Edmund Hoefer Der Alte von Menkendorf Ein Roman von der Waterkant * Potsdam, Geschäftsstelle Grüne Bücher Erstes Kapitel In der Herberge zu den »St. Jakobsbrüdern« Die alte Stadt, in der unsere Geschichte beginnt, hat wie fast jede an den deutschen Küsten eine große Vergangenheit hinter sich. Als sie aus einer kleinen Ansiedlung armer Fischer zu einem Markt und bald darauf zur Stadt in festen Ringmauern wurde, erhob sie sich mit überraschender Schnelligkeit und Kraft zu Reichtum, Ansehen und Macht. Die Straßen mit ihren stolzen Giebelhäusern dehnten sich aus, und als hundert Jahre herum waren, war der Platz ein geachtetes Mitglied der Hansa, und seine Orlogschiffe vereinten sich mit denen der Schwesterstädte zu den gewaltigen Flotten, welche die Ost- und Nordsee der deutschen Herrschaft unterwarfen. Aber die Zeiten änderten sich. Auf die Jahrhunderte des Emporblühens folgten andere, wo Stillstand sich mit Lässigkeit gesellte. Das Herabsinken hub an. Fehden im Innern, Kriege, aus Dünkel geboren, untergruben die gedeihliche Ordnung. Der Verfall begann. Und in dem gleichen Maße wie Deutschlands Ansehen abnahm, wuchs die Macht und der Übermut der Nachbarn. Der Handelsverkehr erlahmte. Die Häfen versandeten und verschlammten. Die Städte wurden zu öden, bedeutungslosen Orten, in denen Mutlosigkeit und dumpfe Ergebung in ein anscheinend unabänderliches Geschick ihre widerwärtigen Früchte zeitigten. Genau so, ja schlimmer als mancher anderen, war es auch unserer Stadt ergangen. Erst in den allerletzten Jahrzehnten hatte sich ein Umschwung bemerkbar gemacht, und neuerdings schien sie sogar den Vorrang wieder zu gewinnen, den sie einstmals behauptet hatte. Es war an einem wildstürmischen Juliabend des unbeständigen Sommers 1869, als unvermutet ein Dampfer in den Hafen einlief und nach langem Hinundher einen Fahrgast ans Land setzte, wobei nicht zweifelhaft blieb, daß dieser mit einem wenig guten Einvernehmen vom Kapitän des Schiffes sich verabschiedet hatte. Der offensichtlichen Eile des Reisenden, seiner bisherigen Umgebung außer Sichtweite zu gelangen, bereiteten die Umstände hier jedoch nicht das geringste Entgegenkommen. Es zeigte sich weder eine Droschke noch ein Hausknecht mit einem Handkarren. Ja, da das Unwetter schon seit Stunden tobte und auch die Stadt heimgesucht hatte, so fehlte auf dem Hafendamm sogar das Gesindel der Gelegenheitsarbeiter. »Ist denn da niemand, der mir und dem Gepäck weiterhilft?« schrie der Fremdling nach einer Weile ungeduldigen Umherspähens halb bittend, halb mißmutig der einzigen sichtbaren Menschengestalt zu, die unter einem Torbogen stand und den Vorgang höchst teilnahmslos verfolgt hatte. Je nun, wo der Herr denn hin wolle? lautete immerhin die Antwort, ohne daß der Mann dabei sich übrigens gerührt hätte. »Unter Dach und Fach,« erwiderte der Herr, »ich brauche Ruhe, Stille, Schlaf; die Fahrt war schrecklich und –« – er sah zum Himmel auf – »in zehn Minuten geht es wohl von neuem los!« Zunächst schien es, als wären auch diese Worte vergeblich gewesen, denn der Angerufene grinste nur seine Zustimmung betreffs der geäußerten Wetterwissenschaft herüber; dann aber setzte er doch seine schwerfälligen Seemannsbeine in Gang und steuerte geradenwegs, über Pfützen und Lachen, auf das Gepäck des Fremdlings zu, ergriff es ohne irgendwelche Erklärung und schritt damit so mächtig aus, daß der Eigentümer Mühe hatte, ihm auf den Fersen zu bleiben, um so mehr, als auch der Wirbelwind bereits wieder zu rasen anfing. »Unter Dach, nur unter Dach!« rief der Ärmste, nachdem er den Träger eingeholt hatte, atemlos aus, »ich frage den Teufel wie und wo, nur ein Wirtshaus, meinetwegen das erste beste –.« Indem zuckte, ganz nahe, ein Blitz hernieder; Donner schmetterte betäubend nach. Und als seien dadurch die Wolken zum Bersten gebracht worden, stürzte eine Regenflut jählings herab, die, obendrein vom Sturme gepeitscht, die beiden Menschen schier des Gehörs und des Gesichts beraubte. Der Einheimische faßte sich indessen rasch. »Na, vorwärts müssen wir dennoch, es schwemmt uns sonst weg,« brüllte er dem Fremden ins Ohr, »ja, ja, Herr, es wäre wohl nicht zum ersten Male, wenn hier in der Dammgegend einer ersöffe!« Und in der Tat schoß das Wasser jetzt von den Dächern wie aus eben geöffneten Schleusen, so daß die Straße in wenigen Augenblicken einem wilden Bach glich. »Fasse der Herr mich dreist um die Mitte, ich bring ihn schon von der Stelle!« Dieser ermunternden Aufforderung wurde schnell entsprochen. Und so erreichte man wirklich ohne Unfall die nächstgelegene Unterkunft, die alte Herberge zu den »St. Jakobsbrüdern«. Auf dem kleinen Vorflur hielten die beiden Männer tief Atem schöpfend an. »Verdamm' mich, so hab ich es lange nicht mehr erlebt,« meinte der Führer zurückschauend, »und es kommt noch mehr! – Na,« fügte er hinzu, »Peter wird wohl sein Willkommensgesicht machen, aber das soll ihm nichts helfen! Kann uns doch nicht hier auf Gottes Erdboden elend ersaufen lassen! – Hier herein, Herr!« Und er stieß eine Seitentür auf und trat, dem Fremden voran, mit dem triefenden Gepäck in die Gaststube. Es war ein sehr großer Raum, nicht hoch an den Wänden, aber desto höher überwölbt. In der Mitte lief eine Reihe von freistehenden Pfeilern entlang. Kleine Tische wurden hüben und drüben von Bänken mit hohen Rücklehnen eingefaßt. An der Mitte der inneren Längswand sprang ein sehr geräumiger Wirtsstand mit hohen Seitenwänden und einem breiten Schenktisch vor, und im Hintergrunde, hart an der Wand, schwang sich eine Wendeltreppe empor zu einer schmalen Spitzbogentür, die wohl in die inneren Räume des Hauses führen mochte. Als unsere beiden Flüchtlinge diesen Raum betraten, war freilich von der geschilderten Einrichtung wenig zu sehen; denn obgleich nach der Straßen- wie nach der Rückseite zu mehrere Fenster das Tageslicht hereinließen, wurde dieses doch selbst durch den düstern Gewitterhimmel bis zur vollen Dämmerung herabgedrückt. Hier, im Innern des Hauses und unter dem Gewölbe aber war diese Dämmerung noch gesteigert, nur in der Nähe der Fenster war es etwas heller, während gegen die Mitte zu und in der Höhe schon ein undurchsichtiges Dunkel herrschte. In dieses rief der Seemann jetzt ein kräftiges: »Holla, Peter, wo steckst du?« hinein, was allsogleich ein erbostes Murren zur Folge hatte. Bald darauf erschien eine breite, gedrungene Gestalt, die weniger schritt, als sich vorwärts schob. Nun stand sie vor den Ankömmlingen, rieb sich die Augen und gähnte, – man sah's wohl, der Mann hatte einen ordentlichen Schlaf getan; denn als jetzt Blitzgezuck das Gemach mit gelblichem Lichte füllte, schüttelte er den Kopf und meinte, mit neuem Gähnen: »So, ist das noch immer im Gange? Dachte, es wäre schon Nacht und das Weiberzeug hätte vergessen, die Lampen anzuzünden!« Und damit kam er näher »Was ist's mit dir, Christen? Was soll das Gepäck da und was will der Herr? 's hat euch beide gepackt, scheint's. Seht aus wie gebadete Katzen.« »Richtig, und zu dir hereingeschwemmt,« versetzte der Einheimische und äußerte die Wünsche seines Schützlings in einer kurzen und bestimmten, dennoch aber bescheidenen und überredenden Weise, was jedem sonderbar vorkommen mußte, der nicht wußte, daß Peter Jansen sein Haus nach Grundsätzen führte, die nicht immer ganz durchsichtig waren. Er sagte nun auch, indem er den Gast mit einer nichts weniger als freundlichen Miene beaugenscheinigte: »Na, an Leibesnahrung fehlt's in den ›Jakobsbrüdern‹ nicht, aber vom Übernachten steht nichts geschrieben. »Mache keine Faxen, Peter,« unterbrach Christen, ihn scharf ansehend, »was sein muß, das muß sein! Der Herr soll nicht erzählen, daß wir hier die Fremden auf den Straßen ersaufen lassen. Er ist hier, und ich kann ihn nicht weiter bringen. Und deines Wilhelm Kammer ist frei und bis morgen gut genug. Also!« »Bis morgen – so? Und was ist denn so ungefähr der Herr?« Diese Frage, halb hierhin, halb dorthin gerichtet und einigermaßen gedehnt, zeigte nicht gerade an, daß nach ihrer Befriedigung schon ein abschließendes Ergebnis zu erhoffen sei. Der Fremdling hatte dem merkwürdigen Gespräch übrigens geduldig zugehört. Der Raum und seine Einrichtung machten einen fast anheimelnden Eindruck auf ihn. Auch der Wirt und seine Worte mißfielen ihm nicht, sondern weckten seine Neugier und Laune. Und so antwortete er denn auch ganz zutraulich: »Ich bin Arzt und gehe nach Stettin oder noch ein bißchen darüber hinaus, wo ich mich setzen kann. Auf dem alten Zitterkasten von Schiff ist's mir zu elend geworden. Ich will lieber auf der Bahn weiter. Morgen, so Gott will! Und von hier geh' ich bis dahin nicht mehr fort.« »Wäre es heller gewesen, so hätte der Herr in den Mienen der beiden Männer eine plötzliche Veränderung beobachten können: Beide schauten mit ersichtlicher Freude auf ihn, und ob der Wirt auch noch spottend sagte: »So? Ein Doktor und selber krank?« so klang es doch um vieles entgegenkommender, als seine bisherigen Reden. »Na, können Sie sich vor dem Jammer etwa schützen?« erwiderte zudem launig der Arzt, »und ich bin doch kein alter Seehund, wie ihr beide mir zu sein scheint.« »Da hat der Herr Recht,« stimmte der Wirt bei, »mich hat's noch auf meiner letzten Fahrt wieder schier umgedreht. Und da der Herr, wie ich höre, ein Plattdeutscher ist,« fügte er hinzu und streckte seine breite Hand dem Gaste hin, »so ist das was anderes, und ich werde Platz schaffen.« Er drehte sich um und schritt ins Dunkel zurück. »Alte, bring' Licht!« rief er dort, »es ist 'n Gast da!« »Also das wäre gemacht, aber es ging wohl nur, weil der Herr von unserer Art ist,« bedeutete Christen seinem Nachbar heimlich, indem er sich an den nächsten Tisch setzte. »Besser als bei Peter Jansen und seiner Alten findet es man auf der Welt nicht. Aber sie können freilich nicht immer, wie sie wollen.« Mittlerweile war eine gleichfalls auffällig dicke Frau hereingekommen, hatte sich ein paar Vaterunser lang leise mit dem Mann besprochen und wandte sich jetzt zu den Angekommenen: Christen möge in Gottes Namen den Koffer hinauftragen, und der Herr, der solle sich flugs umkleiden; nachher werde wohl das Abendbrot bereit sein! – Dem freundlichen Geheiß wurde entsprochen. Als der Arzt in dem ihm zugewiesenen Raum allein war, kroch ihn mit einem Male dunkel der Gedanke an, daß hier etwas Abenteuerliches sich zu begeben angefangen habe ... Zweites Kapitel Eine unruhige Nacht Die »Jakobsbrüder« waren eine von den Gesellschaften, die im späteren Mittelalter halb auf religiöser, halb auf geschäftlicher Grundlage erstanden und viel Beifall fanden. St. Jakob von Compostell war ein Heiliger, der dazumal an diesen Küsten eine große Verehrung genoß, wie die noch heute vorhandenen, ihm geweihten zahlreichen Kirchen bezeugen. Das Bruderhaus »Zu St. Jakob« wird hierorts zu den merkwürdigsten Altertümern gezählt. Näher angesehen, ist allerdings nicht viel Schönes daran: es ist ein altes, keineswegs besonders stilvolles Haus, notdürftig von der Stadt erhalten. Nur der straßabwärts gelegene Teil enthält wirklich etwas Sehenswertes, den großen Gesellschaftssaal, wo die »St. Jakobsbrüder« zusammenkamen und einen frischen Trunk taten, von einem angestellten Wirt aufs beste bedient. Dieser Bestimmung war der Gebäudeteil denn auch bis in die Gegenwart gewidmet geblieben. Die Gaststube hatte stets den besten Ruf; dieser verlor sich auch nicht, als der hohe Stadtrat den ganzen Wirtschaftsflügel vor zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren an ein Stadtkind, den frühern Schiffer Peter Jansen, mitsamt der Wirtsgerechtigkeit verkaufte, ja, der Ruf hob sich sogar, indem manch einer beim Abschied die offenherzige Erklärung Peters zu hören bekam: »Mein Junge, für Euch, rechne ich, würde hinfür ein anderer Ankergrund passender sein.« Als unser Fremdling die Gaststube wieder betrat, war es im großen und ganzen noch wie zuvor. Gäste fand er auch jetzt nicht anwesend, denn das Wetter war draußen noch immer furchtbar und anscheinend zu einem schweren Landregen geworden, der selbst den leidenschaftlichsten Stammtischhockern wohl das Ausgehen verleidete. Nur Christen saß in einem der hintersten Stühle und erquickte sich am Abendbrot, das ihm bestellt worden war. Daß der Wiedererschienene sich nun sogleich ohne Ziererei an den Tisch des einfachen Seemannes setzte und es sich hier bequem machte, wiederum ohne Ziererei eine Unterhaltung beginnend und weiterführend – das machte augenscheinlich den besten Eindruck. Der Wirt brachte sogar selber die bereiteten Speisen, ließ sich dann gleichfalls am Tisch nieder und nahm teil an dem bereits munteren Gespräch; denn nun, da der Ankömmling sich erholt hatte, zeigte es sich von Minute zu Minute mehr, daß er ein lustiger Geselle war und ohne eine Spur von der Leidmütigkeit, die ihn vom Schiff ans Land begleitet hatte. Es stand nur ein gewöhnliches Unschlichtlicht auf dem Tisch, aber die Speisen und der Wein waren über alles Lob erhaben, und so geriet der Fremde – er nannte gelegentlich seinen Namen: Leopold Busch – bald in die allerbeste Stimmung, bis daß er endlich begeistert ausrief, so wohl sei's ihm schon lange nicht gewesen, und wenn's ihm möglich wäre, möchte er noch mehr solcher Abende hier verleben. Darauf aber wurde der Wirt mit einem Male einsilbig, und Christen schickte sich sonderbar umständlich zum Aufbrechen an. Das machte den Zecher stutzig, und er wendete alsbald die Rede so, daß er den Seemann unauffällig hinausbegleiten konnte und, als es gelungen und sie in der Haustür standen – es regnete und stürmte noch immer – begann Christen von selber: »Nehme der Herr einen guten Rat an: es geht in dem Hause zuweilen allerhand vor, was nicht für alle Augen ist – Unehrliches ist nicht dabei. Wie es jetzt steht, weiß ich nicht. Aber wenn der Herr etwas merkt, was er nicht recht versteht, so lasse er's gehen und frage nicht. Denn das verträgt der Peter nicht.« – Nachdenklich kehrte der Arzt nun in den Saal zurück und äußerte, daß er zu Bett gehen wolle. Peter Jansen beeilte sich, ihm ein Licht zu geben, schüttelte ihm darnach die Hand und sagte: »Na denn, geruhsame Nacht, Herr Doktor, werd' es gleich auch so machen. Aber was ich sagen wollte, Sie haben droben einen Nachbar und er ist noch nicht zu Haus, soviel ich weiß. Doch es ist ein stiller Mensch und wird Sie nicht stören.« Die Kammer, die man dem Gast angewiesen, war ein schmales, sehr langes Gemach von nicht besonderer Höhe. Die Einrichtung, denkbar bescheiden, bestand nur aus Bett, Tisch und Stuhl nebst einer großen eisenbeschlagenen Truhe. Ein kleines Fenster, es mochte tagsüber wohl nur wenig Licht gewähren, ließ auf den Hof des Hauses hinabsehen. Außer der Eingangstür zeigte sich kein anderer Zugang, aber die Wand, welche das Zimmer von einem anstoßenden schied, reichte nicht bis zur Decke, sondern brach etwa einen Schuh darunter ab und bewies damit, daß der Raum auf das einfachste und wohlfeilste in zwei Teile getrennt war, um noch einen Schlafraum zu bekommen. Als Doktor Busch nebenan keinerlei Geräusch vernahm, entkleidete er sich und streckte sich behaglich ins Bett, des erquickenden Schlafs gewärtig. Aus dem Hause drang kein Laut zu ihm, und der Sturm und Regen, obgleich sie die Rückseite des alten Gebäudes stärker zu treffen schienen, waren, nachdem er sich an ihre jetzt regelmäßigen und eintönigen Geräusche gewöhnt hatte, auch keine Störenfriede mehr, und so schlief er bald friedensvoll ein. Aber sein Schlaf war nichts weniger als friedlich. Stak ihm noch die Unruhe der bösen Seereise im Leib? Oder hatte ihn das starke Getränk mehr aufgeregt als ermüdet –: er wachte mehr als einmal wieder auf, ohne übrigens irgend etwas von einer äußern Störung bemerken zu können. Auch das Unwetter war zur Ruhe gekommen, im Hause herrschte das tiefste Schweigen, und der Nachbar war entweder noch nicht daheim oder lag gleichfalls schon im Schlaf; es war nebenan dunkel und still. So sinnend und horchend duselte der Unruhige abermals ein. Und bald schlief er fest. Jedoch, nun ließ ihn ein Traum wieder nicht zum erquickenden Ausruhen gelangen. Denn es war ein ganz unheimlicher Traum ... Der Arzt sah sich plötzlich unten in dem alten Saal, an einem der Tische zwischen den hochlehnigen Bänken; und es war ihm, als sei er ganz allein. Aber auf einmal sah er zwei Männer; der eine ein Fischer, der andere ein städtisch Gekleideter. Sie unterhielten sich lebhaft, ja heftig, doch von ihren Reden drang nichts zu ihm. Und nun gingen sie fort und gegen den Schenkstand zu. Da war ein schönes junges Mädchen, das die beiden Männer mit lautem Jammer um sein Leben bat. Sie fand kein Erbarmen. Der eine stieß auf einmal mit einem großen Messer auf sie ein und der andere drückte ihr gewaltsam den Mund zu. Und dann rissen beide sie auf und schleppten sie die kleine Wendeltreppe empor und durch die enge Tür. – Der träumende Zuschauer hatte sich wie gelähmt gefühlt, keines Lautes und keiner Bewegung mächtig. Aber nun jagte ihn das Entsetzen in die Höhe und er rang verzweiflungsvoll die Hände. Gott im Himmel, dachte er schaudernd, was ist dies alles? Bist du wirklich Zeuge, ja, fast Mitschuldiger eines solchen Verbrechens geworden? Wie – wenn nun die Wache auf ihrer Runde hierher käme und fände die Spuren und – dich –? Scheu schlich er, indem er sich so fragte, hinüber zu der Stelle, wo das arme Geschöpf unterlegen war. Es war dort wirklich eine große Blutlache, und dabei lag ein glanzlederner Gürtel mit einer seltsamen, alten Schnalle. Den raffte er sogleich auf. Den mußte er verbergen. Warum? War es vielleicht nicht gescheiter, ihn liegen zu lassen. Doch das ging ja nicht mehr. Er hatte ihn ja schon berührt. Sein Fingerabdruck – o, Gott, da hörte er auch bereits Stimmen, die Stimmen der Polizei. Man trat ein, man kam höhnisch auf ihn zu, packte ihn an –: Er erwachte. Atmete glücklich auf: Gott, sei Lob und Dank! All das Schreckliche war nur ein Traum gewesen –! Doch diese Freude währte freilich nur einen Augenblick, denn im nächsten hörte er Geräusch im Nebenzimmer und sah, aufblickend, dort Licht, und nun wurden auch Worte laut. »Das ist ja eine verteufelte Einrichtung hier in deinem Nest, Matthies,« sprach eine Stimme, die, wie gedämpft und zögernd sie auch klang, als ob der Sprecher sich bei seinen Worten umschaue, dennoch von einer gewissen lauten Schärfe war. »Bist du auch sicher, daß wir nebenan keinen Horcher haben?« Doktor Busch wagte kaum zu atmen. »Es wird nichts zu sagen haben, Herr,« versetzte eine andere, rauhere und fast grämlich klingende Stimme. »Der Alte ist nicht gastfrei und sei Sohn nicht daheim.« »Nun denn, so können wir ja frischweg unser Ding bereden,« sagte die erste Stimme freier, »doch zuvor, was hat dich denn eigentlich in die Löwenhöhle hereingelockt, bist du schon länger hier?« »Ich hatte Heimweh, Herr, und hielt's draußen nicht länger aus. Am letzten Donnerstag kam ich, will nun aber bald wieder fort.« »Heimweh – du? Aber lassen wir das. Bist du hinaus gewesen und hast etwas von meinen neuen Patschen gehört? Der Teufel ist los!« »Na ja, Herr. Mein –« »Still! Keinen Namen! Ich traue dem schmierigen Nest hier nicht!« »Herr, Sie wissen, ich habe Sie nicht eingeladen! – Also, ich sah ihn und er war fuchswild, Herr. Er drohte mit dem ›Junker‹.« »Der Schuft!« brach der mit ›Herr‹ Angeredete ingrimmig aus. »Ich merk's, was er damals versäumt hat, will er nun nachholen! Ich soll mir den baren Betrug gefallen lassen oder mich gefangen sehen! Aber da irrt er sich. Es muß Rat geschafft werden, so oder so! Er darf keine Dummheiten machen und muß sich Zeit lassen und vor allem den Betrug aufgeben oder – Du verstehst mich!« Da sagte der Andere entschlossen: »Herr, besinnen Sie sich und lassen Sie solche törichte Reden unterwegs. Für mich sind sie umsonst. – Will der Vetter auf meine Worte hören, so ist's recht, ich will's versuchen. Mit Drohungen und dergleichen aber hab' ich nichts zu tun. – Und nun kommen Sie, Herr, es muß gleich Tag sein, Sie müssen fort, wenn Sie nicht erkannt werden wollen. Peter Jansen ist früh auf den Beinen.« Es wurde ein schwerer Gegenstand gerückt, eine Tür vorsichtig geöffnet und geschlossen; dann stolperte jemand, und es klang etwas dazu wie ein unterdrückter Fluch. Dann aber war alles still und das Licht nebenan verschwunden. Doch durch das kleine Fenster in der Kammer ließ sich die allererste Morgendämmerung wahrnehmen. Der Lauscher fühlte sich auf das peinlichste in eine schwere Unruhe geworfen. Es geht in dem Hause zuweilen allerhand vor, hatte Christen zu ihm gesagt, aber etwas Unehrliches ist dabei nicht im Spiel. Und nun war dies Gespräch gekommen und er hatte es erhorcht von Wort zu Wort; wo irgendeines ausgeblieben war, ließ es sich aus dem Zusammenhang auf das bestimmteste ergänzen. Er mußte wohl fragen: war das Vernommene wirklich etwas Ehrliches gewesen? – Was sollte, was konnte er tun? Ganz schweigen? Die Feigheit, die ihn im Traum gefesselt hielt, hatte über den Wachenden keine Macht! Sich dem Wirt entdecken, war das ratsam? An die Behörde gehen und in eine vielleicht völlig erfolglose, langwierige Untersuchung verwickelt werden, war das wirklich notwendig? Aber halt! – hatte er vielleicht einen Bekannten in der Stadt? Wer wie er mehrere Hochschulen besucht hat, findet doch allerwärts Bekannte! Und richtig, da war ja auch einer, Alfred Wehrenberg, und obendrein ein Jurist. Freilich, war der auch noch hier? Einerlei, es mußte am Morgen wenigstens der Versuch gemacht worden! Da – still! Nebenan wurde die Tür eben wieder mit aller Vorsicht geöffnet und ein Schritt, von dessen Annäherung man nichts vernommen hatte, wurde jetzt im Gemache laut. Regungslos lag der Lauscher da und hielt selbst den Atem an, denn die eingetretene Stille ließ fürchten, daß der Nachbar horchen möchte. Der aber gähnte und kleidete sich hörbar aus und streckte sich, wie die knarrende Bettlade verriet, nieder. Und fast unmittelbar darauf ließen sich die schnarchenden Atemzüge eines Entschlummernden vernehmen. Der auf eine so abenteuerliche Art fast um seine ganze Nachtruhe Gebrachte wartete nun noch eine geraume Zeit stilliegend ab, dann kleidete er sich leise an, packte behutsam seinen Koffer und machte sich – der neue Tag war bereits licht geworden – über das Kursbuch her. Zu Mittag ging ein Zug, schön, den wollte er benutzen. Als er darnach das Gastzimmer betrat, fand er die Wirtin schon auf. Sie sah verdrießlich aus, schüttelte ihm so im Vorbeigehen die Hand und fragte: »So früh? Ging's mit dem Schlaf nicht?« worauf er nicht sehr sicher log: »Ei, ich meine nur allzugut, Euer Grog ist ja ein richtiger Schlaftrunk gewesen, seht Ihr nicht, wie mir der Schlummer noch in den Augen sitzt?« Und er lachte dazu. »Na, dann ist's recht,« versetzte sie tastend langsam. »Peter und ich dachten schon, Ihr Nachbar hätte sie gestört. Er ist, mein' ich, spät nach Hause gekommen.« Vorsichtig gab er zu: »Ja doch, mir war's einmal, als hört' ich ihn kommen oder vielleicht auch gehen, denn da ich aufstand, rührte sich kein Laut nebenan.« Ihm war, als atmete sie indem erleichtert auf. »Nun ja,« meinte sie dann zur Seite blickend und kurz, »weil er eben gar nicht mehr da ist!« »Kurios!« dachte Doktor Busch, sagte es aber nicht. Drittes Kapitel Allerlei Verknotungen Doktor Buschs Umfrage nach seinem Studienfreund war nicht umsonst. »Gewiß,« hieß es, »Alfred Wehrenberg ist noch hier und arbeitet als junger Assessor an unserem Gericht. Er wohnt bei seinem Onkel, dem Pastor an der Marienkirche. Wenn Sie beim nächsten Durchgang stadtwärts gehen, führt die Straße Sie gerade auf die Kirche zu, und hinter ihr finden Sie das Pfarrhaus. Fehlen können Sie nicht und daheim werden Sie ihn auch noch treffen.« Der damit Beschiedene fand alles, wie es ihm angegeben war: Die stille Straße zwischen den Reihen ihrer kleinen Häuser, die gewaltige alte Kirche, und hinter ihr, an einem stillen Platz, durch dessen Pflaster das Gras üppig aufwucherte, ein altmodisches Haus, dem auch wieder die tiefste Stille schon sozusagen aus den Fensteraugen blickte. Es war auch drinnen so. Auf dem großen, kühlen und dämmerigen Flur zeigte sich kein lebendes Wesen, und in einem Zimmer, dessen Tür geöffnet war, regte sich gleichfalls nichts. – Endlich, als sich der Eindringling immer verlegener werden fühlte, kam ein ansehnlicher Mann die Treppe herab, zum Ausgehen angekleidet und seiner ganzen Erscheinung nach unzweifelhaft der Pfarrer selber. Er wies den Fremden, der seine Absicht und seinen Namen angab, freundlich die Treppe hinauf. Sein Neffe werde sich sehr freuen, äußerte er. Er habe des Freundes öfters, ja noch kürzlich gedacht und bedauert, so gar nichts mehr von ihm erfahren zu haben. Und der Empfang war wirklich so herzlich, wie der Freund ihn vom Freunde nach langer Trennung nur erwarten kann. Es dauerte deshalb eine beträchtliche Zeit, bis man zum Sitzen und zum behaglichen Plaudern kam und schließlich auch dazu, daß man einander schärfer ins Auge faßte. An Leopold Busch schienen die Jahre ziemlich spurlos vorübergegangen zu sein. Anders hingegen stand es um Alfred Wehrenberg. Er war auf der Hochschule einer der Fröhlichsten, Frischesten gewesen, in voller Unbefangenheit dem heiteren Leben zugewandt, ohne viel Sorgen um Gegenwart oder Zukunft, ohne trotzdem aber jemals die Grenzen zu überschreiten, die einem gesunden und edlen Menschenkinde gewissermaßen von der Natur selber angewiesen sind. Was man jetzt sah, erinnerte Wohl an das Frühere, doch es glich ihm nicht mehr. »Wie hältst du das aus?« fragte der Freund, der am Fenster stand und auf den großen, stillen Hof und den ganz einsamen, schattigen Garten hinabblickte. »Ich könnt' es nicht! Man muß ja gemütskrank werden in dieser Lautlosigkeit und Enge. Alfred lächelte zerstreut. »Verzeih' Leopold,« versetzte er erst nach einer Weile. »Ich habe gerade sehr ernste Arbeiten vor mir. Du sprachst von drückender Stille und Enge. Nun, mir tun sie gerade wohl. Das Wirre und Bunte ist draußen im Überfluß.« Als Leopold dann von den Seeleiden des vorigen Tages erzählte, hörte er kaum hin, desto mehr Ohr war er aber, als er das Unterkommen des Freundes bei den »St. Jakobsbrüdern« erfuhr. »Auf deine Aufnahme dort kannst du dir etwas einbilden,« begann er darüber in einer Mischung von Scherz und Ernst seine Meinung zu äußern, »Peter ist zwar im Grund eine kreuzbrave Seele, versteckt das aber am liebsten unter einem furchtbaren Bärenfell, das die Gäste oft mehr erschreckt als anzieht. Doch das er dich auch als Schlafgast aufnahm – hm, sonst gewährt er dies unsereinem, glaub' ich, schwerlich.« »Wer sind denn die rechten Schlafgänger?« fragte Leopold neugierig. »Christen betonte zwar die Ehrlichkeit und Ehrbarkeit, meinte im übrigen aber, ich solle mich die etwaigen Wunderlichkeiten nicht anfechten lassen.« »So urteilen er und alle seinesgleichen, sicherlich mit vollem Recht. Peter ist nach landesüblichem Begriff ein durchaus ehrlicher Mann. Daß er für alles, was er dir vorsetzt, regelrechte Zollscheine vorlegen kann, will ich allerdings nicht behaupten, und daß er nicht bei Gelegenheit einem alten Genossen oder einem armen Deckläufer ein stilles Unterkommen gewährte, will ich auch nicht verschwören. Sonst aber –« »Also höre einmal zu, ich will dir etwas erzählen,« unter brach ihn der Freund wichtig und berichtete klar und kurz von allem, was er während der Nacht in der Schlafkammer erlebt und von den Nachbarn erlauscht hatte. »Was machst du daraus?« fragte er zum Schluß. »Es ist mir verdächtig und unheimlich, und zwar um so mehr, je deutlicher ich mir alles zurückrufe.« Alfred hatte mit steigender Aufmerksamkeit zugehört. »Das ist allerdings eine seltsame und fast unheimliche Geschichte, zumal da der ›Herr‹ mich an jemand ausdrücklich erinnert, – Unsinn,« brach er ab, indem sich seine Stirne flüchtig zusammenzog, »der, den ich meine, ist schon seit Jahr und Tag nicht mehr hier, augenblicklich sogar, so viel ich weiß, auf einer größeren Reise und weit von uns. Wäre er aber zurück und hier, so hätte er am Ende auch wieder, so viel ich weiß, keinen Grund, sich zu Verstecken. – Und dennoch!« fuhr er nach einer Pause fort. »Ich denke eben an ihn, und besonders der ›Junker‹, dessen erwähnt wurde, stimmt auffällig zu ihm. Denn der ›Junker‹ ist eine greifbare Persönlichkeit – ein alter Herr von Gunsleben nämlich, einer unserer größten Grundbesitzer, ein Mann, den das ganze Land kennt und nennt –« »Gunsleben?« fiel da Leopold, plötzlich von einer Erinnerung berührt, ein, »hm, so hieß ja, denk' ich, die schöne Frau mit den schönen Töchtern oder Nichten, die ich vor einem Jahr in Liebenstein fand. Artige Leute, aber verzweifelt eingezogen, so daß man ihnen kaum nahe kam! . – Der Mann, eine Soldatenerscheinung, holte sie hernach ab.« »Richtig –« nickte Alfred, »unser Oberstleutnant! Ich entsinne mich, sie waren vor einem Jahre dort. So findest du hier mehr Bekannte, als du dachtest. Willst du, so führe ich dich hin.« »Danke – danke!« wurde dem abgewehrt – »ich wiederhol's, sie erschienen mir sehr unnahbar.« »Davon –« ereiferte sich Alfred, »wenigstens soweit darin ein Vorwurf liegen könnte, wissen wir hier nichts. Wir gehören freilich gewissermaßen zu einander,« meinte er dann mit leichtem Lächeln, »denn der Oberstleutnant ist ein Sohn unseres ›Junkers‹, und mein Onkel hier ist ein Sohn seines ältesten Freundes, des Pastors zu Menkendorf, der mein Großvater ist. Die Hof- und die Pfarrkinder sind schon in zwei Nachkommenschaften fast wie Geschwister miteinander aufgewachsen und vertraut geblieben, wie die Eltern vor ihnen gleichfalls. – Aber genug davon! Die Erwähnung des ›Junkers‹ in deiner Geschichte ist ein Anhaltspunkt, und zwar ein ernster und möglicherweise äußerst nützlicher, für den Fall, daß die Verhandlung in Peter Jansens Kammer zu irgendwelchem tatsächlichen Folgen führte. Ich lasse dies nicht aus den Augen.« Die beiden Freunde setzten ihre Unterhaltung in anderen und angenehmeren Bahnen noch eine gute Weile fort, bis der Arzt endlich aufbrechen zu müssen erklärte. Er wolle den Mittagzug benutzen und zuvor noch bei den »St. Jakobsbrüdern« ein vorhaltendes Frühstück einnehmen. »Wobei es nicht nötig ist,« bemerkte Alfred, »daß Peter von deiner Bekanntschaft mit mir etwas erfährt; er ist ein alter Fuchs. Übrigens, ein paar Straßen begleite ich dich, muß noch einen Augenblick auf die Kanzlei.« Unterwegs begegneten sie einem hochgewachsenen Offizier, der schon im Herankommen Alfred einen Gruß zuwinkte, und als man zusammentraf, nach einer artigen Entschuldigung bei dem Begleiter mit einem freundlich zürnenden »Nun, Wehrenberg, mein Junge, was ist's eigentlich mit dir, daß du dich gar nicht mehr sehen läßt?« den Gescholtenen etwas beiseite zog und darnach leiser fortfuhr, »Blanka hätte dir gern Ade gesagt. Wir mußten sie nach Drakenhof schicken – das ist auch eine tolle Geschichte. Komm und lasse dir davon erzählen. – Noch einmal,« fügte er mit einem forschenden Blick auf den ihm Unbekannten hinzu, »noch einmal Entschuldigung für die Störung, mein Herr!« und erhob indem die Hand zum Abschiedsgruß. »Ah, richtig – einen Augenblick noch, Herr Oberstleutnant!« bat Alfred nun, und nachdem er seinen Freund kurz vorgestellt hatte, fragte er: »Wissen Sie etwas von Eugen? Ist er hier?« Der Offizier sah verwundert auf. »Eugen? Hier? Teufel auch! Der steckt noch tief in der Schweiz. Wie kommst du auf ihn?« – »Ei, ich sah gestern abend kurz vor dem letzten Gewitter, einen Herrn, der mich an ihn lebhaft erinnerte,« sagte Alfred leichthin. »Wirst dich getäuscht haben,« versicherte der Oberstleutnant kurz. »Es ist also nichts mit meinem Verdacht auf den ›Herrn‹ von heut nacht,« erklärte Alfred später seinem Freunde, »denn bei dem Oberstleutnant – er ist dessen Neffe! – wäre er nicht vorübergegangen, wäre es auch nur einer kleinen Anleihe wegen gewesen.« Viertes Kapitel Beim Junker Das Land, in dem unsere alte Stadt liegt und durch das wir die Leser jetzt weiterführen, ist ein richtiger norddeutscher Küstenstrich. Ein Kornfeld schließt an das andere, von saftigen Wiesen unterbrochen: hie und da findet sich wohl auch eine Heidestrecke oder ein Brachschlag, meistens aber ist das Land, ob auch keine eigentliche Marsch, dennoch sehr fruchtbar und von seinen Bewohnern auf das sorgfältigste angebaut. Wer sich gegen den südöstlichen Winkel des Ländchens zu verliert, gelangt allmählich in eine Gegend, die auf das überraschendste den bisher von ihm durchwanderten Strecken gegensätzlich ist. Der Boden beginnt zu steigen, Hügel erhebt sich neben Hügel, alle Aus- und Vorschau wird gestört, es geht fast steil bergan und bergab, so daß man sich ganz verwundert fragt, ob man denn wirklich so hoch im Norden und obendrein so nahe an der See sein könne. So kommt man zu einer Art von Hochland hinauf, das vielleicht die Ausdehnung von etwas mehr als zwei Stunden haben mag. Durchmißt man dieses bis zum entgegengesetzten Rande, so ergibt sich ein neuer, überraschender Anblick. Denn es fällt hier der Boden plötzlich aus der Höhe von ein paar hundert Fuß mit fast schroffen Wänden zum Meeresstrande hinab. An der nördlichen Ecke dieses Hochlandes liegt seit uralter Zeit ein Fischerdorf – zurzeit im besten Anlauf, ein modischer Badeort zu werden – Drömnitz benamst. Die gesamte übrige Fläche dieser Hochebene aber ist das Eigentum eines einzigen Besitzers, des Herrn Detlef von Gunsleben, und wird unter seiner Aufsicht von dem Hauptgute Menkendorf und zwei oder drei sogenannten Vorwerken aus bewirtschaftet. Menkendorf, ein großer Flecken, der etwa Dreiviertelstunden von Drömnitz bei unserer Annäherung unvermutet hinter einer langen Bodenwelle hervortritt, zieht sich mit seinen Häusern eine ziemliche Strecke weit an einer gut erhaltenen Straße entlang. Alles zeigt auf den ersten Blick, daß das Dorf erst in der neueren Zeit nach einem bestimmten Plane neu aufgebaut worden ist: ein Wille gebot, und ein Wille wurde befolgt. Zehn Minuten Weges östlich davon steht der große Wirtschaftshof, der durch zahlreiche und mächtige Stallungen, Scheunen und anderweitige Gebäude gebildet wird und im Hintergrunde das Herrschaftshaus erscheinen läßt. Es ist ein fester, zweistöckiger, trotzig einfacher Bau, etwa aus dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts. Wiederum zehn Minuten Weges weiter, aber gegen Norden zu, stößt man auf die Stelle, wo das Dorf ursprünglich gestanden haben mag. Der Grund seiner Verlegung ist ersichtlich genug, denn der Raum zwischen der erwähnten, auch hier noch fortstreichenden Bodenwelle und einem tief einschneidenden, nordöstlich zum Seestrande hinabführenden, schluchtartigen kleinen Tal, ist beschränkt und gewährte dem vergrößerten Orte keinen Platz mehr. Nur die Kirche mit dem Friedhof blieb hier. Sie ist uralt und macht einen kastellartigen Eindruck, so daß man wohl annehmen darf, ihre dicke Umfassungsmauer hätte eine kleine Christengemeinde wohl mehr als einmal gegen Überfälle heidnischer Stämme geschützt. Gleich seitwärts, neben dem Gottesacker, erhebt sich der Pfarrhof, ein altes Haus mit niedrigen Wänden und hohem schwarzem Strohdach, auf dem das mächtige Storchnest nicht fehlt. Auch die Nebengebäude sind alt, und die prachtvollen Bäume vor und hinter dem Hause, die über dem First ihre Kronen beinahe zusammenschieben, bezeugen nicht weniger, als daß jener Wille, der den Umbau des Dorfes hervorrief, hier machtlos blieb oder vielleicht auch stets ehrfurchtsvoll zurückwich. Detlef von Gunsleben, landaus und -ein ›der Junker‹ genannt, galt im ganzen Lande von jeher für das Muster eines alten Edelmannes und eines tüchtigen Menschen. Jetzt, schon ein Siebziger, stand es um seinen Ruf noch besser: man ehrte ihn nicht nur, man liebte ihn auch. Am besten zeugte für ihn wohl die niemals gestörte Freundschaft, in der er seit seiner frühesten Jugend dem Pfarrer von Menkendorf, dem Magister Moritz Silberg, verbunden geblieben war, einem Manne vom alten Schlag, zäh und klar und unbestechlich. Die beiden Freunde waren in einer fast wunderbaren Weise zusammengeführt und zusammengehalten worden. Zu Anfang des Jahrhunderts, als die napoleonischen Kriegsstürme auch unser Ländchen durchlebten, war Moritz Silberg von seinem Vater, ebenfalls einem Landpfarrer, in die sichere Stadt aufs Gymnasium geschickt und bei einem befreundeten Lehrer in Pflege gegeben worden. Ein halbes Jahr später fand sich hier auch, gleichfalls als Pflegling des Lehrers, der nur um ein Jahr jüngere Detlef Gunsleben ein und teilte mit dem bald gewonnenen Freunde das kleine Zimmer. So gelangten beide zum Jahre 1813. Beide meldeten sich als Freiwillige, und beide wurden wegen ungenügenden Alters zurückgewiesen. Besseren Erfolg hatte die zweite Meldung im Jahre 1815. Sie wurden angenommen und eingestellt, marschierten auch ab, kamen jedoch nicht mehr zum Kampf; die Schlacht von Belle-Alliance hatte dem Krieg ein Ende gemacht. Und nun erfolgte die einzige Trennung der Freunde während ihres ganzen Lebens: Detlef blieb Soldat, Moritz aber nahm seine Entlassung und vollendete seine Studien. Zwei tiefschmerzliche und fast gleichzeitige Todesfälle: Detlefs Vater und der alte Heimatspfarrer – führten sie wieder zusammen. Der junge Theologe bewarb sich um die freigewordene Stelle, der junge Offizier um seinen Abschied. Beides gelang. Und jetzt begann zu Menkendorf zwischen den beiden jungen Familien – natürlich hatten die Freunde alsogleich nach gewonnener fester Stellung geheiratet! – ein Verkehr, wie er nicht glücklicher, fröhlicher und herzlicher gedacht werden konnte. Denn wie die beiden Männer, so gehörten auch die jungen Frauen von Jugend auf, man hätte sagen mögen: gleichsam durch das Geschick zusammen. In jenem Lehrerhause, wo Detlef von Gunsleben und Moritz sich zum ersten Male begegnet waren, wohnte damals in sehr bescheidenen, ja dürftigen Verhältnissen – diese Zeit warf manche Familie aus der glücklichsten in die unglücklichste Lage! – die verwitwete Gräfin Reichshofen mit ihrem einzigen Kinde, Agnes geheißen. Der Lehrer – Lauer hieß er – hatte nun gleichfalls eine Tochter, – auch sie rief man Agnes, auch sie war im selben Jahre wie das junge Komteßlein geboren. Die beiden Mädchen waren natürlich Busenfreundinnen und staken, sobald sie frei waren, den ganzen Tag beieinander und teilten, gleichwie die beiden Jünglinge, Freud und Leid. Der Same, den das Schicksal hier ausgestreut hatte, ging auf und gedieh und reifte. Und keine Entwicklungsstufe dieses Wachstums brachte eine Störung; ja der ursprüngliche Einklang blieb nicht nur, er ward noch reicher und schöner. Denn die Kinder und selbst die Enkel der beiden Familien fühlten sich einander verbunden. Man darf so wohl sagen, daß es zu Menkendorf viel Glück gegeben hatte, wenn auch das Unglück nicht ganz ausgeblieben war. Und seltsamerweise war es, als wolle sich auch hier gewissermaßen wieder die Zusammengehörigkeit dieser Menschen offenbaren. Von den beiden Söhnen des ›Junkers‹ hatte der älteste, Wolfgang, längst ein Gut des Vaters, den ›Drakenhof‹, übernommen, wo er mit den Seinen in den angenehmsten und gedeihlichsten Verhältnissen lebte, während der zweite, Moritz, Soldat war und eine gute Dienstbahn gemacht hatte – wir lernten ihn in der Stadt schon kennen. Mit den beiden Töchtern war es nicht so gut gegangen: sie waren, die ältere nach einer unglücklichen, die andere nach einer desto glücklicheren Ehe, beide noch jung, gestorben. Die Hinterlassenen der ersteren machten den Schwieger- und Großeltern mehr Sorge und Verdruß als Freude. Der zweiten starb der Gatte in kurzer Zeit nach, und die völlig verwaisten, noch ganz kleinen Kinder wurden zu Menkendorf erzogen. Ganz zu der gleichen Zeit wuchs auch im Pfarrhaus ein elternloser Enkel heran. Denn während die zwei Söhne des Pfarrers ganz nach Wunsch vorwärts kamen – den ältesten sahen wir als Pfarrer in der Stadt –, starb die einzige Tochter gleichfalls nach ziemlich kurzer Ehe, und auch hier folgte der Gatte ihr schon im nächsten Jahre. Der einzige Sohn – es war unser Alfred – war auf den Schutz und die Sorge der Großeltern angewiesen. So waren diese Menschen zu der Zeit gelangt, wo wir ihre Bekanntschaft machen sollen. Die zwei Freunde waren alt geworden. Allein, ob die Haare auch gebleicht worden waren, die Augen schauten doch noch klar, der Körper hielt sich noch rüstig aufrecht und die Herzen schlugen unverändert treu und warm. Und das war auch nötig für das, was das Schicksal noch als letzte Prüfung für sie aufgespart hatte. – Fünftes Kapitel Das Verbrechen Es war ein glühend heißer Julitag, heiß selbst jetzt noch, wo die Sonne bereits sehr schräge Strahlen über Menkendorf warf. Die Luft flimmerte, zitterte vor Hitze und war voll vom Duft der überreich blühenden Linden und Rosen, die nach der früheren unbeständigen Witterung nun fast alle auf einmal zur vollen Blüte gelangt waren. Es war schier betäubend, und nur das fliegende, schwirrende und summende Getier fühlte sich dabei wohl. Aus der blendenden Höhe klang der Sang einer Lerche leise herab; die Bienen summten zu Tausenden um die Lindenblüten; über und zwischen den Blumen spielten Scharen von Schmetterlingen, und aus den angrenzenden Gefilden drang das Schrillen der Heuschrecken und Grillen endlos und eintönig herüber. Die zahmen Tiere hingegen rührten sich nicht. Die Tauben ruhten auf der Schattenseite des Daches. Der Hofhund lag langgestreckt im Schatten seiner Hütte. Von Menschen ließ sich, wohin und so weit man auch um sich schaute, schon seit Stunden kein einziger erblicken. Jetzt aber wurden die Flügel einer festen Vortür auf der schattigen Hinterseite des Pfarrhauses aufgestoßen, und es trat ein alter Mann heraus. Er stand und sah sich um, »Das heiß ich doch ein Wetter!« nickte er vergnügt. »Das Herz geht einem auf bei dieser Pracht und diesem Segen!« »Komm' wieder herein, Moritz,« mahnte aus dem Hause heraus eine kleine gleichfalls schon sehr bejahrte Frau. »Es ist ja noch zum Ersticken, und die Sonne verbrennt dir gewiß den Kopf.« »Ei, Mutter, bist du noch so heißblütig?« rief der Greis lächelnd zurück. »Mir ist es just recht. Also kommt mir bald nach. Es ist drunten jedenfalls besser als in den engen Zimmern.« Und damit spazierte er schon in den nächsten Steig hinein und weiter zwischen den mit Buchsbaum eingefaßten Beeten entlang. Hier hatte er für die Blumen einen freundlichen Blick, dort schaute er die Gemüsebeete voll schmunzelnder Zufriedenheit an oder zu den früchteschweren Obstbäumen hinauf. So näherte sich der Pfarrer – wer zweifelt daran, daß wir einen solchen, und zwar den Magister Moritz Silberg vor uns haben? – einer Laube, die von dicht verranktem Jelängerjelieber übersponnen, hart an der Gartengrenze sich erhob. Dort angelangt, machte er es sich bequem. Er holte ein Buch und seine Brille aus der Tasche, dann den Tabaksbeutel und das Feuerzeug und legte das alles auf den Tisch. Aber zum Lesen kam er nicht. Der hier nahe vorüberlaufende Zaun war nicht bloß der Einfriedigung wegen da, sondern gewährte auch einen an dieser Stelle sehr notwendigen Schutz. Der Boden fiel außerhalb noch eine kleine Strecke weit langsam, alsbald aber rasch und rascher, ja bis zur wirklichen Jäheit, in den fast schluchtenartigen Grund hinab, wo sich die Gebäude einer Wassermühle erhoben und die Räder sich rauschend vor einem raschen Bache drehten. Indem Pastor Silberg dieses malerische Bild in sich aufnahm, kam rechts, vom Walde, ein Mann hervor und auf dem Fußsteige, der außerhalb des Gartenzaunes heranführte, näher – eine große und starke, ungebeugte Gestalt im grünen, jägermäßigen Rock, Filzhut und hohen Stiefeln. Seine Augen flogen mit scharfem Blick zum Grund hinab und über die Höhe zur Laube hin. »Alles in Ordnung, Detlef, komm nur!« rief der Pfarrer dem Herankommenden zu und streckte ihm die Hand entgegen. Der lies; sich hart auf die Bank nieder. »Donnerwetter!« stieß er darauf kurz hervor und langte nach dem Feuerzeug des Freundes, um vor allem seine kurze Pfeife wieder in Brand zu setzen. »So ein bißchen angenehme Wärme wirft dich um!« lachte Silberg. »Angenehme Wärme?! Der Henker hole sie!« knurrte der Geneckte – Detlef von Gunsleben – und fuhr mit dem Tuch über die Stirn und das kurzgeschnittene, noch dichte, aber eisgraue Haar, »streiche da seit einer Stunde zwischen dem Korn herum –« »Was mir nicht im Traum einfallen könnte,« unterbrach ihn der alte Pfarrer munter, »aber du hast eben kein Sitzfleisch, mein Bester!« fügte er unzufrieden hinzu. »Nein, Gott sei Dank! Der Mensch ist nicht zum Sitzen da!« bekräftigte dies der ›Junker‹, der sich behaglicher zu fühlen begann, »und nun, mein Alter, wie ging's hier bei euch? Agnes kannte mir nur Gutes sagen.« Er blickte dabei forschend den Freund an. »Weiß es auch nicht anders,« versetzte dieser offen, »alles wie es muß und soll und in guter Ordnung. Und nun, wie ist's mit dir? Du bist doch in Drakenhof eingekehrt?« Die Antwort kam schleppend: »Gewiß!« Gunslebens Stimme wurde etwas dumpfer. »Es ist alles in gutem Schick, heißt das, bei uns. Hast du schon gehört, daß ich die Blanka mitgebracht habe?« – Der Pfarrer erhob erstaunt den Kopf. »Blanka? Also das ist die Dame gewesen, die Peter bei dir auf dem Wagen gesehen hat und um die wir uns den Kopf zerbrachen! – Aber sie sollte ja bis zum Manöver in der Stadt bleiben?« meinte er nach einigem Besinnen befremdet. »Na, sie haben sie am vergangenen Donnerstag nach Drakenhof geschickt, und heut morgen hab ich sie aufgeladen,« erläuterte der ›Junker‹ in einem anscheinend nicht ganz zufriedenen Tone, wie sich denn auch auf der Stirn ein paar leichte Falten zeigten. Der Pfarrer schien dies nicht zu bemerken. »Ei, da werden ja meine Alte und Marie große Freude haben!« sprach er lebhaft. »Ich weiß nicht, wo sie bleiben,« fuhr er fort und stand auf, um aus der Laube zu spähen. »Lasse sie nur,« wehrte dem der Gutsherr, in dessen Antlitz der Unmut jetzt immer deutlicher hervortrat. »Es ist mir ganz recht, wenn wir noch ein wenig allein bleiben, denn ich habe mit dir zu reden, alter Beichtiger.« »Hab's schon aus deinem ›Donnerwetter‹ und seither gemerkt, daß bei euch doch nicht alles im Schick, also, mein Alter, was ist los?« »Teufeleien, Moritz!« »Teufeleien? Zu Drakenhof? Bei Blanka? Spaß!« »Ach was! Bei wem denn sonst, als bei den Unglücksmenschen, den – es ist doch geradezu zum Teufelholen!« Grimmig brach Detlef von Gunsleben ab und legte die Faust hart auf den Tisch. »Stelle dir bloß einmal vor! – Du weißt, daß ich dem verwünschten Burschen, dem Eugen, einen Zuschuß gebe, wie mein Moritz seinerzeit ihn bei weitem nicht so hoch und vordem, zu meiner eigenen Zeit, kein Offizier in der Armee einen gleichen gehabt hat. Du weißt, daß ich vor zwei Jahren, bei der Versetzung des Burschen, ihn mit ernstlichen Opfern ausgelöst und ihm obendrein im Winter die Reise ermöglicht habe –« »Sehr überflüssigerweise, sagt' ich dir!« fiel Silberg kaltblütig ein. »Nun, ich rechnete, wie du weißt,« sprach der ›Junker‹ erregt weiter, »daß es recht sein dürfte, wenn er einmal ein halbes Jahr lang aus den nichtsnutzigen Kreisen herauskäme und auf der Reise sparen lernte. Nun aber schreibt vor einigen Tagen sein Kommandant an meinen Moritz, daß ihm ein nicht unbedeutender, obendrein schäbiger Schuldposten angezeigt sei, er unter der Hand aber von noch anderen, und zwar viel größeren, erfahren habe. Er zögere nur bis zur Rückkehr des Burschen, die ja in vier, fünf Wochen erfolgen müsse. Rettung halte er für unmöglich. Nun hat Moritz mit Wolfgang verhandelt, ob sie beide, um mir nicht den Ärger zu machen, das Ding noch einmal für sich in die Hand nehmen wollten. Wolfgang aber hat sich vernünftigerweise gegen die Geheimhaltung vor mir erklärt und kam denn gestern auch mit der ganzen Pastete heraus.« Silbergs Blick ruhte verdüstert auf dem alten Lebenskameraden. »Ja, es ist ein unglückseliger Schlag von Menschen!« sagte er endlich. »Und wie hart es klingen mag, auch ich kann dir eigentlich nicht zur Nachsicht raten. Sie scheint hier wirklich umsonst.« »So denk' ich auch,« fuhr der Erzähler gefaßter fort, »aber wenn er ›springt‹, werden wir ihn darum los? Ja – du sagst: ein unglückseliger – ich sage ein nichtsnutziger Schlag von Menschen, diese Altheims! Meine alte Agnes und ich müssen immer von neuem die Gnade unseres Herrgotts preisen, daß er damals unser armes Kind zu sich nahm. So braucht sie doch, was sie damals an dem Manne zu erfahren hatte, nicht von neuem an den Kindern zu erleben!« »An den Kindern?« wiederholte Silberg, ersichtlich bestürzt. »Es kann doch nicht –« »Höre nur zu, jetzt kommt Nummer zwei!« fiel der ›Junker‹ voll Bitterkeit ein und berichtete weiter, »die Viktoria hat gleichfalls nie recht zu uns gepaßt. Ich habe dir wohl kaum gesagt – wir sprachen ja nur selten von ihr! – daß sie schon im Mai zu einer Schulfreundin, der Gattin eines Herrn von Letzingen in der Pfalz, ging, um mit der Familie eine Schweizerreise zu machen, womöglich Eugen abzufangen und mit ihm dann im Herbst zurückzukehren. Nun scheint es dort einen oder ein paar Rechtsstreite zu geben, und der Rechtsanwalt des Letzingen kommt schier täglich ins Haus, ein noch junger, natürlich bildschöner, geistvoller und, der Henker weiß, was sonst noch für ein Wundermann, aber leider schon Gatte und Vater. Trotzdem spinnt sich aber zwischen ihm und der Viktoria alsogleich etwas an – sehen und lieben war eins, heißen das ja wohl unsere Herren Romanschuster? Der Wundermensch will sich scheiden lassen, und Viktoria schreibt an Hildegard, daß sie lieber sterben, als von ihm lassen wolle, na, und so weiter.« »Nun, ich denke, daß da denn doch wohl noch etwas zu tun sein wird,« meinte Pastor Silberg nach einem langen Schweigen. »Von Beständigkeit und Entschlossenheit ist mir an der jungen Dame eigentlich nie etwas sichtbar geworden.« »Dann hat sie dergleichen jetzt gefunden!« entgegnete der ›Junker‹ bissig. »Frau von Letzingen beschwört Hildegard, einzuschreiten und Viktoria zurückzurufen, bevor es zum Äußersten komme –, es klingt geradezu toll! – Hildegards strenger Mahnbrief ist natürlich ganz ohne Wirkung geblieben. Das verrückte Geschöpf erklärt rundweg, daß sie sich lieber von uns verstoßen lassen, als nachgeben wolle. Von Letzingens hat sie sich schon losgesagt und ist zu einer fremden Familie in der Nachbarschaft übergesiedelt. Nun aber hat das entartete Ding sogar –« der Sprecher schöpfte tief Luft, erzählte aber darnach nicht weiter, denn er hatte ganz nahe Schritte vernommen. Und wirklich, auf dem Fußwege draußen schritt eben ein mittelgroßer, fester Mann, eine schirmlose Soldatenmütze auf dem blonden Haar und eine dunkle Jacke über die Achsel gehängt, in lässigem Gang an der Laube vorüber. Er grüßte nicht und sah auch gar nicht auf. »Was ist denn das für ein Landstreicher?« murrte der ›Junker‹, die Stirne runzelnd. »Hätte gute Lust, ihm ein wenig Lebensart zu lehren! Gesehen muß er uns haben!« »Na, na, Alter, nur kalt Blut!« mahnte Silberg. »Es wird ein Fremder sein, ich kenne ihn wenigstens nicht. Der weiß von dir und mir schwerlich etwas und fragt noch weniger nach uns. Also laß ihn laufen und erzähle weiter.« »Aber wo will er denn hier anders hin als in die Mühle?« bohrte es in dem Gutsherrn weiter, »eine Bootsstelle ist hier, gottlob, nur für uns, und nach Drömnitz wäre der Umweg doch geradezu unsinnig. Landstreicher leid' ich aber nicht in der Gegend. Werde auch den Musjö Müller daran erinnern, daß seine Mühle keine Herberge und Schenke ist! – Und nun zu der widerlichen Geschichte zurück! – Das entartete Geschöpf hat sogar an Blanka geschrieben von ihrem Liebesglück! Meine Alte ist in einer Aufregung, wie ich sie nie gesehen. An ein so junges, braves, ehrenhaftes Kind, das noch nichts von dem Schmutz der Welt –« Wiederum brach Detlef von Gunsleben ab und lauschte ... »Großpapa! – Großpapa!« klang aus der Ferne der Ruf einer jungen Mädchenstimme und jetzteben zum dritten Male und mit dem Ausdruck einer solchen Angst oder Verzweiflung, daß die beiden alten Herren von ihren Sitzen auffuhren und, ohne ein Wort zu wechseln, aus der Laube und in den Steig eilten, der gegen das Haus zurückführte; denn daher kam der Ruf. Da sahen sie auch schon die Rufende heranfliegen und vernahmen wieder das angstvolle »Großpapa – Großpapa!« »Mariechen, – um Gottes willen, hier sind wir ja! Was ist denn geschehen?« rief der Pfarrer dem Mädchen entgegen. Und nun war es heran und stammelte: »O Großpapa – o Onkel Gunsleben! – Hinter dem Stall liegt ein Toter, ganz blutig – Christine hat ihn eben gefunden –« »Ein Toter? Voll Blut? Hinter dem Stall?« Die beiden alten Freunde schauten das Mädchen, dann einander selbst bestürzt an. »Fasse dich, Kind!« sprach der Pfarrer, sich sofort aufraffend. »Hier gilt es nicht, den Kopf zu verlieren, sondern zusammenzunehmen! Eile uns voraus, du hast junge Beine! Und schicke sogleich wen auf den Hof hinüber, es muß ein Reiter in die Stadt.« »Und,« fügte der ›Junker‹ hinzu, Herr Langhans soll augenblicklich herüber kommen! Hörst du?« Und als Marie davon war, stieß er Silberg überlegen in die Seite: »Nun, Moritz, wie ist's mit unserm Landstreicher, he?« »Detlef, du gehst wieder einmal durch!« versetzte der Freund mit einem Anfluge von launiger Verdrießlichkeit. »Was hat der mit unserem Toten zu tun? Sollte man ihn da, dreißig Schritt von meinem Haus und am hellen Tage, totgeschlagen haben? Na, na! – Der kann da schon seit gestern oder vorgestern liegen. Denn wer kommt hinter den Stall? Und was Christine dort eben zu tun gehabt hat, ist mir durchaus unklar. Nun denn, wir werden ja sehen.« »Und doch,« beharrte Herr von Gunsleben finster, »denke einmal zurück an den armen Warneck! Der wurde auch so gefunden; und wären wir nicht durch den Schrecken gelähmt worden, sondern gleich hinterher gewesen – glaubst du, daß der Täter damals nicht entdeckt worden wäre? Diesmal aber soll es an uns nicht fehlen!« Sechstes Kapitel Wenig Licht Wer mit der ländlichen Bauart und der Lebensweise bei den Bewohnern des von uns besuchten Ländchens bekannt ist, muß die Frage des alten Pfarrers: »Wer kommt hinter den Stall?« – durchaus gerechtfertigt finden. Die »Höfe«, ob klein oder groß, sind bei ihrer ursprünglichen Anlage mitten aus der Feldmark herausgeschnitten und werden durch das eigentliche Wohnhaus und von den Wirtschaftsgebäuden gebildet. Diese liegen links und rechts nebeneinander, durch Zwischenräume von einem oder ein paar Dutzend Schritten getrennt, so daß einerseits einer drohenden Feuersgefahr wenigstens einigermaßen begegnet wird und andererseits die Gebäude nicht bloß von vorne, sondern auch von den beiden Giebelseiten vollkommen zugänglich sind. Nach innen zu begrenzen und bilden sie so den »Hof«. Vorn mündet dieser fast ausnahmslos auf eine Landstraße oder einen Landweg. Hinter dem Wohnhause zieht sich ein Garten hinaus; hinter den übrigen Gebäuden aber schließt sich, wiederum mit seltenen Ausnahmen, unmittelbar die Feldmark an oder etwa noch ein Stückchen unbenützten Landes, wo das Unkraut wuchert und sich im Laufe der Zeit vielleicht allerhand Plunder ansammelt, den man aus dem Wege haben will. Die Gebäude haben nach dieser Seite keine Eingänge und fast niemals Fenster. Der Pfarrhof zu Menkendorf zeigt einen solchen Platz, und er ist womöglich noch öder und einsamer als sonstirgendwo. Wir haben schon berichtet, daß der Pfarrhof ganz nahe bei der Kirche liegt, und zwar ist diese Nähe eine so große, daß die beiden, Stallung und Schuppen enthaltenden Gebäude, links vom Hause, bis auf zehn oder zwölf Schritte an die alte Umfassungsmauer des Kirchhofes herantreten. Das gibt einen schmalen Streifen Landes, der vollständig unbenützt ist und von niemand betreten wird. Kleine Kinder gibt es seit vielen Jahren weder im Pfarrhause, noch in der drüben liegenden Küsterei, und die Dorfjugend sucht und findet ihre Spielplätze anderwärts. Die Erwachsenen aber haben noch weniger Veranlassung, den abgelegenen Platz aufzusuchen. Nachmittags, als die Hitze abzunehmen begann und die Pfarrerin schon daran dachte, mit ihrer Enkelin dem Gatten zur Laube zu folgen, war die alte Magd Christine um irgendeines Geschäftes willen zum Stall hinübergegangen. Davon wurde sie durch das außerordentlich lebhafte Gackern eines Huhnes abgerufen, welches, da die Alte sich nach ihm umsah, gerade um die Stallecke hervorgelaufen kam und durch seinen Lärm alle seine, auf dem Hof sich umhertreibenden Gesippen in Aufregung versetzte. Nun wußte Christine als erfahrene Züchterin seit langem, daß die Hühner, in Erinnerung gleichsam an den Naturzustand ihrer Freiheit, noch heute eine unbesiegliche Neigung haben, ihre Eier nicht auf die bestimmten Stellen und in die vorsorglich bereiteten Nester zu legen, sondern sich zu diesem Geschäft ihre eigenen, abgelegenen und versteckten Plätze zu suchen, zum nicht geringen Verdruß und Schaden ihrer Besitzer. Christine machte sich daher auch ungesäumt auf den Weg, um zwischen Stall und Friedhofsmauer nach dem wilden Nest zu suchen; dazu war das eben geschilderte, einsame Stückchen Landes ja so geeignet wie nur denkbar. Dort erblickte sie zwar dann nicht das Nest, dafür aber den Körper eines Menschen, der lang hingestreckt, ganz nahe an der Mauer, zwischen den Nesseln, ›Nachtschatten‹ und anderen wilden Kräutern lag, die sich an dieser einigermaßen lichteren Stelle angesiedelt hatten. Er war in eine nicht vornehme, aber anständige Sommertracht gekleidet. Der Strohhut war beim Sturz vom Kopf geflogen und lag ein paar Schritte entfernt. Vom Gesicht war wenig zu sehen, da es fast ganz in das Kraut gedrückt war. An der linken Schläfe aber und an der Wange unter ihr zeigte sich etwas Blut. Als sich die Magd vom ersten Schreck erholt hatte, näher herangetreten war und keinerlei Bewegung an dem Körper wahrnahm, machte sie sich rasch auf den Rückweg und brachte die böse Kunde ins Haus. Die Pfarrfrau hatte sich bald gefaßt, und bevor noch die nach dem Großvater ausgesandte Enkelin wieder zurückgekehrt war, schon die von dieser mitgebrachten Aufträge zum Teil selber ins Werk gesetzt: zum alten, vertrauten Küster und zum Wirtschafter des Gutes auf den Hof geschickt und ein Gemach zur Aufnahme eines Kranken oder Verwundeten in Aussicht genommen – denn an einen Toten glaubte sie nicht: es war ja ganz undenkbar, das; auf jener Stelle, so nahe beim Hause und am hellen Tage, jemand hilflos zu Tode gekommen oder gar erschlagen worden sein sollte. Als die beiden alten Herren jetzt anlangten, sahen sie daher alles schon vorbereitet und auch den Küster Stahlberg bereits eilig von seiner Wohnung herüberkommen. Sie gingen ohne Aufenthalt, nur in Begleitung der Pfarrfrau, die sich mit alter Leinwand, frischem Wasser und der Rumflasche versehen hatte, zum Schauplatz des Unglücks hinüber und fanden den Körper in der Lage und auf der Stelle, wie Christine es beschrieben hatte, unverändert, und erkannten jetzt bald, daß man es mit keinem Verwundeten und Betäubten, sondern wirklich mit einem Toten zu tun hatte. – Der Wann war vornüber und in das hier üppig wuchernde Unkraut hineingefallen. Dieses war in größerem Umkreise niedergedrückt, als durch den Fall allein erklärt wurde: der Körper mußte sich entweder noch gewälzt haben oder von einer fremden Hand hin und her gezogen worden sein. Das Blut an der linken Schläfe und Wange rührte augenscheinlich von einer Wunde an der Stirn her, die stark geblutet, aber kein tödliches Aussehen hatte; sie war offenbar dadurch entstanden, daß der Mann bei seinem Fall mit der Stirn auf einen ziemlich scharf gekanteten Stein gestoßen war, der hier im Kraute lag und sich auch jetzt noch blutig zeigte. Dagegen fand sich hinter dem rechten Ohr gleichfalls etwas Blut und unter dem verdeckenden Haar eine aus der Tiefe geöffnete Wunde, wie sie nur durch eine herausschlagende Kugel hervorgebracht werden kann. Und als der Wirtschafter des ›Junkers‹, den der Bote glücklicherweise sogleich gefunden und rasch herübergeschickt hatte, jetzt noch einmal die linke Seite untersuchte, bemerkte er eine von dem anklebenden Stirnblut anfangs übersehene, erbsengroße, blaue Stelle, wo die tödliche Kugel eingedrungen war. Von Verbrennung fand sich nicht die leiseste Spur, und der Schuß mußte daher aus einer nicht ganz unbedeutenden Entfernung abgefeuert worden sein. Und da von einer solchen gegen die Stallwand zu keine Rede war, so konnte der Mörder nur hinter der Kirchhofsmauer gestanden haben, und der Getroffene mußte sich im Todeskampf vollständig umgedreht haben. Auf dem Kirchhof entdeckte man dann von fünf bis sechs Schritt, neben einem alten, versunkenen Grabe in der Tat eine Stelle, wo das Gras niedergetreten war. Auch die Richtung stimmte. Doch war die Möglichkeit allerdings nicht ausgeschlossen daß das Gras durch irgend jemand sonst oder irgend etwas anderes niedergedrückt war. Nur mußte der Druck vor kurzem stattgefunden haben; denn ob das Gras sich auch nicht wiederaufzurichten vermocht hatte, so war es doch noch ganz frisch. Dem entsprach auch der Zustand der Leiche: so weit die gegenwärtig Anwesenden dergleichen verstanden, mußte der Tod vermutlich erst vor wenigen Stunden, jedenfalls aber am heutigen Tage eingetreten sein. Der Tote war ein kaum mittelgroßer, wohlbeleibter Mann und wurde von allen Anwesenden augenblicklich als der Handelsmann Willmanns erkannt, eine in diesem Teile landkundige Persönlichkeit. Er durchzog zweimal im Jahr, im Frühling und Herbst, die Gegend kaufte von größeren und kleineren Besitzern alles Mögliche: Häute, Knochen, Talg, Wolle und was dergleichen mehr ist, zusammen, vermittelte auch größere Geschäfte für bedeutendere Häuser, besorgte daneben alle möglichen Aufträge und hatte sich durch seine Dienstwilligkeit, Umsicht, Erfahrung und Ehrlichkeit den besten Ruf erworben. Nun war es von vornherein auffällig, daß er erstens so ganz und gar außer der gewohnten Zeit sich auf die Reise begeben, und zweitens, daß er dieselbe ohne sein gleich ihm selbst allerwärts bekanntes Gefährt angetreten hatte. Dazu fehlte, wie man auf den ersten Blick bemerkte, die wiederum altbekannte lederne Geldkatze, welche Willmanns unter der langen Weste um den Leib zu tragen pflegte, und als der ›Junker‹ unter dem offenen Rock darnach sah, auch die, gewöhnlich von Papieren strotzende dicke rote Brieftasche in der Brusttasche. Dagegen ging die alte, zweigehäusige silberne Uhr noch unverändert ihren ruhigen Gang. Demnach hatte hier augenscheinlich neben dem Morde auch ein Raub stattgefunden; denn daß der Händler sich, auch wenn er keine bestimmten Geschäfte vor sich hatte, ohne jede Katze und Brieftasche auf irgendeinen Ausflug begeben haben sollte, war für jeden, der ihn kannte, völlig undenkbar. So häuften sich die Fragen oder vielmehr Rätsel, denn auf die Fragen gab es keine Antwort. Was hatte Willmanns zu dieser ungewöhnlichen Reise vermocht und gerade in diese Gegend geführt? Wie war er hierher gelangt? Mit seinem Gefährt, das er dann irgendwo eingestellt haben mußte? Oder zu Boot? Woher war er gekommen und wohin wollte er? Ins Pfarrhaus, wo er alljährlich sich wohl aufgenommen fand? Aber, was kam er dann nicht geradezu auf den Hof und ins Haus, sondern betrat den abgelegenen Platz, wo er unmöglich etwas zu tun haben konnte, und wohin kein Weg führte? War er durch Zufall dahin geraten, in irgendeiner Absicht oder etwa auf Bestellung von dem Mörder? Und nun begann eine neue Reihe! War dies ein Feind – hatte Willmanns Feinde? War es ein beabsichtigter Raub oder war's die Tat eines Landstreichers gewesen, der nur eben die gute Gelegenheit mitnahm? Und dann endlich – wie war ein solcher zu einer Waffe gekommen und – wieder eine Frage! – zu was für einer? Eine Schußwaffe war es allerdings gewesen, aber ersichtlich von merkwürdig kleinem Kaliber! Doch ein Schuß war, wie es in dieser Nähe doch hätte der Fall sein müssen, von keinem Bewohner des Pfarrhauses vernommen worden. Langhans, der Wirtschafter, versuchte nunmehr eine Erklärung. »Als ich im März in der Stadt war und auch unseren jungen Herrn Robert besuchte,« sagte er in einer Art von geheimnisvoller Weise, »zeigte er mir ein winziges Pistölchen, jedoch von solcher Tragkraft, daß der junge Herr damit vor meinen Augen eine Taube vom Dach herunterschoß. Die kleine Kugel hatte das Tier durch und durch geschlagen; die Wunde war ganz wie diese hier, der Blutverlust nicht der Rede wert und endlich der Knall nur ein Aufpuffen, das man kaum im Nebenzimmer hören konnte. Ein verflixtes Ding, sage ich, für den Liebhaber von dergleichen!« Der ›Junker‹ schüttelte den Kopf. »Das ist nichts, Langhans,« meinte er, »das Ding können Sie jetzt bei mir sehen; der Junge ließ es mir hier. Das ist nicht für solche Bursche, wie hier doch wohl einer gearbeitet haben wird. Ich begreif' es nur nicht, wie einer von dieser Sorte durch unser Ländchen kommen soll, ohne bemerkt zu werden? Denn an einen von unseren Leuten denkt doch wohl keiner von uns?« Er sah sich dabei im Kreise um. Der Pfarrer schüttelte leicht das weiße Haupt. »Keiner!« versetzte er ruhig. »Also, Langhans,« begann der Gutsherr nun seine Anordnungen zu treffen, »gehen Sie sogleich zum Müller und erkundigen Sie sich genau nach dem Burschen, der vor einer Stunde etwa auf dem Steige gegen den Mühlbusch zu hinabging. Mittelgroß, breitschulterig, etwas vom Seemann, auch im Gange; lange grauleinene Beinkleider, dunkle Jacke, Soldatenmütze – ich meine, von der Artillerie. Endlich blondes, krauses Haar. Nehmen Sie ein paar Leute mit und noch einige von der Mühle dazu und lassen alles ordentlich abstreifen. Schicken Sie auch jemand nach Drömnitz. Wir gehen derweil ins Dorf, Stahlberg sorgt hier für Ruhe. Ich hoffe, die Herren vom Gericht werden sich ein bißchen eilen. An uns soll's nicht liegen, wenn diese Schandtat ungestraft bleibt!« Man trennte sich, um den Weisungen zu folgen, und die beiden alten Herren machten sich auf den Weg zum Dorf, im ernsten Gespräch den unglücklichen Fall überlegend und beleuchtend. »Ich muß immer an den armen Warneck denken,« sagte Herr von Gunsleben grübelnd, »der wurde auch auf einer Stelle gefunden, wo weder er noch sonst jemand etwas zu suchen hatte; meine Arbeiter waren den ganzen Tag über keine Viertelstunde weit entfernt, und sie hörten keinen Schuß und von einem Fremden hatte damals gleichfalls kein Mensch etwas gesehen!« – »Du vergissest, Detlef,« entgegnete Silberg ernst, »daß es niemals festzustellen war, ob dein Schwiegersohn dort auch gefallen oder nur der Leichnam dahin geschafft worden sei. Hier ist von dem letzteren kaum die Rede.« In der Nähe des Dorfes kamen ihnen die Bewohner schon in ganzen Scharen entgegen, da die Kunde inzwischen auch zu ihnen gelangt war. Sie wurden ernstlich zurückgewiesen, denn den Schauplatz des Verbrechens sollte vor der gerichtlichen Untersuchung niemand betreten. Die Fragen der beiden Herren führten zu nichts. Willmanns war weder im Dorf noch sonst wo erblickt worden, und auch einen Fremden hatte niemand wahrgenommen. Die Glut des Tages hatte allerdings die meisten in ihren Häusern gehalten, aber es waren trotzdem noch manche da, die auch draußen zu tun gehabt hatten und irgend etwas, vom gewöhnlichen Lauf der Dinge Abweichendes unbedingt wahrnehmen hätten müssen. Von der Mühle her erhielt man zwar keine viel ausgiebigere Nachricht, aber immerhin Mitteilungen, welche wenigstens eine Art von Spur erscheinen ließen. Ein Sohn des Müllers, ein Junge von zehn bis elf Jahren, hatte, als er um elf Uhr aus der Schule gekommen und, dem sogenannten »Herrensteige« folgend, durch den Mühlbusch gesprungen war, auf einem andern, vom Strande heraufsteigendem Wege durch das Gebüsch einen Mann erblickt, den er für Willmanns hielt. Als er daheim hiervon gesagt, wies man ihn ungläubig ab: der Händler sei nicht anwesend, noch niemals zu dieser Zeit auf Reisen gewesen und werde, wenn dennoch ausnahmsweise anlangend, sicher nicht an der Mühle ohne einzusprechen vorübergegangen sein. Ebenso war auch der Fremdling vom Nachmittag mehrfach von Kindern gesehen worden. Er kam aus dem Busch unterhalb der Mühle hervor – hieß es – und schritt eine Strecke weit am Bach entlang. Bevor er wieder im Gebüsch verschwand, hatte ihn übrigens auch noch der gerade aus der Tür tretende Müller gesehen, allein schon in einer Entfernung, die selbst dem besten Auge eine irgendwie genaue Musterung unmöglich zu machen pflegt. Trotzdem, meinte der Mann, sei in der Gestalt und den Bewegungen des Menschen etwas gewesen, das ihn an einen alten Bekannten, den Peter Ahrens von Drömnitz, erinnert habe, einen wilden Kerl, der seinerzeit unausgesetzt mit den Gerichten zu tun hatte. Aber der sei ja schon seit sechs, acht Jahren außer Landes und solle, wie man zu Drömnitz sage, auch bereits vor Jahr und Tag in Amerika gestorben sein. Bei den Nachforschungen, welche die Leute des ›Junkers‹ jetzt anstellen mußten, entdeckten sie am Strande, links, etwa hundert Schritte von dem Ausgange der Schlucht, eine Stelle, wo unter dem klaren, seichten Wasser der Einschnitt eines Bootkiels in den Seegrund deutlich zu erkennen war, und auf dem seinen Uferrande fanden sich auch Fußtapfen eingedrückt von einem Gehenden und einem Zurückkehrenden. Die Gerichtsabordnung, die schon in der Morgendämmerung anlangte, nahm alles sorgfältig in Augenschein und brachte gewissenhaft die verschiedenen Angaben zu Papier. Neue fanden sich darunter keine, und auch von anderweitigen Spuren wurde nichts entdeckt. Man mußte von der folgenden ernsten Untersuchung bessere Ergebnisse erhoffen. Siebentes Kapitel Vier Frauenherzen Die Entfernung zwischen der Pfarre und dem Hofe war nicht groß und wurde für die Einheimischen noch um vieles geringer, wenn sie statt durchs Dorf, unterhalb des Kirchhofes den sogenannten »Herrensteig« entlang gingen; man gelangte dann in weniger als einer Viertelstunde zum Ziel und hatte obendrein die Annehmlichkeit, daß man nicht bloß gegen die Sonne, sondern auch gegen Wind und Regen so ziemlich geschützt war. Denn der ganze Weg führte, bis auf die letzte kleine Strecke, durch jungen Wald hin. Man bedurfte aber auch eines solchen Pfades, da der Verkehr zwischen den Plätzen von jeher ein äußerst lebhafter war und sich keineswegs auf festgesetzte Tagesstunden beschränkte. Wahrend es anderwärts, in ähnlichen freundschaftlichen Verhältnissen, leicht zur Regel wird, daß die Herrschaft häufiger und ungezwungener bei der Pfarrfamilie vorspricht, als diese bei jener, so war dies zu Menkendorf keineswegs der Fall. Im Gegenteil, wenn es hier überhaupt einen Unterschied gab, so bestand der lediglich darin, daß Frau von Gunslebens Gesundheit eine zartere war als diejenige der Pfarrerin, und die Dame daher in ihren Bewegungen häufiger und ernstlicher beschränkt ward als die alte Freundin. So hatte denn auch die Pfarrerin, nachdem sie von den Sorgen erfahren hatte, die drüben im Hofe eingekehrt waren, am heutigen Nachmittag sich auf den Weg gemacht, um nach der alten Lebensgenossin und der gleichfalls wieder heimgekehrten Enkelin zu sehen und ihnen ihren Kummer tragen zu helfen. Bei sich konnte sie den Besuch heut ohnedies nicht erwarten, denn es ging auf dem Pfarrhof unruhig zu. Die Gerichtsabordnung blieb voraussichtlich noch bis gegen Abend, der Ermordete lag im Haus, und aus dem Dorf, von den Vorwerken und selbst von Drömnitz her kamen die Leute herbei, um zu sehen und zu hören und ihre Ansichten über das Verbrechen, ihre Vermutungen über den Mörder auszutauschen. »Endlich!« sagte Frau von Gunsleben erleichtert aufatmend von ihrem altgewohnten Fensterplatz her, als Frau Silberg mit einem herzlichen: »Da bin ich Kinder!« eintrat und streckte der Freundin die Hand entgegen. Gleichzeitig huschte ein junges Mädchen heran und umschlang und küßte die Angekommene zärtlich. »Tante,« jubelte sie dabei, ihr den landesüblichen Kosenamen gebend, »wie lange habe ich dich nicht gesehen! wie mich gefreut!! Ich wäre schon gestern abend zu dir gekommen, aber das Schreckliche hier hielt mich zurück. Doch Marie hab' ich auch erwartet –, wo steckt sie denn?« – »Daheim, Blanka, sie hat zu tun,« gab die Pfarrerin ausweichend zur Antwort, indem sie liebkosend über die Wangen des blühenden Menschenkindes strich. »Wie gut du aussiehst, mein Liebling, gar nicht nach Stadtluft!« – »Marie nicht bei dir?« schmollte das Mädchen ganz traurig, »Tante, wie bist du grausam! Wir sehnen uns so sehr nach einander. Oh, ich eile selbst hinüber und hole sie her!« Und damit schlüpfte sie auch schon zur Tür hinaus. »Lasse sie gehen, Agnes,« sagte Frau von Gunsleben heimlich und bedrückt, »wir beide bleiben heut besser eine Weile allein.« Die Pfarrerin legte indem den Strohhut und das leichte Umhängetuch nebst dem Sonnenschirm weg und setzte sich. »Ja, Agnes, da magst du recht haben! Ich habe, da mein Alter es mir gestern abend noch erzählte, kaum schlafen und an nichts anderes denken können!« »Ja, gottlob, daß du da bist!« nahm die bedrückte Freundin die Rede auf, »du weißt es, wie mich dies treffen mußte – das von dem unwürdigen Menschen weniger, denn ich rechnete schon seit seiner Versetzung beinahe sicher auf einen solchen Ausgang und konnte Gunslebens Hoffnungen niemals teilen. Aber nun dies von Viktoria. Es ist bei uns nicht Mode, viel über uns und die Unseren zu reden, selbst mit euch nicht. Aber dies geht über das Maß hinaus, mit dem man allein fertig wird. Das Mädchen hat uns von jeher mehr Sorge als Freude gemacht. Aber nun offenbart sie sich uns so arg!« »Nicht so, nicht so!« beschwichtigte die andere. Du darfst dich nicht so verhärten! Es ist ja noch kein verlorenes, sondern nur ein verirrtes Menschenkind, das mit Vernunft und Liebe doch noch zurückzuführen sein wird von den traurigen Abwegen! Was mein Mann mir erzählte, zeugt freilich von einem kaum glaublichen Unverstand –« »Von mehr nicht?« »Auch von mehr – immerhin,« versetzte die Pfarrfrau unverändert weich. – »Aber das alles ist noch kein Grund, die Unglückliche, wie ich dich beinahe schon dazu entschlossen sehe, nun gleich für verloren zu erklären und aufzugeben. Du sagst selbst, daß du nicht viel Liebe zu Viktoria gehabt hast, und eure Hildegard und die übrigen können sich dessen gleichfalls nicht rühmen. Ich tadle euch deswegen auch nicht. Sie verstand es nicht, sich wirkliche Liebe zu erwerben und zu bewahren. Aber eure Pflichten gegen die Arme werden dadurch nicht verringert. Und wenn die Sache wirklich so schlimm steht, wie es scheint, selbst da wird wohl noch Hilfe zu finden sein, wenn nicht mit Liebe, dann allerdings mit Strenge. Mit dem dummen Briefeschreiben muß es freilich ein Ende nehmen, denk ich. Euer Wolfgang oder Moritz muß hin und sie zur Vernunft zwingen.« »Zwingen?« Die Gutsherrin schüttelte hoffnungslos den Kopf. »Lies die Briefe!« »Unbesorgt, Agnes,« beharrte die Pfarrerin, »wenn sie den Ernst sieht, und statt der brieflichen die lebendigen Worte vernimmt und sich vor die Wahl zwischen Gehorsam und Verzeihung oder dem drohenden Bruch mit ihrer ganzen Familie findet – so gehorcht sie. Und endlich, sie ist dort und ihr seid hier. Seht ihr die Verhältnisse wirklich wie sie sind? – Also Vorsicht, mein altes Herz, und ein wenig Barmherzigkeit – wir bedürfen ihrer ja alle! – ein wenig Glauben und Vertrauen! Es wird noch alles gut – verlaßt euch darauf!« Frau von Gunsleben saß ganz still und geneigt und sagte nichts. Aber die tiefen Schatten in ihren Zügen begannen zu schwinden, und da sie nun dem klugen Augenpaar gegenüber begegnete, wurde ihr Antlitz vollends klar und sie erhob die Hände wie befreit und streckte sie der treuen Trösterin entgegen und jetzt sagte sie auch: »Ach, Agnes, was bist du für eine gesegnete Natur!« Agnes Silberg war niemals schön gewesen und ihre ganze Erscheinung, im Sinn und nach den Ansprüchen der Gesellschaft, war stets eine unscheinbare geblieben, – um so unscheinbarer, als sie selbst nicht das geringste dazu tat, diese hervorzuheben und zur Geltung zu bringen. Und dennoch ward sie überall und immer schnell beliebt durch ihre unabänderliche Güte und Milde. »Nun laß uns vernünftig weiter denken,« hub sie nach einer Weile gescheiten Abwartens wieder zu sprechen an, »ich fühle mit euch und stimme euch bei: diese ganze Geschichte läuft schnurstracks wider mein religiöses und menschliches Gefühl. Aber eben deshalb habe ich für die Unglückliche geredet und tus noch. Wir dürfen uns auch durch unser gerechtes Zürnen nicht zur raschen und vollen Verurteilung eines Sünders fortreißen lassen, sondern müssen seine Verteidigung hören oder auch wohl selber übernehmen.« Während diese Zurechtsetzung eines hart getroffenen Frauengemütes so ihren guten Fortgang nahm, war Blanka im Pfarrhause angelangt. Die Herzlichkeit, die auch den weiteren Nachwuchs der zwei befreundeten Familien noch aneinander band, spiegelte sich nirgends so ansprechend wider als in der Verbindung der beiden Enkelinnen Blanka und Marie. – Blanka und ihr Bruder Robert hatten im zartesten Lebensalter ihre Eltern, die zweite Tochter Gunslebens und den Präsidenten von Barneck, verloren, und waren zu Menkendorf aufgewachsen, bis die Vollendung ihrer Ausbildung einen längeren Aufenthalt in der Stadt erheischte und beide eine herzliche Aufnahme in der Familie des hier als Prediger angestellten Silbergschen Sohnes fanden. Da schlossen sich Blanka und die nur um weniges jüngere Tochter des Hauses, Marie, auf das engste zusammen und blieben einander getreu, auch als Blanka nach einigen Jahren wieder zu den Großeltern zurückkehrte, überdies bedeutete das keine wirkliche Trennung; denn Marie weilte, seit sie erwachsen, oft genug und lang im Menkendorfer Pfarrhaus, wo die beiden Alten sich, nach der Entfernung aller ihrer Kinder, doch zuweilen recht einsam fühlten, und Blanka besuchte nicht weniger häufig ihre Verwandten in der Stadt und die Mädchen wußten es schon immer so einzurichten, daß diese Aufenthaltsänderungen in Einklang kamen. In diesem Jahre aber war es dennoch so gekommen, daß, während die eine aufs Land hinaus ging, die andere einer Einladung in die Stadt folgen mußte. Blankas Rückkehr war eine vollständig unerwartete und Marie hatte nicht einmal durch einen Brief darauf vorbereitet werden können. Welche Überraschung also! Und welche Freude! Und welche Ungeduld! – »O, gottlob. Blanka, da bist du ja!« »Böse Marie, wie konntest du es so lang aushalten, ohne mir nachzukommen!« Hand in Hand und Aug' in Aug', – zitternd und erglühend vor Aufregung und Ungeduld und doch noch immer zurückhaltend mit dem vollen Freudenrausch! bis der alte Pfarrer sagte: »Macht nur, das Ihr fortkommt! Ich sehe schon, wie's steht! Hinaus, hier ist kein Platz für euch! Ich habe schon Unruhe genug im Haus! Grüße die Großmama, Blanka, wenn du dazu Zeit findest!« Aber als sie nun allein waren auf schattigem Wege und von keinem Auge mehr belauscht, da brach es denn auch aus, und sie umschlangen sich und erdrückten sich schier, sie küßten sich und jubelten und küßten sich wieder und hielten einander beim Kopf, standen still und schauten sich an, gingen weiter und blieben nach einigen Schritten doch wieder stehen, um nochmals einander zu sagen, daß ... doch wir können sie ja selber hören: »Und das muß ich dir doch sagen! So gesehnt hast du dich nicht nach mir, wie ich nach dir, und so gefreut hast du dich heut auch nicht, – ach, mir, da ich dich wiedersah, stand das Herz still, so voll war's von Glück. Du bist kalt, Blanka!« »Und ich glaubte, ich sei dir zu ungestüm gewesen! Ich habe dich ja halbtot gedrückt und bin selbst über meine Heftigkeit erschrocken. Wenn du mich noch ein bißchen kennst, so weißt du, wie es mich seither erfüllt und bedrängt hat! Wenn es bei mir laut werden soll, muß es weit gekommen sein.« »Ja, ja! Du warst ja bei Tante Hildegard. Man merkt's gleich. Du bist dann stets in deinem Gebahren so überaus vornehm!« »Du hast gut scherzen, Marie! Was weiß deine glückselige Natur viel von Sorgen und Kummer, zumal hier, bei deinen lieben alten, ewig heiteren Großeltern! Über uns kam es anders. Ich habe dir davon wenig geschrieben, aber gehört hast du wohl davon. Und es kam noch viel – viel häßlicher. Man kann sich's gar nicht so denken.« Unter solchen Reden und Plaudern waren sie zum Hof und auf die Rückseite des Hauses gelangt, wo sie die beiden alten Damen noch in ernster Unterhaltung am Fenster des Gartensaals sitzen sahen. Man nickte sich gegenseitig freundlich zu; da aber kein Wink erfolgte, einzutreten, so gingen die Mädchen auf dem nächsten Steige weiter, zwischen den hübschen und sorgfältig gepflegten Anlagen des großen Gartens hin. Bei einer Laube, von der aus man das Haus noch sehen konnte, wollte Blanka haltmachen. Aber die Freundin zog sie weiter gegen den Wald zu. »Da findet man uns gleich! Wir brauchen einen sicheren Platz! Denn, lieber Gott, was mußt du mir alles noch erzählen! Und wie's mit dir selber steht, will ich auch wissen, ob du mir wirklich nicht untreu geworden!« – Bald fand sich auch das richtige Fleckchen, so recht in grüner Laubwaldtiefe. Es war ein kleiner, freier Platz, ein Steintisch und ein paar Moosbänke zeigten, daß er trotz seiner Verstecktheit nicht immer ohne Besucher blieb. »So, da ist's recht, hier haben wir Ruh vor aller Welt. – Weißt du's noch, Blanka, wie wir als kleine Mädchen zuerst den Platz hier fanden und Robert und Alfred herbeiholten und alles einrichteten? Wir haben hier doch viele – viele schöne Stunden erlebt!« Blanka nickte nur leise vor sich hin. »Komm', sitz her und dann erzähle!« redete Marie weiter und zog die Freundin neben sich auf den Moossitz nieder. »Mir ist, als sei ich seit Jahr und Tag nicht daheim gewesen, und alles dort erscheint mir fremd infolge dieser abscheulichen Geschichten –« »Ach, Marie, was wollen wir davon reden! Sieh', du magst die Base gar nicht mehr nennen, und ich – ich fühle mich immer ganz unglücklich, wenn ich nur an sie denke. Sieh', wir haben immer nur so in die Welt hineingelauscht und uns dort alles so wunderbar, so herrlich, so gut und lieb ausgemalt. – Und nun mit einem Male sehen wir's offen vor uns, und unsere Luftschlösser stürzen alle in den wüstesten Abgrund. Wie haben wir Viktoria bewundert! Wie war sie schön, wie war sie stolz, wie war sie lustig, und wie wurde sie gefeiert. Und jetzt?« »Ja, siehst du, stecktest du nicht immer auf dem Gute, sondern lebtest in der Stadt, so hörtest du schon öfters von so etwas und maltest dir die Welt nicht so schwarz aus. Traurig oder häßlich bleibt es immerhin, zumal da es mit deinem Vetter Eugen gleichfalls wieder schlimm stehen soll. Ist es wahr? Du schriebst mir davon nichts.« Blanka schaute mit einem fast scheuen Blick auf, und auch in ihrer Stimme ließ sich ein gewisses Zögern bemerken, als sie gedämpft erwiderte: »Es kam ja auch ganz plötzlich heraus, und dann – dann – es tat mir für dich so schrecklich leid – ich konnte dir unmöglich so weh tun –« Mariens Gesicht überflog eine glühende Röte. »O, darum brauchst du dich nicht zu sorgen, denn damit habe ich nichts mehr zu schaffen. Damals, als Eugen – Graf Altheim noch bei uns war und ich für ihn durch alle Himmel schwärmte, war ich doch noch das reine Kind und glaubte, doch auch eine Flamme haben zu müssen, wie die anderen alle. Nun aber ist das anders geworden, und ich begreife meinen dummen Einfall selber nicht mehr. Und wenn's nicht um euretwillen wäre – meinetwegen könnte der Herr Eugen –« »Und doch wurdest du eben so rot!« »Nur aus Verdruß, daß du noch wirklich an diese Kinderei denken und daß die Erinnerung daran mich noch ärgern könnte! – Aber wir wollen alle diese Torheiten lassen. Wir haben ja genug Gutes zu bereden. Sei nur nicht so erschrecklich einsilbig. Hast du die Meinen oft gesehen? Ist meine Mutter auch gewiß so wohl, wie sie mir schreibt? Du weißt, sie hat uns im Winter und Frühling oft recht Angst gemacht durch ihre Mattigkeit.« »Nicht doch – nicht doch, mein Herz! Mütterchen war stets so munter und freundlich wie je und ganz rüstig – wir sind an schönen Abenden mehrmals im Bertholdschen Garten zusammen gewesen und einmal für den ganzen Nachmittag im Wehrlander Holz. Sie schritt uns munter voran und wurde gar nicht müde und wollte selbst zurück nicht des Onkels Wagen benutzen. Zum Abschied bin ich leider nicht mehr zu euch gekommen. Meine Fahrt nach Drakenhof wurde erst beim Frühstück beschlossen.« »Hast du oft Nachricht von Robert gehabt? Ist er recht lustig in Heidelberg?« »Ach, der und schreiben! Der weiß von nichts als seinen Freunden.« »Und nun endlich – ich bitte tausendmal um Verzeihung für diese Vernachlässigung! – unser vornehmer Vetter Alfred?« Marie schaute mit einem seltsamen, neugierig prüfenden Blick, gewissermaßen vorsichtig, auf die Freundin. »Ist er jetzt umgänglicher, oder war's wieder wie im Winter?« »Je nun, du weißt ja, wie's mit ihm steht, und sprichst es selber aus. Wir haben ihn nicht oft bei uns zu sehen bekommen und, wo dies geschah, ihn fast noch ernster und kälter als früher gefunden. Er behauptet, sehr viel zu tun zu haben. Und man muß wohl an seine Arbeiten glauben, denn er sieht recht –« Während der letzten Worte war Blanka zusammengezuckt und auch Marie fuhr erschreckt empor. Gerade ihnen gegenüber wurde das Gebüsch plötzlich vorsichtig auseinander gebogen und es blickte das bärtige Gesicht eines jungen Mannes hervor. »Eugen!« schrien die beiden jungen Mädchen überrascht auf. »Ah – solche Begegnung bedeutet Glück!« meinte der Erschienene lachend und drängte sich weiter ins Freie. – »Hui da – hui da! Kinder – wo steckt Ihr?« klang in diesem Augenblick auch eine laute Stimme von der Gartentür herüber. »Hui da! Antwort!« »Hier – hier –!« rief Marie zurück. »Der Großvater!« murmelte zugleich Eugen, und es huschte etwas wie eine nichts weniger als angenehme Überraschung durch seine noch jugendlichen, aber schon verlebten Züge. Es war fast, als wollte er ins Gebüsch zurückweichen. Allein, er mochte wohl berechnen, daß es schon zu spät sei, und blieb, und im nächsten Augenblick trat auch bereits der ›Junker‹ aus dem Fußsteige hervor ... »Hollah! – Richtig, da steckt Ihr ja! Hab' eine feine Spürnase, was?« bollerte der alte Herr lustig, stutzte dann, stand wie angewurzelt und starrte mit jach finster werdenden Augen auf den aus dem Busch Brechenden und zischte: »Afft mich der Teufel – oder –? Wo kommst du her, Bursche?!« – – Aber bevor wir weiteres von dieser Begegnung vernehmen, wollen wir nachsehen, was vor einigen Stunden in der Tiefe dieses Waldes vorgegangen ist. Achtes Kapitel Zerbrochene Achsen Das Fuhrwerk, das an diesem Tage in der ersten Nachmittagsstunde die Flußbrücke bei der uns schon bekannten kleinen Stadt übersetzte und dann nicht die neue gerade Landstraße weiterfuhr, sondern seltsamerweise den alten verkrümmten Landweg wählte, war vom bösesten Mißgeschick begleitet. Anfangs hemmte ein Strich tiefsten Sandes, worin die Räder mahlten und die Hufe der Pferde zurückglitten. Als der Wagen endlich aus der Ebene auf das hügelige, rasch steigende Gelände gelangte, das zum »Menkendorfer Winkel« allmählich hinaufführt, war für die armen Gäule verzweifelt wenig gebessert. Denn der Grund, steinig und uneben, war an steileren und hohlwegigen Strecken von schweren Regengüssen bös ausgewaschen. So vergingen mehr als zwei Stunden, ehe man das Hochland erreichte, wo man rascher vorwärts zu kommen hoffte. Allein hier hatte der Wald den ohnehin verwahrlosten Weg streckenweise fast unkenntlich gemacht und so wurde die Fahrt nur noch verdrießlicher. Der Kutscher wußte zudem gar nicht Bescheid. Er verließ sich auf den Herrn, der diese Gegend von alters her »wie seine Tasche« zu kennen behauptete und solche Kenntnis auch eine Zeitlang wirklich zu bewähren schien. Als man jedoch wieder eine mehrfach gezackte Weggabel hinter sich hatte, zeigte es sich bald, daß man den falschen Weg gewählt hatte: er wurde immer verwachsener und ließ auch kein Umkehren zu. Endlich wurde links, zwischen den Stämmen und Büschen durch, eine hellere Stelle sichtbar, und der Herr erklärte aufatmend, jetzt kenne er sich wieder aus. Das sei der »Rehkamp«, und jenseits laufe ein guter Weg weiter. Der Kutscher murmelte etwas in den Bart und lenkte, um die Entfernung zu verkürzen, aus dem abscheulichen Wege ungeduldig auf den anscheinend festeren und ebeneren hinüber. Allein – war schon diese Bewegung für den Wagen zu stark gewesen oder gab ihm erst eine unter der Pflanzendecke fast verborgene, starke Baumwurzel den Rest – im nächsten Augenblick belehrte ein scharfer metallischer Klang und ein jähes Umbrechen des Hinterteils die Insassen auf das unsanfteste, daß die Fahrt hier vorderhand ein Ende hatte. Der Herr, der durch den jähen Zusammenbruch von seinem Sitz, glücklicherweise aber auf den weichen Moosgrund geschleudert worden war, raffte sich mit einem Fluch auf und hinkte zur Unglücksstelle hin, wo der Kutscher sich bereits unter grimmigen Äußerungen in der Untersuchung des Schadens erging. Die zierliche eiserne Achse war durchgebrochen und an eine auch nur notdürftige Wiederherstellung ohne fremde Hilfe nicht zu denken. »Da ist also nichts zu machen,« sprach der Herr nun verdrießlich zum Kutscher, »du bleibst hier bei den Pferden und ich gehe auf den Hof und hole Hilfe – gerade durch mag ich in zwanzig Minuten dort sein. Aber du mußt dich schon auf eine Stunde oder mehr gefaßt halten, denn unterwegs treffe ich schwerlich jemand. Also lasse dir die Zeit nicht lang werden und passe auf, daß nicht auch die Pferde noch Schaden nehmen.« Dann klopfte er die noch haftende Erde von seinem Anzug und schritt quer durch den Wald weiter, so rasch es ihm der üppig wuchernde Efeu, die zahlreichen Beerenbüsche und die reiche Fülle des jungen Aufschlages nur erlaubten. Nach einigen Minuten stieß er auf einen Fußsteig. Er nickte zufrieden vor sich hin, denn er wußte sich nunmehr wirklich auf dem richtigen Wege. Ringsum zeigte sich der Wald freilich noch dicht und undurchsichtig genug; und eine Stelle, wie der Pfad sie jetzt streifte, wo unter dem tiefschattenden Laubdach einer ungewöhnlich starken Eiche der Boden auf dreißig, vierzig Schritt hin fast von allem Pflanzenwuchs entblößt war, bildete eine schier auffällige Ausnahme. Der Eilende achtete indessen darauf nicht, wurde daher aber auch um so mehr, ja bis zum Erschrecken, überrascht, als er plötzlich hinter der Eiche einen Mann hervortreten sah. Er stand wie angewurzelt und starrte, als traue er seinen Augen nicht. »Matthies, Mensch!« rief er endlich aus und trat über die offene Stelle näher heran, »bist du toll geworden?« Der Angeredete – es war ein gereifter, fester und schlanker Mann mit dunklem Haar und Bart, – Haltung und Tracht erinnerten entschieden an einen Seemann –, schaute den Frager mißtrauisch an und versetzte barsch: »Na, so weit sind wir noch nicht. Ich bin als Frager wohl zuerst daran. Also – wo kommt der Herr her, oder – war er schon länger hier?« »Nun, Matthies,« tat der Herr gutmütig, »du bist in schlechter Laune, merk' ich, und muß denn schon ein Übriges tun,« und kam indem abermals ein paar Schritte näher, »ich bin bei einem alten Freunde gewesen und –« »Nehme der Herr da den Fuß fort, dort ist ungerächtes Blut, und wer darauf tritt, dem bringt's Unglück.« »Was schwatzest du? Da ist nirgends Blut.« »Da war's, sage ich. Hier fanden sie dazumal den Warneck. Sein Kopf lag auf dieser Wurzel, und der Täter ist niemals, glaub' ich, entdeckt worden.« »Nun, nun, das ist lange her. Aber – hast du vielleicht den Täter gekannt? Ich hatte zuweilen so meine Gedanken ...« »Das sind unkluge Reden, und wir haben Wichtigeres zu tun. Also der Herr kommt eben erst an –?« »Ja. Mein Freund wollte heut' oder morgen in die Stadt und mit Willmanns vernünftig sprechen, und ich gehe jetzt geradezu zu dem Alten und bekenne das andere und hole mir Vergebung der Sünden und Geld. So haben wir's abgemacht. Mein Wagen liegt mit zerbrochener Achse beim Rehkamp. – So, Matthies, das wäre ich! Und nun du – auf Ehre, ich bin nicht wenig neugierig! – Hast du dich besonnen und etwas im Werk? Es wäre nicht mehr nötig – aber zwei Gäule ziehen besser –« »Herr, Ihr Freund trifft den Willmanns nicht mehr –« »Wie?« »Ich wußte, daß er hier herauf wolle. So macht' ich mich auf –« »Matthies – du bist ein Juwel! Aber –« »Sachte! – Willmanns – Sie haben den Namen zuerst genannt, Herr! – hat immer was auf mein Einreden gegeben. So wollt ich's versuchen – Ihnen zuliebe freilich nicht. Aber – ich kam zu spät.« »Mensch!! Ist er schon hier gewesen?« »Ja, hier gewesen und – nicht wieder fortgegangen. Sie haben ihn gestern abend hinter dem Pfarrstall gefunden, ein Loch im Kopfe und ausgeraubt –« Es zuckte ein unbeschreibliches Gemisch von Mienen über das Gesicht des anderen und zwar so flüchtig, daß es selbst einer scharfen Beobachtung nicht möglich gewesen wäre, einen gewissen Eindruck davon zu erhalten; dazu fragte er mit unbewegter Stimme: »Und der Täter?« »Verschwunden, glaub' ich. Ich hörte es nur durch Zufall.« »Freund! Mache daß du fortkommst, das ist für dich –« »Danke – danke, Herr! Gehen will ich freilich wieder, aber aus Angst nicht. Ich könnt' meine Unschuld schon beweisen. Doch – daß der Herr neulich in der Stadt war –« »Pah! wer sollte davon erfahren haben?« »Hm! Peter Jansen hat von jeher Katzenaugen gehabt. Und dann – ich will ehrlich sein! – es wäre schon auch möglich, daß dennoch einer in der Kammer nebenan gewesen –« »Nun, was am Ende? – Wer bei den ›St. Jakobsbrüdern‹ einkehrt, hat Grund zur Vorsicht für sich selbst –« »Herr, ich finde, Sie sind verdammt gleichgültig. Hören Sie doch, mein Vetter war, soweit ich's verstehe, stets ein ordentlicher und vorsichtiger Mensch. Was er bei sich führte, ist daheim richtig aufgeschrieben. Und was ihm genommen wurde, je nun – ist's auch in sichere Hände gekommen?« »Ei, Matthies, das ist ja eine ganz allerliebste Fragestellung! Da bekomme ich ja beinahe Lust, irgendwo zu erzählen: ›Ich sah einen Mann namens Matthäus –‹ ... Das gibt, schätz' ich, einen ausgezeichneten Anfang und Anhaltspunkt!« »Herr!!« »Ja, siehst du, mein Junge, das ärgert dich, das andere mich. Drum ist's schon besser, wir bleiben Freunde. Lasse von dir hören, und wenn ich dir helfen kann, so weißt du, du darfst auf mich rechnen!« Der Mann machte indessen keine Bewegung, die dargebotene Hand anzunehmen, sondern kehrte sich wortlos von dem Herrn ab, worauf dieser achselzuckend mit einem unbekümmerten: »Na, denn nicht!« seinen Weg fortsetzte. Hätte er sich freilich nach dem Zurückbleibenden einmal umgesehen, so wäre er wohl kaum so leichten Herzens von hinnen gegangen. Neuntes Kapitel Des Vaters Blut »Afft mich der Teufel – oder –? Wo kommst du her, Bursche?!« hatte Detlef von Gunsleben hervorgezischt, da er seines Enkels Eugen ansichtig geworden war. Darnach trat Eugen vollends aus dem Gebüsch und rasch auf den Ergrimmten zu: »Ich sagte eben schon zu meinen schönen Basen hier: solche Begegnung bringt Glück! Mein teuerster Großvater!! Schelten Sie mich nicht – ich habe mich so sehr auf dieses Wiedersehen gefreut!« Er haschte indem nach der Hand des Alten und beugte den Kopf, als wollte er sie küssen. Der ›Junker‹ zog die Hand fast ungestüm zurück: »Laß die Narrheiten – wir wissen beide nichts von Zärtlichkeit,« sagte er hart, und das Zürnen seines Auges mischte sich mit einer Art von Widerwillen. »Also du bist hier, ein paar Wochen vor Ablauf deines Urlaubs. Wie kommt das, und woher kommst du selbst – hier durch den Forst, als Buschklepper? Du weißt, Überfälle lieben wir zu Menkendorf nicht. Also – kurz und rund, wenn ich dir raten soll.« Der junge Mann warf nun einen flüchtigen, bittenden Blick zu den beiden Mädchen hinüber, die sich entfernen zu wollen schienen, als wünschte er, daß sie ihn nicht allein lassen möchten in diesem ersten Sturm. »Großpapa, Sie sind böse auf mich und gewiß mit vollem Recht – von alters her. Aber jetzt verdien' ich's wahrhaftig nicht. Ich hatte das Reisen satt – bekam ordentlich Heimweh –« »Verschon' uns mit deinen Flausen!« »Auf Ehre, Großpapa, es ist wahr! So kam ich und blieb ein paar Tage bei Birken und komme jetzt hierher, um mich hier, wenn Sie's erlauben, vollends auszuruhen –« »Bei Birken warst du?« schob der ›Junker‹ in zweifelndem Ton ein. »Ja, ich fuhr heute morgen mit seinen Pferden herüber. Wir haben aber – beiläufig, Großpapa, Ihre Wege durch den Forst sind abscheulich! – Es brach uns die Achse, der Wagen liegt drüben beim Rehkamp, und ich machte mich davon, um Hilfe zu holen.« »Wie – in Teufelsnamen – kommt ihr zum Rehkamp?« sagte der ›Junker‹ noch barsch, dann aber ersichtlich ohne den früheren Zorn, »na, da muß denn allerdings gesorgt werden!« Und indem er sich zu den beiden Mädchen wandte, fuhr er fort: »Kinder, eilt euch ins Haus und laßt Langhans sagen, daß er ein paar Leute hinüberschickt zum Rehkamp!« Und als die Mädchen verschwunden waren, wiederholte er scharf und kurz: »Wie also kommt ihr zum Rehkamp?« »Nun, lieber Großvater, der Kutscher war noch nie hier, und ich – ei, es muß sich dort manches verändert haben!« bemerkte der junge Mann in munterem Ton, und redete, da der Alte nur ein verdrießlicheres »Ach was!« laut werden ließ, ebenso weiter: »Gehen wir nicht auch hinein, zur Großmutter? Ich brauche wahrhaftig ein bißchen Ruhe. Denn ich flog kopfüber aus dem Wagen und hätte mit beinah Arm und Bein gebrochen.« Aber wenn er damit auf eine nachsichtigere Stimmung gerechnet hatte, so mußte er sich darin ernstlich enttäuscht sehen, denn der Blick des alten Herrn traf und maß ihn wieder voll Zürnens. »Laß die Flausen, sag' ich dir noch einmal – wir kennen einander, denk' ich. Und somit, da es nicht mehr gilt, Mädchenohren zu bestechen – wie ist das mit dem Heimweh? Was bringt dich so schnell zurück und verschafft uns hier die Ehre?« Jetzt sah Eugen dem Alten anscheinend bewegt in die unerbittlichen Augen. »Mein teuerster Großvater,« sprach er dazu im sanftesten Tone. »Sie sind mißtrauisch gegen mich, und wie dürfte ich's Ihnen verdenken nach allem, was und wie ich's getrieben habe! Ich gebe das gern zu. Glauben Sie's nur, Großpapa, ich setze das sehr gut ein! Sie wissen doch, selbst der Teufel ist nicht so schlecht, daß kein einziges gutes Haar an ihm wäre! Ich hatte wirklich Heimweh und – da kam ich zum Nachdenken über mich und alles –« »Da mußt du keinen roten Heller mehr im Sack oder einen furchtbaren Katzenjammer gehabt haben!« »Im Gegenteil, Großpapa! Ich war so frisch wie eine Maiblume und hatte mehr Geld als je bisher! Setzen Sie mich nicht so mißtrauisch an, es ist wahr. Ich will's bekennen, wir waren da eine ziemlich leichtsinnige Gesellschaft zusammen und es wurde stark gejeut. Ich habe nie im Leben solch' unverschämtes Glück gehabt.« Der ›Junker‹ zuckte die Achseln. »Und da bekamst du also Heimweh?« »Ja, teuerster Großpapa! Ich bekam Heimweh. Ich mache mich nicht besser, als ich bin. Ich habe mein Lebenlang unsinnig gewirtschaftet und im Grunde seit meiner Knabenzeit nie mehr eine wirklich frohe und zufriedene Stunde erlebt. Kurz, ich sah mich also in der Lage, noch einmal aus der Verwirrung herauszukommen. Ich konnte es dann ebenso gut haben wie alle übrigen. Es erschien mir alles daheim in so freundlichem Licht, ich wollte heim und ich mußte heim –«. »Ei, sieh! – Also wie ich vorhin schon meinte, der richtige Katzenjammer! – Weiter!« »Spotten Sie nicht, Großvater! Es war wirkliche Sehnsucht und die redliche Hoffnung, daß es besser werden könne als bisher. Ich hatte, wie gesagt, die Möglichkeit vor mir, mit einemmal aus allen Verlegenheiten herauszukommen und damit wirklich ein neues Leben beginnen zu können –« »– die Möglichkeit!« knurrte der alte Herr bissig. »Glauben Sie nur, diese Aussicht und diese Möglichkeit waren für mich das Allerbeste! Bisher hatt' ich's noch nie so gut gehabt. Ich war noch nie aus den Verlegenheiten ganz herausgekommen – trotz Ihrer großmütigen Hilfe. Falsches Ehrgefühl oder Scham oder heißen Sie's wie Sie's wollen, hatten stets noch böse Reste zurückbleiben lassen. Und dies drückende Bewußtsein ritz mich stets von neuem weiter und weiter in das alte Unheil hinein.« »Ausgezeichnet! – Und das Ende vom Liede?« Der Widerspruch zwischen dem halb spöttischen, halb ungeduldigen Tone dieser Worte und dem undurchdringlichen und unbeweglichen Gesicht des alten Herrn schien auf den jungen Mann allmählich einen unbehaglichen Eindruck zu machen. Seine Brauen rückten ein wenig zusammen, und auf der Stirn erschienen ein paar leichte Falten. »So war es, mein Herr Großvater« sprach er nun haltungsvoller. »Aber es kam allerdings noch ein weiterer, weniger freundlicher Beweggrund für meine beschleunigte Heimkehr hinzu. Ich hatte Bruneck angewiesen, mir, wenn etwas Besonderes vorfiele, nach Zürich zu schreiben. Ich fand dort wirklich einen Brief, in welchem er mir von dem gewaltigen Zorn unseres Isegrimm schrieb, der, der Teufel mag wissen wie, hinter verschiedene meiner Schulden gekommen war.« »Hm!« machte der ›Junker‹, immer gleich aufmerksam und gleich kalt. »Nun, ich hörte auch davon –« »Sie auch?« brauste Eugen auf. »In der Tat, es wird Zeit, daß ich Gericht halte! Und auf meine Ehre, sie sollen –« »Blase dich nicht auf!« schob der Alte eiskalt ein, »du erfuhrst dies also und machtest dich sogleich auf den Heimweg. So war es doch?« »Doch nicht ganz so, mein Herr Großvater! Von solcher Wichtigkeit erschien mir die Sache nicht. Ich schickte Bruneck eine Summe zur Deckung der Forderungen, obgleich diese teils gar nicht fällig, teils sogar schon erledigt waren. Ich wollte aber mit den Gaunern ein für allemal fertig sein. Dem Hauptschuft ließ ich anzeigen, daß die Quittungen wohlverwahrt bei meinen übrigen Papieren lagen und nach meiner Rückkehr in Begleitung der Hetzpeitsche zu Gebote stünden.« »Blase dich nicht auf, sage ich! Bekamst du Antwort?« »Wie verlangt, ja, nach Baden-Baden. Der Betrüger leugnete aber frecher Weise rundweg und –« »Hm! Wann erfuhrst du dies?« »In Baden-Baden, sage ich, also vor ungefähr acht Tagen.« »So? – Und dennoch treibt nicht dies dich hauptsächlich zurück, behauptest du?« »So sage ich allerdings. Bruneck war auf einen Tag drunten in der alten Stadt gewesen und hatte dort von einem Bekannten allerhand ungeheuerliche Gerüchte über meine Schwester vernommen. Viktoria soll dort also ein schamloses Liebesverhältnis angeknüpft haben mit einem verheirateten Arzt oder Rechtsanwalt. Bei Onkel Moritz mache man, hieß es, ein Geheimnis daraus, sei aber außerordentlich verstimmt. – Nun gut, Großvater, Sie zweifeln wohl nicht, daß mich dies aufjagte und heimtrieb. Wie Viktoria nun einmal ist, halte ich sie unter der Herrschaft ihrer Leidenschaft für nur allzu fähig zu Torheiten. Da ich so nahe bei Birken vorüberkam, sucht' ich ihn auf; er bewarb sich ja vordem ernstlich um sie und hat, so schien's mir, trotz allem sein Herz noch voll der Andacht für sie. So komme ich denn zu Ihnen, Großpapa, um Ihnen zu sagen, daß ich meine Pflicht als Bruder kenne und Viktoria zur Vernunft und heimbringen werde!« Bei den letzten Worten hatten des ›Junkers‹ Gesichtszüge plötzlich ihre Starrheit verloren, und nun, als Eugen schloß, streckte er ihm die Hand entgegen und sagts dazu barsch: »Da, nimm sie, mag es mit dir im übrigen stehen wie es will, hier bist du echt, und darum – merk dir's, nur darum – kriegst du die Hand. Komm, wir wollen zu den andern gehen!« Die Altheim waren unter den Angehörigen des ›Junkers‹ die einzigen gewesen, die ihm und den Seinen von jeher wenig Freude gemacht hatten. Graf Albert Altheim hatte seinerzeit als blutjunger Mensch durch seine bestechende Erscheinung das Herz der Lieblingstochter zu Menkendorf gewonnen und auch – sie machten sich dies heut noch zum bittersten Vorwurf! – die Eltern für sich eingenommen. Vorgehalten hat dieser Eindruck aber nur kurze Zeit. Der Graf offenbarte sich bald als ein maßlos leichtsinniger, durchaus oberflächlicher und obendrein völlig charakterloser Mensch, der den Verhältnissen und der Stellung, die er in der Gesellschaft zu behaupten hatte, nicht im entferntesten gewachsen war. Er war ein schlechter Gatte, ein um nichts besserer Vater und der zugleich gedankenloseste und mutwilligste Verschwender seines ansehnlichen Vermögens. Als er die Gattin nach einer elfjährigen, durch und durch unglücklichen Ehe und sein Vermögen bis auf ein schmales Restchen verloren hatte, machte er sich, so weit er's vermochte, von seinen Kindern frei und zog davon, um fortan die Seinen nur noch gelegentlich einmal in »Notfällen« wieder heimzusuchen. Während das Blut des Vaters bei Viktoria infolge der Familien- und Gesellschaftsstellung eines Mädchens weniger scharf hervortrat, wurde es dafür in ihrem, um vier Jahre älteren Bruder Eugen desto deutlicher. Und trotz alledem hatten die Seinen es niemals zustande gebracht, sich wirklich und unerbittlich vor ihm zu verschließen. Wieviel Veranlassung zum Tadel, zum Zorn, zur entschiedensten Abwendung er und sein Treiben ihnen von jeher und ohne Aufhören geboten haben mochte, und wie fest sie entschlossen gewesen waren, ihn endlich seinem Schicksal zu überlassen, – immer war im letzten Augenblick irgendein Zug an ihm aufgetaucht, der sie daran erinnerte, daß in dem unseligen Menschenkinde auch noch ein Tropfen vom Blute seiner Mutter wirksam sein müßte und daß dieser, wenngleich mühsam, so doch nicht stets vergeblich gegen das vom Vater überkommene Verderben zu ringen hätte. So auch eben wieder. »Ich verstehe nicht, wie man hier noch viel fragen und zweifeln kann,« sagte Eugen voll Entschiedenheit, in der augenscheinlich auch nicht eine Spur von Stimmungskünstelei und Berechnung war, während er mit dem Großvater in Gesprächen um Viktoria dem Hofe zustrebte. »Da sie nicht gehorcht, nicht freiwillig kommt, so muß ihr Gehorsam eben erzwungen werden. Eine Komtesse Altheim, meine Schwester, Ihre Enkelin, Großpapa, darf keine Abenteurerin sein. Ich werde schon morgen früh abreisen.« »Morgen schon?« wunderte sich der alte Herr, »mich dünkt, du hättest alle Veranlassung, zuerst in deine Garnison zu eilen. Deine eigenen Geschichten sind nicht spaßhaft, kann ich dir sagen!« »Verzeihung, Großvater – von mir kann hier einstweilen unmöglich die Rede sein; zuerst muß für die Törin gesorgt werden. Überdies habe ich noch über vierzehn Tage Urlaub und also Zeit im Überfluß. So lange, denke ich, werden meine Angelegenheiten noch ruhen können. Der Oberst ist gegen mich eingenommen, weiß ich. Aber wenn Bruneck für mich einsteht und, wie ich hoffe, auch Sie ein Wort für mich haben, Großvater, so wird er sich Wohl fügen. Mißverstehen Sie mich nicht, ich meine keine Hilfe mit Geld, noch eine wirkliche Bürgschaft, sondern nur, wie gesagt, den Ausdruck Ihrer Erwartung, daß man mich nicht wider alles Recht ungehört verurteilen werde.« »Das find' ich selbstverständlich. Wenn du es für gut hältst, wird ein weiteres Wort von mir nicht fehlen. Ich kann dir sagen, daß ich heut zufriedener mit dir bin, als ich jemals für möglich gehalten habe. Es kommt nur auf's Zusammennehmen bei dir an, mein Junge. Und wenn alles übrige nicht Flause ist, so kann noch vieles zwischen uns wieder gut werden. Ich denke, Moritz wird sich jetzt daheim auch los gemacht haben und bei den Damen sein. So können wir gleich Familienrat halten, sofern diese ekelhafte Mordgeschichte noch eine richtige Anteilnahme für anderes übrig läßt. Ich habe seit gestern abend kaum ein anderes Wort gehört –« »Was für eine Mordgeschichte, Großpapa?« fragte Eugen mit einem Ausdruck des echtesten Erstaunens. »Ja, so, das weißt du ja noch gar nicht! Nun, wir fanden gestern nachmittag an der Kirchhofsmauer den Leichnam Willmanns – du wirst dich des Mannes sicherlich erinnern, du hast ja jahrelang bei ihm gewohnt! – mit einer Schußwunde durch den Kopf und, wie es scheint, ausgeraubt. Das Gericht ist natürlich schon in voller Tätigkeit. Aber bisher scheint sich noch kein rechter Anhalt ergeben zu wollen.« Eugen war bei Nennung des Namens stehen geblieben und starrte ganz ungläubig und verblüfft drein, was für jeden, der gleich uns die Begebenheit mit dem Matthies im Walde vorhin belauscht, zum vollgültigen Zeugnis für eine schier erschreckende Verstellungskunst gedient und den schwersten Zweifel gegen alle bisherigen Äußerungen des jungen Mannes gerechtfertigt hätte. »Willmanns? Herr Großpapa, Willmanns, sagen Sie –?« »Nun ja, Willmanns, der Händler! Aber was ist mit dir, daß du so bestürzt scheinst oder – hast du mehr mit ihm zu tun gehabt?« Und da beugte Eugen sich näher zu dem alten Herrn. »Großvater, Willmanns heißt oder hieß jener Schuft, der es gegen mich mit jenem betrügerischen Stück versuchte und dessen Quittung –« »Junge, was schwatzest du? Nimm dich in acht, ich bin kein Kind, das sich dergleichen nur so aufbinden läßt! Solche Geschäfte machte Willmanns nicht.« »Darüber, mein Herr Großvater, könnte Ihnen, außer mir, vermutlich mancher arme Teufel gerade entgegengesetzte Bekenntnisse machen. Und wenn's mir auch schier leid tun könnte, daß er so meiner und überhaupt der weltlichen Strafe entgangen ist, so kann ich doch dies Ende nur fast natürlich heißen. Er hat es durch sein nichtswürdiges und erbarmungsloses Treiben sicherlich mehr als einmal herausgefordert, und unter seinen Opfern werden vermutlich auch Leute ohne ein Ehrenmannsgewissen gewesen sein.« »In der Tat!« sprach der alte Herr nach einer bedächtigen Pause, »das ist mehr, als ich und viele andere jemals von ihm gewußt haben – wir fanden ihn stets als einen braven Mann, wie hartnackig er auch auf seinen Vorteil hielt. Und – du sagst, daß du deine Wechsel oder die Quittung in Besitz hast?« »So sage ich, und so ist's, Großvater.« »Das ist allerdings eine höchst bedenkliche und äußerst wichtige Nachricht, und gibt, zumal da seine Brieftasche verschwunden ist, einen Fingerzeig von ernstester Bedeutung. Es wäre gut, wenn die Herren noch hier wären. Wir müssen's ihnen andernfalls augenblicklich mitteilen. Weiß dein Oberst übrigens, daß Willmanns dein Gläubiger war?« »Ja, und auch, daß ich die Forderung als eine betrügerische zu beweisen vermag.« »Nun, ich glaube, mein Junge, das wäre denn so etwas wie ein Glück für dich!« Zehntes Kapitel Herzensgeheimnisse überall Die grauen, hoch aufragenden Giebel und Dächer der alten Stadt ruhten noch in träumerischer Stille. Aber schon traf die Sonne mit vollem Glanz auf sie. Steiler, immer steiler wurde die Lichtbahn des guten Gestirns. Und tiefer und tiefer glitten die goldigen Strahlen herab: von den vorspringenden Türmchen und Gesimsen zu den verblindeten kleinen Luken und schließlich bis in die Fenster der Erdgeschosse hinein. In der Studierstube des Pfarrers von St. Marien, der, wie wir wissen, der älteste Sohn des Pastors zu Menkendorf war, saß man zu dieser Stunde in der sogenannten Frühstücksecke. Der Pfarrer hatte sich eben seine Pfeife angezündet, während seine Lebensgefährtin noch ein letztes Schlückchen aus der Kanne holte. Darnach sah sie, nicht zum ersten Male, forschend zu ihm hinüber: »Du hast den Kopf voll, merk ich, da will ich lieber gehen. Ich wüßte heut auch nichts, was notwendig besprochen werden müßte.« »Nicht doch, nicht doch,« versetzte er, »bleibe noch und laß uns reden wie immer. Ich habe allerdings den Kopf voll, aber nicht gerade von der Arbeit. Im Gegenteil, mit der will's heut gar nicht recht fort, und müßt' es nicht sein, ich legte sie ganz auf die Seite. Ich finde mich immer von neuem abgezogen – sieh'!« Und er streckte die Hand gegen das offene Fenster aus und deutete über den Hof und Garten hin. Man sah durch das Gezweig der Bäume ein altes, düsteres und baufälliges Giebelhaus und in ihm ein offenes Fenster. »Sieh', da saß sie heut morgen, als ich aufgestanden war, und wird den ganzen Tag über bleiben, bis sie die Lampe anzündet und noch länger. Wenn ich von der Arbeit aufsehe, fällt sie mir in die Augen, und der Anblick trifft mich ins Herz.« »Es ist eine leichtsinnige Person und obendrein eigensinnig,« entgegnete die Pfarrerin kurz, »ich glaube gehört zu haben, daß sie's wohl besser hätte haben können, aber eben nicht gewollt hat.« »Sei nicht unbarmherzig und urteile nicht lieblos wie die große Welt. Ich kenne sie seit zwölf, dreizehn Jahren, als ihre Eltern, arme aber wackere Leute, noch lebten und Renate noch ein halbes Kind war. Dann ertrank der Vater beim Fischen, die Mutter starb, das Mädchen blieb mittel- und anhanglos zurück und fiel. Das ist leider in derartigen Verhältnissen nicht ungewöhnlich. Aber jetzt kommt dies Ungewöhnliche. Das Mädchen hat sich selbständig gestellt und dennoch vorwurfsfrei gelebt. Sie hat ihr Kind bei sich und arbeitet Tag und Nacht. Aber freilich, ihr Verdienst ist ein sehr harter und die Zeiten sind schlecht. Mühl hat mir vorhin berichtet, daß sie fast drei Wochen lang bettlägerig war und nichts verdienen konnte. Und nun, da sie kaum im Gange, geht das ›Stich, Stich!‹ schon wieder an, rastloser als je. Die Krankheit hat den Notpfennig aufgezehrt und die Kundschaft vernichtet. Und obendrein sollen die Leute im Haufe roh und hartherzig sein und wegen der Miete sie bedroht haben. Nun, dafür konnte ich durch Mühl sorgen, und es hat, wie ich erfuhr, Eindruck gemacht. Jetzt schaffe du Arbeit und Kunden.« »Weshalb nahm sie den Meister Lepkow nicht an? Man erzählte mir, daß er nochmals um sie angehalten und daß sie wieder nein gesagt habe. Er ist, soweit ich weiß, ein fleißiger, ordentlicher Mann, und –« »Laß gut sein, Frau! Sagte ›man‹ dir auch ihre Gründe für die Weigerung? Sie hat den Vater ihres Kindes niemals genannt und nie ein Wort der Klage gehabt, daß er sie ins Unglück gebracht und verlassen. Dies sei nicht seine Schuld gewesen, sondern durch andere Umstände veranlaßt worden, sagt sie, die er nicht zu ändern vermocht hätte. Er habe ihr die Ehe versprochen und sei ein braver Mensch, der von keiner Untreue wisse. Sobald er heimkehren könne, komme er. Sie und das Kind blieben die Seinen. Sieh', wenn ein sogenanntes gebildetes Menschenkind in ähnlicher Lage also redete, da möchte man's, vielleicht mit Recht, überspannt heißen. Bei der Renate Stein aber erkenn' ich darin eine Ehrenhaftigkeit, die mich mit wahrer Achtung erfüllen muß. Also nochmals: suche und finde für sie. Denn Almosen nimmt sie nicht!« »Wir könnten ihr die Wäsche für Paul und Klara zu nähen geben,« sagte Frau Anna nachsinnend, »ja, und Marie bedarf auch allerlei. Übrigens, weil ich eben Marie nenne – sage, warum schreibt sie so selten? Wir haben schon über acht Tage keinen Brief mehr gehabt. Das Kind wird doch nicht krank sein?« »Geh', geh', Frau, du mußt eben immer etwas haben, um das du dich quälst! Krank bei den Großeltern und ohne daß wir's wüßten? Bah! Meine gute alte Mama tummelt sie hübsch durch Haus und Hof – sie versteht's noch ein bißchen besser als du! Und dann das Umherstreifen, und wenn jetzt, wie ich rechne, auch Blanka da ist – da gute Nacht Vater und Mutter!« »Blanka! Ja ja, – Blanka! Gut, daß du davon redest –, findest du sie nicht bei jedem Besuch ein wenig fremder gegen uns?« »Nein, das find' ich ganz und gar nicht!« »Diese Abreise ohne Abschied –« »Unsinn! Moritz hat uns ja alles erzählt.« »Du erklärst dies nun einmal so; ich habe mir für den Druck, der denn doch auch schon länger auf ihr lag, zuweilen einen anderen Grund gedacht.« »Was meinst du, Frau?« »Nun, – ich habe mich zuweilen gefragt, ob am Ende jetzt erst ihr Herz erwacht sei.« »Daß ihr Weiber doch niemals die Herzensgeheimnisse ruhen lassen könnt! Hier, gestehe ich, kann ich mir überdies kaum denken, worauf du zielst, denn wenn du, was ich eben nicht fürchten will, wirklich an Alfred denken könntest –« »Weshalb nicht? Sie sind miteinander aufgewachsen – wie Schwester und Bruder, wirst du mir einwerfen. Aber ich erwidere, das ist nur so eine landläufige Redensart, die in solchen Fällen fast immer bedeutungslos bleibt. Dergleichen verstehen wir Frauen besser als ihr Männer. Wie sie vordem miteinander standen, war für uns alle kein Geheimnis, und wie sie sich bei seiner Rückkehr von der Hochschule wieder trafen, haben wir auch alle gesehen. Kurz: darin und überhaupt in der ganzen Frage denke ich anders als du. Ich wiederhole: ich weiß nicht, mit welcher Empfindung sie vor sechs Wochen gekommen, mit welcher sie jetzt geschieden ist – war die erste vielleicht noch eine hoffende, so war die letzte sicherlich keine vertrauensvolle. Ja, ich möchte fast glauben, sie wäre am Ende zu der traurigen Frage gekommen: darfst du ihn noch liebhaben?« »Das ist, wenn ich dich recht verstehe, ein harter Ausspruch. Ich gebe die Veränderung zu, aber deine Annahme rechtfertigt sie nicht. Ich sehe nichts Unrechtes an ihm und traue ihm dergleichen auch nicht zu!« »Er ist heut nacht wieder erst nach Mitternacht heimgekommen.« »Was, heut wieder? Frau, warum hast du mir das nicht gleich zu Anfang gesagt?« Während dieser Zeit saß der, um den sich der letzte Teil dieses Gespräches gedieht hatte, zwei Zimmer davon, in dem seinen, am Schreibtisch und zwischen Stößen von Akten, deren Bewältigung seine ganze Aufmerksamkeit und seine volle Arbeitskraft in Anspruch zu nehmen schien. Allein in Wirklichkeit war davon heut morgen ersichtlich nur wenig die Rede, denn die Ruhe, der ein solcher Arbeiter bedarf, wollte nicht über ihn kommen. Wenn er schrieb, machte er bald eine kürzere, bald eine längere Pause, und wenn er das Geschriebene überblickte, zog ein ungeduldiger Mißmut durch sein Gesicht. Und wenn er las, so kamen die Pausen gleichfalls, und seine Augen hafteten mit einem Ausdruck des Vorsichhinbrütens auf dem Boden, oder wanderten mit einem zerstreuten Blick durch das ganze Gemach. Wer ihn so hätte belauschen können, möchte vielleicht dem zugestimmt haben, was eben drüben die Pfarrerin angedeutet hatte: von Frieden und rechtem Behagen, von der Frische und dem frohen Lebensmut eines jungen Mannes in durchaus befriedigenden Verhältnissen war hier wenig oder nichts mehr zu entdecken. Dies alles wurde noch viel deutlicher, als er zuletzt die Arbeit, wie völlig verzweifelnd, auf die Seite schob, die Akten zusammenlegte und sich, den kleinen Lehnstuhl ans Fenster ziehend, dem vollständigen Ruhen und Träumen überließ. Er saß und schaute über den Hof und Garten hin, halb wie ein trauriger, halb wie ein tief verstimmter Mensch, und dazwischen zeigte sich ein paarmal ein Ausdruck von Zerstreutheit, als ob seine Gedanken überhaupt nicht imstande wären, bei einem Gegenstände zu verweilen. So sah er lange Zeit. Die Uhr schlug und schlug wieder und er vernahm nichts davon. Und erst, als jetzt aus der Straße drüben das Rollen eines schweren Wagens herübeillang und zugleich ein Posthorn laut wurde, da erhob er langsam den Kopf und sein Auge wandte sich mit einem schwermütigen Lächeln der Richtung des Tones zu. Er stand auf und nahm den Hut und stürzte davon. Was ihn daheim auch gequält, zerstreut und beherrscht haben mochte, jetzt schien es vollständig überwunden zu sein. Er grüßte oder erwiderte die Grüße, blieb wohl auch einmal stehen, um mit einem Begegnenden ein paar Worte zu wechseln. Man sah's, daß es ihm an Bekannten nicht fehlte. Plötzlich, an einer Ecke stockte sein Schritt. Er sah zwei Damen herankommen, mit denen zusammenzutreffen, zumal heute, ihm nicht gerade erwünscht war. Jedoch ein Ausweichen war hier unmöglich. »Sieh da, Herr Assessor,« sprach ihn da auch schon die ältere der beiden, eine noch schöne Frau von kühler Haltung, an, »man muß sich ordentlich auf Sie besinnen, so selten sieht man Sie. Sind die Ihren daheim?« Der Befragte, der indessen seine Betretenheit glücklich bemeistert hatte, versetzte: »Da fragen Sie mehr, als ich weiß, meine gnädige Frau, ich sah heut noch niemand. Aber Tante Anna ist wohl sicherlich zu Hause, wie – immer –« »Mein Mann wünschte, ich sollte fragen, ob wir uns vielleicht wieder einmal im Bertholdschen Garten treffen könnten? Man erfährt, zumal seit Blanka fort ist, gar nichts mehr voneinander und verlangt doch darnach. Wird man Sie auch dort sehen, Herr Assessor?« »Wenn irgend möglich – gern, gnädige Frau. Ich hatte ohnehin im Sinn, heut abend zu Ihnen zu gehen und Nachsicht für meine Sünden zu erbitten.« Um den kleinen Mund und in den tiefblauen Augen der Dame erschien etwas wie ein nicht gerade freundlicher Spott, ein Ausdruck, der sich noch bestimmter auch in dem sehr ähnlichen Gesicht der Begleiterin, eines jungen Mädchens, wiederholte. »Nun denn, also auf –. Doch einen Augenblick noch! – Haben Sie Nachrichten von Menkendorf? Mein Mann ist ganz verdrießlich überdies unverständliche Schweigen.« »Ich weiß von keiner; Tante Anna wunderte sich gestern gleichfalls, daß Marie gar nichts von sich hören läßt.« Darnach trennte man sich mit artigen Abschiedsworten und setzte beiderseits seinen Weg fort. Für Alfred Wehrenberg war er bisher allerdings noch von keinem Ziel bestimmt gewesen. Nun aber setzte er sich kurzentschlossen ein solches: Das Wirtshaus »Zu den St. Jakobsbrüdern«, wo sich zu dieser Stunde stets eine zahlreiche Gesellschaft zusammenzufinden pflegte. Peter Jansen empfing mit einer Art von grimmigem Schmunzeln den Händedruck und die Bestellung des Ankömmlings. »Na, Herr Wehrenberg, das ist ja was Rares, daß man Sie auch 'mal wieder sieht. Ich habe schon geglaubt, daß sie neulich mit dem Herrn Freund abgereist seien.« »Was für ein Freund?« wiederholte Alfred Wehrenberg äußerlich ruhig, während er im Innern sich nicht wenig überrascht fühlte, daß der schlaue alte Bursche, trotz aller Vorsicht, dennoch von dem Verkehr des Arztes mit ihm erfahren hatte. »Ei, der fidele Junge, der Doktor oder was er war, der vom Schiff ausriß –« Indem kam ein anderer Stammgast eiligst durch den Gang zwischen den Gestühlen heran. »Böse Neuigkeiten, ihr Herren!!« rief er laut. Und als er den Assessor erblickte, fügte er lebhaft hinzu: »Hier stecken Sie, Wehrenberg? Auf, auf, Müller läuft sich in der Stadt die Beine nach Ihnen ab, und Gutmann flucht, daß Sie nicht auf der Kanzlei waren –« »Ich habe mich ja heute morgen entschuldigen lassen,« sagte Alfred sehr ruhig. »Ist denn etwas Besonderes vorgefallen?« »Allerdings,« lautete die Antwort, »ein schweres Verbrechen! Und Gutmann kann man seinen Grimm nicht verdenken – vorgestern die Tat, heut erst die Mitteilung!« »Was ist geschehen? – Wo? – So reden Sie doch?« riefen die Umsitzenden erregt durcheinander. »Zu Menkendorf auf dem Pfarrhofe ist der Händler Willmanns erschossen und ausgeraubt gefunden worden.« »Bei meinem Großvater? Und Willmanns, sagen Sie?« rief Alfred Wehrenberg bestürzt aus und langte nach dem Hut. »Da muß ich freilich fort. Nichts für ungut, Peter, aber Ihr müßt den Porter schon einmal zurücknehmen!« Und sein Blick ruhte dabei seltsam auf den rauhen Zügen des alten Wirts. Die Wirkung der bösen Nachricht auf diesen war indessen eine ziemlich andere, als Alfred Wehrenberg vorausgesetzt haben mochte. Es drückte sich in dem wetterharten und bärbeißigen Gesicht des Alten etwas wie Teilnahme aus, so daß der zuletzt Angekommene, ein Gerichtsbeamter, dem solche menschlichen Zeichen nicht weniger als den übrigen auffielen, zu ihm sagte: »Ei, alter Seehund, Ihr scheint ja ordentlich gerührt zu sein?« Worauf Peter Jansen mit einem langen, aber undurchsichtigen Seitenblick auf den jungen Assessor polternd erwiderte: »Ja, Herr, bei Eurer Art ist nur vom Loch die Rede, aus dem das Leben des armen Teufels geflogen, oder vom Schuft, der den Schlag geführt, ob Ihr den hinterdrein lieber an den Rock hängt oder ihm den Hals abschneidet. Unsereiner denkt zuerst an den Menschen selber. Ich habe den Willmanns lange gekannt. Gepaßt haben wir zueinander wenig, aber ich kann Wohl sagen: es läuft da manch' einer im Lande herum, dem solch' ein Ende eher gebührt hätte als ihm. Aber unser Herrgott wird's schon recht machen.« Elftes Kapitel Eine Spur ins Dunkel Die gerichtliche Untersuchung war in vollem Gange und wurde mit all' dem Eifer geführt, der nicht bloß der Schwerheit des Verbrechens, sondern auch dem Schrecken und der Entrüstung in allen Kreisen der Bevölkerung entsprach. – Das Leben verfließt bei den Bewohnern dieser Küstengegenden am Ende nicht viel ehrbarer als anderwärts. Und Totschläge sind auch nicht gerade ohne Beispiel. Hingegen ist von heimtückischem Nachschleichen und Überfallen eines Feindes selten die Rede; man liebt es, seinen Streit augenblicklich, Mann gegen Mann und Aug' im Auge auszumachen. Von einem Raubanfall auf einsame Wanderer erfährt man in vielen Jahren kaum einmal etwas. Zu einem wirklichen vorbedachten und vorbereiteten Morde vollends kommt es fast nie. Es waren jetzt schon achtzehn Jahre seit dem letzten Falle verstrichen, der sich wenigstens einigermaßen mit dem vorliegenden vergleichen ließ. Damals wurde Herr von Warneck, der Präsident des Gerichtshofes und der Schwiegersohn des ›Junkers‹, im Walde hinter Menkendorf eines Tages erschossen gefunden, ohne daß in den ganz nahen Gartenanlagen, wo nachweisbar zu dieser Zeit Kinder so gut wie Ältere anwesend gewesen, ein Schuß vernommen worden war, ohne daß man einen Beweggrund zur Tat zu erdenken vermochte, ohne daß man imstande war, auf den Täter zu raten, geschweige denn ihn zu entdecken. – Nun hatte es einen andern dahingerafft, der allerdings kein vornehmer Mann war, indessen ein Mensch, im ganzen Lande bekannt »wie ein bunter Hund« und im Besitz einer verhältnismäßig nicht geringen Achtung bei aller Welt. Willmanns war, soweit man davon wußte, kein reicher, aber ein wohlhabender Mann, der in der ehrlichsten Weise zu dieser Wohlhabenheit sich hinaufgearbeitet hatte Seine Geschäftstätigkeit war sehr vielseitig gewesen, allem von schmutzigen oder auch nur zweifelhaften Geschäften wußte niemand etwas. Im Gegenteil, der eine oder andere konnte von irgendeinem Fall berichten, wo der Händler bei dieser oder jener Gelegenheit einen namhaften Vorteil zurückgewiesen hatte, weil ihm der Weg oder die Weise nicht zusagten, wodurch er zu diesem gelangen sollte. Feinde, wenn man es so heißen kann, besaß er, soviel man wußte, ebensowenig, wie der vorhin genannte Schicksalsgenoß, der Herr von Warneck. Die öffentliche Stimme wurde durch die Angaben seiner Familie und seiner, allerdings wenig zahlreichen näheren Bekannten – Freunde im gesellschaftlichen Sinne besaß er keine – durchaus bestätigt. Man wußte auch hier von keinen geheimen oder zweifelhaften Geschäften und Verbindungen; ja man glaubte angeben zu können, daß, wenn er sich ausnahmsweise einmal zu einem Darlehen verstanden hatte, dies im Grunde stets nur aus besonderer Gefälligkeit oder Teilnahme gegen den Anleiher und ohne Anspruch auf einen höheren Vorteil stattgefunden hatte. Doch mußte hierbei allerdings zugestanden werden, daß er über seine gesamte Geschäftstätigkeit von jeher nicht viel Worte und selbst seiner Frau nur äußerst selten die eine oder andere Mitteilung gemacht hatte. Ähnliches fand man auch bei der Durchsicht seiner Bücher und Papiere. An Ordnung hatte er es ersichtlich nicht fehlen lassen, nur war diese keine wirklich kaufmännische, sondern eine, die er etwa selber sich ausgedacht und für sich und seine Geschäfte im Laufe einer langen Tätigkeit als genügend erkannt hatte: er war kein Mann der Feder gewesen und hatte sich augenscheinlich mehr aus sein Gedächtnis als auf seine Bücher verlassen Das Übelste war, daß die Eintrage, ob vollständig oder nicht, meistens schwer zu entziffern und nicht selten völlig unverständlich waren: Willmanns hatte sich zuweilen mit einzelnen Buchstaben begnügt und hie und da sogar nur Zeichen gemacht Es kamen Eintrage vor, wie z B: »Für G. A. die Ordnung seiner Schulden übernommen«, oder: »Von G. A. befriedigt. Bleibt noch Wechsel von F. D.« – oder: »Von G. A. Rest.« Von schriftlichen Belägen derartiger Eintrage war trotz den genauesten Nachforschungen aber nichts zu entdecken, während andere Papiere, die sich auf die eigentlichen und bekannten Geschäfte des Händlers bezogen, in ziemlich ansehnlicher Zahl und erträglicher Ordnung aufgefunden wurden. Es bedarf kaum einer besonderen Ausführung, daß diese Entdeckungen auf die mit der Untersuchung Beauftragten einen nichts weniger als günstigen Eindruck machten, denn sie schienen den Beweis zu liefern, daß der Ermordete sich wenigstens gelegentlich mit Dingen befaßt habe, die den Ruf von unantastbarer Ehrenhaftigkeit einigermaßen in Frage stellen konnten und, anscheinend auch nur daher, von ihm nach Kräften geheim gehalten worden waren. Seine Frau – die Kinder kamen schon ihrer Jugend wegen gar nicht in Betracht – wußte hier wenig Auskunft zu geben. Sie behauptete, keine Ahnung von dieser Geschäftsseite gehabt, noch jemals einen dahin zielenden Verkehr ihres Mannes mit Fremden bemerkt zu haben. Sie wußte nur von einem einzigen Fall, der etwa hierher gehören mochte: Willmanns hatte vor zwei Jahren die Regelung der bedeutenden Schulden des Grafen Altheim übernommen – halb aus Mitleid mit dem leichtsinnigen Herrn, halb aus Rücksicht auf den ›Junker‹, den Willmanns hoch verehrte und durch eine genauere Einsicht in die meistens äußerst unerquicklichen Schuldverhältnisse des Enkels nicht geärgert wissen wollte. Die Frau entsann sich einer späteren Äußerung ihres Mannes, wonach der Graf ihn »wunderbarerweise« wirklich und vollständig befriedigt haben sollte, ohne Hilfe des Großvaters. – Diese Unordnung und Geheimniskrämerei Willmanns hatte bei der gegenwärtigen Untersuchung leider zur Folge, daß man gleich von vornherein auf anscheinend unüberwindliche Hindernisse stieß. Willmanns war während der letzten Wochen vor seinem Ende in der gewohnten Weise tätig gewesen und seine für gewöhnlich gleichmütige und zufriedene Stimmung, vor den Seinen wenigstens, durch nichts besonders gestört worden. Alles kam und ging wie in diesen Sommermonaten alljährlich; die Leute, die ins Haus kamen, um Geschäfte zu machen oder im Lager zu arbeiten, waren die bekannten. Daß Fremde eingesprochen, hatte man nicht bemerkt, daß ungewöhnliche Geschäfte vorbereitet oder abgeschlossen und ausgeführt worden, war niemand zu Ohren gekommen. Es war hierbei allerdings nicht nur wiederum die bekannte Schweigsamkeit des Mannes, sondern auch die Lebensweise der Familie und die Einrichtung der Wohnung in Betracht zu ziehen. Willmanns hatte in seinem wenig geräumigen Hause zur ebenen Erde rechts sein bescheidenes Kontor, wo er allein arbeitete und Störungen seiner Arbeitszeit durch die Seinen nicht liebte. Gegenüber, im Flur links, lag ein kleineres, sogenanntes Handlager, während das große ein Hintergebäude auf dem Hof ausfüllte. Die kleine Wohnung über eine Treppe war meistens an einzelne Herren, Offiziere oder beim Gericht Angestellte, vermietet; zwei Treppen hoch begnügte sich die Familie mit zwei einfach ausgestatteten Räumen. In einer Kammer unter dem Dach endlich wohnte der eine von den Lagerarbeitern. Frau Willmanns hatte vor Zeiten, als das Geschäft angefangen, durch Nähtereien und Feinbügeln einen hübschen Beitrag zu den Wirtschaftskosten erworben und diese Beschäftigungen auch mit der Verbesserung der Verhältnisse nicht aufgegeben, vielmehr seit Jahr und Tag ihre nunmehr erwachsene Tochter gleichfalls darin eingeführt. Der um mehrere Jahre jüngere Sohn, der demnächst seinem Vater im Geschäft helfen sollte, und eine wiederum jüngere Tochter besuchten noch die Schulen. Nun war, ungefähr acht Tage oder etwas darüber vor Willmanns letzter Reise, eines Abends spät, als man schon zu Nacht gegessen hatte, drunten noch die Kontorglocke angezogen worden. Willmanns war ungewöhnlich müde und hatte den vierzehnjährigen Sohn hinabgeschickt, um nach dem späten Besucher zu sehen. Der Knabe kam zurück mit der Meldung, daß ein Mann den Vater zu sprechen verlange, – in langem, dunklem Rock und mit breitrandigem Hute, ganz ordentlich, aber dem Knaben unbekannt und in der letzten Dämmerung des Sommerabends auch nicht mehr recht erkenntlich. »Aber weißt du, Vater,« setzte der Kleine hinzu, »ich mußte bei seiner Stimme und wie er aussah, an den Vetter denken, der dazumal mit einemmal von hier fort war.« – »Du bist nicht bei Trost,« sagte Willmanns verdrießlich. »Was Vetter! Wenn der noch lebt und zurückkäme, würde er wohl nicht drunten stehen bleiben, sondern heraufkommen.« Und damit zündete er ein Licht an und ging hinunter. – Als er, erst nach einer Stunde oder länger, da die Seinen bereits ihre Betten aufgesucht hatten, wieder heraufkam, brummte er, daß die Menschen wohl einmal lernen könnten, müden Leuten ihre Ruhe zu gönnen. Das Geschäft habe gut Zeit bis zum Tage gehabt. »War's der Vetter also nicht?« fragte die Frau. Er versetzte grämlich: »Dummheiten! Ich sagt' es ja gleich – wie käme der hierher?« Damit war die Sache abgetan. Willmanns Angehörige legten so wenig Wert darauf, daß sie den Vorgang vergaßen und sich seiner erst im Laufe der Untersuchung wieder erinnerten. Für sie so gut wie für die Gerichtsbehörde handelte es sich gegenwärtig mehr um die ungewöhnliche Reise und um den letzten Verkehr und die letzten Wege des Unglücklichen. Und darüber ergab die Untersuchung folgendes: Etwa acht bis zehn Tage nach dem kleinen Begegnis teilte Willmanns seiner Frau eines Mittags grämlich mit, daß er am nächsten Morgen mit dem Achtuhrzuge nach einem kleinen Ort jenseits der Grenze fahren müsse, weil er eben erfahren habe, daß auf der benachbarten großen Besitzung Belitz, trotz seiner eigenen schon geleisteten bedeutenden Vorschüsse, neuerdings anderweitige Verträge abgeschlossen würden, und er sich daher rechtzeitig sichern müsse. Einmal unterwegs werde er natürlich auch sonst noch das eine oder andere abzumachen suchen, ja vielleicht über Menkendorf zurückkehren, wo er mit dem alten Pfarrer zu reden habe, und seine Heimkehr könne möglicherweise daher erst in vier bis fünf Tagen erfolgen. Als die Frau am andern Morgen im Kontor Abschied von ihm nahm, sah sie, daß er eine verhältnismäßig nur geringe Summe der Kasse entnahm und in die Geldkatze schob, und daß er ebenso nur wenige Papiere in die alte Reisebrieftasche schnallte. Im Gasthof jenes kleinen Ortes des Nachbarbezirks war er rechtzeitig erschienen und hatte über die Verhältnisse zu Belitz Schlimmeres erfahren, als er gefürchtet. Er hatte am Nachmittag und den ganzen folgenden Tag draußen zu verhandeln gehabt, auch mit einem Rechtsanwalte, und war erst am dritten Mittag mit der Post nach Grünau, dem eigentlichen sogenannten Grenzstädtchen, gefahren, und – wie er dem Wirt mitteilte – im allgemeinen mit dem Erreichten zu frieden. Zu Grünau langte er gegen Abend an und stieg, wie immer, in der »Garbe« ab, von dem Wirt, natürlich wieder einem alten Bekannten, seltsamerweise bereits erwartet. Denn es war vor einigen Stunden ein Brief für ihn eingetroffen. Beanschriftet war der Brief ursprünglich nach seinem gewöhnlichen Wohnort mit dem Beifügen: »Baldigst zu bestellen!« Der Name der Stadt war indessen durchstrichen und statt desselben »Grünau, in der Garbe« hingeschrieben worden. Dessen entsann sich der Wirt später und auch darauf, das der Poststempel nur die nächste Eisenbahnhaltestelle als Aufgabeort angegeben habe, – ein um so bemerkenswerterer Umstand, als da man, wie sich freilich erst durch die folgende Untersuchung herausstellte, auf dem heimischen Postamt und im Hause des Händlers von diesem Briefe nicht das geringste wußte. Leider war der Briefumschlag und das Schreiben selber von Willmanns eingesteckt worden und mit seinen übrigen Papieren verschwunden. Der Brief und noch mehr sein Inhalt hatten den Empfänger lebhaft überrascht »Na,« hatte er gesagt, »das ist seltsam! Ich wollte allerdings nach Menkendorf zum alten Herrn Silberg, und nun läßt er mir durch seine Sohnstochter schreiben – er ist krank, sagt sie –, daß er mich morgen wohl erwarten könne, und es sei gut, wenn man auf dem Hofe nichts von dem Besuch erfahre. Da bin ich doch neugierig, wie er von meiner Absicht erfahren hat und ob er am Ende schon ahnt, was los ist« – »Und was ist denn los?« war die Frage des Wirtes. Und da hatte Wlllmanns, die Stirn runzelnd, erwidert: »Na, Teufeleien, was sonst? Einer mit dem ich's gut genug im Sinne gehabt, will mich, wie es scheint, zum Betrüger machen. Aber ich kann ihm dienen, ich führe die Papiere bei mir, und wenn's mir nicht um andere wäre, so wäre morgen sein Lied geblasen. So aber will ich zuvor mit dem alten Herrn reden – vielleicht weiß er Hilfe.« Der Wirt wollte weiter fragen, aber sein Gast wies ihn ungeduldig ab, er wolle keinen Menschen ohne Not unglücklich machen »Übrigens,« fügte er hinzu, »wie komme ich denn hin?« – »Ja, das ist bös,« meinte der Wirt. »Einen Wagen kann ich dir jetzt um's Leben nicht schaffen,« – in der Umgebung hatte schon die Ernte begonnen – »und er nutzte dir ia auch nichts, wenn du nicht gesehen werden willst. Geh' nach Wiek und sieh' zu, ob du 'n Boot bekommst; sie haben's freilich gewaltig eifrig mit den Heringen.« – »Das wird das beste sein,« entschied Willmanns. »Wenn ich nur 'n Fahrzeug finde, Mannschaft brauch' ich im Notfall nicht. Werde schon selber fertig.« Am nächsten Morgen war er in aller Frühe nach dem kleinen Hafen, der auch hier wie anderwärts den Namen »Wiek« führt, hinausgegangen, hatte als hier wohlbekannter Mann ein Boot für den Tag bekommen, wo bei man auch sein Anerbieten, dieses allein zu führen, annahm, und war dann davongefahren. Das Fahrzeug wollte er entweder abends zurückbringen, oder in der Obhut des Menkendorfer Müllers lassen, wo es dann einer der Fischer gelegentlich abholen könne. Daß und wo er zu Menkendorf am Strande angelegt zu haben schien und wie er zwischen elf und zwölf Uhr mittags von dem Sohn des Müllers im Wäldchen hinaufsteigend erblickt worden war, horten wir schon. Über alles weitere gab es wenigstens einstweilen keine Auskunft; besonders, wie er hinter den Pfarrstall gekommen oder gelockt worden war, blieb durchaus rätselhaft. Wer die Namen des Pfarrers und seiner Enkelin mißbraucht haben konnte, wer imstande gewesen war, die Absichten des Reisenden zu erfahren, die selbst der Frau nur halb bekannt waren, ob endlich der Verfolger allein oder mit Helfern gearbeitet hatte, das blieben einstweilen alles wieder antwortlose Fragen, wenn man nicht die beiden Wirte in Verdacht ziehen wollte, eine Annahme, die sich durch nichts rechtfertigen ließ. Man stand, wie man mit jedem Fortschritt der Untersuchung besser erkannte, vor einem Verbrechen, das nicht nur auf das schlaueste auf den Charakter und die Eigenheiten des Willmanns gegründet, sondern auch mit der sorgfältigen Berechnung aller Umstände vorbereitet und mit der grüßten Umsicht vollendet worden war. Dies alles zwang beinahe zu dem Schluß, daß, wenn auch vielleicht der eigentliche Täter, doch sicherlich nicht der Anstifter niederen Standes gewesen sein müßte. Es liegt auf der Hand, daß die seltsame Mitteilung, welche Alfred Wehrenberg neulich von seinem alten Freunde Busch empfangen und natürlicherweise jetzt keinen Augenblick zurückgehalten hatte, gegenwärtig eine Bedeutung gewann, die ihr anfangs auch der Mißtrauischste nicht abzusehen vermocht hätte. Ebenso erging es jener anfangs erwähnten Begebenheit, die nun sozusagen von selbst in den Zusammenhang trat. »Sie reden da nur von einem Vetter, den Ihr Sohn zu erkennen glaubte, der aber auch Ihnen von alters her gut bekannt war,« sagte der die Untersuchung führende Rat zu Frau Willmanns. »Wie heißt der Mann und was war oder ist er?« Und sie gab zur Antwort, daß es ein Mensch namens Matthies Matthiesen sei – der Rat und Alfred Wehrenberg, der das Protokoll führte, tauschten einen überraschten Blick aus – er sei als ganz junger Mensch von dem alten Jäger Brüst zu Menkendorf als Lehrling angenommen worden. Nach einigen Jahren sei indessen seine Neigung zum Seeleben erwacht und habe ihn davon und zu Schiff getrieben. Später habe er sich eine Zeitlang hier aufgehalten, um seine Steuermannsprüfung zu machen, und in ihrem Hause viel verkehrt, – ein wilder und reizbarer, im Grunde aber gutherziger und ganz wackerer Mensch, den sie alle gern gehabt hätten. Was ihn zuletzt fortgetrieben, wisse sie nicht; doch habe sie etwas von einer Schlägerei mit tödlichem Ausgange gehört, bei der er eine Hauptrolle gespielt haben solle. Das alles möge acht Jahre her sein, und seitdem sei ihnen nichts mehr von ihm zu Ohren gekommen. Auf diese überraschende und höchst bedeutsame Mitteilung hin, wandte man sich an den alten Wirt zu den »St. Jakobsbrüdern« und unterzog ihn, in Berücksichtigung seines Trotzes und Eigensinns einer Art von vorläufiger Vernehmung. Der störrische Alte zeigte sich indessen zugänglicher als man hätte hoffen dürfen. Ja, der Matthies sei kürzlich mit einmal wieder bei ihm aufgetreten und habe für einige Tage ein Unterkommen erbeten und auch bekommen, erklärte er. Er habe sich gleich gedacht, daß das nicht gut abgehen möge, denn es sei ein Mensch, der in seinem Leben nicht vernünftig werde, sondern sich immer wieder auf Dinge einlasse, die ihn in Gefahr brächten. Wer aber der »Herr« gewesen, mit dem Matthies in jener Nacht verkehrt haben sollte, könne er sich wirklich nicht denken. Als man zuletzt eine leise Andeutung wagte, ob dieser Matthies möglicherweise etwas mit dem an Willmanns verübten Verbrechen zu tun haben könne, widersprach der Alte dem auf das Entschiedenste. Bei Gott, nein! zum Dieb und Mörder werde einer wie der, wie wild er's auch getrieben haben möge, nie und nimmer! – »Und dennoch soll ihn eine böse Sache in die Ferne getrieben haben!« warf man demgegenüber ein. »Das ist nichts!« versetzte Peter Jansen ohne Bedenken, »eine Geschichte, kaum mehr des Aufhebens wert! Draußen in Kaspar Lepels Schenke, wo's abends oft toll genug zugeht, hat sich damals ein Mensch – Meierbusch hieß er: ein Krämer, Pfandleiher, Leuteschinder – eingedrängt, geprahlt, gedroht, gelästert und endlich Streit mit unseren blauen Jungen gekriegt. Es hat tüchtige Schläge gesetzt und da er das Messer herausgeholt, ist er aus der Tür geworfen worden und Matthies soll ihm den letzten Stoß gegeben haben, so daß er von den Stufen hart auf das Pflaster niederschlug und sich den Schädel zerbrach. Das ist das Ganze und wäre eigentlich nicht einmal zu bestrafen gewesen. Aber freilich der Matthies wäre lieber in den Tod als ins Loch gegangen, und so macht' er sich aus dem Staube.« Darauf fragte man Frau Willmanns noch aufs Geratewohl, was sie von anderweitigen Verbindungen des Vetters, besonders mit Höherstehenden, wisse. Die Antwort war, daß Matthies da Wohl nur den jungen Grafen Altheim gekannt habe; der Herr habe damals ja in ihrem Hause gewohnt. – Das verdiente allerdings Überlegung, denn man hatte allen Grund, jenes »G. A.« im Rechnungsbuch auf den Grafen Eugen zu deuten. – Alte Bekannte Matthiesens fanden sich übrigens in der Stadt noch manche und sie bestätigten und ergänzten Wohl auch das über ihn Ausgesagte; nur wußten auch sie nichts für jetzt Wichtiges anzugeben; es sei denn, meinte einer, daß er ihn vor kurzem in der Gesellschaft eines gewissen Peter Ahrens aus Drömnitz gesehen habe, eines ebenfalls landflüchtigen und zudem recht übel beleumundeten Menschen ... Hollah! Da hatte man ja endlich eine Spur –! Festigte doch dieses Zeugnis die unbestimmte Aussage des Menkendorfer Müllers, wonach der am Tage des Verbrechens und in der nächsten Nähe des Tatortes gesichtete Strolch in Gestalt und Gehaben an den Peter Ahrens erinnert habe; denn man wußte nunmehr sicher, daß der gerichtsbekannte Bursche keineswegs tot oder verschollen war, sondern wiederum hierzulande sich herumtrieb. In Verfolg dieser neuen Wendung wurde alsbald auch der Tag, die Stunde und der Ort, wo Mattthiesen und Ahrens bemerkt worden waren, festgestellt: es war am Tage jenes großen Unwetters, spät abends, vor dem Tore des Wirtshauses »Zu den St. Jakobsbrüdern«. Merkwürdigerweise begann sich nun auch der Fuchs Peter Jansen an »noch etwas« zu erinnern: Matthiesen habe beim Weggehen aus der Herberge aus freien Stücken gestanden, daß jener Ahrens zur Nachtzeit bei ihm gewesen sei und daß der Kerl ihn wegen seines Vetters Willmanns habe ausforschen wollen; darauf wäre er, Matthies, natürlich in keiner Weise eingegangen, habe sich aber in Anbetracht der gewalttätigen Art des Menschen bemüht, in Ruhe mit ihm auseinander zu kommen und auch nur deshalb hätte er ihn in die Kammer mitgenommen. Und dies sage er, Matthies, frei heraus, für den Fall, daß der Vorgang einen Beobachter oder Lauscher gehabt habe und daran Mißdeutungen geknüpft würden. – Gewiß, was der alte Dickkopf da so nachträglich vorgebracht hatte, horte sich nicht übel an. Dennoch paßte es, wenn man es in das bisher bekannte Geschehen einreihen wollte, darin nur schlecht hinein; schon darum nicht, weil Doktor Busch doch gehört hatte, daß der nächtliche Besucher mit »Herr« und »Sie« angeredet worden war. Kaum entdeckt, führte die Spur also in neues Dunkel. Denn: hatte Matthiesen in kluger Voraussicht seinen alten Freund Jansen nicht belogen, so mußte er zwei nächtliche Besucher gehabt haben. Den Namen des einen hatte er preisgegeben. Wer aber war der zweite? Zwölftes Kapitel Nachtfrühstück »In der Tat, Alfred, Sie sind heut abend von einer kaum noch »tragbaren Laune!« »Und weil ich das selber nur allzu sehr fühle, ohne es ändern zu können, meine gnädige Frau, hoffe ich auch, daß Sie mich nun ohne Groll entlassen werden.« »Flausen! Kommen Sie!« Sie hub an die Treppen zu ersteigen und er folgte ihr nach. Droben wartete das Mädchen mit dem Licht. »Hübsch von Ihnen, Rosett, daß Sie nach uns ausgeschaut haben! In der Tat, es ist schon ganz dunkel hier. Stoßen Sie sich nicht, Herr Assessor! Rosett, leuchten Sie besser! Haben die Kinder gegessen und sind sie im Bett? Haben Sie alles besorgt, wie ich Ihnen gesagt, Rosett? Gehen Sie in mein Zimmer und zünden Sie an. Sobald Frau von Wildenow kommt, wollen wir den Tee trinken. – Bitte, Herr Wehrenberg!« Nun waren sie allein. »Ich sehe es gut, Alfred – es ist Ihnen eine Qual, hier bei mir zu sein!« »Aber ich bitte Sie –!« »Leugnen Sie es nicht! Ich verstehe Sie gut genug. Und ich kann es nicht für ehrlich und redlich halten, daß Sie mich trotzdem zu täuschen suchen. Wenn Sie mit mir brechen müssen –« »Ich beschwöre Sie, Klara! Bedenken Sie, daß Rosett nebenan –« »Das ist für den Augenblick gleichgültig. Ich finde sonst heut keinen Augenblick, mit Ihnen hierüber zu reden und kann es nicht aufschieben. Denn Sie müssen begreifen, Alfred, daß ich diese Weise nicht länger zu ertragen vermag – nicht um Ihret-, nicht um meinetwillen, Alfred!« Er nahm nun ihre beiden Hände zwischen die seinen und zog sie an die Lippen. »Noch einmal, Klara,« sagte er dazu voll einer schwermütigen Herzlichkeit, »mäßigen Sie sich und werden Sie ein wenig einsichtiger und billiger. Sie tun mir wahrhaftig unrecht. Ich kann und darf mich Ihnen nicht soviel widmen wie bisher; es ruhen allzu viele Augen auf uns und Ihr Ruf soll durch mich nicht gefährdet werden.« »Mein Ruf!« murmelte sie bitter. »Ja, Ihr Ruf, Klara!« wiederholte er ernst. »Sie wissen, wie man gerade dort, wo man vordem nicht freundlich genug sein konnte, neuerdings zu verfahren liebt. Und im übrigen seien Sie, wie ich bat, billig. Sie wissen, wieviel auf mir liegt und daß ich, nach den meisten Seiten hin, keinen Grund zur Heiterkeit habe.« »Nun wohl, Alfred, mit Ihnen kann ich nicht rechten, und bessern – das weiß ich wohl! – kann ich durch Vorwürfe auch nichts. Nur um eines bitte ich Sie. Ich habe mich auf heut abend gefreut – ich hoffte, Ihnen zu zeigen, wie gern ich Sie habe! Bitte, Alfred, – seien Sie ein wenig heiter und lassen Sie mich noch einmal glücklich sein. So, und nun gehen Sie in die gute Stube und sollte Adele indes kommen, so empfangen Sie sie. Ich beeile mich sehr.« Er ging. Kaum hatte er sich in dem angewiesenen Raum niedergelassen, als auch Frau Adele von Wildenow schon hereinrauschte. »Ah, schon da und schon im Abendkleid!« schmeichelte er. »Ei, die Bewunderung ist an mir,« versetzte sie scherzend. »Lieber Gott, wenn Frau Klara freundlich ist, widersteht man nicht, und wenn sie zankt, ergibt man sich – Sie wissen's! Aber es ist doch gut, daß Sie so bald kamen. Ich war hier in der Einsamkeit beinahe schon wieder melancholisch geworden.« »Hier? – Hier, mein' ich, könnte man nur lustig sein! Es ist entzückend hier, sage ich stets von neuem!« Das traf zu. Wer die Häuser der alten Stadt ansah und ihre grämlichen Fenster, sowie ein paar Wohnungen hinter ihnen, der hätte nie geglaubt, daß sich hier ein so entzückender Platz befände oder auch nur herstellen ließe, – ein Zimmer voll solchen Geschmacks, solcher sich geradezu um alle Sinne schmiegenden Üppigkeit. Es war nicht der Reichtum und Überfluß von Gemälden, nicht die überfülle von zierlichen Pflanzen und duftigen Blüten, noch die Zahl und Form der Möbel, was dies Gemach auszeichnete und seine Besucher mit einem so ungemeinen Behagen umfing: sondern es war der wunderbare Einklang in und unter allem, und die anscheinend vollkommene Zufälligkeit, in der sich alles zusammengefunden hatte, um dem Menschen zu dienen und es ihm Wohl werden zu lassen. Nun erschien auch die Hausherrin, in einem Kleide, das wie aus Duft gestaltet schien; und wenngleich Hülle wohl in allem und jedem, so doch in keinem Teile nur dies allein, auch Reiz, auch Schmuck, ohne indessen die Regel zu gefährden, die der Gastgeberin artige Zurückhaltung auferlegt. So empfand es wenigstens Alfred. Und plötzlich strahlten seine Augen die leuchtenden Blicke, die zu ihm herüberflogen, noch glänzender zurück; von seinen Lippen schwang sich bald auch das munterste Lachen, und sein ganzes Wesen schäumte schließlich noch einmal übermütig auf, wie der funkelnde Wein vor ihm im Glase ... Aber es nimmt alles ein Ende, auch solch ein Abend! Und Frau von Wildenow stand auf und meinte seufzend: es helfe alles nichts, sie müsse nach Haus, denn ihr Gatte werde wohl schon daheim sein und nicht wenig über die Nachtschwärmerin brummen. Und sie hüllte den Kopf und die Schultern in den leichten Spitzenmantel. »Begleiten Sie mich, Herr Alfred?« »Du bist grausam, Adele,« sagte Frau Klara schmollend. »Jetzt, zur besten Zeit brichst du auf und entführst mir auch noch den da – heut, wo wir einmal sehen, daß er auch zuweilen Mensch ist! Aber – noch einen Augenblick Geduld! – Mein Mann hat ja etwas für Sie hier gelassen, Alfred!« Und als sie aus dem Nebenzimmer wieder zurück kam, hielt sie ein kleines Paketchen in der Hand. »Sehen Sie, wie ehrlich ich bin – ich sah nicht hinein, obgleich ich schon Lust hätte zu erfahren, was ihr beide für Geheimnisse vor mir habt.« Und damit überreichte sie es ihm. »Aber wir müssen wirklich fort,« drängte indes Adele. »Kommen Sie, Herr Alfred!« »Wagst du es wirklich mit ihm. Adele?« flüsterte Klara, seltsam erregt, da man den Flur durchschritt, »nimm dich in acht, – er ist heut gefährlich! – Nun denn, so geht ihr langweiligen Menschen! – Auf Wiedersehen!« – – »Ja, es ist wahr,« sagte Frau von Wildenow, als sie mit ihrem Begleiter – ihre Behausung lag schräg gegenüber – die stille Straße querte, »sie ist, wenn in der reckten Laune, eine Zauberin und unwiderstehlich, und ich verdenk' es weder Ihnen, noch sonst einem Mann, wenn ihr alle ihr zu Fußen liegt – bitte, bitte, geben Sie sich keine Muhe, ich schweige schon!« brach sie auf seine abwehrende Bewegung lachend ab. »Also eine andere Frage, – wissen Sie etwas Näheres über diese tollen Geschichten, die man sich von Komtesse Viktoria erzählt?« Er zuckte die Achseln. »Eben nicht mehr, als was man sich erzählt. Ich komme nur selten zu Gunslebens, und sie äußern sich gar nicht darüber.« Frau von Widenows Neugier hatte aber ersichtlich einen anderen Grund, denn es lag etwas Tastendes in ihrem Ton als sie das Gespräch nun weitergleiten ließ: »Das verdenke ich ihnen nicht. Wenn es wirklich wäre, wie man sich zuflüstert, es wäre ja ein wahrer Skandal! Um die hochadelige Verwandtschaft bekümmert mich das nicht, aber desto ernstlicher um den armen Eugen. Er ist so empfindlich m diesem Punkt, und zwar um so mehr, je schwerer er an dem Herrn Papa zu tragen hat. Und wenn er nun solche Dinge erfahrt – in der Ferne, nicht schonend –« »In der Ferne, sagen Sie?« fragte Alfred leichthin dazwischen. »Ich horte doch, er sei neulich hier gewesen!« »Eugen, Graf Altheim, hier? versetzte sie anscheinend sehr überrascht und blieb stehen, denn man war vor ihrem Hause. – »Ich begreife das nicht; wir wissen gar nichts von ihm! – Wer kann Ihnen das gesagt haben?« »Ich dachte, Frau Klara, und sie sagte, glaub' ich, daß sie es von Ihnen selber –« »O, wie boshaft! Das verdient Rache! – Über ich sehe, mein Mann ist wirklich daheim. Also gute Nacht, Herr Assessor. Schonen Dank für Ihre Begleitung!« Hatte Alfred Wehrenberg sich noch etwas verweilt, statt sogleich weiterzugehen, so hatte er trotz des schwachen Mondlichtes vielleicht bemerkt, daß sich ein verhüllter Frauenkopf aus einem leicht erhellten Fenster beugte und mit neugierigem Getue in die einsame Straße hinabspähte, wobei dem Beobachtenden vielleicht auch dies Flüstern hörbar geworden wäre: »Ich habe wahrhaftig geglaubt, Dagobert, daß er heimlich umkehrte! Hättest du die beiden heut abend gesehen, – ach, sie sind wirklich ganz toll!« – »Bah, – es führen viele Wege nach Rom, Adele! Aber was geht's uns an? Komm, ich bin hundemüde – und in drei Stunden schon wieder zu Pferd! Gunsleben ist in der Tat des Teufels!« Inzwischen war Wehrenberg rechts in eine dunkle, öde Seitengasse eingebogen, jetzt bog er abermals rechts ein und blieb dann nach wenigen Schritten an einer verwitterten Gartenpforte lauschend stehen. Jetzt zog er das ihm von Klara eingehändigte Paketchen hervor und bekam, indem er es enthüllte, einen Schlüssel in die Finger. Bebend steckte er ihn an, horchte wieder, schloß, sich nochmals umsehend, hastig das Törchen auf und huschte hinein –. Ein paar Stunden später öffnete sich die Pforte von neuem und ließ den Nachtschwärmer wieder hinaus. Diesmals war er jedoch nicht allein. Es schob sich in der schmalen Türöffnung eine weiße Hand in die seine, und auf ein leises »Gute Nacht, Klara!« – klang ein: »Gute Nacht, Alfred!« in einem wehmütigen Ton von innen zurück. Dreizehntes Kapitel Bedrückte Seelen Dienstag, 1. Juni. Ich bin seit Monaten nicht an diesem Schubfach gewesen und habe auch meines Wissens nichts darin zu suchen gehabt, daß ich es von Grund auf hätte umkehren sollen. Und dennoch liegt das ehemals gewiß zuunterste jetzt oben auf: dies kleine Buch. – Seltsames Rätsel! Ich weiß es noch wie heute, es werden zu Weihnachten zehn Jahre. Zum Fest waren wir, wie gewöhnlich, zu Menkendorf, und am heiligen Abend auch, wie immer, ›beim Junker‹. Da lag bei meinen übrigen Geschenken unter dem Baum auch dies Buch, und ich erfuhr, daß es von Blanka sei. Am folgenden Morgen fragte der Großvater nach meinen Geschenken, und da ich das Tagebuch dabei nicht nannte, schaute er mich launig an und sprach etwa so: »Hab's mir schon gestern abend gedacht und nun merk' ich's noch besser – dir scheint das eine sehr unnütze Gabe. Aber sieh' das Buch doch lieber nicht so ganz von obenher an: Blanka hat mich um meinen Rat gebeten, und ich habe ihre Wahl eine gute geheißen. Daß du ein wirtliches Tagebuch führen sollst, verlangt und erwartet niemand von dir, – ihr Heutigen habt dazu noch weniger Muße und Lust als wir zu unserer Zeit. Aber es kommen Tage und Stunden, wo wir einsam sind und uns unsicher fühlen, wo wir nach Mitteilung, nach Rat und Trost eines Freundes verlangen und dennoch davor zurückscheuen. Da lange nach dem Buch hier und sprich dich aus gegen dich selbst. Wenn auch nicht immer Frieden, Klarheit wirst du sicherlich finden.« Die Worte machten Eindruck auf mich, und ich knüpfte daran meinen ersten Eintrag und ließ – es dabei bewenden. Ich habe stets zu gern und fröhlich gelebt, als daß ich über das Leben hätte viel nachdenken sollen. Was ich erlebte, war auch zu einfach und augenblicklich, um große Worte daran zu hängen. Eine Stunde, wie der Alte sie gemeint hatte, kam mir nicht – bis heut. Und da liegt das Büchlein mit einem Male und ungesucht vor mir ... Ich bin mit Blanka aufgewachsen, von jung auf. Als mein Vater starb, war ich neun Jahre alt, und die Großeltern nahmen mich nach Menkendorf. Da fand ich Robert und Blanka als noch hilfsbedürftigere Waisen und schloß mit ihnen Freundschaft, und für Blanka wurde ich in kurzem der »Allerbeste«, gegen den der wilde »Robertbruder« wenig in Betracht kam. Und so blieb's; auch als ich wieder in die Stadt, zum Onkel und aufs Gymnasium kam und später zur Universität ging und weiter bis zu meiner endlichen Heimkehr. Wir hatten uns lieb und vertrauten einander wie wirkliche Geschwister. Ein anderes, tieferes Gefühl gab es nach meinem besten Wissen und Gewissen bis dahin in mir nicht. Von Blanka red' ich gar nicht. Ihr Herz war noch nicht erwacht. Erst beim Abschied, als es Anno sechsundsechzig ins Feld ging, spürt' ich, daß ich in Blanka doch noch etwas anderes als die »Schwester« lieben möchte, und noch mehr empfand ich dies, als ich aus dem Kriege zurückkam und der Erholung wegen vier Wochen zu Menkendorf weilte. Man trug mich von allen Seiten auf den Händen, und Blanka war geradezu liebreizend, so daß ich mich wie im Himmel und ihr täglich inniger verbunden fühlte. Trotzdem änderte sich in unserem Verhältnis auch jetzt äußerlich nichts und blieb auch innerlich, bei ihr sicher, in der Hauptsache alles beim alten. Wir sahen uns in den nächsten zwei Jahren nicht häufig und erfuhren auch, obschon unausgesetzt, im Grunde doch ziemlich wenig voneinander. Trafen wir zusammen, so war unsere Freude groß; trennten wir uns wieder, so nahmen wir das als etwas Natürliches hin und fanden uns ruhig hinein. Wir waren ja einander sicher: was hätte uns scheiden können? Ob sie mich jemals in anderem Lichte gesehen, weiß ich nicht, glaub' es aber auch nicht: ihre Innigkeit und Vertraulichkeit blieben sich stets gleich. Und vielleicht gerade darum rückte auch in mir nichts vorwärts. Sie war für mich das liebste und schönste Geschöpf unter der Sonne, und ohne sie konnte ich mir überhaupt mein Leben gar nicht denken. Dennoch erhob sich noch immer kein bestimmter Anspruch. – Blanka war für mich etwas wie eine Märchengestalt. Wie hätte diese in die Wirklichkeit passen können? Vor anderthalb Jahren wurde Stephani, ein Kriegskamerad, zum hiesigen Regiment versetzt. Bei meinen damals nach zahlreichen gesellschaftlichen Verbindungen traf ich von Anfang an mit ihm und seiner Frau fast täglich zusammen und kam mit ihr, ohne recht zu wissen wie, schnell in ein vertraulicheres Verhältnis. Klara erschien mir als ein ungebändigtes und unbedächtiges Wesen, an dem die Erziehung überdies nicht nur nichts gemäßigt, vielmehr alles noch gesteigert hatte. Und das ist schade, denn der Kern ist ein durchaus edler und würde sich unter einer liebevolleren Pflege sicherlich aufs erfreulichste entfaltet haben. Aber daran hatt' es gefehlt von seiten der Mutter, die das Mädchen sich selbst überlassen, und nicht weniger von seiten ihres jetzigen Gatten. Es ist ein Mensch, bei dem man fortwährend fragen muß, wie es eigentlich möglich gewesen, daß sie zu ihm gekommen? Ein fader Mensch, an dem ich keine Eigenschaft, keinen Zug jemals entdeckt habe, die den Umgang mit ihm erträglicher zu machen vermöchten. So gesellte sich zu meiner freundschaftlichen Hinneigung gegen dieses Mannes Frau, die sich trotz allem noch immer leidlich aufrecht erhielt, allmählich ein wachsendes Mitleid. Ich machte aus meiner Teilnahme für und aus meinem Urteil über sie kein Geheimnis, fand indessen bei anderen nur wenig Zustimmung – begreiflicherweise, da dort nur der äußere Schein wirkte, während ich die Wahrheit vor mir hatte. Von einem tieferen Gefühl für die unglückliche Frau, wie mancher mich damit zu necken begann, gab es in mir keine Spur. Ich fühlte mich völlig frei und unverändert, selbst in meiner Stellung zu Blanka. Ja, sie trat mir noch näher als bisher, durch das Verständnis und die Teilnahme, die meine Mitteilungen über Klara in ihr erweckten. Zusammen trafen beide nicht. Gleich nach Neujahr kam Blanka heuer auf mehrere Wochen zu den Ihren hierher, um einmal an der größeren Geselligkeit teilzunehmen. Wir trafen weniger zusammen als sonst immer, denn ich stak tief im Assessorexamen und fand mich in den wenigen freien Stunden meistens zu müde und auch zu zerstreut, um mich im alten frohen Behagen anderen widmen zu können. Da wurde mir eine Veränderung an Blanka bemerkbar, die mich bestürzte und mich um so mehr peinigte, als ich keinen Grund dafür zu entdecken vermochte: Blanka selbst leugnete sie auf meine herzliche Frage rundweg ab. Und doch: die alte milde und innige Heiterkeit fehlte, die herzliche Unbefangenheit und das, alte, schrankenlose Vertrauen kam entweder gar nicht mehr oder nur unter dem Druck einer rätselhaften bangen Scheu zum Durchbruch. Wir schieden zum erstenmal nicht in der alten treuen Innigkeit, sondern es lag auf uns beiden, glaub' ich, der Schmerz des Sich-nicht-verstehens. Als sie fort war, schlug bald eine Stunde, die über Klara und meine Stellung zu ihr unwiderstehlich entschied. Sie traf uns völlig ahnungslos und riß uns fort, und als sie ausgeklungen hatte, waren wir nicht mehr, die wir gewesen. Dazu läßt sich nichts sagen, als daß, wo das Menschtierische sich in uns erhebt, auch die gestählteste Kraft zumeist unterliegt und nichts übrig bleibt, als sich hinterdrein mit dem Geschehenen so gut abzufinden, wie es eben möglich wird. Und dies würde auch mir wohl gelungen und ich durch Reue ins Reine gekommen sein, – aber da ich aus der ersten Betäubung erwachte, erhob sich vor mir Blankas Bild: – ihr war ich zu eigen, ihr war ich untreu geworden! Und wie sie so im Geiste vor mir stand, wie die vergangenen Wochen ihrer Anwesenheit an mir vorüberzogen, regte sich in mir etwas wie eine Ahnung, ob ihre Veränderung für mich am Ende nicht auch – auf das glückseligste hätte gedeutet werden dürfen? Blanka liebt – liebte – mich vielleicht! – Vordem war mir eine solche Möglichkeit nie in den Sinn gekommen. Jetzt war sie da – jetzt, wo – was soll ich sagen? Ich kann das nicht hinschreiben, wie ich es auch nicht auszudenken vermag. Gestern abend ist sie plötzlich wieder angekommen und soll bis zu den Manövern bei der Tante bleiben ... Könnt' ich nur fort – nur verschwinden vor ihr!   Montag, 21. Juni. Wie ich lebe, danach darf ich gar nicht fragen. Aber daß ich noch lebe, erscheint mir selber zuweilen halb wie ein Kunststück, halb wie ein Rätsel. – Blanka ist wie im Winter die Güte selbst und die Innigkeit, aber auch voll jener mir unerträglichen bangen Scheu. Sie ist tief niedergedrückt durch die tollen Nachrichten über Viktoria, welche die ganze Familie verstimmen und reizen. Aber daß allein ist's nicht. Es ist etwas in ihren Zügen, das mir wie eine Spur des häufigen traurigen Nachdenkens erscheint, und in ihren Augen find' ich einen Ausdruck, als ob sie inzwischen weit ins Leben hinauszublicken gelernt hätten. Das tut mir bitterlich weh für sie, und mir ist, als ob gerade ich sie am besten davor hätte bewahren können. Ich gehe ihr aus dem Weg, wo ich nur kann und lasse mich lieber von allen wegen meiner Zurückhaltung auszanken. – Als wir heut Abend, beim Heimgang aus dem Wehrlander Holz, wieder einmal ganz wie sonst beieinander waren, schaute sie mich auf einmal ganz unsagbar traurig an, und da war es mir gewiß: Sie weiß, wie es um mich steht –! Vorbei ...   Freitag, 25. Juni. Meine Stellung zu Klara wird täglich qualvoller und unhaltbarer. Es ist nichts zwischen uns als ein aufspritzender, gleißender Schaum, nichts als die kaum noch verhüllte Lüge. Sie weiß nicht, was mich von ihr entfernt, aber sie spürt es Wohl, daß mich nichts mehr an sie bindet, als – eine Art von Pflicht: Ich habe nicht die Kraft, ein Ende zu machen, und ich kann mich drum nicht feig noch schlecht schelten; ich kann sie nicht opfern, die mir alles geopfert; ich kann mich nicht retten durch den Verderb eines andern! Mag das ein falsches Ehrgefühl sein, – ich kann nicht anders!   Donnerstag, 8. Juli. Heut morgen trat plötzlich Leopold Busch bei mir ein und gab sich ganz und gar als der alte behagliche und wackere Gesell, den wir vordem ausgelacht, geneckt und dennoch alle von Herzen lieb gehabt haben. Er hat diese Anziehungskraft auch hier sogleich wieder erprobt und ein paar Bären gezähmt. Ich hatte eine große Freude an ihm. Aber – das ist eine böse Erfahrung! – sie hielt nicht vor: ich bin, wie es scheint, eines herzlichen, warmen, selbstlosen Anteils an einem andern gar nicht mehr fähig. Ich sah ihn mit einer Art von Erleichterung scheiden. Er ist ein scharfer Beobachter – den kann ich jetzt am wenigsten brauchen. Als ich ihn ein Stück durch die Stadt begleitete, begegnete uns der Oberstleutnant und brachte mir Blankas Abschiedsgruß: sie ist heut morgen nach Drakenhof gefahren – ohne Abschied. Vordem hätte mich dies, wäre es überhaupt möglich gewesen, verdrossen oder betrübt. Nun erleichtert es mich beinah. Ich bin doch nicht immer im Bann dieser Augen. Und dennoch – dennoch ist mir's, als gab' es nur unter diesen Augen für mich noch eine Rettung. Und die Möglichkeit eines Weiterlebens!   Dienstag, 27. Juli. Als heut morgen die Stunde des Scheidens kam, wollte sie mich durchaus begleiten. Meine Vorstellungen hiergegen fruchteten nichts. Es war eine merkwürdige Ruhe und Entschiedenheit in ihr. So ging sie mit und war still an meiner Seite, wie die paar Stunden zuvor, wo wir Hand in Hand in einer Fensternische saßen und in die Nacht hinausschauten ... Kaum ein Dutzend Worte fielen: Stephani liegt wieder in neuen Banden. Sie weiß auch in welchen. Adele hat es ihr gesagt. Und die weiß es von ihrem Mann ... Nun ja, was gäbe es auch darüber viel zu sprechen? – Als wir ganz nahe bei der Pforte waren, da machte sie Halt und sagte leise: »Nun denn Alfred, lebewohl, – ich glaube, wir sehen uns heut zum letztenmal so.« Dies überraschte mich so, daß ich mir wie betäubt vorkam. Und bevor ich ein Wort dagegen finden konnte, redete sie weiter in dem gleichen leisen und doch jede Einwendung zurückweisenden Tone: »Es ist nicht anders, Alfred, und es wird nicht anders. Ich habe das Wort schon ein paarmal auf den Lippen gehabt, ohne es sprechen zu können. Man gibt so schwer auf, was man einmal für unvergänglich hielt.« Mir zog sich bei diesen Worten das Herz zusammen und ich wurde trauriger und immer trauriger. Denn ich verstand nur allzu gut, wohin sie deutete, und wußte, was noch kommen würde. Und ich wagte auch keine Antwort, denn was sie sagte, es war ja alles wahr. »Ich weiß es gut, was die Pharisäer in der Stadt über mich sprechen,« sprach sie weiter, »halb ist mir's eins, halb kann ich's nicht leugnen – von sich aus haben sie ja recht: ich bin eine Törin und habe nur meiner Torheit Gehör gegeben – für dich. Mißversteh mich nicht. Ich rechne dir nicht vor, was ich um dich geopfert, was ich über dich vergessen. Es war ja so mein eigener Wille und meine eigene Tat, und solange ich dich glücklich sah oder doch glaubte, ist dergleichen niemals in mir laut geworden. Ja, glaube mir nur, – es wird auch setzt noch nicht laut, wenigstens nicht gegen dich! – Was gestern noch einmal hervorbrach, rechne mir nicht an: es war nur etwas wie ein letzter Rotschrei, und nun ist's überwunden. Sage mir nichts dagegen, ich tausche mich nicht. Aus Liebe warest du heut nicht bei mir und schon seit Monaten nicht mehr. Was dich zu mir führte und bei mir erhielt, war – heißt Mitleid oder Dankbarkeit, oder Pflicht. Aber du siehst – das ist für dich und mich kein Band mehr, im Gegenteil! Wo Pflicht zu sprechen anfängt, kommen für uns beide wieder andere Gebote zur Geltung, die wir wohl eine Zeitlang vergessen konnten, denen wir uns aber niemals ganz zu entziehen vermögen. Überlege dir dies, Lieber, und sieh es ein wenig ruhig und ehrlich an, du wirst denken wie ich. Wir müssen den Dingen ihren Gang lassen, ob sie uns nur für jetzt scheiden, ob für immer. Gute Nacht, Alfred.« Das etwa waren ihre Worte. Und so wären wir wirklich frei voneinander und auch von uns selbst? Ich glaube es nicht. Selbst wenn wir es in vollem Ernst wollten – konnten wir's? Das Geschick läßt sich nicht mit sich handeln, sondern entscheidet unerbittlich ... Vierzehntes Kapitel Der 5. August Der fünfte August war zu Menkendorf immer ein großer Tag, wo im Hof und im Pfarrhause und im Dorf alles voll von Blumen, Kränzen und Girlanden und alt und jung von morgens früh bis abends spät und bis in die Nacht hinein, in Lust und Behagen war; denn an diesem Tage war vor so und so viel Jahren einmal Detlef Gunsleben, der ›Alte von Menkendorf‹, geboren worden, und es sprach für die Liebe der Seinen und die Anhänglichkeit aller Bekannten, das heißt also des halben Ländchens, daß man den Tag jahraus jahrein auf das herzlichste beging, ja, daß nicht nur die Familienglieder, sondern auch alle näher Befreundeten sich, wo irgend möglich, einzustellen pflegten. Und merkwürdig genug: der Tag war stets ein schöner gewesen und die Festfreude niemals gestört worden, – bis auf ein einziges Mal, damals nämlich, als man kurz zuvor die Leiche des Schwiegersohnes, des Präsidenten von Warneck, im Walde entdeckt hatte und zwei Tage darauf, am vierten, auch seine Gattin gestorben war. Da hatte man freilich nicht heiter sein können, und die Familie war unter sich geblieben. Und es war damals, als ob selbst die Natur mittrauern wollte. Es kam, gegen Mittag ein schweres Gewitter von der See her über den ganzen Menkendorfer Winkel, und der Blitz zündete auf dem Hofe, und man hatte schwer zu arbeiten und durfte noch von Glück sagen, daß man nur ein paar Gebäude und nicht den ganzen Hof verloren gehen sah. Im jetzigen Jahre war dagegen gottlob alles in schönster Ordnung. Die Familie und die Freunde, Nachbarn und Bekannten hatten sich auf das zahlreichste eingestellt, manche schon tags zuvor, manche erst am heutigen Morgen oder gegen Mittag, und was sich auf dem Hofe und im Pfarrhause nur an Gastzimmern fand, das war voll, und wo sich in den zahlreichen Wirtschaftsgebäuden nur irgend etwas wie ein Stall herrichten ließ, da standen die Pferde der Gäste, während die Fuhrwerke auf dem Hofe schier eine ordentliche Wagenburg bildeten. Sogar Moritz, der Oberstleutnant, hatte sich trotz des nahenden Manövers auf ein paar Tage frei zu machen gewußt und Frau und Tochter begleitet, und mit dem Onkel und der Tante und all den Kleinen aus dem Stadtpfarrhause zu St. Marien war auch Alfred Wehrenberg erschienen, neuerdings ein seltener Gast. – An Sorgen und Verdruß fehlte es ja allerdings auch heuer nicht in der Familie; aber sie waren am Ende doch nicht so schwer, daß man sie nicht für eine Weile hätte auf die Seite schieben und vergessen können. Der Morgen war in munterem Durcheinandergewirre auf das heiterste vergangen, und der›Junker‹ war ganz glücklich, denn wenn es dem alten luftigen Herrn recht wohl werden sollte, so mußte er es voll um sich sehen von vergnügten Gesichtern und lachenden Augen. Seine beste Zeit kam freilich erst hernach. An solchen Festtafeln, wo man an seinen Platz gebunden ist und Stunde auf Stunde in verhältnismäßiger Ruhe aushalten muß, wurde es dem lebhaften und unruhigen Alten nach einer Weile sozusagen ein wenig unheimlich, und er sehnte sich nach zwangloser Bewegung und freier Luft. Und dieses Beste verschaffte er sich auch heute alsbald. Mochte die Jugend sich ihre Spiel- oder Ruheplätze suchen, wo sie Lust hatte, und die würdigen Damen mit ihren alten Verehrern, ihren Kaffeetassen, Verlobungsgerüchten, Heiratsplänen und sonstigen Herzensergießungen nach Belieben ihren Neigungen folgen, – er jedenfalls zog jetzt mit seiner »alten Garde« nach dem geliebten alten Platz, nach der sorgsam gepflegten Buchenlaube, die sich unweit des Hauses erhob. Da konnte sich es jeder ganz nach Wunsch behaglich machen, der eine bei seiner Zigarre und seinem Kaffee, der andere, von älterem Schlage, bei der Pfeife und dem Glase Wein. Dazu plauderte man und lachte und ging auch, wenn's darnach war, dem Ernst nicht aus dem Wege. Und das war soeben wieder der Fall. »Wie hast du eigentlich den Alfred gefunden, Onkel Silberg?« fragte der Oberstleutnant Moritz von Gunsleben, »ich sag's ehrlich, ich war nicht wenig überrascht, als er mir plötzlich die Hand bot. Vorgestern meinte er noch, an sein Mitkommen sei gar nicht zu denken. Wir werden je länger desto weniger aus ihm klug.« »Ja, was soll ich dir antworten?« versetzte der alte Pfarrer ruhig. »Marie hat uns gleichfalls von seinem veränderten Wesen gesagt, und ihre Mutter schreibt uns auch allerlei Bedenkliches. Was ich bisher sah, sprach bei mir mehr für als wider ihn. Er scheint müde zu sein, – sie spannen ihn drinnen ja auch tüchtig an! – und das macht wohl jeden schweigsam. Und was den Ernst angeht – nun, er lernt daß Leben kennen und fassen wie ein Mann. Das geht nicht immer ohne Schwielen ab. »Es denken nicht alle so wie du,« sagte darauf Moritz, der Oberstleutnant, kurz und schwieg. »Ich fand Alfred gleichfalls verändert,« bemerkte jetzt Wolfgang, der älteste Sohn des Hauses, der als Herr auf Drakenhof saß, »und ich war nur nicht überrascht, sondern beinah erschreckt auch, da er mich vor Tisch begrüßte, – mir war, als sähe ich seinen Vater vor mir.« »Sieh keine Gespenster, Freund!« ereiferte sich da der alte Silberg, »sein Vater war krank, und das ist der hier gottlob noch nicht. Und wäre es wirklich zu einem Fehlgriff oder Fehltritt gekommen, – der Mensch bleibt am Ende immer Mensch! – ich würde auch darum nicht sorgen. Ich kenne seine Natur und seinen Charakter, – sie arbeiten sich durch.« »Wollte Gott, man könnte das auch von anderen hoffen!« murmelte der ›Drakenhöfer‹ die Stirne runzelnd. »Gegen den Vergleich stelle ich mich aber doch dawider,« mischte sich der Oberstleutnant wiederum ins Gespräch, »mögen wir wider den Alfred haben, was wir wollen, mit dem unverbesserlichen Burschen, dem Eugen, werfe ich ihn doch nicht in einen Topf!« »Ganz recht! Und dennoch ist auch in diesem etwas, das einen immer wieder beschwichtigen möchte. Du wirst gehört haben, wie er sich bei den Nachrichten über Viktoria benahm. Es ist darin nicht bloß ein gesundes Urteil, sondern auch etwas wirklich Ehrenhaftes.« »Komödiantenkünste, Wolfgang, glaub' es mir! sagte Moritz Gunsleben wegwerfend. Silberg aber wiegte das weiße Haupt. »Das möchte denn doch wohl zu hart sein, Moritz, sage: Strohfeuer, und ich stimme zu. Deinen und deines Vaters ehrlichen Glauben kann ich jedoch gleichfalls nicht teilen, Wolfgang! Er hat uns durch solche Aufwallungen gar zu oft getäuscht.« »Zugestanden,« entgegnete Wolfgang, »und dennoch ist hier etwas, das mir ein besseres Vertrauen einflößt, – selbst in der unglückseligen Schuldensache. Er muß in den nächsten Tagen wiederkommen, – allein oder mit seiner Schwester.« Der Oberstleutnant pfiff da so schneidend vor sich hin, daß sein Bruder ihn überrascht anblickte. Und indem er diesen Blick aushielt, knurrte er: »Wenn er nicht ausbleibt, – richtig!« »Ich verstehe dich nicht, Moritz,« meinte Wolfgang betreten. »Du denkst doch nicht –« »Daß einer, dem das Messer an der Kehle sitzt, vor allem an seine Rettung um jeden Preis und erst hernach an seine Ehre denkt, – das glaub' ich von dem allerdings. Er wäre dümmer, als ich bisher gewußt, machte er sich die ergaunerte Freiheit nicht zunutze.« »Aber ich verstehe dich wahrhaftig nicht,« sagte der ›Drakenhöfer‹ immer betroffener und unruhig forschend bald auf seinen Bruder Moritz, bald auf den alten Pfarrer Silberg blickend. »Hat man dir noch nichts von dem fabelhaften Spielgewinn, den sogenannten Abzahlungen, den Grimm gegen den so zeitgemäß ›abgefahrenen‹ Willmanns erzählt?« In diesem Augenblick trat ein alter Diener eilig zu Pfarrer Silberg heran und meldete gedämpft: »Herr Magister, Stahlberg ist da und verlangt Sie zu sprechen.« »Stahlberg?« wiederholte der alte Herr verwundert. »Was will denn der von mir? Ist ein Unglück geschehen, Karl? Hat er nichts Näheres gesagt?« »Nichts, Herr!« lautete die Antwort. »Er müsse Sie sprechen und gleich, sagte er. Und daß es ihm Ernst ist, sieht man. Er war ganz ohne Atem vor Eile.« »Na, da hilft nichts, und neugierig bin ich auch,« meinte hierauf der Pfarrer achselzuckend und erhob sich. »Stahlberg ist kein Haselant, sondern ein zuverlässiger Mensch. Es muß etwas Ernstes sein. Also – auf baldiges Wiedersehen, denk' ich.« Und damit leerte er sein Glas und ging. Sein Aufbruch hatte auch bei der Gruppe am anderen Ende des Tisches Beachtung gefunden, und der ›Junker‹ rief ihm lustig nach: »Du alter Ausreißer da, wo willst du hin? Das gilt nicht, weißt du!« »Will vielleicht einen Tanz machen im Saal, – sie haben, glaub' ich, schon angefangen!« scherzte ein anderer, worauf Silberg noch einmal lachend zurückschallte, ohne indessen etwas zu erwidern oder anzuhalten. »Nun, Stahlberg, sagt mir, was soll das, was heißt das?« fragte er beim Eintreten ins Dienerzimmer den Wartenden, der sich zu dem ihm vorgesetzten Glas Wein nicht niedergelassen hatte und ersichtlich mit Hast ein Stück Kuchen aß. »Verschluckt Euch nicht, Alter! So eilig wird's am Ende doch nicht sein!« Der aber legte den Rest auf den Teller zurück und trat zu ihm. »Gottlob, Herr Magister, daß Sie da sind!« sagte er erleichtert. »Es eilt doch sehr, fürcht' ich, obschon ich's noch nicht recht kapiere –« »Na denn, in des Kuckucks Namen – schießt los!« »Es ist Besuch gekommen, Herr Magister. Aber wenn's Ihnen recht ist, so gehen wir gleich, – mit müssen Sie, Herr, auf jeden Fall, es geht nicht anders! – und ich erzähle Ihnen alles unterwegs.« Silberg schaute den vieljährigen Vertrauten forschend an, und da er in dem ehrenhaften Gesicht des Mannes eine unverkennbare Unruhe wahrnahm, so sagte er, die Brauen zusammenziehend: »Besuch, sag! Ihr? Ist's am Ende der Unglücksmensch, der Eugen mit seiner Schwester?« »Nein, nein, Herr, die sind's nicht, aber mit dem Herrn Grafen zusammenhängen möcht's doch,« entgegnete Stahlberg verlegen und unruhig. »Geht bis zum Fußsteig voraus, Alter,« sprach der Pfarrer nun in einem beschwichtigenden Tone. »Ich will nur die Pfeife abgeben und mir den Hut reichen lassen und bin den Augenblick bei Euch. Oder soll ich auch noch jemand mitbringen?« »Ich glaube, Herr Magister, Sie bleiben zuerst am besten allein.« »Also, wie ich sagte, Alter, den Augenblick!« nickte Silberg und eilte mit seinem raschesten Schritt durchs Haus, über den Hof und zwischen Stall und Scheune der Pforte zu, durch die man auf den »Herrensteig« gelangte, der die nächste Verbindung zwischen dem Pfarrhofe und dem Herrenhause herstellte. »Und nun, Alter,« fragte er, ohne anzuhalten, zu dem sich ihm hier anschließenden Küster, »heraus mit der Sprache! Ihr habt mich tüchtig neugierig und auch besorgt gemacht.« »Es ist, glaub' ich, auch danach, Herr Pfarrer,« versetzte der unsicher, »obgleich ich's nicht recht kapiere, – ich sagt' es schon. Des Postmeisters Johann hat eine Madame gebracht, oder was sie ist, und sein Herr läßt dem Herrn Pfarrer unter der Hand melden, sie sei in der Nacht mit der Post angekommen und habe mit aller Gewalt gleich weiter und hierher auf den Hof und zum Herrn Grafen Eugen Altheim gewollt. Und da man ihr gesagt, der sei nicht hier, so habe sie gemeint, das sei eins, er werde schon kommen, und sie wolle zu seinem Großvater. Der wisse schon von ihr und werde sie Wohl aufnehmen. Der Postmeister hat das alles nur so halb verstanden, denn sie ist eine Welsche und kann schlecht Deutsch. Aber es ist ihm sehr merkwürdig vorgekommen; und daß heute hier das Fest ist, weiß er ja auch, und daß man da keinen Verdruß haben will. Und da er kein Recht hatte, sie zurückzuhalten, so schickt er sie zu Ihnen, Herr Pfarrer: Sie würden schon wissen, was da am besten zu tun sei.« »Weiter, Stahlberg.« »Herr, was könnt' ich tun? Ich habe den Johann auf den Pfarrhof fahren und ausspannen lassen und sie ins Haus gebracht, habe ihr vom Fest auf dem Hofe gesagt, und daß sie jetzt nicht dahin könne. Ich wollte Sie holen, daß sie mit Ihnen rede. Und dann bin ich in Angst fort, denn sie ist voll Ungeduld.« »Weiter, Stahlberg, was noch?« »Nun ja, Herr, jung ist sie und sauber auch, obwohl recht angegriffen von der Reise. Und eine Jungfer ist sie wohl auch nicht mehr.« »Auch das noch! Es ist eine Schande, – eine Schande mit dem Menschen!« »Ich habe sie ins Gartenzimmer geführt,« sagte der Küster nun gedämpft, denn man war vor dem Pfarrhause angelangt. »Ganz recht, Alter! Bleibt bei der Hand, wenn ich Eurer bedarf.« Und damit ging Silberg über den Flur und trat in das genannte Zimmer. Eine Dame stand am Fenster und schaute in den Garten hinaus, die Hände krampfhaft ineinander geschlungen; eine liebreizende, zierliche, ja schmächtige Gestalt von einer Haltung, die sie als Mitglied der guten Gesellschaft erscheinen ließ. Jetzt wandte sie sich um, sah aus dunklen Augen den Geistlichen prüfend an und sagte dann mit einer leichten Verbeugung in fragendem Ton: »Monsieur le curé?« »Der bin ich, – ja, Madame,« versetzte Silberg nähertretend, mit festem Mick, »und komme auf Ihrem Wunsch –« »O, – nicht doch!« unterbrach sie ihn erregt und fuhr, mühsam die Wörter zusammensuchend, fort, »nicht zu Ihnen, – ich weiß schon von Ihnen, – nein, zu dem Herrn dieser Besitzung, zu diesem Herrn – ›Junker‹ will ich oder zu Eu –, zu dem Grafen Eugen Altheim, – und ich weiß nicht, warum man mich zurückhält, drunten in der Stadt schon und hier abermals –« »Erlauben Sie mir einen Vorschlag, Madame! Reden Sie lieber Französisch, – ich spreche es nicht mehr, werde es aber noch zur Genüge verstehen; und da Sie einigermaßen unser Deutsch zu kennen scheinen, werden Sie meine Antworten gleichfalls fassen. Wir dürften uns so am raschesten verständigen. Sie haben eine weite Reise gemacht und sind müde. Nehmen Sie einen Platz an und ruhen Sie, während wir sprechen.« »Ich kann nicht ruhen,« versetzte sie, indem sie sich dennoch niederließ, nunmehr ihre Muttersprache sprechend. »Ich komme nicht so weit her, um nun zuletzt mich noch aufgehalten zu finden.« Und wieder aufspringend, redete sie erregt weiter: »Haben Sie Erbarmen, mein Herr! Ich muß zum Grafen Eugen oder zu seinem Großvater, – ich ertrage diese Ungewißheit nicht mehr!« »Haben Sie Geduld, Madame, es wird sich hoffentlich alles ordnen, wenn wir nur erst von allem wissen. Sagen Sie mir einiges von sich und Ihrem Leben. Sie kennen also den Grafen Altheim?« »Den Grafen Eugen, meinen Verlobten? Welch ein böser Spaß!« »Ihren Verlobten?« zweifelte der Pfarrer unwillkürlich. »Mein Herr, glauben Sie, daß ich lüge? Ich bin seine Braut, – hier ist sein Ring!« – Sie zerrte, feuerrot im ganzen Gesicht, den Handschuh von der Hand. »Da ist er! Wir gehören einander. Er wollte heimreisen und mit seinem Großvater reden. Zu Ende des Mai wollt er bei mir sein und mich abholen. So hat er es beschworen, so hat er mir auch im April von Genf geschrieben. Ich habe ihm dann geantwortet und von meiner – Lage gesagt, und er hat mich beruhigt in einem neuen Brief. Seitdem aber hörte ich nichts mehr von ihm. Und zuletzt hielt ich's nicht länger aus und reiste ab, ihm nach, hierher.« Sie hatte so schnell gesprochen, daß sie nun ganz außer Atem war. »Sein Großvater wäre ein harter Mann, sagte Eugen; aber wir würden ihn besiegen mit unserer Liebe,« fuhr sie dennoch zu reden fort. »Ihn muß ich sehen, – ihm werfe ich mich zu Füßen. Er hat kein Recht, uns zu trennen, wir gehören zueinander. Ich will Eugen sehen. Wo ist er? – Er darf nicht zögern, denn er ist ein Mann von Ehre. Halten Sie mich nicht länger auf, mein Herr! – Oder« – und es kam etwas wie eine jähe Angst in ihren Blick, und ihre Hände preßten sich zusammen – »oder ist er nicht hier? – Ist er krank? – Ist er tot?« Der Zuhörer stand und fühlte sich bis ins Herz erschüttert. Und wie er das unglückliche Geschöpf da vor sich sah, in solcher Not, in solchem Vertrauen und so gewissenlos geopfert, da überkam es ihn mit steigendem Erbarmen, aber auch mit tiefer Entrüstung und nicht weniger Verachtung gegen den Nichtswürdigen, und wiederum mit schwerer Sorge für den alten Freund und die Seinen, deren Frieden er auf das ernsteste bedroht sah, ohne helfen zu können. Gl hatte sich im langen Laufe seines Daseins niemals bewegter gefühlt und niemals unsicherer in widerstreitenden Empfindungen. Und er stand und schaute die Frau an, – – was konnte er tun, und was durfte, was mußte er tun? »Sie trat jetzt noch näher auf ihn zu. »Mein Herr,« sprach sie mit ungezügelter Leidenschaft, »sagen Sie mir die Wahrheit. Was ist geschehen? Was halten Sie mich so grausam auf? Ist der Graf Eugen nicht hier, – wo ist er dann? – Ist er krank? – Ist sein Großvater so heftig erzürnt? – Ich fürchte das nicht. Ich will zu ihm –« Pastor Silberg hatte sich indes gefaßt und erhob abwehrend die Hand. »Zuerst, meine ich, müssen Sie ruhig werden, mein Kind,« sagte er einst. »Sie haben gehört, daß man heute drüben ein Fest feiert, und daß sehr viele Gäste da sind. An eine Unterredung mit dem ›Junker‹ oder den Seinen ist nicht zu denken, oder wollen Sie vor den Gästen diese erzwingen?« Sie wurde wieder dunkelrot. »Aber ich will, – ich muß Eugen sehen, – ich ertrage dies nicht länger! – Man sagt mir, er sei nicht hier, – ich glaube das nicht. Ihr wollt mich von ihm trennen, – ich dulde das nicht!« rief sie heftig und mit zornigen Tränen in den Augen. »Noch einmal, Sie müssen Vernunft annehmen! Haben Sie so lange gewartet, so können Sie auch noch bis morgen warten, – etwas anderes will niemand von Ihnen. Und mit dem Grafen ist es, wie man Ihnen sagte, – er ist nicht hier. Er war's vor kurzem ein paar Tage, aber er reiste wieder ab.« »O, ich verstehe, – ich verstehe gut!« begann sie nun fast zu schreien, »ihr wollt uns trennen, – ihr verstoßt uns, – aber ihr kennt uns noch nicht! Die ganze Welt –« »Diese Leidenschaft nützt Ihnen nichts, sie schadet Ihnen nur. Sie müssen sich mäßigen und die Dinge ansehen, wie sie sind. Hören Sie mich an, – ich spreche die Wahrheit. Der Graf war hier, sage ich. Von Ihnen hat er weder jemals geredet, noch jemals geschrieben –, ich bin ein alter Vertrauter des ganzen Hauses und würde davon erfahren haben.« Jetzt starrte sie den Geistlichen ungläubig an. Aber da er den Blick ruhig erwiderte, wurde sie plötzlich blaß, und mit jäh aufsteigenden Tränen murmelte sie: »Mein Herr, – er ist ein Mann von Ehre, – er kann mich nicht verlassen!« »Man erwartet ihn in diesen Tagen zurück. Wir werden dann sehen. Sie dürfen uns nicht mißtrauen. Man wird, ich verbürge es Ihnen, Ihre Rechte wahren. Aber vor allem muß man mehr von Ihnen erfahren. Fassen Sie sich und erzählen Sie mir alles. Vertrauen Sie mir, – Sie sehen, ich meine es gut mit Ihnen.« War es Silbergs ernste und beruhigende Weise oder ihre, durch die bisherige Aufregung noch gesteigerte, sichtbar große Erschöpfung, – sie wurde wirklich ruhiger, und nachdem sie ihre Tränen getrocknet hatte, gelang ihr eine, freilich nur kurze und abgerissene Mitteilung. – Sie stammte aus einer kleinen französischen Provinzstadt von armen, aber, wie es schien, achtungswerten Eltern. Seit Jahr und Tag hatte sie bei einer vornehmen russischen Familie als Bonne gelebt und war bei dem Winteraufenthalt zu Mentone mit dem die Familie besuchenden Grafen Eugen bekannt geworden und ihm erlegen. Nach seiner Entfernung hatte sie bald ihre Stelle verloren, ohne sich, infolge seiner Vorspiegelungen, viel darum zu grämen. Sie hatte sich seitdem an einem verabredeten Platz in der Schweiz mit ihren Ersparnissen und einigen Zuschüssen von ihm, so gut sie's vermochte, durchgebracht, bis die Mittel zu Ende gingen und ihr Zustand immer bedenklicher wurde. Dann war sie aufgebrochen und nun endlich hier. – Die Leidenschaft, die Leichtgläubigkeit, der Leichtsinn und alles, was sich sonst noch in diesem Bekenntnis offenbarte, nötigte dem Zuhörer mehr als ein Kopfschütteln ab. Allein der alte Herr war allzu einsichtig und billig denkend, als daß er die Schuld der Unglücklichen für größer hätte erklären sollen, als sie in Wirklichkeit war. Es sprach ihn überdies aus allem etwas an, das ihn keinen Augenblick an der Wahrheit ihrer Mitteilungen zweifeln ließ, und je mehr er hörte, desto ernster wurden seine Teilnahme und sein Erbarmen für das arme Geschöpf. »Also, mein armes Kind, Sie bleiben hier. Ich will meine Frau rufen. Sie müssen sich stärken und ausruhen, – Sie sind sich das schuldig. Morgen werden wir weiter sehen, und es wird gewiß noch alles gut werden für Sie!« »Meinen Sie wirklich?« flüsterte sie, während die warme Welle eines leisen Lächelns eine große Tränenperle auseinanderbrach. Fünfzehntes Kapitel Trau, schau, wem Man war sorglichst bedacht, dem »Geburtstagskinde« die Störung so wenig als möglich merkbar werden zu lassen, und dieses ließ sich die fromme Täuschung auch so geduldig gefallen, daß man von ihrer Güte wirklich überzeugt sein durfte. Als aber Freund Silberg nach zwei Stunden immer noch nicht zu erblicken war, begann »das Kind« verdrießlich zu werden: »Das ist ja zum Teufelholen! So dumm, unser ganzes Vergnügen zu stören! Ich habe große Lust, selber hinüber zu gehen und die Ausreißer zurückzuholen!« »Das tät ich nicht an deiner Stelle, Onkel,« wandte der Pfarrsohn, der Prediger zu St. Marien, ein. »Du weißt, der Vater liebt dergleichen nicht, und zwar mit Recht. Ist's etwas Unangenehmes, so erfahren es die Seinen so früh wie nötig, und ist's etwas Gutes, so hält er's auch nicht zurück. Aber es wird ja, diesem Ausbleiben nach zu schließen, Wohl nicht etwas sehr Erfreuliches sein –, weißt du, was ich mir denke? Sollt' es nicht am Ende mit den beiden Unglückskindern, der Viktoria und dem Eugen zusammenhängen?« »Hm, – möglich, möglich, mein Junge! Und dann ist's gut, daß er uns heut damit verschont, – das erfährt man immer noch allzu früh!« brummte der alte Polterer einigermaßen beschwichtigt. »Aber. – aber,« wurde er auch schon wieder lebhaft, »da geht einer, den ich festhalten muß! – Bis nachher, mein Lieber!« Und er schritt eilig davon und schnitt Alfred, der in einem anderen Steige vom Hause herkam und vorüber wollte, den Weg ab. »So, so, mein Junge, da bist du ja endlich einmal. Läufst mir seit gestern aus dem Wege, glaub' ich fast, und hast also wohl wirklich ein schlechtes Gewissen, wie sie dir nachsagen? So, also halt' einmal still und laß dich ein wenig mustern, – nun, siehst ja doch noch ganz munter und brav aus!« Und indem er seinen Arm in den Alfreds schob, redete er launig weiter: »Komm, begleite mich ein bißchen! Und sag', was gibt's mit dir? Was hacken sie alle auf dich?« »Je nun, davon werden Sie vermutlich mehr wissen als ich, der ich das Hacken spüre aber keinen Grund zu hören bekomme.« »Gut pariert, mein Junge!« »Daß man mich verändert findet, begreife ich, denn ich bin's; allein wie man sich darüber wundern kann, versteh' ich nicht. Man bleibt nicht immer ein Kind, und erheiternd sind meine Geschäfte am allerwenigsten.« »So sagen dein Großvater und ich auch, – du siehst, es hacken doch nicht alle auf dich. Du hast, wie ich höre, mit dem Willmannschen Fall zu tun?« »Ja, ich bin dem Rat Gutmann zugeteilt. Dabei gibt's auch nicht gerade Vergnügen.« »Ich möchte wohl ein paar Fragen tun. Wenn du aber nicht antworten darfst, so sage es offen heraus, – ich bin nicht unbillig.« »Fragen Sie nur, Papa. Was ich Ihnen zu verschweigen hätte, wüßt' ich wirklich nicht. Ja, es ist mir lieb, daß wir hierauf kommen. Ich habe selber einiges zu fragen, Sie oder meinen Großvater. Es ist uns um die eine oder andere Auskunft zu tun, die wir voraussichtlich nur hier erhalten können.« »Amtlich?« »Nein, einstweilen nur unter uns, Papa.« »Also, aber nein, laß mich zuerst fragen, bei mir brennt es. Also – sind die Verhältnisse des Willmanns euch günstig und geordnet erschienen?« »Günstig, – durchaus; geordnet, – wie man's nimmt.« »Findet sich irgend etwas, das seinem bekannten guten Rufe widerspräche? Ich meine, – könnte er etwas mit – zweifelhaften Geldgeschäften zu tun gehabt haben?« »Wie kommen Sie auf diese Frage, Papa?« »Antworte nur erst!« »Nun denn, Papa, es ist merkwürdig: weder seine Frau, noch sonst jemand, wollen, einen einzigen Fall ausgenommen, von dergleichen etwas wissen. In seinem sogenannten Buche aber finden sich wirklich solche Spuren mehrfach, – wohlverstanden, ohne irgendeinen auch nur verdächtigen Anstrich.« »Und der eine Ausnahmefall?« »Nun ja, Papa, – es ist, wie Sie zu argwöhnen scheinen, wirklich Eugen dabei im Spiel: Namen findet man in dem Buch freilich nirgends, sondern nur Buchstaben, wie zum Beispiel: G. A. – und diese wurden von uns allerdings sogleich auf ihn gedeutet, und die Frau bestätigte dies. Willmanns hat sich damals, als Eugen noch bei ihm wohnte, dazu verstanden, die Regelung der Schulden zu übernehmen, – doch hauptsächlich, um Ihnen den Ärger zu ersparen.« »Und er ist befriedigt worden?« »Nach der Angabe der Frau, und wenn wir jene Buchstaben richtig deuten, auch nach derjenigen im Buch, – vollständig!« »Und neue Spuren solcher Geschäfte fanden sich nicht?« »Nein!« »So! Und dennoch soll Willmanns eine neue Forderung eingebracht oder doch damit gedroht haben –« »Papa, das überrascht mich sehr. Woher weißt du –?« »Von dem sauberen Früchtchen selber. Du weißt, er war vor einigen Tagen hier und machte mir auf meinen nicht gerade freundlichen Empfang wunderbare Mitteilungen. Er hat durch Bruneck von den angemeldeten Schulden erfahren und durch ebendenselben mittels eines fabelhaften Spielgewinns die Gläubiger befriedigen lassen. Nur eine, die größte Forderung, blieb unerledigt, ja, trieb ihn, im Verein mit den Nachrichten über seine Schwester vor der Zeit zurück. Und dieser Gläubiger war nach seiner Angabe Willmanns und seine Forderung eine betrügerische, wie er durch die Quittung des Mannes beweisen zu können behauptet. Ja, er sagt, daß mehr als einer schon ähnliche Erfahrungen an dem Manne gemacht habe.« »Das ist allerdings eine kaum glaubliche Geschichte.« »Genau, wie wir davon denken.« »Von einer solchen Forderung ist mir jedenfalls nicht das geringste bekannt geworden. Ob sie beabsichtigt gewesen, daß läßt sich einstweilen, trotz einer merkwürdigen Äußerung des Mannes kurz vor seinem Tode, über die ich jedoch nicht zu reden habe, nicht ergründen, – die Papiere sind ja sämtlich verschwunden. Daß sie eine betrügerische gewesen, und daß der Mann sich sogar öfters an dergleichen versucht habe, leugne ich – einstweilen! – ganz entschieden. Es spricht, wie gesagt, nichts dafür, und es wäre auch fast unmöglich, daß derartiges niemals kund geworden sein, nie zu lautem Zank und Streit geführt haben sollte. – Aber, sagen Sie mir vor allen Dingen, Papa, – wann kam Eugen hierher und wußte er schon von dem Geschehenen?« »Er kam am Tage nach dem Morde und, wenn ich nicht an eine übernatürliche Verstellungskunst glauben soll, so erfuhr er wirklich von mir das erste Wort davon.« »Und, – verzeihen Sie mein Fragen, aber es könnte wirklich etwas darauf ankommen! – von wo kam er zu Ihnen?« »Von Birken, und zwar mit dessen Fuhrwerk –« »Birken, aha! – nicht wahr, Papa, das Gut heißt ebenso und grenzt an Belitz?« »Das ist richtig, wenigstens ungefähr. Aber warum fragst du?« »Hm, – es ist nur so ein Einfall, Papa. Und nun noch eine Frage, und dann bin ich für jetzt fertig. Entsinnen Sie sich noch eines gewissen Matthies Matthiesen, der hier vor achtzehn, zwanzig Jahren bei Ihrem alten Brüst Lehrling war und hernach zur See ging?« »Na, ob ich mich seiner erinnere, es war einer der schmucksten und fixesten Jungen, die ich hier an der Küste gefunden habe, und du weißt, das will schon etwas heißen, denn die sind nicht rar. Ich und selbst Vater Brüst haben selten jemand ungerner verloren; aber seit die Bekanntschaft mit dem widerlichen Gesellen, dem Pater Ahrens, da war, ließ sich nichts mehr mit ihm anfangen.« »Sie waren also hier mit ihm zufrieden?« »Durchaus, bis, wie ich sage, diese Bekanntschaft anfing.« »Es ist merkwürdig, Papa, der Mensch war mir bisher wie verschollen; selbst sein Name, den ich neuerdings oft genug hörte, rief keine rechte Erinnerung in mir wach. Jetzt, da sie von ihm reden, steht er plötzlich vor mir, wie gemalt, – ich müßt' ihn wiedererkennen, mein ich fast! Ich war ja nur ein kleiner Junge, da ich ihn hier sah, aber er hat sich viel mit mir beschäftigt, glaub' ich. Aber, haben Sie später nie wieder von ihm gehört, zumal in den letzten Jahren nicht?« »Doch, anfangs öfter, und er schien gut zu tun, – er war ja auch ein guter Bursch, solange er sich von dem Lumpen fernhielt. Jetzt hört' ich lange nicht mehr von ihm. Doch nun, mein Junge, was gibt's mit dem Matthies? Der hat doch, so Gott will, nichts mit diesen Geschichten zu tun?« Sie waren indes durch einen anderen Steig gegen die offeneren Gartengründe zurückgekehrt und sahen sich jetzt wieder der Laube nahe. Alfred merkte, daß der alte Herr Verlangen nach diesem Platz hatte, und da es ihm nicht gerade um eine Antwort auf die letzte Frage zu tun war, so hielt er den jetzt schneller Vorwärtsstrebenden nicht zurück. Der dachte auch wirklich nicht mehr daran, sondern horchte nur auf die Stimmen, die ihm entgegenklangen. Und nun, da man den Raum der Laube übersehen konnte und der ›Junker‹ den alten Lebensfreund zurückgekehrt und in Unterhaltung mit den übrigen Anwesenden sah, stürmte er los. »So, so, ist der Ausreißer wieder da? Na, das nützt ihm nichts, – Strafe gibt's doch!« rief er, dort angelangt, in bester Laune aus. »Bin schon von selber dabei,« versetzte Silberg schmunzelnd und erhob sein volles Glas. »Trinke eben pro poena !« Alfred wandte sich ab; die Unterhaltungen, die hier geführt wurden, sagten ihm in seiner jetzigen Stimmung wenig zu; denn da er sich mit einer Art von Leidenschaft aus den Wirren des Tageslebens in seine Berufsgeschäfte und besonders in die gegenwärtige Untersuchung geworfen hatte, hatten ihn die Mitteilungen des ›Junkers‹ natürlich auch um vieles ernstlicher getroffen, als er es hatte zeigen mögen. Er empfand eine gewisse Befriedigung; war es doch, als sei er jetzt erst auf eine wirklich deutliche und auch verfolgbare Spur gestoßen. Die Richtung und das mögliche, Ende dieser Spur erfüllten ihn freilich mit den tiefsten Sorgen. Was konnte und sollte daraus werden, wenn Eugen ernstlich in den bösen Fall verwickelt war? – In dieser unheilvollen und gar nicht mehr auszuweichenden Frage weiter grübelnd, war er einen gekrümmten und bebuschten Kiesweg entlang gegangen, froh, niemandem begegnet zu sein. Jetzt aber hörte er mit einem Mal sehr eilige Schritte sowie das Rauschen von Frauenkleidern vor sich und sah nun, halb ärgerlich, halb neugierig, der Annäherung entgegen: Es war eine Dame, die er im nächsten Augenblick erkannte: – Blanka! Sie hatte ihn wohl gleichfalls erst zuletzt bemerkt; ihre Augen waren bisher wie suchend auf den Boden gerichtet gewesen, und es hatte da ein Spännchen Zeit lang den Anschein, als zögerte sie weiterzugehen, ja sogar, als wollte sie umkehren, doch da schritt sie auch wieder aus, rascher noch als vordem, und kam heran und hielt vor ihm, der offenbar noch und zwischen ganz anderen Gefühlen als sie schwankte und auch ersichtlich darunter litt. – »Kind, was heißt denn das? In solcher Eile und allein?« zwang ihn dieser Augenblick aber besorgt und herzlichst sie zu fragen, »wie erhitzt du aussiehst!« und darnach war es ihm, als verlöre die Kluft, die zwischen ihnen seit vielen Wochen schon so schrecklich gähnte, plötzlich an Weite. »Wir haben getanzt,« erwiderte Blanka indem, »mache daß du hineinkommst!« und lächelte dabei mit einer gewissen Befangenheit, während ihre Augen wieder links und rechts die Erde streiften. »Es fehlt an Herren und man ist schon ganz böse über dich Treulosen! Geh, ich komme sogleich zurück!« Und damit wollte sie Weitereilen. »Ei, da habe ich ja auch noch so lange Zeit,« versuchte er zu scherzen und zugleich sie bei sich zu behalten, »es versteht sich doch von selbst, daß nur du meine Tänzerin sein kannst, – mein Gott! wie lange drehten wir uns schon nicht mehr miteinander! – Aber –« unterbrach er da, sich besinnend, diese ungewollt heitere Art mit ehrlichem Ernst, »suchst du etwas, Blanka, was ist'? konntest du nicht jemand darnach schicken oder kann ich es dir nicht besorgen?« »Doch nicht,« entgegnete sie, immer noch ohne ihn anzugucken, »ich habe vorhin, da wir hineingingen, da draußen irgendwo mein Taschentuch liegen lassen, und es war eins von meiner Mutter, – ich muß es wieder haben!« »Ich hol's. Nicht wahr, ihr wartet auf dem Lindenplatz?« »Nicht doch, – nicht doch! Wir streiften schon ein bißchen umher, und du, ungetreuer Mensch, wärest natürlich wieder nicht dabei!« Jetzt endlich hob sie den Blick voll zu ihm auf und lächelte ihn kurz an. Dann aber, als sei ihr dies indem erst bewußt geworden, wurde sie scheuer als zu Beginn des Zusammentreffens und, nochmals den angebotenen Diensteifer abwehrend, diesmal jedoch stumm und unverbindlich, kehrte sie sich schnell ab und lief davon. Er ihr nach. »Nein, nein! Allein lasse ich dich diesen Weg keinesfalls machen, Blanka! Sieh, es dämmert schon und die Abende sind jetzt kühl! Sieh, dein leichtes Kleid! Wie unvorsichtig, Blanka!« Sie sah flüchtig auf und um –: er hatte Recht, zwar hingen in den Wipfeln der großen Bäume noch die Sonnenstrahlen, doch auf den Büschen war aller Glanz schon fort. »Das tut nichts!« entgegnete sie dennoch und eilte wieder weiter. »Wir hier kümmern uns darum nicht, – du hast das nur vergessen, – Herr Alfred! Ich gehe hier oft genug noch nach dem Nachtessen ganz allein herum –«. Trotzdem litt sie nun, daß er bei ihr blieb. Er aber bemerkte diesen kleinen Wandel gar nicht, so voll der Besorgtheit war er um sie. »Ich weiß es wohl, doch gutheißen kann ich es nicht; wir haben wieder allerhand Gesindel im Land. Denk' doch an Willmanns! Und das geschah sogar am hellichten Tag!« Sie hatten indessen einen Pfad erreicht, der die Anlagen vom Walde trennte und auf den Aussichtspunkt führte, den man nach den glücklich darauf gedeihenden Linden zu benennen pflegte. »Aber du glaubst doch nicht, Alfred, daß sich so etwas wiederholen könnte?« Obschon dies gar nicht furchtsam klang, guckte sich Blanka dabei dennoch nach allen Seiten um. Alfred aber versetzte bedächtig: »Wer kann das bejahen oder leugnen, Kind? Solange ein solcher Schuft unentdeckt bleibt, stehe ich für nichts. Aber da es ein Einheimischer sein muß, so werden wir ihn schon fassen, – ja, ich hoffe –« »Nimm dich in acht, mein Junge, – es gibt auch für dich noch eine Kugel!« klang plötzlich aus nahem Gebüsch hervor eine drohende Stimme, und zugleich knackte der aufgezogene Hahn einer Flinte ... »Während Blanka gellend aufschrie, sprang Alfred mit einem Satz seitwärts und um den Busch herum. Und er kam in der Tat noch früh genug, um einen mittelgroßen Mann von gedrungener Gestalt und in dunkler Jacke über den Weg eilen und drüben in den dichten Gebüschen verschwinden zu sehen. Dann aber wich er rasch wieder hinter den Busch zurück und zog auch die noch wie völlig erstarrte Blanka mit einem festen Griff in seine Nähe; denn wer stand dafür, daß nicht demnächst schon die verheißende Kugel den Weg von drüben herüber und zu ihnen finden werde? »Von dem muß ich mehr erfahren!« knirschte er zuletzt. »Alfred; – du sollst, du darfst ihm nicht nach! Bitte, –o bitte, laß uns fort, – fort!« flüsterte Blanka, jetzt am ganzen Leibe bebend, und ihre Blicke sagten noch mehr. Da nahm er ihre zitternden, eiskalten Hände in die seinen und zog sie, als wollt er sie seines Schutzes versichern, näher an sich. »Sei ruhig, mein Herzenskind! Erfahren muß ich mehr von dem Frechen, aber so töricht bin ich nicht, daß ich ihm allein und in jene Gründe folgen sollte. Entgehen soll er mir darum dennoch nicht!« Sie aber fühlte sich dadurch keineswegs beruhigt und bat von neuem und nun ganz von Tränen erstickt. »O, – laß ihn, laß ihn! Hörtest du nicht, wie er dir drohte –?« Er hatte indem leicht den Arm um sie gelegt. »Fasse dich, liebes Herz, und ängstige dich nicht um mich. Das ist der Strauchdieb nicht wert. Und nun gib mir deinen Arm und stütze dich fest auf mich. Wie du zitterst, du Arme, du Liebe!« Sie ließ sich willig von ihm führen und fand so sehr bald und früher als man es von einem Mädchen erwarten durfte, ihre Kräfte wieder. Als sie in die Nähe der Laube gelangten, aus der ihnen keine Stimmen mehr entgegenklangen, – es war inzwischen empfindlich kühl und sogar ein wenig nebelig geworden, – da blieb Blanka stehen und zog ihren Arm sanft aus dem seinen. »Nicht wahr,« sagte sie dabei und blickte mit einem leisen, weichen Lächeln zu ihm auf, »nun gehen wir wieder einzeln bis zum Haus? Ich bin schon wieder ganz kräftig, und man darf sich doch nicht aufhalten über uns!« Sein Blick traf voll in ihr Auge, so daß sie es senken mußte. »Wer würde sich über Schwester und Bruder aufzuhalten wagen?« fragte er, hierbei einen jähen Unmut überwindend. »Bitte, Alfred,« entschied sie freundlich, »es ist, glaub' ich, wirklich besser so! Ich habe letzthin ein paar sehr häßliche Blicke auf dich und mich gesehen.« Das »Geburtstagskind«, da es von dem Geschehenen vernahm, fuhr auf wie ein zorniger Löwe. »So soll Gott mich verdammen! Dafür will ich Genugtuung haben! Die Hunde los! Alle Leute auf! Der Strolch soll's erfahren, daß man mit dem ›Junker von Menkendorf‹ nicht ungestraft zu spielen wagt!« Es geschah nach seinem Willen, und eine Viertelstunde später schon streifte man mit den Hunden durch die Reviere. Doch blieb die Streife ohne Erfolg. Der Nebel ward mit jedem Augenblick dichter und breitete über alles seine grauen Schleier hin. Sechzehntes Kapitel Heimlichkeiten hier und dort Das Fest hatte trotz alledem bis in die Nacht hinein gedauert. Der Nachfesttag brach an, und der ›Junker‹ war schon »vor Tau und Tage«, wie man's heißt, auf den Beinen; Langhans, der Wirtschafter, gleichfalls, denn da es in der Ernte war, hatte draußen in den Ställen und auf dem Hof das Tagesleben schon seit fast einer Stunde sich geregt, ja die Schnitter waren mit den »Bindern« und »Aufhockern« bereits hinausgezogen. Aber die »richtige« Zeit hatte der Wirtschafter heut dennoch ein wenig verschlafen. Er kämmte sich vor dem kleinen Spiegel, der am Fenster hing, eben erst den starken, blonden Bart, und seine wasserblauen Augen schauten noch ziemlich trübe in den Morgen hinaus. Als er den Gebieter jetzt kommen sah, tat er rasch den letzten Kammstrich, wirbelte den langen Schnurrbart gehörig auf und trat im nächsten Augenblick, unterwegs den leichten Ruck anziehend, aus der Haustür. »Na, na, lassen Sie sich nur Zeit,« meinte der ›Junker‹ gutmütig, »hätten das ebenso gut durchs Fenster abmachen können. Hätt' ich Drews gesehen, wäre ich nicht zu Ihnen gekommen. Will nur fragen, ob man was Neues erfahren hat.« »Drews war bei mir, Herr von Gunsleben,« versetzte der Wirtschafter, »sie haben allerwärts gesucht, aber nichts gefunden – der Nebel war ja auch teufelmäßig dicht. Drews hat ein paar Leute an den Grünauer Weg geschickt und sie beordert, dort zu bleiben, bis auf neue Botschaft –« »Unsinn!« unterbrach ihn der Gutsherr trocken. »Der wird sich gerade dort packen lassen!« »Hab' ich ihm auch gesagt, Herr, und ihn gleich einen Jungen hinausschicken heißen, daß sie zurückkommen – wir müssen wirklich alle Mannschaft hier haben: ich traue dem Wetter nicht. Aber wenn ich die Wahrheit sagen soll, Herr, so wird mir das Ding immer verteufelter, je mehr ich's im Kopf herumdrehe. Ein Hiesiger ist's nicht gewesen, da verwett ich meinen Kopf darauf. Also ein Fremder. – Damals hat er den Willmanns abgefaßt; aber was will er jetzt bei uns? Und wo kommt er her? Zu- und Ausgänge gibt's genug, ja. Aber dort hinten sind die Graben- und Holzarbeiter, und Brüst mit den beiden Burschen ist auch häufig unterwegs; und hier hinaus ist auf den Feldern alles voll. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn so ein hundsfottischer Schleicher nicht von irgend jemand gesehen würde. Also, Herr, bleibt nur noch –« »Der Müller, Langhans, ganz richtig!« »Ja, Herr, und wenn ich ehrlich sein soll – ich weiß nicht, Weshalb, aber ich traue ihm neuerdings nicht recht.« »Ich auch nicht, mein Freund! Und unter uns gesagt, bin ich eben auf dem Wege zu ihm. Will mir vorher nur den Alfred abholen, solch ein Rechtsgelahrter hat schärfere Sinne als unsereiner. Ich möchte gern wieder heim, bevor das ganze Haus wach wird. Also bis hernach, Langhans, – heut morgen werde ich wohl nicht zu euch hinauskommen können.« Damit wandte er sich ab und ging. Aber nach zwei, drei Schritten drehte er sich wieder um. »Holla, Langhans, noch etwas! Wissen Sie zufällig, was es gestern nachmittag drüben gegeben hat? Silberg tat verwünscht kaltblütig und geheimnisvoll.« »Herr, ich hörte nur, daß die gelbe Kutsche vom Postmeister gekommen ist, mit einer einzelnen Dame in dichter Florkappe, daß keiner sie erkannt hat.« »Eine einzelne Dame? Wüßt ich nicht. Na, werden's ja seinerzeit erfahren. Also – gute Zeit!« Knapp vor dem Herrensteigende traf er auf Alfred, der ihn ungeduldig begrüßte. »Guten Morgen, Papa, – ich habe Sie früher erwartet.« »Na, nur nicht so heftig, mein Junge, hab' mich bei Langhans etwas verweilt! Für unsern Gang ist's nicht zu spät, Clarmann ist sicherlich noch daheim. Aber zuerst noch eine andere Frage: Weißt du, was es bei euch gegeben hat? Ich liebe solche Versteckspiele bekanntlich nicht übermäßig.« »Ich, hm, Papa, ich wurde gestern abend ausquartiert, weil mein Zimmer für einen anderen plötzlichen Gast gebraucht wurde.« »Oder vielmehr eine Gästin, was? – gerade heraus: ist's die Viktoria?« »Behüte Gott, Papa, das ist ja völlig unmöglich, und ich wüßte nicht, was die Großeltern Ihnen gegenüber mit ihr zurückzuhalten hätten.« »Da hast du auch wieder recht und – das beruhigt mich!« Indessen hatten sie sich dem Mühltal so weit genähert, daß sie bei den nächsten Schritten von der Mühle aus gesehen werden konnten und da dies wenig in ihrer Absicht lag, bewegten sie sich in einer Weise vorwärts, die alles weniger denn »herrisch« war, gerade daß. sie nicht auf dem Bauche krochen, ansonsten hatte diese Annäherung aber auch jede Ähnlichkeit mit der Bewegungsweise eines Strauchdiebes. Als sie so zum Müllerhause gelangt waren, trat ihnen der Müller schon in der Tür entgegen und begrüßte sie in der achtungsvollsten Weise, er sei sehr geehrt durch den frühen Besuch! Na, das war also mißglückt. »Clarmann, Ihr wißt,« suchte der ›Junker‹ die Sachlage zu retten, »Ihr wißt, daß ich in der Mühle ein für allemal keine Herberge für Fremde haben will. Wen habt Ihr über Nacht hier gehabt und wo steckt er?« »Keinen Menschen, gnädiger Herr! Wie sollt' ich Euer Gnaden Befehl so mißachten?« Meister Clarmann sah wirklich aus, als fühle er sich ernstlich gekränkt. »Na, ja, ich weiß schon, von wem das wieder aufgebracht worden ist. Es ist kein wahres Wort daran, Euer Gnaden. Geherbergt hat bei mir kein Fremder und gesehen habe ich gestern und heut auch keinen – weder nah noch fern.« »Seid Ihr gestern abend zu Haus gewesen, Clarmann?« »Euer Gnaden, ich war vom halben Nachmittag an auf dem Hof und habe mit Drews und ein paar anderen ein Spielchen gemacht – 's ist ja ein Festtag für uns, Euer Gnaden. Hernach, als der Herr Inspektor den Drews abrufen ließ und mit Mannschuft fortschickte, bin ich auch fort und nach Hause – es war dicker Nebel, so daß ich mich kaum heimfand, und von Umsichsehen war keine Rede: da können zehn an mir vorbeigegangen sein, ohne daß ich's gemerkt hätte.« »Nun, Meister,« warf Alfred in beschwichtigendem Tone ein, »es könnte ja auch einer von Euren Leuten etwas bemerkt haben! Denn die werden doch auch wohl droben gewesen sein?« »Ja, Herr Assessor, das könnte sein. Droben gewesen sind 'n paar,« entgegnete der Mann, sich hinter dem Ohr kratzend. »Aber,« und damit wurde er wieder gereizter, »ich sag's, ich weiß schon, wer das wieder auf mich gebracht hat. Allein, und das ist ein Wort, ich geb' es ihm einmal heim und –« »Redensarten, Clarmann!!« unterbrach ihn der ›Junker‹ verdrießlich. »Wer hat was auf Euch gebracht und was wollt Ihr mit ihm? Ihr wißt, solche Spaße sind nicht nach meinem Geschmack.« »Na, Euer Gnaden, Redensarten und Spaße sind das nicht, sondern schon die bare und bittere Wahrheit,« versetzte der Zurechtgewiesene jetzt in trotzigem Ton. »Der Herr weiß es wohl, das ist niemand als der Langhass selber. Gehabt hat er es von jeher auf mich, und nun möcht' er, scheints, nur noch besonders auf den Hals!« »Clarmann, nehmt Euch in acht, oder –« Alfred mischte sich da rasch ein, denn das Gesicht des Müllers wurde puterrot. »Papa,« sagte er, »erlauben Sie mir em paar Worte. Der Meister ist ja ein verständiger und wackerer Mann, der mit keinem Unrecht etwas zu tun hat, scheint aber die Bedeutung dieser Sache und unser Recht zu diesen Fragen noch nicht zu kennen.« Und sich zu jenem wendend, »Sie wissen, Clarmann, daß, als Willmanns gefunden wurde, sich hier gleichfalls ein Fremder umhertrieb. Ja, er kam hier vorbei und scheint mit dem Boot des Erschlagenen sich davon gemacht zu haben. Weiter erfuhr oder weiß man von ihm bisher noch nichts. Nun wurde ich gestern abend im Park aber von jemand wegen meines Anteils an der Untersuchung mit einer Kugel bedroht. Das kann nur der Täter selber oder ein genau mit diesem bekannter Mensch sein. Also müssen wir ihm nachforschen, und wenn hier Herr von Gunsleben nichts zu fragen hätte, so würde ich das im Namen des Gerichts zu tun haben. Das begreifen Sie doch, Meister?« Es war weder vom ›Junker‹, noch von Alfred übersehen worden, daß und wie auffällig der Ausdruck in den Zügen des Müllers bei dieser Mitteilung wechselte. Auf eine anscheinend unangenehme Überraschung folgte ein ersichtlich nicht geringes Unbehagen, eine ernstliche Bestürzung und ein gründlicher Ärger. Das alles aber war im Grunde nichts als ein jähes Aufzucken und Wiederverschwinden, und als Alfred geendet hatte, zeigte sich in dem Gesicht nur noch eine, nach solchen Worten für einen ehrlichen Mann ganz natürliche und, man möchte sagen, höchst achtungswerte Entrüstung. »Ja, Herr Assessor, das hab' ich freilich nicht gewußt,« entgegnete er nun lebhaft und mit einer Art von treuherziger Offenheit. »Das ist schandmäßig, sag' ich, und dahinter muß man wohl her sein. Und was ich dabei tun kann – aber, Herr, wie ich sage,« brach er achselzuckend ab, »Was weiß ich am Ende und was kann ich dabei tun?« »So ist's recht, Meister! Wie ist's aber mit Ihren Leuten? Sind sie ihrer sicher? Haben sie Verkehr nach auswärts? Sind sie alle Einheimische oder sind auch Fremde dabei?« forschte Alfred nunmehr weiter. Durch das Gesicht des Gefragten flog wieder ein gewisses Unbehagen. »Ja, Herr Alfred, für die stehe ich ein, sind alle hier aus der Gegend. Nur der Mahlknecht, der Gottlieb, ist erst seit dem Frühling bei mir und aus der Stadt. Er ist ein mürrischer Bursch und nicht umgänglich. In seinem Geschäft ist er aber recht, und eine Klage habe ich auch sonst nicht über ihn. Er ist nicht aus dem Hause zu bringen – es gefällt ihm hier nicht, sagt er; – und auch gestern ist er mit keinem Schritt aus der Mühle gewesen, wie meine Frau mir gesagt hat.« »Könnte man ihn wohl einmal sehen?« warf Alfred jetzt leicht hin, aber in seinen Augen flackerte es lebhaft. »Herr, er ist heut' morgen mit Mehl nach Drömnitz und dem Golm hinüber. Aber zu Mittag, spätestens zu Abend ist er wieder hier und dann –« Aus der Tiefe des Hauses, wo die Küche lag, kam jetzt die Müllerin hervor, eine Frau in rüstigen Jahren, wie der Gatte, und von wohlbehäbigster Rundheit aller Formen. »Du mein Gott und Herr,« rief sie aus, »da stehen Euer Gnaden und der Herr Alfred an der Tür, und der Mann ist ein Klotz – er hat noch nicht ausgeschlafen, Euer Gnaden! – Und der Herr Alfred – Jesus, den hab' ich noch auf den Armen getragen, und nun ein so großer und stattlicher Herr! – Ja, ja, wir werden alt! – Aber spazieren Euer Gnaden nicht herein? Mein Kaffee ist den Augenblick fertig und das Brot kommt eben aus dem Ofen.« Und Clarmann schloß sich den Bitten seines Weibes an. Da die Herrschaften herangekommen seien, habe er an ein Verweilen gar nicht gedacht, und hernach habe ihn das Gespräch zerstreut, entschuldigte er seine Unachtsamkeit und machte dabei den Weg frei, während die Frau die nahe Wohnstubentür öffnete. – Der ›Junker‹ tauschte mit seinem Begleiter einen verständigenden Blick aus und trat voran in das dunstige Gemach. – – – Es mochte eine gute halbe Stunde vergangen sein, als die Herren wieder zum Vorschein kamen; sie waren jetzt noch ernster als vorhin und schritten eilig aus. »Nun, Junge, was hältst du davon? War's wirklich guter Wille oder nur Wind, um uns ein X für ein U zu machen? Diese Verdächtigung meines alten Brüst zum Beispiel. Ich kenne ihn seit vierzig Jahren –« »Ei, Papa, darauf ist nichts zu geben, Clarmann urteilt allzu oberflächlich. Wirkliche Lügen und Täuschungen brachte er sicher auch nicht vor. Aber die volle Wahrheit – das ist etwas anderes! Jedenfalls werde ich heute morgen noch dem Golm einen amtlichen Besuch abstatten –.« Siebzehntes Kapitel Vergebliche Jagd Der Golm ist eine Insel, die vom nächsten Küstenpunkt, und das ist Drömnitz, bei günstigem Wind und mit einem flinken Boot in einer guten Stunde zu erreichen sein mag. Es ist nur ein kleines Eiland; seine größte Ausdehnung zwischen den entgegengesetzten Küsten beträgt nirgends mehr als fünf- bis sechshundert Schritte. Aber was ihm an Größe fehlt, ersetzt es durch seine Festigkeit, so daß ihm die ungestüme See niemals recht zu schaden oder die Sicherheit der wenigen Bewohner zu gefährden vermochte. Untersucht man den Seegrund, so sieht man ihn allmählich an- und heraufsteigen und zuletzt den mächtigen Brocken der Insel über die Flut mit jäh aufragenden Wänden sich hervorheben, sechzig, siebzig, an einzelnen Stellen auch bis gegen hundert Fuß hoch, eine von außen fast unersteigliche Naturburg. Es findet sich nur eine einzige Stelle, die, mit Ausnahme der vollen Sturmtage, auch von größeren Booten erreicht und für sie als eine Art von Hafen angesehen werden kann. Von hier aus erhebt sich auch der einzig erträgliche Weg, der, die Uferwände durchbrechend, ins Innere führt, überall anderwärts ist der Grund so flach, daß selbst ein kleines Boot nicht ganz an die Wand herangelangen kann. Überdies schlägt, sobald die See nur im geringsten unruhig wird, hier überall eine schwere Brandung auf, die das Landen zur Unmöglichkeit macht. Das Innere der Insel zeigt sich gegen den Rand zum Teil um etwas vertieft, und diesem Umstände haben es die Bewohner zu danken, daß ihre kleinen Acker und Wiesen nicht ganz unergiebig sind und trotz des ewigen scharfen Windes sich hie und da etwas Gebüsch findet, ja in den Gärten sogar einzelne Obstbäume ihr Dasein zu fristen vermögen. Es hausen hier von alters her nur drei Familien, die ein wenig beneidenswertes Leben führen, wenngleich sich neuerdings die Erwerbsmöglichleiten auch etwas gebessert haben mögen: man hat eine Lotsenstation auf der Insel errichtet, und die Männer, alle von Jugend auf zu solchem Dienst befähigt, werden für manches schwer bedrängte Schiff zu Rettern aus den Gefahren der benachbarten, von alters her verrufenen Seestriche. In der kleinen Bucht, die den Insulanern zum Hafen dienen mußte, lag augenblicklich neben dem größeren, fest gebauten, sauberen Lotsenboot nur ein einziges anderes, kleineres und auch plumperes Fahrzeug, dessen aufgerichteter Mast und herabhängendes braunrotes Segel zur Genüge bewiesen, daß es bis vor kurzem in Dienst gewesen und vermutlich diesen auch alsbald wieder antreten sollte. Auch seinen Zweck erkannte man auf den ersten Blick: der Innenraum war weiß bestäubt, und da wir schon etwas von einer Mehlsendung des Menkendorfer Müllers vernommen haben, so dürfen wir annehmen, daß sein Abgesandter den Golm wirklich schon erreicht und seine Fracht bereits gelöscht hat. Wenn man den steilen, tief eingesenkten Weg weiter verfolgt, der vom Hafenplatz, die Uferwände durchschneidend, ins Innere der Insel führt, so gelangt man droben links alsbald zu dem ersten Hause, während die beiden anderen sich in kurzer Entfernung rechts nebeneinander erheben. Lauter ärmliche Gebäude der alten einheimischen Art, niedrig und nur mit den allernotwendigsten Fenstern und Türen und den tief herabreichenden schwarzen Strohdächern. Aber trotz ihrer Bescheidenheit und ihres Alters wurden die Gebäude augenscheinlich voll Sorgfalt in gutem Zustand erhalten, wie die Anlage und Pflege der kleinen Gärten neben ihnen zur Genüge bewiesen. Der Mühlknappe, Gottlieb, wie Meister Clarmann ihn geheißen, hatte sein Mehl im ersten Hause abgesetzt. Mit Frühstück versehen, machte er sich nun hinaus und suchte einen Ruheplatz hinter dem Hause unter einem der verkrüppelten Gartenbäume, wo er zum mindesten einigen Schutz gegen den Wind fand, der scharf genug über ihn hin und durch den Hohlweg mit einzelnen Stößen selbst ins Innere der Insel flog. Nach dem Frühstück die kurze Pfeife hervorholend und anzündend, ruhte er von der Morgenarbeit aus; es störte ihn nichts. Die Menschen und die paar Stücke Vieh, die sie hielten, waren auf den Wiesen und Feldern, immerhin fern genug, daß man von ihnen nichts sah und, bei der Richtung des Windes, augenblicklich auch nichts vernahm. Und hätte nicht zuweilen eine Henne gegackert oder der Hahn gekräht oder eine vorüberstreichende Möve geschrien, so wäre nichts zu erlauschen gewesen, als allenfalls das Rauschen der Zweige und das dumpfe Brausen und Schlagen der Wellen drunten an den Uferwänden. Mit einemmal schreckte ihn aber eine rauhe Stimme auf: »Na, was liegt denn hier für ein Faulpelz? Gewiß und wahrhaftig, 's ist der Gottlieb!« »Was, Peter, du –? Du bist noch hier? Dacht', du wärst schon weg!« ... Was gibt's. Gottlieb? Du siehst spaßig aus. Spukt's?« »Das könnte möglich sein, Peter, man darf Augen und Ohren schon auf haben.« »Komm, Gottlieb! Wir können droben ebensogut reden wie hier.« Und sie stiegen selbander hinauf zur Feuerbake, die nachts ihr Licht über die See warf. Kaum dreißig Schritte von dieser entfernt, befand sich ein Felsvorsprung, der oben wie ein faulender Zahn ausgehöhlt, war. Dem strebten sie zu. Wem es um einen Späherposten zu tun war, konnte weit an der Festlandsküste hin, schwerlich einen besseren finden, – was draußen auch geschah und sich nahte, mußte ihm schon in großer Entfernung sichtbar werden. »Das laß ich mir gefallen, Peter! Hier bist du vor Überraschungen freilich sicher genug –« »Narr. – lehr' du einen alten Fuchs seine Wege! Da leg' dich hin! So und jetzt laß schießen! Was gibt's? Denn umsonst kommst du nicht.« »Nun, Peter, gestern war der Geburtstag des Alten, und da gibt's auf dem Hofe immer große Gasterei. Da mußte alles hin, was Nas' und Ohren hat, und ich meinte, es sei gute Zeit, den Braten zu holen, den man bei mir bestellt hatte – das Gesindel war ja alles aus dem Wege. Na, es ging auch alles gut und ich brachte den Bock zum Lindenplatz, daß man ihn später leicht abholen könne. – Da kam dieser Schürzenläufer, der Assessor Wehrenberg mit dem Fräulein – sie heißen sie, glaub' ich, Blanka – heran und redeten über den Willmanns, und der Laffe sagte, daß auch er mit der Untersuchung zu tun habe, und daß sie den Täter wohl finden würden. Ich stand hinter dem Busch und hörte das und wurde grimmig über den Prahlhans und rief ihm zu, er solle sich vor der nächsten Kugel in acht nehmen –« »Das war sozusagen dumm, Gottlieb! Du hast, glaub' ich, den ersten Schuß nicht getan, also prahle nicht mit dem zweiten. – Aber mir kann's eins sein, und das mit dem Wehrenberg geht mir näher. Wenn der wüßte –« »Was, Peter? Holla, was gibt's?« forschte Gottlieb jetzt betroffen, da sein Gefährte innegehalten und sich nun mit dein halben Leib aus seiner bisherigen liegenden Stellung vorsichtig aufrichtete. Was er dort erblickte und indem auch von dem, seinem Blick folgenden Mühlknappen wahrgenommen wurde, war allerdings Überraschung genug: denn zwei Männer, ein städtisch Gekleideter und ein Gendarm, die Flinte in der Hand, kamen, nach raschem Umblick, gerade auf den Lagerplatz der beiden Gesellen zu. »Gott verdamme mich – sie sind's! Wo führt der Satan sie her?« »Ho, Peter, die zwei sind uns sicher! Nimm du die Puppe, den Wehrenberg, ich schmeiß mich auf den andern –« »Dummheit – auf dem Golm geht das nicht! Halt' sie zehn Minuten lang auf, dann lach' ich sie aus!« Und wirklich – der Bursche verschwand als hätt' ihn der Boden verschluckt. Seelenruhig sah jetzt Gottlieb dem Kommenden entgegen. »Wo ist der andere und wer war's?« rief der Gendarm, der zuerst auftauchte. »Kann man nicht mehr liegen und sich ausruhen von seiner Arbeit, ohne –« »Wo der andere ist, der bei dir war, will ich wissen –« »Was weiß ich von einem anderen? Such er ihn, wenn er was von ihm weiß!« Indessen hatte auch Alfred Wehrenberg die Felsen erklommen und so wandte der Gendarm sich nun an ihn: »Ich will zur Bake laufen, Herr Assessor! da seh' ich den Strand und rufe Ihnen zu. Lassen Sie den hier nicht –« Und indem stürmte er auch schon davon, denn Wehrenberg hatte sich des ihm Anempfohlenen bereits bemächtigt, freilich nur, um ihn im nächsten Augenblicke wieder loszulassen und dabei sagte er fast schmerzlich lächelnd: »Du also bist's? Du, Gottlieb Kraus? Dich brauch ich wohl nicht festzuhalten, was? Oder doch? Dann aber ist's aus mit dir, dann gibt's kein Zurück mehr–, verstehst du mich?« Er erhielt keine Antwort. Trotzig, wenn auch nicht bösartig, starrte der junge Bursche ihn an. »Halloh, Herr Assessor! – da ist er! – zu Boot!« schrie der Gendarm jetzt von der Feuerbake herüber und stolperte die Böschung hinab und lief, was er laufen konnte, dem Hause und an diesem vorüber dem Hafenwege zu. Da zuckte Gottlieb auf, seine Fäuste ballten sich, seine Gestalt drückte sich zusammen, als wolle er im nächsten Augenblick vorstürzen – auf Alfred oder dem Gendarmen nach – wer konnte das wissen! Wehrenberg betrachtete dies festen Blicks. »Dein Geschäft ist hier abgetan,« sprach er dann entschlossen, »Meister Clarmann erwartet dich. Du fährst jetzt am besten nach Hause und hältst dich nicht auf. Heut abend werde ich mit dir reden – wir sind ja einmal Schulkameraden gewesen. Sei vernünftig und mache deine Sache nicht noch schlimmer, als sie schon ist.« Und damit ging er an dem Burschen furchtlos vorüber und eiligen Schrittes der Bake zu. Der aber stand und schaute ihm nach mit dem Blick eines wilden Tieres, das sich seinem Bändiger nachstürzen und ihn niederreißen mochte, ohne es in seiner Furcht und Feigheit doch zu wagen. Der Schuß, den der Gendarm vor seinem Weglaufen von der Bake, freilich ohne zu treffen, abgefeuert hatte, war für die auf den Feldern und Wiesen beschäftigten Einwohner genug Anlaß gewesen, zu ihren Häusern zurückzueilen; und wie schnell auch die eben geschilderten Vorgänge einander gefolgt, zeigten sich bei der geringen Entfernung dennoch jetzt schon einzelne in der Nähe. Sie sahen den Gendarm der Landungsstelle und Alfred der Bake zueilen, und ein paar Kinder und eine junge Frau langten mit diesem schier zugleich an. »Was ist los? Gibt's ein Unglück?« rief die Frau atemlos Alfred zu. Der Mann war ja draußen, und der Gefahren auf der See sind so viele, daß die Daheimbleibenden stets zu sorgen haben. »Nichts – nichts, Frau! Der Gendarm ist nur einem nach, der sich hier bei euch versteckt hat.« »Das ist der Peter Ahrens!« rief die Frau heftig. »Ich hab's dem Christopher gleich gesagt, er solle sich mit dem Lumpen nicht einlassen, aber –« Der Morgen war nicht mehr so klar, wie er heut früh dem ›Junker‹ und seinem Begleiter auf ihrem Gang zur Mühle zugelächelt hatte. Die Wolkenstreifen, auf die der alte Herr hingewiesen, waren herausgekommen und hatten sich ausgedehnt und aneinander geschlossen, so daß die blaue Höhe von einem leichten weißen Flor überkleidet zu sein schien. Der Wind, heut früh fast ganz südlich, hatte sich um ein paar Striche gegen Osten gewandt und mehr und mehr gefrischt, so daß die See in lebhafte Bewegung kam und die Wellen mit Schaumsäumen zu gehen anfingen, – mit einem Wort, das schönste Segelwetter. In dem Augenblick, als Alfred die Bakenhöhe erreicht und einen freieren Ausblick auf den Strand drunten und die See gewonnen hatte, legte ein kleines, sogenanntes Nordlandsboot, um den vollen Wind zu erlangen, vom Lande hinaus. Es saß nur ein Mann hinten, in Hemdsärmeln. Das Ruder hatte er unter den linken Arm geklemmt, und mit der Rechten hielt er die Schooten der beiden weißen Segel, die schon steif vor dem Winde standen. Und wer die Wirkung seines Treibens beobachtete, wie das Boot, jetzt weit genug vom Lande, mit einer wahrhaft zierlichen Bewegung in den vollen Wind hineinwendete und, sich leicht auf die Seite neigend, vorausschoß, der konnte schon hieraus auf die Tüchtigkeit des Führers und die Trefflichkeit des Fahrzeuges schließen. Von links, wo die Bootsstelle lag, kam nun um den Ufervorsprung ein zweites, gleichfalls hübsches, aber größeres und nach landesüblicher Art getakeltes Boot herum und wendete gleichfalls gewandt in den Wind hinaus und begann dem ersten nachzuschießen. Der Gendarm stand am Mast, die Flinte schußbereit in der Hand, und der Mann am Ruder zeigte sich ebenfalls seinem Amte gewachsen. Allein obgleich das zweite Boot mit überraschender Schnelle mehr und mehr die Entfernung aufholte und nun in die See hinausschoß, so war der Vorsprung, den das erste bereits gewonnen hatte, doch schon ziemlich ansehnlich, und wer die Bewegungen der beiden Fahrzeuge miteinander verglich, konnte keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß ohne einen besonderen Zufall hier an ein Einholen gar nicht zu denken war. »Der kriegt ihn im Leben nicht!« meinte die Frau, die neben Wehrenberg stand, kopfschüttelnd. »Der Peter ist ein Bootsfahrer, sagt mein Christoph«, wie's noch gar keinen sonst gegeben.« »Der Peter Ahrens ist mit Eurem Mann verwandt?« fragte Alfred leichthin, ohne seine Augen von der Jagd drunten abzuwenden. »Ja, Herr, leider Gottes, seiner Mutter Schwester-Kind. Er hätte nur draußen bleiben sollen – sie haben ihn ja schon tot gesagt.« »Und da ist er zu Euch gekommen? Es ist doch, so viel ich weiß, ein Drömnitzer Kind?« »Ja, aber da wollen sie wohl auch nichts wissen von ihm wie keiner. Des Christopher Vater hat ihn vordem, als er auf den Golm gekommen, fortgewiesen. Aber der Christopher ist zu gut und hat gemeint, er könne ihn doch draußen nicht verhungern und verderben lassen.« »Ist er schon lange bei Euch?« »Es mag drei Wochen her sein, da ist er eines Morgens dagewesen. Wie er hergekommen, hat keiner gesehen. Dann ist er mit unseren Leuten fort, in die Stadt. Aber seit acht Tagen ist er wieder hier und hat das Boot bei sich gehabt. Wenn er nur fort bliebe! – Ich will nichts von ihm, und den anderen ist's auch nicht recht. Aber der Christopher ist eben zu gut.« Die Bootsjagd war währenddem fortgegangen, ohne daß jedoch der Verfolger, der augenscheinlich sein Bestes tat, dem Gejagten auch nur um einen Schritt hätte näher kommen können. Im Gegenteil, die Entfernung hatte sich vergrößert, und als beide jetzt, kurz hintereinander, die äußerste Nordspitze des Golm aufholten und damit die volle Stärke des Windes zu empfinden begannen, wurde der Vorteil des Nordlandboots noch um vieles sichtbarer. Es schoß unveränderten Ganges wie eine Möve mitten in die schäumende See hinein. Das Menkendorfer Boot sah denn auch alsbald die Nutzlosigkeit einer weiteren Verfolgung ein, wendete und begann den Heimweg. Auch am Lande wandten sich die Zuschauer ab. Und ebenso kehrte Alfred Wehrenberg, gefolgt von ein paar flachshaarigen Kindern, die den »fremden Herrn« anstaunten, zu seiner früheren Stelle zurück. Um den Flüchtling draußen brauchte er sich ja nicht zu sorgen; seine Ergreifung blieb doch nur eine Frage der Zeit; er wußte gut genug, daß, wie keck Peter Ahrens auch in die offene See hinausgesteuert war, und wie wacker das kleine Fahrzeug sich bisher gehalten hatte, die Fahrt in dieser Richtung dennoch bald ihr Ende erreichen und sich wieder zur Küste zurückwenden mußte. Den hohen Wellen der offenen See gegenüber sind diese verdecklosen Boote völlig machtlos. Und ebensowenig sorgte er um den jetzt verschwundenen Mahlknecht. Für den gab es gleichfalls kein Entrinnen mehr. Der Wind strich immer schärfer und schärfer über die Höhe. Da Wehrenberg nicht ein Haus aufsuchen wollte, weil er die Rückkehr seines Bootes unter Augen zu behalten wünschte, um so bald wie möglich die Heimfahrt anzutreten, so stieg er in eine kleine Schlucht hinab und fand alsbald einen Platz, wo es sich zwischen den niedrigen Büschen gut ruhen ließ und er die Aussicht über die See bis zur Festlandsküste hinüber und auf die Häuser von Drömnitz dennoch offen vor sich hatte. Als er so seine Blicke über seine nächste Umgebung schweifen ließ, fielen sie plötzlich auf ein kleines, zusammengeschobenes Fernrohr. Und an diese Entdeckung schloß sich alsogleich eine noch wichtigere an: zwischen dem Gezweig des nächsten Busches stak eine alte Soldatenmütze von der Art, wie sie Peter Ahrens am Tage des Mordes getragen haben sollte, und unter ihrem Futter eine große Banknote. Von den Kindern waren ein paar besonders neugierige ihm auch hierher gefolgt. Er rief den nächsten Knaben an und hielt ihm die Mütze entgegen. »Gehört sie dir oder deinem Vater?« – »Nee,« versetzte der Junge nach einem verlegenen Zögern, »die hat der Peter Ahrens gehabt.« Achtzehntes Kapitel Ausgespielt »Wie ich sage, dieser 5. August hier auf Menkendorf war uns ein erhabenes Erlebnis, ist es doch schon eine wahre Freude, Ihren Herrn Vater anzusehen! Und dann sein kleines Reich! Gottlob, da ändert sich nichts, da ist immer die alte rechte Weise, wohin man auch sieht, und auch die alten trefflichen Menschen. Die Zeit ist machtlos bei Ihnen, möcht' ich sagen, und die Schönheit verblüht nicht! Als ich gestern mich in diesem Kreise umsah – war mir's doch, als wären wir alle dreißig Jahre jünger und huldigten noch einmal all' den reizenden Gestalten, die uns umgaukelten! – Was für eine vortreffliche Erscheinung, Ihres Bruders Rosa, – und diese entzückend hübsche kleine Warneck. – Ich mußte bei ihr immer an meinen Wilhelm denken. Was mußte der ungeschickte Mensch auch gerade wieder fehlen. Sie hat, wie ich merkte, im Winter drinnen in der Stadt einen ernsten Eindruck auf ihn gemacht, und wäre er jetzt hier gewesen – sagen Sie, Freund, würde er Aussichten haben? Wie dürften die alten Herrschaften darüber denken?« »Danach müssen Sie wirklich meine Eltern fragen, Baron! Was man gegen Ihren Herrn Sohn haben könnte, seh' ich nicht. Die Entscheidung freilich würde zuletzt in der Hand meiner Nichte liegen.« »Und man versteht sie zu würdigen! Sie wurde im Winter, sagt man mir, hoch gefeiert – begreiflich, sie ist entzückend, sag' ich! Man sah es auch hier. Dieser große junge Mann – beim Mahl an ihrer Seite – ein wenig sauertöpfisch – im übrigen aber ganz hübsches Benehmen – bemühte sich doch –« »Den Assessor Alfred Wehrenberg, meinen Sie?« »Richtig! So hieß man ihn, dächt' ich. Wehrenberg? Hängt das nicht irgendwie mit ihrer Pfarrfamilie zusammen?« »Allerdings, Baron. Ein Enkel von Papa und Mama Silberg.« »Ah! – Treffliche Leute! Und Enkel und Enkelin setzen die alte Freundschaft fort? Finden Sie aber solche Abendspaziergänge im Park, wie ich gestern zufällig bemerkte, recht, lieber Wolfgang Gunsleben?« »Warum nicht? Blanka sagte mir davon. Sie war dem Jungen sehr dankbar, denn sie wurden unterwegs von jenem Strolch erschreckt – Sie hörten wohl davon, Baron?« Vom Hause her kam jetzt der ›Junker‹ und rief schon von weitem: »Holla, Mirow, Ihre Damen werden ungeduldig und die Pferde wollen nicht stehen – unhöflich oder nicht, ich muß Sie holen!« »Ihre Schuld, alter Freund! Sie und Menkendorf fesseln Ihre Gäste!« versetzte der Baron verbindlich heiter und schritt an des ›Junker‹ Seite nun rasch dem Hause zu, von wo seine Gemahlin lebhaft ihm entgegenwinkte. Der ›Drakenhöfer‹ folgte langsamer und knurrte innerlich: »Die letzten und die Lästigsten! Wahrhaftig, es ist Zeit, daß sie gehen und daß man wieder ein bißchen unter sich ist.« Der Aufbruch gestaltete sich indessen noch recht umständlich. Als der Wagen endlich aus dem Hoftor gefahren war, fügte der ›Junker‹ zu seiner Gattin: »Hast du eine Ahnung, Alte, was uns diese Ehre verschafft hat? Ich glaube, Mirows waren seit zwanzig Jahren nicht hier.« »Nun, Vater, vielleicht kamen sie auch diesmal nicht der Alten, sondern etwa nur der Jungen wegen,« meinte Wolfgang voraus. Sein Blick streifte indem zwinkernd zu Blanka hinüber, die mit ihrer Base Rosa in der Nähe plaudernd auf und ab ging. Der Alte schaute ihn überrascht an, denn ein Scherz von seinem Ältesten war für ihn etwas ziemlich Unbekanntes. Dann aber, da er das Zwinkern bemerkte, machte er nur »Bah!« und schritt pfeifend hinweg. Frau von Gunsleben aber schaute prüfend ihren Sohn an und fragte darauf: »Hat der Baron wirklich dergleichen mit dir beredet, mein Kind?« Und da er nur die Achseln zuckte, setzte sie bedächtig hinzu: »Das wäre nicht angenehm. Sie hat des jungen Mannes neulich einmal rein zufällig auf das Allerungnädigste gedacht.« »Ich merkte leider das gleiche auch bei uns in der Stadt,« mischte sich da Frau Hildegard ein, »aber unsere jungen Mädchen urteilen eben nur nach dem ersten Eindruck.« »Also warten wir's ab, meine Kinder!« entschied die alte Dame, da sie im Auge ihrer Schwiegertochter etwas Spitzes aufkommen bemerkte, »wir haben ja nun Wohl dringlicheres zu denken. Hat Silberg noch immer nichts verlauten lassen?« »Nein, Mama,« sagte Wolfgang kopfschüttelnd, aber Vater will jetzt mit mir hinüber –. Ah, da kommt er ja schon zum Gang gerüstet –, also, lebt wohl, und hoffentlich gibt's nicht Schlimmeres als wir nach dieser hartnäckigen Heimlichtuerei unseres alten Freundes ohnehin schon fürchten!« Aber es gab Schlimmeres! Schlimmeres sogar, als selbst wir hätten voraussehen können, – wir, die wir doch schon wissen, was der Menkendorfer Pfarrhof seit gestern nachmittag an Geheimnissen barg: – einer Betrogenen Ankunft, ihr Glaube und ihre Hoffnung! Als der ›Junker‹ mit seinem Ältesten drüben anlangte, sahen sie vor dem Tore eine schwerbepackte Eilpostkutsche halten, während ihnen aus dem Hause laute Stimmen entgegenschollen. Da traten sie eilends ein. »Bei der Allmacht – das muß Eugen sein!« sagte Wolfgang, indem er horchend stehen blieb. Der Vater nickte mit düster gefalteter Stirn, schritt aber weiter und stieß eine nur angelehnte Tür auf und sah mit verbissenen Lippen auf die Gruppe, die sich ihm bot: Es waren nicht bloß der alte Freund und seine Frau da, sondern auch dessen Sohn mit den Seinen und zwischen ihnen stand der lebhaft redende Eugen, während eine Dame neben ihm ihr Gesicht mit dem Taschentuch verhüllte. Die Aufmerksamkeit aller war Eugens Mitteilungen so vollständig zugewandt, daß die beiden Ankömmlinge ein paar Augenblicke lang unbemerkt blieben. Und erst als der ›Junker‹, einen Schritt weiter ins Gemach tretend, gallig sagte: »Da gibt es, scheint's, wieder eine gebrochene Achse!« – da wandten sich ihm die Blicke aller zu. Eugen, rasch gefaßt, erhob seine Rechte militärisch zum Haupt: »Mein Herr Großpapa – ich melde mich zurück von dem Kommando – teufelmäßig schwere Kommission, Großpapa, aber brillant gelungen!« Und mit einer leichten Handbewegung setzte er im gleichen Tone hinzu: »Hier die Törin!« Schon nach den ersten Worten hatte sich Wolfgang der Dame zugewandt, die ihm lebhaft beide Hände entgegenstreckte. Seine Miene wurde milder, und seht sprach er laut: »Sei willkommen daheim, Viktoria!« Der alte Gunsleben nahm nur durch einen Seitenblick hiervon Kenntnis. Sein Auge traf wieder fest und hart auf Eugen, und ebenso klang auch seine Stimme: »Also wieder eine Achse gebrochen, oder weshalb hast du hier lieber Einkehr gehalten, als im Hause deines Großvaters?« Was Eugen auch zu seiner anfänglichen, übermütigen Weise veranlaßt haben mochte, – die Miene und die Abkehr des Onkels und jetzt die Worte des alten Herrn hießen ihn alsbald sich besinnen und einlenken. »Als wir herausfuhren,« versetzte er kühl, »begegneten uns ein paar Kutschen und erinnerten uns an das gestrige Fest – der Tag, begreiflicherweise, ist mir einigermaßen aus dem Kopf gekommen. Nehmen Sie meinen nachträglichen besten Glückwunsch, Großvater! – Ich konnte nicht wissen, wer und wie viele Gäste noch bei Ihnen sein würden, und da wollten wir lieber hier bei den alten werten Freunden Erkundigungen einziehen.« »So!« sagte der ›Junker‹ kalt und wandte sich ab, zu Viktoria tretend. Er bot ihr die Hand hin, die sie ungestüm ergriff und sah ihr fest in die unstäten Augen. »Ich freue mich, dich hier zu sehen. Und nun seht euch in euren Wagen und fahrt zum Hofe, – es sind nur die Unseren dort. Wolfgang und ich werden später kommen. Wir haben hier noch mit den Freunden zu reden.« Er ließ indem seinen Blick suchend durchs Zimmer und über die Anwesenden gleiten. »Deine Frau, Moritz –« »Ist eben hinausgegangen und hat zu tun,« unterbrach ihn der Freund mit einer gewissen, von seiner gewöhnlichen Weise bemerkbar abweichenden, ungeduldigen Kürze. »Wir haben eine Kranke im Haus.« Viktoria war auf die Worte des Großvaters schon der Türe zu und in den Flur hinaus geschritten, und nun folgte auch Eugen mit einem höflichen: »So nehmen Sie unsere Entschuldigung, mein lieber Herr Pfarrer! Ich sehe Sie vor meiner Abreise noch wieder.« Da mit einem Male klang aus dem Hintergrund des Flurs der helle Aufschrei einer jungen Stimme: »Eugen – o Eugen, ich bin hier!« Und fast zugleich flog eine Gestalt herbei und auf den Angerufenen zu und schlang ihre Arme leidenschaftlich erregt um ihn und schrie mit blitzenden Augen: »Diese Menschen wollen uns trennen – sie verbergen mich vor dir! Aber ich lache ihrer! – Sag' es ihnen, Eugen, daß du mein, daß ich dein bin!« – Graf Eugen Altheim war schon bei dem ersten Zuruf wie vor einem Stich zusammengezuckt; es erfaßte ihn ein nicht nur seine ganze körperliche, sondern auch geistige Kraft lähmendes Entsetzen. So duldete er's, daß die Heranstürzende ihn umarmte, so hört er's an, daß und wie sie ihn anrief. Allein die wunderbare Selbstbeherrschung und Geistesgegenwart dieses Menschen verleugnete sich auch jetzt nur einen kurzen Augenblick. Schon kehrten Leben und Farbe in seine Züge zurück und Zorn drohte aus seinen Augen und seiner Stimme: »Ist das Ihre Kranke, mein Herr Pfarrer Silberg? Es scheint mir eher eine Tolle zu sein, die Sie besser hüten sollten!« Und er riß sich ungestüm von dem unglücklichen Geschöpf los, stieß sie rüde von sich ab, begab sich stolzen Schrittes zu dem Wagen hinaus und stieg gelassen ein. »Halt!« donnerte der ›Junker‹, sprang vor und kam noch gerade früh genug, um im Verein mit Silbergs Sohn die von dem rohen Stoß Eugens zurücktaumelnde und jetzt zusammensinkende Fremde in den Armen aufzufangen. Und so die Ohnmächtige unterstützend, wandte er das Haupt zu Silberg und sprach hart: »Kannst du mir etwas zur Erklärung dieser schmachvollen Szene sagen, Moritz?« Der alte Geistliche erhob seine Augen zu einem demütigen Blick zum Himmel, um sie in der nächsten Sekunde mit desto ehrlicherem Zorn auf die Erde zurückkehren zu lassen. »Ja,« antwortete er dann, »ich in meiner Schwäche gedachte es gut zu machen und die Begegnung bis nach genügender Aufklärung zu verhindern. Aber unser Herrgott weiß es besser! – Dies arme Kind, Rosa Mereau, trägt einen Ring deines Enkels am Finger und ist ihm, da er sie in ihrem Elend –« »Die Dirne lügt – ich –« rief Eugen auffahrend, als wolle er wieder aus dem Wagen springen. Der Großvater traf ihn mit einem vernichtenden Blick. »Bring' sie hinein, sie kommt wieder zu sich!« befahl er dann Wolfgang und, dem Postkutscher ein barsches: »Fahr zu!« – hinwerfend, trat er in die Stube zurück, wo sein Ältester indes die Unglückliche bereits auf ein Ruhebett gelegt hatte und sich jetzt weiter um sie bemühen wollte. »Laß das, Wolfgang,« sprach er da nach einem kurzen, verkrampften Schweigen, »geh' du besser voraus nach Hause und lasse deine Mutter nicht unvorbereitet. Und wirf ein Auge zuweilen auf den schlechten Menschen, daß er uns nicht ausrückt. Ich denke noch ein Wort mit ihm zu reden, – das letzte!« Die Sonne stand schon tief im Westen, als der ›Junker‹ das Pfarrhaus verließ und über den Herrensteig seinem Hofe zustrebte. Eine grimmige, rücksichtlose Entschlossenheit starrte stechend aus seinen Zügen. Daheim, als er von Karl, seinem alten Diener, vernahm, daß Agnes, Blanka und Hildegard noch im Garten seien, seine Frau jedoch befohlen habe, sie bei seiner Rückkehr sogleich zu rufen, untersagte er dies und fragte nur noch nach den angelangten Enkeln. Gräfin Viktoria ruhe auf ihrem Zimmer, Graf Eugen sei gleich anfangs hinaufgegangen und auch zum Mittagessen nicht heruntergekommen, meldete der Diener, worauf er knurrte: »Recht! Man soll mich vorderhand ungestört lassen!« Dann ging er in sein Arbeitszimmer, klumpte dort wie ein Markkranker in den Schreibtischsessel und verbarg sein Haupt aufstöhnend in die Hände ... Das schandbare Vorkommnis hatte diesen trotzigen Bären doch ärger getroffen als er bisher zugeben wollte. Als er endlich aufsah und sein Blick auf die noch uneröffnete Briefmappe fiel, langte er darnach wie nach einer willkommenen Zerstreuung. – Zuoberst lag ein amtliches Schriftstück; er öffnete es hastig und las: Da man wisse, daß er mit dem Leutnant, dessen Aufenthalt beim Regiment augenblicklich nicht bekannt, im Verkehr sei, so bäte man um Angabe dieses Aufenthalts und zugleich um gefällige und möglichst schleunige Übermittlung des inliegenden Befehls – –   Da erhob sich der alte Herr straff, ging zum Gewehrschrank, entnahm ihm einen Revolver, legte ihn auf den Tisch und klingelte dem Diener; fragte dem Herbeieilenden, ob der Postillon noch da sei, und da dies der Fall war, befahl er, daß angespannt und dem Grafen Altheim gemeldet werde, daß der Wagen bereit sei. Dann durchmaß er mit gestreckten Schritten ein paarmal den Raum, trat ans Fenster und schaute, die Hände auf dem Rücken ineinander gelegt, schweigend und regungslos auf den Hof hinab, wo bereits der Postkutscher seine Gäule vor die alte Kalesche schob. »Mein Herr Großvater,« platzte jetzt eine einigermaßen freche Stimme ins stille Zimmer herein, »Karl hat mir da eben eine Botschaft gebracht, die einen Irrtum enthalten muß –« »Wieso: muß?« Diese Frage kam scharf vom Fenster her. »Sie wollen mich also in der Tat wegen einer Verrückten aus Ihrem Hause weisen, Herr Großvater?« »Dort auf dem Tisch liegt ein Brief! Vom Regiment. Lies!« Graf Eugen tat's und sagte dann verbissen: »Dies ist mir rätselhaft, aber noch mehr unerträglich. Ich empfange da einen Befehl, mich beim Regiment oder, falls ich noch fern, bei der nächsten Garnison augenblicklich zum vorläufigen Arrest zu melden! – Ich habe gute Lust –« »Das geht mich nichts an,« wurde er unterbrochen, »ich habe einfach deines Obersten Wunsch erfüllt! Dort auf dem Tisch liegt noch etwas – ebenfalls für dich! Du wirst keine Waffen bei dir haben und das Land ist unsicher. Und nun noch eins: Hast du bis heut über acht Tage keine ehrenhafte und befriedigende Entscheidung über deine Verlobte getroffen, so treffe ich sie für dich und sie. – Wer zu den Gunsleben gehören will, gehorcht dem alten Spruch: lieber tot als ehrlos.« Eugens Gesicht war von einer fahlen Blässe bedeckt. »Mein Herr Großvater –« knirschte er bebend. »Wie ich sage,« kam es unverändert vom Fenster her. »Wir sind fertig! Und der Wagen ist bereit!« Als einige Augenblicke später die Zimmertür knallend ins Schloß flog, trat der ›Junker‹ langsam vom Fenster zurück und warf einen schnellen Blick nach dem Tisch hin und sagte dann leise vor sich hin: »Er hat ihn liegen lassen – hm, das soll wohl heißen: ehrlos immer noch besser als tot! – Na, schön! so hat er wenigstens die Maske abgeworfen und – ausgespielt – –« Neunzehntes Kapitel Vor zwanzig Jahren Das Kapitel, worin die Geschichte von Blankas Eltern verzeichnet stand, war eins der traurigsten in der ganzen Familienchronik der GunsIeben, und sein Schluß war, wie wir bereits erfuhren, in ein Dunkel gehüllt, das für die Angehörigen alles noch um vieles schwerer und trübseliger machte. Zur Zeit, als der ›Junker‹ seine älteste Tochter Gertraude an den Grafen Altheim verlobte, wurde die Gerichtsstelle in der kleinen Stadt gerade von einem Assessor Heribert Wehrenberg verwaltet, der sich, trotz seines noch kurzen Aufenthalts, in der Umgegend bereits viel Achtung und Ansehen erwarben hatte. Der ›Junker‹ hegte schon damals ein gewisses Mißtrauen gegen seinen zukünftigen Eidam und suchte vor der Hochzeit, gegen die landläufige Gewohntheit und zum großen Ärger des Grafen, das Geschick seiner Tochter in einer Art von Ehevertrag einigermaßen zu sichern. Der alte, vertraute Geschäftsführer der Familie war gerade gestorben, und da die Zeit drängte, nahm Detlef Gunsleben bei Abfassung des Schriftstückes den Rat des genannten jungen Beamten in Anspruch. So kam dieser ziemlich häufig nach Menkendorf und fühlte sich bald durch die Tochter des Pfarrhauses gefesselt. Die Eltern und das Mädchen selber waren ihm nicht entgegen, und als er nach einem Jahr zum großen Gerichtshof zurückversetzt wurde, begleitete ihn die junge Frau. Bei dieser Hochzeit traf einmal wieder jenes alte Sprichwort zu, daß nicht leicht eine solche Verbindung geschlossen wird, ohne daß dabei schon eine andere in Aussicht genommen würde. Mit Heribert Wehrenberg kam sein bester Freund zum Fest, der damalige Rat, Baron von Warneck. Er wandte der zweiten Tochter des ›Junker‹, Mathilde, obgleich sie noch ein halbes Kind war, eine große Aufmerksamkeit zu und bewarb sich fortan ernstlich um sie. Indessen nahm diese Verbindung einen nicht ganz so raschen Verlauf wie diejenige Wehrenbergs. Es vergingen mehrere Jahre, bis Warnecks echte Liebenswürdigkeit und Tüchtigkeit die Bedenken der Eltern besiegte. – Nun lebte das neue Paar – wir dürfen es ein glückliches heißen – mit der Familie Wehrenberg drunten in der Stadt in einem Freundschaftsbunde, der an Herzlichkeit und Einträchtigkeit um nichts jenem nachstand, der zu Menkendorf die Eltern vereinigte. Auch diese Eintracht wurde niemals gestört. Die beiden Frauen verstanden und liebten einander, wie von jung auf, unverbrüchlich bis an den Tod. Zwischen den Männern trat freilich infolge der traurigen, volkzerklüftenden Achtundvierzigerereignisse eine gewisse Erkaltung ein, die indessen nicht so weit reichte, um sie wirklich zu trennen oder sie auch nur gegeneinander zu stellen. Übrigens fand der politische Meinungsstreit schon von Anfang an auf der Seite Warnecks keinen sehr günstigen Nährboden; denn Freund Heribert schien von einem langsam aber rastlos vorschreitenden Nervenleiden geplagt zu sein, das den bis dahin durchaus heiteren Mann in seiner Stimmung auf das peinlichste zu beeinflussen und erschüttern anfing. Von einer äußeren Veranlassung wurde nicht das geringste sichtbar, und er selber wußte auf die besorgten und herzlichen Fragen seiner Vertrautesten! nichts anzuführen, während er die Veränderung selbst nicht im entferntesten abzuleugnen suchte. Als im Jahre 1850 nach achtjähriger Ehe Heriberts Frau starb, machte das Leiden derartige Fortschritte, daß man allen Ernstes das Hervorbrechen einer Geistesstörung fürchtete. »Laß mich gehen, laß mich gehen,« sagte der Kranke ungeduldig, wenn der Freund ihn gelegentlich aus seiner Vereinsamung hervorzulocken und in seinen glücklichen häuslichen Kreis hinüberzuführen unternahm. »Ich würde mir wie ein Schatten in eurem Frieden und Glück erscheinen, ja, wie ein wirklicher Störer. Ich habe kein Verständnis mehr für Frieden und Glück – und keinen Glauben daran, weder für mich selbst, noch für andere. Und Erheiterung und Ermutigung vermag ich am allerwenigsten zu bieten. Die schwarze Sorge bleibt stets hinter mir.« Der Erheiterung und Ermutigung bedurfte zu dieser Zeit allerdings auch der Präsident Baron von Warneck. Denn seit Blanka geboren war und die Mutter noch im Wochenbett den nach kurzer Krankheit unvermutet erfolgenden Tod von Heriberts Frau vernommen hatte, fing sie an zu siechen und vermochte ihre früheren Kräfte nicht wiederzufinden. Erst eine Badekur im nächsten Sommer schien in ihren Folgen wirklich Erfreulicheres hoffen zu lassen. Sie kehrte gestärkt zurück und ging zur weiteren Kräftigung mit ihren Kindern für die nächste Zeit zu den Eltern nach Menkendorf. Der Gatte, durch seine Amtstätigkeit an einer längeren Entfernung von der Stadt verhindert, besuchte die Seinen von Zeit zu Zeit. So kam er denn auch in den ersten Augusttagen wieder einmal nach Menkendorf hinauf und ging, da er diesmal zwischen Ankunft und Abreise ein paar ganz freie Tage vor sich hatte und ein leidenschaftlicher Jäger war, am Morgen des ersten schon ziemlich früh mit seiner Flinte hinaus, und zwar allein –, da der ›Junker‹, der den Schwiegersohn sonst meistens zu begleiten pflegte, heut anders beschäftigt war. Er wolle nur einen Rehbock zu schießen suchen, um für den nächsten Tag einen Braten in die Küche zu liefern; und da er die Reviere und den Wildstand genau kenne und ein sogenannter glücklicher Jäger wäre, so könne man ihn mit ziemlicher Bestimmtheit noch vor dem Mittagessen wieder zurück erwarten, erklärte er seiner Frau noch vorm Aufbrechen. Er kam indessen nicht, und als er auch zur Kaffeestunde, wo Frau von Gunsleben die Hausgesellschaft versammelt zu sehen liebte, noch immer nicht erschienen war, fing besonders seine Gattin an, besorgt zu werden. Man begann nach ihm zu fragen und sich überall umzusehen. Es war aber der reine Zufall, daß ein paar Holzarbeiter einige Stunden später den Jäger fanden: er war – tot! Ein Schuß in die linke Seite hatte das Herz getroffen und vermutlich den augenblicklichen Tod zur Folge gehabt. Man stand vor einem Rätsel: An Selbstmord war nicht zu denken, und ein Unglück war gleichfalls ausgeschlossen; nicht nur die Wundstelle sprach dagegen, sondern auch der Zustand der Waffe; der Büchslauf enthielt noch die Kugel und war nicht abgeschossen worden, aus dem Flintenlauf war der Schrotschuß allerdings heraus, aber die Wunde rührte nicht von einem solchen her. Ein unglücklicher Zufall von fremder Seite ließ sich gleichfalls nicht annehmen, – man wußte von niemand, der an diesem Tage mit einer Flinte durch die Reviere gestreift sein könnte. Und so mußte man wohl, wie sehr man sich auch dagegen sträubte, endlich an ein Verbrechen glauben. Es wurde aber bekanntlich bis heute nicht aufgeklärt, ja, es war niemals auch nur zu einem wirklichen Verdacht wider irgend jemand gekommen. Die Gattin, die das Geschehene leider zuerst und ohne Schonung erfuhr, starb am Begräbnistage des Gatten und ließ ihre armen kleinen Kinder völlig verwaist zurück. Es waren die schwersten Tage, die Detlef Gunsleben bisher mit den Seinen zu verleben hatte. Seine Mathilde war, ohne daß er davon viel Wesens gemacht, sein ganzer Liebling gewesen und sein Schwiegersohn, besonders in den letzten Jahren, ganz und gar ein Mann nach seinem Sinne. Nicht weniger schwer war der Schlag für den Freund in der Stadt. Rat Wehrenberg geriet auf die Nachricht in einen Zustand dumpfen und stumpfen Hinträumens, der wiederum das Schlimmste für seinen Geist befolgen ließ. Dazwischen kamen einzelne Augenblicke einer düstern Verzweiflung, wo er sich beinahe selber der Mitschuld an dem Unglück anklagte. Ein paar Tage vor Warnecks Abreise hatte er nämlich das ermutigende Zureden des Freundes in unfreundlichster Weise zurückgewiesen und war in tiefer Verstimmung von ihm geschieden. Die Reise sollte eigentlich eine gemeinschaftliche sein, da Heribert gleichfalls einmal seine Schwiegereltern besuchen und des ›Junkers‹ Geburtstag mitfeiern wollte. Nun blieb er jedoch zurück und machte für sich allein einen andern kurzen Ausflug. »Wäre ich mitgegangen, so möchte das Unglück verhütet worden sein. Ob auch kein Jäger, würde ich den Freund doch auf diesem Gange wohl begleitet haben, und die Tat wäre diesmal wenigstens unterblieben.« Der Arzt, gegen den dies geäußert worden war, meinte, man hätte fast glauben mögen, daß für Wehrenberg die Tat und vielleicht selbst der Täter nicht ganz so rätselhaft seien wie für das Gericht und alle übrigen. Wie dem aber auch gewesen sein mochte, er ließ darnach nichts weiteres verlauten, ja, er sprach von dem Fall und selbst über den Toten überhaupt nicht mehr. Trotzdem überwand er den Verlust nicht. Er zog sich immer finsterer in sich zurück und brach fast allen Umgang ab. Dabei schwanden seine Kräfte mehr und mehr, und schon im nächsten Sommer erlöste auch ihn der Tod von seinem traurigen Dasein. Niemand zweifelte daran, daß der Gram sein Ende beschleunigt habe. Man halte es ja erlebt, daß er, als Silberg ihn zum Weihnachtsfest schier gewaltsam mit sich nach Menkendorf führte, wo er die verwaisten Kinder des Freundes wiedersah, in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach und aus dem versammelten Kreise entfloh, und auch an den folgenden Tagen ihrem Anblick auswich. Ein halbes Jahr später war, wie wir wissen, sein eigener Knabe Alfred in der gleichen Lage droben im Pfarrhause bei den Großeltern, wie Robert und Blanka auf dem Hofe. Es ist eine nicht seltene Erfahrung, daß Kinder, die ihre Eltern in allerfrühster Jugend und obendrein gar durch ein Unglück verloren haben, unter diesem Verluste seelisch zu leiden beginnen, trotz der liebevollsten Hut und Pflege. Es werden dann meistens ernste und stille Kinder, und eine schöne Art von Melancholie webt sich selbst in den fröhlichsten Stunden leise um sie her. Bei Robert Warneck, dem derben Knaben, der bei der Eltern Tod eben sein drittes Jahr vollendet hatte, wurde dies weniger bemerklich, obgleich auch er zuzeiten, besonders früher, in der Menkendorfer Einsamkeit ein richtiger Träumer sein konnte. Aber desto deutlicher zeigte es sich an der um vieles zarteren und sanfteren Blanka, die an jenem Unglückstage wenig mehr als ein Jahr zählte. Von den Umständen, die den Tod der Eltern begleitet hatten, erfuhren die Kinder erst das Nötige, als sie in die Stadt kamen und der Gefahr ausgesetzt waren, die Trauernachricht durch Zufall und unvorbereitet von Fremden zu vernehmen. Blanka erblühte zwar auf das anmutigste, nicht gerade zu einem kraftvollen, aber immerhin zu einem durch und durch gesunden jungen Mädchen; sie flog sozusagen treppauf, treppab, und nicht selten summten die seinen Lippen ein heiteres, kleines Lied –: laut jedoch wurde das Mädchen auch in den heitersten Stunden nicht, – dergleichen blieb ihr so fremd wie alle Unruhe und Hast, und der eigentliche und hauptsächliche Ausdruck ihrer ganzen Erscheinung und ihres gesamten Wesens blieb nach wie vor jene leise Melancholie, die mit ihr geboren zu sein schien und daher in den Augen nicht nur der Ihren, sondern auch eines jeden, der sie voll Liebe beobachtete, wie ein untrennbarer Teil de? liebreizenden Ganzen erscheinen mußte. Zwanzigstes Kapitel Gegensätze Sie, mit der wir das vorhergehende traurige Kapitel so freundlich geschlossen haben, saß an ihrem Fenster mit einer Nähterei beschäftigt. Voll Eifers war sie und schaute nur selten auf, obgleich heute endlich, nach regnerischen und stürmischen Wochen, der erste rechte Frühlingstag gekommen zu sein schien: so nicht ganz klar noch, ein bißchen träumerisch dunstig, ein wenig kühl und voll erregt streichender Luft, und dennoch von jenem verheißungsvollen Reize, der die Augen lächeln und die Brust ausweiten läßt nach der langen Winterenge: o, der Lenz ist wieder da! – Ja, er war da. An den Zweigen der alten Winterlinde, die im Luftzug gegen Blankas Fenster nickten, fingen die Knospen schon an zu schwellen, und von den Gebüschen drüben, wo der Garten in den Park überging, schimmerte es jauchzend grün herüber, wohl ob der üppigen Schneeglöckchenkränze, ach und auf den Rabatten stand der Krokus in voller Blüte, und über Nacht waren auch die Veilchen völlig aufgewacht. Und in allen Kronen und allen Büschen schwirrte und schwärmte, lockte und jubilierte es; die Schwarzamseln flöteten, die Finten schlugen, die Stare Pfiffen, und die Sperlinge vollführten in den dichten Efeuranken, die sich nicht fern von Blankas Fenster an der Hausmauer allmählich zu einer dichten grünen Wand zusammen- und hinaufgeschlungen hatten, einen unbändigen Lärm; und hatte Blanka dann und wann aus dem Fenster hinausgehorcht, so hätte sie Wohl auch, bald leiser, bald lauter, den Jubel der Lerchen, die sich über den nächsten Feldern in undurchsichtiger Höhe wiegten, vernommen. Vielleicht auch hätte sie es doch noch getan, wäre nicht Komtesse Viktoria bei ihr jetzt eingetreten. »Ach, Blanche, ich bin durch den Korridor und über den Vorplatz geglitten wie ein Gespenst oder ein Dieb in der Nacht, daß mich nur um Gottes willen niemand erwische und erbarmungslos in meine Klausur zurückverbanne!« Aus dem weiten Gewand der Sprecherin entströmte eine ganze Flut von durchdringenden künstlichen Wohlgerüchen und breitete sich fast widerwärtig durch das ganze, nur von frischer Luft erfüllte, schlichte Gemach aus. »übertreibe nicht, Base! Wenn du Lust hast zu plaudern –« »Plaudern, sagst du? Ja, plaudert man denn hier wirklich? Man verstummt ja in dieser friedlichen Einsamkeit! Ach, Haus Menkendorf! Daß die Großeltern nirgends lieber weilen, ist begreiflich – die Gewohnheit, sagt man, soll eine merkwürdige Gewalt über die Menschen haben! – Aber daß die anderen, die jungen, wenn sie einmal hier sind, es aushalten, und daß auch selbst nur du es aushältst, bescheidenstes Kusinchen – das verstehe ich nicht! Ich – ich sterbe vor Langerweile!« Blanka hatte ihre Arbeit indes wieder aufgenommen und nähte eifrig. »Dafür habe ich kein Verständnis,« sagte sie kühl hin. »Verständnis?« wiederholte die Komteß bitter, indem sie sich setzte. »Wo hat man das hier zu Menkendorf oder dort unten in dieser schauerlichen Stadt für irgend etwas, das man wirklich Leben heißen kann? Ach, Blanche, – Leben – Leben! Ach, wenn ihr einmal empfunden hättet, wie es wirklich da ist, wirklich euch umflutet, umstürmt, euch durchdringt und erfüllt, euch beseligt und erhebt und hinabstürzt in den Abgrund der Verzweiflung, und wieder aufreißt mit dem Arm der Liebe und in ihm euch hinaufträgt in die Tonnenfülle des Himmels – ›himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt!‹ – Ach!« – Sie war aufgesprungen; breitete die Arme aus, und ihre Augen erhoben sich schwärmerisch zum Himmel. So stand sie, wie verzückt. Aber nun flog es wie ein Schatten durch ihre erregten Züge, ihre Arme sanken matt herab, und ihr Kopf neigte sich gegen die Brust. »Warum mußt' ich zu euch, in diese Öde zurückkehren – unter Larven die einzige fühlende Brust!« Blanka hob die Augen nicht von ihrer Arbeit, und in ihrem Antlitz herrschte eine noch größere Stille als sonst. »Ich hab' es gar nicht gewußt, Base, daß du in der Stadt mit den übrigen Komödie gespielt hast.« Viktoria erhob überrascht den Kopf, »Spotten, Kindchen, du? Ich glaubte bisher nicht, daß du das könntest!« sagte sie dann mit einer wegwerfenden Bewegung. Allein in der nächsten Sekunde schon blickten die Augen wieder voll Schwermut, und ihre Stimme klang fast klagend. »Blanche – wie sanft dieser Name klingt – und wie hart und grausam doch dein Herz! Ach, Blanche, lasse dich nicht verleiten von diesen erbarmungslosen Menschen! Bleibe sanft und gütig, wie es die Natur dir verliehen hat! Ach, wenn du selbst einmal das Leben kennen lerntest, in seinem unendlichen Glück aufjauchztest und unter seiner Trauer dich beugtest; wenn dein Herz spräche und überall dir die Schranken des Standes entgegengehalten würden, mit eiskaltem Sinn, mit eiskalter Miene – da würdest du schon auch denken und fühlen lernen wie ich, und dich voll Verzweiflung allein finden und einsam unter allen diesen – diesen erbarmungslosen Menschen!« Sie deckte die Hände vor das Gesicht und wandte sich ab. Blanka arbeitete weiter, ohne aufzublicken, und schwieg beharrlich. Und so trat sie wieder näher, und ihre verschleierte Stimme begann von neuem zu schwirren: »Wenn du es erlebt hättest, wie ich damals bei Berta, »wenn ein Mann wie Joseph dir entgegengetreten wäre in seiner prächtigen Männlichkeit, voll Poesie, voll Geist und dir das alles zu Füßen gelegt, sein ganzes Sein und Wesen dir gewidmet hätte – ach, Blanche, auch du wärest warm geworden in deinem Herzen, auch du hättest alles umher vergessen außer deiner Liebe und deinem Glück! – Und alle die Einreden, die Hemmnisse, der Widerstand von allen Seiten – Bertas und Letzingens Predigten und Vorwürfe, Tante Hildegards Strafbriefe, die groben Drohungen – ach, sie hätten auch dich nicht erschüttert, sondern nur gestärkt! – Wer für sein Glück und seine Liebe nicht kämpft und nicht sein Alles daran setzt, der verdient weder das Glück noch die Liebe! Sieh, die Männer verstehen das meistens nicht und verdienen es auch nicht, aber Joseph, der treffliche Mensch, bestand auch diese Probe. Die Verwandten liefen Sturm, ein alter Onkel drohte mit Enterbung, Ihn rührte das alles nicht. – Wenn ich an seiner Seite stehen wolle, sagte er mir, so kümmere er sich wenig um die Drohungen und Quälereien. Aber sieh' – ich wurde schwach. Ich sah's wie er litt, ich wußte, was er opferte, – ich konnte das nicht annehmen. – Ich trat zurück, und da Eugen mich abzuholen kam, leistete ich keinen Widerstand, sondern folgte ihm – hierher, zu euch kalten, erbarmungslosen Menschen.« Sie schwieg nun eine Weile, setzte sich wieder und stützte traurig den Kopf in die Hand; endlich sagte sie bitter. »Sieh, auch du hast kein Wort für mich!« Jetzt ließ Blanka die Arbeit sinken. Die Kälte in ihren Augen hatte einen milderen, fast mitleidigem Ausdruck Platz gemacht, und auch ihre Stimme klang bewegt, als sie entgegnete: »Was kann ich zu dir darüber reden, Base? Du sagst es selbst, daß mir solche Erfahrungen und Empfindungen fremd sind. Wie kann ich da urteilen, trösten? Nur, was du über die Unseren sagst – du weißt wohl, ich denke anders und kann nur sagen wende dich einmal, ein einzigmal nur, voll Vertrauen an ihre Herzen – sie sind gewiß nicht kalt.« »Für dich – nein, gewiß nicht! – Aber für uns, Eugen und mich, – o, empfändest du es nur einmal! Ich verteidige Eugen nicht. Er trieb es danach, daß die Seinen ihn kaum noch halten konnten oder durften. Aber war's nur seine Schuld? Hätte er wirklich nicht mit Geduld, Nachsicht und vernünftiger Strenge im Zaum gehalten, ja, für die Familie möglich bleiben können? Und geht es mir anders? Wir sind im Grunde nie mehr als die Stiefkinder aller gewesen und haben für unseren Vater büßen müssen. Sage dagegen nichts! Die Viktoria ist nicht so töricht, wie sie sich zuweilen gibt – ich merkte von jeher, wie wir daran waren, und seit meiner Rückkehr deutlicher als je. Ja, ich habe mich schon mehrmals gefragt, weshalb man mich denn eigentlich durchaus wieder hier haben wollte und mich nicht lieber mir selbst überließ?« »Aber Base!« sagte Blanka ergriffen. Selbst das junge, in der wärmsten Liebe der Seinen aufgewachsene Kind empfand es tief, wie viel Wahrheit die eben gesprochenen Worte enthielten. Man war einmal, und zwar mit gutem Recht, gegen die Altheims eingenommen und ließ sie das auch meistens mit mehr als billiger Schärfe empfinden. »Ja, Viktoria, vielleicht hast du in manchem recht. Aber man lebt hier und besonders auf Drakenhof sonst doch nicht ungesellig.« »Wenn du das Geselligkeit heißest, daß man hin und wieder in den Wagen steigt, um einem Nachbar einen Besuch zu machen, oder ihn ebenso ein paar Tage später bei sich empfängt, in den schicklichen Pausen Kaffee trinkt, dann einen Tee nimmt, darauf sich zum Essen setzt, hintendrein ein wenig musiziert und endlich mit der zärtlichen Versicherung der herzlichsten Dankbarkeit für die genossenen frohen Stunden einen gerührten Abschied nimmt – sieh', Blanche, du lachst selber. Ich versichere dich, mein Gesicht war infolge aller Gähnkrämpfe zuletzt ganz verzerrt, und meine Finger wurden wund: ich habe in meinem ganzen Leben nicht so viel genäht wie in diesen acht Wochen. O, wie bescheiden wurde man in seinen Ansprüchen, wie dankbar war man dem lieben Gott für jede Geburtsanzeige eines liebenswürdigen jungen Kalbes, für jedes unter uns auftauchende neue Gesicht, ob's einem Weinreisenden gehörte, oder Seiner freiherrlichen Gnaden von Mirow und seinem noch immer nicht ausgewachsenen, unschuldigen Wilhelm! – Ach, hätt' ich mein Skizzenbuch hier, ich könnte dir Aufnahmen zeigen ... »Spötterin!« warf Blanka ein und lachte nun mit einem Mal voll reiner, kindlicher Fröhlichkeit. »Spötterin? Nichts weniger als das, die blanke Wahrheit, sag' ich dir, oder vielmehr noch lange nicht die ganze Wahrheit! Denn die will ich dir erst offenbaren – denke, Blanche, du spieltest eine Hauptrolle bei Mirows letztlichem Besuch!« »Ich?« erstaunte Blanka, »hat Herr Wilhelm sich über mich beklagt? Nun, ich nahm im vorigen Winter seine Aufmerksamkeiten wirklich nicht allzu freundlich auf.« »So hofft er jetzt vielleicht auf besseren Erfolg, Base Blanka!« »Herr von Mirow kann sich über meine Gesinnungen nicht täuschen, liebe Viktoria!« »Nimm dich nur in Acht, Herzchen, daß du nicht aus deinem kleinen süßen Traum recht unsanft erweckt wirst. Der Herr Baron machte eine höchst empfindliche Bemerkung über –« Indem erklang vom untern Stockwerk herauf ein so furchtbar aufgellender Schrei einer Frauenstimme, daß die beiden Mädchen entsetzt von ihren Sitzen auffuhren. »Was war das?« rief Blanka mutig, und da wurde ein zweiter, noch grellerer Aufschrei hörbar. Viktoria bebte: »Kindchen, – bleib'! Ich ängstige mich tot!« Blanka aber stieß die Tür auf. – Über den weiten Flur hin breitete sich eine Rauchwolke aus, die aus der Treppenmündung hervorquoll ... Einundzwanzigstes Kapitel Die Feuerprobe Das Menkendorfer Herrenhaus, wie wir berichteten im letzten Drittel des siebzehnten Jahrhunderts erbaut, war zurzeit noch so fest und so gut wie am ersten Tage, da die Bewohner einzogen. Es fanden sich keine Spalten oder Risse, es hatte sich nichts gesenkt, noch geworfen, und wenn alles gehörig geschlossen war, so mochte der schärfste Wind um das Haus sausen, ohne daß seine Insassen etwas von dem verderblichen »Zuge« unserer neuzeitliche Behausungen zu leiden gehabt hätten. Trotzdem fehlte es in dem weitläufigen Gebäude natürlicherweise nicht an einzelnen Mißständen, und einer der unangenehmsten von diesen war, daß bei einer gewissen Beschaffenheit der Luft und dieser oder jener Windrichtung der Rauch des Herdfeuers in den beiden Küchen und zuweilen auch in dem einen oder anderen Zimmerofen trotz aller Vorkehrungen und Beibesserungen nicht immer den gehörigen Abzug finden konnte, sondern in die inneren Räume zurückgedrängt wurde. Es war daher auch ganz und gar nichts Besonderes, daß die Hausgenossen am heutigen trüben und windigen Morgen schon von früh an einen leichten Rauch oder vielmehr bei dem Luftzug, der durch mehr als eine offene Türe strich, nur seinen Geruch spürten. Nach neun Uhr, als Frau von Gunsleben ihren Küchenbesuch machte, war der Übelstand aber im Hausflur auch sichtbar geworden. »Was für ein leidiger Rauch!« sagte sie verdrießlich, »ich hab' es den ganzen Winter über nicht so stark im Hause gespürt und hoffte wirklich, Krons letzte Verbesserungen hätten uns endlich einmal Ruhe geschafft!« Die Wirtschafterin, die gerade herbeikam, meinte achselzuckend, es sei so ziemlich sich gleich geblieben und der Herr werde sich am Ende doch einmal nach einem erfahreneren Meister umsehen müssen. Damit gingen die beiden weiter und ihres Wegs zu dem Stalle; und als man hier gleichfalls fertig war, begab Frau Agnes sich ins Dorf zu einem Kranken, und die Wirtschafterin kehrte ins Haus zurück. Eben war, wie von Zeit zu Zeit öfters, der Tierarzt unvermutet angefahren, um nach dem Gesundheitsstande in den Ställen zu sehen. Als er seine Geschäfte abgetan hatte, kam er auch wie üblich zum Hause, um sich in des ›Junkers‹ Zimmer sein Frühstück vorsetzen zu lassen. Da man von seiner Anwesenheit noch nichts wußte, war der Imbiß noch nicht bereit, und das Mädchen, das den abwesenden Diener zu ersetzen hatte, eilte, den ungeduldigen Gast zu befriedigen. Einem solchen setzt man aber bei einer solchen Gelegenheit auf den Gütern keinen Weinrest vor, sondern eine frische Flasche, und weil eine solche gerade nicht oben war, ging die Dienerin mit dem Kellerschlüssel davon, sie aus dem Keller heraufzuholen. – Der Menkendorfer Keller, übrigens einer der besten im ganzen Lande, hat drei Abteilungen, die durch feste Mauern voneinander geschieden sind. Auf der Nordseite befindet sich der Milchenkeller. Der sich südlich anschließende, um vieles größere Raum birgt die eigentlichen, man möchte sagen: laufenden Wirtschaftsvorräte und wird daher von der Wirtschafterin und ihrem Dienstgefolge am häufigsten aufgesucht. In der dritten Abteilung endlich lagert der Wein. Es begreift sich daher, daß dieser Raum um vieles seltener betreten wird als jenseits die beiden anderen Abteilungen. Ja, es kann zuweilen leicht ein ganzer Tag vergehen, ohne daß hier jemand hinabsteigt. Die Eingangstür unter der großen Haustreppe ist daher meistens auch fest verschlossen. – Als das Mädchen nun dorthin kam, mußte sie husten, so dicht war hier der Rauch. Aber ohne auch jetzt noch an etwas Ungewöhnliches, geschweige denn an ein wirkliches Unglück zu denken, drückte sie den Türgriff auf und – prallte zurück: – Rauch und Flammen schlugen ihr erstickend entgegen. Das Mädchen stieß ein gellendes: »Feuer!« aus, sprang zurück, und im nächsten Augenblick wurde der Notruf von der Wirtschafterin und den Mägden, die aus der Küche herbeieilten, sowie von dem gleichfalls herbeispringenden Tierarzt noch lauter wiederholt. Der aber suchte besonnen bis zur Tür vorzudringen, um sie womöglich noch zu schließen und somit das Feuer auf seinen ersten Herd zu beschränken, allein Rauch und Flammen jagten ihn schnell zurück. Drunten schien bereits alles eine Glut zu sein. Es lag nämlich in der nächsten, kleineren Abteilung seit dem vorigen Herbst ein kleiner Vorrat von Holz und Torf, den der ›Junker‹ wegen der außerordentlich feuchten Witterung ausnahmsweise hier einzutun erlaubt hatte. Und da mochte wohl der Hauptherd des Feuers sein. Es war ein schrecklicher Augenblick. Eine Annäherung schien von Minute zu Minute unmöglicher zu werden; die Haustreppe, seit hundert und mehr Jahren ausgetrocknet, fing schon an zu brennen. Von Männern fanden sich nur ein paar auf dem Hofe, denn die Gespanne und auch die Ochsenhaken waren alle draußen auf dem Felde, und es wurde auch in den Scheunen heute nicht, wie sonst meistens in dieser Zeit gedroschen. Der Tierarzt faßte sich wenigstens so weit, daß er aus dem Hause und zur großen Hofglocke stürzte und den Strick gewaltig anzog. Allein, wann und wo traf der Klang auf die Helfer, und konnten sie das Haus noch schnell genug erreichen? Gerade als die ersten Klänge sich in die Weite schwangen, kam der ›Junker‹ mit dem Magister Silberg durch die Herrensteigpforte auf den Hof herauf und sah sich bestürzt nach dem Grunde des Weckzeichens um. Der erste Blick zeigte ihm alles. »Die Tür zu, sonst ist das Haus zum Teufel!« schrie der ›Junker‹ und sprang mitten hinein in den Dampf und Qualm. Er packte an, und die Tür, woran die Flammen leckten, gab dem gewaltigen Griff nach, sie ging nach vorn und schnappte ins Schloß. »Wasser dagegen! Wasser auf die Treppe! – Haltet aus, Kinder, nur ein paar Minuten!« rief er weiter und riß der nächsten Dirne den gefüllten Eimer fort und goß ihn in mächtigem Schwunge gegen die Tür, die in der Tat noch hielt. Aber am oberen, schon verkohlten Rande schlugen die Flammen bereits durch. Er warf den Eimer zurück, er riß einen anderen an sich. »Wo ist meine Frau? Wo sind die Fräulein?« »Jesus, mein Gott!« schrie die Wirtschafterin auf. Die Fräulein müssen ja oben sein und die Jungfer –« Der ›Junker‹ fuhr sie an. »Lasse sie das verwünschte Geheul! Halte sie den Kopf zusammen! – Karl, ich sah vorhin im Garten eine Leiter, – flugs sie angelegt an der ›Kleinen‹ Fenster!« befahl er und schwang sich auf die untersten Treppenstufen. »Ich komme, Kinder!« rief er hinauf. Da erschien droben im Rauch Blankas Gestalt. »Bleib da, ich komme schon!« klang es beherzt herab. Und damit faßte sie die Kleider fest zusammen und sprang am brennenden Geländer vorüber und über die dampfenden und glimmenden Stufen leicht herunter in die Arme des Alten. »Großpapa, Viktoria und ihre Jungfer müssen Hilfe haben!« rief sie dabei. Er hielt sie fest umfaßt, hob sie auf und trug sie einem sicheren Platz zu. »So, mein Herzblatt!« sagte er, sie niedersetzend, und musterte sie genau – das wollene Morgenkleid glimmte noch hie und da. Sie aber faßte schon zu und drückte die Funken ohne viel Wesens mit der Hand aus. »Recht so, meine Kleine, nur immer Mut! Für die anderen wird auch gesorgt, – Karl holt sie herab. Es sind Katzen, mögen sie klettern!« sagte er mit einem Anfluge seines alten Humors und wandte sich wieder den Löschenden zu. Wie rasch sich dies alles auch aneinander geschlossen hatte, begannen jetzt dennoch schon die Helfer von allen Seiten herbeizukommen. Der Ton der Glocke, die immer noch gezogen ward, drang weit in die Gefilde hinaus, und wo er hier und da im Dorf vernommen wurde, ließ jedermann alles stehen und liegen, die Männer und Frauen liefen, was sie konnten, und die Knechte jagten mit den abgestrengten Gespannen querfeldein zum Hofe zurück. Denn dieser Ruf zu dieser Stunde verkündete allen die drängendste Not, und obendrein wurde als traurigstes Wahrzeichen auch die Rauchwolke um das Haus immer dichter und weit in die Ferne hinaus sichtbar. Auf dem Hofe war nun alles in rastloser Tätigkeit. Der alte Pfarrer hatte um sich alle Leute gesammelt und trieb sie, mit dem eigenen Beispiel vorangehend, zum raschen Angreifen. Die größere Spritze stand vor dem Hause und ihr Schlauch goß Wassermassen auf die stark brennende Treppe und die schon zusammenbrechende Kellertür. Die kleinere wurde in den Garten gebracht, um durch die Kelleröffnungen auf den Herd des Feuers drunten zu wirken. Vom Teich kamen allmählich auch die großen Wasserkübel rascher und rascher herbei, und wer sich bisher mühsam mit den Eimern geschleppt, durfte seine Kräfte besser verwerten. Man fing an, den kostbaren Besitz aus dem Hause zu schaffen, der Schäfer begann seine Herden auszutreiben, und im Viehstall band man die Kühe los, um sie rechtzeitig davon zu bringen. Geriet das Haus wirklich in vollen Brand, so war darauf zu rechnen, daß bei der Richtung des Windes auch der größte Teil des Hofes nicht zu retten war. Genug, eine kleine halbe Stunde, nachdem Silberg draußen und der ›Junker‹ drinnen den Befehl übernommen hatten, geschah alles, was sich mit den vorhandenen Kräften und Mitteln nur irgend zur Rettung des Hauses leisten ließ. Sie gelang. Und zu der Zeit, wo sonsten die Arbeitleute durch die Klapper zum Mittagessen gerufen wurden, war die eigentliche Gefahr für das Haus überwunden. Und nun war man endlich so weit, auch zu überlegen, was bisher die einzelnen nur für sich selbst allenfalls gefragt haben mochten: was war denn eigentlich geschehen und wie hatte es geschehen können? – Daß in dem Menkendorfer Hause mit Feuer und Licht auf das gewissenhafteste und vorsichtigste umgegangen wurde, versteht sich hier von selbst. Es hängt gar zu viel davon ab und jedermann tut sein Bestes, sich vor Unheil zu bewahren, und Fälle, wo ein Unglück durch kahle Nachlässigkeit und Unvorsichtigkeit hervorgerufen worden ist, sind daher auch kaum findbar. Natürlich sind auch alle Einrichtungen demgemäß und auf das zweckentsprechendste getroffen, und zu Menkendorf zum Beispiel durften die eigentlichen Vorratsräume, wo irgend feuergefährliche Gegenstände lagerten, auf ausdrücklichen Befehl des ›Junkers‹ und seiner Gattin nur in ganz besonderen Ausnahmefällen bei Nacht mit Licht betreten werden. Diese Bestimmung galt ebensogut auch für den Herrschaftskeller, obgleich natürlicherweise hin und wieder ein später Besuch hier auch, wie zum Beispiel des Weines wegen, schon eher einen späten Gang veranlaßte. In solchen Fällen wurde aber der Tragende meistens von einem Leuchtenden begleitet. Diese Auseinandersetzung ließ sich für uns nicht umgehen, wenn wir den Fall unseren Lesern wirklich und vollständig klar machen wollten. Am vergangenen Tage war niemand mit Licht hinabgegangen, ja, der Keller war, wie sich leicht nachweisen ließ, überhaupt seit der gestrigen Mittagsstunde von keinem Fuß mehr betreten worden. Trotzdem mußte aller Wahrscheinlichkeit nach das Feuer in den Abendstunden auf irgendeiner Stelle zu glimmen begonnen haben. Das eine sah man deutlich genug: wäre der Brand, wie es nur durch ein glückliches Ungefähr verhindert zu sein schien, schon in der Nacht vollends ausgebrochen, so würde an eine Rettung des Hauses nicht zu denken gewesen und selbst die Bewohner in ernste Gefahr geraten sein. Über den ersten Anfang des Brandes oder gar über seine Veranlassung, hatte man gegenwärtig nicht einmal Mutmaßungen. Die Dorf- und Hofleute redeten zwar, wie fast überall in solchen Fällen, unter sich mit aller Bestimmtheit von einem Verbrechen, ohne jedoch imstande zu sein, einen Verdächtigen auch nur ahnen zu können. Der ›Junker‹ und die Seinen aber schüttelten hierzu für jetzt noch ungläubig den Kopf, wenn sie auch den bestehenden Verhältnissen nach keine natürliche Erklärung zu erdenken beimochten. Ein Verbrechen angenommen, mußte man doch, wie es schien, vernünftigerweise gleich anfangs von den Hausgenossen und den Menkendorfern überhaupt absehen. Und wo man Fremde ins Auge fassen wollte, mußte man einerseits von keinem einzigen Feind des ›Junkers‹, und begriff andererseits nicht, wie ein solcher Täter hätte ins Haus gelangen und seine Tat gerade auf diesen Platz und obendrein so unvollkommen ins Werk setzen sollen. Die Hofgebäude waren nicht nur zugänglicher, sondern auch widerstandsloser als das Herrenhaus, und der erwachsende Schaden konnte unter Umständen dort fast noch größer sein als hier. »Dem sei nun, wie ihm wolle,« meinte der ›Junker‹, als er mit dem alten Freunde von dem Rundgange zurückgekehrt war und, im Flur den Wirtschafter treffend, das zunächst Nötige und auch den Verdacht der Leute besprochen hatte. »Daran ist jetzt wenig gelegen. Die Hauptsache ist der Zustand des Hauses, und der macht mir Sorge, – es ist teufelmäßig viel Wasser hineingekommen. Schlafen lasse ich keinen Menschen mehr darin vor der gehörigen Besichtigung. Für heute nacht meld' ich die Damen bei dir an, Moritz, und morgen fahren sie auf ein paar Monate zur Stadt. Hier kann ich sie nicht brauchen. Schicken Sie nach Liepen, Langhans, und bestellen Kron und Melow zu morgen. Wir müssen gleich ans Werk.« Silberg hatte indem auf den Hof hinausgesehen. »Ziehe dir nur erst einen trockenen Rock an und nimm deine Gäste in Empfang,« sagte er nun mit einem launig boshaften Schmunzeln und deutete dazu wichtig gegen das Hoftür, wo eben eine vierspännige Herrschaftskutsche einlenkte. »Den Teufel auch!« rief der ›Junker‹, die Brauen zusammenziehend, grimmig aus. »Wer kann denn das sein?« »Es sind, glaub' ich,« bemerkte Langthans, »die Mirowschen Pferde, Herr!« »Der ›Junker‹ drehte sich scharf auf dem Absatz um und ging seinem Zimmer zu. »Zieh' einen schicklichen Rock für Seine Gnaden an,« rief Silberg ihm lachend nach. »Du siehst wirklich wie einer von des Alten Fritz Grasteufeln aus! – Kommen Sie, Langhans, wir wollen ihnen entgegen gehen, denn anfahren können sie hier nicht.« – Der Wirtschafter aber machte einen feindseligen Katzenbuckel und pfauchte scherzhaft: »Danke, danke, Herr Magister, – ich muß in den Wirtschaftsleiter, denn da traue ich dem Frieden noch nicht!« Und drückte sich. Silberg zuckte lächelnd die Achseln und ging allein den Anfahrenden entgegen. »Das ist ja ein schreckliches Unglück!« rief Baron Mirow schon von weitem aus. »Wir hörten draußen beim Vorwerk davon, hielten's aber, da wir doch das Haus unverletzt und keinen Rauch sahen, für übertrieben. Die Hauptsach« scheint ja aber jetzt vorüber.« Mit musterndem Blick legte er zwei Finger in des herantretenden Silberg Hand. »Da wird man doch für einen Augenblick eintreten und sich nach den Damen umsehen können.« Er verließ dabei den Wagen, gefolgt von einem langaufgeschossenen, hageren jungen Menschen, der, den Pfarrer völlig übersehend, durch ein Stielglas unendlich gleichgültig das Haus betrachtete. Da kam auch der ›Junker‹ wieder zum Vorschein. Den Rock hatte er nicht gewechselt, und auch Bart und Gesicht trugen noch alle Spuren seiner vorhergehenden Tätigkeit. Er hatte sich, wie es schien, nur eine frische Pfeife angezündet, – was in anbetracht seiner Leidenschaft und der langen Pause, die er hatte machen müssen, gerade kein Wunder war. »Na, Mirow,« rief er, herantretend, mit seiner gewöhnlichen Ungezwungenheit aus und nahm statt der dargebotenen zwei Finger die ganze Hand des Barons und schüttelte sie kräftig, »da hätten Sie sich auch einen bessern Tag aussuchen können, – sehen Sie wohl, 's sieht hier nicht gesellschaftlich aus! Weiß nicht einmal, ob ich Ihnen einen trockenen Platz zum Sitzen bieten kann. Haben hier noch alle Hände voll zu tun, denn der Teufel ist drunten noch immer geschäftig. Aber nur herein, es wird schon Rat werden, wenn Sie uns auch nicht viel zu sehen bekommen. Mein alter Moritz hier muß einmal wieder aushelfen.« Der Baron lächelte beruhigend. Da er nach Grünau zum Kreistage fahre, habe er hier nur einmal einsehen und den alten Freunden seinen Sohn vorstellen wollen, erklärte er. »So? Ist das der Herr Sohn? schob der ›Junker‹ nicht eben erbaut dazwischen, indem er mit scharfem Blick den sich tadellos verbeugenden Begleiter Mirows von Kopf zu Füßen musterte. »Ich hatte gehofft,« fuhr der Baron fort, Sie vielleicht zum Mitfahren bereden zu können. Man wird drunten viele alte Bekannte finden und sich ein paar Tage gut unterhalten. – Jetzt freilich – schade, schade! Hätte auch mit Ihnen allerhand zu sprechen, alter Freund! Nun, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben, und vielleicht berede ich Ihre Damen doch noch. Sie bringen uns doch zu ihnen?« »Zu meinen Damen? Na, Baron, da müßten wir erst ganz jägermäßig auf die Suche gehen! Ich will erschossen werden, wenn ich weiß, wo sie stecken. Die Viktoria ist davongelaufen, – Moritz lasse sie holen, sie wenigstens kann euch Gesellschaft leisten. Die anderen, – na, wo sie stecken, weiß ich nicht, und allzu präsentabel sind sie keinesfalls, denn sie haben gleichfalls ihr Teil von dem Spektakel abbekommen.« »Fräulein von Warneck?« fragte der junge Herr, der zum erstenmal die Lippen öffnete, anscheinend sehr bestürzt. Der ›Junker‹ streifte ihn mit einem flüchtigen Blick. »Die? Na, ein bißchen angesengt ist sie auch und zum Staatmachen reicht es heut nicht. Sie könnte gar nicht einmal hinauf, – sehen Sie sich mal die Treppe an, Mirow! Es ging um ein Haar, sag' ich Ihnen! – Aber nur herein einmal, und das Weitere wird sich dann finden.« Damit sah es indessen nicht zum besten aus, denn es gab wirklich noch zu viel und zu Ernstliches zu tun, als daß man zur Ruhe kommen und den Gästen die gebührende Aufmerksamkeit hätte erweisen können. Pfarrer Silbern ließ sich die Unterhaltung der Gäste nach Kräften angelegen sein, und nach einer Weile kam ihm darin Komtesse Viktoria, die inzwischen aus dem Pfarrhause zurückgekehrt war, wenn anfangs auch noch m einer gewissen matten Stimmung, allmählich doch immer aufgeweckter zu Hilfe, so daß die beiden Gäste sich augenscheinlich wohler zu fühlen begannen. Zu dem Mittagessen erschien natürlich die Gutsherrin auf kurze Zeit, auch der Gutsherr, aber auf eine noch kürzere, während von Blanka hingegen überhaupt nichts sichtbar wurde. Ein behagliches, zum Verweilen einladendes Beieinandersein ließ sich eben nicht erzwingen, und als man seine Tasse Kaffee getrunken hatte, brach man voll lebhafter Versicherungen des grüßten Bedauerns und, mit dem Versprechen eines baldigen neuen Besuches wieder auf. Als der Wagen außer Hörweite war, meinte der lange Sohn, aber gar nicht schüchtern, daß er nicht verstehe, was der Herr Vater an diesen Leuten so besonders rühmenswert finde? Höchstens Komtesse Viktoria –. »Ah bah,« unterbrach ihn der Vater schnell, »diese Altheims fangen an zu verkommen: Der Graf lebt wie ein Narr, der Sohn geht durch, die Tochter, – mon fils , vergiß nie, daß Gunsleben unser erster Grundbesitzer ist und fabelhafte Summen in der Bank liegen hat. Dazu sind sie vom besten Blut, – es ist meines Wissens kein unreiner Tropfen darin! – und dies alles entschuldigt wohl die einigermaßen bürgerlichen Sitten und Neigungen. Endlich, wenn du bekommst, was du wünschest, – was geht dich das übrige an?« Ungefähr zur selben Zeit klopfte Detlef von Gunsleben seiner Enkelin auf die Schulter und sagte: »Na, Blanka, mein Herzchen, dir gebe ich eine Ehrenerklärung. Ich dachte bisher, daß deine Abneigung gegen Mirow nur eine Mädchenlaune sei. Aber du hast auch hier eine Probe gehalten, wie heute morgen unter Feuer und Wasser.« Zweiundzwanzigstes Kapitel Eine Überraschung Agnes Silberg hatte ihr Leben lang das Stillsitzen und Zusehen, wo andere arbeiteten, nicht verstanden, und es war ihr nie wohler, als wenn, wie heute, sie alles um sich her in voller Tätigkeit sah und selber am allerfleißigsten sein durfte. Ihr ganzes runzelvolles Gesicht strahlte. Sie hackte und harkte schier ohne Unterbrechung. Nur wenn sie einmal allzu müde war, das heißt, wenn es ihr schon schwarz vor den Augen wurde, da richtete sie sich ein wenig auf, um dann dem Storch droben auf dem Dach zuzulächeln oder den Hühnern zuzusehen, die heute einen Freipaß zum Garten erhalten hatten und es sich königlich schmecken ließen bei all' dem Gewürm in dem umgestürzten Erdreich. Plötzlich, als sie wieder einmal so in Freude eingehüllt dastand, legten sich ein paar Hände von hinten her vor ihre Augen und es klang dazu, als ob der Necker kaum seine Freude über den gelungenen Scherz zu zügeln vermöchte. »Nu – da weiß ich doch wirklich nicht, auf wen ich da raten soll! So junge, weiche Hände und solche Stimme –. Sollte etwa – nein, das kann doch nicht –« Da sanken die Hände herab und ein fröhliches Lachen wurde laut. »Gelt, du goldene Tante, das war einmal gelungen!« Die Pfarrerin hatte wirklich Mühe, sich zu fassen. »Ja, du garstiges Kind, mich zu erschrecken, und zwar gründlich, das ist dir gelungen und gelingt dir noch jetzt!« sagte sie mit ein wenig zitternder Stimme, »denn wo um Gottes willen kommst du her, Blanka? Es ist doch kein Unglück geschehen?« »Tantchen, gold'nes Tantchen, sei nicht bös! Sieh', den Scherz könnt' ich dir nicht schenken, die Großmama hat ja auch Ja und Amen dazu gesagt! Und als ich in den Garten kam und dich hier so still stehen sah, – da hätt' ich mich bald durch helles Aufjubeln verraten! O, Tantchen, ich bin ja so glücklich!« »Nun, Kind, wenn die Großmama mit im Bund ist, da bin ich verloren. Aber wissen möcht' ich doch endlich gern, was eigentlich los ist, daß ihr da eure Fahrt unterbrecht und du zurückkommst? Bist du nur der Vorläufer? Kriegt die Alte am Ende schon Heimweh nach ihrem Alten und will gar nicht reisen, und ich soll euch hier versteckt halten?« »Ganz so nicht, Tantchen! Großmama reist wirklich mit der Base Viktoria gehorsam ab. Aber ich bleibe hier. So haben wir's über Nacht beredet, und da sie sah, daß mich dieser Plan ganz glücklich machte, so gab sie's gern zu: der Großpapa ist doch sehr an uns gewöhnt, und der Abschied wurde ihm, wie du wohl sahst, recht schwer. Immer könnt ihr doch auch nicht bei ihm sein, und so allein in dem großen Hause – er hält's nicht aus! Und da er mich doch gern hat –« »So dachtest du, könntest du ihm und uns eine angenehme Überraschung bereiten. Denn darauf läuft's doch am Ende hinaus, du großmächtiges Kind, das von irgendeinem Unwesen seit gestern mit unserer vernünftigen Blanka vertauscht worden ist? Und nun, Scherz beiseite – dein Plan gefällt mir, denn wie der Alte einmal ist, so haben Silberg und ich wirklich mit einiger Sorge für ihn an die nächste Zeit gedacht, und wenn er zuerst wohl über deinen Einfall ein wenig zanken mag, so wird's ihm doch lieb genug sein. Und deinen Überfall will ich dir auch nicht verderben – ich helfe dir am Ende Wohl noch dabei. Lieber Gott, wir sind auch jung gewesen! Und so ist alles recht, und nur das eine will mir nicht recht in den Kopf –, daß du die Stadt so leicht aufgeben und dich mit unserer Einsamkeit begnügen konntest. Hast du denn gar keinen Trieb dahin? Du warst den ganzen Winter hier.« »Nun ja, Tante, ich hätte sie schon gern einmal wiedergesehen – auf ein paar Tage, länger aber nicht. Denn hier ist es doch immer am schönsten, und nun gar, wo es Frühling wird!« Die Pastorin schüttelte den Kopf, und in den Augen, die sich von dem Mädchen abwandten, regte sich etwas wie ein zerstreutes Lächeln. Aber sie sagte nichts. Und dann kam es so, wie es kommen mußte. Der ›Junker‹ war, da er die Enkelin abends so unvermutet wieder ins Zimmer schlüpfen sah, anfänglich nicht wenig überrascht, ja wirklich einigermaßen erschrocken und hatte große Lust, recht ordentlich auf das »Komplott hinter seinem Rücken« loszuzanken. Allein Blankas Freude und Zärtlichkeit, und die sehr entschiedene Parteinahme der alten Silbergs für den Plan, ließen ihn nicht recht dazu kommen, und im Grunde tat ihm die Liebe, die diesen Plan hervorgerufen hatte, doch gar zu wohl, als daß er sich lange hätte dagegen wehren sollen. Schließlich freute er sich sogar darüber, und zu allerletzt wunderte er sich allen Ernstes, wie er denn überhaupt auf solch einen verrückten Gedanken hatte kommen können, jetzt »seine Kleine« fortzuschicken; denn Gelegenheit und Veranlassung zum Fleiß, zum Zugreifen und zum Aufpassen hatte es zu Menkendorf nie in höherem Maße gegeben als jetzt. Der Brand- und Wasserschaden war größer, als man gefürchtet hatte. Als man in den Keller einzudringen vermochte, fand man, daß die Gewölbe, zumal gegen den Eingang zu, wo die Gewalt des Feuers am stärksten und die Wirkung der Wassermassen am größten gewesen, schwer gelitten hatten. Droben war die Treppe so gut wie ganz zerstört und, wie sich jetzt zeigte, auch ein Teil des Gebälks schon angegangen gewesen. Man mußte sich stets von neuem Glück wünschen, daß die Entdeckung des Brandes eine so rechtzeitige gewesen war, und die Hilfe eine so rasche und ausgiebige hatte sein können. Es hatte verzweifelt wenig daran gefehlt, daß das ganze Haus verloren gegangen wäre. Und je sorgfältiger man jetzt so alles überlegte und zusammenhielt, desto weniger konnte selbst der Ungläubigste noch an einem Verbrechen zweifeln, ob auch die wirklichen Zeichen und Spuren des Täters und seiner Tat durch den Brand selber zerstört waren. An eine Unvorsichtigkeit der Hausgenossen war nicht mehr zu denken, da es sich hatte nachweisen lassen, daß eine solche gerade in den letzten Tagen vor dem Brand bestimmt nicht stattgefunden hatte. Ebensowenig konnte von irgendeinem andern unglücklichen Zufall die Rede sein. Dagegen stieß, genauer angesehen, die verbrecherische Absicht von keiner Seite auf ernstliche Hindernisse. Man hütete zu Menkendorf so wenig, wie überhaupt auf den ländlichen Besitzungen, das Haus mit besonderer Ängstlichkeit; ein wirklicher Verschluß fand nur während der Nachtstunden statt. Wer sich einschleichen wollte, fand in den vorausgehenden Abendstunden Gelegenheit genug dazu. Es waren ja auch Kelleröffnungen da, welche, zumal auf der Gartenseite, den meisten Blicken vollständig entrückt blieben, gegenwärtig, wo der Frühling kam, von der Winterdecke befreit und endlich nicht einmal durch feste Gitter geschützt waren. Da gab's zur Not schon einen Eingang und ein Zündstoff ließ sich leicht hinabbefördern. Man fand bei einer solchen Öffnung auch wirklich das schwache Gitter herausgebrochen, aber es ließ sich allerdings nicht mehr feststellen, ob es nicht am Ende erst von den Löschenden selber beseitigt worden sein möchte. Der ›Junker‹ wollte, wie von Anfang an, auch jetzt noch von diesem Verdachte kaum etwas wissen. »Ich will den Teufel und mir den Kopf, der ohnehin schon kraus genug ist, obendrein mit Mißtrauen und Umherspüren nicht noch toller machen,« sagte er verdrießlich. »Wir wollen uns für die Zukunft besser sichern, und damit sei's genug.« Silberg und Langhans dachten aber nicht ganz so gleichgültig und nachsichtig, sondern behielten die Sache und vielleicht auch den einen oder andern Menschen scharf im Auge. Und daran taten sie recht ... Dreiundzwanzigstes Kapitel Aufhellungen »Da ich mich einmal darein ergeben habe, von dir, mein geliebter alter Detlef und euch Lieben allen, eine Zeitlang getrennt zu bleiben, so suche ich mich denn allmählich auch so gut wie möglich an die hiesigen, mir äußerst fremd gewordenen Menschen und Zustände hineinzufinden, um nicht jeden Augenblick durch diese Fremdheit gestört und irregeführt zu werden. Die ersten Wochen, ich kann es nicht leugnen, sind mir recht schwer geworden. Unsere vieljährigen vertrauten Menkendorfer Alltagskleider wollten hier, wie ich bald merkte, gar nicht passen; alle Welt, selbst die Unseren, erscheinen in ganz anderen Kleidern, als wir sie draußen kennen, und es erschien mir töricht, mich durch eigensinniges Beharren bei meiner alten, für alle anderen abgetanen Weise auszeichnen zu wollen. Wir haben uns zu Menkendorf – ich rede nicht von den alten Freunden, sondern nur von uns! – auf das tadelnswerteste eingesponnen. Das ist für dich, mein lieber Alter, und mich nicht recht, und für Blanka rechne ich es uns sogar zum ernsten Vorwurf an. Wüßt' ich sie bei euch nicht wirklich unentbehrlich, so müßte sie kommen. Wenn ich die acht Tage abrechne, die ich hier vor drei Jahren verweilte, so bin eigentlich seit Blankas Geburt nie recht aus unserem alten Menkendorf herausgekommen. Das ist eine erschrecklich lange Zeit, zumal für Menschen in schon vorgerückten Jahren und in einem so raschen Leben wie dem heutigen. Da kann von dem Früheren nicht viel übrig geblieben sein, und ist es auch nicht. Die Stadt freilich ist noch immer die gleiche. Ich finde noch all die alten Plätze wieder und wallfahrte zu ihnen mit getreuem Herzen – wie waren wir hier froh und glücklich und wie bescheiden! Aber mit den Menschen ist es allerdings weit anders: Ein paar von ihnen sind tapfer fortgeschritten. Andere blieben aber stehen und verfielen, sei es aus Eigensinn, sei es aus Schwäche. Ich fand so ein paar, aber sie erschienen mir merkwürdig kleinlich und spießbürgerlich, so daß ich mich erschrocken fragte, ob wir vordem alle so gewesen, oder ob es mit uns nur allmählich so geworden, und ob zum Beispiel auch wir jetzt den übrigen in diesem unerfreulichen Licht erscheinen mochten? Lacht mich aus wegen meines – so werdet's ihr wohl heißen! – Philosophierens. Glaubt mir, ich habe nie so viel und so tief nachgedacht über die Menschen und das Leben wie hier in diesen Wochen, diesen Kreisen, und ich meine sagen zu dürfen, daß ich nicht nur klarer geworden bin, sondern auch nachsichtiger. – Ich bin da, wie ihr wohl begreift, bei Viktoria. Wie sie einmal ist, kann sie in unseren Kreisen, bei uns und zu Drakenhof, vorzüglich aber bei Moritz und den Seinen, unmöglich an ihrem Platze sein, sich wohl und frei fühlen und auch ihre guten Seiten zur Geltung kommen lassen. Sie ist für uns eben eine Einzelerscheinung und daher für uns abgeschlossene Menschen fremdartig. Hier verschwindet das Auffällige und Hervorstechende fast gänzlich. Ich verteidige weder ihren Charakter, noch ihre Verirrungen, allein ich begreife nur allzu gut, wie sehr wir es meistens ihr gegenüber versehen, wie selten wir es auch nur versucht haben, es ihr bei uns einmal heimisch werden zu lassen. Sie fand bei uns stets nur so etwas wie einen Strafaufenthalt. Ich beobachte sie scharf. Ich lasse sie in ihrer Weise gewähren und mich von ihr, wenn sie darnach verlangt, in möglichster Ruhe und Freundlichkeit finden. Die Wirkung ist schon jetzt günstig. Ich finde sie nicht bloß natürlicher und gleichmäßiger, sondern auch wirklich vertrauensvoller gegen mich, als je zuvor. Und wir haben ein paar Gespräche miteinander gehabt, wie ich sie zwischen ihr und mir gar nicht für möglich gehalten hätte. Wenn ich sie so ansehe und obendrein mit einzelnen anderen Hiesigen vergleiche, so gewinnt sie wirklich ernstlich. Ich habe mich – ich muß hinzufügen: schwer – entschlossen, neulich einmal zu der armen Rosa Mereau zu gehen – ach, Detlef, was ist das für ein Jammer! Wenn du diese Selbstanklagen und diese Selbsterniedrigung gehört und gesehen hättest, diese Verzweiflung über ihre Leichtgläubigkeit und ihren Fall, über ihr Auftreten bei uns, diese flehenden Bitten um unsere Verzeihung, diese überströmende Dankbarkeit für unsere Hilfe in ihrer trostlosen Lage – es wäre dir wie mir ergangen! Du hättest ihr deine warme Teilnahme zeigen, du hättest ihr nach Kräften tröstend und aufrichtend zureden müssen! Was kann das unglückliche Geschöpf dafür, daß ein nichtswürdiger Mensch sie erbarmungslos in den Abgrund des Verderbens stürzte? – Ihr Zustand ist noch immer traurig, und der Arzt schüttelt den Kopf und wagt selbst von der Zeit kaum eine volle Wiederherstellung zu hoffen. Die Mißhandlung ihres tiefsten und besten Fühlens läßt den Körper nicht zur Genesung und Erstarkung gelangen, und der Arzt fürchtet die allmähliche Entwicklung eines Herzleidens. Genug, an ihre Abreise war noch nicht zu denken, und wenn ich ehrlich sein will, muß ich sagen, daß auch ich noch gar nicht daran denken mag. Die Eltern scheinen, soweit ich davon erfahre, nicht versöhnt, sondern voll starrer Härte zu sein. Man kann einen Menschen doch nicht wissentlich und geradeswegs in den Tod schicken. Ich habe daher auch ihr selbst gesagt, daß die Zukunft fürs erste noch gar nicht in Frage für sie kommen dürfe. Sie sei einstweilen wohl aufgehoben und brauche um das Ende dieses Unterschlupfs, wenigstens von uns aus, nicht zu sorgen. Genug, ich bin vorgestern schon zum zweitenmal dagewesen und werde jetzt öfters zu ihr gehen, da ich sah, wie sichtbar wohl ihr mein Besuch tat. Die Pflegerin, welche Silbergs Sohn für die Kranke aufgefunden hat, entspricht ihrem Zweck in der vollendetsten Weise. Sie heißt Renate Stein. Sie hat leider gleichfalls eine dunkle Vergangenheit gehabt, aus der sie sich aber voll Bravheit wieder heraufgearbeitet hat. Sie hat sich als Nähterin durchaus achtungswert durchgebracht und nach Kräften für ihr Kind gesorgt – ein etwa siebenjähriges, ungewöhnlich hübsches Mädchen, dessen Gesichtchen mich stets an ich weiß nicht wen erinnert. Im vorigen Sommer ist sie in Folge der Überarbeitung krank geworden und seitdem brustleidend geblieben.« Es war in diesem Briefe und auch in späteren noch manches, was den Angehörigen und Freunden zu Menkendorf an der treu geliebten alten Frau nicht wenig auffiel, – vor allem eine Art von Wohlgefallen an der Stadt. Die Stadt war für die beiden Menkendorfer Familien etwas wie die rechte, ursprüngliche Heimat; die Pfarrfrau hatte dort ihr Elternhaus gehabt, die übrigen verlebten daselbst, wenn nicht den größten, doch besten Teil ihrer Jugendzeit. Von ihren Kindern ließ sich, wenigstens für die Zeit, wo ihre Erziehung vollendet wurde, das Gleiche sagen, einzelne gründeten, wie wir wissen, dort sogar ihre eigene Häuslichkeit, und bei den Enkeln traf alles auch wieder in ähnlicher Weise zu. Dazu war die Entfernung zwischen dem einen und dem anderen Platz durchaus nicht bedeutend. Trotzdem war und blieb der Verkehr zwischen beiden Plätzen stets ein beschränkter. Der ›Junker‹ kam, seiner Geschäfte wegen, noch am häufigsten für längere Zeit hinüber. Die seit dem Juli des vorigen Jahres verflossenen neun oder zehn Monate hatten mehr und Ernsteres für die Familie des ›Junkers‹ mit sich gebracht, als vordem eine ganze Reihe von Jahren. Und obendrein war das Geschehene noch keineswegs zum Abschluß gelangt. Jetzt, auf die Briefe der Frau Agnes, fingen die Zurückgebliebenen an, sich auszusprechen, das Vergangene und Bestehende sich erst recht klarzumachen, das Kommende sich bewußter zu überlegen. Versuchen auch wir bei dieser Gelegenheit einmal, sei es auch nur in flüchtigen Strichen, alles, was geschehen war, zusammenzustellen. Als der ›Junker‹ an jenem schweren Tage den Enkel ausgewiesen und seine Entscheidung den Seinen mitgeteilt hatte, stieß er selbstverständlich auf keinerlei Einwendungen. Selbst Viktoria hatte für den Bruder kein Wort gefunden. Sie hatte auf der gemeinsamen Reise von ihm manches zu erleben gehabt, was ihre Geduld bis zum Zerreißen anspannte, die härtesten Vorwürfe über ihre »unerhörte« Verirrung, den schonungslosesten Hohn über ihre »sogenannte« Entsagung, den grimmigsten Spott über ihre »heuchlerische« Trauer. Und da betraf sie ihn schon in der Ankunftsstunde auf einem Vergehen, das ihn durch die Nichtswürdigkeit seines Handelns in den Augen aller und selbst in ihren eigenen tief herabsetzen und jeder ferneren Schonung unwürdig erscheinen lassen mußte. Viktoria konnte seine jetzige Strafe nur gerecht heißen, wenn sie auch die ursprüngliche Schuld nicht weniger in der ihm gewordenen falschen Behandlung der Seinen, als in seiner eigenen unverbesserlichen Natur finden zu müssen glaubte. Eugen hatte den Weg zur Garnison wider Vermuten ohne Zögern zurückgelegt und sich dort nach Befehl zum Arrest gemeldet. Es fand noch am selben Tage ein Verhör statt, von dessen Inhalt natürlicherweise nichts bekannt wurde. Am nächsten Morgen war er aus seiner Haft und der Stadt verschwunden und wurde, trotz der anscheinend rücksichtslosen Verfolgung, nicht mehr eingeholt. Ja, man entdeckte nicht einmal die Richtung seiner Flucht. In der Öffentlichkeit zuckte man selbstverständlich über die »Tatkraft« der Verfolgung die Achseln, da man begreifen zu dürfen glaubte, daß die Militärbehörde im stillen mit diesem Ausgange der anrüchigen Angelegenheit sehr zufrieden war. Denn die Flucht des Unverbesserlichen befreite sie mit einem Male von allen weiteren denkbar unangenehmen und peinlichen Vornahmen und erlaubte ihr, sich gegenwärtig mit den gewöhnlichen Schritten gegen einen schuldenhalber entwichenen Offizier zu begnügen. Für sie war ja einstweilen nur von, freilich zahlreichen und wenig ehrenhaften, Schulden die Rede. Acht Tage später gewann die Sache allerdings ein bei weitem anderes Ansehen, und man wünschte sich bei dem Regiment vermutlich nun noch lebhafter Glück, daß man den Herrn für immer losgeworden war. Es gelangte nämlich ein kleines Paket an den Regimentsadjutanten, das die abgenutzte große rote Brieftasche und in dieser eine ganze Reihe von weiteren Schuldscheinen Eugens enthielt. Ferner ein genaues Verzeichnis der Scheine, die auf des Leutnants Wunsch von dem Makler angekauft worden waren. Jetzt gab die Militärbehörde die ganze Sache allerdings an den Untersuchungsrichter ab. Es erfolgte ungesäumt der Steckbrief und die Verfolgung wurde auch sonst mit allem Eifer aufgenommen. Aber sie hatte leider keinen Erfolg, der Flüchtling blieb verschwunden. Wiewohl man nun diesen Anhalt wider Eugen gefunden hatte, so sah sich die Untersuchung des ganzen Willmann'schen Falles dennoch hierdurch kaum recht gefordert. Die Brieftasche – sie war natürlich die des Ermordeten – enthielt außer dem Angegebenen nichts als ein paar völlig gleichgültige weitere Papiere; vor allem fehlte auch jener angebliche Brief des alten Silberg, den Willmanns zu Grünau erhalten und eingesteckt hatte. Aber auch in Ansehung des Vorhandenen hatte man mit Widersprüchen und Rätseln zu kämpfen, für die sich keine Auflösung finden wollte. Man sah allerdings, wie viel dem Grafen an der Beschwichtigung des Willmanns hatte liegen müssen, man verstand jedoch nur um so weniger das von ihm beliebte Verfahren. Er hatte, wie man durch seine beiden Vertrauten, durch die Herren von Brunneck und Birken, wußte, gegen diese niemals die Richtigkeit der Willmannschen Forderung abgeleugnet, vielmehr gerade durch sie mit dem ungeduldigen Gläubiger wegen eines Aufschubs verhandeln lassen. Und dennoch hatte er nicht bloß vor seinem Großvater und dem Obersten, die erst durch ihn selbst davon erfuhren, sondern anscheinend auch gegen Willmanns selber die Forderung für eine betrügerische erklärt. Daß er den Mord nicht persönlich vollbracht hatte, schien durch Birkens und seiner Gutsangehörigen Zeugnis wohl bewiesen zu sein. Hatte er aber einen anderen zu der Tat veranlaßt, so war es auffällig genug, daß dieser willfährige Täter sich nach der Tat alsbald wieder gegen Eugen erklärte und die für diesen wichtigsten Papiere der Behörde auslieferte. Oder endlich – fand zwischen dem Offizier und dem Täter am Ende gar kein anderer Zusammenhang statt, als daß ihre Absichten sich rein zufällig zu gleicher Zeit wider Willmanns gewandt hatten? Wer war dann dieser Täter und was sein Beweggrund? Das Paket als solches gewährte überhaupt keinen Anhalt. Es war in Bremen zur Post gegeben ohne Wertangabe. So stand bei dem »Willmanns'schen Fall« noch alles so ziemlich beim alten. Neue Entdeckungen fehlten; Matthies Matthiesen blieb verschollen, und von dem Hauptverdächtigen Peter Ahrens hatte man seit seiner kecken Flucht gleichfalls nichts mehr vernommen, obgleich der Fernschreibedienst noch am gleichen Tage die gesamte Küste wachgerufen hatte und der Bursche daher voraussätzlich überall, wo er sich zu zeigen wagte, sogleich entdeckt werden mußte. Aber die Gestaltung dieser Küsten ist allerdings von der Art, daß eine genaue Überwachung beinahe zur Unmöglichkeit wird, und überdies konnte es beiden Flüchtlingen nirgends an Bekannten fehlen, denen sie sich im Fall der Not ziemlich sicher anvertrauen durften. Das Seevolk läßt einander nicht leicht im Stich und haßt nichts entschiedener, als den Verrat eines alten Freundes, wie wenig der auch eine solche Treue verdienen mag. Anfangs hatte man sich auch von der Ergreifung des Mahlknechts Gottlieb Kraus einen Erfolg versprochen und war auf das schärfste gegen ihn vorgegangen, jedoch Nennenswertes wurde nicht erzielt. Der Bursche stand von Jugend auf als heimtückischer und händelsüchtiger Gesell in schlechtem Ruf und war schon mehrfach bestraft worden, so daß er nach seiner letzten Entlassung aus dem Gefängnis in der Stadt keine Stelle mehr fand und sich nach Menkendorf wandte. Mit der Ermordung des Willmanns hatte er nachweisbar nichts zu tun und über den Mörder behauptete er keine Vermutung zu haben – auf Peter Ahrens, den er früher einmal kennen gelernt und zufällig auf dem Golm wieder getroffen haben wollte, warf er keinen Verdacht; daß er den bitter gehaßten Gerichten gegenüber gewissermaßen Partei für den Mörder nahm, ließ sich bei seiner Natur erklären, und ebenso, daß er dem ehemaligen Mitschüler und jetzigen Gerichtsbeamten Wehrenberg im Grimm eine freche Drohung zugerufen hatte. Hierfür übrigens bekam er eine mehrwöchige Gefängnisstrafe. Es bleiben uns noch ein paar Worte über das arme Mädchen zu sagen, das Eugen schutz- und hilflos den Seinen zurückgelassen hatte. Die niederträchtige Handlungsweise Eugens hatte bei der Unglücklichen einen vollständigen Gesinnungswechsel zur Folge gehabt: sie verlangte jetzt mit der gleichen Leidenschaftlichkeit davon, mit der sie bisher zu dem Geliebten und den Seinen gestrebt hatte. Aber der ›Junker‹ gab dem nur insofern nach, als er ihre Übersiedlung in die Stadt gestattete, wo sie die Ordnung ihrer Angelegenheiten abwarten sollte. »Sie soll uns nicht mit dem Schuft verwechseln, sondern muß sehen, daß es noch barmherzige Menschen in der Welt gibt!«, sagte er. Als sie von einem Knaben entbunden worden, setzte der ›Junker‹ es gegen ihren Willen durch, daß das Kind auf des Vaters Namen getauft wurde. Er wollte alle dadurch begründeten Ansprüche mit seinem vollen Ansehen vertreten, und er nahm keine Rücksicht auf die Mißbilligung, die sein Verfahren hie und da, beispielsweise bei seiner Schwiegertochter Hildegard, fand. »Lieber tot, als ehrlos, heißt's bei den Gunsleben!«, sagte er hart. Vierundzwanzigstes Kapitel Wiederum bei den »St. Jakobsbrüdern« Peter Jansen war eben von einem seiner ziemlich geheimnisvollen Geschäftsgänge heimgekehrt und schüttelte sich wie ein Pudel, der aus dem Wasser kommt. Es flog draußen wieder ein recht hübscher, ganz und gar nicht frühlingslauer Regen durch die Straßen und trieb jedermann, der trotzdem hinaus mußte, baldmöglichst wieder unter Dach und Fach. »Uf! Gott verdamm' den Schneider und seine Ware! Durch und durch, sag' ich! So ein hundsföttischer Regen!« »Je nun, Peter Jansen, das ist die gerechte Strafe! Nun wißt Ihr, wie einer gebadeten Katze zu Mut ist, die man obendrein wieder vor die Tür setzen will.« Peter Jansen hatte bei den ersten Lauten überrascht aufgesehen, den Sprecher jedoch ruhig zu Ende reden lassen. Jetzt warf er den triefenden Rock über das Schenkstandgitter und schob sich von einer plötzlichen Erinnerung befeuert gegen den Gast hin, dessen Gesicht in der hier herrschenden Dämmerung nicht zu erkennen war. »Gott verdamm' meine Augen, wenn das nicht der Spaßvogel Doktor Basch oder Bosch oder Busch ist! Kommt der Herr wieder zu Wasser?« »Nein, Peter, Gott behüte mich! Aber wie ich sehe, steht's mit Euch drinnen und draußen gottlob noch recht ordentlich und nicht, wie mir vorhin die dicke Liese vorklönte, daß die Frau Wirtin im Bett läge und mit dem Herrn Wirt kein Auskommen wäre.« »O, Herr! es ist schon so, wie Sie vernommen. Meine Alte wirft es ins Bett und mich reißt es auch um!« »Na, na, nur immer kalt Blut! Und da ich jetzt hier bleibe –« »Wie, – hier bliebe? Der Herr sagte doch damals –« »Freilich sagt' ich etwas anderes und dachte mir's auch anders. Doch das ist eine lange Geschichte, und da wir unsere Kur schon jetzt anfangen müssen, so zieht zuerst einen trockenen Rock an und dann besorgt Ihr Euch ein Glas Grog, – denn das ist die beste Reißmatismusarznei – bringt ein paar von den alten Zigarren mit, – die Liese fand, glaub' ich, nicht die richtige Kiste! – Und darauf setzt Ihr Euch hierher zu uns, und wir halten Rat und reden klug, und ich erzähl' Euch die grausamsten Mordgeschichten!« Der Wirt sah jetzt mit einem ungemein bezeichneten Blick zu dem zweiten, bisher stummen Gast hinüber, als ob er nicht ganz sicher sei, inwieweit der zu der bevorstehenden Unterhaltung passen möchte. Doktor Busch fing den Blick auf. »Unbesorgt, Peter! Der Herr ist mein Reisegenoß, und zwar – Ihr heißt's ja wohl Rechtsverdreher – aber, wenn er erst zum Sprechen kommt, ein sehr unterhaltsamer Gesellschafter.« »Will der Herr auch hier bleiben? Wir haben von der Art sonst schon genug hier.« »Nicht doch, Peter! Er will nur ein paar Tage in Geschäften hier verbringen und könnte wohl auch den einen oder den andern Rat von Euch brauchen!« »Na, ich komme gleich wieder,« knurrte der freundliche Herbergsvater darnach und ging. Es währte nicht lange, bis er wieder zurückkam, gekleidet in die dicke Hausjacke und gefolgt von der Liese, die den Grog, die Zigarrenkiste und das Licht herbeibrachte. Und nachdem er sich mit einiger Mühe auf dem engen Platz zwischen Tisch und Bank bequem gemacht hatte, kam man alsbald zur behaglichen Unterhaltung. Sonstige Gäste waren ja nicht da, denn es war wohl noch nicht die rechte Stunde. Doktor Busch berichtete vor allem von seinen Erlebnissen, die, obschon vielleicht nicht gerade ungewöhnlich, dennoch zu den unerfreulichsten gehörten, so einem gerade im Beginn seiner Laufbahn beschert werden können. Es arztete auf dem Platze, den er sich gewählt, nicht allein ein bejahrter Herr, der den neuen Amtsbruder von Anfang an unfreundlich aufnahm und ihm nach Kräften alle auffindbaren Hindernisse in den Weg schob, sondern es zog auch wenige Wochen nachher ein weiterer, gleichfalls schon älterer Arzt dorthin, und so erwuchsen dem Anfänger sogleich zwei Gegner. Seine Stellung wurde unbehaglicher von Tag zu Tag, und als um Weihnachten obendrein auch sein dort lebender Vetter starb, entschloß sich Busch ohne viel Bedenken, sein Glück anderwärts zu suchen. Die alte Stadt mit der Herberge »zu den St. Jakobsbrüdern« stand, wie kurz er auch da verweilt haben mochte, bei ihm in gutem Andenken. Und da ein Freund hierorts, an den er schrieb, ihm die gute Nachricht geben konnte, daß eben durch den Tod eines Berufsgenossen der größte Arbeitskreis frei geworden sei, so machte er sich rasch auf den Weg und war jetzt hier. An und für sich war ihm der Platz, wo er sich niederließ, ziemlich gleichgültig. Er bedurfte nur eines Orts, wo die Verhältnisse nicht ganz so klein und eng waren, wie er sie drüben in jenem pommerschen »Nest« zu seinem Schaden kennengelernt hatte. »Und so werde ich hier wohl richtig sein,« schloß er. Peter Jansen bestätigte dies. Der verstorbene Arzt sei ein Einheimischer gewesen und habe, wo nicht seine einträglichste, doch größte Betätigung in den Hafenquartieren der Stadt und den angrenzenden Stranddörfern gehabt, wo man ihn schwer vermisse, da er den hier herrschenden Ton genau zu treffen gewußt habe. Ersatz habe sich noch nicht gefunden. Die älteren Fachgenossen seien zu vornehm und schon allzu bequem, und die jüngeren neumodische Pflanzen, die von der guten alten Art nichts verständen und die »kleinen Leute« über die Achsel ansähen. So seien die Aussichten für einen neuen, lustigen und warmherzigen Doktor, der obendrein mit den Leuten in ihrer Sprache verkehren könne und möge, ganz gut. Die im Hafenviertel dankten Gott, fänden sie jemand, der dem Fischer und Bootsmann keine Rechnung schriebe wie den großen Hansen. »Der Herr kann da morgen früh gleich anfangen,« beendete er seine Meinung, »da ist der arme Teufel, der Christen – der Herr weiß ja noch! – der hat seit vier Wochen das Fieber, und sein Weib liegt krumm und lahm an der Gicht, und der bestallte Armenarzt zuckt nur die Achseln, wenn er überhaupt kommt. Und so gibt's viele. Das weiche Wetter hat uns alle krank gemacht.« »So schrieb mir Wehrenberg vor vier Wochen ungefähr auch. Nun, wir müssen eben sehen.« »So – der Wehrenberg? Hm, ja – ach so – so –! Übrigens, warum ist der Herr denn dazumal nicht zu mir gekommen mit seiner Entdeckung, he?« Einer schicklichen Erwiderung auf diese peinliche Frage wurde Doktor Busch indessen – wenigstens vorderhand – auf das angenehmste enthoben, denn es ging jetzt die Tür auf und eine kräftige Stimme rief forschend herein: »Halloh, Peter, ich bin von einem alten Freunde hierher bestellt worden. Ist er etwa schon da?« »Alles recht, Herr Assessor, nur immer heran!« antwortete Peter Jansen, und zugleich erhob sich auch Busch von seinem Platz mit einem lebhaften: »Da bist du ja, Wehrenberg! Ich hatte schon Angst, man möchte dir meine Botschaft nicht bestellt haben!« Nun saßen die Freunde denn wieder beieinander und konnten alles das auf das ausführlichste bereden, was im Briefwechsel, der zudem kein häufiger war, zu knapp oder nur flüchtig Ausdruck gefunden hatte. Das war hauptsächlich in bezug auf die »Mordgeschichte« der Fall. Der Gast, der mit Doktor Busch gekommen und als Reisegefährte eingeführt worden war, verhielt sich überaus schweigsam, folgte aber, wie man wohl merken konnte, mit Aufmerksamkeit der Unterhaltung. Bei Wehrenbergs Ankunft hatte er sich lediglich vorgestellt: Rechtsanwalt Joseph Stein aus Mannheim – und gebeten, ihn nicht als Störenfried betrachten zu wollen und durch seine Anwesenheit keinerlei Redezwang sich aufzuerlegen. Da mit einem Male mischte er sich in's Gespräch. »Es wurde hier eben ein Name genannt, der mir nicht unbekannt ist. Sie gedachten eines Altheim. Ein älterer Herr dieses Namens – Graf Albert Altheim, ist bei uns am Rhein eine ziemlich, ich kann nicht sagen: unangenehm bekannte Persönlichkeit. Winters, glaub' ich, lebt er zu Mainz. Könnte er mit dem hier Genannten zusammenhängen?« »Leider ja,« gab Alfred Wehrenberg zur Antwort, »der ist der Vater des hiesigen. Den alten Grafen also kennen Sie?« »Ja, dem Namen und dem Ruf nach, auch allenfalls vom Sehen, – weiter nicht. Dann hört' ich aber im vorigen Frühling zu Landau bei Bekannten auch einer Komtesse Altheim erwähnen. Gehört die gleichfalls dazu?« »Vermutlich, ja. Komtesse Altheim weilte im vorigen Jahr wenigstens einige Zeit in der Pfalz.« Merkwürdigerweise fand darnach das Gespräch keine weitere Fortsetzung in dieser Richtung; es sprang sozusagen mit einem Ruck und zwar auf Veranlassung des Fremden in eine andere über, die offenbar aus einem geschäftlichen Hintergrund kam. Doch auch sie blieb nicht lange bestehen, sondern verlor sich allmählich in Alltägliches, in Wetterfragen, Angelegenheiten des volkswirtschaftlichen Lebens und in den Belangenkreis der Zeitläufte. Zuletzt verabredete Assessor Wehrenberg mit seinem Freunde eine Begegnung für den folgenden Tag, um dessen Ansiedlung ernstlich zu betreiben. Hierauf nahm er Abschied und ging, während man seinen beiden bisherigen Gesellschaftern das bestellte Nachtessen vorsetzte. Nun ereignete sich etwas Unerwartetes. Wenn man die eigentliche Gaststube verläßt, gelangt man auf einen Flur, der, abweichend von der gewöhnlichen Einrichtung der alten Häuser, einen sehr kleinen Raum einnimmt. Er ist nichts weniger als winkelig oder dunkel, sondern sozusagen glatt aus dem Hause herausgeschnitten, überdies brennt in den Dunkelstunden auch auf der Straße vor dem Hauseingang eine Laterne und macht den Gästen den Eintritt zu den »St. Jakobsbrüdern« so bequem, wie sie nur wünschen können. Am heutigen Abend brannte die Laterne durch irgendeinen Zufall nicht, und als Alfred aus der Helle des kleinen Flurs in die Haustür trat, war es, zumal da aus dem nassen Abend längst eine richtige Regennacht geworden, so dunkel vor seinen lichtgewöhnten Augen, daß er nichts vor sich zu erkennen vermochte und den Fuß, vorsichtig tastend, auf die erste der beiden Torstufen hinabsetzte. In diesem Augenblick sprang von der Seite her jemand auf ihn ein. Eine starke Faust packte seine Schulter und eine zweite führte einen Stoß gegen seine Brust, so jäh und so heftig, daß er fest gegen den Türpfeiler gedrückt wurde. Er verlor aber seine Geistesgegenwart nicht, sondern erhob fast zugleich die freie Hand und schlug sie mit aller Kraft dem Angreifer ins Gesicht, so daß dieser zurücktaumelte und ihn los ließ. Dabei fiel das Licht der Hauslaterne durch die offene Tür eine Sekunde lang auf den Fremden und ließ bemerken, daß dessen Gesicht geschwärzt war. Bevor Alfred jedoch ihm nachzuspringen vermochte, stürzte wiederum eine Gestalt aus dem Dunkel hervor und führte einen schweren Schlag auf die erste, so daß diese zusammenbrach und etwas klirrend aufs Pflaster fallen ließ. Im nächsten Augenblick aber war sie schon wieder aufrecht und taumelte mit einem dumpfen Fluch davon. Die zweite stürzte nach, stolperte indessen auf dem unebenen Pflaster gleichfalls so schwer, daß sie nur mühsam sich vor dem vollen Sturz bewahrte. Dann kam sie, als sähe sie die Nutzlosigkeit einer weiteren Verfolgung ein, zur Tür zurück und sagte: »Laß ihn laufen, ich kenne den Schuft. Der ist uns sicher. Hat er Sie hart getroffen, Herr?« »Der Stoß warf mich beinahe um,« versetzte Wehrenberg, »aber ich fühle mich nicht verletzt, er muß abgeglitten sein.« »Warten Sie,« sprach der Helfer in der Not und trat in die dunkle Straße zurück, bückte sich und kam wieder mit einem blitzenden, dolchartigen Messer. »Ich sah das Ding, als ich drüben entlang kam, in der Faust des Schuftes aufblinken, und da ist es. Und nun, Herr, kommen Sie, – ich weiß hier Bescheid. Peter Jansen muß uns schon einen Augenblick bei sich aufnehmen, daß wir nachsehen. Ich kenne das! Zuerst merkt man solche Wunden kaum und hernach machen sie einem den Garaus.« Sie hatten sich derweil tiefer in den Flur hinein begeben, wo die größere Helle ihnen auch ein genaueres Zusehen erlaubte. Der Retter zeigte sich als ein kräftiger Mann von fester Gestalt, mit wetterbraunem, von dunklem Bart umgebenem, hübschem Gesicht, – jeder Zoll, hätte man sagen mögen, ein Seemann. Als er den Überfallenen jetzt naher anschaute, zuckte er zusammen und starrte ihn einen Augenblick gleichsam betäubt an. »Wenn das nicht der Wehrenberg ist –« murmelte er endlich. – »Der bin ich auch,« erwiderte Alfred, der den Fremdling nicht minder fest ins Auge gefaßt hatte, »und wenn ich mich nicht ganz irre, so erkenne ich auch Sie! Sie müssen –« Aus der Tür im Hintergrunde trat indem der dicke Herbergsvater heraus und schaute stutzend, alsbald aber mit zornig aufleuchtendem Auge den Seemann an. »Matthies, verdammter Junge, hältst du den Peter Jansen für einen Narrenkopf, daß du wieder hereinzuschleichen wagst? Mach' dich auf die Beine und –« »Sei still, Peter!« fiel der Genannte, die Brauen zusammenziehend, dem Erbosten in die Rede, »und hör erst einmal, was geschehen ist und mach die Tür auf, daß wir zu dir hineinkönnen! Der Herr hier ist eben vor der Haustür von einem Hundsfott angefallen und mit dem Dinge da gestochen worden. Wir müssen nach der Wunde sehen!« Peter Jansen wich darauf bestürzt zurück und öffnete die Tür, aus der er eben hervorgetreten war. Sie führte in ein kleines, halbdunkles Gemach hinter dem Schenkstande, Wo der Wirt das eine oder das andere bei der Hand zu halten und gelegentlich seine Schreibereien zu besorgen pflegte. Da, bei dem matten Licht einer halb abgebrannten Unschlittkerze sah er sich das »Malör« näher an und meinte: »Na, auf den Beinen ist der Herr doch noch! Aber der Arzt ist ja da, ich will ihn holen.« Alfred aber hielt ihn zurück. »Nur kein Aufsehen, Peter! Eine ernste Wunde hab' ich nicht; und wir werden unter uns anderes zu bereden haben,« und warf dabei einen wichtigen Blick auf seinen Retter. Dann zog er den Überzieher, den Rock und die Weste ohne die Hilfe der anderen aus. Im Hemde zeigte sich ein kleiner Blutfleck, doch bei der weiteren Untersuchung fand sich, daß in der linken Seite nur die Haut von dem vorüberstreifenden Messer berührt worden war und schon jetzt nicht mehr blutete. Wie dies bei dem wohlgezielten, heftigen Stoß, der alle Kleider durchdrungen hatte, möglich gewesen war, ergab die Besichtigung der Kleidung deutlich. Alfred hatte, von der Gerichtskanzlei kommend, ein Aktenstück in die Brusttasche des Überziehers gesteckt und, da ihn die daheim vorgefundene Botschaft des Freundes sogleich weiterführte, bei sich behalten. In der gleichen Tasche des Rockes stak ein kleines Taschentuch. Dieses so gut wie jenes hatte den Stoß mit abnehmender Kraft und in abweichender Richtung durchdrungen, und die rasche Wendung des Getroffenen hatte ihn vollends unschädlich gemacht. »Ihr seht, es ist nichts!« sagte Wehrenberg jetzt und kleidete sich wieder an. »Ich seh's, seh aber auch, wie es gemeint gewesen,« murrte Peter Jansen, indem er das Messer beaugenscheinigte. »Ein Stoß, wie ich ihn sonst nur bei dem amerikanischen Banditengesindel gesehen! Und wenn's mich tausend Taler kostet, so will ich den herausbringen –« »Das soll dich nicht einen, sondern nur ein Nachtquartier kosten,« fiel Matthies gewichtig ein. »Der Kerl hatte sich geschwärzt, aber ich hab' ihn dennoch erkannt. Es war der Gottlieb –« »Was? Der sitzt ja im Loch!« rief der Wirt ungläubig. »Er muß in diesen Tagen frei geworden sein.« sagte Alfred nachdenklich. »Aber ich kann kaum begreifen –« »Herr, er war schon als Junge ein rachsüchtiger Racker,« beharrte Matthies finster, »und irren tu ich mich nicht. Ich sah ihn da ich herankam in das Schenkzimmer hineinblicken und dann gegen die Tür schleichen. Ich wartete, was daraus werden möchte, und wäre um's Haar doch zu spät gekommen, – der zweite Stoß wäre durchgegangen! Und nun war's gar der Herr Wehrenberg!« Peter Jansen hatte seine Hände beschwichtigt in die Hosentaschen geschoben und schaute den Sprecher noch krittlig, aber gewissermaßen versöhnlicher an. »Und welcher Satan plagt dich wieder hierher, Matthies?« fragte er jetzt, die Zigarre durch eine leichte Lippenbewegung von der rechten in die linke Mundecke schiebend. »Du weißt doch, daß ich dir damals das Quartier für immer aufgekündigt habe, und was Peter Jansen sagt –« »Peter, du mußt mich aufnehmen, sei's auch nur auf einen oder zwei Tage, – du mußt! Ich muß hier jemand suchen, von dem ich nirgends sonst etwas erfahren kann. Denn ich darf mich ja nicht sehen lassen. Es hängt Leben oder Sterben daran.« »Redensarten!« brummte der Wirt ärgerlich. »Da muß ich erst mehr davon wissen.« Alfred hatte bisher schweigend zugehört. Nun aber mischte er sich ein. »So redet ihr, und laßt ganz außer acht, daß auch ich hier bin und leider das Hauptwort zu sprechen habe. Ihr wißt beide, daß es einen Steckbrief wider den Matthies Matthiesen gibt wegen Mordverdachts, und ihr wißt beide, was meine Pflicht von mir verlangt. Sagt selber, was kann ich anders tun, als Sie verhaften, Matthies, und den alten Peter hier inzwischen für Ihre Sicherung verantwortlich machen? Gott weiß, wie leid mir dies gerade jetzt tut! Aber wie kann ich anders?« Der Wirt schaute finster vor sich nieder, aber Matthies sah mit einem Blick der härtesten Entschlossenheit zu dem jungen Gerichtsbeamten auf. »Herr,« sagte er dann, »das war's, was mir durch den Kopf fuhr, als ich zur Hilfe heransprang, – ich durfte mich nicht erkennen lassen! Aber was half's? Einen vor meinen Augen niederstechen oder ihn mit seiner Wunde im Stich lassen, – das ging mir nicht über's Herz! Ich bin nie ein schlechter Kerl gewesen, sondern nur ein leichtsinniger und unglücklicher Mensch! – Und darum tut's nicht, Herr, und haltet mich nicht fest und zeigt mich nicht an, – ich könnt's nicht dulden, ich müßte ausbrechen um jeden Preis, und würde doch unglücklich auf Lebenszeit! – Peter, gib uns auf kurze Zeit die Kammer oben, daß ich mit dem Herrn reden kann. Das mit dem Mordverdacht ist nichts, – ich kann dem Herrn meine Unschuld beweisen, ja, ich kann vielleicht den richtigen Täter nennen. Also, Herr, hört mich und seid barmherzig! Seht es an, wie es mit mir ist. Es ist hier in der Stadt ein Weib, das um mich unglücklich geworden. Sie hat aber treu an mir gehangen und so hänge ich auch an ihr. Um ihretwillen bin ich ein paarmal trotz aller Gefahr wieder hergekommen und um ihretwillen bin ich auch jetzt da. Ich wollte mit ihr ausmachen, daß sie mir nach oder mit mir kommt, denn ich habe jetzt einen Platz, wo sie und das Kind bei mir bleiben können in Ehren. Und nun find' ich sie nicht mehr. Sonst hab' ich immer einmal Nachrichten gehabt und wußte Bescheid. Jetzt aber nicht, und erkundigen kann ich mich draußen nicht, sondern nur hier, bei dir, Peter! – Peter, ist die Renate tot?« Peter Jansen sah ihn mit einem seltsamen Ausdruck an, fast als würd' es ihm weich um's Herz. »Na, Junge, gib dich zufrieden,« sagte er kopfschüttelnd. »Wenn du wirklich die Renate Stein meinst, – ich hab's immer noch nicht recht geglaubt! – die ist wohlauf und ich kann dir alles sagen. Und Sie, Herr Wehrenberg, haben Sie ein Einsehen für den armen Teufel und hören ihn. Kommt mit. Hier herum, – wir dürfen die Schenktreppe nicht hinaufsteigen.« Fünfundzwanzigstes Kapitel Der Fall ist klar Und Matthies Matthiesen erzählte: »Mein Vater, ein Zimmermann, kam bei einem Bau zu Schaden und die Mutter hatte Mühe, uns fünf Kinder durchzubringen. Der Älteste war ich, und so mußt' ich auch zuerst von Haus. Ich hätte auch Zimmermann werden sollen und war schon in der Lehre, aber es ging nicht recht und gefiel mir nicht, und da tat die Mutter mich, als ich sechzehn wurde, zu ihrem Bruder, dem Rudolf Brüst, der beim ›Junker‹ zu Menkendorf und noch ein richtiger, hirschgerechter Jäger ist, wie sie das heißen. Das war in dem Jahre 1848, wo es anderwärts so viel Spuk gab, aber zu Menkendorf spürten wir nichts davon, sondern gingen unseren ruhigen Weg weiter und waren alle guter Dinge. Ich auch. Mein Geschäft gefiel mir. Es waren lauter brave Menschen um mich her, und wenn mein alter Ohm auch haarscharf war, so meint' er's doch immer gut mit mir. Nun, Herr, das ging so fort, bis ich nach ein paar Jahren zuerst und bald immer häufiger zu dem Müller Clarmann kam. Er sollte keine Schenke halten, aber es war in Wirklichkeit kaum etwas anderes bei ihm und es verkehrte da nicht selten eine merkwürdige Gesellschaft. Dort lernte ich eines Tags, oder richtiger in einer Nacht auch den Peter Ahrens von Drömnitz kennen und das ist mein Unglück geworden. Peter ist ein schlechter Kerl, treulos und ohne Gewissen. Aber was wahr ist, muß wahr bleiben: einen besseren Seemann gibt's auf der Welt nicht; er hat sich auf allen Meeren und an allen Küsten herumgetrieben und weis; davon, wenn's ihm gerade darnach einmal ist, ein Garn zu spinnen wie keiner sonst. Das ist denn für einen jungen Kopf, in dem es obendrein auch nicht allzu zahm aussieht, und der sich daheim nicht mehr recht gefällt, ein gefährlich Ding. Das traf bei mir alles ungefähr zu, und zumal die Aussicht, daß ich im nächsten Jahr schon als gelernter Jäger in die Landwehr eintreten und zwanzig Jahre lang immer wieder einmal in den Dienst mußte, die war mir das Graulichste von allem. So verließ ich Menkendorf und ging hier zu Schiff: mein Vetter Willmanns machte mir eine Stelle aus, wo ich was lernte und es gut hatte. Ich kam auf vielen Schiffen herum und kriegte ein tüchtig Stück von der Welt zu sehen, denn ich suchte mir immer die aus, welche die weitesten Fahrten machen. Mit dem Peter Ahrens traf ich auch hin und wieder zusammen, und da gab's dann allerhand Torheiten, an denen es freilich bei mir auch sonst nicht immer fehlte. Ich muß es noch einmal sagen: leichtsinnig bin ich all' mein Lebtag gewesen und oft genug in der Patsche gesessen, für mich selbst und noch häufiger für andere. Aber ein schlechter Kerl war und wurde ich nicht. Was ich mir wirklich vorzuwerfen habe, dazu bin ich mehr nur in meiner dummen Gutmütigkeit gekommen, die's nicht mit ansehen kann, daß ein anderer in Not ist. Das hab' ich hart genug gebüßt, härter, als wenn mich ein Gericht angefaßt hätte. Anno 61 hatt' ich's mit meiner damaligen Heuer schlecht getroffen – der Peter Ahrens war natürlich auch wieder um den Weg und stiftete Unheil. Genug, ich machte mich los und kam heim, um – spottet nicht, Herr, es war mein blutiger Ernst! – um ein gesetzter Mensch zu werden und meine Steuermannsprüfung zu machen. Das kam denn auch richtig alles in guten Gang. Bei meinem Vetter Willmanns und auch hier beim alten Peter Jansen fand ich gute Ansprache, und hätt' ich mich daran gehalten, so war' alles recht geworden. Denn daß ich mit der armen Dirne, der Renate, anband, das kann ich mir nicht zum Übel anrechnen. Wie unglücklich es auch mit uns gekommen und in welche Not sie durch mich geraten – in meiner Absicht lag das nicht. Ich hab's mit ihr stets ehrlich gemeint und, seit ich davon wußte, nichts anderes im Sinn gehabt, als wie ich sie wieder in Ehren brachte. Ich hing und hänge an ihr und unserem Kinde mit tausend Banden, und ich sagt' es schon, ich bin auch jetzt nur um ihretwillen hier. Zur damaligen Zeit wohnte droben bei Willmanns Graf Eugen, der Leutnant, blutjung, wild und schmuck, ein Windbeutel und leichtsinnig. Er tat es jedermann an, und ich spürte das nicht am letzten. In ihm und mir war ja so etwas vom gleichen Schlag. Natürlich waren wir in keinem rechten Verkehr und von seinem eigentlichen Treiben erfuhr ich nichts. Begegnen aber taten wir uns im Hause oft genug, ja tagtäglich, und schwatzten dann wohl eine Weile miteinander. Und einmal, als er mir den alten Meierbusch nannte, daß er dem gelegentlich eine richtige Tracht Prügel gönne und mir dankbar sein würde, wenn ich's dazu brächte, – so fand ich dabei nichts besonderes, denn ich gönnte dem schmierigen Schleicher, der mehr als einen armen Teufel von Seemann bis auf's Hemd ausgezogen hatte, schon längst selber so etwas. Daß der Leutnant bei dem festsitze, davon ahnt' ich nichts. Ein acht Tage später kam ein Amerikaner binnen, an dessen Bord ich selber vor einigen Jahren gedient hatte und auch nun noch ein paar alte Maate fand. Wir saßen abends bei Kaspar Lepel beieinander und waren lustig. Der Peter Ahrens, der dazumal hier auch wieder herumlungerte, saß gleichfalls dabei – ich konnte ihn schon von der letzten Fahrt her nicht mehr recht ausstehen, aber es war, als sollt' ich keinen Schritt mehr an Bord oder auf's Land tun, ohne daß der Teufel mir ihn in den Weg stellte. Nun, der Meierbusch kam auch dahin, wie immer und allerwärts, wo er seine Geschäfte machen zu können meinte, und da ich die Burschen vor ihm warnte und kein Blatt vor dem Mund nahm, war der Zank und Spektakel sogleich im Gange, – um so mehr als der Schuft was im Kopf hatte und, trotz seiner gewöhnlichen Feigheit, jetzt gleichfalls auftrumpfte. Er schimpfte auf mich – er wisse es schon, daß ich gegen ihn von wem angestiftet sei. Aber dem wollt' er es heimbringen und mir auch. Er wisse von mir aus der westindischen See, was mich den Kopf kosten könne – die Bestie log, denn das konnte sich nur auf mein letztes Schiff beziehen, das allerdings auf den Sklavenhandel fuhr, von mir aber, da ich das merkte, so bald wie möglich verlassen wurde! – Und von der liederlichen Dirne, sagt' er, wisse er auch, wie's mit der und mir stände. Nun, Herr, im Kopf hatt' ich auch mein Teil und der Lärm und das Geschimpf machten mich nicht zahmer. Peter Ahrens hetzte, die anderen pufften schon auf den Schuft ein. Und da nun gar die Renate 'ne liederliche Dirne genannt wurde, war's mit ihm aus. Ich fuhr auf ihn zu und gab ihm einen Schlag, daß er stürzte. Er rafft' sich wieder auf, aber ich packt' ihn und schleppt' ihn zur Tür und warf ihn die Stufen hinab. Er schlug schwer hin wie ein Klotz, und lag und rührte sich nicht mehr. »Der hat genug, drück' dich!« sagte einer neben mir – ich glaube, es war der Peter. »Was genug – verstellen tut er sich!« sagt' ich, sprang ihm aber doch nach, um nach ihm zu sehen. »Drück' dich!« sagte der neben mir noch einmal, und da macht' ich mich davon zu meinem Vetter. Nun war ich nüchtern genug, und die Haare stiegen mir zu Berge, wie es so im Handumdrehen mit mir gekommen war. Fort mußt' ich, Ketten und Gitter hätten mich totgedrückt. Aber wie sollt' es nun werden, mit der Renate hier und draußen mit mir? Das Herz drehte sich mir im Leibe um, doch was konnte all der Jammer helfen: fort mußt' ich! Das sagte mir auch Willmanns und der Leutnant. Der schob mir auch noch eine Handvoll Geld in die Tasche – ich selber hatte keinen halben Taler bei mir. Ich nahm's und ging davon. Als ich mich nach Jahr und Tag wieder einmal einschlich, sah's nicht tröstlicher aus. Der Meierbusch war also wirklich tot gewesen, doch hatten die anderen bezeugt, daß ich bis auf's Blut gereizt worden und kein Mensch, und sicher auch ich selber nicht, an solch' Unglück habe denken können. Aber Kaspar Lepel hatte was von der Rede des Schuftes gesagt, daß ich angestiftet worden. Und dazu hatte das Taschenbuch gefehlt, das Meierbusch, wie seine Tochter beschwor, immer bei sich führte, und in das er gerade heute abend, ich weiß nicht wozu, noch wichtige Papiere gesteckt haben sollte. Das fehlte und, weil ich mich zu ihm gebückt hatte, sollte ich es genommen haben. Und dennoch kann ich sagen, – so wahr, wie ich hier sitze, ich wußte und weiß nichts davon. Aber was half mir das! Ich mußte wieder fort. Damals hatt' ich weder meinen Vetter, noch den Leutnant gefunden, der eine war auf seiner Herbstreise, der andere im dänischen Krieg. Das zweitemal, als ich wieder kam, es war gleich nach dem österreichischen Krieg, waren sie beide hier. Und der Graf handelte mit mir, daß ich ein gut Wort bei meinem Vetter einlege, der sich schon dazu verstanden hatte, des Leutnants Schulden zu regeln, nun aber auch noch einen schweren Rest übernehmen sollte, wozu er aber keine Lust hatte, trotz aller Freundschaft für den Herrn. Der Vetter hatte wohl ein paarmal unter der Hand solche Geschäfte gemacht – ich kann's beschwören, als ein Ehrenmann! – neuerdings dies aber verschworen und nur noch für den Eugen eine Ausnahme gelten lassen. Nun war's ihm aber zu viel. Ich bracht' ihn nur schwer herum. Doch hat er dabei, wie er mir selber gesagt hat, keinen Schaden gehabt, sondern ist allmählich befriedigt worden. Vorm Jahr war die gleiche Sache wieder im Gange, die Schulden waren größer als je, und Willmanns hieß sich selber einen Dummkopf und fluchte auf den Grafen, der ihm von viel kleineren Summen geredet, ihn nun schon zwei Fristen im Stich gelassen habe, um weiteren Aufschub handeln oder Ausflüchte machen lasse. Der Herr war übrigens verreist. Ich redete dann zum Guten, so viel ich konnte. – Aber mein Vetter wollte nicht hören. Acht Tage woll' er noch auf Nachricht warten. Länger könne er nicht. Das war alles, was er nachgab. Nun aber kommt etwas dazwischen, Herr, was ich selber nicht versteh. Es war am Tage jenes schauderhaften Unwetters, spät abends, wie ich von der Renate kam, da begegnete mir der Peter Ahrens und hängte sich an mich; wollte allerhand wissen, was mir an sich nicht von Bedeutung schien – nach meinem Vetter fragte wohl manch ein Abgebrannter und nicht immer vergebens und was vielleicht noch keiner weiß: er gab auch ohne Schein und Zins – aber der Ahrens, der hatte so etwas Arges dazumal im Blick und so ließ ich ihn abfallen, wenngleich im Guten, rücksichtlich seiner gewalttätigen Art. Nun gut, das war der eine. Ich traf aber auch noch einen zweiten und dritten. Und das merkwürdigste, Herr, alle drei so hier um's Haus herum. Fragt mich nicht, Herr, ich kann's nicht erklären, mag sein, daß es nur ein Zufall gewesen ist. Ich kann nur sagen, wer's war: der zweite – Willmanns, der verteufelt fluchte und unter anderem sagte, daß er mit dem Grafen Ernst machen müsse, und der dritte – der Graf selber.« »Also doch!« unterbrach Alfred hier zum erstenmal den Bericht. »Das ist denn allerdings eine Nachricht von der höchsten Wichtigkeit. Nahmen Sie den auch mit hierher, Matthies?« »Ich mußte wohl, Herr. Reden wollt' er mit mir – ich sei ja sein bester Geschäftsführer bei Willmanns! – und draußen konnten wir freilich nicht bleiben, es war ein Hundewetter, sagt' ich schon. So kam er mit herauf und redete und hieß mich sorgen, daß Willmanns nicht zum ›Junker‹ und nicht an's Regiment gehe. Aber Sie wissen das ja, Herr, es hat ja einer nebenan geschlafen und alles gehört. Genug, ich bracht' ihn endlich, da er mir's zu bunt machte, wieder hinaus.« »Wohin ging er, Matthies?« »Das weiß ich nicht, Herr. Ich bracht' ihn, nicht wie den Ahrens vorher zum Damm, sondern nur bis zur Tür. Er sagte mir hernach, daß er nur die eine Nacht hier und bei einem Kameraden gewesen. Und wenn Herr von Wildenow noch hier ist, wird's wohl bei dem gewesen sein.« »Sie sagen ›hernach‹, Matthies. Also sahen Sie ihn noch wieder?« »Ja, Herr. Da ich ihm versprochen hatte, noch einmal seinetwegen mit meinem Vetter zu reden, so ging ich, als ich den hier unten nicht mehr treffen konnte, und weil ich wußte, daß er nach Menkendorf wollte, selber hinauf, um ihn womöglich im letzten Augenblick abzufangen. Es war ein Unglück, daß ich mich nicht sehen lassen und erkundigen durfte. So stimmte meine Rechnung nicht, und ich kam zu spät. Von Holzarbeitern hört' ich, daß er am Tage zuvor beim Pfarrhause tot gefunden worden sei. – Ich will ehrlich sein, Herr, und sagen, daß ich für den armen Teufel schier so etwas wie ein Unglück gefürchtet hatte –« »Sie sagten doch von einer Begegnung mit dem Grafen?« sagte Alfred ungeduldig dazwischen. »Ja, Herr. Als ich bei der großen Eiche mich versteckt hielt, denn sehen mocht' ich mich nach der Nachricht allerdings nicht lassen, weil ich ja jedenfalls hätte in Untersuchung kommen müssen, – da begegnete mir der Leutnant – Er kam von Birken herauf und hatte beim Rehkamp eine Achse zerbrochen.« »Wußt' er schon von dem Morde?« »Seinen Worten nach nicht. Die Tat selber hat er ja auch gewiß nicht begangen, aber daß er damit dennoch zu tun gehabt, darauf möcht' ich schwören. Und wenn's wahr ist, daß Peter Ahrens um den Weg war, da ist vor meinen Augen alles klar, obgleich ich von der Bekanntschaft zwischen den beiden sonst nichts gewußt habe. Aber so was macht sich ja. – Und nun bin ich damit fertig, Herr. Denn wir gingen dort auseinander; nicht gerade als Freunde, da er meinen Verdacht, den ich nicht zurückhielt, erschrecklich übel nahm und mir nun seinerseits die Tat zuschieben wollte. Ich nahm mir vor, der Sache auf den Grund zu kommen, aber das gelang mir nicht. Ich mußte allzu bald davon, wenn ich frei bleiben wollte. Und seitdem hab' ich nichts mehr von den beiden gesehen oder gehört.« Alfred schaute den Mann eine ganze Weile lang mit ernsten, prüfenden Blicken an. »Sie werden einsehen, Matthies, daß in Ihrer Darstellung manches Unklare ist. Aber ich will darüber hingehen, weil ich wirklich an Ihre Unschuld glaube, und nur fragen: Können Sie einen sicheren Zeugen stellen, daß Sie am Tage der Tat nicht im Menkendorfer Winkel waren?« »Ja, Herr. Ich habe mich zwei Tage lang bei dem Häusler Rülow zu Mollin bei Grünau versteckt gehalten und bin erst am dritten Tage früh morgens hinauf in den Winkel, wo ich dann von dem Mord am vergangenen Tage hörte und die Nachricht abends zu den Leuten mit hinab brachte. Sie müssen's bezeugen, daß ich vorher keinen Schritt aus dem Hause gegangen, und erst nach der Tat hinaufgekommen bin, und sie werden es, wenn's sein muß.« »So gehen Sie hin! Mit der Pflichtverletzung muß ich eben fertig zu werden suchen. Es geht mir aber wider das Herz, meinen Lebensretter, denn für den muß ich Sie erkennen, für alle Zukunft unglücklich zu machen. Sie wollen gleich wieder fort?« »Ja, Herr, sowie ich mit der Renate ins Reine kommen kann.« »Das wird in Ihrem Sinn aber schwerlich so bald geschehen können, da sie als Pflegerin bei einer kranken Dame ist. Es wäre nicht recht, diese zu verlassen.« »Das soll sie auch nicht, Herr. Haben wir acht Jahre lang gewartet, werden wir auch noch ein halbes weiteres aushalten können.« Alfred ging im Zimmer auf und ab. »Ich wollte Sie noch etwas fragen, Matthies,« sagte er nach einer Weile mit bemerkbarem Zögern. »Sie waren also bis in den Anfang der fünfziger Jahre zu Menkendorf –« »Ja, Herr, im Herbst 1862 ging ich fort.« »Sie waren dazumal aber schon seit Jahr und Tag mit Clarmann und Peter Ahrens näher bekannt?« »So wird es wohl gewesen sein, Herr.« Nun blieb Alfred vor Matthiesen stehen. »Im August 1851 wurde Herr von Warneck tot gefunden. Haben Sie nie etwas von dem Täter erfahren? Ist auch unter euch niemals ein Verdacht laut geworden? Ich brauche es Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß ich nicht als Jurist darnach frage, noch, daß ich irgend jemand in Verdacht habe. Mein Vater war der beste Freund des Unglücklichen, und mir ist, als hätt' er mir ausdrücklich die Aufgabe hinterlassen, den rätselhaften Fall aufzuklären. – Matthies, ich seh' es Ihnen an, Sie wissen mehr hiervon.« Matthies war in der Tat schon bei Alfreds ersten Worten zusammengefahren, und die Augen hielt er auch jetzt noch gesenkt, und da er sie nun erhob, war etwas Scheues in ihrem Blick. »Lügen kann ich vor Ihnen nicht, Herr – ja, ich weiß davon. Ich habe nicht die Tat gesehen, aber den Schuß gehört und den Täter gleich nach seiner Tat erblickt.« »Und auch erkannt?« »Ja, Herr, auch erkannt?« »Und Sie konnten ihn nicht festhalten, nicht verfolgen, nicht anzeigen?« »Nein, Herr, ich konnte nicht und wollte nicht. Er hat mich nicht gesehen, noch meine Nähe geahnt.« »Aber mir werden Sie ihn nennen?« »Matthiesens Züge zogen sich wie im Krampf zusammen. »Nein, Herr, – Ihnen auch nicht!« »Aber ein paar Fragen werden Sie mir wohl beantworten. War der Täter von geringerem Stande?« »Nein, Herr.« »War es der Graf Altheim?« »Nein Herr, der war es nicht. Und nun Herr, fragt mich nicht mehr. Es nützt Euch nichts, denn ich will und ich kann Euch nicht mehr davon sagen. Und wenn Ihr's gut mit Euch meint, so fragt Ihr auch sonst nicht mehr darnach – davon hat niemand was, die Toten und die Lebenden nicht.« Sechsundzwanzigstes Kapitel Wer war der Herr? »Hast du irgendeine Ahnung, was der hier eigentlich beabsichtigt?« fragte Alfred, als die Tür der Gaststube sich hinter dem sich entfernenden Mannheimer Fremdling schloß. »Nicht die Spur!« versetzte Doktor Busch nach einem tiefen Trunk und in einem Ton, als seien ihm die gestellte Frage, der Zweck und die Absichten seines Reisegefährten ganz ausnehmend gleichgültig. »Höre, Leopold, ich bin nicht so gleichgültig gegen diesen Herrn Stein, oder wie er heißt, sondern frage mich ziemlich ernsthaft nach dem, was er hier will? Geschäfte für einen Ratsuchenden, sagt er. Was sind das für Geschäfte und was ist das für einer, der vom Rhein herüber hier Verbindungen hat? Die Stadt ist nicht groß, und Fremde gibt es nur wenige zwischen uns, deren Verhältnisse uns nicht zur Genüge bekannt wären. Ich kann mir niemand denken, den dein Begleiter meinen könnte. Dagegen war mir seine gestrige Neugier nach der Familie Altheim auffällig und –« »Sapperment noch einmal, was ist denn das für ein Modekupfer hier in der Nebengasse?«, unterbrach ihn indem sein Freund. – Sie hatten heut ihren Platz nicht in den Gestühlen, wo es, wie immer zu dieser Stunde, ziemlich voll war, sondern, um mehr für sich zu sein, in einer der tiefen Fensternischen gegen die Straße zu gewählt. Für einen sogenannten »Fensterlungerer«, wie es deren in größeren Städten manche gibt, war der Platz allerdings wenig genußreich, denn zu sehen gab es hier in Wirklichkeit nicht viel, und ein Anblick, wie die beiden Damen ihn gewährten, die eben hier vorübergingen, wurde nur selten jemand zuteil. – »Kennst du sie nicht?« »Doch, doch – Komtesse Altheim, von der gestern abend die Rede war, und Frau von Wildenow – eine neue Freundschaft.« »Ein aussichtreicher Morgen heute, was – meine Herren?« dröhnte in diesem Augenblick eine mächtige Stimme hinter ihnen auf. Es war die des Wirtes. Peter Jansen war eben von einem seiner wie schon mehrmals erwähnt – rätselhaften Geschäftswege heimgekehrt, hatte im Schankstande seinen Rock abgelegt, einen Schluck zur Stärkung genommen und war dann erst die beiden lieben Gäste gewahr geworden. Sie aber hatten sein Näherkommen nicht bemerkt, und so hatte er sie ein bißchen überraschen wollen, und das war ihm geglückt. Lachend nahm er nun bei ihnen Platz. »Glückwunsch, Herr Doktor! Christen schwört darauf, sein Fieber bleibe schon heute aus; sein Weib will aufstehen, und der Rudolf tanzt auf dem Bollwerk herum, und prahlt mit seinen beiden Staatsjungen und dem neuen Doktor, daß man's kaum anhören kann! – Na, und Sie, Herr Wehrenberg, wieder ganz munter? Was macht der Ritz?« Busch sah hoch auf und verwundert den Freund an. »Das ist Torheit, Peter,« hub hastig dieser an, »wir haben abgemacht, daß von dem Quark keine Rede sein sollte. Denn geschieht das, so muß es auch zur Untersuchung kommen und Ihr wißt, daß diese zu nichts führen kann – ich – kenne den Schuft nicht.« »Na, Herr – ich aber kenne ihn gut genug; ich lasse mir meine Gäste vor meiner eigenen Tür nicht wie die Kälber abstechen! Und ich krieg' ihn, auch ohne die Gerichte und wie und wo er sich verstecken mag, denn er hat seinen Ausweis an sich. Wo er gestürzt ist, sah ich heut morgen noch, trotz des Regens Blut, – passen Sie auf, Herr Doktor, wo Sie einen in Behandlung kriegen mit einem mordsmäßigen Loch am Kopf oder Knie, da ist's der Rechte.« Und dann berichtete Peter Jansen kurz was am gestrigen Abend geschehen und wie Alfred wunderbarerweise vor der Wirkung des Stoßes bewahrt worden war. Von der ersichtlich wachsenden Verstimmung seines Gastes nahm er keine Kenntnis. »Ich muß meinen Willen haben,« meinte er zum Schluß trotzig, »und ich werde ihn haben. Denn das leid' ich nicht.« »Ihr seid ein grausamer alter Tor, Peter!«, sagte Alfred, als er aufbrach, zu dem Wirt, der ihn aus der Tür begleitete. »Na, Herr, es kommt darauf an, ob Ihr oder ich der größere. Und was Matthies angeht, darum grämt Euch nicht. Von dem ist keine Rede, ich sorge schon dafür. Ihr habt ein Christenwerk an ihm getan, – der Junge hat mit mir hernach auch noch geredet, und ich mußt' ihn von allem los und ledig sprechen.« Doch diese Worte konnten die Mißstimmung Alfreds nicht heben. Peter Jansens Hartnäckigkeit und Eigenmächtigkeit drohten ihn, ob im Grund auch in der besten Absicht, in eine Lage zu versetzen, deren Ernst eine fast allzu schwere Zugabe zu seinen anderen Bedrängnissen bilden mußte. Es war nur gar zu richtig, was sein Freund Busch schon bei der ersten Begegnung am vergangenen Abend mit Bedauern herausgefunden. Wo er, damals im Sommer, erst Anfang einer ernsten Veränderung und noch Kampf dawider geahnt hatte, glaubte er jene jetzt vollendet und diesen schon zu etwas wie einer müden Ergebung geworden zu sehen. Alfred trug nicht leicht am Leben und fühlte sich kaum noch imstande, ihm, sei's auch nur auf Augenblicke, mutig die Stirn zu bieten, geschweige denn lachend und sorglos noch einmal unter der Last durchzuschlüpfen. Wer, wie er, halb freiwillig, halb durch fremde Hand getrieben, sich in allerhand Irrnisse und Wirrnisse fortreißen ließ, pflegt, daraus erwachend, auch mit dem festesten Willen und der klarsten Einsicht den Rückweg niemals so leicht wiederzufinden, wie vordem der Eintritt geworden. Im Gegenteil, die Wildnis hinter ihm hebt sich anscheinend immer dichter und düsterer empor, während es von vorn ihm um so heller und lachender trügerisch entgegenwinkt. Und wenn er sich trotz alledem zum Kampfe erhebt und schwer ringend die Hindernisse zu überwinden versucht, – da findet er sich einsamer und verlassener als je. Vor einem Jahre, als er noch tief in jenem dunklen Verhältnis zu Klara befangen gewesen, hatte er die Seinen sich gegenüber meist nur in einer gewissen, zweifelnden oder schalkhaften Aufmerksamkeit gefunden. Gegenwärtig aber begegnete ihm hier eine Kälte und Entfremdung, ja, eine wirkliche Feindseligkeit, welche sich kaum noch Mühe gab, unter den gesellschaftlichen Formen sich zu verbergen. Im Pfarrhause St. Marien, unter seinen Nächsten, fand er nur gleichgültige oder mißtrauische Mienen, selbst der Onkel und sogar die Kinder, seine besten Freunde, wußten anscheinend nichts mehr mit ihm anzufangen. Auch mit der Familie des Oberstleutnants ergaben sich tagtäglich unbehaglichere Beziehungen. Und als nun Frau Agnes, in der er von Jugend auf eine ernste, aber mütterlich wohlwollende Freundin hatte, von Menkendorf herüberkam, mußte er mit tiefem Schmerz selbst sie sich fremd werden sehen. Von ihr lag der Schluß auf diesjenigen nur allzu nahe, in denen er seine Liebsten zu erkennen und zu empfinden gewohnt war, – auf die Großeltern, den ›Junker‹ und endlich auf sie, auf Blanka, auf die er nicht mehr zu hoffen wagte und der er doch nicht zu entsagen vermochte; die für ihn der Inhalt alles Denkens und Träumens blieb, und nach der dies Denken und Träumen immer umsonst in die Ferne hinausschweifte. Denn es war von ihr schon seit Monaten auch nicht ein Laut mehr zu ihm gedrungen. Von allen getrennt, allen entfremdet! Und dazu hatte er noch nie solch Verlangen gehabt nach Teilnahme und Vertrauen, wie jetzt, seit gestern! Seine letzte Frage an Matthies hatte etwas berührt, was für ihn neuerdings einen Brennpunkt von unheimlichen Gedanken geworden war, und die seltsame Antwort darauf hatte ihn in eine Vermutung geworfen, die so Ungeheuerliches barg, daß er vor Angst und Furcht, sie möchte sich bewahrheiten, schier verging. »Auf ein Wort, Herr Assessor, wenn Sie für meine Erscheinung noch eines übrig haben,« sagte da eine helle Stimme neben ihm scherzend. Er sah fast erschrocken auf, denn er war durch seine Träumereien so fernab geführt, daß er auf keinen Begegnenden geachtet und es nicht bemerkt hatte, daß die ihm entgegenkommende Dame schon vor ihrer Anrede durch ein leichtes Räuspern seine Aufmerksamkeit zu erregen versucht hatte. »Frau von Wildenow!« sagte er nun voll Verlegenheit. »Noch einmal, tausendmal Verzeihung, daß ich Sie aus Ihren himmlischen Bereichen auf die Erde zurückzurufen wagte! Und nur um einer sehr irdischen Neugier willen! Es hat, glaub' ich, gottlob niemand gesehen, daß ich Sie angerufen habe! Wenn Sie ein paar Augenblicke Zeit haben, begleiten Sie mich ein paar Schritte zurück.« Als er bereitwillig ihrem Wunsche nachgekommen war, fuhr sie fort: »Wer war der Herr, mit dem Sie vor einer halben Stunde in den »St. Jakobsbrüdern« am Fenster saßen?« »Ein junger Arzt, zudem ein alter Freund von mir, der hier sein Heil versuchen will.« »So! Nun denn, hören Sie weiter. Wildenow und ich begleiteten gestern nachmittag Bekannte nach dem Bahnhof, die das gleiche Abteil wählten, aus dem dieser ihr alter Freund mit einem andern Herrn ausstieg. Kennen Sie diesen zweiten auch?« »Nur als Begleiter meines Freundes, der mit ihm von der Residenz zusammen herübergefahren ist und ihn gestern abend und heut mittag mit sich zu Peter Jansen brachte. Ein Rechtsanwalt. Als Doktor Stein wurde er mir vorgestellt. Er sei aus Mannheim, gab er an, und habe in Geschäften hier zu tun. Das ist alles, was ich weiß. Aber warum fragen Sie, meine gnädige Frau?« »Hm, es liegt so etwas Spürnäsiges in seinem Gehaben. Er ist mir heute schon dreimal begegnet und zuletzt war es mir, als wolle er eine Frage an mich richten. Seh' ich Sie heut abend nicht einmal wieder bei unserer armen Klara? Sie ist wirklich leidend und bedarf einer kleinen Aufheiterung!« Er entschuldigte sich mit dem Freund, dem er sich setzt, bei seiner Niederlassung, notwendig mehr widmen müsse, als es später der Fall sein würde. Sie aber schüttelte dazu ungläubig den Kopf. »Sie tun unrecht, Wehrenberg,« sagte sie leise und wandte sich nach einer leichten Verneigung ab, um weiter zu gehen. Er unterdrückte die Mißempfindung, die ihre letzten Worte in ihm hervorgerufen hatten, und schritt tief nachdenklich durchs Tor und in die Straße hinein, an deren Ende sich die alte Marienkirche erhob. Die Antwort der Frau von Wildenow erfüllte ihn mit steigendem Mißtrauen gegen den Fremden. Siebenundzwanzigstes Kapitel Das Haus steht wieder fest »Was hältst du von dem Wetter, alter Seelenkutscher?« Die Höhe ihnen zu Häupten war grau überlaufen; in der Ferne gegen Nordwesten zu stand eine düstere Wolkenwand, und es blitzte in kurzen Pausen lang hinschießend aus ihr hervor. »Daß wir ein paar schöne Tage bekommen, alter Krautjunker! Das erste Gewitter ist seewärts gegangen und hat uns hier keinen Regen gebracht, aber frische Luft. Fühl's! Es weht ordentlich balsamisch!« »So rechne ich auch! Also Kleine, wenn du mit willst, so halte dich bereit, – morgen punkt halb sechs fahren wir ab!« »Aber Großpapa!« rief Blanka überrascht aus. Und auch die Pfarrerin desgleichen: »Ei, so was! Aber, mein Gott, weshalb denn?« »Es ist schon ein paar Tage mit mir umgegangen, und heut abend, da ich so bei euch saß, wurd' es richtig, und ich kriegt es mit ordentlichem Heimweh nach meiner Alten. Denkt doch einmal, – wie lange ist sie schon fort, – sieben oder acht Wochen, glaub' ich, und schreiben tut sie auch nicht! Man ist gar nicht, als ob man noch zusammen gehörte. Und nun – gute Nacht, Kinder!« Pfarrer Silberg hatte recht gehabt; ein schönerer und verheißungsvollerer Morgen war schier niemals über Menkendorf heraufgezogen als der nächste, halb bewölkt noch und ein wenig dunstig, aber voll köstlicher, frischer Luft und mit jedem Hauch in die Ferne hinauslockend. Und die beiden Braunen »gingen«, als freuten auch sie sich des immer blauer und blauer sich aufwölbenden Tags. Als man das letzte Dorf durchjagte, sah der ›Junker‹ nach der Zeit und stutzte, »Herrgott, ist's möglich? Da hatten wir's ja in fünf Stunden heut geschafft. Mädel, was meinst du zu solcher Fahrt?« Blanka stöhnte nur; sie hatte schreien mögen vor Entzücken, aber der Luftdruck verschloß ihr den Mund. Schon kam die Stadt in Sicht; zuerst nur als ein zackiger Rand, dann zerbröckelnd in eine Wirrnis von Blöcken und jetzt sich erschließend in ihrer vielfarbigen und vielgestaltigen Körperlichkeit. Nun durch das trotzige, mittelalterliche Tor in die Straße hinein auf holperigem Pflaster Und dort erhob sich schon das Haus, das dem ›Junker‹ eignete. Scharf hielten die Pferde da an und schüttelten sich schnaubend, und aus der Tür sprang das Mädchen heraus, um den Tritt niederzuschlagen und das Spritzleder zu öffnen. »Herr Gott! der gnädige Herr und das gnädige Fräulein, wird das eine Freude geben? Die gnädige Frau hat alle Tage schon von Menkendorf geredet und daß sie's wirklich nicht länger hier allein aushalten könnte!« »Sieh da, – schreiben tut sie das nicht!« rief Detlef von Gunsleben laut aus und half Blanka beim Aussteigen. »Ist sie droben?« »Ach Gott, nein, sie sind schon seit einer halben Stunde ausgegangen, sie wollten zum Herrn Pfarrer gehen, sagten sie.« »Na, dann wollen wir uns einen Spaß machen!« Und damit zog der Alte den Arm der Enkelin in den seinen und ging mit großen Schlitten davon ... »Nun, was gibt's schon wieder? Man klopft auch an!« sagte Frau Anna Silberg ärgerlich und stand auf und wollte, ja was? – und war vor den Besuchern wie versteinert. Aber aus dem Hintergrunde rief es hell auf: »Detlef, – Blanka, – ist's möglich? O, lieber Mann, – o, liebstes Kind, was ist das für ein einzig, – einzig lieber Einfall!« »Ja, ja, meine Alte, ich wußte gar nicht mehr, wie du eigentlich aussiehst, und ob du dich am Ende nicht ganz von Menkendorf und uns entwöhnst. Und das Kind, die Blanka, triezte mich alle Tage –« »Glaub' ihm nicht, Großmama! Ich bin ganz, – ganz still gewesen!« »Kinder, ich muß mich wirklich wieder auf einen Augenblick setzen; mir zittern die Knie ein wenig.« Die Pfarrerin war indes zu der Tür geeilt und hatte nach der Tochter gerufen. Die Gerufene kam zugleich mit ihrem Vater und allen miteinander strahlte die Freude aus den Augen, und fast jeder sprach zugleich mit dem andern, bis eine quietschvergnügte Stimme auf einmal alles übertönte: »Großpapa, was erzählst du denn heut alles für wunderbare Geschichten? Im Gegenteil, du liefst ja, daß ich kaum mitkommen konnte!« »So? War's so? Na, meinetwegen, Blanka, ich habe nicht so genau darauf geachtet! Ich freute mich redlich auf meine Alte und euch alle, so daß mich selbst Ihr erster Anruf, Frau Anna, nicht erschrecken konnte –« »Ja, bester Herr von Gunsleben, zu solchen Anrufen werden wir jetzt hier erzogen. Sie glauben nicht, wie roh und zudringlich neuerdings das Landstreichervolk wird. Das drängt herein und bittet nicht mehr, sondern fordert. Man möchte wahrhaftig ansangen, die Tür auch über Tag zu schließen.« »Meine Frau hat da – ausnahmsweise – nicht unrecht. – Stellen Sie sich vor, was bei uns hier geschehen ist: Der Alfred war mit einem Freunde bei dem alten Peter Jansen, und da er früher aufbricht und in die Haustür tritt, springt ein fremder Mensch auf ihn ein und stößt mit einem Messer –« »Denke, durch den Überzieher, durch ein dickes Aktenstück, durch den Rock, durch und durch, bis in die Seite, gerade am Herzen vorüber!« flüsterte Marie der tödlich erblaßten Blanka zu, während der Stadtprediger den Vorfall zu Ende schilderte. »Aber in des Teufels Namen,« brach der ›Junker‹ auffahrend aus, »und der Schuft wurde nicht erwischt, nicht erkannt?« »Er hatte ein geschwärztes Gesicht, sagte mir Alfred.« »Und also gottlob keine ernste Verwundung?« »Nein, wie ich sage, und wir hätten vermutlich nicht einmal etwas erfahren, hätte Anna nicht im Rock die Löcher und ein bißchen Blut im Futter zufällig entdeckt; und da nahmen wir den Jungen natürlich ins Gebet. Der törichte Mensch war verdrießlich über unsere Mitwissenschaft und hat mich kaum die Wunde sehen lassen wollen. Er will auch keine Anzeige machen –« »Das ist ja die helle Verrücktheit,« zürnte Gunsleben. Da öffnete sich die Tür – und Alfred, eben von einem Ausgange heimgekehrt, erschien in ihr, mit stutzendem Blick. »Na, wirklich, auf den Beinen bist du ja noch und zum Sterben siehst du auch nicht gerade aus,« uzte der alte Gutsherr, nachdem man sich begrüßt hatte. Aber Alfred hörte nichts davon, denn sein Auge hing an Blanka, die, dunkel errötend und ohne aufzuschauen, vor ihm stand, und deren Hand er in der seinen zittern fühlte. »Ei, was gibt's denn, daß ich gar keinen Blick zu sehen bekomme? Sind Hochdieselben mir etwa ungerechterweise böse, oder hat die schnelle Fahrt so angegriffen?« fragte er lächelnd. Sie sah scheu zu ihm auf. »Wir wurden eben durch des Onkels Mitteilung über gestern abend so sehr erschreckt! Und ich dachte da, – o, denkst du noch daran, wie damals im Park der schreckliche Mensch dir drohte?« »Aber, Herzchen, wer wird denn so schreckhaft sein! An die Dummheit denk ich gar nicht mehr,« entgegnete er und wandte sich dann den übrigen zu, mit denen er über ihre Sorge und Plauderhaftigkeit scherzend zankte. Diese kleine Aussprache war rasch vorübergegangen, ohne darum jedoch übersehen worden zu sein. Für den jungen Silberg und seine Gattin war sie im Grunde nur eine Art von Bestätigung der schon bisher gehegten Absichten. »Ich glaub's noch nicht,« sagte er kopfschüttelnd, »ich muß stets wiederholen: sie waren sonst ganz und gar wie Bruder und Schwester. Und träfe dein Argwohn, Anna, dennoch zu, ich könnt' es jetzt kaum noch für ein Unglück halten, wenigstens für ihn nicht, wie aussichtslos die Sache auch sein möchte. Hier wäre seine Verteidigung oder seine Rettung, wie du willst.« Einen tiefern Eindruck hatte die Beobachtung aber für den Augenblick auf Frau Agnes Gunsleben gemacht und selbst am ›Junker‹, dessen schlichte, offene und sorglose Natur allem, was Argwohn heißt, so fremd wie möglich war, war sie nicht spurlos vorübergegangen. »Sag' einmal Frau,« sprach er, als er nach Tisch endlich für kurze Zeit mit der Gattin allein war, »hast du vorhin die Kleine gesehen, und den Jungen? Es hat mich ordentlich verblüfft! Hast du irgendeine Ahnung, daß die beiden Kindsköpfe irgend etwas Besonderes für einander haben könnten?« Sie antwortete erst nach einer Weile. »Ich habe es freilich gleichfalls gesehen und mich überrascht gefühlt, aber was du anzunehmen scheinst, paßt so gar nicht zu ihnen, und überdies haben uns beide ja auch gewissermaßen eine vermutlich ganz richtige Erklärung gegeben. Aber es versteht sich von selbst, daß ich jetzt acht auf sie geben werde, denn die Möglichkeit ist allerdings nicht ausgeschlossen. Also, überlasse es mir. Du willst übermorgen zurück. Gib noch einen Tag zu und nimm mich dann mit. Ich habe jetzt wirklich genug von hier und heiße Sehnsucht nach unserem stillen Leben. Das Haus steht ja wieder fest und ich bin völlig gesund. Wir waren noch nie so lange voneinander getrennt, Detlef.« Das Wort traf, wie sie es beabsichtigt hatte, und brachte ihn auf andere Gedanken. »Ich hab's gefühlt, Agnes! Sie haben mich zwar sozusagen auf Händen getragen, aber was hilft das alles! Du bist's eben doch nicht und fehlst uns an allen Ecken und Enden. Eins weiß ich: fort laß ich dich in meinem Leben nicht wieder.« Sie lächelte ihn innig an. »Das kannst du leicht sagen, da ich auch gar nicht fort wollen werde. Und nun laß uns aufbrechen, Detlef, wir könnten sonst Moritz nicht mehr daheim finden, – der Dienst ist erschrecklich streng, als sollt' es morgen wieder in den Krieg gehen. Sie werden ohnehin schon zanken, daß ihr drei Stunden hier seid und noch gar nicht an sie gedacht habt. Übrigens –, weißt du auch, was übermorgen für ein Tag ist? Der 15. Mai, – unser Hochzeitstag, Detlef! – Achtundvierzig Jahre,– was für eine lange Zeit! Wir dürfen wohl dankbar sein.« Er schaute sie überrascht von der Seite an, denn es war in diesen Worten und ihrem Ton etwas ganz Eigenes, halb Ahnendes, halb Wissendes. Und so sagte er zerstreut: »Achtundvierzig Jahre? Ja, eine ganz nette Zeit! Können's aber noch immer ein Dutzend Jahre mit ansehen, denk' ich.« Als er aber gleich darauf in sein Zimmer hinüberging und auf dem Flur der allen Jungfer begegnete, blieb er stehen und fragte sie ernst anschauend: »Du, Alte, auf's Gewissen, – ist meine Frau hier immer ganz wohl gewesen?« Achtundzwanzigstes Kapitel Der Weg ist frei Am folgenden Morgen hatte man sich schon früh am Kaffeetisch zusammengefunden, Gräfin Viktoria noch ein wenig verschlafen und mit scharf geröteten Wangen, Blanka in rosiger Frische und Frau Agnes endlich sichtbar glücklich im Besitz des Gatten und der Enkelin. Der ›Junker‹ freilich war noch nicht da. Er hatte, wie immer, auch heut seinen Kaffee gleich nach dem frühen Aufstehen getrunken und sich dann alsbald, während im Hause außer dem bedienenden Mädchen noch alles schlief, zu einem weiten Spaziergang durch die Stadt, über die Wälle und am Hafen entlang aufgemacht. Nun kam er aber auch schon wieder zurück und schob vor sich her Alfred lachend ins Zimmer. Den habe er unterwegs aufgesammelt, berichtete er, und so gottsjämmerlich aussehend gefunden, daß es ihn erbarmt und er ihn zu einiger Stärkung mitgenommen habe. »Geschenkt wird dir darum doch nicht, was ich dir zugedacht,« fügte er, mit dem Finger drohend, launig hinzu. »Vor dem Frühstück aber soll man mit keinem Menschen ins Gericht gehen, man darf ihm doch nicht den ganzen Tag verderben! Und nun gebt mir noch einen Augenblick Urlaub. Wilhelm steht draußen zum Rapport. Nachher setz' ich mich zu euch.« Die Erscheinung des unvermuteten Gastes brachte keine besondere Störung mit sich. An guter Aufnahme fehlte es gleichfalls nicht. Denn wiewohl Frau von Gunsleben für den jungen Mann auch bei weitem nicht mehr die frühere Herzlichkeit empfand, vielmehr sehr viel an ihm auszusetzen hatte, so konnte das alles dennoch die gütige Frau nicht bis zur Unfreundlichkeit erkälten. Und zwar um so weniger, als das, was sie heut morgen an und zwischen den jungen Menschen beobachtete, ihre Besorgnis entschieden verringerte. Die Begrüßung war anscheinend völlig ungezwungen gewesen. Blanka zeigte sich, nach dem ersten flüchtigen Erröten, unverändert belebt und heiter, und Alfred schien mit jedem Augenblick sich mehr in jene muntere und vertrauliche Weise zurückzufinden, die ihm vordem diesen guten und herzlichen alten Freunden gegenüber so wohl gestanden hatte. Jetzt kam der ›Junker‹ wieder herein. »Wilhelm erinnert mich sehr vernünftig daran,« sagte er, »daß wir die Verspätung zu Menkendorf anzeigen und einen andern oder wenigstens einen Packwagen bestellen sollen. Denn wie ist's,« wandte er sich in dem leicht boshaften Ton, den er Viktoria gegenüber meistens anschlug, zu dieser, »werden gräfliche Gnaden uns die Ehre ihrer Begleitung gewähren oder vorziehen, hier zu bleiben?« »Wenn Sie es mir erlauben, Großvater, gehe ich lieber mit Ihnen.« »Nun, das ist ja schön!« Er schien wirklich recht erfreut. In diesem Augenblick sank Frau Agnes lautlos zusammen und glitt, bevor ihr jemand zu Hilfe springen konnte, von ihrem Stuhle auf den Teppich hinab. Die beiden Mädchen schrien auf. Der Alte und Alfred aber waren zugleich an der Seite der Hinabgesunkenen; sie hoben sie auf, sie trugen sie zum Ruhebett und legten sie dort nieder. Das Gesicht war völlig erblaßt, die Augen zeigten sich geschlossen, der Körper schien von allem Leben verlassen zu sein. »Viktoria, rufe die Karoline. Alfred, laufe nach dem Arzt.« »Papa, der Medizinalrat ist seit einigen Tagen lebensgefährlich erkrankt. Soll ich den Doktor Frühberg holen oder –« »Den Frühberg? Den Hanswurst? Nein, den will ich nicht, erwiderte der alte Herr, die Stirne runzelnd. »Sonst, wen du zuerst findest, daß sie uns nur nicht unter den Händen stirbt. Tot kann sie ja doch noch nicht sein, die Alte.« – Was man durch seine Haltung nicht erfuhr, das erhorchte man aus der Stimme. Sie bebte. Alfred eilte fort. Als er nach wenigen Minuten wiederkam, hatte er seinen alten Freund Leopold an der Hand. »Doktor Busch, Papa; – ein alter Freund von mir. Er kam mir gerade entgegen, und da griff ich zu.« »Alles recht. Junge. Treten Sie heran, Herr Doktor!« sagte der ›Junker‹, ohne sich von seinem Platze am Fußende des Ruhebettes zu entfernen und ohne sein Auge auch nur für einen einzigen flüchtigen Blick von der noch immer regungslosen Gattin abzuwenden. Der junge Arzt stellte die sorgfältigste Untersuchung an. »Die eine Beruhigung kann ich Ihnen geben, mein Herr, der Tod ist das nicht, sondern nur eine Ohnmacht, von freilich ungewöhnlicher Tiefe. Wann sie endet und wohin sie führt, darüber kann ich, zumal da ich durchaus unbekannt mit der sonstigen Gesundheit der Dame bin, selbstverständlich noch kein Urteil aussprechen. Wollen Sie sie vor allen Dingen ins Bett schaffen. Dann will ich versuchen, was in meinen Kräften steht, um sie zu erwecken.« Der ›Junker‹ machte eine heimlich einladende Bewegung mit der Hand gegen das Nebenzimmer und folgte ungeduldig dem Vorausgehenden. »Nun, Herr Doktor, ein offenes Wort. Ich kann die Wahrheit hören, mag sie sein, welche sie will.« Und Doktor Busch zögerte nicht. »Sie haben schon mein offenes Wort, Herr von Gunsleben! Es ist kein Tod, sondern Ohnmacht; ich habe bisher keinen Grund, die schlimmsten Folgen zu fürchten. Darüber würde der Hausarzt allerdings sicherer urteilen können, als es mir jetzt möglich ist. Ich setze natürlich voraus, daß Sie diesen Ihren Arzt so bald wie möglich berufen werden.« Worauf der ›Junker‹, nachdem er das Mißgeschick des Hausarztes erwähnt hatte, um weitere Behandlung bat. »Ich werde Ihr Vertrauen zu rechtfertigen suchen,« versetzte Doktor Busch einfach. »Und nun haben Sie die Güte und sagen mir Genaueres über das, was diesem Zufalle vorausgegangen ist und ihn veranlaßt haben kann.« Während diese Worte gewechselt wurden, fand in einem wenig betretenen Raum des Hauses ein nicht minder vorsichtiges Gespräch statt: »Wer ist dieser Doktor? Ich habe ihn noch nie gesehen. Ist's ein Fremder? Kann man Vertrauen zu ihm haben? Was sagt er – hat er noch Hoffnung? Machen Sie keine Umschweife, Herr Alfred, sondern sagen Sie mir alles.« »Wie kann ich das, Komtesse, da der Arzt selber es noch nicht kann?« »Machen Sie sich meine Lage einmal klar. Sie sind ja in alles eingeweiht; weshalb sollte ich mit Geheimnissen spielen, die für Sie keine sind? Ich habe nie recht zu den anderen gehört, und seit dem vorigen Sommer sind wir einander vollends verloren gegangen. Sie wissen, wie ich zurückkam, und vielleicht auch, welche Aufnahme ich fand. Sie waren dumm, diese Menschen, und erbarmungslos. Hatten sie meine Lage vernünftig angesehen und meine Stimmung berücksichtigt, so hätten sie mich eher gewinnen können, als jemals früher. Es wäre für mich gut gewesen und auch für sie. Nun kam ich nach dem widerlichen Winter nach Menkendorf und bald darauf mit der Großmutter hierher. Sie hat mich besser verstanden als alle anderen, – seien Sie nicht ungläubig, Herr Alfred, es ist wahr! Und wenn ich bei ihr bleiben könnte, es möchte vielleicht noch alles gut werden.« »Sie können es doch, Komtesse!« »Aber wenn sie stirbt –.« Die Stimme brach ab, als lausche man. Und wirklich, in der anstoßenden Stube war eine Tür geöffnet und Schritte vernehmbar geworden. »Sagen Sie mir schnell noch, wo ich Sie treffen kann, es müßte aber bald sein, sehr bald!« – – Die neuesterdings geäußerten Befürchtungen Doktor Buschs schienen sich rechtfertigen zu wollen. Frau Agnes lag jetzt meistens in unruhigem Schlaf; wenn sie einmal erwachte, schien sie allerdings klar zu sein und die Ihren zu erkennen. Abends aber lag sie stets in betäubendem Fieber, das von einem lauten Irrereden begleitet war. Der junge Arzt ging ruhig und augenscheinlich ganz klar und sicher seines Weges schweigsam weiter. Er war hier am Krankenbett nicht wieder zu kennen. Hinter dem noch jugendlichen Gesicht und den luftigen Augen barg sich, wie man hätte sagen mögen, ein ernster, besonnener und fester Wille. Als an einem Morgen in aller Frühe und unerwartet das Freundespaar aus Menkendorf anlangte, da kamen dem Alten zum ersten Male in seinem Leben wohl die Tränen ins Auge, und er drückte beide fest ans Herz. Aber dann hielt er sich wieder so still wie zuvor. Man sah es gut: die Axt des großen Fällers lag auch an seiner Wurzel und es bedurfte nur eines Streiches, um den wuchtigen Stamm zu stürzen. Und dieser Streich schien näher und näher zu drohen, denn Doktor Busch, da er die Kranke heut morgen beobachtete, preßte die Lippen zusammen und schied ohne irgendwelche Äußerung... Alfred, der am späten Abend noch einmal vorgesprochen und auch keine bessere Nachricht empfangen hatte, fand daheim auf seinem Schreibtisch einen Stadtbrief, der mit dem letzten Postgange eingetroffen und dieses Inhalts war: Verehrter Herr –, erlauben Sie mir, der ich Ihnen unter anderem Namen bekannt wurde, zugleich mit der Angabe des wirklichen einen Versuch der Erklärung und Rechtfertigung. Ich bin der Rechtsanwalt Joseph Martens, von dessen Stellung zu der Gräfin Viktoria Sie unzweifelhaft gehört haben. Was die Gräfin seinerzeit zurücktreten ließ, war ihre Sorge, durch unsere Verbindung meine damalige Lage noch mehr zu gefährden, und ich fügte mich mit blutendem Herzen, weil ich allerdings nicht imstande war, ihr ein friedliches Glück und eine friedliche Heimat zu bieten. Jetzt haben sich meine Verhältnisse auf das günstigste verändert: ich bin völlig frei. Ich liebe die Gräfin allzu sehr und weiß mich auch von ihr zu innig geliebt, als daß ich ihr ohne die zwingendsten Gründe zu entsagen vermöchte. So kam ich her, und zwar unter fremdem Namen, damit der eigene mir nicht von vornherein alle Türen verschlösse. Ich hatte gehofft, mich Ihnen, dem Freunde aller, entdecken und alles besprechen zu können. Die schwere Krankheit der Frau von Gunsleben änderte dies leider. In einer Unterredung, die uns durch eine gütige Freundin ermöglicht wurde, erklärte Gräfin Viktoria, was sie seit dem vorigen Jahre daheim zu erdulden gehabt; daß auf eine Nachgiebigkeit ihrer Familie nicht zu rechnen und daß sie, zumal da ihre Großmutter, die einzig ihr Freundliche, sterbend sei, auch ohne mich nicht länger hier zu bleiben vermöge. Ich solle sie zu einer Familie begleiten, die schon vordem sich ihrer auf das freundlichste angenommen habe. Daß mich dieser Entschluß betrübt, gestehe ich zu, allein ich muß der Gräfin zustimmen, daß man ihr kaum etwas anderes übrig gelassen hat. Erlauben Sie auch, daß ich Ihnen so bald wie möglich weitere Nachrichten gebe. Bis dahin verdammen Sie uns nicht. Mit besonderer Hochachtung! – Rechtsanwalt Joseph Martens. Der Leser versank in schwere Gedanken. Wie flüchtig der Brief auch geschrieben war und wie wenig er auch erklärte, es sprach aus ihm etwas an, das mehr zu Teilnahme und Mitleid, als zum Zürnen bewegte. Wenn man sich vor Augen hielt, was Viktoria erduldet, so konnte man an den schweren Kämpfen nicht zweifeln, die sie zu bestehen gehabt hatte. Ihre jetzige Entscheidung, – durfte man sie wirklich ganz verdammen? Wenn Frau Agnes starb, so fand sich für Viktoria hier in der Stadt in der Tat keine Stelle mehr. Und in Menkendorf würde sie bei aller Liebe selbst doch nur verkümmern. Und wenn es schon einmal zur Trennung ging, so war dieser Zeitpunkt gewiß der beste: Gegenwärtig hatte niemand für sie einen Gedanken übrig. Trotz alledem machte sich Alfred nun bittere Vorwürfe, daß er den letzten Wunsch einer Verzweifelten zu erfüllen versäumt hatte. Sein Großvater aber, dem er am nächsten Morgen – Viktorias Abwesenheit war im Hause noch gar nicht bemerkt worden – das Geschehene mitteilte, sagte fast wie erleichtert: »So gehe sie hin. Möge ihr nur die Reue erspart bleiben. Vielleicht verstehen die Spatzen auf den Bäumen das Leben doch besser als wir –.« Neunundzwanzigstes Kapitel Schrecklicher Verdacht Es war eine leichte Wendung zum Besseren eingetreten: War auch die Gefahr noch nicht beseitigt, so hatte doch das Leiden sein unheimliches Wesen verloren. Am Ende der Woche aber war der Zustand so leidlich und Doktor Busch äußerte sich so zufrieden, daß Silbergs, wie sehr man sich auch dagegen wehrte, an die Rückreise gingen. Als der ›Junker‹ zum Abschied an den Wagen trat und selber den Schlag hinter den Alten schloß, kam die schwere Sorge dieser Tage noch einmal bei ihm zum Durchbruch. »Eure Anwesenheit war mir wie eine Glücksversicherung,« sagte er, die Hand der Pfarrerin haltend, »nun ihr wieder geht, guckt das Unglück gleich tückisch um die Tür und möchte noch einmal herein.« »Schämen Sie sich, Detlef! Wie dürfen Sie so kleinmütig und abergläubisch sein, gerade wo der liebe Gott so Großes an Ihnen getan und Ihnen obendrein Blanka als Schutzengel gegeben hat. Weiß Gott, ich habe nicht geglaubt, daß ich das Kind noch lieber gewinnen könnte, aber diese Tage haben mich eines Besseren belehrt. Der Doktor sagte mir gerade vorhin noch, mit der im Bunde könne man dem Tode schon ein Schnippchen schlagen.« »Item«, ergänzte der Magister seines Weibes Rede, »es wird schon alles recht werden. Denke aber auch an dich und komm' einmal zu uns hinaus. Du brauchst auch frische Luft und dein Auge fehlt, glaub' ich bereits, zu Menkendorf. Gott behüte euch! – Fahr' zu, Wilhelm!« Blanka war in der Tat eine ausgezeichnete Pflegerin. Sie hatte in ihrem kurzen Leben bisher kaum jemals an einem ernsten Krankenbette gestanden, geschweige denn die Pflege auf sich zu nehmen gehabt, und übernahm dennoch jetzt dies Amt und seine schweren Pflichten von Anfang an ohne Zögern und mit vollendetem Geschick. Freilich fiel das nicht als Einziges an ihr auf. Man hatte hier, was man von ihr kürzlich alles vernommen, fast ein wenig ungläubig mitangehört, jetzt aber fand man Gelegenheit im Überfluß, eine fortschreitende Wandlung an ihr auf das Genaueste selbst zu beobachten. Das liebenswürdige und vordem ein wenig träumerische, vor allem aber weiche und zarte, ja ziemlich unselbständige Geschöpf trat den staunenden Verwandten von Tag zu Tag in wachsender Klarheit, Kraft und ruhiger, heiterer Entschlossenheit entgegen. In anderer Weise als Blanka, aber doch für manchen nicht weniger überraschend und vielleicht auch erfreulich, war ein anderer den Freunden wieder nahegekommen, und das war Alfred. Die Erkaltung und Entfremdung, die er zu erfahren gehabt, hatte doch vorwiegend bloß die Hiesigen von ihm entfernt, während sie sich bei den Übrigen – wie beim ›Drakenhöfer‹ etwa – mehr nur erst als eine Art von Mißtrauen äußerte, das sich unter Umständen denn doch noch besiegen lassen mochte. Und da sie ihn nunmehr in der für alle gleich schweren Zeit ganz in der alten Weise, voll Anhänglichkeit und Tätigkeit sich bewahren sahen, so dachte keiner mehr an das Trennende. Nur Hildegard, die Frau des Oberstleutnants, und ihre Tochter blieben kalt und fremd. Seit sein Großvater abgereist war, wurde Alfred der fast tägliche Begleiter auf den Morgenspaziergängen des ›Hunters‹. »Ja, was hat man denn eigentlich an dem Jungen stets herumzuzerren und über ihn zu munkeln gehabt?« fragte der sich von Tag zu Tag halb verwunderter, halb verdrießlicher »Das ist ja alles klipp und klar und auf geradem Wege! Am Ende hat ihn erst das ewige Zerren und Mäkeln und Argwöhnen verdreht gemacht.« Die beiden trafen sich gewöhnlich am Hafendamm. Kam der eine oder der andere einmal nicht oder zu spät, so wurde das nicht krumm genommen. Heute jedoch befand sich der Alte in einer Stimmung von Ungeduld und Unbehagen, daß ihm schon der Gedanke, Alfred möchte nicht kommen oder sich verspäten, ein »Donnerwetter« um das andere entlockte. »Na, kommst du endlich, mein Junge?« begann er denn auch, als der Ersehnte mit einer Minute Verspätung über die übliche Zeit zur Stelle war, »Langhaus mit seinen Krähenfüßen und Historien hat mir den Kopf kraus gemacht. Ich werde eben doch wohl einmal hinaus müssen, weiß der Kuckuck, wie's kommt: Langhaus wird jetzt auch schon an die zwanzig Jahre droben sein, ist ein zuverlässiger Mensch, weiß mit allem Bescheid, und die Leute sind alle miteinander gleichfalls keine Neulinge mehr, noch widersetzlich. Man sollte denken, wo das Ding so vollkommen in der Reihe ist, müßt' es eine Zeitlang schier von selber gehen. Aber prost die Mahlzeit! Wendet unsereiner unglücklicherweise einmal das Auge weg, so ist gleich der Teufel los und es gibt Dummheiten drinnen und draußen. Weiß der Kuckuck, was die –« »Aber die Großeltern –,« wollte Alfred beschwichtigend einwenden. »Ja, deine Großeltern –, das ist's eben auch! Wollt' es grad' sagen! – Weiß nicht, was es da gibt! Von ihnen selber hört man nichts – und Langhans schreibt nur von ihren hochehrwürdigen Wohlbefinden –. 's muß da auch etwas nicht richtig sein. Also will ich einmal hinaus und darüber wie der Zieten aus dem Busch. Der Doktor war gestern abend mit der Alten Befinden ganz zufrieden und meinte, sie werde in einigen Tagen aufstehen können. Heut morgen, da ich hineinsah, schlief sie tief und sanft wie ein Kind, und Jungfer Karoline sagte, es sei die ganze Nacht so gewesen. Und so will ich heut mittag gleich fort.« »Wie – mit einer unserer Fuhrmannskarreten? Das wird Ihnen schlecht schmecken, Papa?« »Wie der Zieten aus dem Busch, sagt' ich dir doch, mein Junge! Der Stallmeister hier hat einen Trakehnerrappen mit kleinem weißen Stern – verlangt zwar dafür einen heidenmäßigen Preis, aber es ist ein Staatstier – will's heut einmal probieren! – So komm' ich ihnen allen über den Hals, daß sie nicht wissen, wie und wo!« Sie waren während dieses Gesprächs immer am Hafen entlang gegangen. Der Morgen war halb bedeckt, die Luft kühl und noch ganz still, und wie droben in der Höh', war es auch hier unten, wo das eigentliche rege Tagesleben noch fast vollständig feierte. »Übrigens, auch für dich habe ich schon seit langem etwas auf der Pfanne,« hub der Alte wieder an, »daheim findet sich dazu keine Zeit.« »Ganz in Ihren Diensten, Papa. Ich habe gleichfalls etwas für Sie auf dem Herzen, wozu sich daheim keine rechte Gelegenheit findet.« »Ganz recht. Aber zuerst komme ich. Also, was sind das eigentlich für tolle Geschichten, die dich seit Jahr und Tag zum Duckmäuser machten und alle Welt erschreckten und erzürnten? Ich denke, du gestehst mir das Recht zu, dich so anzufassen. Die Deinen und du, ihr seid mir von altersher schier wie die Meinen gewesen, und wo ich's verhindern kann, laß ich keinen verloren gehen. Mit dir aber war's, glaub' ich, nahe daran. Und ich muß ehrlich sein und sagen: hätt ich dich gefunden, wie ich's nach allerhand verwünschten Andeutungen und Anspielungen leider schließen mußte, so wärst du auch mich los geworden. Aber es kam gottlob besser. Ich habe auch auf dich acht gegeben. Und du hast Probe gehalten. Siehst du, darum red' ich heut so zu dir, sonst hattest du kein Wort von mir gehört. Also rede zu mir wie ein braver Mensch.« »Was läßt sich da aber am Ende reden – selbst zu Ihnen, Papa?« »So will ich dir zu Hilfe kommen, mein Junge. Es ist vielleicht auch besser so. Du bist also, wie es scheint, in den bekannten großen Irrgarten hineingeraten. Ich bin kein Tugendrichter. Aber wo man ein Menschenkind sich von Grund aus geradezu umkehren und sozusagen sein Leben für etwas opfern sieht, das man nach seiner besten Einsicht nur für ein hohles Trugbild oder gar für etwas durchaus Unwürdiges zu halten vermag – ein Menschenkind, auf das man volles Vertrauen gesetzt und manche Hoffnung gebaut – das ist kein Spatz, mein Junge! – Aber ich will nicht tragisch werden. Ich hab's ja eben gemerkt, daß das Ding nicht so schlimm ist und man allzu schwarz gesehen hat.« »Das mein ich denn doch auch, Papa, und ich glaube sogar, daß hätten auch die anderen so gut wie Sie merken können. Jene Verirrung wurde erst da von einer gewissen Bedeutung für mich, als sie mich über jedes geahnte Maß hinauszutreiben und in ein Zerwürfnis zu versetzen drohte, ja wirklich schon versetzte, wovor ich zurückschrak. So raffte ich mich auf und strebte nach Befreiung – nicht leicht, Papa, noch ohne Schmerz, denn gerade in der Trennung offenbarte sich mir jene Frau im tiefen Grunde als edel und schön. Aber das half nun einmal nicht, es mußte sein, obgleich es mir von keiner Seite erleichtert, vielmehr von jeder, auch durch das Geschick selber, erschwert wurde. Erst diese Krankheit und Gefahr der geliebten alten Mama und auch das trübselige Geschichtchen mit ihrer Enkelin Viktoria machten mich freier, denn sie drängten die eigenen Sorgen zurück und ließen mich wieder warm werden in Liebe und Teilnahme.« »Na, das alles ist recht schön und gut, aber für mich zu philosophisch und auch zu dunkel, 's ist das Beste, daß ich dich wirklich wieder auf unserer Seite finde. Du hast keine Lust, dich auf Einzelheiten einzulassen – ich verdenk's dir nicht und habe auch kein Verlangen danach, viel Gescheites wird sicherlich nicht dabei sein. Und nun also mit dem anderen, was dich drückt! Bleibt's auch da am Ende bei einem Geheimnis?« »O nein, Papa, für Sie wenigstens gewiß nicht. Sie hörten ja, daß ich etwas auf dem Herzen habe. Darf ich reden?« Und da der Alte nickte, so berichtete er denn von Matthiesens Wiederauftauchen, dessen Rettungstat, Geständnissen und Mitteilungen sowie von der seinerseits begangenen Pflichtverletzung. »Das sind ja tolle Geschichten!« sprach der ›Junker‹ in eine entstehende Pause hinein. »Und wenn's so steht, kann ich dir nicht unrecht geben. Ich könnte den Matthies auch nicht unglücklich machen, und ich glaub' ihm gleichfalls. Es war ein braver Mensch, bis die verfluchte Herumzieherei mit dem Schuft, dem Ahrens, begann.« »Also das ist der eine Punkt, Papa. Der zweite steht gleichfalls mit dem Matthies in Verbindung. Aber dazu muß ich ein wenig weiter ausholen. Als ich aus der Vormundschaft entlassen worden und das gesamte Erbe meiner Eltern ausgeliefert bekam, fand ich eine ziemliche Anzahl von Warnecks Briefen, schon von der Universitätszeit her, aber auch einzelne aus den späteren und letzten Jahren. Nun wüßt' ich ja, daß das Jahr 1848 eine gewisse Störung in den Freundschaftsbund gebracht haben sollte, und fand auch hier in mehr als einem, zum Frieden und zur Billigkeit mahnenden Briefe Warnecks die Spuren davon. Dazu muß jedoch damals noch etwas anderes sich zwischen die Freunde gedrängt haben. Es findet sich ein Brief, worin Warneck meinen Vater auf das erstaunlichste zur Rede stellt, wegen – wegen seines Mißtrauens gegen meine Mutter und ihn –« Der ›Junker‹ blieb aufgebracht stehen. »Verzeih' es mir, Junge, aber dein Vater muß wahnsinnig gewesen sein!« »Der Brief hat, wie es scheint, auf meinen Vater Eindruck gemacht,« redete Alfred unverändert weiter. »Gleich darauf findet sich nämlich ein zweiter, zu Menkendorf geschrieben, voll Befriedigung über ›wiedergewonnene Einsicht‹, herzlich und vertraulich wie ehedem. – Warneck berichtet darin sogar von einem ernsten Streit mit seinem Schwager Altheim und spricht sich auf das bitterste über diesen aus.« »Ich entsinne mich eines solchen Streites,« murmelte der ›Junker‹, finster werdend. »Dergleichen muß öfters vorgekommen sein, Papa. Es finden sich auch später noch ähnliche, womöglich noch härtere Äußerungen, selbst aus dem letzten Frühling, den der Unglückliche zu verleben hatte. Auf meinen Vater scheint nun jener erste Vorwurf nicht von nachhaltiger Wirkung gewesen zu sein. Es gibt einen weiteren Brief Warnecks, gleichfalls aus dem letzten Frühling, also schon nach dem Tode meiner Mutter, worin meinem Vater sein Unrecht noch ernster vorgehalten und ihm zuletzt die Forderung gestellt wird, entweder sein Mißtrauen oder den Freund aufzugeben. Darauf folgte einige Wochen später ein verhältnismäßig freundlicher Brief, und dann endlich der letzte, am Tage vor Warnecks Abreise zu Ihnen, worin er die Hoffnung ausspricht, den Freund bei seiner Rückkehr gesunder und ruhiger wiederzufinden. Mit Kranken sei nicht zu rechten.« »Nun, und die Summe von alldem?« »Ich habe mit bitterem Schmerz diese Papiere durchgelesen und darüber nachgedacht – Sie werden mir dies wohl nachfühlen. Es hat sich zuweilen nebenher auch der Verdacht in mir geregt, ob Graf Albert am Ende in irgendeiner Beziehung zu seines Schwagers Tode gestanden haben konnte –, die Feindschaft war eine bittere –« »Nichts damit!« Der ›Junker‹ schüttelte den Kopf und ging weiter. »Wir haben auch einmal daran gedacht, aber, wie gesagt, es ist nichts damit. Nicht, als ob sein Charakter einer solchen Annahme widerspräche, aber er war zurzeit gar nicht im Lande, sondern zu Doberan, das ist festgestellt.« »Ich weiß auch sonst, daß er es nicht war! – Und da dachte ich einmal –,« Alfreds Stimme stockte, und als sie sich wieder regte, klang sie fremd und klein, »mein Vater war krank, Papa, vielleicht sogar wirklich gestört. Er hatte gegen den Freund einen unglückseligen Verdacht. Sie schieden verstimmt. Mein Vater machte einen Ausflug – niemand weiß, wohin, und als er zurückkam –« »Junge, wie kann man auf so wahnsinnige Gedanken verfallen!« rief der Alte da fast erbost aus, während sein Auge doch voll Mitleid auf seinem Begleiter ruhte. »Dein Vater, der kranke, aber durch und durch ehrenhafte, wackere, hochgebildete Mann, der beste Freund, der – nein, ich sage nichts mehr – es ist der helle Wahnsinn, so etwas zu denken!« Und doch – als er darnach von Matthiesens seltsamem Verhalten hörte, da wurde auch sein Auge unstet sinnend und schwer ... Dreißigstes Kapitel Einer von der Bande »Nun, Mamsellchen, wie steht's?« Doktor Busch schüttelte dazu der ihm die Tür öffnenden Renate kräftig die Hand. »Denken Sie sich, Herr Doktor,« sagte die Gefragte leise und wichtig und fast gleichzeitig mit dem Frager, »sie will fort! man hat ihr von Hause versöhnlich geschrieben und –« »Ja, Mamsellchen, ich kann diesen Entschluß eigentlich nicht tadeln. Wenn die Eltern wirklich billig sind, so ist Fräulein Mereau dort zweifellos besser aufgehoben als hier. Für sie selber macht mir die Reise auch kaum Bedenken – sie dürfte ihr im Gegenteil entschieden wohl tun. Mit dem Kinde, – das wäre eher zu überlegen. Na, ich will sie zuerst einmal sehen und sprechen. Ist sie drinnen?« »Ja, Herr Doktor, und schon an ihrem Koffer. – Aber noch einen Augenblick, Herr Doktor, ich habe eine große Bitte!« »Nu man los!« »Wenn Sie hernach noch ein paar Minuten Zeit haben, so sehen Sie einmal dort im Hinterhaus, zwei Treppen hoch, bei dem Tagelöhner Balz ein. Heut morgen hat die Frau mich festgehalten und angefleht, daß ich Sie einmal zu ihr schicke, Herr Doktor. Es liege seit vierzehn Tagen ein Mensch bei ihnen in der Abseite, – ich glaube, es ist ihr Verwandter, – er habe sich das Bein verletzt. Zuerst sei's nichts gewesen, dann aber immer schlechter geworden. Nichts schlage an. Und nun wolle ihr Mann ihn hinaus haben, und es komme ihr doch vor, als ginge es mit ihm zum Sterben –«. »So, so, weshalb ist er nicht ins Spital gegangen?« »Ich weiß nicht! Aber, Herr Doktor, wenn Sie einen Augenblick Zeit haben –« »Nun, das versteht sich von selbst. Jetzt aber zu unserer Reiselustigen.« – – Als er nach einer halben Stunde wieder herauskam und Renate ihn aus der Tür ließ, blieb er bedächtig bei ihr stehen. »Mamsellchen, wie ist's, möchten Sie Fräulein Rose in ihre Heimat begleiten?« Es flog ein leises Rot über das blasse Gesicht und die Lippen zuckten. »Ich weiß nicht, Herr Doktor,« brachte sie endlich hervor, »ich bin nicht ganz von mir allein abhängig –« und sah den Arzt mit großen verlorenen Augen an. – »Nun, Kind, das müssen Sie denn mit sich ausmachen, und jetzt flugs ins Hinterhaus, zwei Treppen hoch!« Die Sauberkeit des Vorderhauses war in dem anstoßenden kleinen Hinterbau nirgends zu entdecken. Schon unten starrte einen überall die Armut mit ihren üblichen Begleiterscheinungen an. Und je höher man emporstieg, desto mehr gab es davon zu sehen, zu hören und – riechen. Dem Arzt krampfte sich das Herz zusammen ob all dieses Menschenunwürdigen. Aber er hatte keine Zeit, jetzt »weltverbessernden« Gedanken nachzuhangen, denn schon drang ein grausiges Stöhnen und Jammern, vermischt mit einem teuflischen Fluchen, an sein Ohr ... Verlassen wir das Bild! Und wozu auch am Ende sich unterfangen, etwas zu schildern, dem man mit Worten allein ja doch nicht Wirklichkeitstreue zu bieten vermag? – – – »Sagtet Ihr uns damals nach dem Anfall auf Alfred nicht, daß der Angreifer vermutlich ernstlich verwundet sein müsse?« fragte am Abend dieses Tages Doktor Busch den Wirt »Zu den St. Jakobsbrüdern« leise. »Na freilich, –« entgegnete Peter Jansen sogleich und runzelte die Stirn, »habt Ihr den etwa gefunden? Ich horche mir die Ohren ab und gucke mir die Augen aus.« »Ruhe, Mann, Ruhe! Ich habe einen gefunden mit einer Wunde am Bein, die ihm vor ein paar Tagen nur das Bein gekostet hätte, jetzt aber das Leben kosten wird. Er mag dreißig Jahre zählen und hat blondes Haar, Gottlieb nannte die Frau ihn –« »Das ist er, – Gottlieb Kraus, – nun hab' ich ihn! Seht, Herr, was mich so fuchtig macht, das ist nicht der Schuft und sein Verbrechen, sondern daß er mir aus den Händen kam, obgleich ich hier besser Bescheid weiß als die Polizei. Er ist schon der Zweite, bei dem es mir so ging, und das darf ich nicht leiden! – Wo steckt er?« »Bei einem Tagelöhner namens Balz –« »Wie? Im Hinterhaus, wo vorn die französische Dame wohnt? Alter Esel, der ich bin, – hätte selber drauf kommen können! Das Weibsbild des Balzen muß mit ihm so was wie Geschwisterkind sein! – Na, es ist eins! – Wir haben ihn jetzt!« »Redensart! Den hat keiner mehr als der Tod; ja, ich glaube nicht einmal, daß es auch nur zu einem Bekenntnis reicht; als ich ihn eben zum zweitenmal sah, war er schon ein gut Stück weiter auf seinem Wege als heut morgen, 's ist ihm übrigens zu gönnen. Denn wenn man so etwas als Strafe ansehen könnte, so hätten die Schmerzen den armen Teufel für ein Dutzend Todsünden noch über alles Maß bestraft. Das erbarmt mich, aber was mich grimmig macht zum Fluchen, das ist die Erbärmlichkeit der Menschen. Er liegt dort in Schmutz und Verkommenheit, und der Balz scheint eine Bestie zu sein. Die Polizei zuckt die Achseln und weist mich an den Herrn Spitalarzt, und der Herr Spitalarzt zuckt die Achseln und redet von beschränktem Platz und ersucht mich, wenn's denn doch schon bloß noch um Stunden sich handle, den Patienten in Frieden und unter meiner Obhut sterben zu lassen, 's ist zum Teufelholen, Peter!« Wir haben schon ein paarmal erlebt, daß Peter Jansen im Innern doch nicht ganz so rauh und hart war, wie er wollte, daß man es wahrhabe. »Da kann ich helfen,« sprach er jetzt auch und stand auf, »habt einen Augenblick Geduld, Herr. Ich bin in zehn Minuten wieder da.« Als er zurückkam, brachte er gute Nachricht, und die Abholung des Sterbenden erfolgte sofort. Im Spital lag der Mann fast regungslos; nur in seinem Gesichte zuckte es zuweilen, und einzelne abgerissene Wörter und Namen, die von Zeit zu Zeit über seine Lippen glitten, zeigten, daß der Geist noch tätig war. Für die Zuhörer, darunter auch Assessor Wehrenberg war, ergab sich indessen kaum etwas anderes, als daß der mit dem Tode Ringende sich mit Menkendorf und seinen Bewohnern zu beschäftigen schien. Einen »Jan« und auch den unscheinbaren alten Drews nannte er mehrmals, ja, diesen jedesmal mit einer Art von Ingrimm. Einunddreißigstes Kapitel Ausgehoben Der »Trakehner« entsprach vollkommen den Erwartungen. Er trabte wundervoll rasch und leicht und bekam trotzdem »kein nasses Haar«. Aber es ist niemals gut, den Tag vor dem Abend zu loben! – Als Detlef von Gunsleben schon zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatte, fing das Pferd plötzlich an zu lahmen. Er stieg ab und untersuchte den Schaden; ein kleiner Stein war so fest unter das Hufeisen geklemmt, daß er ohne Werkzeug nicht mehr herauszubringen war. Da blieb kein anderer Ausweg, als eine Schmiede aufzusuchen, und der Reiter sah sich gezwungen, den halbstündigen Weg dahin im langsamsten Schritt zurückzulegen. Vor der Schmiede ging das Geschäft auch nicht nach Wunsch von statten, und als der Alte darauf in einem Gasthof abtrat, um dem Gaul eine kleine Erholung und sich eine Stärkung zu gönnen, gesellte sich sein Zimmermeister zu ihm – in Geschäften. Und so ging es mit ganz natürlichen Dingen zu, daß der ›Junker‹ zu der Stunde, wo er die Seinen zu überraschen gedacht hatte, erst vor dem Gasthofe wieder auf sein Pferd stieg. Als er zum zweiten Vorwerk kam, gab es einen neuen Aufenthalt. Denn das scharfe Auge des alten Herrn bemerkte, daß die kleine Pforte im großen Scheunentor aufstand. Er ritt also zum Hause und rief den Verwalter. Der lag indessen zu dieser Stunde mit den Seinen schon zu Bette und konnte daher erst nach mehreren Minuten sich ermuntern und zum Vorschein kommen. Er war sehr überrascht über die plötzliche Erscheinung des Gebieters und bestürzt über dessen verdrießliche Worte. Er beschwor es mit einem harten Schwur, daß die Tür von ihm selber am Feierabend geschlossen worden und bei seinem gewohnten letzten Rundgang auch nicht offen gewesen sei. »Aber, Euer Gnaden werden's wohl schon erfahren haben, daß zuweilen Leute nachts durch die Trift kommen mit Päcken. Und da könnten sie auch wohl ihren Weg einmal hier vorüber genommen haben, – wenn sie nach Renken wollen, ist's ja auch näher.« »Ei, davon hab' ich noch nichts gehört. Also das verwünschte Gelaufe fängt wieder an. Nun gut, da wollen wir hinterher sein. Also paß gut auf. Merkst du etwas, so gibst du gleich Nachricht, und fängst du einen, so ist's desto besser. Gute Nacht!« »Ich will gleich mit dem Hunde losgehen,« sprach der Mann und machte sogleich den Hund von der Kette los. Der ›Junker‹ nickte zufrieden und ritt weiter, nicht gerade rasch, da ihm die erhaltenen Nachrichten durch den Kopf gingen und ihn verdrossen. – »So, so, dachte er, ist es das gewesen, was mir in des Langhans Briefen so wunderlich erschien? Na wartet, Kinder, wollen euch ein bißchen Feuer auf die Hacken bringen!« – Die Nacht war jetzt völlig hereingebrochen, und im Dorfe, dem der Reiter sich nun endlich näherte, waren die Häuser alle schon dunkel. Um nicht die ganze Hundegesellschaft zum Kläffen zu bringen, ließ der Reiter das Pferd ganz langsam traben; und als hätte das kluge Tier die Absicht seines Herrn vollends erkannt, vermied dieses auch sonst irgendwelche Geräusche zu erwecken. Und so blieb wirklich alles still und stumm wie zuvor. – Wenn man das Dorf gegen den ›Hof‹ zu verläßt, trifft der Blick etwa hundert Schritte weiter auf zwei kleine, stark voneinander gesonderte Häuserchen, von denen das nähere dem Statthalter Drews, das entferntere dem Jäger Brüst gehört; beide liegen nicht unmittelbar an der Straße, sondern ziemlich abseits, und ein gezäuntes Steiglein gabelt sich zu ihnen hin. – Als der ›Junker‹ nunmehr aus dem Dorfbereich herauskam, sah er mit einem Male ein Dutzend Pferdelängen vor sich eine Gestalt gebückt über die Straße huschen und die Richtung auf das Statthalterhäuschen zu nehmen. »Halt, wer da!« rief der alte Herr der sonderbaren Erscheinung erstaunt nach, da er sich nicht denken konnte, wer zu dieser Stunde noch etwas bei Drews zu suchen haben möchte. Sie aber hielt keineswegs an, sondern fing sogar, als der ›Junker‹ ein zweites, lauteres »Halt!« nachrief, mit schwerfälligen Schritten an zu laufen. Detlef Gunsleben verstand jedoch, wo ihm eine Widersetzlichkeit begegnete, keinen Spaß. Er gab seinem Rappen Schenkeldruck, setzte über den Straßengraben und war in ein paar Augenblicken bei der Gestalt, hielt so hart vor ihr an, daß sie zurücktaumelte und in die Knie sank; beugte sich nieder, um das sich mühsam wieder aufraffende Geschöpf zu erkennen. Es war der Nachtwächter. »Heda, Kerl, ist hier etwa sein Posten? Was hat er hier zu tun, und wo wollt' er hin?« »Gott behüt' und bewahr' mich,« murmelte der alte Mensch, der, wie üblich, als unbrauchbarster Angehöriger des Hofes sein Gnadenbrot als Nachtwächter verdiente, »hat der Herr mich erschreckt! Und wie kann ich's wissen, daß der Herr selber da ist, bei nachtschlafender Zeit, und kein Mensch weiß davon, und der Herr Inspektor ist auch schon zu Bett –« »Hält der Lump mich zum Narren oder ist er betrunken? Was er hier zu tun hat und wo er hin will, soll er sagen!« »Gott behüt' und bewahr' mich, Herr, was bin ich erschrocken! Ich wollt' ja nur da ein wenig herumgehen –« »Wohin, will ich wissen! Daß er Faulpelz keinen Schritt weiter macht, als er muß, wissen wir. Also?« »Na ja, Herr, ich wollte da ja auch wohl einmal zu Drews hinein.« »Zu Drews? Was wollt' er da?« »Na ja, Herr, sie spielen da ja wohl einmal ›Solo‹ und da seh' ich gern zu.« »So, so – man spielt da noch zu solcher Stunde? Heda, komm' er mit. Denen will ich das Spiel verderben! Und ihm sag' ich – merk' er wohl auf! – wenn er nur einen Mucks tut, laß ich ihn morgen früh durch den Gendarmen abholen –« »Herr – Herr –! O Herr, Sie werden doch das nicht tun, mich alten armen Mann –« »Verlaß er sich darauf, ich tu's. Und nun vorwärts, – keinen Mucks!« Beim Statthalterhäuschen angelangt, fiel dem alten Herrn als erstes auf, daß der als äußerst wachsam und scharf bekannte Hund sich gar nicht vernehmen ließ, und als zweites, daß, ganz gegen alle Gewohnheit, die Fensterläden geschlossen waren. Alles aber lag anscheinend in tiefster Ruhe. »Gehe der Herr nicht weiter,« murmelte der Nachtwächter jetzt, der bis hierher gehorsam gefolgt war, mit einem fast besorgt warnenden Gehaben, »es gibt ein Unglück, – drinnen ist – Herr, Herr, gewiß und wahrhaftig – ein Unglück –« Der ›Junker‹ hörte nicht darauf, schritt vorsichtig weiter und fand das Haustor nur angelehnt. Der Flur gähnte dunkel. Aber ein gedämpftes Stimmengewirre wies den behutsam Vorwärtstastenden richtig an. Nun fühlte er schon den Türpfosten, jetzt die Klinke, drückte, stieß auf und stand darin: Branntweingeruch, Tabaksqualm, und um spärlich erleuchteten Tisch vier Männer, die so eifrig karteten, daß sie nicht einmal aufsahen. »So, ihr Halunken, seid ihr beieinander?« Jetzt erst fuhren die Spieler auf. »Gottes Donner – es ist der Herr!« rief einer, »Gott verdamm' ihn, vorwärts, Jungen! Drauf und dran!« ein zweiter. Und indem flog die Lampe vom Tisch und verlöschte, und der Raum war voll des dichtesten Dunkels. Und da stürmte auch schon jemand gegen den ›Junker‹ heran. Detlef Gunsleben war schon ein Siebziger, aber noch von einem guten Teil der Stärke, die er früher in mehr als einer, bald scherzhaften, bald ernsten Probe bewährt hatte. Er hielt den Anprall aus, denn er war auf dergleichen gefaßt gewesen; im nächsten Augenblick aber wurde er auch von hinten angefaßt und unwiderstehlich auf die Seite gedrückt, so daß er den Ausgang wohl oder übel frei lassen mußte. So mochten Zweie hinausgelangt sein. Eine Sekunde später stand der alte Herr jedoch schon von neuem fest, und den dritten Anstürmer warf er nun mit einer Gewalt ins Zimmer zurück, daß er hörbar gegen den Tisch stürzte und, diesen umreißend, schwer zu Boden schlug. »Dich hab' ich, Halunke! Und den Monsieur Drews hab' ich auch, und den Schuft, den Peter Ahrens, hab' ich gut genug erkannt. Ich will euch lehren, auch mit mir zu spielen!« Und indem flammte in des ›Junkers‹ Hand ein Zündhölzchen auf und zeigte ihm den Schauplatz und die beiden Geschlagenen: den alten; wie völlig vernichtet dastehenden Statthalter und einen jüngeren Burschen, der sich eben mühsam und blutend vom Boden aufraffte. Da erhob sich auch draußen ein Kampfgeschrei. – »Halloh,« frohlockte der ›Junker‹, »das klappt ja drollig! Langhans ist also auch schon auf der Spur! – Drews, schaff' er Licht!« heischte er dazu und trat jetzt sorglos in den Flur hinaus, der von einem Fackelschein van der Straße her erhellt war. »Langhans, wenn Sie dort fertig sind, kommen Sie her und bringen Sie einen Strang mit, ich habe drinnen auch noch einen!« »Na, ich sag' ja, – Jungens! – es ist der Herr selber! Den Augenblick, Herr! – Nur noch die Beine! – Zieh' gut an und schling' fest ein, Jochem! – Ha, mein Junge, jetzt wirst du wohl Geduld haben! – Zwei bleiben bei ihm, einer kommt mit.« So kam es von draußen wieder. Und gleich darauf erschien die massige Gestalt des Wirtschafters selber. »Na, Langhans, das ist ein Treffen!« »Ei, daß Sie hier sind, Herr – ich dachte mir beinah so etwas, als ich den Staatsgaul da vorn am Zaun fand! Na, Herr, die wilde Katze draußen, hab' ich fest, ich glaube, es ist der Peter Ahrens – und Sie, haben Sie den Clarmann? So, den nicht? Aber doch Wohl den Schleicher, den –? – Herr Gott, da liegt ja noch einer!« »Lassen Sie ihn liegen – es wird unser Nachtwächter sein, den ich mir zum Führer griff. Hat er einen Puff gekriegt – wollen hernach zusehen. Jetzt gibt's anderes zu tun. Haben Sie vorn auch Mannschaft?« »Ja, Herr, den Fritz und den kleinen Wilhelm – schon des Pferdes wegen.« »Recht! – Kommen Sie!« In der Stube brannte jetzt ein Licht. Der alte Statthalter stand noch immer, wie vorhin, anscheinend völlig vernichtet, das graue Haupt tief auf die Brust gesenkt, die Hände ineinander geschlungen und so heftig zitternd, als müsse er im nächsten Augenblick umsinken. Aber bevor der Gutsherr ihn nur recht ansehen und sich nach dem zweiten umschauen konnte, warf sich ihm eine alte Frau zu Füßen und erfaßte krampfhaft seine Hand. »Herr, gnädiger Herr!« jammerte sie unter stürzenden Tränen, »haben Sie Erbarmen – nur dies eine – einzige Mal Erbarmen! Verdienen tut's der alte dumme Mensch nicht. Euer Gnaden sind immer gut gewesen, und nun macht er's Ihnen so ! Ich hab's ihm genug gesagt. Aber das verfluchte Spiel, und nun der Schuft, der Peter Ahrens, mit seinen Dukaten – die haben ihn zum schlechten Kerl gemacht. Von sich aus wär' er's nicht geworden. O, gnädiger Herr, denken Sie an mich und die Kinder! Wir müssen ja alle ins Wasser gehen –« »Steh' auf, Liesch,« unterbrach Detlef von Gunsleben sie mit gerunzelter Stirn. »Du weißt, ich kann solch' Geknie und Gejammer nicht leiden, und bessern tut es bei mir nichts. Ich bin kein Unmensch. Und wenn der alte Dummkopf, denn weiter ist er nichts, denk' ich noch, – reuig und wahrhaftig bekennt, so wollen wir weiter sehen. Nun aber kein Wort mehr. Wo ist der andere Bursch, den ich hier festhielt? – Ah – da drückt er sich in die Ecke! Holen Sie ihn einmal hervor, Langhaus, und leuchten Sie ihm ins Gesicht, wer es sein mag.« Es war ein unbekannter Mensch, ungewöhnlich schmächtig, blaß und pockennarbig. Zweiunddreißigstes Kapitel Ein Geständnis »Und nun sagen Sie mir, Langhans, was hat Sie dem Schmugglernest auf die Spur gebracht?« »Da läßt sich viel oder wenig drüber sagen, Herr, wie man's nimmt. Ich habe nie so viel auf Drews gehalten, wie Sie und der Herr Magister. In seinem Dienst konnt' ich ihm nichts vorwerfen, aber wegen der Freundschaft mit dem Müller behielt ich ein Auge auf ihn – und nun sehen Sie, Herr – da haben wir die Pastete.« »Langhans, ich – also wissen Sie – ich hätte Häuser gebaut auf diesen Menschen! Ich wirtschafte nun bald fünfzig Jahre lang mit ihm und habe ihn, wenn ich das verwünschte Spiel abrechne, nie fehlen sehen.« »Nun, Herr von Gunsleben, das weiß ich denn doch nicht. Sie haben's in Ihrem Vertrauen und in Ihrer Güte eben übersehen, was einem anderen Herrn wohl seltsam erschienen sein möchte – so wie kürzlich nach dem Brand und dazumal nach Ihres Herrn Schwiegersohns Ermordung –« »Was meinen Sie damit??« »Ei, Herr, wenn einer sich in solchen Fällen geberdet wie Drews und herumgeht wie dumm und verdreht, als höre und sehe er nicht, so muß man wohl auf allerhand Gedanken kommen.« Der ›Junker‹ fuhr sich über die Stirn. »Ja, ja, Langhaus, da ist noch dies, da ist noch das, und an die Reihe muß noch viel kommen. Trinken Sie aus und kommen Sie. Wir müssen wieder ans Geschäft. Halten Sie bei Drews gute Haussuchung und sorgen Sie, daß das Weib mit seinem Geheul nicht alles in Aufruhr bringt. Es ist bisher, wie es scheint, noch hübsch still geblieben.« Während Langhans darauf mit einigen Leuten das ihm übertragene Geschäft betrieb, machte der ›Junker‹ selber mit ein paar anderen eine Streife durch den Park, über den Lindenplatz zum Strande hinab und an diesem entlang bis zur Mühle und durch die Schlucht wieder herauf. Erfolg hatten beide einstweilen nicht. Der entflohene vierte Spieler war verschwunden, am Strande lag kein Boot, und in dem kleinen, unterhalb der Mühle gelegenen Bootshafen war gleichfalls alles in Ordnung. In der Mühle selbst schlief anscheinend alles in bester Ruhe, wie man denn im Grunde auch gar keine Spuren einer Beteiligung hier zu finden erwartet hatte: Clarmann war jedenfalls der Mann nicht, der seinen Gegnern ein leichtes Spiel bereitete. Doch kümmerte der ›Junker‹ sich für jetzt um den Müller und dessen Schuld oder Unschuld überhaupt wenig: davon mußte er voraussichtlich durch Drews alles Nötige noch rechtzeitig genug erfahren. Gegenwärtig war es ihm mehr darum zu tun, dem fremden Paschergesindel eine heilsame Angst einzuflößen und vielleicht die eine oder andere, in der Eile noch nicht verborgene Spur zu entdecken und zu erfahren, ob am Ende auch andere Einheimische mit dem Fremden in Verbindung gewesen waren. Um darüber noch mehr zu erkunden, ließ er bei seiner Rückkehr den Wirtschafter sogleich aufbrechen und zu den Vorwerken hinüberreiten: es schien festzustehen, daß heut nacht von der See her wenig oder nichts hereingebracht worden war, dagegen vermutlich eine Weiterschaffung der lagernden Vorräte stattgefunden hatte. Langhans sollte auf den Vorwerken nicht bloß Haussuchungen anstellen, sondern auch die Wege nach Renken verfolgen: es war kaum möglich, daß alle Spuren des heutigen Zuges schon verwischt sein konnten. Endlich, da der Tag schon zu grauen anfing, gönnte sich Detlef von Gunsleben Ruhe, denn er war jetzt ohne Sorge, daß dadurch etwas verdorben werden könne. Aber er genoß dieser Ruhe nicht lange. Kaum war eine Stunde vergangen, als der alte Diener Karl ihn mit der bösen Nachricht weckte, der Nachtwächter habe sich erhängt. Dieser Vorfall aber war Mahnung genug, das Verhör des Statthalters keinen Augenblick länger aufzuschieben: so vollständig gebrochen, wie man den sonst so festen und ruhigen Mann in der Nacht gesehen hatte, war zu befürchten, daß zuletzt auch hier die Verzweiflung und Scham über die Vernunft Meister werden könnte. »Martin Drews, was fang' ich mit dir an?« begann der ›Junker‹ den alsbald Vorgeführten zu vernehmen. Die Weichheit des strengen Gebieters brach die Stärke des Mannes noch mehr als das Gefühl seiner Schuld. »Jagen Sie mich fort, Herr, oder schlagen Sie mich tot. Ich verdiene Ihre Güte nicht und habe sie längst nicht mehr verdient. Das verfluchte Spiel und meine Dummheit und meine Feigheit haben mich dahin gebracht. – Nur eins, Herr, nur eins, – an Ihnen und Ihrem Eigentum bin ich nicht zum Schelm geworden. Das müssen Sie mir glauben.« »Das kann ich dir allenfalls glauben, denn blind bin ich nicht. Aber nun nimm dich zusammen und rede die volle Wahrheit. So, denk' ich, kann deine Sache noch gut werden.« Und Drews schien in der Tat aufrichtig auszusagen: Schmugglerverhältnisse und sonstige »dumme« Geschichten aus der früheren Zeit. Hin und wieder hatte er auch an den »lustigen« Versammlungen bei Clarmann teilgenommen, und dabei einerseits die Bekanntschaft des Peter Ahrens gemacht und andererseits sich immer eifriger dem Spiel ergeben. Doch war nicht lange darauf ein Stillstand eingetreten und Drews sozusagen wieder häuslicher geworden, denn die Ermordung des Präsidenten von Warneck hatte ja langwährende Untersuchungen zur Folge, welche die Aufmerksamkeit der Behörden gerade dieser Gegend mehr als bisher zuwandten und so auch die Schmuggler beunruhigten. Dann aber war es von neuem losgegangen, und bald war das vorteilhaft und sicher gelegene Statthalterhäuschen zu einer »Hauptgeschäftsstelle« geworden. »Das wäre also das,« sagte der ›Junker‹, als Drews seine Mitteilungen beendet hatte. »Wenn ich alles zusammenhalte, so finde ich darin genug, was einen braven Menschen verunehrt, aber wenig, was ich dir von meinem Standpunkt aus nicht allenfalls verzeihen könnte. Doch – es ist nicht alles und auch nicht die Hauptsache. Diese ist nämlich deine Verbindung mit dem Schuft, dem Peter Ahrens, und der Schutz, den du ihm gewährt hast, obgleich er längst verdächtig war und verfolgt wurde und obgleich du den Steckbrief wegen Mordverdacht kanntest –. Und vor allem: Was weißt du von der Sache mit Willmanns? Heraus mit der Sprache!« »Ja, ja, das ist's und reißt mir am Leben, Herr. Gewisses weiß ich nicht. Aber Peter schlief damals bei mir – er kam in der Nacht vor Herrn Willmanns – und ist morgens, wie meine Frau mir gesagt hat, ein paar Stunden draußen gewesen und nachmittags fortgegangen. Ich war auf dem Hofe und habe erst abends davon gehört, als ich heim kam. Daß er was mit Herrn Willmanns gehabt hätte, davon wußt' ich damals nichts. Nachher hab' ich freilich gehört, daß er zu Renken von meinem Tochterkinde hat einen Brief schreiben lassen, als wenn der Herr Magister hier den Willmanns heraufbestellte. Ich hab' ihn, da er sich vor sechs, acht Wochen wieder hier zeigte, auch nicht mehr bei mir aufnehmen wollen. Aber was konnt' ich viel machen, Herr? Ich habe wohl gemußt.« »Und der andere, den wir gefaßt haben, was ist's mit dem?« »Den kenn' ich nicht, Herr. Er ist erst ein paarmal hier gewesen mit dem Peter. Der heißt ihn ›Jan‹, weiter nicht, und redet nicht über ihn.« »Du weißt mir nun wohl auch noch – etwas von dem Brand zu sagen, Martin?« »Nein, Herr, davon weiß ich nichts. Ich bin scharf hinterher gewesen, und auch Peter Ahrens hat sich verschworen, das wolle er heraushaben; denn die Herrschaft, über die keiner zu klagen habe, solle nicht aufgestiftet werden. Aber er hat auch nichts herausgebracht, glaub' ich.« »Aber vom Mörder meines Schwiegersohnes Warneck weißt du etwas – lüge nicht!« Drews war bei dieser Frage leichenblaß geworden, seine Augen schauten entsetzt, und seine Lippen schlossen und öffneten sich ohne einen Laut. Und endlich stieß er nur ein kaum verständliches »Herr – Herr!« hervor. »Wer's war, will ich wissen – heraus damit! Und ich rate dir gut: lüge nicht!« Nach einem angsthaften, fast minutenlangen Ringen kam es gebrochen heraus: »Mein Gott, – das ist – das ist – ist – ja der Herr Graf gewesen –« Der ›Junker‹ fuhr entsetzt zurück. »Wer? Altheim? Das ist nicht wahr – er war zu Doberan! – Martin, lügst du mich an? – Ich hörte auch vom Rat Wehrenberg –« Da fiel Drews ganz erregt ein: »O, Herr, der war's nicht, war's nicht! – Hab' wohl auch zuerst an ihn gedacht, – wenn man die Herren von rückwärts sah, waren sie ja an Gestalt wie Haltung einander gleich! Aber – es war gewiß und wahrhaftig der Herr Graf.« Es war eine lange Stille im Zimmer. Endlich blickte der ›Junker‹ aus seinem finsteren Sinnen auf. »Weiß er von dir als Zeugen?« »Das glaub' ich nicht, Herr. Geredet hat er niemals mit mir.« »Haben's noch andere gesehen? Zu wem hast du geschwatzt?« »Zu keiner Menschenseele, Herr. Zuerst hat's mir schier das Herz abgestoßen – aber wie könnt' ich so etwas Schreckliches über Sie und die gnädige Frau bringen? Da versteckt ich's denn in meinem alleinigen Kopf, und wie's jetzt noch herauskommt, das versteh' ich nicht. Peter mag damals gemerkt haben, daß ich was wußte, aber gefragt hat er mich nicht und gesagt hätt' ich's auch ihm nicht. Und daß sonst noch einer um den Weg gewesen, das kann ich nicht glauben. Es blieb auch nach dem Schuß alles still.« Der ›Junker‹ trat darnach ans Fenster und schaute eine lange Weile schweigend auf den Hof hinaus, während der Statthalter seinen Platz an der Tür behielt und mit für einen Dritten sicher auffälligen Blicken den Gebieter vorsichtig beobachtete. Mit einem Male drehte der sich rasch um und kam wieder hart an Drews heran. »Der Magister kommt eben um die Scheune, und meine Zeit für dich ist um. Gehe wieder hinauf und bleibe da, bis du gerufen wirst. Daß ich dir nicht übel will, merkst du, – heißt das, wenn du nicht gelogen hast. Vor Gericht wirst du wohl des Ahrens wegen müssen, und mit dem Zollamt bekommst du gleichfalls zu tun, aber wenn du die volle Wahrheit sagst, wird's den Hals nicht kosten, sondern mit einem gehörigen Denkzettel abgehen. Was zwischen uns wird, findet sich dann. Wir haben natürlich noch mehr zu reden.« Silberg traute beim Anblick des Freundes seinen Augen kaum, denn er hatte bisher nur durch den Küster, der bei grauendem Tage Langhans abreiten sah und auch sonst schon seine Beobachtungen gemacht hatte, erfahren, daß auf dem Hofe irgend etwas Ungewöhnliches vorgegangen sein müsse. Von der Ankunft des ›Junkers‹ und der vollen Wahrheit war zu dieser noch immer frühen Stunde auf dem Pfarrhofe bisher nichts verlautet. Nun freilich erfuhr er mehr, als er irgend befürchtet hatte, und wurde von Wort zu Wort bestürzter und betrübter. Denn was der alte Freund trotz seiner schier trotzigen Haltung innerlich litt, begriff er nur allzu wohl. Der Ärmste hatte sich von dem Schlage in der Stadt kaum wieder aufgerafft, und nun traf es ihn von neuem und wiederum auf das empfindlichste. Die Anschuldigung gegen Altheim, die Entdeckung des verbrecherischen Paschens, der Tod des alten Nachtwächters, das verlorene Vertrauen zu dem Statthalter und noch dies und das – »– und du sollst sehen, wir sind noch nicht zu Ende!« sagte der ›Junker‹ grollend, »Ich vertraue keinem Menschen mehr, ja mir selber nicht!« Diese Ahnung oder Befürchtung bestätigte sich noch am ersten Abend. Als die beiden Verhafteten abgeführt wurden, stürzte eines der Hausmädchen auf den unbekannten pockennarbigen Burschen zu, umklammerte ihn und rief verzweiflungsvoll: Der sei der ihre und sie lasse nicht von ihm, was er leide, leide auch sie. Und er sei kein Brandstifter. Sie hab' ihn wohl einmal nachts ins Haus gelassen und mit ihm Wein aus dem Keller geholt. Aber das Licht habe sie, nur sie allein dort stehenlassen –. Dreiunddreißigstes Kapitel Es kommt doch anders Ein ziemlicher Bruchteil der Bewohner unserer alten Stadt, besonders die beiden jüngeren Geschlechtsfolgen, waren zu Menkendorf herangewachsen und hatten, wie es ja den meisten gottlob mit ihrer Heimat zu gehen pflegt, in dem Nest so etwas wie ein kleines Paradies zu lieben gelernt, wo alles vom Besten zu sein scheint und kein Fehl und keine Klage bemerkbar wird. Dieser kindliche und tröstliche Glaube hatte jetzt plötzlich einen empfindlichen Stoß empfangen, wiewohl die amtlichen Mitteilungen über all die häßlichen und ungeheuerlichen Vorfälle noch ziemlich wortkarg waren. Für Alfred Wehrenberg, der ohnedies infolge seines Amtes mehr wußte als die andern, brachte aber der alte Hofkutscher Wilhelm heute noch eine besondere Wissenschaft, und zwar in einem mehrmals versiegelten Schreiben des ›Junkers‹. Auf der ersten Seite des großmächtigen Papiers – der Alte schrieb nur auf Foliobogen – standen die Zeilen: »Für dich habe ich einen Trost, mein Junge. Es gibt außer Matthies doch noch einen Zeugen: Drews. Er hat Altheim als Mörder erkannt, aber zuerst auch an deinen Vater gedacht, von wegen der Ähnlichkeit der Gestalt. Ich denke, das erklärt's. Also sei lustig wieder und vernünftig, Junge. – Detlef Gunsleben.« – Damit war die Seite voll bis zum Rande, und die Nachschrift stand auf der zweiten: »Junge, rede hiervon nicht. Moritz und ich überlegen noch, was zu tun ist.« – Das anfängliche Aufatmen ob der endlichen Gewißheit über den Mörder an Warneck war rascher gegangen als gekommen, und auch der Ton des Briefes täuschte Alfred nicht lange. So war denn wohl das Allerschwerste auf das Herz des väterlichen Freundes gefallen: sein Schwiegersohn nicht nur ein Ehebrecher, Schwindler, Spieler und Lump, sondern auch ein feiger, heimtückischer Mörder ... »Der Großpapa tut mir unsagbar leid,« sagte Blanka, da sie mit Alfred zur Nachmittagsstunde in der Laube des Hausgartens saß, »wie Onkel Moritz und Tante Hildegard dazu so kalt die Achseln zucken können, fasse ich einfach nicht. Und wüßte Großmama dies auch noch, sie bliebe keine Stunde länger hier und müßte sie sich nach Menkendorf tragen lassen. Sie quält sich seit gestern so schon unausgesetzt um ihn und seine Einsamkeit, – hier hülfen ihm auch deine Großeltern nicht, meinte sie. Und das glaub' ich leider auch. Das Schwerste verarbeitet er doch immer nur in sich allein, – denk' an Eugen und Viktoria. Da hat er auch mit keinem darüber geredet. Er müßte gerade jetzt in dieser Zeit der Untreue nichts als desto treuere Herzen um sich haben.« »Wohl, wohl! Es ist schier zu viel!« entgegnete Alfred so seltsam und zerstreut, daß Blanka stutzig wurde und endlich ausrief: »Sag' es nur gerade heraus, – ihr wißt noch mehr und noch Schlimmeres als ich. Weshalb verbergt ihr es mir?« »Danke Gott, liebes Herz, daß du nicht mehr hörst, als du gerade hören mußt,« sagte er einigermaßen verlegen und ärgerlich über sich selber. »Das ist nichts als eine unfreundliche Ausflucht,« fuhr sie lebhaft auf, »was die Meinen trifft, trifft auch mich, ich habe ein Recht darauf und werd' es eher ertragen können als die Ungewißheit. Ich bin nicht so schwach. Aber, ich merk' es wohl, ihr habt kein Vertrauen zu mir.« »Man muß dir merkwürdig wehe getan haben, Blanka, daß du so völlig ungerecht sein kannst. Mehr Vertrauen und Liebe als du findet niemand bei den Seinen.« »Ungerecht bin ich nicht, sondern rede nur, wie ich's fühle. Und ich kann's gar nicht sagen, wie sehr mich dies, gerade dies betrübt.« »Blanka! – Blanka!« warf er mehrmals flehentlich bittend dazwischen, aber sie achtete dessen nicht. »Ich muß da wohl oder übel an eine denken, mit der man's auch so gemacht hat, an Viktoria! Ist es denn nicht so? Ist es denn nicht so? – Es tut so bitterlich weh, sich immer einsam zu finden und umsonst sich nach Vertrauen und Liebe zu sehnen! – Ich fühl es jetzt!« Er war ihren Worten in steigender Bewegung gefolgt. Eine Mischung von Empfindlichkeit und Bitterkeit und Ergebung befiel ihn; und zuletzt gar dieser Vergleich mit Viktoria, – der griff ihm ans Herz. Und wie nun die letzten Worte kamen mit ihrem versteckten Vorwurf, übermannte es ihn vollends: »Das ist ein hartes Wort und für mich härter als für alle anderen!« Ihre Farbe wechselte und ihr Auge streifte ihn plötzlich mit einem unsichern Blick. »Für dich?« wiederholte sie mit einem unwillkürlich zweifelnden Ton in der Stimme und leise. »Ja, für mich, Blanka!« Und nun war es auch zu Ende mit seiner Zurückhaltung. »Ich habe dich von jeher geliebt, wie nur ein Mensch sein Bestes lieben kann, und du warest in mir immer voran der ganzen übrigen Welt. Und das blieb nicht stehen, es wuchs, und du wurdest mir von Tag zu Tag mehr, in der Nähe und durch die Ferne, das Beste, das Schönste, das Heiligste, was man in der Welt weiß und sich erträumt. Und in dem Gedanken und dem Traum an dich und in meiner Liebe zu dir hatt' ich all' mein Glück und Leid, alle Armut und allen Reichtum meines Daseins beieinander.« – Sie war indem blasser und immer blasser geworden, und ihre Finger, die dennoch nicht von der Arbeit ließen, zitterten so, daß sie kaum die Nadel halten konnten, und um den Mund zuckte leise die Erinnerung an einen alten Schmerz, und als sie endlich sprach, war es wie ein kalter Hauch. »Alfred –, was sagst du mir da?« »Ja, mein Herz, so ist's, und kein Mensch und kein Gott kann es anders machen. Und daß es einmal laut wurde, – ich konnt's nicht mehr verwehren und kann es nun auch nicht beklagen, noch bereuen. Das Herz hat sein eigen Recht. Aber – ängstige und gräme dich nicht! Von Ansprüchen ist in mir und meinen Worten nichts. Ich überhebe mich nicht. ›Die Sterne, die begehrt man nicht!‹« Die Arbeit war nun doch ihren Händen entsunken und das Gesicht leichenblaß und die Augen geblendet von Tränen. »O Alfred, – Alfred, – wie kannst du so zu mir sprechen?« Da stand er auf und trat zu ihr und nahm ihre eiskalte Hand in die seine. »Noch einmal, Blanka, gräme dich nicht und zürne mir nicht. Was gesagt ist, ist gesagt, und es mußte einmal sein. Zwischen uns bleibt alles, wie es war, ich Bruder, du Schwester, darauf kannst du fest bauen. Und nun lasse mich gehen und – verzeih' mir.« Sie erwiderte nichts, und es schien, als wolle sie ihn ohne ein freundliches Wort mitzugeben, gehen lassen, aber die Tränen, die nun immer reichlicher und größer aus ihren Augen stürzten, standen in einem seltsamen Widerspruch dazu, und er wußte jetzt gar nicht mehr, was er eigentlich von ihr denken sollte; doch bevor er noch dies in verständliche Sätze zwängen konnte, vernahm er auch schon das halberstickte Geständnis: »Es könnte ja nun alles – so schön werden, Alfred, aber ich ahne – nein, ich weiß es, unsere – Familien – und noch mehr ihr Anhang werden eine Verbindung zwischen uns nie, nie billigen!« Es war, als sei ein Blitz vor ihm niedergefahren; er taumelte vor und zurück, breitete die Arme aus, riß sie wieder an sich, stand starr und stöhnte: »So reich – so arm – in einer Stunde!« Darnach wandte er sich langsam wie von einem Grabe ab und ging hinweg. Sie aber schwieg ihm traurig nach. – Eine kleine Weile darauf kam Frau Hildegard eilig herangeschritten und faßte ihre Nichte fest ins Auge. Blanka arbeitete ohne aufzublicken an ihrer Stickerei und schien die Annäherung der Tante nicht zu ahnen. Erst als diese sie grüßte, sah sie auf und erhob sich artig und sagte herzlich: »Sieh' da, Tante Hildegard, kommst du von Großmama?« »Ja, mein Schatz, bei der Mutter war ich ein paar Augenblicke und habe mich recht ihres guten Aussehens gefreut. Es geht doch alle Tage besser. Vorzüglich aber wollte ich diesmal nach dir sehen und für heut abend dich zu uns bestellen. Wir gehen in den Bertholdschen Garten und treffen Bekannte. Dir tut wirklich ein wenig frische Luft und Aufheiterung not.« »Du weißt, Tante, wie gern ich komme, wenn nur Großmama mich so lange entbehren kann.« »Gewiß kann sie das, liebes Kind; ja, sie freut sich über diesen Ausgang. Sie denkt wie wir, daß du dich wirklich gar zu viel und jetzt ganz ohne Not auch von uns zurückziehst, am Ende wieder ganz zur Kopfhängerin wirst und dich in ein unfruchtbares Träumen verlierst. – Übrigens, als ich vorhin kam, begegnete mir Assessor Wehrenberg in der Straße, fast als käme er von hier.« »Jawohl, Tante, Alfred hat bei mir eine halbe Stunde gesessen und mit mir über Menkendorf und den armen Großpapa geredet.« »So? Sag' nur einmal, mein liebes Kind, hältst du es eigentlich für schicklich, daß du derartige Besuche so häufig und so oft allein annimmst?« Blanka schaute ganz voll Erstaunen auf. »Aber Tante – wie sollt ich's denn nicht?« »Ich weiß doch nicht, ob alle dies so natürlich finden dürften. Du bist kein Kind mehr, liebe Blanka, du weißt, sein Ruf ist leider nicht von der Art, wie es ihn zum Verkehr mit dir berechtigen könnte. Der Schein ist nicht so gleichgültig in der Welt, mein Kind, und wie die Menschen einmal sind, wäre ein Argwohn, daß Herr Wehrenberg auch nur einen Augenblick nicht vor dem Gedanken zurückschrecken könnte, mit Fräulein von Warneck anzuknüpfen, nachdem er Frau Doktor Stephan: –« »Tante, verzeih! Aber ich muß sehr darum bitten, falls du dieses Gespräch fortzusetzen wünschest, es in Anwesenheit Großmamas zu tun!« Frau Hildegard von Gunsleben stand lässig auf und zog das herabgesunkene Schultertuch wieder empor. »Nun gut, mein Kind, ich habe dir einen Wink zu geben versucht, – du hast mich nicht verstanden, scheint es. Du bist sehr sicher und entschieden. Mögest du darin recht behalten. Auf Wiedersehen heut abend!« »Heut abend, Tante Hildegard,« wiederholte das Mädchen ruhig. Vierunddreißigstes Kapitel Dem Feinde entgegen Frau Agnesens Zustand besserte sich von Tag zu Tag, und Doktor Busch meinte nur noch das Ende des regnerischen Wetters abwarten zu müssen, um ihr die sehnsuchtsvoll herbeigewünschte Rückfahrt nach Menkendorf endlich unbesorgt erlauben zu dürfen. Bei Blanka dagegen fing man an, ein gewisses, allgemeines Nachlassen der frohen und frischen, mutigen Jugendlichkeit zu bemerken. Und Hildegard äußerte sich darüber so: Es sei eine Entschiedenheit und ein Starrsinn in das so sanfte und lenksame Kind hineingefahren, die ihr und ihrem Gatten schon mehr als einmal, und besonders neulich, da der Baron Mirow mit seinem Sohn am Abend bei ihnen gewesen, auf das unangenehmste aufgefallen sei, ja sie geradezu in ernstliche Verlegenheit gebracht habe. Und sie schloß daran eine leise Hindeutung auf Blankas gar zu ungezwungenen Verkehr mit Alfred. Ob sich da etwa nicht dies und jenes einmischen könne –? Frau Agnes von Gunsleben schüttelte den Kopf. Sie hatte seit Wochen Alfred wieder häufiger und zuletzt nicht selten mit Blanka zusammengesehen. Aber sie dachte wieder um vieles milder über ihn: was er in diesen Wochen den Ihren und zumal dem Gatten gewesen, hatte sie wohl erfahren und mußte es ihm von Herzen danken. »Ich glaube wirklich, liebe Tochter,« erwiderte sie daher mit der kühlen Miene, die sie zuweilen annehmen konnte, »daß Sie zu ernst sehen und allzuviel sorgen. Ich habe unsere Blanka nie überspannt gefunden. Und von Alfred Wehrenberg möchte ich ähnliches sagen. Er hat wirklich nicht viel verloren, wie ich eine Zeitlang gleichfalls gefürchtet habe, und hat uns nirgends durch eine Erinnerung an seine anderweitigen Verhältnisse gestört und verletzt, noch uns durch irgendeinen Anspruch belästigt. Er war sonst immer ein guter, treuer und bescheidener Mensch und zeigt sich uns auch jetzt nicht anders.« Frau Hildegard wandte darauf das Gespräch einem anderen Gegenstande zu. Am Abend aber, als ihre Tochter Rose sich schon zurückgezogen hatte und sie mit dem Gatten allein war, sagte sie verstimmt: »Ich versuchte heut nachmittag mit deiner Mutter über Blanka zu sprechen. Aber in manchen Punkten ist doch auch mit ihr, trotz all' ihrer Trefflichkeit, kaum noch etwas anzufangen.« Und er zuckte die Achseln und versetzte verdrießlich: »Das ist nicht anders. Die Menschen, selbst die besten, werden allmählich alt und versauern und verstocken. Gottlob, daß wir wenigstens die »Braut« des Monsieur Eugen losgeworden sind, der man ja auch in der unerhörtesten Weise das Wort geredet hat ...« Madame Mereau, oder die »französische Madame«, wie man die unglückliche Verlassene in der Stadt genannt hatte, war mit der Zustimmung des Arztes in der Tat schon vor einigen Wochen abgereist und hatte bereits Nachricht gegeben, daß sie nebst ihrem Kinde die Reise wohl überstanden habe und bei ihren Eltern gut aufgenommen worden sei. Auch Renate Stein, die arme Nähterin, war in ihre frühere stille Wohnung zurückgekehrt und führte ihr Leben ebenso bescheiden und unscheinbar fort wie früher. Den städtischen Kaffeegesellschaften ging mit der Auflösung dieses Hausstandes einer von den Hauptgesprächsstoffen verloren, und das war jedenfalls ein empfindlicher Verlust. Es war in der Stadt augenblicklich auch sonst eine auffällig stille und langweilige Zeit. Leutnant Eugen Graf Altheim war verschollen, seine Schwester Viktoria in den weit entlegenen Rheinlanden im Hafen der Ehe gelandet. Frau Agnes war gesund und kein rechter Gegenstand der Teilnahme mehr; über die Menkendorfer Erlebnisse ihres Gatten ließ sich auch nicht viel reden. Und endlich, daß der berüchtigte Peter Ahrens im Kriminalgefängnis saß und als fast schon überführter Mörder des Willmanns vor die Herbstgeschworenen gestellt werden sollte – das konnte am Ende doch auch nicht stets von neuem wieder beredet werden. »Was meinen Sie, Doktor Busch – wenn's einer von uns so machte wie der da und Tag und Nacht des Schlafes pflegte?« sagte einer von den Gästen, die sich heute abend am Stammtisch in den »St. Jakobsbrüdern« zusammengefunden hatten und deutete auf den wackeren Peter Jansen, der gesenkten Hauptes im Schenkstande saß und gesund schnarchte »Wie dürfte unsereinem solches bekommen?« »Schlecht!« entgegnete der Arzt m seiner trauerklößigen Art, die stets zum Lachen reizte. »Andere tränken inzwischen den Stoff aus, der uns sonst gelabt hätte; und wer steht uns für den, welchen wir beim Erwachen finden? Also wachet, so lange ihr Durst habt!« »Schlimme Zeiten!« sagte ein Dritter trocken. »Nun, ihr Herren, malt in eurer Lust nach Neuigkeiten den Teufel nicht an die Wand,« bemerkte ein anderer. Indem kam ein neuer Gast herein und eilig durch die Gänge auf den Tisch der Bekannten zu, – Alfred Wehrenberg war's, der sich neuerdings wieder häufiger den »wasserdichten« Genossen anzuschließen pflegte. »Seht ihn an, ihr Herren – könnte ein Maler dieses Gesicht nicht als Studie zu einem Gewitterhimmel gebrauchen?« rief Doktor Busch scherzend aus. »Alter Miesmacher, was bringst du uns?« schrie ein anderer übermütig. Da entfaltete der Ankömmling ein fast noch feuchtes Sonderblatt der ›Städtischen Zeitung‹ und sagte mit bewegter Stimme: »Den Krieg, ihr Herren! – Seht!« »Ems, den 13. Juli. Der französische Botschafter stellte heute morgen auf der Promenade an Seine Majestät den König die Forderung, daß der König für alle Zukunft die Wiederaufnahme der Kandidatur des Prinzen von Hohenzollern untersage und einen entschuldigenden Brief an den Kaiser Napoleon schreibe. Der König lehnte dies ab und kehrte in seine Wohnung zurück. Als Graf Benedetti ihm auch dahin folgte und um neues Gehör bat, ließ der König ihm durch den Flügeladjutanten Grafen Lehndorff erwidern, daß er ihm nichts mehr zu sagen habe.« Einer hatte dies laut vorgelesen und im ganzen Raum war es dabei so totenstill geworden, daß der dicke Peter Jansen aus seinem Schlummer erwachte und sich verwundert die Augen rieb, ob denn schon alles aufgebrochen sei. In diesem Augenblicke rief von der Tür her eine rauhe Schifferstimme: »Das ist ja schandmäßig, Jungen! Schlagt das welsche Gesindel in den Boden hinein! Ein Hurra auf den König – dreimaldrei! – Hurra!« Der herzhafte Ruf schlug donnernd zum alten verschwärzten Gewölbe empor. »Stoßt an – unser einiges deutsches Vaterland soll leben!« erscholl ein zweiter. Und dieser klang immer wieder von neuem brausend auf. Und auch draußen auf der Straße wurde es schon lebendig und bald war die ganze Stadt ein einziges »Hurra!« Nun ging es so fort, die Nachrichten folgten einander, nicht mehr tage-, sondern fast stundenweise, und keine führte zurück, jedes Wort trug vorwärts. Es kam die Rückreise des Königs nach Berlin, begleitet von der aufbrausenden Begeisterung des gesamten Volkes und der plötzlichen Einigkeit aller Parteien. Und dann flog der Kriegsbereitschaftsbefehl durchs Land und bald zogen die Landwehren und Freiwilligen in langen Zügen auch durch die Tore unserer alten Stadt. So fand die Kriegserklärung Frankreichs alles im vollsten Gange. Und ein paar Tage später brausten schon die Wehrzüge endlos davon, dem alten Vater Rhein zu und dem näselnden Erbfeind entgegen. Der ›Junker‹ war mit seinem alten ›Seelenkutscher‹, dem Magister Silberg und dessen Frau selbstverständlich zur »letzten Stunde« in die Stadt hineingefahren. Man mußte doch jedem der Kämpfer noch einmal in die frohmutigen Augen blicken und ihnen Glück und Segen auf den Weg wünschen! – Und der alte Herr war schier der Frischeste und Mutigste und Munterste von allen; seine finsteren Sorgen und die mutlosen Stimmungen, die ihn fast auf's Krankenbett niedergedrückt hatten, waren von ihm spurlos abgefallen und ließen ihn wieder in seiner vollen Kraft und Rüstigkeit unter den Seinen, als das Haupt der Familie, als ihr Stolz und ihr Halt, seine Stelle einnehmen. Er hätte, wenn er darauf acht gegeben, wohl wahrnehmen können, zu welchem Trost und welcher Stärkung dies den Seinen gerade in diesen ernsten Abschiedsstunden gereichte, und wie alle ihre Freude an ihm hatten. »Gott Lob und Dank!« sagte der Oberstleutnant zu dem alten Silberg, »jetzt ist der Alte doch wieder, wie ich ihn mein Leben lang gekannt und verehrt habe. Seither hab' ich mehr als einmal um ihn sorgen müssen –« »Ei, da seh' und hör' ich's ja,« entgegnete der mit einem seltsamen Ton in der Stimme, »was deine Mutter uns heut morgen sagte, daß sie dich und deine Frau neuerdings merkwürdig unzufrieden mit dem Alten und auch sonst gefunden –« »Das ist denn doch gar zu stark ausgedrückt! Wir verstanden nur zuweilen nicht recht –« »Das macht mit der Mutter und euch selber aus. Damit du aber deinen alten Vater wieder ein wenig besser verstehen lernst und auf deinem Marsch ein bißchen Stoff zum Nachdenken hast – was meinst du, wenn dein Vater nun zufällig unter den übrigen Menkendorfer Armseligkeiten, wie du sie heißest, auch die Entdeckung gemacht hätte, daß vor zwanzig Jahren der eine seiner Schwiegersöhne den anderen feige erschlug und noch heut auf freien Füßen herumspaziert?« »Altheim – Warneck?« »Jawohl! Habe Ehrfurcht und Hochachtung vor deinem Vater, mein Junge, daß ich ihm darüber das Herz krank werden konnte! Behalt's aber lieber für dich, bis dein Vater dich vielleicht einmal zu Rat darüber zieht. Vermutlich wird er aber ohne diesen fertig.« Und damit wandte sich der alte Pfarrer dem nun völlig verstummten Nachbar ab und den übrigen zu, denen sich eben Alfred und Busch, letzterer gleichfalls in Uniform, zugesellten. Auch Baron Mirow war mit seinem Sohn da, um diesen »vor der Abreise den alten Freunden zu geneigtem Andenken zu empfehlen.« Und als Frau Agnes fragte, wo denn der junge Herr, der noch nicht in Uniform war, eintreten werde? – antwortete der Baron seufzend, daß er des Sohnes – es sei ja sein einziger! – ungestümen Drängen freilich nachgegeben, aber in Anbetracht der schwachen Gesundheit nur seinen Eintritt beim Fürsten Pleß zugestanden habe. »Das heißt man ja wohl die Johanniter?« meinte der ›Junker‹ mit einem belustigten Blick auf den langen Burschen, der gerade Blanka zur Bewunderung seines »patriotischen Entschlusses« aufforderte. Als der Baron später Alfred erblickte, stutzte er. Herr Wehrenberg – wenn er nicht irre? – Offizier und – bei den Ulanen? Diese Herren – hielten sich ja sonst meistens zur Infanterie? Die Reiterei verlange doch eher – besondere Naturen, die im Bürgerstande naturgemäß selten sein müßten. Aber man gestehe freilich den jungen Leuten neuerdings immer unbeschränkter die Wahl ihrer Regimenter zu. Es gehe ja alles anders als sonst. So bunt durcheinander! »Es ist eine schauderhafte Zeit!« schloß er, die Schultern verziehend. »Nein – eine wundervolle Zeit!« rief der ›Junker‹ laut in das unbehagliche Schweigen hinein, womit man rings auf die verwickelte und ziemlich unklare Rede des Barons gehorcht hatte. »Und nun zum Abschied, Kinder! Es schlägt zehn, hör' ich, ihr müßt zum Bahnhof. Wir gehen nicht mit. Ihr habt anderes zu tun und dürft nicht zurück auf uns sehen! Vorwärts liegt der Sieg! Holt ihn euch, und sei's auch mit eurem Herzblut! – Nehmt eure Gläser und stoßt an –: eine frische und fröhliche Jagd, meine Jungen, und der Herrgott sei mit euch!« Sie stießen hellklingend an und tranken aus, und dann gab es, wie der Alte es wollte, einen raschen Abschied. Den eigentlichen hatten alle ja schon längst genommen. Blanka stand Hand in Hand mit Alfred und ihr Auge umfaßte ihn tief und klar. An ihre Umgebung dachte sie augenscheinlich nicht. »Nimm dich meines Bruders an – er ist so wild und tollkühn und denkt nicht an sich und die Seinen.« »Sicher, Blanka! Wenn ich's vermag, kehrt er dir heil und lustig zurück.« »Und du selbst, lieber Alfred?« Die Augen senkten sich noch tiefer in die seinen und die Wimpern zitterten leise; aber Tränen kamen nicht. »Wirst du auch stets an dich und an uns denken?« »Ja, Blanka, an dich, an euch alle – auch an mich.« »So lebe wohl, Alfred, lebe wohl und Gott schütze dich!« »Und dich, Blanka!« – – Herr Wilhelm von Mirow hatte entschieden Unglück. Oben hatte er zum Abschied nur stumme Verbeugungen bekommen und jetzt drunten an der Haustür sagte der ›Junker‹ gar: »Na, junger Herr, Ihnen wünsche ich eine angenehme Reise und viel Vergnügen!« Als der Alte hinterher mit Silberg wieder die Treppe hinaufstieg und der Pfarrer achselzuckend meinte, die Mirows hätten heut abend auch davonbleiben können, – da versetzte er unmutig: »Ja, daß mir der Teufel auch die Bescherung immer in den Weg schiebt – buh, es verdirbt mir den Magen! – Und der möchte meine Kleine haben? – Johanniter? – Ja, prost die Mahlzeit!« Fünfunddreißigstes Kapitel Vorkehrungen Man war wieder in Menkendorf und es fehlte so manches und so mancher, woran und an dem man seit vielen Jahren gewöhnt gewesen, und es schaute einem wiederum so mancherlei fremd in die Augen, das nun doch erst von neuem erprobt werden und seine Brauchbarkeit und seine Vorzüge beweisen sollte. »War denn diese Umwälzung unumgänglich nötig?« fragte Frau Agnes von Gunsleben kopfschüttelnd die alte Freundin, die zum Anfang so viel wie möglich an ihrer Seite war. »Seid ihr in eurem sicherlich sehr gerechten Zorn nicht dennoch gar zu hart gewesen?« »Nein, Agnes, – es mußte durchgegriffen werden. Danke du Gott, daß du nichts von den näheren Umständen und Einzelheiten zu erfahren brauchtest, und nimm's an, wie es geworden. Es wäre für dich selbst in deinen gesunden Tagen zu viel geworden.« »Ich kann's nicht sagen, wie mir mein alter Mann leid tut!« sagte Frau Agnes, aus trübem Sinnen aufschauend, »er mit seinem schier kindlichen Vertrauen und seiner Anhänglichkeit für alles, was zu ihm gehört.« »Wohl, wohl, er darf dir auch leid tun, wie er uns leid tat. Es wurde fast zu viel für ihn. Und glaub' es nur, es ist ein wahres Glück, daß ihm und uns die Kriegssorgen über den Hals gekommen sind und alles, was sonst damit zusammenhängt. Daran rafft er sich wieder auf. Hättest du ihn neulich hier gesehen und sähest ihn jetzt, es ginge dir wie uns und du kenntest ihn gar nicht wieder!« Und so war es in der Tat. »Laßt den Quark gehen,« konnte er jetzt wohl auch gelegentlich antworten, wo ihm irgend etwas wie eine Klage aufstieß. »Sagt dreist weg: so soll's sein, so will ich's und damit basta.« Und tätig war er unermüdlich von morgens früh bis abends spät, ebenso wie die Enkelin, so daß ein Argwöhnischer hätte vielleicht auf den Gedanken kommen können, sie betäubten und überwänden beide in solcher Weise, was sie anders nicht zu überwinden vermocht. Doch dem war nicht so, zuwenigst bei dem Alten nicht. Die Ernte war vor der Tür und zwischen den Arbeitern hatte die Einberufung gewaltig aufgeräumt. Es fehlte überall und man konnte die Einheimischen nicht einmal wie sonst durch Gemietete recht ersetzen. Aber was half's? Es mußte auch so gehen und es ging. Zu allen übrigen Geschäften des Landwirts kamen aber gerade jetzt in der drängendsten Jahreszeit hier zu Lande auch noch die weiteren, nicht weniger ernsten, welche der Kriegszustand mit sich brachte. Man hatte zwar keine besondere Sorge vor der angedrohten Landung feindlicher Truppen, allein sie konnte doch möglicherweise versucht werden und verlangte daher gewisse Vorkehrungen, welche die natürlichen Hindernisse verstärkten; denn da der Strand hier fast durchweg ganz langsam in die tiefe See hinabsinkt, ist eine Landung größerer Truppenmassen, auch wenn sie auf keinerlei Widerstand stieße, schon keineswegs leicht, wo dieser Widerstand sich aber erhebt, wird sie schwierig, wenn nicht ganz unmöglich. An den wichtigsten Küstenpunkten waren seit langem zweckdienliche Befestigungen vorbereitet worden. Jetzt wurden sie überall rasch vollendet. Auf dem Golm ward eine schwere Batterie ausgestellt, zu Drömnitz ein Scheinwerfer und gegenüber der Mühle standen wiederum ein paar Geschütze. Etwas Besonderes und Ausgezeichnetes fand sich hierin zu Menkendorf indessen nicht: gleiche oder ähnliche Einrichtungen traf man an der ganzen Küste. Was der ›Junker‹ aber vor den meisten seinesgleichen voraus und in's Werk gesetzt hatte, war die Herstellung einer pünktlichen und raschen Verbindung des immerhin ziemlich abgelegenen Menkendorfer Winkels mit der alten Stadt. »Das bin ich euch, die ihr hier meine Einsamkeit teilt, schuldig,« sagte er zu den Seinen. Auf diese Mitteilung, die er mit der Miene und im Ton des uneigennützigsten Wohlwollens machte, schmunzelte der Magister höchst vergnüglich und meinte: »Na, na, alter Schlaukopf! Mache uns kein X fürs U, wir kennen dich schon und täuschen uns nicht über deine großartige patriotische Miene! Doch ist's ganz recht! Es muß das Herz an etwas hangen, – sonst muß es in sich selbst vergehen!« Sechsunddreißigstes Kapitel Sieg In diesem Jahre wurde der Geburtstag des ›Junkers‹ nicht so festlich begangen, wie man es zu Menkendorf sonst gehalten hatte. Von den alten Freunden und Nachbarn kam diesmal keiner, denn sie mochten alle nicht auch nur auf einen Tag von dem Platze sich trennen, wo alle etwaigen für sie wichtigen Nachrichten sie immerhin am frühesten und sichersten erreichten, und zur rechten Festfreude war auch niemand aufgelegt. Nur der Drakenhöfer war mit den Seinen auch Heuer eingetroffen und vergrößerte die Tafelrunde. Des Junkers »Glück« verleugnete sich auch diesmal nicht. Der Tag war ein ganz köstlicher. Als man nach dem Essen einen Spaziergang durch den Park machte und, weil ein einzelner Strandposten in weiter Ferne Schüsse vernommen zu haben meinte, einen langen Ausblick vom Lindenplatz nahm, lagen Himmel und See bis zur Kimmung hinaus in wundervoller Klarheit vor den Zuschauern, und wenn man auf den äußersten Vorsprung des Ufers trat, konnte man sogar, was nur an so bevorzugten Tagen möglich war, mit bloßem Auge ein Stück der gelbbraunen Uferwand des größtenteils hinter dem Drömnitzer Höhenrücken versteckten Golm erblicken. Ein paar Fischerboote bemerkte man weit in der See draußen ungestört bei ihrem Geschäft. So mußten die Schüsse wohl auf einer Täuschung beruht haben oder von keiner Bedeutung gewesen sein. »Wo sollte am Ende auch ein Feind schon herkommen, da man in Frankreich nach allen Nachrichten mit den Kriegsvorbereitungen noch bei weitem nicht fertig war?« Und damit trieb der ›Junker‹ die Seinen zurück und dem alten Lieblingsplatz, der Buchenlaube, zu. Dort braute er diesmal höchst eigenhändig einen »schneidigen« Trunk zusammen, damit man hübsch anstoßen könnte, wenn's dazu käme. »Denn verlaßt euch auf mich, wir kriegen heut Briefe, – ich kenne meine Jungen, sie lassen mich nicht im Stich.« Man lächelte natürlich darüber, aber bald mußte man bekennen, daß er eine gute Nase gehabt habe; denn mit einem Male kam Karl mit vergnügtem Schmunzeln in dem glatten alten Gesicht und reichte seinem Herrn die Posttasche dar, die eben angekommen. »Seht ihr wohl?« sagte der ›Junker‹ und blickte sich nicht wenig stolz im Kreise um, langte den Schlüssel hervor, schloß auf und schüttelte den Inhalt aus. Den größten Umfang hatte Roberts Brief und deshalb wurde er auch zuerst gelesen. In diesem Schreiben fand sich nun etwas, das auf die Hörer einen vielleicht sehr verschiedenen, in der Hauptsache jedoch gleich tiefen Eindruck machte. Es lautete: »... waren hier gestern schon bald nach Mittag eingerückt. Gegen Abend holten Willi und ich, die wir zusammenliegen, Alfred ab, gingen unseren kleinen Besorgungen nach, bummelten darauf ein bißchen durch die Straßen, zum Tor hinaus und weiter um die Stadt herum, zwischen den Gärten und Weinbergen hin, an den schmucken Landhäusern und zierlichen Lustsitzen vorüber. So kamen wir auch an ein Gartenhaus in Schweizerart und sahen uns das reizende Ding auf seiner Rasenstufe zwischen Rebgängen mit schweren, schon sich färbenden Trauben, umduftet von Blumen und von Schlingrosen bis zum Dach hinauf übersponnen, voll Entzücken an. Ein paar Damen blickten zwischen den Weinranken durch zu uns herüber. Und mit einemmal ruft eine helle Stimme laut auf: ›Robert, – Willi, – Alfred, – ist's möglich?‹ Und eine Gestalt fliegt den Gang entlang, den Steig hinab, ans Tor und steht da, und streckt uns ihre Hände entgegen. Und wer, denkt ihr, war's? Base Viktoria, – unsere Zierpuppe. Aber: weder schnippisch, noch spöttisch oder hochmütig. Nein, ganz einfach, ganz herzlich und voll der wahrsten Freude über uns. Wir kannten sie auch kaum wieder, und ich habe sie einmal geradezu gefragt, ob sie's auch wirklich und ganz gewiß sei? Liebste Großeltern! Ich habe ja nicht viel von ihren Geschichten gehört und noch weniger darauf geachtet, und mich nun zuletzt so gründlich über sie geärgert, daß ich lieber gar nicht mehr an sie dachte. Sie hat euch viel Kummer und Verdruß gemacht, aber ich bitt' euch, verzeiht ihr und weist sie nicht ganz von euch. Sie hat so herzlich nach euch allen gefragt. Als Alfred von der Großmama schwerer Krankheit und des Großpapas Betrübnis erzählte, standen ihr die Augen voll Tränen, und da sie erfuhr, daß nun alles wieder gut stehe, wurde sie wirklich schön in ihrer Freude. Ihr müßt aber ja nicht glauben, daß sie sich etwa unglücklich fühlt und nur darum wieder mehr an euch denkt und zu euch hält. Sie hat ganz offen mit uns geredet: ihre Flucht tue ihr bitterlich leid, und wenn sie mit Großmama hätte reden können und nicht schon ganz fest an ihren Tod geglaubt hätte, so würde es auch niemals dazu gekommen sein. So aber habe sie nirgends Rat und Hilfe gehabt, und es sei ihr gewesen, als ob daheim doch alles für sie zu Ende. So sei es gekommen und das tue ihr jetzt auch schwer weh. Aber sonst könne sie den Schritt nicht bereuen. Sie habe nichts zu klagen, ihr Mann trage sie auf Händen, und sie habe allen Grund zur Hoffnung, daß sie mit ihm glücklich bleiben werde, sie finde ihn alle Tage liebenswerter und schätzbarer, und in der Gesellschaft stehe er in voller Achtung. Und man kann ihr glauben. Sie sieht gut aus, besser als je. Morgen früh vier Uhr ist Abmarsch, – so Gott will, über die Grenze! O, wenn wir nur bald losschlagen dürften! Ihr glaubt nicht, wie uns die Fäuste jucken!« »Nun, Gott Lob und Dank,« sagte der ›Junker‹ hochzufrieden, »ein rechter Soldatenbrief, ganz wie er sein soll, und doch ein Stück ehrlichen und warmen Herzens darin! Übrigens, das von der Viktoria gefällt mir.« Frau von Gunsleben sah die kalte Miene ihrer Schwiegertochter Hildegard und sagte, wie auch die anderen, jetzt nichts. Als sie aber nach einer Weile aufgestanden war und mit der alten Freundin durch die nun schon beschatteten Steige wandelte, hub sie bewegt an: »Denkst du noch daran, Agnes, als wir vor dem Jahre zuerst über Viktoria sprachen, und du mir so ernst ins Gewissen redetest? Es ist erwacht, Agnes, und ich mache mir oft bittere Vorwürfe, – wir haben nicht recht an dem Kinde gehandelt. Ich habe das damals schon in den ersten stillen Wochen in der Stadt tief empfunden und sie und uns ganz anders ansehen gelernt als früher. Und nun, was Robert schreibt, wie rat- und hilflos sie sich vor der Flucht gefühlt, und sich nur in der festen Aussicht auf meinen Verlust dazu entschlossen, – es schneidet mir ins Herz! – Und unser Moritz ist so schroff, und – hast du's wohl bemerkt, wie kalt Hildegard bei Detlefs Worten darein sah?« »Möchte wohl wissen, was in sie gefahren ist.« »Ich verstehe sie auch nur halb und auch wieder gar nicht. Aber ich meine, mehr zur Versöhnlichkeit und herzlichen Teilnahme hätte nie eine Zeit gemahnt als unsere jetzige.« – Obgleich man an diesem Tage sehr spät zu Bette gegangen war, erwachte der ›Junker‹ am nächsten schon lang vor dem ersten Hahnenschrei; mancher andere hätte sich wieder auf die Seite gelegt und noch einen tüchtigen Schlaf getan. Das aber war des Alten Art nicht. Wenn er einmal die Augen hell auftat, dann hatt' er ausgeschlafen, und wachend liegen zu bleiben, hielt er nicht aus. So hob er denn auch heut alsbald die Beine aus dem Bett und war rasch in den Kleidern und ging in's Wohnzimmer, um sich zum Hinausgehen zu rüsten. Und da er am Tabakstisch stand, um sich die Pfeife zu füllen, strich sein Blick durch daß noch immer dämmerige Zimmer und traf auf etwas Weißes, das vom Flur her unter der Tür durchgeschoben zu sein schien. Er nahm es kopfschüttelnd auf, – »sollte etwa, o, Gott!« – sprang zum Fenster hin, riß den Umschlag auf, – es lag nur ein dünnes Blatt darin, aber auf ihm stand, kaum leserlich, so hastig geschrieben, die Depesche, die kein Deutscher dieser Zeit jemals in seinem Leben vergessen hat: Siegreiche Schlacht bei Wörth. Mac Mahon mit dem größten Teil seiner Armee vollständig geschlagen. – Auf dem Schlachtfelde, vier ein halb Uhr nachmittags. Friedrich Wilhelm, Kronprinz. Einen Augenblick lang stand er wie betäubt, das Papier zwischen den Händen zusammenpressend. Im nächsten aber war er schon an der Tür und hinaus, über den Flur, durch die Zimmer seiner Frau bis zu ihrer Schlafstube. Leise öffnete er die Tür, leise trat er ein und ans Fußende ihres Betts. »Verzeih's mir, Alte! Sieh, das ist heut nacht gekommen!« Als er ihr die Zeilen vorgelesen hatte, bot sie ihm ihre Hand hin; sein Glück und seine Freude ergriff sie schier noch mehr als die Siegesbotschaft selber. »Ja, Detlef, ich fühl's dir nach!« sprach sie. »Einen schöneren Morgengruß hättest du uns nicht bringen können!« Und er, indem er ihre Hand streichelte und auf das Bett zurückgleiten ließ, sagte: »Aber ein weicheres Kopfkissen gibt's auch nicht, als solch' eine Freude! – Und nun will ich weiter, dem Karl reiß' ich die Ohren ab, daß er mich nicht geweckt hat!« Stattdessen aber klopfte er, da er auf den Flur hinauskam und ihm der also Bedrohte von seinem Zimmerchen her begegnete, diesem seelenvergnügt auf die Schulter. »Na, alter Freund, hiss' die Flagge auf und steck' die Fahnen aus! Und dann spring' zu Herrn Langhaus und sag' ihm, was nicht unbedingt getan werden müßte, das bleibe heut ungetan! Und der Jungfer sagst du, sie solle sich auf einen Festtag rüsten, wie zu Menkendorf noch keiner gefeiert worden!« Es wurde wirklich ein Festtag, wie ihn Menkendorf noch niemals gefeiert hatte. Prächtiger als heut war das Geläut vom Menkendorfer Kirchturm noch nie durch einen strahlend schönen Sommermorgen erklungen, und fast noch nie hatten so viele und so andächtige Zuhörer auf die ergreifende Predigt ihres alten Pfarrers gelauscht. Den ganzen Tag über ging der Jubel nicht aus im Dorfe, auf dem Hofe und im Hause; ein jubelndes Hurra folgte dort und hier dem andern bis in die neue Nacht hinein ... »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!« Siebenunddreißigstes Kapitel Auffällige Badegäste In Drömnitz war heuer alles auf eine großartige »Säßongk« vorbereitet gewesen und da war nun – der Krieg gekommen! Immerhin hatte Kaspar Bloom, der Badewirt, keine sonderliche Ursache, sich zu beklagen; denn es mangelte keineswegs so sehr an Besuch, daß er etwa hätte Fliegen fangen können. Außerdem waren alle Gäste – wir finden darunter übrigens auch zwei Bekannte: Frau Adele von Wildenow und Frau Klara Stephani – durchaus wohlhabend, und schließlich langten sogar noch zwei wirkliche »Baröner« mit Familie und »Gefolge« an. Jetzt wurde Kaspar Bloom zusehends breiter und gröber und seine Preise vornehmer. Bei einer der ersten Bootsfahrten, welche die beiden Häupter der neuen Gäste – sie waren Vettern gleichen Sippennamens: er lautete Korzin – zu ihrer Einfühlung am Strande entlang unternahmen, gelangten sie auch zu dem kleinen Menkendorfer Bootshafen und fanden in dem aufwärts sich erstreckenden Mühlengrund ein so hübsches Bildchen vor sich, wie es an diesen Küsten überall zu den Ausnahmen gehört und in der nächsten, verhältnismäßig öden Umgebung von Drömnitz gar nicht zu finden war. Sie legten an und ließen sich von der Müllerin eine Erfrischung bereiten, stiegen auch auf die hinter der Mühle aufragende Höhe, und als sie zurückkehrten, erkundigten sie sich bei ihrer gesprächigen Wirtin lebhaft nach der Herrschaft dieser schönen Besitzung. Der Name Gunsleben fiel dem älteren Baron auf. »Den habe ich schon irgendwo gehört, August,« meinte er zu seinem Vetter, »ja mir ist, als wäre ich mit so geheißenen Leuten schon einmal zusammengetroffen! Aber ich bring' es nicht mehr heraus. Nun, Leopoldine wird es vielleicht besser wissen.« Und als er daheim seine Frau darum befragte, konnte sie ihm in der Tat die Aufklärung geben, daß sie vor zwei Jahren im Bade Liebenstein – »Aha, ich entsinne mich schon,« unterbrach er sie mit Wichtigkeit, »allein hier sprach man von hochbejahrten Leuten –« »Nun denn, Charles, da könnten unsere Bekannten ja,« setzte Baronin Korzin mit einer Art von plötzlichem Verstehen fort, »möglicherweise deren Nachwuchs oder Anschwägerung sein – aber gleichviel –« »Ganz meine Meinung, liebe Leopoldine, denn auf alle Fälle haben wir jetzt einen Anknüpfungspunkt zum Eintritt in ein Haus, wie wir es vielleicht brauchen werden.« Am Tage nach der Wörther Siegesfeier blieben die meisten Badegäste nach dem Nachmittagskaffee beim »Pavillong« versammelt und beobachteten den nördlichen Himmelsrand. Ein Fischer wollte dort eben ein paar verdächtige Schiffe bemerkt haben, und ob auch kaum recht glaublich, so war es doch am Ende nicht unmöglich, daß die Vorhut der feindlichen Flotte schon bis in diese Gegend vorgedrungen wäre. Gestern war ja gleichfalls schon davon geredet worden. Baron Charles, der diese Annahme achselzuckend für eine Torheit erklärt hatte, brach inzwischen mit seiner Gemahlin und dem Vetter August zu einem Spaziergange nach der Landseite hin auf und schlenderte einem kleinen Waldstück zu, das sich etwa in der Entfernung einer Viertelstunde, Menkendorf zu, erhob und wegen seiner prachtvollen alten Bäume und der den ganzen Waldrand umfassenden, auch jetzt noch hin und wieder blühenden zahlreichen wilden Rosen von den Drömnitzer Gästen häufig aufgesucht wurde. Gegenwärtig freilich verirrte sich von dort nur selten jemand hierher, und die beiden Barone fanden sich daher sehr und anscheinend auch peinlich überrascht, als sie dort zwei lustwandelnde Damen antrafen. »Verdammt,« murmelte Baron Charles, »dieses Nest ist doch lebendiger als ich dachte!« Allein sein Unmut legte sich, nein, schlug sofort in eine lebhafte Freude um, als seine Gemahlin die Störenfriede erkannte. – es war Frau Hildegard von Gunsleben und ihre Tochter Rose, die Bekannten aus Liebenstein. Am Abend dieses Tages äußerte Hildegard sich über die Begegnung im »Lieben Busch«, wie jenes Waldstück geheißen ward, merkwürdigerweise mit keiner Silbe. Erst am nächsten Morgen, als man, wie üblich, im Gartenzimmer beim Frühstück saß, kam Hildegard endlich mit dem kleinen Begegnis heraus. Der ›Junker‹ wischte sein Messer an einem Stück Brot ab, um zu einer anderen Speise überzugehen. »Ja, ja, Drömnitz macht sich,« sagte er dabei einigermaßen höhnisch. »Ganz hübsche Publikümer dort, hör' ich, und Kaspar Bloom macht gute Geschäfte. Und nun gar echte Barone – hm! – Beiläufig, Frau Tochter, da Sie die Herrschaften kennen, könnten Sie ihnen gelegentlich schon einen kleinen Wink geben. Unser Batteriechef erzählte mir gestern, daß sein Kamerad zu Drömnitz beträchtlich grimmig über die Feuerwerksspielerei von vorgestern abend sei – es ist ja auch sonst schon dergleichen vorgekommen! – und sich Verhaltungsbefehle aus Liepen erbeten habe. Verdenken kann man's den Leuten nicht: die Behörden löschen die Leuchtfeuer aus, die Badegäste zünden sie an und lachen die etwaigen Einwendungen aus – 's ist merkwürdig, sag' ich auch. Also einen kleinen Wink, Frau Tochter – Major Grüning zu Liepen gilt als kein besonders spaßhafter oder höflicher Mann.« Dazu goß sich der Sprecher ein letztes Glas Wein ein und schlürfte es behaglich aus. Dann stand er auf und zündete seine Pfeife an und langte nach Hut und Stock. »Grüß Gott, Kinder! Wenn was vorkäme und man mich suchte – ich will mich mal beim Rehkamp umsehen und hernach hab' ich mir zu Groth mein Pferd bestellt und reite zum Vorwerk. Langhaus mag dort übermorgen mit dem Roggen anfangen lassen. Viel vor Mittag könnt ihr mich nicht erwarten.« Seit er mit den Seinen aus der Stadt zurückgekehrt war, verließ er selten auf längere Zeit den Hof, ohne von der Richtung und Dauer seines Ausfluges daheim gesagt zu haben. Wer konnte in dieser Zeit wissen, wann und weshalb seine Anwesenheit daheim nötig werden möchte! Er schlenderte jetzt durch die Gartensteige und Parkwege dahin und es hatte wenig den Anschein, daß er einem bestimmten Punkte zustrebe, wie er doch daheim gesagt hatte. Es war beinahe, als verlege ihm etwas fortgesetzt den geraden Weg. Mit einem Male aber nahmen seine Schritte wieder das zielbewußt Gestreckte an, woran seine Leute ihn stets von weitem schon zu erkennen vermochten. Und er hielt nun, wenngleich auch nicht nasenlangs dem »Rehkamp«, so doch dem Walde, und zwar einer erhobenen Lichtung zu, die uns bereits unter dem Namen »Lindenplatz« bekannt geworden ist und von wo man außer der unmittelbar darunter liegenden »Lindenbucht« noch ein gutes Stück der Küste und der See überblicken konnte. Dort traf er einen, dem er hier am allerwenigsten zu begegnen erwartet hatte, den Müller Clarmann, zudem in einer Stellung, die auffällig genug war: hinter einem dicken Stamm, sozusagen gedeckt, und angestrengt mit einem Krimstecher auf die See hinausspähend. Und der Mann war so versunken in den Ausdruck, daß er des Gebieters Kommen gar nicht wahrnahm. »Was seht Ihr denn, Clarmann?« »Ei –sehen Euer Gnaden doch nur einmal dahin!« stotterte der Angeredete, zuerst nicht wenig erschrocken, und deutete nur mit einem Kopfruck auf die See hinaus. Als sich die Blicke des ›Junkers‹ in der angegebenen Richtung hinabsenkten, stießen sie auf ein kleines, sauberes Nordlandboot, das mit eben niedergelassenem Segel nur durch den Seegang in einer leichten Bewegung war. Jetzt legte einer von den beiden Insassen die Riemen ein und ruderte das kleine Fahrzeug langsam in die Bucht. Der andere stand im Schnabel und schien eben eine Schnur auszuwerfen. Und nun legte der erste auch schon die Riemen wieder an Bord, stand auf und musterte, wie man glauben konnte, durch ein Glas mit äußerster Sorgfalt die Ufer und die Lindenhöhe. Beide waren in Hemdsärmeln, aber man sah es trotz der Entfernung gut genug an den seinen Strohhüten, daß es keine eingeborenen Fischer, sondern Leute besseren Standes waren. »Was treiben die da eigentlich?« fragte der ›Junker‹ der, ohne recht zu wissen weshalb, bei diesem Anblick gleich seinem Begleiter noch weiter hinter den Stamm zurücktrat. »Angeln sie? Na, das Vergnügen habe ich nie recht verstanden.« »Angeln, Herr? Ich weiß nicht recht. Nehmen Euer Gnaden hier einmal mein Glas! – Aber seien Euer Gnaden recht auf der Hut. Gern haben's die beiden dort, glaub' ich, nicht, daß man ihnen hier auf die Finger sieht, und es wäre doch auch schade, wenn man ihren Spaß stören wollte.« Detlef von Gunsleben hatte das Glas indem auch schon ans Auge gehoben und schaute genau und lange durch – ließ es sinken und starrte den Müller mit einer Art von Überraschung an. »Was Teufel, Clarmann – die peilen ja!« »Na ja, Herr, ich glaub's auch,« erwiderte der Müller bedächtig, »und sehen Euer Gnaden, weil ich das gern einmal recht gewiß sehen wollte, darum bin ich ihnen hierher nachgegangen. Ich habe mir das Ding schon ein paarmal von meiner Mühle angesehen, aber es war meistens für mein Glas zu weit, und die Herren sind vorsichtig. Nun sah ich sie heut morgen wieder herankommen und da bei dem ›alten Sand‹ herumlungern – sie angelten dort aber. Dann jedoch ging's fort, unter dem Mühlberg hin, und da strolchte ich ihnen nach. – Sehen Sie nur, da angeln sie wieder – sie können uns doch nicht gesehen haben, Herr?« Der ›Junker‹ blickte von neuem vorsichtig hinab und fragte dann: »Kennt Ihr die Leute, Clarmann?« »Ich meine schon, Euer Gnaden,« versetzte der Müller mit einem gerissenen Lächeln, »es ist der fremde Baron und sein Vetter, die zu Drömnitz bei Kaspar Bloom wohnen – sie sollen, glaub' ich, aus dem Hannoverschen sein – sind schon zweimal bei uns in der Mühle gewesen und haben sich was zu essen geben lassen. Leider war ich beide Mal nicht daheim. Und das Boot, Herr, – das kenne ich auch: der Peter Ahrens ist damit vorm Jahr zu seinem Vetter Christopher Behr auf den Golm gekommen – weiß nicht, ob er's gestohlen hat! – und hat es, als er davon mußte, dem gelassen. Es ist das fixeste kleine Ding, das ich Zeit meines Lebens gesehen habe, und wenn man damit umzugehen weiß, auch das sicherste.« »Danach wird man also einmal sehen müssen, Clarmann?« »Der Meinung bin ich auch, Herr. Und wären Euer Gnaden nicht gerade hergekommen, so wäre ich noch heute zu Ihnen gegangen. Beim Golm haben sie schon gleich gepeilt, als sie hierher kamen, und damals haben wir ja noch kaum was vom Krieg gewußt. Aber die sind schon davon unterrichtet gewesen, scheint's, – sie sagen ja, daß sie es mit den Franzosen halten und nichts von unserem König wissen wollen. Aber sehen Sie einmal, Herr,« brach der Sprechende wichtig ab und spähte wieder gespannt auf die Bucht hinunter und murmelte zuletzt: »Sie gehen seewärts. Müssen uns doch gesichtet haben!« Der Lindenplatz ist, wie schon angedeutet, von dichtem Wald begrenzt. Es ist dies ein Gehölz, das sich von hier einwärts fast eine Meile weit ausdehnt Es schiebt seine dichten Massen wie grüne Schranken bis an und zwischen die alten Linden hinauf, die der Stelle den Namen gegeben, und verschließt den Ein- und den Ausblick gerade hier so vollkommen, daß, was hüben oder drüben geschieht, sich regt oder nähert, für einen Beobachter sozusagen bis zum letzten Schritt verborgen bleibt. Daher hatte auch der Mann, der bei des Müllers letztem Wort aus der Gebüschwand hervortrat, sehr wahrscheinlich keine Ahnung von der Anwesenheit anderer gehabt und seine begreifliche Überraschung riß ihn unwillkürlich zurück. Allein wäre man auch bis dahin seiner nicht gewahr geworden, so hatte nun doch das neuerliche, mit seinem heftigen Zurückweichen verbundene Rauschen des Blattwerks ihn angezeigt. »Was Teufel, wer ist denn das?« rief der Müller aus, aber ersichtlich noch überraschter als jener. »Das ist ja wohl –« Und da auch der ›Junker‹. »Ja, was! Ist das nicht der Matthies?« »Ja, Euer Gnaden, der bin ich freilich,« – wie aus ihm selbst sprach auch aus seiner Erscheinung jetzt, im Gegensatz zu früheren Zeiten, etwas Tüchtiges und Ruhiges, – »und ich freue mich, daß ich da gleich Euer Gnaden und den alten Schlaukopf finde. Ich wollte eben hier nur noch einmal hinuntergucken, denn ich habe etwas gesehen –« »Was hast du gesehen?« griff der ›Junker‹ befeuert dazwischen. »Des Teufels Spiel, Herr, oder ich bin ein Wickelkind an Verstand und Einsicht!« »Und wo kommst du her und was willst du hier?« fragte der alte Herr gezügelt weiter. »Ich komme heut morgen von dem Häusler Rülow zu Mollin, wo ich noch eine alte Schuld zu bezahlen hatte. Ich wollte zu meinem alten Ohm, dem Brüst, daß der mich bei Euer Gnaden ansagte. Und weil's mir noch ein bißchen zu früh war, so sah ich mir wieder einmal die Reviere an. Beim ›scharfen Eck‹ guckte ich einmal hinaus und kriegte da unten das Schelmenwerk zu sehen. Da war es denn nichts mit dem alten Ohm. Ich mußte zuerst hier zu Clarmann, weil der sicherlich schon die Halunken kannte und mir namhaft machen konnte. Denn setzen Euer Gnaden, sie haben in der Stadt schon allerhand Anzeichen, und ich habe mir gleichfalls bereits dies und das gedacht, und das ist auch ein Grund, weshalb ich gern hierher wollte –« Durch des Gutsherrn ernstes Gesicht zuckte ein kleines schlaues Lächeln. »Sieh, sieh,« sagte er, »was doch so ein Schatz alles zuwege bringt!« Und da er des Mannes Gesicht auf diese Worte sich mit jäher dunkler Röte bedecken sah, so redete er freundlich weiter: »Laß es nur gut sein, mein Junge, es ist nichts Böses dabei. Was mir Wehrenberg seinerzeit erzählt hat, macht dir alle Ehre, und was die Renate angeht, nun, ich sehe, du weißt es schon, daß meine Frau sie hier heraufgenommen hat, und das zeigt dir ja wohl zur Genüge, wie wir von ihr denken. Also darum kümmere dich nicht, wir legen dir nichts in den Weg. Aber« – und sein Blick wurde wieder so fest wie vorhin – »wie steht es mit dir selber? Du bist flüchtig und noch unter Anklage – wie kann ich dich schützen, selbst wenn ich es wollte?« Matthies aber schaute dazu munter auf. »Alles recht, Euer Gnaden,« versetzte er und holte aus der Brusttasche seiner blautuchenen Jacke eine alte Brieftasche, öffnete sie und nahm ein zusammengefaltetes Papier heraus. »Hier ist mein Strafaufschub und hier mein Ausweis als Kriegsfreiwilliger! Es ist eine lange Geschichte, aber ich kann es auch kurz sagen. Als der Kriegslärm anging, ärgerte es mich, daß ich zurückbleiben sollte, und doch', wo konnt' ich hin? Auf der Flotte ist's nichts für mich, die kann gegen die Franzosen nicht hinaus. Aber bei der Küsten- und Hafenwache, da kann ich etwas nützen. Es ist von hier bis Emden kein Platz, wo ich mich nicht gut umgesehen habe und Bescheid weiß, und hier unser Fahrwasser, kenne ich wie meine Tasche, ich nehme es selbst mit dem Peter Ahrens auf. Es wissen hier aber, gerade von wegen des Schmuggels, mehr fremde Leute Bescheid, als gut ist, und wenn der Franzose davon wüßte, und es hier versuchen wollte, so könnte es eher ein Unglück geben als anderwärts. So rechnete ich und kam zurück und ging mit Peter Jansen geradeswegs zum Herrn Staatsanwalt, um ihm von mir und allem die Wahrheit zu sagen, und ihn um freie Fahrt zu bitten bis nach dem Kriege. Dann will ich gern leiden, was ich leiden muß.« Der ›Junker‹ nickte immer befriedigter. »Nun, Euer Gnaden, was soll ich noch viel sagen? Zuerst wollte er nicht recht hören, aber hernach tat er's doch, dann hat man mich noch im Verhör gehabt, von wegen des Jan Lörnsen –« Meister Clarmann hatte bisher schweigend dem Bericht zugehört, ohne darüber jedoch das verdächtige Boot zu vergessen, das währenddem nahe am Lande gewendet und langsam den Rückweg angetreten hatte, bei dem zuletzt genannten Namen aber fuhr er auf und fragte hastig: »Wie sagst du, Matthies?« »Jan Lörnsen, sag' ich, Alter! Hast du das nicht gewußt, daß er mit Peter Ahrens im Loch –?« »Jan Lörnsen, wer ist das?« forschte nun auch der ›Junker‹. »Der schlimmste von allen, Herr, die sich hier jemals gezeigt haben,« versetzte der Müller grollend und finster, »ein Erzschuft, und wenn's der ist, den Euer Gnaden selber bei Drews festgenommen haben, so muß ich klagen, daß ich ihn damals nicht zu sehen bekommen habe, da hätte ich Ihnen und den Herren gleich ein Licht anstecken können! Er hat die Schmuggelschiffe seit dem Winter als Lotse geführt und auch die Ladungen über Land geschafft, – hier durch die Bucht über die Trift nach Renken. Na, – und du, Matthies, sagst, er sitzt fest? Sicher? Der aber schupfte jetzt mißmutig die Achseln. »Na, Alter, du weißt ja, so etwas ist bei den Landratten Flickwerk und nichts nutz. Als sie von mir alles gehört hatten, und ihn mit mir zusammenbringen wollten, da war das Nest leer – verdenken tu ich es ihm nicht, denn wo ich einmal da, war es mit ihm und seinen Lügen aus.« »Und wann war das?« stotterte Clarmann blaß und scheu. »Gestern morgen, Alter. Und da ließen sie mich um so schneller los, denn ich sagte: Kommt der hierher, so gibt es Unheil –« »Ja, bei Gott! So ist es, Matthies! Und mich wundert nur, daß es nicht schon da ist,« murmelte der Müller, »da heißt es, sich in acht nehmen, Euer Gnaden, denn was der mit mir gehabt hat und wie es ihm hernach hier gegangen ist, das schenkt der uns, wo er es irgend möglich machen kann, nicht!« Dazu schaute er sich unwillkürlich besorgt und ängstlich um, – zuckte zusammen und riß erschreckt und entsetzt die Augen auf. »Beim lebendigen Gott, – was ist da los?« Achtunddreißigstes Kapitel Auf frischer Tat Die Entfernung zwischen dem Lindenplatz und der Mühle beträgt schwerlich mehr als eine Viertelstunde, aber das Gelände dahin ist ziemlich uneben, und ob auch nicht von wirklichem Wald bestanden, doch durch Busch und Strauch und dichte Ginstermassen so stark überwachsen, daß von einem freien Überblick keine Rede sein kann. Dazu endlich liegt die Mühle tief drunten auf der Sohle des schluchtartigen Tales, so daß nur in ganz besonders reinen und stillen Morgenstunden der Rauch ihres Schornsteines wahrnehmbar und so ihre Stelle bezeichnet wird. In dem Augenblick, als Meister Clarmann seinen erschrockenen Ausruf: »Was ist los?« ausstieß, erhob sich aber dort jäh eine dicht aufquellende Rauchmasse von unheimlich dunkler Färbung und breitete sich sogleich schleierartig über die Höhe und auf die See hinaus. »Feuer!« rief der ›Junker‹ bestürzt. »Feuer!« schrie Matthies bebend vor Wut und sprang bereits davon. Und der Müller brach in ein ingrimmiges Knirschen aus: »Na ja, sagte ich es nicht?, – Jan Lörnsen!« Und indem ebenfalls schon zu laufen anhebend, brüllte er Matthiesen nach: »Du, da zur Kante hinüber. Ich riegle den Weg zum Strande ab!« Detlef von Gunsleben aber besann sich noch; es war ihm, als hätte er nicht allzufernes Weibergekreisch vernommen. Und in der Tat, er hatte sich nicht getäuscht; auch die andern hörten es nun und das riß den geteilten Lauf besser als der aufdonnernde Befehl: »Zusammenbleiben!« in eine gemeinsame Richtung. So stürzten jetzt alle drei, was die Beine nur vermochten, schnurgerade durch Busch und Strauch dahin und hinab einem Steiglein zu, der etwa in der halben Höhe des Lindenhügels das Gestrüpp durchschnitt, und sahen alsbald ein paar Weiber – es waren Holzsammlerinnen – mit aufgeregter Gebärdigkeit heranhetzen. »Halt auf – halt auf – da ist er – der Mordbrenner!« schrie das vorderste Weib. Und im gleichen Augenblicke sprang ein Dutzend Schritte vor dem ›Junker‹ eine schmächtige Gestalt über den Pfad, glitt am Müller vorüber, fuhr mit einem Fluch vor dem herankeilenden Matthies zurück und warf sich in die dichteren Gebüschmassen hinein, die den Abhang fast bis zum Strande hinab bedeckten. »Zu Boot, Matthies, zu Boot! Laß ihn nicht entwischen – ich schicke dir Hilfe!« »Nicht vonnöten, Herr!« klang es beinah munter zurück, vermischt mit dem Rauschen zusammenschlagender Blattwerkwogen. Die Gewalt des rotmähnigen Riesen, der sich über das Müllerhaus geworfen hatte, war so groß, daß die Büsche im Umkreis bereits zu glimmen anfingen. »Sehen Euer Gnaden, was soll da noch zu retten sein?« – »Aufrecht bleiben, Clarmann, es sind ja unten genug Leute bei der Hand!« Aber in diesem Zuspruch klang eine dumpfe Sorge mit: der Retterschaft gebrach es gewiß an Wasser, denn der Bach floß infolge der trockenen Woche äußerst spärlich, und der Seestrand war immerhin zu fern. Als der ›Junker‹ – er hatte trotz seiner siebzig Jahre den vorausgeeilten Müller überholt – allein unten ankam, flog ihm zu seiner nicht geringen Bestürzung Blanka entgegen. »Kind, bist du des Teufels? Wie kommst du hierher?« rief er aus und riß sie an sich. »Laß mich, Großpapa, du bringst mich nicht fort! Hilf um Gottes willen dem armen Vieh – hilf den armen – armen Geschöpfen!« »Brandprinzeß!« murmelte der Alte und eilte dem Stall zu. Und ihm gelangs, denn wo die Leute jemand wagemutig vor sich sehen, da folgen sie nach, selbst wo sie bis dahin zurückwichen, und ginge es auch in den drohenden Tod hinein. Es ging hart her; das Vieh ist unbändig in seiner Angst vor dem Feuer und setzt den Rettern tollen Widerstand entgegen. Doch wie entschlossen man auch eindrang und wie todverachtend man auch angriff, alles brachte man nicht mehr heraus. Und da der ›Junker‹ mit donnernder Stimme zum Rückzug rief, war's die äußerste Zeit, und als der letzte hervorstürzte, schlug das Dach prasselnd hinter ihm nieder. Mittlerweile war Matthies dem Flüchtling wacker gefolgt und der Abstand hatte sich zusehends verringert. Doch nun, da er schon glaubte, nach dem Burschen langen zu können, widerfuhr ihm ein Mißgeschick; er brach in ein überdecktes Erdloch ein, stürzte und als er daraus kam, war der Fliehende bereits am Strande unten und in ein Boot gesprungen, das unglücklicherweise nicht einmal festgeschlossen, ja überhaupt fahrtgerecht zu sein schien, denn er stieß, indem er die Riemen aufraffte, ein wahres Teufelsgelächter aus. Wohl war Matthies im nächsten Augenblick gleichfalls unten, allein es war doch schon zu spät. Das Boot hatte schon Fahrwasser unterm Kiel. »Nur Geduld, – Jan Lörnsen,« schrie Matthies, der jetzt den Mann voll vor sich hatte und erkannte. »Ich kriege dich!« Wiederum gellte ein wildes Lachen hohnvoll dem anscheinend machtlosen Verfolger zu, der noch vergeblich an der Kette des zweiten, festgeschlossenen Bootes riß. Aber der Lacher hatte sich über Matthiesens Kraft getäuscht. Ein Fußtritt sprengte das Schloß aus dem zersplitternden Holz, und ein zweiter schnellte das Boot in Fahrt. Freilich der Vorsprung war bedeutend, und nun, wo die Fahrzeuge aus dem Schutz der Uferhöhe hinaus und in den Wind kamen, breitete der Flüchtling mit einem einzigen Zuge das nur angelegte große Segel aus und hatte mit einem zweiten Griff auch den Fock stehen, während Matthies auf diesen Vorteil bei seinem fest eingebundenen Tuch vorderhand verzichten und sich so abermals auf das widerwärtigste, gehemmt sehen mußte. Gerade diesen Zeitpunkt aber hatte der launische Zufall sich zu einem nochmaligen Eingriff ausersehen, und zwar, um den bisher Benachteiligten, der bereits wie – nun ja, – wie ein Seemann eben fluchte, zu versöhnen. Doch um diese neue Wendung besser zu veranschaulichen, müssen wir erst noch vorausschicken, daß der Lindenbucht ein winziges Eiland vorgelagert ist, immerhin groß genug, um die Annäherung eines kleineren Segels von der See her unter Umständen bis zuletzt zu verbergen. Also verhielt es sich auch jetzt, wo wie mit einem Ruck das Nordlandboot der Barone Korzin erschien. Es hatte, wie erinnerlich, heute morgen schon sich hier herumgetrieben und war dann plötzlich seewärts gegangen. Daß es jetzt wiederkam, war allerdings erklärlich genug; man mußte ja auch draußen die ungeheure Rauchentwicklung bemerkt haben und war nun einfach neugierig, deren Ursache zu erkunden. Nicht weniger begreiflich war, daß man scharf auf das erste, eben aus der Bucht treten wollende Boot zuhielt, konnte man doch von seiner Bemannung am ehesten zu der gewünschten Wissenschaft gelangen. Hierin freilich hatte man sich verrechnet. Der Flüchtling, schon allein durch das Erscheinen des flinken Dingelchens in ärgerliche Unruhe versetzt, wurde durch die Anstalten, die es nun traf, noch mehr verwirrt. So machte er das Dümmste, was er tun konnte; statt seine Richtung dreist beizubehalten und sich so einen harmlosen Anschein zu geben, oder statt zu trachten, so schnell als möglich an und mit irgendeiner Lüge vorbeizukommen, versuchte er bald nach der einen, bald nach der anderen Seite auszubrechen. Hatte er damit selbst schon für sein Auffallen gesorgt, so wurde er durch das unausgesetzte Schreien von rückwärts: »Halt auf das Boot!« noch mehr verdächtig. Und wiewohl man hier draußen den Zuruf anfänglich auch nicht verstehen konnte, so erfaßte man doch alsbald seinen Sinn, zumal, da man wahrnahm, wie sehr der Rufer sich anstrengte, das voranliegende Segel zu erreichen. Während nun das Nordlandboot den Finten des plumpen Mühlbootes auf das leichteste, ja fast spielerisch zu begegnen begann und zugleich dessen Bewegungsfreiheit immer mehr und mehr beschränkte, kam Matthies, der sich gleich beim ersten Anzeichen einer Unterstützung voll unter Leinwand gesetzt hatte, so nahe heran, daß sein mächtiger Ruf: »Brandstifter!« deutlich vernehmbar wurde. Jetzt schickte sich der Verfolgte zu einem verzweifelten Unternehmen an, nämlich, das Nordlandboot, in dem er seinen nächsten und deshalb gefährlichsten Gegner sah, über den Haufen zu rennen. Allein er hatte die Geschicklichkeit der beiden Herren doch sehr beträchtlich unterschätzt, denn nicht nur, daß ihm sein Vorhaben nicht im entferntesten gelang, wurde er dabei auch völlig außer Kampf gebracht: man hatte mit einem Bootshaken seine Steuerung beschädigt. Was blieb ihm noch übrig? – Er warf sich plötzlich über Bord und verschwand in den aufspritzenden Wellen wie ein Stein. »Feiger Hund, das soll dir wenig helfen! Das Salzwasser ist zu ehrlich für dich – es ersäuft dich nicht!« rief Matthies, der indes die beiden Fahrzeuge aufgeholt hatte, zornglühend aus und war mit einem Satz gleichfalls über Bord und ihm nach. – Zehn Sekunden darauf tauchte er aus dem seichten Wasser, das auf dieser Stelle wenig mehr als Mannstiefe haben mochte, schon wieder auf und zog Lörnsen an den Haaren sich nach. Hatte die Flut den Burschen schon fast erstickt oder der Gegner ihn durch einen Schlag vollends betäubt, er leistete keinerlei Widerstand, sondern ließ sich geschlossenen Auges und fahl wie eine Leiche aus dem Wasser heben und schier wie ein Wickelkind in das Boot legen. Dann schwang der Sieger selber sich nach und fesselte seinen Gefangenen. Dabei stieß er den in schweigendem Staunen ihm zuschauenden Herren vom Nordlandboot einen äußerst kaltblütigen Blick zu. »Na, schönen Dank auch, Herrschaften, und adjes. Ich muß heim, möchte den Schuft noch lebendig ans Land bringen,– übrigens, es mag dort wohl nicht mehr recht geheuer sein, und wenn ich da raten soll, so bleibt einer, der fremd ist, für jetzt besser davon!« Am Strande hatte sich während dieser rasch einander folgenden Begebenheiten wenig verändert. Der Brand wütete noch mit unverminderter Gewalt. Die Erbitterung gegen den mutmaßlichen Brandstifter, von dem die Leute durch den Müller erfuhren, war ungeheuer, und sie schworen ihm, falls man seiner habhaft würde, eine beispielmäßige Strafe zu. Ihr Grimm wurde noch mehr gesteigert, als sie vernahmen, daß der Mensch ein Däne sei, die Küste schon längst abgespitzelt habe, und wenn er entkäme, der feindlichen Flotte sicher die besten Dienste leisten werde. »Wär' es nur der einzige!« knirschte Clarmann zuletzt, »aber ich weiß noch von ganz anderen Schuften und will mir sie fangen oder verdammt sein! Totschlagen müßte man sie dann und auf dem nächsten Baum an der Küste hängen.« Dem ›Junker‹ waren diese Reden und Drohungen äußerst unbehaglich. Was sollte daraus werden, wenn Clarmann wirklich die wilde Menge auf die Fremden hetzte, bevor gegen sie eine begründete Anklage erhoben werden konnte; wenn es zu Ausschreitungen kam, die die schlimmsten innenstaatlichen Folgen haben mußten? Die welfische Frage glich ja noch immer einer schwärenden Wunde. – Nun, dieser Sorge wurde der Gutsherr alsbald enthoben. Als er mit seinem alten Freunde im ernstlichen Gespräch darüber zu Rate ging – es war am Abend dieses Tages auf einem Spaziergange in der Richtung gen Drömnitz – kamen ihnen zwei Herren entgegen, in denen Gunsleben sogleich die auffälligen Angler von heute früh zu erkennen glaubte. Und sie waren es wirklich. Es gab sich, daß man in ein kleines Reden geriet, in dessen Verlaufe man einander bekannt und endlich auch zu einem Rückblick auf die Ereignisse des Tages geleitet wurde; Baron August drängte dabei merklich auf ein bestimmtes Ziel, und dieses war offenbar mit dem Namen Matthiesen irgendwie verknüpft, denn er kam immer wieder auf ihn zurück und schließlich sagte er: »Es scheint in der Tat ein Mensch voll Klugheit und Überlegung zu sein, er hat selbst meinen Vetter und mich gewarnt, uns jetzt hier viel zu zeigen. Man habe sicher mißtrauische Augen gegen alle Unbekannten.« »Und ich glaube, mein Baron, daß ist ein sehr guter Rat!« bemerkte hierzu Detlef von Gunsleben in einem eigenartig trockenen Tonfall, worauf das Geplauder bald in Abschiedswendungen überging, die seitens der Barone mit verschiedenen Handküssen an die bekannten und unbekannten Damen des Hauses und nicht zuletzt auch mit den artigsten Versicherungen ihres baldigen Antrittsbesuches versehen wurden. Neununddreißigstes Kapitel Abfuhr Dem glänzenden Anfang des Krieges folgte ein ebenso glanzvoller Fortgang. Zu der Wörther Schlacht gesellte sich die zuerst fast übersehene, schier beispiellos tollkühne Erstürmung der Spicherer Höhen. Der Vormarsch setzte sich ohne nennenswerte Unterbrechung fort und so brachte jeder Tag begeisternde Botschaft ins Hinterland und jeder Bericht machte das Bild des wankenden Feindes klarer. Allein die Berichte ließen auch immer mehr und mehr die Opfer erkennen, wodurch die Erfolge errungen worden waren und es überkam das gesamte Deutschland zeitweilig eine Art von Frösteln. Letztlich hob aber doch die Begeisterung immer wieder die Gemüter über alle Sorgen und Leiden, ja selbst über die Mißlichkeiten des Alltags hinaus. Wie allerwärts, so auch in Menkendorf. Die Mühlengebäude lagen in Schutt und Asche, wohl nur ein kleines, aber immerhin deutliches Gleichnis für die riesige Spur des blutroten Sturmgewölkes, das fern von hier über nicht minder gesegnete Fluren fegte. Hatte mit dem Zusammensinken der Flammen schon anscheinend die Erbitterung und Aufgeregtheit der Leute sich zu legen begonnen, so tat wohl auch noch das Sinnbildliche der Unglücksstätte ein weiteres hinzu; aber das letzte daran bewirkte doch nur das väterliche Herz des ›Junker‹, das den Geschädigten weit über alle Verpflichtungen hinaus Hilfe verhieß. Dennoch war es klug gewesen, den Anstifter des Unheils erst nach Einbruch der Nacht davonzuschaffen, wie auch, ihn bis dahin unauffällig gefangen zu halten, Maßnahmen, denen Matthiesen überdies auf das beste vorgegriffen hatte, indem er nicht im Bootshafen, sondern in einem versumpften Ufereinschnitt an Land gegangen war. Der Besuch der Barone war nicht ausgeblieben; er hatte indessen zu nichts Schlimmeren geführt, als daß er mit einer zuverlässigen Regelmäßigkeit sich immer wiederholte. Ob und inwieweit der Entschluß Hildegards, bis zum Herbst hinein mit ihrer Tochter in Menkendorf zu bleiben, davon berührt worden war, das mußte bei der gewandten Art dieser Frau freilich unentschieden bleiben, dagegen durfte es als einigermaßen sicher gelten, daß sie es war, die die kleinen Einrichtungen des ›Junker‹ gegen ein allzunahes Aneinanderkommen mit den neuen Bekannten, stets vereitelte oder unwirksam machte. Doch wer sie so sah, wie sie aufatmete, ja auflebte in dieser Gesellschaft, der mochte ihr jene harmlosen Listen nicht einmal verdenken; und neusterdings, wo es wieder den Anschein einer Feldpoststockung hatte, um so weniger, als Baron Charles wirklich der einzige war, der sie in der ihr gewohnten Art zu trösten wußte. »Seien Sie ganz ruhig, meine gnädige Frau,« sagte er lächelnd zu der täglich Ungeduldigen, »es steht bei den Ihrigen sicher alles gut. Schlechte Nachrichten kommen schneller als die guten.« Und derlei Sprüche mehr. Allein bald versagte auch seine Kunst; denn es kamen die Tage, wo das große Schweigen brach. Und da flogen böse Nachrichten durch Deutschland und neben ihnen her und ihnen nach schlichen noch bösere Gerüchte. Bei Metz war geschlagen worden, am Vierzehnten, am Sechzehnten, am Achtzehnten, hier bei Courcelles, dort bei Marslatour und Vionville, bei Gravelotte oder wie die Namen sonst lauteten. Und Siege waren es ja auch wohl gewesen, denn die große französische Armee war nicht durchgedrungen, sondern zurückgeworfen und eingekreist. Aber es klang durch die Depeschen ein gewisses Etwas hin, das Stolz und Freude nicht recht aufkommen ließ, – nicht die frische, frohe, kühne Offenheit der ersten Siegesrufe, sondern ein unheimliches, schier finsteres Zögern und Zurückhalten, als ob man Angst habe vor der vollen, nackten Wahrheit. In diesen Tagen erfuhr man endlich auch die Haltung der feindlichen Flotte. Bei Helgoland stand sie zuhauf, doch auch in der Ostsee gewichtig, und an der dänischen Küste und selbst auf der Höhe von Kiel hatte man ihre Ausschwärmer erblickt. Es gab daher hier an unserer Küste keine Überraschung, als der Golm heute meldete, daß man in der ersten Frühe den Feind an der nördlichen Kimme aufgefunden und ihn jetzt schon voll im Gesicht habe: fünf schwere Schiffe und ein paar kleinere. Die Nachricht eilte weiter und alles bezog seine Posten. Zu Drömnitz versammelte sich die Gesellschaft auf der Grafenhöhe und richtete alle Gläser in die Ferne –. Umsonst; bis endlich Baron August mit seinem trefflichen Rohr erschien und den Feind sichtbar werden ließ. Doch war das Bild auch hier noch so undeutlich, daß die meisten mehr zu sehen wähnten, als wirklich sahen, und die Annäherung blieb so unmerklich, daß man sich voraussichtlich noch eine lange Zeit gedulden mußte, – eine Forderung, die sich wenig mit der allgemeinen Aufregung vertrug. So wurde der Vorschlag, nach dem Golm hinüber zu fahren, mit allgemeinem Beifall aufgenommen, und man bestürmte den Baron August, als »liebenswürdiger Festordner auch diese Sache in die Hand zu nehmen.« Er lehnte dies wider Erwarten ab. Die Lage der kleinen Insel sei doch allzu offen, und wenn, wie häufig, heut einmal wieder der Wind plötzlich umspränge, könne die Rückfahrt eine schwierige und die Bekanntschaft mit dem Feinde eine nähere werden, als den Neugierigen lieb sein würde. Dagegen wolle er einen anderen Vorschlag machen. Er habe mit seinem Vetter für den heutigen Morgen eine Bootspartie nach Menkendorf verabredet. »Wie wäre es damit?« – Man fand in diesem Vorschlag zwar keinen rechten Ersatz, ergab sich jedoch darein und folgte den beiden Herren zum Strande hinab. Aber da stieß man auf ein peinliches Hindernis. Als die beiden Herren ihr Boot flottmachen wollten, erschien der kommandierende Unteroffizier der Küstenwacht und untersagte die Abfahrt. »Das finde ich, gelinde gesagt, geradezu – unerträglich!« näselte Baron Charles mit hörbarer Gereiztheit. »Aber was hilft's, es soll ja einmal Krieg sein! Also komm, August, nehmen wir den Weg unter die Füße, denn hinüber will ich.« Damit wandte er sich, mit einem höflichen Gruß an die Gesellschaft, ab und schritt, von seinem Vetter gefolgt, dem Menkendorfer Wege zu. – Die Gesellschaft aber kehrte in ziemlicher Verstimmung langsam auf den Grafenberg zurück, um ihre Beobachtung wieder aufzunehmen. »Nun, Kamerad, was meinst du dazu?« sagte bald danach zu dem Unteroffizier ein derber, breitschulteriger Geselle im kurzen dunkelblauen Rock, ähnlicher Mütze und hohen Stiefeln, eine kurze, schwere Hiebwaffe an der Seite und ein Gewehr in der Hand. »Schüttelst du noch immer den Kopf, wie meine beiden alten Herren, oder merkst du Mäuse?« »Ich weiß nicht, Matthies! Wunderlich genug ist das Ding schon, aber – glauben daran kann ich dennoch nicht. Es wäre doch allzu dumm, da vor unseren Augen –« »Ach was, sieh's doch nur einmal recht, Kamerad. All' diese Torheiten sind ja nichts als Augenverblendung, um uns sicher zu machen. Paß auf heut abend, sag' ich dir, und so lange die Kerle da draußen in Sicht sind! Und ich will's drüben auch tun.« Drauf ging Matthiesen zu dem nahen Gerätschuppen, wo er sein Pferd angebunden hatte, bestieg's und ritt gleichfalls gen Menkendorf hinauf, aber nicht dem Wege, sondern den Uferhöhen entlang, um die See und den Feind hübsch im Auge zu behalten. Zu Menkendorf war die Aufregung wegen der feindlichen Flotte viel geringer als drüben in Drömnitz. Im Hofhause trafen die zwei Barone nur den alten Diener Karl, der in der Ecke des Flurs seine Bestecke putzte, nun aber, nach der ersten Überraschung über den frühen Besuch schnell in die Liwrei fahrend, die beiden höflich bewillkommnete. – Er wolle sogleich jemand von den Herrschaften aufsuchen, sie seien alle auseinander: der Herr draußen, entweder drunten beim Mühlenbau oder in den Wald hinüber, die gnädige Frau und das Fräulein in der Wirtschaft – »wir fahren heut den letzten Weizen ein!« – Der Herr Magister, hm, der werde wohl noch beim Lindenplatz verweilen, wohin er nach dem Frühstück gegangen, und Frau Hildegard von Gunsleben und das gnädige Fräulein Rose seien vorhin im Garten gewesen – »So gehen wir dahin,« unterbrach Baron Charles hier die diensteifrige Aufzählung, und dann schlenderten beide weiter in den Garten hinein und durch den Park, wo alles wie ausgestorben war. Erst auf dem Lindenplatz trafen sie die Damen, doch nicht nur die Oberstleutnantsgattin und deren Tochter, sondern auch die Gutsherrin selbst und Baronesse Blanka. Und auch Magister Silberg war da, der den Ankömmlingen schon von weitem zurief: Nur schnell, meine Herren, Sie kommen gerade recht, um eine Abfuhr zu sehen!« Der Feind befand sich jetzt ungefähr dem kleinen Drömnitzer Hafen gegenüber. Fünf gewaltige Großpanzer in kurzen Zwischenräumen einander folgend, während zwei Kanonenboote gegen die Küste abhielten und bereits so nahestanden, daß man sie voll im Auge hatte und durch das Fernglas sogar die Mannschaft an ihrem Bord zu beobachten imstande war. Der Melder hatte mit dem Admiralschiff Zeichen gewechselt und nun fing der ganze Panzerzug an, ersichtlich mit großer Vorsicht, vorzurücken. Es war immerhin ein Anblick, der Zuschauer mit ernstlicher Sorge erfüllen konnte. Aber auf einmal donnerte vom Golm her ein schwerer Schuß über die See und traf augenscheinlich sein Ziel – das dem Lande am nächsten stehende Kanonenboot – auf das Schlimmste. Man bemerkte einen großen Wirrwarr dort an Bord und die Maschine arbeitete mit aller Kraft rückwärts. Wieder ging ein Zeichen in die Höhe, und auf die Antwort vom Flaggschiff gab die Flottille jeden erneuten Versuch einer weiteren Annäherung auf und entfernte sich zusehends rasch von der bösen Küste. »Also hab' ich's nicht vorausgesagt? Eine richtige Abfuhr!« brach der alte Pfarrer jetzt das Schweigen der kleinen Zuschauergruppe, worauf eine ebenso unerwartete, als peinliche und für die Damen nicht zuletzt – denn sie erschraken – auch körperlich unbehagliche Entgegnung kam: »Nun, nun, ich meine, man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben!« So sehr waren durch das Schauspiel draußen auf der See die Sinne gefesselt gewesen, daß man gar nicht der Schritte gewahr geworden war, die der soeben angekommene Sprecher einer billigen Spruchweisheit verursacht hatte. Es war Baron Mirow. Er belächelte nun verzeihend seine kleine Schäkerei, küßte der Gutsherrin und ihrer Schwiegertochter die Hand, während die übrigen mit der Darbietung von zwei Fingern sich zu begnügen hatten. Er trug heute eine womöglich noch würdevollere Steifheit zur Schau als sonst, und auf dem Rückwege zum Hof hielt er zwischen den Baronen Korzin gemessensten Schrittes die Spitze. »Na, wenn Detlef den zufällig ankommen gesehen hat, da läßt er sich für's erste noch nicht blicken: die Pastete schmeckt ihm nicht, wie er das heißt!« meinte Silberg, der mit seiner Gattin und Frau Agnes den Schluß bildete, schmunzelnd. »Bin übrigens neugierig, was den wieder herführt – mitten in der Ernte.« Als beim Eintritt ins Haus die Damen vorausgingen und die beiden Drömnitzer ihnen folgten, blieb Mirow, anscheinend rein zufällig, bei dem Magister zurück. »Ehrwürden,« sagte er mit kaum noch beherrschter Erregtheit, »ich muß Ihnen etwas anvertrauen. Wäre unser alter bärenhafter Freund hier, ich würd's ihm nicht verbergen. Aber den Damen gegenüber – mir bricht das Herz! – Mein Herr Sohn hat mir geschrieben – von den Hiesigen. Sie haben am Achtzehnten morgens eine Attacke gemacht – der Oberstleutnant ist einer der ersten Gefallenen gewesen – die Führung ist lahm geworden – das Regiment aufgerieben – die Hälfte gefallen, die Hälfte gefangen. Es haben sich kaum hundert Mann flüchten können, unter ihnen keiner von den Angehörigen unserer Freunde. Man ist allgemein außer sich. Seine Majestät haben Allerhöchstselbst geäußert, sie könnten diesen Verlust kaum so sehr beklagen, es sei das erste schlechte Beispiel.« Der alte Pfarrer hatte diese Mitteilung voll gewaltsamer Fassung schweigend angehört, nur an seinen Wimpern schimmerte es feucht. Bei den letzten Worten jedoch erhob er die Augen zu einem festen Blick auf seinen Begleiter und sprach: »Wenn sich dies alles wirklich bestätigt, Baron, so ist es ein furchtbar harter Schlag für uns alle. Verzeihen Sie mir die Frage: berichtet Ihr Herr Sohn dies als Tatsache oder als Gerücht?« »Halten Sie das, wie Sie wollen, Herr Magister,« sprach Baron Mirow bemerkbar ungnädig. »Ich dachte es mit dieser Ihrer Benachrichtigung gut zu machen – die Herren Geistlichen haben ja das Amt, das Schwere zu leichtern und Trost zu spenden. Ich habe nicht ausspannen lassen und fahre weiter. Ich will keine Schuld daran haben, wenn das Unglück die Armen hier unvorbereitet trifft!« – »Na – Gott Lob und Dank!« sagte der ›Junker‹, der, als der Wagen des Barons davongefahren war, hinter der Scheune hervorkam, mit vergnügtem Händereiben, »das ist gnädiger vorübergegangen, als ich befürchtet habe!« Vierzigstes Kapitel Es wird licht Silberg hatte nie im Leben ein Geheimnis vor seiner Gattin haben mögen und sich stets bei seinem Vertrauen gut befunden. Und so erfuhr er es auch jetzt. Sie gab seinem Entschlusse, nichts verlauten zu lassen, vollständig recht, ja sie bestärkte ihn selbst darin, daß er das Stillschweigen auch gegen den ›Junker‹ bewahre. »Wir wollen jedenfalls erst ein paar Nächte darüber schlafen!« Und sie beide bekamen alsbald Gelegenheit, ihr Schweigen zu segnen. Schon am dritten Tage darnach wurden sie nach dem Hofe hinüberbeschieden, ein Eilbote hatte eben einen dicken Feldpostbrief gebracht, den man »doch zusammen lesen und genießen« mußte. Die Anschrift war unheimlicherweise von einer fremden Hand geschrieben, aber Blanka hatte sie glücklicherweise sogleich als diejenige des Doktor Busch erkannt und alles atmete auf: die konnte nichts Böses schreiben! Das erste, was aus dem Umschlag fiel, war ein Blatt: »An Hildegard,« mit ein paar kaum leserlichen Bleistiftzeilen. »Liebste! Meine Wunde behindert mich, will sonst aber nichts heißen. Ich will morgen wieder zu reiten versuchen. Seid ohne Sorge, Busch ist bei uns, ein wahrer Engel!« Auch von den übrigen fanden sich nur Zettel mit Grüßen, beruhigenden Worten oder Klagen über das Ausbleiben aller Nachrichten aus der Heimat. Doktor Busch hatte desto ausführlicher geschrieben: Meine hochverehrten Freunde und Gönner! Seit unseren letzten Briefen haben wir unruhige Tage ver- und der Himmel weiß was alles erlebt. Als wir am Abend des Achtzehnten nach einem Gewaltmarsch auf das Schlachtfeld kamen, ging der Geschützlärm schon zu Ende und wir gelangten nicht mehr zur »Betätigung«, – was ich trotz aller Begeisterung nicht geradezu bedauern kann. Denn was ich bei unserem Marsch über einzelne Teile des Schlachtfeldes sah, machte mir bei dem Gedanken, daß es unsere brauen Jungen ebenso getroffen haben sollte, das Herz krank. Weil man uns schmeichelhafterweise noch für völlig frisch erklärte, – wir waren bloß 16 Stunden lang marschiert! – wurden wir sogleich weiter beordert, um das Vorland in Augenschein und Pflicht zu nehmen. Es spukt hier allenthalben. In den Städten und Städtchen gehts leidlich, – sie haben einen heillosen Schauder vor uns und machen nach Kräften gute Miene zum bösen Spiel. Aber in den Dörfern trifft man gar keinen Menschen oder ein halb feiges, halb tückisches, nichtsnutziges Gesindel, das nur auf unser Verschwinden wartet, um uns nachzuschleichen und aufzulauern. Am Samstag gegen Abend kamen wir (Herrn von Freibergs Schwadron und ein paar Züge von Wildenow, so daß wir also alle hübsch beieinander waren) in ein sauberes Landstädtchen – Orges heißt das kleine Ding! – und da Mannschaften und Pferde dreiviertel tot waren, verstand sich unser Oberstleutnant endlich dazu, die Nacht über hier zu ruhen. Der Name war mir nicht fremd. Rose Mereau hatte ihn ein paarmal genannt, – sie hatte hier, denk' ich, einen Oheim oder dergleichen. Doch dachte ich nicht weiter darüber nach. Auf den Straßen war es ziemlich lebhaft. Die Leute hatten vielleicht doch allmählich einsehen gelernt, daß sie keine Angst vor uns zu haben brauchten. Bei einem Spaziergang durch die Gassen schloß sich mir sogar ein kleines Mädchen an. Sie guckte mich neugierig an und fragte, ob ich denn auch solch ein grausamer Soldat sei, ich habe doch ein so gutes Gesicht und könne sicher keinem Menschen was zuleide tun. Ich antwortete lustig darauf, und sie sagte wieder etwas, sie schob ihre Hand in die meine und ging neben mir, immer plaudernd, so daß ich ganz stolz auf meine Eroberung wurde. Mit einem Male fühlte ich aber ein kleines Papier in meiner Hand, und gleich darauf machte das hübsche Kind sich los und sprang davon. Als ich im Quartier – früher wagte ich's nicht – das Papierchen ansah, stand darauf nichts als der Name einer Straße und eine Hausnummer, so daß ich ganz verblüfft darein sah. Aber die anderen meinten, das sei ja völlig genug, hingehen müsse ich; in Feindesland gelte jeder Vorteil und dergleichen mehr. Und somit ergab ich mich denn, sah mich draußen um und fand das Haus nach wenig Schritten in der gleichen Straße. An einem Erdgeschoßfenster stand Rose Mereau und guckte mich kalt und fremd an. Ich ließ mich indessen dadurch nicht abschrecken, sondern ging und kam wieder mit Alfred, trat ein und meldete mich kurzweg zu Gast für die Nacht an. Man, das heißt, der alte Herr und seine ebenso bejahrte Frau, nahmen mich höflich auf. Mademoiselle aber blieb kalt und stumm in Ferne, bis sie einmal nahe an mir vorüberging und mir zuflüsterte: »Wir kennen uns nicht. Ich sehe Sie heut nacht.« Ich muß mich indessen kurz fassen, denn ich habe noch viel zu erzählen. Als im Hause alles still geworden, kam sie wirklich und redete mit mir, überströmend von Dankbarkeit für alles, was man an ihr getan. Und um dies sozusagen durch die Tat zu beweisen, beschwor sie mich, nicht auf die freundlichen Mienen der Bewohner zu vertrauen, sondern lieber auf das Schlimmste gefaßt zu sein. Ein ansehnlicher Haufen Heckenschützen und Freischärler habe erst kurz vor unserer Ankunft die Stadt verlassen und sich in die benachbarten großen Wälder gezogen. Entweder gebe es schon heut nacht einen Überfall oder wir würden sie morgen auf unserem Weitermarsche finden. Sie habe einen Todesschreck bekommen, da sie beim Einzuge den Oberstleutnant und andere und endlich gar auch mich erkannt und sogleich sich zu einer Warnung entschlossen, – unter Beobachtung aller Vorsicht. Denn sie sei, wenn man ihren Verrat entdecke, des Lebens nicht sicher. Sie können denken, daß ich dankbar war. Die Nacht verging indessen ruhig, und wir brachen auf. Zehn Minuten vor der Stadt aber, wo die Gegend buschig und ekelhaft hügelig wird, bekamen wir schon Feuer, und der Angriff wurde so ungestüm und allseitig, daß wir nur dadurch einer tüchtigen Schlappe entgingen, daß glücklicherweise eine der erwarteten Seitenhuten gerade eintraf und den Kerlen in den Rücken kam. Da wurden wir ihrer Meister, zersprengten sie und jagten sie mit den schwersten Verlusten zurück. Leider ist es auch für uns nicht ohne solche abgegangen. Der erste Angriff kostete uns mehr als ein Dutzend Leute und Pferde, und als es danach auf dem freieren Gelände zum entscheidenden Anreiten kam, folgten noch empfindlichere. Die Bluthunde schienen unsere Offiziere sich ordentlich auszusuchen, – es blieb fast nicht einer unverwundet. Die Wunden sind indessen meistens nur leicht. Der brave Freiberg wurde von einem der ersten Schüsse durch den Kopf getroffen und starb auf dem Krankenwagen. Den Oberstleutnant traf beinah zugleich eine Kugel, aber glücklicher: ein Streifschuß am rechten Arm und der Brust. Er behielt die Befehlgewalt bis in die Stadt, wo dann endlich der ziemlich starke Blutverlust ihn zum Nachgeben zwang. Wenn er sich ein bißchen schonen will, kann er in einigen Tagen wieder dienstfähig sein. Willi und Robert haben fast die gleichen Treffer, der eine am linken, der andere am rechten Oberarm, beide reine Fleischwunden, ohne Knochenverletzungen, unbequem, aber im Grunde ein Quark. Dagegen ist es mit Alfred nicht ganz so unbedeutend: er hat einen äußerst schmerzhaften Schuß am rechten Bein, zwischen Wade und Kniekehle, und dazu das linke Bein durch den Sturz seines Pferdes stark gequetscht. Doch wird's hoffentlich auch mit ihm nicht viel mehr zu sagen haben als mit den übrigen. Bei dem nichtswürdigen Gelände war's für uns selbstverständlich, den weiteren Vormarsch vorderhand aufzugeben. Wir setzten uns daher bis zum Eintreffen von Fußtruppen die denn auch am Montagabend anlangten und die Säuberung der Umgegend vornahmen, in dem Städtchen fest, begruben unsere Toten und pflegten unsere Verwundeten so gut es gehen wollte. Von Mademoiselle Mereau habe ich nichts mehr zu sehen bekommen. Gestern abend, wie schon gesagt, langten wir hier in Ch. an und sitzen nun wie in Abrahams Schoß, – auf wie lange, daß ist allerdings eine andere Frage. Es scheint sich wieder eine große Schlacht vorzubereiten. Also, – doch halt zum Schluß noch rasch etwas und für Sie vielleicht sehr Wichtiges! – Der Ulan Wilhelm Balz aus Renken mit einem bösen Schuß im Schultergelenk, hat heut morgen, als ich ihm den neuen Verband angelegt, eine Unterredung mit mir verlangt und mir folgende Mitteilung gemacht: Da ich mit den Menkendorfern in gutem Einvernehmen zu stehen scheine, so solle ich sie und besonders den Herrn ›Junker‹ und den Müller – heißt er Clarmann? – warnen. Man habe zu Renken einen unbändigen Grimm auf sie von wegen der Störung der Schmuggelgeschäfte, und wo man ihnen einen Verdruß oder noch Schlimmeres bereiten könne, werde es daran nicht fehlen. Die Schlimmsten säßen ja freilich im Loch, sein Großvater – Ihr Statthalter, denk' ich! – Peter Ahrens und ein Däne, namens Jan Lörnsen. Aber für diese beiden sei kein Gefängnis fest genug. Und dann sei das Unheil da, – er wolle, da er doch einmal sterben müsse, hiermit auch nur als Mitwisser nichts mehr zu tun haben. Der Müller habe schon seit des Willmanns Tode sich vom Geschäft zurückgezogen und den übrigen die Freundschaft aufgekündigt, auch habe Clarmann einen dritten, den Gottlieb Kraus, verraten, – wo der stecke, wisse er nicht, aber der werd' es womöglich auch nicht an sich fehlen lassen. (Darüber könnt ich ihn nun allerdings beruhigen.) Auch über die Ermordung des Willmanns könne er Angaben machen: Jener vielgenannte Ahrens habe allerdings damit zu tun und wisse alles. Er habe von seiner, des Erzählers, Schwester einen Brief, wie vom Herrn Magister, an Willmanns schreiben lassen, den er, der Balz, selber zur Poststelle getragen habe. Nachricht über den Aufenthalt des Willmanns sei auch gekommen, und in der Nacht vor dem Morde habe ein Mensch von Grünau die Nachricht gebracht, daß Willmanns vermutlich mit einem Boot von Wiel kommen werde. Da sei er, mein Ulan, sogleich fort, und habe Ahrens, der bei seinem Großvater steckte, morgens die Nachricht gebracht. Ein vornehmer Herr habe im ganzen seine Hand dazwischen, womit aber Ahrens immer sehr geheimnisvoll getan habe. Hernach habe er sich freilich einmal bitter beklagt, daß der Herr ein geiziger Schuft sei und daß er's ihm heimzahlen werde, denn er habe ihn in der Hand. – Für den Notfall würden ich und mein Gehilfe die richtige Wiederholung der Aussage beschwören können. So, ich will schließen. Und nun leben Sie insgesamt Wohl und lassen uns bald gute Nachrichten haben. Immer in Dankbarkeit der Ihrige – Leopold Busch. Einundvierzigstes Kapitel Ein Zwischenspiel »Also gib 'nmal 'n bißchen acht, Peter! Heut morgen, als es so um zehn Uhr aufhellte, ging ich ans Bollwerk und guckte mich um, ob's denn für unsereinen gar keinen Verdienst mehr geben möchte. So kommt ein großer Herr daher, in einem Schlapphut. Er steht und sieht sich um, schüttelt den Kopf, guckt mich so von der Seite an und fragt endlich, ob ich ihm fahren wolle, er möchte sich 'nmal draußen den Hafen ansehen. Na, es war 'was Vornehmes an dem Herrn und unsere Sprache redete er auch. So macht' ich's! Nun gut, wir kommen hinunter und gehen gleich hinaus. Es wehte schon wieder ordentlich und naß waren wir gleich bis auf die Haut. Hätt' ich so einen rechten Stadtherrn an Bord gehabt, ich möchte den Jammer nicht erlebt haben. Aber dem war es all' eins, er hielt das Ruder so stät und redete mit mir, als sei alles das reine Vergnügen. Und als ich ihn endlich angucke, ob's ihm noch nicht genug, da verzieht er den Mund und meint: bis zur Rhede müßten wir nun schon. Er wolle sich dort einmal em bißchen umsehen, ob ein Franzos in Sicht. Und das geschah wieder und draußen holt' er ein Glas aus der Kapsel – es war nur 'n kleines Ding, aber ich will verdammt sein, Peter, wenn je ein paar Seemannsaugen durch ein besseres geblickt haben! Als er sich dann ganz geruhig umgesehen, heißt er mich umlegen, denn es fing wieder an zu regnen, und wir sagen zurück bis Jakob Luplow. ›Hier legt an,‹ sagt er. ›Es sieht sauber aus, und wir haben uns einen guten Schluck verdient, Bootsmann!‹ Er geht in die grüne Eckstube und ich bleibe vorn, und der alte schiefe Jakob schusselt mir auf –« »Langsamer erzählen, Christen, kannst du's nicht, was?« »Halt's Maul, Peter! Also ich sitze und laß es mir schmecken und horche dabei auf Meister Behrens, der nahe bei mir sitzt und viel zu erzählen weiß. Er ist letztlich bei dem Baron Mirow gewesen, und dessen Wirtschafter hat ihm von unsern Ulanen berichtet – seines Herrn Sohn habe einen Brief geschrieben und darin sei das gestanden, was ich dir vorhin gesagt –« »Na, lasse das also nur gehen, Christen! 's sind Lügen. Aber 's ist gut, daß ich weiß, wo sie herkommen. Sprich du nur von dem anderen – der gefällt mir.« »Ja, ja, Peter, darnach war er, man konnte seine Freude an ihm haben, ob's mir auch mit der Fahrt ein bißchen sonderbar war. – Aber weiter. Als er fertig, kam er heraus und steckt die Nase in den Wind. Vergnüglich war es nicht, denn es wehte stark und der Regen flog dicht vorüber. Es fuhr gerade ein Dampfer an und ich sagt' ihm, er solle mit dem gehen; mit dem Boot geb' es eine harte Fahrt. Aber er schüttelte blaß den Kopf und sah mich so von unten herauf an. Na, mir könnt' es schon recht sein, und so ging's denn wieder los, und die Arbeit war kein Spaß. Beim Neugarter Rohrbruch wurd' es aber besser, so daß man doch wieder um sich sehen konnte. Er zündete sich eine Zigarre an und gab mir auch eine, und damit hob er einen bequemen Schwatz an, ich sei doch wohl hier geboren, und ob ich immer daheim gewesen oder auch gefahren? Es seien tüchtige Jungen hier bei uns zu Lande. Mehr als einer sei ihm auf seinen Fahrten bekannt geworden. Und einen habe er einmal getroffen, das sei ein echter gewesen. Sein Name sei Peter Ahrens gewesen –« »Halloh, Christen, wie war das?« »Wie ich dir sage, Peter, und beinah hätt' ich's auch gemacht, wie du eben, denn es verblüffte mich – der Herr und der Lumpenhund! – Aber siehst du, darum eben – mir war's, als sollt' ich mich 'n bißchen in acht nehmen und auf das Weitere passen. – Ob ich nie von dem gehört habe, und wo er wohl stecken möge? fragt er indem auch schon und knotet gleich bequem dazu, ›der Ahrens, Kreuzdonnerwetter, ein Satan freilich, aber ein Seemann bis in die Fingernägel.‹ – ›Na ja, den kennen wir hier schon, von Drömnitz ist er.‹ sag' ich so ganz kaltherzig hin, ›und er ist auch nah genug. Denn er sitzt drinnen in der Stadt auf der alten Kustodie.‹ – ›Wie?‹ sagt er, ›in der Kustodie?‹ – ›Ja,‹ sag' ich, ›das ist ein sehr sicher Kittchen!‹ Und er schaut dazu so, als dächte er an was Spaßiges und sagt dann, ›so, so, er sitzt!‹ Ich nicke nur, weil ich ihn nicht aufhalten will und da rückt er auch wirklich näher an die Pfanne und fragt, was es denn mit ihm gegeben habe, was Böses werde es ja wohl nicht sein, nur so ein rechtes Tollmannswerk! Ich lache so ein bißchen in den Wind und sage nichts als, so konnte es schon sein und ganz Gewisses habe noch nicht verlautet. Und da besinnt er sich noch eine Weile und endlich sagt er, er müsse mehr wissen davon, denn der Ahrens, sagt er und sieht mich dabei ganz fest an, der habe ihm einmal so halb und halb das Leben gerettet und es wäre schlecht von ihm, wollte er ihn ohne wie oder was im Stiche lassen; er möchte wohl gerne was tun für den armen Schelm –. ›Nun ja,‹ sag ich, damit er nicht meine, ich hätte nichts übrig dafür. Und da sieht er mich wieder an, aber anders als vordem, so etwa, als seien wir bereits einer Meinung, und sagt, man müßte ihn aber denn doch wohl erst hören und sehen, weil, wäre er wirklich schlecht geworden, man natürlich nichts mehr mit ihm gemein haben dürfe. ›Nun ja,‹ sag' ich, ›das ist ja alles so weit ganz schön, aber –.‹ Und da kam nun das dicke Ende. ›Hört, Bootsmann!‹ sagt er ganz dreist, ›Ihr müßt mir helfen! Ihr seid ein Stadtkind! Ihr kennt sicherlich einen der Wächter –, kurz, seht zu, daß ich ihn unter der Hand zu reden kriege und auf eine Handvoll Goldstücke soll's mir nicht ankommen!‹ – Und feixte dazu, als wären wir mit dem schon eins.« »Und du, Christen?« »Ja, alter Schlaukopf, was sollte ich viel machen? Ich dachte: Der Teufel ist 'n Schelm, und wenn du nein sagst, so sagt ein anderer ja, und wenn er wirklich etwas vor hat, so findet er schon einen, und wenn er von dem alten Saufaus, dem Niedler, hört und geht gerade zu ihm, so macht er's gleich mit dem aus. Also sagt' ich, ja, ich wollt's versuchen, und heut abend soll ich ihm an die Marktapotheke Antwort bringen. Länger dürf' es auch nicht dauern, meinte er, denn morgen müsse er wieder fort. – Und so weißt du alles, Peter!« »'s ist gut, Christen! Ich will nun vorerst 'n bißchen zu dem alten Bose hinüber, der hat guten Rat. Und willst du nicht auf mich warten, so denke daran: zur Apotheke mußt du, mag daraus werden, was will. Mußt erfahren, wo er seine Bleibe hat, und sehen, daß er nicht vorzeitig die Anker lichtet!« Zweiundvierzigstes Kapitel Die alte Kustodie Sie trägt ihren Namen mit vollem Recht. Es ist ein düsterer und unregelmäßiger Bau, ein Stück verkommenes Mittelalter, und hat, gleichviel, was jeweils auch seine Bestimmung gewesen, niemals einer besondern Aufmerksamkeit der Baubehörden sich zu rühmen gehabt. Es ist ein eigen Ding um solche alten Häuser: sie stehen anscheinend noch ganz trotzig da und halten es, wenn man sie in Frieden läßt, auch meistens noch Gott weiß wie lange aus. Fängt man aber einmal mit Änderungen oder dergleichen an, so hat aller Trotz gewöhnlich ein Ende und sie poltern einem möglicherweise mit einem Male über dem Kopf zusammen. Wer hätte hier nun eine solche Gefährdung des schätzungswerten Lebens der zahlreichen freien und noch mehr unfreien Insassen verantworten mögen? Item, es blieb, wie es war. Und man fand auch, daß es genügte. Ganz große Halunken gediehen in diesem Ländchen nicht recht und für die anderen war das Gemäuer immer noch sicher genug. Gegenwärtig allerdings beherbergte es zwei schon etwas bedenklichere Muster: Peter Ahrens und Jan Lörnsen. Von Lärm war in der Gegend der alten Kustodie für gewöhnlich wenig die Rede – es gab hier weder Schenken noch Herbergen – und zumal die Nächte vergingen in tiefer Stille. Am heutigen Abend ließ sich dies noch besser bemerken als sonst. Wenn der Posten vor dem großen Tor nicht auf seine eigenen Schritte horchte oder auf den Regen lauschte, der, vom Winde vorübergeweht, an die Scheiben oder Läden der Fenster schlug und aus den Dachrinnen hervorrauschte, so konnte er lange aufpassen, bis er wieder irgendeinen Laut vernahm oder gar eine Gestalt erblickte. Denn wer's nicht nötig hatte, trieb sich heut sicher nicht auf der Straße umher. Noch stiller war es in dem alten Kasten selbst und auf der an die Stadtmauer stoßenden fensterlosen Hinterseite der Kustodie verriet sich überhaupt kein Leben. Trotz dieser lautlosen, für jede Ungehörigkeit verräterischen Stille begab es sich, daß, als die Gefängnisuhr eben halb elf geschlagen hatte, in dem nördlichen Flügel und im oberen Flur, allerdings mit dem denkbar geringsten Geräusch, eine Zellentür aufging und eine Gestalt mit unhörbaren Schritten durch den Gang glitt, der von den Lampen an seinen Enden kaum zu einer Art von Dämmerung erhellt wurde. Ja, auf zwei oder drei Stellen, wo er von einem Vorsprung gebrochen wurde, zeigte er sich ganz dunkel, und auf einem solchen Platz verschwand die Gestalt, um nach ein paar Minuten mit einer anderen, die ihr nicht weniger vorsichtig folgte, zurückzukehren. Nach einer Weile hätte ein Beobachter, der freilich kein Wächter hätte sein dürfen, im untern Stockwerk etwas Ähnliches gewahren können, auch hier glitten zwei Gestalten lautlos wie Schatten die Wände entlang, und wäre er obendrein Zeuge des Vorausgegangenen gewesen, so hätte er erkannt, daß es dieselben Gestalten waren. Erstaunlich, wenn er mit der Einrichtung und Ordnung des Hauses vertraut gewesen, hätte ihm freilich die Tatsache vorkommen müssen, daß die Zwei nirgendwo ein Hemmnis fanden, die Türen und Gitter öffneten sich sämtlich durch bloßes Drücken; kein Dietrich, kein Schlüssel, kein Brecheisen wurde verwandt. Und wenn es nun dem Beobachter möglich gewesen wäre, auch weiterhin die Schritte der beiden zu verfolgen, so hätte er sie also ungehindert bis zur Zelle des Pförtners unten im Erdgeschoß kommen sehen. Hier aber stellte sich ihnen ein und anscheinend unerwartetes Hindernis entgegen. Wohl war die Tür zur Zelle offen, wohl schnarchte der betrunkene Türhüter wie eine Lattensäge, aber der große Torschlüssel hing nicht an der gewohnten Stelle. »Verdammt! Hat der alte Esel den Schlüssel verlegt oder –?« »Möglich, möglich, Peter – so oder anders, 's ist ganz einerlei! Sind wir so weit, wird's auch weiter gehen –« »Wüßte nicht wie, Jan?« »Aber ich, Peter!« »Du denkst an die Luke, wodurch du letztlich ausgebrochen –« »Richtig, Peter! Komm! Komm!« »Aber die ist doch frisch vergittert –« »Eben deswegen –« »Unsinn, Jan, die Zeit ist zu knapp! Du weißt, um elfe –« »Halt's Maul, hab' mir die Arbeit besser beguckt als du –« Sie huschten davon, in den Flur des ersten Stockwerks zurück. »Halloh, Jan, das ist ja –« »– ganz wie ich vermutet! Kostet nur 'n Hupferchen – wer zuerst?« »Du hast Angst?« »Narr! Dacht's nur, falls daß unten nicht alles geheuer –« »Recht, Jan! Du bist 'n Gespindel! Doch mir das Messer! So steh ich, wenn's not tut, gegen Stücker sechs! – Alles klar?« »Ja!« Ein Schwung, ein steiler Schatten, ein Aufprall, Kollern. Jetzt – ein halb unterdrückter Fluch! Stampfen, Ringen und ein neuer, lauterer Fluch und schließlich das tiefe Stöhnen eines erliegenden Kämpfers. Bei dem ersten Laut schon war auch Jan aus dem Fenster geglitten, und infolge seines leichteren, federhaften Körperbaues fast stehend niedergekommen; doch nun, anstatt seinem Gefährten zu Hilfe zu eilen, ergriff er schlechtweg das Weite. Aber er kam nicht weit; nach fünf oder sechs Sprüngen fühlte er sich gepackt, niedergerissen, gefesselt. Einige Minuten später stand die ganze Gesellschaft vor dem Inspektor der Kustodie. Er war ganz außer sich über den Vorfall und fuhr in heftigem Zorn auf die Wärter, den Posten, die Ausbrecher, ja selbst auf die Leute ein, deren rechtzeitiges Eingreifen die Flucht doch allein verhindert hatte. Wer sie seien, wie sie daher gekommen, was sie hier zu tun gehabt? Sie dürften nicht fort, bis sie vernommen worden und sich genügend ausgewiesen hätten, schnaubte er sie an und schien nicht übel Lust zu haben, sich auch ihrer zu versichern, wie er es mit den Ausbrechern schon getan hatte. Sie jedoch lachten ihn aus. Sie seien stadtkundige Leute mit Namen Soundso, und wo es Angaben zu machen gebe, stets wiederzufinden. Sie hatten jetzt aber keine zu machen, als daß Peter Jansen, der Wirt zu den »St. Jakobsbrüdern«, sie angewiesen habe, heut auf die alte Kustodie zu achten und –« »Was hat der Mensch Anweisungen zu geben? Er mischt sich auch sonst unberufen ein, hör' ich. Man wird ihm das Handwerk legen müssen!« fuhr der Inspektor dazwischen. »Er soll der Polizei oder mir die Anzeige machen. Man wird dann sehen –« »Na ja, – ja,« unterbrach ihn einer mit offenbarem Hohn, »man wird sehen! Aber frage der Herr ihn nur selber. Kommt, Jungen! Wir sind hier fertig!« Der Inspektor barst fast vor Wut, schwieg aber und rührte keine Hand gegen die Dreisten, als sie lachend davonpolterten. Statt ihnen zu danken, war er grob gewesen und hatte damit selber jede Gelegenheit aus der Hand gegeben, den mißlichen Vorfall möglicherweise noch zu vertuschen. Daran war jetzt nicht mehr zu denken; die Leute schwiegen voraussichtlich nicht, und es hieß nur noch, durch schleunige Anzeige dem öffentlichen Gerede zuvorzukommen. Die Anzeige erfolgte also ohne Zögerung, und die Untersuchung begann bereits in der nächsten Stunde. Im Innern des Gefängnisses fand sich alles noch unverändert, wie die Ausbrecher es hinter sich gelassen hatten. Die Schlösser waren sämtlich unverletzt, und ebenso die Ketten, in denen die Halunken seit dem letzten Ausbruchsversuch gelegen hatten. Die ausgehobenen Eisenstäbe ergaben das Peinlichste: Sie mußten schon länger locker in der Mauer geruht haben. Daß hier fremde Hilfe im Spiel gewesen, war augenscheinlich. Aber wer hatte sie geleistet? Unter den Wärtern stand einer, Niedler hieß er, nicht in gutem Ruf. Die Vernehmung der beiden Ausbrecher führte natürlich zu keinem Ergebnis. Nun folgte das Verhör mit den Insassen der Nachbarzellen; dafür kamen Zelle Nummer vier und sechs hinsichtlich Lörnsens, Nummer zwölf und vierzehn hinsichtlich Ahrensens in Betracht. Nummer vier wußte von gar nichts, Nummer sechs behauptete, etwas schwerhörig zu sein; Nummer zwölf aber sagte aus, daß Nummer vierzehn mit Nummer dreizehn, also Ahrens, in Klopfverkehr gewesen sei. Nummer vierzehn war ein alter Mann namens Martin Drews. Der gab jetzt ohne Zögern an, daß Ahrens mit Freunden zu Drömnitz in Verbindung stehe, und zwar durch Vermittlung des Wärters Niedler. Daran schloß sich das Bekenntnis des Wärters. Er hatte vor einigen Tagen einen Brief von einem Kapitän Markus bekommen, der ihn zum Abend in den Gasthof »Zum Kronprinzen« bestellte: er könne ihm Mitteilungen über seinen längst verschollenen Schwestersohn machen. – Der Brief kam Niedler durch den Inspektor zu, und zwar geöffnet. Dieser Umstand machte den Empfänger noch stutziger als der Inhalt des Schreibens: der Kapitän war ihm völlig unbekannt, einen Schwestersohn hatte er überhaupt nicht. Er biß nicht an und ging nur neugierhalber am Gasthof vorüber; da sah er aber durch ein Fenster des Speisesaals den Inspektor wie wartend an einem Tisch sitzen und machte sich davon. – Weiter war aus ihm nichts herauszubringen. Und hiermit schlossen die Entdeckungen und Ergebnisse der Nacht ab. Am Morgen kamen jedoch nicht weniger wichtige hinzu. Der alte Wirt zu den »St. Jakobsbrüdern« ließ sich zu allen gewünschten Mitteilungen herbei. Daß man von Drömnitz aus an der Befreiung der Gefangenen gearbeitet, konnte er mehrfach belegen und sprach dazu gegen den Untersuchungsrichter zuerst den Namen der Frau von Wildenow aus, die vielleicht um Eugen Altheims willen für die Entfernung des Peter Ahrens gesorgt haben möchte. Sie habe jetzt seit Wochen zu Drömnitz geweilt und in großer Freundschaft mit einer fremden, recht merkwürdigen Familie gelebt. Vor einigen Tagen sei sie mit einem der fremden Herren abgereist. Weiteres: Im »Kronprinzen« war wirklich vor drei Tagen ein angeblicher Kapitän Markus abgestiegen und hatte am ersten Abend einen Gast erwartet, der indessen nicht gekommen war. – Das stimmte also zu Niedlers Aussage. Es war offenbar der gleiche, der mit Christen in den Hafen hinausgefahren war. Eine weitere augenblicklich angestellte Nachforschung ergab, daß jener Kapitän Markus und der Inspektor im »Kronprinzen« nebeneinander zur Nacht gegessen, sich miteinander unterhalten hatten und zugleich fortgegangen waren. Und an diese Nachricht schloß sich jetzt eine noch bedenklichere Mitteilung des Gasthofbesitzers: Der Kapitän war um elf Uhr, anscheinend beinah durchnäßt, von einem Ausgange zurückgekehrt, hatte sich ein Glas Grog geben lassen und befohlen, ihn am nächsten Morgen um vier Uhr zu wecken. Nach diesen Worten entfernte sich ein anderer Gast – es war der Major Grüning von Liepen. Ein paar Minuten darauf kam er von der nahen Hauptwache mit zwei Mann zurück und verhaftete den Kapitän, den er als Baron Korzin anredete. Dem Wirt war Schweigen über den Vorfall empfohlen worden, und er hatte das bis jetzt bewahrt, wo er es auf die gerichtliche Anfrage brechen zu müssen glaubte. Als man sich auf alle diese verdächtigen Anzeichen hin wieder nach der alten Kustodie und ihrem Inspektor umsehen zu sollen meinte, war dieser verschwunden. Dreiundvierzigstes Kapitel Einblicke, Ausblicke Zu Drönmitz schien das glänzende Badeleben ein rasches und trübseliges Ende zu nehmen. Und dieses begann also: Baron August machte eine kleine Reise, von der man ihn in ein paar Tagen zurückerwarten sollte – aber er kam nicht wieder. An einem der nächsten Morgen fand sich der Major Grüning von Liepen ein, ließ sich dem Baron Charles vorstellen und entfernte sich mit diesem gemeinsam. Tags darauf brach Frau von Korzin auf, und schließlich entdeckte man, daß auch Frau von Wildenow plötzlich abgereist sei. Es war in diesem vereinzelten und unvermuteten Aufbrechen etwas Unheimliches. Und wie zur Bestätigung dieses Eindrucks tauchte plötzlich – man wußte nicht recht, wie und woher – das Gerücht auf, daß beide Korzin wegen ihres Verkehrs mit dem Feinde in Untersuchung gezogen seien. Bei Frau von Wildenow sollte es sich um etwas Ähnliches handeln. Kein Wunder, da bald darauf bei Kaspar Bloom niemand mehr hauste als Frau Doktor Stephani. Diese junge Frau, die wir vor Jahr und Tag in fieberhafter Aufregung kennengelernt haben und dann mit überraschender Entschlossenheit aus einem bedenklichen Verhältnis sich aufraffen sahen, hatte sich seitdem in einer Weise verändert, daß man sie kaum noch für dasselbe Menschenkind halten konnte. Eine Ruhe war in ihr ganzes zerfahrenes Wesen gekommen, als habe sie sich erst jetzt im Leben wirklich zurechtgefunden. Sie störte der allgemeine Aufbruch nicht: die Bäder, die sie zuerst versucht, hatten sie sehr angegriffen, und ein anderes Heilverfahren wünschenswert gemacht. Dieses, als sie sich seiner unterzog, zeigte sogleich gute Aussichten. Jedoch es war langwierig und sein Abschluß noch nicht abzusehen. Und so fragte sie ihren Wirt jetzt, ob er sie auch noch weiterhin bei sich behalten könne? Kaspar Bloom kraulte sich zwar ein wenig am Kopf, denn für eine so kleine Kostgängerei zu wirtschaften, war am Ende weder lohnend, noch leicht; allein die »Frau Doktor« hatte es ihm angetan, und er guckte sie daher wohlwollend an und meinte, das werde sich denn wohl machen lassen, man müsse eben sehen, ob man das Notwendige vom Menkendorfer Hofe erhalten könne. »Ich will nichts von dorther,« lautete aber die Antwort mit kalter Bestimmtheit, wie es der Wirt von der stets ruhigen und freundlichen, mit allem zufriedenen Dame bisher noch nicht vernommen hatte. »Es wird auch so gehen – ich mache keine Ansprüche für mich und die Meinen. Also überlegen Sie's mit Ihrer Frau, Herr Bloom, und ich werde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mich noch behalten können. – Ich habe eine ordentliche Angst vor der engen, dumpfen Stadt.« Nach diesen Worten brach sie mit ihren Kindern zu dem Spaziergange auf, den sie morgens nach dem Frühstück, bald am Strande entlang, bald ins Land hinein, alle Tage zu machen pflegte. Kaspar Bloom schaute ihr mit einem mitleidigen Kopfschütteln nach und sagte dann zu seiner Frau: »Daß Gott erbarm'! Die macht's auch nicht mehr lange mit!« Zu der gleichen Zeit, wo Frau Klara mit den Kleinen zum Strande hinab und an ihm weiterging, ein passendes Plätzchen fand und von dort, während die Kinderchen mit Schiebkarre und Schaufeln vor ihr im Sande herumspielten, träumerisch in die weite See hinauslauschte, – kamen von der Menkendorfer Seite her, auf der gleichen Strecke zwei Männer im ernsten Gespräch dahergeschritten. »Ja, ja,« sagte der eine gerade, »so hat Grüning sie nun also doch gepackt, wie er's uns verhieß. Möcht' nur wissen, Junge, ob der Korzin wirklich mit den beiden Schuften schon von alters her bekannt gewesen, oder ob er nur für die lustige Madame Wildenow da ein Tor geworden? Und ob die wirklich noch immer in Verbindung mit dem – dem – Lumpen steht, und wer zu Drömnitz und hier bei mir ihre Zuträger und Botschafter gewesen sind? Sag, Matthies, weißt du mir Antwort darauf?« »Nun, Herr, am letzten ist nichts Besonderes! Zu Drömnitz ist mehr als einer, der's mit Ahrens hält und wenig besser ist als er. Was aber die Bekanntschaft zwischen dem Herrn und den beiden Schuften angeht – das glaub' ich nicht. Das hat nur die lüderliche Rittmeisterin so ins Werk gerichtet für den Herrn Eugen. Sie war nicht umsonst so eifrig mit dem Baron!« »Ja, ja, mein Junge, wo eine Eva es auf unsereinen absieht, kommt immer eine Dummheit heraus! – Ich muß übrigens sagen, daß dem Magister und mir dieser Baron August nie besonders gefallen hat!« »Kann mir's denken, Herr!« »Junge, mir scheint, du weißt mehr als ich –. Heraus damit!« »Nun, Herr, ich habe ihn ziemlich häufig im Park gesehen –« »Du willst doch nicht sagen, Matthies, bei Nacht –?« »Doch, doch, Herr!« »Wie? Allein?« »Ja, Herr, meistens, ein paarmal aber auch mit dem Fräulein.« »Mit welchem Fräulein?« »Ei, Euer Gnaden! Da bleibt ja wohl, dächt ich, keine Wahl – das gnädige Fräulein Rosa –« »Sieh' da! Das ist ja wirklich allerhand! Na, meinetwegen!« Sie waren inzwischen am Strande immer weitergegangen und nicht mehr weit von Drömnitz. In der Entfernung eines kleinen Büchsenschusses ging langsam eine Dame mit zwei Kindern hin. – Plötzlich machte der ›Junker‹ Halt. »Du, Junge! – sieh einmal, was gibt's da?« Die Gestalt der Dame war nicht mehr zu sehen, aber die Kinder weinten so laut, daß man's bis hierher vernahm. »Da gibt's ein Unglück!« rief Matthies aus und war schon mit raschen Schritten voran, und der ›Junker‹ nach. Und da sie die kleine Strecke zurückgelegt hatten, fanden sie Frau Klara Stephani umgesunken und völlig bewußtlos. »Lauf' nach Drömnitz, Matthies, und hole Leute und eine Bahre!« befahl Detlef von Gunsleben und kniete vor der anscheinend Leblosen nieder. Aber nein, es war doch noch ein leiser Herzschlag zu fühlen. Und jetzt tat sie auch, obgleich nur für einen Augenblick und ohne ihre Umgebung zu erkennen, die Augen auf. Da erhob sich der alte Herr etwas erleichtert und sagte voll warmer Herzlichkeit zu den armen weinenden Kleinen: »Seid ruhig, Kinderchen, seid nur ruhig! Die Mama wird bald wieder aufwachen und euch freundlich ansehen können.« Es war fast, als hätten diese Worte Heilkraft gehabt, denn die Darniederliegende schlug jetzt von neuem die Augen auf und lächelte die Kleinen an. Erst dann sah sie auch ihren Helfer und suchte sich, indem ein leises Erröten über das erblaßte Gesicht flog, aus seinem Arm aufzurichten. »Wie danke ich Ihnen, Herr von Gunsleben, daß Sie sich um mich bemühen! Ich hatte eine so seltsame Empfindung am Herzen und fühlte dann eine solche Schwäche, daß mir die Sinne schwanden. Aber es wird schon wieder besser.« Und sie erhob sich, mit einem neuen, etwas förmlich höflichen Lächeln die Unterstützung zurückweisend. »Machen Sie sich nicht stärker als Sie sind,« – der sichtbar bedenkliche Zustand der jungen Frau und der Anblick der beiden ahnungslosen Kleinen, die, schon wieder getröstet, jauchzend um sie her sprangen, ging dem Sprecher tief zu Herzen, – »warten Sie nur ein paar Augenblicke! Ich habe ins Dorf um eine Trage geschickt; wir wollen Sie ganz bequem heimbringen.« »Behüte Gott!« sagte sie lebhaft abwehrend und dennoch mit einem dankbaren Blick zu ihm aufschauend, »ich bin es gar nicht gewohnt, so viel Rücksicht auf mich zu nehmen oder nehmen zu lassen. Es hat nichts zu bedeuten – eine Doktorsfrau wird allmählich selber ein bißchen zum Arzt,« fügte sie lächelnd hinzu. »Und jetzt kann ich ganz gut gehen.« »So nehmen Sie wenigstens meinen Arm, gnädige Frau!« Das tat sie denn auch, und er fühlt' es wohl, daß sie der Unterstützung noch bedurfte. So schritten sie weiter. Und da Matthies und ein paar andere Männer, die ihnen bald entgegenkamen, von ihr bestimmt bedankt wurden, führte der ›Junker‹ sie bis an ihre Wohnung. Da nahm er ihre Hand in seine und sprach herzlich: »Wissen Sie was, junge Frau? Gehen Sie bald in die Stadt zurück. Es könnte doch einmal schlimmer über Sie kommen als jetzt. Ich schicke Ihnen – Renate Stein –« »Wie? Sie ist bei Ihnen?« unterbrach sie ihn lebhaft. »Ja, Sie hat uns während des Winters zu großem Dank verpflichtet,« erwiderte er, »und gefiel meiner Frau gleich so gut, daß sie sie zum Mitgehen beredete. Wir haben sie gern und bedauern nur, daß wir sie bald ganz hergeben müssen; denn Sie wissen vielleicht, daß der alte Getreue sich gestellt und gute Aussichten zur vollen Begnadigung hat, ja obendrein in der Nähe ist – der Matthies, den Sie hier sicherlich oft genug und noch eben bei uns gesehen haben – ein braver Junge.« Sie hatte ihm froh zugehört, und nun sprach sie fast innig: »O, Wie mich das für Renate freut, so unendlich freut! Sie hat mir im vorigen Sommer einmal davon erzählt und mich durch ihre Treue und Geduld zu Tränen gerührt. – Ja, Herr von Gunsleben, die schicken Sie mir – ich freue mich darauf. Es ist so etwas Schönes um ein Menschenkind, daß sich so tapfer zum Glück durcharbeitet.« Der ›Junker‹ kehrte tief nachdenklich nach Menkendorf zurück. Er war auf dem Pfarrhofe, wo er kurze Zeit einkehrte, wortkarger als sonst, und nicht gesprächiger bei den Seinen am Mittagstisch. – An diesem Tage kamen auch endlich wieder, und zwar zugleich, mehrere Berichte aus dem Felde nach Menkendorf. Früh nachmittags fuhren die ›Drakenhöfer‹ vor und überbrachten ein Schreiben ihres Sohnes Willi: Er wie Robert hatten den Marsch nach Sedan nicht mitmachen können. Er konnte indessen von den schweren Verlusten melden, die besonders das Offizierkorps dort getroffen hatten. Aber die Hauptsache war, was er über den Zustand des Onkel Moritz und Alfreds mitzuteilen hatte. Moritz war ungeduldig vom Krankenlager aufgestanden, aber schon an einem der folgenden Tage zurückgeführt worden, und das gleiche traf bei Alfred zu. Willi äußerte sich betrübt. Es schien mit beiden nicht gut zu gehen. – Ein paar Stunden darauf brachte die Liepener Posttasche zwei für die Menkendorfer selbst bestimmte Briefe, den einen von dem treuen Doktor Busch, den anderen von Viktoria. Die junge Frau hatte einen Brief voll Zärtlichkeit und innigen Dranges nach Versöhnung an die Großmutter geschrieben. Der Arzt – er hatte sich diesmal kurz gehalten – berichtete dieses: »Es schleicht hier und dort ein unsinniges Gerücht über das ›Malör‹ um, das unser Regiment bei Metz gehabt haben soll. Es hat schon Händel deswegen gegeben, und eben erfahre ich, daß der Divisionär eine Untersuchung zur Entdeckung der Verleumder und Genugtuung verlangt hat. Es kann vom Urheber nur die reine Nichtswürdigkeit sein und gar nicht einmal eine Verwechslung stattgefunden haben, da alles sich in gleicher Musterhaftigkeit bewährt hat. Aber der tatsächliche Gegenbeweis von Sedan ist uns allen dennoch lieb. – Horchen Sie doch daheim umher, ob Ihnen nicht irgendeine Spur sichtbar wird.« – – Der ›Junker‹, der den Mitteilungen über die Verwundeten, gleich den übrigen, mit ernstem Schweigen gefolgt war, hatte schon bei den ersten Sätzen Buschs den Kopf mit einem Ruck erhoben und mit immer finsterer Stirn und immer zornigerem Blick dem folgenden gelauscht. Jetzt, als der ›Drakenhöfer‹ auffuhr: »Das ist ja eine bodenlose Gemeinheit, und ich –« – da warf er ihm einen versteckt abwinkenden Blick zu und sprach: »Ja, hilf mir nur, und sie sollen glauben, daß der ›Junker‹ sein Recht zu wahren versteht!« Silberg aber schüttelte geringschätzig den Kopf. »Weiß nicht, wie du dich so über die Albernheit ärgern kannst. Ich habe schon vor Wochen davon gehört und –« »Und nichts davon gesagt zu uns?« In dieser Frage lag eine fast unheimliche Ruhe. »Nein, wie du siehst, mein Lieber!« versetzte der Pfarrer kaltblütig. »Damals, wo wir noch keine Nachrichten von den Unseren hatten, hätten wir Grund gehabt zum Zorn. Jetzt, mein' ich, haben wir nur noch Grund zur Verachtung.« »Und von wem hörtest du davon? Oder scheint dir die Antwort gleichfalls noch nicht zeitgemäß?« »Weshalb diese Spitze, Detlef? – Baron Mirow sagte mir davon und überließ es mir, Euch davon zu benachrichtigen. Er hatt' es von seinem Sohn als Gerücht vernommen. Ich glaubte aber nicht daran und sagt' ihm das auch und schwieg.« »Wilhelm Mirow? Der Johanniter?« Diese Laute kamen wie von den Zähnen zermalmt heraus. »Aber, lieber Vater,« fügte Frau Hildegard mit einem kalten Blick auf den Magister dazwischen, »Mirows werden doch sicherlich keine falschen Gerüchte aufbringen und weiter verbreiten –« Detlef von Gunsleben faßte die Unterbrecherin mit großem Blick, dann lachte er kurz und schneidend auf und endlich sagte er ganz leise zu seiner Frau: Lies uns nochmals Viktorias Brief vor, Mamachen!« Hildegards Verhalten wurde für ihre Umgebung tagtäglich peinlicher. Wer den ›Junker‹ genau kannte, konnte, wenn nicht bald ein entschiedenes Einlenken stattfand, über den endlichen Ausgang kaum noch in Zweifel sein. Gab der alte Herr einmal ein bißchen besser als gewöhnlich acht auf solche Erscheinungen, wie Hildegard sie ihm gegenwärtig nur allzu oft darbot, so mußte es sicher zu äußerst unumwundenen Bemerkungen beiderseits kommen, was insofern zu größtem Unheil werden konnte, als in dieser Frau nicht wenig von jenem Dünkel stak, daß eine Dame einem Mann gegenüber unabänderlich im Recht bleiben müsse. Nach dem Abendessen begleiteten alle außer Hildegard das Silbergsche Paar noch hinaus. Der Abend war von einer ungewöhnlichen Milde und Schönheit und der weite Sternenhimmel wölbte sich in vollster Pracht. Das hielt einen jeden so ein bißchen für sich. Und so fiel es nicht auf, daß der ›Drakenhöfer‹ sich mit einem Mal davon machte und zum Hause zurückkehrte. Hildegard schaute etwas befremdet auf, als Wolfgang jetzt allein zur Tür hereinkam und fragte mit einem ziemlich unsicheren Spott: »Hast du schon genug Luft geschnappt, Schwager?« Er machte es sich im nächsten Sessel bequem. »Ja, ihr Städter seht jeden Schritt vors Haus wie einen Ausflug an und die freie Luft wie was Fremdes! Bei uns Landleuten ist das anders!« Doch sie ging auf diesen Ton nicht ein und tat auffällig gelangweilt und sagte schließlich wie verloren: »Mich macht diese Fülle von freier Luft sterbensmüde, obendrein, wenn sich damit diese endlose Geselligkeit verbindet.« »Geselligkeit? Endlose Geselligkeit?!« »Nun ja, Silbergs sind ja eigentlich immer hier. Wir sind so gut wie nie mehr unter uns.« »Nie mehr unter uns? Ich meine im Gegenteil, immer. Die lieben Alten kann ich nun einmal nicht von uns getrennt denken, sie sind die unseren, wie wir die ihren. Und früher, glaub' ich, hast du auch so gedacht, Hildegard?« »So ist es eben anders geworden – zu Menkendorf.« »Richtig – das heißt, in dir selber, Schwägerin. Man merkt's, du findest keinen Gefallen mehr an Menkendorf.« »Nein,« sprach sie kurz und ohne aufzublicken. »Wohl. Aber weshalb bleibst du denn eigentlich hier, Schwägerin? Du bist, dächt' ich, so frei wie irgendeiner, und brauchst dir doch wahrhaftig keinen Zwang anzutun,« sagte er womöglich noch trockener und verließ sie ohne Gruß. Vierundvierzigstes Kapitel Man kommt ins Reine Im Gasthof einer kleinen Stadt in der Nähe der Residenz hatte sich seit acht Tagen ein jugendliches Paar in zwei Zimmern niedergelassen. Es hatte seine Reise auf das unliebsamste dadurch unterbrochen gesehen, daß die Dame beim Verlassen des Abteils sich den Fuß übertreten hatte. Der herbeigerufene Arzt fand den Fall nicht unbedenklich. Endlich gegen das Ende der zweiten Woche war die Besserung immerhin soweit vorgeschritten, daß der Arzt, wenn auch achselzuckend, auf das Drängen des jungen Herrn die Fortsetzung der Reise erlaubte. Das Paar schien es furchtbar eilig zu haben und so wurde der Aufbruch schon für die kommende Nacht in Aussicht genommen. Allein die Fortsetzung der Reise geschah in einer anderen Weise, als das junge Paar wohl gehofft hatte; denn als der Herr seine Rechnung begleichen wollte, erschien mit dem Wirt zugleich auch ein Polizeioffizier. Und dieser sagte, indem er rasch auf den bestürzten jungen Herrn zuschritt und ihm die Hand schwer auf die Schulter legte: »Graf Eugen Altheim, früher Leutnant bei den Dragonern, Frau Adele von Wildenow, Gattin des Rittmeisters Dagobert von Wildenow, ich verhafte Sie!« Die Nachricht davon gelangte schon am nächsten Tag nach Menkendorf. Detlef von Gunsleben vernahm sie anscheinend mit der vollsten Gleichgültigkeit und bemerkte kalt: »Mit einem Feigling und Dummkopf konnte es wohl nicht anders enden. Abgetan.« Wenig anders schien die Nachricht auf die Seinen zu wirken, wenn wir etwa von Hildegard absehen wollen, die, gerade auf einem Spaziergang nach Drömnitz begriffen, die Kunde erst einige Stunden später erfuhr; nicht, daß diese seltsame Frau ein anderes Urteil über den Ausbund fällte, keineswegs, aber, – es lag auf der Hand, sie sah den Vorfall von einem ganz anderen Standpunkt an, indem sie fragte: »Was soll nun geschehen?« »Nichts!« sagte der ›Junker‹ während die andern im Kreise eiskalt schwiegen. »Aber man muß doch irgend einen Schritt versuchen, Herr Vater, um diesen Skandal –« »– Schritt!? Was für einen Schritt, Frau Tochter? Soll ich ihm etwa noch einmal einen Revolver hinlegen wie vor dem Jahr? Oder wie denken Sie sonst?« Blanka hatte sich schon bei der ersten Frage Tante Hildegards erhoben und war in den Garten hinausgegangen, wo ihr wie auf einen Wink vom Himmel Marie entgegenkam. »Was ist denn, Schatz? Du bist ja ganz bleich –« »Ach, Häßliches, Marie, immer wieder Häßliches! Wann und wie mag das enden? Der arme, arme Großpapa! Nicht nur, daß es ihn wiederum so arg von außen her trifft, muß er auch noch von innen her Widerstand und Auflehnung gegen sich finden. Tante Hildegard – »Komm, komm, hier nicht, sonst holt man dich mir wieder fort!« Wir haben von dem jungen Mädchen in letzter Zeit wenig gesprochen, aber nicht um dessentwillen, weil Blanka etwa einen anderen, sagen wir, geringern Platz im Kreise und der Liebe der Ihrigen eingenommen hätte, sondern nur, weil dieser Platz eben ein durchaus gesicherter war und sich im gleichmäßigen Gange des täglichen Lebens nur selten Gelegenheit fand, den übrigen voraus, in den Vordergrund zu treten und wirkungsvoller ins Leben einzugreifen. Sie hatte in der Zeit, die seit jenem Nachmittag verflossen war, wo es zwischen ihr und Alfred klarer geworden, unendlich viel durchlebt und tagtäglich an Reife gewonnen, wie andere sie nicht in Jahren erlangen. Diese Sommermonate waren freilich für alle Deutschen eine Zeit, wie ganze Geschlechter sie sonst nicht wieder so an- und aufregend, so umgestaltend, so entwickelnd und reifend kennen zu lernen und zu durchleben haben. Aber bei Blanka traf dies noch in besonders hohem Maße zu. Es prägte sich in ihrem ganzen Sein und Wesen, in jedem Bewegen und Handeln voll Entschiedenheit aus, aber, – und das war das Wunderbare und Schöne! – nicht in Strenge und Kälte, nicht in Gedrücktheit oder Verschlossenheit, sondern in wachsender, milder und dennoch fester Klarheit, Gleichmäßigkeit und Zuversicht, die für ihre ganze Umgebung, wenn man Hildegard ausnimmt, zur wahren Wohltat wurden. Alle ließen sich an dem zarten und innigen Kinde aufrecht erhalten. Und nicht nur innerhalb, nein, auch außerhalb des Hauses war es so, wofür als bestes Beispiel wohl der selbstische, in sich versteckte Müller Clarmann dienen möchte, zumal da er jetzt den beiden Freundinnen begegnete. Seit Blanka beim Mühlenbrande so hilfreich eingegriffen hatte, wurde sein hartes Gesicht, wo er sie erblickte, freundlich, die kalten Augen gewannen einen, man hätte sagen mögen, liebevollen Ausdruck, und wenn es zum Reden zwischen ihnen kam, zeugte jedes seiner Worte von seiner tiefen Dankbarkeit. So auch wieder hier. »Nehmen die Fräuleins es nicht für ungut, daß ich Sie da aufhalte. Ich war gestern in Liepen und habe dort auf der Post einen Brief von meinem Schwestersohn gekriegt. Sie wissen es wohl, er ist Bursche beim Herrn Alfred. Ich habe den Brief mitgebracht, wenn die Herrschaften ihn lesen wollen.« Damit holte er das Papier aus der Tasche und bot es Blanka hin. Als er gegangen, lasen sie das Schreiben zusammen, blieben still und schritten in dem Steige weiter, der gegen den Lindenplatz führte. Erst als Marie Tränen in den Augen der Freundin sah, brach sie das Schweigen und flüsterte: Hast du ihn denn wirklich so sehr, – sehr lieb, Blanka?« »Ach ja, ach ja – doch Marie, – was hilft das ihm, was hilft das mir? Unsere Liebe hat kein Glück.« Indem erklang hinter ihr eine atemlose Stimme: »Halten Sie, gnädiges Fräulein, die Frau Großmutter läßt bitten, sogleich hineinzukommen. Baron von Mirow ist eben mit seinem Herrn Sohn vorgefahren.« »Ich danke Ihnen, Renate, wir kommen –« »Ach, Vergebung, gnädiges Fräulein, ich habe – ich hätte –« »Nun, was denn, Renate?« »Ich hätte wohl noch etwas zu bestellen und es ist vielleicht ganz gut, daß Fräulein Marie dabei ist, denn es soll nicht wie heimlich aussehen. Ich war gestern wieder drüben zu Drömnitz bei der armen Frau Doktor Stephani, und habe kaum das Weinen lassen können, da ich sie noch hinfälliger fand als letzthin. Sie hat mir gesagt, nur eins liege ihr noch auf dem Herzen, mit Ihnen zu sprechen –« »Mit – mit mir?« »Ja, gnädiges Fräulein, sie hat eine große, große Sehnsucht darnach, – es könne dadurch schweres Unglück verhütet werden, sagt sie, und ich soll Sie bitten, ihr bis zum Liebenbusch entgegenzukommen –« »Nun, wenn es Großmama zugibt, gewiß, gerne! Aber dies bezweifle ich sehr –« »Mein Gott, die arme, arme Frau –, sie bat so innig –« »Weinen Sie nur nicht, Renate, ich werde Großmama sehr – sehr bitten! Doch nun gehen Sie, Renate und sagen Sie, daß Sie uns gefunden haben. Wir folgen nach!« Heut konnten sich die Herren von Mirow weder über eine Ungunst des Geschicks, noch über die Unaufmerksamkeit der Menschen beklagen. Der ›Junker‹ suchte heute nicht das Versteck hinter der Scheune auf, sondern kam, nachdem er die Botschaft empfangen hatte, verhältnismäßig bald heim und trat, wie er ging und stand, zu den Gästen herein, ohne sich in seiner anscheinend guten Laune durch des Barons: »Immer tätig, immer tätig, alter Freund – sollten sich allmählich ein wenig mehr schonen!« stören zu lassen. »Ja was, Mirow,« lautete seine behagliche Antwort, »das ist nicht so wie bei Ihnen, der Sie lustig im Lande herumkutschieren – bei uns heißt's hübsch auf dem Platz sein und die Augen auftun! – Haben freilich auch keinen glücklich geretteten Sohn zu zeigen, wie Sie! – Na junger Herr, da sind Sie ja,« fügte er, Wilhelm musternd, in gleichem Tone hinzu. »Der Herr Papa und die Frau Mama haben tüchtige Angst gehabt. Wie steht's mit den Nerven? Nicht zu schlimm, sehe ich. Die Reise ist Ihnen gut bekommen, scheint's.« »Er hat uns die ersten Tage schwere Sorge gemacht, so hinfällig war er,« näselte der Baron mit einem bedauernden Blick auf den Sprößling, der sich schon wieder Frau Hildegard zuwenden zu wollen schien. »Wer kann solche schaudervolle Plackereien und Entbehrungen ertragen? Er erzählt schreckliche Dinge – nicht wahr, mein Sohn?« »Später – später, meine Herrschaften, wenn ich bitten darf!« schnitt der ›Junker‹ kurzweg ab, »dazu muß man Muße haben, daß man alles auch hübsch glatt und ausführlich zu hören bekommt. Und vor Tisch gibt's nicht viel von solcher Ruhe.« Den Grund dieser ungewöhnlichen Rücksicht, erklärte der alte Herr, als er nach einiger Zeit sich erhob, um sich, wie er gesagt hatte, noch einmal draußen nach irgend etwas umzusehen, unaufgefordert dem heimlich herbeigewinkten ›Drakenhöfer‹. »Tue mir einen einzigen Gefallen, mein Junge, und suche für's erste und in meiner Gegenwart die Feldbravaden im Zaum zu halten. Kämen jene niederträchtigen Verleumdungen an die Reihe, so ständ' ich nicht für mich ein – heut nachmittag sollen sie so oder so zur Sprache kommen. Wir müssen mit den Leuten einmal ins Reine kommen.« Und man kam ... Die Gelegenheit hierzu ergab sich – es war nach dem Kaffee und in der verschwiegenen Buchenlaube – beinahe von selbst; nämlich so: »Ja, was ich sagen wollte, mein lieber, alter Freund –, ich weiß, daß Sie und die Ihrigen nicht gerne an den Grafen Albert, ihren Schwiegersohn –« »Bleiben wir beim Titel, Baron!« »Wie Sie wünschen, alter Freund – an den Grafen Altheim denken oder von ihm reden. Sie haben – leider – ein gutes Recht dazu, dennoch, ich habe von jeher das bedauert –« »Ist mir wirklich neu, Baron, aber gleichviel, was ist's mit ihm?« »Ich bin in der Lage, Angenehmes über ihn berichten zu können. Fürst Pleß hat ihm viel Achtung und Vertrauen erwiesen –« »Viel Vergnügen! – Doch was weiter?« »Seien Sie nicht allzu streng alter Freund, – ich würdige Ihr Zürnen vollkommen, ich wiederhole: Sie haben viel, sehr viel unter seinen Unbesonnenheiten zu leiden gehabt. Aber bedenken Sie nur, was er an seinen Kindern erleben muß! Da die letzte Geschichte von dem unglücklichen früheren Leutnant – die Bändelei mit der Gattin des Rittmeisters Wildenow, dort die Sache mit der leichtsinnigen Tochter! – Aber was ich sagen wollte, – es ist Ihnen doch auch manches über den bedauernswerten Vater vielleicht sehr entstellt zugekommen. Er hat darüber geklagt. Und er selber ist voll größerer Schonung, als mancher verdienen möchte. Er hat auf eine schreckliche Geschichte hingedeutet, die mit dem Tode Ihres Schwiegersohnes Warneck –« »Wie?« »Ich würdige Ihre Bestürzung, mein Freund! Es ist ja ganz entsetzlich! Er deutete dabei auch auf einen Rat Wehrenberg hin, der ja wohl mit Ihrem Pfarrer, alter Freund, und dem jungen Manne zusammenhängt, den ich am Abend des Ausmarsches bei Ihnen mit Erstaunen in der Uniform eines Ulanenoffiziers sah – es ist ja, wie es heißt, auch gar nicht gut gegangen! Also, sehen Sie, der Graf hat gemeint, weil man seine Mitwissenschaft kenne und im Voraus unschädlich machen wolle –« »Mitwissenschaft? Also einfach niederträchtig! Na ja, warum denn auch nicht? Das legt man zum anderen und da wird's ein Haufen! Sagen Sie einmal, Mirow, Sie erfahren ja alles wie's scheint, wer hat denn eigentlich die schmutzige Geschichte über unsere Ulanen zusammengelogen?« Man sah es gut, daß in Mirow das bisherige Unbehagen jetzt von einer unangenehmeren Empfindung abgelöst wurde. Sein Gesicht zog sich zusammen, als müsse er eine bittere Arznei verschlucken, und es überkam ihn auch ein widerwärtiger Husten, als er abgebrochen beisetzte: »Ja – ja – dummes Gerücht – auf dem Schlachtfelde von Metz aber verbreitet und geglaubt. Mein Sohn schrieb mit Schrecken davon und ich teilt' es damals dem Herrn Magister mit – voll Schmerz, alter Freund, voll Schmerz!« »Na, und von wem die Gemeinheit ausgebracht ist, wissen Sie nicht?« »Aber wie könnten wir das wissen, alter Freund? War eben ein Gerücht und nicht ganz unglaubhaft. Doch manche – hm! – unzuverlässige Leute im Regiment! – Das unglückliche Gefecht hinterdrein – recht schlimm! Ihr armer Herr Sohn –« Der ›Junker‹ musterte den verlegenen Herrn mit einem Ausdruck, der einen beinah hätte lachen lassen und Besorgnisse vor einem gar zu gewaltsamen Ausbruch zerstreute – verletzt und gereizt, wie der alte Herr durch jenes Gerücht, vor allem aber durch die Herbeiziehung Altheims sein mußte, konnte die Entladung leicht möglich über jedes voraus zu berechnende Maß hinausgehen! »Nun gut,« sagte er jetzt mit einem sehr bezeichnenden Achselzucken. »Sie und Ihr Herr Sohn haben das dumme Gerücht also gehört; Sie haben's auch geglaubt und weiter davon geredet als nötig – auf Ihrem Hofe, hab' ich gestern aus der Stadt erfahren, ist neulich zu wildfremden Leuten noch ein wenig nichtsnutziger davon geredet worden. Also lassen Sie sich raten, Mirow! Sie wissen, die militärische Ehre ist ein teufelmäßig empfindliches Ding. Der Divisionär hat für das brave Regiment eine Untersuchung in Gang gebracht, die für manchen gedankenlosen Schwätzer unangenehm werden könnte, und die einzeln Genannten werden sich ihrer Zeit auch schon darnach umtun – aber ich glaube, da kommen unsere Damen – und damit genug! Die haben's gleichfalls grausig übelgenommen, kann ich Ihnen sagen. Also – hübsch vorsichtig, Baron!« Der Gast atmete, da die Damen jetzt wirklich herankamen und sich auch niederließen, sichtbar sehr erleichtert auf und befleißigte sich aller ihm irgend möglichen Liebenswürdigkeit, und wo der verwundeten Angehörigen gedacht wurde, einer ganz ungewöhnlichen Teilnahme. Mit Frau Hildegard erging er sich vorzugsweise über das Befinden und die nächsten Pläne seines Sohnes. Er freute sich, daß er ihn heut so belebt gefunden – in solcher Gesellschaft sei das freilich kein Wunder! Und daß er auf eigene Hand davon ginge und sich selbst Unterhaltung suche, sei ein vortreffliches Zeichen! – Aber – und er sah sich um – kommen sollte er endlich doch. Wenn man bei guter Zeit nach Grünau hinabkommen wolle, werde es Zeit, an den Aufbruch zu denken. Frau Hildegard schüttelte lächelnd den Kopf. »Nun, Baron, das können Sie ihm nicht übelnehmen! Wer von uns hat, als wir jung waren, immer an die Zeit gedacht, – zumal, wo man sich gut unterhielt?« Damit, mit der guten Unterhaltung, schien es indessen ziemlich mißlich bestellt gewesen zu sein, denn Wilhelm erschien, als er einige Zeit darauf allein zurückkehrte, nichts weniger als aufgeweckt und heiter, sondern ersichtlich äußerst herabgestimmt. Auf Hildegards Frage nach ihrer Nichte wußte er nur in leidendem Tone zu sagen, daß Blanka sich schon nach kurzer Zeit, eines Auftrages ihrer Großmutter wegen, von ihm getrennt habe und er seitdem allein weiter geschlendert sei, bis ihn nun sein Widerwärtiges »nervöses Kopfweh« heimgetrieben habe. Er finde sich völlig unbrauchbar und wolle den Vater bitten, bald aufzubrechen. Baron Mirow hatte, nach einem scharfen Blick auf den Sohn, gegen diesen Wunsch nichts einzuwenden und ließ das Anspannen bestellen. »So geht's!« meinte er. »Das verdanken wir auch diesem schauderhaften Kriege! Für unsereinen sind solche Strapazen nicht! Wer macht mir nun den Jungen wieder gesund?« Blanka stellte sich erst ein, als man bereits aufbrach und in das Haus zurückkehrte. Sie war voll ruhiger Unbefangenheit und schien die unfreundlichen Blicke der Tante Hildegard gar nicht zu bemerken, als sie sich Wilhelms gepreßten Abschiedsworten gegenüber mit einer Verneigung begnügte. Als die Gäste abgefahren, bemerkte Luise, die milde Gattin des ›Drakenhöfers‹ auffällig gegen Hildegard hin: »Weniger als heut hat mir dieser Wilhelm Mirow noch nie gefallen. Da ist doch keine Spur von Jugendlichkeit und Natürlichkeit, und dies Aufspielen mit seinen Nerven macht ihn vollends unleidlich.« »Sei nicht ungerecht, Schwägerin!« erwiderte Hildegard im herbsten Tone. »Wer sich so mißhandelt findet, wie er es heut von Blanka erlebte – wie soll der zuletzt nicht empfindlich oder sage: matt werden? Mich dünkt gerade, daß er sich musterhaft gehalten hat. Ein anderer würde sich längst abgewendet und die Törin sich selbst überlassen haben.« »Womit das Kind sehr zufrieden gewesen sein würde,« sagte Frau von Gunsleben in kühlster Ruhe. »Über ihre Gesinnung kann er nicht im Zweifel sein, und so muß ich seine Aufdringlichkeit als zum wenigsten rücksichtslos bezeichnen. Sie hat sich trotzdem, in meinen Augen, äußerst taktvoll benommen, und weil sie mich dauerte, bin ich ihr mit meinen Aufträgen zu Hilfe gekommen, wie ich's vermochte. Aber es scheint ja, als habe er dennoch heut nachmittag sie zum Aussprechen gezwungen. Ich kann freilich nur gottlob dazu sagen, die Quälerei mußte ein Ende nehmen.« »Es tut mir leid, anderer Ansicht sein zu müssen, Mutter,« entgegnete Hildegard herbe wie vorhin. »Man bricht nicht so gedankenlos und unwiderbringlich mit einer der besten Familien des Landes, am wenigsten eines obendrein verwerflichen Hirngespinstes wegen.« »Sie wählen starke Ausdrücke, Frau Tochter! Wir wollen die Unterhaltung abbrechen!« entschied hierauf Frau Agnes fest. Fünfundvierzigstes Kapitel Ausklänge Es war der Wunsch der kranken Frau Stephani zur Sprache gekommen; Frau Agnes hatte so starke Bedenken für und wider, daß sie nicht allein entscheiden zu dürfen glaubte. Die Angelegenheit fand jedoch ein unerwartet schnelles Ende, indem der ›Junker‹ sagte: »Nein, Mutter, hier muß ich unserer Frau Schwiegertochter recht geben, Blanka darf dorthin nicht gehen –« Hildegard nickte befriedigt. »– sie muß fahren dorthin. – Ist Ihnen nicht wohl Frau Tochter? – Doch! Also weiter: sie muß fahren, weil man das Gehen als Heimlichkeit oder Eigenmächtigkeit deuten könnte. Grade, sehen soll man's, und ich gebe ihr dazu just die kleinen, neuen Schweden. Was weiter? So will ich's und damit holla!« Die angesagte Stunde kam und Blanka jagte mit ihren eifrigen Pferdchen durch Menkendorf und am Pfarrhause vorüber dem »Liebenbusch« zu. Es war ein wunderschöner Tag voll köstlicher Klarheit und ganz eigener, belebender Frische. Der Liebenbusch hatte an seinem Rande schon gefärbtes Laub, und einzelne Sträuche, die besonders empfindlich oder vor den anderen von dem kalten Luftstrom getroffen worden waren, erschienen jetzt, von der klarsten Sonne umglänzt, wie vom reinsten Golde. Aber der Mensch fühlte sich wohl und leicht draußen, die Brust weitete sich aus und die Augen sahen mehr das zeitliche Bild als seine ewige Bedeutung. Auch Blanka vermochte sich dem Zauber nicht ganz zu entziehen, und der Druck, der seit gestern schwerer als je auf ihr gelastet, fing trotz der ihr bevorstehenden, sicherlich tief ernsten Stunde leise – leise an zu schwinden. Sie fühlte ihr Herz voller Milde und Wärme und voll eines Vertrauens, daß dort und hier und überall noch alles wieder gut und froh werden könne. So kam sie denn am Liebenbusch an, so sprang sie von ihrem Wägelchen herab, so auch schritt sie dem kleinen, mit lauschigen Bänken umkreisten Platze zu, der erfüllt war von lieben Erinnerungen. Sie war seit Jahren nicht mehr hier gewesen, zum letztenmal im Herbst 1866, wo Alfred sich bei den Großeltern von den Beschwerden des Feldzugs eine Zeitlang ausruhte; er der froherzigste Bursch und sie das heiterste junge Mädchen, beide ohne Trauer und Sorge, ein Herz und eine Seele. Es war noch einsam auf dem Platz, aber als Blanka sich nur eben umgeschaut hatte, drangen auch schon von der Drömnitzer Richtung fröhliche Kinderstimmen her, und da sie auf dem Steige, der dort hinausführte, spähend weiterschritt, sah sie alsbald die Kranke und die sie begleitende Jungfer mit den beiden Kindern. Da eilte sie hin und beugte sich zu den Kleinen nieder und streichelte und küßte sie und sagte dann ergriffen zu der wehmütig lächelnden Mutter: »Wie unendlich leid tut es mir, daß Sie sich diese Anstrengung auferlegten! Ich wäre ja so gern vollends nach Drömnitz zu Ihnen gekommen!« Klara Stephani schüttelte den Kopf und versetzte erst nach einer Pause – man merkte es wohl, daß ihr die Luft fehlte! – abgebrochen: »Nicht doch – nicht doch – schon zu viel Güte!« – Und nach ein paar tiefen, zitternden Atemzügen redete sie, an Blankas Arm langsam fortschreitend, mit mehr Freiheit weiter: »Der Weg hat mich heut ungewöhnlich angegriffen, ich mußte unterwegs mit den Kindern zu viel sprechen, und das vertrage ich, wie es scheint, nicht mehr.« Hierauf mußte sie abermals innehalten, und auch Blanka schwieg. So gingen beide, während die Jungfer mit den Kindern zurückblieb, zur nächsten Bank. Dort blieb die Kranke noch eine ganze Weile still. »Wo ich von Ihnen hörte, mein Fräulein,« sprach sie endlich mit mildem Lächeln, »wußte man Ihre Güte und Freundlichkeit zu rühmen, und jetzt haben Sie mir selbst schon Gelegenheit zu dem gleichen Urteil gegeben. Erlauben Sie mir, daß ich ohne weiteres Zögern zur Sache komme und ganz offen bin. Ich habe nicht viel über mich zu reden, mein Fräulein. Ich habe wenig Glück im Leben gehabt, wie lustig es auch zuweilen darin zuging; und wie viele glänzende, geistvolle Menschen sich auch um mich sammelten und mit mir lustig und töricht waren, – einen rechten Mann, einen liebenswerten Menschen, einen redlichen, sicheren und offenen, warmherzigen Freund hab' ich kaum jemals zwischen allen kennengelernt, geschweige denn mir nahe gefunden. Und das war recht schlimm. Denn ich bedurfte eines solchen, und ich sehnte mich unsagbar nach ihm. Ich fand mich in der Welt bettelarm, ich fühlte mich wie ein Rohr im Winde und sah nirgends einen Halt und nirgends eine Stütze. Und so in Verzweiflung dachte ich: nun gut, so sei ein Rohr im Winde, so lebe und taumele hin ohne Halt und Stütze! Es muß eben auch so gehen! – Und es ging auch. Aber – die Torheit ist nicht von Bestand, sie endet in tiefem Ekel an all' der furchtbaren Armseligkeit eines solchen Treibens; und wenn der wilde Rausch endet, so findet man sich nicht auf demselben Fleck wie zuvor – nein! Man fühlt sich noch ärmer, und alles umher ist eine noch segenslosere Wüste. So war ich und so hatte ich mein Leben zu leben, als mein Gatte hierher versetzt wurde und ich Alfred Wehrenberg kennen lernte. Ich habe ihn Ihnen nicht zu schildern. Ich brauche nur zu sagen: das war der, den ich schon so lange vergeblich gesucht, von dem ich, sei es auch mit noch so unklarer Sehnsucht, Trost, Hilfe und Rettung für mich erhofft hatte. Und er gewährte mir alles in seiner ehrenhaften und gütigen Weise. Er hatte Teilnahme und Verständnis für mich; er redete zu mir, wie kein anderer jemals vorher; er hatte nicht Tadel und Vorwürfe oder schwachherzige Nachgiebigkeit für mich, sondern Geduld, Nachsicht, Trost und Stärkung. Und mein Vertrauen war schrankenlos und – meine Liebe hatte keine Grenzen. Aber, mein Fräulein, mißverstehen Sie mich nicht! Was ich von meinen Empfindungen sagte, steht für sich allein, darf nicht auch für ihn gelten, wenn ich nicht einige flüchtige Augenblicke auf die Wagschale legen soll; denn er gehörte in dem edelsten und treuesten Teil seines Wesens, obgleich er es bis dahin selber vielleicht nicht gewußt, längst nicht mehr sich selbst. Ich habe es lange nicht glauben wollen, und schob seine Zerstreutheit und den immer schwereren Druck, den ich auf ihm lasten sah, auf alles andere eher als hierauf. Aber ich mußte wohl endlich glauben. Und als ich dahin gelangte, sprach ich ihn völlig von mir frei. – Erlassen Sie mir das Übrige, mein Fräulein. Er hat sich gegen meine Entscheidung gesträubt, aber nur, um mich immer fester und klarer bei ihr beharren zu lassen. Denn ich sah ihn bis in die Grundfesten seines Wesens durch den traurigen Widerstreit zwischen seinem besseren Selbst und einem – so muß ich's statt seiner heißen! – falschen Ehr- und Pflichtgefühl erschüttert, bis zum Sichselbstverlieren. Ich sah ihn von den Seinen verkannt, verleumdet und angefeindet. Das kann ich nicht dulden; nimmer dulden, daß die obendrein unfreiwillige Verirrung eines Augenblicks in solcher unheilvollen, grausamen Weise über das ganze Glück eines Menschen entscheidet. Dazu hab' ich ihn allzu sehr geliebt. Dazu bin ich ihm heut und so lange ich lebe, allzu dankbar und schätze ihn allzu hoch. Ich dränge mich nicht in Ihr Vertrauen, mein Fräulein, ich weiß wohl, daß ich ein solches, gerade von Ihnen, kaum verdiene. Aber das eine glauben Sie mir – lassen Sie mich ein gutes Werk tun zum Schluß meines Lebens! Lassen Sie mich Frieden und Glück zwischen ihm und den Seinen sehen! – Glauben Sie mir, was auch bei, in ihrem Haß oder Zorn Verblendeten wider ihn sprechen möchte, – er ist nie Ihrer und der Seinen Liebe unwürdig gewesen. Denn seit er sich klar geworden, hat sein Herz nur noch von einer Liebe und von einer Treue gewußt.« Blanka erhob die von schweren Tränen wie geblendeten Augen zu der Kranken. »Ich habe ihm nie gezürnt – ich habe ihn nie verkannt – ich habe ihn immer – immer lieb behalten!« flüsterte sie kaum verständlich. »So erhalten und zeigen Sie es ihm auch, daß er sich daran wieder stärkt und aufrichtet!« sagte Klara voll Innigkeit und drückte fest die ihr dargebotene Mädchenhand. Die Trennung geschah in sonniger Klarheit, draußen auf der Straße vor den Pferdchen, denen die beiden Kleinen immer noch einmal Ade sagen wollten. »Glaub' es nur, Großmama,« sprach Blanka nach ihrer Rückkehr bewegt, »mehr Mitleid, mehr Teilnahme, mehr Vertrauen verdient niemand von uns, als diese Frau, und mag sie auch gefehlt haben, was es sei – ihr Herz hat es sicher nicht verschuldet, sondern traurige Verhältnisse und die Härte der Menschen. Man muß Erbarmen haben. Lange braucht sie's ohnedies nicht mehr!« Diese Befürchtung Blankas fand nur allzu bald ihre volle Bestätigung. Am nächsten Morgen, als man im Gartensaale beim Frühstück saß, brachte Matthies die Nachricht, daß Frau Stephani von ihrer Jungfer tot im Bette gefunden worden sei, der Arzt habe von einem Herzschlage gesprochen. »Ich bin auch schon auf dem Pfarrhofe gewesen,« fügte der Berichtende hinzu »und habe die Anzeige gemacht. Und schließlich fragte er noch, ob Renate nicht hinüber dürfe? Die Jungfer wisse sich nicht zu helfen mit den Kinderchen –«. »Das versteht sich von selbst,« entschied Frau von Gunsleben sogleich, »rufen Sie Renate her, Matthies, daß ich das Nötige mit ihr bereden kann, und bestellen Sie auch den Wagen. Und ich denke,« wandte sie sich gegen die tief ergriffene Blanka, – »du fährst ebenfalls hinüber – nimm Marie mit! – und holt uns die armen kleinen Kinder.« Das junge Mädchen sprang augenblicklich auf, küßte die Sprechende zärtlich, »danke, danke, Großmama!« und eilte aus dem Zimmer. Frau Hildegard, die das Bisherige mit kalter Gleichgültigkeit vernommen hatte, zuckte die Achseln und wandte sich gleichfalls der Tür zu. Doch da klopfte es, und es kam der alte Diener Karl mit einer Depesche herein; sie war von Viktoria. Das bewog die augenscheinlich wieder einmal auf das höchste Empörte zu bleiben. So erfuhr sie unmittelbar etwas, was sie sehr betraf. Die Depesche besagte nämlich, daß es Viktoria gelungen war, Onkel Moritz und Alfred zu sich zu nehmen; beide befänden sich in keineswegs ungefährlichem Zustande. Der Oberstleutnant habe anscheinend ein starkes nervöses Fieber, und Alfreds Wunde sei heimtückisch. »Kommt Tante Hildegard?« lautete der Schluß. »Also, wie ist's, Frau Tochter?« fragte der ›Junker‹ aufsehend. »Wann wollen Sie abreisen?« Sie war, nachdem sie sich bei den ersten Sätzen fast fassungslos gesetzt hatte, alsbald aufgebracht aufgestanden und zum Fenster getreten. Nun wandte sie sich um und versetzte voll Kälte: »Ich weiß wirklich nicht, lieber Vater – Moritz ist ja in guten Händen, und das Haus dort dürfte doch allzu voll werden –!« Seine Brauen zogen sich zusammen, doch sagte er nichts, sondern stand auf und verließ das Gemach. Nach kurzer Zeit kam er indessen wieder herein und trat in die Gartentür, schaute gleichsam prüfend in den schönen, aber kühlen Morgen hinaus und sagte dann, zu Hildegard zurückblickend, die bereits den Schal wieder um die Schultern gezogen hatte, mit einer gewissen unverfänglichen Trockenheit: »Sie wollen, scheint's, Ihren gewöhnlichen Gang machen, Frau Tochter? Na, da begleite ich Sie ein wenig.« Sie schaute, sichtbar überrascht, auf. »Sehr freundlich von Ihnen, lieber Vater!« gab sie zur Antwort und trat, den Schal fester um sich ziehend, an ihm vorüber, die Stufen hinab und in den Garten hinaus. Da gingen sie im Steige langsam weiter. Die Zurückbleibenden sahen dem Paare eine ganze Weile schweigend nach. Endlich meinte Luise, die ›Drakenhöferin‹, fast ängstlich: »Ach Gott, wenn der Vater nur nicht zu streng und Hildegard ein wenig vorsichtig wäre!« »Das kommt, wie sie es herausgefordert hat,« bemerkte ihr Mann kalt, »ich habe des Vaters Geduld in diesen Tagen mehr als einmal bewundert. Sie muß einmal zur Besinnung kommen.« Detlef von Gunsleben schritt inzwischen mit seiner, man durfte wohl sagen, unfreiwilligen Begleiterin, in dem gleich anfangs eingeschlagenen Steige weiter und schien nichts weniger als eine Unterhaltung im Sinne zu haben, wie die Seinen drinnen sie erwarteten und zum Teil befürchteten. Er sah sich im bequemen Hinschlendern nach den Beeten um, wo die letzten Herbstblumen in den kalten Nächten bereits Not gelitten hatten; er schaute zu einem Baume hinauf, dessen Laub schon gelb zu werden und zu fallen begann; er ärgerte sich über einen aufragenden dürren Zweig und meinte, den fortzuschaffen sollte der Gärtner trotz seiner übrigen Geschäfte doch wohl Zeit gefunden haben, und die Steige könnten auch sauberer sein. Kurz, es schien nur ein Inspektionsgang zu sein, – er mochte freilich schon seit mehreren Tagen nicht mehr in diese Gartenbezirke hineingekommen sein, da sie ja wohl auch eigentlich in den Arbeitsbereich seiner Frau gehörten und er hier draußen zu Menkendorf nur selten das machte, was man als einen einfachen Spaziergang hätte bezeichnen dürfen. Von der Einsilbigkeit seiner Begleiterin, die vordem, wo es einmal zu einem ähnlichen Gange gekommen war, meistens um vieles teilnehmender gewesen, schien er nichts zu merken oder keine Kenntnis zu nehmen. Erst als sie die offeneren Teile verlassen hatten und schon eine Weile zwischen den Gebüschen hingegangen waren, sagte er, doch nur in seinem gewöhnlichen Ton: »Meine Frau und ich und auch die Übrigen haben gemerkt, daß Sie sich diesmal zu Menkendorf sündhaft langweilen. Da ist es doch eigentlich verwunderlich, daß Sie die Gelegenheit zur Abreise nicht mit beiden Händen ergreifen, Frau Tochter?« Sie mußte sich von diesen Worten auf das unangenehmste getroffen fühlen, denn in der kalten, hochmütigen Miene, die sie bisher gewahrt hatte, zuckte es auffällig scharf, und die Lippen zitterten sichtbar, obgleich sie sie fest zusammenpreßte. Nach zwei, drei Schritten erhob sie aber die Augen zu ihm und versetzte gesucht kühl: »Sie haben unsere Anwesenheit über die Dauer des Feldzugs einmal, allerdings nur gesprächsweise, für selbstverständlich erklärt, Vater.« »Gewiß!« entgegnete er kaltblütig, »denn wir nahmen an, daß Sie während solcher Zeit lieber mit den Ihren zusammen als allein bleiben würden. Eine Verwundung oder Krankheit Ihres Mannes, sowie sein Lager in erreichbarer Ferne war dabei aber nicht in Rechnung genommen.« »Sie wünschen also unsere Abreise, Vater?« »Sie scheint mir das Richtigste zu sein,« gab er noch immer gleich trocken zur Antwort. »Sie schlagen dabei, wie wir groben Menschen das heißen, zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie langweilen sich nicht länger zum reinen Überfluß und erfüllen Ihre Pflicht gegen Ihren Gatten.« »Es ist nicht unsere Schuld, daß man uns einen Ort aufdrängen will, wo wir uns nun einmal nicht an unserem Platze fühlen!« Da blieb er stehen und wandte sich langsam gegen sie in seiner ganzen Breite. In seine Züge kam eine gewisse Bewegung, und sein Blick wurde belebter, – »der ›Junker‹ steigt,« hieß man das wohl unter den Leuten. Und nun verlor auch seine Stimme den gleichmütigen Klang: »Ja freilich, das ist eure Hauptkunst, eurer kleinen Tugend die Sünde eines andern als Hintergrund zu geben, daß man sie um Gottes willen auch nur sehen und bewundern soll –« »Es tut mir leid, Herr Vater, daß unsere Anschauung –« »Lassen Sie das ›unsere‹ fort, es trifft nicht zu. Ich weiß zwar, daß mein Moritz sich eine Zeitlang in allerhand Grimassen gefiel, – das hat ihm denn auch eine Belehrung vom Magister eingetragen – doch heute, da draußen im Felde, steht er wieder ganz bei mir; wär's nicht so, wär' er auch draußen nicht der, der er doch ist: ein Ganzer!« »Erlauben Sie mir, mein Herr Vater, daß ich Sie daran erinnere, daß Sie über meinen Gatten sprechen –« »Der zunächst mein Sohn ist. Wir Gunslebens verlangen von unseren Kindern unverbrüchlichen Gehorsam, unverbrüchliche Achtung vor unseren Entscheidungen bis zum Tode der Eltern. Und weil wir das verlangen, müssen wir doch wohl auch den Glauben haben, daß das vernünftig und gesund, Familie, also Volk und somit deutsches Land erhaltend ist. Andernfalls müßten wir allesamt bisher Narren gewesen sein! Und wenn Sie das behaupten wollen und können, dann mögen Sie sich – ob mit Recht bleibe auch da noch dahingestellt – aufspielen wie zuletzt!« Hildegard war stehen geblieben und stand jetzt wie betäubt. Die sonst gewiß noch schöne Frau sah in diesem Augenblick erschreckend alt aus. »Sie erlauben mir nun wohl, mein Herr Vater,« sagte sie endlich mit einem tiefen Atemzug, »daß ich mich zurückziehe. Ein solches Gespräch habe ich bisher zu Menkendorf für mich nicht befürchten können, wenn ich auch seit einiger Zeit an Abweisungen gewöhnt worden bin –« »Die nur durch Ihre ungerechtfertigte Einmischung hervorgerufen wurden,« unterbrach er sie hart. »Sie werden, hoffe ich, die Gewogenheit haben, mir noch ein wenig länger zuzuhören: wer wen vor die Klinge fordert, darf vor ihr auch nicht feige davonlaufen, – Sie wissen, daß unsere Enkelin Viktoria im vergangenen Sommer nicht um unsertwillen zurücktrat und heimkehrte, sondern weil sie es nicht zugeben wollte, daß der Mann um ihretwillen mit seiner gesamten Familie und, wie 's schien, auch mit seiner Zukunft brach. Wissen Sie, wie ich das unter solchen Umständen heiße? – Nobel oder gut deutsch: anständig, mein Kind, und der Vorwurf, den wir Viktoria zu machen haben, ist, daß sie nie zu uns so darüber sprach. Es wäre für sie und uns besser gewesen. Sie hat dann einen harten Winter gehabt. Da ist sie denn zuletzt, als sie den Mann in voller Freiheit und Ehrenhaftigkeit, und alle früheren Hindernisse verschwunden sah, und den einzigen Halt, den sie hier besaß, verlieren zu müssen glaubte, in der Verzweiflung davongegangen, – ein Fehltritt, den wir nicht entschuldigen, aber durch die Verhältnisse erklärt finden und zu verzeihen vermögen, wo er mit so viel gutem Willen und solcher Herzenstreue wieder gut gemacht wird. – Aber ich weiß nicht, wozu ich in dieser Weise weiterreden sollte, – Ihre Gründe zur Mißachtung, zum Zorn und Haß, oder auch einmal zur Begünstigung, sind und bleiben eben – Ihre Gründe, die sich unserer Beurteilung entziehen, wenn sie nicht zufällig einmal auch für andere maßgebend werden wollen, – ich nenne beispielshalber nur die unglückliche Frau, die da heut morgen gestorben ist, oder auch Alfred Wehrenberg –« »Verzeihen Sie die Unterbrechung, mein Herr Vater!« fiel Hildegard da mit sichtbarer Schadenfreude ein. »Sie sprechen diese Gründe schon durch die Zusammenstellung selber so deutlich aus, daß es wohl keiner weiteren Erörterung bedarf. Sie gestatten mir hoffentlich, mir selber mein Urteil zu bilden.« »Gewiß, Frau Tochter,« entgegnete er wieder mit aller Kälte, »vorausgesetzt natürlich, daß dies Urteil, wie ich wiederhole, nicht beansprucht, auch für andere entscheidend zu sein. In solchem Falle verlangen die andern gleichfalls das Recht einer Prüfung der offenen und geheimen Gründe –« »Von welchen mir nichts bekannt ist!« schob sie bissig ein. Er sah sie durchdringend an. »Wirklich nicht, Frau Tochter?« fragte er scharf. »Nun, da sind einige von uns einsichtiger.« Sie begegnete seinem Blick nicht ganz mit der zuletzt wiedergewonnenen Entschlossenheit, und in ihr blasses Gesicht stieg eine leichte Röte. Trotzdem sagte sie jedoch mit unvermindertem Trotz: »Sie würden mir eine Gefälligkeit erweisen, wenn –« »Wenn ich Ihnen nun einen solchen geheimen und zwar den hauptsächlichsten Beweggrund Ihrer Feindschaft nennte?« unterbrach er sie mit schneidender Schärfe. »Möchten Sie das wirklich, Hildegard?« Und da sie die Augen niederschlug und die Röte in ihrem Gesicht eine immer dunklere wurde, so setzte er nach einer kurzen Pause gedämpft, aber beinah verächtlich hinzu: »Es waren nicht alle so blind, Frau Tochter, wie gottlob der Betreffende selber geblieben zu sein scheint. Und damit wollen wir die Sache als ein halb kindisches, halb gewissenloses Spiel auf sich beruhen lassen, auf daß sie durch das Aussprechen nicht am Ende noch nachträglich gefährlich und unverzeihlich werde. Und nun kann ich wohl über alles Weitere rascher fortgehen. Ich will Ihnen nämlich nur noch sagen: Sie und sogar auch Ihre Tochter haben sich in diesen Wochen gegen Ihre Schwiegermutter und die Kleine, gegen Silbergs und auch hin und wieder gegen mich eines Tones und einer Weise befleißigt, die sich nicht befremdender, nicht unhöflicher, nicht herzloser denken lassen!« »Ich hoffe, Rosas Unwohlsein wird sich nicht verschlimmern und uns in einigen Tagen, vielleicht schon morgen, freigeben.« »Wie Sie wollen, mein Kind,« entgegnete er trocken. »Aber wie gerufen, Rosa! – Sie halten mit Recht streng auf Takt und Anstand, Frau Tochter. Ich muß daher voraussetzen, daß Sie es nicht wußten, geschweige denn Ihre Zustimmung dazu gaben, wenn Ihre Tochter, unsere Enkelin, in den vergangenen Wochen, wie es fast scheint, nicht allzu selten und zu ungewöhnlichen Stunden hier im Park mit dem jüngeren Korzin zusammentraf und –« »Das erkläre ich für eine nichtswürdige –« »Was?« fiel er stolz ein, da sie, wie vor dem beabsichtigten Wort selber erschreckend, jäh abbrach. »Für eine Verleumdung, meinen Sie? Schon daß ich Ihnen die Tatsache mitteile, beweist Ihnen das Gegenteil. Ich könnte Ihnen die Leute nennen, die das Paar gesehen haben, aber wozu? Mein Glaube genügt. Ich spreche nur die Warnung aus, daß Sie aus der Sache nicht irgendeinen Skandal erwachsen lassen. Solche Vergnügungen gefallen mir hier zu Menkendorf nicht, und ich möchte nicht dahin kommen, selber mit dem taktlosen Dämchen ein ernstes Wort sprechen zu müssen. Was Sie von dem Baron August Korzin denken, geht mich nichts an. Jedenfalls gilt er als verlobt. – Damit genug, Frau Tochter. Guten Tag!« Die Auseinandersetzung führte indessen zu nichts anderem, als daß sie nun erst recht nicht zu ihrem kranken Gatten fuhr und trotzig und verhärtet in die Stadt zurückkehrte, während der ›Drakenhöfer‹ mit seiner Gattin freudig zu der Reise aufbrach, die der Vater ihm anbefohlen hatte. »Eines verloren, anderes gewonnen,« meinte der ›Junker‹ zum Abschied, »grüßt mir vieltausendmal meine neue, alte Viktoria!« Sechsundvierzigstes Kapitel Das Gericht Das war allerdings ein Fall, wie er seit Menschengedenken, ja vielleicht noch niemals in dem kleinen Ländchen vorgekommen und an die Gerichte gelangt war. So verwickelt war er, und so viel Dunkel herrschte noch immer in mehr als einem Teil; so viel Nebenzüge tauchten auf und erschienen dabei von solcher Wichtigkeit, daß sie auch ihrerseits die sorgfältigste Verfolgung und Behandlung verlangten und immer wieder zu einer Erweiterung der Untersuchung und zugleich zu ihrer Erschwerung führten; kurz, Rat Gutmann hatte recht, wenn er diese » cause celèbre « verwünschte, die nach seinem Ausdruck alle Tage » celèbrer « werden zu wollen schien, ohne auch nur für seine eigene Überzeugung recht zum Abschluß zu gelangen. Denn das Ergebnis aller bisherigen Mühe war weder ein festes, noch ein ausreichendes – wenigstens nicht im Sinne eines älteren Richters. Die beiden Verbrecher leugneten mit ungebeugter Hartnäckigkeit ihre Taten, – der eine, Peter Ahrens, die Ermordung des Willmanns, der andere, Jans Lörnsen, die Anzündung der Mühle. Bei ihrem Verbrechen gefaßt oder auch nur gesehen war keiner von beiden, und die wider sie sprechenden Aussagen litten, genau angesehen und miteinander verglichen, an mehr Dunkelheiten und Widersprüchen, als ihre eigenen Angaben. Die Aufregung in der Stadt, ja in der ganzen Provinz, war außerordentlich groß und steigerte sich unausgesetzt im Verlaufe der Sitzungen, die drei volle Tage in Anspruch nahmen und zu Aufdeckungen und Beweisen führten, die niemand auch nur im entferntesten hätte vorausahnen können. Der Wahlspruch der Geschworenen erfolgte erst in der dritten Nacht, und die Uhren hatten bereits Mitternacht geschlagen, als der Präsident endlich das Urteil verkündigte. Wir müssen darauf verzichten, die Verhandlungen unseren Lesern ausführlich mitzuteilen, und uns mit einer Zusammenfassung begnügen, die die Hauptergebnisse möglichst kurz und klar widerspiegelt. Der erste Akt spielte zwischen dem ehemaligen Leutnant Eugen Graf Altheim und dem Soldaten der Küstenwache, Matthies Matthiesen, früheren Bootsmann, und endete zugunsten des letzteren. Schon die frühere Untersuchung wegen Meierbusch, der Matthies sich durch die Flucht entzogen, würde nach den Akten unzweifelhaft zu einer milden Strafe, wo nicht völligen Freisprechung geführt haben. Es war bezeugt, daß Matthies auf das schwerste gereizt worden und überdies den verhängnisvollen Ausgang der Tätlichkeiten ganz unmöglich hatte voraussehen können, und ebenso fest stand es, daß er keine Zeit gefunden hatte, die Papiere des Toten an sich zu nehmen. Dagegen hatte Peter Ahrens sich lange und angelegentlich mit der Leiche beschäftigt. Genug, die ganze Sache stand so, daß die Behörde, als Matthies sich neuerdings freiwillig stellte, keinen Anstand nahm, die Untersuchung gegen ihn vorläufig einzustellen. Man verstand sich um so leichter hierzu, als zu dieser Zeit schon seine völlige Unschuld an der Ermordung seines Vetters Willmanns bereits sicher genug bezeugt war. Jetzt wurde sein Alibi nochmals scharf überprüft, und es erwies sich wirklich als vollkommen unanfechtbar. Über den Grafen Eugen haben wir nur wenig zu sagen, was den Lesern nicht schon bekannt geworden wäre. Es war festgestellt, daß er Willmanns um eine erneute Regelung seiner Schulden ersucht und bedingungsweise die Einwilligung bekommen hatte. Die Summe aber war weit über alle Befürchtungen des Maklers hinausgewachsen – der leichtsinnige Herr hatte sich möglicherweise selber den Gesamtbetrag niemals klargemacht. Überdies kam jener auch hie und da zu spät – einzelne Posten waren bereits beim Regiment angemeldet. Als der Leutnant dies durch Bruneck erfuhr, ließ er Willmanns durch den Freund mit Vorwürfen überhäufen und erhielt dafür eine genaue Berechnung, die ihn – seiner Angabe nach – nicht nur erschreckte, sondern mehr noch mit Grimm erfüllte, weil die aufgeführten Hauptposten schon längst durch frühere Zahlungen erledigt sein sollten. Diesen Angaben widersprachen aber nicht nur die von den Herren Bruneck und Birken fortgeführten Unterhandlungen wegen eines Aufschubs der Zahlungen, sondern auch die Tatsache, daß der Graf erst nach seiner Rückkehr die Forderung und nur gegen den Großvater und den Regimentskommandeur wirklich für eine betrügerische erklärt hatte. Ja, dies hatte, soweit es sich noch feststellen ließ, sogar erst nach dem Tode und der Beraubung des Geldleihers stattgefunden. Nun war es aber bös, daß der Rittmeister von Wildenow, bei dem der Angeklagte nicht nur jene Nacht, sondern auch noch den folgenden Tag versteckt gewesen, unumwunden zugestanden hatte, daß der Freund gegen ihn damals wohl der betrügerischen Forderung des Willmanns gedacht, jedoch auch hinzugefügt habe, er besitze die frühere Gesamtquittung nicht mehr, werde aber mit allen Mitteln sich zu wehren wissen und habe die Sache schon in sichere Hände gelegt. Und hieran anschließend gestand Peter Ahrens, dessen Rachsucht gegen den Grafen aus jedem Worte hervorleuchtete, jetzt ausnahmsweise ohne besonderen Widerstand ein, daß er wirklich, wieder in jener Nacht, mit dem ihm auch schon sonst bekannten »hochvornehmen« Mitangeklagten zusammengetroffen und mit dem Raube der Papiere beauftragt worden sei. Da in der Stadt nichts zu machen war, lautete die Angabe weiter, und da der Gedungene von der Reise des Maklers nach Belitz und weiter nach Menkendorf zum ›Junker‹ erfuhr, so begab er sich nach dem letzteren Platz, wo er bei Drews ein sicheres Unterkommen für sich wußte und Willmanns' Ankunft ruhig abwarten konnte. Hier wurde der Lockbrief geschrieben, der das Opfer zum alten Magister bestellte, und zu Grünau jemand mit der Beobachtung des Reisenden und der Benachrichtigung des Lauernden beauftragt. Dieser wollte den Ankömmling im Walde oder im Mühlbusch überfallen und niederschlagen, womöglich ohne erkannt zu werden. An einen schlimmen, das heißt tödlichen Ausgang hatte er nicht gedacht. Im Gegenteil, behauptete er, da ihm dergleichen zugemutet worden, habe er es bestimmt von sich gewiesen. »Und dennoch hatten Sie sich mit einer Feuerwaffe versehen und scheuten vor der Tat nicht zurück?« fragte hier der Vorsitzende streng. »Da irrt der Herr,« lautete die trotzige Antwort. »Ich sag's zum hundertsten Mal, der Mord ist nicht mein Werk, und die Papiere sind nicht in meine Hand gekommen. Als ich den Willmanns fand, hatte der schon das Loch im Kopf und war tot, und die Papiere waren fort. Der Herr Graf hat einen anderen geschickt, der ihm sicherer war und nicht so weichherzig wie ich.« Und als er nach diesem anderen gefragt wurde, entgegnete er mit seiner gewöhnlichen Frechheit: »Da müssen die Herrschaften denn eben allein suchen. Ich sitz' im Loch, weiß von nichts!« Graf Altheim wies diese ganze Aussage hochmütig als erlogen zurück. Er kenne den Peter Ahrens so gut wie gar nicht und habe ihn seit sieben oder acht Jahren überhaupt hier vor Gericht erst wiedergesehen. Damals habe er geschmuggelte Rauchwaren an ihn verkaufen wollen und sei von ihm barsch und mit der Drohung, ihn anzuzeigen, aus der Tür gewiesen worden – von da möge des Menschen Haß gegen ihn stammen. Von einer Begegnung oder gar einem Auftrag sei keine Rede, und bei den »sicheren Händen«, deren er gegen Wildenow gedacht, habe er Matthies im Sinne gehabt, der ihm ja einen Vermittelungsversuch zugesagt habe. Dasselbe habe er von Herrn von Birken erbeten, bei dem er mehrere Tage verweilt und endlich am gleichen Morgen mit ihm aufgebrochen sei, – Birken, um in die Stadt und zu Willmanns zu gehen, und er selber nach Menkendorf, um sich äußerstenfalls seinem Großvater zu entdecken. Bei Birken habe er weder von Matthies, noch von Willmanns oder überhaupt etwas über den Gang der Sache erfahren. Der Mord sei ihm erst von Matthies bei der »großen Eiche« mitgeteilt worden, und der Mann müsse bezeugen, wie heftig er darüber erschrocken sei – ja, er habe Matthies selber im Verdacht der Tat gehabt und ihm zur schleunigen Flucht geraten. Daß er selber niemals eine solche Tat in Aussicht genommen und verschuldet habe, schloß er, ergebe sich aus der einfachen Erwägung, daß er in solchem Falle doch vor allem an die Sicherung der für ihn verderblichen Papiere des Willmanns gedacht haben würde. Diese seien aber bekanntlich verschwunden gewesen und erst nach seiner Flucht an das Regiment eingesendet worden. Und dennoch, wurde ihm jetzt vorgehalten, wurde von ihm der Fluchtversuch des Peter Ahrens durch Bestechung des Gefängnisinspektors veranlaßt, wenn auch mit fremder Beihilfe. Es sollte so gut wie festgestellt sein, daß er gerade zu dieser Zeit im Hause der Frau von Wildenow versteckt gewesen und erst nach Mißlingen der Flucht wieder mit der Dame abgereist sei. Graf Altheim wies auch diese Beschuldigung voll Empörung zurück. Er stehe seit manchen Jahren mit Wildenow und seiner Frau in den freundschaftlichsten Beziehungen, und die Dame habe ihn dringend um seine Begleitung zu ihrem Gatten gebeten, der schwerverwundet im Lazarett liege. So sei er ihr, ob auch äußerst ungern, bis zu der Eisenbahnhaltestelle Soundso entgegengekommen und von da weitergefahren, bis ihr Unfall die Reise unterbrochen habe. In der Stadt sei er damals keineswegs gewesen, und von des Ahrens Haft habe er erst durch das Verhör etwas erfahren, sowie daß man überhaupt eine Verbindung zwischen ihm und dem Burschen annehme. Die Sache rückte also nicht weiter. Ahrens so gut wie Graf Eugen beharrten auf ihren Angaben und ließen sich auf keinen Widersprüchen betreffen. Nur gestand der erstere, als der frühere Statthalter Drews auch hier seiner mehrstündigen Abwesenheit an dem Tage des Mordes gedachte, voll Verachtung zu, daß dem allerdings so sei und der alte feige Schuft auch sehr wohl gewußt habe, wo er, Ahrens, sich aufgehalten und daselbst sogar mit dem Nachtwächter Stör eine Zeitlang geredet habe, bis sie plötzlich den Schuß vernommen. Stör habe sich dann aus dem Staube gemacht, und er, Ahrens, nachdem er Willmanns tot, den Täter aber nicht mehr gefunden, zu Drews' Wohnung sich zurückgezogen. Von dort sei er erst ein paar Stunden später aufgebrochen und mit dem zurückgebliebenen Boot des Willmanns davongesegelt. »Ja, gesagt habt ihr so,« entgegnete Drews feindselig. »Aber wie soll ich wissen, daß ihr, du und Stör, nicht gelogen habt?« »Nun, du Schuft,« sprach Ahrens grimmig, »hast du vor- oder nachher jemals eine Feuerwaffe bei mir gesehen, zumal solch' ein Ding, das nicht knallt, sondern nur einen Klaps gibt und doch tot macht? Deine alte Hexe von Weib hat ja nachts mein Bündel durchgestöbert, ob darin nichts für sie zu stehlen sei.« »Nein, so'n Ding hast du nicht gehabt,« gestand Drews mürrisch. Auf diese Aussage verlangte einer von den Zeugen die Erlaubnis zu einer weiteren Angabe. Es war der Wirtschafter des Herrn von Birken und er hatte sich über das Verhalten des Grafen während seines dortigen Aufenthalts zu äußern gehabt. »Ich habe vorhin gesagt, daß die Herren ganz still gelebt und mit niemand Fremden verkehrt hätten. Aber ich besinne mich jetzt, daß der Herr Graf eines Morgens, es muß am ersten oder zweiten Tage nach seiner Ankunft gewesen sein, am Sandbruch hinter den Büschen mit einem Menschen redete, den ich für einen Bettler hielt, und ihm etwas gab, was er unter dem Rock hervorlangte – es schien mir beinah eine Zimmerpistole oder Ähnliches zu sein. – Es fiel mir freilich auf, aber ich konnte mich nicht aufhalten, sondern mußte weiter. Hernach aber hab' ich's ganz vergessen, so daß es mir erst jetzt wieder in den Kopf kam, da der da, der Ahrens, ein solches Ding zu meinen schien und – da ich nun auch den Menschen, dem es der Herr gab, mit einem Mal hier sehe – ja, ja, der da kommt! – Der ist's!« Und die Hand des Zeugen wies auf Jan Lörnsen, der eben, gefesselt und von einem Gendarm begleitet, herein- und zur Anklagebank getreten war. Es ging ein plötzliches Regen und Bewegen, ein Rauschen und Flüstern durch die Zuschauermenge, die Geschworenen und selbst die Richter, und alle Augen lichteten sich auf den Dänen und den Grafen. Jener hatte nach einem flüchtigen Zusammenzucken seine kalte Ruhe wiedergewonnen; dieser aber erschien leichenfarben und war ersichtlich einer Ohnmacht nahe. Aber auch Peter Ahrens schien nicht wenig ergriffen zu sein. Er maß mit grimmigem Blick den verhängnisvollen Zeugen, warf einen finsteren Blick zu seinem Spießgesellen hinüber, und die Fäuste schüttelnd, schimpfte er knirschend: »Siehst du – ich hab's ja immer gesagt! So ein Ding bringt einen ins Unglück!« Das Regen, Summen und Flüstern wiederholte sich in verstärktem Maße. Jan Lörnsens Gesicht wurde noch fahler, seine schmalen Lippen preßten sich fest aufeinander, und ein leichtes Klirren seiner Ketten verriet deutlich eine tiefe seelische Erschütterung. Peter Ahrens hingegen warf einen wilden Blick um sich her, als begriffe er nicht, was denn eigentlich vorgefallen sein und diese allgemeine Aufregung hervorgerufen haben könne. Aber als sein Auge auf den Genossen traf und dessen Aussehen wahrnahm, da überkam's ihn. Seine durch die lange Haft unerschütterte Gestalt erbebte wie von einem schweren Schlage, sein Gesicht zog sich schier krampfhaft zusammen, und mit halberstickter Stimme sagte er endlich: »Na ja, Maat, es ist eben vorbei. Wir sind alle einmal dumm.« Es war in der Tat alles »vorbei«. Der trotzige Widerstand, der nach dieser Entdeckung den zwei Burschen selber als völlig unnütz erscheinen mußte, wurde aufgegeben und die Bekenntnisse schlossen sich fügsam aneinander. Einzelne Ableugnungs- und Ausweichungsversuche – der Graf war in seiner, alles von sich ablehnenden Haltung womöglich noch starrer geworden als bisher – mußten vergeblich bleiben. Die Sache war klar, und wo sich wirklich noch eine Lücke zeigte, ließ sie sich ohne alle Schwierigkeit aus dem Zusammenhange des übrigen ergänzen. Der Fall Willmanns stellte sich nunmehr so dar: Graf Eugen Altheim hatte der Treue und Zuverlässigkeit seines ersten Söldlings, Peter Ahrens, mißtraut, und die Gelegenheit, ihm einen zweiten, wie er annahm, sicherern Menschen nachzuschicken, mit Freuden ergriffen. Er hatte Jan Lörnsen vor Jahr und Tag in einem Seebade kennengelernt, wo der Bursche in Ermangelung einer anderen, besseren Stellung, augenblicklich seinen Verdienst an den Badegästen suchte, und war über den Charakter des Menschen nicht lange im Zweifel geblieben. Nun kam der gerade glücklicher- oder – je nachdem! – unglücklicherweise aus einer Strafanstalt zurück, wo er ausnahmsweise einmal seine Zeit ausgehalten hatte, bettelte zu Birken, fiel Eugen ins Auge und übernahm willig dessen Auftrag, nebst einem anständigen Handgelde und dem Versprechen einer endlichen reichen Belohnung für die Auslieferung der Papiere. Daß Peter Ahrens gleichfalls einen Auftrag erhalten habe, erfuhr er nicht. Er machte sich ungesäumt auf den Weg, sah zu Grünau Willmanns aus der Post steigen, und da er schlau genug schloß, daß der Reisende in der eben beginnenden Ernte kein Gefährt bekommen und auch schwerlich zu Fuß weiter gehen, sondern zu Wiek sich lieber ein Boot suchen werde, so ging er selber nachts mit einem von den Fischern hinaus und ließ sich unterhalb der Lindenhöhe bei Menkendorf aussetzen. Weg und Steg waren ihm hier wie anderwärts an der Küste wohlbekannt. Er gelangte ohne Schwierigkeit in den Mühlbusch und fand dort leicht ein Versteck, wo er des Kommenden harren konnte. Schlug seine Rechnung wirklich fehl und kam Willmanns dennoch auf anderem Wege, so mußte sich zu Menkendorf oder in der Umgegend trotzdem eine Gelegenheit finden, an ihn zu kommen. Für sich fand er, wie er glaubte, nötigenfalls ein Unterkommen in der Mühle – Clarmann hatte mit ihm gleichfalls früher schon in einer gewissen Verbindung gestanden. Willmanns Ankunft verzögerte sich, wie wir wissen, länger als Lörnsen berechnet hatte, und als er den Erwarteten endlich dennoch kommen und in seiner Nähe sah, erblickte er auch unfern den Sohn des Müllers auf dem Heimwege aus der Schule. Dies rettete dem Händler für den Augenblick das Leben, denn als der Knabe vorüber war, fand Lörnsen die Entfernung zwischen ihm und seinem Opfer schon allzu groß, als daß er aus der kleinen Waffe noch einen Schuß hätte wagen mögen. Er ging ihm nun längs des Zaunes vom Pfarrgarten offen, aber ziemlich langsam nach, um den Mann nicht durch seine Eile mißtrauisch zu machen. Willmanns schaute sich indessen auch gar nicht um und trat, da er ans Ende des Gartens und zum Hause gelangte, nicht in dieses, sondern für einen Augenblick wegen eines Bedürfnisses in den schmalen Gang hinter dem Stalle. Da schwang Lörnsen sich leicht über die Kirchhofsmauer und war mit wenigen Schritten neben dem Unglücklichen. So erhielt dieser aus nächster Nähe den fast unhörbaren Schuß, drehte sich um sich selbst und schlug ins Kraut nieder. Lörnsen war augenblicklich neben ihn, nahm das Taschenbuch an sich, hatte mit einem zweiten Griff die Katze gelöst und machte sich um so schneller davon, als er plötzlich, kaum fünfzig Schritte entfernt, hinter einem Grabsteine eine Gestalt sich erheben und eine andere gebückt davonhinken sah. Er sprang also wiederum über die Mauer und flüchtete auf der Innenseite, so schnell er vermochte, dem jungen Walde zu, der hier die Schlucht füllte. Daß Peter Ahrens und Stör, die, wie wir erfuhren, gleichfalls auf dem Anstand waren und ebenfalls auf dem Kirchhof lagen, die beiden Herankommenden übersehen hatten, ließ sich nur dadurch erklären, daß der erstere der späten Stunde wegen Willmanns Ankunft kaum noch erwartet hatte und sich obendrein die Langeweile durch ein Kartenspiel mit seinem Gefährten vertrieb. Als der Schuß sie trotz seiner Schwäche aufschreckte und Ahrens, bevor er sich erhob, noch eine Weile vorsichtig lauschte, wurde es zu spät, den Entfliehenden noch zu erkennen. Nicht anders erging es Lörnsen mit den beiden von ihm bemerkten Gestalten. Da der Flüchtling die Tat bereits entdeckt wähnte, getraute er sich nicht mehr ins Freie, sondern verbarg sich im Gebüsch am Mühlberge, bis er abends in dem Mahlknecht Gottlieb Kraus einen Bekannten entdeckte und sich ihm anvertraute. Nun erfuhr er, daß der Verdacht sich auf Peter Ahrens gelenkt habe. Trotzdem wagte er sich nicht hervor und blieb noch ein paar Tage mit Gottliebs Beistand versteckt, bis der Müller ihn durch Zufall aufstöberte und ihn auf das barscheste und mit der Drohung auswies, daß er ihn augenblicklich anzeigen werde, wo er sich noch einmal zu Menkendorf und in der Mühle blicken lasse. Der Bursche schied mit einer Rachedrohung. Als im Winter der Schmuggel wieder in Gang kam, erklärte Clarmann dem an ihn gesandten Unterhändler, daß er nichts mehr mit der Sache zu tun haben wolle und die Schmuggler sich andere Wege und Helfer suchen mußten. Wo er aber erfahre, daß Peter Ahrens und vor allem Jan Lörnsen dabei beteiligt seien, zeige er die Sache augenblicklich der Behörde an. Ahrens ließ sich das gefallen, er hatte von altersher den Müller zu schonen; der Däne aber schwur aufs neue Rache und führte sie, wie wir wissen, nach seiner Flucht aus dem Gefängnis um so lieber aus, als er und andere den Überfall und die Aushebung des Schmugglernestes durch den ›Junker‹ einem Verrate des Müllers zuschrieben. Die Gerichtsverhandlungen endeten also mit einem Todesurteil gegen Jan Lörnsen und der Verhängung von längeren oder kürzeren Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen gegen die übrigen Angeklagten. Am schwersten war begreiflicherweise diejenige des Grafen Eugen Altheim und sie wurde noch dadurch verschärft, daß der Präsident an ihre Verkündigung den Ausdruck der Entrüstung und Verachtung schloß, mit der man auf solche Verbrechen eines solchen Mannes sehen müsse. Der Graf bewahrte diesen allem gegenüber eine eiserne Stirn, und seine Blicke streiften voll hochmütiger Verachtung über die Menge hin, die mit Hohngeschrei seine Abführung begleitete. Trotzdem mußte er im Innern nicht ebenso kaltblütig geblieben sein. Denn man fand ihn am folgenden Morgen tot. Er hatte sich mit Zyankali vergiftet. Siebenundvierzigstes Kapitel Über alles hinweg Der ›Junker‹ hatte, als seine Anwesenheit bei den Verhandlungen nicht mehr nötig war, also schon am dritten Tage morgens, die Stadt wieder verlassen und war nach Menkendorf zurückgekehrt. Der Anblick seines Enkels Eugen hatte auf ihn anscheinend einen um vieles geringeren Eindruck gemacht als derjenige seines früheren Statthalters, mit dem er so viele Jahre im genauesten Verkehr gestanden, dem er so fest vertraut und der dies Vertrauen fast ebenso lange auf das hinterlistigste zu täuschen verstanden hatte. Was diesen Eindruck so tief machte, war allerdings zuletzt weniger Ekel als Verdruß; Verdruß darüber, daß sich jetzt die völlige Unglaubwürdigkeit dieses Menschen kundgetan hatte. Durfte man ihm nunmehr wohl noch irgend etwas glauben? Durfte man vor allem sein Zeugnis für die Mordtat an den Präsidenten von Warneck noch ernstnehmen? Diese Frage richtete in dem alten Herrn eine drückende Verstimmung an; nicht, daß er etwa seine Überzeugung von der Täterschaft des Grafen Albert erschüttert gefühlt, nicht, daß in ihm Alfreds schrecklicher Verdacht wieder einige Bedeutung gewonnen hätte, keineswegs, davon war keine Spur. Im Gegenteil, daß nur jener und nie und nimmer Alfreds Vater als Mörder in Betracht kommen konnte, das stand für ihn seit dem Mirowschen Geschwätz fester denn je: denn der alte Graf hatte sich ja sozusagen selber schon verraten; zum ersten dadurch, daß er überhaupt so mit einemmal von der alten Mordgeschichte redete und reden ließ – und beiläufig, was bewog ihn wohl zu der Maske des verlorenen Sohns? – zum zweiten, durch das dreiste Herausrücken seiner »Mitwissenschaft« um den Verdacht gegen den toten Rat Wehrenberg – wiederum beiläufig, woher wohl seine Wissenschaft um etwas, wovon nie, außer im Kopf Alfreds, die laute Rede gewesen war? »Allein, dies und noch einiges andere dazu ist schließlich nicht das, was Drews Zeugnis vormals gewesen war und trotz allem, was er auch verbrochen, noch sein könnte, wenn er nur nicht vor Gericht so nichtsnutzig gelogen hätte,« sagte der Alte daheim voll Erbitterung zu seinem Freunde, »erfährt Alfred hiervon und er muß es ja erfahren – was wird die Folge sein? Armer Junge!« Die Nachricht von Eugens raschem Ende hingegen berührte ihn, als er sie Tags darauf in der Zeitung las, so viel man merken konnte, gar nicht. Er überblickte den weiteren Inhalt des Blattes in seiner gewöhnlichen, gleichmütigen Weise und legte es dann ebenso ruhig zusammen. Erst da er Frau Agnes darnach langen sah, sagte er so hin: »Erschrick nicht, meine Alte, die Sache ist's nicht wert. Eugen hat sich davongemacht. Hätte er's früher getan, wär' es für ihn und alle besser gewesen.« Es wurde auch späterhin kein Wort wieder darüber laut. Man bekam alsbald auch einen bessern Stoff nicht nur für die Gespräche, sondern auch für die Gedanken und Empfindungen. Denn der ›Drakenhöfer‹ kehrte jetzt von seiner Fahrt über den Rhein zurück und kam, nach kurzem Verweilen in der Stadt bei der Schwägerin Hildegard, ungesäumt zu den Eltern hinaus. Er hatte viel zu erzählen. Er hatte von allem, was und wie er es gefunden, die besten Eindrücke empfangen. Viktorias Gatte war ihm als ein durchaus schätzenswerter Mann erschienen, der ersichtlich allerwärts in voller Achtung stand. Und von Viktoria galt genau dasselbe, was die jungen dort einquartiert gewesenen Verwandten schon in den ersten Augusttagen nach Hause geschrieben hatten: sie war ganz und gar zu ihrem Vorteil verändert, besonnen, klar, tätig, herzlich und immer heiter, so daß sich ihre Gäste, die gesunden und die kranken, nirgends hätten liebevoller aufgenommen und sorglicher verpflegt finden können. Das böse Fieber des Oberstleutnants war noch nicht überwunden, fing indessen an, das Unheimliche zu verlieren, und der Kranke begann, was seit Wochen nicht mehr der Fall gewesen, eine gewisse freudige Teilnahme an dem zu äußern, was um ihn her vorging. »Aber was mich erschreckt hat,« schloß der Erzähler, »das ist seine Verstimmung, ja, man könnte fast sagen: Erbitterung gegen Hildegard. Er wollte gar nichts von ihrer Gegenwart hören, und ich habe daher die Absicht der Schwägerin, einstweilen noch nicht zu reisen, auch nur billigen können. Was hier wirkt, mag ich mir gar nicht vorstellen, es wird kaum ein gutes Ende nehmen.« »Hm, es scheint also, daß der Junge noch weniger Spaß versteht als der Alte!« versetzte der ›Junker‹ ernst. »Aber erzähle nur weiter, denn mich, und ich glaube auch deine Mutter täuschest du nicht, – du hast uns wohl noch mehr und vielleicht erst die Hauptsache zu sagen? Was ist's im besonderen mit Alfred?« »Nun Vater, es ist da nichts anderes, als was ich euch schon gesagt habe, es müßte denn sein, daß man der Veranlassung seines merkwürdigen seelischen Zustandes nachforschte. Dann freilich möchte sich noch allerhand anführen lassen.« »Also, da haben wir's ja, warum ist da erst auf eine Anfrage gewartet worden?« »Je nun, lieber Vater, es mag da wohl eine tiefere Anteilnahme vonnöten sein und mir ist, als hätte eine solche der Junge, wenigstens bisher, hier bei uns noch nicht gefunden?« »Oho! Aber schön, nehmen wir's an! Und du scheinst sie ja denn doch wohl zu haben?« Es regte sich in dem strengen Gesicht des ›Drakenhöfers‹ ein fast wehmütiges Lächeln. »Ja, es ist wahr,« entgegnete er bewegt, »Alfred hat mir stets und neusterdings mehr als je am Herzen gelegen, denn, meine Eltern, es ist das einzige Kind derjenigen, die ich mehr als irgendeinen andern Menschen geliebt habe und doch niemals mein eigen nennen durfte. Ihr seid nicht daran schuld, meine lieben Eltern,« redete er noch bewegter fort, als er das finstere Erstaunen in der Miene des Vaters sah und in den Augen der Mutter aufsteigende Tränen zittern. »Ihr habt wohl nie davon erfahren, denn es ist still zwischen uns hergegangen, – wir haben uns lieb gehabt ohne viel Worte, und als es sich trennen hieß, uns schweigend gefügt. Was Onkel Silberg und seine liebe Alte uns damals vorstellten, von Standesunterschied, Unebenbürtigkeit und dergleichen mehr –, verlangte unsere Ergebung, gleichviel ob ihr vielleicht auch anders entschieden haben möchtet: hier waren und blieben jene die Alleinberechtigten. Und in dem Bewußtsein, recht getan zu haben, überwanden wir uns und fanden Frieden. Glück? – Nun ja, ich würde völlig glücklich gewesen sein, hätt' ich auch Marien nur dies nachzusagen vermocht. Allein, ihr wißt ja, wie's war. Heribert Wehrenberg war ein braver, ehrenhafter Mann, aber es fehlte ihm eben doch die Wärme, die sie hätte erhalten sollen. So welkte sie hin. Und als wir an ihrem Grabe standen, und ich den armen Jungen so bitterlich weinen sah, da war es mir, als blickte sie noch einmal zu mir hinüber und spräche zu mir: ›Was ich nicht finden durfte, laß es den da finden! Sorge für sein Glück!‹ – Seht, meine Eltern, so steht's mit mir und dem braven Jungen. Früher brauchte ich kaum um ihn besorgt zu sein, er war ein glücklicher Mensch, und was ich in seiner Zukunft ahnte, verhieß mir gleichfalls das Beste. Erst als ich ihn an deinem vorjährigen Geburtstag wiedersah, Vater, erschrak ich über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen zu sein schien, und fing an, mich ernstlich mit ihm zu beschäftigen und zu erkunden, was es denn eigentlich gegeben habe oder noch gebe. Was ich vernahm, leuchtete mir nicht ein, und was ich erfuhr, zeigte mir, daß man nicht bloß übertrieb, sondern auch wirklich haßte und verleumdete, – ich begriff nicht, aus welchem Grunde. Ich fand nur eine Verirrung der Sinne und nicht des Herzens. Eine Verirrung, woran er selber am schwersten trug, denn, wie redlich er büßte, er glaubte sich durch sie entwürdigt und von allem reinen und wahren Glück geschieden. So sah es und so sieht es in ihm aus. Und damit das Unheil voll werde, scheint er nicht nur entdeckt zu haben, daß – ich sage euch wohl kaum etwas neues!! – daß Blanka seine Liebe erwidert und dennoch weiter von ihm geschieden ist als je zuvor, durch seine eigene und nicht weniger durch seines Vaters angebliche Schuld. Denn ich hab' es leider gut genug gemerkt, daß alles, was du ihm dagegen gesagt hast, Vater, vielleicht für einen Augenblick Eindruck gemacht haben mag, aber schon längst wieder dem alten traurigen Verdacht nachgegeben hat, – ihm gilt sein Vater für Warnecks Mörder.« Frau Agnes, die schon den letzten Worten ihres Sohnes mit einer ersichtlich peinvollen Spannung gefolgt war, schrak auf das heftigste zusammen. »Barmherziger Gott!« stammelte sie. »Heribert Wehrenberg –?« Der ›Junker‹ warf zu seinem Sohne einen vorwurfsvollen Blick hinüber, gab es indessen zu, daß Wolfgang ihm mit den Worten zuvorkam: »Aber, Mutter, wie konnt' ich's ahnen, daß der Vater dir noch nichts von dieser traurigen Phantasie gesagt hat! Beruhige dich, es ist nichts als eine solche. Der Vater kennt den wirklichen Täter nur allzu gut.« »Ja, und um ein gut Teil besser, als durch das Zeugnis des alten Schuftes Drews, der's mir übrigens neulich sogar beschworen hat. Also sei ruhig, meine liebe Alte. Fassen wir lieber das übrige in's Auge. Wie denkst du und vor allem, wie denkt die Kleine selber über dies alles?« Frau Agnes blieb, die Augen niedergeschlagen, noch eine Weile still, – sie rang offenbar noch mit dem Schrecklichen, was sie eben vernommen. Aber endlich überwand sie's und sagte: »Ihr wißt's, daß mir dieser Gedanke sehr fern gelegen hat, und wenn er dennoch einmal sich regte, kaum jemals ein recht ernster war. Als er dies im Frühling dennoch wurde, schien mir die Sache Alfreds wegen völlig unmöglich zu sein. Wenn Blanka aber Alfred freispricht und an ihn glaubt, so dürfen wir, glaub' ich, vollends nach dem, was wir jetzt vom ihm wissen, nicht dawider sprechen.« Der ›Drakenhöfer‹ blickte beinah träumerisch zu der Mutter hinüber und seinen Lippen entglitt etwas ganz Leises – vielleicht ein halb gläubiges, halb ungläubiges Dankgebet! »Das ist alles Unsinn!« fuhr aber der ›Junker‹ ungeduldig auf. »Ein solches Herum- und endlich Auseinandergezerre aus – was ist's am Ende weiter? – ängstlicher Empfindelei oder wegen dummer Grübeleien, das leid' ich nicht. Ich will das Ding rasch und sauber im reinen haben. Der Teufel karrte uns sonst womöglich noch einmal Unheil dazwischen! Ich werde mit ihr reden und Offenheit und Klarheit verlangen, um zu wissen, woran wir sind. Deine Scheu versteh' ich nicht, meine Alte. Entscheidung hin, Entscheidung her, – Vertrauen bleibt sie uns schuldig. Wir haben ihr nie einen Grund gegeben, es zu bereuen. Und hinterdrein werde ich dann, wenn wir hier fertig sind, auch einmal Silbergs ein Licht anzünden.« Achtundvierzigstes Kapitel Ausgekehrt Der ›Junker‹ pflegte dergleichen nicht auf die »lange Bank« zu schieben und so stieg er denn auch schon die Treppe zu Blankas Erkerzimmerchen hinauf. »Ich bleibe ein bißchen da, Kind – oder störe ich dich?« fragte er dort eintretend. »Aber wie solltest du, Großpapa?« meinte Blanka und lachte, denn er kam ihr so seltsam komisch, um nicht zu sagen linkisch vor. »Also lege die Arbeit hin, Kleine, und setz' dich zu mir. Wir wollen ein wenig plaudern.« Sie gab gehorsam seinem Wunsche nach, legte die Arbeit auf das Nähtischchen, stand auf und suchte sich einen Platz neben ihm, und er nahm ihre Hand in die seine. »Gelt, Kindchen, der kleine Kopf hier und das kleine Herzlein darunter können auch ein bißchen Auskehrens brauchen? Sie müssen, glaub' ich, schier übervoll sein!« Sie senkte die Augen, und die Wangen wurden ein bißchen blaß, und wie er ihre Hand noch festhielt, fühlte er darin eine leichte, zitternde Bewegung. »Deine Mutter und ich glauben, daß die Zeit da ist, wo eine offene Frage not tut, und ich habe mir eigens ausgebeten, daß ich diese Frage tue und, was sich sonst noch daran schließt mit dir bespreche. Du hast Vertrauen zu mir, Kind?« Sie schaute innig zu ihm auf. »Ja, Großpapa.« »So hab' ich's auch immer geglaubt, mein Kind. Also – offen, Blanka! – wie stehst du mit Alfred?« »Großpapa, wir sind zusammen aufgewachsen und ich habe ihn lieb gehabt, immer, so lange ich zu denken weiß, er ist stets mit mir eins gewesen. Und daß es, seit wir erwachsen sind, anders geworden, das glaub' ich nicht, wenn ich es vielleicht auch besser zu verstehen gelernt habe. Es ist das Gleiche geblieben.« »Gut, das bist also du. Und nun er.« »Ich glaube, Großpapa, daß es bei ihm ebenso gewesen ist.« »Ihr habt miteinander geredet, mein Kind?« »Ja, Großpapa, einmal nachmittags, drüben im Garten. Und so weiß ich jetzt von ihm und er von mir. Aber du mußt nicht böse werden, es ist ganz gewiß nichts Unrechtes dabei. Wir haben uns sehr – sehr lieb, aber so, wie ihr vielleicht glaubt, ist es zwischen uns nicht. Er und ich, wir hoffen auf kein anderes Glück, denn wir wissen beide, was zwischen uns steht, und ergeben uns demütig in unser Los. Und sei nicht böse, Großpapa, wenn wir noch bitter traurig sind – es ist gar so schwer für ihn und mich! Aber du weißt ja, ich kann schon wieder heiter sein und so wird's auch ganz gewiß mit ihm werden, wenn er nur erst gesund ist und ihr freundlich gegen ihn seid.« Er hatte ihr mit einem seltsamen Ernst zugehört und sein Blick war immer milder und milder geworden. »So habt ihr uns zwischen euch gefunden, Kinder?« fragte er jetzt mit freundlichem Kopfschütteln und nahm auch ihre andere Hand, »und wir dachten, es sei nur jene unglückliche Frau gewesen?« Sie schaute ihn wieder mit ihrer kindlichen, arglosen Offenheit an. »Nein, Großpapa! Für ihn ist es wohl so, denn sie hat ihn sehr lieb gehabt und sehr an ihm gehangen, vielleicht mehr als sie durfte. Aber sie war unglücklich und hatte keinen Freund als ihn, und er war herzlich zu ihr und gut und blieb's, selbst als er merkte, daß er doch kein rechtes und ganzes Herz für sie haben könne. Das hat ihm freilich ernstlich weh getan, aber heucheln kann er nicht, und so mußte sie's wohl merken und gab ihn, wie schwer ihr's wurde, frei. Sie hat mir neulich, im ›Liebenbusch‹ alles erzählt. Sie hatte ihn eben allzu lieb, als daß sie ihn hätte unglücklich sehen können. Froh und frei wurde er aber doch nicht, denn er sah es, wie sie litt um seinetwillen, und da fühlt er sich unglücklich. Denn glaub' es nur, Großpapa, Alfred ist ein Mann von Ehre! Er machte und macht es sich zum bittern Vorwurf, daß er es so weit hatte kommen lassen, und nun sich doch von ihr trennen sollte, um einer anderen willen. Und jetzt – o, es ist so sehr, sehr töricht! – jetzt hält er sich auch für unwürdig, daß ihn noch jemand liebt, und daß ich ihn lieb habe. Er heißt sich treulos gegen mich! O, Großpapa!« Sie hielt inne und deckte, wie übermannt von ihrem Schmerz, die Hände auf ihre Augen. Aber alsbald blickte sie wieder auf und redete kummervoll weiter: »Ach, liebster Großpapa, wie hätt' er's denn wissen können, daß ich ihn so innig liebe und so wie ihn keinen anderen mehr lieb haben könnte? Er wußt' es ja auch von sich selber noch nicht, daß es ihm ebenso erging. Wie kann er sich da unwürdig heißen oder gar treulos? Und daß er der armen Frau gut gewesen ist, das kann ich ihm nun gar nicht zum Vorwurf machen. Er hat damals von ihr erzählt und sie geschildert, daß man wohl Teil an ihr nehmen mußte – ich habe sie jetzt auch kennen gelernt und sage: sie hat es verdient. Man hat damals ja auch sonst noch freundlich über sie gesprochen. Man hatte sie gern und manche bedauerten sie, weil sie sich in ihrem Hause unglücklich gefühlt haben soll und niemand hatte, der ihr zuredete und sie beriet – ich sagt' es schon. Selbst Tante Hildegard dachte damals anders über sie als jetzt. Sie hat Alfred gelobt, daß er sich ihrer annahm und ihr zur Hilfe kam. Wie darf man es ihm dann so hoch anrechnen, daß er sich vielleicht eine Zeitlang weiter fortreißen ließ, als es für sie und ihn recht war? Glaub' es nur, Großpapa – ich hab' es neulich gemerkt, sie war eine Frau, die man wohl lieb haben durfte.« »Gott segne dein treues Herz und deinen reinen Sinn, meine Kleine!« sagte er ergriffen und ließ seine Hand zärtlich über ihren Scheitel gleiten. »Ich kann die Sünde nicht auf mich nehmen, diese Reinheit zu verletzen. Und so sage ich dir nur: Andere waren nicht so gewissenhaft, sondern sündigten an dir und Alfred und auch sonst um gemeiner, eigennütziger Zwecke willen. Du wunderst dich; wie auch die anderen vielleicht, daß ich, der ich mich sonst um dergleichen nicht kümmere, doch davon weiß. Dabei ist nicht besonderes. Da ich einmal gemerkt hatte, wie es ungefähr mit dir und Alfred stand, gab ich auch ein wenig mehr acht; und als ich, da wir aus der großen Sorge um die Großmutter heraus waren, auch sonst wieder allerlei zu sehen bekam, was mir sonderbar erschien, so ging ich dem Dinge so unter der Hand ein bißchen nach und kam auch durch Zufall gleich an die rechte Quelle. Sieh', ich habe seit der Zeit immer beobachtet. – ich meinte, man möge sich doch endlich vielleicht besinnen. Aber es wurde nichts daraus. Und damit macht' ich dem ganzen schlechten Spiel ein Ende. Genug davon!« Er fuhr mit der Hand über die Stirn, als wollt' er die Runzeln des Ärgers fortwischen. Und das gelang ihm auch beinah, denn sein Auge traf wieder voll Herzlichkeit auf die verwundert schweigende Enkelin. »Aber nun zu der Hauptfrage, mein Kind. Wenn es so mit euch steht, wenn zwischen euch, von dir aus, nicht wir sind, noch die unglückliche Frau ist – was hält dich sonst noch von ihm zurück?« Ihre Hand, die er wieder genommen hatte, erbebte. Sie blickte scheu zu ihm auf und wieder nieder. Ihre Farbe wechselte von dunkler Röte zur tiefen Blässe. Und mit zitternden Lippen versetzte sie endlich so leise, daß er's kaum vernehmen konnte: »Bitte, bitte Großpapa, frage mich nicht! Ich kann's nicht sagen!« »Und ich kann es dir nicht erlassen! Wir müssen wissen, ob es ein Grund ist oder ein Einfall, es handelt sich um unsere Entscheidung.« Sie schüttelte, ohne aufzublicken, den Kopf. »Wenn ihr dies wißt, könnt ihr auch nicht anders entscheiden als – als ich,« sagte sie wieder ebenso leise. »Für Alfred und mich gibt's kein Glück.« Seine Brauen rückten hart zusammen. »Fängst du nun auch so an? Das leid' ich nicht! Also – wenn ich bitten darf?« Und da umfaßte sie, nach einem scheuen, bangen Blick seine Hände und lehnte ihren Kopf an seine Schulter und stammelte: »Ach, Großpapa, es ist etwas zwischen seinem und meinem Vater – etwas so – so – Schreckliches –« Der alte Herr zuckte in einer Weise zusammen, daß man hätte glauben mögen, er wolle aufspringen und sich auf jemand stürzen. Ja, er wurde sogar für eine kleine Zeit auffällig blaß. Aber dann war er auch schon wieder gefaßt. Er nahm Blankas Hände fest in seine Rechte und hob ihren Kopf auf und sagte rauh: »Sieh mich an, Kind, und sprich deutlicher! Was ist's zwischen denen?« Sie öffnete aber die Augen nicht und lallte nur, wie vom Fieberfrust gepackt: »Sein Vater soll den meinen – er soll am Tode des meinen –« Und indem die Tränen unter den Wimpern hervorstürzten, fügte sie schluchzend hinzu: »Ich kann's – kann's nicht sagen, Großpapa!« Da ließ er sie zurücksinken, und indem er die geballten Fäuste emporreckte, brach er knirschend vor Zorn aus: »Fluch und Verdammnis über den nichtswürdigen Verräter dieses wahnsinnigen Einfalls. Und wenn der Bursch selber dir das gesagt hat, so –« »Um Gottes willen, Großpapa – wie kannst du das denken?« stammelte sie entsetzt über seine Heftigkeit. »Ich hoffe ja zu Gott, daß Alfred es gar nicht ahnt –« Seine Miene wurde nicht heller, aber er atmete tief auf und seine Fäuste lösten sich. Und dazu sagte er, noch drohenden Blicks und mit rauher Stimme nur: »Das ist sein Glück!« – Und erst nach einer Pause: »Von wem hörtest du's?« »Tante Hildegards Jungfer –« »So soll mich Gott verd –, aber weiter, Kleine, weiter! Was sagte sie?« »Nun ja, Großpapa, sie meinte zuerst, weil die Tante so schwer an einem schrecklichen Wissen trüge, ob ich ihr nicht durch guten Zuspruch Erleichterung –« »Dieser Satan!! – Doch erzähl' nur weiter, Kleine!« »Die Jungfer ist ohne Schuld, Großpapa, ich fragte sie ja und da mußte sie doch –« »Sei ruhig, Kleine, die Jungfer meine ich auch gar nicht! Wie also ging's dann?« »Ja, und da kam sie eben heraus damit, – nach vielem Zögern, Großpapa! – daß – aber nein, ich kann davon nicht weiter reden, Großpapa, bitte, bitte, fordere es nicht! Es ist zu schmerzlich für mich –« Und sie begann von neuem zu weinen. Da zog er sie an sich. »Richte deinen Kopf auf, mein armes Kind, es ist ja eine teuflische Lüge! Hättest du nur Vertrauen zu mir gehabt, den Schmerz hätt' ich langst von dir nehmen können! Sieh', ich erfuhr's durch Alfred selber, der es aus allen Papieren herausgeheimnißt und nachher sogar eine Bestätigung dafür durch einen Zeugen der Tat erhalten haben wollte. Aber ich konnte ihn alsbald beruhigen, da ich ihm den Täter zu nennen wußte. Freilich mein Zeuge – es ist Drews – hat sich inzwischen als ein nichtsnutziger Lügenbold erwiesen und so scheint jetzt dieser abscheuliche Verdacht aufs neue in dem kranken Kopfe und wohl ärger als ehedem zu spuken, und so muß es nun unsere erste Sorge sein, daß es damit ein- für allemal ein Ende hat – dazu sollst auch du helfen, Kleine. Ich habe mich seither nach besseren Zeugnissen umgesehen und weiß nunmehr unumstößlich, daß Alfreds Vater an jenem Tage gar nicht hier sein konnte, er hätte denn Flügel haben müssen! So und nun werdet glücklich. Wir gönnen's euch!« »O, Großpapa – wie seid ihr so gut – so gut!« jubelte sie da auf, »ach Gott – ach Gott, wenn ich ihn wirklich wieder recht – recht glücklich sehen könnte –« »Na, Kind,« unterbrach er sie mit einem Aufleuchten seiner alten Laune, »wenn der Kerl nicht, wo er dich als sein vor sich sieht, steil aus dem Bett fährt vor Glück und die Wände angeht – da, Kleine, kriegt er's mit mir zu tun und gibt es keinen Pardon! – Und nun, mein gutes Kind, lasse ich dich allein,« setzte er hinzu und streifte mit den Lippen ihre Stirn. Als er die Treppe hinabstieg, sah er drunten den Magister Silberg über den Flur kommen und sich mit seinen steifen Schritten den Stufen nähern, »Holla, Alter,« rief er ihm entgegen, »ich komme schon! Oder,« fügte er plötzlich stutzig hinzu, »hast du was anderes vor?« Der Pfarrer blieb stehen und schaute zum Rufer hinauf, aber seine Züge sprachen heut nicht von der alten Munterkeit, und als der Freund in seiner Nähe war, legte er seine Hand auch nur mit einer gewissen Steifheit in die dargebotene und sagte in mißmutigem Ton: »Ja, ich hätte dich lieber noch oben getroffen, du warst doch sicherlich bei der Kleinen?« »So? Die willst du besuchen? Na, da mußt du jetzt schon einmal wieder mit mir allein vorlieb nehmen, denn Blanka hat anderes im Kopf.« Und damit öffnete der Sprecher dem Freunde die Tür zum Arbeitszimmer. »Mache es dir bequem, Alter, oder nimm dir eine Pfeife. Ich will mir auch eine holen.« Der Magister blieb aber mitten in der Stube stehen. »Danke,« sprach er trocken. »Meine Zeit ist knapp – muß daheim noch an meine Predigt denken. Was wir zu sprechen haben, ist in ein paar Worten abgemacht. Wir haben schon seit einiger Zeit gemerkt, daß ihr Alten hier und auch der Drakenhöfer es neuerdings gewaltig mit dem Alfred habt, und Marie hat uns heut morgen auf meine ernste Frage bekannt, wie es hier steht, und daß ich recht haben könnte, wenn ich bei euch einen gefühlsduseligen Plan argwöhne. Da durft' ich denn nicht langer säumen. Es ist sechzig Jahre lang zwischen uns Klarheit und Einigkeit gewesen, und wir können das einundsechzigste nicht mit Täuschung und Zwietracht beginnen. Also kurz und gut, ist es wirklich etwas mit diesem Plan, so steht uns allen zuliebe davon ab, wir können unsere Zustimmung nicht geben.« »Redensart, Moritz! Es handelt sich hier gar nicht um euch, sondern um uns, denn die Kleine gehört uns. Aber gleichviel! Warum wollt ihr nicht, wenn man fragen darf?« »Weil unser Urteil über den Jungen ein anderes zu sein scheint als das eure, und die treffliche Kleine uns zu gut für ihn ist.« »Es ist doch schier unglaublich,« versetzte der ›Junker‹ etwas gereizt, »was für eine unergründliche Torheit zuweilen auch im besten und bravsten Menschen steckt!« »Das mag sein, Detlef,« gab der Magister kalt zur Antwort, »nur dächte ich, hätte diese Torheit uns seit fünfzig Jahren mehr genützt als geschadet, und Grenzen werden niemals ungestraft verletzt.« »Meinst du? Fragt einmal eure selige Marie und unsern Wolfgang, ob sie euch eure Torheit gedankt haben! Gottlob, diesmal ist das Ding anders, denn, wie ich sagte, die Kleine gehört uns, und wir sind ihrem Glück nicht entgegen. Wir werden also schon noch einig werden.« »Schwerlich!« sagte Silberg ernst. Neunundvierzigstes Kapitel Ein Rückblick Der ›Junker‹ war eine von jenen eigenartigen Erscheinungen, denen wir nicht selten gerade unter den alten Landwirten begegnen: – sie bekümmern sich anscheinend nur um das Ganze und allenfalls um seine großen Unterabteilungen, während sie das Einzelne und Kleine ziemlich achtlos und sorglos dem Gehilfen zu überlassen scheinen; allein in Wirklichkeit entgeht ihnen auch das Allergeringste nicht, und wo dergleichen wirklich einmal zur Sprache kommt, überraschen sie die Ihren durch eine Kenntnis, von der man nicht begreift, wie, wo und wann sie die in solcher Genauigkeit sich zu erwerben vermochten; und endlich, es tauchen für ihre Augen auch wohl Züge an diesem und jenem auf, Züge, von denen die Umwelt nichts erblickt, und denen sie nun in aller Stille nachgehen, bis sie volle Klarheit erlangt haben, dann ruht es in ihnen, bis einmal die rechte Gelegenheit zum Aussprechen kommt oder das Wohl aller es erzwingt; denn mitteilsam pflegen solche alten Burschen nicht zu sein, und voreilig sind sie auch nicht. »Alles zu seiner Zeit!« lautet ihr Grundsatz. So ungefähr stand es auch mit dem Fall, wo es – kurz heraus gesagt – sich um die Machenschaften Hildegards gegen Alfred Wehrenberg handelte. Hildegard hatte Alfred von Jugend auf gekannt und, soweit ihre kühle Natur es erlaubte, auch gern gehabt. Als ihr Gatte das Kommando des Ulanenregiments bekam, fand sie den jungen Mann, nach einem mehrjährigen Auseinandersein, wieder dauernd in ihrer Nähe, und man nahm wahr, daß sie allmählich mit immer lebhafterem Wohlwollen sich zu ihm wandte und ihn an ihrer Seite hielt. Erst nach ihrer Heimkehr vom Liebensteiner Aufenthalt zeigte sich an ihr eine Veränderung, ein ganz ungewöhnlich rascher Wechsel ihrer Launen und Stimmungen, von herzlicher Güte zu verdrießlicher Ungeduld oder gar empfindlicher Kälte. Nach kurzer Zeit schien indessen auch dies wieder vollständig überwunden zu sein, und sie nahm nicht nur Alfred, sondern auch die allmählich mehr und mehr hervortretende Klara Stephani mit aller möglichen Freundlichkeit wieder bei sich auf. Sie war voll Nachsicht und fand stets eine gutmütige Entschuldigung für den Lebenswandel der lustigen, sorglosen Frau; sie lobte Alfreds warme Anteilnahme und billigte seine Versuche, die Unbesonnene bei einem gewissen Maß zu erhalten, sie redete ihm zu, die Frau nicht im Stich zu lassen und mahnte sie, auf ihn zu hören. Mit einem Wort, statt das Paar zu trennen, näherte sie es einander in der angelegentlichsten und dennoch anscheinend unbefangensten Weise. Das währte einige Monate unverändert fort, bis sie plötzlich, ohne irgendeine sichtbare Veranlassung, ohne den leisesten Übergang, auf das schroffste von Klara sich abwandte, mit zur Schau getragener Entrüstung, ja mit voller Feindseligkeit, und ihr ihren eigenen Zirkel hochmütig verschloß. Mit Alfred hielt sie es vorläufig anders, – man hätte glauben können, daß sie vor seiner gleichfalls bevorstehenden völligen Verdammung noch erst gewisse andere Einblicke abwarten wollte, – vor allem vielleicht in sein wirkliches Verhältnis zu Blanka. Sie widmete beiden, wie sich aus einzelnen, jäh auftauchenden Zügen schließen ließ, die peinlichste Aufmerksamkeit, einmal, wo Blanka in der Weihnachtszeit, und dann im nächsten Sommer, da das Mädchen aufs neue bei ihr weilte. Und kurz darauf hatte alle Schonung ein Ende. Alfred war ihr fortan augenscheinlich verhaßt. Aber auch Blanka hatte von da an alles mögliche zu leiden; und alles, was von Menkendorf ausging oder damit im Zusammenhange stand, erfreute sich nun nirgends mehr ihres Beifalls. Von Silbergs zog sie sich herb zurück. Sie wurde hochmütiger und anspruchsvoller von Tag zu Tag, und sie brachte es dahin, daß nicht nur die Tochter, sondern auch der Gatte fortan ganz und gar auf ihrer Seite zu stehen schienen. Daß dies alles gleichfalls nicht ganz unbeachtet blieb, war begreiflich genug. Sie hatte bei dieser Umwandlung und durch diese allzu viele verletzt und verletzte sie noch alle Tage stets von neuem, als daß sie nicht auch zahlreiche und zwar keineswegs immer wohlwollende Beobachter und Beurteiler gefunden hätte. Über die Beweggründe ihres Handelns konnte kaum noch ein Zweifel vorhanden sein. Hildegard hatte es, um es kurz zu machen, schwer empfunden, daß Alfred so gleichgültig gegen den ihm von ihr gewährten Vorzug blieb, und rächte sich dadurch, daß sie ihn auf das kunstvollste und unverfänglichste in eine Verbindung hineintrieb, die ihn, wie sie rechnete, in den Augen der Gesellschaft und vor allem der gesamten Familie unheilbar bloßstellen mußte. Ja, als sie entdeckt zu haben glaubte, wie er in Wirklichkeit zu Blanka stand und wie tief die jungen Menschen einander im Herzen trugen, zog sie auch die Nichte gewissermaßen ins Spiel und wandte sich ganz von Silbergs ab, in denen sie die Begünstiger der – sie hieß es »frechen« – Ansprüche Alfreds argwöhnte. Sie hatte aber den tödlichen Verdruß, zu erleben, daß ihre ganze Quertreiberei fast vollständig fehl, ja in den Hauptpunkten durchaus zum Vorteil der Angefeindeten ausschlug. Sie fand Alfred von der gehaßten Frau alsbald getrennt und bald fast noch freundlicher angesehen als zuvor; sie fand Blanka ihm nicht entfremdet, sondern anscheinend eher noch mehr vertrauensvoller genähert; sie sah Viktoria, gegen die sich gleichfalls, ob auch aus anderen und vielleicht ehrenhafteren Beweggründen, ihr Spiel gewendet hatte, von neuem verzeihend aufgenommen. Diese Demütigung der durch Hochmut und Rachsucht verblendeten und aus aller Haltung gebrachten Frau sollte eine noch tiefere werden, als sie jetzt durch den ›Drakenhöfer‹ von der Verstimmung des Gatten gegen sie vernahm, ohne den Grund mehr als nur ahnen zu können. Er hatte ihre Gegenwart an seinem Krankenbett voll Gereiztheit zurückgewiesen, und daß dies keine bloße krankhafte Laune war, erfuhr sie, als sie auf ihren nachgiebigen Brief einige Wochen später von dem nun schon Genesenden die kurze und kalte Antwort empfing: »Was meine ›Verstimmung‹, wie du dich ausdrückst, angeht, wirst du erfahren, wenn ich wieder daheim bin und mich über alles Vorgefallene näher unterrichtet habe.« – Wieder nach einiger Zeit, um Neujahr, hatte sie ihm von der »Bemühung« des Barons August von Korzin um Rosa zu schreiben. Und der nun schon wieder im Felde stehende Gatte schrieb zurück: »Lasse mich das Urteil der Eltern über den Herrn erfahren. Deine Begünstigung genügt mir nicht!« Wir wenden uns zu der Anschuldigung wider den Grafen Albert Altheim. Als der ›Junker‹ mit Silberg über die Aussage des Statthalters Drews gesprochen hatte, waren beide zu dem Beschluß gekommen, vor allem nach besseren und gewichtigeren Zeugnissen für die Tat zu forschen. Ein solches gelang rascher herbeizuschaffen, als man gehofft hatte. Einer der besten Freunde und Spielgenossen des Grafen entsann sich, daß dieser in dem betreffenden Jahre Doberan nach einem ungewöhnlich großen Spielverlust verlassen habe und erst acht oder mehr Tage später wieder auf dem Gut des Freundes erschienen sei. Er konnte sogar den Tag der Abreise von dem Badeort angeben, denn der Verlust war so ungewöhnlich groß, daß der Freund ihn als eine Ausnahme mit dem Datum vermerkt hatte. Als Altheim zurückkehrte, erschien er verstimmt und gereizt. Er wollte seinen Schwiegervater um Geld angegangen und einen Abschlag erlitten haben. Mit dem und ihm sei's zuende, hatte er versichert. – Und als der Freund der inzwischen auch hier bekannt gewordenen Ermordung Warnecks gedachte, verfärbte sich der Graf. »Davon hört' ich noch nichts,« sagte er finster, »aber wundern tut es mich kaum. Er hat Feinde genug. Und wäre ich selber nach Menkendorf gekommen und mit dem Schleicher und Aufhetzer zusammengetroffen – ich hätte nicht für ein Unglück eingestanden. Denn ich haßte diesen Menschen.« Eine weitere, noch bedeutungsvollere Auskunft erhielt der ›Junker‹ in seiner nächsten Nähe. Er stand, wie wir wissen, gegenwärtig infolge seiner großmütigen Unterstützung mit dem Müller Clarmann auf besserem Fuß als früher, und als er einmal den bekanntlich in alle Geheimnisse des Küstenstrichs eingeweihten Mann geradezu nach dem Mörder Warnecks fragte, versetzte der Müller mit ungewöhnlicher Offenheit: »Na, Euer Gnaden, darüber ist dazumal hier allerhand geredet worden, aber nichts Rechtes. Matthies will's gesehen und den Rat Wehrenberg erkannt haben. Das ist Torheit, hab' ich ihm neulich ins Gesicht gesagt, denn ich kann's beweisen, daß es nicht wahr ist. Euer Gnaden wissen noch, wir hatten hier damals ein schlechtes Jahr, und ich fuhr gerade in der Zeit nach Belitz und Birken hinüber, um mich nach Korn umzusehen. Da, zu Birken, war aber der Rat Wehrenberg bei dem Herrn Pastor zu Besuch, ich habe selber mit ihm geredet, und er kann daher nicht hier gewesen sein. Und so wird's denn wohl richtig sein, was Drews einmal, wo er ein bissel zuviel hatte, so gegen mich merken ließ –« »Und das war, Clarmann?« fragte der ›Junker‹. »Er hat den Herrn Grafen bei der Tat gesehen und erkannt!« Demnach konnte man wohl auch den allerletzten Zweifel als behoben ansehen. Da – nahe vor Weihnachten – vernahm man zu Menkendorf, daß der Graf schon seit einiger Zeit bei dem Baron von Mirow weile und sich daselbst in bitteren Klagen über die Feindschaft seiner Verwandten ergehe, die jeden Versuch einer Wiederannäherung hart zurückwiesen, seinen unglücklichen Sohn in den Tod getrieben hätten und die entartete Tochter gegen den Vater in Schutz nähmen. Da machte der ›Junker‹ sich unverzüglich auf und fuhr, wie er drohend sagte, »zum Gericht« hinüber. Allein er erreichte seinen Zweck nicht, wie er es begehrt: Mirow, der gleich seinen Hausgenossen durch des »alten Freundes« unvermutetes Erscheinen offenbar nicht wenig bestürzt war, behauptete, daß Altheim schon vor mehreren Tagen wieder aufgebrochen und nach Frankreich zurückgekehrt sei. So blieb denn dem ›Junker‹ nichts übrig, als sich gegen den Baron auf das derbste auszusprechen und ihm die Versicherung zu geben, daß er den Grafen, falls er sich noch einmal in der Gegend blicken lasse, den Gerichten als Mörder Warnecks übergeben werde. Seitdem verlautete nichts mehr von Altheim. Und wie denn um den ›Junker‹ her auch alles Übrige sich auszugleichen und zu beruhigen anfing, hätten er und die Seinen wohl mit neuem Vertrauen in die Zukunft blicken können, wäre nur auch die Eintracht zwischen dem Hofhause und dem Pfarrhofe endlich wieder völlig herzustellen gewesen. Aber das wurde immer aussichtsloser, wiewohl man drüben ebenso schwer daran trug als hüben. Wohl kam man neusterdings wieder häufiger, ja fast so häufig wie vordem zusammen, wohl erging man sich in munteren Gesprächen drinnen und draußen, wohl war man umeinander besorgt und bemüht, allein die alte herzliche Unbefangenheit, das rückhaltlose Vertrauen war nicht mehr da. Jenes Trennende, ob man's auch gar nicht mehr erwähnte, blieb wie eine feste Mauer zwischen allen. Es kam das Weihnachtsfest, und mit ihm stellten sich, wie alljährlich, auch diesmal alle Angehörigen der beiden Familien ein, die irgend abzukommen vermochten. Und dazu kamen die Briefe und kleinen Gaben der Entfernten, aus dem Felde, von dem Sohn und den Enkeln, von Viktoria und ihren jetzt in voller Genesung begriffenen Pfleglingen – Gutes und Frohes von allen Seiten. Und dennoch wollte am heiligen Abend, zum wenigsten unter den Älteren, keine rechte Festfreude aufkommen – man fand überall den Druck und den Zwang, der, wie ehrlich er auch gemeint sein mochte, doch wider jenen nicht aufzukommen imstande war. Der ›Drakenhöfer‹, der seit dem Herbstanfang nicht mehr hier gewesen war, und über die herrschenden Zustände bisher nur sehr im allgemeinen etwas erfahren hatte, beobachtete alles und alle mit stummer Aufmerksamkeit. Nur als er im Laufe des Abends, nach der Bescherung, einmal in einem Nebenzimmer mit der wiederum sehr still gewordenen Blanka zusammentraf, legte er den Arm zärtlich um sie und fragte, sie mit sich fortziehend: »Nun, mein Herzenskind, bist du denn nicht recht zufrieden, daß du so trübe den Kopf hängst? Alfred soll doch demnächst schon aus der Heilbehandlung entlassen werden.« »Ach, Onkel,« versetzte sie zutraulich offen, »dir brauch ich's ja nicht erst zu sagen, wie gut und lieb er ist, wie sein Vertrauen wächst, sein Mut, seine Hoffnung, und wie sehr – o wie so ganz unsagbar er mich lieb hat! Ach Onkel, mein Herz ist so über – übervoll von Glück und Segen! Und dennoch – dennoch kann ich nicht froh werden, wenn ich die lieben Alten so ernst sehe, so ungläubig und so fremd, und die Großeltern leiden.« »Nur Mut, mein Kind,« sagte er darauf in seiner bedächtig schwerfälligen Art, »ich habe dies vorausgesehen und den Eltern gesagt, aber der Vater wollte mir nicht glauben. Ich kenne die Alten gut genug und kann ihrem Widerstande, von ihrer Seite, auch nicht ganz unrecht geben. Allein, wo man ihnen so entgegenkommt, wie es von den Eltern und uns allen geschieht, da sollten sie einsichtiger sein und nachgeben – von Herzen! Doch verliere den Mut nicht! Das letzte Wort hat ja immer noch unser Herrgott zu sprechen!« Spät abends, als Silbergs mit den Ihren geschieden waren, sagte der ›Junker‹ fast kleinmütig zu seinem Ältesten: »Da ist Hopfen und Malz verloren! Und ich hatte doch so fest auf diesen Abend und die Festfreude gerechnet!« »Nun, Vater, da werde ich denn doch wohl das Letzte unternehmen müssen,« entgegnete der ›Drakenhöfer‹ mit einem gewaltsamen Lächeln, »es fällt mir schwer, sehr schwer, Vater, aber um des Friedens der Kinder willen dürfen wir Alten schon zum Kriege greifen!« Das mußte denn auch geschehen sein. Denn: Am nächsten Mittag, – es war ein prachtvoller Wintertag mit dem schönsten blauen Himmel, einer glänzend weißen Schneedecke und der reinsten Frostluft, – kamen Silbergs so recht wie Besiegte an, und der Magister grüßte schon von ferne mit der Hand dem in der Haustür stehenden ›Junker‹ entgegen – das war seither nicht leicht mehr vorgekommen! – Und jetzt, da man sich aus dem Flur auch mit den übrigen begrüßte, nahm er nochmals die Hände des alten Freundes und schüttelte sie wie von einem innerlichen Aufruhr übermannt. Aber er sagte nichts, sondern schritt weiter zu Blanka, die sich schüchtern im Hintergrunde hielt. Er zog ihren Arm in den seinen, lächelte sie mit Tränen in den Augen an, zog sie bis ans Ende des Flurs, und dort flüsterte er ihr zu: »Nun, Kindchen, du sahst vorhin in der Kirche recht fromm und versöhnlich zu mir herüber. Wie ist's? Kannst du uns noch wieder lieb haben?« Da schlang sie die Arme um seinen Hals und küßte ihn stürmisch ab und schrie fast voller Glückseligkeit: »O liebster – liebster Großpapa!« worauf er sich von ihr freimachte, eine seiner neuen Würde entsprechende Haltung einnahm und sprach: »Ja, ja, so geht's! Wo wir nicht gleich mit Ja und Amen bei der Hand sind, ihr Grashüpfer, da duckt ihr euch nieder und schmollt. Aber wo wir nachgeben, wißt ihr von nichts als Karessen. Also – Großpapa sagtest du. Nun gut, ich nehme den Titel an, verlange aber dafür, daß du deine Liebe zwischen dem alten und neuen Großvater rechtschaffen teilst!« »Na, du großer Feldherr,« sagte indes der ›Junker‹ zum ›Drakenhöfer‹, »wie ist dir das gelungen?« »Ich habe ihn Mariens Briefe lesen lassen!« lautete die von einem wehmütigen Lächeln begleitete Antwort. Fünfzigstes Kapitel Bis zum frohen Ende Es war ausgemacht worden, daß Alfred, nachdem seine Wunde endlich geheilt war, vorläufig noch nicht nach Hause käme, sondern in einem Bade erst weitere Hilfe für sein steifes Bein suche, und daß auch ein kurzer Besuch von seiten Blankas keinesfalls stattfinden dürfe. »Darin hat der Alte vollständig recht,« sagte der ›Drakenhöfer‹ einmal zu der über die »harte« Bedingung seufzenden Blanka, »und wenn ihr vernünftig seid, so dankt ihr ihm von Herzen für diese Anordnung, als die beste Wohltat. Ihr müßt, jedes für sich, mit der Vergangenheit abgeschlossen haben und nichts als eure niemals verkümmerte Liebe aus ihr mit in die sonnige Gegenwart herübernehmen. Zeiten und Erfahrungen, wie er und doch in gewissem Sinne auch du sie seit Jahr und Tag und zumal im letzten Sommer durchgemacht habt, die lassen sich nicht so ohne weiteres auf die Seite schieben. Sie und der Mensch selbst brauchen, wenn er ehrlich sein und bleiben will, eine ruhige, feste Selbstzucht und die gebührende Ruhe dazu.« Aber nun war diese Zeit endlich um und erwies sich in allem und jedem auch als eine wirkliche Wohltat für das Paar; denn Blanka hatte auch den letzten Rest der bebenden Scheu und Unsicherheit verloren, womit sie der plötzliche Schritt aus der anscheinend unwiderruflichen Entsagung hinüber zu einem durch nichts gestörten Glück erfüllt hatte, und auch in ihm war es hell und klar geworden, er hatte das Vertrauen auf sich selbst wiedergefunden, und der alte schwere Traum wich restlos zurück. Dazu trug freilich nicht wenig der rasche und glückliche Erfolg der neuen Heilbehandlung bei; der jüngste Brief berichtete sogar, das Bein sei wieder so gelenkig, daß er, der Schreiber, hoffe, sich dem Regiment beim bevorstehenden Rückmarsch anschließen zu können. Und das geschah auch. Das Regiment hatte bei Sedan schwere Verluste gehabt und ward also ins heimatliche Standquartier beordert. Der Tag des Einzugs war ein großer Festtag für das gesamte Ländchen und besonders für unsere kleine, alte Stadt. Von nah und fern strömte alles herbei, was nur irgend abzukommen vermochte; galt es doch den braven Truppen eine glänzende Genugtuung für die entehrenden Gerüchte zu geben, die, wie es bereits feststand, von den Mirows aufgebracht und verbreitet worden waren. Der ›Junker‹ mit den Seinen fehlte natürlich am allerwenigsten. Sie kamen alle schon am Tage vor dem Einzuge, und es war gut, daß das eigene Haus ausreichend war, denn an ein Unterkommen in den Gasthöfen wäre nicht zu denken gewesen. Es ging überall knapp her, zumal in den Gegenden, wo die Truppen vorüberziehen sollten. Den Vorzug, an einer dieser Straßen zu liegen, hatte allerdings das Haus unserer Freunde nicht. Zu anderen Zeiten und Verhältnissen hätte das wohl auch nichts zu bedeuten gehabt, da die Kommandantur am Markt günstige Plätze im Überfluß darbot und selbstverständlich der Familie und ihren Freunden offen stand. Allein unter den jetzigen Umständen wollte der ›Junker‹ davon keinen Gebrauch machen, sondern erklärte, unzugänglich für alle Vorstellungen der Seinen, daß er ohne eine ausdrückliche und schickliche Aufforderung Hildegards mit keinem Schritt wieder jenes Haus betrete. »Der teuflische Hochmut muß erst heraus aus ihr!« sagte er hart. Er hatte daher auch zum Einzugstage in einem anderen Hause am Markt die nötigen Fenster bestellen lassen und verbat sich, als Blanka bald nach dem Eintreffen zu den Verwandten gehen wollte, dies mit einer noch nie erhörten Entschiedenheit. Es kam indessen nicht zum Schlimmsten. Als der Diener bald nach der Ankunft mit dem Korbe voll Lebensmitteln hinüberging – der Brauch, den städtischen Verwandten von Zeit zu Zeit Vorräte zu schicken, war gleichwohl aufrechterhalten geblieben – kam Frau Hildegard selber an die Tür und bewirtete den Boten mit einem Glase Wein, und eine Viertelstunde darauf erschien sie mit ihrer Tochter bei den Eltern. »Nicht wahr, meine Eltern,« sagte sie mit einer von ihr kaum jemals erhorchten flehentlich bewegten Stimme, »Sie können uns unmöglich den Schmerz antun wollen, morgen nicht bei uns zu sein? Moritz würde mir dies nie vergeben, und auch ich selber vermöchte es nicht. Lassen Sie die alten Störungen vergangen sein, und haben Sie Nachsicht mit mir – ich will mir alle Mühe geben, Ihre Liebe wiederzugewinnen!« Auf solches Wort der stolzen Frau, in deren Augen dabei sogar etwas wie eine Träne zitterte, gab es allerdings kein Ablehnen weiter. Und so schlossen sich am nächsten Morgen die Menkendorfer den übrigen Gästen in der Kommandantur an, und die Festfreude war so allgemein und gehoben, daß davor auch die letzte Verlegenheit und das letzte Unbehagen verschwinden mußte. Hildegard erleichterte dies durch ihre ganze Haltung freilich nicht wenig, ja, selbst zu Blanka sagte sie einmal, ob auch ohne viel Wärme: »Wenn du dich wirklich glücklich fühlst und wahrhaft vertraust, liebes Kind – glaub' es nur, ich und Rosa gönnen es dir nicht weniger treulich als die anderen.« Und nun – es war nicht mehr weit von Mittag – fingen endlich die Glocken an zu läuten, und aus der Ferne, vom Tor her, klang der ausbrechende Jubel der Volksmassen noch dumpf, aber rasch und immer rascher anschwellend und sich nähernd, lauter und lauter herüber, und dazwischen vernahm man schon das freudige Schmettern der Trompeten. Und nun quoll es denn auch hervor aus der engen Gasse, und ein unermeßliches Hurra schwang sich, von allen Seiten zusammenklingend, brausend zum blauen Himmel auf. – Aber man mußte sich vorderhand mit einer kurzen Begrüßung begnügen, denn gerade die Offiziere fanden vorläufig noch allzu viel Geschäfte, um sich schon den Ihren widmen zu können, und der ›Junker‹ wollt es nicht, daß sie durch ihr jetziges Säumen ihre volle Freiheit auch nur um Minuten verzögerten. Er duldete nur den lustigen Feldscher Busch als Begleiter. »Du willst den Doktor wohl zur Annahme der Leibarztstelle überreden?« fragte Frau Agnes lächelnd, und der ›Junker‹ versetzte mit Schmunzeln: »Ja, du hast's gut im Sinn! Guck' einmal dahin –« und seine Hand winkte gegen die ›St. Jakobsbrüder‹, von deren Schwelle der alte dicke Peter Jansen einen lauten kräftigen Seemansgruß herüberrief – »und sieh' des Doktors durstige Augen! Da kommen wir noch lange nicht!« – Alfred war der erste, der sich wieder einstellte. Und als er allen die Hände gedrückt hatte und nun der mit schüchternem Glück zu ihm aufschauenden Geliebten sich näherte, da kam ihm der ›Junker‹ mit einem »Sachte, mein Junge!« zuvor. Er zog den Arm der liebenden Blanka in den seinen und trat mit ihr vor den jungen Mann hin. »So, und nun ein rundes Wort und eine runde Antwort! Bist du in dir wieder völlig frei von all' deinen Grillen?« Der Gefragte begegnete offen dem Blick des Fragers. »Ja!« »Fühlst du dich wirklich und wahrhaftig würdig des Glücks, nach dem du strebst? Und glaubst du die hier glücklich machen zu können als ein wackerer, herzvoller, ehrenhafter Mann, dein ganzes Leben lang, so daß sie und wir nicht eine Stunde zu bereuen haben, was sie und wir dir anvertrauen sollen?« »Ich hoffe und erflehe es, Papa!« Da nahm der ›Junker‹ Blankas Hand aus seinem Arm und legte sie in Alfreds Rechte. Er legte dann auch die eigene Hand auf die beiden vereinten und sprach: »Täuschet euch nicht, Kinder. Wir haben euch beiden von jung auf wohl gewollt und euch lieb gehabt. Aber ob es so zwischen euch hätte werden können, weiß ich nicht. So rasch und leicht wenigstens hätten wir sicher nicht ja und amen gesagt. Aber man hat mit euch beiden frevelhaft gespielt und gewissenlos an euch und eurer Reinheit gesündigt und das Unglück auf eure Wege gerufen. Dafür sind wir euch Ersatz schuldig und leisten ihn. Denn der Alte von Menkendorf bezahlt seine und der Seinen Ehrenschulden bis auf Heller und Pfennig! So nehmt einander hin, und der allmächtige Gott segne euch, wie eure Großeltern es tun.« – Indem trat der Oberst mit Frau und Tochter ins Zimmer. »Da kommen wir, scheint's, zur guten Stunde!« rief er heiter, als er das junge Paar mit glücklichem Lächeln Hand in Hand sich entgegentreten sah. »Nehmt auch uns wieder auf in euren treuen Bund, meine Eltern und ihr alten Freunde alle! – Die Kämpfe und Wirren haben ein Ende, und der Friede herrsche allüberall, wie am Himmel und auf Erden wieder, so auch in unseren Herzen!« Nachwort Edmund Hoefers Lebensgang zog nur eine schlichte Spur. Am 15. Oktober 1819 in Greifswald als Sohn eines Stadtgerichtsdirektors geboren, verlebte der Dichter, mit Ausnahme seiner Studienjahre, die in Berlin und Heidelberg der Geschichte und Philosophie gewidmet waren, die Hälfte seines Lebens, ungehemmt von äußeren Sorgen, in der Heimat, die andere, auch nicht viel bekümmerter, in Stuttgart, wo er als Schriftleiter von Familienzeitschriften bis zu seinem Tode, am 23. Mai 1882, behaglich und zufrieden wirkte. Sein Erzählerdrang, obgleich früh rege, kam erst im reiferen Mannesalter zum Durchbruch, wies aber dadurch nur um so stärker seine fruchtbare Begabung nach; es entstanden in einem Zeitraum von kaum dreißig Jahren gut neunzig Bände, und das ist selbst für die Schreibemsigkeit jener Zeit allerhand. Gleichwohl findet sich recht viel dichterisch Wertvolles darunter; in erster Linie kleinere Erzählungen und Skizzen, und unter ihnen vor allem die »Erzählungen eines alten Tambours«, die eine Gestaltungs- und Darstellungskunst verraten, wie wir sie nur bei ganz großen Könnern zu treffen gewohnt sind. Solches kann man den größeren Arbeiten freilich nicht immer nachsagen, obwohl auch sie viele dichterische Schönheiten bringen. Hat Hoefer auch alle seine Romane zunächst dem Unterhaltungsbedürfnis zuliebe geschrieben, so doch keineswegs ohne künstlerische Absicht. Und so stellt ihn die Literaturgeschichte mit Recht in die Reihe jener Schriftsteller, die eine vortreffliche, geistig und technisch hochstehende Unterhaltungslektüre geliefert haben, in die Reihe: Holtei, Hackländer, Schücking und Gerstäcker. Hoefer, dessen Verdienst es ist, die düstere norddeutsche Familiengeschichte geschaffen zu haben, gibt zudem in dieser Reihe gewiß nicht den letzten ab, denn er ist um vieles erfinderischer, also dichterischer schlechthin, als die anderen deutschen Romanschriftsteller seiner Zeit. Auch seine leichtesten, entglittensten Arbeiten ermangeln einer bildkräftigen, tonsicheren und sauberen Sprache nicht, wie denn das Handwerkliche dazumal überhaupt bedächtiger war als in unserer hastenden Zeit. Das Geäst der Handlung scheint zumeist wohl dem Zufälligen, Schicksalmäßigen überlassen, jedoch nicht ungepflegt, wie das Zugespitzte der Kapitelausgänge genugsam beweist. Aber was vor allem unser Urteil bestimmt, ist, daß man überall den Eindruck hat, als erzähle der Schreiber nur Selbsterlebtes, und daß seine Gestalten wirklich geschaut sind. Das zeigt besonders auch unser Roman, der – ursprünglich »Der Junker« geheißen – wohl bereits in Hoefers spätere, mehr gewohnheitsgeschreibige als drangvoll ausstoßende Schaffenszeit fällt, aber doch – noch einmal, möchte man sagen – eine geradezu zum Angreifen gestaltete Erscheinung vor Augen führt, einen norddeutschen Landedelmann alten Schlages, einen prächtigen, lebenbejahenden, ja daseinsstolzen Menschen, tief verwurzelt in Arbeit und Erde, und deshalb unberührt von allen Einflüssen des vom Augenblick beherrschten Tages. Neben dem literarischen Wert war uns für die Aufnahme in die »Grünen Bücher« das außergewöhnlich Spannende dieser Geschichte maßgebend, die so geschehnisreich ist, wie sonst keine der früheren oder späteren Hoeferschen Dichtungen; kurz herausgesagt: nicht das Schlackenreinste, sondern das Lebendigste seiner Werke wurde gewählt. Daß damit auch zugleich dem Andenken des zu unrecht völlig Vergessenen gedient werde, erhoffen und wünschen wir. Den heutigen Leser zu Höfers Werk führen – das heißt nicht die 1200 Seiten des Urbildes mechanisch nachdrucken. Aufgabe unserer Bücherei ist es ja gerade, Romandichtungen von bleibendem Wert dem Leserpublikum unserer Zeit zugänglich zu machen. So erwies es sich als unerläßlich, Hoefers der Großvater- und Urgroßvaterzeit angehörenden Roman aus liebevoll nachfühlendem Geiste umzuschaffen. Hans Steiger , der bekannte Novellist, hat sich dieser Aufgabe unterzogen: nicht nur im Lichten der allzu dicht verrankten Kapiteleingänge, im Absondern der Zeitschrullen und in der Säuberung von heute kaum mehr verständlichen Fremdwörtern, sondern indem er das ganze Werk wirkungsvoll straffte und verjüngte. M. F.