« Dieses Gedicht von der süßen Königin Fanchon liebte er wie Roselin am meisten. Er mußte es immer noch einmal wiederholen. Aber auch dieses, wo sie alle aufgerufen werden: »Monteton, wo ist deine Mauer? Chalençon, wo ist dein Schwert? Wo ist dein Turm, Tournefort?« Dann glitt wohl Roselin, leicht wie ein Wölkchen, aus ihrem Stuhl. Sie hockte sich neben Bob auf das silbersprühende Fell, sie legte ihm den Arm um die Schulter, wie sie es bei Wolfram gewöhnt war, wenn sie beide aus einem Buch lasen. Die Haare fielen ihr schwer nach vorn und verwickelten sich im Schlips der Matrosenbluse von Bob, und 39 nun sprachen sie beide die hinreißenden Verse, in denen es bebte und klirrte und läutete und sang – – Wenn die Großen die Bibliothek gerade dann betraten, ein paar Augenblicke unbemerkt standen und lauschten und dann leise wieder die Tür hinter sich schlossen – es konnte wohl sein, daß eines oder das andere. die schöne Frau von Vierraden zum Beispiel oder die Äbtissin von Kloster Lögum nachher die Baronin besorgt beiseitenahmen: »Lenor, ist es nicht gefährlich? – Bob und Roselin? – Und – und – –« Dann schüttelte die Baronin ärgerlich lachend den kleinen, feinen Kopf, dem der lieben Großmama so ähnlich, und wie eine Blume auf dem langen, schlanken Halse sich bewegend: »Roselin,« sagte sie, »du könntest sie zwei Jahre lang mit ihren Rittern, Bob oder Wolfram, auf einer Insel aussetzen!« Das Gefühl der Baronin wurde zärtlicher als gewöhnlich, wenn sie in dieser Weise von ihrer jüngsten Tochter sprach. »Nicht einmal Stephanie,« sagte sie gleich danach wieder zürnend, »die ein kleiner – meinetwegen auch ein großer Flirt zu werden verspricht, nein, auch um den Bengel brauchte ich mich niemals in einer bestimmten Weise zu sorgen oder ihr aufzupassen.« »Wie Mademoiselle bei Wera zum Beispiel,« sagte die schöne Frau von Vierraden träumerisch und mit einem eigentümlichen Lächeln um die Mundwinkel. »Ich sah sie mit Sascha gestern früh wieder zusammen hinter den Fliederbosketts.« 40 »Du solltest es ihrer Mutter mitteilen oder Mademoiselle,« sagte die Baronin steif. »Verzeih, Adda, ich muß noch zwei Briefe fertigmachen für die Post.« Während die Baronin ihre schöne Kusine verabschiedete, legte Bob den Münchhausen plötzlich auf das silberne Vlies. Er errötete dunkel. Er blieb auf einem Knie vor Roselins langen, schlanken Beinen. »Ich wäre gern dein Page, Roselin,« stotterte er, »oder der Ritter –« »Oh,« sagte Roselin »wie herrlich. Wir könnten sogar einen richtigen Dolch stibitzen aus dem Waffenschrank oder ein Ritterschwert. Für mich brauche ich nur Mamas hellblauen Kreppschal.« Bob stand auf. Er trat ein paar Schritte zurück, verschränkte die Hände im Rücken und lehnte sich an den marmornen Kaminpfeiler. »Ich meine doch in Wirklichkeit,« sagte er furchtbar verlegen. Roselin staunte. »Ja, natürlich,« sagte sie dann. »Es gibt zwei Wirklichkeiten, die eine ist draußen, und da müssen wir gehorchen, und die andere ist inwendig. Da können wir regieren.« Roselin deutete lächelnd auf Kopf und Herz. Sie griff in die Tasche und berührte Exzellenz Zampel mit dem Suppennapf. »Garba ist doch auch Wirklichkeit,« sagte sie zärtlich und errötend. Sie hatte hier noch niemandem das Geheimnis von Garba preisgegeben. »Ich weiß nicht, was Garba sein soll,« sagte Bob heftig und gekränkt. Und kurz entschlossen fügte er hinzu: »Wenn wir erst erwachsen sind, und ich 41 verdiene Geld genug, werde ich dich heiraten.« Seine Backen glühten. Er hätte so gern Roselin bei der Hand genommen. Aber seine eignen Hände hingen ihm herunter wie Bleiklumpen. »Heiraten?« – Roselin verträumte sich. »Ja, wie willst du denn Geld verdienen?« fragte sie plötzlich interessiert. »Ich glaube, es ist furchtbar schwer. Ich habe ein goldenes Zehnmarkstück – aber nur geschenkt, von Onkel Eberhard. Vielleicht willst du Kaufmann werden wie unser Hauswirt, Herr Wasserzug? Dort strömt das Geld nur so herein, sag ich dir.« – ›Ob Papa etwas verdient,‹ grübelte Roselin. »Ach, laß doch.« Bob wurde ungeduldig. »Kaufmann, nein danke! Wahrscheinlich werde ich Ingenieur. Kavallerie ist zu teuer, und ohne Pferd mag ich überhaupt nicht anfangen beim Militär. Wenn man kein Vermögen hat und keine Kaution stellen kann, geht heiraten nicht vor dem Rittmeister. Aber Wilhelm bekommt doch unser Gut. Wenn er uns alle auszahlen muß, geht er kaputt, sagt er. Wir wollen das nicht. Talkmenen muß unbehelligt bleiben, wir wollen alle selber verdienen.« »Doktor,« schlug Roselin vor. »Doktoren schreiben große Rechnungen. Ich weiß.« »Hier nicht,« sagte Bob. »Hier schickt man ihnen zu Neujahr ein Kuvert. Da ist es drin. Doktor dauert auch lange. Überhaupt Studium – – Aber Roselin, wenn du warten wolltest –« »Ja,« sagte Roselin, »wieso warten?« 42 »Ach, Roselin,« jetzt verlor der lange Junge die Fassung, »hast du mich denn kein bißchen lieb?« Roselin überlegte. Fünfzehnmal konnte man inzwischen draußen das lange, grelle und klagende Geschilp eines Perlhuhns zählen. »Lieb?« sagte Roselin langsam und zärtlich. »Aber Liebe ist doch überhaupt das oberste Gesetz von Garba.« Und als Bob wieder sein unglückliches und ungeduldiges Gesicht machte: »Warte nur Bob, warte, gleich!« Roselin erregte sich, »heiraten, das ist nun so. Wir haben noch nicht darüber gesprochen, aber eigentlich haben wir es abgemacht. Wir sind so gut wie verheiratet, Wolfram und ich. Wir wollen später viele Kinder haben.« Hier errötete Bob. Aber Roselin bemerkte es nicht. »Auf die Familie kann man sich am besten verlassen. Wir brauchen in Garba viele Hilfskräfte.« »Immer das alberne Garba!« Bob stampfte zornig mit dem Fuß auf. »Aber Bobbi!« Roselin lachte. Sie lief zu ihm hinüber und legte ihm den Arm um den Hals. »Komm, ich will dir Garba erklären!« Sie zog ihn zu dem riesenhaften Eichentisch mitten im Saal, der ganz bedeckt war mit Atlanten, andern großmächtigen Büchern, Globen, Vergrößerungsgläsern, Tintenfässern und Schreibunterlagen. Auch ein paar Schalen voll kostbar neu zugespitzter Stifte standen darauf zu Roselins Entzücken. Roselin hatte schon einen weißen Foliobogen erspäht. Vor Bobs 43 staunenden Augen, schwarz und blau und rot zeichnete sie das Reich Garba. Wohl eine Stunde saß sie darüber mit glühenden Wangen, dieses Reich der Liebe und Ehrlichkeit, Tapferkeit, Hilfsbereitschaft und Wahrheitsliebe Bob ausdeutend in allen seinen Provinzen, Einrichtungen, Ämtern und Verantwortlichkeiten. »Ach, Roselin,« sagte Bob, er war merkwürdig getröstet über die Tatsache, daß Roselin und Wolfram eigentlich so gut wie verheiratet waren und später viele Kinder erwarteten wegen Garba. Dies alles erschien Bob nicht mehr so schrecklich: es war Garba selbst, was ihn schmerzte. Dieses blaurotweiße Reich der Liebe schien ihm Roselin zu entreißen. Und gerade als Roselin die verborgene Exzellenz Zampel mit dem Suppennapf aus demütigender Verborgenheit befreien und ihn Bob vorstellen wollte als den großen Propheten, über dessen spätere Aufgaben trotz aller gesammelten Erfahrungen man immer noch nicht im klaren war, – gerade da stampfte Bob auf den Fußboden. Er zitterte vor Zorn. »Es ist ja alles Blödsinn!« schrie er Roselin an. »Nirgendwo sind die Menschen so gut. Sie zanken sich und betrügen, und sie stehlen und schlagen einander tot. Es gibt überhaupt kein Garba! Sie sind alle Kanaillen, die Menschen!« Und ohne Roselin, die, schlohweiß und hilflos, den eigentümlichen Sprachfehler von Exzellenz Zampel annehmend, die Zungenspitze zwischen Unterkiefer und Unterlippe geklemmt: »B-o-b,« 44 stammelte, »Bbb-o-bb –«, war Bob, ohne sie eines Blickes zu würdigen, Zorntränen in den Augen, fortgerannt und hatte die Tür hinter sich zugeknallt. In dieser Nacht lag die Baronin lange wach und quälte sich mit etwas Unbekanntem. Ein paar Mal hatte sie das Empfinden, als müsse sie aufstehen und sehen, ob ihre kleine Roselin krank geworden wäre. Aber der Oberst war, wie meist, erst spät zur Ruhe gekommen, und das leiseste Geräusch hätte ihn wieder aufgeweckt. Wie jedesmal beim Besuch in Moorwitten kam sie nie völlig zur Ruhe. Sie wurde hin- und hergeworfen zwischen der Glückseligkeit, der alten, ewig entbehrten Heimat wieder zu verwachsen, und dem Wunsche, diese Heimat ihrem Manne gleichfalls einzuverleiben. Der Oberst sah hier die Verhältnisse immer mit den Augen des Westdeutschen. Er fand die Herrengeste an sich wundervoll, und sie war ihm völlig erklärbar aus der Geschichte des Landes, dem Charakter seiner Urbewohner und des fremden erobernden Adels. Er konnte sich auch dem Reiz dieser patriarchalischen Beziehungen zwischen einzelnen Gliedern der Herrschaft und dem Dienstpersonal nicht entziehen. Er genoß die Großzügigkeit, gewissermaßen die Festlichkeit des Daseins, die problemlos blieb und darum um so hinreißender wirkte. – Niemals litt jemand Not auf Moorwitten. War die Ernte schlecht, so versagte sich die Herrschaft wohl eine Italienreise, aber die Bezüge der Leute 45 wurden nicht geändert. Nie wurde ein Knecht, ein Kutscher, der seine Pflicht getan hatte, und den etwa ein Leiden heimsuchte, brotlos, oder ein Alter starb unversorgt. – Auch wurde dafür gesorgt, daß die Frauen Ordnung hielten im Hause, die Kinder ein bestimmtes Maß von Schulkenntnissen sich erwarben, jung und alt die Kirche besuchte, daß Trunk nicht überhandnahm. Aber einem anderen Lebensstil zuzustreben, wie er hier gebräuchlich war für Untergebene seit hundert und hundert Jahren –, dies hätte als verbrecherisch gegolten. Entwicklung kannte man nicht auf Moorwitten. Man war wie das Korn auf dem Felde. – Der Boden wurde von Unkraut befreit, gepflügt und gedüngt – dann kam Sommer und Wachstum, ein Jahr wie alle. Eine andere Art hätte sich niemals entfalten können, nie wäre ein Höherzüchten gewährleistet oder auch nur gestattet worden. »Nun, und ist Korn und Brot nicht das Beste auf der Welt?« sagte einmal die alte Baronin mit ungewohnter Schärfe, als zwischen ihr und dem Obersten dies sonst peinlich vermiedene Thema zur Sprache kam. »Gewiß,« sagte der Oberst höflich und abschließend zugleich. Mit diesem »gewiß« die Negation heimlich um so schärfer unterstreichend. – Da nun der Oberst in der hiesigen Grundfrage mit der ganzen herrschenden Kaste sich nicht verstand, so ergab sich leicht eine von beiden Seiten herzlich und klug verborgene, nichtsdestoweniger aber vorhandene hohe 46 und trennende Mauer. Man hatte doch niemals Lenor begriffen, die schöne, begehrte, verwöhnte, daß sie den kaum wohlhabend zu nennenden fremden jungen Husarenleutnant heiratete, sich in die Enge der kleinen Garnisonen begab, wo man die endlosen Ober- und Untertitel der höheren Beamten, die zum Verkehrskreis gehörten, auswendig lernen mußte, die richtige Dame mit dem richtigen Sofaplatz ehren, Kaffees mitmachen, bei denen Kochrezepte, Kindergeschichten und die Sünden der lieben Nächsten das Hauptthema bildeten. – Nun, dies alles lag weit. Wenn die Baronin sich in dieser Nacht auf Stephanie verlassen hatte, in dem Sinne, daß die jetzt schon fast Erwachsene es merken würde, wenn mit Roselin etwas nicht in Ordnung war, so befand sich die Baronin allerdings im Irrtum. Stephanie hatte mit dem gestern angelangten Vetter Rhaban, nicht mehr Kadett oder Gymnasiast, sondern voll ausgewachsener Leutnant, einen himmlischen Ritt gemacht zu den bewaldeten Halbinseln mit den Reiherhorsten. Die anderen Vetter waren zwar auch mit ausgeritten, aber über einem Dachs, der ihnen plötzlich über den Weg trottete, hatten sie alles vergessen. Stephanie und der Leutnant von der Gardedukorps, Rhaban von Stülphegel, hatten allein die silberne Wolke der Reiher erlebt, wie sie aufbaumte. Sie sahen zu zweien die Sonne wie einen kupfernen Schild dicht über dem See, und die Föhrenstämme wie lodernde Tempelsäulen. Sie hatten das zarte 47 Bewegen wahrgenommen, das dem Abend vorangeht, und das plötzliche Erstarren des Sees hatte sie durchschauert. Und während Roselin sich unruhig hin und her warf auf dem zusammengeknüllten, glühenden Kissen: ›Es gibt kein Garba! – Es gibt kein Garba! Die Menschen sind alle, o wie gräßlich – Kanaillen!‹ – plötzlich steckte Roselin den Zipfel der seidenen Steppdecke samt seinem Leinen mit Durchbruch tief in den Mund, um nicht herauszuplatzen, denn im Schlaf sagte der Bengel zärtlich und noch einmal: »Rhaban! O Rhaban!« Roselin wußte nicht, warum sie getröstet wurde durch des Bengels überraschende Sentimentalität. Aber mit einemmal – draußen verfloß schon die letzte Mondhelle dem blassen Morgendämmer, und die ersten Vögel befragten sich träumerisch, mit einemmal setzte sie sich kerzengerade auf in ihrem Bett: »Wenn es kein Garba gibt,« sagte sie leise, »man muß so fest dran glauben, so fest, bis es einmal kommen wird!« Im nächsten Augenblick schlief Roselin. Am folgenden Morgen, immer noch von diesem feurigen Glauben beschwingt, lief Roselin, sobald es sich tun ließ, fort vom Frühstückstisch. Sie machte Bob, der sich eingehend mit einem Hühnerflügel beschäftigte, ein heimliches Zeichen. Dann zögerte sie so lange draußen auf der Terrasse herum, bis ihr klar wurde, daß Bob nicht wie an den letzten 48 herrlichen Morgen sie begleiten wollte, und, niedergeschlagen, obwohl immer noch gläubig, machte sich Roselin allein auf den Weg. Aber das war so wunderbar: was Roselin noch niemals erlebt hatte, heute erlebte sie es: in dem ersten Gesindehaus schrie ein Kind. Es wurde von der Mutter geschlagen, immer wieder mit der flachen Hand ins Gesicht. Tränenüberströmt und zornbebend stellte sich Roselin vor die Frau. »Lassen Sie doch, pfui!« Die Frau hörte zwar auf mit dem sinnlosen Prügeln, aber ihr dunkelrotes und wütendes Gesicht ließ Roselin wenig Hoffnung auf später. Roselin rannte zurück über den Wirtschaftshof. Als sie an dem Fenster von Onkel Alexanders Arbeitszimmer vorüberkam: »Es ist verkehrt, verzeih mir, Alex,« hörte Roselin ihres Vaters Stimme. »Du bist ein vorbildlicher Herr. Wenn ich nicht die Folgen für euch fürchtete, sei sicher, ich mischte mich nicht ein: Menschen, denen der Grund und Boden nicht gehört, die immer vom guten Willen eines Höheren abhängen, ob er ihnen ihren Besitz läßt oder nach einer bestimmten Zeit einem anderen verpachtet, können weder die Scholle lieben, noch sie pflegen wie ihre eigene, und sie bleiben Knechte in der Gesinnung. – Ihr könntet sie auf eine höhere Stufe heben aber nicht nur durch Schulen und Kirche. Ihr müßtet ihre Menschenwürde achten und pflegen!« Roselin errötete: Horchte sie? Väterchens Stimme hatte einen eigentümlichen Klang. Roselin 49 wollte so brennend gern wissen, wie Onkel Alexander sich verteidigen würde. Aber gerade da kam der Gärtner, er wollte die Nektarinen abnehmen, die hier an der Sonnenwand, glatthäutig, goldgelb oder dunkelrot wie Paradiesfrüchte, schimmerten. Roselin mußte gehen. Der Gärtner würde denken, sie zögere hier herum, ein paar von den noch seltenen Früchten zu erwischen. So ging sie langsam, grübelnd, ob man in Garba genug für Menschenwürde getan hätte. Als sie um die Ecke bog, prallte sie fast zusammen mit der schönen Frau von Vierraden und einem Knie in einer Reithose. Nein, es war doch gar nicht Platz für zwei zwischen den übermannshohen Edelpäonien, die gerade Raum zum Durchschlüpfen für Roselin gaben? Rhaban stand neben Frau von Vierraden. Er sah nicht geistvoll aus, aber überflammte, als Roselin gegen sein Knie rannte. Frau von Vierraden lachte. Es klang sonderbar und künstlich. Sie bückte sich. Sie wollte Roselin küssen. »Bitte, danke, nein!« sagte Roselin und wendete ihr Hälschen beiseite. Sie konnte nicht wissen, wie maßlos die schöne Frau mit dem jungen Menschen kokettiert hatte. Sie dachte auch nur vorübergehend an Stephanie, als sie den Kuß ablehnte. Stephanie, stünde sie hier an ihrer Stelle: »Ppäh!« würde sie sagen und den beiden den Rücken kehren. ›Ach, es ist alles so eklig heut,‹ dachte Roselin trauervoll. Wie eklig alles ist!‹ – 50 Als Roselin um das Haus herum war, stand, nicht vor der Freitreppe, sondern außerhalb vor der geschnittenen Buchenhecke, die das weite Rund der Einfahrt umfaßte, ein kleiner, eleganter Dogcart mit einem erlesenen Pferde. Wie sonderbar, daß er nicht vorfuhr! Wer konnte es sein? Gerade als Roselin neugierig die Angelegenheit weiter erforschen wollte, kam die Freitreppe herunter ein Herr, sehr fein angezogen, viel feiner als Väterchen oder Onkel Alexander zum Beispiel. Aber irgendwie – Roselin musterte ihn verstohlen und prüfend: er hielt sich anders. Wie anders, war schwer zu sagen, denn Väterchen ging immer kerzengerade und Onkel Alexander durchaus nicht. Der feine Herr paßte so sehr auf seine Füße auf, bis sie sich fast ineinander verwickelten. Sein Gesicht war hübsch. Nur – er hatte die Lippen zusammengepreßt, und die Brauen bildeten eine einzige, gerade und sehr dicke Linie. Seine Augen schienen sich ganz zu verkriechen. Sie funkelten aus den Winkeln wie zwei sonst harmlose Tiere, die man geschlagen hat, und die böse geworden sind. Roselin tat der Herr leid. Als seine Augen sie plötzlich streiften, knixte sie. Der Herr schien zu erstaunen. Er errötete jetzt. Ein Lächeln veränderte sein ganzes Gesicht. Er nahm den Hut ab und grüßte Roselin fast feierlich. »Daß du ihm, einem Litauer, nicht die Hand gegeben hast, begreife ich,« sagte Tante Bertrade zu der Äbtissin, als Roselin in die Halle trat. »Aber 51 daß du ihn hier in der Halle abfertigtest und nicht sitzen hießest – –« »Verzeih, Bertrade,« sagte die Äbtissin, schlank, rassig, kleinköpfig, die älteste Tochter der lieben Großmama, eine Stülphegel vom Scheitel bis zur Zehe, »du hast zu lange im Westen gelebt, du vergißt unsere hiesigen Verhältnisse. Die Kluft ist unüberbrückbar, und sie soll auch gar nicht überbrückt werden. – Geben wir einem Menschen dieser Art erst die Hand und führen ihn in unser Zimmer, so wird er uns bald mit der anderen Hand aus unserem Hause hinausführen. Der alte Klaguweit ist Viehhändler. Du weißt. Es ist nun einmal so von Gott geordnet: – oben und unten – Herr und Knechte. Und keine modernen Anschauungen werden das wesentlich ändern können!« »Ach,« sagte Roselin, »ach.« Sie lief in die Bibliothek. Sie legte die Arme auf den Tisch, dorthin, wo gestern die Karte von Garba gelegen hatte. Sie weinte. – – – Es gab dann noch einen der Tage in Moorwitten, die Roselin liebte. Des morgens beim Frühstück erzählte die Großmama eine kurze, amüsante Geschichte, in der es sich um einen roten Schuh handelte, einen Prinzen und einen Soldaten, der aus Versehen zuerst eine alte Hexe, dann eine Prinzessin und zuletzt die Müllerstochter, die er immer geliebt hatte, heiratete. Die Rollen wurden verteilt. Den ganzen Tag beschäftigte man sich mit Proben auf der Bühne des Himmelssaales, 52 und abends ging das Stück in Szene. Auch Roselin und Bob hatten jedes eine kleine Rolle zugeteilt bekommen, als Hirt und Hirtin. Roselin war selig. Sie spielte so echt ihr unschuldiges Liebesspiel, daß ihr heftig applaudiert wurde. Aber sie begriff gar nicht, daß es ihr galt. Bob war nicht mehr böse auf sie. Er errötete vor Freude, als Roselin, wie es das Spiel wollte, nicht nur ihm einen Kuß erlaubte, sondern mit großer Zärtlichkeit ihn umarmend, ihm selber den herzlichsten Kuß gab. Ja, dies war ein köstlicher Abend. Alle waren gut, alle waren lieb. Stephanie tanzte hinterher unentwegt und strahlend mit dem reuigen Rhaban, die schöne Frau von Vierraden war sehr zurückhaltend in einer grasgrünen Toilette mit schwarz. »Wie eine Kohlraupe,« sagte Bob verächtlich. »Sie wird gleich aufplatzen, den ganzen Rücken entlang!« Roselin sah Bob entsetzt an. Sie erblickte bereits Frau von Vierraden in dieser peinvollen Umwandlung. Dann lachten sie beide, bis sie sich verschluckten vor Vergnügen. »Bobbi,« sagte Roselin, das halbe Gläschen Sekt, vom Papa eingegossen, oder das Glück berauschte sie bis zur Waghalsigkeit: »Bobbi,« flüsterte sie noch einmal, »es gibt doch ein Garba, gelt? Man muß nur dran glauben. Jemand aus Garba, ein hoher Würdenträger ist nämlich anwesend!« »Anwesend?« Bob bekam kreisrunde Augen. – Roselin verließ plötzlich ihre Kühnheit. »Ich meine nur,« stotterte sie, »ach bitte, Bobbi –« 53 Und schamhaft und unendlich hold in ihrer Verlegenheit zog sie Exzellenz Zampel aus der Hirtentasche, ihn in der leicht geöffneten Hand darbietend. »Er begleitet mich immer, er beschützt mich nämlich,« sagte sie leise. Bob betrachtete das kopflose Bettlerfigürchen mit dem Suppennapf und betrachtete Roselin und wieder den einen und wieder die andere, während Roselin, fast weinend vor Erregung, ihm auseinanderzuwirren suchte, welche hohen Verdienste die Exzellenzen um Garba hatten. Einmal sah es aus, als wollte Bob laut herauslachen. »Gediegen,« murmelte er. Aber wieder sah er Roselins heiße Wangen, ihre beschwörenden Augen voller Unschuld und Liebe – es wurde ihm ganz schwummerig zumute, wie er sich selber hinterher seinen Zustand bezeichnete. »Weißt du, Bobbi,« erklärte Roselin atemlos, »du hast Exzellenz Zampel vorher nicht gesehen. Du wußtest gar nichts von ihm, und doch ist er da in meiner Tasche und behütet mich. Vielleicht ist es bei allen Menschen so: sie wissen es gar nicht, aber irgendwo in der tiefsten Tasche haben sie Exzellenz Zampel – ich meine – Garba – ich meine – ach du weißt schon – und er beschützt sie – bis – –« »Bis sie glauben! Roselin!« sagte der lange Junge heiser. »Es ist schön, was du glaubst, wenn es auch wie ein ganz kaputter Chinese mit dem Suppennapf aussieht. – Es ist aber wohl etwas anderes. – Ich bin dir sehr gut, Roselin!« 54 Und nun kam der Abschied. Schon früher hatte Onkel Eberhard Roselin ein blankes, goldenes Zehnmarkstück geschenkt. Jetzt fügte er noch ein Geschenk hinzu: einen eigentümlich schönen und kostbaren Ring. Die Baronin errötete hierüber vor Staunen und Freude. Es waren zwei in sich verflochtene Schlangen, die züngelnd einen herrlichen großen Rubin umrandeten. »Eine Rose dem Roselin,« sagte Onkel Eberhard zu dem Geschenk. Und leise und wie demütig zur Baronin gewendet: »Sie darf ihn tragen, Lenor!« Es war gut, daß Roselin damals wirklich genau wußte, daß Onkel Eberhard nicht geküßt werden durfte. Und doch geschah erst jetzt das ganz Unbegreifliche: Onkel Eberhard drückte leicht auf das linke Schlangenköpfchen, und der Stein sprang in die Höh wie ein Deckelchen, und in dem freigelegten, winzigen Behältnis – – »Was ist es? Was liegt darin, Onkel Eberhard?« Roselin flehte. »Die Borgias,« – Onkel Eberhard mit den großen, grauen, traurigen Augen sah Roselin an. »Du wirst später noch genug von ihnen erfahren – erschrick nicht, Roselin: sie verschenkten manchmal Ringe solcher Art an Menschen, denen sie nicht länger die Sonne gönnten. Sie taten ein Gift unter den Stein, und wer den Ring ansteckte, siechte schnell und unheilbar dahin. Man hat es oft erst nach Jahrhunderten entdeckt. Nein, nein, Roselin, an mir ist der Ring nicht schuldig,« beschwichtigte Onkel 55 Eberhard. Seine Augen wurden fast schwarz. Er sah schön und schrecklich aus. »Nun,« Onkel Eberhard lächelte schon wieder, »ich erzählte dir das nur, Roselin, daß nicht später einmal dir jemand Angst macht. Dein Ring ist ganz etwas anderes. Schau!« Und nun entnahmen die Finger, die hierfür fein wie Frauenfinger sein mußten, dem Ring ein winziges Läppchen, eigentlich nur ein paar helle Linnenfädchen ineinandergewebt, mit drei dunkleren Stellen: »Du kennst doch das Märchen von der Königstochter und Fallada?« Roselin nickte heftig. »Hier ist das Läppchen mit den drei Blutstropfen. Welche Liebe vor vielen hundert Jahren es dem Ringe mitgegeben hat, werden wir nie mehr erfahren. Aber es ist ein Talisman, Roselin! Er behütet den Reinen. Später, wenn er dir paßt, mußt du ihn tragen. Ich wüßte niemand, dem ich ihn lieber hinterließe.« Die Baronin bückte sich. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie nun doch Onkel Eberhard über das dünne, aber noch sehr glänzende, braune und weich gewellte Haar streichen. Aber sie unterließ es. Ihre Augen hatten einen eigentümlichen Ausdruck. Kurz nach der Rückkehr aus Moorwitten traten wieder einmal die schwarzen Krepprüschen bei der Baronin Weddingstedt in Aktion. Sie bedeuteten diesmal eine merkbare und einschneidende Änderung im Leben der ganzen Familie. Der alte Fürst war gestorben, und der Oberst bat den Nachfolger, den Kammerherrenschlüssel zurückgeben zu dürfen, da er es für richtiger hielt, um der Töchter und Wolframs willen, nach Berlin zu übersiedeln. Auch eine ganz leise Eitelkeit war vielleicht mit diesem Plane verbunden: der für sich selbst so anspruchslose, strenge und allen gesellschaftlichen Ehrungen abholde Mann wünschte, seine schöne Frau noch einmal bewundert zu sehen. In Berlin, nachdem die überwältigenden neuen Eindrücke bis zu einem Grade sich eingeordnet hatten, ergaben sich als die wichtigsten Bedürfnisse für Roselin und Wolfram die Beobachtung der kaiserlichen Equipagen, die öfteren Begrüßungen der Denkmäler vom Großen Kurfürsten, vom Alten Fritz, der Königin Luise, und als Höhepunkte hier und dann ein Besuch des Mausoleums in Charlottenburg. Roselin und Wolfram waren wirklich verzweifelt, als Väterchen, wie er gerne tat, auch hier im Park anfing, sie auf seltene Baumarten aufmerksam zu 57 machen, auf das Spiel der Lichter zwischen dem Astgewirr, auf Knospen und Triebe und Vogelstimmen. »Das war eine Überraschung, Lenor,« erzählte der Oberst, als er von einem jener Ausflüge mit den Kindern heimkehrte, »plötzlich sehe ich, wie Roselin hinter einer Silberpappel einen Kniefall vor Wolfram tut und ihm voll Inbrunst die Hand küßt. Der Junge sieht verdattert aus, wird rot, aber läßt sich im übrigen die Huldigung ruhig gefallen. Ich mochte nicht fragen – Gott, man geniert sich manchmal. Es war doch zu verrückt. Aber ich paßte auf. Und was stellst du dir vor? Die beiden waren mitten in einem Drama. Verrat drohte, die Königin Luise mußte fliehen, und ein blutjunger Adjutant schwur, daß er sein Leben für sie lassen würde. Nur – daß Wolfram die Königin darstellte, und Roselin wieder einmal die feurige Hosenrolle übernommen hatte!« Wie gesagt, nachdem diese Aufregungen überwunden waren – die Leipziger Straße, das Zeughaus, die Museen und anderes wirkten bei weitem nicht so bedeutsam, höchstens der Zoologische Garten und ein Besuch bei Josty – nach all diesen einschneidenden Dingen schüttelte sich alles wieder zurecht, und, wie das versunkene Vineta am Karfreitag, stieg in dem großen Berliner Zimmer der Marburger Straße wieder Garba an die Oberfläche des Bewußtseins und auf den runden, ausziehbaren Spieltisch. Nur daß fortab zu jedem Garbaabend eine Platte mehr benötigt wurde als 58 früher. Denn wenn Moorwitten mit Bob auch in den Hintergrund rückte und anfing, sanft zu verblassen, so verblaßte doch niemals der Kummer jener Tage, als Roselin erlebte, wie das Kind geschlagen wurde und Frau von Vierraden mit Rhaban so sehr nah zusammen hinter dem Päonienbusch stand, wie der Dogcart des Herrn Klaguweit draußen vor dem Verwalterhause hielt, und wie Bob Roselin angeschrien hatte: Die Menschen sind gar nicht gut. Sie sind alle Kanaillen. Dieser Tag, an dem zum ersten Male für Roselin der Bruch durch die Vollkommenheit der Schöpfung ging, konnte bei ihr nie wieder völlig verblassen. Da aber in Garba um keinen Preis das Schlangengift Einlaß finden durfte, so wurde kurz entschlossen Kasimbura gegründet, das Reich der unbegrenzten Möglichkeiten für das Böse. Hochmut, Lüge, Geldgier, Blutdurst konnten dort aufblühen, ebenso uneingeschränkt wie in Garba die Tugenden. Nun hatte das Spiel erst seinen Höhepunkt erreicht. Denn die Garbanischen Helden mußten ausziehen zum Kampf gegen das gottlose, feindliche Land. Herrschte nicht in Kasimbura noch immer die schwärzeste Sklaverei? Mußte nicht die unterste Kaste, tiefer verachtet als die indischen Parias, wenn sie unter der Peitsche der Aufseher das Korn droschen, als Dreschflegel ihre eigenen kleinen Kinder benutzen? Aber in vielen, ruhmreichen Schlachten wurde Kasimbura besiegt. Mit wahrhaft übernatürlicher Weisheit deckten die Exzellenzen Zampel und Strampel alle 59 politischen und anderen Intrigen auf und verkehrten sie, erhaben lächelnd, in ihr Gegenteil. Die Witwenverbrennung wurde verboten, die Sklaverei verpönt, sentimental und unglücklich Liebende befreit. Und knirschend empfing Kasimbura den Segen einer gnädigen und weisen Herrschaft. Indessen besangen die Dichter Garbas die Heldentaten der Exzellenzen und des Volkes in einem Epos mehrere Kladden dick. Und der große Garbanische Theaterdichter Quietsch übertraf alle toten und lebenden Dramatiker bei weitem an Straffheit und Wucht der Handlung, indem er seine Stücke einfach als Theaterzettel verfaßte. Die Herrschaft Garbas lag in Roselins Händen. Wie der Alte Fritz im Greisenalter, wohlmeinend, etwas despotisch, aber außerordentlich gut und beglückend, schwang sie das Zepter über ihre geduldigen Untertanen. Nur daß sie sich von Zeit zu Zeit immer ein paar kleine neue Teufeleien ausdenken mußte, die für Kasimbura paßten. Denn Wolfram, der den Herrscher jenes dunklen Reiches vertrat, verstand weder die Extreme des Tugendhaften noch des Lasters aus sich heraus zu stellen, sondern bewegte sich seiner Natur gemäß eher auf einer unverantwortlichen und bequemen Mittellage. So eingesponnen in das Hin- und Widerspiel der beiden Reiche auf den fünf Tischplatten, in die Begeisterung und das ständige Angespanntsein aller dynamischen und statischen Kräfte wirkte wie 60 Gewitterschlag im Kinderzimmer die Nachricht, daß Wolfram zu seinem Vater zurückkehren sollte. Die Diplomatenlaufbahn war für ihn in Aussicht genommen, und so war frühe Kenntnis des Auslandes für ihn erwünscht. Er sollte noch ein halbes Jahr in Brüssel mit den Eltern verleben, um des Französischen willen. Im Frühjahr wollten sie dann alle nach Chikago, wo Wolframs Stiefmutter sich persönlich um ihre Besitzungen – »wahrscheinlich Schweineschlächtereien« sagte die Baronin zornig – kümmern müßte. Am fünfundzwanzigsten Oktober wurde Wolfram an der belgischen Grenze erwartet. Heute war der neunzehnte. – Diese Tage und Abende und Nächte, würde Roselin sie jemals vergessen können? Als man Hand in Hand, bitterlich weinend oder stumm und ergeben, dicht aneinandergedrängt auf dem Rohrbänkchen neben dem großen Berliner Fenster saß, hinter dessen immer herabgelassenen Stores die grauen Mauern der Häuserrückseiten aufstiegen, hoch, immer höher. »Ist denn gar kein Himmel mehr über der Erde?« flüsterte Roselin. »Gott will uns nicht sehen, und wir müssen scheiden.« Und wie sie Wolfram umarmte, sah sie durch den Tränenschleier vor ihren Augen plötzlich die Weite, wie sie ihr in Moorwitten zuerst zum Bewußtsein gekommen war: die Unendlichkeit der Felder, den hohen, dunklen Wald, wie er immer schmaler, immer blauer wurde, den Spiegel des Sees, der sich in Nebel und Schein und Verklärung 61 aufzulösen schien, und die unermeßliche Glocke des Himmels. Diese Erinnerung machte plötzlich ihre Augen klar und kühn. Sie drängte Wolfram ein wenig von sich ab: »Ich weiß jetzt,« sagte Roselin. »Wir werden bei Seiner Majestät ein Gnadengesuch einreichen. Wenn er es nicht bewilligt, ist noch immer Zeit für uns zur Flucht. Ich habe doch mein Zehnmarkstück von Onkel Eberhard.« Das Gnadengesuch an den Kaiser wurde aufgesetzt, völlig korrekt in Anrede und Anwendung der dritten Person. Aber da es so sehr sorgfältig geschrieben werden mußte, ließ es sich trotz aller Mühe nicht vermeiden, daß Goldchen einen Blick auf das umfängige Schriftstück tat und zu ihrem Staunen dem eigentümlichen Satz begegnete: Wenn Majestät sich vorstellen könnten, in welchen Abgrund der Verzweiflung und außerdem welchen Versuchungen in dem Sündenpfuhl Brüssel – – Es war nicht leicht für Goldchen. Ihre liebende Seele litt Qualen, aber sie machte leise darauf aufmerksam, daß, wie sie glaubte, nach dem Gesetzbuch, Eltern gegenüber, sofern sie nicht verbrecherische Pläne mit ihren Kindern hätten, selbst die Gewalt von Majestät an ihre Grenzen geriete. »So bleibt nur die Flucht,« sagte Roselin verzweifelt, wie sie Exzellenz Zampel mit dem Suppennapf, den Kopf mit Syndetikon angeklebt, ihrem lieben Freund und Trautgesellen als heiligen Talisman und zu steter Erinnerung an die Garbanischen Ideale in die Brusttasche seiner Matrosenbluse steckte. 62 Aber auch der Fluchtplan wurde durch die Tücke des Schicksals vereitelt, und eines Tages war der Kamerad aus Roselins Leben verschwunden. Viele heiße Tränen machten die Kopfkissen naß. Der Tisch im Berliner Zimmer sah merkwürdig klein aus. Er war ein Tisch wie alle Tische geworden. Um diese Zeit fingen Roselins Eltern an, sich immer dringender mit dem Gedanken zu beschäftigen, daß man das Kind in die Privatschule für höhere Töchter des Fräuleins von Gutenbrunn schicken sollte. Es war wohl ein rechtes Unglück, daß Roselins Probeaufsatz über die geliebte Königin Luise die schlanke, elegante, vielleicht nicht so ungeheuer begabte Schulvorsteherin geblendet hatte. Nun saß Roselin, dreizehnjährig, angstschwitzend, unendlich verlassen in der 1. Klasse unter den Mädchen, die an Alter und Größe Stephanie gleichkamen. Damals fing Roselin an, des öfteren ihren Kopf zu betasten an der Stelle, wo man kleine Kinder nicht anfassen darf. Roselin fühlte zuweilen einen feinen Stich an dieser Stelle. Wenn man nun eines Tages dahinterkam, wie es um ihre Geometrie und Mathematik bestellt war! Und um die Grammatik aller drei Sprachen! Ihre Muttersprache leider mit eingerechnet. Ferner die Sprüche und der Katechismus! Es war wirklich oft nicht zu begreifen, daß Gott, den man so sehr liebte, diese fast unmöglichen Dinge von einem erwarten konnte. 63 Nun, es war jetzt vieles nicht zu begreifen, in dieser Welt! Aber eine öffentliche Brandmarkung wäre nicht zu ertragen gewesen. Und was hätte Goldchen gesagt! So fing Roselin tapfer an und schrieb ab, wenn die gutmütige, gescheite Nachbarin Lotte Rotenstein ihr das Rechenheft hinschob. Sie spitzte die Ohren, daß sie dachte, man müßte sie wachsen sehen, wenn die ganze, hinter ihr sitzende Bank liebevoll Zahlen und Vokabeln, Endungen und Regeln ihr zuflüsterte. Freilich kamen auch zuweilen Lichtblicke dazwischen. Weite strahlende Sonnenbahnen. Wenn es nämlich begann: »Uns ist in alten Mären Wunders viel geseit . . .« Wurde dann nicht der lila Bleistift in Fräulein von Lenzings Hand zum Zauberstab? Schwere gebuckelte bronzene Türen wichen langsam auseinander. Man blickte atemlos in weite kreuzgewölbte Hallen, die Schlachtrosse im Stall stampften ungeduldig den Boden. Die Mongolen wurden geschlagen, die ehrgeizigen Städter besiegt, das Heilige Grab ruhmvoll und blutig umstritten. Oder auch das Klirren von Lanze und Speer an ehernen Schilden war verklungen, die Rüstung ausgetan, seidene Gewänder glühender Farben, mit Pelz verbrämt, schmückten die Glieder und Rosenkränze das lange, lockige Haar der Edelgebornen. Männer, die monatelang nur ein Fell zwischen sich und dem Boden gekannt hatten, die aus brennenden Städten 64 kamen und vom Blutrausch gelebt hatten, dieselben Männer sangen jetzt vor dem Fürsten des Landes von Heldentaten, vollbracht zu seinem Ruhme, zum Ruhme Gottes, zur Ehre der Frauen und zum Schutz der Armen und Bedrohten. Und edle Frauenhand spendete als Preis des Liedes Schärpe und Kranz oder eine Rose, ein Lächeln oder einen Kuß. Ja, jetzt war Roselin geborgen. Vielmehr, jetzt nahm sie die Tête. Allen voran sprengte sie, leuchtender Augen, auf ihrem milchweißen Zelter. Dann hingen die Augen der Mitschülerinnen mit Stolz und neidlos an Roselin, die sie alle liebten, wie man ein fremdes, rührendes Wunder liebt. Jetzt war das arme, häßliche, graue Entlein plötzlich ein schimmernder Schwan geworden, der hoch über ihren Häuptern und singend mit starken Flügelschlägen in geheimnisvoll leuchtende Fernen schiffte. In solchen Stunden konnte die gestörte und immer bedrohte Lebenssicherheit von Roselin wieder einmal sich aufrichten und Atem schöpfen. Auch zu Hause gab es Augenblicke und Stunden, die den Boden, der jetzt immer unter den Füßen zu schwanken schien, mit einem weichen, gestickten Teppich verhüllten. Wenn es in der Wohnung so still war, weil einem das Feld ganz allein gehörte. Wenn die Baronin, strahlend schön, in leuchtendem Atlas und mit glühenden Steinen geschmückt, der Oberst in der silberverschnürten Attila und der blauen Husarenuniform und Stephanie, blühend und jung in Schleier und langer Kurschleppe, 65 zum Hofball gefahren waren. Dann tickte die Uhr so herzlich in der stillen Berliner Stube, und wenn man, an Goldchens Schulter gelehnt, die Augen zumachte, so konnte man glauben, Wolfram säße wieder neben einem an dem runden Tisch. Morgen würde man Theater spielen, Roselin im Bademantel, als Karl der Große. Und Wolfram in Mutters Schreibtischfell der bekehrte Widukind. Und Wolframs Grammophon würde die Begleitmusik machen: ›Harre meine Seele,‹ oder auch die ›Wiener Madel‹. Mit geschlossenen Augen konnte man dann lächeln. Vielleicht war es doch nicht so, daß man wie die Schlösser, die Tempel und die Menschen von Garba von einer ordnenden Hand bis an den äußersten Rand der Tischplatte geschoben war, und nur noch ein kleiner, kleiner Stoß, und man lag auf dem Grunde des Kastens, und das Spiel war aus! »Das Spiel ist aus!« rief Roselin zuweilen mitten in der Nacht und bäumte sich auf in ihrem Bett mit angstvoll aufgerissenen Augen, wenn Goldchen, weich und warm und vor Mitgefühl zitternd, sie in ihre guten Arme faßte. – Was erfand nicht Goldchens Liebe in all dieser Zeit, um Roselin das Gefühl zu geben, daß das Spiel ein Kreisspiel war, ohne Anfang und ohne Ende? Das Lebensspiel nicht anders als ein goldener Ring, den Gott behutsam an seinem Finger hielt? Auch vorn in dem schönen Wohnzimmer gab es Zeiten, wo Das , was wie die scharfe Schwertspitze über der Hirnschale schwebte, zuweilen 66 fortgenommen schien. Das war an den Sonntagnachmittagen, wenn Gäste anwesend waren, Freunde und Freundinnen von Stephanie, Leutnants in der Hauptsache. Aber nicht solche, von denen Onkel Reginald zu sagen pflegte, daß sie jetzt immer mehr üblich würden in der Armee, und man brauche ihnen nur die Uniform auszuziehen, so seien es alle Ladenschwengel. Der unsagbar lange, dünne Felix Reppan, mit den weitaufgerissenen, blauen, vergnügten Augen war darunter. Bernt Brockmann, ein wenig hochmütig, sämtliche Stammbäume des Trakehner Gestüts auswendig im Kopf, der so hinreißend Strachwitzsche Balladen deklamierte; Hans Gumpemberg, der Roselin immer gefüllte Bonbons mitbrachte, glänzend in Mathematik und allen Rennplatzbesuchern bekannt, als vorzüglich auf ihn zu wetten; Tassilo Feuchtlinger, von dem man sagte, er läse die Marlitt; Vinzenz Rhode, der, selbst wenn er mit den hübschesten Mädchen sprach, immer etwas Angespanntes behielt, und an dessen langen, dünnen Beinen Roselin immer heruntersah, als suche sie bereits die breiten kirschroten Generalstabsstreifen, und der wunderschöne Graf Matuschka, mit den verschleierten, schwermütigen Augen und der lässigen, bezaubernden Anmut des Slawen. Neben Stephanie saß immer, ebenso jung und strahlend wie sie, ebenso sprühend und amüsant, ein blonder, schlanker Fähnrich, vom sechsten Garderegiment, Axel Galen, der jüngste Sohn vom 67 Grafen Galen. Wenn man sie ansah, Stephanie und ihn, sie hätten Geschwister sein können, ohne einander irgendwie ähnlich zu sehen. Aber Kinder aus derselben glücklichen Ehe. Irgendein Rhythmus schwang zwischen ihnen, eine geheime Zusammengehörigkeit. Stephanie neckte nach allen Seiten hin, glänzte in guten und schlechten Witzen, flirtete ein wenig hier und ein wenig da, aber dies alles schien nur wie Musik, ehe der Vorhang aufgeht. Dort hinter dem Vorhang würde das wirkliche Stück spielen, und es würde sehr innig, sehr tief und sehr leuchtend sein. Roselin stand meist im Arm des Vaters dicht an seinem Stuhl und sah die anderen tanzen, wenn die Baronin den Blauen-Donauwalzer begann. Natürlich waren auch genug junge Mädchen da! Die Winzingerodes, Irene Stach, die kleine Wutenau, Luischen Siegsfeld, o, es war noch eine ganze Anzahl mehr. Sie waren klug oder auch nicht, hübsch, manchmal auch weniger, blond, dunkel, schlank, mollig, Roselin beachtete das nicht so sehr. Es war wie eine schimmernde Wolke im Saal, die irgendeinen Namen hatte: Jugend vielleicht – Glück, Kraft, Sicherheit, Eigentumsrecht an Leben und Zukunft? Aber wenn Roselin hinterher in ihrem schmalen Bett lag, das Haar sorgfältig von Goldchen ausgebürstet, noch heiß von Freude und ein wenig Punsch – jedesmal noch stürzte es über sie hin wie eine vernichtende Lawine: morgen früh war 68 Katechismus, und in der nächsten Stunde kam das Extemporale über das vor- und nachgestellte participe passé . Wenn nur Maria Krüger mit ihrem Heft nahe genug rückte und der Morgen nicht gar so hell war! Und nachher mußte man den Kubikinhalt vom Heidelberger Faß ausrechnen, was doch völlig unmöglich war! Wenn Roselin so weit war in ihren Gedanken, erschien ihr das strömende Licht, das die Prismen des Kronleuchters noch eben in alle sieben Farben des Regenbogens zärtlich zerspalten hatten, nur wie ein ferner, unfaßbarer Traum, und leise und unaufhörlich weinte sie in ihr Kopfkissen, bis Goldchen von einer schmerzlichen Ahnung getrieben, um Mitternacht aufstand. Vielleicht wäre es möglich gewesen, die dunklen Stufen zu erklimmen und unter Goldchens Schutz und Hut das Ende des letzten Schuljahres zu erreichen. Aber nun geschah das Grausame, von dem nur Gott wissen mochte, warum es Roselin auferlegt werden mußte: Nämlich Goldchens einzige Schwester in der Schweiz starb plötzlich, und der ganz hilflose Witwer – er war Lehrer und Dichter, und zwar mehr Dichter als Lehrer, – mit vielen kleinen Kindern schrieb völlig fassungslos an seine Schwägerin. Und eines Tages wurde das ganz Unausdenkliche Wahrheit: Roselin, weiß wie ihr kleines zerknülltes, nasses Taschentuchklümpchen, stand zwischen den Eltern und Stephanie auf dem Potsdamer Bahnhof vor dem Zug mit dem 69 entsetzlichen weißen Aufdruck: Berlin–Basel–Genf, und starrte auf das Fenster, aus dem Goldchen mit einem krampfhaften Lächeln zu Roselin hinübernickte. Was dann später kam, wußte Roselin niemals zu sagen. Darüber lag es wie ein dicker, flockiger Nebel, der nur zuweilen geschmerzt und gestochen hatte. Als sich der Nebel verzog, fand sich Roselin in ihrem Bett, Vater, Mutter und Stephanie um sie her. Sie hatten ihr auf einem Teller ein winziges Wachslichtchen angezündet, und neben dem Wachslicht saß Exzellenz Zampel, grün umrankt, auf einem Hügel von Schokoladeplätzchen. Heute war der letzte Advent. Viele Wochen hatte Roselin im Nervenfieber gelegen. Ganz nahe am Rande der Tischplatte war sie gewesen, von der das Reich Garba in den dunklen Kasten herabgefegt wurde, und fast, – ja fast wäre das Spiel aus gewesen. 70   Ein Winter, ein Frühling und ein Sommer waren seit Goldchens Abschied vergangen, als Roselin, ihre dünne Hand in der ihres Vaters, zum ersten Male die marmorne Terrasse eines früheren Palazzo, der den Colonnas oder den Orsinis oder irgendeinem anderen Geschlecht mit unvergänglichem Namen gehört haben mochte, beschritt. Dunkel wie ein Rubin zwischen rosa und lila und opal schillernden Wolkengeschieben erklomm die Sonne die Höhe der Albaner Berge und überglühte Rom und alle seine sieben Hügel mit einem so unirdischen Rosenrot, daß die Schatten zwischen den Tälern wie dunkle Veilchenbeete sich lagerten. Als dies alles Roselin zum ersten Male erblickte, brach sie in Tränen aus. Nun schien das, was die letzten Monate wie ein eiserner, schmerzender Ring um ihr Herz gelegen, auseinanderzubrechen und sie freizugeben. Seit Roselins Genesung hatte sie schlecht und recht zu Hause am runden Tisch in der Berliner Stube bei einer Tageslehrerin ihre Pflicht getan. In die Schule hatte man sie nicht mehr zu schicken gewagt. Jede Woche hatte Herr Hofprediger Siebert zweimal an demselben runden Tisch Roselin in die Grundlagen des Protestantischen Bekenntnisses eingeweiht, in alle Forderungen, die damit 71 zusammenhingen, alle Segnungen und alle Verheißungen. Und immer wieder hatte Roselin staunen müssen, daß Dinge, die selbstverständlich erschienen, die man eigentlich in sich hatte irgendwie, daß man sie so sehr schwer auswendig lernen und der Reihe nach hersagen mußte. Zuweilen dachte sie mit einem kleinen rührenden Lächeln an Bob, wie er gesagt hatte: es gibt kein Garba, und die Menschen sind alle Kanaillen. Das hatte er natürlich nicht so gemeint, der liebe Junge. Nur die eigentümlichen Unzulänglichkeiten hatte er wohl im Sinne gehabt, die man beim besten Willen nicht verstehen konnte, die aber Gott wohl verstehen würde, denn wie hätte er sie wohl sonst schicken oder zulassen können. Zum Beispiel, daß Wolfram jetzt bei seinem Vater und seiner Stiefmutter in Ostende sein mußte, und daß er einmal an Roselin schreiben konnte: ›Das Leben ist in Wirklichkeit ganz anders als in Garba! Es ist auch nicht so wie in Kasimbura. Ich glaube, es ist wie beides untermengt, aber es ist furchtbar lustig. Du müßtest einmal dabeisein, Roselin, wenn die Mama ihre Gesellschaften gibt. Oder wenn alle zum Roulettetisch gehen. Ich darf noch nicht mit. Unter einundzwanzig Jahren ist noch niemand zugelassen. Aber man sieht doch, was die Leute für Gesichter haben, wenn sie dort herauskommen. Neulich hat sich wieder so ein armer Teufel auf einer Bank im Kurgarten erschossen. Die meisten, die alles verloren haben, gehen in die See. Dann weiß keiner, war es Absicht 72 oder Zufall. Eigentlich wollte ich Dir das gar nicht schreiben, Roselin. Denn was vorn so lustig aussieht, ist auf der Rückseite verdammt anders. Aber ich kann doch nicht mehr bei Dir am runden Tisch sitzen und Garba spielen. Was hilft's. Da wird man eben so. Und das ist ganz gut. Sonst wär's ja zum Heulen!‹ Ja, dies alles gehörte wohl zu den Geheimnissen Gottes, wie Roselin vertrauen mußte. Sie sagte dies auch zu Herrn Hofprediger, und Herr Hofprediger war ganz ihrer Meinung. Seine Stimme war seltsam bewegt dabei. Und er schien es gar nicht zu bemerken, daß Roselin den Artikel über den Taufbund nur so hinstotterte. Er sah immerfort in diese glühend und gläubig auf ihn gerichteten Augen. ›So ihr nicht werdet wie die Kinder . . .,‹ dachte der Herr Hofprediger. Und: ›Diese Kleinen sehen allzeit das Angesicht meines Vaters!‹ Ja, dies alles lag nun weit, weit hinter Roselin. Auch die Konfirmation, die man – Roselin war kaum fünfzehn Jahre – so zeitig hatte vollziehen lassen, damit man mit dem Kinde Berlin verlassen konnte. Denn dieser zarte, so schwer angegriffene Organismus verlangte wohl eine ganz andere Umgebung, auch andere klimatische Verhältnisse, etwas so Neues und Erfassendes, daß die Vergangenheit, wenn auch nicht darin untergehen, so doch sanft und milde werden konnte. Der Oberst von Weddingstedt, dieser kaisertreuste Soldat, war innerlich ein ganz feiner Kulturmensch. 73 Er, der als blutjunger Leutnant im deutsch-französischen Kriege seine Husaren durch Staub und Hitze, durch Eis und Schnee geführt hatte, er hätte vielleicht seinem Wesensgrunde nach studieren müssen: Kunst, Geschichte, Dichtung waren seine heimlichen großen Lieben. So wohl vorbereitet wie Roselin durch ihren Vater hatte wohl selten eine Fünfzehnjährige die ewige Stadt besucht. Ein Glück wurde diese Vorbereitung allerdings erst später. Und wäre man nicht länger als ein Jahr in Italien geblieben, der Sommer nur durch ein paar Monate im Etschtal unterbrochen, so hätte sich das Glück wohl zu einem rechten Unglück ausgewachsen. Denn die respektvolle Scheu vor den großen Dingen stand zuerst fast zu schwer vor unbefangenem Genuß. Man mußte sich doch seine Ideale wählen. Hier genügte Stephanie nicht mehr. Auch die Königin Luise paßte nicht, selbst Karl der Große versagte, wenn er auch in Rom vom Papst gekrönt war. So mußte man sich wohl an Goethe halten, obwohl man Schiller zurzeit noch stark bevorzugte. Aber man war ja leider nicht am Vierwaldstätter See. Außer Goethe natürlich Michel Angelo. Er schien unglücklich gewesen zu sein, was an sich anziehend war. Goethe hatte jedenfalls in Italien den Tasso beendet, und die Iphigenie gedichtet. Sein Sohn durfte hier im Schatten der Cestius-Pyramide ausruhen von der Verpflichtung, der Sohn dieses großen Vaters gewesen zu sein. Roselin legte einen 74 Strauß weißer Narzissen auf das Grab Augusts von Goethe. An den Vormittagen übten die Schwestern Geschichte und Kunst in Galerien und Kirchen. Aber nachmittags hatten sie frei. Dann durften sie wünschen. Mein Gott, und was gab es alles zu wünschen in dieser Stadt und unter diesem Himmel! Einmal wünschte man dorthin zu gehen, wo die Bersaglieri vorüberkamen, jung, flink, schön auf ihren Rädern mit den wehenden grünen Federn auf dem schief aufgesetzten Hut. Ein andermal stand man nachmittags in der Nähe des deutschen Seminars und sah die jungen, blonden, rotbäckigen Priesterknaben, die sie in Rom die Krebse nennen, herausströmen. Manchmal pilgerte man durch die Porta San Sebastiano zu der kleinen Osteria, zu der die Stufen hinaufführen, und die von den goldenen Festons der Reben voll blauer Trauben ganz verhängt war. Unten auf der Appischen Straße lagen noch die gewaltigen Quaderblöcke, auf denen der Tritt der römischen Kohorten einst widerhallte. Nicht weit hin, und man konnte hinuntersteigen, viele und viele Stufen, zu den Katakomben des Calixtus, und ein wenig weiter ragte der runde Grabturm der Cäcilia Metella, den man schon so lange aus den kunstgeschichtlichen Büchern kannte. Aber davon wußte die Kunstgeschichte nichts, daß in der kleinen Osteria der Orvieter Wein wie dunkler Bernstein in die Gläser rann. Sie wußte nichts von den 75 entzückenden kleinen, zweirädrigen Wagen, die den Wein aus der Romagna hereinschafften: jeder Wagen gemalt in allen Farben des Regenbogens, als ob er zur Hochzeit führe, geschmückt mit Wollbällchen, goldgelben Maiskolben, Weinranken, blutroten Geranien und blanken Schellen, und das Pferdchen ebenso köstlich geschmückt. In den Augen des Kutschers glomm das dunkle Feuer des Weins, den er in die Ewige Stadt hereinschaffte, aber während er Roselin zulächelte, wie er dem Bambino im Arm der Madonna zulächeln mochte, sang er fortwährend dasselbe schwermütige Ritornell. Auch von der Wirtin der Osteria wußten die Kunstgeschichtsbücher nichts. Sie glich einer der römischen Fürstinnen, die Roselin aus der Vatikanischen Galerie so gut kannte, mit stolzen, strengen Zügen und düstrem Blick. Wie sie an der weinumrankten Säule lehnte, hätte man ihr sofort geglaubt, daß sie ihrem Mann – sie war Witwe – mit dem Dolch oder einem Pülverchen im Becher ins Jenseits verholfen hätte. Mein Gott, wie wunderbar war Rom! Es konnte auch sein, wenn man früh Raffaels Stanzen oder Michel Angelos Jüngstes Gericht, auf dem Rücken liegend oder mit Hilfe des Spiegels bewundert hatte, daß man für den Nachmittag sich ausbat, im Kaffee Arragno Sorbett zu trinken, oder ein Mezzo Ghiacciato auf der Zunge zerschmelzen zu fühlen. Der Moses von Michel Angelo in St. Pietro in Vincoli schien einen anzupacken mit den 76 mächtigen steinernen Armen, ein glühend gewordener zorniger Wille, und die Schauer der Unendlichkeit wurden fast zu schwer für ein Kinderherz im Pantheon. Aber wie viel ergreifender war es doch, als man es den Eltern abgeschmeichelt hatte (trotzdem man protestantisch war), zwei herrliche lange Wachskerzen anzünden zu dürfen vor dem zarten und rührend hingestreckten marmornen Leib der heiligen Cäcilia. Da lag sie nun in ihrem gläsernen Schrein, ganz dicht neben den Räumen ihres einstmaligen Hauses, in denen sie dem verfemten Christengott gedient hatte, und wo man sie im Bade ersticken wollte. Aber es war nicht gelungen. Auch des Henkers Hand hatte Gott festgehalten, daß er das Haupt nicht vom Rumpfe trennen konnte. Die Schwurfinger der kleinen treuen Hand reckten sich noch nach oben. Wie ein dreifacher Halsreif, jeder mit einer winzigen Perle geziert, legten sich die drei Schwerthiebe unter dem aufgerafften Haar um den schmalen Hinterkopf. Niemand war in der Kirche, nur Roselin und Stephanie, die Eltern und die zwei brennenden Kerzen. Und die Ewigkeit war in der Kirche, die ewige Liebe, das Geheimnis und das Wunder. Zwischen dieses Rom von einst, das sich eingrub mit unauslöschlichen Lettern, drängte sich dann immer wieder das Rom von heute. Die Verehrer zum Beispiel. Bei Stephanie war es nichts Besonderes. Wo sie auch auftrat, hatte sie eine ergebene Gefolgschaft. Hier war es ein italienischer 77 Conte, schön wie Antinous, aus einem der wunderbaren, schweigenden Paläste stammend, die die Piazza mit den zwei Brunnen umranden, und aus dessen Familie Päpste und Eroberer hervorgegangen waren. Einige Herren, zur österreichischen Botschaft gehörig, waren auch unter den Verehrern Stephanies, ein junger deutscher Stipendiat, der einen Roman schreiben wollte, und noch viele mehr. Roselin betreffend, handelte es sich zunächst um Bruno Eisenhut, den Sohn eines Sekretärs vom archäologischen Institut. Sehr weiß im Gesicht, trotz der römischen Sonne, semmelblond, sommersprossig, hatte er sehr wenig von einem Eisenhut an sich, und weder die Kenntnisse seines Vaters, noch das Blut seiner Mutter, einer Italienerin aus gutem Hause, schien irgendwelches Erbe in ihm niedergelegt zu haben. Nun gingen sie im Mondschein durch das Kolosseum, der Oberst, die Baronin, Stephanie und der Conte mit dem großen Namen aus der Vergangenheit. Roselin steckte verschämt und gerührt ein paar dunkle, römische Veilchen von Bruno in den Gürtel. In dieser wunderbarsten Mondscheinnacht würde sie gern von etwas Hohem reden, von Gladiatorenkämpfen zum Beispiel oder Christenverfolgungen. Aber Bruno Eisenhut hatte wenig Interesse für Gladiatoren oder christlichen Todesmut. Er erzählte Roselin, wie fein es wäre, wenn im Herbst aus dem Trentino die Äpfel kämen. Apfelsinen würden einem bald genug über. 78 Roselin seufzte. Sie fragte schüchtern, ob Bruno den »Improvisator« von Andersen kenne oder doch sicher Quo vadis? Erst gestern stand sie doch in der Kirche, außerhalb der Stadtmauer: » Quo vadis Domine? « So tief hatte der Herr seine Fußabdrücke dem Stein eingeprägt, daß sie bis heute ein mutloses und treuloses Herz ergreifen mußten. Aber Bruno kannte weder das eine noch das andere Buch. Er hätte zu viel für die Schule zu ochsen. Wenn Roselin sich nicht geniert hätte, würde sie gern ein Spiel vorgeschlagen haben: »Bruno, wollen wir nicht zwei junge Künstler aus Deutschland sein. Wir haben uns ohne Geld bis nach Rom durchgeschlagen. Ludwig Richter zum Beispiel, Kügelgen oder auch Graf Pückler, die hatten alle nicht viel. – Oder wir sind hier zu Goethes Zeiten. Sehen Sie, dort drüben geht er mit Tischbein, und meine Schwester ist die Angelika Kaufmann!« – Aber Bruno würde Roselin wahrscheinlich für verrückt gehalten haben. Heimweh erfaßte Roselin. Glühendes Heimweh nach Wolfram und der Zeit, als sie »mit sich selbst spielten«. Oh, wie langweilig war es, mit einem Kurmacher im Mondschein durch das Forum zu gehen! Es sah nur so aufregend aus. Stephanie schien anderer Meinung. Der schlanke Conte neben ihr redete wahrscheinlich nicht von Tiroler Äpfeln und ochsen müssen. Aber von den zweien, die Ferne und Mondschein für Roselin in Goethe und Tischbein umwandelte, litt deiner 79 ebenfalls. Nämlich Roselins Vater, dem ein preußischer Major sich an die Fersen geheftet hatte. Und während sie in die schweigend ragenden, silberumflossenen Mauern des Kolosseums einbogen, entwickelte er ihm seine strategischen Kenntnisse, die ihm nichtsdestoweniger den Weg zum Generalsrang nicht hatten bahnen können. Aber während der Oberst seine schmalen Fingerspitzen über die Brauen gleiten ließ, die sich gequält zusammenschoben: »Elimar,« rief die Baronin, »Kinder!« – Sie hatte bereits die Majorsgattin mit ihren Mutmaßungen über die heimliche Ehe der Kaiserin Friedrich mit Graf Seckendorf virtuos abgeschüttelt. Dort drüben stand sie: schlank, hoch, fein, mitten in einem abbröckelnden Torbogen, hinter ihr die still begeisterte Edith Morris mit dem Photographenapparat, den sie jetzt leider nicht benutzen konnte. Tief atmend, schweigend, deutete die Baronin mit ihrer schmalen Hand über das Atrium der Vestalinnen hinüber zum schimmernden Titusbogen. Rot sind die Rosen, die die Mauern und Säulen umspinnen, scharf sind die Schatten in dem fast vollen Mond, und drüben ragen die Mauern und die Gärten des Palatin auf der Höhe, die Paläste von Nero und Caligula. Roselin ist neben die Mutter getreten. Sie kann nicht länger neben Bruno stehen, wiewohl er ihr die römischen Veilchen geschenkt hat. Dies ist doch nicht auszudenken, daß weißgekleidete Jungfrauen, Priesterinnen, neben der Kaiserloge im Kolosseum 80 ihre Plätze hatten, und wenn der Kaiser, den Christen zum Todeszeichen, den Daumen senkte, gleichfalls mit wilder Gebärde ihre zarten Hände über die Teppiche der Brüstung nach unten stießen. »Oh!« sagt Roselin leise. Sie faßt der Mutter Hand. Etwas tut ihr weh zum Zerspringen, und zugleich sieht sie die Gesichter all derer, die sie von den Bildern in den Galerien so genau kennt. Von Pfeilen und Schwertern und glühenden Eisen werden die Leiber zermartert, aber zu ihren Häuptern reihen sich die Scharen der Engel, Scharen heilig und selig Verklärter. Christus neigt sich hernieder, die Hände mit den Wundmalen breiten sich liebend: Sei getreu bis in den Tod! – – Und nun kam zuletzt die Zeit, in der alles, wodurch Roselin sich auf Rom vorbereitet hatte, so tief sank, daß sie durch die Straßen wandern konnte, unbefangen wie die Diplomatie in Rom, und nur mit dem Unterschiede, daß es ihr erlaubt war und jener verboten. Roselins Herz schlug hoch, als man sich zum ersten Male in den Künstlerverein aufmachte. Alle diese lieben, feinen, frommen Menschen: Overbeck, Veith, Cornelius, auch Ludwig Richter und Kügelgen standen vor ihr. Wenn sie auch längst tot waren, aber es mußte doch heute andere geben, ihnen ähnliche. Rom war doch nun einmal die ewige Lockung. Roselins Schritte federten vor Erwartung. Jetzt würde sie Vertretern lebender Kunst begegnen! 81 Wie sie dort war, in diesen kleinen, verräucherten, überfüllten Räumen, klangen auch wirklich Namen an ihr Ohr, wie ewige Sterne durch Nebelmeere leuchtend: Kaulbach, Böcklin – – Aber wenn man dann scheu und ehrfurchtsvoll näher forschte, so waren es immer nur – Söhne. Ja, überall, wo Roselin in Italien Deutschen begegnete – es waren fast immer nur Söhne gewesen. Aber diese Erkenntnis kam ihr erst später, viel später. Das verwirrende Hin und Her im Künstlerverein war in keiner Weise michelangelesk, aber irgendwie leicht berauschend. Es war eine eigentümliche Mischung von Sentimentalität, Leichtsinn und übertriebener Lustigkeit. Roselin mußte plötzlich an Wolfram denken. Wenn sie zusammen spielten, und die Hosenrollen sie immer begeistert hatten. Ja, wenn man nun ein Junge gewesen wäre, vielmehr dieses Idealbild eines Jünglings, das man sich zurechtgemacht hatte, diese raffinierte Mischung von Schiller und einem Kürassierleutnant! Man hätte eigentlich ganz gern mitgemacht, vielmehr anders gemacht, als hier gemacht wurde. Diese allerliebste Brünette, die dort drüben tanzte – vielleicht hätten ihre Augen stärker gesprüht, und das Beben ihrer Mundwinkel wäre leidenschaftlicher gewesen, wenn man ihr zugeflüstert hätte: »Er ist nicht mehr unter den Lebenden, der uns trennte! In einer halben Stunde begib dich zum Pförtchen des bekannten Klosters hinter der Engelsburg. Dort stehen die Pferde usw.« Aber jetzt war man doch nur ein kleines Mädchen von sechzehn Jahren, und es war wirklich ziemlich langweilig. Die Kavaliere waren entweder reich gewordene Deutsche ohne Namen, die ihr ehrliches Deutsch völlig vergessen zu haben schienen und in schlechtem Italienisch alberne Witze machten. – Oder sie redeten dummes Zeug, das meist auf kleine Hände und kleine Füße herauskam, und sie starrten einen an, als hätten sie falsch verstanden, wenn man etwas Vernünftiges fragte, über den Papst zum Beispiel, und ob der Rampolla wirklich so zu fürchten sei, oder über die Königin Margueritha, die ewig blond, ewig lächelnd in dunkler Witwentracht und in trauermäßigem Wagen vorüberfuhr. Aber dann eines Tages war einer da, und das war wohl die Art, die Roselin erhofft hatte, und von der auch die Eltern und Stephanie sich irgendwie eine Vorstellung gemacht hatten, wenn man meinte, an den Abenden im Künstlerverein sich von den niederziehenden Ereignissen, die mit der Botschaft zusammenhingen, erholen zu wollen. Ja, hier war einer, der war nicht ›Sohn‹ im Sinne von Niedergang oder Minderung. Hier war einer, der war Anfang. Mein Gott, wie er mit seinen ausholenden Schritten quer über den Saal weg auf den Tisch von Weddingstedts und auf Roselin zukam! Er ging ein wenig eingebogen in den Knien, und die breiten Schultern nach vorn gedrückt, und doch war etwas Feierliches und Herrenmäßiges in seinem Schreiten. Wie Menschen gehen, deren 83 Vorfahren seit Hunderten von Jahren gegen Fluten und Sturm ihr Stück Erde verteidigten, und schwingend und stolz den Samen diesem mit tausend Mühen eroberten Neuland vertrauten, und die nicht einmal in der Kirche die steifen Knie krumm machten, sondern stehend und aufrecht Gottes Segen auf Samen und Ernte in Frost und Hitze und zuletzt auch auf Weib und Kind herniederbeteten. Jürgen Jürgensen, mit Augen, als hätte er sie direkt aus dem grünblauen Nordmeer herausgefischt, und ein jäher, erschütternder Himmelsglanz oder eine dunkle Wetterwolke spiegelte sich abwechselnd in ihnen, hatte als Junge seines Vaters Vieh in der Koppel bewacht. Einmal, bloß zum Spaß, und auch weil er ihm die schönen Bücher borgte, hatte er für Lehrer Volland den Fischer geschnitzt, der eine ertrunkene Frau an Land trägt. Professor Oberkofler aus München, der beim Lehrer Sommeraufenthalt nahm, hatte den fünfzehnjährigen Jürgen und die Figur des Fischers und noch andere gesehen und hatte den Jungen mitgenommen und ihn auf die Akademie getan. Jürgen Jürgensen war Bildhauer geworden. Mit vierundzwanzig Jahren hatte er den Rompreis bekommen, und jetzt verneigte er sich im Künstlerverein vor Roselin. Nachher tanzten sie zusammen. Roselin schwitzte vor Angst, weil Herr Jürgensen aus dem Takt kam, 84 und fühlte sich doch eigentümlich beschwingt und sicher durch das Gedränge gesteuert, als wäre jetzt das Besondere über ihr, was sie so lange vergeblich hier gesucht hatte. »Die Katholiken haben es leichter,« sagte Jürgen Jürgensen mit seiner Stimme, die immer ein wenig an fernen Orkan und Meeresbrausen erinnerte. »Sie haben die Beichte, da schütten sie alles wieder herunter, was hängenblieb. Rom ist eine böse Stadt. Wer es nur von außen sieht . . .« er machte drei Punkte hinter seinem halben Satz und bekam eine gerade, strenge Falte zwischen seine zwei Meeresaugen. »Wenn man als Mensch verludert, kann man kein großer Künstler werden.« Eine feine Röte ging über Roselins schmale Wangen. Das Wort »verludert« war ihr nicht geläufig. Aber sie hatte es schon wieder vergessen, als sie das Gesicht über sich sah, die kantigen Kinnbacken, den schmalen, aber kühn und schön geschwungenen Mund, die ganz geraden, starken Brauen über den Augen, die trotz des merkwürdigen Wortes geradezu fromm aussahen in ihrer Herbheit, und in die eine Sehnsucht leise hineinspielte. »Ich passe nicht hierher,« sagte Jürgen Jürgensen plötzlich schamhaft, leise und traurig. Er hatte, ohne um Erlaubnis zu bitten, einfach einen Stuhl neben den Roselins an den Weddingstedtschen Tisch gezogen. »Der Rompreis war kein Glück für mich, ich muß immerfort kämpfen, daß ich meine Art hier nicht verliere.« 85 »Kämpfen?« Roselin glühte. »Ist Kampf nicht das Beste?« Und ein wenig altklug fügte sie hinzu: »Ruhiger Besitz verweichlicht doch und macht unehrlich.« »Unehrlich?« Jürgen Jürgensen überlegte gedankenvoll. Er sah Roselin lange und forschend in die Augen. »Vielleicht ist das wahr, in einer Weise. Wenn nur nicht so viel Zeug in den Galerien hier wäre,« sagte er plötzlich heftig. »Suchen muß man, bis man die Goldkörner herausgefunden hat! Ja, wenn man bloß so Rom – ich meine Italien – eine Weile erleben könnte! Die Aqua Claudia in der Campagna zum Beispiel, die Büffel, die uralten Zypressen am Nemisee! Oder die Frauen, wenn sie, die Ölkrüge auf dem Kopf, breite, flache Stufen heruntersteigen! Und dann ein paar vergessene Kirchen, die keiner kennt, wenn da irgendein ausgemergelter Charakterkopf von Priester zelebriert, aber –« Roselin erschien es wie Blasphemie, was Jürgen Jürgensen sagte, und zugleich war es, als ob irgendein Tor zu einer ganz weiten, rotgoldenen Freiheit sich öffnete. Nur – durfte man? – durfte man? – »Aber das kleine Griechenmädchen mit der zerbrochenen Nase,« stammelte sie, »im Thermemuseum? Die schlafende Gorgo, die einem das Herz fast zerbricht – Das war doch einmal – das ist – –« Jürgen Jürgensen sah ihr wieder forschend in die Augen. Sein strenger Ausdruck änderte sich. 86 »Gewiß, gewiß,« er sah aus, als ob er Roselin streicheln wollte, »das war, und das ist, und das wird sein,« sagte er feierlich. »Aber heut ist heut, und wir sind wir. Und wenn ich heut,« er betrachtete Roselin eigentümlich, als entkleidete er sie, schonungslos, und trotzdem mit geweihten Händen, »wenn ich heute eine Psyche modellieren würde, ich dürfte nicht – um Gotteswillen – Canova! – Aber auch an die holde, herbe antike Gruppe dürfte ich nicht denken. Ich würde – mir würde – nun –« Er schöpfte kurz und tief Atem. »Sie würden mir vor Augen stehen, Baronesse!« – – In dieser Nacht schlief Roselin wenig. Es war Aufruhr in ihr. Es war, wie wenn man Heimweh hatte, nach Wolfram, nach Goldchen – nach Deutschland – oder das ganz namenlose Heimweh. – Weinte Roselin? Es war doch Glück, nicht wahr, Glück? Hatte nicht die Welt mit einem Male ein ganz anderes Gesicht bekommen? Sie lag auf den Ellenbogen gestützt und sah über das Bett von Stephanie, die fest und lautlos schlief, in den übersternten Himmel. Schattenhaft, mehr geahnt als erblickt, jenseits der Brücke von Trastevere, reckte sich der Gianicolo, den kühnen Helden der Freiheit auf seinen breiten Schultern tragend. Roselin stellte sich hin vor Garibaldi in Gedanken, wie sie so oft gestanden: zu ihren Füßen die Peterskuppel, zu ihren Füßen Rom, die Ewige Stadt mit allen Palästen und Kirchen und Kunstwerken und tausend Märtyrern und tausend 87 Erinnerungen. – Und was war jetzt für sie Rom? Es war der Rahmen für einen Einzigen, mit Augen wie das wechselnde Meer. Der alle alten Dinge neu sagte und das Heut in die Ewigkeit eingliedern wollte wie das Gestern und das Morgen. Jürgen Jürgensen war schon sehr alt. Sechsundzwanzig Jahre! Als er am Sonntag in der Pension Weddingstedts einen Besuch machte in seinem schwarzen Bratenrock, wirkte er feierlich und bäurisch und herrenmäßig in einem. Als der Oberst mit ihm redete, stotterte er anfangs, aber bald sagte er Dinge, die den Oberst und sogar die Baronin aus ihrer Zurückhaltung herauslockten. Ein paar Tage später, als bei der Gräfin Eiserbruch in irgendeinem alten Palazzo die große Violinistin Theresina Tua Roselin küßte, weil sie noch so jung war und schon in Rom, nickte Jürgen Jürgensen so strahlend zu Roselin hinüber, als sei er selber geküßt worden, oder als habe er geküßt. Auf dem Nachhausewege, den Tiber entlang, war es sehr süß, mit einer dunklen Stimme über einem, die gar nicht stotterte. Er sagte zuerst nichts über Italien, auch nicht über heutige Kunst; er sprach vom Meer, vom Wattmeer, das kein Fremder liebt, weil der Strand voll Schlick sei und farblos, wenn die Ebbe ihn bloßlege. Aber wenn dann die Sonne schiene, dann sei das Watt wie ein Zauberland aus lauter mattschimmernden Opalen, und die Prielen dazwischen voll Meerwasser wie türkisblaue Bänder, 88 und jeder Tintenfisch, jede Muschel, jedes Stück Wrackholz, jeder Tangfetzen ein silbernes und goldenes Wunder. Die Fremden wollten reinlichen Sandstrand haben, oder auch die Buchenwälder und die Bäume der Ostsee – aber wer tiefer sähe: das Watt – das häßliche graue Entlein – das halte allein die letzte Schönheit. Das Watt sei wie von Seele durchleuchtet. Und plötzlich sagte er, und seine Stimme zitterte dabei: »Psyche, kleine Psyche!« Und Roselin fühlte seinen Atem über ihrem kurz geschnittenen Stirnhaar. Er kam doch wieder auf die Kunst, und er sagte noch viel, was unvergeßlich war, obgleich Roselin nicht alles behielt, weil ihr Herz so stark schlug, zum Beispiel, daß er Rom jetzt ganz neu sähe, und auch seine Kunst anders auffaßte als vorher. Er erkenne viel deutlicher, was hinter den Menschen und Dingen stünde, und er ahne Zusammenhänge, und dies alles müßten seine Gestalten einmal ausdrücken, daß nicht jede für sich allein und so todeinsam im Raume stünde, sondern immer die Verbundenheit aller miteinander deutlich werde, jede ein eigner Typ gewissermaßen – und trotzdem jede der anderen verwandt, weil alle verwurzelt – »in Gott, könnte man sagen,« und Jürgen Jürgensen dämpfte seine Stimme – »ich will es bescheidener ausdrücken, verwurzelt im Leid des großen Geheimnisses.« Oh, wie wunderbar war der Nachhauseweg! Wie wunderbar war die Nacht! Roselins Herz schwoll, es pochte wie der Tiber dort unten gegen 89 die Uferblöcke. Würde nicht sogleich ein Wunder geschehen und irgendeine Schranke zerbrechen, daß ihr Herz aus der tiefen Einsamkeit erlöst würde und hinüberfluten könnte in den großen, verwandten Strom, der sie ins Meer trug? – – Solche Zusammensein und solche Nachhausewege gab es noch etliche mehr. Und einmal auch eine Fahrt durch die Schwermut der Campagna mit den hochgehörnten Büffelherden und den ragenden Bogen der Aqua Claudia in der Ferne. Die Veilchen blühten klein, massenhaft und dunkelblau. An einem der steinernen uralten Pfeiler wurde ein Picknick gemacht. Jürgen Jürgensen und Roselin und Stephanie und der Conte suchten ein wenig dürres Buschwerk und Halm und bliesen in die Flammen wie lauter Posaunenengel. Nachher wurde Stephanies Gesicht nachdenklich, und als erblicke sie in der Ferne ein Gesicht, das sie mit dem des Conte verglich, und dem der Conte nicht standhalten konnte. Und Jürgen Jürgensen pflückte von den Veilchen, ein paar rührend kurzstielige Dingerchen, die Roselin in den Gürtel steckte, wie sie in der Sonne auf einem umgestürzten Pfeiler saßen, ein Paar braune Büffelaugen, kindlich, wehmütig und leise staunend ihnen gegenüber. Es war wohl anders als jenes Mal, als Bruno Eisenhut auf dem Forum Roselin ebenfalls Veilchen gebracht hatte. Aber dann kam der Abend, den Roselin niemals begreifen konnte. Nein, niemals. Sie waren beim 90 Botschafter eingeladen, hatten getanzt und fuhren jetzt durch die menschenleeren Straßen in der Carozella nach Hause. ›Ob er jetzt wohl an der Arbeit ist?‹ dachte Roselin. ›Er sagte doch immer – ja, er wollte doch immer eine Psyche modellieren!‹ – Roselin errötete, wie beim schlendernden Trab der Pferdehufe eine sanfte Schläfrigkeit sie überkam. Michel Angelo fiel ihr ein, der sich eine kleine Lampe an einen Helm aus Pappe genäht hatte, damit er bis in die Nacht hinein schaffen konnte. – Ach nein, jetzt, wo man Gas und elektrisches Licht hatte, machten die Künstler wahrscheinlich ihre Arbeit bei Tag ab. Es reizte nicht mehr so, der Finsternis ein Stück ihrer Gewalt zu entreißen? Jürgen Jürgensen hatte ihr nie davon erzählt, daß er bei Nacht modellierte. Aber wenn er nur an sie dachte, wie sie immerwährend an ihn dachte, auch heute abend gedacht hatte, als sie mit fremden Leuten tanzte, Eis aß und ein wenig fades Zeug redete. Immer dachte sie an ihn, in Verbindung mit allen tiefen und hohen und süßen und zarten Dingen, von denen sie sprachen, wenn sie zusammen waren. Allerdings – und Roselin errötete wieder – von den süßen und zarten Dingen sprachen sie nicht, sie taten sie nur, vielmehr sie erlebten sie. Selbst in Gedanken konnte sie Roselin nicht mit Worten betasten, ohne den Staub von ihren Flügeln zu wischen. Es handelte sich ja nur um ein stilles Beharren Auge in Auge, während vielleicht eine flinke grüne Lazerte ihr 91 kluges Köpfchen aus den Steinritzen streckte und, Roselins kühle, kleine Hand für ein Stück Marmor nehmend, darüber hinweghuschte. Es handelte sich um einen Kuß auf dieselbe Hand im bergenden blauen Schatten eines Lorbeergebüsches, das ganz mit gelben Banksiarosen durchwuchert war. Es handelte sich um zwei andere Hände, die mit einem leisen Beben in den Fingerspitzen sich ganz vorsichtig um ihre Schläfen gelegt hatten und ihr Gesicht behutsam ein wenig zurückgebogen. Um einen schnelleren Atem als sonst handelte es sich und einen plötzlich aussetzenden Herzschlag. Alles dieses träumte Roselin wieder und erlebte es zum tausendsten Male beim schlendernden Trab der Pferde. Und sie legte dabei die Hand auf ihre kleine Brust, und die Tränen traten ihr in die Augen vor Glück. Aber wie sie noch in sich hineinsah und horchte, gerade als sie über die Piazza Venetia fuhren an dem alten Palazzo vorüber, diesem mächtigen Fassadenbau voller Lachen und Tränen und Flüche, Schwüre und Schicksale –»hallo,« sagte Stephanie, »geht da nicht unser Bildhauer?« Roselin zuckte zusammen. Wirklich, Jürgen Jürgensen war es. Wie gut Roselin sie kannte, diese hohe, breite, in den Schultern etwas nach vorn gedrückte Gestalt. Warum sollte er nicht über die Piazza Venetia zu dieser Stunde gehen? Jürgen Jürgensen kam gewiß auch von einem Balle, einem heiteren Beieinander. So gut hatte es ihm gefallen, daß er sich gar nicht trennen mochte 92 von allem – jedenfalls nicht von allen. Und so hatte er sie mitgenommen und führte sie an seinem Arm, ganz dicht, viel dichter, als er je gewagt hatte, Roselin zu führen: eine rosa Kapuze. Er beugte sich tief, ach, wie tief und nahe, als er in die rosa Kapuze hineinblickte. Roselin auf ihrem Rücksitz der Carozella, immer hinter dem gleichmäßig schlendernden Trab der Pferde, saß, als wäre sie gestürzt, klaftertief. Sie hatte lauter grüne und rote Kreise vor den Augen. Es war doch niemand da, der die Sachlage überschaute oder vielleicht nur ahnte. Denn auch vor Stephanie hatte Roselin ihr unschuldiges Geheimnis wie ein Geizhals versteckt. Niemand war da, der hätte sagen können, was Jürgen Jürgensen gesagt hätte, wenn Roselin ihm jemals ein Wort darüber erlaubt hätte. »Baroneßchen,« hätte er gesagt, »kleine Psyche, Liebling. Aber das ist doch nichts. Gar nichts ist das. Das ist doch unter Künstlern kein Verbrechen. Selbst wenn ich den Mund hinter der rosa Kapuze geküßt hätte in der Seligkeit meines Herzens, aus lauter Glück und Dankbarkeit für dich, kleine Psyche! Aber ich habe es ja nicht einmal getan. Nur den Arm ein wenig fester ihr gedrückt. Bis an ihre Türe sie begleitet. – Nicht hinauf, Liebling, nicht hinauf in ihre recht armselige kleine Kammer voll Skizzen und halbverdorrter Blumen und angeschlagener Krüge, voll Gipsabgüsse, zerstreuter billiger Kleider und ein wenig kalten Risotto, verschüttet auf der Tischdecke. 93 Früher – ja, als ich noch steuerlos trieb, als ich noch luderte – ich wäre vielleicht mit hinaufgegangen und wäre mit einem elenden Gefühle in der Herzgrube und mit wüstem Kopf im Morgendämmer heimlich die Treppe heruntergeschlichen. – Aber jetzt, nun ich dich weiß, Liebling, nun ich ein Ziel sehe, wie ein ganz fernes und hohes, aber so strahlend leuchtendes Fanal – – o Baroneßchen,« hätte er gesagt, und seine tiefe, dunkle Stimme hätte dabei gebebt, »o Roselin, was sind die Lippen, was sind die Augen hinter allen rosa Kapuzen der Erde gegen einen einzigen Blick von dir!« – Denn was mit Lippen zusammenhing, das hätte er noch gar nicht gewagt auszusprechen in bezug auf Roselin. So unantastbar erschien sie ihm, so erschüttert war er von ihrer ahnungslosen Unschuld. Aber niemals gab ihm Roselin Gelegenheit und Erlaubnis, so oder ähnlich sich ihr zu offenbaren; niemand war da, der gewußt und für ihn gesprochen hätte. Als in dieser Nacht Roselin in ihrem schmalen, harten römischen Bett lag und aus der Ferne das Rauschen eines der unzähligen Brunnen Roms zu ihr kam: ›Oh, warum habe ich einen Soldo in die Fontana di Trevi geworfen,‹ dachte sie, ›und von ihrem Wasser getrunken! Das ist der Zauber, der einen noch einmal nach Rom zurückführt. Nie wieder möchte ich hierher zurückkommen! Nie wieder! Ach, wenn wir nur erst fort wären!‹ – Sie weinte. 94 Wie sonderbar, als Roselin am nächsten Morgen erwachte, mußte sie als erstes an die unergründliche Miß Morris denken mit dem Photographierapparat, die immer gesagt hatte: › Men are faithless! ‹ Männer sind treulos! Wie hatte sie recht! – Stephanie war so beängstigend sanft und liebevoll heut Morgen. Ob sie doch etwas gemerkt hatte? Sie schlug vor, Roselins langes Haar zu bürsten, was eine sehr auszeichnende Güte war. Und während Roselin das stumpfe Näschen im Frisiermantel vergrub und von den scharfen, zärtlichen Bürstenstrichen immer wieder genötigt, den Kopf im Nacken etwas einzudrücken, – ›nur nicht weinen,‹ dachte sie, ›um Gotteswillen keine Heulerei! Das wäre das Allerfurchtbarste!‹ – Sie machte sich kalt und hart und zornig, wie es der Tochter eines Obersten von der Kavallerie zukommt, und die plötzlich kein kleines Mädchen mehr ist, und die weiß, wenn sie sich einen Augenblick nur nachgibt, so ist alles verloren, aber auch alles. ›Wenn sie noch ausgesehen hätte wie die stolze und schöne und düstere Wirtin draußen in der Osteria!‹ dachte Roselin. Irgend etwas von Michel Angelo hätte sie an sich haben müssen. Schließlich auch von Raffaels Madonnen oder von einem Engel da Forlis. Aber diese alberne, flittrige rosa Kapuze! Nein! – Und Roselin stand sehr gerade und hatte strenge, fremde und kühle Augen, als beim nächsten Empfang in einem alten Palazzo Jürgen Jürgensen auf sie zukam. Aber als er sie 95 ganz verstört und traurig anstarrte, schüttelte sie nur lachend den Kopf. Was ging sie das alles noch an? Junge Herren brachten doch zuweilen junge Damen nach Hause. Mochten sie Kapuzen in allen Farben des Regenbogens aufhaben. Und als Jürgen Jürgensen, durch dieses Lachen wieder beruhigt, leise fragte: »Wolken?« – »Ja, Wolken,« nickte Roselin, »rosa Wolken!« Er sah Roselin verblüfft an. »Mein Himmel darf aber keine Wolken haben, Baroneßchen! Kleine Psyche – Roselin – was ist denn geschehen?« Und da sie gerade in einer tiefen Fensternische standen, hob er die Hand, und das Beben war wieder in den Fingerspitzen, als er behutsam Roselins Haar streichelte. Ja, und nun kam es doch, trotz der Kavalleristentochter: diese hohen Säle, gefüllt mit Uniformen und Fräcken, mit Damen im décolté , mit Flammen, widergespiegelt von hohen venetianischen Spiegeln in goldenen Barockrahmen, mit Marmortischen auf Bronzefüßen und nachgedunkelten, kostbaren Gemälden – dieses alles schien plötzlich sich um Roselin zu drehen. Sah sie denn nur doppelt? Und was waren das für flimmernde Balken, die quer hindurchstießen, auch quer durch das Gesicht von Jürgen Jürgensen mit dem kantigen Kinn und den so stürmisch erregten Meeraugen? Er bückte sich näher und näher, gerade so wie damals bei der rosa Kapuze. Was flimmerte denn fortwährend vor Roselins Augen? Und brannte? Mein Gott! Würde 96 Roselin diese Schande auf sich laden und vor ihm weinen? Vor dem Treulosen? – Nein! Und während Roselin den Ring der Borgias, den sie seit ihrer Konfirmation trug, den Ring mit dem Leinenläppchen und den drei Blutstropfen der Liebe, mit der anderen Hand so hart in den Finger drückte, daß er sie verletzte: »Leben Sie wohl, Herr Jürgensen,« sagte Roselin mit ihrer feinen, zitternden und eben ein wenig hochmütig klingenden Stimme. »Leben Sie recht wohl!« Und ohne seine Antwort abzuwarten, schritt sie eilig und immer noch, als ob ihr schwindelte, quer durch den weiten Saal, dorthin, wo Stephanie beim Buffett im lebhaften Gespräch und Lachen mit dem jungen Conte und dem deutschen Legationssekretär und etlichen Österreichern von der Gesandtschaft stand. Stephanie aber, hastig als ob sie gerufen wäre, kehrte sich von ihnen ab und ging Roselin ein paar Schritte entgegen. Sie zog Roselins Arm durch den ihren, und immer ganz nahe bei Stephanie aß Roselin ein Stück Torte nach dem anderen und redete Unsinn und hatte kreisrunde rote Fieberflecken auf den Wangen. Und zuletzt war dieser Abend und alles, was damit zusammenhing, endlich, endlich zu Ende. Nach diesem Tage ging Roselin in die Kirchen und Museen wie ein archäologischer Stipendiat und die Via Appia entlang im Marschtempo wie ein Soldat des großen Cäsar. ›Ich bin in Rom, Roms 97 wegen,‹ sagte sie heftig und zornig zu sich selber. ›Und alles andere ist dummes Zeug!‹ Aber ihr Kopfkissen war oft genug feucht am Morgen, und jemand wie Bruno Eisenhut konnte man wirklich nicht mehr ertragen. Als dann nach ein paar Wochen Weddingstedts über den St. Gotthard wieder zurück nach Deutschland fuhren, sah Roselin mit einem eigentümlichen Blick hinaus in das zarte, leuchtende und immer deutscher werdende Frühlingsgrün. ›Die vatikanischen Sammlungen,‹ dachte sie, ›und alle die anderen Museen und Galerien und St. Peter und die Katakomben und der Monte Pincio und Frascati, ja, ja, ja.‹ – Und während sie ihre schmalen Kinderhände auf die Brust drückte, wußte sie: dies alles war herrlich gewesen und groß. Aber das, woran sie vielleicht einmal wachsen würde, wenn es nicht mehr so sehr schmerzte, – das war etwas ganz anderes. 98   Im folgenden Winter in Berlin grub sich ein Wort in das Lexikon Roselins, das alle Schrecknisse der Welt in sich barg und den Jammer und die Sehnsucht eines kleinen Zugvogels, der statt auf Pinien und Zypressen unter einem seidnen blauen und golddurchstickten Baldachin sich trunken zu wiegen, in einen kunstvoll geschmiedeten Käfig gesperrt, im halbdunklen Zimmer singen sollte. Dieses Schreckenswort hieß: Gavotte. Roselin meinte, es läge wirklich eine große Tragik darin, ein junges Mädchen zu sein, das bei Hofe ausgeführt würde. Vor allem, wenn man sich so viele Jahre und so ernstlich gegen diese Lebensansicht gewehrt hatte. – Roselin hatte gerade ihr erstes historisches Drama begonnen. Sie lebte nah und freundschaftlich mit Kaiser Otto III. und war einem Giftmörder auf der Spur, als das Wort Gavottekursus sich vor sie hinstellte, als erster Meilenstein des Marterweges, mit dem furchtbaren Ziel der Vorstellung am kaiserlichen Hofe. Die Pein begann mit der täglichen Vormittagsunterhaltung im Schneideratelier, wo Roselin in Hellblau oder in ihrer Namensfarbe stundenlang stehen mußte, vor ihr auf den Knien ein oder zwei stumme Geschöpfe, die an ihr zupften und sich dazu, o Grauen – Dutzende von Nadeln in den Mund steckten. 99 Nachher kam die Periode der Besuchsfahrten. Zum Glück meistens nicht empfangen, fuhr man von einem wehrlosen Haus zum anderen, in die der Diener unermüdlich und wie Geschosse Weddingstedtsche Visitenkarten schleuderte. Diese wortlosen und doch beredten Drohungen: Lade mich ein! Und nun war es Zeit für die erste Gavotte-Tanzstunde. Junge Leutnants musterten Roselin hochmütig, ließen sich der Reihe nach vorstellen, baten um Tänze, die Roselin, wie ein im Walde überfallener Reisender, ihnen zitternd versprach. Später führte einer Roselin zu Tisch und fragte sie, ob sie in Berlin lebe, und sie fragte ihn dasselbe. Und dann fragten sie sich gegenseitig, ob sie gern dort seien, und schüttelten den Kopf und nickten gleichzeitig, und zuletzt kam die große, hagere Tanz- und Balettmeisterin, Frau de Mara, und hieß sie antreten. Sie machte ein Gesicht dazu wie die Hexe, wenn der Hänsel statt des Fingers ein Knöchlein durch die Gitterstäbe seines Käfigs steckt. Sie fand die ganze Versammlung hoffnungslos jung und unbegabt; und sie hatte ein Recht zu verachten, denn sie war die erste Tanzlehrerin am Hof und sehr berühmt. Es hieß, ihre Vergangenheit sei bewegt gewesen, sie war früher Prima Ballerina am königlichen Ballett. › Ils sont passés les jours de fêtes, ‹ – und ehrenwert und anständig verdiente sie sich jetzt mit Tanzstunden ihr Brot. Wer an ihrem Gavottezirkel nicht teilnahm, war 100 unmöglich bei Hofe. Sie behandelte die Fürstlichkeiten, ja den Kronprinzen, genau so grob wie alle anderen. Und in dieser nüchternen Zeit war sie vielleicht das einzige Original in diesem Kreise. Wenn Roselin sie kommen sah, dachte sie: ›So würde Sarah Bernhard aussehen, wenn sie zu einer Liebhabervorstellung in einem Töchterpensionat aufgefordert würde.‹ Aber Frau de Mara gab sich viel Mühe. Zum Beispiel als Roselin wirklich einmal von der ständigen Bewußtheit ihrer selbst verlassen, und wie sie meinte, von einem jungen Dragonerleutnant gut geführt und im Walzerschritt sich wiegte: »Das Paar an der Säule,« fragte Frau de Mara interessiert: »Was für einer Art von Tätigkeit gibt es sich hin?« Das einzig Trostreiche war, daß Roselin einen Leidens- und Gesinnungsgenossen fand. Obwohl er aus Pommern war, hieß er Lionel mit Vornamen. Er war ebenso klein und dünn wie Roselin und haßte den Gavotte-Kursus genau so wie sie. Frau de Mara, die das kleinste Paar mit Humor »Die Babies« nannte, mußte sie zuweilen abgründigen Dialogen über den haarfeinen Unterschied zwischen Naturalismus und Realismus entreißen, über Dante, die Renaissance oder Schopenhauers »Parerga und Paralipomena«. Dann warfen sie sich todesmutig und unlustig in das Gewühl der Tanzenden. Und eines Tages war es so weit: mit der großen Defilierkur begannen die Hofbälle. Nun, es war schon ein bißchen wie Märchen: 101 Es lebte einmal ein Kaiser in einem großen prächtigen Schloß – – Bereits unter den Linden fing es an. Roselins kleine, eiskalte Hand schmiegte sich in die ruhige, warme von Stephanie, die das alles ja schon vor zwei Wintern erlebt hatte, als die Wagen anfingen sich zu stauen und nur im Schritt vorrücken durften. Nervöse Schutzleute betreuten sie wie Kinderfrauen. Der unverwüstliche schnoddrige Humor des spalierbildenden Berliner Publikums geleitete sie erleichternd. Endlich bog die Equipage mit dem Diener an salutierenden Soldatenposten der Garde-Infanterie vorüber durch das ungeheure Portal in den Schloßhof. – Das Schloß sah aus, wie Roselin sich Schlösser vorstellte, die seit vielen Jahrzehnten grau und leer stehen, und die ein Spuk um Mitternacht plötzlich strahlend lebendig macht. Die schwere graue Masse dehnte sich beängstigend weit, aber die Fenster und die große Eingangspforte strahlten und verhießen. Auf breiten Marmortreppen, immer wieder vorüber an militärischen Wachen, die den kleinen gepuderten Zopf des Soldatenkönigs und den Dreimaster wieder hatten anlegen müssen, stieg man hinauf in die Flucht der nicht endenwollenden Säle. Die Prachtliebe des ersten Königs von Preußen hatte ihnen für alle Zeiten ihren schweren und kostbaren Stempel aufgedrückt: Wände, deren Damast, gesänftigt durch Alter, noch innerlicher 102 glühte. Vergoldete geschnitzte Sessel, Parkett wie gefegte Eisbahnen, tausend Flammen zurückgeworfen von riesigen Pfeilerspiegeln, von Diamanten, Kolliers, Atlaskleidern und den silbernen Adlerhelmen der wie Bildsäulen regungslosen Gardeducorps an jeder Saaltür. Roselin ging, als sähe sie dies alles und sich selber wie im Bild. Las sie die ganze Geschichte in einem Buche? Es schien unwirklich und fern. Sie war ja längst allein und preisgegeben. Zuerst hatten sie die Eltern verlassen. In den Saal zu den Exzellenzdamen konnte Roselin eben noch hineinsehen, aber die Baronin gehörte zu der Gruppe der verheirateten Frauen, deren Männer es noch nicht so weit gebracht hatten. Wo der Vater hingekommen war in diesem Gewühl von glänzenden Uniformen und in der unabsehbaren Reihe dieser Säle, konnte man sich überhaupt nicht mehr ausdenken. Aber auch Stephanie war wie eingeschluckt von der Menge, denn sie gehörte doch zu den bereits vorgestellten jungen Mädchen. Der Kreis, dem Roselin zugeteilt war, etwa zwanzig Vorzustellende, alle wie sie die schwere Courschleppe überm Arm, musterte sie. Man nickte ihr tröstlich und ein wenig gönnerhaft zu. Sie war doch wirklich gar zu klein. ›Werde ich bei der großen Verbeugung nicht ausrutschen?‹ dachte Roselin fortwährend. Mein Gott, und nun ging es durch die lange, berüchtigte Lästerallee! Einmal hörte Roselin, wie die Pagen, die schon 103 seit Stunden dort Spalier standen, leise hinter ihr her sagten: Das kommt aus Liliput! Und ein anderer sagte: Däumelinchen! – Ach, war das nicht Vetter Gerd mit den Spitzenmanschetten? Und nun kam der große Augenblick: Der Eintritt in den Rittersaal und das abgrundtiefe Versinken im Hofknix vor Kaiser und Kaiserin. Dieser Abend war die überwältigende Einleitung zu dem Märchenbuch dieses Hofwinters. Oh, die Bälle im Weißen Saal, die nun folgten! Lautlos stand die Menge, während die Musik auf der hohen Galerie spielte und die Majestäten eintraten. Am Arm des Kaisers die mit Steinen und Perlen übersäte, aber trotzdem unendlich vornehme silberhaarige Kaiserin, hinter ihnen ein schlanker, blonder Hohenzollernprinz nach dem andern. Nachdem sich das Kaiserpaar getrennt hatte, wendete sich der Kaiser zu den Botschaftern fremder Staaten. – Nein – Roselin paßte gut auf – zuerst begrüßte er seinen ersten Diener, den Reichskanzler. Der war rund und gut gepflegt, trug eine blau-goldene Husarenattila und hatte ein wohlwollendes glattes Gesicht. Der Kaiser lachte, seine blauen Augen blitzten, der gelbe Kragen der Ulanka stand gut zu dem gebräunten Gesicht. Sein kleiner Kopf mit den merkwürdig scharfen Zügen fiel überall auf. Mit dem amerikanischen Botschafter sprach er am längsten. Wenn die Kaiserin sich indessen gütig lächelnd an die Exzellenzdamen wandte, ach, es war doch ein 104 bißchen rührend und ein bißchen komisch anzusehen, wie die Huld der kaiserlichen Frau auf die Reihen der Matronen wirkte, die wahrscheinlich sehr viel lieber in einem bequemen Stuhl, bei einer Tasse Tee, bei einer behaglichen Filetarbeit, einem Buch oder einer guten Musik in ihrem Zimmer gesessen härten und jetzt, in ersterbender Ergebenheit den Worten der Kaiserin gespannt lauschten, wo sie gerade stand, heimlich spähten, wo sie erwartet wurde, befreit und glückselig aufatmeten, wenn sie ein huldvolles Wort geschenkt hatte. ›Ach,‹ dachte Roselin, ›wenn man jetzt ein Mäuschen wäre und könnte auf die obere Galerie huschen und fände dort ein Spältchen. Es muß hübsch anzusehen sein von da oben her. Wie ein bunter, blühender Sommergarten! Das lachsfarbene Hellrosa der Gardeducorps, himmelblaue Dragoner, ziegelrote Husaren, dunkelblaue Ulanen, und die silber- und goldgestickte Infanterie und Artillerie. Und dazwischen die nackten Schultern, die schlanken Hälse, die aprikosenfarbenen, veilchenblauen, maisgelben, nilgrünen und türkisblauen Gewänder der blonden und braunen Schönheiten. Und neben den Nord- und Süd- und Ost- und Westdeutschen die wilde, melancholische Anmut der jungen Russinnen mit dem breiten, goldenen Kokoschnik über der Stirn, kühle, weißhäutige Engländerinnen, die zierliche Botschafterin aus Japan mit ihrem unverrückten, höflichen Geishalächeln. Auf kleinen Krüppelfüßchen, ständig 105 in Gefahr auf dem blanken, glatten Parkett, seidenschimmernde Chinesinnen, in rotem Sammetmantel, prachtvoll gestickt, der Rektor der Universität, zwischen vielen schwarzen Talaren der einzig feuerrote des Dekans der medizinischen Fakultät. – ›Wie früher die Scharfrichter,‹ dachte Roselin, als sie sich ein wenig geängstigt und in all dem Glanz verlassen an das Ende der Bildergalerie zu dem marmornen Standbild ihrer so sehr geliebten und oft bedichteten Königin Luise flüchtete. Und während sie dachte: ›Wolfram, wie entzückend war es, wenn er die Königin Luise darstellte!‹ spielte die Musik die ersten Takte der Gavotte. Ja, es war doch nicht mehr das Märchen, das man zu Hause, im bequemen Stuhl, ein Schokoladenbonbon im Munde, lesen konnte. Angstvoll spähte Roselin nach ihrem Ritter, der sie zum Tanz führen sollte. Würde er je den Weg zu ihr finden? Welch ein Glück, daß es einen Prinzen am Hofe gab, der nicht nur ellenlang war, sondern gütig wie seine Urahne aus Marmor. Von seiner fast übermenschlichen Höhe herab erforschte er Roselins Kummer und hielt Ausschau nach dem achtzehnjährigen Leutnant, der, kupferrot und zitternd, sich endlich nahte. Stramm stand der kleine Lionel aus Pommern mit seiner hochgekämmten Tolle, dem kaum angedeuteten Schnurrbart vor dem Prinzen, der, weil ihm nichts anderes einfiel, die Angst der beiden Kinder noch erhöhte, indem er ermunternd in die 106 Hände klappte: »Fix, fix, sonst kommt Ihr zu spät!« Ja, nun mochten sich Kammerherren und alte Damen entrüsten, wenn sie pietätlos von zwei kleinen Leuten beiseitegeschoben wurden. Die Karrees waren alle wie vom Schutzmann geordnet und kasernenmäßig aufgeteilt. Lionels Regiment, etwa ein Dutzend Herren, tanzten dicht um den Thron mit ihren Damen. Den »Babies« hatte man verboten, in die Nähe zu kommen, um nicht blamiert zu werden durch ihr Format. Ein Karree »Wilder«, Legationssekretäre, Marineoffiziere und dergleichen, hatte aus Barmherzigkeit die beiden aufgenommen. Aber der Name, von Regimentskameraden ertragen, bedeutete hier Schmach. Als auch unter den guten »Wilden« das Wort »Babies« aufstand, bekam Lionel einen krebsroten Kopf und wollte sie alle fordern. Roselin hatte sich darüber gerade wieder beruhigt und tanzte selbstvergessen, als – mein Gott – Lionel? Er wurde ja wie ein Tischtuch. Im nächsten Augenblick hatte sie begriffen: sie tanzten dem Kaiser gerade gegenüber. Der Kaiser schaute unentwegt zu ihnen hin. Ein Wort, von Roselin irgendwo aufgefangen, stand plötzlich vor ihr wie mit Flammenschrift: »Majestät verlangt, daß bei ihm besser getanzt wird als in Wien und London.« Oh! – ›Ob die Kaiserin Adelheid, wie sie über die glühend gemachten Pflugscharen schritt, es so schlimm gehabt hat wie wir?‹ dachte Roselin. Aber dann 107 überkam sie Tollkühnheit, Todesrausch: man konnte doch nur einmal sterben! Und was sie seit Jahren, eigentlich seit Wolframs Abschied nicht mehr gewesen war: sie wurde wieder Jeanne d'Arc mit der Fahne, und sie riß Lionel mit sich fort. Als sie in einer letzten, tiefen Verneigung vor ihrem Landesherrn versanken, nickte er ihnen freundlich zu. Ob er dachte: sie gehören eigentlich ins Bett zu dieser Stunde, die zwei Kleinen? Stephanie, blond, schön, sicher und in strahlend gehobener Stimmung, tanzte meist dicht am Thron. Die Baronin, von der Roselin zu ihrer Genugtuung hörte, daß man sie schön fand, war für Roselin verloren, ebenso wie der Vater. Welches Glück für Roselin, daß sie Lionel hatte! Er mußte an solchen Bällen für sie Vater, Mutter und Schwester sein. Die beiden waren wie getraut. Es fiel unter Tausenden nicht auf, unscheinbar wie sie waren. Sie flirteten nicht zusammen, denn immer war da noch ein feiner und unvernarbter Punkt, den Roselin wohl zeitweise vergessen konnte, der aber scharf schmerzte, wenn man ihn berührte. Auch hatten sie viel zu viel Angst vor ihrer Ungeschicklichkeit. Aus demselben Grunde unterhielten sie sich auch nicht mehr so tiefgründig wie bei Frau de Mara. Sie klebten nur fest aneinander. Sie hungerten gemeinsam im Kerzenschein der romantischen Gemächer, weil Lionel nie bis zum Büfett vordrang, von dem die Tänzer ihren Damen irgendein paar 108 Köstlichkeiten herbeiholten. Sie standen großäugig in den Ecken und schauten auf alle die Berühmten ringsum, und sie verstanden sich wortlos. Wenn die Festmusik verklungen war, und die Töchter der Baronin, die älteste strahlend und von vielen gefolgt, die jüngste mit einem scheuen Lächeln und von einem einzigen begleitet, zu ihr zurückkehrten, schrieb Lionel noch hastig zu allen bevorstehenden Bällen seinen Namen in das kleine Notizbuch, das jedes junge Mädchen, das ausging, damals bei sich trug – wie ein Jahrzehnt später die Reisenden die Brotmarken. Ja, diesen einen Gesellschaftswinter verlebte Roselin eigentlich nur mit Lionel. Man neckte sie und auch ihn zuweilen mit ihrer unerschütterlichen Treue zueinander. Kameraden von ihm oder Roselins Vettern wollten diese zum Wanken bringen. Aber da Roselin nur mit Lionel und Lionel nur mit Roselin tanzen konnte, weil alle anderen Leute sie aus dem Takt brachten, so blieben sie standhaft. Die große Saison war ihnen beiden wie ein gefährliches Kriegsmanöver, was aber nebenbei so viel Interessantes bot, daß, selbst wenn sie dazu geneigt gewesen wären – auf Gefühle oder Sonderinteressen überhaupt nicht eingegangen werden konnte. Auch während des zweiten Hofwinters in Berlin, erschien das Leben wie eine ununterbrochene Kette von Lustbarkeiten. Man konnte völlig vergessen, daß irgendwo ein Reich Kasimbura 109 sich erstreckte, böse, dunkel, unerlöst und auf den Garbanischen Segen wartend. Es war gut, daß zwischen diese Jahrmärkte der Eitelkeit die Mittwochabende fielen, wo ein kleiner Kreis intimer Hausfreunde sich bei Weddingstedts versammelte. Zum Teil wohl gingen die Gespräche an Roselins Ohren vorüber, weil sie in irgendeinem schönen Traum gefangen saß. Aber zuweilen schreckte sie zusammen, wie berührt von einer dunklen Wolke, die über lachende Gegend zieht und alle die jubelnden Farben jäh auslöscht. Einmal handelte es sich um den Panzerkreuzer »Panther«, der nach Agadir geschickt wurde als Demonstration gegen England und Frankreich. Der Vater und auch die anderen sprachen von einer bedauerlichen Zickzackpolitik, die sie nicht billigten, und gegen das unnötige Provozieren. Und wieder einmal: »Er ist freigelassen worden,« sagte Onkel Reginald. »Der Zar hat ihn freigegeben als Geburtstagsgeschenk für Seine Majestät. Gegen die beiden russischen Schwerspione, die in Leipzig vor dem Kriegsgericht standen, ist er ausgewechselt worden.« Die Herren flüsterten mit gerunzelten Brauen, bis der Oberst sagte: »Roselin ist vollkommen diskret. Es ist Zeit und notwendig, daß ein Mädchen ihres Alters begreift, was in der Welt vorgeht, und was vielleicht auf dem Spiele steht.« Roselin hatte sich sehr gerade hingesetzt. Des Vaters Vertrauen machte sie stolz. Es ging um 110 einen Generalstabsoffizier, in Warschau gefangengenommen, als der Spionage verdächtig. Beweise konnte man nicht beibringen. Man sagte einfach: »Russische Kriegsgerichte beweisen nie.« Ihn hatte Onkel Reginald soeben gesehen, und als erster hatte jener vom kommenden Weltkrieg als einer Gewißheit gesprochen. Etwas war durch dieses Wort in Roselin erschüttert worden. Die Grundfesten, auf denen ihre kleine Welt und scheinbar auch die große Welt so sicher geruht hatten, erbebten. Wenn sie fortab den Gesprächen an den Mittwochabenden mit Heißhunger zuhörte und sich dann beim Zubettegehen noch lange mit Stephanie darüber unterhielt, schien es ihr, als ob die Zeit, die sie von außen her in so unerhörtem Glanze erlebte, irgendwo einen – nein – gar viele Punkte aufwies, wo das stolze Gebäude bereits unterminiert war. Alle die ungeheuren Leistungen auf dem Gebiete der Technik, mit denen Deutschland andere Länder überflügelte, schienen irgendeine Schönheit, eine Tiefe aus dem Leben genommen zu haben. Es hätte einer anderen Einstellung gegenüber diesem in der Entwicklung liegenden Vormarsch bedurft, meinte Väterchen. Aber alles war jetzt Fanfarenstimmung. Der Reichtum oder mindestens die Wohlhabenheit, durch den Sieg über Frankreich und vierzig Friedensjahre hervorgerufen, schien ganz vergessen zu lassen, wozu diese materiellen Güter des Lebens dienen sollten. Immer tiefer sank Kultur und ging in Zivilisation über. 111 ›Es ist wenig Garba in der Welt,‹ dachte Roselin traurig. ›Man hat es vergessen, wie ich es vergessen habe in den Tanzwintern.‹ Und sie vergegenwärtigte sich, wozu sie damals Adel und Bürgertum verpflichtet hatte, und daß der Dienst an den anderen mit allen Kräften und Gaben und ganz umsonst die Hauptsache war. Jetzt hier in Wirklichkeit schien jeder nur für sich selber zu sorgen. Ja, auch sie, auch sie. Und aufzuhäufen, wo schon genügend vorhanden war, obgleich auf der anderen Seite bitterer Mangel und Not herrschte. »Unsinn!« sagte Stephanie, als Roselin ihr ihren Kummer offenbarte. »Was häufst du denn auf? Etwa deinen Borgiaring und deine paar Konfirmationsbroschen. Davon wird eine siebenköpfige Familie keinen Monat satt.« Roselin mußte lachen. Aber dann dachte sie: ›Es ist ein Fehler in Stephanies Rechnung. Und es gibt auch noch einen anderen Hunger als nach Brot.‹ Und sie wußte plötzlich, daß sie auch hungerte. Wonach? Ja, wonach? Einmal fiel der Name Delitzsch an den Mittwochabenden und »Bibel« und »Babel« und der große Streit wurde besprochen. Ein andres Mal ging es um die Maßregelung Jathos, die ein starkes Für und Wider auslöste. Und eines Tages erlebten Stephanie und Roselin bei einer befreundeten Pfarrersfamilie, in der Nähe des Friedrichshaines, daß die ganze Petersburger Straße wie von Flügeln riesenhafter schwarzer Vögel mit lebendigen roten 112 Schnäbeln zugedeckt wurde. Die Vögel waren hunderte von schwarzen Fahnen mit roten Bändern. Sie bedeuteten eine ungeheure Demonstration zum Tode Bebels. Und in demselben Jahr – es war 1912 – erschien zum ersten Male die Rote Fahne, und die Idee der Sozialdemokratie richtete sich groß auf am Horizont Roselins. Im folgenden Sommer reisten Weddingstedts zu viert noch einmal nach Moorwitten. – Es war, als sei die Zeit an diesem Erdwinkel spurlos vorübergegangen. Die große Erschütterung des benachbarten Baltikums vor vier Jahren, als die dünne Decke über dem brodelnden Untergrund so heftig bewegt wurde, war wieder vergessen. Die Risse und Sprünge, die das Aufbegehren der Stammvölker damals in die feine stahlharte Herrenschicht gestoßen hatte, klafften an manchen Stellen noch scharf auseinander. Aber man wollte es nicht sehen, und so sah man es nicht, und da man es nicht sah, so war es nicht vorhanden. Roselin saß im Break, dessen Viererzug Vetter Archibald lenkte. Der Kutscher saß neben ihm mit verschränkten Armen. Sie kehrten von einem Fest zurück von einem der Moorwittenschen Nachbargüter, wo sie Theater gespielt hatten und getanzt bis tief in die Nacht. Jetzt standen die Pferde wie bronzene Bildnisse ihrer selbst vor dem Bahnübergang. Die Schranken waren heruntergelassen worden, und während in der Ferne die Frösche 113 konzertierten, und die Nacht braun wie weiche Kleidfalten sich um alle Geräusche legte, währenddem durchstachen das Dunkel zwei glimmende Pfeile, die näher jagten, größer wurden, zwei Augen wurden, mit denen eine schwarze unheimliche Schlange Kurs nahm von Ost nach West. Es war der Nachtzug Moskau–Berlin. Roselin fühlte eine leichte Kühle im Genick. Sie hatte in den letzten Jahren nicht nur Tolstoi und Turgenjew gelesen, sondern auch Dostojewski, die »Drei Menschen« von Gorki und den »Oblomow«. Rußland war das Land, was alles zu enthalten schien, alles Höchste und alles Niedrigste, alle Schönheit und alles Grauen, alle Gottnähe und alle Gottverneinung, alle Güte und alle Grausamkeit. Rußland! Roselin dachte daran, wie Vater oft sorgenvoll an den Mittwochabenden erwogen hatte, wo die größere Gefahr für Deutschland läge – im Amerikanismus oder in der Zukunft Rußlands, dieses ungeformten Kolosses! Und während der Zug vorbeibrauste in der Richtung Berlin, und die Bahnschranke langsam sich wieder aufrichtete und Vetter Archi dem Leitpferd einen leisen Peitschenhieb gab, währenddem dachte Roselin: ›Ja, ja, ja! Dostojewski hat recht in den »Brüdern Karamasow«, wo Iwan weiß, er ist schuldig am Tode des fremden Kindes, obgleich er es niemals gesehen hat. Er ist schuld, alle sind schuld, wir alle. Nur daß keiner es wissen will.‹ 114 ›Bob,‹ dachte Roselin plötzlich, ›wie schade, daß Bob nicht da ist. Jetzt ist er in England, sie sagen, er sei fabelhaft tüchtig bei seinen jungen Jahren.‹ Roselins Augen verträumten sich in der sternenüberfunkelten Nacht. Dann schüttelte sie den Kopf. Er kann es damals nicht gemeint haben, als er sagte: ›Die Menschen seien Kanaillen.‹ Roselins Hände, die so klein geblieben waren, daß Mutter sie im Scherz Katzenpfoten nannte, drückten sich so fest ineinander, daß die Knöchel spitz und weiß hervortraten: ›Ach, warum kann man jetzt nicht mehr alles sehen wie früher, als man Garba spielte,‹ dachte Roselin traurig. Und plötzlich erinnerte sie sich: Da war doch Dr. Engelmann! Der nette Hauslehrer, der, wie Tante Bertrade sich ausdrückte, zuweilen aparte Dinge sagte. ›Schade, daß jetzt alle Jungens erwachsen sind,‹ dachte sie, ›es wäre schön, wenn Dr. Engelmann wieder unten am Tische säße. Diesmal würde ich mehr von ihm haben!‹ In diesem Augenblick wendete Vetter Archi sich in den Wagen zurück: »Ihr seid wohl alle eingeschlafen? – Nicht? – So. – Ich dachte. – Übrigens wißt Ihr noch Engelmann? Er war doch ein feiner Kerl, das begreift man erst später. In drei Wochen kommt er!« »Engelmann,« sagte Vetter Kuno, »famos! Das war kein Spielverderber! Wo hat er denn alle die Jahre gesteckt?« »Hauptsächlich wohl in Berlin,« sagte Archi. »Er 115 hat doch damals nur seine Doktorarbeit bei uns gebaut. ›Cum laude‹ natürlich. Wie es sich für so jemanden gehört. Dann war er in Berlin an einem Gymnasium. Jetzt ist er Oberlehrer, und ich glaube, seit Ostern ist er im Rheinland. Er soll einen mächtigen Einfluß auf seine Jungens haben. Er ist ihr ›Bachant‹. So nennen sie's ja ulkigerweise in der Wandervogelbewegung. Wahrscheinlich eine Art Führer. Sie machen immer großartige Touren, nach Böhmen, an die Nordsee, in die Heide, Gott weiß, wo sie schon waren. Diesmal hat er die Gesellschaft nach Danzig gebracht. Er will sie allein nach Hause schicken. Für die drei letzten Ferientage will er wieder mal bei uns einschauen.« »War't ihr denn immer in Verbindung?« fragte Stephanie. »Wir haben uns immer geschrieben. Ich habe ihn auch ein paarmal besucht in Berlin!« ›In Berlin,‹ dachte Roselin, ›in Berlin war er alle die Jahre. Und Wanderungen macht er mit seinen Jungens, wie wir es in Garba eingerichtet hatten!‹ Roselin mußte innerlich lachen. Aber gleich wurde sie wieder ernst. Und wie sie noch dachte: ›Er hätte mir gewiß mit manchem einen Rat geben können‹ – »Kinder, morgen früh um fünfe reiten wir zum Reiherhorst,« sagte Vetter Erich, » Stephanie Günther und ich. Wer macht noch mit?« »Ich,« sagte Archi. »Ich,« sagte Alexander und die anderen. Auch Roselin stimmte zu, weil sie so 116 sehr ungern nein sagte. Nur Vetter Waldemar, der nächstes Jahr Kaiserpage werden sollte, sagte: »Nee, hab' keine Zeit. Ich muß Mist abladen, hab's dem Janko versprochen.« – Vierzehn Tage später kam Dr. Heinz Engelmann. Roselin erschrak fast, als sie ihn zuerst sah. ›Es ist, als wäre er neun Jahre im Kyffhäuser bei Kaiser Rotbart gewesen,‹ dachte sie. ›Nun tritt er heraus und lebt weiter, da, wo er damals aufgehört hat. Ist es denn möglich? Ist es denn mit ihm wie mit allem hier?‹ Es war immer noch dieses eigentümlich Jünglingshafte über Heinz Engelmann. Das Haar, einer etwas späteren Mode vorgreifend, trug er an Schläfen und Hinterkopf sehr kurz, auf dem Scheitel länger und seitlich scharf auseinandergebürstet. Aber es war noch immer silbrig blond und das glatte Gesicht trotz aller seiner Fahrten und Wanderungen eigentümlich zart in der Farbe. Als Roselin ihn dann eine Weile schärfer beobachtet hatte, entdeckte sie allerdings feine Fältchen und Schwingungen, sowohl auf der Stirn als um die Mundwinkel. Die Augen mit ihrem eigentümlichen Ausdruck, der den Blick eines anderen festhielt, bis er sich empörte oder sich ergab, waren noch tiefer hinter die Schädeldecke gesunken als früher. – So hatte er doch gelebt! Gelebt und erlebt! Und Roselin wußte nicht, warum sie darüber froh war. – Roselin, die gelernt hatte, sich sicher und leicht 117 auf dem Parkett zu bewegen, sich mit Fürsten, Staatsmännern und den Löwen der Gesellschaft zu unterhalten, und von der man sagte, daß die jüngste Weddingstedt zwar keine Schönheit sei, aber etwas Besseres habe, nämlich Witz und den Charme der Originalität – Roselin fand sich eigentümlich befangen und in einer träumerischen Nachdenklichkeit, die ihr das Wort verschlug in Gegenwart von Dr. Engelmann. Sie war während der drei Tage seines Aufenthaltes nicht einmal mit ihm allein zusammen gewesen. Vetter Archi belegte ihn völlig mit Beschlag und auch Onkel Alexander, Archis Vater, dem jetzt Moorwitten gehörte, forderte Dr. Engelmann zuweilen auf, in sein Zimmer zu kommen. Wenn Onkel Alexander den früheren Hauslehrer seiner Söhne in sein Zimmer einlud, so öffnete er zunächst ein Geheimfach an der Wand, dessen Mechanik er allein kannte und das seine besten Schnäpse und Zigarren verheimlichte. Dies geschah auch am letzten Nachmittag Dr. Engelmanns in Moorwitten, als Roselin sich gerade mit einer Revue in den großen, kühlen Saal gesetzt hatte, wie sie es gern tat nach dem Mittagessen, das hier nach guter alter Sitte wirklich um Mittag, nämlich um halb zwei Uhr, eingenommen wurde. Onkel Alexanders Zimmer wurde vom Saal nur durch einen vorgehängten alten Perser getrennt. Aber da Roselin nicht annahm, daß es sich nebenan um 118 Geheimnisse handeln könnte, und sie überdies lesen wollte, so blieb sie ruhig sitzen. Als die Herren in den großen Ledersesseln unter all den Hunderten von Geweihen an den Wänden, den ausgestopften Truthähnen, Habichten, Trappen, Silberreihern und anderen ausländischen Jagdtrophäen versunken waren, verlangte Onkel Alexander, Dr. Engelmann möge ihn etwas orientieren über das, was außerhalb Moorwitten – und Moorwitten bedeutete in diesem Sinne Ostpreußen –, also was sich in der weiteren Welt des Deutschen Reiches inzwischen ereignet habe. Und zwar nicht beim Militär oder bei Hofe, davon höre er genug von Söhnen und Besuchern, auch nicht im Wirtschaftlichen und Technischen, worüber er versuche, sich auf dem laufenden zu halten, aber sonst; und speziell bei der Jugend, mit der es ja jetzt eine tolle Sache sei. Nach dieser Einleitungsfrage machte der alte Herr noch einmal auf die Marke der Zigarre aufmerksam, deren blaue Kringel allerdings kostbar genug dufteten, um sich dann zunächst über ein oder mehrere Schicksale von nahen und nächsten Angehörigen auszulassen. Zum Glück betraf es nicht seine eigenen Söhne, aber doch Neffen und Söhne guter Freunde, die schwere Sorge machten beim Militär. Die Bengels fragten jetzt gar nicht mehr, wessen Pferde sie ritten beim Rennen. Sie ließen sich von Kerls, deren Großväter wahrscheinlich noch mit dem 119 Hausiererkasten gezogen waren, großartig traktieren und honorieren, und dann fing das Luderleben an mit Wetten und Frauenzimmern und Schulden. ›Luderleben!‹ Roselin ließ ihr Buch sinken. Sie dachte daran, als sie zum ersten Male vor diesem Wort erschrocken war. Es war lange her! – Schon mehr als einer war um die Ecke gegangen, eröffnete Onkel Alexander sich weiter. Der bildschöne Günther Beckem zum Beispiel. Dr. Engelmann hatte ihn doch auch noch gekannt. Der Vater hatte bezahlt, bezahlt, bis Beckenhausen es nicht mehr aushielt. Die Mädels, die waren verlobt oder wollten sich verloben, verwöhnt waren sie, elegant, die Jutta ein Prachtkerl dabei, nun – Kavalleristenfrauen ohne Geld – – Der alte Herr schnippte mit den Fingern. – »Jetzt danken sie Gott, daß sie die Stiftsstellen haben. Die Mutter ist vor Herzeleid gestorben, der alte Beckem – Gott verzeih mir's,« sagte Baron Alexander kummervoll, »mein alter Freund säuft sich langsam zu Tode vor Gram. Kein Ziegel auf dem Dache gehört ihm noch.« »Und der Sohn?« fragte Dr. Engelmann behutsam nach einer Pause. »Der Herr Sohn?« Onkel Alexanders Stimme grollte. »Irgendwo in Deutsch-Ostafrika sitzt er auf einer Farm, hilft Strauße züchten. Nie wieder darf er nach Deutschland zurück. – Verfluchtes Geld!« – Die Augen des alten Herrn, die eben noch scharf 120 zusammengerückt waren und unter den buschigen Brauen geblitzt hatten, bekamen einen eigentümlich ergreifenden Ausdruck von Hilflosigkeit: »Weiß der Himmel, was das alles bedeutet, und wo das noch hinaus soll. Die Jungen von heute sind wie unsere natürlichen Feinde. Äußerlich sieht ja das noch alles ganz glatt und nett aus. Aber was dahintersteckt, – hinter den Beziehungen, zwischen Eltern und Kindern meine ich, – das ist faul. Oder es ist direkter Aufruhr! Wie Sie wollen. Warum ist das so?« Roselin, die, ohne daß sie es wollte, angefangen hatte zuzuhören, weil es doch schließlich Themen waren, bei denen es keine Indiskretion bedeutete, und die etwas schmerzhaft in ihr berührten, Roselin dachte: ›So geht es also doch nicht so glatt und problemlos zu unter der weißen Leinenjacke!‹ Sie wäre am liebsten hineingegangen, hätte sich auf die Seitenlehne des großen alten abgetragenen Ledersessels gehockt, hätte Onkel Alexander um den Hals gefaßt und ihm, wie sie es bei Väterchen tat, einen Kuß auf die Nasenspitze gegeben. Aber das ging nicht gut. Und außerdem hätte sie das Gespräch, dem sie so glühend folgte, wahrscheinlich unterbrochen. So ließ sie die Hand mit der französischen Revue an ihrem schmalen Knie heruntersinken und wartete. »Früher, wir gingen jeden Sonntag in die Kirche,« fuhr Onkel Alexander fort, »wie sich's gehörte. Den Eltern gehorchte man. Aufs 121 Gymnasium kamen wir ja nur die letzten Jahre, aber die Hauslehrer und Gouvernanten hatten verhältnismäßig wenig Not mit uns. Und später, wenn man auf die Universität ging – das Leben war lustig genug. Ich war doch selber in Bonn bei den Saxo-Borussen. Und beim Militär ebenso. Man war kein Engel, Gott bewahre, aber diese widerlichen Dinge wie jetzt –« Der alte Herr schlug mit der Hand zornig durch die Luft. »Nein, zu meinen Zeiten – – jedenfalls das waren Ausnahmen zu meinen Zeiten, und ein anständiger Mensch hatte damit nichts zu tun.« Er schwieg eine Weile gedankenverloren. »Und dann später,« er schien zu überlegen, »ja, nun – man diente eben dem Vaterlande, jeder auf seine Weise. Und dem Kaiser war man treu. Probleme gab's nicht weiter damals, und wer in den väterlichen Besitz kam, dem war eben die Scholle die Hauptsache. In der wurzelte man. Und die hinausgegangen waren, die gehörten doch auch noch immer dazu. Der Zusammenhang war nicht gelöst. Sie schufen sich eben wieder eine Heimat in ihrem Berufskreise draußen. Selbst beim Militär, wo sie ständig herumgeworfen wurden, da war eben das Regiment die nähere Heimat, und die Armee und das Heer der große Zusammenhang, die Urmutter gewissermaßen, der man verantwortlich war. Disziplin, Gehorsam, Ehrfurcht waren selbstverständlich. Die preußische Armee und die katholische Kirche, mir scheint, das sind die beiden Institutionen, 122 in denen Bindung der einzelnen Glieder und die bewußte Unterordnung unter die große Idee am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Das sag ich,« betonte Onkel Alexander scharf. »Und ich bin protestantisch bis in die Knochen. Aber die katholische Kirche steht unverrückt da, jetzt seit neunzehn Jahrhunderten. Bei uns ist das alles altmodisch geworden, hat sich überlebt, wie man sagt. Das Schiff hat keinen Anker mehr, und wenn es einen hätte, so weiß man kein Ufer und keinen Hafen dafür. Ein Gewissen,« der alte Herr zog die Mundwinkel bitter herunter, »so ein Wort nur in den Mund zu nehmen, ist schon abgeschmackt heute. Ja, was soll da werden?« Drinnen war Stille, nur etwas schabte behutsam. Onkel Alexander entfernte wahrscheinlich die ihm beim Reden heruntergefallene Zigarrenasche mit dem Papiermesser von seiner Hose. Roselin wußte, wie er in Zucht war vor Tante Angelika. »Wo soll's noch hin, nicht nur mit Deutschland, sondern mit allen sogenannten Kulturstaaten? Wenn sie derart abgewirtschaftet haben, wie es allen Anschein hat? Es geht wie mit einem Schiff, das im Eise festgefroren ist: Vorräte haben sie nicht mehr, halb verrückt sind sie geworden, und dann stürzt sich einer auf den anderen mit dem Messer.« Der alte Herr atmete schwer. Er ging auf und ab im Zimmer. Freia, die große deutsche Dogge, hatte sich ebenfalls erhoben, gähnte, daß Roselin die Kinnbacken krachen hörte, und ging hinter 123 Onkel Alexander her. Und plötzlich standen sie beide still, Herr und Dogge. »Wie steht es jetzt also damit, worin Sie arbeiten, Doktor?« sagte Onkel Alexander grimmig. »Wie steht es mit dem, was Sie Jugendbewegung nennen? Archi hat mir ein paar Andeutungen gemacht. Ich möchte aber etwas Genaueres hören. Sie kommen ja dabei mit jungen Menschen aus allen Ständen und Klassen zusammen. Was ist das für Material? Ist da irgend etwas, woran Sie eine Hoffnung knüpfen?« Der alte Herr stand noch immer still, und Roselin dachte, sie sähe ihn, wie die Stirn bis hoch hinauf in die Schläfen sich ihm wulstete, und wie seine große, alte Hand mit dem hervortretenden Adergeflecht und den Gichtknoten an den Knöcheln der Dogge ins Halsfell griff. »Es ist so gütig, Herr Baron, daß Sie mein Urteil darüber hören wollen,« sagte Dr. Engelmann. »Ich hab allerdings das Glück, viel und nahe mit jungen Menschen zusammenzusein. Ich glaube, ich bin nicht ganz unwissend bezüglich unserer Jugend, und was von ihr zu halten ist und zu erwarten. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich mit schwerer Sorge in die Zukunft sehe. Aber man muß sich vor allem wohl klarmachen, in was für eine Zeit die heutige Jugend hineingeboren ist. Daß sie eben nicht mehr – wie selbst ich noch – einer ihr fraglos gültig erscheinenden Kultur gegenübergestellt wurde. Alles, was wir früher im Elternhaus, in der Schule, in der Kirche, 124 in der Gesellschaft, in der Verwaltung, kurz in den verschiedensten Institutionen, was wir vorfanden als feste Norm und Bestand, dies alles erscheint an irgendeinem Punkt jetzt erschüttert. Die Erde scheint nicht mehr sicher zu stehen. Und der Himmelsglobus, der uns schützend umgab, ist eingestürzt. Mindestens ist er so zerrissen und durchlöchert, daß durch das Blau der vertrauten Atmosphäre das Dunkel des Weltenraumes hineinstarrt, das Unbekannte und das Ungeheure. Mit einem Wort: das Chaos. Die Jugendbewegung – nun, um die Jahrhundertwende haben sich eben etliche, die das nicht mehr ertrugen, zusammengefunden und aufgemacht. Sie wollten zunächst –« In diesem Augenblick, als Roselin ihre fest aneinander gedrückten Hände zwischen die Knie schob, den Kopf senkte und mit geschlossenen Augen sich gewissermaßen in ein einziges Bündel von Gehör verwandelte, – in diesem Augenblick erklang von draußen der Peitschenschlag und das Anrollen eines Wagens vor der Rampe, und gleich danach kam ein zweiter, und dann hörte man in der Ferne die Hupe eines Autos. ›Besuch,‹ dachte Roselin zornig. ›Natürlich hat man von Jugendbewegung gehört. Aber ich kann mir nicht vorstellen, was bei ihrem Wandern und Spielen und Tanzen viel herauskommen soll! Und jetzt gerade, wo es sich zeigen sollte, wo sie hinauswollen – –‹ »Besuch!« sagte laut und ebenso verärgert Onkel Alexander. »Mein Gott, welche Karawane! Ja, 125 dann hilft es wohl nichts, lieber Doktor. Dann müssen wir wohl auf nächstes Jahr warten, bis wir zu Ende kommen mit unserm Thema. Wenn es dafür überhaupt ein Ende gibt. Ein positives, meine ich natürlich. Eine Leistung.« Roselin war aufgestanden. Sie rannte durch den Saal und hinauf in ihr Zimmer. Es war ihr nicht möglich, in diesem Augenblick dem Gesicht Onkel Alexanders zu begegnen, ebensowenig wie dem von Dr. Engelmann. Und viel weniger mochte sie den Besuch jetzt begrüßen. ›Kasimbura,‹ dachte sie, ›Garba‹. Mein Gott, es muß etwas Bedeutsames hinter dieser Jugendbewegung stecken. Ich bin doch auch jung und möchte etwas dazu tun und etwas sein, das dieses schreckliche Wort vom Untergang des Abendlandes umwandeln könnte. Mein kindliches Garba, vielleicht hatte es etwas Ähnliches im Sinne. Aber ich kann es nicht ins Leben umsetzen, weil ich nicht weiß, wie. Ich bin doch irgendwie eingesperrt in einem geliebten, goldenen, aber doch in einem Käfig. Und jetzt ist der einzige Mensch, von dem ich weiß, daß er mir vielleicht einen Aufschluß hätte geben können, von Berlin fortgegangen. Und auch hier habe ich nicht einen Augenblick mit ihm sprechen können, und ich werde auch nicht mehr mit ihm sprechen können, denn morgen früh reist er ab. Ach, ich bin traurig, traurig.   Dann kam wieder ein Gesellschafts- und Hofwinter. Als danach die Tage sich längten und der Winter nach der vielhundertjährigen Bauernregel damit anfing, strenger zu werden, klopfte zum ersten Male die harte und unerbittliche Hand an die Tür: der Oberst von Weddingstedt fiel eines Morgens plötzlich um und lag länger als eine Stunde bewußtlos. In der Fastenzeit, während die Schneeglöckchen und Veilchen neben den italienischen Blumen von den Frauen am Rande der Bürgersteige des Potsdamer Platzes feilgeboten wurden, und auf dem Lande die Jäger ihre Flinten für die Schnepfe aus dem Schranke nahmen, öffneten sich bei Weddingstedts die zwei Flügel zu der dunklen Pforte schwer und lautlos. Die Baronin pflegte ihren Kranken mit leidenschaftlicher Hingabe. Kaum einen Augenblick verließ sie das Krankenbett, und bei jeder kleinsten Hoffnung auf eine anscheinende Besserung warf sie sich seliger Zuversicht stürmisch in die Arme. Alle die Wochen kam sie nicht aus den Kleidern. Aber als das Unabänderliche geschah, brach sie zusammen. – So sehr war ihr Grund erschüttert durch den Verlust dieses geliebtesten Menschen. Interesse am Leben gewann die Baronin erst wieder, als ihr Herz und ihre Hilfe durch das Leid 127 anderer Menschen errufen wurde. Da war ein Mittag, an dem Roselin vor Glück weinte. »Mutter, was ist denn?« hatten die Töchter bei Tische gefragt. Die Baronin war von Besorgungen aus der Stadt zurückgekommen. Die Trauer, die sie sonst immer verhüllte und fortnahm wie ein schweres, dunkles Tuch, schien an einer Stelle aufgerissen. »Ist etwas passiert, Mutterchen?« »Ach, ich denke an die Mutter vom Fräulein bei Wertheim,« sagte die Baronin. »Sie wird doch wohl sterben und die Tochter bekommt jetzt keinen Urlaub!« »Eine Verkäuferin, Mutter?« »Ja, die Blonde im Papierlager, die immer so freundlich ist.« »Woher weißt du denn etwas von ihr?« »Ich sah ihr an, daß sie litt.« Und dann kam nach einer Pause der kurze Entschluß: »Ich werde einmal selber hinfahren. Es wird vielleicht doch nutzen.« Sie fuhr hin, und es nutzte in der Tat: nämlich die Baronin erwirkte der jungen Verkäuferin bei der Leitung ihrer Abteilung acht Tage frei, in denen sie ihre Mutter zu Tode pflegen konnte. Dies war der Anfang. – – – Roselin hatte viele ihrer Tänzer gern und manche sehr gern gehabt. Aber unter den manchen war kein einziger, der sie alles andere hätte vergessen machen können, und dem zuliebe sie auf einem glühenden Rost getanzt hätte. ›Und so,‹ dachte Roselin, ›so müßte es sein mit der Liebe.‹ Und dann ging 128 zuweilen wie ferner, ferner Schatten eine Gestalt an ihr vorüber, mit Augen wie das Nordmeer. Ja, – vielleicht – damals – – Vor einem Vierteljahr, ziemlich bald nach Väterchens Tode hatte Roselin in ihrer Zeitung gelesen, daß Jürgen Jürgensen die Erwartungen nicht getäuscht hätte, die sich an den Rompreis für ihn geknüpft hatten, wenn sie auch völlig anders erfüllt wurden, als man nach dem langen Aufenthalt auf klassischem Boden hätte annehmen sollen. »Seine bronzene Psyche ist bei aller Zartheit das Eindringlichste, was man sich vorstellen kann, ebenso abweichend von der Antike wie von der gewollten Primitivität der Moderne. Er ist ein Eigener, der nicht künstlich nach Originalität suchen muß, weil er sie von Natur besitzt.« Und so fort. Dieselbe Zeitung hatte ein Bild der Psyche gebracht. Roselin erschrak. Dann errötete sie dunkel. Ihre Augen verschleierten sich. Kannte sie auch diese ganz schmale Gestalt und das ein wenig zurückgeworfene, nicht schöne, ein wenig flache Gesicht, das gleichwohl wie durchsichtig wirkte und von der scheuen und hingegebenen Seele durchleuchtet? Roselin versteckte die Zeitschrift, ehe sie jemandem anderem zu Gesicht kam, in der hintersten Ecke ihres Schreibtisches. – Sie schützte schweres Kopfweh vor und blieb in ihrem verdunkelten Zimmer, das Gesicht, wie sie auf der Couchette lag, der Wand zugekehrt. – – – 129 Jener dritte Gesellschaftswinter war Roselin schwer gefallen. Sie hatte sich gelangweilt, hatte sich gesehnt, und immer hatte etwas in ihr nicht Ruhe geben wollen. Als dann der Oberst gestorben war, und man mit seinem Kummer um den Toten und mit der Sorge um die Mutter in diesem strahlenden, nur auf sein Vergnügen bedachten Berlin ganz still wie auf einer abgeschiedenen und wolkenverhangenen Insel lebte, war es in allem Leid für Roselin eine Erleichterung, daß sie sich nun nicht mehr putzen lassen mußte und Besuche fahren und tanzen. Diesen Winter gab sich Roselin der Arbeit am Schreibtisch hin. Sie war müde und ihre Nerven waren ungehorsam, da das tägliche Muß der gesellschaftlichen Forderung nicht mehr der Gebieter war und sie zwang und dadurch sie hielt. Was sie trieb und verfolgte war ein Drang zum Schreiben: Bilder, Gestalten, Ereignisse drängten sich ihr auf. Zugleich las sie viel in dieser Zeit und mit Auswahl, betreut von einem der akademischen Freunde des Barons, der auch ihr Freund geworden war, und dessen markantes Gesicht über dem schwarzen Talar gegen den Glanz des Marmorsaales im kaiserlichen Schloß ihr und Lionel als eines der ersten aufgefallen war. Stephanie schrieb endlose Briefe an Axel. Er stand jetzt in Metz. Im Herbst sollte die Verlobung 130 veröffentlicht werden. Die Baronin las Bismarcks Briefe und dachte schmerzhaft: ›Selbst dieser Riese und Heros war so ganz hingegeben an die Liebe zu einer Frau.‹ Roselin füllte indessen Seite um Seite verschiedener kleiner Heftchen. Nicht viel anders, wie sie als Kind die marmorierten Heftchen mit dem Roman der Exzellenzen Zampel und Strampel gefüllt hatte. Aber, ob es mit der Unruhe ihrer Nerven zusammenhing oder mit etwas anderem, es war nicht immer dasselbe Heft, das Roselin vornahm. Einmal schrieb sie einen Artikel, dann wieder eine Novelle, und selbst ein Schauspiel war im Entstehen. Wenn sie am Schreibtisch saß, hatte sie rote Backen, und ihre Augen glänzten. Aber wenn sie am anderen Tage ihr Geschriebenes überlas, bekam sie meist eine Falte über der Nasenwurzel und einen Ausdruck von Ungeduld in den Augen. Wenn sie auch ihr ganzes Herz hineingetan hatte, in alles, was sie schrieb, hinterher erschien es ihr papieren und halb. Sie bekam in diesen Tagen einen Brief von Goldchen. Mit dieser Getreusten hatte die Verbindung niemals eine Stockung erfahren. Roselin meinte, sie hätte ihr doch gar nichts verraten von dem, was immer wie eine Frage und Unruhe und eine Not jetzt auf dem Grunde ihres Wesens lag. Trotzdem wiederholte Goldchen in dem Brief ein Wort, das sie in Roselins frühen Kindertagen einmal zur Baronin gesagt hatte: »Vielleicht, daß du keine Dichterin werden sollst, sondern eine Gründerin.« 131 ›Gründerin?‹ dachte Roselin staunend und lachend. ›Garba gründen konnte ich nur auf der großen Tischplatte. Aber mit dem Dichten muß auch irgend etwas verkehrt sein. Wenn Jürgen Jürgensen mir früher erzählte – er hatte auch tausend Ideen, aber die mußten alle stille sein. Er trat sie mit dem Absatz in eine Ecke; so drückte er sich einmal aus; er kniete sich in die eine Arbeit und sah und hörte nichts anderes. Und Tag und Nacht hatte er nur den einen Gedanken, und dann riß und knetete er ihn aus dem Ton heraus, und er hörte sich keuchen darüber, und er wußte nicht, ob es Not oder Glück war. Ja, so hat er geschaffen! Roselin verträumte sich. Sie holte die Zeitschrift mit der Psyche aus ihrer Schreibtischschieblade. Sie dachte eben nicht, daß sie selber es war, sublimiert, die von dem Papier sie anblickte. Sie dachte: ›Auch sie, auch dieses hauchzarte Wesen hat er herausgerissen und gewürgt und geknetet und hat über ihm gestöhnt in Glück oder Not! ›Nein,‹ dachte sie. ›So völlig verloren in meine Arbeit und zugleich herrischer Herr war ich noch niemals!‹ Sie seufzte. Am nächsten Tage, als Roselin sich in der Bibliothek an ihren bestimmten Platz im Lesezimmer setzte, bemerkte sie, wie der Kustos von der Tür aus dem ihr zunächstsitzenden Studenten ein Zeichen machte. Der Student erblaßte, stand eilig auf, stand einen Augenblick wie noch nicht bereit 132 für eine Botschaft oder vielleicht ein Schicksal. Sein Buch, aus dem er Notizen gemacht hatte, fiel ihm dabei herunter. Er bemerkte es nicht. Er ging mit großen Schritten zur Saaltür. Seine Hände bebten. Roselin bückte sich nach dem Buche. Es war ein Band Lagarde. Das Buch blätterte an einer scheinbar schon öfter auseinandergebogenen Stelle auf. Unwillkürlich las Roselin: »Gäbe es wenigstens Verschworene unter uns, einen heimlich offenen Bund , der für das große Morgen sänne und schaffte, und an den, wenn ihn auch die Menge nicht verstehen würde, alle sich anschließen könnten, deren unausgesprochenem Sehnen er das Wort böte; gäbe es dann und wann im Vaterlande ein warmes Herz für ein warmes Herz, Hände, die mithülfen zum Werk, Knie, die sich mitbeugten, und Augen, die mitemporblickten zu des Vaters hehrem Hause. Wir sind es müde, mit Geschaffenem und Gemachtem abgefunden zu werden: wir wollen Geborenes, um mit ihm zu leben, um Du und Du.« Roselin schob den Band ein wenig von sich ab. Sie war nicht imstande sich in ihr eigenes Buch, den Band Ranke, zu vertiefen. Sie wartete in einer eigentümlichen Spannung. Der junge Student, den sie schon ein paarmal als Nachbarn gehabt hatte, kam nicht wieder. Als der Saal anfing, sich zu leeren, weil die meisten der Besucher zu Tisch gingen, und wenn es auch nur 133 vielleicht zu ein paar belegten Brötchen bei Aschinger war, kam der Kustos, nahm das Buch und stellte es wieder an seine Stelle im Regal. Roselin wartete noch immer. Als es auch für sie Zeit wurde, sie konnte nicht anders, als sie an dem Kustos vorüberkam: »Ist etwas geschehen?« fragte sie. Der hagere Mann in seinem Beamtenrock militärisch zusammengerafft, sah Roselin scharf in die Augen. Dann wurde sein Ausdruck menschlich, vertrauend, kummervoll. »Ja,« sagte er leise, obwohl nun fast niemand mehr im Saal war. »Da ist eine Nachricht gekommen. Er hat es ja schon in der Ahnung gehabt. Ich kenne ihn schon lange, den jungen Schäfer. Er studiert Philosophie. Er ist ein Freund von meinem Fritz, obgleich sein Vater ein Kommerzienrat ist. Sie haben eine eigene Villa draußen in Steglitz. Sie haben auf dem Gymnasium schon immer zusammengehalten, die zwei. Und der Wolfgang, was der ältere Bruder vom Franz Schäfer ist, der gehörte auch dazu, trotzdem er ihnen immer eine Klasse voran war. Aber sie waren eben Wandervögel, alle drei. Und sie hingen so an ihrem ›Oberbachant‹. Der ist jetzt im Rheinland. Er hieß . . .« Roselin machte ihre Hände zu kleinen Fäusten in den Kleidfalten. Sie wußte ja, welcher Name jetzt kam. »Er hieß Doktor Engelmann. Für den wären die Jungen durch Dick und Dünn gegangen. Voriges Jahr waren sie erst zusammen im Weichselland.« 134 ›Ja,‹ dachte Roselin, ›oh ja.‹ Ihre Lippe zitterte. »Das gnädige Fräulein muß nicht denken, daß das etwas mit Bacchus oder Trinken zu tun hat, Bachant,« sagte der alte Mann, und mit einer ganz sanften Stimme. »Gott bewahre doch,« sagte er, »von der Jugendbewegung die sind doch überhaupt Alkoholgegner. Mein Fritz hat mir das erklärt. Bachant, das heißt eigentlich Vagant. Es kommt her vom Wandern.« Roselin nickte. Ja, so hatte ihr das Archi am letzten Tage auch noch erklärt. »Engelmann,« sagte sie, »Dr. Heinz Engelmann.« Der Kustos nickte. »Das gnädige Fräulein kennt ihn wohl gar? Ja, die Jungen von heute, die wollen es doch nun einmal anders, wie's die Herrn Eltern gewöhnt sind. Die wollen nichts mehr wissen von den hohen Stehkragen und Perle im Schlips und von der Schablone und Titel und Geld und Rang. Die wollen jetzt wieder richtig Menschen sein, auf Du und Du draußen mit der Natur und auch untereinander, egal ob der eine aus dem Tiergartenviertel und der andere aus Moabit kommt.« Roselin preßte die Nägel so scharf in ihre Handflächen, daß sie schmerzten. »Und nun?« fragte sie. Der Kustos wiegte den Kopf hin und her. Die Stirn unter dem kurzgeschnittenen grauen Haar überperlte. »Ja, wenn einem nu das passierte!« sagte er. »Vater ist doch Vater, ob er erster Klasse fährt oder vierter Güte. Sie haben die Söhne wohl 135 wieder in die Zwangsjacke stecken wollen, die Herrn Eltern. Die sollten jetzt feine Leute werden. Und der Wolfgang, der war immer so ein Pulverfaß. Scharfes Anpacken war bei dem nicht mehr angängig. Und weil er jetzt keinen mehr gehabt hat, dem er sich anvertrauen konnte,« das Gesicht des Alten rückte ganz nahe an Roselins Ohr: »Erschossen hat er sich, der Wolfgang,« sagte er heiser, »in Tegel. An meinen Fritz hat er einen Brief mit der Rohrpost geschickt, daß er den Franz soll vorbereiten.« – – – Die nächsten Tage saß Roselin wieder an ihrem Platz in der Universitätsbibliothek. Aber der Student neben ihr kam nicht wieder. Und eines Morgens, es war noch leer im Lesezimmer, sagte der Kustos respektvoll und leise: »Gnädiges Fräulein, das werden Sie gewiß jetzt gern wissen wollen: der Franz Schäfer ist mit zwei andern nach Südwest. Der will nicht mehr mitmachen hier. Der hat seinen Eltern den Stuhl vor die Tür gesetzt. Er hat an meinen Fritz geschrieben, der Karren ist zu verfahren, und höchstens die Jugend könnte da eine Änderung zuwege bringen. Und wenn er in Deutschland selber nicht mithelfen kann, Deutschlands Schicksal neu zu gestalten, dann will er's drüben tun, und wenn er jeden Pfennig zusammenschinden soll! – Ja, so ist das jetzt mit den jungen Menschen,« sagte der alte Mann. »Das sind heute noch lange nicht die schlimmsten, die aus den feinen Villas durchbrennen und ihr Leben sich selber bauen 136 wollen, anders wie die Alten, und nicht warten, bis sie hoch in die Dreißig kommen, ehe sie was sind und was haben und was leisten können auf eigene Hand.« In den nächsten Tagen ließ sich Roselin Lagarde vom Kustos geben, und eines Morgens legte er ihr ungefragt einen Band Nietzsche daneben. »Gnädig Fräulein, tun vielleicht gern einmal einen Blick in das Buch. Das hat er meinem Franz geschenkt und darin hat er auch immer gelesen,« sagte der Kustos und deutete dabei mit dem Daumen über die Schulter, als ob da hinter seinem Rücken Südwestafrika wäre oder vielleicht noch ein viel ferneres Land, aus dem es keine Rückkehr mehr gab, wenn sich jemand dorthin eingeschifft hatte. Am nächsten Vormittag fuhren die Baronin und Stephanie zu Wertheim, um die notwendigen Einkäufe für die Sommerreise zu machen. Roselin setzte sich mit ihrem Band Nietzsche, den sie mit behutsamen Fingern anfaßte, wie man Vermächtnisse anrührt, vor ihren Schreibtisch. Sie blätterte in dem Buche. Viele Stellen waren mit Bleistift angemerkt. Manche nur mit kleinen, feinen, schrägen Strichlein, andere mit dicken, festen Linien. Einmal dachte Roselin: ›Jetzt sehe ich eine andere Seele vor mir aufgedeckt. Darf man das eigentlich?‹ Aber sie hatte nicht zu fragen gewagt, welchem von den beiden Brüdern dieses Buch gehört hatte, ob dem jüngeren, der sich ein eigenes Leben schaffen wollte, oder dem anderen, der das unvollendete 137 Haus zuschloß und den Schlüssel fortwarf. ›Ich möchte einmal an Dr. Engelmann schreiben,‹ dachte Roselin. Und dann las sie ein paar Zeilen, die ein besonders heftiger Bleistiftstrich ihr gewissermaßen entgegenschleuderte: »Fremd sind mir und ein Spott die Gegenwärtigen, zu denen mich jüngst das Herz trieb; und vertrieben bin ich aus Vater- und Mutterländern. So liebe ich allein noch meiner Kinder Land, das unentdeckte, im fernsten Meere: nach ihm heiße ich mein Segel suchen und suchen. An meinen Kindern will ich es gutmachen, daß ich meiner Väter Kind bin: und an aller Zukunft – diese Gegenwart!« Roselin fühlte, wie ihr das Blut bis unter die Stirnhaare quoll. Sie ließ das Buch in ihren Schoß sinken. Ihr Blick umschleierte sich und sah in die Ferne. Um ihren Mund zuckte es. »An meinen Kindern?« fragte Roselin. »Daß ich meiner Väter Kind bin!« Sie preßte ihre Handflächen gegen ihre Augen. – ›So sehr gut war Väterchen,‹ dachte sie, ›und jetzt Mama. Solche Väter und solche Mütter können doch unmöglich gemeint sein?‹ Sie nahm die Hand von den Augen. ›Nein, nein,‹ beteuerte sie noch einmal vor sich selbst. Und ehe sie wieder fragen konnte, stürzte sie sich auf das letzte Wort: Diese Gegenwart! Diese Gegenwart! Sie sprang auf. ›Ich denke doch immer, ich bin selbst schuld, daß da irgend etwas nicht stimmt.‹ Sie kniff die Augen ein, als ob sie 138 geblendet wäre. Und noch ehe sie nein sagen konnte, hatte ihre Hand bereits die Feder ergriffen. Sie schrieb an Dr. Heinz Engelmann. – Nachher kam die Zeit des Wartens. Roselin hatte etwas durchaus Unkorrektes getan, nach den Anschauungen, in denen sie erzogen war. Sie hatte an einen ihr so gut wie fremden jungen Mann geschrieben, sich ihm anvertraut. Und weder ihre Mutter noch Stephanie durften darum wissen. Väterchen? Ja, vielleicht Väterchen! Roselin war nicht ganz sicher, aber sie wollte es glauben zur Beruhigung ihrer Seele. Jedesmal, wenn man Post erwarten durfte, schlich sich Roselin an den Briefkasten der Korridortür. Was sollte sie denn tun, wenn Mutter die Briefe austeilte, die Mathilde auf dem silbernen Tablett hereinbrachte! Aber es vergingen drei Tage – vier Tage – eine Woche – die zweite begann. – Roselin tat inwendig etwas weh. Zugleich wurde etwas in ihr kühl und hochmütig. Dieses Schweigen war die Antwort auf das Bekenntnis, das sie sich aus dem Herzen gerissen hatte? Nach vierzehn Tagen gab sie es auf. Sie gab Dr. Engelmann auf und vieles mehr. 139   Roselin hatte sich wieder an ihren Schreibtisch gesetzt. Sie hatte eine Novelle begonnen. Sie schilderte dramatisch die gekreuzigte Liebe einer Hofdame. Gerade in dem Augenblick, als die Baronin Gisela – so hieß die Hofdame – ihren Eltern die Anklage wegen ihrer verlorenen Jugend ins Gesicht schleuderte, klopfte Mathilde an die Stubentür, und gleich danach stand sie im schwarzen Kleid und weißem Häubchen in Roselins Zimmer. Roselin wurde gebeten, in den Salon zu kommen. Es wäre ein Herr da, und Frau Baronin und Baronesse Stephanie wären doch in der Stadt, und der Herr hatte auch besonders nach Baronesse Roselin gefragt. »Hat er denn keine Karte abgegeben?« Ja, das hatte er wohl, oder er hatte es auch nicht. Mathilde konnte es wirklich nicht sagen. Es hatte noch jemand zugleich geklingelt, ein Fräulein vom Roten Kreuz, und ihr war doch eben das Unglück passiert, sie hatte den kleinen Onyx-Dreifuß, der in dem langen Korridor ein Räucherwasser verdampfen ließ, von der Spiegelkonsole gestoßen, und das Flämmchen hatte ein Loch in den Läufer gebrannt. So ein winziges Flämmchen! Daß es nicht ausgegangen war bei dem Sturz! Ein Bein war von dem Dreifuß abgebrochen. Wenn man's doch könnte kitten lassen. ›Kitten?‹ dachte Roselin. 140 ›Bronze kitten?‹ Und außerdem saß doch der Besuch im Salon. Wer konnte es nur sein? »Frau Baronin würde doch sagen: ›Kindchen, mach's lieber gleich ganz kaputt,‹« klagte Mathilde weiter, während Roselin in den Salon ging, immer noch ein bißchen verstört. Sie hatte auch etwas Tinte am Schreibfinger von der Novelle her. Und irgendwie waren Garba und Kasimbura dabei wieder in ihren Gedanken aufgetaucht. Erst als Roselin die Hand auf den Türgriff zum Salon legte, bemerkte sie den Tintenfleck. Sie wollte ihn erschreckt fortreiben, drückte dabei zu stark auf den Griff und stand unerwartet in der offenen Tür, einem sehr großen, gebräunten, eleganten Herrn gegenüber. »Wie herrlich,« sagte Bob, »daß ich dich treffe, Roselin. Es ist gerade wie in Moorwitten. Weißt du? Da riebst du doch auch immer an einem kleinen Tintenfleck herum. Ach, Roselin, wie lange ist das her! Wie geht es den Exzellenzen Zampel und Strampel? Wirst du mir nicht endlich deine Hand geben, Roselin?« Roselin sah zu, halb lachend und halb weinend, wie Bob ihre Hand küßte. Ihr war plötzlich sehr leicht und fröhlich zumute. So als ob die Reiche Garba und Kasimbura wieder auf der mittleren und letzten Tischplatte lägen, und man brauchte nur zwei Porzellanfigürchen, das eine noch dazu mit einem angeklebten Kopf, in die Hand zu nehmen, daß alles, was etwa nicht stimmen mochte, sich wieder in lauter Glückseligkeit verwandelte. 141 »Nein, Bob,« sagte Roselin. »Bist du es denn nur wirklich? Wie famos siehst du aus!« Sie hielt ihn mit beiden Händen ein wenig von sich ab und betrachtete liebevoll staunend sein hageres gebräuntes Gesicht mit dem energischen Kinn, seinen Anzug, der, wie Stephanie sagen würde, tipp topp aus der ersten Schneiderwerkstatt von London stammte, und seine etwas großen, aber wohlgebildeten Hände. Die ganze ruhige Sicherheit eines Menschen, der etwas bedeutet, und der sich selber diese Bedeutung verdankt, sog sie gleichsam ein mit ihrem noch immer stumpfen Näschen, und Geborgenheit überkam sie. »Nein, wie ich mich freue, Bob,« sagte Roselin. »Haben wir nicht erst gestern abend vor dem Kamin der Moorwittener Bibliothek Balladen von Münchhausen gelesen? Und wo hast du nur all die Jahre gesteckt, Bob? Du warst ein sehr träger Briefschreiber!« Bob lachte. Er hatte Roselin, da sie selber in ihrem Salon so wenig zu Hause schien, nicht losgelassen und zu einem kleinen Ecksofa geführt. »Was hätte das viel geholfen, Briefe schreiben? Und man brauchte doch jede Minute am Tage und beinahe auch in der Nacht, um sich ein Leben zusammenzubauen. Eigentlich hatte man immer Sehnsucht. Aber erst mußte doch alles fertig sein!« Bob biß sich auf die Lippen. Das Blut quoll ihm unter das Bronzebraun seiner Haut. – Man brauchte doch nicht gleich mit der Tür ins Haus zu 142 fallen. – »Ich war ein gut Stück herum in der Welt,« sagte er eilig. »Ich hab' Glück gehabt.« Er schien seine schnelle und glänzende Karriere entschuldigen zu wollen. »Glück gehört natürlich dazu. »Daß ich meinen Diplomingenieur schon vor drei Jahren gemacht habe, weißt du vielleicht. Und den Doktor ein halb Jahr später. Es war doch gerade in Euerm letzten Italienwinter!« Roselin lächelte errötend. Sie nickte. Aber eigentlich hätte sie richtiger den Kopf geschüttelt. Sie entsann sich wirklich nicht. ›Italien,‹ dachte sie. ›Rom!‹ Bob hatte Roselins Kopfnicken und Erröten anders gedeutet. Sein Herzschlag ging schneller und sein Atem. »Ich hätte mich natürlich gern einmal vorgestellt. Nur, ihr wart zu weit weg. Zuerst ist man doch höllisch stolz auf diese neubackne Größe!« »Bobbi,« Roselin strich ihm zärtlich über die Hand. Und Bob hielt diesem kleinen Streicheln stille wie ein großer Hund, dem man das Fell krault. Er verträumte sich lächelnd. »Na, also,« sagte er zuletzt, »der Professor – Hausenschein heißt er – er hat mich damals Westens empfohlen. Das war direkt phantastisch. Ach so,« Bob lachte, wie er Roselin ansah. »Wahrscheinlich hat so ein kleines Mädchen keine Ahnung, was Westens bedeutet. Das ist so ziemlich die größte Maschinensache in Ostdeutschland. So ein bißchen Siemens oder Krupp. Na, und die haben mich nach einer Weile herumgeschickt. »In Rußland war ich viel und in der Türkei, 143 Motoren aufstellen,« erläuterte Bob. »Aber hauptsächlich in Amerika. Dort kann man einen Haufen lernen. »Den Betrieb dort kannst du dir freilich nicht vorstellen. Jetzt komm' ich übrigens aus Mittelamerika, aus Manila. Wolfram läßt dich grüßen, Roselin!« »Wolfram?« rief Roselin. »Nein, wirklich, Wolfram? Erzähl mir doch. Hat er nicht längst eine Frau? Man sagt, in Manila, ich meine in den Tropen heiratet man sehr früh.« Bob nickte erleichtert. »Er hat eine Frau. Sie ist sehr hübsch für einen bestimmten Geschmack. Der meine wäre es nicht.« Bobs Blick überflog in zärtlicher Scheu Roselins schmale Gestalt: »Schöne Augen, aber etwas zu rundlich. Sie ist Spanierin. Und er selber ist auch ein bißchen rundlich geworden.« »O weh,« Roselin lachte. »Oh weh, meine schlanke schöne Königin!« »Königin?« staunte Bob, während Roselin immer mehr lachte. »Hab ich dir nicht erzählt? Unsre ausgedachten Stücke? Ich hatte doch immer die Hosenrollen. Wolfram war die Königin Luise. So himmlisch war es, mit Wolfram zu spielen. Er tat alles, was ich wollte. Und jetzt ist er ein bißchen rundlich. Sag mal, hat seine Frau ihn nicht ordentlich unterm Pantoffel?« Und Bob, lachend und strahlend, als hätte er 144 ein ungeheures Hindernis überwunden, erzählte von der wunderschönen Farm, wo sie Kaffee bauten, und wo zwischen den Reihen der Kaffeesträucher, fast verachtet, die Orangenbäume wuchsen. Er erzählte von den schlanken Negern, in Schals von brennenden Farben gewickelt, wie sie die sehr schöne, nicht ganz leichte Sennora Panchita in einer Art Sänfte trugen. Und welch reizend liebenswürdigen Wirt Baron Wolfram von Weddingstedt in seinem fabelhaften Hause, das samt Plantagen und Negern von seiner Frau herkam, gemacht hatte! Daß Wolfram ziemlich aufgeschwemmt und merkwürdigerweise gar nicht gebräunt, und mit vielen kostbaren Ringen an den Fingern, beinahe wie Sennora Panchita, den ganzen Tag in einem Schaukelstuhl lag, erfuhr Roselin nicht. Ein Zug in dem schönen, schlaffen Gesicht, der – nun, der Ausdruck eines Lebemannes – hinderte plötzlich Bob, Roselin noch mehr von dem Freund ihrer Kindheit zu erzählen. Roselin schien gar nicht zu merken, daß Bob von Wolfram abgekommen war. »Es ist notwendig, Roselin,« sagte Bob, »daß man aus diesem Atemlosen der Technik manchmal herauskommt. »Eigentlich sind wir nicht mehr die Herrschenden, sondern die Beherrschten.« Der klare Ausdruck in dem jungen Gesicht von Bob wurde grüblerisch. »Ich sehe da nicht klar. Ich liebe meinen Beruf fanatisch, aber mir scheint, wir sind zu spezialisiert 145 heute. Es müßte doch irgendeine Einheit geben, einen einheitlichen Sinn von allem Geschehen. Es kommt einem alles so für sich vor, so losgelöst!« Bob hatte seine Hände hart ineinander gefaltet, wie er, Ellenbogen auf den Knien, weit fort sah. »Ich war noch ein furchtbar junger Dachs, als ich herauskam. Aber ich denke schon eine ganze Weile darüber nach, ob wir nun eigentlich um der Maschinen willen da sind, oder ob die Maschinen für uns da sind. Irgend etwas ist da verkehrt. Weißt du, wie beim Jungen vom Hexenmeister, der das Wort nicht mehr wußte; und jetzt überschwemmten ihm die lebendig gewordenen Besen das Haus.« Bob sah Roselin an. Sie war noch blasser als gewöhnlich. »Ja,« sagte sie leise und inbrünstig, »das Wort. Das Wort!« Sie lächelte plötzlich. »Bob, daran muß man festhalten. Der Meister über all dem Zauberspuk, der weiß das Wort. Er wird es schon einmal hereinrufen, nicht wahr?« Ihre Oberlippe bebte. »Wir haben ja in der Gesellschaft nicht sehr viel mit Maschinen zu tun. Bloß das Tempo – ja, das Tempo. – Auch in der Kunst von heute. Nicht nur Plastik,« murmelte sie. »Musik, Literatur – überhaupt –« Sie schwieg. Roselin schien Bob vergessen zu haben. Sie sah wie in einen dunklen Schlund. Bob ertrug es nicht länger. ›Laß doch, Roselin,‹ wollte er sagen, ›es ist doch nicht wert, dieser ganze Schlamassel, daß so ein kleines, feines Mädchen, daß so ein süßer, so ein einzig geliebter Mensch wie du sich davon 146 unterkriegen läßt. Ich hab's doch geschafft um deinetwillen, Roselin! Ich bau uns ein kleines Haus. Irgendwo an einem blauen See oder unter den Bergen, wo es geschützt ist und warm ist. Ich werde ja immer wieder fort müssen. Aber du hast indessen Bücher, soviel du willst, und Bilder und Blumen und seidene Kimonos, und du kannst dichten über Garba. Und wenn ich dann zurückkomme, Roselin, dann sind wir bloß füreinander da, du und ich, wir zwei. Was gehen uns die Maschinen an und die Aktien und das Geld und die ekligen Menschen! Wenn wir uns nur liebhaben, Roselin!‹ Bob streichelte Roselins Hände. Er dachte, er hätte jetzt eben dies alles zu ihr gesagt. Leise, vor ihrem kleinen Ohr. Aber wie er Roselin ansah, merkte er: kein Wort, was er gedacht hatte, war zu ihr gekommen. Sie sah noch immer in den Abgrund. Wenn er doch nur das Wort gewußt hätte, was der Meister wußte. Liebe hieß es nicht für Roselin. Jedenfalls nicht Liebe, wie er sie meinte. Jedenfalls heute noch nicht. – Die feine, alabasterne Standuhr mit dem Schnitter und der Schnitterin aus Bronze, die auf dem Kornfelde liebliche Kurzweil trieben und den Stundenschlag überhörten, hob aus: eins, zwei – mein Gott, schon sieben? Es war dämmrig geworden. Sie hatten ganz auf den Tee vergessen. Das noch durchsichtige Laub der Linden vor den Fenstern bebte im Weingold der letzten Sonne. »Siehst du nun, Bob,« rief Roselin plötzlich. Sie 147 sprang auf. Sie wollte zur Klingel laufen. »Siehst du, so bin ich, du kommst aus Amerika, und nicht einmal Tee hab ich dir angeboten.« »Ach, Roselin, laß das doch!« Bob mußte lachen. Er faßte sie an ihrem Kleide. »Ich hab wirklich schon eine Masse gegessen und getrunken, seit ich aus Amerika abreiste. Wollen wir nicht warten, bis deine Mutter und Stephanie zurück sind? So bleib doch, Roselin. Ich war wirklich recht lange unterwegs.« Roselin kam zurück. Sie ließ sich, wie Bob wollte, dicht neben ihn auf das kleine Sofa ziehen. Sie gebrauchte kein Parfüm. Sie hatte nur ein paar kleine Lavendelkissen in ihrer Wäsche liegen. Vielleicht war es dieser Geruch, oder der feine Duft ihres hellen Haares, ihres ganzen zarten, mädchenhaften Körpers, der sich wie eine große Sanftheit über Bobs Aufgestörtes deckte. Oder ob es ihr unschuldiges Vertrauen war. Die alte Kinderfreundschaft? »Erzähl weiter,« sagte sie. »Nicht von Amerika. Es hat ein bißchen von Kasimbura für mich, weißt du noch?« Roselin lachte. »Aber Garba, auf der dritten und mittleren Tischplatte, das dachte ich mir immer ungefähr am Rande Europas. Wo wir noch nicht ganz aufhören, und wo doch schon das Wunderbare anfängt.« »Asien,« sagte Bob. »Davon wollte ich dir vorhin schon erzählen. Wenn man wie ein Wahnsinniger geschuftet hat, Tag und Nacht –« Bobs Stimme hatte sich wieder ganz beruhigt, nur seine 148 Nasenflügel blähten sich – »ja, wenn man immer in den Maschinenräumen gesteckt hat, und man ist selber nur noch wie eine Tonne Öl, und obwohl man so höllisch aufgepaßt hat, scheint im eignen Kopf doch schließlich eine Schraube locker – ja, dann reitet man ein paar Tage, um wieder frische Luft in die Lungen zu kriegen. Man reitet los. Ganz egal, wohin. Und mit einemmal heißt es Tarsus! ›Donnerwetter,‹ denkt man, hat man das nicht mal in der Religionsstunde gehabt? Und dann ist es nicht mehr weit bis zum Ararat, wo schon einmal alles zu Ende war.« »Ach Gott,« sagte Roselin. »Ja, da hatte der Meister aber die furchtbaren Wasser selber gerufen, weil die Menschen alles so rettungslos verwirrt hatten. Es war nicht anders in Ordnung zu bringen. Es mußte einfach alles weggeschwemmt werden und von neuem angefangen. Er ist der Herr der Elemente. Einmal braucht er das Wasser zur Reinigung und einmal das Feuer. Bei Sodom und Gomorrha –« Bob, der mit irgend etwas anderem beschäftigt schien, wenigstens war seine Stimme noch weit fort: »Sodom und Gomorrha?« sagte er langsam. »Ja, da liegt jetzt das Tote Meer. Kein Fisch kann darin leben und keine Pflanze wächst an seinem Ufer. Dort haben sie's zu arg getrieben. Da war alles wirklich zu Ende.« »Zu Ende?« Roselin glühte. »Ein Ende gibt es nicht. Bob, wenn man daran nicht glaubt, 149 muß man sofort sterben.« Vorhin hatte sie in den Abgrund geblickt, wo so Schmerzhaftes und Dunkles auf dem Grunde lag. Jetzt hatte sie ihn übersprungen. Sie stand auf der anderen Seite, von der man auf die strahlende Höhe gelangte. Sie schwenkte die Fahne. »Lots Frau,« sagte Roselin fast atemlos, »sie haftete am Alten. Sie war schon vorher tot und Stein. Aber Lot selbst und die Töchter! Sie hatten doch Glauben. Sie konnten alles hinter sich lassen. Sie waren bereit, mit Nichts wieder von vorne anzufangen. Mit Nichts! Es gibt kein Ende, Bob. Gott hilft zu den immer neuen Anfängen!« Roselin war aufgesprungen. Sie stand dicht vor Bob. Ihre Knie stemmten sich gegen die seinen. Er fühlte das Vibrieren ihres feinen Körpers. Als ob eine Waffe aus Stahl zitterte. Er ergriff ihre beiden Hände mit seiner Linken, den rechten Arm legte er zart um ihre Mitte. Er sah zu ihr auf. »O, Roselin!« Seine Stimme zitterte wie ihr Körper, »der Glaube an die immer neuen Anfänge! Wie ist das wundervoll!« Er legte seinen Kopf auf ihre Hände. »Roselin,« murmelte er, »Roselin!« »Mein Gott,« sagte in diesem Augenblick die Baronin, wie sie die Tür aufmachte. »Ohne Tee? Und beinah Nacht! Das ist echt Roselin. Aber Junge, lieber Bob, nein, das ist ja zu nett!« – 150 Ganze acht Tage hatte Bob für Berlin. Er blieb bei Weddingstedts, und er war gerade so, wie die Baronin und ihre Töchter oft sich einen Sohn oder Bruder gewünscht hatten. Es war zu herrlich, daß zu gleicher Zeit auch Axel Urlaub hatte. Er wohnte bei seinen Eltern in Potsdam, trat aber jeden Morgen früh um zehn Uhr an und blieb den ganzen Tag. Stephanie war ein vollkommenes Strahlenbündel. Es erschien ihr eine solche Vervollkommnung ihres Glückes, daß sie diesmal nicht alles vor Roselin voraushatte. Jetzt konnte man zu viert die großen Unternehmungen machen, wenn die Baronin ermüdet war und ihr junges Paar nicht begleiten konnte. Früher hatte die arme kleine Roselin als Tugendwächterin mitgemußt. Es war ja etwas so Blödes. Aber es stand doch nun einmal so in dem gesellschaftlichen Kodex vorgeschrieben. Wie mußte das arme Geschöpfchen sich geödet haben! Jetzt zu viert beschützten sie sich gegenseitig, indem sie sich möglichst freie Bahn ließen, in Konzerten, Ausstellungen und im Tiergarten. Vor allem im Tiergarten. Es war ein wunderbarer Frühling. Alles blühte durcheinander. Man wußte nicht, was für Sommer und Herbst noch übrigblieb. Einmal fuhren sie auch nach Sanssouci. Die Baronin, die mit einem besonderen Blick auf Roselin ihre zwei jungen Paare entließ, meinte, Sanssouci sei ihr zu anstrengend. 151 Nun schritt die Jugend allein durch das hohe schmiedeeiserne Tor in den Park des großen Königs, vorbei an Fontänen, Göttern, Delphinen. Sie sahen Magnolienblüten in den Wasserbecken gespiegelt, geheimnisvoll wie verzauberte Fische; sie erstiegen die Terrassen und befanden sich, ohne Verabredung, nur einem geheimen und rhythmischen Gesetz ihrer Glieder gehorchend, bald so weit voneinander entfernt, daß Stephanie und Axel jedesmal die höhere Terrasse erreicht hatten, wenn Bob und Roselin die darunterliegende betraten. Die letzte Glut hochstengliger Tulpen aber begleitete sie beide, das inbrünstige Blühen erster Rosen und die süßen Wellen der lila Sammetkissen der Pensées. Roselin erzählte fortwährend. Wie es schien, drollige Dinge. Denn Bob amüsierte sich königlich. Er wußte doch noch gar nicht, wie Roselin und Wolfram früher Buch geführt hatten, über Stephanies Kurmacher, und auch von Lionel wußte er nichts, der es höchstens zu Mayonnaise mit Himbeersaft für seine Dame gebracht hatte. Nein, wie viel gab es zu erzählen von heitern und strahlenden Dingen an diesem strahlenden Frühlingstage. Als sie auf der obersten Terrasse waren: »Hier ist er zuletzt noch immer spazierengegangen, der alte Fritz, auf seinen Krückstock gestützt,« sagte Roselin plötzlich versonnen und zärtlich. »Biche war, glaub ich, schon tot. Die Tafelrunde war in alle vier Winde. Die Flöte war verklungen. Alle waren sie gegangen oder waren gestorben oder 152 hatten ihn verraten. Bob, wenn man das bedenkt! Dieser König, dieser Mensch, die schwere Jugend, die schweren Kriege, und wie er dann ganz allein in der Garnisonkirche dem Tedeum zuhörte! Und dann später – in all dieser Sonne hier, in diesem Blühen, in diesem Duft – und ganz alt und ganz allein, ohne Freund und ohne Liebe.« Roselins Stimme zitterte. »Ich bin eigentlich kein Naturschwärmer,« sagte sie. »Du weißt doch. Aber die Melodie einer Landschaft, die fühle ich so stark.« Roselin drückte ihre Hand gegen ihre blaue Kostümjacke, dorthin, wo das weiße, seidene, rosa gepunktete Taschentuch mit einem Zipfelchen herausguckte. Sie merkte es gar nicht, daß Bob mit ihr so wie Axel mit Stephanie ging, seinen Arm behutsam unter den ihren geschoben, als ob er ihn tragen müßte. »Ja, die Melodie von dieser Terrasse,« wiederholte Roselin. »Wenn man hinüber sieht in all dieses Sanfte, dieses so leicht gewellte Gold und Blaugrün. Und das Flimmern und Zittern in der Luft, das man bis in die Herzgrube spürt! Wenn man nun allein zwischen all dem hier sitzen müßte, nur ein elfenbeinerner Krückstock und die schlafenden Hunde und der alte Diener –« Roselin schwieg. »Ich meine: nichts haben, gar nichts, was wirklich zu einem gehört!« Sie sah Bob an mit großen Augen. Sie wußte nicht, wohin ihre Worte ihn geführt hatten. Sie fühlte nur, wie seine Hand, 153 die er unter ihren Arm geschoben hatte, die ihre umfaltete. »Du bist so gut, Bob!« »Gut?« Bobs Stimme war heftig und barsch. »Red nicht solchen Unsinn, Roselin!« Und als er Roselins erschrecktes Gesicht sah: »Verzeih nur.« Er streichelte ihre kühlen Finger. Aber seine Stimme war noch immer barsch. »Du bist so sehr gescheit; aber manchmal kannst du wirklich recht törichte Dinge reden. Und die törichten Dinge sind dann grausam.« »Grausam?« Roselin blieb stehen. Sie wollte ihre Hand aus der seinen ziehen. Aber Bob hielt sie so fest, daß es ihr fast wehtat. »Die wenigstens wirst du mir lassen jetzt,« sagte er noch immer mit derselben fremden, harten Stimme. »Hier, solange wir noch auf dieser Terrasse spazierengehen, will ich deine Hand haben, wenn nicht für immer.« »Für immer?« Roselin hob den Blick ratlos zu Bobs Gesicht. Aber als sie ihn ansah, blaß unter dem Bronzebraun der Haut und streng, und seine Augen, vor allem seine Augen – – Ja, nun wußte Roselin plötzlich. Etwas in ihr veränderte sich. Wurde leichter – oder auch schwerer? Sie konnte es nicht sagen. Wärme, Geborgenheit umfaltete sie. Trotzdem schien es ihr, als ob die Melodie dieser Landschaft davon weder gedeutet würde, noch in strahlender Harmonie hoch aufklang. Roselin staunte. Sie ließ ihre Hand in der von Bob, wie sie ihm jetzt ganz nahe gegenüberstand. Ihre Augen wanderten an ihm vorbei. Es war um die Zeit, als das Glockenspiel der 154 Potsdamer Garnisonkirche Mittag aussang. Die Sonne brütete. Nun, da Roselin nicht mehr in die Weite schaute und in ihr verdämmerndes Blau, sondern auf der Terrasse blieb in den weißen Sonnenbahnen, schritt nicht etwas Strahlendes über den heißen Sand und die marmornen Fliesen? Erblickte nicht Roselin die Mittagsfrau? Vor deren Gesicht sich alle erschrecken, die noch nicht Liebe genossen? Ein Beben durchflog Roselin. »Ich weiß nicht, Bob.« Sie sah ihn an, so schmerzhafter Eindringlichkeit, daß Bob, wie sie vor ihm stand, so viel kleiner als er, seine Hände unter ihre Arme schob, von den dünnen Gelenken bis zu den Ellenbogen; und die umfaßte er. Er stand vor Roselin, wie man vor einem Kinde steht, das man zu sich heraufheben möchte, und es tragen und behüten. »Siehst du, Bob,« sagte Roselin, »wenn ich dir nun sage, ich weiß gar nicht, was Leben bedeutet. Alles, was ich gespielt habe, war mir immer viel wirklicher. Und alle Wirklichkeit, die ich gelebt habe, war mir wie Spiel. Nur einmal, Bob, und das mußt du wissen,« Roselins Augen verdunkelten sich und ihr Ausdruck wurde noch eindringlicher, »einmal hat sich der Vorhang auseinander geschoben, und ein ganz heißer und starker Atem vom Leben selbst hat hereingeblasen. Alles war verändert damals. »Bob, ich hab einmal jemanden sehr liebgehabt. Und ich hab an ihn geglaubt. Aber das ist nun schon lange her. Er war ein Künstler, und 155 Künstler können wohl nicht nur ein Gefühl haben. Ich meine, ihre Liebe und ihre Leidenschaft muß wandern. Ich hab so viele Biographien gelesen, und es ist immer dasselbe. Sie schöpfen aus vielen Quellen, mit denen sie ihre Äcker gießen. Aber wer dann gemeint hat, er sei der tiefe Brunnen am Hause, in den in der Nacht die Sterne fallen, und der immer da sein muß zum Leben, und dann ist er doch nur ein Quellchen am Wege gewesen – – Ja, das ist dann traurig, Bob, wenn der Irrtum herauskommt. »Siehst du, Bob, das ist alles, was ich vom Leben weiß!« Roselin errötete dunkel. Die Zeitschrift mit der entkleideten Psyche war ihr eingefallen, und plötzlich, sie wußte nicht warum, erinnerte sie sich an den Brief, den sie an Dr. Heinz Engelmann geschrieben hatte, und Garba stellte sich vor sie hin. Nun, es half ihr doch niemand und sagte ihr, wie sie Garba gründen könnte. Alles war Spiel gewesen. Gut. Jetzt war es aus, das Spiel. »Ja, Bob, so bin ich nun!« Roselin lachte traurig und zärtlich. »Ein bißchen gerupft, und immer ist ein Suchen in mir gewesen, das kein Ziel gefunden hat. Dir bin ich so von Herzen gut, Bob. Aber wäre dir das genug?« Roselin hatte jäh ihre Ellenbogen aus Bobs Händen befreit, und die Arme an sich gezogen. Sie stand ganz gerade. Sie sah Bob an, aber ihre Augen schienen durch ihn hindurchzusehen in ein Geheimnis und in eine Weite. 156 Die Mittagsfrau war an ihnen vorübergeschritten, aber sie lehnte an einer der hohen Glastüren der ausgedehnten Schloßfassade neben einem der glühenden und reifenden Orangenbäume. Sie lächelte. Ihre Hände griffen in das dunkelgrüne Laub, sie berührte Früchte und Blüten, und heiß und süß zog ihr Atem dorthin, wo Bob und Roselin standen. »Roselin,« sagte Bob. Er atmete tief und hörbar und seine Stimme klang wieder so eigentümlich rauh, »nein, genug ist das nicht, Roselin. Ich muß mehr haben, anders haben. Aber ich liebe dich, Roselin. So sehr liebe ich dich, daß ich auf das Mehr und Anders warten will und Geduld haben. Aber ich bin ängstlich, Roselin, du bist so sehr klein!« Jetzt schien sich die Stimme von Bob ganz zu bedecken. »Und du bist doch nicht wie andere junge Mädchen. Auf dich muß man aufpassen! Und wenn du's mit mir wagen willst, Roselin, so möchte ich doch, daß du bald meine Frau würdest. Auch als dein Mann werde ich warten können – bis – ja – bis – –« Er sah aus, als ob er mit den Zähnen knirschte. Er stand ein wenig gebückt zu Roselin hin. Seine Arme hingen ihm herunter. Er hatte die Hände geballt. »Wenn du das willst, Bob,« sagte Roselin leise, »Bob, ich hab dich wirklich sehr lieb!« – An diesem Abend wurden im Weddingstedtschen Hause zwei Verlobungen gefeiert, mit Sekt und 157 Lachen und verschleierten Augen. Eigentlich wünschte die Baronin, daß die Hochzeiten zusammen im Oktober stattfinden sollten. Aber Bob mußte jetzt wieder nach Nordamerika. Wenn er zurück war, bat er so sehr, Roselin heiraten zu dürfen, daß sie ihn für den Winter nach Ägypten begleitete. Das Klima würde Roselin guttun, und das Land würde sie so sehr interessieren. Sie wollten gar nicht hetzen, und sie wollten es ganz als Hochzeitsreise auffassen. ›Ägypten!‹ dachte Roselin, und ihre Augen glänzten. Die Baronin gab ihre Zustimmung. Am folgenden Tage mußte Bob abreisen. Er sah Roselin lachend an, aber seine Hände zitterten, wie er sie zum letztenmal an sich preßte. »Könnte ich dich nur gleich mitnehmen,« murmelte er. »Wärst du nur erst meine einzige, süße, kleine Frau!« – Als man auf dem Bahnsteig stand, und er das letzte Mal zurückwinkte, wurden Extrablätter ausgeschrien. Sie verkündeten den Mord von Sarajevo. Nun kamen des öfteren Telegramme und viele bunte Karten mit Schiffen und fremden Hafenstädten an Roselin. Manchmal ein halbes Dutzend auf einmal, und viele, viele Briefe. Manchmal waren es ein paar Bogen dicht beschrieben, manchmal stand nur darin: Ich liebe dich, Roselin! Aber eines Morgens – die Baronin war in ihrer Fürsorge, und Stephanie machte einen Besuch – neben dem Brief von Bob lag ein anderer 158 mit unbekannter Schrift, an Roselin adressiert, auf dem silbernen Tablett. Roselins Herz flatterte. Sie öffnete keinen der Briefe. Sie steckte beide in ihr silbernes Handtäschchen. Dann zog sie sich eilig an und fuhr nach Charlottenburg. Der letzte Flieder blühte im Park und Jasmin. Auf den Wiesen hinter dem Wasser legten die Mäher das Gras hin in sanften, breiten Schwaden, und in der Allee entfaltete sich die Lindenblüte zitternd, goldgelb und voller Honig. Auf den leichtbewegten, süßen Duftwellen kamen die Unterhaltungen und die hingegebenen Lieder von Finken und Meisen, Rotschwänzchen und Grasmücken und der volle, runde, sieghafte Sommerruf des Pirols. Es war der einzige Vogelruf, den Roselin nennen konnte. Goldchen hatte sie einmal gelehrt: Ich bin der Schulze von Bülow. Die Erinnerung an Goldchen, der Geruch, der berauschte, und der doch noch morgendlich zart und frisch war, und die Sonnenwärme umgaben Roselin wie lauter gute, schützende Hände. Trotzdem war sie fahrig in den Fingern und riß das Blatt oben ein, als sie zuerst Bobs Brief las. Ihr Ausdruck wurde mütterlich und zärtlich über ihm: »Bob, Darling,« sagte sie sanft. Dann öffnete sie schnell den anderen Brief. Er war mit einer kleinen aber starken und sehr klaren Schrift bedeckt: Dr. Engelmann bat zunächst um Verzeihung wegen des langen Schweigens, aber er war krank gewesen; hatte sich einer geringfügigen Operation unterziehen müssen, die ihm aber jedes 159 Schreiben unmöglich machte, und diktieren diesen Brief hätte er nicht wollen. Er würde in den nächsten Tagen Roselin einige Bundeszeitschriften schicken mit Fahrtberichten, wie sie ihm gerade vorlägen, und das Buch von Blüher, das soeben herausgekommen war und die Jugendbewegung darstellte. Die Baronesse würde daraus ersehen, daß es sich bei dieser Bewegung durchaus nicht nur um Wandern, Tänze und Spiele handelte, sondern daß sich die Jugend aufgemacht hatte, neue Ideale an Stelle der alten überlebten zu setzen und an einer neuen Lebensform zu bauen. Es wäre natürlich sehr viel wertvoller, wenn Baronesse dies alles aus eigener Anschauung kennenlernte. Vor zwei Jahren seien zum ersten Male sechs junge Mädchen aus Berlin ausgewandert und hatten die Mädchengruppe Groß-Berlin gegründet. Jetzt seien schon hundertfünfzig in den Verband eingetragen. Es gäbe auch berufliche Gruppen für ehemalige Schülerinnen höherer Lehranstalten. Aber er fürchte, daß Roselins Angehörige nicht einverstanden sein würden mit solchem gemeinschaftlichem Wandern, selbst wenn es, wie in diesen Fällen, sich nur um Mädchen handelte. – ›Ach,‹ dachte Roselin, ›wie wunderbar, hier fängt nun an, Wirklichkeit zu werden, was wir in Garba damals gründeten – unsere Waldschule mit Koedukation! Obwohl wir den Namen dafür noch nicht kannten.‹ Ihre Augen glänzten. Dann nahm sie eilig den Brief wieder auf. Und nun fuhr Heinz Engelmann 160 fort: »Es muß sich jetzt erweisen, daß nur aus Gesamtheit und Gemeinschaft das Leben wirklich neu gestaltet werden kann, wie vollendet die Kultur des einzelnen in den verflossenen Jahrzehnten auch gewesen sein mag. Das ausgehende Zeitalter des Individualismus, mit allen seinen letzten persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten, hat uns zuletzt doch auf den Holzweg geführt. Wirkliches Wachstum und Lebensgestaltung kann ein Einzelner, Losgelöster niemals vollbringen, weil er sich selber den großen Nährboden abgräbt, und nur Blüte bleibt, anstatt Frucht zu werden. Es wird unstreitig einmal das Verdienst der Jugend sein, mehr als das jeder Partei – den Sinn für die Volksgemeinschaft wieder errufen zu haben. Ebenso wie sie – viel besser als die Emanzipation der Frauen – an Stelle der bürgerlich dumpfen, materiellen und konventionellen Anschauungen über Ehe und Geschlechtermoral eine kameradschaftliche Menschlichkeit und die Vergeistigung der Triebe setzte. Aber dies alles scheint mir für Sie, Baronesse, zurzeit nicht in Betracht zu kommen. Ich würde denken, das Wichtigste wäre, wenn Sie mit einer Persönlichkeit in Verbindung träten, die mitten in dem drinsteht, was der heutige junge Mensch als ›Leben‹ bezeichnet. Denn wenn gegen einst Lebendiges und damit Fortzeugendes, jetzt aber Erstarrtes und Totgewordenes gekämpft wird, so bedeutet das keineswegs immer nur und in allen Fällen Aufruhr und Absage an Schule und 161 Elternhaus. Vielmehr geht es um die Erkenntnis und den Erwerb neuer und wahrer Lebenswerte im Gegensatz zu dem, was in der Zeit abbröckelte und trotzdem noch immer als wertvoll betrachtet wird. Ich habe das Gefühl, daß Sie, trotz Ihrer Reisen und trotz Ihrer drei Gesellschaftswinter ein wenig gelebt haben wie die Lady von Shalott, die in ihrem Schloß auf den Bergen in ihrem großen Spiegelsaal nur sich selber, in diesem Falle ihre eigenen Phantasien widergespiegelt fand, während draußen das volle und starke Leben vorüberflutete. Nietzsche, dessen Worte Sie mir anführen, hat gewiß recht: Diese Gegenwart muß gutgemacht werden durch die Zukunft. Denn es ist mit Deutschland, ja, wohl mit ganz Europa, nicht anders wie mit dem Individuum. Gut und Böse sind immer und überall in der Welt nicht gesondert, aber untermengt. Nur bei bestimmten Menschen und zu bestimmten Zeiten hat das Gute und zu anderen Zeiten das Geringe, das Widerwärtige, das Trostlose und Gemeine die Oberhand. Vielleicht ist jetzt eine solche Zeit. Es hat nun wenig Sinn, gleich verblendeten Eltern entarteten Kindern gegenüber, die Augen zu schließen und zu meinen, dadurch sei das Böse nicht vorhanden. Vielmehr sollte bei harter und klarer Einsicht weiter geliebt werden, rundum gewissermaßen geliebt. Hoffnung und Glauben an die Zukunft dürften nie aufgegeben werden, und alle Kraft und alle Liebe sollten der Arbeit für die Zukunft gehören. Nicht anders ist es mit unserem 162 Vaterlande, und wenn Sie wollen mit Europa. Und schließlich hätte auch derjenige, dem das ›sterbende Europa‹ leidvolle Gewißheit wäre, immer noch ein starkes ›und dennoch‹ festzuhalten. Denken Sie an Hektor. Ich weiß es durch Archi, Homer steht Ihrem Herzen nahe: ›Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt.‹ Und trotzdem läßt er keinen Augenblick vom mutvollsten Kampfe ab. – Dies Beispiel, als ich es bei Humboldt angeführt fand, hat mir sehr geholfen; und so möchte ich es an Sie weitergeben. Da ich nicht selbst in Berlin bin, schicke ich Ihnen einen meiner Freunde. Er steht, wenn auch nicht in der Jugendbewegung, so doch in der Jugendpflege, d. h. mitten drin im Lebenskampfe und im Seelenerobern. Ich habe sein seherisches Tastgefühl für die Zukunft oft genug bewundert und vom Kommenden bestätigt gesehen. Er ist gewissermaßen: ›Auf Gott geworfen.‹ Und damit hat er schon manchem schwankenden Anker den Grund dargeboten. Er wird Ihnen Vorschläge machen, wie Sie aus Ihrem abseitigen Leben heraustreten könnten und zum Kern dessen vordringen, das uns, die wir für die Zukunft leben, erschüttert und bewegt. –« Roselin las. Erst, als flimmernde Regenbogenkringel die Buchstaben ihr verschwimmen machten, bemerkte sie, daß ihre Augen voll Tränen standen. Bob und ihre Zukunft mit ihm war ihren Gedanken entglitten. 163 Roselin hatte noch an demselben Tage gebeichtet und den Brief ihrer Mutter gezeigt. »Kind,« sagte die Baronin zu Roselin. Sie hatte lange gedankenvoll mit dem Brief im Schoß gesessen. Ihre Stimme zitterte ein wenig. – »Liebling, du mußt tun, was dein Wesen von dir verlangt.« Sie hatte noch hinzufügen wollen: wenn Bob damit einverstanden ist. Aber eine geheime Stimme verbot es ihr. Statt dessen sagte sie: »Papa würde es auch nicht anders wollen.« Als ein paar Tage später Dr. Reichmann wirklich sich bei Weddingstedts melden ließ, kam er niemandem unerwartet. Er war Dr. Engelmann äußerlich so unähnlich wie möglich. Er war untersetzt, stämmig, ein wenig Lutherfigur und -kopf. Nur sein Ausdruck war ein anderer. vielleicht ist er gotischer?‹ dachte Roselin. Sie meinte: tiefer dem Geheimnis verwurzelt, mystischer. Sie traf, ohne daß sie es hätte in Worten auflösen können, das Richtige damit, und ohne noch zu wissen, daß er den Heroismus der Seele, die gewappnet und einsam dem Feind gegenüberstehen mußte, den er von sich selber verlangte, nicht ohne weiteres bei anderen voraussetzte. Er kannte zu gut den Fluch der Vererbung, Umwelt und Lebensaussichten der proletarischen Jugend. Er wußte auch, daß der stete Kampf um den allernotwendigsten Besitz unedle Instinkte großzüchtet, und er kannte die Leitsätze, in denen die sozialdemokratische Jugend erzogen wird. 164 Jetzt saß er der Baronin und Roselin gegenüber, ohne sich völlig klar zu sein, womit er dieser jungen Dame – ein Kind fast äußerlich, und trotz der feinen Sicherheit ihrer Kaste und ihrer Erziehung, auch trotz Klugheit und Kenntnissen an der verborgensten inwendigsten Stelle noch ein Kind – wie er ihr helfen könnte. Aber plötzlich, und nie hätte er später sagen können, wie ihm die Erleuchtung kam, »Baronesse,« sagte er, – »Frau Baronin, Sie wissen ohne Zweifel nicht, daß die – übrigens sonst vorbildlich geleitete sozialdemokratische Jugendvereinigung – daß sie ein Buch hat, den sogenannten Gegenkatechismus. Er übersetzt alle christlichen Glaubenssätze, Erfahrungen, Erkenntnisse oder Symbole in ihr Gegenteil. Zum Beispiel: Heut habt ihr die Schöpfungsgeschichte gelernt. Alles Quatsch. Der Mensch stammt vom Affen ab. – Ich will Sie jetzt nicht mit weiteren Belegen aufhalten und verletzen –« Er redete zu Roselin, wie viele Menschen zu ihr redeten, als ob er sie behutsam und ehrerbietig berührte. – »Ich hätte einen Vorschlag.« Und nun erzählte er knapp und fast schamvoll, wie er vor zwei Jahren zu Weihnachten eine Handvoll Jungens aufgelesen hatte von der Straße, und mit ihnen hatte er Weihnachten gefeiert. Das war der Grundstock der Gemeinschaft, des Bundes. Sie fanden sich seither zu allen Festen bei ihm zusammen und auch des Sonntags. Er redete mit ihnen, las und spielte. Er hatte mit ihnen gelernt, gefeiert und getrauert. Im Laufe der Zeit hatten 165 die ersten immer neue zu ihm gebracht. Jetzt waren es gegen fünfzig. Sie hingen wie Kletten aneinander, und, das sagte er so schnell und leise, man verstand ihn kaum – auch an ihm hingen sie wie die Kletten. Ja – nun, und das hatte er sich schon lange gewünscht – ein weiblicher Einfluß wäre so notwendig: Feinheit, Güte, all das, was sie weder von ihren Müttern noch von sonst irgendwem erfahren könnten. Ob nun die Baronesse vielleicht manchmal kommen würde und ihnen etwas erzählen, einfach erzählen, von ihren Reisen vielleicht, aus ihrem Leben überhaupt, oder Geschichten, was ihr grad einfiele. »Besorgnis, Frau Baronin?« – ›Wie schön seine Augen sind,‹ dachte Roselin. ›So muß der heilige Franziskus ausgesehen haben, so ganz lächelndes Vertrauen in Gott und die Kreatur. – »Besorgnis?« Dr. Reichmann lachte. Er lachte ansteckend. »Bei meinen Jungens ist die Baronesse geborgen wie in Abrahams Schoß!« – Am nächsten Sonntag fuhr Roselin ganz allein, nicht im Taxi, sondern mit der elektrischen Bahn in die Ackerstraße und wurde von Dr. Reichmann an der Haltestelle erwartet. Er trug keinen Hut. Trotz seines breiten Schädels und seiner untersetzten Figur sah er aus wie ein Junge, dem man ein Rad oder einen Handwerkskasten geschenkt oder irgendeinen anderen geheimen und höchsten Wunsch erfüllt hat. Er führte Roselin durch einen sehr üblen und 166 ausgetretenen Hauseingang, an unzähligen Plakaten, Schildern, Düften und Geräuschen vorüber, an abgebröckelten Wänden, ausgeblichenen Farben, offenen Fenstern mit neugierig starrenden Augen über den Hof in eine Art Saal. Wochentags war er eine Schreinerwerkstatt und gehörte dem Lehrherrn von einem der Jungens, den Dr. Reichmann für seinen Plan gewonnen hatte. Was nicht niet- und nagelfest war, hatte man beiseitegeschoben. Etliches Material diente als Bänke, und die unbeweglichen Maschinen standen, ihrer Forderung entkleidet, friedlich und aufmerksam zwischen der Versammlung. Es roch nach Hobelspänen, Leim und Haarpomade und nicht gerade sauberem und noch nassem Jungenszeug – denn ein lustiger Regenschauer war soeben niedergegangen. Aber auf einem kleinen Tisch, der, auf Brettern über Balken gelegt, etwas erhöht stand, prangte in einem grauen und blauen steinernen Einmachtopf ein riesiger Strauß Feldblumen. Ein zahmes Rotkehlchen flog schilpend im Saal herum, und ein Grammophon fing plötzlich an, heiser aber überzeugend: »Ich hatt' einen Kameraden . . .« ›Ach Gott,‹ dachte Roselin, ›unsere Spieluhr mit »Harre meine Seele!« bei Karl dem Großen und Widukind!‹ Fünfzig Jungens mit blankgescheuerten Gesichtern und fabelhaft pomadisiert, standen stramm. Als das Grammophon aufhörte, stießen sie wie Kriegsgeheul ein dreimaliges »Heil!« aus. Nachher 167 sangen sie »Lobe den Herrn«, und dann setzten sie sich, wo es gerade anging, mit Augen tellergroß vor Erwartung. Dr. Reichmann hatte Roselin vorher gebeten, die Jungens – sie waren zwischen vierzehn und achtzehn – mit Sie anzureden. Sie hätte es übrigens ganz von selbst getan. Ehe Roselin anfing, sagte er ein paar Worte zur Begrüßung und Roselins Besuch betreffend, humorvoll zuerst und ernst zum Ende, worauf die Jungens abermals mit donnerndem »Heil« antworteten. Und während Roselin noch die Ohren zitterten, sagte Dr. Reichmann: »Ich stelle jetzt die Dame unter Euren Schutz,« verneigte sich vor Roselin, grüßte die Jungens mit der Hand und hatte den Saal verlassen. – Mein Himmel, ja! – Aber wie Roselin alle die erwartungsvollen Augen auf sich gerichtet sah – ›Garba,‹ dachte sie plötzlich, ›der Bund – o Garba.‹ Und ehe sie noch wußte, wie sie anfangen sollte, erzählte sie von ihren Kinderjahren, von ihrem Freund und dem berauschenden Spiel auf den Tischplatten. Die Jungens hörten zu, mäuschenstill. Sie waren tiefernst und bei der Sache, als Garba gegründet wurde. Ab und zu nickte einer zustimmend und stieß seinen Nachbarn an. Andere schienen zu überlegen und eigene Pläne dazwischenzuschieben. Und ein kleiner, blauäugiger, dünner Kerl, er hieß Karlchen, war aber älter, als er aussah, mit den Händen viel zu lang aus der vertragenen Jacke heraushängend, verschlang Roselin mit den Augen. 168 Sein helles Haar sträubte sich zu einer Tolle wie bei einem Goldhähnchen vor lauter Aufmerksamkeit. Als die Exzellenzen Zampel und Strampel auftraten in ihrer äußerlichen Dürftigkeit und mit ihrer bedeutsamen Mission, unterstrichen durch den Zungenfehler, den Roselin naturalistisch darstellte, wurde das Vergnügen ungeheuer. Roselin erschrak, als der Zungenfehler sofort fünfzigmal nachprobiert wurde. Aber gleich kehrten die Hörer wieder zurück zu den Tatsachen, nahmen alle Schwierigkeiten, alle Pläne, Bestrebungen, Verbesserungen der Exzellenzen mit demselben heiligen Ernst, wie Roselin und Wolfram sie genommen hatten. Roselin hatte gar nicht gemerkt, daß Dr. Reichmann leise in die Schreinerwerkstatt zurückgekehrt war. Jetzt saß er auf einer Hobelbank und hörte mit glänzenden Augen zu, wie seine Jungens. Schon zwei Stunden erzählte Roselin. Als sie ihre Erfahrungen in Moorwitten erwähnte, und wie sie das Reich Kasimbura gründen mußten, erblickte sie Dr. Reichmann. Roselin stand hastig auf. »Ich habe Sie wohl etwas gelangweilt?« Sie lächelte verlegen zu den Jungens hin. »Weiter, bitte, weiter!« riefen viele Stimmen. »Wie ist es dann ausgegangen? Jetzt muß es doch Krieg geben zwischen Garba und Kasimbura? Hatten Sie denn immer noch mehr Holzsachen und Bleisoldaten?« Ein paar waren im Eifer aufgestanden und drängten sich um Roselins 169 Rednertischchen, ganz vorn Karlchen mit der gesträubten Tolle. »Da möchte ich mitgemacht haben,« sagte Karlchen. »Das war aber schön. Und wie der Herr Strampel so gut war zu allen und hatte doch bloß einen angeklebten Kopf.« Das Vergnügen brach wieder los. »Zampel und Strampel, Heil!« schrien die Jungens. Und dann tuschelten etliche mit Dr. Reichmann, und das Tuscheln ging durch die Reihen. Plötzlich standen sie alle auf. »Der Herr Dr. Reichmann meint,« sagte ein großer Junge, »es dauert schon zu lange, und das Fräulein ist müde. Aber wir danken schön und wenn Fräulein einmal wiederkommen möchte! Und jetzt möchten wir die Garbanischen Hymnen singen, die aus der Spieluhr.« Und wahrhaftig, sie sangen zuerst die ›Wiener Madel‹ und dann ›Harre, meine Seele‹, und allen fünfzig mußte Roselin die Hand schütteln. Aber Karlchen sagte: »Wenn man erst wieder so ein Sonntag mit Garba wär! Bloß, der Herr Doktor, der muß auch dabei sein!« Am nächsten Morgen schrieb Roselin einen langen Brief an Bob und erzählte ihm alles von Anfang bis zu Ende. Sie machte Pläne über Pläne. Sie dachte: ›Wahrscheinlich wird er mir gleich hundert Dollar schicken, er hat ja Geld wie Heu, der liebe Junge. Immer will er mir kostbare Kimonos und Ringe und goldene Pantöffelchen und Bilder und Bücher anschaffen. Aber es wäre schon herrlich, wenn wir für den Winter einen richtigen Saal mit einem Ofen mieten könnten. Und dann 170 Karlchens Jacke mit den Ärmeln! Und Dr. Reichmann erzählte doch, wie es bei manchen zu Hause aussieht. Und dann haben sie ja auch noch die Schwestern! Nein, was werde ich zu tun haben in Zukunft!‹ Hinterher kam ihr der Gedanke an Ägypten und den Winter. Und später wollte Bob das kleine Haus an einem blauen stillen See haben! – ›Aber das geht nicht,‹ dachte sie. ›Nein, jetzt geht das nicht mehr!‹ – Sie setzte sich sofort hin und schrieb einen zweiten Brief hinterdrein. Sie schlug vor, ob sie nicht lieber in Berlin wohnen wollten. Daß sie fortführen könnte, was sie jetzt angefangen hatte, denn das wäre schöner als der schönste blaue See. – Roselin konnte die Antwort auf ihren Brief gar nicht erwarten. Wie würde sich Bob mit ihr freuen! Nach vierzehn Tagen kam auch der Brief von Bob. Als Roselin ihn gelesen hatte, saß sie mit gesenkter Stirn, ganz erblaßt und fingerte an dem Bogen herum, als ob sie irgend etwas damit verändern könnte. Es war doch gar nicht möglich, was Bob geschrieben hatte. Er erklärte rundweg, daß er niemals einwilligen würde, in Berlin zu wohnen und die so sehr zarte Gesundheit Roselins solchen Strapazen auszusetzen. Und daß er sie beschwöre, sofort diesen ganzen Kram mit den Jungens aufzugeben. Erstens, weil sie es einfach nicht leisten könne, und dann, weil er sie für sich allein haben wollte. Er schrieb, er habe als Junge schon in Moorwitten eine Ahnung davon bekommen, daß nicht 171 Wolfram, sondern Garba zwischen ihnen stände. Und jetzt habe es wirklich sich so erwiesen. Er könne nicht teilen, wenigstens nicht in dieser Weise. Roselin ging mit einem ungläubigen Lächeln und mit großen, starren Augen und legte den Brief vor ihre Mutter. Sie blieb hinter ihrem Stuhle stehen, während die Baronin las. Und als sie sich nachher zu Roselin umwendete und sie lange schmerzlich und liebevoll ansah, schüttelte Roselin nur ein paarmal den Kopf. »Wir werden noch einmal an Bob schreiben,« sagte die Baronin, »du mußt ihn verstehen von sich aus. Es wird sich gewiß ein Mittelweg finden.« »Mittelweg?« staunte Roselin. »Nein, Mutter, Bob will mich vergewaltigen. Er respektiert meine Art nicht.« Und mit vielen Tränen und dem Gefühl, als ob sie den besten Stab, der sich ihrem Leben bot, mit beiden Händen auseinanderbräche, schrieb Roselin: »Ich kann es nicht aufgeben, wie du es verlangst, Bob!« Und mit einer kleinen, ganz zaghaften Schrift bat sie noch sehr innig um ein gutes Wort zum Abschied. Die Baronin las den Brief, den Roselin ihr hingelegt hatte: ›Armer Bob. Arme Roselin! – Ob vielleicht es doch noch anders kommt?‹ dachte sie zuletzt. An den zwei folgenden Sonntagen war Roselin in der Ackerstraße. Sie kam das erste Mal eigentümlich leuchtend und wie erhöht, das zweite Mal 172 schon gedämpfter und sehr ermüdet zurück. Ein paar Tage später hatte Roselin Fieber. Die Baronin mußte Dr. Reichmann abschreiben und auch für den folgenden Sonntag. Und als sie sich danach mit Stephanie an Roselins Bett setzte und beide anfingen zu bitten, es sei besser, Roselin ließe die Angelegenheit mit den Jungens bis zum Herbst, und man reiste jetzt erst einmal in die Berge, sah Roselin mit großen, fiebrigen Augen eine lange Weile zum Fenster hinaus, dann kehrte sie das Gesicht zur Wand und weinte lautlos. Aber sie widersprach mit keinem Wort. 173   Allzu heftig kochte und brodelte es nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers. Die täglichen Zeitungsnachrichten wurden verschlungen. Krieg! Was war ein Krieg? Man kannte ihn aus Geschichtsbüchern und Erzählungen. Denn die Baronin war noch ein ganz kleines Mädchen zur Zeit des Deutsch-französischen Krieges. Mit allen seinen Erschütterungen, hinter denen doch immer die Siege und die Unterwerfung des Feindes standen, kannte sie ihn nur aus dem Tagebuch ihres Mannes, aus den Erzählungen der Eltern. Der glorreiche Krieg wurde er genannt. An diesen Krieg dachte sie und dachten die Töchter, wenn sie das dunkle Wort aussprachen, selbst wenn ihre Gedanken »Axel« sagten – »Bob« sagten. Bob würde nicht zögern, alles hinzuwerfen für die Verteidigung des Vaterlandes. Oh, daß er Roselin nicht ein kleinstes Wort der Verzeihung geschickt hatte! Daß man nichts von ihm wußte, gar nichts! – Wolfram? – Nun, er war weit vom Schuß, und er würde es auch bleiben. Er hatte sich immer in Deckung gehalten. – Aber alle die anderen, mit denen man getanzt hatte? Der kleine Lionel, zum Beispiel! Und Archi und die Vettern in Moorwitten. – Dr. Engelmann und Dr. Reichmann und die Großen von ihren lieben Jungens im Wedding! – Krieg – das bedeutete Abschied und Angst und Not. Und 174 an jenen Einen dachte Roselin, bei dem der kleine brennende Punkt in ihrem Herzen sich immer wieder rührte. Auch er, ja – auch er. Aber noch war es nicht so weit. Und vielleicht würde alles noch einmal vorübergehen! – – – Man war in einen kleinen Luftkurort im Thüringer Walde gereist. Man wanderte viel. Auch an jenem glühenden Augusttage schlug die Baronin einen Weg vor, der Kräfte forderte. Als die Töchter im Hinblick auf das Thermometer die Mutter, die in dem letzten Jahr etwas Zartes bekommen hatte, bedenklich ansahen: »Es ist eine Qual für mich, mit zwei solchen alten Jungfern wie ihr zu reisen,« sagte die Baronin in ihrer alten frischen Weise, und die alten Jungfern, die jüngste war gerade mündig geworden, fielen errötend und lachend der Mutter um den Hals. Ein paar Stunden später, auf der Höhe, als sie beim Kaffee unter dem Aussichtsturm saßen, die sanfte gestillte Landschaft zu ihren Füßen, – weshalb läuteten unten im Tal die Glocken? Das Läuten schwoll an. Die Baronin und die Töchter standen auf. Aus diesem Dorf, aus jenem kam das Geläut. – Um diese Zeit? Sie sahen sich an. Die Farbe auf ihren Gesichtern kam und ging. Sie falteten ihre Hände fest in ihren Kleidfalten: dieses Läuten konnte nur eine Bedeutung haben – – Gerade da stieg ein Kraxenträger, ein Männlein, verhutzelt wie ein Gnom, die letzten Stufen herauf. 175 Er kam aus der Stadt und wollte noch höher in den Wald, in das Gebiet der Glasbläser. Er brachte die Nachricht. Nun wurde es Wirklichkeit, das schwere Wort, dem man so lange entgegengewartet hatte, ohne es zu kennen. Krieg war Wirklichkeit! Die Baronin legte ihre Hand auf die Hand von Stephanie, die schön, fest, leicht gebräunt, plötzlich zitterte. Sie sahen sich an, Mutter und Tochter. Und dann sah die Baronin Roselin an, die auf der anderen Seite des Tisches stand. Roselin lächelte. Sie drückte die Nägel in ihre Handflächen. Sie schien allein an der anderen Seite des Tisches. Mutter und Stephanie waren ihr gegenüber. Sie hielten sich noch immer an der Hand. Der Kraxenträger hatte die Kunde vom Krieg nicht anders erzählt, als er vor acht Tagen ein paar Ausflüglern hier oben erzählt hatte, daß der Schmelzer Gustav dem Sizzo Müllerklein mit dem Bierseidel beinah den Schädel eingeschlagen hatte. Er sah dabei Roselin fortwährend an und sah den Himmel an, an dem es wie lauter rosa und blaue und goldne Glasflüsse in feinen Fäden und Streifen durcheinanderzog. Dieser sanfte, vielfarbene Schein legte sich über das Gesicht des kleinen Fräuleins, das so merkwürdig allein an seiner Tischseite stand. Und jetzt fing der Kraxenträger an und schnürte an seinem großen schwarzen Wachstuchkasten und holte eine Schachtel heraus. Er machte die Schachtel auf, zupfte die Watte fort und holte mit den alten 176 Fingern, die wie braune, haarige Baumwurzeln waren, ganz vorsichtig heraus: eine silberne Kugel mit weiß ausgeblasener Spirale, eine goldene Kugel mit roten Tröpfchen beperlt und einen ganz zarten milchweißen Hirsch. »Das sind Proben von den Fabrikanten,« sagte der Kraxenträger zu Roselin. »Die brauch ich nicht mehr, die gehören Ihnen!« und hatte die Schachtel wieder in den schwarzen Kasten eingeschnürt und schnallte den schweren Kraxen auf den Rücken, kaum daß sie sich alle von dem Staunen erholen konnten. Roselin formte mit der linken Hand ein zärtliches, schützendes Nest für die silberne Kugel und die goldene rotbeperlte und den zarten weißen Hirsch. Die Rechte hielt sie dem Kraxenträger hin. Er faßte sie an, als sei sie auch aus Glas geblasen und gehöre in eine Watteschachtel. Aber dann kehrte er die kleine Hand zwischen den Wurzelfingern um, daß sie mit der Fläche nach oben lag. Er betrachtete sie eine Weile, und ein Tröpfchen hing dabei an seiner ziemlich geröteten Nase, die wie eine Eichel unter der Stirn herausstand. Aber Roselin bemerkte das Tröpfchen nicht. »Viel Unruhe, viel Irrgang,« sagte er, »viel Werk, viel Leid. Beinahe zu viel für so ein kleines Händlein, Gott gesegen's, das Händlein!« Er nahm den Hut ab und wischte sich mit dem Rockärmel über die Nase. Er sah plötzlich wie verwandelt aus. Nicht der kleine Gnom und nicht der mühselige, schwitzende Mensch, der aus dem Tal gestiegen kam, mit krummen Knien, und dem das 177 Kriegsläuten und der Streit vom Schmelzer Gustav mit Sizzo Müllerklein ganz dasselbe bedeutet hatten, und jedes wenig genug. »Da oben auf dem Walde,« sagte er, »und wenn einer so heruntersieht, da sieht sich alles ganz egal: Großes und Kleines. Es muß alles erlitten werden. – Gott gesegen's, alles Erleiden.« Er grüßte und stapfte davon, hinauf, noch höher hinauf, da wo die bunten Glasflüsse des Himmels die dunkelblauen Wälder ganz sanft in die Arme fassen. Dann kamen die Tage, grell und verhängt in einem. Wie Träume, in denen das Unmögliche Wirklichkeit wird, und die schwere Wirklichkeit wie der bange Traum einer Nacht. Die Fanfarenstöße von Wille und Hingabe und Opfer und Sieg tranken alles Dunkel und alles Schwere in ihren starken Glanz. Wenn Roselin später an den Krieg zurückdachte, viel später, so schien es ihr immer, sein ganzes Wesen war beschlossen in dem Stürmen der Glocken, ihrem tiefen Gedröhn, in dem zarten, silberhellen Schweben und dem jähen Verklingen, wie es damals zu ihnen heraufdrang über das Blau der Wälder, als sie an den Klippen vorbei zu Tal stiegen. »Axel wird durch Höchenflug kommen. Wir wollen gleich mit ihm nach Berlin,« sagte die Baronin. Sie sah Stephanie an. Aber im nächsten Augenblick meinte die uralte Kiefer, sie habe Gott 178 so verstanden, daß dies alles ein wenig anders sein sollte. Denn in Zeiten, wo Völker und Welten dem Himmel so sonderlich zu schaffen machen, müssen die stummen Geschöpfe mehr als sonst Hand und Mittler sein. So streckte die uralte Kiefer den mächtigen harten Fuß so hoch und zugleich geheimnisvoll unter dem Moosbett über den Weg, daß die Baronin Weddingstedt in ihrem noch immer so leichten und schwebenden Gang plötzlich aufgehalten wurde: »Dummes Zeug, Kinder,« sagte sie, als sie, über die Baumwurzel stolpernd, in die Knie brach. »Es ist ja gar nichts!« Während dann Stephanie mit großen Sprüngen den Berg hinunterjagte, und Roselin ihren schmalen Oberkörper hinter den der Mutter stemmte, faßte die Baronin Roselins Hand. Zum erstenmal erzählte sie ihr mit einer weichen, fremden Stimme, wie sie ihre Töchter kaum je an ihr kannten, von dem verstorbenen Vater. Von dem Krieg 70/71, den er als blutjunger Leutnant mitgemacht hatte. Sie wußten damals noch gar nichts voneinander, aber ein polnischer Knecht hatte ihn später in Moorwitten wiedererkannt. Er erzählte, wie der Herr Leutnant nicht gegessen hatte, ehe seine Leute nicht alle versorgt waren, wie er Briefe für sie geschrieben hatte, wie er unter ihnen am Lagerfeuer gelegen und nichts vor ihnen voraus hatte haben wollen, und wie sie heimlich, wenn er schlief, mit ihren Mänteln ihn zugedeckt hatten. Zum ersten Male sah Roselin ihren Vater mit 179 den Augen seiner Frau. Etwas stieg heiß und peinvoll in ihre Kehle. Ihr war, als hätte sie im Leben ihn niemals ganz gekannt, und als würde jetzt etwas von ihr gefordert. Während sie die Mutter küßte, wußte sie, daß das Blut und die Liebe ihres Herzens über alles persönlich Nächste weit hinaus schwoll. Die Baronin, selbstvergessen, erzählte immer noch, als man das Rollen eines Wagens hörte und ein elendes und lächerliches Gefährt auftauchte. Einen mit Stroh gefüllten Kastenwagen hatte Stephanie aufgetrieben im Dorf. Mit der Residenz war aus irgendeinem Grunde die Telephonverbindung unterbrochen. Sie hatte aber einen Boten zur nächsten Bahnstation geschickt und bei Generalleutnant Friesens, alten Freunden von Weddingstedts aus früherer Zeit, telegraphisch anfragen lassen, ob man mit der Mutter – des Arztes wegen – eine Nacht dort wohnen könnte. Der Friesensche Wagen erwartete die Damen am Bahnhof. Als man die Baronin am Ziel heraushob, waren ihre Knöchel unförmlich geschwollen. Die Freunde ruhten nicht, bis Stephanie in dem kleinen Badeorte alles auflöste. Drei und noch mehr von den vielen Fremdenstuben des alten Hauses standen frei. Man war nur zu froh, in dieser Zeit der Spannung und Sorge mit Freunden näher zusammenzurücken. Die alten Friesens hatten nur einen Enkel, der mit seiner Mutter bei ihnen lebte. Er war Sekundaner, kam noch nicht in Betracht. 180 Am nächsten Tage kam ein verspätetes Telegramm von Axel. Er war nach Köln abkommandiert. Also ein Wiedersehen war unmöglich. Er telegraphierte, wie sie alle telegraphierten in diesen Tagen, voll stolzer, freudiger Zuversicht und glühender Bereitschaft. Stephanie schloß sich in ihr Zimmer ein. Als sie am Abend ihre Tür wieder aufriegelte, war sie ein wenig blaß, aber sonst wie immer. »Mama,« bat sie, »unsere kleine Roselin ist so viel selbständiger jetzt. Und hier hast du die gute Tante Johanna,« womit die sogenannte »junge Frau von Friesen« gemeint war, »und Lenchen ist so vorzüglich –« »Ja, ja, ja,« sagte die Baronin. »Ich bitte dich darum.« Am nächsten Tage trug Stephanie bereits Schwesternkleid und Häubchen. Dann ging es Schlag auf Schlag. ›Wie nah sie einem plötzlich alle sind,‹ dachte Roselin. ›Irgendeine geheime Tür scheint geöffnet. Begann es nicht, als ich zum ersten Male vor den Jungens stand? Aber –‹ Ihre Stirn zog sich schmerzlich zusammen. Sie hatte an Dr. Reichmann geschrieben. Einen schamvollen Brief. Antwort kam bereits aus Koblenz: zwölf ihrer jungen Freunde – er nannte sie bei Namen – und Roselin sah jeden einzelnen deutlich vor sich – waren teils einberufen, teils hatten sie sich freiwillig gemeldet. Er selbst desgleichen und auch Dr. Engelmann, mit dem es seine Schwierigkeit gehabt hätte, weil er etwas kurzsichtig sei. Aber es wäre geglückt. Und »Heil, heil!« 181 Roselin las den Brief dreimal hintereinander. Verschiedene Jungens schickten Grüße, gaben eine Adresse an. Ja, schreiben würden sie. Von Karlchen kam ein verzweifelter Brief. Er durfte noch nicht mit. Und wenn der Krieg wirklich Weihnachten schon vorbei wäre, wie alle sagten – – Aus Moorwitten kamen Abschiedsgrüße. Erich, Archi, Waldemar, alle die Vettern waren selig über das endliche Dreinschlagen. Auch Onkel Alexander hatte sich gestellt, trotz seiner Dreiundsechzig. Und wer ging nicht alles mit – aus Berlin! – ›Ach,‹ dachte Roselin, ›alle die blauen und weißen und grünen Uniformen und mein kleiner Lionel! Er hatte eine Tolle wie Karlchen. Ob er gewachsen ist inzwischen? – Bob, lieber Bob!‹ dachte sie. Aber den anderen Namen sprach sie nicht aus vor sich. Sie machte nur ihre kleine Hand zur Faust, und ihr Atem ging schwer. – Am folgenden Tage kam Gerhard Friesen, der Enkel ihrer Gastgeber, erst spät nachmittags aus dem Gymnasium nach Hause. Er strahlte Triumph. Er schleuderte seinen Bücherpacken in eine Ecke des Saales, wo sie alle beisammensaßen. Niemand wußte, daß er sich gemeldet hatte, aber nun war er angenommen als Kriegsfreiwilliger. »Jemand erzählte doch, das Gestellungslokal war bereits früh so voll junger Kerls, daß der Hauptmann die Tür durch Wachtsoldaten mußte schließen lassen? Wie bist du denn hineingekommen?« fragte der Generalleutnant. 182 »Fenster eingeschlagen, Großvater! Keiner hat's gemerkt. Sie standen wie die Heringe im Faß. Mutter, du freust dich doch? Hurra, Deutschland!« ›Was für ein feiner Kerl Gerhard ist!‹ Roselin sah strahlend zu ihm hin. ›Er wollte doch Kunstgeschichte studieren! Aber eigentlich ist er ein Dichter. Und jetzt ist alles einerlei. Nur Deutschland! Darauf kommt's an!‹ Roselin lächelte. Sie hatte sich in diesen Tagen ein wenig mit ihm geneckt. Zärtlich geneckt. Er war wie ein großer Knabe, der das Leben umarmen wollte mit allen seinen Geheimnissen. Er hatte wohl noch nie sich erdreistet, einen seiner Schleier aufzuheben. Roselin staunte. Hatte sie es denn? Was wußte sie denn vom Leben? Aber dann meinte sie, sie wußte gar nicht so wenig. Sie hatte gelitten, sie hatte leiden machen. Wie wunderbar war das Leben. Und nun war es wie eine große Bruderschaft zwischen allen. An diesem Abend bereits nahm Gerhard Abschied. Morgens um vier mußte er fort. Seine Mutter hatte sich ausgebeten, daß sie allein aufstand und ihn zur Bahn begleitete. Roselin konnte sich gar nicht entschließen, sich hinzulegen. Der Mond, der fast voll war, aber hinter Wolken stand, machte alles so unwirklich hell. Immer sah Roselin Gerhards Gesicht vor sich. Es war dasselbe wie vor wenigen Tagen und doch verwandelt: ›Lebensrausch, Todesrausch,‹ dachte 183 Roselin. Nicht weit vor Mitternacht hörte sie die Tür von seinem Zimmer gehen. Es war wohl seine Mutter, die ihm zum letzten Male Gute Nacht gesagt hatte und ihn geküßt und mit ihm gebetet hatte, wie sie es getan, als er noch ein kleiner Junge war. Nun war alles ganz still im Hause. Es litt Roselin nicht länger in ihrem Zimmer, dessen Fenster in den Garten hinausgingen und ganz verhangen war vom Laub einer uralten Linde. Hier ahnte man nur den Himmel. Sie aber mußte ihn sehen: Sterne, Weite. Sie hatte ihr Haar schon gelöst, und sie war im Nachtkleide. Sie zog einen Flausch darüber. Ganz leise öffnete sie die Tür. Sie stieg noch eine Treppe höher. Hinter Gerhards Zimmer lagen noch mehr Gastzimmer nach vorn heraussehend. Alle unbenutzt. Roselin öffnete leise die Tür des letzten. Sie trat an's Fenster. Blickte über den Platz, auf dem irgendein alter steinerner Herzog Wacht hielt über seiner Stadt. Die Häuser ringsum hatten alle Gesichter. Bei Tage hielten sie sich vornehm zurück. Jetzt in der Nacht fingen sie an zu erzählen. Die meisten gehörten jetzigen oder früheren hohen Hofbeamten. Roselin nickte ein paarmal. »Ja, ja, ja!« sagte sie, als hätte sie zugehört. »So war das! Ob es jetzt anders kommt?« – Sie öffnete das Fenster und bog sich ein wenig hinaus. Der Geruch von Georginen war in der Luft und der herbe, starke von Flox, und ein paar gelbe Rosen und Veilchen mußten in den schmalen Vorgärten noch blühen. 184 Plötzlich spürte Roselin einen leichten Zug im Genick. Sie fuhr herum. War jemand ins Zimmer getreten? – Ja, Gerhard. Er stand in voller Uniform. »Verzeih, Roselin!« sagte Gerhard. Seine Stimme klang eigentümlich. »Schlafen konnte ich nicht. Ich hörte deine Zimmertür, und wie du heraufkamst. Gleich nachdem Mutter fort war, bin ich aufgestanden und habe alles zurechtgemacht. Ich hab mein Tagebuch für Mutter eingesiegelt. Ich glaube aber bestimmt, daß ich zurückkehre. Ich bin doch noch lange nicht fertig. Und ich habe Pläne über Pläne. Ich glaube nicht, daß man so mitten heraus abgerufen wird. Ich glaub es nicht!« Er rief es fast laut. Er hatte den Kopf ein wenig zurückgeworfen. Er erschien ganz weiß im Gesicht in dieser durchsichtigen Nacht. »Ich glaube, ich glaube an meine Wiederkehr.« Er lächelte. »Aber das kommt nicht in Betracht, Roselin,« sagte er leise. »Wenn das Vaterland einen braucht – wenn man ihm eben nur mit dem Leben dienen könnte, dann – ja – dann glaub ich eben ›die ewige Wiederkehr!‹« Er lächelte strahlend. – »Aber sieh mal, Roselin,« er trat einen Schritt näher. Er legte zart die Hände um ihre Schultern. »Wenn ich doch vielleicht fallen sollte – ich hab noch niemals ein Mädchen geküßt, Roselin!« Er schwieg. Er trat wieder einen Schritt von ihr zurück. Er sah sie an. Roselin zögerte. Sie errötete. Allerlei Regeln und Gesetze von der Gesellschaft zu 185 ihrem eigenen Schutz aufgestellt, gingen blitzartig durch ihre Gedanken. Aber wie Gerhard noch immer schweigend und ehrerbietig und wartend zugleich vor ihr stand, fühlte Roselin, wie irgend etwas in ihr sich veränderte. Etwas wurde groß und neu. Und dabei sehr einfach und gut. Die Röte auf ihren Wangen verblaßte. Dies jetzt war hinausgehoben über alles, was Schicklichkeit gelehrt hatte. Dies war etwas Heiliges. Und ohne noch weiter zu zögern, tat Roselin den Schritt, den Gerhard vorhin vor ihr zurückgewichen war, wieder zu ihm hin. Sie legte beide Arme um seinen Hals. »O, Roselin!« sagte er, als er ihre feine Gestalt umschlang und ihren Mund mit dem seinen suchte. »Geliebtes Leben, wie hold du bist! Es ist Feuer in deiner Stille! Und so viel Süßigkeit!« Er küßte Roselin, einmal und dann noch einmal und dann ein drittes Mal. »Hab Dank,« sagte er leise. »Hab Dank. Jetzt mag kommen, was will!« Er bückte sich zu Roselins Hand. Dann ging er, wie er gekommen war. Als er seine Zimmertür leise ins Schloß drückte, ging auch Roselin behutsam in ihr Zimmer zurück. Am Morgen hörte sie ihn abfahren. Aber sie trat nicht ans Fenster zu einem letzten Gruß. Dieses Geheimnis, in dem Leben und vielleicht der Tod ineinander schwangen, durfte nicht vom blassen Morgen angefaßt werden. – – In der nächsten Nacht schlief Roselin wie tot. Plötzlich fuhr sie auf. Ein Klappern kam zu ihr. ›Ein Mühlrad?‹ dachte sie schlaftrunken. Und 186 immer noch das Klappern. Roselin ermunterte sich völlig. Was konnte es sein? Wieder warf sie den Flausch über ihr Kleid wie in der verflossenen Nacht. Und wieder ging Roselin behutsam die weiße Scheuertreppe des alten gedehnten Hauses hinauf zu den Mansardenzimmern. Irgend jemand hatte das letzte, in dem sie gestern Nacht mit Gerhard gestanden, abgeschlossen. Auch das nächste war zu. In Gerhards Schlafzimmer steckte der Schlüssel. Einen Augenblick zögerte Roselin. Dann trat sie ein. Diesmal stand der Mond voll und groß und klar am Himmel. Der Platz draußen war wie mit Kreide bestreut. Roselin tastete sich am Bett entlang. – Oh – Ihre Finger berührten etwas Weiches, Reines, Kühles. Roselin hob die Finger an ihre Wange. War es nicht wie Gerhards junger weicher Mund, der kühl war, als er zuerst ihre Lippen berührte? Aber bei dem letzten Kuß war eine feine Flamme darin, der sich ihr Mund leicht geöffnet hatte. Roselin errötete. Bob hatte sie doch auch geküßt. Und mit verschlossenen Lippen und sanft hatte sie seine Küsse zurückgegeben. Dies hier war anders. Es war ebenso rein und doch irgendwie näher. Sie war stärker errufen worden. ›Lebensrausch, Todesrausch?‹ dachte Roselin wie gestern nacht. Und mit einemmal sah sie das Gesicht von Jürgen Jürgensen so deutlich – – Spürte sie seinen Mund auf dem ihren? Sie erschrak. Sie taumelte fast. 187 Wie hilfesuchend griff sie nach dem Reinen, Kühlen auf Gerhards Nachttischchen. Es waren die Blätter einer Rose, die sich gelöst hatten. Sie nahm sie in ihre gerundete Hand. Nahm sie mit, wie sie jetzt ans Fenster trat. Trapp – Trapp! – Noch immer das Mühlwerk? Roselin bog sich ein wenig zum Fenster hinaus, wie gestern. »Mein Gott!« Sie zerdrückte die Rosenblätter zwischen ihren festgeschlossenen Fingern. Unwirklich wie Schemen und doch lebendig: Pferde, Pferde und Pferde! – Zu zweien zusammengekoppelt, zu dreien, zu vieren. Ein Zug, wie es schien, ohne Anfang und ohne Ende. Roselin konnte sie wohl erkennen, schlank und schmal mit blankem Rist, tanzend gehobene, feine Fesseln. »Junkerpferde!« sagte Roselin leise. Sie sah Moorwitten, sie sah die Mutter und Stephanie dahinbrausen im roten Reitfrack, der Meute hinterdrein. Die Jäger sah sie, schmalhüftig, breitschultrig, mit herrischen Gesichtern, verwachsen mit Sattel und Pferd. Sie konnten lässig sitzen, selbst wenn sie sich fast zu den Pferdehälsen niederbeugten beim tosenden Voran. Und schwere Pferde sah Roselin, mit kantigen Stirnen, die Knie dick, eingebogen im Rücken! Bauernpferde!‹ dachte sie. Und sah, wie sie in der Furche schritten, geduldig und treu. Und sah die schwielige Hand, die hinter ihnen den Pflug regierte, wie er sich tief ins Herz des Ackers einbohrte. Und sah die hintenüber gestemmte Gestalt, die bereits ein wenig eingesunken war, schwer schreitend 188 und das Gesicht alt über die Jahre hinaus von der Härte der Arbeit. Wilhelm Zabel fiel ihr ein, der Kleinbauer, den sie an einem Alltagsnachmittag in seinen Sonntagskleidern mit dem Gesangbuch am Fenster hatte sitzen sehen, in Moorwitten-Dorf. Sie hatte ihn gefragt, ob er ein Fest feierte: »Freilich, trautestes Baroneßchen!« Er feierte ein Fest, ein hohes Fest. Es war wie Geburtstag und Tod und Auferstehung in einem: hatte nicht heute mittag beim Gewitter der Blitz dicht vor ihm ein klaftertiefes Loch in die Erde gerissen? Aber ihn hatte Gott bewahrt! Roselin nickte vor sich hin. Und wie sie vorüberzogen, Remonten, durch die Stadt zur Musterung am Morgen, schien das, was in ihrem Herzen lag, wie ein Samenkorn, seit sie erlitten hatte, und seit sie leiden gemacht – dieses kleine blanke Korn schien sich zu dehnen, und der Keim bedrängte seine Hülle, daß es sie schmerzte. Dann kamen die Tage und Wochen so randvoll, daß fast der Atem darüber aussetzte: der Einmarsch nach Belgien und seine Folgen. – Lüttich – Löwen – England erklärte den Krieg – die Russen fielen ein in Ostpreußen. In dieser Zeit horchten die Töchter immer wieder an der Tür zum Schlafzimmer der Baronin. »Moorwitten,« sagte sie ein paarmal im Traum. Schluchzte sie auch? Roselin verklammerte ihre Hände ineinander. So deutlich erblickte sie jetzt, 189 was Mutter vielleicht eben erblickte: flammende Dörfer, zerstörte Herrenhöfe, Kinder gepeinigt, und Frauen – – ach, Frauen – – Dann eines Tages kam, von Anfang an groß und geheimnisvoll wie die große krause Überschrift einer Legende, der Name Hindenburg. Wie unbegreiflich das war. Die Eltern Weddingstedt hatten ihn doch gut gekannt. Sie hatten mit ihm bei Freunden gespeist, eine Tasse Mokka in der Hand, nach Tisch zusammengestanden und geplaudert. Aber nun war er aus dem alltäglichen Leben und aus der Wirklichkeit herausgehoben, schon bei Lebzeiten ein Heros. Allein die entzückende Fabel, wie er bei seiner Berufung auf den Kriegsschauplatz auf einer Lokomotive dorthin gefahren war! Und dann kam die Erlösung: Tannenberg! Roselin fühlte, wie vom Genick aus ihr ganzer Körper eiskalt wurde. Würde man je wieder wie einst voll Glück am Ufer dieser Seen wandern und reiten können? Mit den tausend und tausend verkrampften Russenleibern, und den tausend erstickten Notschreien auf dem Grunde? Wohl: Krieg war Krieg. Die Einzelheiten durfte man jetzt nicht in das volle Begreifen aufnehmen, sonst . . . Man mußte doch mit einem Herzen voll Dankbarkeit in die Kirche treten, als alle Glocken läuteten und die ganze kleine Residenz im Flaggenschmuck wehte. Als die Kinder schulfrei hatten und die Leute in Trupps mit glücklichen Gesichtern auf der Straße standen, und Menschen, die jahrelang fremd 190 aneinander vorbeigegangen waren, sich herzlich grüßten oder, einen Schleier vor den Augen, sich die Hände drückten. – Ostpreußen war gerettet. Nun mußte doch wohl bald der Krieg zu Ende sein. Und immer noch von Bob kein kleinstes Wort! Roselin musterte jeden Tag fliegender Hast alle die vielen Grüße, die aus dem Felde kamen, und die sie mit Briefen und Liebespäckchen beantwortete. Niemals war eine kleinste Zeile von Bob dazwischen. Wo war er? Lebte er noch? War er hingegangen in Groll und Kummer über Roselins letzte Entscheidung? Dann wieder eines Tages war da ein Telegramm von Axel, der bereits das eiserne Kreuz erster Klasse hatte. Er war zum Rittmeister befördert, und bisher wie durch ein Wunder durch Mord und Brand und Tod hindurchgegangen. ›Verwundet,‹ sagte das Telegramm. ›Nicht schlimm, Schenkelschuß. Lazarett in Metz. Kommt Stephanie?‹ Als Stephanie eine Stunde später mit dem Nachtzug abreiste, hatte sie die Einwilligung der Baronin und die nötigen Papiere zur Kriegstrauung mit Axel. Am Morgen frühzeitig, nachdem Stephanie abgereist war, stand Roselin an ihrem Fenster und sah der Woge zu, die nun täglich vorüberflutete: stählern, erdfarben in einem. Der Woge, ohne Anfang und ohne Ende: Den Feldgrauen. ›Sie begräbt unter sich alles, was sich ihr in den Weg stellt, ‹ dachte Roselin. ›Aber wie wird ihr eigener Leib dabei zerrissen!‹ 191 Während Roselin das Lied der Vorüberziehenden mitsummte: »Gloria Viktoria« – mit seinem neuen, aufjauchzenden Schluß: »Die Vöglein im Walde« – währenddem dachte sie: ›Das wir so auseinandergegangen sind in Rom! Jürgen und ich! Ich bin ihm doch Psyche gewesen! Ach, daß ich ihn noch einmal wiedersehen könnte im Leben! Wie es auch sei. Wie es auch sei!‹ Aber sie fühlte, daß diese Gedanken ihr Kraft nahmen, die Kraft, die jetzt jeder brauchte, ob groß oder klein, ob Mann oder Frau, ja, schon von den Kindern wurde sie verlangt. ›Ich darf nicht länger mehr nur Briefe schreiben und Pakete machen und Strümpfe stricken,‹ dachte Roselin. ›Ich muß etwas Richtiges tun!‹ 192   Als Roselin dann beim Bahnhofsdienst war, und täglich, durch viele Stunden, Kaffee und Brote oder Zigaretten und Schokolade den durchfahrenden Soldaten an den Zug brachte, kam eines Tages die Nachricht von den Gefangenen in Brest. Roselin zuckte zusammen. Wolfram? Ach nein, er würde nicht mit jenen sein, die gekommen waren, neunhundert, tausend, und andere tausend, über das Meer auf holländischen Schiffen. Sie hatten alles im Stich gelassen in der neuen Heimat: Weib und Kind, Hab und Gut, Bergwerk und Ernte, und alles mühselig und hart Erworbene, um der alten Heimat willen, um Deutschlands willen, der Mutter. Sie hatte nicht Brot genug gehabt und nicht Raum genug. Aber jetzt, da sie bedroht war, eilten alle ihre Kinder, die sie im Stich hatte lassen müssen, ihr wieder zu, weil Mutter doch Mutter war! Roselin biß die Zähne zusammen, daß ihre weichen Wangen ganz kantig wurden. Nur nicht nachgeben. Nur nicht. Sie hatten sich eingeschifft da drüben, weil jeder Gedanke, jede Fiber sich dem Brausen des Schlachtfeldes entgegenstreckte. Und nun lagen sie, von englischen Schiffen im Kanal eingefangen, in Crosson bei Brest, kaum noch Schemen ihrer selbst. Hingeopfert, ehe sie sich darbringen konnten. Wolfram?– Ach nein. Aber Bob – Bob – 193 Sehr bald nach Stephanies Abreise kam die Nachricht von ihrer Kriegstrauung. Und als die ersten Flocken fielen, war Axel wieder so weit, daß er zu Pferde sitzen konnte. Er war jetzt in der Hölle bei Ypern. Stephanie hatte gebeten, in dem Lazarett, wo sie Axel gepflegt hatte, bleiben zu dürfen. Sie war Oberschwester geworden. ›Wie gut sie dazu paßt,‹ dachte Roselin. ›Wie herrlich sie allen helfen wird mit ihrer Standhaftigkeit, mit ihrem Humor!‹ Die Baronin empfand schon lange wie Roselin: nämlich, sie könnte die Untätigkeit kaum noch ertragen. Für Strümpfe, Pulswärmer, Brustlappen blieb noch immer Zeit genug am Abend. Bei Tag wenigstens mußte man doch mittun. Sie verlangte vom Doktor, daß er ihre Knöchel für ausgeheilt und gesund erklärte. Der alte Sanitätsrat, der die Weddingstedts schon vor zehn Jahren kuriert hatte, erlaubte gern, daß die Baronin in seiner Gegenwart mit dem Stock von der Couchette bis zum Fenster ging, dann würde sie schon merken. Ja, sie merkte wirklich, schon beim zweiten Schritt. Sie mußte sich fügen, lachend, wiewohl innerlich knirschend und weinend. Die Gastgeber waren zufrieden und dankbar, daß die Baronin und Roselin ihnen noch erhalten blieben. Es war überflüssig Raum in diesem weitläufigen Herrenhaus. Und wie doch ein einziger Mensch ein Haus zu füllen oder leer zu machen vermag! Seit Gerhard im Felde war, schien alles 194 widerzuhallen auf den langen weiten Gängen. Gerhards Mutter, die verwitwete Frau Oberhofjägermeister, noch immer die »junge« Frau von Friesen, war nicht mehr viel im Hause. Sie leitete den Bahnhofsdienst und Roselin arbeitete unter ihr. Es wurde jetzt schon mehr planmäßig darin vorgegangen. Nicht wie in der ersten Zeit, als der Drang des Herzens so viel hingab, daß das Übermaß vergeudet wurde. Roselin sollte nicht pflegen, wie sie gebeten hatte. Ihrer zarten Gesundheit wegen. In diesem begriff Roselin ihre Mutter nicht. ›Alle die tollen Hofwinter haben mir nichts geschadet,‹ dachte sie zornig. Das Herumrennen mit dem Tablett voll Kaffeekrügen auf dem Bahnhof, was selbst in diesem Winter der Baronin eigentümlicherweise nicht so gefährlich erschien wie der Krankendienst, war nicht Arbeit, wie Roselin sie sich träumte. Aber sie nützte vielleicht ein wenig. Es war hübsch, wenn die Soldaten ihre Becher wieder zurückgaben und mit frohen Augen ihr »Danke« sagten. Einmal rief ein großer Blonder: »Mir auch noch einen Schluck, Seelchen!« Roselin hatte nicht angenommen, daß sie damit gemeint war. Aber nun lachten die andern herzlich und gutartig wie Onkels oder große Brüder, oder sie brummten wie freundliche Waldtiere. Ein paar wiederholten in scheuer Innigkeit das Wort, das der Große mit dem strohernen Haarschopf unter der Mütze ihnen vorgesagt hatte. Fast feierlich 195 nahm er die Tasse aus Roselins Hand. Da begriff sie. Sie schlug die Augen nieder, und das Blut quoll ihr dunkel herauf. Freilich keiner konnte ahnen, was man ihr angetan hatte mit diesem Namen! – Aber dann schien es ihr plötzlich, als sei er jetzt eben wieder heilig gemacht worden. Sie sah nicht mehr die entkleidete Gestalt, allen preisgegeben in einer Zeitschrift. Sie hörte eine bebende Stimme an ihrem Ohr: ›Psyche, kleine Psyche!‹ – Die Glut auf ihrem Gesicht blaßte ab. Sie lächelte dankbar in das helle Gesicht, das mit so feierlichem Ausdruck an ihr haftete. Sie grüßte in das Abteil, und alle grüßten sie wieder. Und der das »Seelchen« gesagt hatte, stand auf und stand stramm. Hand an der Mütze, bitterernst und demütig und zärtlich in einem behielt er Roselin im Auge, als der Zug die Station verließ. Es war, als stünde er so ernst und demütig und schützend vor der Heimat, vor der Seele der geliebten Heimat. – 196   An diesem Abend saßen sie wie immer im Saal um den Kamin, als Roselin nach Hause kam. Im letzten Frühjahr hatte Gerhard mit ein paar Freunden die Tannenzapfen im Park zusammengetragen, mit denen man auch heute die Buchenkloben angezündet hatte, die so herrlich hinter dem eisernen Rost prasselten. – ›Wie rastlos sie heute alle sind!‹ dachte Roselin. ›Der arme Onkel Kasimir,‹ womit sie den Generalleutnant meinte, ›er kann seinen Gichtfuß kaum einen Augenblick auf dem Schemel ruhig halten. Und Großtantchen läßt eine Masche nach der anderen fallen.‹ Sie hatten die Baronin heruntergebracht mit Hilfe des alten Dieners und der baumstarken Köchin. Der Kutscher war längst im Felde, desgleichen der kleine Paul. Tante Johanna, die sich wie Roselin immer nach dem Bahnhofsdienst umzog, war noch nicht heruntergekommen. Roselin begrüßte alle. Dann kuschelte sie sich einen Augenblick neben die Baronin auf die Couchette: »Nachrichten von Axel?« Die Baronin schüttelte den Kopf. »Etwas von Gerhard?« Es war die gleiche Antwort. Roselin ging zurück in die Halle. Sie horchte. Der feste Schritt der jungen Frau von Friesen kam den oberen Korridor entlang und jetzt schnell und gleichmäßig wie immer die läuferbelegte Treppe 197 herunter. Aber ihre Lippen waren so fest aufeinandergepreßt, daß der schmale Mund fast verschwand in ihrem schönen ruhigen Gesicht. Roselin lief ihr plötzlich entgegen. Sie fiel ihr um den Hals. »Meine liebe, liebe Tante Johanna!« Im nächsten Augenblick wurde Roselins Gesicht weiß. Und auch die junge Frau von Friesen erblaßte. ›Es kam vorhin schon einmal,‹ dachte Roselin. ›O Gott!‹ »Hörst du?« Die junge Frau von Friesen biß die Seitenzähne aufeinander. »Hast du sie schon jemals so heulen hören?« Sie sah ins Leere. Und plötzlich drückte der Sturm die Saaltür nach innen. Man sah, wie im Kamin eine Flamme heraufgerissen wurde wie eine blutrote Fahne. Dann schien das Feuer in sich zusammenzufallen. Und dann kam zum dritten Male das Heulen von Rohna, die langgestreckt und atemlos, wie nach rasendem Lauf, vor dem Feuer lag. Die junge Frau von Friesen setzte sich wie ermattet auf eine der alten eichenen Truhen in der Diele. Gerhards Hund stand auf von seinem Platz vor dem Feuer, den Kopf zurückwerfend, und, mit einem Blick trauervoll wie ein Mensch, kam er zu Gerhards Mutter hinaus auf die Diele und legte den Kopf auf ihre Knie. Sie kraute verloren seine schmale, weiche, braune Stirn. Ihre Schultern hatten sich nach vorn gekrümmt. Plötzlich riß sie die Hand auf ihren Mund, der sich geöffnet hatte, und der sich in den Winkel heraufschob. 198 »Johanna,« sagte der Generalleutnant. Er humpelte schwer mit seinem Gichtfuß hinaus in die Diele. Er stellte sich neben seine Schwiegertochter. Am folgenden Tage kam das Telegramm: Gerhard von Friesen gefallen bei St. Quentin. Nun war noch Weihnachten zu überwinden. Es war also doch nicht so, wie die vielen klugen Leute gesagt hatten, daß zu Weihnachten die ganze graue Flut zurückströmen würde, Siegeslieder auf den Lippen, zu Frauen, Eltern und Kindern und Bräuten und Schwestern, zu Heim und Herd, zur Arbeit, zum Wald, zum Feld, zum Schreibtisch, zum Baugerüst, zu Weihnachtsstollen und Christbaum, und zu Jubel und Schweigen, zu Lob und Ehr und Dank der stillen Helligen Nacht. Immer noch flossen die Blutströme in Flandern, in den Vogesen, in den Karpathen und jenseits der russischen Grenze. Nun, wenigstens zusammentragen, schreiben, packen, hinausschicken von Weihnachtsgrün und Gold und Wärme und Segen und liebenden Gedanken, soviel nur möglich war! – Und wieder eine Weile nach diesem wurde Abschied genommen, Abschied von der lieben kleinen Residenz, von dem weißen Hause mit der stillen, vornehmen Fassade und dem erblindeten Wappen über dem Portal und von den Erinnerungen an einen geliebten jungen Toten. Die Knöchel der Baronin waren nun wirklich wieder heil. Sie hatte 199 sich bereits mit Berlin in Verbindung gesetzt. Man würde sehr glücklich dort sein, wenn sie neben der Oberin als Repräsentationsdame in eines der neueingerichteten Lazarette eintreten wollte. Stephanie war als Axels Frau immer noch Leiterin ihres Lazaretts in Metz. Sie schrieb tapfer, ausgefüllt und freudig, wenn auch Mutter und Schwester hier und dann einen Unterton von Sorge heraushörten. Axel war seit der ersten Verwundung bewahrt geblieben. Jetzt bestand auch Roselin darauf, daß die Vorschule des Kaffeetragens als absolviert angesehen werde. Sie verlangte einen Kursus in Krankenpflege durchzumachen. Die Baronin sah sie lange an. Dann gab sie ihre Zustimmung. Es mochte ein Versuch sein. Sie wartete jeden Abend auf ein Geständnis in Tränen. Aber es kam nicht. Wiewohl Roselin öfters nicht nur weiß, sondern fast grün aussah, wenn sie aus dem Lazarett nach Hause kam. In den Operationssaal sie zu bringen, hätte allerdings weder die Oberin noch der Chefarzt unternommen. Beide waren der Baronin befreundet und hielten die Hand über ihre Tochter. So, immer im Kampf gegen das Gespenst des Schlappmachens, hatte Roselin weder die dunklen Schatten unter den Augen ihrer Mutter wahrgenommen, noch, daß ihre klare, helle Haut in den letzten Wochen etwas Schlaffes und Welkes bekommen hatte. Nur jemand, der sie in einem Augenblick des Alleinseins überraschte, hätte es 200 bemerken können. Wer sie im Lazarett sah, dachte wie so oft Roselin: Wie schön sie ist! Und ahnte, daß ihre Güte das große Strahlen in ihre Schönheit gab. Der Posten der Baronin Weddingstedt konnte alles und auch nichts bedeuten. Ganz unersetzlich war er in diesem Falle durch die Persönlichkeit. In der heißen Flickstube saß die Baronin oft viele Stunden emsig mitnähend und mit tausend Geschichtchen aus Gegenwart und Vergangenheit ihre Mithelferinnen bei der Arbeit anspornend, ihnen Mut und Freudigkeit stärkend, oder die Größe und Verantwortung dieser Zeit, ihre Verpflichtung und ihren Segen vor ihnen aufrichtend. Ebenso eifrig stand sie im eisigen Keller, machte Witzchen und jubelte wie ein Kind, wenn sie beim Auspacken der verschiedenen Lebensmittel half. Mit dem Soldaten, der beide Arme verloren hatte, ging sie spazieren, und oft genug kam es vor, daß die repräsentierende Ehrendame beim Eintreffen fürstlicher Lazarettbesucher vergeblich gesucht wurde, weil sie gerade rasch fortgelaufen war, um einem Patienten ein Notizbuch zu kaufen, eine Zahnbürste oder Briefpapier. Die blauen Scharten unter den Augen der Baronin von Weddingstedt wurden breiter, und der kranke Zug um den Mund blieb zuletzt auch sichtbar, wenn sich die Baronin beobachtet wußte. Es war an einem heißen Augusttage, als Roselin ihn zuerst bemerkte. An jenem unvergeßlichen 27. August, als Italien sich den Feinden anschloß 201 und gleichzeitig Rumänien an Österreich den Krieg erklärte. »Erinnerst du dich an Väterchen, wie wir damals in Frascati waren?« sagte die Baronin. »Er war so verzweifelt über die kurzsichtige Politik Österreichs. Er war der Meinung, wenn man Italien gutwillig das verhältnismäßig kleine Stück Tirol gäbe, was sprachlich dazu gehört, so würde später einmal nicht sehr viel mehr hergegeben werden müssen. Nicht auch das, was so deutsch ist wie wir! Ja,« sagte die Baronin, »jetzt fängt es damit an. Schmach!« sagte sie dann. »Schmach! Nun, wir werden auch ohne Italien auskommen!« Ihre Lippen kräuselten sich verächtlich. Im nächsten Augenblick brach sie in Tränen aus. »Denkst du noch an unsere Tage in Rom?« Am anderen Morgen ging die Baronin wieder ins Lazarett trotz Roselins Bitten, und nun begann der harte, erbitterte Kampf gegen die Krankheit. Roselins Flehen half ebensowenig wie des Doktors Befehl. Die Baronin tat ihre Arbeit weiter. Sie, die Offiziersfrau, durfte doch nicht schlapp machen zu einer Zeit, da man täglich von neuen Streiks hörte, Streiks sogar in den Munitionsfabriken. Roselin mußte täglich neue Listen ersinnen, damit die Mutter nicht bemerkte, wie das ihr zukommende Nahrungsquantum durch Roselins Butteranteil verbessert wurde. Immer mußte sie auf der Hut sein, daß die auf Krankenmarken der Mutter gewährte Milch nicht etwa ihrem eigenen Kornkaffee zugute kam. 202 Im November schrieb Roselin verzweifelt an Stephanie. Als Stephanie in Berlin eintraf, läuteten die Glocken. Es galt keinem Siege. Es galt der Trauer um Kaiser Franz Joseph. Trotz des Glückes, die Tochter wiederzusehen, und trotzdem ihre Kräfte zusehends abnahmen, kam die Baronin immer wieder auf diesen Verlust. »Er war die Treue in Person,« sagte sie kummervoll. »Auf ihn wäre Verlaß gewesen bis zum letzten. Wäre nur nicht Zita! Sie ist französisch innerlich geblieben! Ach, Deutschland,« sagte sie. »Armes Deutschland!« Vierzehn Tage später war die Baronin Weddingstedt nicht mehr. – Junge Soldaten, zu Krüppeln geworden, Bräute, Frauen, die ihr Liebstes im Felde verloren hatten, Mütter, die um ihr Liebstes zitterten, einsame alte Weiblein standen am Grabe mit Roselin und Stephanie und weinten mit ihnen, wie man um eine Mutter weint. – Hohe Militärs, die auf Urlaub waren, Regimentskameraden des Vaters, Freunde aus früheren Zeiten sagten zu den Schwestern: »In Ihrem Elternhause waren wir gut!« – – Dann war dieser graue Dezembertag völlig verblichen. Stephanie und Roselin saßen zusammen Hand in Hand unter dem Bismarckbild gegenüber dem Gemälde der Mutter über Vaters Schreibtisch. Jung war sie auf dem Bilde, strahlend. 203 Es hätte des roten Reitfracks nicht bedurft. Auch das schlichteste Kleid wäre von ihr durchsonnt worden. Und wie ihre Töchter verweint zu ihr aufsahen, schien es, als ob von jenen Augen Kraft und Bereitschaft in sie einströmten. »Du hast natürlich nicht Zeit, Stephanie, mir hier beim Auflösen zu helfen. Ich mache das schon allein und ganz ordentlich. Und wenn alles fertig ist« – Roselin sank einen Augenblick zusammen, als seien die mühe- und schmerzvollen Wochen vor dem »Alles-Fertig« bereits vollbracht – »dann stelle ich mich zur Verfügung in einem Frontlazarett.« Roselins Stimme kam fest und klingend, und sie saß so aufgerichtet und bereit, wie die Baronin Weddingstedt zu sitzen pflegte. 204   Roselin hatte gedacht, sie würde nach dem Westen kommen. Aber fürs erste hieß das Ziel: Lemberg. Und es war auch kein Frontlazarett, sondern ein Soldatenerholungsheim. Gut. – Nur hinaus! Tauglichkeitsuntersuchung, Einkleidung, Besorgung der Militärpapiere, alles erledigte sich eigentümlich traumhaft und doch geordnet und völlig deutlich. Roselin war jetzt Soldat, eingereiht in die Gruppe der Tausende, die nichts mehr zu fragen und zu fordern, aber auch nichts mehr zu sorgen hatten. Aus unsichtbaren Quellen strömten Befehle. Um das Morgen brauchte man sich nicht zu kümmern. Das Heute war lebendig und die heutige Pflicht, und das genügte. ›Väterchen,‹ dachte Roselin stolz und liebevoll, ›wie ich dich jetzt verstehe in deiner Art. Jetzt werde ich erst deine Tochter!‹ Wie gut es war, dem Nachdenken über das eigene Ich enthoben zu sein. Nur dem Dienst zu leben und in steter Bereitschaft. Das Lazarett war auch Dienst gewesen, harter Dienst, gewiß. Aber es blieb doch immer die traute Umgebung der Stadt, der Menschen. Es blieb das abendliche Nachhausekommen zur Mutter. Jetzt stand das ganz Neue bereit, das Fremde und vollkommen Verhüllte. 205 Roselin fuhr mit dem Militärzug. Die einzige Frau unter Hunderten von Soldaten, im Offiziersabteil, allein, noch immer ein wenig fremd sich selber in der neuen Tracht, der weißen Haube mit dem lichtblauen Bandstreifen und in schwarzer Seide. Im Dienst würde sie wieder einfache Schwesternkleider tragen. Um Mitternacht waren sie abgefahren. Wann – wie würde sie wiederkehren? Man fuhr über Breslau, Oderberg, vernebeltes Weideland, Hügelland, später Gebirge am fernen Horizont. Auf den Gipfeln Schnee? – Nein, Vollmond. Die Beskiden. Am folgenden Tag mehrten sich die Anzeichen, daß es »hinausging«: Drahtverhaue, Schützengräben, verlassene Unterstände. Einfach zusammengenagelte Holzkreuze: Soldatengräber. Im rasenden Fluge ging es nach Krakau, Tarnow, Przemysl. Überall vorbei an Zerstörungsspuren. Dazu fremde Menschen, bunte Trachten, fremde Laute. Allein der Zug war wie eine fahrende Insel Heimat. Nun Lemberg. Spät am Abend. Der Bahnhof wimmelte wie ein aufgestörter Ameisenhaufen: Soldaten, Soldaten, Soldaten! Roselin sollte abgeholt werden, aber ein Zufall verhinderte es. So, zum ersten Male im Leben ganz auf sich gestellt, fühlt sie die psychische Angst, unter der sie so viel gelitten hat, von sich fortsinken. Sie ist doch Soldatenkind. Sie ist selber Soldat. Sie erinnert sich an ein paar polnische Worte der 206 Erntearbeiter aus Moorwitten. Sie weiß kaum ihre Bedeutung: Prosze Pani – Bitte, Herr – und Psia Krew – Hundeblut. Die Höflichkeitsform und das wilde Schimpfwort tun Wunder. Der Fiakerkutscher verlangt zwar das Zehnfache, aber er liefert sie doch sicher ab gegen Mitternacht im Offiziersheim. Die Oberin, eine schöne, schlanke Blondine, jeder Zoll die große Dame, ist untröstlich über das Versehen, zärtlich, mütterlich. Roselin erlebt sie am anderen Morgen mit einer Schwester bürgerlicher Abkunft, sehr adlig, sehr kühl. ›Auch hier,‹ denkt Roselin, ›auch hier!‹ Etwas in ihr wird steif und zurückhaltend gegen die Liebenswürdigkeit der Oberin wie gegen die Schwestern, die sie auf Du zu Du gewissermaßen aufgenommen haben. Es sind fast alles alte Namen, die Roselin geläufig sind. Persönlich kennt sie niemanden. Das Heim ist Offiziershotel, von formeller Kühle durchweht. Heim? – Manche Offiziere wohnen ständig hier. Manche sind nur Tischgäste. Alle Kellner, alles Personal sind Soldaten. Die gröbsten Arbeiten werden von gefangenen Russen verrichtet. Wenn Roselin zufällig an einem vorübergeht, kommt sie in Versuchung, ihm den Kopf zu krauen. Ob es gefährlich wäre? Aber diese demütigen, ratlosen Tieraugen ergreifen sie jedesmal. Vielleicht war es ihr leichtes Sich-Zurückhalten, als Frau Oberin sie am ersten Abend auf verschiedene Verwandtschaften ansprach. Vielleicht 207 auch, weil wirklich seit einem Monat eine Kassenschwester fehlte und sich jeder sträubte, sie zu ersetzen. Die Kassenverhältnisse waren verzweifelt. Großer Gott, Roselin! Daß sie nie ein Kassenbuch in Händen gehabt hatte, zählte wenig. Vorläufig wußte sie gar nicht, daß es so etwas in der Welt gab. Aber die Rechenstunden bei Fräulein Wegner in Berlin fielen ihr ein. Hier würde keine barmherzige Maria Krüger das Heft zum Abschreiben hinschieben können! Aber Frau Oberin konnte so eine Art haben: »Schwester Roselin, Sie werden also – – Und hier ist der Geldschrank. Es wird um einige Tausend nicht stimmen. Nun, Sie werden ja Ordnung hineinbringen. Natürlich werden Sie außer mit deutschem und österreichischem Gelde noch mit Leï rechnen müssen.« Auch der Verkaufsraum wird Roselin unterstellt. Am Abend hat sie dann mit den Kellnern abzurechnen. Roselin lebt nur in Zahlen. Sie träumt nur von Zahlen. Dann kommen die Typhus- und Choleraimpfungen dazu. Eines Morgens ist sie so im Fieber, daß sie bei der Andacht nicht weiß, daß sie das Buch verkehrt hält. Aber nach dem Gebet fängt sie doch irgend jemand auf, und zum ersten Male bemerkt Frau Oberin ihre Überlastung. »Schwester Roselin schläft wohl zu wenig?« Roselin denkt: ›Jetzt bin ich wieder einmal dicht am Rande der letzten Tischplatte. Diesmal darf es nicht sein. Bin ich nicht Vaters Tochter? Alles 208 wäre aus, wenn man mich zurückschickte. Und hat es früher um ein paar Tausende nicht gestimmt, so kann ich's nicht ändern, daß jetzt ein paar Hundert nicht in Ordnung sind! Punktum!‹ Sie lacht. Sie nimmt sich beim Kopf; den sie irgendwie sich selbst gegenüber erblickt, wie eine Rechenmaschine, schwarze und weiße Kugeln daran aufgereiht. Nun wird sie sich nicht mehr stören lassen von den Schwestern, die sich ihr kleines Büro als Plauder- und Klatschzimmer ausersehen haben. Und auch das ewige Kommen und Gehen soll sie nicht mehr betreffen. Was macht es ihr aus, wenn die Oberin die Provianteinkäufe mit den Juden hier abschließt oder die alte Exzellenz, Vorstandsdame vom Schwesternerholungsheim, täglich ein Stündchen bei ihr sich niederläßt, um mit den Schwestern Familienbeziehungen zu entwirren. Der Gotha spielt eine große Rolle. Natürlich sind sie alle irgendwie miteinander verwandt, auch mit Roselin. Sie gibt es lachend zu. Hand an der gedachten Mütze, die andere an der Hosennaht, schnarrt sie eilig ein paar Äste samt Verzweigungen ihres Stammbaums herunter. Ob es ihr einmal glücken wird, die Menschen zu überzeugen, daß ihr Hirn nicht auf adlige Verwandtschaftsbeziehungen, sondern auf Zahlen sich einstellen muß, bleibt fraglich. Trotz aller Tapferkeit erkennt eines Tages beim Impfen der Stabsarzt Roselins Übermüdung. »Schicken wir Sie auf Urlaub, Schwester?« Er 209 sieht sie nachdenklich an. Seine Stimme klingt nicht sachlich, sondern persönlich. »Nein, oh, bitte. Aber ins Soldatenheim nebenan.« – Am nächsten Tag ist Roselin versetzt. Hätte sie sich nicht Tränen in jeder Form verboten, jetzt würde sie weinen vor Freude. Das Soldatenheim, ein großer, etwas düstrer Saal – eine frühere Bank – ist zwar noch immer nicht das, was Roselin sich darunter vorgestellt hatte: eine Zufluchtsstätte der aus Heimat, Beruf und Familie herausgerissenen Soldaten. Es geht vor allem um die Atzung. Um ganz wenig Geld können sich die Soldaten, durchreisende, wie auch die in Lemberg stationierten, kräftigeres und besseres Essen kaufen, als was sie täglich aus ihrer Feldküche erhalten. Abwechslung tut ihnen so gut. Hunger haben Soldaten immer. Die Schwestern haben alle Hände voll zu tun: Brote streichen, Kaffee ausschenken, Tabak und Zigaretten verkaufen. Es ist nicht so einfach, wie es klingt. Aber gerade das ist herrlich! Und wie es auch wäre, es wäre doch immer Paradies gegen die Rechenmaschinen, die Kassenbücher und den Geldschrank. Vor Roselins Verkaufstisch drängen sich Deutsche und Österreicher. Alle wollen zuerst »dran«. Roselin muß einen sehr energischen Ton anwenden, wenn sie ruft: »Bitte, der Reihe nach!« »Wie zu Hause,« sagt jemand. »Da müssen die Frauen jetzt auch anstehen, bei der Milch und bei 210 der Butter.« Manche lachen und mancher Gesicht wird wehmütig und sehnsüchtig. Und wenn Roselin dann mit dem Betreffenden spricht, so ist seine Stimme sanft oder rauh, je nachdem wie hoch ihm die Rührung in der Kehle steht. Und sie versucht ein behutsames Wort nach Frau oder Kind oder Mutter. Die Ordonnanzen, bei denen die warmen Essen bestellt werden, rufen während der ganzen Zeit Roselin Bestellungen zu. Sie ruft sie weiter in die Küche und nimmt die »Bons« in Empfang: »Zehnmal Mittagskost. Zwanzig Eier. Zwei Kaffee. Fünf Sauerbrunnen.« Während sie zur Küche hinunterruft, bückt sie sich nach den Gläsern. Es fehlt aber eins, und sie muß zu dem Russen, der abwäscht, hinüberrufen: »Simeon, stakanij, skoro! – Gläser, schnell!« Und jetzt, schon wieder bei den Zigaretten, versucht sie mit Mühe einem Österreicher klarzumachen, daß sie kein Kleingeld zum Herausgeben mehr hat. Der Österreicher aber, irgendwie tief gekränkt, kann nicht verstehen. Bis Roselin, kurz entschlossen, sich die vier Heller aus seiner gehäkelten Börse selbst herausholt. »Küß die Hand! Küß die Hand!« Ein Deutscher, der Papiermark in Kronen umgetauscht haben will, legt drei Mark zu viel hin, die Roselin ihm zurückgibt. »Nu, da hätt ich mich aber bald ordentlich besch . . .« erschreckt er sich. Roselin schlägt mit der kleinen Faust auf den Tisch. »Ich verbitte mir so ein Wort. Das gehört nicht hierher. Entschuldigen Sie sich sofort!« 211 Der Feldgraue starrt sie ratlos an. Die anderen stehen ebenso hilflos erstaunt. Etliche betrachten mit verschämtem Lachen ihre Fußspitzen, »'s ist halt so im Feld, Schwester Roselin,« sagt ein Korporal. »Das müssen Sie nicht übelnehmen. Da denkt sich keiner was dabei.« Roselin beruhigt sich wieder. Sie lacht mit. Sie nimmt die täppisch dargebotene Hand des Übeltäters. Sie wird sich noch an mancherlei Worte gewöhnen müssen. »Verludern,« fällt ihr ein. Sie wird rot sekundenlang. Aber sie hat keine Zeit zu Erinnerungen. »Fräulein, eine Schachtel zu 70!« »Schwester heißt's,« korrigiert sie und wirft das Geld in den Schubkasten. Ja, nun ist Roselin eigentlich Verkäuferin und Kellnerin. Aber doch, scheint ihr, ist Dienst am Innern dabei. Die Soldaten sind so dankbar, mit einer deutschen Frau reden zu dürfen. Besonders in Tagen der Erregung. Zum Beispiel, als nach Stochod im April 1917 zahllose gefangene Russen in Lemberg eintrafen. Die Russenfront war mürbe wie ein Sieb. »Schwesterchen, jetzt haben Sie hier am längsten hinter der Theke gesessen!« »Schwester Roselin, jetzt fängt der Tanz noch einmal gründlich an. Aber das wird Kehraus. Das wird Schluß mit bengalischer Beleuchtung. Da nehmen Sie mein Wort drauf!« »Wieviel Divisionen haben wir denn eigentlich hier? – Hoch in die siebenundsiebenzig. – Junge, Junge! Na, denn man zu!« 212 »Was soll man denken von der Obersten Heeresleitung?! Oder steckt die Reichsregierung dahinter? Was kann es bedeuten, daß die Divisionen aus dem Westen hergeschickt werden, anstatt die von Osten dorthin geworfen?« So schwirrt es um Roselin. Daß die Soldaten anders mit ihr sprechen, wie mit ihren Frauen, Müttern, Schwestern, mit ihren Mädeln daheim – das weiß Roselin nicht. Sie merkt nicht, daß sie mit ihr gewissermaßen immer die – äußerlich längst dahingegangene Sonntagsmontur anziehen. Hände waschen. Stramm stehen. Vieles verstecken und verschließen vor ihr. Nicht nur Brutales. Nicht nur Unsauberes. Das Wichtigste manchmal. Das Blutende. Das Knirschende. Das wilde Schlucken und das ganz große Einfache, Notwendige. Vor so einem feinen kleinen Ding – so einem Prinzeßchen aus Glas? – Nee – du! Der Saal, in dessen Hintergrund ihr Verkaufstischchen steht, ist düster. Das Milchglasfenster läßt nicht ahnen, ob draußen Himmel ist. ›Wie würde Mutter beglückt sein,‹ denkt Roselin. ›Jetzt hab ich wirklich die Blumen entdeckt. Alle Sonnenfülle und Schönheit und den ganzen erlösenden Zauber, der in einem Blumenstrauß liegt, kenne ich jetzt!‹ Immer stellte sie einen Strauß auf ihre Anrichte. Mit weißen und blauen Anemonen begann es. Jetzt waren zarte gelbe Waldtulpen und ihre vornehmen, kultivierten Schwestern an der Reihe. 213 Das war wie Garten, wie Feld, Wald und Freiheit. Auch die Soldaten freuten sich daran. Und hing einer gar zu lange und verloren mit dem Blick an dem Strauß, so zog Roselin behutsam eine der schönsten Blüten heraus und half den ungeschickten Fingern, sie an den grauen Rock nesteln. Lemberg war eine wunderbare Stadt! Märchenhaft waren die Gärten, die alten Parks, die Paläste und die Kirchen. Roselin hatte nun auch Freizeiten und durfte hinaus. Wenn Feiertag war, wogte es wie ein ungeheures Blumenbeet unzähliger Farben um die Kirchen von Männern und Frauen in Trachten. Roselin war ja so klein. Sie schlüpfte durch das Gedränge wie ein Mäuschen. Von den Emporen schwebte klar ein lieblicher A-capella -Gesang. Und diese Kerzen! Diese Kerzen! Der Marienaltar in einem Kranz rosenfarben glühender Lämpchen. Waren es auch Blutstropfen? Ganz helle. Taubenblut! Roselin eilte von einer Kirche zur anderen. Wie viele es gab! Und jede einzige überfüllt. Und wenn sie nach einer Weile heraustrat aus dem weihrauchduftenden Dämmer, in dem sie jedesmal Gott ebenso erfühlte, wie in ihren Kirchen daheim, und wenn sie ins blendende Sonnenlicht eintauchte, das von diesem unsäglich blauen Himmel herunterstürzte, immer schien die Luft zu beben vom Flügelschlag tausend und tausender Glocken. – – – Die Tage verfliegen. Als ob ein guter Zauber das Herz berührt, schweigt die Sehnsucht nach den 214 Geliebtesten. Kaum daß Roselin Zeit hat, sich in Stephanies und Axels Glück des Zusammenseins zu versenken. Axel ist wieder verwundet, nicht gefährlich: Lungenschuß. Stephanie darf ihn pflegen. Und, o Freude! Stephanie erwartet ein Kindchen! Aber dies alles liegt so weit. Man grüßt es liebend aus der Ferne und entläßt es wieder. So vieles, täglich neues, fremdes Erleben will mitgetragen werden. Das eigne tritt zurück, stumm, willig. Dem furchtbaren, zerrüttenden Warten der Heimat, ihrem Stillehalten mit gebundenen Händen ist man enthoben. Aber hier ist neue Heimat, andere, beglückende Heimat! Wie sie für Roselin einmal begann in der Ackerstraße. Dort war die kleine Quelle. Sie versiegte schnell für sie. Aber hier ist der Strom. Und die kleine verlassene Quelle, die sich überall hin versprengte, schickt Grüße. Viele der Jungens, auch Dr. Engelmann, sind in Litauen, Dr. Reichmann und Karlchen an der Front im Balkan. Man muß Zeit finden und findet sie auch, manchmal mitten in der Nacht – dem, jenem ein Wort zu schicken, einen Gruß. Verschiedene waren schon schwer verwundet, die meisten leicht. Vier sind schon gefallen. Liebe, liebe Kerls! Bei dem einen hat Dr. Reichmann ein Lesezeichen von Roselin in einem Säckchen über der Totenmarke gefunden. Dr. Engelmann liegt zurzeit in einem Lazarett. Roselin ist nicht an der Front, aber doch ganz nahe. Wie viele, denen sie begegnet, sind in ein 215 paar Stunden vorn in den Gräben! Aber jetzt sitzen sie plaudernd hier bei ihr im Heim, lachen, lesen, schreiben. Von Kampf und Tod wird nie gesprochen. Wie nahe der Kampf und der Tod ist, erfährt Roselin eines Tages, als früh ein Soldat aus dem vordersten Graben ihr einen Armvoll Margueriten mitbringt. Als er am Abend den Graben wieder betrat – – ein Kamerad erzählt es Roselin. Er erzählte nicht viel von dem armen zerfetzten Leibe. – – – Am nächsten Freitag besucht Roselin den Soldatenfriedhof. Im Vorort Lyzakow liegen die Gräber der Deutschen und Österreicher. Nicht allzu viele. Aber dann hügelan: Kreuz an Kreuz. Auf jedem zehn Namen. Das sind die 140 000 in der Schlacht bei Lemberg gefallenen Russen. Und Roselin denkt an den Stochod vor wenigen Wochen, an die Rokitno-Sümpfe, an Tannenberg und die Masurischen Seen. – Was ist der russische Mensch? Er ist wie das Gras der Steppe. Er wächst und vergeht. Man zählt ihn nicht. Wie man das Gras der Steppe nicht zählt. – ›Aber was nun?‹ Roselin legt die Spitzen der Finger an ihre Schläfen. ›Nun will dieser Koloß, Rußland, erwachen! Die Steppe will erwachen!‹ – Sechs Wochen sind vergangen seit der Abdankung des Zaren. Wo ist er? Wo ist die Zarin Alexandra? Die ihn so abgöttisch liebte, und die das Volk so gehaßt hat? Wo ist der Zarewitsch? Der arme kleine Bluter? Die Großfürstinnen, die 216 so wenig, ach, so wenig an Freude genossen in ihrem eingesperrten Leben? Dieses Herrscherpaar war nicht grausam. Kann Schwäche Schuld werden? Mangel an Einsicht? – Roselin denkt an das furchtbare Geheimnis Rasputin, dem die beiden sich auslieferten. Und plötzlich hört sie wieder den Legationssekretär, wie er von der Ahnfrau einer russischen Fürstin spricht, der sie oft am Hofe begegnet ist: sie nahm die Arme ihrer leibeignen Mädchen als Nadelkissen! – Roselin schaudert. ›Die großen Zusammenhänge,‹ denkt sie. ›Keine Tat gibt es auf Erden, die ohne Folge bliebe! Keine!‹ In den nächsten Tagen kommt eine neue Oberschwester in das Soldatenheim. Eine braune, jugendliche Dreißigerin, von einem märkischen Majorat. Sie ist ein bißchen kurz und geradezu. Gegen Roselin ist sie sanft wie ein Lamm. Sie läßt sie nicht immer hinter der Theke. Es gibt auch anderes. Briefe zum Beispiel. Wenn sie ausgeteilt werden, dann leuchten die Augen auf. Aber wenn Oberschwester und Roselin dann im Vorbeigehen einen schnellen, heimlichen Blick auf die Lesenden tun, geschieht es doch meist, daß sich eine von ihnen in der Nähe etwas zu schaffen macht oder auch schnell fragt, gerade heraus und mit rauhem Herzton die Oberschwester, schüchtern und bittend Roselin. Da ist es meist dasselbe: die Markenmilch reicht nicht hin und nicht her. 217 Die Bauern wollen nichts mehr für teures Geld geben, wenn man sich auch die Füße kaputt gelaufen hat nach ein paar Eiern, einem bißchen Schmalz. Sie wollen nur noch tauschen für Stoff, Schuhe, Wirtschaftssachen. Die Brotration ist wieder kleiner geworden, und bald ist es nur noch Kartoffelbrei, das Brot. Zucker – du lieber Gott – da kann man kaum noch ein Viertelpfund bekommen auf die Woche. Wenn's noch mal eine Tasse Bohnenkaffee gäb zur Aufmunterung! Den kann man doch nicht mehr erschwingen. Und wenn erst der Winter kommt, und wieder kein Gas und keine Kohlen! Und in die Schrebergärten brechen sie ein und stehlen die Kohlköpfe, die so schön prall standen. Und der Nachbar hat wieder schwarzgeschlachtet! Anzeigen will man ihn ja nicht – so gemein ist man nicht; aber daß er nicht ein Stückchen Speck verkauft! Oder eine Wurst! Die verzehren eben alles alleine. Der Sohn verdient schweres Geld, der geht in die Munition, und die Tochter – woher die die seinen Sachen hat, da fragt man lieber nicht nach. Und das Mariechen kriegt auch die englische Krankheit, sagt der Doktor, weil eben alles fehlt, und der Paul, der piepelt auch immer. Werden sie nicht endlich bald Frieden machen? – Von den paar Pfennigen Löhnung von der Front her kann der Mann natürlich nichts an die Familie schicken. Und von was denn leben? Und in die guten Stellen setzen sich die Jungen und hohnnippeln auf die draußen. Und – und – – 218 Ja, Briefe! Aber es sind doch auch so wunderbare Briefe darunter. Von all den Frauen, die ihren Dienst tun hinter der Front, wie die Männer draußen. Die meisten dieser Briefe sind ungeschickt, ein paar hölzerne Sätzchen voll vieler Fehler; aber wie viel Liebe, Mut und Ausdauer ist darin beschlossen. Sie gehen hinter dem Pflug, die Frauen, und verwalten das Haus: sie stehen hinter dem Ladentisch, hinter Pult und Billettschalter, sind Briefträger, Postschaffner, Milchkutscher und führen elektrische Bahnen. ›Ach, herrliche Frauen,‹ denkt Roselin, wie sie sie im besten Staat, ein wenig steif und mit dem Photographiergesicht auf den Bildern sieht. Die Kinder sind schon alle ein bißchen dünn geworden. Und wie es Roselin scheint, haben sie bereits einen anderen Ausdruck in den Gesichtern. Die holde Unbefangenheit ist schon umgewandelt in irgendein verantwortliches Kindfremdes. ›Wie anders als wir,‹ denkt Roselin, ›ach wie anders! Gott behüte sie. Diese Jugend wird es schwer haben. Aber Gott wird Ersatz wissen. Mit der einen Hand nimmt er, und mit der andern gibt er. Es ist nichts allein gut auf Erden und nichts allein schlecht. So ist es – Bob hat wohl recht, und Dr. Engelmann hat auch recht. Ach, wo ist mein armer Bob?‹ – »'s hat einer gefragt nach Ihna, Schwester Roselin,« sagt eines Mittags die Ordonnanz, die sie alle Seppl nennen, und kann den Mund nicht größer aufreißen vor Vergnügen. »Wer denn?« 219 Roselin ist tief in Gedanken. »Waß i net,« sagt der Seppl. »A klan's Büberl halt! Aus Berlin!« Roselin geht schnell durch die Tür. – »Aus Berlin? A klan's Büberl –?« Und – »Karlchen!« schreit Roselin. »Ist's denn wahrhaftig wahr? Karlchen, wo kommst du denn her?« – Roselin hat völlig vergessen, daß sie einmal zu den Jungens in der Ackerstraße »Sie« sagen sollte. Es war ja auch nur für den Anfang damals nötig. Sie hat Karlchen beide Hände auf die Schultern gelegt. Karlchen steht stramm. Grinst über das ganze Gesicht. Hat die Augen voll Wasser und beschwört mindestens zehnmal, er sei's wahrhaftig. Er ist jetzt in Lemberg, hat Urlaub bis zum Abend. Eben kommt sein Leutnant. Bestätigt ein klein wenig von oben herab, begrüßt Roselin höflich, aber fremd. Karlchen bekommt ein anderes Gesicht, während der Leutnant dabeisteht. Karlchen muß Kaffee trinken, muß erzählen. Sie wissen beide nicht, wie es gekommen ist, daß Roselin plötzlich das lange kasernenmäßige Haus auf dem Berge, das Waisenhaus, vor sich sieht, in dem Karlchen erzogen wurde. Er war das uneheliche Kind einer Waschfrau. Aber seine Mutter war gut. Er beteuert das. Jedesmal hat sie geweint und ihm etwas mitgebracht, wenn sie ihn besucht hat: Apfel, ein Stück Streußelkuchen. Sie hat es auf der Lunge gehabt. Zu Karlchens siebentem Geburtstag ist sie das letzte Mal gekommen. 220 Der Waisenvater und die Lehrer waren ganz gut. Bloß . . . »Früher hat man das gar nicht so gewußt, was einem gefehlt hat,« sagt Karlchen. »Nicht gewußt, wie's heißt. Bei Dr. Reichmann fing's an. Aber wie dann die Baronesse – wie unsre Schwester Roselin die paarmal bei uns war, da war's ja mit einmal klar, was immer gefehlt hat: die kleine Schwester hat gefehlt, die man hätt' über die Gosse gehoben, damit sie sich die feinen Sonntagsschuhchen nicht naß macht. Und dann war's wieder wie die Mutter, wo man hätte den Kopf in die Schürze verstecken können und mal können heulen, und hätt' können fragen so viel und bitten: sei nicht mehr böse, Mutterle, wenn man was ausgefressen hatte. Ja,« sagt Karlchen betont, »das hab ich alles erst gewußt seit dem Tage in der Ackerstraße, wo Schwester Roselin uns von Garba erzählt hat, wo der große Bund war!« Und plötzlich steckt Karlchen die Zunge zwischen Kinnbacken und Unterkiefer und spricht wie Exzellenz Zampel und verschluckt sich fast vor Lachen. »Ach,« sagt Karlchen, »ach!« Er seufzt aus Herzensgrund. »Nee, was bin ich mordsvergnügt.« Nachher näht ihm Roselin einen Knopf an seinen Uniformrock. Er sieht ihr strahlend zu. Eigentlich kann er's viel besser selber. Aber den Knopf, nein, wirklich, den könnt er gleich küssen. – – Als es dann eines Tages heißt, das Heim ist arg voll, die Schwestern müssen zum Schlafen ausquartiert werden, hat Roselin nur einen 221 Gedanken: ›Werd ich mich früh nicht verschlafen?‹ – Aber da ist doch Karlchen. Jeden Morgen um dreiviertel sechs läuft er durch ganz Lemberg, trappst mit seinen schweren Stiefeln die Holzstiege hinauf zu dem Stübchen, das Roselin bei einem alten Fräulein bewohnt, und pocht so lange, bis sie wirklich hell wach ist: »Ja, Karlchen! Guten Morgen!« – Und tritt sie dann heraus zum Dienst, liegt sicher ein Sträußchen auf ihrer Schwelle oder doch wenigstens eine Sonnenblume. – Die Tage sind randvoll. Jetzt ist neben Karlchen Karlchens Herr Roselins besonderer Schützling. Er ist nicht mehr von oben herab, kühl, fremd und höflich. Er geht mit verstörten Augen umher. Seine Frau hat ihm geschrieben, eine Kriegstrauung wäre eben immer riskant. Man hätte sich doch nicht genügend gekannt. Er sollte es sich nicht zu Herzen nehmen: für sie wäre jetzt erst der Rechte gekommen, und er fände ja zehnmal eine andere. – Roselin hat ihre Scheu überwunden. Immer wieder hat sie mit dem jungen Menschen durchgesprochen, daß alle Unbegreiflichkeiten des Schicksals wohl doch in einem höheren Willen beschlossen sind, und daß der Mensch unfrei ist dem Schicksal gegenüber, daß er aber frei ist, sich selber durch das Schicksal zu gestalten. Ja, es gab viel Unbegreifliches zu entwirren. Und wenn etwas sich wirklich gar nicht entwirren ließ – nun – dann faßte Roselin eben ihr ganzes Herz in ihre Hände und reichte es dar. 222 Dann plötzlich eines Tages: Winter, und man hört von den furchtbaren Kämpfen um den Vulkanpaß, den Roten-Turmpaß. Dazwischen wilde Nachrichten aus der Walachei. Dort brennt das ganze Land. Das Getreide in den Scheunen geht auf in Feuergarben. Ganze Dörfer brennen. Die Bohrtürme stoßen ihre schwarzen Rauchsäulen in den flammenden Himmel. Das Petroleum bricht aus den Behältern und fließt in brennenden Strömen. Der Rumäne hat auf Befehl seiner Verbündeten sein eigenes Land in Flammen gesteckt. Das Thermometer bewegt sich immer zwischen 10 und 20 Grad unter Null, und die Truppen sind nicht eingerichtet für Winteraufenthalt im Gebirge. Aber dann am 5. Dezember endlich die Erlösung und der Jubel: Mackensen hat Bukarest genommen! Noch vor Weihnachten kommt Befehl ins Heim: Aufpacken! Nach Rumänien hinein! 223   In Schnee und Kälte beaufsichtigen die Schwestern die Verladung der Heimmöbel und Kisten auf dem Bahnhof. Früher hätte Roselin Halsentzündung, Lungenentzündung oder mindestens einen völligen Zusammenbruch der Kräfte durch diese Strapazen davongetragen. Jetzt macht sie es mit einem kurzen, unmenschlichen Schnupfen ab. Viel schwerer als der Aufbruch ist der Abschied. Viele, viele in Heim und Lazarett machen ihn so bitter schwer. Ganz auseinander ist Karlchen. Dann stürzt sich die Reise mit tausend neuen Eindrücken über Roselin und ihre Gefährtin. Sie sind nach Bukarest befohlen. Was weiter wird, ist noch verhüllt. In der großen, neu errichteten Heimzentrale wird sich alles herausstellen. In Bukarest erfahren sie, daß sie nicht die einzig Wartenden sind. Außer den erst kürzlich dort stationierten Schwestern sind noch viele im Heim anwesend, die ebenfalls weiterversandt werden sollen. Die Mittagstafel ist endlos. Alle Dialekte schwirren. Man glaubt sich in einem Riesenpensionat. Auch der Ton ist ähnlich. Das Heim ist viel größer als das Lemberger. Im Erdgeschoß liegen Speise- und Verkaufsräume für die Soldaten. Im ersten Stock Heimverwaltung und Geschäftsräume, Speisezimmer, Gesellschaftszimmer, Andachtsraum, Wirtschafts- und 224 Lagerraum und Küche. Im zweiten Stock die Schwesternzimmer. Im dritten die der Ordonnanzen, der Gefangenen, allen Personals. Der Lift ist immer im Gang. Roselin und Schwester Helga, das ist der »Feldwebel«, Roselins bisherige Oberschwester und Freundin, bitten um Arbeit. Sie tun an der Ausgabe stundenweise Dienst. Hier ist ein Heim nötig, in der Tat! Die Soldaten müßten sich in ihren Urlaubsstunden sonst herumtreiben und fänden zuerst die üblen Lokale. ›Bukarest – Klein-Paris,‹ nannte es Onkel Reginald, der als Diplomat dort war – und hob die Augenbrauen sehr hoch dabei. Wenn Schwester Helga und Roselin ausgehen, finden sie immer neue Zeichen dafür, daß man versucht hat, abendländische Kultur der rumänischen Hauptstadt aufzupfropfen. Aber es geschah nicht durch einen so grandiosen Geist wie der Peters des Großen, als er den russischen Morast zwang, seine Hauptstadt zu tragen. Und da es hier ohne Sinn für das Wesen des Westens geschah, so blieb es bei reinen Äußerlichkeiten, die das Vorhandene schädigten. Parvenühaft, protzig wirken die großen Gebäude, an denen man den schönen rumänischen Stil, dem maurischen ähnlich, durch vielfach neuwilhelminische Bauart verdrängt hat. Dann tritt man aus der elegantesten Geschäftsstraße plötzlich in ein schwimmend schmutziges dörfliches Viertel, wo Schweine und Gänse herumlaufen. 225 Gut, daß es die Wagen mit den kleinen flinken Pferdchen gibt. Immer geduldig, zufrieden und hurtig, mit freundlichen Kindergesichtern, kurzen festen Beinchen, seidigem Struppelfell, rutschen sie zehnmal aus auf der glatten Straße, fallen, springen gleich wieder auf wie kleine Buben, die es nicht weit zur Erde haben. Am Morgen von Heiligabend gibt es eine Überraschung: Gerade als Roselin mit einer Schüssel heißen Wassers herunterkommt – die Heimräume werden geputzt fürs Fest – mein Gott – Karlchen?! Karlchen nimmt Roselin die Schüssel ab, ehe sie sie fallen läßt. Er sieht Roselin nur an. Er sagt kein Wort. Roselin schafft ihn hinauf zur Oberschwester, die ganz runde Augen bekommt und auch nichts weiter sagen kann als: »Aber, Karlchen!« »Wollt bei Schwester Roselin, wollt bei meinen lieben Schwestern Weihnachten feiern,« sagt er. »Urlaub?« »Nein!« – »Wie bist denn hergekommen?« Karlchen lacht pfiffig. »Droben auf dem Bahnwagen!« »Guter Gott, Junge, das gibt doch Arrest!« »Weiß ich,« sagt er gleichmütig. Aber seine Augen strahlen. Am Abend feiert er wirklich zwischen Roselin und Schwester Helga sitzend im Bukarester Heim Weihnachten, während von den unzähligen Kirchenkuppeln die Glocken dröhnen. 226 Zwei Tage später muß er nochmals bittren Abschied nehmen. Aber auch Schwester Helga und Roselin brauchen nicht länger in Bukarest zu warten. Befehl ist eingetroffen: Er lautet: Fetesti. »Wo ist das? Wie ist es dort?« – Niemand weiß. Nur eines steht fest: Steppe. 227   Ja, nun fahren sie die ganze Nacht hindurch, wachen auf, als schon die Steppe sie umgibt. Fahren noch viele Stunden: Steppe, Steppe, graue Eintönigkeit. – Hin und wieder hält der Zug. Man weiß nicht warum. Man beugt sich hinaus. Das kleine in der Steppe verlorene Gebäude war also eine Station?? Auf einer solchen steigen sie endlich aus. Eine Stadt ist nicht zu erblicken. Nicht einmal ein Dorf. Schließlich entdecken sie etwa hundert Meter hinter dem Bahngebäude ein weißes, einstöckiges, sehr anspruchsloses Haus. Als sie hinkommen, lesen sie über der Haustür: Hôtel Commercial. Es ist ein einstiges Gasthaus für Handelsleute, die nach der Dobrudscha reisten. Das Haus hat einen Eingang, d. h. eine Öffnung, aber keine Tür. Im unteren Stockwerk gibt es überhaupt keine Türen, im oberen mindestens keine Türklinken. Fensterscheiben oder Öfen? – Nein. – Hat hier Kampf gewütet? Zerschossene Fliegerunterstände hinter dem Hause lassen es vermuten. »Gelinde gesagt,« meint Roselin, »es ist ein wenig unwirtlich hier!« Nun, die Kisten sind wenigstens da. Auch Else, die Getreue aus der Küche, ist mitgekommen. Und jetzt bewillkommnen sie sechs Seppls, lauter biedere Bayern, die Bahnhofswache. In einem Raum 228 dieses Gebäudes haben sie sich Schlafkojen gebaut, kochen auf winzigen Öfchen ihr bescheidenes Essen, dreschen Skat von früh bis Abend. Auch bei ihnen sieht es ein bißchen unwirtlich aus. ›Ob sie verlaust sind?‹ Man ist auf den Füßen den ganzen Tag. In die neue Umgebung hinauszublicken, lohnt es kaum. Rechts, links, überall die graue Unendlichkeit. Aber als der Abendstern sich aus den Wolken schiebt, leuchtet er rotgold und in unsagbarer Größe. Man erschrickt fast. Ist es noch der Bethlehemstern? Auch das Abendrot ist von seltsamer Glut. Nur steht es traurig und grell über der farblosen, endlosen Steppe, aus der Nacht unaufhaltsam und beängstigend näher drängt. Es ist gut, einige Kerzen mitzuhaben. Die Seppls helfen. Sie schleppen und brechen Kisten auf, finden Bretter zum Tisch und sogar ein paar Bänke, verrammeln die Fenster, fegen, scheuern, so gut es geht. Matratzen und Decken werden ausgeschnürt, bei den Seppls wird soupiert: Erbswurst, hartes Brot, heißer Grog. Wie gut ist Müdigkeit. Schwester Helga und Roselin schlafen auf ihren Bänken wie in Abrahams Schoß. Zwei von den Seppls wachen. Und der Betlehemstern wacht über dem unwirtlichen Hause. Am nächsten Mittag hält ein Panjewagen vor der Hausöffnung ohne Tür, um die beiden Schwestern nach Fetesti-Dorf zu fahren, wo eine Schwadron Wandsbecker Husaren liegt. Dort sollen sie essen, bis sie eingerichtet sind. Das Gefährt ist offen. 229 Das Wagenbänkchen schmal wie ein Messerrücken. »He, he,« schreit der Kutscher dem dahinfliegenden Pferdchen zu, und der Weg ist holprig, wie alle Balkanwege. Eisig fegt die Luft. Sie hat so viel Meilen winterlicher Steppe ausgefegt. Trostlos suchen die Augen über das Grau hinweg nach etwas, nach irgend etwas. Und endlich ragt auf, allmählich näherkommend, ein riesenhaftes schwarzes Holzkreuz. Furchtbar in der Einsamkeit, furchtbar und unsagbar traurig inmitten von Grabhügeln, schon überwachsen vom harten Steppengras. Schwester Helga und Roselin drücken sich näher aneinander. Sie sitzen Hand in Hand. Ihre zwei andern Hände umklammern den Wagenrand. Denn der Kutscher legt seine Ehre einzig in die Schnelligkeit seines Pferdchens. »He, he, he!« Aber nun taucht wirklich das Dorf auf. Hütte an Hütte, strohgedeckt, dahinter eine Flußlandschaft. Der Fluß breit wie ein See, fast uferlos. Entdeckt man drüben zuletzt einen blassen Streifen Land – so ist's Bulgarien. Im »Kasino« werden die Schwestern liebenswürdig empfangen. Wiewohl es anfangs ein wenig steif zugeht. Roselin sitzt zwischen dem Stabsarzt und dem Kriegsgerichtsrat. Der Stabsarzt macht sie sofort auf die Fleckfiebergefahr dieses Landstrichs aufmerksam. Bis zum Kaffee serviert er Roselin Fleckfieber. Gut, daß man sich an so viele Dinge gewöhnt hat im letzten Jahr. Trotzdem ist Roselin 230 etwas erstaunt über die Unterhaltung und fühlt eine eigentümliche Bewegung in der Magengrube. Sie sieht den Arzt nie wieder. Am folgenden Morgen schon mußte er heimreisen. Zu viel ist über ihn hingegangen. Er hat Fleckfieber-Psychose. Man hatte für die beiden Schwestern in Fetesti-Dorf Quartier ausersehen, bis ihr Soldatenheim in einem möglichen Zustand für Frauen wäre. Als sie das Heim besehen, wäscht die Rumänin gerade mit dem einzigen Waschbecken des Hauses den Fußboden auf. Die gegenüberliegende Tür, wie die der danebenliegenden Häuser tragen deutsche Inschriften: »Nicht betreten. Fleckfieber!« Schwester Helga und Roselin sehen sich an und haben entschieden. Das unwirtliche Heim in der Steppe scheint vollkommner als die Panjehäuser des Dorfes. – – – Über die sechs Seppls ist der Ehrgeiz gekommen. Sie setzen Öfen, setzen Scheiben in die Fenster, schaffen Türen heran und sogar Klinken. Es dauert nicht lange, und das Heim kann eine primitive Einweihung feiern und die ersten Soldaten der täglichen Transporte verpflegen. Das Schwesternstübchen ist geradezu allerliebst geworden. Sogar die Husarenoffiziere aus Fetesti-Dorf sind der Meinung. Immer öfter finden sie sich ein. Haben allerlei Anliegen. Oder wollen auch nur plaudern und sich bewirten lassen. Am Silvesterabend, gegen Mitternacht, tritt frierend nach langer Fahrt in der offenen Karuzza 231 der Divisionspfarrer aus Calarasi herein, ein großer, blonder, knochiger Mann. »Wenn wirr hätten drübben auch Heim mit Schwestern!« sagt er. »Wärr unsern Soldaten serr nötig!« Er sieht die Schwestern gedankenvoll an. Roselin wechselt mit Schwester Helga einen Blick. Einer der Seppls hat erzählt, daß in Calarasi die Offiziere bei Gelagen mit ihren Mädels auf den Tischen tanzen. Die beiden Schwestern atmen tief auf, nicken einander zu, stecken frische, winzige Kerzchen auf den Christbaum, und der Pfarrer sitzt die halbe Nacht zwischen ihnen und ihren Soldaten, bei dünnem Heimpunsch, Ölpfannkuchen und Liedern und Spielen. Anfang Januar kommt das große Aufatmen für Ostfront und Heimat: Brest-Litowsk! Der erste Friedensschluß in diesem dreieinhalbjährigen, schweren Blutvergießen. Rußland scheidet aus als Gegner. Deutschland bekommt die Hände frei für die Westfront. Nun muß – nun muß der endgültige Sieg kommen! Eines Tages hat Roselin den Wunsch nach einem einsamen Spaziergang. »Darf ich?« Die Freundin ist doch die Vorgesetzte. Schwester Helga deutet mit der Hand hinaus, die ganze Steppe freigebig zur Verfügung stellend. »Bitte!« sagt sie etwas spitz. Durch die Steppe wandern ohne Pfad ist nicht gut. Die Steppendisteln hängen sich an Rock und Strumpf. Es gibt nur einen einzigen Weg dorthin, wo das einsame Kreuz ragt, schauerlich und düster. 232 Dort steht man und starrt in die Steppenferne, woher nichts kommt, und wo nichts geschieht. Nur Gedanken kommen. Solche Gedanken, die nicht kommen dürfen. Roselin ist bald wieder umgekehrt. »Aber der Himmel war herrlich!« triumphiert sie vor Schwester Helga. »Ja. Himmel gibt's hier genug. Darum brauchst du dir die Strümpfe nicht zu zerreißen.« Schwester Helga streichelt Roselins Backe. Sie weiß, der Spaziergang war ein Fiasko. Allerdings, die Himmel sind herrlich. Wenn die Wolken jagen, wenn der Abend durch brennende, apfelsinenfarbne, blaßgrüne und amethystene Meere schifft. Und dann nachts, wenn die unzähligen Sterne ausgestreut werden, riesig, funkelnd, flackernd. Dann denkt man: hinter der Steppe, zuletzt, kommt das Gelobte Land! Ja, aber weit ist's noch bis dahin! Weit! 233   Roselin hatte Urlaub bekommen. Vierzehn Tage. Seit sie Fetesti verließ, weiß sie erst wirklich, daß Schwester Helga ihre Freundin wurde. – Dies ist also Berlin, das sie vor einem Jahr verlassen hat? Fremd. Fremd! – Sie könnte nicht sagen, was daran geändert wäre. Aber es ist anders. – Nicht mehr so gepflegt wie früher? – Nun, das hatte doch schon lange angefangen, daß Straßen und Plätze nicht mehr förmlich glänzten vor Sauberkeit, daß die Hausfassaden im Erdgeschoß wie bepudert erschienen von Staub, daß Stullenpapiere im Tiergarten herumlagen, und viele Häuser nach frischem Anstrich schrien oder nach Verputz. Aber dies alles meint Roselin eigentlich nicht. – Sind die Gesichter anders? Roselin fährt in ein Hotel im Zentrum der Stadt, wo früher die Verwandten abzusteigen pflegten. In der verödeten und verstaubten Wohnung kann sie doch nicht gleich übernachten. Auch bangt sie ein wenig vor Erinnerungen. Die Moorwittener haben sie sehr gebeten zu kommen. Roselin weiß nicht, was dazwischensteht. Sie hat sie noch ebenso lieb wie früher. Aber vierzehn Tage dort zubringen und faulenzen? Sie hatte sich nicht einmal entschließen können, zu Stephanie zu fahren. Nicht zu ihrem liebsten, nächsten Menschen! Sie will sie wohl sehen und 234 das Kindchen. Natürlich. Nur jetzt gleich darf sie nicht hin. Solange sie allein bleibt und nicht hingegeben ist an Freundschaft und Liebe, an Wohlsein und Behagen, so lange ist sie noch jenen dort draußen verbunden, dem verbunden: dem Furchtbaren und doch zugleich so unerhört Großen. Halb gedankenlos betritt sie das alte, bekannte Hotel. Roselins Lippen kräuseln sich. Läufer auf den Treppen, Perser in der Diele, tiefe Lederfauteuils, Blattpflanzen, Blumen in Geschirren antiker Formen mit Bacchusszenen oder in schweren Bronzekübeln. Herren in Ledermänteln werden von dem galonierten Portier eingelassen. Kostbare Koffer stehen herum, beklebt mit den unzähligen Etiketts ausländischer Hotels, Damen mit starkem Parfüm in Crepe de Chine, in Seidenstrümpfen, mit polierten Nägeln, gefärbten Lippen, mit eigentümlich hohem Lachen und eigentümlichem Dialekt stehen und sitzen herum. ›Ja, so,‹ denkt Roselin, ›das ist nicht mehr der alte Landadel, der hier verkehrt. Das sind wohl die neuen Reichen, von denen »Draußen« bei uns ziemlich verächtlich gesprochen wird. Leute mit Heereslieferungen, die aus ranzigem Speck, verkommenen Fischkonserven oder Papierstoffen alle diese kostbaren Dinge für sich selber herauswirtschafteten. Es hat sich manches geändert. Man muß nur begreifen: drei Jahre und ein halbes währt jetzt der Krieg!‹ 235 Roselin geht auf ihr Zimmer. Sie wäscht sich. Sie will eigentlich ein wenig ruhen nach den vielen durchwachten und durchfahrenen Nächten. Aber sie kann nicht. Sie steht gleich wieder auf. Es leidet sie nicht im Zimmer. Das marmorne Waschbecken, das feine Bettzeug, das Mahagonibett, der Teppich, der kostbare Gobelinsessel, alles bedrängt sie. Sie möchte gern wieder ihre Schwesterntracht anlegen. Aber sie weiß, sie hat gelitten auf der langen Fahrt. Sie will niemandem das Schauspiel einer unordentlichen Schwester geben. Und sie muß an die Luft. Sie hat noch ein Kleidchen aus früherer Zeit im Koffer. Nicht modern, viel zu lang für heutige Begriffe, aber darauf kommt es jetzt nicht so viel an. Es paßt ihr noch ebensogut wie vor zwei Jahren. Und sie hat die kleine Seidenmütze mit Stickerei, von einem der Seppls zum Andenken an Fetesti. Es geht vorläufig. Man kann sich ja vielleicht einen Hut oder eine Jacke kaufen. So sehr viel teurer als früher wird es hoffentlich nicht sein. Als Roselin bei Wertheim ist, überfallen sie Erinnerungen. Wie entzückend war es, wenn man früher einen ganzen Nachmittag dort zubrachte mit Mama und Stephanie und sich eindeckte für irgendeine Reise oder vor Geburtstagen, und wenn man dann im großen Teeraum behaglich bei einem Eiskaffee saß. Jetzt konnte sie sich nicht entschließen hineinzugehen. Im weniger vornehmen Erquickungsraum, seltsam fremd und verloren zwischen schwatzenden und 236 lachenden Menschen, saß eine Anzahl Feldgrauer an den kleinen Tischen. Manche allerdings lachten auch, redeten laut, gestikulierten. Aber dieses Lachen gefiel Roselin nicht. Die meisten saßen schweigend. Mit zurückgesunkenen Augen in diesen eigentümlich fleischlosen Gesichtern starrten sie ins Leere oder auch in irgend etwas Grausiges, während sie ihren Kaffee rührten oder mit Fingern, denen es ungewöhnt erschien, einen kleinen teuren und inhaltslosen Kuchen zerbröckelten. ›Wie sonderbar,‹ dachte Roselin, ›alle die Männer und Frauen scheinen vergnügt und viele auch wohlgenährt. Wissen sie denn nicht, daß Krieg ist? Vergessen sie ganz, was im Westen und im Osten und im Süden täglich geschieht? Jede Stunde geschieht? Jetzt eben geschieht? ›Ach so,‹ dachte Roselin, wie sie dem Saal den Rücken kehrte, ›dort sitzt jetzt die höhere Kaste. Sie gehören nicht zu denen, die anstehen müssen, um nur so viel Milch zu bekommen, daß die Kinder nicht ganz zugrunde gehen. Sie haben wahrscheinlich alle ihre geheimen Verbindungen und können irgendwelche Dinge tauschen oder verkaufen. Den Steckrübenwinter habe ich hier keiner einzigen Hand angesehen, wie so vielen, mit denen ich gereist bin. Ach,‹ dachte sie, ›als der Krieg begann und immer die Rede war vom deutschen Wesen!‹ Sie machte ihre Hände zu kleinen Fäusten. Roselin ging, so schnell sie konnte, auf die Straße. Sie sah jetzt immer den Menschen ins Gesicht, als 237 müßte sie fragen. Aber wo sie fragte, kam ihr Blick ohne Antwort zurück. Sie hatten alle nur sich selber im Sinn: ihr eigenes Vergnügen, ihren eigenen Besitz. Ihre Sorge auch. Ihre Not. Gewiß. Und genug. Aber wo war der Aufstrom der ersten Jahre? Wie eng war alles geworden. Alles um den eigenen Ichpunkt versammelt. Gespräche mit Feldgrauen fielen Roselin ein, die draußen alle Marter, alle Entbehrungen selbstverständlich ertragen hatten. Aber als sie heimkamen, nicht mehr felddienstfähig, da hatte ein anderer ihre Stelle, ihr Brot. Einer, der besser vorgesorgt hatte als sie in ihrer fraglosen Bereitschaft und Hingabe. Roselins ratlose Blicke suchten noch immer. Jetzt suchte sie mit den Augen die Jungen: ›Woher sollen wir denn wissen? Und anders wissen und besser wissen?‹ schienen diese freien und unbeschirmten Augen der Mädchen ihr zu antworten: ›Das Leben ist schwer genug. Aber wir sind jung. Man ist nur einmal jung. Und wir wollen es sein!‹ ›Ja,‹ dachte Roselin erschüttert von diesem freien Bekenntnis. ›Sie hat es schwer jetzt, die Jugend. Es sind andere Zeiten wie damals, als wir ausgingen, beschützt und behütet, und unsere unschuldigen Freuden hatten. Und allen ist es ja auch nicht so gut ergangen wie uns wenigen,‹ dachte sie, › wie wenigen im Verhältnis zum Volk. Man schämt sich so, wenn man daran zurückdenkt!‹ – Sie wurde zur Seite gedrängt. Sie mußte aufpassen. In 238 dem Getriebe der Leipziger Straße hatte man nicht Platz wie in der Steppe. ›Aber war es eigentlich Glück damals?‹ Sie verträumte sich schon wieder. ›War nicht immer eine Unruhe in mir, ein Unzufriedenes, seit ich zum Bewußtsein meiner selbst kam? Und ob das Glück nicht voller und reicher wird, wenn man es nicht so mühelos empfängt, wie wir unseres empfingen? Diese harte Jugend von heute muß wohl durch viele dunkle Tore gehen. Die rasenden Spannungen draußen, ob sie vielleicht zurückschlagen? Empfänger ist der beweglichste Nerv. Die Jugend ist Empfänger. Ist auch dies eingeordnet in den höheren Plan? Das, was aussieht wie grauenvolles Sterben und Untergang – – sollte es schon neuen und reicheren Lebens Anbeginn sein?‹ Roselins Gesicht bekam Glanz. Es war ein frischer heller Märznachmittag. Über der Steppe würde man die hellen Wölkchen über den Himmel jagen sehen. Hier schien der Himmel so viel weiter entfernt. Aber da war er doch. Ein Feldgrauer, einarmig, ging langsam und verloren vor Roselin. Seine Uniform war gelb und grau mit Flecken, kleinen Löchern und vielen zugestopften Rissen und war verwittert und verwaschen. Sie sah aus wie Erde. ›Das kommt von Gas und Granatsplittern,‹ dachte Roselin, ›das kommt von dem Grundwasser, das in die Gräben eindringt, von Regen und Sturm, und auch manches Bajonett mag dabei gewesen sein.‹ 239 Sie war vertraut geworden mit ihren Soldaten. Der Krieg hatte über diese Generation Verwandtschaft gestürzt, über alle, die sich ihr nicht kalt und hochmütig verschlossen. Jeder Feldgraue war Roselin lieb wie ein Bruder. Dieser, der so allein und verloren ging, war augenblicklich der nächste und liebste. Er hatte auch die bitteren Linien um den Mund. Selbst das Lazarett hatte dieses Harte und wie Abgenagte seines Gesichts nicht wieder mildern können. So gern wollte sie ihm eine Freude machen. Der Soldat stand unschlüssig, schien nicht zu wissen, sollte er weitergehen oder umkehren. Roselin blieb bei ihm stehen. »Wollen wir eine Tasse Kaffee trinken?« sagte sie. »Wenn Sie nichts vorhaben, kommen Sie mit zu Josty. Wir könnten ein bißchen plaudern!« Sie sah den Feldgrauen liebreich an. Wie sie alle ihre Soldaten angesehen hatte. Der Soldat rührte sich nicht. Beide standen sie, bereits ein Ärgernis, mitten im Gedränge des auf- und abflutenden Menschenstroms. Man schob sie gegen die Hauswand unter die riesigen Plakate, die ein Kino herausgesteckt hatte. Es war ein sensationelles Drama in wilden und sentimentalen Szenen. Der Soldat kaute an seiner Unterlippe. Roselin wartete. »Da drüben,« sagte sie, »über dem Potsdamer Platz. Es ist gar nicht weit.« Der Soldat machte mit einem Ruck seinen Ellenbogen frei von ihrer Hand. Seine Augen brannten 240 voll Zorn in die ihren. »Schämen Sie sich nicht?« sagte er heiser. »Bei hellichtem Tage? Und so eine Feine wie Sie? Und sehen aus, als ob Sie gute Eltern gehabt hätten. Ich hab kein Geld. Was ein anständiger Soldat geblieben ist, der hat nichts übrig für so was. Für so eine!« Roselin fühlte, wie etwas von ihr wegstürzte. Immer weiter fort. Sie fühlte, wie sie eiskalt wurde vom Herzen abwärts. Aber ihr Gesicht brannte, als schlüge ihr jemand fortwährend mit der flachen Hand ins Gesicht. Das dachte er! Das! – Aber während ihre Augen noch umherirrten, ratlos und dunkel vor Scham, erblickte sie sich widergespiegelt im Schaufenster des Kinos, sah sich in dem neuen Mäntelchen, das wirklich reizend war, wie die Verkäuferin es bezeichnet hatte, in Handschuhen und einer kleinen, schicken, fremdländischen Mütze. ›Ach, so,‹ dachte Roselin. Sie mußte fast lachen, obwohl ihr die Tränen im Halse saßen. »Ich bin Schwester,« sagte sie hastig. »Rote Kreuzschwester, bloß für vierzehn Tage auf Urlaub. Ich komme vom Balkan. Erst vor ein paar Stunden bin ich in Berlin eingetroffen. Mein Schwesternkleid war schmutzig und kaputt, darum!« Sie zeigte an sich herunter. »Das ist alles nur äußerlich.« Sie öffnete ihr Handtäschchen und holte die Rote-Kreuzbrosche hervor und hielt sie ihm hin. »Ach, was müssen Sie erlebt haben, daß Sie so häßlich zu mir sprechen konnten! Ich dachte: ›Kamerad!‹ Wie viele habe ich schon gekannt und gepflegt und versorgt und 241 liebgehabt in diesen zwei Jahren. Und Sie gingen so allein – – und Ihr Gesicht – –« Roselin unterbrach sich. »Ich weiß, was Sie dachten,« sagte sie leise. »Ich war doch eben auch noch so verzweifelt, daß man Deutschland so wiedersieht.« Ihre Augen glitzerten. Sie war, den Feldgrauen behutsam am Ellenbogen fassend, ein Stück der Straße mit ihm zurückgegangen. »Ich wollte Ihnen so gerne ein bißchen Freude machen,« sagte sie leise. »Ich heiße Schwester Roselin.« Der Feldgraue antwortete nicht. Sein Atem stieß. Er ließ sich von Roselin führen wie ein kleiner Junge. Plötzlich hielt er sie an. Sein Gesicht war verändert. »Danke,« sagte er, und nach einer Weile: »Jetzt sei'n Sie bloß nicht mehr böse, Schwester Roselin. Ich war ja ein Hornochse. Sei'n Sie bloß wieder gut.« Seine Stimme bettelte. Roselin lachte, Tränen in den Augen. »Böse?« sagte sie, wie sie heftig den Kopf schüttelte. »Gut?« Nach einer Welle saßen sie wirklich bei Josty in der Glasveranda und tranken Kaffee. »Ja, sehen Sie,« der Feldgraue zeigte mit Augen und Blicken rundum. »Und wenn man denkt, dafür war alles! Und Zehntausend und Hunderttausend sind tot, oder sie sind für Lebenszeit ein Glied los, oder sie sind blind, oder haben den Verstand verloren, oder sie sind Schüttler! Manche habend auch auf der Lunge oder so viel Rheumatismus, daß sie nicht mehr kriechen können, oder irgendeinen anderen Knacks haben sie weg, und immer 242 wieder müssen tausend und tausend in die Hölle, bloß darum, daß hier – –« Er biß die Zähne aufeinander, und die Kiefer wurden hart wie aus Stein. Er erzählte Roselin. Oh, es war kaum zu ertragen, was er erzählte. Wie Roselin ihm noch zuhörte – wie viele Male hatte sie schon diese oder ähnliche Dinge gehört, böse Dinge auch über Ärzte und Vorgesetzte. Nur, jeder hatte sie doch selber und am eigenen Leibe erfahren, und jedem einzelnen hatten sie sich eingebrannt und eingeätzt! – Aber während Roselin dieses alles anhörte und von ihm nahm, wie sie es von jedem anderen genommen hatte, wie ein glühendes Stück Blei, das sich ihr selber in eine offene Wunde grub, währenddem kamen ihr die leisen, helfenden Worte. Neben den bösen Dingen standen doch die erschütternd guten. Und wieder erhob sich Garba vor ihr, ihr Kindertraum, über dem die Mundwinkel des Feldwebels sich glätteten und ein leises Lächeln bekamen. Denn Roselin erzählte, wie sie und Wolfram zuletzt Kasimbura gründen mußten, weil Garba allein unmöglich war, denn nur, wenn Kasimburas Finsternis dahinterstand, konnte Garbas Erlösungswille ganz hell erstrahlen. Und darauf kam es doch wohl jetzt an, das war das Wesentliche: Daß diese ungeheure Probe des Willens, der Kraft und der Liebe, eben als solche erkannt wurde; und der Glaube an ewige Gesetze und den unerforschlichen Plan, der hoch über allem stand. Dieser Glaube gab das Heroische in die grausame Zeit. Wahrscheinlich würde ihre 243 Generation das Ziel nicht mehr erleben. Aber von einer höheren Ebene aus ließ es sich wohl erkennen, bereits wunderbar klar und sinnvoll. – Der Feldgraue trank – eine Tasse Kaffee nach der andern, und Roselin holte ihm selber heran, was ihr lecker oder inhaltlich nicht ganz versagend erschien. Sie saß dabei und sah ihm glücklich zu. »Das war ein guter Nachmittag,« sagte der Feldgraue, »der erste gute, den ich gehabt habe, seit ich aus der Front fort bin. Meine Stellung auf dem Rathause hat ja längst ein anderer. Und die Eltern, Sie wissen ja, die brauchen keinen Sohn mehr. Jetzt will ich aber versuchen, ob sie mich in der Etappe brauchen können. Und ich will keine guten Tage feiern als Etappenschwein! Das verspreche ich Ihnen, Schwester Roselin.« Seine Stimme wurde rauh: »Ich werd Ihnen mal schreiben dürfen, ja? Und Gott behüt Sie, Schwesterchen!« Er hatte Roselin zu ihrem Hotel gebracht. Sie winkte ihm nach. Wie gut war der Tag! Trotz allem, trotz allem! Roselin war glücklich. Sie ließ sich den Zimmerschlüssel vom Portier geben. »Lift, gnädige Frau?« Roselin schüttelte den Kopf. »Nein, danke!« So leicht ging sie, so schwebend die drei Treppen hinauf. Als sie ihre Zimmertür aufschloß, es war dunkel – sie fand nicht sogleich den elektrischen Knopf. Sie hielt betroffen inne mit Suchen. War sie falsch gegangen? Zigarettengeruch? Und noch ein anderer 244 Geruch. Irgendeine Gegenwart! Mensch – Mann! – ? – – Roselin fühlte, wie ihre Nackenhaare sich aufrichteten. Nun hatte sie den Knipser gefunden. Das Licht blendete fast. Im Gobelinsessel, am Tisch, ungezwungen zurückgelehnt, die Litewka nicht ganz zugeknöpft, saß ein Offizier. Elegant, ein feines, rassiges Gesicht, die unteren Augenlider erschienen gedoppelt. Er lächelte auf eine besondere Art. Er hielt die Zigarette zwischen zwei Fingern. Er sah Roselin an. »Ich bin in einem falschen Zimmer,« sagte Roselin. »Verzeihen Sie. Oder sind Sie in einem falschen Zimmer?« – Sie sah sich um. Sie hatte Ordnung gelernt in ihren Schwesternjahren. Alle ihre Sachen waren fortgehängt und verschlossen. Sie hatte keinen Anhalt, ob es ihr Zimmer war oder nicht, bis ihre Augen den Marmortisch streiften. Ja, das waren ihre Toilettensachen. »Es ist kein Irrtum, Gnädigste,« sagte der Offizier. »Es ist durchaus kein Irrtum, kleiner, herziger Käfer. Keins von uns beiden ist in einem falschen Zimmer. Du hast es gemietet, ich aber habe es mir aufschließen lassen. Und jetzt wollen wir zusammenbleiben, nicht wahr? Du süßes Mädelchen!« Er streckte beide Arme nach Roselin aus. Er lächelte. Wie er wohl zu lächeln pflegte in solchen Situationen. Roselin blieb an der Tür stehen, Türgriff in der Hand. Sie hatte noch immer nicht ganz begriffen. 245 Sie ahnte nicht, daß in großen Städten die Portiers der Hotels oder auch die Stubenmädchen gefällig geworden waren in diesen Jahren. Man drückte ihnen die Hand. Sie schlossen mit ihrem Schlüssel das Zimmer auf, in dem eine Dame wohnte, eine junge Dame. – Nun, ja, die Herrn Offiziere, die aus dem Felde kamen – es brauchten auch nicht immer Offiziere zu sein – sie hatten wohl das Recht auf ein wenig Trost, auf eine holde Nacht, ehe sie wieder hinausgingen. Und wie viele waren bereit zu trösten. Man brauchte nur zu pfeifen gewissermaßen. Man dachte nicht mehr so viel von solchen Dingen. »Sie sind trotzdem im Irrtum,« sagte Roselin, an der Tür stehend, immer den Griff in der Hand. »Denn Sie werden hier nicht finden, was Sie anscheinend erwartet haben. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Ich wünsche nur, daß Sie mein Zimmer verlassen. Dann will ich Ihnen gern verzeihen. Es ist durchaus nicht Brauch geworden – das – bei allen deutschen Mädchen und Frauen – – Die schwere Zeit und dieses Losgelöstsein mag ja eine große Anzahl dazu getrieben haben. Aber denken Sie doch – wenn Sie draußen sind und für die Heimat kämpfen und vielleicht bluten müssen – und sie wüßten dann: so sind unsere Frauen geworden! Sie geben sich ohne Liebe, jedem, der einfach in ihr Zimmer tritt. Nicht wahr, mit einem solchen Gedanken müßte es sich schwer siegen oder auch sterben lassen? 246 »Jetzt hab ich den Türgriff losgelassen,« sagte Roselin. »Jetzt hätten Sie mich in der Gewalt, wenn Sie wollten. Denn auch die Glocke könnte ich nicht mehr erreichen. Ich könnte nur noch um Hilfe rufen. Aber ich weiß, das werde ich niemals brauchen, solange ein preußischer Offizier in meinem Zimmer ist.« Der Offizier war längst aufgestanden. Bei den ersten Worten Roselins war das Lächeln um seinen Mund noch nicht gewichen. Er sah aus, als wollte er sagen: ›Nur weiter, kleiner Käfer! Das nimmt man hin im Anfang. Es macht sogar Spaß! Schnell genug wirst du schweigen. Schnell und gern genug!‹ Aber nun hatte er längst die Augen niedergeschlagen. Er hatte die Zigarette in der Schale ausgedrückt. Seine rechte Hand griff verlegen in die Tischdecke. Als Roselin schwieg und wirklich von der Glocke und von der Tür gleich weit entfernt im Zimmer stand, verbeugte sich der Offizier. Er verbeugte sich sehr tief. »Verzeihung! Und darf ich Ihre Hand küssen?« bat er heiser. Roselin zögerte sekundenlang, dann reichte sie ihm ihre kleine, verarbeitete Schwesternhand. »Es ist schwere Zeit,« sagte sie leise, während sie seine Lippen fühlte. »Wir müssen starken Herzens bleiben. Gott behüte Sie!« Als die Zimmertür sich hinter ihrem Gast geschlossen hatte, schob sie den Riegel vor. Sie warf sich auf die Couchette. Sie zitterte vom Kopf bis zu Füßen. Sie weinte. »Gott,« sagte sie fortwährend, »lieber Gott!« Dann entkleidete sie sich und ging zur Ruhe. 247   Am folgenden Tage fuhr Roselin in ihre Wohnung, sah dort nach, was nachzusehen war, nahm den Kampf auf gegen Motten und Staub mit Hilfe der Portiersfrau, ging am Abend todmüde schlafen und wußte, als sie sich in ihr Bett streckte und tausend Erinnerungen sie bestürmten: hier in Berlin konnte sie ihren Urlaub nicht verleben. Wohin? Zu Stephanie? – Ja, zu Stephanie. – Aber dann setzte sie sich plötzlich kerzengerade: Wozu Urlaub überhaupt? Sie war doch frisch wie ein Fisch im Wasser. Zehnmal gesünder als früher, als sie noch zu Hause in Watte gepackt in der Vitrine saß. »Wieder in Arbeit!« rief Roselin. Sie rief es so laut, daß das große, weite Zimmer mit den zugepackten Möbeln und der noch immer eingesperrten Luft aufzuhorchen schien. »Aber natürlich,« sagte Roselin lachend und befreit. »Morgen melde ich mich wieder zur Stelle!« – – – »Wird es auch wirklich gehen, Schwester Roselin? Brauchen kann man Sie natürlich,« sagte die Oberleitung. »Sie haben sich ja vortrefflich bewährt, wie der Bericht sagt. Nur, jetzt, da Sie hier sind, müßten Sie nicht Ihren Urlaub zu Ende ausnutzen? Es wird schwer halten, Ihnen in Kürze wieder einen zu verschaffen!« Roselin schüttelte eifrig den Kopf. »Ich werde nicht so bald wieder um Urlaub einkommen, Exzellenz.« 248 Der General a. D. schob die goldene Brille hoch in seine kahle Stirn. Er sah Roselin an, wie man ein kleines, liebes Kind ansieht, das einen vor eine schwere Entscheidung stellt. Aber Roselin zuckte nicht mit den Augen unter seinem Blick. »Sie sind Ihres Vaters Tochter,« sagte der General. »Er war wie die Personifikation der preußischen Armee: Pflicht und Treue bis zum letzten Atemzug.« Roselin errötete dunkel. Sie schüttelte den Kopf. »Wollen hab ich wohl, Wollen – aber das Vollbringen!« Der General hatte Roselin nicht angesehen. Seine Stirn umwölkte sich sekundenlang. »Es ist noch so,« sagte er hastig und wie sich selber beschwörend. »Es ist noch so. –Es sind immer nur die einzelnen, die uns Schande machen, in Truppe oder Offizierskorps. Aber es sind jetzt dreieinhalb Jahre seit Kriegsausbruch. Man muß das verstehen. Die Gesamtheit – –« Er fuhr mit dem Taschentuch über die beperlte Stirn. Er sah Roselin wieder an. Sein Blick ergriff sie. »Wir gehen noch schweren Zeiten entgegen,« brach der General plötzlich ab. »Es heißt, Nerven behalten. Haben Sie von den französischen Veröffentlichungen gehört? Jetzt weiß man, was man zu halten hat von unserm Bundesgenossen. Kaiser Karl« . . . . »Wendet sich an die Entente?« Roselin dachte, sie hätte geschrien. ›Mutterchen,‹ dachte sie. ›Wie sagtest du damals voraus: Kaiserin Zita ist Bourbonin geblieben!‹ »Er tauscht den Judaskuß mit unserer Regierung,« sagte der General bitter. »Erneut den Treuschwur und macht sich bereit zum Abfall, wenn nur die Gegenseite ihn entsprechend dafür auslohnt. Nun: soll er sich in der Grube, für uns gegraben, selber das Genick brechen! »Und da unten? Es bleibt heißer Boden, ehe wir nicht zum endgültigen Frieden mit Rumänien kommen. Wir brauchen Getreide – Erdöl – – »Nun, gehen Sie mit Gott, Schwester!« Er drückte ihr die Hand. »Ihre Oberschwester wird froh sein, wenn sie sie bald wieder hat. Sie wissen doch: es geht jetzt nach Calarasi?« »Calarasi?« staunte Roselin. Wo der blonde Pfarrer herkam an Silvester, der so »serr gern« ein Heim für die Soldaten wollte. Calarasi, das Sündenbabel! »Oh,« sagte Roselin, »ich wußte es nicht. Aber da gibt es neue Arbeit. Das ist herrlich. In Fetesti hatten wir es schon ein wenig zu gut, Exzellenz!« – – – Als Roselin in Bukarest ankommt, wird sie bereits von Schwester Helga empfangen. »Gott sei Dank, daß du da bist! Diese Puten hier! Immer Braten und Rahmtörtchen! Jawoll! Die sollen nur einmal zu uns rauskommen: Graupen, weiße Bohnen, Nudeln; Nudeln, weiße Bohnen, Graupen! Und Kartoffeln ein hohes Fest. Und wenn's mal 250 ein Tier gibt, dann ist's ein alter Hammel. Na, die sollten sich schon umsehen!« Schwester Helgas Ton hat an Rauheit und Herzlichkeit zugenommen. Sie umarmt Roselin, drückt sie an sich wie ein verlorenes Kindchen. »Ja, du Raubritter,« Roselin lacht. Garba fällt ihr plötzlich wieder ein, wie die Tiermenschen in die verweichlichten Puppenhäuser eindrangen. Sie ist so selig , daß sie wieder herauskommt. Ins Wirkliche kommt. Ins Schicksalhafte. »Ach was,« sagt Schwester Helga, »Raubritter hin, Raubritter her. Deine Ahnen waren auch nicht von Pappe. Wahrscheinlich haben sie anfangs auch elenden Krämerseelen auf der Landstraße aufgelauert, und sie dann ordentlich ausgemolken. Später wurdet ihr dann bißchen was Feineres, gelt? So an den Höfen und Exzellenzen und dergleichen. Höre,« sagte sie: »Heute würd es mal lohnen, so ein Rudel Pfeffersäcke zu stellen! Da könnte man wohl einen ordentlichen Batzen für unsere armen Kerls herausschinden! Ach, armes Kind!« Die Oberschwester sieht, wie Roselin blaß wird. »Ich wußt es ja. Mir ist's doch ebenso ergangen, wie ich damals wieder drinnen war!« – – Als sie in Calarasi eintreffen, muß der junge, blonde, rotbäckige Pfarrer sofort abreisen. Aber sein katholischer Amtsbruder, der mit ihm in bester Freundschaft lebt, verspricht, sich der lieben, hochwillkommenen Schwestern anzunehmen. Er hat 251 ein Gesicht wie ein Engel Domenichinos. Und es gäbe eine ganze Menge an ihm zu flicken. Ja, das ist freilich ein ander Ding hier, als in dem kleinen, weltfernen Fetesti. »Warr wirklich Heim serr nötig!« Calarasi liegt an der Porcea, dem breiten Donauarm, der sich nach vierzig Kilometer langer Eigenwilligkeit wieder mit dem Mutterstrom vereinigt. Hier ist nicht Steppe, hier sind Felder und Felder. Im Sommer heißes, fruchtbares Land: die Jalunitza, die Kornkammer Rumäniens. Eine Donauflottille liegt im Hafen. Viele Landsturmtruppen sind erforderlich zur Überwachung der Landwirtschaft, die bereits ganz wie in Deutschland bis in kleinste erfaßt worden und ausgenützt ist, und die Riesenmengen Getreide nach Deutschland schickt, die Heimat zu ernähren. Ein Kraftwagenpark ist hier stationiert. Der Distriktskommandant, die Distriktslandwirte haben hier ihren Sitz. Es ist wirklich eine große und wichtige Etappe. Der junge Pfarrer mit dem Domenichinogesicht hat Schwester Helga und Roselin zunächst in das Bibliothekszimmer des Kasinos gebracht. Dort sitzen sie bald sehr gerade, sehr vertieft in eine Zeitung. Denn es ist mehrere Male schon geschehen, daß ein Offizier in das Zimmer tritt und es fluchtartig verlassen hat. Damen ihrer Art scheinen hier nicht erwünscht. Im Billardzimmer wird ihnen serviert. Oberschwesters Empörung ist auf dem Siedepunkt. 252 Roselin hat nach allen Anstrengungen und Aufregungen der letzten Zeit zu wildes Kopfweh dafür. Man kann es sich allerdings nicht verhehlen, daß den Schwestern die schäbigen Reste vom Tische der Herren Offiziere aufgetragen worden sind. »Intim Club« steht über der Holztür eines weißen Hauses mit Erdgeschoß. Alles ist entsetzlich verwahrlost. Aber es gibt einen Saal, eine Anzahl Zimmer, eine Küche im Nebengebäude und sogar eine hübsche Veranda. Sie führt in ein Gärtchen. Tiefer drunten liegt die Straße. Hinter dem Stadtpark der breite Fluß. Noch ist alles kahl und öde. Aber nur guten Mut! Sehr dunkel ist die Nacht. Das Rumänenquartier voller Ungeziefer. Schwester Helga und Roselin hören ab und zu draußen Pfeifsignale, schrill, trostlos. Das sind rumänische Polizisten. Sie pfeifen, um sich selber Mut zu machen. Als Schwester Helga auf der Kommandantur Hilfskräfte anfordert zum Reinigen des Hauses: »Wir werden Ihnen Zigeuner schicken,« heißt es freundlich. Nun Gott sei Dank, daß außerdem noch die zwei braven Landstürmer Emil und Polykarp als Ordonnanzen da sind. Die Zigeuner kommen wirklich. Ein respektabler Zug, dunkel, mit Blitzaugen, Perlenketten und schneeweißen Zähnen. Voran eine große imposante Frau ganz in Schwarz mit malerischem Spitzenschal. Wie eine Königin schreitet die Zigeunermutter. Sie selbst tut nichts. Sie befehligt nur 253 ihre Schar, die Besen, Scheuertuch und Eimer rührt. Mit Ohrfeigen spart sie nicht. Sie tun not genug. Besonders die jüngsten und hübschesten Mädels gehen bei jeder Gelegenheit mit den Nägeln aufeinander los. Jeder Papierfetzen wird angezündet und geraucht. – Nun, nach einer Weile trägt auch dieses Heim seinen Namen zu Recht. – Die beiden Pfarrer sind vergnügt wie zwei Schuljungen. Hier ist Konfession wirklich in der großen Liebe, in der urchristlichen Idee aufgelöst. Sie sind Heilige und zürnende Geißelschwinger, je nach Bedarf. Der eine immer mehr ein verklärter und kindlicher St. Franziskus, der andere erinnert Roselin, soweit nicht Nation und Landschaft dazwischenstehen, sehr stark an Dr. Reichmann. Das bedeutet die kraftvolle lutherische Art anschaulich derber Rede und das »und wenn die Welt voll Teufel wär'!« Sie sind bald liebe Brüder und Bundesgenossen. Die Herren der Etappe haben sich auch eingefunden. Gut. Nur, – was für ein seltsamer Ton den Schwestern gegenüber? Als Roselin den Kaffee eingießt, die Tafel entlanggehend, fliegt ihr ein Scherzwort zu, das durchaus nicht an die Schwester, auf keinen Fall an die Dame gerichtet sein darf. Roselin hat schon die schwere Kaffeekanne auf den Tisch gesetzt, grad neben den Herrn Etappenkommandanten: »Die Herren bedienen sich bitte selbst weiter!« 254 Sie ist zu den Soldaten und Schwester Helga hinübergegangen. Als sie später zurückkommt, begegnet man ihr in der höflichen, herzlichen Form, die ihnen bislang überall entgegengebracht wurde. Die verwilderten Calarasier müssen erst wieder lernen, mit Frauen umzugehen. Überall treibt sich rumänische Halbwelt herum. Zum Einweihungsfest hatte man aus Bukarest ein Faß Bier kommen lassen. Hinter der Theke des Verkaufsraums hantierten vergnügt die beiden Schwestern. Alles war großartig geordnet mit Bons und militärischem »In Reihe anstehen«. Aber – plötzlich biergierig geworden, drängen die Soldaten alle zugleich durch die enge Tür. Oberschwester Helga schreit Ordnungsbefehle mit ihrer tüchtigen Kommandostimme. Die Ordonnanz Polykarp brüllt, was die Lunge hergibt, Roselin bittet. Es hilft kein Bitten, kein Zureden, kein Drohen. Immer wilder drängen die Soldaten. Die Theke gibt nach. Gleich werden sie ins Handgemenge geraten! Das Faß! Das Faß! Ein kleines Fenster ist einzige Rettung. Roselin hilft Polykarp hinaus. Dann wird ihr eigentümlich schwach in den Knien. Fünf Minuten später – sie scheinen wie Ewigkeit – denn das ist Revolution – durchschneidet eine scharfe Kommandostimme den Tumult. – Rettung! – Schwester Helga steht gegen die Theke gestemmt und kann sich kaum noch halten. 255 »Na!« sie faßt Roselin beim Kinn. »Einen Kognak, Kleines?« Roselin schüttelt den Kopf und versteckt ihre Tränen der Scham. – Das ist ihr Beginn im Heim von Calarasi. Dann wird Mai. Im Stadtpark blüht überschwenglich der Flieder. Die Soldaten sind gebändigt und gute Kerle. Die Offiziere ritterliche und freundliche Helfer. Sie könnten gar nicht mehr auskommen ohne das Heim. Ohne »ihre« Schwestern und ohne den Sonntagnachmittagskaffee bei ihnen. Pfingstabend gehen alle in die rumänische Kirche. Der Pope, mit langen Locken, im weißen gestickten Festgewand, nimmt vor dem goldschimmernden Ikonostas seine Zeremonien vor. Das Volk murmelt und liegt auf den Knien. Draußen blühen die Akazien. Akazienblüte in Rumänien, das ist Märchen und Traum. Jedes Dörfchen ist in einen Akazienhain gebettet. Schimmernd weiße, schwere Blütentrauben drängen, wo nur ein Bäumchen aus der trocknen Erde aufwächst, aus zartem, gefiedertem Grün. Der Duft ist schwer und süß. Schwebt wie eine berauschende Wolke, geht ins Blut. Betört die Sinne. Drüben auf der Balta, der Insel zwischen Donau und Porcea, dem Vogelparadies, reifen auf riesigen Tomatenfeldern Millionen der roten süßen, sonnendurchglühten Paradeiser. Die Rumänen haben sich Strohhütten gebaut, leben ganz im Freien, behüten ihre Felder und führen 256 ein gottgesegnetes, faules Leben. Auf ihrem kleinen Herd im Freien kochen sie ihr tägliches Essen: Mamlika, Maisbrei. Sonst nichts. Sie brauchen so wenig. Auch im Heim hat man den üblichen Herd im Freien. Regen gibt es so gut wie nicht. Manchmal ein Gewitter, tropisch, mit rasender Schnelle und Gewalt, mit Wolkenbruch und Hagel. Es stürzt sich über die Welt wie ein Räuber, ist verschwunden, und der Himmel ist wieder strahlend blau. Man hört so wenig aus dem Westen. Kann es Wahrheit sein, daß am 14. August im Großen Hauptquartier in Spaa beschlossen worden ist, durch die Königin der Niederlande ein Friedensangebot an die Feinde gelangen zu lassen? ›Spaa,‹ denkt Roselin. ›Immer war Belgien das Verhängnis. Wenn Wolfgang von dort zurückkam, hatte er sich verändert. In Ostende verlor ich meine kleine Jugendliebe. Und unsere große Liebe Deutschland, wie ist sie heiß und bitter in einem geworden!‹ – Und Roselin setzt sich ans Klavier. Sie ist niemals bedeutend in Musik gewesen, und der Bengel hatte sie immer verhöhnt. Aber jetzt spielt sie, obwohl ihre Finger zittern und ihre Stimme zittert. Schwester Helga stellt sich neben sie und stützt mit gutem, festem Alt. Und einer und noch einer und eine ganze Menge Soldaten treten sachte in den Saal, und während draußen die Sonne den Saft von Millionen von Früchten 257 zu Zucker kocht, die Malariamücke große Ernte hält und die unterwürfigen Panjeaugen tückisch das Soldatenheim streifen, währenddem singen sie, hallend die einen und wie erneutes Gelöbnis, leise summend und mit nach innen gerichteten Augen die anderen: das Trutzlied, das Treuelied, das Heimwehlied: Deutschland, Deutschland über alles. Ab und zu kommt als Trost und Aufrichtung ein Brief von Dr. Reichmann. Er ist seit einem Jahr in den Vogesen, ungebrochener Zuversicht. Noch immer ist er wie durch ein Wunder verschont geblieben. Und einmal schreibt er von einer Frau, die in sein Leben trat. Von Dr. Engelmann, der ganz Freund geworden war in seinen Briefen, hört man nichts mehr. In den Verlustlisten steht sein Name nicht. Gefangenschaft? – Gefangenschaft? – Und dann erblickt Roselin neben dem seinen plötzlich ein helles Knabengesicht. Wie wunderbar, daß ihre Gedanken immer Bob in seiner Moorwittener Gestalt zu ihr rufen. Und sie hört seine zornige Jungensstimme: Es ist gar nicht wahr! Es gibt kein Garba! Die Menschen sind gar nicht immer alle gut. Sie sind Kanaillen, die Menschen! ›Gut?‹ denkt dann Roselin verloren. ›Gut?‹ Und dann – obwohl heftig zurückbefohlen – gehen ihre Gedanken dennoch weiter bis zu dem Namen, dem einen Namen . . . 258 Schwester Helga, zu der Roselin doch niemals darüber gesprochen hat, drückt ihr plötzlich heftig die Hand, wendet sich ab. Roselin staunt schmerzlich, gibt den Händedruck zurück. Weiter erfolgt nichts. Die Köchin steht breit in der Tür, verlangt Rindstalg und Pflanzenfett, und ein aufgebrochenes Schloß treibt Roselin mit der Ordonnanz in den Kohlenschuppen. In dieser Nacht ist Schwester Helga hinter ihrem Moskitonetz so rastlos wie noch nie. »Konvention,« bricht sie plötzlich aus. »Stand! Blöd! Sündhaft! Mein Gott, mein Gott!« Und als Roselin, das Moskitonetz beiseiteschleudernd, im Nachtkleid zu dem anderen Bett hinübergleitet, weint Schwester Helga laut, in langen Stößen wie ein Kind. Und Roselin erfährt, daß sie einen liebsten Menschen draußen hat. – »Aber wo denn, Helga? Wo? Liebe Helga!« Roselin streichelt und tröstet. »Wo? das ist es ja gerade! Weiß ich's denn? Nichts weiß ich. Und er weiß auch nichts. – Er war – nicht standesgemäß!« Schwester Helga lacht laut, voll wilder Verachtung. – »Gymnasiallehrer ist er. Er war Kandidat bei uns für die Jungens. Er hätt's nie gewagt, der hochgeborenen Baronesse einen Antrag zu machen. Und ich – ich? –Wahrscheinlich wär auch ich viel zu vornehm gewesen, ja zu sagen! Was weiß man? Wie kennt man sich? Herdenvieh war man. Jedes in seinem 259 Pferch. Alle Parteien eingesperrt für sich. Und unser Hürdenzaun der höchste. – Und jetzt?« – Sie fuhr in die Höhe. Sie schrie fast. Sie biß in die Laken. – »Du wirst sehen – jetzt – jetzt eben ist's aus, alles aus! Eben hat er meinen Namen gerufen. Eben jetzt . . .« Sie fiel zurück auf das Bett. Ihr ganzer, großer schöner Frauenkörper, gemacht zur Liebe, gemacht zur Mutterschaft, zuckte. Roselin kniete neben Helgas Bett. Ihre Tränen stürzten. Sie legte ihre Wange an die der Freundin, eben erst ihre wirkliche Freundin geworden im Vertrauen. Sie gab ihr leise, kleine Zärtlichkeitsnamen, wie man sie einem kranken Kinde gibt. Trost? Mit was für Worten konnte man trösten? Eine Weile blieb Helga in diesem Paroxysmus von Verzweiflung. Plötzlich richtete sie sich auf. »Wasser, bitte!« sagte sie. Roselin taumelte zum Waschtisch. Sie war ungeschickt im Dunkeln und vor Erregung. Die Karaffe – oh – es splitterte auf dem Fliesenboden. »Den Waschkrug!« sagte Schwester Helga. »Gib her! Ohne Glas. Wie er ist.« Roselin gehorchte. Ihre Hände zitterten. Schwester Helga setzte den Krug an, goß sich das Wasser beim Trinken über Hals und Brust – ah! Sie hatte den Krug bis zur Hälfte geleert. »Komm jetzt, Kleines!« – Sie war aufgestanden. »Du verträgst so Nervensachen schlecht. 260 Verzeih nur! Und Dank dir!« – Sie fand endlich das Licht. Hob Roselin mit starken Armen über die mit Scherben bedeckten Fliesen auf deren eigenes Bett, schloß den Moskitovorhang. »Stille! Jetzt wird geschlafen!« als Roselin sich wehrte. Dann ging sie im Nachtkleid in die Küche, holte Eimer, Schrubber und Scheuertuch und brachte den Fußboden in Ordnung. 261   Die Durchreisenden sorgen dafür, daß man bei Erinnerungen niemals verweilt. Fortwährend ist zu raten, zu trösten und zu helfen. Aber das ist doch undenkbar, wovon jetzt schon eine Weile heimlich und nach und nach immer lauter, immer rücksichtsloser das Gerücht geht: die Stimmung in der Heimat wird von Tag zu Tag schwärzer? Vielmehr roter! Aufrührerischer? »Seit Brest-Litowsk,« sagt zornig und leise ein Oberst, ein Verwandter von Schwester Helga, »seit diesem faulen Frieden sollen die Kommunisten in der Berliner Gesandtschaft eine Propaganda-Zentrale haben. Auf dem Lande wühlen sie wie die Ratten. Und bei der Flotte haben sie auch schon angefangen. Ja – wenn die in der Heimat schlapp machen –« – der Oberst atmet schwer. Die Schlagader tritt an den Schläfen hervor. – »Nun,« – er reißt sich zusammen – »wir dürfen es nicht glauben. Das wäre das Ende. Wenn die drinnen nicht durchhalten, so fallen sie uns draußen damit in den Rücken.« Nach solchem Gespräch wollen eine Weile die Hände und die Füße träg sein. Roselin denkt zurück an ihre Urlaubsreise, als sie bei Nacht den Thüringer Wald überquerte, an die hundert und hundert wie Rubinen leuchtenden Fenster in Suhl. Jede Fabrik, rotglühend von 262 Arbeit, jedes Haus rotglühend von Arbeit für eine Fabrik: Munition – Munition – Munition! – Roselin weiß auch, daß Schwester Helgas und Stephanies Freundinnen in Munitionsfabriken tätig sind, von früh bis abend. Frauen, mein Gott! Tödliche Geschosse herstellend! Man hat doch wohl jetzt erfahren, was Munition bedeutet! Material! Und nachdem es dazu gekommen ist, zu diesem Entsetzlichen, sollte nicht durchgehalten werden bis zum Schluß? Und durchgelitten werden? Alles sollte umsonst gewesen sein? Alles Bluten und das Opfer unzähliger Hoffnungen und Zukunft? – Roselin verbirgt die Stirn in ihren Händen. Sie zittert am ganzen Körper. Der kleine alte Mann, der Kraxenträger, mit der Nase wie eine Eichel und dem Tröpfchen an der Nase, steht plötzlich vor ihr. Mit diesem fernen Blick, wie er die milde und leuchtende Glaskugel in ihre Hände legte und den zarten, weißen, geblasenen Hirsch. ›Ja, es muß alles erlitten werden! Gott gesegne alles Erleiden. Aber . . .‹ In den unsäglich gestirnten Nächten, dampfend von der Glut des Tages und der Nähe des Flusses, zählen Schwester Helga und Roselin die Stunden- und Halbstundenschläge. Sie fühlen ihr Blut in den Schläfen dröhnen und wenden sich gepeinigt von rechts nach links und von links nach rechts, und kehren das harte, kleine, wie Metall glühende Kissen unzählige Male um. Vor den verderblichen 263 Stichen des Malariainsekts schützt sie der ausgespannte Moskitoschleier. Wer aber schützt sie bei Tage vor ihnen? – Nichts. Niemand. – Oder doch einer? – Ja, der katholische Etappenpfarrer. Mit dem Domenichinogesicht. »Serr gut! Hat sich noch niemals versaggt!« – Feierlich zieht er aus seiner abgeschabten Soutane ein Fläschchen: seit Jahrhunderten erprobtes Mittel der Eingeborenen, die Pflanze der Balta, feingefiederter Absinth in Zuika – Pflaumenschnaps – aufgesetzt. Pfui, Kuckuck! Es schmeckt wie Hölle und Galle zusammengekocht. Aber jeden Tag ein Gläschen davon ist wie Zauber und Fetisch! – Sind nicht viel schlimmer als Malariasorgen die ausländischen Zeitungsfetzen mit den gefälschten Schlachtenberichten, den Anekdoten über die Taten der »Hunnen«? Soldaten, in immer neuen, endlosen Zügen Calarasi durchflutend, haben sie in irgendeinem zerschossenen italienischen Unterstand aufgelesen. Was nutzt es, wenn Schwester Helga »Schweinehunde!« murmelt – Zeit und Umgebung färbten schließlich ab – und Roselin sie mit der Feuerzange anfaßt und unter dem großen Makkaronikessel ihnen ein unrühmliches Ende bereitet? Das furchtbare Gift des Zweifels schwärt heimlich weiter, wenn man auch die Mundwinkel verächtlich lachend herunterzieht. – Aber der Sommer dieses Landes kümmert sich ebensowenig um die Lügen der Feinde wie um 264 zweier deutscher Schwestern Not. Er schreitet gelassen und allmächtig auf glühenden Sohlen. Mit breitem, rotem Lachen spottet er Schwester Helgas, wenn sie, innere Angst zu übertäuben, auch weil ihr Gärtnerherz sie dazu drängt, in einer Freistunde zum Spaten greift. – Graben? Hacken? Arbeiten im Schweiße des Angesichts? – Wozu? – Hier wächst alles von selbst. »So ein kleines Ding wie Sie, Schwesterchen,« sagt Landsturmmann Giesecke, Gärtnereibesitzer aus der Mark, zu Roselin, wie er für Schwester Helga einen mächtigen Korb Tomaten hereinschleppt und mit einem Knall auf die Steindiele gestoßen hat, »ja, Sie können noch die Hände falten, wenn Sie abends in Ihr Bettchen steigen.« Und die roten Früchte springen wie blutende Herzen zwischen ihren Füßen. »Sie haben verbunden, getränkt, gespeist, Trost gespendet. Ihr Gewissen macht Ihnen keine Skrupel. Das ist noch grade so, wie wenn die Mutter daneben kniete, nicht wahr? Wie ging das doch gleich? »Alle, die mir sind verwandt, Gott, laß ruhn in deiner Hand. Alle Menschen, groß und klein, Sollen dir befohlen sein!« Ja, so war's doch mal, Schwesterchen! So haben wir doch auch mal gebetet. Wie war das schön, wenn Sonntags das reine Hemd übergezogen wurde! Aber dann seien Sie mal draußen!« 265 Er hieb mit der Hand durch die Luft. Drüben aus dem Hotel kam ein Grammophon, heiser und widerlich, irgendein Schlager, der sich mit Frauenunterwäsche beschäftigte: »Das ist schon egal,« sagte der Landsturmmann, wiewohl seine Mundwinkel sich herunterzogen, »da hört man noch ganz andere Dinge, wenn man so herumgeworfen wird: einmal in den Vogesen und dann bei den Katzelmachern und jetzt hier: es ist überall dasselbe. Das bißchen schlechter zählt gar nicht. In Rußland war's noch am besten, wenn sie dort auch ihren Zaren abgestochen haben und Gott weiß, was für Scheußlichkeiten die sich noch ausdenken. Aber das ist bloß die eine Partei. Das Volk – die Bauern – denen kann man richtig gut sein.« Roselin nickte. Sie denkt an die gefangenen Russen in Lemberg, mit den Augen wie gute, ratlose Tiere. »Ja,« sagt Landsturmmann Giesecke, »da war's einmal nach einem gräßlichen Gemetzel, und wie wir das Feld absuchen nach unseren Toten, da liegt so ein kleiner schiefriger Kerl von der Gegenseite und kann nicht leben und nicht sterben. Keine Arme mehr, Brust kaputt, Beine zerschossen, Gesicht zerschossen. ›Bruder,‹ lallt er. ›Bruder!‹ Hat's wohl gehört von Unseren. Und er bittet mich, ich soll ihn bekreuzen, ehe er stirbt. Weil er selber keine Hand hat. Und bittet mich . . . Na, ich hab's getan. Bei uns hätt's ja keiner verlangt. Aber mir ging's zu höllisch an die Nieren: einen Kuß wollte er haben, eh er stirbt. – Feind? – In diesem Augenblick sind wir alle nackt vor Gott und Brüder. – – Und immer wieder dasselbe, Schwester, immer wieder.« Sie standen vor der Tür zu dem traulichen Heimzimmer. Er deutete auf eine Dahlie in der Vase auf dem Tisch. »Hübsch!« sagte er. »Ich hab bessere Sorten. Wir haben da höllisch aufpassen müssen die letzten Jahre, daß wir mitkommen mit Holland.« Er hielt Roselin die Blüte hin. »Ja, was ich sagen wollte: das mit dem Blutrausch und dem Heroismus, das ist lange vorbei. Damit locken die keinen Hund mehr vom Ofen. Pflicht, Pflicht, Pflicht! Jawohl, und ein anständiger Mensch . . .« Und plötzlich stürzten ihm die Tränen aus den Augen, diesem bärtigen Mann, diesem Vater von fünf Kindern, der jetzt im vierten Jahr draußen war. »Die Äser!« Er ballte die Faust. »In den Rücken wollen sie einem jetzt fallen? Zu Hause die? Die nischt getan haben . . . Die sind ja noch schlechter wie die Etappenschweine. Hetzen und hetzen und hetzen! Einem Matrosen hätt' ich neulich beinah' die Schnauze auseinandergehauen. Ach, Schwester . . .« Ja, solche gab es viele. Und Roselin lag des Nachts wach und lag wie im Fieber, wenn sie die Tränen fließen ließ und betete und mit Gott rang, wie Jakob zu Bethel mit Gott gerungen hatte. – – 267   Und dann, eines Tages, mein Gott, dann kam dieses. Es war doch etwas Natürliches. So etwas kam doch jeden Tag vor in der Welt. Hundertmal. Tausendmal. Viele tausend mal. Und jetzt noch öfter als früher. Jetzt, wo alles schwankte. Jetzt, wo die ganze Welt wie ein einziger qualmender Kessel war, auf dessen Grund ein ungeheures Gift kochte, und die eklen Blasen heraufstieß. Kleine, – große, – da – dort – überall. Und alle aus demselben Grunde der Gottferne, und daß die Menschen ganz vergessen hatten, daß sie alle – Feind – Freund – Brüder und Schwestern waren. Ja, auch Schwestern. – Und nun war da das Mädel, so eine mit Augen wie Brandraketen, aus denen jetzt die Angst stierte. Kaum noch menschliche Angst. Aber trotzdem andere Angst, wie das Tier sie empfindet vor seiner Stunde. Denn das Tier gehorcht den alten, geheiligten Blutgesetzen, und es gebiert nach seiner Bestimmung und erleidet, ohne zu murren, weil es unbefleckt blieb. Und weil die Kette des Lebens nicht darf unterbrochen werden. – Aber nun das Mädel. Gott weiß, wie sie sich bis zur Schwelle des Soldatenheims geschleppt hatte. Aber da lag sie nun stöhnend, und ihre Stunde war sehr nah. Der Vater des Kindes? – Wer darf nach dem Vater fragen, wenn das Kind sein will? – »Faß an! Wir müssen sie in unser Zimmer bringen,« sagte Schwester Helga zu Roselin. Sie waren beide nur notdürftig bekleidet, hatten in der fiebernden Nacht das Stöhnen unter ihrem Fenster gehört. Herauftragen? – Ja, ja. Obwohl Roselins Knie zitterten und ihre Hände zitterten. Aber dann, als das Wunder sich vollziehen wollte – denn der neue Mensch ist immer das Wunder – wenn seine Mutter auch drei oder vier Männernamen zu nennen wüßte, die vielleicht . . . »Ich kann nicht, Helga!« stammelte Roselin, als das Keuchen und Stöhnen wieder wilder wurde, der angespannte Leib wieder zu arbeiten begann und ein wilder Schrei in die Nacht hinausstieß. »Roselin, nimm dich zusammen!« Helgas Gesicht war weiß und hatte einen eigentümlichen Ausdruck. Sie faßte Roselin hart an der Schulter. Noch nie hatte sie sie in der Weise angefaßt, während sie an Decken und Kleidungsstücken am Fußende des Bettes anhäufte, was sich fand, um den stoßenden Füßen der Gebärenden eine Stütze zu geben. Aber selbst Helgas harte Gebärde gegen Roselin nützte nichts mehr. Roselin war schon fortgeglitten, weit fort, hatte sich geflüchtet aus Aufgabe und Gegenwart. Sie lag, ein schmales, armseliges Bündel, den Kopf auf ihrem niedrigen Schwesternkoffer. Und als Helga Zeit fand, eine Handvoll Wasser über ihre Stirn zu sprengen, heftig, ohne Mitleid, war das Kind – ein praller Junge – bereits geboren. – – 269 Nach diesem Tage, vielmehr nach dieser Nacht, stand es eine lange Weile wie Fremde zwischen Helga und Roselin, wiewohl Roselin jetzt, eigentümlich ungeschickt, aber doch eifriger Willigkeit, tat, was sie konnte, für das Kind und auch für des Kindes Mutter. Übrigens war das Mädel nach acht Tagen verschwunden. Der Junge blieb dem Heim. »Gut – solange man da ist. Warum nicht?« Helgas Stimme klang gleichgültig, wenn sie darüber sprach. Aber sie stand jeden freien Augenblick neben der aus Stroh geflochtenen Mehlschütte, versorgte das Kind, schäkerte mit ihm, wenn es wach war, herzte es, wenn es niemand sah, und sang mit ihrer schönen dunklen Stimme, in die ein eigentümlicher Bruch gekommen war, und die wie aus der Erdmitte zu kommen schien, ein paar Takte, ein paar Takte eines Liedes, das die Mütter in Westfalen ihren Kindern seit Jahrhunderten über der hölzernen Wiege singen. Sie schien es kaum gern zu haben, wenn Roselin einmal scheu und wie in Abbitte mit ihren Fingerspitzen die geballten Fäustchen berührte. »Mitnehmen, Schwester Helga? Den kleinen Bengel mit den Kulleraugen?« Der Oberstabsarzt lächelt skeptisch. »Ich würde doch nicht raten. Diese Blutmischungen könnten merkwürdige und gefährliche Resultate ergeben, noch dazu weit weg von dieser Erde hier. Wo sich alles verschwendet.« Der katholische Pfarrer fand dann die künftigen 270 Pflegeeltern. Jeder Heimsoldat gab einen Zehrschilling mit auf den Weg. In der Nacht, nachdem die Bäuerin, pralle, mütterliche Frau, das Kind abgeholt hatte, biß Schwester Helga hinter ihrem Moskitonetz in das kleine, steinharte Kopfkissen. Am Morgen versteckte sie es. Es war naß. 271   Aus Bukarest kommt Befehl, das Heim einzupacken und weitere Anordnungen abzuwarten. Schwester Helga ist nach Bukarest gerufen worden. Die Fremde, die zwischen ihr und Roselin gestanden hatte wie eine Mauer, stürzte ein im schweren Abschied. Wie war man verwachsen in diesem Jahr! Roselin hat einen Erholungsurlaub in der Tasche, ohne ihn verwerten zu können. Alles wartet. Die Garnison liegt in Alarmbereitschaft. Jeden Abend legt man sich auf sein hartes Bett: Ein paar Stunden noch? Eine Stunde vielleicht? Wird dann das Signal, das hochreißt, in die Dunkelheit stoßen? Weil der Russe sabotiert, der Italiener von drüben das Feuer eröffnet oder Truppen übersetzt? Der Etappenkommandant fragt Roselin, ob sie es weiter wagen will, im Rumänenquartier zu schlafen. Aber gewiß! Man ist sehr gleichmütig geworden. Auch gegen offene Gefahr. Über den Ausgang des Krieges wird nie gesprochen. Niemand denkt darüber nach. Man fühlt nur dumpf ein Unabwendbares, das lähmt. Und dann, eines Tages, steht ein Rittmeister, Garde-Ulan, vor Roselin. Er betrachtet sie eindringlich. ›Das Gesicht kenne ich doch,‹ denkt Roselin. »Ja, ich bin's!« Der Rittmeister nimmt ihre Hand und küßt sie. »Graf? Graf Matuschka?« Roselins Gesicht glänzt auf. »Ja, Baronesse!« »Schwester!« sagt Roselin hastig. »Schwester Roselin.« »Also Schwester Roselin.« Das schwermütige Lächeln ist dasselbe wie früher. Um einen Schein dunkler vielleicht? – »Sie mußten's doch sein. Der Name. Roselin! Wissen Sie noch: der Blaue-Donauwalzer? Und Ihre Frau Mutter ist auch nicht mehr! – Zwei,« sagte er leise, »sind wir noch von damals, von unseren Abenden, Hans Koschembahr – er liegt vor Verdun – und ich. Vielleicht sind's auch nicht mehr zwei heute? Alle die anderen . . .« Er lächelt wieder. ›Um wieviel Jahre ist er älter geworden!‹ denkt Roselin. Sie sieht das ausgemergelte Gesicht, die breite Naht über die Wange in die Nase hinein, und auch am Kiefer ist durch einen Hieb etwas verändert. ›Er ist nicht mehr so schön wie früher. Oder schöner?‹ denkt Roselin. ›Die harten Augen freilich. Diese Augen sieht man oft.‹ Sie spürt, wie ihre Nackenhaare sich aufrichten. »Wie gern möchte ich mit Ihnen plaudern,« sagt der Rittmeister. »Aber ich habe eine Botschaft, Schwester Roselin. Im Lazarett liegt ein Bekannter von mir. Ich könnte fast sagen Freund. Er ist viel 273 älter, aber das ist egal. Es geht ihm schlecht. Ich glaube, Schwester Roselin . . .« Der Graf schweigt. Er sieht sie an. »Freilich,« sagt er, »man weiß nie. Die wunderbarsten Dinge geschehen manchmal, wenn man keine Rettung mehr für möglich hält, und wieder andere gehen an der leichtesten Sache kaputt.« ›Wird er es nicht sagen?‹ denkt Roselin fortwährend. ›Wird er jetzt nicht den Namen aussprechen, den einen Namen?‹ Der Rittmeister nimmt ihre Hand. Behutsam, wie man die Hand einer kleinen Schwester nimmt. Er streichelt sie. »Schwester Roselin, ich dachte nur . . . Ich wollte Sie bitten . . . Nämlich, wie ich heut morgen Ihren Namen hörte, wollte ich meinem Freund im Lazarett von früher erzählen, und wie ich sage: die Kleine hieß Roselin, hübscher, aparter Name, nicht? . . . Also, es ist der Bildhauer Jürgen Jürgensen.« Der Graf stottert fast, denn Roselin ist weiß geworden wie ihre Schwesternhaube. »Er möchte Sie so gern wiedersehn.« »Ja,« sagt Roselin. Ihre zitternden Finger rollen dabei die Säume ihrer stark gestärkten Schürze auf und zu. »Bitte führen Sie mich. Nein, danke. Fabrik oder Kloster? – Kloster. Gut. Wollen Sie bitte die Oberschwester . . .« Der Graf greift wieder nach ihrer Hand. »Einen Augenblick bitte, Sie müssen vorher etwas wissen.« Er atmet kurz: »Ein Schrapnellschuß hat ihm den rechten Oberschenkelknochen zersplittert. Während er 274 versucht, sich auf die andere Seite zu wälzen, zerhaut ihm ein Granatbrocken das linke Hüftgelenk. Von seiner ganzen Kompagnie sind noch drei oder vier am Leben gewesen. Sie haben ihren Führer zwei Stunden weit bis zur nächsten Verbandsstation geschleppt. Im Feldlazarett – es gibt doch diese alten, morschen Kastelle dort überall herum – ist er gleich operiert worden und in Gips gelegt. Ich kam nach ihm dran.« Der Graf deutet auf seinen Arm in der Binde. Seine Mundwinkel ziehen sich verächtlich herunter. »Das zählt nicht,« sagte er. »Steifer Arm. Der linke. Du lieber Gott, wenn's alle so gut hätten. Schwesterchen! Roselin! Roselin!« – Er spricht weiter, mit ganz sanfter Stimme. Und nun sieht es Roselin: Die Flammen sieht sie. Wie Jürgen Jürgensen aus der Narkose erwacht, brennen doch die Deckbalken über ihm. Alle Verwundete, auch der Graf, waren bereits aus dem Bau herausgeschafft. Ihn hatte man für tot liegen lassen. ›Der Kornett,‹ denkt Roselin. Erst vorgestern gab sie ihr Lieblingsbuch »Die Weise von Liebe und Tod« dem jungen Volksschullehrer, der seine Flöte im Tornister mitgenommen hatte. Brannte nicht auch ein Schloß, als der Kornett mit der Fahne im Arm ausbrach – zuletzt – zuletzt? . . . Roselins Schulterblätter rücken sich zusammen. Aber die eisige Kühle dazwischen bleibt doch wie ein hartes, springendes Wasser. ›Der Kornett‹ denkt sie wieder. ›Aus der Liebesnacht . . .‹ Sie 275 senkt den Kopf. Brechen nicht alle Flammen des zusammenstürzenden Schlosses in zwei scharfen, glühenden Spitzen aus ihren Wangen? Sie schüttelt heftig den Kopf. Ihre Hände ballen sich. »Ja,« sagt sie. »Und dann? Und dann?« Und steht mit groß geöffneten Augen, als sähe sie dem treuen Burschen hinterdrein, wie er in das brennende Schloß rennt, sich seinen Herrn – in Gips geschlagen, noch immer halb betäubt vom Narkosengift – wie eine gefrorene Leiche über die Schulter schlägt. Aber nun ist doch der Bursche kleiner als sein Herr, siehst du, viel kleiner – und die zersplitterten, gegipsten Beine hämmern jede einzelne, steinerne Stufe. Und hinter ihnen krachen die Balken zusammen. Der Graf wollte es eigentlich nicht erzählen, all das Grauenhafte. Wie kommt er nur dazu? Nun, alle diese Dinge sind draußen wohl die Alltäglichkeiten geworden. In der Heimat spricht man nicht darüber. »Und dann?« In den Heuschuppen, wohin man die Offiziere getragen hatte, schlugen die Fliegerpfeile ebenfalls ein. Man konnte nicht bleiben. Der Graf würde morgen wahrscheinlich – er nahm an, daß er morgen über Bukarest nach Deutschland transportiert werden würde. Bei Jürgen Jürgensen war die weite Fahrt unmöglich. Man hatte ihn hierhergebracht. Im Lazarett war gleich eine Röntgenaufnahme gemacht worden. Durch – durch das 276 Aufschlagen auf die Treppenstufen wahrscheinlich – die Knochen standen nicht mehr richtig. Der Gipsverband hatte gelöst werden müssen. Nagelextension war nötig. »Es ist schon geschehen, Schwester Roselin. Gestern früh schon. Ja, durch das Schienbein.« Und nun sieht Roselin den silbernen Nagel, der durch den gesunden Knochen gebohrt wird, und rechts und links die Zugvorrichtung mit den Gewichten von 26 bis 30 Pfund. Sie weiß nicht, daß ihre vier Finger an jeder Hand vier dunkelrote Halbmonde in die Handfläche geprägt haben, und daß aus dreien dieser Halbmonde ein kleiner Blutstropfen quillt. Wie fremd ihre Füße wurden. Sind sie eingeschlafen? Aber – dies ist doch keine Legende, die man in einem Buche liest. Zu der das Orchester eine wunderbare, süße, dunkle und wilde Musik spielt, wie sie die »Weise von Liebe und Tod« einmal hat vortragen hören. Es ist lange her. Da drüben steht wie ein blendender Würfel das Kloster. Dort – dort ist es. Dort ist die Wirklichkeit von all diesem. »Wollen Sie bitte die Oberschwester benachrichtigen!« Wie ausgedörrt Roselins Kehle ist. Die Worte fallen wie kleine, zerbrochene, polternde Dinge. Sie ist schon fort. ›Wie ein Reh,‹ denkt der Graf. ›Wie ein armes kleines Waldtier, in der Schonzeit getroffen, das sich in eine Dunkelheit schleppen 277 will.‹ Er sieht ihr hinterdrein, Hand noch vom Gruß erhoben. Roselin ist schon ein gut Stück die Straße herunter. Der weiße Staub hat die Abdrücke ihrer leichten Füße bereits wieder zugedeckt. Trotz der späten Septembertage lastet die Luft wie vor einem Gewitter und ist geschwängert von tausend Gerüchen: letzte Melonen – Trauben – Zwiebeln – Parfüms – Schweiß – Fische. Und dann außerdem blutige Schaffelle – Speisen – Schnaps – Tier- und Menschendunst. Mitten durch das Gedränge der hundert und hundert Soldaten läuft Roselin. Zwischen den ruhelosen und verbitterten Gesichtern, mitten zwischen Johlen und Singen und Schimpfen und Blöken und Weibergekreisch. Sie läuft. Sie läuft. – – Dann ist sie im Kloster. Hat sich zurechtgefragt. In der schmalen, kerkergleichen Einzelzelle liegt er – Jürgen Jürgensen. Auf dem Metallbett mit den blaukarierten Bezügen. Ganz flach. Nur eine kleine Rolle im Genick. Außer Kopf und Armen kann er kein Glied rühren. Nur ein Teil seines Gesichts ist zu sehen. Eng und weiß und fest wie eine Narrenkappe zum Fasching sitzt ihm der Verband an. Auf der Brust steht eine flache, zweihenklige Emailletasse mit Suppe. »Du!« sagt Roselin. »Du!« wie ihr die Tränen aus den Augen stürzen. 278 Er wendet den Kopf. Mit einer einzigen zornigen Armbewegung hat er die schimpfliche Tasse von der Brust heruntergefegt. Und Roselin? Muß sie nicht das Geschirr erst aufheben und den Fußboden auftrocknen? Man ist doch wohl Ordnung gewöhnt im Schwesternleben? – Aber nein, diesmal nicht – diesmal ist es gleichgültig. Und sie kniet schon an seinem Bett. »Kleine Psyche,« sagt Jürgen Jürgensen. »Kleine Roselin. Wie lange hast du mich warten lassen.« Sie legt ihm die Hand auf den schmalen Streifen Stirn, der zwischen Augen und Binde geblieben ist. Sie legt ihre Hand wie auf glühendes Metall. ›Über 39,‹ denkt Roselin. Ihre Augen suchen zu Häupten des Bettes die Fiebertabelle. Aber dazu hat man wohl noch keine Zeit gehabt. »Auch dein Kopf?« Ihre Stimme zittert. »Dein armer Kopf?« »Dummes Zeug!« sagt Jürgen Jürgensen. »So ein bißchen skalpiert werden, rechnet das wohl? Ein kleiner Schönheitsfehler hinterher. Warum warst du so lange fort?« Seine Hände fingern unruhig. »Heut sollst du mir's endlich sagen. Alles über damals. Zwölf Jahre. Zwölf Jahre!« Roselin fängt mit ihren Händen seine Rechte, die wie ein geängstigtes Tier auf und nieder rennt. Sie hat sich den Schemel dicht an den Bettrand gerückt. Sie sitzt nah über ihn gebeugt. Sie 279 versucht zu lächeln, während sie seine Hände festhält und den zuckenden Puls in ihren eigenen Fingern spürt. Eine kurze Weile scheint Jürgen Jürgensen vergessen zu haben, daß sie da ist. Er liegt wie jemand, der Zeit hat. Für den es kein Warum mehr gibt. Kein Wozu, kein Woher, Wohin und Wielange? ›Welche Gnade, daß es wenigstens das Kloster ist,‹ denkt Roselin, wie sie ein Schluchzen herunterwürgt. Ihre Augen rennen die getünchten Wände der Zelle entlang. Wenigstens allein! Nur noch ein Kruzifixus über der Bettstatt: der blutende Schmerzensmann mit dem Kinn auf der Brust. ›Du weißt,‹ denkt Roselin, wie ihre Blicke das Haupt unter der Dornenkrone streifen. Es ist eine rohe bäuerliche Arbeit. Die Blutstropfen auf der aufgerissenen Stirn drängen sich brutal und viel zu groß ins Bewußtsein. Trotzdem erschüttert der Anblick Roselin mehr, wie in St. Peter der erlöste Leib, der Pietà im Schoße liegend, sie jemals erschüttert hat. ›Du weißt!‹ denkt Roselin wieder. Und zum erstenmal denkt sie: ›Und ohne Schuld! Und nur aus Liebe!‹ Und zum erstenmal erschauert sie im Begreifen des heiligsten Opfers. – »Drum Mädchen, weine nicht, Sei auch nicht traurig. Wisch deine Tränen ab mit Sandpapier. Denn dieser Feldzug, Der ist kein Schnellzug, Drum wisch die Tränen ab und wein nicht mehr!« 280 Wahrscheinlich sangen unten im Klostergarten die Verwundeten, die bereits so weit waren, daß sie aufstehen konnten. Man gab ihnen leichte Arbeiten: Kartoffelschälen, Gemüseputzen. – Ja, natürlich. Erst jetzt bemerkte Roselin, daß am Gitterwerk des Fensters vorüber sich wie ein Arm ein roter Ast streckte, dunkel gefranst: die uralte Pinie stand hier. In ihrem Schatten hatte Roselin vorhin die Soldaten gesehen in ihren langen gestreiften Genesungsfräcken. Wie sie mit der kleinen Maschine die gewaschenen Binden aufwickelten. Und unermüdlich dieselbe Melodie: Denn dieser Feldzug, der ist kein Schnellzug . . . Roselin hatte ihn doch hundertmal gehört und viele hundertmal, vom »Zerrwannst« begleitet, diesen albernen Kehrreim. Und nur ihre Gehörnerven waren davon gequält worden. – Aber hier? Jetzt eben? Begriff sie denn zum erstenmal ganz den grausigen Sinn? – »Kleine Roselin!« Jürgen Jürgensen sah Roselin an. Roselin wußte nicht, daß der blanke, runde Tropfen, der seine Wange herunter in den Verband lief, von ihr kam. Ihr Handrücken wurde naß, als sie hastig sich über die Augen strich, wie sie sich tiefer bückte und ein Lächeln versuchte. Ja, dies war auch eins der Gesichter geworden wie aus altem Eichenholz geschnitzt und aus dämmrigen, gotischen Kirchen herausgetreten. Fast 281 fleischlos, fast schwarzgebrannt von Pulverqualm, von Sonne und allen Wettern. Und unter dem schwärzlichen Braun diese eigentümliche Blässe: wie ausgeblutet. Roselin kannte diese Gesichter. Aber hatte sie jemals eines erfaßt mit seinen Hintergründen, wie sie dieses erfaßte? Jetzt eben? – Die Augen lagen ganz tief. Zurückgesunken wie zwei verlassene Seen. Verlassen im Watt vom Meer, wenn es bei Ebbe zurückwich. Und trotzdem waren sie noch Meer, die Seen. Und allen Himmel spiegelten sie wider mit Wolken und Sturm und aller Sonne. »Roselin, Roselin!« Seine Stimme kam mühsam. »Ich hab wohl kaum noch lange. Heut wirst du mich doch küssen, Roselin?« Seine vom Fieber zersprungenen Lippen brannten. Er schien vergessen zu haben, daß er wissen wollte, warum das damals so kam. Er legte den Arm um Roselins Hals. Er hielt sie fest, Mund auf Mund. »Süße,« murmelte er zwischen den Küssen. »Kleine Psyche! Kleine, süße Roselin!« In dem Bodenraum über ihnen, als Krankensaal eingerichtet, stampfte es dumpf in kurzen Zwischenräumen: ein Österreicher, Briefträger von Beruf, dem im Feldlazarett bereits das Bein amputiert worden war, machte auf Geheiß des Arztes Hüpfübungen auf dem ihm gebliebenen, um nicht völlig abhängig von den Krücken zu werden. Bei jedem Aufstampfen zitterte das Bett von Jürgen Jürgensen, seine Augen drückten sich 282 zusammen und die linke Wangenhälfte schob sich gequält herauf. Roselin beugte sich über ihn. Sie flüsterte. In ein paar Worten hatte sie ihm ihre Torheit – ja, ihre Schuld an ihm erzählt, und daß sie ihn niemals vergessen gekonnt. »Eine rosa Kapuze!« Jürgen Jürgensen lächelte. »So ein kleines törichtes Mädchen! Eine alberne rosa Kapuze hat zwei Menschen um ihr Glück gebracht. – Nein,« sagte er plötzlich, »nein! Man mißt es doch wohl nicht mit dem Zollstock, das Glück! Die Augenblicke wiegen! Hörst du, Kind! Die Augenblicke! Das übrige Leben – pah!« Er drückte Roselins Gesicht gegen seine keuchende Brust. Dann schob er ihr Schwesternhäubchen zurück. Er küßte ihre Stirn, ihre Wangen, ihre Augen, ihr Haar. »Gib!« Sie gab ihm ihren Mund. »Weißt du noch,« die Stimme von Jürgen Jürgensen kam mühsam. »Ich erzählte dir doch damals. Die großen Städte! Und ich war wie der Schiffer ohne Direktion. Die Kompaßnadel war mir abhanden gekommen. Roselin –« Er lächelte plötzlich. »Die rosa Kapuze,« sagte er wieder. »Mein Gott, das arme Ding. Und meine Liebe zu dir, wie so ein flammender Strauß Rosen und Nelken von der Piazza di Spagna. Du Kind! Du Kind!« Er keuchte. Schweiß trat auf seine Stirn. Er mußte eine Weile schweigen. Nachher erzählte er Roselin – wie Stichworte eines Romans und oft unterbrochen – sein Leben. 283 Wie er wirklich geludert hatte, eine lange Zeit, aus Verzweiflung, und zuletzt sich doch zusammengerafft zu seinem Werk. Heiraten wollte er nicht. Binden hätte er sich nur einmal gekonnt in seinem Leben. »Aber Roselin« – und jetzt sprach er sehr schnell und so leise, daß sie sich ganz nahe über ihn beugen mußte – »wenn ich auch oft gedacht habe, alles ist nur Farce und ein schlechter Witz, den sich irgendein Mächtiger, den wir nicht kennen, mit uns erlaubt hat – dazwischen habe ich immer feste gearbeitet, und das ganze Gefasel vom sterbenden Europa, das hab ich auf den Handrücken genommen und weggeblasen und hab drauf gespuckt, Roselin. Bis das Drama anfing. Das heroische Drama. Du hast auch tapfer mitgespielt, Süße!« Seine Hand herzte ihre Wange. »Und zuletzt wurde ›Heute‹ daraus!« sagte er stark. Er seufzte befreit. Hätte sich gestreckt. Aber das war nun vorbei. Dieser arme Körper mußte liegen, wie man ihn gelegt hatte. Er wollte den Kopf schütteln. Aber auch das ging nicht. Er konnte nur noch ein Lächeln versuchen. »Komm!« sagte er wieder. Und sie schwiegen, Mund auf Mund. ›Jetzt ist wie ein Tor aufgesprungen,‹ dachte Roselin. ›Jetzt muß ich selber durch den feurigen Ofen. Ich werde nicht mehr geschont.‹ – »Wie ich dich liebe!« stammelte sie. Ihre Küsse waren jetzt verlangender als die seinen. Ihn wiegte das Fieber bereits wieder auf trägen Wassern ohne Woher und ohne Wohin. 284 Der Pinienast vor dem Fenster war wie ein blutender Arm. Die Sonne sank. Wie Roselin ihn liegen sieht, die Augen in der leeren, dumpfen Ferne, denkt sie: ›Jetzt – jetzt!‹ Leise steht sie auf. Der alte schwere, rostige Riegel der kleinen gerundeten Holztür knirscht zwar trotz aller Vorsicht. Aber Jürgen Jürgensen hat nichts gehört. Roselin ist den langen hallenden Fliesengang heruntergeflogen. Welche Gnade! Wirklich der Oberarzt, soeben, gefolgt von zwei Wärtern, aus einer Einzelzelle tretend. Er ist ein riesiger Mann. Halb Bauer, Lastträger? Schwerfällig, gebückt. Im Gesicht hängt die Wangenhaut. Von Natur war es voll. Die Augen sind gut. Roselin hält sich mehr an die Augen als an die barsche Stimme und die ungeduldige Bewegung. Es sieht aus, als wolle sie nach dem Ellenbogen des weißen Kittels greifen. Aber schon läßt sie die Hand wieder sinken. Erzählt hastig. Die Worte sind sachlich, offiziell. Die Stimme bittet. Die Wärter zögern herum. Der Fall ist ihnen völlig gleichgültig. Aber dieses feine, kleine Ding von Schwester? Vielleicht wissen sie wirklich im Augenblick nicht, wohin. Der Oberarzt mit den hängenden Wangen und den nach vorn gedrückten Bauernschultern macht ihnen ein herrisches Zeichen. Sie wissen sofort. Roselin ist fertig. Sie hält die Hände vor ihrem Schoß mit den Fingerspitzen gegeneinandergepreßt. 285 Der Oberarzt sieht sie eine Weile prüfend an. Die guten Augen werden dabei kühl. Prüfen sachlich. »Auch die Nachtwachen übernehmen? Jede zweite Nacht natürlich. Aber immerhin! Bei der Pflege? Wir können vorläufig nichts machen. Erst müssen die Oberschenkelknochen aneinanderheilen. Wir hatten kein Leukoplast mehr. Sie wissen ja, alle guten Klebstoffe müssen direkt ins Feld. Das Fieber macht mich bedenklich. Die Wunde der linken Seite. Wenn Eiterung eintritt . . .« Der Oberarzt sieht Roselin wieder an. »Sie waren bisher im Soldatenheim tätig?« »Ja,« Roselins Stimme fliegt. »Ich bitte trotzdem. Ich bin in Berlin ausgebildet. Ich pflegte im Lazarett dort. In Lemberg, in Calarasi . . . ausgeholfen . . .« Der Oberarzt versteht sie kaum noch. Ihre Stimme scheint sich fortwährend zu verlieren. Er weiß nicht, daß Roselin denkt: Wenn jemand für etwas Schlimmes notwendig war, dann haben sie mich immer hinter meiner Theke sitzen lassen und eine andere geholt. – Er weiß nicht, daß sie plötzlich ein junges Weib, das sich seiner schweren Stunde entgegenquält, vor sich sieht. Aber wiewohl Roselin gerade jetzt unendlich schmal, fast dürftig und hilflos vor ihm steht, verändert sich der Ausdruck seiner Augen. Der Arzt, der den »Fall« sachlich und medizinisch gegen die Leistungsfähigkeit der Pflegerin abwägt, hat plötzlich hinter der Pflegerin den Menschen erblickt. Die Frau. Die liebende Frau. 286 Er macht eine Kopfbewegung, die »ja« und auch »nein« heißen kann. Aber er sagt: »Also, wenn Sie sich's zutrauen wollen!« Und fügt hinzu aus eignem Antrieb: »Mit dem Heim bringe ich die Sache in Ordnung.« Roselin atmet tief aus. Jetzt kann sie nicht anders. Ihre Hände haschen nach der grobknochigen Hand, die berühmt ist am Operationstisch wegen ihrer feinen und sauberen Arbeit. »Gut!« Der Oberarzt nickt. Nur seine Augen lächeln. Roselin weiß nicht, daß er zwei Söhne an der Westfront hat und einen in Rußland. Sie spürt nur sekundenlang, wie die große, warme, geschickte Hand sich fest um ihre kalten Finger schließt. Dann kommen die Tage im Klosterlazarett, deren Bilder sich wie mit glühender Nadel dem Gedächtnis einprägen; Bilder, die niemals mehr verblassen werden. Der Oberarzt wußte wohl, warum er zögerte im Fall Jürgen Jürgensen. Das Fieber steigt und steigt. Die Schmerzen in der linken Seite werden unerträglich. Morphium muß helfen. Ein Eingriff verbietet sich wegen des gebrochenen Oberschenkels. Erst müssen die Knochen wieder zusammengewachsen sein. Der Kranke liegt viel im Dämmerzustand, hat alles vergessen. Manchmal kann er sich heftig erregen. Dann wieder erzählt er von seiner Kindheit, vom Wattmeer. Und manchmal von Rom. 287 »Psyche!« sagt er dann wohl. »Kleine Psyche!« – und lächelt. Aber es kommt auch zuweilen ein halber Satz wie aus fernen und fremden Ländern, in denen Sümpfe sind, deren Atemhauch giftig und tödlich ist. In anderen Zeiten stöhnt er und stöhnt stundenlang, in immer gleichen Abständen. Das klingt, wie wenn schwere Lasten über steinerne Treppenstufen geschleppt werden. Seltener und immer seltener werden die Augenblicke, in denen er Roselin kennt und ein liebes Wort für sie hat. Nun, Roselin ist bei ihm. Und ist unermüdlich bei Tag und jede andere Nacht. Sie sagt die lieben Worte. Sie kühlt seine Stirn und herzt sie, wenn er stöhnt. Und wenn er in die dunklen Länder verbannt ist, faltet sie die Hände und sieht in brünstiger Bitte zum Kruzifixus empor. Draußen schreitet indessen der Oktober strahlend, fruchtschwer und schon ein wenig reifemüde über das Land. Und an einem Tage, als Roselin denkt: ›Wie schwebend und rein ist die Luft heute. So verklärt der Himmel‹ – an diesem Tage tritt die furchtbare Blutung ein. »Es ist, wie ich befürchtet habe,« sagt der Oberarzt draußen zu Roselin. »Die Ader ist angefressen. Die Eiterung ist nach innen gegangen. Es bleibt nur Operation. Sofort.« Der Oberarzt sieht an Roselin vorbei. – Sie weiß, was das bedeutet. – Ihre Augen sind dunkel geworden, fast schwarz. Sie möchte betteln – beten – herausschreien. 288 Aber wie sie nickt, sagt sie sich nur ein Wort vor, fortwährend: »Durchhalten! Durchhalten!« Und dann: »Nur Hand sein. Instrument. Mittel. Und exakt, exakt – wie eine Maschine.« Da läßt das Beben ihrer Hände nach. Sie kann geschickt und überlegt bei den Vorbereitungen helfen. Die Narkose wird noch in der Zelle gemacht. Der Kranke weiß kaum, was mit ihm geschieht. Seine Augen sind meist geschlossen. Nur, eh er versinkt ins Letzte, ins Bodenlose – »Roselin!« – Ja, er sagte: »Roselin.« Seine Stimme war zärtlich. In den Operationssaal darf Roselin nicht mit hinein. – Nun kommt das Warten. Nur nicht sich vorstellen, was da drinnen geschieht. Was an dem armen, geliebten, zerpeinigten und ausgebluteten Leibe geschieht! Und wieder hat Roselin nur den einen Gedanken: Durchhalten! Durchhalten! – Und zuletzt doch Kopf in verkrampften Händen, und vor dem Kruzifixus auf die Knie: »Gott! – Gott!« Dann war auch diese Marter vorüber. Roselin hatte ihren Kranken wieder in der Zelle. Nachher reihen sich die Tage zur Woche und zur zweiten Woche. In der Natur draußen hat es sich leise verändert. Die Felder sind abgeerntet. Die Rosen blühen spärlich, aber ihr Leuchten ist tiefer geworden. Die Tage sind immer noch heiß, aber die Kälte der Nächte bereits nadelspitz. Und eines Morgens liegt Reif über dem Lande. 289 Drinnen bei Roselin und ihrem Kranken ist jeder Tag wie der andere. Nur daß dem Herzen seine Arbeit immer schwerer fällt. Das Leiden wurde fast übermenschlich. Und immer stärker der Geruch von den Absonderungen der Wunde, wie von einem Totenfeld. Wenn andere Schwestern Nachtwache haben, müssen sie oft das Zimmer verlassen, ehe ihre Zeit um ist. Und – eines Morgens – ja – eines Morgens – muß auch Roselin hinausgehen, ehe sie abgelöst wird. Und bleibt vor der Tür in langer Ohnmacht. Und wird in ein entferntes Zimmer getragen. Dort liegt sie ein paar Tage wie verschüttet und ohne Willen und Kraft. – Als der Chefarzt sie wieder aufstehen läßt, liegt Jürgen Jürgensen bereits im Soldatenwinkel des Friedhofs von Calarasi. – – – ›Doch nicht durchgehalten!‹ denkt Roselin verzweifelt. ›Ihn verlassen in der letzten Not! Jürgen allein sterben lassen! Kann man das jemals überwinden?‹ Sie jammert nicht laut. Kaum, daß sie weint. Aber sie ist wie ein Häufchen Schnee, das im Frühjahrssturm in sich zusammensinkt. 290   Dann geht die Zeit hin wie ein wirrer Traum. Alles Persönliche muß in den Hintergrund treten. Die Herren von der Etappenkommandantur reisen ab. Kurz danach erfährt man, daß der Bahnverkehr mit Deutschland schon seit Tagen aufgehört hat. Das bedeutet: man ist abgeschnitten. Die Flottille macht sich gleichfalls bereit. Nun, allein kann Roselin in Calarasi wohl nicht bleiben. Das beste ist, sie kommt gleich mit bis Bukarest. Die Bahnlinien sind frei. Darauf zu hoffen, hat man kaum noch gewagt. Aber das Durcheinander! Sind denn alle Soldaten mit einemmal unterwegs? Was ist geschehen, um Gottes Willen? Niemand weiß. Vom Bukarester Heim aus ist der Transport ungewiß. Schwester Helga soll in Sinaia sein. Ohne Aufenthalt fährt Roselin gleichfalls dorthin. Ihr Urlaub gestattet es ihr. In Sinaia ist wunderbarer Friede. Gibt es irgendwo Krieg in der Welt? Wie die Firnen leuchten! Selig verklärt und weiß. Aber alle Bäume brennen in den vielfachen Herbstfeuern. Unwirklich und wie verzaubert in der schimmernden Bergwelt, selber ein Märchen, liegt das Schloß, in dem die Königin Elisabeth als Carmen Sylva ihre Pelesch-Märchen schrieb. Ob man sich hier 291 wieder finden könnte? Es täte gut, ein wenig Atemholen nach dem Vergangenen. Aber Schwester Helga ist nicht im Heim. Niemand weiß von ihr. Überdies – schon am andern Mittag kommt ein Arzt des dortigen Lazaretts in großer Eile: Die Schwestern müssen bis vier Uhr gepackt haben und auf dem Bahnhof sein! Auch Roselin selbstverständlich. – Es geht alles Hals über Kopf. Viel Heimbesitz kann nicht mitgenommen werden. Um vier Uhr ist alles marschbereit. Wie sie auf dem Bahndamm warten, rollt Zug auf Zug vorüber, – Zug auf Zug. Material, Menschen – alles durcheinander. Roselin denkt an die Reise der vergangenen Nacht. Sie war schon fürchterlich genug. Und heute? Hier warten Gesunde, Kranke, Schwerkranke. Sitzend, liegend, stehend. Jeder Fußbreit schienenentlang ist besetzt. Der alte Landsturmmann neben Roselin auf dem Perron zittert und weint im Fieber. Und während sie ihn tröstet und zugleich den zerschossenen Arm eines Schwerverwundeten stützt, der eigentlich in seiner Maschinerie sitzen müßte, sieht sie fortwährend zwei Gewichte, 30 Pfund schwer, vom silbernen Nagel durch das Schienbein gebohrt, getragen, und sieht – und sieht . . . ›Wie sollen die Kranken die Fahrt überstehen?‹ reißt sie sich hoch aus ihren Gedanken. Wie sind sie überhaupt bis hierher aus den Lazaretten gekommen? Von Kameraden gestützt, wanken noch immer ganze 292 Trupps daher. Auf dem Bahnsteig in der eisigen Winterkälte liegen sie und bitten die Vorübergehenden, ihnen in den Zug zu helfen. Oben auf den Waggondächern der durchfahrenden Züge, im stiebenden nadelscharfen Schnee, sitzen Soldaten. Außen auf den Trittbrettern sitzen sie. Ohne Befehl. Ohne Disziplin. Wie ohne Verstand. Nur fort! Fort, nach Deutschland! ›Lieber Gott!‹ denkt Roselin, wie sie den endlosen Zügen hinterdrein sieht, ›wahrscheinlich sind das gar nicht Soldaten geschlossener Formationen. Es sind gewiß welche, die im Lande auf kleinen Posten und Kommandos gesessen haben. Wie die Bahnhofswache in Fetesti.‹ Und noch immer stehen Roselin und Schwester Lisbeth aus Sinaia inmitten ihres Trüppchens auf dem Bahnsteig. Wird der leere Zug da drüben auf dem toten Gleis sie überhaupt fortbringen? Es wird Abend. Es wird dunkle Nacht. Sie stehen und warten. Plötzlich Befehl, heranzutreten. Ein Offizier entfaltet ein Schriftstück. Was verliest er? – Nein. – Man träumt wohl. Man ist schon ganz verworren von Warten und Kälte: Der Kaiser dankt ab?! Etwas schwankt um Roselin. Sie sieht ihn plötzlich vor sich, den Kaiser, wie sie ihn auf den Hofbällen gesehen hat, die Zähne blitzend im Lachen des gebräunten Gesichts, leuchtend die Augen, lebhafter Bewegung, den ganzen Kreis um sich beherrschend. Und – nun? – Nicht an der Spitze 293 seiner Truppen, auf dem Felde der Ehren? – Abgedankt? – Nach Holland übergegangen? – Trotzdem – sie schreit nicht auf. Niemand schreit auf. Sie alle sind zu elend dafür, zu ermattet, zu stumpf. Auch Roselin. Sie warten weiter. Eine Stunde später neue Botschaft: in 24 Stunden müssen die Deutschen Rumänien verlassen haben. Rumänien hat das Ultimatum gestellt. Nach 24 Stunden wird es Deutschland als Gegner betrachten. Die Stimmen der Offiziere überschlagen sich fast: »Einsteigen!« Das Drängen wird lebensgefährlich. Jammern, Flehen, Notschreie zerreißen Ohren und Herz. Es ist Mitternacht vom 10. auf den 11. November, als der Zug sich in Bewegung setzt. Roselin hat schon lange die Empfindung, daß alles um sie her seltsam schwankt. Die Gesichter ihr gegenüber verzerren sich. Sie fliegt im Frost. Und dann wieder die Hitze. Und die Übelkeit! Die Übelkeit! Und plötzlich sieht sie wieder die grausige Wunde. Spürt den Geruch wie von Totenfeldern. Sie stöhnt. Als sie die Handballen in die Augenhöhlen preßt, gelingt es ihr: sein Gesicht sieht sie. Das arme geliebte Gesicht, wie ausgeblutet, wie aus grauem, verwittertem Holz. – ›Vergib!‹ gehen ihre Gedanken. ›Vergib!‹ Sie versucht, sich geradezurücken. Sie sitzt in einem Abteil voller Schwestern, so gedrängt, daß niemand ein Glied rühren kann. 294 Wie lange hat man eigentlich nicht mehr geschlafen? Am andern Morgen ist man in Kronstadt. Roselin schleppt sich aus dem Abteil. Die Schwestern helfen ihr nicht. Sie wissen wohl nicht, daß sie krank ist. Jemand bringt ihr zu essen. Im nächsten Augenblick muß sie es von sich geben. Diesmal war sie ohne Schuld. Ja? – Sie hält sich fest an irgend etwas. Alles um sie her dreht sich. Wie furchtbar allein ist man in diesem Gewühl! Und die Soldaten, ihre lieben Soldaten – was ist das für ein abscheuliches Gröhlen? Was erzählen sie sich so aufgeregt? Was schreien sie? Revolution? In Deutschland Revolution? – Oh, nein, nein! – Roselin tastet zurück in ihr Abteil. Sie fällt hin dabei. Irgendein Arm hilft ihr. Aber wie seltsam schwer und schwingend zugleich alles ist? Wie drohend nah alles auf sie eindrängt! Nun fahren sie wieder. Wohin? Es ist gleichgültig. Dort sind noch Berge. Dann schmerzende Dunkelheit. Lange. – Jemand schreit plötzlich: »Hermannstadt!« Die Blauen Schwestern sollen hier warten auf den Transport der Soldatenheimschwestern aus Bukarest. Sollen hier warten? – Ja. Alles, was man will. – Roselin stürzt wieder beim Aussteigen. Irgendein Arm hilft noch einmal. Die Schwestern sind nur mit sich selbst beschäftigt. Reden aufeinander heftig ein. Klagen an, suchen, jammern. 295 Roselin sitzt auf ihrem Köfferchen. Ihr linker Arm und ihr Rücken scheinen naß. Ob es regnet? – Tut nichts. Nur nicht mehr aufstehen. Jemand beugt sich über sie. Kennt sie das Gesicht? – »Mein Gott,« sagt der Major von Bergmann aus Lemberg, »mein Gott, Sie hier, Schwester Roselin? Wie sehen Sie aus? Sind Sie krank?« Roselin lächelt. Eine bekannte Stimme! Hier in der großen Verlassenheit, welche Gnade! – Wie mühsam sich Worte finden. Aber schon füllt jemand ihr Kognak ein. Sie wird aufgehoben. Ins Trockne gerückt. In Decken gepackt. Wie gut, wie gut! – Sie schließt die Augen. – Eine fremde Stimme – sie scheint aus weiter Ferne zu ihr herüberzuschreien, wie wenn jemand über ein breites Wasser schreit: »Schwester,« verlangt die Stimme, »möchten Sie lebendig oder tot nach Deutschland?« Roselin hat die Augen geschlossen. Der Arm, der sie stützt, ist wie ein Bett. Die Decken so köstlich warm. Sie sagt etwas. Es nutzt nicht viel. Über das weite Wasser hinweg reicht ihre Stimme kaum. Aber sie muß lachen. »Verstehen kann man sie nicht,« sagt jemand. »Aber, Gottlob, sie lacht noch!« Dann fühlt Roselin sich sanft geschaukelt wie in einem Kahn. Jetzt fahren sie über das große Wasser, und drüben – nicht wahr? – drüben ist Deutschland? Man könnte weinen vor Glück, wenn nicht irgend etwas in einem läge, schwer, ganz schwer. Und dann, man ist so sehr müde. 296 Der Kopf ist wie ein kochender Kessel, der fortwährend kleine Blasen an den Deckel stößt. Und der Aufruhr in den Gedärmen! Als Roselin zum Bewußtsein kommt, liegt sie gut und langgestreckt in einem Feldbett im Barackenlazarett von Hermannstadt. Man hat sie dorthin gefahren und getragen. Neben ihr hantiert Schwester Lisbeth aus Sinaia. Der Stabsarzt hat sie kurzer Hand dabehalten. Wenn nicht diese wahnsinnigen Kopfschmerzen wären! Es wäre schön. – Der Stabsarzt kommt oft. Bringt sogar Blumen. Woher? Ist nicht November? Als es Roselin etwas besser geht, bringt er eines Tages einen jungen Studenten mit. Nein, wirklich? Ein Schützling von Dr. Reichmann? Er war mit ihm zusammen an der Westfront. Berliner ist er auch. Er sitzt manchmal eine halbe Stunde schweigend an Roselins Bett. – Nach ein paar Tagen – Roselin weiß nicht, wie vielen – sagt der junge Student neben ihr »Garba!«, steckt die Zunge zwischen Unterkiefer und Kinnbacken und grüßt von Exzellenz Zampel und Strampel. Zum erstenmal lacht Roselin. Von dem Studenten erfährt Roselin, wie Dr. Reichmann im Unterstand, während um sie die Erde zitterte und die entsetzlichsten Dinge geschahen, ihnen von Garba, vom Bunde, von der Baronesse Roselin und von der Ackerstraße erzählt hat. 297 Einmal bringt der Student einen Bekannten aus dem Graben mit, einen jungen Mechaniker, feiner, zierlicher Mensch, fast ein Muttersöhnchen äußerlich. Die beiden reden. Roselin hört still zu. Ist noch zu müde. Das Wort »Kommunismus« fällt. – »Entwicklung?« sagt heftig der Mechaniker. »Entwicklung? Wie lange sollen wir noch auf Entwicklung warten? Glaubst du wirklich, der Kapitalismus wird dadurch den Geist aufgeben, daß der Sozialismus sich weiter entwickelt? Jahrzehntelang hat der Kapitalismus die Diktatur gehabt. Millionen Lohnsklaven hat er sich gehalten. Der Kapitalismus hat den Krieg gemacht. Eine Handvoll Bankiers! – Die feinen Herren mit den Opellimousinen, den Yachten und den Villen in Baden-Baden oder Spaa . . .« Roselins Schulterblätter ziehen sich zusammen. Sie spreizt die Finger. Ist da nicht irgendwo ein Bohrer. Der bohrt und bohrt unter einem jahrhundertealten, festen Bau? – Aber es ist nur die Stimme des kleinen Mechanikers. Sie ist scharf wie Metall. »Diese feinen Hunde, das waren die vaterlandslosen Gesellen. Nicht wir, die Majestät mit diesem Titel zu beehren beliebten,« höhnt die Stimme. – »Was hätten wir für ein Vaterland gehabt? – Und trotzdem haben die wenigen oben auf der Leiter die Millionen unten in Dreck und Schweiß mit der Idee ›Vaterland‹ wie das Vieh in die Schlachthöfe getrieben. Für sie war Paris und London, Berlin und Amerika ganz dieselbe Chose. Überall war ihnen Vaterland, wo sie ihre Goldsäcke füllen konnten. Und damit es gründlicher ging, inszenierten sie den Krieg. – Das war Diktatur. – Wir wollen ihnen – das Proletariat wird ihnen die Diktatur abzwingen. Vaterland – Mutterland, das sollen einmal unsere Kinder mit besserem Recht sagen als wir.« Roselin hält sich die Ohren zu. Ihr Atem keucht. Die glühende Stirn beperlt eiskalt. Die beiden merken nichts davon. »Die Züchtung von kommunistischen Edelmenschen en masse wird auch Zeit brauchen,« erhitzt sich der Student. »Einsturz ist noch nicht Aufbau.« Und wieder der andere: »Aber ehe das morsche Haus nicht zertrümmert ist, wie soll etwas Neues errichtet werden? Natürlich werden Tausende von Unschuldigen mit erschlagen werden bei dem großen Koppheister. Unersetzliche Werte müssen zugrunde gehn. Aber nur so – nur so kann man die weiten, freien Horizonte erblicken. Die wogenden Äcker für alle, die klaren Häuser der Zukunft.« ›Weite Horizonte?‹ denkt Roselin glücklich. Ihr Puls hämmert. ›Ausblicke auf Weite . . . Garba! . . .‹ Und plötzlich hört sie einen Namen. Ist es auch ihr eigner? – Nein, nicht Roselin – aber Rosa, Rosa Luxemburg. – Und die Stimme, die den Namen ausgesprochen hat, wird leise und ehrfurchtsvoll. Aber sie hört nicht mehr, was der Student jetzt antwortet. – Als der Stabsarzt die beiden 299 fortholt: »Zu lange,« sagt er streng. »Was fällt Ihnen ein? Viel zu lange!« Roselin liegt noch immer allein in ihrer Koje. Aber in den Nächten, wenn das Schlafmittel versagt, hört sie durch die dünnen Holzwände das Stöhnen und Röcheln aus dem Barackensaal. Es scheinen viele zu sterben. Seit Mitte des Monats schneit es ununterbrochen. Vor dem kleinen Fenster häuft sich der Schnee. Draußen – sagen sie – laufen viele herrenlose Pferde herum. Verhungern. Sie sagen auch: in den Bergen schneit und stürmt es schon lange. Die Soldaten wandern heim zu Fuß. – Oder: Auf den Bahnhöfen herrscht ein Durcheinander, nicht gutzumachen. Riesige Materialmengen sind liegengeblieben aus Mangel an Lokomotiven. – Oder: In Deutschland ist Revolution! – Die Tage gehen hin. Man hat verlernt, zu fragen und zu drängen. Man liegt still. Wartet. Selbst Schmerzempfindungen, Sehnsucht, Trauer scheinen zu warten. – Es gibt einen winzigen Ofen im kleinen Holzraum. Fast ist es gemütlich. Die Besucher mehren sich. Genesende aus dem Barackensaal, auch inzwischen gesund gewordene Schwestern. Die große Familie, die Gemeinschaft, deren Grund eine Weile erschüttert schien, bildet 300 sich wieder. Wie Schützengraben ist diese Holzbaracke. – Zuletzt darf Roselin aus dem Bett. Aber sie fällt gleich zusammen, als man sie auf einen Stuhl setzt. Sie war doch wohl recht krank? – Was ihr gefehlt hat? Was man so haben kann, wenn es mit 40 Grad und Schüttelfrost anfängt. Aber jetzt geht es aufwärts. Das Schwere, das man im Grunde nun tragen muß, ist nicht leichter geworden. Aber man fängt an, auch andres zu denken: ›Wie sie wohl heimkamen? Was aus dem und jenem Kameraden geworden ist? Schwester Helga?‹ denkt Roselin. ›Meine liebe, getreue Freundin! Wo mag sie sein? Stephanie? Axel? Das Kindchen?‹ Am 30. November: »Die Rumänen werden erwartet. Hier. Heut!« Der Stabsarzt hat die Wärter und Schwestern zusammengerufen. »Wir müssen fort sein. Sonst sind wir Gefangene! – Ja, ein Lazarettzug ist da. Nur, natürlich, die Herren von der Etappe . . .« Er lacht mißtönig mit heruntergezogenen Mundwinkeln. Und ist wieder fort. Er kämpft um seinen Zug wie ein Löwe. Er siegt. – Wieder ist es Mitternacht, die Nacht zum 1. Dezember, als der Zug Hermannstadt verläßt. ›Um Mitternacht,‹ denkt Roselin, ›zog ich aus im April 17.‹ Der Graf Matuschka fällt ihr ein. Damals, als es hieß, die alliierten Armeen stünden an der Donau bei Belgrad: »Dort, wo alles 301 begann, wird alles enden,« sagte der Graf. »Der Bundesbruder, um deswillen alles geschah, hat mit der Wiener Note schon vor einem Monat öffentlich Bankrott angemeldet. Jetzt will er sich im eignen Hause durch die Autonomie retten. Der Balkan ist verloren. Liebe Leute, Ihr werdet bald Euer Bündel schnüren können!« – – Der Lazarettzug fährt durch eine zauberische Winterlandschaft. Er fährt durch lauter Leid. Im tiefen Schnee, schmutzige Spuren hinter sich dreinziehend – dort – da – wandern gebückt, hungrig, zerrissen, mit noch brennenden Narben, erfrorenen Gliedern, deutsche Soldaten! Sie sind oft in diesen schweren Wintern durch Nässe und Schnee marschiert. Aber jetzt reißt kein Impuls ihren Willen mehr in die Höhe, keine Hoffnung. Wenn den Wandernden der Lazarettzug vorübergleitet, bleiben sie stehen. Heftiger Gebärde werfen sie die Arme auf. Wie ihre blechern gewordenen Stimmen betteln: »Halt! Halt! Nehmt uns mit!« Der Zug kann nicht halten. Kann niemanden mitnehmen. Keinen einzigen. Fast unabsehbar lang ist er und so überfüllt, daß er nur vorwärtskriecht. Aber die im Zuge, die stumpf Gewordnen von Leid, von Entbehren, von Schmerzen, von Fieber, von Warten – jetzt, da sie draußen die Kameraden im Schnee sehen, wie Verzweifelte erstarrend, mit wilden Flüchen drohend, oder geduldig und müde an ihren Stöcken neu ausschreitend, 302 zurückbleibend hinter ihnen – jetzt können die im Zuge wieder weinen. – Dann sind sie in Ungarn. Die Lokomotive hat vorn ein Maschinengewehr eingebaut, denn Ungarn ist Deutschlands Feind geworden, will den Zug nicht durchlassen. Preßburg: das bedeutet Entscheidung! Alle Heimfahrenden sollen gefangengenommen und interniert werden. Eine Baracke steht schon bereit. Drinnen im Zug sitzen sie und warten. Erwarten ihr Schicksal. Draußen verhandeln die Ärzte. Der endlose Zug braucht eine Vorspannlokomotive. – Nach einer halben Stunde hin, her: »Passieren!« heißt es. »Sofort! – Lokomotive? Nein! Sollen sie sich plagen, Deutsches Infamigtes! Nie Lokomotive!« »Passieren! Passieren!« hören die im Zuge. »Lokomotive? Sch . . . Lokomotive!« Und schon sind alle Leichtkranken herausgesprungen. Die Hände greifen ins Gestänge der Wagen, packen die Türgriffe. Mit ihren letzten Kräften, schweigend, Zähne zusammengebissen stemmen sie sich, pressen mit ausgemergelten Leibern, Adern an den Schläfen zum Zerplatzen. – Jetzt – jetzt! – Nach endlosen Minuten der Bangnis, wie ein treues Tier, dem es über die Kraft geht, und doch begreifend, was von ihm abhängt, schneidet ein bellender, wilder Schrei der Lokomotive den Bahnhofsqualm in Stücke. Die Stangen kurbeln an. Die Räder fangen an, sich zu drehen. Langsam – langsam – fauchend 303 – stöhnend, während die Helfer aufspringen, nimmt die Lokomotive die schwere Steigung. Manche im Zug lassen sich zurückfallen, schließen die Augen. Ein paar schreien: »Kotz . . .« wischen gleich mit dem Rockärmel über Nase und bärtige Wange. Jemand wird ohnmächtig. Roselin preßt die Handflächen gegeneinander. »Gerettet!« murmelt sie mit weißen Lippen. Sie meint: »Gott!« Die Gefahr Budapest ist in der Nacht vorübergegangen. Nun Wien. Brudervolk – ohne Gefahr, aber immer noch irgendwie Fremde. Als der Zug am 17. Dezember unter der Hohen Salzburg anhält, könnte es ebensogut Ebene rundum sein. Meer. Der Nebel flockt. Wie ausgeschüttete Bettsäcke. Niemand sieht eine Stadt. Niemand weiß, wohin es geht. Aber gegen Abend sind sie in Regensburg. »Aussteigen!« »Wer? Wir?« Viele Hände strecken sich aus. Abschied. – Mein Gott! Was bindet fester als Leid! – – – Die alte vornehme Oberin vom Roten-Kreuz-Lazarett bewillkommnet die Schwestern. Außer Roselin bleiben zwei von ihnen dort. Alle andern werden als gesund gleich heimgeschickt. Man bringt Roselin in ein wunderbar sauberes Zimmer. Man entkleidet sie. Vor ihrem blütenweißen Bett bemerkt sie mit Entsetzen, wie schmutzig sie ist. Acht Tage kaum gewaschen! 304 »Baden?« – »Ja, morgen.« ›Morgen!‹ denkt Roselin, – das klingt wie ferne Zukunft. ›Deutschland!‹ denkt sie, wie sie verzaubert in die weißen Kissen sinkt. ›Deutschland! Daheim!‹ – 305   Gott war barmherziger als die Menschen. Er hielt Regen und Schnee verschlossen in den weiten Falten seines Mantels, daß die endlosen grauen Kolonnen, die zur Grenze und über die Grenze zur Heimat zogen, vor dieser letzten Anfechtung bewahrt blieben. Jetzt, seit dem dritten Advent stieben die Flocken. Der heilige Nepomuk auf der Brücke der Stadt, in der Roselin vorläufige Zuflucht und Heimatstatt fand, trägt ein weißes Barett. Selbst die Madonna vor der Kathedrale in ihrem Engelskranz hat eine weiche, pelzene Mantilla umgelegt, und die schwingenden Barockfalten ihres Gewandes sind sanft auswattiert. Ihr leidenschaftlicher Aufstrom scheint in sich zurückgerafft. Sie hat eine schöne, beruhigende Umfängigkeit gewonnen. Sieht schenkend aus, erdhaft, mütterlich. Die Glocken der vielen Türme der Stadt, die alle Pelzhauben tragen und die zartesten Spitzenverbrämungen, läuten den dritten Advent ein. Schiebt sich ein Sonnenstreif durch die schwarzgetürmten, grauen Wolkenpakete, der über den Schnee fällt, wird die weiße Decke stählern oder vergißmeinnichtblau. »Blau!« sagt Roselin zuweilen in ihrem ständigen, leichten Fieber, wie sie noch immer in ihrem weißen Bett im Roten-Kreuz-Hospital liegt. Meint 306 sie die erste blaue Hyazinthe, die man auf ihr Tischchen gestellt hat? Eines Tages sagt sie: »Das träge Blau!« Schwester Benita bewegt staunend und sanfter Frage die weiße, frisch gestärkte Haube. Sie kann nicht ahnen, daß Roselin vergessen hat, was in wilden und klirrenden Farben und Tönen um sie her stand alle die letzten Jahre. – Aber auch was vorher war, hat Roselin vergessen: Die milde und zärtliche Wärme der Heimat, der Familie und Freundschaft, die sie schützte und trug, – die zarten und glühenden Flammen einer Liebe . . . Ja, welcher Liebe? – Auch solche Namen wie Bob, Jürgen Jürgensen hat Roselin vergessen. Nun, wenn man fortwährend schreiten muß. Oh, wie lange nun schon muß Roselin schreiten, und wie müde wird man dabei, durch blaue verdämmernde Landschaft, ohne Ausblick, ohne Ziel. Woher? Man weiß nicht. Wohin? – Das weiß man noch weniger. Rechts? Links? – Es gibt keine Abwege oder Auswege. Alles ist ohne Geschehnis, ohne Erleben, ohne Hoffnung, ohne Furcht, ohne Warum, ohne Wozu: Träge blau ist alles! »Ist nicht doch etwas zerstört in diesem Organismus?« fragt nach drei Wochen, die kaum eine Änderung aufweisen, die Oberin den Chefarzt. Er schüttelt den Kopf. Wiederholt wie jedesmal auf dieselbe Frage: nicht zerstört. Nur ausgeschöpft. Leergelaufen. Man muß nur Geduld haben, bis die feinen Räderchen wieder spielen! 307 Drüben in der Klosterkapelle üben die Novizen: in dulci jubilo! Ihre jungen Stimmen jubeln inbrünstig. Nach ein paar Tagen hat der Chefarzt einen Einfall. Er kommt nicht aus dem klugen Gehirn des Mediziners, er kommt aus der innersten dunklen Kammer des verwundeten Herzens. Der Chefarzt hat eine Tochter in Roselins Alter, fein, zart wie sie. Er hat anfangs des Krieges ihrem inständigen Bitten nachgegeben und sie als Röntgenschwester an die Westfront gehen lassen. Während der Marneschlacht ist ihr Verlobter fast vor ihren Augen von einer Granate in Atome zerrissen worden. Seitdem ist ihr Verstand verwirrt. An diese Lieblingstochter denkt der Chefarzt jedesmal an diesem Krankenbett. Hier ist er nicht nur Arzt, wie an den andern. Ein paar Tage nach dem dritten Advent bringt er einen Armvoll Weihnachtsgrün in Roselins kleines Einzelzimmer. Roselin hat, wie meist, die Augen geschlossen, ohne zu schlafen. Der Arzt bricht einen Zweig auseinander, hält die frische Wunde, die ganz zart und hell blutet, Roselin unter die noch immer kleine und stumpfe Nase. Seit den letzten Wochen sieht sie eigentümlich wächsern aus, oder wie abgebrochen und wieder angesetzt. Man könnte die Linie, wo sie befestigt wurde, fast nachzeichnen mit dem Stift. Roselin bleibt zuerst bewegungs- und teilnahmslos. Der Doktor ist schon fast enttäuscht. Aber er 308 hält ihr noch immer den Tannenzweig zum Riechen hin. »Erinnere dich doch, kleines Mädchen!« bitten und befehlen seine Gedanken. »Weißt du nicht mehr? Damals?« »Weihnachten,« sagt Roselin plötzlich. Sie atmet tief ein. Zerrt mühsam die Lider von den Augen, als seien sie verklebt. Auch ihre Augen haben sich geändert. Sie liegen ganz flach und fremd und ohne Tiefe. Aber nun tastet sie nach dem Zweig, stammelt wieder: »Weihnachten!« Ihre Augen werden dunkel, kommen zurück, gehören wieder ihr. Am nächsten Tage kann man Stephanie, deren Adresse man durch Roselins Papiere und über Berlin erfahren hatte, die Nachricht schicken, daß aller Wahrscheinlichkeit nach es mit ihrer Schwester bergauf gehen würde. Der Antwortbrief von Stephanie ist voll Jubel und Tränen. Am liebsten hätte sie sich gleich in den Zug gesetzt. Aber es ist undenkbar wegen Axels schwerer Verwundung. Er war in Lebensgefahr gewesen die erste Zeit. Jetzt hat ihn Stephanie im Lazarett in Metz. Der Arzt verspricht Wiederherstellung. Sobald Roselin reisefähig ist, möchte sie kommen. Nach diesem Brief war in das träge Dämmerblau eine Bewegung gekommen. Roselin begriff das Wort Weihnachten. Dabei schien ihr, als ob in 309 der Ferne, in einer Unmeßbarkeit, Glocken läuteten. ›Friede auf Erden!‹ dachte Roselin angestrengt. O nein! Sie bewegte den Kopf wie eine zu schwer gewordene Blüte auf dünnem Stengel. Auf Erden nicht! Jedenfalls nicht in Deutschland. Trotz des Waffenstillstandes. Das war es ja eben: dieser feste Grund war eingestürzt. Mindestens erschüttert. Man ging wie auf der Decke eines Moores. Um einen war glasklare, nadelspitze Luft. Die Decke des Moores war dünn überfroren. Aber man fühlte ganz deutlich, wie alles unter einem bebte. Fortwich. Problematisch wurde. Die alten festen Begriffe, auf denen man so sicher geruht hatte, die einen getragen hatten: die Monarchie zum Beispiel, der Kaisergedanke, der alte Staat, Heer, Flotte, Adel, Bürgertum, Gesetz, die Achtung des deutschen Namens unter den anderen Staaten . . . ? . . . Roselin griff in die Luft. Versank sie? Ging ihr der bittere, zähe Schlamm schon bis an die Schultern? Sie verkrampfte ihre Hände. »Gott!« bettelte sie leise. »Gott! Es gibt so viele Irrwege. Vielleicht sind auch wir Irrwege gegangen. Wer weiß denn den rechten Weg. Es muß aber doch einen geben. Auf dem man ganz ruhig und gesichert schreiten kann. Weil man geführt wird, zu dem Ziel – – zu dem Ziel?« . . . Sie sank zur Seite. Das Fieber stieg wieder. Solche Tage und Stunden wechselten mit stilleren. Aber das träge Blau war endgültig 310 überwunden. Und nach einem dieser gequälten Tage träumte Roselin ganz deutlich von ihrer Mutter. Sie stand wieder auf dem Stahnsdorfer Friedhof. Viele, viele waren gekommen, hoch und niedrig, aus allen Ständen, und alle trauerten, als hätten sie eine eigene Mutter verloren. Sie spürte den schmerzhaften Duft der Zypressen. Sie hörte die Stimme des Obersten, wie er ihre Hand faßte und zu ihr sagte: ›In Ihrem Elternhause waren wir gut!‹ So geht das Jahr zu Ende in dem entehrten, gepeinigten und aufgerührten Vaterlande. – Weihnachten kommt. Erstes Friedensweihnachten. Welcher Friede? Wieviel liebste Heimat noch immer besetzt vom Feinde, Heimat unter der Knute des Siegers! Und überall, aus der langen Not heraus, aus alten Sünden und dem Schritt der Zeit, den viele nicht hören wollten, und auch jetzt nicht hören wollen, ja: anstatt der geschlossenen Schicksals- und Volksgemeinschaft der Kampf des Bruders gegen den Bruder. Spartakus! Das Wort steht wie eine dunkle, drohende Wolke, aus der es zuckt, am Horizont. In der Zeit zwischen dem tiefsten Tag des Jahres und dem Erscheinungsfest wütete und tobte in Wäldern und Einöden und über Kreuzwegen das wilde Heer. Sogar der Madonna vor der Kathedrale in der Stadt wurde die sanfte Schneehaube von dem vergoldeten Schein heruntergezerrt. Um 311 diese Zeit hatte Roselin noch einmal einen schweren Rückfall. Das Fieber tobte so heftig wie draußen die wilde Jagd, und der ausgemergelte Körper schien nicht mehr mitmachen zu wollen. Es kam so: der junge, eifrige Assistent, der den Chefarzt eines Morgens vertreten mußte, hatte Roselin von Berlin erzählt. Roselin versuchte, es sich vorzustellen: Berlin, schwelend von Aufruhr! An allen Straßenkreuzungen, an allen Plätzen, zum Beispiel auf dem Alexanderplatz, auf dem Leipziger Platz, am Knie, überall Maschinengewehre, tadelloser Verfassung, schußbereite Tanks wie riesige Machthaber, ohne Eile, siegessicher, durch die Straßen dröhnend, die Linden entlang, die Wilhelmsstraße, auf – ab, ab – auf. Wie vorweltliche Scheusale aus unzähligen falschen Augen blänkernd: die Mündungen von Gewehrläufen. Wilde Lichtgarben sah Roselin plötzlich, frech und grell hinleckend über nachtdunkle Straßen. Kein Fleckchen blieb, das einen Menschen verheimlichen konnte. Geschweige denn geknäulte Massen, die Aufruhr planten und Mord. Von freundlichen Balkons, aus harmlosen Fenstern verstohlen zahllose, todlüsterne Mäuler grinsend: Maschinengewehre. – Dies sollte Berlin sein? Armes, krankes, bis zum Sieden überhitztes, irres und wirres Hirn der Heimat! Es ist wie ihr eigenes Hirn. Wie ihr eigener Kopf. Sie umspannt ihn mit ihren Händen, daß er nicht zerspringt. 312 Als die tiefste Dunkelheit des Jahres überwunden ist und Roselin sich noch immer nicht entschließen kann, den uralten Gesetzen von Ab und Auf willig zu folgen, sondern sich aufs neue wie in dunklen Brunnenschacht vergraben hat, um diese Zeit kommt ein Brief. Man kann die Anschrift kaum noch lesen, so viel ist er gewandert. Als Absender zeichnet Helga von Winternitz. Helga erklärt in dem Brief Roselin alles. Sie ist damals von Bukarest Hals über Kopf nach Rathenow gereist. Ihr Bruder hatte seit Douaumont einen völligen Zusammenbruch. Die letzte Verwundung war nicht so schlimm. Aber er hat fixe Ideen seitdem. »Die Schwägerin – na – schweigen wir lieber – alle Anzendorfs sind schön, aber – Puten! Die Mädels – die Nichten – ihrer Mutter echte Töchter – keinen blauen Dunst vom Geringsten. Alles auf dem Gut drüber und drunter.« Helga hatte von Bukarest aus einen langen Brief an Roselin geschrieben, sie beschworen, den Urlaub in Deutschland zu verbringen. Es war doch der Anfang vom Ende. Sie hatte wieder geschrieben von Wien, und ein drittes Mal vom Gut aus bei Rathenow. Alle Briefe verloren also? – »Ach, weißt du noch, Lemberg? Fetesti! Selbst Calarasi? – Diese Hunde! Diese Hunde! Und alle unsere lieben, prächtigen Jungens!« – Jetzt ritte sie, Helga, stundenlang durch Äcker und Wald. Nicht zu sagen, wie es dort aussah. Sie zog ihres Bruders Reitstiefel an im Garten. Bei 313 dem offenen Wetter gab es genug zu tun: Obstbäume zu kalken, graben. Nichts war vorbereitet, alles versaut: Winterschutz, Gewächshäuser, Boden, Düngung, Zäune, Gräben – zum Heulen. Ob Roselin noch an die Tomaten auf der Balta dächte? An die Kukuruze, an die Akazienblüte? Und dann: Karlchen! Und so viele andere Namen. Und ganz zuletzt, und als ob Roselin alles wüßte: »Otto ist auch gefallen! Mein schöner, guter, tapferer Otto! Und nie hat er erfahren – nie – wie schön, wie tapfer, wie gut und lieb er mir war.« Von der Zeit an schreibt und bekommt Roselin des öfteren Briefe von Stephanie, von Helga, von dem Studenten und von Karlchen, der auf die seltsamste Weise ihre Adresse erfahren hat. Und eines Tages, um die Zeit der ersten Schneeglöckchen, kam der erste Brief von Dr. Engelmann. Er war tatsächlich in Gefangenschaft. Zuerst in Südfrankreich. Dann geflohen. Nochmals gefangen. Zuletzt als Austauschgefangener in Chur. Jetzt ist er wieder Lehrer am Gymnasium im Rheinland. Aber er scheint einen geheimnisvollen Plan mit Berlin zu haben. Fast mit diesem Brief zugleich hält endlich Roselin eine Nachricht von Dr. Reichmann in Händen. Er hat ein Auge verloren. Aber er erwähnt das nur nebenbei. Er ist der alte. Stark, bereit und freudig, trotz des Kummers um die Heimat. 314 Bald danach erlaubt der Arzt Roselin, in den großen Soldatensaal zu gehen. Wie überall ist noch ein Teil des Krankenhauses Lazarett. Roselin, schmal und dürftig noch, aber ihrer selbst gnadenvoll enthoben, sitzt an Soldatenbetten. Sind die Zeiten von Lemberg, von Fetesti, von Calarasi zurückgekommen? Überall gibt es zu trösten, zu erklären, Briefe zu schreiben, Briefe vorzulesen. Man muß sich erzählen lassen, muß helfen einzuordnen, ein wenig an der Zukunft zu bauen, wie damals. Aber es ist anders als damals. Schwerer und leichter. Dahinein muß man sich erst gewöhnen. Man kann nicht mehr auf den letzten Sieg Deutschlands hin trösten. Aber doch auf einen Sieg, einen inwendigen. Auch in der Heimat wird es heißen: kämpfen! Und Zerstörtes und Verlorenes neu und besser herausarbeiten, herausglauben, herauslieben. Wenn Roselin zurückkam aus dem großen Krankensaal, hatte sie jedesmal einen kleinen Schein in den Augen. Wenn sie Hoffnung gegeben hatte, so schien es ihr, als seien die matten Flügel ihrer eignen Zuversicht ein wenig davon gewachsen. Und eines Tages sagte der Chefarzt: »In einer Woche können wir Sie fortlassen! – Aber Vorsicht mit Erkältungen! Vielleicht könnten Sie einmal in den Schwarzwald oder ins Riesengebirge??« 315   Nun ist Roselin auf dem Wege zu Stephanie. Das heißt, vorerst ist sie in Würzburg, kurz vor Mitternacht. Man kann sich nicht vorstellen, daß irgendwo bereits blaue und gelbe Krokus den Rasen froh machen. Daß um die Bäume runde, lebendige Höfe vom Drängen der Wurzeln erzählen. Daß es nach Frühling riecht in der Welt, nach ungeduldig steigenden Säften, nach der ewigen, lustvollen Bereitschaft! Nein, in dieser dunklen Bahnhofsnacht voll Rauch, Qualm und Lärm kann man solche Dinge wirklich sich nicht vorstellen. Warum hält der Zug so lange? Matrosen lungern auf dem Bahnsteig. Eine Kompagnie Landsturmleute füllt alle Abteile. Neben Roselin sitzt eine alte Dame, feines vergrämtes Gesicht; außerdem ist im Abteil eine junge Person, der man ihr Gewerbe auf zehn Schritt ansieht. Und zwischen den vernarbten, zum Teil noch verbundenen und verklebten Landsturmleuten ein junger Offizier. Auch er hat im Felde ein Auge verloren. Aber er macht ein paar Witze zu seinen Leuten über die Hast der Beförderung. – ›Wie Dr. Reichmann!‹ denkt Roselin. ›Keiner von ihnen weiß, daß er ein Held ist. Darum liebt man sie so.‹ – Ihre Blicke gehen warm und zutraulich von dem Offizier zu jedem einzelnen der waffenlosen Soldaten. Ihr vielfach geflicktes Feldgrau hat alle Farben von 316 Erde und Stein. Aber auch dunkle Flecken und Nähte mustern die abgenutzten Uniformen. Ihnen denkt man besser nicht nach. Nach einer Stunde warten: »Alle aussteigen!« kommt plötzlich Befehl. Wer befiehlt? Niemand weiß. Sie sollen vor den Bahnhofskommandanten geführt werden. Roselin bietet der alten Dame, die unsicher geht, ihren Arm. Die Landstürmer umgeben sie wie Schutzmauern. Sie werden fortgewiesen. Man heißt Roselin, die Dame loszulassen. Jeder habe allein vorzutreten. Der Kommandant, ein lockiger Jüngling, – er spricht eigentümlich, erinnert Roselin an den Osten – räkelt sich im Klubsessel. Zigarette im Mund. »Wie heißen Sie?« Er entblößt seine Zähne in einem eigentümlichen Lächeln. ›Die kleine Krone hatte ich so völlig vergessen in den letzten Jahren,‹ denkt Roselin. ›Sie wurde belanglos wie so vieles. Trotzdem, jetzt stehe ich hier für jeden des Standes, in den ich hineingeboren wurde.‹ Sie nennt ihren vollen Namen. »Von Weddingstedt?« sagt der Kommandant. »Baronin? – Sie werden nicht mehr lange so heißen.« »Warum?« Roselins Stimme legt einen weiten Raum zwischen sich und den andern. »Sie wissen wohl noch nicht,« das Lächeln wird brutaler und zynischer in einem, »wir, der Spartakus nämlich, wir schaffen den Adel ab.« 317 »So?« sagt Roselin ruhig. »Das ist mir noch unbekannt.« Der Jüngling lacht laut. Er sieht erhitzt aus, wie er Roselin von oben bis unten mustert. Sie fühlt, wie ihr das Blut ins Gesicht schießt: »Wenn Sie nichts weiter zu fragen haben, kann ich wohl gehn.« Der junge Mensch springt auf, schlägt mit der Faust auf den Tisch. Seine Stimme überschlägt sich. »Pascholl! Fort! Ein bißchen plötzlich, wenn ich bitten darf!« Er steht neben ihr, geduckt wie ein Raubtier. Roselin sieht ihn befremdet an, leicht überlegen. Sie geht. Ihr Herz flattert wild. Aber es ist Freude in ihr. Hätte sie an dieser Stelle anders gesprochen, es wäre Verrat. – Im unsaubern, übelriechenden Wartesaal setzt sie sich wieder zu der alten Dame, die still vor sich hin weint. Roselin faßt ihre Hände: »Es wird vorübergehn. Alles geht vorüber!« – »Er soll erschossen werden!« Einer der Soldaten winkt mit den Augen hin zu dem jungen Offizier, wie er Roselin verstohlen am Ellenbogen faßt. Der junge Offizier mit dem einen Auge steht, Hände in den Taschen, gegen die nichtfunktionierende Heizung gelehnt. Um seine Mundwinkel zuckt Spott und Humor. Er bewundert laut die fabelhafte Bahnhofsverwaltung. »Wir können nichts machen,« sagt er zu seinen Leuten, die verzweifelt und rasend nach einer Waffe zu suchen scheinen. »Hier ist Stillehalten keine Schmach. 318 Sie sind dreihundert, und wir sind dreißig. Was Ihr da draußen getan habt, Kameraden, das wird Euch angerechnet werden. Und« – zwischen den Zähnen – »das, was wir hier aushalten müssen, auch.« Plötzlich schreit er die Matrosen an: »Eh Ihr mich erschießt, gebt wenigstens meinen Leuten zu essen!« Ihm wird gehorcht, in der Tat. Die loddrige Bahnhofswirtschaft wird angewiesen. Der Offizier legt sich lang hin auf eine Holzbank, schläft ein, sorglos wie ein Kind. Die Landsturmleute decken ihn zu mit ihren Mänteln. Plötzlich fährt der Schlafende in die Höhe, sieht sich wild um mit dem einen Auge: »Ihr steht für die Damen!« – schläft gleich weiter. – – Die dritte Reisende war sofort zu den Matrosen übergegangen. Sie hatten sich übrigens Weiber mitgebracht. Übelste Sorte. Gemalt wie Mestizen. In Pelzen, Seide und Schmuck. Sekt wurde aufgefahren. Der junge Offizier schlief wie in Abrahams Schoß. Die Landsturmleute gaben der alten Dame und Roselin von ihrem kärglichen Proviant. An den anderen Tischen floß der Sekt weiter. Das Lachen, das Johlen, die anderen widerwärtigen Dinge nahmen ihren Fortgang. Würde die Nacht nie zu Ende gehen? – Zuletzt war es dann doch Morgen. Die alte Dame, von Matrosen mit aufgepflanzten Seitengewehren geleitet, kam gerade von einer gewissen Lokalität zurück, als jemand in den Saal schrie: »Alles einsteigen! Schnell!« 319 Warum? – Wieso? – Wohin? – Niemand wußte. Die ganze Landsturmkompagnie, auch der Offizier, war frei. In einem Wagen mit zerschossenen Fenstern war man nach endlos langer Fahrt endlich in Halle angelangt. Verschiedene der Landstürmer stiegen aus. Auch die alte Dame bat, ihr herauszuhelfen. Sie wollte eigentlich nach Hannover. Aber sie fürchtete sich, unter diesen Umständen die Reise fortzusetzen. Sie hatte Verwandte in Halle. »Halle?« fragte Roselin verwirrt. Der Atlas schien eben so kunterbunt wie jetzt das Leben. »Mein Gott, wann komme ich wohl nach Metz?« »Metz?« Ein freundlicher Mann mittleren Alters hängte seinen neuen Paletot, der inwendig ein mit Goldfäden auf schwarzer Seide gesticktes Monogramm aufwies, sorglich an den Haken. »Metz? Da werden Sie umsteigen müssen, meine Dame. Nach dem Westen – das ist heute schwierig! Unser Zug geht nach Berlin.« Er setzte sich bereits in Bewegung, »unser Zug«. ›Berlin?‹ dachte Roselin. ›Berlin!‹ Sie ergab sich staunend. Der Herr mit dem neuen Paletot, äußerlich der Typ eines Handlungsreisenden, aber trotz offenbarer Erregtheit irgendwie an Erde, kleines Haus, Mutter mit Strickstrumpf und gutem Gesicht erinnernd, bot Roselin sofort seinen Schutz an. Roselin begriff nicht. Aber der Herr bestand 320 darauf, sie beschützen zu wollen. Er saß kaum, als er schon anfing zu erzählen. Er war in Halle gewesen, Geschäfte halber. Konnte nicht fort, weil der Verkehr unterbrochen war. Er hatte dort alles miterlebt: die stundenlange, atemraubende Belagerung des General Maercker durch den Mob im Postamt. Die wilden Schießereien und Plünderungen . . . Roselins Reisegefährte trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Seine guten, runden Augen waren kummervoll. Trotzdem schwenkte er bereits mit dem letzten Wort seinen Handkoffer aus dem Netz, schloß auf, holte ein Päckchen heraus. »Ich weiß nicht,« er staunte verlegen, »so was geht mir nu immer so komisch in den Magen. Das Fräulein,« – »Schwester,« schob Roselin ein – »nu aber, gewiß doch! So eine kleine Schwester hat auch einmal eine Stärkung nötig. Wie wär's mit einem Stülleken?« – Er wickelte auf, bot mit gespreizten Fingern und kleinem Kompliment ein kostbares Butterbrot an. Roselin mußte lachen. Wiewohl ihr das eben Gehörte noch wie ein heißer Klumpen in der Kehle saß. Sie fühlte sich wirklich auch ein wenig merkwürdig im Magen. Es mußte der Magen sein. Bestimmt. Nicht das Herz. Um Gottes willen! Aber wie leicht und losgelöst der Kopf erschien! – ›Es wäre schauerlich, wenn ich hier im Zuge ohnmächtig würde,‹ dachte Roselin. Nahm das 321 Brot und biß entschlossen hinein. Echte Butter! Ein seltener Genuß. Es tat ihr entschieden gut. »Ich bin aus Straußberg gebürtig,« erzählte der Fremde, der, sehr viel schneller mit seinem Brot fertig, ihren langsamen kleinen Bissen befriedigt zusah. »Kennen die Dame Straußberg? Es ist beinah ein Vorort von Berlin. Ganz ruhig, mit viel Flieder und Kastanien und Gärtchen.« Er hatte Halle weit fortgetan, schob Roselin seinen netten, nagelneuen Koffer – Leder-Imitation – unter die Füße und erzählte ihr seine Lebensgeschichte. Wie viel Geschichten und Schicksale hatte Roselin in den letzten Jahren teilnahmsvoll mit angehört! Dies war das Leben eines einfachen, guten Menschen aus bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen. Der Vater Bäcker. Die Eltern hatten alles getan, damit der Sohn ein Besseres würde. Nun war er in der Tat Reisender. Für Brothagen und Söhne. Stahlwarenfabrik. Und wenn nicht Krieg wäre, so könnte er jetzt im Auto seine Kunden besuchen. – Aber der Krieg! – Gab es ein Leben, in das der Krieg nicht hineingegriffen hätte!? Natürlich war er draußen gewesen, in Rußland, zwei Jahre – bis – er hob den Fuß: »Knöchelschuß.« Plötzlich fing er an, von seiner Einsamkeit zu sprechen. Seine Mutter war ja so sehr gut. Aber sie ging doch jetzt in die Siebzig. Und was ein 322 Mann wäre . . . Seine Stimme hatte sich verändert. Er sah Roselin an mit blanken Augen und zugleich vielsagend und innig. Roselin wurde ein wenig heiß unter ihrer Schwesternhaube. Es wäre schrecklich, einen Wunsch erweckt zu haben und enttäuschen zu müssen. Wie sollte sie da heraus? In diesem Augenblick tat der Waggon dasselbe, was seinerzeit die uralte Kiefer auf den Bergen für Roselins Mutter getan hatte. Er entschied, indem er einen mächtigen Satz machte. Wahrscheinlich wegen einer altersschwachen Bahnschwelle. Es war doch nicht mehr das peinlich geordnete Deutschland von früher. Roselins Köfferchen, die Gelegenheit benutzend, sprang aus dem Netz. Da es nach ihrer Art nicht verschlossen war, nur zugeknipst, öffnete es sich freundlich, ein paar wenige, ganz wenige Toilettensachen entlassend. Weil sie von der Mutter stammten, hatte Roselin sich nicht von ihnen trennen mögen. Kristallflacon und Behälter für Zahnbürsten zeigten auf silbernen Deckeln Monogramm und die siebenzackige Freiherrnkrone der Weddingstedts. Als Roselins Beschützer sich eilig nach den Sachen bückte, wurde er dunkelrot. In jeder Hand ein Stück haltend, sah er Roselin lange an. Das Blanke war fortgewischt aus seinen Augen. Sie hatten den Blick eines ertappten Kindes. »Stimmt das?« fragte er. »Ich meine das mit der Krone! Gehören Ihnen die Sachen? Entschuldigen Sie – kommt Ihnen die Krone zu?« 323 Roselin nickte. »Auf die Krone kommt es aber gar nicht an,« sagte sie schnell. »Das ist wirklich ganz gleichgültig. Bitte, denken Sie nicht so etwas.« Sie kehrte ihr Gesicht dem Fenster zu. Ihre Augen wurden groß und starr. Sie schloß die Hände in den Taschen ihres Schwesternmantels. Es mußte sein, um des guten Menschen willen: »Sie werden mich verstehen, nicht wahr?« redete Roselin hinaus in die geliebten, noch einmal dünn überschneiten Kiefernwälder der Mark. »Ich werde niemals heiraten, niemals. Ich hab' jemand liebgehabt, der – ist gefallen.« – Sie atmete kurz. »Sie waren so sehr freundlich zu mir. Ich danke Ihnen. Bitte, denken Sie gut an mich!« Roselin sah noch immer zum Fenster hinaus. Der Märzwind fing an mit Flocken zu stieben. Jagte sie durch die zerbrochenen Scheiben. Dennoch – es war Frühlingswind. – Roselin war noch blasser als vorher. Aber sie erbrachte ein Lächeln, als sie sich ins Abteil zurückwandte und ihren Reisegefährten wieder ansah. »Gut an Sie denken?« staunte er. »Wo es mich doch so dauert!« Er suchte in seiner Paletottasche, fand ein Etui, zog eine Karte heraus: August Niedlich, Handlungsreisender. Firma Brothagen u. Söhne. Stahlwaren. Straußberg. »Das bin ich,« sagte er, wie er Roselin die Karte überreichte. »Entschuldigen Sie, bitte. – Und an wen – wenn ich fragen darf, kann ich denken?« 324 Roselin nannte ihren Namen. Er machte wie vorhin eine kleine, ungeschickte Verbeugung. »Es wär' zu schön gewesen,« sagte er. Das, was eben wieder wie ein Schnitt durch sie hindurchging, war noch nicht überwunden. Und hier, Herr Niedlich also, tat ihr sehr leid. Aber sie mußte trotzdem inwendig leise lachen. Sie sah so deutlich den Trompeter und sein Mädchen im altdeutschen Gewande als Glasmalerei auf in Blei gefaßten Fensterscheiben. ›Wann gab es das!‹ staunte sie, ›Lied und Bild und Erker und Empfindung? War das nicht vor tausend Jahren?‹ Aber Herr Niedlich vollendete schon: »Behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!« »Ja,« sagte Roselin. »So vieles in diesen Jahren sollte nicht sein, wie wir es uns gedacht, gehofft und gewünscht hatten, nicht wahr?« – »Ich werde Sie aber doch bis an Ihr Haus bringen dürfen?« bat Herr Niedlich, – denn der Zug fuhr eben ein in dieses – o – wie fremd und neu gewordene Berlin – »Es ist nicht sicher mit den Spartakusleuten.« Am Anhalter Bahnhof hörten sie bereits, daß aufs neue der Belagerungszustand über die Stadt verhängt war. Es fielen auch Schüsse, hier und da, und die scharfe Märzluft zitterte bang vom Dröhnen der Panzerautos. Aber in einer schäbigen Taxe und auf allerhand Umwegen brachte ihr Beschützer Roselin bis an 325 ihre Wohnung, noch mehrmals versichernd, niemals im Leben würde er sie vergessen. Nachher – in der abgestandenen Luft der furchtbar verstaubten Wohnung, zwischen den eingemotteten Möbeln stand Roselin eine lange Weile, Arme herabhängend, ratlos, unbeweglich. Plötzlich, aber immer noch ohne eigentliches Überlegen ging sie zu dem sogenannten Berliner Zimmer, in den Häuserschacht hinaussehend, mit stets zugezogenen Fenstergardinen. Ihr einstiges Spielzimmer. Goldchen – Stephanie – Wolfram – die Erinnerungen stürzten über sie her. In der Mitte des Zimmers stand ein schlichter und abgenutzter Tisch. Wie klein er geworden war! Und doch hatten auf ihm einmal Garba und Kasimbura ihre Macht entfaltet. Ein Lichtreich und ein Dunkelreich. Die ewig miteinander im Streit lagen. Nun war der Tisch zusammengeschoben und aller Platten entledigt. Beide Reiche schienen untergegangen und ausgelöscht. Aber während Roselin noch stand, Hände sanft auf den Tisch gestützt, selige Kindertage errufend – fühlte sie jäh wieder diesen bestimmten, scharfen Schmerz. Wenn man ihn auch zeitweise tief sinken lassen konnte – er war immer da, und man wußte, daß alles nach ihm irgendwie ein anderes Gesicht bekommen hatte und bekommen würde. Und selbst jene gewesenen Tage waren mit ihm geheimnisvoll verbunden. Er hatte sie nicht fortgenommen aus ihren Gedanken und aus ihrem Blut, aber – wollte er sie verändern? ›Lebendig machen! Lebendig machen!‹ dachte Roselin. ›O Spiel von gestern!‹ Sie stand versunken. Ihre heißen Augen fragten. Und plötzlich drang bis in das abgeschiedene Hinterzimmer das wilde Rasen und Dröhnen von Autos, und gleich danach ein giftiges, tödliches Knattern. »Maschinengewehre!« sagte Roselin, wie sie lauschte. Ihre Haare richteten sich auf an den Wurzeln. Es ging wie Eiswasser über ihre Kopfhaut. Nicht ein einzigesmal, während sie draußen war, hatte sie Maschinengewehrfeuer so nahe erlebt. Und jetzt war sie in der Heimat. »Bruderkrieg!« sagte Roselin. Ihre Tränen fielen auf ihre fest verschlossenen Hände. Noch einmal kam das giftige, tödliche Knattern und noch einmal. Roselin stand noch immer ohne Bewegung. Lauschend. Aber was sie jetzt hörte, war ihr eigenes Blut. Draußen war es still geworden. Totenstill. »Bruderkrieg!« wiederholte Roselin leise. »Bruderblut!« Und plötzlich schrie sie. Zum erstenmal schrie sie laut und unbeherrscht: »Jürgen! Jürgen!« Sie hatte sich auf das Bänkchen im Erker fallen lassen. Dasselbe Bänkchen, auf dem sie weinend mit Wolfram gesessen hatte, als ihr Gnadengesuch an den Kaiser nicht beantwortet worden war. 327 Und auch der Fluchtversuch gescheitert. Sie saß lange dort. – Als sie aufstand, zum elektrischen Licht sich hintastend, blieb das Zimmer dunkel. Sie sah zum Fenster hinaus. Auch im Hausschacht die vielen Fenster waren ausgelöscht. Roselin begriff: die elektrische Leitung war gestört. Es war Revolution. Sie tastete sich zurück zum Tisch in der Mitte des Zimmers. Kniete sich neben ihn. Legte den Kopf dahin, wo Garba hätte stehen müssen. ›Immer habe ich gespielt!‹ dachte sie. ›Nie habe ich gelebt. Ich bin gelebt worden! Ja. Selbst draußen, selbst dem Krieg habe ich vorbeigelebt! Bis Es kam. Bis der Tod des Geliebten mich lebendig machte.‹ »Tod machte mich lebendig?« Roselin hob den Kopf, jäher Frage. Und als sie in der Finsternis die Augen weit und verlangend aufschlug, war plötzlich das Zimmer in Licht getaucht. Roselin stand auf. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie sagte sich nicht: die elektrische Leitung ist wieder in Ordnung, sie sagte nur leise und demütig: »Licht!« – Und dann kamen ihr die Worte, die sie als Kind in ihren Fiebern angstvoll geschrien hatte: »Das Spiel ist aus!« Aber jetzt sagte sie sie ruhig, fast streng. Und faltete ihre kalten Hände und sagte bittend: »Gott, wird nun das Leben kommen?«     Zweiter Teil »Stirb und werde«     C. Bertelsmann, Verlagsbuchhandlung in Gütersloh [1933]     Es war schwül in der Kofferkammer. Roselin konnte eigentlich wieder hinuntergehn. Sie hatte alles, was sie brauchte. Man reiste nicht mehr mit Gepäcküberfluß wie in früheren Jahren. Die gute Schule der Schwesternzeit während des Krieges war mindestens in diesem noch nicht völlig vergessen. Für vierzehn Tage Berlin genügte ein Coupékoffer. Leder, ziemlich vernutzt. Noch eine Anzahl jener suggestiven Zettel darauf, grellfarbig, etliche, neben Palmenwipfeln und blauen Küsten die Namen von Hotels aufweisend, die wie Verse klangen. Es war der Koffer, der Roselins Eltern, den Baron und die Baronin Weddingstedt, bereits auf ihrer Hochzeitsreise begleitet hatte. Auch späterhin war er noch genug gewandert. ›Rom,‹ dachte Roselin. ›Jener unvergeßliche Winter in Rom! Jürgen Jürgensen!‹ dachte sie. Sie sah die Psyche, von ihm geschaffen, die ihre Gestalt hatte und ihre Züge trug. Sie sah ihn selber, fast zehn Jahre später, im Lazarett von Calarasi, den Künstler, der das Höchste versprach, jäh unterbrochen in seiner Bahn. Und sah den kleinen Grabhügel nachher, verlassen im fremden Land. Ihre Augen verdunkelten sich jäh. Wurden groß und hilflos. Nur, wenn Roselin sich unbeobachtet wußte, konnten ihre Augen zuweilen noch diesen Blick haben. 6 Roselin strich über die Stirn, Fingerspitzen fest eindrückend, als fege sie etwas fort. Gedanken? Oder Spinnweb? Die phantastisch eleganten, langbeinigen Weberknechte liebten ebenso wie die Gäste diese alten sonnigen Mansarden mit den weißen, tannenen Scheuerfußböden und den drolligen Tapeten mit Hirschjagden, chinesischen Pavillons und entzückenden, runden Rosenbuketts. Nienstedt, das Gut Axels von Galen, dem Schwager Roselins, sah immer noch Gäste. Wenn auch nicht annähernd so viel als vor dem Kriege, als Haus, Park und Landschaft den ganzen Sommer hindurch von hellen Kleidern und braunen, blauen und weißen Uniformen geschwärmt hatten. Jetzt war der Tennisplatz übergrünt, das Boot war morsch und leck. Nur in der Nähe des Hauses zeigten die Parkwege ihr altes, sauberes Kleid. Und die Hortensienkästen blühten sommers auf der Rampe wie seit zwanzig Jahren. »Früher,« – hörte Roselin Axels Stimme, während er neben einem einstigen Regimentskameraden, jetzt Inhaber einer Lotterieagentur, die breite Treppe hinaufstieg – »früher,« sagte Axel, »wie das eben anfing, daß man von den Kassen oder von den christlichen Vereinen ein paar ausgehungerte Berliner Rangen oder Tippfräuleins herausgeschickt bekam – ich erinnere mich noch genau – die gute Tante Adelheid machte doch einen Sport daraus: wenn sie kamen, sahen sie aus wie ungestärkte Gardinen, wenn sie fortgingen, 7 konnte man einen Floh auf ihrem Arm knacken. Und jetzt?« – Axel hieb mit der Spitze der Reitpeitsche einen Kotbrocken vom Stiefelschaft. Er kam von seinem morgendlichen Inspektionsritt. ›Guter Axel,‹ dachte Roselin. Sie trat an das weit herausgeschobene Mansardenfenster. Es führte den Blick vorüber an der mächtigen Kastanienkuppel bis zu den blaßblauen, edlen Linien der Berge um Rudolstadt. Vom Erker aus konnte man das Schloß auf der Höhe erkennen. – Roselin atmete tief. Ihr schmaler Oberkörper wuchs vom Zwerchfell herauf in Breite dabei. Sie hatten vorigen Sommer eine Rezitatorin aus Berlin zu Gaste. Wie Roselin sich zum Fenster hinauslehnte, nahm der Wind eine Strähne ihres weichen, nicht sehr üppigen Haares. Sie trug es nicht kurzgeschnitten nach der Mode, sondern in diesem eigentümlich wulstigen Ausbau rund um den Kopf. Die Kronprinzeß Cäcilie trug es ebenfalls noch immer in dieser Weise. Roselin witterte: Wie war die Luft? Aufrührerisch? – Ja. – Roselin langte nach einer der prallen und wie braun lackierten Kastanienknospen. In demselben Augenblick polterte etwas wild. Lieber Himmel! Roselin fuhr hastig herum. Was hatte sie angerichtet! Der alte Kasten in Stücken! Einstmals herrlich gebrannt und ausgemalt. Um das Weddingstedtsche Wappen Brombeergerank! War denn alles morsch geworden, was früher nach etwas aussah? – 8 Roselin hockte sich auf den Fußboden. Zwischen das Chaos von zerbrochenen Kastenwänden und Inhalt. Hatte es wirklich einmal so etwas in ihrem Leben gegeben? Sie lachte laut. Dabei waren ihre Hände fahrig und ihre Augen naß. ›Goldchen,‹ dachte sie, – und meinte die Hüterin ihrer Kinderjahre. – ›Wolfram,‹ – und meinte den Jugendgespielen. – Dann stand der ausziehbare Tisch des Kinderzimmers vor ihren Augen. Auf dem sie »Garba« gegründet hatten, das Reich des Lichts und der Liebe. Aber später erwies es sich, daß es außerdem noch ein mächtiges, dunkles Reich des Bösen gab. Sie hatten es Kasimbura genannt. – Da lagen sie nun, durcheinandergeschüttelt, zwischen braun gewordenem Florpapier, Wurmmehl und Splittern: die Untertanen jener fernen Reiche. Roselin ergriff mit spitzen Fingern eines der angebrochenen Porzellanfigürchen. »Alles neu macht der Mai . . .,« hörte man von der Terrasse herauf Stephanies kleine Ingeborg. ›Ja,‹ dachte Roselin, ›und alle in Garba hatten die Verpflichtung einander zu helfen. Das war oberstes Gesetz. Und die Hauptsache: Für umsonst! Alles mußte für umsonst geleistet werden!‹ Sie lachte und fuhr sich dabei hart und heftig über die Augen! Wie hatte sie selber dieses Gesetz erfüllt? – – ›Ich weiß nicht,‹ dachte sie. ›Man wird nicht direkt schlechter. Anlagen und Temperament bleiben dieselben in einem Menschen. – Übrigens – –‹ Sie errötete. Sie erinnerte sich 9 eben, wie tapfer als Kind sie abgeschrieben hatte oder gelogen, um entehrenden Strafen oder auch nur Szenen zu entgehen. – Roselin stand auf. Verschränkter Arme, gesenkten Kopfes ging sie hin und her in der Kammer. Viel war ihr gegeben worden, daran zu wachsen. Ihre Verlobung mit Bernhard! Ihre Absage an ihn. Die langen Kriegsjahre, Mamas Tod, ihre Schwesternzeit in Rumänien. Der qualvolle Urlaub in der veränderten Zeit. Der Rückzug. Und – Jürgen Jürgensen. – Sie drückte mit den Fingerspitzen das Kinn zusammen. Ihre Augen wurden dunkler und zugleich stumpf. Später – sie meinte damals in Berlin, als sie im finstren Zimmer blieb, und draußen war Revolution – hatte sie damals nicht gemeint, nun endlich seien Spiel und Traum zu Ende und sie sei aufgewacht zur Wirklichkeit? Sie schüttelte traurig den Kopf. Zuerst in den folgenden Jahren hätte vielleicht noch der Knax aus dem Kriege entschuldigt. Diese elende Lungensache zwei Winter in St. Blasien, und immer behandelt wie ein rohes Ei. Aber dann? Einmal wurde man schließlich doch gesund geschrieben. Sie setzte sich auf den Koffer. Ellenbogen auf die Knie gestützt, Kinn zwischen den Handballen. »Mein Gott, und Dr. Reichmann!« sagte sie plötzlich laut und staunend. Erst jetzt fiel er ihr ein, der Getreue. Übrigens, wie sehr lange er nicht 10 geschrieben hatte! Dann trat sie wieder, von ihm geleitet, in den großen, unwohnlichen Raum der Ackerstraße mit dem eigentümlichen Geruch – es war eigentlich eine Schreinerwerkstätte. Dreißig arme, heimatlose Jungens, denen sie den Sonntag feiern sollte, standen ihr gegenüber, mit blanken Augen, wunderbar pomadisiert, und Dr. Reichmann sagte: »Ich stelle jetzt die junge Dame unter euren Schutz.« »Der Kaiser soll vorzüglich ausgesehen haben. Ganz grau geworden. Grand merci, mademoiselle. Und voller Interessen. In Doorn – –« Die Baronin Marquard, entfernte Verwandte von Weddingstedts, – ihr riesiges Vermögen bestand jetzt aus Kriegsanleihe und andern wertlos gewordenen Papieren – humpelte am Stock und sorglich geführt von Mademoiselle, seit Axels Kinderjahren treustes Hausinventar, die Terrasse auf und nieder. Gleich danach pfiff Axel in einer besonderen Weise. Es galt Stephanie. Wahrscheinlich würden sie sich die Sache mit dem Dampfpflug noch einmal überlegen. Eigentlich hatte man kein Geld. Aber man brauchte ihn notwendig. Der Vertreter der Firma hatte sich für den Nachmittag angesagt. ›Es wird schon etwas nützen,‹ dachte Roselin flüchtig. ›Wenn wir die Berliner Wohnung ganz räumen!‹ Und wieder verträumte sie sich. Neun Jahre alt war sie, als Papa seines Augenleidens wegen den Dienst aufgab und die Eltern mit 11 ihnen nach Berlin zogen. Nie hatten sie die Wohnung gewechselt. Unendliche Erinnerungen, holde und schmerzhafte, verknüpften sich mit den alten vertrauten Räumen. – ›Tantchen Randorff mit Marie Theres,‹ überlegte Roselin, ›könnten vielleicht drinbleiben. Hundert und hundertfünfzig –‹ Sie rechnete, wie in Kindertagen die Finger zu Hilfe nehmend. Dann fiel ihr ein, daß sie der Wohnungsangelegenheit wegen in die Kofferkammer gegangen war. Sie wollte nach Berlin, dort alles aufzulösen. Sie blieb ja doch wohl endgültig in Nienstedt. Was sollte sie sonst tun? – Heiraten? – Sie zuckte die Achseln. Dreiunddreißig! Früher war das uralt. Jetzt schien es nicht mehr so? Die Altersgrenze bei der Frau hatte sich stark verschoben. – Immerhin. Ihr Gesicht spannte sich. Sie sah aus, als fiele eine Tür direkt vor ihren Augen, schwer und unaufhaltsam, ins Schloß. – ›Den Anschluß verpaßt,‹ sagte sie nach einer Weile spöttisch. Sie trommelte mit den Fingern, nagte ihre Unterlippe. – Es war wirklich ein Glück, daß man Stephanie und Axel hatte und eine Art Heimat bei ihnen. Die süße kleine Ingeborg konnte man unterrichten. War jemand krank im Dorf, ging man hin mit Hausapotheke und Verbandszeug. – Stephanie konnte keine Mamsell bezahlen – jede Hand war nützlich im Haushalt, selbst wenn man nicht allzu viel taugte. Roselin atmete tief aus. Es klang wie ein Seufzer. Die Uhr der kleinen 12 Kirche drüben hinter den Linden schlug tüchtig und heiser dreimal. Himmel, einviertel vor zehn! Das zweite Frühstück war Roselins Amt: Käsebrote und saure Milch in Satten. Wurst oder ein Ei bekamen nur die sehr erholungsbedürftigen Gäste, Familienglieder niemals. »Ja, gleich,« sagte Roselin, als hätte Stephanie gerufen. Sie fand eine kleine Kiste – früher »Freßkiste« für die Kadetten und verschließbar. Sie packte das verstreute Reich Garba hastig zwischen die noch immer nahrhaft riechenden Wände. Dann versuchte sie das Mansardenfenster zu schließen. Es gelang ihr nicht. Es war verquollen. Ein klarer, köstlicher Luftzug strich plötzlich herein. Blähte die gestopfte Mullgardine. Er kam von den blaßblauen, großlinigen Bergzügen. Gegen Abend hatten sie bereits diese sehnsüchtige Veilchenfarbe. Wie immer in solchen Märztagen. ›Wenn ich in Berlin bin, muß ich aber bestimmt nach Robbi wieder einmal forschen,‹ dachte Roselin plötzlich. ›Er ist wie von der Erde verschwunden. – Letzten Sommer‹ – sie lachte – sie hätte geschworen, er stünde vor dem Parktor. Vor dem schmiedeeisernen Gitter! – Natürlich war es Halluzination. Etwas Kühnes hatte er. Er schien sie anzusehen. Was war in seinen Augen? – Haß? – Sie grübelte. Plötzlich färbte sich ihr kleines Gesicht: sie schüttelte heftig den Kopf: ›Nein!‹ 13 Sie versuchte wieder das Fenster zu schließen. Sie bekam es nun einmal nicht zu. Sie beugte sich hinaus. ›Frühling,‹ dachte sie. ›Immer wieder ein Frühling. Jeder Baum weiß es besser als ich!‹ Sie warf die Hände herauf, verschlang sie über dem Kopf. Atmete hörbar. »Roselin,« verlangte es dringend von unten herauf, »Roselin!« »Ich komme,« rief Roselin laut. »Jetzt komme ich wirklich!« Aber während sie die Kammer verschloß und, den Koffer in Händen, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die weißen, knarrenden Scheuerdielen hinuntersprang, war ihr, als meine sie nicht Stephanie mit der Antwort. Vielmehr, als meine sie den Frühling, die Berge. Das Geheimnis hinter den Bergen! 14   Roselin war mittags in Berlin angekommen. Marie Theres, jüngste Tochter von Exzellenz Randorfs, die einen Teil der alten Weddingstedtschen Wohnung am Lützowufer abgemietet hatte, war Roselin mit dem Bett und Staubputzen behilflich gewesen. Die älteren Geschwister von Marie Theres hatten vor dem Kriege oft genug Sonntags harmlos und vergnügt bei Weddingstedts getanzt, wenn Roselins Mutter den blauen Donauwalzer spielte. Marie Theres, später Nachkömmling, erinnerte sich kaum an die Verwandten. – »Mamachen meint, ich helfe vormittags in irgendeiner Suppenanstalt und verdiene dabei ungeheuer.« Marie Theres verschloß die Korridortür hinter ihnen. »Suppenanstalt?« staunte Roselin verwirrt. »Allerdings, Suppenanstalt, mit Marken und Anstehen und dreieinhalb Fettaugen über einer breiten Bettelsuppe.« Marie Theres rannte ausgelassen die prahlerisch neuen Treppenläufer hinunter. (Wahrscheinlich hatte der Hausbesitzer seine Aktien im passenden Augenblick verkauft.) Sie war schmal wie eine Gerte, bedeutend größer als Roselin und mit dem kleinen Kopf alter Rasse. Ihre Augen, durchsichtig kühles Aquamarin, standen ganz eng 15 zuseiten der kühn geschwungenen, schmalrückigen Nase. Das Gesicht bekam dadurch eine eigentümliche Dämonie. Als die Haustür hinter ihnen lautlos ins Schloß schwang: – »Dummes Kleines!« Die Stimme von Marie Theres hielt die Mitte zwischen Wärme und lächelndem Unbeteiligtsein. »Wenn du einmal herkommst, das ist immer wie von ›hinter den Bergen, bei den sieben Zwergen!‹ oder mindestens: ›Hoher Meißner, 1911!‹ Ich weiß noch genau, Kunz Faber, der Sohn von Papas Güterdirektor: ›Aufbruch der Jugend!‹ ›Mit innerer Wahrhaftigkeit!‹ – ›Mit eigener Bestimmung ihr Leben zu gestalten!‹ – Und so ähnliche pathetische Sätze. Dazu lange Haare und Schillerkragen! Verzeih, Herzchen, die Gedankenverbindung.« Sie berührte flüchtig Roselins Arm. – »Irgendwie Schwung, mein' ich, Genialisches, Feuer. Man kann sich dergleichen heute nur so schlecht vorstellen. Es rührt einen geradezu. Ungefähr wie Marquis Posa.« »Feuer?« staunte Roselin. Auf sie selbst bezogen, erschien ihr das Wort unangebracht. Trotzdem haftete sie daran. »Ja, aber Suppenküche,« sagte sie hastig. »Davon gingen wir doch aus.« »Diese guten alten Leutchen – man kann es wirklich nicht von ihnen verlangen, daß sie die Zeit von heute begreifen. Oder daß sie auch nur begreifen, wo man Geld herkriegt. Aber ein bissel Butter und so möchten sie trotzdem gern. Und 16 ein bissel es nett haben. Das mache du mal mit dem Schubfach voll Kriegsanleihen!« Marie Theres pfiff leise durch die Zähne. Dann erzählte sie Roselin, – daß die sogenannte Suppenküche das Büro eines Rechtsanwaltes war, und was sie bei ihm verdiente. »Himmel, diese Summe!« »Halt!« sagte Marie Theres scharf, Roselin ruhig und kräftig am Ellenbogen zurückdrückend. In demselben Augenblick war das gelbe Licht, das Autofahrer und Publikum aufforderte, acht zu geben, von grün abgelöst worden – und wie eine Kette von Verdammten stürzten sich die schwarzen, blauen, schokoladefarbenen und aschgrauen Ungetüme an Roselin und ihrer Gefährtin vorüber, in Richtung Leipziger Platz. »Komm jetzt!« Marie Theres, ihre Hand fest unter Roselins Oberarm geklemmt, steuerte sie sicher durch das Gewühl zur Untergrundbahn. »Ja, diese Summe,« sagte sie dabei kühl – betont und doch irgendwie nebensächlich. Sie erwischten noch gerade den letzten roten Wagen: Raucher und voll zum Bersten. Nicht einmal eine Wand konnten sie finden zum Anlehnen. Niemand stand auf. Selbstverständlich nicht. Wer stand noch auf in einer Berliner Untergrundbahn, damit eine Dame sitzen könnte? »Sie denken an ihre Aktien,« sagte Marie Theres leise zu Roselin. Sie deutete unmerklich auf die mit flimmernden, geröteten Augen in den 17 Kurszettel ihrer Zeitung Vergrabenen, deren Gehirne addierten, addierten, multiplizierten. Sie saßen wie Maschinen, ungeheure Arbeit exakt und lautlos verrichtend. Roselin nickte. Ihre Augen gingen scheu zu andern, die stumpf in ihren Schoß, auf ihre Schuhspitzen, ihrem Gegenüber ins Gesicht starrten. ›So sehen sie bei uns nicht aus,‹ dachte Roselin gequält und spürte plötzlich den jagenden Atem des guten Frühlingswindes, von junger, aufgebrochener Erde den Geruch. Oder war es auch der Duft von Brot, das eben aus dem Backofen kam? Köstlich goldbraun? Aber während sie, klein, dünn und ohne Stange oder Riemen zum Festhalten, hin- und herwehte, schien es ihr, als ob die Gedanken, die Schmerzen, die Verzweiflung, die Wut, um sie her brodelnd, irgendwie ihr zugeschrieben würden. Sie wurde von ihnen schuldig gesprochen. Ein Herr, tadelloser Paletot, faltete plötzlich seine Zeitung zusammen, aufstehend und zwei Finger am Hutrand machte er zu Marie Theres hin eine auffordernde Geste. Marie Theres dankte mit kaum merklicher Senkung von Kinn und Augenlidern, faßte Roselin an der Schulter und schob sie zu dem frei gewordenen Platz. Der Herr biß sich auf die Unterlippe. An der nächsten Haltestelle stiegen sie aus. »Diese Strecke gehe ich gern einmal zu Fuß,« sagte Marie Theres. »Fabelhaft, nicht wahr?« Sie 18 waren am Platz der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. »Die letzten Jahre war es ja so klötrig. Aber jetzt fängt's doch wieder an! Schau!« Marie Theres witterte wie ein Rassepferd, das in die Arena geführt wird. Sie zeigte auf die Kolonnen unzählbarer Autos, die bereits seit drei Minuten wie eine Mauer standen und warten mußten. Roselins Augen wanderten Stuckfassaden entlang, durch Lichtreklamen ihrer Konsistenz irgendwie enthoben, durchsichtig gemacht, unwirklich. ›Wie in Tausend und eine Nacht,‹ dachte Roselin, ›wie im Märchen!‹ Und dachte sogleich: ›Welches Märchen reichte an diese Wirklichkeit?! Welche wildeste Phantasie vergangener Jahrhunderte – Jahrzehnte nur!‹ – Der künstlerische Mensch in ihr, von dessen Existenz sie noch nicht sehr viel ahnte, genoß den Anblick. Nicht unähnlich Marie Theres, empfand sie den ungeheuren Stimulus der Großstadt. Den Auftrieb, Elan. Überall um sie her drängte es von eleganten Abendmänteln: Seal echt, öfter Ersatz, Nutria, Biberette, Fohlen. Damaszierte Phantasiestoffe dazwischen, Brokate, Seiden, am Halse weit geöffnet, über langen gepuderten Kehlen. Lippen durch den Stift eigentümlich uniform in Modellierung und Farbe. Daneben dann Ehepaare, solid orientiert, philisterhaft bieder, gelangweilt, Väter mit großäugig staunenden, vergnügten Lieblingstöchtern, beachtenswerten Schwiegereltern aus der Provinz, 19 bürgerliche Zusammengehörigkeiten aller Arten, – und immer wieder dazwischen protzenhafte Gier, breit lächelnde Unverschämtheit über Nacht Reichgewordener. In den Schaufenstern alle Schätze Golcondas, in Elfenbein, edlen Metallen, Steinen. Kunstwerke, Blumen, Pelze. Zarte Gewölke aus Seide, Spitzen: Damenwäsche. – Konfektion ohne Preisangabe. Der Osten, der Westen, die Arktis, die Tropen – nichts entfernt genug, kostbar genug, dämonisch genug – – Gerade als Roselin hilflos staunte: »Haben wir denn nicht den Krieg verloren?« – »Das ist alles für Leute, die alte Damen ausgekauft haben,« sagte Marie Theres, »ihre Servanten und Bücherschränke. Oder sie haben sich beizeiten Devisen verschafft. Oder sie waren tüchtig in Kriegstuch oder in Konservenbüchsen mit faulen Fischen.« Roselin nickte verloren. War früher Berlin anders? Wie merkwürdig luftlos es war. Roselin drückte den Kopf in den Nacken, suchte hoch hinauf die Häuserblocks. Ihre Augen liefen den vielen hundert goldnen, blauen und rötlichen Pünktchen hinterdrein. Plötzlich, wie erschreckt, verglommen sie, besannen sich, kamen zuversichtlich zurück, um in saubrem Schriftband eine kosmetische Erfindung, eine Schuhform, ein Getränk, eine Zigarre als das Bedeutsamste im Leben des Menschen hinzustellen. ›Sind's 20 die Augen, geh zu Ruhnke!‹ prägte sich als oberstes Gesetz in Roselins Hirn. ›Den Augen zu helfen ist freilich eine ganz große Sache,‹ dachte Roselin. Aber schon eilte ihr Blick noch höher hinauf, über die höchste Reklame hinaus. Dort stand etwas, dunkel, schwer wie Eisen, von inwendigem Feuer gelbrötlich entzündet: ein glühender Moloch. Dies war der Himmel über Berlin! Ja, so sah man ihn stehn, lange schon, wenn man mit dem Zuge heranjagte: von Südwesten her von Thüringen, von Nordwesten aus der Heide, von Nordosten von der See. Immer brachte man einen Hauch Waldluft, Salzluft, Winde oder Stille mit in den Kleidern, im Kopf, im Wesen – und dann – – ›O, und wie gern kam man immer nach Berlin,‹ dachte Roselin. ›Wie sehr lockte es. Wie liebte ich es. Liebe es noch.‹ – Dabei fiel ihr der zerschossene, fiebernde italienische Spion ein, den sie einmal im Feldlazarett zu Tode pflegten. Er hatte fortwährend gelbe, blendende Flammen gesehn, gespürt am Leibe, vom purgatorio phantasiert. – Das Fegefeuer mochte nahe genug hier sein. Der Himmel war sehr fern. Kühnheit gehört dazu, zu ihm hinauf zu glauben. Roselin schauderte leicht. »Zwölf-Uhr-Abendzeitung« – »Lokalanzeiger« – »Die neue Linie« – »Berlin bei Nacht« – »Die Koralle«, begleitete es rhythmisch und atonal eine Strecke ihren Weg. »Wo gehen wir eigentlich hin?« fragte Roselin. 21 »Hin? – Gott!« – Marie Theres schüttelte den Kopf. »Ich dachte, ein bissel bummeln erst macht dir Spaß. Nachher ins Orientalische Kaffee, nicht?« »Wie du willst,« sagte Roselin. ›Wie lange bin ich fort von Nienstedt,‹ dachte sie. ›Sind es nicht zwanzig Jahre? Dort hatten sie doch schon die Hortensienkästen heraus. Und die Berge waren so blau und geheimnisvoll!‹   Bereits der Page in der Garderobe des Kaffees, nachher der Kellner hatten in ihrem Gruß für Marie Theres eine besondere Note. Nicht die leiseste Vertraulichkeit lag darin. Nur Anerkennung eines häufigen und auszuzeichnenden Gastes. Einer der kleinen Marmortische, in einer Ecke frei werdend, wurde sogleich ausfindig gemacht. »Wir werden doch allein bleiben?« Roselin schreckte jäh auf, das Trinkrohr ihres Eiskaffees aus den Lippen nehmend. Marie Theres lachte, wie sie zu lachen pflegte, lautlos, nur mit den Augen und einem leichten Seitwärtsbewegen der Mundwinkel. »Gewiß,« sagte sie. »Die Bekannten sind heut im Blauen Vogel. – Du mußt übrigens auch noch zu den Russen. Dann gehen sie wahrscheinlich bummeln und enden im Fürstenkaffee.« Und als Roselins Blick noch weiter fragte: »Solltest du meinen Chef im Sinne haben?« Der schön geschwungene Mund von Marie Theres erschien plötzlich wie lippenlos: »Du hast 22 doch wohl nicht an meiner vollkommnen Unabhängigkeit gezweifelt?« – Sie sah Roselin kühl und durchdringend an. Im nächsten Augenblick: »Es ist eigentümlich,« – Marie Theres berührte flüchtig mit ihren schmalen, langen Fingern die Hand von Roselin – »schon das letzte Mal, als du hier warst, ging es mir so. Diesmal ist es noch stärker. Weißt du, sauber sind wir Jungen heutzutage bestimmt in einem: fair play – magst du's nennen. Das übrige – das erschöpft sich nicht in drei Worten. Aber dir gegenüber – ich will nicht direkt sagen: Bekenntnisdrang – das wäre reichlich überschwenglich. Aber irgendwie hab' ich das Bedürfnis, du solltest mich sehen so – na, zum Beispiel – wie wenn ich inwendig einen frisch gewaschenen Pyjama angezogen hätte!« Marie Theres lachte. Ein flüchtiges, entzückendes Rot über den Wangen. »Wir müssen hier höllisch aufpassen,« sagte sie. »Leistung! Spitzenleistung! Exakt! Ein bißchen maschinenhaft allerdings. – Du kannst aber auch sagen stählern. Nimm's, wie du willst. Jedenfalls ganz ohne große Geste. Kein bißchen Pathos. Sonst kommt man unter den Wagen. Daß dabei allerlei verlorengeht, worum es schade ist, das läßt sich nicht vermeiden. – Aber dann kommt mit einemmal jemand so ganz Unmögliches wie du!« Die wenig modulierte Stimme von Marie Theres – höhere Mittellage –, bekam eine leichte, dunklere 23 Färbung – »man erinnert sich mit einemmal,« sie lachte behutsam – »es ist so unglaublich, was ich da eben sagen will, – aber tatsächlich, es fällt einem plötzlich ein, daß man einmal in einem weißen Gitterbettchen gelegen hat, mit Mullvorhängen: »Ich bin klein, mein Herz ist rein . . .« Der Kellner strich diskret in Nähe des Marmortischchens. »Schwedische Früchte mit Sahne und zwei Cocktail,« sagte Marie Theres kühl. Die Musik, die eben eine Pause gemacht hatte, setzte neu ein: »Ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir . . .« – Ein paar Herren standen auf, machten vor anscheinend ihnen fremden Damen eine Bewegung, die wahrscheinlich eine Verbeugung bedeuten sollte. Roselin spielte verloren mit der eleganten Handtasche von Marie Theres. »Wenn ich dir erzählen wollte,« sagte Marie Theres, »ich kenne eine Menge hier. Von jedem gibt's einen kleinen Roman. Da drüben,« Marie Theres deutete mit dem Kinn und unauffällig zu einem Herrn, nicht weit von ihnen, guter, wenngleich vernachlässigter Kleidung, Gesicht intelligent, mit schön entwickelter Oberhälfte der Stirn – aber sonderbar überschattet, wie schlecht rasiert. – »Minderwertigkeitskomplex –« Marie Theres zuckte mit den Achseln. »Nichts zu machen.« Sie wies Roselin an einem andern Tisch zwei junge Männer, ineinander versunken mit Blicken und Gebärden. Marie Theres sagte ein paar 24 Worte darüber. Knapp, sachlich. Wie man eine andere Mode bespricht, eine andere, künstlerische Auffassung, Rasse, Weltanschauung. Sie war schon bei der Kunsttänzerin, grüßte sie mit den Augen. Es war ein junges, bezauberndes Geschöpf, straff, elegant. »Sie ist aus livländischem Adel,« erzählte Marie Theres, während Roselin dumpf und hilflos sich noch mit dem eben Gehörten abmühte. »Sie hatten plötzlich nichts, wie alle diese Balten. Vater erschossen, Schloß verbrannt, die Mutter machte so allerhand Kinkerlitzchen, Camembertschachteln mit Brokatrestchen bezogen. – Kein Mensch konnte sie nachher brauchen. Sie war fabelhaft unverfroren damit, eine ziemliche Aufgabe für alle Salons. – Aber sie erhielt sich doch mit dem Mädel. Dann starb die Mutter plötzlich, und Blandine – sie heißt Blandine – war vis à vis de rien. Na – und so weiter. Ihr erstes Tanzkleid kriegte sie auf Borg, zahlte ab, jede Woche. – Jetzt – – du siehst.« – Die Tänzerin, hüftenabwärts in einer Wolke von rieselndem Metall, wurde eben von ihrem Partner über den Kopf geschwungen. Das Saxophon gab ihnen ein paar dunkle, gezogne Abschiedstöne. Unter rasendem Applaus liefen die beiden, angefaßt an den Händen wie Kinder und von zwei Herren gefolgt; zum Ausgang. Nach Marie Theres sich noch einmal umblickend, legte die Tänzerin zwei Fingerspitzen an die Lippen. 25 »Noch in sechs Lokale muß sie heut abend,« sagte Marie Theres, lächelnd hinter ihr drein nickend. »Dies kindliche angefaßte Fortlaufen ist ihr Trick. Sie ist wirklich erst siebzehn. Aber was hat das Mädel schon alles hinter sich. Du mußt bedenken, da ist doch immer noch etwas von dämonischem Urgrund. Blutverhängnis, übersetzt ins Berlin von heut. Noch ihr Urgroßvater schickte seine ›Menschen‹ nach Petersburg und bekam seine eigene Musikkapelle zurück, seine Friseure und Kunsttischler. Wenn es ihm dann gefiel, durfte er sie verkaufen wie Pferde und Kühe.« »Ja,« sagte Roselin und fühlte eine leichte Kühle im Genick. Sie versuchte sich zu sammeln. Sie heftete ihre Augen an die Tanzenden: steinernst die Gesichter, Fußspitzen genau an Fußspitzen gepaßt, schienen sie einem unentrinnbaren Gesetz zu gehorchen. Ihre Körper, leidenschaftlich bewegt, ohne fortgerissen zu werden, heimlich von Fiebern zuckend, aber festgeschmiedet, auf-ab, ab-auf, hundertfältig wiederholte Bewegung, vom Körper wiederholt, ohne Ausweg, ohne Rettung, ohne Aufstrom, während der Kopf kühl, klar die ins Maßlose gesteigerte, weil ungelöste Spannung des Blutes zur Notiz nahm. 26   Die kleine Alabasteruhr am Lützowufer mit dem Schnitter und der Schnitterin und ihrem Ährenbündel aus Goldbronze sagte in ihrer feinen, anmutigen Art, es sei bereits drei Uhr morgens. Roselin – sie wußte nicht, zum wievielsten Male – wendete ihr glühendes, zerknülltes Kopfkissen. Aber plötzlich, klar darüber, daß jeder Versuch, in dieser Nacht zum Schlaf zu kommen, doch nutzlos sei, sprang sie aus dem Bett. Mit beiden Füßen zugleich. Wie als Kind, wenn sie einen entsetzlichen Traum gehabt hatte. Sie drehte das Deckenlicht an. Nicht alle Flammen, aber so, daß das ganze Zimmer in einer milden Helle lag. Sie schlüpfte in die Pantoffel und warf ihren Flausch über. Durch die beiden persönlichen Zimmer der Eltern, die sie zurückbehalten hatte, ging sie hin und wider, lautlos, eilig. Sie sah nichts von ihrer Umgebung. Ihr Blut schien sich zu stauen wie Wasser vor einem Wehr. Sie hatte das Brausen fortwährend im Ohr. Nach und nach, wie das gleichmäßige Gehen sie beruhigte, nahm sie ihre Umgebung ins Bewußtsein: den Wappenstuhl vor Papas Schreibtisch, die messingbeschlagene Truhe unter dem Bilde des alten Kaisers Wilhelm, den mächtigen Schrank, Szenen aus dem Pentateuch auf den Feldern geschnitzt. Roselin berührte die spiegelnde oder matte 27 Fläche der Dinge im Hin und Wider. Als gäbe sie alten, zuverlässigen Freunden die Hand. »Ja,« sagte sie dabei. »Ja!« Es klang, als hätte sie gesagt: »Ich bitte euch, Ihr kennt mich doch! Ihr müßt mir doch beistehen!« Denn immer wieder brauste das Wehr vor ihren Ohren. War dieses Brausen Berlin? War es das Leben? Roselin verschränkte die Hände fest unter ihrer Brust. Ihre unruhigen Augen suchten. Zuletzt hafteten sie an dem großen Bilde in der Mitte der Wand. Es war ein Familienbild aus der Werther-Zeit: Vater, Mutter und sechs Kinder. Die älteste Tochter des Ministers von Weddingstedt, ein holdes Geschöpf, zart umwölkt, trug ein blaßblaues Gürtelband, das berühmte Merkmal der Bilder von Anton Graff. Roselin nickte zu dem Bilde hinüber. Ihr Blick war sehnsüchtig. »Ihr lebtet auch in Berlin,« sagte Roselin. »Aber ihr wußtet noch nichts von alledem. Heiterkeit ist um euch her wie milder Glanz. Wie gestillt alle Farben sind. Ganz wenige scheinen es, und doch sind alle da.« Sie trat näher. Purpur, Braun, Ocker, Vermillon, Chinesischgelb – nur alle so wunderbar zur Harmonie verschmolzen, nichts Aufdringliches, nichts Rohes, nichts über die Grenze einer schönen Gehaltenheit, ganz in Form, ganz in Zucht und keineswegs Starre oder Versteinerung. So lebten sie! So saßen sie vor dem Maler! ›Und der Maler selbst?‹ 28 Roselin verglich in Gedanken die Ahnenbilder dieses Zimmers mit einer Ausstellung von Franz Mark. Voriges Jahr, ein paar Tage mit Stephanie sich in Berlin aufhaltend, hatte sie sie besucht. Allerdings, mehr als ein Jahrhundert mochte zwischen diesen Bildern und jenen liegen. ›Trotzdem,‹ dachte Roselin, ›trotzdem. Hierher gehöre ich. Zu euch gehöre ich. Man ist doch nicht losgelöst und wie neu in diese Welt hineingestellt. Die Erfahrungen von Jahrhunderten haben doch die Seelen geformt, haben dem Blut einen bestimmten Rhythmus gesetzmäßig vererbt. – Blut!‹ dachte Roselin, ›Blut!‹ – Sie sah die fast gotisch langen, durchsichtigen, blau geäderten Hände ihrer Großmutter. Ein heller Rosenkranz legte sich auf dem Bilde um Stirn und dunkle Haarwelle. Wußte man nicht, wen es darstellte, man dachte: ein Knabe, ein Jüngling, Eros oder Thanatos. Ja, Thanatos. Der Gott mit der gesenkten Fackel. Viele hatten vor diesem Bilde so empfunden. Hier hatte Blut sich schon fast ganz zu Geist destilliert. Alles Erdhafte hatte sich verflüchtigt. Die Seele erschien fast schmerzhaft hüllenlos. Man hatte früher oft gesagt, Roselin sei dieser Ahnfrau ähnlich. Und während die Bilder des Abends, die Menschen in der Untergrundbahn, auf den Straßen, im Kaffee, wie von Blitzlicht erhellt, an ihr vorüberjagten: »Ich will es nicht,« sagte Roselin heftig. Ihre Stimme zitterte, ihr Atem stieß. »Ich will nicht verkrüppeln inwendig. Ich will sauber bleiben.« 29   Als Roselin am andern Morgen erwachte, hatte sie ein Gefühl, wie sie es in ihrem letzten Hofwinter zuweilen gehabt hatte nach einer sinnlos durchtanzten Nacht: Leere, Übelsein, Nichts. Aber der Grund hierfür war doch wohl ein anderer? – Nur daß ihr immer wieder die Gedanken verschwammen. Abgetrieben wurden. Sie konnte nicht einmal, wie sie noch immer gewöhnt war, ihr morgendliches Vaterunser zu Ende denken: Dein Reich komme . . . Ja, und vergib uns unsere Schuld. Bei dieser Bitte, der fünften, fuhr Roselin in die Höhe. Riß die Augen auf. Was war? Hatte jemand gesagt: Ausgekniffen? Sie verzog die Lippen. Sie sprang aus dem Bett, warf den Flausch über. Lief zum Badezimmer. Auf dem Korridor begegnete ihr Marie Theres, rosig, leuchtend, elastisch, wie nach einem Morgenritt durch tauige Wiesen. Man meinte, man hörte ihre Reitpeitsche gegen den Stiefelschaft schlagen. »Ausgeschlafen, kleiner Faulpelz?« rief sie schon an der Vorsaaltür. »Auf Wiedersehen heut abend! Für mich ist's höchste Zeit!« Die Tür schnappte hinter ihr ein. ›Und ich? – Wie zerschlagen,‹ dachte Roselin, als sie in die Wanne stieg. Die Dusche tat ihr wohl. 30 Zurückkehrend fand sie wie in frühren Zeiten auf der Spiegelkonsole des langen Korridors neben dem alten kleinen römischen Dreifuß aus Onyx – schon lange verbrannte er keine Räucheressenzen mehr – zwei Briefe für sich. Exzellenz Randorfs hatte die Post aus dem Kasten genommen. Ein Brief war von Stephanie. Ein zweiter, ihr nachgeschickt, zeigte ursprünglich den Stempel Berlin. Berlin? Noch im Bademantel riß Roselin den Brief auf. Wirklich, er war von Dr. Reichmann. – Roselin verträumte sich: die Schreinerwerkstätte – – der blauglasierte Einmachkrug mit Maikätzchen – – Und sie erzählte ihren begeisterten Zuhörern von Garba. – Aber während sie noch träumte, ging es wie Schatten über ihr Gesicht: sie hatte nicht Stich gehalten. Damals nicht, wie so viele Male. Und doch hatte sie geglaubt, dies sei ihre Berufung! Berufung, zwingend genug, um ihr Verlöbnis mit Bob lösen zu dürfen! – Sie senkte die Stirn. Ihr Atem kam hart und hörbar. Nun – sie warf heftig den Kopf zurück – dies alles lag sehr weit dahinten. Besser, man rührte nicht zu viel dran. – Und was schrieb Dr. Reichmann nach dieser langen Pause? – Zur Zeit, da er in ihr Elternhaus kam, war er Dozent an der Volkshochschule. Jetzt schien er in der Jugendfürsorge völlig aufzugehen. Roselin las noch im Stehen. Der Bademantel glitt ihr dabei von der linken Schulter. Sie war 31 fast dürftig, sehr weiß. Roselin wurde rot, während sie las. Sie schämte sich tiefer, wurde zugleich unbegreiflich froh. Dr. Reichmann wollte wissen, was sie eigentlich täte? Ob sie in Nienstedt etwas Ähnliches angefangen hätte wie damals in Berlin mit den Jungens? Auf dem Lande würde sie es gewiß eher aushalten können. Ob ihre Gesundheit sich gekräftigt habe? Übrigens könnten die auf dem Lande Lebenden sich wohl überhaupt kaum vorstellen, wie es in Berlin aussähe. Von den ungezählten Schicksalen, die ihm täglich in seinen Sprechstunden zugetragen würden, könnte jedes einzelne ein Buch füllen. Es wäre schwer, in dieser Gegend daran festzuhalten, daß irgendwo in der Welt Frühling sei. Mit Maikätzchen und starkem Wind. Und bestrahlten, jagenden Wolkenfetzen am blauen Himmel. Man brauchte hier hundert Köpfe statt eines, und mehr als hundert Herzen und Hände. So–fort! So–fort! Roselin hatte den Brief zu Ende gelesen. So versunken war sie, daß sie gar nicht gemerkt hatte, wie ihr der Bademantel heruntergeglitten war. Fast entblößt stand sie am Tisch in ihrem Wohnzimmer. Erblickte sich plötzlich im Spiegel. Schreckte zusammen. Wurde dunkelrot. »Nackt!« sagte sie. »Nackt und bloß! Wie die Seele einmal vor Gott tritt!« Sie umhüllte sich schnell, lief in das Schlafzimmer. Immer den Brief vor Augen, kleidete sie sich eilig an, wollte nach Hut und Mantel greifen. 32 ›Weißenburger Straße jetzt. Früher war es Ackerstraße,‹ gingen ihre Gedanken. Sahen wieder die kahle Schreinerwerkstätte – – Ihr Atem kam schnell – ihr Blick erregte sich. – – –   Gegen Mittag machte Roselin sich fertig. Sie hatte ihren alten kleinen Plan von Berlin befragt. Es schien wie Fahrt nach einem anderen Erdteil. »Weißenburger Straße?« staunte Exzellenz Randorff, als sie Roselin, angekleidet zum Ausgehen, auf dem Korridor traf. »Das muß eine furchtbare Gegend sein. Neulich, als die Käthe-Kollwitz-Ausstellung war – Marie Theres sagte es gleich, ›das ist nichts für dich, Mamachen‹ – aber meine Lola war auf eine Woche von Königsberg gekommen. Sie will mich dann immer ein bißchen bilden. Ich kann dir sagen, Kindchen, Bilder! – Wochenlang konnte man davon den Alpdruck haben: Lauter Betrunkene, Verbrecher, Idioten und das elendeste Gesindel. Jemand sagte, die Kollwitz wohne in der Weißenburger Straße. Ihr Mann ist Arzt. Sie wollen unter den Menschen leben, die sie malt und die er bedoktort. Es soll wohl Idealismus sein. Aber mindestens finde ich ihn übertrieben oder überflüssig.« »Ja?« sagte Roselin. »Ich weiß doch nicht. Verzeih, man könnte auch anderer Meinung sein, Tantchen!« »Ihr seid heute so sehr anderer Meinung,« sagte die Exzellenz. »Es ist mir immer traurig. Marie 33 Theres ist ja wieder ein besonderes Problem.« Ihre Stirn schob sich zwischen den Augen zusammen wie bei einem Kinde, das vor ungelöster Aufgabe steht. »Ich komme nicht dahinter. Zu mir ist sie rührend. Und sie verdient schon wirklich enorm in ihrer Suppenküche. Gott, wenn man uns das vor zehn Jahren gesagt hätte! Als ich noch die letzten 20 000 Mark Kriegsanleihe zeichnete! – Hans Ebo war damals noch Regierungspräsident: ›Mein Junge,‹ sagte ich, ›wenn wir nun aber alles verlieren, was wir in Kriegsanleihe angelegt haben!‹ – Wer hatte jetzt recht?« Die alte Dame seufzte in schmerzlicher Genugtuung. »Ja – du – Ihr – Stephanie,« fuhr sie fort, »wer von uns auf dem Lande leben kann wie früher, der kann's schon eher aushalten und warten, bis die alten Verhältnisse wiederkommen. Dauern kann das doch nicht, wie es jetzt ist!« Die alte Dame staunte kindlich. »Siehst du,« sagte sie, »und jetzt bist du kaum in Berlin, und schon willst du auf die Weißenburger Straße. Wo sicher nur Kommunisten wohnen. Wo hast du dich nur angesteckt? Bist du nicht kaisertreu?« »Ach, Tantchen!« Roselin mußte lachen. Sie fiel der alten Dame um den Hals. Damit hätte die Weißenburger Straße wirklich nicht das geringste zu tun. Ihr Gesicht, an der noch ganz runden, gepolsterten Schulter verborgen, verzog sich schmerzlich. Sie sah sich plötzlich so deutlich, wie sie zum ersten Male 34 vor dem Kaiser tanzte im Marmorsaal. In tödlicher Angst vor seiner berühmt scharfen Kritik, und in den Himmel erhoben, als die blauen kaiserlichen Augen sie väterlich belobigend anstrahlten. – Und dann stand sie wieder im stiebenden Schnee auf dem Bahnhof in Bukarest, inmitten der tausend verwundeten, frierenden, geschlagenen, verfolgten, Deutschlandsehnsüchtigen Feldgrauen, und der Kommandant verlas: ›Seine Majestät der Kaiser ist auf holländisches Gebiet übergetreten.‹ ›Treu!‹ dachte Roselin. ›Treu?‹ Sie wischte heftig mit den bereits behandschuhten Fingern über die Augen. »Auf Wiedersehen, Tantchen. Hab keine Sorge. Ich komme schon heil zurück!« 35   Als Roselin mehr als eine Stunde später die Nr. 129 der Weißenburger Straße erreicht hatte, spie das gegenüberliegende Fabriktor Hunderte von blauen, geflickten, verrußten Blusen auf die Straße. Auch Feldgrau war noch darunter. Röcke wie durchweichte, durchtrichterte lehmige Erde. Narbig von vernähten, dunkel gerandeten Stellen, durch die es einmal heiß und zischend hindurchgesprungen war. Wie Biß einer wütenden Bestie. Roselin wurde fast in die Haustür gedrückt von der mißfarbenen Menschenwelle. Die Angst ihrer früheren Jahre – die Angst vor der Menge, benahm ihr den Atem. Sie sah nicht den jungen Menschen, zwanzigjährig vielleicht, der bei ihrem Anblick auffuhr. Aber im Hausflur faßte sie nach ihrem Nacken, als wäre sie dort hart berührt worden. »Man los, Robert,« sagte ein älterer Mann zu dem jungen Menschen. »Wat willste deine paar kostbaren Minuten verjeuden auf den weißen Hals von 'en junget Mäken.« – Er machte die Gebärde des Halsumdrehens – »wie'n Täubchen!« Er lachte gutmütig. »Is 'ne Weile her, daß Mutterken ein paar Tauben jebraten hat, wenn der Herr Sohn Urlaub hatte und auf 't Dorf kam!« »Quassel nich, Justav,« sagte der junge Mensch zornig. »Wat jehn mich die Mächens an? Sind alle –« Er gebrauchte ein böses Wort. Spie aus. – 36 Dr. Reichmann öffnete Roselin selbst: »Mein Gott, Sie, Baronesse?« Er hatte eben den Hörer in die Gabel zurückgelegt. Mehrere Gespräche hatten sich zwischen ihn und sein Mittagessen gestellt. »Ich habe vor drei Tagen an Sie geschrieben – nach Nienstedt.« »Ja, hier bin ich!« Roselin lachte. Dann fuhr sie zusammen. Dr. Reichmann hatte das elektrische Licht angeknipst. Die schwarze Binde über der linken Augenhöhle stand scharf auf der hellen Haut unter dem jähen Licht. »Nicht, daß ich des Briefes wegen gleich nach Berlin reiste. Ich war schon hier!« verbesserte sie sich. Dr. Reichmann faßte Roselin an beiden Händen. »Wie ich mich freue! Aber Sie müssen schon Nachsicht üben. Es ist hier nicht viel weniger schauderhaft, Sie könnten es vielleicht noch schauderhafter finden, als damals in der Ackerstraße.« »Wieso?« Roselin sah gequält vorüber an der Augenbinde. »Es ist nicht schlimm,« sagte Dr. Reichmann sanft. »Wie glücklich ist man, wenn man eines behalten durfte. Dieser kleine Vogel,« er drückte Roselin leicht auf die Pulsader – »ich kenne ihn noch gut – er braucht nicht so ängstlich mit den Flügeln zu schlagen!« Roselin legte ihre zweite Hand einen Augenblick auf die seine. Es war, als wollte Dr. Reichmann eine Bewegung machen, die Hand an seinen Mund 37 zu heben. Er unterließ es dann. »Kommen Sie,« sagte er mit seiner Kommandostimme von einst. Nur – war ein kleiner Sprung in dem klaren Metall? Roselin hatte nicht Zeit, darüber zu sinnen. Ihr wurde bereits geholfen, zwischen hohen Schränken sich entlangzuschlängeln. »Halt, an diesem alten Kerl stößt sich beinah jeder das Knie entzwei!« warnte Dr. Reichmann. »Aber ich kann ihn nirgend anders hinbringen. Auch ist er so treu. Sie ahnen nicht, was er alles zu tragen hat!« Er klopfte dem mächtigen Kiefernschrank auf die Tür wie einem guten Freund auf die Schulter. »Das sind alles Briefe von Hilfesuchenden und Akten über die Fälle. Das klingt sehr unbeteiligt,« sagte er, »Akten und Fälle über menschliches Leid!« Sie waren in die offene Zimmertür getreten. Roselin sah jetzt im Tageslicht nicht mehr nur dieses grausame Schwarze über dem Auge. Das helle und runde Knabengesicht von einst erschien nicht allein um die Zahl der Jahre älter geworden. Es war schmal, kantig, hart, wie das vieler Frontkämpfer. Aber es hatte zudem noch einen Zug! ›Wie jemandes Gesicht, der sein Leben auf eine Karte gesetzt hat?‹ grübelte Roselin. ›Feldherr, Fanatiker, Abenteurer?‹ – Roselin erschrak. Sie wurde rot. Aber sie hatte es wirklich gesagt, während sie ihm in seinem kahlen Büro gegenüberstand: »Woher stammen Sie eigentlich, Dr. Reichmann?« 38 Dr. Reichmann prüfte sie mit seinem einen Auge sekundenlang durchdringend. »Sie sind ehrlich,« sagte er dann. Und mit dem Lachen trat sein früheres Gesicht wie durch ein Visir, das plötzlich Glas wird. »Manche schon hätten mich das gern fragen wollen, und machten schließlich eine Redensart. – Mein Vater war Major. Er hat 70 mitgemacht als blutjunger Leutnant.« »Wie Papa!« Roselin nickte froh und befriedigt in einem, als hätte sie etwas Ähnliches zu hören erwartet. Sie forschte dann nicht weiter, wie Stephanie entschieden getan hätte, und wahrscheinlich in früheren Zeiten auch sie, nach Waffengattung, Garnison und gemeinschaftlichen Bekannten. »Und jetzt in der Weißenburger Straße hier!« sagte sie. »Und in diesem Beruf!« Staunen und Bewunderung waren in ihrer leisen Stimme. »Wie kamen Sie dazu? Verzeihen Sie mir.« Sie bat dringlich. »Ich muß Ihnen merkwürdig taktlos erscheinen, zudringlich direkt. Aber es ist bedeutungsvoll für mich.« »Ich weiß. Sie brauchen gar nicht zu erklären oder sich zu entschuldigen, Baronesse.« Dr. Reichmann hatte Roselin zu dem einzigen bequemen Lehnstuhl – recht abgenutzter und verschossener Gobelin – des großen, vollgepackten Raumes geführt. »Hier sitzen immer die jungen Mädchen,« sagte er sanft, »denen plötzlich die Stellung gekündigt wurde, und die nicht wissen, 39 was sie morgen essen sollen. Oder die kein Klavier haben zum Üben oder kein Bett oder keinen einzigen, freundlichen Menschen. – Oder auch die jungen, geschiedenen Frauen, und die unehelich geboren haben oder die sonst auf Abwege geraten sind.« – Dr. Reichmann hatte sich auf das hohe Dreibein vor dem Schreibpult geschwungen. Er saß wie zu Pferde. ›Er hat St. Georgs Augen,‹ dachte Roselin. Sie wußte nicht mehr, daß er deren eines ermangelte. ›Er stößt den Lanzenschaft einem Ungeheuer in den Rachen.‹ – ›Auf Abwegen? Auf Abwegen?‹ Sie lächelte zaghaft. Sie wollte jetzt von sich sprechen. Sie wußte nicht, wer es ihr eintat, daß sie noch einmal anfing: »Dieser Beruf! Wie kamen Sie dazu? Als Soldatensohn?« »Berufe werden nicht vererbt.« Auch Dr. Reichmann lächelte. »Mancher Beruf ist wie eine Festung. Man muß ihn sich erobern. Dann kann es vielleicht eine Berufung werden,« sagte er leise. Roselin nickte ein paarmal. Ihre Augen wurden unsicher, und doch, als ob sie in der Ferne ein Ziel ahnten. »Ja, und – damals, als ich in Calarasi im Lazarett pflegte, – Verzeihung – Sie schrieben es mir doch – –« Roselins Augen suchten hilflos seine Hand, die hager und ohne jeden Ring mit dem Füllfederhalter spielte. Das Gesicht von Dr. Reichmann veränderte sich nicht. Nur in das eine helle Auge trat ein härterer Glanz. 40 »Meine damalige Braut wurde mir genommen,« sagte er. »Nicht durch den Tod. Durch das Leben. Es ist nicht nötig, daß ich Ihnen Einzelheiten erzähle?« »Oh!« Roselin schüttelte den Kopf. Sie hob sekundenlang die Hand, ließ sie wieder fallen. »Nun,« – er lächelte wieder. – »Und nun sind Sie in Berlin, Baronesse. Sie werden hier bleiben, nicht wahr?« Roselin beugte sich ein wenig vor in dem alten, verblichenen Sessel. Ihre Augen gingen durch das Zimmer. Wände entlang. Vorbei an den Aktenschränken. An dem großen Pharusplan von Berlin. Sie hafteten an dem Brustbild eines Mannes. Sie sah es eine Weile an, kehrte dann zurück zu dem Gesicht von Dr. Reichmann. Sein eines Auge fing die ihren. Hielt sie fest. »Kennen Sie ihn?« fragte er. »Wohl kaum. Es ist Adolf Stöcker. Der große Leidenschaftliche. Sie waren noch ein Kind, als er das Hofpredigeramt quittierte. Ich weiß nicht, ob Sie einmal das Wort des Kaisers hörten: Christlichsozial ist Unsinn. Ich will keine politischen Pastoren. Jener aber glaubte an das Wort: Auf den Schultern der Massen wird Christus zurückgetragen werden.« – Roselin erinnerte sich dunkel – sie war damals wirklich noch ein sehr kleines Mädchen –, daß Bekannte den Namen Stöcker erwähnt hatten in dem Ton, wie man von etwas sehr Gefährlichem spricht. »In Ihnen ist dieselbe Leidenschaft?« sagte sie leise. 41 Hinter der scharf über die Knochen gespannten, vom Kriege gegerbten Gesichtshaut Dr. Reichmanns quoll Blut auf. Nur die Narben blieben stehen, weiß und unwiderleglich. »Ich möchte mich in nichts mit dem Großen vergleichen wollen,« sagte er. »Im Streben allein. – Und Sie wissen überdies, für mich müßte es heißen: auf den Schultern der Jugend wird Christus in die Zukunft getragen. – Wir haben alle vor dem Kriege noch ein wenig gespielt,« grübelte er. »Auch die, die das beste Wollen hatten. Glauben Sie mir, Baronesse: der dauernde Aufruf und die stete Verkündigung des Ideals, wie wir es früher taten – wir sprachen sehr schön darüber, und sonnten uns ein wenig in unserem Bekenntnis –, alles das ist sinnlos geworden der heutigen Jugend gegenüber. Sie will nichts Abgestempeltes und durch Autoritäten Beglaubigtes. Es gibt nur eins: Vorleben; das, was wir erreichen möchten an anderen, selbst darstellen. Und dann,« sagte er, »Sie müssen dies bedenken: Kennen Sie das Wort von Ghandi: Den Hungernden muß Gott als Brot erscheinen? Sie können sich nicht vorstellen, wie hier gehungert wird. Immerfort hat man zu sorgen, daß die jungen Menschen hier aus Mangel an Brot und Licht und Luft und Wärme nicht unters Rad kommen. – Sehen Sie doch nur.« Er war von seinem Dreibein heruntergeglitten, öffnete einen der großen Schränke, zeigte auf einen Teil der Fächer, 42 vollgepfropft bis oben hin. »Das bloß sind Menschen, die eine Stellung suchen. – Es sind viele Studenten dabei, die glühend gern Abschriften machen oder Adressen schreiben wollten. Und junge Maler, wirkliche Begabungen, die Stuben streichen möchten oder Möbel. Ich könnte Ihnen wochenlang erzählen und käme nicht zu Ende. Ich habe Helfer. Ich habe nicht genug. Denn es müssen freiwillige sein. Wer soll sie bezahlen? Und wieviele haben die Mittel, ein Amt auszufüllen heutzutage ohne Bezahlung?« Und dann fragte er zum zweiten Male: »Werden Sie hier bleiben, Baronesse? Werden Sie mir helfen?« Roselin sah sich verwirrt um. Sie hatte den ersten Anruf nur auf einen längeren Aufenthalt in Berlin gedeutet. Und selbst dieser hatte nicht in ihrem ursprünglichen Plan gelegen. Sie sollte wieder einmal ein bißchen Museen sehen, hatte Stephanie gemeint, Theater, Musik, Berliner Leben, soweit sich das mit einem recht schmalen Geldbeutel vertrug. »Ich?« fragte Roselin. »Wie meinen Sie das. Womit könnte ich helfen? Und ganz allein hier leben?« Dr. Reichmann lächelte. Aber nur mit dem Auge. Sein Mund wurde streng. Sein Kinn schob sich kantig vor. »Helfen,« sagte er. »Es gäbe hundert Möglichkeiten und eine. Auf dem Gebiet der Bücherversorgung zum Beispiel. Da kann Ungeheures getan werden. Tausendmal mehr als 43 durch Gesetze und Artikel gegen Schund- und Schmutzliteratur. Alles kommt auf die Mitarbeiter an. Die Bücherstube ist oft der Mittelpunkt von Aussprachen. Dichterstunden, Vorträge werden dort abgehalten. Allerlei gemeinschaftliche Veranstaltungen. Auch Führungen durch Berlin, Besuche von Museen und dergleichen regeln sich von dort aus. Es gibt unzählige Möglichkeiten. Aber,« er sah sie nachdenklich an, »ich denke an etwas anderes. Ich kann sie noch nicht genau formulieren, die Aufgabe. Aber gerade ein Mensch wie Sie, Baronesse, – eine Frau wie Sie – –« Das Telephon schrillte. »Verzeihung! – Hallo! Ja? Schon besetzt? – Rad? – Ach so. Andere zuvor. Armes Kind. Siebzehn? – Hundertsiebzehn? – Nur nicht schlapp machen. Sie kommen heute abend. Ja, gewiß. Auf Wiedersehn. Mut, Mut!« Er legte den Hörer in die Gabel zurück. Seine Stirn war schweißbeperlt. »Das ist nun auch so ein Fall,« sagte er. »Ein famoses Mädel. Photographin. Ganz genial. Hatte gute Stellung. Der Chef wurde zudringlich. Jetzt sind wir auf der Jagd nach irgend etwas. Schon seit vierzehn Tagen. Jeden Morgen wartet sie im Menschenknäuel bei der Ullstein-Zentrale auf das Stellenblatt. Es ist noch naß von der Druckerschwärze. Hundert reißen sich ums erste. Viele Hundert. Wer ein Rad besitzt, gar einen Motor, hat die erste Chance. Die hundert andern kommen immer zu spät. Das junge 44 Mädchen ist eben einundzwanzig. Sie ist auffallend hübsch. Sie lebt seit drei Jahren in Berlin. Mutterseelenallein. Jetzt in einem Hause von 39 Parteien. Viele davon haben Untermieter und Schlafburschen. In der Budapester Straße.« Er hatte zu seinem Hörer gesprochen, der wieder in der Gabel lag. Vielleicht auch zum Füllfederhalter. Marke Mont Blanc. Er hob scharf den Kopf. Sah Roselin an. Roselin wurde dunkelrot. »Ich verstehe, was Sie meinen,« sagte sie leise. Sie schwieg. »Man kann sich doch nicht sofort entscheiden.« Sie warf den Kopf herauf. Leidenschaft und Angst waren in ihrer Stimme. »Gewiß nicht. Ich meine – vielleicht Sie noch nicht. Vor vielen Entscheidungen kommt das Noviziat. Aber Entscheidungen sind heute notwendig, mehr denn je.« Die Stimme von Dr. Reichmann klirrte. Roselin zuckte zurück. »Bin ich sehr hart geworden?« sagte er sanft. »Verzeihen Sie, Baronesse.« Er lächelte jetzt mit Auge und Mund. »Die letzten Jahre – – Es liegt viel zwischen heute und jenen Tagen, als ich Sie noch in Ihren Wagen setzte und von der Ackerstraße nach Hause brachte.« Wieder überflammte Roselin dunkelrot. ›Damals war ich neunzehn,‹ dachte sie. Sie stand auf. »Ich werde Sie niemals beeinflussen wollen,« sagte Dr. Reichmann. »Vor die letzten Dinge muß 45 Jeder allein treten. Wenn Sie wüßten, wieviel List und Tücke dazu gehört, unsere jungen Menschen von heute niemals auch nur ahnen zu lassen, daß eine Beeinflussung am Werk ist! – List und Tücke?« fragte er sich ernst. »Ich habe mich falsch ausgedrückt. Dieser alte, überflüssige Jargon! Selbstzucht braucht es. Fortwährende, strengste Selbstzucht.« Er atmete hart. »Jeder hat seinen eigenen Pfahl im Fleisch.« Und als Roselin stand: »Ich habe mich so sehr gefreut, daß Sie kamen. Das Weitere,« er hob die Arme, spreizte die Handflächen nach außen mit einer Gebärde absoluter Freigabe: »Bringe ich Sie jetzt zu einem Auto oder zu der nächsten Haltestelle. Sie brauchen die Glasgowstraße.« Er nannte die Nummer der Bahn. »Ich finde mich allein. Ich bin schon mit der elektrischen Bahn gekommen. Mein Gott,« – Roselin sah entsetzt nach ihrer Armbanduhr. »Sie haben nur noch eine Viertelstunde, bis Ihre Arbeit wieder anfängt!« »Eine Viertelstunde?« Dr. Reichmann lachte. Es war sein altes, knabenhaftes Lachen. Er dachte an ein Stück Brot in seiner Tischschieblade und ein kostbares, geschenktes Ei. Es würde den Graupendrei der Suppenküche wunderbar ersetzen. »Wenn Sie einmal hier lebten wie ich, Baroneßchen,« er nannte sie wie einst, – »Sie würden bald wissen, was für eine ungeheure Zeitdauer für Berlin eine Viertelstunde bedeuten kann!« 46   Als Roselin wieder auf der Straße stand, merkte sie plötzlich, daß kein kleinster Gedanke an Dr. Reichmann sie noch begleitet hatte. Diese Erkenntnis erschütterte sie fast. Und doch blieb es dabei: zwischen der grauen und niederschmetternden Wucht der Häuserblocks, zwischen dem wilden Wirrwarr der Straßen und Menschen ging sie wie im Traum. Immerfort jene Revolutionstage in der Erinnerung, als sie auf stundenweiten Umwegen, über aufgerissene Straßen, begleitet von Herrn Niedlich, der Bahnbekanntschaft, versucht hatte, zu Dr. Reichmann zu gelangen. Es erschien alles fern wie vor Jahrzehnten und zugleich unbegreiflich nah. War es nicht wie Wunder und Gnade, daß Herr Niedlich, dieser rührende Mensch, noch einmal gekommen war, ihr seine Dienste anzubieten? Er hatte auch später – denn Dr. Reichmann war noch gar nicht in Berlin – sie beraten, und geholfen, den fünfzehnjährigen Robert Stemmler in einer Fürsorgeanstalt unterzubringen. Aus der er allerdings nach drei Wochen entwich. Roselin zwang ihre Gedanken gewaltsam zurück zu Dr. Reichmann. Es blieb unbegreiflich, daß er, der geborene Führer, sich in dieser gewissermaßen subalternen Stellung befand. Was hätte er leisten können auf einem verantwortungsvollen Posten! 47 Aber schon wieder sah sie dieses ausgemergelte Jungensgesicht mit den blutlosen Lippen und den fanatischen Augen vor sich. ›Robbi,‹ sagte sie, ›Robert!‹ So viele Jahre hatte sie kaum noch an ihn gedacht. Sie hatte die Haltestelle ihrer elektrischen Bahn längst versäumt. Kehrte suchend zurück, fand sich hart gestoßen und gutmütig belacht, merkte nichts davon, sondern sah wieder den kleinen Klump Menschenelend, wie er ihr vor sechs Jahren in der Jerusalemerstraße fast vor die Füße fiel. Damals hatte sie noch Initiative gehabt? – Roselin drückte die Zähne aufeinander. Sie richtete sich gerader. – Ja. – Obgleich das schwere letzte Jahr in Rumänien und die folgende lange Krankheit sie geschwächt hatte. Es war aber noch Halt und Disziplin der Kriegszeit in ihr damals. Die unsichtbare Schwesterntracht hielt sie gewissermaßen und befähigte sie zum Handeln. Konnte sie nur etwas leisten, geringfügig, wie es sein möchte, aber immerhin doch positive Betätigung, solange sie an der Strippe ging? Wenn höhere Einordnung sie bewegte oder trug? Roselin schritt stärker aus. ›Zurückgegangen,‹ sagte etwas in ihr. Ihre kleine Hand ballte sich so fest, daß der weiße Lederhandschuh, oft gewaschen und dadurch eingelaufen, an den ersten zwei Fingerspitzen in den Nähten barst. ›Zuerst jetzt aufpassen,‹ befahl sie sich heftig. Sie fand ihre Haltestelle. Wartete in einem Trüpplein. Merkte nicht, daß 48 ein blaublusiger junger Arbeiter ihr fast auf den Fersen stand. Hob nur, wie vor anderthalb Stunden, als sie in den Hausflur der Weißenburger Straße trat, die Hand zum Genick, als würde sie dort gebrannt oder hart angefaßt. Als sie dann im Wagen saß – es fand sich noch eben ein schmales Plätzchen, der junge Arbeiter stand auf dem hinteren Perron – rekapitulierte sie: Robbi! Die acht Tage Berlin, vor ihrer Übersiedlung zu Stephanie. Als der Junge mit dem verstauchten Knöchel und völlig hilflos von Hunger und Ermattung in ihrem Bett – für sie selbst war die Couchette hergerichtet – sich langsam erholte. Ein eigentümlicher kleiner Bursche. Fast ein Stummer. Aufreizend in seinem Schweigen. Nur seine Augen brannten. Mein Gott, nun war Roselin wieder über ihre Haltestelle hinausgefahren. Sie mußte umsteigen am Spittelmarkt. Der junge Mensch in der blauen Bluse schien sich ebenfalls versehen zu haben. Er stand wie Roselin auf dem schmalen erhöhten Streifen für Wartende oder Passanten, der sich wie eine Landzunge der Sicherheit ins Meer der Zufälle und Gefahren hineinstreckte. Eine Frau mit breiten Hüften und breiten Füßen stieß Roselin vor, um selber in den Hintergrund zu gelangen. »Det hilft nu jarnischt,« sagte sie. »Wat kommen soll, det kommt. Und vor den Tod ist kein Kraut gewachsen. Dadrin bin ich nu Fataliste. Jestern, wie ick hier stehe, jrade, wo ick jetzt stehe, und ein Fräulein steht neben mir, jrade wie Sie jetzt stehen, 49 Fräulein. Der Jeheimrat mit die weißen Handschuh auf den Wachtturm hebt die Hand, die Autos machen sich uff die Beene – fixing – Mercedes – von meinem Jungen soll ick wohl die Marke kennen. Was mein Junge ist, der kennt schon am Schnurren eenen Mercedes von een Opel. – Wie ick Ihnen sage, der schokoladefarbene Limousinemercedes hier ruff.« Sie stieß ihren dicken Daumen vor sich nach unten. »Mittemang die Leute. Na, und was meine Nachbarin war – –« Die Frau hielt inne. Bückte sich zu ihren breiten Füßen. Stocherte mit ihrem Schirm, als suche sie ein Geldstück zwischen den Steinen. – »Wie ick Ihnen sage – wenn nicht hier noch die roten Flecke sind –« Roselin faßte ihren eigenen Schirm fester. Wie Stütze. Ein warmer Aprilschauer fegte dicke Tropfen über die Köpfe. Sie hob das Gesicht, durstig. Als käme mit den Tropfen etwas Reines und Unberührtes in die Atmosphäre von Grauen und Gleichgültigkeit, in das breite, grausame und gedankenlose Lächeln der Großstadt. Die Kraftfahrzeuge brüllten brünstig oder schmetterten Triumph. Die elektrischen Bahnen klingelten rasend. »Jetzt,« sagte jemand hinter Roselins Ohr. Sie wußte nicht, wer es gesagt hatte, oder wer Bescheid wissen könnte. Aber sie fühlte instinktiv, daß das »jetzt« ihr galt. Sie fühlte von irgendeinem Arm eine schmale Freiheit um sich her geschaffen und zugleich sich gesteuert, daß sie unter den ersten einstieg. Sie fand einen Platz, und wieder, als sie 50 saß, stand die blaue Bluse auf dem hinteren Perron. Ecke Lützowplatz stieg sie aus. Es hatte aufgehört zu regnen. Von der Allee am Spreeufer entlang kam ein Geruch von feuchtem Gras, Baumknospen. ›Frühling,‹ dachte Roselin. ›Erde.‹ Ob wenigstens der Humboldthain in der Nähe von Dr. Reichmann sein mochte? Ob er je Zeit fand, etwas Grünes zu erblicken? – Aber auch bei diesen Gedanken quoll vor Roselins Augen wieder die schmutzig grau- und blauschwarze Traube aus dem dunstigen Fabriktor: alte Gesichter und junge Gesichter. Viele junge. Gleich danach zuckte Roselin zusammen. War ihr Traum aus ihr herausgetreten? Sie lehnte sich an die schwere, im Renaissancestil geschnitzte Eichentür des Hauses, die Hand schon auf dem messingnen Drücker zur Portiersloge; eine blaue Bluse stand neben ihr, junges Gesicht darüber, zusammengedrückter Mund, der eigentlich volle Lippen hatte, harte Augen. Jetzt eben war es, als ob Augen und Mund lächelten. Der junge Mensch wich nicht zur Seite. In seiner Haltung war Ehrerbietigkeit und zugleich das, was vorhin aus dem einen Auge von Dr. Reichmann zu Roselin hingegangen war: letzte Forderung. »Sie erkennen mich nicht mehr, Baronesse?« Aber er hatte noch nicht das letzte Wort zu Ende gesprochen, als Roselin nach seiner Hand griff: »Robbi! Du! Wirklich? – Könnten Sie es sein, 51 Robert?« Ihr Gesicht wurde rot vor Freude. »Sie wissen ja gar nicht,« sagte sie. »Eben noch dachte ich an Sie! Ich war so furchtbar traurig damals. Als ich mit meiner Schwester später in Berlin war, haben wir uns erkundigt. Ich habe auch Verwandte nach Ihnen forschen lassen, anfangs. Aber es war immer alles umsonst. Und jetzt mit einemmal – mein Gott, – da am Fabriktor? Sie waren? – –« Und wieder legte sie die Hand auf die grobe, ausgearbeitete Faust des jungen Menschen, die über der breiten Fläche in langen sensitiven Fingern auslief. Roselin sah die Hand an, lachte. Tränen waren in ihrem Lachen. »Robbi – darf ich noch ›du‹ zu dir sagen?« – Und als er nickte: »Aber wir können doch nicht ewig hier stehen. Komm mit herauf. Ich mache Tee. Wie damals. Herr Niedlich schenkte ihn uns. Weißt du noch?« Als sie in die Haustür trat, die lautlos wieder zurückschwang, der junge Mensch hinter ihr drein, faßte Roselin wieder nach ihrem Genick, als sei da etwas. »Nein, wieviel wirst du mir zu erzählen haben!« Sie kehrte sich schnell um. »Weißt du, was ich eben dachte bei deiner Hand? Sie ist noch gerade wie damals, als ich zu dir sagte, du hast altmeisterliche Finger. Ich dachte immer, ein Künstler steckte in dir! Und jetzt trägst du die blaue Maschinenbluse. Bist du Schlosser geworden, Robbi?« Sie waren oben. Roselin ließ sich und ihren Begleiter in die Etage. In demselben Augenblick 52 öffnete Exzellenz Randorff ihre gegenüberliegende Tür, erblickte Roselin und die blaue Bluse, wich zurück wie vor einer Erscheinung des Leibhaftigen. Es sah aus, als bekreuze sie sich. Roselin mußte lachen. Aber als sie sich schnell zu dem jungen Menschen wendete, wie zu jemand, der mit im Spiel und Geheimnis ist und mitlachen muß, erschrak sie vor dem Hohn, der seine Lippen ganz schmal machte und die Mundwinkel herunterdrückte. »Du mußt dir nichts dabei denken,« sagte Roselin schnell. »Es ist eine Dame noch ganz aus der alten Zeit.« Sie hatte ihre eigene Zimmertür geöffnet und Robert schloß sie hinter ihnen beiden. »Es gibt eben Menschen, besonders die alten Herrschaften, für die ein Stilwandel der Götter etwas Unfaßliches ist.« Roselin dachte nicht daran, daß sie zu dem jungen Arbeiter wie zu ihresgleichen redete. »Und Sie haben den Stilwandel mitgemacht?« fragte er, ehe sein Mund das Höhnen ganz aufgegeben hatte. »Ach, was für dummes Zeug reden wir,« sagte Roselin. »Komm, laß dich ansehn, Robbi!« Sie faßte ihn wieder an den Händen und zog ihn zum Fenster. Sie sah ihn an wie ein geliebtes, verlorenes und wiedergefundenes Spielzeug. »Nicht,« sagte Robert. Er zog seine Hände behutsam aus den ihren. 53 »Was ist?« Roselin erschrak. Ihr Ausdruck veränderte sich. »Ich kann es nicht ausdrücken,« sagte Robert. »Es hat mich schon damals gequält, wenn Sie mich so ansahen. Verzeihung. Aber ich möchte wirklich nichts Unfreundliches sagen. Sie waren sehr gut zu mir.« Roselin ging unruhig zur Anrichte. Der Blick dieser großen, grauen, düsteren und zugleich durchsichtigen Augen war wie etwas Scharfes in sie hineingegangen. Er beunruhigte sie fast mehr als die Worte. Sie fühlte sich in Versuchung, von ihrer Stirn etwas fortzureiben. Sie wußte nicht was. Dicht über den Brauen. Wie vorhin im Genick. Sie kramte zwischen den Nienstedter Vorräten, als müsse sie unter zahllosen Delikatessen wählen. Fand endlich die kleine Aluminiumteeschachtel, die ganz vornan stand, suchte immer noch. »Soll ich nicht Wasser in der Küche auf dem Gas heiß machen?« sagte Robert. »Ich weiß noch Bescheid von damals her.« Seine Stimme war traurig und zugleich hüllte sie ein. Roselin haftete am letzten. Sie kehrte sich strahlend um. »O Robbi,« sie lachte laut, »und wenn Tante Adine in die Küche käme und die blaue Bluse erblickte? Ich fürchte, sie träumt ohnedies schon heut nacht von einem blanken Äxtchen.« »Von einem blanken Äxtchen,« sagte Robert. »Das ist nun wieder ganz Sie, Baronesse. Es klingt nach dem Primitiven, nach Weite, Rußland, nach: 54 vor hundert Jahren. Hier, heute, in Berlin träumen die Menschen höchstens von Gashähnen, Zyankali, Messern, Gummiknüppeln und dergleichen.« – Roselin errötete. Sie murmelte etwas von Hartspiritus. In ein paar Minuten brannte die kleine Flamme des Kochers. Als sie dann am Tischchen saßen im Erker – Roselin hatte es wirklich nett machen können mit Meißener Tassen, das alte Grüne-Blattmuster, und ein paar Kätzchenzweigen aus Nienstedt: »Also, du bist Schlosser, Robbi,« sagte sie eilig. Irgendein künstlicher Ton war in der Stimme. »Ja,« sagte Robert. »Seit acht Tagen. Seit dem 1. April meine ich. Vorher war ich in der Druckerei der Roten Fahne.« Roselin zuckte leicht in den Schultern rückwärts. Robbi sah sie ruhig, aufmerksam an. »Und vorher?« fragte Roselin. »Denn du sprichst gerade, als gäbe es verschiedene Vorher.« Sie strich ihm gut Nienstedter Butter auf Nienstedter Brot. Robert lachte. »Das könnte schon stimmen. Alles aufzuzählen hätte seine Schwierigkeit, Baronesse: Schneeschipper, Minimaxvertreter, Gärtner, – Orchideenzucht nämlich in Zehlendorf, Maurer und wieder Setzer, das waren alles verschiedene Stationen. Ich bin übrigens nur ein einziges Mal gekündigt worden,« sagte er wie zur Beruhigung. »Ja – nein – mein Gott –« Roselin legte den Teelöffel fassungslos auf die Untertasse. »Aber 55 warum denn der ewige Wechsel, Robbi? War es nie das Richtige?« »Nein, das war es wohl nicht,« sagte Robert langsam. Seine langen, zurückgebogenen Finger spielten unruhig an der Klöppelspitze der Tischdecke. Seine Augen sahen wie in ein rauchiges Dunkel, das sie nicht durchdringen konnten. ›Wie damals,‹ dachte Roselin. ›Er verbirgt etwas. Er verbirgt die Hauptsache. Ich konnte schon damals den Schlüssel zu ihm nicht finden. Wird es mir auch diesmal nicht gelingen?‹ Sie berührte zaghaft seine Hand, daß er sie ansehen sollte. Er hob die breiten Augenlider. »Ja?« »Bitte, Robbi,« Roselins Stimme warb. »Erzähl mir doch einmal. Ich weiß doch nur das Äußerste. Was hattest du für eine Energie im Schweigen, damals als kleiner Kerl. Manchmal dachte ich, er sieht mich an wie einen wilden Feind. Dann konntest du wieder lieb sein in einer so scheuen, rührenden Art. Aber immer bliebst du das verschlossene Kästchen. Mein Gott,« Roselin weinte fast. »Nichts erfuhr ich. Gar nichts. Vielleicht hast du mich belogen, wenn du sagtest, deine Eltern wären gestorben –?« Robert schüttelte den Kopf. »Vielleicht hätte ich dich mitnehmen müssen nach Nienstedt zu meiner Schwester,« grübelte Roselin laut. Robert schüttelte wieder den Kopf. Jetzt lächelte er. Er entblößte sehr kleine, wohlgeformte Zähne. 56 Man sah, von Natur waren seine Lippen geschwungen und voll. »Ich war so hilflos,« sagte Roselin. Sie lehnte sich zurück in ihren Stuhl. Ihre Augen gingen die Wände entlang, fragend, unruhig. »Ich bin es eigentlich geblieben,« sagte sie leise. »Wie sonderbar, Robbi,« ihre unruhigen Augen hafteten plötzlich an ihm, »mache ich dir auch Bekenntnisse?« – Sie schüttelte den Kopf. Wurde rot, als sie seinen Blick einfing. Wie sah er sie an? Wie unerforschliche, fremde Kostbarkeit, die man vorsichtig unter die Lupe nimmt. »Ich wußte mir damals keinen anderen Rat,« sagte Roselin heftig. »Mein Freund, Dr. Reichmann, den ich deinetwegen fragen wollte, war nicht in Berlin. Ich selber mußte fort. Es blieb nur die Fürsorge. Herr Niedlich, du weißt doch, er riet dazu. Und aus der Fürsorge – nach drei Wochen warst du schon fort.« Sie legte die Ellenbogen auf die Armlehnen des Stuhles, und die Fingerspitzen gegeneinander, während sie sich vorbeugte: »Wo gingst du hin, Robbi? Aber eigentlich meine ich: wo kamst du her?« Robert richtete sich auf. Sein kantiges Kinn drückte sich nach vorn. Die vollen, geschwungenen Lippen wurden wieder ganz gerade und schmal. Seine Augen schoben sich gegeneinander, wie er Roselin ansah. »Ich könnte es Ihnen heut sagen. Vielmehr, ich will. Aber ich will eine Gegengabe. Ich will 57 auch Sie etwas fragen dürfen, wenn ich rückhaltlos spreche.« Roselin sah in ihren Schoß. Die Schultern bebten. ›Rückhaltlos?‹ dachte sie. ›Rückhaltlos?‹ Sie öffnete wieder die Augen, die sie zusammengedrückt hatte. Sah ihn an, lange, voll, groß. »Jawohl, auf Gegenseitigkeit!« Sie lächelte schmerzlich. Sie staunte über sich. Sie wiederholte: »Also, auf Gegenseitigkeit!« Robert atmete tief, heftig, zwischen geschlossenen Lippen. Vor der Tür hörte man schwere, wogende, weiche Schritte auf dem Läufer des Korridors. Sie gingen bis zum Garderobenständer. ›Tante Adine sieht nach, ob die Mütze noch am Ständer hängt.‹ dachte Roselin. ›Armes Tantchen. Trotzdem, wenn sie jetzt hereinkommt, werde ich unhöflich.‹ Das Blut zitterte in ihren Schläfen. Die Schritte entfernten sich wieder. Eine Tür klappte. Roselin schloß ihre Hände ineinander, daß die Knöchel weiß aus der Haut heraustraten. Roberts Augen waren eigentümlich scharf geworden. Seine Mundwinkel zogen sich höhnisch herunter. »Es sagt sich kaum in drei Worten,« fing er an. Wartete. Überlegte. »Kinder haben mancherlei Besitz,« entschloß er sich plötzlich. »Sie haben Mutter und Vater. Sie haben zu essen. Sie haben Spielzeug. Manche von denen, die ich kannte, hatten sogar einen kleinen Schrebergarten draußen auf Oranienburg zu. Und einer war ein ulkiger 58 kleiner Kerl, über den ich lachte. Aber heimlich beneidete ich ihn doch irgendwie. Er hatte wahrhaftig seinen eigenen lieben Gott.« Ein nachsichtiges Lächeln machte sekundenlang Roberts spöttische Lippen weich. »O Robbi!« Roselin versuchte, ihre Finger zwischen seine Hand zu spielen. Aber die Hand blieb hart verschlossen und kalt auf dem Tisch liegen. Roselins Finger entfernten sich wie kleine, verstoßene Tiere. »Sie verstehen, was ich damit meine, Baronesse,« sagte Robert. Sein Blick erschien Roselin eiskalt und fremd. »Daß es so etwas geben konnte, daß jemand – ein Kind – ein so persönliches Verhältnis zu einer geheimnisvollen und überpersönlichen Macht haben konnte – obwohl ich es eigentlich kindisch fand, denn ich war damals bereits altklug und hart und ein elender, wissender Großstadtjunge –, das erschien mir ebenso unglaublich wie bevorzugt. Der kleine Kaminski in meiner Klasse – er hieß Paul Kaminski – mußte jede Woche ein- oder zweimal nachsitzen wegen Geometrie. Er verkniff sich immer die Tränen – denn zu Hause kriegte er jedesmal Prügel. Sein Vater, ein kleiner Beamter, war sehr ehrgeizig. Ich schob ihm immer das Heft zu, Geometrie machte mir Spaß, – aber der Junge schrieb nicht ab. Er sagte: ›sein‹ lieber Gott erlaube ihm das nicht!« Robert schwieg. Er sah Roselin an. Er begriff nicht, warum Roselin so dunkel errötet war. Ihre 59 Augen sahen in eine ferne Vergangenheit. Sie sah sich selber in der Schule von Fräulein von Gutenbrunn abschreibend voll Todesverachtung. Damit sie nicht die ungeheure Schande über die Familie brächte. Sie wußte nicht, was ihr näher war – Lachen oder Weinen. »Mit mancherlei Gaben dient man Gott,« sagte Roselin plötzlich leise. Sie schüttelte den Kopf. »Man dachte –« sie überlegte; »wirklich, manchmal glaubt man, etwas Verkehrtes sei das Gute. Verzeih, Robbi,« sagte sie schnell. »Bitte, glaub nicht, ich hätte nicht begriffen, was du meinst. Ich seh ihn ganz deutlich, diesen kleinen Jungen und sehe dich daneben. Dir hatte man niemals einen eigenen lieben Gott geschenkt.« Roberts harte Züge entspannten sich sekundenlang, wie er Roselin ansah. Er lächelte trübe, wie er den Kopf schüttelte. »Eigentlich stimmt das nicht ganz so,« fuhr er fort, sachlich, mit gemachter Nüchternheit. »Aber ich muß es näher erklären. Ich glaube, von Natur sollte ich eigentlich ein frommes Kind werden. Meine Mutter betete immer abends mit mir. Aber wir mußten es heimlich tun. Der Vater durfte es nicht hören. ›So ein Unfug,‹ sagte er, wenn er uns dabei ertappte. Er gebrauchte das Wort überhaupt gern gegen meine Mutter. Wenn sie der kranken Flurnachbarin zum Beispiel von unserm spärlichen Mittagessen einen Teller Suppe hereingab, und der Vater kam dahinter. Oder wenn sie beim Nähen – sie nähte damals 60 Herrenwäsche für Grünbaum –, wenn sie so praktisch zugeschnitten hatte, daß ihr ein Meter Stoff nachblieb, und sie brachte ihn zurück ins Geschäft, statt für uns etwas draus zu machen.« »Was für eine liebe Frau war deine Mutter,« sagte Roselin. Sie sah ihn glücklich an. Robert stand auf. Er trat ans Fenster. Hände in den Taschen starrte er auf die gegenüberliegende Stuckfassade mit den kühl geschlossenen Stores. »Ja,« sagte er und kehrte sich heftig zurück, »eine liebe Frau! Das ist der richtige Ausdruck. Wo sie konnte, und wem sie konnte, tat sie etwas zulieb. Ob es ein halb verhungertes Kätzchen war oder ein alter Mann, der sich selber kein Feuer machen konnte in seinem kleinen eisernen Ofen. Und fröhlich war sie! Es war immer wie ein Strählchen Sonne in unserer großen, leeren Stube, die zum Hof hinausging, wenn nur die Mutter vor ihrer Maschine saß. Jedem Drehorgelmann, der auf den Hof kam, dem wurde jedesmal ein Zweipfennigstück in Papier gewickelt in die Mütze geworfen. Und wenn er dann den blauen Donauwalzer herunterorgelte –« Roselin hob schnell den Kopf. Sie nickte wieder mit diesem glücklichen Lächeln. »– – dann faßte mich die Mutter um und –« Robert schwieg. »Es war so viel ungelebtes Leben in ihr,« sagte er langsam, »denn bei meinem Vater –« Und dann sah Roselin ihn ganz deutlich vor sich mit dem kleinen, blassen fanatischen Gesicht und 61 den glimmenden Augen, den Setzer in der Druckerei des Vorwärts. Er trank nicht, rauchte nicht, gönnte sich nichts. Aber Bücher schaffte er an. Bücher über Bücher. Naturwissenschaftliche Werke, nationalökonomische, Schriften von Stirner, Lassalle. Er war durchglüht von einem einzigen Willen, aus dem Dienenden ein Herrschender zu werden. Nicht mehr winziges Rädchen zu sein, sondern Herr der Maschine, die unterste Sprosse der Leiter mit der obersten zu vertauschen. »Er war kein schlechter Mann,« sagte Robert. »Er war nur unsäglich verbittert. Religion war ihm nichts. Vielmehr, sie erschien ihm als Ballast. Ich hörte ihn oft sagen: Weder hat Religion Kriege verhindern können noch tausendfältiges Elend im Frieden. Sie hat dem Menschen in keiner Weise geholfen, sich selbst zu bezwingen, der Gemeinschaft zu dienen und der Gemeinschaft Opfer zu bringen. Der Vater brauchte Religion nicht. Sie interessierte ihn nicht. Und er konnte außer sich geraten, wenn es herauskam, daß die Mutter einmal am Sonntag in die Kirche gegangen war oder gar mich mitgenommen hatte. Und für mich,« – Robert atmete seltsam bedrückt – er sah zur Seite wie in Scham – »für mich war Religion damals etwas. Ich kann es nicht genau ausdrücken. Vielleicht müßte ich so sagen: ich erlebte Religion durch die Mutter. Wenn man sie nur ansah: ihr ganzes kleines, durchsorgtes Gesicht wurde wie durchsichtig von einem inwendigen Glanz her. Weihnachten einmal, 62 wo die zwei Christbäume vor dem Altar brannten, und dann wurde verlesen: ›Es ging ein Gebot aus vom Kaiser Augustus . . .‹ Oder Ostern . . .« Robert schwieg plötzlich. »Ja, und dann – ich habe noch zu niemandem davon gesprochen,« sagte er. »Verzeihen Sie. Ich kann da die Worte nicht setzen, wie ich möchte. Kurz und gut: wir hatten in der Schule die Auferstehungsgeschichte gehabt. Das war ein ganz großer Augenblick. Wenn das wirklich so passiert war, wenn Christus in den Himmel eingegangen war, und alle, die ihm anhingen, nachziehen würde, dann war alles Unverständliche auf der Erde erklärt. Wenn man nur aushielt, zuletzt kam Trost und Gerechtigkeit. Dann würde es auch die Mutter gut haben, die sich jetzt so plagte, und vieles andere Schlimme, was mir damals schon auffiel, wurde zurechtgerückt.« Also – ein kleiner Junge war eines Tages glücklich und aufgeregt nach Hause gekommen. Hatte angefangen, der Mutter zu erzählen, vielmehr, sie zu fragen, ob sie schon etwas gehört hätte von der großen Kunde. Die Mutter sah ihn erschreckt an und machte Zeichen nach der dunklen Stubenecke hin, zu Vaters Kleiderschrank. Aber ehe der kleine Junge noch begriffen hatte: »So ein Unfug,« fuhr der Vater schon auf ihn los mit Katzenköpfen rechts und links. »Da hatte einer ein Bettuch zum Trocknen aufgehängt! Dummer Bengel!« Und er beschimpfte ihn, den Lehrer und die 63 Mutter mit so ungeheuerlichen Worten, daß der Junge dachte, das Blut gefröre ihm. Denn letzten Endes beschimpfte er doch Gott selber. – Robert sah unter sich. Die Mutter, die dazwischensprang: »Mann versündige dich nicht!« bekam auch einen Schlag. Sie stürzte vornüber und mit dem Leib gegen die scharfe Tischecke. Nie würde er ihr Gesicht vergessen, wie sie wieder aufstand: diesen milden, schmerzlichen Mund! »Ich dachte: jetzt muß ein Wunder geschehen!« sagte Robert leise. »Eins wie die vielen, von denen man gelernt hatte. Christus selber mußte doch erscheinen und die Mutter an der Hand nehmen. Den Vater – ja, was mit dem sich ereignen sollte, wußte ich nicht. Ich hätte ihm sehr viel Böses gegönnt an diesem Tage. – Aber noch an diesem Abend hatten sie die Mutter ins Krankenhaus gebracht. Sie hatte sich beim Fall eine innere Verletzung zugezogen. Und in acht Tagen war sie tot. – Sie hatte Gott verteidigt. Er aber hatte sie im Stich gelassen. Und mein Vater ging frei aus! Mir ging er aus dem Wege seither, soviel er konnte. Er legte Geld für mich auf den Tisch. Er kam so spät nach Hause, daß ich ihn überhaupt kaum noch sah. Das dauerte von Juni bis August. Dann kam der Krieg. Er ging gleich mit. Vorher brachte er mich zum Großvater. Mutters Vater. Er war Schuster in der Rosenthaler Straße. Auf dem Wege dahin kaufte er mir einen Gummiball und ein paar Tafeln Schokolade. Aber das konnte 64 nun nichts mehr helfen. Meinen lieben Gott hatte er doch totgeschlagen an jenem Tage. Ich war neun Jahre damals. – Der Großvater war ein verbitterter alter Mann. Vielmehr, er hatte einen furchtbaren Zorn in sich. Teils wegen der Mutter – er stammte aus Wusterhausen an der Dosse. Er kam aus guten, kleinbürgerlichen Verhältnissen. Moral festgelegt und erprobt seit hundert Jahren. Und dann war er Soldat gewesen. Und mein Vater war Schriftsetzer in der Redaktion des Vorwärts. An mir ließ der Großvater seinen Zorn aus, wenn er nicht mehr damit fertig wurde.« Robert lächelte. »Später begreift man so einen alten Mann. Und er hatte gewiß auch seine guten Seiten. Aber als kleiner Junge – –« Auf der Oberrealschule hatte er ihn anfangs gelassen, weil für die Marie, nämlich für Roberts Mutter, das so eine Freude und ein Stolz gewesen war. Aber der Junge hatte da ziemlich enttäuscht. In Deutsch und in der Geschichte hatte er immer Einsen. Er konnte so gut Gedichte auswendig lernen. Aus der Schulbibliothek las er jedes Buch und jeden Fetzen Zeitungspapier, den er auftreiben konnte. Aber eigentlich fleißig war er nie. – Dann kam der Steckrübenwinter. Der Vater war schon lange in Flandern gefallen. Die Zeiten wurden immer schwerer. Als Robert vierzehn Jahre war, nahm ihn der ratlose alte Mann von der Schule weg und tat ihn zu einem Fleischer in die Lehre. 65 Fleischer! Roberts Nasenflügel kräuselten sich. Freilich, es gab den Schlachthof, aber trotzdem – »Kurz, ich war ebenso ungeschickt beim Wurststopfen wie obstinat. Und eines Tages lief ich fort. Und dann kamen so verschiedene Zwischenstationen.« Robert lächelte. »Die Fürsorge war auch eine davon. Da bin ich also schon einmal entlaufen. Gott, man verdient ein paar Pfennige vor den Bahnhofshallen. Man schleppt Koffer, Körbe.« Er lächelte fröhlich und listig Roselin an. »Man bettelte auch, wenn es nicht anders ging. Genächtigt? Mir scheint, es war immer Sommer oder doch Frühling in diesen Zeiten. Dieses Abenteurerleben gefiel mir eigentlich nicht schlecht. Nur – ja es war doch einmal anders gewesen, als man – klein war. Erinnern durfte man sich nicht. Das konnte einen direkt auf den Hund bringen. Dann fühlte man, wie sich einem der Magen umdrehte und daß die Hose schlotterte. Dann merkte man den ganzen Dreck – Verzeihung – um sich her. Man dachte an das schöne weiße Hemd, das einem die Mutter am Sonntag früh überzog. Und da verlor man den Widerstand. Wenn noch obendrein ein verstauchter Knöchel dazukam – –« Ja, mit einem verstauchten Knöchel, halbverhungert und wie ein kleines, wildes Tier war er Roselin damals buchstäblich vor die Füße gefallen. Roselin wußte, er dankte ihr für ihr Schweigen, vielleicht auch dafür, daß sie ihre Augen rasch getrocknet hatte. 66 Robert drückte den Kopf ein wenig in den Nacken, sah Roselin an mit dem Blick des bereiten und mutigen Lächelns. Aber sein Mund schien sich härter und schmaler zu verschließen. Er ließ es jetzt zu, daß Roselins Fingerspitzen über seine gelöste Hand strichen. »Danke,« sagte er nach einer Weile. »Und nun?« Robert war aufgestanden. Er trat hinter seinen Stuhl. Umfaßte die Rückenlehne. Es war ein Moment zufälliger Stille auf der Straße. Berlin war ausgelöscht. Weit fort. – Während Robert die Stuhllehne umfaßte, sah er vor sich hin, dringlich, wie suchend. Dann hob er wieder den Kopf. Schien den Raum in sich aufzunehmen: die alten Porzellane in der Vitrine, die edlen Formen der Möbel, die Ahnenbilder auf dem satten und vornehmen Grund der alten wertvollen Tapeten. Zuletzt haftete sein Blick an Roselin. Haftete an ihr wie eben an den Dingen: fragend, trauernd und zornig zugleich. Roselin saß ohne Bewegung. ›Jetzt kommt es!‹ sagte etwas fortwährend in ihr. ›Jetzt kommt das Gericht. Nackt und bloß!‹ – Sie schob die Hände ineinander und wie frierend die Fingerspitzen unter die Ärmel. ›Was hab ich zu verbergen?‹ sagte sie sich. ›Ich?‹ Sie versuchte zu lächeln. »Das wollte ich Sie fragen.« Der Mund von Robert blieb schmal geöffnet. In seinen Augen saß immer noch das Grübeln. »Sind Sie es allein, oder gehört alles dieses um Sie her mit dazu? Woher kommt es, daß Sie in meinem Leben eine 67 so große Rolle sich angemaßt haben? Mich so oft gezwungen haben, über Sie nachzudenken? Sie herbeizuwünschen? Daß Sie in meinen gradlinigen Weg eingebrochen sind? Was haben Sie geleistet? Ja, Sie waren im Kriege als Schwester draußen. Ich darf nicht darüber urteilen. Weil ich es nicht verstehe. Es mögen auch Schwierigkeiten für Sie damit verbunden gewesen sein. Vielleicht auch Opfer. Sie sind so fein organisiert. Aber dann später? Ich will Ihnen jetzt etwas gestehen.« ›Mein Gott, er errötet,‹ dachte Roselin. ›Er wird rot wie ein Knabe.‹ Sie gab sich keine Rechenschaft, warum sie glücklich darüber war. »Ich habe Sie nämlich gesehen seitdem,« sagte Robert. »Zweimal.« – Roselin hob schnell den Kopf. Ihre Augen öffneten sich groß. Robert lachte. Jetzt sah er vollkommen jungenhaft aus. »Sie brauchen sich nicht zu erschrecken. Ich bin ganz bei Sinnen. Ja, einmal, wie ich Setzer war, zufällig, hier, in Berlin auf der Markgrafenstraße, am 13. September 1920, 16 Uhr 10.« Roselin lachte. Es konnte stimmen. Aber daß er sie nicht angesprochen hatte! – »Und dann später bin ich getippelt als Maurergeselle,« sagte Robert. »Ich hab verdammt Schwein gehabt.« Es war das erstemal, daß er einen Ausdruck gebrauchte, der in diese Umgebung nicht paßte. »In Rudolstadt hab ich Arbeit bekommen. Kurz, ich wollte Sie sehen, und ich hab Sie auch gesehen. Einmal am Sonntag im Juni. Wollen Sie wieder 68 das Datum?« – Roselin hob schnell beide Hände: »Doch? Also doch!« – Sie sah ihn glücklich an. »Sie gingen in Ihrem schönen Nienstedter Park spazieren,« erzählte Robert lächelnd. »Junge Damen und ältere Damen und Herren. Nicht gerade üppig in Kleidung. Ich kenne sogar hier unter den Fabrikmädeln eine Menge, die mehr Staat machen. Ja, woher die es haben? Arme Fliegen! – Jedenfalls – ich will Ihnen sagen: diese alten Parks und die Schlösser und die Götter und die Göttinnen, grau und bemoost, und die Krone über dem schönen, schmiedeeisernen Tor und die alten Alleen und die Stille – die Stille! – Ja, wie soll ich das jetzt ausdrücken: die Menschen, die das alles haben, umsonst bekommen haben, ohne eigne Arbeit, die müssen etwas da herausholen, denk ich mir. Sie müssen in irgend etwas sich auszeichnen. Eigentlich müßten sie alle Künstler werden oder Dichter in so einer Umgebung. Ich glaube aber, der Adel hat viel weniger Künstler hervorgebracht als das Bürgertum.« Er streifte die Wände mit schnellem Blick. »Große Feldherrn, werden Sie sagen, große Politiker hatten wir. Ja, mir erscheint das nicht so umfassend. Ich kann es nicht erklären. Große Menschen,« – sagte er heftig, »große Menschen müßten in den alten Parks wachsen und in der Freiheit der eigenen Felder und Wiesen. Sonst ist das eben alles unverdient. Sonst ist die große Empörung die Folge. Und nun,« er zögerte, »sind Sie ein großer Mensch, 69 Baronesse?« Er fragte wie ein Richter. Er sah Roselins Kopfschütteln nicht. »Was ist es denn, weshalb ich mich immer mit Ihnen beschäftigen mußte?« fuhr er leise fort. »Warum hatte ich Sehnsucht nach Ihnen? – Sie haben mir von Garba erzählt. Das war schön. Ich habe später gedacht: So etwas könnte Christus gemeint haben, nur entfalteter natürlich, wenn er vom Reiche Gottes auf Erden gesprochen hat. Damals dachte ich sogar, ich könnte wieder ein Verhältnis finden zu Christus. Wegen Garba. Wegen Ihnen. Aber man kann so etwas doch nicht nur spielen immerfort. Es muß doch gelebt werden, irgendwie.« Er schwieg. Berlin war wieder lebendig. Die Entzauberung war vorbei. Über ihnen fing ein Grammophon an: »Nie sollst du mich befragen . . .« »Ich muß noch einmal zurückgreifen, Baronesse. Entschuldigen Sie.« Robert bat leise. »Gleich im ersten Herbst nahm Großvater mich in den Ferien mit in die kleine Stadt an der Dosse. Meine Eltern hatten am Schlesischen Bahnhof gewohnt. Ich wußte kaum, was ›grün‹ heißt. Und jetzt da draußen! Die Gärten hinter den Häuschen gingen bis zum Stadtwall. Der Flox blühte, dunkelroter und weißer. Wie ich noch den Geruch spüre! Die Äpfel wurden reif. Birnen, groß, wie Kindsköpfe. Alles war wie zusammengehörig. Ineinander verwachsen. Eine große Familie. Und alles war wie ein einziges Blühen und Reifen unter der Sonne. Lauter Frieden und Einfalt.« 70 Seine Augen verträumten sich glücklich. »Da gab es ein kleines Mädchen im Haus, wo wir auf Besuch waren. Mariechen. Sie hatte eine Puppe. Ich hatte nie eine in Händen gehabt. Und dann war ein schreckliches Geheimnis dabei. Man drückte die Puppe auf den Magen, und sie schrie. Vielmehr sie quäkte, aber es erschien unheimlich und aufreizend. Den Namen für meine Gefühle habe ich natürlich erst viel später gefunden. Ebenso wie für die Gerüche und für das Glück und zugleich für den schmerzlichen Schauder, als die erste Kastanie aus den goldenen Wipfeln auf die Kopfsteine klatschte und die rotbraunen Pferdchen heraussprangen und die Schecken.« Roselin hatte die Hände um die Knie gefaltet. ›Er ist ein Dichter,‹ sagte sie zu sich. ›Mein Gott, wann hätte ich als Kind die Seele des Herbstes so erlebt?‹ Sie lächelte wehmütig. ›Menschliche Schicksale kamen mir immer so viel näher. Näher?‹ fragte sie erschrocken und streng. ›Näher?‹ »Nun, Robbi?« Sie sprach schnell. Robert schien von weit her zu kommen. Er wippte den Teelöffel auf seinem Zeigefinger. Sein Gesicht war jung und hell. »Ja, also wir hatten in der Weinlaube gespielt, Mariechen und ich. Die Laube stand wie ein flammender Scheiterhaufen am Ende des Gartens. So wunderbar. Und die Sonne brannte auf den runden Steintisch. Es war ein alter Mühlstein. Es gab viele in der Gegend. Ich hatte erst am Tage 71 vorher einen gesehen. In der Wassermühle. Er war grausam gewesen, knirschend und unerbittlich. Der in der Laube war tot. Man konnte ihn mit einem Messer kratzen, und er sagte nichts. Um ihn war auch ein Geheimnis. Die Schatten machten ihn an manchen Stellen ganz blau. Und auf dem Tisch lag die Puppe. Man drückte sie auf den Magen. Es war, als schrie der Tisch. Die Puppe wußte etwas. Sie wußte etwas von dem Geheimnis des Steintisches. Vielleicht von dem Geheimnis überhaupt. Man begriff schließlich doch gar nichts. Leben zum Beispiel. Was war Leben? Und was – war Tod? – Und da mußte ich das Geheimnis wissen. Ich nahm das Küchenmesser, mit dem ich in den Tisch geritzt hatte. Ich hatte auch schon einmal Würmer damit zerschnitten, lange, glatte rosa Regenwürmer. Auch die waren so abscheulich geheimnisvoll. Verzeihen Sie, Baronesse. Es klingt alles so häßlich, wenn ich es so vor Ihnen ausspreche. Ja, dann hab ich also die Puppe aufgeschnitten. Aber ich schnitt nicht bloß. Ich riß, ich kerbte an dem armen, elenden Balg herum. Er wurde unter meinen ungeduldigen Fingern ganz dünn, fiel zusammen. Nur Sägespäne waren darin. Und ein dummes Ding aus einem Stückchen Holz und ein bißchen Draht und etwas wie Goldblech. –Und als ich es heraus hatte, war die Puppe stumm. Und natürlich weinte jetzt Mariechen. Denn die Puppe war wirklich niedlich gewesen, und sehr zart und unschuldig. 72 »Und, Baronesse –« Robert setzte sich wieder. Aber nicht auf den Stuhl von vorhin, sondern auf einen, der ein paar Schritte entfernt stand. »Hinter das Geheimnis von Leben und Tod bin ich noch immer nicht gekommen. Aber jetzt sollen Sie mir Ihr Geheimnis sagen. Was ist das, was mich lockt und reizt und nicht Ruhe gibt, und was ich herausgraben und schneiden und zerren möchte?« Er drückte seine Finger so fest ineinander, als müsse er sie davor bewahren, irgend etwas Greuliches zu tun. Roselin saß still. Sie sah vor sich hin auf die Arabesken des Teppichs. Sie kannte ihn seit ihrer Kindheit. Ein kostbarer Buchara. Die Farben waren unendlich träumerisch. ›Lieber Junge,‹ dachte sie. ›Er ist ein Junge gegen mich. Und er sitzt über mich zu Gericht. Nun,‹ dachte sie, ›es ist gleich. Einmal muß man es vielleicht sagen. Ich meine, man darf nicht kneifen. Man muß die Wahrheit über sich erkennen und laut aussprechen. Vielleicht ist es direkt Erlösung?‹ »Ja, Robbi.« Sie hob den Kopf und sah ihn fest an. »Wenn du das Messer nähmest und versuchtest und schnittest dich bis an meine Seele heran, vielleicht« – sie atmete tief – »vielleicht fändest du auch nur Sägespähne und ein Stückchen Holz und ein wenig Goldblech.« Ihre Mundwinkel zogen sich hinunter. – Sie schwieg. Sie wendete den Blick zur Seite. Aber wie sie aufstand, fühlte sie, wie etwas in 73 ihr nachließ. Ihre Knie wurden seltsam locker. ›Nein,‹ dachte sie, ›das nicht. Es mag alles aufgebraucht sein und nichts hinzugekommen. Wahrhaftigkeit ist keine Erniedrigung. Aber wenn man sich hinterher seiner Wahrhaftigkeit schämt – –« »Ich hab heute einen ziemlich anstrengenden Tag hinter mir,« sagte sie kühl und fern lächelnd. »Und heute abend gehe ich mit meiner Kusine ins Theater.« Robert war zugleich mit ihr aufgestanden. Er sah sie an. Lange. Eigentümlich. Es sah aus, als zerknirsche er etwas. Aber er reinigte nur seine Stimme. »Ich danke Ihnen, Baronesse.« ›Er hat Kavalierinstinkte,‹ dachte Roselin atemlos, wie sie ihn ansah, Gesicht, Haltung. ›Er zieht keinen Vorteil aus einer Situation.‹ Sie hatte sagen wollen: ›Morgen reise ich.‹ Sie sagte statt dessen: »Wollen Sie mir Ihre Adresse geben, Robert?« Er schrieb sie auf einen Zettel, den er aus seinem Notizbuch riß. Sie sagten nichts weiter als Lebewohl. 74   Gut, daß Marie Theres heute auf ihrem Fest ist,‹ dachte Roselin. Sie hatte mit ein paar Worten, die nicht ganz der Wahrheit entsprachen, Exzellenz Randorfs über ihren Besuch beruhigt, wenigstens zu beruhigen versucht. Dann hatte sie ihre Zimmertür hinter sich abgeschlossen. Sie versuchte zu lesen, an Stephanie zu schreiben. Sie hatte auch den müden, verstaubten Flügel aufgeschlagen. Nun saß sie in Papas großem alten Lehnstuhl, der ihr als Kind immer wie ein Zufluchtsort erschienen war. Sie zog die Füße unter die Knie. Auch jetzt konnte sie sich zwischen den braunen Lederarmen wie auf der Flucht vorkommen. Wie im Versteck. ›Verbergen – ja, das verstand ich immer gut!‹ Roselin öffnete die Augen groß, biß die Unterlippe scharf zwischen die Zähne, schob sich nach vorn und ließ die Füße herunterfallen. ›Aber verborgen ist noch nicht geborgen!‹ – ›Entscheidung,‹ schien jemand zu ihr zu sagen. – Wie fern es lag, das Erleben mit Dr. Reichmann! Und war erst am Vormittag geschehen. Aber es reichte bis in das Jetzt hinein. Allerdings. Das Jetzt war davon nicht zu lösen. Roselin sprang auf. Sie ging im Zimmer hin und her, im Vorbeigehen einen kleinen Kuchen von 75 der Anrichte nehmend. Stephanie hatte ihr etliche mitgegeben. Er zerbröckelte ihr auf der Zunge. Roselin genoß ihn. Wenn man in Nienstedt buk, so nahm man Butter dazu. Aber so kleine, gute Kuchen wurden selten gebacken. Diese stammten noch von Axels Geburtstag. Roselin errötete, als sie merkte, daß auch der zweite Kuchen ihr wohl mundete. Die letzte Hälfte davon schien sie zu belästigen. Sie wurde schnell damit fertig. ›Dr. Reichmann!‹ Ihre Gedanken gingen zu ihm zurück. ›Wir alle um neunzig Geborenen haben es heute nicht leicht. Vor allem die Männer. Sie waren so lange aus den geordneten Verhältnissen heraus. Haben auf einer ganz anderen Ebene sich gehalten im Krieg. Immer den letzten Dingen gegenüber. Die Einordnung in den Alltag mußte ihnen schwer fallen.‹ Weshalb beschäftigte sie sich damit? – Sie nahm ihre Wanderung durch das Zimmer wieder auf. Ja, der kleine Robbi von einst! Sie nickte. Das Blut schlug ihr ins Gesicht. Und er, gerade er, hatte sie gesehen, sie selbst, ihr Inwendiges. Er hatte ihr Bekenntnis nicht für bare Münze genommen. Bestimmt nicht. – Roselin lachte ein kleines, künstliches Lachen: »Theater,« sagte sie laut und verächtlich. »Entweder spiele ich mir etwas vor, oder ich kneife.« Sie brauchte den Ausdruck, den Stephanie oft für sie benutzt hatte, als sie noch Kinder waren. 76 Sie blieb stehen. Legte die gespreizten Fingerspitzen gegeneinander. ›Als Kind habe ich gelogen,‹ dachte sie, ›wenn die Wahrheit peinlich erschien. Ein Feigling war ich. Ich, die Soldatentochter. Als ich zuerst auf den Pony sollte, versteckte ich mich. Und vor Schulangst flüchtete ich mich in ein Fieber.‹ Sie betrachtete ihre Handflächen. Sie waren nicht umfängiger geworden. Trotz Schwesternarbeit und Wirtschaftshilfe. Sie waren dünn, Roselins Hände, von einem feinen, blauen Adernetz bedeckt. Roselin lächelte einen Augenblick dankbar. ›Ein Riese bin ich nicht gerade,‹ sagte sie. ›Aber immerhin. Was für Leistungen haben körperlich zarte und seelisch fein organisierte Menschen nicht oft genug vollbracht!‹ ›Entscheidung?‹ Sie fragte. ›Alle Entscheidungen meines Lebens sind negativ.‹ Roselin schüttelte sich in den Schultern wie in Frost und Abscheu. Sie fing wieder an zu gehen, hin – her, her – hin. Draußen auf dem Korridor tappte es weich, wogend und schwer von absatzlosen Bettschuhen. – Exzellenz Randorff probierte noch einmal die Tür auf Drücker und Sicherheitsschloß. Wie sie zu tun pflegte, nachdem sie bereits eine Stunde im Bett gelegen hatte. – ›Jürgen,‹ dachte Roselin plötzlich. Ihre Stirn zog sich zusammen zur Nasenwurzel hin. Ihr linker Mundwinkel hob sich und zitterte. Sie setzte sich auf den Lederstuhl. Ganz vorn auf die Kante. Stützte Ellenbogen auf die Knie. Ihre 77 Schultern, die sich nach vorn geschoben hatten, fingen an zu zucken. Sie preßte die Fingerknöchel in ihre Augen. Sie sah wieder diesen armen, zermarterten Leib in dem grausigen Gestell, mit den Gewichten an seinen Füßen befestigt. Sie sah wieder, wie er sich die Stirnhaare ausriß in Büscheln, um nicht zu schreien, zu schreien wie ein Tier. Der Geruch von einem Totenfelde war um sie her – – Ja – ja – ja – vier Wochen hatte sie ausgehalten, mit ihm getragen. Aber zuletzt? »Sterben mußte er doch allein,« sagte sie laut und hart. Sie stand wieder auf. Trat zum Fenster. Die Straße war noch hellwach mit Licht und Lärm und Verkehr. Aber es erschien alles gedämpft, abgerückt. Sie hatten noch die doppelten Fenster. In Roselins Rücken schlug hell und eilig die kleine Alabasteruhr mit Schnitter und Schnitterin. Roselin zählte mechanisch. Plötzlich kam es ihr zum Bewußtsein: Kaum zehn Minuten waren vergangen, seit sie den Kuchen zerbröckelte. Und ihr ganzes Leben hatte sie seitdem wiedergelebt. – Es überlief sie. – Wie bei Ertrinkenden. So soll es ihnen sein: in einer Minute noch einmal die ganze Erde, und dann – die Ewigkeit. – Ihr Gesicht verzog sich. Wie bei einem Kind, das weinen möchte und sich zusammennimmt. ›Wenn ich nun stürbe?‹ sagte sie. ›Jetzt! – Ich hätte noch immer nicht gelebt. – Nein!‹ – Etwas in ihrer Kehle gab einen Ton. Sie sah grüblerisch in die fernen, nie betretenen Gegenden. 78 Dann stand sie still bei dem kleinen Tischchen, an dem sie nachmittags mit Robert gesessen hatte. »Es war so schön, was Sie erzählten von Garba,« hörte sie seine dunkle Stimme. »So dachte ich mir das Reich Gottes auf Erden. Sie sagten, man müsse daran glauben.« – – – ›Glaube?‹ sagte Roselin verwirrt. ›Auch mein Glaube war Spiel! Ist nicht Glaube Verpflichtung und Aufgabe?‹ Sie hob langsam das gesenkte Kinn. Ihr Auge traf das große Bild des alten Kaisers. Von Wilhelm I. mit seiner eigenhändigen Unterschrift, ihrem Großvater geschenkt. ›Du bist wie der Abschluß großer und ritterlicher Zeiten,‹ sagte Roselin. ›Du hast deine Aufgabe erfüllt. Meine Vorfahren haben dir dabei geholfen. – Heut gilt eine andere Aufgabe. Die junge Zeit verlangt junge Kräfte, junge Glut und jungen Glauben.‹ Wie alt war sie? Roselin legte ihre Hand mit den Flächen fest gegeneinander. ›Dreiunddreißig Jahre. Ich könnte trotzdem noch einmal beginnen – vielleicht? Gutmachen?‹ Sie fragte. Dann veränderte sich wieder ihr Gesicht, das sich erhellt hatte. Wurde neu, hart. ›Gutmachen kann man nur selten,‹ sagte sie. ›Das ist das Gericht über einem. Aber vielleicht darf man anderes.‹ Sie stand eine Weile. Ihre Gedanken waren Träume. Gestern und heut verschwammen ineinander. Sie ging wieder mit Marie Theres durch die flimmernden Straßen, saß in dem flimmernden 79 Saal, das Saxophon grub und schnitt nicht ihr kleines, dürftiges Herz aus ihr heraus, aber alle die Schicksale, von denen Marie Theres ihr erzählte, schnitt es in sie hinein. Wie ein scharfes, spitzes Messer, mit dem Stempel einer Weltfirma, das gute Arbeit tut, wie es den bebenden Nerv trifft. ›Das – hier – jetzt – das ist mein Damaskus.‹ Roselin schöpfte tief Atem, warf sich heftig zurück im Gehen, zog die Mundwinkel herunter: ›Wieder die großen Worte, die große Geste. Nein, es kommt mir nicht zu,‹ sagte sie, während ihr Gesicht überflammte. ›Verzeihung!‹ Sie wußte nicht, wen sie um Verzeihung bat. – ›Dies kommt mir nicht zu,‹ wiederholte sie fest. Sie stand still eine lange Weile. Faltete dann, wie schamhaft, die Hände. ›Nur einen ganz kleinen Zipfel, meine ich. Nur das winzigste Eckchen eines Vollbringens. – Gott, Gott!‹ – Die Tränen stürzten ihr aus den Augen.   In dieser Nacht träumte Roselin, sie sei in Hildesheim, der Stadt, die sie vor Jahren einmal unendlich entzückt hatte. Und als sie abends um den alten Wall ging, klang eine milde, rufende Glocke. ›Das ist das Irreläuten,‹ sagte jemand. ›Wenn ein Mensch sich verirrt hat draußen, im Wald oder auf dem Moor, dann zeigt ihm die Glocke den Heimweg.‹   Am nächsten Morgen früh: »Mein Gott, Kind!« Exzellenz Randorfs schlug die Hände mit den 80 nächtlichen Glacéhandschuhen, Lanolincreme darunter, gegeneinander. Sie lag noch in ihrem Bett, als Roselin vorsichtig an ihre Tür klopfte. »Was ist denn passiert, Roselin? Gestiefelt und gespornt? Und um diese Zeit? Und mit dem Köfferchen in der Hand? Das mit der Wohnung ist doch noch nicht geregelt? Gewiß ist dieser gräßliche Mensch von gestern daran schuld, daß du so plötzlich fort willst!« Roselin mußte lachen. Aber ihre Augen glitzerten. »Tante Adine,« sagte sie. »Bitte, reg dich nicht auf. Der gräßliche junge Mensch ist wirklich sehr nett. Er ist ein früherer Schützling von mir.« »Ach so, das hättest du auch gleich sagen können,« beruhigte sich die Exzellenz. »Ja, aber –« »Liebes Tantchen,« – Roselin sah so eigentümlich glücklich aus – »Das ist eine komplizierte Geschichte. Und ich muß mich eilen zum Zug. Grüß Marie Theres sehr herzlich von mir, Tantchen. Ich gehe höchstens auf acht Tage nach Nienstedt. Mit der Wohnung bleibt alles, wie es ist. Ich komme nämlich ganz her!« 81   Die Linden, die Charlottenburger Schloßstraße herauf, befahlen ihren süßen Honigwolken, so weit sie nur konnten, den Menschen der Großstadt eine Ahnung von erstem, unbeflecktem Sommerglück zu vermitteln. Aber ihr leidenschaftlicher Wille erreichte kaum die letzten Straßen der Vorstadt. Seit vier Wochen war Roselin wieder in Berlin. Das Aufgeben ihrer Nienstedter Heimat war nicht so einfach gewesen. Stephanie, Axel und die kleine Inge, dazu die ganze Verwandtschaft und Nachbarschaft hatten sich wie ein Mann dagegengestellt. Roselin in Berlin? Allein? – Unmöglich! Aber Roselin hatte es durchgesetzt. Das Bewußtsein, nach all den Jahren, in denen immer nur über sie bestimmt worden war, einmal wieder selbständig ihren Weg gefunden und beschritten zu haben, gab ihr ein wunderbar befreites Gefühl. Als ob irgendeine bisher brachgelegene Seite ihres Wesens still zu keimen begänne. Roselin bewohnte ihre zwei Zimmer am Lützowufer. Sie hätte ein weiteres Zimmer noch gerne vermietet, da Marie Theres eines Tages mitteilte, daß sie diesen Sommer über nach Dresden gehen würde. Die Suppenküche schließe. – Sie hatte eine Stellung als Sekretärin bei einem Arzt angenommen. Er war Psychoanalytiker, Besitzer eines 82 Sanatoriums. Auf Exzellenz Randorffs angstvolles Fragen, Bitten und Staunen sagte sie nur, lächelnder Beruhigung wie zu einem kleinen Kinde, das weitere Gründe doch nicht begreifen könnte: »Aber, Mamachen! Du brauchst doch monatlich 150 Mark Zuschuß!« Darauf gab es allerdings keine Gegenrede. – Roselin und Marie Theres saßen einen der letzten Abende noch einmal im Orientalischen Kaffee. In der Wohnung ließ die alte Dame die beiden selten einmal ungestört. Roselin mochte Marie Theres in einer besonderen Weise angesehen haben. Jedenfalls berührte Marie Theres plötzlich leicht und schnell mit ihrer Hand die von Roselin: »Sorge dich nicht, Liebes,« sagte sie mit der Stimme, wie sie sie nur Roselin gegenüber gebrauchte. »Es wird schon alles schief gehen. Ich meine, du brauchst dir in keiner Weise Gedanken um mich zu machen. Ich bin Marie Theres. Wenn ich im Herbst wiederkomme – ich habe es vorläufig bestimmt im Sinne –, so erwarte ich, daß deine heilige Insel wie so ein Korallenatoll aus den Untiefen der Großstadt heraufgestiegen ist. Lauter tugendhafte und edle Menschen werden darauf gedeihen, rot und üppig wie die Tomaten in der Sonne. Und dann bekommt die Insel einen Namen wie alle die neuen unglaublichen Erdteile. Ich schlage vor, wir taufen sie Garba, und ich bedinge mir so eine Art Freibett aus. Weißt du, wie in den Hospitälern, ›von Gönnern gestiftet‹!« Marie Theres lachte. Und 83 plötzlich mit einem klaren Schimmer in den Augen fügte sie hinzu: »Dank dir, daß du gekommen bist. Ohne dich hätte ich mein armes Altchen kaum verlassen können. Und trotzdem, was ich jetzt tue, das muß ich tun.« – Sie wendete sich plötzlich um, lachte mit allen ihren schönen, großen Zähnen: »Ich kann minutenlang in die Sonne sehen, ohne zu zwinkern,« sagte sie unvermittelt. »So stark sind meine Augen!« – – Wenn Roselin später an Marie Theres dachte, hatte sie immer dasselbe Gefühl. Keiner der witzigen, fröhlichen, aber immer auf der Oberfläche sich haltenden Briefe von Marie Theres konnte es verändern: Sorge war in ihr, Zärtlichkeit, Staunen. Als Marie Theres zum zweiten Male ihre 150 Mark an die alte Exzellenz schickte, öffnete Roselin dem Geldbriefträger die Korridortür. Ein Herr und eine Dame standen neben ihm. Roselin hatte die Begriffe Herr und Dame im Gegensatz zu Mann und Frau und als Wertung einer irgendwie höher stehenden Kaste schon lange aufgegeben. Es war nicht sehr hell auf dem Treppenabsatz. Das unvollkommene Großstadtlicht hatte hier sogar die Aufgabe, die buntgemalten Scheiben der hohen Flurfenster zu überwinden. Übrigens Jugendstil! Wasser, Seerosen, Schilfkolben – schauderhaft. »Mein Gott!« Roselin zwinkerte mit ihren etwas kurzsichtigen Augen, während Exzellenz Randorffs alte, brüchige Stimme befriedigt drinnen im Korridor zählte: »40 – 60 – 80« – »Herr Niedlich!« 84 rief Roselin. »Lore! Ist es denn nur möglich!« – Sie streckte beide Hände aus. »Zu Befehl – August Niedlich und Lore Bergmann in ganzer Person. Baronesse können da gewiß sein.« Strahlend über das ganze gute und ziemlich ausgedehnte Gesicht, mit vielen Dienern, Entschuldigungen, Freudenbezeugungen und Erlaubniserfragung folgten Herr Niedlich und das junge Mädchen, das die Angelegenheit fröhlich, höflich und äußerst einfach nahm, Roselin in ihr Zimmer. Ja, da waren sie nun, ihre beiden getreuen Helfer aus den unvergeßlichen, schweren ersten Berliner Tagen. Als die Revolution die Straßen der Stadt durchbrandete. Woher wußten sie denn, daß Roselin wieder in Berlin war? »Ja!« Mit wenigstens drei a geschrieben. Herr Niedlich lachte gedämpft, wie damals, und wie es sich gehörte in diesem Raume, mit Kaiser Wilhelm I. und Bismarck an den Wänden und vor Baronesse. »Noch immer so eine Wenigkeit chinesisches Porzellan?« sagte Herr Niedlich, und Roselin sah ihn verständnislos an. Sie hatte nicht bemerkt, daß er ihre Person von oben bis unten prüfend in Augenschein genommen hatte. Auch sagte er gleich danach etwas von einem Vögelchen, das es ihm verraten hätte, und auch etwas von seinem kleinen Finger. Jedenfalls er schien ausnehmend vergnügt, und ebenso Lore, die er damals zu Roselin gebracht hatte, als Beistand, während jener aufrührerischen 85 beängstigenden Zeit. Als auch im Reich alles drunter und drüber ging. Und jemand, dessen Fahrkarte ein ganz anderes Ziel angab, wohl plötzlich in Berlin landen mochte. Lore, die Nichte von Herrn Niedlich, schon damals allerliebst, war jetzt wirklich wunderhübsch mit ihrem schmaler gewordenen und trotzdem weichen Gesicht, Grübchen in den Wangen, und einer kleinen, an der Spitze vielleicht zu rundlichen Nase, die jedoch zu dem Zärtlichkeitsausdruck älterer Brüder »Kartoffelnase« in keiner Weise berechtigte. Übrigens nahm man die Nase niemals ins Blickfeld, der Augen wegen. Klar und dunkelblau standen sie unter einer breiten, eigentümlich durchsichtigen Stirn. Lores Augen schienen immer den Mund in Obacht zu nehmen, der, blaßrot und ausgesprochen herzförmig, in seinen tiefen Winkeln irgendwie einen kleinen lächelnden und verliebten Schwung zeigte. »Aber Lore!« – Roselin faßte das junge Mädchen an beiden Händen, – »wie ich mich freue. Sie haben sehr lange nichts von sich hören lassen. Ich meinte, Sie wären über alle Berge! Sie hatten doch große Pläne. Wollten Sie nicht nach England?« Lore lächelte. Aber ihre Augen standen plötzlich voll Tränen. Sie nickte, schüttelte den Kopf, trocknete eilig die Augen. »Ja, ja,« sagte Herr Niedlich und blies ein unsichtbares Stäubchen von seinem Manschettenrande. 86 »Das ist nun so. Leicht hat's eben keiner heutzutage. Einer dieserhalb und der andere anders. Baronesse werden auch schon dahintergekommen sein.« Als sie dann um den runden Tisch saßen, erfuhr Roselin, daß Lores Vater schon fast ein Jahr tot war. Das damals angesehene, alte Geschäft in der Münzstraße, Textilwaren, besonders Damenwäsche, war zurückgegangen von Monat zu Monat. Wie alle diese kleineren Spezialgeschäfte wurde es aufgesogen von den großen Warenhäusern. Hier war Tietz am Alexanderplatz der Missetäter. Außerdem hatte Lores Vater, gutmütig bis zur Schwäche, für einen Bekannten und noch einen gutgesagt. Als ihm dann selber das Wasser an den Hals ging, ließen ihn zum Dank alle im Stich. Paul Bergmann u. Co., seit mehr als fünfzig Jahren ein geachteter Name in der Textilbranche, hatte Konkurs erklären müssen. Die Söhne, beide Elektrotechniker im westlichen Industriegebiet, verdienten noch nicht genug, um nennenswert helfen zu können. Der alte Mann hatte die Schande, als welche er den Zusammenbruch seines geachteten Kaufmannsdaseins empfand, nicht lange überlebt. Nach seinem Tode war Lores Mutter in ihre alte Heimat, Genthin, und zu ihrer verheirateten Tochter gezogen. – Lore selber, in Berlin geblieben, nach Absolvierung der Handelsschule immer mit guten Posten als Stenotypistin, war jetzt bei einer großen Firma für Leuchtkörper. Zu ihrem Kummer waren 87 ihre Sprachkenntnisse mangelhaft. Sie hatte nur Mittelschulbildung. »Ich möchte lieber zu einem Dichter,« sagte Lore. Und als Roselin sie erstaunt lächelnd ansah: »Vielleicht müßte ich Schriftsteller sagen,« verbesserte sie sich, und eine kleine, strenge Falte trat zwischen ihre Augen. »Es könnte auch ein Gelehrter sein, Naturforscher oder Astronom oder irgendein Professor oder Museumsdirektor. Ich meine, jemand, der ganz verrannt ist in seine Sache und immer weit weg von der Erde. Er müßte nichts hören und nichts sehen, solange nur alles richtig ist, orthographisch und sinngemäß. Er müßte keine Ahnung haben, ob eine leibhaftige Klapperschlange seine Maschine bedient oder ein junges Mädel.« Lore hob das weiche, reizende Gesicht, errötete bis unter die hellblonde Dauerwelle, ein paar Millimeter zu tief in die Stirn gezogen. Während sie mit strengen Augen Roselin gerade ins Gesicht sah, bewegten sich die Winkel des blaßroten, herzförmigen Mundes außerordentlich anziehend auf und nieder. »Ja, ja, die Mädchen!« sagte Herr Niedlich kopfnickend und mit Nachdruck. »Die jungen Mädchen von heute und denn das Mannsvolk.« Er sah vollkommen tiefsinnig dabei aus. Als ob er für das eine Geschlecht in keiner Weise sich zuständig fühlte und zu dem andern auch die flüchtigste Beziehung ausschloß. Roselin und Lore mußten beide lachen. Und dann meinte Roselin, sie wolle Umschau halten. 88 Sie könne auch Dr. Reichmann fragen, ob er unter seinen vielen Beziehungen nicht ein männliches Wesen wüßte, für Lores Geschmack genügend fanatisch von seiner Arbeit besessen. Roselin empfand wie bereits damals ein wunderbares Zutrauen zu der viel Jüngeren, die dem Leben ganz einfach, heiter und sachlich gegenüberstand. Hatte übrigens Herr Niedlich, der alte Getreue, noch immer keine passende Frau gefunden? Es war nicht der Fall, noch schien irgendwelche Aussicht dafür vorhanden. Herr Niedlich errötete wie damals über diesen Punkt. Nachher feierte man bei etwas dünnem, dafür sehr heißem Tee aus dem Meißener Porzellan mit dem grünen Blatt-Muster das Wiedersehen. Und man versprach, nun alle so nah beieinander wohnten, man wolle sich in Zukunft ganz bestimmt nicht wieder aus den Augen verlieren. 89   Die Tage rannten in diesem Berlin! Stephanie schrieb, daß sie nächste Woche anfangen würden, den Roggen einzubringen. Zwei Monate fuhr Roselin bereits täglich zum Halleschen Tor in ihre Bücherstube. Diese abscheulichen Fliegen! Der Schlachter gegenüber mochte der Grund sein. Und nebenan im Hof standen die Pferde des Leichenkutschers. Roselin hatte sich anfangs immer überwinden müssen, wenn sie an der »Pietät« mit all dem schwarzen Gepränge im Schaufenster vorüberkam und in den zugigen Hausflur einbog. Oben in ihrer Bücherstube vergaß sie dann schnell genug, was sich ihr auf dem Weg und im Haus als quälend entgegengestellt hatte. Es blieb ihr wirklich kein Augenblick Zeit. Nur diese fetten, wohlgenährten Fliegen und das Nachdenken über ihre Herkunft hatten sie einen Augenblick abgelenkt. Roselin fing heftig an zu suchen. Heute war Sonnabend. Frau Knökel hatte geschrubbt. Das Staubputzen ihrer Bücher besorgte Roselin selbst. Endlich, da war der Lappen. Vischer und sein »Auch einer« wurde nie verlangt. Waren unmodern geworden. Aber die »Tücke des Objekts« reichte bis in den heutigen Tag. Jedenfalls für Roselin. 90 Sie seufzte. Schalt sich. Versteckte das Staubtuch. Sie hatte keinen bestimmten Platz dafür. Aus ästhetischen Gründen aber versteckte sie es. Und jedesmal neu und schwerer auffindbar als zuvor. So – nun war es wieder wohnlich und nett. Die jungen Menschen konnten antreten. Roselin rückte noch die Stühle um den langen Lesetisch in Ordnung. Heut mittag nach Fabrik-, Geschäfts- und Bankschluß war gewiß wie immer sonnabends reichlich Besuch zu erwarten. Man konnte nicht wissen, ob es einen regnerischen Sonntag gab. Manche nahmen auch gern ein Buch mit auf die Wanderschaft. Für viele aber war die Bücherstube sonnabends ein heimlicher Ruh- und Leseplatz. Besonders anfangs hatte Roselin viele Wochenend-Stammgäste gehabt, als auf den März mit blendenden Fanfaren noch einmal Kälte und Winter einsetzten. Roselin häufte einen Stapel Bücher um sich her. Mein Gott, was man gestern alles von ihr verlangt hatte: Die Briefe der Rosa Luxemburg, Sanct Sebastian im Wedding, Marx, Ernst Jünger, Naturwissenschaftliches, Technisches, Religiöses kaum, aber Bürgel, Eyth, aber auch Bonsels, Thomas Mann, die Handel-Mazetti, Stehr, Wassermann, Schaffner, Molo. Und hier und dann etwas so Ausgefallenes wie Villiers de L'Iles Adam. Und hier und da auch die Courths-Mahler. Roselins Bibliothek konnte nicht für alles aufkommen. ›Gott sei Dank,‹ dachte sie manchmal. 91 Sie kannte das wenigste. Sie, die so zu Hause war in den Klassikern, Memoirenliteratur und Tauchnitzbänden, hatte Namen wie Bert Brecht, John Henry Mackay noch nie gehört. Sie nahm sich den Bürgel vor. »Vom Schraubstock zum Astronomen.« Ihr Gesicht wurde beim Lesen rot und heiß vor Glück. ›Robbi,‹ dachte sie plötzlich. ›Bert!‹ – Nein, nicht die Gestirne. Obwohl auch seine Sehnsucht über die Wolken ging. – Aber er wußte noch nicht, wie seine Sehnsucht hieß. Roselins Augen bekamen einen weichen, umdunkelten Schimmer. Denn irgendwie war Tragik über dieser suchenden Sehnsucht. Und irgendwie war sie selber geheimnisvoll damit verbunden. In diesem Augenblick kam, wie schon etliche Sonnabende, ein überlebensgroßer, junger Mensch. Zuerst durchraste er Zeitschriften aller Art, heftig und wie zornig, prüfte Neuerscheinungen aus den verschiedenen Gebieten der Literatur und machte Notizen. Um sich dann, gewissermaßen aufatmend, in Lagarde zu vergraben, Herman Grimm oder Kierkegaard. Dann streckte er wunderbar ruhend die Beine in voller Länge unter den Tisch, so daß Roselin jedesmal eine leichte Nervosität zu überwinden hatte: Was sollte werden, wenn ein junges Mädchen, ohne hinzusehen, sich ihm gegenüber niederließe? Aber es gab niemals eine Komplikation. Im letzten Augenblick bildeten die Beine immer hohe, spitze Winkel. Ihn brauchte Roselin kaum zu beraten. Aber 92 die tiefgesetzten, fanatischen Augen in dem ganz kleinen Kopf, das unter den Lippen zurückweichende und im Knochen dann wieder ausnehmend stark vorgebildete Kinn, konnten sie bis in ihre Träume verfolgen. Heute hatte er sich die »Wundmale« von Gagern ausgebeten. Roselin sah schnell auf. Sie war ihm früher einmal in der Gesellschaft begegnet, Friedrich von Gagern. Sie nannten ihn den Rattenfänger von Hameln. Er konnte nachmittags auf einem Tee, bereits ehe alle andern Gäste da waren, hinsitzen zum Erzählen, und um Mitternacht erzählte er noch immer. Niemand hätte auch nur einen Augenblick gewünscht, ihn zu unterbrechen. »Die Wundmale,« sagte Roselin froh bewegt. Dieses Buch, ganz Musik, ganz Sonne, ganz Österreich, ganz Menschheitsnot und -leid stand ihrem Herzen besonders nah. Vielleicht war es ihrem Stimmklang, dem der junge Mensch antwortete: »Wir stammen aus Nieder-Österreich. Geboren bin ich allerdings in Lemberg.« Sein verschlossenes Gesicht öffnete sich sekundenlang, als wiche der Nebel von einer zartlinigen und unschuldigen Landschaft. Roselin sah schnell auf: »Lemberg!« – Sieben Jahre waren versunken. »Lemberg! Mein Gott!« Der junge Mensch benahm sich, als habe Roselin ihn aufgefordert, rückhaltlos zu sprechen. Er stellte sich vor mit einer knappen, zum Zentimeter rechtwinkligen Verbeugung. Der Name, den er dabei 93 nannte, war seit Jahrhunderten in der Geschichte Österreichs von Klang. Er schüttelte den Kopf, lächelte mit den Mundwinkeln, schien damit den Namen als völlig belanglos wieder fortzunehmen. »Mein Vater war General,« sagte er schnell. »Er ist am Isonzo gefallen. Wir sind sechs Geschwister. Sie wissen, in Österreich sieht es nicht anders aus als in Deutschland. Das heißt: schlimmer. Meine Mutter lebt mit den drei Kleinen in Württemberg. Sie stammt daher. Meine zwei älteren Schwestern verdienen schon. Die eine ist Säuglingspflegerin. Die andere« – er hob schnell das merkwürdige Kinn, sah Roselin an: – »Sie tanzt.« Roselin atmete auf und nickte lächelnd mit einem fernen Blick. Sie dachte an Marie Theres, an die baltische Tänzerin. Sah sich selber plötzlich im Marmorsaal tief versinken im Knix bei der Gavotte – o – viele hatten Pagenbeine mitbekommen. – »Hier?« – fragte sie. »Nein, in München.« Sein Atem stieß erregt zwischen geschlossenen Lippen. Er sah Roselin gerade in die Augen. Streng. Vorbeugend. Als könne irgendein Zweifel ausgesprochen werden. ›Er sieht aus, als müsse ihm jemand über seine schwarze Haarbürste streichen,‹ dachte Roselin. Da sie das nicht konnte: »Ich bitte Sie,« sie lachte leise, »wie langweilig wäre es, hätten wir alle die gleichen Liebhabereien!« »Natürlich.« Er atmete auf. »Eigentlich hätte Marietta reiten müssen.« Er lachte beinah 94 übermütig. »Sie hätte in einen Zirkus gehört. Hohe Schule. Sie ritt fabelhaft. Aber diesen Gedanken konnte Mama noch weniger überwinden. Ich begreife das nicht: Kavalleristentochter – Kavalleristenfrau – – Wenn schon überhaupt verdienen mit körperlichen Fähigkeiten – nun – unsere Mütter müssen sich mit so vielem abfinden – einmal dürfen sie wohl versagen.« Er lachte wieder. Jetzt frauenhaft gut. »Ich bin Werkstudent,« sagte er. »Das heißt, bei Tage bin ich Bankbeamter. Abends und in der Nacht bereite ich mich auf meinen eigentlichen Beruf vor. Für das nächste Semester will ich Literatur belegen und Philosophie. Ich lasse mich im Theaterwissenschaftlichen Institut an der Universität einschreiben. Ich habe in den zwei Bankjahren eine ganze Menge gespart. Bald brauche ich nur noch hier und dann Gelegenheitsarbeit zu machen.« Roselin sah jetzt, er war nicht nur lang und schlank. Er war mager. Aber mager wie ein trainiertes Rassepferd. Kein Lot Fett. »Durchaus nicht,« sein Mund wurde fröhlich, fast schalkisch, wie er Roselins Blicken nachging, die seine Gestalt eilig herauf- und herunterreisten. »Hungern ist das geringste. Erstens könnte ich's zur Künstlerschaft darin bringen. Aber in Berlin ist es fabelhaft einfach, satt zu werden. Alles wäre gut. Bloß die verfluchten Sonntage.« Roselin sah ihn erstaunt an. Sah ihn rot werden wie einen Jungen und sah plötzlich alles so deutlich 95 vor sich: die gepflegte Kinderstube von zu Haus, die Geschwister im Spiel, der Vater, der vorlas, die Mutter, die den Kindern Feste feierte. »Sie haben keine Freunde hier?« Der junge Mensch sah gespannt, das linke Auge leicht zukneifend, zum Fenster hinaus. Zu diesem grauen, verrußten Gegenüber. Ein Mädchen im dritten Stockwerk putzte die Fenster, den kurzen Rock beim Recken hoch heraufgezogen. Ihre Knie waren zu dick und standen heraus. Aber man beachtete kaum den peinlichen Anblick, weil sie außen auf dem Fensterbrett mit einem unsauberen Leder hantierte, leichtsinnig, als bewege sie sich auf ebener Erde. »Freunde?« sagte der junge Mensch. »Ja, wissen Sie, vielleicht sind unter meinen Bankkollegen ganz nette Jungens, aber die Interessen gehen doch wahrscheinlich in anderer Richtung. Und dann – man hat einfach keine Zeit für Freundschaften. Wenn man bloß so wegstürmt, um an die Arbeit zu kommen. Vielleicht später einmal, an der Universität.« Er sah Roselin an. »Also,« er fuhr hastig fort, »man liest, studiert auf die Zukunft hin eben auch die Sonntage durch. Ulkig,« sagte er, »in unserer Familie war eigentlich Grundsatz: leben und leben lassen. – Und wir hatten auch verschiedene Mitglieder, die ganz schnittig mit einem hübschen Vermögen umzuspringen wußten. Und jetzt ich –« Er lachte wieder. Sah zum gegenüberliegenden 96 Fenster. Gerade in diesem Augenblick sprang das kurzröckige Mädchen, als fiele sie jemandem in die Arme, mit hohem schrillen Lachen vom Fensterbrett in die Stube zurück. Man hörte eine Männerstimme. Sie war roh wie das Wort, das augenscheinlich eine Zärtlichkeit bedeutete. Die abwesenden Blicke von Roselin und Ignaz von Laudon wurden plötzlich bewußt. Beide erröteten. »Wollen Sie nicht vielleicht einmal einen Sonntag mich besuchen?« sagte Roselin schnell in Fassung. »Sehr gern.« Er legte das Notizbuch auf den Tisch. »Ich bin Ihnen so dankbar.« Roselin nannte ihren Namen und Adresse. Laudon dankte wieder, schien noch etwas hinzufügen zu wollen, schwieg dann doch, nahm geistesabwesend seine Aktenmappe vom Tisch und, statt wie sonnabends länger sitzenzubleiben, verabschiedete er sich kurz. Noch während er dankte, war eine Anzahl Besucher in das Zimmer getreten. Roselin mußte ihre Gedanken zwingen. »Die verfluchten Sonntage,« ging es wie Kehrreim mit ihr zu den Bücherborden und wieder zurück. 97   Nun wurde in Nienstedt wahrscheinlich bereits das Grummet eingebracht. Das Dengeln der Sensen gab schon diese schwingende Kühle ins Genick. Die Rosen machten sich bereit zur zweiten Blüte, die vom nahen Abschied süßer und heißer duftet als die erste. Die Höhe des Jahres war wieder einmal überschritten. – Es hatte geklingelt. Roselin spähte behutsam durch das Guckloch der schweren Eichentür. Sie hatte es Tantchen Randorff hundertmal versprechen müssen, sich immer zuerst über die Besucher zu vergewissern. Eigentlich hatte sie noch einen Augenblick an die Luft gewollt. Aber daraus würde heute nichts werden. Trotzdem freute sie sich: vor der Tür standen Lore Bergmann und Klärchen Günther. Die beiden Schwestern Günther besuchten regelmäßig zweimal in der Woche die Lesestube. Sie waren schon ein paar Mal sonntagnachmittags mit Ignaz Laudon, dem Werkstudenten, einem jungen Geiger Paul Krüger, der in Nachtkaffees verdiente, um sein Studium vollenden zu können, Lore Bergmann und noch etlichen anderen zu Roselin gekommen. Roselin hatte vorgelesen. Man hatte musiziert. Man hatte vielerlei besprochen: Bücher, die im Diskussionsmittelpunkt standen, brennende Zeitfragen und Ereignisse, 98 Weltanschauliches, oder was dem und jenem besonders auf dem Herzen lag. Was die beiden heute, mitten in der Woche, zu ihr trieb, mußte etwas Besonderes sein. »Nun, Kinder, was gibt's?« Roselin nannte Klärchen Günther immer bei sich das Prinzeßchen oder auch das Volkslied. Sie wirkte so völlig unwahrscheinlich zwischen den kurzröckigen und flotten Bubiköpfen der Lesestube. Die andern kamen erschöpft oder überlebendig, kühl, sachlich, bildungshungrig, kritisch und unterhaltungsgierig oder sensationslüstern. Jedenfalls immer auf den Tag eingestellt. Kaum eine war darunter, verträumt, mit sehnsüchtigen Augen, wie die beiden Schwestern Günther sie hatten. Besonders Klärchen, viel jünger aussehend als ihre zweiundzwanzig Jahre. Sie trug meist etwas leise Fließendes, milder Farbe und der Mode entgegen bis tief an die Knöchel reichend. Ob sie ging oder stand, sich setzte, ein Buch öffnete oder zuklappte, grüßte, lächelte oder staunte, jede Bewegung, jeder Ausdruck war von einer preziösen Anmut. Heute schien es Roselin, als sei der klare, graugrüne Spiegel ihrer nicht großen, aber tief gesetzten Augen leise getrübt. Und Lore? Die tapfre, kaum je in ihrem Gleichmaß zu erschütternde, war sie nicht ebenfalls aufgestört? Jedenfalls abgelenkt? Die beiden waren seit ihrem ersten Zusammentreffen bei Roselin befreundet. Trotzdem wären sie heut jede lieber allein gekommen. Nun hatten sie sich fast vor der Haustür getroffen. 99 Roselins Blicke gingen fragend von einer zur andern. Lore, wie immer, das Notwendige erkennend und ihm gehorchend, sprang sofort und gewissermaßen kopfüber ins kalte Wasser: »Es ist wegen –« aber schon machte sie eine Pause. »Ich glaube, es ist richtiger,« verbesserte sie sich schnell, und die Herzform des Mundes bewegte sich eigentümlich, »ich möchte meine Stellung bei Professor Bornemann kündigen.« ›Hat sich wieder einer in dich verliebt, du kleiner, reizender Käfer?‹ gingen Roselins Gedanken. Aber als sie die senkrechte Falte zwischen den klaren Augen auf der eigentümlich durchsichtigen Stirn von Lore gewahrte – »Ja?« – sagte sie nur. »Und nun wollen wir etwas anderes suchen?« Lore schüttelte heftig den Kopf. »Doch,« sagte sie dann. Sie lächelte in einer Art, die Roselin sonst nicht an ihr kannte. »Arbeit muß ich natürlich haben. Aber ich denke an Heimarbeit. Ich will versuchen, Manuskripte zur Abschrift ins Haus zu bekommen. Davon leben doch eine ganze Menge Menschen heute. Wenn man mich vielleicht irgendwo empfehlen könnte? – –« »Aber in Ihrem unheizbaren Zimmerchen, Lore? Es war doch anders, wenn Sie den ganzen Tag fort waren.« Ein anderes Zimmer müßte Lore allerdings suchen. Der Ofen erschien ihr aber nicht als das Wesentlichste hierbei. Vielmehr dachte sie an die nervenkranke Tochter ihrer Wirtin. An die 100 Tapetenwand. Und an das Maschinenklappern. Die arme Lilli hatte es schon schwer genug. Drei Tage vor der Hochzeit war ihr Bräutigam bei einer Kesselexplosion ums Leben gekommen. »Fünfundzwanzig Mark,« ging es Roselin durch den Sinn. »Fünfundzwanzig Mark bezahlte Lore für das Stübchen in der Königgrätzer Straße. Vierzig Mark hatte Marie Theres für ihr Zimmer gegeben. Roselin hatte eigentlich von einem Fremden fünfzig erhofft. Aber schon hatte sie es ausgesprochen: »Lore, wie wäre es mit dem Zimmer bei mir? Sie wissen, meine Kusine ist fort.« Lore Bergmann sah Roselin fast erschrocken an. Sie machte eine Bewegung, als ob sie nach Roselins Hand fassen wollte. Unterließ es dann. »Ich weiß nicht,« murmelte sie, »ich werde nicht genug verdienen für so ein Zimmer.« Roselin lachte. Ein herrlicher Gedanke durchfuhr sie eben. Aber es war ein Geheimnis dabei. »Ich glaube,« sagte sie, »vielleicht wüßte ich jemand, für den Sie tippen könnten. Das Honorar könnte mindestens zur Hälfte Ihr Zimmer bezahlen!« Lore öffnete den Mund. Schloß ihn wieder fest. Und stieß dann doch einen kleinen, glücklichen Schrei aus. »Mein Gott,« sagte sie leise. Ihre Augenspiegel bedeckten sich wie mit Hauch. Sie stand hastig auf, ging zur Anrichte, holte den buntgemalten Blechkoffer heraus, der noch aus Zeiten stammte, als man Reinhardt-Konfekt in dieser Weise sich anschaffen konnte. Sie füllte ihn aus einer 101 mitgebrachten Tüte mit Leibniz-Keks. »Wir haben das letzte Mal doch wieder alles aufgegessen,« sagte sie entschuldigend. – Alles weitere wurde dann sehr schnell entschieden. Was das Prinzeßchen anlangte, – nun – sie mußte sich einfach einmal aussprechen. Sie arbeitete seit drei Jahren im Büro eines Rechtsanwaltes. Es waren zuweilen geradezu schauderhafte Sachen, die sie ins Stenogramm aufnehmen mußte, wenn der Anwalt seine Klienten bis in alle Einzelheiten befragte. – Jetzt eben handelte es sich um einen Ehescheidungsprozeß übelster Sorte – dem Mann war dreifacher Ehebruch nachgewiesen. Zuletzt mit der minderjährigen Nichte seiner Frau, die in ihrem Hause lebte. Er wollte aber die vermögende Frau nicht aufgeben. Sein Anwalt mußte versuchen, ihn irgendwie rein zu waschen. »Er hat wirklich sonst so vornehme Gesinnungen, Dr. Carus,« sagte das Prinzeßchen und wiegte den feinen Kopf betrübt auf dem schlanken, zierlichen Halse. »Ich kann nicht verstehen, wie er diese schauderhafte Sache übernehmen konnte. Maria,« und sie meinte ihre ältere Schwester damit, »ich mag ihr niemals etwas darüber erzählen«. Ihr Ausdruck wurde schützend. »Sie glauben nicht,« sagte sie, »am schrecklichsten sind die Frauen und die Mädchen. So selbstverständlich, als erzählten sie von einer Gesellschaft oder einem neuen Kleide – sprechen sie Dinge aus – Dinge –« Das Prinzeßchen erglühte über das ganze Gesicht. 102 »Ich weiß nicht, wir zu Hause,« – und »ihr zu Hause« war ein Gut in der Nähe von Bromberg, seit mehr als fünfzig Jahren im Besitz der Familie und durch die Enteignungskommission dem polnischen Staate zugesprochen, – »wir wuchsen doch wirklich so auf, daß uns nichts Natürliches fremd war. Wir wußten, wann eine Kuh kalben würde, oder wann die Schafe ihre Lämmer warfen. So schön war unser Hengst Victor, wenn er hörte, die Stute wurde gebracht. Er warf den Kopf zurück. Seine Mähne funkelte wie Feuer, er wieherte, und es war, als ob die Schöpfung sich noch einmal vollziehen sollte. Alles, was natürlich ist, scheint mir gut und hat Schönheit und Größe. Aber hier –« sie faltete die feinen Hände ineinander, daß die Knöchel weiß heraustraten, »hier wird überall die Natur vergewaltigt, und dann kommt das Widerwärtige und das Verbrechen. Mein Gott,« sagte sie, »unsere weiten, grünen Wiesen. Unsere Wiesen!« Roselin nahm die fest gefalteten Hände in die ihren. »Wir müssen einmal zusammen hinaus,« sagte sie schnell. »Sie und Maria und Lore und Ignaz Laudon und alle. Wir dürfen sonntags nicht immer in meinem Zimmer hocken.« Sie dachte an ihre Kinderferien auf dem großelterlichen Gute in Ostpreußen. Sie sah Nienstedt, die uralten Bäume des Parks, das Gold der Rapsfelder, die zarte Bläue der Berge. »Klärchen,« sagte Roselin, »es gibt eine biblische 103 Geschichte, die machte mich als Kind fröhlich bis zum Singen. Jetzt eben mußte ich wieder an den kleinen David mit der Hirtenschleuder denken, wie er in Florenz vor den Uffizien steht: ›Du kommst zu mir mit Schwert und Spieß, ich aber komme zu dir im Namen des Herrn Zebaoth.‹ Klärchen, was können die schmerzvollen und die schuldvollen Dinge des Lebens dem antun, der im Namen Gottes ihnen begegnet? Und vielleicht kann ein kleiner David sogar hier und dann einmal einem großen Goliath helfen? Nicht mit dem flachen Kieselstein gegen die Schläfe,« – Roselin sah Klärchen Günther warm in die Augen – »aber doch vielleicht mit einer Schleuder? Nämlich, wenn sie mit dem tapfern und guten Wort geradewegs auf sein Herz hinzielt?« – Klärchen griff schnell nach Roselins Hand. Sie tat, wie es in ihrer östlichen Heimat Brauch war: sie küßte sie. »Also, Lore,« sagte Roselin: »In anderthalb Wochen ziehen Sie ein, nicht wahr? Und nächsten Sonntag fahren wir alle an einen blausilbernen See.« 104   Ein tüchtiger, derber Landregen ließ dann alle schönen Wanderpläne zu Wasser werden. Auch der übernächste Freitag, nach alter Bauernregel das Vorbild des kommenden Sonntags, erweckte wenig Hoffnung. Samstag, nach sehr genialem Abendrot – sehr viel, sehr heißem Tee, ein paar Nienstedter Radieschen, Backpflaumen und dem Rest einer Büchse Spinat, mußten dafür aufkommen – setzte sich Roselin entschlossen an Mamas zierlichen Rokokoschreibtisch. Sie mußte sich auf eine Art Vortrag vorbereiten. Man hatte ihre Stellungnahme verlangt zu der Schrift des Arztes van de Velde: »Vollkommne Ehe« und den Büchern des amerikanischen Jugendrichters Lindsey – die vielleicht noch tiefere und weitere Kreise zogen – über »Kameradschaftsehe« und »Revolution der modernen Jugend«. ›Was wollen sie von mir? Bin ich denn kompetent darüber?‹ staunte Roselin, wie sie, bereits ein paar beschriebene Blätter vor sich, eine Pause machte. ›Ich, außerhalb der Ehe stehend?‹ Sie stützte das Kinn in die Hand. Ihre Umgebung: der Schreibtisch, die Blumen darauf, die Bücher, das Bild darüber, vernebelten vor ihren Augen. Sie war doch plötzlich in Rom, siebzehnjährig, draußen in der Campagna, wo zwischen 105 gestürzten Marmorsäulen die ersten, dunkelblauen Veilchen blühten. Hörte eine Stimme dicht neben ihrem Ohr: »Kleine Psyche!« Und war zugleich im Lazarett von Calarasi. Sie wurde wieder getragen von den schimmernden Wogen ihrer jungen Glückseligkeit. Die Not, als sie sich verraten glaubte, stieß zu, messerscharf, und sie schmeckte die bitteren Wasser jener Wochen, als Jürgen Jürgensen ihr wieder geschenkt wurde, – zum – Sterben – geschenkt. ›Die Ehe durfte ich nicht erfahren,« dachte sie und drückte etwas Heißes und Nasses mit dem Ballen ihrer Hand aus den Augen. ›Nicht letzte Hingabe und Erfüllung. Aber waren wir nicht fest genug verschmiedet durch Liebe und Opfer und Qual?‹ Sie staunte vor sich hin. ›Wissen kommt durch Erleben, ja. Aber gäbe es keine andern Möglichkeiten?‹ Ihre Gedanken peinigten sie. ›Stirb und werde,‹ sagte plötzlich etwas wie eine Stimme von draußen. Ihr Gesicht entspannte sich, wurde klar. ›Ja,‹ sagte sie, ›so ist es. Der eine darf erleben, der andre darf erleiden, so bitter, daß es wie Sterben ist, und beides sind Tore, von Gott geöffnet, durch die eine Seele eingehen kann zu den letzten Geheimnissen zwischen den Geschlechtern. Geheimnisse,‹ gingen ihre Gedanken weiter: ›Daran liegt es vielleicht, warum die Ehenot der Heutigen so stark in den Vordergrund gerückt wurde: die Geheimnisse werden allzu laut und öffentlich ausgesprochen. Das Mysterium sollte immer hinter 106 dem Vorhang bleiben. Gott schenkt sich im Schauer und in heiliger Verhüllung. Selbst das geweihte Brot, das ihn versinnbildlicht, wird von der samtenen Decke verborgen. Heut aber ist alles eindeutig, öffentlich und die »stöhnende« Jugend tritt mit ihren Bekenntnissen immer frei und ohne alle Umschweife auf die Plattform.‹ Roselin dachte an Dramen, die in den letzten Jahren auf Bühnen von Rang gebracht wurden – sie waren mehrfach bei ihr angefordert worden: »Das Geschlecht« von Unruh, »Vatermord« von Bronnen, von Hasenclever – »Der Sohn.« – Sie errötete, und dann sah sie sich plötzlich wieder in ihrem kühlen Mädchenbett: Es war das Jahr vor Kriegsausbruch, als die Unruhe ihres Blutes, neben der Zweck- und Ziellosigkeit ihres Lebens sie fast einer Neurose in die Arme getrieben hatte. Aber etwas gab es, was ihr geholfen hatte damals, obwohl es sie scheinbar noch tiefer hineinstieß in den schmerzvollen Aufruhr ihres Wesens: in ihrem Schreibtisch lag die Zeitschrift mit der Abbildung der Psyche von Jürgen Jürgensen, über die ein Kritiker geschrieben hatte, daß ein Rodin die Autorschaft dieser Gestalt nicht verschmähen würde. Und sie wußte: Sie war es. Diese Psyche war ihre Seele und ihr Leib, die dem geliebten Mann das Gleiche und Eine bedeutet hatten. Nie hatte er sie hüllenlos erblickt, nie hatte er sie besessen, aber er hatte sie erkannt und ausgedrückt, wie Gott sie gedacht hatte. 107 Ein Laut wie ein Schluchzen fiel zusammen mit dem feinen und silbernen Schlag der Uhr. Und dann nickte Roselin stark und bejahend. Sie tauchte ihre Füllfeder plötzlich ein in das Tintenfaß, denn dies war eine ihrer besonderen Veranlagungen, daß sie niemals hinter das Geheimnis des Füllfederhalters gelangte: – ›Mich bedünkt,‹ fuhr sie fort in ihren Vortragsnotizen, – ›daß weder in van de Veldes diktatorischen Forderungen von der Erotisierung der Ehe, noch in dem ernsten und ehrlichen Eintreten Lindseys für biologische Aufklärung der Jugend und für eine Probeehe das Heil des deutschen Menschen beschlossen ist. Vielmehr beruht die Tragik unserer Ehenot darin, daß das Übersinnliche in der Liebe, der ewige und göttliche Eros, von dem erdhaften Sexus vergewaltigt wird. Die Kulturlosigkeit unserer Anschauungen über Ehe ist nur ein Glied der Kette des Kulturverfalls unserer Zeit überhaupt, einer Kultur, die sich vom Kult – ich meine vom Göttlichen – losgelöst hat und diesen Namen kaum noch verdient. Erst wenn wir zu Gott zurückgefunden haben werden und wieder aus dem Gewissen leben, wird auch für die Ehe eine Neuordnung anbrechen. Einfach nach dem Urgesetz des: Du sollst nicht ehebrechen. Und: Du sollst keusch und züchtig leben in Worten und Werken.‹ Es war weit nach Mitternacht, als Roselin das letzte nasse Blatt von sich schob. Ihre Wangen glühten. Ihre Augen hatten Glanz. Aber plötzlich 108 mußte sie lachen. Ihr war eingefallen, wie sie als Kind bereits den Untertanen ihres Lichtreiches Garba in wohlgesetzten Reden ihre Verpflichtungen erklärt hatte. Phantastisch genug mochten Wege und Auswege gewesen sein. Aber immer hatten sie sich mit einer Neuordnung der Dinge beschäftigt. Damals handelte es sich um Figürchen aus Porzellan, aus Holz und Blei. Diesmal ging es um Menschen von Fleisch und Blut, die sich ihr anvertrauten, und denen sie helfen sollte, in Selbstzucht, Opferbereitschaft und dienender Liebe einander emporzuläutern. 109   An einem Mittwochabend stieg Roselin so eilig die Treppe hinauf, daß sie stolperte und auf beide Knie fiel. Getan hatte sie sich nichts. Sie erschrak, lachte, stand eilig auf, rieb sich die betroffenen Stellen. Sie hatte sich bei einem Gang verspätet, und sie erwartete Robert. Etwa seit einem Monat hatte sich das so eingebürgert, daß er zweimal in der Woche zu Roselin kam. Einmal trieben sie Sprachen zusammen mit Lore, das anderemal lasen sie beide allein. Soeben Gobineaus »Renaissance«. Es hatte Roselin viel gekostet, Robert wieder zu rufen nach jenem Abend im Frühling – – Nun – Roselin hob schnell den Kopf. Ihr erhitztes Gesicht wurde ruhig und froh, während sie den ziemlich verdrückten, viel zu hohen Hut und den schon reichlich unmodischen Mantel – beide mißfielen ihr heftig – an das Regal hing: Es war schon das Richtige gewesen, daß sie damals die Scham der Erinnerung überwunden hatte. Sie wollte einfach helfen, so gut sie konnte. Und dadurch war ihr selber geholfen worden. Bert, wie sie ihn jetzt nannte – lieber junger Freund war er ihr geworden, Bruder, Kamerad. Er kam früher an diesem Abend als sonst. Roselin hatte noch nicht Zeit gehabt, ihren Tisch zu 110 decken. Sie stand noch immer ihrem wirtschaftlichen Besitztum eigentümlich unwissend gegenüber. Robert half wie Lore bei anderen Gelegenheiten. Voll besten Willens auch er, aber weniger umsichtig. ›Was ist mit meinem Jungen?‹ dachte Roselin. ›Er scheint so belastet? Schicksalhaft belastet?‹ Robert zog, mit seinen altmeisterlichen Fingern, die er jetzt sorgfältig pflegte, unruhige Kreise auf dem Tischtuch. Er arbeitete seit Frühjahr bei einem Feinmechaniker. Es gab noch hier und da so einen altmodischen Kleinbetrieb. Und es gab hier und da noch Arbeiten, die die Maschine niemals der Menschenhand würde abnehmen können. Niemals? Roberts Mundwinkel zogen sich herunter. Bei ihrem Mahl, frugal und doch festlich erhöht durch einen Asternstrauß, von Robert mitgebracht, war wieder das bekannte Thema aufgetaucht: Wohin noch führt der Weg der Maschine? – Robert erzählte von einem Neffen seines Meisters. Hans Markgraf war soeben aus Amerika gekommen, weil seine Mutter ihn vor ihrem Tode noch einmal sehen wollte. Er hatte Fabrikanlagen in Chikago beschrieben! Selbst dort ginge die Rede, in Kürze könnte man an alle Fabriktore Plakate kleben: No men wanted. »Die ganze Welt ist ein Narrenhaus,« höhnte Robert. »Zu welchem Ende hin nimmt eigentlich die Maschine den Händen die Schwerarbeit ab? 111 Sie bauen ihr bereits Werkräume wie Tempel. – Da stehen die blanken, stählernen Götzen fast allein. Ein paar wenige kluge Priester und die Tempeldiener genügen zur Bedienung. In einer Stunde wird so viel Arbeit verrichtet, wie ein paar hundert fleißige Menschen in einem Tage es nicht könnten. Pfui, ich sehe ihr breites Lächeln! Unwissend, dumm – ahnungslos wie alle Götzen, erfüllen sie ihre Aufgabe: ersetzen hundert Menschen, tausend, viele Tausende. Die können ruhig verrecken, – Verzeihung,« Robert wurde verlegen. »Manchmal kommt man nicht aus ohne ein wildes Wort,« sagte er. Er stand auf. Ging ruhelos hin und her. ›Wie sein Gesicht sich fortwährend verändert,‹ dachte Roselin, während sie ihm zusah! »Darf ich es sagen?« bat Robert plötzlich innehaltend im Gehen. »Es ist etwas ganz anderes. Ich muß es einmal aussprechen. Es zerfrißt mich.« Er setzte sich wie ergeben und zugleich flüchtig auf den vorderen Rand eines Stuhles, aber seine Augen brannten und waren voll Not. »Wie soll ich es nur ausdrücken? Es kommt nicht von außen her. Es ist in mir. Manchmal möchte ich rennen, rasen und dann wieder auf die Erde hinschlagen, wie zur Strecke gebracht. Ohne daß ich eine Veranlassung nennen könnte. Ich habe mich schon ertappt, wie ich zuweilen vor mich hinstiere. Dann wieder werfe ich die Arme in die Höhe. Ich bin manchmal in meiner kleinen Stube vollkommen nüchtern hin- und hergetaumelt wie ein Betrunkener, 112 und ich hab mich vor den Kopf geschlagen, wie ich es merkte. Bin ich wahnsinnig?« fragte er. »Ich habe geknirscht, die Hände geballt und laut gelacht. Und einmal – ich weiß – da wurde meine Hand rund und behutsam« – auch seine Stimme wurde behutsam und rund –, »ich kann mir auch denken, wie mein Gesicht dabei aussah: zärtlich,« sagte er, »zärtlich und ganz rein.« Er stockte, schwieg, sah Roselin an, seine letzten Worte in den Augen, obwohl der Schweiß ihm die Stirn beperlte. Roselin fühlte, wie sie kühl wurde, bis herauf an die Knie. Tat ihr etwas weh? »Sie werden vielleicht denken,« – Robert lächelte verlegen, – »es klingt fast nach einem verkappten Dichter? . . .« Er stockte wieder. Roselin merkte plötzlich – sie hatte den Sinn seiner letzten Worte nicht mehr erfaßt, nur den Tonfall hatte sie im Ohr. Wie schön Roberts Stimme war! Wie eine tiefe Glocke. Sie hatte es schon oft gedacht, wenn er vorlas. Was hatte er eben gesagt? Er schien ein »Nein« zu erwarten, und so schüttelte sie hastig den Kopf. Sie fühlte ihr Blut bis in die Schläfen, rief sich zurück, schloß fest die Hände ineinander und hörte genau zu. »Ich weiß wohl, darum kann es sich nicht handeln,« sagte Robert heftig, und als habe er eine Beteuerung erwartet und erwünscht. »Ich habe es doch oft genug versucht,« er redete hastig und wieder gedämpft: »Stimmungen? – Ja, vielleicht. Ich kann mich gewissermaßen identifizieren 113 mit meiner Umgebung. Ihre Farben, ihre Form, besonders ihr Geruch werden wie ein Teil von mir. Ich kann das auch ausdrücken, vielleicht sogar mit eigenen, nicht völlig alltäglichen Worten. Aber das ist es nicht, was mich befreit oder was mich lockt. Ich müßte Menschen gestalten können,« brach er aus. »Menschen von Fleisch und Blut. Schicksale, Handlungen. Und das kann ich nicht. Das ist mir versagt. Ich bin immer auf der Suche. Aber wonach? Immer ist da eine Hemmung. Jemand müßte mir helfen, dieses Qualvolle in mir, diese neue und immer andere Marter aus mir herauszustellen, sichtbar zu machen, deutbar.« Robert schwieg. Er war wieder aufgestanden. Lehnte gegen den alten, schwarzen, geschnitzten Nürnberger Schrank. Um Roselin war es wie milder Nebel. Irgend etwas wiegte sie. Glück? Sie schloß die Augen, aber gleich riß sie sie erschreckt wieder auf. Sie sah, wie Robert sie anstarrte. Seine Lippen bewegten sich. Er spreizte die Finger. Bert! – Es handelte sich doch keinesfalls um sie. Sie schaltete völlig aus. Um Bert ging es. Und da er keinen Weg wußte, mußte nicht sie über ihn hinaussehen? Sein Ziel erahnen? »Bert!« rief Roselin plötzlich, »lieber Bert!« Sie stand hastig auf. Ihr Gesicht glänzte. Sie lief zu ihm hin. Legte ihm die Hände auf die Schultern. »Eben denke ich dran, wenn wir gelesen haben, Dramatisches. Als wir ›Tizians Tod‹ lasen, weißt du noch? Bert, sollte am Ende ein Schauspieler in dir stecken?« 114 Roselin ließ plötzlich Roberts Schultern los, trat einen Schritt von ihm zurück, hielt ihn fest mit glücklichen Augen. Robert starrte zu ihr hinüber. Etwas schien ihn zu würgen. »Ja?« fragte er. – »Ja?« – Dann warf er den Kopf in den Nacken, lachte unbeherrscht. Im nächsten Augenblick kniete er vor Roselin. Ihre beiden Hände an seine glühenden Wangen pressend. »Der Robert aus der Steinstraße,« stammelte er. »Der junge Esel, der jedes Jahr einen anderen Meister und einen anderen Beruf brauchte! –« Er wollte weitersprechen, aber er schluchzte plötzlich. »Pfui Teufel,« sagte er. »Was ist das für ein Benehmen?« Er stand hastig auf, suchte nach dem Taschentuch. Fand es. Geriet aber in noch heftigere Verlegenheit. Er steckte es ein, unbenutzt, und drückte die Fingerspitze vom rechten Ringfinger gegen seine Augenwinkel. »Wenn man so verrückt glücklich ist,« sagte er entschuldigend. »So vollkommen verrückt! Es ist, als ob alle die vergangenen Jahre von mir fortflössen. Fort!« Er staunte in sich hinein. »Alle die furchtbaren Jahre!« Er schwieg. »Und jetzt,« rief er plötzlich wieder. Knackte mit seinen Fingergelenken, es war grausam anzuhören. Er sah Roselin an wie Wunder und Gnadenbild. – – – Nach diesem Tage las Roselin mit Robert in ihren Mittwochabendstunden jedesmal ein Drama. Sie wechselten ab mit klassischen und modernen Sachen, und jedes bereitete sich aufs sorglichste darauf vor. 115   Man muß verdienen, verdienen,‹ dachte Roselin. ›Geld ist so nötig heut. Viel Geld. Robert wird genug brauchen. Lore kommt auch noch nicht recht durch.‹ Roselin stand auf vom Schreibtisch. Sie schraubte den Füllfederhalter zurück. Natürlich vergessend, die Kappe abzunehmen und das geöffnete Ende damit zu versichern. Als sie an die offene Schieblade stieß, rannte der Halter eilig nach unten, mit kleinen, schwarzen Spritzern, die er von sich gab, eine gar nicht üble, breite Linie in der Diagonale über ein sauberes Manuskript ziehend. Roselin sah entgeistert dieser Eigenmächtigkeit zu. Hatte gerade noch Besinnung genug, den Halter zu empfangen, ehe er sich mit seiner schwarzen Seele in das recht abgetretene Eisbärfell auf dem Parkett rettete. »Aber!« sagte Roselin, fassungslos ihn aufnehmend und wie einen Falken mit der Kappe von ferneren Raubzügen ausschließend. »Was fällt dir ein!« sagte sie. Sie stand, starrte auf das so sauber durchgestrichene Blatt, las ein paar Sätze und nickte plötzlich heftig. »Ja, ja, ja.« Sie lachte ärgerlich. »Dieses ist sehr klare Kritik. Abgelehnt! Untauglich! Reif für den Papierkorb.« Sie lachte wieder, ein wenig künstlich und mit einer halben Träne auf dem Grunde. 116 »Man müßte sich dreinfinden,« sagte sie. »Dies war auch wirklich mein letzter Versuch mit einem Roman. Es ist und bleibt eine unglückliche Liebe von mir.« Sie zog mit dem schönen bronzenen Schlüssel eines der oberen, gebauchten Schieblädchen heraus. »Es ist nur – ich hatte gedacht – ganz im Hintergrunde – oder auch Vordergrunde? – Ja, einfach dies: mit einem Roman verdient man besser als mit den ewigen Skizzen und Aufsätzen. – Nun also – mein erster schwarzer Kritiker wird wohl recht behalten. Dies ist mein Soll und Haben.« Sie nahm ein Päckchen bedruckter Zeitungsblätter aus dem oberen Fach. Sie spreizte die kleine Hand darüber, wie eine Glucke über ihre Küken. Es waren lauter kurze feuilletonistische Arbeiten, in den Berliner Monaten geschrieben, die erste Verlage gern genommen und gut honoriert hatten. ›Dieses kann ich vielleicht! Aber dahintergekommen ist noch niemand,‹ sie triumphierte, Lippen breit gefaltet, ›nicht einmal Lore ahnt, wer dieser famose Herr Ebeling ist, für den sie so begeistert tippt, und noch weniger die andern, denen ich das Zeug vorlesen muß, wie die kleine Lore verlangt, wenn wir es so ›zufällig‹ in der Voß oder in der Woche finden.‹ Roselin lachte wieder. Dann schüttelte sie den Kopf, atmete tief aus. Es klang wie ein Seufzer. Für sich allein wäre sie schlecht und recht gerade eben durchgekommen. Selbst in Berlin. Mit Beihilfe der Nienstedter Pakete. Aber dem Himmel sei Dank! – Roselins verdüstertes 117 Gesicht wurde wieder ganz hell. Man war doch nicht mehr völlig allein! Dr. Reichmann hatte wohl recht gehabt, damals, mit den hundert Herzen und Köpfen, die notwendig waren. Den Geldbeutel hatte er nicht erwähnt. Als das Untergeordnetste und zugleich Selbstverständliche. Übrigens hatte sich der Getreue zu morgen nachmittag wieder für eine Stunde angemeldet. Roselin mußte zugeben, daß sie von ihm verwöhnt wurde. Trotzdem er sie durchaus nicht mit Handschuhen anfaßte. Aber daß er sich bei seiner bedrängten Zeit bisher noch jede Woche ein halbes Stündchen oder ein ganzes für sie absparte, das wollte etwas heißen. Anfangs hatte er wohl gemeint, er müsse sie bei der Stange halten. Jetzt wußte er, man konnte ihrer sicher sein. Und doch kam er getreulich wie anfangs. Nun – es tat gut, in seiner Freundschaft zu ruhen. – – – Roselin sang ein paar Takte aus Zar und Zimmermann. »Einst spielt ich mit Szepter . . .« Sie sang nicht ganz rein. Sie wußte nicht, wie sie auf diesen Text und auf diese Melodie kam. ›Ja, Dialoge,‹ dachte sie dabei. ›Wenn es so etwas gäbe für mich. Rede und Gegenrede. Wie Gobineaus Renaissance zum Beispiel.‹ Sie sah weit hin, glänzender Augen. Aber wer würde so etwas von ihr nehmen und drucken und noch dazu bezahlen! Roselin lief plötzlich zum Fenster. Irgend etwas schien sie zu beklemmen. Nach dem ungewöhnlich 118 strahlenden und warmen Septembertag war die Luft des Zimmers schwer, trotz seiner Höhe und Weite. Den ganzen Vormittag hindurch hatte die Sonne darauf gelegen. Roselin öffnete heftig das Fenster. Ob es sich lohnte, noch hinauszugehen? Sie witterte mit sensitiven Nüstern. Die Nienstedter Kastanien fielen ihr ein, die jetzt anfingen, mit ihrer starren, altgoldenen Seide zu rascheln. An Abenden wie heute war ein strenger und herber Geruch in der Luft. Auch hier gab es herbstliche Bäume, hier und da auf Plätzen und in den Parks. Aber sie waren nicht suggestiv. Gehemmt im Ausdruck. Die Wolken von Azetylen und Benzin ließen sie nicht zu Worte kommen. ›Suggestiv?‹ fragte Roselin. Ihr verband sich das Wort durchaus mit dem Begriff des Schöpferischen. »Robbi,« sagte sie gedankenvoll. Ihr Gesicht entspannte sich. Sie ließ sich sinken, »er hat mich den Herbst empfinden gelehrt. Sehen, fühlen, schmecken. Seine Todesahnungen und die Verheißung der ewigen Wiederkehr!« Sie hörte ihn wieder erzählen, mit der schönen, modulationsfähigen und eindringlichen Stimme von seinem Kindheitserlebnis in der alten Weinlaube, in dem Garten der kleinen Stadt hinter dem Wall, in dem der Phlox blühte. Sie sah schnell auf die Armbanduhr. Sie hatte noch eine gute Stunde. Wenn sie die Bahn erwischte, langte es noch zu einem Blick in den Charlottenburger Park. – – –   119 Am nächsten Sonntagmorgen, zum erstenmal, traf sich Roselin mit ihrer Schar frühzeitig auf dem Stettiner Bahnhof. Roselin hatte es im Dunkeln gelassen, wohin sie fahren wollten. Nur Lore war im Bilde. Es ging weit. Nach Fürstenberg. Roselin hatte mit Hilfe ihres letzten Honorars und mit Hilfe des langen Ignaz – so nannten alle Ignaz von Laudon – ein wenig mit den Fahrkarten gemogelt. Nachher war es, als ob Roselin sich fürchtete, zu schnell der Freiheit und der Weite sich hinzugeben, als brauche sie heut irgendeine Schutzwand. Sie hätte nicht sagen können, wogegen. Denn dieses war das Wundervolle: sie wurde bereits ebenso stark getragen, wie sie trug: Gemeinschaft, Bund wurde mit jedem Tag stärker und glücklich bewußter. Aber irgend etwas – was konnte es sein? – stand zwischen ihr und Robert. So gingen sie zunächst durch die alten, gegiebelten Straßen, durch die Stadttore und vorbei an den Türmen der Umfassungsmauern. Roselin zählte ein paar Nachtstunden nicht, wenn es darauf ankam, ihrer kleinen Schar die Vergangenheit nahezubringen und der Gegenwart einzugliedern. Ein gut Stück brandenburgische Geschichte wurde lebendig. Und – vielleicht ein Vermächtnis ihres Vaters, der niemals in der Enge blieb, immer die ferneren Kreise zog – aus Brandenburg wurde Preußen – Europa – die Welt. Damals – heute. 120 »Ich möchte den ganzen Tag zuhören, wenn – Schwester Roselin erzählt,« sagte Maria Günther – sie war Photographin – zu dem langen Ignaz, wie alle ihn riefen. »Man hat natürlich eine Menge davon in der Schule gelernt – aber mir ist doch immer, als ob viel totes Gut erst jetzt Beziehung zum Leben bekäme.« Laudon nickte. »Jetzt werde ich das Ding aber tragen.« Er nahm ohne weiteres Stativ und Apparat Maria aus den Händen. – Die feinen blonden natürlichen Locken, statt des Hutes von einem breiten Stirnband in Schach gehalten, schienen Maria irgendwie zu beunruhigen. Sie strich sie mehrmals mit der Hand zurück. Ihr blasses Großstadtgesicht färbte sich rosenrot, und ihr Mund wurde kindlich froh. Aber plötzlich ging es dunkel und wie Erschrecken durch ihre Augen. Ignaz Laudon konnte ihre Augen nicht sehen. Er warf sich übermütig den Riemen des Photographenkastens über die Schultern: »Und unsere große Kaiserin?« zielte er wie Wurfgeschoß zu Roselin hinüber, die sich nicht genugtun konnte mit ihrem Alten Fritz. Roselin lachte. »Ja, natürlich, der Österreicher und noch dazu ein Soldatensohn, und noch dazu ein Laudon.« Und nun waren sie plötzlich in Wien. Der Stephansdom türmte zwischen den alten Mauern der kleinen märkischen Stadt. Prinz Eugen und der Türkenhalbmond, die Esterhazy-Galerie, das 121 Burgtheater, Grillparzer, Mozart und Beethoven wanderten mit ihnen. Und am weitesten hinaus und vielstimmig lebendig, der Franzi, der »Schwammerl«, sein Genius und die erschütternde Wallfahrt seiner Erdenspanne. In einem bescheidenen, aber himmlisch altmodischen Gasthause speisten sie dann. Vielmehr sie tranken einen schrecklichen Kaffee – »Gesund und gut,« tröstete Roselin, »weil in der Hauptsache wohl heimatliches Korn,« – und aßen ihre mitgebrachten Butterbrote. Nachher kam das, was Roselin noch ein wenig hinausgeschoben hatte: Fichten taten sich sachte voneinander. Man schritt wiegend und lautlos auf braunem Grase, Nadeln und grünen Moospolstern, am Rande eines Fichtenwaldes, hochstämmig, die Bäume nicht weit von ihrem neunzigsten Jahrestag, als die ersten – Lore und Klärchen Günther – beide zugleich in einen Schrei des Glückes ausbrachen: vor ihnen, zart und silbrig, an den Rändern verschwimmend, hingegeben und sich zurücknehmend, lag der See. Vielleicht, daß irgendwo Menschen auf ihm ruderten, wahrscheinlich sogar. Ganze Kolonien lufthungriger Berliner mochten an einem Teile seines Ufers ihre fliegenden Lager aufgeschlagen haben. Von irgendwoher aus der Ferne kam verwehter Stimmenklang, Lachen schwebte. Aber es mochte der große Pan selber sein, der mit sich redete und scherzte. Denn hier, wo sie standen und schauten, 122 war nichts von Menschen zu sehen. Die Rohrkolben standen bewegungslos, ein paar gelbe Mummeln, ein paar weiße Seerosen bespiegelten sich, eine Rohrdommel rief, ein Wasserhühnchen lief flink auf seinen grünen Füßchen über das blanke Wasser in die rauchige Ferne. Die Fichtenstämme fingen an zu lodern vom Abendglanz. Von ihren roten Säulen und dunklen Häuptern baute es sich im See wie eine geheimnisvolle Tempelstadt. Vielleicht war auch hier ein Vineta versunken? Vielleicht lag unermeßlicher Reichtum auf dem Grunde, unermeßliches Glück, unermeßliche Schuld. Vielleicht – – nun – – Wie durfte man in die Natur hineintragen von sich selbst, sie beschweren mit sich selbst? – Roselin, die irgendein feines Ziehen am Herzmuskel verspürt hatte, schüttelte den Kopf. Und als hätten ihre Gedanken die andern belastet und auf ähnliche Wege geführt: »Das ist so wundervoll, das Wort von Goethe,« sagte sie, »Schopenhauer wollte ihm weismachen, das Licht sei nur da, weil wir es sähen. Aber Goethe antwortete ihm: Sie irren sich, sondern, wenn das Licht Sie nicht sähe, so wären Sie nicht da.« Sie wußte nicht, wie es gekommen war, daß sie neben Robert stand: »Wir dürfen uns nicht verführen lassen,« sagte sie. Sie lachte. Ihre Augen gingen im Kreise, aber sie redete zu ihm allein. »Es ist so billig, die Natur mit unsern kleinen Gefühlen zu schmücken und deuten zu wollen.« 123 Sie sah Robert an, als habe er widersprochen und sie müsse ihn überzeugen. Aber Robert schien ihren Blick nicht zu bemerken. Er schien Roselin gar nicht gehört zu haben. Er legte dem jungen Mechaniker, der aus Amerika gekommen war und mit dem er sich befreundet hatte, die Hand auf die Schulter: »So was gibt's drüben bestimmt nicht,« er deutete im Kreise über Wald und See und den verglühenden Sonnenball: »Immer dicht am Kitsch vorbei!« Seine Stimme klang fremd und geärgert. Der andere, Hans Markgraf, rückte fort mit seiner Schulter unter der Hand, sah Robert erstaunt an: »Ach so,« – sagte er leise –»Junge, wie du aussiehst. Dir ist nicht gut?« – Seine Brauen rückten zusammen, streng oder schmerzlich. »Kitsch? Hier?« – Er atmete tief, schüttelte den Kopf. »Wenn's irgendwo Kitsch gibt – – Na – du, komm du erst mal rüber,« sagte er gutmütig, »dann kannste erst mitreden, kleiner Junge.«   Am nächsten Sonnabend, als sie sich wieder bei Roselin versammelten, holte Hans Markgraf die Vossische Zeitung aus der Tasche. »Haben Sie schon gelesen?« – – Auch er stockte, wie alle, vor der »Schwester«. Aber von der »Baronesse« wollte Roselin durchaus nichts wissen. Und es lag auch ein falscher Klang in dem Namen. »Es ist sehr merkwürdig,« staunte der Mechaniker. »Dieser Fritz Ebeling – Sie haben uns schon ein paarmal Skizzen von ihm vorgelesen – er muß 124 nicht nur denselben Sonntag wie wir in Fürstenberg gewesen sein. Es ist wahrhaftig, als ob er bei allem dabeigestanden hätte und zugehört. Und die ganze Stimmung – erstaunlich – –« Er faltete die Zeitung auseinander, gab Roselin einen behutsam forschenden Blick. Roselin, dunkelrot, machte sich plötzlich an ihrem Schreibtisch zu schaffen, während Lore, ebenfalls errötend, aufgeschreckt, aber kurzerhand die Zeitung an sich nahm. »Diesem jungen Mann wollen wir endlich einmal auf die Schliche kommen,« sagte sie geärgert. Aber sie konnte nicht hindern, daß ihre Stimme einen besonderen und hohen Ton hatte. Alle standen betreten, und es war sehr still im Zimmer. Plötzlich legte Klärchen Günther ihre Fingerspitzen gegeneinander wie in einer kultischen Gebärde und mit der Anmut, die sie immer wie ein Bild erscheinen ließ: »Oh!« – In demselben Augenblick trat Robert neben den Schreibtisch und Roselin ins Gesicht sehend, stolz, zugleich wie um Vergebung bittend und glücklich fragend: »Ich weiß jetzt endlich den richtigen Namen,« sagte er, »dürfen wir statt Baronesse und auch statt Herr Fritz Ebeling – –« »Bravo!« – Alle lachten übermütig, nickten und klatschten begeistert in die Hände – »Schwester paßt auch wirklich nicht recht,« sagte Robert. »Es geht keinem von uns glatt von den Lippen, wir brauchen mehr. Dürfen wir Domina sagen?« »Fabelhaft, Robert!« –»Domina!« – »Unsere Domina!« – Das war der einzige richtige Name. – 125   Sie wanderten noch etliche Male in den Herbst hinaus. Nach Buchow, zum Müggelsee, nach Kloster Lenin und auch nach Sanssouci. Und dieses letzte war Überwindung für Roselin. In Sanssouci war die Kornmuhme an jenem strahlenden Sommertage auf die Terrasse getreten. Dort hatte Bernhard, dessen Kindername Bob war, Roselin gefragt, ob sie seine Frau werden wollte. ›Was wußte ich damals von Liebe,‹ dachte Roselin. Was wußte sie von der Liebe, die einen Menschen erfaßt wie ein Brand, und der doch heilig ist? Als sie in Rom Jürgen Jürgensen erlebte, schlief ihr Blut noch ganz tief. Später, als sie ihn pflegte im Lazarett, da wachte es auf, aber es durfte nicht. – ›Armer, lieber Bob! Zu ihm wollte ich mich flüchten. Vielmehr – ich konnte nicht nein sagen, niemals ein klares Nein oder ein klares Ja. Das war meine Schuld die vielen, vielen Jahre.‹ ›Die Zeit ist zu streng für Kompromisse,‹ dachte sie. ›Wo alles kämpferisch ist, braucht es Entscheidungen. – Entscheidung,‹ Roselin dachte an das Wort, das Dr. Reichmann bei ihrem ersten Besuch zu ihr gesagt hatte. Wenn sie matt werden wollte, schrieb es sich jedesmal wie ihr Menetekel mit feuriger Schrift an die Wand. ›Ja,‹ sagte dann Roselin leise und inbrünstig. ›Ja.‹ 126 Aber es war, als sei die Erinnerung an Sanssouci nicht mehr so peinvoll, seitdem sie mit ihrer Schar dorthin gewandert war. Als habe sie damit Abschied genommen von einem schmerzhaften Kapitel ihres Lebens. Und als sei ihr vergeben worden, nicht nur weil sie gelitten hatte, sondern weil sie nun richtig machen wollte, anders und richtig.   Roselin ging seither immer wie aufgerufen. ›Richtig machen,‹ war ihr erster Gedanke am Morgen, ihr letzter am Abend. So glühend gern wollte sie richtig machen, und immer wieder wurde es scheinbar verkehrt. – ›Ich hab die »Voß« gekauft und den Essay über die Fürstenberger Wanderung wohl noch zwanzigmal gelesen,‹ schrieb Robert an dem Tage, als Roselin ihn zum gemeinsamen Lesen erwartete. ›Und vielleicht daß gerade durch diesen Schatten, der durch die Zeilen geistert und an die letzten Gründe rührt, das Schönste herausgebracht wird. Aber ich bin schuld an dem Schatten. Und trotzdem kann ich heute nicht kommen und versuchen, ihn aus Ihrer Seele fortzunehmen. Ob Sie es verstehen können, Domina? Und alles, was mich hin und her reißt? Daß Sie es verzeihen möchten, darum mag ich nicht bitten. Aber vielleicht, daß Sie Geduld haben könnten.« Roselins Augen verdunkelten sich. Um ihre Mundwinkel zuckte es weich. Sie nahm das 127 Briefblatt, das sie hingelegt hatte, wieder auf. Aber nun sah sie: die ungleichmäßig nach rechts hinauffliehende Schrift setzte sich fort auf der vierten Seite des Bogens und wurde dort härter und kühler betont. ›Sie dürfen nicht vergessen, wo Sie herkamen, und wo wir herkommen,‹ schloß Robert seinen Brief. ›Ihnen wurde alles geschenkt. Wir müssen es uns stehlen oder erbetteln. Wenn man diese rückschauende Perspektive im Auge behält, erklärt sich viel.‹ Einen Augenblick war die Versuchung sehr stark, Roberts Brief sogleich zu beantworten, ihm zu erklären, zu schelten, ihn zu rufen. Als Roselin schon den Füllfederhalter eintauchte zu einem Brief, der sie sicherlich hinterher gereut hätte – gerade in diesem Augenblick kam Lore. »Sehen Sie nur, Lore,« Roselin konnte lachen, – »was unser armer Junge für Streiche macht!« Sie reichte Lore den Brief. Lore, nachdem sie gelesen, und eine feine Falte zwischen den Brauen mit den Fingern verreibend wie eine fremde Sache: »Er weiß, wie gut unsere Domina ist!« sagte sie. »Und wir alle haben ihn halt ein bissel verzogen.« »Sie meinen, das bekommt ihm schlecht? Ich müßte strenger sein?« »Gott bewahre!« Lore schüttelte den Kopf. »Wenn's einer braucht, und wenn Güte was hilft, so ist's beim Bert. So ein Zustand, der kommt wie die Masern. Bricht rot und böse aus und blaßt 128 ab in ein paar Wochen. Ein bissel leid kann er einem schon tun, der Junge. – Es wird ihm wenig wohl sein in seiner Haut. Aber tragisch nehmen?« – Sie ergriff Roselins Hand und legte sie einen Augenblick gegen ihre warme Grübchenwange. Schüttelte den Kopf. Lachte herzlich. »Er kommt schon von selber wieder, Domina! Und hier – den hätte Exzellenz Randorff versehentlich aus dem Kasten mit herübergenommen.« Sie legte einen Briefumschlag, dick gefüllt, und trotz seiner Umfängigkeit für die mehr als zentimeterhohen Kleinbuchstaben kaum ausreichend, vor Roselin hin. »Helga,« sagte Roselin fröhlich. Und irgendwie überzeugt, daß Lore alles Quälende in der Angelegenheit Robert fortgeräumt hatte. »Ich merke, daß der Herbst zu Ende geht. Meine Korrespondenz mit Helga Winternitz hat jedes Jahr einen langen Sommerurlaub. – Keine Freundschaft der Erde wäre ihr bedeutsamer als ihre Spargel, Erbsen und Tomaten. Wenn's dem Freunde gut geht, notabene!« Sie öffnete den Brief, fand sich plötzlich laut vorlesend und lachend über Helgas unverwüstlichen Jargon und Humor. Als sie aufblickte, ein Echo suchend für ihre Heiterkeit, merkte sie, daß Lore leise das Zimmer verlassen hatte. Roselin lächelte liebevoll. Wie feinfühlig sie war, das kleine Schreibfräulein aus der Textilbranche! Und zum erstenmal wurde ihr klar, daß es ihr lieb war, wenn Lore teilnahm an allem, was sie anging. 129 »Aber Lörchen, Sie müssen doch meine gute alte Helga kennenlernen!« Roselin hatte an Lores Tür geklopft. Nun saß sie in dem tiefen, bequemen Fenstersessel, mit verblichenem, grünen Rips bezogen. Goldchen, der gute Geist ihrer Kindheit, hatte viele hundert Strümpfe – und nicht die wenigsten von Roselin – in diesem Stuhl sitzend gestopft. Und viele hundertmal hundert Gedanken der Liebe und Sorge waren mit den schwarzen und bunten Fäden in die immer sehr lange getragenen und zuletzt völlig durchmusterten Füßlinge hineingearbeitet worden. Eine Atmosphäre von Wärme und Geborgenheit webte um diesen Stuhl. ›Auch den habe ich Lore übergeben als das Selbstverständliche,‹ ging es durch Roselins Gedanken. Ihre Ellenbogen auf die Seitenlehnen gestützt, ruhte sie behaglich. Wie sicher man sich hier vorkam! Wie sicher! Roselin sah Lore zu, die wie einst Goldchen, eine Stopferei in der Hand, ihr gegenüber saß. Es handelte sich ebenfalls um einen von Roselins Strümpfen, deren Lore sich stillschweigend bemächtigt hatte. Ja, also Helga! Roselin blätterte den Brief auf, und zwischen dem Lesen erzählte sie von dieser prachtvollen Oberschwester, die ihr Freundin geworden war während des Krieges in Rumänien. Die Soldaten hatten sie Feldwebel genannt oder auch Rittmeister. Aber selbst sie wußten: die rauhe und stachlige Schale – wie bei einer Edelkastanie – 130 war nur Schutz für ein sehr warmes und gütiges Herz. – Helga Winternitz, zurzeit bei ihrem Bruder auf dem Lande lebend, betätigte sich als Gutsverwalter und Rentmeister in einem. Der Gutsverwalter plagte sich redlich, vom ersten Hahnenschrei bis zur sinkenden Sonne – aber der Rentmeister konnte trotzdem in den Abendstunden immer nur wenige und recht kleinstellige Zahlen auf die Einnahmeseite der Rechnungskladde verbuchen. Hingegen wuchteten die Rubriken des Debet immer ausgedehnter. ›Wenn nur nicht alle Kindheits- und Jugenderinnerungen an dem elterlichen Gute hingen!‹ – schrieb Helga. ›Der König von Sachsen, das wäre mein Mann: »Macht Euch Euren Dreck alleene,« du weißt doch, damals bei der Revolution. – Denn meine Schwägerin, wie ich dir schon immer gesagt habe – ist eine Anzendorf, und alle Anzendorfs sind Puten. Sie hat sich nie bei uns auf dem Lande eingelebt, war immer Offiziersfrau. Auch jetzt noch möchte sie die Garnison haben, – Stadtleben, Gesellschaft, Abwechslung, Amüsement – – Wenn mich mein Bruder nicht dauerte – –‹ Ja, was täte Helga wohl dann? – Die Frage blieb offen. Und noch verschiedenes anderes blieb offen in diesem Brief und gab Roselin zu denken. Denn eigentlich war es zum erstenmal, daß ihre tapfere Helga sich nachgab und eine gewisse Lebensunsicherheit zugestand. 131 Robert hatte sich nun schon vierzehn Tage lang nicht bei Roselin eingefunden. Man wußte nichts von ihm, nicht einmal seine Anschrift, denn am 15. hatte er sein Zimmer aufgegeben. Von seiner Arbeit war er gleichfalls fortgeblieben ohne Absage, und selbst Hans Markgraf, mit dem er sich nähergekommen war, konnte nichts über ihn vermelden. Dieser junge Mensch, Elektroingenieur, nur äußerlich amerikanisiert, hatte nach langem und zähem Suchen endlich eine Anstellung draußen in Siemensstadt gefunden, wenngleich sie seinen Fähigkeiten keineswegs entsprach. Er hatte noch an keinem Sonntag bei Roselin gefehlt. Aber nie brachte er auch nur die kleinste Kunde über den Abtrünnigen. Einen Ausflug würde man wohl in diesem Herbst nicht mehr unternehmen können. Das müde gewordene Jahr schloß zögernd, aber unwiderruflich seine warmen und schenkenden Hände. Die Schauer des panischen Erlebens, die tiefen, mystischen Kräfte der Natur verschlossen sich für eine Zeitspanne. Aber war nicht noch Schönheit in der Welt? Blieb nicht Kunst die Erlöserin vom dumpfen Alltag des Lebens? Und in diesem Berlin des Asphalts, der rasenden Eile, der zersetzenden Hirnkraft, des brutalen Voran, des Jazz und der Parteien gab es Stätten über Stätten, wo dies alles einmal schweigen mußte und stillehalten vor dem unbeweisbaren Reich des Irrationalen, das seine letzten Wirklichkeiten erschloß. Und Roselin stand eines Sonntags um Mittag mit 132 ihrer Schar auf dem Museumsplatz vor der riesenhaften granitenen Schale. Sie ließen sich umfahren vom regenträchtigen Novembersturm, und, ihre Hüte und Mützen festhaltend, sahen sie frohen und stolzen Auges im Kreise: Dies alles war trotz allem noch immer Berlin – Deutschland. – Dann erstiegen sie die breiten Treppen zu den Museen. 133   Am folgenden Sonnabend strömte der Regen. Zwischen Hausecken und an Rändern der Bürgersteige, am Leipziger Platz, am Alexander-Platz, an Kirchenpfeilern und Zugängen zur Untergrundbahn waren Pyramiden von Kränzen gehäuft. Einfache, billige, kostbare. Blechkränze, Papierblumen zwischen Tannenreis, Kränze aus Stechpalmen und dunkellaubigem Mahoni, Kränze mit ein paar Fichtenzapfen, armem grauen Moos und Hagebutten geschmückt, und andere mit Chrysanthemen und Rosen aus Warmhäusern. – Für jeden Geschmack war gesorgt und auch für jeden Geldbeutel. Der Himmel selbst aber hatte es übernommen, bereits hier die große Einheit herzustellen. – Zwischen das billige Tannenreis wie in die zarten Kelche der kostbaren Treibhausblumen ließ er die gleichen, schimmernden Tropfen fallen. ›Volkstrauertag,‹ dachte Roselin. ›Wer hätte kein Grab? Wer hätte kein Leid? Nah oder fern? Eben aufgebrochen die Wunde oder schon lange und nach innen blutend? Wer hätte heute keine Sehnsucht, keine Schuld, keine Träne? Ohne den Himmel, was hätte die Erde für Sinn?‹ Der Tag war verhangen wie mit gesenkten Fahnentüchern. Und der Nachmittag glitt früh und unmerklich in den Abend. Die 134 Straßenlaternen standen, kleine matte Monde, in rauchigen Dunsthöfen. – Roselin hatte früh die Vorhänge zugezogen. Sie stellte den verblichenen hölzernen Kruzifixus, der sonst über ihrem Bette hing, zwischen zwei silberne Leuchter auf einen kleinen Ecktisch. Sie hatte diesen Gekreuzigten einmal aus Tirol mitgebracht. Die fromme Innigkeit eines armseligen Gebirgsdorfes, das, auf halber Höhe zum Großglockner, immer zwischen Zeit und Ewigkeit schwebte, lag noch wie milder Hauch um die schmerzhaft ausgereckten Gliedmaßen und das geneigte Haupt unter dem allzu grausam natürlichen Dornenkranz. – Klärchen Günther saß am Klavier, sie spielte aus dem Requiem von Mozart. Nachher sangen sie alle und mehrstimmig den Gregorianischen Choral: Verbum caro factum est . Roselins Hände lagen matt in ihrem Schoß. Sie begriff nicht, warum die Trauer sie heute eben so leidenschaftlich und haltlos schüttelte wie an jenem ersten Totensonntag nach Friedensschluß. Während der Jahre im Sanatorium und später bei Stephanie hatte sie an diesem Tage immer nur eine dumpfe Schwere in die Kirche getragen. Eine Schwere wie der Deckel eines Sarges. Er war zugeschraubt, unweigerlich. Was darunter lag, war gewesen. – Diesmal aber schien es Roselin wie damals, als sie Jürgen Jürgensen, kaum gefunden, wieder verloren hatte: Etwas kämpfte an gegen den zugeschraubten Deckel, war nicht 135 gewesen, sondern war da, war lebendig, wollte sich nicht einsargen lassen. ›Wie gut, daß ich Dr. Reichmann gebeten habe, zu sprechen,‹ dachte Roselin. ›Ich hätte heut nicht gekonnt. Was ist mit mir?‹ – Unter zusammengeschobenen Brauen sah sie eindringlicher Bitte den Kruzifixus an. Sie wußte, wenn er sie nicht zu sich zwang, würden ihre Augen wieder heimlich suchen gehen. Ihre Schar war nicht vollzählig. Aber warum konnte das Fehlen von Einem, von diesem Einen, sie so tief treffen? – – Dr. Reichmann sprach ganz einfach. Ohne jedes Pathos. Fast nüchtern. Aber vielleicht, daß die schlichte und strenge Sachlichkeit der Namen und Zahlen mehr als alles errief. Auch Roselin. Dr. Reichmann begann damit, daß er das persönliche Leid jedem einzelnen abforderte wie eine Kostbarkeit, an die man sein Herz nicht allzufest hängen durfte. Er führte jeden fort von sich selber und zeigte die Wege zu den Massengräbern und zu den tausend und tausend Kreuzen im fremden Land und daheim. Aber er verweilte auch dort nicht. Mit schneller Hand nur riß er einen Vorhang fort. Nur so lange, daß jenes ungeheure Opfer sich neu in die vergeßlichen Herzen und Hirne grub. Dann schritt er fast eilig von den Toten zu denen, die sie im Leben zurückgelassen hatten. »Wir wollen gar nicht sehr weit gehen,« sagte Dr. Reichmann. »Wir wollen in Berlin bleiben. Was ist Berlin? Bis 1920 waren es 94 Gemeinden. 136 Jetzt sind sie eine Stadt. Sie bedeckt 87 814 Hektar. Größte Stadt der Welt, dem Ausmaß nach. Nun, ich will nichts sagen heut von den 3500 Blinden dieser Stadt, den noch mehr Taubstummen, den Erwerbslosen, mit denen man drei Großstädte im Umfange Magdeburgs zum Beispiel bevölkern könnte. Auch nicht um Jugendwohlfahrt im allgemeinen soll es sich heute handeln, um die mehr als 18 000 Krüppelkinder, die Hortkinder, die Fürsorgezöglinge, die Mündel, von denen über 40 000 unehelich geboren wurden, und um die Pflegekinder.« – Selbst die ungeheure Menge der Kriegsbeschädigten, der Kriegshinterbliebenen, Witwen und Elternpaare wollte er hintenanstellen, heut an dem Tage, da ein ganzes Volk seine Gefallenen in Trauer ehrte. – »Aber die Waisen!« Dabei wurde seine stählerne Stimme bittend und frauenhaft mild. 4800 Halbwaisen und 3400 Vollwaisen lebten allein in dieser Stadt, zurückgelassen von Vätern, die auf den Schlachtfeldern, in der Gefangenschaft oder in den Lazaretten der Fremde und der Heimat ihr Leben ließen. – »Jugend,« sagte er, »Jugend wie Ihr! Bedenkt, was das heißt – vielfach noch jüngere Jugend.« Und es war, als ob er jeden einzelnen von ihnen ins Auge faßte und es ihm einhämmerte, was es bedeutete: ohne den Schutz und die wärmende Güte des Elternhauses jeder Versuchung ausgeliefert zu sein, jeder Überredung preisgegeben, heut, in dieser Stadt, junge Jugend zu sein. Und er 137 lüftete wieder einen Vorhang. Mit einem kurzen Blick dahinter sahen sie das Berlin der Ofener Straße, der Barfußstraße, der Glasgowerstraße. »Auch Ihr wurdet großgezogen mit den Nachrichten von Siegen oder verlorenen Schlachten,« fuhr er dann fort. »Manche unter Euch hatten den Vater im Felde. Als kleine Knirpse standet Ihr Schlange um einen halben Liter Milch, um ein paar Gramm Butter, ein Häufchen Zucker, und Ihr kanntet den Steckrübenwinter. Die Mutter ging vielfach auf Arbeit, denn der Verdiener war fort, und wenn sie nach Hause kam abends, war sie müde, und ihr Herz war schwer. Aber dennoch – die meisten von Euch –« er prüfte jedes einzelne Gesicht, »ich sehe es Euch an, nur wenige stammen von hier. Vielleicht ist es ein Wald, eine Wiese, ein blühender Apfelbaum, die freundliche Zusammengehörigkeit der Kleinstadt, die Beruhigung der Provinz, ein stiller Hof, ein schönes Bild an der Wand, die mit Euch durch die Kindertage gegangen sind. Eine Großmutter, die Märchen erzählte, eine reine, wehende Mullgardine, eine geschmückte Kirche und lichte Birken zu Pfingsten, ein Kreiselspiel auf der Straße, ein Schwalbenpaar unter einem Hausdach, ein kleiner Garten voll Farbe und Duft. Von all diesem mag irgendein Bild in Eurer Seele haften. Das brachtet Ihr mit nach Berlin. Und wiewohl es vergessen sein kann, das Bild, Wochen und Monate, wie auf dem Grunde eines Koffers versteckt, einmal kommt doch ein Sonntag, der ist 138 seltsam sehnsuchtsschwer. Und schließt Ihr den Koffer auf – dann steht das Bild da, klar und unverwischt. Ihr spürt wieder die Hand der Mutter, die sie zitternd auf Euren Kopf legte, wenn das Extrablatt an der Ecke beim Zigarrenhändler von einem Rückzug berichtete, von Beschießungen, von Gefangennahmen. Und Ihr spürt ihren leidenschaftlichen Kuß und das inbrünstige Umschlingen ihrer sanften Arme, wenn die Fahnen wehten oder wenn ein guter Brief aus dem Felde kam.« Sie sahen zu ihm auf, während er sprach. Und sahen wieder in ihren Schoß. Manche nickten. Mancher Augen wurden dunkel, und ein heißer Tropfen wurde hastig fortgenommen. Sie lächelten. Erinnerung überglühte sie, Glück, Leid; Leid, das aus einstigem Glück geboren war. – Auch Roselin lächelte. Ja, Jugend! Die ihre lag noch ferner. Welches Verdienst hatte sie, daß so hoher Glanz darüber sich deckte? »Und jetzt hier,« fuhr Dr. Reichmann fort. »Ihr habt Euch zusammengefunden wie auf einer stillen, umfriedeten Insel, in der Gefahr des bitteren und wilden Ozeans Großstadt. Verstehende Güte hat euch hierher gezogen. Wärme umfängt Euch, fest wie schützender Mantel. Kultur umgibt Euch mitten in der kulturlosen Wüste der Großstadt. Und über allem wurde Er vor Euch hingestellt und erhöht im Scheine seiner Kerzen – der große Opfernde, – der – heut wie damals – das Antlitz der Erde erneuern wird.« So sollten auch sie es 139 immer im Sinne haben, daß sie Keimzelle waren: verantwortlich jener Jugend, die neben ihnen lebte. Niemand breitete den Mantel der Güte um sie aus. Jeden Tag neu wurde sie aufgerufen, vornan zu stehen, Finger am Abschuß, das entzündete Auge starr auf den Feind, weil sonst der Feind, das heutige Wirtschaftsleben, erbarmungslos über sie hinweggehen würde. Sie durfte nicht wachsen, diese Jugend. Sie mußte fertig sein. Sie wurde hineingestellt mitten in die Dynamik des technischen Zeitalters. Unterernährt in jeder Beziehung. Ohne Reserve, weder körperliche noch geistige oder gar seelische. Unter hundert mochte es einem glücken, sich durchzubeißen. Vielleicht auch zweien. Aber ihr bestes Teil ging dennoch verloren.« Dr. Reichmann sprach noch eine Weile, hämmerte es ihnen ein, glühend, ihr Haben und ihr Soll. Roselin sah Dr. Reichmann an, dankbar, bereit, leuchtend. Und wie sie, schauten die andern auf ihn. Es bedeutete Gelöbnis. – – –   Unter der kleinen Schar saßen heut noch ein wenig befangen drei Neuankömmlinge. Ab und zu Besucher des Lesezimmers von Roselin, hatten sie von den Sonntagen gehört. Die eine, Studentin, sehr begabt, aus reichen, industriellen Kreisen – der Vater hatte eine Villa in Wannsee, – hieß Edith Hollmann. Sie steuerte ihr kleines tabakbraunes Auto sicher und tadellos durch den bunten 140 Wunderfrevel der Friedrichstraße. Halb aus Neugier, halb der Wissenschaft wegen war sie gekommen, nicht aus Drang. Zum erstenmal erfuhr sie, daß hinter der Freudensymphonie und den Stuckpalästen Berlins eine andere Stadt lag, dunkel, unerlöst, jener ein ewiger Vorwurf. Ihr schmales Gesicht über dem raffiniert einfachen Kleide war ernst geworden. Die kühle Stimme, die vier Dienstboten regierte, Gärtner, Chauffeur ungerechnet, verheimlichte einen rührend kindlichen Klang, als sie zu Roselin leise »Danke« sagte und »Darf ich wiederkommen?« Die beiden anderen waren verlobt miteinander. Er war Telegraphenbeamter, seine Braut von Beruf Photographin, beide lange stellungslos. Sie hatte kürzlich in einem Geschäft für Herrenartikel einen Verkäuferinnenposten angenommen. Sie mochte anfang zwanzig sein, sah auffallend gut aus, hatte schön gesetzte, dunkelgraue, aber kritische Augen, hieß mit dem Vornamen Karin und sprach das St wie Jürgen Jürgensen es zu sprechen pflegte. Roselin konnte mit ihrem Gefühl ihr gegenüber nicht ins klare kommen. Es war Anziehung und Abwehr zugleich. Aber wie es auch war, wer in ihre Gemeinschaft verlangte, sollte willkommen sein. – ›Und wer sich von uns verloren hat,‹ dachte sie jetzt sanft und ohne Schmerz, ›möchte er sich wieder zurückfinden. Gut war dieser Tag, gut!‹ – 141   Auch noch, als der Adventskranz die erste selige Strahlenhoffnung entzündet hatte, blieb Robert fern. Aber Roselin trug leichter daran und in gläubiger Zuversicht. Sie hatte vor ein paar Tagen mit Dr. Reichmann und Lore einen Vortrag besucht, zu dem eine russische Vereinigung sie geladen hatte. Nicht Flüchtlinge aus dem zaristischen Rußland. Der Sowjetstern herrschte laut und blutrot über dem Rednerpult, und der Büste Lenins wurde kultische Ehrfurcht erwiesen. ›Die Menschheit kann nicht leben, ohne anbetend zu verehren,‹ dachte Roselin. ›Die großen Umwege führen zu Gott.‹ In diesem Augenblick schien es ihr, die seitlich saß, als tauche ein Gesicht auf in der letzten Reihe der Zuhörer. Sich fortnehmend wie Traum. Ein Gesicht, das ihr lieb war. Robert? – Sie war erschrocken froh. Aber schon waren die vertrauten Züge wieder ausgelöscht. Sie mochte sich getäuscht haben. Ihre Augen und ihre Gedanken zwangen sich zurück zum Rednerpult. ›Der Sowjetstern mag neue Botschaft bringen,‹ dachte sie. ›Aber allzuviel Erde hängt an den Schuhen seiner Nachfolger. Ihre Hände malten mit Blut seine Farbe. Er wird verglimmen wie ein Komet. Seine Spur wird Asche sein und Tränen und Fluch. Aber der Bethlehemstern leuchtet jetzt an die zwei Jahrtausende! – – – 142 Der Bethlehemstern zog tröstlicher Verheißung vor Roselin her durch die Tage des Jahres, in denen alles auswendige Licht sich verhält, um des verborgenen Glanzes willen. Roselin fing an, mit Lore in spärlichen Stunden vor Mitternacht Goldpapier auf Pappe zu kleben und Sterne zu schneiden. Sie hatte oft darüber nachgedacht, sollte sie ihrer Schar bescheren irgendwie? Kleinigkeiten waren natürlich nur möglich. Aber waren Gaben, Geschenke überhaupt, die wirkliche Feier dieses Tages? Irgend etwas schien dagegen. Roselin konnte nicht mit sich darüber ins klare kommen. In einer Nacht, als sie wieder überlegte, sah sie plötzlich Roberts Gesicht wie eine Vision. Sie hatte die Gedanken an ihn immer fortgewiesen. Aber nun stand er da unter dem Sowjetstern und sah sie vorwurfsvoll an. Hatte sie etwas an ihm versäumt? Verkehrt gemacht? Immer wacher wurde sie. Schließlich litt es sie nicht länger im Bett. Sie stand auf. Flausch übergeworfen, auf weichen Schuhen fing sie an, lautlos hin und her zu gehen. Sie konnte die alte Exzellenz Randorff nicht gestört haben. Aber plötzlich hörte Roselin ein leises Klopfen an der Wand, die ihre beiden Schlafzimmer trennte. »Mein Gott, Tantchen!« Roselin erschrak. Noch nie war sie von der alten Dame in der Nacht gerufen worden. War etwas geschehen? Sie schob den 143 Riegel der Verbindungstür zurück. Eine Wolke Baldrian, Kölnisch Wasser, Eukalyptus und der müde Altershauch einer nahe Siebzigjährigen quoll ihr entgegen. »Roselin, Kind!« Die alte Dame in weißer Wolle, fast bis über die Nase, saß, mit vielen Kissen gestützt, aufrecht im Bett, ihre kleine Bibel in den Händen, wie immer des Lanolins wegen bekleidet mit alten weißen Gesellschaftsglacés. »Ist dir schlecht, Tantchen? Kann ich dir etwas helfen?« Die alte Dame schüttelte den Kopf. Sah zwinkernd aus kleinen vertränten Augen Roselin an. »Ich hab schon Nervacit genommen. Eine von den Wundermedizinen, die Freda Bülow so glänzend geholfen haben. Mir nutzt es nicht. Es liegt tiefer.« Die alte Dame seufzte. »Du sorgst dich um Marie Theres, Tantchen?« Roselin strich mitleidsvoll und vorsichtig über das welke und eingekremte Gesicht. »Gewiß kommt morgen ein Brief. Mutterchen sagte immer: wenn jemand nicht schreibt, geht es ihm gut.« »Was das anlangt,« die Exzellenz schüttelte den Kopf. »Nein, Marie Theres ist anders. Da ist etwas nicht in Ordnung. Irgend etwas wird mir verheimlicht. Und wenn man dann so wach liegt, Nacht für Nacht, wie hielte man's denn aus, wenn man nicht seinen Glauben hätte! Hier zum Beispiel – ›Und der Herr ließ eine feurige Wolke . . .‹ Siehst du – die Israel beschützen wird vor den Ägyptern. Grade so. – Aber Marie Theres! 144 So ein kleiner Nachkömmling. Kaum viereinhalb Pfund. Konnte nur in Watte leben. – Nach dreizehn Jahren noch einmal ein Kind! Man genierte sich fast. Erik war schon Anfang zwanzig. Du kanntest Erik doch noch? Er und Lola und die andern tanzten bei Euch. Und Marie Theres immer das Prinzeßchen. So wundersüß anzusehen. Über jede Pfütze gehoben von den Eltern, von den Geschwistern. Und nun ist sie auf und davon, und nichts weiß man von ihr. Und wenn sie wiederkommt – sie wird ja wiederkommen, – aber wirklich etwas von ihr wissen werde ich trotzdem niemals. Ich glaube, seit ihrem sechsten Lebensjahre habe ich nichts von meiner Kleinsten gewußt. Und das tut weh!« Die Stimme der Exzellenz verschleierte sich. Sie mußte husten. Sie suchte etwas. Roselin fand das Taschentuch unter dem Kopfkissen. Sie ergriff die dünne, schmale, behandschuhte Hand, hielt sie zwischen ihren Händen. ›Was weiß man überhaupt vom andern?‹ dachte sie schmerzhaft. ›Wenn auch zwischen der Jugend von heute und den Eltern die Mauer dicker und höher ist als früher. Aber überhaupt die Mauer zwischen Mensch und Mensch! Wird sie je einstürzen? Dachte ich nicht, Robert sei mir so nah? Er hatte mich eingelassen durch seine siebenfachen Tore. Aber wo bin ich nun? Draußen stehe ich wie zuvor.‹ Wie sie noch grübelte und behutsam die Hand der Exzellenz, vielmehr ihren Handschuh streichelte – 145 »Was mich jetzt eben so geplagt hat, daß ich dir klopfen mußte, mein Kind,« sagte die alte Dame, – »ich meinte nicht Marie Theres jetzt eben, ich sorgte um dich! Mir scheint, mit allen deinen vielen jungen Leuten bist du nicht vorsichtig genug. Weißt du denn, welcher Konfession sie angehören? Und ob es nicht überhaupt ganz unsittliche Menschen sind, die du in deine Wohnung nimmst, und denen du Gutes tust? Hier in diesen Zimmern, wo es immer ganz sauber zugegangen ist. Wenn du ihnen schon hilfst, ich fände, du müßtest wenigstens verlangen, daß sie sonntags in die Kirche gehen und einmal im Jahr zum heiligen Abendmahl.« »Ach Tantchen,« sagte Roselin – »Jesus hat doch auch nicht gefragt,« Roselin fühlte eine Blutwelle in ihre Wangen steigen, »ob jemand unsittlich ist oder nicht, wenn er zu ihm kam und in Not war. Du weißt doch, von ihm sagten die Pharisäer, er geht in das Haus der Sünder und ißt mit ihnen. Und er war doch der Reine und Untadelige. Was für ein Recht hätte denn unsereins?« »Ja, Jesus!« sagte Exzellenz Randorff. Und wußte nicht weiter und schwieg. – »Ja, siehst du mal!« Roselin lachte. Und wurde gleich wieder ernst. »Und wie dürfte dann ich Bedingungen stellen für ein wenig Liebe?« – sagte sie leise. Tränen traten ihr in die Augen. – Sie fiel der alten Exzellenz um den Hals, trotz Elida-Zitronen-Nachtkreme. »Schlaf gut,« sagte sie, »sorg' dich nicht. Wir müssen alle unseren Weg 146 gehen. Es wird keinem etwas erspart. Auch mir nicht. Auch nicht Marie Theres. Und manchmal müssen wir Umwege gehen und verkehrt machen. Nicht wahr, Tantchen? Und dann immer wieder frisch anfangen!« Als sie in ihr Zimmer kam, fiel sie in ihr Bett vor Müdigkeit. Aber als sie lag, wurde sie wieder hellwach: »Wir legen zusammen Weihnachten!« Roselin setzte sich plötzlich auf und drehte wieder das Licht an. Sie sah froh aus. »Wir sparen alle in eine Kasse. Jeder gibt soviel oder sowenig er kann.« Und die Summe wollten sie dann zu Heiligabend in irgendein Asyl tragen, zu denen, die gar keine Heimat haben und niemanden, der sie beschenken könnte. In die »Palme« zum Beispiel, in der Fröbelstraße, von der Robert ihr schon öfter erzählte. Er hatte früher dort auch ein paarmal genächtigt. Mit dem Namen Robert wollte wieder der Kummer über sie herstürzen. Aber sie ließ es nicht zu. Irgendeine Zuversicht sagte ihr, Robert würde wiederkommen. Vielleicht schon zu Heiligabend. Und dann durften sich keine Äußerlichkeiten vor das ganz große Licht stellen. Auch nicht die lieblichsten. Nur eine Tanne wollten sie haben. Ja. – Die schönste, die es gab. Sie sollte flammen von oben bis unten. Und ihre alte Kinderkrippe. Und das tanzende Engelspiel und den Stern. Das würde den Himmel aufreißen. Das öffnete das Tor zum Mysterium, das die Geschenke verbauten. Und plötzlich stand Rom vor ihr, die Schauer der Katakomben, das heilige Zeichen des Fisches, der 147 blutgetränkte Boden des Kolosseums, über dem es noch immer wehte wie Psalmen und Engelsfittiche. Sie zündete wieder ihre Kerze an vor dem Marmorbild der heiligen Cäcilia mit dem dreifachen beperlten Märtyrerreif des Henkers um den zarten Hals. Und nun stand Roselin zum zweitenmal auf in dieser Nacht. Ging hin zu ihrem Schreibtisch, merkte nicht, daß ihr Körper kühl wurde, denn ihre ganze Seele glühte, als die Füllfeder, des öfteren klecksend, da wie immer nicht ganz in Ordnung, aber sonst willfährig und weich, über das Papier jagte. Es wurde ein Hirtenspiel. Aber mitten im Schreiben hielt Roselin plötzlich inne. Die Gestalten verschoben sich ihr? Sie hatte Robert als einen der Hirten gesehen, dachte plötzlich: ›Nein, er ist zu wach! Er gehört unter die Magier! Das sind die Intellektuellen von damals.‹ – Sie stützte Stirn in Hand, sah ihn plötzlich, schlank, gebräunt bis zur Schwärze, denn immer erscheint der Mohr als der jüngste unter den drei Weisen. Sie lächelte, ließ ihn kluge Worte sagen. Väterchens Vorliebe für Astrologie kam ihr zu Hilfe. Das Erbteil seiner mathematischen Begabung? allerdings! – – Oh – weh – – Roselin mußte lachen. Sie biß in den Füllfederhalter, eine Unart, die sie seit dem Bleistift ihrer Kinderjahre nicht abgelegt hatte, und hörte plötzlich Robert, wie er das Geheimnis des Herbstes deutete. ›Du lieber Gott, nein,‹ rief Roselin glücklich. Sehr gut kann ich ihn mir vorstellen, die 148 sternüberfunkelten Nächte hindurch mit seinen Schafen ganz allein auf Morija oder Garizim, oder wie sie heißen mögen, die heiligen Berge. Und der Tau steht auf den roten Thymianpolstern und auf dem Silbergrau des Wermuts. Die Schafe drängen sich aneinander, selbst der ewig erregte Spitz schläft einmal, und der junge Hirte denkt, er ist der einzige Mensch auf der ganzen Welt. Da wird etwas in ihm so schmerzhaft groß, daß es ihn fast zerbricht, und die Sehnsucht über sich selber hinaus hängt sich an den Nachthimmel, und plötzlich erblickt er ihn wieder, den Stern. Und nun weiß er, irgendwo hat sich ein Ungeheures ereignet. Ein Wunder ist geschehen. Dieses stumme Funkeln dort oben hat ihn schon lange entsetzt mit seinem Rätsel. Aber jetzt eben ist es herniedergestiegen, ist offenbar geworden, Erfüllung geworden, Gestalt mit glühendem Herzen. Und dann geht er den Weg, den dieses übermenschliche Licht weist – läuft, eilt und findet die Jungfrau. Erschütternd schmal und unirdisch, wie sie neulich in der Byzantinischen Ausstellung an der Prinz-Albrechtstraße vor Roselin und ihrer Schar gestanden hatte. Und sie hält das Kindlein. – »Ach,« sagte Roselin glücklich. Und wieder fing der mißhandelte Federhalter aus Gummi an zu jagen und leichte Spritzer zu machen: ›Ich kenne ihn doch, ich kenne ihn doch, meinen Bert. Ich weiß, wie heftig er sich sträuben wird zuerst. Aber es ist mir doch sehr lieb, daß ich keinen Mohren aus ihm machen muß. Ich sehe ihn schon knien unter seinem Schafpelz.‹ 149   Lore ging jede Woche zweimal abends zu der kranken Lilli, die auf sie wartete wie auf ihren Heiland. Sie brachte immer eine kleine Überraschung für sie mit, eine Blume, eines der drolligen Spielzeuge, die rachitische Kinder, verhärmte und unterernährte Frauen im Erzgebirge, auf dem Thüringer Walde oder im sächsischen Bergland geschnitzt, geklebt oder bemalt hatten. Und wie sie an den Bürgersteigen der Friedrichstraße am Potsdamer Platz, am Alex, am Rosenthaler Platz, für ein paar Groschen zu haben waren. Jetzt wenigstens freuten sie ein armes, blasses, junges Ding, das keinen Augenblick seine Hände, seinen Hals und die Muskeln um Mund und Augen ruhig halten konnte. »Ach Jott, Fräulein Lore,« sagte die Mutter in dem dunklen, engen, nach Gas, Kohl, Heringen und Margarine riechenden Korridor, »is man jut, daß Sie zweimal in die Woche kommen! Sie werden doch nicht wegbleiben eines schönen Tages?« Sie faßte nach Lores Arm mit beiden Händen. Die zitterten, ebenso wie ihre Füße mit den dicken Krampfadern. Das kam vom Plätten. Von dem schweren Bügeleisen und vom Stehen. »Sie werden nicht wegbleiben, Fräulein Lore?« Ihre Stimme bat ängstlich und dringend. »Zweimal in 150 die Woche wenigstens kann ich Lillin die Nacht ruhig alleine lassen. Zweimal schläft sie wie'n Engelchen. Und was sie dann jeträumt hat jedesmal! Man könnte rein im Traumbuch nachschlagen. Früher hab ick doch 'n Traumbuch jehabt!?« Sie entsann sich plötzlich, wurde böse. »Det muß mir det möblierte Fräulein vor Ihnen haben mitjehen heißen. So'n Luder!« Und als Lore, weitere Vertraulichkeiten dieser Art nicht für notwendig erachtend, nach dem Türgriff faßte: »Grüßen Sie Lilli, Frau Gieseke.« – »Wat ick bloß noch sagen wollte,« – hörte sie noch auf halber Treppe. »Wie sie det erste Mannsbild hier herauf jebracht hat – Wand an Wand mit Lillin – nee, sagt ick – Schluß. – Nu, aber raus.« – Das »Raus« verschlang bereits das Einschnappen der Haustür. Als Lore auf die Straße trat, wie immer aus diesem Hause mit dem gleichen Doppelgefühl des Ekels und des Mitleids, ging im leisen Tropfen des Novemberregens ein junger Mensch eigentümlich zögernd auf und ab. Als Lore eilig die Straße überquerte, machte er plötzlich kehrt und folgte ihr. ›Widerwärtig,‹ dachte Lore. Es war ihr zuweilen geschehen, wenn sie um diese Zeit allein ging, daß ein Paar Männeraugen ihr zudringlich unter die Hutkrempe sahen oder jemand sie anredete. Das war nun nicht zu ändern. In bestimmten Gegenden war man dem ausgesetzt. Nicht nur hier im Osten Berlins. Du liebe Zeit, nein. Erst gestern, als sie ziemlich spät noch eine 151 Arbeit in die Königgrätzer Straße tragen mußte, am Kaffee Vaterland vorbei, die Köthener Straße hinauf – das war eine ganz böse Ecke. – Lore ging schnell, Hände in den Taschen. Sie sah die Straße hinunter in die Nebelkränze, die Laternen umgeisternd. Sie dachte nicht mehr an den jungen Menschen von vorhin. »Mein Gott, Lore! Ich wollte normal gehen, daß ich Sie nicht erschrecke! Aber bei Ihrem Tempo!« »Robert!« Lore blieb stehen. »Nein, Bert! Sind Sie's wahrhaftig?« »Von oben bis unten,« sagte Robert, »allerdings 'n bißken ramponiert is det Aas!« Lore sah ihn an: die ziemlich schiefsitzende Melone, den fleckigen Überzieher und die Stiefel, als käme er aus einer aufgeweichten Ackerfurche. Als er ihr näher trat, Hände in den Taschen, flimmernder Augen: »Pfui, Bert,« sagte Lore. »Sie haben getrunken. Wo Sie herkommen, das frage ich nun schon gar nicht mehr. Aber wenn Sie noch weiter zu mir sprechen wollen, dann müssen Sie schon so sprechen, wie wir es von Ihnen gewöhnt waren bei –« und hart und entschieden fügte sie hinzu: »bei Baronesse Roselin!« Roberts Augen wurden unsicher. Er versuchte eine elegante und unbekümmerte Haltung einzunehmen, legte den Kopf auf die linke Schulter. Sein Mund verzog sich höhnend: »Aha,« sagte er. »Feudal angesteckt! Freifrauliche Aufmachung! 152 Famos! Hingegen die natürliche Redeweise des Volkes – –« – er wiegte sich in den Hüften. »Blödsinn,« sagte Lore. »Spielen Sie doch kein Theater, Bert. Wenn ich Ihnen nicht ansähe, daß Sie ganz drunter durch sind, wäre ich schon längst drüben an meiner Haltestelle. Da geht eben die 167. Schämen Sie sich gar nicht, Robert? Denken Sie nicht, was Sie der Dom'na – –« – Lore verschluckte immer gern das i und die andern hatten es von ihr übernommen, –»was Sie ihr antun? Haben Sie alle die Wochen kein einzigesmal daran gedacht?« Robert lachte. Kein schönes Lachen. »Jetzt kommen Sie!« Lore faßte ihn einfach am Ellenbogen. »So geht das nicht weiter. Hier um die Ecke Brunnenstraße, da ist ein kleines solides Kaffee.« Sie ging entschlossen voran, Robert folgte ihr, Kopf gesenkt. Sie sagten nichts, bis sie auf einem der abgenutzten roten Plüschsofas mit Berg und Tal wegen der zersprungenen Federn, vor dem Marmortischchen in einer Ecke saßen. Die Räume waren noch leer. Ein paar solide Bürger pafften Zigarren sehr mittlerer Sorte. Ihre Frauen aßen Schokoladentorte oder Punschtorte. »Na, also,« sagte Lore. Sie hatte zwei Kaffee bestellt. Robert stürzte seine Tasse hinunter. Er rieb sich heftig den Mund mit einem nicht ganz einwandfreien Taschentuch. Er nahm den Kaffee, wie Lore ihn gemeint hatte, als Reinigungskur. Der abscheuliche Alkoholgeruch belästigte sie nicht mehr. 153 »Entschuldigen Sie, Lore,« sagte Robert. Seine schönen altmeisterlichen Finger verkrochen sich in der Handfläche. Seine Nägel waren unsauber. Er wollte reden und konnte nicht. »Also erst mal von vorne an.« Lores Stimme war jetzt mütterlich gut. »Wo stecken Sie eigentlich? Wo arbeiten Sie? Arbeiten Sie überhaupt?« Robert holte tief Atem. Ja, so ging es. So ganz einfach befragt: Wo bist du? Was machst du? Nichts Hohes erwartend. Nur ruhig hinnehmend und geduldig, vielleicht sogar barmherzig und mittragend. »Ich bin bei der A. E.-G.« Er räusperte sich. »Die Zentralverwaltung ist am Friedrich-Karl-Ufer. Es ist eine ungeheure Sache. Ich weiß nicht, ob Sie Bescheid wissen, Lore. Es gibt ungezählte Abteilungen: Beleuchtungskörper, Transformatoren, das Kabelwerk, die Metallwerke Oberspree, alles gehört dazu. Übrigens ganz nahe bei, hier in der Brunnenstraße, ist auch eine Abteilung. Ich bin in Treptow. In der Fabrik für Apparate.« »Gott sei Dank!« Lores Gesicht wurde heller. »Wir haben uns nämlich ziemlich gequält damit, daß Sie wieder einmal ›getürmt‹ hätten, Robert.« Ihr reizender Mund, wie ein Herz, bekam im Lachen ein paar Grübchen in den Winkeln. Auch Robert lachte. Herzlich und mit tiefem Atem. »Türmen, Lore! Gott sei Dank! Sehen Sie, manchmal – manchmal kann es einen zur Raserei bringen, wenn man so ein gutes, tüchtiges Wort, weil es eben in 154 bestimmter Umgebung nicht richtig erscheint, herunterschlucken muß. Es macht mir direkt Magenbeschwerden dann. Ich versichere Sie.« Lore lächelte noch, aber ihre Augen sahen wieder ernst und fordernd mitten in die seinen. »Sie haben also ordentliche Arbeit und ordentlichen Verdienst, Robert?« »Seit drei Tagen, Lore. – Seit drei Tagen.« Er kniff die Augen zusammen, wartete, was sie sagen würde. Sie zeigte keine besondere Überraschung. »Und die drei Wochen vorher?« »Sie wissen es ja, Lore,« sagte er. »Getippelt, richtig getippelt. Es ging doch nicht anders. Und begründen läßt sich so etwas auch nicht. Da kann nur ein guter Mensch still dabeistehen, Lore. Wenn er wartet und Geduld hat und Güte genug – –« Sie sah ihn an. Sie wollte sagen: ›Unsere Dom'na.‹ – Aber sie hielt dann doch den Namen zurück. – ›Güte?‹ dachte sie. ›O unendliche! – Aber Geduld?‹ – Sie schien sich selber etwas zu fragen, lächelte – schüttelte leise den Kopf. ›Sie hat viel zu viel Temperament,‹ dachte sie. ›Sie ist zu genial.‹ Ihr Lächeln wurde zarter. – Ja, wenn einer so mittelbegabt war wie die Lore Bergmann – – Und da irgend etwas um Roselin sie schmerzen wollte, sie hätte nicht sagen können, was und warum: ›Mein Gott, die Geduld, die kann ich ja haben,‹ dachte sie plötzlich froh. Ihr schien, 155 als habe mit dem letzten Gedanken die Angelegenheit ein sehr ermutigendes Aussehen erhalten. – »Nun, Robert?« Ihre Stimme hatte wieder das Mütterliche. »Wenn man so Wochen und Wochen inwendig immer im Sonntagsanzug hat gehen müssen – piekfeine Wäsche, rasiert, Lore – du kannst dir's nicht vorstellen« – er merkte gar nicht, daß er sie plötzlich mit du anredete –, »wie das ist, wenn du mal ausbrichst. Rein äußerlich zuerst: nicht mehr am Tage die elend feinen Metallrädchen zwischen den Fingern und abends nicht mehr die fremden Sprachen,« sagte er heftig. »Die gediegene Lektüre nicht mehr, die klugen Reden, die gehobenen Anschauungen. Das feine Porzellan, die verschlissenen aber doch echten Teppiche – –« Jemand warf einen Groschen in das Grammophon. »Die Liebe von Zigeunern stammt . . .« Eine schöne Stimme, durch den abgenutzten Kasten übel zugerichtet, schmetterte die Arie aus Carmen in den dunstiger werdenden Raum. Roberts Stirn wurde finster: »Die Gesetze ihrer Seele sind doch von ungezählten Ahnenreihen für sie erfahren und festgelegt worden,« sagte Robert langsam. »Das darf man nicht vergessen.« Der Kellner strich um ihren Tisch, sah tadelnd auf ihre geleerten Tassen. »Nimm eine Punschtorte, Lore,« sagte Robert heftig. Seine Finger zitterten. »Er macht mich nervös, der lange Mensch mit seiner schmutzigen Serviette.« 156 Lore lachte hell heraus. »So empfindlich, Robbi?« – Sie bestellte. Als sie wieder Ruhe hatten: »Das ist doch nicht die Hauptsache.« Roberts Gesicht verschattete sich noch tiefer. Plötzlich wurde er rot bis unter die Stirnhaare: »Natürlich kommt man sich vor wie ein Vieh. Mein Gott, dieses beinahe unwirklich Saubere! – Du kommst dir schon so vor, wenn du zum Beispiel nur denken könntest: Dieses Wesen da ist eine richtige Frau wie alle anderen gemacht! Aber sie sitzt mit dir auf demselben dünnbeinigen vergoldeten Sofachen. Sitzt wie mit ihresgleichen. Streicht dir mal sogar über die Hand – ist überhaupt – so, ja – so –, wie es dir nicht zukommt in deiner ganzen – Erdhaftigkeit. Und vor allem – und das ist das Allerscheußlichste –, weil es einen eigentlich so unwahrscheinlich und wahnsinnig glücklich macht,« – er überlegte. – »Ja, glücklich macht! Nämlich dieses Wesen da – hauchdünn wie Porzellan und ebenso schneeweiß und zerbrechlich, dieses Wesen kennt dich, kennt dich, dich, Robert Stemmler! bis in deine letzte Herzfaser. Und die ist nicht fein und sauber. Und trotzdem glaubt es an dich. Und erwartet von dir, Lore! – Erwartet! – Ich meine – fordert! – Fordert eine ferne, unerhörte Leistung!« – Roberts Hand ballte sich. Seine Gesichtsmuskeln, die fortwährend gearbeitet und sich verändert hatten, wurden plötzlich wie aus Zement, hart, die Haut eigentümlich grau. Seine Augen funkelten. 157 »Ja, siehst du, Lore,« – er umspannte seine eigne Hand mit der anderen, als ob er sich daran festhielte. »Das geht nicht, daß ein Mensch, und gerade dieser Mensch, dich so kennen soll, dich besser kennt als du selber. Das hält man nicht aus. Und wenn der Mensch noch gar das ausspricht, an dem du immer ganz scheu und wie hinterm Vorhang herumgetastet hast – ich weiß nicht, Lore« – er legte den abgenutzten Talmilöffel hart in die Untertasse – »ich bin wahrscheinlich ein ganz großer Dämlack und eine undankbare Kanaille obendrein –, aber das Aussprechen von gewissen Dingen – –« Seine Lippen schoben sich von den Zähnen, er stieß den Atem. Seine Stirn wurde feucht. »Zuerst – nein – aber es gab doch den Ausschlag,« sagte er nach einer Weile traurig. Das Grammophon, das eine Weile wieder geschwiegen hatte, quälte seine heisere Stimme, durch einen Groschen ermutigt, zu einem Walzer aus der Lustigen Witwe. Das Lokal hatte sich gefüllt, die Kinos am Rosenthaler Platz waren aus. Zwei Mädchen, stark gemalt nach der letzten Mode, eleganter Pelz, kurze, seidene Röcke, setzten sich, Beine übergeschlagen, an den Nachbartisch von Lore und Robert. Der Kellner trat zu der schwammig blassen Frau hinter dem Büfett, Besitzerin der Konditorei. Sie sah scharf zu den Mädchen hin, zog den linken Mundwinkel herunter, nickte zum Kellner. Er ging an den Tisch, sagte leise etwas. Eins der Mädchen 158 lachte, die andere fingerte an ihrem silbernen Handtäschchen. Sie wollten noch etwas erwidern, standen dann aber auf, gingen wiegend zur Tür. Verschiedene der Gäste, tüchtige Familienväter, die den bewußten Tisch des öfteren interessiert gemustert hatten, nickten jetzt belobigend und betont. Dies war ein solides Lokal. – Und – Mutter war doch mit! – Lore hatte nichts von allem bemerkt. Robert murmelte etwas. – »Wie?« fragte Lore. – »Ach, weiter nichts,« sagte Robert. »Bloß, sie frieren halt auch.« Und schnell, ehe Lore weiterfragen konnte: »Weißt du, zuerst denkt man natürlich bloß: Tippeln, tippeln, bis zum Umsinken und dann in einen Straßengraben fallen und auf die Autos schimpfen, wenn sie dich mit Kot bespritzen. Aber nach und nach – – »Ich war ganz verrückt gerannt. Mir scheint im Kreise. Genthin – –« Lore hob schnell den Kopf. Er errötete. – »Ich dachte, es wäre nett, wenn ich einmal wüßte, wo deine Kinderschuhe gelaufen sind, Lore.« Ihre Augen wurden klar. Sie sagte nichts. »Es ist weites, breites Land,« sagte Robert. »Unendlicher Horizont. Und die Fröhlichkeit der weißen Birkenstämme vor den Fichtenwäldern. Selbst in dieser Zeit ganz gelassene Heiterkeit über der Gegend. Und drüben die Elbe. Ich bin durch die Dörfer am Plauenschen Kanal entlang getippelt. Noch immer zogen Holzfähren auf dem Wasser. 159 Mit der kleinen Hütte und dem bellenden Spitz. Und sie trockneten Wäsche, als ob Sommer sei – – Dann ging ich im Wald, Hochwald und dann wieder Lichtungen mit grauem Moos und ein paar kleinen Kieferkusseln. Man ging wie auf lauter Sitzen zweiter Klasse.« Er lachte. »Ich kenn sie nur vom Reingucken, aber sie federn gewiß gut, und sie sind mit einem milden grauen Manchester überzogen, nicht? Dieses Grau, vielleicht ein klein wenig kühler, hatte das Moos. Und die Birken standen so still, als ob sie das Wort Wind noch nie in ihrem Leben gehört hätten, und die Sonne brütete. Da lag man manchmal stundenlang und sah die Lerchen hoch über sich und dachte: Hier ging die Lore so gern als kleines Mädchen mit der Großmutter. Es war keine Enge, es war nur Stille, die wohltat. Man drückte sich mit diesem grauen Moos ganz tief an die Erde und fühlte, wie man in sie einging. Wie Same, wie Wurzel, zum Ruhen, das Wachstum werden konnte, Zukunft, Entfaltung. Ich kann es dir nicht beschreiben, Lore.« Er schwieg versonnen, lächelte. Auch Lore lächelte, schwieg. »Lore, da ist aber noch etwas.« Robert öffnete plötzlich die Augen weit. »Ich möchte es einmal sagen, und dann kommt es mir so schmählich vor. Soll ich lieber nicht?« Lore zerbröckelte den Rest ihrer Punschtorte. »Wenn es dich hinterher reuen könnte, Robbi?« Sie sah ihn an. Sein Ausdruck war hilflos. 160 »Ich glaube, es ist schon besser, du sprichst dich aus,« sagte sie entschlossen. »Was es auch ist.« »Es ist aber die Dom'na,« Roberts Stimme war verlegen, schmerzlich und trotzig in einem. »Ich wußte es schon,« entgegnete Lore seelenruhig. »Siehst du,« sagte er. »Immer weißt du schon. Das tut so gut. Aber es geht nicht so schnell, wie du denkst. Ich muß dir noch von Tangermünde erzählen. Überhaupt, langweile ich dich nicht?« Sie schüttelte den Kopf, tippte mit ihrem Langfinger ein paarmal auf seinen luftbraunen Handrücken. »Dummer, kleiner Junge.« Eine Welle billigen Parfüms schlug schwer durch die Tür. Parfüm, nicht auf ein Taschentuch getropft, das am nächsten Tag oder schon nach ein paar Stunden durch ein neues, feines, sauberes ersetzt wird. Parfüm, auf Kleider gegossen, wo es haften soll – denn man hat es bezahlt –, auf Wäsche dicht unterm Halsausschnitt, auf Haut. Roberts Nasenflügel blähten sich. Er stieß den Atem heftig heraus. Seine Stirn zog sich zusammen. Lore lachte. »Du komischer Mensch! Du bist ein einziger Künstlernerv. Gestern hast du vielleicht noch mit ein paar Fährknechten in Tangermünde unten am Roßtor in derselben Kammer genächtigt. Heute macht dir dieser künstliche Blumengarten mit Menschheit vermischt, übel und elend. »Ach,« sagte sie, »ihr seid große Kinder. Ihr! Komm! Wir können auch im Gehen weiterplaudern.« 161 »Du verstehst alles,« bewunderte Robert. »Vor allen Dingen, man braucht sich bei dir nicht zu schämen.« »Oho – –« »Du weißt ja!« begütigte er hastig. »Du weißt schon.« Sie zahlten beide ihr Teil. Anders tat es Robert nicht. Dann gingen sie. Draußen die Nebelkränze um die Laternen hatten sich in sanften, weichen Niederfall aufgelöst. Lore weigerte sich, ihren Schirm aufzuspannen: »Man geht wie auf Samt. Was macht das bißchen Nässe. Und Tangermünde? Was hat es mit der Dom'na zu tun?« »Ja, so.« Robert faßte nicht gleich wieder den Faden. Aber nachdem er in Lores Kinderheimat gewesen, hatte doch plötzlich die kleine Stadt an der Dosse so deutlich und rufend vor ihm gestanden. Und Sehnsucht nach den Gärten hinter dem Wall. Aber auf dem Wege dorthin lag Tangermünde. »Ja, siehst du, da baut es sich nun auf, drüben, jenseits der Elbe.« Robert wußte plötzlich wieder. »Mit Türmen und Toren, mit einer Burg und einem ungeheuren Domdach. Ein Stück Mittelalter liegt drüben. Und noch dazu ist es Spätnachmittag. Und eine Jahreszeit, wo die Himmel brennen. Die Burg auf der Höhe zwischen den Kastanienwipfeln, der Stephansdom mitten in der Stadt. Wie ein Gebirge, sage ich dir, mit dem ungeheuren steilen Dach. Und dann wieder auch wie eine gute Mutter über alle die gegiebelten Häuser zu seinen Füßen. – 162 Wirst du's glauben, Lore? Ich bin in den Dom 'reingegangen. Die Türen standen so einladend offen.« Robert lachte verlegen. »Du wirst mich nicht mißverstehen. Selbstverständlich nehme ich dies alles nur als Symbol. Aber Symbole sind etwas Schönes. Denn was hilft's, wenn wir's auch noch so weit gebracht haben, bis jetzt ist noch kein Luftschiff gebaut worden: letzte Endstation, das Unerforschliche. Immer wieder stößt man sich kaputt an den letzten Dingen. Müssen wir auch fahren? Lore?« Sie hatten eben den Leipziger Platz überquert. Lore schüttelte den Kopf, Robert faßte dankbar nach ihrer warmen Hand. Sie ließ sie ihm ein paar Augenblicke. Roberts Stimme kam in dem starken Geschiebe des Menschenstroms wieder ruhig, als gingen sie beide allein im Walde spazieren. »Wie soll ich dir's eigentlich erklären? Also – also ich saß im Dom. Der Kantor übte grade mit seinem Chor. Irgendeine alte Motette. Vor einem der Seitenaltäre brannten hohe, schlanke Kerzen, auf einen Dorn gesteckt. Hier und da kam jemand, kniete, oder auch bloß so eben hin, um – ja – vielleicht, um von einer kleinen Welle Ewigkeit sich schnell einmal überspülen zu lassen. Und der brennende Abendschein durch das Rubinrot, und den Saphir und die Smaragde der schmalen, hohen Fenster – – Lore, siehst du, jetzt bin ich so ungefähr da, wo ich immerfort hinzielte: so eine Zeit gab's mal – bedenke doch! Wo solche Kaiserburgen gebaut wurden! 163 Und solche Kathedralen. Da war Gemeinschaft! Da war der einzige große Wille lebendig, der in die Höhe trug, weil man sich ihm freiwillig unterwarf. Und das ist alles untergegangen. – Vorbei. Und weil es aufhören konnte, war wohl irgend etwas nicht mehr lebendig. Tod bereitet sich doch vor in einem Organismus. Aber die Menschen brauchen immer so etwas Ähnliches.« – Seine Stimme trotzte. »Wir brauchen freiwillige Unterwerfung und Aufstrom. Weil das fehlt, das ist unser graues Elend heute. Du mußt mich hinter den Worten verstehen, Lore. Ich meine, das Mittelalter, das trug den Menschen hinauf. Wie die Engel auf Bildern, wenn sie einfach schweben auf ihren ausgebreiteten Flügeln. Das Element der Luft ist ihre feste Erde. Aber das« – er keuchte und redete leise – »das – was zu mir von der Dom'na kommt, ist anders. Ich werde nicht getragen auf die höhere Ebene, etwas reißt mich hinauf, peitscht mich. – Lore, ich will nicht mehr!« Sie waren in die ruhigere Straße eingebogen. Robert hatte Lore beim Ellenbogen gefaßt. Er preßte ihn. »Aber, Robbi,« staunte Lore. »Was bist du für ein Mensch. Die Dom'na! Eine Frau, die dir aus liebendem und verstehendem Herzen alles Beste antun möchte!« Und als er, ohne Antwort, Kopf gesenkt, mit langen, schlurfenden Schritten neben ihr ging: »Du bist wahrhaftig ein ganz großes Kind. Wenn ich nämlich nicht ebenso fest wie die Dom'na an deine Künstlerschaft glaubte, – dann 164 würde ich jetzt sagen: Gute Nacht, mein Herr, und ich verzichte auf ein Wiedersehen. Schämen Sie sich was. – Schämen sollst du dich jedenfalls. Aber dann tust du mir doch auch wieder leid. Jetzt ist alles von der Leber herunter. Und jetzt ist's gut damit. Hörst du! Sonst werde ich dich nie wieder im Leben anhören. Denn ich will dir nur sagen, Robbi,« sie schob ihm ihre feste und gute Hand unter den Arm, »ich glaube, die Dom'na ist dir gegeben worden, erst mal, daß sie dir deinen Weg deutlich zeigt, und zweitens, daß sie dich drauf hält. Mit Sanftmut und mit Zügel und Peitsche, wie du willst. Denn ausbrechen darfst du nicht. Ich hab's gelesen in vielen Künstlerbiographien,« – Lores klare, schnelle Stimme wurde behutsam: »Der Genius ist kein sanftes Flügelpaar, Bert. Der trägt auch nicht in den blauseidenen Himmel mit den runden Engelsbübchen und einem freundlich lächelnden Gott-Vater mit langem Bart. Der stößt dich dahin, wo's sehr einsam ist und sehr kalt, und wo man sehr lange suchen und schwer kämpfen muß, bis – –« Lore schwieg. Robert nahm ihre Hand in seine beiden. Er zerdrückte sie fast: »Nicht, Lore, nicht!« Er bückte sich zu Lores Gesicht: »Dieses letzte Wort – das gehört allein ihr.« 165   Heiligabend rückte immer näher heran. Kurz vor dem dunkelsten Tage des Jahres hatte Robert sich eingestellt, ein neuer Robert, demütig fast, zart. Und freudig bereit: nicht nur besser zu machen, aber so gut er konnte. Er war glücklich über seine Hirtenrolle. Lore war ein schöner Verkündigungsengel. Und die jungfräuliche Mutter sollte von Klärchen Günther dargestellt werden. Wie himmlische Entzückung hatte ihr blauer Mantel das Prinzeßchen umschmiegt, wenn sie sich über die Krippe neigte. Bei der letzten Probe schien es dann Roselin, als sei irgend etwas verändert an dem Bilde. – Es war – irgendwie süßer geworden? Irdischer? Ehe sie fortgingen, Klärchen fand Roselin einen Augenblick allein: »Dürfte nicht eine andere, – vielleicht Karin – meine Rolle übernehmen,« bat sie sanft und dringlich. Sie rückte ihren Stuhl ein wenig ab von Roselin, die Hände im Schoß zusammenlegend. Weicher gerundete Hände gegen früher. Ihre feine Sprödigkeit schien warm geworden. – »Ich weiß nicht, ob ich noch die Maria darstellen darf – ich bin sehr betrübt darüber – Nein« – sie verwirrte sich – »wunderschön ist es« – sagte sie, »das Schönste. Dom'na, ich bin verlobt!« »Klärchen!« Roselin nahm das schmale Gesicht 166 zwischen ihre Hände. Wie es glühte! »Ach Kind,« sagte Roselin, »wie glücklich ich bin! Ich dachte immer, für dich ist die Ehe das richtige.« Sie sagte du. Ihr war, als stünde sie an Mutters statt. »Und ist es denn der Rechtsanwalt?« Klärchen nickte glücklich, ihr rundes Kinn noch immer in den Händen Roselins. Sie erzählte. Sie hatte wieder in einem so schrecklich trostlosen Jugendprozeß das Protokoll aufnehmen müssen. Ihr war völlig übel vor Traurigkeit. Als es zu Ende war, hatte sie allein noch etwas fertigzumachen. Da heulte sie einfach los. »In dem Augenblick kam er zurück, Bernhard, ich meine Dr. Carus, ja und dann« – sie lachte leisen Übermuts. »Er fand wohl auch, es ginge so nicht weiter, und er müsse jemanden Robusteren haben als Sekretärin. Und dann sagte er etwas – Dom'na – ich kann es nur wiederholen, weil es doch von Ihnen kommt.« Und die Augen klar wie Kinderaugen in denen Roselins: »Er hätte durch mich einen ganz anderen Standpunkt zu diesen Dingen bekommen.« – Sie küßte Roselins Hand, hob schnell den Kopf, erglühte lächelnd: »Ja, und dann kam es eben. Bernhard bittet, ob er auch einmal kommen darf, der Dom'na sich vorzustellen und ihr zu danken! – O, Dom'na!« Klärchen Günther war aufgestanden: geschloßner Augen, den Kopf in den Nacken gedrückt, spreizten ihre herabhängenden Arme sich aufwärts, und ihre Hände öffneten sich wie Schalen. »Es ist alles so heilig,« murmelte sie. 167 Roselin fühlte, wie etwas in ihr sich spannte, und das Feuchte in ihre Augen trieb. ›Aus Gott gezeugt,‹ gingen ihre Gedanken, ›in Reinheit empfangen, unbefleckt empfangen!‹ – »Klärchen,« sagte sie sanft. »Gott segne dich! Aber die Maria mußt du schon bleiben in unserem Krippenspiel.«   Nach diesem Sonntag ging Roselin zuweilen mit Lore am Abend durch die Straßen zu den Plätzen, wo die Christbäme wie kleine Wälder fremd und rührend zwischen den hohen Stuckfassaden standen und verheißungsvoll dufteten. Als ob man ihr Kinderherz wieder in sie hineingetan hätte, erzählte Roselin Lore von Goldchen und von den kleinen Garnisonen, wo sie in der Adventszeit so gern zusammen in die roten Abendhimmel gesehen hatten, wenn das Christkindchen die Pfeffernüsse buk, und von dem himmlischen Gold, das zuweilen an Türklinken abfärbte. – –   »Ob es Leichtsinn ist?« fragte Roselin Dr. Reichmann, an einem der dunkelsten Nachmittage, die dem Leuchten der Heiligen Nacht vorangehen. »Warten Sie, warten Sie!« Roselin hob abwehrend die Hände, als Dr. Reichmann, die Braue über dem einen Auge emporgehoben, mit dessen eigner Dringlichkeit sie ansah. »Es ist so wunderbar. Es besteht wie eine telephonische Verbindung zwischen Ihnen und mir. Immer sind Sie da, lieber Freund, wenn ich mit etwas ganz und gar nicht fertig werden 168 kann. Nämlich ich kann nichts leisten, wenn ich keine Freudigkeit habe. Und dann wieder scheint es mir sündhaft, in dieser Welt von heute freudig zu sein. Es ist auch, wenn Sie wollen, irgend etwas Philisterhaftes in mir. Neben den großen und jenseitigen Dingen möchte mein Herz sich immer wieder an dem kleinen, warmen und bunten Tand vergnügen. Vielleicht irre ich mich. Aber früher schien mir alles so viel unschuldiger. Wenn ich nur daran denke, wie man als Kind die Weihnachtserzählung von Dickens las!« Roselin verträumte sich lächelnd. »Wieviel Güte war um den Schweinskopf mit der Zitrone im Maul zwischen den Stechpalmzweigen der Schaufenster, um die Gans und den Plumpudding in der Serviette, der zuerst den Geruch wie von einer Waschfrau verbreitete.« »Und Tiny Tim,« ergänzte Dr. Reichmann, »und zuletzt Scrooge selber!« »Ja, sehen Sie wohl!« bestätigte Roselin. »Aber nun heut, die Delikateßschaufenster, die Weinhandlungen und die Zigarrenläden, die sich mit Weihnachtsmännern dekorieren, ihre Kostbarkeiten in Versen anbieten, und man weiß doch, wie gehungert wird anderswo! Gestern, als ich beim Friseur saß und mir mein Haar waschen ließ, spielte zwischen lauter französischen Haarfärbemitteln ein Grammophon: Stille Nacht! Mir wurde ganz elend. Und wie ich nach Hause komme, liegt da eine Einladung von irgendeinem christlichen Verein zur Weihnachtsfeier, die wahrscheinlich sehr 169 hübsch sein wird. Und zum Schluß wird getanzt. Und wenn auch vielleicht aus freundlichem Herzen berühmte Filmstars und große Finanzleute den armen Kindern bescheren – nach einem oder zwei gehobenen Tagen ist doch für die Zahllosen der Jammer und die Sorge um das bare Brot wieder da. Und dann bemühe ich mich, dieses alles zu vergessen. Denn man braucht doch Freudigkeit. Wie kann man ohne Freudigkeit etwas tun oder helfen?« »Nein, nein!« Wieder hob Roselin abwehrend die Hände. »Sagen Sie nichts. Sagen Sie gar nichts. Ich sehe Ihnen an, Sie wollen mich trösten, und ich weiß, ich bin die selbstsüchtigste Person auf der Welt. Immer wieder. Es ist gleich sieben und das nieselige Wetter draußen, das einem bis auf die Knochen geht. Sie haben bestimmt wieder einmal sehr genial zu Mittag gespeist, und fortwährend rede ich von mir selber, und nicht einmal Tee habe ich Ihnen gemacht.« »Ach, Dom'na,« sagte Dr. Reichmann und lachte. »Klug wie die Schlangen! Aber soll ich auch an ein völlig rosa Taubenblut glauben? Dieses ist nämlich einfach raffiniert.« Und während Roselin den elektrischen Kocher in Bewegung setzte und den Blechkasten – immer wieder von Nienstedt oder Lore freundlich gefüllt – herbeitrug: »Jetzt soll ich Ihnen Antwort geben? Ihre kleinen weltlichen Neigungen und Lüste verdammen, und gleichzeitig bestechen Sie mich mit 170 echtem Pekko und mit einem Weihnachtskuchen, der direkt nach gelben Lupinen duftet, und wie ich ihn seit meiner Kindheit nicht mehr geschmeckt habe. Dom'na, Dom'na!« drohte Dr. Reichmann und biß mit Vergnügen in das braune und leckre Weihnachtsgebäck. Aber gleich danach wurde er wieder ernst. »Wirtschaftlich unser armes Volk erlösen? Den Menschen in Berlin erlösen? – Es ist unmöglich, Dom'na. Das könnte nur Gott, wenn er ein Wunder tun wollte. Was wir tun können, ist nur helfen von Fall zu Fall, und so, als sei jeder Fall uns besonders auferlegt. Und« – Dr. Reichmanns eines Auge sah glühend und eindringlich wie in eine Ferne, aus der er sich Klarheit zu holen schien. Er berührte mit seiner Hand, die seit dem Kriege hager geblieben und, obwohl von Natur breit gebaut, eigentümlich vergeistigt wirkte, sekundenlang die Hand von Roselin, daß es wie eine ganz zarte Liebkosung wirkte: »Die Hauptsache ist es auch nicht, das Elend fortzunehmen. Wer dem Menschen hilft, über seine Not hinwegzutreten und hinauszuwachsen, der Mensch hat viel getan. Gott segne Ihre Freudigkeit, Dom'na!«   Ein andrer, bittrer Tropfen, in Roselins Weihnachtsglück fallend, war die Nachricht von Marie Theres. Sie kam nicht: Wollte zum Fest mit den Skiern nach Pontresina. 171 ›Heiligabend,‹ dachte Roselin. ›In einem Hotel ersten Ranges, und wahrscheinlich eine elektrisch erleuchtete Tanne bis an die Decke des Saales und Weihnachtslieder, gesungen von einer Dame, den Rücken entblößt bis an den Gürtel, oder von einem Herrn im Frack mit Brillantknöpfen. Die Amerikaner und Engländer finden deutsche Sentimentalität immer so »charming«. Hinterher machen sie ihre Glossen. Und dann wahrscheinlich Jazz bis weit nach Mitternacht. Denn von den Kindern und Alten, die mit ihren Laternen wie goldene Bienen zwischen den Tannen zu Tal steigen, wo die kleine Kirche wie eine schimmernde Rose im Schnee blüht, davon werden die reichen Herrschaften in den Hotels nicht viel bemerken. Es ist nicht recht, Marie Theres!‹ zürnte sie, immer die bitterliche Enttäuschung auf dem Gesicht der alten Exzellenz Randorff vor Augen. Was halfen die Pakete von Wertheim und Borchard? Und der große Kasten mit Mistelzweigen und einem geschnitzten Kripplein aus Tirol für die »heilige Insel«, so nannte Marie Theres doch immer in Anführungsstrichen die Gemeinschaft, die sich um Roselin gebildet hatte. ›Mit wem sie wohl reist?‹ dachte Roselin. ›Ob es ihr Doktor ist? Mit seiner psychoanalytischen Heilmethode? Oder Gott weiß wer.‹ Sie dachte sich lauter Geschichten aus, eine immer märchenhafter als die andere, die sie der alten Exzellenz erzählte. Wie man Kindern erzählt, denen etwas weh tut, und die einschlafen sollen. – 172 Dann war Heiligabend vorüber und obwohl durch Herrn Niedlich und seine Kiste – sehr wertvolle Produkte der Firma Brodthagen u. Söhne enthaltend, alles Aluminium, Eisen und Stahl – ein solider und erdhafter Ton in die himmlische Melodie hineinklang, so war doch offenbar, daß nichts als Liebe und Herzlichkeit den Urquell für diesen Küchenzuwachs bedeutete, und immer blieb Friede und Feier in dem Weihnachtszimmer, die Weite der östlichen Weideplätze und die Erhabenheit der gebenedeiten Nacht. 173   Roselin wußte selber nicht, wie es gekommen war, daß sie an einem der Bundesabende ihrer Schar von ihrem Kinderspiel Garba erzählte. Sie konnte damals nicht ahnen, daß es voller Hindeutungen war. Jener Bund, in dem sich alle verpflichteten, einander zu dienen in Opfer und Bereitschaft und jeder mit seiner Gabe, die er von Gott empfangen hatte, war eigentlich das Vorbild ihrer heutigen Gemeinschaft. Jemand schlug vor, man wolle von jetzt ab das Wort Bund oder auch Garba für ihre Vereinigung festlegen und amtlich in die Akten eintragen. Gegen das Amtliche und die Akten protestierte die Dom'na heftig und lachend, und die übrigen schlossen sich ihr schnell an, selbst wenn unter amtlich und Akten nur Roselins Schreibtisch und ihres Vaters Petschaft in Betracht kamen. Aber der Name, – ja, er war vortrefflich, und es konnte kein besserer gefunden werden. Man reichte sich die Hände im Kreise, und Roselins Herz tat einen starken Schlag: Aus Spiel und Traum wuchs zuletzt Wirklichkeit. Garba war wieder gegründet. Nach dem Vortrag mußte Lore an dem klaren holländischen Profil Maria Günthers und der sturen Haarbürste von Ignaz Laudon vorüber, immer zur Dom'na hinsehen und zugleich rechts 174 und links Robert und Karin im Auge behalten. Die andern waren noch in eifriger Diskussion über das Thema. Auch Lore hätte brennend gern noch länger sich damit beschäftigt, aber fortwährend sagte etwas in ihr: Aufpassen! Sie wußte kaum, worauf sie aufpassen sollte. Erwin Müller, der Bräutigam von Karin, saß, mißmutig und die spärlichen Lippen nagend, neben ihr. Karin schien ihn vollkommen vergessen zu haben. Sie wie Robert sprachen auf Roselin ein. Aber irgendwie schienen sie mehr miteinander beschäftigt. Von Karin erblickte Lore eigentlich nur das ausnehmend wohlgestaltete, kleine Ohr, das sich hochrot gefärbt hatte. Es erweckte den Eindruck, als ob ihr Gesicht sich an Roselins Schulter schmiegte. Es war wohl kaum der Fall, denn aus irgendeinem unbewußten Grunde vermied Roselin alle äußeren Zeichen der Zuneigung. Jedenfalls wußte Karin es immer einzurichten, in Roselins nächster Nähe zu sein. Sie hatte sich leidenschaftlich an sie geschlossen, kam, ohne zu fragen, ob Zeit für sie da war, sooft sie den Drang verspürte, Roselin zu sehen; und das war sehr oft der Fall. Sie hatte gebeten, auch an den Fremdsprachenstunden, die Roselin Lore und Robert gab, teilnehmen zu dürfen. Und wiewohl ein wenig zögernd, hatte Roselin zugesagt. Nun hatte in der vergangenen Woche Karin sogar geklingelt, als Roselin zum erstenmal wieder allein mit Robert ein Drama durchging. Lore, die Karin öffnete, bedeutete sie freundlich, aber sehr energisch, daß die 175 Dom'na heute ganz bestimmt nicht gestört werden dürfe. Der Ausdruck, mit dem Karin sich zuletzt entschloß, zu gehen, gefiel Lore nicht. Sie hätte Roselin nichts davon sagen mögen, aber als sie Robert die Treppe hinunterbrachte, um ihn aus dem Hause zu lassen, machte sie einem ganz redlichen Zorne Luft. »Wieso?« fragte Robert. – Er hatte verlegen gelächelt. Als Lore zurückkam, forschte Roselin, wer geklingelt hätte. Lore gab zögernd Bescheid, denn sie beobachtete, wie es anfing, über das Gesicht von Roselin wie Wolken zu gehen und wie unruhiges Wetter. – – – Am nächsten Tage bereits, kurz bevor Bert und Lore zum Englischen von Roselin erwartet wurden, kam Karin. Mit einem Strauß bunter Anemonen, fesch und wie meist jetzt überlebendig. Sie wolle nicht stören. Um keinen Preis. Sie wolle gleich wieder fort. Nur – sie hatte solche Sehnsucht nach der Dom'na. Als Roselin sie dann doch nicht, wie sie im ersten Augenblick im Sinne hatte, an der Tür abfertigte, sondern mit hereinnahm, stürzte sie sich auf das kleine Ecksofa, wie immer Roselin sehr nahe rückend und ihre Hände liebkosend. Ihre Augen flimmerten eigentümlich. »Mein Liebes, was ist?« sagte Roselin. Dabei dachte sie: ›In einer halben Stunde kommen Lore und Bert. Es ist eigentlich ein bißchen viel, was sie einem zumutet, Karin.‹ 176 Karin lachte: Die gütige Dom'na merkte immer gleich, wenn einen der Schuh drückte. Sie strich sich mit Roselins Hand über ihre eigne Wange. Sie sah lieb und kindlich aus. Wie jedesmal, wenn Karin sie in dieser Weise ansah, ging eine Veränderung vor mit Roselin. Diesen eigentümlich kindlichen, vertrauenden Ausdruck konnte zuweilen Jürgen Jürgensen haben. Dann erfaßte Roselin plötzlich nicht mehr den Sinn der Worte, sie hörte nur, wie Karin stand und sprach. Eine eigentümliche Erregung überfiel sie, die Vergangenheit und Gegenwart seltsam ineinander verschlang. Sie wußte nicht, ob sie inwendig weinte, oder wurde sie getragen von einem erhöhten und frohen Lebensgefühl? Was sagte doch Karin? Roselin strich mit der äußeren Handfläche über die Stirn: Maria und Ignaz Laudon? Karin hatte sie in den Tiergarten einbiegen sehen? So? Wie schön, daß sie sich früher frei machen konnten! Es war ein strahlender Nachmittag gewesen, und die Stämme röteten sich bereits. Aber als Karin jetzt lachte mit einer leisen, aber bestimmten Andeutung, veränderte sich plötzlich Roselins Gesicht. Sie befreite ihre Hände. Sie erschienen doppelt klein in den langen und schlanken Fingern Karins, deren Nägel, nicht nur gepflegt, sondern mit rosa Lack überzogen, förmlich funkelten. ›Nun ja,‹ entschuldigte Roselin diese ihr unangenehm übertriebene Handpflege jedesmal, ›sie muß es wegen ihres Geschäfts. Es wurde wahrscheinlich verlangt, 177 wenn sie Schlipse oder Handschuhe aussuchen mußte. Aber zum erstenmal sah Roselin in Gedanken die Verkäuferin – Karin –, wie sie das Leder an den Fingern anprobierender Herren herunterstrich. »Wie glücklich kann Maria sein,« erging sich indessen Karin. Sie hatte eine besondere Art, im gegebenen Falle umzubiegen. Zuweilen glückte es allerdings daneben, und es wurde etwas Verstiegenes oder eine kitschige Sentimentalität. So sagte sie auch jetzt etwas von der Geborgenheit im festen Gefüge der Ehegesetze. Roselin empfand das komisch und peinlich zugleich und kam trotzdem wie jedesmal nicht los von einem Gefühl des Mitleids und der eigentümlichen Anziehung, die Karin auf sie ausübte. Karins Vergangenheit war schwer genug gewesen. Von einer unguten Stiefmutter als Kind falsch und lieblos behandelt, war sie viel zu früh in die Selbständigkeit hinausgestoßen worden. Roselin wußte sehr wohl, daß Karin mit ihren achtzehn Jahren keine Ausnahme bildete unter der Jugend von heute, die das Namensschild der Moderne bereits in der freieren Art des Ganges trug, in der unbekümmerten Selbstsicherheit von Augen und Mund. Wenn Roselin auch der Meinung war, daß dieses ganze Geschlecht Umwege machte, ja, auf Irrwegen, Abwegen ging, so verschloß sie sich doch niemals der Erkenntnis, daß Irrwege und Abwege von 178 Epochen des Stilwandels nicht nur untrennbar sind, sondern dazu notwendig. Man konnte nur versuchen, denen, die sie gehen mußten und, sich frei fühlend, dennoch die Härte solcher Wege an ihren Sohlen spürten, nahe zu bleiben. Hilfreich die Hand ausreichen, wenn einer müde wurde, Brot und den Becher zur Hand haben, wenn einer zusammenbrach, und bereit sein, bereit mit der eigenen Fahne, wenn einer erkannte, daß er im Kreise gegangen war und die Sehnsucht nach Gipfeln und Weiten in ihm aufbrach. Robert und verschiedene in ihrem Kreis, auch Edith Hollmann, Hans Markgraf und Laudon bis zu einem Grade, gehörten dieser Jugend an. Aber sie ließen Roselin hineinsehen in ihre Nöte und Zwiespalte. Sie waren glücklich, wenn sie die Reife und Fertigkeit, die man bei ihnen voraussetzte, als ein sehr durchsichtiges und verletzliches Gewebe aufzeigen durften. Es sah nur aus wie Hochmut und Schild. Aber dahinter war eine sehr einsame und frierende Seele. ›Marie Theres ist ein vollkommner Typ dieser Jugend,‹ dachte Roselin. ›Ebenso wie Karin. Nur – Marie Theres ist saubrer. Ja, saubrer.‹ Ihre Gedanken versuchten, sich wieder ganz Karin hinzugeben. Aber während sie sich noch Lieblosigkeit vorwarf, erzählte Karin, schon wieder ganz mit sich selbst beschäftigt, scheinbar sich beklagend, aber den Ton von Prahlerei immer heimlich mitschwingen lassend, von den vielerlei Anfechtungen, die sie zu bestehen hätte. 179 »Es vergeht kein Abend, Dom'na,« sagte sie, »wenn ich das Geschäft verlasse, daß nicht der eine oder der andere meiner Kunden vom Tage draußen herumflaniert. Wenn ich ihnen die Handschuh anpasse –« »Oh,« Roselin stand hastig auf und befreite ihre Hände aus denen Karins. »Nicht doch,« sagte sie. Sie wandte ihr Gesicht fort. Sie fühlte, wie ihre Mundwinkel sich herabzogen und zitterten. Sie dachte an Lore, die niemals auch nur mit einem Wort erwähnt hatte, wenn jemand sich um sie bemühte, und die jede, auch die vorteilhafteste Stellung aufgegeben hätte, wenn sie spürte, daß Gefühle einer bestimmten Art anfangen wollten, ihren Brodem um sie zu sammeln. Wie im Gegenteil sie das immer gedemütigt hatte, verletzt. »Es ist keine leichte Zugabe vom Schicksal,« sonnte sich Karin, Roselins Abwehr völlig mißdeutend, in ihren Erfolgen. Sie seufzte albern, – gar nicht der modernen Art entsprechend – lächelte mit niedergeschlagenen Augen in sich hinein. ›Gleich werden Robert und Lore kommen,‹ dachte Roselin gemartert und wünschend zugleich. Scham und Widerwille stießen ihr heiß ins Gesicht. ›Sie ist und bleibt beklagenswert, Karin,‹ wies sie sich zurecht. ›Ich darf das Widerwärtige nicht Herr über mich werden lassen.‹ – Roselin rückte sich zusammen. Sie ergriff jetzt von selber Karins Hände. Ihrem Niveau sich anpassen würde sie niemals. Aber sie versuchte, so gut sie konnte, das 180 Seichte, das Unästhetische, das Schädliche solcher Lebensauffassung ihr klarzumachen. »Ach,« sagte Karin, nachdem sie eine Weile Roselin nahe und mit wirklichem Gefühl in die Augen gesehen hatte: »Dom'na,« – sie lächelte überlegen. »Ich glaube, man muß solche Anfechtungen nicht tragisch nehmen. Wo käme ein kleines Ladenmädel sonst hin, heutzutage? Und dann hat man die Dom'na obendrein!« – Sie versuchte sich an Roselin anzuschmiegen. Als Roselin in ihrer ganzen schmalen und zarten Gestalt steil neben ihr blieb, ohne ihr entgegenzukommen, errötete Karin und nahm sich zurück. Sie sah schnell nach der Armbanduhr: »Schon sieben! Himmel, nein!« Sie sprang auf, riß noch einmal Roselins Hand an sich und küßte sie leidenschaftlich. Roselin nickte abwesend und gequält in einem. – – – Als Karin gegangen war, ging Roselin unruhig hin und her in der Stube. Sie wollte sich auf Robert freuen. Aber immer noch war das Erleben »Karin« über ihr, wie eine mißfarbene und drückende Wolke. Sie ging plötzlich zum Fenster, riß es auf und machte mit den Armen merkwürdige Bewegungen, als müsse sie irgend etwas hinausscheuchen. Ihre feinen Nasenflügel witterten. Sie kniff die Augen zusammen und schüttelte abwehrend den Kopf. »Immer hat sie ein so starkes Parfüm,« sagte sie. »Dies ist wahrscheinlich ein sehr kostbares französisches. Aber viel zu viel. Sie weiß nicht, daß man kaum einen Tropfen von so etwas 181 nimmt. – Und wo sie es her hat?« grübelte Roselin plötzlich. Die Haut über ihren Wangenknochen färbte sich. »Ach laß!« Sie machte eine abschließende Gebärde. – »Jetzt nicht mehr! Heute würde mir Lore keinen Vorwurf machen, wie sie es gerne tut, daß ich mit äußeren Formen einer Herzlichkeit Gefühle vortäusche, die ich nicht habe. Heut war ich ganz eindeutig, ganz klipp und klar.« Sie blieb dann stehen vor der Uhr mit dem Schnitter und der Schnitterin aus Bronze. »Robert ist nicht pünktlich heute.« Ihre Stirnhaut zwischen den Augen zusammengezogen: ›Schade,‹ dachte sie. Sie freute sich immer auf die halbe Stunde, die er vor Lore allein bei ihr war. Er hatte dann meist ein besonderes Anliegen, eine Frage, ein Geständnis, und eine besondere Note war in seiner Stimme. – ›Nun,‹ – Roselin fing wieder an, auf- und niederzugehen, ›man hat einmal eine Verhinderung, gewiß.‹ Sie lachte. Die Unruhe in der Natur war ihr in die Füße gefahren? Sie stand plötzlich still, Hände auf dem Rücken fest ineinander verfaltet. Sie sah starr und staunend auf die Arabesken des Teppichs. Wie eigentümlich, früher hatte sie sich niemals so zusammengehörig gefühlt mit dem Kreislauf des Jahres. Jetzt spürte sie so deutlich in sich die kreisenden Säfte. – Aber das Reifen des Sommers? Das stille Ruhen in Hingabe und Erfüllung zugleich? – – Sie 182 schüttelte langsam den Kopf, senkte ihn, biß leicht ihre Unterlippe mit den Zähnen: Der Herbst! Ja! Der Herbst! Stiller, goldener Blätterfall, fieberndes Rot vom wilden Wein, die ergreifende Schönheit einer letzten und einsamen Rose – – Mit zwei Fingern ihrer linken Hand strich Roselin über die Stirn. Ihre Mundwinkel schoben sich herauf im Lächeln. Aber ihre Augen waren dunkel und wie überhaucht. Gleich danach klingelte es. Es war Robert. Etwas erhitzt. Er schob es auf das schnelle Ersteigen der Treppe. Er hatte Bahnen verpaßt, war beim Haarschneiden aufgehalten worden. Er redete hastig. Der Ausdruck seiner Augen war wechselnd. Sie schienen Roselin wie bittend zu suchen und ebenso schnell wieder zu vermeiden. Bald nach ihm kam Lore. Roselin hatte kaum ein besonderes Wort mit Robert gehabt. Aber Lore? Sie war doch nicht wie ein Drittes? Roselin legte liebevoll den Arm um Lores Schulter. Diese Gebärde war völlig echt, und ihr ganzes Gefühl stand dahinter. Sie ruhte in der Freundschaft dieser Jüngeren, die täglich mehr ein Stück von ihr wurde, jenes Stück, das ihr mangelte. Wie konnte es ihr leid sein, daß Lore schon gekommen war? – Lore, immer alles sehend, was nötig war, und für alles sorgend, machte erst einmal den Fensterriegel zu hinter Roselins Platz, den diese vorhin nicht geschlossen hatte. Auch ihre Nasenflügel schienen zu wittern wie vorhin die Roselins. 183 »Ich will nur noch die Anemonen ins Wasser stellen,« sagte sie. »Sie sind gewiß von Karin. Ich sah sie in die Elektrische steigen.« Dabei streifte ein schneller Blick Robert. Er hatte das Buch bereits aufgeschlagen. Sie lasen zusammen »Adam Bede« von der George Elliot. Dieses liebe, heute sehr altmodische Buch. Robert schien Lore nicht gehört zu haben. Lore faßte ihren linken Mundwinkel mit ihren runden Zähnen, ihre Farbe wechselte. »Ja,« sagte Roselin verloren und plötzlich aufhorchend. »Karin? Aber sie ist schon fast eine halbe Stunde fort.« »So?« Lores Stimme wurde beiläufig. »Sie wird etwas besorgt haben. Karin findet unsern Bäckerladen immer besonders gut.« – Sie ging schnell mit den Blumen aus dem Zimmer. Als sie sie zurückbrachte, stellte sie das Glas in einige Entfernung auf die gebauchte Rokokokommode, dabei an einen Stuhl stoßend, was ihr selten geschah. Sie verschüttete Wasser. Robert sprang eilig auf, lief in die Küche nach einem Tuch. »Gib sie nur her,« sagte Roselin, irgendwie reuig. »Tu sie nicht so weit weg.« – Blumen waren ihr nicht wie manchen Menschen Lebensnotwendigkeit, aber sie wunderte sich doch, daß sie diesen armen Strauß so lange ohne Wasser gelassen hatte. Als die Pfütze aufgetrocknet war und alle vor ihrem Buch saßen, vielmehr Robert und Lore in 184 dasselbe hineinsehend, wurde das Eigentümliche, das Roselin wie unterirdische Bewegung erschreckt hatte, wieder ruhig. Sie hatten eine der guten und reichen Stunden, wie sie sie jeder in seiner Weise so liebten. – »Lore,« sagte Robert, als sie ihn die Treppe hinunterbrachte, »ich begreife mich nicht. Wirklich, es ist mir ganz schauderhaft. Warum habe ich der Dom'na nicht einfach gesagt, daß Karin mich aufgehalten hat? Ich traf sie an der Haustür, und da bummelte ich noch ein Stück mit ihr.« »Weil du auf der einen Seite anständig und gut und ritterlich bist, Bert. Aber auf der anderen Seite – – Ach Bert, du machst mir Sorge.« Sie waren stehengeblieben auf der halben Treppe, Robert zwei Stufen tiefer als Lore. Ihre Augen waren mütterlich, traurig und warm. In diesem Augenblick erlosch das Zweiminutenlicht im Treppenhaus. Von der plötzlichen Dunkelheit unsicher gemacht, hob Lore die Hand, meinte das Geländer, traf aber an Roberts Wange. Sie zuckte zurück, und es durchrann sie. Aber Robert hatte ihre Hand schon ergriffen, hielt sie fest. »Lore, du weißt, wie ich die Dom'na liebe. Sie ist das Höchste, das Feinste und Reinste in meinem Leben. Aber manchmal ist es mir, du weißt schon – – Und dann, habt Ihr nicht die Lehre: Der Gott wird empfangen im Brot? Mir ist Gott fern und unerreichbar hoch. Aber du bist das liebe Brot, Lore. Ob er dich mir geschickt hat?« Robert legte 185 einen Augenblick wieder seine Stirn gegen ihre Hand. »Mein Junge,« sagte Lore, »ach, du lieber, dummer, böser Junge! Und trotzdem rennst du mit Karin! Komm, vor allen Dingen müssen wir versuchen, den Knipser zu finden.« Sie tasteten sich jeder eine Hand auf dem Geländer, die andere Hand Lores auf Roberts Schulter, bis zum nächsten Treppenabsatz und fanden den Knipser. »Ja, Karin!« sagte Robert erstaunt. »Ich weiß selber nicht, was mich immer wieder zu ihr zieht.« »Nicht Gutes, Bert. Glaube mir. Wäre es etwas Gutes, warum müßtest du es dann der Dom'na verschweigen?« »Kluge Lore,« sagte Robert schon in der halb geöffneten Haustür. »Gute Lore! – Verzeiht schon, die Dom'na und du! Ich bin froh, daß es heraus ist.« Sie hörte seinen beschwingten Schritt die nächtliche Straße hinunter. Lore stand einen Augenblick noch unbeweglich und horchte in sich hinein? Was war das? Sie staunte. Rotes Blut quoll ihr unter die Wangenhaut. Dann sprang sie eilig die Treppe hinauf. 186   Verschiedene Bundeskinder hatten des öfteren getanzt in den Wochen nach Epiphanias. Sie erzählten unbefangen Roselin davon. Warum sollten sie nicht fröhlich sein? Roselin selber hatte sie ein paarmal ihr Zimmer ausräumen lassen, und man war fröhlich beisammen gewesen. Mit alten Tänzen, die Raum brauchten in ihrem heiteren und zärtlich wiegenden Voran, und mit den neuen, die mit einer Tellergröße und einem ständigen Auf-ab, Vor-zurück – sich begnügten. Ja, Roselin selber hatte sich lächelnd ihrer mühevoll erworbenen Kenntnisse bei Frau De Mara erinnert, an die Verschlingungen und Verneigungen der Gavotte, unter der Strenge der kaiserlichen Augen im weißen Saal des Schlosses ausgeübt. Die jungen Menschen, die bisher nur Foxtrott und Tango, Onestep und Boston hatten gelten lassen, fingen an, die gehaltene höfische und anmutsvolle Schönheit jenes Tanzes einer vergangenen Epoche reizvoll zu empfinden und sich gern darin belehren zu lassen. Roselin tanzte ihnen vor mit Ignaz Laudon als Partner. Auch er hatte diese Kunsttänze nicht gelernt, aber in seinem Blute erwachten dann Instinkte seiner Ahnen, die zur Zeit des Wiener Kongresses, oder früher bereits, am Hofe der Maria Theresia diese Tänze anmutig und selbstverständlich geübt 187 hatten. Er begriff am schnellsten die Figuren und Folgen und führte sie aus, als ob er über brokatenem Frack, aus dem der kleine Kavalierdegen herausstieß, ein kostbares Spitzenjabot mit diamantener Nadel trüge. Wenn Lore dann Roselin an der Hand des langen Ignaz ihnen so vortanzen sah, den Mund leicht geöffnet, Wangen überglüht, aber nicht vom Tanz, in den Augen ein fernes Leuchten, spürte Lore jedesmal einen schmerzlichen Stich im Herzen. ›Sie ist doch noch nicht alt, die Dom'na. Erst sechsunddreißig. Was bedeuten heute sechsunddreißig Jahre? Es ist doch alles anders geworden mit der Frau. Muttchen trug einen Kapotthut in diesen Jahren und einen Umhang. Was hätte sie gedacht, wenn man ihr zugemutet hätte, ihr Kleid kaum eine Handbreit unter dem Knie abzuschneiden? Was für schöne, schlanke Beine hat die Dom'na? Ihre Knöchel nehmen es mit den Jüngsten von uns auf.‹ Und Lore wußte nicht, wie es kam, daß sie dachte: ›So schlanke und geschmeidige Glieder müßten noch weite Wege des Glückes vor sich haben.‹ Und wußte nicht, warum sie darüber traurig wurde. Lore selber begriff diese Art Tänze sehr schnell. Ihr fester und zugleich weicher Körper schien wie geschaffen dafür. Hingegen zeigte sich Karin, die jeden modernen Tanz gut, geschmackvoll und sicher ausführte, auffällig ungeschickt. Auch Robert hatte schnell gelernt, und es war eigentümlich, wie er die ganze zurückgehaltene und höfische Anmut des 188 langen Ignaz übernahm, als hätte die Erbwiege seines Geschlechts, schwarz von Alter und mit der Adelskrone, ebenfalls in einer ummauerten Burg gestanden. Roselin konnte nicht genug über ihn staunen, und wenn er sie führte und sie unter seinen Armen durchschlüpfte oder bis auf den Teppich im Knix versank, schienen ihre Wangen noch reicher zu glühen. Nun hatte Maria Günther wieder Ignaz Laudon zum Partner. Ihre schlanken, hohen Gestalten schritten eigentümlich zusammengehörig, zurückgehalten und hingegeben zugleich, ihre Figuren. Nachher, als Roselin Robert an Lore abtrat und den beiden zusah: ›Ich möchte ein Stück für ihn haben,‹ dachte sie, ›in dem er auch tanzt. Alle Töne der Leidenschaft und der letzten Tragik beherrscht er. Und nun wieder diese spielerische Anmut, diese souveräne Beherrschung seiner Glieder und Bewegungen. Und wenn man bedenkt, woher er kam! Er wird ein Künstler werden! Mein Bert! Ein Künstler ersten Ranges!‹ Sie beschloß, nun auch keinen Tag mehr zu verlieren. Robert mußte außer den Stunden bei dem Schauspieler Dr. Grog eine Theaterschule besuchen. Edith und Hans Markgraf, die übrigens auch beide schwerer die Gavotte erlernten, traten früher aus dem Karree. Edith hatte an diesem Tage eine Gesellschaft. Hans Markgraf, mit dem sie sich besonders befreundet hatte, brachte sie zu ihrem Auto. 189 Als die beiden eilig und leise zur Tür gingen: »Euch wird's wohl auch zu dumm,« sagte Karin. Ihre Augen hingen spöttisch an Robert und Roselin. »Ihr könnt mich mitnehmen.« »Verzeihung,« sagte Edith ruhig. »Wir haben, glaube ich, einen ganz anderen Weg.« Hans Markgraf machte ein betont kurzes Kompliment vor Karin und schloß direkt die Tür vor ihren Füßen. »Dumme Gans,« sagte er im Korridor. »Dumm?« Edith ließ sich von ihm in ihren Pelz helfen. Sie hob die Brauen zu spitzen Winkeln. »Wo hier die Dummheit liegt, das erzähle ich dir später einmal, Hänschen. Sie ist ein ganz gefährliches Reptil, glaube du mir. Aber Lore paßt auf, das ist mein Trost. – Du, Vater will übrigens Land kaufen. Er will Kleinwohnungen bauen für unsere Leute – eine richtige Siedlung, mit Sportplatz, Bädern und so, er nannte deinen Namen. Er hat dir's gar nicht verübelt, daß du ihm aufgesagt hast. Er meinte: der junge Mann imponiert mir.« »Edith, Edith!« »Ja, was denn?« Sie lachte ihn an. »Wenn's einer verdient! Jetzt gibt's so eine Art Wettlauf. Mach nur voran mit deinen Erbsen und Bohnen! Ich muß mich eben auch ordentlich auf die Hosen setzen, daß ich mein Physikum baue. Dann – –« »Und dann?« Hans Markgraf hielt sie fest vor der Tür. 190 »Vielleicht laß ich an einem deiner netten Häuser ein Schild anbringen: Frauen- und Kinderkrankheiten, Dr. Edith Hollmann. Und wenn alles zu vortrefflich ist, daß gar keiner mehr krank wird, dann – dann – muß ich eben eine Chauffeurschule aufmachen.« Sie lachte wieder, schlug ihm mit dem weichen Handschuh in sanftem Necken über die Nase. Ehe er ihr wehren konnte, war sie in ihr Auto gesprungen und kurbelte an. Als er wieder ins Zimmer trat, sah er erstaunte und erschreckte Gesichter, die sich Karin zuwandten. »Habt ihr's nicht gelesen?« fragte sie staunend. – »Wenn die Bank kracht – der Herr Direktor ist doch der Bruder von Hollmann – dann wird die Edith auch nicht mehr lange ihr eigenes Auto führen.« 191   Zwei Tage nach Fasching mit dem letzten Zuge kam plötzlich Marie Theres. ›Was war mit ihr?‹ Roselin sagte nichts. Sie legte nur im Vorübergehen einen Augenblick ihre Hand auf die von Marie Theres, wie sie auf dem kleinen Ecksofa, müde angelehnt, mit ihren schönen, großen Zähnen in ein Brötchen biß, es plötzlich hinlegend und wiederholend, was sie schon beim Kommen gesagt hatte, daß sie gar nicht hungrig sei. Sie habe im Zuge gegessen. Marie Theres hatte sich erst an demselben Morgen durch ein Telegramm nach Roselins Lesestube angemeldet. Und als seien Telegramme nicht kostbarer als Postkarten, darauf eingehend mitgeteilt, sie bäte, Mama nicht zu benachrichtigen, um ihre Nachtruhe nicht zu stören. Sie dürfe wohl auf Roselins Couchette kampieren. Marie Theres machte zuerst ein paar Scherze, wie sie sie auch bereits in ihren Briefen geliebt hatte, über die »heilige Insel«. Sie schien harmlos fröhlich, erzählte von einem fabelhaften Herrn, mit dem sie gereist war. Er habe sein Buch nicht aus der Hand gegeben, und seine entzückende kleine Frau, die Gegend, Butterbröte und Bouillon seien immer nur nebenher gegangen. Sogar in den Speisewagen und in den Waschraum hätte er das Buch 192 mitgenommen. Das einzige Wort, was er auf der ganzen Reise seiner Frau geschenkt hatte, als sie schon beim Einfahren in den Lehrter Bahnhof das Buch in den Koffer schließen wollte, war: »Laß doch nur!« Und es peinigte Marie Theres geradezu, daß sie bei aller Bemühung nicht den Titel hatte herauskriegen können. Sie lachte, als sie erzählte, machte die Versunkenheit dieses Lesewütigen nach. Aber Roselin merkte wohl, wie ihre schönen langen Finger währenddem unruhig ein Stück Brot zerkrümelten, und wie ihre Augen, einmal versunken, sich plötzlich spannten und fast schwarz wurden in irgendeinem fernen Erblicken und Begreifenwollen. Nachdem Roselin sich eine Weile mit Berichten über Exzellenz Randorffs Ergehen und über ihre jungen Freunde gemüht hatte, immer ganz klar darüber, daß Marie Theres soviel wie nichts davon hörte: »Liebes,« sagte sie einfach, »wir haben eine so schöne, stille Stunde. Ich glaube, du wirst heute nacht doch nicht sehr viel schlafen. Willst du mir nicht erlauben, daß ich ein bißchen von dir weiß?« Roselin schenkte noch einmal ein und stellte Zigarettenschachtel und den Aschenbecher auf den Tisch. Marie Theres lehnte sich in ihren Stuhl zurück, Beine übereinandergeschlagen, nahm dankend eine Zigarette, gab Roselin Feuer. »Du hast recht,« sagte Marie Theres, »es ist das Einfachste. Du hast es wohl gemerkt, damals schon. Ich bin 193 durchaus nicht für diese Art allzu deutlicher Aufrichtigkeiten, wie sie heutzutage Mode ist. Es gibt eine Art kühle Sachlichkeit, die sogar ich nicht gut ertragen kann. Aber – nun du wirst schon zwischen den Worten verstehen. Es war natürlich anfangs – wenn du erlaubst, daß ich zurückgreife, – sagen wir einfach, es war Liebe. Aber in der Weise, daß wir uns jeder absolute Freiheit zubilligten. Daß eine gewisse Verantwortlichkeit damit verbunden sein muß, wenn nicht alles im Hemmungslosen versumpfen soll, – nun – das habe von den beiden Partnern wohl nur ich begriffen. Er ist natürlich verheiratet, hat wirklich ein großes Sanatorium in Dresden, und ich ging unter dem Titel Sekretärin. Es war durchaus möglich. Er schreibt an einer großen Sache. Wir haben tatsächlich manchmal bis in die Nacht zusammen gearbeitet.« – »Ja?« – Roselin legte die Asche ab, sah Marie Theres an, auf deren Wangen eine leise Röte kam und ging, ebenso wie das Feuer in ihren Augen, das hier und dann sich wegzunehmen und völlig zu verlöschen schien. »Ich wohnte anfangs in seinem Haus,« fuhr Marie Theres fort. »Natürlich wollte ich es nicht. Du begreifst. Es sollten auch nur Tage sein. In diesen wenigen Tagen lernte ich seine Frau kennen.« Marie Theres schwieg wieder. Sie nahm die Zigarette aus dem Mund, saugte ihre Lippen mit den Zähnen zurück. »Also diese Frau ist nämlich etwas Bezauberndes. Man kann gar nicht anders, 194 als sie furchtbar gern haben. Äußerlich schon unendlich anziehend. Etwas russisches Blut und russischer Typ. Fabelhafte Grazie. Wenn sie tanzt, du siehst halb Asien im Zimmer. Und klug. Sie hat ein ganz sicheres Urteil und eine ganz feine Auffassung. Dazu ist sie unwahrscheinlich gut. Nicht gutmütig, sondern gütig. Gegen alle: Dienstboten. Patienten ihres Mannes. Sogar« – Marie Theres nahm die Oberlippe vom Zahnfleisch – »sogar gegen seine Freundinnen,« sagte sie dann langsam und betont. »Denn ich war nicht die einzige.« Sie lachte ein wenig höhnend. Gleich aber verschattete sich wieder ihr Gesicht. »Ich wußte es ja vorher,« sagte sie, »natürlich. Ein Mann wie er, mit dieser fabelhaften Gewalt über die Frau. Trotzdem er eigentlich – ja, – er ist direkt häßlich. Er hat einen Mund wie ein Bulldogg. Furchtbar,« sagte sie, »furchtbar, daß einen nicht etwas warnt.« Sie stützte den Ellenbogen auf das Knie, und das Kinn in ihre Hand. »Man sollte doch seinem Instinkt trauen können. Man hat doch schließlich anständiges Blut, auf das man sich verlassen müßte. Man sollte doch nicht wie die ungezählten Eintagsfliegen sein, die alle rettungslos in diese Flamme hineinflattern.« Sie bohrte die Nägel ihrer freien Hand in die Fläche, schwieg. Nach einer Weile: »Ich will es nur schnell machen. Es lohnt auch wirklich nicht.« Sie lachte. »Gutes Herz. So etwas auf deiner heiligen Insel – –« Sie brach ab. »Also erst zu Ende die Frau. Sie heißt Sonja, 195 und stell dir vor, sie ist noch absolut gestriger Stil. Ich meine derart, daß sie vom Manne, ja, vor allem von diesem Manne es versteht und es ihm einräumt, daß die vielfachen Möglichkeiten seiner Seele auch ihre vielfachen Auswirkungen verlangen. Sie ist davon überzeugt, daß sie allein ihm nicht alles sein kann, und da sie ihn, wie soll ich sagen, – gewissermaßen stilisiert – liebt, ich meine äußerlich fein, freundschaftlich, gütig, alles allzu Krasse ausschaltend, so ist sie nicht nur ergeben, sondern absolut bereit und freudig bereit, zu teilen.« Marie Theres stand auf, zündete eine neue Zigarette an, fing an, im Zimmer auf- und niederzugehen. »Ich weiß nicht, ob du so etwas verstehst, ungefähr so eine Art Graf-von-Gleichen-Geschichte.« Sie schleuderte die Zigarette, als sei sie ein böses Insekt, heftig in den Aschenbecher. »Ja,« sagte sie, »und nun wir von heute, mit unserer kühlen Sachlichkeit – –« Sie lachte gedämpft. »Kurzum, es wird hin und wieder doch Schwierigkeiten ergeben, selbst heute, den Begriff ›Frau‹ vollkommen zu negieren, und darum bin ich hier. Ich wußte vorher nicht, wie es ausgehen würde, ehe – – Nun, du verstehst vielleicht, man begibt sich in Abhängigkeit. Das ist alles. Liebe, die Leidenschaft wird, ist wie Fron und Peitsche, und ich will es nicht. Ich bin nicht so wie Sonja. So wert sie mir ist, so hoch ich sie stelle, teilen könnte ich nicht mit ihr.« Marie Theres zog die Oberlippe wieder fort von den Zähnen. »Und mit jemandem, der nach 196 mir kommt, könnte ich es noch weniger. Und – das ist das Ende meiner Konfession. Du kannst ruhig lachen, Roselin, wenn du willst – jedenfalls, – eine neue Zigarette kannst du mir geben. Es wird ganz lehrreich für dich sein, ein Beispiel zu haben, daß es einen Punkt gibt, wo auch die moderne Frau schließlich Schiffbruch leiden kann, und daß Theorie und Erlebnis sich nicht in jedem Fall decken.« Sie lächelte. »Du wirst mich nicht etwa trösten wollen, Roselin.« Es schien, als wollte sie auffahren. Aber sie nahm sich zurück. »Verzeih,« sagte sie. »Ich rede Unsinn.« Sie saßen noch eine Weile. Marie Theres hatte das Thema vollständig beiseitegestellt. Sie erzählte jetzt ruhig und in ihrer feinen, sarkastischen Art von der wunderbaren Art von Patienten, die bei dem Doktor aus- und eingingen. Hielt sich nicht lange dabei auf, kam auf das Theater in Dresden und auf den Vorzug, in einer Stadt unendliche Kunstschätze vereint zu haben, ohne, wie in Berlin, die ganze Hetze, Ernüchterung und die mancherlei Nachteile dieser Metropole mit in Kauf nehmen zu müssen. Dresden sei an Berlin gemessen doch immer eine liebe kleine Provinzstadt mit allem Charme und ebenso allen Unvollkommenheiten einer solchen. Auch von der Gegend erzählte sie, von Reisen, Menschen, Erlebnissen. Sie hatte eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe. Man hätte ihr stundenlang zuhören können. ›Nur ihr Witz ist bitter geworden,‹ dachte Roselin. 197 ›Arme Marie Theres! Sie war noch zu jung, um Menschen und Dingen auf den Grund zu sehen.‹ Sie hatten eine Weile schweigend über ihren Zigaretten gesessen. Als Roselin aufstand, es ging schon weit in den neuen Tag hinein, kam Marie Theres plötzlich zu ihr hinüber, legte beide Arme um ihren Hals, immer noch einen Raum zwischen ihnen lassend. Sie sah ihr dringlich und mit einer seltsamen Innigkeit in die Augen. Roselin fühlte eine starke, warme Welle. »Liebes,« sagte sie. In diesem Augenblick fiel ihr Lore ein. Warum die Dom'na mit diesem Worte so verschwenderisch umgehe, hatte sie sich einmal fast heftig erregt. ›Liebesworte, ohne die volle Bedeutung, ohne den vollen Sinn, der dahintersteht, ausgeteilt – entwertete Worte,‹ dachte Roselin. Sie schämte sich, daß sie Marie Theres nichts Besseres zu geben hatte, als sie Karin gab. Marie Theres hatte nicht auf das Wort geachtet, vielleicht kaum auf den Ausdruck in Roselins Gesicht, der diesmal dem Wort den wirklichen Inhalt gab. Sie sah Roselin an und schien durch sie hindurch einen weiten Weg zu sehen, den man mit einer gewissen Neugier betritt und dessen Ziel ganz unbekannt ist. Plötzlich deckte sie die Lider über die Augen, schüttelte den Kopf, lächelte. »Ich danke dir, daß du zu Mama so sehr gut bist. Es ist eine so ungeheure Beruhigung für mich.« Sie küßte Roselin kurz und auf beide Wangen, sagte: »Verzeih, daß ich dich so lange aufgehalten 198 habe,« und half dann schnell und leise mit ein paar Decken und Kissen sich eine Art Zigeunerlager auf der Couchette herrichten. Sie blieb fast eine Woche und war immer in der strahlendsten Stimmung, voll Scherz und kleinen drolligen oder pikanten Anekdoten. Die alte Exzellenz schwamm in Glückseligkeit. Auch pekuniär – Marie Theres schien ungeheuer zu verdienen – hatte sie ihre Mutter gut versorgt. Sie führte sie nicht nur in die Philharmonie, in die Krolloper, zu Reinhardt, sondern sie bereitete ihr auch einen ihrer früheren herrlichen Besorgungstage im Kaufhaus des Westens. Dort versah sie die alte Dame mit einem wunderschönen Sommerkostüm, Wäsche und allerhand netten Kleinigkeiten, wie seidene Tücherchen, Kragen, Briefpapier, Parfüms. Als Krone ließ sie ihr dann ein erlesenes Menu servieren. Von Roselin schien sich Marie Theres nach dem ersten Abend ferner zu halten. Es mochte aber damit zusammenhängen, daß sie sich ihrer Mutter so völlig widmete, und Roselin gerade in dieser Woche besonders beschäftigt war. Ihr Lesezimmer war ihnen gekündigt worden. Sie zogen um in einen anderen Raum in der Rosenthalerstraße. Obwohl alle Bundeskinder halfen, ergab es doch eine ziemliche Arbeit für Roselin. Außerdem war etwas sehr Wichtiges vorgefallen. Roselin hatte über einen Besuch im Kaiser-Friedrich-Museum einen Artikel geschrieben, in welchem sie die 199 archaischen Kunstwerke den modernen gegenüberstellte und eine starke Wesensähnlichkeit zwischen beiden herausarbeitete, mit dem Grundgedanken, daß die damaligen Künstler vielleicht ebensowenig naiv geschaffen hätten wie die heutigen. Dieser Artikel hatte ihr die Aufforderung einer sehr angesehenen Provinzzeitung eingetragen, sie dauernd mit Kritiken über Berliner Ausstellungen zu versehen. Roselin war über die neue Einnahmequelle sehr glücklich. Sie mußte sich die Zeit für diese regelmäßigen Besuche aber fast stehlen, und so versuchte sie, wenigstens jedesmal einige ihrer Getreuen, die es gerade möglich machen konnten, mitzunehmen, damit sie in dieser Weise ihnen etwas geben konnte. In dieser Woche handelte es sich gerade um eine sehr reichhaltige Ausstellung byzantinischer Kunstwerke Ecke Königstraße. Der Aufsatz war nicht so einfach und Roselin konnte es gar nicht begreifen, daß eines Nachmittags Marie Theres zu ihr sagte: »Also, morgen fahre ich.« – Waren wirklich die acht Tage zu Ende? Am letzten Abend widmete Marie Theres noch ein paar Stunden der »heiligen Insel«, sehr streng in ihren Forderungen an sie. Aber alle bezaubernd, sowohl durch ihre Erzählungen als durch ihren Tanz. Der Abschied am folgenden Morgen war kurz und herzlich. Marie Theres stellte in Aussicht, daß sie Ostern, allerspätestens Pfingsten, wiederkommen würde. Man nahm es kaum als Trennung; 200 sondern haftete, auch die alte Exzellenz, an dem Worte: Auf Wiedersehen. Nach acht Tagen kam die Nachricht: Marie Theres und ihr Dresdener Arzt hatten dessen Frau zusammen im Auto an einem Sonnabend nach Marienbad gebracht, wo diese sich einer Kur unterziehen sollte. Sie waren den Sonntag über alle drei zusammen geblieben. Am Nachmittag brachen sie auf, zurück Marie Theres und der Doktor. Durch die Sächsische Schweiz. Marie Theres chauffierte. Bei einer Kurve, ein anderes Auto war in Sicht, mußte sie, statt zu bremsen, Vollgas gegeben haben. Der Wagen war abgestürzt. Die beiden Insassen waren tot.   Roselin ging immer wie unter einer furchtbaren Beklemmung. Es war ihr nicht möglich, an einen verhängnisvollen Zufall zu glauben. Immer hörte sie die Untertöne, vielmehr die kleinen, scheinbar belanglosen Worte in ihrem Gespräch mit Marie Theres. Immer sah sie diesen eigentümlichen Blick, in die Weite eines unbetretenen Weges eintauchend, voll Neugier und einem tiefen, schmerzlichen Staunen.   Die alte Exzellenz Randorff zu trösten, war eine Aufgabe, die fast über die Kräfte ging. Sie forderte Roselin fast völlig in diesen Wochen. Denn Lolo konnte nicht abkommen, da sie – völlig 201 unzeitgemäß – ein viertes Kindchen erwartete. Auch Robert hatte eine feine, ritterliche und fast liebevolle Art, der alten Dame mit Vorlesen und Plaudern hier und da eine Stunde einsamen und trostlosen Hinbrütens abzunehmen. Sie hatte sich nun nachgerade an Roselins Bund gewöhnt, und besonders Robert war eigentlich ein Liebling von ihr geworden. Sie behauptete immer, es könne nicht mit rechten Dingen zugehen, daß dieser wohlerzogene junge Mann, der so gut aussah, so viel gelesen hatte und über alles zu sprechen verstand, daß er der Sohn eines einfachen Schriftsetzers sei. ›Noch dazu beim »Vorwärts«!‹ dachte Roselin und schwieg. »Ich glaube ganz bestimmt,« sagte die alte Exzellenz zu Roselin nach einer solchen Stunde, »früher war das doch schon immer so. Wenn ich denke, in unserem Ländchen, was da für prachtvolle Gestalten herumliefen, im Volk, aber auch in den guten Bürgerfamilien. Wenn man sie ins Schloß gestellt hätte, unter die Bildnisse vom alten Herzog, du hättest geschworen, es sind alles seine Urenkel. Gott, und heute – –« Die alte Exzellenz wiegte den Kopf: »Die Zeit ist doch in allem schlechter geworden, wie sollte sie sich gerade nach dieser Richtung gebessert haben? Ich will nicht direkt sagen, aber er hat bestimmt etwas von einem regierenden Hause in seiner Physiognomie!« Roselin lachte. Sie nahm die alte Exzellenz um den Hals. »Wollen wir eine Blutprobe machen, Tantchen?« 202 Roselin und Lore, die einzige Vertraute solcher Intimitäten, nannten Robert unter sich von da ab zuweilen und mit Lachen den »Kronprätendenten« oder auch das »regierende Haus«. Es war eigentümlich genug, wie er etwas vom Grandseigneur an sich haben konnte, wenn er eine entsprechende Rolle mit Roselin las und übte. ›Aber, gottlob, er ist nicht einseitig begabt,‹ dachte dann Roselin jedesmal. ›Denn ebensogut wie den Marquis Posa oder den Grafen von Charolais spielt er mir den Fuhrmann Henschel oder den Meister in Rautendelein. Ein großer Künstler ist mein lieber Bert! Gäbe es nur ein Feld für ihn. Wäre nur seine Laufbahn nicht von vornherein zu so viel Mißerfolgen und Aussichtslosigkeiten verdammt!‹ Denn bauten nicht die großen Theater ständig ab? Wie viele Provinzbühnen hatten schon geschlossen und wie viele würden noch schließen! »Nun?« sagte Robert, wenn Roselin zuweilen mit ihm über diese Zukunftssorge ein leises Wort sagte: »Ich hab schließlich immer meine Gesellenprüfung beim Schlosser hinter mir. Ich wollte eigentlich bestimmt den Meister machen, mit irgend so einem Ding wie das Schloß von einer alten Nürnberger Meistertruhe. Aber heutzutage – – Und um die Zukunft darauf zu gründen – – Es wäre schon besser, – ich spare schon darauf, Dom'na,« – Robert klopfte stark auf seine sämtlichen Taschen – »daß ich vielleicht doch noch das Polytechnikum besuche. Die notwendigen Examina 203 schaff ich schon. Schließlich gäbe ich auch noch eine Art Ingenieur ab, wenn's darauf ankommt.« Aber dem widersetzte sich Roselin zurzeit. Sogar Dr. Reichmann, mit dem alles durchgesprochen wurde, war der Meinung, daß Robert sich dann doch entscheiden müßte. Zwei so in Anspruch nehmende Lernzeiten wie das Polytechnikum und die Vorbereitung auf den Schauspielerberuf zugleich, das müsse letzten Endes zu einem Fiasko nach beiden Richtungen hin führen. So wurde beschlossen, daß Robert vorläufig mit der Hälfte der Arbeitsstunden bei seinem Meister bleiben sollte und alle freie Zeit und jeden Gedanken auf die Theaterschule und das Studium richten, denn seine Lehrer hielten ihn für außerordentlich begabt. Man mußte dann alles versuchen, daß sich die Möglichkeit einer Arbeit und eines Verdienstes für ihn fände. Im Notfall blieb ihm immer die Rückkehr zu seiner mechanischen Arbeit. ›Aber Gott verhüte, daß es sein müßte,‹ dachte Roselin. ›Es wäre für ihn der Verderb. Er kann ja nur Strich halten bei seiner Arbeit, weil er außerdem das andere hat und die Hoffnung auf die Zukunft. Wenn künstlerische Betätigung als Lebensziel für ihn ausscheidet, fährt ihm wieder die ganze Unruhe ins Blut.‹ »Lore,« sagte sie, »haben wir denn nirgendwo eine einzige Beziehung, die mit dem Theater zusammenhängt? – Beziehungen waren immer sehr viel, und heute bei dem Abbau sind sie fast alles.« 204 Roselin lachte. Sie hatte, wie sie selber es bezeichnete, sich hinreißen lassen in einer schwachen Stunde und hatte ein Drama geschrieben. Ein Thema aus der französischen Revolution, mit tiefen und feinen Beziehungen zu heute. Es war voll Spannung, hatte ausgezeichnete Rollen und Robert war begeistert davon. Drei Bühnen hatten es bereits dankend zurückgeschickt. ›Was schon viel bedeutet!‹ spöttelte Roselin. 205   Schon lange wußte Roselin, daß Maria Günther und Ignaz Laudon zusammengehörten. Wenn auch eine letzte und gesetzliche Bindung noch jahrelang hinausgeschoben werden mußte. »Dom'na,« sagte Maria an einem der bereits lange hellen Februarnachmittage zu Roselin – »etwas peinigt mich so. Darf ich alles sagen?« Roselin führte sie zum Ecksofa, das schon so manches Geständnis, manchen Rat und Tröstung mitangehört hatte. »Ich gehe die ganzen Monate mit einer Unwahrheit herum,« sagte Maria, »und ich konnte mich immer nicht entschließen, sie aufzudecken. Ich habe Ignaz zu lieb.« Ihre Augen verschleierten sich, und während Roselin ihre Hände faßte, erzählte sie. Damals, als sie nach der Enteignung ihr Gut im Posenschen verlassen mußten, hatte auch ihnen wie so vielen der polnische Staat den Besitz unter so famosen Berechnungen abgekauft, daß ihnen nicht einmal genug Reisegeld blieb. In Deutschland hatte dann die ganze schwere Zeit angefangen. Für den Vater hatte sich schließlich ein Posten als Lotterieeinnehmer in einer kleinen Stadt gefunden. Aber die Töchter mußten dazuverdienen, damit die Eltern mit den jüngeren Geschwistern durchfinden konnten. – Damals hatte Maria, deren Ausbildung 206 in der Musik unterbrochen worden war, in der Familie eines Großindustriellen eine Stellung als Haustochter angenommen. Ein Bekannter der Familie, Bankier in sehr glänzenden Verhältnissen, aber mehr als doppelt so alt wie Maria, hatte sich um sie beworben. Ihr Herz empfand nichts für ihn. Es war eine sogenannte glänzende Partie. Alle hatten zugeredet, besonders die Verwandten. Aber kurz vor der Hochzeit war es ihr nicht länger möglich, sich selbst zu täuschen. Sie wußte, daß sie sich verkaufte. Sie war plötzlich und heimlich abgereist und hatte ihrem Verlobten die Absage geschrieben. »Darf ich, Dom'na, darf ich?« sagte sie. »Es ist doch wie ein Flecken auf mir durch diese Unehrlichkeit. Sie hat mich doch einem ungeliebten Manne so nahegebracht. Darf ich da noch diese ganz reine und große Liebe von Ignaz annehmen?« »Ach, Kind,« Roselin umfaßte Maria. »Ich glaube wirklich, daß du genug Schweres durchgemacht hast wegen dieser einmaligen Unwahrhaftigkeit. Ich glaube nicht, daß Ignaz darum geringer von dir denken könnte. Gewiß, er wird dich nur noch mehr lieben, weil du dich so gepeinigt hast.« – In ihr war es wie Jubel, daß es in der heutigen Zeit noch junge Menschen geben konnte mit einem so zarten Gewissen, Frauen, keusch genug, daß sie durch den Kuß eines ungeliebten Mannes sich entehrt fühlen, wenn die wirkliche Liebe sie erfaßte. 207 Roselin hatte Maria geraten, sich Ignaz anzuvertrauen. Sie selber aber hatte ihn vorher zu einer Unterredung zu sich gebeten. Und es kam dabei ganz so, wie Roselin gedacht hatte, und entwickelte sich weiter, wie sie erwartete: nämlich daß der lange Ignaz eine dicke Falte zwischen die Augen bekam und einen Ton von sich gab, der akkurat wie ein Zähneknirschen klang. Aber nicht lange, und er küßte feurig und dankbar Roselins Hand. Dann stürmte er davon im Drang, Maria zu trösten. Seitdem ging Maria immer wie in eine Wolke des Glückes eingehüllt, und jetzt machte es auch der lange Ignaz möglich, was er früher immer als eine Undenkbarkeit hingestellt hatte, sich an zwei Abenden in der Woche von seinen Büchern zu lösen und sich ganz Maria zu widmen. Ignaz und Maria hatten an einem dieser freien Abende eine Aufführung des Prinzen von Homburg besucht. Sie gestatteten sich solche Feste vom Olymp aus hier und dann einmal. Durch die Friedrichstraße mit ihrer fast exotischen Buntheit schlendernd, bemerkten sie ein Paar auf der gegenüberliegenden Seite, in derselben Richtung gehend. Robert und eine Dame. Das Gedränge schluckte sie ein, aber schon tauchten sie wieder auf, er immer lebhaft auf die Dame einredend. »Mein Gott,« sagte Maria, »die elegante Pelzjacke kenne ich doch gar nicht! Aber trotzdem, es ist Karin.« – Im nächsten Augenblick traten die beiden in eine Tanzdiele. 208 Ignaz und Maria sahen sich an: Irgend etwas geschah da, was nicht zu geschehen hatte. Etwas floß hin neben dem klaren Strom ihres Bundeslebens. Irgendwie wurde die Dom'na, oder auch Lore, oder vielleicht beide von diesem Dunklen und Gefährlichen bedroht. – »Was können wir tun?« sagte Ignaz. »Wir können doch nicht spionieren?« Etwas zog seine Mundwinkel herunter. »Spionieren?« Die sanfte Maria flammte auf. »Weißt du noch, als Schlageter damals erschossen wurde? Hast du nicht auch um ihn getrauert, wie um einen Helden? Und war er anders als ein Spion? Aber es ging doch um seine tiefste Liebe. Um Deutschland setzte er sein Leben täglich aufs Spiel. Und schließlich mußte er's auch lassen dafür. Und wir? Und unsere Liebe – –« Der lange Ignaz drückte im Gewühl Marias Arm fest in den seinen. Er lächelte zu ihr hinunter: »Mit dem Herzen seid ihr immer die klügsten. Die Männer sind dumm. Unsere ganze Klugheit kommt aus dem Kopf. Was macht man damit, wenn es sich um so subtile Dinge handelt? Komm!« sagte er. Sie gingen ebenfalls in die Tanzdiele. Es gab Jazz mit zwei Klavieren. Von der Galerie aus konnte man die Tanzenden beobachten. Sie bestellten einen Kaffee. Sie schauten hinunter und sie brauchten nicht sehr lange hinzusehen, bis Marias Augen groß und dunkel sich empörten: wie Robert mit Karin tanzte, sie dann an den Tisch führte, mit ihr saß und wieder tanzte, das war eindeutig 209 und klar. »Wir können gehen,« sagte Ignaz, »nicht wahr?« Er machte dem Kellner ein Zeichen. »Wie ist es nur möglich?« sagte Maria draußen, als sie sich wieder durch die Menge schoben. »Wie ist es nur möglich! Unsere Dom'na! Was ihn zu Karin treibt – – nur sein Blut. Aber ich weiß nicht,« sie wurde rot, sah Ignaz hilflos an, »es kommt nicht aus seinem Herzen,« murmelte sie. »Nein,« Ignaz wendete den Kopf zur Seite. Auch sein Gesicht hatte einen dunkleren Ton angenommen: »Aus dem Herzen kommt es nicht.« Seine Stimme kam streng und wie abschließend. Sie trieben, eng und zusammengehörig durch den Menschenstrom. »Das gehört wahrscheinlich auch zum heutigen Stil.« Maria mußte sich noch weiter aussprechen über dieses Quälende. »Hast du gesehen? Sie tanzten nicht anders wie alle tanzten, und sie saßen, wie sie alle dort saßen. Es ist so wunderlich, ich habe es schon ein paarmal so beobachtet: der Einzelne scheint aufgehört zu haben. Sie sind wie Wald,« sagte Maria – »nicht Urwald –, geforsteter, alle Stämme gleich, keiner anders, keiner überragend. Oder wie aus derselben Fabrik, alle mit demselben Stempel. Das Persönliche scheint keine Rolle mehr zu spielen. Ach, und unsere Dom'na!« Ignaz Laudon nickte. Er verehrte und liebte die Dom'na wie alle von ihnen. Aber während Maria noch immer mit dem schmerzhaften Erlebnis rang: ›Maria hat sehr richtig beobachtete dachte er. 210 ›Je uniformer, je herdenmäßiger die Menschheit sich einander angleicht, um so bedürftiger wird sie. Der Führer Rußland geht voran als Beispiel. Die Diktaturen wechseln dort ab. Früher waren es die Zaren, dann Lenin-Trotzki und so fort. Jetzt haben sie Stalin, durch den rächt sich die Georgische Rasse dafür, daß Rußland sie einmal in sich aufgesaugt hat. Der russische Mensch ist seit Jahrhunderten das Muster für das Kollektivum. Nun, wir sind nicht weit davon. Auch machen wir es dem künftigen Führer leichter von Tag zu Tag. Je mehr wir uns verflachen, desto weniger werden jene es not haben, uns zu überragen. Gott im Himmel,‹ dachte er weiter, ›kann man ein Volk wie das deutsche noch lange mit dieser Nivellierung abfinden? Wo ist die flammende Seele zu dem glasklaren Hirn, die endlich einmal wieder zeigt, daß dieser präzise, unkomplizierte, intelligente, normierte und unbeteiligte Maschinenmensch keine Zukunft hat! Denn wo kein Wurzelgrund ist, weder im Metaphysischen, noch im Zentralen, woher soll dann ein Wipfel ragen?‹ »Ignaz,« Maria drückte sanft seinen Arm an sich: »Du bist weit fort von der Dom'na und von allem, was uns quält. Wohin hast du dich wieder gedacht? Ach, ihr Männer habt's gut. Immer könnt ihr euch vom Persönlichen gleich in eine befreiende Weite hineinerlösen.« »Befreiend?« Ignaz nahm lachend ihre Hand: »Leider habe ich mich gar nicht in eine Weite erlöst, 211 Maria. Vielleicht aber,« er drückte ihre Finger zwischen den seinen, »aus einem allerengsten und tiefsten und zartesten Punkt heraus könnte ich mich befreien, aus einem Ewiggültigen heraus, Maria, einfach aus unserer Liebe zueinander. Und aus der Zuversicht, daß wir uns in der Ehe, unlöslich verbunden, weiter entfalten werden. Immer nach den alten Gesetzen der Ehe: nämlich mit Kindern, die wir nach unserem besten Wissen und Gewissen erziehen werden, – auch im Staat – ich sage hier lieber: Vaterland – unsere Stelle treu ausfüllen und, Maria« – er zögerte, er lächelte, er bückte sich ein wenig zu ihr: »Die alten Rittergelöbnisse haben immer noch guten Klang: für die Frauen, für den Kaiser – kannst jetzt auch einfach sagen: Deutschland, und für Gott.« – Sie beschlossen nach diesem Gang, Roselin nichts von der Begegnung mit Robert und Karin zu erzählen. Aber Lore wollten sie eine Andeutung machen, schon um Roberts willen. »Es ist zu toll,« entfuhr es Lore eines Tages nach dieser Aussprache mit Ignaz und Maria gegen Roselin. »Nein, nein,« sagte Roselin. Zu weiterer Entschuldigung kam sie nicht. Sie war bedrückt. Sie wußte, an welchen Namen Lore dabei dachte und ihn vor ihr verheimlichte. »Karin hatte doch ihren Freund, Bräutigam will ich schon gar nicht mehr sagen. Sie ist eine ganz leichtfertige Person,« schloß Lore kurz und bündig. 212 Karin hatte sich äußerlich sehr vorteilhaft verändert. Der Pagenkopf stand ihr besser als der Herrenschnitt, den sie bis dahin getragen hatte, ihren reizenden Ohren zuliebe, wie Lore gerecht, wiewohl ärgerlich feststellte. ›Wie ist es nur möglich,‹ dachte Lore, ›und wenn sie noch dreimal so hübsch wäre, aber ein Mensch wie Robert, und der immer die Dom'na vor sich hat!‹ – Sie zürnte heftig. Meinte, sie zürne für Roselin allein. Aber plötzlich schien sie sich zu erschrecken, denn sie überflammte und wurde gleich danach wieder ganz blaß. 213   Der kommende Frühling ging um im Blut. Was wußten sie in Berlin zwischen Asphalt und Teer und Mörtel und Stuck und Steinen, zwischen Autohupen und dem wahnsinnigen Klingeln der elektrischen Bahnen, was wußten sie hier vom Frühling? Oder gar von Ostern? Wertheim allerdings hatte seine Osterausstellung in den Schaufenstern und in dem großen Lichthof zu Füßen der Berolina begonnen. Der Hase, drei bis vier Meter hoch, wurde bereits Tradition. Und um ihn gruppiert, Familien seines Geschlechts sämtlicher Größen. Bäuerlicher oder bürgerlicher Aufmachung, mit Regenschirmen, mit Kiepen voll Eiern, mit Westen und Krawatten, mit Babies in Steckkissen, mit Sportwagen und Milchflaschen und Lutschern. Unendlich vermenschlicht. Den Großstadtkindern ein Entzücken. Denn nie hatten sie ein Tier in der unschuldigen Lust seiner Freiheit beobachten können zwischen heißem Wiesengras, durchduftet von Thymian, auf braunen Hängen, überblüht von feurigem Ginster, zwischen betautem Waldmoos und dem scherzenden Spiel violetter Schatten und silberner Lichter. Vielleicht hatte eines oder das andre von ihnen mit der Schule oder am Sonntag mit den Eltern einen Ausflug gemacht und einen armen Frosch mit nach Hause gebracht 214 in der Botanisiertrommel. Dann hatte man ihn in einem Glase in der Sonne stehen lassen, und am anderen Tage war der Arme zerplatzt wie eine Seifenblase, während seine Brüder einen kostbaren Sommer hindurch mit hingebenden Gesängen ihr grünes und feuchtes Wasserglück feierten. Allerdings, für Großstadtkinder mochte eine Osteraufmachung dieser Weise vielleicht das einzig Verständliche sein. Sie hatten doch nicht einmal eine Katze zur Hausfreundin, mit Pfötchen wie Sammet, der ihre Waffen verheimlichte. Und mit diesem wunderbar unbeteiligten, hochmütigen Ausdruck, der immer daran erinnert, daß sie königliche Verwandte in fernen, gelben Wüsten hat. Ein Hund? Ja, wieviel Glückliche besaßen einen Hund mitten in der Großstadt!? Mußte man ihn nicht womöglich jedesmal vier Treppen hinunterführen, wenn seine Natur das verlangte? Nur an der Leine und zu bestimmten Zeiten mit dem Maulkorb, durfte er das harte Steinpflaster oder den glühend heißen Sommerasphalt betreten. Er blieb ein Gefangener, selbst da, wo er einem Menschen Freund und alles bedeutete. »Ich kann es kaum noch mit ansehen,« sagte Roselin zu Lore. »Wir müssen öfter hinaus. Sahst du, was für dunkle Ringe Maria um die Augen hat? Und auch die andern. Allen ist der Frühling im Blut aufgebrochen. Sie wissen selber nicht, was sie so ruhelos macht. Denn den meisten ist alles, was mit draußen zusammenhängt, doch 215 nur wie Legende. Aber sogar Edith mit ihrem großen Garten um die Villa sieht so verändert aus. Man hat doch nie wieder etwas gehört, was Besorgnis über die Firma Hollmann Söhne erwecken könnte. Ob Karin damals wirklich mehr wußte? – Wir hielten es doch nur für eine ihrer kleinen Gehässigkeiten gegen die wohlsituierte Klasse!« Lore stellte den Strauß dunkelroter, aufbrechender Erlenkätzchen, in der Markthalle erworben, auf Roselins Schreibtisch, um auf dem kleinen Sofatisch ihr einfaches Mahl anrichten zu können. Als sie den Strauß fortnahm, blieb, wo die Vase gestanden hatte, ein dunkler Grund mitten in einem goldenen Hof. Auch in Lores Augen stand ein dunkler Grund in einem goldenen Hof. Nur, er war beweglich. Wurde tiefer oder lichtete auf. Auch ihre Bewegungen waren nicht mehr von der schönen, alten Gelassenheit. Sie hatte, sie mußte es sich zugestehen, nur halb gehört, was Roselin sagte. Immerwährend dachte sie: »Vierzehn Tage ist Robert jetzt schon wieder nicht mehr bei uns gewesen. Er scheut sich wieder, der Dom'na unter die Augen zu treten. Er ludert wieder einmal. Ich habe große Angst, daß es wieder mit Karin zusammenhängt!« – Dieses Mädchen war ihnen wie ein Pfahl im Fleisch aufgetragen worden. »Ja, Edith!« sagte sie dann laut. »Ja, hinaus in den Frühling, Dom'na!« Es war eigentlich der Abend, an dem Robert zu ihrer gemeinschaftlichen Sprachstunde erwartet 216 wurde. Aus diesem Grunde wollte Roselin zu Hause bleiben. Wiewohl der laue April dringlich aufforderte, sich noch eine Stunde wenigstens an Baumnähe und dem Duft aufbrechender Erde im Tiergarten zu erquicken. »Wir werden wohl wieder umsonst warten,« Roselins Stimme klang heiter, aber Lore hörte den Unterton. »Wir wollen einmal sehen, was los in der Welt ist,« sagte sie. »Wenn's auch niemals sehr froh macht. Ich lese dir vor, Lore, gib her die Zeitung!« Auf Lores Bitten nannte Roselin sie seit ein paar Wochen »Du«. Und die übrigen Bundesglieder hatten sich diesem Wunsche angeschlossen. Aber keines von ihnen hätte es für denkbar gehalten, daß auch sie eine gleiche vertrauliche Anrede der Dom'na gegenüber anwenden könnten. »Meister« hätten sie gesagt, wenn sie keine Frau gewesen wäre. Und sie waren die Jünger des Meisters. Nun, »Dom'na« bedeutete dasselbe. Aber indem sie »Du« von der Dom'na genannt wurden, kam noch eine persönliche Nähe und Innigkeit in die Beziehung, etwas Mütterliches. Wiewohl Roselin nicht mütterlich war, weder in ihren Handlungen noch in ihren Gesprächen. Sie war allen die gleiche große Freundin, die Führerin, die Erziehende, die Lehrende, die Deuterin, der Meister! Einzig Lore nahm eine Ausnahmestellung ein, die von den andern ihr manchmal, aber immer nur liebevoll geneidet wurde. Denn allen erschien Lore als die notwendige Ergänzung zur Dom'na. Als das Teil 217 gewissermaßen, das sie ihnen menschlich erst ganz nahe verband. ›Ich hab' nie nach einem leiblichen Kinde verlangt,‹ dachte Roselin zuweilen. ›Aber wenn ich eines hätte, es müßte sein wie Lore. Ganz anders wie ich und trotzdem oder vielleicht gerade darum mir so nahe wie noch kein weibliches Wesen, dessen ich mich entsinnen könnte. Mutter! Ja, Mutter! Das ist das Unvergleichliche. Das kommt gar nicht in Betracht. Aber dann Helga zum Beispiel.‹ Sie sah sie so deutlich vor sich, ihre Freundin im Felde, ihre Oberschwester, mit der sie fast zwei Jahre alle Freuden und die viel mehr Sorgen, Enttäuschungen und die Arbeit der Lazarettjahre geteilt hatte. Sehr nahe und wert war ihr Helga gewesen. Mit ihr zusammen arbeiten, war Lust. Es würde auch heute wie damals sein. Aber dieses wortlose Sichverstehen und Erfühlen wie zwischen Lore und ihr, – dieses absolute Vertrauen, die warme Geborgenheit? ›Nein,‹ dachte Roselin, ›nicht einmal mit Stephanie, nicht einmal bei meiner geliebten Schwester –‹ »Komm, Lore,« sagte Roselin. »Bin ich wirklich wieder einmal schuld an diesem gehäuften Stopfkorb? Verzeih nur. Ich suche dir dafür auch das Beste heraus.« – Aber kaum, daß Roselin die Zeitung aufgeblättert hatte, ließ sie sie erschrocken zurück auf ihr Knie sinken, nahm sie wieder auf: Hatte sie sich im Namen geirrt? »Oh – Karin! –« Und sie las laut und schmerzlich, daß die Fabrik Hollmann Söhne unter Geschäftsaufsicht gestellt sei. 218 An eine Deckung des ungeheuren Defizits war kaum zu denken. Die Verhältnisse lägen besonders schwierig und zurzeit unübersehbar, weil der Inhaber der Fabrik – Ediths Vater –, von einem Gehirnschlag getroffen, darniederliege. An seinem Aufkommen würde stark gezweifelt. »Edith! Arme Edith!« Roselin war aufgestanden. Sie ging hin und her und fühlte erst nach einer Weile, daß Lore ebenfalls mit ihr auf- und niederging, ihren Arm behutsam unter den ihren geschoben. »Wie wird es nur mit ihrem Studium werden?« sagte Roselin. »Müßte man nicht sofort zu ihr?« Sie sah nach der Uhr. Es war nicht weit vor elf. Man würde das Haus aufstören. »Hans Markgraf wird bei ihr sein,« sagte Lore. »Man wartet wohl besser bis morgen.« »Gott sei gedankt für den Hans!« Roselin blieb stehen im Wandern. »Mit seinen Fähigkeiten, mit seiner Energie! Und mit Anschauungen. Er wird Edith eine solche Stütze sein. Aber sie braucht noch wenigstens ein halbes Jahr, ehe sie ihr Staatsexamen machen kann. Man muß ihr sofort schreiben. Du auch, Lore, du auch.« – – Nun war es schließlich ganz gut, daß Bert nicht kam, dachte Roselin, als sie eine Stunde später beide Briefe in einem Umschlag verschlossen, zu zweit hinunter zum Kasten trugen. Es regnete sanft in großen, vollen Tropfen. »Wie das Laub jetzt duften wird!« Roselins Brust weitete sich. Sie atmete durstig mit geblähten Nüstern. 219   Ein paar Tage später telephonierte Dr. Reichmann Roselin an. Auch er hatte vom Zusammenbruch der Firma Hollmann Söhne gelesen. »Ich glaube, es wäre richtig, Dom'na,« – seine Stimme klang durchs Telephon immer, als ob er seine Kompagnie führte, – »wenn Sie sich mir zu einem kleinen Ausflug anvertrauten. Sie müssen einmal tüchtig laufen, in den Frühling hinaus. Es gibt auch so vielerlei, was ich gern mit Ihnen bespräche!« Lag heut nachmittag etwas Besonderes vor? Sonst konnte man die laufende Arbeit vielleicht irgendwie zusammendrängen? Roselin überlegte. Sie war die ganze Woche fast täglich bei Edith draußen gewesen. Jetzt war das Wichtigste zunächst erledigt und das Allerschwerste überwunden. Es war nichts einzuwenden gegen Dr. Reichmanns Vorschlag. Sie wollten zusammen nach Rheinsberg fahren. Roselin kannte weder Schloß noch Park. Sie hatte sich schon immer gewünscht, einmal die Stätten zu betreten, wo ihr geliebter König, ihr Alter Fritz, im lila samtenen und gestickten Schlafrock die Flöte geblasen hatte. Alles entwickelte sich programmäßig: Abholung, Fahrt. In Rheinsberg ging man zuerst in das kleine Gasthaus. Beide hatten einen guten Hunger. 220 Es war jetzt gegen fünf, und sie hatten seit ihrem ersten Frühstück nichts mehr genossen. Dann lag, Smaragd an den Rändern und stumpfer Malachit zur Mitte hin, der Grienericksee vor ihnen. Sie gingen am Rhin entlang. Er umfloß das Schloß, das der gestrenge Vater Friedrich Wilhelm I. von Knobelsdorf für seinen so oft ihm unverständlichen, oft bis aufs Blut gezüchtigten und doch immer leidenschaftlich geliebten Sohn umbauen ließ. »Wir wollen doch nicht in den Park,« bat Roselin, plötzlich stillstehend. »Habe ich so daneben getroffen?« staunte Dr. Reichmann. »Nicht Rheinsberg?« »Ja, doch!« wunderte sich Roselin. Sie wußte nicht, was sie heute gegen Rheinsberg hatte. Sie bogen ab von der Hauptstraße, schlugen einen Nebenweg ein. Die Weiden am Flußufer waren hellgelb und verschwendeten sich. Auf den feuchten Wiesen spreizte sich der Kiebitz und schritt hüpfend die seltsamen und kunstvollen Figuren seiner Liebestänze. Roselin brauchte eine Weile, bis sie sich zu einer Antwort fand. ›Und im Grunde ist es das gar nicht,‹ dachte sie, ›ich bin unehrlich!‹ Während sie laut sagte: »Mein geliebter Alter Fritz tritt mir hier ferner. Alle diese blasenden Tritonen, diese lockenden Aphroditen und die tausend Götter in seinen Parks werden mir immer fremder. Es ist töricht. Ich weiß. Es ist doch nicht seine Schuld, daß er in das Rokoko hineingeboren wurde. Aber es peinigt mich 221 manchmal geradezu, daß ich nicht weiß, wie er gehandelt hätte, wenn er heute lebte.« Roselin stand plötzlich still. »Dieses Schwankende aller Maßstäbe, ist es nicht fast das Schrecklichste von allem heute? Menschen – auch – wertvolle –« Roselin atmete tief, »ja, auch wertvolle,« wiederholte sie, »verlieren die Direktion.« »Dom'na!« Dr. Reichmann faßte behutsam nach ihrer Hand, wie sie in eine niedrige Kiefernschonung einbogen, die unter der Sonne stark duftete. Das graue Moos auf dem Grunde war nachgiebig wie Schwamm von dem letzten Regen. Aber wie das Harz die Stämme schon rot und lebendig machte! Bald würden den Zweigen die farblosen und bescheidenen Kerzen aufgesteckt werden! »Wer heut aus der Tiefe lebt, Dom'na, und allein lebt, dem wird nicht viel erspart bleiben. Auch wir beide sind Schwimmer gegen den Strom. Nur, meine Arme sind stärker. Dom'na, ich habe Sie lieb! Wäre es nicht denkbar?« – – Roselin spürte einen Ruck in der Herzgegend. Es war nicht mehr früh am Tage. Nebel legte sich weiß wie Wolle vom Fluß her über die Wiesen. Die blasse Dämmerung wurde eigentümlich veilchenblau. ›Rom,‹ – dachte Roselin plötzlich. ›Die blaue Stunde des Südens!‹ – Die Erde duftete nach Tau und Frühling. ›Wenn ich in ein paar Stunden nach Hause komme – freilich, Lore ist da, die Treue und selbstlose Liebe in Person. 222 Aber trotzdem‹ – – In diesem Augenblick fing im Gebüsch die erste Drossel an. Roselin fuhr zusammen, wie verwundet. Hatte dieser Ton die Erde vor ihr in einem Abgrund auseinandergerissen? Was stand in ihr auf, Hände geöffnet wie Schalen? – Was bedeutete das alles? – – Und dann wieder – schritt eine Gestalt durch die Dämmerung? – Roselin erkannte sie nicht – – Jürgen Jürgensen? – Oder ein andrer? – Ein – andrer? – Roselin schien zu schwanken. Dr. Reichmann streckte den Arm aus. Er legte ihn sekundenlang um ihre schmale Hüfte, bis sie sich wieder fest hielt. »Dom'na, liebe, liebe Roselin – –?« – Aber zu Roselin kam seine Stimme wie aus weiter Ferne. Denn um sie her ging es fortwährend wie zuckende Lichtkreise zwischen dem dunklen Gestämm. ›Mein Gott,‹ sagte Roselin zu sich selber, ›mein Gott! Sehe ich denn Bert nicht mehr als meinen Jungen, meinen lieben Jungen? Sind meine Gefühle nicht rein mütterlich? Er ist zweiundzwanzig, und ich bin siebenunddreißig.‹ – ›Gott im Himmel,‹ dachte sie, und im Arm von Dr. Reichmann, von dem sie nichts wußte, rang sie die Hände ineinander. Sollte denn die Tragödie von Rüschhaus wiederholt werden? Sollte eine andere Annette sich an einen jungen Lewin verlieren? Nur, daß nicht einmal ein unsterbliches Werk, wie das jener Frau, später dahinterstand! Und eben dachte sie noch, sie könnte sich vielleicht zu diesem 223 guten Menschen hier flüchten. Sie wollte ihn fürliebnehmen lassen wie früher einmal Bob und wollte nicht einmal so wahrhaftig sein wie gegen Bob! – – ›Ich kannte mich nicht,‹ klagte etwas in ihr. ›Gott weiß: es ist die Wahrheit. Eben erst, in diesem Augenblick habe ich mich selber gesehen!‹ – Sie raffte Dr. Reichmanns beide Hände an sich, hielt sie fest. Sie sah ihm dringend ins Gesicht, in das eine Auge, das der junge Mond ganz stark beleuchtete. Und plötzlich kam ihre Stimme schnell und hell, wiewohl noch immer ein Beben in ihrem Grunde war: »Ich habe früher niemals den Mut gehabt zu einem klaren Ja oder Nein. Sie selber sagten es doch damals, wissen Sie noch, lieber Freund? Die heutige Zeit verlangt Entscheidungen, und alles Halbe muß ausgetan sein. Ein Mann wie Sie verdient ein ganzes und volles Herz. Und« – sie zögerte. Sie überwand sich – »nicht eines wie das meine. Könnten Sie mir nicht Ihre Freundschaft bewahren?« Sie hob das Gesicht zu ihm auf. »Es ist jetzt eben nicht leicht für mich!« sagte sie leise. Sie ließ seine Hand aus den ihren. Der Mond, der sich eben hinter der großen Wolke verborgen hatte, schlüpfte wieder heraus, strahlender als zuvor, und versilberte alles. Das erste zarte Gras duftete im starken Tau. Blühten schon irgendwo Veilchen? Und dann kam noch einmal herauf wie aus Schlaf und Traum sehr süß der Auftakt vom Liebe der Drossel. ›Nicht für mich,‹ dachte Roselin. 224 ›Dieses alles nicht für mich. Stirb und werde,‹ dachte sie. ›Man kann nicht besser als wahrhaftig sein, gegen sich selber und gegen den andern. Das übrige muß Gott machen. Und helfen muß Gott!‹ – »Mein Vertrauen in Sie ist ohne Grenzen. Nicht wahr, es ist wie ein Bund zwischen uns, den nichts, aber auch gar nichts zerstören könnte?« »Nichts,« sagte Dr. Reichmann. »Gar nichts, liebe Dom'na.« Er nahm ihre Hand fest in die seine. Sie gingen zusammen wie Bruder und Schwester.   Als sich Roselin an diesem Abend in ihr Bett legen wollte, überfiel es sie in dumpfem Schrecken: um Dr. Reichmanns Freundschaft hatte sie aufs neue gebeten, weil ihr dies Geborgensein in dieser Kraft und Güte unerläßlich erschien. Aber hatte sie danach gefragt, was ihm dadurch auferlegt wurde? Wäre es nicht für ihn, den Mann, der sie liebte, sehr viel leichter, dieses alles zu überwinden, wenn sie sich eine Weile wenigstens nicht zu sehen brauchten? Hingegen hatte sie mit ihm abgemacht, daß er in der nächsten Woche wie immer zu ihr zum Tee käme. Roselin, schon halb entkleidet, warf ihren Flausch über. Sie drehte noch einmal im Wohnzimmer das Licht an, setzte sich an den Schreibtisch. Klagte sich an in ihrem Brief, bat um Verzeihung und wollte gern verzichten auf eine ihr werte und liebe Gewohnheit, wenn usw. – – 225 Als sie den Brief überlas, zerriß sie ihn. Dies war unmöglich. Sie schrieb einen zweiten und einen dritten. Alle wanderten, in kleine Stücke zerrissen, in den Papierkorb. Roselin seufzte, legte die Feder hin, ging müde in ihr Bett. Sie dachte: ›Gut, daß Lore heute abend bei Edith ist. Sie merkt mir immer alles an!‹ Und dieses mußte allein überwunden werden. – Sie beschloß nun, vor nächsten Freitag Dr. Reichmann einfach mitzuteilen, daß sie irgendwie verhindert sei. Als es dann so weit war und Roselin bereits die Anschrift schrieb, kam Post. Dr. Reichmann war darunter. »Sie müssen sich keine Gedanken machen um mich, liebe Dom'na,« schrieb Dr. Reichmann. »Nur wer kein Werk hat, ist zu beklagen in einem Falle wie dem meinigen. Man hat die Askese der katholischen Kirche vielfach unterschätzt. Natürlich kommt es immer auf den Menschen an, dem sie auferlegt wird. Eine große Liebe, ja, eine große Leidenschaft, die sich nicht ausleben darf, wird immer nur beim Tatenlosen Verheerungen im Nervensystem anrichten. Verzeihen Sie mir, Dom'na, den trivialen Vergleich; aber wer sein Ziel sieht, dem bedeutet eine Hemmung dieser Art nur eine doppelte Portion Kohlen. Der zu starke Druck des Dampfes, der bei den festgeschraubten Fabrikkesseln eine Explosion zuwege brächte, wird die Lokomotive nur heftiger ihrem Ziele zutreiben. Sehen Sie, Dom'na, man entgeht der Technik nicht in diesem Zeitalter. Selbst nicht, wenn es sich um 226 so subtile Dinge handelt. Also auf gutes Wiedersehen!« ›Guter Mensch,‹ dachte Roselin, prachtvoller Mensch.‹ Ihr Mund wurde weich. ›Ich muß es verdienen, daß er mich behandelt wie der gotische Ritter seine Herrin.‹ Sie richtete sich sehr gerade. In die dumpfe Not, unter deren Druck sie ging, seit Rheinsberg, schien es wie frischer Wind zu stoßen. ›Gut, gut,‹ sagte Roselin. ›Auch ich will aus dem verdeckten Feuer den großen Antrieb machen.‹ Ihr schien, als sei das Zimmer, das tagelang vernebelt war, plötzlich heller geworden. ›Was kommt es groß darauf an,‹ dachte sie, ›daß es hier brennt und reißt!‹ Sie drückte ihre gefalteten Hände gegen ihre Brust. ›Wer ein Garba will – – Nun ja. Es ist wie bei ihm. Es gibt Schmerzen, für die man trotzdem danken muß.‹ Sie stand vor dem alten Kruzifixus aus Tirol. Er mochte in Wind und Wetter, nicht nur Jahrzehnte, viel länger mochte er unter seinem geringen schirmenden Dächlein eine gefährliche Wegstelle gesegnet haben. Noch immer lag auf dem Antlitz mit den verblichenen Konturen die gläubige Innigkeit seines Schöpfers. Vielleicht auch ein sanfter Hauch der Bitten, Danksagungen und Gelöbnisse, ihm dargebracht. »Wer war bereit wie du,« sagte Roselin leise. »Nur immer dein Ziel im Auge, und als Lohn Verrat und Dornen und der bittere Tod.« Und wie neulich im Walde schlug sie das Wort: Stirb und werde! Wem blieb es erspart, der Ewiges forderte? 227 Dem kleinsten Kämpfer ebensowenig wie dem größten. – Ein Lächeln kam ihr, während sie Tränen über ihre Wangen fließen fühlte. Sie winkte Dank zu dem Kruzifixus. Dann ging sie schnell zum Schreibtisch. »Heut ist dies meine Aufgabe.« Und ohne aufzusehen, vollendete sie einen Einakter, den sie in der Nacht nach Rheinsberg begonnen hatte, ohne damals die Lösung zu finden. – 228   Dann kam die Osterwoche. Goldchen hatte einmal gesagt: in der Karsamstagnacht hält die Schöpfung den Atem an. Roselin saß wieder an ihrem Schreibtisch. In ihr war jetzt beständig ein Wogen und Aufruhr. Aber zugleich fand sie die Form, dieses Drängende zu bändigen, sicher und ohne jedes Zutun. Der Einakter, den sie neulich geschrieben hatte und dem sie den Titel »Stirb und werde« gegeben, verlangte Ergänzung. Es war noch nicht alles ausgesagt, vielmehr dargestellt. Das zweite Spiel war fast vollendet, als es leise an ihre Tür klopfte. Roselins Augenbrauen schoben sich sekundenlang gequält zusammen. ›Oh,‹ dachte sie, ›Lore!‹ Sie rief, es kam zögernd ihr: Herein. »Mein Gott,« als Roselin aufblickte: »Lore, geweint?« Es war etwas so Neues und kaum ausdenkbar. Roselin, heftig erschrocken, war aufgesprungen. Sie faßte die Freundin, denn das war sie ihr längst geworden, bei den Schultern. »Ach, Dom'na!« Lore lachte und weinte durcheinander, und – was nie ihre Gewohnheit war, – lehnte sich einen Augenblick weich und wie bedürftig des Rastpunktes an Roselins Schulter. »Ich muß es Ihnen erzählen. Heut, nun alles vorbei ist! Und so wunderbar vorbei!« 229 Sie waren Hand in Hand zu dem kleinen Ecksofa gegangen. Roselins Hand zitterte. ›War hier auch neben ihr ein Kummer geschritten, und sie hatte nichts davon erfühlt? Hatte immer nur genommen von dieser jungen und hellen Kraft?‹ »Sprich doch, Lore.« Und als müsse sie etwas gutmachen, was sich vielleicht nie mehr gutmachen ließ. »Sag ›du‹ zu mir, Lore,« bat sie dringlich. »Du Liebe, ich bitte dich darum.« Sie küßte sie. »Dom'na,« Lore konnte sich nicht gleich dreinfinden. »Ich weiß nicht, ob ich kann. Aber daß ich darf! Was für ein Geschenk! Ich werde üben, Dom'na!« Sie lachte glücklich. »Es klingt herrlich: Dom'na, du!« Während Lore dann erzählte – stand plötzlich vor Roselin ein ferner Nachmittag. Lore war gekommen und bat, ob Roselin ihr Hausschreiberei vermitteln wolle. War nicht damals ein Ausdruck in diesem klaren Gesicht gewesen, der Roselin aufgefallen war? Aber nachher – – ›Ich fand mich wohl immer so großartig im Geben,‹ dachte Roselin bitter. Ihre Mundwinkel zogen sich herunter. ›Nun, es wird einem nichts geschenkt. Für alles gibt es eine Vergeltung. Und manchmal ist es die bittre Scham.‹ Sie faßte Lores Hände fester. Es war also so: Damals, als Lore die Stellung bei Dr. Bornemann aufgab, handelte es sich nicht um eine verliebte Laune des Professors, sondern um eine tiefe und starke Leidenschaft, die den 230 ausgezeichneten, nicht mehr jungen Mann für seine Sekretärin ergriffen hatte. Und der Fall wurde kompliziert – Lores strahlende Augen füllten sich wieder mit Tränen –, daß diesmal ihr Herz darauf geantwortet hatte. Aber sie kannte Frau Dr. Bornemann und wußte, daß diese nach siebenjähriger Ehe ihrem Manne noch immer ein Gefühl wie in ihrer Brautzeit bewahrte. Da die Ehe kinderlos geblieben, waren die beiden bisher einander alles gewesen. Dann plötzlich – – – oh – Roselin verstand gut – Lore war durch die herabgelassenen Vorhänge dieses stillen Hauses hineingeschlüpft wie Frühling, neue Jugend, Heiterkeit, Helle und hatte das scheinbar Unverletzliche an einer Stelle erschüttert. Als sie erkannte, wohin das Schicksal treiben würde, hatte sie sich mit fester Hand herausgenommen. Es war ja nicht so leicht gewesen im Anfang. Aber – »Wenn man die Dom'na hatte und den Bund! Das hatte über alles hinweggeholfen. Und – – ja – sie war so sehr glücklich heut!« Darüber fing Lore plötzlich an zu weinen und beteuerte wieder und wieder, wie glücklich und dankbar sie sei, und sie war es wirklich. Dr. Bornemanns hatten ihr beide geschrieben. Ein Töchterchen war ihnen geschenkt worden. Und Lore sollte Pate sein. »Ach, Dom'na.« Lore wußte nicht, wie es gekommen war, daß sie vom Ecksofa heruntergeglitten, auf dem Fell kniete und, ihren Kopf auf Roselins Knie, leise vor sich hinschluchzte. »Es ist 231 so gut,« sagte sie von Zeit zu Zeit. »Ach, wie sehr gut ist alles!« Und plötzlich hob sie den Kopf, sah Roselin strahlend an, immer noch Tränenspuren auf ihren Wangen: »Wenn nun erst Bert wiederkommt!« Sie schien zu erschrecken, warf Roselin die Arme um die Mitte und drückte ihren Kopf fest an sie. ›Bert?‹ dachte Roselin. ›Wenn erst Bert wiederkommt – zu uns – zu – Lore?‹ Ihr Arm legte sich um Lores Nacken. Ihre Hand strich sanft und fortwährend Lore über die Wange. Die Hand war kalt und zitterte, aber Roselins Augen waren klar und ruhig. – – –   Zu Ostern war Bert wiedergekommen, verlegen, unsicher, wie ein Kind, das Unrecht getan hat, und zugleich mit einem Ton in der Stimme und mit einem Blick zu Roselin hin wie ein Lieblingskind. Er erklärte nicht, ergriff einfach Roselins Hand und küßte sie. Als Lore, ihn beiseitenehmend, mit funkelnden Augen und sehr roten Wangen anfangen wollte, ihn abzukanzeln: »Geliebtes Schaf,« Robert gab ihr einen Klaps auf die Wange: »Du kannst dir nicht vorstellen, wie vergnügt ich bin, daß ich wieder bei euch sein kann. Ich habe auch nicht die ganze Zeit geludert,« sagte er. »Ach Lore, es ist eben eine Quälerei mit diesem sogenannten Talent. Man denkt, man kommt voran, und dann denkt man wieder: alles ist Mist. Und man wird's doch niemals schaffen, wenn man 232 nicht etwas ganz Horrendes ist, heutzutage. Was für Aussichten hätte man da und dann. Es ist auch so viel Ärger mit den zukünftigen Kollegen.« Daraufhin nahm Lore ihn am Ärmel und schleppte ihn zu Roselin zurück. »Er spricht von Ärger mit Kollegen,« sagte sie. »Dieses Ungeheuer hat irgendwo Kollegen bekommen und sagt von nichts.« Und Robert erzählte lachend, daß er tatsächlich im Theater des Westens angekommen sei mit ein paar kleinen Rollen. Einmal hatte er zu sagen: ›Der König wartet, Mylady,‹ und ein anderes Mal durfte er als Page seiner Herrin stumm sein völliges Herz darreichen. Aber – und das bedeutete wirklich etwas – im Faust II. Teil würde er als Gärtner hüpfen dürfen, und mit seinem Mädel im Maskenzug am Kaiserhof sich freuen. »In allen Fällen kommt es hauptsächlich auf anständige Beine an,« spottete er. »Durchgedrückte Knie sind auf der Bühne wichtiger als dramatische Begabung.« Er verriet nicht, daß Alf Borck, vom Schauspielhaus, sein Privatlehrer, ihm gestern auf die Schulter geklopft hatte – Robert hatte ihm den Maurer im Traumspiel von Strindberg vorgesprochen – – »Wir haben es bald, junger Freund. Nur so weiter. Ich gratuliere,« hatte der Berühmte anerkannt. Aber Roselin und Lore waren beide gleich glücklich, daß nun doch ein Anfang gemacht sei. Er mußte nun allerdings seine Halbtagsstellung aufgeben wegen der Proben, die ihn zu diesen 233 ungeheuren Betätigungen am Abend rechtfertigen sollten. Da sein Meister ihn schätzte, hatte er es möglich gemacht, daß Bert einfach, wenn er Zeit hatte, kam und stundenweise Arbeit tat, um etwas zu verdienen. Aber es hatte entschieden seine Schwierigkeiten damit. »Und wenn man sich dann vorstellt,« schalt Robert, »daß sie einem selbst die drei Worte im Scheine des Rampenlichtes mißgönnen, es wäre zum Lachen, wenn man nicht heulen möchte. Na – und ja.« »Haben Sie gar nichts Neues fertig, Dom'na?« sagte Robert plötzlich. »Ich möchte einmal wieder eine Rolle studieren, so wie damals den Hirten in unserem Weihnachtsspiel, als Lore den Verkündigungsengel machte. Eine richtige Rolle, die ich dann auch spielen könnte. Könnten wir nicht, – ach, Dom'na, denken Sie, mir scheint, wir im Bund waren damals geradeso ernst bei der Arbeit wie in der Theaterschule. Und es war so ein Glück, dann sein Bestes geben zu können und wirklich etwas darzustellen, Dom'na,« er bettelte wie ein Kind: »Schreiben Sie etwas. Schreiben Sie mir eine Rolle, ein Stück, das wir aufführen können, hier im Bunde.« Roselin fühlte, wie es ihr heiß ins Gesicht quoll. Ohne zu wissen, hob sie die Hand zum Schreibtisch, als sei dort ein Einbruch zu befürchten. Zwei Einakter verwahrte sie dort. Jetzt saß sie über dem dritten, der alles vollenden sollte. »Ich will versuchen,« sagte sie. Ihre Stimme war nicht ganz fest. »Bert, wenn du versprichst – – 234 für dich! – – Ach nein,« sagte sie, »mit dem Versprechen ist es auch so. Denn, wenn du dann doch aus deiner Art herausbrechen mußt, ist es noch viel schlimmer. Ich will einfach wieder an dich glauben, Bert. Ja.« Sie atmete tief. »Handelt sie bewußt so, oder weiß sie gar nicht, wie raffiniert das ist?« sagte Robert auf dem Korridor zu Lore. »Man möchte ihr geradezu zu Füßen fallen. So schämt man sich vor ihrem Gutsein.« »Ja, schäm dich nur, großer Junge,« sagte Lore. »Das mit dem Raffiniertsein ist natürlich Unsinn. Vielmehr, es ist ein bißchen Unverschämtheit von dir. Wenn ich die Dom'na wäre –« Und sie faßte ihn bei beiden Ohren und schüttelte ihn ein bißchen. »Ja, das wäre aber schrecklich,« sagte Robert. »Du auch? Zwei solche himmlische Wesen auf einmal, Lore?« Sie schüttelte ihn heftiger, trat plötzlich zurück, wurde rot und machte sich am Kleiderständer zu schaffen. Robert sah ihr liebevoll zu. »Man muß ein Rosenbeet haben und ein anderes mit Maßliebchen und Vergißmeinnicht und ein paar Brennesseln oder ein Stänglein Schnittlauch dazwischen.« Er lachte, küßte zwei Finger zu Lore hin, rannte zur Korridortür. Er hielt die Tür von draußen fest und sagte durch den Spalt, den Lore wieder erzwungen hatte: »Bitte, wenn du mir die Augen auskratzen willst. Aber nimm deine Fingerchen in acht.« Er ließ die Tür los und war in ein paar Sätzen die Treppe hinunter. 235   Es waren genug solche in Roselins Schar, die schon lange nicht mehr, etliche, die überhaupt kaum je ein Gotteshaus betreten hatten. Die festliche Hälfte des Kirchenjahres, von der ersten, seligen Adventskerze an bis zu dem Brausen des Pfingstgeistes war an ihnen vorübergegangen mit den minderen Surrogaten des schenkenden Weihnachtsmannes, der Ostereier und einer Pfingsttour. Alle die goldenen Türen, die sich auftun am Jahresweg und einen Blick in die Ewigkeit freigeben, waren ihnen fremd. Roselin hatte nicht, wie Tantchen Randorff es ihr anbefohlen, die Zugehörigkeit zu ihrer Gemeinschaft vom Kirchenbesuch abhängig gemacht. »Wie komme ich zu der Gnade,« staunte Roselin oftmals in demütigem Glück, »daß du, der Umfassende, der Namenlose, der Zeitlose, daß du mich wieder zurückgerufen hast dorthin, wo ich als Kind begann? Mich vertrauend und voll Dank und Liebe und Sehnsucht in den Saum deines Mantels einzufalten?« Es traten viele, die Roselin nahekamen, in diesen Zeiten auch Gott wieder nahe. Sie empfanden: hier bei der Dom'na wurden sie genommen, als ob sie schon wären, wie sie sein sollten. Was blieb ihnen übrig als dem nachzukommen? Oder – der Dom'na und ihrem Bund fernzubleiben? Denn 236 auf die Dauer läßt auch die vollkommenste Täuschung sich nicht aufrechterhalten. Und es verloren sich immer wieder etliche aus dem Kreise. Aber die blieben, die waren, wie Lore es bezeichnete, feuerfest. – – –   An einem strahlenden Ostern mit Veilchenblühen unter allen Hecken hatte Robert wirklich im II. Teil Faust als Gärtner hüpfen und sein Mädel schwenken dürfen. Vom hohen Olymp aus hatte Roselin mit Lore und noch ein paar Bundeskindern ihn bewundert. Nachher kam noch einmal Winter. Dicke weiße Polster lagen auf den zarten grünen. Gar nicht wie Frühlingsschnee, sondern schwer und dauernd. Dann aber wurde es so über alles Sagen herrlich, daß man, wie jedes Jahr wieder, sich nicht vorstellen konnte, schon einmal einen solchen Frühling erlebt zu haben. An Himmelfahrt hatten sie alle zusammen eine Tagestour nach Hohen-Finow gemacht. Elbe hinunter. Auch Dr. Reichmann war dabei und ganz und gar derselbe wie immer. Sie hatten im Freien abgekocht, ein fabelhaftes Essen mit Rührei und Büchsengemüse, und sie waren förmlich taumelig vor Luft und Freude. Aber die Hauptsache war doch eine Überraschung, die Dr. Reichmann sich ausgedacht hatte. Jemand stand hinter ihm, als er kam. Allerdings nicht zu verdecken, denn er gab dem langen Ignaz nicht viel nach an Größe. Roselin dachte: ›Träume ich denn? Hat die Ackerstraße wieder angefangen? Und die Schreinerwerkstatt, wo ich Sonntags den Jungen von Garba erzählte?‹ Mein Gott, wäre es denn nur denkbar: Die Tolle gesträubt, noch stroherner als früher, fast weiß geworden, ebenso die Brauen über den Augen. Wirklich, Karlchen!? Karlchen aus der Ackerstraße? Aus Lemberg, aus Rumänien? Roselins besonderer Schützling? Die Haut sah eigentümlich rauchig aus und wirkte gegen das Haar noch dunkler. Übrigens zog von der linken Stirnseite wie ein merkwürdiger Scheitel zum Wirbel hin eine breite, weiße Naht. Und eine andere ging von der Nase quer über die Wange zum Ohr. Aber wie jetzt dieser riesenlange Mensch jeden einzelnen Zahn bis zum letzten im glücklichen Lachen zeigte: »Wahrhaftig, Karlchen!« rief Roselin. »Nein, wo kommst du denn her, mein Junge?« Und wie damals, als er in Bukarest im Lazarett zu Weihnachten plötzlich aufgetaucht war, sagte er ganz dasselbe, nur daß er einen anderen Festnamen gebrauchte: »Wollt Himmelfahrt feiern mit meiner lieben Schwester Roselin.« Seine Gestalt schien verändert. Mager war er eigentlich immer gewesen. Aber nun schien nur das äußerste an Muskel geblieben über dem Knochengerüst. Roselin sah ihn erschüttert an. »Karlchen,« sagte sie, »du hast viel durchgemacht.« »Ja, Tunis!« lachte Karlchen. »Ist aber jetzt all vorüber. So in dem niedrigen Zeltkäfig, ein bißchen angekettet, sicherheitshalber, bei der netten 238 Sonne, da dörrt der Balg aus, und man kriegt's nicht wieder herein. Futtre du, wie du willst. – Mein Gott und jetzt wieder bei Schwester Roselin und Dr. Reichmann. Und ringsum lauter Garba!« Er sah sich strahlend im Kreise um. »Ist mir übrigens die letzten drei Jahre recht gut gegangen,« sagte er. »Bloß, ich mußte mich festmachen auf Farm Liebenau hinter Joinville, Brasilien. Ein gut Stück ab, wo die Indianer kommen und Felle und Mokassins und noch allerhand gute Dinge eintauschen gegen Mattee und Kaffee und Zucker. Das verlangte der Kapitän so. Er hatte mich hinübergeschmuggelt. Seinem Bruder gehörte Farm Liebenau. War alles recht. Man durfte bloß keinen Zerrwanst hören. Da hatte so ein Bengel wahrhaftig einen, und wenn er abends damit herumwerkte, dann war das einfach schauderhaft, daß man von Deutschland so weit weg war!« »Aber schreiben, Karlchen! Warum hast du denn nur niemals geschrieben?« »Ja.« Karlchen quoll das Blut herauf unter dem rauchigen Braun, und jetzt erst wurde es Roselin bewußt, daß er ihr noch nicht die Hand gegeben hatte, nur die ihre lag auf seiner Schulter. »Die Flosse ist ein bißchen mangelhaft geworden.« Er hob die rechte Hand. Es war nicht mehr viel daran. Er ließ sie schnell wieder fallen. »Oh!« – »Macht nichts,« sagte er. »Man kann wirklich eine Menge tun. Hauptsache ist Daumen. Bloß 239 mit der Feder – Schwester Roselin werden das nicht übelnehmen.« Dann erzählte er, wie er kurz vor Kriegsende in französische Gefangenschaft gekommen war, dort zweimal ausgebrochen, durch halb Frankreich getippelt mit einem Kameraden, jedesmal kurz vor der Grenze wieder eingebracht, und nach dem zweitenmal strafverschickt worden nach Tunis hinüber. Nun ja, davon erzählte man besser später einmal. Heute wollte man sich doch wahrhaftig nicht die schöne Himmelfahrt verderben. Und der nette amerikanische Kapitän hatte ihm doch schließlich geholfen, als er auf dem gelben Wüstensand zum drittenmal um Tod und Leben spielte. – Er mußte doch noch erzählen. Alle saßen um ihn her, und Lore füllte in ihn hinein, was sie nur fand zu essen, als könne sofort noch etwas nachgeholt werden. Auch mußte er sich an den Namen »Dom'na« gewöhnen, und er wollte wissen, wo Schwester Helga geblieben sei. Ja, und was tat Karlchen jetzt? Was hatte er für Arbeit? Karlchen biß sich auf die Unterlippe. Seine noch immer runden Kinderaugen wurden sehr ernst. »Das ist der wunde Punkt,« sagte Dr. Reichmann. »Wir suchen seit acht Tagen. Karlchen hätte drüben bleiben können, aber – –« Und er klopfte ihm auf die Schulter. »Ja, das ging nun nicht länger,« sagte der lange kindliche Mensch. Tischler war er von Beruf. Er konnte auch noch eine Menge tun. Aber – schwer, wie es überhaupt war, jetzt Arbeit zu finden, 240 wollte ihn niemand hier nehmen wegen der Hand. Drüben hatte er hauptsächlich Landarbeit gemacht. Das war ihm eigentlich auch das liebste. Und dafür war Berlin natürlich schlecht ausgesucht. Aber er mußte doch vor allen Dingen erst einmal Dr. Reichmann und Schwester Roselin zu fassen kriegen. Und seine Augen hängten sich wie treue Hunde erst an die eine, dann an den andern. Die beiden würden schon Rat wissen. Und er hatte doch auch eine Kleinigkeit gespart. Aber so länger herumliegen, das wäre freilich nicht sein Fall. Und überhaupt, da drüben machte man sich doch keine rechte Vorstellung, wie höllisch anders alles in Deutschland geworden wäre. Und Karlchen hob die weißen Brauen in hohen, spitzen Bögen. – Jedenfalls, er war froh, daß er nur wieder zurück war. Er konnte das doch nicht begreifen, wie einer so für immer seiner Heimat den Rücken kehrte. Roselin und Dr. Reichmann sahen sich an. ›Heimat!‹ dachten sie. ›Das Waisenhaus, die Mutter, die arme lungenkranke Waschfrau, die ihn hier und dann noch einmal besucht hatte und ihm ein paar Äpfel mitgebracht, die harte Lehrzeit, viel Hunger, die Ackerstraße, und trotzdem: Heimat!‹ – »Ja,« sagte Karlchen in diesem Augenblick: »Haben auch nicht alle einen Dr. Reichmann gehabt und eine Schwester Roselin, die von Garba erzählt hat.« Er machte ein schlaues Gesicht, kniff die Augen zusammen und rieb sich dann die Winkel mit den Fingern der gesunden Linken. »Könnte man nicht 241 mal singen?« bat er bescheiden. Sie stellten sich auf, die verschiedenen Stimmen zusammen. Vor einem Roggenfeld standen sie. Die funkelnd grüne Saat reichte ihnen schon bis über die Knöchel. Vor ihnen zog eine überblümte Wiese zur Elbe hin, rechts türmte ein Fichtenwald, vor dem weiße Birkenstämme ihre lichtgrünen Wipfel wehen ließen. In ein seidig zartes Himmelsblau, übersät mit Scharen fröhlicher Windwölkchen warfen sich immer neu die Lerchen. Den Fluß hinunter zogen still und feierlich ein paar weiße Segel. »In der Heimat ist es schön!« Das war doch wohl das Lied, was Karlchen erwartet hatte? Er sah Roselin an, umfaßte mit der linken Hand den Stummel seiner rechten. Brummte mit. Er hatte niemals richtig singen können. Ja, das war das Lied, was er sich gewünscht hatte. »Wie Kirche,« sagte er, als sie geendet hatten. Er sagte es nur zu sich selber. Dann vergaß er den Handstumpf, hob ihn und zeigte nach Westen: »Da drüben!« Er sah starr und verloren dorthin, wo hinter der zerquälten und armen Heimat die graugrünen Wellengebirge sich türmten, die ein Schiff hinübertragen mochten zu einem Land, wo er satt gehabt hatte und ein auskömmliches Leben. Und plötzlich kehrte er sich zurück zu den andern, schrie laut: »Garba!« Und die Tränen schossen ihm in die Augen wie einem Jungen. Er fegte mit dem Rockärmel darüber, lachte, und nochmals schrie er: 242 »Garba! Deutschland! Heil!« – Und alle stimmten jubelnd ein. – Nachher war er das alte vergnügte Karlchen, und zwischen ihnen zu Hause, als hätten sie vor dreizehn Jahren schon alle zusammen in der leeren Schreinerwerkstätte der Ackerstraße gesessen und die Sonntage mit Dr. Reichmann und Schwester Roselin gefeiert. Nur daß solche Tage zu Ende gehen! Aber noch lagen sie im Grase, der Geiger, der in Nachtkaffees geigte, der Student, der im Winter Schnee schippte, wenn es so einen Glücksfall gab, Herr Niedlich in fabelhaftem Sommeranzug, der lange Ignaz und Maria, Klärchen Günther und ihr Verlobter, der Rechtsanwalt, Edith und Hans Markgraf, Robert und Lore und alle die anderen. Denn Roselins Schar war mittlerweile auf mehr als dreißig angewachsen. Karin war heute nicht dabei. Sie rollten sich den sanften Abhang hinunter, bissen an ein paar Grashalmen, suchten in dem noch niedrigen Klee nach Vierblättern, fanden auch welche, pflückten zarte Maßlieben mit rosenroten Spitzen, braun blühendes Gras, das sie Schornsteinfeger nannten, letzte dunkle und erste helle Veilchen. Sie entdeckten ein Zaunkönigsnest in einem wilden Rosenbusch, lagen, Kopf auf den Armen, neben einem Ameisenhügel, bestaunten die ungeheure Tätigkeit, die einen Sinn hatte, wenn man ihn auch nicht begriff. Sie träumten, sie erzählten, sie sangen auch wieder. Sie verschütteten den ersten, kostbaren Aufguß ihres Kakaos und nahmen mit einer zweiten, 243 recht dünnen Mischung freudig fürlieb. Sie mochten gar nicht an den Abend denken und an die dunstige Stadt. ›Hätte man nur einen Garten, der einem gehörte,‹ dachte Roselin. ›Irgendein Stück Land, wo sie abends immer zu Hause sein könnten. Es müßte nahe genug bei Berlin sein, daß man nicht immer die weiten Fahrten machen müßte. Und das beste wäre eine Möglichkeit, daß sie draußen schlafen könnten und einmal diese wunderbar hohen Sommernächte erleben und den Sternenhimmel, den Morgentau und den Sonnenaufgang. Wie anders könnten sie dann an ihre Arbeit zurückkehren! Aber wie wäre das auszuführen?!‹ Roselin und Dr. Reichmann waren für alle da, und doch wieder für jeden etwas Besonderes. Auch mit Edith Hollmann war Roselin eine Strecke des Weges allein gegangen. Herr Hollmann war seit vierzehn Tagen all seiner Qualen enthoben. Die Verhältnisse mit der Fabrik hatten sich nun so weit geklärt, daß es augenscheinlich war, Edith würde nicht weiter studieren können. Sie hatte sich entschlossen, auf dem Lande irgendwo eine Familienstellung zu suchen, um dort einfach zu unterrichten. Sie hatte doch ihre Lyzeumszeugnisse und Examina. Sie lebte dann frei, verdiente etwas für später und konnte dabei noch eine Menge Zeit heraussparen, um mit ihrer eigenen Arbeit voranzukommen. ›Aber die Vorlesungen,‹ dachte Roselin. ›Alle die Hilfsmittel der Bibliothek. Die Anatomie. 244 Die praktische Arbeit. Edith war so tapfer. Aber es würde so viel Zeit damit verloren werden. Ob es nicht möglich wäre? – Roselin hatte noch niemals vergeblich an die Hilfsbereitschaft ihrer Schar appelliert, wenn es galt, für eine von ihnen einzutreten. Sie nahm Dr. Reichmann und Lore unauffällig beiseite. Und nach einer Weile sah man Lore mit Maria Günther und dem langen Ignaz verhandeln, während Dr. Reichmann Klärchen Günther und ihren Rechtsanwalt vornahm. Wie in der Kette bei einem Bau schien jeder dem andern etwas weiterzugeben, damit ein Ziel erreicht wurde. Zuletzt wurde Hans Markgraf geholt. Dem schoß ein glückliches Rot bis unter die Stirnhaare. Am Spätnachmittag, als sie auf einer von Anemonen überblühten Waldwiese gesungen und sich in ihren fröhlichen Reigentänzen geschwungen hatten, nahm Roselin Edith bei der Hand und führte sie mitten in den Kreis. »Edith,« sagte sie, »der Bund, wir alle, deine Freunde, wir haben dich zu lieb und wir haben zu viel Glauben an deine Fähigkeiten. Wir können nicht zulassen, daß du dein Studium so kurz vor Toresschluß unterbrichst. Wir haben beschlossen, die Mittel aufzubringen. Stehen wir nicht immer alle für einen und einer für alle?« Ediths Augen starrten die Dom'na ungläubig an. Aber als Roselin sie einfach von rückwärts an den Ellenbogen faßte und sie im Kreise drehte, an all den frohen und bereiten Gesichtern vorüber: 245 »Kinder!« schrie Edith. »Dom'na!« Sie fiel Roselin um den Hals. »Wirklich?« fragte sie, sich umsehend. »Ist's wahr? Was seid Ihr doch für Prachtkerle! Was sagst du jetzt, Hans? Was sagst du?« Sie trat neben Hans Markgraf, der noch immer nicht abgeblaßt war von vorhin. Sie kehrte sich gleich wieder von ihm fort, fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die kurzwelligen Haare. »Soll ich mich dagegen wehren?« fragte sie im Kreise. »Nein, dazu seid ihr mir zu gut! Also danke, danke, danke!« Sie trat mit schnellen Schritten wieder neben Roselin. »Sagen will ich vorerst mal gar nichts, aber tun!« Sie fuhr sich über die Augen. Schüttelte unwillig den Kopf. »Nur ein paar Minuten, Dom'na,« murmelte sie. »Nur solange sie singen.« Sie trat schnell aus dem Kreise, eine Hand nach hinten ausreichend. Hans Markgraf ergriff sie. Und während die anderen vor der Heimkehr zum Nachtwächterlied sich aufstellten: »Hört, Ihr Herrn, und laßt Euch sagen!« sah man die beiden Hand in Hand am Waldrand entlangwandern. – – 246   An dem Sonntag zwischen Ostern und Pfingsten, den die Kirche mit dem Namen »Kantate« ehrte, hatte Roselin eine Sonderausstellung in einem bekannten Berliner Kunstsalon zu besuchen. Sie mußte für ihre Provinzzeitung schreiben. Um zwölf Uhr – so war es üblich bei solchen Gelegenheiten– würde sie dort sein. Eine ganze Anzahl ihrer Schar hatte sich froh darauf gerichtet, sie dort zu treffen. Im letzten Augenblick stellte sich dann heraus, daß Roselin, um mit ihrem Artikel zur Zeit zu kommen, schon Sonnabendnachmittag hingehen mußte. Man konnte nur noch wenige von dieser Umstellung benachrichtigen. Lore und Robert wollten Roselin um Mittag aus ihrer Lesestube abholen. Der Nachtgeiger würde sie dort vertreten. Gerade als Roselin das Pult, ihre verschiedenen Kladden enthaltend, zuschließen wollte und Lore noch die letzten Bücher forträumte, klingelte es. Es war Karin, die sich eine lange Weile nicht hatte sehen lassen. Roselin wie Lore hatten sich stark zu überwinden. Robert schien befangen, leise erregt und peinlich berührt. Karin war in keiner Weise unsicher, sondern selbstverständlich, nett und anhänglich, wie sie sein konnte. Sie brachte einen 247 großen Strauß Osterlilien mit für Roselin und sah in einem nagelneuen Frühjahrskostüm aus blaßgrüner Veloutine mit einem weißen Käppchen besonders hübsch aus. Sie wollte gern mit in die Ausstellung. Roselin hob leicht die Brauen zu Lore hin. Dann entschloß sie sich, das Beste daraus zu nehmen. Vielleicht war ihre Empfindung gegen Karin doch unberechtigt. Sie war ein armes Kind. Man mußte einfach doppelt gut mit ihr sein. Roselins Stimmung übertrug sich auf die andern, und man fuhr einträchtig zusammen zur Ausstellung, die zwei plastischen Künstlern galt. Der eine Maillol und –? – die ganze nächste Zeile, den Namen des andern enthaltend, war auf der hektographierten Einladung unleserlich. »Nun, wir werden ja sehen,« sagte Roselin. Der lange Ignaz und Maria Günther erwarteten sie schon. »Dom'na,« der gehaltene Ignaz Laudon war ganz aufgeregt. »Ich kann nicht erwarten, was Sie dazu sagen werden. Maillol ist großartig, ohne Frage. Trotzdem, Sie müssen gleich in den dritten Saal kommen. Es ist trostlos, daß dieser Mann nicht mehr lebt. Sie werden es sehen. Bei allem Unvollendeten und in manchen Fällen vielleicht noch nicht völlig Geklärten, er hätte einmal alle übertroffen.« »Ach, teure Lady, Ihr seid außer Euch. Die langentbehrte Freiheit macht Euch schwärmen,« spöttelte Robert. 248 »Abwarten,« sagte Ignaz. »Da sind ein paar fabelhafte Sachen. Rhythmisch ausbalanciert in einer Weise – –« »Ja, das sieht Ignaz aber gar nicht als Hauptsache an,« sagte Maria schnell. »Wir dachten an Klinger. Als wir ihn das letzte Mal mit Ihnen sahen, Dom'na. Vielleicht ist ›kalt‹ zu viel gesagt. Er hat so ziemlich die ganze Schöpfung bewältigt, nicht wahr, Dom'na? Er kann bezaubern, aber den Punkt treffen, diesen einen Punkt – –« »Schweigt doch nur still,« sagte Robert. »Nehmt doch nicht alles vorweg. Ich stehe von vornherein dagegen.« Roselin lachte, zugleich hatte sie die Empfindung, als ob die Stimmen gedämpft und wie durch einen Vorhang zu ihr kämen. Das klare Licht des Ausstellungsraumes schien ihr seltsam verdunkelt. Würde nicht ein Name sogleich ausgesprochen werden? Sie fühlte eine Mattigkeit in ihren Knien. Daß Robert spottete, schien ihr zu helfen, und zugleich wurde sie davon verletzt. »Jetzt braucht ihr nur noch von panischem Erleben anzufangen oder vom Wesentlichen, in der Form erschöpfend ausgedrückt, oder von der Durchseelung des spröden Materials. Laßt mich aus,« sagte Robert. Karin lachte. Sie hatte einen Künstlerfreund gehabt und eine natürliche Empfänglichkeit für bildende Kunst, besonders Plastik, war durch ihn bei ihr entwickelt worden. Wenn sie auch von einem 249 Vorhandensein tieferer Wirklichkeiten hinter den sichtbaren nichts ahnte. Wenn auch Gefallen an künstlerischer Sensation immer bei ihr überwog und vieles nur nachgesprochen war. »Kommt nur.« Roselin gab sich einen gewaltsamen Ruck. Sie lachte. »Wenn ihr mir noch lange vorher das Phänomen zerpflückt, bleibt mir vielleicht gar nichts mehr übrig an eigener Auffassung. Ihr zerstört mir meinen Artikel von vornherein.« Sie ging schnell voraus in den zweiten Saal und stand – wem stand sie gegenüber? Sich selber? – »Ach,« sagte Roselin. Sie trat ein paar Schritte zurück, sah sich um, wie Halt oder Schutz suchend, machte eine Bewegung, als ob sie ihren Mantel fest um sich raffen müßte. Ging dann zur anderen Seite des Saales, zu einer strahlend heiteren Gestalt, die wie die Sommersonne blank und schenkend über roten und weißen Beeten zu stehen schien. Sie ging weiter zu der Gestalt, Melodie genannt, die wie bewegtes Wasser schien, zu dem blutenden Krieger, zu dem Kinde und zu den andern vollendeten oder auch unvollendeten Figuren, die den Raum füllten und trotzdem das Gefühl erweckten, als seien sie nur ein geringer Bruchteil dieses Lebenswerkes: Als habe dieser Schaffende zehn Hände gehabt, und jede Hand war eine gierige Arbeiterin. Aber auch jede Hand durchstürzt von einem heißen und trunkenen Blute. Und wieder, als habe dieses Blut allein nicht die Wege gewiesen nach dem fernen, fernen, unendlich 250 strahlenden Gipfel. – »Gott, daß es so etwas noch geben kann!« Maria atmete tief. Karin sah spöttisch im Kreise. »Es wird alles so ungeheuer bedeutsam genommen, scheint mir. Ist nicht alles viel einfacher in der Liebe?« Sie wies auf die Gruppe, in der ein Nackter, die Gestalt einer toten Frau über die Schulter geworfen, mit breiten Schritten und wie blind und getroffen, von einer Anhöhe herunterstampfte. Als gleich danach ihre unruhigen Blicke zu der Gestalt schweiften, die in dem Katalog mit »Psyche« bezeichnet war und von der Roselin scheinbar nicht die geringste Notiz nahm, wurden Karins Augen plötzlich durchdringend klar. Dann gingen sie verstohlen von der Psyche zu Roselin und von ihr wieder zu der Psyche zurück. »Sieh doch!« Sie faßte Robert am Ellenbogen. Sie deutete ihm, kaum merkbar, mit dem Kinn für seine Augen den Weg. Robert zuckte zusammen. Seine Haut wurde aschen. »Was fällt dir ein?« Seine Stimme war rauh, wiewohl er ganz leise sprach. Karin sah ihn spöttisch an. »Ja, ja,« sagte sie. »Du gehörst besser hier fort,« sagte Robert zwischen den Zähnen. Er faßte Karin am Handgelenk, daß ihr Gesicht sich sekundenlang vom Schmerz verzerrte. Er führte sie in dieser Weise bis zur Saaltür. ›Ja, ich habe Jürgen Jürgensen gekannt,‹ kam es noch wie verwehend von der Dom'na her zu ihnen beiden. 251 »Siehste woll,« sagte Karin, als sie schon außerhalb standen. »Willst du jetzt gefälligst meine Hand loslassen. Ich versteh dich nicht,« sagte sie. »Nimm das doch einfacher, natürlicher.« Robert schien zu versteinern. Sprache beraubt. »Du wirst recht nett sein müssen, daß du das wiedergutmachst!« Karin hob leise lachend und ihn besonders ansehend ihr Handgelenk, um das es wie blutroter Ring lief, vor seine Augen. Sie ging noch immer leise lachend weiter zu Maillol, wartete dort im Saal eine Weile, schien zu lauschen, nickte zufrieden, horchte wieder. ›Mir ist die Dom'na viel lieber geworden,‹ dachte sie naiv. ›Sie steht nicht mehr so unermeßlich hoch auf dem Piedestal. Daß Robert sich ein bißchen darüber geärgert hat, kann gar nicht schaden. Er kommt schon wieder.‹ Sie schlenderte zum Ausgang. Dachte einen Augenblick: ›Dumm, daß ich darauf aufmerksam gemacht habe. Sie haben ja alle keine Augen im Kopf, scheint's. – Vielleicht ist es der Dom'na schwer. Das tät mir doch leid. Sie hat nun einmal die alten Anschauungen!‹ – Sie sah sich noch einmal um, erblickte niemand, ging hinaus. ›Wie alt die Dom'na gewesen sein mag, als sie ihn kannte?‹ grübelte sie. Sie beschloß, mit ihrem Künstlerfreund sich wieder einmal in Verbindung zu setzen. Vielleicht wußte er Näheres über Jürgen Jürgensen. – Robert war eine Weile im Maillolsaal geblieben. Er drückte sich gegen die Fensterbrüstung hinter 252 einer Zwischenwand. Er konnte nicht sofort Roselin unter die Augen treten. In ihm war eine Pein, die ihm fast den Atem nahm. ›Robert und Karin sind beide fort?‹ hörte er nach einer Weile diese ganz neue und so seltsam gedämpfte Stimme der Dom'na von nebenan. Er überwand sich, ging schnell zurück in den Saal. »Karin wurde elend. Ich habe sie herausgebracht,« sagte er. Er sah an Roselin vorbei. Roselin stand jetzt neben der Psyche. Ihre Augen sahen im Kreise, eigentümlich blicklos und als ob sie nichts mehr fixieren könnten. »Hätte ich den Namen auf der Einladung lesen können,« die seltsame, neue Stimme schien etwas Auswendiggelerntes herzusagen, »so hätte ich euch besser auf diese Ausstellung vorbereitet,« sagte die Dom'na. »Wiewohl ich nicht viel von den letzten Arbeiten des Künstlers gesehen habe. Aber ich kannte seine ersten. Ich kannte ihn selber. Er verkehrte bei uns, als wir einen ganzen Winter im Süden verlebten. Er hatte den Rompreis bekommen. Wir waren sehr befreundet damals. Dann ist er uns aus dem Gedächtniskreis entschwunden. Im Kriege sah ich ihn noch einmal wieder. Er war schwer verwundet, und ich durfte ihn pflegen.« Ihre blicklosen Augen wurden dunkel und groß. Sie wußte nicht, daß sie eine Hand auf die Psyche gelegt hatte. – Dann sah sie sie an: Maria und Ignaz Laudon, Lore und Robert. Jeden sah sie an mit einer eigentümlich schmerzhaften Dringlichkeit. An Robert haftete ihr 253 Blick: »Er starb im Lazarett, Jürgen Jürgensen, kurz vor Kriegsende,« sie redete in Roberts Augen hinein: »Ich war bei ihm. Er hat Unmenschliches gelitten. – Ihr saht« – sie wies im Kreise – »was er war und was an ihm verlorengegangen ist. – – Man denkt an die andern,« – sie besann sich, daß man solche Bezüge von ihr gewöhnt war und fordern durfte, und sie versuchte mühsam sich zu erinnern, aufzuzählen – aber nur Georg Haym und Walter Flex fielen ihr ein. »Sie alle, die vielen, die nur Blüte waren,« – sagte sie, »und noch nicht Frucht wurden, und doch – –« – sie rückte sich zusammen, – »Gott wußte, warum er die Blüte forderte.« Sie hielt sich noch einen Augenblick gerade, schien dann erschöpft. Lore war schon neben ihr. Sie faßte sie um die Hüfte. Der lange Ignaz und Maria, die entsetzt zur Dom'na hingestarrt hatten, schüttelten beide, wie zugleich aufgerufen, heftig den Kopf, traten eilig herzu. Robert zögerte. Seine Füße schienen mit dem Erdboden vermauert. Etwas in ihm ging wie ein Mühlwerk von der Brust herauf zu seinem Hirn. Wurde da nicht etwas zerstört? Er sah nicht Lores flammenden Blick, er sah Roselin starr an. Sie lächelte eigentümlich, sanft und schwer und stolz. »Nein,« stieß Robert heraus. Es sah aus wie Sprung, als er die drei Schritte fortnahm, die ihn von Roselin trennten. Er legte sanft ihre Hand auf seinen Arm. Als sie ihn fühlte, streckte sich Roselin. Ihr Rückgrat, das wie zerbrochen war, 254 schien plötzlich Stahl geworden und zu federn. Sie sah von einem zum andern, nahm ihre Hand von Roberts Arm. »Nun,« sagte sie, »ich bin doch eine Soldatentochter! Verzeiht, wenn ich euch erschreckte. Es kam zu unerwartet! Darum erschütterte die Erinnerung noch mehr, als sie durfte. Ihr müßt mir jetzt helfen Notizen machen. Du hast ja schon vorbereitet, Ignaz,« sie wandte sich freundlich zu ihm. »Ich darf doch nicht plötzlich schlapp machen. – Bis heute abend muß ich den Aufsatz über meinen lieben toten Freund geschrieben haben.« 255   Eine Woche war vergangen seit der Ausstellung. Robert ließ sich nicht blicken. Roselin ging, wie man vor einem Gewitter geht, Glieder schwer, auf irgendeine Erlösung wartend. Lore wich ihr nicht von der Seite, wenn es nicht ihre Arbeit durchaus erforderte. Äußerlich hätte man Roselin nichts angemerkt. Nur daß sie immer zu horchen schien. Sie nahm sich zusammen. Aber sie schreckte doch jedesmal auf, wenn die Klingel ging. Zuweilen ließ sie die Briefe, die Lore ihr ins Zimmer gebracht hatte, eine Weile liegen, ehe sie wie im Vorübergehen die Handschriften musterte. Wenn sie der einen nicht begegnete, nahm sie die Post gleichgültig in die Hand. Am Sonnabend, bei ihrer nächsten Zusammenkunft, wollte Roselin über expressionistische Dichtung sprechen. Seit dem Ausstellungstage hatte sie sich damit beschäftigt. Die meisten der Dichter, die vor zehn Jahren im Vordergrund standen, waren ihres Alters. Wie merkwürdig, daß diese alle für die Heutigen bereits die vergangene Epoche bedeuteten. Schnellebig war die Zeit! Der Aufbruch jener Jugend, ihr leidenschaftlicher Groll, der erbitterte Kampf der Söhne gegen die Väter, das panische Allgefühl, die schrillen Schreie, die Verachtung des Bürgers, das Stürzende, Stürmende, die 256 Fanfarenstöße, die den Himmel aufreißen wollten, und Gott, Gott enthüllen, daß er mit seinem Glanz eine neue Erde überflute, und eine neue Menschheit heilige – alles dieses war bereits wieder überboten, überhöht von der klaren, weißen Kühle der Gegenwartsempfindung. Kampf war nicht mehr nötig – außer in Parteigrenzen. Die Leidenschaft war Ballast, Eros und sein allmächtiges Mysterium war unbequem geworden. Er hatte sein Machtbereich dem streng sachlich orientierten Sexus abgetreten. Alles war exakt, wie die sekundengenaue Bewegung der Hebel und Räder. ›Man kommt sich überlebt vor,‹ dachte Roselin. ›Wie vorweltlich. Wie alt bin ich eigentlich?‹ – Sie hatte diese Frage ein paarmal in letzter Zeit an sich gerichtet und hatte wieder, wie jedesmal, die Empfindung, als sage jemand als Antwort: »Ein Viertel vor zwölf.« Und eine weit aufgeschlagene Tür, hinter der ein schimmernder Garten blühte, fing an, langsam und lautlos und unweigerlich sich zuzudrücken. – Zu diesem Abend brachten viele der Dom'na die ersten Rosen mit. Jene roten, nicht sehr fest gebauten, die den ganzen Sommerduft in sich tragen, wenn draußen die Wiesen voll Heuhocken stehn und das Jahr seine Höhe feiern will. Robert war nicht gekommen, auch Karin nicht und drei oder vier andere. Roselin achtete nicht darauf. Aber Lore hatte heimlich und schnell Musterung gehalten. ›Nun ja, es kam immer einmal etwas 257 dazwischen. Aber heute hätte nichts dazwischenkommen dürfen , bei keinem von ihnen,‹ dachte Lore voll Zorn. Schalt sich, versuchte sich auszulachen: Mußte denn dieses widerliche Gift weitergetragen worden sein? Sie sah Gespenster. Vielleicht ahnte überhaupt niemand etwas von der Ausstellung. Roselin hatte ihren Artikel geschrieben, und der Chef der Zeitung hatte ihr zum erstenmal in einem ganz persönlichen Schreiben gedankt für die außerordentlich feine und eigenartige Arbeit. Roselin hatte den Brief Lore schweigend hingelegt. Das war alles, womit sie seit der Ausstellung auf dieses Thema Bezug nahm. Auch ihr Vortrag an diesem Abend war eine Leistung, die sich sehen lassen konnte. Sie nahm den Expressionismus nicht als Einzelerscheinung, sondern als Durchgangstor. Sie erklärte ihn aus seinen Vorgängern, den beiden andern »Ismen«. Sie deutete aus ihm das Heute und wies hinüber in das Morgen. »Es ist zum erstenmal,« sagte bei der Diskussion der junge Geiger, der in Nachtkaffees die Mittel zu seinem Musikstudium verdiente, »das erstemal ist mir klargeworden, warum Heute geworden ist, und warum wir von heute so sein müssen, wie wir sind. Ich begreife jetzt, daß wir durchaus keine zusammenhanglose Neuschöpfung sind, sondern, wie eine Epoche aus der andern sich folgerichtig entwickelt, sind auch wir nur Durchgang – Übergang. – Ich war so sicher: Der Lebende hat recht! 258 Aber jetzt weiß ich, daß wir einem Kommenden den Weg bereiten.« Sein Blick wurde nachdenklich, fragend, wie er Roselin ansah, und plötzlich: »Dom'na!« rief er – Entdeckerglück in den sonst leicht verschleierten Augen – »Dom'na, mir scheint, als seien Sie, die Gestrige – ja die Vorgestrige, – dem Kommenden näher verwandt als wir Heutigen. Es macht mich froh, froh!« Er spielte ihnen an diesem Abend Bruckner und Reger, feurig und hinreißend wie nie zuvor. –   Am folgenden Tage zogen sie mit Rucksäcken und Büchern in die Gegend um Freienwalde. Sie lagen am Rande eines blühenden Kornfeldes, eingebettet in das Schwirren der Zikaden. Eine kleine graue und eine smaragdgrüne Eidechse schienen aufmerksam zuzuhören, während Roselin aus Dichtungen vorlas, in denen das Verlangen nach lebendigem Leben, Tier und Pflanze, nach Erdnähe und Himmelsweite laut herausrief. »Man möchte ein Stück Beet haben,« sagte Karlchen, der noch stellungslos war. »Ein Stück Erde mein ich. Und Beete anlegen. Man möchte etwas Lebendiges und Samen durch die Finger rieseln fühlen!« Er betrachtete seine unverletzte Linke. »Ach, Dom'na!« Er warf sich längelang zwischen lila Skabiosen und durchsichtig weißes Labkraut auf den Rain und legte das Ohr auf den Grund. »Wie wir in Tunis waren, warfen wir uns 259 auch so auf die Erde mit dem Ohr und horchten, ob man hinter uns drein wäre. Immer in der Angst, daß man wieder gefaßt wurde, und es war doch zu schön, so das Nächtigen, einfach auf dem glühenden Wüstensand. Oder wie ich vorher in Frankreich getippelt war, durch die weiten Wälder, wenn man sich dann so im Gebüsch einwühlte. Wie ein Reh oder wie ein schlauer Fuchs.« – Er lachte listig und vergnügt. »Von Amerika rede ich nicht,« er erzählte so gern, – »da hab ich oft genug draußen kampiert. Fein war das. Bloß früh, da haben mich immer die Autoleichen auf der Landstraße geärgert. Wie Skelette von toten Tieren. Sie haben ausgedient, fertig. Überall lagen sie herum, und frisch aus der Fabrik jagten die andern dann vorüber. Du lieber Himmel, man saß eben selber in einem. Sie rückten an wie zur Schlacht, kolonnenweise in die Stadt zurück. Wie hätten sie denn sonst herauskommen können ohne so ein Ding? Meilen und Meilen asphaltiert. Wie eine Spinne ist doch so eine große Stadt. Besonders drüben. Aber –« Und jetzt wurde Karlchen träumerisch – »so am Abend und frühzeitig umgraben und Dünger streuen und Samen streuen. Oder auch Pflänzchen einsetzen und gießen. Und am Sonntag sich daneben hinlegen und sehen, wie das erste bißchen Grün herausspringt. Eigentlich ist es ja Unfug, daß ich Zimmermann geworden bin. Bauer oder wenigstens Gärtner – –« Und es fielen eine Anzahl ein, die alle der Meinung 260 waren, daß Gärtner oder Landwirt doch der beneidenswerteste Beruf sei, überhaupt der Beruf des Menschen an sich. Förster ging vielleicht auch noch, ja. Aber da war schon wieder Blut dabei. – Jedenfalls etwas, wo man immer draußen war, draußen! – – 261   Lore hatte doch wieder einige Arbeiten außer dem Hause annehmen müssen. Und wie immer war sie Montagvormittags bei einer Journalistin zum Diktat. Sie war noch nicht lange fort, als es klingelte. Roselin nahm sich Zeit. Aus ihren früheren gesellschaftlichen Beziehungen war sie nach und nach völlig herausgewachsen, schon aus Zeitmangel. Ihre Bundeskinder hatten alle ihren Beruf, und überdies wußten sie, daß die Dom'na vormittags scharf arbeitete und niemand brauchen konnte, denn von mittags zwei Uhr ab hatte sie Dienst im Lesezimmer. Wer also sollte kommen? Post war dagewesen. Das zweite Klingeln hieß Roselin endlich aufstehen. Nicht, ohne daß sie sich vorher noch einmal zu ihrem Schreibtisch zurückgewandt hätte, wo ihr dritter Einakter fast vollendet lag. Fast! ›Werden sie recht behalten?‹ dachte sie, während sie, ohne zu eilen, zur Tür ging. ›Sie haben hauptsächlich die bildenden Künste im Sinne, wenn sie die Frau darin nicht als original schöpferisch gelten lassen wollen. Aber was die Dichtung betrifft – die Fähigkeit fürs Drama, wollen sie uns doch auch abstreiten. – Nun, man wird sehen.‹ Vor der Vorsaaltür vergaß sie ihr Versprechen an Tantchen Randorff, vorher durch das Fensterchen 262 zu sehen, öffnete: vor ihr stand Robert. Roselin fühlte eine leichte Kühle im Genick. »Darf ich kommen, Dom'na?« Seine Stimme war heiser wie damals in der Ausstellung. Roselin sagte nichts. Machte nur eine Bewegung mit der Hand, ging zurück in ihr Zimmer. Er schloß die Tür und folgte ihr, ebenfalls schweigend. Sie ging bis zur Mitte des Raums, blieb stehen unter dem bronzenen Renaissancekronleuchter, wendete sich dann zurück, sah Robert an, mit diesem rätselhaften Lächeln, das ebensogut Weinen sein konnte. »Dom'na!« sagte Robert. Er ließ mehrere Schritte zwischen ihr und ihm. Er hatte seinen besten Anzug an. Sein ganzer Mensch – Roselin kannte ihn schon lange nicht mehr anders – war herrenmäßig, gepflegt. Aber trotzdem, – ›er sieht aus, als hätte er Nächte am Grabenrande zugebracht,‹ dachte Roselin, ›auf wirren und dunklen Wegen.‹ Erbarmen führte sie fort von sich selber. ›Armer Junge,‹ dachte sie. ›Er leidet. Er sieht aus, als wäre etwas zerbrochen! – Aber wie durfte das sein?‹ dachte sie im Augenblick und richtete sich gerade, stand schmal und kühl und hochmütig. ›Wie war es möglich, daß er‹ – – »Dom'na!« schrie Robert. »Sie dürfen mich nicht so ansehen.« Er schrie es wirklich. Weder konnte er sich beherrschen, noch spielte er eine Rolle. Und ehe Roselin noch zurücktreten konnte, war er ihr zu Füßen gestürzt, – wie damals, nur daß er 263 diesmal sie nicht von selbst freigab, sondern ihre Knie umklammert hielt. »Nicht, Robert,« sagte Roselin, sich zu ihm bückend. »Komm, steh auf, mein Junge.« Aber er hörte nicht. Er schluchzte wild, das Gesicht gegen ihre Knie gepreßt. Roselin fühlte, wie sie matter wurde und matter in dieser Umklammerung. ›Es wird gleich vorüber sein,‹ sagte sie zu sich. ›Man muß nur durchhalten. Man muß durchhalten.‹ Sie stand noch immer gebückt und strich ihm übers Haar. »Komm, Robert, komm,« wiederholte sie von Zeit zu Zeit. »Verzeihung,« sagte Robert plötzlich. Er ließ Roselin los, sprang auf die Füße, führte sie zum Ecksofa. »Darf ich alles sagen?« Seine Stimme konnte sich noch nicht stetigen. Roselin nickte. »Wie soll ich nur anfangen?« Robert faßte verzweifelt seinen Kopf in beide Hände – »nachdem Sie mich so angesehen haben, Dom'na! – Sie konnten wirklich denken, ich hätte geglaubt – –?« Das Blut stieg ihm ins Gesicht. »Dom'na,« wieder rief er unbeherrscht diesen Namen, den er ihr selber gegeben hatte. »Mein Gott, das konnten Sie? Und fast vierzehn Tage hab' ich Sie dabei gelassen?« – – Er stöhnte. Riß an der Tischdecke, daß die Rosenschale in Gefahr geriet. »Aber dann bin ich nicht allein der Schuldige,« rief er plötzlich zornig. »Wie durften Sie? – Sie!« Roselin lehnte sich zurück in ihre Kissen. Sie schloß sekundenlang die Augen. Irgend etwas 264 war um sie her wie weicher Wind, Sommerwind. Sommer war um sie, Konzertieren der Frösche, Knarren der Schnarrwachtel, Heuduft, Rosenblühen. – Nein, nein. Das durfte man nicht. Diesem unendlich Süßen, Berauschenden durfte man sich nicht hingeben. Sie öffnete schnell die Augen. Sie setzte sich ganz gerade, streckte die Hände zu Robert hin. »Verzeih, Bert,« sagte sie. »Ich danke dir. Aber warum kamst du denn nicht früher?« »Dom'na?« Jetzt war Roberts Stimme ganz leise, ganz zart: »Meine Dom'na! Und das fragen Sie wirklich noch?« Er beugte sich vornüber. Er ergriff ihre beiden Hände. Roselin sah ihm starr in die ganz nahen Augen. »Bert!« rief sie fast ebenso unbeherrscht und erschreckt wie er vorhin. Sie stand auf, schwankte. Sie ging zum Fenster. Sie preßte die Stirn gegen die Scheiben, ihre geballten Hände spreizten sich aus auf dem Sims. »Es ist ja vermessen!« Robert war hinter sie getreten, »ich weiß ja. Sie, Dom'na, und ich, – und alles, was Sie sind, und was ich nicht bin – – Und was könnte ich Ihnen bieten? Und wie fern läge die Zukunft zu zweit! – Aber gehöre ich nicht ein wenig in Ihr Leben, Dom'na? Alles Beste und alles Reinste und alles Höchste – – Ach, wie kann man darüber Worte sagen! Es gibt doch nur das eine einzige Wort. Und jetzt, Dom'na – jetzt machen Sie, was Sie wollen, mit meiner Liebe!« 265 Roselin stand noch immer Stirn gegen das Fenster. Sie hatte die Augen weit geöffnet, gegenüber türmten die Stuckfassaden, grau in grau, unten rasten die Autos, brüllten die Hupen, klingelten wahnwitzig die Elektrischen. Aber immer wieder sah sie hohe Himmel, wogende Kornfelder, blühende Rosengärten. Süße Betäubung überfiel sie. Und wieder sagte plötzlich die Stimme in ihr: Dreiviertel auf zwölf! Und eine andere Stimme in ihr wurde leidenschaftlich: ›Mein Tag beginnt erst jetzt eben! – Und ich will meinen Tag!‹ – Roselin lächelte eigentümlich, wie sie die Hände vom Fenstersims nahm und sie ineinander verfaltet gegen ihre Brust preßte. Ihr Atem stieß so wild. Oder war es ihr Herz? Sie mußte etwas zurückdrücken, in sich hineindrücken – – In diesem Augenblick fühlte sie ein paar junge, starke Arme hart und herrisch zugleich sich um ihre Mitte legen – sie spürte eine heiße Welle in ihrem Genick: »Dom'na! Dom'na!« Sie wendete sich um, wie taumelnd. – Sie fand sich mit Robert Mund auf Mund. »Bert!« rief im nächsten Augenblick Roselin – »oh, Bert!« Sie machte sich frei aus seinen Armen. Die Tränen sprangen ihr in die Augen, aber ihr Mund war noch halb geöffnet und heiß und rot vom Glück: ›Mein Tag! Mein Tag!‹ Etwas in ihr weinte und jubelte. – Er währte nur einen Augenblick, ihr hoher Tag – sie aber hatte ihn gelebt – gelebt! In ihr war Danken und 266 Schmerzen und Liebe und Leid, Erfüllung und Entsagung. Und jedes einzelne Gefühl so unendlich – jedes so ganz, – und eines gegen das andre anstürmend wie Feind. Sie konnte – dem – nicht länger – standhalten. Sie wankte. – Robert führte sie zu dem kleinen Ecksofa. Er gab ihr Wasser, er küßte ihre Hände, er weinte lautlos – aber mit großen Tränen wie ein Kind. Er wußte nicht, war er selig oder verdammt. Nach einer Weile hatte sich Roselin gefaßt. Sie atmete tief aus, entzog ihre Hände leise seinen Lippen, strich Robert das feuchte Haar aus der Stirn. – »Bert,« ihre Stimme kam fest und hell – »heut muß ich wieder einmal Robbi zu dir sagen, – mein lieber, kleiner Robbi.« – Und als er wild aufbegehren wollte – »stille, stille! Du kannst einen richtig dazu bringen, daß man Dummheiten mit dir macht, Robbi.« Sie konnte lachen, richtig lachen. »Deine Dom'na! – – Nicht, nicht, Robbi!« als er sie unterbrechen wollte und wieder umfassen – »Ich zähle nicht die Kalenderjahre. – Aber –« und sie nahm sich ein klein wenig zurück – »man kann doch seinen lieben Sohn nicht heiraten, und wenn er – der Sohn – ja, ja, – so laß mich doch nur ausreden – und wenn er auch zehnmal in Sprüngen vorangeht. Du mußt noch lange wachsen, bis du herrlich Frucht trägst. – Ach, lieber Junge – dein Leben wird doch erst kommen! Laß mich der Wurzelgrund bleiben. Und wenn du willst, auch manchmal die Sonne, der Tau und 267 der Sturm. Aber die Früchte, Robbi – deine Früchte, die wirst du einer andern einmal schenken.« ›Robbi, großes Kind‹ – dachte sie liebevoll, wie, sein Kopf auf ihren Knien, er heiß schluchzte. Und die wilde Seligkeit von vorhin wurde sanft und schmerzte nicht mehr so grausam, – ›Künstlermensch – ewiges Kind – immer willst du davonstürmen, in die Höhen oder in die Tiefen – könnte ich Ballast sein für deinen Wagen mit dem feurigen Gespann?‹ Und plötzlich sah sie Lore vor sich, sie war ihren Gedanken ganz entglitten in der Stunde der Leidenschaft. Aber nun sah sie sie wieder neben sich wie neulich, als sie ihr von Dr. Bornemann erzählt hatte und auf Bert wartete, und hörte wieder ihre verträumte jubelnde Stimme: Wie gut alles ist! Wie sehr gut! Roselin nickte still. Ja, Lore. – Sie war wie das liebe Brot. »Robbi,« sie hob seinen Kopf in die Höhe, sah ihn an: »Robbi, ich habe mein drittes Spiel fast fertig. Heut schaff ich's wohl noch. Die drei gehören zusammen. Ich sollte dir doch durchaus etwas schreiben. Wollen wir sie nächste Woche durchproben? Mit Lore? Sie ist dein Gegenspieler!« – »Dom'na, oh Dom'na!« Roberts Gesicht glänzte auf. »Und Sie sind mir nicht böse, Dom'na? Wegen meiner Vermessenheit?« Er schmeichelte wie ein Kind. Wie ein Lieblingskind. In Roselin zog sich etwas zusammen wie von scharfem Schmerz. Sie drückte die Nägel so tief 268 in ihre linke Handfläche, daß sie sich verletzte. Mit der rechten gab sie Robert einen Klapps auf die Wange. »Dummes Zeug,« sagte sie. Sie küßte ihn flüchtig auf die Stirn. »Daran wollen wir nicht mehr denken.« – Sie trieb Robert fort. Mußte an ihre Arbeit. Als er gegangen war, dankbar, bereit, fast heiter, trat sie wie im Traum zu ihrem Schreibtisch, nahm entschlossen den Füllfederhalter, wollte fortfahren in ihrem Stück. Es kam kein Zusammenhang heraus. Sie strich aus. Versuchte wieder und wieder. Plötzlich entfiel der Halter ihren Händen, rollte herunter vom Tisch. Roselin warf die Arme über die Schreibtischplatte und den Kopf darauf. Sie weinte, weinte, weinte. – – 269   Es waren nun schon die Tage gekommen, wenn der Tau an den Morgen schwer und großperlig in den Spinnwebtüchern der kleinen Fichtenschonungen liegt. Die Dreschmaschinen sangen unaufhörlich und auf allen Feldern ihren Choral über das Thema der vierten Bitte. In der Luft war ein Geruch wie von Brot, und in den Gärten blühte der erste Phlox, und die Augustbirnen wurden süß. Auf dem Lande war die Hitze herrlich. Denn sie reifte die Frucht. Auch gab es immer wieder einen muntern Sommerwind, der den Mäherinnen durch die bunten Jacken und die weißen Kopftücher blies. In der Stadt war es anders. Über Berlin drückte ein schwerer gelbgrauer Dunst, und selbst im Tiergartenviertel gingen die Menschen langsam, und als ob sie etwas Feuchtes und Heißes und sehr Schweres auf dem Nacken trügen. Und nun gar in Berlin N und Berlin NO. ›Wie Sodom und Gomorra,‹ dachte Roselin, als sie in ihre Lesestube fuhr. ›Wie nach dem Pech- und Schwefelregen. Versteint unter Gottes Fluch.‹ Und sie staunte: ›War es nicht gerade hier, wo Gott besonders lieben wollte?‹ – Ja gewiß. Nur daß er die Menschen beauftragte, es an seiner Stelle zu tun. 270 In diesen Tagen war der Besuch des Lesezimmers spärlich. Man war zu erschöpft und zu bedrückt von der Schwüle, um diesen Extraweg nach der Arbeit und die vier Treppen herauf sich noch zumuten zu können. Roselin hatte gute Weile, wie sie hinter ihrem Pult saß. Sie konnte nachdenken. Es war allerlei, was sie inwendig zu verbuchen hatte seit jenem Vormittag mit Robert und nachher, als ihr der Füllfederhalter entglitten war und sie so bitter weinen mußte, daß »ihr Tag«, ihr anderer hoher Tag, so kurz bemessen wurde. Aber wieder hatte eine Kraft außer ihr geholfen. Wieder schien dieses: »Stirb und werde,« ihr plötzlich zugerufen. Und nun wollte Roselin dieses Wort liebend bewahren. Und wollte nicht aufhören, es sich vorzusagen, bis es Wahrheit und Leben und Tat in ihr wurde. Wirklich hatte sie danach wieder die Feder aufnehmen können; und als Lore von ihrer Arbeit zurückkehrte, fand sie ihre Dom'na, wie sie sie früher kannte: die Augen klar – energisches Kühlen mit Borwasser hatte seine Schuldigkeit getan, – und das Herz schlug seinen alten Takt, wenn es auch eine Leistung bedeutete. Dann hatte Roselin Lore an ihren Schreibtisch geführt. Sie sagte: »Da!« und zeigte auf ein Paket Seiten. Die letzte von einem dicken, aufwärts gebogenen Schlußstrich gekrönt, der dritte Einakter war fertig. Er war ihr geschenkt worden, und er war Befreiung und Tröstung in einem. 271 In der folgenden Woche hatten sie dann zu dritt die kleinen Spiele im Zusammenhang vorgenommen. Zuerst hatte Robert schwer und schmerzhaft mit einer Befangenheit zu kämpfen. Aber während sie dann lasen, war es Roselin immer deutlicher geworden, daß sie recht gesehen hatte über ihn und Lore. Sie hatten ihr beide einmal versichert, sie sei ihr Höchstes. ›Vielleicht ist es so,‹ dachte Roselin dankbar. ›Aber die beiden werden einander ihr Nächstes sein! Es ist gut, wie es ist,‹ dachte sie mit Lores Worten. Natürlich konnte man sich nicht immer auf dieser Höhe halten. Man vergaß auch sehr oft die jubelnde Erschütterung, mit der Robert nach dem Lesen aufgesprungen war: »Dom'na, Dom'na! Das Ding muß auf die Bühne. Ich weiß nur keine Bühne hier und heut', die es bringen könnte! Aber einmal wird es eine bringen, Dom'na! Es ist ein Stück für morgen. Und vielleicht liegt das ›Morgen‹ gar nicht so weit! Mein Gott, wenn ich dann darin spielen darf!« Als Roselin jetzt eben am Pult in ihrem Lesezimmer saß und ihre Gedanken wandern ließ –›Nun,‹ dachte sie, ›augenblicklich habe ich nicht das geringste Bedürfnis, mich wieder dramatisch zu betätigen!‹ Ihre Gedanken gingen andere Wege. Ihr war, als ob sie aus einer Enge und Nähe herausgeführt werden sollte. Sie hatte sich an so viel nahe Wärme verloren. Davon mußte sie sich lösen. Sie mußte ihre Aufgabe weiter fassen. – 272 Karlchen stand plötzlich vor ihren Gedanken. Immer wieder redete er von Siedeln. Am liebsten wäre er erstmal in eine Gärtnerei eingetreten. Nur daß er keine Stellung fand. Alle ihre Bundeskinder litten schwer unter dem grauen Dunst der Stadt. Die Tage gingen hin, randvoll von Arbeit, und keines wußte, was der erste Hahnenschrei bedeutete oder der honiggelbe Erntemond. ›Ein Ausweg! Ein Ausweg!‹ grübelte Roselin. Und dachte plötzlich: ›Er wird kommen. Er wird mir gezeigt werden. Alles ist Fügung. Wenn etwas sein muß, so geschieht es.‹ Und darüber wurde sie ruhig und froh. Als sie ihre Zeit abgesessen hatte, allerhand Notizen für ihren nächsten Vortrag in ihr Buch eintragend, und nach Hause fuhr: was für ein Gesicht war es doch, dem sie in der Untergrundbahn gegenübersaß? – Kannte sie es nicht? Und dann stürzten wie im Kaleidoskop Bilder zu ihr und von ihr fort. Und plötzlich war sie in der Schule bei Fräulein von Keisenberg, und die furchtbare Geometriestunde hatte angefangen. Ihre Banknachbarin von damals, die ihr das Heft zuschob, aus dem Roselin so tapfer abschrieb. »Lotte Krüger?« fragte Roselin. Sie war es wirklich. Sie gingen dann noch ein Stück zusammen. Lotte Krüger wohnte in der Nähe. Sie war ebenfalls unverheiratet geblieben, war im Felddienst gewesen wie Roselin. Ihre Eltern hatten ihr Vermögen verloren wie fast alle Menschen. Sie hatte 273 sie zu Tode gepflegt und im vergangenen Jahr noch als ein altes Mädchen – wie sie sagte – ein Examen als Bibliothekarin gemacht. Sie hatte – »außer deiner mathematischen Begabung« – Roselin rief sie ihr lächelnd zurück – immer starke Interessen für Literatur gehabt. Vielleicht war das ein Feld, wo man doch am ehesten eine Anstellung finden könnte, zumal sie wenig oder gar keine pekuniären Ansprüche machte. Aber bis jetzt war ihr noch nichts geglückt. Man freute sich herzlich des Wiedersehens. Und man wollte nun in Verbindung bleiben.   Als Roselin nachher müde und mit der Vorstellung einer feuchten, schweren grauen Katze im Genick ihre Treppen heraufstieg, stand jemand vor ihrer Tür und hatte eben geklingelt. Eine Dame? Es war eine stattliche Gestalt, im grauen Kostüm, schon wenigstens drei Jahre in der Mode, aber tadelloser Stoff, tadellose Arbeit – wahrscheinlich von Engel aus der Landsbergerstraße, wo der Landadel, um zu sparen, von jeher gern einkaufte. Die Dame drehte sich um. »Na, da bist du ja wirklich, Kleines! Ich war schon ganz sicher darüber, wie du so die Treppe heraufgeflüstert bist!« Zwei kräftige Arme umfaßten Roselin. »Mein Gott, Helga!« Wurde denn heute die ganze Vergangenheit lebendig? »Ja, ja, du kleines Scheusal, die Helga, wie sie leibt und lebt!« 274 Schwester Helga, jetzt wieder Fräulein von Winternitz, Roselins Oberschwester im Kriege, hielt Roselin auf Armeslänge von sich, sah sie an. Alle ihre prachtvollen Zähne, nur zwei erst mit winzigen Goldplomben, strahlten. »Weißt du, wir könnten uns ja erst mal durch diese Tür mit den Glaslöchern lassen. Mir ist doch immer, als ob man dadurch die Verrückten beobachtet im Narrenhaus!« ›Ganz Helga,‹ dachte Roselin. Ihr wurde so frei und froh zumute, als sollte sie noch einmal mit ihr nach Fetesti fahren und dort in der Steppe ihr Soldatenheim aufmachen. Lore war nicht zu Hause, Roselin sorgte für Tee, von Helga unterstützt. Denn natürlich konnte sie wie gewöhnlich ihren Blechkasten nicht entdecken, obgleich er direkt vor ihr stand. Dann saßen sie auf dem kleinen Ecksofa, Helga wie früher die Nase ganz tief in eine rote Rose vergraben, was Roselin immer entsetzt hatte, teils der armen Rose wegen, teils wegen der kleinen schwarzen Käfer, von denen sie von Kind an bestimmt glaubte, daß sie durch die Nase ins Gehirn kröchen. Sie mußte Helga schnell erzählen, von wem die vielen Blumen kamen. Und sie erzählte freudig von ihrer Schar. Es war mit einemmal nur ihre Schar. Es war nicht mehr Robert und nachher Lore, und erst nachher wieder die andern. Auch von Dr. Reichmann erzählte sie und vom Karlchen, der sich immer wieder nach Schwester Helga erkundigte. Helga schlug die Hände zusammen. Das war 275 eigentlich eine famose Sache. Bloß, hier in diesem elenden Berlin! Schade, daß es nicht wo draußen war. Sie atmete tief aus. Ihr Brustkasten dehnte sich. Ein Stadtmensch wäre doch eigentlich überhaupt eine Unmöglichkeit! »Na, also,« sie seufzte, schob die Augenbrauen zusammen. Ihr Bruder wäre übrigens wieder so weit, daß er vielleicht die Sanatorien nicht mehr brauchte. Aber ob er einem größeren landwirtschaftlichen Betriebe wie dem seinen würde vorstehen können, blieb allerdings zweifelhaft. Nun, erstens hätte man verpachten können. Ferner: wo doch Helga alle die Jahre schon die Funktionen eines Inspektors und des Rentmeisters zugleich in den Händen gehabt hatte, warum sollte sie das nicht weiter tun? Wenn ihr auch die Arbeit an der Erde selbst viel mehr lag, sie hatte doch auch die ewige Rechnerei ganz ordentlich gemacht, und das Regieren lag ihr schließlich auch. Und wenn man dann nun dachte, daß das Gut, seit zweihundert Jahren im Besitz der Familie, und alle Kindheits- und Jugenderinnerungen damit verknüpft – – na, – wie sie Roselin schon immer geschrieben hatte, – ihre Schwägerin – und Helga machte eine Faust – sie war eben eine Anzendorf. Ihr paßte das natürlich jetzt nicht mehr, wo man an allen Ecken und Enden knappsen mußte. Aber das mußte doch jeder Landwirt heutzutage bei diesen verrückten Zuständen und Zöllen. Wenn nun alle ihre Güter verkaufen wollten. Den Bauern ging es wahrhaftig auch 276 nicht besser. – Kurz und gut: Auch heute konnte die geborne Anzendorf die Garnisonen noch nicht vergessen. Und die Töchter – – »sie werden sich noch den Schaden besehen, wenn sie in ihrer Etage sitzen. Große Sprünge können sie nicht machen, und mit den glänzenden Heiraten, das ist jetzt auch Essig. – Kurz, – meine Schwägerin hat meinen Herrn Bruder breitgeschlagen. Das Gut wird verkauft und sie wollen nach Hannover ziehen! Das Auflösen und den Umzug dürfte ich noch mitmachen. Fällt mir ein! Daß man einen Herzknacks auf ewig davonträgt! Also!« – – Sie durchbohrte Roselin mit den Blicken. »Wie denken Euer Gnaden über die Angelegenheit? Das mit dem Jugendbund finde ich ja recht nett. Aber dieses Berlin scheint dir auch nicht gerade so blendend zu bekommen. Könnt man da nicht Änderung schaffen? Die Untergrundbahn scheint mir noch immer das einzig Vernünftige in dieser Stadt: nämlich, daß man schnell aus ihr heraus kann. Wie wär's? Schmeißen wir uns zusammen, oder setzt sich die Helga irgendwo alleine hin und kooft sich 'ne Klitsche und zieht Rettiche und Kohl.« »Helga!« Roselin schrie fast. »Jawoll, 'ne Klitsche. Bloß etwas größeres Format und Rettiche und Kohl und Karlchen und der Bund und noch so viel anderes!« Roselin war aufgesprungen. Sie lief hin und her. Die Wände schienen durchsichtig zu werden. Sie hatte wieder das blühende Korn im Zimmer, 277 die Himmel, die Weiten. War es nicht erst ein paar Stunden her, seit sie gedacht hatte: ›Alles ist Fügung. Was werden soll, wird uns geschickt zur rechten Zeit.‹? Einen Augenblick fühlte sie sich versucht, Helga die Teemütze auf den Kopf zu stülpen. Sie würde aussehen wie ein Grenadier, und das wäre doch das ganz Richtige. Aber zugleich war ihr, als müsse sie die Hände falten. Etwas floß von ihr fort: die Qual, das Schwere der letzten Wochen. Und nur der Reichtum des Erlebens blieb, der Dank und die Gnade. »Land,« sagte sie vor sich hin, als ob sie das Wort sänge. »Land,« sagte sie laut und sah Helga glücklich an: »Grund und Boden, etwas Eigenes, etwas Festes.« Und plötzlich hielt sie inne in ihrem Auf und Ab, rief laut: »Aber Herr Niedlich!« Und ehe Helga sich näher erkundigen konnte: »Dann können sie jeden Sonntag zu uns herauskommen,« träumte sie laut, »und manche auch in der Woche, am Abend heraus, aus diesem Dunst und aus dieser Schwere. – Und wer keine Arbeit findet – – Helga, du glaubst ja nicht, wie furchtbar es ist in diesem Berlin, wenn einer keine Arbeit hat.« Und Roselin erzählte von den vielen, die im Winter in ihr Lesezimmer kamen, um nur warm zu haben, und von den ungezählten andern aus Dr. Reichmanns Sprechstunde. Unablässig suchte er und sorgte. Und trotz aller Arbeit, aller Gedanken, alles heißen Helferwillens blieben doch immer wieder die vielen ohne Brot, ohne Hoffnung, ohne Zukunft, ohne 278 Heimat. Und verwirrten und verirrten sich mehr als einmal auf die dunkle Straße, von der es keinen Rückweg mehr gibt. »Mir scheint, wir werden ein hübsches Asyl da draußen aufmachen,« sagte Helga gedankenvoll, aber einen blanken Schimmer in ihren Augen. »Scheint doch, daß die Helga mal wieder den richtigen Moment auskalkuliert hat, was?« Und ließ sich die fünfte Tasse Tee einschenken. Denn: »Einen schwachen Punkt muß der Mensch doch wahrhaftig haben.« Sie warf sich in die Brust. Sie sah prachtvoll aus mit ihrer von der Feldarbeit luftbraunen Haut unter dem hellen nordischen Haar, der schmalen, rassigen Nase zwischen den guten, klaren Augen. »Ja, übrigens, was ist es mit diesem Herrn Niedlich?« erinnerte sie sich plötzlich. »Jetzt erzähl du mal erst von dem Knaben. Sieben Jahre hat dich die Helga aus den Augen gelassen. Wieviel Poussaden magst du inzwischen gehabt haben?« Sie lachten, und Roselin erzählte. Nachdem Helga kritisch und zu keinerlei Zugeständnissen bereit, alles über ihn in sich aufgenommen hatte, auch die Weihnachtskiste betreffend, von Brodthagen und Söhne, lauter Aluminium, Eisen und Stahl, nickte sie stark. Diesem Herrn Niedlich war allerlei zuzutrauen. Während sie noch saßen und Pläne machten, ging draußen die Vorsaaltür: »Lore! Lore muß von allem wissen,« sagte Roselin. Sie rief sie herein. »Das ist meine älteste Tochter.« Sie legte den Arm um Lores Schulter. Dabei dachte sie: 279 ›Wie mir geholfen wird!‹ – Nicht etwa, daß Helga an Lores Stelle träte. Was Lore ihr gewesen, konnte keine Frau ihr wieder sein. Aber es war doch, als ob mit diesen Zukunftsplänen auch in bezug auf Lore und Robert alles soviel leichter erschien. Und nicht nur leichter, sondern so wirklich wurde und tief beglückend. – – Es war weit nach Mitternacht, als Roselin in ihr Bett sank. Für Helga hatte man nebenan auf der Couchette ein Lager gerichtet. Denn unter keinen Umständen wollte sie jemand ausquartiert sehen: »Kavallerist schläft auf Stroh!« ›Garba,‹ dachte Roselin. Sie lag mit gefalteten Händen und sah mit großen, wachen Augen in das blasse Viereck auf ihrem Teppich, in dem der dunkle Schatten eines Kreuzes sich abzeichnete. Jeden Abend warf die Laterne so den Schatten der Fensterumrahmung auf ihren Teppich. Aber zum erstenmal erblickte Roselin das Kreuz. Sie setzte sich aufrecht, sah es lange an. Zuletzt streckte sie die Hände aus, als wolle sie es an sich nehmen. Dann schien ihr, als ob von dieser Berührung eine große Freudigkeit zu ihr hinüberfloß. So groß, daß sie müde machte. Sie legte sich zurück, schlief sofort ein und träumte von weiten Kornfeldern. 280   Es machte sich nicht von heut auf morgen und nicht einmal in einem Monat. Aber in sechs Wochen war wirklich das ganz Unglaubhafte geschehen. Sie hatten an die dreißig Häuser und Grundstücke besichtigt und mußten sich überzeugen: das, was sie suchten, war nirgend auf der Welt. Aber da hatte Herr Niedlich, Feuer und Flamme für diese Angelegenheit und Tag für Tag unterwegs, zuletzt doch alle Erwartungen übertroffen. Vielleicht müßte man auch sagen Karlchen, der Herrn Niedlich auf allen diesen Fahrten begleitet hatte. Karlchen – das ließ er sich nicht abmogeln, er hatte zuerst in der Gegend von Frohnau den hohen Backsteingiebel ragen sehen und einfach erklärt: dort gehen wir hin und fragen. – Die Frage war nicht umsonst gewesen, denn die Zeit begann, daß man, wie Herr Niedlich feststellte, beinah an jede Tür anklopfen konnte und sagen: »Wollen Sie nicht Ihr Haus verkaufen?« – Dieses war nun in der Tat zu haben. Vielmehr war es derart mit Hypotheken überlastet, daß dem Besitzer kaum noch ein Ziegel auf dem Dach gehörte. Es stand vor der Zwangsversteigerung, wenn er nicht im letzten Moment noch einigermaßen günstig verkaufen konnte. Dieses »günstig« aber bedeutete, wie die Dinge im 281 Grundstückverkehr eben lagen –, kaum zwei Drittel des wirklichen Preises. Er tat einem aufrichtig leid, der Besitzer. Aber er sah sein ganzes Heil in dem geringen Rest, der ihm nach Auszahlung der Hypotheken noch bar in die Hände kommen würde. Er hatte ursprünglich das Gut für seinen Sohn, der im Kriege gefallen war, gekauft. Seine Frau war ebenfalls gestorben. Er selbst, von Beruf Naturforscher, wollte noch einmal in die Tropen gehen, um dort ein Werk, das der Krieg unterbrochen hatte, vollenden zu können. Das Haus war ein Gutshaus alten Stils. Der Grund und Boden war schon lange abgegeben worden an Gärtnereien der Umgebung. Aber etwa zehn Morgen Land waren noch vorhanden. Davon bedeckte zwei Morgen ein gänzlich verwilderter herrschaftlicher Garten. Das andere waren teils Obstwiesen, teils Gemüseland. Ein Stückchen Kiefernwald, schöner, alter Bestand und ein Seeanteil gehörten auch dazu. Das Haus war nicht zu groß und nicht zu klein, hatte sechs Zimmer zu ebener Erde und sechs im Giebel, die sich um eine runde Diele mit Oberlicht scharten. Es war in keiner Weise neuzeitlich eingerichtet. Aber Gas und elektrisches Licht waren vorhanden. Auch konnte im Bedarfsfalle der Oberstock noch ausgebaut werden. Stallungen und Remise waren da und eine saubere Anlage für Pelztierzucht, die der Besitzer im verzweifelten Drange, irgendwie zu verdienen und aus allem 282 herauszukommen, noch in letzter Stunde eingerichtet hatte. Wenn man das tote und lebende Inventar mitübernahm, bekam man ein Pferdchen mit einem Jagdwagen, zwei Kühe, etliche Schweine, einen Hühnerhof und einen Stamm Karnickel. Es war eine edle Sorte, schwarzsilbrig, stahlblau durchströmt, ein gangbarer Pelz. Allerdings würde der Kauf, so annehmbar er schien, Helgas und Roselins kleines Erbteil – verschiedene Papiere waren in letzter Zeit aufgewertet worden –, dazu auch Roselins Ersparnisse, nicht nur völlig aufbrauchen, sondern es würde auch noch eine ziemlich große Hypothek aufzunehmen sein. Und wo nahm man Kapital her, um, wie wahrscheinlich war, jahrelang immer noch in den Besitz hineinstecken zu können, ehe er herausgab, was man von ihm erwartete. »Erdbeerplantagen,« sagte Karlchen, »in größerem Stil. Und Spargelbeete! Wenn es auch ein paar Jahre brauchen wird bis zu den Erträgnissen.« Er krempelte schon die Ärmel auf, sah sich bereits, Hacke und Spaten in der Hand. »Und Karnickel und später Silberfüchse und Eier! – –« Helga meinte Hühner. Zu gern wollte sie sich überzeugen lassen. Wenn rationell gewirtschaftet würde, könnte das verhältnismäßig schnell einen guten Verdienst abwerfen. – Überhaupt, nur Schmiß mußte in die Sache kommen. Karlchen hatte bereits die Obstwiesen eingehend untersucht. In Amerika hatte er ja nicht viel 283 Gelegenheit gehabt, sich um Obstbau zu kümmern. Wo die Orangenbäume beinahe wie Unkraut in den Kaffeeplantagen wucherten. Aber es steckte ein geborner Gärtner in ihm. »Man macht einfach einen Kursus durch,« sagte er. »Die Baumschule ist ja gleich nebenan.« Schwester Helga sollte nur erleben, wie er den zu üppigen Haarwuchs der Apfelbäume lichten würde. Es waren allerhand edle Sorten darunter: Sommer- und Winter-Gravensteiner, Goldparmänen und Schöner von Boskop. Karlchen glaubte sogar, ein paar Bäume wären Kalvillen. Großartig! Und dafür Berlin so in der Nähe. – »Aber dies alles wird doch wohl Zeit brauchen? Viel Zeit?« Roselin sah sorgenvoll von einem zum andern. Woher bekam man das nötige Betriebskapital? Sie hatte das einschlägige Wort eben erst von Helga übernommen. Und leben mußte man doch auch irgendwie unterdessen – – Wenn das auch, sie selbst betreffend, die geringste Bedeutung hatte. Sie sah Karlchen abwesend und zugleich höchster Dringlichkeit mitten auf die Stirn. – Und als sei Roselins Blick ein Sonnenstrahl gewesen, der so lange ein störrisches Erdreich bearbeitete, bis es sich ermannte und einen Keim herausschießen ließ – schlug Karlchen wie um nachzuhelfen, mit der geballten Faust auf die betreffende Stelle: »Sechstausend Märker!« schrie er. Ja, du lieber Gott, hatte er denn das nie erzählt? Sein guter Freund, der Kapitän hatte doch nicht geruht. In 284 argentinischen Papieren hatte er sein Erspartes angelegt. Es waren Aktien der Compania Hispano Americana de Electrisidad. Zwölf Aktien, jede zu 500 Pesetos. Machte etwa sechstausend Märker, wenn der Kurs noch stimmte. Sie waren auf dem Grunde von seinem Wachstuchkoffer verstaut. Er hatte sie bis jetzt noch nicht anrühren mögen. Das war so wie die eiserne Ration im Felde. Aber jetzt – dalli! Denn wahrscheinlich gingen sie doch bald herunter. Wie alles. Er hatte immer noch ein paar Kröten gehabt. – Aber wo er doch die Arbeit finden würde bei der Dom'na, – er ging ihm immer noch mühsam vom Munde, der neue Name, den die andern gebrauchten. Aber es schickte sich jetzt wohl so. Nur daß »Schwester Helga« wieder schlecht daneben paßte! – Aber – und zum zweitenmal hieb sich Karlchen gefährlich auf die Stirn: »Durfte man nicht einfach Dominus zu ihr sagen? Sie war doch immer der Rittmeister gewesen!« »Großartig, Karlchen, prima!« Herr Niedlich rieb sich die Hände. Er trat schon lange unruhig von einem Fuß auf den andern. Ja, was hinderte Karlchen, seine zwölfmal fünfhundert Pesetos zu verkaufen und sie einfach damit in die Kaufsumme zu stecken, wo er doch jetzt die Arbeit in Hülle und Fülle bekam auf dem Gute. Aber das letzte Wort sollte Karlchen haben? – Und alle die Jahre fortgewesen? – Nein, das war denn doch zu viel für Herrn Niedlich, wo er die ganze Zeit doch schon Ansätze machte und zählte wie ein Maikäfer. Und 285 jetzt schwirrte er auch wirklich los – herrlich, kühn, wenngleich ein wenig stotternd, und wollte gebeten haben: seine paar Tausender, und so fort – und so fort – – »Schlag ein, Helga, schlag ein!« Plötzlich war Roselin die Kühne geworden. Sie lachte laut und hatte Naß in den Augen. Sie reichte ihre beiden Hände aus zu Herrn Niedlich und Karlchen. »Na, Gott sei Dank!« sagte Helga, Roselins Beispiel folgend. »Jetzt können wir ja gleich Ringelrosenkranz machen zu vieren. Also herzlichen Dank den beiden Herren. Karlchen,« sie schnippte ihn leicht gegen das Ohr, »du bist natürlich noch keiner.« »I, wo wär ick denn,« sagte der, plötzlich wieder von oben bis unten Berliner trotz Tunis und Amerika. »Det bleibt nu Karlchen für die Ewigkeit. – Ick habe schon Blut jeschwitzt, et könnte doch noch schief jehn.«   Ein paar Tage später war der Kauf wirklich abgeschlossen. Von Grund auf mußte das Haus renoviert werden. Aber das war eigentlich das Allerbeste daran, und worüber Karlchen und Roselin triumphierten. Die beschädigte Flosse machte so gut wie nichts aus nach seiner Auffassung. Und wirklich zwischen Daumen und Handstumpf konnte er beinahe jedes Instrument handhaben, die Mauerkelle wie die Säge, den Pinsel und das Grabscheit. 286 Und dann die andern aus dem Bundes die noch immer oder wieder abgebaut waren! Sie hatten schon arg gehungert. Wenn sie auch Roselin gegenüber das niemals zugaben. Sie wußten, die Dom'na verdiente selber jeden Groschen mit harter Arbeit, denn was zählten fünfzig Mark Zinsen und hundert Mark Miete pro Monat in diesem Berlin! Das verschlang ja schon allein die Wohnung. Liebend gern wollten sie alle maurern, tischlern, schlossern und Stall- und Gartenarbeit verrichten. »Nur für den Unterhalt und ein Dach über dem Kopfe und ihre Dom'na dazu, Hurra!« »Für die gibt euch niemand einen Schlips, geschweige denn eine Hose,« sagte Roselin glücklich. »Aber ein Taschengeld muß abfallen. Bestimmt!« Der Student, der im Winter Schnee geschippt hatte, war ganz aus dem Häuschen. Er verstand etwas von Kaninchenzucht von seinem Vater her, der, Lehrer auf dem Lande, seiner großen Familie damit durch den Krieg geholfen hatte. Jetzt wurden ihm die wunderschönen Hasen und Häsinnen und ihre Nachkommenschaft unterstellt. Für ihn hatte es schon lange in Berlin schlecht gelangt, und der klare Wind blies ihm arg durch die Backen. Nun hatte er ein feines Leben und ein stilles Zimmer im Oberstock für seine Examensarbeit. Helga, der Dominus, welchen Titel alle mit Freuden übernommen hatten, war mit Karlchen und dem Studenten schon ganz draußen in Frohnau. Ein strahlender September war angebrochen. Man 287 konnte sogar ein paar Zentner Obst ernten, und die Instandsetzung des Hauses mußte doch entschieden von ihr beaufsichtigt werden. Das Hämmern und Sägen und Klopfen war Musik in ihren Ohren. Und der Garten! Vor allem dieser geliebte Garten, der ihnen – ihr – nun ganz und gar gehörte. Sie kam mit Karlchen sehr oft erst ins Haus zurück, »wenn man einen Kohlkopf für eine Gurke ansehen konnte,« neckten fröhlich die andern. Roselin mußte erst alles in Berlin abwickeln. Tantchen Randorff, die anfangs geschwankt hatte, ob sie auch mit hinaus wollte, hatte sich schließlich doch für Lola und die vier Enkelchen und Königsberg entschieden. Was die Schachteln und Körbchen anlangte, von der lieben alten Dame im Laufe von zehn Jahren angesammelt, für die Trennung von jeder einzelnen bedurfte es eines neuen Aufwandes an überzeugenden Gründen. Die Wohnung vermietete sich schnell. Aber es mußte doch auch gepackt werden. Zwar waren Möbel, mehrerer Zimmer, seinerzeit von Stephanie nach Nienstedt genommen worden, und manches war verkauft. Aber es fanden sich doch immer noch Kästen und Schiebladen, an deren Inhalt seit Jahrzehnten nicht gerührt worden war. Wenn man sie öffnete, stieg mit dem Geruch von Lavendel, Veilchen und Mottenpulver jedesmal eine feine Staubwolke heraus, von der klaren Septembersonne in eine goldene Brücke verwandelt. Dann 288 mußte Roselin manchmal mitten im Packen innehalten, weil sie den Erinnerungen nachschauen mußte, die die Brücke beschritten. Manchmal, nach scharfem Arbeitstag, Roselin hatte vor dem Aufbruch noch eine Aufsatzserie zu vollenden, ging sie mit Lore Arm in Arm vor Schlafengehen eine Weile die Zimmer still auf und nieder. ›Wie wundervoll ist es, mit jemandem zu sein, mit dem man so tief schweigen kann,‹ dachte dann Roselin jedesmal. Und ›Garba‹, dachte sie dann wohl. – Wie alles sich rundete! Alles sich klärte! Robert würde nicht draußen bei ihnen wohnen. Es ging nicht wegen seiner noch immer doppelten Arbeit. Aber er hatte sein Bett dort stehen in einem Stübchen zu den alten Linden des Gartens hinaus. Sooft er wollte, konnte er es benutzen. Er hatte seine Heimat. Die Stunden, in denen er bei Roselin gelesen und mit ihr studiert hatte, waren – vorläufig – aufgegeben. Roselin setzte lächelnd ein Fragezeichen hinter das »Vorläufig«. Denn schon jetzt, sooft er es möglich machen konnte, fuhr er abends hinaus. Wahrscheinlich half er in Haus und Garten. Jedesmal war sonderbarerweise auch Lore dort gewesen. Wenn sie zu Roselin zurückkam und davon erzählte, war immer irgendein Verhaltenes über ihr. Aber ihre Wangen blühten. Und Roselin wußte, es war nicht nur von der frischen Luft und der strahlenden Septembersonne. ›Sie haben noch weite Wege zu gehen, die 289 beiden. Aber sie gehen immer näher zu ihrem gemeinsamen Ziele hin. Sie werden meine Lieblingskinder bleiben,‹ dachte Roselin. ›Auch wenn sie mich einmal verlassen.‹ An einem Abend schien dann Lore noch tiefer im Glück und erhöhter zugleich. ›Ist es gekommen?‹ fragte sich Roselin und faltete die Hände fester ineinander. »Dom'na,« sagte Lore – »darf Robert noch einen Augenblick zu dir kommen? Er möchte dir etwas sagen. Es wird dir ein Glück sein, liebe einzige Dom'na!« Sie hatte bereits Robert, der vor der Tür gewartet hatte, ins Zimmer gezogen. »Lore!« Roselin begriff nicht. Lore mußte doch wahrhaftig dabei sein, wenn Robert – dieses – zu ihr sagen wollte? Robert schüttelte den Kopf. Er legte die Hand auf Roselins Arm. »Bitte nicht,« sagte er. »Darf ich mit Ihnen einen Augenblick allein sein?« Er führte Roselin zu dem kleinen Ecksofa. »Dom'na,« seine Stimme war tiefer als sonst. Sie war nicht ganz klar. »Lore darf alles wissen. Aber aussprechen kann ich dieses nur vor Ihnen allein.« Das neuangelegte Radio in dem oberen Stockwerk begann sein Nachtkonzert. Draußen raste wie wilde Jagd eine Kolonne Autos vorüber. Rasche Schritte kamen und Stimmen von Fußgängern aus Theatern und Revuen heimkehrend oder auf dem Wege in Cafés und Tanzdielen. Es war, als 290 ob die Geräusche von draußen die Stille in dem großen Raum mit den alten Möbeln und Bildern noch eindringlicher machten. »Dom'na,« sagte Robert – er wies mit der Hand im Kreise, »hier – wo ich Mensch wurde,« sagte er schnell nach einem Stocken, »durch Sie, bei Ihnen – ehe das neue Garba draußen beginnt, hier muß ich es Ihnen sagen. Danken mein' ich. Nun, vor allem doch bekennen,« er redete leise, schnell, wie ungeduldig zum Ziel hin. »Erinnern Sie sich an unser erstes Gespräch – hier – im Frühling – als Sie mich zum zweitenmal fanden?« Roselin nickte. Sie erinnerte sich wohl. Nur – hatte sie ihn gesucht? Schickte Gott ihn nicht selbst ihr über den Weg – daß er Anfang würde für sie? Abschluß und neuer Anbeginn? Sie lächelte. Sie dachte mit Lores Worten: Gut. Wie gut alles ist! Sie legte einen Augenblick ihre Hand gegen die Augen. »Ich erzählte es Ihnen doch damals,« sagte Robert, »von meiner Mutter, wie ich durch sie hindurch gewissermaßen Gott erlebt habe. Wie nah' ich ihm stand, und wie er mir dann erschlagen wurde mit dem Schlag, der sie selber traf. Ach, Dom'na!« Er stand auf und ging hin und her im Zimmer, Hände auf dem Rücken. Er schien helle und ferne Bilder zu sehen. »Es ging nicht,« sagte er, plötzlich stehenbleibend, Roselin gegenüber. »Für einen Menschen wie mich 291 ging es nicht. Es ist sonderbar: Ich dachte manchmal an Nebukadnezar, von dem es heißt, daß er auf dem Bauche kroch und wie ein Tier Erde fraß. Ja, Dom'na, und noch während ich mich Atheist nannte und sehr hochmütig war, verlangte mich wenigstens nach einem Symbol. Ein Symbol für das, was sich nicht in Worte fassen läßt und was doch da ist, und um was man nicht herumkommt. Symbole sind schön. Eine Weile kann man sogar damit leben. Aber dann – mit einemmal reicht es nicht mehr, und man muß eine Wirklichkeit haben. Wenn dann die Wirklichkeit nicht kommt, tut ein Mensch wie ich etwas ganz Wildes, Verbrecherisches meinetwegen. Oder er geht sonstwie vor die Hunde. Und als es bei mir so weit war, Dom'na –« er war zu ihr getreten, er faßte ihre beiden Hände, legte sie in seine Linke und deckte die Rechte darüber wie über etwas ganz Zartes und sehr ehrfurchtsvoll Geliebtes – »ja, was soll ich noch sagen? Dann kamen Sie. In dem Augenblick, von dem alles abhing, wurden Sie mein Schicksal. Und da fing ich an, Gott wieder zu erleben. Durch Sie, Dom'na, wie als Kind durch die Mutter. Auch durch Lore später, auch durch unsern Bund. Aber immer, vor allem und zuerst durch Sie, Dom'na, – Gott! Die Wirklichkeit Gott, ist wieder zu mir zurückgekommen.« – Er beugte sein Gesicht über Roselins Hände. – 292   Dom'na, was machen wir mit unserem Lesezimmer,« sagte Dr. Reichmann eines Tages. Der Fortgang der Ereignisse beglückte ihn tief. War es nicht das, was er dunkel im Sinne gehabt hatte, als er Roselin damals aufrief zur Entscheidung? Die Erfüllung seiner Wünsche und Pläne war schließlich über ihn selber hinweggetreten. Aber durfte jemand, dem die Großstadtjugend von heute auferlegt wurde, sein persönliches Glück allzu wichtig nehmen? Nicht, daß er jenen Abend im Kiefernwald am Grienericksee vergessen hatte. Zuweilen, wenn er spät in der Nacht, zum Umsinken müde, in sein einsames und kahles Zimmer trat, ging es plötzlich an ihm vorüber wie der Geruch von aufgebrochner Erde. Und hörte er nicht einen Ton? War es auch das Lied einer Drossel? – Aber nur einen Augenblick lauschte er. Dann schüttelte er energisch den Kopf, befreite für die Nacht sein Auge von der manchmal ihn quälenden Binde. Wie und wann hätte er überhaupt Zeit finden sollen zum heiraten! »Aber was machen wir mit unserm Lesezimmer!« Die Frage blieb bestehen. Denn wenn Roselin ihre Ausstellungsberichte für die Zeitungen auch fortsetzen konnte, ihre tägliche Arbeit im 293 Lesezimmer würde von da draußen aus in der Tat unmöglich sein. Auch Roselin war von diesem Gedanken schon oft beunruhigt worden. Sie selbst hatte bis jetzt gemeint, sie könne nicht einer Sache untreu werden, die ihrer noch bedurfte. Nun aber, da Dr. Reichmann es erwähnte: Lotte Krüger! stand es plötzlich vor ihr. Daß sie noch nicht an sie gedacht hatte! Sie wollte doch so gerne arbeiten, die alte Getreue aus der Geometriestunde, auch ohne Verdienst. Nur um der Gnade willen, nicht ausgeschlossen zu sein aus dem Ring der angespannten Kräfte, die der Heimat dienen wollten. Es machte sich alles sehr einfach und schnell. Bereits in der folgenden Woche versteckte Roselin zum letzten Male und völlig unauffindbar ihr Staubtuch hinter einer der obersten Bücherreihen des Lesezimmers. Sie wollte fortgehen. Sah sich noch einmal um. Manche schwere Stunde hatte sie hier erlebt. Aber wie viele und viele gute. – Mit Ignaz Laudon fing es an. Er würde noch ein paar Mal herauskommen mit den andern, – nicht lange mehr: Maria war abgebaut worden. Durch einen Glücksfall, eine Beziehung Roselins, hatte sie eine Anstellung in Leipzig gefunden. Nun strebte Ignaz, ihr zu folgen. – Eines nach dem andern, alle würden sie einmal verlassen, die sich zum Bund zusammengetan hatten. Die heut »Garba« waren. ›Jeder wird seinen eignen Weg gehen,‹ dachte Roselin. ›Aber wie will ich danken, 294 wenn jeder ein Stück von mir, ein Stück Garba, mit auf seinen Weg nimmt. Und immer wieder werden andere an ihre Stelle treten, denn alles ist fließend, alles ist Entwicklung. Nur, was sich wandelt ist lebendig. Auch Garba darf nicht stehenbleiben. Immer wieder muß es vergehen und sich erneuern. Aber auch ich muß es, auch ich, wenn ich lebendig sein will‹ – Und wieder dachte sie: ›Stirb und werde!‹ Tiefstes und wirklichstes Wort! Und konnte es doch nicht hindern, daß etwas sie weich machen wollte. – Aber gerade in diesem Augenblick, es war eigentlich schon nach Schluß der Zeit, klopfte es noch einmal, und ein fesches, junges Ding, mit unwahrscheinlich treuherzigen Augen, trat herein und verlangte den »Zauberberg« von der Courths-Mahler, oder er könnte auch von Rosegger sein. Roselin mußte lachen. Sie kam der Kleinen mit dem Autor zu Hilfe. Die errötete und war sehr dankbar. Denn sie gäbe noch etwas auf Bildung, was ihre Freundinnen eigentlich nicht täten – – Worauf die nur noch ihre Gedanken hätten – – Der Schluß davon war, daß Roselin die kleine, sie hieß Herta Milder, aufforderte, sie zu besuchen, und die Einladung wurde völlig unzeitgemäß mit fast feuriger Dankbarkeit angenommen. ›Frische Blutzufuhr für Garba,‹ dachte Roselin zufrieden und schloß hinter sich zum letzten Male ab. Am nächsten Tag saß Lotte Krüger an Roselins Pult im Lesezimmer. – 295   In der ersten Oktoberwoche war es dann so weit. Alle, aber alle Bundeskinder männlichen und weiblichen Geschlechts, – nur Karin hatte niemand wieder gesehen und niemand fragte ihr nach, – aber alle die andern hatten fieberhaft geholfen, daß draußen in Frohnau alles vor Winter fertig wurde. Tapeten, Türen, Schlösser, Anstrich, Öfen, nichts war vergessen. Das ganze Haus, frisch geputzt, prangte im herrlichsten altmodischen Apfelsinengelb. Zäune und Ställe waren repariert. Gas, elektrisches Licht, die Wasserleitung funktionierten, und das Dach ließ an keiner Stelle den Regen mehr durch. Der Keller, der an Grundwasser krankte, hatte einen Abflußkanal bekommen, die abgerissenen Schlösser der Ställe waren erneuert. Keine Pforte schleppte mehr, die Fensterscheiben waren eingesetzt. Alles roch nach Seife, Farbe und Sauberkeit. Sogar das Stückchen Blumengarten ums Haus, zu dem die Terrasse hinunterstieg, war in Ordnung gebracht worden. Es blühte nicht mehr viel. Aber ungezählte Stauden würden den nächsten Sommer bekränzen. Und Karlchen hatte geradezu Verschwendung getrieben mit jungen und bunten Stiefmütterchenpflanzen. Auch gab es noch ein paar süß schwermütige letzte Rosen. Der wilde 296 Wein bewillkommnete mit seinem dunklen Burgunder und die Linden standen feierlich in Altgold und Brokat. Der Bund, Lore und Karlchen an der Spitze, hatten den Umzug allein besorgt. Nicht einmal der Dominus hatte da eingreifen dürfen. Und nun war der strahlende Sonntag angebrochen, an dem sie herauskommen würden: Helga und Roselin in ihr Haus. Das Pferdchen Viktor holte sie von der Station. Der kleine, alte Jagdwagen war sauber gebürstet und geflickt. Karlchen saß auf dem Kutschbock. Es war alles wie Traum, als sie durch die Felder fuhren. Das Korn war schon abgeerntet. War schon Brot. Die Kartoffelstöcke standen bereits matt und gilbten. Aber all ihre Tüchtigkeit im Grunde verborgen, würde bald offenbar werden. Und die Kohlköpfe, hart, stahlblau und blank, wußten, was sie bedeuteten. Mit den Kiefernwäldern spielte zart die Sonne. Sie dufteten. Als ob Frühling in Sicht wäre. Und die Wiesen waren besternt mit dem Blaßblau der Herbstzeitlosen. ›Zeitlos,‹ dachte Roselin. ›Wie die Grenzen ineinander verschwimmen! Herbst und Frühling, Gehen und Kommen, Blühen und Reifen. Aufgang und Niedergang, und immer wieder Aufgang. Und alles von Gott und zu Gott!‹ – Nun tauchte das Tor auf, das in den Hof führte. Es war bekränzt mit Kiefernzweigen. Auch der 297 Weg war bestreut, mit geschnittenem Kieferngrün, dem Wahrzeichen der Mark. »Gott, wie für 'n Brautpaar!« Helgas Stimme war rauh. Sie mußte die Tränen verbeißen. Als sie dann ausstiegen, Roselins Hände schlossen sich fest ineinander: über der bekränzten Tür, die zum Gartenzimmer führte, war eingemeißelt: »Garba!« – Sie warteten alle, im Kreise aufgereiht, Lore und Robert, Herr Niedlich, der lange Ignaz, – auch glückselig Maria, die für diesen Tag der Feier aus Leipzig gekommen war, – Hans Markgraf und Edith, Klärchen und ihr Rechtsanwalt, der Student, der Musiker und auch die kleine, treuherzige Fesche, Herta Milder, die den Zauberberg der Courths-Mahler oder auch von Rosegger verlangt hatte. Als Roselin und Helga die Stufen hinaufstiegen und Karlchen den Wagen in schöner Kurve zur Seite lenkte, um dann ebenfalls schleunigst herunterzuspringen und sich den andern zuzugesellen, stimmten sie an. Zuerst das Niederländische Dankgebet, und dann brauste es jubelnd und stark durch die alten Lindenkronen, hinweg über die Gartenmauer und hinaus in die Weite der Felder und die Freiheit der Himmel: »In der Heimat ist es schön!« ›Wie der Ring sich rundet,‹ dachte Roselin. ›Mit Spiel begann es. Jetzt wurde das Spiel Leben und Wirklichkeit.‹ – Sie streckte die Hände 298 aus. Sprechen konnte sie nicht. Aber ihre Hände wurden ergriffen, und jede leere Hand suchte eine andere, bis der Ring geschlossen war. So standen sie vereint, hinter ihnen das feste Haus, um sie her die eigne Scholle, der Garten, die Wiesen und die Kiefern der Mark. – Und vor ihnen? Vielleicht Kampf! Gewiß Kampf, Mühe und viel Entbehren. Aber immer: Werk, Liebe, Gemeinschaft, Glaube, Zukunft und Heimat! – –