Oscar A. H. Schmitz Tagebücher 1896-1906. Auszüge Das wilde Leben der Boheme (Vollständig erschienen im Aufbau-Verlag.) 1896   München, Sonntag, den 6. Dezember 1896. Ich habe beschlossen, ein Tagebuch zu führen, vielleicht wird es bald nur ein Wochen- oder Monatsbuch werden. Ich tue es aus keinerlei Sentimentalität noch irgend einer Zärtlichkeit gegen mich selbst, sondern aus einem kalten vom zerlegenden Verstand herrührenden Bedürfnis, das Nacheinander meines Erlebens in der Erinnerung zu einem Nebeneinander reproduzieren zu können. Ich beginne heute, weil ich im Begriff stehe, meine Lebensverhältnisse zu ändern, aber von den alten, vielleicht nicht so bald wiederholbaren Zuständen erst ein Bild entwerfen möchte. Ich will zunächst den Lebensabschnitt bezeichnen, an dem ich augenblicklich stehe. Von meiner Schulzeit trennen mich nunmehr 5 Jahre, die ich meist in großen Städten, zum Teil auf Universitäten verbrachte. Diese Zeit ist ausgefüllt durch mannigfache wissenschaftliche Studien der verschiedensten Art, durch dichterisches Arbeiten und allerhand Erlebnisse, wie man sie in großen Städten findet. Drei Versuche, Gelehrter zu werden, sind gescheitert. Die Rechtswissenschaft stieß mich durch ihre Starrheit ab, ehe ich mich noch anders, als empfänglich ihr gegenüber verhalten hatte. Gesetze interessierten mich nicht, vielmehr suchte ich die mir fehlende, eigene, aus der Persönlichkeit herrührende Wertungsskala. In der Volkswirtschaft wagte ich eine entwickelungsgeschichtliche Arbeit, die wenig wissenschaftlich und willkürlich in der Optik der Erscheinung gewesen sein soll. Auf philologischem Gebiet suchte ich mich nun durch eine Ameisenarbeit zu retten, bei der jegliche Kühnheit der Schlußfolgerung durch die Art des Stoffes ausgeschlossen schien, und hier fehlte es an der geduldigen Gründlichkeit. Der Zweck dieser Versuche war hauptsächlich, dem Wunsche meiner Familie zu willfahren, die mich als Doktor irgend einer Fakultät sehen wollte. Für mich war das Resultat davon die Sammlung mannigfacher Kenntnisse, die Einsicht, daß meine Begabung mehr auf plötzlich ans Licht kommenden Einfällen, als auf der Methodik des Gelehrten beruht. Der Trieb, endlich etwas mehr, als Mittelmäßiges zu leisten, mich zu objektivieren, veranlaßte mich vor etwa ¾ Jahr, die Universität zu verlassen und mich einmal, zum mindesten zeitweise, der Tätigkeit zuzuwenden, zu der sich bereits in meiner Kindheit ein Hang zeigte, der im zweiten Jahr meiner Studienzeit sehr ausgesprochen hervortrat, ohne mich seitdem je zu verlassen, der Hang zum dichterischen Schaffen. Ich hatte bereits die Übertreibungen des Naturalismus und Symbolismus durch eigene unvollkommene Versuche eingesehen, als ich mich im Februar dieses Jahres von dem regen geistigen Treiben Münchens in die Ruhe von Frankfurt a/Main zurückzog, wo ich, umgeben von meiner Familie, einer Geliebten und mehreren bisweilen zu Besuch kommenden Freunden einige Novellenstoffe, die mich seit dem Sommer 1893, meinem zweiten Studienjahre, beschäftigten, bearbeitete. Durch fortgesetztes Arbeiten, unterstützt von dem Rat der Freunde, gelangte ich bis zum September schon so weit, daß ich für das, was ich zu sagen hatte, einen eigentümlichen Stil fand, in welchem damals 5 Novellen vorlagen. Es ist klar, daß in dieser Sammlung von Prosadichtungen die Mängel aller jener Arbeiten zu erkennen sind, an denen sich ein Autor entwickelt hat: eine gewisse Uneinheitlichkeit des Stils. Einen ganz neuen Stoff würde ich heute ganz anders anpacken; indessen ist an diese Arbeiten soviel Kunst verschwendet worden, daß ich auf eine Veröffentlichung nicht gern verzichten würde. Ende September begab ich mich, der Frankfurter Ruhe müde, nach München zurück. Ein Versuch, die Novellen zu verlegen, scheiterte an der mir entgegengesetzten künstlerischen Tendenz der Firma, möglicherweise auch an Intriguen. Ich beschloß, die Arbeiten zunächst bei einzelnen Zeitschriften anzubringen, und während ich der Entscheidungen harre – ich tue es noch heute – die übrigen älteren Entwürfe zu vollenden, um dann alle Entwickelungsarbeiten in einen Band zu bringen. Mit der Fertigstellung dieses Buches bin ich noch beschäftigt. Im übrigen sind es 2 Kreise, die meinem augenblicklichen Leben seine   München, 6. Dezember 1896. Färbung geben. Der eine gruppiert sich um meine Freunde, vielleicht besser gesagt intime Bekannte, Carlo Philips und Paul Gutmann, der zweite um meine Freundin Eleonore Karwat. Philips und Gutmann sind diejenigen Menschen unter allen meinen Bekannten, in denen ich die Vereinigung der künstlerischen Instinkte mit der starken Intellektualität am vollkommensten finde. Darum ziehen wir drei uns stark an, fühlen uns einsam gegenüber jener Masse dummer Genies oder lebloser Verstandesnaturen. Darum sind wir zuviel zusammen und saugen gewissermaßen an einander. Lori ist deshalb meine Freundin und weiter nichts, weil meine Liebesinstinkte fast nichts mit ihr gemein haben. In der Gesellschaft, welche sie umgibt, hat nur mein Verstand als Beobachter etwas zu suchen. Zu lieben ist mir da nicht möglich. Diese Kreise hindern mich an intensivem Arbeiten, geben mir aber dafür keine genügende Entschädigung an Leben, Erleben, wofür ich gern das Arbeiten eine Zeitlang beiseite ließe. Außerdem hat die Großstadt für mich nicht mehr Neues genug, um mich ohne speziellen Anlaß dort niederzulassen. Ich habe die bürgerliche Gesellschaft und die künstlerische Bohème kennen gelernt, den Kaffeehausverkehr und das Abenteuer der Straße. Vor keiner dieser Sphären hatte ich einen Ekel, vielleicht wird mir aus ihnen noch manches schöne kommen, aber es müßte durch den Zufall kommen. Das Milieu an sich gibt mir nicht eher etwas Neues, bis ich nicht selbst als ein neuer, d.h. für die Augen der das Milieu Bildenden Neuer, etwa als anerkannter Künstler, wiederkomme. Das möchte ich eine kurze Zeit hindurch erleben, in einer weiteren Welt einmal zu herrschen, verehrt zu werden, wie es mir jetzt in dem kleinen Kreise um Lori Karwat geschieht. Ich weiß, daß es eitel ist, dies zu wünschen. Aber ich möchte diese Eitelkeit überwinden, indem ich sie erlebe. Wie ich mich kenne, werde ich desto weniger eitel sein, je mehr ich Grund dazu habe. Der Erfolg wird mich einfacher machen; ich will, wie der heilige Augustinus sagt, meine Begierden nicht extinguere, sondern explere. Erst dann steht man über dem Leben, wenn einem alle Wünsche einmal erfüllt wurden, wenn man wie Heine sagen kann: »Ich habe gerochen alle Gerüche in dieser holden Erdenküche.« Das Ende dieser Linie wird wohl beschauliche Einsamkeit und Zufriedenheit bilden. Ja, ich will den Erfolg. Darum will ich einsamer sein, um mehr arbeiten zu können. Ich will in eine kleine Stadt gehen, wo mich eine reizende Natur umgibt. Im Winter bin ich daher auf den Süden angewiesen; der nächst gelegene Ort, der für mich in Betracht kommt, ist Riva am Gardasee. Dorthin will ich am 1. Januar reisen. Noch nicht heute, weil mich eine Sentimentalität davon abhält, die Weihnachtszeit in der Fremde einsam zu verbringen.   Montag, den 7. Dezember. Gestern sprach ich mit Gutmann über sein vor ein paar Jahren erschienenes Gedichtbuch. Ich habe von Anfang an nicht sehr viel von diesen Gedichten gehalten, weil ich darin zu viel Hervordringen einer nicht einmal besonders eigentümlichen Subjektivität, zu viel psychisches Rohmaterial künstlerisch unverarbeiteter Jugendgefühle sehe. Bei der Offenheit, die zwischen ihm und mir im persönlichen Verkehr waltet, habe ich ihm aus dieser Ansicht nie einen Hehl gemacht, wie er auch manche meiner Anfangsarbeiten weidlich zerfleischt hat. Indeß überzeugte ich mich vorgestern abend, als ich Lori aus den Gedichten vorlas, vielleicht durch ihren Tadel zum Widerspruch gereizt, daß Gutmann doch ein ausgesprochenes Talent zur plastischen Darstellung hat. Ich fand einzelne der Gedichte ganz gut, in vielen einiges Gute, wenn mir auch heute noch die Mehrzahl als des Druckes unwert erscheint. Ich teilte ihm meine Meinungsänderungen gestern mit, wir stehen zusammen so, daß er mir gegenüber ruhig die hohe Meinung äußern darf, die er von sich und seiner Produktion hat. Er sprach seine Verwunderung darüber aus, daß die Gedichte bei ihrem Erscheinen wenig Staub aufwirbelten. Ich befürchte, die persönliche Note fehlt bei Gutmann, den ich sonst so sehr schätze. Er ist subjektiv, aber nicht persönlich. Seine gute Beobachtung, seine Strenge gegen sich selbst, wird ihn, so bin ich geneigt anzunehmen, doch nicht weiter, als zu einer erfreulichen Tüchtigkeit bringen. Diese Dinge sagte ich ihm natürlich nicht. Er fühlte, daß wir hier auf einen profunden Gegensatz unserer beiden Naturen stießen, der sich in dem oft zwischen uns wiederholten Streit über die von mir so hoch geschätzten Poe, Baudelaire, E.T.A. Hoffmann und Heine äußerte. Eine seltsame Unklarheit ist die: er wirft mir vor, daß ich zu sehr das apollinische Element betone, wenn ich ihm zuviel psychologisches Rohmaterial in seinen Gedichten vorhalte. Übrigens ist das mit seinen neuesten noch ungedruckten Arbeiten, die er gestern bei Lori vorlas, etwas anderes. Hier sind die Empfindungen mehr in Kunst aufgelöst, und zwar in erfreuliche. Ferner glaube ich, daß meine Hochschätzung der Eigenart gerade doch eine Betonung des Dionysischen, wenn auch im Apollinischen Aufgelösten ist. Ich glaube vielmehr, daß gerade er aus Mangel an Eigenart das Dionysische unterschätzen muß. Nur eine apollinische Klarheit scheint ihm vergönnt zu sein.   10. Dez. In der Gesellschaft posiert Anna Maria auf die Weltdame und freut sich, wenn der Schein entsteht, ich sei der Cicisbeo in ihrer Ehe. Nun ist sie trotz ihrer fast mädchenhaften Schönheit für mich ganz reizlos. In ihrer Nähe empfinde ich Kälte, und selbst meine Bemühungen, etwas galant zu sein, scheitern daran, daß wir nie aus der kühlen Konversationsstimmung herauskommen. Sie beneidet Lori um ihre gattenlose Unabhängigkeit und läßt deutlich erkennen, daß sie ihre Ehe mit dem Verlagsbuchhändler, die nur ein halbes Jahr währt, bereut. Dieser Mann verdient nun allerdings, Hörner aufgesetzt zu bekommen, durch seine Läppischkeit, die mit einer bauernklugen Berechnung verbunden ist. Er hat sie des Geldes wegen geheiratet, und ich glaube fast, daß er ein Auge zudrücken würde, wenn sie ein Verhältnis anfinge. Sie ist in ihrer dritten Ehe. Ihre zweite war das Ereignis ihres Lebens. Ein Maler von raffinierter Sinnlichkeit, der sie, – ich weiß alles dies von Lori – in alle Geheimnisse eingeweiht hat und sie dann wieder heimschickte. Sie heiratete dann den Verlagsbuchhändler, weil sie es nicht ertrug, wieder wie ein junges Mädchen zuhause behandelt zu werden. Diese Ehe ist das schauderhafteste Verhältnis, welches erfindbar ist. Sie haben Gütertrennung. Alles, was sie von Geschenken erhält, ist urkundlich beglaubigt, damit sie im Falle einer neuen Trennung nicht um ihre Habseligkeiten kommt. Sie ist ganz und gar egoistische Berechnung. Dazu kommt eine Art sexuelle Perversität, eine gewisse psychische Impotenz, welche sie nur durch künstliche Mittel zum Orgasmus gelangen läßt. Ihre Mutterinstinkte sind verkümmert, sie befindet sich zwar in anderen Umständen, spricht aber jetzt schon in der lieblosesten Weise von dem »Balg«, welches ihr wohl viel Störungen verursachen wird. Alle Vorbereitungen für das Ereignis überläßt sie ihrer unverheirateten Schwester, vor der ich die allerhöchste Achtung habe. Sie ist bereits ältlich, das aufopfernde Weib. Sie sagte mir selbst, daß Anna Maria's Liebe zu ihr nur auf ihrer großen Nützlichkeit für sie beruht, und dennoch liebt sie Anna Maria. Anna Maria's Liebesneigungen konzentrieren sich in einer fast krankhaften Neigung zu ihrer Katze, welche die Schwester zugunsten des kommenden Baby's heimlich aus dem Wege geschafft hat. Auch die Schwester ist empört über die läppische Art des Mannes, der in Gesellschaft die unglaublichsten Fadheiten begeht, z. B. sich an das Klavier setzt und minutenlang, wie ein Kind, mit einem Finger klimpert. Indessen hat Anna Maria sehr viel Verstand, wohl mit etwas Blaustrumpfigkeit. Sie spricht sogar oft kleine Weisheiten aus, aber mit der naiven Miene eines altklugen Kindes. Sie sprach neulich vortrefflich über Segantini und Liebermann. Einmal war ich mit ihr in der Generalprobe einer Novität im Residenztheater, wo sie durch einen ausgezeichneten poetischen Einfall dem schwachen Stück Fulda's »Sohn des Kalifen« aufhelfen wollte. Lori vergleicht sie immer mit Hedda Gabler. Sie möchte leben, alles mitleben, aber ihre Feigheit läßt sie zu nichts kommen. Gestern abend begleitete ich sie durch den Hofgarten. Es war dunkel und leer. Sie ging so langsam, wie möglich. Wir sprachen kein Wort, aber nichts geschah. Für mich hat sie nur psychologisches Interesse. Ich brachte sie brav zu ihrem Mann zurück, der mich trotzdem haßt. Ich verfluche oft meine Subtilität, die es mir unmöglich macht, eine in jeder Hinsicht so schöne Gelegenheit auszunutzen, wie sie mir Anna Maria bietet. Darum bin ich, trotzdem es mir nicht an Chancen fehlt, doch meist ohne das notwendige, – ein Weib, das Geist, Herz und Sinne zugleich befriedigt. Nelly hatte teilweise das Zeug dazu. Ich saß bis heute morgen um 4 Uhr mit Gutmann und dem Komponisten Weinhöppel beim Wein. Dieser Mensch ist für mich ein Ereignis. Robust, schön, très mâle, wirkt unendlich auf die Frauen, ist dabei von ausgesuchter Noblesse im Umgang, scheint bon garçon zu sein. Er lebte lange in Paris und New Orleans. Er genießt das Dasein wirklich aus dem Vollen und erkannte sofort die Gefahr, in der sich Gutmann und ich befinden, – zu literarisch, d. h. zu subtil zu werden. Er ist 7 Jahre älter als ich. »Sie suchen zu viel«, meinte er, »Sie fühlen sich noch zu sehr als Mittelpunkt Ihrer Welt. Sie verlangen von allen, besonders den Frauen, im Voraus bestimmte Eigenschaften, statt einfach das Leben herankommen zu lassen. Sie sind zu fein, zu gescheit.« Ja, ich muß fort aus dieser literarischen Atmosphäre, welche das Leben vergessen läßt. Ich komme vor lauter hastender Neugier nicht zum Genuß des Daseins. Ich sollte alle Pläne aufgeben und in den Tag hineinleben. Hoffentlich gelingt es. Nur erst fort von hier. Übrigens beschäftigte mich ein sehr ähnlicher Konflikt vor 3 Jahren, als ich mit Löwenherz verkehrte, der mir auch ähnliche Dinge vorwarf, nur alles viel weniger fein, als Weinhöppel, erkannte. Er nannte es in seiner Grobheit Pedanterie. Aber er hatte in einem Recht: Die Menschen, die planlos, vermögenlos in der Welt umhergeworfen werden, erleben das meiste. Mein Vermögen ist vielleicht nächst meinem Verstand der größte Feind meiner Künstlernatur, des lebensvollen Drängens, das ich in mir fühle. Mein Unglück ist humoristisch. Ich Unglücklicher kann z. B. keine Schulden machen, denn ich muß sie ja von meinem eigenen Gelde bezahlen. Ich kann keine schönen Verrücktheiten begehen, denn mein Verstand warnt mich zu früh, nimmt mir oft den Aplomb, der zu einer spontanen Aventure nötig ist. Kultur im weiteren Sinne besitzt freilich Weinhöppel nicht. Sehr vieles Menschliche ist ihm daher fremd. Was er nicht erlebt hat, weiß er nicht. Wir können wenigstens mit der Phantasie und mit dem Verstand das nicht Erlebte begreifen und vieles innerlich erleben. Er hat Humor, aber keinen Witz, wie er überhaupt nicht sehr subtilen Geistes ist. Er versteht auch nicht, daß man die Dinge, die man um sich herum hat, wie ich meine Schlafröcke und mein rotes Teeglas, liebt, Dinge, die ich seit Jahren überall hin mitschleppe. In wieviel bösen Stunden habe ich die rote Teeflasche geöffnet, um meinen Nerven zur Belebung einen Tee zu machen! – Wieviele Mädchen habe ich in diese Schlafröcke gesteckt! Darum liebe ich einige Gegenstände wie lebendige Tiere. Das begreift Weinhöppel nicht, ebensowenig alle Distanzgefühle anderen Menschen gegenüber. Soeben kommt wieder ein Brief von Nelly. Sie gesteht ihre Sehnsucht, die sie nach meinem ersten ironischen Briefe empfand. Dagegen hatte sie der zweite, viel ernstere Brief überzeugt, daß wir uns nie verstehen werden. Seit unserer Trennung habe sie nicht mehr gearbeitet. Ich schickte ihr ein paar Gedichte zu, die ich, ohne daß sie es wußte, seinerzeit an sie gemacht habe: »Ich liebe die zitternden Lippen.« »Laß in Dämmerung uns versinken.« »In Deinen müden Augen.«   Freitag, den 11. Dezember. Es ist nicht notwendig, daß in der Dichtung, besonders der romantischen, die Symbole in der Wirklichkeit ganz aufgehen. Wir wandeln durch den Wald und hören bisweilen das Rauschen eines unterirdischen Stroms, dann verschwindet es wieder. Darauf beruht der Reiz der ungelösten Symbole, die nicht ganz klar werden, aber unter ihrer Hülle tiefere Beziehungen ahnen lassen. Es ist in der romantischen Dichtung besonders nicht notwendig, daß man immer den Faden in der Hand behält. Man darf ihn verlieren und fühlt sich dann um so erschütterter dem Walten elementarer Kräfte gegenüber. Gestern nachmittag bei Lori zum Tee. Doktor Epstein war da, ein Zerebralmensch, der sich aber als solcher ganz wohl fühlt. Lori war entzückt, daß wir nur über ihren Charakter debattierten, wie über ein Rätsel. Ich gab zu, daß Lori Temperament besitzt, denn im stillen erinnerte ich mich der von ihr geschilderten Szene, als sie zu Rübke sagte »Entweder lieben Sie mich, oder Sie dürfen nicht wiederkommen«. Indeß scheint mir ihre Lustigkeit in Gesellschaft immer krampfhaft, ein Sich-hinwegtäuschen über gewisse Leeren. Sie will das nicht zugeben. Was ich an ihr liebe, ist ihre große Güte. Als Freundin ist sie mir in uneigennützigster Weise zugetan. In ihrer übertreibenden Phantasie sinnt sie die tollsten Pläne aus und möchte mir am liebsten bei einflußreichen aber scheußlichen Leuten durch ihre Schönheit nützlich sein. Sie redet davon sehr amüsant. Der Ton ihres früheren Milieus, der preußischen Offizierskreise, haftet ihr bei aller Bohème immer noch an. Wie gut versteht sie mich oft, wenn wir unter vier Augen sind. Aber wie oberflächlich urteilt sie über alles in Gesellschaft. In den letzten Jahren ist das Gute in ihr immer stärker hervorgetreten. Die Liebe zu Rübke, die sie selbst als ein großes Unglück ihres Lebens empfindet, hat sie sicher gefördert. Ich sage ihr das möglichst oft. Ich ging mit Epstein nachhause. Ich habe schon lange das Bedürfnis nach einem psychologisch verständnisvollen Arzt. Ich glaubte, ihn in ihm gefunden zu haben und enthüllte ihm mein Nerven-, Liebes- und Seelenleben. Er meint, daß ich von den dunklen Disharmonien, die mich bisweilen stören, durch das Vermeiden derselben während eines Jahres ganz geheilt werden müsse, und daß mit ihnen alles übrige, was mich stört, verschwindet, auch dies, daß ich mich oft nach einem Kunstgenuß, nach bacchischer Lustigkeit oder nach Naturfreuden und Liebe sehne und wenn mir die Gelegenheit dazu kommt, soviele Hemmungsvorstellungen dazwischen treten, daß ich kalt bleibe. Abends mit Gutmann zur Abwechselung einmal in einem Varieté. Er hat neulich von mir in sein Tagebuch geschrieben: »Seine Gehirntätigkeit ruht nie, gleichgiltig, ob er auf der Straße, im Kaffeehaus oder in der Natur ist.« Sie ist sicher die Schuld an meiner Verwirrtheit dem Leben gegenüber. Ich muß fort von hier, ich habe zu viel geistige Anregung. Gutmann meint, daß ich diesen Sommer in Frankfurt, wo ich wenig Anregung hatte, ganz anders war. Wir befinden uns beide im Übergang zum Mannesalter. Wir haben viel Erlebtes zu verdauen, denken viel an die Zukunft, die entschieden anders werden muß, als das gestern und heute. Dieser Zustand erinnert an die Pubertät. Wir verkehren hier mit ein paar sonderbaren Leuten, über deren Typus Gutmann und ich erst gestern klar geworden sind, – der Typus des dünnen Menschen. Der Schweizer Maler Baumann besonders. Kleine dünne Leute mit eleganten spitzgeschnittenen Bärten, weiße durchsichtige Haut, wässerige Augen, Pariser Eleganz. Ich denke mir, daß Baumann so den Tag verbringt: Steht spät auf, braucht lange zur Toilette und denkt bereits an das Lokal, wo er speisen wird. Erwählt sich schon einen Platz im Geist. Wenn er ihn nicht frei findet, vergeht ihm vielleicht jeder Appetit. Sonst bestellt er irgend eine kleine feine Speise, die sonst niemand ißt, vielleicht nur 2 Eier mit Parmesan oder Tomaten. Dazu trinkt er ein Glas Madeira. Es stört ihn, wenn jemand zu ihm an den Tisch kommt. Er hat nichts zu reden. Er ist ungeistig, lebt eigentlich nur in sinnlichen Eindrücken, die von außen kommen, ist aber deshalb um Gotteswillen kein sinnlich veranlagter Mensch. Er liebt nur die schwachen Eindrücke. Er liebt es von kleinem zierlichen Geschirr zu essen, dann geht er und denkt an das Kaffeehaus. Auch hier sucht er einen vorher bestimmten Platz. Indeß vielleicht immer einen anderen. Er bestellt einen Café double und denkt: »Wie klein ist dieser double.« Vermutlich sitzt er immer bei derselben Kellnerin, mit der er aber nie spricht. Er will von den Frauen nur den Duft. Dabei aber hat er auch nichts von der bewußten Ästhetik des geistigen Dandy. Er lebt nur im Triebhaften, aber das ist bei ihm ganz klein. Er ist die dünne Spitze einer wohl ganz verausgabten aber guten Rasse. Nachmittags malt er ein bischen, abends geht er vielleicht in ein Konzert. Mitunter rührt ihn in der Musik irgend etwas ungemein, selten etwas künstlerisches, gewöhnlich irgend etwas neurasthenisches. Er denkt nicht und er liebt nicht, er haßt nicht, dieser dünne, kleine, blonde, elegante Mensch. Ein Nachtrag zu meiner Unterredung mit Dr. Epstein: Die dunklen Dinge, von denen ich ihm sprach, sagt er, seien weder unschön, noch unmoralisch, höchstens unzeitgemäß. Er täuscht sich darin, das Häßliche, Verworrene, Disharmonische besteht darin: c'est plus fort que moi, während mir sonst jeder Excess erlaubt ist, weil ich darüber stehe. Selbst der Ehrgeiz, der Rausch, ja die Prostitution sind für mich ganz ungefährlich, so sehr mich alles dieses im Augenblick reizen mag. Sie stören nie mein Gleichgewicht, so oft ich diesem Drängen nachgeben mag, ja, ich könnte sogar ohne Gefahr eine Zeitlang darin untertauchen und doch nie zum Trunkenbold, nie zum Stammgast im Bordell oder zum eitlen Gecken werden. Ich kann mich ohne Gefahr allen meinen Trieben überlassen, nur diese dunklen Dinge erschrecken mich; und weil ich darum immer auf der Hut sein muß, wird der Instinktmensch in mir überhaupt gehemmt, wodurch dann dem Intellekt immer wieder neue Macht zugeführt wird. Ich bin augenblicklich anderthalb Monate, seit dem 1. November, mit Ausnahme einiger schnell gedämpfter Phantasien, frei davon.   Sonntag, den 12. Dezember. Von Nelly ein Brief. Sehr freundschaftlich, dankt für die Gedichte. Ich antwortete: Daß Du in meinen Gedichten nicht alles verstehst, kommt daher, meine liebe Nelly: sie sind an die liebe Nelly gerichtet, wie sie nur in wenigen Stunden existierte, z. B. wenn ich Klavier spielte, oder an jenem Nachmittag, als wir solange in der Dämmerung saßen, an die stille Nelly mit den oft ein wenig fragenden Augen, die mich nie verstanden, außer, wenn ich Musik machte. Nur die liebe, stille Nelly werde ich im Gedächtnis behalten, die andere vergesse ich. Ein Nachtrag zu dem Abend mit Weinhöppel: Er erzählt folgende Geschichte aus America: eine reiche Amerikanerin hat von ihm gehört, von seinen Verrücktheiten, seiner Begabung. Beide haben sich nie gesehen. »Ist es Ihnen der Mühe wert, zu kommen?« schreibt sie ihm, »Es ist mir der Mühe wert!« antwortet er. Er wird in ein dunkles Zimmer geführt, eine Frau tritt ein. »Wir wollen uns erst als Menschen kennen lernen«, sagt sie, »damit wir durch das Äußere nicht irregeleitet werden.« Sie fragt ihn Intimitäten, ob er eine sinnliche Natur sei, u. s. w., ermutigt ihn bald, bald weist sie ihn ab, läßt ihn erraten, wie sie aussieht. Zum Schluß leidenschaftliche Küsse. »Zünden Sie Licht an« sagt sie. Er tut es. Indeß verschwindet sie. Er steht in einem prachtvollen Salon, ein Diener meldet: »Madame läßt sich entschuldigen, hat soeben Kopfschmerzen bekommen.« Nach einigen Tagen sitzt er in einem Restaurant, plötzliches Unbehagen, Mangel an Appetit. Er dreht sich um, eine elegante Dame mit einem alten Herrn sitzt hinter ihm. Sie muß es sein. Mit einem mephistofelischen Lächeln geht er an ihr vorbei. Sie versteht, daß sie erkannt ist. Am anderen Tage hat er einen Brief: »Kommen Sie, besuchen Sie mich, die Komödie ist aus!« Nun wird er von ihr im Negligé in einem Boudoir empfangen. In München muß man dahin kommen, wo ich heute bin, zu jener Hypertrophie der Hirntätigkeit. München ist eine Stadt ohne viel Leben, mit viel künstlicher Geistigkeit; keine anmutige Erholung, immer nur Debatten im Café, ernste Konzerte und Theater. Keine wirklich geschmackvollen Chantants, Café-Häuser oder Kokotten. In der Gesellschaft bemühen wir uns, geistreiche Zirkel zu sehen, in den Cafés und Varietés genießen wir Dinge, die es hier nicht gibt. Unsere Phantasie, sowie die Reminiszenzen an Wien, Brüssel, Italien müssen nachhelfen. Alles kommt aus der Phantasie, aus dem Verstand. Es gibt nicht genug peripherische Reize, darin liegt etwas Masturbatorisches. Gestern traf ich im Theater die kleine Geliebte des schönen, eleganten, gut essenden, umfassend gebildeten Malers Gustav Richter. Es ist unfaßbar, wie er mit diesem Mädchen doch schon anderthalb Jahre verkehren kann. Sie wohnen sogar meist zusammen. Er ist schon circa 30, hat nach langen juristischen Studien sich der Malerei gewidmet. Er ist der Sohn des bekannten Malers Gustav Richter, ein Enkel Meyerbeers. Seit Monaten lebt dieses Mädchen bei ihm im Atelier. Sieben Stunden des Tages sitzt er im Sessel mit der Zigarre in der Hand und zeichnet nach einer Gipshand, weil er zu bequem ist, in die Malschule zu gehen. Währenddessen liest Emmy aus Bulwer vor. Dann dreht er sich bisweilen um und fragt: »Wie war das? Also der heiratete sie?« – Mittags lassen sie sich das Essen holen, und so kommen sie fast nie unter Menschen. Eine Zeitlang, während ein Familienereignis erwartet wurde, das aber dann ausblieb, waren eine Hebamme und eine barmherzige Schwester Mitbewohner des Ateliers und der 2 bis 3 angrenzenden Zimmer. Von dieser Ruhe könnte ich etwas brauchen. Emmy sprach über Fritz Cassirer, den Musiker. Sie haßt sein ewig witzelndes Wesen, bei dem man nie auf den Grund blickt. Wenn von mir, den er haßt, gesprochen wird, soll er sagen: »Nicht von meinem guten Freund reden.« Er hat ein instinktives Wissen seiner vielen Blößen und weiß mit Witzen über alles hinwegzukommen. Vom Juden hat er nicht einmal die Intellektualität. Er hat indessen sehr großes musikalisches schauspielerisches Talent. Auch als Dichter hat er in seinem abstrusen »Edgar« Begabung verraten. Einer von den Menschen, die überall Talent haben, dabei durchaus unkünstlerisch und unproduktiv sind. Der typische, verfeinerte Dilettant. Er ist dekadent, Mensch des Ressentiment. Dagegen echte jüdische Familien- und Rassen-Instinkte. Seine Geliebte ist – ein seltener Fall – ein kleines jüdisches Mädchen. Er sagte einmal: »Als ihr Germanen noch auf Bärenhäuten lagt, hatten wir Juden bereits das Alte Testament.« Ich war gestern im »Hamlet«. Was mich an diesem Stück so mächtig fesselt, ist die Atmosphäre, welche die Handlung umgibt: ein Schloß voll bunter Säle, durch die unter Posaunenklang ein König zieht, ein junger Träumer, voll von Weisheit deutscher Hochschulen, wandelt sinnend umher. Daneben die fast kleinbürgerlichen Verhältnisse der Familie des Polonius. Der Sohn, der die Schwester warnt, der Vater, der den Sohn warnt: bürgerliche Weisheit! Und dann in der bitterkalten Winternacht, die der König bei Schmaus und Trunk durchwacht, während unten im Park dem blassen Träumer ein Geist erscheint; dann wieder eines Wintermorgens kommen Schauspieler zu dem träumenden Prinzen, ihm Kurzweil zu bereiten. Und dann wieder in der eisigen Nacht in gothischen Räumen bei flackernden Kerzen ein betender König, ein Neffe, der den Oheim morden will, eine Mutter, die vor dem Sohne bebt. Und dazwischen geht ein weißgekleidetes blondes Mädchen mit dem Wahnsinn in den dunklen Augen, das Blumen streut und wollüstige Lieder singt, durch die bunten Säle des gothischen Schlosses, fern am winterlichen Meer. Am Abend begleitete mich Schuster nachhause, ein junger Jude, der ganz Verstandesmensch ist, der durch einen Mißgriff des pädagogischen Philips in unseren Kreis kam. Wir sprachen über Essen, Blumen und Düfte. Er haßt den haut goût des Wilds, Gemüse, wie Rosenkohl, Tomaten, den hessischen Handkäse, den Heliotropgeruch. Er liebt Veilchen, die Rose La france, das Moosröschen, den Goldlack. Ich liebe dagegen etwas haut goût und alles andere, was er verabscheut. Die Rose La france ist mir langweilig, während ich die Teerose liebe, die er nicht versteht. Auch die Lilie und den Fingerhut. Goldlack scheint mir gewöhnlich. Unser Geschmack trifft sich bei der Tulpe, dem Chrysantemum, dem Flieder. Den Hummer ißt er barbarischerweise mit Mayonnaise. Ich sehe in diesem Gegensatz die 2 Grundrichtungen des Geschmacks ausgeprägt. Übrigens mag sein Geschmack gesünder sein, als der meine. Er liebt auch nicht die starken Lippen bei Frauen, während ich kaum je andere, als etwas üppige Lippen küssens wert fand. Meine Freude an Gluck und Mozart nimmt stark zu, während ich bei den modernen Komponisten die Verworrenheit unsympathisch empfinde, so sehr ich bei einigen gerade das musikalische Talent anerkenne, – Tschaikowski. – Bei Lori zum Tee. Sie ist vollauf mit Weihnachtsarbeiten beschäftigt. Frau Jordan erklärte, daß sie es haßt, für andere zu Weihnachten zu arbeiten, noch eher möchte sie kaufen; wenn sie nur ihre Ruhe hat. Sie bewunderte meine Fähigkeit, mit dem kleinen Wolfgang, Loris Sohn, zu spielen. Sie behauptet, garnicht zu wissen, wie man mit Kindern umgeht. In 5 Monaten wird sie Mutter sein. Sie kann einem verheirateten Mann eine Untreue nie verzeihen. Die Untreue der Frau dagegen sei weniger verdammenswert, denn der Mann trage mit seiner Untreue Geld und Arbeitskraft aus dem Hause. Was die Frau aber dadurch hineinträgt, das vergißt sie. Diese Frau verdient eigentlich Prügel. Ich möchte mit ihr soweit kommen, daß ich ihr das wenigstens sagen kann.   Montag, den 14. Dezember. Gestern kam endlich der längst erwartete Brief von Nelly, folgenden Inhalts: »Komm, ich muß Dir mein Herz ausschütten.« Ich habe indessen einen kaum bekämpfbaren Abscheu, ihr Zimmer wieder zu betreten, das für mich voll peinlicher Erinnerungen ist. Zudem quälte sie mich so oft mit ihren Launen. Ich habe ein Recht, zu verlangen, daß sie deshalb zu mir kommt. Auch wohnt sie in einer Vorstadt, sodaß es mich sehr viel Zeit kosten würde. Aus diesen Gründen möchte ich sie auch gleich daran gewöhnen, falls das Verhältnis wieder beginnen sollte, daß sie zu mir kommt. Der Brief enthielt ein beunruhigendes Wort, als ob sie in anderen Umständen sei. Das ging mir doch ein wenig auf die Nerven, wenn ich bedachte, wofür das alles geschehen ist. Es handelt sich um eine einzige Nacht, in welcher das Unglück hätte passieren können. Und da war ich nur wider Willen auf ihr unablässiges Bitten mit ihr hinaufgekommen, denn sie hatte mich vorher durch ihr Benehmen entsetzlich verstimmt. Ich blieb schließlich, denn ich schreckte davor zurück, einen Menschen abzuweisen, der mir sein Allerbestes entgegenbringt. Indeß, es half nichts, meine Verstimmung wich nicht, sie wurde sogar durch die höchst unbequemen Verhältnisse der Wohnung noch vermehrt; man hörte jeden Laut und Atemzug im Nebenzimmer, sodaß ich einen etwas traurigen Liebhaber spielte, bei welcher Gelegenheit Nelly fast bis zur Gefühlsroheit taktlos war, wodurch sie die Situation noch verschlimmerte. Trotzdem ist es nicht ganz ausgeschlossen, daß sie empfangen hat, da gegen Morgen beim Aufwachen meine Verstimmung mit dem Schlaf verschwunden war. Für eine solche Nacht nun alle die Unannehmlichkeiten, von denen ihr Brief spricht, das ist ein bischen hoch bezahlt. Ich war, als ich den Brief empfing, äußerst verstimmt. Am Abend hörte ich den ersten Aufzug der »Walküre« und obwohl ich nicht besonders empfänglich war, erhoben mich mehrere Stellen über meine Besorgnisse hinaus. Dann war ich bei Philips im kleinen Kreis und vergaß eine Zeitlang diese Unannehmlichkeiten. Philips hat wohl dramatisches Talent, wie ich aus einigen vorgelesenen Stellen seines Dramas schließe, aber er produziert zu wenig und ist doch bald 30. Er treibt bald griechisch, bald übt er Klavier, bald befaßt er sich pädagogisch mit jungen Leuten oder vertieft sich in einen Dichter. Dazu kommt eine Frau, die vielleicht geistig zu anspruchsvoll ist und ihn ermüdet, wie mich das geistige München. Wir Männer brauchen wohl, wenn wir arbeiten sollen, eine mehr tändelnde Erholung: la petite femme. Im Sommer war Philips von seiner Frau getrennt in Frankfurt ein ganz anderer. Produktiver und lebensvoller. Jetzt verspießbürgert er. Sein großer Verstand tyrannisiert die einst anmutige Frau, die er allmählich aller Reize entkleidet, und wenn eine Frau einmal ernst wird, dann ist sie erschreckend gründlich, dann verachtet sie gleich alles Heitere, Anmutige. Das ist vielleicht das Correlat des Besten in der Frau, sich ganz für eins oder einen einsetzen, alles opfern zu können. Philips behauptet, er sei jetzt in seiner Entwickelung auf einem Plateau, er bedürfe einer Zeit der Sammlung, der Überschau, behaglicher Verhältnisse. Im Frühjahr wolle er in ländlicher Einsamkeit arbeiten. Hoffen wir es! Ich kann es mir nur getrennt von seiner Frau denken. Es war auch Fräulein Anna Hintermayer da: die redlich bestrebte Halbbildung, gut und innig, voll Leidenschaft, doch stört sie mich in diesem Kreise, wo ich gewohnt bin, per »wir« zu sprechen, und die Anwesenden einschließe; ich befürchte, daß sie darin ein verborgenes ausschließendes Du oder Ihr hört. Das verletzt solche Menschen zwar garnicht in ihrer Bescheidenheit, aber dennoch macht mir dieser Gedanke den Verkehr peinlich. Gutmann kennt dieses Gefühl nicht, den Unterlegenen gegenüber scheint er mir grausam, fast gefühlsroh zu sein. Meine Sehnsucht, von hier fortzugehen, wächst. Heute mit Gutmann im Café, vor dem Fenster hält ewig ein Fiaker mit einem versoffenen Kutscher. Schwere Menschen schleichen durch die graue, schmutzige Straße. Keine Eleganz, kein Leben. Ich will eine Zeitlang einsam sein, das geistige München verdauen und zugleich die noch übrigen beiden Novellenentwürfe beenden, im Frühjahr dann nach Paris gehen.   Donnerstag, den 17. Dezember. Gestern Jour fixe bei dem Musikdirektor Porges. Man hat mich in diesem Hause mit größtem Wohlwollen und Interesse aufgenommen. Gestern bemerkte ich bei Frau Porges und Frau Strindberg eine merkwürdige Kühle. Man hatte mich um ein Manuskript gebeten, ich schickte ihnen »Das große Leben«. Wenn man darüber auch verschieden urteilen mag, so ist doch sicher der künstlerische Ernst darin unverkennbar. Ich kann diese Kühle also kaum auf ein Mißfallen meiner Novelle zurückführen, über die man völlig schweigt. Wenn ich nicht von selbst dahinter komme, werde ich Frau Porges offen fragen. Ich verließ das Haus in größter Verstimmung. Abends bei Philips, der Weihnachten nach Offenbach reist, Abschiedsessen. Außer mir nur Gutmann anwesend. Dieser für lange Zeit wohl letzte Abend brachte manches tiefe Gespräch. Zuerst ein Streit. Ich warf Philips in vielleicht zu heftigem Tone seine unleidliche Art vor, abgeschmackte Witze zu machen, wenn man von ernsten Dingen spricht, vorliest u.s.w. Er ist überhaupt bei allem künstlerischen Geschmack in Fragen des äußeren Lebens von barbarischer Stillosigkeit. Mir wirft er nun einen Mangel an Witz vor, weil ich seine Äußerungen, auch etwa die trivialen Schlüsse mancher schönen Heine'schen Gedichte, abscheulich finde. Dann kamen wir zu der oft behandelten Frage, ob ich Gemüt habe. Ich weiß es selbst nicht. Ich habe jedenfalls ein feines Zartgefühl, welches leidet, wenn ein Waffenloser verletzt wird. Ich kann darum auch den niedrigsten Frauen gegenüber nicht anders, als höflich sein. Ich nehme ein nie verlöschendes Interesse am Menschen, mit denen ich nur kurze Zeit zusammen gelebt habe. Es ist mir, besonders seit ich an mein eigenes Talent glaube, Herzenserlebnis, wenn ich bei anderen, mir sonst sympathischen, ein ähnliches Talent entdecke. Es ist mir peinlich, mit Menschen zu verkehren, die mir sehr unterlegen sind, weil ich sie beständig zu verletzen fürchte. Neidlosigkeit, gibt Philips zu, sei der größte Zug meines Charakters. Ich bin oft mitleidig und kann mir auch die flüchtigsten Liebesverhältnisse nicht ohne eine starke zärtliche Note denken. Ich habe ein gewisses Bedürfnis, bei Frauen und jüngeren Freunden erzieherisch zu wirken. Es macht mir Freude, zu unterrichten und von meinem Eigenen zu verschwenden. Ob dieses alles auf Gemüt oder nur auf einen gesitteten Verstand schließen läßt, weiß ich allerdings nicht. Zum Schluß kamen wir wieder auf unsere alten Fragen. Ich äußerte meine Meinung über die große Gefahr, zu literarisch zu werden, in der wir steckten, und sagte, was Weinhöppel für mich deshalb bedeutet, und daß ein kürzlich zu unserer Charakteristik von Freunden gebrauchter Ausdruck »platonische Lebemänner« zwar noch nicht stimmt, aber wenn es so weiter geht, bald stimmen wird. Nun hielten mir Gutmann und Philips mit großem Pathos vor, es komme auf das innere Erleben an, auf das Betrachten mehr, als auf das Genießen, besonders für den Künstler. Das ist unfehlbar richtig, aber in einem Alter, wo die Seele noch nach heißem Genießen lechzt, ist es lächerlich, all dieses Begehren in phantastischen Gebilden, Grübeleien, ja auch in künstlerischem Gestalten aufzulösen. Ich meine, daß wir in der Idee lebenden Menschen bisweilen des Lebensrausches umsomehr bedürfen, um die Berührung mit den unkomplizierten, naiv genießenden lebensvollen Augenblicksnaturen nicht zu verlieren, um nicht zu abstrakt zu werden. Aber Gutmann und Philips, auch ich oft genug, glauben bereits, für alles Kategorien zu haben. Wie kleinlich, z. B. einem Menschen, wie Weinhöppel, seine naturalistische Art vorzuwerfen. Ich habe nichts gegen die Kategorie naturalistisch, aber damit einen Menschen zu verurteilen, scheint mir der völlige Sieg einseitigen abstrakten Verstandes über die Wirklichkeit. Aus dieser Erkenntnis will ich München verlassen.   Freitag, den 18. Dezember. Endlich hat Nelly in einem Brief versprochen, zu mir zu kommen. Indessen ließ sie mich vergeblich warten. Die Geschichte wird immer dunkler. Soeben war Philips hier, um sich zu verabschieden. Fortsetzung des Mittwochsgesprächs. Die Einseitigkeit der Lebensauffassung, die ich bei Philips und Gutmann feststellte, gilt auch bei der Beurteilung geistiger Erzeugnisse. Das wegwerfende Urteil Gutmanns über Huysmans' »A Rebours«, weil es allerdings kein Roman, kein reines Kunstwerk ist, ist lächerlich. Die Verkennung, daß hier ein höchst wertvoller Mensch grundlegend über unsere Zeit, ihre Kunst und ihre Gewohnheiten spricht. Auch mir scheint ja die gestaltende Kunst als das menschlich Höchste, als die einzige Möglichkeit, dem Metaphysischen des Lebens gleich oder nahe zu kommen. Nächst dem Gestalten schätze ich das jenem zugrunde liegende Schauen sub specie aeterni. Hat nun einer so geschaut, ohne das formale, synthetische, bildnerische Talent zu haben und teilt nur mit, was und wie er schaute, entweder verallgemeinernd, systematisierend, wie Nietzsche, oder erzählend, Einzelfälle beschreibend, mit ihrer typischen Bedeutung, wie Huysmans, so will mir das gleichfalls sehr viel erscheinen, und es muß schon einer ein großes Kunstwerk gebildet haben, wenn ich ihn über diese großen aber nicht künstlerisch formenden Schauer stelle, denen allerdings die Sonnenhöhe der Kunst verwehrt bleibt; denn dazu gehört außerdem noch das plastische Gestalten. Wenn nun einer einiges schauen kann, und dies traue ich Gutmann und Philips völlig zu, und hat nur einige wenige gute Strophen oder Szenen hervorgebracht, so ist er gewiß minder wertvoll, als ein anderer großer Schauer, der viele seiner Gesichte, wenn auch nur beschreibend, nicht gestaltend, mitgeteilt hat. Darum will mir Gutmanns Urteil über Huysmans arrogant erscheinen. Philips gibt ihm Recht. Diese enge literarische Anschauung tötet mich und macht mir täglich klarer, daß ich fort muß aus dieser Atmosphäre.   Samstag, den 19. Dezember. Herrlicher Spaziergang durch den blau und weißen Winternachmittag in Klein-Hesselohe. Unterwegs fiel mir das Sonett »Heimat« ein (»Dies ist das Land der lichten Wiesenhänge –«), angeregt durch die Thomasche Lithographie einer Taunus-Landschaft, die viele Kindheitserinnerungen wachrief. Ich hoffe, von der Richtung der Blätter für die Kunst immer freier zu werden. Gewonnen habe ich in dieser Schule die Form und die Geringachtung des Subjekts in der Dichtung, des Rohstoffs individueller Gefühle. Sie müssen ins Typische erhoben werden. Gutmann verdanke ich dagegen die Stärkung der plastischen Anschauung.   Sonntag, den 20. Dezember. Gestern mondklare Nacht, gefrorener Schnee, die Formen der Frauenkirche überwältigend. Mit Gutmann zusammen. Ein Wirbel beständig wechselnder Sensationen: Spitzwegromantik, betrunkene Ekstasen, Selbstanalyse, ein Lupanar mit rasselosen Münchener Weibern. An der Isar alles weiß und dunkelblau. Trotz der Kälte war es in uns sommernächtlich. Eine Stunde war Stiglmaier mit uns. Er führte uns in ein Beisel. Er ist ein etwas verkommener Münchener Journalist, der in ungeheurer Breite erzählt, mitunter sehr originell, doch nicht genug, um jene Vergötterung zu rechtfertigen, die ihm von Wolfskehl und Fuchs zuteil wird. Manchmal langweilt er sogar ein bischen. Meine Dichtungen sollen starken Farbensinn bezeugen, dennoch ziehe ich die Graphik der Malerei vor. Vielleicht ist mein am Mittelmeer genährter Farbensinn so stark, daß er in der Malerei doch nicht befriedigt werden kann. Vor den wegen ihrer Farbenglut gepriesenen Bildern habe ich fast immer Enttäuschungen erlebt. Ich lese in der russischen Reise von Hermann Bahr. Sehr berührt mich sein Verhältnis zu dem kleinen Fräulein: »Ich begehre sie nicht; wenn sie mich auffordern würde, sie zu besitzen, ich müßte es ihr verweigern.« Dabei ist sie ihm sehr lieb, unentbehrlich. Sie ist jung und schön. Das ist wie mein Verhältnis zu Lori. Ich habe das lange für einen Defekt meines Gefühls gehalten, dies darum zu bekämpfen gesucht und manchmal doch versucht, Gelegenheiten zu benutzen, die mir Frauen gewährten, zu denen ich zwar eine Neigung, aber keine erotische hatte. Im Laufe der letzten Zeit erkannte ich nun, gefördert durch die Bekenntnisse anderer gleichfalls sehr erotisch veranlagter Männer, daß dieses Nichtreagieren auf jedes junge schöne Weib kein Defekt, vielmehr nur eine Verfeinerung sein muß, eine Art Zuchtwahlinstinkt, der außer der Sympathie noch einer ganz besonderen Art der Zuneigung bedarf, um die erotische Fähigkeit zu erwecken. Bahr sieht in dem Verhältnis zu dem kleinen Fräulein eine verfeinerte Wollust des Gehirns, der die physischen Organe zu grob sind. Er beweist das mit großer Sophistik. Ich glaube aber nicht an diese Erklärung. Es hat vielmehr mit der Wollust garnichts zu tun und ist ganz gewiß nicht höher zu bewerten, als eine Beziehung zu einer Frau, die man mit allen Fasern der Natur begehrt und besitzen will; ein rein psychisches Verhältnis ist ebenso, wie ein rein wollüstiges Verhältnis in der vollkommenen Vereinigung inferior. Aber es ist ein oft freundlicher Notbehelf für die, deren Kompliziertheit nur selten oder nie das ganz große Erlebnis gestattet. Die Frauen sind sich dessen gewiß nicht bewußt, obwohl es bei ihnen sehr ähnlich ist. Nur können sie sich eben leichter hingeben, wie der Mann, weil sie nicht an bestimmte Fähigkeiten gebunden sind. Darum meinen sie auch leicht, Jugend und Schönheit müsse den Mann immer verführen. Gewöhnlich ist es ja wohl auch so. Was mich mit Sicherheit erotisch erregt, sind primitive, einfache, klare, einheitliche, übersichtliche, unzusammengesetzte Triebnaturen. Sie vermögen, wenigstens momentan, immer einen Reiz auszuüben, falls ihnen nicht sonst eine, meinen Nerven unangenehme Äußerlichkeit anhaftet. Je mehr die Natur des Weibes zu Ungunsten einheitlicher Triebsicherheit sich fortentwickelt, desto schwerer wird diese intensive, alles umfassende Wirkung auf den Mann meiner Art. Darum ist es so viel leichter, unter den Mädchen des Volkes, wenn auch nur für kurze Zeit, eine Geliebte zu finden. Darum gehen einem die Frauen der halbkultivierten Bourgeoisie so leicht auf die Nerven. Nur da, wo die Frau die Kultur wirklich verdaut hat, d. h. sie ohne Schaden in ihre Natur aufgenommen hat, nur da vermag sie mich vollkommen zu bezaubern. Ich sehe überhaupt in der Welt drei Stufen, Tier, Philister und künstlerischer Mensch. Der mittlere Grad ist das Wertlose, eine Zurückentwickelung, während der künstlerische Mensch die kultivierte Fortentwickelung des Natürlichen und Animalischen ist. Überall liebe ich zugleich das Einfache und das wahrhaft Verfeinerte, nie das Mittlere.   Mittwoch, den 23. Dezember. Ich spiele viel Mozart. Er ist der größte aller Musiker. Bei ihm ist das Apollinische nur Gefäß des Dionysischen. Alle vor ihm, selbst Bach, hatten eine Hypertrophie der Form, alle nach ihm eine Hypertrophie des Gedankens. Er ist die höchste Erfüllung des rein Musikalischen. Für das, was er zu sagen hat, findet er immer den restlosen Ausdruck. Es bleibt nichts Ungelöstes, wie bei dem späteren Beethoven oder Wagner. Auch sagt er nicht mehr, als er fühlt, nie, bloß um zu sagen, wie bisweilen Händel, der Formalist. Von Nelly nichts mehr gehört; indessen kam ein Brief ihrer Hauswirtin, den ich unbeantwortet ließ. Sie wünscht mit mir eine Zusammenkunft, um mir über Nelly und ihr lockeres Leben Enthüllungen zu machen. Ich verzichte darauf. Gutmann und Philips sind nachhause gereist. Am Montag jour fixe bei Jordan. Am Schluß Fortsetzung in der Osteria Bavaria. Fast extatische Lustigkeit bei heimlicher Feindschaft der 2 Parteien, die sich in dem Salon bilden: die Männer der praktischen Arbeit, Jordan an der Spitze, die philosophischen Nichtstuer mit mir an der Spitze und den Damen im Gefolge. Jordan kompromittiert sich beständig. Zur wahrhaften Fröhlichkeit fehlt diesen Frauen aber das Genie. Sie geben sich nicht ganz der Freude hin, weil sie immer noch bisweilen glauben, es passe sich nicht. Dies trotz all ihrer künstlerischen Aspirationen. Im letzten Moment weichen sie stets aus. Gerade, wenn Leben in die Unterhaltung kommt, brechen sie auf, besonders dieses Fräulein Schacko, welches sich gern an Männern reibt und in der unbegründeten Hoffnung auf eine Ehe ihre Jugend vergeudet. Dabei hat sie entschieden Temperament. Schuster las mir seine Gedichte vor. Er hat Formtalent und sieht ganz plastisch. Vielleicht wird er einmal etwas. Aber Talent haben beweist ja garnichts in der Kunst, das haben so unendlich viele, und dennoch haben wir so wenig Künstler. Schuster erinnert mich oft an meinen Entwickelungszustand in Berlin. Wir haben doch manches Gemeinsame: aus einem Milieu stammend, welches dem Künstler wenig gibt, aber dem Menschen doch zu viel, um ein träumerisches Insichversenken zu gestatten, wie es dem gelingt, der auf dem Lande aufgewachsen ist. Dazu dieses beständige Schüren der Eitelkeit, die zum planlosen Aufhäufen von allerlei Wissen führt, welches ein unbegründetes, arrogantes Selbstbewußtsein und eine unjugendliche Sprache erzeugt. Dadurch macht man sich wenig beliebt, und auch bei der Selbsterkenntnis ist ein Abgewöhnen dieser Fehler nicht leicht möglich. Der Fehler korrigiert sich nur dadurch, daß allmählich durch weitere Ausarbeitung des Charakters dieses Selbstbewußtsein von Jahr zu Jahr mehr Berechtigung erhält und dadurch aufhört, als Arroganz zu wirken. Am schlimmsten wirken diese Eigenschaften bei Menschen, wie Schuster und ich, die außerdem noch einen starken Trieb haben, sich mitzuteilen und dadurch ihre Blößen beständig aufdecken. Das ist der Grund, warum wir anderen oft so leicht auf die Nerven gehen. Man weicht uns zu schnell aus, ehe man uns erkannt hat, und hält uns darum leicht für hohl und aufgeblasen oder schwatzhaft. Dabei sind wir nicht dumm genug, um das nicht zu bemerken. Ich glaube, daß es für Schuster viel qualvoller ist, wie für mich, weil er es noch nicht erkannt hat und darum auch keinen Ausweg sucht. Gestern mit Brehm zusammen, der Dichter werden will. Er gefällt mir ganz gut, er hat Temperament und einen natürlichen Verstand, ohne nach Kategorien zu urteilen. Obwohl er erst 20 Jahre alt ist, hat er über Gutmann und Philips dasselbe Urteil, wie ich. Er nennt sie weltfremd, einseitig. Über Gutmanns Gedichte urteilt er, wie ich. Über seine Kritikfähigkeit wiederholt er das, was ich anläßlich des Gutmannschen Urteils über Huysmans hier niedergeschrieben habe. Ich treffe hier öfters noch einen Zwanzigjährigen, der dichtet, namens Wolff. Er ist fast seraphisch schön, eitel und Poseur. Er leidet unter der Idiotie der Maler und Musiker, unter denen er verkehrt, die beständig an ihm korrigieren und schon Früchte von ihm verlangen. Dabei fühlt er sich, und mir scheint nicht ganz ohne Recht, diesen Menschen überlegen, obwohl er noch nichts zeigen kann, die Ausdrucksform für sein Innenleben noch nicht hat. Er erkennt richtig, daß diese Menschen gar keine Psychologie haben, kein Wissen vom Menschen, kurzum keinen Intellekt. Sein Kreis sind die Maler von Kardorff, Richter, Scharf, Hey, Bruck, der Musiker Hey, die wohl alle Talent haben, aber, trotzdem manche recht belesen und einige auch gute gesellschaftliche Formen haben, doch ohne eigentliche Kultur. Auch ich bin dort wenig beliebt. Anna Maria ist feige. Am Montag kam sie mir in der Weinlaune zum ersten Male wirklich reizend vor. Unter dem Tisch ließ sie mir ihre Hand. Auch heute beim Tee gefiel sie mir noch. Sie verstand es, in raffinierter Weise ihren Mann zu entfernen, aber dann hielt sie es auf einmal für zweckmäßig, die Tür nach seinem Arbeitszimmer zu öffnen. Sie hatte es sich wieder anders überlegt.   Donnerstag, den 24. Dezember. Gestern Abend Gemma Bellincioni als Traviata. Über alle Maßen schön. Sie hat einen großen, schlanken, biegsamen Körper, eine unerhört fein modellierte Büste, die sich in beständiger fiebernder Bewegung befindet, runde Schultern, aber dabei doch jene reizvolle Magerkeit des Halses. Die Hände sind jene schöngeformten großen italienischen Hände, die gewissermaßen ein Mienenspiel haben. Das Wundervollste ist das Gesicht. Wenig bedeutend waren die langen, kleinen Augen; aber die starke, fast griechische Nase und der herrliche Mund! Anfangs hatte er die feinen herben Linien der vornehmen Milanesin. Aber je mehr das Gefühl erwachte und die Krankheit zunahm, desto weicher, unregelmäßiger schienen die Linien zu werden. Im 3. Akt hatte sie das air chiffonné der Neapolitanerin, nicht in dem Sinne der Pariser Grisette, sondern fast déchiré, zerwühlt von Verzweiflung und Wollust. Und die Bewegungen – wie sie sich in einen Sessel fallen läßt, während sich die Hand auf eine Tischkante stützt, der Gang, die Naturtöne, welche die Süßigkeit der Flöte und die grausame zerreißende Musik verstimmter Geigen in der Gewalt haben! Die Stimme an sich übertrifft nicht das Niveau der anderen großen italienischen Sängerinnen. Sie ist größer als die Sembrich und suggestiver, aber lange nicht so rund. Etwas Manier ist indessen bereits in ihr. Die ewig gespreizten Finger, die Gesten vor dem applaudierenden Publikum zeigen, daß sie schon den Keim der Bühnenverderbnis in sich hat.   Freitag, den 25. Dezember. Den Weihnachtsabend bei Lori verbracht. Zum Nachmittagstee und zur Bescherung waren Anna Maria und ihre Schwester anwesend. Dann wir beide allein. Bis 10 Uhr spielte sie mit dem Jungen, dann unterhielten wir uns bis nach 11 Uhr. Ich fühlte, wie wenig sie mir im Grunde ist. Einmal konnte ich in der Erinnerung an die schönen Weihnachtsfeste meiner Kindheit, an meinen verstorbenen Vater und meine unheilbar kranke Mutter das Weinen nicht zurückhalten. Lori schloß mich in die Arme und küßte mich. Aber das bedeutete mir wenig, ich sehnte mich weg von ihr. Von Lori ging ich in die Christmesse in die Heilige Geist-, Frauen- und Hofkirche. Ich sah mehrere Bekannte, denen ich aus dem Wege ging. Auf den Straßen war es um 1 Uhr lebhaft wie am Tag. Ich blickte von außen in die Café-Häuser, es hielt mich etwas vom Eintreten ab. Es wurde Billard gespielt, wie sonst. Ein paar Einsame saßen an Tischen, den Kopf in die Hand gestützt. Es begegneten einem viele Menschen mit Paketen unter den Armen. Dies ist das erste Mal, daß ich infolge der traurigen Verhältnisse Weihnachten nicht zuhause verbracht habe. In der Nacht träumte ich von Mathilde. Zum letzten Mal vor dem gestrigen Abend habe ich im vorigen September geweint beim Abschied von Mathilde, obwohl ich ihrer doch überdrüssig war. Ihr Hirnchen war doch zu klein, und ihr Wille zu schwach, als daß sie mich hätte fesseln können. Aber dennoch hatte ich sie lieb. Davor weinte ich zum letzten Male im Januar 1895 beim Tod meines Vaters, davor im Herbst 1890, als ich zum ersten Male das Elternhaus verließ und nach Weilburg auf das Gymnasium geschickt wurde. Besonders einen Abend im November. Mein Vater war auf einen Tag zu Besuch gekommen, um 8 Uhr mußte ich nach Hause. Er ging noch in ein Restaurant, um mit Bekannten zusammen zu sein, aber ich verließ heimlich mein Zimmer und eilte ihm nach. Was davor war, waren Kindertränen.   Samstag 26. Dezember. Die Münchnerin wird in der Erotik den Gedanken, daß da etwas höchst Drolliges geschieht, etwas »Gespassiges«, nie ganz los. Die Südländerin hat in dem letzten Augenblick dagegen den verzweifelten Ernst eines Kampfes. Die ganz Unausgesprochenen, also Keinseitigen, werfen uns vor, daß wir einseitig seien. Die Frauen zerfallen in 2 Gruppen. Die einen haben den Offiziersgeschmack, die anderen den Künstlergeschmack. Zum ersteren gehört starker Schnurrbart und eine Glatze wird gern verziehen, zum anderen gehören glattrasierte Gesichter und meistens starkes Haupthaar. Als ich den Treibhäusern der Bourgeoisie entgangen war, konnte mich die rohe Formlosigkeit des Naturalismus, ja des Materialismus fesseln. Auf der anderen Seite stieß mich der völlige Mangel an Geschmack, Zartheit, Stilsinn der Naturalisten ab. Dieses Dilemma begann für mich im Sommer 93 in München und dauerte etwa bis in den Winter 1894 bis 95, den ich wieder in München verbrachte. Dazwischen lag mein Berliner Winter, meine große Mittelmeerreise von Februar bis Oktober 1894, Italien, Tunis und Teile von Österreich-Ungarn. Damals war ich mit Löwenherz befreundet, dessen Einfluß mich ganz auf den Naturalismus orientierte, in dem ich mich auch schriftstellerisch ohne alles Glück versuchte. Dort hielt man mich für ein talentloses Bourgeoissöhnchen, das gerade einmal in Modernismus macht. Den Gesitteten dagegen erschien ich als ein Revolutionär. Es war die Zeit meiner tiefsten Verwirrung. Das Geheimnis, daß nur die gebändigte Kraft Wert hat, vermittelte mir Wolfskehl und die Blätter für die Kunst. Er war der zweite Mensch, der mich intellektuell stark beeinflußte nach Löwenherz. Ich war bald gewonnen, da ich von Natur stark zur Form begabt war. Ich ging natürlich auch hier anfangs zu weit, indem ich häufig aus der Form eine Pose machte. Diesen Fehler erkannte ich im Winter 1895 bis 96. Hier gestattete ich Philips einen starken Einfluß auf mich. Ich glaube, daß nun niemand mehr eine solche Wirkung auf meine Entwickelung haben wird, als diese drei, die seltsamerweise alle semitisches Blut in sich haben. Wolfskehl ist sogar ganz Jude. Weinhöppel würde nie einen solchen Einfluß auf mich erlangen können, da er doch schließlich nur eine Erinnerung bedeutet an Dinge, die ich zu vergessen im Begriff war. Er ist in vieler Hinsicht ein verbesserter und bereicherter Löwenherz. Übrigens glaube ich, daß aus diesen dreien, denen ich so vieles verdanke, nichts Rechtes werden wird. Ich habe immer eine große Neigung gehabt, auf andere zu hören. Man sagt sogar, daß ich zu leicht bestimmbar sei, auch habe ich in der Kunst unwillkürlich fremde Muster nachgeahmt. Ich habe auch Talent, in Poesie, Musik und Schauspielkunst fremde Stile zu kopieren. Trotzdem glaube ich, daß ich in der Einrichtung meines Lebens und auch in allem, was ich schreibe, mich zu einer größeren Eigenart durchzuringen im Begriff bin, als meine früheren Kameraden aus der naturalistischen Zeit, die sich gegen fremde Individualität sperrten und heute noch da sind, wo sie damals waren, z. B. Plöcker und auch Rath. Lori ist gütig und gemütvoll von Grund auf, aber ihr Verkehr in den Berliner Gesellschaftskreisen, besonders ihre Ehe hat sie furchtbar verdorben. Sie hat eine unbezwingliche Freude an hohlster Koketterie und einen sehr geringen Wertungsinstinkt für Männer. Als ich sie kennen lernte, war es wohl nur meiner Jugendlichkeit zuzuschreiben – im Sommer 93 in München – daß ich mich überhaupt mit ihr in so enge Beziehungen einließ. Ich glaube, auch einigen Einfluß auf sie gehabt zu haben, noch mehr aber der gelehrte und gemütvolle Fuld und besonders die Liebe des Instinktmenschen Rübke haben ihr die Augen etwas geöffnet über ihre gelegentlich schamlose Oberflächlichkeit. Auch Dr. Epstein zweifelte anfangs daran, ob es sich überhaupt lohnt, mit dieser Frau zu reden. Als Psychologe schaute er jedoch bald tiefer. Ich habe gehofft, daß sie, wenn ich abgereist sein werde, sich mit Epstein und Gutmann etwas befreunden würde, damit sie nicht wieder verlottert bei diesen entweder zu jungen oder zu dummen Männern, die sie umgeben, die sie entweder anbeten oder als amüsante kleine Frau behandeln. Sie will aber von Dr. Epstein und Gutmann nicht zu viel wissen, weil es Juden sind. Ein mich immer wieder tief beschäftigender Gedanke: ob ein großer, das Leben durch kräftige Triebe beherrschender Mensch zu sein, der alles kann und erträgt durch die Gewalt seiner Persönlichkeit, ob das vereinbar ist mit dem Künstler, der der Phantasie und der Reflexion bedarf, welche die Instinkte hemmen. Daß dies große Sein mit dem Verstandesmenschen nicht vereinbar ist, weiß ich, aber ob mit dem künstlerischen? Carmen, das allmächtige Weib, ist nicht als Künstlerin zu denken. Don Juan ist kein Künstler. Dagegen sind Künstler oft kleine Menschen, voll von diesen liebenswürdigen Eigenschäftchen, wie Sentimentalität, Heimweh, Mitleid, Schüchternheit oder Sinnlichkeit ohne Leidenschaft. Künstler sind zu sehr der débauche mentale ausgesetzt, die weder Carmen, noch Don Juan kennen. Ich kann mir nicht denken, daß Carmen, selbst in der Einsamkeit des Gefängnisses, masturbiert, was faute de mieux wohl alle Künstler und Künstlerinnen tun. Auch die Kunst ist vielleicht nur ein Lebenssurrogat, wenn vielleicht auch ein süßeres und kräftigeres, als der abstrahierende Verstand. Gestern die Bellincioni als Carmen gesehen. Die erste glaubhafte Carmen, in der mir das allmächtige Weib einleuchtete. Durch diese Oper geht ein heißer Geruch. Die Bellincioni paßt alles dem Stil der Rolle an. Wenn sie als Traviata vor die Rampe gerufen wird, kommt sie langsam, verbeugt sich und erhebt die Arme bittend, wie eine Heilige des Carlo Dolci. Als Carmen kommt sie gehüpft und nimmt die Huldigungen des Publikums an, so wie Carmen den Beifall der Sevillaner annehmen würde, wenn sie ihrer Schönheit Blumen streuten. Das ist eine liebenswürdige Pose, welche indeß mit der Kunst kaum etwas zu tun hat, fast unkünstlerisch ist. Neulich schrieb ich, die langen kleinen Augen der Bellincioni bedeuteten wenig, heute muß ich schreiben, daß diese Augen erstens groß sind und zweitens viel bedeuten. Sie sind eben beständig anders. Sie hat eine seltsame Art, die inneren Augenwinkel in die Höhe zu ziehen, sodaß ein Blinzeln entsteht, das halb listig, halb wollüstig ist. Und dann das Zusammenkneifen der Lippen, dieser feinen langen Lippen, die dann plötzlich all das Unanständige, Derbe, Schmutzige, aber Wilde einer gemeinen südlichen Rasse auszudrücken vermögen, ja, die nach Knoblauch zu riechen scheinen. Und die Beredtheit dieser gekrampften Fäuste! Die Hände waren ungepudert, sodaß sie einen derben rötlichen Ton hatten. Und zwischen all dem Wollüstigen, Boshaften, Listigen, das auf diesem Gesicht spielte, kam dann bisweilen ein Zug von Vornehmheit, der die Königin Carmen verriet, die Königin des Lebens. Dann waren die dünnen Lippen geschlossen, der Kopf halb nach der Seite gehoben, und die Augen wurden groß und tief. Doch schnell kam wieder das Lachen, jenes ewige Lachen, womit Carmen herrscht.   Dienstag, den 29. Dezember. Neulich riet ich Jordan scherzweise, als er mir gleichfalls scherzweise zurief, seine Frau habe keinen Respekt vor ihm, er solle sie einmal schlecht behandeln. Ich riet ihm auch die Lektüre der Zähmung der Widerspenstigen, worin sich die ganze Weisheit über das Weib befinde. Nun hat dieser Mensch, wie es scheint, wirklich den Versuch gemacht, mir zu folgen, aber nicht dadurch, daß er sie energisch anpackt, sondern durch kleine Niederträchtigkeiten, Schikanen und Tölpeleien. Die Schwester hat mich daher dringend gebeten, ihm derartige Dinge nicht mehr zu sagen, und sie hat Recht, denn in dieser Ehe ist es immer noch besser, die Frau herrscht. Kälte ist für eine Frau stets eine große Versuchung zur Oberflächlichkeit, die das Triebhafte verkennt, keine Achtung hat vor dem Unberechenbaren, wie eine Naturkraft Hervorbrechenden. Dieser Mangel dürfte die Hauptschuld an Loris Oberflächlichkeit sein, die mir in den letzten Tagen manches bittere Wort gegen sie entlockte. Gestern hätte ich sie am liebsten geohrfeigt. Ich nehme sie viel zu ernst. Dann ärgern mich ihre Schwächen, ferner jenes beständige Verlästern der anderen, natürlich »ohne jede böse Absicht«. Ich bin nicht der Pedant, das weiblich Sprunghafte und Flatterhafte, was Ignoranten für Unvollkommenheiten halten, zu tadeln, aber das Weib muß durch ein sicheres Triebleben ahnungsvolle Schauer vor den Tiefen haben. Lori bleibt immer die kleine elegante Frau, die fesch sein will, ihren Ruf wahrt und sich nie ganz hingibt, bei aller Lustigkeit immer bewußt handelt und sich trotzalledem dennoch kompromittiert. Der Mann kann sich durch Denken über die Kleinlichkeit des Augenblicks hinwegsetzen und sub specie aeterni sehen lernen. Die Frau kann es nur durch Trieb. Davon hat weder Lori, noch Anna Maria etwas. Die kleine Schacko hat es vielleicht, aber sie bekämpft es. Der richtige Mann würde es in ihr vielleicht zum vollen Leben erwecken. Mir gefällt sie nicht genug, um es zu probieren.   30. Dezember. Viele begreifen die griechische Liebe bei der Vorstellung eines Antinous, nicht gegenüber einem deutschen Gymnasiasten, der Sohn eines Beamten, Kaufmanns oder dergleichen ist. Solche Realitäten erwecken meist schon Hemmungsgefühle, die der Wirklichkeit gegenüber solche Gedanken gar nicht aufkommen lassen. Dies ist der Sinn der débauche mentale, die nach gar keiner körperlichen Befriedigung sucht. Sicher eine äußerst gefährliche Gewohnheit.   Freitag, den 31. Dezember. Nelly haßt die Männer, weil sie sie wider Willen lieben muß. Seitdem ich eine künstlerische Form finde, habe ich auf einmal auch Einfälle, an die ich früher nie dachte. Gestern traf ich meinen früheren Mitschüler, den Arzt Dr. Rudolf Schild. Wie leblos ist er geworden. Generalisierend, schablonenhaft, grausam. Es kam die Rede auf eine Umarmung in einer Sommernacht unter freiem Himmel. Schild fand das ordinär. Der Mann hätte doch wenigstens in ein Hotel gehen können, meint er. Ist ihm jemals schweigend jemand, von dem Augenblick überwältigt, in die Arme gesunken? – Ich bemerkte ihm, daß es Momente gibt, wo eine Frau, die zur Hingabe bereit wäre, auf einen solchen Hotelvorschlag hin den Mann von sich stoßen würde. Das verstand er nicht. Dabei hat er viel Verkehr mit Frauen, sogar mit einigem Erfolg, wie es scheint. Er behandelt sie burschikos und plaudert unkavaliermäßig seine Geheimnisse aus. Ein Punkt, an dem die meisten Mediziner scheitern, sind die Anomalien verfeinerter Naturen. Da ist alles gleich krankhaft. Für mich ist die débauche mentale die Fähigkeit, von dem sinnlichen Vorgang alles Sinnliche zu unterdrücken, was freilich zu unerhörten Ausschweifungen der Phantasie führen kann, ohne den leisesten Versuch einer wirklichen Ausführung, wegen der auf die Sinne unlustvoll wirkenden Reize, die dann hinzukämen, sowie gewisser hemmender Associationen halber. Die galanten Schriftsteller sind oft keusch im Leben. Jede Perversität hat eine verführerische Grundidee. Sie ist Symbol dieser Idee. Vom Cunnilingus bis zur Koprophagie: die Idee des sich ganz und gar Hingebens. 1897   Innsbruck, den 2. Januar 1897. Vielen würde es nichts nützen, wenn sie auch die ganze Welt bereisten. Sie sehen in Italien doch nichts anderes als den Stiefel. Den Sylvesterabend verbrachte ich noch in München in Loris Kreis. Ich kam als erster zu ihr und ließ mich hinreißen, allen aufgespeicherten Unmut über sie loszulassen. Es ist vielleicht gut, daß ich ihr nocheinmal alles gesagt habe, wie sie das Beste in sich tötet und eine Art weibliche Geckerei in sich entwickelt. Sie hat eine unbezwingliche Neigung, sich mit mittelmäßigen Menschen zu umgeben. Trotz dieser Szene verbrachten wir in großer Gesellschaft einen recht lustigen Abend in einem Weinrestaurant, woran sich noch ein letzter Besuch im Café Luitpold anschloß. Der Ton war sehr frei. In München herrscht die Sitte, um 12 Uhr in der Neujahrsnacht in allen Restaurants die Lichter zu löschen. Die paar Minuten der Dunkelheit werden allgemein mit Küssen ausgefüllt. Jeder stürzt sich auf seine Nachbarinnen. Das ist charakteristisch für München. Ich saß zwischen Frau Jordan und einer anderen Frau. Anna Maria war von einer für ihre Verhältnisse sehr großen Zärtlichkeit. Die Hände der anderen Frau zu küssen hatte ich mir längst gewünscht. Trotzdem fühle ich nicht einen Augenblick die Versuchung, noch länger in München zu bleiben. Am Neujahrstag verließ ich München um ½ 2 Uhr. Der Zug fuhr durch schneeiges Hügelland, dann kamen die großen weißen Tiroler Bauernhäuser und Hochgebirg. Mir kamen diese Linien unschön und aufdringlich vor, wie noch nie, wenn ich an die Linienschönheit des deutschen Mittelgebirges, z. B. des Taunus dachte. Hier in Innsbruck bitter kalt. Abend verbrachte ich in einer anti-spiritistischen Vorstellung. Heute früh Rundgang durch die Stadt, Goldnes Dachl, Hofkirche. Stattliche hohe Häuser in engen schneegepolsterten Straßen, dazwischen fast lautlos ein lebhafter Morgenverkehr. Bisweilen ragt hinter den Häusern ein kolossales Stück beschneiten Berges auf.   Riva, Sonntag, den 3. Januar. Gestern durch die verschneiten Alpentäler bei heller Sonne und wolkenlosem Himmel nach Trient. Ich litt furchtbar unter der Kälte. Am Abend führte mich in Trient ein Subjekt durch die ziemlich kläglichen Lupanare. Trient ist eine herrliche Stadt mit durchaus italienischem Duft. Heute morgen sah ich den schönen romanischen Dom, die Paläste der Stadt und irrte zwischen den Vignen auf den umliegenden Höhen umher. Die Farben durchaus südlich, die Kälte furchtbar. Die Bergformen wundervoll. Nachmittags Abreise. Die Täler zwischen Trient und Riva von unbeschreiblicher Schönheit. Braune, laublose Höhenzüge, auf den Gipfeln sonniger Schnee, tiefer bisweilen die schwarzen Flecken immergrüner Pflanzen um weiße kleine Häuser, dazwischen die blaue Etsch. Auf dem Wege von Mori nach Riva gibt es eine fast norwegische Landschaft, ein See, in dem sich die schroffen, kahlen Felsen spiegeln, weiße sonnige Firnen. Hier ist alles frühlingsmäßig, viel Grün, viel Sonne, doch in den Häusern sehr kalt. Sonst wie bei uns in Mitteldeutschland schöne Märztage. Das italienische Milieu macht mich schwermütig. Ich glaube, unbewußt spielen Reminiszenzen an meine früheren italienischen Reisen mit. Ich machte heute nachmittag einen Spaziergang am Westufer des Gardasees, die Einsamkeit zwischen den starren Bergformen, der stille See griffen mich derart an, daß mich ein plötzlich erscheinendes Vorgebirge von wilden Formen fast in Schrecken versetzte. Als ich das Rauschen des Ponalfalles vernahm, mußte ich umkehren, da es mir zuviel wurde. Auf dem Rückweg trat ich in ein Haus, das ich für eine Weinschenke hielt. Eine nicht mehr junge, aber keineswegs reizlose italienische Schweizerin kredenzte mir den Wein mit sonderbarer Liebenswürdigkeit. Bald erkannte ich den Charakter des Hauses. Die Zimmer waren groß und ungeheizt. Ich war der einzige Gast in dem öden Saal, der an eine Osteria di campagna erinnerte. In einem Nebenzimmer waren ein paar Soldaten, die ein Harmonikaspieler belustigte.   Arco, Dienstag, den 5. Januar. Ich habe nun wieder meine alten Gewohnheiten aufgenommen. Heute nachmittag konnte ich mir wieder in meinem gemütlichen Arbeitszimmer einen Tee bereiten. Der gestrige Tag ging mit dem Suchen nach einer Wohnung hin, die ich schließlich hier fand. Hier ist man auf nordische Lebensgewohnheiten einigermaßen eingerichtet. Ich bin sehr zufrieden. Die Temperatur gestattet am frühen Nachmittag das Sitzen im Freien. Schon seit 3 Wochen herrscht der sprichwörtliche ewig blaue Himmel. Die Landschaft ungemein reizvoll: ein weites Tal, das sich bis zum See erstreckt, von vielen Dörfern und Gehöften belebt, rings ein Kranz kupferbrauner Berge, deren Gipfel dicht beschneit, davor mit Oliven bewaldete Hügel. In den Kuranlagen ist alles grün. Zedern, Palmen, Magnolien, Zypressen, Oleander usw. Es gibt viele Schwindsüchtige hier, die Spucknäpfe neben sich haben, und Kranke, die in Stühlen gefahren werden. Alles dies in der zauberischen Landschaft hat einen sehr traurigen Reiz. Ich gehe allein zwischen all dem umher. Niemand kennt mich, ich kenne niemand. Ich bin zufrieden so. Mitten in diese Ruhe kam mir die Nachricht, daß der Tod meiner Mutter in den nächsten Wochen, resp. in Monaten zu erwarten stehe. Ich war auf diese Nachricht vorbereitet, ja, ein baldiger Tod wäre eine Erlösung für sie. Die Nachrichten von Hause, so traurig sie sein mögen, bekommen ihre wahre Macht erst dann über mich, wenn ich mein Elternhaus betrete. Die Nachricht vom Tod meines Vaters, die ich im Januar 95 in München erhielt, machte mich anfangs nur innerlich starr, in der Eisenbahn war ich sogar zum Lesen fähig, während der bloße Anblick meiner Mutter bei der Leiche geradezu Weinkrämpfe hervorrief. Jedenfalls werde ich Mama lebend, wenigstens bei vollen Sinnen, nicht wiedersehen. Ich träume fast jede Nacht von Papa; seltsamerweise immer von einem Streit, den ich mit ihm habe über unsere verschiedenartige Lebensauffassung, bei dem ich aber nie zürne. Ich bin überzeugt, wenn er noch lebte, hätte ich mich in diesen 2 Jahren nicht so weit entwickeln können. Er hätte mich entweder zu allerlei Konzessionen in der Berufswahl, oder wider meinen Willen zu einem zeitweiligen Lossagen von ihm gezwungen. In letzterem Falle hätte ich auf Gelderwerb sinnen müssen. In beiden Fällen hätte ich meine beste Zeit äußeren Dingen geopfert. Käme Papa eines Tages zurück und sähe die Beweise meiner Begabung und hörte die Gründe meiner reiferen Weltauffassung, wir würden zweifelsohne die besten Freunde sein. Er hatte ja nie bornierte, konventionelle Vorurteile. Er wollte nur das Glück seiner Kinder, und da mußte ihm ein Sohn mit meinen Extravaganzen ohne die mindesten Beweise einer wirklichen Begabung viel Sorgen machen. Heute stehe ich meinem Bruder Richard ähnlich gegenüber, wie Papa einst mir. Richard will das Studium der Architektur aufgeben und zum Kunstgewerbe übergehen. Wer bürgt mir für seine Begabung? Scheut er das mühsame Technische der Architektur aus Faulheit oder aus einer selbständigen Veranlagung, die mehr inspiratorisch als methodisch ist? Vorläufig konnte ich nichts tun, als bei einem Maler, bei dem er zeichnet, anfragen, welchen Eindruck ihm Richards Begabung macht. Und was beweist schließlich dessen Urteil? Er soll jedenfalls eine Zeitlang sich versuchen auf dem neuen Gebiet, schlimmstenfalls verliert er ein paar Jahre und kehrt dann zu einem praktischen Beruf zurück.   Mittwoch, den 6. Januar. Ich arbeite an »Mela«. Ein Gedanke, den ich als zu deiktisch ausscheiden muß aus der Novelle, aber bewahren möchte: die Logik des Mannes ähnelt den feinausgeklügelten Finten des Säbelfechters, doch das Weib lacht über die Künste mit der Brutalität des Pistolenschützen. Manche werden behaupten, es sei gerade umgekehrt.   Donnerstag, den 7. Januar. Ob die Italiener ein Wissen davon haben, wieviel Schönheit in ihrem Tun ist? Am Sonntag früh sah ich bei meinem Spaziergang außerhalb Trients auf einem Felsen über der Stadt 3 Jungen gelagert, die Karten spielten: ein Murillo. Dabei schauten sie mich so listig lächelnd an, als wüßten sie von der Schönheit, die sie entfalten. In dem Leben der deutschen Frau, die zwar im allgemeinen auch sinnlich ist, spielt meist die Liebe nicht die alles andere verdrängende erste Rolle, wie in dem Leben der Italienerin. Gerade, weil sie die Liebe nicht so ernst nimmt, knüpft das unbewachte deutsche Mädchen leichtsinniger, aus bloßer Sinnlichkeit, ohne Leidenschaft, ein Liebesverhältnis an. Andererseits macht die geringere Leidenschaftlichkeit – Sinnlichkeit allein ist nicht stark genug, alles aufs Spiel zu setzen – die deutsche Frau zu einer verhältnismäßig treuen Gattin. Das italienische Mädchen ist, auch in den niederen Ständen, meist viel zu gut bewacht, um leichtsinnige Verhältnisse anzuknüpfen. Die Prostitution hat damit nichts zu tun. Sie wird nicht aus Schwäche des Fleisches, sondern aus reiner Berechnung und Gewinnsucht einer Frau zum Schicksal. Dagegen ist die wahre, ernste Leidenschaftlichkeit der italienischen Frau so groß, daß sie keine Bande respektiert. Liebesverhältnisse mit Mädchen der niederen Stände, wie sie in Deutschland jeder Student gehabt hat, kennt man gar nicht oder nur ausnahmsweise in Italien. Ist aber erst einmal die soziale Position begründet, dann kennt die Italienerin viel weniger Schranken, als die Deutsche. Die bloße Sinnlichkeit beherrscht sie viel besser, als die Deutsche, die indessen zum Durchbrechen großer Schranken meist nicht stark genug ist. Auch dadurch ist das italienische Mädchen sehr geschützt, daß der Verführer der Rache der Verwandten anheimfallen würde. In Deutschland dürfte wohl jede Prostituierte eine Zeit gehabt haben, in welcher sie freie Verhältnisse aus Sinnlichkeit unterhalten hat. In Italien durchaus nicht. Die meisten kommen dort mit vollem Bewußtsein durch einen einmaligen Schritt zu ihrem Gewerbe, oft unter den Auspizien der Mutter, wenn sie einsehen, daß die Aussichten auf eine materiell und sozial befriedigende Ehe gering sind. Die Italienerin sinkt nicht langsam, wie die schwächere und naivere Deutsche, die einen langen Kampf mit dem Gemüt und dem Idealismus durchmacht, ehe sie sich prostituiert. Ein seltsamer, etwas kindischer Zug, der durch die deutsche Romantik geht, der mir jetzt wieder bei der Lektüre von E. T. A. Hoffmann »Elixiere des Teufels« auffällt, ist der: der geheimnisvolle Reiz, mit dem das prunkvolle Leben vornehmer Frauen und routinierter Lebemänner ausgestattet wird, überhaupt das Mystische der großen Welt, gepaart mit ziemlicher Unkenntnis dieser Kreise. (Tieck, William Lovell, der Roman eines Lebemanns, geschrieben von einem fast keuschen Jüngling; die schönen vornehmen Frauen bei Novalis, Immermann, ja noch bei Spielhagen, die meist Puppen sind und ihren Ursprung aus der Phantasie junger weltfremder, heißblütiger Teutonen verraten.) Nur wo eine große einheitliche Linie durch eine Persönlichkeit geht, fallen Begriffe, wie Laster und Perversität fort. Nur solche Menschen stehen jenseits von Gut und Böse, weil sie ihr Maß in sich haben. Der Grad der Unvertretbarkeit der Arbeit des Menschen bestimmt das Maß, was ihm die bürgerliche Gesellschaft an moralischer Freiheit gestattet, und darin hat sie Recht. Offizieren und Beamten ist ein sklavischer, teils ungeschriebener Sittenkodex auferlegt, dem Künstler und dem großen Forscher dagegen ist fast alles gestattet, weil ihre Werke von gar keinem anderen geleistet werden können, kurz, weil sie Einzelindividuen von Wert sind, nicht nur gut rollende Räder einer Maschine, die jederzeit durch andere ersetzt werden können.   Freitag, den 8. Januar. Am Tag der Heiligen Drei Könige saß ich abends lange in einer einfachen Osteria und trank ziemlich viel Wein. Eine hübsche Person, eine Verwandte des Wirtes, forderte mich auf, nach Schluß des Lokals mit in ein Tanzlokal zu gehen, wo die deutsche Bevölkerung von Arco (die niederen Stände) das Fest begingen. Ich beobachtete dort von meinem Tische aus einige der deutschen Kellner, die hier in den ersten Hotels angestellt sind, und wunderte mich über die erlebnisreiche Buntheit ihres Daseins. Überall kommen sie hin, machen neue Bekanntschaften, die ihr Leben in wenigen Tagen von Grund aus umgestalten können. Ihr Beruf ist nur Gelegenheit, Neues zu erleben. Es ist begreiflich, daß auf viele Menschen ihrer Klasse dieser Beruf eine so große Faszination ausübt. Welche Verbindungen eröffnen sich ihnen mit dem anderen Geschlecht! Der Beruf ist ihnen natürlich nur Vorwand für ihre Erlebnisse. Das im Beruf aufgehen, kennen sie nicht. Dort bemerkte ich auch an einem Nebentisch ein sehr sonderbares Paar, einen älteren und einen jüngeren Menschen, die mir manchesmal wie zwei geheime Verbrecher vorkamen. Der ältere sprach mit mir. Er ließ durchblicken, daß er als verarmter Adliger beim diskreten Bettel in hohen Häusern viel Glück habe, ließ aber plötzlich das Gespräch fallen und ging zu Bett, offenbar in der Angst, daß ihn der Wein zu noch mehr Äußerungen verleiten würde. Der jüngere Begleiter warf mir oft Blicke zu mit etwas verächtlichem Ausdruck gegen den anderen. Der Junge steht im Fremdenbuch als Friseur, ein anderer Begleiter, der schon früh zu Bette gegangen war, als Kellner. Eine höchst sonderbare Gesellschaft.   Arco, Freitag, 8. Januar 1897. Von großer Schönheit sind in dieser Gegend die an den Hügeln hinziehenden Olivenwälder, in denen ich viel herumstreife. Die Wege sind rauh von Geröll und Felsen, dazwischen die phantastischen Formen der silbergrünen Oliven. Seit einigen Tagen ist der Himmel bewölkt; der graue Ton, der über allem ruht, erhöht die Schwermut der Landschaft, dabei herrscht eine laue Wärme, die das Blut in Unruhe bringt. – Vormittags arbeite ich an meinen Novellen oder ich lese. Nach Tisch gehe ich spazieren, zwischen 4 und 5 komme ich zurück und verbringe die Zeit bis zum Nachtessen wie Vormittags. Abends sitze ich beim Wein. Ich habe einige oberflächliche Bekanntschaften mit Alltagsmenschen gemacht, deren Gesellschaft ich nicht zu oft haben möchte, bisweilen sind sie mir jedoch lieb zur Unterbrechung meiner Einsamkeit, zumal sie mich nicht in meinem Innenleben stören, von dem ich ihnen nicht viel mitteile.   Samstag, 9. Januar. Ein furchtbarer Tag. Zu dem schwülen bedeckten Himmel kommt nun anhaltender Regen; die Eingeborenen meinen, daß damit der Winter vorbei sei. Kein Spaziergang möglich, den ganzen Tag im trüben Zimmer. Ich warte seit Tagen auf Geld. Jedes Klingeln an der Haustür läßt mich erschrecken, da ich stündlich schlechte Nachrichten von Zuhause über Mama's Befinden erwarte. Ich lag einige Stunden im Halbschlaf auf dem Bett, dann Thee. Lektüre von alten Aufsätzen von Hermann Bahr. Das rüttelt etwas an den Nerven. Es ist etwas Suggestives, von Person zu Person wirkendes, in diesem so viel angegriffenen Stil. Nun ist mir besser. Draußen liegt die Sarca-Brücke in einem milden blauen Dämmerlicht. Gestern Abend lernte ich beim Wein in einer einfachen Trattoria einen blonden Deutschen von etwa 40 Jahren kennen. Wir kamen in Unterhaltung. Er verriet vielseitige Halbbildung, Verstand der nach Erkenntnis strebt, offene Sinne doch große Befangenheit. Er reist mit einem 20jährigen, der mich mit den Blicken fast verschlang. Bald erriet ich ein eigentümliches Verhältnis zwischen den Beiden und er merkte, daß ich etwas merkte, ohne mich zu entrüsten. Er wurde vertraulicher und so erfuhr ich, daß er angeblich alten Adels sei (von Senden) und sein großes Vermögen verloren habe. Er reise in der ganzen Welt herum; wo er Geschäfte mache, halte er sich auf, dann gehe er weiter. Über die Geschäfte machte er geheimnisvolle Andeutungen, verlangte plötzlich von mir, ihm zu sagen, was ich von ihm hielte, worauf ich erwiderte: Sie haben Ihr Vermögen verloren und Ihren Verstand bewahrt, der Ihnen nun mehr als ein Vermögen ist und Ihnen erlaubt, die Verhältnisse auszunützen. Da schüttelte er mir höchst geschmeichelt die Hand und nun sprachen wir über andere Dinge.   Donnerstag, 14. Januar. Gestern endlich wieder ein schöner Tag. Ich benutze ihn zu einem Ausflug nach dem Varone-Wasserfall und den Ponal-Fällen. Frühlingswärme.   Frankfurt a. Main, 22. Januar 1897. In Arco bekam ich eines Morgens ein Telegramm, das mir den Tod meiner Mutter mitteilte. Eine Verkehrsstörung hinderte die sofortige Abreise, sodaß ich den ganzen Sonntag bis um 5 Uhr in Arco bleiben mußte. Am Nachmittag Abschiedsgang durch Arco: Zwischen Palmen und Cedern ächzte die Kurkapelle, italienische Opernmusik. Eine hölzerne Wandelbahn. An den Wänden sitzen die Kranken. In der Mitte gehen Menschen auf und nieder mit dampfenden Regenschirmen. Graues Licht. Die Straße der Magnolien: eine lange Allee von Magnolien und Lorbeer, die sich ablösen, dahinter die immergrünen Palmenbosquets. Dahinter die niedrigen einfachen Kurbauten, dahinter die olivenbedeckten Bergwände, die oben schneebedeckt sind. Der Marktplatz: ganz italienisch. Eine Barockkirche, rundum alte Arkaden, Lauben, wie man in Österreich sagt. Den ganzen Sonntagnachmittag steht italienisches Volk umher, die Hüte im Nacken, die Hände in den Hosentaschen. Indessen schlichen die graublauen nebligen Nachmittagsstunden dahin, bis die gelben Gasflammen angezündet wurden. Auf der Bahnfahrt fiel mir ein Gedicht ein: »Gäb' es ein Leben, hell und still und kalt«. Am Montag Nachmittag hier angekommen. Mein Bruder an der Bahn. Ich kam in dem Gefühl nach Hause, nun, nach Mamas Tod in meiner Familie wenig Widerhall zu finden, doch war bei dem Anblick meiner mir in Trauerkleidern entgegenkommenden Schwestern die alte Zärtlichkeit wieder vorhanden. Hedwig führte mich in das Zimmer, wo Mama zwischen Blumen aufgebahrt war. Ich brach zum ersten Mal in Tränen aus. Mama war garnicht verändert. Sie hatte die letzten 14 Tage in der Wahnvorstellung verlebt, Papa sei zurückgekehrt, und das hat sie glücklich gemacht. Ihr Gesicht trug den Ausdruck von Ernst, fast von Selbstbewußtsein, ein Ausdruck, den sie im Leben nur selten hatte und der ihr bei längerem Anschauen etwas Fremdes gab. Von wunderbarer Schönheit waren die Hände. Sie trug ein schwarzes Kleid, dasselbe, in dem sie mit Papa die letzte Festlichkeit erlebt hatte. So war es ihr Wunsch gewesen, auch hat ihr Hedwig eine Photographie von Papa zugesteckt, wie sie gewünscht hatte, da sie selbst Papa ihr eigenes Bild mit in's Grab gegeben hat. Auch mit meinem Schwager Otto scheint mich dieser Trauerfall wieder näher gebracht zu haben. Er ist zwar ein vollständiger Alltagsmensch, aber ohne jede Bosheit. Trotzdem empört sich, trotz seinem guten Willen, manchmal etwas in ihm gegen mich. Richard ist ganz verworren. Arrogant und ungeschliffen. Aber wie's scheint, entwickeln sich Gaben in ihm. Er befindet sich in einem Zustand der Revolte gegen alles. Ob er aus dieser Gärung als Reifer hervorgeht, ist unmöglich zu sagen. Ich war in seinem Alter ähnlich. Doch scheint mir, daß es ungünstig mit ihm steht. Tilly ist ein verliebter Backfisch. Es macht mir Sorge, daß sie so leicht in Flammen gesetzt wird. Bis jetzt fast immer von unbedeutenden Männern. Vielleicht ist auch dies nur die Verwirrung der Pubertät, vielleicht aber auch mehr. Großmama finde ich sehr ruhig und für ihre 73 Jahre ungeheuer rüstig. Durch Papas Voreingenommenheit, die sich auf Mama und leider auch lange auf uns Kinder übertrug, wurde sie viel verkannt, ja undankbar behandelt. Sie hat halbfranzösisches Blut, liebt den Bombast, aber ist dennoch eine gute Natur, unendlich generös, doch hat sie wenig Gemüt, viel Lebensklugheit, Energie, wenig Kunstverständnis, sodaß sie nicht imstande ist, meine Interessen zu teilen. Im ganzen fühle ich mich hier in Frankfurt wohl. Ich habe eine eigene Wohnung gemietet und denke morgen wieder zu arbeiten.   Samstag, 23. Januar. Gestern erschien ein junger Mann, der um Tilly's Hand warb. Sie hat ihn in Bensheim, wo sie sich in den letzten zwei Monaten in einer Pension befand, kennen gelernt. Er ist ein 26jähriger Fabrikbesitzer aus früher adligem Haus, nennt sich aber nicht mehr »von«. Distinguierte, schmächtige, fast knabenhafte Erscheinung, wohlerzogen, offenbar ziemlich zartfühlend und in alldem Otto weit überlegen. Indessen gänzlich unbedeutend, wenig Verstand, wenig Welterfahrung, aber bon garçon. Tilly liebt ihn angeblich. Der Entschluß der Familie, ich eingeschlossen, geht dahin, daß beiden durch Korrespondenz und zeitweiligen Besuch seinerseits Gelegenheit gegeben werden soll, ihr Gefühl zu erproben. Zeigt es sich bei Tilly als nachhaltig – bei ihm ist es zweifellos so – so wäre sie wohl für mich verloren. Sie käme in ein Alltagsmilieu, für welches mir das Verständnis fehlt. Er geht ganz in seinem Beruf auf und in den ängstlichen Vorstellungen der kleinstädtischen haute volée. Ich sagte Tilly das heute alles ziemlich offen, als sie zum Thee bei mir war. Ich hielt ihr vor, auf was sie alles verzichten wolle, auf jeden geistigen Lebensinhalt, und daß sie noch so jung sei und viel interessantere Männer kennen lernen könne. Daß er ihr sogar in vieler Hinsicht unterlegen sei. Er hält sie für einen Engel und dabei ist sie sich mit ihren 17 Jahren klar darüber, daß er sie überschätzt. Ich erinnerte sie an das viele Gemeinsame, was immer zwischen uns beiden gewesen ist. Ich halte das ganze bei ihr für einen sinnlichen Rausch, denn dieser Georg Alewyn ist für den Geschmack mancher Frauen sicher ein sogenannter süßer Kerl, wovon er indessen bisher wenig Gebrauch gemacht zu haben scheint.   Dienstag, 26. Januar. Gestern kam Mathilde. Es war ein sehr glückliches Wiedersehen. Wir verbrachten einen schönen Abend in alten Erinnerungen mit vielen »weißt Du noch«. Sie versucht unser Verhältnis zu einem Freundschaftsverhältnis zu machen. Ich gehe scheinbar darauf ein, und so erlebe ich noch einmal die Schauer einer ersten erobernden Liebe. Allzulange scheint ihre Standhaftigkeit nicht zu dauern, denn ich habe sie bereits wieder mehr als freundschaftlich geküßt. Ich habe im letzten Sommer an unserem Verhältnis viel verdorben, indem ich mich zu sehr um ihre etwas verworrenen Lebensverhältnisse kümmerte. Sie ist nun einmal leichtsinnig und schlampig. Das gab viel überflüssigen Streit. Ich werde mich nun um diese Dinge nicht mehr kümmern, solange ich nicht allzusehr unter ihrer Unpünktlichkeit zu leiden habe.   Mittwoch, 27. Januar. Ich werde meinen Aufenthalt hier möglichst abkürzen. Das Klima gestattete heute zum ersten Mal einen kleinen Spaziergang zwischen den dichtbeschneiten Feldern vor der Stadt. Leben giebt es hier nicht, geistige Menschen gar nicht. Durch die Familie fehlt es mir an der notwendigen Einsamkeit. Mein Schwager Otto ist mir unerträglich, nicht wegen seiner Meinungsverschiedenheit, sondern der unsagbaren Trivialität seiner Formen und Äußerungen. Wäre seine Lebensauffassung doch wenigstens jener echt konsequente altpreußische Konservatismus mit dem Königtum von Gottes Gnaden und der christlichen Moral. Darin wäre Einheitlichkeit. Aber bei aller Preußentümelei ist er, ohne es zu ahnen, von utilitaristischem Demokratismus erfüllt. Auch hiergegen hätte ich wieder nichts, wenn er dann nicht wieder jene sittliche Entrüstung vor meinen Meinungen hätte, die er unmoralisch nennt. Großmama ist sehr unglücklich und das mitanzusehen ist furchtbar. Sie ist nun ganz allein. Es waren stets häßliche Verhältnisse. Mit Mama hatte sie garnichts gemeinsam. Darum blieb Mamas beste Seite, ihr Gemüt und eine gewisse Kindlichkeit, vor ihrer Ehe unberücksichtigt. Papa verstand Großmama nicht, umso besser verstand er aber Mama. In ihr keimte ein unerklärlicher Haß gegen Großmama auf. Sie behauptete oft, von ihr als Kind schlecht behandelt und schlechter erzogen worden zu sein, als in Großmamas Kräften stand. Das war offenbar ein Irrtum, denn was Großmama zu geben hatte, war nichts für Mamas Natur. So wurde Großmama beständig verkannt, zumal die Meinung von ihrer Bösartigkeit auch lange Zeit auf uns Kinder übertragen wurde. In Wirklichkeit hatte sie bloß eine gewisse kaufmännische Nüchternheit, manchmal wohl auch Mangel an Zartgefühl. Indessen ist alles, was ich aus eigener Erfahrung von ihr weiß, eine Kette von Aufopferung, Generosität und Güte gewesen. Mama hat ihren Irrtum während ihrer Krankheit eingesehen und ihn bei Großmama und auch bei Hedwig eingestanden. Ich begann schon zu Papas Lebzeiten selbständig über diese Verhältnisse zu denken. Übrigens hat sie etwas zweideutig doppelsinniges, was man auf die Dauer schwer erträgt. Möglich, daß sie an ihren Enkeln gutmachen wollte, was sie gegen die eigene Tochter versäumt hat und daß ich dadurch so gern an ihre Güte glaube.   Montag, 1. Februar. Es war unausbleiblich, daß das alte Liebesverhältnis mit Mathilde sich wieder herstellte. Nicht aus Leidenschaft, vielmehr waren wir eines Abends in meiner Wohnung zusammen und kamen uns in Gesprächen sehr nahe. Wir lagen Arm in Arm auf der Chaiselongue. Da war nun der Gedanke, sich an diesem Abend zu trennen, noch hinauszugehen in die Winternacht, unerträglich und so wurde es wieder wie früher. Gestern waren wir dann wieder ganz freundschaftlich zusammen. Ich begehre sie nicht mehr so stark wie früher, aber sie ist mir fast lieber und wertvoller geworden. Ich glaube, dieser Zustand ist in einer guten Ehe das gewöhnliche. Mathilde allein macht mir Frankfurt augenblicklich erträglich. Eine Feinfühligkeit von ihr: Gestern versagte sie sich mir aus anfangs unerklärlichen Gründen, die ich natürlich schweigend respektierte. Beim Weggehen gestand sie mir ihre Geldverlegenheit. Nun begriff ich ihre Zurückhaltung. Wenn sie umfassender gebildet wäre, wäre sie überhaupt das für mich geschaffene Weib. So zwar begreift sie instinktiv sehr vieles, wenn ich es ihr erkläre, ist aber nicht imstande, allein ein ernsteres Buch zu lesen. Mit Tilly viel ärger. Sie mag nun tun, was sie will. Im Sommer habe ich mich täglich eine Stunde mit ihren Studien befaßt und, soweit es bei ihrem Alter möglich war, in ihr künstlerisches Verständnis zu erwecken gesucht. Nun hat sie in meiner Abwesenheit, wie sie mir gesteht, eine Schwenkung zu den »praktischeren Anschauungen« Otto's gemacht. In ihrem Benehmen gegen Großmama, bei der zu wohnen sie sich weigert, zeigt sie sich sehr hart. Mit ihrer Verlobung scheint es nun doch vorbei zu sein, da sich Alewyn's pekuniäre Lage als unbefriedigend erwiesen hat, d. h. die Familie, nicht sie selbst, erkennt diesen Grund als triftig an. Es besteht augenblicklich eine Parteiung: Otto, Hedwig und Tilly einerseits, die zusammen wohnen, Großmama, Richard und ich andererseits. Die Verhältnisse sind, besonders Großmamas drohende Verlassenheit, unerträglich. Ich zähle die Tage, bis ich hier fortkomme, lese viel Schopenhauer. Gestern mit Oscar Priester zusammen, ein früherer Mitschüler, jetzt Referendar, unzufrieden, oberflächliches Bedürfnis nach Freiheit, ohne besondere Begabung und Kraft. Er pfuscht ohne Talent in den Künsten herum. Ihm gegenüber muß ich mich als unendlich vom Glück begünstigt fühlen. Neulich bei Georg Fuchs in Darmstadt. Seit Herbst sitzt er dort ohne Anregung bei der Arbeit. Er ist ganz Gefühls- und Triebmensch, ohne viel Denkbegabung, sodaß wir uns nicht so viel zu sagen haben, wie etwa ich mit Gutmann und Philips, die er wieder gering schätzt. Man kommt ihm nicht nahe. Er besitzt, scheint es, eine gewisse Keuschheit, die ihn hindert, sein Inneres zu zeigen. Eine Mischung von Verschlagenheit und Kindlichkeit. Ich habe keine Ahnung, warum er eigentlich den Verkehr mit mir aufrecht erhält, ob ich ihm lieb bin, ob er von mir etwas hält oder sonst irgend etwas erwartet. Wir treffen uns im Hause Hoby. Dort eine ungleiche Ehe. Er ein unbedeutender Alltagsmensch, sie soll, wie Wohlfskehl sagt, von antiker Größe der Lebensauffassung sein. Aus äußeren Gründen kann die Ehe nicht geschieden werden, doch lassen sie sich beide volle Freiheit. Frau Hoby hat eine gewisse Neigung zu mir, die sogar einmal eine sinnliche Form annahm. Im Sommer war ich oft bei ihr in Darmstadt, wo wir manche Nacht bis 3 Uhr zusammen saßen. Ich las ihr aus meinen Novellen vor, da traf es sich einmal, daß sie mir um den Hals fiel und mich küßte. Sie ist vielleicht einmal hübsch gewesen, doch jetzt schon 40. Ich entzog mich ihr leise und flüsterte ihr ins Ohr: »morgen werden wir uns gegenübertreten, ohne ein Wort davon zu reden, als wäre nichts vorgefallen. Auch wenn wir allein sind, werden wir nie darüber reden.« Sie antwortete mit einem wie erlöst klingenden »Ja«. Am Morgen beim Frühstück traten wir uns ohne Befangenheit entgegen und das freundschaftliche Verhältnis ist in keiner Weise beeinträchtigt. Ihr Verhältnis zu Fuchs ist mir nicht klar, es war sicher einmal sinnlicher Art. Wie es heute ist, weiß ich nicht. Alle ihre Liebesangelegenheiten sind so naiver Art, daß Wolfskehl sie wohl aus diesem Grunde antik nennt. Ihre Tochter Louisa, die mit Tilly befreundet ist, ist ein merkwürdiges Mädchen mit tiefen Augen. Sie hält Tilly für etwas oberflächlich. Wieder eine Scene zu Hause mit Großmama. Sie nötigt einen, irgend einen Gefallen von ihr anzunehmen und beklagt sich dann bei anderen, wie man sie inkommodiert. Diese Doppelsinnigkeit trotz aller sonstigen Güte hat ihr ewig Feindschaft mit Papa und Mama verschuldet. Ich habe es ihr offen und gründlich gesagt. Nun ist wieder Friede. Strenge Erziehung ist darum wertvoll, weil der Starke erst durch seine Emancipation von gewissen Vorurteilen eine Kraftprobe abzulegen hat. Keiner dürfte von Anfang an ganz frei sein, nur wenige haben das Recht auf Freiheit, welches sie dadurch erweisen, daß sie sie erringen.   Freitag, 5. Februar. Obwohl Tillys Verlobung nun rückgängig gemacht ist, ist sie doch durchaus vergnügt. Sie ist doch ziemlich oberflächlich. Mit Absicht gehe ich nun Mathildens Umarmungen aus dem Wege, obwohl ich den persönlichen Verkehr mit ihr nicht missen möchte. Bisweilen treffe ich mit Prange und Luhde zusammen, beide Schriftsteller, wie mir scheint, ohne eigentliche Produktivität, aber mit vielen anderen Gaben. Prange war früher Schauspieler, hat viel erlebt, Luhde Redakteur des Frankfurter Journals, hat für mich etwas körperlich Widerwärtiges, ich reiche ihm ungern die Hand. Da beide recht viel künstlerisches Empfinden haben, ist mir der Verkehr mit ihnen hier in Frankfurt doch erwünscht. Der Opernsänger Candidus hat ein großes, altes Bild, welches er für einen Tizian im Wert von einer Million Mark ausgibt. Auf mein wiederholtes Fragen gab ich ihm meine Ansicht darüber kund, daß ich mich dieser Ansicht nicht anschließen könne. Er fragte mich, ob ich ihm das schriftlich geben wolle und ich konnte es ihm nicht verweigern. Ich schrieb ihm auf, daß ich das Bild für die Arbeit eines Bologneser Eklektikers vom Ende des 16. Jahrhunderts halte. Nun hat mich dieser Tor zum Zweck einer künstlerischen Konferenz mit dem Restaurator des Bildes zu sich gebeten, benützte aber die Gelegenheit, mich sofort mit Grobheiten zu überfallen. Ich empfahl mich umgehend, er aber gab durch Öffnen der Tür meinem Weggehen vor dem Personal des Hotels den Schein des unfreiwilligen. Ich schrieb ihm daher ebenso offen auf einer Postkarte: »An den Sänger Candidus, Ihr völliger Mangel an Wissen und Erziehung hindert mich auf Ihr kindisches Betragen so zu antworten, wie ich es bei meinesgleichen tun würde.« Darauf ist keine Antwort erfolgt.   Samstag, 6. Februar. Mein Aufsatz über die Münchener Ausstellung im Glaspalast 1896 ist dieser Tage erschienen. Viel Raum habe ich Hans Thoma gewidmet, dem ich die Arbeit zusandte. Ich erhielt einen sehr liebenswürdigen Brief von ihm, mit der Aufforderung, ihn zu besuchen. Prange ist in gewisser Beziehung mein Gegenpol: wenig Psycholog, hat er viel in den Tag hinein gelebt, und kommt jetzt zur Besinnung, wird fleißig. Ich habe nie in dem Maße gebummelt wie er. Zwischen allen Genüssen immer Arbeit, gehe aber jetzt nach Paris, in der Absicht, mich einmal ganz vom Schicksal treiben zu lassen, keine ausgedehnten Arbeiten oder Studien zu beginnen, nur herumgehen, sehen, beobachten, genießen. Daheim einige Gedichtsbücher etc., in die man sich einmal eine halbe Stunde vertiefen kann, ohne sich lang daran fesseln zu müssen. Prange hat nun die Neigung, gerade Männer zu schildern, die sich selbst psychologisch unter die Lupe nehmen, während ich in meinen Dichtungen die psychologische Analyse möglichst vermeide. Er gibt immer die Gedanken seiner Menschen über sich selbst wieder, ich suche nur Empfindungen zu geben, so strebt jeder nach dem, was ihm nicht selbstverständlich ist.   Dienstag, 9. Februar. Am Samstag Besuch bei Thoma: ein kleiner, liebenswürdiger Mann, mit sehr klugem und hellem Gesicht, schönem weißen Vollbart; seine letzten Arbeiten sind technisch aber doch zu unzulänglich, er hält sich für einen bedeutenden Techniker und freut sich darüber, daß man nicht weiß, ob er raffiniert oder naiv ist. Er weiß es selbst nicht, spricht ausgesprochen schwäbischen Dialekt. Die letzten Woche eifrig mit Schopenhauer beschäftigt. Ich zolle ihm viele Bewunderung, nur nicht seiner Ethik. Er überschätzt mir das Mitleid zu sehr, das dem tief Erkennenden unbedingt eigen sei. Es erhebe das Individuum über sich selbst. Das halte ich für falsch, gerade der Mitleidige ist dem Individualismus ganz besonders unterworfen. Was liegt denn am Einzelnen? Auch die absolute Verurteilung der Begierden kann ich nicht teilen, der Kampf gegen sie nimmt Zeit und Ruhe zur Erkenntnis, die Auseinandersetzung mit ihnen aber fördert die Erkenntnis. Vielmehr suche man wenig zeit- und kraftraubende Formen, die Begierde zu befriedigen und finde sich ruhigen Blutes dann im Tempel der Schönheit ein. Auch ich strebe nach der klassischen Ruhe, die allein im Schauen aufgeht, aber die können wir nur erreichen, nachdem wir die Wertlosigkeit des Sinnenrausches am eigenen Leib erfahren. Wir müssen den Lockungskünsten der Sirene nachgegeben haben, um sie zu durchschauen und nicht immer von Neugier nach ihr ergriffen zu werden. Auf die Befriedigung folgt Ruhe, gesetzt, daß sie mit Bewußtsein gesucht wurde und nicht eine moralische Niederlage bedeutet. Obwohl sich mein theoretischer Egoismus immer mehr festigt, soll ich liebevoller, teilnehmender, offener geworden sein. Mathilde meint, aus einem Tyrann wäre ein Lamm geworden. Prange und Luhde haben dieselbe Veränderung konstatiert, desgleichen schon im Winter Philips und Gutmann, die sogar bisweilen schon im vorigen Sommer ähnliches beobachteten. Auch äußerlich bin ich einnehmender geworden, wie alle Welt versichert, seitdem ich meinen Spitzbart abgenommen habe. Ich bin ruhiger geworden und habe die Einsamkeit nicht nur lieben, sondern bedürfen gelernt. Auch meine Nervosität hat abgenommen. Gestern ein selten schöner Abend in meiner Wohnung mit Prange und Luhde, die ich als Menschen immer mehr schätze. Ich las ihnen Eos vor, sie hielten es für klassisch. Vom »Liebesgarten« dagegen hält Prange wenig. Wir tranken herrliche alte Weine aus Mamas Keller und saßen bis 3½ Uhr. Otto fühlt sich persönlich verletzt durch den Aufsatz über Thoma, sowie über die »Arroganz« des Aufsatzes »Kultur« in den neuen literarischen Blättern. Offenbar fühlt er sich durch den Passus vom mittelmäßigen Mann persönlich verletzt. Er ist unendlich klein und scheint bereits Rücksicht auf seine Kleinheit zu verlangen. Wenn er anfängt, bescheiden zu werden, müßte man sie ja nehmen, aber er ist es nicht.   Dienstag, 16. Februar. Neulich Besuch von Hans Weidenbusch aus Paris, sehr anregend. Er strebt sich zum harmonischen Menschen zu bilden, ist aber völlig unproduktiv, sieht die Kultur zu sehr in den Nebensachen, die ja gewiß auch dazu gehören, wie Essen, Kleidung u.s.w., ist zu stark vom Geld abhängig. Wir schafften uns in der Nacht einige orientalisch polygame Freuden, wobei ich jedoch ziemlich kalt blieb, als wir alle zusammen waren, während sich die Sache vollkommen änderte als ich allein mit einer Frau im Nebenzimmer war. Weidenbusch ist kein bedeutender Mensch, doch sehr klug, beobachtend und gewandt, gar nicht philosophisch und wie mir scheint, ungeheuer egoistisch. Er hört beim Sprechen nicht zu, redet aber selbst ungeheuer viel. Ich habe indessen nie mehr Stil und Sicherheit im äußeren Auftreten gesehen. Mit Mathilde zusammen gewesen. Ich habe meine Gefühle zu ihr doch überschätzt. Der Intimität gehe ich geradezu aus dem Weg. Ich glaube, daß ich die Abreise nach Paris zum Abbruch unserer Beziehungen benutzen werde, sie ist doch zu halbgebildet. Prange hat seinen Roman »Blut« vorgelesen, entschiedenes Talent, Anschaulichkeit, aber doch völlig stillos, Überwuchern eines ganz unkünstlerischen Psychologismus. Erinnerung an eine Münchener Kaffehausscene. Nacht, man sitzt, geistig ausgeschöpft, beisammen, äußeres Leben gibt es nicht; der Mensch, der Schlag 10 Uhr kommt, zwei Eierpunsche holt und um 12 Uhr nachts die leeren Gläser zurück bringt. Gespräch: über die nächtlichen Felder vor der Stadt, dunkle Wagen ziehen dazwischen, ob sie ein Ziel haben? ob sie alle Nacht so weiter fahren, ohne Ziel? Wer kann das ermessen? Solche Gespräche mit Gutmann. Ich beabsichtige Samstag nach Paris zu fahren, in diesen Wochen habe ich wenig gearbeitet. Meine Novellen sind alle fertig, kein angefangener Stoff mehr im Schreibtisch, sehr nervös. Es gab einige sehr schöne Vorfrühlingstage mit roten Nachmittagen. Wie sehne ich mich danach, in einer fremden Stadt mit viel Leben unbekannt, ziellos herumzuschweifen. Diese Sehnsucht ist erst in letzter Zeit entstanden, wie ich überhaupt erst seit diesem Winter die Einsamkeit lieben lernte. Ich habe nun gerade ein Jahr intensiver künstlerischer Tätigkeit hinter mir. Ich will nun absichtlich einige Wochen, vielleicht Monate nichts arbeiten, ich brauche Erholung, Leben. Ich bin in diesem Jahr gefestigter geworden, ich glaube, es ist mein entwicklungsreichstes gewesen. Mir scheint, daß nun eine neue Lebensperiode beginnen soll, ich lasse mich nicht mehr von außen beeinflussen, so sehr ich auch gegenüber Anderen Augen und Ohren öffne. Ich bin minder pedantisch geworden, besonders in Bezug auf Zeit und Geld. Ich schreibe das alles allein dem Umstand zu, daß ich Arbeit habe, die ich wirklich als Mittelpunkt meines Daseins empfinde, während ich als Student eine unfreiwillige Beschäftigung hatte, die meine Hauptkräfte nicht in Anspruch nahm, sodaß ich sie in Allotria verpuffte. Künstlerisch habe ich viel gelernt in diesem Jahr. Philips und Gutmann haben im Juli meine Novellen von den naturalistischen Schlacken befreit und mir urplötzlich das Gefühl für Stil eröffnet. Ich kam dann auf einen etwas übertriebenen phantastischen Stil (Herrn Josephs Liebesgarten, Um Rosenkränze). Meine letzte Arbeit »Thea« ist nun auch davon frei. Die Sprache ist gewählt, doch sehr einfach. Philosophisch habe ich mich der Mystik genähert. Schon im vorigen Herbst. Angeregt durch Wolfskehls Fassung des Begriffes »Pan«, teils durch Frau Hoby angeregt. Die erste Spur davon befindet sich in der kleinen Novelle Eos. Dazu kam nun in diesen Wochen Schopenhauer. Dadurch bin ich dem Christentum wieder näher gekommen, d. h. dem Katholizismus. Dabei vertrage ich mich vortrefflich mit Nietzsche, da ich das Wollen keineswegs verdamme, vielmehr nur da ein tiefes Schauen für möglich halte, wo ein Wollen war und allmählich sich ausgewollt hat, denn was anderes wir geschaut, als die Welt als Wille, wozu das eigene Individuum selbst gehört und das ein umso ausgebauterer Mikrokosmos ist, je mehr Wille und Ursprung in ihm war. Überhaupt soll und kann das Schauen ein starkes Wollen garnicht lähmen, im Gegenteil ist die Synthese beider das Wünschenswerte: der Künstlermensch Goethe.   Donnerstag, 18. Februar. Schopenhauer sagt, in der Metaphysik der Geschlechtsliebe, daß der Intellekt von der Mutter, der Charakter und der Wille vom Vater stamme. Bei mir stimmt das. Willenskraft verbunden mit Beschränktheit hat vielleicht bei vielen seinen Grund daher, daß die Mutter eine dumme Gans war, der Vater aber ein rechter Mann. Über Tilly bin ich nun ganz klar: oberflächlich und lieblos. Gestern und vorgestern auf Reisen. Kehre körperlich sehr unwohl zurück. Dienstag bei Frau Hoby in Darmstadt. Sie eröffnete mir folgendes über ihr Verhältnis zu Fuchs: Erst seit einem Jahr haben sie sich ganz gefunden. Wenn Fuchs in günstige Verhältnisse kommen wird, will sie mit ihren Kindern zu ihm ziehen; die Ehe mit ihrem Mann ist auf gegenseitiges Übereinkommen schon jetzt innerlich aufgehoben, besteht nur noch nach außen, angeblich, um den Credit des Geschäftes zu erhalten und wegen der Kinder. Sie hat in meinen Augen doch sehr an Größe eingebüßt, dadurch, daß sie garnicht einsieht, daß sie nur der Schwachheit ihres Mannes zu verdanken hat, daß sie noch im Haus bleiben kann. Gegen das Fuchs'sche Verhältnis würde ich ja nichts einwenden, doch daß sie sich noch von dem Gatten ernähren läßt, ist doch merkwürdig. Sie gibt selbst zu, daß sie das Verhältnis minder ernst nimmt, als Fuchs. Als sie mich im vorigen Sommer plötzlich küßte, war Fuchs gerade auf einige Wochen abwesend, während sie es durchaus für zweifellos hält, daß Fuchs ihr treu ist. Auch ich glaube es. Früher hatte sie mit Hallwachs ein Liebesverhältnis, sie hat es aufgegeben, möchte aber seine Freundschaft behalten, aber er könne nicht bei ihr sein, ohne sie zu begehren. Ich begreife es nicht, denn trotz des gutgeformten Gesichts hat sie bereits graues Haar und einen schweren matronenhaften Körper. Übrigens legte sie es vorgestern, wie mir schien, auf eine neue Annäherung an. Ich spielte ein wenig mit ihr, ging aber der Sache dann energisch aus dem Wege. Während ich dies niederschreibe, empfinde ich großen Unwillen gegen die Frau. All' das scheint mir unschön und keineswegs groß, wie ich mir unter Wolfskehls Einfluß ihre Persönlichkeit dachte. Gestern bei Weidenbusch in Wiesbaden. Besichtigung seiner prachtvollen Kunstsammlungen. Ich las ihm allerlei von mir vor, was er lobte. Abends mit seiner Geliebten zusammen, einer eleganten Pariserin. Sie steht unglaublich unter seiner Suggestion und während ich ihr anfangs sympathisch zu sein schien, war sie auf einmal empört, als ich seine Unfehlbarkeit in irgend etwas anzweifelte. Ich war ein wenig gereizt durch seine unverkennbare Absicht, mich vor ihr in Verlegenheit zu setzen, eine schlechte Gewohnheit von ihm, die zwar ganz gutartiger Natur ist und mit Humor verbunden, die er aber stets in Anwendung bringt, wenn Dritte dabei sind. Ich antwortete ihm stets in scherzhafter Art; er ist von maßloser Eitelkeit, was ich ihm übrigens andeutete. Indessen hat er ein ganz ausgesprochenes Kunstgefühl, instinktiv oft recht gute Ansichten und ist sehr unterhaltend, aber ohne sein Geld und seine große Gewandtheit und Sicherheit wäre er wenig. Übrigens hat sich zwischen ihm und mir Frauen gegenüber eine seltene Geschmackübereinstimmung gezeigt. Das erlebe ich zum ersten Mal mit jemand. Auch Hallwachs habe ich in Darmstadt besucht: der kleine Mensch mit dem großen Talent, Künstler und Philister zugleich. Scheint in dem Darmstädter Krähwinkel ganz zu verbürgern, ist ganz ohne Energie und Initiative, um sich durchzusetzen. Er und Prange sind die einzigen meiner Bekannten, die Mathilde sympathisch sind. Sie hält Gutmann für sehr unbedeutend. Tilly gefiel wiederum Gutmann. Sonnecks Nichtigkeit erkannte Mathilde sofort, gleichfalls Priesters. Indessen gefiel ihr Philips besser, aber sie gefiel Philips und Gutmann nicht.   Paris 1. März 1897. Seit 8 Tagen bin ich hier. Meine Nervosität machte mir die letzten Frankfurter Tage unerträglich. Reise über Cöln. Mathilde war in Frankfurt an der Bahn. Ich verfehlte sie aber, da ich einen anderen Zug nehmen mußte. Ein Brief von ihr wurde mir hierher nachgeschickt, voll von Liebesbeteuerungen, ich weiß nicht, ob ich daran glauben darf. Ich antwortete ihr, jedoch glaube ich, es ist aus. Es geht nun einmal nicht anders. Auch Großmamas Abschiedstränen hatten etwas künstliches. In den letzten Tagen habe ich sie veranlaßt, ein Codizill zu machen, daß ihre Kunstgegenstände und Altertümer, natürlich gegen Entschädigung an die Schwestern, auf Richard und mich vererbt werden; es wäre jammervoll, wenn sie in Ottos Hände kämen, der allerdings gern damit prunken würde. Ich bin mir moralisch vollkommen klar, was ich tue, ich fühle mich durchaus im Recht. Der Abschied von Otto und Hedwig war äußerst kühl, gleichfalls von Tilly, deren heimliche Verlobung doch nicht aufgehoben zu sein scheint und Ottos Billigung findet. Mögen sie tun, was sie wollen. Diese 4 Wochen in Frankfurt brachten mich zur Einsicht, daß mit dem Tode meiner Eltern alle Bande mit meiner Familie geschwunden sind, am meisten fühle ich noch für Hedwig, gegen Tilly habe ich eine vollkommene Fremdheit. Zu Großmama stehe ich in einem kühlen Verhältnis mit dem Bewußtsein, Pflichten gegenüber ihrer Freigebigkeit zu haben.   Fastnachtsdienstag, 2. März. Wohnungsuchen, Besorgungen, Straßenleben, Restaurants, Cabarets. Ich habe schon viel Oberfläche gesehen. Morgen oder übermorgen werde ich beginnen, die Stadt mit Baedeker zu durchstreifen. Am Abend lasse ich mich vom Zufall leiten. In den nächsten 4 Wochen soll dieser mein einziger Führer sein. Erst dann werde ich von meinen Empfehlungen und Verbindungen Gebrauch machen. Es hat einen unendlichen Reiz, mitten in diesem rauschenden Leben allein zu sein, mitten in der Buntheit des Carnevals besonders, der in diesen Tagen eine unglaubliche Ausgelassenheit in den Straßen hervorrief. Die Hauptlust besteht in dem Werfen von Confetti und Serpentinen. Die ersteren bedecken die Trottoirs der Boulevards fast fußhoch. Allen Vorübergehenden hängen die bunten kleinen Papierstückchen in Haaren und Kleidern. In die Restaurants, auf die Treppen der Häuser, in die Zimmer, überall hin werden sie geschleppt. Die Serpentinen hängen sich fest an die Bäume, von denen sie in tausend bunten Streifen herabhängen. Dazu kommt die wunderbare Nachmittagsbeleuchtung der blau und roten Februartage, das Gewühl der Menschen, die zahllosen Masken, ein prachtvoller Maskenzug aus künstlerisch ausgestatteten Karren voll hübscher Frauen bestehend, die Confetti werfen und durch die Hauptstraßen ziehen. Musik in den Caféhäusern, wo man, ohne unter Kälte zu leiden, bis um 2 Uhr nachts auf den Straßen sitzt. Überall sieht man Frauen auf den Straßen, in den Restaurants, meistens Kokotten, die aber kein Hindernis sind, daß sich andere Damen im selben Raum aufhalten. Alle zeigen eine große Mannigfaltigkeit des Äußeren. Diese Frauen könnten in Deutschland nicht über die Straße gehen, ohne angegafft zu werden. Man würde sie alle für große Kokotten oder Schauspielerinnen halten, denn sie haben fast alle etwas Besonderes in Kleidung und Ausdruck. In Deutschland würde man sagen, sie sind nicht schön, aber interessant. Der Demimonde hat hier Kultur, vor allem hat die Geldgier ein sehr starkes Äquivalent in der Vergnügungssucht. Diese Mädchen sind lustig, witzig, und wenn man sich in einem ihrer Caféhäuser befindet, hat man keineswegs das Gefühl, sich wegzuwerfen, wie in den Berliner Kokotten-Caféhäusern. Man behandelt die Kokotten hier vielmehr als Frauen, als Geliebte, macht ihnen nicht nur kurze Besuche, wie in Deutschland, sondern genießt erst ein wenig ihre Gesellschaft, besucht ein Restaurant oder Caféhaus mit ihnen. In Deutschland würde ihr Kulturniveau das unmöglich machen. Ich unterscheide bereits die 2 ganz verschiedenen Seiten von Paris: das mondaine Paris und das Zigeuner-Paris. Zwischen diesen beiden Polen bewegte sich ja meine Natur von jeher. Ich werde mich niemals für eines der beiden allein entscheiden, und habe mir daher eine doppelte Garnitur der Toilette verschafft. In dem eleganten Paris werde ich mehr beobachten und im Zigeuner-Paris wahrscheinlich mehr erleben. Meine Wohnung habe ich so gewählt, daß ich dem Quartier Latin mit dem Boulevard St. Michel nahe bin, aber doch nicht mitten darin wohne. Meine Neigung zieht mich zunächst mehr dorthin. Aber dennoch will ich nicht auf die Gesellschaft verzichten. Dazu kommt immer wieder die leise Hoffnung, doch in ihr nur das Erlebnis finden zu können, welches meiner Unruhe und Abenteuerlust ein Ende macht, sie wenigstens mindert. Sehr anziehend sind die sogenannten Cabarets, kleine Restaurants, wo Dichter und Komponisten, meistens Volkssänger, ihre oft ausgezeichneten Werke zum Vortrag bringen. Die ernsten Sachen sind mir zu süßlich, andere sehr sozialistisch. Dagegen die komischen sind häufig ersten Ranges. Viel kommt auf Rechnung einer sehr eigenartigen Vortragsweise, die sich hier entwickelt hat, die hauptsächlich darin besteht, die Pointen gewissermaßen zu ignorieren, sie im Ton der Selbstverständlichkeit vorzubringen. Dazu eine große Mäßigkeit der Geste. Es liegt etwas ungeheuer Diskretes darin, welches dem Bild durchaus widerspricht, das man sich von der französischen Art macht, nämlich der Vorliebe für dröhnendes Pathos. Das größte dieser Cabarets ist der Chat Noir, den die beste Gesellschaft besucht, der aber keineswegs das Beste leistet. Die Sachen sind meist sehr aktuell, knüpfen an Tagesereignisse an. Selten sind sie reine Kunstwerke, sondern eher dem Kunstgewerbe nahe. Sie sind viel zu praktisch, nämlich tendenziös, aber von artistischem Geiste durchdrungen. Äußerungen hoher Kultur und der Verwandtschaft mit der Antike. Bei diesen Vorträgen, die weniger Kunstverständnis, als Gefühl für Grazie, Geist, Bizzarerie voraussetzen, verbringt die studentische Jugend ihre Abende. Die kleinen Frauen und die Kokotten finden sich zahlreich ein. Und da jeder Amateur zum Vortrag zugelassen wird, finden sich Leute aus verschiedenen Berufen ein. Alles dies, nämlich das allgemeine Gefühl für das Künstlerische, welches hier das ganze Leben beherrscht, setzt eine feinkultivierte Rasse voraus. In allen diesen Cabarets sitzt man sehr unbequem, die Consommations sind mittelmäßig. In Deutschland würden sehr gewöhnliche Leute solche Lokale nicht vornehm genug finden. Von Theatern habe ich bis jetzt nur die Große Oper besucht, um dem Maskenball beizuwohnen, der ein berauschendes Farbenspiel bot, im allgemeinen aber nichts anderes als eine Konzentration des Straßenlebens auf einen Raum. Confetti, Serpentins, doch viel mehr Masken. Dann war ich in der Comedie-Française, wo ich eine vorzügliche Aufführung der Fourberies de Scapin, sowie des Malade imaginaire mit dem älteren Coquelin sah. Die Abende bringe ich oft im Quartier zu, wo ich ein liebenswürdiges Abenteur mit einer kleinen Couturière, namens Blanche Fort hatte. Ein pikantes Geschöpfchen mit Geist und Sinnen. Sie hat mich in vieles Pariserische eingeweiht. Sie lebt en ménage mit einem russischen Studenten, wie sie erzählt, der momentan auf Reisen ist. Ich lernte sie in einem Restaurant kennen, wo sich viele solcher Mädchen zum Diner einfinden. Einer Scheußlichkeit muß ich noch Erwähnung tun, die mir neulich nachts gegen 1 Uhr auf dem Boulevard Sébastopol passierte. Eine etwa siebzigjährige, sehr ordentlich aussehende, doch offenbar arme Frau redete mich an und fragte mich, ob ich nicht »de petites cochonneries« wünsche. Sie versprach, »très cochonne« zu sein, und als ich im ersten Augenblick verblüfft »Non, non« ausrief, fragte sie traurig, fast wie ein Kind: »Vous ne voulez pas Monsieur?«   Mittwoch, den 3. März. Ein schlimmer Tag. Die Nacht unruhige Träume, gegen Morgen träumte ich von Mama, bis ich weinend aus meinem Halbschlummer erwachte. Den ganzen Tag verstimmt. Dazu ein quälender Westwind von ungeheurer Kraft. Ich machte nachmittags einen Spaziergang durch die Champs-Elysées, Marsfeld u. s.w., und unterschätzte die Entfernungen, sodaß ich ganz gebrochen zuhause ankam. Eine Stunde des Nachmittags im Louvre in den Antikensälen. Meine Freude an der Sculptur bedeutend gestiegen seit meiner italienischen Reise, vor allem das Verständnis für die Linie der menschlichen Gestalt. Meine Natur vereint alle Pole in sich: bald jugendliche Kraft, bald die Mattigkeit und Kraftlosigkeit eines alten Menschen; bald verwöhnteste Gourmandise, bald die Fähigkeit, mich mit dem Schlechtesten zu begnügen; bald vollkommene Verachtung des Urteils anderer und dann wieder Eitelkeit; bald Sicherheit bis zur Frechheit, bald Schüchternheit, Erröten beim geringsten Anlaß; bald bin ich der feurigste Liebhaber, der jederzeit und unter den unbequemsten Verhältnissen bereit ist, und auch keine Einschränkung der Zahl kennt, bald bedarf ich der Bedingungen, von denen Mantegazza spricht, des caldo, carezza, und comodità, und auch das völlige Versagen kommt vor. Alles dies ist nicht einmal abhängig von dem Objekt.   Donnerstag, den 4. März. Heute das bisher tiefste Erlebnis meines Pariser Aufenthalts: die Venus von Milo gesehen. Anfangs stand ich kalt davor und sagte mir: nun stehe ich vor vielleicht dem bedeutendsten Kunstwerk aller Zeiten; hier hat Heine geweint und mancher Andere bewundernd gestanden. Doch allmählich kam ein wunderbares Gefühl über mich, nicht ein Strahl, der mich durchzuckte, oder ein Schauer über den Rücken, wie vor manchem anderen Kunstwerk, sondern eine beseligende Ruhe voll Zärtlichkeit ohne eine Spur von sinnlicher Erregung. Als mich der Custode darauf aufmerksam machte, daß geschlossen wurde, war mir, als nehme ich von einer lieben Freundin Abschied. Eine Traurigkeit erfüllte mich, als ich durch die lange Flucht der Säle ging, stets mich rückwärts wendend, wo sich die weiße Gestalt auf dunklem Hintergrund abzeichnete. Sonst freute ich mich besonders über einige Antinousköpfe, ein von mir schon in Rom besonders geliebter Typus, besonders über den Kolossalkopf des Antinous als Osiris. Meine Freude und Aufnahmefähigkeit für Plastik war nie so groß, wie jetzt. Unter den Büsten der römischen Kaiser fiel mir folgendes auf: mit Tiberius beginnt ein Zug, den ich nicht anders, als »Canaille« nennen kann, in den Gesichtern der Julier hervorzutreten um die dünnen eingekniffenen Lippen. Man müßte die Portraits der Gemahlinnen des Augustus, der selbst diesen Zug garnicht hat, auf diesen Zug hin prüfen. Ein überraschend fremdes Element, welches wohl durch die weibliche Linie eingeschlichen ist.   Freitag, den 5. März. Der gestrige Abend plein d'ennuis. Ich ärgerte mich, das kleine Abenteuer mit Blanche so kurz abgebrochen zu haben, irrte im Quartier mißmutig herum, kam schließlich in das Café d'Harcourt, traf dort ein Mädchen, welches aussah, als wäre es ohne Mund geboren und als habe man später mit einem dünnen Messer eine kleine kurze Spalte in das Fleisch geritzt. Sie hatte keine Lippen, nur einen dünnen, roten Strich. Es war grauenvoll. Ich ging dann mit einer anderen, wie von einer fremden Macht dazu gezwungen, denn ich versprach mir gleich wenig von ihr. Sie war faul und temperamentlos und suchte durch ein abscheuliches Krähen ihre Teilnahme an der Situation auszudrücken. Sie blieb die Nacht bei mir, und nun wollte es das Unglück, daß es gegen 9 Uhr früh an meine Tür klopft: Blanche war da. Ich mußte sie auf dem Korridor empfangen und konnte ihr die Situation nicht verschleiern. Sie war ganz ruhig, als ich ihr sagte, daß ich eine consolation pour mes ennuis de solitude gesucht hätte. Sie hatte sich so sehr gefreut, mit mir die Morgenschokolade zu trinken. Ich werde sie nun aber nicht sobald wieder loslassen, denn nach dem Abenteuer mit ihr schienen mir gestern Abend alle diese Kokotten, die mich anfangs so sehr blendeten, ziemlich reizlos. Heute wieder im Louvre. Ich habe die Physiognomik der Julier weiter verfolgt. Jener Zug, von dem ich sprach, befindet sich bereits bei Livia, der Gemahlin des Augustus. Ich weiß aber nicht, ob sie die Stammutter der späteren Julier ist; ferner bei Germanicus, Drusus, dem Sohn des Tiberius, auch bei Claudius. Dagegen sind die infamen Lippen des Nero auf seine Mutter Agrippina, die jüngere, zurückzuführen. Indessen entwickelt sich dieser Zug erst später bei ihm. Als Jüngling ist er dem Typus Tiberius, Drusus noch ähnlich. Ebenso wenig wie Augustus hat dessen Schwester Octavia etwas von jenem Zug. In hoher Ausprägung hat ihn Caligula trotz der hoheitsvollen Schönheit seiner Mutter, Agrippina, der älteren. Aphrodite und Artemis: die beiden Pole der Weiblichkeit. Artemis hat immer etwas, worüber sie zürnt, kennt nicht die Hingebung des Weibes. Mir scheint, daß die moderne Amerikanerin etwas von ihr hat. Diese Unterscheidung ist ein Gegenstück zu Dionysos und Apollo. Welche Scheußlichkeit offenbart Artemis in der Sage des Aktäon, den sie in einen Hirsch verwandelt, nur, weil er ihre Nacktheit geschaut. Liegt wirklich soviel an der Keuschheit eines Weibes, daß dafür ein Mann vernichtet werden darf? Der Masochismus scheint sich gerade zu dem artemisischen Weibe hingezogen zu fühlen. Gesünder scheint mir, Aphrodite, Hera oder die kindliche Psyche zu lieben.   Samstag, den 6. März. Gestern das zweite starke, künstlerische Ereignis meines Pariser Aufenthalts: Madame Réjane als Hélène in der »Douloureuse« gesehen. Ein neues sehr viel, zu viel gelobtes Stück von Maurice Donnay. Es ist eigentlich keine Komödie, sondern es sind 4 Akte voll vortrefflicher Dinge. Die Réjane hat jene große schlanke Eleganz der Formen, wie die Nymphe von Fontainebleau des Benvenuto Cellini. Und der großen lebendigen Geschmeidigkeit dieser Formen verdankt ihr Spiel vielen Reiz. Sie trägt, wie jetzt augenblicklich viele Frauen, kein Korsett, was alle die Schauspielerinnen nachahmen sollten, welche wissen, daß man nicht nur mit den Armen, sondern mit dem ganzen Leibe Gebärdensprache haben kann. In dem Gesicht der Réjane fällt der Mund auf: ein großer, starklippiger Mund, der von vielen Erregungsmöglichkeiten der Seele spricht, und so sieht man ihn im ersten Akt voll frivolen Lächelns, obgleich voll Verachtung und Ekel gegenüber jener Finanzgesellschaft, im zweiten Akt voll Zärtlichkeit und im dritten voll Reue, Verzweiflung und Angst. Besonders die Stadien des Schmerzes, des Weinens, im dritten Akt sind wundervoll. Leider sah man infolge des neumodischen Kostüms wenig von den Händen.   Sonntag, den 7. März. Gestern Abend mit Blanche im Odéon. Man gab Richepins Drama Le Chemineau. Heute in der Ausstellung des Goncourt'schen Nachlasses im Hôtel Drouot und der Maison Bing. Meist japanische Sachen, auf die ich durch die Weidenbusch'sche Sammlung in Wiesbaden bereits vorbereitet war. Nachmittags im Concert Lamoureux, Fünfte Symphonie von Beethoven. Mir schienen die beiden letzten Sätze dadurch ganz verdorben, daß Lamoureux zu viel Ruhe bewahrte, herrliche Details. Nur im Adagio zeigte er sich auf der Höhe. Blanche war gestern im Theater köstlich. Sie fing mit einer entzückenden Ungeniertheit an, mit einem Ehepaar in der benachbarten Loge eine Unterhaltung zu führen, als ob sie meine Frau wäre und wir Verkehr suchten. Ihre Unbefangenheit hinreißend.   Montag, den 8. März. Heute in der Ausstellung der von Sâr Joséphin Péladan begründeten Rosenkreuzer. Diese Maler haben nichts gemein, als den Namen und ein heftiges Suchen. Viele haben religiöse Stoffe, alle Techniken sind vertreten. Die prärafaelitische Linie bis zum impressionistischen Nebel, die Stile aller Zeiten werden nachgeahmt.   Dienstag, den 9. März. Im Salon Carré. Rembrandt, hervorragend der Gang nach Emmaus. Es liegt darüber eine mir wohlbekannte Stimmung, die in mir besonders an trüben schwermütigen März- und Apriltagen wach wird und durch folgende Associationen genährt ist: Passionswoche, Italien, besonders Rom, Klöster, halberleuchtete hallenartige Räume. Es ist ein sehnendes Erwarten darin, das vielleicht in der Natur liegt und im Mythos der Auferstehung ausgedrückt ist. Ich kann es nicht definieren, aber es liegt deutlich über diesem Bild. Für mich ist es mit großer Sehnsucht nach Rom begleitet. Vor der Mona Lisa: es ist neben der Venus von Milo das Kunstwerk des Louvre, das mir den tiefsten Eindruck gemacht hat. Dieses mystische Lächeln wirkt bei längerem Hinschauen fast unheimlich. Ihr Blick durchschaut einen und sagt: Ich kenne dich. Darum das seltsame Lächeln, das an die Sphinx erinnert.   Mittwoch, den 10. März. Gestern Abend in den Folies-Bergères, das größte Café-concert von Paris. La belle Otero, die gefeierte Schönheit. Sie trat auf in spanischen Liedern und Tänzen, aber man merkte, daß das Carmenhafte ihr nicht liegt, es fehlte das Temperament. Ihre Stimme steht wohl über dem Niveau gewöhnlicher Chansonettensängerinnen, desgleichen die auserlesenen Farben ihres Kostüms, während ihr Gesicht, für mich wenigstens, keinen Reiz hat, am wenigsten der abscheuliche herzförmige, stets offene Mund, der mich an die französische Plastik Louis Seize erinnert, die ich auch nicht mag. Ich stehe immer wieder vor einem Rätsel, wenn ich solche Frauen sehe, die doch die Sinne aller Männer zu berauschen scheinen. Nur die meinen nicht.   Donnerstag, den 11. März. Ich komme eben aus der Vorstellung von Racine's Phèdre, dargestellt durch Sarah Bernhardt. Bei der Lektüre hat mich dieses Stück nicht berührt infolge der kalten Pedanterie der Sprache, die mich geradezu irreführte. So habe ich bis zum letzten Akt die Liebe der Aricia zu Hippolyt, die doch echt genug ist, für Verstellung gehalten. Dagegen ist die Psychologie der Phädra vortrefflich. Das Ensemble war erstaunlich gut. Und Sarah Bernhardt? Sie war für mich kein Ereignis, wie die Réjane, vielmehr eine Enttäuschung. Sehr viele vortreffliche Einzelheiten. Hier ist einmal viel echtes Gefühl gewesen, aber dieses verwöhnteste Kind der Pariser geht fast ganz auf in brillantem Virtuosentum, ja in Affektiertheit. Bisweilen ein wahrer Naturton, dann wieder ein hohles Pathos, wechselnd mit übertriebenem Naturalismus, besonders beim Weinen. Dann kommt wieder einmal ein Stück antike Stilisierung. Nach der Vorstellung traten 2 junge Dichter auf die Bühne, welche mit großem Pathos recht mittelmäßige Gedichte vorlasen, um für die augenblicklich von den Türken bedrohte griechische Freiheit zu begeistern. Die ganze Pariser Jugend, besonders die Künstler und Studenten und auch Sarah Bernhardt agitieren seit einigen Wochen für Griechenland, welches in diesen Tagen den Frieden Europas erschüttert. Diese Begeisterung für ein ehemaliges Kulturvolk, das von seinen großen Ahnen nichts mehr im Blute hat, nur noch den gleichen Namen trägt, ist zwar kindisch, doch nicht unschön, während die Haltung des Kaisers Wilhelm II. barbarisch ist, der die strengste Maßregelung Griechenlands vorausgesagt hat, selbst auf die Gefahr hin, die momentan herrschende Übereinstimmung der Mächte zu zerreißen. Der Dichter sprach daher mit Abscheu und Verachtung von jenem peuple ridicule et barbare und das ganze Haus dröhnte von dem stürmischen Beifall. In diesem Augenblick fühlte ich etwas von dem Schmerz, den schon mancher kultivierte Deutsche gefühlt hat in dem Bewußtsein, daß sich sein Volk beständig kompromittiert und daß das Ausland nicht immer unrecht hat, wenn es lacht und tadelt. Und alles das muß ein Volk erleiden, das seit der Antike die meisten großen Einzelpersönlichkeiten hervorgebracht hat, das trotzdem das unantikste aller Kulturvölker ist. Ist daran das Preußentum schuld? Es scheint mir, unserer alten deutschen Kultur durchaus fremd zu sein. Dennoch ist es nicht möglich, zu wünschen, daß Preußen wieder von Süddeutschland abgetrennt wird. Ein unlösbares Kulturdilemma.   Montag, den 15. März. Vorgestern mit Blanche in der Komischen Oper. Man gab Orphée, die wundervolle Oper von Gluck. Hervorragend Marie Delna als Orpheus, eine prachtvolle warme Altstimme. Gestern allein in dem Cabaret oder schon mehr Theater La Roulotte. Chansonniers, kleine Pantomimen, Revuen u.s.w. von verschiedenem Wert, aber das meiste originell. Ein sehr schöner Abend. Vor dem Opernhaus die Gruppe »Der Tanz« von Carpeaux besichtigt, das Beste, was ich von moderner Plastik kenne. Immer klarer wird mir, daß die Deutschen keine eigentliche Kultur, sondern nur hervorragende Einzelpersönlichkeiten gehabt haben. Das gilt sogar von der Musik. Kein Volk hat hier annähernd das aufzuweisen, was wir von Bach bis Wagner hervorgebracht haben. Dennoch gibt es bei uns unendlich viele Leute ohne alles musikalische Gehör und Melodiengedächtnis, während bei den romanischen Völkern absolut unmusikalische Leute kaum vorkommen. Und es ist bekannt, daß in Italien am folgenden Tag nach einer Opernpremière bereits die Schuhputzer die Hauptmelodien auf den Straßen pfeifen. Das schöpferisch Große kommt von den Germanen, während nur die Romanen das Leben zu gestalten wissen. Sie legen daher garnicht den Wert auf Originalität, wie wir, und damit haben sie recht. Zum Beispiel die meisten öffentlichen Gebäude und Lokale in Paris sind nicht originell, überhaupt eigentlich stumm, nichts sagen-wollend. Einfache Räume mit Spiegeln und ruhigen diskreten Tapeten, während man bei uns alle möglichen Stile versucht und ein schreiend buntes Durcheinander gibt. Tapeten, wie in deutschen Chambres garnies, Möbel wie in deutschen Caféhäusern würde man sich hier nicht gefallen lassen. Aber in diesem unoriginellen Rahmen flutet das Leben viel bunter und im Ganzen dennoch origineller, als bei uns. Die Prostitution ist darum so verwerflich, weil sie die Rasse verdirbt. Anstatt, daß das Individuum in seinen Handlungen seinen Rassetrieben folgt, tut es etwas diesen entgegengesetztes, dem bürgerlich berechnenden utilitaristischen Verstand folgend. Jede Erziehung, die das Rassige im Individuum bekämpft, führt zur Prostitution. Die Dirnen sind nur die, bei welchen diese Tendenz am sichtbarsten zu Tage tritt. Im gleichen Grade, nur verborgener, lebt sie in jedem Menschen, der etwas für Geld tut. Bei allen moralischen Reflexionen komme ich immer wieder auf denselben Gegensatz zurück: auf der einen Seite Rasse, Zwecke scheuen, uninteressiertes Tun und Betrachten, Kunst, auf der anderen Seite Vernunft, Utilitarismus, Materialismus, Alltagsmenschentum. Weidenbusch ist hier. Neulich mit ihm folgende Frage besprochen: Vor 4 Jahren war in meinen literarischen Versuchen noch nicht ein geringer Ansatz von Talent zu entdecken, und heute, so unfertig alles noch sein mag, ist doch Talent und Eigenart zweifellos vorhanden. Weidenbusch bringt dies mit der Entwickelung der Sexualität zusammen. Er mag recht haben, denn verständnislose Philister haben immer eine sehr schwache oder sehr grobe Sexualität, während da, wo dieselbe entwickelt ist, auch meistens andere Werte vorhanden sind. Die Sexualität ein Correlat. Ich bin nun seit 3 Wochen hier. Noch völlig Fremder, Reisender. Ich habe noch keine Besuche gemacht und werde es nicht eher tun, bis ich die Hauptsachen gesehen und den Baedeker aus der Hand gelegt habe. Ich stehe meist erst gegen Mittag auf, was ja hier allgemein Sitte ist. Bis 5, 6 Uhr bin ich in Museen oder an sonstigen Orten, wo es etwas zu sehen gibt. Die Zeit bis zum Diner ist dem Tagebuch und der Korrespondenz gewidmet. Die Abende sind oft sehr traurig gewesen. Ich habe das Bedürfnis nach Menschen. Über einige Abende hat mir Blanche hinweggeholfen. Sie ist wirklich ein liebes Geschöpfchen. Trotzdem fesselt sie mich nicht völlig, und ich bin immer wieder dazu verdammt, zu suchen, zu suchen. Die alte Geschichte. Bisweilen fühlte ich mich ein wenig wie ein Ausgestoßener in dem großen Leben um mich herum, denn immerhin ist mir die Sprache nicht so geläufig, wie die deutsche, und man ist hier garnicht liebenswürdig gegen Fremde. Doch nimmt meine Sicherheit von Tag zu Tag zu. Das pariser Argot kann mir bis jetzt noch nicht sehr imponieren, da die Bilder und Metaphern doch oft so weit hergeholt sind, daß man sie garnicht versteht. Zum Beispiel poser un lapin, das heißt jemanden bei einem Rendezvous sitzen lassen, la pièce de dix sous bedeutet den Körperteil, auf welchem man sitzt, le maquereau der Zuhälter u.s.w. Vortrefflich ist dagegen la marmite, von welcher sich der Maquereau nährt. Ebenso sind auch in Deutschland viele derartige Worte eigentlich sinnlos, z. B. Moos und Draht für Geld, oder auch der Name eines gewissen Vogels für eine Dirne. Gestern las ich in Sainte-Beuve's Roman »Volupté«, wie sich die Anlage zu dieser Eigenschaft im Helden schon als Knaben durch eine krankhaft übertriebene Schamhaftigkeit zeigte. Ich kann hierzu Beispiele aus meiner Kindheit anführen. Ich habe um mein sechzehntes Jahr aus Angst, zu erröten, bisweilen den Konfirmationsunterricht versäumt, was nicht ohne Schwierigkeiten war, wenn ich wußte, daß ein Bibelspruch vorkam, der etwa Worte, wie Keuschheit, Beschneidung oder dergleichen enthielt. Bei einem Mittagessen erzählte ein junger Arzt, daß es sehr schwer sei, männliche von weiblichen Skeletten mit Sicherheit zu unterscheiden, was mich in die furchtbarste Verlegenheit brachte, da mich der Unterschied der Geschlechter in dieser Zeit innerlich außerordentlich beschäftigte und meine Phantasie erfüllte. Noch heute habe ich mir das Erröten nicht ganz abgewöhnt, während ich auf der anderen Seite bisweilen imstande bin, mit der größten Sicherheit die heikelsten Dinge, auch mit Frauen, zu besprechen.   Samstag, den 20. März. Gestern und heute im Luxembourg Plastik gesehen. Es scheint, je näher eine Kunst der wirklichen Gestalt kommt, umsomehr ist sie auf den Ausdruck der Ruhe angewiesen. Die höchste Leidenschaft ist in der unwirklichen Musik möglich, dann in dem gesprochenen Drama. Schon in der Malerei ist sie viel schwieriger auszudrücken, weshalb die meisten Historienbilder unerfreulich und starr wirken. Viel mehr kann sich wieder die Schwarz- und Weißkunst erlauben, die sich durch den Verzicht auf die Farbe von der Wirklichkeit entfernt, weswegen auch die gewagtesten Szenen vorzugsweise in dieser dargestellt werden. Man denke sich Félicien Rops farbig. Am gebundensten ist die Skulptur, weil sie der Wirklichkeit der Gestalt am nächsten kommt. Daher ist Bernini so furchtbar, während Rubens in der Malerei bewundernswert ist. Aus diesem Grunde ist auch vielleicht die Skulptur in unserer von dem Naturalismus so beeinflußten Zeit zurückgeblieben. In der Salle Caillebotte. Sammlung modernster französischer Malerei. Anfangs war ich erschreckt durch die Kälte, die überall in diesen Bildern liegt. Die Landschaften drücken Sensationen aus, die der Großstädter hat, wenn er hinaus kommt, nicht die Liebe des in jener Umgebung aufgewachsenen Menschen, d. h. es ist etwas Intellektuelles in ihnen. Alle diese Bilder sind von wunderbarer Farbenharmonie und wirken aus der Ferne zugleich äußerst dekorativ. Doch alle kühl wie die Gedichte der Parnassiens.   Sonntag, den 21. März. Wenn man das Pariser Leben in den Theatern und auf der Straße beobachtet, die Feuilletons und Berichte aus der Gesellschaft verfolgt, sowie einige Blicke in die moderne Literatur wirft, so muß einem der übermäßige Kultus der Frau auffallen. Es ist nicht das Widerliche, wie in Amerika, wo das Weib als höheres Wesen gilt und sich nach eigenem Gutdünken immer mehr entweibt und dadurch zu einem kraftlosen Hermaphroditismus gelangt, den die ungebildeten Männer, und das sind fast alle Amerikaner, sich gefallen lassen. Es ist immerhin etwas Weibliches, was hier im Weib verehrt wird, wenn auch meist nur das Äußere des Weibes. Schöne Körperformen, elegante Toiletten, Esprit und dergleichen. Dieser Kultus hat nun eine Wesensform gezeitigt, und ich glaube, daß das die typische Erscheinung der Pariserin ist, die in nichts, als in kleinen Eitelkeiten, Wünschen und Freuden aufgeht, ein Wesen, das ganz Puppe ist und hohl. Ich habe diesen Typus in der Hauptgestalt meiner Novelle Mela im Voraus geahnt, nur daß diese leere Koketterie bei ihr fast bewußt und dadurch beinahe ein raffiniertes Laster ist. Die Pariserin dagegen ist ganz naiv in ihrer Leerheit. Sie kennt garnicht einmal die eigentliche Freude an ihrer Herrschaft über die Männer, denn sie ist für sie zu selbstverständlich. Die Galanterie erreicht hier ein ganz unerhörtes Maß. Die Pariserin ist beleidigt, wenn man in ihrer Gegenwart andere Frauen hübsch findet. Auch mit Blanche bin ich im Augenblick etwas brouillé. Die Ursache ist offenbar, daß ich in diesem Punkte nicht französisch genug bin. Blanche habe ich bisher für eine schöne Ausnahme gehalten. Vorgestern Abend in der Oper: Lohengrin. Ich war wenig aufnahmefähig, doch konstatierte ich, daß alles, was Geld und guter Wille erreichen können, hier erreicht wird: ein treffliches Orchester von wunderbarer Klangfarbe, hervorragend geschulte, stimmbegabte Künstler. Aber von dem, was Lohengrin und Elsa von einem harmlosen italienischen Opernliebespaar unterscheidet, wissen sie nichts. Lächerlich ist teilweise die Übersetzung von Nuitter, z. B. »et Lohengrin, son chevalier – c'est moi«, am Ende der Gralserzählung. Gestern Abend in der Scala. Yvette Guilbert gehört, die Sarah Bernhardt des Café-concert. Auch hier fand ich zunächst viel kalte Routine. Ich habe auf dem Gebiet des leichten Chansons in den Cabarets manches Vortreffliche gehört, das mir viel besser gefiel, z. B. Mademoiselle Miette in der Roulotte, der es nicht möglich ist, durchzudringen, weil sie dem allgemeinen Geschmack nicht entspricht. Einen Winter lang hat sie allabendlich in einem kleinen Faubourgconcert gesungen, dabei ist jedes Wort von ihr Geist und Empfindung. In der Scala wurde außerdem gestern eine Revue aufgeführt, in welcher die Ereignisse des letzten Jahres persifliert auf die Bühne gebracht wurden. Es geschah etwas, was eine antike aristophanische Seite des Pariser Lebens offenbarte. Unter anderem amüsierte man sich über eine Prinzessin Chimay, die sich in den Kapellmeister einer Zigeunerkapelle derartig verliebt hat, sodaß sie ihren Mann verließ, um mit jenem zu leben. Seit kurzem ist das Paar, die Prinzessin Chimay und der Primas Rigo, in Paris. Gestern Abend erschienen beide nun in einer Loge und sahen zu, wie man ihre Geschichte darstellte. Es entstand die größte Bewegung im Publikum, welches gespannt das Paar bei jedem Bonmot, oft sehr derber Art, beobachtete.   Montag, den 22. März. Ich lese im 9. Band des Tagebuches der Goncourts und wundere mich über die geringe philosophische Kultur des Kreises um Goncourt und Daudet. Es ist die Rede davon, daß man die Freude an den Romanen darum verlöre, weil sie nicht wahr seien, nur noch wirkliche Dokumente könnten interessieren. Man vergißt dabei, daß ein gutes Kunstwerk wahrer ist, als die Wirklichkeit. Überhaupt ist der ganze Band ziemlich inhaltslos. Der Engländer ißt, um sich zu nähren, der Franzose aus Vergnügen am Essen, der Deutsche, um das Gefühl des Hungers los zu werden, d. h. er verdirbt sich den Appetit. In der Ecole de Pharmacie die Besnard'schen Fresken gesehen. Ich kann darin nicht mehr sehen, als ein tastendes Suchen bei nur seltenem Gelingen. Vor allem eine maßlose Stillosigkeit. Ein Frauentypus, den ich sehr liebe: der Mund drückt beständig Scham aus über die Leidenschaft, welche die Augen aussprechen. In keinem Jahr war meine Sehnsucht nach dem Sommer so groß, wie heuer. Täglich beobachte ich, wie weit die Blätter an den Bäumen der Boulevards sind. Seit 2 Tagen erfüllt mich nun das Frühlingswetter mit Glück. Morgen, Mittfasten, will ich aufs Land gehen, da man hier in Paris eine Wiederholung des Mardi gras mit Confetti und Geschrei veranstaltet. Ich erhielt eine Karte von Gutmann, der am Gardasee ist. Manchmal beschleicht mich eine gewisse Sehnsucht nach dem tiefgeistigen Verkehr, dessen uns schließlich in München zu viel geworden ist. Wir waren so weit auf unsere gegenseitigen Denkformen eingerichtet, daß wir alle Erscheinungen unter 3 Kategorien brachten, welche sich durch Gutmann, Philips und mich bezeichnen ließen, je nachdem der Rhythmus einer Erscheinung einem dieser drei Individuen gemäßer war. Wir waren sogar oft gegenseitig auf Associationen eingestellt, die sonst an der Schwelle des Bewußtseins bleiben und von den Hauptgedanken unterdrückt werden. Eine Fortsetzung eines solchen geistigen Verkehrs könnte zu Ideenflucht führen. So sind wir immer zur Einsamkeit verdammt. Wolfskehl, Philips und Gutmann haben mich nun geistig so sehr verwöhnt, daß ich so leicht nie mehr als einen oberflächlichen Verkehr finden werde. Ich habe hier einige Besuche gemacht, befürchte aber, daß mir dies zu nicht mehr als bisweiligen Zerstreuungen verhelfen wird. Im Grunde bin ich einsam. Ich denke oft an meine toten Eltern. Ich habe nichts anderes von den Menschen, als bisweilen einmal ein kurzes Beisammensein mit den drei genannten Freunden. Aber diese Zusammenkünfte dürfen einige Wochen nicht überschreiten, da wir uns gegenseitig aushöhlen und uns schließlich in ewigen Analysen zersplittern. Meine Hoffnung ist immer wieder, bald eine Frau zu finden, mit welcher ich in völliger Gemeinschaft leben kann. Gutmann beobachtet übrigens ganz anders, als ich, individueller, realistischer, ich typischer, wenn man will, metaphysischer. Er beobachtet zum Beispiel besser als ich, ob sich in einer Gesellschaft ein heimliches Liebespaar befindet. Ich sehe mehr die ganze Idee, die in dieser Gesellschaft zum Ausdruck kommt. In Italien verschwinden die Individualitäten mehr im Typus der Rasse. Fast alle Leute sehen »südländisch« aus. Auch der Geist der Bevölkerung hat etwas Unindividuelles. Die Bauern sprechen von dem Fluß, dem Berg, dem Baum, der Blume, ohne sich nur um ihre einzelnen Namen zu kümmern. So konnten sie in einer Vigne bei Rom nie mich von dem ca. 45 Jahre zählenden Bildhauer Volckmann unterscheiden. Wir waren beide »der« Fremde. Heute im Museum und der Fabrik der Gobelins. In dieser Technik darf man nicht versuchen, mit der Malerei zu rivalisieren, wie überhaupt in schwierigen Techniken. Die Schwierigkeit der Technik darf nie als Hindernis dienen, sodaß man etwa sagt: für einen Gobelin sehr gut, sondern sie darf überhaupt nicht bemerkt werden. Ein Vergleich mit der Malerei darf gar nicht aufkommen. Die schwierige Technik muß, wie überall, zur Konzentration, zum Einfachen, Wesentlichen, Typischen führen, wie in der Poesie Sonett oder Terzine etwas ganz anderes wollen, als Prosa. Während wir bei einer Madonna garnicht daran denken, daß wir diesen Stoff schon so oft gesehen haben, während kein Mensch bei Memling oder Bellini sich fragt, welcher von beiden die Madonna besser ausgedrückt hat, weil hier kein Mensch an den Stoff denkt, ist dies ganz anders bei Historienbildern. Da braucht nur Herr Hinz zu kommen und zu sagen: ich war selbst dabei und habe gesehen, daß es anders war, als der Maler es zeigt.   Donnerstag, den 25. März. Ich habe gestern ein originelles Geschöpf in einer Maison de tolérance gefunden. Das ist doch der einzige Notbehelf, hier verhüllt sich das Laster nicht. Es ist sogar echt, und darum nicht ohne einen vorübergehenden Reiz, putain, im Gegensatz zur grande cocotte. Unter den geringsten Dirnen der äußeren Boulevards gibt es nicht wenige, die, wenn sie gewaschen und in Seide gehüllt, sich in nichts, aber auch garnichts, von der Belle Otero unterscheiden würden. Man sollte daher bei bezahlten Liebesfreuden in Bezug auf das Exterieur nicht mehr als auf Reinlichkeit und eine gewisse Bequemlichkeit sehen. Das meiste Übrige ist Suggestion; wieder ein Beweis, daß zu einem sich nichts versagenden Leben zwar Geld, aber keineswegs Reichtum gehört, vorausgesetzt, daß man tatsächlich nur für sich und nur das, was einem wirklich Genuß bringt, genießen will. Heute im Musée Carnavalet. Schöne alte Ansichten und Sittenbilder aus dem alten Paris. Rührend ist der Inhalt eines Glaskastens: die Trophäen der italienischen Diva Alboni aus der Mitte dieses Jahrhunderts. Kränze, Seidenschleifen, Stickereien, Gedichte ihrer Bewunderer; dies ist alles, was ein Bühnenkünstler übrig läßt. Heute einige schreckliche Stunden: Seit einigen Tagen besucht mich der Dämon wieder. Glücklicherweise geringe Gelegenheit hier in Paris. Heute zufällig hineingeraten. Herausgerissen hat mich die Neugier, andere Wesen zu beobachten, die ähnliches suchten. Ich folgte ihnen, ohne aber viel Neues zu sehen. So hat mich der analysierende Verstand einmal gerettet.   Sonntag, den 28. März. Gestern im Musée de Cluny Beobachtungen gemacht, als Bestätigung des neulich über die Gobelins Gesagten. Nur dann hat in der Kunst die Gebundenheit Wert, wenn sie produktiv wird, d. h. gewisse Vereinfachungen gebietet, die gerade eine besondere Schönheit bewirken können, die bei größerer Freiheit nicht möglich wäre, so wie sich die Tastnerven eines Blinden unendlich entwickeln. Aus der Beschränktheit wird ein Reichtum. Dies ist zugleich eine Widerlegung des Naturalismus, der etwas sagen will in der Kunst. Ich habe nun bereits mehrere Besuche gemacht. Vorgestern Abend Diner bei Meier-Graefe, dem Kunstkritiker. Obwohl er schwarz ist, hat er etwas typisch Germanisches, fast Schönes und besitzt eine gewisse Art norddeutschen Humors, der sich mit großer Gutmütigkeit zu paaren scheint. Dieser Mann kann, glaube ich, obwohl er offenbar Energie besitzt, dem Weibe gegenüber ein Kind sein an Zutraulichkeit, Hingebung und Aufmerksamkeit. Er lebt mit einem Mädchen zusammen, die still ist und angenehm in den Bewegungen. Er soll sie aus dem Sumpf hervorgezogen haben. Jedenfalls merkt man nichts mehr von ihrer Vergangenheit. Das Interieur verrät viel Kultur. Sehr einfache Räume in Unitapeten mit modernen Bildern in sehr zarten pastellartigen Tönen, mit schönen stilvollen Möbeln. Allerdings ist eine gewisse Kühle nicht zu leugnen. Die Tischgeräte alle ausnahmslos von schöner Form und feinem Dessin. Viele Blumen einzeln in Gläsern. Auch die Speisen waren mit Liebe gekocht, alles verriet persönlichen Geschmack, nicht einfache Befolgung der Gesetze des Kochbuches. Es waren mehrere Journalisten da, gute Sorte, doch Leute, die ganz Beamte geworden sind. Ferner der Zeichner Vallotton, ein sehr stiller Mensch, dann die beiden Kritiker Henri Albert und Dr. Gensel, sowie ein Musiker Oscar Fried. Mit diesen dreien habe ich Verabredungen getroffen, um sie näher kennen zu lernen. Von Fried muß ich nun sagen, daß ich ihn anfangs für einen leeren Renommisten hielt, doch scheint dies nur durch schlechte Gewohnheiten von ihm zu kommen. Er muß viel gelitten haben. Er ist erst 23 Jahre alt. Bisweilen hat seine Stimme etwas ausgesprochen Schmerzliches. Er lebt in sehr beschränkten Verhältnissen. Meier-Graefe bietet ihm einen dauernden Platz an seinem Tisch.   Montag, den 29. März. Gestern Abend bei dem Dr. Gensel, Kunstkritiker, zum Diner. Ein kleines Interieur. Auch er sucht modernen Stil, doch ist auch hier eine gewisse Kälte in der Einrichtung nicht zu leugnen. Er selbst ist, wie es scheint, ein ziemlich unbedeutender Mensch. Die Frau, – seit einem Jahre ist er verheiratet, – macht den Eindruck eines großen verständigen Mädchens. Sie scheint ein stilles angenehmes Wesen zu sein. Man merkt ihr etwas den dänischen Ursprung an. Nach Tisch spielten wir etwas Mozart, er Violine. Dann heftige Debatte über die Idee in der Kunst. Er kennt nicht den Unterschied zwischen dem, was man gemeinhin Idee oder Vorwurf nennt, und der platonischen Idee. Die Debatte wurde sehr hitzig. Er schien sich sehr dafür zu interessieren und ließ mich kaum los, denn er schien zu fühlen, daß ich Recht hatte, indem ich das, was er Idee nannte, als belanglos empfand. Trotzdem gab er mir mein Recht nicht zu und schien persönlich verletzt zu sein, obwohl er es auf meine Frage leugnete. Dennoch wollte er die Gelegenheit, zu lernen, zu profitieren, nicht verlieren. Er scheint ein kleinlicher, sogar mißgünstiger Mensch zu sein. Die Frau hörte gespannt und still zu.   Dienstag, den 30. März. Gestern Abend mit Fried zusammen. Er spielte mir einige seiner Lieder vor, die ein ganz hervorragendes Talent bekunden, zugleich großes Können und stilistische Durchbildung. Ich hatte also recht, etwas hinter seiner blague zu vermuten. Da er erst 23 Jahre alt ist, nahm ich Gelegenheit, ihm offen zu sagen, wie er sich dadurch schadet, daß er beständig mit seinen berühmten Bekanntschaften renommiert usw. Er nahm das als wohlgemeinten Rat hin. Überhaupt scheint er ein vortrefflicher, neidloser Mensch zu sein. Pekuniär ist es ihm oft sehr schlecht gegangen, und momentan lebt er von den Vorschüssen, die ihm der Verleger auf eine Oper gibt, die er noch in der Arbeit hat, nach einem Text von Otto Julius Bierbaum. Diese Verhältnisse haben ihm eine gewisse sozialistische Hochschätzung der Arbeit beigebracht, die mit einem völligen Mangel an Verständnis verbunden ist für die Berechtigung des rein betrachtenden Menschen, der in seinem Sinne nichts tut. Manchmal hat man den Eindruck, als ob er vom Leben noch nichts wüßte, obwohl er soviel darin herumgeworfen wurde.   Mittwoch, den 31. März. Hoffentlich sind nun die Tage vorbei, in denen mich der Dämon quälte. Heute habe ich zum letzten Male nachgegeben. Es ist der 31. Daß ich diese Pedanterie nicht los werde. Nun werde ich ihm wahrscheinlich wieder lange Zeit widerstehen, vom 1. April ab gerechnet. Eine Klippe ist der 16. April, mein Geburtstag, der wiederum einen Einschnitt bildet und Gelegenheit gibt, in dieser pedantischen Weise zu datieren. Glücklicherweise ist die Gelegenheit zum Nachgeben hier in Paris gering. Ich lese Sainte-Beuve's »Volupté«. Eine durchaus christliche Art, den Stoff zu betrachten, die Wollust als Laster, als Verbotenes, eine Nuance, die das Christentum erst brachte, viel tiefer und problemreicher, als die antike Betrachtung, welche die Wollust nur als schöne erlaubte Freude kennt und persönlicher, als unsere moderne Art objektiv, ohne jede metaphysische Nuance zu analysieren. Durch das Christentum erst das Vampyrhafte, die Force majeure der Wollust, das Dämonische Thatsache geworden. Aber dieser Nuance verdanken wir vielleicht die interessanteste Literatur. So wird bereits die gewöhnliche Cohabitation eine Art Satanismus, wenn auch in geringem Grade, insofern der Leib ein Tempel der Seele, das heißt Gottes ist. Dazu kommt nun nach langen Skrupeln und Gewissensängsten das Sich-dem-Bösenverschreiben, an den man aber glauben muß, um sich ihm verschreiben zu können, die Freude an der Befleckung, an der Schändung. Hierzu muß man aber Christ genug sein, um das alles für Befleckung, Schändung zu halten. Dies führt zu der Wollust, der Besudelung, der Selbsterniedrigung, welche durch die verschiedenen Formen des Lasters symbolisiert wird. Diese Sensationen sind christlicher Herkunft. Es handelt sich nicht darum, die Sinnlichkeit durch neue Reizungen zu kitzeln, was auch die Heiden thaten, sondern das Laster zum Symbol der Selbsterniedrigung zu machen.   Freitag, den 2. April. Merkwürdig, wie wenig mich die raffinierten Versprechungen der Kokotten reizen. Ich suche dort nur schnelle natürliche Befriedigung. Außer dieser kenne ich nur wirkliche Liebesnächte mit Frauen, zu denen man zärtlich sein kann. Mit einer Frau, bei welcher Geldentschädigung eine gewisse Rolle spielt, kann ich nicht länger zusammen sein, als die Sinne erregt sind. Hier in Paris denkt man entgegengesetzt. Man verkehrt mit den Kokotten, wie mit Geliebten. Viele Liebesverhältnisse werden mit ehemaligen Kokotten angeknüpft, die nach der Auflösung wieder auf ihr altes Handwerk verfallen. Ich lernte gestern bei Bullier im Quartier Latin den norwegischen Maler Munch kennen. Wir kamen auf dieses Thema. Er sieht in dieser galanteren Art, die Kokotte zu behandeln, die höhere Kultur des Landes. Dies war ja auch mein erster Eindruck, als ich nach Paris kam. Aber meine Seele kommt nicht mit. Er verhält sich hier nur schauend und lebt mit seinen Landsmänninnen. Ich dagegen habe versucht, mich in dieses Leben einzumischen und sehe in dieser Galanterie etwas mir fremdes, eine Überschätzung der Frau als Fleisch. Geschähe dies wenigstens orientalisch. Dabei aber beherrscht dieses Fleisch die Gesellschaft. Ich glaube, der Orientale würde sich totlachen. Auch er sucht ja in der Frau nur das Fleisch, deshalb weist er ihr aber auch die untergeordnete Stellung einer Sklavin an. Wenn der Germane dem Weib eine höhere Stellung gibt, so ist es, weil er etwas höheres in ihm sucht. Hier merke ich, daß ich doch germanischer empfinde, als ich glaubte. Ich kann den ganzen Tag einsam sein, ja, ich bin oft ungehalten, wenn man mich stört, wie heute Fried, der mich zum Déjeuner abholte. Ich will den Tag über entweder arbeiten oder allein umhergehen. Abends aber überkommt mich immer die Sehnsucht nach einem anderen Wesen, mit dem ich nicht durch intellektuelle Bande verknüpft bin. Das brauche ich ja nicht, dazu bin ich mir selbst genug, und die mannigfachen Anregungen des Tages erfüllen mich hinreichend. Ein Wesen, das ich liebe, und das mich versteht. Ich bin in diesem Sinn vielleicht mehr sentimental, als sinnlich, und das ist viel gefährlicher, da es den ganzen Charakter beeinflußt. Die Sinnlichkeit hingegen empfinde ich als eine geringere Regung und beherrsche sie dadurch, daß ich sie gelegentlich befriedige. Oft empfinde ich sie sogar als niedrig und dämonisch. Ich schalte sie aus meinem ganzen übrigen Leben aus, während ich die sentimentale Liebe gern mit allen anderen Werten des Lebens in Verbindung bringe. Natürlich ist es notwendig, daß ich auch die sentimental Geliebte körperlich besitzen muß. Schon, damit die unbefriedigte Sinnlichkeit nicht ihre eigenen Wege geht. Alles dies macht für mich die französische Kokotte mehr oder weniger unmöglich. Entweder Geliebte oder putain, das sind meine Pole. Der Verstand ist das, was in mir die vielen Widersprüche zeitigt. Mein eigentliches Wollen ist ganz einfach. Plötzlich aber legt der Verstand Zügel an, und nun scheine ich eine Zeitlang ganz umgewandelt. Ich bin mitleidig und dann wieder hart. Verstand und Wollen liegen bei mir in ewigem Konflikt. Und da beides stark ist, wird keines von beiden endgiltig unterworfen, sondern der Kampf geht immer wieder von neuem los, zwischen dem Impulsmenschen, dem Künstler, und dem pedantischen Philister, der nach Verstandeskategorien urteilt. Gestern Abend mit Henri Albert zusammen. Er hatte seine Geliebte Madeleine bei sich, eine liebenswürdige, doch kindische Person, die sehr hübsch ist. Wir waren bei Bullier und trafen dort Munch. Albert scheint ziemlich unbedeutend zu sein, indeß ein sehr liebenswürdiger Mensch von angenehmen Formen. Über Gensel hat man allgemein die Ansicht, daß er ein Duckmäuser sei und wenig befähigt. Weidenbusch betrachten sie hier als einen begabten Blagueur. Besonders seine Geliebte hat überall mißfallen, sie sei dumm und verwöhnt. Sie vergöttert ihn bis zur Blindheit gegen alle anderen. Madeleine nennt sie »une grue arrivée«.   Samstag, den 3. April. Gestern nach dem Diner begegnete ich auf den Boulevards Gustav Richter, meinem Münchener Bekannten, dem Maler, der sich schon seit einigen Monaten hier aufhält und die Akademie besucht. Freudiges Erstaunen über unser plötzliches Wiedersehen. Er lebt ziemlich einsam, arbeitet viel, bummelt gegen Abend durch die Straßen, knüpft hie und da eine Liebelei an, freut sich über die schönen Straßenbilder u.s.w. Er unterhält einen regen Briefwechsel mit seinem kleinen Münchener Mädel, mit der er sich nicht entschließen kann, zu brechen. Wir brachten die Nacht in mehreren Lokalen zu. Als wir gegen Morgen nach Hause gehen wollten, lag ein so wunderbarer tiefblauer Himmel über der Stadt, daß wir beschlossen, nicht zu Bett zu gehen. Wir gingen, während die Dämmerung eintrat, nach Notre-Dame. Die Blicke von der Seine aus sind von wunderbarer Schönheit. Er führte mich in das Quartier du Marais, jetzt eines der ärmsten Viertel, unter Louis XIV. der Mittelpunkt von Paris. Noch sehr viele herrliche alte Hotels dieser Zeit von prachtvollen architektonischen Formen. Wir frühstückten in einer kleinen Crèmerie, wo einige Arbeiter hinkamen, die an ihr Tagewerk gingen. Rings herum standen Körbe, in denen Hühner schliefen. Man saß um den Herd. Als wir hinaustraten, fiel feiner Regen, die Straßen waren schon belebt. Gegen 7 Uhr früh kam ich nach Hause.   Montag, den 5. April. Was mich von der Kokotte zurückhält, ist auch dies: Meine innerste Überzeugung ist, daß nur der Mann ein Recht an einem Weibe hat, den das Weib aus Instinkt als Mann begehrt. Ich komme mir daher kläglich vor, wenn ich gewissermaßen das, was der Mann in mir nicht fertig bringt, nämlich das Weib zu erobern, in dem betreffenden Falle durch ein Surrogat, nämlich das Geld, erzwingen würde. Ich fühle mich überhaupt nur bei dem Weibe völlig als Mann, von welchem ich die Empfindung habe, daß sie mich begehrt, wie ich sie. Im Caféhaus habe ich einen gewissen Dr. Graf kennen gelernt, Schriftsteller aus Wien. Wir kamen auf Goethe zu sprechen. Tasso, das einzige Werk, in welchem die Nervosität in klassischer, das heißt nicht nervöser Form dargestellt ist. Tasso ist nicht Goethe, sondern nur eine Seite Goethes, wie Werther eine Episode Goethes ist, d. h. er steht über seinen Stoffen. Die modernen Darsteller der Nervosität hingegen stellen nur sich dar, und zwar sich ganz, nicht einen Teil von sich. So stehen sie im Stoff. Ihre Werke bleiben Bekenntnisse eines nervösen Menschen in nervöser Formlosigkeit, sie bleiben subjektiv, werden nicht Symbol. Auch unsere Ansichten, d. h. die scheinbaren Resultate unserer Verstandestätigkeit stammen aus Instinkten. Würde mein Instinkt die Kokotte begehren, so hätte gewiß mein Verstand ein vortreffliches System bereit, daß die Kokotte überhaupt die einzig berechtigte Weibform wäre. Heute in der Ausstellung der Indépendants auf dem Marsfeld. Hauptinteresse die neuen Impressionisten, unter ihnen besonders der hochbegabte Munch. Heute Nachmittag lange mit ihm zusammen. Er verdirbt sich vieles in seinen Bildern durch das vorwiegende Gedankliche.   Donnerstag, den 8. April. Weiter Besuche gemacht. Madame Haeck, deutsche Jüdin, aber ganz französiert, sehr sympathisch im Äußeren und in den Bewegungen. Literarische Interessen. Vierzehnjähriges Töchterchen, spricht kein Deutsch mehr, frühreif, schon zu damenhaft. Dann beim deutschen Generalconsul, von der Frau empfangen. Glacial. Typus der norddeutschen, allerdings eleganten Beamtenfrau. Als ich im Gespräch bemerkte, daß die Kinder nur englisch und kein Deutsch reden, war ich doch etwas erstaunt. Dann bei Frau Alice Straßburger, geborene Löwenstein, gewissermaßen eine Schulfreundin von mir. Sehr liebenswürdiger Empfang. Auch ihr Kind spricht nur französisch. In der Galerie Durand-Ruel. In Monet muß ich nun wirklich doch den Maler ersten Ranges anerkennen. Er vereinigt die souveräne Technik Renoirs mit einer noch tiefer malerischen Seele. Meist trifft er das Typische, das tiefste Symbol. Dabei eine unglaubliche Vielseitigkeit seiner Visionen. Dann in der Ausstellung der Pastellistes français. Überraschend, wie hoch hier das Durchschnittsniveau ist. In der Maison Bing. So bewundernswert und reich die modernen Dessins und Gefäße sind, so unabhängig und neu im Stil, so unvollkommen sind noch die Möbel. überall eine gewisse steife dünnbeinige Eckigkeit, die bald an Louis XVI, bald an Japan und bald einfach an Gartenmöbel erinnert. Sehr geeignet für Gartensäle, Vorräume, aber im Salon zu kalt und unbehaglich. Ich habe nun mit Ausnahme einiger Kunsthandlungen, die ich noch morgen besuchen will, alles gesehen, was ich hier in Paris auf dem Programm habe. Auch habe ich meine bis jetzt eingetroffenen Empfehlungen alle abgegeben. Angefangene literarische Arbeiten liegen keine mehr da. Ich bin nun also endlich soweit, wohin ich mich lange wünschte. Ich kann mich nun eine Zeitlang dem Zufall in die Arme werfen, und wie bedarf ich dessen! – Ich fühle mich abgestoßen von der eigenen analysierenden und registrierenden Art, wie ich oft zwischen den Dingen umhergehe. Aber ich habe nun meine Angst, etwas zu versäumen, doch wohl beruhigt, indem ich alles das gesehen habe, was man aufsuchen kann. Was noch übrig bleibt, und das ist wohl das Beste, ja das Einzige, kann nur der Zufall bringen. Ich werde nun eine Zeitlang ganz planlos leben, nichts nachlaufen, aber alles an mich herankommen lassen, dadurch mehr mit mir allein sein. Denn so oft ich in den letzten Monaten allein war – ich war es fast immer – so ausgefüllt war ich von Gedanken, die stets meine Hirntätigkeit überwach hielten, so daß ich nicht dazu kam, den wesentlichen Stimmen zu lauschen, die erst dann aus den Abgründen heraufflüstern, wenn der Intellekt nicht zu ausgefüllt ist. Auf die Anregungen der Außenwelt kann ich zwar nicht verzichten, aber es ist ein Anderes, diesen Anregungen nachzulaufen, alles gesehen haben wollen, oder sich ihnen hinzugeben. Hoffentlich wird mir diese Art des Lebens gelingen. Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, wie verfehlt ich bis jetzt gelebt habe, wie ich immer mit dem Verstand genossen habe, ja oft in meinen Dichtungen der Verstand noch zu viel mitspricht. Eigentlich sollte ich sie verbrennen darum, aber die Eitelkeit, die ich auch noch nicht überwunden habe! Ich muß nun ganz anders leben, weniger sehen, weniger lesen, weniger denken, weniger arbeiten, mehr lauschen. Die Entwickelung aus meinem Zustand heraus, nämlich dem Denkzustand, zur Mystik versuchen, von der ich so genau weiß, was sie ist und von der ich so unglaublich weit bin. Gutmann schreibt aus Florenz, daß er sich von den Münchener Verstandesorgien dort befreie und ein reines Gefühls- und Phantasieleben zwischen Kunst und Natur führe.   Mittwoch, den 14. April. Der Verkehr mit den Frauen hält unseren Idealismus wach. Nicht, weil die Frauen so ideale Wesen wären, sondern weil es ideal ist, etwas um seiner selbst willen zu begehren, und wäre es auch an sich nicht wertvoll. Meine Liebe zur Nacht nimmt ab. Ich möchte mir angewöhnen, früh aufzustehen, den ganzen Tag draußen zu sein, Menschen und Dinge zu sehen und nur in regnerischen oder dunkeln Stunden zu lesen oder zu schreiben, die Abende möglichst abzukürzen. Ein Brief von Richard, der mich aufrichtig freut. Er schreibt von einer Liaison, die er mit einer Erzieherin in Frankfurt angefangen hat. Dieses Erlebnis wird gewiß dazu beitragen, daß er sein entstelltes Gesicht weniger unglücklich empfindet. Er will nun Maler werden und teilt es mir in so verständig klarer Weise mit, daß ich ihm nicht widersprechen kann. Ferner ein Brief von Gutmann aus Florenz, der dort so lebt, wie ich hier leben möchte, vom Zufall geleitet und glücklich. Wie mich sein Brief wieder mit dem alten Heimweh nach Italien erfüllt. Hier in Paris werde ich doch immer fremd bleiben. Man ist hier viel mehr auf die Menschen angewiesen und beurteilt sie daher strenger, als in Italien, wo einem Natur und Kunst viel mehr erlauben, sich von ihnen zurückzuziehen. Böcklins Söhne sollen zum Teil verrückt sein, einer dagegen ist Zahnarzt. Das hat mir fast einen noch traurigeren Eindruck gemacht. Stefan George und Paul Gérardy sind seit einigen Tagen hier auf der Durchreise. Gérardy ist doch ein ausgesprochener Literat. Er beobachtet einzelnes Treffliche, hat gute Einfälle, aber welche Kälte! Er wundert sich, daß ich allein einen Ausflug aufs Land unternehme. Ich war sehr viel mit ihm zusammen, gehe ihm aber nun etwas aus dem Weg, da er mich ermüdet. Er bringt die Hälfte seines Lebens im Caféhause zu. Stefan George ist dagegen wundervoll. Er lebt meist allein und kommt nur bisweilen zum Besuch in die großen Städte. Er sprach von der Veränderung des Wohnsitzes und meint, daß wir Deutsche uns doch draußen immer fremd fühlen müßten. Wir können viel lernen in Paris, aber wir brauchen die Landschaft, in der wir groß geworden sind. Ja, unsere Naturen haben nötig, einen heftigen Winter durchzumachen, und nur ausnahmsweise dürfen wir nach dem Süden flüchten. Gerade jetzt, wo sich in Deutschland ein Umschwung vorbereite, dürfe man nicht flüchten. Er spricht sehr ungehalten über Wien. Es sei dort eine Art Miß-Kultur, die nicht aus dem Weg zu schaffen und darum aller wahren Kultur feindlich sei. Ein wirkliches Talent selbst müsse daran zu Grunde gehen, und bald würden wir dieses traurige Schauspiel an Hofmannsthal erleben. Merkwürdig finde ich seine Einseitigkeit, die Peter Altenberg alles Talent abspricht. Auch Waclaw Lieder habe ich kennen gelernt, einen polnischen Edelmann, der hier in Paris lebt. Seine Verse haben einen tiefen biblischen Zug. Er selbst erinnert etwas an einen alten jüdischen orientalistischen Sprachgelehrten. Gestern Reception bei Madame und Monsieur Vallette, Redakteur des Mercure de France. Frau Vallette, die unter dem Namen Rachilde schreibt, eine fast vierzigjährige Frau von schöner Körperlinie, großer Lebhaftigkeit und geistreichelnder Pose. Sie hat mir ihr Buch »Les Hors-Nature« dediziert. Ferner war eine sehr lebhafte Blondine da, welche alle Welt Fanny nannte, Schauspielerin. Sehr oberflächlich und amüsant, früher Modell, Maitresse des Journalredakteurs. Außerdem war Lord Douglas da, der berühmte Freund des englischen Dichters Oscar Wilde. Douglas scheint im Äußeren nicht über die Banalität des jungen Engländers hinauszugehen, schlank, blond, bartlos, mädchenhafte Züge, kleiner fragender Mund. Doch hat seine Stimme einen traurig verschleierten Ton. Ich fragte ihn über das englische Leben und meinte: »La vie anglaise est bien triste n'est-ce pas?« Er antwortete ohne Pose: »La vie est triste partout.« Seine Gedichte, die die Schönheit des Südens, der Antike, der griechischen Liebe besingen, sind nicht ohne Talent.   Samstag, den 17. April. Man versucht jetzt hier, gegen das Tragen von Hüten der Damen im Theater vorzugehen. Aber der Feldzug wird mit einer Niederlage enden. In allen anderen Ländern ist es selbstverständlich, daß eine Frau nicht das Recht hat, durch den Hut oder die Frisur die Zuschauer zu stören. Hier hat man eine Enquete veranstaltet. Eine der ersten Kokotten antwortete ungefähr so: C'est si rarement que je vais au parterre, et si j'y suis allée, on ne s'est jamais plaint de mon voisinage. Viele Frauen stehen hier auf dem Standpunkt, daß man nur faute de mieux auf die Bühne blickt, wenn man keine pikante Nachbarschaft hat. Weidenbusch sagte neulich zu mir: Ich könnte nie in mittelmäßigen Verhältnissen leben, wie Sie, entweder reich oder ganz arm. In Ihren Verhältnissen würde ich mein Vermögen durchbringen, um einmal alles zu genießen, und dann als Bohémien weiter zu leben. Wie sich bei Stefan George doch die Pose verloren hat. Es scheint, daß wir alle einmal pour épater le bourgeois eine Zeitlang posieren, allmählich aber werden wir immer einfacher. Gestern war mein Geburtstag, zugleich Charfreitag. Den Nachmittag war ich in einem Kirchenkonzert, am Abend mit Blanche zusammen, deren einfache Anspruchslosigkeit und Diskretion in allem, was sie spricht und tut, wirklich vorteilhaft von allem absticht, was ich sonst in Paris sehe. Ich verbrachte den Tag zu meinem Staunen ohne jede Sentimentalität. Am Tage vorher war der Dämon da, d. h. ich rief ihn absichtlich, um mit meinem Geburtstag einen neuen Abschnitt zu beginnen. Von Tilly ein Geburtstagsbrief, in dem sie mir schreibt, daß sie die Verlobung mit Alewyn nicht auflöst und bald zu heiraten gedenkt. Sie macht meinen Einfluß für ihre früheren Dummheiten verantwortlich. Soeben erfahre ich durch Gérardy, daß Richard Perls in Paris ist, und zwar in einem Zustand völliger Hinfälligkeit. Obwohl wir eigentlich wenig zusammen passen, habe ich immer eine gewisse Neigung zu ihm gehabt, und es ergreift mich eine unendliche Lust ihm in seinem Zustand zu helfen. Er ist ein Mensch von ungewöhnlicher Verfeinerung und Begabung, aber es ist, als ob sich alles bis zur völligen Auflösung in ihm spaltet. Keine Spur von Kraft mehr in ihm. Seine Gedichte sind von großer Zartheit. Er ist erst 24 Jahre und völlig dem Morphium verfallen.   Ostermontag, den 19. April. Am Samstag Abend Diner mit George, Gérardy, Lieder, Klein und Perls, letzterer in wahrhaft schrecklichem Zustand, kann kaum gehen, macht alle Viertelstunde eine Morphiumeinspritzung. Seine alte Pose hat er jedoch beibehalten. Gestern Brief von Gutmann aus Florenz. Er schickt ein Gedicht, das wieder recht schwach ist, zu viele geprägte Ausdrücke. Wir planen ein Zusammentreffen im Sommer. Brief von Richard, der ganz in seiner Liebe aufgeht und dadurch einen Eindruck der Reife macht, die ich bei ihm nicht kannte. Gestern allein Ausflug nach Sceaux, von da zu Fuß nach Versailles. Eine entzückende Gegend, besonders die lachenden Dörfer mit ihren blühenden Kastanien und Flieder. Unterwegs fielen mir zwei Gedichte ein an Blanche: »Ich liebe dich wie eine weiße Blume« und »Das lichte Birkengrün an Sonnentagen«. Um die Dämmerung in Versailles. Ich betrat den Park, das Abendrot lag auf den Gewässern wie glühendes Kupfer. In der Dämmerung schienen die regelmäßig geschnittenen Taxushecken von seltsamer Phantastik. Heute jour du Vernissage in den Champs-Elysées. Ich habe nie so viel Schlechtes beisammen gesehen. Doch wunderbar das Leben, das sich dort entfaltet und die schönsten und bestgekleideten Frauen von Paris zusammenruft. Ich traf die Löwensteins und Straßburgers und begrüßte sie natürlich deutsch, worauf sie mich ziemlich kühl behandelten. Als ich sie zum zweiten Mal sah, fingen sie gleich französisch zu sprechen an, und als sie merkten, daß ich die Sprache beherrsche, waren sie von größter Liebenswürdigkeit. Dabei waren wir alle Deutsche ohne Ausnahme.   Dienstag, den 20. April. Heute Empfang bei Madame Rachilde. In dieser Woche habe ich ihr Buch gelesen »Les Hors-Nature«. Von ganz erstaunlicher Beobachtung, wenn auch zu breit und fast ohne eigentliche dichterische Qualitäten. Sie selbst erschien mir heute weit liebenswürdiger. In diesen Kreisen ist man theoretisch von der Oberflächlichkeit, die in Paris herrscht, und die mich so abstößt, überzeugt, und ich war es, der diesen französischen Schriftstellern gegenüber sogar die französische Kultur in Schutz nahm. Trotzdem aber bestand auch hier die Unterhaltung fast nur aus Literaturklatsch.   Donnerstag, den 22. April. Ich finde in Sainte-Beuve's Volupté eine Stelle, die mich grausam an mich selbst erinnert. Auch er kennt diese Daten, bis zu welchen er den Dämon noch empfangen will, von welchen ab nicht mehr.   Freitag, den 23. April. Gestern und die letzten Tage graubedeckter Himmel, dazu das Hellgrün der Kastanienbäume, die schon in Blüte stehen und die braunen, erst halb erblühten Fliederstauden in den Champs-Elysées. Zwischen diesen Farben scheint eine bläuliche Atmosphäre zu liegen. Gestern Nachmittag in den Champs-Elysées. Ich las dort Edgar Poe's Novelle »La chute de la maison Usher«, das Beste, was ich von ihm kenne.   Samstag, den 24. April. Interessant ist, zu beobachten, wie Fried mit den Frauen steht. Er hat nie etwas besonderes erlebt, scheint sogar im Allgemeinen Unglück zu haben, was ihn aber wenig rührt. Hier in Paris ist er völlig verwandelt. Er spricht kaum ein Wort französisch, behandelt die Mädchen, d. h. die Kokotten grob, benimmt sich kindisch, wie ein Affe, und hat in einem fort Frauen, die sich ihm ohne Entgelt hingeben, während sie sonst von Berufswegen ein Geschäft daraus machen. Er meint, das würde noch viel besser, wenn er erst die Sprache kann. Ich glaube das Gegenteil. Im Augenblick, wo er zivilisiert sein wird, hört das auf. Die Mädchen halten ihn für einen Halbwilden, vor dem sie sich nicht genieren. Er rechnet garnicht als Monsieur oder als Miché; sie sind zu ihm so wie eine Weltdame einem hübschen Bauernburschen gegenüber sein könnte. Wie falsch wäre es, nun zu schließen: wenn der Bauer aber erst elegant gekleidet wäre, wie groß würden dann erst seine Chancen sein! Etwas ähnliches in der Geschichte von dem goldenen Esel bei Apulejus, als der Junius die Liebe der Witwe erringt. Gestern sah ich einen dicken braunen Menschen, der wie ein in Amerika heraufgekommener Pflanzer aussah. Er trug die merkwürdigsten Dinge, zum Beispiel Manschetten, die von schwarzen, dicken Linien karriert waren. Aber das alles paßte so völlig zu ihm, so wie das Haus zur Schnecke sich aus Stilinstinkt selbst bildet. Ich bin mir ganz klar darüber: das Einzige, was mich immer wieder an die Großstadt fesselt, ist die Frau. Ohne dies Bedürfnis würde ich längst in der Einsamkeit auf dem Lande leben. Eigentlich sind alle Typen unangenehm, der Deutsche so gut, wie der Franzose, der Großstädter, wie der Kleinstädter, der Fromme, wie der Gotteslästerer. Ganz falsch wäre nun, zu schließen, der Mittelweg wäre das Beste. Er ist das allerwiderlichste. Vielmehr ist nur das Individuum wertvoll, welches aus dem Typus heraustritt. Fried legt einen ungeheuren Wert auf das Geld, wahrscheinlich, weil er es nicht hat. Darum ist eigentlich kein Gespräch mit ihm möglich, weil das immer bei ihm das A und O von allem ist.   Montag, den 26. April. Gestern und heute bin ich auf das Land gegangen. Diese lachende Natur um Paris zieht mich sehr an. Es sind sanfte Linien, aber nicht so nachdenklich, wie in meiner Heimat. C'est joyeux, riant. Auch keine Größe. Sanfte Hügel, hellgrüne Buchenwälder, Kastanienhaine, Landhäuser und saubere Dörfer, die schon fast Landstädtchen sind. Dazwischen die langsam fließende gewundene Seine. Hier konnten die maîtres galants des 18. Jahrhunderts, aber auch Corot reifen, und die zarten französischen Chansons, die sentimental sind, ohne vulgär zu sein. Ich glaube, in Ville-d'Avray eine Sommerfrische gefunden zu haben. Heute war der erste wahre Frühlingstag. Erst ein Gewitter, dann ist lauer Regen gefallen. Bisher war die längst schon aufgeblühte Landschaft ohne jene berauschenden Düfte des Frühlings. Heute sind sie gekommen, und mit ihnen tausend Erinnerungen, nicht etwa an andere Frühlinge nur, überhaupt an mein früheres Leben. Als ob man im Winter nicht auch lebte! Diese Düfte riefen mir meine Kindheit zurück, Frankfurt, meine Eltern. Die Goethe'schen Gedichte, die ich bei mir hatte, verstärkten nur diese Stimmung. Unterwegs entstanden die Verse: »Duftlos war das Laub gesprossen ...« Früher interessierten mich auf Reisen besonders die Menschen, und ich gewann eine gewisse Routine, Bekanntschaften zu machen. Heute das Gegenteil. Selbst wenn mir jemand interessant erscheint, weiche ich ihm oft aus, weil ich meine Einsamkeit nicht stören will. Fried möchte gern meine Landausflüge mitmachen. Aber ich kann mich nicht dazu entschließen, nicht einmal ein Mädchen mitzunehmen. Früher konnte ich nicht einsam sein. Darum genieße ich auch jetzt zum ersten Mal wahrhaft die Natur. Welcher tiefe Genuß, als ich heute aus der Manufacture de Sèvres in den Park hinaustrat. Der Regen war vorbei, und alles in feuchtem Hauch, der über den Wiesen eine dünne, durchsichtige, zarte, bläuliche Schicht bildete. In diesem Augenblick war es Frühling geworden. Man sollte die Kinder nicht zum Gehorchen, sondern zum Befehlen erziehen, was heute fast nur die Adligen können. Ich vermeide es, mit Untergebenen viel zu reden, da ich mich im Befehlen nicht immer sicher fühle, andererseits aber auch weder grob sein noch brüllen will, denn das wäre ja das Gegenteil jenes selbstbewußten adligen Befehlens, das nicht verletzt, weil es dem so Befehlenden durchaus ansteht. Es ist selbstverständlich, daß ein solcher herrscht, und der Sklave findet es natürlich.   Donnerstag, den 29. April. Es gibt Menschen, denen die Beschaffung dessen, was zur Befriedigung der täglichen Bedürfnisse dient, wie Wohnungssuchen, Berechnung des Etats u.s.w. an sich ein solches Vergnügen macht, daß dadurch ihre ganze freie Zeit ausgefüllt wird. Das sind die glücklichsten Menschen. Zum Beispiel mein Schwager Otto, der mit innigstem Behagen schon jetzt berechnet, was er mit der nächsten Gehaltszulage anfangen wird. Es ist wohl dasselbe, was man den echten Bürgersinn nennt. Es ist nun völlig Frühling seit mehreren Tagen, und mein Bedürfnis nach einem geliebten Wesen wird bisweilen qualvoll. Paris war meine letzte Verstandesneugier. Ich werde mich nun ungestört einem Gefühl hingeben ohne Egoismus. Ich entsinne mich manchmal einer kanadischen Dame, Mademoiselle Burassa, die ich flüchtig in München kannte. Sie ist sehr geistig und muß ihrem Äußeren nach auch körperlich einst meinen Gefühlen entsprochen haben, doch nun altert sie bereits. An Gutmann hat sie geschrieben, sie fühle sich mit mir »un peu de la même race«. Wir haben immer nur die gleichgiltigsten Dinge gesprochen, da wir nur in größerer Gesellschaft zusammen waren. Es war also ein geistiges Erraten. Gestern schrieb ich ihr mit der Bitte, bisweilen etwas von ihr zu hören. In einem Journal fand ich unter dem, was man hier Heiratsannoncen nennt, einige Zeilen, die mich interessierten, sie waren, wie an mich gerichtet. Es hat sich daraus eine Korrespondenz entwickelt, die viel verspricht. Auf Samstag bin ich nach Chartres eingeladen. Vorläufig habe ich die Empfindung, daß sie ein aufrichtiges, feingebildetes Wesen ist. Das Einzige, was abzuwarten steht, ist, ob wir uns äußerlich gegenseitig anziehen. Geistig scheint alles zu stimmen. Ihre Briefe geben mir die froheste Hoffnung. Ich denke an nichts anderes, während ich in den frühlingsgrünen Straßen umhergehe. Wollte man mir in meinen Nöten, da ich die Wertlosigkeit des Verstandes einsehe, das Christentum empfehlen, so hieße das nur, mich zurückkehren heißen, um auf einem anderen Weg dasselbe Ziel zu erstreben. Auch das Christentum könnte für mich nur ein Weg sein. Es ist eine der mehreren Vorhallen, die zum Tempel der mystischen Erkenntnis führen. Ich befinde mich in einer anderen Vorhalle, in der des Lebens. Aber ich sehe den Tempel bereits im Lichte glänzen. Ich muß mit der Zeit hingelangen, auch auf meinem Weg, der mir gemäßer ist, als das Christentum. Der Weg geht steil bergan, und ehe ich wieder ein Plateau erreicht habe, wie im vorigen Jahre in Frankfurt, werde ich wohl nicht die Ruhe zur Arbeit finden. Ich muß noch ein Stück weiter leben vorher. Im vorigen Jahr erreichte ich dieses Plateau, als ich die symbolische Bedeutung der Kunst erfaßt hatte, überhaupt den Begriff Symbol. Wenn sich meine Hoffnungen mit der Dame in Chartres verwirklichen, werde ich sofort Paris verlassen und irgendwo in der Umgegend dieser Frau und der Natur leben, bis sich wieder die Lust zum künstlerischen Schaffen einstellt, d. h. zum Ausruhen vom Leben. Ich lese Bourget »Physiologie de l'amour moderne«. Trefflich ist die Unterscheidung des »véritable amant«, der weiß, warum er ein bestimmtes Weib liebt und geliebt wird (und dieses Weib weiß es auch), und dem Amant temporaire (dem homme gentil), der immer nette Geliebte hat, aber immer zufällig, weil er hübsch, liebenswürdig, amüsant ist, ohne die Frauen zu kennen, und dem Exclus. Was bin ich? Jedenfalls nicht der homme gentil, sondern bald véritable amant, bald Exclus. Von Temperament das erste, durch den Intellekt aber häufig in die Rolle des letzteren geschoben.   Freitag, den 30. April. Gestern Richter getroffen. Was ich voraussah, ist gekommen. Er konnte nicht ohne seine kleine Emmy leben, nun ist sie in Paris. Fried's ewiges Jammern über materielle Nöte, das ewige Reden vom Geld ist mir doch unangenehm. Dabei geht es ihm garnicht so schlecht. Vor allem hat er schon mit 24 Jahren einen Verleger, der ihm Vorschuß gibt und bei Ablieferung der Partitur Mk. 10000.– bar. Gestern mit Albert, Münch und Fried bei Bullier. Es wurde eine deutsche Literaturgröße herumgeführt, Willy Pastor. Ein stupider schwerfälliger Mensch, der allerlei Dummheiten aussprach. George sei phantasiearm und künstlerisch gering. Claude Monet fabriziere Konditorware. Berlin sei darum eine so künstlerische Stadt geworden, weil dort technisch so viel gearbeitet würde. Er ziehe die Goethesche Iphigenie in Prosa der Versbearbeitung vor.   Sonntag, den 2. Mai. Gestern abend mit Richter und seiner kleinen Emmy zusammen. Interessant dieses einfache unbedeutende Mädchen im Quartier Latin, wo sie vor dem Kokottenwirrwarr einen direkt physischen Abscheu empfand. Mit Fried werde ich doch die Intimität aufgeben. Er ist ein unnobler Mensch. Er gibt es ruhig zu, keinen Stolz zu besitzen und führt als Entschuldigung an, daß die widrigen Verhältnisse alles Ehrgefühl in ihm getötet hätten. Ich gestehe jedem das Recht zu, wenn er Hunger und kein Geld hat, auch oberflächliche Bekannte um eine Mahlzeit zu bitten, nicht aber, was Fried tut, der einer Dame, bei der er verkehrt, nahe legte, ihm einen neuen Hut zu kaufen, den er auch annahm. Dabei hat er im letzten Monat ungefähr 250 Frs. ausgegeben. Er spricht immer von Geld. Der Ausflug nach Chartres verschoben. Ich treffe Mary morgen in Versailles.   Dienstag, den 4. Mai. Also gestern in Versailles Mary getroffen. Auf den ersten Blick war mir klar, daß sie nicht die Frau ist, die ich suche. Ihr Gesicht hat wenig ausgeprägte Züge, aber auch ohne irgend einen ausgesprochen unangenehmen Zug zu haben. Sie ist groß, blond, aber dieses unangenehme farblose Blond. Entschieden älter, als 24 Jahre, wie sie angab. Vom Bahnhof nach dem Restaurant bemerkte ich bisweilen einen lieblichen Ausdruck in ihrem Gesicht, der mich wieder einen Augenblick hoffen ließ. Aber dann war ich völlig klar. Übrigens hat sie eine entfernte Ähnlichkeit mit meiner Mutter, was mich auch stört. Sie ist von ihrem Mann, einem Advokaten, getrennt. Ich glaubte, daß auch sie sofort unsere Unzusammengehörigkeit bemerkt habe und vermutete selbst, daß die Einsicht, die bei mir der Intellekt milderte, bei ihr brutaler, nämlich als direkte Antipathie zum Vorschein kommen würde. Ich schlug ihr nach dem Déjeuner einen Spaziergang durch den Park vor und sagte ihr einfach, daß ich ihre Gefühle errate. Ich hatte mich indessen getäuscht, sie hatte für mich Sympathie gefaßt. Eine furchtbar peinliche Lage, und ich dachte an die Lehre, die ich im Sommer 1895 aus meiner Beziehung mit jener Malerin Marie St. gezogen habe, die mir nur sympathisch war, mich aber liebte und dadurch in ein intimes Verhältnis verwickelte, das für mich qualvoll wurde. Jenes Verhältnis endigte damals mit einer schrecklichen Nacht in einem Hotel in Sternberg, wo ich sogar bei körperlicher Bereitschaft einen psychischen Ekel gegen diese Frau faßte. Dies zu wiederholen empfinde ich natürlich keine Lust. Es gab eine sehr peinliche Stunde. Mary war offenbar sehr enttäuscht und behauptete, mich nicht zu verstehen. Es tat mir fast wohl, als sie schließlich sagte, daß ich ihr durch mein Raisonnement nun antipathisch geworden wäre. Leider durchschaute ich jedoch, daß eher das Gegenteil der Fall war. Ich hatte direkt Mitleid mit ihr und fand die Lage fürchterlich. Sie ist am Abend nach Chartres gereist, wo sie, wie sie sagt, allein, ohne Bekannte lebt. Ich glaubte, daß diese Enttäuschung auch mich mehr angreifen würde, da ich die ganze letzte Woche in großer Erregung war und meine ganzen Lebenspläne umgeformt hatte. Aber so sehr ich mich vor einem Erlebnis aufregen kann, so leicht tröste ich mich, wenn die Hoffnung zunichte wird. Am Abend traf ich auf dem Boulevard eine kleine Freundin, mit der ich schon früher einmal zusammengewesen war und die in der Nacht das fabelhafte Wort dort ausrief »Ah que c'est beau la nature«. Brief von Gutmann aus Rom, der dort nachts im Weinrausch zwischen den fließenden Springbrunnen durch die Gassen zieht.   Freitag, den 7. Mai. Gestern zufällig die Bekanntschaft der Witwe Herwegh's gemacht. Sie wohnt in demselben Hotel, wie ich. Eine achtzigjährige noch sehr rüstige kleine Frau mit sehr scharfen Zügen. Sie hat etwas Hexenhaftes dem Anschein nach, was sich aber bei ihrer äußerst liebenswürdigen Konversation verliert. Sie bewohnt ein einsames Hotelzimmer, sehr altmodisch, dunkelbraun mit weißen Lambris, voll von altmodischen Bildern Herweghs, darunter ein lebensgroßes Ölbild in der Ary Scheffer-Manier. Durch sie wurde ich in ein reizendes französisches Interieur der M\<sup\>me\</sup\> Vivier und Tochter eingeführt. Sehr gebildete Damen, die mir bei der Abfassung meiner französischen Broschüre über die deutsche Kultur stilistisch an die Hand gehen wollen. Gestern Abend zum Tee bei ihnen. Die Tochter, ca. 40 Jahre, etwas gelehrt, und die Mutter ihr gegenüber wie einem Manne, den sie bewundert. Sie gibt zu, keine eigenen Ideen zu haben, aber in Gegenwart ihrer Tochter die Ideen dieser öfters zu wecken. Trotzdem ist etwas ganz deutsches in diesem Interieur. Außerdem ein robuster Junge, noch sehr Kind, doch schon Leutnant bei der Handelsmarine, ferner eine junge hübsche Tochter, sehr germanischer Typus. Der Großvater war Deutscher. Die Tochter lebte meist in Schottland und hat sich auch einige englische Formen angewöhnt. Dieses große blonde Mädchen mit dem gesunden, aber nicht unangenehmen gesunden Äußeren hat mir zu meinem Erstaunen sehr gut gefallen, da mich früher eigentlich sonst das Mädchenhafte kalt gelassen hat. Während meine Neugier der Frau gegenüber schwindet, kommt wohl mein eigentlicher natürlicher Geschmack heraus, der viel mehr, als zu der schwarzen sogenannten interessanten Frau für die blonde, gesunde Frau inkliniert. Ich empfinde geradezu einen Umschwung in meiner erotischen Neigung, und ich halte ihn für gesund, da ich jetzt nicht mehr das mir ähnliche, raffinierte, sondern das mich ergänzende und mir wohltuende Unkomplizierte bei der Frau will. Ich kann, wie schon in München, meinen augenblicklichen Zustand wiederum nur einer zweiten Pubertät vergleichen. Hier hat in mancher Beziehung der Begriff pariserisch den Begriff menschlich ersetzt. Ein Drama, sagt man, hat viele Vorzüge, besonders aber ist es très parisien; oder »Sie können diesen Roman nicht beurteilen, dazu muß man Pariser sein, c'est tout ce qu'il y a de plus parisien«.   Mittwoch, den 12. Mai. Ich komme immer mehr dazu, zu glauben, daß, um sich ganz rein an Charakter zu erhalten, ohne sich zu prostituieren, um ohne jene erniedrigende Überschätzung der materiellen Güter zu bleiben, eine gewisse Vermögenshöhe, wenn nicht erforderlich, so doch sehr förderlich ist. Ich denke dabei an Fried. Auch an Überschätzung des Geldes, die ich oft selbst aus dem Munde aufrichtiger Bohemiens gehört habe. Die französische Kultur ist so tief in die Begriffe und Anschauungen des Volkes eingedrungen, daß ganz gut eine Zeitlang diese Kultur fortbestehen könnte, ohne daß wirklich bedeutende produktive Talente da wären. Heute ist es vielleicht so. Es ist, als wenn in einem Land der König gestorben wäre, der eine ungeheure Suggestion auf das Volk hatte. Aber den Ministern gelingt es Jahre hindurch, diesen Tod zu verheimlichen, und das Volk lebt weiter unter dem Geiste seines Königs, der längst tot ist. Ich habe nun selbst einmal eine Annonce im Journal veröffentlicht: Jeune homme du monde, littérateur, grand, brun, cherche connaissance d'une jeune jolie femme, affectueuse, bien élevée, pour union sérieuse. Ich habe 22 Antworten erhalten, die ich alle beantwortet habe, außer 2. Ich habe also diese Woche ca. 20 Rendezvous. Das Berliner Philharmonische Orchester unter Arthur Nikisch's Leitung ist hier und spielt unter begeistertem Applaus des Publikums. Fried, der früher dazu gehörte, führt nun seine früheren Kollegen in der Stadt herum. Es war sehr interessant, diese Typen zu beobachten. Alles treffliche Musiker, die nur durch ihr Können in dies Orchester gekommen sind. Wie sie hinter den Frauen her sind! Dabei sind sie nicht mehr jung und verheiratet. Das Leben der Fremden in Paris ist meist »une continuelle débauche«. In einem Bordell letzten Ranges waren diese Männer entzückt, teilweise aber auch moralisch entrüstet. Dabei haben sie eine Niedrigkeit des Ausdrucks, die mich erstaunt. Äußerlich unterscheiden sie sich garnicht vom gewöhnlichen Bourgeois, nur sind sie gutmütiger. Unter ihnen ein jüngerer Mensch, Lebemann geringer Sorte, ewig geschlechtskrank und dabei von einer Rohheit des Geschmacks und Mangel an jeder Verfeinerung im Genuß, wie ich sie noch nie gefunden habe. Ein anderer ist Millionär, nur zum Vergnügen mitgekommen. Cotelettebart, glatt rasiertes Kinn, immer den photographischen Apparat in der Hand. Er ist der unangenehmste von allen. Als Führer diente ihnen ein junger Deutscher, der seit 2 Jahren in Paris ist, der richtige Typus des Fremden, der den Pariser spielt, dabei nicht einmal gut französisch spricht: klein, dünn, blond, Spitzbart, langer Gehrock, Sammtkragen, großer Cylinder, trockenes, meckerndes Organ, ewig blaguierend, renommierend. Und dabei ohne jeden Humor oder Wärme. Heute im Quartier mit einem französischen Dichter zusammen, Jean Dayros. 30 Jahre alt, über die Illusionen hinaus, lebt einfach im Quartier, veröffentlicht ironische Verse, scherzt mit Kokotten, redet von der Zeit, als er noch die Abenteuer liebte. Jetzt hat er, wie er erzählt, folgendes System: er empfindet von Zeit zu Zeit das Bedürfnis »de s'encanailler«, d. h. er betrinkt sich mit einer möglichst gemeinen Dirne und schickt sie dann fort, ohne sie körperlich berührt zu haben. Seine physischen Bedürfnisse befriedigt er in einer gut eingerichteten Maison de passe. Er redet mit halb ironischem Ernst über dieses System, wie über eine zu patentierende Erfindung. Bisweilen berauscht er sich an Haschisch und an feinen Parfüms. Dabei hat er gesunde Meinungen über die Welt ohne alle Verbitterung, wenigstens scheint es so. Er ist immer gut gelaunt und sehr höflich. Klein, blonder Vollbart, ziemlich kräftige Gestalt. Brief von Richard. Er ist fest entschlossen, das Mädchen, womöglich gleich, zu heiraten. So sehr ich diese Liebe an sich begünstige, so sehr setze ich mich vorläufig einer Heirat entgegen, obwohl ich bei seiner spätreifen, aber entschlossenen Art wohl an die Dauer seiner Gefühle glauben möchte. Die Novelle seiner Braut ist freilich völlig nachempfunden, Lesefrüchte. Aber sie verrät eine vortreffliche Natur und auch ein feines Empfinden.   Freitag, den 14. Mai. Nun beginnt hoffentlich eine neue Zeit für mich. Ich habe eine Frau kennen gelernt, die hoffentlich die gesuchte ist, und der ich mich ganz hinzugeben imstande bin. Zwar bin ich nicht von dem sogenannten »heiligen Götterstrahl« getroffen, dazu müßte ich vielleicht unerfahrener und unenttäuschter sein. Sollte meine Hoffnung zunichte werden, so fühle ich, ich würde es jetzt noch verschmerzen können. Aber ich glaube, daß mir diese Frau in kurzer Zeit das Teuerste werden kann, was ich besitze. Äußerlich schien mir Marie Louise Conty anfangs zu hübsch, um mich nicht mißtrauisch zu machen, denn ich suche nicht die ausgesprochen schönen Frauen. Sie schien mir zu pariserisch. Als ich ihr das erste Mal bei Tisch in einem Restaurant gegenübersaß, sah ich, wie sich ihre Züge oft eigentümlich belebten. Sie erzählte mir, wie sie dies Paris haßt, in welchem ihr alles falsch erscheint. Erstaunlich bei einer schönen jungen Frau, die doch alles besitzt, um hier eine Rolle zu spielen. Daß sie bei so viel Schönheit, Anmut der Unterhaltung, verfeinerter Bildung und trotz ihres Verkehrs in dem literarischen Zentrum des jungen Paris so einfach und echt geblieben ist, läßt mich glauben, daß sie der Mittelpunkt aller meiner so vielfältigen Wünsche werden kann, daß sie mir die ersehnte Einheit geben wird. Ihre Gefühle mir gegenüber errate ich nicht. Zwar hat sie mehrmals im Tone, in der Bewegung eine gewisse Weichheit geäußert, die die Frauen nur einem ihnen sympathischen Manne zeigen. Sie ist vorläufig mißtrauisch gegen meine Jugend. Sie ist ein Jahr älter als ich und glaubt mich nicht ernst genug. Sie hält es für erstaunlich, daß man nach 3 Monaten schon so kühl geworden sein kann gegen die vielgepriesenen Pariser Reize. Sie meint, mit 24 Jahren müßte man noch noceur sein. Gestern fiel mir ein merkwürdiger Augenblick meines früheren Lebens ein: Berliner Winter 1893/94. Ein nebliger Spätnachmittag auf der Spreebrücke, dunkle Silhouetten der Häuser, Zeit des Lichtanzündens. Ich war in der Periode meiner ersten ganz unglücklichen literarischen Versuche unter Löwenherz's verkehrten Prinzipien stehend, von keinem anerkannt, abgestoßen von dem althergebrachten bürgerlichen Leben, mit dem ich gebrochen, ohne irgend einen neuen Boden zu fühlen. Die Kunst schien das einzige, doch wußte ich nicht das mindeste über mein Talent. Ich ging ganz entmutigt über die Spreebrücke. Da empfand ich plötzlich diese Großstadtlandschaft so tief, daß ich in dem Augenblick fühlte, ich sei ein Dichter. Ich wußte es in diesem Augenblick ganz bestimmt, und die Erinnerung daran hat mich oft gekräftigt. Ich erzählte Löwenherz davon, aber weder er, noch ich selbst wußten damals, daß dies ein wichtiger Augenblick in meinem Leben war. Ich begreife heute nicht, wie ich damals diesen Zustand ertrug, ohne mich eigentlich allzu unglücklich zu fühlen. Ebenso werde ich wohl später nicht begreifen, wie ich diese letzten Pariser Monate ertragen konnte bei dem steten Bewußtsein vollkommener Verlassenheit. Es ist die intellektuelle Freude am Leben, die mich stets hinderte, mir selbst genug zuzuhören, die mir manche Tiefe verschloß, in der vielleicht viel Reichtum, aber auch sehr viel Trauer verborgen ist. Ich werde nun meinem Glücke besser zuhören, meinem gehofften Glück. Ich glaube, daß ich doch Herz habe, und ich fasse es als Vorzug auf. Ich werde ganz und gar aufhören, diesen lächerlichen Skeptizismus, der meine ganze Umgebung erfüllt, mitzumachen. Die Korrespondenz mit Richard hat eine gewisse Herzlichkeit in unsere Beziehungen gebracht, die ich immer erhofft habe. Ich erwarte viel von unserem nächsten Zusammentreffen. Es ist sonderbar: in der letzten Stunde, bevor ich Marie Louise kennen lernte, hat mich der Dämon noch einmal besucht. Sie könnte mich vielleicht auch davon heilen, ebenso wie von meiner Cerebralität.   Sonntag, den 16. Mai. Gestern mit Marie Louise zusammen. Es quält mich der Verdacht, daß sie eine kalte Natur sei, die mehr geliebt werden, als lieben will. Wenn das wahr ist, wird sie mir nie etwas sein können. Ich bin mit Absicht selbst noch sehr zurückhaltend, um nichts zu überstürzen. Sie erzählt, daß sie sich tagsüber maßlos langweilt, sie ist mir noch rätselhaft. Vorgestern mit Weidenbusch zusammen, der seit einigen Tagen wieder hier ist. Er suchte ein Dirnenabenteuer und brauchte meine französischen Sprachkenntnisse dazu. Wir fanden ein ganz junges blondes Geschöpf, dumm und stumpf. Sie spielt mit Puppen. Die Verbindung von Naivität und Laster ist hier wirklich interessant.   Dienstag, den 18. Mai. Es ist ein Mensch in mein Leben getreten, den ich fast schon Freund nennen kann, der Maler Paul Hermann. Zum ersten Mal wieder jemand, der seit München mir geistig näher kommt, indem er hinter die Dinge sieht. Er ist viel älter als ich, aber dennoch haben wir uns gut verstanden und erkannt. Er sah in mir sofort den Instinktmenschen, der zulange die Intellektualität hat reden lassen. Auch er ist ein Bewußter, wie könnte ich mich sonst mit ihm verstehen? Aber er lebt in einer Atmosphäre, die er sich selbst geschaffen, die er sorgsam hütet, indem er nichts liest, niemanden empfängt, der ihn stören könnte. Wie zerfahren und zerrissen dagegen war mein Dasein in den letzten Monaten! Aber nun wird es anders werden. Auch mit Marie Louise bin ich einig geworden. Wir gehen demnächst hinaus aufs Land und dort werde ich in einem kleinen sorgsam erwählten Kreise von Menschen, Dingen, Gedanken mit ihr leben. Eigentlich weiß ich garnichts über Marie Louise. Sie ist ein stummes Rätsel, ohne Initiative, aber nicht von jener kraftlosen Passivität, die man bisweilen in Deutschland findet, dazu ist sie zu intelligent, aber sie will zu allem gezwungen werden. Gestern waren wir zusammen in Varennes; in einem Gebüsch am Marne-Ufer habe ich sie geküßt, wahrhaftig nicht ganz sicher, ob sie es dulden würde. Ich bin niemals bei einer Frau so ohne alles Verständnis ihrer Natur gewesen. Sie äußert nichts von selbst, aber unter meinen Küssen schwand der Zweifel, sie sei kalt. Ich weiß trotzdem nicht, ob sie mich liebt. Die fremde Sprache, die ich so gut zu beherrschen glaube, hindert mich in solchen Situationen doch, mich ganz zu geben. Ich könnte nicht sagen, daß ich sie in dem ganz tiefen Sinne liebe. Dazu ist sie mir fast zu fremd. Da aber garnichts Hemmendes im Wege steht, mich nichts an ihr stört, ist es möglich, daß die große Liebe daraus wird, wenn sich unsere Atmosphären ganz verbunden haben. Bei meiner vorwiegenden Cerebralität kann ich fürs erste überhaupt wohl kaum eine tiefere Empfindung verlangen, als ich sie jetzt habe. Alle die Männer, welche ich hier kenne, teils durch den Mercure de France, bedeuten wohl eine höhere Kulturstufe, als jenes deutsche Publikum der Literaten- und Künstlerkreise. Aber sie haben alle eine Physiognomie. Sie erlebten einmal den Bruch der Tradition, Übergang in das moderne Lager, welches fertig existierte. Wie ganz anders ist unsere germanische Entwickelung, die wir, wenn wir mit der bürgerlichen Tradition brechen, keinen Boden unter den Füßen haben; Einsamkeit, Suchen, Irrtümer, Zweifel an sich selbst, vielleicht zeitweilige Rückkehr zu den alten Göttern, Reisen, Leiden, das Weib, nicht die Weiber. Das ist unser Schicksal. Das ist es, was uns so viel vielseitiger und tiefer macht. Aber der Durchschnitt ist in Paris viel, viel höher. Die Deutschen sind origineller und kantiger. Welche Mannigfaltigkeit in Menschen, wie Löwenherz, Philips, Gutmann, Wolfskehl, George, Paul Hermann, Perls, Weidenbusch und mir. Jeder ist anderer Herkunft. Jeder nahm eine andere Entwickelung und hat andere Ziele. Hier ist der Stil aller gleich. Sie stammen alle aus derselben Schicht und wollen alle »arriver«. Und einer lebt, wie der andere. Empfang in literarischen Salons, Verkehr im Caféhaus, auf den öffentlichen Bällen des Quartier Latin und Montmartre. Anderes kennen sie nicht. Gereist sind sie nicht, aber stark belesen, jedoch nur französisch. Sie sind völlig durchtränkt mit einer immerhin großen Kultur. Das Leben ist für sie zu leicht, zu amüsant. Sie haben alle zu wenig gelitten.   Donnerstag, den 20. Mai. Wieviel schneller tritt man doch einem Manne nahe (Paul Hermann), als einer Frau (Marie Louise). Der Intellekt des Mannes erleichtert so sehr das Verständnis. Bei der Frau dagegen müssen die beiden Leben zusammenwachsen. Gestern mit Louise im Bois de Boulogne; sie ist die zarteste Frau, die ich je in meiner Nähe hatte. Sie hat sich mir versprochen, aber sie zögert noch. Sie fühlt, daß wir noch nicht genug eins sind. Anfangs machte ich ihr leise Vorwürfe, doch vorsichtig genug, um nicht mit meiner brutalen, alles verstehen und wissen wollenden Intellektualität an eine zarte Gefühlsregung zu stoßen. Dennoch quälte ich sie damit. Sie ist nicht fähig, über Gefühle zu reden, und um so schöner ist es, wenn sie sich durch eine schüchterne, kosende Gebärde ausdrückt. Ich liebe ihr stilles, rätselhaftes Wesen, denn gerade dies ist vielleicht in seiner Unübersehbarkeit geeignet, mich aus meinem jetzigen Zustand zu retten. Gestern ein Gespräch mit Hermanns feinkultiviertem Freund Paul Contard über Mystik. Folgendes klärte sich in mir: das Tier besitzt eine abgerundetere Vollkommenheit, als der durch seinen Intellekt getrübte Mensch, sowie der mit einfachem Werkzeug arbeitende Handwerker vollkommener ist, als der, welcher eine komplizierte Maschine besitzt, sie aber noch nicht recht begreift. Hat er sie aber erst begriffen, dann ist er einer Vollkommenheit fähig, die dem anderen immer unerreichbar bleibt. Die Aufgabe des Menschen ist, den Intellekt zu über-winden. Er darf nicht unsere Animalität töten, das Höchste, das uns mit dem Ursein verbindet, vernichten, wie es die moderne Erziehung will. Er soll vielmehr das Animalische zum Bewußtsein erheben und es bändigen. Der Frau ist eine geringere Aufgabe gestellt, weil sie einen geringeren Intellekt besitzt, den sie zu verarbeiten hat. Darum löst sie ihre Aufgabe leichter, ist viel öfters harmonisch und ist dem Durchschnittsmanne, der mit seinem Intellekt nicht fertig wird, häufig überlegen, während der wirklich mit dem Intellekt die Natur bändigende Mann eine Höhe erreichen kann, die ihr nicht zugänglich ist. Darum kann auch der Durchschnittsbürger unsereinem an Klarheit überlegen sein, weil er seinen kleinen Instinkt mit seinem kleinen Intellekt leichter ins Gleichgewicht setzen kann, als wir, die wir geistig in großen Verhältnissen leben.   Sonntag, den 23. Mai. Louise seit einigen Tagen krank. Ein ungefährliches, zeitweise schmerzhaftes Leiden. Wir sind nun ganz einig, und nur diese Krankheit hat bis jetzt ihre völlige Hingabe verhindert. Sie hat mir schon mehrere Male die Worte »Je t'aime« ins Ohr geflüstert und Vorwürfe gemacht, als ich sie neulich einmal nicht besuchte. Dann hat sie eine reizende Art, wenn ich etwas sage, das ihr gefällt, eine liebkosende Bewegung zu machen, ohne ein Wort zu verlieren. Sie spricht nicht von ihren Gefühlen und fragt nicht nach den meinigen. Wenn wir sprechen, reden wir fast nie über uns, sondern tauschen Meinungen oder erzählen Erlebnisse.   Samstag, den 29. Mai. Ich will mir nichts vorlügen. Louise ist mir sehr sympathisch, aber ich liebe sie nicht. Ich habe dies in den letzten Tagen gemerkt, die ich in Marlotte zubrachte, in Gesellschaft von Stuart Merill und Point und deren Frauen. Diese Frauen haben mich heftig gefesselt, daß ich kaum an Louise dachte, womit ich natürlich nicht sage, daß ich mich in sie verliebt habe. Ich fühlte nur von ihnen einen Reiz ausgehen, den Louise nicht besitzt. Soeben zurückgekehrt, finde ich einen Brief von ihr voll Unruhe, daß ich gestern nicht zu ihr kam. Randbemerkung vom 4. Mai 1898, London: Welche schönen freudigen Tage in Marlotte. Auch Hermann und Contard waren dabei. Ich sehe auf sie heute wie auf eine Oase zurück in jener Zeit voll Selbstbetrug. Die Neugier nach dem Leben ist die Eigenschaft, die uns verführt, uns Dingen und Personen zu nähern, eventuell unter ihren Einfluß zu geraten, mit denen unsere wahre Natur nichts zu schaffen hat. Ich habe dieser Neugier zu lange nachgegeben und soviel Fremdes in mich aufgenommen, daß ich oft nicht weiß, was eigen in mir und was fremd ist. Da sind diese ganz unbewußten Naturen, wie Munch, viel abgeschlossener. Hermann sagt, er sei früher in demselben Zustand gewesen, habe sich aber herausgearbeitet.   Dienstag, den 2. Juni. Das Leben hier wird immer unerträglicher. Diese ewige Zerstreuung. Ich bedarf unendlich der Sammlung, die ich hier nicht finde. Louise wieder krank. Dadurch die letzte Intimität immer noch verzögert. Vielleicht ist es gut, daß ich sie nicht eigentlich liebe, sonst würde sie mir doch wieder nur Unruhe bringen. Sie ist so still und diskret. Sowie sie gesund ist, reisen wir ab. Mit Weidenbusch eine wilde Auseinandersetzung. Dieser Mensch hat einen ganz unheimlichen Einfluß auf mich. Sobald er erscheint, verliere ich das Gleichgewicht, die Sicherheit. Ich vermute in ihm viel heimliche Bosheit und Mißgunst gegen mich, seitdem ich ihm, seit sich mein Talent entfaltet hat, nicht mehr unterlegen bin. Er sucht mich überall durch eine geheime Ironie und niederträchtige Anspielungen lächerlich zu machen, und zwar dadurch, daß er Fehler berührt, die ich ihm in der Tat aus einer gewissen Vertrauensseligkeit offenbart habe. Hermann sagt, ich sei selbst daran schuld durch meine Unvorsichtigkeit, andere Menschen zu leicht zu ernst zu nehmen und zu Vertrauten zu machen, worin viele eine freiwillige Unterordnung erblicken. Er hat recht. Nicht jeder ist groß genug, um nicht das Szepter zu mißbrauchen, das man ihm für eine Stunde reicht. Ich bin außerordentlich nervös. Selbst Marie Louises Küsse langweilen mich bisweilen. Aber was soll ich tun? Ich muß fort von hier aufs Land. Aber die Einsamkeit kann ich jetzt weder physisch, noch psychisch ertragen. Ich brauche die Frau dazu. Louise ist mir sehr sympathisch. Ich bin es ihr auch. Möglicherweise liebt sie mich sogar ein wenig. Es ist nichts an ihr, was mich stört. Auch körperlich ist sie mir angenehm, doch bringt mich der Gedanke, sie zu umarmen, nicht gerade in zitternde Erregung. Manchesmal wünsche ich, ich hätte die Geschichte nicht angefangen. Und dann scheint sie mir wieder die einzige Rettung. Sehr quält mich ihr Unwohlsein, welches diesen Zustand in die Länge zieht und unerträglich macht.   Mittwoch, den 10. Juni. Immer noch hier, da Louise immer noch krank ist. Mein einziger Trost der Verkehr mit Hermann und Contard; mit denen ich fast alle Nächte verbringe, teilweise auf interessanten Excursionen in die abgelegensten Viertel, wo wir besonders das Leben der untersten Volksklasse beobachten. Wenn ich nachhause komme, ist der Himmel immer schon hell. Wie traurig dieser anbrechende Tag, und doch das Gefühl: jetzt gehört die Stadt noch uns, nach einer Stunde erwacht die Menschheit. Einer meiner bleibendsten Pariser Eindrücke: das Erwachen der Stadt, besonders der rege Verkehr an den Hallen. Ich schlafe meist bis 1 Uhr, arbeite fast nichts, genieße fast nichts. Gegen 5 Uhr gehe ich zu Louise, an deren Bett ich 1 bis 2 Stunden verbringe. Abends zumeist mit Contard und Hermann. Der Arzt hat mich über die Harmlosigkeit von Louisens Krankheit beruhigt. Meine Nervosität immer stärker. Der beständige Kontakt mit dem Leben ist fast schmerzhaft, besonders der Verkehr mit Postbeamten, Kellnern und dergl. Dazu hat mich eine Woche lang wieder der Dämon besucht. Vergeblicher Versuch, ihn nicht so pathetisch zu nehmen, ihm ruhig nachzugeben, wenn er kommt. Aber er kommt zu oft, weil die Gelegenheit doch auch hier zu groß ist. Und wenn ich ihm nicht völlig entsage, packt es mich völlig, so daß ich zu keinem Alleinsein in der Stadt fähig bin, ohne ihm zu verfallen. Wo ich bis jetzt lebte, auch wo ich mich wohlfühlte, wie in München und Rom, ertrug ich das Leben nur, weil mir der jeweilige Zustand als ein vorübergehender erschien, und ich beklagte die Menschen, die immer so leben. Hier dasselbe, besonders Contard gegenüber. Er ist guter Abkunft und wohlhabend, begabt, aber ohne eigene Produktivität, hat Paris in jeder Hinsicht raffiniert genossen. Ein tiefes Liebesereignis erfüllte zwei Jahre seines Lebens. Nun aber flieht er alle Gefühlserregungen, alles Sentimentale, animische, wie er es nennt, um bewußt ganz cerebral zu leben. Aus diesem Grunde allein hat er seine Geliebte verlassen, zu der er immer noch eine Rückkehr befürchtet, da er sich nicht stark genug glaubt. Nun verbringt er seine Zeit mit Lektüre, Nachdenken, Verkehr mit einigen Freunden, hier und da mit Kokotten, die ihn mehr oder weniger lieben, während er sich innerlich von ihnen nicht allzu sehr berühren läßt. Niemals bezahlt er eine Frau. So fein das alles ausgeklügelt ist, so ist das doch immer dasselbe Milieu, dasselbe Paris. In jeder Hinsicht das Gegenteil von mir, der ich gerade aus dem Cerebralen herauswill. Hermann stimmt ihm theoretisch in allem bei, dadurch aber, daß er schaffender Künstler ist und vermögenslos, ist er beständig ins Leben hineingeworfen und kann sich ihm daher nicht entfremden. Ich würde Contard besser begreifen, wenn er sich überhaupt zurückzöge vom Leben. Entweder Tätigkeit oder mystisches Betrachten. Aber dazu ist ja Paris der ungeeignetste Ort. Ich träume von einer Einsamkeit in Deutschland. Sobald ich mein Vermögen in Händen habe, werde ich mir im Taunus oder in Oberbayern ein Bauernhaus einrichten und dort den größten Teil des Jahres, vielleicht mit Louise, leben und nur zum Besuch bisweilen in große Städte gehen. Seit ich in dem Kreis um Contard bin, betrachte ich die Kokotten doch noch von einer anderen Seite. In diesem Kreise sehen die Mädchen die Männer als gute Kameraden an, keiner zahlt ihnen bar. Wenn sie aber in Geldverlegenheit sind, hilft man ihnen, wie einem Freund. Man ist »copain« miteinander. Lädt sie einer eines Abends zum Essen ein und sie haben gerade keine Zeit, so sagen sie ganz offen »Il faut que je fasse un miché aujourd'hui«, d. h. heute muß ich einen suchen, der mir Geld gibt, ich bin geschäftlich abgehalten. Neulich war eine unter uns in dieser Lage, konnte sich aber nicht entschließen, unseren Tisch, an dem es sehr lustig zuging, zu verlassen, um an ihr Geschäft zu gehen. Den Miché verachten sie.   Dienstag, den 16. Juni. Ich habe nun einige gute Tage gehabt, der Dämon hat mich verlassen. Ich bin viel in der Umgegend herumgeschweift und habe einiges geschaffen. Marie Louise geht es viel besser. Am Mittwoch Abend war Empfang bei Davray. Wir haben Haschisch geraucht. Anfangs war ich grenzenlos ausgelassen. Louise Davray wurde immer stiller, ich verschwand, von dem Haschisch offenbar etwas benebelt, mit ihr in einem Nebenzimmer. Sie löschte das Licht aus und sank in einen Sessel, wo sie plötzlich unter meinen Küssen wie schlafend lag. Sie ist zart und schlank und sehr jung. Dann waren wir wieder unter den anderen. Ich spielte stundenlang Klavier, besser als je. Um zwei verließen wir Davray und schweiften bis zum Morgen in seltsamen Gegenden umher. Am Samstag in Versailles. Das 18. Jahrhundert ward mir so lebendig, als ich mich allein in dem kleinen Boskett der Marie Antoinette befand, daß in mir das geschah, was ich in den folgenden Tagen zu einem Gedichte »Maia« verarbeitete: »Dies ist der Traum der lauen Sternennacht«, doch mit dem Unterschied, daß an Stelle des 18. Jahrhunderts die Antike trat. Mit Contard viel über Magie gesprochen. In seiner Vergötterung der Intellektualität scheint er mir auf ganz falschem Wege zu sein. Er will nicht zugeben, daß auch die Kunst hauptsächlich auf Instinkt beruht, daher seine Überschätzung von Flaubert, La tentation de St. Antoine.   Mittwoch, den 17. Juni. Gestern die Duse im Renaissancetheater. Zuerst D'Annunzio, Sogno di una notte di primavera. Sie war in ihrem grünen zeitlosen Gewand, wie die letzte Tochter jener sterbenden Rasse der Italiener, in der sich noch einmal die ganze Schönheit der einstigen Blüte zeigt. Renaissance, aber vermengt mit dem Leiden der Décadence: Rossetti, Burne-Jones. Dann Goldoni La Locandiera. Hier ganz die Italienerin aus dem Volk in ihrer etwas derben Koketterie, ähnlich wie die Bellincioni als Carmen. Goldoni auf der Bühne sehr reizvoll, als Lektüre dagegen langweilig. Schon in Rom habe ich diese Beobachtung gemacht. Die Duse scheint mir vielleicht die größte Schauspielerin zu sein, die ich kenne, aber sie ist auch nicht frei von Pose und Affektation. Die Bühne ist doch eine inferiore Kunst, welche den Menschen ruiniert, eine ganz offenbare Prostitution der Gefühle, die durch den unmittelbar folgenden Applaus für eine geäußerte Empfindung noch unerträglicher wird.   Donnerstag, den 18. Juni. Der Intellekt ist in unserem Seelenleben das Register, welches das Buch nicht wertvoller, aber handlicher und nützlicher macht. Wer nur oder vorzugsweise im Intellekt lebt, gleicht dem Bibliophilen, der in Katalogen herumschnüffelt, Bücher sammelt, sich an ihrer Atmosphäre freut, ohne sie zu lesen, oder dem, der lieber Kritiken, als die Bücher selbst liest, oder die Zeitschriften, worin über Bücher gesprochen wird. Ein neugieriges Tasten, das beinahe Laster ist.   Samstag, den 20. Juni. Ich weiß, daß mich Louise nicht so liebt, wie mich Mathilde geliebt hat. Ich bin auch eigentlich zu jung für sie. Auch meine Gefühle zu ihr erreichen nicht die zu Mathilde, obwohl ich sie als Mensch bedeutend höher stellen muß. Die mystischen Fragen beschäftigen mich momentan sehr stark, besonders der Zweifel: ist die Liebe Krischna oder Ardschuna gehörig.   Montag, den 21. Juni. Ich lese in den Novellen Alfred de Mussets und finde sie ganz reizend. Es ist gewiß keine tiefe Poesie, keine künstlerische Ausgestaltung der Szenen, einfach charmante Erzählung. Sehr oft, meist sogar, redet er nur über die Dinge, statt sie zu schaffen. Aber das ist alles so graziös und stilvoll. Meine hiesigen Freunde finden ihn natürlich idiotisch und abgeschmackt, weil er immerhin diesem leichten, französischen, aus dem 18. Jahrhundert übernommenen Genre angehört, das der verfeinerte Franzose heute gern verleugnet. Aber sie schütten das Kind mit dem Bad aus, indem sie das wirklich Reizende in den besten Produktionen dieser Art verkennen, ebenso, wie die modernen Wagnerianer den Reiz der italienischen Oper, sodaß sie selbst von Rossini nichts wissen wollen. Louise ist ganz romantisch. Sie träumt von fernen Ländern, Indien, Südamerika. Sie will nur Sonne, ein weißes Haus auf dem Lande mitten zwischen Arabern, und ich will Dämmerung. Dennoch verspreche ich mir einen wundervollen Winter an ihrer Seite. Ich denke sie mir still durch das Haus gehend, nie ganz glücklich, ihre Blicke immer nach unsichtbaren Horizonten gewandt.   Dienstag, den 22. Juni. Mein Leben gestaltet sich jetzt glücklicher. Ich stehe nachmittags um 2 Uhr auf, trinke eine Schokolade. Bis 7 Uhr arbeite und lese ich. Abends bei Louise, die nun fast ganz hergestellt ist, dann auf dem Montmartre mit Hermann und Contard. Bisweilen einige Mädchen aus ihrem Kreise bei uns. Gegen 4 Uhr gehe ich zu Bett und lese noch vor dem Einschlafen. Louise bat mich, ihr von dem Fest von Neuilly, einer großen Messe, einige »tartes de fruits« mitzubringen, »qui sentent la vieille graisse«. Das gibt ihr die Sensation dieses Festes, welches sie jährlich mit Interesse besucht hat. Louise, die früher mit ihrem Mann in Algier gelebt hat, erzählt, daß die Mädchen dort in gewissen Häusern weiße Kränze tragen, die sie dem Mann zu Erinnerung an ihre Umarmung lassen. Ich lese Hermann bisweilen vor in seinem riesengroßen, fast leeren Atelier, von dem aus man über ganz Paris blickt. Er hält viel von meiner Lyrik, meine Novelle Klara käme ihr fast gleich, Eos scheint ihm durchaus mittelmäßig (und war die einzige gute von allen, die ich heute 1924 noch gelten lasse).   Mittwoch, den 23. Juni. Ich lese in Contards Bibel, dem Werk »Axèl« von Villiers de L'Isle-Adam. Dabei ist mir manches klar, geworden. Unterstützt übrigens durch die gestrige Aufführung von Ibsens Komödie der Liebe im Théâtre de l'OEuvre. Nicht das Kreuz, die Entsagung genügt, sondern das Kreuz, aus dem die Rose erblüht, als Symbol des lebendig gewordenen Glaubens. Leben bis zum höchst möglichen Moment und sofort danach aufhören, um nicht die Idee, die in diesem Moment Leben erkannt wurde, herabzuziehen in das Materielle. Ein Weib so sehr lieben, daß ihre körperliche Nähe nicht mehr nötig ist, daß diese Liebe ihren Tod selbst überlebt. Die Idee ist die Wahrheit, die wir zwar nur aus der materiellen Welt erkennen, durch welche sie bisweilen durchschimmert, von der sie aber auch gleichzeitig getrübt wird. Haben wir sie einmal ganz geschaut, so ist weiteres Verweilen, vor dem Schleier der Maja, d. h. sich wieder mit dem bloßen Durchschimmern begnügen, eine unnütze Qual. Dann Einsamkeit und Weiterleben im Erinnern der einmal geschauten höchsten Idee, die für jedes Individuum freilich verschieden ist. Auf dieser Basis stimme ich heute zum ersten Mal mit Contard überein, der nun auch mit mir in dem Intellekt bloß ein Werkzeug, in dem Schauen das Wesentliche sieht, im Schauen des Göttlichen. Ich betrachte diesen Tag mit seiner großen Offenbarung für mich als einen meiner besten. Ich begreife ein wenig das Mysterium gewisser Talismane, besonders der Zaubermäntel. An manchen Orten gibt mir eine gewisse Lässigkeit Aplomb, bisweilen auch Papas Brillantring an meiner Hand. Meist aber ziehe ich vor, ihn in der Tasche zu tragen, da seine Wirkung häufig stören würde.   Donnerstag, den 24. Juni. Wie im physischen Leben, so gibt es auch im geistigen eine doppelte Art der Potenz. Es kann jemand die Kraft zur Umarmung besitzen, aber nicht die, Kinder zu zeugen. So ist Contard z. B. Künstler im Leben und im Schauen, ohne daß er selbst Werke hervorbringt. Gestern fand ich das Dasein und das Schauen so schön, daß ich kaum schlief. Die letzte Nacht ging ich überhaupt nicht zu Bett. Gegen Morgen in Notre Dame, und las Akédysséril von Villiers de L'Isle-Adam. So hat sich mein Leben geändert, daß ich auch heute früh aufstand, vormittag spazieren ging, in St. Severin und im Jardin des Plantes länger Rast machend mit einem Buch in der Hand. Dann Frühstück in einem Restaurant, wohin mich der Zufall schleuderte. Eine Stunde Siesta, ein Genuß, den meine frühere Lebensart unmöglich machte. Nachmittags, wie vormittags, oder auch gelegentlich Arbeit, abends bei Louise, gegen Mitternacht zu Bett. Erst jetzt genieße ich Paris.   Freitag, den 2. Juli. Ich lese Barbey d'Aurevilly, La vieille maitresse, das französischste Buch, welches ich kenne, kühl, keine eigentliche Stimmung, aber von unnennbarer Grazie, Feinheit und Esprit. Diese französischen Eigenschaften erscheinen hier mit einer unerhörten Präzision und ohne in ihre lächerlichen Übertreibungen oder Verzerrungen zu verfallen. Das französischste Buch im guten Sinne. Es ist auf den Trümmern des 18. Jahrhunderts aufgebaut, dessen ganzer Geist noch darin lebt, aber gereinigt durch die Erinnerung eines schon modernen Menschen. Eine merkwürdige Sensation: wenn irgend ein Mensch, besonders eine Frau in einer schmutzigen Affaire plötzlich gezwungen wird, einem Schutzmann die Namen anzugeben, die Vornamen der Eltern besonders, den Geburtsort, und die ganze Menge steht herum. Man weiß, daß diese Namen dem Betreffenden viele Associationen wecken, die nur er kennt, vielleicht sein Heiligstes, und dies wird nun in den Schmutz der Öffentlichkeit gezogen. Dies geschah heute Nacht in einem Café. Heute wieder vor der Venus von Milo im Louvre und die alten Erinnerungen aufgefrischt. Mit Contard verbinden mich immer mehr Fäden, während ich mich Hermann etwas entfremde. Ich habe ihn in jeder Hinsicht überschätzt. Außer seinem künstlerischen Talent, dem zuliebe ich viel verzeihe, hat er doch viel Inferiores. Seine Intellektualität, auf die er sich soviel zugute tut, ist verwirrt, dabei hat er die Prätention, ein Denker zu sein und will nicht begreifen, daß er etwas viel besseres ist, nämlich ein Visionär. Sein Charakter ist gleichfalls ziellos, ohne gebändigte Energie. Seine Gleichgültigkeit wird zur unverzeihlichen Rücksichtslosigkeit, wenn er irgend etwas, einen anderen betreffendes zu tun hat. Dabei beansprucht er starke Rücksichten von seinen Freunden. Dazu kommt eine beispiellose Unerzogenheit im Verkehr. Trotzdem er aus altem Patrizierhause stammt, ist er, auch physisch, im Körperbau z. B., von einer gewissen Proletarierhaftigkeit; seine stets schmutzigen Raubtierhände und die unangenehmen Hautausdünstungen. Dazu kommt auch eine Rohheit in der Ausdrucksweise, die mich abstößt. Er spricht z. B. sehr schlecht französisch, bedient sich jedoch beständig der gröbsten Argot-Ausdrücke, die er oft genug falsch anwendet und schlecht ausspricht. Seine Freunde finden das so amüsant, daß sie ihn gewähren lassen und ihn verwöhnen. Er ist hier der deutsche Bär. In den letzten Junitagen war der Dämon wieder da; eines abends bei Louise. Ich war froh, daß sie launisch war, das hielt uns in gewisser Entfernung. Ich hätte an diesem Abend ihre Zärtlichkeit nicht ertragen. Sie hat zwei Seiten, die feinfühlige intelligente, auch hingebende, dann die verwöhnte, launische, pariserische. Mit Contard über Weihnachten gesprochen. Da er nicht die Intimität der Familie haben kann, so betrinkt er sich in dieser Nacht mit Weibern des Quartier Latin. Lieber wäre ich dann noch ganz allein.   Montag, den 5. Juli. Ich entwickele mich durch den Antagonismus. In Paris, wie schon in Rom, werden in mir gerade die germanischen Eigenschaften geweckt. Hier gegenüber dem intellektuellen Contard kristallisiert sich mein Gefühlsleben, während in München, gegenüber Philips und Gutmann, gerade der Verstand sich entwickelt hat. Hermann gegenüber preise ich eine gewisse Beherrschung der Instinkte, dem Bourgeois gegenüber gerade die Befreiung des Instinktlebens. Es gibt im Mittelalter gewisse Worte von mystischer Leuchtkraft zwischen dem gothischen Grau, besonders bei den Mystikern, wo ein Stück elementares, sonniges, südliches, antikes Leben plötzlich in die Zelle des nordischen Klosters fällt. Ich glaube, Goethe hat das im Faust gefühlt. Überhaupt ist es reizvoll, die Dinge durch ein komplementär gefärbtes Glas zu sehen, z. B. die Antike durch die Augen des Mittelalters, Frau Venusinne durch das Christentum, Deutschland durch die französische Romantik, oder durch die Augen Mallarmé's, z. B. in »Frisson d'hiver«, »le vieux almanach allemand«. Bei Gerardy wird dies freilich zur Pose.   Dienstag, den 6. Juli. Ich gehe von einem Krankenlager zum anderen, zu Louise, dann zu Fried, der an einer schweren Entzündung und ohne Pflege in seinem Hotel liegt. Richters Geliebte sieht einer Fehlgeburt entgegen. Es freut mich, ein wenig helfen und durch kleine Geschenke erfreuen zu können. Es hat mich gerührt, zu sehen, wie Richters Freundin sich nach einem Kind sehnt, während hier in Paris die Frauen die Mutterschaft für das größte Übel halten. Gestern Abend mit Contard darüber gesprochen, der darin ganz französisch ist. Sein Skeptizismus wirkt manchmal wie Schwefelsäure auf mein Gefühl. In dem Fall Richter hat er nur den Verdacht, daß die Frau sich darum nach einem Kind sehnt, um den Mann um so fester zu fesseln, was ja oft genug der Fall sein mag. Ich kann Contards Verachtung des Weibes verstehen, wenn ich die Frauen sehe, die ihn umgeben. Diese aus dem intimen Leben völlig auszuschließen, ist nur zu berechtigt, und sie nur als Gefäß überflüssiger Säfte zu betrachten.   Donnerstag, den 8. Juli. Ich lese im Bhagavad Ghita. Immer wieder beschäftigen mich Zweifel über den Wert des Instinktes, den ich nun einmal nicht verdammen kann. Ist er nicht das Correlativ fast aller großen Begabungen? Sollte ein instinktarmer Philister Goethe überlegen sein, sind es nicht grade unsere Instinkte, die uns über die Enge der Bourgeoisgesellschaft erheben, macht nicht der Instinkt den Künstler? Es ist gut, wenn die Instinkte später beherrschbarer werden, aber dann wird es gewiß wertvoll sein, starke Instinkte, viele Wünsche gehabt und befriedigt zu haben, aber nun, nachdem man gelebt und gesündigt, darüber erhaben zu sein. Die Instinkte dürfen nicht unterdrückt, sie müssen erlebt werden. Sie vergeistigen sich dann immer mehr, bis man zur olympischen Heiterkeit Goethes gelangt. Sie sind eine Brücke, die zwischen Gott und dem Menschen steht, zugleich aber der einzige Weg zu Gott in der Welt zu gelangen. Ich erkenne immer mehr den Abgrund zwischen mir und Louise. Sie wird nie an meinem Innenleben teilnehmen. Manchmal kommt sie mir geradezu nichtig vor, und es reizt mich, sie das fühlen zu lassen. Ob wir wirklich eine so viel höhere Entwickelungsstufe sind, als der bourgeoise Mensch, oder ob vor dem Ewigen dieser Unterschied kaum besteht? Münch hat zweimal in seinen Bildern vorahnend die Gesichter von Menschen gemalt, die er erst später sehen sollte. Die Eifersucht ist wie ein Portrait Hermanns, die Madonna wie ein Portrait des Modells Julia. So wie in jeder physischen Monade eine spirituelle eingeschlossen ist, so ist in jeder sinnlichen Wahrnehmung die Möglichkeit einer geistigen eingeschlossen, sodaß wir zwar nur mittels der Sinne wirklich erkennen können, aber nicht in jenem materiellen sensuellen Sinn der englischen Philosophie. Contard und Chaillet bestreben sich, das Gefühl des Ekels in sich zu überwinden, sich zu dem, was ihnen ekelhaft ist, zu zwingen, während ich diese Instinkte gerade kultiviere, welche mich dazu treiben, das mir Widerwärtige abzulehnen. Übrigens bin ich schon aus dem Grunde gegen Contards und Chaillets Theorie, weil sie doch nicht die letzte Konsequenz ziehen können, nämlich Unrat zu essen. Das Ende wäre, überhaupt immer das Gegenteil von dem zu tun, was man begehrt.   Montag, den 12. Juli. Das Publikum ist im Theater der Ballast, der das physikalische Gleichgewicht erhält. Da man nicht immer zarte schlanke aristokratische Hände findet, ziehe ich immer noch die verarbeiteten Hände des Arbeiters jenen fetten weißen Fleischklumpen vor, die sich wie nackte Kälber auf den feisten Schenkeln sattgegessener Leute ausruhen. Mit Louise eine Auseinandersetzung. Sie hat Recht, ich bin zu hart und autoritativ gegen sie. Seitdem ich mich zusammennehme, bildet sich wieder jene sanfte Atmosphäre, die anfangs zwischen uns war. Louise ist nun fast hergestellt. In 8 bis 14 Tagen denken wir, an die See zu gehen.   Dienstag, den 13. Juli. Paris ist die Stadt, wo es am wenigsten Überraschungen, »imprévu« gibt. Die Frau ist entweder femme honnête oder cocotte, eines so langweilig und konventionell, wie das andere. In jedem Fall ist sie berechnend. Dieser mystische Reiz der abendlichen Straßen, wo jeder sein verschiedenes Los trägt, existiert hier nicht in dem Grade, wie bei uns. Gestern Abend trank ich meinen Café in einem Pavillon der Champs-Elysées. Es gingen dort in der Nähe viele einzelne Damen spazieren, die nicht direkt Demimondainen waren. In einem anderen Lande hätte ich mich gewiß der einen oder anderen genähert. Hier interessierten sie mich kaum, denn ich wußte im Hirn einer jeden derselbe Gedanke: werde ich heute einen Miché machen, und wieviel wird er bezahlen? – Ich erinnerte mich mit etwas Heimweh an jene uninteressierten Frauen aller Stände, die man in Deutschland und Österreich auf allen Plätzen der Theater und Konzerte, in den Promenaden trifft, die weder rechts noch links blicken und nur selten auf eine Ansprache reagieren, außer, wenn man ihnen Vertrauen und Interesse einflößt. Das ist lange nicht so eintönig, wie hier. Eine der vielen Schwächen des Protestantismus ist die Aufhebung des Fegefeuers und damit der Graduierung des Karma. Es ist zu viel Lärm in unseren Seelen, zu viel gedankliche Zerstreuung. Gewiß würden wir sonst viel mehr Seelisches wahrnehmen, leise Stimmen, die sich nur im tiefsten Schweigen hörbar machen, clairvoyance. Münch kennt wohl dieses Schweigen der Gedanken. Bisweilen, wenn er unter uns saß, schien er wie ein Fakir in Benares, dessen Körper dort eingegraben ist, während sein Astralleib bisweilen in der Abenddämmerung von den Tempelhütern in Delhi zwischen den Säulen gesehen wird. Louise erzählte mir schon mehrmals, daß sie sich, wenn ich abwesend bin, bisweilen dabei überrascht, daß sie meinen Akzent annimmt. Mir ist ähnliches mit Papa, Dr. Primer, Lori etc. passiert. Wir kommen nicht um die drei Klassen herum, die durch ihr Verhalten zur Geldfrage immer wieder in jedem Gemeinwesen hervortreten müssen: erstens Aristokratie, die sich überhaupt nicht um Materielles kümmert, der Besitz ist einfach da und selbstverständlich, zweitens die Bourgeoisie, welche gegen ein bestimmtes Geldäquivalent ehrliche Arbeit verrichtet, drittens der Pöbel, nimmt Trinkgelder an. Natürlich verschieben sich diese hier im Prinzip gegebenen Zustände fortwährend. Ich glaube, jetzt dadurch von der Sexualität immer mehr loszukommen, daß es für mich entweder Monogamie gibt oder einfach die physische Geschlechtsbefriedigung ohne innere Anteilnahme. Ich habe hier einer kleinen Kokotte Renée inzwischen den Hof gemacht, teils weil sie mich reizte, teils um zu sehen, ob ich dazu gelangen würde, sie uninteressiert zu besitzen. Ich bin bis zu ihrer Einwilligung gelangt, habe aber dann keinen Gebrauch davon gemacht. Plötzlich interessierte sie mich nicht mehr. Was sie zu geben hatte, habe ich empfangen, das andere wäre überflüssig gewesen. Auch wäre das Motiv ihrer Hingabe wohl im Wesentlichen Nonchalance gewesen. Sie brauchte diesen Abend kein Geld, ich schlug ihr vor, bei ihr zu schlafen. Warum nicht? dachte sie wohl. Warum? dachte ich dann. Ich glaube, ich werde nun weniger nach Frauen suchen, nur noch große Ereignisse, die entweder garnicht oder von selbst kommen, können mich reizen; im übrigen werde ich nur dafür sorgen, daß mich meine Sinnlichkeit nicht stört, indem ich sie zweckmäßig befriedige. Gestern fand ich im Bhagavad Ghita die Lösung meiner Zweifel. In den drei Lebensformen: Sattwa, Beschauung, Goethe; Raja, Tat, Napoleon; Tama, Stumpfsinn, Alltagsmensch. Es ist klar, worin der Unterschied zwischen der Wunschlosigkeit von eins und drei besteht. Wessen Auge stets nach Sattwa gerichtet ist, kann sich ruhig in Raja ausleben. Er überwindet z. B. die Eitelkeit am besten, wenn er sie befriedigt. Nur für den ist die Eitelkeit gefährlich, der entweder zu leer ist, um Grund dafür zu haben, sie also aus Armut nicht befriedigen kann, oder bei dem sie unersättlich ist, oder bei dem nach ihrer Befriedigung gar nichts anderes übrig bleibt. Auch der Wert der Einsamkeit wird mir problematisch. Die beiden Schacher waren einsam, Christus starb, von der Mutter, der Geliebten und den Freunden begleitet. Ich bin nachmittags oft im Louvre. Die Sommernachmittage dort geben mir italienische Sensationen.   Donnerstag [Mittwoch], den 14. Juli. Fête nationale. Für mich gibt es nur zwei große Übel, vor denen ich verzweifeln würde, dauernder körperlicher Schmerz, der mich dadurch immer wieder in die Materialität verstrickt, und Gefangenschaft, denn ich finde Gott immer noch mehr in der Natur, als in mir selbst. Louise langweilt sich immer. Schon als Kind fragte sie beständig: Maman, qu'est-ce que je pourrais bien faire, je m'ennuie, je m'agace, je m'embête. Was soll da auf unserer Reise mit ihr werden? Sie ist doch durch Paris verdorben, aber nicht méchant \& rosse genug, um dadurch ihre leeren Stunden auszufüllen. Alles ist gut, denn alles kommt von Gott. Man muß ihn nur erkennen. Dazu aber gehört Übung und Selbsterziehung. Ich verstehe nun den Spruch: Der Herr hats gegeben u.s.w. Wie mich die immer wachsende Demokratie anwidert. Heute ist Gratisvorstellung in allen Theatern. Die Comédie-Française mit ihrer vornehmen Tradition vom Pöbel erfüllt, der sich auf den Sammtfauteuils der Logen wälzt; den Kellner, der mich zum Déjeuner bedient, heute mit seiner Frau oder Maîtresse auf den Boulevards gesehen. Sie kleidet sich in demselben Stil, wie meine Maîtresse. Der Hut voll Federn und Blumen, Spitzenmanschetten, die über die Hände fallen, die allerdings ungepflegt sind. Alles unecht und plump. Wie lächerlich, ein Dienstmädchen mit Federhut, wie schön die eigentlichen Volkstrachten, die das jedem Stande Gemäße ausdrücken.   Donnerstag, den 15. Juli. Das einzig Schöne dieses Nationalfestes waren die nächtlichen Bälle an den Kreuzwegen der Stadt. Ich lese Musset, Confession d'un enfant du siècle. Nie ist dieses Jahrhundert wieder so gut beurteilt worden, als in dem ersten Kapitel; dann später sogar Goethesche Feinheiten der Schilderung.   Sonntag, den 18. Juli. Brief von Philips und Richard, beide des Inhalts, daß er einen nervösen Zusammenbruch gehabt hat. »Hör auf, zu strömen und Wellen zu schlagen«, sprach Gott zum Fluß, »werde ein stummer klarer See.« »Wie ich«, sagte der Sumpf. Heute mit Louise eine Szene, wohl die letzte. Ich warf ihr ihren oft unangenehmen Ton vor, der ihre Stimme so hohl erklingen läßt, daß es mir direkt weh tut, und ging soweit, dabei die ganze Misère unseres Verhältnisses zum ersten Mal auszusprechen und auch mir klarzumachen. Wir haben immer eine Leere auszufüllen und müssen über Themata reden. Ich wollte sie zwingen, wenn ein Funke Gefühl in ihr ist, ihn jetzt zu zeigen, statt dessen logische Rechtfertigungen und Raisonnements. Was mich an sie fesselte, war die Hoffnung auf eine geschmackvolle intelligente Gefährtin, die mir ein Heim schaffen würde. Aber sie versteht mich nicht und hemmt nur meine Freiheit. Wir sind so gut, wie getrennt, doch habe ich ihr die Möglichkeit einer Antwort offen gelassen. Vielleicht werde ich nun wieder einer großen sentimentalen Krise entgegengehen, da ich beabsichtige, zwei Monate allein in der Normandie und Bretagne zu verbringen. Sie hat eingestanden, daß sie ohne joie und ohne regret gereist wäre, daß sie an Glück garnicht denkt, nur an Ruhe. Meine damalige Annonce war die Folge der entsetzlichen Einsamkeit, unter der ich litt. Louise hat mich wenigstens gehindert, bei Frauen in diesen 6 Wochen etwas anderes zu suchen, als bloße Befriedigung der Sinne. Das hat mir eine Fülle reicher Stunden gegeben (ohne sie).   Rouen, den 20. Juli. Louise wünschte, mich noch einmal zu sprechen. Ihre Worte waren wieder kalte klügelnde Logik. Ich habe ein gewisses Unrecht ihr gegenüber begangen, aber es ist rein äußerer Art. Ich kann mein Versprechen nicht halten, mit ihr an die See zu gehen, das ist wahr. Aber warum? Es ist kein Funke Gefühl für mich in ihr. Ich habe die Gelegenheit, es zu äußern, reichlich gegeben. Sie hatte den Egoismus, zu verlangen, daß ich trotzdem die Reise mit ihr machen müsse. Ihre letzten Worte waren vollkommen geeignet, jede Reue in mir zu vertilgen. Als ich mich schon verabschiedet hatte, rief sie mir nach: »Pour ça il est venu en France; il aurait bien pu rester en son pays.« Alles in ihr war Berechnung, wohl nicht in jenem ganz gemeinen Sinne, sondern wie die bürgerliche Frau berechnend ist, versorgt sein will, im übrigen aber ihre ehelichen Pflichten kennt und nicht verletzt. Louise hätte mich gewiß nie getäuscht, solange sich ihr nicht eine bessere Lebensperspektive gezeigt hätte. Sie hatte sogar eine gewisse laue vernünftige Anhänglichkeit an mich bekommen. Aber ich vertrug diesen hohlen, metallisch kalten Ton nicht, der oft schneidend wirkte. Ich hätte vielleicht darüber lächeln müssen. Sie sagt selbst sehr richtig, ich hätte sie mehr wie ein Kind behandeln müssen. Dazu hätte ich aber selbst älter sein müssen. Der Besuch bei ihr war mir zuletzt oft ein brutaler Einschnitt in einen sonst harmonisch verlebten Tag. Immerhin ist sie das Opfer meines Irrtums und kommt nun diesen Sommer nicht an die See, wie sie gehofft hat. Gestern abend mit Contard in Rouen angekommen. Nächtliche Gänge durch die alten gothischen Gassen, die von modernen Industriestraßen unterbrochen sind. Die Luft feucht und nebelig, bisweilen von Sonne durchdrungen. Dunkle, in Duft gehüllte, auf dem Fluß schwimmende Inseln, weite Ebenen. Am Nachmittag in Croisset, Flauberts ehemaligem Wohnsitz, dessen Diener heute eine Weinwirtschaft hält. Er erzählte uns von Flaubert und seiner Mutter, Maupassant, Turgenjeff, Taine, George Sand. Nachts mit Contard in den Dirnengassen. Alte, seit einem Jahrzehnt in demselben Haus lebende Dirnen, deren Niedrigkeit in dem Gesichtsausdruck wie erstarrt erscheint. Sie scheinen alle einen momentanen Ausdruck spontaner Gemeinheit unbeweglich festzuhalten. Heute allein die Stadt durchstreift, deren Eintönigkeit mich unsäglich deprimiert. Bemerkenswert dennoch die vielen guten gothischen Bauwerke, aber alle in jenem gothischen Barock vom Ende des 15. Jahrhunderts. Im Museum 2 schöne Corots und treffliche Fresken von Puvis de Chavannes. Durch Contard, der gestern abend abgereist ist, habe ich ein merkwürdiges Cabaret kennen gelernt, wo ich heute fast en famille speiste. Dort eine junge Frau, die mich vorübergehend fesselte. Heute abend erwartet sie mich vor dem Schlafengehen, und aller Reiz ist verschwunden. Das scheint überhaupt jetzt der regelmäßige Ausgang meiner Abenteuer zu werden.   Carteret, Montag, den 26. Juli. Von Rouen reiste ich die Küste von Calvados entlang, von Honfleur bis Trouville, Houlgate, Cabourg und fand überall Paris. Dann in Caen, eine alte Stadt. Während der Abenddämmerung tiefe Eindrücke, besonders in den Kirchen, darunter zwei romanische aus der Normannenzeit. In Trouville am Abend auf der Jetée ein sonderbares Erlebnis durch den Dämon, welches ich nicht zu verzeichnen brauche. Von Caen über Bayeux hierher. Carteret ist der erste Punkt, wo ich mich etwas wohl fühle. In einem stillen englischen Hotel, keine Spur von dem Lärm der Sommerfrischen. Fast gar keine Fremden. Ein Dorf von uralten grauen Bauernhäusern, von begrünten Sanddünen unterbrochen. Wege, die von Ulmenwänden begrenzt sind. Jenseits der Dünen die Küste. Dort nichts als Meer, Sandflächen, von schwarzen Felsen umgrenzt. Nichts Menschliches, als einige Badekabinen, die von weitem wie eine in die Felsen gemauerte Stadt aussehen. Ich irre seit gestern teils in dieser Wildnis, teils in der lieblichen Ulmen- und Dünenlandschaft umher. Ich empfinde bedeutend weniger intensiv, als in den letzten Pariser Wochen. Aber ich beginne, mich wohl zu fühlen und werde darum einige Tage hierbleiben. Mein Bedürfnis nach Menschen ist sehr gering, im Gegensatz zu früheren Reisen, wo ich stets Bekanntschaften zu machen suchte. Nachts träume ich oft von Papas und Mamas Tod, den ich dann heftiger, als in Wirklichkeit empfinde. Die beiden Tage habe ich in einem Bauernwirtshaus beschlossen, welches bereits beginnt, mir lieb zu werden. Auch habe ich heute eine Arbeit begonnen.   Saint Heliers auf Jersey, Freitag, 30. Juli 1897. Ich bin vorgestern von Carteret abgereist und litt unterwegs außerordentlich an Seekrankheit. Am Abend in Gorey. Ein stummes englisches Hotel mit stillen bescheidenen Dienstboten, die Clary und Fennimore hießen. Kate Greenawaytapeten, auf denen kleine Mädchen Reifen spielen, in den Zimmern. Gestern Tour in's Innere der Insel. Vollkommen englische Impression. Wiesen mit weidenden Pferden und Kühen, grüne Hohlwege, offenstehende Parktore, aus denen blonde Kinder mit Ponnys treten. Kleine und gepflegte Farmen und Landsitze mit gothischen Dächern und Tudorfenstern, die an Holland erinnern. Ich war sehr entzückt davon. Am Abend in St. Heliers. Das englische Leben der Stadt bedrückt mich bereits. Diese furchtbar häßlichen temperamentlosen Menschen an der Table d'hôte, die ihre Abende an den Straßenecken stehend verbringen, eine Pfeife im Mund und die Hände in den Hosentaschen. Die schweren überkräftigen Speisen, die breiigen Biere, die brennenden Saucen, die bitteren Kompotts, der Mangel an Frauen. Am Abend eine mittelmäßige Aufführung des Mikado. Die Titelrolle indeß glänzend gegeben, der Schauspieler gab mit tiefer grotesker Komik den Sadismus eines orientalischen Herrschers, der geradezu unheimlich wirkte. Das Leben drückte auf mir gestern Abend im Theater, daß ich etwas, wie Wahnsinn in der Luft fühlte. Starkes Heimweh nach Paris und Blanche. Heute morgen völlig abgestumpft, über der Stadt liegt ein Londoner Nebel. Das einzige Gute, daß ich Louise nicht hier habe. Täglich sehe ich ihre Leerheit mehr ein.   St. Heliers, Samstag, den 31. Juli. Gestern abend einen tieferen Einblick in das nächtliche Jersey getan. Sie hieß Edith, war dünn, wie eine Birke, hatte eine weiße Bluse an, wie ein Herrenhemd, und einen Bubenstrohhut, sowie eine schwarze Herrenkravatte. Sie war häßlich, hatte aber einen schönen Teint. Sie führte mich in ein sehr ehrbar aussehendes Haus, verstand aber ihr Handwerk garnicht. Diese kleinen englischen Dirnen unterscheiden sich äußerlich gar nicht von dem gewöhnlichen Typus des englischen jungen Mädchens, so keusch sehen sie aus. Man meint, man begeht eine Schändung. Das scheint aber gerade dem Engländer zu gefallen. Ich fühle mich hier so fremd, daß mir ein französischer Kellner aus der Touraine, der mich in einige Intima des hiesigen Lebens einweihte, fast wie ein Landsmann vorkam gegenüber dem Engländertum. Ähnlich ist es mir seinerzeit in Sizilien gegangen, als ich einige Florentiner dort traf.   Mittwoch, den 4. August 1897. Ich habe in einer mehrtägigen Tour die ganze Insel durchwandert und komme sehr befriedigt zurück. Ich habe zwar noch nicht jene Klarheit wieder erreicht, in welcher ich in den letzten Pariser Wochen war. Die Weg durch die alten gepflegten Dörfer, zwischen dunklen Parks und von Heidekraut violett strahlenden Hügeln und zwischen dunkellockigen Farren, jene großen leeren Hotels, wo ich immer der einzige Gast war und wie ein Schloßherr die ganze Dienerschaft zur Verfügung hatte; die selbstgewählten englischen Puddings und Kuchen, die mir seit meiner Kindheit vertraut sind, die Speisen, die in verdeckten Schüsseln hereingebracht werden, die Abendspaziergänge am Meer, das ich unter allen Stimmungen belauschte, die arbeiterfüllten Vormittage im Freien und dann die Poesie des Wanderns zu Fuß mit dem Ranzen auf dem Rücken, besonders am Sonntag abend, als ich ziemlich spät zu den Gasthäusern der Greve de Lecq hinabstieg, wo man mir in dem einen, vermutlich, weil ich zu Fuß kam, ein Zimmer verweigerte, als ich zufällig die Bekanntschaft der Tochter des anderen machte, wo ich 2 schöne Tage verbrachte, alles dies ließ mich gestern abend, als ich zurückkam, die Stadt in anderem Lichte sehen. Diese kleinen englischen Mädchen schienen mir sogar reizend, zumal ich in eine ihrer Eifersuchtsszenen mit den Französinnen geriet. Ich beschloß den Abend in demselben Haus, in welches mich neulich Edith geführt und beschäftigte mich mit einer ihrer Freundinnen, während sie selbst in Gesellschaft eines Engländers war. Diese Mädchen sind mit Ausnahme der Röcke durchaus männlich gekleidet. Sie tragen sogar teilweise kleine Stöcke auf der Straße.   St. Malo, den 10. August. Seit einigen Tagen streife ich durch die alten bretonischen Städte. Mont St. Michel, St. Malo, Dinard u.s.w., wo noch völlig mittelalterliche Viertel, alte Stadtwälle u.s.w. bestehen. Und dennoch hat mein Zustand einen Rückfall erlitten. Unempfindlich ging ich zwischen diesen Schönheiten hindurch. Gestern indeß eine vollkommene Gesundung auf dem Wege nach Cancale, die sich in unaufhaltsamer Produktivität äußerte, dem sichersten Zeichen für meinen Seelenzustand. Unter anderem entstand die Ballade des Ewig Wandernden. Der Dämon kommt bisweilen wieder, aber ich versuche, ihn harmloser zu betrachten, vor allem die Pedanterie der Datierung abzuschaffen.   Paimpole, Sonntag, den 15. August. Brief von Contard, der an der Küste der Normandie ein seliges vegetatives Dasein führt und mich auffordert, ihn, wenn meine Reise zu Ende ist, dort zu besuchen. Wie ich ihn um seine animalisch-vegetative Ruhe beneide. Ich bin nun einsam und dennoch ohne Frieden. Zwei Dinge stellen sich beständig meiner Sammlung in den Weg: meine künstlerischen Ziele und meine Studien, die mich doch immer wieder treiben, keine Zeit zu verlieren, und dann meine Sinnlichkeit. Meine Astralatmosphäre ist derartig getrübt, daß ich außer durch Lektüre oder Arbeit kein Mittel finde, der Dämonialität zu entfliehen. Beschaulichkeit, wonach ich solange strebe, ist mir trotz meiner Einsamkeit völlig unmöglich. Die bretonische Landschaft reizt mich ungemein. Der nördliche Gewitterhimmel, unter welchem der Golfstrom stellenweise eine südliche Vegetation hervorbringt. Die Lektüre ist meine einzige Zuflucht. Die Einsamkeit ohne Buch ist vorläufig unmöglich. Ich sehne mich dennoch nicht so intensiv nach einem Weib. Ich begehre die Frau häufig zu einmaliger Umarmung, versuche aber nicht den langen Weg des Eroberns. Soviel ist mir das Erlebnis nicht wert. Und ferner möchte ich nach der einmaligen Umarmung sofort wieder allein sein. So ist mir eine tiefere Beziehung zur Frau im Augenblick ganz unmöglich. Ich habe auf einer Wanderung in Kerity ein Kreuz an einem Brunnen gesehen, auf der einen Seite Christus, auf der anderen Seite Maria. Kleine zwerghafte Körper mit riesenhaften Köpfen, wie Fötusse. Das monarchisch christliche Deutschland ist so bürgerlich protestantisch geworden, daß es fast verzeihlich, zum mindesten verständlich ist, wenn unsere Besten unmonarchisch und unchristlich werden. Hier in Frankreich erkennt man immer mehr die geistige Nichtigkeit jenes dritten Standes, der zwar als ein Sturmbock gerade gut war zum Umstürzen eines morschen Gemäuers, von dem aber für die Kultur nun nicht länger mehr die Rede sein kann. Die Verachtung des modernen französischen Künstlers für den Bourgeois ist maßlos, von den Romantikern an – Musset, Gautier, Baudelaire, Flaubert, d'Aurevilly, Villiers. In allen diesen der unsterbliche, aristokratische, unbürgerliche Geist. Wir werden in Deutschland nie eine kultivierte, aristokratische Gesellschaft im romanischen Sinne haben. Andererseits ist dem materialistischen dritten Stand de facto bei uns nie dieser große Raum gegeben worden, wie in Frankreich. Die Profanation des Heiligen wurde nie so systematisch betrieben, wie hier, wo die republikanischen Schulen dem Bourgeoissohn von Kindheit an den Weihrauch seiner Souveränität zu riechen geben. Bei uns ist die Bourgeoisie lange nicht so unverschämt, ja, sie hat bisweilen aus unserem 18. Jahrhundert einen Funken Idealismus herübergerettet. Der Adel hat sich dagegen bei uns selbst negiert, indem er die Laster des Bürgertums mehr oder weniger annimmt. Freilich sind die Endpole der deutschen Gesellschaft von heute verknöcherter Idealismus auf der einen und dummdreiste Blasphemie auf der anderen Seite. Dazwischen aber wohl noch Spuren jener Gesellschaft, aus welcher Goethe stammte. Während die Französin, in eine bürgerliche Ehe gespannt, sich leichter in Ehebrüchen vergnügt, trägt die Deutsche ihre Last noch stumm, bis sie eines Tages totmüde zusammenbricht. Für den Künstler ist sie fast interessanter, als jene beständigen Vitriolattentate in den lateinischen Ländern. Wenn wir auch keine kultivierte Gesellschaft haben, so ist in der Finsternis unseres sehr provinzialen Lebens eine Fülle entsagungsvoller Tragik. Unsere Frauen sind noch eher darum imstande, einmal echte Künstler zu gebären, während die Französinnen immer nur wieder künstlerische Menschen hervorbringen.   Roscoff, den 21. August, Samstag. Sehr interessant hier die alten schwerfälligen Kirchen mit Holzdächern, sodaß man bisweilen in einem Zimmer zu sein glaubt, in welchem die massiven Steinwände um so eigentümlicher wirken. Ich bin beständig von metaphysischen, religiösen Zweifeln verfolgt. Der ewige Zwiespalt zwischen Wollen und Intellekt. Heute viel stärker, als in früheren Zeiten, da eine falsche Kultur den Intellekt selbst vergiftet hat. Das Einzige, was ich zu meinem Heil tun kann, ist, intellektuell immer klarer zu werden. Ob dann der Wille von selbst folgen wird? Es gibt heilige Naturen, die von vornherein mit der Übereinstimmung von Wille und Intellekt geboren sind. Andere ganz unbewußte, deren Wille halb gut, halb schlecht ist, oft Künstler. Aber sie sind keines Fortschrittes im Geistigen fähig, und sie kennen meine Konflikte nicht.   Huelgoat, Montag, den 23. August. Hier einen Ort gefunden, dessen Landschaft mir entspricht. Wie wenig sagt mir im Verhältnis zu diesen Wäldern, Tälern, Ebenen und Bergen das nordische Meer. Durch die palmenartigen Farren, zwischen denen das violette Heidekraut leuchtet, die reichen Moosflächen, der stete Wechsel zwischen hellem Laub und dunklen Nadeln, die oft von Epheu völlig umhüllten Stämme geben der Landschaft eine fast exotische Leuchtkraft. Ich bin auch oft an meine Heimat erinnert. Dennoch ist auch hier meines Bleibens nicht. Diese von Touristen mit Fahrrädern überfüllten Hotels, die ewigen Tables d'hôte lassen mich nicht verweilen. Ich denke nun schon weiter zu reisen bis Tours, eine Stadt, die von Erinnerungen und Traditionen voll ist und groß genug, um ein unabhängiges Leben zu gestatten. Wie oft denke ich an die wundervolle Reise am Anfang dieses Jahres, Riva, Arco u. s. w. Ich kann das Christentum doch nur ganz sinnbildlich akzeptieren, besonders das Dogma von der Reue ist mir unmöglich. Ich kann keine Sünde bereuen, denn wenn ich sie auch vielleicht nicht wieder tun möchte, so hat sie das eine Mal mein Wissen und Erleben bereichert. Ich bewundere nur die Reinheit, die durch alle Sünden hindurchgegangen ist, betrachte also die Sünde nicht als das Schlechte, sondern als das Notwendige in der Welt. Je reiner aber unsere Erkenntnis wird, d. h. je mehr unsere Seele aus der Materie befreit ist, umsomehr bleibt übrig nach dem Tode der Materie.   Concarneau, den 30. August. Von Huelgoat aus bin ich nach dem Cap Finistère gereist und habe die wildeste Gegend der mir bisher allzu zahm erscheinenden Bretagne besucht. In St. Guénéule traf ich zu meiner größten Überraschung Henri Alberts Geliebte Madeleine. Ich habe in ungemein intensiver Weise den Typus der femme rosse genossen. Der skeptische Albert scheint der sentimentale Seladon zu sein vor diesem geradezu niederträchtigen Wesen, welches ihn, trotzdem er ihr 400 Franc's monatlich fest gibt, noch in der schrecklichsten Weise ausbeutet. Sie weiß, daß er lungenleidend ist, und zwingt ihn, seine Nächte durchzuarbeiten, um ihre Launen bezahlen zu können. Er scheint es wohl nicht besser zu verdienen, weil er kein größeres Vergnügen kennt, als seine Geliebte in eleganten Toiletten seinen Freunden vorzuführen. Alles dies natürlich nach ihrer Aussage. Sehr interessant dieses weiße Stück Fleisch von den groben Bauern hier hofiert. Besonders scheint eine kleine Dienstmagd eine Art lesbischer Neigung zu ihr gefaßt zu haben. Auch zwischen ihr und mir mußte natürlich die Frage des Zusammenschlafens gelöst werden. Doch verzichtete ich sofort, als ich ihre petits airs bemerkte, mit denen sie mich zu umgarnen suchte. Ich bin dann plötzlich und unvorbereitet abgereist. Sie fand mich ungemein bizarr, weil ich auf ihre kleinen Künste nicht recht eingegangen bin. Psychologisch ist es mir unfaßbar, wie man Sklave einer solchen Kreatur werden kann. Das Gute ist doch in meiner Anlage, daß ich nur eine Frau lieben könnte, die mich auch durch Geist und Charakter fesselt. Madeleine gestand mir, daß sie bis zu ihrem 22. Jahr vollkommen kalt und gleichgiltig war, jetzt aber findet sie Freude an diversen Komplikationen des Natürlichen. Sie ist weder leidenschaftlich, noch sinnlich, nur lasterhaft. Ich bin dieses Umherziehens gründlich satt. Niemals mehr werde ich eine solche Touristenreise unternehmen. Nur längerer Aufenthalt an einem Ort, höchstens einmal eine Woche wirkliches Reisen. Man kommt zu keiner Sammlung. Die Stimmung kann sich nicht konzentrieren. Und diese fortgesetzte Abhängigkeit vom Wetter und allen möglichen anderen, äußeren Verhältnissen.   Tours, den 4. September. Seit St. Guéneulé ist mein Zustand wesentlich besser geworden, ohne vollkommen zu sein. Ich bin über Pont-Aven gereist, wo ich eine in Paris Medizin studierende Russin kennen lernte. Freigeist, anarchistisch etc. Ich habe mit ihr einen Vormittagsausflug zu Schiff gemacht unter allerlei Gesprächen. Wie glücklich hätte mich diese Bekanntschaft vor ein bis zwei Jahren gemacht. Und heute, welcher Abgrund zwischen mir und dieser Welt, in der ich ja in Berlin selbst kurze Zeit gelebt habe. Dann zu den interessanten keltischen Überresten Carnacs, Locmariaquers und über Nantes und Anger hierher. Ich lese Salammbô von Flaubert und es langweilt mich. Flaubert hat recht, wenn er sagt, der Sockel sei zu groß für die Statue geworden. Die Statue existiert ja kaum. Was haben diese kleinen Einzelschilderungen mit Salammbô zu tun. Dennoch außerordentlich bedeutende Episoden. Maeterlinck erinnert mich bisweilen in seiner gewollten Einfachheit an die Sätze in der Grammatik: Ich möchte anderswohin gehen. Wohin könnte man gehen? Sind die Zimmer der oberen Stockwerke geheizt? Nein, sie werden seit vielen Jahren nicht mehr geheizt. Wir könnten vielleicht in den Garten gehen? u. s. w. u. s. w.   Les Grandes Dalles, Montag, den 13. September. Hier habe ich nun Ruhe gefunden. Contard, der seit 8 Wochen hier ist, hat mich eingeladen, die Zeit bis zur Rückkehr nach Paris mit ihm zu verbringen. Seit Donnerstag Abend in diesem reizenden Ort an der Küste. Wir streifen Tag und Nacht umher unter mannigfachen Gesprächen. Vor meinen Zimmern eine weiße Terrasse die fast von den Wellen bespült wird. Zur Rechten und Linken steile Felswände, die in dem Kupferrot der Sonnenuntergänge sizilianische Erinnerungen wachrufen. Das Land besteht aus grünen, von Ulmenwänden begrenzten Tälern, weiten Feldern, von Bauernhöfen unterbrochen. Die Mondscheinnächte haben wir auf den Felsen verbracht und sahen die vagen Wolkenschatten über dem Meer, die wie leichte Dämpfe schienen. Auf dem Wege zum Lupanar rede ich mit Contard über die Unsterblichkeit der Seele. Unsere tiefsten esoterischen Unterhaltungen unterbrochen durch Experimente mit den beiden Bonnen des Hotels, deren Neugier und Einbildungskraft wir mit raffinierten Vorstellungen ausfüllen. Ein sinkender Mensch kann immer noch höher stehen, als ein steigender, der erst eine geringe Stufe erklommen hat, während der sinkende noch nicht tief hinabgeraten ist.   Paris, den 10. Oktober. Sehr zufrieden habe ich am 30. September Les Grandes Dalles verlassen. Am letzten Tage mit Contard eine merkwürdige Auseinandersetzung. Ich war etwas verletzt, daß er den letzten Abend, den wir ausdrücklich zu einem Zusammensein bestimmten, aus bloßer Gedankenlosigkeit mit dieser ewigen Familie Chevalier-Gilet verbrachte. Er ist in seiner Galanterie und Rücksicht beständig dem Zufall unterworfen. Er kann sich nicht von einem kleinen Frauchen losmachen. Diese Chevaliers sind oft in unsere tiefsten Unterhaltungen hineingeschneit und haben alles zerstört. Ich gebe mich zu sehr hin, muß gleichgiltiger werden selbst gegen die besten Freunde, wie Contard, der meine Vorwürfe kaum verstand. Hier in Paris war ich anfangs voll Begeisterung für die Stadt. Man muß fern gewesen sein, Heimweh nach Paris gefühlt haben und dann zurückkommen. Welche einzige Stadt! Ich habe einige Frauenerlebnisse gehabt, die mich aber dann wieder gründlich für längere Zeit geheilt haben durch diese hier epidemische Habgier und Kälte. Die Tage verbringe ich nun in der Bibliothèque Nationale mit dem Studium der Magie. Das Geheimnis der heiligen Zahlen als Grundrhythmen alles psychisch-spirituellen Seins wird mir etwas klarer. Ich freue mich, wenn ich Paris, meine magischen Anfangsstudien und französische Literatur hinter mir haben werde. Für das nächste Jahr ist England geplant. Dann bin ich frei, dann muß ich nichts mehr gesehen haben, dann kann ich vielleicht wirklich dem Zufall leben. Ob ich es wirklich kann, ob ich mir nicht wieder ein neues »Muß« schaffe?   Montag, den 18. Oktober. Es herrscht ein so mildes Herbstwetter, daß ich noch einmal auf das Land zu gehen beabsichtige. Ich habe meine Tage zum großen Teil mit Studien von Eliphas Levi in der Bibliotheque Nationale zugebracht. Mit Hermann stehe ich wieder trefflich, seitdem wir alles Materielle sorgsam aus unserem Verkehr eliminieren. Ich habe jetzt viele französische Bekannte. Meine Neugier gegenüber der »putain de café« ist gestillt, seitdem ich erkenne, daß das materielle Elend an der Art ihrer weiblichen Entwickelung schuld ist. Die Gemeinheit der Männer hat eine vollkommene Gefühllosigkeit oder niedriges Mißtrauen gegen den Mann erzeugt. Ihre Sinnlichkeit ist rein peripherisch. Person oder Geschlecht sogar sind ihnen gleichgiltig. In Betracht kommt nur eine geschickte Technik des Cunnilingus, die sich häufiger beim eigenen Geschlecht findet, dabei sind sie durchaus nicht ausgesprochen homosexuell. Diese Erkenntnis hat mich wohl von der quälenden Neugier befreit, die stets zu Versuchen bereit war. Ich bin ruhiger geworden. Vielleicht ist auch das Studium der Magie eine Ursache davon, sie bringt mir wirklich Trost und führt mich dem Katholizismus in die Arme.   Montag, den 15. November. Ein Aphorismus Contards: La femme qui jouit de son sexe en écoutant Tristan et Iseult se masturbe avec le doigt de Dieu. Das Studium der Eliphas Levi'schen Bücher hat mich derart ausgefüllt, daß ich seit 8 Tagen zu jeder sonstigen Aufnahme unfähig bin. Ich schreibe dagegen an meiner Novelle »Die Geliebte des Teufels«. Mein Zustand sehr verschieden. Zuweilen eine furchtbare Verstimmung gegen Paris. Ich leide darunter, die Wirkung meiner in Deutschland erscheinenden Arbeiten nicht beobachten zu können, und daß unter meinen hiesigen Freunden keiner daran teilnehmen kann. Nur Hermann, dessen lebhafte Anerkennung mich bisweilen entschädigt. Paris hat mich doch wohl gereift. Übrigens hat mir Blanche wieder geschrieben. Sie will mich Donnerstag wiedersehen. Das Bedürfnis, mich in weiterem Kreise zu realisieren, wird doch wieder größer. Ich ertrage dies obscure Studentendasein nicht länger. Ich glaube, Contard und Chaillet, die beide ganz unproduktiv sind, müssen auch darunter leiden, immer étudiants en médecine zu sein. Sie wagen sich wohl darum kaum in die Gesellschaft. Chaillet ist ganz passiv. Sie nennen ihn hier eine männliche Hure, la grande blonde. Er spielt mit sich und seinen Empfindungen. Absolut Je-m'enfoutiste. Das alles ist eigentlich ein fauler Quietismus, unter dem sie aber selbst leiden. Mich hingegen verzehren immer wieder Zukunftshoffnungen, Ehrgeiz, die Möglichkeit, Einfluß auszuüben. Sobald ich ihn aber haben werde, werde ich wahrscheinlich gleichgiltig dagegen sein, da ich wohl niemals ganz in der Gesellschaft und weltlichem Treiben aufgehen werde. Im Gegenteil, ich werde es fliehen, wenn es mir entgegengebracht worden ist. Die Prinzessin Cantacuzène hat mir lebhaft für meine Kritik gedankt. Ein zweites Buch von ihr ist angekommen. Sie lädt mich ein, auf ihrem Gut einen russischen Winter zu verbringen. Auch Richter ist wieder hier. Auch ein Quietist, aber Deutscher, der bei aller Feinfühligkeit und Aufrichtigkeit mit bourgeoisen Idealen liebäugelt, negiert absolut das spezielle Schicksal des intellektuellen Menschen dieser Zeit. Dann ist ein sehr feiner, gemütvoller Deutscher hier, der Maler Max Vogt, eine deutsche Natur im guten Sinn, wie es scheint auch ein erfreuliches Talent. Aber ohne jede Initiative. Er leidet stark unter Paris, in dem er sich garnicht zurechtfindet. Obwohl ich zwar keineswegs Pariser geworden bin, vielmehr das deutsche Element gerade hier in mir herausgearbeitet habe, zweifele ich, ob ich mich wieder in diese deutsche beschränkte Selbstgenügsamkeit eingewöhnen werde. In Deutschland fehlt heute eine einheitliche Lebensanschauung, wie sie nur eine große Philosophie oder der Katholizismus geben kann.   Samstag, den 27. November. Ich schließe mich wieder mehr Hermann an, dem ich vielleicht Richard schicken werde, während ich die Sterilität und Schwäche von Contard und Chaillet immer heftiger empfinde. Hermann hat mich mit Strindberg bekannt gemacht, eine gewaltige Persönlichkeit, vor welcher unsere französischen Freunde eine wahrhafte Angst empfinden. Ich fühle in ihm zugleich einen Schatz von Liebe und Gefühl, den aber heftige Leiden, verursacht durch den Mißbrauch anderer, in Mißtrauen gehüllt zu haben scheinen. Er ist bereits ganz ergraut. Vielleicht der erste Mensch, den ich kenne, vor dem ich mich beugen kann, ohne daß es auf Kosten meines Selbstgefühls geschieht. Blanche besucht mich wieder. Dieses gute Geschöpf, welches den Anfang und das Ende meines hiesigen Aufenthalts begleitet, ist doch das einzige wirkliche Weib, das ich in Paris kannte und liebte.   Sonntag, den 12. Dezember. Mitten in den Vorbereitungen zur Abreise begriffen, und ich reise mit Freude. Der Umgang mit meinen französischen Freunden ist mir von Woche zu Woche reizloser geworden. Das Scheinleben, Lügen gegen sich selbst, sogar bei so intellektuellen Menschen, wie Chaillet und Contard, wird mir immer klarer. Ich glaube, sie merken, wie ich mich ihnen entfremde. Mit Richter öfters zusammengewesen. Er besitzt gutes Urteil und feine Kultur, ist dabei dennoch ein vollkommen deutscher Bourgeois. Wie wohltuend seine Aufrichtigkeit, aber wie erschreckend der Abgrund, der ihn von meiner und Hermanns Kunst trennt. Als Maler macht er mir doch Zweifel an Hermanns technischen Qualitäten, der vielleicht durch seinen rein literarischen Umgang verdorben wird.   Den 17. Dezember. Morgen Abreise. Gestern noch ein ereignisreicher Abend. Seit einiger Zeit bin ich Mitglied der faculté des sciences occultes. Gestern Abend erhielt ich feierlich die Weihen des ersten Grades des Martinistenordens. Die Zeremonie, verbundene Augen, dann schwarze Maske, ringsum alles in Masken, die Schwerter in der Hand, die breiten Seidenschärpen auf der Brust, die 3 brennenden Kerzen, der wallende Mantel, in den ich gehüllt wurde, setzten mich in starke Erregung, die mich aber innerlich so stärkte, daß ich dann vortrefflich einem Angriff standzuhalten vermochte, dem ich plötzlich um Mitternacht in einem Caféhaus ausgesetzt war. Ich traf dort einen flüchtigen Bekannten mit seinen Freunden, einen beredten Ignoranten, namens Tiercelin, der sich mit seiner Unwissenheit brüstet und dann doch alles zu wissen glaubt, der Paris für die Synthese der Welt hält, von der übrigen Welt aber nie etwas gesehen hat und dem seine fehlenden Sprachkenntnisse, irgend etwas Fremdes zu verstehen, verbieten, selbst die antike Kultur zu kennen. Die Situation war für mich doppelt schwierig, da ich einem sehr beredten Menschen in einer mir doch fremden Sprache zu antworten hatte, und da die Debatte so laut wurde, daß sich ein großes Publikum bildete. Er wollte die Lage ausbeuten, indem er sich auf den Rassenhaß der Menge gegen den Deutschen zu stützen beabsichtigte. Aber es gelang mir plötzlich, das Publikum, das schon etwas drohend aussah, für mich zu gewinnen, indem ich rief: »Je connais et j'admire trop votre nation pour ne pas savoir que vous n'êtes qu'une ridicule exception comme chaque nation en produit.« Inzwischen kamen auch noch einige Bekannte von mir herein, die mir applaudierten, während Tiercelin aus dem Höllenlärm, der sich erhoben hatte, verschwand.   Frankfurt a/M., Samstag, den 25. Dezember. Über Reims und Nancy, wo ich nocheinmal die französische Provinz in ihrer ganzen Ödigkeit erlebte, kam ich nach Straßburg. Dort mit Richard einen Abend in einem deutschen Weinhaus gesessen. Er ist sehr gereift, aber doch noch wirr und unklar. Am folgenden Tage mit ihm in Karlsruhe. Seine Freunde sind tüchtige Maler, die auch ihm originelle Ideen zutrauen. Er kann aber noch nicht zeichnen. Hermanns Arbeiten, von denen ich einiges bei mir hatte, machten unter diesen Leuten wenig Eindruck. Hermann ist doch zu literarisch. Es scheint, daß ihn die Literaten über-, die Maler unterschätzen. Es ist doch noch viel Fremdes zwischen Richard und mir. Vielleicht ist es nur der Altersunterschied und seine häufig ungehobelte Art. In Frankfurt von Großmama natürlich sehr herzlich empfangen. Die ganze Familie lebt untereinander in heimlicher Feindschaft, voll Mißtrauen. Genau das Gegenteil, wie es einst war. Otto anfangs sehr kühl. Mein Ehrgeiz wird sein, ihn langsam zu gewinnen. Gestern habe ich bei ihm vielleicht sogar schon Fortschritte gemacht. Hedwig scheint furchtbar zu leiden. Tilly hat dumme Streiche gemacht. Sie ist in Pension. Der Weihnachtsabend furchtbar, weil er wie jeder andere Abend war. Gründlers kamen zum Tee. Ich habe schon etwas versöhnlich gewirkt. Auch in Richards finanzielle Unordnung habe ich etwas eingegriffen. Er hat mich freiwillig zum Verwalter seines Vermögens ernannt. Es befriedigt mich überaus, hier Gutes wirken zu können. Für Hermann habe ich inzwischen durch Weidenbusch ein paar Bestellungen veranlaßt, die ihm vielleicht eine sichere Rente schaffen werden. Auch habe ich über ihn selbst im »Pan« und in der »L'Ermitage« geschrieben. Ich lasse hier die Menschen im Glauben, daß ich bereits Katholik geworden bin, um mich durch den Courant dieser Gemeinschaft tragen zu lassen und gegen Angriffe zu schützen. Ich hätte ja diese Form schnell vollziehen lassen können, aber ich will es später tun, wenn ich die Zeit finde, mich würdig vorzubereiten, vielleicht einige Monate in einem Kloster. Vor meinen Gedichten, selbst den ganz einfachen, steht Otto ratlos. Er versteht sie nicht. Merkwürdig dieser grundverschiedene Denkformalismus. Selbst Chrysanthemum und die Weise kann er nicht begreifen. Übrigens schreibt ein Kritiker in den Grenzboten über meinen Artikel über Dichtung im Pan, er sei unverständlich. Überall fühlt man in Deutschland Aufschwung. Welche Bequemlichkeit des Reisens gegen Frankreich, welche Erzogenheit der unteren Stände, wie Kellner, Schaffner u.s.w. Und überall reges künstlerisches Leben.   Freitag, den 31. Dezember. Alle materiellen Angelegenheiten glücklich erledigt. Ich kann nun beginnen mit dem, weswegen ich überhaupt hergekommen bin, englisch zu treiben, um mich auf meine Reise vorzubereiten. Viele Freunde wieder gesehen. Es scheint, daß ich in Berlin und München überall bekannt bin und gelesen werde. Wolfskehl sucht Einwände gegen den Katholizismus vom wissenschaftlichen Standpunkt aus. Ich hätte ihn nie dem Materialismus und Protestantismus so nahe geglaubt. Er sieht nicht, daß bei diesen Voraussetzungen sein Symbolismus durchaus in der Luft schwebt, und daß ich nur eine letzte Konsequenz ziehe. Mit Richard eine gelungene spiritistische Sitzung gehabt, eine sogenannte Intelligenz erschien, warnte uns beide durch Tischklopfen vor der libido, riet mir, bald in ein Kloster zu gehen, behauptete aber dennoch, das Christentum sei für mich nicht die Wahrheit und erklärte am Schluß, sie moquiere sich über uns, da wir unwürdig seien. Sie gab sich übrigens für unseren Großvater aus. 1898   Frankfurt a/M., Donnerstag, den 13. Januar 1898. Großer Familienkrieg. Tilly, die sich allerdings recht viel hat zuschulden kommen lassen, von Otto gewissermaßen verstoßen. Alewyn erscheint. Ich zunächst mit ihm verbündet. Wir lassen Tilly auf eigenes Risiko aus Friedrichroda kommen. Otto, in der größten Angst, schimpft, ich antworte ihm, schließlich alles gut. Tilly kommt in eine andere Pension. Alewyn gibt zu, sich in mir getäuscht zu haben. Ich finde in ihm einen Bewunderer. Auch mit Tilly stehe ich wieder sehr gut. Otto ist gewissermaßen eifersüchtig auf meine Freiheit und mein nun immer mehr Anerkennung findendes Talent. Hedwig darf nicht einmal schön finden, wenn ich Klavier spiele, das ärgert ihn. Sie scheint außerordentlich unter ihm zu leiden. Alewyn ist ein sehr unbedeutender Mensch, aber ohne Ottos Arroganz. Ich glaube, das Geld spielt in seiner Liebe zu Tilly keine kleine Rolle. Großmama voll Angst vor Gründlers, aber sie ist feig und spielt Komödie. Richard bummelt, schleppt sich auf den Sofas und Sesseln herum und ist zu schwach, um Interessen zu haben. Er will nun auf eine Kunstgewerbeschule gehen, da ihm das Können fehlt, um seine Entwürfe auszuführen. Dazwischen eine kleine Liebelei mit einer englischen Tänzerin, namens Edith Thomas, vom Zirkus. Ich hielt sie anfangs dem Äußeren nach für eine geriebene Pariser Kokotte und entdeckte in ihr ein harmloses Geschöpf. Es scheint, daß ein Geliebter erst aus ihrem Herzen verdrängt werden muß. Sie ließ sich mehrmals von mir nehmen, aber sie gab sich nicht eigentlich. Sie ist von wunderbarer Schönheit, ihr Geliebter ist Geschäftsreisender. Ich treibe englisch, verkehre viel mit Prange, dessen Drama Kain recht talentvoll ist. Mit Richard ist mir der Verkehr, wie ich ihn erhoffte, doch noch nicht möglich. Es ist noch viel Fremdes zwischen uns. Vielleicht bloß seine Jugend. Oft habe ich Mitleid mit ihm und nehme ihn deshalb mit, wenn ich ausgehe.   Freitag, den 14. Januar. Gestern Weidenbusch getroffen. Eine Nacht mit ihm in der üblichen Art verbracht. Viel geredet, getrunken, am Schluß eine Weibergeschichte. Wir sind wieder völlig versöhnt. Sein Verhalten gegen mich läßt nun nichts mehr zu wünschen übrig; er selbst leidet stark unter seiner geistigen Impotenz und sieht daher meine Arbeit mit Mißtrauen an. Er denkt immer noch daran, einmal etwas zu schreiben oder Schauspieler zu werden. Dann erklärt er wieder offen seinen Bankrott, seine Oberflächlichkeit. Er ist mir dennoch einer der interessantesten anregendsten Menschen, die ich kenne, sein Urteil in allen Lebensfragen außerordentlich.   Montag, den 17. Januar. Gestern am einjährigen Todestag Mamas mit Richard auf dem Friedhof. Unterwegs entdeckte er mir, daß er seinen momentanen Zustand nicht länger ertrage, die beständigen impertinenten Demütigungen, die er in der Familie erfahre, wo er nicht ernst genommen wird. Auch ich bin schädlich für ihn, da mein zu großes Interesse seine Bewegungen hemmt. Er sprach, wie seine ganze Jugend ein maßloses Unglück war, daß er nie Liebe zu Papa und Mama gespürt habe, wohl aber zu seinen Geschwistern, die ihn zurückstießen. Er hat Philips eingeladen, der sein einziger wahrer Freund ist. Seine Verbummelung hat zahllose Entschuldigungsgründe. Aber ihn von außen anspornen wollen, heißt ihn lähmen. Wenn überhaupt etwas aus ihm wird, dem beständig auf die Seele getreten wurde und dessen Selbstbewußtsein stets unterdrückt wurde, so kann er es nur allein werden. Ich habe ihm den Mangel an Vertrauen zu mir vorgeworfen, aber er ist eben stets zum Mißtrauen gezwungen worden.   Samstag, den 23. Januar. Philips ist nun angekommen. Seitdem ist mit Richard garnichts mehr anzufangen. Philips will seinen Zustand allzusehr pathologisch erklären. Es ist wahr, Richard ist krank, aber die Hauptsache bleibt seine in der Familie erbliche Energielosigkeit, die durch sein Unglück umso fühlbarer wird. Manchmal ist er wie ein halbes Tier. Ich vertrage seine Atmosphäre nicht mehr. Ich fühle bei dem Zusammensein mit ihm die schlechten Seiten meines Charakters stärker. Philips ist ganz der Alte, außerordentlich klar denkend usw., aber in gewissem Sinne doch beschränkt. Aber ich liebe ihn, was ich von meinen anderen Freunden nicht sagen kann. Ich muß ihn fast ganz Richard opfern, der nicht allein sein kann. Ich weiß nicht, was zwischen mir und Richard ist. Mein Interesse an ihm ist sehr groß, ohne daß ich deshalb seine geradezu idiotenhaften Äußerungen, verbunden mit außerordentlicher Verständigkeit und Intellektualität, ertragen könnte. Sein Unglück schmerzt mich ungemein, ich möchte weinen, wenn ich ihn gekränkt habe, und doch kann ich nicht liebevoll zu ihm sein. Ich glaube manchmal, daß ich ihn sogar hasse. Wolfskehl und Fuchs waren hier. Mit ihnen, Philips und Richard eine spiritistische Sitzung. Wieder ist Großpapa erschienen. Mit Wolfskehl sprach er mittelhochdeutsch: »Baccalaureus betriege Dich nicht Dein Ehgemahl ei befehet Dein Geschmacke, femebige ah zerbricht – Geilheit hindert Dich an allem Ehegemahl.« Wolfskehl ist gerade verlobt. Auf unsere Fragen wurde geantwortet, ich sei der stärkste im Geist, der Tisch kam bis zu mir, obwohl ich im Augenblick nicht an der Kette teilnahm. Bei mir seien die Instinkte am wenigsten entwickelt. Fuchs sei der stärkste im Fleisch. Richard sei dem Tier am nächsten. Wolfskehl erzählte mir, was ich früher schon von anderen Seiten hörte, daß meine Arbeiten in Berlin bekannt und sehr geschätzt seien. Wunderbar, wie schnell ich doch dazu gekommen bin.   Mittwoch, den 26. Januar. Philips hat mir das Du angeboten. Das ist mir seit vielen Jahren von niemand geschehen. Niemand wagt es, da ich kalt und lieblos erscheine. Dennoch könnte ich auch mit Philips nicht dauernd zusammenleben, obwohl man selten einen gescheiteren und anständigeren Menschen finden kann. Aber er hat keine Nerven und versteht darum tausend Dinge nicht. Er scheint häufig geschmack- und taktlos. Wir haben eine Anzahl sehr interessanter spiritistischer Sitzungen gehabt. Mir scheint, daß die geklopften Buchstaben doch eher Manifestationen unseres Unbewußten sind. Zu Richard wurde gesprochen: »Gib die Fahrlässigkeit auf, Du bist zu Großem berufen, ich habe Dich lieb, mein Sohn.« Großpapa sprach wieder, er sei erzürnt auf Großmama. Er gab einen Grund an, der ganz gewiß aus Richards verwahrlostem Unterbewußtsein stammte. »Gefälschte Papiere, Testament, haben Ziffern gefälscht, betrüge Deine Enkel nicht.« Dann hieß es, Otto Gründler habe diese Papiere gefälscht, und schließlich hat dieser angebliche Geist alles widerrufen. Es manifestierte sich ein beständiger Kampf zwischen der Intelligenz David (Großpapa) und anderen Intelligenzen, die sich am Sprechen gegenseitig hinderten. Dann sagte jemand: »man muß bald zu Tilly gehen, aqua noctis.« Richard bildet sich ein, Otto wolle Tilly zum Selbstmord treiben, um sich ihrer zu entledigen. Der Gedanke bestimme ihn, sonst habe Otto sie nicht in eine Stadt geschickt, die am Wasser liegt (Neuwied). Solchen Unsinn verzapft Richard. Dann wurde uns eine Beschwörungsformel gesagt: »Mond rectifer mundi in terra facit, Zephyr ut ignis fides (?) moveret secundus«; dann waren wir zu müde, weiter zu folgen. Das Ganze schien mir eine Manifestation von Richards Wahnsinn.   Donnerstag, den 3. Februar. Nach einiger Zeit völliger Abgestumpftheit, die ein wenig durch den Verkehr mit hiesigen Malern, Trübner, Thoma u. s.w. belebt wurde, habe ich in den letzten Tagen ein außergewöhnliches inneres Leben geführt. In Unterhaltungen mit Philips ist es mir klar geworden, daß ich von niemand geliebt werde, obwohl ich an allen das regste Interesse nehme, obwohl ich keine Gelegenheit vorübergehen lasse, anderen zu nützen. Ich muß wirken, fördern durch Rat und Tat. Philips gibt zu, daß im Verkehr mit mir jeder Nutzen hat, während mir kaum einer nützt. Ohne jegliche Empfehlung habe ich mir in der Literatur bereits einen Namen gemacht, während ich stets bereit bin, durch meine Empfehlungen anderen zu helfen. Philips meint, daß ich mir durch kleine Äußerlichkeiten, gelegentliche Schroffheit alles verderbe. Außerdem liebe man vorzugsweise die Schwachen, nicht den, der stets auf die Füße fällt und sich trotz all seiner Nöte selber helfen kann. In der Tat ist etwas in mir, was das quellende Leben, auch in meiner Kunst, hemmt. Dieses »Dinge gesehen haben müssen«. Nur aus diesem Grunde will ich jetzt nach London gehen. Ich mehre mein Wissen, aber das Innenleben wird dabei zu wenig kultiviert. Auch Hermann vermißte in meinen Arbeiten den direkten Bezug zur Natur. Es ist wirklich zu viel Fremdes in mir. Ich war nahe daran, meine englische Reise aufzugeben, zumal, da alle diese Dinge wieder auf dasselbe hinausgehen, was mir Weidenbusch und Wolfskehl sagten. Bald aber merkte ich, daß nun London doch einmal dazu gehört, daß ich das Nicht-dort-gewesen-sein als Lücke empfinden würde. Es muß also doch durchgemacht werden. Vorher aber gehe ich, um diesen Konflikt auszureifen, auf 4 Wochen an den Gardasee. London ist wohl die letzte große Station, auf welcher mich mein Intellekt auszusteigen zwingt. Dann werde ich wohl ruhiger leben können, mich den Ereignissen überlassen, ohne vorher zu wissen, was ich im nächsten Monat tun muß. Aber auch in London, wenn ich erst einmal dort bin, werde ich viel triebhafter zu leben versuchen, als ich in Paris tat, da doch meine Neugier erheblich geringer ist, als früher. Es wird mich dann allerdings auch noch reizen, einen Winter in Berlin zu leben, von dessen kultivierten Kreisen Wolfskehl in den höchsten Tönen gesprochen hat. Das aber wird mit meiner instinktiven Lust so wie so zusammenfallen. An den Gardasee nehme ich Homer, Goethe, Cervantes und einige katholische Lektüre mit. Einfachheit, große Linien, das ist mein Ziel. Dieser ganze Konflikt fällt mit dem Erwachen des Frühlings zusammen. Ich kann die Tagesstunde angeben, wo es begann, sich zu regen. Neulich nachmittags kam ich gegen 5 Uhr meiner Gewohnheit gemäß nachhause, um englisch zu treiben. Aber ich konnte diese trockene Arbeit, die mir wochenlang durchaus entsprach, nicht vollbringen. Ich legte mich auf das Sofa, rauchte eine Zigarette und verfiel in Halbschlummer. Es schwirrten mir alte Gedichte von mir durch den Kopf, neue gestalteten sich, und als ich erwachte, war ich wie neugeboren, wie im vorigen Frühling, als ich aus der Fabrik in Sèvres heraustrat und es plötzlich Sommer geworden war. Dies war allerdings einige Monate später. Besonders die häuslichen Verhältnisse sind unerträglich. Ich kann zu Richard keinen Ton finden. Er bummelt, verschwendet, macht leere Redensarten. Ich fahre ihn an, obwohl ich weiß, daß ich seinen halbkrankhaften Zustand dadurch verschlimmere. Philips nimmt sich seiner mit Liebe an, gibt ihm aber zu viel nach. Er hat ihn nun zu dem endlichen Entschluß gebracht, zu arbeiten. Auch Großmamas Art ist unerträglich. Ein Gemisch von Güte und Kälte. Ich beherrsche mich nicht genug. Bewundernswert die verständige Ruhe ihrer Gesellschafterin, Fräulein Schreiber. Auch mit Philips viel Streit, der oft taktlos ist. Aber nun ist alles besser. Seit einigen Tagen bin ich verwandelt. Auch die Todesgedanken, die mich schon in Paris bisweilen befielen, in den letzten Wochen hier unerträglich wurden, vielleicht gefördert durch die spiritistischen Sitzungen, sind bedeutend schwächer, obwohl die Vorstellung eines frühen Todes nicht von mir weichen will. Beschäftigt sich je ein Mensch so stark mit diesen Gedanken, wenn nicht ein naher Tod bereits seine Schatten wirft? ich weiß es nicht. Auch die Lektüre von Eliphas Levi ist daran schuld, denn seitdem quält mich auch die Vorstellung des Lebendigbegrabenwerdens.   Fasano am Gardasee, Montag, den 14. Februar. Ich bin über Bozen und Arco hierhergereist. In Bozen im Bazzenhäusel mit zwei deutschen Malern Schwabe und Kraus, die ich dort kennen lernte, bis frühmorgens beim Wein gesessen. In München 3 Stunden bei Stern, der vergnügt und zufrieden als Philosoph dahinlebt und noch immer die beruhigende, gütige Art hat, wie früher. In Arco die alten geliebten Stätten wieder aufgesucht, aber niemand wiedergefunden. Seit Freitag hier, mein Zustand sehr zu seinem Vorteil verwandelt. Meine »Elegiae Benacenses« sind des Zeuge. Ich wohne in einem kleinen Pavillon am See bei vortrefflichen italienischen Wirtsleuten. Ein neunjähriges Töchterchen hat mich besonders ins Herz geschlossen. Sie bringt mir Veilchen ins Zimmer. In einem Schulaufsatz in Briefform schreibt sie über mich, als von einem »celebre poëta«, der bei ihnen wohnt. Niemand habe ich gesagt, was ich bin, sie ist von selbst dahinter gekommen. Ich stehe gegen 9 auf, vormittags arbeite ich, lese und wandle ein wenig in dem Garten am See umher. Nachmittags ziehe ich durch die Berge. Zwischen Olivenwäldern, alten ruinenhaften Dörfern, Lorbeerwegen, dazwischen Ausblicke auf den halbinselreichen See, ringsum grüne Hügel, blaue Berge, hintereinander gelagert. Gegenüber ein schneebedeckter abends glühender Bergrücken, die Hügel oft mit zypressenumstandenen Hütten gekrönt. Man kann den ganzen Tag im Freien sitzen, obwohl es für hiesige Begriffe kalt sein soll. Ich nehme die Mahlzeiten in einer Pension, wo ich auch die Abende verbringe. Gesellschaft recht angenehm, wenigstens habe ich mich mit zwei klugen Holländerinnen, Ende der zwanziger Jahre, etwas angefreundet. Unterwegs bin ich von einer unbeschreiblichen, beglückenden Produktivität (Orpheus, Maria Magdalena etc.).   Samstag, den 19. Februar. Das Wetter täglich wärmer. Um 10 Uhr früh trage ich meinen Sessel in den Garten und arbeite, lese, besonders Homer, bis zu Tisch. Nachmittags herrliche Spaziergänge mit dem Don Quixote in der Tasche. Abends in der Pension mit den beiden Holländerinnen. Sonst verkehre ich mit niemand. Die Folge davon ist, daß mich die etwas idiotische Gesellschaft der Pension anfeindet. Aber ich fühle mich wohl dabei. Das Charakteristische unseres Münchener Kreises war dies: man sagte nichts zueinander, sondern man meinte stets: man könnte hier sagen u.s.w. Das aufstrebende Deutschland ist darum weniger dekadent, als Frankreich, weil seine Frauen noch bedeutend gesünder sind. Neulich einen Tag in Brescia gewesen. Eine lebendige, sehr italienische Stadt.   Montag, den 28. Februar. Viel Regen und Wolken, dennoch vormittags im Garten. Die Arbeit geht gut vorwärts. Nachmittags meist in Gardone, wo ich mich anläßlich der Dreyfus-Affaire wütend in die Zeitungen gestürzt habe. Abends mit den beiden Holländerinnen in einem Salon der Pension zusammen. Sie verwöhnen mich ein bischen. Die übrige Gesellschaft schaut uns mit scheelen Augen an. Die Töchter meiner Wirtsleute bekränzen mein Bett und füllen mein Zimmer mit Blumen. Manchmal habe ich den Verdacht, als ob sie damit Absichten verfolgten. Ich fühle mich ganz wohl, fürchte aber fast täglich, krank zu werden und bin dabei ungemein leichtsinnig mit meiner Gesundheit. Das kleine englische Mädchen aus dem Frankfurter Zirkus schreibt bisweilen. Sie tanzt augenblicklich in Holland. Mein politisches Ideal wäre eine Feudalverfassung mit der Voraussetzung eines hochkultivierten Adels, der zugleich immer das beste Publikum für die geistigen Werte abgibt. Der Besitz muß natürlich da sein, irgend wie einmal durch einmaligen Akt oder gelegentliche Akte gewonnen sein, nicht aber durch ein Leben voll Erwerb. Die Erwerbsstände sind keiner Kultur fähig. Wo der Adel verfällt, drängt sich Individualismus, Majorität und Geldmacht vor. Der Besitz ist zwar die Erbsünde der Gesellschaft, darum ist niemand vollkommen rein. Auch der Heilige ist ja von der Erbsünde befleckt. Das Erwerben dagegen ist Weitersündigen. Darum ist zur hohen Kultur nur eine Klasse fähig, die nicht durch Erwerbsrücksichten geleitet wird, notwendigerweise aber von der Erbsünde behaftet sein muß. Da eine solche Gesellschaft heute nicht mehr möglich ist, kann man in der Verstaatlichung, d.h. in der Sozialisierung der materiellen Angelegenheiten von Staatswegen doch manches Gute sehen. Andernfalls kommt der Krämer zur Herrschaft.   Dienstag, den 15. März. Ich habe mich nun endlich wieder in einen Zustand emporgeschwungen, wie ich ihn ja kurze Zeit auch im vorigen Juni in Paris hatte, wo ich mit Lust lebe. Alle Todes- und Krankheitsgedanken haben mich verlassen. Ich genieße mit Bewußtsein. Meine Dichtungen Orpheus und Magdalena, die hier in den Bergen entstanden sind, bedeuten für mein Schaffen eine neue und sicher gesundere Zeit. Ich genieße Italien, die Schönheit der Bewegungen auch in den niedrigsten der Menschen, denen man anmerkt, daß sie aus dem Lande Leonardos sind, während man bei den Deutschen selten fühlt, daß sie Landsleute Goethes sind. Bei uns hat eben das Volk garnichts mit den Kulturwerten zu tun. In Deutschland, aber auch in Paris ist es eine Qual, wenn man Besorgungen machen muß. Hier ist es ein Vergnügen, zum Schuster, zur Wäscherin zu gehen, denn alle haben Schönheit in ihren Lebensäußerungen. Seit vorgestern ist Stern hier. In lebhaften Gesprächen durchstreifen wir die Berge. Aber dennoch ist meine Ruhe ein wenig durch ihn gestört. Nichts ist mir gefährlicher, wie ich jetzt sehe, als zu lebhafter Verkehr mit intellektuellen Freunden. Ein stiller Verkehr, wie mit den beiden Holländerinnen, ist mir viel zuträglicher. Ich brauche eine beruhigende Atmosphäre um mich. Spätere Randbemerkung: Ich habe einen Monat lang keine Aufzeichnungen gemacht. Der Aufenthalt in Fasano war weiter sehr befriedigend, besonders freundete ich mich mit meinen italienischen Wirtsleuten an. Dagegen kam es zu einem furchtbaren Skandal mit den übrigen Pensionsbewohnern. Ich reiste dann über Frankfurt nach London durch Belgien. In Frankfurt erhielt ich einen glühenden Liebesbrief von einer verheirateten Tochter meiner italienischen Wirtsleute, mit der ich bisweilen am Herdfeuer zusammen gesessen hatte, Teresina. Sie hatte mir unendlich gefallen, aber ich hatte niemals die Initiative ergriffen, weil sie mir vollkommen unzugänglich schien und mir die italienischen, gesellschaftlichen Verhältnisse nicht übersichtlich genug waren, um mich auf ein so ungewisses Terrain zu wagen. Es entspann sich nun zwischen ihr und mir eine lebhafte Korrespondenz. In Köln traf ich die kleine Ethel, hatte aber eine wenig befriedigende Nacht mit ihr, da sie bei all ihrer Liebheit doch das nichtssagende, temperamentlose, englische Mädchen blieb.   London, den 18. April, Montag. Hier scheint anfangs alles häßlich. Aber so, wie man in kalten Ländern wegen der trefflichen Feuerungsgelegenheiten weniger friert, als im schlecht geheizten Süden, so scheint sich hier die Gesellschaft gegen die Häßlichkeit verschworen zu haben, indem sie eine Kultur schuf, der Häßlichkeit zum Trotz, die intensiver ist, ja intensiver sein muß, als die lachende Kultur des Südens, die das Individuum mehr sich selber überläßt. Im Süden wächst die Schönheit wild, hier ist zunächst alles häßlich, man muß die Schönheit erst züchten. Man darf nicht die Gegenstände sehen, sondern man muß malerisch sehen, die Atmosphäre, welche darum ist. Im Süden dagegen sieht man plastisch und gegenständlich. Besonders häßlich ist die City. Aber sie hat auch gar nicht die geringste Prätention auf Schönheit und dadurch hat sie doch Stil. Die continentalen Städte sind meist ebenso häßlich, aber man hat das Streben, die Häßlichkeit zu verkleiden, und dadurch entsteht jene billige stillose Verzierungskunst. Diese Pseudoschönheit aber steht dann der wahren Schönheit im Wege. Hier gibt es jene continentale Mittelkultur nicht. Eine bevorzugte Klasse hat sich gegen die Misere des Daseins verschworen und durch eine hohe Kultur dagegen geschützt, so wie man aus dem geheizten Hause kommend, in seinen Pelz geschlagen, gern in der Kälte promeniert, ohne daß einer behaupten könnte, die Kälte sei an sich angenehm. So kommt man aus dem Kontrast dazu, London schön zu finden. Diese Kultur ist um so geschlossener, als sie sich nicht nur sozial abschließt, sondern auch geographisch durch die Insellage gegen die übrige Welt. Fremde Kulturen erscheinen dem Engländer zwar interessant, aber er denkt kaum daran, sie mit der seinen zu vergleichen. Es ist eben etwas ganz anderes. Der Franzose dagegen findet fremde Kulturen eo ipso unterlegen, kaum interessant, der Deutsche aber findet sie eo ipso überlegen und sucht sie nachzuahmen. Man läßt in England das äußere Leben ruhig häßlich sein und verschanzt sich in sein »home«. Niemand würde daran denken, einem Handelshause eine ästhetische Fassade zu geben. So ist die englische Kultur völlig logisch, wie die italienische, obwohl infolge der verschiedenen Voraussetzungen genau entgegengesetzt. Deutschland zu unausgesprochen zwischen Norden und Süden schwankend.   Mittwoch, den 4. Mai. Zum ersten Mal fühle ich jene neugierige Hast von mir weichen, war ja doch auch London die letzte Station meiner intellektuellen Neugier. Ich suche nichts mehr, ich lasse alles an mich herankommen, ich lebe wie in einer Atmosphäre, in die nichts hineindringt, was nicht soll. Sehr einsam. Etwa alle drei Tage sehe ich meine Bekannten. Die Gewohnheit des frühen Schlafengehens habe ich beibehalten, bin viel gesünder, minder nervös. Ich habe mich mit Ausnahme einiger Wochen in Fasano seit vorigem Juni nicht so wohl gefühlt, aber viel ruhiger. In meiner Einsamkeit freuen mich die glühenden, liebevollen Briefe Teresinas. Ich soll sie im Juli in Mailand sehen. Die heiteren ruhigen Briefe eines kranken Berliner Fräuleins, welches mir auf meine Novelle Eos hin, die in der Freien Bühne erschienen ist, geschrieben hat, erfreuen mich auch. Vormittags lese ich Emerson, nachmittags besuche ich Galerien, langsam und ruhig. Bisweilen etwas Produktivität. Ich denke viel an meine Rückkehr nach Deutschland, worauf ich mich freue, ohne aber die Zeit beschleunigen zu wollen. Nachtrag: In Fasano kam es zuletzt zu einem Massenaufstand der pöbelhaften Tischgesellschaft gegen die Holländerinnen und mich. Mit Stern bin ich bis Modena und Parma gereist. Dann am Gardasee Henry Thode kennen gelernt, einen feinkultivierten Menschen, mit dem ich einen längeren Spaziergang machte. Dann reiste ich mit den Holländerinnen über Riva bis Brixen. In Frankfurt einige ruhige Tage mit Großmama und Philips. Er war recht niedergedrückt von seiner Unproduktivität, fast möchte man's Ohnmacht nennen. Richard ist in Berlin, ich höre nichts von ihm, weiß nur, daß er sich von der freiwilligen Bevormundung Philips' losgesagt hat. Tilly immer noch in Pensionen. Otto vernachlässigt sie. Sie hofft immer noch, Alewyn zu heiraten. Otto habe ich gar nicht, Hedwig kaum gesehen. In Brüssel hatte ich einige nicht sehr anregende Tage mit Gérardy. In Lille, wo ich des Museums wegen war, brachte mich der Dämon in eine sehr unangenehme Verwickelung, die aber gut ablief. Schreckliche Seekrankheit auf der Überfahrt. Unter meinen hiesigen Bekannten ist keiner, der mich besonders fesselt. Arthur Symons scheint mir oft recht leer. Yeats und Lionel Johnson, ebenso Max Beerbohm sehr interessant, doch sind wir uns noch nicht sehr nahe getreten. Auch der Maler William Rothenstein interessiert mich. Von künstlerischen Eindrücken muß ich besonders Dante Gabriel Rossettis Bilder nennen und eine Vorstellung von Julius Caesar in Her Majesty's Theatre.   Den 21. Mai. Die Sehnsucht nach Teresina wird so groß, daß ich meinen Londoner Aufenthalt wirklich abkürzen will. Ich hoffe, in 14 Tagen zu reisen. Ich denke kaum an etwas anderes, als sie. Es ist, als sei mein Leben mit einer edleren Essenz erfüllt. Auf jeder Handlung, jedem Gedanken liegt ein Abglanz von ihr. Auch ihre Briefe werden immer drängender. Ich fühle meine Neugier ganz gestillt, mein Geist ist viel zentralisierter. Meine einzige Unruhe ist Teresina, aber diese Unruhe liebe ich. Meist bin ich allein. Vormittags lese ich, meist englische Literatur, augenblicklich den vortrefflichen Pater. Nachmittags in Museen, abends oft allein. Von Zeit zu Zeit sehe ich meine Bekannten, mit denen ich bisweilen diniere. Die Opernabende im Covent Garden gehören zu dem besten. Bisweilen treffe ich auch den famosen van Rooy, einen der wenigen würdigen Wagnersänger, den ich von Frankfurt her kenne. Übermorgen kommt Davray hier an.   Gargnano am Gardasee, Samstag, den 18. Juni. Am vorigen Sonntag früh habe ich London verlassen. In der letzten Zeit war der Aufenthalt oft recht angenehm durch die mir gewährte Gastfreundschaft mehrerer Familien, meistens englischer, besonders aber der deutsch-englischen Familie Mond, die Geselligkeit im allergrößten Stile treibt, sowie durch die Anwesenheit Davrays und die Gesellschaft des liebenswürdigen jungen Fothergill, den ich zufällig in einem Restaurant bei Soho Square kennen lernte. Allerdings erwartete Fothergill von unserem Verkehr etwas, was über den Gedankenaustausch zweier intellektueller Menschen weit hinausgeht und was ich ihm zu gewähren aus physischen Gründen nicht imstande war. Ich reiste wieder über Frankfurt, wo ich die beiden Holländerinnen sah, die mich nun aber gründlich zu langweilen beginnen. Wir waren einen Tag zusammen in Homburg bei Großmama, wo ich auf einer Waldpartie einen ungemeinen Genuß in dem Wiedersehen meiner heimatlichen Landschaft empfand. Nach allen meinen Reisen scheint mir diese Landschaft doch die schönste zu sein. Noch diesen Sommer denke ich dort einige Wochen zu verweilen. Dieses Gebiet und Italien sind die Böden, auf denen ich am besten gedeihe. Gestern habe ich endlich Teresina wiedergesehen. In der nun unbewohnten Villa Cipani eingesperrt, habe ich 9 Stunden wie ein Gefangener gesessen, da niemand meine Anwesenheit in Fasano ahnen durfte. Ich habe mich in den Mittagsstunden, wo alles schläft, von einem zuverlässigen Bootsmann hinrudern lassen und wurde durch ein kleines Gartenpförtchen von der einen der Schwestern eingelassen und in den Pavillon geführt. Vier von den Stunden dort war Teresina bei mir. Natürlich wie jedes erste Zusammentreffen war die Situation mehr erregt, als glücklich. Wir waren beide nervös, ich hatte einen leeren Magen, das Zimmer war unbequem, wir wurden beständig von der Mutter, sowie den Schwestern überrascht, die uns mit Vorwürfen überhäuften. Endlich brachte Orsolina etwas zu essen. Auch der Wein in den leeren Magen bekam mir nicht besonders. Aber wir haben uns wenigstens wiedergesehen und können nun geduldig den Tag abwarten, wo Teresina aufs Land geht, wohl am 1. Juli nach Lugano. Ich bleibe solange hier. Die Sache ist übrigens bedeutend gefährlicher, als es anfangs schien. Aber die ganze Familie sieht unsere Liebe wie eine Naturnotwendigkeit, ja eher wie ein Unglück an, womit man Mitleid haben muß. Ich versprach, dieses Unglück durch große Vorsicht und Rücksicht möglichst zu mildern unter der Bedingung, daß man uns keine Schwierigkeiten in Lugano macht. Dafür habe ich der Familie versprochen, nicht mehr nach Fasano zu kommen. Nachdem Teresina weg war, kamen Amalia, Orsolina und la mamina herein. Eine nach der anderen überschütteten mich mit Vorwürfen, verrieten aber durch jeden Blick und jedes Wort, daß sie mich gern haben. Gegen Abend brachte Amalia ein Kotelette, Orsolina eine Limonade und so fort, beständig voller Besorgnis um mich. Ich fürchte, daß sie gegen Teresina weniger gut sind, wenn sie mit ihr allein sind. Sie halten sie etwas für verrückt. Heute früh habe ich mich hier installiert und denke, die Wartezeit einsam mit meinen Studien zu verbringen. Spätrömische Prosaiker. Ich habe mit Petronius begonnen. Meine Gesundheit ist erheblich besser geworden seit ca. anderthalb Monaten. Durch frühes Aufstehen, Schwimmen und Rudern etc. denke ich mich noch mehr zu kräftigen. Die »vie de noceur« habe ich schon seit fast 4 Monaten aufgegeben, seit 2 Monaten ohne jedes Bedauern.   Lugano, Sonntag, den 3. Juli. 1898. Nachdem ich in Como einige einsame arbeitsreiche Tage auf Teresina wartend verbracht, habe ich sie endlich am 28. Juni in Monza getroffen. Reise nach Como zusammen. Im Hotel anfangs große Verwirrung auf beiden Seiten, die sie durch ungemeinen Takt zu mildern wußte. Teresina liebt mit dem ganzen Realismus der wahren Leidenschaft, und ich begegne ihr mit dem ganzen Idealismus einer großen Sehnsucht. Sie war im Gefühl noch ganz jungfräulich, da die Brutalität ihres Mannes ihre Sinne nie entzünden konnte. Ihre Liebe ist so aufrichtig und selbstverständlich. Keine Spur von Prüderie und Heuchelei, und dabei delikat und taktvoll, vielleicht etwas egoistisch. Ich glaube, wenn ich sie nicht mehr liebte, würde sie mich lieber tot wissen. Aber ich kann sie nicht so lieben, wie sie mich. Ihr Gesicht könnte nicht schöner, ihre Liebe nicht zartfühlender und zugleich unverhüllter sein, und doch bin ich nicht vollkommen berauscht. Sie möchte Mutter werden, und diesen Wunsch teile ich fast. Sonst lebe ich allein hier in der schönsten Natur und in jeder Hinsicht unter günstigen äußeren Umständen. Zwei bis dreimal wöchentlich kommt Teresina herüber, die in der Nähe in der Sommerfrische ist, in Rivera Bironico.   [Teil gelöscht. Re.] 1906   Paris, den 21. Februar 1906. Mein Konflikt mit Louisa ist folgender: Ihre Instinkte sind lebendig, soweit es sich um gemütliches handelt, dagegen künstlerisch, ästhetisch, geistig hat sie überhaupt keinen Instinkt, sondern nur schülerhaft guten Willen, der alles in Lektionen lernen möchte, und wenn er das eine begreift, das andere wieder vergißt. Daher sind alle ihre Äußerungen, die über das ganz gewöhnliche hinausgehen, so unnatürlich. Sie verliert sich dann in leeren Allgemeinheiten, wie in ihren Briefen, wenn sie anderes, als gemütvolles ausdrücken will. Sehr charakteristisch für sie ist dies: sie spielt ganz nett Klavier, aber sie ist nicht imstande, mit einigen improvisierten Akkorden ein Instrument zu prüfen, das hat sie nicht »gelernt«. Überhaupt Mangel an Ausdrucksfähigkeit. Das wird nun mir gegenüber besonders schlimm, da meine Art sie nicht ermutigt, sondern erst recht verwirrt. Sie kann in meiner Gegenwart nicht französisch sprechen, während es sonst vielleicht ganz gut geht. Sie fürchtet jedes spontane Heraustreten, ja sie gesteht, jede selbständige Liebkosung, da sie immer Angst hat, mein Formgefühl zu beleidigen, was ja allerdings oft genug geschieht. Sie fühlt sich nun einmal häßlich. Wie ausgezeichnet würde sie für einen Mann passen, der auch vorwiegend Gemütsmensch wäre, der alles Unvollkommene an ihr liebte. Ich dagegen bin eine Gleichung von Gemüt und ästhetischem Menschen. Reine Gemütsmenschen ohne Formgefühl stoßen mich ebenso sehr ab, als reine Ästheten ohne Gemüt. Trotzdem fühlt sich die Gemütsseite in mir so stark an Louisa gefesselt, daß ich nicht ohne Tränen an eine Trennung denke, und doch, muß sie nicht kommen? Neben mir wird Louisa sich stets erniedrigt fühlen, und da sie wahrhaftig besseres verdient, wird das Ressentimentgefühle wecken und, wie sie selbst oft sagt, ihren Charakter verschlechtern. Ich aber werde immer und immer wieder mich für andere Frauen erwärmen, und wenn das auch durchaus in platonischen Grenzen bleibt, es wird mich – gerade darum – verbittern und auf sie zurückwirken. Wir müssen uns beide gegenseitig unterschätzen. Ich halte sie oft für zu dürftig, sie hält mich für zu kalt und gemütlos, weil mir das Gefühl schlechthin nicht genügt. Da sie sich von Kindheit auf mit Kunst beschäftigt hat, aber in dieser mit dem Geschmack garnicht verwandten Art, die so oft in deutschen bürgerlichen Häusern besteht, hielt ich sie für ästhetisch entwickelbar. Aber warum bäumte sich ihr Instinkt nicht gegen mich auf, als ich ihre Ausdrucksformen schon während der Verlobungszeit gelegentlich kritisierte? Sie hätte sich das entweder nicht gefallen lassen dürfen oder mich verstehen müssen. Aber auch ich bin ja blind gewesen.   25. Februar. Was in mir vielleicht wirklich wertvoll ist, meine grausame Aufrichtigkeit gegen mich selbst, scheint Louisa als Kälte, Härte, Zerstörungstrieb. Fuchs schien ihr stets als der Inbegriff des tiefen Gemütsmenschen mit vulkanischen Ausbrüchen. Er lebte in sehr behaglicher Familiengemeinschaft mit seiner Frau und seiner Stieftochter Louisa, von beiden verehrt. Ich hätte mir bei solchem Leben täglich gesagt: Genieße dieses Schöne, solange es da ist, aber vergiß nicht, daß Louisa einmal heiraten wird, daß es jeden Tag zu Ende sein kann. Aber der Gemütsmensch ist viel egoistischer. Fuchs nahm als selbstverständlich an, daß Louisa nur für ihn da sei und flehte sie an: Verlasse uns nicht. Ich hätte mich nie so tief in ein solches Gefühl verlieren können, und zwar aus Altruismus, denn niemals würde ich von einem Menschen verlangen, mir sein Glück zu opfern und mich deshalb nicht zu verlassen. Aber auch der vulkanische Ausbruch bei unserer Verlobung war nur sehr kurz bei Fuchs. Mit entsetzlich feierlichen und hohlen Worten gab er mir gleich darauf Louisa als ein Stück von sich selbst und schien sich dabei groß und märtyrerhaft. Worunter ich jetzt am meisten leide, ist mein wahnsinniges Mitleid für Louisa, aber weil ich dabei klar sehe, scheine ich kalt, intellektuell. Louisa sagt, sie hätte sich unendlich über meine erste Liebeserklärung gewundert, über ihre Kühle. Ich sagte ihr nämlich eines Tages, nachdem wir nur miteinander gespielt, sehr ernst, daß ich sie liebe. Daß man so etwas sagen kann, mit einem Sessel zwischen beiden Personen stehend, begreift sie nicht. Aber ich werde es immer so machen, ich werde immer, wenn ich eine ernste Liebe fühle, mich aus der Distanz erklären, damit die Frau sicher ist, ich will in diesem Augenblick keinen Angriff auf sie machen. Anders bei einer leichtfertigen Liebe, da ist man stürmisch und will gleich besitzen. Louisa war jedenfalls theoretisch in das Fahrwasser der leichten Liebe geraten. Sie war bereit, evtl. auch ein ganz leichtsinniges Verhältnis mit mir einzugehen, und daß sie dazu fähig gewesen wäre, macht es mir unmöglich, mich jetzt ganz ernst zu attachieren. (Spätere Randbemerkung: Der Grund war vielmehr der, daß ihre Frivolität bei ihrer furchtbaren Schwerfälligkeit so unästhetisch wirkte und mich darum so abstieß.) Sie ist mir nicht Dame genug, nicht gehalten, nicht Lady genug, zu sehr Mädel. Und immer klarer wird mir, daß ich bei der Frau Haltung suche und mit meinen Instinkten nicht aus der Klasse herauskann, in der ich erzogen bin. Nur diese unsinnigen, modernen künstlerischen Boheme-Ideen, deren Opfer ich ja lange Zeit gewesen bin, haben in mir dies nie so recht zum Bewußtsein kommen lassen, als jetzt, wo ich mich Louisa gegenüber befinde. Wenn sie auch gewiß rein in ihren Empfindungen ist und vor allem treu, mir sind diese Empfindungen zu billig, zu leicht zu haben gewesen. Ich hätte sie gern errungen. Das hindert mich nicht, sie als Mensch zu ehren, zu rechtfertigen, ja, liebzuhaben, mich auch nach ihr zu sehnen. Aber ich begehre sie nicht als Weib, und unsere Instinkte treffen sich nicht. Sie ist natürlich nicht daran schuld, denn durch die höchst sonderbare Verwickeltheit meiner Natur und meiner Schicksale komme ich selbst erst jetzt dazu trotz aller Bewußtheit und Selbstbeobachtung meine Instinkte klar zu kristallisieren und selbst ihrer bewußt zu werden.   25. [?] Februar. Was mich oft empört, ist, wie selbstverständlich es Louisa erscheint, wenn sich ein Mädchen ohne weiteres einem Manne in die Arme wirft aus dem einzigen Grunde, weil sie ihn zu lieben glaubt. Ich meine, bei einer Frau von Selbstgefühl müßte zunächst die Frage auftauchen: wie kann aber auch ein Mädchen sich gleich so wegwerfen? Dann erst müßte sie die Überlegung und Würdigung des speziellen Falles zu milderem Urteil stimmen. Louisa kennt von Hause aus keine Reserve, und das hat meine sexuellen Instinkte ihr gegenüber so schnell getötet. Der Mann geht in der Liebe expansiv aus sich heraus, und das ist auch meine Natur. Aber die Frau muß einen Damm um sich errichten. Wir streiten uns darüber oft anläßlich moderner literarischer Werke, z. B. ›Zapfenstreich‹, ›Jugend‹ und dergl. Durch ihre laxe Art werde ich dann zu Verdammungen und Härten getrieben, die garnicht in meiner Natur liegen, zu lieblosen, philiströs scheinenden Urteilen, die nur ihrer großen Bereitwilligkeit widersprechen sollen. Hier ist ein Punkt, wo mich das Zusammensein mit Louisa direkt schlecht beeinflußt. Sie provoziert mich zu Übertreibungen und Karikaturen meiner eigenen Ideen. Ich muß ewig zügeln, der ich viel lieber expansiv sein möchte.   4. März. Unser Fehler war, daß wir von der Sinnlichkeit ausgingen. Da mußte Louisa freilich abfallen gegenüber dem, was ich vorher, z. B. mit K. B. erlebte. Erst langsam fanden wir dann den gemütlichen Zugang zueinander, seit Weihnachten: Das Sinnliche trat ganz zurück, war für mich sogar durch die Erinnerungen unseres ersten Verkehrs wie mit einem Fluch beladen. Obwohl ich mich nachher ganz zufrieden fühlte, konnte ich mich immer nur zögernd dazu entschließen, ihr körperlich beizuwohnen. Die Schuld an dieser Heirat liegt teils an mir, meine Instinkte waren vor einem Jahr durch Schwabing etwas verlottert. Es lag aber auch an Louisa. Insofern war Louisas Fehler schwerer, als solche Sachen bei Frauen schwerer sind. Der Mann mag verwildern, die Frau aber soll wissen, was sich ziemt, und ihn dann wieder zähmen. Infolge der Auffassung, die sie durch ihre Mutter kennengelernt, war ihre Sinnlichkeit nicht etwa zu stark, sondern nur zu entblößt, zu wach für ein junges Mädchen, das noch nichts eigentlich erlebt hat. Unbewußt konkurrierte sie mit Verhältnismädchen, und da mußte sie unterliegen, während sie unbedingt gesiegt hätte, wenn sie ihrer großen Eigenschaften bewußt, sich besser gehütet und gehalten hätte. Eine Frau soll nicht mit den früheren Geliebten des Mannes konkurrieren wollen, sondern ihn auf ganz andere Art reizen. Ihre Sinnlichkeit hat für mich etwas von abgestandenem Sekt.   9. März. Louisas Mangel ist das Fehlen der Rasse. Nichts ist ausgesprochen überzeugend in ihr, dabei im einzelnen unendlich viel Gutes und Echtes. Schon ihrem Körper mangelt die Rasse. Es ist kein Mädchenkörper und doch auch kein Frauenkörper. Dabei hat sie noch so viel Kindisches in ihrer Art. Ob sich dies alles noch festigen und einen wird? Durch irgend ein geheimnisvolles, kaum merkliches ›Mehr‹ könnte alles plötzlich überzeugend und gut werden.   12. März. Oft denke ich, wie heute Louisas Mutter schrieb: Warum können wir nicht unvernünftig glücklich sein ohne zu denken? Oft bin ich versucht, es wieder zu probieren, da ich Louisa doch lieb habe und uns so vieles gefühlsmäßig verbindet. Aber es geht nicht, sie ist geistig zu wenig, zu langweilig. Ich habe noch keine selbständige Äußerung von ihr gehört, immer nur das, was sie gelesen oder von mir vorher gehört hat, oder was ihr Fuchs oder andere suggeriert haben. Ich werde mich immer bei ihr langweilen und andere Gesellschaft suchen. Bei allen Menschen, die ich ins Haus bringe, fühlt sie sich unterlegen, besonders bei der reizenden Baronesse Possanner. Louisa leidet unter ihrer Inferiorität, und ich habe dann Mitleid mit ihr. Eine Kette von Qualen. Kaum sind wir in Gesellschaft, so wird sie furchtbar unnatürlich und sagt stets das Falsche. Sie kann in Kreisen, die mich interessieren, nicht aufkommen, und was in ihr gut ist, kommt erst recht nicht zum Ausdruck. Vielleicht gibt ihr selbständige Tätigkeit die Festigung, die alles das gut macht. Oft nennt sie mich einen Verstandesmenschen. Aber sie ist selbst viel mehr Verstandesmensch, als ich. Sie will alles mit dem Verstand, wie ein Schulmädchen im Unterricht, erfassen und schreibt alle ihre Mängel ihrem Fehlen an Erziehung zu. So faßt sie es nie. Um Verstandesmensch zu sein, braucht man nämlich noch gar keinen besonders guten Verstand zu haben. Verstandesmensch heißt nur ein Mensch, bei dem der Verstand sich vordrängt. Über seine Qualität ist damit garnichts gesagt. Obwohl mein Verstand wahrscheinlich beträchtlicher ist, bin ich doch viel weniger Verstandesmensch, als sie, da ich ihn immer erst nachher in Aktion setze, im Augenblick aber unbefangen bin.   14. März. Louisas Empfindlichkeit läßt sie zu Äußerungen der Kleinlichkeit kommen, sowie ein Jähzorniger Brutalitäten begehen kann, die eigentlich nicht in seiner Natur liegen. Denn Louisas Natur ist weder kleinlich, noch frauenzimmerlich, wenn ja wohl auch nicht hervorragend umfassend und weitsichtig. Der Kampf zwischen Mann und Weib mit der Frage: Wer ist der Stärkere? hat sich zwischen uns garnicht vollzogen, sondern Louisa ging entweder immer gleich zu mir über oder setzte mir Widerstand entgegen durch Meinungen, die sie von anderen hatte. Ich will entweder überzeugen oder überzeugt werden, aber nicht überreden.   15. März. So lieb ich Louisa als Mensch habe, so schwer mir jetzt der Abschied werden wird, so gewiß ich mich nach ihr kranksehnen werde, unser Verhältnis war nie eine Ehe. Ich habe nicht, wie ich anfangs glaubte, eine körperliche Abneigung gegen sie, im Gegenteil, ich berühre sie gern. Ich habe aber eine sexuelle Abneigung. Bei sexuellen Umarmungen habe ich stets mit ihr vor zu starken Intimitäten zurückgeschreckt. Auch möchte ich keine Kinder von ihr haben. Ich liebe ihr Blut, ihre Rasse nicht. Alles, was mit ihrer Familie zusammenhängt, ist mir verhaßt. Ich schreibe dies so schroff auf, damit ich es nie vergesse und nicht eher die Ehe mit ihr erneuere, bis diese Gefühle in das Gegenteil umschlagen, wenn so etwas möglich ist.   16. März. Folgendes Mißverständnis typisch: infolge ihrer Empfindlichkeit glaubt Louisa sich oft beleidigt, darunter leidet sie bis zum Weinen. Tränen haben für mich etwas überzeugendes. Ich unternehme also, ihr Leiden wegzuschaffen, indem ich ihm den Grund nehme, d. h. ich suche ihr zu zeigen, daß sie gar nicht beleidigt worden ist. Zum Beispiel gestern besuchte mich Lampe und machte mir einige diskrete Mitteilungen im Flüsterton, während wir allein im Zimmer waren bei geschlossenen Türen. Louisa hörte im Nebenzimmer, daß geflüstert wurde, fühlte sich deshalb gekränkt. Vorwürfe, Tränen, nervöse Zustände usw. Wenn ich ihr nun zu erklären suche, daß darin zwar eine Beleidigung läge, wenn sie im Zimmer gewesen wäre, keineswegs aber, wenn es in einem anderen Zimmer geschah, so erklärt sie das für Rechthaberei, als wollte ich recht haben um meinetwillen und nicht, um sie von ihrer schmerzvollen Einbildung zu befreien. Dazu kommt wohl im Geheimen der Arger, daß die Nadelstiche ihrer Empfindlichkeit mich nicht zum Kampf reizen, sondern zu ruhiger Erklärung. Diese Ruhe aber demütigt sie. Sie nennt sie »beleidigende Großmut«. Ich fürchte, daß es gerade meine guten Eigenschaften sind, die Louisa mißversteht.   18. März. Wenn bei unseren Gesprächen über Kunst und anderes, worin sie sich vervollkommnen möchte, Louisa einen Irrtum macht, nehme ich sie gewöhnlich beim Wort und führe sie langsam durch Schlußfolgerungen bis zu der Stelle, wo ihr Trugschluß liegt. Darüber ist sie empört. Sie empfindet es als Bosheit und Schikane, nennt mich sophistisch usw. (Argument der Schwäche) Ich glaube, daß es sich auch hier wieder nur darum handelt, daß gerade eine gute Eigenschaft in mir, Klarheit des Denkens und des Ausdrucks, von ihr als eine schlechte aufgefaßt wird. Das ist einfach hoffnungslos. Ist das nun bei Louisa Dummheit, Frauenzimmerlichkeit oder nur Verwirrtheit ihres augenblicklichen Entwickelungszustandes? Abwarten!   20. März. Wie einen doch die Objektivität über einander wieder näher bringt und ein neues Band knüpft! Es ist wie eine Blinddarmentzündung. Man muß erst die Heilung abwarten und dann erst, wenn man gesund ist, wird man operiert. Die Stürme unserer Ehe sind vorbei. Wir leben jetzt sehr friedlich, fast liebend nebeneinander. Aber in 8 Tagen kommt die Trennung. Blieben wir nun doch zusammen, weil es jetzt so gut geht, so wäre in 8 Tagen die Entzündung wieder da. Ich fürchte aber doch manchmal, die Trennung wird entgiltig sein.   21. März. Man kann einer Frau, von der man loskommen will, sagen: Ich bin hineingefallen mit Dir; wenn Du mich in Frieden läßt, zahle ich Dir zeitlebens eine Rente. Ich habe mit meiner ersten Frau ein anderes System vorgezogen und werde es mit Louisa ebenso machen, wenn es dazu kommen sollte. Was ich ihr geben konnte in dieser Ehe, gab ich ihr; sie war ein Wesen, das nicht wußte, wo ein noch aus, das in die Welt wollte, lernen wollte, sich finden wollte. Ich ging mit ihr ein Jahr nach Frankreich und Spanien, gab ihr Wissen, Klarheit, Lektüre, Kunst, wertvolle Menschen. Nun lasse ich sie erzogen und pekuniär gesichert, von Kopf bis zu Fuß hübsch ausgestattet an den Ort gehen, wo sie ihren längst geplanten aber schlecht vorbereiteten Beruf gründlich lernen kann, nach Berlin. Dann führe ich sie noch bis dahin, wo sie in selbständiger Stellung allein stehen kann. Das ist gewiß besser, als sie zu einem Leben des Müßiggangs mit einer sicheren Rente zu ermutigen und entspricht auch mehr meinen Verhältnissen. Daß ich ihr nicht die ersehnte Liebe schenken konnte, ist nicht meine Schuld; daß ich sie zu unzulänglich fand – freilich, auch ihre Schuld ist es nicht.   23. März. Wenn Louisa oberflächliches Zeug redet oder über sexuelle Dinge in ihrer laxen Art spricht, müßte ich eigentlich »Dumme Gans« oder »Wie ekelhaft« sagen. Das würde sie weniger beleidigen, als wenn ich darüber nur gereizt bin und dann sage, ich wüßte, daß das nicht ihre eigene Natur ist, sondern die Beeinflussung durch ihr früheres Milieu. Ich sage: »Du bist doch gar nicht oberflächlich, du bist doch auch nicht ein Mensch von laxer Gefühlsweise, warum also solche Reden?« Das nimmt sie viel übler, weil es ein versteckter Vorwurf ihrer Unselbständigkeit und Beeinflußbarkeit ist. Ein Zornausbruch wäre ihr lieber. Diese Reden kommen immer wieder, und dann jedesmal dieselbe Gekränktheit, wenn ich das von ihrem eigenen Wesen trennen will. Das ist rätselhaft frauenzimmerlich. Sie gehört zu den Menschen, die im Leben stets Publikum sind, nie aus eigener Persönlichkeit etwas sind oder überzeugen und dadurch eine Atmosphäre schaffen. Sie muß stets gehoben werden durch gute Kleidung, durch korrektes Benehmen. Darum gehe ich so ungern mit ihr auf schlechte Plätze im Theater, auf Demimondebälle, darum leide ich mit ihr unter unseren engen Verhältnissen, an die ich von Haus aus nicht gewöhnt bin, denn sie ist niemals sie selbst und kann niemals dem Ort selbst die Atmosphäre geben, sodaß dieser gleichgiltig wird, nimmt vielmehr immer die Farbe der Umgebung an. Sind die Baronessen P. dabei, so fasse ich unsere billigen Plätze im Theater mit Humor auf. Mit Louisa zusammen empfinde ich es als eine Verbannung in ein Milieu, wo ich nicht hingehöre. Und ich habe sie zu heiraten gewagt, weil ich glaubte, mit ihr sei enge Kleineleutehaftigkeit unmöglich, um sie sei immer Sonntag. Louisa sagt, ich liebe zu wenig sie selbst, immer nur meine Frau in ihr, soweit sie dies sein kann, und wenn sie mir als meine Frau in irgend etwas unzulänglich erscheine, so vergesse ich die Liebe zu ihr. Sie hat gar nicht Unrecht. Was zwischen uns steht, ist doch in erster Linie die soziale Kultur, die zu verschieden ist. Ihr hat stets die soziale Grundlage gefehlt, die es auch dem nicht gerade hervorragenden Individuum leicht macht, sich zu einer gewissen Festigkeit zu entwickeln. Wie wichtig diese soziale Kultur ist, habe ich jetzt erst im Verkehr mit Louisa gemerkt. Früher war sie mir vollkommen selbstverständlich. Bei Nina dagegen konnte ich sie vergessen, weil ich durch meine Leidenschaft für sie für alles andere blind war. Louisa ist für mich auch in vieler Hinsicht die Überwindung des Darmstädter Kunstkreises, speziell der Wolfskehlschen Ideenwelt. Ich kam als Suchender mit 20 Jahren etwa hinein, akzeptierte alles kritiklos und suchte alles mir Fremde durch mein Nichtverstehen zu rechtfertigen. Je mehr ich reifte, desto weniger konnte ich mich mit den Wolfskehlschen Ideen vertragen. Die Gespräche mit Louisa bilden nun die Schlußrechnung. Es war notwendig, daß ich eine Verkörperung dieser Darmstädter Ideen in meinem eigenen Hause als Frau hatte, um ihre ganze Haltlosigkeit und gelegentliche Verlogenheit zu erkennen und zu überwinden. Geblieben ist meine Verehrung für George, die anfangs aus meinem Instinkt kam, der ja auch richtig war. So wird Louisa für mich doch wohl nur eine Episode sein. Zwar bin ich neben ihr augenblicklich sehr produktiv, was ich kaum verstehen kann. (Spätere Randbemerkung: Was ich damals schrieb, die erste Bearbeitung von Montmartre, hat auch ganz und gar nichts getaugt.) Es gibt wohl eine innere, nicht bewußte Verlogenheit der weiblichen Natur überhaupt, wofür natürlich Louisa als Individuum nicht verantwortlich zu machen ist. Der Verstand erkennt etwas, aber das Bedürfnis nach blauem Dunst, worin man seine eigene Schwäche vergessen kann, bleibt doch bestehen. Ich finde ein hierher passendes Wort bei La Rochefoucauld: Les personnes faibles ne peuvent être sincères.   15. Mai 1906. Seit einigen Tagen lebe ich wieder. Die ersten wirklich warmen Tage, mattblauer Himmel der Isle de France, milchige Blumenkohlwolken, schwüle Gewitter und dann feuchter Frühling unter blühenden Kastanienbäumen. Gelber Sportanzug mit kurzen Hosen, der mich jung macht, wie ein Zauberkleid. Panama, neue hellgelbe, amerikanische Stiefel. Alles dieses äußerliche erfreut mich, ich fühle mich wie neugeboren. Morgens gegen 11 Uhr kommt Franzl herunter und liest mir, während ich meinen schwedischen Tee trinke, aus seinen Arbeiten und Tagebüchern vor. Ich erfahre, daß das gute Kätchen ihn mit mir und mich mit ihm betrogen hat, aber das beeinträchtigt nicht im geringsten meine Dankbarkeit und Erinnerungen an die schönen Tage, die ich dem süßen Geschöpf 1904 verdankte. Ich sauge das Leben ein, und ich glaube, ich strahle es aus, wie nicht mehr seit Schwabinger Frühjahren und Karnevalen. Dann lese ich Franzl vor, was ich tags vorher schrieb: »Bemerkungen zur französischen Kultur« (später: französ. Gesellschaftsprobleme). Das Buch macht mir Spaß und noch mehr die Korrekturen des »Gläsernen Gott«, sowie der Gedanke an den »sentimentalen Roman«, den ich schreiben will. Ich werde die gespenstische Erinnerung an Louisa los, deren Briefe mich momentan ärgern und die ich gemäßigt beantworte, um ihr armes Selbstgefühl zu schonen. Ich kann ihr jetzt nicht antun, die Scheidung von ihr zu verlangen. Ich warte lieber, bis sie in ihrem Beruf etwas erreicht hat oder sie von mir verlangt. Wie wohl wird ihrem Selbstgefühl diese Selbständigkeitsgebärde tun, die ich ihr ja von Herzen gönne. Sie hat es gut gemeint, aber sie ist die Unzulänglichkeit selbst. Über Mittag Arbeit, nachmittags oft und jeden Abend mit Irene, der Herrscherin dieser Tage und noch hoffentlich recht vieler, vieler. Abends 10 Uhr am Marignytheater, wo ich sie abhole. Frühlingsnächte in den Champs-Elysées. Kastanienbäume, schwer von weißen Blüten, Mondschein, Bogenlampen, Balkons voll eleganter Leute, tolle Frauenhüte, bunte Girandolen um Restaurants und Theater. Weicher, feuchter Sandboden, geräuschlose Equipagen. Zwischen dunklen Büschen huschen die Kokotten in weißen fliegenden Abendmänteln. Auf der Hauptallee schnaufen Autos, Mondschein, schlankes Gezweig, bunte Lampen, wie ein japanisches Nachtfest. Und das jeden Abend. Anfangs abends mit Lampe auf Liddy und Irene wartend, Lampe ist nun fort. Ich bin meist mit Irene allein unter den Bäumen, später vor einem nahen Caféhaus. Einmal mit Roche, Liddy und Irene im »Rabelais«. Dort Cancanmädchen mit rasend sinnlicher Lust an sich selbst, schlagen sich auf Brüste und Beine. In den Champs-Elysées will eine elegant verschnürte Vettel allabendlich eine zwölfjährige Blondine mit kurzen Wadenstrümpfchen verkaufen. L. war einmal mit oben, sah den rührenden kleinen Leib mit den künstlich entwickelten Brüsten, zahlte und ging. Irene ist ein kleines vollkommenes Ding. Das Bischen, was sie ist, ist sie ganz, verteidigt sich gut, keine Literatur, eine ganze Sicherheit, während Louisa tausend Möglichkeiten bot und nichts sicher. O keine Literatur, sie wird keine Zeile meiner Bücher je verstehen und wird das ruhig zugeben. Louisa weiß nie, was sie versteht und meint, sie versteht alles, weil sie nicht weiß, was Verstehen überhaupt ist. Irene auch körperlich vollkommen. Louisa vielleicht auch körperlich größer angelegt, aber im einzelnen so verdorben. Ich ziehe die kleine Vollkommenheit der großen Unzulänglichkeit vor. Was nützt der gute Wille der anderen, wenn man selbst die Augen des Reifen besitzt! Auch Irene war ja anfangs von mir befremdet, ein bischen Angst, ich sei oft so finster, fremd, so steif. Das will sie erst begreifen, ehe sie sich mir ganz gibt. Louisa gab sich, ohne zu begreifen. Deshalb hatte ich nie rechten Respekt vor ihr. Irene zwingt mich, vorher mich ihr verständlich zu machen. So muß ich sie anerkennen. Oft kleine bewußte Winkelzüge, die mich entzücken. Sie verteidigt sich. Louisa konnte nie nein sagen. Was ist dann ihr »Ja« wert? Sonntags mit Franzi um halb fünf am Marigny. Irene, Liddy und Berta. Irene schmollt im Metro, weil es sie nervös macht, Bois de Boulogne, sonntägliches Gewühl. Franzi erzählt niedliche Geschichten. Berta dankbar, Liddy denkt: »Ist mir doch wurscht.« Die richtige Berlinerin aus Berlin O. Ich mit Irene in steter Spannung der letzten Tage vor der Entscheidung. Im Café de la Cascade Dr. Stern, kommt vom Rennen. Liddy kann nicht mehr gehen. Sie gehört im Grund ins Bordell, nicht in die Natur: auf dem Polster liegen, »futtern«, »pennen«, das sind ihre Freuden, wie sie sie nennt. Sie läßt sich lieben, weil ja alles egal ist. Aber sie ist schön, blond und jung. Wir dinieren in Suresnes im Garten an der Seine. Liddy »frißt«, Stern erzählt Münchener Geschichten. Heimfahrt auf dem Dampfer. Stern knutscht Liddy und bildet sich ein, es macht ihr Spaß. Franzl erzählt Berta drollige Geschichten. Sie ist ein Herz von Gold, sieht aber aus, wie ein Dienstmädchen. In der Dämmerung läßt mir Irene ihre schöne Hand. Wir singen leise Schnadahüpfln und italienische Lieder. Dann Dauerlauf vom Landeplatz zum Marigny. Stern will noch einmal zu Nacht essen. Franzl und ich solange unter den Bäumen. Die braune garstige Berta rührt ihn. Er erkennt Irene gut: fein, zart, lieblich. Ich nenne sie eine verkappte Prinzessin. Er betont ihre Bewußtheit der Verteidigung, die ihn gegenüber der Haltungslosigkeit der Schwabingerinnen erstaunt, die er aber würdigt. Wir treffen Stern in einen großen weißen Käse versenkt. Er meint, Irene sei materiell berechnend, Franzl und ich protestieren. Berechnend ja als Verteidigerin ihrer Natur, die sich nicht wegwerfen will. Aber allen Geldfragen ist sie bisher ausgewichen. Um 10 Uhr am Marigny. Hessel, ich, Irene und Berta im Cafe. Irene sieht, daß ich nicht allein so bin, daß es auch mehr so bizarre Leute gibt, denn Hessel geht mit Paradoxen ziemlich ins Zeug. Heimweg mit Franzi. Wir sprechen über Stern. Er kann nicht ganz mit. Liddy wütend auf Stern, weil er so frech sei, will ihn nicht wiedersehen. Gestern Bummeltag. Ich hole Irene um 2 Uhr ab. Liddy und Grete ineinander verkrochen auf dem Divan. Berta steht häßlich herum. Liddy heult um Lampe und lacht dann über sich selbst. Irene und ich auf dem Schiff nach St. Cloud. Schokolade im Pavillon bleu. Im Park beginnt es zu regnen. Mein Plan, mich, auf dem Rasen neben ihr liegend, deutlicher zu erklären, gestört. Wir gehen in feuchten Alleen: Goldregen, lila Blumen, kleine Schnecken, verschwommene Blicke auf Paris und sonnengestreifte Baumgänge. Daß ich sie lieb habe, rief ich ihr neulich im »Rabelais« beim Champagner ins Ohr. Nun fragte ich sie, während wir einen Hügelhang hinunter gingen, ob sie mich auch ein bischen lieb haben könnte, und ich hörte ein lautes vernehmliches Ja, dessen Sicherheit mich etwas frappierte. Küsse. Jemand kommt hinter uns. Sie hätte mich sogar sehr lieb, könnte garnichts anderes mehr denken, habe sich dagegen gewehrt usw. Sie sagte das alles so ruhig, wie eine Tatsache, über die sie sich klar ist, die sie eine Zeitlang verschweigen mußte, und nun, wenn sie sie sagen will, auch laut sagen kann. Rückfahrt oben auf der Tram. Ich möchte Dich jetzt küssen, sagte sie auf einmal und faßte manchmal schnell mein Kinn. Nie hatte Louisa diese Unbefangenheit. Sie fürchtete immer, unschön zu wirken, und es wäre auch bei ihr unschön gewesen. Meine Augen sehen zu scharf für die arme Louisa. Aber je schärfer sie bei Irene sehen, desto mehr schönes entdecken sie dort. Unterwegs verbietet mir ein Betrunkener, deutsch zu sprechen. Ich fertige ihn ab, die ganze Gesellschaft auf meiner Seite, der ich Komplimente über die »hospitalité de la France« mache, die ich genug kennte, um zu wissen, daß dieses Individuum eine Ausnahme ist. Er krakehlt mit anderen weiter. Heißhunger. Wir essen nahe bei der Jeanne d'Arc. Irene ins Marigny. Ich nach Hause, ziehe mich um für ein Nachtrestaurant, von dem aus ich hoffe, Irene zu mir zu bekommen. Im Hause Brief von Roché, der Liddy »succulente« findet, sie wiedersehen will und mir zu Irene, als »femme supérieure« gratuliert. Dann Marigny. Ich gehe mit den 4 Mädels heim. Während sich Irene im Nebenzimmer anzieht, rauchen wir. Grete, rührend, sehnsüchtig, erzählt von Peter Altenberg; die anderen mögen sie nicht, sie sei falsch und schmeichlerisch. Ich glaube es nicht. Auch ihre Schrift ist einfach, klar, aufrecht. Liddy »säuft aus der Milchpulle«, wie sie sagt. Sie konsumiert jeden Tag 2 Liter. »Is mir doch wurscht«, ist der Refrain ihrer Konversation. »Ick hab noch nie jemand geliebt«, sagt sie. »Als meene Mutter starb, hab ick jeheult, aber jetzt merke ick schon jarnischt mehr davon. Meene Mutter, die war ooch für die Ruhe, sie saß am liebsten zu Hause und trank Kaffe. Ick bin nich für det viele Erzählen, deshalb haben Walter und ick so gut zusammen gepaßt.« Die Ahnungslose. Dagegen interessieren mich Gretes sehnsüchtige Augen und ihre weichen Lippen. Ich muß mich hüten, Irene nicht eifersüchtig zu machen. Ich fahre mit Irene durch heftigen Wind nach Montmartre. Wir sind sehr müde. Sie will nicht mit zu mir kommen. Sehr kategorisch. Aber ich merke die Ursache. Sie ist unwohl. Wir sitzen ziemlich still in einem Café, verschieben das Nachtbummeln auf ein anderes Mal. Heimfahrt im geschlossenen Fiaker. Einige Küsse. Ich überzeuge mich von der Vollendung ihrer Formen und küsse immer wieder den kleinen Einschnitt über dem Mund. Beim Abschied faßte sie mir ans Kinn und sagte: »Du Lieber Du.« Ihre Liebkosungen, sonst eine sehr gefährliche Klippe für meine Gefühle – Louisa weiß davon – entzücken mich. Heute wieder kühler bedeckter Himmel.   18. Mai. Gestern Abend bei Irene. Einen Moment mit ihr im Café. Dann kam sie mit zu mir, sicher und natürlich, wie immer. Etwas verschämt, aber kein Getu und kein Gezier. Während des Entkleidens muß ich mich umdrehen. Aber dann springt sie ganz tapfer von selbst ins Bett. Ihr Körper vollendet, »une fausse maigre«. Entzückender Duft ihrer Haut. Ihre Extase echt. Sie wirkte ganz unverdorben, doch ihre Sinne sind wach. Sie gesteht mir, daß ihre frühere Liebe, ein Leutnant in Ansbach, wo sie an der Bühne war, ganz verblasse. Noch nie habe ihr jemand so sehr die Sinne verwirrt. Meine große Zurückhaltung sei ihr sehr aufgefallen, umsomehr habe sie dann meine Stürmischkeit erschreckt, als ich mir endlich Freiheiten erlaubte. Ihre Geständnisse und Liebkosungen wirken so natürlich. Um 5 Uhr früh will sie nach Hause. Ich bin einverstanden, kann so noch auf einige Stunden Schlaf rechnen und verliere meinen Vormittag nicht, der mir doch so kostbar ist. Draußen blauer Morgenhimmel, die Straßen noch öde. Alle Droschken von heimkehrenden kleinen Damen besetzt mit bunten Hüten und welken Blumen vom Vorabend. Irene traurig, sie schämt sich. Ich setze sie in einen Fiaker und gehe heim. Ich muß bei diesem sonnigen Frühmorgengang an jene Heimfahrt von einem Frühlingsfest im Jahre 1904 denken. Lampe, Dr. Müller mit Braut, Kätchen und ich auf einem Bauernkarren in München einfahrend. Warme Semmeln beim Bäcker. Ich bin heute verliebter in Irene als je. Sie versucht mich nicht, Sachen von ihr zu verlangen, die sie doch nicht geben könnte, wie die Schwabingerinnen. Aber was sie gibt, ist vollendet. Das Weibliche in ihr sitzt am rechten Fleck.   19. Mai. Gestern Abend war Irene nicht ganz wohl. Nach dem Theater bei ihr, wir essen Orangen. Im Zimmer ist sie am reizvollsten. Von ihrer ersten Liebe, dem Leutnant, hat sie vieles angenommen, aber es ist ihr Fleisch und Blut geworden. Nie hört man aus ihr den »Herrn Leutnant« reden, so wie aus Louisa den Georg Fuchs oder den Franz Lambert. Sie ist immer sie und wird auch durch mich nie literarisch werden. In der Sinnlichkeit ist ihr noch alles neu, z. B. daß ich in ihren Duft verliebt bin und ihr Taschentuch tagsüber bei mir trage. Ich erzähle ihr von den indischen Liebespaaren, die morgens, ehe sie sich bis zum Abend trennen, ihre Hemden tauschen. Das entzückt sie. Du hältst mich wohl für ein bischen verrückt, frage ich sie, – »nein, nur für verliebt«, ist ihre Antwort. Zum ersten Mal, daß ich in meinem Leben das Weib, das ich liebe, nicht erdrücke. Ihre Weiblichkeit kann neben mir bestehen, zur Geltung kommen, ja, in gewissem Sinn herrschen, denn ihre Weiblichkeit ist vollendet und pfuscht nicht in meine Gebiete des Geistigen. Wie grundunecht war doch Louisa. Bei allzugeistigen Frauen sollte man immer mißtrauisch fragen: wo ist der Knick in ihrer Seele, das muß doch einen Grund haben, daß sie durch Geistigkeit anziehen wollen. Für welches Fehlen ist dies das Surrogat? –   Abends 6 Uhr. Roché und Hessel sind bei mir und ziehen sich um für den Bal des 4 z'arts. Ich war eben bei Irene. Sie ist besser, sie lag auf dem Sofa. Ich las ihr ein bischen aus dem Père Goriot vor. Liddy und Grete erwarteten ungeduldig 2 Schweden, die sich ernstlich für sie interessieren. Endlich fuhren sie vor. Liddy springt herum wie ein junges Kalb. Ich sehe vom Fenster aus die 2 Schweden: einen kleinen Dickbauch im Zylinder und einen gesunden und blonden Recken. Nach einer halben Stunde kommen beide Mädchen vom Regen durchnäßt zurück. Sie sprechen etwas geringschätzig von ihren Liebhabern. Dann sagen sie zu Irene: »Warum schaust du uns so verächtlich an.« Sie haben großen Respekt vor ihr und darum auch vor dem, den sie, die stets Zurückhaltende, nun liebt. Ich höre auf, die »Wurzen« zu sein und sehe einmal solche Geschichten hinter den Coulissen.   20. Mai. Diese Nacht war der Bal des 4 z'arts. (Später: Ich habe ihn genau in meinem Buch beschrieben.) Stern war in großer Angst, man würde doch bei dem allgemeinen Humor sein Selbstgefühl verletzen. Hessel hatte Angst, man würde ihn auf dem Balle entkleiden. Aber in Wirklichkeit waren dort nur die Damen nackt. Die Männer waren mit Ausnahme einiger widerlicher Kerle kostümiert. Wir kamen erst am anderen Morgen zurück. Zuletzt erschien Stern im weißen Turban und Überzieher: der Bankrott der Philosophie. Roché kam mit zu mir herauf, zog sich bei mir um. Um 7 Uhr lag ich im Bett. Ich habe nie etwas so farbiges gesehen, der coup d'œil ist unübertroffen und dispensiert von allen künftigen Prozessionen, Aufzügen, Schauspielen, wenn man nur das gesehen hat.   Abends 8 Uhr. Im Café bei den »Champs-Elysées«, während Irene im Theater ist. Eben mit Irene auf den Capucines gespeist. Sie beglückt mich immer mehr. Gestern war sie etwas verstimmt gewesen, dazu kam meine Absage für den Abend. Natürlich sagte ich ihr nicht, wo ich die Nacht verbracht habe. Ich gab ein Abschiedsessen von Freunden an. Ob sie den folgenden Tag mit mir essen wolle? Antwort: »Wenn dir deine Freunde Zeit lassen.« Ich sehr ruhig: »So etwas darfst du nicht sagen.« Heute sagte sie mir, der Ton, in dem ich das sagte, sei so gewesen, daß sie mir nicht böse sein konnte. Alle Mißlaune war fort. Und dabei behauptete Louisa stets, mein schrecklicher Ton mache das Auskommen mit mir so schwer. Eben, weil mich ihre empfindliche Frauenzimmerart zum Widerspruch und dadurch zur Schroffheit reizte. Wieviel klüger und sicherer ist doch diese viel weniger gebildete Irene.   21. Mai. Die Nacht Irene bei mir. Der gemütliche und der ästhetische Reiz, der von ihr ausgeht, in steter Harmonie, keine Schwüle. Wenn alle Funktionen der Seele und des Leibes sich glatt vollziehen, so nennt man das Glück. Das Leben der 4 Mädchen gräßlich, ungefällig. Besonders Berta, die nichts besorgen will. »Bin ich euer Dienstmädchen?« fragt sie. Allerdings sieht sie so aus, und darum hat sie besondere Angst, es zu scheinen. Die anderen brauchen diese Angst nicht zu haben und sind darum gefälliger. Grete hingegen wird verkannt. Ich finde sie rührend. Gestern hat sie stillschweigend Irenes Trikot gestopft, während diese mit mir soupierte. Liddy und Grete prostituieren sich einfach, aber Grete leidet darunter. Sie hat eine Sehnsucht nach etwas anderem. Traurige Augen, sehnsüchtige Lippen.   Abends 8 Uhr im Café Marigny:. Irene ist jetzt im Theater. Heute begannen die Gehässigkeiten. Ich ärgere mich schon lange über die Taktlosigkeiten und Respektlosigkeiten vor dem Menschlichen bei diesen Mädels untereinander, worunter besonders Irene leidet, vielleicht auch Grete. Berta gehört zu den Leuten, die stets sagen: »ich gehe jetzt«, und dann noch eine Stunde sitzen bleiben. Sie kommt, ohne anzuklopfen in Irenes Zimmer, wenn ich dabei bin. Aber sie versteht meine Blicke und bleibt »nun gerade«. Gestern machte ich zu ihr eine Bemerkung, daß man Irene stets ihren Schlaf nehme, weil alle 3 immer bei ihr sitzen. Sie hat das nun weiter geklatscht. Heute große Szenen darüber, von denen mir Irene nichts recht Greifbares erzählt. Am ersten wird Irene allein wohnen. Berta, ein böser, kleiner Ressentimentmensch, den alles Schöne nur an die eigene Häßlichkeit erinnert.   22. Mai. Nun beginnen die Gehässigkeiten der 3 gegen mich. Mir liegt nur daran, Grete zu versöhnen, der ich sage, daß ich nicht das mindeste gegen sie habe, mich nur über Bertas Aufdringlichkeit ärgere. Dann mit Irene im Regen zu mir gefahren. Sie hat sich meine Goyaradierungen angesehen. Beim Abschied war Irene sehr müde. Ich wünschte ihr den Zauberring, den man dreimal am Finger drehen muß, um hinzufliegen, wohin man will, damit sie in ihr Bett fliegen könne. »Ach, auch noch dreimal«, sagte sie enttäuscht und schläfrig, »nur einmal.« Brief von Louisa. Sie spricht von Scheidung. Das kommt mir gelegen, denn ich will ihr das nicht antun. Ich wünsche aber, daß sie mir es antut. Meine Anschauungen (solange unsere Verhältnisse es nicht erlauben, Kinder zu wollen) machten die Ehe unhaltbar, schreibt sie. Wie egoistisch ist doch das Weib durch sein Geschlecht. Übrigens finde ich das entschuldbar. Ich habe sie aus Armut in Wohlstand versetzt, habe ihr halb Europa gezeigt, ihre verwahrloste Bildung geordnet, ihre ganze gesellschaftliche Erziehung gemacht, und nun soll ich noch, weil ihre Natur Kinder verlangt, in eine enge Mittelstandsexistenz einwilligen, mein Vermögen aufbrauchen, überhaupt mein ganzes Künstlertum, das sozialer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit bedarf, auf das Spiel setzen. Dabei gebe ich ihr noch die Möglichkeit, ihren längst geplanten, aus mangelnden Mitteln vernachlässigten Beruf endlich gründlich vorzubereiten. Alles dies geschieht mir, weil ich ein armes Mädchen heiratete, der ich gleich bei der Verlobung sagte, daß zwar für die Ehe, nicht aber für Kinder vorläufig die Mittel reichen, und daß wir damit warten müßten, bis ich einmal einen großen Erfolg hätte. Ihr Egoismus aber will das heute nicht mehr sehen, während sie es damals vollkommen begriff. Ich nehme es ihr nicht übel, dann soll sie mich verlassen und mich nicht damit quälen. Verstehen kann ich sie sehr gut, aber das ist kein Grund, warum nun ich darunter zu leiden haben soll.   Abends:. Heute mit Irene beim Zahnarzt. 10 Zähne sind zu machen. Anfangs hatte sie furchtbare Angst. Als ich ihr die Gefahr des Häßlichwerdens schilderte, bekam sie plötzlich Mut, der nach einmaligem Entschluß nun auch anhält. Sie ist nicht eine Spur hysterisch.   22. [?] Mai. Louisa hat mich nicht geliebt, sie war als Provinzialin nur durch mich verblüfft. Sie wollte durch mich die Liebe »kennen lernen«. Daß sie mich liebte, das würde ich schon machen, dachte sie. Sie hat es selbst gestanden. Also ist sie rein verstandesmäßig vorgegangen, während sie mich doch immer den Verstandesmenschen nennt. Diese Instinkte müssen bei der Frau festsitzen, sonst wird sie widerlich, ein Literatur- oder Malweib, Verstandesmensch mit schlechtem Verstand.   23. Mai. Heute Abendessen mit Stern und Franzl im Coucou. Kleiner dämmeriger, einsamer Platz hoch auf dem Montmartre. Wir sitzen im Freien, vor uns werden Pferde angeschirrt. Italienische Küche und der schwarze Barbera machen uns lustig. Wir erzählen »storie grasse« und freuen uns wie drei Klosterbrüder darüber. Von Stern entfremde ich mich und Hessel trete ich immer näher. Auch er ist los von München. Ich fürchte fast Dülbergs Kommen. Ich lese Nerval, Femmes du Caire; möchte einmal wieder hinaus aus europäischer Kultur, Komfort, Sentimentalität und Familienbehagen. Franzl und ich machen Pläne für Biskra, vielleicht schon im Winter, träumen von afrikanischen Dächern und Nomadenunabhängigkeit. Es ist Irene, der ich alle diese Frische und Lebensfrohheit verdanke. Aber meine Pläne und meine Lebendigkeit gehen schon wieder über Irene hinaus.   24. Mai. Gestern Nachmittag mit Irene in einer Ausstellung von Vuillard. Niemand malt so gut Zimmerluft. Es war ihr alles fremd, wenig Verständnis. Sie hat den Mut, es zu sagen und macht kein »Geschnas«. Gestern Nacht kam Liddy, wie oft, betrunken heim und schwatzte Irene aus dem Schlaf. Sie war mit einem Franzosen zusammen, den sie nicht verstand. Er mußte ihr das Rendezvous aufschreiben. Dieses Wesen ist die Fleisch gewordene Direktionslosigkeit und Anarchie, aber ganz unbewußt. O, wenn ich erst mit dem Franzl auf den Dächern von Cairo oder Damaskus sitze! Himmelfahrt: Ich las Aurélie von Nerval. Das erste mystische Buch, das mich wirklich packt, meine Mystik, Fortunio, Zweiheit. Wieder habe ich eine Periode abgeschlossen und will nun Schalen aufstellen, in die das Neue tropft, ganz leidend, für Fortunio. Der Orient wird wohl die letzten Schlüssel geben. Ich muß erst durch diese Welt ganz durch. Ich höre das Leben brausen, so schnell geht es jetzt weiter, um mich und in mir. Alles Symbol, auch Irene. Die dunklen Gründe für einige Zeit hinter mir, so wie sie im Lothar dargestellt sind. Ich will nur Schönheit, Vollkommenheit, nichts Zweideutiges, Verstohlenes. Mir fällt ein, wie unbewußt meine Dunkelheitserlebnisse mit dem Dämon doch stets sind, so bewußt ich sie später umgrenze. Treffe ich Typen, die mich dort berauschen würden, im gewöhnlichen Leben auf der Straße, als Dienende etc., so denke ich nicht einen Augenblick daran. Und erinnert mich mein Verstand daran, die Sinne würden schweigen. Ich fühle wieder mehr als je das Rätselhafte meiner Natur, das ich Schritt für Schritt zu entdecken habe. Ich bin auf dem Weg, und eben geht es schnell. Ich fühle mich jünger als je und vertraue meinem Schicksal.   25. Mai. Wenn man einmal einer Frau gegenüber gefühlt hat: Dumme Gans, dann ist eigentlich alles aus. Bei Louisa habe ich es bisweilen gefühlt. Bei Irene könnte ich höchstens fühlen: »Dummes Mädel«, und das macht nichts. Heute mit Irene ein wahrer Unglückstag. Alles was wir sprachen, nahm eine unangenehme Wendung. Sie weinte schließlich, sie verstünde mich doch nicht, ich hätte sie nicht lieb usw. Dann zärtliche Versöhnung. Ein süßes Ding. Aber ist dies der Anfang vom Ende? –   Sonntag, den 27. Mai. Gestern mit Stern, Dr. Oberwarth, Hessel, Irene im Moulin de la Galette. Sie, ein bischen berlinisch, findet: »Schön ist anders.« Dann in der »Abbaye de Thélème«. Viel Champagner, spanische Tänze, ein betrunkener alter Herr, wie ein deutscher Oberst aussehend, mit einem Stich in das Falstaffische, ein Kerl, an dem man seine Freude haben kann, von sich nicht gegenseitig befehdenden Instinkten, der gewiß sein ganzes Leben auslebt. Irene stillverwundert über alles dies und sehr lieb. Blaue Morgendämmerung auf der Place Pigalle, wie ich sie oft vor 9 Jahren sah. Zuhause drei Briefe. Erstens meine ganze Börsen-Couverture, mit der ich hier an der Börse spekuliert habe, gezwungen durch die Enge, in welche mich das Leben mit Louisa brachte, verloren, zweitens Louisa verlangt Scheidung, drittens gleichzeitig Brief ihres Anwalts. Sehr sonderbar, daß sie gleich den Anwalt hineinzieht, das ist ein Grenzmoment. Wenns gut geht, wird nun bald wieder alles klar. Bei einigen stilistisch etwas preziösen Stellen meines Balsoramen grinst der Franzi und ruft: »Alter Gauner«.   28. Mai. Im Café de la Régence beim Apéritif: Gestern Abend kamen Tilly und Ludwig an. Sie ist sehr hübsch, sehr klug, sehr lieb. Wir speisten in der Brasserie Universelle. Die Familienwärme tat mir wohl. Dann eine Stunde bei Irene, in einem weißen Spitzenpeignoir, ganz aus Spitzen. Sie war entzückend, noch ganz hingerissen von der letzten Nacht in der Abbaye. Aber man muß sie in ihrem Interieur gesehen haben. Sie ist mir doch viel in dem Nomadentum meines jetzigen Daseins mit seinen Ungewißheiten. Heute allgemeine körperliche Verstimmung. Warum? Schwüle Frühjahrswärme. Ich las auf Sterns Rat Lipps, Ethische Grundfragen. Einige uns längst in Fleisch und Blut übergegangene moderne Erkenntnisse wieder entfleischt und entblutet, von einem Philister in einen abstrakten Philosophenstil geklemmt. Irene heute wieder reizend.   29. Mai. Fast möchte ich glauben: das Moralischste ist stets das, was einem am meisten Vergnügen macht, falls man ein gut organisierter Mensch ist. Falls man es nicht ist, hilft auch die Moral nicht viel. Daß ich die Liaison mit Irene habe, ist ein Ehebruch, der mich aber dem ganzen Leben gegenüber so gutartig, »bon enfant« macht, daß es nicht nur alle spüren, die mir nahen, auch das Buch, das ich gerade schreibe, wird milder, sonniger, versöhnlicher. Ich komme um die Klippe herum, bei der Kritik deutscher Zustände ungerecht bitter zu werden. Mit Tilly, Ludwig und Franzi ein Abendessen im italienischen Restaurant oben auf dem Montmartre. Dann im »Carillon« und bei Maxim. Wenn ich Tilly am Arme habe, ist sie kaum wie meine Schwester, sondern wie eine fremde schöne Frau. Sie konstatiert die Rassenähnlichkeit von uns 4 Geschwistern. Derselbe Geschmack, besonders in der Pflege des Körpers. Ich füge hinzu: Ressentimentlosigkeit, Streben nach Klarheit ohne Nüchternheit, Selbstgefühl ohne eigentliche Eitelkeit, ästhetisches Gefühl, sich keinen blauen Dunst vormachen lassen, Bewußtheit.   30. Mai. Die Bedrückung über Irene und mir wird immer fühlbarer. Sie ist chronisch krank und pflegt sich nicht, Darmkatarrh. Ich kann das nicht mit ansehen. Was ich ihr sage, tut sie wohl, aber hat gar keine Initiative. Das drückt mich nieder, zu sehen, wie sie sich zu Grunde richtet.   1. Juni. Endlich wohnt Irene allein, ebenso Grete, die jetzt einen silberhaarigen Brasilianer hat, den sie Liddy ausgespannt hat. Liddy, das Kalb, wohnt bei Berta, der Ziege, die Hure teilt das Bett der Jungfrau, die Hure aus Dummheit und die Jungfrau aus Dummheit. Zwei widerliche Verkörperungen von Klein-Berlin. Nihilismus. Für Liddy ist doch alles »Quatsch« und deshalb gibt sie sich jedem. Übrigens nicht aus Verzweiflung oder Enttäuschung. Auch Berta ist alles »wurscht«, und darum hat sie keinen Liebhaber. Berta, etwas klüger, aber voll Neid und Ressentiment. Liddy ressentimentlos, aber ohne Verstand, ohne Seele, ohne Nerven, ohne Instinkte. Sie watschelt wie eine Ente. Ein starker Körper auf schwachen Füßen. Berta läuft kerzengrade wie eine aufgezogene Gliederpuppe, blickt nicht rechts und nicht links. »Es geschieht euch ganz recht, wenn ich keinen Schatz habe«, denkt sie offenbar. Eine gewisse klein-berlinische Phantasielosigkeit stört mich wohl auch an Irene. Gestern auf dem Blumenkorso. Ich machte Betrachtungen über den Reichtum des Landes. »Welche Bedürfnisse müssen erst befriedigt sein, was muß schon alles da sein, daß man einen solchen Blumenwagen bezahlen kann!« sagte ich. »Wird schon da sein«, erwiderte sie. »Warum regst Du Dich über so etwas auf?« Wenn ich mich für etwas interessiere, sagt sie: »Du mußt aber auch wirklich alles wissen.« Wenn ich etwas tadele, erwiderte sie: »Wenn Du es gemacht hättest, wäre es gewiß besser.« Oder: »Man hat erst gewartet, bis Du kommst.« Franzi stellt fest, daß deutsche Mädchen von unregelmäßigem Leben stets etwas besseres sein wollen. Die ganze Gipsgruppe, so nennen wir die 4 Mädels wegen ihrer Vorführungen im Marigny-Theater, ist eigentlich keine Gipsgruppe. Jede meint, daß sie eigentlich nicht dazu gehöre.   3. Juni. Der Verkehr zwischen Irene und mir wird lahmer. O diese deutsche Passivität, die dabei doch stark sinnlich ist. Das ist mir alles viel zu brav und ängstlich. Immerhin nicht das Gräßliche, unbewußt Schamlose, wie bei Louisa. Nur eben doch etwas zu harmlos. Liegt das nur an ihrer Unerfahrenheit, muß sie erst das Liebkosen lernen? Jedenfalls tut sie nichts Häßliches, was mich stört, wie Louisa. Aber es ist mir alles zu bleich. Franzl sagt, sie haben eben einen polygamen P... Der Leutnant muß ja ein unsäglich primitiver Mensch gewesen sein. Seelisch ist ihm jedenfalls die Defloration nicht gelungen. Ich warte nun schon 8 Tage mit viel Unruhe auf Louisas Brief, um ihr Verhalten in der Scheidung zu erfahren. Ich traue ihr nicht zu, daß sie gemeine Ausbeutung versuchen wird, aber ich hätte doch gern Klarheit.   4. Juni. Wie traurig sind nun meine Diners mit Irene. Sie darf ihres Darmkatarrhs wegen fast nichts essen und ißt natürlich nur das ihr Ungesunde gern. Nach Tisch muß sie immer gleich ins Theater, und wir haben uns nichts mehr zu sagen. Gestern kam es zu einer Aussprache, in der nichts Wesentliches gesagt wurde, die aber dennoch meine Zärtlichkeit wieder steigerte. Sie leidet unter meiner Korrespondenz mit Louisa, deren Inhalt sie nicht kennt. Hätte ich jetzt nicht Mitleid mit ihr, ich glaube, ich würde mich frei machen. So erwarte ich die Lösung von den Verhältnissen. Ich fühle den Grund meines Lebens so unglücklich, daß ich in tiefe Melancholie verfiele, wenn nicht das dichte Netz meiner zufällig sehr ausgefüllten bunten Tage über den Abgrund gespannt wäre. Eigentlich müßte es umgekehrt sein, der Grund glücklich, den vielfachen Unbilden des Alltags Widerstand leistend, denn das gäbe Zuversicht. Was aber werde ich, wenn plötzlich das Leben um mich verarmt? Andererseits ist es doch auch Lebenskraft, der Melancholie mit Hilfe dieses Netzes zu widerstehen. Irene geht im Sommer mit der Gipsgruppe nach England. Ich wollte mitgehen, aber nun werde ich es nicht tun. Wie es ihr sagen? Ich möchte mit Franzl den ganzen Sommer im Wald von Fontainebleau sitzen, von Zeit zu Zeit auf ein bis 2 Tage nach Paris kommen. Das lockt mich nun viel mehr.   7. Juni. Gestern nach vielem Wetterwechsel echter Sommer. Seltsame Straßenerregung, Buntheit, Sonne, Dämon. Nachmittags jetzt täglich in der Bibliothèque Nationale. Ich treibe französische Geschichte, sehr befriedigt. Abends sehr lahme Unterhaltung beim Essen mit Irene, die wieder indisponiert ist. Dann in der Dämmerung allein über die Seine, Eiffelturm, Ecole Militaire. Um 10 Irene im Café Marigny. Lahmes Schweigen. Ich sage, ich könne wohl nicht mit nach England, Grund: meine finanziellen Verhältnisse. Das kann ihre Eigenliebe am wenigsten verletzen. Sie ist sehr erregt, will nach Hause. Dann bei ihr: ich sei sie wohl müde, ob sie mir nicht genüge. Ich hätte geheuchelt. Wenn sie sich doch nur nicht mit mir eingelassen hätte etc. Ich beruhige sie, meine Lage sei auch nicht beneidenswert. Versöhnung. Sie bittet um Verzeihung, sie habe nur an sich gedacht. Was ist sie doch für ein liebes gutes Wesen. Aber wenn wir uns doch nichts mehr zu sagen haben! Ich hoffe, die letzten 3 Wochen werden nun noch hübsch werden, da der Zwang von außen fortgenommen ist.   8. Juni. Gestern 10 Uhr abends mit Franzl, Tilly, Ludwig Moulin de la Galette. Tilly ohne Hut, nur mit Spitzentuch, da sie aus einer Gesellschaft kam, und wir einen Hallenbummel vorhatten. Im Moulin werden femmes en cheveux nicht eingelassen. Der maître de plaisir verlangte, sie solle ihren Hut aufsetzen, begnügte sich dann aber mit dem Spitzentuch. Alle Mädchen schauen, aber Tilly sieht reizend aus, sie fügt sich mit viel Humor in die Situation, sodaß sie ein Recht zum Auffallen hat. Sie genießt überhaupt diese ihr fremde Atmosphäre immer aus dem Kontrast, stets sie selbst bleibend. Wie widerwärtig war mir, mit Louisa an solche Orte zu gehen, da sie immer sinnlos in alles hineintappte, alles wundervoll fand, nie sie selbst war und darum zu nichts die richtige Stellung hatte. Ludwig sehr lahm und langweilig. Ich hätte mit Tilly lieber allein sein mögen. Wir fahren nach den Hallen, Caveau des Innocents. Zwei Stock unter der Erde, Verbrecherkeller mit verkritzelten Wänden, ein furchtbares Dröhnen des Klaviers. Ein kleines Herrchen mit Schnurrbart, ein Geck aus dem tiefsten sozialen Stockwerk singt schlecht sentimentale Lieder und moquiert sich über einen rothaarigen häßlichen Jungen, der Ähnlichkeit mit Richard hat. Wulstige Lippen, wie ein ganz geringer Arbeiter gekleidet, blaue Hosen, offenes Hemd. Doch singt er mit ausgezeichneter Stimme und erschütterndem Ausdruck Lieder, die meist etwas wie verschmähte Liebe ausdrücken. (»Soyez clémente« etc.) Ich lade ihn zu einem Bock ein. Er erzählt, er war früher Kirchensänger, man wollte ihn zum Theater lancieren, aber es fehlte an Geld und Protektion. Jetzt arbeitet er von 4 Uhr früh ab mit seinen Eltern an den Hallen. Abends ist er Coulissenschieber an einem Theater. Er schien aufrichtig. Wir blickten dann noch in zahlreiche andere Lokale ohne viel Leben. Ludwigs Lahmheit entmutigt mich. Dann mit Franzl zu Fuß nach Haus. Einzigartig der blaue Pariser Morgen über den finsteren Pariser Gassen, deren schwarze Firstlinien gespenstische Umrisse zeigen.   9. Juni. In einer niedrigen Dirnengasse sah ich zwischen elenden Vetteln in einer Mauernische ein siebzehnjähriges blondes Mädchen, die Hände im Schoß, in die untergehende Sonne schauen. Ich blickte sie an, aber sie schaut weg. Eine grauhaarige Alte dagegen macht mir Zeichen. Als ich Franzi davon erzähle, meint er: »es war vielleicht meine Muse«.   Sonntag, den 10. Juni. Mit Franzi in Isle-Adam bei Dreyfus. Wir haben eine kleine Sommerwohnung dort genommen.   12. Juni. Immer mehr fühle ich in diesem Jahr, daß mein Beruf eine Berufung ist, die mich für die Welt in manchem Sinne untauglich macht. Warum kann ich nicht mit Irene, die mich liebt, ganz dumm glücklich sein und ihr den Sommer in das englische Seebad folgen? Statt dessen ziehe ich vor, 3 Monate in einem kleinen Landstädtchen zu sitzen, wo das einzige Vergnügen der Wald und das Flußbad ist, und zu arbeiten. Gestern beklagte sie sich wieder, wie wenig sie von mir hat. Nie hätte ich Zeit für sie. Wir waren abends mit Hessel und Grete in der Taverne Royale. Ich hätte nur Blicke für Grete gehabt. Hessel verliebt sich ein bischen in Irene. Es ist schade für Irene. Sie meint, alles müsse lange dauern und vergißt deshalb das Schöne, das nur kurz war. Sie fühlt, daß ich nur noch zu ihr komme, weil ich nicht brutal brechen will, da sie ja in 3 Wochen doch abreist. Wie müde bin ich das alles, und dabei ist sie ein rührend liebes Geschöpf.   13. Juni. Ich lese abends, während ich im Café Marigny auf Irene warte, in den Wahlverwandtschaften. Das ist die reifste Weltbetrachtung, welche denkbar ist, das was wir heute erstreben. Das satteste, vollste Leben, das mich fast verzweifeln läßt an meiner unsteten Existenz. Wie erinnert es mich an Deutschland und den Beginn mancher Liebe. So gut Ottilie dichterisch ist, bis jetzt ist sie mir persönlich nicht sympathisch, dieses ewig unvollkommene Wesen, das sich in Eduard, den Weltmann, verliebt. Das ist ja mein ewiges Schicksal, von unvollkommenen Wesen geliebt zu werden, die in mir gewisse Eigenschaften lieben, weil sie ihnen neu und allzu glänzend erscheinen. Es liegt darin immer etwas von Gretchen und Faust. Ein oder zweimal sehr hübsch, aber dann unsäglich langweilig. Man fühlt sich in mancher Hinsicht so überschätzt, in eine glänzende Rolle geschoben und muß sie nun spielen, wird darum grausam, ja verachtend (Louisa). Ich traf Irene zum Abendessen. Sie hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Sie liebe mich so sehr, daß sie diese Quälerei nicht mehr aushalte. Ihr Leben sei vernichtet und dergl. Ich hatte die Absicht, den Abend in die Closerie des Lilas zu gehen, wo ich wichtige Besprechungen hatte, aber sie tat mir zu leid. Ich ging um 10 wieder an das Theater und holte sie ab. Ich habe sie lieber, als sie glaubt, als ich selbst glaubte. Das kleine Prinzeßchen werde ich sehr vermissen, aber wenn mich jemand so ganz haben will, dann muß ich mich zurückziehen. Vielleicht loderten meine Gefühle deshalb wieder auf, weil sie sagte, wir wollten uns lieber nicht mehr sehen. Sie war glückselig, mich unerwartet am Theater zu finden, und ich freute mich auch. Abends noch etwas im Café, dann zu ihr nach Hause, große Zärtlichkeit. Der Franzi und die Grete haben sich nun auch glücklich gefunden.   14. Juni. Vorgestern Abend beim Abschied küßte ich im Scherz Grete in Gegenwart Franzis und Irene. Grete hat gestern dies Berta erzählt, diese kommt höhnisch zu Irene. »Das ist ja schön, die Männer sind doch alle gleich«, sagt sie zu ihr. Grete, ein bischen böses Gewissen, bringt Irene Blumen. Irene in äußerster Aufregung nennt Grete falsch und bösartig, hält es mit der giftigen Berta. Abends läßt sie mich beim Essen vergebens warten. Ich treffe sie am Theater, nun sei alles aus. Um 10 hole ich sie ab, sie spielt die Gekränkte, tut, als wolle sie mich nicht herauflassen. Ich habe Mitleid mit ihr, will sie nicht in dem Zustand allein lassen, gehe mit ihr nach Hause. »Was kränkt Dich so?« frage ich, »der Kuß oder das Geschwätz der Mädels?« »Das Geschwätz«, antwortet sie. Der Kuß paßte ihr wohl auch nicht, schien aber verzeihlich. »Aber an dem Geschwätz bin ich doch unschuldig«, erwiderte ich. Ich suchte ihr das Harmlose der unüberlegten Grete und die Bosheit Bertas klarzumachen und ihre eigene Torheit, den beiden Sachen solche Wichtigkeit beizulegen. Sie beruhigt sich. Zärtliche Versöhnung. Welche Niederungen des Lebens – Gipsgruppe! Warum konnte sie nicht zu Tisch kommen und mir abseits sagen: Hör mal, Du hast mir da mit dem Kuß eine unangenehme Geschichte gemacht usw. usw. Ich hätte begriffen, mein Bedauern ausgedrückt und den anderen gegenüber Irene rehabilitiert blos durch mein Verhalten. Warum müssen die Frauen alles hintenherum machen? Warum sagen sie: »Küsse sie nur, mir ist es recht«, wenn sie meinen: »Um Gottes Willen, küsse sie nicht.« Mir ist das alles ekelhaft.   15. Juni. Abends mit Franzl, Louisas Schwester Milli und der Baronin Possanner zum Essen bei dem Italiener oben auf dem Montmartre. Spaghetti, Filet Montevideo, Sabaione. Dann im Lapin Agile. Wir singen Volkslieder, Schnadahüpfln und dergl. Die Baronin schön, klug, hart und gemütlos. Es scheint, daß sie mich gern mag. Wenn ich solch eine Frau heiratete, würde alles Weiche und Gutmütige in mir vielleicht zur Entwickelung kommen, während ich jetzt den weichen Frauen gegenüber immer meine Härte und Schroffheit entwickele. (Spätere Randbemerkung: Vielleicht wäre aber auch das Gegenteil der Fall gewesen!) Leider ist die Zeit, da ich die Baronin liebte, vorbei. Anfangs war ich wirklich sehr für sie eingenommen. Um eine Vernunftehe zu schließen, ist sie zu unerfahren und auch wieder zu vermögenslos. Sie erwartet wohl noch viel von der Liebe. Auch Franzl war dabei. Wir kauften den Damen Zuckerstengel. Franzl sang das Lied: »Weib, Weib, sollst heim gahn.« Die Baronin entzückt, errät immer die folgenden, naheliegenden Reime. Milli kann das garnicht begreifen, und fragt: »Kennen Sie denn das Lied?« Dieselbe Phantasielosigkeit und das Staunen, wie bei Louisa, wenn jemand etwas aus dem Kopfe improvisierte. Milli langweilig und gewöhnlich, wie immer. Sie weiß nicht, wo man lachen, wo man weinen muß. Sie arbeitet täglich ihre 9 Stunden in einem Geschäft. Die eine freie Stunde, die sie nach Tisch hat, sitzt sie in der Bibliothek und liest Racine. Das ist allerdings rührend.   18. Juni. Früh nüchtern auf den Franzi wartend. Vorgestern, Samstag Abend 8 Uhr nach Isle-Adam gefahren, um Vorbereitungen zu treffen für die Ankunft Franzis, Gretes und Irenes nach dem Theater. Ich verbrachte den Abend bei Frau Dreyfus, die allein war. Wir sprachen ziemlich intim über Ehen, meine Ehe. Sie ist ganz intelligent, erzählt, daß Louisa ihr gegenüber einmal gewisse Gemeinheiten der Else Plötz dadurch verteidigte, daß sie sagte, sie bewunderte Else Plötz gerade, weil sie nicht wußte, daß das Gemeinheiten waren. Das ist die ganze gallertartige Louisa, von nichts was wissen wollen und dann alles instinktiv tun dürfen. Frau Dreyfus klagt mir stets über die Ehe. Sie leidet darunter, kommt nicht zum Malen und kann wirklich etwas in dieser Kunst. Sie macht mir große Komplimente über meine Bücher u.s.w. Wenn ich diese weiche, zarte Frau geheiratet hätte, so wäre dasselbe Unglück da, obwohl sie an sich viel mehr ist, als Louisa. Um 12 kamen die anderen am dunklen einsamen Bahnhof an. Durch eine Trivialität wurde die ganze Angelegenheit verpfuscht. Natürlich bin ich in dem Verkehr mit Irene immer sehr vorsichtig gewesen. Nun hat sie das für diese Vorsicht notwendige Instrument nicht mitgebracht. Sie behauptete, es vergessen zu haben. Ich merke aber wohl, daß es in Wirklichkeit diese mir so verhaßte frauenzimmerliche Art ist, die ich falsche Schamhaftigkeit nenne. Sie hat das Instrument nicht eingepackt, damit ich nicht denken solle, daß sie diese Dinge erwartet. Das verpflichtet uns nun zu einer Nacht der Keuschheit. Nun ist sie natürlich sehr bestürzt und niedergeschlagen darüber. Sie will gerade unvorsichtig sein. Ich aber danke dafür. Ich bin stumm, verärgert. Daheim erklärt sie plötzlich, sie könne nicht hierbleiben. Das macht mich wütend und ich fahre sie an: »Ich kann nicht, ich kann nicht, ewig dieses Ich kann nicht. Ich kann nicht essen, ich kann nicht sprechen. Man kann alles, was man will.« Sie ist darüber sehr erschrocken, fällt mir um den Hals, ich solle nicht so böse sein. Ich bitte um Verzeihung, wir legen uns versöhnt, aber verärgert nieder und schlafen schlecht nebeneinander. Dazu verschaffte mir der Satan im Traum, was mir in der Wirklichkeit in dieser Nacht versagt war. Am anderen Morgen matt und zerschlagen infolgedessen. Franzl und Grete dagegen hatten eine angenehme Nacht. Gemeinsames Frühstück um 11 Uhr. Dann zusammen ins Freie. Hessel singt und recitiert lustige und traurige Sachen. Wir sitzen am Waldrain, vor uns suchen die Mädchen Blumen. Später liegen wir an einer Waldlichtung. Die liebenswürdige Grete regt mich sehr an. Im Ganzen lag über uns eine stumpfe, aber poetische Trauer, von der Natur und der schönen Aussicht gemildert und von der Erwartung, den Sommer hier allein zu sein. Irene bleich, blutarm, elend, verliert allen Reiz für mich. Ich glaube auch nicht an ihre große Liebe. Viel davon ist auch das konventionelle Pathos, das für sie zur Liebe einmal gehört. Wie mich überhaupt all dieses Gemachte stört. Grete dagegen ist einfach sinnlich und liebenswürdig, will wie ein kleines Mädel geliebt sein, sonst nichts, und nimmt nichts zu ernst. Franzl ließe sie mir gern und nähme gern zur Abwechselung Irene. Grete wäre wohl auch einverstanden. Aber Irene? Am liebsten hätte ich gestern Schluß gemacht. Aber immer wieder habe ich dieses verdammte Mitleid, da es ja ohnehin nur noch 14 Tage dauern kann. Um 6 fuhren wir nach Paris, brachten die Mädchen heim, dann waren wir frei, atmeten auf und genossen unser Alleinsein. Wir speisten sehr nett in einem kleinen Restaurant im Freien auf dem Boulevard Malesherbes und fuhren dann oben auf der Tram nach Neuilly zur Messe. Wir bummeln zwischen bunten Lichtern, Karoussellärm und essen einige gemeine Süßigkeiten, etwas matt. Ich meine auf solchen Messen immer, das eigentliche Leben sei nicht in der Mitte, sondern im Dunklen hinter den Buden. So geht es mir im ganzen Leben.   18. [?] Juni. Mit Franzl Boulevard Montparnasse diniert, dann eine Stunde allein im südlichen Viertel. Franzl im Café Rotonde wiedergetroffen. Der Berliner Bondy. Auf dem Omnibus heimgefahren. Wir planen künftige Haushaltungsgemeinschaft mit netten gebildeten Mädchen, wie Louise Bücking, ohne sexuelle Beziehungen à la Kaulbachstraße, aber mehr Ordnung. Auch die Baronin kommt in Frage, die ja jetzt nach Rom geht, wo ein Zusammenleben mit ihr entzückend wäre.   20. Juni. Irene ist plötzlich vernünftig geworden. Sie hatte gestern einen neuen Panama auf und sagte, sie habe in Isle-Adam ihre Seele verloren, schlafe nun sehr gut und fühle sich wohl. Das heißt, sie hat begriffen, daß sie sich die Tragik der ganzen Geschichte nur eingeredet hat und daß man sich gerade so gut das Gegenteil einreden kann. Natürlich möchte sie mich noch ein bischen ärgern. Alles sei eine Art Hypnose gewesen, nun sei alles vorbei usw. Aber sie ahnt nicht, wie froh ich bin, sie aus ihrer Selbstqual befreit zu sehen. Sie denkt auch nicht mehr daran, jetzt keinen Mann mehr lieben zu können, träumt von ihrem früheren Schatz, der tot sei und den sie wachküßt, dann gleicht er auf einmal mir, und sie läuft erschreckt davon. Das hat sie mir erzählt. Es reizt sie noch ein bischen, ärgert sie, daß mich das alles nicht verletzt, sondern bei mir nur ein gutmütiges Lachen hervorruft. Es folgt ein etwas verdrossener müder Abend mit Franzl. Erst in der Closerie, dort Moréas, Paul Fort und andere französische Dichter. Langweilig, cliquenhaft, schlecht erzogen, wie immer. Ich gehe nicht mehr zu den Leuten. Zuletzt noch eine Stunde in La Chapelle.   21. Juni. Gestern den ganzen Nachmittag und Abend dem Dämon gefolgt. Erst in Vincennes, dann Essen mit Franzi im Restaurant Coquet, dann Grenelle, Boulevard d'Italie, Gare d'Orléans, Boulevard Charonne. Schließlich La Chapelle. Wurde für einen Agent de mceurs gehalten und flößte Furcht ein. Das einzige, was bei mir vollkommen gut geht nun, ist meine Arbeit, sonst bin ich in allem zerrissen. Meine Nervosität kann noch jeden Augenblick Charakter, Stimmung, Gesundheit, Kraft, gerechtes Urteil in Frage stellen, nur nicht mehr die Arbeit. Nachts: ich stehe nun seit 3 Wochen unter der Einwirkung von Louisas dummem und wohl auch brutalem Verhalten. Ich kann nicht dahinter kommen, was sie eigentlich will, befürchte aber, daß sie mich in München verleumdet hat usw. Die Familie behandelt in ihrer gewohnten Vornehmheit die Sache öffentlich. Alle Leute wissen davon. Nach Richards Brief scheint die Scheidungsklage nur eine Drohung zu sein. Ich verstehe nicht und überrasche mich in jedem müßigen Moment bei Entwürfen zu evtl. Briefen an Louisa, ihre Familie oder an Freunde, die vermitteln könnten, zu meiner Verteidigung. Obwohl ich nicht eigentlich Schlimmes fürchte, beschäftigt mich die Sache maßlos und raubt mir die Ruhe zum Einschlafen. Daher auch tagsüber oft Ermattung und Schlaffheit, die so schön überwunden war. Franzi mein einziger Trost.   22. Juni. Seit gestern wieder Freude an der französischen Erotik. Abends vergeblich mit Franzi Gesellschaft zum Abendessen gesucht, heute in der Mittagsglut in die Petits Carreaux. Eigentlich sollte man nur wahrhaft verliebt sein oder an solche Orte gehen. Das sind die zwei Vollkommenheiten, alles andere flaue Kompromisse. Ein blau verhängtes Gemach, Spiegel, 2 elektrische Birnen. Lucienne köstlich, eine große Braune. Ich verlasse das Haus sehr zufrieden. Den ganzen Nachmittag ruhig in der Bibliothek gearbeitet und jetzt etwas matt. Zum ersten Mal habe ich auch den Reiz der Schminke empfunden. Le rouge qui efface l'individualité de la bouche. Ist das bei solchen Frauen nicht das allerwünschenswerteste, dieses Leben von dem Individuellen ganz zu lösen? Das eine würde das andere stören. Die gute Maison de passe in Paris wirklich eine Vollkommenheit.   26. Juni. Samstag Abends mit Franzi nach Isle-Adam gefahren. Abends bei Dreyfus im Garten. Wir bewohnten, wie schon am vorigen Sonntag mit den Mädchen, unser neues Haus. Sonntag ein nasser, trauriger Morgen. Rudern unmöglich, Baden unmöglich. Alle hübschen Plätze sind propriété privée. Ich möchte mich endlich einmal wieder ausdehnen können, meine Seele an die Außenwelt hingeben, nicht wie jetzt schon solange sie umspinnen mit tausend Plänen, Hoffnungen, Gedanken und Arbeiten, um mich gegen die Außenwelt zu schützen. Das Leben sollte wieder einmal selbst etwas sein. Nachmittags mit Dreyfus in schöner Flußlandschaft in Heuhaufen ausgeruht, abends bei ihnen im Garten. Ich war sehr matt und etwas verstimmt, habe, glaube ich, infolgedessen mißfallen. Andere erwecken in solcher Stimmung Teilnahme, ich mindestens Befremden, wenn nicht Abneigung. Gestern unangenehme Aufregung in der Scheidungssache. Man will mir zur verdammten Pflicht machen, was ich ja gern freiwillig täte, nämlich für Louisa zu sorgen, bis sie ihre Ausbildung in dem neuen Beruf vollendet hat. In Franzis Beisein schreibe ich abends an Louisa. Dann erzählt er mir seine schlechten Erfahrungen in der Kaulbachstraße. Suchocki hat ihn schofel genannt, nachdem er 3 Jahre von ihm gelebt und am Schluß eine Kleinigkeit nicht nach seinem Wunsche erhielt. Die vollkommene Besitzlosigkeit scheint doch zur Rancune und zum Undank zu prädisponieren. Was habe ich alles für Louisa getan! Aber nun ist das alles selbstverständlich und von Dank keine Spur. Ein klein wenig, genügend zur Unabhängigkeit muß man doch offenbar besitzen, um ein Gentleman, d. h. ein bis ins Kleinste anständiger Mensch sein zu können.   27. Juni. Auf der Heimfahrt von Isle-Adam fielen mir in Erinnerung an unsere Winterwohnung in der Rue Bonaparte die Verse ein: »Dunkles Haus, in deinen Scheiben spielt ein Abendrot. Ich muß harren, ich muß bleiben, bis die Stunde tot. Mein Glück ward wie in einem Sarg hinausgetragen ...« Gestern sprach ich in der Bibliothek die Baronin. Natürlich ist sie von Milli über die Scheidung unterrichtet. Über die Familie Fuchs hat sie offenbar meine Meinung. Die Alte hat ihr einen gewöhnlichen Eindruck gemacht. »Was wollen Sie, bei der Erziehung«, sagt sie, als ich mich über die schamlose Öffentlichkeit beklage, mit der Louisa die Sache behandelt. Milli bespricht alles an der Table d'hôte des Hauses, wenn Briefe von ihrem heimlichen Bräutigam kommen und dergl. Die vornehme Entschiedenheit der Baronin tut mir wohl. Die Frau muß wissen, was sich ziemt. Der Mann kann dann ihren Standpunkt mildern, wenn er zu schroff ist, denn für ihn heißt es: »Erlaubt ist, was gefällt.« Bei Louisa mußte ich immer sagen, was sich ziemt, eine sehr undankbare Rolle für den Mann, der dadurch zum Pedanten und Schulmeister wird. Seit ich nun einmal mit einer Lady über die Sache gesprochen und ihre Übereinstimmung mit mir erfuhr, ist mir wieder bedeutend wohler. Sie will übrigens ohne Milli nach Isle-Adam manchmal herauskommen. Gestern Abend. Ein zweites Mal am Tag ein Schwimmbad. Glühender Sonnenuntergang, im Staub der Stadt gebrochen. Alles preßt sich geschwitzt und arbeitsmüde in den Métro, ein rothaariges, gräßliches, schmutziges Frauenzimmer mir gegenüber beißt mit einem Raubtiergebiß auf die Messingstange, an der sich Tag für Tag alle die schweißigen Hände reiben. Das ist entsetzlich und hat, wenn ich die Augen schließe, etwas aufreizendes, als ob doch in meinem Allerinnersten ich solch ein Weib begehren könnte, nur gehindert würde durch anerzogene Reinlichkeit und Schönheitsbedürfnis. Die Rache des Volkes für unsere Verfeinerung. Hessel allein verstellt, daß es gerade bei mir eine Lebensstärke, nicht eine leichtsinnige Schwäche ist, daß ich mich so leicht zur Scheidung entschließe. Täte ich es nicht, so wäre es Müdigkeit. Aber vorläufig bin ich noch absolut. Das Bild dessen, was mein Leben ist und werden kann, steht so klar vor mir, daß ich jedes Wesen von mir abtrennen muß , das dieses Leben durch seinen persönlichen Jammer zu hemmen, zu trüben sucht. Ich bin immer noch nicht enttäuscht, immer wieder zu Versuchen bereit, wenn sie auch noch ein paar mal ungünstig ausfallen, glaube aber wohl, daß eine Ehe dauern würde zwischen mir und einer Frau auf gleicher gesellschaftlicher und Bildungsstufe und in derselben Vermögenslage. Wird daraus keine ideale Ehe, so kann daraus mindestens eine ideale Lebensgemeinschaft werden, womöglich mit Kindern. Das würde mich nicht hemmen und die Frau sogar fördern. (Spätere Randbemerkung: Diese Gedanken haben sich in mir immer mehr gefestigt. Mein Mitleid, das im Oberbewußtsein lebt, will eine Frau vielleicht schonen. Ich kann bereit sein, mich ihr zu opfern. Trotzdem kommt der Tag, wo ich, wenn sie mich stört, sie von mir abtrennen muß . Es ist wie ein schmerzhafter Verband, den ich beim Einschlafen gewillt bin, zu ertragen; wenn ich morgens erwache aber, habe ich ihn im Traum abgerissen. Es ist keine Brutalität, sondern ein nicht zu bekämpfender Instinkt. Wer meinem Werk und meinem Leben hemmend in den Weg tritt, der muß fort, ob ich es bewußt will oder nicht.)   29. Juni. Auf den äußeren Boulevards umhergeirrt. In La Chapelle einen Arbeiter zum Bier eingeladen. Er erwartete seine Frau, die sich bei ihrer Schwester wohl verschwatzt hat. Ich hatte ihn anders beurteilt. Ich erzähle ihm, ich mache Landkarten und erfahre, daß er italienischer Tiroler ist. Wir sprechen etwas italienisch. Später auf dem Boulevard la Chapelle verfolgt mich eine Bande, die mir zuruft: Est-ce que tu vas comme ça jusqu'à la Bastille dans tes pantalons courts? Ich hatte Kragen und Kravatte in die Tasche gesteckt, um in diesem Viertel nicht aufzufallen. Später zog ich sie wieder an und traf um ½ 12 Uhr nachts in der Nouvelles Athènes Franzi mit einer ganz interessanten Amerikanerin, die sehr auf Nicht-Kokotte sich benimmt, aber klug lächelnd alles zu verstehen scheint. Ich rufe ein kleines Koköttchen Solange herbei. Da wir mit der Amerikanerin englisch sprechen, erkläre ich Solange, Madame sei Ägypterin, die Sprache, die wir mit ihr sprechen, sei ägyptisch. Furchtbar amüsant die Leichtgläubigkeit dieser kleinen Französinnen. Wir schwindeln ihr von fabelhaften Reisen vor auf Kamelen, aus deren Magen wir mit durch das Fell gebohrten Strohhalmen Wasser tranken. Eine Blumenhändlerin bietet seidene Rosen an, die eine große Kokotte bestellt, aber nicht abgeholt habe. Sie verlangt lächerliche Preise, kommt aber dann von selbst und steckt die Rose Solange an. Die Verkäuferin ist ein vierzehnjähriges Mädchen. Ich zahle ihr schließlich den von mir zuerst gebotenen Preis. Solange erzählt, daß die Vierzehnjährige »fait la noce depuis 2 ans«. Sie ist glücklich über ihre Rosen. Der Kellner sagt »eine Schweinerei«. Solange ruft ihm zu: »Ah quel salaud.« Solange bietet mir an, nicht als miche mit ihr zu gehen. Heute Abend aber muß sie hinauf ins Restaurant, »il faut, qu'elle s'occupe«. Sie hat einen kaum geheilten Riß vom Ohr bis zum Kinn, den man aber doch kaum sieht. Eine andere hat ihn ihr aus Eifersucht mit dem Messer gemacht. Sie zeigt mir ein spitzes Messer, das sie nun extra bei sich trägt, um sich zu rächen, falls sie der anderen begegnet. Die Polizei fürchtet sie nicht, »parce qu'entre les femmes il n'y a jamais rien avec la police, même quand on se tue. La femme ne vaut rien à Paris.« So sagt sie. Eben mittags 12 Uhr kommt Franzi mit der Amerikanerin herunter, welche die Nacht bei ihm geblieben ist. Wir gehen zusammen aus. 3 Uhr: Soeben mit Solange gefrühstückt. Stumpfnäschen, kleiner lüsterner Mund, schweigsam wie ein Kätzchen. Ein bischen vulgär. Kleine Differenz mit dem Kellner. Sie sehr energisch: »Je te défends que tu lui donnes plus.« Um 3 erwartet sie »quelqu'un«, der ihr die Miete zahlt. Sie verabschiedet mich mit den Worten: »Eh bien, quand se reverra-t-on pour faire l'amour ensemble?« Morgen um 2 erwartet sie mich. Ich gehe heim, etwas unbehaglich, ein um diese Stunde mir ungewohntes Mittagessen im Leib. Es ist windig und kühl nach einer Reihe glühender Tage. Zu Hause finde ich die Autoren-Exemplare vom »Gläsernen Gott«.   30. Juni. Gestern Abend Abschied von Irene und Grete. Mit Franzi erst noch einmal im Café Marigny, dann 10 Uhr am Theater. Irene muß erst etwas mit einem fremden Herrn sprechen, flattert in ihrem weißen Abendmantel zwischen den Leuten umher. Er sei ein Maler, höre ich später, der sie malen will. Sie ist sicher entzückt, mir das anzutun, aber mir tut es nicht viel. Wir gehen in die Taverne Royale. Irene so reizend, daß ich mich beinahe von neuem in sie verliebe. Immer noch ein wenig gekränkt, daß es bei mir so kurz gedauert hat. Ich erkläre ihr von neuem, daß sie mich in einer Zeit der Verzweiflung mit ihrer Liebe rettete. Mit Grete ist sie wieder einmal zerkriegt. Sie redet einiges mit dem Hochmut kleiner Leute, Grete sei ihr viel zu wenig, an unserer Liebe liege ihr schon garnichts mehr und dergl. Es wird ein bischen langweilig. Wir gehen, unterwegs traurig. Energisch lehnt sie jedes Geldanerbieten ab. Franzl geht zu Grete hinauf. Irene geht allein. Dann ruft sie mich auch noch hinauf. Sie müsse mir doch noch einen Kuß geben. Oben große Zärtlichkeit, etwas Sentimentalität. Ich habe das kleine Geschöpfchen doch gern gehabt und habe sie noch gern. Ich nenne sie immer klein, obwohl sie eigentlich sehr groß von Gestalt ist. Ich las ihr aus dem Anfang dieses Tagebuchs die Aufzeichnung über den Beginn unserer Liebe vor, um ihr zu zeigen, wieviel sie mir war. Das Spätere natürlich las ich nicht vor. Dann ruft plötzlich Franzl. Wir gehen zusammen hinunter. Trauriger, aber doch entzückender Abschied. Ich gehe sehr zufrieden heim, wiederum leicht in sie verliebt und doch überzeugt, daß ein Wiederanfangen unmöglich wäre. Auf alle Fälle ist Irene ein ganz ausgezeichnetes kleines Geschöpf, das sich nicht wegwirft, eine kleine Vollkommenheit, wie ich anfangs sagte, aber in ihrer Kleinheit zu schnell für mich übersichtlich. Aber wenigstens habe ich am letzten Abend noch das Vollkommene in ihr gefühlt und die tiefe Anständigkeit ihres Charakters. Mittwoch reisen sie zusammen nach England. Franzi hat inzwischen dem Gretchen noch ein kleines Gedicht gemacht, welches heißt: »Welch Mädchen ist lieber und klüger , als Gretchen Krüger .« Eben ist plötzlich die rätselhafte Amerikanerin, die Gaby heißt, wieder erschienen, von der wir nicht wissen, ob sie eine Kokotte ist oder eine Dame, die nur ein bischen Kokotte spielt. Jedenfalls erzählt sie die sonderbarsten Dinge, geht mit Franzl in den Louvre, wo sie Wäschebestellungen im Werte von mehreren hundert Francs erwartet, gibt als Adresse das Grand-Hôtel an und nennt sich eine intime Freundin von der Otero, mit der sie jeden Abend Karten spiele.   Isle-Adam, 1. Juli 1906. Es ist halb ein Uhr nachts. Um 8 sind wir angekommen. Dreyfus in Paris. Frau Dreyfus kann uns nicht empfangen. Wundervoller Abendgang mit Franzl auf der beiderseits von Wald begrenzten Chaussée. Fast Gebirgskühle. Wir reden aber vorzugsweise von der mich immer mehr quälenden Scheidungssache. Daheim gleich alles ausgepackt. Das Zimmer tut mir wohl. Ich spüre etwas wie Zufriedenheit langsam in diesem Raum über mich kommen, während mich das Zimmer, das jetzt Franzl hat, die beiden letzten Male mit und ohne Irene beengte, mir etwas unheimlich schien.   Halb vier Uhr:. Heute Nacht zum zweiten Mal in kurzer Zeit geträumt, ich sei mit meiner Mutter verheiratet, was meine Scheidung von Louisa erheblich erschwere. Der Traumdeuter erklärt Heirat mit der Mutter als Sicherheit in Geschäften. Eben kommt Dreyfus und erzählt, daß halb Isle-Adam entsetzt ist über Franzl und mich, weil wir zwei Damen hier hatten. Dreyfus's Wirtin hat Frau Dreyfus einen wahrhaften Kondolenzbesuch gemacht, weil ihre Freunde das getan hatten. »Wie finden Sie das?«, hat sie gefragt, und die arme eingeschüchterte Frau Dreyfus sagte im Augenblick: »Scandaleux!« »Voilà le mot«, antwortete die andere.   3. Juli. Gestern ein guter Tag. Früh Brief von Lampe, der mir zeigt, daß er ebenso wie Heiselers den Wühlversuchen der Familie Fuchs gegenüber gewappnet ist. Vier Stunden Arbeit (französische Kultur), dann mit Franzi auf den Fluß rudern. Sonnenuntergang. Abends langer Gang mit Dreyfus. Im Wald suchte ich einen großen braun und blauen Vogel zu greifen, der verwundet war, er biß mich aber fest in den Zeigefinger.   4. Juli. Gaby kam nachmittags zu Franzl auf Besuch. Bei trübem Himmel gemeinsamer Waldspaziergang. Sie wirft sich von seinem Arm in meinen. Aber ihre kraftlose Dünnheit interessiert mich nicht. Bei Tisch kommen ihr auf einmal Familienerinnerungen, sie sei die Nichte Carnegies. Später kommt Dreyfus herüber. Wir sitzen in meinem Zimmer, sie auf der Chaiselongue. Große Lustigkeit, aber über ihren Kopf hinweg, denn sie selbst ist wenig originell. Sie blieb nachts bei Franzl.   5. Juli. Regen. Nachmittags kommt Dreyfus mit Roché und einem aufgequollenen französischen Dramatiker namens Perier. Wir gehen zu Dreyfus zum Tee. Man hat nichts von einander, zu viele Leute. Ich rette mich mit Franzl hinaus. Der Regen hat aufgehört. Ich rudere ihn noch eine Stunde in der Dämmerung. Nebel über dem Fluß. Wir reißen einige gelbe Nenuphar mit lederartigen großen Blättern aus dem Grund und bringen sie Frau Dreyfus. An beiden Ufern der Oise sitzen einsame Fischer. Wenn ich mein Buch fertig habe, will ich es einmal mit dem Fischen probieren. So einen ganzen Nachmittag zwischen den Weiden am Fluß sitzen, was mag einem da alles durch den Kopf gehen! Ganz zwecklos dasitzen geht nicht. Dann wärs ein absichtliches Warten auf Zustände, die nicht kommen. Ein bischen Zweck will die Natur wohl. Und da ist das Fischen offenbar sehr geeignet.   7. Juli. Gestern Nacht bei Dreyfus bis um 2 Uhr. Musik gemacht. Ungarische, deutsche, italienische, spanische, französische und Negerlieder. Eine Oper improvisiert als Parodie. Er spielt hübsch Violine. Franzl und sie tanzten zu unserem gemeinsamen Spiel. Sie machte mir als Ungarin das Kompliment, noch nie einen Nicht-Ungarn ungarische Tänze so spielen gehört zu haben. Franzl ist ein Zustandsmensch, ich ein Entwickelungsmensch. Er lebt in seinem Behagen und kristallisiert sich langsam. Die Entwickelung dagegen ist stets qualvoll. Kein Mensch kann wissen, was aus mir noch wird. Wir leben ganz einförmig, stehen zwischen 9 und 11 auf. Vor dem Frühstück Korrespondenz, Tagebuch, Zettel usw. Dann trinken wir schwedischen Tee. Dann 3 bis 4 Stunden Arbeit. Dann bisweilen Vorlesen. Franzls Münchener Tagebuchroman äußerst lebendig. Dann nehmen wir eine kleine Milchmahlzeit und gehen dann rudern und schwimmen. Um 7 die einzige wirkliche Mahlzeit des Tages. Dann eine Stunde Lektüre und dann noch Spaziergang in der Nacht oder bei Dreyfus.   8. Juli. Gestern Abend spracht Dreyfus über mein letzterschienenes Buch (»Der gläserne Gott«). Er verkennt, daß das nicht individuelle Erleben z. B. dem Mailänder Mädchen gegenüber Absicht ist. Lothar will gerade das Volk, die Dirne, die Stadt als Ganzes, als Typen erleben. Dreyfus verkennt das Triebhafte in ihm, hält es der Bewußtheit wegen für Wissenschaft. Habe ich vielleicht in allen diesen elementar dämonischen Erlebnissen das sexuelle Moment zu wenig betont? Dreyfus erblickt als Konsequenz des dort geschilderten Zustandes den Selbstmord und findet den Trost in der Natur zu provisorisch und leicht gegenüber der in Verzweiflung enden müssenden Menschen- und Erdverlassenheit Lothars, dem gegenüber selbst Herr Sauer noch menschlich sei. Er meint, Lothar ginge an allen Erlebnissen nur interessiert vorbei, würde aber nie erschüttert und durchgewalkt. Er sei zu bewußt, es fehle das notwendige Machen von Dummheiten. Ist das letzte nicht ganz mein Problem von 1899 bis 1900? Ich habe inzwischen krasse Dummheiten gemacht, aber ich bin doch wieder unversehrt herausgekommen. Ich war einen Augenblick von Dreyfus's Auseinandersetzungen wie zerschmettert. Aber Dreyfus sucht ein bischen den Künstler gegen mich, den Bourgeois, auszuspielen, und das ist wieder der alte Schwindel, den ich schon so gut kenne. Als ob er ganz dem Augenblick lebte, ohne jedes vernünftige Überlegen und nicht auch in seiner Weise thesaurierte? Nur der hat ein Recht, dem bewußt Lebenden die Schönheit des Aufgehens im Augenblick entgegenzuhalten, der nun aber auch wirklich, wie der reiche Jüngling in der Bibel, alles weggibt und alles Seinige in sich trägt. Aber das tut Dreyfus ebensowenig, wie irgend einer von jenen Künstlern, welche die voraussetzungslose künstlerische Weltanschauung predigen. Auf dem Heimweg meinte Franzl, ich nähme mich überhaupt noch zu pathetisch. Komisch, daß ich dabei doch viel Scherz über meine Person ertrage. Freilich ist dies ein Produkt der Selbsterziehung; ein gewisses Unbehagen empfinde ich doch, wenn man sich über mich etwas moquiert. Franzl gesteht, daß er selbst seine Liebe zu Louise Bücking gelegentlich ironisch nehme. Man hält mich für kälter und lebloser, weil ich meine Konflikte nicht so sehr zeige. Warum schreibe ich immer mehr optimistisch das Aufsteigende auf, warum bekenne ich mich nicht zu meinen Verzweiflungen, aus denen ich mich zu Hessels Verwunderung, wenn sie selbst wie Vernichtung erscheinen, so schnell erhebe, oft in einer Nacht? Ist das Stärke oder dem Leben aus dem Weg gehen, was Dreyfus mir und Lothar vorwirft? Franzl sagte seinerzeit im Schwabinger Beobachter parodistisch von mir: »der überlebt euch alle, kriecht aus dem Labyrinth, wie aus der Mausefalle. Er wandelt sich in Wesen, wie Geschlecht und, paßt mal auf, zuletzt behält er recht.« Das ist vielleicht das Beste, was je ein Mensch über meine Probleme gesagt hat. Aus der Verzweiflung eines gemein empfundenen Briefes, den ich eben von Louisa bekam, flüchte ich mich in die Formung dieser Gedanken, die anfangs auch eine Verzweiflung waren, jetzt aber eine Klarheit sind. Etwas zwingt mich stets zu provisorischem Abschluß, mit dem sich fürs Erste weiterleben läßt. So auch gestern. Dieses provisorisch eine schwierige Situation abschließen Können läßt mich oft oberflächlich erscheinen, denn wenn ich eine Sache durch irgend eine Formulierung fürs Erste abgeschlossen habe, kann ich, so ernst sie ist, unter Umständen einen Abend sehr vergnügt sein und die Nacht gut schlafen.   Abends:. Totmüde von einem rechten Sonntagsspaziergang zurück, über Land. Flache Gegend, wie in Franken. Der Weg zwischen Hafer- und Weizenfeldern, bewaldete Gründe und ganz sanfte Hügel. Cirruswölkchen in ganz langen Streifen. Ein wenig verstimmt durch Louisas Brief vom Morgen. Franzl sagte unterwegs, die Schuld, daß ich mich mit meinen Frauen schlecht vertrug, liege zwar an mir, in meiner Wahl zu weicher, unvollkommener Frauen, die mich trotz meiner Fremdheit lieben, während er nach ganz in sich geschlossenen widerstandsfähigen Frauen tendiert, die ihn trotz seiner Vertrautheit mit ihnen nicht lieben. Bin ich dann aber mit der Frau verbunden, so sei die Schuld am Zwist die ihre. Sie stets zu unbedeutend, ressentimentvoll, beleidigt, überhaupt zu klein, und dann wie Louisa, zu gemein. Nie habe ich ein armes gutes Geschöpf quälen wollen, für die anderen sähe es immer so aus: »Warum hat er sich wieder einmal solch eine Frau auf den Rücken geladen?« Unsere Madame Dolo, der das Haus gehört, hat nicht schreiben gelernt, und einiges nur aufgeschnappt. Jeden Abend präsentiert sie uns ihre Rechnungen. Die Worte sind phonetisch geschrieben, aber nach was für einer Aussprache! Sie selbst versucht sie dann oft mit ihrer Lupe vergeblich zu entziffern, zum Beispiel serie soll cerise heißen, pomedé = pomme de terre, für œuf macht sie einfach den Buchstaben f. Die Preise schreibt sie in Sous. Langsam haben wir uns daran gewöhnt. Sie ist 65 Jahre alt, hat sehr guten Willen und große Angst vor uns, macht aber ihre Sache recht gut. Wir lachen uns manchmal tot über sie. Heute nachmittag kam Dreyfus in einem rohseidenen Anzug und roch unangenehm nach Schweiß. Merkwürdig, sein Geruch ist an sich nicht unangenehm, sondern gesund. Derselbe Geruch würde mir bei einer Frau vielleicht sogar gefallen. Aber daß es Dreyfus ist, der so riecht, oder Stern, der ähnlich riecht, das ist das Unerträgliche. Bei H. ist eine Form genau den Forderungen im Reich des Dämons entsprechend, aber daß es H. ist, macht dies ganz undämonisch und läßt es mich nur durch den Verstand als Kuriosum konstatieren.   10. Juli. Brief von Dülberg, der mich besonders erfreut, wie alle Sympathiebezeugungen während dieser widerwärtigen Verhandlungen mit Louisa. Er glaubt an den sicheren Erfolg meines letzten Buches (Gläs. Gott) (Spätere Bemerkung: Er ist ausgeblieben.) und schlägt Zusammentreffen in Holland für den Herbst vor. Ich denke sehr daran, auf 14 Tage hinzugehen.   11. Juli. Regennachmittag. Auf der Rue de Paris die Trauer eines Umzuges. Warum ist ein Umzug so traurig, auch wenn er einen garnichts angeht? Vielleicht weil man angesichts solcher Mühen das Gefühl hat, als ob die Leute sich einbilden, dadurch würde irgend etwas besser. Habe dem Franzl nun mein erstes neues Kapitel vorgelesen (französische Kultur). Er findet, daß ich mein Bestes selbst zerstöre. Ich empfinde impressionistisch, denke aphoristisch und zwinge dies dann in eine rationalisierende Form. Wie er schon sagte, ich müsse Einakter schreiben, nicht Dramen. Ich glaube, er hat Recht. Wir brauchten lange, bis wir endlich im Boot den Grund seines Mißfallens fanden. Nun werden die Rosinen herausgeholt und alle Überleitungen fallen weg. Ich freue mich schon auf diese neue Arbeit. Dreyfus und Frau speisten bei uns. Champagner, nach Tisch Lustigkeit. Dann in Franzis Zimmer auf Chaiselonguen ausgestreckt. Es wird Rilke vorgelesen, dessen Gedichte mir nicht sehr zusagen. Ich totmüde, wache auf, als von Frauen und Ehe geredet wird, rede einiges Bitterböse über Frauen, fürchte angestoßen zu haben, aber im Gegenteil, Frau Dreyfus hat offenbar Mitgefühl mit meinem Pech mit Louisa.   12. Juli. Gestern und vorgestern müde, nervös, offenbar etwas überarbeitet. Heute mache ich Feiertag, vielleicht noch die nächsten Tage. Wenn man sehr systematisch arbeitet, muß man offenbar spätestens am 7. Tage einen Ruhetag machen. Der Franzl fährt heute nach Paris zu Maria Deveaux, die ich einmal heiraten sollte, wie Mathis geplant hatte. Ich erlebe mehr Freude, als Lustigkeit, jedoch mehr Ärger, als Schmerz, Hessel dagegen erlebt mehr Schmerz als Ärger, in der Freude aber ist er mir ähnlich. Wir planen beim Bootfahren, noch lange ein Wanderleben zusammen zu führen, nicht eine Reise zu machen, sondern in die Welt zu gehen, ziellos. Irgendwo ankommen, nicht wissen, ob wir Stunden oder Monate bleiben, einfach leben, dann in Großstädten wieder ein üppigeres Dasein. Hier und da in Städten Rendezvous mit Freunden. Italien, Spanien, Nordafrika. Abreise nächstes Frühjahr von München. Ich ertrage die Einsamkeit nur mit einem lebenden Wesen um mich, wie Hessel. Sich zwingen, abends allein zu Hause zu sein, ist sinnlos. Ich habe es oft getan. Solange es noch bitter ist, macht das Einsamsein nur steril. So ist es mit allem Zwang. Tun, was einem Spaß macht, arbeiten, was man gut kann. Abends bei der reizenden Frau Dreyfus. Er ist in Paris mit dem Franzi. Wir sprechen über Frauen, Scheidung usw. Sie will so vieles wissen, z. B. wie das kommen kann, daß man von der Frau in der ersten Nacht enttäuscht ist, wie ich es war. Franzl glaubt in ihr die Frage zittern zu sehen: ob er wohl auch von mir enttäuscht wäre? Ich lasse sie sich einen Mann vorstellen, den sie sich hart und geschlossen dachte und der sich nun weich anfühlt, dessen Bart ihr zart vorkam, aber der nun struppig ist und ähnliches. Das versteht sie alles sehr gut. Wir tranken dazu Orangenblütentee.   13. Juli. Gegen Morgen träumte ich: ich gerate auf einer Straße unter eine Seiltänzergesellschaft, darunter ein fettes, behaartes, Gewichte tragendes Paar, ein junger nackter Mensch mit rosa Schurz. Er spricht deutsch, lehnt sich an mich. (P) Dann stehe ich an der Grenze von Deutschland, Rußland und Norwegen, beim Kaukasus, wo ein Sieg durch Trinken von den drei Völkern gefeiert wird. Man stößt über die Grenzen mit den Völkern, den neuen Brüdern an. Neben mir steht Goethe, gegenüber Knut Hamsun und Georg Brandes. Es wird regnerisch, alle gehen heim. Ich drehe mich um, an der Stelle der Grenze ist eine neue Seinebrücke, über die zum ersten Mal ein Zug läuft. Ich warte darauf, daß sie einstürzt. In der Luft schwebt aufpassend das Gespenst eines französischen Schutzmannes mit schwarzem Knebelbart. Seit einigen Tagen habe ich ein Zahngeschwür, das mir die Tage etwas verdirbt. Franzl sagte heute auf dem Wasser, das Charakteristische für meine beiden Frauen läge in dem Wort: legt mir keine Eier und frißt mir mein Brot. Das ist allerdings etwas offenherzig, aber alles gesagt.   14. Juli. Nach einem arbeitsreichen Tage (Umarbeitung des ersten Kapitels) ein matter Abend, nervös, schlechte Verdauung. Bin bei Dreyfus beim Tee ungesellig. Franzl macht mir Vorwürfe. Dann gehen wir an den mattsonnigen Waldrain. Ein traumhafter Abend, aber ich komme nicht hinein. Goldgelbe Sonne über ganz bunten Haferfeldern und wildem wolligem Kraut. Wir gehen den Steinbruch entlang, der mich an die Latomien in Syracus erinnert. Wegen des Nationalfestes konnten wir heute kein Boot bekommen. Wenn ich über mich nachdenke, sehe ich, daß ich mich jetzt, seitdem ich das Gymnasium verlassen habe, in der dritten Entwickelungsepoche befinde. Die erste dauerte vom Abitur bis zu meiner Bekanntschaft mit Wolfskehl, die zweite ist mit der Trennung von Louisa abgelaufen, für die dritte finde ich vorläufig das Stichwort exakte Mystik, d. h. das Mystische, Dämonische als Tatsache hinnehmen und sich über seine Bedeutung in der Welt klar werden. Ich habe endlich den Mut zu mir selbst. Erstes Symptom: mein Buch über französische Kultur, äußere Zeichen: Tagebuch, Zettelkasten, Tageseinteilung ohne Mittagessen und dergl. Die erste Periode war naturalistischer Rohstoff, die zweite war romantisch, ideologisch und formal, die dritte findet mich im Besitz der Form, die eine Selbstverständlichkeit geworden ist, und mit der ich mich nun ganz anders in der Wirklichkeit zurechtfinde, die mich plötzlich wieder als Stoff mit neuen Augen gesehen unendlich anzieht.   15. Juli. Vom sonntäglichen Waldspaziergang zurück. Seit ich entschlossen bin, ab 1. Januar wieder in München eine Wohnung, wenn auch nur als Absteigequartier zu nehmen, freue ich mich auf so vieles, besonders auf meine Möbel, und daß altes, durch die Ehe abgerissenes Glück wieder kommen kann. Wenn nichts neues dazwischen kommt, könnte ich jetzt einige Jahre weise genießen, befreit von vielen Stacheln. Meines Leidens bin ich Herr. Meine Heiratsnervosität ist vorbei. Durch meine Ökonomie, die ich gelernt habe, komme ich mit meinem Geld aus, habe manche Verweichlichung aufgegeben, mich selbst gefunden, bin sicherer und pfeife auf vieles, worauf ich früher unsicher Rücksicht nahm. Wenn die Scheidungsgeschichte vorbei ist, dann kann mein Leben so gut werden, wie nie.   16. Juli. Daß bei mir doch Frauenerlebnisse fast immer gleichartig verlaufen: das, was eine Zeitlang glühendes, stärkendes Leben war, verblaßt zum Gespenst. Da ich nicht wehthun will, versuche ich, rücksichtsvoll auszuharren, mich zu trösten mit gewissen Annehmlichkeiten äußerer Art, die doch immer noch geblieben sind. Aber das Gespenst wird zum Vampyr, um mir Blut zu entsaugen. In solchen Zeiten bin ich körperlich stets matt und beschwert, bis dann ein Ruck die Befreiung bringt. Dann kommt regelmäßig eine Zeit intensivsten aufatmenden Lebens. Arbeit und starkes Lebensgefühl und bunter Genuß. Wegen des Anfangs und der Folgen lohnen sich daher solche Geschichten immer noch, besonders, falls ich lernen würde, stets rechtzeitig Schluß zu machen.   18. Juli. Mir träumte: großer Streit mit Franzl, ganz wider seine Natur machte er mir eine Szene. Er will unser Zusammenleben plötzlich aufgeben. Der nur halb ausgesprochene Grund: ich hätte den Moment taub vorbeigehen lassen, wo wir uns hätten ganz nahe treten können. Mit mir sei es überhaupt nichts rechtes. Ich bin wie vernichtet. Auch ganz gegen meine Natur schreie und weine ich. Mir ist, als sei ich seelisch zum Tod verurteilt. Franzl, dem ich diesen Traum erzähle, nennt dies einen Ergänzungstraum. Gerade das, was wir im Leben nie täten, das Gegenteil unserer Natur, ergänze der Traum. Definitiver Brief Louisas. Sie demaskiert sich. Sie will ein möglichst gutes Geschäft machen und aus mir herausschlagen, was sie überhaupt kann. Ich will diese Dinge nicht in den Kern meines Lebens eindringen lassen, sie peripherisch behandeln, mich darin üben, über Äußerlichkeiten erhaben zu werden. Ich wundere mich, wie wenig mich das Ganze doch relativ innerlich aufregt gegenüber meiner Arbeit und meinem momentan wieder sehr starken inneren Entwickelungsprozeß. Was kann mir schließlich passieren, solange ich nicht wieder heiraten will: Verlust von ein paar tausend Mark mehr oder weniger. Bleibt nur das Gefühl, etwas Unsauberes, Unklares mit sich herumzuschleppen. Vielleicht sind solche Erfahrungen nötig, um den Wert zu fühlen von dem, was unsereiner außer dem Materiellen besitzt. Während andere verbittern und sich verärgern, wenn das Materielle scheitert, wird es vielleicht grade für uns ein Vorwand, souveräne Heiterkeit zu entwickeln, die Widerstandskraft zu stärken, die sich dann auch bewährt gegen die vielen kleinen Scherereien des Lebens, denen ich noch viel zu viel Macht über mich gelassen habe. Übrigens ist draußen ein glänzender weicher warmer Sommertag, der es mir heute leicht macht, froh zu sein. Weißer Anzug. Ich freue mich auf das Schwimmen und den Fluß.   Abends 11 Uhr:. Ich drücke es in die Ecke, aber es frißt doch an mir. Nun werde ich es heute Abend mit einer Autosuggestion der Heiterkeit versuchen.   20. Juli. Gestern mit Franzl in Chantilly. Sehr aufnahmefähig vor den Bildern im Schloß. Nichts von Sommermattigkeit, wie in den zwei letzten Jahren. Dann Spaziergang durch den erst dünnen, langweiligen, dann hübschen Wald nach Coye. Eisenbahn, daheim sehr müde. Abends wieder Autosuggestion. Es hilft.   21. Juli. Franzl in Paris. Regnerisch, schwül. Allein im Boot auf der Oise. Hängende schwarze Wolken über silberweißem Abendhorizont. Abends zu Tisch kommen Davray und Frau. Liebe einfache Leute. Später noch Dreyfus und Frau. Im Garten reges, aber unwesentliches französisches Gespräch. Bei Tisch erzählte ich Davray von meiner Scheidung. Ihm war Louisas ›mollesse‹ auch als nicht zu mir passend aufgefallen. Ich rede ganz ruhig davon.   Sonntag, den 23. Juli. Waldspaziergang mit Franzl. Farren, Spinneweben zwischen den Bäumen. Abends mit den Dreyfus's auf dem Fest von Isle-Adam. Athletenbude. Vier wilde Kerle, wie alte Gallier, fordern zum Kampf heraus, halbnackt. Mehrere Liebhaber kommen; Gewühl und Gedräng der nackten Rümpfe in der engen Arena. Wir kaufen einige ausgezeichnete Süßigkeiten. Langsam heim. Frau Dreyfus ganz besonders reizend. Er ist doch zu primitiv, fürchtet durch Form, Schule und dergl. werde seine Impulsivität gehemmt werden. Arme Impulsivität! In der Arena geriet Franzl in heftige Aufregung und drängte sich an mich und sagte: »O ist das kräftig!« Er war mir im Moment widerwärtig. Das Unschöne seiner Bewegungen stört mich wieder manchmal, wie vor vielen Jahren. Regenspaziergang im schwül-feuchten, durchdunsteten Wald. Traumhaft üppige Farren, naß und groß. Abends verregneter Jahrmarkt, Heimweg bei Wolkenbruch. Ich bin wohl wieder etwas überarbeitet.   24. Juli. Mit Frau Dreyfus allein Boot gefahren. Sie erzählt, wie schwer Dreyfus arbeitet, wie ihm oft aller Antrieb und Lebendigkeit fehle. Was man dagegen tun könne? Ich lobe ihn ein bischen, seine oft geistvollen, kritischen Bemerkungen. Aber er ist doch eine ohnmächtige Natur. Sie fühlt es wohl. Er braucht sie, sie ist sein Einziges. Nun hat sie das Kind und scheint nicht viel Geld zu haben. Sie möchte wohl lieber für sich sein und wieder mehr malen. Dann sprachen wir von gebildeten Mädchen, die sich hingeben, daß die meisten doch nur Demi-vierges sind. Ich erzähle von der kleinen Haiger. Dann gehen wir in den Wald und reißen einige Farren aus für den Garten   25. Juli. Franzl nicht ganz wohl, allein auf dem Fluß. Eine Privat-Yacht voll junger Mädchen mit einem Priester. In der Kajüte singt eine rotlockige Schöne zu eigener Klavierbegleitung mit hübscher Stimme. Ich höre immer nur die Worte: »Amour, amour.« Rote Nachmittagsbeleuchtung. Auf dem Wasser fallen mir neue Szenen für »Montmartre« ein, das mich seit gestern wieder beschäftigt. Die Lösung endlich gefunden. Heimweg durch den rotdurchleuchteten Hochwald an einem endlosen Gemäuer entlang. Viel Hoffnung, nun mit »Montmartre« doch Erfolg zu haben. Falls ich durchdringe, plane ich, jahrelang nicht systematisch zu arbeiten, noch von den guten Jahren zu profitieren, die dann viel reicher sein werden, zu leben, zu schauen, und nur für später Notizen zu machen. Heute ist ein kleiner schwarzer Hund gebracht worden, den wir Herr Peter genannt haben. Er ist drei Monate alt und soll im Winter das Haus bewachen. Madame Dolo hat ihn früh in den Hühnerstall gesperrt aus Angst, er könne uns stören. Dort hat er einige Stunden gejammert, bis ich ihn befreite. So wenig ich Hunde liebe, er hat durch seine Drolligkeit mein Herz gewonnen. Ich fasse ihn sogar gern an, als wäre es eine saubere Katze.   27. Juli. Gestern Ruhetag. Morgens mit Franzl beim Arzt. Es scheint aber doch nichts zu sein. Der Arzt, gebildet, spricht deutsch. Villa, geschnitzter Rococobücherschrank voll moderner Literatur: Régnier, Rebell usw. Nachmittags kommt Dreyfus. Wir sprechen von seinen Sachen. Ich sage ihm, daß er zu verstandesmäßig an die interessanten gut erfaßten Probleme geht, daß er aber dann die architektonischen Gerippe nicht mit starken Symbolen ausfüllt, sondern mit Sentiments behängt. Daher kommt es, daß er, der zu verstandesmäßig arbeitet, doch im Gefühl zu zerfließen scheint. Abends saßen wir dann bis Mitternacht bei ihnen im Garten. Er liest seine Gedichte, und ich bin erstaunt über die Fülle von Anschauung und Melodik, die hier wieder in Trivialitäten und Commentaren über Weib und Liebe eingebettet sind. Ich halte weder mit superlativischem Lob noch Tadel zurück. Franzl sekundiert. Das macht ihm und ihr anfangs starken Eindruck. Dann aber stellt er sich wieder auf die Hinterbeine und verteidigt die Liebesimpulsivität als einzigen höchsten Stoff gegen George, Platen, Hölderlin und Goethe. Schade für ihn, er hat gute Ansätze. Nachmittags allein auf der Oise. Ich fuhr einmal stromabwärts an einer bewaldeten Insel mit beschattetem, terrakottafarbigem Landhaus vorbei, grüne Läden, ein Zelt an der Landzunge der Insel. Ein singendes Mädchen im weißen Hut. Ich fahre bis in die Schleuse, dann zurück. Sonnenuntergang. Alles grau, und das Schilf duftet. Flußleben, Boote mit Fischern, eine Gesellschaft mit vielen hellgekleideten Mädchen setzt eine Dame am Ufer ab. Sie geht durch die Felder. Ich halte eine Zeitlang mit ihr Tempo. In prachtvoller Ermüdung komme ich heim. Heute beim Frühstück noch voller Verve von dem gestrigen Ausflug. Ich gehe an meine eigenen alten Sachen, lese dem Franzl einiges daraus vor, finde manches gut, aber in zu George'sches Pathos gespannt. Das muß gelöst werden. Dann Geschäfte, Bankabrechnungen, verringertes Einkommen, Ärger über die Scheidung.   29. Juli. Stadttraum: Gasse, wo mir eine bräunliche Dirne zublinzelt, die ein Wägelchen schiebt, mich dann offenbar auslacht. Schmale Steintreppen führen in niedere Gassen. Dann abschüssige Straße, links ein großes Bordell. Heute Nacht wieder ein Bordelltraum, aber in Berlin. Abends dort mit Damen der Gesellschaft und Pariser Bekannten. Wir trinken Tee. Die Mädchen sitzen brav da, hell angezogen. Ein bischen wie Chansonetten, meist langweilig, einige hübsch. Am nächsten Tag gehe ich wieder hin, suche mir eine aus. Sie beginnt die Unterhaltung mit den Worten: Weißt du, manche geben 150 Mark. Ich werfe sie hinaus und verlange eine andere. Es kommt ein blutarmes, bleiches, dünnarmiges Ding mit schwarzer Brille auf. Ich schicke sie weg, auch eine dritte mag ich nicht, schimpfe ein bischen auf französisch. Inzwischen habe ich mich aber schon entkleidet und mein Geld nach Metallen geordnet auf den Tisch ausgebreitet. Gegenüber ein graubärtiger Herr, der bis dahin alles, was ich tat, lächelnd zu billigen schien. Er setzt sich zu mir an den Tisch, berührt mein Geld. Ich untersage es ihm. Er wirft es scheinbar zum Spaß durcheinander. Ich raffe auf, was ich kann. Geldstücke bleiben an seinen Fingern hängen. Dieser Monat war sehr wesentlich für die Entwickelung meiner Arbeit. Ich habe zuerst das aphoristische Prinzip als meine Denk- und Ausdrucksform für den Essay gefunden. Ferner sind mir über meine dramatische Form die Augen aufgegangen. Gestern morgen bin ich nun auch wieder an meine Gedichte gegangen, finde auch endlich unmittelbar einfachen Ausdruck, frei von George. Dazu die kleinen Dialoge über Frauen. Viel Ärger mit Dreyfus, dessen beschränkte Kunstrichtung mich immer zum Widerspruch reizt und mich schärfere Dinge sagen läßt, als ich möchte, und die ich dann bereue. Ich komme nun einmal nicht aus mit Menschen, die schwächer sind, als ich. Ohne zu wollen beleidige ich sie immer, auch wenn ich gar nichts sage.   30. Juli. Gestern nachmittag, Sonntag, viel »ennui«. Plötzlich voll Ärger über Louisa. Franzl immer noch leidend. Wir schleppen uns ein wenig zwischen Feldern am Waldrand umher, beschließen, mit Alkohol gegen diese Verstimmung anzukämpfen. Bei der Witwe Cassan trinken wir einen guten Bordeaux, der bald die nötige Stimmung bringt. Heimkehr im roten Abend, sehr lustig. Abends bei Dreyfus zum Essen. Nach Tisch große Müdigkeit. Franzl sagt Wunderhornlieder. Ich ziehe mich früh zurück. Heute seit früh 5 Uhr von dem Scheidungsärger befallen und finde einen Ausweg. Ich stelle die Alternative: entweder eine einmalige Abfindung oder Wiederherstellung des Haushaltes, wobei ich sie aber dann nicht mehr als Frau, sondern nur noch als Haushälterin behandeln kann. Jetzt muß es sich entscheiden. Das scheint mir der Wendepunkt. Eine Stunde darauf schrieb ich den Aktschluß des zweiten Akts von »Montmartre«. Damit scheint auch hier der Ehealp, der dies Stück nicht aufkommen ließ, gehoben. Es scheint doch Schicksalszusammenhänge zu geben. Was uns geschieht, geschieht gleichzeitig in verschiedenen Ebenen, aber wieviel Mühen und wohl auch Ärger stehen mir noch in beiden Ebenen bevor! Aus diesem Grunde haben wir entweder lauter Unglück auf einmal oder lauter Glück. Die Ursache dieselbe, doch auf verschiedenem Gebiet wirksam.   31. Juli. Wieder Stadttraum: Unterirdische Schänke. Ich steige eine Treppe nach der Straße hinauf. Es begegnet mir ein hagres Volksweib in weißem, langem Hemd. Ich entsinne mich, sie einmal besessen zu haben. Dann auf einem promenadeartigen Platz. Unser Bootsmann, der uns nachmittags immer den Kahn ablöst, hat einen ermordet, gibt mir das leicht blutige Messer. Auf einem Sockel liegen nebeneinander ein Paar ganz hohe Stulpenstiefel, wie abgeschnittene Beine. Ich lege das Messer in einen der Stiefel, damit man glauben soll, ihr Besitzer sei der Mörder gewesen. Dann in durch dämmeriges Taglicht trüb erleuchtetem Steinraum am Wirtshaustisch, auf dem ich meine Manuskripte ausbreite. Der Mörder sitzt nervös bei mir am Tisch, rückt aber dann auf der Bank weg und beteiligt sich jauchzend am Tanz einer Schar von Volkstypen in der Mitte des Raumes.   1. August. Sicher gibt es auch bei Tieren die Abendschwermut. Wenn es dämmerig wird, legt sich der Peter auf die Schwelle. Er kommt nicht ins Haus, weil er weiß, daß er das nicht darf. Ich nehme ihn dann auf den Arm und trage ihn in den Hühnerstall auf sein Lager und streichle ihn. Da bleibt er dann wie ein zu Bett gebrachtes Kind. Aber nie wird er ohne diese Art von Gutenachtkuß allein dorthin gehen. Er würde dann wohl auf der Steinschwelle einschlafen. Eins der treffendsten Argumente der Pessimisten gegen die Welt ist doch das, daß alles durch die Gewohnheit reizlos wird. Gestern Abend zu ungewohnter Stunde à la selle. Wie wiedergeboren. Gewöhnte ich mir diese Stunde an, so wäre es nichts besonderes, genau so, wie jetzt jeden Morgen. Gestern Abend allein mit den Dreyfusens auf dem Wasser. Franzl noch immer krank. Fiebrig verschleierter Mond. Ganz flaches, unbewegtes Wasser, gespenstische Spiegelbilder der Erlenbüsche und Ulmenwände. Heimweg durch den Wald, durch enge verwachsene Schneisen. Zweige und Spinnweben streifen einem das Gesicht. Totmüde nach Haus. Um 1 Uhr nachts stieß ich im Schlaf einen lauten Schrei aus, träumte, ich läge draußen am Treppenabsatz und häßliche Reptile näherten sich mir, ich aber sei bewegungslos. In der Nacht viele Träume. Kubins und Richard bewohnten irgendwo ein modernes Mietshaus. Als ich Richard zum Essen rufen soll, ist er im Garten von 6 bis 8 menschengroßen, aufrecht gehenden, gelbbraunen, zottigen Tieren umgeben (Lieflamm!) mit teils menschenähnlichen Gesichtern. Eins sieht ihm ähnlich. Er nennt es deshalb Richard. Ich frage ihn, ob denn diese Anschaffung nicht sehr teuer gewesen sei. Er erwidert, das sei ja gerade das Schöne, Liebhabereien müßten immer Geld kosten. Ich frage mich, woher er es nimmt, da ich doch sein Geld zu verwalten habe. Dann im Haus bei Agnes. Sie liegt im Bett, ist etwas dicker geworden und hat harte, scharfe Züge, wie eine norddeutsche Beamtenfrau, und ziemlich große, unschöne Hände. Auf dem Rückweg zu Kubin's verliere ich mich im Treppenhaus. Dann wieder in Spanien. Man stellt mir einen jungen Kerl zur Verfügung, der mir die Nachtseiten des städtischen Lebens zeigen soll. Andere machen mir Vorwürfe, daß ich mit diesem ginge. Er sei homosexuell. Einmal berührt er mich tatsächlich und ich entdecke, daß ich eine Gonorrhoe bekomme. Dann bald in einer Klasse, bald im Bureau eines Hotels. Manchmal ist es Spanien, manchmal Japan. Ich werde politischer Umtriebe verdächtigt, Verhör in der Klasse. Noch drei Deutsche. Für die Japaner bedeuten wir nur Holzschnittfiguren, sagt der Lehrer. Ich denke, wie keck doch diese Japaner seit ihren Siegen geworden sind. Dann sagt der Geschäftsführer des Hôtels, ich hätte mit einem Orgelspieler radikaler Richtung neulich in einem Konzert mich durch Blicke sofort verständigt. Ich sei auch betrunken gewesen. Ich antwortete: »Das ist ja unmöglich, Sie waren ja den ganzen Vormittag bei mir.« »Ja, betrunken vor Nervosität«, meint er. Wir sprechen spanisch. Dann sagt ein anderer, wenn ich mich nicht verdächtigen wolle: »perdez d'abord l'habitude de sortir quand il fait noir«. Nun schlage ich auf den Schreibtisch und schreie, das täte ich seit 15 Jahren. Auf meinen Abendspaziergängen kämen mir meine besten Inspirationen. Ich würde mich an Pérez Galdós, den großen Schriftsteller wenden, der schon seinen Kollegen schützen wird. Ich nenne ihn aber Rezzonico. Das machte großen Eindruck. Heute Ruhetag. Schwül, bedeckter Himmel. Eben mit Frau Dreyfus und dem kleinen Gigi auf der Waldwiese. Wir sprechen von ihm , während Gigi stets Erde essen will, die seine Mutter ihm mühsam wieder aus dem Mund holt. Sie kennt ihres Mannes Schwächen so gut, daß er alles subjektiv nimmt, nichts objektiviert. Das hält er nun für besondere Unmittelbarkeit und Impulsivität. Darin dünkt er sich gewiß auch Franzl und mir überlegen, die er sonst für sehr gescheit und interessant hält, aber uns fehlt doch nach seiner Meinung die Hauptsache. Wir sind ihm zu »lebensfern«. Später fuhr ich nach Paris. Um halbvier dort. Bank, Besorgungen, traf die Baronin in der Bibliothek. Sie hatte ganz flockiges Haar, wie frisch gewaschen, und roch gut, drückte mir fest die Hand und bot mir einen Sessel neben sich an. Es sei wirklich keine konventionelle Zimperlichkeit, daß sie noch nicht in Isle-Adam war. Ich glaube es aber doch. Sie geht sehr erfreut auf ein Rendezvous nächsten Mittwoch in Paris ein, um den Abend zusammen zu verbringen. Dann gehe ich auf das linke Ufer, Buchhandlungen. Mein Köfferchen bringe ich auf den Bahnhof zurück. Dann schlendere ich zu Fuß die Rue Lafayette hinunter, 6 Uhr, schaue den Mädchen nach, finde aber nichts besonderes. Vor der Galerie Lafayette stauen sie sich, aber alles, was hübsch ist, scheint aufs Land entführt. Hinter der Oper herum, Rue de la Paix überall dasselbe. Vor dem Café de la Paix kommt eine große Brünette, ungeschminkt, sonnenverbrannt, blaue Augen, Panamahut, durchschimmernde weiße Bluse, kein Korsett. Ich rede sie an, sie ist fast schüchtern, geht aber ohne Ziel auf den Boulevards spazieren. Sie komme von New York, wo man sie aber nicht ans Land gehen ließ: »On n'y aime pas les femmes, surtout les françaises.« Apéritif vor dem Grand-Cafe. Sie will um halb acht zum Diner zu Haus sein. Ob ich vorher einen Moment mitkommen will. So zwischen Apéritif und Suppe. Paßt mir nicht, nehme Abschied. Durch die Rue Royale, Champs-Elysées, esse im Alcazar d'éte in herrlichem Grün, darüber Vollmond. Aber während ich esse, merke ich, daß ich das Bulletin für mein Handköfferchen verloren habe. Omnibus nach dem Bahnhof durch die abendlichen Champs-Elysées und die großen Boulevards. Wie voll Genuß ist die Stadt und wie tonisch wirkt sie, wenn man sie nur als Gast besucht. Am Bahnhof viele Formalitäten, die Beamten vollendet höflich. »Ah vous allez à Isle-Adam«, sagte der Chef des bagages, »que vous avez raison, c'est un bel endroit, j'y ai une sœur mariée et j'y vais souvent pour la pêche à la ligne.« Auf die großen Boulevards zurück. Ecke Rue Poissonnière taghelle Beleuchtung des Matin, Kinematograph. Auf den Trottoirs hocken Reihen von Arbeitern und Weibern und schauen zu. Auf einigen Sandhaufen liegen durcheinander Menschen und atmen die staubige Pariser »Abendfrische« und ergötzen sich an dieser Gratisvorstellung. Furchtbare Schwüle, Asphalt-Petroleumgeruch und Patschouli dazwischen. Rue Poissonnière, rotbeleuchtetes Haus. Emma, große starke Blondine mit kleiner schöner Brust, rosaseidene Strümpfe, tüchtig, aber nicht ersten Ranges. Dann Wagen zur Bahn. Im Coupé ein hübsches, aber etwas muffiges Blondinchen aus Isle-Adam. Als ich sehe, sie fürchtet sich ein bischen mit mir allein in dem trüb erleuchteten Coupé, frage ich sie, aber etwas ironisch, ob ihr das Zusammensein sehr unangenehm sei, und setze sie dann, als sie ausweichend antwortet, durch ausgesuchte Höflichkeit etwas in Verlegenheit. Sehr amüsante Stimmung.   2. August. Eine Postkarte mit entzückendem Bildchen von Irene aus England. Warum müssen solche Mädchen, solange man sie liebt, einen so stark mit Beschlag belegen, daß man sie nach 14 Tagen müde wird, während man nach kleinen Abständen sie immer wieder gern sähe. Ich habe heute geradezu Sehnsucht nach Irene. Ob ich nicht doch eines Tages daran denken werde, die Baronin zu heiraten? Ich brauche stets Menschen, die mir etwas sagen können, die sich formulieren. Darum war die schöne, aber immer verschwiegene Louise Bücking so garnichts für mich. Wenn auch die Baronin nicht viel Geld hat, so wird man bei ihr doch niemals das Gefühl haben, wie bei Louisa, eine Plebejerin erhoben zu haben. Freilich, in der Enge möchte ich auch mit ihr nicht leben. Warten wir auf den Erfolg meines Stückes! Wie sie wohl zu mir steht? Sie muß noch erfahren, daß in mir nur eines fest ist, der Geist, und auch der Wille, der ihn bedient. Alles andere schwankt und schillert. Gesundheit, Gefühle, Betragen, Formen.   Nachts:. Ein schrecklicher Nachmittag, dumpfe Schwüle. Brief von Richard, aus dem ich sehe, daß er mit etwas Klugheit und Teilnahme für mich die ganze Scheidungsgeschichte hätte günstig gestalten können, da sich die Familie Fuchs an ihn gewendet hat, und nur durch sein törichtes Gerede Frau Fuchs die Illusion gewann, sie habe meine Familie auf ihrer Seite. Ich war zeitweise der Verzweiflung nahe über diese mangelnde Liebe, denn ich finde, auch bei Hedwig hat ihre Trägheit und ihre Nerven mehr vermocht, als ihre Neigung zu mir. (Spätere Randbemerkung: Später allerdings muß ich das zurücknehmen, denn Hedwig war in dieser Zeit schwer krank und lag im Krankenhaus.) Endlich nach Tisch setzte ich mit Franzl einen Brief auf, den dieser morgen an Richard schickt, damit man endlich erfährt, was denn geschieht. Seit es schwarz auf weiß steht, bin ich, wie immer, ruhiger. Gegen Abend 7 Uhr ging ich noch an den Fluß, um schnell zu baden, wurde von plötzlichem Gewitter und Regen überrascht, während ich nackt vor meinen Kleidern stehe, in die ich naß krieche. Rette mich in eine dämmerige Kneipe, wo zwei alte Leute über »ce sale petit temps« reden, als sei so etwas seit 5000 Jahren nicht vorgekommen.   3. August. Brief von Hedwig, der doch etwas beruhigender ist. Auf dem Weg zum Schwimmen zwei Damen, eine wie ein ziemlich gute Geschäfte machendes Fräulein aus dem Quartier Latin gekleidet, ziemlich elegant, auffällig, schlank. Bizarres Gesicht, dünne, offene Lippen, darauf zwei dünne dunkelrote Streifen. Hoffentlich nur heute wegen aufgesprungener Haut. Reizende blaue Augen und kastanienblondes Haar. Ich rede sie an, – Lächeln. Die andere, »insignifiante«, entfernt sich. Sie ist Malerin, sie lebt allein, sehr zurückhaltend. Sie will gehen, zögert aber wieder, während ich sie zurückhalte, verspricht mir, zu schreiben. Sie ist hier seit einem Monat en villeggiature , kann nicht gut bei sich empfangen, fürchtet das Geschwätz der Leute. Gestern Ansichtspostkarte erhalten mit dem Text: »L'inconnue d'hier.«   Sonntag, den 5. August. Zum Tee bei Dreyfus. Oppenheim und Schwester, Studentin der Anthropologie, wirklich klug. Lachende Augen, schöner Mund, schlanke Gestalt, aber Judenhände und Judennase. Zu klug und weiß darum die Hauptsachen des Lebens doch nicht. Nichts strömendes. Ich denke viel an die Baronin. Wenn ich mit meinem Stück etwas verdiene, dann wäre doch an eine Ehe zu denken. Franzl sagt, das sei die rechte Frau für mich.   7. August. Gestern mit Franzl im Theater auf der Messe. La Mascotte. In einer Bude wird Theater gespielt. Man hört von draußen die verschiedenen Musiken der Messe, wogegen vergeblich das abgespielte Klavier, das als Orchester dient, ankämpft. Die Spielerin der Mascotte verwachsen, mit geschwollenen Gelenkknochen an Armen und Händen. Rheumatismus oder Knochenfraß. Daß das Gesicht entfernt an gewisse Hübschheiten erinnert, macht sie geradezu gespensterhaft, eine Parodie auf das Leben. Es gibt eine Art Mißratenheit, die durch einzelne Vorzüge noch verschlimmert wird. Darum ist Sentimentalität gerade dann so furchtbar, wenn eine Spur Echtheit dabei ist. Denke fortwährend an die Baronin. ›Montmartre‹ fertig. Beifall von Franzl und Dreyfus.   9. August. Gestern war ich mit der Baronin in Paris verabredet. Heute Absagetelegramm, sie erwarte stündlich Depesche, die sie nach Osterreich zurückruft. Ich fahre doch nach Paris, finde sie in der Bibliothek. Sie lädt mich ein, zu ihr zu kommen. Wir essen dann im ›Lucullus‹ im Freien, reizende Aprèsdinerstimmung bei Zigaretten. Immer, wenn ich bei ihr bin, ist sie liebenswürdig, vertraulich, kaum bin ich fort, sucht sie sich durch Ausflüchte weiteren Verabredungen zu entziehen durch nur allzu durchsichtige Lügen. Die Unterhaltung entzückend. Sie ist eine der interessantesten Frauen, die ich kenne. Mischung von Sonne und Saturn. Ich sagte ihr das beim Abschied auf den Kopf zu und sagte, sie fände gewiß in ihrer Hand die Sonnenlinie, sie sah nach und es fand sich eine wahre Grube. Wir sprechen über Ehe und Liebe, als ob so etwas zwischen uns beiden ganz ausgeschlossen wäre. Sie gibt die kameradschaftliche Ehe zu, ohne eigentliche Liebe, aber die Liebe vonseiten des Mannes müsse stärker sein. Später meint sie, in jeder Frau stecke ein Stück Courtisane. Wenn sie sich in schlechten Momenten pessimistisch beurteile, sei sie doch blos sentimental und sinnlich. Ich erwidere: Gewiß als Disposition, aber die Leidenschaft könnte diese Sinnlichkeit und Sentimentalität aktiv werden lassen und veredeln. Den Franzl mag sie nicht leiden. Er ist ihr physisch unangenehm. Ich prophezeie, sie wird mit ihm nach 2 oder 3 längeren Unterhaltungen intim befreundet sein. Im nächsten Winter ist sie in Wien. Im Sommer will sie in Italien umherziehen und in den Bibliotheken der einzelnen Städte arbeiten, im übernächsten Winter Rom. Wie das alles mit meinen Plänen stimmt. Trotzdem, ich bin nicht verliebt, aber außerordentlich von ihr angezogen.   11. August. Gestern schnell entschlossen nach Paris. Petits Carreaux, Germaine, große schlanke Blondine, kecke, spitze Brüste, keckes, hohes Kinn. Übererregt, denn vorher eine Stunde Dämon in La Chapelle. Um 1 Uhr vor der Abfahrt Aperitif vor einem Café in Isle-Adam. Provinziale Alltagsstimmung. Leere Gassen. Drei Vagabunden gehen von Haus zu Haus und singen alle 10 Schritte von neuem ›O sole mio‹ in französischem Text. Niemand gibt ihnen etwas. Gelangweilte Weiber kommen an die Fenster. Ein kleines Mädchen mit einem Geléebrot kommt vorbei, führt einen kleinen Jungen in langen Hosen, der sich ein Geléebrot über die Backen schmiert. In einer Droschke kommt eine gelbe aufgedunsene Witwe angefahren, bewegt sich schwerfällig aus dem Wagen und geht ins Haus. Dem Kutscher wird ein Bock gebracht. Das Pferd zuckt mit der Haut, um sich von den Fliegen zu befreien. Eine scharfe Sonne dringt häufig durch schwere, zähe Wolkenballen.   12. August. Peter ist ein trivialer, dicker Hund geworden. Wir mögen ihn nicht mehr leiden.   13. August. Gestern Abend bei Dreyfus. Er liest was Schlechtes, Dilettantisches von sich selbst vor. Dann erzählt sie, auf den Divan gekauert, in ihr weites weißes Kleid verkrochen, mit süßer Kindlichkeit wundervolle selbsterfundene Märchen, von deren wahrhaftem Wert sie nichts ahnt.   14. August. Ich möchte 100 Jahre lang ein reiches ausgefülltes Leben führen, ohne Krankheit, und eines natürlichen Todes sterben, d. h. weil die Kräfte aufgebraucht und alle Möglichkeiten erfüllt sind. Der Tod zwischen 50 und 60 kann nicht natürlich sein, er beruht stets auf Krankheit, die ein unnatürliches Leben entwickelt hat. Gestern in Paris, Nationalbibliothek, die Baronin. Seinefahrt mit ihr nach Bellevue. Bis in die Dämmerung auf der Terrasse von Meudon. Blick in die sanftverhüllten Täler und über die Hügel, die bisweilen die Abendsonne blaß übergoldet. Abendessen im Park unter hohen Bäumen. Heimfahrt auf dem dunklen Schiff. Abends um 11 am Bahnhof. Dort treffe ich Hessel etwas beschwipst, der eine kleine Bordellreise hinter sich hat. Ich bin einig mit der Baronin über viele Fragen. Sie sagt, alles in ihr sei bewußt, aber aufrichtig. Zwei junge Leute in einer Augustnacht unter alten Bäumen allein. So sitzen wir und verdammen prinzipiell die Gefühle und die Liebe. Ich, weil ich so schlecht damit gefahren bin, sie, weil sie sie nicht kennt. Sie verfehlt keine Gelegenheit, gegen diese Dinge zu sprechen, und ich bestärke sie darin und sage, ich erwartete für den Rest meines Lebens mehr von der Freundschaft, als von der Liebe. Ich bekämpfe die Gefühle jetzt prinzipiell. Brechen sie trotz allem hervor; so seien sie dann wirklich stark und echt, das sei eine Probe. Man müßte sie scheinbar auf vernünftiger Kameradschaftlichkeit heiraten, sie aber heimlich wirklich lieben und sie dann gewinnen. In den glühendsten Nächten nie mit ihr von Liebe reden, sondern manchmal halb ironisch versichern, alles, was man fühle, sei nur Freundschaft, Verehrung, vielleicht ästhetischer Reiz, sich gegenseitig seine Gefühle verbergen und sie dadurch um so höher anstacheln. Der Gedanke macht mich zittern. Auf dem Schiff komme ich auf einiges aus meiner ›Diesseitsmystik‹. Sie geht teils darauf ein, teils versteht sie nicht. Ich sage ihr, man muß erst sein Herz töten, über alles Individuell-sentimental-Novellistische erhaben sein, um das Leben in seiner Einheit zu fassen. Hessels Gedichte gefallen ihr. Er sei ihr schon fast sympathisch geworden.   15. August. Gestern, als wir zum Fluß gingen, Gespräch mit Hessel. Er leugnet den wesentlichen Wert unserer Zeit. Der Baumeister eines gothischen Domes habe stärkere Lebensgefühle gehabt, als wir. Gerade unsere Vielseitigkeit sei unsere Beschränkung. Ich glaubte das früher auch. Aber es ist ein romantisches Märchen. Heidnische Zeiten ausgenommen, gegen die wir blaß sind, wüßte ich keine Zeit, die eine so unvoreingenommene Lebensschwingung ermöglicht hätte, wie unsere. Daß wir Gothik lieben können, ohne das moderne Französische zu lästern, daß wir nicht mehr nach irgend welchen Prinzipien urteilen, daß wir überall das Lebendige suchen, die gewordene Form überall erkennen, daß wir ohne Rousseausche Formeln die Natur lieben und deshalb doch nicht die ›Gesellschaft‹ zu verachten brauchen, das Volk lieben ohne populär zu werden, daß wir wissen, daß wir nichts wissen, sondern mit dem Leben schwingen können, das ist alles erst möglich, seit Nietzsche von einigen verdaut ist. Aber auch Nietzsche hat noch nicht alles geahnt. Der bedeutende Künstler ohne Mitwelterfolg, eine fast nur deutsche Erscheinung, weil er durch die unglückliche Form seines Werkes es nur dem engeren Kreise möglich macht, ihn zu würdigen. Für die Nachwelt wird er dann durch Kritiker interpretiert. Wer die nötige Qualität mit der Quantität der Werke vereint und eine klare Form findet, muß schließlich die Besten seiner Zeit doch mitreißen. Lothar konnte nicht weiter, als auf Kenner wirken, erstens, weil das Problem nicht erschöpft ist, also Fragment bleibt, zweitens, weil zu dem eigentlichen Problem noch so vieles andere, an sich vielleicht Gute hinzugefügt wurde, was aber die Linie stört. Ein reines klares Lotharbuch oder ein reines Legendenbuch, wie der König, oder ein Burleskenbuch, wie »der gläserne Gott« müßte wirken. So aber habe ich mir stets durch ein Zuviel, durch Vielseitigkeit den klaren geraden Weg unmöglich gemacht. Dülberg macht es wieder anders. Statt seine komplizierten Innenprobleme klar herauszukristallisieren, behängt er sie mit sozialen banalen Symbolen, die aber erst recht das Publikum irreführen, das lieber das ganz Abstruse sich gefallen läßt, vorausgesetzt, daß es konsequent bleibt. Wer kann es dem Publikum übel nehmen, daß es sich nicht die Mühe nimmt, aus Hessels Gedichten die paar vorzüglichen auszuwählen, sich durch die vielen dunklen Seiten durchzuwinden? Alle wirklich bedeutenden französischen Autoren hatten zu Lebzeiten Erfolg, außer einigen zweifelhaften modernen. Bei Flaubert freilich ist zuviel Langeweile, bei Laforgue zu viel Dunkelheit, die nicht implicite dazu gehört, und das ist eher deutsch. Heute Nacht träumte ich, ich sei auf meiner Hochzeit mit Louisa, aber wir lagen gleichzeitig in Scheidung. Ich ärgerte mich über die ordinäre Behaglichkeit, mit der sich die Familie Fuchs amüsierte. Ich ließ mich kaum im Saal sehen, sondern suchte nach Papa, der, um Zithern und Guitarren zu prüfen, mit jemand in einen Seitenraum gegangen war. Als ich unterwegs nach ihm fragte, sagte mir jemand, er habe sich erschossen, offenbar aus Verzweiflung über meine Scheidung. Ich schrie vor Verzweiflung laut auf, als ich ihn durch eine Tür meinen Namen rufen hörte. Im Zimmer lag er, verbunden an Händen und Gesicht, er versicherte, nur leicht verwundet zu sein. Ich versprach ihm weinend, ich würde die Außenwelt aufgeben und wieder bei ihm und Mama leben.   17. August. Gestern in Paris mit Numa Praetorius. Wie dünn und arm das Leben dieser Art Menschen. Seine Sinne befriedigt er in Straßburg mit 4 bis 5 Professionellen, die er kennt. Er fühlt die Leere, nichts, wie er sagt, »fürs Herz« zu haben. Das Beste, was er finden kann, rekrutiert sich aus dem mittleren Handelsstand. Nachmittags führte er mich in eines seiner Dampfbäder hinter der Bastille. Fantomale dunkle Gestalten in dem fast dunklen Dampfraum; abends auf dem Boulevard zeigte er mir die widerlichen Gestalten, denen die sogenannten »Tanten« nachlaufen. Übrigens hat er mir sein juristisches Gutachten über meinen Prozeß gegeben und mich von einem Alp befreit, der mich seit ein paar Tagen wieder drückte. Er selbst ist Amtsrichter. Wie fehlt dieser Praetorius'schen Richtung das Mysteriös-abenteuerliche. Reine Banalität, noch banaler, als das Vulgär-normale.   20. August. Es ist seit einigen Tagen Herbst. Mehrere kalte Regentage. Dazwischen Wind und rauhe Bläue. Jetzt schöne kühle Herbstklarheit, leider noch zu früh im Jahr. Gestern, Sonntag, mit Franzl und Dreyfus über Land. Hügellandschaft mit weiten Blicken über wellige Gegenden. Abgeerntete Acker, Abendessen in Nesles in einer Landherberge. Rotwein, sehr lustige Nachtischstimmung. Heimweg singend auf dunkler Landstraße, alle vier Arm in Arm, ich neben der niedlichen Frau Dreyfus.   21. August. Wieder Hochsommer. Gestern in Paris. Mit der Baronin gegen Abend auf dem Seineschiff nach Boulogne gefahren. Spaziergang im Bois de Boulogne bei Longchamp. Abendrot und Schwäne auf Teichen. Abendessen in Suresnes am Wasser. Dann zu Fuß durch das stichdunkle Bois. Im Métro zurück. Auf dem Schiff empörte sie sich über eine freilich sehr häßliche säugende Frau. Dieser Vorgang ist ihr an sich widerlich, ebenso, wie Kinderkriegen und dergl., obwohl sie es für die Ehe doch für sehr wünschenswert hält, aber im Grunde dégoût vor dem Physiologischen, wie Frau Lampe und viele andere moderne Frauen. Das enttäuscht mich sehr. Wenn ich auch von Louisa keine Kinder haben wollte, so war das nicht aus physiologischen, sondern rein aus ökonomischen Gründen. Später fing sie immer wieder von Mystik zu sprechen an. Ich warne sie vor Büchern. Sie soll ihre eigenen glühenden Augenblicke festhalten und keinem wärmebedürftigen Vampyr erlauben, sich von ihrer Wärme zu stehlen. Gegen Mitternacht Petits Carreaux: Lucienne. Gelbseidenes Zimmer, brav, gewohnheitsmäßig. Dann bei Pousset Hessel mit Bruder getroffen, der das schlechtrassige Hesselsche Element zu haben scheint, ohne Franzis feine Individualität. Vorstehende Oberzähne, die dem Gesicht eine dauernde grinsende Freundlichkeit verleihen. In später Nacht Heimfahrt mit Franzl.   23. August. Gestern Franzls Bruder und Dreyfusens bei uns zu Tisch. Doktor Hessel langweilig, erzählt aber nett von Bologneser Gesellschaft und Frauen, macht mir große Lust, meine mit Franzl geplante nächstjährige Reise in Bologna zu beginnen. Frau Dreyfus wieder entzückend. Nach Tisch im dunklen Garten. Sie ausgestreckt auf der Chaiselongue. Ich verliebe mich ein bischen in sie. Die gewiß unbewußte Absicht Wolfskehls und des Darmstädter Kreises war, mich am vollen Aufkommen zu hindern, da man instinctiv meine Erkenntnis ihrer Haltlosigkeit und Grundlosigkeit fürchten mußte, andererseits mich aber doch zu karessieren, da meine für diesen Kreis ungewohnten Eigenschaften der Weltkenntnis, Sicherheit und Energie nicht für sie verloren gehen sollten. Außerdem unterhielt ich sie und schmeichelte ihnen, ohne zu wollen. Erst die Ehe mit Louisa ließ mich die ganze Entwickelungslosigkeit und Faulheit dieser Richtung durchkosten und befreite meine Entwickelung von zehnjährigem Zwang. Darum Louisa doch eine Notwendigkeit für mich gewesen.   26. August. Vorgestern war Franzl in Paris. Allein mit Dreyfusens Spaziergang nach der Abbaye du Val und nach Stores. Alle Felder sind abgemäht, überall Heuschober (meules) in der Abendsonne. Gestern fand ich unter meinen Briefen die Photographie von Louisa, Stern und mir aus Granada und las einige alte Briefe von ihr. Die alte Rührung, die sie mir so oft einflößte, ergriff mich wieder. Ich hätte sie in die Arme schließen und ruhig fragen können: Warum tust Du das alles Dir und mir an? – Am Nachmittag Karte von Hedwig, auf deren Vermittelungsvorschlag sie überhaupt nicht geantwortet hat.   27. August. Gestern, Sonntag Nachmittag, Waldspaziergang mit Franzl und seinem Bruder. Erst erzählt er von seinen Liebesgeschichten als Student, platonischen und anderen mit kleinen Mädchen. Überall wundere ich mich über das Reizende, oft Poetische, oft rührend Amüsante seiner Situationen. Eine Münchener Wirtin, die ihn bemuttert, die ihm verschiedene Mädchen verbietet, weil sie ihn ausbeuten wollen, dann aber mit der »Richtigen« zu seinem Wohl gemeinsame Sache macht. Sie ist 2 Jahre älter als der junge Student, Direktrice, hat stets mehr Geld, als er, hält ihn streng, läßt ihn nicht allein ausgehen, überrascht ihn auf einer Redoute, nimmt ihn aus dem Arm einer anderen weg und führt ihn nach Hause, wie einen unartigen Buben. Später kamen wir auf theoretische Gebiete, und da zeigte er sich dumm und verkehrt. Eine wissenschaftliche Logik, die alles sterilisiert. So findet er auch z. B., daß die Prostitution, von der er ausgiebigen Gebrauch macht, so wie sie ist, ganz ausgezeichnet geregelt sei und nicht anders geregelt werden könne. Er hat die prinzipielle Logik des Wissenschaftlers, die nichts anderes als Nihilismus ist.   28. August. Gestern Louisas Brief, der Hedwigs Vermittelung ablehnt. Langes Gespräch mit Franzl während des Ruderns auf dem herrlich beleuchteten Fluß. Der Herbst ist doch unwiderruflich da. Kühle, klare Sonnentage. Franzl meint, ich liebe meine Geschwister mehr, als sie mich. Ich sei ihnen nicht bequem, und darum haben sie mich, ohne Böses zu wollen, instinktiv bei Frau Fuchs nicht genug in Schutz genommen, die dadurch in ihrer Feindseligkeit gegen mich bestärkt wurde. Sie halten mich für einen Tyrannen, und dabei bin ich blos überlegen, leide selber unter diesem Überlegenheitsgefühl, wie Hessel erkennt, möchte, daß alle Leute mir gleichwertig sind. Meine Not nach ihrer Liebe wirkt daher nur peinlich auf sie. Ich glaube, meine Beziehungen zu den Menschen können nur durch einen großen künstlerischen Erfolg geregelt werden. Erstens wird mich das liebenswürdiger machen, vorläufig bin ich der Gebärde nach wie ein Grand Seigneur ohne die nötigen materiellen Fonds. Ich könnte mit dem Untergrund allgemeiner Anerkennung mich viel sicherer entfalten und äußerlich bescheidener erscheinen. Zweitens wird der Ruhm die Uninteressiertheit meiner Liebe zu anderen klar erkenntlich machen, wenn sie erst sehen, daß ich sie nicht brauche und sie dennoch liebe und in alter Anhänglichkeit zu ihnen komme. Indessen heißt es Stoiker, Herr meines Gedankenlebens sein und den Dingen, die außer mir liegen, eine fatalistische Gleichgiltigkeit entgegenstellen. (Spätere Randbemerkung: Wie unglaublich richtig ich diese Dinge damals gefühlt habe und wie sie sich genau so erfüllten, als der Erfolg kam.) Was meine Stellung unter den Menschen bisher überhaupt ermöglicht hat, (früher täuschte mich meine jugendliche Lebenslust über meine Vereinsamung) ist doch das bischen Erfolg, das ich jetzt schon habe und die Leute daran erinnert, daß ich doch jemand bin, den man nicht so ohne weiteres abtun kann.   30. August. Gestern Paris. Kurz die Baronin in der Bibliothek gesprochen, die sich seit einer Woche langweilt und offenbar eine Karte von mir mit der Bestimmung eines Rendezvous erwartet hat. Schließlich aber hat sie sich selbst zu einer reizenden Karte entschlossen, die ich heute früh bekam. Später Diner, als Gäste von Dr. Hessel mit Franzl bei Noël-Peters. Essen mäßig. Dr. Hessel ein zu stumpfer Mensch. Er sucht immer Zwiespälte, ohne Bosheit übrigens, anstatt liebenswürdige Einigkeit. Dann einen Augenblick bei Germaine, die mit Lucienne Freitag nach Isle-Adam kommen will. Was wird das geben! Es ist wieder sommerlich warm.   31. August. Gestern wieder in Paris. Die Baronin. Aperitif gegenüber Moulin Rouge mit ihr. Abendessen oben beim Italiener. Leichter Barberarausch, Vollmond. Durch die alten Montmartregassen nach Moulin de la Galette. Unter Lampen tanzen besonders hübsche Mädchen, alle in übermütigen Panamas. Oben bei der Mühle weiche Sommernacht. Paris liegt in tiefem Dunst. Die Baronin ganz elektrisiert, möchte mehr mittun können, sich hineinstürzen, trällert »Bonjour Mimi« und wird leicht annähernd, plötzlich hat sie genug, spricht von leichtem Dégoût. Der kleine Lamprecht vom Bal des 4 z'arts kommt auf mich zu. Dann treffen wir Franzl im Café. Ich etwas nervös, gebe den geplanten Hallenbummel lieber auf, da erst um 5 Uhr der erste Zug zurückgeht. Franzl bringt mir einen Brief von Lampe mit, der mich in der Scheidungssache etwas beruhigt und heiter macht. Wir bringen die Baronin in ihren Omnibus und nehmen selbst den letzten Zug nachhause. Um halbdrei im Bett. (Spätere Randbemerkung: Es ist denkbar, daß in dieser Nacht die Baronin ganz anderes von mir verlangt hat. Aus dieser Situation ist später der Plan zu Don Juanito entstanden.)   1. September. Die Unsicherheit in der Scheidungssache wirft mich aus einer Stimmung in die andere. Bald Hoffnung auf baldige Freiheit und Rückkehr nach München zu meinen alten Bekannten, bald das Gefühl, daß ein Netz im Begriff ist, gewebt zu werden, um mich zu ersticken, meine Vermögenslage zu erschüttern, mich gesellschaftlich durch Verleumdung und Intriguen zu ruinieren, wenigstens auf eine Zeitlang, und mich zu einem unfreiwilligen Umherirren im Ausland zu verdammen. Ich konstatiere, daß der Dämon doch zurücktritt. Es scheint, daß jeder Akt Larven schafft, die uns zu ähnlichen Akten verführen. Die relativ befriedigende Regelmäßigkeit der letzten Monate hat nun die dämonischen Larven zurückgedrängt. Dieser Zustand ist gut. Ich möchte nur noch bei besonderer Gelegenheit die dämonischen Larven hervorkommen lassen und stets ihrer Herr sein.   2. September. Ansichtskarte von der Baronin aus Deutsch-Avricourt. Und morgen wollten wir noch in Paris zusammensein. Zwei Telegramme rufen sie zurück??? Dramatik?? Erwartete sie im Moulin de la Galette mehr Entgegenkommen von mir? Wollte sie den Abschied vermeiden? Ihre Karte ist kühl, ohne die Wiener Adresse anzugeben. Aber sie wird sicher noch von sich hören lassen, denn sie ist mir eine ganze Kleinigkeit Geld schuldig, und wie ich sie kenne, wird ihr das keine Ruhe lassen.   4. September. Gestern früh Franzl beim Arzt. Seine schlimmsten Befürchtungen erfüllen sich. Ich bewundere seinen Gleichmut. Er tut jedenfalls, als ob er gemütlich nicht darunter leide. Ich gestern Paris. La Grenelle. Den ganzen halben Nachmittag, lasse dann, besseres hoffend, Gelegenheit vorübergehen. Die alte Dummheit. Derbes Sauerkraut- und Knoblauchessen in naher Brasserie. Abends Place d'Italie, umsonst. 11 Uhr Heimfahrt. Zuhause 0. Heute den ganzen Vormittag Briefe in der Scheidungssache an Frau Fuchs und Hedwig. Schon Louisa gegenüber empfand ich, wieviel brutaler als der Mann die Frau ist. Selbst die zarte Irene gab einmal ein Beispiel. Ich bat sie um eine Photographie und sagte, sie besitze doch auch meine. Die könnte ich wieder haben, erwiderte sie. Sie nahm das ja allerdings gleich zurück und sagte sogar beim Abschied, die Photographie sei ihr ein teures Andenken, ich erhielte doch noch eine von ihr. Aber immerhin, wann würde ein Mann eine so grobe Bemerkung machen!   7. September. Ganz entzückender Brief von Tilly, die zwecks Aufführung von Montmartre dreimal zum Intendanten in Frankfurt gegangen ist. Sie hat genau die Art von Gefälligkeit und Güte, wie ich. Es macht ihr Freude und nicht viel Mühe, für andere zweckdienliche Schritte zu tun, sie gilt aber nicht offiziell als gütig, eher das Gegenteil. Hedwig dagegen ist vielmehr die gute Frau, in Wahrheit aber nicht spontan gefällig. Erst die reflektierende Gerechtigkeit bewegt sie, und dabei wird sie noch oft schlecht gelaunt, wenn sie einem einen Gefallen tut. Im Gegensatz zu Tilly ist sie stets zunächst bereit, mir Unrecht zu geben, läßt sich dann allerdings oft vom Gegenteil überzeugen. Gestern kam endlich das Klavier, das wir zusammen mieteten, zu Dreyfus. Wir spielten Violinsonaten von Beethoven den ganzen Abend. Dann ich allein die Arlésienne. So wird es nun jeden Abend gehen. Zu sagen haben wir uns nicht mehr viel. Und er spielt besser, als er redet.   9. September. Dreyfus verreist. Gestern holten wir seine Frau zum Rudern ab. Schöne warme Tage, aber schon vor 7 Uhr Dämmerung, und wenn wir heimkommen, ist es dunkel. Apéritif bei der Witwe Cassan. Abends bei Frau Dr. Ich spielte Klavier, sie erzählte, wie immer, ausgezeichnete Geschichten. Ihre Schwester am Tage vor der Konfirmation verzweifelt, weil sie in einem fort, wider ihren Willen denken muß: Der Herrgott ist eine dreckige Sau!   11. September. Viel Hypochondrie wegen der Scheidung. Franzl sagt: An Ihnen bleibt nichts hängen, was wird Ihnen noch alles passieren, aber Sie kommen aus allem heil heraus. Sie verdauen alles, haben keine Restbestände, fressen nichts in sich hinein, müssen sich darum aussprechen. Und es hilft. Hypnotisieren sich selbst. Das alles macht Sie freilich leichtsinnig. Sie lassen sich zu leicht in viele Dinge ein.   12. September. Schlaflose Nacht, fürchte die schlimmsten Intriguen in der Scheidungssache. Hoffentlich war das die Krisis.   13. September. Herbst. Frühe Abende auf dem Heimweg vom Rudern. Bauernwagen mit Laternen. In Franzls Zimmer brennt schon die Lampe, wenn ich zurückkomme. Die eingeatmete Luft erinnert mich an unbestimmte Vergangenheiten, als es auch Herbst war. Und sie verspricht behagliche Winter in der Stadt: Ofen, Tee. Aber mir alles nicht so gewiß. Ich schaue in das Dunkel der Ungewißheit. Trotzdem ist es schön, heimzugehen und sich bei Licht an das Essen zu setzen. Oft riecht es auch verbrannt in der Luft. Unsere Madame Dolo liebt uns nicht mehr. Dissonanzen wegen des Hundes. Als ich heute morgen in mein Zimmer trete und sie frage, ob sie fertig mit Aufräumen sei, sieht sie aus, als lächle sie mich freundlich an. In Wahrheit ein nervöses Zucken um ihren alten Mund. Das ist gräßlich. Sie sagte neulich, daß sie nie Stuhlgang hat, vielleicht alle 14 Tage einmal. »Je ne voyage presque jamais«, sagt sie, und sie grinst dazu. Ich hasse Leute, die sich aus Trägheit so lebendig verfaulen lassen. Brief vom Anwalt. Er verlangt rund heraus ein Fünftel meines Vermögens. Das ist ungeheuerlich, und doch wird mir wieder ruhiger und wohler angesichts dieses wenigstens fest bestimmten Maximums. Ich zähle noch auf Lampes Vermittelung, der wie mein guter Engel in der Sache ist. Die Leute haben mich dadurch in der Hand, daß ich ja selber die Scheidung will. Verweigere ich diese Summe, so habe ich Louisa wieder am Bein. Zahle ich sie, so ist meine unabhängige Situation ruiniert. Das Paradoxe ist, daß ein Prozeß gegen mich geführt wird, den ich garnicht gewinnen will, denn das hieße ja Wiederherstellung der Ehe.   Abends 7 Uhr. Ein grauer wehmütiger Herbstnachmittag. Spaziergang im Wald mit Franzl und Frau Dreyfus. Anfangs Gigi und Georgette bei uns, die bald umkehren, ich sehr bedrückt wegen der Scheidungsangelegenheit. Frau Dreyfus erzählt von ihrem interessanten Ödenburger Geschichten, von einem Bankrotteur, den die geschädigten Leute in Scherben begraben wollten. Sie soll doch ihren Roman schreiben mit Franzl oder mit mir. Das Wetter wirkt wie auflösend. Abendliche Herbstlandstraße. So ein Tag müßte der Todestag sein. Dann denke ich, ich werde jetzt ein Wanderleben führen, immer da leben, wo angenehme Menschen sind, in Wien mit der Baronin, in Berlin mit Lampe. Jetzt wäre ich gern in Florenz mit Tilly zusammen. So wird einem niemand müde, weil man nie zulange bleibt. Ich fühle mich unsäglich vereinsamt. Von Hedwig eine Karte, nicht gerade ausgesprochen unliebenswürdig. An die Baronin Kondolenzbrief geschrieben, da ihr Vater plötzlich gestorben ist.   11 Uhr abends:. Franzl hat bei Frau Dreyfus aus seinem bunten Roman gelesen. Ich werde ruhiger mit trauriger Grundstimmung, fühle zum erstenmal meine Unannehmlichkeiten fruchtbar werden. Weisheit; ich gewöhne mich, daß es nicht geht, wie man will. Was kann einem viel geschehen? Mehr in der Gegenwart leben, was ich vor rosigen Zukunftsplänen so oft versäumte. Und dann, – ist denn die Welt nicht übrig? Se laisser doucement entraîner par la fatalité.   15. September. Las in Louisas alten Briefen. Schilderung ihrer Zusammenkünfte im Frühjahr mit meinen Geschwistern in München. Von diesen weiß ich, daß sie damals schon feindlich gegen mich war. Sie erzählt, wie sie gegen Agnes französische Malerei gegen deutsche verteidigte. Ich sehe sie, wie sie, am Körper keine Faser, die ich ihr nicht schenkte, im Mund keinen Gedanken, der nicht aus meinem Hirn kommt, sich zurückgesetzt und mißhandelt glaubt, weil ich mit ihrer Mittelmäßigkeit nicht glücklich sein kann. Ist das allgemein weiblich? Franzl hinkt im Haus herum, die Krankheit macht ihn lahm und dyspeptisch. Aber keine Spur von Hypochondrie in ihm. Ich würde unbedingt die Schwitzkur ohne Quecksilber vorziehen. Für mich würde das Qu. selber zum Gespenst. Dreyfus zurück, sehr nett, als sei in den paar Tagen etwas von der Meerluft an ihm hängen geblieben. Überhaupt die besondere Liebenswürdigkeit aller, die von der Reise zurückkommen. Nun wird das Leben, nachdem wir zweieinhalb Monate hier sind, doch ein bischen einförmig, um einen Halt zu bieten gegen die mich belagernden Gespenster. Seit die Baronin fort ist, bin ich widerstandsloser. Kaum läßt mich Arbeit, Lektüre, angeregte Unterhaltung oder Schlaf los, so stehen die Gedanken da und warten. Es ist ein fortgesetztes Überlisten. Ich hätte Louisa nie einer solchen hinterhältigen Infamie für fähig gehalten. Ich habe ihr in mehreren Briefen angeboten, wir wollten uns persönlich über die Geldfrage auseinandersetzen. Sie möchte mir einen Überschlag dessen machen, was sie vermutlich noch brauchen wird, bis sie in ihrem Beruf selbständig ist, und ich sei überzeugt, ich würde ihr die Summe nicht zu kärglich bemessen, sondern nach oben abrunden. Aber sie geht auf alles das nicht ein und behauptet, ich sei ein kalter Zahlenmensch, der alles in Ziffern drängen will. Sie möchten mich dahin bringen, daß ich auf eine Scheidung mit meiner Schuld einginge und mich darauf verlasse, daß sie nachher von mir nicht mehr Geld annehmen, als unbedingt nötig ist; in diese Falle aber krieche ich nicht. Nicht eher willige ich ein, bis die Summe, welche sie haben wollen, fest bestimmt und notariell beglaubigt ist. Denn daß ich mich einer Räuberbande gegenüber befinde, die aus mir herauspressen will, was sie nur kriegen kann, das unterliegt jetzt keinem Zweifel mehr. Zwar sage ich mir auch jetzt immer theoretisch: Im Grunde ist nichts verloren, aber das Leben müßte auch einmal in der Gegenwart beweisen, wie schön es sein kann. Dieser Sommer wäre an sich vielleicht einer der schönsten meines Lebens gewesen, ohne diese Prozeßgeschichte im Hintergrund, die sich stets als unerwünschter Gegenstand jeden Nachdenkens einstellen mußte. Gestern mit Franzl in Paris zum Tee bei Maria Deveaux, die Mathis vor 3 Jahren mit mir verheiraten wollte, als sie sich plötzlich mit ihrem jetzigen Mann verlobte. Ich bin von ihr entzückt, obwohl sie gerade einer Geburt entgegensieht und einen kleinen Schoßhund hat, zwei Umstände, die ich sonst bei Frauen nicht sehr anziehend finde. Die Wohnung ist nicht sehr behaglich und herbstkalt. Eine Mischung von französisch und deutsch in der Einrichtung. Maria ist das Glück, das an mir vorübergegangen ist, weich, liebenswürdig und dabei doch von eigener Art, klug, ohne geistreich zu sein, für mich sinnlich ungemein reizvoll und dabei doch ganz Lady. Große Ähnlichkeit mit Louise Bücking, aber mit all der Fülle, die dem dünnen, stillen Wiesel fehlt. Wir tranken Tee, das Gespräch plätschert erst ziellos umher, dann kommen wir auf die große moderne Liebesenttäuschung, die jeder erlebt. Auch sie hat viele sich befreiende Mädchen aus guten Familien beobachtet, aber gesehen, daß die freie Liebe für sie immer schlecht endet, Kind, Elend, Krankheit. Dagegen aber welche Langeweile und Qual in den meisten Ehen! Sie scheint in falschen Händen zu sein; den Franzl erkennt sie als Zuschauer des Lebens, mich als Mitspieler. Meine ganze Verbitterung des Augenblicks kommt heraus. Sie schaut mich oft so aufmerksam an, als frage sie sich: wie wäre es mir wohl mit ihm gegangen! Wir verlassen sie vor ihrem einsamen kalten Abendessen in dem ungeheizten herbstlichen Salon. Ich ging sehr deprimiert; mein Leben verpfuscht, dicht am Glück vorbei. Wir essen in dem stillen Restaurant Boeuf à la Mode. Franzl übersetzt: »Das Rindvieh nach dem Zeitgeschmack«. Ich lasse Franzl abends auf dem Boulevard allein und gehe zu Lucienne, nur um meiner Melancholie physisch ein Ventil zu öffnen, was, wie ich heute merke, sehr klug gewesen ist. La Paresseuse. Mit Franzl zum Bahnhof. Er erzählt von der kleinen Maja. Sie und Frau Dreyfus haben den Geniekuß empfangen, das läßt mich ihnen gern zuhören, wenn Franzl sie zu seltsamen Erzählungen anregt. Aber Maria Deveaux ganz Dame, versetzt mich selbst in Aktivität. Ich will ihr gefallen. Bei den kleinen und unkomplizierten Frauenzimmerchen dagegen nehme ich von vornherein an, sie können nichts mit mir anfangen. Bewundern sie dennoch etwas in mir, entweder Geist oder den homme du monde, so gibt mir das keine rechte Befriedigung, läßt mich ihre Frauenzimmerlichkeit und formale Unvollkommenheit erst recht fühlen. Dem Juden Franzi ist die Tatsache »Christenmädchen« allein über vieles hinwegführend. Ich kenne das zwar auch und konnte darum zwei so subalterne Ehen schließen. Da ich aber nur halb Semit bin, konnte die andere Hälfte nicht mit. Für mich gibt es kein Heil außerhalb der Gesellschaft, aus der ich stamme. Ich will lieber die Dame auf die süßen und reizenden Spezialitäten des Lebens aufmerksam machen, auf das Aparte, als ein apartes Wesen auf die Schönheit und Notwendigkeit der gesellschaftlichen Form. Ich würde z. B. auch die kleine Dreyfus vollkommen aus dem Konzept bringen. In der Eisenbahn hatte ich einen wahren Wutausbruch gegen Louisa, die ich nicht mehr entschuldige durch den bösen Einfluß ihrer Mutter. Umgekehrt, die Mutter ist gar nicht so schlimm, sie hilft einfach instinktiv ihrer Tochter und hat auch gar keinen Grund, mich zu schonen. Louisa aber hat allen Grund, mir dankbar zu sein. Es ist nur Louisas Schuld, wenn ihre Mutter die Geschichte falsch sieht. Louisa konnte wissen, daß man bei mir mit Anständigkeit alles erreichen kann. Statt dessen verleumdet sie mich und jedes Mittel ist ihr recht, Geld aus mir herauszuschlagen, der ich ja gern bereit bin, von selbst welches zu geben, wenn auch nicht in der übertriebenen Menge, wie diese Leute es meinen, da sie jetzt einmal einen in ihren Netzen zappeln haben, der nach ihrer Ansicht gründlich bezahlen muß. In Paris regnete es. Alles war herbstlich. Auf der Place Malherbes neues helles Laub an den Kastanienbäumen und frische Blüten, wie im Frühling in den Champs-Elysées. Aber auf dem Boden welke Blätter, die der Wind verweht.   17. September. Gestern, Sonntag, Spazierfahrt mit Dreyfusens durch die Herbstlandschaft. Mir ist wieder besser. Ich suggeriere mir jeden Abend Gelassenheit und s'attacher aux agréments de l'heure qui pourraient être assez grands dans ce moment s'il n'y avait pas la crainte de mon avenir. Heute Regenwellen zwischen den Baumwipfeln. Ich möchte in einem Gebirgswirtshaus sein, wo ich den Sommer verbracht hätte, in der geheizten Wirtsstube. Der Regen läßt die Leute am Ofen ruhen, die bei gutem Wetter zu tun haben. In der Ecke säße meine blonde Geliebte und schriebe aus ihrem zierlichen, mit der Umgebung kontrastierenden Schreibzeug Briefe mit blassen frierenden Fingerchen und ich ginge ungeduldig aus und ein, schauend, ob das Wetter sich nicht aufklärt, und frage die Leute am Ofen über ihre Meinung.   18. September. Gestern Paris, Zahnarzt. Zwei Vorderzähne zu plombieren. Dann Bad rue Oberkampf Martial. Dämmerige Heißluftzelle. Alles Individuelle verwischt. Giton. Sehr zufrieden, aber heute merke ich, daß wieder ein kleiner Teufel in meine Atmosphäre aufgenommen ist, der lange ruhig war. Abendessen Rue Lepic. Die Herbsttrauer frißt meine einzelnen Ennuis auf. 9 Uhr Gare du Nord.   19. September. Die Stürme der letzten Tage vorbei, Äquinoctien. Gestern Neumond. Heute sich aus dem Dunst klärender schließlich sonniger Herbstmorgen. Daher gleich Morgenspaziergang mit Franzi nach Stores und Mériel an der Oise zurück.   20. September. Nachts halb zwölf. Über die Einzelheiten meiner Prozeßgeschichte wachse ich seit ein paar Tagen hinaus. Franzl wundert sich über meine Ruhe, aber es liegt ein zähes, schweres Gewölk über mir.   21. September. Warum macht einem das ruhige Dasein an sich nicht mehr Spaß. Müßte man dazu etwa noch müder sein, wie ich? Aufatmend fern von der Stadt mit dreihundert Mark monatlich. Ein Zimmer gut zu heizen, im Sommer gut zu beschatten. Ein gutes Bett, schmackhafte leichte Mahlzeiten und froh sein, daß man sich über nichts ärgern muß. Warum genügt das nicht? Wir brauchen den Wechsel, sonst langweilen wir uns. Sein ohne Werden und Vergehen gibt es nicht. Ein konstruiertes Nichts, Nirwana. Die Sehnsucht danach ist eigentlich der Bankrott meiner Weltanschauung, aber ich denke, diese Sehnsucht ist vorübergehend. Auf allen Feldern sieht man jetzt pflügende Bauern. Gestern ganz im Nebel. Das Glück. Der Mann geht, im Erd- und Nebelgeruch eingehüllt gegen außen, den Acker hinter dem Pflug auf und ab, denkt höchstens, heute Abend muß dir aber die Alte eine Halbe Bier holen, ob sie schimpft oder nicht. Und wenn er auch nie die Energie haben wird, dies ernstlich zu verlangen, so redet er es sich jetzt vor und bei jedem gepflügten Streifen wird der Entschluß fester. Manchmal ein Crepitus dazwischen. Das sind die Bohnen vom Mittag. Seine Gedanken zwischen den Bohnen vom Mittag und dem Bier vom Abend. Ich komme immer mehr zu den antiken, reifen, etwas müden Philosophien: Stoa und Epicur. Wir können an den Dingen nichts ändern, aber wir haben ihre Wirkung auf uns in der Hand. Sich stoisch in seinen Philosophenmantel hüllen, mag kommen, was will; ich bin ich, solange ich mein Innenleben habe, und wenn dieses sich verwirrt, so spüre ich nichts mehr. Dabei aber nicht die angenehmen Stimulantien eines gemäßigten Vergnügens verschmähen, wie feine Diners, leichte Frauen, Theater, Reiz. Aber il ne faut pas compliquer sa vie.   22. September. Gestern Dülberg in Paris. Zuerst wühlt er mich aufs Tiefste auf durch seine Münchener Erzählungen. Dort allgemeine Stimmung gegen mich. Es wäre unrecht von mir gegen die Frau u. s. w. Man meint, der Scheidungsantrag ginge von mir aus. Ich täte der Frau dies an, was ich doch gerade nicht wollte. Aber Louisas Verleumdungen haben die Sache verdreht. Man weiß nichts von ihren feindseligen Ausbeutungsversuchen. Die haben sie geheim gehalten. Von »Montmartre« und »Gläserner Gott« will er nichts wissen. Auch Wolfskehl urteile ungünstig. Was beweist dies alles? Vor allem, was ist daran neu? Und dennoch regt mich dieses Gespenst auf, dieser allgemeine Glaube, es ginge mit mir bergab. Ich muß sofort nach München, mich zeigen, den Stier bei den Hörnern fassen, die Mäuler stopfen und beweisen, daß ich keine Angst habe. Ich reise, sobald mein Buch fertig ist, in 3 bis 4 Wochen. Wir essen bei Véfour im Palais Royal. Ihm geht es recht gut. Er fühlt sich offenbar sehr im Aufschwung. Ich beruhige mich, denn ich merke, daß er schließlich etwas ernstlich Beunruhigendes garnicht gesagt hat, beauftrage ihn, meine törichte Differenz mit Stern in Ordnung zu bringen, und über die Scheidungssache einstweilen Klarheit zu verbreiten. Wir sitzen abends bei Pousset, er sagt einige amüsante Sachen, z. B. zwei Regeln zum Heiraten: Erstens, man kann eigentlich doch nur sein Verhältnis heiraten, zweitens, man kann doch eigentlich nicht sein Verhältnis heiraten. Aus diesem Dilemma kommen alle Dummheiten.   23. September. Gestern Paris. Mit Mathis im Grand-Café. Apéritif. Er ist sprachlos über meine Scheidungsgeschichte. Nach langem Wägen und Fragen hält er ganz zu mir, hält einen Vergleich für unausbleiblich und beruhigt mich durch seine Sicherheit so, als sei alles schon entschieden. Dann sprechen wir, in den Straßen spazierengehend, von Maria Deveaux. Plötzlich sagt er, um ihretwillen allein lebe er noch, arbeite er sich so ab, schluchzt einen Augenblick und weint, lacht sich dann selber aus, bittet um Entschuldigung, er sei nervös, überarbeitet. Ich ahnte ja garnichts davon. Wir gingen zu Vian essen. Er sei sicher, daß sie noch seine Frau werden wird. Er arbeitet 13 Stunden täglich in seiner Mühle und denkt an nichts anderes. Anni, seine Geliebte, noch immer schwach und krank. Ich habe ihn doch sehr gern, wie kaum jemand anderes hier in Paris. Dann gingen wir in die Bar Lafitte. Wir treffen Dülberg mit einem Schwanz von gräßlichen jungen Leuten, Nasse und dessen sich immer mehr ins Unbedeutende abstufende Freunde. Mathi's Schwester Marise, seit 14 Tagen verheiratet, in Berlin, mit dem Münchener Ingenieur und Automobilfabrikanten Müller, dem ich im Winter einmal in Juvisy traf und der mir ziemlich vulgär, aber witzig und intelligent schien.   24. September. Gestern, Sonntag, mit Franzl und Dreyfus in Auvers. Rennboot à coulisses auf der Oise. Mit einem anderen als Dreyfus als Partner könnte zwischen Ruderer und Steuermann eine Art orchestraler Harmonie der Bewegung erzielt werden. Aber Dreyfus wie immer untüchtig, unstet, ruckweise, aber temperamentvoll, was er für einen großen Vorzug hält. Düstere herbstabendliche Flußlandschaft.   26. September. Gestern Paris. Diner Brasserie Universelle. Mein Nachbar, ein Holländer, erzählt von Indien, Japan und macht mir Lust auf Tropenreisen. Dann in der Comédie-Française, wo der »Marquis de Priola« von Lavedan gespielt wird. Viel Cabotinage, aber auch viel Wahres darin. Le Bargy manieriert und oft unverständlich. Im Foyer kommt mir die Idee zu Don Juanito, die mich in der Eisenbahn stark beschäftigt und auch noch zuhause. Ich lösche mein Licht um 3 Uhr aus, der Plan des Stückes ist fertig. Alles tun, alles verwirklichen! Aber niemals die Ironie vergessen. Ironie hält die Waage, ist die Versöhnung zwischen Weltbejahung und Weltverneinung. Kein Quietismus, denn sie erlaubt allen Kräften, sich zu regen, aber auch keine unechte Übertreibung.   27. September. Ich arbeite seit 2 Tagen mit Entzücken an dem Szenarium des neuen Stückes. Ich denke nicht mehr an den Prozeß. Es ist wie eine Krankheit, von der ich zwar noch nicht geheilt bin, aber deren Schmerzen ich durch Autosuggestion niederhalten kann. Wie fremd ist mir doch Dülberg geworden, enfermé dans son égotisme. Brief von Lampe. Frau Heiseler will Louisa brieflich zur Vernunft bringen.   28. September. Ich träumte, ich treffe Alfred auf einem französischen Bahnhof, Cylinder, Gehrock. Er sagt, Hedwig sei gestorben.   29. September. Gestern mit Franzl in Paris. Zahnarzt. Brasserie Universelle. Mit Mathis diniert. Im offenen Wagen nach der Gare de Lyon, wo er seinen Koffer holt, um nach Straßburg zu fahren. Sehr nervös, sodaß der Zahnarzt nicht arbeiten konnte. Dann bei der Mère Jeanne. Renée etwas dick und ältlich, aber freundlich. Brief von der Baronin. Zurückhaltend, fast konventionell, aber voll Fragen, d. h. Fortsetzung der Korrespondenz erwünscht.   30. September. Abends meist Musik mit Dreyfus. Es geht von Tag zu Tag besser. Bald haben wir die ganzen Beethoven'schen Violinsonaten durch. Gestern und vorgestern Kreutzersonate. Ich fühle mich wieder stark in Beethoven hinein. Merkwürdig, wie ich mich bisweilen der deutschen Musik entfremde, um immer wieder zu ihr zurückzukommen.   2. Oktober. Gestern Paris. Wieder ziemlich deprimiert. Hoffnungslos, Einsamkeitsgefühle. Bei Druet für Hedwigs Geburtstag einen Gauguin gekauft. Dampfbad, Place des Ternes. Abends Vaudeville. Dummes Stück, aber anregend für Don Juanito. Um Mitternacht im Café gegenüber Gare du Nord. Geburtstagsbrief an Hedwig. Nach vierzehntägigem Sonnenschein und kühler, klarer Luft begann diese Nacht der Herbstregen und dauert noch an. Traum: Ich finde Irene nackt in einer fremden Stadt, in einem schlechten Haus mit einem etwas bäuerlich derben, aber bürgerlich gekleideten Mann mit Vollbart. Sie will nicht mit mir kommen, weil sie meint, ich würde ihr doch nicht die amüsanten Orte zeigen, und sie will etwas sehen, da sie nur vorübergehend da ist.   3. Oktober. Der Kern meines Lebens wird immer sein Einsamkeit in der Buntheit der Erscheinungen.   4. Oktober. Die beiden Novellen im »gläsernen Gott« von Lothar im Ton verfehlt. Dieses Thema unmöglich in objektiv bejahender Sicherheit, muß wieder Tagebuch werden voll Zweifel und Selbstironie. Überall liebe ich die Vollkommenheit, außer beim Schauspieler. Gestern Abend mit Franzl, Mathis und Anni in der Comédie. Lavedan, le Duel. Diese Vollendung ist für mich Cabotinage: ich werde euch einmal zeigen, wie man vollendet stirbt! Anni zum ersten Male seit dem Kindbett wieder aus nach 6 Monaten, und ist wieder hübscher und rosiger, mehr wie einst in München an jenem lustigen Abend im Café Stefanie. Ich warte täglich auf die Entscheidung durch Frau Heiseler, ob ich wegen Prozeß nach München muß, möchte sonst gern mit Franzl noch 1 bis 2 Monate Herbst im Quartier Montparnasse erleben.   5. Oktober. Bedeckter Himmel, lauwarme, feuchte Herbsttage. Wir rudern jetzt an einer anderen Stelle des Flusses auf leichteren Schiffen.   7. Oktober. Gestern Paris. Bain Oberkampf. Martial. Comédie-Française, L'énigme von Hervieu. Gut gemacht, aber wie finster ernst, modern, gegen die fröhliche Menschlichkeit von Le voyage de Mr. Perrichon von Labiche. Heute halb eins »Gedanken über Frankreich« (französ. Gesellschaftsprobleme) fertig geworden!   8. Oktober. Gestern, Sonntag, Oppenheims bei Dreyfus; nachmittags Spaziergang nach Champagne. Landschaft wie beim Altkönig. Beim Abendessen viele Judenwitze, Oppenheim hat viel derben Humor. Es ist besser, mit solchen Leuten, wie er oder wie Mathis, zu verkehren, als über den gezwungenen, oft ächzenden Witz der Schwabinger zu lachen. Erfrischend. Dann machten wir wieder eine Opernimprovisation als Parodie. Ich am Klavier, Oppenheim Violine, Frau Dreyfus Hauptsängerin, Franzl spielte den Chor. Nach kurzer Zeit einigten wir uns ganz von selbst auf einen melodischen Stil. Es ging musikalisch alles sehr gut zusammen.   10. Oktober. Bei Dreyfus gestern allgemeine Verstimmung. Um 8 Uhr läuft der schlecht gezogene Gigi aus dem Haus, fällt, verwundet sich, brüllt. Frau Dreyfus aus dem ihr so nötigen Schlaf geweckt, kündigt Georgette, die unschuldig ist. Er ratlos, möchte ohnehin gern nach Paris im Herbst, aber zu umständlich, mit Frau und Kind umzusiedeln. Im Hause ein heilloses Durcheinander. Sie kümmert sich um nichts. Nie ist das Essen in Ordnung. Im Salon liegen Kartoffeln auf der Erde. Das Kind ist von beispielloser Ungezogenheit. Sie hat bei all ihrer Güte und Liebenswürdigkeit keine Ahnung von dem, was man Pflicht nennt. Und ihn kostet das ein Heidengeld. Neulich hat sie in Paris für 15 Francs ein Paar wertlose Ohrringe aus schlechtem Material gekauft, nur zum Spaß, wie sie sagt, denn tragen kann man sie nicht. Sie meint, es ist so gut, in Läden zu gehen und was zu kaufen. Er trägt das alles mit einem Takt, vor dem ich entschieden Respekt habe.   11. Oktober. Gestern Paris. Salon d'Automne. Gauguin. Zum ersten Mal seine Altmeisterlichkeit ganz empfunden. Das erinnert an Giotto, Signorelli, Michelangelo, oft ist er ihnen ganz nahe gekommen, ohne daß sie seine Vorbilder waren. Ich treffe den Dr. Ernst Meyer. Er hat in München von meiner Scheidung gehört. Was mag da wieder geredet worden sein! Im Kunstwart eine schlechte Kritik über den ›Gläs. Gott‹. Bisher bin ich gegen Kritiken gleichgiltig gewesen, jetzt deprimiert es mich plötzlich. Das ist zum ersten Mal, daß ein Buch von mir schlecht aufgenommen wird. Die schlechten Kritiken häufen sich nun. Gleich hatte ich wieder ein Gefühl, als könne die Welt mit mir doch nichts anfangen. Vereinsamung. Und dann wieder, als sei das nur noch so ein bischen Unglück dicht vor dem bevorstehenden großen Erfolg. Dann Dampfbad Rue Poncelet. Franzi im Restaurant Italien, passage de l'Opéra. Er hat Wohnung im Montparnasse-Viertel genommen. Dann gehen wir zusammen ins Athénée und sehen das amüsante Stück Triplepatte. Man kann daraus lernen, wie man einen ernsten Charakter komisch gibt. Sehr wichtig für Juanito. Findet man dann doch ernstes darin und daß es im Grund gar nicht komisch ist, tant mieux. Besser, als ernst angelegt und dann unfreiwillig komisch. Diese Befürchtung gab mir früher eine gewisse Steifheit. Im Theater die Dreyfusens, Oppenheims mit ihrer alten jüdischen Mutter. Es kam ein Brief von Käti.   12. Oktober. Gestern allein gerudert. Warme sonnige Herbsttage. Warte immer noch auf Entscheid, ob ich nach München muß oder nächste Woche nach Paris übersiedeln kann. Ich korrigiere und versende mein Manuskript an verschiedene Zeitschriften.   14. Oktober. Gestern Nachmittag und in der Dämmerung ein Spaziergang mit Franzl durch die Dörfer jenseits der Oise. In Jouy-le-Comte. Wir geraten in die versprengte Jagd des Fürsten Murat. Plötzlich Regen. Apéritif in einer Dorfkneipe. Gestern Sonntagsspaziergang mit Franzl. In Auvers, Mériel. Kalter heller Herbst. Ich bin mit dem Packen beschäftigt. Übermorgen nach Paris auf mindestens noch 14 Tage. Lese Gauguin Noa-Noa. Ganz hingerissen von dem Gedanken einer primitiven Liebe zu solchen süßen, braunen, halbwilden Geschöpfen. Ich träume die ganze Nacht davon und plane Reise nach Samoa.   16. Oktober. Gestern in Paris Wohnung genommen, Rue de la Grande Chaumière 9, Zimmer 7. Abends zu einem Bankett zu Ehren Gauguins auf dem Boulevard St. Denis. Recht lebendig. Neben mir Dr. Meyer und ein Mr. Cornu. Dann Dr. Epstein, vis-à-vis Dreyfus, der norwegische Maler Diriks und ein Bildhauer Löhr. Heimfahrt nachts mit Dreyfus.   17. Oktober. Die kleine Frau Dreyfus will mich zum Schluß noch malen. Gestern erste Sitzung. Madame Boucher, der das Haus gehört, wo Dreyfusens wohnen, wollte uns gern spielen hören, und da Dreyfus darauf rechnet, daß sie ihm eine ihrer Antiquitäten einmal schenkt oder vermacht, gaben wir ihr ein kleines Konzert, das wir das Erbschleichkonzert nannten. Sie brachte einige Freunde mit. Konventionelle französische Gespräche. »Ah quelle belle distraction la musique!« usw. »Beethoven etait le compositeur favori de feu mon mari.« Ich habe, glaube ich, nie so gut gespielt. Nach Tisch, aber ohne Publikum, spielten wir die Kreutzersonate zum Abschied. Dann eine Flasche Champagner, die wir aber dadurch verdarben, daß das Gespräch auf Gigi kommt, über den sich jetzt alle ärgern, weil er so schlecht gezogen ist. Dreyfus machte seiner Frau sanfte Vorwürfe, und ich kann nicht anders, ich muß ihm Recht geben. Franzl schweigt dazu.   Paris, den 18. Oktober. Mitten im Auspacken. Gestern nach 2 Stunden Portraitsitzung bei Frau Dreyfus um 5 Uhr nach Paris gefahren. Ärger mit dem Gepäck am Nordbahnhof. Eine Bücherkiste ist abhanden gekommen. Unfreundlicher Eindruck des Hôtels. Abendessen mit Franzl bei Jouven, dann trister Gang Boulevard St. Michel. Zuhause Schlaf nur möglich mit Antiphon. Die beiden letzten Nächte P. Diesmal mit Nina! Heute sehr verstimmt. Im ganzen Haus wird überall Musik gemacht.   19. Oktober. Wieder in Winterkleidern seit gestern. Viel Tristitia. Mit Franzl im Salon d'Automne. Gauguin. Sein Raffinement äußerste Natürlichkeit. Dann fanden wir alle Teerooms in der Nähe überfüllt. Schließlich das bei der Comédie-Francaise öd und leer. Ich sehr nervös und aufgeregt, betrage mich etwas albern. Und damit ist das Geschwür geplatzt, auf einmal herrlich gelaunt. Es kommen mir sogar 2 sehr produktive Ideen. Franzl meint, ich müßte von Zeit zu Zeit explodieren können, dann wäre alles gut. Aber warum so direktionslos? Daß es keine seelischen Dampfbäder oder Sportleistungen gibt, die quasi von schlechtem Blut befreien; daß man die Seele nicht schwitzen lassen kann! Zu Fuß nachhause, Rue de Rennes. In meinem Zimmer fühlte ich mich ganz wohl. Abends mit Franzi bei Dr. Meyer in der École Normale. Dort auch der Münchener Maler von Bartels, der Sohn. Sehr angeregte Unterhaltung. Chacun raconte l'histoire de son dépucelage. Vormittags bei Dr. Epstein wegen Montmartre, dann fieberhaft um Trocadéro und École Militaire.   20. Oktober. Gestern Nachmittags Petits Carreaux, Camilla. Abends bei Le Duc Essen. Kleiner entzückender Raum, voll von auffallend hübschen Malerinnen. Mit Franzl, der immer für die Unvollkommenen schwärmt und die Schönheit banal findet. Vorher auf der Straße Olga Markowna begegnet, die im vorigen Sommer in demselben Haus wohnte, wie wir in St. Jean de Luz. Sie sprach mich an und erriet, daß ich von Louisa getrennt bin. Abends Café du Dôme, langeweilig.   21. Oktober. Besorgungen in der Stadt. An der Place St. Michel ein fürchterlicher Lärm, weil die großen Caissons des neuen Métro gelegt werden. Der Kutscher wendet sich zu mir und macht folgende sozialen Bemerkungen: »Ce bruit des ouvriers réveille les bourgeois chaque matin à cinq heures, ces parasites du proletariat qui ne se lèvent qu'à midi. Mais nous les descendrons après que le métro sera descendu. Nous les couperons en deux. Ils travaillent? Jamais ça ne travaille.« Er meint, daß alle diese Richter und Advokaten, die hier wohnen, gar nichts zu tun haben. Abends im Odéon ein langweiliges Stück gesehen. Dann ennuiertes Bummeln in der Gegend Montparnasse. Der Dämon. Beim Friedhof definitiv. Um halbdrei nach Haus. Die Klavierqual im Haus unerträglich. Vivent les antiphones!   22. Oktober. Gestern mit Franz in Corbeil bei Mathis. Dort Mr. Weber, eine Ruine der verschiedensten Wollüste. Anfangs mir gräßlich. Ein verbrauchtes blondes Gesicht voll Pickel, schwarze Zähne. Dann aber zeigte er sich als ein humorvoller, ganz liebenswürdiger und kluger Globetrotter. Seine Neigung ist, in dem Bad Penthièvre sich hinzulegen und der Gesamtheit der Anwesenden gegenüber sich mit geschlossenen Augen passiv zu verhalten. Hat langsam fast ganz nach dieser Richtung umgeschwenkt, von Normalen, da es mit weniger Arbeit verbunden sei. Mathis rät mir im Prozeß unbedingt zur Gegenklage und alles das vorzubringen, was gegen sie ausgelegt werden kann. Ich bin wieder unsicher, ob ich nach Deutschland soll oder nicht. Nach Tisch korrigierten wir meine französischen Dialoge für das Buch. Bei der Rückkehr fand ich am Bahnhof eine niedliche kleine, etwas banale Person, namens Berta. Wir tranken noch ein Glas Bier bei der Ankunft in Paris und fuhren dann mit der Trambahn zurück. Wir saßen allein auf der dunklen Impériale, wo sie mir keinen weiteren Widerstand entgegensetzte. Recht niedlich. Sie ist angestellt in einem großen Haus beim Arc de l'Etoile und will mir schreiben. Heute morgen beginnt wieder die Klavierplage. Sobald sich entschieden hat, ob ich nach Deutschland muß, ziehe ich aus, falls ich noch hier bleibe.   23. Oktober. Gestern ein Tag voll Ärger, schlechte Nachrichten usw. Epstein hat abgeschrieben. Die an die Zukunft geschickten Teile meines Buches zurück. Ärger wegen des Zimmers, das ich nur bis zum Ersten behalte. Nachmittags schleppe ich mich eine Stunde auf Bondys Atelier herum. Tüchtige, aber uninteressante Arbeiten. Riesenbild Samson und Delila. Ein brauner Italiener macht gerade im Augenblick Aktposen. Dann im Cosmopolitan tearoom. Bad. Abends mit Franzl und Roché. Nach Tisch mit beiden bis jenseits des Cimetière Montparnasse gegangen. Meinen Fall besprochen. Entwurzelt in Deutschland, nicht heimisch in Frankreich. Sexuell hin- und hergeworfen. Meine letzte Arbeit nicht anzubringen. Meine finanzielle Lage attackiert. Franzl meint, ich müsse irgendwo im Orient zwischen der poliertesten internationalen Gesellschaft und Wilden leben. Roché dagegen findet das alles sehr interessant und beneidet mich als Schriftsteller um die so interessanten Konflikte, die ich selbst erlebe, während er sie suchen müsse. Die kleine Paulette Philippi, die ich auf dem Bal des 4 z'arts kennen gelernt habe, hat zu ihm gesagt: Il est très intelligent, sympathique, mais je me ferme devant lui. Am Abend wieder Autosuggestion. Heute bessere Stimmung.   24. Oktober. Gestern über Mittag in der Nationalbibliothek. Ich lese Berthelot und Claude Bernard. Müde, zufrieden heim. Dringender Brief an den Anwalt. Spaziergang über die spätnachmittäglichen Fortifikationen. Am Boden schlafendes Volk. Park Montsouris. Märchenhafte Dämmerung. Ich träume auf der Bank am See, durch eine lange Avenue zurück. Matt in Franzls Chaiselongue. Er liest vor aus seinem Roman: Geschichte von der Hundedame, aus seinem Tagebuch: Gaby. Dann kommt Mathis. Wir essen zusammen bei Valy auf dem Boulevard Bonne Nouvelle. Ich ging dann ins Theater Renaissance. Ein hübsches Stück von Capus Les Passagères. Guitry, Roggers und Huguenet spielen vorzüglich. Dann im Café du Dôme. Flüchtig lerne ich den Schriftsteller Uhde kennen. Nachts im Bett zahlreiche Einfälle für mein Stück. Von hier ab werde ich nicht mehr den Tag der Niederschrift, sondern den der Ereignisse als Datum notieren.   24. Oktober. Nationalbibliothek. Abends Café du Dôme. Langweilig. Unaufhörlicher Regen. Noch kein Entscheid aus München. Der Gedanke, jetzt, ehe alles vorbei ist, schon nach München zu müssen, ist gräßlich. Überhaupt, werde ich in München noch existieren können? Denke wohl nur auf einige Monate dort in meinen Möbeln zu sein. Auch über Dülberg gehen mir die Augen auf: er richtet seine Gefühle nach dem jeweiligen Kurs meines Renommées. Meine Novellen hat er anfangs Juli in zwei Superlativen Briefen gelobt, mit einigem Vorbehalt. Dann offenbar Gespräch mit Stern. Im September in Paris erklärte er dann, mit den Novellen könne er nicht mehr mitgehen. Inzwischen hat er auch die geplante Hollandzusammenkunft, die mir übrigens dann garnicht gepaßt hätte, ausweichend behandelt. Er hat eine Kritik über die Novellen für das Literarische Echo geschrieben, die mir direkt schädlich erscheint. Jetzt schreibt er auf einmal, er hätte sie völlig umgearbeitet, um neben seinen Einwänden auch allen Vorzügen des Buches gerecht zu werden. So soll sie nun erscheinen. Dabei ist er bis zu einem gewissen Grade gefällig, aber er will begönnern, Zensuren verteilen, auch kleine Prämien und Ermutigungen für seinen Freundeskreis. Aber er mag nicht, daß darin einer wirklich hervorragt. Trotzdem wird er dann aus Opportunität nicht mit einem solchen brechen. Das alles ist bei ihm durchaus keine Gemeinheit, sondern von einem naiven Selbsterhaltungstrieb diktiertes Unterliegen gegenüber der allgemeinen, ihm maßgebend scheinenden Stimmung. Ich muß jedenfalls, wenn ich nach München komme, den Kopf oben behalten können, also am besten nach dem Prozeß ab Neujahr.   25. Oktober. Nachmittags Bad St. Denis. Dampf. Diner bei Valy. Im Théâtre Grevin ein Stück von Capus la Châtelaine. Ich versöhne mich ein wenig mit dem Gedanken an die Fahrt nach München. Vielleicht will mich das Schicksal wieder da haben. Spät Café du Dôme. Uhde. Wir beriechen uns. Er hatte in Deutschland den Eindruck, daß die Novellen gut gehen. Man sähe sie überall liegen. Vielleicht darum aus Protest die schlechten Kritiken. (Spätere Anmerkung: Inzwischen habe ich die Erfahrung gemacht, daß es ein Zeichen meiner harmlosen Unbekanntheit war, daß bis dahin alle Kritiken über mich gut gewesen sind. Schlechte Kritiken fingen bei mir an und steigerten sich, je bekannter und erfolgreicher ich im übrigen wurde. Man hielt mich auf einmal für würdig, gegen mich zu protestieren.)   26. Oktober. Ein neues Gymnastik-System zusammengestellt, aus amerikanischen Vorschriften und dem sogenannten ›Müllern‹. Bibliothèque Nationale. Amiel gelesen. Dann beim Zahnarzt. Abends wurde Franzi telegraphisch für ein mysterieuses galantes Abenteuer abgerufen. Ich esse allein bei Le Duc. Bin momentan zu präoccupiert, um Einsamkeit zu ertragen. Eine phantastisch gekleidete französische Malerin mir gegenüber, die aber nicht zum Sprechen zu bringen ist. Café du Dôme. Alle gehen aufs rechte Ufer, ich bleibe allein zurück, laufe mich müde, Avenue du Maine, Observatoire und denke mit Grauen an meine Vereinsamung und was später noch daraus werden soll. Heiraten? Kaum möglich. Aber ein Kind von einem netten lieben Mädel, das ich mit Wohltaten überhäufe, ohne daß sie Rechte auf mich hätte, etwa Kätchen? Halbeins Nachts nachhause. Am Hoffenster quer gegenüber eine weibliche Gestalt, die nicht weggeht, obwohl sie sich von mir scharf beobachtet sieht. Schließlich mache ich Zeichen, die sie nur mit intensivem Herübersehen beantwortet. Das dauert ca. dreiviertel Stunden. Als ihr Zimmernachbar heimkommt, zieht sie sich zurück. Heute morgen am selben Fenster kurz eine etwas frauliche, ich glaube hübsche, Blondine in hellblauem Morgenrock. 2 Herren bei ihr. Als sie mich sieht, zieht sie sich schnell zurück???   27. Oktober. Vormittags endlich entschieden, um allem ein Ende zu machen, am 3. November nach München zu reisen. Ich habe hier jetzt doch kein Glück, bin entweder gezwungen, um meine Präoccupation zu verbergen, steif und mißmutig zu sein oder ich muß davon reden. Keine Antwort von Lampe, auch nicht vom Anwalt. Also selber aufs Schlachtfeld. Dann gleich Berlin und nach Neujahr Wohnung in München. Abends mit Franzl bei Le Duc. Ein kleines Mädchen lacht uns an, weil sie uns vom Ansehen aus München kennt. Eine kleine Malerin. Wir nehmen sie mit bummeln. Erst auf ihrem gemütlich- dreckigen Atelier, dann zu Bullier, dann Champagner im Café d'Harcourt. Ich werde ausgelassen, müßte eigentlich öfters trinken. Um 3 Uhr nachts zuhause. Sie ist eine kleine Jüdin, mir eigentlich uninteressant, aus niederer Judenfamilie, aber stark an Arisches assimiliert. Liebliches Lächeln, aber durchaus unerzogen, sieht Austern und verlangt sofort welche. Das darf eine Kokotte tun, die sich ja auch revanchieren kann, aber nicht ein sogenanntes anständiges Mädel. Auch wenn sie, wie diese Kleine, vielleicht schon einige Stürme erlebt hat. Ungepflegt im Äußeren und burschikos. Kreis John Jack Vrieslander. Dabei umgibt sie sich mit Beardsley und dergl., bewundert Gauguin und auch Böcklin. Wo hat so ein häßliches Wesen, das sich mit Schönheit umgibt, seine wahren Instinkte? Alle ihre angeblichen Liebhabereien doch nur, weil sie gehört hat, daß es was Gutes ist. Ihre Echtheit ist die Unordnung, Unsauberkeit und Formlosigkeit. Es ist mir, glaube ich, ganz gut gelungen, ihr meine Antipathie zu verbergen, ich habe mich sehr beherrscht. Zwischendurch einiges nette Kokottengetändel. Marinette-Allumette.   28. Oktober. Sonntag. Nachmittag mit Franzl in Isle-Adam. Feldspaziergang mit den Dreyfus. Tee. Gigi sehr lieb. Die 10. Sonate von Beethoven gespielt. Erinnerungsfest an den Sommer. Gänsebraten. Sanfter, etwas matter Abend. Frau Dreyfus recht angenehm, weich, liebenswürdig. Sehr hübscher Abschluß.   29. Oktober. In der Bibliothek Amiel zu Ende gelesen. Ergreifendes langsames Sterben. Abend in den Bouffes Parisiens. Polaire, die beste Pariser Schauspielerin, die mich zu Tränen rührt, aber von der Kritik als nur ganz nett à côté behandelt wird.   30. Oktober. Maison Penthièvre, wo ich eine sehr sonderbare Gruppe finde, die bei meinem Eintritt in den Nebenraum sich nicht im mindesten durch meine Gegenwart stören läßt. Im Salon redet mich ein kleiner alter Herr auf englisch an. Dann singt er mit einem dünnen Tenor und begleitet sich dazu auf dem Klavier. Ein etwas stallknechtartiger junger Amerikaner beginnt nun mit mir eine Konversation in Globetrotterart und sagt, er wünschte, dieser alte Herr würde nicht singen. Abends mit Roché auf den Boulevards exterieures. Immer noch keine Briefe, weder von Lampe, noch von meinem Anwalt. Verzweifelte Augenblicke. Hessel wenig sichtbar. Er ist in eine höchst sonderbare Frauenaffaire vergraben, von der er nicht spricht.   31. Oktober. Palais de Glace. Frappiert durch die reine moderne Schönheit einiger auf Schlittschuhen tanzenden Paare. Aber dennoch, was ist aus dem wilden nordischen Sport geworden, der endlose Eisflächen verlangt, über die man durch die Nacht saust? Hier in eine enge köstliche Schale aufgefangen. Nirgends sah ich so gut Schlittschuhlaufen. Ich setze mich auf einen zufällig freien Stuhl am Tisch einer dummschönen Kokotte in braunem Sammt und hellblauer Seide. Sie ist sehr einsilbig auf meine Fragen. Ich sehe mich zufällig im Spiegel. Warum mache ich ein so böses entmutigendes Gesicht? Plötzlich sehe ich mich beobachtet von einer Schlittschuhläuferin, die mir glühende Blicke zuwirft. Meint sie mich oder meine Nachbarn? Ich kenne sie von Ansehen. Im Juni saß ich ihr mit Irene in der Taverne Royale oft gegenüber. Sie stets mit alten Herren, jetzt sehr ausgelassen. Typus: Lolissa. Salamanderartig. Mager, nicht mehr ganz jung, dabei ein kindliches Gesicht. Gelblicher Teint, schwarzes Haar. Äußerst zierliche Bewegungen, äußerste Eleganz. Kurzer Glockenrock. Die Schlittschuhe an weißen Stiefeln. Ich tue, als sehe ich ihre Blicke kaum, um zu sehen, ob sie dann deutlicher wird. Schaue ich zufällig hin, – nichts, habe ich nicht geschaut, wirft sie mir im Vorbeigehen hinter dem Rücken ihres Begleiters die heißesten Blicke zu. Meine Tischnachbarn gehen. Sie bleibt mit ihrem Begleiter direkt vor meinem Tisch an der Balustrade stehen, reckt und dehnt sich, aber jetzt keine Blicke mehr für mich. Ist das Zufall, se fiche-t-elle de moi? Sie ist stark mein Fall. Dann macht sie Halt vor einem alten weißbärtigen Herrn. Ihr Begleiter verläßt sie. Sie tritt aus der Bahn, ohne sich nach mir umzuschauen, geht in das Ladies-room. Ich schlendere vorbei. Jetzt ein ganz unzweideutiger Blick für mich. Ich warte verborgen, um sie beim Verlassen des Raums zu beobachten, ob sie sucht. Sie kommt heraus, sieht mich, wir gehen auf einander zu, wie alte Bekannte. Ich erinnere an die Taverne Royale, nachdem ich mich versichert, daß sie sich nicht erinnert, und mache ihr so die Anknüpfung leicht. »Ah oui, à la taverne j'étais toujours très sérieuse.« »Oui, c'était presque décourageant«, erwidere ich. Gelächter. Der alte Herr kommt und fragt autoritativ: »Eh bien allons nous?« »Vous reverrai-je, ce soir?« Sie: »Non ce soir je ne suis pas libre, c'est mon ami. Je viendrai vendredi pour patiner.« Heftiger Händedruck. Mit dem Alten davon, noch ein heftiger Blick zurück. Ihr beigefarbiger Abendmantel verschwindet. Und ich wollte Samstag Morgen abreisen. Oder werde ich nun doch bis zum Abend warten? Ich bin den ganzen Abend in bester Laune. Auch wenn die Sache damit zu Ende ist. Wieder aufgerüttelt. Ich fühle wieder meine Lebensfähigkeit. Warum wählt sie gerade mich unter Hunderten? (Spätere Randbemerkung: Wie war ich doch heruntergekommen, daß mir ein derartig banales Abenteuer solch eine Bedeutung haben konnte. Aber wenn es mir schlecht geht und ich gerade den Trost einer Frau brauche, bin ich immer für Frauen abgestorben gewesen. Kaum aber geht es mir gut, dann habe ich so viele, als ich will oder auch mehr.) Abends mit Franzi diniert. Dann in ein Montmartre-Cabaret. Sehr witzig. Jeanne Bloch in dicker Komik. Nachts im Bett schrieb ich noch mehrere Szenen zu meinem Stück. (Don Juanito) Ich bin jetzt so weit, dem schlimmsten ruhig entgegenzusehen, Entfremdung meiner Geschwister, der Münchener Freunde, der Gesellschaft, den Eventualitäten der Scheidung. Dahin sollte ich wohl kommen, – einsehen, ohne wie vieles, das ich für notwendig hielt, sich doch noch ganz erträglich leben läßt. Ich bin nun innerlich ganz frei, je me fiche de tout. Und nun kann's wieder aufwärts gehen. Aber wenn man mir mein Vermögen nimmt und niemand meine Bücher druckt und Stücke aufführt? Am Selbstmord hindert mich das religiöse Bedenken, daß das Schicksal solche willkürlichen Eigenmächtigkeiten nicht zuläßt. Durch den, wenigstens den bewußt geplanten Selbstmord befreit man sich nicht, das muß man irgendwie jenseits bezahlen, in anderer Münze, als der des körperlichen Lebens.   1. November, Allerheiligen. Strömender Regen. Packen, Korrespondenz den ganzen Tag. Diner mit Franzl bei Lavenue. Abends Grog bei Dr. Meyer. Er und von Bartels geben mir Empfehlungen für München und Berlin, die mich darum freuen, weil sie mich wieder den Kontakt mit der Menschheit fühlen lassen. Im Café du Dôme treffe ich Pascin, der angelegentlich nach Alfred fragt.   2. November. Endlich Brief vom Anwalt, dessen Hauptbrief verloren gegangen ist. Wenigstens weiß ich nun, daß meine Münchenreise notwendig ist. Brief von Tilly. Manuskript von Claar zurück. Bis zum letzten Tag hier la guigne. Gut, noch mehr, wenns dann nur in Deutschland besser wird! Nachts vor gepackten Koffern: Unglück über Unglück. Rütten \& Loening schicken das Buch über Frankreich zurück. Trostloser Nachmittag. Besorgungen. Bei Druet 3 Gauguins gekauft. Diese und einige Photographien nach Maillol versetzen mich in eine kurze süße Verzückung. Zu Mère Jeanne – Renée. Praecox. Auch das muß mißlingen. Mit Mathis und Franzl Diner in der Brasserie Universelle. Sie geben mir gesunde Lektionen. Nicht zu viel den Leuten von meinen Angelegenheiten sagen, sondern: »Wenn ihr mir nichts Gutes zutraut, dann brauche ich euch überhaupt nicht.« Keine Rechtfertigungen. So werde ichs machen. Nach Deutschland gehen und keinem Erklärungen geben, der nicht dadurch, daß er sie verlangt, schon Teilnahme zeigt. Die anderen: Foutez-moi la paix! Zu Fuß nach Montparnasse. Brief von Hedwig. Allerlei Alkohol in den Lilas. Soll morgen in Straßburg Mathis' Eltern besuchen.   Straßburg, den 3. November. Um 8 von Paris fort, im Coupé ein protestantischer Geistlicher, jung, der aus London kam und sich einer Missionsgesellschaft nach China anschließen will. Fabelhaft frei und aufgeklärt, modern. Warum aber dann überhaupt noch Geistlicher? Er hat sich interessiert für vieles, was ich ihm sagte; ich erzählte ihm von dem Gauguin-Idyll in Tahiti und meinte, daß das Wort auf Gauguin paßt, »die, welche das Himmelreich besitzen«. Er versteht das. Abends in Straßburg Hotel Pfeifer. Einladung von Familie Mathis zum Diner. Dort die Jungverheiratete, herrlich erblühte Marise, Dr. Burg, der für den ersten Anwalt Elsaß-Lothringens gilt. Sehr angeregte Tischunterhaltung über Spanien. Vorzügliche Bewirtung. Reizende harmonische Familie. Kaffee im Bibliothekszimmer. Konversation über die Trennung von Staat und Kirche. Die Stadt mitteldeutsch, altertümlich. Lotharstimmungen. In einer Gasse bunte Laternen, ein buntes, halbnacktes Gemiesel quillt, mich lockend, aus einer Tür. Volksleben in den Wirtschaften, es ist Samstag Abend.   München, den 4. November. In München abends Richard am Bahnhof mit dem kleinen Otto. Im Hotel Wolff eine Flut von lauter angenehmen Briefen. Baronin, Obrist, Lampe, Gräfin Reventlow, Käti. Meine gesellschaftlichen Befürchtungen schon verscheucht. Abends bei Richard. Entzückende geschmackvolle Wohnung. Agnes recht gesund, fast dick geworden. Sie ist sehr liebenswürdig, werde nun bei ihnen wohnen. Agnes' Arbeiten fast französisch impressionistisch. Auch Richards Zeichnungen machen Fortschritte. Entwickelungsfähig. Alles scheint hier zum besten zu sein. Erfahre, Louise Bücking habe vor ein paar Jahren, als ich sie in solchem Zustand wähnte, von Mathis ein Kind erwartet, das unter Franzl's Leitung nichts wurde. Richard und Agnes sind schlecht auf sie zu sprechen. Sie bummele schwabingisch herum. Als ich nach Hause ins Hotel gehe, treffe ich nachts auf der Theatinerstraße Schloß und Gaupp, die von Sternberg kommen. Keinerlei Verstimmungen. Dann noch ein Glas Bier allein im Matthäserbräu. Alte Münchener Stimmung.   5. November. Morgens holte mich Otto im Hotel ab. Er ist lieb und zutraulich, will aber doch nicht, daß ich in seinem Zimmer schlafe, weil ihm das seine Gewohnheiten stört. In der Trambahn Fräulein Brentano und Fräulein Thieme. Dann bei Dülberg. Ich finde ihn im Nachthemd in seine Korrespondenz vertieft. Immer noch sein aufreizend objektiver Standpunkt. Er will's mit keinem verderben. Auf der Trambahn Edgar Steiger. Säuft sich so durch, – aus Einsamkeitsgefühl. Ich esse im vegetarischen Restaurant; dann im Café Lutz Sonneck, der ganz Amerikaner geworden ist, mit einer amerikanischen Frau, die kein Wort Deutsch kann, Goldzähne hat, freundlich und ältlich ist. Auf der Straße treffe ich Bruckmanns, die nach meiner Frau fragen. Erfahren durch mich alles. Freundliche Reserviertheit. Zwei Schritte weiter Baron Dungern. Erfährt auch alles erst durch mich. Freundschaftliche Teilnahme. Hat inzwischen auch viele unangenehme Weiberangelegenheiten gehabt, will sich in Wien habilitieren. Dann beim Anwalt. Der Prozeß muß ernstlich geführt werden, da er nicht ohne Aussicht ist. Dr. Prager dumm, aber vielleicht ein guter Anwalt. Dann treffe ich Dungern im Café Franz Joseph. Er gibt mir juristische Ratschläge. Wir fahren zusammen nach Schwabing, ich zu Obrist. Sehr herzliche Aufnahme, hat viel Verständnis für meine Lage, auch für mein geistiges Leben. Es müsse mit dem Teufel zugehen, wenn daraus nichts Reifes würde. Abendessen in der Brauerei, dann bei Richard wegen seiner Zeugenschaft, Louisas Verleumdungen betreffend. Gegen 10 im Künstlerhaus Dungern getroffen, mit dem Marquis Bayros, der einen prachtvollen Kopf hat. Außerdem Baron Seebach, der livländische Geschichten erzählt. Dann alle im Café Luitpold. Ein junger Schriftsteller von Maassen erzählt von seinen Spielerfahrungen in Ostende. Ich gehe mit Bayros zusammen heim, der, in vollkommener Armut von seinen Zeichnungen lebend, ein vollkommener Gentleman ist. Ich wohne bei Richard, schlafe im Eßzimmer.   6. November. Vormittags. Richard bei Fuchsens. Sie tun plötzlich sehr versöhnlich. Nichts würde so heiß gegessen, als gekocht. Sind bereits gesellschaftlich geschnitten worden und haben Angst, ich sei daran schuld, suchen aber noch immer keine ernste Einigung. Ich gehe zur Gräfin Reventlow, sie weiß auch keine Details. Ich gebe ihr dagegen einige. Nachmittags zum Anwalt, hat bereits Gegenklage erhoben, einige mir peinliche Intima eingefügt, die ich lieber redressieren will, hält die Gründe meiner Frau für ganz aussichtslos, meine dagegen für fundierter. Abends bei der reizenden Frau Dr. Müller, ihr Mann verreist. Ich gebe ihr auch die nötigen Aufklärungen und glaube damit endgiltig alle Mäuler gestopft. Dann bei Debschitz mit Richard. Sehr angeregte, wechselnde Unterhaltung bis 1 Uhr. Sehr unangenehm war allein die Haltung Bernsteins, bei dem ich einen Augenblick in der Kanzlei war. Absicht oder momentane Münchener schlechte Laune? (Spätere Randbemerkung: Der vollkommenen Interesselosigkeit dieses Anwalts habe ich überhaupt zu verdanken, daß die Geschichte so weit gekommen ist.)   7. November. Bei dem Schauspieler Ludwig Heller wegen ›Montmartre‹ im Schauspielhaus. Nennt sich meinen Bewunderer, will alles tun, telephoniert gleich der Lilli Marberg, die für ein Wiener Gastspiel eine Rolle sucht. Aber Fräulein Marberg gießt gerade ihre Palmen und hat im Augenblick keine Zeit. Abends lese ich Agnes und Richard aus dem Buch über Frankreich vor. Großer Eindruck.   8. November. Nachmittags bei Helene Klages. Ich treffe sie vor ihrem Haus und gehe mit ihr in die Stadt. Sie ist gesünder, aber nicht hübscher geworden. Das Harte, Derbe ihres Gesichts akzentuiert sich. Von mir hat sie zu Louisa gesagt, ich sei im guten, wie im schlechten Sinn ein Gassenbub. Sie weiß nichts Näheres über den Prozeß. Ich sage ihr die Hauptpunkte. Um 5 bei Richard zum Tee. Stern und Gräfin Reventlow. Stern mir gegenüber erst befangen, reserviert, dann Gespräch vom Prozeß. Er geht aus sich heraus, nimmt einen freundlich objektiven Standpunkt ein, schlägt eine persönliche Entrevue zwischen Louisa und mir vor mit vorheriger Zusicherung, daß alles im Augenblick Gesagte unverbindlich sein soll. Von Irene hat er offenbar nichts geschwatzt. Ich sehr befriedigt von diesem Gespräch. Abends mit Richard im vegetarischen Restaurant, dort Schloß. Meta hat ein Kind bekommen. Gusti dumm und vergnügt, wie immer. Schloß ein guter, gemütlicher Kerl. Dann mit Richard allein im Café Leopold.   9. November. Vormittags bei Dr. Hauck, den ich zur Parade begleite. Nachmittags mit Richard im Café. Schloß, Nasse, später Stern und Dülberg. Dieser reserviert, will offenbar warten, wie meine Sache ausgeht, um dann zu wissen, wessen Partei er ergreifen soll. Sobald alles in Ordnung ist, werde ich ihm meine Meinung über solche Gesinnungstüchtigkeit sagen. Beim Anwalt. Ich spreche Dr. Pflaum, den einzigen, mir sympathischen dort. Er ist überzeugt, daß ich mit Mk. 10 000,– herauskomme, daß meine einseitige Verurteilung so gut wie ausgeschlossen ist. Abends hielt Obrist Vortrag im Monistenbund. Eigentlich Geschwätz. Eine jammervolle Gesellschaft. Wir bringen Frau Obrist nachhause. Dann mit Richard und dem Maler Adler eine Stunde in der Brauerei. Niedliche Kellnerinnen, leichter Bierrausch. O München!   10. November. Vormittags bei Parin. Dort Friedrich Huch mit Jüngling. Parins neue Arbeiten ganz interessant. Dann geht Huch und Begleiter fort. Gespräch mit Parin. Er will Frau von Schewitsch etwas aushören, die vermutlich von der Fuchs gegen mich bearbeitet ist. Nachmittags bei Frau Heiseler, die ein Gespräch mit Louisa in ihrer Gegenwart vorschlägt. Alles billigt meinen Standpunkt. Abends mit Bayros Parkhotel. Dort von Maassen, Dr. Hartmann mit einer netten Freundin. Dieser sehr lustige, etwas lebemännische Kreis dürfte für mich jetzt doch geeigneter sein, als Dülberg, Stern, Wolfskehl. Der letzte ist, wie Richard erzählt, äußerst erbittert gegen mich und fürchtet von mir Intriguen. Ich glaubte Schwabing endlich beruhigt und stehe der ganzen Wolfskehl-Sache so fern und ruhig gegenüber, daß ich das alles kaum verstehe.   Sonntag, den 11. November. Vormittags bei Frau Heiseler. Dann erscheint Louisa, verheult, schaut mir nicht ins Gesicht. Merkwürdige Mischung: halb rührend, halb ordinär. Sie beklagt sich, daß ich ihr nur ein Drittel meiner Einkünfte schicke, rechnet uns dann vor, daß sie zehntausend Mark braucht, die ich ihr auch sofort genehmige. Ich lasse sie dann mit Frau Heiseler allein. Sie wirft mir einen Blick zum Abschied zu, der mich an alte Zeiten erinnert und tief rührt. Ich gehe heim mit der Befriedigung, daß nun alle Gemeinheiten ein Ende haben. Nachmittags bei der Gräfin Reventlow. In Suchockis Dachwohnung. Sie bietet sich mir als Zeugin für den von mir nun zu begehenden Ehebruch an. Wir verabreden une nuit galante für diese Woche. Zum Tee und Abendessen bei Debschitz. Dort Fräulein Nachtigall schöner als je. Ihre beginnende herbe Altjüngferlichkeit ist ganz verschwunden. Es liegt eine sinnliche Süßigkeit über ihr. Ich erfahre, wie gräßlich sich die kleine Glasenapp auf einen Kärntner Bauernhof verheiratet hat. Die Unterhaltung ziemlich träge. Wohlwollender Klatsch über alle Bekannten.   12. November. In der Frühe Brief von Frau Heiseler. Louisa hat ihre Erklärung, sich mit einer Abfindung von zehntausend Mark zu beruhigen, von ihrer Familie beschwatzt, am Nachmittag wieder zurückgenommen. Das sieht ihr wirklich ähnlich. Ich gerate in namenlose Wut. Um 11 bei Frau Heiseler. Ihr Standpunkt ist, ich hätte doch wohl Schuld an der Ehezerrüttung, aber es sei freilich zugleich eine Pflicht für mich gewesen und eine Notwendigkeit, eine solche Ehe zu zerrütten, in der ich zugrunde gegangen wäre. Ja, es sei in höherem Sinne moralischer gewesen, die Ehe aufzuheben, als sie fortzuführen. Louisa, die Frau Heiseler für dumm, einfältig und schwächlich hält, aber doch nicht für gemein, sei eben gerade ihrer Geringwertigkeit wegen imstande, eine solche Ehe ruhig weiter zu führen. Sie rät mir daher, ich soll ihr fünfzehntausend Mark geben. Zuhause treffe ich Obrist, der bei Agnes und Richard gegen französische Kunst redet, worüber Agnes entzückt ist. Dann kommt Dr. Müller, sehr liebenswürdig, ganz auf meiner Seite, versichert, daß ich keinerlei Sympathien verloren habe, daß dagegen Familie Fuchs keine besondere gesellschaftliche Schätzung mehr genießt. Um 3 Uhr beim Anwalt, der sich nun als ganz dummer Kerl herausstellt (Dr. Prager). Ich gehe selbst ans Telephon und verhandele mit Rosenthal, Louisas Anwalt, biete zwölftausend für den Fall, daß alle meine daran geknüpften Bedingungen erfüllt werden. Er will mit Louisa reden, hatte vorher fünfzehntausend verlangt. Jedenfalls steht nun die Einigung bevor. Dann auf der Redaktion der »Jugend«, verlange ein verlorenes Novellenmanuskript zurück, das unauffindbar ist. Dr. Sinzheimer bietet mir unaufgefordert fünfzig Mark Entschädigung an. Gumppenberg kommt dazu. Dann auf der Allgemeinen Zeitung, wo ich erfahre, daß mein Aufsatz »Französische Kultureinheit und Absolutismus« dort akzeptiert ist. Habe das Gefühl, daß nun alles wieder bergauf geht. Auf der Ludwigstraße Richard mit Dr. Landshoff im Gewühl der Leute, die den durchreisenden Kaiser sehen wollen. Landshoff, rührend liebenswürdig, bat mich auf den folgenden Tag in seine Villa in Ludwigshöhe zu kommen. Abends friedliche Ordnung von Richards Geldverhältnissen, der nun wirklich durch die Ehe auf guten Weg gekommen ist und hübsche Sachen arbeitet. Agnes, eine zwar pimpeliche und einseitige, aber doch nicht unvornehm empfindende Frau. Ein derartig aufreibender Tag lange nicht vorgekommen. Habe nun endlich Ruhe nötig. Frau Heiseler findet mich sehr angegriffen aussehend, aber doch nichts mehr von der alten Müdigkeit und Schlappheit. Fühle mich mit meinem Temperament und Geist sehr auf der Höhe und sicher, besonders den Anwälten gegenüber, deren Lebensauffassung doch von der meinen sehr abweicht.   13. November. Nachmittags eine mögliche Wohnung gefunden. Primitiv, aber drei Südzimmer. Dann scharfer Streit bei Rosenthal. Wir einigen uns auf zwölftausend Mark. Gegen Abend zu Landshoff nach Prinz Ludwigshöhe. In der Bahn die Baronin Scheve getroffen. Verjüngt und sehr elegant mit einem glattrasierten, schlanken, etwas kammerdienerhaften Grafen So und so, den sie duzt. Sie lebte bei ihm in Florenz, jetzt er bei ihr im Grünwald in der Villa Ceconi. Sehr liebenswürdig. Wir mokieren uns über Ehe und ähnliches. Landshoffs leben in einer fast schloßartigen Villa mit großer Hall. Sie hübsch, aber häßlich biedermeierisch angezogen, Reformkleidung, große häßliche Ohrringe. Müde schleppende Unterhaltung. Dann von meiner Scheidung. Sie haben nur Schlechtes von mir gehört. Louisa sei vor der Ehe ein reizvolles Wesen gewesen, jetzt reizlos und albern. Ganz meine Meinung. Er aber versteht mich. Sie hält mich für einen großen Egoisten. Merkwürdig, obwohl ich den Egoismus bei anderen gar nicht verdamme, ist das vielleicht meine einzige Empfindlichkeit: Ich will nicht für einen Egoisten gelten. Nicht etwa, weil ich einer wäre. Ich würde mich z. B. ruhig eitel nennen lassen, was selten geschieht, obwohl ich es wirklich bin. Sie sucht dann ihre Worte abzuschwächen und sagt, wenn sie sich scheiden ließe, müsse sie sich einmal mit mir verheiraten: »Sie als Ehemann interessieren mich. Vielleicht würde ich Ihre zwei Frauen rächen!« Ich: »Gerade so etwas möchte ich erleben. Eine Frau so lieben und verehren, daß sie mich unterkriegt. Alles an ihr in Kauf nehmen, um nur sie nicht zu verlieren, aber sie muß auch danach sein!« Die Behaglichkeit der Landshoffschen Ehe ist mir ein bischen zu langweilig. Sie nennen sich Papa und Mama und machen mit Vorliebe Anspielungen auf Physiologica.   14. November. Definitiver Entschluß, Clemensstr. 20 die Wohnung zu mieten. Mit Richard dort, dann Dampfbad. Abends totmüde zu Hause. Die Münchener Luft und die Münchner Sinnlichkeit captivieren mich wieder so stark, wie je. Nur meine geistige Nahrung werde ich nicht mehr von hier beziehen. 6 Monate reisen jährlich geplant.   15. November. Abschiedsbesuch bei Frau Heiseler, die sich sehr über die Einigung freut. Ihrem Einfluß ist sie mit zu danken, als Stimme der Gesellschaft. Auch sie meint, Louisa sei nun durch mich nicht mehr geschädigt. Nachmittags bei Heller. Die Marberg soll sich totlachen über die Stelle, daß Paulette Schumann »nicht auf französisch lieben kann«. Das ist echt schauspielerinnenhaft. Beim Notar mit Louisa und Dr. Rosenthal zur Unterzeichnung des Vertrages. Zwölftausenddreihundert Mark, wovon sie dreihundert als Anwaltskosten benutzen soll, die ich nominell nicht tragen will. Louisa sah rührend aus, plötzlich wieder hübscher. Sehr höflicher Verkehr, was ihr offenbar sehr recht war. Sie ist wirklich nur das zerbrechliche Gefäß, in das freilich alle Fremden Unrat füllen können, soviel sie wollen. Dann bei Rosenthal allein, der effektiv keine Scheidungsgründe gegen mich wußte, zu welchem Geständnis ich ihn lachend zwang. Ich soll also einen ehewidrigen Brief an Louisa von Berlin aus schreiben. Rosenthal hätte lieber gehabt wenn ich ad hoc einen Ehebruch begehe, darauf fragte ich ob er mir jemanden dazu empfehlen könne, ein moderner Anwalt müsse eigentlich in dieser Hinsicht etwas Auswahl haben. Mir widerstrebt das übrigens, zumal die Gräfin inzwischen Influenza bekommen hat. Schließlich einigten wir uns auf einen Brief, Rosenthal indessen weiß nicht ob das genügen wird. Er sagt der Brief müsse eben danach sein. Nun, er soll ein kleines literarisches Kunstwerk werden. Ich freue mich schon auf die Gesichter, die die Richter machen werden. Abends im Park-Hotel. Bayros erzählt von seiner Ehe mit der Tochter von Johann Strauß in Wien. Die Ehe wurde annulliert, weil seine Frau nach der Hochzeit nicht seine Frau werden wollte. Dann kam ein Herr Köffler, ein gut gewachsener eleganter Deutsch-Amerikaner, der sehr interessant von der Großartigkeit des amerikanischen Amüsements mit Damen erzählte. In gewissen Häusern müßten die Mädchen für jedes Wort slang 5 Dollar Strafe zahlen. Vormittags bei der Gräfin wegen des roten Fadens. Sie hustet, lungenschwach, muß wegen einer Zahnoperation morgen chloroformiert werden. Wahrhaftig, die Lust ist mir vergangen.   16. November. Nachmittags bei Bayros. Seine erotischen Zeichnungen recht delikat und erregend, aber ohne viel eigene Erfindung, solid gearbeitet. Aussicht auf interessante Redoutengesellschaft für den Carneval. Abends Thee bei Dr. Müller. Die liebe Wanda Falckenberg in ausgezeichnetem lila Kleid. Er ohne Bart und hübsch, haben sich in Bruck angebaut, sind glücklich. Die Baronin Bernus war dick und schwammig. Er noch immer das Mißtrauen erweckende Spitzbubengesicht. Eine junge Livländerin, Anna von Knierim, Freundin der Susi von Zimmermann, die plötzlich Krankenpflegerin werden will. Dülberg und ich begleiten sie nach Hause. Sie ist sehr unternehmungslustig, »quatscht« aber haltlos allerlei durcheinander, will noch mit in eine Weinstube, die »Simplicissimus« heißt, kommen, dann wieder will sie nicht. Verspricht morgen Abend mit mir ausgehen zu wollen. Verlangt dann meine Adresse von mir, falls sie es sich doch noch anders überlegt und abschreiben möchte. Toll, haltlos, amüsant. Hübsche lange knabenhafte Figur, aber ihr Mund gefällt mir nicht ganz gut. Dülberg wieder sehr liebenswürdig, weil er weiß, daß meine Sache sich zu meinen Gunsten entschieden hat. Im Januar werde ich ihm einmal den Spiegel vorhalten.   17. November. Früh mit der Post endlich die notarielle Ausmachung mit Louisa erhalten. Abends mit Frl. von Knierim zu Fuß zum Ratskeller gegangen. Sie befragt mich über Bohème usw., die ich als etwas Unangenehmes schildere, wegen der Öffentlichkeit dessen, was geschieht. Sie ist entsetzt über die Notwendigkeit der Verheimlichung, spricht von entwürdigenden Ketten, das alte deutsche Lied. Kommt den ganzen Abend immer wieder darauf zurück. Trinkt keinen Tropfen Wein, weil sie das »zu lustig machen würde«. Überspannt wie alle Baltinnen, aber garnicht dumm. Jedenfalls nichts für mich in ihrer unkomplizierten Offenherzigkeit.   18. November, Sonntag. Zum Thee bei Frau von Schewitsch. Entzückender Empfang durch Frau von Davitschoff. Die Schewitsch krank im Nebenzimmer, giebt nur Privataudienzen. Weißes flockiges Seidenkleid, silbergestickte Pantöffelchen, jugendlicher als je, obwohl sie 70 Jahre alt sein soll. Spricht äußerst verständnisvoll von meiner Ehe, die nicht gehen konnte. Das sexuelle Element müsse stimmen, sagt diese weise alte Frau ganz von selbst, sonst ginge es nicht. Louisa soll übrigens nett von mir gesprochen haben. Ich: ich trage ihr jetzt nicht das Mindeste mehr nach. Genau das soll sie von mir gesagt haben. Heute erhielt ich übrigens eine nette Antwort Louisas auf meinen gestrigen, in Güte abschließenden Brief. Dann sehr reizvolle Konversation, zu der Frau von Schewitsch zuletzt in den Salon kommt. Ich erzähle einiges von Spanien und fühle mich sehr à mon aise. Nachts vorm Schlafengehen plötzlich ein schauderhafter Streit mit Richard und Agnes. Sie werfen mir vor, daß ich an der Verzögerung von Agnes' Gesundung und ihrem evtl. nie Ganzgesundwerden schuld sei, da ich Richard zu geldknapp gehalten hätte. Richard, wie immer in solchen Fällen, unbeschreiblich ausfallend. Ich bin empört über diese Angelegenheit und erkläre zunächst unsere Beziehungen für gelöst. Ich habe ihm stets geschickt, was er braucht, und wenn nicht immer sehr bereitwillig, dann wegen des beleidigenden Tones seiner Briefe, die mir nie die Sachlage einfach und ruhig darstellten. Wenn ich seinerzeit die Krankheit Agnes' nicht so furchtbar ernst nahm, so geschah es nach Information von Richards eigenen Ärzten. Wir gehen trotz Agnes' netter Vermittelung ohne Abschied zu Bett, dann fällt mir mein Vorsatz ein, die Leute glauben zu lassen, was sie wollen und mich nicht mehr zu rechtfertigen. Wozu dies alles? Ich tue was mir richtig scheint, er mag denken was er will. Ich rufe ihn nocheinmal zu mir, sage ihm, bei näherer Überlegung wäre es mir nicht ehr wesentlich was er denkt. Und daraufhin reichen wir uns die Hand. Keine Versöhnung, sondern Kompromiß. Ich will die Beziehungen zu Menschen nicht mehr ernst nehmen, das schafft nur unnötige Aufregung.   Bamberg, den 19. November. Richard brachte mich gegen Mittag an die Bahn, suchte seine Worte vom Vorabend abzuschwächen, versichert mich seiner brüderlichen Gefühle, ich ihn meiner Gerechtigkeit im Gegensatz zu Hedwig und Alfred, die alles aus ihrem Nervenzustand betrachten. Der Fabrikrauch und die Türme Nürnbergs in rosigem Abendhauch. In Bamberg Kätchen an der Bahn. Schlank und niedlich, befangen ernst. Wir wissen noch nicht wie wir uns wieder stellen sollen. Im Wagen zum Hotel Bamberger Hof. Altvaterisch, noch wie vor drei Jahren, als ich hier einmal auf der Durchreise nach Wildungen verweilte. Parterrewohnung im altertümlichen Viertel am Fluß. Große, nicht sehr behagliche Räume, sogenannte Bauernstube. Ein Riesendienstmädchen serviert den Thee. Im Schlafzimmer das alte weiße Bett und die komischen Kätchen-Möbel. Tode der Hund jammert. Sie giebt dem Mädchen allerlei Aufträge, Wäsche betreffend und Geld. Ganz Dame geworden. Beim Thee tauen wir auf. Ihr Hugo, der jetzige Freund und mein Nachfolger, natürlich Jude, Kaufmann, läßt ihr völlige Freiheit und schafft pekuniäre Unabhängigkeit, bis sie als Schauspielerin was kann. Sie hat ihn ganz am Fädchen. Entzückend, wie geschickt sie das Alles macht. Dieses liebenswürdige Gaunertum, diese ewigen Lügen ohne Verlogenheit. Ich sage ihr auf den Kopf zu, daß sie mich vor zwei Jahren betrogen hat, sie giebt es ohne weiteres zu. Aber das stört mich garnicht, sie hat es gewiß sehr nett gemacht. Wie ekelhaft waren mir dagegen Louisas kleine Liebesgeschichten vor der Ehe, trotz ihrer Harmlosigkeit. Ich hätte mich zu wenig um sie gekümmert, sagt Kätchen, und sie klagt mich heftig meines Egoismus an; Endell hätte ihr gesagt, Endell, dem ich aus so mancher Geldverlegenheit geholfen habe, ich rechne mir ganz genau aus, wie liebenswürdig ich gegen den und gegen jenen sei, was mir nach Befriedigung aller meiner Bedürfnisse evtl. für andere übrig bliebe. Gefühle für andere dagegen kennte ich nicht, und das glaubt sie nun auch. Das schmerzt mich einen Moment sehr, da ich mich wieder brennend in sie verliebe. Dann aber finde ich diesen Vorwurf komisch von einem Wesen, für das ich doch auch nur ein Stein in seinem Schachbrett war, wenn auch der König. Man hat ihr immer gesagt, ich lege Geld zurück, während ich stets von meinem Kapital genommen habe, als ich mit ihr verkehrte. Auch dieser Argwohn hat sie geärgert. Aber schließlich löst sich das peinliche Gespräch in Verliebtheit auf, leichte Küsse. Es wird 8 ¼. Sie will sich umkleiden zum Ausgehen. Ich darf im Nebenzimmer bei offener Tür sitzen. Als sie die Wäsche wechselt und ich wieder diese hinreißende Büste sehe, die mir seit zwei Jahren kein Weib hübsch genug erscheinen ließ, stürze ich mich über sie und bedecke sie mit Küssen. Theerosen-Parfüm, das sich fabelhaft mit ihrem natürlichen Geruch verbindet. Sie wehrt sich, die Leute könnten hereinsehen usw. und verspricht lieber so wie sie ist ins dunkle Nebenzimmer zu kommen, wenn ich sie nur jetzt loslasse. Sie kommt, und unsere alten Beziehungen sind wieder hergestellt, nur viel schöner als je. Ich flehe sie an, mich Nachts einzulassen, sie dürfe es mir nicht abschlagen. Seit zwei Jahren sehne ich diesen Augenblick herbei und dabei fühle ich wieder diese festen geschmeidigen Glieder, das trockene dichte Haar und den wundervollen Geruch. Sie hat wohl niemals jemand von sich so hingerissen gesehen, wie mich in diesem Augenblick und verspricht mir alles. Sie zieht sich fertig an, reizend, elegant. Dunkelbraunes Sammtkleid, weiße Seidenblouse, weißer Hut und hellgelber Abendmantel. Wir essen im Bamberger Hof etwas provinzial, mäßiger Caviar, dann aber vorzüglicher Mosel. Münchener und Berliner Geschichten. Dann nach Hause. Das Riesendienstmädchen hat gut geheizt und die Hoffnungen von zwei Jahren erfüllen sich dreimal. Wir verstehen uns besser als je. Jetzt erst würdige ich, was ich an ihr habe. Alles ist reizender, raffinierter und erfahrener, als vor zwei Jahren und trotz alledem, was sie inzwischen erlebt hat, habe ich das alte Gefühl einer inneren Keuschheit und Aufrichtigkeit bei ihr; während Louisa unkeusch und unwahr war, obwohl sie gewiß viel weniger log, als dieses Kätchen, das eben in seiner Natur echt ist. Wir werden uns nun von Zeit zu Zeit sehen. Im Dezember kommt sie wohl nach Berlin. Später nach München. So sind wir völlig unabhängig von einander, ohne alle Eifersucht und ohne Möglichkeit von Konflikten. Ist das nicht gerade das was ich brauche? Um halb 3 Uhr Nachts ins Hotel zurück. Dieses Hotel im Style des 18. Jahrhunderts hat eine Art Casanovastimmung am anderen Vormittag gehabt.   20. November. Vormittags während Käti in der Probe ist, Gang durch das herbstsonnige altertümliche Städtchen. Dann mit Käti in einer Weinstube zum Essen. Bei Tag sieht sie doch etwas gealtert aus, was aber meine Empfindungen nicht stört. Sie benützt einen rosa Puder, der mir nicht angenehm ist. Ausgezeichnetes Essen, Karpfen, Liebfrauenmilch. Dann zu Fuß auf die Altenburg, wo wir in der Dämmerung ankommen und in der holzgetäfelten gewölbten Gaststube Kaffee trinken. Unten in dem Thal die Lichter von Bamberg, Heimweg im Dunkeln. Wir kaufen in einem Delikatessen-Geschäft unser häusliches Abendessen ein, dazu eine Flasche Samos. Zu Haus das Musikzimmer gut geheizt. Während wir auf dem Divan ruhen sind wir vom Feuer des Ofens beschienen. Sie ist viel klüger und talentvoller für die Liebe geworden, als sie je war. Ich entdecke ein entzückendes blaues seidenes Schleifchen zwischen rotgoldenem Haar. Dann gemütliches Abendessen zusammen, eingehende Unterhaltung über ihre jetzige Lage. Sie ist, wie ich, ganz entschwabingt, von der Wirklichkeit erzogen. Die einzige Schwabingerin die Mut hatte ihr Leben zu gestalten, statt sich von Ideologenkram abspeisen zu lassen. Zunächst ist nun endlich die materielle Grundlage bei ihr da, sie erzählt von einem an ihr gescheiterten Verführungsversuch Wolfskehls in nächtlicher Droschke in München. Die Schwabinger Männer plump, unkavaliermäßig unfähig eine Frau leise in die Situation zu bringen, die sie brauchen. Kinder, die keine Männer werden wollen. Aber auch die Weiber keine Weiber. Das Kätchen imponiert mir als femme entretenue mehr, denn als Schwabinger Mädel. Nach Tisch probt sie ein bischen das Rautendelein. Dann betrachteten wir im »Amethyst« die äußerst gewagten Zeichnungen. Schon waren wir angezogen, aber nun zogen wir uns wieder aus; lange, angenehm träge Vorspiele, und schließlich Abschiedsumarmung. Dann beim Anziehen konstatieren wir, wie glücklich doch nun alles gekommen ist; damals konnte ich nicht mehr für sie eintreten, weil sie ein zu unverläßliches Wesen war und unser ganzes Verhältnis dadurch zu unentschieden. Jetzt dagegen sei es klar und entschieden. Daß der zahlende Liebhaber immer betrogen werden muß: Naturgesetz. Mehr als der Ehemann, demgegenüber sich doch in manchem Mädel das Gefühl der Pflicht regt. Zum Liebhaber, der ein Mädchen dauernd aushält, eigne ich mich nun einmal nicht. Als Gigolo bin ich viel liebenswürdiger. So sind wir materiell unabhängig voneinander, aber zu freundschaftlichen Opfern bin ich natürlich in dem Rahmen meiner Verhältnisse stets bereit. Wir trennen uns im süßesten Einverständnis müde um halb zwei Uhr. Wiedersehen in Berlin vor Weihnachten. Ich reiche ihr von außen den Schlüssel durchs Fenster zurück. Zwei vollkommene Tage.   Berlin, 21. November. Fahrt von Bamberg nach Berlin, unterwegs Lektüre des Amethyst. In Korbetha wieder die ersten preußischen Beamten mit ihrem Geschnarre. Zuerst Grauen vor Norddeutschland. In Berlin im Holsteiner Hof. In den Straßen zunächst nur das Gräßliche der Großstadt ohne den Pariser Reiz. Ich bin noch zu voll von Kätchen, um mich viel um die wie es scheint hübschen Frauen zu kümmern. Ich esse wie oft vor 7 Jahren im Central-Hotel. Am Tisch große, schönarmige Berlinerin mit einem degeneriert eleganten Polen, der Paris auf Kosten von Berlin lobt, die Langweiligkeit der Berliner Lokale tadelt. Sie: »na, in Paris können sich die Leute doch auch nicht auf den Kopf stellen, alles das ist nur Einbildung«. Das ist die ganze Berliner Phantasielosigkeit. Café Monopol. An meinen Tisch setzt sich eine jüdische Familie mit einem jungen Mädel, das krampfhaft die »Münchener Jugend« verlangt. Dann setzt sich ein Herr Studiosus Rosenthal dazu, von der Verbindung der Makkabäer und beginnt zu pussieren. Ich gehe traurig heim durch die Friedrich- und Leipziger Straße. Ich denke viel an Kätchen und sende folgendes Dankgebet empor: »Dem Himmel Dank, daß er mich von den Malerinnen und Künstlerinnen mit Persönlichkeit und ›aufrichtiger Gesinnung‹ befreit hat, daß er mir wieder ein süßes Theatermädel mit guter Wäsche gab.« Die Malerinnen dagegen sind beleidigt, wenn man ihnen einen seidenen Unterrock, oder ein Spitzenhöschen schenkt, denn erstens sind sie aus guter Familie und zweitens sind das Symbole der weiblichen Sklaverei unter der selbstherrlichen Begierde der Männer. Im Hôtel keine Decke im Bett, sondern diese primitiv norddeutschen Federbetten.   22. November. Vormittags Bernburger Straße 7 Zimmer gemietet. Ich glaube im selben Haus wie vor 7 Jahren. Auf der Post finde ich die Allgemeine Zeitung mit meinem Artikel. Frühstück bei Wertheim. Dann nach dem Zollamt. Zum Thee bei Lampe, gemütliche hübsche Wohnung. Herr von Rekulé ein etwas posierender, junger Berliner giebt dann Kokotten-Erfahrungen zum Besten und wird dabei nett. Dann mit Lampe allein, erzähle ihm die Dinge mit Louisa. Abendessen. Später kommt Heiseler. Wir fahren nach dem angeblich von ersten Schauspielerinnen veranstalteten Ball der »Berliner Rangen« und finden spießigen Mittelstand und Chormädels. Wir denken schon an Weggehen, als ich die einzige hübsche, die mir schon beim Entrée auffiel, als sie mir die Schleife verkaufte, auf der Rutschbahn wieder entdecke. Am Ecktisch Sekt. Heiseler nimmt ihre abscheuliche Freundin, die, ich weiß nicht auf Grund welcher Eigenschaften, Kokotte geworden ist. Lampe irrt suchend herum. Beide gehen bald und lassen mich mit Gretel allein. Sie ist etwas üppig, aber doch schlank und flachsblond. Aus dem Tanzchor des Metropol-Theaters. Sie entpuppt sich als ein sehr lustiges und anständig empfindendes, ganz gebildetes Ding, die wie immer, eigentlich nicht in ihre Umgebung paßt. War eines Liebhabers wegen, mit dem sie nach Bordighera ging, kontraktbrüchig beim Schauspiel geworden, darum nun 3 Jahre Engagement unmöglich. So ist sie ans Metropol gekommen. Wir verstehen uns recht gut, als plötzlich die Direktorin des Metropol-Theaters, eine Frau Schulze, zu stören beginnt. Sie hat ihre Mädchen umsonst mitgenommen, damit sie die Herrn zu möglichst vielen Ausgaben veranlassen bei der Rutschbahn und den Verkaufsbuden. Kaum sitzen wir ruhig beieinander, als sie uns aufscheucht, da dabei nicht genug für sie herausspringt. Gretel beginnt zu weinen, da sie sich darüber schämt. Ich nehme die Sache komisch. Frau Schulze giebt zu verstehen, daß sie uns in Ruhe lassen wird, falls ich ihr ein Schnitzel zahle. Dies geschieht. Diese Frau soll mehrfache Millionärin sein und trägt große Brillanten an den Händen. Wir warten dann noch eine recht ungemütliche Stunde den Moment ab, um wegzugehen, und setzen uns dann ins Café Roland von Berlin, wo das Gespräch etwas »excentrisch« wird. Ich bringe sie nach Hause, wohnt ganz in meiner Nähe, Königin Augusta Ufer. Sie fürchtet sich, ich bringe sie bis in ihr Zimmer ohne weitere Zärtlichkeit, als ein Abschiedskuß auf der Treppe. Sie leuchtet mir und meint, die Situation sei wie in einem Kriminalroman.   23. November. ½ 2 aufgestanden, Besuch bei Prof. Bie, wegen meines Manuskripts »Französische Gesellschaft und Moral«; er ist unentschlossen, ich nehme es zurück. Dann bei Julius Bard, macht mir energischen, zuverlässigen Eindruck, will eventuell zukünftige Werke mit »Gedanken über Frankreich« beginnend, verlegen. Eine Woche Bedenkzeit. Dann bei Heiseler im Hospiz des Westens. Er erzählt, Greve soll gegen Endell direkte Erpressungen vorgenommen haben. Wenn das wahr ist, lasse ich Greve auch fallen. Will dahinterkommen. Dann ist von meiner Scheidung die Rede. Heiseler hat das für mich eingenommen, daß Louisa, als sie von Paris kam, auf ihrem Höhepunkt war, daß sie sich im Sommer unter Fuchs'schem Einfluß wieder in ihre alte Formlosigkeit verlor. Auf dem Flur begrüße ich Lou Andreas-Salomé, deren interessantes, gütiges Gesicht mich erstaunt. Abendessen in dem kahlen protestantischen Speisesaal mit Heiseler. Nach Tisch lese ich ihm das von Bie zurückerhaltene Manuskript, das ihn sehr interessiert. Um 11 ¼ treffe ich Grete an der Passage. Etwas müde im Café Roland. Dann zu mir hinauf, wo es eigentlich wider meinen Willen im ungeheizten Zimmer zu Zärtlichkeiten und allen Folgen kam. Sie hat eine wundervolle, glatte Haut, mir fast etwas zu üppig und bereits zu weiche Formen. Wimmernde Sinnlichkeit mit etwas berlinerischen Ausrufen. Ich kriege dabei doch einen kleinen Schrecken, weil das Alles so schnell gegangen ist. Mit wie vielen mag sie so gewesen sein! Ich werde etwas ängstlich und frage sie so nebenher, ob sie viel erlebe. Das verletzt sie sehr. Verstimmungen. Ich weiß nicht, ob man das ernst nehmen soll. Dann aber macht sie plötzlich eine Bemerkung, die doch auf zartes Empfinden schließen läßt: Daß Du das gerade nachher fragen konntest, ist so gräßlich! Ich suche sie zu beruhigen, ich dächte nicht schlecht von ihr usw. Ich weiß nicht, soll ich ihr ein Geschenk machen oder nicht? Wird sie beleidigt sein? Ich drücke es ihr unter ihrem Hausgang schnell in die Hand, und sie läßt es in der Manteltasche verschwinden. Ich soll sie besuchen. Zuhause finde ich ihr Korsett, das sie nicht wieder angezogen hat, in meiner Manteltasche. Ich muß es ihr heute hinbringen. Als wir nachts mein Zimmer verließen, sprang plötzlich die Küchentüre auf, und meine Wirtstochter stürzte heraus: »Was geht denn hier vor?« Tut erschreckt, aber es war wohl nur Neugier. Heute früh ist sie wieder sehr freundlich, bittet mich, nach elf Uhr keine Damen mehr zu empfangen. Ich verspreche Nichts, sage aber, ich wolle es zu vermeiden suchen. »Nun, geben Sie sich ein bischen Mühe«, sagt sie mit der Protektionsmiene eines alten Mädchens.   24. November. 12 Uhr aufgestanden. Besorgungen. Dampfbad. Vegetarisch gegessen. Abends Wintergarten. Liddy von der Marigny-Gipsgruppe in Paris unterwegs auf der Friedrichstraße getroffen. Auch Irene sei da, aber im Augenblick verreist. Wintergarten roh und fürchterlich. In meiner Nähe sehe ich Herrn und Frau von Kunowski, die ich begrüße. Die berühmte Tänzerin Ruth Saint Denis. Anfangs fürchte ich Kitsch à la Schwabing, aber zum Schluß wird es prachtvoll. Sie kann wirklich tanzen. Wozu aber der ganze indische Theaterapparat, der doch mißtrauisch gegen ihre Kunst machen muß, denn das Indische an ihr ist sicher Nichts, nur das Tanzen ist echt. Dann mit Kunowskis im Café Scandinavia. Sie ist hübscher als je, er ganz der Alte, in sich und seine Apostelpläne vergraben. Auf dem Heimweg schreit plötzlich Jemand hinter mir: »Berliner Range! Berliner Range!« Und das abscheuliche Lieschen vom gestrigen Ball rennt mir nach. Mit Mühe werde ich sie los.   25. November. Grauer, nebliger Sonntag. Besuche gemacht, Niemand getroffen. Zum Tee bei Greves. Er ganz Litteratur, Theater, Verlag. Sie altert, macht sich aber gut zurecht, immer noch die prachtvolle, elegante Figur. Sie arbeiten zusammen, wobei sie ihren Courtisanenstandpunkt festhält, Alles vom Standpunkt des Vergnügens aus zu betrachten. Besonderen Spaß macht ihr, wenn er die sehr erotischen Tausend-und-eine-Nacht-Erzählungen mit ihr übersetzt, wobei sie näht und das Gefühl hat, er liest es ihr vor. Ich nehme ihn dann mit mir in die Stadt, um mir den Fall Endeil aufklären zu lassen, werde aber nicht klug daraus. Schwer Gravierendes für ihn kann ich nicht finden, aber ebensowenig für Endell. Die Erpressungsgeschichte erklärt sich so, daß Endell ihm circa 3000 M schuldig war, ihm zunächst 1500 zurückgab, um die Trauung in England zu ermöglichen, die Endell im Inland dadurch unmöglich gemacht haben soll, daß er den Ehebruch seiner Frau aus Rache als Scheidungsgrund benützt habe. Greve soll deshalb eine Revision des Prozesses angedroht haben, um beiderseitige Schuld der Gatten zu erzielen, damit das Ehehindernis wegfällt. Das betrachtete die Gegenpartei als Erpressung. Klar ist die Sache jedenfalls nicht. Endell sagte mir vor zwei Jahren in München, gerade er habe vermeiden wollen, den Ehebruch als Scheidungsgrund zu nehmen, aber sei damit an Manövern der Gegenpartei gescheitert. Endell muß jedenfalls sehr neurasthenisch gewesen sein in der Zeit der Trennung von seiner Frau, soll Greve weinend und drohend überall hin bis nach Neapel verfolgt haben, weil er nicht allein sein konnte usw. Greve versichert, ihn nicht unnötig gequält zu haben, aber schließlich sei er unausstehlich geworden. Von einer gemeinschaftlichen »freundschaftlichen« Reise nach Neapel spricht auch Endell; er habe die Beiden um Schonung und Retardierung ihres Planes gebeten, was Greve behauptet, bis zur Grenze des Möglichen berücksichtigt zu haben. Ich verzichte darauf, die Sache zu entwirren, da Tatsachensinn und das Gefühl für juristische Sachlagen beiden Parteien völlig zu fehlen scheint. Abends Deutsches Theater, Reinhardt, Wintermärchen. Es störte mich der berlinische Tonfall vieler sonst guter Schauspieler, selbst des Fräulein Höflich. Die vielen hübschen Frauen hier fallen mir täglich auf. Wohl tut die Mädchenhaftigkeit, die den femmes parisiennes so oft fehlt, dabei schließe ich aus Blicken und Gebärden, daß ich hier eine rara avis bin, während ich in Paris als einer von Vielen in der Menge verschwinde.   26. November. Brief von Dr. Bloch, Einladung ihn in seiner Sprechstunde zu besuchen. Ein widerlicher kleiner Jude, aufdringlich, indiskret, geschwätzig. Da sehr gut dokumentiert, war die Unterhaltung doch ganz interessant. Er empfiehlt mir Brom gegen Nervosität. Nimmt mich mit in seine Wohnung, fragt mich nach Allem aus, ob ich denn bei meiner Scheidung wenigstens was gekriegt hätte. Zeigt mir eine vorzügliche Kritik des Fräulein Dr. Stöcker über Don Juan in der Zeitschrift »Mutterschutz« und macht mich telefonisch mit ihr bekannt. Chocolade im Café des Westens. Dann zu Kurt Wiegand, der »Montmartre« vertreiben will, aber offenbar keine großartigen Beziehungen hat und nicht viel Geld daran wenden will. Sonst ein reizender, feiner Mensch, offenbar unproduktive Künstlernatur, aber sicher kein Geschäftsmann. Wir unterhalten uns eine Stunde über alles Mögliche, er hat in allen europäischen Großstädten gelebt. Dann zu Oesterheld, der mir allerlei Ratschläge über mein Stück giebt. Wie fabelhaft liebenswürdig und zugänglich hier in Berlin Alles ist. Mag man gegen Berlin sagen, was man will, in dieser Stadt ist Zug und Frische. Abends im Metropoltheater Revue »Der Teufel lacht dazu«. Fast auf der Höhe von Paris. Hübsche Witze. Zeitungsannoncen: Volle Blondine sucht einen Herrn unter Chiffre 50 M. G.m.b.h'aglichkeit. Wir leben im Zeichen des durch die Polizei erschwerten Verkehrs. Die Isra-Elite. Im Foyer wieder das abscheuliche Lieschen, das Zigaretten verkauft.   27. November. Vormittags Redaktion des »Tag«. Dort trübseliger, knurriger Geschäftsgeist. Allerlei Ausflüchte, meinen Aufsatz »Moderner Geist in der französischen Kultur« nicht zu nehmen, ehe sie ihn noch gelesen haben. Nachmittags in Charlottenburg bei Dr. Robert, der demnächst das Hebbeltheater eröffnen wird. Gebe ihm »Montmartre«. Dann auf der Redaktion des »Blaubuchs« wegen desselben Aufsatzes wie beim Tag. Dr. Ilgenstein. Das Urbild des Antipathischen im Germanen, blond und ungeschlacht. Er kommt mir plump und formlos mit Zigarre im Mund entgegen, als könne man die Sache auf dem Vorplatz abmachen, führt mich aber dann ins Zimmer zu zwei andern Herren. »Ja, gleich können wir Ihren Aufsatz nicht nehmen, haben schrecklich viel zu tun.« Ich spreche nur von baldiger Prüfung des Manuskripts. Als ich es wieder einstecke, sagt er, ich solle es doch dalassen. Dann kommt Kienzl und verspricht, es in zwei bis drei Wochen zu prüfen. Abends Kammerspiele. Wedekind, Frühlings Erwachen. Das Beste, was ich an Regie und Ensemble sah. Die Schauspieler aber teils schwach. Einrichtung des Hauses reizend. Publikum großenteils cultivierte Gesellschaft. Trotzdem höre ich ringsherum aus Gesprächen, daß fast Alle das Stück ablehnen. Dennoch alle Abend volle Kassen. Das ist berlinisch. Sie laufen überallhin, wo was zu sehen ist, Gutes oder Schlechtes, und so ist es garkein Verdienst des Publikums, wenn sich hier auch gute Theater bezahlt machen.   28. November. Besuche bei Meydenbauer. Treffe den alten Geheimrat und seine Frau, die erzählen, daß Hans Regierungsrat in Königsberg ist, verheiratet mit einer Katholikin, was einen Bruch mit deren Familie hervorgerufen habe. Angenehme leicht bürgerliche, gute Familienatmosphäre. Abends sah ich mir das Schillertheater, ein Volkstheater, an: Frau Inge auf Österrot. Wundervolle, weise und dramatische Verführungsgeschichte, das Beste in der konfusen Intrigue, von einer sehr mädchenhaften Schauspielerin sehr blond gespielt. Überhaupt das Blond hier in Berlin!   29. November. Bei Axel Juncker, den ich zum ersten Mal zu sehen bekomme. Liebenswürdige Schlafmütze. Ziemlich reduzierte Einrichtung. Ich begreife nicht, wie man ihn mir empfehlen konnte. Er erzählt viel von meinem hiesigen Ruhm und schlägt eine Vorlesung meiner Werke durch mich im »Verein für Kunst« vor, wo allerdings die besten Namen auf dem Programme stehen. Zu diesem Zwecke gehe ich gleich zu dem Leiter Herwarth Waiden und finde dessen Frau Else Lasker-Schüler, der furchtbarste Blaustrumpf, allerdings durch unfreiwillige Komik gemildert, waschechtes Berlinisch. »Ick verdiene nischt mit meinen Jedichten«, sagt sie, »wie kommt det nur?« Erzählt dann, wie wunderschön ihre Bücher sind, in denen sie mit Peter Hille Wotansfeste feiert. Abends im Kleinen Theater Wilde, ein idealer Gatte. Auffällig, wie unfähig die deutschen Schauspieler sind, gute Gesellschaft darzustellen. Wie kraftlos, geziert sie dann werden.   30. November. Um 2 Uhr treffe ich im Café Klose Herrn Herwarth Walden, Vorsitzenden des Vereins für Kunst, in violetter Sammetweste, schwarzem Sammetrock mit Fransen, gelbgestreifter Lavalliere, zurückgestrichenen Borsten wie ein Stachelschwein, zwei Zwicker übereinander; in ein Glas hat sich ein langes schuppenbesetztes Haar eingeklemmt, das über seiner Nase wackelt. Schlecht rasiertes scharfes Vogelgesicht und schmutzige Nägel; das ist Else Lasker-Schülers Mann. Er will alles tun, daß mein Vortrag noch im Dezember stattfindet, sonst am 7. Februar, für welche Zeit ich aber Erstattung der Reisekosten beanspruche. Später Dampfbad, dann eine Stunde auf der Leipziger Straße spazieren gegangen und mir die Mädchen angeschaut. Im Augenblick, wo man sich auf eine bestimmte konzentrieren will, schwindet doch viel scheinbare Hübschheit dahin. Nach Tisch weiter umhergegangen und die Straßenscenen beobachtet. Auf der Friedrichstraße eine aschblonde Kokotte mit kindlich rührendem Gesicht, vollkommen in den Anblick einer Torte bei Aschinger vertieft. Dann noch eine Stunde im Café Bauer Zeitung gelesen. Sehr müde vom Dampfbad. Dann vor dem Metropol gewartet, in der Hoffnung, vielleicht Gretchen zu sehen, die nicht kommt. Werde ihr schreiben.   1. Dezember. Eine Gipsbüste für Gretchen bei Wertheim gekauft, ein italienischer Kopf. Dann in den Grunewald gefahren zum Thee bei S. Fischer. Prachtvolle weiße Villa. Sehr liebenswürdiger Empfang. Er zeigt mir einen Cézanne und einen Courbet aus dem Salon d'Automne. Zum Abendessen bei Dora Hitz. Liebes kluges altes Gesicht, das man langsam unter dem süddeutschen häßlichen Bürgersfrauengesicht entdeckt. Dort Lou Andreas-Salomé, Hedwig Lachmann mit Gatte, Dr. G. Landauer, und 2 junge Leute. Ferner Frl. von Brocken, ein altes Fräulein, die mit Frl. Hitz zusammen wohnt. Lachmann und Salomé haben diese verfeinerte verinnerlichte Geistigkeit, die aber auf die Spitze getrieben ist, und mit der ich darum nichts anfangen kann. Das scheint eine ganz besondere Spezialität vom geistigen Berlin zu sein; Nachts noch im Café Austria, wo mir eine kleine Kokotte in Begleitung eines Herrn in der auffallendsten Weise zulacht und dann furchtbar erstaunt tut, als ich sie bei der Garderobe anrede.   Sonntag 2. Dezember. Thee bei Julie Wolfthorn, wo man mir stets die rechte Stimmung entgegenbringt, in der ich mich dann auf der Höhe fühle. Sie ist stärker, pompöser, mehr Madame geworden. Er der Alte, sehr formell und witzig. Dort besonders Frau Erna Franck mir aufgefallen. Sie ist eine geschiedene Frau. Elegant, zierlich, sehr gewandt, etwas schwatzhaft und sehr sicher komische Geschichten erzählend. Ich verliebe mich ein klein bischen und treffe Anstalten, daß sie es auch tut. Wie mich doch immer mehr solche mondänen liebenswürdigen Tierchen reizen. Sie erzählen von einem Damenklub, der hier gegründet worden ist, Lyceum, in dem ich eine Vorlesung halten soll. Ich begleite sie nach Haus, sie lädt mich zum Thee auf Donnerstag ein. Dann nach dem Abendessen treffe ich auf dem Kurfürstendamm in einem Café Herwarth Walden mit seiner litterarischen Bohème. Meine Vorlesung im »Verein für Kunst« auf 7. Februar angesetzt. Ich komme gern noch einmal nach Berlin im Winter. Es ist an dem Tisch ganz amüsant, aber die Bohème nicht mein Fahrwasser. Nach einem Moment kommt einer, der in der ganzen Welt herumgereist ist und einige Bücher geschrieben hat, namens Hanns Heinz Ewers an den Tisch, er hat einen guten Kopf. Zu Hause fand ich einen Brief von der Baronin P.   3. Dezember. 4 Uhr in Schöneberg bei Grete zum Café. Sie hat sich nun eine gemütliche eigne Wohnung eingerichtet, wo sie als Privatière lebt. Ihr letztes »Verhältnis« hat sich verheiratet und schickt ihr weiter monatlich 400 Mark. Sie ist glückselig mich als Hausfrau bewirten zu können. Erst noch einige Spannung wegen neulich. Wir werden aber einig, daß wir zu früh zärtlich geworden sind, was eine vorübergehende Verstimmung verursacht hat. Ich nahm natürlich die Schuld auf mich. Wir siedeln ins Schlafzimmer über, nehmen dann später en déshabille ein kaltes Abendessen, wobei wir eigentlich erst recht auftauen. Dann noch einmal ins Schlafzimmer zurück. Sie hat die Gewohnheit, aus Raffinement sich selber Hemmungen aufzuerlegen und dadurch an Dauer zu gewinnen, was mich sehr stört und anstrengt. Obwohl sie ausgesprochen deutsch ist und wirkt, habe ich nie eine Frau kennen gelernt, die in Raffinements so weit ging wie sie. Gleichzeitig fühlte ich bei dieser fünffachen Feier, daß mir mein bisheriges unregelmäßiges Leben noch nichts geschadet hat. Ich verlasse sie in dem Gefühl, sie mir auf lange Zeit nun als kleine Freundin gewonnen zu haben, ohne daß sie Treue von mir verlangen kann, denn ich will Kätchen unter gar keinen Umständen aufgeben, mit der sie sich wieder in anderer Hinsicht durchaus nicht messen kann. Kätchen doch von ihrer Schwabinger Zeit her ein höheres Kulturniveau. So habe ich gegen keine von beiden Verpflichtungen, außer, daß ich ihnen gelegentlich materiell helfe, und beide freuen sich wenn ich da bin. Streit und Unannehmlichkeiten sind somit endlich vollkommen aus dem Weg geräumt. Ich komme etwas müde um ½ 2 nach Hause. Grete hat vorgeschlagen, daß ich ihr keine Geldgeschenke mehr geben soll. Dafür bringe ich ihr immer etwas mit für ihre neue Wohnung.   4. Dezember. Nachmittags Ärger über meinen noch nicht angekommenen Pariser Koffer. Abends nach dem Theater in der Hamburger Straße, wo ich mir eine von den Wirtschaften ansah, die Numa Praetorius frequentiert. Öde eklige Gesellschaft. Dann nebenan in einem anderen Lokal, wo mich ein junger Mensch, der vom Land zu sein scheint, anspricht und mich die Oranienburger Straße hinaufbegleitet. Ein Kollege hat ihn eingeweiht. Er kann es noch garnicht glauben, daß es dies gibt. Halb Vergnügen, halb Geschäft. Er ist ein junger Kellner. Er erzählt mir von einer Liebe; ein Zimmermädchen in Westfalen, das morgens immer zu ihm ins Zimmer kam. Das gefiel ihm doch besser, aber er meint für die Weiber muß man immer Geld haben. Ich verlasse ihn beim Oranienburger Tor, um eine Kenntnis des Lebens reicher.   5. Dezember. Zum Thee bei Lampe. Er meint ich betrachte die Menschen zu sehr als Folie für mich, nehme zu viel gesellschaftliche Rücksichten. Als ob ich nicht gerade mein Leben aufs unkonventionellste ganz nach meinem Willen eingerichtet hätte und auch gelegentlich dafür bezahlt hätte. Er sagt ferner man solle kein Mädchen verführen, da man damit Unglück anrichtet. Als ob das nicht ganz meine Ansicht sei, wodurch ich mir das beste habe entgehen lassen. Aber dadurch, daß ich alles objektiviere und das gerade in Prinzipien bringe, was mir instinktiv fehlt z. B. Rücksicht nehmen auf die Gesellschaft, reiner Machtstandpunkt gegenüber der Frau, darum werde ich immer nach meinen etwas schroffen Prinzipien beurteilt. Mein Standpunkt allerdings: schroffe Prinzipien, aber laxe Handhabung. Lampes Liebestrieb viel zerstörerischer als der meine, er liebt immer das kindliche, das er aber doch durch seine Liebe eben zu zerstören trachten würde; ich dagegen liebe die Erfahrenen und richte daher kein Unglück an. Abends bei Greve zum Thee. Er liest aus seinem recht lustigen, gut gearbeiteten Stücke »Heimlicher Adel«.   6. Dezember. Um ½ 4 bei Dr. Wedekind. Prachtvolle 1. Etage in einem Palast am Kurfürstendamm. Er hat das Aussehen eines vornehmen Sportsmannes. Will »Montmartre« in Verlag und Vertrieb nehmen. Wir überlegen noch die Bedingungen. Dann kaufe ich eine große Orchidee für Frau Franck, die ich um 5 Uhr zum Thee besuche. Sie wohnt noch in einer hübschen Pension, wird sich aber bald eine Wohnung nehmen. Sie ist wirklich klug, aber doch wieder etwas zu sicher, zu fertig und zu gewandt. Das Jüdische accentuiert sich etwas. Sie liest mir einen braven Aufsatz über Rembrandt vor, den sie geschrieben hat und zeigt mir sprachgewandte aber unwahre Gedichte. Sie ist in Scheidung. Der Mann hat Unterschlagungen gemacht u. s. w. Die Mutter eine liebenswürdige gut konservierte Dame kommt dazu. Ich bleibe zu Tisch an der Pensionstafel. Nach Tisch wird die Unterhaltung schlapp. Ihre Zeichnungen, wenigstens die Köpfe sind begabt. Sie wohnen in der Pension v. Heukelum. Ich gehe eigentlich recht unverliebt nach Hause, sehe im Café noch ein tumbes teutsches lachendes Fräulein am Nebentisch und fühle wohin doch eigentlich meine Instinkte zielen. Jedenfalls nicht zu jener Jüdin.   7. Dezember. Um 4 zum Thee bei Frl. Dr. Stöcker, die ein Stück aus meinem Buch über Frankreich für die Zeitschrift »Der Mutterschutz« haben will. Sie sagt einiges ganz kluge und will eine Mutterrente einführen, dann aber auch wieder die charakteristische Unlogik der Frau, die besonders bei den in der Öffentlichkeit hervortretenden Frauen so deutlich wird. Übrigens physisch unangenehm, riecht aus dem Mund. Abends holt mich Martin Meyer ab. Wir speisen gut im Hause Trarbach. Dann bei Josti. Wir sprechen von Frauen und von Philosophie. Er ist augenblicklich in die Bank seines Onkels eingetreten, will aber wieder zur Philosophie zurück. Wünscht von mir Anleitungen in Bezug auf die litterarische Form. Dr. Wedekinds Verträge gehen mir sehr durch den Kopf.   8. Dezember. Endlich mein Pariser Koffer da. Den ganzen Tag Zollamt, Bahnhof usw. Abends 8 Uhr zu einem Ball in der Pension van Heukelum wohin mich Frau Franck eingeladen hat. Sie ist sehr liebenswürdig, aber das Jüdische accentuiert sich doch immer mehr. Die blonde reizende Frau Dr. Presber, Tochter des Hauses. Voilà ce qu'il me faut. Die andere Tochter ein kluges, etwas blaustrümpfiges Mädchen lebt von offenbar sehr geschickten Übersetzungen aus dem Holländischen. Ich tanze viel herum zwischen den zahlreichen Leutnants und Backfischen. Frau Franck hat angebissen, aber ich mag nicht mehr. Um ½ 4 fuhr ich nach Haus.   9. Dezember. Mittags. Probe zur Philharmonie mit Frau Franck. E dur Conzert mit Klavier von Brahms. Wie unverwässerter alter Wein. Woher kam nur früher mein Vorurteil gegen Brahms? Dann das abscheuliche unmusikalische manierierte »Heldenleben« von Richard Strauss. Regen und Schneewetter. Zu Haus geschlafen. Um fünf mit Frau Franck im Lyceum Klub. Eine alte Jungfer (Jessen) mit einem Kerl an unserm Tisch zum Thee. Sie radotieren über Kunst. Sie soll sogar Kunstkritiken für alle möglichen Blätter schreiben. Ich antwortete etwas geärgert durch diese Störung und habe mir dadurch wohl die Möglichkeit meines Vortrags im Lyceum Klub verscherzt. Ich bin auch Frau Franck ziemlich müde und habe zu ihrer Enttäuschung keine Verabredung mit ihr für diese Woche gemacht. Abends Vortrag von Hofmannsthal »über das Problem der dichterischen Persönlichkeit in dieser Zeit«. Recht interessant. Es war wohl für die Meisten unverdaulich. Angenehme, zu leise Stimme, wienerischer Tonfall.   10. Dezember. Schrieb Briefe an Käti, Gretel und Irene. Nachmittags bei Else Otten, der Tochter in der Pension Heukelum, die mir recht tüchtige Ratschläge erteilt für Verlegerangelegenheiten. Dann nach Schöneberg zu Gretel zu Tisch. Vor- und nachher allerlei Tollheiten. Unterhaltung über Herrenkleidung. Die hier so beliebten angeknöpften Hemdärmel wirken auf sie anaphrodisisch. Hat deshalb einmal Jemand, der ihr sonst gefiel und sehr reich war, wieder fortgeschickt. Ihr Körper lange nicht so vollkommen, wie bei Kätchen, aber viel temperamentvoller. Von Kätchen kam heute früh ein etwas kühler Brief aus Bamberg.   11. Dezember. Zum Tee bei Dora Hitz. Etwas schleppende Unterhaltung. Sehr aufeinander eingestellt sind wir nicht, obwohl ich ihre Malerei sehr bewundere. Beim Weggehen sagt sie, ich solle sie nicht »gnädiges Fräulein« anreden, wenn ich sie nicht zu meiner Feindin machen wolle. »Das ist doch nur so eine Redensart, bei der man sich Nichts denkt«, erwiderte ich. »Gerade deshalb«, sagt sie. Ich finde das klein. Abends mit Greves im Deutsch-Amerikanischen Theater, welches Endeil seinerzeit gebaut hat. Sonderbares Zusammentreffen. Das Theater recht hübsch, aber furchtbar ramponiert. Ein Stück von echt berlinischer Ursprünglichkeit wurde aufgeführt. Die Greves imponieren mir, wie sie bei ihrem angestrengten Kampf ums Dasein eine so solide, aber intensive Eleganz aufrecht erhalten.   12. Dezember. Nachmittags bei Dr. Wedekind. Macht mir einen immer besseren Eindruck. Günstige Verträge über »Montmartre« und »Gedanken über Frankreich« abgeschlossen. Dampfbad, abends wie jetzt sehr häufig vegetarisch gegessen. Im Deutschen Theater treffe ich, in einem Stück von Shaw, Dr. Georg Altmann, den ich aus dem Neuen Verein in München kenne, der in Jena auf der Universität Dramaturgie studiert und Theaterdirektor werden will; er erzählt, wie man in Jena in Bezug auf Frauen auf dem Trockenen sitzt. Wir gehen noch in die Kaiserbar.   13. Dezember. Vormittags Hotel Continental. Bei dem Mannheimer Hoftheaterintendanten Hagemann, bei dem Barnowskys Dramaturg, ein Dr. Lanz, war. Ich gab ihm »Montmartre« für die beiden Theater. Nachmittags einen Moment bei Lampe. Abends Diner beim Sanitätsrat Klein. Gesellschaft unangenehm, konventionell. Lauter beschränkte, aber doch sehr auf die Sinnlichkeit wirkende Frauen. Interessant nur ein Major von François, Mitglied des Reichstags und früher Gouverneur von Südwestafrika. Dann ein Hofmaler des Kaisers, namens Noster, von aufdringlicher Vulgarität. Meine Tischdame ist die Braut eines Straßburger Offiziers, die am 8. Januar heiraten wird. Alles etwas geschraubt und unkultiviert. Über alles dieses verständige ich mich in still zugestandener Ironie mit dem Fräulein von Adelstein, einer Kreuzung von Engländerin und Österreicherin, die ich vor Jahren hier in Berlin bei Daisy Neumann oft sah, und die sich nun zu großer Selbständigkeit entwickelt hat. Ich begleite sie im Wagen nach Hause. Auch sie sagt, sie sei froh, wenigstens einen Menschen dort gefunden zu haben, mit dem man ein Wort reden kann. Ich habe Etwas für ihren trockenen englischen Humor übrig, den man sonst hier nicht versteht. Ich soll sie besuchen. Sie erzählt mir die ganze Odyssee von Daisy Neumann und Julia Ginsberg, die jetzt in Rom lebt und den Marchese Santa Silié geheiratet hat.   14. Dezember. Nachmittags Kontraktrevision bei Dr. Wedekind im Bureau. Dann Juncker die Sache schonend beigebracht, der mir fast leid tut in seiner Dämlichkeit. Abendessen bei Martin Meyer. Dort der Kinderschriftsteller Straßburger, ein Don Juan de bas étage, der sich angeblich Casanova zum Muster genommen hat. ½ 10 treffen wir am Potsdamer Platz zwei Berliner Mädels, die mir schon anfangs recht zuwider waren, die Straßburger bestellt hat, um mir Berlin zu zeigen. Wir gehen zusammen in den Römerkeller. Straßburger küßt und dutzt die Beiden sofort. Er erzählt ziemlich roh, wie er sich nach der Einen im Auskunftsbureau erkundigt habe. Darauf sind Beide mit Recht beleidigt. Er wirft ihnen jetzt dummerweise vor, sie hätten sich doch gleich küssen lassen und seien darum gewissermaßen nichts Besonderes. Nun nehme ich die Partei des Mädchens und mache eine Anspielung auf den allgemeinen berliner Ton. Schon nützt sie meine Teilnahme aus und spielt die Beleidigte. Um ihre Ehre zu rechtfertigen, sagt sie mir beim Hinausgehen, sie sei zwar wieder gut mit ihm, aber einen Kuß, nein, den bekäme er nicht mehr von ihr. Nach langem unschlüssigen Hin- und Herzotteln auf der Leipziger Straße geht sie doch mit ihm allein fort. Wir Andern in die Jugendsäle, dort setzen sich allerlei Kokotten an unsren Tisch; durchaus mittleren Ranges. Plötzlich finde ich aber unter all diesen, die mir mißfallen, ein zartes, schlankes Blondinchen, das eine brünette, lebhafte Schwester hat. Rheinländerinnen. Wir laden sie zum Champagner ein. Otti, die, welche Meyer mitgebracht hat, behauptet natürlich gleich, das seien ganz ordinäre Strichmädels, aber ich habe genau den entgegengesetzten Eindruck. Konstatiere in ihnen eine temperamentvolle Lustigkeit, sogar eine gewisse Feinheit und geschmackvolle Art des Benehmens, was in diesem Milieu ganz besonders auffällt. Sie sind auch Beide intelligent. Otti ärgert sich darüber halbtot. Währenddessen spinnt noch eine Nachbarin vom nächsten Tisch zwischen den Stühlen mit den Händen eine kleine Intrigue mit mir an, die ich aber nicht weiterführen kann, da wir von unseren beiden Tischen zu sehr beobachtet sind. Dann gingen wir ins Kaiser-Café. Ich saß zwischen den beiden Rheinländerinnen auf dem Sofa, gegenüber Martin Meyer und Otti. Ein rechtes rheinisches Geflunker und Geschichtenerzählen geht los. Meyer amüsiert sich sehr, Otti ärgert sich, behauptet, ich beachte sie nicht und dergl. Sie habe gehofft, es werde hübscher werden. Dann Abschied. Ich setze meine zwei Begleiterinnen in ein Auto und gehe um 4 Uhr früh nach Hause.   15. Dezember. Um 1 aufgestanden. Korrespondenz bis 4. Um ½ 5 die beiden gestrigen Mädchen. Café Roland. Auf demselben Platz wie neulich mit Gretel. Ähnliche Gespräche. Sie möchten nette Verhältnisse haben und reden darüber kühl und vernünftig. Ich sage ihnen gleich, daß ich zu einem sogenannten festen Verhältnis vollkommen unfähig sei und gewinne damit scheinbar ihre Herzen. Ich sei nur für Gastrollen geeignet. Dann trennen wir uns eine Stunde, da ich mich für den Sezessionsball umziehen muß; ich treffe sie dann wieder im Frack und kaufe ihnen Blumen. Im italienischen Restaurant aßen wir zusammen, wo ich ihnen zu ihrem Erstaunen die Blumen gab, die sie für eine Balldame bestimmt hielten. Wir planen allerlei Unfug, kleine Reisen zu Dritt »mit Frau und Schwägerin« und dergleichen. Ich lasse sie merken, daß ich in Beide gleichzeitig verliebt bin und werde für sie die große Ausnahme. Gegen 10 verlasse ich sie. Dann Sezessionsball. Die kleine Franck hat sich recht häßlich zurechtgemacht. Ich bin meist mit Wolfthorns am Tisch. Viel Sekt. Berühmte und unberühmte Leute. Unter Andern treffe ich Oscar Fried wieder, der mich mit öliger Herzlichkeit seinen alten Freund nennt. Dr. Legband und Frau, die ehemalige Oppler, S. Fischer und Frau, die sich entschuldigen, noch Nichts von sich haben hören zu lassen. Julius Bard. Das Ehepaar Wille. Ich tanze viel und finde zuletzt eine Schülerin der Wolfthorn, »das Kerlchen« genannt (warum? »weil ich so aussehe«), die mich durch ihre Frische entzückt. Ein irisches Gesicht, herrliche Lippen und Zähne, blaue Augen, schwarzer, kurzhaariger Krauskopf mit weißem Rosenkranz. Aber schlechte Tänzerin. Dann Alle zusammen ins Café Kurfürstendamm, wo ein Maler Oskar Kruse, mein illegitimer Schwager (via Richard-Else Plötz), uns amüsante Geschichten erzählt, über die sich die Mädels buchstäblich wälzen. Um 6 Uhr mit Wolfthorns im Auto heim.   16. Dezember. Um 1 aufgestanden. Zu Dora Hitz. Zusammen gefrühstückt beim Bankdirektor Stern, Bellevuestraße (Nationalbank). Unvornehme, stets das Wort »vornehm« im Mund führende Hebräer, aber die besten französischen Bilder an den Wänden: Monet, Gauguin, van Gogh, Manguin, Valtat etc. Sprungbrett für die berliner Gesellschaft. Meine Tischdame ein etwas überbildetes, sehr gesellschaftliches, älteres Fräulein von Bunsen, das Bücher schreibt. Ferner dort Dr. Brahm vom Lessingtheater, der Architekt Messel u. A. Um 5 mit Dora Hitz zu Fuß durch den verschneiten Tiergarten. Dann zu Julie Wolfthorn zum Sonntagsempfang. Dort wieder dieses weiche, blonde Tierchen vom gestrigen Ball: Frau Eckmann-Simon, die erzählt, wenn von George die Rede ist: »ich gehöre zum Kreis«, oder »Lechter ist mein besonderer Freund«. Dann die liebenswürdige, ältliche Paula Dehmel. Ich bleibe bis zuletzt, erzähle Einiges von Louisa, die bei Julie Wolfthorn gewesen ist. Etwas schleichende Katerstimmung. Esse um ½ 9 einsam vegetarisch. Dann Zeitungen Café Austria. Um 12 zu Bett.   17. Dezember. Habe Irene und dann auch Gretel abgeschrieben, weil abends um ½ 8 Ada und Anni, das Schwesternpaar, zu mir kamen. Aber Anni indisponiert, und Ada muß um 9 zu einer Familienveranstaltung gehen. Ich habe erst den Verdacht, sie wollten mich so zu einer Entscheidung für eine von Beiden zwingen, aber sie sagen auf Mittwoch zu. Wir essen wieder im italienischen Restaurant. Ada, die mir immer besser gefällt, gleich weg. Ich sitze nun dieser rührenden, zarten Anni allein gegenüber. Sie erzählt mir ihr ganzes Leben. Bis jetzt haben sie nette, wohlhabende Verhältnisse gehabt und es fertig gebracht, in dem Leben nicht unterzugehen, stets über der Situation zu stehen. Offenbar immer an anständige Männer geraten. Es geht ihnen nicht schlecht. Sie wohnen bei Verwandten, haben noch etwas Geld von ihren letzten Verhältnissen und möchten genug zusammenbekommen, um eine Schneiderei anzufangen. Alle Männer erkennten in ihnen das sogenannte »Bessere« und hielten ihnen Moralpredigten. Die helfen ihnen aber nicht. Wir gehen ins Romanische Café, wo wir vergeblich Ada erwarten. In einer Ecke sitzt Endell. Augenblicklich hat Anni den Vorrang bei mir. In der Stadtbahn küsse ich sie, was sie etwas geniert geschehen läßt. Ich bringe sie noch in ihre Wohnung. Seit Tagen quäle ich mich mit dem Unglücksbrief an Louisa, der ihr das Material zur Scheidung geben soll.   18. Dezember. Um 5 Uhr durch Dora Hitz bei Frau Geh. Rat Dohme eingeführt. Liebenswürdige, ziemlich elegante Gesellschaft. Die Herrin des Hauses macht mir als Autor ein bischen den Hof. Gerade am Morgen war Junckers scheußlicher Verlagskatalog angekommen mit dem abscheulichen Bild (ohne Kragen) darin. Zuletzt enger Kreis. Sie, ihr etwas degenerierter, aber kluger Sohn (Assessor) und ich. Gespräch über Politik, Elsaß-Lothringen usw. Vorher noch der Maler von König und seine Freundin, die häßliche, aber pikante Französin Mme. Tardif, die hier für sehr schön gilt und in der Unterhaltung sehr liebenswürdig ist. Abends eine mittelmäßige Aufführung von Shakespeares »Sturm« in dem häßlichen Neuen Schauspielhaus. Später im Café Kurfürstendamm der kleine, rührende Spiro, der nervös, recht herunter ist, mit seiner Familie schlecht steht und nicht arbeiten kann. Ich gebe ihm ein paar gute Ratschläge. Zettelkasten, Tagebuch, keine Lyrik. Er begleitet mich bis nach Hause.   19. Dezember. 2 Uhr bei Ewers von Greve und Frau zum Diner geladen. Dort auch Siegfried Jacobsohn. Sehr lustige Stimmung. 5 Uhr bei Dr. Wedekind letzte Konferenz. Um 7 kommt Anni ohne Ada, die statt dessen einen reizenden Brief schickt. Offenbar genieren sie sich vor einander. Sie verspricht sich auf Februar. Wir essen in einem andern italienischen Restaurant in der Taubenstraße. Die alten Gespräche, die zwei kleinen Mädels möchten gern große Cocotten werden; dann bei mir, sie geniert sich ein bischen, will das Licht löschen, offenbar, weil sie einen Leberfleck auf der linken Brust hat; im ganzen etwas zu weich, Ängstlichkeit, die Wirtin könnte kommen, sodaß sie über eine summarische Liebenswürdigkeit nicht hinauskommt; wir gehen noch ins Café Roland und haben nachdenkliche Gespräche: sie fragt träumerisch: »wieviele Verhältnisse mag es wohl in Berlin geben?«   20. Dezember. Mittwoch kommt Franzl aus Paris, rund und rosig, bringt seinen Freund von Hörner mit, ein verwahrlost aussehendes Genie, etwas an Klages erinnernd; während Franzl und ich uns erzählen, finde ich mit ihm keine Berührung, unausgesprochene leise Antipathie; sie begleiten mich durch die Stadt; der erste eiskalte Wintertag in diesem Jahr, Café Bauer; dann nach Hause. Abends Premiere im Deutschen Theater, Bahr: Ringelspiel. Das Stück sehr amüsant und am Schluß in der Verherrlichung des Lebens mit den tollen Tänzen im Badekostüm am abendlichen Meer recht ins Blut gehend. Am Schluß ruft ein moralischer Kretin: Pfui, was als Widerspruch einen Bombenerfolg verschafft; Bahr erscheint, sieht aus wie ein italienischer Mausefallenhändler, trägt Smoking mit Lavallière; neben mir das »Kerlchen« mit Bruder; im Foyer Dr. Landauer, die gräßliche Hedwig Lachmann, Julius Bard, S. Fischer und Frau, Dr. Brahm. Am Wintergarten kommt mir die Idee, noch nach Irene zu schauen, die dort jetzt engagiert ist; dreiviertel Stunde in der Kälte auf und ab, zuerst kommt, allein und lieb, Gretchen (von d. Gipsgruppe); einige konventionelle Worte, dann hochnäsig und stumm, Liddy, dann Berta und Irene, die süßer aussieht als je. Wir gehen zusammen ins Haus Trarbach, ich verliebe mich besonders in das aschblonde Haar von Neuem; sie behauptet wieder, ich hätte sie damals hypnotisiert, in England hätte sie in der Erinnerung an mich erfahren, was einen Menschen hassen heißt; jetzt aber wäre alles gut und vorbei; inzwischen hat sie auch ihren Waldi in Ansbach wiedergesehen und ist damit sehr zufrieden; ich nehme natürlich alle Schuld auf mich, erkläre ihr, was ich damals alles durchgemacht, und so weiter und daß ich sie noch viel lieber habe, als sie glaubt; sie tut, als mache sie sich darüber lustig; wir gehen ein Stück zu Fuß, recht vergnügt durch die eisige Winternacht, dann Wagen; sie macht einen Widerstand von dreiviertel Stunden, auch noch vor dem Haus, bis sie sich küssen läßt; ich versuche es mit allen Tönen, sie nennt mich Satan, ich merke, sie liebt mich noch; sie sagt, ich sei ihr gräßlich: »nun wenn ich dir gräßlich bin, dann: Adieu«; nun ruft sie mich zurück, wir küssen uns, ich danke ihr sehr für ihre Güte und Liebe von einst und beschwöre sie, es nicht zu bereuen, denn mir habe sie damit eine unendliche Freude gemacht. Verabredung für Februar in Leipzig, wo sie im Crystallpalast engagiert ist. Ich liebe sie wirklich viel mehr als sie glaubt und bei ihren primitiven Liebesbegriffen begreifen kann; nun meint sie gewiß wieder, ich schlechter Mensch hätte sie umgarnt; warum kann sie nicht meine amie amoureuse werden wie das Kätchen; ich tue ihr selbst einen Gefallen, wenn ich ihr das tragische Pathos der Liebe ausrede; zu Hause Telegramm von Kätchen, die ich hier nun nicht mehr sehen werde, also gehört der letzte Abend Gretel; Irene ist doch eines der süßesten Geschöpfe, die ich je besaß. Irene behauptet, der Franzl sei ein falscher, heimtückischer Mensch, er habe uns beide auseinander gebracht, indem er mich gegen sie in Paris beeinflußt habe; kleine Mädchenpsychologie. Sie bereitet sich übrigens ernstlich darauf vor, zur Bühne zurückzukehren.   21. Dezember. Gepackt, dann um 5 nach Verabredung im Smoking zu Gretel gefahren, die mich kühl empfängt und ihr Schlafzimmer verteidigt, weil ich ihr am Montag abgeschrieben hatte, ich brauche dreiviertel Stunde, um durch Bitten, Überreden, Schweigen, Grollen etc. ihren Widerstand zu brechen, dann aber um so schöner; um 11 zogen wir uns an und fuhren in die Stadt, Souper im Kaiserkeller: Champagner, dann ins Linden Casino, wieder Champagner, ziemlich betrunken, aber ringsherum Berliner Steifheit und Häßlichkeit; wie vermisse ich Abbaye de Thélème und Rat mort; dann im eisigen Auto wieder nach Schöneberg zurück, wo ich den Champagnerrausch noch nicht ganz los bin; endlose Umarmung mit Gretel, einige Stunden fester Schlaf von ½ 6 – ½ 9, dann nur noch gedämmert; endlose Abschiedsumarmung, Frühstück im Smoking; nun behauptet sie plötzlich, sie liebe mich so wahnsinnig, daß sie nicht mehr mit ihrem Freund zusammen sein kann, der sie nach Constantinopel eingeladen hat; seit er verheiratet ist, liebe sie ihn nicht mehr; sie will im Januar nach München kommen; vielleicht wäre das ganz hübsch, aber vorläufig habe ich doch noch geteilte Gefühle; ich habe zu schlechte Erfahrungen gemacht mit ernsten attachements. Ich habe sie gern und sie fesselt mich durch ihr maßloses Temperament und ihre raffinierte Kühnheit, aber sie ist weder so gebildet, wie Käti, noch so ein edler Character wie Irene. Durch den frostigen sonnigen Wintermorgen mit der Stadtbahn nach Hause; zu Hause packe ich meine Koffer. Gretels Weichheit nicht mehr störend, sie paßt zu ihrer weißen Glätte. Rubens zweite Periode.   Weimar, 22. Dezember. Um 3 Uhr Nachmittags von Berlin abgefahren im überfüllten Zug; mit einer Stunde Verspätung in Weimar, Eiskälte. Nach dem Essen bei Wilhelm von Scholz; wir sprechen viel von seinem neuen Stück Meroë, zu dem ich noch kein sehr großes Zutrauen habe, doch wer weiß. Van de Velde soll gesagt haben: »c'est grand, il n'y a pas de trou là dedans«. Über meine Scheidung sind sie unterrichtet, der alte Fuchs hat gesagt: ich habe ihnen doch oft genug Gelegenheit gegeben, sich vor der Ehe genau kennen zu lernen, er hat es ja aber nicht getan. Das ist characteristisch für das fuchssche Niveau.   Frankfurt a/M, den 22. Dezember. Mit zweieinhalbstündiger Verspätung von Weimar nach Frankfurt, wohne bei Frau Eurich-Schreiber, die sich mit ihrer Schwester eine Pension eingerichtet hat; Abends bei Tilly \& Ludwig, reizende Wohnung; Ussin ein zierliches kleines Kerlchen. Zwischen Frau Eurichs und meinem Schlafzimmer das warme Eßzimmer, nach dem die Schlafzimmertüren offen stehen. Ob sie wohl die Wiederaufnahme unserer früheren Nacht-Gewohnheiten aus der Untermainanlage wünscht? Sie ist noch immer reizvoll und sitzt, während ich dies niederschreibe, mir gegenüber auf der Chaiselongue und erzählt von einer Dolomitentour; sie ist gegen 35, aber vortrefflich erhalten.   24. Dezember. Nachmittags Dampfbad; zum Tee bei Tilly, ein schmierig sentimentaler Brief Louisa's unter dem Weihnachtsbaum. Die ganze Mischpoche Spier zur Bescheerung. Ussin toll vergnügt; ich bekomme ein reizendes silbernes Cigarren-Etui von Tilly, dann gemütliches Abendessen zu dritt und Tee. Ich habe an Weihnachten immer dieses unangenehme Gefühl: ich glaube etwas zu vermissen, was ich eigentlich garnicht haben will.   25. Dezember. Abends bei Ludwigs Familie, diese klein-jüdische Atmosphäre hat für mich doch immer etwas schmieriges, unappetitliches, zwei Frl. Engel, von denen die eine sogar hübsch und klug war; aber wo ist die beseligende unaussprechliche Unerschöpflichkeit, die eine rassige Deutsche besitzt? Das Fleisch hat nicht den Duft des Lebens und wenn es ihn hat, so ist mir's erst recht peinlich, dann noch mit Tilly und Ludwig im Café Bauer, wo sich mir die Trostlosigkeit der Frankfurter Atmosphäre, das Ungeistige wieder auf die Nerven legte, so wie in den Straßen zwischen der kleinlichen Architectur, die den Berliner Ungeschmack der 90er Jahre in kleineren Dimensionen nachahmt. Beschlossen, Weihnachten nicht mehr diese unbequemen Reisen und Familienzusammenkünfte zu halten, sondern mich mit der gerade bevorzugten Dame ins verschneite Gebirge in ein geheiztes Gebirgs-Wirtshaus zurückzuziehen und mit den Bauern zur Mitternachtsmesse zu gehen.   26. Dezember. Vormittags Friedhof; Nachmittags mit Spiers Spaziergang im Schnee, dann zum Tee zu einer schwedischen Familie Hafgreen; er ist Musiker; dort zwei Fräulein Brach, Töchter eines ehemaligen Heldentenors; Mary mit dem Sohn des Hauses heimlich verlobt, hübsch, sinnlich, das rechte Theaterblut, singt einige Lieder mit sehr warmer Stimme; um ihre heimliche Verlobung zu verhüllen, kokettiert sie mit dem unappetitlichen, jüdischen Blondin Julius Spier. Abends nach dem Essen bei Frau Betty Meyer, dort Frau Dormitzer. Rührende Anhänglichkeit an uns.   Nachts Traum:. Ich drehe mich in meinem Bett gegen die Wand, um nicht zu sehen, wie Richard mit einer Frau, von der ich träume, sie sei mit uns blutsverwandt, zärtlich wird; dann nachdem sie sich gewaschen hat, tue ich entzückt dasselbe wie Richard; rothaarig, zarte Üppigkeit, Grübchen wie Käti, raffiniert wie Gretel, dann plötzlich alles wie auf einer Bühne, ich hinter den Kulissen, fürchte die Entdeckung, fliehe, verstecke mich im Freien, aber den Ausgang des Hauses beobachtend, um die Rothaarige nicht zu verfehlen, dann allgemeines Pistolenschießen mit Männern um das rothaarige Weib; ich schwebe in der Luft, schieße und werde selbst getroffen, bin tot und muß nun mit einigen dicken älteren Stammtischherren in der Ewigkeit zusammensitzen; ich constatiere das höhnend und zähnefletschend; langsam verwandeln sich die Herren in eine Gesellschaft sehr netter junger Herren in Berlin, die mich als Autor sehr verehren; einer heißt Herr von Princeps; sie schlagen mir vor, mich mit zu einem jüdischen Bankier zum Diner zu nehmen, der Africanus heißt und eine der schönsten Büchersammlungen besitzt.   27. Dezember. Vormittags Frankfurter Zeitung. Herr Geck. »Beziehungen des französischen Menschen zum Geld« abgegeben. Nach Tisch mit Tilly langes Gespräch allein, sie meinte, daß wir beide von uns vieren uns schließlich doch am verwandtesten seien und am nächsten kämen; ich schon in Paris, besonders jetzt sehr zu meinem Vorteil verändert, wie sie meint, ruhiger, milder, unnervöser; ich vergleiche meinen früheren Zustand mit einem chronischen Katarrh, der nicht heilen wollte, bis ihn eine acute Lungenentzündung, nämlich meine Ehe mitfortnahm. Um 6 Uhr im »Pfau« Prof. Primer. Er leidet als zu früher Witwer an seiner gezwungenen Enthaltsamkeit und weiß, tragikomisch genug, nicht, wie er es anfangen soll, sich davon zu befreien; hat Angst, es in seinen Kreisen zu versuchen und fürchtet die Dirne; er ist sonst rührend; er meint, bei einem Leben, wie das meinige, sei doch stets das eine Glück versagt, das auf dem Bild geschildert sei: Landwehrmanns Heimkehr, das treue Weib usw. Ich frage ihn: »wer garantiert denn dem Landwehrmann für die Treue?« Darauf er: »dann könnte sie ihm nicht so entgegentreten.« Diese Naivität giebt es also noch. Abends zu Tisch bei Tilly; der Komponist Sekles, ein humorvoller, ziemlich derb und real angelegter Mann, der dank einer ihn bindenden und beherrschenden hysterischen Frau sich etwas zu pathetisch nimmt und ernste Musik komponiert; Mendelssohn'isch geschickt, melodiös, gefällig, aber ohne jedes Geheimnis; dagegen müßte er als Improvisator und dergleichen famos sein, aber das erlaubt ihm seine Feierlichkeit nicht. Abends 11 Uhr Café Bauer, dort Herr von Halle, recht gescheite Unterhaltung über Frauen. Er unterscheidet besonders zwischen Herz und Seele. Mangel an Herz könne groß angelegte Frauen oft zu Gemeinheiten bringen, die sie selbst nicht ahnen; Frauen, die aus einem Festsaal und einer Retirade bestehen, dazwischen eine offene Verbindungstür. Die Gemeinheit vieler Frauen im Scheidungsprozeß erklärt er so, wie der schwache Geschlagene im Augenblick zu einer momentanen Gemeinheit fähig wird, wenn er einmal plötzlich das Heft in der Hand hält. Dann erzählt er von einem Manne, der sich für seine kränkelnde Frau geradezu aufgeopfert hat, dann aber, als sie ihn betrog, im Prozeß plötzlich Geld verlangte und aus Rache ihren Ehebruch als Grund nahm, um sie am späteren Heiraten zu verhindern; um ½ 2 im nassen Schnee nach Hause.   28. Dezember. Nach Tisch Muth. Ich erkläre mich einverstanden, Tilly die 50000 Mark ihres Erbteils auszuzahlen zu letztwilliger Verfügung, falls sie mir freiwillig zu ihren Lebzeiten die Verwaltung überläßt; dann mit Ludwig ein Weihnachtsgeschenk für Irene gekauft in einem En gros Geschäft, mit dessen Besitzer er befreundet ist, ein Ledertäschchen aus Seehundsfell; für Gretel bei Albersheim zu Weihnachten Parfüm und einen Baccarat Flacon gekauft; von 5-7 gearbeitet an der Novelle: das Verhängnis. Nachts Altfrankfurt, an Orten, wo ich als junger Student abenteuerte. Eine kleine dralle Person zieht mich über enge Treppen; witzlose Zoten, dabei ist sie selber überwältigend drollig. Dortmunderin, sie erzählt in einem fort. Café Bauer, von Halle getroffen mit seinem Bekannten, der in Frankfurt sogenannte Tisch der Geistreichen. Arthur Pfungst fett und schwärmerisch.   29. Dezember. Von Gretelchen kam eine goldene Locke. Mit Tilly und Ludwig beim Anwalt wegen der 50 000 Mark; Nachmittags die Novelle »das Verhängnis« beendigt, dann bei Professor Primer im Pfau; lese Abends Ludwig und Tilly die Novelle vor; sie gefällt ihnen nicht, ich finde sie dennoch gut; früh zu Bett wegen der morgigen Tour.   30. Dezember, Sonntag. Taunustour mit Ludwig und Frau Altheim, Tilly blieb wegen einer Mandelentzündung Ussins zu Hause. Rendezvous um 9 Uhr morgens an dem dumpf kalten Bahnhof; nach Kronberg; zu Fuß zwischen der Rodelkarawane in der sonnigen Schneelandschaft des Altkönigs; in der Mitte des Wegs verliere ich plötzlich die andern, und wate eine Stunde lang durch teils unbetretenen Schnee, in Schweiß und mit Herzklopfen, zwischen riesigen schneebedeckten Kiefern bis auf den Gipfel; dann glücklicher Abstieg mit freien Blicken in das neblige aber besonnte Tal; auf dem Fuchstanz treffe ich die zwei andern bei Kaffee und Kuchen; gemeinsamer Abstieg, unterwegs mit Frau Altmann Gespräch über Frauen, Scheidung, u. s. w.; sehr vornehm denkt sie nicht. »Als Millionärsfrau«, sagt sie, »will man auch die Hälfte der Million haben«, aber es ist famos, wie sie sich und ihre Kinder neben ihrem Trunkenbold von Mann selber erhält, den sie nicht los werden kann; sie ist lange nicht mehr so hübsch wie früher, etwas durch die Ehe verbittert, aber sie imponiert mir durch ihre Tapferkeit; um 5 Uhr zu Haus, Abends um 11 noch eine Stunde allein im Café Bauer, Brief an Hedwig.   31. Dezember. Von 12–2 wieder beim Anwalt mit Tilly, die geradezu juristischen Scharfsinn bekundet; nach Tisch mit ihr Gespräch über Ludwigs entsetzliche Familie und seine subalterne Tätigkeit, in die ihn die Eltern seiner Zeit gestoßen haben. Man begreift da fast den Vorwurf des mangelnden Idealismus, der den Juden gemacht wird. Wie anders, wie warm ist dagegen selbst eine in vieler Hinsicht so törichte Familie wie Primers. Tilly behauptet, Ludwig persönlich zu lieben, aber sie will seiner Rasse wegen keine Kinder von ihm, Konflict! Um 6 Uhr Abends Café Bauer; Oppenheim, der gerade von St. Cloud kommt; dann mit Ludwig und Tilly in der Oper: die lustige Wittwe, langweilige temperamentlose Aufführung; dann lud ich beide zu einem Souper im Frankfurter Hof ein; überall hier die reduzierte Frankfurter Judengesellschaft, aber der Heidsilk machte uns bald sehr lustig; wir fahren zur Familie Brach, die wir bereits in voller Ausgelassenheit finden. Tanz, Lieder; Tilly singt den »Schimmi«. Ich sitze bald mit den beiden Mädels allein im Nebenzimmer. Küsse. Gespräch über Liebe. Schließlich allein mit Mary, die ich nun regelrecht und wie es scheint mit Erfolg belagere. Ein Brüderchen namens Hans kommt immer herein. Anfangs geniert er mich, dann machen wir ihn zum Bundesgenossen und gründen zu Dritt eine Brüderschaft, wobei wir uns natürlich duzen und küssen müssen und uns sagen, daß wir uns alle Drei sehr lieb haben, was mir ermöglicht, Mary die tollsten, sonst ganz undenkbaren Erklärungen zu machen. Sie wird bald an einem Theater engagiert sein, und dann besuche ich sie dort. Eine tolle, etwas zigeunerhafte Brünette und auch wieder, wie bei Allem, was mir außer der Ehe in die Hände kommt, eine grundanständige Seele. So traten wir das neue Jahr an. Um 4 Uhr zu Bett. Ich genieße jetzt mein Leben viel tiefer und weiter als je in früheren Jahren, wo ich mir durch Moral und Pathos das Beste verdarb.