Oscar A. H. Schmitz Melusine Der Roman eines Staatsmannes 1928 Widmung Ich widme dieses Buch der Jugend, soweit sie bereit ist, zu erwägen, daß in die gewandelte Zeit die alten abendländischen Kulturwerte, wenn auch in veränderter Gestalt, gerettet werden müssen, sowie den Männern des tätigen Lebens, die nicht leicht Romane lesen, weil sie darin meist den Sinn ihres Daseins vermissen. Wenn ich die Frauen, meine treusten Leser, nicht besonders bedenke, so mögen sie mir verzeihen, aber, was in dem Werk über Frauen gesagt ist, wissen sie heimlich besser, als der Verfasser, und vielleicht ist es ihnen gar nicht recht, daß er aus der Schule plaudert. O. A. H. S. An den Leser Dieses Werk kann nicht anders als unvollkommen sein. Vollkommene Kunstwerke werden erst wieder möglich sein, wenn der Künstler von neuem in einer sicheren Weltanschauung wurzelt, deren Gehalt er nicht selbst zu entwickeln braucht, sondern bei dem Leser als bekannt und anerkannt voraussetzen darf. Davon ist heute in dieser größten Wendezeit seit der ausgehenden Antike nicht die Rede. Ein Werk zählt schon mit, wenn es sich bemüht, den Sinn bewußt zu machen, der durch all das Zeitchaos hindurch nach Ausdruck und Gestalt ringt. Falls man diesem Buch nichts anderes als solches Verdienst zuerkennen wollte, würde sich der Verfasser reichlich für seine Mühe belohnt fühlen. Vorbemerkung Das Land Harringen wird der Leser vergeblich auf der Karte suchen. Trotzdem muß ich ihm zumuten, während des Verlaufs dieser Erzählung an die Wirklichkeit dieses Landes zu glauben. Mit Vergnügen wird er sagen, das ist offenbar eine phantastische Geschichte. Nein, das ist es nicht, und darin liegt die Zumutung an den Leser, daß die Handlung innerhalb unserer bekannten europäischen Welt spielt und doch zum großen Teil in einem erfundenen Lande. Wer von dieser Einleitung noch nicht genug hat, der lasse sich über das Land Harringen folgendermaßen belehren: es ist zwischen Österreich und Bayern gelegen und hat ungefähr die Größe eines dieser beiden Länder. Wie diese ragt es im Süden in die Alpen hinein. Gen Norden dacht sich eine Hochebene ab, auf der die Hauptstadt Rolfsburg mit etwa einer halben Million Einwohner liegt. Die Bevölkerung ist wie in Österreich und Bayern bajuwarisch. Die Herzöge von Harringen, die Rolfinger, gehörten zur Zeit Napoleons dem Rheinbund an und wurden gleich den Wittelsbachern bei dieser Gelegenheit zu Königen gemacht. 1871 trat Harringen nicht dem Deutschen Reiche bei, sondern nahm eine ähnliche Stellung ein wie Luxemburg. Trotzdem teilte es die Schicksale seiner beide Nachbarvölker im Weltkriege und während der Revolution, durch die das Haus Rolfingen den Thron verlor. Der Anschluß an Deutschland, den nun manche Kreise wünschten, wurde dem Lande, ebenso wie Österreich, durch den Vertrag von Versailles fürs erste unmöglich gemacht. Nun wird der Leser fragen, warum es nötig war, das Land Harringen zu erfinden, wo doch unser Herrgott dem Romanschriftsteller Osterreich und Bayern als frei verfügbare Schauplätze hingelegt hat. Der Grund ist der, daß nach 1918 Harringen seine eigenen Wege ging und eben diese schildert zum Teil dieser Roman, in dem, wie gesagt, im übrigen unsere deutsche, ja die europäische Welt so vorausgesetzt wird, wie sie heute ist. Erstes Kapitel Ancien régime I. Dies ist die Geschichte der beiden Brüder Erich und Ferdinand, der letzten Abkömmlinge der einst am Rhein berühmten Familie Holthoff. Erst waren die Holthoffs Bauern gewesen, die ihren Stammbaum, wie nur wenige bürgerliche Familien Deutschlands, bis in den dreißigjährigen Krieg zurückführen konnten. Handwerker verschiedener Art, vom Schmied bis zum Schneider, sind unter den Vorfahren beglaubigt. Dann studierten sie und gaben dem Land manchen bekannten Juristen und Theologen. Später verdienten sie Geld, sandten Schiffe übers Meer, dienten Fürsten oder wurden städtische Senatoren. Auch an nichtsnutzigen Subjekten fehlte es nicht. Im 18. Jahrhundert wurde einer gehängt, weil er sich seinen Bedarf an Geld selber herzustellen pflegte; unter Napoleon III. gab es in Paris eine bekannte Tänzerin und berüchtigte Männerfresserin, eine geborene Holthoff. Noch der Bankier Fabian Holthoff, der Vater Erichs und Ferdinands, wurde einmal durch einen dem Spiel ergebenen Bruder, der schließlich durch Selbstmord endete, dicht an den Ruin gebracht, fand aber Hilfe und hat durch seine Zähigkeit die Krise beschworen. Er war nach den Begriffen der siebziger und achtziger Jahre der Typus eines schönen Mannes mit fächerförmigem, schwarzem Vollbart, gewölbter, in eine blanke Glatze übergehender Stirn und humorvoll blitzenden grauen Augen, die zusammen mit den sinnlich geschwungenen, gern lachenden Lippen die Freude an heiterem Mahl verrieten. Jeden Morgen, im Sommer wie im Winter, zog der anständige Mann eine frische weiße Pikeeweste an. Diese lebensfrohe, allem öffentlichen Treiben fremde Persönlichkeit geriet nun durch ihr unbefangenes Temperament eines Tages in eine Lage, die ihr über Nacht einen politischen Charakter gab. Es gehörte bekanntlich zu der Politik Wilhelms II., die alten Patriziergeschlechter der westlichen Städte durch Verleihung des Adels fester an den Thron zu knüpfen. Darüber pflegte Fabian Holthoff oft zu lächeln, und bekannt war der Ausspruch des weit herumgekommenen Rheinländers, dessen Auftreten und Lebensführung eines großen Stils nicht ermangelten, der Kaiser glaube wohl, die alten Bürgerfamilien seien weniger vornehm, als der ostelbische Kleinadel, und dem müsse rasch durch die Zufügung der Partikel an den Namen abgeholfen werden. Nach einem guten Mahl mit erlesenen Weinen fand man solche Bemerkungen köstlich, ohne sie allzu ernst zu nehmen; als aber eines Tages Holthoff nach einem ähnlichen Privatgespräch mit dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz das Gefühl hatte, seine wahre Ansicht in dieser Frage sei eben sondiert worden, da dauerte es nicht mehr lange, bis der Kaiser zu seinem hellen Ärger erfuhr, daß die eine und die andere rheinische Familie die geplante Auszeichnung nicht wünsche, da sie damit zugeben würden, sie seien früher weniger, als der preußische Adel gewesen. Obwohl sich der Widerstand in die loyalsten Formen kleidete – man versäumte keine Gelegenheit, zu versichern, daß die Hingabe an Kaiser und Reich auch ohne jene Auszeichnung über allen Zweifel erhaben sei –, war der Monarch unversöhnlich gekränkt, und er wußte wohl, daß der Urheber dieser Stimmung – denn mehr wahr es nicht, von einer »Bewegung« konnte füglich nicht gesprochen werden, – der Bankier Fabian Holthoff war, derselbe, der ihn so oft durch Erzählung rheinischer Witze, sogenannter »Krätzjer«, ergötzt hatte. Freilich konnte in Fabian Holthoff nichts von der blutgebundenen Anhänglichkeit des preußischen Junkers an das angestammte Fürstenhaus sein, aber er nannte sich aufrichtig einen konstitutionellen Monarchisten, einmal aus vernünftiger Erwägung der verschiedenen Staatsformen, dann aber auch aus persönlicher Sympathie für den edlen Großvater Wilhelms II., mit dem er erst in geschäftlicher, dann in persönlicher Verbindung gestanden war. Die Beziehungen hatte der junge Kaiser gern übernommen, da er ja keine Eigenschaft an einem Mann mehr schätzte, als Munterkeit bei Tisch. Mit diesem zweifellosen Vorzug verband aber leider Fabian Holthoff gerade jene andere Eigenschaft, die dem Kaiser nun einmal in den Tod verhaßt war, nämlich persönliche Selbständigkeit, und so brach er die Beziehung schroff ab. Bei allen staatlichen Geschäften wurde das Bankhaus Holthoff künftig geflissentlich übergangen. Das hinderte freilich Fabian Holthoff nicht, sich weiter seinen Burgunder und seine Havanna wohl munden zu lassen; unangenehm war ihm nur, daß seine rein persönliche Haltung oft mit jenem engen partikularistischen Protestlertum verwechselt und eben darum gepriesen wurde, während seinem freien Kopf und seinem weiten Herzen nichts ferner lag. Diese Ereignisse sollten, wie wir gleich sehen werden, die Laufbahn seines ältesten Sohnes Erich entscheidend beeinflussen. Obwohl Fabian Holthoff genau das darstellte, was die Allgemeinheit von einem vornehmen Bürger erwartete, so hatte er sich doch sein Leben lang nie nach allgemeinen Maßstäben gerichtet. War aus seinem Wesen schließlich ein gültiger und anerkannter Typus geworden, so sind doch seine Triebfedern immer ganz persönlich gewesen. Vor allem hatte er in ganz unkonventioneller Weise geheiratet. Seine Frau, Consuelo, war, ehe er sich mit ihr vermählte, Erzieherin seiner jüngeren Geschwister und auf nicht gewöhnliche Weise in das Haus Holthoff gekommen. Ihr Vater, ein noch mehr in der Lebensführung, als in seiner Kunst genialer Maler, der als Spätromantiker in der vorigen Jahrhundertmitte geblüht, hatte das Kind aus kurzer Ehe mit einer amerikanischen Pflanzerstochter in den Südstaaten von einem mehrjährigen Aufenthalt in deren Heimat als junger Witwer mit nach Hause gebracht. Später schleppte er das exotische Geschöpf, das von der Mutter einen spanischen, wenn nicht indianischen Bluteinschlag hatte, in halb Europa herum. Sie besuchte Schulen in Paris und Rom, führte dazwischen als halbes Kind den skizzenhaften Haushalt bald in abgelegenen bretonischen Fischerdörfern, bald am Rand der Sahara, wurde unversehens in Brokat- und Schleiergewänder gesteckt oder auch wohl halb entkleidet, um in den verschiedensten Stellungen gemalt zu werden. Schließlich nahmen sich angesehene Gönner des Künstlers in dessen süddeutscher Heimat des bezaubernden Kindes an, erzogen es auf dem Land mit den eigenen Töchtern, die es später auf ein Jahr in ein Sacrécœurkloster begleitete. Bald darauf starb Consuelos Vater, und nun wurde sie auf Grund ihrer ausgezeichneten Sprachkenntnisse als Erzieherin im Hause Holthoff untergebracht. Zu diesem Amt eignete sich freilich das gleich einem Eichhörnchen bewegliche, schwärmerische Geschöpf nicht, desto besser aber zur Lebensgefährtin des ältesten Sohnes, dessen mit Geschäften ausgefüllten Tagen ihr ewig zwischen flüchtigen Launen und tiefer Leidenschaftlichkeit wechselndes Temperament einen fantastischen Hintergrund gab. Bis zu seinem in den neunziger Jahren eintretenden Tod blieb sie ihm ein ewig frisches Naturereignis. Kaum aber war er gestorben, da verfiel die noch nicht Fünfundvierzigjährige schnell. Ihre elastische Spannung schien plötzlich aufgehoben. Da war auf einmal eine alternde, fett werdende Frau, die nicht mehr zu bewegen war, die still gewordene Holthoffsche Villa und den einsamen Garten für einen Spaziergang, geschweige denn eine Reise, zu verlassen. Sie lag im Dunkel wie eine alte Katze. Bis zu ihrem Tod besuchten sie von Zeit zu Zeit ihre beiden, nun erwachsenen Söhne Erich und Ferdinand, aber es war fraglich, wie viel die halb Taube noch von dem in sich aufnahm, was man ihr in ihr schwarzes Hörrohr schrie, das weniger wie ein Verbindungsmittel mit der Welt wirkte, als wie ein gegen sie gerichtetes Instrument der Abwehr. Eines Tages ging sie tonlos ein, wie ein Tier des Waldes, dessen Lebenskräfte aufgebraucht sind. II Als Erich Holthoff anfangs der neunziger Jahre, um die Rechte zu studieren, die Universität Bonn bezog, war er für seine Jahre schon recht umfassend gebildet. In den oberen Gymnasialklassen hatte ein Lesekränzchen bestanden, wo die Auslese der Schüler Literatur, Philosophie und besonders Geschichte trieb. Erich rühmte sich, kein Schöngeist zu sein, und seinem Einfluß war es hauptsächlich zuzuschreiben, daß jenes Kränzchen nicht ausschließlich literarischen und künstlerischen Interessen huldigte. Seine Helden waren die großen Staatsmänner der Geschichte, Solon, Perikles, Cäsar, Augustus, Constantin der Große; sogar mit Richelieu und Disraeli hatte er sich schon beschäftigt, und, wie in jener Zeit unvermeidlich, stand er stark unter der Wirkung Bismarcks. Freilich erfüllten ihn diesem gegenüber auch manche Zweifel, die der Vater in ihm nährte. Die Holthoffs waren Katholiken, und zwar ohne jeden Fanatismus. Die ererbte Religion galt in der Familie als eine Selbstverständlichkeit, ihre Forderungen erfüllte man ruhig, aber gesprochen wurde darüber wenig. Was man den alten Holthoff an Bismarcks Kulturkampf gegen die Kirche besonders unangenehm berührte, war, daß dadurch das Ruhende plötzlich aufgerüttelt wurde. Sein weltliches Leben hatte sich immer ganz gut mit der katholischen Praxis vertragen, doch ein ausgesprochenes Betonen von Dingen, die man am besten mit sich allein abmacht, war ihm in der Seele verhaßt; nun aber wurde er durch seine Stellung gezwungen, Partei zu ergreifen, ja gelegentlich öffentlich für einen Glauben zu sprechen, den er zeitlebens gefühlsmäßig gehegt hatte, ohne sich viel um seine Argumente zu kümmern. In der Tat, eine widerwärtige Lage für einen heiter vertrauend dem Leben zugekehrten Mann, dem auch die Religion ein gern hingenommenes Stück Leben ist, nicht eine diskutierbare Lehre, für oder gegen die man auftreten kann. Erichs Voraussetzungen waren anderer Art, wenngleich sie zu derselben Haltung führten. Im Gegensatz zu seinem Vater erfaßte er die Welt vorzugsweise mit dem Gedanken, aber er war von jenem, die helleren Köpfe seiner Generation auszeichnenden Skeptizismus erfüllt. Dieser wendete sich nicht gegen die Religion, sondern gegen die bereits die Massen ergreifende Freigeisterei, die für jede Erscheinung des natürlichen und seelisch-geistigen Lebens sofort eine platte Vernunfterklärung bereit hält, dagegen ließ er Religion als bedeutende Erscheinung des menschlichen Lebens wieder mit Toleranz gelten. Erich und seine Freunde warfen nun Bismarck vor, daß er gegen diese fehlte und sein gröbliches Vorgehen obendrein Kulturkampf nannte, und was gar das Sozialistengesetz betraf, so fühlte er als Glied der die Zukunft tragenden Generation deutlich den schweren Mißgriff. Eine so ausgesprochene kritische Haltung bei einem so jungen Mann wirkte begreiflicherweise auf seine Umgebung als unausstehlicher Hochmut. Er verspottete zudem alles, was dadurch, daß es in die Hände einer Vielheit geraten war, notgedrungen mittelmäßig wurde, mochte es uranfänglich noch so vorzüglich gewesen sein. Er liebte die auf dem Gymnasium gelehrten Wissenschaften, aber der Schulbetrieb und seine pedantischen Vertreter schienen ihm lächerlich, nicht minder aber die Mühseligen und Beladenen, die darunter ächzten, weil sie ihn zu ernst nahmen. Darum hatte er nicht die geringste Anlage zum Revolutionär, wohl aber zum Frondeur, der rein individuell seine Rechte wahrt. Dies tat er sehr bald nicht mehr durch zur Schau getragenen kindischen Trotz, sondern durch eine früh in ihm zu Tage tretende eigentümliche Fähigkeit: er »behandelte« Lehrer und Angehörige, mit Ausnahme des Vaters, der bei derartigen Versuchen von Anfang an mit einem verständnisvollen Lächeln geantwortet hatte. So blieb er der einzige, den Erich als voll nahm. Dies alles vollzog sich so leicht und selbstverständlich, daß es eine frühe Menschenverachtung in dem Jüngling zeitigte, die aber, da sie nicht auf Enttäuschungen, sondern auf leichten Siegen beruhte, nicht Menschenhaß wurde. Nur wen er in seine vertraute Sphäre einließ, der entdeckte die Eigenschaften seines Herzens: vor allem neidlose, gern anerkennende Kameradschaft und Großmut gegen Geringere. Auf die meisten aber wirkte er anmaßend, kalt, ja berechnend. In Bonn folgte er seinen zwei besten Freunden vom Gymnasium ohne eigentliches Widerstreben, aber auch ohne besondere Begeisterung in ein Korps. Dort kam er nun in einen Kreis ausgesprochener Bismarckverehrer, darunter Söhne und Enkel von solchen, die einst Bismarck heftig und oft aus kleinen Motiven bekämpft hatten. Bald merkte er, daß diese Bewunderung blind war, und daß jeder Versuch von Kritik einen sofort in den Verdacht eines hämischen Nörglers brachte. Ja das, was Erich, als einen Sohn alter westlicher Zivilisation, abstieß, und was er Bismarck allenfalls wegen seiner Größe verzeihen konnte, eben das gefiel gerade diesen jungen aristokratischen Anarchisten. In der Debatte mit ihnen gewann indessen sein inneres Wunschbild vom modernen Staatsmann, während er es verteidigen mußte, immer festeren Umriß. Seine neuen Kommilitonen, in deren Treiben er die beiden Schulfreunde bald trotz ihrer besseren Tradition fröhlich aufgehen sah, waren meist Ostelbier, unter denen der Adel vorherrschte. Oh, sie verfügten über recht gute, wenn auch etwas steife und veraltete Formen, aber sie vermochten sie auch sehr leicht abzulegen, wie man ein Festgewand auszieht, und dann kam, besonders unter alkoholischem Einfluß, eine bisweilen erschütternde Primitivität des Denkens und Fühlens zum Vorschein. Nach Gottes unerforschlichem Ratschluß glaubten sie sich künftig zur Herrschaft im Lande berufen, schienen auch wohl bereit, in späteren Jahren ernste Pflichterfüllung zu üben, aber von einem Verstehen und Erfühlen der lebendigen Kräfte des Landes war nicht nur keine Rede, sie wußten gar nicht, daß es so etwas gibt, und daß gerade dies eine Grundeigenschaft des Führers ist. An Eingehen auf Individualität und Psychologie des vergötterten Bismarck dachte keiner. Er war ein Mythos wie Siegfried und Barbarossa, und sie wußten im einzelnen nicht viel mehr von ihm, als von jenen Gestalten grauer Vorzeit. Die aus gräflichen Häusern Stammenden waren stolz auf ihr Französisch und glaubten dadurch allein zum diplomatischen Dienst fähig zu sein. Notgedrungen war etwas von der geistigen Verfeinerung auf sie übergegangen, die bei einiger Beherrschung der gallischen Ausdrucksweise unvermeidlich ist, aber ihre französische Kultur blieb eine kleine Insel in ihrem Mikrokosmos und beeinflußte nicht im mindesten ihr deutsches Menschentum. Sie waren durchaus fähig, in das bisweilen rüde Gebahren der anderen mit einzustimmen. Diese schienen ihr hausbackenes, engstirniges Preußentum, das ohne höhere Instruktion keine Verantwortung im Handeln wie im Denken zu übernehmen wagte, überschreien zu wollen durch neudeutsche, rücksichtslose Herrenallüren und ein unerträgliches Besserwissertum. Solche völlig triebhafte Einstellung, die einigen ganz schablonenmäßigen Formen kollektiven Denkens folgte, machte es möglich, daß diese Jünglinge ebenso wie den »greisen Kanzler«, den »jungen Kaiser« verehrten. Ein fachliches Gespräch über das, was zwischen beiden Männern vorgegangen war, blieb dem Untertanenverstand dieser künftigen Führer tabu. Derartige Untersuchungen waren ihrem Geist, der sich stundenlang mit Stammbäumen und heraldischen Fragen unterhalten konnte, worin sie ein bewundernswürdiges Wissen und vor allem Gedächtnis zeigten, schon zu verwickelt. Erich wurde daher von ihnen lachend ein Bücherwurm gescholten, aber, da er kaltblütig blieb und seine Ansichten nicht zwecklos unterstrich, blieb der kameradschaftliche Ton ungestört. Immerhin wurde er von ihnen als Fremdkörper empfunden. Schon sein Äußeres fiel auf. Zwar hinderte die kräftige, hohe, niederdeutsche Gestalt, daß ihn seine, von der Mutter geerbte brünette Gesichtsfarbe als Südländer erscheinen ließ, dagegen wirkte sein starker, fast schwarzer Haarwuchs befremdend, zumal er, wenn auch ohne Künstlerextravaganz, das Haar etwas länger trug, als diese meist Blonden, die das unentrinnbare Schicksal frühzeitiger Kahlheit vorwegnehmen zu wollen schienen, indem sie den noch vorhandenen, wenngleich dünnen Segen der Schere oder gar dem Rasiermesser opferten. Ferner hob sich von den meist hübschen rosa Knabengesichtern Erichs schon ausgesprochener Kopf ab, der nicht eigentlich jugendlich wirkte. Gegen die damalige Mode rasierte er sich den keimenden Schnurrbart, während die anderen dieses Zeichen der Manneswürde liebreich pflegten. Sie nannten ihn darum oft scherzend einen »ollen Römer«, was er sich nicht ungern gefallen ließ. Seine Erfahrungen machten ihn recht nachdenklich. Bald erkannte er als die tiefste Ursache der deutschen Uneinheitlichkeit und Uneinigkeit den Umstand, daß die deutschen Landschaften nicht nur an der europäischen, sondern selbst an der deutschen Kultur in sehr ungleichem Maß Teil haben und sich daher in ganz verschiedenem historischem Alter befinden. An seinen Kameraden war die Antike spurlos vorübergegangen, das Mittelalter hatten sie noch nicht verdaut. Wenn sie auch die gleichen Worte wie er gebrauchten, so waren diese Worte von anderen Gefühlstönen getragen, ja war das überhaupt noch dieselbe Sprache? Konnte es ihm doch geschehen, daß er, nachdem er vor ihnen einen Gedankengang etwas eingehender als üblich entwickelt hatte, in Verlegenheit geriet, weil er fühlte, daß den plötzlich Verstummten seine durchdachte Ausdrucksweise fremd war und gesucht oder anmaßend erscheinen mußte. Mit dem jungen Grafen Egon, der als Sohn eines Diplomaten oft im Ausland geweilt hatte, verstand er sich in dieser Hinsicht recht gut, nur schien ihm, daß dieser die Dinge doch etwas zu leicht und witzig nahm. So hatte er Erichs Betrachtung darüber, daß die anderen noch im Mittelalter lebten, etwas verbogen seiner verwitweten Mutter als ein köstliches »bonmot« nach Hause geschrieben, und die alte Dame äußerte den Wunsch, den geistreichen Freund ihres Sohnes kennen zu lernen. Erich folgte ihm über die Pfingstferien auf dessen Gut jenseits der Elbe. Die alte Dame mit der weißen Löckchenperücke und den noch sprühenden, schwarzen Augen fand den jungen Rheinländer sehr charmant, verriet aber darüber schon beim Empfang eine solche Überraschung, daß es fast an Beleidigung grenzte. Sie zeigte sich geradezu übereifrig, um es Erich, dem ersten Bürgerlichen, den sie in ihrem Schloß als Gast beherbergte, behaglich zu machen, und als sie ihm beim Tee das Gebäck reichte, sagte sie: »Bitte tunken Sie nur!« Erich wehrte lächelnd ab, aber sie drang in ihn: »Nein, Sie sollen sich zu Hause fühlen bei uns, ich weiß, daß Ihresgleichen gern tunken.« Graf Egon litt Qualen, aber Erich fand das ihn erlösende Wort: »Ich hoffe, Gräfin, daß mich Egon in den Sommerferien besucht, und dann kann er Ihnen von unseren Sitten am Rhein Bericht erstatten.« Die alte Dame war etwas betreten, aber sie fand schnell einen Ausweg. »Ach ja,« rief sie aus, »vom Rhein, erzählen Sie vom Rhein, ich kenne das Land dort nur wenig.« Sie nahm übrigens Erich seine Antwort nicht übel, sondern fand ihn exzellent bis zum letzten Tag, ja sie fühlte etwas wie Dankbarkeit, weil er es ihr so leicht gemacht hatte, gleich den rechten Ton zu finden, den sie nun nicht wieder verfehlte. Auf der Rückfahrt nach der Universität fragte sich Erich indessen, ob es ihm je möglich sein würde, in diesem Land seine Träume zu verwirklichen. Nicht an einer langwierigen Beamtenlaufbabn war ihm gelegen, in der man durch die von ihm subaltern genannten Tugenden des Fleißes, der Geduld und der Beliebtheit zum Ziel kam, sondern noch immer schwebte ihm das Bild des Staatsmannes vor. Zu dessen Verwirklichung war notwendig, daß man ihn oben bemerkte und der vorgeschriebenen Bahn entzog, um ihn an eigentlich politischer Tätigkeit teilnehmen zu lassen. Wie aber sollte er in Preußen anders, als unliebsam auffallen, zumal er als Sohn seines Vaters von vornherein bei der allerhöchsten Stelle auf die größten Vorurteile stoßen würde? Diese Pfingstreise war die erste große Enttäuschung, die er erlebte, und sie hatte darum jene unverhältnismäßige Wirkung, die erste Blicke in den Hintergrund des Lebens stets auf junge Menschen haben, welche sich bisher vorgestellt hatten, die Welt sei eine Auster, die sie berufen seien, mit einem Schwert zu öffnen. Erich verfiel in tiefe Trübsal und Gleichgültigkeit für Gegenwart und Zukunft. III Ganz anders hatte sich Erich's um ein paar Jahre jüngerer Bruder Ferdinand entwickelt. Er war ein träumerischer blasser Knabe gewesen, der infolge seiner Kurzsichtigkeit schon früh eine Brille tragen mußte. Als der Jüngere und stets etwas Hilflose wurde er von der Mutter und den weiblichen Dienstboten sehr verhätschelt. Zu dem älteren Bruder blickte er voll Verehrung empor. Der war aber auch wirklich verehrenswert. Mit 15 Jahren gründete er ein »Ministerium«, in das er seine besten Freunde berief, von denen jeder sich aus den Umschlägen alter Wachstuchhefte ein »Portefeuille« herstellte. Die übrige Klasse galt als das beherrschte Volk, aber es ging damit, wie mit dem Erdkreis des Sultans: einige Grenzvölker erkannten die Herrschaft des Padischah nicht an, wußten sogar nicht einmal recht, daß sie verfügt war, und das führte zu dauernden Kriegen, auch etwa vertragsmäßigen Anerkennungen souveräner Gruppen. Eines Tages wurde Ferdinand eröffnet, er habe im Auftrag des »Ministeriums«, zu dessen geheimen Sitzungen er bisher nie zugelassen worden war, unter dem Titel eines Kardinals die geistliche Macht zu übernehmen. Ohne zu ahnen, was das wohl sein mochte, erklärte er sich sofort freudig dazu bereit, und er brauchte es nicht zu bereuen. Er hatte bei Beginn der Schlachten, von denen selbst ihn zu seiner Genugtuung die ihm verliehene geistliche Würde ausschloß, Messen zu lesen und nach erfolgtem Sieg auf dem Harmonium das Tedeum zu spielen. Zur Abschließung politischer Verträge wurden die früheren Feinde in die Holthoffsche Villa zu Schokolade und Kuchen geladen und mußten dann auf eine Oblate in Ferdinands blasser Hand Friede und Treue schwören. Die sich bewährten, erhielten später den Titel Sekretär, der ihnen sehr gefiel. Aus dem »Ministerium« entwickelte sich dann in reiferen Jahren das schon genannte Kränzchen, in dem Ferdinand mehr die literarischen und künstlerischen Interessen vertrat. So waren geistliche und weltliche Macht unter den Brüdern wohl verteilt. Einer von den beiden Buben sollte auf jeden Fall einmal das väterliche Bankhaus übernehmen, und da Erich sehr entschieden erklärt hatte, sich dem Staatsdienst widmen zu wollen, während Ferdinands Neigungen nie recht ernst genommen wurden, verstand es sich von selbst, daß er nach bestandenem Abiturium in die Bank eintrat. Es zeigte sich aber sofort, daß er sich dafür ganz und gar nicht eignete, denn er addierte falsch, und wenn er sich dadurch helfen wollte, daß er die Rechnung dreimal wiederholte, wurde das Übel immer schlimmer, denn statt einer hatte er nun drei falsche Zahlen. Er wiederholte dann die Operation so lange, bis dieselbe Zahl mehrere Male erschienen war, und entschied sich dann dafür sozusagen durch Mehrheitsbeschluß. Er war natürlich höchst unglücklich. Infolge eines Gesprächs, das Erich im vierten Semester mit dem nun ernstlich herzleidenden Vater hatte, den es tief schmerzte, sein Lebenswerk wohl in fremde Hände übergehen lassen zu müssen, nahm das Schicksal der Brüder eine entscheidende Wendung. Erich war aus dem Korps ausgetreten, einmal weil es ihn maßlos gelangweilt hatte, dann aber auch, weil er sich nicht durch ein zerhacktes Gesicht etwaige Möglichkeiten im Ausland abschneiden wollte. Seine innere Verstimmung war nicht von ihm gewichen. Den Studien lag er lässig ob, las indessen viel und trieb sich unter Menschen aller Kreise herum, alles mit jener sogenannten »Wurschtigkeit«, die das Zeichen enttäuschter Jugend ist. Immer mehr hatte er sich überzeugt, daß seine Hoffnungen in dem Reich Wilhelms II. nicht zu verwirklichen waren. Schien es denn unter diesen Umständen nicht wie ein Schicksalswink, daß die väterliche Bank gewissermaßen auf ihn wartete? So aussichtslos ihm eine Beamtenlaufbahn schien, so viele Möglichkeiten boten sich gerade jetzt einem Großkaufmann von Initiative. Begeisternd waren sie freilich nicht für einen, der von Cäsar geträumt hatte, aber die Bummelei des letzten Jahres mußte ein Ende nehmen. Die Liebe zu dem Vater, dessen Schmerz er verstand, gab seinem Entschluß noch einen mächtigen Gefühlsantrieb, und jener umarmte den Sohn mit feuchten Augen, als er ihm die überraschende Mitteilung machte, er sei bereit, zum Bankfach umzusatteln. Das Ereignis wurde durch ein festliches Mahl mit den Verwandten und Freunden des Hauses gefeiert, bei dem Ferdinand der Glücklichste war, denn er durfte nun nach München ziehen und Kunstgeschichte studieren. IV Erich begab sich gleichzeitig nach Paris, von seinem Vater an das Haus Rothschild empfohlen, wo er als Volontär Einsicht in die Geschäfte nehmen sollte. Bei einem großen Abendempfang seines Chefs machte er die Bekanntschaft von Espérance Waldegg. Espérance war eine jung verheiratete Frau. Ihr Gatte, Graf Arthur Waldegg, befand sich bei der Harringenschen Gesandtschaft in einer wenig unterhaltlichen Hauptstadt und hatte Espérance, mit der er die Sommermonate auf der Insel Wight verbringen wollte, gestattet, einige Wochen vorher den tötlichen Ort zu verlassen und ihn in Paris zu erwarten, wohin sie schon lange von einer weitläufigen Kusine eingeladen war. Sie wirkte eher wie ein großes, aber gerade durch seine unbeirrte Naivität sehr selbstsicheres junges Mädchen. Das rötlich blonde Haar und die klassischen, wenn auch eher großen Hände sollten später in der europäischen Gesellschaft eine gewisse Berühmtheit erlangen. Das reizvollste aber war der, genau genommen, nicht schöne Mund, dessen unregelmäßige und doch nicht formlose Lippen sich dauernd im Ausdruck ihrer bald heiteren, bald staunenden oder ablehnenden Gemütsbewegungen kräuselten und dabei ein bewunderungswürdiges Gebiß entblößten. Espérance genoß ihren Pariser Aufenthalt in vollen Zügen. Es war zum erstenmal in ihrem Leben, daß sie sich ganz frei bewegen konnte, und so unternahm sie täglich Kreuz- und Querfahrten durch die Stadt; dabei bekundete sie bereits die selbständige Eigenart der Lebensführung, die sie später auszeichnen sollte. Die Geselligkeit der verschlafenen Paläste des Faubourg St. Germain fand sie nur wenig anregender, als den Hof daheim in Rolfsburg, während die Herzoginnen und Marquisen sie darum beneideten, daß in ihrer Heimat die Sonne des Königtums noch unbewölkt leuchtete. Hingegen bot ihr der Verkehr in den reichen Häusern des republikanischen Bürgertums des Neuen nicht wenig. Dort traf man Leute, die »wirklich interessant« waren, deren Welt für Frauen aus Espérancens Kreis mit nicht weniger Romantik verklärt war, als Hofgesellschaft für die Weiblichkeit der Mittelklassen. Nur kam dazu noch ein verrucht prickelnder Duft wie von eigentlich verbotenen Früchten. Espérance spürte den verwegenen Reiz der Atmosphäre, die Männer ausstrahlten, welche entweder unbegrenzt Geld verdienen oder die öffentliche Meinung beeinflussen. Fast täglich wurden sie in den Zeitungen genannt, zwar einer Erfindung des Teufels, aber doch nur von unheimlich gescheiten Menschen zu machen, die man Abends mit halbnackten Geliebten im Theater betrachten konnte. Nun, und gar diese Frauen, die bekanntlich nach ihrem eigenen Geschmack die Mode erfinden, welche man nur ein Jahr später auch in Rolfsburg und zwei Jahre später sogar in jener tötlichen Hauptstadt sah, wo Espérance zur Zeit mit Graf Arthur ihren Wohnsitz hatte. Kurz, in dieser Welt geschah gerade das, was man daheim für indiskret, geschmack-, takt-, wenn nicht schamlos hielt, mit einer so überlegenen Sicherheit, daß man sich allen Ernstes fragen konnte, ob die daheim nicht mit ihren Konventionen einfach am Leben vorbeilebten. Das alles mußte auf Espérance wirken, wie auf eine Frau aus der Provinz der unverhoffte Anblick einer großen Kurtisane, die gerade um der Dinge willen Verehrung genießt, die man ihr bisher als das Allerschändlichste nur schattenhaft angedeutet hat, und die doch ganz entschieden ihren Reiz besitzen. Trotzdem ließ sich Espérance in der ihr neuen Umgebung nicht einen Augenblick aus der Fassung bringen. Wie vergnüglich sie auch die aus mancherlei Düften zusammengesetzte Luft mit ihren beweglichen Nasenflügeln einatmete, über das Wesen der einzelnen Menschen, mit denen sie sprach, ließ sich ihr unbefangenes Herz hier so wenig durch Ruhm oder Reichtum täuschen, wie daheim durch große Namen und Titel. Espérance bemühte sich, nach Tisch den Polypenarmen ihres Tischherrn im Palmenfrack der Académie Francaise zu entrinnen, der sie wie mit Saugnäpfen hatte festhalten wollen. Im Gedräng der nun erst zum Empfang erscheinenden Gäste begegnete sie dem jungen Holthoff, der ihr schon vor dem Essen kurz vorgestellt worden war. »Furchtbar arrogant« war er ihr im ersten Augenblick durch Gesichtsausdruck und Ton erschienen, aber dann hatte sie ihn bei Tisch ein wenig beobachtet und interessant gefunden. Infolge der Gleichheit des Alters und der Sprache schien er ihr jetzt gerade geeignet, sich bei ihm von einem langweiligen Tischgespräch zu erholen. Sie redete ihn deutsch an, und als sie bemerkte, wie sehr den hier noch Fremden das beglückte, gab sie einem Lakei ein Zeichen, daß er die Kaffeetassen auf ein Tischchen unter den Palmen des Wintergartens stellen solle. Erich taute sehr schnell auf und war von dieser Sicherheit einer großen Dame jünglinghaft begeistert; er ahnte so wenig, daß das große Mädchen Espérance eben zum erstenmal etwas derartiges unternahm, wie sie erkannt hatte, daß seine »furchtbare Arroganz« die Haltung des noch Ungeübten auf Glatteis war. In Rolfsburg hätte sie als junge Frau ein solches »Aparté« mit einem unbekannten Herrn nicht wagen dürfen. Hier aber befand man sich in Paris. Diese Menschen waren doch frei, Klatsch gab es sicher nicht. Wie fühlte sie sich von der Pariser Luft getragen, in der es so leicht war, zu fliegen! Mehr als eine Stunde saß sie mit Erich lachend und deutsch sprechend unter der Palme, und während es ihr sehr pariserisch schien, daß dies anging, ahnte sie nicht, daß man es ihr nur als einer Fremden von Distinktion verzieh. Besonders erstaunte sie indessen, zu finden, wie harmlos, ja kindlich sich unter vier Augen dieser grimmige Löwe zeigte, der ihr nun immer mehr als ein Löwenjunges erschien, wie sie einmal in Rolfsburg im zoologischen Garten eines auf den Arm genommen hatte. Sie fühlte sich von Erich bezaubert. So klug er für sein Alter schon war, noch trug er das Herz auf den Lippen und besaß die Naivität genialer Jünglinge, denen ihr eigenes originelles Wesen als etwas Selbstverständliches erscheint. Seine Enttäuschungen hatten daran nichts geändert. Das ließ ihn, wie hochmütig er den Durchschnitt auch verachtete, sofort bei einem Partner, der ihn einigermaßen anzog, eine Gemeinschaft voraussetzen, was wohl manchen Reiferen voreilig, manchem Unwürdigen lächerlich erscheinen mochte. Gerade Espérance aber schlug er damit sofort in seinen Bann. Sie hatte auch schon erfahren, daß sie sich durch ihr unmittelbares Erleben und Beurteilen der Dinge sehr wesentlich von allen anderen Menschen ihrer Umgebung unterschied, die, statt selber die Dinge anzuschauen, fertige Anschauungen übernahmen, bestenfalls zwischen mehreren eine heraussuchten und sich aneigneten. Dies erschien bereits als Originalität. So hatte sie z. B. schon öfters mit einem Anhänger der damals geplanten Weltsprache Volapük gesprochen und einmal sogar mit einem Freimaurer. Es war in Franzensbad. Wenn sie auch wohl schon wagte, oft und erheblich an der unbedingten Richtigkeit der Anschauungen ihres Kreises zu zweifeln, so war sie doch immer nur so weit gegangen, für möglich zu halten, daß vielleicht die Auffassungen anderer Gesellschaftsgruppen die richtigen sein konnten. Daß aber überhaupt keine geltende Meinung, sondern gerade sie, die jeden Menschen und jeden Vorgang unmittelbar von sich aus anzuschauen pflegte, damit vielleicht recht haben könnte, der Gedanke war ihr nie gekommen. Eine Frau muß ja so vieles unterdrücken; ein wahres Glück, daß es, wenn sie »horreurs« sagte, wie es ihre Gouvernannte genannt hatte, ohne ihr Zutun in einer Art geschah, welche die Leute liebenswürdig oder zum Wälzen komisch fanden. Sie aber hatte es oft gar nicht komisch gemeint, sondern ihre ernstesten Überzeugungen ausgesprochen, so, als sie mit 14 Jahren sich zu erklären erdreistete, daß sie einen kleinen Vetter nicht nur seelisch, sondern auch körperlich liebe. Freilich hatte sie es französisch gesagt: » et moralement et physiquement «. Erich griff noch beherzt nach den Menschen, die ihn anzogen, und kümmerte sich nicht um die anderen. Auch ihn hatte sein Tischpartner, eine ältliche, angelsächsische Spinster spätviktorianischen Stils, gelangweilt, und das schilderte er sofort Espérance sehr anschaulich, während er bei ihr aufatmete. Eine so voreilige Intimität war nun wirklich eine »horreur« aber sie gefiel Espérance außerordentlich, hatte sie sich doch in ganz ähnlicher Lage befunden, und so beging sie entzückt dieselbe »horreur«, indem sie sich bei Erich über ihren Tischherrn lustig machte, ja ihn sogar nachahmte. »Wir benehmen uns wirklich skandalös« rief sie, hinter ihrem Spitzenfächer lachend, und freute sich über dieses »wir«, das Erich heimlich erbeben ließ. Das merkwürdigste aber war, daß dieser wildfremde Gesprächspartner, mit dem sie sich so weit vergaß, über anwesende Gäste zu spotten, ihr nicht eine Spur von jenem leisen Mißtrauen einflößte, wie diese ganze Pariser Welt, in deren Flut sie doch mit so viel Vergnügen umher plätscherte. Er hatte ihr gleich erzählt, warum er in Paris war und was er in Preußen für Erfahrungen gemacht. Ihr war zu Mut, als ob sie auch ihm wie einem Altbekannten alles erzählen könnte und ihr das ein großes Vergnügen bereiten würde. Espérancens Mutter war ein Fräulein Gandolphine de Nesle aus altbretonischem Geschlecht gewesen. Das Französische hatte daher schon das Kind auch schriftlich beherrschen gelernt. Das Deutsche sprach sie nicht ganz korrekt und mit gerade so viel süddeutschem Anflug, als anmutig ist. An diesem Abend fühlte sie indessen zum erstenmal, wie innig die gemeinsame Sprache verbinden kann, und ihr kam vor, als ob das, was französisch ganz unbedingt eine »horreur«, gewesen wäre, auf Deutsch gar nicht so schlimm ist, war doch damit so viel vertrauliche Herzlichkeit verbunden, wie sie seit langem nicht mehr gefühlt hatte, auch wenn sie deutsch sprach. Dies tat sie als Kind gewöhnlich, wenn sie unartig war, und später, wenn sie sich gehen ließ. Heute abend fühlte sie sich wieder einmal köstlich unartig, und es war beglückend, sich gehen zu lassen. Unbefangen fragte sie Erich, wie er seine freie Stunden verbringe. Nun, er führte das Leben der jungen Leute in Paris, hatte zwei nicht sehr wohnliche Zimmerchen in einem garni, war infolgedessen nie zu Haus, speiste im Gasthaus, besuchte Theater, ernste und heitere, dann und wann auch die Vergnügungslokale. »Beneidenswert«, rief sie aus und klatschte vor Vergnügen in die Hände. Ein Mensch, der wirklich tun und lassen konnte, was er wollte, dem niemand etwas zu sagen hatte! Nicht minder erstaunt war Erich zu erfahren, daß diese schöne Frau, die mehrmals die Woche in großen Häusern speiste, außer der Oper, der Comédie Française und natürlich den Geschäften der Rue de la Paix , sozusagen nichts von dem »wahren« Paris kannte, weder die kleinen Frühstücke en goguette in den Vororten an der Seine, noch die eleganten Restaurants mit Ausnahme des sehr vornehmen, aber gar zu langweiligen Café Anglaise, weder den damals noch in Blüte stehenden Montmartre mit seinen in jeder Beziehung, außer in Hinsicht auf Geist und Witz, bescheidenen Kabaretts, noch die lustigen kleinen Theater à côté ; von Moulin Rouge und Bullier, die noch ihre einzigartige Atmosphäre hatten, ganz zu schweigen. Kurz, das Gespräch unter der Palme des Rothschildschen Wintergartens endigte damit, daß Erich sich als Begleiter durch alle diese Herrlichkeiten anbot und Espérance erwiderte, er möchte dieser Tage bei ihrer Kusine, wo sie wohnte, vorbei kommen und seinen Namen in das Buch der Besucher einschreiben. Als sich Erich später beim Hausherrn nach der Adresse erkundigte, erfuhr er, daß Espérancens Kusine die Exkönigin Marie Sophie von Neapel war, die zu jener Zeit in einer Villa in Saint-Mandé nahe dem Vincenner Wäldchen ziemlich zurückgezogen lebte. Er verbarg geschickt sein Erstaunen, schrieb am folgenden Tag dort seinen Namen ein und erhielt eine Einladung zum Frühstück. Ein wie ernster junger Mann er auch war, so versäumte er doch nicht, an diesem großen Tag eine Kravatte bei Charvet auf der Place Vendôme zu kaufen, ja mehrmals vor Geschäften mit Spiegelscheiben stehen zu bleiben, um sich zu überzeugen, daß sie ihn gut kleidete. Die Persönlichkeit der leise alternden, in ihren Bewegungen etwas unbeholfenen Königin Marie Sophie war wohl dazu angetan, dem »Vernunftmonarchismus« eines jungen Mannes, den dieser als geistiges Inventarstück von seinem Vater ererbt hatte, den Schwung eines begeisternden Gefühls zu geben, zumal, da die Begegnung stattfand in einem Augenblick, als das bisher noch unberührte Gefühlsleben des nachdenklichen Jünglings zum ersten Mal in tiefe Wallung geraten war. Manches über Marie-Sophie, so die heldenmütige Verteidigung von Gaëta, kannte er aus der Geschichte; Einzelheiten über das Martyrium ihrer Ehe mit einem Tropf erfuhr er von Espérance. Sie hatte für diese viel ältere Kusine, die sie als Kind oft in Tutzing besucht hatte, eine Mädchenschwärmerei gehegt, welche sich nun, da sie ihr als Erwachsene wieder begegnete, in Ehrfurcht vor dem tragischen Geschick dieser Frau verwandelte. Als sehr junges Mädchen war sie dem König Franz II. von Neapel in Stellvertretung angetraut worden, in der Meinung, in ihm einen ritterlichen jungen Gatten zu bekommen. Statt dessen fand sie einen unsauberen Fresser, feig und schlaff, den die Napolitaner wegen seines kleinlichen Gepolters im Gegensatz zu seinem temperamentvollen Vater, dem Ré Bomba, Ré Bombetta, d. i. König Bömbchen nannten. Beim Einmarsch der Truppen Garibaldis lief das Bömbchen davon und überließ die Verteidigung der Krone seiner Frau. Anfangs der neunziger Jahre ist er endlich gestorben. Erich fragte sich, ob denn in der ganzen Festung Gaëta nicht ein einziger Mann gewesen war, und in Tagträumen sah er sich selbst auf dem Wall für die verlorene Sache der kühnen Frau fechten. Marie-Sophie lebte in Saint-Mandé in Zurückgezogenheit und Einfachheit. Noch war die große Gestalt mit den nun ergrauenden, einst tiefschwarzen Haaren schön zu nennen. Trotzdem gefiel sie den Parisern nicht, die kaum bemerkten, daß diese Frau, welche die bayrische Schwerfälligkeit der Kleidung nie ganz überwand – » fagoté « nannten sie das – unvergleichlich viel mehr große Dame war, als die pikanten Löwinnen des Quartier de l'Etoile , wo die Eleganz in jenen Jahren bereits begann, ein Selbstzweck und damit das Gegenteil von Vornehmheit zu werden. Die Königin, die nicht viel sprach, aber Espérancens Geplauder mit Erich gern lauschte, teilte deren Interesse an dem jungen Herrn, der trotz seiner ungewohnten Art durchaus » bien pensant « schien. Nach jener offiziellen Einladung wurde er meist zum Tee gebeten, wo er nicht selten die beiden Kusinen allein traf, ohne den winzigen Hofstaat an der Frühstückstafel, der wenigstens die eine Funktion mit Vollkommenheit erfüllte, lebendig werdende Gespräche im Keim zu ersticken. Der eisgraue fadendünne Monsieur de la Brillière mißbilligte jedes Wort Erichs, ehe er es noch ausgesprochen hatte, während man dem vertrockneten und knochigen Fräulein von Oberfuhr-Civetta die Gerechtigkeit widerfahren lassen muß, daß es mit seiner ablehnenden Miene doch erst abwartete, bis es gehört und wenn möglich verstanden hatte, was der Gast sagte. Sie auf seine Seite zu ziehen, wäre für Erich ein Leichtes gewesen, wenn er sich hie und da verbindlich an sie gewendet hätte, und dann wäre der freilich hoffnungslose Fall des Monsieur de la Brillière, der schon die Tafel des Königs Bömbchen tötlich gelangweilt hatte, wenigstens isoliert worden. Diese Kunst der gesellschaftlichen Kleingeldwirtschaft besaß aber Erich Holthoff noch nicht. Er war bis über die Ohren verliebt in Espérance und teilte sofort deren Verehrung für die Königin; was gingen ihn da diese zwei versteinerten Wesen an? Er betrachtete sie als Verkehrshemmnisse, nichts sonst, und behandelte sie demgemäß. Wieder eine » horreur « unglaublichen Grades, aber durchaus nach dem Herzen Espérancens, die darin Kühnheit sehen wollte; und selbst das menschenfreundliche Herz der Königin schien diesen beiden massiven Säulen ihres Alltags zu gönnen, daß sie einmal wie Luft behandelt wurden. Immerhin vermied sie häufige Wiederholung solcher moralischen Züchtigung. Die Teeeinladungen erschienen allen Beteiligten als die beste Lösung. Es war leicht, einen kleinen Ritt zu zweit in das an den Garten angrenzende Vincenner Gehölz anzuschließen, oder Erich ruderte, wenn mit den Pferden etwas nicht in Ordnung war, Espérance auf dem Lac de Daumesnil, wo sich die Kleinbürger der nächsten Quartiere, ja offensichtlich ineinander verliebte Pärchen, auf die gleiche Art ergötzten. Espérance war fern davon, Erich zu etwas mehr Rücksicht auf den »Hofstaat« anzuleiten – solchen sittigenden Einfluß übte sie auf ihn erst später – vielmehr forderte sie ihn geradezu heraus, wenn er bisweilen zu einem einfachen Diner blieb, bei Tisch von ihren gemeinsamen Beobachtungen zu erzählen. Dies tat er mit lebhafter Anschaulichkeit, von zwei bereits liebenden und zwei wohlwollend begönnernden Frauenaugen ermutigt. Espérance war stolz darauf, mit ihrem »Protégé«, wie die Königin Erich in seiner Abwesenheit zu nennen pflegte, bei dieser so viel Glück zu haben, und als sie deren Vertrauen und Sympathie zu dem nun fast täglichen Besucher hinreichend gefestigt fühlte, konnte sie es endlich wagen, für einen Abend um das Kupee zu bitten, da sie nach dem Diner mit Herrn Holthoff in's Theater fahren wolle. Dies wiederholte sich nun öfter. Espérance ließ bald den Kutscher vom Theater gleich wieder nach Hause fahren, damit man nach der Vorstellung in Ruhe soupieren konnte, und spät in der Nacht brachte Erich sie in einem Fiaker zurück. So wurden die Lücken in ihrer Kenntnis des »wahren« Paris, die beide an jenem Abend bei den Rothschilds so tief beklagt hatten, schnell ausgefüllt. Am anderen Tag pflegte Espérance das ihr geeignet Scheinende von dem, was sie, besonders in den Theatern, gesehen hatte, offen und ausgelassen bei Tisch zu erzählen. Die Königin lachte und dachte im Stillen, daß ja nun Graf Arthur bald kommen und sie abholen würde und daß es vielleicht höchste Zeit dazu sei. Herr de la Brillière aber und Fräulein von Oberfuhr-Civetta mußten auf ihre alten Tage Gespräche mit anhören, die in ihrer Jugend in der Umgebung einer Königin einfach unmöglich gewesen wären. Es gab nun nichts mehr in Erichs Leben was er Espérance nicht mitgeteilt haben würde, und auch von ihr wußte er genug, um es zu wagen, ihr seine rückhaltlose Liebe zu gestehen, nämlich, daß Graf Arthur zwar ein sehr achtenswerter Charakter und rührender Vater ihres Buben sei, aber ihr als Gatte von den Eltern bestimmt worden war und in ihr nicht mehr als Gefühle der Freundschaft und der Pflicht erweckt hatte, die sie ihm ihr Leben lang immer zollen würde. Hätte Erich Espérance daheim kennen gelernt, so wäre er vielleicht jahrelang ihr stummer Bewunderer geblieben, ohne zu wagen, sie für etwas anderes als unnahbar zu halten. Die vertrauliche Gemeinschaft nicht nur im Ausland, sondern auch innerhalb einer für beide fremdartigen Gesellschaft, änderte die Lage indessen völlig und ermutigte zum Ungewöhnlichen, ja Abenteuerlichen. Erich überließ sich zum erstenmal ganz einem Gefühl; er wußte, daß die, welche es ihm einflößte, so schnell, wie sie in seinem Leben aufgetaucht, wieder verschwinden würde, und dies bewirkte, daß die ganze Leidenschaft, deren er fähig war, die aber sonst nicht auf der Gefühlsseite lag, plötzlich hierher übersprang und sein Wesen durchaus zu verändern schien. Er lernte nun die tiefen Melancholien und die plötzlichen Entzückungen der Liebenden kennen, die Blicke, die wie ein Sonnenstrahl die ganze Welt plötzlich verwandeln, und die Düfte, die Ewigkeitsschauer auszulösen scheinen. Er fühlte sich als die eine Hälfte der Welt und Espérance als die andere, und nur, wenn sie allein zusammen waren, schien ihm die Welt ganz. War er einsam, so mußte ihm ein entwendeter Handschuh, den er an das Gesicht drückte, die fehlende Hälfte seines Lebens ersetzen; hörte er in Gesellschaft den so ungemein persönlichen, dunklen Klang ihrer Stimme, dann erzitterte er oft bei dem Gedanken, mit wie dünnen Fäden er sie hielt. Was war das nur? Sein Leben, das er vor aller äußeren Beeinträchtigung hatte wahren wollen, um ihm eine besondere und große Gestalt zu geben, er hatte es nun rückhaltlos auf eine Karte gesetzt, und er dachte nicht daran, daß sie vielleicht verlor. War er sich ganz entfremdet worden, oder aber fand er in diesen Gefühlen jetzt erst seine wahres Selbst? Aber wozu fragen und grübeln? Eine Strömung trug ihn dahin, ebenso mächtig wie sanft, und er erkannte Schicksal und Erlebnis als Eines. Zum erstenmal fühlte er auch ganz nah und wirklich einen andern Menschen und schaute in dessen Inneres hinein, und die Tiefe, in die er da blickte, schien ihm dieselbe, in die er nun durch sein eigenes Inneres schaute: der Abgrund der Welt selber. Das Ich wurde dort hinuntergeworfen, aber doch ist es noch da, reicher und ganzer als bisher. War er wirklich so hochmütig, kalt, »egozentrisch«, wie die Menschen glaubten? Er lächelte. Das einzige, was Espérance an ihrem jungen Freund mißbilligte, war, daß er seinen ursprünglichen Ehrgeiz aufgegeben hatte und nun ein Geschäftsmann werden wollte. Zwar war ihr noch nicht beigekommen, tief über das Wesen der Staatsmannschaft nachzusinnen, aber sie hatte doch schon oft Minister gesehen, bald in Hofuniform mit Stern und Ordensband, bald vor dem Parlament, das tun mußte, wie sie wollten. Sie ahnte auch dunkel, daß sie gescheiter waren, als der ganze Hof, ja vielleicht sogar gescheiter, als der König. Wie konnte nur Erich eine solche Zukunft aufgeben, wo er doch dazu wie geschaffen war mit seiner großen Gestalt und dem scharf geschnittenen, etwas fremdartig brünetten Gesicht? Wenn man sich sein dunkles Haar in späteren Jahren gar etwas grau meliert vorstellte, dann war er geradezu das Muster eines großen Staatsmannes. Ein großer Bankier dagegen ist dick und rundlich, hat eine Glatze und einen Vollbart, gebärdet sich zwar manchmal galant, aber seine Witze sind oft peinlich, kurz, nichts für eine richtige Frau; nein, so durfte Erich nicht werden. Man sieht, Espérance hatte nicht ohne Nutzen die Pariser Gesellschaft besucht, sie kannte nun die Welt. Eines Nachts, während eines verschwiegenen Soupers, fragte sie ihn, ob er nicht versuchen könne, das, was ihm in Preußen unmöglich schien, in Harringen zu erreichen. Dieses Wort traf Erich wie einen im Dunkel ringenden Frommen die Stimme eines Engels. Er sprang auf, bedeckte Espérance mit Küssen, dann kniete er vor ihr, ihre beiden Hände an seine Stirn drückend. Espérancens Worte waren die Lösung eines Zwiespalts, den er, solange ihr Glück blühte, nicht recht ins Bewußtsein hatte kommen lassen, der ihn aber doch heimlich die ganze Zeit gequält. Er wußte, daß Graf Arthurs Ankunft täglich näher heranrückte und Espérance dann Paris für immer verließ. Wenn er aber in Harringen seine Rechtsstudien wieder aufnahm und dort in den Staatsdienst trat, dann konnte er ihr immer nahe sein und zugleich sein aufgegebenes Ideal wieder ergreifen. Oh, Espérance war sein guter Engel! Er sagte es ihr, und sie fand, daß er recht hatte. Sie besaß enge Beziehungen zum königlichen Haus und würde schon dafür sorgen, daß man Erich oben bemerkte. »Aber nicht zu bald,« sagte er, lächelnd in ihre Kinderaugen blickend, während ihm vor Erregung über sein plötzlich erschautes Lebensschicksal fast das Herz zersprang, »erst will ich doch etwas leisten; wenn du mir dann die notwendigen Beziehungen vermitteln willst ... « Das verstand Espérance nicht recht, aber die Männer haben offenbar ihre eigene, sonderbare Art. Alles fangen sie beim andern Ende an. Nun, sie würde da schon helfen, die gesellschaftlichen Verhältnisse kannte sie besser, als er mit all seiner Gescheitheit, und mit freudiger Überraschung merkte sie nun, wie wertvoll diese Kenntnis war. Oh, Erich mußte überhaupt noch manches lernen. So wie er sich in Saint-Mandé benahm, erwog sie plötzlich mit Ernst, durfte der künftige Staatsmann in Rolfsburg doch nicht auftreten, aber es war nicht nötig, hier in Paris davon zu reden. Im schwermütigen Schein eines bläulichen Morgengrauens in den ersten Julitagen brachte Erich Espérance zum letzten Mal nach Saint-Mandé zurück. Von der Königin hatte er sich schon am Vorabend verabschiedet. Er und Espérance hatten vermeiden wollen, daß er jetzt mit Graf Arthur zusammentraf, der heute erwartet wurde und morgen mit seiner Frau und dem kleinen Herbert, den eine Kinderfrau in bunt gestickter Nationaltracht mitbrachte, den Kanal überfahren wollte. V Einige Tage später trat auch Erich seine Sommerferien an und begab sich in die rheinische Heimat zurück. Noch war er von dem jähen Abbruch dieses kurzen Glückes allzu sehr erschüttert, um gleich das Zusammenleben mit den Seinen aufnehmen zu wollen. So blieb er erst eine Woche allein in einem kleinen Städtchen am Rhein, um sich wieder selber zu finden. Zunächst schossen ihm allerlei wilde Gedanken durch den Kopf: nach der Insel Wight fahren ... im selben Hotel leben wie Espérance, ohne sich dem Gatten zu erkennen zu geben, nur ihr nahe sein und sie sehen ... indessen warum dies alles? Sie liebte ihn doch ... er mußte sie zur Scheidung überreden ... aber was dann? Sie waren beide Katholiken ... Durfte er daran denken, Espérance aus ihrem Erdreich zu reißen und ihr ein Abenteuerleben zuzumuten, vielleicht Austritt aus der Kirche und dann Ziviltrauung: Herr und Frau Holthoff ... und den kleinen Herbert, an dem sie vermutlich mehr hing, als sie in dem Trubel ihrer ersten freien Wochen zeigte, den sollte sie wohl zurücklassen? Nein, so kindisch war er nicht, dergleichen ernstlich zu erwägen. Übrigens hatte er ihr in der letzten Nacht aus redlichem Herzen versprochen, daß er ihre Kreise nicht stören wolle, und das auch ganz in der Ordnung gefunden, denn ihr Leben war bereits gestaltet, das seine noch nicht. Würde er etwa einem dummen Mädel erlauben, seine Lebenspläne zu zerstören, auch wenn er in sie verliebt wäre? Nein, er war ehrgeizig, das mußte er sich nun ganz offen zugestehen. Macht und ihre äußeren Zeichen lockten ihn, er war nicht fähig, das Leben aus der Froschperspektive eines Glücks im Winkel anzuschauen. War das vielleicht bei seinen großen historischen Vorbildern anders gewesen? Es erschien ihm als eine deutsche Einfältigkeit, daß ihm das überhaupt zum Problem werden konnte. Der Deutsche gibt ja lieber jede Leidenschaft zu, ja Trunksucht und Liederlichkeit, ehe er bekennt, daß er ehrgeizig ist; er verzeiht eher Mißgunst und gemeinen Neid, als die Leidenschaft des Ehrgeizes, vielleicht weil er dabei stets an subalterne Streberei denkt. Aber Espérance war eine großartige Frau, sie verstand ihn besser, als er sich selbst bisher verstanden. Sie hatte in allem Recht, was sie tat, so naiv und kindlich auch oft die Art war, wie sie erklärte. Vielleicht ist das weiblich, vielleicht hatte er sich gerade in diese innerlich so entschiedene und äußerlich so spielerische Art verliebt. Sie gab ihm Sicherheit, und zugleich fühlte er sich ihr doch oft überlegen. Er war bei ihr auf seiner Höhe, sie lockte seine Kräfte hervor, und doch verstand sie, die Reifere, mit unbeirrbarem Griff die Lenkung ihrer Beziehung in der Hand zu behalten. Ja, es war, wie sie sagte: der Frühling ihrer Liebe wich schon dem Sommer. Sie hatte versprochen, ihm zu schreiben, vielleicht ein bis zweimal im Monat. Dann sollte er ihr innerhalb einer Woche antworten, jedenfalls immer einen Brief von ihr als Wink abwarten. Sie würde beurteilen können, wie weit sich dieser Briefwechsel vor ihrem Mann vertreten ließe. Natürlich beabsichtigte sie nicht, diesen Erichs Briefe lesen zu lassen, und seine Art war nicht, dergleichen zu verlangen, aber die Briefe mußten jedenfalls so gehalten sein, daß sie zur Not einem Gatten unter die Augen kommen konnten. Vor allem durften sie nicht die geringsten Rückschlüsse auf Espérancens Briefe gestatten. Auf eine postlagernde oder durch eine dritte Person zu vermittelnde Geheimkorrespondenz hatte sie sich unter keinen Umständen einlassen wollen. Aber sie wollte alles wissen, was er tue und denke; was er fühle, das müsse sie sich in der Fantasie vorstellen, bis sie sich im Herbst in Rolfsburg wiedersähen. Dort würde es dann wieder Gelegenheiten zu Plauderstunden und kleinen Ausflügen geben. In der Hinsicht sei die dortige Gesellschaft nicht allzu streng. Das Schöne, was sie miteinander erlebten, war so einzig, daß es jenseits ihres Alltags bleiben müsse. So verklärte es ihn, ohne ihn zu stören. Woher kam solche Weisheit auf so junge Lippen und in so unschuldige Mädchenaugen? Er hatte sie das gerade heraus gefragt, und ihre Antwort war, ihre Mutter sei doch Französin gewesen. Von ihr hatte sie nicht nur gelernt, wie sich ein junges Mädchen legitimen Bewerbern gegenüber zu benehmen hat, sondern auch wie eine junge Frau handeln muß, wenn der deplorable Fall eintritt, daß sie weiblicher Schwäche erlegen ist, hélas! Das war gewiß Sünde, aber es sei nicht nötig, hatte Gräfin Gandolphine Waldegg, née de Nesle, gemeint, daß man zur Sünde auch noch die Dummheit fügt. Tatsächlich ist eines von beiden genug. Alles das hatte Espérance einmal bei Erich in sehr vertraulicher Situation ohne jede Frivolität vorgebracht, sondern mit der kindlichen Verständigkeit eines schon ziemlich großen kleinen Mädchens, das nun ernstlich alle Kindereien aufgegeben hat und sich guten Willens bemüht, die Gesetze der Erwachsenen einzuhalten. Seine Anlage hatte Erich dahin geführt, die Willens- und Verstandeskräfte zuerst zu entwickeln. So war sein Bewußtsein bisher immer in einem gewissen Vorsprung gewesen vor dem, was in seinem Instinktleben vorging. Dieses hatte er eigentlich gering geachtet; erst ein paar sentimentale, dann ein oder das andere sinnliche Abenteuer, die er mit ziemlicher Objektivität zu betrachten wußte. Nun war aber da etwas in sein Leben getreten und ergriff ihn mit Macht, was einfach so wie es war, hingenommen werden mußte. Bewußt zu lenken wie sein bisheriges Leben war es nicht. Er hatte nur die Wahl, es zu verstehen und ihm willig zu folgen oder ihm unwillig dumpf zu erliegen. Das Ergebnis von Erichs einsamer Woche am Rhein war, daß er das erste tat, und nun wuchs plötzlich aus den Tiefen seines Wesens ein mächtiges ungeahntes Leben nach, das ihn ganz erfüllte und tief beglückte. Es war seine bisher unentdeckte Jugend. Das Bewußtsein blieb wach genug, dies mit Entzücken festzustellen. Alles was je geschehen war und noch geschehen würde, war gut. Es gab kein unentschlossenes Grübeln und kein hitziges Erraffen der Dinge mehr. Nicht dem Wollenden, sondern dem Willigen schenkt die Gnade, was er bedarf. Dieses Wissen kam aus einem Teil seiner Seele, den er bisher nicht gekannt hatte; es war darum ganz und gar sein eigen und seine Befolgung künftig unentrinnbare Notwendigkeit, während ihm früher alles, was ihm geschehen, willkürlich erschienen war, als könne es, falls er vorsichtiger gewesen, gerade so gut auch anders gekommen sein. Das hatte ihn so unruhig gemacht, denn, wenn man es so oder so machen kann, muß man immer fürchten, zufällig das Unvorteilhaftere zu wählen, und gerade in dem Zustand solcher scheinbarer Wahlfreiheit passiert immer Ungewolltes. Was sich aber in diesen letzten Wochen ereignete, das war ihm nicht »passiert«, das war Erfüllung seines eigensten Wesens. Er hatte geglaubt, nach Paris zu gehen, um sein ungewisses Jünglingsideal mit einem sicheren Beruf zu vertauschen; in Wahrheit mußte er diesen beglückenden Umweg machen, von dem aus er erst die rechte Straße zur Verwirklichung seines Ideals sah. Wie hatte er doch früher Männer verachtet, die sich durch Liebesangelegenheiten, die ihm stets als etwas Nebensächliches erschienen waren, aus ihrer Bahn werfen ließen! Ihn schien nun die Liebe gerade in seine rechte Bahn geworfen zu haben, gerade ihn, der doch immer mehr Verstandes- als Gefühlsmensch gewesen war. Lag das an Espérances Persönlichkeit? Oh, sie war einzig, ohne Zweifel, etwas anderes als das, was er bisher auch unter Frauen in gehobener sozialer Stellung kennen gelernt hatte: nämlich innerlich unsichere, anlehnungsbedürftige, aber doch nicht hingabefähige Weiberchen oder Rechnerinnen, die nur an ihre eigenen, dazu fast immer nichtigen Zwecke dachten. Was war das nur mit Espérance? Schien sie nicht auch noch in vieler Hinsicht recht unfertig? Ihre Worte durfte man nicht auf die Wagschale legen, aber das hielt er für weiblich, bei der Mutter war es ebenso; nun, und was kluge, ja schlaue Berechnung betrifft, so hatte sie doch ein recht bemerkenswertes Beispiel dafür gegeben; aber jenseits von alledem war sie, ebenfalls wie die Mutter, ein Geheimnis, kein Rätsel, das man raten kann, und das dann nicht mehr da ist, sondern ein Geheimnis, das man nur spürt, das wahrscheinlich nur er in dieser für andere vielleicht oberflächlich-weltlichen Frau ahnte, und das für ihn wohl immer bleiben würde, was es ist. Wenn er sie auch einmal verlieren, sie überleben sollte, das wichtigste schien ihm, daß er ihr überhaupt begegnet, ihr Antlitz geschaut, die Offenbarung ihres heimlichen, ihm so entgegengesetzten Wesens empfangen hatte und dadurch erst in seinem eigenen Wesen erstanden war. Auch die Begegnung mit jener Königin erschien ihm nun als kein Zufall mehr, sondern als notwendiges Ereignis. Ja, es wäre schön gewesen, für die von allen verlassene Sache einer solchen Frau einzutreten, aber dabei verhehlte er sich doch nicht, daß das, wofür Marie-Sophie gekämpft hatte, ein bourbonisches Königreich Neapel, als eine ganz und gar verlorene, ja schlechte Sache anzusehen war, keinen Blutstropfen eines braven Soldaten wert. Dennoch würde er nicht gezögert haben, wenn er dabei gewesen wäre. War das nicht Don Quixotisch? Auch dies fühlte er als ein Geheimnis, das Wille und Verstand nicht lösen. Erich saß, während er darüber nachdachte, unter einem breitästigen Kastanienbaum am Ufer des Rheins. Auf einem Spaziergang in der Abenddämmerung hatte ihn der Sommerregen überrascht. Die dichte Krone des Baumes schützte ihn, während rings das Wasser um ihn niederrieselte und der Strom rauschte. Ein trübes Abendrot schien seine tiefe Wehmut zu spiegeln. Da hatte er einen jener ahnungsvollen Augenblicke, wie sie in der Jugend vorkommen. Er sah, daß der Weg nach Harringen kein Pfad der Lust war. Die Liebe zu Espérance würde mehr Entsagung verlangen, als Erfüllung bringen, und die Aufgaben, die seiner warteten, würde er zwar bewältigen, aber unter Einsetzung aller Kräfte und unter schweren Hemmnissen. Warum war er ohne Zögern bereit, diesen Weg zu gehen? Weil ihn eine Macht trieb, die diesen Weg zu seinem Weg machte. Es kam offenbar nicht darauf an, genau zu prüfen, ob eine Sache an sich die beste ist, es muß nur die eigene Sache sein. Viele sind wie z. B. Bismarck mit einem bestimmten Staat, andere mit einer Kirche oder sonstigen gewachsenen Gemeinschaften persönlich so eng verbunden, daß dies wirklich ihre eigene Sache ist. Er fühlte nichts dergleichen, und ebenso wenig ging er nach Harringen, weil ihn dieses Land als der prinzipiell besteingerichtete Staat erschien. Immer war er mißtrauisch gewesen gegen die, welche eines Tages eine Sache, eine Doktrin, eine Partei oder gar die Menschheit aus theoretischer Erwägung für ihre eigene Sache und sich dafür verantwortlich erklären. Seine Sache, das sah er nun klarer, als irgend etwas, was er bisher gewußt, lag in Harringen, aber sonst wußte er nichts von ihr. Ihr wollte er dienen, ob sie den Forderungen des Nutzens und der Alltagsvernunft immer entsprach oder nicht, ob sie auf die Dauer hoffnungslos oder eines Tages verloren schien. Er hatte nicht umsonst mit einer gefallenen Königin gesprochen. VI Die Art, wie Erich die neuerliche Änderung seiner Entschlüsse dem alternden Vater mundgerecht machen sollte, wurde ihm von den Umständen vorgeschrieben. Das erste, was ihm die tief niedergeschlagene Mutter bei seiner Heimkehr einschärfte, war, daß der Vater durch nichts aufgeregt werden dürfe, da er sich in beständiger Gefahr befand, einem Herzschlag zu erliegen. Erich war erschüttert, den noch vor kurzem tätigen und lebensfrohen Mann fahl und gedunsen wiederzufinden. Er schien nicht tief davon berührt zu werden, als der Sohn ihm mitteilte, er habe sich überzeugt, daß es besser sei, vor dem endgültigen Eintritt in die Bank seine juristischen und nationalökonomischen Studien zu vollenden, und zwar in Rolfsburg, wo die Fakultät besonders gut sei und er durch die Rothschilds wertvolle persönliche Beziehungen habe. Was war auch dagegen ernstlich einzuwenden? Fabian Holthoff hatte gehört, daß dergleichen heute üblich war und mancher große Bankherr eine Universitätsvorbildung und den Doktortitel besaß. Es war nicht anzunehmen, daß er den Augenblick noch erlebte, wo Erich, statt in das Bankfach zurückzukehren, in Harringen Referendar werden würde. Inzwischen vollzog sich der Briefwechsel zwischen Erich und Espérance ganz nach ihrer Vorschrift. Es hatte schon etwas auf sich, daß sie sich gelegentlich eine Analphabetin nannte. Sie mochte, seit sie als junges Mädchen das bayrische Salesianerinnen-Kloster in Zangberg verlassen, kaum mehr ein Buch zu Ende gelesen haben. Daher fürchtete sie den hochdeutschen schriftlichen Ausdruck ein wenig und schrieb meist französisch. Erich bat sie gleich in seinem ersten Brief, sich doch des Deutschen zu bedienen, wie in ihrem mündlichen Gespräch. Sie erfüllte seinen Wunsch, aber nun glich ihr Ausdruck nicht im mindesten dem ihrer Rede. Er war steif und gezwungen. Sie hielt sich an feststehende Redensarten, die im französischen von einer geistreichen Tradition geformt sind, im Deutschen jedoch willkürlich und platt, oft sogar ganz ausgesprochen geschmacklos wirken. Sie liebte die Landschaft der Insel Wight »heiß«, beklagte sich aber über den Mangel an »idealer Weltanschauung« unter dem Publikum des Hotels, das sich ganz einem »schalen Genußleben« hingab, während sie oft in ihr »inneres Herzkämmerchen« blickte. Dies war ein rührender Versuch, in unverdächtiger Weise ihre Gefühle anzudeuten. Nichtsdestoweniger dachte sie »mit Wonne an das atemraubende prickelnde Gesellschaftsleben« in Paris zurück, und an »das nimmer rastende Hasten auf den Boulevards«. Sie konnte übrigens die Bewohner des »Seinebabel« nicht recht begreifen, wie sie dieses Dasein auf die Dauer ertragen konnten; offenbar hatten sie »überhaupt kein Innenleben«. Manchmal brach aber auch eine herzliche Regung durch Espérancens Briefe und dann verfiel sie unfehlbar in mundartliches, zum mindesten ungrammatisches Deutsch. Nun verlangte Erich, sie möge ihm entweder in Mundart oder doch wieder französisch oder auch beides durcheinander schreiben, ihr Hochdeutsch sei ihm zu »geschwollen«. Das verstand sie nur zu gut und war erleichtert, daß sie von dem Zwang erlöst war. Nun wagte sie frei zu reden, »J'espère que maintenant tu ne ›raunzeras‹ plus, sie je t'envoie des ›busserl‹ moitié en dialect, moitié en francais, ce qui d'alleurs exprime tout à fait mes sentiments. Je t'aime bien, mon petit chéri, und ich hab Dich lieb, mais jamais de la vie je t'écrirai: ich liebe Dich. Ce serait comme abgeschrieben aus einem Büchel.« Auf französisch sprach sie auch nicht von »unvergeßlichen Stunden«, sondern bewies durch launige Erinnerungen an Einzelheiten, daß sie sie nicht vergessen hatte. Ihre Briefe waren ja bei ihm gut aufgehoben, so daß sie nicht die Zurückhaltung zu üben brauchte, die sie ihm mit unerbittlicher Strenge auferlegt hatte. Sie machte aus, daß eine umgeknickte Ecke seines Briefbogens einen Kuß bedeuten solle, natürlich hatte sein nächster Brief vier Eselsohren. Anfang September kehrten die Waldeggs nach Harringen zurück, um einige Herbstwochen in ihrer Stadtwohnung in Rolfsburg zu verweilen. Nun wurden Espérancens Briefe etwas förmlicher, und einmal schrieb sie sehr überlegen: »Vous trouverez les choses bien changèes depuis nos jours folâtres à Paris, mon ami. Je suis sûre que, tout en ne les oubliant pas, vous envisagerez la situation nouvelle en homme d'esprit que vous êtes.« Sicher hatte sie gerade Madame de Sévigné gelesen. Ende Oktober erschien der Student Erich Holthoff in Rolfsburg. Graf Arthur machte ihm wenig Schwierigkeiten. Er lernte in ihm einen liebenswürdigen und taktvollen Gatten kennen, der den Wert Espérancens zu fühlen schien und sie nicht mit Kleinigkeiten quälte. Er war ein vielleicht allzu vollendetes Gattungsgeschöpf, wie es die Götter lieb haben, die Menschen aber leicht etwas langweilig finden, das Muster eines ritterlichen, schönen und obendrein nicht charakterlosen Mannes und mit allen den Eigenschaften begabt, die eine Frau standhaft machen können, falls nicht »der deplorable Fall« eintritt, für den Gräfin Gandolphine in der Erziehung ihrer Tochter so weise vorgesorgt hatte. Der elegante Mann, mit dem nach damaliger Mode langgezogenen und an den Ecken etwas nach oben gebogenen schwarzen Schnurrbart reiste übrigens bald wieder in das »tötliche Nest« seines beruflichen Dienstes ab. wohin ihm Espérance erst zu Weihnachten mit dem kleinen Herbert folgen sollte. Etwas mehr Schwierigkeiten bereitete Erich die seelische Einordnung einer anderen Persönlichkeit, des jungen Prinzen Amadeus von Harringen, der, wie nun bald er selbst, fast täglich bei Espérance aus und einging. Anfangs sah er auch in ihm nichts als ein »Verkehrshindernis« wie einst in Monsieur de La Brillière und Fräulein von Oberfuhr-Civetta. War Erich jedoch mit Espérance allein – und das ermöglichte sie ihm immer öfter, je sicherer sie sich überzeugte, daß er die Lage wirklich »en homme d'esprit« betrachtete – dann zeigte sie sich fröhlich und unbefangen mit ihm wie in Paris, und bald fühlte er wieder die unverlierbare Freundin. Es war tatsächlich schwer denkbar, daß sie dem noch ein wenig albernen jungen Prinzen, den sie bemutterte, ähnliche Gefühle entgegen bringen sollte wie ihm. Amadeus war ein munterer, zutraulicher junger Bursch mit gefühlvollen, aber zugleich schalkhaften, braunen Augen, einer schönen Stirn und etwas welligem kastanienfarbenem Haar. Seine vollkommenen Hände hatten etwas frauenhaftes. Für Erich hegte er »wegen seines unglaublichen Wissens« sofort eine aufrichtige Bewunderung, was Espérance, die hier offenbar klüglich vorgearbeitet hatte, sehr freute. Überhaupt benahm sich Prinz Amadeus recht manierlich und sogar bescheiden. Ein wenig lästig war es, wenn er sein Markenalbum mitbrachte, das die Größe einer Gutenbergbibel hatte. Ein Hoflakai pflegte es hereinzutragen. Die Sammlung war allerdings von bemerkenswerter Vollständigkeit, da sowohl das Auswärtige Amt wie die Staatsbank dafür bemüht waren. Gerade hatte der Postminister einer südamerikanischen Republik, die von Harringen eine Anleihe erhalten, Proben sämtlicher Postwertzeichen dieses seltenen Staates von den niedrigsten bis zu den höchsten, dem Auswärtigen Amt auf Wunsch eingesandt. Das Wertvollste, in der Größe einer Kinderhand, befand sich zwischen zwei Glasplatten in einem Samtetui. Ein strenger Blick aus Espérancens Augen zwang Erich, diesen Herrlichkeiten seine Bewunderung zu zollen, und siehe, es gelang ihm. Vor kurzer Zeit noch wäre ihm eine solche »Unaufrichtigkeit« viel zu unbequem gewesen, aber nun merkte er zu seinem Erstaunen, während er sich zu einigen Liebenswürdigkeiten zwang, die den Prinzen herzlich beglückten, daß solche Freundlichkeit auf einmal echt wurde. Dieser Prinz mußte im Innersten doch ein ganz vortrefflicher Junge sein, da er, von Kindheit an wahrscheinlich umdienert und umschmeichelt, so menschlich geblieben war. Seine Menschlichkeit war freilich noch die eines Kindes, aber dafür unverfälscht. Als Erich später dies zu Espérance sagte, war sie sehr zufrieden. Erichs Erziehung machte rasende Fortschritte. Die letzten schönen Herbsttage zogen sich lange hin. Oft fuhren Erich und Espérance morgens im Wagen bis zum Rand der unermeßlichen Wälder, die Rolfsburg umgeben, und streiften dann zwischen dem bunten Laub umher, solange es ihnen behagte. Manchmal drangen sie tief in die Einsamkeit vor und verzehrten das mitgenommene Mahl in einer von der Mittagssonne erwärmten Jagdhütte. Schließlich aber kamen doch die Novembertage, wo der Wald unwirtlich wird. Sie verbrachten nun die Abende am Kamin, nicht selten zu dritt, mit Prinz Amadeus. Espérance sorgte dafür, daß er das Markenalbum nur dann mitbrachte, wenn ein wirklich nennenswerter Zuwachs zu verzeichnen war. Da sie es ausgezeichnet verstand, beiden jungen Leuten genau die richtige Stelle einzuräumen, diesem die des lernenden Knaben, jenem die des Zukunft versprechenden Jünglings, knüpfte Gewohnheit um die so Verschiedenen bald ein vertrauliches Band. Des Prinzen Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören, öffnete Erich die Lippen, und da die Abende, die er mit Espérance allein sein konnte, doch in der Mehrzahl waren, wurde ihm Amadeus ein ganz willkommener Gast. Ehe Espérance zu Weihnachten zu ihrem Gatten fuhr, konnte sie Erich berichten, daß der König sie für ihre Bemutterung des noch etwas unfertigen Prinzen dadurch belohnen wollte, daß der Graf im Frühling an die Gesandtschaft nach Wien versetzt würde, für ihn eine erhebliche Verbesserung, für sie und Erich eine große Freude dank der kurzen Entfernung zwischen Wien und Rolfsburg. Dennoch weilte auch in den kommenden Jahren Espérance meist einige Wochen mit oder ohne Gatten in Rolfsburg. Die Sommermonate verbrachte sie größtenteils auf dem nicht sehr entfernten Stammsitz der Waldeggs, Schloß Floridsburg. Die Freundschaft des Paares mit Erich und Prinz Amadeus nahm die Residenz als gesellschaftliche Tatsache hin. Die Stellung Espérancens wurde von Jahr zu Jahr bedeutender. Niemand kümmerte sich um ihre Moral, mehr und mehr lobte alle Welt ihren Takt. Das lag aber nicht an den Rolfsburgern, die sonst genau so kleinlich und mißgünstig waren, wie die Bewohner anderer Städte, sondern einzig und allein an Espérance, und zwar noch mehr an ihrer Natur, als an ihrer Kunst. So erfuhren beide, unter welchen einzigartigen Bedingungen Freundschaft zwischen Mann und Frau allmählich möglich werden kann, nämlich als zeitlich unbegrenzte Nachfeier einer gegenseitigen Liebe, die sich weder zu versagen brauchte, noch immer ganz erfüllen konnte, darum ihren Zauber nie erschöpft, aber ihn allmählich so verwandelt, daß aus flammender Glut trauliche Wärme wird. VII Der Tod ihres Vaters brachte Erich und Ferdinand wieder in der Heimat zusammen. Ferdinand studierte in München Kunstgeschichte. Noch war er schmächtig und blaß. Ein oberflächlicher Beobachter hätte gesagt, er sei noch ganz der Alte, hilflos und verträumt. Das war auch so weit ganz richtig, aber dennoch hatte eine grundlegende Veränderung mit ihm stattgefunden. Er war dies alles nun sozusagen mit gutem Gewissen. Damals, als Lehrling in einer Bank, ist es für ihn wirklich eine Schmach gewesen, so zu sein wie er war; nun, als angehender junger Gelehrter nahm er fast heiter diese Schmach auf sich, und das gab dem Unverbesserlichen eine tief humorvolle, ironische Einstellung zu sich selbst, die besonders dadurch zum Ausdruck kam, daß er das bleiche, gutartige Kindergesicht, was damals noch kein Mensch tat, durch eine geradezu unheimlich wirkende schwarze Hornbrille mit kreisrunden Gläsern beschattete. Darunter sah man große, weit aufgerissene graublaue Augen, die etwas erschreckt, doch klug in die Welt blickten, aber es war nicht mehr der Schrecken, dem man fassungslos erliegt. Nun, ist denn die Welt vielleicht nicht erschreckend? schienen sie zu fragen. Na also! Spärliches, blondes Haar fiel ein wenig in die hohe, sinnende Stirn. Obgleich er sich nun hinnahm, wie er war, schien Ferdinand doch nicht in voller Harmonie mit seiner eigenen Natur zu leben. Ein gelegentliches nervöses Zucken um die seinen Mundwinkel verriet die Gewohnheit stoßweise unternommener Energieanläufe, mit denen er eine Art Lebensträgheit von Zeit zu Zeit aufpeitschen mußte; denn leider fordert nicht nur das Addieren von Zahlen in einer Bank Energie, sondern selbst die Ausführung dessen, was einen am meisten freut, z. B. das Studium der Kunstgeschichte. Wenn man sich da ein bischen gehen läßt, ist so ein Vormittag, eine Woche, ein Jahr, ja das ganze Leben im Handumdrehen vertrödelt. Diese betrübende Erfahrung hatte Ferdinand inzwischen gemacht, und das Zucken um seine Mundwinkel verriet, daß es auch in seinem behaglichen Leben Heulen und Zähneklappern gab. Da er indessen das Kreuz des Handelns jeden Morgen tapfer auf sich nahm, indem er aufstand, sich wusch, sorgfältig ankleidete und nach nicht allzu ungebührlich ausgedehntem Frühstück tatsächlich in die Vorlesungen oder daheim an die Bücher ging, wirkte er durchaus nicht vernachlässigt; auf die Pflege seiner etwas patschigen, aber sehr weißen Hände schien er sogar einigen Wert zu legen. Es war ihm vor dem Wiedersehen mit dem älteren Bruder etwas bange gewesen, vor dessen überlegenem Blick er nicht zu bestehen fürchtete; aber Erich hatte nun gelernt, Menschen und Dinge an sich herankommen zu lassen und aus ihrem eigenen Wesen, nicht nach angelegtem Maßstab zu beurteilen, und daher merkte er sofort, daß in dem Bruder etwas ähnliches wie in ihm selbst vorgegangen sein mußte. Dessen gelegentliche Zerfahrenheit war kein törichtes Irrlichtelieren mehr, sondern er war offenbar mit derselben Notwendigkeit wie er selbst auf seinen Pfad gelangt. Als Ferdinand dies, ohne daß es ausgesprochen wurde, anerkannt fühlte, war die alte Kameradschaft erneuert. Die Holthoffsche Bank wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die Witwe und die Söhne ließen indessen ihre Erbteile zum größten Teile in dem Geschäft. Alle drei waren nun sehr wohlhabend. Während Erich, der sich mitten im ersten Staatsexamen befand, sobald wie möglich nach Rolfsburg zurückkehrte, bereitete Ferdinand eine Orientreise vor. Mehrere Jahre blieb er in Indien und China, überall dort verweilend, wo es ihm gefiel und sich meistens schwer losreißend. Es war ein Wunder, daß er überhaupt wieder nach Europa zurückfand. Besonders das chinesische Leben zog ihn unbeschreiblich an, und wenn nicht der Boxerkrieg ausgebrochen wäre, hätte er sich kaum zur Heimkehr entschlossen. Diese war auch nur vorübergehend gedacht. Nach Beendigung des Krieges wollte er unbedingt wieder nach Peking gehen, wo er Zutritt in chinesische Gelehrtenkreise gefunden hatte. Nachdem er jedoch wieder in Europa war, fand er nicht noch einmal den Entschluß zu der langen Reise. Er hatte nicht nur umfangreiche Sammlungen mitgebracht, sondern auch an der Lehre Laotses und Kungfutses genährte Überzeugungen. In der von diesem verkündeten Kraft Wu-Wei fand er seine Gottheit. Es ist jene allem Werden zu grunde liegende Schöpfergewalt, der man sich nur zu überlassen hat, damit alles wird, wie es soll. Diese Lehre wirkte auf Ferdinand wie auf viele müde Europäer höchst faszinierend, und darum war er geneigt, wie sie, das »Nichttun«, das Laotse preist, mit »Nichtstun« zu verwechseln. So glaubte er sich fromm dem Wu-Wei zu überlassen, wenn er seinem persönlichen Phlegma nachgab. Erich schüttelte den Kopf über Ferdinands neue Lehre. Er war philosophisch bedeutend weniger geschult, als der Bruder, der inzwischen viel gegrübelt und gelesen hatte; dennoch wollte ihm scheinen, daß die geheime Gewalt, der er sich einst an einem regnerischen Sommerabend unter jenem Kastanienbaum am Rheinufer anvertraut, mehr jenem Wu-Wei glich, das Ferdinand schilderte und oft durch die Vorlesung englischer Texte aus dem Chinesischen erhärtete, als die Kraft, die Ferdinand bald untätig der ihm dauernd über den Kopf wachsenden Materie erliegen ließ und dann wieder unruhig umhertrieb. Wohl schien Erich der Bruder damit recht zu haben, daß der Amerikaner mit seiner Übergeschäftigkeit und der Preuße mit seiner ewigen Willensverkrampfung Frevler an der heiligen Kraft des sich in uns auswirkenden Schicksals seien, aber der träge Russe, den Ferdinand gleichfalls pries, und der müde Europäer erschienen ihm nicht minder auf falschem Weg; denn damit jene Kraft durch uns wirke, verfocht Erich, müßten wir uns willig und durchlässig halten; darum würde sie durch Trägheit ebenso gehemmt, wie durch Willensüberspannung durchkreuzt. Ferdinand gab das alles theoretisch zu. Er sagte, sie seien grundsätzlich ganz einig, und um seine Lippen zuckte es. Da Ferdinand nicht wußte, wann er nach China, seiner »wahren Heimat«, zurückkehren konnte, vermochte er sich nicht zu einer festen Niederlassung zu entschließen. Indessen standen Berge von Kisten mit den Sammlungen beim Spediteur. Ferdinand verhielt sich ratlos vor dieser Masse von Materie, die er selber aufgetürmt hatte. Schließlich folgte er Erichs Rat – es war offenbar die Stimme des Wu-Wei – mietete in Rolfsburg eine kleine Wohnung in demselben Haus, wo Erich sich mit Behagen und Geschmack eingerichtet hatte. Nach wenigen Wochen waren die vier Zimmer mit Vorplatz und Küche in ein orientalisches Museum verwandelt, in dem leider kein Raum mehr blieb zum Wohnen. Das Wu-Wei trieb daher Ferdinand, während Erich diese Schätze bewachte, wieder in der Welt umher, aber nicht mehr in den fernen Osten, sondern in die geistigen und künstlerischen Zentren dieses lieben alten Europas, Paris, Rom, Wien, München und zuweilen auch wieder nach Rolfsburg. Dort stieg er im Hotel ab oder, wenn es gerade paßte, bei Erich, da ja seine eigene Wohnung ein Museum war, in das er jedes Mal, wenn er nach Rolfsburg zurückkehrte, neue Einkäufe einbaute. Neuerdings sammelte er gotische, später auch barocke Holzplastik. Zu einer Niederlassung konnte er sich immer noch nicht entschließen, da er ja alles wieder würde abbrechen müssen, wenn er nach China zurückkehrte. So wurde dieser Plan weder aufgegeben noch ausgeführt. Immerhin war Ferdinand nicht müßig. An der Technik des Ostens geschult, verfertigte er Zeichnungen, Lithographien, ja schließlich Radierungen, obgleich unter dieser Tätigkeit zeitweise die Weiße seiner gepflegten Hände litt, aber keineswegs ahmte er einfach östliche Kunst nach. Vielmehr geschah es, daß im Augenblick, wo er über die nötigen Ausdrucksmittel verfügte, ihm halb vergessene Traumvisionen aus der Kindheit wiederkehrten, verwandt mit der Naturmystik deutscher Märchen. Diese Versuche wurden in Künstlerkreisen ermuntert, und, nachdem er sich recht widerwillig zur Versendung an Ausstellungen entschlossen hatte, kamen günstige Kritiken, ja es fanden sich sogar Käufer. Niemand war darüber mehr erstaunt, als Ferdinand. Von dieser Zeit an gab er als Beruf Maler an. Erich war nicht ohne Verständnis für die Arbeiten des Bruders. Er legte sogar eine kleine Sammlung davon an und gab einigen in seiner Wohnung einen Platz an sichtbarer Stelle, um unauffällig seine Gäste darauf hinweisen zu können. Abgesehen davon, daß ihn Ferdinands Erfolge als solche freuten, war etwas ihm zugleich fremdes und vertrautes in dieser Kunst, was ihn immer wieder anzog und zum Sinnen veranlaßte. Er fühlte darin etwas von der eigenen Art, nämlich das Stück von ihr, das er mit der Kindheit hinter sich gelassen hatte, während Ferdinands Seele offenbar noch dort weilte. Nun konnte man sich doch einen Begriff davon machen, wo dessen Gedanken umherirrten, wenn er in der Bank hatte addieren sollen. Erich zeigte die Sachen öfters Espérance, aber zu seiner Enttäuschung hatte sie kein Verständnis dafür. Sie nannte sie unheimlich, sie möchte so etwas nicht um sich haben. Tatsächlich hätten diese Bilder schlecht in ihre Räume gepaßt, wo ein echter Fragonard, mehrere englische Porträts aus dem 18. Jahrhundert und heitere Landschaften aus der Biedermeierzeit hingen. Auch fehlte es nicht an Miniaturmalerei und gemalten Fächern. Erich liebte nichts mehr, als sich in so heiter festlicher Umgebung von seinen nun immer arbeitsreicher werdenden Tagen zu erholen, aber mehr und mehr fühlte er, daß hier doch etwas fehlte. Außer dem harten Diesseits der Arbeit und der lichten Jenseitigkeit festlicher Stunden gab es doch noch ein anderes Jenseits, das gewissermaßen hinter uns lag, wo vielleicht unsere tiefsten Wurzeln waren. Gerade in dieses griff die Kunst Ferdinands, und das machte sie Erich, der jene Bereiche irgend wann auch einmal gekannt zu haben sich erinnerte, aber lange, lange Zeit gemieden hatte, zugleich so fremd und vertraut, auf jeden Fall geheimnisvoll anziehend. Gerne hätte er die Bilder einem guten Freund gezeigt, auf dessen Kunsturteil er viel gab, leider aber weilte dieser schon seit ein paar Jahren im Ausland. VIII Es war kein anderer, als Prinz Amadeus, der inzwischen längst das Markensammeln mit Kunstsammeln vertauscht hatte, und dessen feine, empfängliche Menschlichkeit nun hier ihr wahres Gebiet fand. Im Gegensatz zu Ferdinand beschränkte er sich auf Europa, dehnte aber sein Interesse auch auf moderne Kunst aus. Von Seiten der königlichen Familie wurde ihm hierin alle erdenkliche Unterstützung zuteil, denn es war eine Tradition des Hauses Harringen, daß in jeder Generation immer einer der Prinzen ein geistlicher Herr, ein anderer ein Beschirmer der Künste und Wissenschaften wurde. Zu diesem Amt gehörte vor allem ein leutseliges Wesen im Verkehr mit den Menschen aller Stände, und dazu schienen in den Vorzügen und den Fehlern des Prinzen Amadeus alle Voraussetzungen gegeben. Mit seiner angeborenen Liebenswürdigkeit verband er nämlich die bedauerliche Neigung, der Hofetikette nicht immer die schuldige Achtung zu erweisen, und es war nicht recht zu ersehen, ob dies mehr auf mangelndem Verständnis für ihre Wichtigkeit oder gar auf wirklicher Mißachtung beruhte. Jedenfalls sprach er sich darüber nicht aus, um niemand zu betrüben, aber er entzog sich ihr, wo er nur konnte. Prinz Amadeus war der Neffe des Königs Rolf III. Sein anmutiges Wesen hatte er von der Mutter, Donna Isabella, einer spanischen Infantin geerbt. Der König besaß politische Gründe, die es wünschenswert erscheinen ließen, daß gerade jetzt, während Deutschlands Einfluß beim Vatikan zuzunehmen schien, ein Mitglied seines Hauses in Rom anwesend war. Wen konnte es da geeigneteren geben, als Prinz Amadeus, den seine Neigung längst nach Italien trieb, wo er in Kunst zu schwelgen hoffte. Er reiste unter dem Namen eines Grafen Weisdin und wußte nicht mehr von seiner Mission, als daß er in seinem gesellschaftlichen Verkehr die Kreise um den Heiligen Stuhl, den sogenannten Campo nero, zu bevorzugen habe. Das machte ihm keine Schwierigkeit, denn wenn er auch nicht nur aus ästhetischen Ursachen ein aufrichtiger Katholik war, so sah er doch die gestaltenreiche römische Welt auch ein wenig mit den Augen eines Altertümerfreundes. Indessen war vielleicht, abgesehen von solchem verklärenden Blick, ein Frühstück bei einem römischen Kardinal wirklich etwas interessanter, als die Tafel des bieder-bäuerlichen Kardinal-Erzbischofs Dipperle von Rolfsburg. Wir wollen uns hier jeden Urteils enthalten. Hinter den Sesseln seiner vatikanischen Tischgenossen sah das schönheitsdurstige Auge des nordischen Prinzen mit spanischem Blut die Schatten der Medici und Borgia und die schon zu Lebzeiten legendenhafte Gestalt Leos XIII. Pecci brauchte nicht erst durch Phantasie gehoben zu werden. Dies alles hinderte nun den jungen Amadeus nicht, manche Stunde bei Chianti und Falerner mit Künstlern und Gelehrten zu verbringen, und sein Adjutant, Graf Liechtenfeld, hatte den Auftrag, solche Erweiterung des prinzlichen Weltbildes nicht zu hindern; »solange gewisse, mehr vom augenblicklichen Takt als von allgemeinen Vorschriften zu bestimmende Grenzen eingehalten wurden,« lautete die Instruktion. In dieser Hinsicht bestand nun wirklich keine ernste Gefahr, da der junge Herr bei all seinem Enthusiasmus nicht zu Maßlosigkeit neigte. Nicht der Falerner berauschte ihn, sondern das Gefühl, diesem schon von Horaz besungenen ehrwürdigen Tropfen zuzusprechen. Einzelne düstere Osterien mit Erinnerungen an große Künstler wurden ihm Weihestätten. Auch sein Herz blieb nicht ohne Nahrung. Beziehungen zu einer gewissen schwarzäugigen Ersilia, der man in einem Atelier begegnet war, vollzogen sich unter Duldung des Grafen Liechtenfeld, nachdem ein älterer, aber noch lebensfroher Bildhauer für die Gutartigkeit des Mädchens seine charaktervolle Hand in's Feuer gelegt und der Adjutant die Präliminarverhandlungen über die Köpfe des Paars hinweg mit der ehrwürdigen Mutter abgeschlossen hatte, ohne indessen durch Verrat dieses Geheimvertrags das romantische Glück seines Schutzbefohlenen zu stören. Ersilia schien von ihrem jungen Freund sehr eingenommen zu sein, wie auch unter den Ehen oft die konventionell abgeschlossenen die glücklichsten werden. Jedenfalls füllte sie die Lücke aus, die Espérance noch in Amadeus Erziehung offen gelassen hatte. Dieser verstand es, manche Gegensätze miteinander zu verbinden, die im Allgemeinen unvereinbar scheinen. So nahm er z. B. die lässige Kleidung römischer Künstler deutscher Nation an, in der sich die Romantikerzeit noch überlebte, während diese Tracht damals in Norden schon weidlich von Witzblättern verspottet wurde: flatternde Halsbinden à la Lavallière, weiche Schlapphüte, ja – es kann nicht verschwiegen werden – die braune Samtjoppe hatte für ihn noch einen idealistischen Zauber. Was ihn aber doch von denen, die er nachahmte, grundlegend unterschied, war die sorgsame Pflege, die er – eigentlich wider den Stil –, diesen abstrusen Bekleidungsstücken angedeihen ließ. Die schön geformten Hände, die ein Ring mit antiker Kamee schmückte, und die ungesuchte Grazie aller seiner Bewegungen fügten der Tracht eines »Malers Klecksel« den Hauch einer andern Welt hinzu, was zwar diese Tracht hob, ihr zugleich aber auch einen Stich in's Theaterhafte gab; heutzutage würde man das wohl erbarmungslos, aber nicht ohne Begründung als »Kitsch« ablehnen. Diese eigentümliche, zwar liebenswürdige, aber weder in seiner, noch in der Welt der Künstler völlig ernst genommene Nuance sollte Prinz Amadeus mit einer Art zäher Verliebtheit durch die Stürme seines späteren Lebens bewahren. Trotz solcher Wunderlichkeit schätzte man ihn indessen sehr, sobald man in näherem Umgang einmal gefühlt hatte, daß sich hinter seiner bezaubernden Form eine Güte verbarg, die ernstlich nichts anders wollte, als beglücken. Nach seiner Heimkehr sah man den allmählich etwas rundlich werdenden Herrn in breitrandigem, im Sommer lichtgrauem Schlapphut mit etwas lockigem Nackenhaar und flatternder Foulardhalsbinde wie einen das Schöne liebenden reichen Rentner durch die Straßen von Rolfsburg lustwandeln, in Buch- und Kunsthandlungen eintreten und zahlreiche Bekannte aller Stände in's Gespräch ziehen. Er kannte die persönlichen Verhältnisse der Dienstmänner und Kutscher, deren Leistung der meist zu Fuß und allein Ausgehende häufig bei der Heimkehr in Anspruch nahm, der Blumenhändlerinnen und des gesamten Bühnenpersonals, das er bei den Proben in den Hoftheatern zu überraschen liebte. Was freilich die nun gar zu unmöglich gewordene Samtjoppe betraf, so hatte er schon gleich nach seiner Heimkehr von Rom Espérance versprechen müssen, daß er sie künftig nur noch in seinen Privatgemächern tragen würde, nunmehr mit seidenen Querschnüren, sogenannten »brandebourgs« verziert. Diese gewinnende weltlich-fromme, künstlerisch noble Persönlichkeit wurde nun durch zwanzig Jahre der Liebling der Harringer, eines Volkes, dem die Welt gleich seinen beiderseitigen Nachbarn, den Österreichern und Bayern, mit denen es ja vom selben Stamme ist, eine schier allzu große Vorliebe für Feste, Musik, Tanz, Theaterspiel, bunte Trachten und dergleichen nachsagte. Nachdem der Kronprinz während einer Indienreise auf einer Tigerjagd umgekommen war, mußte sich Prinz Amadeus mit dem Gedanken vertraut machen, eines Tages für den minderjährigen Prinzen Xaver, Enkel des inzwischen zur Regierung gekommenen Königs Rolfs IV., seines Vetters, die Regentschaft zu übernehmen. Er hoffte aber, daß ihm dieser Kelch erspart bleiben würde, denn Politik war ihm nun einmal in der Seele fremd. Er erkannte ihre Notwendigkeit an, wünschte aber für sich nichts anderes, als in der Nähe des Thrones, der ihm ein schönes, heiliges Symbol aus alter Zeit war – er redete seinen Vetter nie anders als Majestät an, – dem Schutz der schönen Künste und Wissenschaft zu leben. Er drängte niemand seinen, den Modernen gegenüber etwas veraltenden Geschmack als das allein Gültige auf, liebte vielmehr die Bewegung des künstlerischen Lebens selber, wo nun einmal immer die Jungen von den Alten sich lossagen, um vielleicht später doch zu merken, was an diesen gut war, wobei dann ihre anfängliche Willkür in die Bahn der geschichtlichen Entwicklung einzulenken pflegt. So bildete er durch zwei Jahrzehnte in der Residenz ein gesellschaftlich-künstlerisches Zentrum, das zu der alten Beliebtheit der Rolfingischen Dynastie wesentlich beitrug, zumal der bedeutend ältere König als ein gegen sich und andere strenger, etwas mürrischer Charakter mehr hochgeachtet als geliebt wurde. Dagegen wußte Prinz Amadeus bei den sehr geschätzten gesellschaftlichen Veranstaltungen in seinem Palais und dem nahen Lustschloß Les Délices, einem Juwel deutschen Rokokos auf geradezu vorbildliche Weise zwischen den Gebildeten aller Schichten Brücken zu schlagen. So berührten sich die Gegensätze der Stände und der Generationen, ohne sich deshalb im Geringsten auf Kosten ihres wahren Wesens zu verwischen; dieser Geist warf seine Strahlen über das ganze Land und gab besonders der Geselligkeit der Residenz bis in die Kreise des mittleren Bürgertums in jenen Jahren einen freien, weitherzigen Charakter. Damit sind nun die Entwicklungsjahre unserer vier Hauptgestalten – eine fünfte und eine sechste werden noch hinzu treten – beendigt. Unsere Aufgabe ist nicht, ihr Leben im Licht weiter zu berichten, vielmehr hier den Faden der Erzählung fallen zu lassen und ihn erst im Jahre 1917 wieder aufzunehmen, als Harringen das Schicksal der Mittelmächte während des Weltkriegs teilte und sich in fast jedem Einzelleben plötzlich unvermutete Abgründe auftaten. Zweites Kapitel Im Elfenbeinturm IX In dem östlich an Harringen angrenzenden Teil Oberösterreichs liegt in einer breiten Talsohle zwischen kräftig profiliertem Kalkgebirg der alte Edelhof Sensburg. Von vereinzelten Bauernhäusern, Heustadeln und hie und da einer Kapelle unterbrochenes Wiesenland, das ein Flüßchen teilt, erstreckt sich bis zum Fuß der Berge, die aus dem dunklen Pelz dichten Nadelholzes in Höhen ragen, wo sie das Morgenlicht küßt, wenn es im Tal kaum zu dämmern beginnt. Es ist ein rauhes Land, in dem die Sonne spät kommt und früh verschwindet, aber wenn sie an wolkenlosen Sommertagen einmal über dem Gebirgskamm erschienen ist, dann erglühen die Felswände heiß und das lichtflimmernde Tal hält die Hitze wie ein Kessel in glimmender Asche. Sensburg stammt aus den Zeiten des dreißigjährigen Kriegs und hat seitdem oft genug seine Besitzer gewechselt. Ehe es der jetzige Eigentümer, Ferdinand Holthoff, erwarb, war es von einer ursprünglich bäuerlichen, im Lauf einiger Geschlechter zu großem Wohlstand gelangten Familie bewohnt gewesen, welche eine berühmte, inzwischen zum Fabrikbetrieb erweiterte Sensenschmiede besaß. Die Familie war in Völlerei und Schwachsinn entartet, der letzte Besitzer, ein grämlicher, alter Sonderling, schwer verschuldet. So hatte Ferdinand das verwahrloste Herrenhaus, dessen größtenteils unbewohnte Räume längst der Fensterscheiben ermangelten und mit Holzbrettern vernagelt waren, am Anfang des Weltkriegs mit den noch übrigen zwölf bis fünfzehn Joch Grund vorteilhaft erworben und wieder in Stand setzen lassen. Die Äcker und Wiesen verpachtete er einem angrenzenden Bauern, dem Aloys Schandlhuber, der ihn während der Kriegsjahre mit Mehl, Butter, Eiern, Gemüse und »Schweinernem« beliefern mußte. Daraus wird nun der Leser am Ende voreilig schließen, der Träumer Ferdinand Holthoff habe sich inzwischen in einen pfiffigen Geschäftsmann verwandelt. Das wäre ganz und gar verfehlt. Hier hatte ihm wirklich nur das »Wu-Wei« geholfen. Er dachte bei dem Ankauf an nichts weniger, als ein gutes Geschäft zu machen, sondern nur daran, wie er, als immer wieder für kriegsdienstuntauglich erklärter Neurastheniker, dem Getöse der Zeit entgehen könne. So wenig wie früher war er zu stetigem Handeln fähig, aber noch blitzte in ihm bisweilen ein Gedanke oder besser noch eine Vision auf, die ihn ganz in ihren Bann schlagen konnte. So war er als junger Mann plötzlich nach Asien gereist, so entstanden seine Zeichnungen und Radierungen, so hatte er Sensburg erworben, so ... doch wir wollen nicht vorgreifen. Der Edelhof, von dessen Verkäuflichkeit er auf einer Sommerreise zufällig gehört, erschien ihm gerade als der Elfenbeinturm, in den er vor der Zeit flüchten konnte. In den letzten Jahren hatte er wohl in Rolfsburg eine geräumige Wohnung gehabt, die er aber, nach wie vor mehr auf Reisen als daheim, meist seiner Wirtschafterin zur Hütung überließ. So kam der bleiche, noch immer nachdenklich in die Welt blickende Mann mit der schwarzen Hornbrille um sein vierzigstes Jahr zum erstenmal im Leben zu dem lang entbehrten eigenen Heim. Das Herrenhaus war ein massiver, grauer Bau mit überhängendem ersten Stockwerk und barockgeschwungenen Erkern an den vier Ecken. Fast die ganze Vorderseite bedeckte dichter Efeu. Sehr steil schwang sich ein edel geschweiftes, braunes Ziegeldach, spitz zulaufend, bis zu einem kleinen Türmchen empor, dessen Glocke die jeweiligen Besitzer von Sensburg aus Gefälligkeit gegen die Bauern bei vorüberkommenden Leichenzügen, die dem nahen Bergfriedhof zustrebten, läuten zu lassen pflegten, da die nächste Kirche außer Hörweite lag. Diese seit alters bestehende Übung übernahm Ferdinand, den noch immer wenig Pflichten drückten, als ein heiliges Vermächtnis mit großem Eifer und zur Entlastung der alten Frau Betty, die ihm die Wirtschaft führte, zu welchem Amt das gewohnheitsmäßige Läuten der Totenglocke ganz gewiß nicht gehörte. Ferdinand hatte die Alte, einstige langjährige Köchin in seinem Elternhause, jetzt Witwe des weiland Holthoff'schen Bankdieners Krümlich, nachdem sie den Brüdern den Tod ihres Mannes angezeigt und sich zu etwaiger Verwendung angeboten hatte, aus dem zwar auch katholischen, aber ganz und gar verstädterten Rheinland zunächst für einige Jahre nach Rolfsburg, dann in diese Bauernwelt verpflanzt. Gegen deren Bräuche hatte sie freilich von ihrem hochzivilisierten Standpunkt aus mancherlei zu erinnern, ganz abgesehen davon, daß sie bei aller Treue zu den Holthoffs, die ihr eine Witwenpension zahlten, eigentlich das Arbeiten nicht mehr nötig und nur aus aufrichtiger Verachtung des Müßiggangs wieder eine Stelle angenommen hatte. Aber auf ihre alten Tage auf zugigem Dachstuhl eine Totenglocke für Bauernleichen zu läuten, das war sie doch nicht gewillt, und ihr einsichtiger Herr mutete es ihr auch gar nicht zu, tat es vielmehr selbst, und zwar nicht eigentlich ungern, denn, während er sich noch immer einzig dem ungreifbaren »Wu – Wei« zu überlassen wähnte, hatte er doch auch eine entschiedene Ehrfurcht vor allen heiligen Symbolen, die indessen von seiner Liebe zu allem Grotesken noch übertroffen wurde. Er genoß aber die Lage als zugleich ehrwürdig und düster humorig, wenn er sich durch den Wink des Todes aus der Bibliothek oder dem als Malatelier eingerichteten Nordraum im ersten Stock aufscheuchen ließ, um in geblümten, chinesischem Schlafrock das enge Holztreppchen hinaufzuspringen und das von den Bauern gewünschte Geläut des Jammerglöckleins anzuheben. Frau Betty mißbilligte eigentlich, daß ihr Herr sich zu so etwas hergab, in dem sie noch etwas von dem kleinen Prinzen sah, der als Dreijähriger einmal verbotenerweise bei ihr in der Küche erschienen war, um schon vor der Mahlzeit etwas von der Mehlspeise zu erhaschen, woraus dann eine schreckliche Geschichte mit Verhör und Drohungen entstanden war. Hätte sich damals die junge Betty benommen wie andere tun, nämlich schwer beleidigt ihre Stelle gekündigt, dann wäre sie nie Frau Krümlich geworden und jetzt nicht in Sensburg. Wu – Wei. Noch immer schien ihr Ferdinand ebenso hilfsbedürftig wie damals, und das gab dem Verhältnis zwischen Herrn und Dienerin für beide Teile etwas hoch befriedigendes. Oh, er hatte für die Alte – sie war weit in den Fünfzig – unbedingt die allgemeine Autorität des Herrn, die er sogar gelegentlich zu betonen wußte, aber in allem Einzelnen war er ein Kind, für das sich Frau Betty Seiner Exzellenz dem Herrn Staatsminister Erich Holthoff gegenüber verantwortlich fühlte. Das Heimweh, das die Entwurzelte nicht selten nach dem Rhein fühlte, wurde bald aufgewogen durch das Ansehen, das sie durch ihre höhere Intelligenz und Erfahrung, was sie zusammen gern ihre Bildung nannte, unter der einfachen Bevölkerung gewann. Dadurch daß man sie regelmäßig in der Messe, bei Beichte und Abendmahl sah, war das Mißtrauen schnell behoben, das ihre schärfere rheinische Mundart zunächst erweckte; dazu kam, daß sie gerade mit einem in ihrer Heimat seltenen Leiden behaftet war, das aber in diesem Lande geradezu als nationale Eigenart anzusprechen ist, nämlich einem schon Kropf zu nennenden, die Leute anheimelnden Blähhals, dem in den späteren Nachmittagsstunden eine Spitzenkrause, eigentlich zum Verbergen bestimmt, erst recht Relief gab. Zu scherzen war mit ihr nicht. So scheute sie sich nicht, wenn auch nur bei eigentlich tragischen Anlässen im Leben ihres oft schwer den rechten Entschluß findenden Herrn, diesen unumwunden einen Narren zu schelten, wobei sie sich mit Fug und Recht auf dessen sich jetzt gewiß im Grab umwälzende Eltern zu berufen pflegte. Oft bezog sie sich auch auf den Herrn Minister. Was der sagte, war für die Alte ein eben so untrügliches Orakel des Holthoff'schen Familienlaren, wie ihr Ferdinands Träumereien als unmaßgeblich erschienen. Häufig kam jener über den Sonntag von Rolfsburg in drei Eisenbahnstunden nach Sensburg, bisweilen um einen Rehbock zu schießen, besonders aber, um sich von den in den Kriegsjahren kaum mehr zu bewältigenden Amtsgeschäften, die häufige Frontreisen unterbrachen, in der geistig ausgefüllten Muße des Bruders ein wenig zu erholen, der wie auf dem Sirius lebte, als gäbe es keinen Krieg, dazu zwischen Eiern, Butter und »Schweinernem«. Daß diese Lebensgüter wirklich und in der bedungenen Weise von dem Schandlhuber geliefert wurden, dessen schlauen grauen Bauernaugen ihre scharfen Blicke gewachsen waren, dafür sorgte Frau Betty. Während dieser seinen Vorteil nach altem ländlichen Herkommen im Verwirren der Tatbestände suchte, so daß sich keiner mehr recht auskennen möchte, fuhr ihre Intelligenz wie ein Kugelblitz durch das Nebelgebräu seiner dumpfen Schlauheit und zerteilte es. Wenn dann die Sachlage klar wie die abgeteilten Felder einer Flur vor Augen lag, dann schlug der Schandlhuber mit der Faust auf den Küchentisch und schwur voll Bewunderung, wenn die Frau Betty nur zehn Jahre jünger wäre, möchte er sie gleich als Bäuerin auf seinem Hof haben, indem daß er selbst ein Witwer sei. Dann lächelte Frau Betty überlegen und ermaß im Stillen die Kluft, welche der Bildungsunterschied zwischen ihr und dem Schandlhuber schuf. Indessen hörte sie ihm gern zu, bot ihm auch bisweilen einen Kaffee an, und so lernte sie allmählich die Mundart verstehen und die Familien- und Wirtschaftsverhältnisse der Gegend begutachten. Der Schandlhuber nannte sie immer wieder ein »Urviech«, und sie war nun schon hinreichend mit der Lokalfarbe des Landes vertraut, um die hohe Anerkennung zu würdigen, die in einem solchen Ausdruck lag, zumal im Munde eines durch Wohlstand, Witz und Gerissenheit gleich hoch geachteten Kumpans wie der Schandlhuber. Es versteht sich, daß der Haushalt gänzlich unter Frau Bettys Leitung stand. Die Einstellung des nötigen Personals, eines Stuben- und Küchenmädchens, so wie etwaige Kündigungen waren ihr überlassen. Mit jenen Hilfskräften besorgte sie sogar die Gartenarbeit. Fuhrwerk zu halten gestattete sie Ferdinand nicht, denn das hätte männliche Dienerschaft vorausgesetzt. Diese Klippe verstand Frau Betty gut zu umschiffen. Bei besonderer Gelegenheit, etwa wenn Gäste an der Bahn abzuholen waren, konnte man jedesmal ein Viktoriawägelchen vom Schandlhuber haben, und im übrigen war es für den stubenhockerischen Ferdinand viel gesünder, er schweifte nachmittags zu Fuß in der Gegend umher, deren mit lieblichen Wiesentälern abwechselnde düstere Bergschroffheit ihn immer mehr bezauberte. Noch immer beschickte er gelegentlich Kunstausstellungen und wunderte sich selbst höchlich, wenn ein Blatt einen Käufer fand. Mit viel mehr Leidenschaft aber war er nun Antiquitätensammler, was Frau Betty ihm hingehen ließ, seit Se. Exzellenz erklärt hatten, eine bessere Vermögensanlage sei zur Zeit gar nicht auszudenken, besonders, wenn jemand so viel davon verstehe wie Ferdinand. Auch seine philosophische Gedankenwelt hatte er weiter ausgebaut. Seit einem Jahrzehnt arbeitete er an der Wiederlegung eines Systems, das er in der Jugend vor der Asienreise keck aufgestellt und dessen Entwurf er höchst leichtfertigerweise in hundert Exemplaren für seine Freunde auf handgeschöpftem Papier hatte drucken lassen. Tatsächlich pries es, wenn man die letzten Folgen daraus hätte ziehen wollen, ein bedenkliches Epikuräertum; dieses war inzwischen einem künstlerisch beseelten Spiritualismus gewichen, der indessen auch Raum ließ für die Pflege von Küche und Keller. Da die hundert Empfänger jener sündigen Maienblüte seiner unbelehrten Jugend nicht mehr namentlich zu erreichen waren, ging er in seiner Gewissenhaftigkeit so weit, die von ihm verbreitete Irrlehre in Gestalt eines Buches öffentlich abschwören zu wollen, und, wenn ihm etwas schwere Sorge machte, war es die Furcht, seine Trägheit und mangelnde Stetigkeit würde es niemals dazu kommen ergänzt: lassen. In Sensburg nahm er auch die in den letzten Wanderjahren etwas vernachlässigte Musik wieder auf. Sein Klavierspiel genügte, um ihn zu einem gesuchten Gast auf den umliegenden Landgütern zu machen, wozu indessen auch ein durch Herzlichkeit gemilderter treffsicherer Witz beitrug; indessen zog er der planmäßigen Fortbildung seines musikalischen Könnens die fruchtlose Beschäftigung mit krausen veralteten Instrumenten vor, denen er oft bis tief in die Nacht bald erbärmliche, bald Schrecken erregende Töne entlockte. Dies billigte natürlich Frau Betty weniger, wagte es aber nicht, davon zu Sr. Exzellenz zu sprechen, aus Angst, es könne sich dann herausstellen, daß auch dieser Aberwitz in einer ihr unbekannten Weise gerechtfertigt sei. Gut hingegen fand sie, daß Ferdinand öfters im Winter auf eine Woche in die nahegelegenen Städte fuhr, wo er alte Freunde sah, Konzerte besuchte und sich bei Althändlern herumtrieb, während sie dann Zeit hatte, das Haus gründlich zu reinigen. Bei der Schilderung dieses Hauswesens darf zweier Geschöpfe nicht vergessen werden. Eines hatte Ferdinand von dem früheren Besitzer als genius loci mit übernommen, das gänzlich verwilderte Tier Skanny. Es galt als Hund, glich aber eher einer rabenschwarzen Fledermaus, der ein grausamer Witzbold die Flügel abgeschnitten hat. Andere Hunde erkannten Skanny nicht als ihresgleichen an, mieden oder befeindeten ihn. Das hinderte ihn anfänglich nicht, sie zu lieben und vertrauensvoll ihren Umgang zu suchen, was aber nie gut ausging. So beschloß er, wie Richard III., ein Bösewicht zu werden, wozu ihm indessen, außer seinem Furcht einflößenden schwarzem Äußeren, so gut wie alles fehlte, sowohl die Bosheit als die Kraft. Er begnügte sich daher damit, gelegentlich unhörbar aus dunklen Ecken hervorzutreten, was freilich in dem, der das zum erstenmal erlebte, bleichen Schrecken, das zweite Mal aber schon ungetrübte Heiterkeit erregte. Ferdinand war der Erste und Einzige, der ihn als Hund ernst nahm. Er erkannte in ihm den Vertreter einer seltenen, höchst vornehmen Bullyfamilie, und so sah Skanny, von nun an wohlgepflegt und nahezu geruchlos, einem heiteren Lebensabend entgegen. Freilich hatte er die Gunst seines Herrn mit einer ebenso vornehmen, weißen, blauäugigen Angorakatze zu teilen, einer Prinzessin von Geblüt, namens Cora. Während man Skanny ansah, daß er in Ferdinand schlechthin ein Ideal erblickte, – »so sollte man womöglich sein« – schien sich Cora ihre eigenen, und nicht gerade ehrfürchtigen Gedanken über ihn zu machen. Die beiden Tiere liebten sich natürlich nicht, aber ein angeborener Takt gestattete ihnen, einander örtlich nahe, innerlich weltenweit entfernt zu leben und dennoch peinliche Szenen zu vermeiden. X Im Spätherbst 1917 las Ferdinand in einer Zeitung, die ihm durch Zufall in die Hände kam – regelmäßiger Zeitungleser war er nicht –, daß die berühmte Geigerin, Fräulein Melusine von Kaden, schwer leidend und vereinsamt in einem Sanatorium in Berlin lebe. Als Tochter eines baltischen Gutsbesitzers, Schwester eines höheren russischen Offiziers, und ehemaliger Liebling des Petersburger Hofes hatte sie unter besonders furchtbaren Umständen vor der russischen Revolution fliehen müssen. Die Zeitung wußte von ihr eine erstaunliche Tat zu berichten. Rote Horden waren in das Schloß der Familie eingedrungen und hatten den alten Baron vor den Augen der Mutter und Tochter zu Tode gefoltert. Die Mutter erlöste ein plötzlicher Herzschlag, Melusine wurde in ein Gefängnis gesetzt, wo sie sich wochenlang eines wüsten Individuums zu erwehren hatte, das ihr indessen mehr durch Schamlosigkeit und List, als durch Gewalt zusetzte. Der Mensch stellte ihr in Aussicht, durch Hingabe an ihn ihren in Petersburg gefangenen Bruder vom Tode retten zu können. Da sie indessen sichere Nachricht besaß, daß dieser schon vor einigen Wochen erschossen worden war, machte sie einen Gegenvorschlag, um zunächst einmal aus ihrem Gefängnis heraus zu kommen. Sie erklärte dem Subjekt, sie sei bereit in aller Form Rechtens seine Ehefrau zu werden, wenn er sich ihr gegenüber inzwischen wie ein Herr verhalten und ihr ermöglichen wolle, frei ihren Beruf als Geigerin auszuüben. Verblüfft hörte er diesen Plan der zugleich Begehrten und wegen ihrer Unnahbarkeit Gehaßten an, der ihm einen ganz unverhofften Weg zeigte, nämlich sie als ihresgleichen rechtmäßig zu besitzen, so wie – bemerkte die Zeitung – wenn jemand einem Einbrecher sagt, er könne die gewünschten Gegenstände demnächst als gesetzliches Eigentum besitzen, falls er nur die Geduld haben wolle, auf die Ausfertigung der Schenkungsurkunde zu warten. Von diesem Augenblick an war der Prolet wie umgewandelt. Er nahm alle Bedingungen der »Barina« an, besonders ihre Forderung einer Verlobungszeit, in der er zu beweisen hätte, daß er ein anderer geworden sei. Sofort brachte er sie in einem Zimmer unter, umwarb sie und tat was sie befahl, um ihrer würdig zu scheinen. Melusine pflegte später zu erzählen, wenn ihr nicht unvergeßlich die Schändlichkeit des Menschen im Gedächtnis geblieben wäre, hätte sie seine veränderte, achtungsvolle Art rühren können. Indessen dachte sie im Stillen nur an Flucht und verstand sogar, den Ahnungslosen ihren Plänen dienstbar zu machen, indem sie ihm erklärte, nachdem sie nun einmal zu ihm und seiner Sache gehöre, fühle sie sich nicht sicher ohne einen Paß, der ihre wahre Herkunft verschleiere. Geld konnte sie von ihm haben, soviel sie wollte, ja er achtete sogar ihr Bedürfnis, um ihrer Kunst willen viel allein zu sein. Anfangs war er wohl dagegen mißtrauisch gewesen, aber sie wußte ihn von der Harmlosigkeit dieser einsamen Stunden zu überzeugen. Bisweilen lobte sie ihn wegen seiner zunehmenden Gesittung, was ihn sehr befriedigte und ihr zugleich erlaubte, das letzte Ziel seiner Wünsche immer wieder hinauszuschieben; ja manchmal zeigte er sich so menschlich, daß Melusine mit dem Gedanken spielte, er wäre vielleicht dazu zu bringen, sie eines Tages aus Anständigkeit frei zu lassen, aber sie erlag solchen sentimentalen Regungen nicht. Ein tiefer Fraueninstinkt sagte ihr, daß die Bestie sofort wieder aufspringen würde, falls sie sich um den Preis für die Zähmung betrogen sähe, und daß sie dann nicht zögern würde, die Herrin lieber zu zerreißen als verloren zu geben. Eines Tages fand sich nun die Möglichkeit zur Flucht. Es war ihr gelungen, von ihrem Beschützer einen Teil ihres Familienschmuckes und »zur Erinnerung an die Vergangenheit« eine Miniaturensammlung ihres Vaters zurückzuerhalten, deren Wert die Räuber nicht ahnten und die in einem leicht tragbaren Köfferchen untergebracht war. Reichliche Bestechung bahnte den Weg, und eines Nachts überschritt Melusine mit ein paar Schicksalsgenossen auf einem Schlitten die polnische Grenze. Sie begab sich, hinreichend mit Mitteln versehen, nach Berlin, wo sie von der Vorkriegszeit her einen großen Ruf als Künstlerin hatte, aber das Entgegenkommen, daß sie hier fand, vermochte nicht die Hemmung zu überwinden, wieder zur Geige zu greifen, obwohl ihr Gönner ein altes italienisches Instrument verehrten. So lange sie um ihre Freiheit kämpfte, waren ihre Nerven in einer Hochspannung gewesen, die sie zu allem fähig machte. Kaum aber hatte sie in Berlin ein sicheres Dach über sich, als ihre Kräfte völlig aussetzten. Dem wiedererrungenen Leben stand sie gefühllos gegenüber und war daher unfähig, die ihr gemachten Anerbietungen anzunehmen. Die wie im Traum erlebte letzte Vergangenheit machte ihre Rechte geltend und verlangte gebieterisch, jetzt erst im Gefühl nacherlebt zu werden. Schließlich wurde die Künstlerin von Freunden in jenes hauptsächlich von Kriegsverletzten, unter Nahrungsmittelmangel leidende Sanatorium gebracht, im letzten Kriegsjahr noch immer der günstigste Aufenthalt für jemand in ihrer Lage, aber doch ganz ungenügend zu wahrer Erholung; von hier aus gelangten die äußeren Tatsachen ihrer Geschichte in die Zeitung. Während Ferdinand davon las, erinnerte er sich mit Entzücken der Geigerin, deren Konzerte er einst, wenn er in derselben Stadt war wie sie, nie zu versäumen pflegte. Er sah sie wieder vor sich, nicht eigentlich schön im Sinne vollkommener Wohlgeratenheit. Dazu war schon ihre Gestalt nicht eindrucksvoll genug, die gerade noch Mittelgröße hatte. Das Gesicht belebten keine ausgesprochenen Farben, vielmehr zeigte die zarte Haut einen sehr feinen, aber nicht ganz gesunden Muschelglanz. Die Nase war klein, doch scharf profiliert, der Mund sehr ausdrucksvoll geschnitten, aber entschieden etwas boshaft, wenn nicht gar grausam. Ferdinand fühlte sich von dem nicht eben blendenden Äußeren der Künstlerin kaum weniger, als von ihrem Spiel angezogen, und so war er immer in den vordersten Reihen gesessen. Da hatte er wahrnehmen können, daß sie, wenn sie sich lächelnd verbeugte, unter den feinen Lippen kleine Katzenzähnchen entblößte, deren Ton mehr ins Bläuliche, als in das gesündere Gelb spielte. Man sah einige Goldplomben. Prachtvoll war das reiche, sandfarbene Haar; die grazile Figur erschien ebenmäßig und nicht ohne Fülle. Das Bedeutendste an ihr waren indessen die langbewimperten grau-grünen Augen, obwohl weder besonders groß, noch von ausgesprochener Farbe, aber ihr Blick heftete sich, wenn er nicht geflissentlich auswich, tief in die Blicke dessen, der sie im Augenblick interessierte, und Ferdinand, der sich mehrmals so von ihr angeschaut sah, hatte gefühlt, daß gleichzeitig etwas rätselhaftes sich in ihn versenkte und ein vergessenes Stück aus ihm emporhob. Er wußte nicht, ob dieser Blick frivol, traumhaft oder ekstatisch war, jedenfalls verwirrte er ihn dermaßen, daß er sich stets etwas gescheut hatte, Melusinens Bekanntschaft zu suchen. Nun aber gar ihr Spiel! Das war ein anderes Rätsel, das mit dem ihrer Person nicht das geringste zu tun zu haben schien. Während sie geigte, stand da eine mäßig große Frau, fast wie ein unscheinbares Futteral, aus dem ein bunt leuchtender Schmuck hervorgenommen wird. Die kräftigen weißen Finger schienen automatisch zu spielen, als würde es ihnen so von irgendwoher diktiert. Mit dem, was da in der Luft aufstieg, schien dieser geigende Mensch gar nichts zu tun zu haben. Sie spielte fast nur klassische Musik, und die schlechthin vollkommen. Es war allgemein bekannt, daß sie dabei völlig unbeeinflußt von der Umgebung war, obwohl sie als Mensch für ziemlich nervös galt. Hielt sie die Geige in der Hand, dann hatte sie nie ein schlecht besuchter Saal gestört, die Verzweiflung aller Anfänger, noch ein unruhiges Publikum, wie sie es später oft im Ausland fand. Ein Wort von ihr war im Umlauf, sie würde sich getrauen, im Getöse eines Bahnhofes, ja einer Schlacht, genau so zu spielen wie im Konzertsaal, während sie andererseits nicht schlafen oder lesen konnte, wenn nicht völlige Ruhe um sie herrschte. In den nächsten Tagen, nachdem Ferdinand den Zeitungsbericht gelesen, schweifte er viel in den Bergen umher, wo ihn das plötzlich herauf beschworene Erinnerungsbild Melusinens geradezu besessen hielt. War das eine Schickung des »Wu-Wei«? Plötzlich schien er sich darüber klar zu sein, warum ihm ohne sein bewußtes Zutun gelungen war, in Sensburg mitten in einer kriegszerrissenen Welt eine solche idyllische Zuflucht zu schaffen. Das alles sollte offensichtlich nur dazu dienen, um nun diese merkwürdige Frau aufzunehmen. Noch am selben Abend schrieb er ihr in diesem Sinn. Er sei ein alter Verehrer ihrer Kunst und habe, ohne es selbst zu wissen, den einzigen Ort in Europa geschaffen, wo heute noch Erholung für sie möglich sei. Mit Humor schilderte er sich selbst als einen für Frauen ganz ungefährlichen Menschen und legte den Photographien von Sensburg ein besonders abschreckendes Paßbild von sich bei, auf dem er aussah wie ein dümmlicher Hase, der sich hinter einer Hornbrille verbirgt. Da ihn seine bescheidene Kunst nicht legitimieren konnte, verwies er nebenher auf seinen hochbeamteten Bruder. In den Tagen, während deren er auf die Antwort aus Berlin wartete, irrte er ruhelos in der kahlen Natur zwischen den herbstlichen Baumgespenstern umher. Er gedachte unwillkürlich seiner früheren Erlebnisse mit Frauen. Alle hatten ähnlich geendet. Jeder war er hörig geworden, und jede hatte das auf ihre persönliche Weise auszunutzen verstanden, mochte es sich dabei um kindische, aber kostspielige Albernheiten oder um einen durch beruflichen Ehrgeiz verschleierten tieferen Egoismus handeln. Nie war er einer Frau gewachsen gewesen, wie ihm der Bruder einmal vorwarf, während er ihn gerade einer besonders putz- und geldsüchtigen Person entriß und schnell nach Italien verfrachtete; aber darauf hatte er überlegen lächelnd die Antwort gefunden, daß ihn das auch nicht im mindesten beglücken würde. Ob es etwa beglücke, Spielball einer boshaften Hexe zu sein, hatte Erich gefragt. Nein, das war freilich auch nicht gerade wünschenswert, und darum hatte der nun weiser gewordene Vierziger in den letzten Jahren dauernde weibliche Beziehungen vermieden. Nun aber schien sich ihm, ohne daß er es sich ganz bewußt zugestand, die Möglichkeit zu bieten, einer Frau zu dienen, die es wert war. Er glaubte die Künstlerin und die Leidende eingeladen zu haben, aber unwillkürlich beschäftigten sich seine Gedanken am meisten mit dem Weib, das ebenso gefühlssicher, wie gedankenklar die Oberhand über jene russische Bestie gewonnen hatte. Was gehörte dazu für Charakterstärke! Ferdinand brauchte nicht lange auf Antwort zu warten. Melusinens Zeilen verrieten zumindest das eine, daß er ihr gegenüber den rechten Ton getroffen hatte. Das Menschliche in ihnen rührte, das Geistige interessierte sie offenbar. Im Augenblick könne sie sich wohl nicht zu der weiten Reise und dem Abbruch der ärztlichen Behandlung entschließen, sie bat aber aufrichtig um Fortsetzung des Briefwechsels, der ihr überraschend wohl tue. Einen Augenblick war Ferdinand enttäuscht, da er gehofft hatte, sie schon in wenigen Tagen in Sensburg einziehen zu sehen, dann aber bezauberte ihn immer mehr die Mischung von Wärme und Zurückhaltung in Melusinens Brief. Auch ihre Schriftzüge heimelten ihn an, denn es wäre wunderbar, wenn ein so vielseitiger Geist wie der seine sich nicht auch etwas mit Graphologie befaßt hätte. Das ging sogar so weit, daß er sich gelegentlich in weibliche Schriften verliebte. Hier fand er nun nicht jene trügerische, unter heutigen Damen schon konventionell gewordene künstliche Steilschrift, deren unverhältnismäßige, im Augenblick geradezu napoleonisch wirkende Größe einem Kenner wie Ferdinand die innere Leere und Schwäche erst recht sichtbar macht, sondern eine fast altmodische, aber schwungvolle deutsche Schrift, eher klein, doch mit zierlich sich rundenden Buchstaben. Ferdinand antwortete nach wenigen Tagen, und nun entstand ein allwöchentlicher Gedankenaustausch, der sich bis in's Frühjahr hinzog. Sie erzählte ihm mancherlei aus ihrer Kindheit. Der Name Melusine war aus Mela, einer Abkürzung von Melanie, entstanden und ihr anfangs scherzhaft gegeben worden, weil das seltsame, am liebsten einsam in Wäldern und an Teichen umherschweifende Kind schon den nächsten Angehörigen geheimnisvoll und märchenhaft erschienen war. Später hatte sie sich den Namen bewußt zugeeignet, da ihr jene Sage tiefen Eindruck machte, in der ein Weib, das eigentlich kein Menschenwesen ist, einwilligt, mit Menschen zu leben, unter der Bedingung, daß man es einen Tag in der Woche mit seinem Geheimnis allein läßt. Ja, ihr Geheimnis! Sie verstand es selber nicht. Es offenbarte sich ihr in immer wiederkehrenden Träumen, denen sie viele Tagesstunden nachzusinnen gezwungen war. Da sah sie die Erde bersten, aus Kraterlöchern sprangen Wasser- und Feuersäulen auf, die wie lebendige Ungeheuer das Land an sich zu reißen schienen und die Wohnsitze der Menschen zerstörten. Dann sah sie sich in unterirdischen Felsenkammern eingesperrt oder zwischen glatten Basaltsäulen, die sie dicht umgaben und bis in das Blau des Himmels ragten, so daß es kein Entrinnen gab. Oder sie lebte in Palästen, die einstürzten, während Riesenschildkröten aus dem Boden stiegen und sie zur Entscheidung zwangen, von ihnen auf der Stelle verschlungen zu werden oder ihre Königin zu sein. Dieser Besessenheit durch die Träume entrann sie in die Musik. Die leidenschaftliche Beschäftigung mit ihr – aber nur wenn sie sich damit bis zum äußersten erschöpfte – gab ihr ruhige Nächte. Man warf der Heranwachsenden bald Herzenskälte, bald allzu heftige Leidenschaftlichkeit in Liebe und Haß vor; ja man fürchtete sie unwillkürlich. Nie hatte jemand gewagt, ihren Willen ernstlich zu beugen. So überließ man sie erst ihren kindlichen Wunderlichkeiten, dann ihrem Geigenspiel und wagte ihr nicht zu widersprechen, als sie gegen Sitte und Brauch zum Zweck ihrer Ausbildung allein in die Städte des Auslandes zog, wo sie, die üblichen Fremdenpensionen vermeidend, in einsamen Zimmern zu hausen pflegte. So war sie, besonders, als sie draußen berühmt geworden war, immer wieder voll Anhänglichkeit zu den Ihren auf das kurische Gut zurückgekehrt. Dummtrotzige Auflehnung gegen gegebene Verhältnisse wie schwächliche Unterwerfung unter unwürdige Zumutungen waren ihr gleich fremd, und dadurch hatte sie den tatsächlichen Gegensatz zwischen ihrer Herkunft und deren überlieferten Werten auf der einen und ihrer individuellen Entwicklung auf der anderen Seite nicht als unbedingt feindseligen, sondern mehr und mehr als ein sie bereicherndes Widerspiel empfunden. »Glauben Sie aber nicht,« schrieb sie an Ferdinand, »daß ich deshalb ein harmonisches Wesen ohne Konflikte geworden bin, nur liegen sie etwas tiefer, als diese modernen Kindereien, wie sie sich zwischen wild gewordenen Backfischen und putenhaften Müttern oder ekelhaften Vätern abzuspielen pflegen. Lesen Sie wieder einmal in Schwab's Sagen das Märchen von der »Schönen Melusine«, die dem edlen Ritter Lusignan angetraut war, ihm aber verbarg, daß sie sich jeden Freitag in ein Wasserweib mit Fischschwanz verwandelte, und den Gatten schließlich verlassen mußte, als er durch seine Neugierde hinter das Geheimnis gekommen war. Mir tut der arme Ritter leid, denn er ist im Recht. Kann es ihm gleichgültig sein, daß sich seine Frau jede Woche einen Tag einschließt, und was soll aus seiner Ehe werden, wenn er gar den Grund dieser Heimlichkeit erfährt? So, nun wissen Sie auch, warum ich nicht geheiratet habe, obwohl ich schon dreißig bin.« Das wußte zwar Ferdinand noch nicht, aber er erriet bald etwas davon auf seinen Spaziergängen. Diese letzten Sätze hatten ihn in der Tiefe erregt. Auf Märchen- und Sagensymbole verstand er sich, auch ihn hatte die Geschichte der schönen Melusine schon als Kind mächtig ergriffen, später war er in seinen Zeichnungen und Radierungen mehrfach darauf zurückgekommen. Ohne sich davon Rechenschaft zu geben, hatte er den Ritter als vorwitzigen Frevler dargestellt, im Dunkel vor dem Schlüsselloch kauernd, hinter dem Melusine ihr Geheimnis entschleierte. Nun schrieb jene Melusine aus dem Norden, daß der Ritter im Recht war, das Geheimnis seiner Frau nicht zu schonen: warf das nicht Ferdinands ehrfürchtige Auffassung um, die ihm das Wu-Wei zu bestätigen schien, daß es Heiligtümer gibt, die nicht betreten werden dürfen, um ihre Wirksamkeit nicht einzubüßen? Was aber bedeutete der Nachsatz: »Nun wissen Sie, warum ich nicht geheiratet habe?« Sie hatte sich offenbar die Erfahrung ihrer mythologischen Namensschwester, welche die Ehe mit einem menschlichen Ritter versuchte, zu Nutze gemacht. Wenn man heiratet, so verleiht man Rechte, das hatte jene sagenhafte Melusine vergessen, aber die irdische war klug, sie wußte es. Da lag die Quelle jener Kraft, mit der sie sich des Bolschewiken erwehrt hatte. Eine Frau, die Rittern Rechte gewährt, vermöchte das nicht, entweder hätte sie sich dem falschen Ritter vielleicht doch ergeben oder sich verzweifelt umbringen lassen. Melusine stellte sich auf eine ganz andere Ebene, von wo aus sie mit Rittern spielen konnte wie auf dem Schachbrett mit Bauern. Mochten sie auf ihrer Stufe recht haben, alles hing davon ab, sich nicht selbst auf diese Ebene zu stellen. Sicher haßte sie jenes Subjekt gar nicht einmal. Es hatte nach seiner Gesetzmäßigkeit gehandelt, wie ein Fuchs, der nach Beute schnappt. Kennt man aber einmal diese Raubtiernatur, so kann man die Beute auf ein Fuchseisen legen, und man fängt ihn. So grübelte der tiefsinnige Ferdinand über Melusine, während er die verschneiten Wege um Sensburg ging. Freilich, jenes Meisterstück weiblichen Obsiegens hatte ihre Kräfte erschöpft. Gab es dafür einen besseren Erholungsort, als Sensburg? Er sann weiter: Ist Melusine aus der Sphäre der »Ritterweibchen« herausgetreten, so hat er, Ferdinand, nie Ritterrechte beansprucht. Ihm ist das Geheimnis des Weibes stets heilig gewesen. Freilich war er bisher noch nicht an »das Weib«, sondern nur an die Weibchen geraten. Je mehr er deren Geheimnis ehrte, desto schamloser hatte es sich offenbart, nicht etwa als dämonischer Trieb, sondern als kleinliche Habsucht, Putzsucht, Verschwendung, Eitelkeit, Neid, Bosheit, und was ihm ärger als alles war: die abgrundtiefe Albernheit auch bei vorgeblich ernsteren, etwa beruflichen Zielen. Nein, das Spiel mußte auf Gegenseitigkeit beruhen. Der geistige Mann mit dem Weibchen, das ist eben so unmöglich, wie Melusine und der Ritter. O Melusine mußte nach Sensburg kommen, und sie würde kommen, das war Schicksal. Als er sich erbot, sie in Berlin zu holen, ersuchte sie ihn jedoch dringend, davon abzustehen. Das Märchen Sensburg würde für sie zerstört, wenn sie sich in der Berliner Umgebung sähen, indessen sei sie jetzt entschlossen zu kommen, er möge sich demnächst auf ein Telegramm gefaßt machen. Dieser Vorschlag gefiel Ferdinand ungemein. Er wäre sehr ungern in das kriegslaute Berlin gefahren, denn er fühlte wohl, daß er sich als Herr auf Sensburg mit dem ganzen Hintergrund seiner eigenen, ihr schon sympathischen Welt in Melusinens Augen besser ausnehmen würde, als in Berlin, wo er sich selber schattenhaft und unwirklich vorgekommen wäre. XI »Das muß auf jeden Fall mit größter Diplomatie angefangen werden,« sagte sich Ferdinand, während er mit dicken Stiefeln an einer Berglehne durch tauenden Schnee watete, und er lächelte befriedigt vor sich hin, denn er traute sich die notwendige Diplomatie zu, Frau Krümlich die Ankunft Melusinens annehmbar zu machen. Das ging natürlich nicht, daß er ihr einfach sagte, es würde ihn eine Dame besuchen. Wiederum lächelte Ferdinand, indem er an die Erfahrungen dachte, welche die Alte bei ihm in der Wohnung in Rolfsburg gelegentlich mit »Damen« gemacht, die in seine Häuslichkeit gedrungen waren und recht sehr gegen den Sinn der Wu-Wei alles Unterste zu oberst gekehrt hatten. Einmal war es so weit gekommen, daß Frau Krümlich davon ging, freilich ihre umgehende Rückkehr in Aussicht stellend, falls sie eine Gewisse – sie schrieb: eine Gewisse – nicht länger zu bedienen brauche. Das brauchte sie dann tatsächlich nicht mehr, und so war schnell wieder alles gut geworden. Wie aber sollte er ihr nun verständlich machen, daß es sich dieses Mal nicht »um eine Gewisse« handelte? Er hatte es bereits im Herbst verstanden, als er die Notiz über Melusine von Kaden in der Zeitung fand, das Mitleid der Alten zu erregen und ihr gesagt, daß er die Geigerin früher gekannt habe. Daraufhin war sie sofort selbst mit dem Vorschlag gekommen, Melusinen Lebensmittel in das ferne hungernde Berlin zu senden, was trotz den Zollschwierigkeiten bisweilen gelang. Als er nun an seinem behaglichen Teetisch saß und sich Honig auf eine Buttersemmel strich, sagte er so nebenher zu der Alten: »Frau Krümlich, Sie erinnern sich doch noch an diese arme Frau in Berlin, der wir damals Lebensmittel geschickt haben?« Er sagte »Frau« und nicht »Dame«, damit Frau Krümlich gleich wußte, daß es sich dieses Mal nicht um eine Gewisse handelte, und ergötzte sich im Stillen an der erneuten Beobachtung, wie die Worte für Frauen und Liebe, neuerdings auch das Wort Dame, im Gebrauch immer schlechter werden. Frau Krümlich erinnerte sich wohl und zeigte sich sehr nach weiteren Mitteilungen begierig. Nun, diese Frau, brachte Ferdinand hastig, fast atemlos vor, damit er es schnell hinter sich habe, könnte in Berlin nicht genesen, brauchte unbedingt Landluft und nahrhafte Kost; so blieb wohl nichts anderes übrig, als sie in Sensburg aufzunehmen, und hier hatte er auch schon das Telegramm, das ihre Ankunft meldete. Die große Sorge war nur, daß Frau Krümlich nicht überlastet würde. Natürlich mußte sie sich gleich nach einem Mädchen umsehen, das man als Jungfer einstellen konnte. Die Alte erstarrte vor Staunen, als sie mit dieser Fülle von Neuigkeiten auf einen Schlag überschüttet wurde und war nicht im Stand, das geringste Zeichen zu geben, wie sie diese Mitteilungen eigentlich aufnahm. Ferdinand glaubte einen Augenblick, ihr leerer auf ihn gerichteter Blick frage wie so oft, ob er etwa den Verstand verloren habe, und schon hielt er bänglich alles für mißlungen. Drei Mal hinter einander erschien das Nervenzucken um seine Lippen. Da brach Frau Betty plötzlich das Schweigen. Sie kenne eine namens Cilli, die beim Bezirkshauptmann, dem Baron Clessel, gedient habe, und die Frau Baronin sei recht zufrieden mit ihr gewesen. An einem lauen, windigen Apriltag, während das Land sanft ergrünte, ließ Ferdinand die zwei zierlichen Braunen einspannen, die der Schandlhuber kürzlich aus dem Pferdespital gekauft und schon wieder ganz gut auf die Beine gebracht hatte. Ferdinand kutschierte selbst nach dem Bahnhof, einen Knecht vom Schandlhuber neben sich, und als er heimkehrte, saß Melusine an seiner Seite, etwas blaß und angegriffen, aber sonst unverändert, während ein großer Koffer sich vor beider Knien erhob. Mit einem Blick in Ferdinands große, verträumte Augen schien sie sich überzeugt zu haben, daß er so war, wie sie sich ihn vorgestellt hatte, und so gab sie sich rückhaltlos ihrer freudigen Rührung hin, endlich wieder einmal ein Heim betreten zu dürfen. Als sie vor dem Herrenhaus ankamen und Frau Betty mit frischer Halskrause neben der neu eingestellten Jungfer, einem heiteren willigen Mädchen, vor dem Tore stand, da war ihr nicht leicht, die Tränen zu unterdrücken. Das erinnerte zu sehr an die häufige Heimkehr aus der Welt ihrer Triumphe in die Stille des kurischen Gutes, wo unter dem Portal die alten, noch rüstigen Eltern die Tochter, seit langem ihren höchsten Stolz, zu empfangen pflegten. Die Begrüßung und das Aussteigen lenkte Melusinens Gedanken indessen ab, und, während sie in die kleine Halle trat, fesselte sie der Flug eines Schwalbenpaares, das alljährlich sein Nest über einem Vorsprung am Hallengewölbe zu beziehen pflegte und mit ihr durch die offene Haustür hereingekommen war. In dem angenehm durchwärmten Fremdenzimmer im ersten Stock begrüßte sie ein breites Renaissancebett mit einem von vier Säulen getragenen Dach. Hinter dem kleinen Schreibtisch ragte ein Geigenpult hervor, in Vasen standen immergrünes Laub und Kätzchen umher. Während Cilli ihrer neuen Herrin die Stiefel aufknöpfte und das Gepäck öffnete, verflocht sie die Angekommene mit unaufdringlicher Geschicklichkeit in ein Gespräch, was diese anheimelte, während es der bescheidenen Fragerin die ersten Anhaltspunkte für das Wesen derer gab, von der künftig für sie Regen und Sonnenschein abhing. Die Fremde fragte beide Dienerinnen gleich nach ihren Namen, unterschied sofort, daß die Ältere Reichsdeutsche, Cilli aber ein Kind des Landes war, kurz, sie wußte, wie man einem Dienstverhältnis schnell einen menschlichen Ton gibt. Cilli war geradezu entzückt, Frau Bettys reiferer Verstand merkte schnell, daß es sich hier nicht um »eine Gewisse« handelte, sondern um eine Frau, welche aus Erfahrung wußte, welche Achtung einer treuen, zum Hause gehörigen Dienerin gebührte. Als Abends Ferdinand bei Tisch seinem neuen Gast gegenüber saß, ergriff ihn bis zum Erschauern das Wunder, welches sich vollzogen hatte, indem diese Vertreterin einer ihm unnahbar gewesenen Welt, bewegt von dem Blutschlag des weiten Lebens und zugleich umschimmert von dem Zauber des Traumes, nun hier in seinen Mauern bei ihm hauste, in einer seit wenigen Jahren gleichfalls wie ein Wunder aus dem Boden geschossenen Wirklichkeit, die greifbar war und dennoch mehr einem Traum glich. Jetzt erst, versicherte er ihr, als sie im Salon beim Kamin Kaffee tranken, begreife er den Sinn alles dessen, was er hier in schlafwandlerischer Planmäßigkeit aufgebaut hatte, und auch sie kam nicht aus dem Staunen heraus, während um sie herum barocke Holzschnitzereien zwischen chinesischen Vasen und goldnen Buddhas standen. Mit denen unterhielt er sich wohl, wenn er des Abends allein saß? Nun, er war gerade im Begriffe gewesen, dieser unheimlichen Versuchung zu verfallen, aber seit er in Briefwechsel mit ihr stand, hatte er vorgezogen, abends wieder Klavier zu spielen. Was spielte er wohl? Er hatte den Klavierpart mehrerer Violinsonaten von Beethoven in diesem Winter wieder durchgenommen. Allein? Ist denn das nicht langweilig? Aber er hatte doch viele davon einst von ihr gehört, und die Erinnerung mußte ihm ihr gegenwärtiges Spiel ersetzen. Natürlich würde er in Wirklichkeit nie wagen, ihr seine dilettantische Begleitung anzubieten. Melusine versank in Sinnen. Schon in den nächsten Tagen sah Ferdinand sie in den Noten kramen, und Ende der Woche, während er sich nach dem Frühstück in der Bibliothek befand, hörte er aus Melusinens Zimmer das Stimmen einer Geige, dann ein kräftiges Üben von Akkorden, und eines Abends fragte sie ihn, ob er zu einer Beethoven'schen Sonate den Klavierpart übernehmen wolle. Ihr Spiel, das er nun für sich ganz allein hatte, überwältigte ihn; einmal während eines Adagios sanken ihm die Hände in den Schoß, er konnte nur noch lauschen. Sie aber ließ sich nicht unterbrechen, und so fand er bei der Wiederholung wieder in ihr Spiel hinein. Melusine war bei ihrer Ankunft in Sensburg Ferdinand etwas müde erschienen. Ihre Lebenseinstellung war resigniert. Ohne es sich zuzugeben, war ihm das lieber, als wenn da die gewaltige Melusine seiner Träume in sein Haus getreten wäre, vor der ihm doch etwas gebangt hatte. Nun aber durfte er sie pflegen, schützen und beraten, ja sichtlich bedeutete er etwas für sie. Vor dem Schlafengehen ergriff sie eines Abends seine beiden Hände und sagte: »Wie haben Sie das nur angefangen? Sie brachten es fertig, daß ich seit meiner Flucht zum ersten Mal wieder zur Geige gegriffen habe. In Berlin war mir, als ob ich das nie wieder tun würde.« Sie blühte von Woche zu Woche zusehends auf und veranlaßte Ferdinand zu weiten Wanderungen in der meist feuchten Sommergrüne der gebirgigen Umgebung. Schnell fand sie sich in die ihr ungewohnte Alpennatur hinein. Sie lockte die Vögel durch Pfeifen und stürzte sich auf jede ihr unbekannte Blume. Oft setzten die Fragen der Pflanzenkennerin Ferdinand in Erstaunen, der zwar die Natur nicht weniger genoß, aber nicht nach Name und Art fragte. Etwas beunruhigt fühlte er sich, wenn sie bald darauf von einer Konzertreise im kommenden Winter sprach und von der Korrespondenz, die sie bereits mit ihren früheren Agenten eingeleitet habe. Das war doch entschieden verfrüht, ihrer vollen Erholung äußerst abträglich. Ihren Vorstellungen auf einem Spaziergang, doch nicht ewig sein Gast sein zu können, erwiderte er nur, ihre Hand ergreifend: »Ewig, Melusine, ewig, warum nicht? Was suchen Sie denn noch in der Welt, wie sie heute geworden ist?« Sie mußte sich und ihm zugeben, daß der heftige, begeisterte Drang in das Leben, den sie einst gespürt, nach den Ereignissen der letzten Zeit mit der wiederkehrenden Gesundheit und künstlerischen Meisterschaft nicht zurückgekommen war. Sie habe im letzten Jahr so viel Zeit gehabt über sich selbst nachzudenken, und dabei sei nichts gutes herausgekommen. Ihr Leben vor dem Kriege erschien ihr plötzlich furchtbar leer. Schon war sie der Flachheit der über Mittel verfügenden modernen Frau verfallen, welche die Orte der Welt in zwei Kategorien einteilt, die, wo man ein Zimmer mit Bad oder wenigstens fließendem Wasser haben kann, und die, wo es das nicht gibt. Auch diese Manie, sinnlose Dinge einzukaufen, die man nicht braucht, aber die gerade Mode sind, oder zu Veranstaltungen zu rennen, die einem gar nichts sagen, aber wo alle hinlaufen, hatte schon von ihr Besitz ergriffen. Ferdinand warf ein, daß ihr doch die Kunst sicher stets einen Rückhalt gegeben habe. Ach ja, ein gewisser Schutz, eine vollendete Gans zu werden, sei das schon, aber immerhin, wenn man einmal Jahre lang mit der Geige von Stadt zu Stadt gezogen sei und der Erfolg einem nicht mehr viel bedeute, dann müsse man sich doch fragen: Wozu das noch auf unbestimmte Zeit fortsetzen? Solange das einmal begonnene Leben sie von selber trug, war alles herrlich gegangen, aber jetzt, wo ihre alte Lebensspannung sie verlassen hatte und ihr obendrein die Wälder ihrer Kindheit versperrt waren, in denen sie einst »Melusine« gewesen und später immer wieder Erholung, ja Verjüngung gefunden, jetzt fühle sie sich wie ausgehöhlt, wenn sie mit sich allein war. Darum müsse sie sich zwingen, wieder hinaus zu gehen, sich betäuben, auch wenn es sinnlos war. Sie glaube nämlich an nichts, buchstäblich an gar nichts. Ferdinand meinte, er sei in demselben Fall, aber lebhaft wehrte Melusine ab: »O nein, Sie sind ein religiöser Mensch, das habe ich längst gemerkt, Sie sind katholisch, und wer das von Kindheit an ist, der bleibt es, auch wenn er im Einzelnen an nichts mehr glaubt; aber wenn wir Protestanten den Glauben verloren haben, dann bleibt ein leerer Protest gegen alles übrig, und da bin ich heute.« Ferdinand lächelte, sie vergesse ganz, daß sie vor allem selber noch da sei, ein Wesen, in dem durch Generationen vererbte Religion, Zucht, Sitte und Geschmack eine freie Individualität hatten entstehen lassen, die heute keine Dogmen mehr brauchte, sondern ihrem inneren Drange leben konnte. Diese Auffassung erscheine ihm übrigens eher protestantisch als katholisch. »Nur muß man daran glauben können,« erwiderte Melusine und ihre dünnen Lippen lächelten entsagungsvoll, »uns Protestanten hat sich alles in Vernunft aufgelöst. Vom Standpunkt der Vernunft aus kann das, was Sie sagen, richtig aber ebenso gut falsch sein.« Ferdinand staunte über diese Gedankenschärfe. Er sprach nun von dem Wu-Wei, jener stillen Schöpferkraft, der man sich ruhig und vertrauensvoll überlassen müsse. »Nun,« rief Melusine aus, »wenn solches Vertrauen nicht katholisch ist ... aber erzählen Sie mehr davon, es heimelt mich an wie ein Märchen, auch wenn ich an seine Wunder nicht glaube.« »Ja,« erwiderte Ferdinand, »das ist freilich die Ausflucht der Vernunft. Wenn sie etwas nicht glauben kann, was aber doch schön ist und das Herz ergreift, dann macht sie ein Märchen daraus. Was ich meine, ist aber kein Märchen, Melusine, sondern eine Wirklichkeit. Auch was Sie mir damals von der schönen Melusine geschrieben haben, ist kein Märchen.« Sie sah ihn betroffen von der Seite an und fragte etwas scheu: »Wie meinen Sie das?« »Nun,« lächelte Ferdinand geheimnisvoll, »die Kadens waren doch nicht immer protestantische Vernunftmenschen. Zuerst sind sie doch nordische Heiden gewesen, die mit Nixen und Kobolden lebten. Nicht wahr?« »Wissen Sie,« sagte Melusine erstaunt, »Sie können manchmal unheimlich wirken. Mir ist es eben schaurig über den Rücken gelaufen. Ja, mit Nixen und Kobolden ... auch ich habe einst mit ihnen gelebt ... lassen Sie mich jetzt allein ...« Ohne Abschied zu nehmen, lief sie davon, an einem Waldrand entlang. Ferdinand beobachtete, wie sie zwischen den Stämmen ohne Weg in das Dickicht einbog. XII Nach Melusinens Ankunft brach Ferdinand seine geselligen Beziehungen nicht ab. Die Bekannten von den umliegenden Gütern und der nahe gelegenen Statthalterei waren erst aus Neugier gekommen, dann aus Musikliebe und Sympathie für die vom Schicksal so schwer verfolgte Künstlerin. Diese besonderen Umstände ließen darüber hinweg sehen, daß Melusine der Gast eines Hauses war, wo es keine Frau gab. Dazu kam, daß schon in den letzten Kriegsjahren jene allgemeine Entspannung der gesellschaftlichen Anschauungen deutlich zu spüren war, die übertriebene Starrheiten wohl für alle Zeiten unmöglich gemacht hat. Das Paar stand übrigens dem sie täglich umwandelnden anderen Paar, Skanny und Cora, an Takt nicht nach, und während bei diesen niemand etwas von der durch die Natur zwischen Hund und Katze gesetzten Feindschaft bemerkte, hatte jenen gegenüber keiner ein Recht, von etwas anderem zu sprechen, als einem Akt der ritterlichen Hilfe gegenüber einer Unglücklichen, wenn es auch wahrscheinlich mehr war. Zudem erwartete man, jeden Augenblick von der Verlobung des sympathischen Paares zu hören. Dankbarkeit ließ Melusinen klar erkennen und auch bisweilen aussprechen, daß es wohl auf der ganzen Erde keinen Ort gab, wo sie sich wohler fühlen und besser wieder zu sich selbst kommen könnte, als Sensburg, über dem jetzt ein glühender Hochsommerhimmel die Ernte segnete. Immer wieder verglich sie das mit Märchen und Traum, das ganze süddeutsche Wesen verklärte sich ihr romantisch. Hatten sie nicht neulich in einem Gasthaus Menschen des Volkes in einem Gespräch belauscht, so natürlich sinnreich, daß Melusine tief erstaunt war? Ein Tischler sagte zu einem Musikanten, dessen Arbeit habe keinen Wert, denn sie verpuffe in der Luft, er aber sähe, wenn er müde sei, etwas vor sich stehen, einen Kasten oder einen Sessel, seiner Hände ehrliches Werk. Der Musikant, fern davon, beleidigt zu sein, lachte pfiffig und erwiderte, freilich, vor ihm stünde nichts, aber das Gefühl in ihm, mit dem er in die Welt hinein blase, bei einem Fest oder abends, wenn er allein am offenen Fenster sitze, davon mache sich kein Tischler und kein Schuster einen Begriff. Darauf hörte der Tischler zu rechten auf, blickte nachdenklich in sein Glas, tat einen Schluck und sagte, nein, so etwas gäbe es freilich bei den Tischlern nicht, indessen sei es ihm lieber so, wie es ist. Ferdinand wußte Melusinen noch manche ähnliche Geschichte zu erzählen, aber dennoch war er viel skeptischer und wiederholte immer wieder, sie sähe die sehr fragwürdigen Hintergründe dieser gemütlichen Welt nicht. Sie wollte seine Einwände nicht gelten lassen, aber er schien es darauf abzusehen, wenn auch stets mit Humor, ihr die Augen über die allgemeine Verschlamptheit und Verantwortungslosigkeit zu öffnen, ja er fürchtete geradezu, daß sie sich in einen Märchentraum einspann, aus dem sie unfehlbar erwachen müsse, und dann würde sie ihn verlassen. Auch über ihn selbst machte sie sich offenbar Illusionen, die er stets mit Selbstironie zu zerstören suchte. Ferdinands leise Art, die nichts verlangte, seine originelle Unterhaltung, die ihr jeden Augenblick zur Verfügung stand, nicht zuletzt seine besondere Gabe und Neigung, den Wirt zu machen, alles das schien ihr unübertrefflich. Oft fragte sie sich, wie es denn komme, daß dieser vielseitige Mensch, dessen Begabung zu einem tüchtigen Musiker reichte, der als Maler ernst genommen wurde und jeden Beruf hätte ausfüllen können, wo es weniger auf Geschäftstüchtigkeit, als auf Kunstkennerschaft ankam, auch eigentlich nicht faul, sondern stets eifrig beschäftigt war, so wenig aus sich zu machen verstand, und eines Tages – nach mehrwöchentlichem Zusammensein – fragte sie auf einem Nachmittagsspaziergang, warum er denn selber so wenig von sich halte und sich gar nichts zutraue, obwohl doch alles, was er anfange, gut sei. Ferdinand lächelte hinter seiner Hornbrille. Die Frage konnte ihn nicht überraschen, denn er hatte sie sich selber längst beantwortet. »Wer sagt Ihnen denn,« erwiderte er, »daß ich nichts von mir halte, ich bin im Gegenteil furchtbar eingebildet.« »Weichen Sie mir nicht aus, Sie sind nicht, was Sie sein könnten.« Ferdinand begann nun etwas umständlich zu reden, wie seine Art war, gerne wissenschaftliche und abstrakte Ausdrücke entlehnend, und dann wieder sehr treffende, anschauliche Vergleiche und Bilder findend. Zwischen ihm und seinem Bruder sei nun einmal die Erbmasse so verteilt, daß jener hauptsächlich Willens- und Tatkraft, er mehr die ästhetisch-philosophische Duselei abbekommen habe, womit er aber nicht gesagt haben wollte, daß Erich ein Idiot sei, aber alles, was der geistig begreife, setze sich sofort in Wirklichkeit um, während es bei ihm, wie Melusine ja nun schon bemerkt hätte, immer in der Luft hing, gleich den hängenden Gärten der Semiramis, in denen man wohl spazieren gehen könne, aber sonst nichts. Da er sich indessen selber im Leben ganz und gar als Spaziergänger fühle, sei er mit dieser Rolle völlig zufrieden, besonders, wenn er einen lieben Gefährten in seinen Gärten habe, und, während er dicht neben ihr hinschlenderte, drückte er bei diesen Worten verstohlen Melusinens herabhängende Hand. »Hören Sie einmal,« erwiderte Melusine, »auf Ihren Bruder bin ich recht neugierig. Ich glaube, Sie wissen gar nicht, wie oft Sie ihn nennen und zitieren.« O ja, das wußte er schon. Seit seiner Kindheit war ihm Erich doch stets als Beispiel gezeigt worden, und zwar mit Recht. Wenn er selbst Buben hätte, würde er ihnen sagen: »nicht wie der Papa müßt ihr werden, der ist ein fehlgeschlagener Versuch, ein launiges Spiel der Natur – lusus naturae – vielleicht eine Fundgrube für Psychologen. Ihr sollt euren Vater zwar lieben und ehren, aber werden müßt ihr wie Onkel Erich. Der weiß nicht nur, was er will, sondern – das ist das größte Wunder – er tut es dann auch.« »Kommt er nicht bald einmal nach Sensburg?« Früher sei er oft gekommen, aber der Krieg mache ihn jetzt unabkömmlich, er pendle dauernd zwischen der Residenz und dem Großen Hauptquartier hin und her. Das war nun die gerechte Strafe für seine Tüchtigkeit. »Sagen Sie,« fragte Melusine weiter, »er hat Sie als Kind gewiß furchtbar tyrannisiert?« O nein, er habe ihn doch immer gegen robustere Buben geschützt, da er viel stärker war. »Aber hat er nicht auch seine Kraft oft gegen Sie gekehrt?« »Nein, nein, niemals.« Aber dann entsann sich Ferdinand plötzlich, daß er ihn doch einmal, sozusagen in vorgeschichtlicher Epoche, von der kein Heldenlied berichtet, recht fürchterlich verwalkt, weil er sich seinen Befehlen irgendwie unbotmäßig gezeigt hatte; damit aber war die Machtfrage für alle Zeiten entschieden, es hat dann nie mehr Streit gegeben. Im übrigen besaß ja auch Ferdinand, der Träumer, als später von Erichs Ministerium zu geistlicher Würde berufener Kardinal, wie wir schon berichtet haben, sein unantastbares Machtbereich. Von diesen Kinderspielen erzählte er nun Melusinen recht anmutig und beredt. Melusine kam auf den schon herbstlichen Spaziergängen und bei Abendgesprächen zwischen den Heiligen und den Buddhas immer wieder auf das Thema zurück. Sie spürte einen deutlichen Widerspruch gegen jenen selbstherrlichen Bruder in sich aufsteigen, und er wurde wohl gerade dadurch gestärkt, daß ihren Versuchen, dafür tatsächliche Begründungen zu erhalten, Ferdinand mit einer Sicherheit auswich, als sei er der gewandteste Diplomat. Er ließ auf Erich nichts kommen, der ihm, so wie er war, vollkommen richtig erschien, wenn auch als sein eigener Gegenpol. Nicht einmal besondere Eitelkeit wollte er bei ihm gelten lassen. Erich gefalle sich nicht mehr in seiner Art, als Ferdinand in der seinen. Ehrgeiz und Herrschsucht konnten sich bei ihm gar nicht entwickeln, da er ganz von selbst überall, wo es etwas zu tun galt, der Überlegene war. Mochte das, was er jeweils wollte, wirklich das Klügste sein, oder hatte er nur eine besondere glückliche Art, es auszudrücken, jedenfalls, wenn er etwas anordnete, geschah es. »Wissen Sie,« sagte Ferdinand plötzlich lebhaft, als überrasche ihn sein eigener Einfall, »daß ich niemand kenne, der in dieser Hinsicht so sehr an ihn erinnert wie Sie.« Melusine wurde über und über rot, was Ferdinand nie für möglich gehalten hätte, ihre graublauen Augen schienen sich zu verdunkeln und plötzlich rief sie in einem ganz ungewohnten, ja unbeherrschten Ton aus: »Ich weiß, daß ich Ihren Bruder hassen würde.« Ferdinand, der ihr in einem tiefen Sessel gegenüber saß, lachte laut, goß ihr und sich ein Glas Likör ein und rief belustigt, das wünsche er doch zu erleben. Den ganzen Abend war er von einer ausgelassenen Fröhlichkeit, von der sie ebenso überrascht war, wie er von ihrer letzten Äußerung. Diese Stimmung gefiel ihr aber sehr wohl. Sie ließ sich von ihm noch mehrmals einschenken, und als er später mit einer ihm sonst fremden Leidenschaftlichkeit eine Mazurka spielte, machte sie ein paar Tanzschritte, dann aber stellte sie sich hinter den Spielenden und legte ihre Hände sanft um seinen Hals, was ihn veranlaßt, das Kinn nieder zu drücken und immer ausgelassener zu spielen. Als er aufstand, schauten sich beide lachend und tief in die Augen. Von nun an bestand zwischen ihnen zugleich eine Gewißheit und eine Scheu, wie es bei Liebesleuten zu Beginn der Fall ist, wenn sie ein gemeinsames Geheimnis haben, von dem sie noch nicht reden, aber eigentlich, fühlten sie beide, waren sie keine Liebesleute. Bald nach diesem Abend – inzwischen war es Ende September geworden – feierten sie Ferdinands Geburtstag, dessen Datum Frau Betty Melusinen verraten hatte. Sie schenkte ihm ein Stück aus ihrer Miniaturensammlung. Da er den hohen Wert des zartfarbigen Damenkopfes mit Rokokofrisur sehr gut kannte, wollte er das Geschenk nicht annehmen. Sie deutete an, wie viel sie schon von ihm angenommen habe, und, wenn sie ihm nicht einmal etwas schenken dürfe, dann mache er es ihr unmöglich, dies noch länger zu tun. Ferdinand zitterte vor Glück bei diesen Worten. Wie eine Wolke hatte die ganze Zeit der Gedanke an ihre geplante Konzertreise über ihm geschwebt. Nun wußte er, daß sie die Absicht hatte, seine Gastfreundschaft diesen Winter noch zu genießen. Der Sommer kam für Konzerte ohnehin nicht in Betracht. So schien ihm denn der glückliche Zustand noch für ein Jahr gesichert. Nach dem heute besonders festlichen Souper saßen sie nebeneinander im Salon. Schon lange erlaubte er sich kleine Vertraulichkeiten, die sie wie eine Schwester hinnahm, ja bisweilen erwiderte. So lehnte er sich ein wenig an sie und in der Überzeugung, daß sich ihm nun das Wu-Wei endlich verwirklicht hatte, sagte er: »Ich glaube, das ist wirklich das Glück.« Sie habe es nie gesucht, flüsterte sie nachdenklich, aber wenn Glück Wunschlosigkeit bedeute oder vielmehr den Wunsch, es möge alles so bleiben, wie es ist, nicht mehr und nicht weniger werden, dann sei das freilich Glück. In dieser Nacht verließen gegen Morgen die Schwalben, die im Frühjahr Melusinen in das Haus begleitet hatten, ihr Nest in der Halle, um den Flug nach Süden zu beginnen. XIII Das Paar in Sensburg vernahm wohl von den Vorgängen in der Welt, Plünderungen, Aufständen, dem Zusammenbruch der Heere und dem Sturz der Monarchien, aber sie waren gefaßt. Die Welt, die sie sich erbaut hatten, schien von äußeren Dingen nicht abzuhängen. Eines Nachts wurde Ferdinand durch leichte Steinwürfe an die Scheiben seines Schlafzimmers geweckt. Er griff nach dem Revolver, den er stets auf dem Nachtkästchen liegen hatte, und trat hinter den Vorhang eines Fensters. Draußen stürmte es, ein Wolkenfetzen gab gerade dem Mondlicht Raum. Im Garten standen zwei Männer in Pelzen, unterhalb deren man die Wadenstrümpfe sah, und in Jägerhüten mit Gamsbärten auf dem Kopf. Ferdinand hörte eindringlich, aber halblaut seinen Vornamen rufen. Dann beobachtete er, wie die elektrische Taschenlaterne des größeren der Männer dessen mächtig gefurchtes Gesicht beleuchtete. Er erkannte seinen Bruder Erich, öffnete das Fenster und rief hinunter, er werde sofort das Haustor aufsperren. In seinem chinesischen Schlafrock und Pantoffeln eilte er die Treppe hinab. Erich trat ein, hinter ihm ein untersetzter Herr in den Fünfzig mit leicht angegrautem, sorgsam gepflegtem Knebelbart. »Doktor Schenk,« stellte Erich kurz vor und fragte dann gleich, ob Ferdinand sie beide aufnehmen könne. Dieser hatte noch ein zweibettiges Gastzimmer in sofort beziehbarem Zustand bereit. »Gut,« sagte Erich schnell, »dann schlafe ich irgendwo auf einem Diwan.« »Aber es sind zwei Betten ...«, wiederholte Ferdinand, doch Erich unterbrach ihn: »Zuerst gib uns einen Schnaps, wir sind ganz durchfroren.« Die Herren legten im Vorhaus ab. Unter den Jagdpelzen kamen elegante Sportanzüge zum Vorschein. Dr. Schenk sprach fast kein Wort, aber sein Lächeln und die Harmonie der gerundeten Bewegungen verrieten einen Mann, der nie und nirgends zu stören imstande sein mochte. Im Salon war es noch ziemlich warm. Als Ferdinand die elektrische Beleuchtung aufgedreht hatte, fuhr Dr. Schenk mit einem leichten Ah zusammen und machte eine Handbewegung, als begrüße er die barocken Holzheiligen und die Buddhas, wie von einer unerwarteten, aber wohlbekannten Gesellschaft angenehm überrascht. Sofort fesselte ihn eine kleine, verborgen in der Ecke hängende persische Miniatur, und er zog ein altmodisches Lorgnon hervor, dessen Griff zwischen den zwei Gläsern angebracht war, beugte sich über das Bild und schien ganz in seinen Anblick vertieft. »Sind die Herren nicht hungrig?« fragte Ferdinand, »ich könnte die Köchin wecken.« »Nein, niemand wecken,« erwiderte Erich, »aber vielleicht findest du etwas kaltes in der Küche, ich komme mit dir hinaus.« Während sie draußen ein paar Teller, Brot, Butter und Geselchtes zusammensuchten, fragte Ferdinand: »Nun, was gibt es denn?« »Du hast ihn doch natürlich erkannt?« »Den Dr. Schenk,« fragte Ferdinand verblüfft, »nein, wer ist es?« »Prinz Amadeus.« In Rolfsburg hatten sie heute früh die Republik ausgerufen, der König war noch im Großen Hauptquartier in Spaa, die anderen Prinzen standen bei ihren Regimentern; da war Erich plötzlich eingefallen, daß sich Amadeus in seinem Palais befinden müsse. Er ließ sich melden, und richtig, da fand er ihn in der häuslichen Samtjoppe damit beschäftigt, andächtig ein dunkles Ölbild mit Terpentin zu betupfen. »Aber Kgl. Hoheit,« sagte Erich, »wissen Sie denn nicht, was vorgeht?« »Ja, ja,« erwiderte der Prinz gemütlich, nach der Begrüßung unbefangen zu seiner Beschäftigung zurückkehrend, »die guten Leute schreien nach einer Republik.« Er habe ja immer vorausgesagt, daß es einmal dazu kommen würde bei all dem Unsinn, der dauernd gemacht wird, besonders jetzt im Krieg, aber er kenne doch seine braven Rolfsburger. Wenn der König aus dem Feld zurückkomme – und es wäre wirklich höchste Zeit – werde wieder alles gut. »Kgl. Hoheit irren,« rief Erich etwas lauter, als die Etikette erlaubt, »Kgl. Hoheit werden heute nacht auf keinen Fall hier im Palais schlafen. Entweder wird die sogenannte »Rote Regierung« Sie verhaften, oder Sie kommen sofort mit mir. Ich sorge für Pässe, mein Auto ist in Ordnung, der Chauffeur zuverlässig. Nehmen Sie alles mit, was Sie an Bargeld, Juwelen und vielleicht an nicht zu umfangreichen Kunstsachen im Augenblick einstecken können, Tabatièren und dergleichen.« Der Prinz sah seinen alten Freund sprachlos an, der terpentingetränkte Wattebausch entfiel seiner Hand. »Ja, aber wohin denn, lieber Holthoff, wohin?« rief er. Das wußte Erich selbst vorläufig noch nicht. »Jedenfalls über die österreichische Grenze,« sagte er, »und an einer Stelle, wo ich die Grenzschutzoffiziere kenne.« Während er den Prinzen so ratlos zwischen seinen Kunstgegenständen sah, mußte er auf einmal an den Bruder denken. Da fiel ihm ein: Die zwei passen zusammen, und so waren sie denn nun in Sensburg. »Er ist mir ungemein sympathisch,« erklärte der gastfreundliche Ferdinand eifrig, »ich behalte ihn hier, solange er bleiben will.« Kaum war er dieser plötzlichen Herzensregung gefolgt, als er an Melusine dachte. Eine schöne Geschichte! Er hatte Erich wohl im Frühjahr einmal von ihrem Besuch geschrieben, aber nicht mitgeteilt, daß sie noch da war. Erich ging mit einer Flasche Wein und Gläsern in den Salon zurück, wo er Prinz Amadeus in Extase über die Kunstwerke fand. Cora, die weiße Angorakatze, hatte sich bereits, wie an dem ihr gebührenden Platz, auf seinem Schoß ausgebreitet und gestattet, daß er sie streichelte. Erich sagte, daß sein Bruder, dem gegenüber er natürlich das Inkognito gelüftet habe, glücklich sei, ihn solange zu beherbergen, wie er wünsche. Als Ferdinand mit Tellern und einigem kalten Essen herbeikam, ging ihm der Prinz mit zwei ausgestreckten Händen entgegen, half ihm die Gegenstände niederstellen und dankte fast überschwenglich, um dann sogleich nach der Herkunft einer der barocken Holzfiguren zu fragen, die ihm das von ihm lang gesuchte Gegenstück zu einer ihm gehörigen, in einem Kloster in Steiermark gefundenen zu sein schien. Tatsächlich erinnerte sich Ferdinand der Angabe des früheren Besitzers, die auf dasselbe Kloster hinwies. »Die beiden Figuren müssen wieder zusammenkommen,« rief der Prinz mit Enthusiasmus, und sofort bot er Ferdinand an, ihm das eigene Stück zu verehren, als sich sein noch immer schönes Gesicht plötzlich verzerrte. Er sank auf einen Sessel, seufzte und wischte sich die Augen mit einem Taschentuch. In diesem Augenblick wurde sich Prinz Amadeus zum erstenmal der Tragweite der jüngsten Ereignisse bewußt: er konnte nicht mehr schenken. Als sich der Prinz, nunmehr doch sehr niedergeschlagen, in das Fremdenzimmer zurückzog, suchten die Brüder den Chauffeur Wildgruber auf, der das Auto in den Hof gefahren und nun in der Küche saß, wo ihm Ferdinand einen Imbiß vorgesetzt hatte. Er bediente nun den Prinzen beim Auskleiden und legte sich dann auf einer Matratze in einem Nebengelaß nieder. Er hatte Schweigen gelobt; für alle Hausbewohner und Nachbarn sollte der Gast der Kunstgelehrte Dr. Schenk sein. Schließlich gingen auch die Brüder schlafen. Erich fand ein Lager auf der Ottomane in Ferdinands Zimmer. Ferdinand war im Innern hoch befriedigt. Er hatte bisher die ihm oft von Erich angebotene Bekanntschaft mit Prinz Amadeus vermieden, keineswegs indessen aus gekränkter Künstlereitelkeit, weil der Prinz, wie er wußte, zu seiner Kunst keine Beziehung fand. Vielmehr fühlte Ferdinand um dieser sonderbaren Kunst willen vor klaren, ausgeglichenen Naturen etwas wie ein böses Gewissen, das erst schwand, wenn er merkte, daß man sie ihm verzieh. XIV Das etwas gealterte Gesicht des Prinzen Amadeus erinnerte an Bildnisse von Velasquez oder von Dyck. Der wohlgepflegte, noch halb braune Knebelbart verdeckte das vorspringende spanische Kinn, der ziemlich starke, wellige Schnurrbart ließ einen melancholisch-sinnlichen, aber fein, fast herzförmig geschnittenen Mund sehen. Die Stirn war ein wenig ausdruckslos in Anbetracht ihrer Höhe und zeigte daher unter dem einst starken, sich jetzt leicht lichtenden Haar eine etwas banale Schönheit. Bezaubernd waren noch immer die braunen, mandelförmigen Augen, an denen, wie es hieß, nicht wenig Frauenblicke begehrend gehangen hatten. Indessen war seine Ehe unglücklich gewesen. Nach zehn Jahren freudlosen Zusammenlebens hatte er die Gemeinschaft mit der bigotten Frau aus einem leiblich und seelisch erschöpften immediatisierten Fürstenhaus aufgegeben, denn die Prinzessin Emmerentia, die von Kindheit an eigentlich im Kloster ihre wahre Berufung sah, pflegte das heitere Epikuräertum ihres Gatten als heidnische Teufelei zu bezichtigen. Nach der Trennung von ihm tat sie dies wenigstens nur im Gebet, indem sie ihren und seinen göttlichen Richter tagtäglich anging, bevor es zu spät sei, das verhärtete Herz des Verstockten zu erleuchten. Darüber, daß sie dergleichen unternahm, hielt sie den Gatten in gelegentlichen erbaulichen Mahnbriefen auf dem Laufenden. Prinz Amadeus litt namenlos unter diesem Mangel an der Tugend des Taktes, von der man seiner Überzeugung nach auch im Verkehr mit seinem Schöpfer nicht entbunden sei. Er hatte schon lange vor, Dantes Hölle und Fegefeuer wieder einmal durchzulesen, und zwar daraufhin, ob es dort nicht auch einen Raum für Taktlose gab, war aber infolge der Vielfältigkeit seiner Beschäftigungen noch nicht zu dieser Arbeit gekommen, so wenig wie Ferdinand zur Widerlegung seiner jugendlichen Irrlehren. Der Ehe des Prinzen war ein Sohn, Joseph Viktor, entsprossen, der dank der auf sentimentale Weise frömmelnden Erziehung durch seine Mutter als junger Mensch zunächst einmal stark über die Stränge schlug, seit Kriegsbeginn aber an der Front weilte und dort ernster geworden sein sollte. Merkwürdigerweise näherte er sich gerade jetzt mehr seinem heiteren Vater, dem er früher ein wenig ausgewichen war, während die törichte Mutter bei dem Sohn dieselben Schwächen zu decken gepflegt hatte, die sie an dem Vater, bei dem sie viel maßvoller und liebenswürdiger aufgetreten waren, so streng verurteilte. Der Prinz freute sich natürlich von Herzen der Annäherung seines Sohnes, obwohl ihm die plötzlich betonte nationale Gebärde des noch recht unfertigen Jünglings ebenso fremd war, wie das formlose Genießertum des Kavalleristen vor dem Krieg; aber das Ernste, sagte er sich, wirkt, besonders in der Jugend, zunächst vielleicht immer unsympathisch, absichtlich und borniert, und der Prinz war weise genug, zu hoffen, daß, nachdem sich dieses zweite Extrem in dem Sohn ausgelebt hätte, ein jenseitiger dritter Ort sympathischen Menschentums von ihm gefunden werden könnte. Eine solche Entwicklung durch freundliches Zuwarten und leises Andeuten zu fördern, hielt er nun für seine väterliche Pflicht, und so viel war schon erreicht, daß der junge Joseph Victor gern zu seinem Vater kam. Gerade wegen seiner außerordentlichen Beliebtheit war Prinz Amadeus während der Revolution besonders gefährdet. Wie in allen Hauptstädten der Mittelmächte gelang die Absetzung des regierenden Herrn auch in Rolfsburg mühelos, weil der blindlings begonnene und gedankenlos geführte Krieg das Vertrauen zu den Führern selbst bei den ordnungwünschenden Klassen so tief erschüttert hatte, daß sich niemand fand, die Dynastieen zu schützen. Nichtsdestoweniger hatte der monarchische Gedanke noch tiefe Wurzeln bei den Gebildeten, und die Treue zu dem Herrscherhaus war auf dem Lande noch weit verbreitet. Sollten diese Kräfte aber noch einmal wirksam gemacht werden, bedurfte es, wenn nicht einer starken, so doch wenigstens einer bezaubernden Persönlichkeit als Thronanwärter. Eine solche war allein Prinz Amadeus, und darum ließen die Revolutionäre gerade diesen harmlosen Mann nicht aus dem Auge. Von der Ungeeignetheit des alten Königs, der fast nur in seinen Jagdrevieren weilte und die Regierungsarbeit zwar pflichttreu, aber im Geist eines ausgedienten Kanzleibeamten erledigte, waren wohl auch treue Monarchisten überzeugt. Was für ihn sprach, war, außer seiner Ehrenhaftigkeit, nur die Tatsache, daß er mit den Bauern in ihrer Mundart und von ihren landwirtschaftlichen Interessen zu sprechen verstand und auf Jagden gelegentlich am derben Tisch eines ländlichen Gasthofs im Angesichte des Volkes ein geschwollenes Würstchen verzehrte. Er tat sich was darauf zu gut, daß er selber am liebsten das Leben eines alten Gemsbockes führte. Gern nächtigte er in einsamen Jagdhütten. Nach dem Frühstück legte er sich auf eine sonnige Halde, oder, wenn die Hitze stieg, unter eine alte Tanne, eine Bauernpfeife qualmend und in sein Land schauend. Gegen Mittag kehrte er zur Hütte zurück, wo ihm sein Leibjäger ein einfaches Mahl bereitet hatte, und den Nachmittag verbrachte er wieder wie den Morgen, ging dann nochmals auf Äsung und streckte sich kurz nach Sonnenuntergang auf sein Lager, ein hartes Feldbett. Was gar den minderjährigen Prinzen Xaver betraf, so war er ein Stotterer, ein scheuer, etwas tierisch wirkender Knabe, der mit zehn Jahren noch nicht recht lesen und schreiben konnte, und sich, wenn man ihn ließ, stundenlang mit den Hunden am Boden balgte, deren verschiedene Stimmen er zum Verwechseln ähnlich nachmachen konnte, so daß er die Tiere selber täuschte. Anders Prinz Amadeus. Gewiß hielt ihn niemand für eine Herrschernatur, aber gerade darum wäre er wie kein zweiter geeignet gewesen, ein moderner, konstitutioneller König im englischen Sinn zu sein. Er besaß keinen persönlichen Ehrgeiz, dafür Treue zu der Überlieferung und Ehrfurcht vor dem Werdenden und war gewiß imstande, sich kluge Minister auszusuchen, hinter denen er selber verschwinden würde. In den aufgeklärten Kreisen der Residenz hatte man schon vor dem Krieg, als sich die Unfähigkeit des Prinzen Xaver nicht länger verbergen ließ, von einem künftigen liberalen Königtum des Prinzen Amadeus geträumt. Wenn die Dynastie noch einen Stein im Brett besaß, so war es hier, und darum lebte die rote Regierung der Hoffnung, in dem allgemeinen Trubel der Revolutionstage den Prinzen auf die eine oder andere Weise wie von ungefähr umkommen zu lassen. Den ganzen Tag war er mit der Sicherheit eines mutigen Knaben den Anweisungen des besonnenen Holthoff gefolgt. Er hatte ihn in dessen Wohnung in der von ihm empfohlenen Kleidung erwartet, bis jener mit den Pässen zurückkehrte, die er gerade noch von einem alten Beamten erhalten hatte, und der Nachricht, daß er, Prinz Amadeus, bereits von Spartakisten gesucht werde und der sogenannte Generalissimus der roten Armee einen Aufklärungsdienst über das ganze Land organisiere. Die Fahrt ging unter kalten Regenböen durch Gegenden mit königstreuer Landbevölkerung ohne Schwierigkeiten vonstatten. Glücklicherweise hatte Erich das Auto auf seiner letzten Frontreise gut instand setzen lassen, denn im Hinterland war längst kein vollwertiges Material mehr zu beschaffen, das eine Parforcetour durch moorige Gegenden ausgehalten hätte. So bestand alle Aussicht, den Verfolgern in ihren plumpen Kriegsautos zuvorzukommen. Der Grenzschutzoffizier begnügte sich auf eine Andeutung des früheren Staatsministers mit dem Einblick in die Pässe für diesen und den Kunstgelehrten Dr. Schenk und sah von einer Untersuchung des Autos ab. Die Herren des österreichischen Grenzschutzes waren um diese Nachtstunde überhaupt nicht zur Stelle, und so fuhr das Auto in's Land, mit hinreichenden Werten versehen, um Prinz Amadeus nicht in Not geraten zu lassen. Nun löste sich die Spannung, in der dieser sich bis jetzt befunden. Mit Leidenschaft nahm er Erichs Rechte in beide Hände und schluchzte: »Mein lieber, alter Freund«. XV Erich Holthoff näherte sich in dieser Zeit, da sich sein Schicksal zu erfüllen begann, bereits den Fünfzig. Er war ein hochgewachsener, starker Mann mit einem dunklen Aztekengesicht und sehr ausgesprochenen, doch nicht gerade harten Zügen. Während die Falten um die glatt rasierten von mancher Enttäuschung und Entsagung berichtenden Lippen ein Leben des Ringens und der Erfahrung verrieten, erhob sich über der kräftigen Habichtnase die auffallend hohe, klare, ja heitere Stirn seines Vaters. Das Haar bog sich kräftig zurück, dunkel, voll und kaum noch angegraut. Die Augen waren braun und der Kraft ihres Blickes pflegte man früher gerne einen Hauptteil seiner zwingenden Wirkung auf die Menschen zuzuschreiben; inzwischen aber schien sich dieses eindringliche Blicken mehr in ein gelassenes Schauen zu verwandeln, das weniger ausstrahlte, als aufnahm. Erich hatte gewußt, was er tat, als er den Prinzen zu schleuniger Flucht über die Grenze veranlaßte. Er wußte aber noch mehr. Wurde dies bekannt, so war seine Sache auf Gedeih und Verderb mit der des Prinzen verknüpft. Darüber nachzudenken, fand er nun während der Fahrt im Auto Muße genug. Seine Lage war nicht einfach. Zwar hatte er dem Staate Harringen nun bald zwanzig Jahre gedient, aber er blieb doch ein Fremder im Land, ein Umstand, dessen sich die Völker in außerordentlichen Lagen immer schnell erinnern. Dazu kam, daß sein Wesen der breiten Öffentlichkeit immer unverständlich geblieben war. Er wurde zwar hoch geachtet, ja verehrt und von unreinen Geistern sogar gefürchtet, aber nur von wenigen Vertrauten geliebt. Die eigentliche Parlamentslaufbahn war ihm erspart geblieben. Aus dem Auswärtigen Amt wurde er zum Minister berufen. Damals war er noch nicht vierzig, und sein starkes patrizisches Standesbewußtsein, verbunden mit einem scharfen kritischen Geist, machte ihn zum ausgesprochenen Feind jedes verwachsenen Liberalismus wie jeder verantwortungslosen Rebellion. Das hatte zu heftigen Kämpfen gegen das Parlament geführt, in denen er die Kunst bewies, den Gegner mit einem Wort tötlich lächerlich zu machen. So erstanden ihm erbitterte Feinde. Indessen wurde die geistige Leidenschaft für das, was ihm als das Wahre und Gute erschien, vor Exzessen bewahrt durch die weltliche des Ehrgeizes. Seit er dem Staat diente, gab es für ihn nur ein Ziel: den Hauptfaden in die Hand zu bekommen und ihn, gestützt auf seine überlegene Einsicht, weiter zu spinnen. Das war nicht möglich, wenn er sich in fanatische Extreme verlor. So begann er mit dem Parlament wie mit einem Musikinstrument umzugehen. Er lernte Mezzoforte und Piano spielen, Allegro und Adagio, und verstand sich bald auf Fermaten und Synkopen. Der Erfolg war, daß die unerwartete Anerkennung, ja das Lob dessen, der immer so scharf Schwächen erkannt und getroffen hatte, eine ungeheure Wirkung übte. So verstand er es besonders, erbitterte Gegner, die er in der Sache bekämpfen mußte, dadurch zu versöhnen, daß er sie nicht nur als seinesgleichen behandelte, sondern sie über die Massen emporhob, indem er zu verstehen gab: Wir sind zwar Gegner auf dem Schachbrett, aber solche, zwischen denen das Spiel eine Freude ist. Einmal nahm er einem derben, aber nicht witzlosen Angriff alle Wirkung, indem er lachend erklärte, daß sein geistreicher Gegner ihm die Befolgung des Gesetzes: »Liebet Eure Feinde« nicht schwer mache. Mitten im Erfolg überkam ihn dann freilich angesichts der subalternen Enge der Kollegen und des nichtigen Gewäschs kindischer und aufgeregter Parlamentarier oft ein Gefühl von der Wertlosigkeit aller Politik, und er träumte von einem Landsitz am Rhein, von betauten oder bereiften Morgenwiesen, von Nachmittagen im Buchenschatten und Abenden unter dem Sternenhimmel, während er tieferen als politischen Interessen lebte, angeregt durch auserlesene Gastlichkeit. So begann eine innere Leere in diesem, vertraulicher Gemeinschaft gar zu sehr entrückten Leben seit einigen Jahren fühlbar zu werden. Geheim wachsende Menschenverachtung im Innern, eine fast unfehlbar gewordene Routine nach außen hatten ihn trocken und kalt gemacht. Sein Herz fror. Nur die nie aussetzende Tätigkeit und die noch immer wachen, vielfältigen Interessen hinderten ihn zur Zeit noch, in diesen eigenen Abgrund zu sehen, aber er fühlte bisweilen schon dunkel, daß ihn der Boden nicht mehr trug. Ihm war manchmal, als schwebe er darüber, und als könne ihn, falls er nicht an sich hielt, plötzlich ein Sturmwind packen und ihn, weiß Gott wohin, treiben. Sein Schlaf war schlecht. Wohl verfiel er abends schnell in einen leichten Schlummer, aus dem er aber plötzlich erwachte, und zwar immer in dem Gefühl, einem Fall in die Tiefe eben durch dieses Erwachen gerade noch entronnen zu sein. Dann nahm er oft ein Mittel, das ihm einige Stunden tiefen traumlosen Schlaf gewährte. Oft aber lag er auch Stunden lang wach und dann kreisten seine Gedanken immer um dieselbe Frage, nämlich, ob er nicht doch besser getan hätte, zu heiraten, aber wenn er sich dann eine Ehe vorstellte, so sah er nur zwei ihm gleich unannehmbare Möglichkeiten: eine anspruchsvolle Mondäne, die sich seiner Stellung für Eigenzwecke bediente, oder das Glück im Winkel. Dies hatte er wohl gelegentlich gekannt, aber sich immer gescheut, es durch Heirat Mittelpunkt seines Lebens werden zu lassen. Zu einer wirklich individuellen Ehe hatte er nie die Gelegenheit gefunden; um aber, wie die Männer seiner Umgebung, eine konventionelle Standesehe zu schließen zum bloßen Zweck der Familienerhaltung, fehlten ihm die Voraussetzungen. Aus seinem Stand war er längst herausgewachsen, und zugleich fühlte er sich als ein Endglied. Wohl wußte er, daß alle solche Erwägungen im Nu zusammengestürzt wären, wenn er nach Espérance Waldegg noch einmal eine Frau getroffen, die sein Wesen erschütterte, aber dies war eben nicht geschehen, ja, wie hätte es in seinen von früh bis spät ausgefüllten Tagen geschehen können? Ein Wunder hätte in sein Dasein hereinbrechen müssen, aber gab es Wunder? So lebte er denn in der trockenen, aber wenigstens klaren Luft der Wüste. Nachdem er schon unter dem früheren König verschiedene Ministerposten bekleidet, hatte ihn zum erstenmal Rolf IV. an die Spitze der Regierung gerufen, und es war hauptsächlich dessen Gunst, die ihn hielt, denn vor der Öffentlichkeit war, wie gesagt, sein Bild schwankend. Kein oberflächlicher Beobachter – und fast alle Beobachter sind oberflächlich – hätte sagen können, ob er denn nun eigentlich konservativ oder fortschrittlich liberal sei. Da man seine wahre Gesinnung nicht fand, nannte man ihn zuweilen gesinnungslos. Der alte König fühlte in ihm vor allem den Ehrenmann, – wenn er sich auf etwas verstand, so war es dies – und schätzte die Fähigkeit des Staatsmannes, mit den Interessenpolitikern und den Utopisten des Parlaments umzugehen, das er nun immer mehr wie eine launische Frau behandelte, über die man nur durch milde Beharrlichkeit Herr wird, nicht aber durch Argumentieren gegen ihre einzelnen Äußerungen oder durch Wutausbrüche, wie sie in dem Charakter des hohen Herrn lagen. Oft sagte er in bitterem Schmerz, das Parlament sei seine Gattin, mit der er in leidlicher Vernunftehe lebte, obwohl er sie durch und durch kenne. Er hatte längst in der Erhaltung des Bewährten so gut wie im Fortschritt zu Neuem, in den wirtschaftlichen Interessen so gut wie in den sozialen Strebungen gleich notwendige Kräfte des Gemeinschaftslebens erkannt, für und gegen keine von welchen der Staatsmann ein persönliches Vorurteil haben dürfe, falls er das Beste des Ganzen im Auge hatte. Stand er an der Spitze der Regierung, schien keine Partei recht zufrieden, denn den Führern war nicht klar zu machen, daß er allein eben nicht Partei ergreifen durfte. Hatten sich aber nach seinem Rücktritt die Gegensätze der unbelehrbaren Parlamentarier wieder einmal bis zur Unversöhnlichkeit zugespitzt und war die Atmosphäre bis zum Ersticken vergiftet, dann rief man immer wieder nach dem Einsamen, als dem einzigen Retter in der Not, und er fand dann jedesmal das Ei des Columbus durch Anwendung der einfachen Maxime, daß jede einzelne Partei im Unrecht ist, alle zusammen aber im Recht sind. Diese Maxime sprach er jedoch nur sehr selten aus, um sie nicht abzunutzen. Das abwechselnde Hervortreten und Verschwinden wurde ihm dadurch ermöglicht, daß er nicht im mindesten am Amt klebte. So gerne er es anfangs erfüllte, so begrüßte er auch immer wieder die Gelegenheit, eine Zeit der Muße vor sich zu haben, die er mit seinen vielfältigen Interessen ausfüllte, ausgedehnten und weiten Reisen, Schriftstellerei, wissenschaftlichen Studien historischer und neuerdings auch philosophischer Art. Ja einmal, nachdem sich während der Jahre die Bücher, die er seiner weiteren Entwicklung wegen lesen zu müssen glaubte, allzuhoch gehäuft hatten, meist deutsche Geisteswissenschaft und englische, immer seltener französische Belletristik, war er nahe daran, den König deswegen um einen halbjährigen Urlaub zu bitten, als ihm die Opposition den Gefallen tat, seinen Rücktritt zu fordern, weil es nicht möglich schien, zu einem Übereinkommen darüber zu gelangen, ob die Einfuhr spanischer Sardinen erleichtert werden solle oder nicht. So schienen ihm alle Dinge zum besten zu dienen, aber dennoch ward er dessen nicht froh. Jedesmal, wenn er eine Zeit der Muße vor sich hatte, nahm er sich vor, diese nicht völlig mit Tätigkeit auszufüllen, mehr zu schlendern und auf Reisen sich vom Zufall leiten zu lassen, auch war er sich völlig bewußt, daß es für ihn noch zu früh war, mit den Frauen abzuschließen; er fühlte, daß, bevor er das Tor des Alters durchschreiten würde, er noch ein Frauenerlebnis brauchte, das ihn nicht weniger bewegte, als das mit Espérance am Beginn seiner Laufbahn. Indessen waren ganz von selbst auch in den Zeiten der Muße seine Tage wieder ganz mit Tätigkeit ausgefüllt; selbst auf Reisen und bei längeren Aufenthalten in Hotels an der See oder auf Landsitzen von Freunden war es nicht anders. An Beziehungen zu Frauen fehlte es zwar seiner glänzenden Persönlichkeit nie, aber auch in den Ferien lebte der Herr Staatsminister wie in einer Festung, der sich viele Neugierige näherten, in deren Inneres aber niemand drang. Oft fragte er sich, warum das nur so sei. Seines Wissens war nicht er es, der sich hochmütig verschanzte, vielmehr schien ihm, der sehr liebenswürdig und herzlich mit Menschen sein konnte, als ob die Menschen ihm jene einsame Rolle unter ihnen anwiesen. 1915 hatte er indessen doch wohl endgültig seinen Abschied genommen und sich seitdem öffentlich nur noch Angelegenheiten der Wirtschaft gewidmet, ja man sprach geradezu von einem Bruch mit dem König. Nun begann Holthoff eine höchst unsichere Figur zu werden. Kaum etwas konnte ihm ferner liegen, als letzte Ziele und Ideologie der Sozialdemokratie, aber er mußte sich und anderen zugestehen, daß sich seine Kritik an den Verhältnissen, besonders der Kriegspolitik, immer mehr mit der ihren deckte. Er war von vornherein gegen Österreich-Ungarns Ultimatum an Serbien und Deutschlands Durchmarsch durch Belgien gewesen, dessen Wirkung auf die westliche Mentalität er richtig bemaß. Nach der Schlacht an der Marne wußte er, daß Deutschlands einziger Trumpf, die Überrennung Frankreichs, ehe Rußland seine ganzen Kräfte gesammelt hätte, verspielt war. Von jetzt ab sah er, nicht ohne Fühlung mit den neutralen Ländern, die Rettung nur noch in einem damals ohne Siegergeschrei erreichbaren Frieden auf der Basis eines Austausches Lothringens und der französisch sprechenden Teile des Elsaß gegen eine für Deutschland wertvolle Kolonie, wo das Klima die Ansiedlung von Weißen erlaubte. Mit diesem Plan war er nach Berlin gereist, hatte aber überall verschlossene Türen gefunden. Als er zurückkam, sah er die Haltung des Königs ihm gegenüber sehr abgekühlt; er erklärte sich dies durch den Mißerfolg seiner Reise; da er sich aber immer mehr überzeugen mußte, daß der König von Berlin aus gegen ihn eingenommen wurde und sich selbst immer zäher an die Berliner Politik anschloß, nahm er seinen Abschied. Wieder wurde man nicht klug aus ihm, und er mußte sich sagen, während er neben Prinz Amadeus im Auto saß, zur Klärung seines Bildes in der Öffentlichkeit würde die Tatsache nicht gerade beitragen, daß er jetzt einer Kgl. Hoheit über die Grenze verhalf. Nicht allzu lange ließ sich das verheimlichen. Wer sich fragte, was denn seine Triebfedern zu dieser Tat waren, die in der wirren Lage, im Falle sie mißglückte, beiden Männern das Leben kosten konnte, würde keinen anderen Grund bei ihm vermuten, als die ehrgeizige Absicht, zu gegebener Zeit in der Person des Prinzen Amadeus das Königtum wieder zu errichten, um selbst noch einmal ans Ruder zu kommen. In Wirklichkeit hatte er an nichts dergleichen gedacht, als er heute früh zu dem Prinzen ins Palais fuhr. Schon seit einigen Tagen erwog er, in dieser unsicheren Zeit die Residenz zu verlassen, und da hatte er sich noch rechtzeitig des schutz- und allein ziemlich hilflosen alten Freundes erinnert. Jetzt erst, während er in dem regengepeitschten Auto durch das Land fuhr, gab er sich Rechenschaft darüber, daß er damit die ganze Gefahr eines gegenrevolutionären Unternehmens auf sich genommen hatte. Sollte er nun etwa sich entschuldigen oder beteuern, so sei es nicht gemeint gewesen? Gerade in letzter Zeit war in ihm der alte Traum zur Absicht gereift, sich wie Ferdinand auf dem Lande anzukaufen, in einem otium cum dignitate zu leben und vielleicht seine Denkwürdigkeiten zu schreiben, aber zugleich hielt ihn etwas davon zurück. Fürchtete er diese endgültige Muße? Manchmal war ihm zu Mut, als sei es ihm recht, daß er immer wieder nicht dazu kam. Freilich, unwiderstehlich zur Tat trieb es ihn längst nicht mehr, auch nicht nach den Ereignissen der letzten Tage, mehr und mehr schien ihm Politik als das leerste, seelentötendste Geschäft auf Erden. Auch gegen seine Gegner vermochte er sich nicht mehr zu ereifern. Eine Republik schien ihm an sich nicht verwerflich im Augenblick, wo die Monarchen versagt hatten, vielleicht sogar wünschenswert. Wie aber sie herstellen? Die, welche sich im Augenblick als Baumeister anboten oder vordrängten, waren meist noch fragwürdiger, als jene verblendeten Kriegspolitiker und Militärs, denen er hatte weichen müssen. Neben ihm aber saß der, auf welchen sich seit langen Jahren die Hoffnungen des Landes richteten. Er war sein Freund, und seit heute Morgen schien dessen Schicksal an das seine gekettet. Hier war endlich wieder einmal ein Fingerzeig, noch lange nicht freilich, was er tun sollte, wohl aber, in welcher Richtung er zunächst weitergehen, vielleicht sich weitertasten mußte. Jedenfalls hieß es nun bereit sein, alle Folgen zu tragen, und das hatte nur einen Sinn, wenn er auch die ganze Erfolgsmöglichkeit der Lage in's Auge faßte. Plötzlich war ihm zu Mut, als ob ihn noch einmal die alte Tatkraft durchströmte. Er war einst einer Liebe gefolgt, und das hatte ihn auf den Weg des Staatsmannes gebracht; heute früh noch hatte er vermeint, nur einem Freund das Leben zu retten, und vielleicht verhalf er ihm auf den Thron. Möglicherweise scheiterten sie auch beide und mußten es mit dem Leben büßen, und alles dies bedeutete dann nichts anderes, als die Erfüllung zweier individueller Schicksale. Es war ihm plötzlich sehr leicht zu Mut. Wohin trieb es ihn wohl? Er fühlte sich wieder vom Lebensstrom gepackt wie in der Jugend, als er nach Harringen ging, und er sah nun erst ganz, wie leer seine letzten zehn Jahre gewesen, in denen ihn nichts mehr getrieben hatte, wo er nur der Routine gefolgt war. Er gedachte seines Jugendtraums, für die verlorene Sache einer verehrten Königin zu kämpfen. Wirklich, alles, was wir erleben ist Gleichnis. War das jetzt nicht die unter einem Kastanienbaum am Rhein durch die Morgennebel seiner Jugend vorausgesehene Lage? Er erschauerte, denn deutlich fühlte er sich geführt. Dennoch machte ihn auch das nicht siegesgewiß. Vielleicht – nicht oft genug glaubte er es sich sagen zu können – führte gerade dieser Weg zum Untergang. Sicher war nur, daß er ihn zu verfolgen hatte, wohin er auch ging, und zwar mit solcher Besonnenheit, als hinge von der Erreichung seines Ziels das Heil der Welt ab. Er hatte auf der Hut zu sein, nichts zu übereilen, zu warten, bis die Stunde deutlich schlug, schließlich zu handeln auf die Gefahr hin, daß dann etwas ganz anderes geschah, als was er jetzt meinen konnte, oder er hatte sich eines Tages zu überzeugen, daß die Stunde für ihn nicht mehr schlagen würde. Dann mußte er mit ebensolcher Bereitschaft zurücktreten, vielleicht bekennen, daß er geirrt hatte, aber seinem Wesen nach irren mußte, gerade im Untergang sein Leben erfüllend, das in allem Erfolg stets ein geheimnisvoller Unterstrom von Tragik begleitet hatte. In solchen Gedanken hatte er etwa zwei Stunden neben dem Prinzen Amadeus gesessen. Dieser war zwar wieder erwacht, wagte aber nicht das Sinnen seines Retters zu unterbrechen. Erich aber gedachte, nicht eher mit dem Prinzen von den jetzt erwogenen Möglichkeiten zu reden, als bis er soweit war, ihm einen Plan zum Handeln vorzulegen. XVI Am Morgen nach der Ankunft der beiden unerwarteten Besucher war in Sensburg keine geringe Bewegung. Zunächst erschrak Frau Betty fast zu Tod, als beim Betreten der Küche dort ein pausbäckiges, blondes Mannsbild stand, das sich wusch, indessen war sie schnell beruhigt, als sie in ihm den Feldwebel Toni Wildgruber erkannte, der nach einer schweren Verwundung von Exzellenz Holthoff als Chauffeur für seine häufigen Frontreisen reklamiert worden war, ein zuverlässiger Mensch, Bauernsohn, und von der Gesundheit ausstrahlenden wohlgelaunten Art, bei der sich die Weiber geborgen fühlen. So waren denn auch die zwei Mädchen, besonders Cilli, hocherfreut, zum Kaffee an dem Küchentisch einen männlichen Gast zu haben, der lebhaft zu erzählen verstand, wie es in den letzten Revolutionstagen in Rolfsburg zugegangen war. Auch in Österreich erwartete man ja stündlich die Abdankung des Kaisers. Inzwischen waren im ersten Stock die Brüder erwacht. Erich fühlte sich so frisch wie lange nicht. Er hatte seit Monaten zum ersten Mal wieder ohne Pulver gut geschlafen. Ihm war als schwimme er wieder im Strom des Lebens, der seit Jahren nur fern an sein einsames Gestade gebrandet hatte. Ferdinand entschloß sich nun dem Bruder mitzuteilen, daß Melusine noch zugegen war. Das begrüßte Erich lebhaft, da es den musikliebenden Prinzen sehr unterhalten würde und auch er selbst gespannt war, die berühmte Künstlerin kennen zu lernen. Nachdem Wildgruber den Dr. Schenk zu der befohlenen Stunde geweckt hatte, überbrachte er Ferdinand dessen Wunsch, nicht im Schlafzimmer zu frühstücken. So erwarteten ihn die Brüder unten im Eßzimmer. Etwas später trat Cilli bei Melusinen ein, und beim Frisieren erzählte sie ihr höchst aufgeregt, nicht nur daß der Bruder des gnädigen Herrn mit seinem Freund, Herrn Dr. Schenk, spät in der Nacht angekommen sei, sondern daß das Stubenmädl, welches eben das Zimmer dieses Doktors aufräume, sie höchst geheimnisvoll hineingerufen und ihr, so wahr sie da stehe, in dessen Wäsche eine eingestickte Krone gezeigt habe, und zwar keine so gewöhnliche mit Zacken, sondern eine geschlossene; und was das zu bedeuten habe, das wisse sie genau, sie, die Cilli, weil doch ihr Bruder Pepi in der Wiener Hofburg bedienstet gewesen war und dem alten Kaiser täglich das Mittagessen serviert hat, der aber all die feinen Speisen nur angeschaut und immer bloß ein Stückel Rindfleisch genommen, der gute alte Herr. Während dieses Redestromes hatte sich Melusine, im Frisiermantel begraben, unter der Flut ihres sandfarbigen Haares, erstaunt nach der Sprecherin umgedreht: »Nun«, sagte sie in dem sofortigen Gefühl, daß die Cilli da etwas in Erfahrung gebracht hatte, was sie nichts anging, »der Herr Minister hat doch sicher zu vielen vornehmen Herren Beziehungen.« Aber Cilli ließ sich nicht von ihrer Fährte abbringen. »Das is' kein so a g'wöhnlicher vornehmer Herr wie unser Windischgrätz oder der Esterhazy«, sagte sie wohlbewandert, »a solchener hätt' net nötig, sich Dr. Schenk zu nennen. Außerdem is' das a Kron' mit Spangen. Wenn die Frau Baronin mei Meinung hern will: I schmeck Hofluft.« Als Melusine später zum Frühstück hinunter ging, begegnete sie auf dem Flur Ferdinand in heiterer Angeregtheit, ein Kistchen Importzigarren unter dem Arm, die er gerade in's Speisezimmer tragen wollte. »Erich ist heute Nacht gekommen, mit einem Freund, Dr. Schenk«, sagte er. »Dieser Dr. Schenk scheint aus besserer Familie zu sein?« erwiderte Melusine. Ferdinand machte ein unbeschreiblich törichtes Gesicht. »Ja, wenn Männer etwas geheim halten wollen,« spottete sie. Sie erzählte ihm indessen alles und meinte, wenn es hier etwas zu verheimlichen gelte, möchte es doch wohl besser sein, die Leute des Personals feierlich in's Vertrauen zu ziehen, wobei, wenn man an ihr Ehrgefühl appelliere, immer noch eher auf ihre Verschwiegenheit zu rechnen sei, als wenn man ihnen überlasse, sich auf eigene Faust Klarheit zu verschaffen, wozu sie sich ja schon auf dem besten Weg befänden. »Sehr gescheit«, sagte Ferdinand, »das ist eine Aufgabe für Erich.« »Warum denn immer Erich, können Sie denn das nicht selbst Ihren eigenen Leuten gegenüber tun?« fragte Melusine etwas ärgerlich. »Wenn er es aber besser macht?« Sie ergriff plötzlich seine Hand und befahl mit bittendem Ton, doch leicht mit der Sohle den Boden schlagend: »Tun Sie es, Ferdinand!« Er schaute sie einen Augenblick beglückt an. Während sie die Treppe hinunter gingen, sagte er ihr, wer der Gast sei, den er bereits über sie und ihr Flüchtlingsschicksal unterrichtet habe, und ehe sie das Eßzimmer betraten, flüsterte er noch eifrig: »Also ja kein Hofzeromoniell, ich stelle ihn vor, als wäre er irgend ein Herr Dr. Schenk, Sie bleiben sitzen, wenn er aufsteht, und gehen vor ihm durch die Tür.« Den Prinzen schien das Glück, das ihn gestern zu verlassen drohte, wieder eingeholt zu haben. Ein angenehmeres Exil hatte er sich kaum träum können, als bei einem solchen Geistesverwandten wie Ferdinand obendrein eine so große Künstlerin wie Melusine von Kaden als Gast zu finden. War er auch in der Musik nicht wie in den bildenden Künsten wirklicher Kenner, so doch echter Liebhaber, der Melusinens Anwesenheit richtig zu schätzen wußte. Mit aufrichtigem Enthusiasmus küßte er ihr die Hand, aber in seinem Lob ihrer ihm wohlbekannten Leistungen lag unbewußt ein so ausgesprochener Ton großartigen Gönnertums, daß sich Melusine, wäre sie nicht schon unterrichtet gewesen, höchlich über die Gebärde dieses Dr. Schenk gewundert haben würde. So dürfen nur Meister oder sehr große Herren loben. Melusine, die diesen Ton aus dem Winterpalais in Petersburg kannte, hätte instinktiv fast die verbotene Verbeugung gemacht und »O königliche Hoheit« gehaucht, was den Prinzen gewiß sehr enttäuscht hätte. Er glaubte, man könne nicht mehr, als er in diesem Augenblick, Dr. Schenk sein, obwohl er sich bereits niedergesetzt hatte, während Melusine noch stand, und er ihr im Ton des Hausherrn mit einer runden Armbewegung sagte: »Aber meine liebe Baronin, nehmen Sie doch Platz.« Infolge dieser Umstände fand die Vorstellung Erichs nur so nebenbei statt. Außerdem war er mit dem Rücken gegen das Fenster gekehrt, sodaß sie nur den Umriß eines großen schwarzen Kopfes sah, während er sie, die mit dem Gesicht nach dem Licht saß, in Muße betrachten konnte. Die Aufmerksamkeit des Prinzen war völlig von ihr gefesselt. Er reichte ihr Butter, Honig und geröstetes Brot und fragte sie nach Petersburger Angelegenheiten. Als ihren besonderen Gönner dort bezeichnete sie den feinsinnigen musikliebenden Großfürsten Konstantin, und gerade dieser war es, den Prinz Amadeus seinen einzigen richtigen Freund in Rußland nannte. Er erzählte selbst einige muntere Geschichten, so von einem nächtlichen Gelage, wobei der Großfürst Paul Alexandrowitsch um zwei Uhr früh unbedingt noch Geflügel und zwar in schwarzer Sauce essen wollte, worauf der Hausherr, ein Mann von altem Bojarentyp, aus Ermangelung eines anderen Vogels, seinen hundertjährigen Papagei von der Stange genommen und einem Lakeien mit den Worten übergeben habe: In die Pfanne mit ihm! Unter wildem Gelächter sei eine Stunde später das zähe Vieh in einer Sauce Chasseur verspeist worden. »Das slavische Blut«, rief Melusine. Der Prinz glaubte die Erklärung eher in dem asiatischen Einschlag zu finden. Inzwischen hatte Ferdinand dem Bruder halblaut mitgeteilt, was er von Melusinen auf der Treppe erfahren. Erich runzelte die Stirn, aber während ihm Ferdinand Melusinens Vorschlag zuflüsterte, das Personal einfach in's Vertrauen zu ziehen, leuchtete ihm das sehr ein. Prinz Amadeus war, als er von Erich davon erfuhr, zunächst etwas erschreckt; aber sofort wurde dieses unangenehme Gefühl überwältigt durch ein herzliches Entzücken über den wirklich ganz exzellenten Vorschlag der Baronin, den er ein über das andere Mal geradezu geistreich, psychologisch und weiblich feinfühlig nannte. Erich ergänzte ihn dahin, daß man am besten das Personal herbeirufe und es angesichts Sr. Königl. Hoheit zum Schweigen verpflichte. Das würde sicher nachhaltigen Eindruck auf die Leute machen. »Ja, tun Sie das, tun Sie das, lieber Holthoff«, sagte der Prinz, sodaß zu Melusinens stillem Groll die Frage gar nicht zur Erörterung kam, daß dies eigentlich Sache des Hausherrn war. Dieser ging indessen hinaus in die Küche und sagte Frau Betty, er wünsche sie und die zwei Mädchen dem angekommenen Gast persönlich vorzustellen. Frau Betty, die natürlich bereits ebenso viel über Dr. Schenk wußte wie Cilli, aber auch nicht mehr, denn aus Wildgruber hatte niemand näheres herausbekommen können, erbebte bis tief in ihr altes Herz. Für ihre treue Dienerseele begann nun die Zeit ihrer höchsten Lebenserfüllung. Sie mußte freilich ihren ganzen Mut zusammenfassen, um die Lage überhaupt auf sich zu nehmen. Zunächst sank sie daher auf einen Küchenstuhl und sagte, sie wisse gar nicht, wie sie sich da zu benehmen habe, aber schon war wie ein Wiesel die naseweise Cilli hereingeeilt, die an der Tür gelauscht hatte, und stellte ihre Kenntnisse der Hofetikette zur Verfügung. Selbstverständlich mußten sich alle erst in Staat werfen, und so wurde die Audienz für eine halbe Stunde später festgesetzt. Um zehn Uhr betraten die drei Frauenzimmer unter Wildgrubers Führung den Salon und stellten sich mit tiefen Verbeugungen vor Prinz Amadeus auf. Erich Holthoff aber hielt eine kleine Ansprache. In freundlichem Tone führte er aus, er wisse, daß hier in Sensburg die Dienstboten für den Herren keine Fremden seien, sondern zum Haus gehörten und sein Wohl und Wehe teilten. Darum gebühre es sich, daß Vertrauen mit Vertrauen belohnt werde, besonders in einer so schweren und gefahrvollen Zeit wie der jetzigen, in der keiner, weder der Höchste, noch der Niedrigste wisse, ob er morgen noch ein Dach über dem Kopf hat. Der hohe Gast, Se. Königl. Hoheit, Prinz Amadeus von Harringen, sei gestern seines ererbten Daches beraubt worden. Er mußte vor den Schreckenstaten in seiner Hauptstadt über die Grenze flüchten, und nun habe er in Sensburg ein Obdach gefunden. Erich wisse nun zwar von seinem Bruder, daß sie alle treue Leut' seien, und daß es eigentlich gar nicht nötig wäre, sie zu ermahnen, dem hohen Gast das Leben in der Verbannung so leicht wie möglich zu machen in seinem kleinen Zimmerl – bei diesem rührenden Ausspruch Sr. Exzellenz konnte Cilli das bisher mühsam bekämpfte Schluchzen nicht länger zurückhalten – aber es gäbe noch eine andere Pflicht, die wie eine Kleinigkeit scheine und die doch so unendlich viel schwerer sei, als ordentliche Arbeit, und besonders schwer für junge Mädel, das sei die Verschwiegenheit. Keinem Menschen dürften sie von der Ehr' erzählen, an der alle hier im Zimmer Versammelten teil hätten, einem so hohen Gast zu dienen. Sie sollten nur bedenken, daß ein unvorsichtiges Wort dem geliebten Prinzen das Leben kosten könne. Der Redner malte die Gewissensqualen aus, wenn die, welche so ein Wort ausgesprochen hätte, erleben müsse, daß Seine königliche Hoheit entdeckt, von einer revolutionären Bande überfallen, mitgeschleppt und wie ein gemeiner Verbrecher in's Gefängnis oder um's Leben gebracht würde. Das seien keine Übertreibungen. Wenn's sie interessiere, sollten sie sich vom Wildgruber, der ein belesener Mann sei, einmal erzählen lassen, wie's bei der französischen Revolution hergegangen ist und was jetzt schon alles in Rolfsburg passiere. Also er glaube, die Mädeln hätten ihn nun verstanden, mehr sei nicht nötig unter »anständige Leut'«. Er schloß mit den Worten: »Jetzt reiche ein Jeder Sr. Kgl. Hoheit die Hand und verspreche Verschwiegenheit bis in's Grab.« Erich gab Wildgruber einen Wink, der als erster tat, was verlangt war, dann folgte tief bewegt Frau Betty und zum Schluß benetzte die laut weinende Cilli die Hand Sr. Kgl. Hoheit mit Tränen und küßte sie. » Voulez-vous dire quelque mots, Monseigneur? « flüsterte Erich, aber der Prinz war selbst derart von Rührung überwältigt, daß er nur tonlos erwiderte: » Inutile, inutile, cher ami, après vos belles paroles! « und Erich herzlich die Hand drückte. Draußen waren sich alle einig, wie schön der Herr Minister gesprochen hatte. Später sagte Ferdinand im Nebenzimmer zu Melusinen, die verstimmt war, weil er sich so leichten Kaufs seines Hausherrnrechts begeben hatte: »Ich habe ihn schon manche brillante Parlamentsrede halten hören, aber diesen einfachen Ton hätte ich ihm nicht zugetraut. Es hat fabelhaft auf die Leute gewirkt.« »Einfach nennen Sie das?« antwortete Sie, »mir ist nie etwas Raffinierteres vorgekommen, es könnte einem fast Angst davor werden.« »Sehr merkwürdig, was Sie da sagen,« erwiderte Ferdinand sinnend. Der Tag verlief etwas matt, zumal Melusine auf eine Andeutung des Prinzen hin bat, er möge einige Tage mit ihr Geduld haben. Gerade ihm möchte sie das erste Mal nicht in ungünstiger Stimmung vorspielen, heute aber habe sie Kopfschmerzen und fühle sich sehr abgespannt. Nach den Mahlzeiten zog sie sich bald zurück. Auch die Männer waren müde und legten sich früh zu Bett. Am folgenden Tage verließ Erich Sensburg in der Absicht, sich nun zunächst einmal einen Überblick über die allgemeine Lage zu schaffen, vor allem festzustellen, wie weit die Schichten in Deutschland und Österreich reichten, die weder die unhaltbar gewordene Vergangenheit zurückersehnten, noch sich durch ihre Kritik am Alten zum Bejubeln des Umsturzes hinreißen ließen. Er fuhr zunächst nach Wien. Im Lauf des Revolutionswinters bereiste er dann unter großen Schwierigkeiten das scheinbar in völliger Zersetzung liegende Deutschland, kam jedoch von Zeit zu Zeit immer wieder nach Sensburg, um den Prinzen Amadeus darauf vorzubereiten, gegebenen Falles in der einen oder anderen Form die Rechte der Dynastie zu wahren, denn die Abdankung des Königs schien ihm so unerläßlich, wie die sogenannte soziale Republik mit den Arbeiter- und Soldatenräten nach Sowjetmuster in alten Kulturländern unhaltbar. XVII Sofort in den ersten Tagen nach des Prinzen Ankunft hatte ihm Ferdinand sein Schlafzimmer abgetreten, das er in einen behaglichen Wohnraum umgestaltete; das anstoßende Fremdenzimmer diente dem Gast weiter zum Schlafen. Ferdinand begnügte sich mit einer Kammer, das noch übrige Gastzimmer blieb für Besuche frei, besonders für Erich, der nun häufig unverhofft zu erwarten war. Der Prinz fühlte sich außerordentlich wohl. Es fehlte ihm nichts als der alte Kammerdiener Emmerich, der seit seiner Knabenzeit um ihn gewesen war. In den ersten Wochen hörte man nicht selten aus seinen Zimmern verzweifelt diesen Namen rufen, wenn etwas unter das Bett gerollt war oder ein Gebrauchsgegenstand tückisch wurde. Allmählich aber verstummte dieser Ruf, Prinz Amadeus hatte gelernt, sich selber die Krawatte zu binden und sich mit einem Apparat zu rasieren. Übrigens zog er sich gern in die mit alten Teppichen und Bildern geschmückten Räume zurück und begann einige Kapitel seiner Lebenserinnerungen aufzuzeichnen. Inzwischen versäumte Erich nicht, wenn er nach Rolfsburg kam, in dem Palais nach dem Rechten zu sehen, in dem nur der Obersthofmeister Graf Twelen mit dem Leibjäger verblieben war und das bis jetzt keinerlei Schaden gelitten hatte. In seinem Reisegepäck brachte Erich oft Kleidungsstücke, Gebrauchsgegenstände und dem Prinzen am Herzen liegende Briefschaften und Papiere über die Grenze, sowie die Reisetagebücher, die nun die Grundlage zu den Aufzeichnungen bildeten. Abends im Bett las Prinz Amadeus gern Memoiren, dann aber auch seine Lieblingsschriftsteller Prosper Mérimée, Walter Savage Landor, Conrad Ferdinand Meyer, Paul Heyse und den älteren Dumas. Am höchsten freilich stellte er Plato, weil er der Begründer des Idealismus war, und Goethe. Von beiden führte er gelegentlich ein Wort an, las sie aber niemals. Nach den Abendessen pflegte nun Ferdinand mit seinen beiden Gästen zwischen den goldschimmernden Buddhas und den barocken Holzfiguren zu sitzen. Melusinens Mißstimmung war sofort nach Erich's erster Abreise geschwunden und mit heiterer Bereitwilligkeit griff sie, von Ferdinand begleitet, zur Geige, so oft es der Prinz wünschte. Bald stellte es sich heraus, daß dieser eine klangvolle Baritonstimme besaß. Früher hatte er gern Mendelssohn'sche Lieder gesungen, sogar Duette, wie: »Ich wollt', meine Lieb' ergösse sich,« wozu ihm einst sein nun längst im Grabe liegender früherer Adjutant Graf Liechtenfeld als Partner zu dienen pflegte. Bis zu dergleichen ernsten Leistungen wagte sich Amadeus freilich hier nicht vor; als aber einmal vom Volksgesang die Rede war, setzte er sich an den Flügel und trug Lieder, teils gefühlvoller; teils launiger Art in den verschiedensten Sprachen vor, wobei er den Lokalton recht bemerkenswert fand, und als er den ehrlichen Beifall seiner Zuhörer sah, hielt er nicht länger mit seinem tatsächlich ungewöhnlichen Nachahmungstalent zurück. Er konnte jeden Menschen, den er öfters beobachtet hatte, in seinen charakteristischen Zügen darstellen, und da naturgemäß darunter viele Leute von Rang oder Bedeutung waren, fesselte er Ferdinand und Melusinen sehr. Entdeckt wurde diese Gabe von den beiden, als er einmal wieder von Petersburg erzählte, und bei der Wiedergabe eines Gesprächs zwischen dem lauten Kaiser Wilhelm II. und dem mehr lispelnden Zaren unwillkürlich in beider Ton sprach, den er, wie Melusine mit Lachen bestätigen konnte, ausgezeichnet traf. Ja, Se. Heiligkeit den Papst Leo XIII. unterstand sich der Prinz nachzuahmen, und Ferdinand, der in der Jugend einmal einem Privatempfang im Vatikan beigewohnt hatte, erkannte ihn sofort an dem etwas näselnden, bisweilen ganz plötzlich abbrechenden, und dann wieder etwas leiser einsetzenden, leicht italianisierenden Französisch. Nie hatte sich der Prinz so frei dieser Begabung überlassen können, denn in seiner Familie dachte man wie Philipp von Mazedonien, der bei einem Gastmahl den musizierenden Sohn Alexander fragte: Schämst Du Dich nicht, als Fürst so gut die Flöte zu blasen? In den gesellschaftlichen Verkehr des Prinzen aber stellte sich nur selten die nötige Intimität ein, die ihm erlaubt hätte, seine Talente so offen zu zeigen, wie in Sensburg. Hier nun gewöhnte er sich geradezu an, wenn er von anderen sprach, sie sich in direkter Rede auf ihre Art ausdrücken zu lassen, und als er sich eines Tages so weit vergaß, Erich Holthoff, seinen Wohltäter nachzuahmen, da erregte er Stürme von Heiterkeit. Obwohl dies wie immer ohne die geringste Bosheit geschehen war, bereute er es sofort, besonders, als er in dem nicht endenwollenden Lachen Melusinens, die ihn um Wiederholung bat, einen giftigen Ton zu vernehmen glaubte, der ihn etwas erschreckte. Er tat es niemals wieder, so oft auch von Erich die Rede war und Melusine ihn drängte. Durch mehrere Wintermonate lag Sensburg tief verschneit. Schnee bedeckte die Talsohle, die niederen Bauernhäuser, das hochgeschweifte Dach des Herrenhauses und die schroffen Bergwände. Draußen in den Städten schossen Spartakisten von den Dächern und die durch vier Kriegsjahre niedergehaltene Lebensglut derer, die mit dem Tod gerungen, und der Schichten, die nun zum erstenmal die vermeintlich wahren Lebensgüter in Reichweite sahen, loderte in wilden rauchschwälenden Flammen auf. Indessen floß das Dasein der drei Menschen auf dem oberösterreichischen Landsitz friedlich, ja behaglich dahin, denn die Stunde ihres Schicksals war noch nicht gekommen. Der Prinz hatte sofort herausgefühlt, daß sich zwischen Ferdinand und Melusinen zartere Fäden knüpften, als die sichtbaren, und pflegte sich daher abends nach dem Musizieren früh in seine Zimmer zurückzuziehen, falls man ihn nicht ganz besonders lebhaft zum Bleiben ermunterte. Ferdinand und Melusine saßen meist bis Mitternacht zusammen. Immer öfter forderten sie ihn indessen auf, noch etwas zu verweilen, denn tatsächlich hatten sie sich nicht mehr viel unter vier Augen zu sagen. Beide waren von dem nicht wieder ausgesprochenen Wunsch erfüllt, die Gegenwart möge unverändert andauern, und die freundliche Anwesenheit des Gastes schien dafür eine Gewähr zu bieten. Besonders Ferdinand, ein Genie im Aufschieben und Vermeiden von Entscheidungen, war immer froh, wenn für's erste alles blieb, wie es war, und so merkte er nicht, wenn die Dinge um ihn sich heimlich-unheimlich veränderten, oder wollte es nicht merken. Melusine schien sich ganz zu seiner Wu-wei-Lehre bekehrt zu haben, und als er gar den Prinzen in sie einweihte, war dieser ganz entzückt davon. Nur wenn Erich im Flug einmal gegen Abend erschienen und am nächsten Tag davon gefahren war, kam es wieder zu lebhaften Gesprächen unter vier Augen zwischen Ferdinand und Melusinen. Mit einem Unterton von gereizter Rechthaberei, welcher der überlegenen und beherrschten Frau sonst wohl fremd war, wollte Melusine in allem, was Erich tat und sagte, etwas Absichtliches, von geheimen Motiven Eingegebenes, irgendwie Berechnetes sehen. Nun hatte er aber auch wirklich eine ganz unausstehliche Art gegen sie, was Ferdinand im Stillen über die Massen belustigte. Es war ganz offenbar, daß sie ihn durch kühne Behauptungen herauszufordern suchte, die unbedingt im Gegensatz zu seinen, und wie Ferdinand schmunzelnd feststellte, im Grund auch zu ihren eigenen Ansichten standen. Und was tat er? Er gab ihr in nachdenklichem Tone recht, ordnete aber das Gesagte so überraschend in einen weiteren Zusammenhang ein, daß es tatsächlich richtig wurde und Melusine immer wieder fühlen mußte, wie wohl er sie, wie wenig aber sie ihn übersah. Melusine war weder eine Freundin emanzipierter Frauen, noch losgelassener Jugend, und was gar die Revolution betraf, so hatte sie ja damit Erfahrungen am eigenen Leib gemacht. Dennoch geriet sie Erich gegenüber in einen solchen Radikalismus, daß Ferdinand sie einmal, leis erschreckt, eine heimliche Bolschewistin nannte. Darauf behauptete Erich in aller Seelenruhe, das seien wir alle. Natürlich wünsche ein jedes Wesen möglichst zwanglos zu leben, und wenn nun gar der Zwang mit sinnlosen Mitteln und von wenig achtungswürdigen Personen ausgeübt würde, wie es ja heute leider viele Regierende, Vorgesetzte, Lehrer, Reiche, Gatten, Väter usw. wären, dann sei Empörung die Folge, und so könne man es nur zu gut verstehen, daß selbst eine Frau wie Melusine die Partei alles Revolutionären ergreife. Aber das tat sie ja gar nicht, was glaubte er nur von ihr? Sie hatte Schwierigkeit, sich zu beherrschen. Schon als Künstlerin sei sie doch am Fortbestehen der Tradition und Kultur interessiert. Auch das billigte Erich. Hierin läge ja das Problem, wie man Wertvolles retten und zugleich unerträglich gewordenen Zwang lösen könne. Nun ärgerte sich Melusine darüber, wie einig sie waren. Und doch fühlte sie, sie waren nicht einig, aber wo der Widerspruch lag, das fand sie nicht heraus. Oft drang sie daher in Ferdinand, er möge ihr Erichs Standpunkte näher erklären. In einer Frage war sie unbedingt freiheitlich-fortschrittlich gesinnt, in der Forderung des Frauenstudiums. Sie wußte zufällig, daß Erich in Harringen schon lange vor dem Krieg ein Hauptförderer gerade dieses Verlangens gewesen war. Dennoch wollte Melusinen aus gelegentlichen Bemerkungen scheinen, als betrachte er das Studium der Frauen skeptisch. Sie sagte ihm daher einmal auf den Kopf zu, er scheine heute zu bereuen, was er früher in dieser Sache getan hatte, aber das war nun ganz und gar nicht der Fall. Er lachte vielmehr, nannte sich einen Mann alten Stils, der nicht gerne sähe, wenn Frauen sich gegen das Frauenschicksal auflehnen und in dem Beruf etwas besseres erblicken als dieses, aber als Staatsmann hätte er nicht nach solchen privaten Gefühlen zu fragen, sondern nur ins Auge zu fassen, daß die Zahl der Frauen, denen ein Frauenschicksal wahrscheinlich versagt bliebe, heute so groß geworden war, daß man ihnen die Vorbereitung auf einen Ersatz nicht nur nicht weigern dürfe, sondern ihnen sogar anraten müsse. »Aber Sie erwarten sich nichts davon?« fragte Melusine erregt. »Für die persönliche Entwicklung der Frau doch,« erwiderte er; Bildung sei natürlich auch bei einer Frau immer besser, als Unbildung. »Aber für die Wissenschaft, die Kunst und den Staat?« Nein, für diese erwartete er sich offen gestanden nicht viel davon. Er meinte, die geistige Entwicklung der Menschheit würde nicht im mindesten verändert werden, wenn man alle wissenschaftlichen und künstlerischen Werke der Frauen ausstreiche, womit er übrigens gar nichts gegen deren gelegentlichen Wert gesagt haben wolle. Nur beginne das Schaffen der Frau immer erst dann, wenn ene geistige Richtung und neue Ausdrucksmittel von Männern gefunden sind. Es sei daher an sich nicht sehr wesentlich, aber es zu verhindern sähe er keinen Grund, zumal ja auch nur wenige Männer wesentliches schüfen. »Aber es gibt doch geniale Frauen?« rief Melusine, und es klang fast wie ein Hilferuf. Nun aber behauptete Erich etwas, was sie manche Stunde Schlaf kosten sollte: »Was man bei Frauen genial nennt,« sagte er, »ist meist dämonisch.« Sie drang in ihn, den genaueren Unterschied zu sagen. Er wehrte sich dagegen, hier eine philosophische Vorlesung zu halten, aber schließlich konnte er ihr, nachdem er so weit gegangen war, eine nähere Ausführung nicht verweigern. Nun, der Genius wurzele im Reich des Geistes und äußere sich individuell und emporführend, der Dämon wurzle im Reich der Natur und äußere sich gattungsmäßig, in die Breite, vermehrend. Auf diesem Widerspiel beruhe das Leben. Der Geist im Manne suche immer wieder den Dämon in der Frau, um nicht im Firnenschnee seiner individuellen Einsamkeit zu erstarren. Der Dämon in der Frau suche den Geist, um sich aus der Naturgebundenheit der Gattung individuell zu erlösen. »Und dieses Geschäft besorgen nach Ihrer Meinung die Männer?« fragte Melusine spitz. »Schlecht genug,« erwiderte er mit resigniertem Achselzucken, »und darum rast heute der Dämon ungehemmt durch die Zeit, und die Welt geht aus den Fugen.« Dieses Wort nannte Ferdinand seherisch. Prinz Amadeus rief, das sei wie Religion. Melusine hatte zwar entfernt Ähnliches über Mann und Weib öfters gehört, aber dieses Mal fühlte sie sich zerschmettert. Sie war indessen viel zu klug, um rechthaberische Argumente einer leerlaufenden Logik auf den Sprecher loszulassen, sondern sagte loyal: »Das ist mir allerdings so neu, daß ich darauf nicht gleich antworten kann, ich muß darüber nachdenken.« Dies tat sie nun freilich mit bebendem Eifer, zugleich in einer so naiv-hilflosen Art, daß sie fast täglich Ferdinand mit Fragen in den Ohren lag, und nun sprachen sie davon wie zwei Kinder, die halb und halb hinter das Geheimnis der Zeugung gekommen sind, aber sich den Sachverhalt noch nicht recht zusammenreimen können. Ferdinand spielte die Rolle des älteren Brüderchens, das immerhin den Mut hat, gelegentlich einmal den Vater etwas direkt zu fragen. Einmal indessen sagte sie spöttisch: »Wenn er diese Dinge so genau weiß, warum hat er dann keine Frau? Er scheint mir selber ... wie schön hat er das doch gesagt! – ›im Firnenschnee seiner individuellen Einsamkeit zu erstarren‹.« Darauf wußte Ferdinand keine Antwort. Er schwieg betreten. Je mehr sich Melusine mit Erichs Ideen beschäftigte, desto heftiger wurde ihr Bedürfnis, an seiner Person Kritik zu üben. Mochte er in allem Recht haben, ein starker Denker sein, auf alle Fälle fehlte ihm Gefühl. Er war eine kalte, nur von sich selbst eingenommene Natur. »Stellen Sie sich doch die Lage eines Mannes vor,« erwiderte darauf Ferdinand, »dem die Ereignisse in so glänzender Weise recht gegeben haben, und der zugleich diese selben Ereignisse, wie wir alle, beklagen muß. Wieder seinen Willen wird dadurch sein Selbstbewußtsein und seine Menschenverachtung gesteigert werden.« »Ja, die Menschenverachtung,« sagte Melusine, »die merkt man ihm an.« »Ihnen vielleicht nicht?« fragte Ferdinand mit einem listig lächelnden Blick über den seitlichen Rand seiner Hornbrille hinaus. »Wissen Sie übrigens einen bedeutenden Menschen außer den Heiligen, der nicht Menschenverächter wurde? Ja ich fürchte sogar, daß in dem Wort Christi am Kreuz: ›Herr vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun‹, ebensoviel Menschenverachtung wie Barmherzigkeit lag.« »Lassen Sie mich überlegen,« erwiderte sie sinnend. »Vielleicht haben Sie recht. Ich bin wahrscheinlich nicht sehr bedeutend außer dem bißchen reproduzierender Kunst, aber eine gehörige Portion Menschenverachtung habe ich auch, das ist wahr, und darum bin ich so gerne bei Ihnen, denn Sie haben wirklich Ehrfurcht vor allem Menschlichen und Menschenliebe.« »Ja, das darf ich zugeben, ich liebe die Menschen, obwohl ich sie kenne, aber dafür bin ich auch selbst nichts. Der Prinz ist gewiß auch ein Menschenfreund, aber im Grund ist er ebenfalls nichts, und darum ist er so nett, und man muß ihn lieb haben. O, ich verstehe, daß man Erich nur schwer lieb gewinnt, sein Übergewicht ist erdrückend; was er sagt, ist oft so neu und eigenartig, daß es zum Widerspruch reizt, und hat man sich in einen solchen hineinverwickelt, dann findet sich nur der eine Ausweg: man läßt sich von ihm wieder heraushelfen und dann gibt man ihm recht, aber das ist für die meisten eine zu empfindliche Verletzung ihrer Eigenliebe. Kennen Sie nicht das Wort von Goethe, vor der Größe gäbe es nur eine Rettung, nämlich sie zu lieben? Nur wer Erichs Überlegenheit von vornherein als gegeben nimmt, vermag in seine einsame Intimität einzudringen, und da ist man überrascht, wie viel tiefe Menschlichkeit er besitzt, wie gerecht und ohne Falsch er ist.« »Und Sie sind gar nichts neben ihm?« fragte Melusine ärgerlich, »wie Sie sich immer unterschätzen, Ferdinand.« Sie ergriff zärtlich seine Hand. »Sie können das, was mir als das Allerschwerste, ja das ganz Unmögliche, Unbegreifliche erscheint, Sie lieben wirklich Ihre Feinde.« »Ich glaube, ich habe gar keine Feinde,« sagte Ferdinand erstaunt, während er die ihn die ganze Zeit umkreisende Katze Cora auf den Schoß nahm. »Weil Sie sie nicht sehen, Liebe macht immer blind.« Bei diesen Worten erschrak Ferdinand heftig, ohne zu wissen warum, ja, noch mehr erschrak er vor diesem Schrecken. Er sprang daher auf, als müsse er etwas Lautes tun, und plötzlich stand er mit hochgerötetem Gesicht vor Melusine, um seine Mundwinkel zuckte es, als beherrsche er eine tiefe Erregung, dann stampfte er mit dem Fuß und rief: »Ich will nicht, daß Sie so von meinem Bruder denken!« Melusine erschrak nun ihrerseits, als habe sie sich auf dünnem Eis zu weit vorgewagt, aber sie faßte sich schnell, stand auf und ergriff wieder Ferdinands Hand. Cora zog sich mit diskreter Gebärde zurück. Mit einschmeichelndem Lächeln sagte Melusine: »Gedanken sind frei, lieber Freund, aber, wenn Sie wollen, brauchen wir nicht davon zu reden.« Ferdinand drückte ihre Hand, küßte sie und erwiderte: »Verzeihen Sie, ich bin zu heftig gewesen.« In tiefer Unzufriedenheit mit sich selbst lag er in dieser Nacht noch lange wach, aber was war denn das auch für ein unbedachtes Gerede von Melusine gewesen, als sie zu verstehen gab, er liebe in Erich seinen Feind? Wenn er etwas in seinem Leben klar zu sehen glaubte, dann war es doch wohl sein Verhältnis zu dem Bruder. Ließ denn nicht seit der Kindheit jeder den andern in seiner Richtung mit Anerkennung gehen? Daß Erich den Prinzen seinem Schutz anbefohlen hatte, empfand Ferdinand als schmeichelhaften Vertrauensbeweis; daß der Prinz seinen Wirt immer lieber gewann, beobachtete Erich mit unverhehlter Freude ohne jede Eifersucht. Und doch, wie wohltuend war es für Ferdinand, daß Melusine zu ihm hielt, sich von keinem der beiden viel glänzenderen Männer bezaubern ließ. Er gab sich nun zu, daß er das doch ein wenig gefürchtet, daß ihn die nächtliche Ankunft der beiden zuerst etwas für das sich zwischen ihm und Melusine anspinnende Idyll hatte zittern lassen, daß er anfangs trotz aller Sympathie für den Prinzen ein wenig die Zähne zusammenbeißen mußte, um die sich ihm plötzlich auferlegende Pflicht zu erfüllen, die inzwischen eine wahre Freude geworden war. Zu lächerlich wirklich, wie sich die kluge Melusine in eine Art Haß gegen Erich hineinsteigerte! Immerhin, nachfühlen konnte er es. Als Kind, ehe ihre beiden Sphären so klar in geistlich und weltlich geschieden waren, da hatte er, wie er sich nun seit einiger Zeit doch immer mehr erinnerte, auch flüchtige peinliche Wallungen gegen den bevorzugten Bruder gekannt, die vielleicht heftiger waren, als er sich jetzt noch entsinnen konnte. War das aber verwunderlich gegenüber dem Begabteren oder wenigstens Gewandteren, der ihm, dem Jüngeren, anfänglich Verwöhnteren allmählich immer mehr Liebe der Eltern, der Freunde des Hauses, der Dienstboten, ja der Hunde wegzufangen schien? Nichts hatte Ferdinand – das fiel ihm jetzt wieder ein – mit widerspruchsvolleren Gefühlen des Schreckens, der heimlichen Empörung und gleichzeitigen Bewunderung wahrgenommen, als die Art, wie der heranwachsende Erich der Mutter gegenüber, die für Ferdinand einem unnahbaren Heiligenbild glich, den Ton des Vaters nachahmte. Mit leisem Humor behandelte er die kleinen Schwächen der kapriziösen, etwas zerfahrenen Frau, indem er ihr gerne diente, ohne aber ihre Launen im Einzelnen recht ernst zu nehmen. Schon mit zehn Jahren gab er Gutachten darüber ab, ob die Mutter bei zweifelhaftem Wetter ausgehen könne, und sie nannte ihn entzückt dafür ihren kleinen Kavalier. Bald begann sie mit dem Heranwachsenden wie mit einem Mann zu reden. Auch über das Betragen, ja die Erziehung Ferdinands, der sich bisweilen wortkarg und knurrig zeigte, wurde er manchmal befragt. Die Mutter erklärte enttäuscht, daß sie sich von ihrem jüngeren Buben »ganz und gar nicht verstanden fühle«. Darüber lächelte Erich und nahm eigentlich mehr die Partei Ferdinands, den er zur Geduld mit der erregbaren Frau mahnte, wenn diese seine Kindereien allzu tragisch nahm. Ferdinand warf ihm darum einmal Falschheit vor. Dann wieder hielt er sich an der oft überströmenden Zärtlichkeit der Mutter schadlos, bis diese ihn plötzlich in die Schranken wies, immer im Hinblick auf das Vorbild des Bruders. Plötzlich grinste Ferdinand vor Behagen im einsamen Dunkel. Es fiel ihm ein, daß Erichs Ton gegen Melusine ganz derselbe war, den er einst der Mutter gegenüber gehabt, nur mit dem höchst bedeutsamen Unterschied, daß er hier seine Wirkung gänzlich verfehlte, daß Melusine durchaus auf seiner, Ferdinands Seite stand! Womit gewann eigentlich Erich sonst stets das Übergewicht? Durch so eine gewisse selbstsichere Art, die alles von oben herab nahm, als sei ihm im Grund nicht viel daran gelegen, und durch noch etwas – plötzlich tauchte in Ferdinand eine uralte, unheimliche Erinnerung auf – durch die unwiderstehliche Magie eines nicht selten aus seinen Augen schießenden Blickes, vor dem sich Ferdinand einst mehr, als vor irgend etwas, was ihm je im Leben begegnet war, zu fürchten pflegte. Dessen hatte er undenkliche Zeiten hindurch nicht gedacht. War es vielleicht dieser Blick, gegen den sich Melusine wehrte, während er ihn heute längst nicht mehr sah? Aber noch mehr fiel Ferdinand nun ein. In einem Knabenbuch hatte er von dem alles bezwingenden Auge eines Indianerhäuptlings gelesen und damals sofort empfunden, Erichs Blick sei indianerhaft, ob er nun befehlend einen der Schulfreunde ansah oder in überlegener Großmut den unbeholfenen jüngeren Bruder ermutigte. Er hatte sich dieser Übermacht längst wie selbstverständlich untergeordnet, mit ihr sogar schließlich gemeinsame Sache gemacht, sie gestützt; so brauchte er sie nicht mehr zu fürchten, ja er fühlte sie gar nicht mehr. Auf Fremde wie Melusinen freilich mußte das ganz anders wirken. Aber was ging sie das als seine Freundin im Grunde an? Sah sie nicht, wie wohl er sich heute bei dieser Teilung der Macht in weltlich und geistlich fühlte, ja wie froh er war, daß er in der Welt nicht die beschwerliche Rolle Erichs zu spielen brauchte, sondern in der Stille leben durfte? Mit einer gewissen Überlegenheit, wie man sie nach überstandener Gefahr fühlt, stellte Ferdinand nun fest, daß allerdings in seinem Verhältnis zu dem Bruder der Brennstoff zu einer glühenden Feindschaft lag – falls je ein Funke hineingefallen wäre – aber, wenn Erich auch etwas von einem Indianer zeigte, so war er, Ferdinand, oft mit einem friedliebenden Chinesen verglichen worden. Nirgends hatte er ja mehr Geistesverwandtschaft gespürt, als in China, und die chinesische Weisheit, welche die Gegensätze des Lebens weder verleugnet noch verwischt, noch zu stetem Kampf aufstachelt, sondern nebeneinander als Voraussetzung aller zeugenden Vereinigung bestehen läßt, ja pflegt, war ihm als die höchste Stufe je erreichten, Antike und Christentum weit überragenden Menschentums erschienen. So hatte der Gegensatz zum Bruder auch später nur ergänzend, nie feindselig wirken können. Kein Wunder, daß seine zuwartende Leisheit das zur Zeit noch wunde, im Grund sicher wilde Gemüt der nordischen Melusine so besänftigte, während Erichs ausgesprochenes, geformtes Wesen, das den Jugendfreunden »römisch« erschienen war, in ihr einen barbarischen Trotz wachrief, dessen Naivität freilich gegen seine Weltweisheit nicht aufkommen würde. Nicht ohne Genuß stellte sich Ferdinand diesen stillen Kampf zwischen ihnen vor, den er, der beide lieb hatte, mit dem Lächeln eines Buddha beobachten zu dürfen glaubte, und wenn es einmal not tue, beschwichtigen würde. Mit dieser angenehmen Aussicht schlief er dann endlich ein. XVIII So ging der Winter dahin. Auch der Prinz wurde immer mehr in diese Vogelstraußlage hineingezogen, in der man sich nicht bekümmerte um das, was draußen vorging. So belebend die Besuche Erichs wirkten, und so sehr das, was dieser aus der in den Fugen krachenden Welt berichtete, sein eigenes Schicksal anging, Prinz Amadeus überraschte sich doch einmal dabei, nicht ganz angenehm berührt zu sein, als er eines Montags beim Frühstück erfuhr, daß der Gast, der immer etwas wie einen Luftzug in die gestaute Atmosphäre von Sensburg brachte, dieses Mal noch einen Tag länger bleiben würde. Schon hatte sich Amadeus auf den schönen Abend in der gewohnten Intimität zu dritt gefreut. Auch er hegte den unausgesprochenen Wunsch, der jetzige Zustand möge sich nie verändern, und er dachte nicht darüber nach, wie unmöglich das war. Melusinen gewann er immer lieber, ohne sie aber im geringsten Ferdinand zu mißgönnen, vielmehr liebte er gerade ihr gemeinsames, so unaufdringliches Glück. War Sensburg auch der unmittelbare Ausdruck von Ferdinands eigenartigem Geist, so gab doch erst Melusine Schimmer und Wärme hinzu, wie sie nur von einer Frau ausgehen können. Im Herbst hatte sie schon damit begonnen, durch allmorgendliches Körnerstreuen die hungernden Vögel an die Fenster des Speisezimmers zu gewöhnen. Sobald seine Morgenzigarre über die Hälfte geraucht war, pflegte daher der Prinz zu sagen: »Vergessen wir unsere Lieblinge nicht!« und so folgte auf das behagliche Frühstück eine anmutige Stunde der Vogelfütterung. Die Fenster wurden geöffnet, Cilli brachte den Herrschaften die Pelze herein, ein Fenster gehörte Melusinen, das andere dem Prinzen, der langsam die Frühstückszigarre zu Ende rauchte, während er mit Melusine wetteiferte, wem es besser gelang, die ordinären Spatzen zugunsten der selteneren Finken und Meisen zu verscheuchen. Zwischen Melusinen und der weißen Angorakatze Cora bestand von Anfang an Abneigung. Wie alle etwas eigensinnigen Naturen, die mit sich selber nicht ins Reine kommen wollen, schätzte sie die problemlose Weltüberlegenheit der Katzen nicht, während sie aus demselben Grund eine übertriebene Zärtlichkeit für Hunde hatte, diese ewig schuldbewußten Sünder, die sich nicht zu einer befreienden Beichte entschließen zu können scheinen. Darum liebte sie Skanny sehr und war schon im Begriff gewesen, die Hausordnung in Sensberg zu durchbrechen, die dem Hund den Aufenthalt in den Zimmern verwehrte. Sie hatte sich indessen beugen müssen, als der Prinz einmal erklärte, Hunde seien ebenso unappetitlich zum Berühren, wie sie lieb und reizend zum Anschauen seien. So blieb Skannys Wirkungsfeld das Vorhaus und der Garten, während Cora auch weiterhin in den inneren Gemächern zwischen Kostbarkeiten ihre Tage verbrachte. Seitdem war das Wesen, das Melusine mit Skanny trieb, nur als Geheimkult möglich. Dadurch war es aber nur um so heftiger geworden. Sie glaubte, in ihm einen ungerecht Ausgestoßenen und Verkannten beklagen zu müssen. Seit der Seidelbast, die ersten Schneeglöckchen und Weidenkätzchen blühten, sah man täglich Blumen und Gezweig, von Melusinen hereingebracht, in Glaskelchen in den Zimmern verteilt. Mit Humor wußte sie die allzugerne die Wintertage im Haus verhockenden Männer aufzurütteln und zu kleinen Wanderungen und Schlittenfahrten mit Einkehr in den freundlichen Dorfwirtshäusern zu veranlassen, in denen man von der Gesinnung der neuen Zeit wenig verspürte, desto mehr aber von der Freude, daß nun »der Krieg gar war«. Auch die Dorfkinder liebten Melusinen sehr, und sie wußte abends von ihren Gesprächen mit ihnen zu erzählen, deren Mundart sie freilich mit wenig Glück nachzuahmen suchte. Der dadurch sehr erheiterte Prinz, der die Sprache des Volkes seit seiner Kindheit kannte, diente ihr da als Lehrer. Ein Höhepunkt war es, als sie zur Christmette um Mitternacht zum Entzücken des alten Pfarrers und der Gemeinde in der kleinen Dorfkirche zum Orgelspiel gegeigt hatte. Seitdem wurde sie auf allen Wegen ehrerbietig gegrüßt. XIX An einem Samstag im Mai – die Münchener Räteherrschaft und der norddeutsche Spartakismus waren inzwischen niedergeschlagen worden – erschien Erich Holthoff nach diesmal besonders langer Abwesenheit in Sensburg, wie immer um die nachmittägliche Teestunde. Nach der Jause bat er den Prinzen um eine geschäftliche Unterredung und folgte ihm in sein Wohnzimmer. Die Fenster standen offen, es war ein blaßblauer, etwas föhniger Frühlingstag, man hörte im Zimmer das Murmeln eines Wassers, das unter den Fenstern vorüberfloß. »Nun,« sagte der Prinz erwartungsvoll, nachdem er Holthoff zum Sitzen an dem mit schweren Kunstmappen beladenen Tisch aufgefordert hatte. »Nun,« antwortete Holthoff mit freudigem Gesicht, als überbringe er eine höchst erwünschte Nachricht, »es ist soweit, Kgl. Hoheit.« »Was ist soweit?« fragte der Prinz etwas beklommen. »Ich war in der Schweiz. Se. Majestät haben sich bereit erklärt, abzudanken zugunsten des Prinzen Xaver und bitten Ew. Kgl. Hoheit, die Regentschaft zu übernehmen, bis ...« Holthoff zögerte; der wie aus den Wolken gefallene Prinz aber klammerte sich an dieses »bis«, als könne es noch etwas Gutes für ihn bringen. »Bis ... ?« fragte er erwartungsvoll. »Nun, die Formel wird heißen: bis zur Großjährigkeit des Thronfolgers, aber die Ärzte sind einig, daß er sie nicht erleben wird, also sagen wir offen: bis zum Tod des Thronfolgers.« »Und dann?« fragte Amadeus im selben Ton wie vorher. »Nun, dann geschieht, was ja immer zu erwarten war, die Krone geht an Ew. Kgl. Hoheit als den nächsten Agnaten über.« »Um Himmels Christi Willen!« rief der Prinz, erhob die Arme und blickte wie ein geschlagener Mann an die Stuckdecke, deren barocke Linien seinen Blick fesselten. Holthoff schwieg und wartete. Nach einiger Zeit sagte der Prinz mit kaum geöffneten Lippen: »Haben Sie mir das eingebrockt, Holthoff?« Nun stand dieser auf und erklärte mit ruhiger Entschlossenheit: »So dürfen Ew. Kgl. Hoheit die Dinge nicht anschauen. In diesem Augenblick machen wir Geschichte, und wenn die, welchen unser Herrgott das Führeramt in die Hand gelegt hat, ihre Rolle einfach absagen, dann geht auch all das Schöne zum Teufel, dem Ew. Kgl. Hoheit Ihr Leben gewidmet haben, die Kultur; der Pöbel kommt zur Herrschaft, und was das Schlimmste ist, im Fall die Herren versagen, hat der Pöbel Recht, wenn er die Dinge so anpackt, wie er sie versteht, in die Schlösser und Paläste dringt und ...« Holthoff hielt inne, es traf ihn ein tieftrauriger Blick aus den braunen, mandelförmigen Augen des Prinzen. »Das ist nur zu wahr, was Sie da sagen, lieber Holthoff, der Pöbel hat Recht, wir können nicht mehr. Wenn man die Revolution studieren will, muß man an die Höfe gehen. Ich kenne die Romanoffs und die Habsburger Vettern, da war auch kaum einer darunter, den wir hier in diesem erlesenen kleinen Sensburger Kreis als Menschen ganz ernst nehmen würden. Ich habe mir das Vergnügen gemacht, in intimen Gesprächen mehrere Großfürsten und Erzherzöge zu fragen, was sie eigentlich auf die Theorie von der allgemeinen Gleichheit antworten würden, ob sie überhaupt selbst wüßten, was sich zugunsten bevorrechteter Stände anführen lasse. Nun, ich kann Ihnen sagen, keiner von den Befragten wußte noch etwas von den wirklichen Funktionen eines verantwortlichen Herrn und den besonderen Pflichten einer privilegierten Familie. Die Antworten hatten alle den gleichen Sinn: ›Seien wir froh, daß es noch Vorrechte gibt und daß wir es sind, die sie ausüben.‹ Glauben Sie wirklich, daß unser Herrgott noch länger in die Hände solcher Menschen das Führeramt gelegt hat?« Erich war von diesem Bekenntnis erschüttert, aber schnell raffte er sich zusammen. »Eben, weil Ew. Kgl. Hoheit alles das sehen und wissen, vielleicht als der Einzige, sind Sie berufen, eines Tages das Land zu retten.« Als durchfahre ihn ein Schrecken, fiel der Prinz in seinen Sessel zurück, dann sagte er: »Der Geist wäre willig, lieber Holthoff, aber ich kann nicht. Ich muß mit Hamlet sagen: ›Die Zeit ist aus den Fugen, Schmach und Gram, Daß ich zur Welt sie einzurichten kam‹.« »Nein, Prinz Amadeus, so ist es nicht,« rief Erich Holthoff, dicht vor dem Andern tretend, »das Einrichten überlassen Sie ruhig mir, Sie brauchen nur den Auftrag dazu zu geben. Übrigens handelt es sich zunächst ja nur um die Regentschaft; im Falle Prinz Xaver stirbt, können Sie jederzeit der Krone entsagen und sie dem Prinzen Joseph Viktor übertragen.« »Dem Buben?« fragte Prinz Amadeus ungläubig. »Ich kann Ew. Kgl. Hoheit versichern, daß er kein Bub mehr ist.« »Sie haben ihn in der letzten Zeit gesehen?« »Er war mit mir zusammen bei Se. Majestät in der Schweiz.« »Nun, da scheint ja ein vollkommenes Familienkomplott gegen mich in's Werk gesetzt worden zu sein,« meinte der Prinz halb ernst. »Es handelt sich um nichts anderes, als daß Ew. Kgl. Hoheit als Platzhalter für den Thron auftreten. Se. Majestät sind schwer leidend und können diese Pflicht nicht länger tragen. Wer soll es sonst tun, als Ew. Kgl. Hoheit? Die Reihe kommt an Sie. An der Stelle, wohin uns beide im Augenblick die Geschichte gestellt hat, gibt es nur eines: Kämpfen auf die Gefahr des Unterganges hin, denn weiterleben können wir anstandshalber ohnehin nicht, wenn wir zusehen müssen, wie die Gemeinheit siegt, ohne daß wir das in unserer Hand liegende letzte Mittel gegen sie zum mindesten versucht haben ... Mir scheint, in der jetzigen schweren Lage handelt es sich gar nicht um ein Wählen zwischen zwei Möglichkeiten, sondern um etwas ganz eindeutiges, nicht um einen Entschluß, sondern einfach um eine Pflicht.« Die letzten Worte hatte Holthoff mit einer bei ihm völlig ungewohnten, ihn selbst fast erschreckenden Schärfe gesprochen. Der Prinz sprang auf, und alle seine Muskeln spannten sich. Mit einer stolzen Sicherheit sagte er: »Ew. Exzellenz scheinen mich wenig zu kennen. Was meine Pflicht vor Gott und den Menschen ist, das habe ich stets gewußt, und niemand hat mich darüber zu belehren.« »Daraufhin habe ich nichts anderes zu tun,« erwiderte Holthoff mit einer tiefen Verbeugung, »als Ew. Kgl. Hoheit zu bitten, mir zu verzeihen, daß ich das Selbstverständliche ausgesprochen habe, und mir nicht Ihre Gnade zu entziehen.« Da der Prinz schweigend stehen blieb, hielt Holthoff die Audienz für beendet und zog sich zurück. Er sagte sich, daß kein vorbereitetes Argument günstiger hätte wirken können, als die Entgleisung, die ihm eben geschehen war. Jetzt konnte der Prinz nichts anderes, als seine Pflicht tun. Als Erich in sein Zimmer kam, schloß er Fenster, Vorhänge und den Türriegel und überließ sich, was er gerade an erregenden Tagen niemals versäumte, einer stillen Meditation. Dies nannte er die unentbehrliche Rückversicherung des tätigen Menschen, um die äußeren Dinge stets in der Hand zu behalten, statt sich, selber mittelpunktlos, von ihnen mitreißen zu lassen und in die Irre zu geraten. War das eben nicht eigentlich eine Komödie gewesen? Pflicht! Dieses Wort hatte magisch auf den Prinzen gewirkt, aber glaubte er denn selber daran? Seinem inneren Ethos hatte doch dieses Wort einer dem Menschen von außen auferlegten Ethik nie etwas bedeutet, und nun gebrauchte er es mit dem Brustton der Überzeugung. Aber, war er denn nicht ein Staatsmann? Freilich, als solcher mußte man mit Schlagworten arbeiten, die den Anderen etwas bedeuten. Wie hohl hatte das geklungen, was er da gesagt, und so hatte er sein ganzes Leben lang geredet! »Mein Gott,« fragte er sich, »was treibe ich da eigentlich? Tue ich es denn selbst noch oder rollt da einfach was zu Ende, wozu ich oder ein Schicksal vor dreißig Jahren den blinden Anstoß gab? Was liegt mir denn noch an Königen und Völkern? Lebe ich überhaupt noch selbst? Und wenn ich lebe, bin ich denn nicht ein Sklave, der an eine Galeere gefesselt ist, die ihn nichts angeht, und an die er sich obendrein selber geschmiedet hat? Wo bin ich denn? Mir ist, als erwache ich aus einer Jahrzehnte langen Leichenstarre und nun treibe ich irgendwo hin. In die Höhe? Mir will eher scheinen in die Tiefe.« Jetzt fiel ihm ein, daß ähnliche zersetzende Gedanken schon lange die Schwelle seines Bewußtseins belagerten, daß er sie aber noch nie wie in diesem Augenblick hereingelassen hatte; jetzt aber, wo er dem Prinzen gegenüber den ersten entscheidenden Schritt getan, der ein Zurück ausschloß und nur noch das Vorwärts offen ließ, jetzt brachen diese teuflischen Gedanken herein. Ja, sie waren teuflisch, darum fort mit ihnen! Erich schloß die Augen. Alles kam nun auf die innere Sammlung an, und er begann mit seinen alten Versenkungsübungen, die er sich zu seinem Gebrauch in der Gewohnheit langer Jahre, von katholischen, schon in der Kindheit erfahrenen Praktiken ausgehend geschaffen hatte. Es gelang ihm auch jetzt, das Denken von den es beschäftigenden Gegenständen zu enthaften, es zum Schweigen zu bringen und in den Schacht des Inneren zu versinken, jenseits von Etwas und Nichts, von Leben und Tod, wo der Mensch die Kraft findet, sobald er wieder in die äußere Wirklichkeit zurückkehrt, seine Aufgabe unbeirrt von Teufeln und Engeln furchtlos als ein höheres Gebot und doch individuell zu erfüllen, schlimmsten Falls hinweg über die eigene Leiche, die vielleicht am Weg liegen bleibt. Als er aber heute in sein Inneres blickte, da sah er in einen schwarzen Abgrund, denselben, dem er in Träumen so oft durch plötzliches Erwachen entflohen war, und ihm schien, als riefe eine verschleierte Frau zu ihm herauf: »Geh vorwärts, stolzer Teufel, Du bist auf dem rechten Weg zu mir!« Nach einiger Zeit weckten ihn aus diesem Zustand die Glocken des Viehs, das unweit seiner Fenster vorübergetrieben wurde. Das Zimmer lag in Dämmerung, während er sich in die abendliche Wirklichkeit zurücktastete. Erschüttert stand er auf. »Vorwärts«, rief die draußen übernommene Aufgabe. »Vorwärts«, rief die Stimme des Inneren, die ihn nie getäuscht hatte. Also der Weg war nicht zweifelhaft, aber wohin führte er? »Nun denn, in Gottes oder Teufels Namen vorwärts!« sagte er sich, und in einem noch halb traumartigen Zustand kleidete er sich an. Bei Tisch zeigte sich der Prinz Erich's Blick etwas befangen. Er konnte sich in Liebenswürdigkeiten gegen Ferdinand und Melusinen nicht genug tun, und vielleicht merkten diese gar nicht, daß er auch nicht ein Mal das Wort an Erich richtete, zumal dieser selbst öfters eine Bemerkung dazwischen warf, natürlich ebenfalls nicht unmittelbar zum Prinzen gewendet. Nach dem Essen bat im Salon dieser indessen Erich ausdrücklich um Feuer, und als man zur Ruhe ging, sagte er: »Wollen Ew. Exzellenz morgen nach dem Frühstück zu mir auf's Zimmer kommen.« Das Gespräch am folgenden Tage war kurz. Der Prinz erklärte sich bereit, im Falle der Abdankung des Königs die Thronansprüche des Hauses Rolfingen im Namen des Prinzen Xaver aufrecht zu erhalten, betonte zugleich aber sehr entschieden, daß er keinesfalls einwilligen werde, diesen Anspruch mit Gewalt durchzusetzen. Falls das Volk, zu besserer Einsicht gelangt, die Dynastie zurückrufe, kenne er seine Pflicht. Bei Tisch war die Unterhaltung wieder allgemein. Als sich Erich nachmittags verabschiedete, reichte ihm der Prinz gnädigst die Hand und wünschte ihm gute Reise. Am Abend war zu aller Zufriedenheit das intime Dreieck wieder hergestellt. Ferdinand und Melusine spielten die Kreutzersonate. Cora lag weiß hingestreckt auf dem Flügel. Drittes Kapitel Restauration XX Erich Holthoff hatte während des Krieges, um die volle Einigkeit des Landes herzustellen, ehe noch dergleichen in Deutschland geschah, den König zur Berufung eines Sozialdemokraten in sein Koalitionsministerium veranlaßt und bei der Zusammenarbeit mit ihm die besten Erfahrungen gemacht. Friedrich Pausecker war noch vor zwanzig Jahren selbst Arbeiter gewesen. Heute sah er trotz seinem ganz weltlichen Schliff ein wenig gelehrtenhaft aus, wenigstens blickten die blauen Augen bald freundlich, bald trotzig durch eine etwas altmodische Goldbrille. Er besaß den Takt seltener, noch unverfälschter Männer des Volkes, es in gehobener Umgebung weder deren weltsicheren Vertretern durch einen plumpen Zynismus gleichtun zu wollen, noch mit Formlosigkeit zu kokettieren. Vielmehr war er stets ganz selbst, von ernster Sachlichkeit, wenn ihm etwas am Herzen lag, aber zugleich von einem trockenen Humor, der das Einzelne immer sofort relativierte. Nicht nur seines erworbenen Erfahrungsbesitzes fühlte er sich ganz und gar sicher, auch sein angeborenes Wesen verleugnete er nicht im geringsten. Die Formen einer neuen Umgebung vermögen viele kluge Menschen zu erlernen, aber in ihnen dann natürlich zu sein, das bringen gewöhnlich erst die Kinder oder Enkel fertig. Nun war freilich Pauseckers wahre Natur besonders liebenswürdig, und er hatte früh erfahren, daß ihr unbefangener Ausdruck für ihn die beste Empfehlung war. Frauen mochten viel dazu beigetragen haben, den recht hübschen Mann mit dem weichen blonden Haar und dem sehr entschiedenen, eher kleinen Mund in seiner Art zu ermutigen. Man merkte sofort, daß er sich beim anderen Geschlecht sicher fühlte, als wisse er instinktiv, daß es dort nicht so sehr auf tadellose Vollkommenheit ankommt, daß Frauen vielmehr gerade kleine Ungeschicklichkeiten an einem bedeutenden Manne lieben, weil sie darin eine schöne Aufgabe für ihren Bemutterungstrieb erblicken. Seine Natur hatte etwas kindliches, aber ohne Einfältigkeit. Als Pausecker in das letzte Ministerium Holthoff eintrat, war er Mitte der Dreißig, d.h. in den Jahren, wo früh erfolgreiche, begabte Männer meist der Gefahr unterliegen, daß die Worte, die einst lebendige Symbole waren, zu immer hohleren Hülsen werden – man nennt dies, sich selber treu bleiben. Nur wenige sind in diesen Jahren noch eines Erlebnisses fähig, das ihr ganzes Wesen in den Schmelztiegel zurückwirft, in dem sie nun umkommen oder neu geprägt werden. Friedrich Pausecker sollte diese Gnade zu teil werden, und das Erlebnis, dem er sie verdankte, war die Begegnung mit dem fast fünfzehn Jahre älteren Holthoff. Immer häufiger geschah es, daß beide nach den Sitzungen gemeinsam speisen gingen oder in Erich's Wohnung noch bis Mitternacht allein im Gedankenaustausch zusammensaßen, wie es sonst nur in den Studienjahren vorkommt, wenn sich zwei auf verschiedenen Wegen das Gleiche suchende Jünglinge begegnen. Pausecker war ein Gärtnersohn. Er hatte persönlich als Kind weder unter Unterdrückung zu leiden gehabt, noch eigentlich schwere Sorge gekannt. Wohl wußte er nicht anders, als daß er und die Seinen zum Volke gehörten, und daß es über dem Volk eine Schicht von Reichen und Hochgestellten gab, aber da man daheim sein Auskommen hatte und er die bevorzugte Klasse nur als die kannte, welche die Erzeugnisse der väterlichen Gärtnerei kaufte, war nie ein Anlaß zur persönlichen Empörung gewesen. Zum Sozialismus kam er von der Religion her, beeinflußt durch einen um die soziale Hilfe in Arbeitergegenden verdienten Seelsorger, bei dem er konfirmiert worden war. Nichts hatte ihn mehr ergriffen, als sein erstes Gewahrwerden des luft- und lichtlosen Lebens des Proletariats, das grundverschieden war von dem seinen bei Saat, Blüte und Frucht. Wenn die Reichen daran Schuld waren, daß es den Armen so schlecht ging, nun, dann mußte man eben das gesellschaftliche System ändern. So war es ihm als eine Selbstverständlichkeit erschienen, daß er noch als Lehrling bei seinem Vater der sozialdemokratischen Partei beitrat, wo ihm bald ein volkstümlicher, derber Mutterwitz, der bei gedrückten Proletariern ebenso selten ist, wie bei ihren intellektuellen Führern, die Herzen gewann, und eine nie betonte, kleine soziale Überlegenheit schnell in Parteiämter verhalf. Sehr früh merkte er indessen, daß es dem vom marxistischen Dogma eingeengten Geist der Genossen nicht weniger an Luft und Licht gebrach, als den Wohnungen der Proletarier. Den sozialistischen Schriftgelehrten erschien er als eine brave Mittelmäßigkeit, Individuell-menschliches sahen sie ja nicht. Man mußte ein bestimmter Typus sein, entweder der leidenschaftliche Revolutionär, der nicht abwarten konnte, bis es los ging, oder der spekulative gelehrte Sozialist oder auch der nüchterne gewissenhafte Parteibeamte. Was aber war Pausecker? Eine gute Haut, immer munter, gesprächig, nicht ganz ernst zu nehmen. Erst später, als er in den Wahlkampf eingriff und schließlich selbst in das Parlament gewählt wurde, begann man seine Fähigkeit zu schätzen, mit aller Art Leuten auf ihre Art zu reden, was weder die hitzigen Fanatiker, noch die auf Formeln schwörenden Wissenschaftler, noch die Parteibürokraten so recht können. Er war Sozialist geworden, um zu helfen, daß es einmal kein Proletariat mehr gäbe, aber er mußte erfahren, daß die Genossen umgekehrt dachten. Das Proletariat war gerade recht so, nur sollte es weniger arbeiten und besser leben. Dennoch gab es unter den Arbeitern schon einzelne Menschen mit aufrichtig seelischen und geistigen Bedürfnissen, die Pausecker kaum mehr als Proletarier empfand. Ihnen reichte man Steine statt Brot, nämlich eine tendenziös-seelenlose und pseudogeistige Belehrung, die ihnen alles Wahre, Schöne und Gute der überlieferten Kultur als bürgerlich brandmarkte, ja alles das, was ihre heißeste Sehnsucht war, nämlich ein reinlicheres, wärmeres, freundlicheres Leben, wie sie es bei den Bessergestellten sahen. Schon die Jugend wurde ihren unbefangenen Spielen entrissen, und man begnügte sich nicht, den Hirnen einzuprägen, daß der Stand, dem sie angehörten, ein um seine Rechte kämpfender Stand ist, sondern man lehrte sie, daß alle anderen Stände aus volksaussaugenden Schurken und bestenfalls ahnungslosen Trotteln bestanden. Das Leben der sozialistischen Führer erschien ihm unsäglich nüchtern, ohne das harmlose Behagen des Kleinbürgertums; aber eben so fern war es jener doch nicht ganz freudlosen Ungebundenheit des Proletariers in der Liebe und im Wirtshaus. Die Führer trugen eine gewisse Strenge zur Schau, ähnlich der in der reformierten Kirche, die jede Wirkung auf Sinne und Gemüt als sündig verschmäht. Ihr Leben war Dienst für ein abstraktes Zukunftsideal, ja sie sahen gegenwärtige Verbesserungen nicht ganz gern, da sie in den Massen verfrühte Zufriedenheit hervorrufen konnten und dadurch den Zukunftsstaat in Frage stellten, in dem sie selbst einst die Führer sein würden. Pausecker aber liebte das Leben jetzt und hier, und freute sich unorthodox über jeden Lichtstrahl, der schon heute in das Dasein des Arbeiters fiel, ja er neigte selber zum Genießen. Das hätte indessen noch hingehen können, wenn sein Sinn nicht von vornherein auf Verfeinerung des Genusses gestanden wäre, eine, wie er selbst fühlte, entschieden bürgerliche Regung. Mit dem Ausschmücken seines Zimmers durch künstlerische Reproduktionen hatte es begonnen, dann war er zum Ankauf geschmackvoller Tischgeräte, zierlicher Vasen und Gegenstände für den Schreibtisch übergegangen, und schließlich pflegte er Frühstück und kaltes Nachtessen zuhaus von einem weißen Tischtuch zu verzehren. Bald ließ er von seinen Wänden die häßlichen Öldrucke, die Marx, Engels und Lassalle darstellten, verschwinden, die um nichts besser waren, als die Bilder der letzten drei Könige von Harringen in kleinen Bürgerhaushalten, und ersetzte sie durch Lithographien von Goethe, Schiller und Lessing. Bei seinen Kollegen dagegen wurde nicht selten eine Art Freude am Ungefälligen, Ungepflegten zur Schau getragen. Dies sah Pausecker schweren Herzens, aber da er trotz seinem guten Verstand in erster Linie Gefühlsmensch war, trieb ihn seine Enttäuschung nicht zur Diskussion, die bald seinen Abfall von der Partei zur Folge gehabt haben würde. Vielmehr fand er einen Ausweg: er begab sich alljährlich mehrere Monate zu Studienzwecken ins Ausland, England, Amerika, Frankreich und Belgien. Dort gingen ihm nun die Augen auf. Außerhalb der deutsch sprechenden Länder kümmerte man sich wenig oder gar nicht um Marx'sche Dogmatik. Von Klassenhaß ließ sich wenig bemerken, dagegen eine beseelte und darum individuelle Menschlichkeit, die deutsche Genossen »bürgerlich« genannt haben würden. Viele Arbeiterführer, ja schon mancher Arbeiter waren innerlich »Gentlemen« und nicht wenige geborene Gentlemen Sozialisten. Hier fand Pausecker den positiven, ungiftigen Sozialismus verwirklicht, von dem er seit frühester Jugend geträumt. Nach Haus zurückgekehrt, fand er immer wieder Worte, Theorien, kraftlose Sehnsucht, fiebernde Geschäftigkeit und dahinter ein substanzloses, ungeformtes, oft zuchtloses und entwurzeltes Menschentum, bestenfalls schwärmerisch-idealistisch und ohne Sinn für geschichtlich-psychologische Entwicklungen, meist aber persönlich rachsüchtig, ressentimentvoll, wirrköpfig, händelsüchtig, ungezogen, taktlos und ehrgeizig in kleinem und kleinstem Stil. Jetzt aber wußte er, daß diese Lebenslust es ist, die in Mitteleuropa den Sozialismus immer wieder für Menschen von geistigem und menschlichem Niveau auf die Dauer unerträglich gemacht hat, während ein Sozialismus von seelischem und ethischem Rang wie er ihm vorschwebte, die Partei aller heute politisch obdachlosen Eliten sein würde. Vor allem kannten ja diese Führer das Volk gar nicht, hatten innerlich nicht die geringste Beziehung zu ihm; der Proletarier war für sie ein Mythos, der all ihr zersplittertes Denken und zerfahrenes Fühlen vereinheitlichen sollte. Er, Pausecker, dagegen kannte das Volk, er wußte, wie elend es war, wie ihm Hilfe not tat, aber gerade darum gab er sich nicht den geringsten Täuschungen hin über seine Unzulänglichkeit. Ja, gutmütig und rührend dankbar waren die meisten, wenn man sich ihrer annahm, aber ein ernstliches Bedürfnis über das Materielle hinaus war immer nur bei Einzelnen zu finden. Gab man ihnen etwas Schönheit, die meisten würden sie vorläufig gar nicht verstehen. Und diese Masse wollte man nun plötzlich, so wie sie war, zur Herrschaft bringen? Nicht nur würde sie keine Führer, nicht einmal die nötige Anzahl mittlerer und kleiner Beamter aus sich hervorbringen können. Das wollten sie ja auch gar nicht. Revolution war ein in sie künstlich hineingetragener Begriff, keine in ihnen glimmende Urleidenschaft wie die Parteiliteraten faselten. Etwas mehr Lohn und freie Zeit wünschten sie sich. Schaffte man ihnen das, so war vielleicht an ihre Erziehung zu höherer Menschlichkeit zu denken, und man konnte nur wünschen, daß die bürgerliche Gesellschaft sich noch so lange hielt, bis diese Erziehung einige Früchte trug. Was daheim wirklich noch an echtem geistigem Leben erwuchs, stammte, das konnte Pausecker nicht länger entgehen, weil es fast keine Ausnahme gab, aus dem, wenn auch weithin vertrocknenden Boden der alten Schichten. Dort gab es doch noch – und nicht gar so selten – differenzierte und universelle Hirne, die ein Ding von mehreren Seiten, unabhängig von religiöser, politischer und selbst ständischer Zugehörigkeit ansehen konnten. Vor allem aber hatte man in deutschen Landen die Pflege zweier Eigenschaften, ohne die wahre Menschlichkeit keinen Augenblick atmen kann, ganz der befeindeten Klasse überlassen, deren bessere Vertreter sie immerhin noch übten, nämlich Takt, den Pausecker in seinem glücklichen Temperament von Natur besaß, und Geschmack, den er stets bemüht gewesen war zu erwerben. Im Ausland, wo er sich unbefangen fühlte, entfaltete sich in ihm diese dort überall selbstverständliche Eigenschaft schließlich ganz von selbst. Wie war das möglich gewesen? Er war sich darüber ziemlich klar. Eines Nachts als er einsam auf dem Deck des Amerika-Dampfers, der ihn zum letztenmal heimbrachte, unter dem Sternenhimmel träumte, da erkannte er, was ihn von den Genossen unterschied: Er besaß die von jenen verachtete Eigenschaft der Ehrfurcht vor Werten, welcher Art auch immer, während sie an alles, ohne es überhaupt tief auf sich wirken zu lassen, sofort kritische Maßstäbe legten, um festzustellen, wie weit es sich mit ihrer Doktrin vertrug. Von ihr aus gesehen, waren Geschmack und Takt bürgerlich, wahrscheinlich auch der Sternenhimmel, sicher aber einer, der sich müßig dessen Betrachtung hingab, so lange noch die wichtigsten Parteiwünsche unbefriedigt waren. Die »Gemeinheit« des Bürgertums bestand vor allem darin, daß es seine tatsächlichen Werte nicht kampflos hingeben wollte – an die Versprechungen der marxistischen Doktrin. Fußte man auf dieser, war daher jedes Kampfmittel gegen die erlaubt, welche durch ihren Egoismus allein »die allgemeine Glückseligkeit« hemmten. Pausecker sah voraus, daß die eines Tages zu einem völlig wirklichkeitsblinden Terror führen konnte. Sein innerer Konflikt wirkte sich am schmerzlichsten aus in seiner Beziehung zur Frau. Die Kultureinflüsse, die er während seines Lebens empfangen, hatten immer in erster Linie differenzierend auf sein Gefühl gewirkt. Er konnte es sich daher nicht länger verhehlen: die Frauen seiner eigenen Klasse waren ihm fürchterlich. Jahrelang hatte er sich gezwungen, das zu übersehen, das schablonenmäßige Fühlen, das selbstverständliche Voraussetzen gemeiner oder zum mindesten kleinlicher Triebfedern, und dann das Äußere: das schlecht frisierte Haar, die zweifelhaften Fingernägel, die vulgäre Sprache, und, was das Schlimmste war, die Tatsache, daß jede noch so flüchtige Berührung mit der Bildung nicht tiefere Seelenkultur, aber sofort dogmatische Schulmeisterei, hochmütige Besserwisserei hervorbrachte. Er fühlte dem Weib gegenüber ritterlich, aber der Ritter sucht nun einmal die Dame. Wenn davon seine Parteifreunde etwas geahnt hätten, sie würden ihn ohne weiteres als einen eitlen Snob abgetan haben. Oh, er hatte sich ernstlich geprüft, wie weit dabei Eitelkeit im Spiel war, von der er sich durchaus nicht frei wußte, erfüllte es ihn doch mit großer Befriedigung, daß er, der einstige Gärtnerbub, heute auf gleich und gleich mit Menschen der höchsten Bildungsschicht verkehrte; aber in seiner Stellung zur Frau, mochte sie gelegentlich auch snobistisch wirken, äußerte sich sein tiefstes Seelengeheimnis. Er erlebte die Frau als unbedingt rätselhaft, als Mysterium, aber dieses Mysterium hat zwei Gesichter: ein reines, heiliges, und ein unreines, verruchtes. Es kann den Mann über sich selbst emporheben oder aber ihn bei seinen Schwächen packen und diese so belasten, daß er an sich selber zu Grund geht. Die Frau, das war für ihn das Ewigweibliche, das uns hinanzieht, die »Weiber« erschienen ihm als die Urschuldigen, warum es mit dem Einzelnen und der Menschheit so langsam vorwärts geht. Das war in seinen persönlichen Erlebnissen begründet. Wenn er der Mutter gedachte, so sah er sie mit Besen und Kochlöffel tyrannisch das Hausregiment führen oder mit den Nachbarinnen klatschen. Vor diesem Unwesen der Weiber in Küche, Kammer und am Gartenzaun hatte er als Kind wie vor einer unheimlichen Hexenwelt Angst gehabt. Als Heranwachsender begann er es als »Weiberwirtschaft« stillschweigend zu verachten. Wie gut verstand er dagegen den Vater, der nach der Arbeit in der Dämmerstunde auf die Seite schlich und zum Schöppchen in einer nahen Wirtschaft ging, was dann bei seiner Rückkehr nicht selten von der Mutter mit Keifen bestraft wurde. Er nahm das stillschweigend hin, denn trotz allem wußte er, was er an der tüchtigen Frau hatte, die das schwer verdiente Geld zusammenhielt. Beide Töchter waren hübsch und putzsüchtig und hatten etwas von der lebhaften Intelligenz des Bruders. Sie wollten, wie man sagte, »hoch hinaus« und wurden darin von der Mutter mit einfältig nichtswürdigen Ratschlägen bestärkt. Eine heiratete bald den Besitzer des Geschäftes, in dem sie als Blumenbinderin beschäftigt war, und stellte binnen kurzem eine so nackte Verkörperung »bourgeoiser« Grundsätze dar, wie sie im erbeingesessenen Bürgertum nicht leicht vorkommt. Ein Dorn im Auge war ihr die sozialistische Laufbahn des Bruders, dessen sie sich schämte. Nach außen nur auf Repräsentation vor »den Kunden« im Laden bedacht, jener blumenkaufenden Menschenklasse, vor der sie Ehrfurcht erfüllte, und die sie in der Anrede stets in den Adelsstand erhob, hatte sie im Haushalt die »Weiberwirtschaft« ihrer Mutter übernommen und nutzte in ihrer Reinemachewut jedes Jahr mehrere, meist minderjährige billige Dienstmädchen bis zur Erschöpfung aus. Bei der anderen Schwester äußerte sich die aufsteigende Tendenz der Pausecker'schen Familie darin, daß sie »nur mit besseren Herrn ging«, und eines Tages, als sie von dem ehrenfesten Vater vor die Alternative gestellt wurde, eine anständige Arbeit zu tun oder ihre eigenen Wege zu gehen, die zweite Möglichkeit wählte und nun auf ihre Art in Wien irgendwie verkam. Ihr Bruder Friedrich hatte sie dort einmal besucht und ihr eine Tätigkeit mit größerer Selbständigkeit als daheim versprochen, aber sie hatte den »Herrn Parteisekretär« in einem nach Patschuli duftenden Mietszimmer von oben herab behandelt, ihn mit dem Frou-Frou ihrer seidenen Unterröcke zu verblüffen gesucht und dann erklärt, er sei ein Sozi, sie aber eine Dame, die es nicht nötig habe zu arbeiten, und es sei nur schade, daß gerade ihr Freund nicht da sei, ein »Von«, der sie demnächst heiraten würde. Der würde ihm schon den Standpunkt klar machen. Daraufhin reiste Friedrich Pausecker wieder nach Hause. Sie war seine Lieblingsschwester gewesen. Die Frauen, die er bei seiner Tätigkeit kennen lernte, nötigten ihm oft durch ihren Ernst Achtung ab, aber auf seine Gefühle wirkten sie nicht. Keiner von seinen Kollegen, der selbst aus dem Proletariat aufgestiegen war, hatte eine Proletarierin geheiratet. Sie alle strebten nach der »bürgerlichen« Frau, und das Ergebnis war dann meist wieder jene kleinbürgerliche »Weiberwirtschaft«, die Pausecker seit seiner Kindheit kannte. Die dem kultivierten Bürgertum entstammenden Genossen hatten meistens gebildete Frauen. Bei ihnen war Pausecker allgemein beliebt; ihm aber schien, daß sie eben das besonders stark betonten, was ihm in der Partei fremd geblieben war, und was er nur im Interesse des praktischen Ziels hinzunehmen sich gewöhnt hatte, nämlich die wirklichkeitsfremde Ideologie, die graue Theorie, in deren Verfechtung merkwürdiger Weise gerade so gern die Frauen die Hauptsache sahen und sich bisweilen erbittert bis zum Blutdurst zeigten. Wohl erquickte Pausecker in den Häusern dieser Frauen das ästhetische Niveau der Lebensführung, aber die Geselligkeit zersetzte sich auch hier immer in überspitzter Debatte, ja offenem Zank, so daß er, wenn er hinaus in frische Schneeluft oder unter sommerliche Bäume trat, nicht weniger aufatmete, als nach Parteiversammlungen. Dann hatte er das Bedürfnis nach Entspannung und entzog sich gern den Genossen, die noch zusammen in ein Wirtshaus gingen. Lieber setzte er sich allein in einen Bierkeller mitten unter das in der großen Mehrheit nicht sozialistische Volk und ließ es sich wohl sein, im Sommer im Freien, im Winter in weiten Hallen bei Bier, Zigarre und Musik. Hier knüpfte er auch wohl gelegentlich weibliche Bekanntschaften an; meist waren es Mädchen mit ausgesprochen bürgerlicher Geschmacksrichtung, die aber eine bessere Stellung vorläufig der eigentlichen »Weiberwirtschaft« entzog. Sie kleideten sich gefällig, liebten Musik und Theater, lasen wohl auch einmal einen guten Roman, aber verschmähten politische Traktate wie unschmackhafte zähe Speisen. Pausecker fand das geradezu erfrischend! Er gewöhnte sich daran, ein Doppelleben zu führen. Als er Mitte der Dreißig war, befand er sich in der Lage der meisten Männer zwischen Alpen, Rhein und den nördlichen Meeren: er hatte ein oder das andere Mal ohne vollen Erfolg geliebt und des öfteren Sinnenfreude ohne eigentliche Liebe kennen gelernt. Im Ausland, besonders in England, wo der Sozialismus nicht gehässig und daher längst gesellschaftlich ist, war Pausecker auch mit bürgerlichen Frauen in Berührung gekommen. Er fühlte dort ein sicher in sich gegründetes Sein, für das individueller Wohlstand die natürliche Ausdrucksform ist, ja, man konnte Sozialist sein, ohne seine höhere Gefühlskultur aufzugeben. Dadurch zwang man die Aufsteigenden diese anzunehmen, statt im Proletariertum selbst einen Ruhm zu suchen. Da war die »Weiberwirtschaft« nicht durch die Theorie, sondern durch die Ausbildung eines höheren individuellen weiblichen Seins überwunden. Trotz diesen schmeichelnden Eindrücken blieb indessen sein Gemüt unbestechlich, sein Auge klar. Mit starrem Staunen hatte er jene Heere nichtsnutziger Mädchen und Frauen betrachtet, die in Mitteleuropa erst seit dem Krieg in ebenso handgreifliche Erscheinung getreten sind, wie in den angelsächsischen Ländern, jene Töchter und Gattinnen schnell verdienender Männer, die alle öffentlichen Orte, Straßen, Bahnen, Hotels, Theater, laut auf sich aufmerksam machend, überfluten. Die meist die Stirn bis zur Nasenwurzel bedeckende Haartracht oder Kopfbedeckung ließ als Mittelpunkt des Gesichts einen stets zu inhaltlosem Geschwätz oder dummem Gelächter offenen, nicht selten geschminkten Mund erscheinen. Ihre Hauptbeschäftigung war das Einkaufen von kostspieligen Nichtigkeiten, Bonbonnieren, Puppen, Grizzlybären u. dergl., die sie in ihren in rosa-weiße Krallen auslaufenden Händen trugen. Öffentlich zogen sie Spiegel und Puder hervor und bearbeiteten damit die affigen Frätzchen. Ihre geistige Nahrung waren halbangelesene Magazine und Damenzeitschriften von unbeschreiblicher Albernheit, ihr Ideal die Kinodiva als Freundin oder ein guter Sportsmann als Gatte. Alles an ihnen war dirnenhaft, nur fehlte ganz jene menschliche Tragik, die auch die niedrigste Dirne umweht, weil sie durch ihre Preisgabe jeden Augenblick sich selber aufs Spiel setzt. Pausecker sagte sich, wenn er dieses Gelichter in den Straßen und Untergrundbahnen betrachtete: »Solang es das gibt, ist mir unbegreiflich, wie ein einigermaßen verständiger Mensch nicht Sozialist sein kann.« Das innerlich nun ganz verworrene Verhältnis Pauseckers zu seiner Partei wurde bei seiner letzten Rückkehr von Amerika dadurch plötzlich geklärt, daß acht Tage später der Krieg ausbrach. Diesen gerade hielt er selber für die Folge langer bourgeoiser Mißwirtschaft. Andererseits erschien er ihm als die schicksalgegebene, nie wiederkehrende Möglichkeit, das gesellschaftliche Außenseitertum des Proletariers in eine erlebte Zugehörigkeit zum ganzen Volk zu verwandeln. So begann er eine Politik, deren Ziel die Überwindung, wenn nicht des noch unvermeidlichen Klassenkampfes, so doch des Klassenhasses war, durch loyale Anerkennung der Tatsache, daß im Augenblick die Partei hinter dem Vaterland zurückstehen müsse. Der Erfolg war seine Berufung in das letzte Ministerium Holthoff. Auf Holthoffs dringenden Rat behielt er sein Portefeuille, als jener selbst aus außenpolitischen Gründen zurücktrat. XXI Manchen Abend saß Pausecker bei Erich Holthoff in seinem behaglichen Herrenzimmer, aber es waren nicht so sehr die Worte, die ihn überzeugten, sondern die hinter ihnen stehende Persönlichkeit, deren Ton man anhörte, mit wieviel Leid und Enttäuschung ihre klaren Erkenntnisse erkauft waren. Vor allem lernte er bei ihm den wahren Staatsmann von dem Parteipolitiker zu unterscheiden, zwei Begriffe, die Pausecker bisher immer verwechselt hatte. Der Staatsmann, meinte Holthoff habe den Sinn des wirklich vorhandenen zu erschauen, zu fragen: »Was ist?« und »Was kann man in absehbarer Zeit daraus machen?« Ideale, diese Speise für suchende Jünglinge, gingen ihn gar nichts an, um so mehr bedürfe er eines unerschütterlichen, dem eigenen Gewissen verantwortlichen ganz persönlichen Ethos. Nicht Demosthenes dürfte sein Vorbild sein, sondern der weitblickende Phokion, der, so wie die Dinge einmal lagen, in Philipp von Mazedonien den Retter des Griechentums erkannte, nicht Brutus, sondern Cäsar, nicht Danton, sondern Napoleon, ehe er größenwahnsinnig wurde. Was den Staatsanwalt heute mehr als alles interessieren müsse, sei nicht die Theorie des Sozialismus, sondern die ungeheure Tatsache eines neuen Standes, des Proletariats, das bis zur Verkennung seiner eigenen Interessen verhetzt sei, und einer herrschenden Klasse, die zwar in ihren guten Vertretern noch über alle Kulturwerte verfüge, aber in unerhörter Verblendung diese von gewissen überkommenen Formen des Staates, der Wirtschaft und der Gesellschaft untrennbar wähne, über die innere Verhärtung solcher Auffassung ist kein Wort zu verlieren, wer aber z.B. in dem Eigentum selbst, diesem organischen Erzeugnis jeder Gesellschaft, nur eine Wucherung sähe, der gleiche einem Arzt, der einen Embryo herausschneidet, weil er ihn für ein Myom hält. Die aufstrebenden Kräfte und das alte Erbe, das sei das dem Staatsmann gegebene Material, das es ohne Theorie, aber sinnvoll, zu gestalten gälte. Als an dem Abend nach Erichs Rücktritt von der Regierung, der nichts anderes als eine Niederlage war, Pausecker den Freund aufsuchte, weil er ihn in trüber Stimmung wähnte, fand er ihn zu seiner Verwunderung am Klavier phantasierend, was er bisweilen, ohne jede Ausbildung, etwas unbeholfen tat; er schien heute innerlich so ruhig wie immer und imstand, äußerlich die Dinge mit überlegenem Humor zu betrachten. »Wie glücklich müssen Sie doch eigentlich in sich selbst sein,« sagte Pausecker voll Bewunderung, »daß Sie das Ihnen heute geschehene Unrecht so ruhig hinnehmen.« »Glücklich?« antwortete Erich verwundert. Er verfiel in Sinnen, während der andere ihn gespannt betrachtete. Dann fuhr er fort: »ich habe eigentlich nie darüber nachgedacht, aber Sie haben wohl recht, ich glaube, ich bin manchmal ziemlich glücklich, ja, ja, hier und da schon, und der Grund ist wohl der, daß ich von Anfang an zu sehr Wirklichkeitsmensch war, um etwas so Ungewisses, gänzlich außerhalb unserer Willenssphäre liegendes, wie persönliches Glück, zum Zweck dieses Lebens zu machen. Darum hat es sich als Lebenswirkung bisweilen von selber eingestellt.« »Darf ich mir, nachdem Sie mir soviel Vertrauen gezeigt, die intime Frage erlauben, was Sie denn eigentlich als den Zweck des Lebens betrachten? Daß es weder die Befriedigung des Ehrgeizes, noch die trockene Erfüllung der Berufspflicht ist, das sehe ich, denn sonst müßten Sie heute einen enttäuschten Abend haben.« »Nun lieber Freund,« erwiderte Holthoff, sich ihm gegenüber in einen Armsessel setzend und ihm eine Zigarre reichend, »was ich Ihnen sagen kann, sind nur Worte. Im Augenblick, wo man sie ausspricht, sind sie schon tot, aber schließlich impft man ja auch mit toten Bakterien, denn nicht diese heilen, sondern der darauf reagierende Körper. Also wenn Sie wollen, so hören Sie: Ich lebe dem Augenblick, aber nicht aus dem Leichtsinn der Jugend. Ich glaube an einen Sinn der Welt, der sich zwar durch keine Lehre und kein Dogma formulieren läßt, aber Fleisch wird durch unser individuelles Leben. Wir müssen jeden Augenblick bereit sein, bald zum Tun, bald zum Leiden, dann durchquert unsere Lebenslinie in sich siegreich das Werden und Vergehen der Stofflichkeit. So wenig wie unser persönliches Glück, kann irgendein überpersönlicher Wert wie der Staat, ein Gesetz oder Ideal letztes Ziel sein. Ich diene, wenn meine Stunde gekommen ist, ebenso gerne einer sterbenden, wie einer aufsteigenden Epoche, denn ich erfülle den Augenblick, nicht aber um seiner selbst willen, sondern um eines Ewigen willen, das sich nur im Augenblick offenbaren kann, schließlich auch im zeitlichen Sterben meiner Person. Wenn uns ein König nach Hause schickt, wie heute mich, das ist nicht schlimmer, als wenn er uns in die Regierung ruft. Vielleicht ist unseres Weilens eine zeitlang daheim, vielleicht kann uns nur hier ein Ruf von ganz anderer Seite erreichen. Bereitschaft ist alles. Bis heute hatte ich Pflichten gegen den Staat. Ich habe sie mit Einsatz aller meiner Kräfte erfüllt. Heute hat sich mein Schicksal dieses wenig erleuchteten Königs bedient, um mich in den Hintergrund zu schieben. Nun, die Muße schreckt mich nicht. Ich habe keinen persönlichen Ehrgeiz mehr, und ebensowenig bilde ich mir ein, mein Ziel sei das Wohl der Menschheit. Nur wer sich selbst erfüllt, – das ist etwas anderes als Egoismus, – lebt für die Menschheit, aber er muß die Tragik als Grundgesetz des Weltgeschehens anerkennen, nicht das persönliche Glück. Äußerlich geht ja doch einmal alles zum Teufel. Als jungen Menschen schon hat mich daher kein Wort mehr ergriffen, als die Devise Wilhelms von Oranien: ›Point n'est besoin d'espérer pour entreprendre, ni de réussir pour persévérer.‹ « Es ist nicht notwendig zu hoffen, um etwas zu unternehmen, noch Erfolg zu haben, um auszuharren. »Das ist heroisch,« bemerkte Pausecker erschüttert, als Erich schwieg, »das Wort erinnert mich an Luthers ›Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen‹.« »Gewiß,« erwiderte Holthoff, ein Lächeln unterdrückend, »das war Luthers größter Augenblick und ein großer Augenblick im Leben der Menschheit, aber nicht kleiner war der Augenblick, als der treffliche Heinrich IV. von Frankreich auch anders konnte, katholisch wurde und sagte: ›Paris vaut bien une messe‹ , »Paris ist wohl eine Messe wert.« womit er die Einheit Frankreichs begründete, während Luthers Wort die Einheit Deutschlands endgültig zerriß.« »Vor solcher Weitherzigkeit schwindelt mir ein wenig,« rief Pausecker fast erschrocken. »Ich hätte eine solche Auffassung bisher machiavellistisch genannt.« »Wie jeder, der glaubt, eine Sache wie religiöses Bekenntnis oder Vaterland könnte in sich der absolute Wert sein. Der Protestantismus ist eine Gestalt der Menschheit, und Frankreich ist eine. Als diese Formen historisch fällig waren, sind die ihnen entsprechenden Geister wie Luther und Heinrich IV. hervorgetreten. Beide haben im Augenblick mit präziser Richtigkeit gehandelt, und darum sind beide groß. Im Unrecht dagegen sind die engen Philister, die von dem Staatsmann das Gewissen des religiösen Reformators verlangen, und ebenso jene sonst so weitherzigen römischen Kleriker, welche das religiöse Phänomen Luther verkannten.« »Sie halten also aus politischen, oder sagen wir staatsmännischen Gründen das Opfer der Überzeugung, das Heinrich IV. gebracht hat, für erlaubt?« fragte Pausecker, in der Hoffnung, an dem bewunderten Freund keine moralische Enttäuschung zu erleben. »Wer sagt Ihnen denn, daß Heinrich IV, das Opfer seiner Überzeugung gebracht hat? Zu wie vielem bekennen wir uns doch eine Zeitlang, bis in den entscheidenden Augenblicken des Lebens uns plötzlich, meist unter dem Zwang des Schicksals, klar wird, was denn eigentlich unsere eigene Sache ist! Dann müssen wir alles uns Unwesentliche fallen lassen und das eine tun, was not ist. Bei Luther war es das protestantische Bekenntnis, bei Heinrich die Schaffung Frankreichs. Als er Paris haben konnte, sah er erst, wie gleichgültig ihm eigentlich die Messe war. Oder nehmen Sie Konstantin den Großen, den alle Christen mit Recht als den verehren, der aus ihrer Sekte die anerkannte Kirche des Abendlandes gemacht hat. Er tat es, weil sein staatsmännischer Scharfsinn erkannte, daß er, auf diese mächtig gewordene Religion gestützt, die ihn innerlich gar nicht berührte, den schwankenden Thron der Cäsaren neu befestigen konnte. Ist das ein Verbrechen? Er war eben kein religiöser, sondern ein politischer Mensch, darum durfte, ja mußte er so handeln.« »Das hieße aber doch dem persönlichen Ehrgeiz Tor und Tür öffnen,« meinte Pausecker schwankend. »Die Wallungen des Ehrgeizes, ja der Eitelkeit, wovon keiner frei ist, sind der Dampf, der unsere Person in der Jugend antreibt. Es handelt sich nur darum, ob das, was wir tun, auch wirklich unsere Sache ist, dann fällt, je reifer wir werden, immer mehr Ehrgeiz und Eitelkeit, ebenso wie das private Glücksbegehren, von uns ab. Ein heiliger Franziskus darf natürlich nicht die Religion preisgeben, wohl aber den Staat. Ein Krieger darf sich nicht dem Krieg entziehen, aber ein geistiger Schöpfer darf es. Natürlich ist für den Wert unserer Überzeugungen nicht nur der historische Zeitpunkt entscheidend, sondern auch der geographische Ort. So ist gemessen an abendländischer Philosophie und Religion, deren Sinn vergeistigten Individualismus meint, der Marxismus in seinem materialistischen Kollektivismus minderwertig, aber für noch prähistorische sibirische Horden ist er sicher eine echte Offenbarung, wie für den afrikanischen Wilden der Islam.« Pausecker wurde sehr nachdenklich. »Dieser Mensch,« dachte er, »gilt nun für zynisch und gefühlskalt. In Wirklichkeit ist er wie ein Sturmwind allen anderen voraus. Gewiß würde er gerne auch seine Gefühle erschließen, wenn ihn nur jemand einholte.« Pausecker durfte sich auf dem Heimweg zugeben, daß er vor Holthoffs Forderungen bestehen konnte. Der echte Sozialismus war so gewiß seine Sache, wie die Holthoffs die Wahrung der überlieferten Menschenwerte mit den Mitteln des überparteilichen Staatsmannes. Ihnen beiden wurde dieser Weg durch ihre Herkunft angezeigt. Nun waren sie beide ihren Parteien entfremdet, ihre Freundschaft wurde von der Rechten mit Spott, von der Linken hämisch beurteilt. Als die Revolution ausbrach, ermutigte Holthoff Pausecker immer wieder, bei seiner Partei auszuharren, da diese nun gerade staatserhaltend wirkte, indem sie einem erheblichen Teil der aufgewühlten Massen Disziplin gab und bereit war, an einem geordneten Staatswesen mitzuarbeiten. So blieb Pausecker weiter auf seinem Posten. XXII Was nun die Lage in Harringen nach der Revolution geradezu zu einem Chaos machte, war die Person des derzeitigen provisorischen Ministerpräsidenten Franz Morgenthau. Dieser war während des Krieges als leidenschaftlicher Pazifist tätig gewesen, hatte der Zimmerwalder internationalen Verbrüderung beigewohnt und verbrachte die letzte Epoche des Kriegs in Schutzhaft. Er war unbedingter Vertreter der Rätediktatur, aber als menschlicher Typus ganz und gar das Gegenteil der satanischen russischen und ungarischen Bolschewisten, bei denen sich ohne jede Gefühlsbindung ein äußerst zugespitzter Intellektualismus auf ein undifferenziertes, oft bestialisches Triebleben aufgepfropft hatte. Obgleich Jude, war Morgenthau deutscher Idealist und wirrer Träumer, ja fast kann man schon sagen: ein deutscher Narr mit langem, ergrauendem Patriarchenbart, Pathetiker, gescheiterter Dichter, gewandter Journalist und dilettierender Weltanschauungssucher, dem das Wort immer Tat und Gestalt ersetzt hatte. Ohne je im mindesten berechnender Streber gewesen zu sein, genoß er dennoch jetzt die Situation des Getragenwerdens von der Woge der Geschichte wie einen berauschenden Trunk, und er glaubte aus seinem aufgelockerten Innern würden nun von selbst Taten sprießen, wie Blumen und Früchte; ja diese rein leidende Hingabe an das Geschehen, dem von einer inneren wertenden Instanz her Richtung zu geben, ihm nicht einen Augenblick einfiel, schien ihm schon Handeln. Reich an Worten, die Massen hinrissen und seine nähere Umgebung bald bezauberten, bald befremdeten, ließ er oft hören, wie wenig er den Tod fürchte. Er hätte nichts dagegen, von der Welle, die ihn eben noch hoch trug, morgen in den dunklen Abgrund geschwemmt zu werden. Dies sei das Leben, und das mache es eben so herrlich. Er zitierte gern Hölderlin. Erich verfolgte den Weg dieses Mannes mit einer Art Schauer und ahnte in ihm ein Zerrbild seiner selbst. An der Betrachtung Morgenthaus lernte er sein eigenes Wesen ein gut Stück besser verstehen. Jener ließ sich wie ein Kork von der Flut umherwerfen, war ganz und gar »Zeitgenosse« und redete unwillkürlich, was die Masse hören wollte, ja durch ihn sprach die Masse zu sich selbst. Durch Holthoff indessen ging die Flut hindurch. Auch er stellte sich ihr, aber er blieb dabei, der er war, wenn auch in steter Entwicklung. Er beeinflußte die Richtung der Flut des Geschehens, während sie sich an seinem eigenen Wesen brach. In Morgenthau mußte er daher die Sinnlosigkeit des Chaos selber sehen. Dauernd bewegt, ja aufgewühlt, aber selber wesenlos, war er ein Sammelbecken für die sich widersprechendsten Ideenströme, die in ihm zischende Wirbel bildeten. Er glaubte an die unmittelbare geistige Schöpferkraft der gestaltlosen Volksseele, wenn der Masse nur die Freiheit von ihren Bedrückern gegeben würde. Dazu schien ihm der seiner eigenen schäumenden Natur doch so unverwandte starre Marxismus als Mittel geeignet. Dieser Morgenthau galt nun trotz seiner inneren Harmlosigkeit, der sich jene das Geniale streifende, aber nicht wirklich erfassende unverantwortliche Schicksalsgetriebenheit verband, vielen sowohl rechts als links als der »Krebsschaden des Landes«, wie der politische Jargon sagte, und von außen gesehen, ohne daß sein einfältiges Gemüt es selber ahnte, war er wirklich ein Verräter: als provisorischer Ministerpräsident der mehrheitssozialistischen Regierung liebäugelte er mit der ultraradikalen Opposition, die eine Diktatur des Proletariats anstrebte. Seine eigene innerlich ganz unsichere Regierung hielt es gar für einen Vorteil, einen bei den extremen Gegnern einflußreichen Mann an der Spitze zu haben, da er vielleicht doch die gespaltene Sozialdemokratie durch die Macht seiner beredten Persönlichkeit wieder einigen könnte. Dieser Glaube aber hatte nur die Wirkung, daß sich die Regierung von dem unzuverlässigen Manne verhindern ließ, den Landtag zu berufen und ihre gesetzmäßige Gewalt gegen das täglich anwachsende Chaos auszuüben. Der Widersinn dieser Lage war es, der Männern wie Holthoff die Überzeugung gab, daß demnächst ein Zustand völliger Gesetz-, ja Staatslosigkeit eintreten würde. Wer dann mit einem zuverlässigen Regiment erschien und Ordnung schuf, war der Retter. Während es überhaupt keinen Staat gab, mußte das Neue in die entstandene Lücke treten. Auf diese Weise schien Holthoff die Wiederherstellung der Monarchie ohne das Odium der Gewalt möglich. Mochte in früheren Zeiten den Völkern oft eine Staatsform zu ihrem Heil aufgezwungen worden sein, heute war es ein nicht mehr zu verwischendes Kennzeichen der abendländischen Zivilisation, daß sie keinen Terror mehr gut hieß, mögen auch Bolschewismus und militaristischer Nationalismus noch manche Augenblickserfolge verzeichnen. Auf diese Auffassung des Zeitgeistes baute Holthoff seinen Plan. Natürlich konnte er davon mit Pausecker nicht sprechen, um den Sozialisten nicht in Gewissenskonflikte zu bringen und vor seinen Parteifreunden bloßzustellen, aber sobald er die Ruder in der Hand hätte, wollte er zu Pausecker gehen, und ihm das eine mit den Worten überreichen: »Sie sind nicht verantwortlich für das, was geschehen ist, aber jetzt sind Sie der einzige Ruderer an Bord, der mir helfen kann, das Schiff in den Hafen zu bringen.« Er würde den Augenblick erkennen, wo aus dem Sozialismus ein schöpferischer Staatsfaktor gemacht werden könne. Holthoff wählte Schloß Floridsburg, den Witwensitz seiner alten Freundin Espérance Waldegg, für die entscheidende Unterredung mit den Militärs. Gerade weil Espérance für eine gänzlich unpolitische, nicht allzu seriöse Frau galt, die sich unterhalten wollte, solange es anging und Besuche aus allen Ständen empfing, konnte eine Zusammenkunft bei ihr niemand auffallen. XXIII Espérance Waldegg hatte sich während des Kriegs, von wechselnden Gästen umgeben, auf ihr Schloß Floridsburg am Fuß der Harringer Alpen zurückgezogen. Sie war fest davon überzeugt, daß ihr der revolutionäre Pöbel nichts anhaben würde. Wie denn? Diese Haufen hatten Führer, und diese Führer waren Männer, und mit Männern ließ sich doch reden. Sie würde sie einfach im Fall eines unerwarteten Besuchs zum Frühstück bitten und sie bezaubern, wie es ihr bei dieser auf Fröhlichkeit und Lebensbehagen eingestellten Bevölkerung vom Fürsten bis zum Bauern, vom Minister bis zum Mann auf der Straße, zeitlebens gelungen war. Schlimmsten Falls ginge man aber zur Guillotine wie die Marquisen in der Conciergerie, lachend und in guter Gesellschaft. Natürlich würde sie die zum Teil gewiß berechtigten Forderungen der Leute anhören – hatten sie denn nicht recht, nach oben zu streben, wo allein das Leben einen Sinn hat? – dann die Massen durch einen schnell improvisierten Bal champêtre im Park versöhnen und sich am Arm des gefährlichsten Rädelsführers auf dem Balkon zeigen, so wie einst die Königin Marie-Antoinette mit Mirabeau, während er ihr die Hand küßte, in Versailles auf der Altane vor dem von Paris heranflutenden Volk erschienen war. Diese Ausflucht dünkte die noch schöne Vierzigerin, nachdem sie während des ganzen Revolutionswinters von ihr mit allen denkbaren Einzelheiten ausgeschmückt worden war, so reizend, daß ihr fast etwas fehlte, als Monat auf Monat verging, ohne daß die Revolution von ihrer hübschen Einsamkeit in Floridsburg Notiz nahm. Espérance war eine stattliche, amazonenhafte Erscheinung geworden. Die ein wenig über die Unterlippe hervorragende Oberlippe und die kräftig geschwungene Nase verliehen ihr ein Adlerprofil, während die lichten blauen Augen dem Blick etwas anheimelndes, geradezu gemütliches gaben, so daß jeder in ihrer zunächst Abstand betonenden Nähe, war er erst einmal in ihre Atmosphäre eingetreten, sich durchaus in seinem Fahrwasser befand, sein wahres Wesen zeigte und ihr die Möglichkeit gab zu einer sehr umfassenden und treffenden, wenn auch allzusehr vereinfachenden Menschenkenntnis. Ihr blondes Haar mit dem leicht rötlichen Schimmer und die zwar nicht kleinen, aber klassisch geformten Hände hatten vor dem Krieg in der Gesellschaft Europas für unübertrefflich gegolten. Ihr Ruf war – sagen wir: etwas verschwommen, und zwar nicht darum, daß man ihr eine bestimmte Untreue gegen ihren Gatten nachsagen konnte, sondern weil man sich ganz und gar nicht vorzustellen vermochte, daß diese das Dasein so offensichtlich liebende, selbstbewußte Frau sich irgendeine Laune versagt haben sollte; und wie könnte denn dieses lebhafte Temperament keine Launen gehabt haben in der Gesellschaft des im ersten Kriegsjahr gefallenen, ganz vortrefflichen, aber nicht sehr anregenden Grafen Waldegg? Die Gerüchte, die von Zeit zu Zeit in Rolfsburg über sie auftauchten, waren indessen so unbestimmt und einander widersprechend, daß wir uns nicht überreden können, sie für wahr zu halten. Wir verweisen sie vielmehr ins Reich der Fabel. Espérances Sohn Herbert, der als Freiwilliger am Krieg teilgenommen hatte, war mit einer langwierigen, aber ungefährlichen Wunde davon gekommen und lebte zur Zeit in der Hauptstadt eines neutralen Landes, wo er nach dem Wunsch seiner Mutter die Welterziehung und das Vergnügen suchen sollte, die seiner Jugend gebührten, zur Zeit aber in der Heimat nicht zu finden waren. Geist sprach man Espérance nicht ganz mit Recht zu. Noch immer war ihr Vorzug vielmehr eine geradezu entwaffnende Natürlichkeit, deren überraschende Äußerungen unwiderstehlich originell wirken mußten in einer Zeit, wo sich jeder bemüht, genau das zu sein, was man aus Standes- oder Berufsrücksichten von ihm erwartet und wo daher schon für eigenartig und geistreich gilt, was nur unbefangen ist. Espérance blieb freilich immer in den Grenzen der großen Dame und tat und sagte nichts, was eigentlich aus diesem Rahmen herausfällt, aber sehr vieles, was andere Damen innerhalb dieses Rahmens heute aus Angst vor dem Urteil der anderen weder zu tun noch zu sagen wagen, so lange sie nicht ein Beispiel dafür in ihrer näheren Umgebung gesehen haben. Schloß Floridsburg, südöstlich vom Hochgebirg, nordwestlich von Heide und Moor begrenzt, war ein stattlicher, weißer Barockbau, dessen zwei Seitenflügel in rechtem Winkel zum Mittelbau standen, mit dem sie einen Hof bildeten. Ein kunstgeschichtlich berühmtes, vergoldetes Gitter aus Schmiedeeisen schloß ihn gegen die hundertjährigen Eichen und Linden des weitläufigen Parkes ab, in dessen Lichtungen man Fasanen begegnete. Dies war Espérances Witwensitz. Bald empfing sie hier wieder ihre intimeren Freunde, unter denen nach wie vor Erich Holthoff, der nie vergaß, daß er ihr das Finden seines Lebenswegs verdankte, und Prinz Amadeus die nächsten waren. Zwischen ihnen bildete sie das Bindeglied. Ohne sie hätten sich diese beiden Männer kaum gefunden, so aber gehörte der Prinz für den viel beschäftigten Staatsmann in jene heitere Welt der Freundin, in der er immer wieder seine Kräfte sammelte. Für den Prinzen aber blieb Erich Holthoff die Brücke zu der tätigen und geistigen Welt, deren meist einseitige Vertreter sein universeller, urbaner Geist sonst schwer aushielt. Hingegen zog ihn Erichs sich nie selbst mit den Geschäften identifizierendes Darüberstehen ungemein an und erfüllte ihn mit Bewunderung. Diese teilte auch Espérance aus vollem Herzen. Längst waren die Rollen zwischen beiden, ziemlich Gleichalterigen vertauscht. Anfangs hatte ihr das sofort in ganzer Vollkommenheit aus der Mädchenknospe hervorbrechende Frauentum die naturhafte Überlegenheit über den Werdenden gegeben. Dann aber erlebte sie das höchste Glück der Geliebten und Mutter zugleich, daß das, was ihre Liebe erschaffen hatte, in die überlegene Zone des Geistes hineinwuchs, welche die Frau allein nicht erreicht, in der ihr indessen eine schöpferische Liebe das Bürgerrecht verleiht. Soweit es die Mittel erlaubten, versuchte sie in Floridsburg auch während des Kriegs die Geselligkeit zu erhalten, zumal sie immer einige Zimmer für erholungsbedürftige Verwundete zur Verfügung hielt. Im ganzen hatte sie Glück mit der Auswahl. Sie beschränkte sich nicht etwa auf Offiziere oder Standesgenossen, nahm aber keinen auf, aus dessen Vorgeschichte sie sich nicht hinsichtlich seiner »Stubenreinheit« ein Urteil bilden konnte. Wenn eine Photographie zu haben war, entschied ihr Menscheninstinkt schnell nach dem Gesichtsausdruck, und so kam tatsächlich keiner nach Floridsburg, mit dem man nicht gerne ein wenig am Kamin plauderte oder im Park spazieren ging. Daß die gesellschaftlichen Schutzwände zwischen den Ständen wie im Heer, so daheim, merklich dünner wurden, war eigentlich ganz nach ihrem Geschmack. Voll Interesse ließ sie sich Friedrich Pausecker im Theater zeigen und lorgnierte aufmerksam einen Mann mit mennigrotem Gesicht, schlaffen triefenden Lippen und einem Bauch wie ein Faß. Sie verhehlte ihren Abscheu nicht und fragte, wer denn der gut aussehende und vertrauenerweckende Herr neben jenem Plebejer sei, und nun stellte sich heraus, daß eben dieser der sozialistische Minister, das Faß hingegen ein völkisch politisierender Gutsbesitzer war, der davon träumte, nach dem Krieg auf seinem Besitz Teutenburg zwecks deutscher Wiedergeburt ein rein arisches Menschengestüt zu errichten. Espérance wußte, daß Holthoff jenen Sozialdemokraten dem König zur Berufung in sein Ministerium empfohlen hatte und daß er des Lobes voll war über die fruchtbare Zusammenarbeit mit ihm. Sie bat Erich, ihn zu ihr in die Loge zu bringen. Nach kurzem Gespräch lud sie beide Männer zum Tee in ihre Stadtwohnung ein. Pausecker ließ sich von ihr fast knabenhaft bezaubern, antwortete ihr aber auch gern mit einem ihren Scherzen gewachsenen Mutterwitz, der stets das menschlich Gemeinsame fand, und gewann sie ganz und gar. Kunstwerke, besonders Bilder und gute Musik, entzückten ihn, vor allem aber einige kleine Neffen und Nichten Espérances, die wohlerzogen und appetitlich, zugleich aber ganz unbefangen waren, ohne jede Verlegenheit vor dem fremden Besucher und doch voll Bescheidenheit. Eher war er selbst, der vor Erwachsenen seine Sicherheit längst nicht mehr verlor, vor diesen blumenhaften Wesen etwas verlegen. Er wußte nicht recht, wie er sie anreden sollte. Als sie ihn aber ganz einfach duzten, fragte er sie nach ihren Vornamen und sie nahmen ihn gleich als ihren neuen Onkel an. Er war zu feinfühlig, um die Gedanken, die Espérancens Umgebung in ihm erweckte, allzu lebhaft zu äußern, aber Erich las sie aus seinen leuchtenden Blicken, die zu sagen schienen: »Nun das alles ist doch wert, daß es erhalten bleibt, ja sich noch weiter ausbreitet. So einfach wie die Parteigenossen sich die Dinge vorstellen, liegen sie eben doch nicht. Proletarische Kultur an Stelle der aristokratischen und bürgerlichen? Das hat wohl noch eine gute Weile.« Er sprach gerne und gut, besonders, wenn seine Zigarre ordentlich brannte, und wußte sehr anschaulich und humoristisch aus feinem reichen Leben zu erzählen. So wurde er bald in Floridsburg ein häufiger und gern gesehener Gast. Während des Krieges war dort so etwas wie ein Salon entstanden. Espérance erklärte gerne, gute Gesellschaft sei eine Mischung von Aristrokaten, die etwas Geist besaßen, mit denen unter den gescheiten Menschen, die Lebensart hatten, und damit behielt sie in der Praxis recht gegen die Vorurteile der allzuguten Erziehung, die nur Klüngel, und der allzuschlechten, die nur Zweckverbände oder Horden zu bilden vermag. In Floridsburg blühte daher menschlich-lebendiges geselliges Leben, ohne die Ersatzmittel des Sports, Tanzes und Kartenspiels. Die Menschen hatten sich etwas zu sagen und wollten vor allem noch etwas voneinander hören; dabei hätten sie solche Notbehelfe einer erstarrten Geselligkeit als empfindliche Störung empfunden. Exklusiv war man nur gegen Langeweile, auch wenn sie vornehm war, und gegen Geschmacklosigkeit, auch wenn sie sich mit Begabtheit verband. XXIV Im Jahre 1919 kamen in Harringen erst anfangs Juli wirkliche Sommertage. Durch eine Wiese vom Park getrennt, gehörte zu Floridsburg ein kleines Wäldchen, in dessen Mitte ein sonniger Teich lag. In lichtem Oval spiegelte sich darin der Himmel, von einem dunklen Kranz des Eichen- und Buchenlaubs umgeben. Espérance hatte das ziemlich breite Becken mit dem auf wasserspeienden Delphinen einherbrausenden Neptun von dem Schlamm reinigen lassen und ihre Gäste mit einer Bade- und Schwimmgelegenheit in der von einem Bach durchspülten, von springenden Strahlen bewegten Flut überrascht. Während der ganzen Kriegszeit war diese Einrichtung unbenutzt geblieben. Nun lud sie wieder zu heiterem Gebrauch, auch die geschweiften grünen Holzbänke, die um die Kieswege standen, waren wieder hergestellt. Über der blitzenden Fläche zitterte das heiße Licht; auf dem in allen Tönen der Verwitterung spielenden stark geschwungenen Steinrand des Beckens hüpften Spatzen und Finken; hie und da schwebte eine Libelle über dem Spiegel. Unter einer dunklen mächtigen Cypresse war rot und grau gestreiftes Zeltleinen gespannt. Hier konnte man sich aus- und ankleiden, und Espérancens Zofe, bunt wie ein Zeisig in der etwas verzierlichten Tracht der einheimischen Bauerndirnen, hielt Badewäsche bereit. Die Gäste kamen in Schwimmanzügen oder Bademänteln hervor, einige Damen bereits entsprechend der neuen Nachkriegsmode sehr kurz geschürzt mit röckchenartigem Volants wie Ballettänzerinnen auf der Probe. Espérance selbst verschmähte das ihr zu kalte Gebirgswasser, denn sie war körperlich trotz ihrer im ganzen guten Gesundheit etwas empfindlich und begnügte sich mit einem Sonnenbad, das sie in einem cremefarbigen Bademantel mit purpurnem griechischem Randmuster auf einem Ruhebett nahm, den Kopf vom Baumschatten geschützt. Bei dieser Gelegenheit sah man, daß ihre Füße, an denen sie geschnürte Sandalen trug, würdige Gegenstücke ihrer klassischen Hände waren. Während einige der Gäste sich schwimmend, spritzend und lachend im Wasser um die schwarz glänzenden Bäuche der Delphine vergnügten, unterhielt Espérance die um sie auf den Bänken Sitzenden oder auf Leintüchern am Boden Ausgestreckten über die gerade in Mode kommende Astrologie, ihr jüngstes Steckenpferd. Wie alle im Grund primitiven Naturen, fühlte sie einen starken Hang, zu ihrem von der Schönheit der äußeren Dinge erfüllten Leben in den Schauern vor dem Wunderbaren, Übernatürlichen einen Gegenpol zu suchen. Eine Zeitlang hatte sie sogar die Mode des Spiritismus mitgemacht, aber vor der sehr angreifenden, bisweilen tastbaren Nähe des Unerklärlichen war ihre gesunde Natur bald zurückgeschreckt. Da erwies sich die Astrologie doch bedeutend unbedenklicher, vor allem reinlicher und ließ einer gern mit mannigfachen Möglichkeiten spielenden Einbildungskraft ein weiteres und bunteres Feld, als die ewig graue, übel dunstende Kloake des Spiritismus. Natürlich vermochte Espérance nicht selbst die verwickelten Berechnungen zu machen, welche die Aufstellung eines Horoskops erfordert, aber dafür gab es in der Nähe eine Volksschullehrerin, ein mathematisch ganz unbeschreiblich begabtes Fräulein Hilde Hasenöhrl, das sich vor astronomischen Zahlen, Sinus, Cosinus, sphärischen Dreiecken und dergleichen Abracadabra gar nicht fürchtete. Hingegen war in der Ausdeutung des fertigen Horoskops Espérancens Spürsinn einzig. Sie begann nun munter von uranischen und saturnischen Begegnungen auf dem Lebensweg zu fabeln, und der Hörer erfuhr zu seinem großen Heil, daß Streiche, die er verübt und schwer hatte bezahlen müssen, neptunischen Ursprungs waren, sowie daß gewisse kleinere Vorfallenheiten dieses Daseins auf eine tückische Quincunx oder ein biederes Bissextil zurückzuführen seien. Was indessen auch ernste Leute wie Holthoff erstaunte und fesselte, war die Treffsicherheit, mit der Espérance an der Hand eines aufgezeichneten Horoskops mit darunter geschriebenen Aspekten von den Leuten Charakterbilder entwarf, die im wesentlichen zu stimmen pflegten. An diesem sonnigen Morgen erklärte sie einem aus dem Krieg heimgekehrten Major mit noch nicht wieder aufgebauter Situation, er habe bisher zu ausschließlich unter dem Einfluß des Mondes, das heißt seiner äußeren Persönlichkeit gelebt; gelänge es ihm nun, sich mehr unter den Einfluß seiner Sonne, d.h. seiner inneren Individualität zu stellen, dann könne es ihm künftig nicht fehlen. Der etwa Fünfundvierzigjährige mit Glatze und angegrauten Schläfen lauschte kindlichen Blickes und bat, später unter vier Augen einige weitere Fragen stellen zu dürfen. In diesem Augenblick erschien der alte Kammerdiener Koloman in erbsengelber Livree, ein Greis mit toten Fischaugen in pergamentenem, bartlosem Gesicht und einem wie Elefantenhaut gänzlich verrunzelten Hals und meldete Besuch. Einige Schritte hinter ihm unter den Bäumen wurde bereits Erich Holthoff in grauem Sommeranzug sichtbar. Für den Abend dieses Tages war in Floridsburg das Zusammentreffen des Prinzen Amadeus mit den Militärs geplant. Nachdem in Harringen unter der mehrheitssozialistischen Regierung zur Zeit keine bolschewistische Willkür zu befürchten war, konnte der Prinz wieder wagen, heimatlichen Boden zu betreten. Erich berichtete nun Espérance, die zu ihm in den Schatten der Bäume getreten war, von einem Automobilunfall, den sie, auf einem Ausflug begriffen, hier in der Nähe gehabt. Der Prinz wolle vermeiden, sich in einem der nahen Landgasthäuser zu zeigen, wo man ihn gewiß erkennen und ihm vielleicht Ovationen bereiten würde. So möge sie ihn, der schon im Schloß sei, gleich hier behalten, während er mit Ferdinand und Melusine, die Espérance noch nicht kannte, aber ebenfalls für den Abend geladen hatte, gegen sechs Uhr zurückkommen werde. Davon wollte sie indessen nichts hören. Sie war hinreichend versorgt, sie alle zusammen schon am Mittag zu bewirten und schickte sich an, schnell ins Haus zu eilen, um sich zum Empfang des Prinzen anzuziehen. Erich hielt sie davon ab. Als der Prinz von Koloman gehört habe, wo sie sich befinde, sei er geradezu entzückt gewesen, da er schon lange gewünscht hatte, dieses famose, in der Residenz früher viel besprochene Bad einmal im Betrieb zu sehen. Indessen wolle er als Kunsthistoriker Dr. Schenk vorgestellt werden. Die ihn erkennen würden, möge man zum Schweigen veranlassen, übrigens sei gar keine Gefahr, der vergnügte Kreis bilde vielmehr ein besonders willkommenes Mittel, die wahre Absicht dieser Reise zu verhüllen, wozu ja auch der Umstand diente, daß Ferdinand und Melusine mitgeladen waren. So wurde die Zofe in die Küche geschickt, um die Ankunft von noch vier Gästen zu melden. Dann ging Erich über die Wiese zurück, von wo er die drei anderen Besucher sich dem Wäldchen nähern sah. »Ist es wahr?« fragte der Major, der Erich erkannt hatte, »daß Holthoff zu der sozialistischen Regierung übergehen wird?« »Das kann ich Ihnen nicht sagen,« erwiderte Espérance, während sie sich auf das Ruhebett setzte. Nachdem sie ihren Gästen die unerwarteten Besucher angekündigt, fragte der Major, ob dieser Dr. Schenk wohl einer der sozialistischen Freunde seiner Exzellenz sei. »Das ist eine Idee,« rief Espérance wie elektrisiert, »ich bin sicher, daß er uns da einen Roten einschmuggeln will.« »Dann erlauben Sie mir, gnädigste Frau Gräfin, daß ich mich als früherer, noch immer königstreuer Offizier entferne.« Der Major war aufgesprungen. Sein Schwimmanzug umspannte beträchtliche Fleischmassen. Inzwischen war Holthoff mit seinen drei Begleitern herbeigekommen. Der Major traute seinen Augen nicht, als er auf den ersten Blick den Vetter des Königs erkannte. Instinktiv fuhr er mit dem nackten Arm empor, als wolle er einen militärischen Gruß andeuten, aber Espérance, die sich an der Lage weidete, flüsterte ihm zu: »Bitte um etwas Diplomatie, Herr Major, es ist Dr. Schenk Wohlgeboren, weiter nichts.« Prinz Amadeus trug zu Ehren des schönen Sommertags einen breiten Panamahut, eine lustige, blaue Halsschleife über der weißen Weste, und um das Handgelenk einen dünnen Lederriemen, an dem ein Bambusstock mit Knopf aus Rosenquarz hing. Espérance, die durch Erich über Melusinen viel Günstiges vernommen hatte, fühlte sich bei dieser ersten Begegnung etwas enttäuscht, was Melusine sofort merkte, aber, nach dem was sie über Espérance gehört, gar nicht anders erwartet hatte. Sie wußte nur zu wohl aus Erfahrung, daß sie außerhalb eines ihr unbedingt ergebenen Stabs von Freunden auf manche Menschen gar nicht, auf viele, besonders Frauen, abstoßend wirkte. Als Kind hatte sie darunter gelitten und war wie ein scheues Wild in die Einsamkeit der Wälder des heimatlichen Gutes geflohen. Als dann aber ihr Eigenwesen sich in der Musik einen mächtigen Ausdruck schuf, der sie wiederum in die Welt führte, da zeigte sich ein klarer Verstand ihrer besonderen Lage gewachsen. Je mehr sie die Menschen kennen lernte, desto besser begriff sie, daß die meisten mit einem Wesen, wie sie war, wirklich nicht viel anfangen konnten und gerade in solchem Fall heißt alles verstehen alles verzeihen. Sie nahm ihnen ihre Abneigung gar nicht übel, war sogar in einem für eine Frau besonders erstaunlichen Maß bei der Bildung ihres Urteils über die andern von deren Antipathien unabhängig und im Stand, ihnen durchaus gerecht zu werden. So erkannte sie bereitwilligst Espérancens augenfällige Vorzüge an, aber, was sie in Erichs Leben bedeutet hatte und noch bedeutete, das hätte ihr doch niemand klar machen können, und in diesem Punkt war sie nicht größer als der Durchschnitt der Frauen. Ihr erster Eindruck von Espérance war: Nun, die zwei passen zueinander, und mit diesem Ausdruck meinen Frauen nie etwas Gutes. Melusinens Gebärden zeigten, wie es erklärlich ist bei Menschen, die schwer an sich selber tragen, nicht die freie Selbstverständlichkeit, die bei Espérance doch mehr Natur als Erziehung, bei Erich bewußt gewählte Selbstzucht war. In Sensburg zwischen den beiden Männern hatte sie sich geben können, wie sie war, auch mit gelegentlichen Ecken und Kanten, und eben darum fielen solche Unebenheiten nicht auf. Heute fühlte sie sich nach anderthalb Jahren zum erstenmal wieder in Gesellschaft, und sofort nahm sie jene Zurückhaltung an, die Befangenheit verrät, und in so großem Gegensatz steht zu dem süddeutsch-österreichischen Gesellschaftston, der solche Anstrengung nicht braucht, weil man ja das Persönliche hinter einer das allgemein Menschliche leicht hervorkehrenden Freundlichkeit eher noch besser vor unerwünschtem Einblick schützen kann, als hinter betonten Abstand. Das halten nun wieder derartige nordischen Charaktere für Falschheit, während sie selbst durch ihre schon zur zweiten Natur gewordene Befangenheit mit eben solchem Unrecht in den Ruf der Kälte und Unnatur kommen. Wirkte Melusine in diesem Kreis auch durchaus norddeutsch, so doch gar nicht preußisch, denn als Baltin hatte sie wie ihre Vorfahren stets in der breiten russischen Natur gelebt. So zeigte sie bei aller Zurückhaltung nichts von der plumpen Gespreiztheit, die nicht in die Welt hinausgekommene Frauen oft für gute Form halten, vielmehr bewegte sie sich, wenn auch gehalten, so doch ungeziert, aber der erste Blick verriet, daß sie kein Gesellschaftswesen war. Das zeigte sich schon in der Kleidung. Sie verschmähte die kleinen »Fanfreluches«, wie Schleifchen, Schleier, Rüschen, mit denen süddeutsche Damen die auf dem Land in rauhem Klima unerläßliche, derbe Kleidung zu verlieblichen wissen. Wie ein Mann legte sie in ihrem Anzug hauptsächlich Wert auf gutes Material und einwandfreien Schnitt. Espérance gefiel diese Art abweisender Vornehmheit nicht. Sie liebte, daß man, besonders eine Frau, das Scharfe verhüllte, wie die Spitzen eines nur zum sportlichen Spiel dienenden Floretts. Melusine war ihr entschieden zu wenig »wattiert«. Die Gesellschaft verteilte sich bald so, daß Dr. Schenk und Ferdinand mit einem holländischen Kunstsammler und seiner blaubebrillten gelehrten Frau in eifrigem Gespräch über spätbyzantinische Elfenbeindiptychen auf- und abgingen, während sich Melusinens sofort die blonde, etwas zu viel lachende Baronin Querini, eine Verwandte des Hauses, bemächtigte, die in Scheidung lebte, und, vorläufig insgeheim, von einer Bühnenlaufbahn träumte. Sie hielt sich für eine sehr moderne und aufgeklärte Frau und pflegte das in Redensarten, wie diese zu äußern? »Was bin i' denn? Eine Baronin, nun, was is' das schon? Von uns spricht heut' kein Mensch, eine Künstlerin dagegen vom Theater oder vom Kino, das is' wer.« Mit ihr drang zum erstenmal in diesen Kreis jener moderne Menschentyp, den man zwei-dimensional nennen könnte. Er nimmt alle sinnlichen, ja auch manche geistigeren Eindrücke auf, ohne aber irgend etwas auf ein eigenes Wesen zu beziehen, das sie verarbeiten und dabei zu Wertunterscheidungen kommen würde. Die Dimension der Tiefe kennen sie nicht, vielmehr beziehen sie alle Eindrücke nur aufeinander, und dadurch entsteht eine Vorstellungswelt, die vielleicht weit, aber lediglich Fläche ist und alles wahllos, eins neben dem andern, duldet. So konnte sich die kleine Querini tatsächlich einbilden, daß sie durch ihre Scheidung und ihre Bühnenhoffnungen und Melusine durch ihr Künstlertum Genossinnen seien gegen diese in Vorurteilen befangene Umgebung. Sie trug ein enganliegendes grünes Badekostüm und tummelte sich in der Sonne mit ihrem kraus- und flachshaarigen Buben, dem fünfjährigen Tonerl, der nackt herum sprang und sich immer wieder an den wasserspeienden Delphinen entzückte. Natürlich war sie imstande, jede aufgeschnappte und gelesene Redensart sofort ohne Gefühl für Perspektive zu verwenden. Sie begann daher das Gespräch mit Melusinen so: »Wissen Sie, Sie haben Augen, unergründlich wie das Meer.« Sie war an der Adria gewesen. Melusine vertrug dergleichen schlecht und wünschte sich einige Meilen fort. Baronin Querini schnatterte indessen unaufhaltsam weiter. Sie erzählte sofort, wie begabt das Buscherl sei. Neulich hätte sie ihn einem Kinoregisseur vorgeführt, der sei einfach paff gewesen. Am liebsten hätte er ihn gleich mitgenommen und ausgebildet. In Amerika gäbe es bereits einen fünfjährigen Buben, der für einen der größten Filmstars gelte. Der Tonerl sei leider noch ein bißchen zart, aber später, in zwei drei Jahren ... Melusine war durch dieses Geschwätz derart gereizt, daß sie sich nicht enthalten konnte zu sagen: »Warum werfen Sie ihn nicht lieber gleich auf den Mist?« Baronin Querini fand diese Bemerkung höchst originell und lachte laut auf, dann sagte sie, man merke doch gleich, daß Melusine nie Mutter gewesen sei. XXV Erich war schon in der Frühe mit einem eigentümlichen Glücksgefühl aufgewacht, wie es seit einiger Zeit nicht selten bei ihm mit den Depressionen wegen der Sinnlosigkeit alles Tuns abwechselte. Weiß Gott, im Augenblick war kein Grund zu Zweifel und Sorge. Die Verhältnisse in Harringen entwickelten sich wie zwangsläufig bis zu dem Punkt, wo er einzugreifen hatte. Er fühlte sich verjüngt, wenn er an die Leere der letzten Jahre dachte. Er wurde wieder von der Woge des Geschehens getragen. Kein Zweifel, er fühlte wieder einen Weg unter den Füßen. Während er nun Espérance in seine nächsten Pläne einweihte, bezauberte ihn immer mehr das farbige Bild vor ihm. Die Badenden hatten sich um die Delphine geschart und durch Zuhalten der steinernen Mäuler und plötzliches Loslassen des Wassers einen sonnig schillernden Sprühregen hervorgebracht, was den kleinen Tonerl Querini bis zu krähendem Jauchzen belustigte. Das feuerte wiederum die Badenden zu immer lebhafterem Spiel an. Sie panschten und pritschelten im Wasser umher, so daß die ganze Flut ins Wogen geriet und an manchen Stellen über den Rand des Beckens trat. Der Tonerl, der dem allen von draußen zugeschaut hatte, wollte nun durchaus auch ins Wasser, aber seine Mutter hielt es für zu kalt. Da brach Erich plötzlich das Gespräch mit Espérance ab und versprach dem Tonerl, ihn ins Wasser zu tragen, ohne ihn naß zu machen. »Ohne mich naß zu machen,« plapperte das Kind nach und wartete gespannt. Holthoff verschwand schnell hinter der Zeltleinwand und kam nach wenigen Minuten wieder im Schwimmanzug hervor. Er hatte eine wohlgebaute, noch jugendliche Gestalt. Schnell stieg er in das sonnige Becken, schüttelte sich einen Augenblick, von der Frische des Gebirgswassers überrascht, und ließ sich den Tonerl von seiner Mama auf die Schultern reichen. Dann sprang er mit ihm in dem Becken umher, näherte sich den Delphinen immer gerade so weit, daß das Kind nicht benetzt wurde, das laut zu seiner vom Ufer her ihm zulachenden Mutter hinüberjubelte. Holthoff glich einem ganz anderen Wesen, einem wilden, aber gutmütigen Triton, dessen Element das Wasser ist. Da erblickte er plötzlich am gegenüberliegenden Ende des Beckens Melusinen, die in schwarzem Trikot über eine kleine Treppe noch etwas zögernd in die Flut stieg. Zum erstenmal sah er ihre schönen Formen in solcher Freiheit. Ihre Arme und die langen, schlanken Beine glänzten in mattem Elfenbeinton. Einen Augenblick schien er wie gebannt, aber noch mehr durch das, was er in seinem Innern wahrnahm, als durch das, was seine Sinne auffaßten. Er fühlte, daß er eigentlich schon lange dieser Frau herzlich zugetan war, mit der er die ganze Zeit nicht nur in dem üblichen, sondern sogar etwas betonten gesellschaftlichen Abstand verkehrt hatte, obwohl er andern gegenüber ihre ihm so verwandte Entschlossenheit, besonders jenem russischen Bolschewisten gegenüber, und ihren klaren Geist nicht genug bewundern und preisen konnte. Er hatte nie anders, als ernst, mit ihr gesprochen, zumal ihr Wesen an sich wenig zum Scherz herausforderte. Nun erfaßte ihn plötzlich, als sei mit den Kleidern der ganze bisherige Ton wie etwas Künstliches von ihnen abgefallen, eine unwiderstehliche Lust Melusinens Ernst durch eine neckende Lustigkeit herauszufordern, und er rief dem Tonerl zu: »Komm, wir wollen diese Tante da einmal recht spritzen.« Der Tonerl schlug vergnügt in die Händchen. Melusine, durch die Berührung des frischen Elementes offenbar selber völlig umgewandelt, kam hell lachend dem Anschlag zuvor und stieg schnell ins Wasser, sich bis an den Hals unter die Oberfläche duckend. Dann reckte sie sich wieder triefend auf, streckte die beiden schimmernden Arme nach dem Kind und rief: »Geben Sie mir ihn einen Augenblick.« Erich trug wie ein starker Christophorus das Bübchen durch die Flut zu Melusinen. Während sie ihn nehmen wollte, löste sich plötzlich das schwere, sandfarbige Haar. Schnell rettete sie sich auf eine Stufe des Treppchens. Das Haar umgab sie nun bis zu den Knieen. Erich stieß einen unwillkürlichen Ton des Entzückens aus. Melusine aber stieg aus dem Becken, um sich in dem Damenzelt das Haar wieder aufzustecken. Da trat ihr Prinz Amadeus entgegen, der mit Ferdinand und dem holländischen Ehepaar von einem Spaziergang zurückgekehrt war. »O bitte Baronin, bleiben Sie so, jetzt sind Sie erst die wirkliche Melusine.« Lachend sagte sie, dann müsse sie auf das Bad verzichten, und mit einem stolzen Wink auf ihre Mähne fügte die sonst fast zu wenig kokette Frau hinzu: »Bis das wieder trocken wird ...« »O ich will nicht Ihre Freude stören,« erwiderte der Prinz übereifrig. Er war ein wenig verlegen wie ein Knabe, der glaubt, etwas zu weit gegangen zu sein. Neben ihm stand wie ein anderer Knabe Ferdinand, keines Wortes fähig. Während Melusine in dem Zelt verschwand, sprang Erich noch einige Augenblicke mit dem Buben im Wasser herum, reichte das vor Freude quiekende kleine Wesen seiner Mutter zurück, durchfurchte dann mit ein paar starken Armbewegungen schwimmend die Flut und stieg ans Land. In einen Bademantel gehüllt, setzte er sich wieder neben Espérance, die dem Spiel vergnügt zugeschaut hatte. »So habe ich Sie aber lange nicht gesehen,« flüsterte sie, »so unbefangen lustig, und dazu mit einem Staatsstreich im Kopf.« »Jeder Augenblick will auf seine Weise gelebt sein,« erwiderte er, »daß man das kann, ist die Frucht des Alternd. Ein junger Mensch lebt ja nie im Augenblick, weil er viel zu viel hofft und infolgedessen auch fürchten muß, es nicht zu erreichen. Aber wir, was soll uns hindern, das Leben in uns abwechselnd brausen und verstummen zu fühlen, die wir nichts mehr um jeden Preis wollen, aber für alles noch bereit und empfänglich sind?« »O wie wahr ist das,« erwiderte sie und verglich im stillen die unverwüstliche Jugendlichkeit gewisser alternder Männer mit firnen Weinen. Wie viel seltener ist sie bei Frauen, dennoch durfte Espérance von sich sagen: »Glauben Sie mir, daß ich alternde Frau heute glücklicher bin, als in der Jugend?« »Das ist der Lohn für ein Leben, das sich in jedem Alter ganz erfüllt hat. Das aber haben Sie immer verstanden, Espérance, und Ihrer frühen Weisheit verdanke ich meine späte.« »Mag sein,« sagte sie sinnend, »aber nun müssen Sie mir die Weisheit zurückgeben. Wir Frauen werden und vergehen schnell wie die Natur. Nur das geistige bringt Auferstehung, und das muß uns immer ein Mann bringen.« Erich blickte sie verblüfft an. So hatte er sie nie sprechen hören. Inzwischen war Melusine wieder aus dem Zelt hervorgetreten und hatte sich von der Baronin Querini den Tonerl geben lassen, mit dem sie nun im Wasser zum Ergötzen der Zuschauer ein anmutiges Spiel trieb. »Eigentlich ist sie doch recht hübsch,« flüsterte Espérance Erich zu. »Ich möchte ihr Horoskop sehen, sicher spielt da der Neptun eine Rolle, der Planet des flutenden Chaos, des Rätselhaften, der außerordentlichen Empfindungen, der modernen Musik.« »Sonderbar,« rief Erich, »gerade steht sie zu Füßen des Neptun.« Melusine war vor den barocken Meergott getreten und hatte eben den Tonerl auf die heißbesonnte Steinplatte daneben gesetzt. Dann sprang sie selbst ins Wasser, das um sie aufspritzte, und durchschwamm das Becken. »Übrigens lehnt sie die neue Musik ab,« erwiderte Erich, allen ihren Bewegungen folgend, »sie spielt zu meiner Freude nur Klassisches.« »So?« sagte Espérance verwundert, »dann steht ihr noch eine Wandlung bevor. Der Neptun braucht lange, bis er sich einem Menschen, den er beeinflußt, verständlich macht.« In diesem Augenblick gab vom Schlosse her ein Gong das Zeichen zum Ankleiden für das Mittagessen. Espérance hatte wohl bemerkt, daß Melusine auf Erich heute eine besondere Wirkung ausübte, als sie mit aufgelöstem Haar vor ihm stand, aber das beunruhigte sie nicht. Sie glaubte in der Seele des Freundes, den sie in allen Lebenslagen gesehen, klarer als in der eigenen zu lesen. Dessen fühlte sie sich ganz sicher, daß sie in seinem tätigen Leben nie eine Nachfolgerin gehabt hatte. Da war zwar noch eine Reihe von Frauen, bei denen er Entspannung und Freude gefunden, ja, er war wohl selten ganz ohne solche Quellen der heiteren Erfrischung gewesen – Einzelheiten wußte sie natürlich nicht – aber geliebt hatte er nur sie, und noch heute war sie ihm der teuerste Mensch auf Erden. Nie hatte es Szenen zwischen ihnen gegeben, wenn auch nicht selten Aussprachen. Hatte er nicht Recht, wenn er sagte, lieben könne man nur einmal, und wer es nie getan habe, sei ein halber Mensch? Wer dies aber nachher immer wieder zu wiederholen versuche, sei ein hoffnungsloser Sentimentaler, der seine schöpferischen Kräfte unfruchtbar verschwende. In der Tat, wäre das nicht kümmerlich, wenn auch der Mann, statt etwas zu schaffen, sein Leben nicht von seinem Liebesleben zu trennen vermöchte? Erich hat gesagt, wer dies fordere, verlange die Rückkehr in die Dumpfheit matriarchaler Zeiten, deren Schilderung in einem Buch ihr einmal verführerisch erschienen war, aber dann kam ihr schnell zum Bewußtsein, daß es doch »interessante Männer« unter solchen Verhältnissen nicht gegeben haben könne. Alles dies und noch vieles andere hatte die solchem Denken von Haus aus gewiß wenig geneigte Espérance im Lauf einer nun fast ein viertel Jahrhundert währenden Freundschaft mit Erich Holthoff verstehen gelernt. Nicht selten dachte sie darüber nach, wie wohl die Dinge gegangen wären, wenn sie nach jenem Pariser Liebesfrühling ihre Ehe getrennt hätte, um Erichs Frau zu werden. Kaum wäre er der geworden, zu dem ihn seine trotz aller heiteren Unterbrechung herbe Einsamkeit gemacht hatte. Und würde sie selbst mehr von ihm gehabt haben? Als bürgerliche Gattin hätte sie ihn nur gebunden, der Freundin in ihrer eigenen Welt brachte er die Blüten seiner Feierstunden. War es nicht erstaunlich, wie sie immer wieder neu zwischen ihnen aufsproßten? Kannte denn dieser Mann wirklich das Altern nicht? Er war weise geworden, ohne seine Entwicklung für beendet zu halten. Im Grund genommen erschien er ihr heute wieder jung wie vor fünfundzwanzig Jahren, immer noch lag Zukunft vor ihm. Wäre das in der Ehe denkbar gewesen? Gehörte dazu nicht die Zucht des Mönchs, verbunden mit der mannigfaltigen Lebensberührung des genießenden Mannes der Welt? XXVI Unter den Bäumen flatterte ein Tischtuch auf, von grünen und gelben Reflexen des Laubs und des Sonnenlichts umspielt. Zart getöntes Geschirr, Silber, Kristall, Blumen bedeckten bald die Tafel, und als die Gäste, über die in der Mittagssonne flimmernde Wiese gekommen, auf bequemen grünen Gartensesseln Platz genommen hatten, wurde als Vorgericht eine Frühmelone von gelbrosa Fleisch gereicht, auf dem Eisstückchen lagen. Der Tonerl hatte das Vorrecht, daß für ihn Champagnerkorken knallen durften, was Koloman, stets auf die Tradition eines guten Hauses bedacht, nur sehr ungern geschehen ließ. Nach diesem Vergnügen aber wurde er von seiner Kinderfrau fortgebracht. Bald umhüllte die Gäste jenes anmutige Behagen, das immer dann entsteht, wenn Menschen, die auch ohne äußere Hilfsmittel mit einander gesellig zu leben vermögen, obendrein noch etwas so allgemein menschlich Verbindendes miteinander unternehmen, wie den Genuß einer wohlbereiteten Mahlzeit. Während der Kaffee aufgetragen wurde, fand sich auch der Tonerl wieder ein. Der Prinz nahm ihn auf den Schoß und fütterte ihn mit Pralinés. Zum Dank drückte er ihm eine Gartenerdbeere breit auf die weiße Weste und jubelte noch dazu über das so entstandene Kunstwerk, das alle bewundern mußten. Prinz Amadeus fand es besonders schön und trug es wie eine Trophäe. »Dieser Tag ist wie Musik,« rief er aus, während sein Blick in die grüne Dämmerung des mittäglichen Parkinnern schweifte. Ihm gegenüber saß Melusine. »Wissen Sie auch,« sagte er, den Tonerl auf seinem Knie reiten lassend, »daß Gräfin Espérance eine alte Stradivariusgeige hat?« »O Gräfin,« rief die Angeredete erregt, zum erstenmal aus ihrer bisherigen Zurückhaltung im Reden heraustretend, »würden Sie sie mich probieren lassen?« »Sofort, wenn Sie wollen,« erwiderte Espérance, als Wirtin erfreut darüber, wie sich heute ein Genuß an den andern reihte. Ferdinand saß bei Tisch neben der Holländerin, antwortete aber nur zerstreut auf ihr Gespräch. Seine Augen hingen an Melusinen, die er noch nie in größerer Gesellschaft gesehen hatte. Während Koloman die Geige holte, legten sich einige Gäste auf Einladung der Hausfrau in die zwischen den Bäumen befestigten, mit bunten Seidenpolstern versehenen Hängematten. Melusine nahm behutsam das Instrument aus dem violett gefütterten Kasten, betastete das edle braune Holz mit ihren schmalen, elfenbeinfarbenen Knabenhänden, schon das Stimmen klang mit seinen Quinten wie Urton durch die panische Stille des frühen Nachmittags. Dann begann sie zu geigen, das helle Haar auf der linken Seite hinter das kleine Ohr gestrichen, auf der reckten die Wange berührend. Die Gäste lauschten, teils in den nun von der Tafel weggerückten Sesseln sitzend, teils in den Hängematten ruhend. Ein sanfter Wind bewegte unmerklich die Blätter und koste die Gesichter. Hinter den Bäumen in einiger Entfernung standen der fischäugige Koloman und die beiden Mädchen, von der Musik gebannt. Melusine spielte erst einige wohlbekannte Schumannweisen, dann erregtere Abschnitte aus Chopinschen Kompositionen; plötzlich geriet sie in wilde Zigeunerlieder und kehrte mit Doppelgriffen zu einfachen Volksliedern zurück, aus denen sie dann in moderne grelle Musik verfiel. Schließlich brach sie unvermittelt ab, winkte Koloman herbei, dem sie die Geige gab, und sagte: »Es ist genug, ich bin müde.« Dann warf sie sich erschöpft in ihren Sessel, völlig in sich gekehrt, als überhöre sie den Beifall und Dank der Gesellschaft. Der Prinz und Espérance ruhten in zwei Hängematten nebeneinander. »Dieses Spiel war nicht mehr menschlich,« flüsterte er ihr zu, »so habe ich sie nie gehört.« »Auf mich wirkt sie einfach unheimlich,« antwortete Espérance, »es ist mir ein Schauer nach dem andern über den Rücken gelaufen, als begegnete ich einem Wesen, das nicht von Fleisch und Blut ist. Haben Sie bemerkt, wie sich der Tonerl auf einmal gefürchtet hat?« In der Tat hatte das Kind, nachdem es erst mit verwunderter Aufmerksamkeit zugehört oder vielmehr zugeschaut, bei den Zigeunerliedern zu weinen angefangen, und zwar nicht auf ungezogene, sondern auf ängstlich hilflose Art, und sich sofort beruhigt, als er von der Kinderfrau fortgetragen wurde, obwohl es sonst sehr die Gesellschaft der Erwachsenen liebte. Ferdinand, dessen gewohnte Schweigsamkeit in größerer Gesellschaft niemand auffiel, war während Melusinens Spiel mit weit aufgerissenen Augen wie ein Laubfrosch hinter einem abblühenden Rosenstrauch gesessen und hatte nur den Bruder angestarrt, der als Einziger stehend zuhörte, die große Gestalt an einen Stamm gelehnt. Obwohl er gleichgültig eine Zigarre rauchte, war sein Blick fest auf Melusinen gerichtet, als diktiere er ihr das Spiel, und in der Tat hatte sie plötzlich, ohne einen rechten Schluß zu finden, abgebrochen, als Erich einmal den Blick wegwendete, den unwiderstehlichen Indianerblick, den Ferdinand ganz unverhofft jetzt plötzlich wiederzusehen wähnte. Bald trat völlige Ruhe ein. Die meisten träumten vor sich hin, einige schliefen. Ferdinand hockte brütend hinter dem Rosenstrauch, Erich hatte seinen Mantel auf ein Mooslager gebreitet und sich ausgestreckt, blaue Rauchwolken in die Luft blasend. ›Eine geniale Künstlerin, diese Melusine,‹ dachte er, ›und was für eine rätselhafte Frau!‹ Er lächelte bei dem Gedanken, daß sich gerade Ferdinand dieses Rätsel zu raten vorgenommen hatte. Dann schaute er eine Zeit lang einer über ihm die Baumrinde geschäftig bearbeitenden Kohlmeise zu, warf die erloschene Zigarre weg, drehte den Kopf zur Seite und schlief ein unter dem Druck sommerlicher Nachtischmüdigkeit. Melusine saß noch immer wie sinnend in ihrem Sessel, von dem aus sie Erich auf seinem Mooslager betrachtete. Ferdinand hinter seinem Rosenstrauch konnte sie von seinem Platz aus nicht gewahren. Auch er hatte für nichts anderes Sinn, als für den sorglos die Lider über seinen Indianerblicken schließenden Mann auf dem Mooslager, der ahnungslos schlief, von diesen zwei Augenpaaren bewacht. XXVII Man hatte die Siesta ziemlich lange ausgedehnt und dann schnell in einem kühlen Saal des Schlosses den Tee getrunken, dann gegen fünf Uhr brachte das Auto die Gäste außer den von Sensburg Gekommenen zur Bahn. Auch die Baronin Querini mußte unter irgend einem Vorwand für einige Tage verschwinden, da Espérance ihrer Verschwiegenheit nicht traute. Wir wollen nun nicht versäumen, in dieser sich um Vergangenheit und Zukunft drehenden Erzählung, da wir nun schon einmal in Floridsburg sind, im Vorübergehen einer dort lebenden Persönlichkeit zu gedenken, die zwar nicht unmittelbar in unsere Geschichte eingreift, in der jedoch wie ein verwitterter Fels im Strom der Zeit die Vorvergangenheit fortfuhr, sich still zu überleben, wie vom Tode vergessen. Schon zum Tee war die steinalte Gräfin Olga Stryensky aus ihren Zimmern hervorgekommen, eine Tante der Hausherrin. In dem gelben, wie zu einer Zitrone zusammengeschrumpften Mausgesicht gediehen noch einige behaarte Warzen. Der Besitz der Gräfin im äußersten Ungarn war im Krieg abwechselnd von den Heeren beider Verbände überflutet worden. Sofort hatte ihr Espérance eine Zuflucht gewährt, und nun war es kaum mehr möglich, die hohe Achtzigerin wieder zurückzuverpflanzen, die sich inzwischen an Floridsburg gewöhnt hatte und den stillen Anspruch erhob, hier zu sterben. In erster Ehe war sie mit einem Ungarn, in zweiter mit einem Polen verheiratet gewesen. Jener hatte sie, falls ihre Erinnerung zuverlässig war, vergöttert, der andere, wie man wissen wollte, geschlagen. Beides war nun über ein halbes Jahrhundert her, beeinflußte aber nicht unbedeutend ihre völkerpsychologischen Meinungen. Wir wollen hier lieber übergehen, was sie im allgemeinen gegen das polnische Volk vorzubringen pflegte, nur sagen, daß sich jede Vorstellung, die in dieser alten Seele von Edelmut, Vornehmheit, Güte lebte, irgendwie mit Ungarn verband. Dort hatte sie, von Herkunft ein armes süddeutsches Freifräulein, mit eher weltfremder, ja prüder Erziehung, an der Seite ihres ersten Gatten so glücklich gelebt, daß sie nicht die Zeit fand, seine Sprache zu lernen. Dennoch fühlte sie sich, als sie nach dem Tod des Polen auf ihren ersten Witwensitz zurückgekehrt war, durchaus als Magyarin. Diese eigentümliche Verwandlung ihres nationalen Fühlens hatte merkwürdigerweise nicht ihre glückliche ungarische Ehe selbst, sondern erst die wehmütige Erinnerung daran während der unglücklichen polnischen Ehe hervorgebracht. Jedenfalls war damit der Rahmen einer Traumwelt geschaffen, die sie nun während eines beträchtlichen Lebensrestes in Muße ausbauen konnte. Espérance empfand sie übrigens als angenehme Hausgenossin. Sie war seelengut, kümmerte sich um nichts, was sie nichts anging und stellte auch keinerlei Ansprüche dank jener Innenwelt, die sie sich selbst geschaffen hatte. Meist erschien sie wohl zu den Mahlzeiten, aber auch dies nicht immer. So hatte sie z.B. das heutige Frühstück im Freien lieber gemieden, obwohl sie eigentlich der Geselligkeit nicht abhold war. In der Regel verschwand sie bald nach dem Essen in ihren bescheidenen, sogar schlecht heizbaren Zimmern, die sie sich aber selbst gewählt hatte und mit einem gewissen Eigensinn nicht mehr hergeben wollte, da in dem ganzen Schloß allein diese Räume einen Blick in die der Pußta entfernt ähnliche Ebene gewährten, während die übrigen Fremdenzimmer gegen den Park und das Gebirge lagen. Was aber ein rechter Magyar ist, kann nicht leben ohne den Blick in die weite Steppe. In diesen engen Gemächern hatte sich nun Gräfin Stryensky mit Reliquien ihrer ersten Ehe umstellt, von denen sie ein gut Teil bei ihrer Flucht zu retten gewußt; so den Brautkranz, ein Photographiealbum, die Jagdpistolen, eine Zigarrentasche und die letzte Schnurrbartbinde des Verewigten mit blassen Spuren ungarischer Bartwichse. Im Winter legte sie gern etwas von seinem hinterlassen Tabak in die Ofenröhre; der vertraute Geruch schien ihr wie eine übersinnliche Liebkosung aus dem Jenseits, auch sorgten offenbar Feenhände dafür, daß der edle Rest sich niemals ganz erschöpfte. Tante Olga Stryensky hatte den greisen Koloman mit zu Espérance gebracht. Er war der alte Kammerdiener ihres ersten Gatten gewesen und nach dem Tod des Polen wieder in ihre Dienste getreten. Er kam Espérance sehr gelegen, da im Krieg die jungen Männer ihres Haushalts eingezogen wurden. Zudem war Kolaman die Zuverlässigkeit selbst. Er wußte den Liebhaberwert sehr zu schätzen, den ihm seine alte Herrin gab, die täglich mit ihm über den Toten sprach und seine Meinung darüber hören wollte, was jener wohl hier- oder dazu sagen würde; und je älter Koloman wurde, desto bereitwilliger folgte er ihrer geradezu schöpferischen Phantasie, die aus ihm allmählich ein Sinnbild der Treue machte. Auch er war nun überzeugt, jene kurzen Dienstjahre bei dem Verblichenen, deren er sich, die Wahrheit zu gestehen, im Einzelnen kaum entsann, seien der Höhepunkt und das größte Glück seines Lebens gewesen, der Rest nur ein stilles Trauern um den Heimgegangenen, wobei es ihm übrigens recht wohl erging. Auch Koloman wünschte Floridsburg nicht mehr zu verlassen, obgleich in Gestalt der jüngeren Dienstboten, besonders des ihm in die Seele verhaßten Chauffeurs, auch hier die so schlechte, neue Zeit einzudringen begann. Eine besondere Freude hatte Espérance Tante Olga gemacht, als sie ihr zum Namenstag ein Grammophon geschenkt mit Platten teils schwermütiger, teils wilder magyarischer Lieder und Tänze. Eine alte Musikdose, die den Rakoczimarsch und den Czardas » Ugyan rozsam szeretsz-e még? « spielen konnte, war allmählich, aber schließlich gänzlich verstummt. Die Zofe der Gräfin hatte es Espérancens Zofe und diese wiederum ihrer Herrin erzählt, sie habe die alte Dame schon mehrfach dabei überrascht – das erste Mal ohne ihren Augen zu trauen – wie sie, über dem Lärm des tobenden Grammophons das Anklopfen überhörend, Czardasschritte versucht habe. Nun war das Rätsel gelöst, durch welchen Zauber sich Tante Olga zeitlebens ihre mädchenhafte Schlankheit bewahrte. Sie hatte offenbar früher schon zu den Klängen der Musikdose getanzt, doch vermochte diese das Anklopfen an die Tür nicht zu übertönen, und so war der geheime Sport verborgen geblieben. In ihrer Kleidung war Tante Olga würdig und sorgsam. Zu hohen Festtagen legte sie eine szekler Goldhaube und hochrote Saffianstiefel mit Goldschnüren an, die tradionellen Abzeichen der echten magyarischen Edelfrau. Sie war übrigens dankbar für jedes Wort, das man an sie richtete. Lobte man aber gar Ungarn, wozu Espérance ihre Gäste recht eifrig anzuhalten pflegte, dann leuchteten die alten Augen auf. Den heutigen Abend hatte sie mit Ungeduld erwartet, denn, wenn sie sich außer für das Land Ungarn, für noch etwas erwärmen konnte, so waren es Personen von königlichem Geblüt. Als sie zum Tee erschien, machte sie vor Prinz Amadeus eine vollendete Hofverbeugung, die ihre czardasgewohnten Glieder seit einigen Tagen vor dem Spiegel etwas geübt hatten, und wollte durchaus, daß er vor ihr die Tür durchschritt, was er aber als Dr. Schenk unerbittlich ablehnte. Als sie ihn nach seinen berühmten Sammlungen fragte, erzählte er ihr verbindlich, daß er gerade daran denke, ein Bild eines jungen ungarischen Malers zu kaufen. Voll Ungeduld wollte sie den Namen wissen, aber dem unseligen Prinzen fiel im Augenblick nicht anders ungarisches ein, als der Name der Stadt Kapos Varosz. »Ja, Kapos Varosz,« wiederholte die Gräfin Olga, »das ist eine gute alte Familie.« Als sie erfuhr, daß gegen sechs Uhr die Militärs erwartet wurden und dann bis zum Souper verhandelt werden solle, geriet sie in eine gewisse Unruhe. Sie flüsterte schließlich erregt mit Espérance, und diese nahm Erich Holthoff auf die Seite: »An Sie muß man sich doch heute als Hofmarschall wenden. Haben Sie denn in Ihrem Programm auch die Zeit vorgesehen, wann sich der Prinz umzieht? Wir Frauen müssen das doch rechtzeitig wissen, damit wir uns danach richten können.« »Umzieht?« lächelte Holthoff. »Aber Ihre Koffer sind doch hoffentlich aus dem verunglückten Automobil hergeschafft worden?« »Das wohl, aber was glauben Sie, was zum Umziehen darin ist? Wenn Sie uns anders haben wollen, als wir jetzt sind, können wir höchstens in gamsledernen Hosen und mit nackten Knien kommen. Gebirgskleidung haben wir auf alle Fälle bei uns, da wir bei gutem Wetter morgen früh mit Fräulein von Kaden auf den Niederkofl wollen, sie war noch nie im Hochgebirg. »Gut, daß Sie mir das sagen. Dann können wir natürlich auch nicht in Abendtoilette erscheinen.« »Aber ein bißchen hübsch machen dürfen Sie sich schon. Sie wissen, wie gern er das hat. Tante Olga soll ruhig ihre Szekler Goldhaube aufsetzen.« Espérance machte dieser gleich Mitteilung von dem Gespräch. Über das zitronengelbe kleine Antlitz verbreitete sich der Schatten schwerer Enttäuschung. Gräfin Olga besaß nämlich, seit einem Jahrzehnt unbenutzt, ein in Paris bei demselben Künstler, wie das der Kaiserin Augusta, gearbeitetes emaillertes Dékolleté, wie es alte Damen anzulegen pflegten, die höfisches Zeremoniell zu ewiger Jugend verpflichtete. Gräfin Stryensky hatte es noch einmal einige Jahre vor dem Krieg in Schönbrunn getragen und dann als Erinnerung an ihre unwiderruflich allerletzte Jugend ihren Reliquien eingeordnet. Da sollte sich nun heute eine Gelegenheit bieten, es doch noch einmal zu Ehren des Prinzen Amadeus hervorzuholen. Dieser Traum war nun vernichtet. Zum erstenmal fühlte Tante Olga, welche Werte eigentlich durch die Revolution endgültig zerstört waren, verschwand in ihren Zimmern und ließ sich zum Souper entschuldigen. Sie wollte es nicht darauf ankommen lassen, einen königlichen Prinzen und seinen Minister in gamsledernen Hosen und mit nackten Knieen soupieren zu sehen. Koloman gab ihr vollkommen recht. XXVIII Gegen 6 Uhr erschienen – natürlich in Zivil – der alte Generaloberst von Sobern und der Oberst Katzlinger von Degenschlag, dieser von neuem, im Krieg erworbenem Adel. Nachdem die Herren noch schnell von Espérance mit einer Tasse Tee bewirtet worden waren, geleitete Holthoff sie in das heitere Schreibzimmer mit alten Aubussonmöbeln. Über dem Schreibtisch hing in ovalem Rahmen das lebensgroße Ölbild eines feinen etwa sechsjährigen blonden Knaben in Samtanzug mit einem dünnbeinigen Windspiel an der Seite. Auf seine etwas schroffe Frage, wer der Bursch sei, erhielt Katzlinger von dem General die Antwort: Leutnant Herbert Waldegg, der zur Zeit im Ausland weilende einzige Sohn der Hausfrau. Der Oberst musterte offenbar den Dargestellten auf seine militärische Tauglichkeit und schien zu keinem günstigen Ergebnis zu kommen. Die beiden Offiziere setzten sich auf zierliche Goldstühlchen, während Holthoff auf einem Rokokosessel vor dem geschwungenen Bouleschreibtischchen Platz nahm. Zunächst wollte er das rein Sachliche mit ihnen ohne den Prinzen besprechen. General von Sobern war ein weißbärtiger großer alter Herr mit gütigen, blauen Augen jener schon vor dem Krieg fast ausgestorbenen Klasse hoher Offiziere, die das Waffenhandwerk mit Schöngeistigkeit zu verbinden wußten. Er gehörte dem alten Kreis des Prinzen Amadeus an. Noch bis in seine fünfziger Jahre waren hie und da dünne Novellenbändchen und Liederkompositionen von ihm erschienen, stets hohen und höchsten Damen gewidmet. Sein Glaube an alles Wahre, Schöne und Gute war durchaus aufrichtig. In drei Feldzügen hatte er sich als tapferer Soldat, treuer Kamerad und sehr menschlicher Vorgesetzter erwiesen. Der moderne Krieg mit den Greueln des Schützengrabens, besonders den giftigen Gasen, verletzte nicht nur den Schöngeist in ihm, sondern noch mehr den ritterlichen Soldaten, und er war auch freimütig genug gewesen, daraus nie einen Hehl zu machen. 1916 hatte er seinen Abschied genommen. Holthoff schätzte in ihm vor allem die in Rolfsburg außerordentlich beliebte Persönlichkeit. Mochte er nicht gerade ein militärisches Genie sein, so besaß er doch in höchstem Maß die menschlichste aller militärischen Eigenschaften, die Teilnahme für den Einzelnen, und daher eine untrügliche Erinnerung an jeden, mit dem er einmal zu tun gehabt hatte. Wenn er in den Straßen von Soldaten gegrüßt wurde, so redete er nicht selten die Leute mit ihrem Namen an, und er erzählte mit Stolz, daß unter den in der Revolution Genannten auch nicht ein ihm bekannter gewesen sei. Ganz anders war Oberst Katzlinger. Auf der gedrungenen Gestalt saß, etwas zwischen die hohen Schultern gesunken, ein kugelrunder grimmiger Seehundskopf mit abwärts hängendem rotblondem Schnurrbart, der eine Hasenscharte verbergen sollte. Auf dem hoch gerötetem Schädel hatte er vereinzelte Borsten. Die kleinen, grauen Augen blitzten scharf wie Stahl, doch nicht unlustig aus tiefen Höhlen. Sein Hauptargument, auch in nicht beruflichen Gesprächen, war, er sei durch und durch Soldat, und als solcher sehe er die Dinge an. Er war daher bei allen den Untergebenen beliebt, die sich auch als geborene Soldaten fühlten oder den aufrichtigen Ehrgeiz besaßen, die mitgebrachte eigene Ungestalt diesem Typus anzupassen. Bei solchen wirkte er Wunder der Wandlung. Immer hatte man ihn persönlich in den ersten Gräben gesehen, Gefahr und Entbehrung mit den Geringsten freudig teilend, und stets durch einen trockenen, oft etwas anzüglichen, im Grund taktlosen Humor die Leute erheiternd. Erbarmungslos jedoch war er gegen alle die, welche sich für das Soldatenhandwerk nicht geschaffen fühlten, mochten sie nun zu gut oder zu schlecht dazu sein. Das zu unterscheiden, hätte er für ein ganz unfaßbares Ansinnen gehalten. Gab es denn eine größere Ehre, als des Königs Rock zu tragen, auch in der Uniform des gemeinen Soldaten? Die das nicht fanden, nannten ihn nicht anders als den Unmenschen, und das war begreiflich, wenn auch nicht zutreffend. Er war sogar ein im Grund guter Mensch, aber man mußte sich das immer erst aus der militärischen Sprache in die allgemein menschliche zurückübersetzen, während sein Stolz gerade darin lag, nicht den kleinsten Rest allgemeiner Menschlichkeit in sich unübersetzt in's Militärische zu lassen. Unter jenen von Haus aus Unsoldatischen waren nicht wenige, denen man allenfalls mit dem Wort Pflicht beikommen konnte, aber selbst davon wollte er nichts wissen. Nicht aus Pflicht, aus Passion mußte man Soldat sein. Krieg nannte er den einzigen menschenwürdigen Zustand, Friede erschien ihm ungesund. Was die modernen Kriegsmittel betreffe, so sagte er oft behaglich lachend und den rauhen Schnurrbart streichend, nun, er habe sie nicht erfunden, aber einem echten Soldaten müsse jedes Mittel zur Vernichtung des Feindes recht sein. Über die Niederlage im Weltkrieg setzte er sich durch die Illusion hinweg, die so viele, vor Einzeltatsachen die ganze Wirklichkeit nicht sehende Realisten kleinen Formats getröstet hat, daß wir zwar besiegt, aber nicht geschlagen seien. Nur das erschien dem Soldaten wichtig, für schlechte Politik sei er nicht verantwortlich. Katzlinger war bis zur Revolution Oberst des königlichen Leibregiments gewesen und in diesem ausgewählten Truppenkörper bis zum Schluß der Abgott seiner Leute. Dann hatte er sich zurückziehen müssen, nachdem ihn Freunde und alte Kameraden nur mit großer Mühe von der derzeitigen Aussichtslosigkeit eines »eisernen Vorgehens gegen die Kanaille« überzeugt hatten. So viel Politik ließ er nun doch in seinen harten, wie er selbst oft sagte, bombensicheren, borstigen Schädel ein, daß er begriff, er müsse sich für eine bessere Gelegenheit aufsparen. Indessen erhielt der sonst nicht an viel Korrespondenz gewöhnte Mann täglich Stöße von Briefen, in denen ihm Einzelne oder auch ganze Stammtische ihre Ergebenheit und stündliche Bereitwilligkeit bestätigten, unter seiner Führung gegen die Revolution zu kämpfen. Zwei Mal kamen anonyme Karten mit den Worten: »Schläfst Du, Brutus?« Nachdem er sich hatte erklären lassen, was das zu bedeuten habe, geriet er derart aus Rand und Band, daß ihn seine Freunde, ohne daß er es merkte, heimlich zu überwachen begannen. Mit diesen stand Holthoff schon seit einiger Zeit in Fühlung. Es wunderte ihn nicht einen Augenblick, daß Katzlinger von ihm anfangs in derben Reden als einem halben Sozialdemokraten gesprochen hatte, mit dem er sich nicht an einen Tisch setzen würde, da er dem alten König die Krone vom Haupt gerissen habe. Holthoff indessen stand als Staatsmann ebenso jenseits aller persönlichen Sym- oder Antipathie, wie aller Theorie. Er wußte Kräfte, wie Sozialismus und Nationalismus, die ja beide ihr Daseinsrecht haben, als Material der Gestaltung zu verwenden, statt ihnen selbst zu verfallen. Pausecker behandelte er, wie wir gesehen haben, geistig, um ihn von unfruchtbaren Theorien zu lösen. Katzlinger war nicht zu behandeln, nur zu benutzen. Es kam einzig darauf an, die, wenn geleitet, unschätzbare Kraft dieses Draufgängers zu gewinnen, der mit Leichtigkeit heute noch ein ganz zuverlässiges Regiment zusammenstellen konnte und nicht zögern würde, zu handeln, von wo auch immer ihm die Gelegenheit dazu käme, wenn es nur einigermaßen in der ihm gemäßen Richtung war. Als Sobern Katzlinger zum erstenmal andeutete, daß große Dinge in Vorbereitung seien, strahlten dessen kleine Augen, dann aber kam eine schwere Enttäuschung, als er von dem halben Sozialdemokraten Holthoff und dem »Kunstprinzen« Amadeus hörte. Aber General Sobern wußte ihn beim Portepee zu packen. »Was geht das uns alte Soldaten an?« sagte er. »Wir haben bereit zu sein, wenn der König ruft und Se. Majestät gibt seinen Segen zu der Unternehmung. Prinz Amadeus ist der nächste Agnat. Für ihn haben wir einzustehen, ohne zu fragen, wer seine bürgerlichen Ratgeber und Minister sind.« Das war so einfach, daß Katzlinger es sofort begriff. Er erklärte sich bald darauf sogar bereit zu der Unterredung an einem seinem Geschmack so wenig entsprechenden Ort wie Floridsburg. Freilich hatte er sich für dieses Opfer dadurch schadlos gehalten, daß er beim Empfang durch Espérance besonders bärbeißig dreinschaute, die Teetasse stehen ließ und nur ein Gläschen Rum austrank. Als sich Holthoff mit den beiden Offizieren niedergelassen hatte, richtete er zunächst das Wort an den voll Mißbehagen auf seinem Goldstühlchen vor ihm sitzenden Katzlinger von Degenschlag, indem er ihm einige Schmeicheleien sagte über seine Bedeutung als Stütze der Ordnung. Vor allem wünschte er ihm Gelegenheit zu geben, von seinen eigenen Verdiensten zu sprechen, die tatsächlich nicht gering, aber Holthoff durch die sachlichen Berichte des Generals bereits bekannt waren. Katzlinger versicherte nach Beendigung seines Vortrags über die Zahlenverhältnisse der zuverlässigen Unteroffiziere und Mannschaften, die er mit Papieren genau belegte, daß er gewiß sei, bei den Leuten, wie in der der Unordnung müden Bevölkerung Begeisterung zu erwecken, wenn er eines Morgens in seiner alten Uniform vor dem Leibregiment erscheinen, den Oberbefehl übernehmen und Seine Königl. Hoheit in die Residenz geleiten würde. Holthoff beglückwünschte Katzlinger aufrichtig, aber diesem war die Leichtigkeit, mit der jener über persönliche Antipathien hinwegglitt nicht willkommen. Seine Rauflust kam dabei nicht auf ihre Kosten. So platzte er denn mit den Worten heraus: »Aber Ew. Exzellenz müssen wissen, daß meine Leute politisch ganz anders denken wie Sie, und ich auch. Sie sind allgemein als Pazifist verschrieen, und das wird Schwierigkeiten machen.« »Ach, Herr Oberst, als was bin ich nicht verschrieen, wohl auch als Sozialist. Aber, was macht denn das, wenn jeder von uns beiden gerade und nur an seiner Stelle wirkt, woran Sie doch als Soldat gewöhnt sind.« »Die Leute hoffen auf einen baldigen Revanchekrieg, um die deutsche Schmach austilgen zu helfen!« »Aber lassen Sie sie doch hoffen, Herr Oberst, das beschäftigt sie, so wie die Proletarier auf den Zukunftsstaat hoffen und die Frommen auf einen Himmel, wo jeder sein vorausbestimmtes Stühlchen hat. Derartige Hoffnungen kann man nur durch eine neue Wirklichkeit widerlegen, wie wir sie schaffen werden.« »Ausgezeichnet bemerkt,« lächelte der General, durch diese Prägung an seiner literarischen Ader berührt. »Aber die Offiziere hoffen dasselbe, wie die Leute, Exzellenz,« fuhr Katzlinger entschlossen fort. »Hindere ich sie denn daran?« erwiderte Holthoff, in der Absicht, gleich bei dieser ersten Gelegenheit seinem Gegenüber das Disputieren mit ihm zu verleiden. »Aber Ihre bekannte Linkspolitik will das Gegenteil.« »Herr Oberst, ich bitte Sie, sich zu erinnern, daß es sich im Augenblick weder um meine Politik handelt, noch um Ihre Revanchegefühle, die ich ehre, sondern einzig und allein darum, sobald die Verhältnisse reif sind, Seine Königl. Hoheit zum Landesverweser zu machen, bis der neu zu wählende Landtag über die Frage der Monarchie entschieden hat.« »Was?« schnaubte Katzlinger, »Landesverweser, Landtag? Ich dachte, wir setzen Se. Kgl. Hoheit sofort die Krone auf? Ich bin diese diplomatischen Schachzüge nicht gewohnt, Herr Minister, ich bin Soldat. Erlauben Sie mir, Ihnen rund heraus zu sagen, wie ein solcher die Sache sieht ...« »Es wird mir eine wertvolle Belehrung sein.« »Da ist überhaupt nichts zu entscheiden weder durch einen Landtag, noch durch uns. Seit der hohe Herr abgedankt hat, was ich persönlich tief bedaure, ist Prinz Amadeus König. Wir haben ihm nur zu ermöglichen, daß er sein hohes Amt auch faktisch ausüben kann. Von einem Landesverweser weiß ich nichts.« »Herr Oberst, Sie vergessen, daß zur Zeit Prinz Xaver das legitime Anrecht auf den Thron hat.« »Der ist doch blödsinnig?« »Jedenfalls ist er Ihr oberster Kriegsherr.« »Wär noch schöner. Er muß einfach abgesetzt werden.« »Ich staune, Herr Oberst, wie ähnlich Ihre Ansichten denen der Revolutionäre sind.« »Was sagen Sie da? Das werden Sie mir ...« »Beweisen, wollen Sie sagen,« erwiderte Holthoff ruhig, »mit Leichtigkeit. Auch Ihre revolutionären Feinde denken, wenn einem etwas persönlich nicht gut scheint, brauche man es nur kurzer Hand abzuschaffen, und die Welt sei gerettet. Das ist eben das Wesen des Anarchismus, ob er nun von links oder von rechts kommt. Solange nicht Prinz Xaver auf Grund ärztlichen Befundes dauernd regierungsunfähig erklärt und die Thronfolge legitim auf Prinz Amadeus als den nächste Agnaten übertragen ist, kann dieser nur Verweser sein, und gerade eine solche Übergangsform scheint mir im Augenblick leichter durchzusetzen, als das aktuelle Königtum. Dies entspricht auch durchaus den Auffassungen Sr. Kgl. Hoheit. Prinz Amadeus hat überhaupt wenig Lust, selbst die Krone zu tragen, am allerwenigsten als Usurpator.« »Lieber Katzlinger, ich glaube, wir sind uns alle drei näher, als Du meinst,« griff der General ein, »seien wir Soldaten doch froh, daß wir mit dem, was Du eben politische Schachzüge nanntest, nichts zu tun haben. Die Hauptsache ist doch, daß wir denselben heißen Wunsch haben, unser angestammtes Fürstenhaus wieder auf dem Thron zu sehen. Wie das heute, im Jahr 1919, zu machen ist, das müssen die Politiker entscheiden, und ich glaube, wir können zu Exzellenz Holthoff das Vertrauen haben, daß er die Sache richtig anfängt.« »Sehen Sie Herr Oberst,« fuhr nun Holthoff ebenfalls in wärmeren Ton fort, »es kann sich auch für Sie nicht einfach um das Glücken eines militärischen Manövers handeln. Ich zweifle nicht, daß Sie allein mit Ihren treuen Leuten es fertig brächten, Prinz Amadeus auf den Thron zu setzen, aber was haben Sie davon, wenn ihn der Landtag wieder absetzt und verhaften läßt.« »Das wollen wir erst einmal sehen,« schrie Katzlinger. »Den Landtag treibe ich mit einem Maschinengewehr auseinander.« »Möchten Sie das wirklich sehen, Herr Oberst? Dazu stehen Sie viel zu treu zu dem Haus Rolfingen. Ein einsamer Thron auf einem Leichenfeld ist auch Ihr Ziel nicht.« »Wenn Se. Kgl. Hoheit selbst so entschieden haben,« erklärte nun Katzlinger scheinbar beruhigt, »habe ich als einfacher Soldat nur meine Pflicht zu tun.« Man ging zu den praktischen Fragen über. Die beiden Offiziere waren sich einig, daß der Plan mit dem Leibregiment, der Volkswehr und einem Kommando Artillerie auszuführen sei. Etwa die Hälfte der militärischen Kräfte würde in verschiedenen Teilen der Stadt zerstreut werden, während im gegebenen Augenblick Katzlingers Regiment mit einer Maschinengewehrabteilung den Prinzen in der Residenz empfing. Die Frage war nun, wann der Augenblick gekommen sei. Vorläufig galt es noch, abzuwarten, aber sich bereit zu halten, denn er konnte über Nacht da sein. Von seinen weiteren Plänen unterrichtete Holthoff bei dieser Sitzung in Floridsburg den Oberst Katzlinger gerade soweit als nötig war, vor allem ohne den Namen Pausecker zu nennen. Er begnügte sich hinsichtlich der künftigen Regierung mit der Mitteilung, sofort nach der Einsetzung des Regenten würde dieser ihm die provisorische Regierungsvollmacht übertragen, in die er sich mit einigen selbstgewählten Helfern teilen werde, bis der neue Landtag gewählt sei. Am Schluß des Gesprächs streckte Holthoff Katzlinger die Hand hin, in die dieser etwas verwirrt einschlug mit den die Atmosphäre sofort klärenden Worten: »Hoch Rolfingen allewege.« »Hoch,« antwortete Holthoff, während der General ebenfalls das Wort wiederholte und beiden Männern die Hände drückte. XXIX Während dieser Verhandlungen war auch der Obersthofmeister des Prinzen, Graf Bernhard von Twelen, in Floridsburg angekommen, wurde von Espérance begrüßt, und mit ihren übrigen Gästen bekannt gemacht. Er war ein übergroßer, überschlanker hoher Fünfziger mit langem, kahlem Pferdeschädel, glatt rasiertem Gesicht und etwas Backenbart. Dazu hatte er ein hängendes Kinn, wodurch er in unübertroffener Art den Eindruck des Verlänglichten machte. Ursprünglich von seinem Schöpfer als Muskelmensch gedacht, wirkte er jetzt körperlich flach, fast unterernährt. Sein melancholischer Blick verbreitete Entmutigung und schien nie etwas Gutes zu erwarten. Er gehörte einem der ältesten Geschlechter des Landes an, das sich rühmte, länger als die Dynastie einheimisch zu sein. Als Azzo von Twelen, der Großvater des Grafen Bernhard, ein draufgängerischer Kavallerieoffizier, dessen elementarer Fröhlichkeit der König vieles verzieh, bei einem ausgelassenen Jagdessen jene Priorität einmal andeutete, machte der König den einzigen beglaubigten Witz seines Lebens und sagte: »Schon recht, lieber Twelen, aber die Rolfinger haben doch bessere Karriere gemacht.« Graf Bernhard war nun gerade das Gegenteil seines urwüchsigen Großvaters, streng an der Form klebend, jene historisch gewordene Bemerkung im Grund mißbilligend, aber nichts destoweniger in stetem Gram wegen der schlechten Karriere seiner Familie. Er hatte in der Tat Grund genug zum Kummer, ein kleines Vermögen, sechs – diese Zahl wurde allgemein schwer begriffen – also sechs nicht recht lebenskräftige Kinder, darunter drei aus dem Felde heimgekehrte Offiziere, mehr oder weniger vom Krieg mitgenommen, dazu die Dynastie gestürzt, der die Twelens seit Jahrhunderten treu gedient hatten und die für sie die Quelle alles Segens bedeutete. Noch blieb dem Grafen das Obersthofmeisteramt im Palais des Prinzen, dessen Vermögenslage durch die Revolution indessen sehr verwirrt war. Nur Jahre dauernde, juristische Untersuchungen würden feststellen können, was Krongut, was Privatbesitz der königlichen Familie war. Nie hätte ein echter Harringer je daran gedacht, daß es einmal von Bedeutung werden könne, dies genau auseinander zu halten. Graf Twelen hatte die gezwungene steife Haltung bedenklicher Menschen mit schlechten Nächten und schwieriger Verdauung, die ihrer stets auszusetzen drohenden Lebensenergie durch täglich neues sich Zusammennehmen nachzuhelfen scheinen. Eigentlich hätte ihm der Holthoffsche Plan Hoffnung geben müssen. Gewiß konnte er mit einem Schlag alles retten, aber auch den letzten Rest von Lebenssicherheit verspielen. Und dann überhaupt dieser Minister Holthoff mit seinen neuen Ideen! Twelen hielt alles Neue für teuflischer Herkunft. Schon das Parlament, welche Beleidigung gegen das göttliche Recht der Könige, deren erhabene Aufgabe, zwischen Gott und den Völkern zu stehen, es doch geradezu unmöglich machte! Diese Auffassung verführte ihn indessen nicht zu übertriebenen Heroismus, der bereit gewesen wäre, das so verehrte Königtum zu retten, vielmehr nur zu einer Hochhaltung der Etikette, die im Exil noch wichtiger sei, als sonst, da sie allein die Fürsten hindere, auf das Niveau von Bürgern ohne Verantwortung herabzusinken. Nichts mißbilligte Twelen daher mehr, als das lässige Behagen, mit dem Prinz Amadeus die Zeit seiner Verbannung im Hause eines dem Hofe gänzlich fernstehenden, bürgerlichen Privatmannes verbrachte, von dem niemand mehr wußte, als daß er der Bruder des im Land fremden, dem Hof niemals recht genehmen Ministers Holthoff sei. Aber, was erlebte man nicht alles! Mit der Einführung der Gasbeleuchtung und Wasserspülung in den königlichen Schlössern Mitte der achtziger Jahre hatte es angefangen, und seitdem war keine Überlieferung mehr vor Neuerungen sicher. Das war nur der Beginn gewesen, und wirklich, allmählich hatte er Elektrizität, Telephon und Automobil über sich ergehen lassen, aber dies schwur er sich täglich: der alle gute Haltung unmöglich machende Klubsessel würde wenigstens in seine Privaträume den Einzug nicht halten. In solchen Kämpfen eines unseligen Zeitalters zehrte er sich auf. Glücklicherweise stand für ihn die Pflicht seines Dienstes so völlig außer Zweifel, daß er sich nicht einen Augenblick die Möglichkeit vorstellte, sich der ihm von seinem Herrn jeweils zugeteilten Rolle zu entziehen. So blieb seine Abneigung gegen Holthoff Privatsache des Kränkelnden gegenüber dem Gesunden, des Denkungewohnten gegenüber dem überlegenen Kopf, der alles, auch Menschen wie Graf Twelen durchschaute und sie dann an ihrer Stelle gelten ließ. Die Ankunft des Grafen gab Espérance die erhoffte Gelegenheit, sich vor dem Souper noch eine halbe Stunde mit dem Prinzen allein zurückzuziehen. Sie ließ Graf Bernhard mit Ferdinand und Melusinen im Salon zurück. Diese wußten nun ganz und gar nicht, was sie miteinander anfangen sollten. Melusine war weder gewohnt, noch recht gewillt, in solchen Lagen das ihr zugeworfene »Hölzl« einer gleichgültigen Redensart über die Witterung oder die Schönheit des Ortes aufzunehmen. Sie blätterte lieber in einem Album mit Photographien von Espérancens Mittelmeerreisen, Ferdinand war sehr schlecht aufgelegt. Den ganzen Nachmittag hatte er gehofft, eine Viertelstunde mit Melusinen allein zu plaudern, bald auf einem Parkweg, bald gelegentlich eines Ganges nach den Fremdenzimmern, aber sie hatte das offenbar absichtlich vereitelt. Graf Twelen fand indessen das erlösende Wort. Er fragte Ferdinand, ob er Schach spiele, und als dieser bejahte, ließen sie sich an einem Tischchen nieder, während sich Melusine mit einer glühenden Zigarette auf ein schon im Schatten liegendes Ecksofa setzte, zu dem Ferdinand öfters unruhig hinüberschielte. Ihre Augen schienen ihm zu glimmen wie die Zigarette. Ferdinands zerstreutes Spiel brachte den Grafen fast zur Verzweiflung. Inzwischen hatte sich Espérance mit dem Prinzen in einem sechseckigen weißen Boudoir mit gelb bezogenen Louisseizemöbeln niedergelassen. Die Fenster standen offen. Rosenrotes, schlechtes Wetter verkündendes Abendlicht schimmerte um die hohen dunklen Zypressen des Parkes. Aus den rauschenden Laubbäumen hörte man den sägenden Schrei eines abendlichen Vogels. Eine verspätete Biene summte am Fenster und stieß sich an der Scheibe. Espérance fühlte eine ihrem Wesen sonst ganz fremde Schwermut. »Nun stirbt dieser wunderschöne Tag dahin,« sagte sie, »als ob es unser letzter wäre.« Plötzlich ergriff sie mit beiden Händen die Rechte des Prinzen und sprach mit großer Wärme: »Ich bin doch Ihre beste Freundin, Amadeus, vielleicht der einzige wirkliche Freund, den Sie haben. Darum darf ich mir schon eine Frage erlauben: »Haben Sie sich diese Geschichte auch hinreichend überlegt?« »Vollkommen, liebe Espérance,« erwiderte er freundlich überlegen, ihre Hand an die Lippen führend. »Ich bin in einer unerträglichen Lage. Sie wissen, wie ich auch mit Holthoff verbunden bin. Wir drei zusammen, das hätte eine Freundschaft für's Leben sein sollen, die mir mehr bedeutet, als vielen Frauen Ehe und Liebe. Aber Holthoff hat dieses Dreieck gesprengt. Er wird zu groß für uns zwei Durchschnittsmenschen. Ich bewundere ihn immer mehr, aber ich kann ihm nicht mehr folgen.« »Ich verstehe Sie besser, als Sie glauben, liebe Freundin. Ich habe einmal ähnlich gefühlt, wie Sie, als ich ihn nur für besonders begabt und ehrgeizig hielt, aber seit ich weiß, daß da ein wirklich großer Mensch unter uns lebt, habe ich Ehrfurcht vor ihm und folge dem Schicksal, das mich neben ihn gestellt hat.« Espérance schaute ihn mit großen, erstaunten Augen an. Er fuhr fort: »Holthoff ist kein Mann wie andere Männer. Mag er einmal ehrgeizig gewesen sein, jedenfalls heute ist er über seinen eigenen Ehrgeiz hinausgewachsen. Er fühlt nur noch seine historische Sendung, er will nur sein Werk vollenden und nichts für sich selbst erreichen. Er ist Herr über seine persönlichen Neigungen und Abneigungen; keine Theorie und kein Glaube kann ihn mehr verwirren. Er ist nur noch Schöpfer, und wenn sein Werk vollendet ist, dann wird er sich ebenso ruhig, wie er heute handelt, niederlegen und sterben ...« »O das ist wahr, Amadeus, das ist wahr, es hilft mir nichts, daß ich als Frau versuche, ihn ins gewöhnliche Menschenmaß zurückzuziehen; aber sind denn Sie, lieber Freund, dazu berufen, ihm in sein dunkles Schicksal zu folgen?« »Dunkel?« fragte der Prinz betroffen. »Ja, es ist dunkel, glauben Sie es mir.« »O die Astrologie,« scherzte Amadeus. »Nein, ich brauche nicht die Astrologie, die freilich auch eine baldige Katastrophe für ihn anzeigt; meine weibliche Ahnung allein sagt mir nichts Gutes.« Sie zog das Taschentuch hervor, um die plötzlich aus ihren Augen fallenden Tränen abzuwischen. Der Prinz ergriff schweigend ihre Hand. »Ich denke an Paris zurück,« fuhr sie leise fort, »wo ich ihn vor fast einem viertel Jahrhundert kennengelernt habe. Damals war ich der erste Mensch, der an ihn geglaubt hat, damals ahnte ich nur gutes, und es ist ja auch eingetroffen, und das soll nun das Ende sein?« »Aber was sind das für schwarze Gedanken, Espérance, viel Gefahr sehe ich in dem Unternehmen wirklich nicht. Wir handeln erst in dem Augenblick, wenn die Verhältnisse reif sind, und sie gehen täglich mehr ihrer Reife entgegen.« »Ich sehe Sie allerdings weniger gefährdet, als ihn,« erwiderte Espérance, »aber Sie sind ganz von ihm angesteckt, Amadeus, und das macht mir Angst auch um Sie.« »Ja, angesteckt mögen Sie es nennen, aber nicht von einer Krankheit. Schauen Sie, mein ganzes bisheriges Leben war nur dem Genuß gewidmet, aber jetzt ...« »Ja, doch einem so edlen Genuß, daß er dem ganzen Land zum Segen wurde. Ihnen verdankt Harringen seine Kunstblüte, ja noch viel mehr. Und nun wollen Sie sich mit der häßlichen Politik abgeben.« »Von der ich doch nichts verstehe, meinen Sie. Sagen Sie mir ruhig, daß ich politisch eine Null bin. lassen Sie mich deshalb einmal als Schüler Holthoffs sprechen: Der moderne Fürst soll gerade das Zéro zwischen den Nummern des politischen Spieles sein. Jede Partei hat einzeln genommen Unrecht und alle zusammen haben Recht. Darum muß einer da sein, der selber nichts sein will, aber dieses Geheimnis weiß.« »Also das ist aus dem Königtum von Gottes Gnaden geworden,« spottete Espérance seufzend, »eine Null.« »So habe ich auch erst gedacht, aber schließlich erkannte ich in diesem Nichts selber eine Möglichkeit des Wirkens, der gegenüber die Könige von Gottes Gnaden arme Marionetten waren, die jeden Augenblick unter ihrem zu schweren Prunk zusammenzubrechen schienen ...« »Das ist mir zu tief.« »Ja, dieser Gedanke Holthoffs ist tief, und dennoch entspricht er zugleich meinem einfachen, gesunden Menschenverstand, der nichts anderes zu tun haben wird, als Gegensätze auszugleichen. Nun, dafür kommt mir zugut, daß ich zeitlebens mit allen Schichten verkehrt habe, wie der König meint, sogar mehr als recht ist.« »Ach, das alles ist ja nur zu wahr, doch glücklicher werden Sie nicht dabei.« »Aber Espérance, dafür sind wir nicht auf der Welt.« »Für was denn sonst?« entgegnete sie, den schönen Kopf zurückwerfend, »jeder will doch vor allem andern glücklich sein.« »Ja, wir alle waren vor dem Krieg von diesem spießbürgerlichen Ideal angesteckt, ich auch, und darum haben jetzt die Massen Oberwasser, die nun auch einmal drankommen und glücklich sein wollen. Sie werden uns bald überfluten, wenn wir uns nicht wieder eines höheren Lebenszwecks erinnern, als das persönliche Glück ist.« »Und der wäre?« fragte Espérance gespannt. »Sie wissen doch, welchen Spitznamen man mir im Krieg gegeben hat, weil ich als Kunstmensch es tunlich vermieden habe, die Uniform anzuziehen. Den allerhöchsten Drückeberger nannten mich die Herrn im Großen Hauptquartier. Nun ich verzeihe es ihnen und mir. Ich bin nun einmal kein Soldat und wer will, mag das komisch finden, aber ich bin ein Fürst, Espérance, und wenn ein solcher sich vor der Verantwortung drücken wollte, nachdem er zeitlebens die Vorteile seines Standes genossen hat, dann, liebe Freundin, – verzeihen Sie das Wort – ist er einfach ein Schwein, wie ein Berufsoffizier, der sich bei Ausbruch des Krieges pensionieren läßt. Es hat solche Friedenssoldaten gegeben. Wir Fürsten haben die Pflicht, das Land zu schirmen, wie unsere Vorfahren getan. Vielleicht geht es mit uns allen zu Ende, aber der letzte Trumpf muß ausgespielt werden. Ich habe nicht zu fragen, warum ihn der liebe Gott in meine Hand gegeben hat.« »Schön, doch das alles wäre eher die Pflicht der Jugend. Sie haben einen mündigen Sohn, Amadeus.« »Joseph Viktor ist zu jung, um in einem solchen Augenblick die Aufgabe zu übernehmen, vor allem hat er die denkbar schlechteste Erziehung für einen modernen Fürsten bekommen: vier Jahre Krieg, und gerade in einer Zeit, wo einer was tüchtiges lernen sollte. Außerdem kann er noch nicht die Einsicht haben, Holthoff gegen die Partei- und Hofintrigen zu stützen, die sofort beginnen werden. Wenn es meinem Wunsch nach geht, werde ich die Krone nie selber tragen, dann lebt der arme Xaverl noch so lange, daß ich bei seinem Tod als Regent zurücktreten und dann mein Sohn gleich sein Nachfolger werden kann. Bis dahin werden die Zeiten ruhiger sein und Joseph Viktor wird noch mancherlei gelernt haben.« Espérance versuchte einen letzten schwachen Angriff, an dessen Wirksamkeit sie aber selbst nicht glauben mochte: »Das wäre ja alles ganz richtig, wenn dieses Volk ein solches Opfer überhaupt verdiente, aber nachdem es in so empörendem Undank die fast tausendjährige Dynastie ...« »O das ist kein Grund, Espérance, seinen Posten zu verlassen,« unterbrach der Prinz, »man hat dieses friedliche, herzhafte Volk, ohne es zu fragen, in die Schützengräben gezwungen, die Verleugnung all seiner guten Eigenschaften plötzlich zur Pflicht gemacht und seine früher durch das Gesetz niedergehaltene primitive Rauflust über Nacht zur Tugend erklärt, angefeuert und belohnt, ihm Unmenschliches erlaubt und Unmenschliches von ihm verlangt. Ist es da ein Wunder, wenn es eine Zeit dauert, bis es seine Menschlichkeit wiederfindet?« »Ich sehe,« sagte sie resigniert, »ich komme als Frau nicht gegen Sie beide auf, aber wenn Sie ihm durchaus folgen müssen, dann vergessen Sie wenigstens ihre einsame, alte Freundin nicht.« Sie lehnte sich schweigend in ihren Sessel zurück. Amadeus war tief bewegt. Er ergriff ihre beiden Hände und küßte sie, dann aber faßte er sich schnell, und indem er sich zu seiner gewohnten Heiterkeit zwang, sagte er lächelnd in dem anmutigen Raum umherblickend: »Wie glücklich bin ich, daß ich mich zur Erholung immer wieder in diesen letzten Schlupfwinkel des ancien régime werde zurückziehen können.« Während beide schwiegen, bebte ein feiner Ton in einem Wandschrank, ein altes Glas zersprang. Bald darauf erschien Holthoff, um dem Prinzen das Ergebnis seiner Besprechung mit den Offizieren mitzuteilen, dann gingen beide Männer zu jenen hinüber in das Schreibzimmer. Espérance begab sich in den Salon, um Melusinen zu sagen, daß es höchste Zeit sei, wenn sie sich umkleiden wollten. Jene hockte gleich einer Wildkatze in der dämmrigen Ecke und hatte eine Zigarette an der andern angezündet. Die beiden düsteren Schachspieler setzten, allein geblieben, ihre Partie fort, bis Holthoff und die Offiziere sie durch den Eintritt in den Salon unterbrachen. Der Prinz ließ Graf Twelen zu einer Besprechung in das Schreibzimmer bitten und eröffnete ihm, daß er im Fall der Übernahme der Regentschaft nur offiziell in der Residenz anwesend sein werde, im übrigen aber wieder sein altes, ihm ans Herz gewachsene Palais bewohnen wolle. Während beide zu den andern in den Salon gingen, sagte Prinz Amadeus scherzend: »Ich werde jeden Morgen zum Regieren auf mein Büro in die Residenz gehen und zum Mittagessen nach Hause kommen.« Kurz darauf erschienen Espérance und Melusine wieder, nach Vereinbarung nur in sommerlicher Straßenkleidung. Koloman entsann sich, ohne daß ihn jemand daran erinnert hätte, noch sehr wohl aus alten besseren Tagen der Etikette und meldete, statt wie sonst der Hausfrau, mit tiefer Verbeugung dem Prinzen, daß serviert sei. Dieser nahm Espérancens Arm, während General Sobern glücklich war, die berühmte Künstlerin führen zu dürfen. Die Tafel schmückten in großer Fülle Espérancens Lieblingsblumen, rötlich angehauchte Teerosen, die sie selber züchtete. Das Tischgespräch floß heiter dahin, da Holthoffs Unterhaltungsgabe in General Sobern einen bereitwilligen Partner fand. Erich stellte sich sofort auf dessen Generation ein, indem er die Rede auf den Berliner Hof zur Zeit Wilhelms I. brachte, bei dem Sobern als junger Offizier und Militärattaché der Harringenschen Gesandtschaft beliebt gewesen war. Sobern erzählte sehr unterhaltend von Potsdamer und Babelsberger Fêten, von Bismarck und seinen Schwierigkeiten mit der Frankreich freundlichen Kaiserin Augusta und der England freundlichen Kronprinzessin Friedrich. Graf Twelen warf eine Bemerkung ein über die imponierende Einfachheit der damaligen preußischen Hofhaltung, die ihn geradezu gerührt habe, womit er aber nicht gesagt haben wollte, daß er nicht Glanz und Prunk zur gegebenen Zeit ebenfalls für angezeigt halte. Auch Oberst Katzlinger, ein Verehrer Preußens, besonders Ziethens und Blüchers, interessierte dieses von Holthoff geschickt geleitete Gespräch, so daß er es als alter Soldat vor sich verantworten konnte, in ernster Zeit zwischen Damen, Blumen, Kunstmenschen und einem halben Sozialdemokraten zu sitzen. Später weilte man bei erfrischendem Getränk wieder im Salon, während die immer schwüler werdende Sommernacht über Blüten durch die weit offenen Fenster hereinflutete. Draußen vernahm man bisweilen den Schrei der Käuzchen. Espérance war daran gewöhnt und fürchtete ihn nicht, aber mit Unbehagen vernahm ihn der schweigsam-nervöse Ferdinand. Dann erinnerte man sich der Stradivariusgeige, auf der besonders der General eindringlich Melusinen zu spielen bat. Sie fand unter den Noten eine Tschaikowskysche Komposition, die sie voll tiefer Schwermut vortrug, während die Begleitung Ferdinands, im Gegensatz zu seiner sonstigen Diskretion, von der Leidenschaftlichkeit des Stückes hingerissen, fast etwas zu stark vordrang. Alle waren von dem Spiel erschüttert, während Oberst Katzlinger leise das Futteral mit seiner Nahbrille aus der Tasche zog und diese umständlich aufsetzte, um den Aufdruck auf dem Bändchen seiner dicken Zigarre genau lesen zu können. Als sich Espérance an diesem Abend in ihr Schlafzimmer zurückzog, nahm sie ein dickes Buch hervor, in das ihr jenes mathematisch so unglaublich begabte Fräulein Hasenöhrl die Horoskope ihrer Freunde, Feinde, Bediensteten, Vertrauensleute, sowie hervorragender Personen der Zeitgeschichte einzutragen pflegte. Der Prinz hatte eine freundliche, gut ausgeglichene, nicht eben bedeutende Nativität, die ein im Ganzen friedliches Leben, hohe Stellung und einen natürlichen Tod versprach. Holthoffs Horoskop zeigte abwechselnd hohen Aufstieg und Sturz. Die Sonne war durch Saturn und Uranus bedroht, und bald würde der heftige Mars über sie hinweggehen. Espérance kombinierte erregt, ein bolschewistisches Attentat werde vielleicht seine Pläne vereiteln, aber da kam ihm eine Hilfe, offenbar von einer Frau. Die Frage war, ob sie stark genug sein würde: Venus und Mond, wenn auch nicht ganz günstig zueinander gestellt, blickten die Sonne freundlich an. War damit sie oder Melusine gemeint, oder beide zugleich? Unter solchen Gedanken ließ sie sich entkleiden und bestieg kummervoll ihr mit gebräunten Putten bemaltes, breites Rokokobett, dem der Schlummer in dieser Nacht lange fernblieb. Gegen morgen erhob sie sich und kniete lange vor dem vom Papst geweihten Elfenbeinkruzifix über dem muschelförmigen Weihbrunn aus rosigem Marmor, und dann fand sie endlich Schlaf. XXX Am folgenden Morgen erhob sich Melusine früh, um nach dem Wetter zu sehen, von dem der geplante Ausflug abhing. Die ersten Sonnenstrahlen säumten schwarze Wolkenhaufen am mittleren Himmel mit kupfern funkelndem Rand. Mit wenig Hoffnung legte sie sich nochmals nieder, und als sie nach zwei Stunden wieder aufstand und das Fenster öffnete, hatten sich die Wolken dicht zusammengedrängt. Von den zäh zwischen den Bergen hängenden Nebelschwaden lösten sich Schleier, die leise in das Tal sanken. Auf den Höhen war Neuschnee gefallen. Zwar regnete es nicht andauernd, aber eisig nasse Lüfte sandten ihren unwirtlichen Hauch in das Tal hinab. Im Frühstückszimmer von Floridsburg knisterte der Kamin. Die Offiziere und Graf Twelen waren eben fortgefahren. Koloman räumte ihre Tassen weg, als sich gerade die Brüder Holthoff und Melusine in dem behaglichen Glaserker trafen, wo gewöhnlich das Frühstück genommen wurde. Melusine blickte, noch nicht ganz ohne Hoffnung, nach den Bergen, wo sich von Zeit zu Zeit ein trügerisches Stück Bläue zeigte. Zu ihrem großen Leidwesen mußte aber die Besteigung des Niederkofel schließlich doch aufgegeben werden. Nichts wäre ihr heute lieber gewesen, als sich bis zur Erschöpfung der letzten Kraft körperlich anzustrengen. Bald erschien auch Prinz Amadeus fröstelnd und wärmte sich die Hände am Feuer. Espérance kam niemals zum Morgentee, und der Prinz, der es nicht liebte, im Zimmer zu frühstücken, pflegte, wenn er bei ihr zu Gast war, darauf zu bestehen, daß sie an ihren bequemen Vormittagsgewohnheiten festhielt. Angesichts des hoffnungslosen Wetters bot sich, während man um den Teetisch saß, Erich an, nach dem Mittagessen den Prinzen, Melusine und Ferdinand in seinem Auto nach Sensburg zu bringen, um dann baldigst nach Rolfsburg zurückzukehren, wo er den rechten Augenblick zum Handeln abwarten wollte. Während man noch darüber beriet, trat Espérancens Zofe ein mit der Bitte, Erich möge doch gleich nach dem Frühstück zu ihrer Herrin hinaufkommen. Er fand sie im Salon. In einem Spitzenhäubchen, flüchtig gepudert, in meergrünem Morgengewand trat sie ihm entgegen und teilte ihm in fast kindlich zerfahrener Zusammenhanglosigkeit, die ihrer gewohnten Haltung so sehr widersprach, die Ergebnisse ihrer nächtlichen astrologischen Grübeleien mit. Er war davon aufrichtig gerührt. Zum erstenmal im Leben sah er in ihr eine alternde Frau, er ergriff ihre Hand, und unwillkürlich geschah ihm, was zwischen ihnen nur in seltenen Augenblicken und jetzt schon seit Jahren nicht mehr vorgekommen war, daß er sie duzte. »Du weist,« sagte er, »daß ich diese Dinge, von denen ich nichts verstehe, deshalb nicht leugne. In einer Lehre, auf welche die Menschheit seit Jahrtausenden immer wieder zurückkommt, muß eine Wahrheit liegen. Also nicht als Skeptiker und noch weniger aus Leichtsinn lehne ich deine Warnung ab, aber ich muß und will diesen Weg gehen; wenn ich dabei persönlich mein Ende finde, so ist das kein Beweis, daß er falsch war, und der Prinz, der unter seiner liebenswürdigen Maske viel ernster denkt, als ihr alle wißt, ist ebenso entschlossen.« »Ja, ja, ich weiß es,« erwiderte sie kleinlaut, »und das macht mich so unglücklich.« Plötzlich aber rüttelte sie sich auf und sagte entschlossen: »Weiß Gott, auch ich bin nicht feige, ich habe das Blut der Vendée in den Adern. Mein einziger Sohn ist in den Krieg gegangen, ohne viel zu überlegen, und als Mutter habe ich das Schicksal als Gottes Wille hingenommen, aber den fühle ich hier nicht. Was ihr tun wollt, das tut ihr aus euch selbst. Ungerufen fordert ihr das Schicksal heraus. Überhaupt das Wort Schicksal, das mag ich gar nicht hören. Warum ist denn unser Heiland auf die Welt gekommen? Hast du je darüber nachgedacht, Erich? Er hat uns doch von diesem gräßlichen Schicksal erlöst. Heute Nacht habe ich wieder einmal richtig gebetet, nicht nur so, wie man es täglich tut, sondern richtig, verstehst du das? Hast du überhaupt beten gelernt, Erich? Ich glaube nicht. Du bist ein Heide, und das ist es, was ich an dir oft nicht ertragen kann. Ich fürchte mich manchmal vor dir.« Er drückte sie an sich. »Damals, in unserer Jugend, Espérance, als du dich nicht vor mir fürchtetest, sondern mein Schicksal in die Hand nahmst, da war ich allerdings nicht viel mehr als ein Heide. Heute weiß ich auch, warum Christus in die Welt gekommen ist. Du sagst es ganz recht: um uns von dem gräßlichen Schicksal des Heidentums zu erlösen. Durch ihn wissen wir, daß das Schicksal Gottes Wille ist und darum nichts Fremdes außer uns. Wenn wir ihn als Stimme in uns selber hören und erfüllen, gilt es gleich, ob wir leben oder sterben. Die Art der Frauen mag mehr Hinnehmen sein; darin bist du immer tapfer gewesen, und das Hinnehmen hast du mich damals gelehrt, aber es gibt auch ein aktives Schicksal, ein Tun müssen, weil man der ist, welcher man ist. Gewiß wäre ich frei, diese Stimme zu überhören, könnte zufrieden sein, aus dem Zusammenbruch Gesundheit, Wohlstand und ein paar liebe Freunde gerettet zu haben, mit denen sich auch jetzt vielleicht noch zwei Jahrzehnte behaglich leben ließe, aber ich will das nicht, Espérance. Ich brauche dazu keine Begriffe wie Pflicht und Ehre, mit denen der Prinz sich das zu begründen versucht, wozu ihn sein Inneres treibt, aber ich kann dir nur sagen, je mehr ich in mich hineinlausche – und das ist nicht viel anders, als wenn du richtig betest, wie heute Nacht, – desto deutlicher höre ich die Stimme, die mich vorwärts treibt. Ich bin sicher, auch du hast heute Nacht etwas gehört, und zwar etwas anderes als das, was du mir vorhin gesagt hast. Espérance zitterte. »Woher weißt du das?« fragte sie erschüttert. Konnte er denn in den Seelen lesen? Nein, nein, er sei kein Zauberer, kein Gedankenleser und kein Astrolog, er habe nur ein wenig verstehen gelernt, auf welche Weise die Wege Gottes auf dieser Welt sich unserem Innersten offenbaren. »Dann sage mir, was ich tun soll.« Wie ihr denn heute Nacht nach ihrem Gebet zumute gewesen sei? »Erst habe ich mich schlaflos bis gegen Morgen umhergewälzt, aber nachdem ich gebetet hatte, bin ich in tiefen Schlaf versunken.« »Und wie war es heute Morgen beim Aufwachen...?« Da habe sie wieder an alles das denken müssen, und deshalb sei sie wieder ganz verzagt geworden. »Nun siehst du, ist das nicht deutlich genug? Du sagtest vorhin, daß du in dieser Sache die Stimme Gottes nicht hörst. Du hast sie gehört. Sie hat dir gesagt, du sollst das Kommende auf dich nehmen, und da wurdest du ruhig und konntest schlafen, aber sie hat dir gewiß nicht gesagt, du solltest mich warnen. Als du das tatest, dachtest du nur an menschliches Scheitern und Gelingen, worauf es doch gar nicht ankommt, und im Gedanken daran wurdest du sofort wieder unglücklich.« »Erich, du bist ein besserer Christ als ich,« erwiderte sie, ihn voll Bewunderung anblickend. Ob er denn auch an ein Weiterleben nach dem Tode glaube? Er sei sicher, daß für jeden, dem die innere Welt hier schon eine Wirklichkeit bedeute, ja die wahre Wirklichkeit, sich durch das leibliche Sterben gar nicht soviel verändert. Das Äußere, wozu aber auch alle Gedanken und Gefühle gehören, sei nur ein Sinnbild des Innern, und wenn man mit dem Tod sein weltliches Werk vollendet hat, gleich ob als Sieger oder Besiegter, dann könne man dies alles ruhig dahinfahren lassen. »Wem aber die Welt die eigentliche Wirklichkeit ist, was wird aus dem?« fragte Espérance gespannt. »Das ist eine Frage an deinen Beichtvater.« Oh, seine Antwort wußte sie: Die Weltkinder kommen ins Fegefeuer oder in die Hölle. »Nun, vielleicht ist es so,« antwortete Erich, ihr lächelnd in die Augen blickend, die wie die eines Kindes zu ihm aufschauten. »Überlege dir doch einmal, wie einem geistigen Wesen zumut sein muß, das in dem Irrtum befangen ist, die Materie sei die Wirklichkeit, zu der es daher hoffnungslos drängt, aber das Mittel, sie zu erreichen, der Körper, ist nicht mehr da. Einen solchen Zustand kann man schon Hölle nennen.« »Ja, ja,« sagte sie ruhig, »jetzt kann ich wieder glauben.« Ob sie denn das nicht mehr gekonnt habe? »Nicht mehr richtig, und das hat mich so unglücklich und vor allem so verzagt gemacht.« »Weil das Glauben allein uns heutigen Menschen nicht mehr genügt, wir müssen auch verstehen. Der große Fehler der Kirche war, daß sie immer die, welche auch verstehen wollten, verdammt hat. So sind die Frommen nur zu oft einfältige Schäflein geworden, die Denker haben mehr und mehr die Gnade verloren, werden immer spitzfindigere und unweisere »Wissenschafter«, und die geistblinden Männer der Tat taumeln ohne das Licht der Erkenntnis im Chaos der Zufälligkeiten.« »Jetzt verstehen wir uns wieder,« sagte sie, »und von jetzt an kann ich wieder treu zu dir halten, mag kommen was da will.« Inzwischen schlenderten der Prinz, Ferdinand und Melusine, in Regenmäntel gehüllt, über die feuchten Wege des Parks. Die Luft war voll nassen Dunstes, wie in einer Waschküche, doch kalt. »Nun sind also die Würfel gefallen,« sagte Ferdinand nach einigen Minuten allseitigen Schweigens, aber die beiden andern gingen auf diese Worte nicht ein. Der Prinz schlug vor, die amerikanischen Regenbogenforellen anzuschauen, die vor einiger Zeit in einen Teich gesetzt worden waren. Bei dem trüben Wetter kämen sie gern an die Oberfläche. An dem fahlen Wasser riefen sie den alten Fischmeister aus seinem Holzhaus und waren froh, daß er, während er sie auf nassem Steg bis fast mitten in den Teich führte, weitschweifige Schilderungen von dem Leben und der Vermehrung der Forellen und Saiblinge zum Besten gab. So ging eine Stunde dieses trübseligen Vormittags herum. Dann zog sich der Prinz in sein Zimmer zurück. Ferdinand hoffte nun auf ein Gespräch mit Melusine, aber sie entwich ihm wiederum und ging ebenfalls in ihr Zimmer. Ferdinand irrte allein umher, blickte in die Wirtschaftsräume und die dämmerigen Ställe. In dem weiten niedrigen Schafstall wurde sein Malerauge von dem Gewimmel der Hunderte von graubraunen Tierrücken gefesselt, auf denen das Zwielicht spielte. Er nahm sein Skizzenbuch hervor und zeichnete mit einigen stilisierenden Linien eine wollige Flut. Dann schaute er die Zeichnung lange sinnend an und schrieb darunter: »Meer«. Auf seinem Zimmer betrachtete er sie nochmals und ergänzte die Unterschrift: »Meer vor dem Sturm«. Bei Tisch sah Espérance auffallend ungünstig aus. Man bemerkte, daß sie seit gestern Abend viel geweint hatte. Das Gespräch war sehr einsilbig. Nach dem Essen bat sie den Prinzen hinauf in den Salon und wünschte ihm mit Zärtlichkeit Glück. »Ich weiß jetzt, das es so sein muß,« sagte sie, »und bin auf alles gefaßt.« Als er ihre Hand küssen wollte, ergriff sie seinen Kopf. Sie küßte ihn, der etwas kleiner war als sie, auf die Stirn und flüsterte: »Gott segne dich, Amadeus.« Er wischte sich die Augen. Dann geleitete sie ihn hinunter zu dem Auto, wo Melusine und Ferdinand mit dem Chauffeur Wildgruber warteten. Koloman holte noch schnell eine Decke, dann rollte der Wagen davon. Kurze Zeit blickte sie ihm nach, während er durch die Lindenallee fuhr. Die dichte Himmelsdecke war durchbrochen und wie aus einem umgekehrten Krater troffen zwischen Wolkenzacken Wasserströme in das Land. Espérance kehrte in das einsame Schloß zurück. Hinter der Zimmertür Tante Olgas tobte das Grammophon in einem Czardas. Viertes Kapitel Widerspiel XXXI Inzwischen hatten sich die Dinge in Rolfsburg soweit entwickelt, daß Erich den Augenblick zum Handeln für gekommen hielt. Für den sozialistischen Ministerpräsidenten Morgenthau war Revolution ein romantisches Ideal, das sich seit den Novembertagen verwirklichte und das er nun gerade als Zustand festhalten wollte. Alles sollte dauernd in Bewegung, in Fluß und jung bleiben. Die Auflockerung der alten Formen bedeutete ihm nicht den Übergang zu neuen, sondern wurde Selbstzweck. Die Bemühungen seiner viel mittelmäßigeren aber doch staatsmännischeren Kollegen, aus dem Chaos allmählich eine neue, die Ausübung der Regierungsgewalt ermöglichende Ordnung entstehen zu lassen, beantwortete er durch heimliche Intrigen und offenen Hohn über die Bereitwilligkeit, mit welcher die philiströsen Genossen die Methoden bürgerlicher Klassenherrschaft annahmen. Bewußt förderte er durch Verteilung verwirrender, aufreizender Flugschriften die Verwahrlosung in den Kasernen, wo er den Begriff Autorität als solchen für aller Übel Wurzel erklärte, während die Soldatenräte der wahre Ausdruck des Geistes der Armee sein müßten. Dazu kam ein offenes Liebäugeln mit Sowjetrußland, nicht, als ob seine im Grund gutartige Seele dort alles schön fand, o nein, nur das dort verwirklichte Prinzip hielt er für richtig, ganz von selbst würde der ruhigere, friedliebende deutsche Volkscharakter ihm eine andere Gestalt geben. Dies, dazu die äußeren Formen der höchsten Staatsgewalt, versetzten den sein Leben lang nicht aus subalternen Verhältnissen herausgekommenen Mann, den obendrein Mutter und Gattin daheim als Propheten verhimmelten, in einen Zustand das Krankhafte streifender dauernder Euphorie. Er begann auf seinen Stern zu vertrauen und den Schicksalsglauben großer Männer nachzuahmen, was ihm im Augenblick eine seine Umgebung leicht ansteckende Gespanntheit, funkelnde Luftigkeit und überquellende Menschenfreundlichkeit gab. Das bezauberte die Primitiven und riß die leicht Krampf mit Leidenschaft verwechselnden Intellektuellen zur Bewunderung hin. Dazu äußerte er oft sehr treffende Aperçus über die Mißstände der Vergangenheit, besonders über die bürgerlich-liberalen Begriffe der Preßfreiheit, die jedem Kapitalisten erlaube, Meinungen zu kaufen und Nachrichten zu fälschen, und kündigte, gewissermaßen als die nun nahe bevorstehende Glanznummer seines Programmes, geheimnisvoll an, wenn ihn seine jetzigen Kollegen preisgäben, würde er ganz einfach »zum Volk hinabsteigen«. Mit dieser Mischung von Geist und Dunkelheit gewann er besonders viel begabte, aber erfahrungslose Jugend. Ja sogar ein dichterischer Schwung war ihm eigen. Wenn er abends beim Wein, dem er übrigens mäßig zusprach, mit seien vertrauten Zuhörern zusammensaß, dann schien sich sein Geist auf Fittichen über alle Wirklichkeiten zu erheben, die alten Augen blitzten, der Mund lächelte freundlich-listig hinter dem ergrauenden, langen Patriarchenbart und, während die nie recht sauberen Hände Brotkrümel kneteten, lallte er, etwas kindisch die süddeutsche Mundart nachahmend, den alten gotischen Spruch: »Ich leb' und weiß nit wie lang, Ich sterb' und weiß nit wann, Ich fahr' und weiß nit wohin, Mich wundert, daß ich so fröhlich bin.« Mit solcher geistreichen Einfalt, in der seine Umgebung den Ausdruck höchsten Menschentums sah, wurde nun schon neun Monate lang das Harringensche Staatswesen geleitet. Es ist nicht anzunehmen, daß Morgenthau irgendeinen bestimmten Plan hatte. Er fuhr und wußte nit wohin, und eines Morgens geschah es, daß sein Auto den Weg einer bolschewistischen Demonstration kreuzte, die Masse ihn erkannte, bejubelte und von ihm verlangte, er solle nun nicht länger zögern und die Rätediktatur einführen. Der Ministerpräsident glaubte den welthistorischen Augenblick zu erkennen, stieg aus und marschierte, umgeben von einigen Vertretern des sogenannten Landessoldatenrat, an der Spitze eines kreischenden Pöbelhaufens durch die Straßen. In dem Zug schwang man Fahnen mit Aufschriften, die Mitglieder seines eigenen Kabinetts, besonders den Wehrminister, unflätig beschimpften und mit dem Aufhängen an der Laterne bedrohten. Unterwegs wurden einige starr vor Staunen stehen gebliebene Offiziere tätlich angegriffen, und Morgenthau sah sich lustig in seiner Umgebung nach einem um, der etwa ein französisches Bonmot verstehen könnte, und sagte gehoben: »A la révolution comme à la révolution«. So zog er nach dem Landtag, drang dort in den großen Saal ein, wo er als Ministerpräsident längst das gewählte Parlament hätte zusammenrufen sollen, erklärte die sozialistische Regierung, also sich selbst, für abgesetzt und proklamierte unter einstimmigem Beifall derer, die er das Volk nannte, die Rätediktatur. Radfahrer brachten Befehle in die Kasernen. Eine Stunde später waren die Zeitungsredaktionen besetzt, und die Bevölkerung erfuhr, ohne allzu große Verwunderung, daß sie nun in einer Räterepublik lebe. Die weitere Folge war die Besetzung der Banken, Beschlagnahme der Wohnungen und Lebensmittelvorräte in Geschäften und reichen Privathäusern, ein selbstmörderischer Generalstreik, den das nahrhafte Land sofort durch die Boykottierung der Stadt beantwortete, sowie zahllose Verhaftungen von Menschen, die keine andere Schuld hatten, als in allerdings begründetem Verdacht zu stehen, daß ihnen dieser Spaß mißfiel. Später rühmte man sich sehr, im allgemeinen glimpflich mit ihnen verfahren zu sein und verhältnismäßig wenig Blut vergossen zu haben, als ob dazu auch nur die geringste Ursache und das Unterlassen eine besondere Tugend gewesen wäre. Auch lehnte die alles Greifbare beschlagnahmende Regierung die Verantwortlichkeit ab für jene, die das auf eigene Faust besorgten, bestrafte sie sogar streng und nannte ihre Vergehen nach dem veralteten bürgerlichen Sprachgebrauch: Raub und Diebstahl. Das Chaos erreichte dadurch seinen Höhepunkt, daß unter den extremen Sozialisten selbst Gruppen entstanden, die über Morgenthaus überraschenden Staatsstreich empört waren und sich nicht übergehen lassen wollten. Wohl waren sie für die Rätediktatur, aber nicht für die Morgenthaus, sondern für die irgend eines der Ihren oder eines aus dem »wirklichen« Volk hervorgegangenen Kraftmenschen. Noch am Abend dieses Putsches hatte Erich Holthoff mit Sobern und Katzlinger sofortiges Vorgehen verabredet. Die Bevölkerung zitterte vor dem, was noch kommen konnte. Bewaffnete Proletarier zogen zwischen dem wehrlosen Bürgertum durch die Straßen, von rätselhaften Matrosengestalten geführt, wie man sie in dem binnenländischen Rolfsburg nie geschaut. Vom gemäßigt denkenden Arbeiter an aufwärts war jeder eines Ordnungsinstinktes Verdächtige vogelfrei. Wenn daher jetzt jemand plötzlich erschien und mit einiger Zuverlässigkeit Ordnung versprechen konnte, so hatte er alle Trümpfe in der Hand. General Sobern überraschte Holthoff mit der Mitteilung, daß man von anderer Seite ebenfalls zwecks Herstellung der Ordnung an ihn herangetreten sei, er sich aber alles weitere vorbehalten habe, ehe er mit Holthoff über eine etwaige Vereinigung der beiden Bewegungen gesprochen. Dieser Weg erschien Holthoff schon auf den ersten Blick ungangbar. Es handelte sich da einfach um einen Streich draufgängerischer Offiziere, die, ohne sich über eine bestimmte Regierungsform klar zu sein, zunächst einmal eine Militärdiktatur erstrebten, »um mit dem Gesindel fertig zu werden«, dann würde man schon sehen. Holthoff sah darin nur den noch nicht zur Ruhe gekommenen Betätigungstrieb heimgekehrter Krieger, welche die Niederlage nicht verwinden konnten und um jeden Preis handeln wollten, nötigenfalls sogar gemeinsam mit den durch Morgenthaus Milde sehr wenig befriedigten radikalen Kommunisten bolschewistischer Färbung. Diese Vereinigung der »Rauhbeine von rechts und links«, wie er sagte, glich in nichts der von ihm geplanten Wiederherstellung der Ordnung, aber sie zeigte ihm den Weg zu etwas anderem. Er begab sich zu dem von den Ereignissen schwer enttäuschten Friedrich Pausecker, der ihm versicherte, die große Mehrheit der Arbeiter stehe dem jetzigen Zustand ausgesprochen feindselig gegenüber. Holthoff zeigte ihm die Gefahr einer Militärdiktatur, die, falls man nicht schnell zuvorkomme, alle Aussicht habe, zu gelingen, da sie immer noch besser erscheinen müsse, als das jetzige Chaos. Pausecker atmete auf, als ihm Holthoff seine Absicht eröffnete, auf einem dritten Weg diese beiden Klippen zu umschiffen: Jetzt handle es sich einfach darum, auf eigene Verantwortung die Forderungen der Vernunft zu erfüllen und die Ängstlichen auf der einen, die Verblendeten auf der anderen Seite vor vollendete Tatsachen zu stellen, die durch den ihnen innewohnenden Sinn selbst den Widersinn besiegen würden. Mißlang es, nun, so würden sie eben alle zu grunde gehen, aber der letzte Rettungsversuch war wenigstens gewagt worden. In Pausecker wurde alles lebendig, was beide Männer an so manchen Abenden miteinander gesprochen hatten. Von einer Beteiligung seinerseits an Holthoffs Plan war natürlich seiner Parteistellung wegen nicht die Rede, aber Erich verließ Pausecker mit dem Versprechen, jeder ordnungsgemäßen Regierung welcher Parteifärbung auch immer, sobald sie sich gebildet habe, zunächst nicht entgegen zu sein und seinen Einfluß bei den Massen in die Wagschale zu werfen. Vor allem gelte es jetzt, ohne die alten Partei- und Klassenvorurteile, das Land gegen Anarchie von rechts und links zu schützen. Diese Unterredung entschied Holthoffs nächste Schritte. Sein Plan war seit langem bis ins kleinste vorbereitet, und so wurde es möglich, in wenigen Tagen alle im einzelnen gesponnenen Fäden zu verknüpfen. Mit Sobern und Katzlinger machte er folgendes aus: Holthoff würde den Prinzen in geschlossenem Automobil am nächsten Montag um acht Uhr in die Residenz bringen; Katzlinger hatte dafür zu sorgen, daß das von ihm als völlig zuverlässig bezeichnete alte Leibregiment sich zum Empfang dort einfände, unter dem Schein, sich zu einer Geländeübung zu begeben. Am Sonntag abend sollte in den bäuerlichen Wirtshäusern der südlichen Umgebung von Rolfsburg planmäßig das Gerücht verbreitet werden, daß Prinz Amadeus am nächsten Morgen in der Residenz einzuziehen beabsichtige. Dadurch würde bewirkt, daß in den Straßen möglichst viel neugieriges Landvolk zusammenströmte, von dem mit Bestimmtheit zu erwarten war, daß es dem Prinzen zujubelte im Augenblick, wo auf der Residenz die blau-gelbe Harringische Fahne aufgezogen würde. Die bürgerlichen Zeitungen sollten sofort durch Volkswehr besetzt und Extrablätter herausgegeben werden mit der Mitteilung, Prinz Amadeus sei zurückgekehrt, von dem treuen Leibregiment begleitet, um provisorisch die Regentschaft zu übernehmen, bis der Volkswille verfassungsmäßig über die neue Regierungsform entschieden habe. Falle der Entscheid gegen ihn aus, werde er nicht einen Augenblick zögern, sich wieder ins Privatleben zurückzuziehen, zufrieden, wenn es ihm gelungen sei, das Land aus dem jetzigen Abgrund gerettet zu haben. Darum sei jede Gewalttat im Augenblick nicht nur verbrecherisch, sondern auch dumm. Derselbe Text würde auf allen Litfaßsäulen angeschlagen werden. Morgenthau und noch etwa ein Dutzend bolschewistischer Führer seien, ehe sie ihre Wohnung verließen und erfuhren, was geschehen war, zu verhaften. Natürlich mußten alle wichtigen Stellen der Stadt und die von Bolschewisten bevorzugten Gasthäuser und Versammlungsorte besetzt werden. Am Nachmittag noch würde Holthoff ankündigen, daß er im Auftrag Seiner Kgl. Hoheit die provisorische Regierung übernommen habe und sie in Gestalt eines Dreimännerrats in Gemeinschaft mit dem Sozialisten Friedrich Pausecker und dem von Holthoff leicht gewonnenen katholischen Parteiführer Krailinger ausüben werde, der sich großer Beliebtheit bei den bäuerlichen Massen erfreute und imstande war, den Lebensmittelboykott des Landes gegen die Stadt sofort aufzuheben. Katzlinger war überzeugt, daß durch das Leibregiment, mit Maschinengewehrabteilung und Handgranaten versehen, die zuverlässigen Teile der Volkswehr, sowie ein Artilleriekommando das Unternehmen hinreichend gestützt war, zumal nach Holthoffs und Soberns Überzeugung die Räteregierung sofort zusammenbrechen, die ganze Bevölkerung darüber aufatmen und den Rettern freie Hand lassen würde. Graf Twelen sollte im Lauf des Tages in der Residenz einen Haushalt improvisieren. Zur Abendtafel würden bereits einige Führer des wirtschaftlichen und geistigen Lebens, darunter der Rektor der Universität, sowie der Kardinal-Erzbischof geladen, der das Läuten aller Kirchenglocken zugesagt hatte, im Augenblick, wo die Fahne auf dem Dach der Residenz wehte. Wenn die Stimmung danach sei, würde der Prinz Abends noch auf eine Stunde in der Oper in der alten Hofloge erscheinen, wo das Werk eines vom alten König am Hoftheater bisher nur ungern geduldeten modernen Komponisten aufzuführen sei. »Wenn ich das alles erlebe,« sagte General Sobern bei der letzten Unterredung gerührt, »will ich gern sterben.« Er nannte Holthoff den Retter des Vaterlandes und streckte ihm beide Hände entgegen. Auch Katzlingers Händedruck war aufrichtig. Diesem alten Troupier gefiel die Schnelligkeit und Umsicht, mit der ein gewöhnlicher Zivilist, nicht anders als ein Strateg, der Truppenmassen auf schwierigem Gelände bewegt und zu einem großen Schlag konzentriert, alle Ordnungselemente zu einheitlichem Plan zusammengefaßt hatte. XXXII Am Abend des Tages der Rückkehr von Floridsburg nach Sensburg hatte Prinz Amadeus zum erstenmal eine Spannung zwischen Ferdinand und Melusinen gefühlt. Er zog sich daher bald nach dem Nachtmahl zurück. Melusine wollte kurz darauf ein Gleiches tun. Ferdinand bat sie indessen um eine Aussprache, aber sie zischte ihn an: »Was Sie nur wollen! Es gibt nichts zu besprechen, übrigens hasse ich Aussprachen.« Als sie sah, wie sich seine Lippen zusammenzogen gleich dem Mündchen eines Kindes, dem ein Versprechen nicht gehalten worden ist und das nun gleich in ohnmächtiges Weinen ausbrechen wird, ergriff sie seine Hand und sagte plötzlich mit Wärme: »Ferdinand, nicht böse sein ... Sie haben mich doch immer genommen, wie ich bin, bitte, tun Sie es auch jetzt.« Dann ging sie hinauf. Im Treppenhaus stieß sie auf Skanny, der ihre Liebe heftig erwiderte. Sie nahm den vor Freude Tanzenden mit sich in ihr Zimmer. Ferdinand blieb allein zwischen den still lächelnden Buddhas und den schmerzlich gewundenen Barockfiguren, mit sympathischer Aufmerksamkeit von Cora beobachtet. Dann holte er aus einem Wandschrank eine, Flasche, trank hintereinander ein paar Gläschen Kognak und verfiel in einem Armsessel tiefem Brüten. Gestern hatte er zum erstenmal wieder seit der Kindheit Erichs Indianerblick gesehen. Er kannte dessen Leben zu gut, um ernstlich befürchten zu müssen, daß er in Melusinen mehr als die Künstlerin und das interessante Menschenexemplar sehen würde. Erich war nicht mehr neugierig auf Frauen und damit gegen den mächtigsten Verführungsreiz gefeit, ebenso wenig aber in der Gefahr des Asketen, den sein darbender Trieb, wenn er es am wenigsten erwartet, wie aus dem Hinterhalt überfallen kann. Er hatte doch zeitlebens Berührung mit anmutigen und klugen Frauen gehabt, bedurfte ihnen gegenüber keiner ausschmückenden Romantik, liebte vielmehr ihre Wirklichkeit, und der war er durch sein breites und tiefes Weltverstehen immer gewachsen. Obendrein konnte die zwischen Hemmung und Überschwang hin- und hergerissene Melusine gewiß nicht sein Fall sein. Das war schon daran zu erkennen, daß er sie mit fast zu ausgesuchter Höflichkeit behandelte, sie sozusagen gewollt ernst nahm, wie nur der überlegene Meister einen wertvollen, werdenden Menschen nimmt, weil er der Ermutigung bedarf und ein unbesonnenes Wort Verwirrung hervorrufen könnte. So sprach wohl kein Mann zu der, die er liebt. Gefiel Erich eine Frau, dann war das erste, was geschah – das hatte Ferdinand oft genug beobachtet – daß sich in seinen Ton eine leise Ironie einschlich, die, obgleich Frauen sonst Ironie nicht ausstehen können, darum gar nicht verletzte, weil man irgendwie fühlte, daß sie sich weniger gegen die Frau selbst richtete, als gegen das, was da zu seiner eigenen Überraschung zum soundsovielten Mal wieder in ihm selber vorging, und es schien fast, als ob das seine Art zu verführen war. Jedenfalls: Eindruck machte er immer, manche Frauen haßten ihn auch, und das war ja schon bei Melusinen der Fall gewesen. Inzwischen hatte sie sich niemals mehr über ihn geäußert, war aber gern auf seinen freundlichen interessierten Ton eingegangen. Offenbar fühlte sie sich nun doch recht wohl von ihm verstanden, und das hatte ihren etwas kindlichen Widerstand schmelzen lassen, ohne aber eigentlich das Weib in ihr zu berühren. Überhaupt das Weib in Melusinen, wo war das? Ihr ganzes sichtbares Wesen stand auf ihrer Leistung und ihrem klaren Verstand; das alles hätte ebenso gut männlich sein können. Manchmal schien ihre beherrschte Ruhe wirklich unheimlich, als habe sie all das Schlimme, das doch über sie gekommen war, vergessen oder überhaupt nie ganz richtig erlebt. War sie aber ausgelassen, und das geschah nicht selten, dann konnte sie gradezu kindisch sein. Ferdinand beglückte das sehr, denn dann duzte sie ihn bisweilen und forderte sogar zu leichten Zärtlichkeiten heraus, aber schließlich, was hatte das mit ihr selbst zu tun? Es war, als führe sie in einem Luftballon ins Leere hinaus, und dabei durfte er sie begleiten. War vielleicht Melusine überhaupt seelisch noch kein voll entwickeltes Weib? Hatte er nicht manchmal in ihr ein naives, ja ängstliches Kind wahrzunehmen geglaubt? Mit unbeschreiblichem Vergnügen dachte er daran, und ein Lächeln kräuselte seine Lippen. Ja, es gab eine Stelle, da war sie hilflos wie er, vielleicht sogar noch hilfloser, weil es bei ihr unbewußt blieb, während er wenigstens sehr genau wußte, wie es mit ihm stand und einen ironischen Abstand zu sich selbst gefunden hatte. Dies wiederum schien Melusinen an ihm zu gefallen, als ob es ihre verborgene Seite irgend wie bestätigte. So hatte er bei ihr mit all seinen Schwächen sein können, der er war, ohne sich das Geringste zu vergeben. Hier lag das Geheimnis ihrer Gemeinschaft, die so zart war, daß man nicht daran rühren durfte. Ferdinand wäre glücklich gewesen, wenn nur alles so hätte bleiben können. Warum sollte er mehr verlangen, als der Augenblick von selber gab? Nur nicht handeln, handeln erschien ihm als das Übel. Wu-Wei. Gestern aber war nun die Lage nicht etwa anders geworden, sondern ganz plötzlich anders gewesen. Er wußte selbst nicht, worüber er sich mit Melusinen aussprechen wollte. Sollte er ihr Vorwürfe machen? Etwa weil sich, als sie in das Wasserbecken steigen wollte, ihr langes Haar gelöst hatte, oder weil sie in dem Augenblick, wo sich Erichs Blick von ihr wegwendete, plötzlich in einer grellen Dissonanz ihr Spiel abgebrochen hatte? Nein, er wünschte nur, daß überhaupt etwas gesprochen wurde, mochte es eine Beruhigung oder einen wilden Ausbruch zur Folge haben, wenn nur diese schon bald sechsunddreißig Stunden währende unerträgliche Spannung ein Ende nahm. Melusine, die auch zu leiden schien, wünschte offensichtlich das Gegenteil. Es sollte um Gottes willen, so wie bisher, nichts geschehen; lieber diese Spannung weiter ertragen, denn, was auch geschehen mochte, es konnte nur furchtbar werden. Dies alles las Ferdinand sehr deutlich aus ihren wiederholten Versuchen, sich einem Gespräch zu entziehen, und ihrem pantherartigen Zischen, als es ihm zu gelingen schien, sie zu stellen. Dann dachte er wiederum an Erich. War das nicht geradezu empörend gewesen, wie er sich nach Melusinens wildem Spiel, das wie von seinem Blick eingegeben war, behaglich auf das Moos gestreckt, seine Zigarre zu Ende geraucht hatte und eingeschlafen war? Halb und halb wurde dem dumpf vor sich hingrübelnden Ferdinand das Sinnlose dieses Gefühls bewußt, daß er Erich sozusagen seine Uninteressiertheit an ihr übel nahm, aber das hinderte ihn nicht, sich mit einer Art Lust in dieses Übelnehmen zu verbeißen. Was er jetzt auf jeden Fall haßte, war der plötzlich wieder aufgeglommene Blick Erichs, mochte er nun Leidenschaft oder kalte Überlegenheit oder auch gar nichts bedeuten. Jetzt wußte er auf einmal, daß ihm dieser Blick von Kindheit an durch seine Anziehungskraft doch eigentlich die ganze Welt gewissermaßen weggeschnappt hatte, als sei er ein Fangorgan. Während sich Erich mit großer Genauigkeit aller Einzelheiten ihrer gemeinsamen Kindheit entsann und gern heiter davon sprach, verschwammen Ferdinand alle sinnlichen Vorstellungen, in einen Nebel, hinter dem bisweilen nur das Auge des Bruders hervorbrach, in dessen Furcht er unbewußt gelebt. Auch das hatte er ganz vergessen gehabt, bis zu jenem ersten Gespräch, das er mit Melusinen über Erich führte. Da war ihm etwas gedämmert, und seitdem fiel ihm immer mehr Sonderbares aus der Vergangenheit ein. Nicht einmal die Bilder der Eltern konnte er sich genau vorstellen, und das erschien ihm nun selbst um so verwunderlicher, als er doch Maler, also Augenmensch war. Auch die einzelnen Stimmungen und Affekte der Kindheit waren seiner Erinnerung ganz abhanden gekommen; heute aber entsann er sich plötzlich, welchen ungeheuren Eindruck ihm die Geschichte des gottlosen Bruders Kain gemacht, und wie er immer bestrebt war, gut und fromm zu sein wie Abel, während es Erich mit der Bravheit offenbar nicht so genau nahm. Ohne es sich zuzugeben, hatte er in dem Bruder mit dem bösen Blick den Kain gesehen. Pflegte Erich ihn nicht bisweilen sogar wegen seiner Sanftmut zu verspotten? Kein Wunder, es mußte ihn ärgern, daß sich der Jüngere durch Folgsamkeit den Eltern besonders angenehm machen wollte, aber Erich zeigte es nicht, wußte es sogar unter Freundlichkeit zu verbergen. »Da ergrimmte Kain und seine Gebärden verstellten sich.« Und so kam es – er sah es nun auf einmal ganz deutlich – daß gerade Kains zur Schau getragene Liebenswürdigkeit den Eltern wohlgefällig war, und Abels Opferrauch senkte sich zur Erde. Kain hatte gesiegt, die Welt war aus den Fugen. Das befriedigte natürlich den Kain, und so hatte er es leicht, ein ganzes Leben lang mit beleidigender Großmut den Abel neben sich zu dulden wie ein kleines nichtsnutziges, aber drolliges Tier. »Das ist alles ein schöner Blödsinn,« sagte Ferdinand laut und erschrak über seine eigene Stimme, dann murmelte er: »Ich dichte da etwas zusammen zur Korrektur der biblischen Geschichte.« Aber die Gedanken nahmen ungerufen ihren Weg, ja, es tat geradezu wohl, sich zum vollendeten Unsinn zu bekennen, als sei das eine große, viel zu wenig beachtete Macht, eine Gegenmacht gegen die Welt, gegen den Druck der alles Leben verengenden Vernunft. Gegen Erich? Ferdinand erschrak, aber sein Schrecken verwandelte sich in eine sein ganzes Inneres durchzitternde Wollust. Das befreite ihn plötzlich von allem Druck. Er dachte an seine Entwicklung zurück. Auch später hatte er wenig von der äußeren Welt wahrgenommen, sein Blick war immer nach innen gekehrt. Selbst Melusinen konnte er sich in ihrer Abwesenheit nicht recht vorstellen, mit Ausnahme der oft rätselhaft wetterleuchtenden Augen, die ihn aber nicht erschreckten, wie die des Bruders, sondern wie seelige Tiefen verlockten, in ihr Geheimnis blind zu versinken. Wie war er nur eigentlich, der doch an der sichtbaren Welt vorbeilebte, gerade Maler geworden? In der Tat hatte er anfangs an keinen Beruf weniger gedacht, aber in China war ihm eine Kunst aufgegangen, die, so sicher sie sich der Gestalten der äußeren Welt bedient, mit nichten diese meint, sondern in sinnlichen Symbolen eine auch ihm so wohlbekannte Innenwelt ausdrückt. Über diesen Umweg des Symbols war ihm die Außenwelt erst bemerkenswert geworden, und nun begann er plötzlich zu sehen, nicht zwar die ganze Welt, aber genug, um den inneren Gesichten Formen geben zu können, die auch ein fremdes Auge verstand. Die Entdeckung dieser Möglichkeit hatte ihn damals tief glücklich gemacht, alle früheren Leiden vergessen lassen und das geschäftig-müßige Leben zwischen Innen und Außen begründet, dessen sichtbarer Ausdruck Sensburg geworden war. Nun konnte er neidlos die Außenwelt dem Bruder überlassen und es rückblickend gut heißen, daß schon in der Kindheit zwischen ihnen Geistlich und Weltlich wie zwei Bereiche abgegrenzt worden waren. Nur hatte er es damals unbefragt hingenommen, während es ihm jetzt gerade so recht war. Ja Erich erkannte sogar den Wert dieses beschaulichen Daseins an und erholte sich von seinem rastlosen Tun nirgends lieber, als in dem Behagen des so still dahin rinnenden Sensburger Lebens, wo einem zu Mut war, wie am Rand leise plätschernder Wasser oder beim Ticken alter Uhren. Ferdinand fühlte sich plötzlich selbst wieder von dieser flüsternden Lebendigkeit seines Heims umfangen und war überzeugt, daß er gestern nur einen Rückfall in längst überwundene Kindereien erlebt hatte. Was war denn eigentlich in Floridsburg geschehen? Gar nichts. Die Spannung, an der er gelitten, ist nicht draußen, nur in ihm gewesen. Nun aber schien sie wiederum gelöst. Heiter würde er morgen Melusinen gegenüber treten, und mit so guten Gedanken legte er sich zu Bett, aber er schlief nicht gleich ein. War nicht seine innere Welt unendlich reich wie ein Zauberwald? Nur mußte man sie verstehen, sonst verwandelten sich alle die bunten Lichter und Schatten zwischen den raunenden Bäumen in narrende und schreckende Dämonen. Schon als kleines Kind hatte er deutlich wahrgenommen, daß das Leben zwei sehr verschiedene Seiten hat. Da sind die bewundernswerten Eltern, zu deren Dasein es einen mit allen Fasern zieht, und ihre nicht minder herrlichen Freunde, mit denen sie sich niedersetzen zum Göttermahl an reicher Tafel. Aber da werden zugleich dunkle Unheimlichkeiten verborgen. Da ist das Schlafzimmer mit seinen Geheimnissen um das prächtige Himmelbett. Da sind im Hause außer den freundlichen und festlichen Räumen allerlei Gelasse voll verbrauchten Geräts und modernder Stofflichkeit, da sind widerliche Gerüche, teils fade, teils heftige. Da gehen Dienstboten aus und ein, in den Zimmern freundlich, aber draußen reden sie eine ganz andere, derbe Sprache und nachts schlafen sie, heißt es, in den Kammern auf dem Speicher. Da ist der Tod: manche Leute verstummen und werden in die Erde gegraben, aber damit haben Kinder nichts zu tun. Da ist vor allem der Abend, wo alles ein ganz anderes Ansehen annimmt, als bereite sich langsam etwas Schreckliches vor, die Nacht. Wie geschah es nur, daß man in eine so rätselhafte Welt geriet, die man nicht verstand? Die Eltern fragen, nein, das kann man nicht, und was hätte er denn überhaupt fragen sollen? Allein weiter forschen? Das war ganz unmöglich; etwa einmal nachts in den Garten schleichen und lugen, wie es wohl bei Mondschein in dem Winkel hinter dem gezimmerten Gartenhäuschen aussah, wo es bei Tag von Ameisen wimmelte, ja sogar von Tausendfüßlern und Asseln. Bald hatte er zu seinem Staunen bemerkt – er wollte es erst gar nicht glauben – daß andere Kinder, sogar Bruder Erich, nichts von dem Geheimnisvollen ahnten, vielmehr die Welt ganz einfach und vernünftig nahmen, wie sie beim ersten Anblick schien. Da kam er sich zum erstenmal doch viel klüger und allen überlegen vor. Zwar verstand er auch nicht viel mehr als sie, aber sie wußten nicht einmal, daß es da überhaupt etwas zu verstehen gab. Wenn er einmal etwas verlauten ließ, dann nannten sie es einfach Unsinn. Sehr bald wurde sein Grübeln über dem Geheimnis die Ursache, warum sie ihn schnell überholten durch Wissen und Können. Jetzt waren sie auf einmal die Überlegenen, und er konnte gar nichts mehr. Dann kam das Ereignis seiner plötzlichen Ernennung zum Kardinal, später der Absturz in die Bank, schließlich China, seine Zeichenkunst, das Wu-Wei, Sensburg, Melusine, und seit gestern bebte diese äußere Welt wieder in den Fugen. Aber tat sie es denn wirklich? Mochte es von außen so aussehen. War er denn nicht der Wissende, ein Zauberer, der längst, ehe es einen großen Erich und einen zurückbleibenden Ferdl gab, an das Geheimnis der Welt gerührt hatte, an das Geheimnis des großen Unsinns, der tief verborgen hinter allen scheinbaren Sinn liegt und am Ende das wahre Leben ist? Während er eindämmerte, verwandelten sich die Gedanken in immer verschwommenere Bilder. Im Traum klopfte er an eine Pforte und flüsterte: Sesam öffne dich! XXXIII Ferdinands Vorsätze scheiterten an Melusinens Wesen. Freudig begrüßte er sie am Frühstückstisch, aber sie schaute ihn nur mißtrauisch an und schien seinem veränderten, ihr Bedürfnis nach Abstand anerkennenden Betragen gar keine besondere Bedeutung beizulegen. Sie blieb einsilbig und verschlossen und zog sich nach den Mahlzeiten immer wieder schnell zurück. Ferdinand hoffte, sie würde ihre alte Sicherheit wieder gewinnen, wenn sie erst sah, daß er ihr, selbst wenn sie allein das Haus verließ, nicht folgte, aber auch das änderte nichts. So verfiel er wieder in sein dumpfes Grübeln. Dem Prinzen entging das alles nicht, wenn er es auch nicht verstand. Vergeblich fragte er sich, was denn eigentlich vorgehe, aber es ging eben gar nichts vor, das schloß jede befreiende Einwirkung durch Wort und Tat aus. Ferdinand, der still-freundliche, verbindlichste Gastfreund war über Nacht zu einem trüb vor sich hinsinnenden Grübler geworden, für dessen Gemütszustand man bangen konnte. Melusine war ja auch im engsten Kreis bisweilen etwas sonderbar gewesen. So hatte sie schon früher ein und das andere Mal ganz unvorbereitet erklärt, sie habe das Landleben, das sie so liebte, nie länger als einige Monate ertragen können, sie werde morgen abreisen. Dann war sie aber stets doch geblieben, scheinbar ohne sich solcher Aussprüche zu erinnern. Den beiden Männern fiel auf, daß derartige Anwandlungen meist auf den Freitag fielen, den man daher bald im Scherz ihren Unglückstag nannte, zumal dies ja auch der fragwürdige Tag jener sagenhaften Melusine gewesen war. Ferdinand war dann meist recht niedergeschlagen, und dem Prinzen entging nicht, daß sie seinen Zustand mit einer gewissen Grausamkeit beobachtete. »Was sich liebt, das neckt sich,« dachte er in seiner wohl etwas veralteten Psychologie. Oft folgte auf diese Freitage der Samstags- oder Sonntagsbesuch Erichs. So lange der Sensburger Dreiklang ganz rein ertönt war, hatte, wie wir sahen, Erichs Besuch eher eine Störung bedeutet. Nun aber pflegte schon sein Telegramm Verstimmungen schnell zu lösen. Melusine war auf einen Schlag wieder lebhaft, ja fröhlich. Wie sehr wünschte daher jetzt der Prinz, Erich möchte bald wieder erscheinen. Dieses Mal drohte zwar Melusine nicht mit Abreise, aber es war noch viel schrecklicher, sie wie ein gefangenes, wildes Tier herumgehen, menschlichen Blicken und Worten ausweichen, die Gegenstände mit Zorn anblicken zu sehen, als hasse sie ganz Sensburg. Dazwischen war sie zu Ausbrüchen jäher Lustigkeit fähig, und, wenn sie Ferdinand geradezu tiefsinnig werden sah, überfiel sie ihn manchmal mit einer so ungehemmten Herzlichkeit, wie sie früher niemals offen gezeigt hatte. So ergriff sie etwa beim Sprechen seine Hand mit beiden Händen, oder sie schmiegte sich an ihn, sich in seinen Arm einhängend. Auch gegen Fremde änderte sich ihr Betragen völlig. Als eines Tages in der Frühe einige Bauernkinder, mit denen sie sich stets gern beschäftigt hatte, auf dem Rückweg von einer Kirchenfeier sich in ihren weißen Kleidchen mit Kränzlein im Haar zeigen wollten, fuhr sie die erschrockene Schar an, sie sollten wieder gehen, sie hätte keine Zeit mehr für sie, und zwar nie, nie, nie mehr. Die Kleinen trollten davon; und einige sagten nur halb verstehend vor sich hin: »Nie, nie, nie mehr, hat sie gesagt.« Nicht selten vernahm man Melusinens rastlosen Schritt in ihrem Zimmer über der Decke des Salons. Eines Nachmittags hörte man sie ihre Geige stimmen, und sie spielte, wie voll Verzweiflung, modernste, sogenannte atonale Musik, die sie bisher abgelehnt und nur gelegentlich einmal als Merkwürdigkeit Ferdinand und dem Prinzen vorgetragen hatte. Bis zum Nachtmahl erscholl das ganze Haus von diesem Krampf und Verblutung ausdrückenden Tönen, und zu Tisch erschien Melusine zum erstenmal seit ihrer Ankunft, ohne sich umgezogen zu haben, mit fieberhaft geröteten Wangen und funkelnden Augen. Sie erklärte in krankhafter Erregung und mit offenbar gewollter Übertriebenheit, heute sei ihr aufgegangen, welche befreiende Schönheit doch in der atonalen Musik liege. Ferdinand starrte sie ununterbrochen an, er fand sie schöner, als je. Nach Tisch rief sie plötzlich, fast in ihrem alten Ton, aber wie mit gespielter Absicht: »Jetzt hole ich meine Geige, ich muß Sie beide zu der neuen Kunst bekehren.« Während der paar Minuten, die sie die Männer allein ließ, sprachen diese kein Wort. Ferdinand saß noch am Eßtisch, über den Kaffee gebeugt, der Prinz beobachtete ihn voll Unruhe. Dann hörte man im Salon Melusinens Geigenstimmen, sie rief sie herein. Der Prinz litt Qualen, während sie, die große Beethovenspielerin, in diesen, Empfindung und Gefühl wie mit der Peitsche behandelnden Klängen zu schwelgen schien. Ferdinand hörte erst tief versunken zu. Als sie die Geige niederlegte, lachte er grell auf, wie ein etwas einfältiger Mensch, der schwer einen Witz versteht, aber nun doch auf seine Bedeutung gekommen ist, und rief, ja, auch er erkenne jetzt endlich die Schönheit dieser Musik, das sei der große Unsinn, dem man sich einmal ganz hingeben müsse. Er sprang an den Flügel und fantasierte im selben atonalen Stil weiter. Melusine hörte ihm erst voll Erstaunen zu, dann fiel sie mit der Geige ein, nicht ganz sinnlos, sondern seine Motive aufnehmend und gelegentlich andeutungsweise kontrapunktierend, aber es klang, als ob beide gegeneinander rasten, wie eine keifende Hexe und ein fluchender Zauberer. Der Prinz stand entsetzt dabei. War der Teufel im Spiel, oder hatten einfach zwei ungeratene Kinder sich der edeln Instrumente bemächtigt, um allem Hohn zu lachen, was die Erwachsenen von ihnen erwarteten, gewillt, wenn sie nur die Macht hätten, deren ganze Welt zu zerstören und dann auf den Trümmern ein Leben von Wilden zu führen. »Das ist ja Wahnsinn,« rief er aus, »ich bitte Sie, hören Sie auf, hören Sie auf!« Er ergriff Melusinen am Arm. Irr lachte sie, ohne sich im Spiel stören zu lassen: »Das gefällt Ihnen nicht, Prinz?« Ferdinand indessen brach ab und drehte sich auf seinem Sitz herum. Halb schämte er sich, halb suchte er Melusinens Überlegenheit nachzuahmen. Dann stand er auf und sagte etwas verlegen: »Nichts für ungut, Kgl. Hoheit, es war ein Spaß und vielleicht kein guter.« Cora hatte schon die ganze Zeit an der Tür gekratzt und mit kläglichem die Musik begleitenden Wimmern hinausverlangt. Ferdinand stand auf und ließ sie ins Vorhaus huschen. Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Melusine sank in einen Sessel, ihre Brust wogte. »Es war eine Befreiung,« keuchte sie, »ich fühle mich so wohl, wie lange nicht. Bitte Ferdl, gib mir einen Schnaps ... nein, keinen süßen ...« Ferdinands Augen leuchteten. Noch nie hatte sie ihn mit diesem Kosenamen genannt, den man ihm im Elternhaus gegeben und den Erich bisweilen anwendete. Er holte, was sie wünschte, aus dem Wandschrank und zündete ihr eine Zigarette an. Sie ergriff fest seine Hand und drückte sie gegen ihr Herz: »O, wie Sie mich gut verstanden haben,« sagte sie. »Armer Prinz,« fuhr sie überlegen lächelnd fort, sich im Sessel ausstreckend und voll Behagen Rauchwolken in die Luft blasend. »Sie haben da was schönes aushalten müssen, aber jetzt werde ich wieder ganz manierlich sein. Das ist der slawische Bluteinschlag bei mir, oder ist es gar tatarisch oder hunnisch oder einfach bestialisch, was weiß ich?« Frivol auflachend streckte sie die Füße weit von sich und rauchte mit Heftigkeit. »Gott sei Dank, daß Sie überhaupt wieder zusammenhängend reden,« sagte der Prinz, nicht ohne Vorwurf im Ton. »Sie haben geglaubt, ich sei wahnsinnig geworden, nicht? Nun, wenn ich nicht meine Geige hätte, dann müßte ich manchmal ein Haus anzünden, aber Gott sei Dank habe ich ja meine Geige.« Sie lachte in sichtlichem körperlichem Wohlgefühl. »Und daß der Ferdl gleich so mitgemacht hat, das hätt' ich ihm gar nicht zugetraut. Beißen möcht ich ihn dafür vor lauter Dankbarkeit.« Sie warf ihm einen brennenden Blick zu. Der Prinz lächelte nun beruhigt. Um nicht durch seine Person dem vollen Ausdruck dieser Gefühle im Weg zu sein, stand er auf, wünschte den Liebesleuten, die offenbar einen Streit gehabt und sich nun versöhnen wollten, eine gute Nacht und empfahl sich. Immerhin war ihm der Schrecken doch derart in die Glieder gefahren, daß das auf dem Nachtkästchen liegende Memoirenwerk mit seiner Schilderung Wiens in der Kongreßzeit heute abend seine Aufmerksamkeit nicht zu fesseln vermochte. Als Melusine mit Ferdinand allein war, warf sie sich in die Ecke des Ledersofas und sagte: »Setzen Sie sich zu mir, Ferdl, ich hab Sie sehr lieb.« Ferdinand rückte wie ein Kater neben sie. Er zitterte, während sie den Arm um seinen Rücken schlang und dazu eine Zigarette rauchte. Es folgte ein langes Schweigen, das beide genossen; man hörte langsam die Wanduhr ticken, als sei die Zeit ein friedlich hinplätschernder Bach, den nie ein Wirbel aufhält. »Ach, es ist so still und schön hier bei dir,« begann Melusine, »wenn es doch immer so bleiben könnte.« »Melusine,« rief er in tiefer Erregung, »warum soll es denn nicht so bleiben? Wenn das wirklich dein Wunsch ist ...« Er glaubte, der alles entscheidende Augenblick der Aussprache sei nun endlich ganz von selbst gekommen, aber plötzlich legte sich ihre eiskalte Hand auf seinen Mund. »Pst ... pst ..., nicht sprechen,« flüsterte sie. »Lassen Sie uns ein bißchen der alten Uhr zuhören, sie erinnert mich an meine Großmutter, wenn sie russische Märchen erzählte.« Er schmiegte sich still an sie. Oh, er begriff sofort, daß sie in einem solchen Augenblick nicht reden wollte. Was gab es denn da auch noch zu reden? War jetzt nicht alles entschieden? Beim Gutenachtwünschen ließ sie sich lächelnd einen Kuß von ihm auf den Mund gefallen; gleich darauf wischte sie sich eine Tabakkrume von den Lippen. Am folgenden Tag war Melusine wieder freundlich zu allen wie sonst, zu Ferdinand nicht mehr als zu den übrigen. Als sich abends der Prinz früh zurückgezogen hatte, rief sie in scherzhaftem Ton: »Ferdl, setz dich wieder zu deinem Schwesterchen.« Er rückte zu ihr wie gestern, beglückt, obwohl ihm das letzte Wort einen heimlichen Stich versetzte. »Ich habe oft nachgedacht darüber,« begann sie, »was mir im Leben am meisten gefehlt hat; seit gestern weiß ich es, Ferdl, ein Brüderchen. Ja, ein Brüderchen! Einen Bruder habe ich gehabt, aber kein Brüderchen, denn er war ziemlich viel älter und lebte schon außer dem Haus in der Ferne, als ich ihn hätte brauchen können. Wenn er in den Ferien in seiner Petersburger Gardeuniform kam, dann war er mir wie ein zwar junger Onkel, der aber doch ganz zu den Erwachsenen gehörte. Ich war stolz auf ihn und nahm mich schrecklich vor ihm zusammen. So ein Brüderchen dagegen, das mit einem gemeinsam aufwächst, vor dem man sich mit allen seinen Unarten nicht geniert und dessen Schuldkonto man selber bis ins Kleinste kennt, so ein Brüderchen, das einem nicht im Geringsten imponieren kann und das man trotz all seinen Schwächen und Drolligkeiten doch ganz furchtbar lieb hat, das muß etwas herrliches sein.« »Halten Sie das für so wichtig?« fragte Ferdinand, in dem Unbehagen, das ihn immer mehr ergriff, das Du ganz vergessend. »Namenlos wichtig,« sagte sie, »denn so ein Brüderchen, das ist eine Mittelstation zwischen dem Mädchen und dem Mann, ein Mann und doch kein Mann. Glauben Sie mir, ich merke es jeder Frau an, ob sie mit Brüdern aufgewachsen ist oder aber die Männer erst später kennen gelernt hat.« »Was ist denn da für ein Unterschied?« fragte Ferdinand, seine wachsende Unruhe verbergend. »Die Männer imponieren einer solchen Frau zu sehr.« »Nun gerade das kann man doch von Ihnen nicht behaupten.« Sie war einen Augenblick sehr betroffen, ja fast verlegen, dann erwiderte sie schnell: »Ach, lassen wir mich aus dem Spiel, ich habe ja meine Geige und hatte darum mit den Männern im Leben nie etwas zu tun, weder im Guten, noch im Schlimmen, aber Frauen, die diesen Ausweg nicht haben, ich denke mir, die werden doch auf jeden hineinfallen, wenn ihnen der Mann erst als Erwachsenen entgegentritt. Er muß doch wie ein vollkommen rätselhaftes Wesen auf sie wirken, gar nicht wie ein Mensch, sondern bald wie eine Bestie, bald wie ein Zauberer.« Ferdinand erschrak bei diesen Worten bis in die Tiefe seiner Seele. »Aber was reden wir da für Zeug?« rief sie plötzlich hell auflachend. »Jetzt hat mir ja zu meiner Geige der Storch noch ein Brüderchen gebracht, nun hab' ich beides, was will ich denn mehr?« Sie legte wieder den Arm um Ferdinands Rücken und zog ihn näher an sich. Sich des gestrigen Gesprächs erinnernd, schwieg er, um nichts zu stören. Er fühlte eine Macht um sich, die ihn ganz von selbst immer näher zu ihr führte. Wieder tickte die alte Uhr, als gäbe es keine Leidenschaften in der Welt. Nach einigen Minuten sagte Melusine plötzlich: »Nun sprich du etwas, Ferdl!« Was sie vorher über ihre Beziehungen zu den Männern gesagt hatte, beschäftigte ihn sehr, und so fragte er vorsichtig: »Ist das wirklich wahr, daß dir das Leben und die Welt und die Männer nie etwas bedeutet haben, niemals?« »Nein, nie, Ferdl, wie konnte das auch möglich sein, denn schon als Kind habe ich schreckliche Sachen gesehen, vor denen ich in mein Inneres flüchten mußte, und dort habe ich dann bald die Musik gefunden.« »Was waren denn das für Sachen?« wollte Ferdinand wissen, seine Erregung kaum mehr bezähmend. »Ich habe es dir doch von Berlin geschrieben, aber damals habe ich es noch für Fantasien aus Märchen gehalten. Jetzt weiß ich durch dich, daß da etwas ganz wirklich war. Wenn ich als Kind immer allein in unseren Wäldern herumirrte, weshalb man ja aus meinem Namen Melanie Melusine machte, da habe ich oft richtige Ungeheuer gesehen. Erst bin ich arglos mit ihnen umgegangen, weil ich sie für gute Ungeheuer hielt, dann aber sah ich eines Tages ihre Augen. Da bin ich nach Hause gerannt und war lange nicht wieder in den Wald zu bringen. Erst später, als ich schon meine Geige hatte, ging ich wieder gern in den Wald ... Weißt du, daß mir die Ungeheuer auf deinen Zeichnungen darum so gut gefallen ... heute fürchte ich mich ja nicht mehr davor ... Deine Ungeheuer sind echt, Ferdl, gerade solche Augen haben sie ... Drachenaugen ...« Ferdinand lag wie ein Kind in ihrem Arm und zitterte dermaßen, daß sie es fühlte. »Was hast du, Brüderchen?« fragte sie ruhig, »das ist doch alles schon lange, lange her.« Sie sprach plötzlich in einem ganz anderen, breiten, an irgend einen schwerfälligen Dialekt anklingenden Ton. Dann lallte sie geradezu: »Erich hat auch Drachenaugen ... auch Drachenaugen ... Wenn mein guter Papa nicht gewesen wäre, ich hätte damals aus Angst vor den Ungeheuern im Wald sterben können, aber er sprach immer ruhig und vernünftig mit mir, und dann gab er mir auch die Geige, und allmählich habe ich gelernt, die Angst auf ihr zu verspielen. Später, als ich dann in die Welt ging, da haben alle gedacht, ich wäre schrecklich mutig, aber ich hatte nur ein unfehlbares Mittel gegen die Angst, meine Geige ... und ich habe gekämpft und gekämpft und immer wieder gesiegt und doch wieder gekämpft ... o es war gräßlich und jetzt bin ich so müde ...« Plötzlich senkte sie den Kopf gegen seine Wange, und er streichelte ihr ganz sanft gewordenes Gesicht. Da war wieder das Kind, ein gutes süßes Kind, das sich wie er vor dem Leben gefürchtet, das Schwesterchen, das auch ihm neben dem überwältigenden Bruder immer gefehlt hatte, die Vertraute, mit der man sich vor den Erwachsenen im Wald hätte verstecken können. Dieses nie besessene Glück, das war es, was ihn immer so heimlich traurig gemacht, wonach er sich gesehnt, ohne es zu wissen; und welch ein Wunder, jetzt nahte es plötzlich dem Erwachsenen, und er war zuerst davor erschrocken. Es hatte ihn beunruhigt, daß sie in ihm keinen gewöhnlichen Mann sehen wollte, aber eben das war es, was sie sich wünschte. Er wollte ja selbst eigentlich keiner sein. Jetzt brauchte er sich nicht mehr deshalb zu schämen. Gerade wie er war, paßte er zu diesem, vom Leben verwundeten, süßen Schwesterchen. »Ja Brüderchen,« flüsterte sie, als hätte sie alle seine Gedanken gelesen, »so ist es gut, du kannst mich verstehen. Wir sind zwei, nicht wahr, zwei gegen einen; aber wie du es das ganze Leben allein hast aushalten können, das verstehe ich nicht.« »Was denn?« fragte er in höchster Verwirrung. »Ich bin einfach fortgelaufen vor dem Drachen, aber du ... immer in seiner Nähe ... ich glaube, ich hätte ihn längst umgebracht, längst, längst.« Ferdinand fühlte einen Schauer kaum erträglicher, eiskalter Wollust. Plötzlich lachte sie ingrimmig auf. Ferdinand zog die Füße auf das Sofa, als wolle er ganz und gar von ihr aufgesogen werden. »Ich wollte, seine Sache ginge schief,« flüsterte sie plötzlich, als schlürfe sie einen süßen, brennenden Trank ... »Sie geht schief ... ich fühle es ...« »Melusine ...« schrie er außer sich. »Du nicht...?« fragte sie ruhig, »nun, dann höre mir nicht zu ... ich denke laut ... das ist alles.« Er schmiegte sich wieder an sie. Ja, das, ganz genau das, war es, wonach er sich sein Leben lang gesehnt. Er würde ihr nun folgen bis ans Ende der Welt. Beider Hände waren kalt und feucht. »Wir sind zwei...,« zischte sie leise, »du und ich ...« XXXIV Der letzte Samstag vor Erich Holthoffs Unternehmen begann in Sensburg mit lästiger Schwüle, die sich Mittags zu wahrer Backofenglut steigerte. Die Sonne war nicht zu sehen, durchdrang aber die weiße Dunstschicht des Himmels mit einer kranken Helligkeit, welche die Gegenstände der Natur schattenlos starr wie verzaubert erscheinen ließ. Gräser und Blätter waren wie unter giftigem Anhauch erschlafft. Die alltäglichen Geräusche des Hauses wurden von den Nerven aufreizend empfunden. Ein in der Ferne unaufhörlich bellender Hund schien das Maß des Erträglichen voll zu machen. Selbst Skanny, sonst ein unverbesserlicher Beller, antwortete ihm nur mit widerwilligem Knurren und irrte ratlos im Hof umher oder wühlte im Sand. Beobachtete ihn jemand dabei, so schien er verlegen, als wisse er etwas, was ihn nichts anging. Die drei Bewohner des Edelhofs hielten sich seit dem Mittagessen jeder auf seinem Zimmer in Erwartung des Holthoffschen Automobils. Der Prinz sehnte sich nach Erlösung von dem unerträglich gewordenen Zusammenleben der letzten Tage und trommelte mit den Fingern an die Scheiben des offenen Fensters, von wo er einen Teil der Landstraße überschaute. Ferdinand brannte darauf, dem Bruder seine Verlobung mit Melusinen mitzuteilen, als ob dieses Verhältnis erst durch die Mitteilung an Erich und die Wirkung auf ihn zur vollen Wirklichkeit würde. Melusine dachte: »Wenn er schon kommt, dann am besten heute noch. Irgend etwas wird dann geschehen und der Qual ein Ende machen, wenn es auch etwas Furchtbares ist.« Die Luft war ganz grau geworden. Da hörte man endlich das Auto nahen und in den Hof fahren. Melusine verbarg sich hinter dem Vorhang des Fensters. Erich sprang mit Lebhaftigkeit aus dem Wagen und trat elastischen Schrittes wie immer in das Vorhaus, offenbar wohlgelaunt, wie jemand, der über den Sonntag die Stadtsorgen abwerfen will. Beim Tee schien er nichts von der dumpfen Spannung der anderen zu bemerken, so voll war er von den Ereignissen, die zu berichten waren. Alles hatte bis zum Schluß vortrefflich geklappt, es blieb nun nichts anderes übrig, als dafür zu sorgen, daß man am Montag früh nicht verschlief. Um vier Uhr mußte man aufstehen, um ganz sicher zu sein, die verabredete Zeit einzuhalten. Hoffentlich würde das Wetter gut sein. Der Prinz fühlte sich wie befreit. Mit dankbarem Druck ergriff er Erichs Hand. »Morgen indessen,« sagte dieser, »will ich noch einmal leben wie das Vieh auf der Weide, irgendwo ausgestreckt im Gras oder unter Bäumen.« »Es wird aber Regen geben,« bemerkte Melusine kurz. Erich blickte sie an, sie schlug schnell die Augen nieder. »Abends kommt ein Gewitter,« sagte er, »aber morgen kann es wieder schön sein.« »Hierzulande,« bemerkte Ferdinand gemächlich, »wird aus einem Gewitter meistens ein Landregen von mehreren Wochen.« »Ach, du bist ein Laubfrosch,« lachte Erich, »wenn es regnet, lasse ich mir eine Matratze auf die Veranda legen und höre dem Rauschen zu. Jedenfalls brauchen morgen Leib und Geist Ruhe in der Natur. Wer das immer hat, ahnt ja nicht, wie glücklich er ist.« Er schaute durch das Fenster auf die Berge gegenüber, in deren mittlerer Höhe man Sennhütten zwischen Matten unterschied, in einem Streifen Nachmittagssonne gelegen, während die schwarzen Felskämme aus Kragen dunkeln Nadelholzes emporragten und das Tal nach wie vor in schwülem Dunst lag. Holthoff atmete tief auf. Er hatte nicht bemerkt, daß er fast allein sprach, fühlte er sich doch gerade darum in Sensburg so wohl, weil er glaubte, sich wenigstens hier geben zu können, wie ihm zu Mut war. Nach dem Tee weilte er zum Zweck endgültiger Abmachungen bei dem Prinzen, der ihn indessen bald entließ, damit der Überanstrengte vor dem Nachtmahl noch etwas ausruhen könne. Unter vier Augen hatte Prinz Amadeus ihn doch etwas angegriffen gefunden. Als er durch den Gang schritt, um zu seinem Zimmer zu gelangen, zuckte ein gelber Schein durch die heiße, nun drückend schwere Luft: der erste Blitz oder vielmehr ein Wetterleuchten ohne Donner. In der breiten, auf den Gang mündenden gedeckten Holzveranda sah Erich unter dem grellen Lichtschimmer eine Gestalt, in der er bald Melusinen erkannte. Sie beobachtete das nahende Gewitter. Erich trat zu ihr hinaus. Eine schwarze Wolkenbank hatte frühe Dämmerung verursacht. Das Leuchten wiederholte sich, aber die Luft blieb unbeweglich, während am Himmel hellere Wolken über den dunklen Grund jagten. »Das Gewitter scheint in der Ferne niederzugehen,« sagte Erich. Gerade das fand Melusine unerträglich, man wartete doch jetzt mit allen Nerven auf die Entladung. Nun, die Abkühlung käme Abends doch, meinte er, auch wenn der Wolkenbruch sich nicht unmittelbar über Sensburg entlud. Er wisse doch immer einen Ausweg, erwiderte sie lächelnd, aber ihre Worte klangen wie gereizt. »Wie jung Sie eigentlich noch sind,« sagte er plötzlich in einem Ton, der halb Gefallen, halb Überlegenheit auszudrücken schien. »Noch glauben Sie, alles müßte genau nach Ihrem Köpfchen gehen. Hier soll das Gewitter niedergehen, gerade hier, wo Sie es haben wollen. Nun, vielleicht ist der liebe Gott so galant und tut Ihnen den Gefallen, weil sie so reizend zu zürnen wissen.« Sie schaute ihn sprachlos an und fand ihn geradezu widerwärtig. Was sollte denn das heißen, hatte sie etwa plötzlich vor seinem Paschablick Gnade gefunden? In diesem Ton pflegten sich ihr früher Männer in der großen Welt zu nähern, aber sie hatte meist eine etwas spitze, den Partner nicht gerade beleidigende Antwort gefunden, die aber sein Selbstgefühl doch lieber unter vier Augen, als vor andern über sich ergehen ließ. Dieses Mal indessen war sie so überrascht und empört, daß sie keine Worte fand. Unverwandt sah sie seinen Blick auf sich gerichtet, diesen Indianerblick, diesen Drachenblick, und sie fühlte sich davon gelähmt wie ein kleiner Vogel vor der Schlange. »Fast scheint es, Baronin, Sie zürnen nicht dem lieben Gott, sondern mir,« fuhr er mit leisem, zweifelndem Kopfschütteln fort, »das würde mir herzlich leid tun, denn ich möchte in Tagen wie diesen mit allen Menschen in Frieden leben.« Sein Ton klang warm, ja es war plötzlich etwas trauriges in seiner Stimme. Nach seinen Worten wandte er sich gleich nach dem Gang zurück, in dessen Dämmerung er leichten Trittes verschwand. Melusine blieb in unsäglicher Erregung zurück. Sie wußte nicht, ob sie ihm lieber einen Stein nachgeworfen hätte oder hinter ihm dreingeeilt wäre, ihn um Verzeihung zu bitten. Inzwischen hingen die Mägde im Vorhaus Laternen mit brennenden Kerzen auf, da, wenn ein Gewitter aufzog, die Elektrizität abgestellt wurde. Melusine blieb auf der Veranda, mit den Armen auf das Holzgeländer gestützt. Nein, in diesem Hause konnte sie nicht länger bleiben, wo von Zeit zu Zeit dieser Unmensch über die Gänge schlich. Inzwischen hatte sich Erich in seinem unbeleuchteten Zimmer niedergelegt. Ob sich wohl Ferdinand ernstlich für Melusine interessierte? Vielleicht konnte man ihm dazu Glück wünschen, er brauchte wohl, wenn er nicht allzu früh altern sollte, noch irgend ein ihn aufwühlendes Erlebnis. Nun, Melusine würde das wohl gründlich besorgen und war dabei doch etwas anderes als die Hexen, mit denen er sich früher abzugeben pflegte. Merkwürdig, dachte er, wie diese künstlerischen Träumernaturen von der Art Ferdinands immer wieder nötig haben, daß ihnen Frauen ihr Leben problematisch machen, und wie sie auch stets die dazu geeigneten finden, wobei sie dann freilich meist in schlechte Hände geraten, aber Melusinen durfte man den Bruder ruhig überlassen. So seltsam sie schien und so unvorhergesehene Streiche man von ihr erwarten konnte, sie war gewiß ein vornehmer Charakter und eine Dame vom Kopf bis zu den Füßen. Zu Gemeinheiten war sie jedenfalls nicht fähig, nein, gewiß nicht. Hatte er selbst sich ihr gegenüber nicht eigentlich recht dumm benommen? Der Ton, den er vorhin anschlug, paßte doch gar nicht für sie. Das war diese übereinkömmliche Art, mit der man zu den Damen der Gesellschaft sprach, die ihn gerne aufnahmen, woraus dann vielleicht allmählich ein persönlicheres Gespräch entstand. Aber Melusine gehörte doch schon einer neuen Welt an. Auch ihr mußte dieser Ton zwar bekannt sein, aber gerade darum haßte sie ihn offenbar. Erich lächelte. Falls sie seine Schwägerin werden würde, biete sich wohl Gelegenheit genug, das wieder gut zu machen. Sie würde dann schon merken, wie sehr er sie schätzte. Merkwürdig, diese kommenden Menschen benutzten die alten Spielregeln nicht mehr, wollten sie nicht benutzen. Man konnte unmittelbarer zu ihnen sprechen, ja man mußte es, wenn man eine nähere Berührung suchte. Es öffnete sich ihm ein Ausblick in eine ganz neue, vielleicht sehr reiche Welt. Das Schlagen des Gongs riß ihn aus diesen Gedanken, die ihn wohl noch weiter beschäftigen würden. Während er wieder den Gang überschritt, blickte er einen Augenblick in die nun in schwarzem Schatten liegende, verlassene Veranda. Es tröpfelte spärlicher Regen nieder, ohne aber die bedrückende Wolkenschicht zu lösen und die Luft abzukühlen. Im Eßzimmer herrschte in Ermangelung der Elektrizität eine ungewohnte Beleuchtung. Zwei fünfkerzige Silberleuchter brannten auf dem runden Tisch. Auch an den Wänden flammten einige Kerzen in venezianischem Glas. Der Prinz bewunderte die Wirkung sehr, nichts sei vorteilhafter für den Teint der Damen. In der Tat belebte ihr warmer Schimmer Melusinens blasses Gesicht wie durchscheinendes Wachs. Wegen der bedienenden Mädchen sprach man meist französisch. Die Unterhaltung indessen verlief zunächst in alltäglichem Geleis. Erich saß Melusinen gegenüber, ihr Antlitz drückte einen geradezu tötlichen Ernst aus, und nun wurde ihm endlich bewußt, daß hier irgend etwas vorging, was die Menschen offenbar mehr beschäftigte als sein Staatsstreich. Er machte sich nun geradezu einen Vorwurf daraus, Melusinen, die von irgend etwas tief erregt schien, durch seinen leichten Ton auf der Veranda vielleicht verletzt zu haben. Er fühlte das Bedürfnis, ihr irgend etwas zu sagen. »Werden Sie heute abend spielen, Baronin Melusine?« Sie schaute mit einem plötzlich aufblitzenden Koboldblick auf Ferdinand, der sie sofort verstand und unangenehm auflachte. Auch der Prinz begriff, und er rief erschrocken: »Um Gottes willen, das nicht, das nicht noch einmal.« Erich blickte diese drei Menschen, einen nach dem andern, an. Was war hier geschehen, hier in diesem Paradies der Ruhe, wo die Zeit still zu stehen schien? Ferdinand und Melusine lächelten böse. Der Prinz aber faßte sich schnell und sagte leichthin: »Denken Sie nur, Holthoff, die beiden Herrschaften haben sich in dieser Weise zu der modernen, der sogenannten anti-tonalen Musik ...« »Atonalen, Kgl. Hoheit,« unterbrach Melusine. »Also atonalen Musik bekehrt und behaupten, eine ganz eigenartige Schönheit darin zu entdecken.« »Eine geradezu befreiende Schönheit,« bestätigte Ferdinand, etwas kindisch erregt. »Dürfte ich Sie vielleicht,« sagte Erich mit ungewohnter Weichheit, fast schüchtern zu Melusine gewendet, »angesichts der bewegten Tage, die mich erwarten, heute noch einmal um etwas ganz harmonisches und altmodisches bitten, eine Sonate von Mozart?« »Ach ja,« fiel der Prinz ein, »und womöglich die fünfte mit dem schwermütigen Mittelsatz. Sie verkörpert mir ganz besonders die vielen unvergeßlichen Abende, die ich unter diesem Dach verbracht habe. Lassen Sie all das Liebe und Schöne noch einmal aufleben. Es ist ja heute unser letzter Abend, denn morgen werden wir früh schlafen gehen müssen.« Melusine stand erregt auf, ihr war, als habe jemand die Hand an ihrer Kehle und als sei der lange Widerstand gegen eine fremde, sie vergewaltigende Macht nun nahezu erschöpft. Sie warf sich in die Sofaecke, und es entrang sich ihr ein Seufzer, der fast wie ein Aufheulen klang. »Ich kann nicht mehr,« preßte sie hervor. Ferdinand eilte besorgt zu ihr, der Prinz rief: »Aber Baronin Melusine, wenn sie nicht in Stimmung sind, dann natürlich nicht ... Ich denke doch, wir werden uns auch später wiedersehen, und zwar recht bald ... wenn wieder ruhigere Zeiten kommen, dann wird man auch wieder Mozart genießen können, nicht wahr?« »Nein, nein,« rief Melusine entschlossen, »das ist alles vorbei. Ich rühre meine Geige nie wieder an.« »Aber Melusine...« begütigte Ferdinand, tief erschüttert. »Das neulich abends war das Ende,« murmelte sie, »das Ende, es gibt keine Kunst mehr,« und sie drückte tief traurig ihre beiden Hände vor die Augen. Der Prinz und Ferdinand standen verständnislos vor ihr. Erich war stumm am Tisch sitzen geblieben. Er starrte auf die Gruppe. Sein Denken stand plötzlich still. Statt dessen fühlte er einen mächtigen Strom durch sein Inneres gehen, der ihn zwang, den Körper ganz unbeweglich zu lassen. Dieser Strom tauchte ihn in etwas Fremdes, Übermächtiges, schloß ihn an etwas gänzlich Unbekanntes an, aber es war gut, so still zu halten. Unablässig heftete er den Blick auf Melusinen, und ihm war zu Mute, als ob er sie zum erstenmal wirklich sähe. Plötzlich erhob sie sich, als müsse sie schnell etwas tun, sich festhalten, ehe sie in einen Abgrund sank. Dann flüsterte sie, mit gepreßter Stimme, sie wolle hinaufgehen. »Kann ich Ihnen noch mit irgend etwas dienen?« »Nichts, nichts,« sagte sie tonlos. Der Prinz meinte, der Schlaf würde ihr wohltun. So ließ man sie gehen. Draußen hörte man ihren Schritt auf der Holztreppe, langsam und schwer, nicht wie von einem jungen Weib. Die drei Männer blieben allein. »Etwas Überreizung,« sagte der Prinz. »Nein, nein,« erwiderte Ferdinand unruhig, »das ist mehr, ich bestelle sofort telephonisch einen Nervenarzt aus Wien. Morgen Nachmittag kann er hier sein.« Erich saß noch immer unbeweglich und sprach kein Wort. Plötzlich erhob er sich und erklärte, auch er wolle zu Bett gehen. Es war das erste Mal, daß er die Form verletzte und dem Prinzen nicht den Wink zum Aufbruch überließ. Dieser blickte ihn etwas überrascht an und reichte ihm die Hand. »Entschuldigen Sie, Kgl. Hoheit, ich vergaß ...«, sagte Holthoff, »aber jetzt fühle ich erst, wie erschöpft ich doch bin.« »Gehen Sie nur schlafen, lieber Freund,« sagte der Prinz gütig, »wenn einer jetzt Ruhe verdient, sind Sie es.« Jeder begab sich nun auf sein Zimmer. Draußen regnete es unaufhaltsam. Das Gewitter schien in der Ferne vorübergegangen, die Verandatüren des Ganges standen weit offen, aber noch immer kam keine rechte Kühle herein. Erich legte sich zu Bett. Unter den halb geöffneten Fenstern rauschte der Bach. Während er einzuschlafen versuchte, sah er immer wieder vor sich das wächserne in Kerzendämmerung goldschimmernde Gesicht mit den unruhigen, langbewimperten Augen, aber der Ausdruck dieses Gesichtes wandelte sich durch alle die Abstufungen, die er in den letzten Monaten, ohne sich Rechenschaft zu geben, darin wahrgenommen. Sie erschien engelhaft, und doch unerlöst, ja unwissend koboldartig sich und andere wie durch Zauber in's Verderben ziehend, manchmal aber auch erhaben priesterlich, als verschließe sie in sich das dunkle Geheimnis des Lebens, zu dem selbst die Weisesten auf Erden jener Einweihung bedürfen, die Eva von der Schlange erfuhr. Die Abendgeräusche des Hauses aus Küche und Gängen verstummten. Erich lauschte in das Dunkel draußen und im eigenen Innern. Da erschien ihm das Bild Melusinens nicht mehr wie eine Erinnerung an äußere Wirklichkeit, sondern wie eine aus dem Grund der eigenen Seele geborene Phantasiegestalt, gleich einer Wasserrose auf düsterer Flut, und doch glich es ihr, wie sie vor kurzem in dem Becken des Parks von Floridsburg vor ihm gestanden war, die beiden Arme ausstreckend nach dem jauchzenden Kind auf seiner Schulter, während sich plötzlich ihr langes, helles Haar löste und bis über die Knie fiel. Ihm war plötzlich, als habe sich ihm jene Frau entschleiert, die er an dem Abend der ersten Entscheidung, wie aus einem dunklen Abgrund seines Innern hatte auftauchen sehen und die ihm zugerufen hatte: »Vorwärts, Du kluger Teufel, Du bist auf dem rechten Weg zu mir!« Und wieder rief sie ihm zu: »Vorwärts.« Wie unter dem Schutz dieses Bildes überkam ihn tiefer Schlaf. XXXV Am Sonntag blieb Melusine zu Bett. Sie ließ niemand zu sich. Aus Wien war die telephonische Zusage gekommen, daß der Arzt am späten Nachmittag da sein würde. Inzwischen irrte Ferdinand ungeachtet des schlechten Wetters ruhelos umher, bald ins Haus zurückkehrend, bald draußen schweifend. Erich lag unbeweglich in einem Liegestuhl auf der Veranda und lauschte dem nun mächtig herabrauschenden Regen. Der Prinz wagte nicht, mit dem Ruhebedürftigen ein Gespräch zu beginnen, und ihm war zu Mut, als seien plötzlich alle Abmachungen für morgen höchst zweifelhaft geworden. Bei Tisch kamen die drei Männer zusammen. Ferdinand, den Melusine inzwischen einen Augenblick hereingelassen hatte, berichtete, daß sie teilnahmlos auf der Ottomane liege. Fieber habe sie nicht, aber der Puls sei sehr unregelmäßig. Gegen Abend erschien Professor Obertimpfler, der berühmte Nervenarzt, ein kleiner rundlicher Mann, gänzlich kahl auf dem Kopf und im Gesicht, mit einem etwas süffisanten Ausdruck um den dünnen beweglichen Mund und großen, kuhartigen Glotzaugen, deren zauberhaft beruhigenden Einfluß viele Patienten und besonders Patientinnen sehr priesen. Melusine ließ ihn nur ungern herein und stand ihm möglichst kurz Rede. Sein drittes Wort war: »nichts als«. Von Ferdinand erfuhr er dann unten im Salon einiges über Melusinens Schicksale. Sofort war ihm alles klar. Der Zustand war nichts als eine Hypothonie, eine Auslassung der normalen Spannung; da half nichts als ein langer Aufenthalt in einem erstklassigen Sanatorium. Inzwischen aber sollte die Patientin dreimal im Tag Insipidin nehmen, ein ganz neues in Höchst hergestelltes Alkaloid, vor allem aber Himbeersaft trinken. Davon hielt der Arzt besonders viel, und zwar wegen seines außerordentlichen Gehalts an irgend etwas Neuentdecktem, dessen Bedeutung für die Ernährung der Drüsen man bisher ganz übersehen habe. Also jeden Tag einen halben Liter, beliebig verdünnt. Das Zigarettenrauchen müsse natürlich unterbleiben, eine Zeit lang auch das Musizieren. Ferdinand fragte nach seiner Schuldigkeit. Die von dem Professor genannte Summe erschien ihm außerordentlich hoch, aber es stand ja eine Kapazität vor ihm, die ihren Sonntag geopfert hatte. Inzwischen schickte sich Frau Betty an, einige Flaschen von ihrem selbst eingekochten Himbeersaft herbeizuholen. »Nun, ist der Esel fort?« fragte Melusine ganz aufgeräumt und eine Zigarette rauchend, als Ferdinand mit einer Flasche zu ihr hereintrat. Sie ergriff seine Hand und sagte: »Es ist wirklich zu lieb von dem Brüderchen, daß es sich so um mich sorgt. Es hat sogar geholfen. Ihr Doktor hat mich derart belustigt, daß ich mich wieder ganz wohl fühle. Was bringen Sie mir denn da, oh, Himbeersaft. Was für gute Ideen Ihnen immer einfallen, darauf habe ich gerade Lust.« Ferdinand zog vor, ihr nicht zu sagen, daß er auf ärztliche Verordnung handelte. »Was macht denn die hohe Politik«, fragte sie mit listigem Ton, nachdem sie getrunken hatte. »Es war nicht mehr davon die Rede«, erwiderte er, »alle sind nur besorgt um Sie«. »Und geht es morgen also los?« »Nun ich denke, es ist doch ausgemacht, es hat sich nichts geändert.« »So«, sagte sie, »dann gehen Sie jetzt wieder zu ihren Gästen.« »Aber Sie müssen heute Abend etwas essen.« »Also dann schicken Sie mir etwas herauf. Ihnen zuliebe.« Er setzte sich einen Augenblick zu ihr auf den Bettrand und sagte vor sich hin: »Tun, handeln, wirken ..., wie mir das zuwider ist, es kommt ja doch alles von selbst.« Melusine lachte und fuhr ihm durch das Haar. »Das ist wieder echt Ferdinand, das Brüderchen ... Wu-Wei ...« »Und habe ich denn nicht recht?« fragte er glückselig unter ihrer Berührung. »Nun ja ... natürlich ...« erwiderte sie nachdenklich. Das Nachtmahl der Männer verlief einsilbig wie das Mittagessen. Nach Tisch erhob sich Erich und sagte: »Ich muß Ew. Kgl. Hoheit wieder um Nachsicht bitten und mich zurückziehen. Ich bin noch immer sehr erschöpft. Um halb fünf Uhr morgen früh fahren wir also ab.« Dann bat er Ferdinand, für ein nahrhaftes Frühstück und Brote zum Mitnehmen zu sorgen. »Eigentlich brauchten Sie jetzt ein paar Ferienwochen, lieber Freund,« sagte der Prinz, Holthoff die Hand reichend. »Eigentlich ja,« erwiderte dieser, »aber ich fühle, daß meine Kraft gerade noch so lange reicht, wie ich sie brauche. Sind erst einmal die neuen Dinge im Gang, dann will ich mich zurückziehen, vielleicht für immer.« »Oh, sagen Sie das nicht, sagen Sie doch das nicht, die Welt erwartet noch viel von Ihnen.« Der Prinz war aufgestanden, Tränen füllten ihm die Augen, und als sich Erich verbeugte, legte er einen Augenblick einen Arm um dessen Schultern. Dann ging Erich hinauf. Der Prinz wischte sich die Augen und sagte zu Ferdinand: »Nun kenne ich ihn schon über zwei Jahrzehnte und habe ihn immer treu wie Gold gefunden, aber ganz klug aus ihm geworden bin ich nie.« »Da geht es Ew. Kgl. Hoheit nicht anders wie mir«, erwiderte Ferdinand, »und ich kenne ihn nun doppelt so lang.« Ehe sich Erich niederlegte, zog er einen kleinen Wecker auf und stellte ihn auf halb vier Uhr. Es blieb nichts anderes mehr übrig, als sich von den selbst entbundenen Kräften weitertragen zu lassen. Seine Arbeit fühlte er beendigt, gut beendigt. Was nun geschah, hing von anderen Mächten ab, als seinem Wollen und Erkennen. O es tat wohl, nicht mehr frei und der Verantwortung des »soll ich oder soll ich nicht« ledig zu sein, so wie auf einer gefährlichen Reise, wenn einem das Ziel schon nahe, der Ausgangspunkt aber ferne hinter einem liegt. Nun ist man gewiß, nicht mehr umkehren zu können, sondern sein Schicksal zu erfüllen, mag es gut oder schlecht sein. Das allein gibt dem Müden noch einmal unerschöpfliche Kräfte, und wäre es hart am Rand eines Abgrunds in den vor dem Ziel noch hinabgestiegen werden muß. Erich wollte, konnte jetzt nicht länger wach sein, und so empfing er, gewärtig der Ereignisse, die morgen kommen sollten, den Schlummer, während sofort, nachdem er die Augen geschlossen, seinem inneren Blick, wie eine Wasserrose auf dunklem Grund, wieder das Bild Melusinens vor dem verwitterten Neptun auftauchte. Es mochten Stunden, vielleicht auch nur Minuten vergangen sein, da vernahm er leise schlürfende Schritte auf dem Gang. Sie schienen das Dunkel zu durchtasten. Plötzlich hielten sie an, ein harter Gegenstand fiel auf den Boden. Wieder trat eine Pause ein, dann überstürzten sich die Schritte. Noch einmal zögerten sie vor der Tür. Erich war ohne Schrecken erwacht. »Das ist Melusine,« sagte er sich ruhig; ihm war als sei er nur leicht von einem Traum in den andern geglitten, ja als hätte er sie erwartet, und er wußte: »Nun beginnen die letzten großen Dinge«. Er fühlte sich bereit. Es wurde auf die Klinke gedrückt: Melusine trat ein, von einem Strahl des eben aus den Wolken hervortretenden Mondes getroffen. Ihr unsteter Blick suchte in dem silberdämmerigen Raum. Dann stürzte sie plötzlich vor dem Bett Erichs auf die Knie, drückte das Antlitz auf die Decke und suchte schluchzend nach seiner Hand, die sie mit Tränen benetzte. »Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir ...« stieß sie fast tonlos hervor, »und retten Sie mich.« Er richtete sich auf, noch ungewiß, ob es nicht doch ein Traumbild sei. Als er aber ihren warmen Arm fühlte, suchte er sie aus der knieenden Stellung emporzuziehen; sie widersetzte sich. »O Gott, o Gott«, stammelte sie, »helfen Sie mir!« Ihre Tränen flossen wie ein Strom, der viele Jahre gehemmt gewesen war, unterirdisch gegrollt hatte und nun auf einmal einen breiten Weg ans Licht fand. Erich schwieg, seine Hände auf ihr Haar legend. »Können Sie mir denn das verzeihen?« begann sie dann wieder und richtete ihr tränennasses Gesicht auf ihn. »Ja was denn, Melusine, was habe ich Ihnen denn zu verzeihen?« fragte er zögernd. Erst schwieg sie, sichtlich die Worte suchend, dann sagte sie. »Ich weiß nicht, was mich im letzten Augenblick abgehalten hat ... Ich habe monatelang in einer entsetzlichen Spannung aller meiner Nerven gelebt ... und eben ... vor der Tür hat sie sich ganz plötzlich gelöst ... ich verstehe nichts davon ... vielleicht war alles umgekehrt ... nein, nein, der Revolver ist mir nicht von selbst aus der Hand gesunken, das war kein Zufall, sicher nicht, das müssen Sie mir glauben, wenn ich es Ihnen schwöre, ich habe ihn selbst weggeworfen aus besserem Wissen, das mich ganz plötzlich überkam; das war ich selbst, ich wollte ja nicht, und was vorher alle diese Wochen meine Nerven so gespannt hat, das verstehe ich nicht, das war ich nicht selbst.« Erich fühlte einen Schauer über den Rücken gehen. »Melusine ...« rief er, als erkenne er plötzlich ein tiefes Geheimnis, »Du ... das bist Du ...«, und ihm war, als ob ein Strom seine wohltätigen Wogen um ihn und sie schlang. »Ich wollte ja immer nur hierher, zu Dir kommen ... und gerade deshalb haßte ich Dich ... da ergriff ich den Revolver ... ich habe es ja nicht einen Augenblick geglaubt, daß ich Dich töten wollte ... aber der Revolver machte mir Mut zu gehen ... als ich vor Deiner Tür stand, da warf ich ihn einfach weg ... und dann war es nur noch ein Schritt zu Dir ... und jetzt,« flüsterte sie, »will ich Ihre Magd, Ihre Sklavin sein fürs ganze Leben ...« Er sank überwältigt in die Kissen zurück, ihm war als durchschaue er plötzlich eine tiefe Finsternis, durch die er gewandelt, an deren Ende ein Licht schimmerte; dann flüsterte er: »Steh auf, Melusine ... Alles war recht so ...« Ein Gefühl nie gekannten, seligen Innewerdens überkam ihn, und ihm schien, als töne seine eigene Stimme aus einer Ferne, weit weg von dem, was bisher sein Leben gewesen war. »Wie?...«, fragte sie zweifelnd. »Recht so, sagst Du? Wie wäre denn das möglich?« »Ja, recht so,« wiederholte er, sich wieder erhebend, »setz dich zu mir, meine liebe Seele.« Sie hob das Antlitz zu ihm empor, und er saß da, aufrecht im Mondlicht, als schauten seine Augen in eine andere Welt, in der er sich selbst noch nicht zurecht fand. Sie stand auf und setzte sich auf den Bettrand. Wieder begannen ihre Tränen zu fließen, und dann sprach sie, erst unter Schluchzen nach Worten ringend und dann immer sicherer, als tauche auch ihr Blick jetzt hellsehend in Tiefen, von denen sie bisher nichts geahnt hatte. »Du bist zu gut und zu groß ... das habe ich nicht aushalten können ... ich habe mir einreden wollen, daß Du böse bist, ein Unhold, und ich habe Dich hassen wollen ... auch den armen Ferdinand habe ich anzustecken versucht mit meinem Haß, aber es ging nicht, auch er ist ein edler Mensch wie Du und weiß nichts von Gemeinheit ... nur ich bin gemein, nur ich ... ein Weib, das sagt ja schon alles ... Darum habe ich von Jugend an kein Weib sein wollen, weil das so gemein ist ... und darum bin ich nun heimlich erst recht gemein geworden ... Es ist furchtbar, Erich, kannst Du verstehen, wie ein Weib ist ... es haßt, weil es in seiner Kleinheit das Vollkommene nicht ertragen kann, es tut sich auf seine Reinheit etwas zu gut, weil es in Wirklichkeit nichts als Unreinheit ist. Oh, wie hast Du mich geschont, wenn ich Dich herausfordern wollte ... Und das habe ich erst recht nicht ertragen ... hättest Du doch Deine Verachtung gegen mich offen ausgesprochen ... vielleicht wäre ich erst wütend geworden, und dann hätte es mir wohlgetan, aber Du warst immer freundlich zu mir, nur freundlich, so viel überlegene Güte konnte ich nicht aushalten. Wenn Du doch nur einmal von Deiner Höhe herabgestiegen wärst und Dich mit mir gemein gemacht hättest! Oft habe ich absichtlich dummes Zeug geredet, um Deinen klaren Geist zu reizen, aber Du hast immer großmütig meinen Standpunkt gewürdigt. Begreifst Du denn nicht, was das für eine Beleidigung für mich war? Davon bin ich fast verrückt geworden, ich wünschte Deinem Unternehmen Unglück, aber ich spürte meine Ohnmacht, denn es muß ja gut ausgehen, weil alle guten Geister hinter Dir stehen, und dann ist mir vorhin – nein nicht erst vorhin, schon sehr, sehr oft – der Gedanke gekommen ... ich ergriff den Revolver ... aber vor Deiner Tür, da konnte ich auf einmal nicht mehr, da war es ganz plötzlich aus mit meinen gespannten Nerven ... oh, seit meiner Kindheit habe ich sie überspannt, als ich mich nicht mehr allein in die Wälder getraute, als ich mit der Geige in die Welt zog, als ich Dir trotzte ... alles derselbe Wahn ... ich habe nicht wie ein Weib lieben wollen ... aber was ich tun kann, ist dumm, denn wenn ich auch ein Ende mit Dir gemacht hätte, gerade das wäre ja ein echter Weiberstreich gewesen, und ich glaube, Dir wäre selbst der Tod gleich. Du gibst mir sogar jetzt noch ein Recht. Was liegt Dir an Deinem Leben? Du bist ja kein Mensch mehr, Du bist wie ein Gott, der unzählige Leben hat und ruhig eines verlieren kann. Oh, die Menschen müssen Dich hassen, so etwas ist hassenswert, und auch ich hätte Angst, Dich zu lieben, aber büßen will ich meinen Haß, indem ich Dir diene.« Nie im Leben hatte die oft bis zur Hartnäckigkeit Verschwiegene so lange gesprochen, und nun legte sie erleichtert den Kopf auf die Decke neben ihn. »Nein, Du wirst mir nicht dienen«, sagte er ruhig mit klarer Stimme, als verstünde er plötzlich die ganze Welt, »viel zu lange habe ich meine eigene Seele geknechtet. Das hast Du gefühlt, das hat Dich als Frau empört, darum mußtest Du mich hassen, Du warst im Recht, Du hast sie befreit, meine Seele... welch ein Glück!« Verwundert schaute sie ihn an. »Ein Glück ...?« hauchte sie. »Ja, Du bist ein Weib, aber eines, das sich selbst aus seinen Banden erlöst hat«, sagte er, als rede er nicht zu ihr, sondern in sein eigenes Inneres zu seiner Seele, »darum bist Du nun frei, frei von allem Haß und aller Kleinheit.« Sie schaute ihn fragend an. Wieder sank sie in die Knie. Er legte die Hand wie segnend auf ihren Scheitel, und nun sprach er zu ihr: »Jetzt darfst Du nicht mehr knien, Melusine«. »Erst verzeih mir, daß ich Dein Werk zerstören wollte, denn nun will ich, daß Du immer größer und größer wirst.« »Ich will weder groß noch klein sein,« flüsterte er. »Steh auf, es ist nichts zu verzeihen, Du bist ohne Schuld.« Sie erhob sich. »Und morgen?« fragte sie. »Ich gehe meinen Weg zu Ende.« Sie wollte sich zur Tür wenden, aber in diesem Augenblick hörte man heftige Schritte auf dem Gang, die sich eilig dem Zimmer näherten. XXXVI Lange nach Mitternacht war Ferdinand mit einem Angstschrei aus einem Traum erwacht, der in ihm ein Gefühl völliger Verzweiflung zurückließ. Langsam vermochte er sich zu erinnern, was er geträumt hatte: es war in seiner Kindheit, und doch kam er sich erwachsen vor, als der heutige Ferdinand Holthoff. Er befand sich mit seiner Mutter in einem kleinen, grünen Zimmer, das er nun im Wachen sofort als den an ihr Schlafzimmer daheim angrenzenden Toilettenraum erkannte. Die Mutter zankte ihn heftig aus. Er hatte etwas ganz furchtbares begangen und fühlte sich selber tief schuldig, ohne aber zu wissen, was es eigentlich war. Auch im Traum wurde die Schuld nicht ausgesprochen, offenbar war sie überhaupt unaussprechlich und dennoch außer allem Zweifel. Er versuchte gar nicht, sich zu rechtfertigen. Die Strafe bestand darin, daß er, der bisher in einem Bettchen neben der Mutter geschlafen hatte, nun zu der Kindsfrau verbannt wurde, die ihn sofort aus den Händen der Mutter empfing und mit sich führte. Auf einmal war die Kindsfrau zugleich die Hexe in dem Märchen von Hänsel und Gretel. Er wurde bei ihr in einen Käfig gesperrt. Jeden Morgen mußte er nun seinen Finger herausrecken, um zu zeigen ob er schon fett genug sei, aber jedesmal lachte die Alte höhnisch: viel zu klein, noch immer viel zu klein. Da packte ihn die Wut. In der Nacht rüttelte er mit aller Kraft an dem Gitter des Käfigs, so daß er zerbrach und rannte durch einen finsteren Wald, bis er an eine Tür kam. Es war eine ähnliche Tür wie die des Schlafzimmers, aus der ihn die Mutter vertrieben hatte. Das Schlüsselloch erschien ihm ungewöhnlich groß und es stak gerade kein Schlüssel darin. Unter Zittern legte er das Auge an, aber was sah er? Mitten in dem Zimmer befand sich ein rundes steinernes Becken, in dem eine Frau badete. Der Oberkörper ragte über die Flut empor, das Haar erreichte den Rand des Wassers. Unter der durchsichtigen Oberfläche aber setzte sich der Leib in Gestalt eines schuppigen Fischleibs fort, der in einem nach oben gekrümmten Schwanz schrecklich endigte ... Das war ja Melusine ... Hier erwachte Ferdinand zitternd mit jenem Angstschrei. Nun aber fiel ihm ein, daß es nicht allein dieser Anblick war, der ihn in solche Erregung versetzte. Da war noch jemand in dem Raum gewesen, nicht ganz wirklich, mehr wie ein düsterer Schatten, ein schwarzer Mann mit einem Bart ... Erich, nein unmöglich, Erich hatte ja nie einen Bart getragen ... aber es war doch Erich ... der Indianerblick ... davor hatte er aufgeschrieen. Ferdinands Glieder bebten wie in einem Schüttelfrost, seine Zähne klapperten. Da stürzte er plötzlich im Nachthemd hinaus auf den Gang, auf dem trübes Licht seinen wankenden Schatten an die weißgetünchte Wand warf. Es trieb ihn zu Melusinens Tür. Wachte er oder war er wieder in den Traum zurückgekehrt? Bebend starrte er auf das Schlüsselloch. Da bemerkte er, daß die Tür nur angelehnt war. Um seinen Mund zuckte es. Mit irrer Hand griff er nach der Klinke. Das Zimmer war leer. Eine furchtbare Ahnung durchfuhr ihn. Wieder stürzte er auf den Gang. Da lag am Boden ein schwarzer Gegenstand ... Melusinens weggeworfener Revolver. Er erkannte ihn sofort. Sie hatte ihn bei ihrer Flucht aus Rußland bei sich gehabt. Plötzlich überkam ihn eine Bewußtseinsklarheit, wie er sie nie gefühlt, als verstehe er mit einem Mal diese ganze dunkle Welt und sich in ihr, ohne zu grübeln und zu denken. Sein verzerrtes Gesicht entspann sich. Er hob den Revolver auf und betrachtete ihn genau, die Sicherung war offen. Nicht einen Augenblick fragte er sich, wie die Waffe hierher kam, sie war einfach da, ganz selbstverständlich wurde sie ihm in diesem Augenblick in die Hand gedrückt. Schon stand er vor dem Zimmer des Bruders. Da hörte er beider Stimmen. Es erstaunte ihn nicht im geringsten, es war ja nur, wie es sein mußte. Er riß die Tür auf. Das elektrische Licht auf dem Nachttischchen brannte nun unter gelbem Schleier. Erich saß aufgerichtet im Bett, nach der Tür gekehrt, Melusine stand dabei. Sie schienen ihn in voller Ruhe zu erwarten. »Kain...« schrie Ferdinand, als beschwöre er endlich einen dunklen Zauber durch Aussprechung der bannenden Formel, und er erhob die Waffe. Erich sprang aus dem Bett, Melusine trat vor ihn mit einem Schrei. Da krachte ein Schuß, ein schauerlicher tierischer Laut erscholl, beide fielen nieder, am Bettrand herabgleitend. Erich saß am Boden, mit dem Rücken gegen das Holz gestützt, den Kopf nach rückwärts übergelehnt, auf der Matraze aufliegend. Der Mund stand offen, Melusine lag stöhnend in seinem Schoß. Ihr sandfarbiges Haar verbreitete sich blutig am Boden. Ferdinand blickte starr auf die Gruppe, die rechte Hand umkrampfte noch die Waffe; ihm war, als befände sich das Zimmer in schwingender Bewegung wie ein Schiff im Sturm. Der Schuß hatte den Prinzen und das Personal geweckt. In hastig übergeworfenen Gewändern eilten sie herbei. Man fand Melusinen stöhnend und bei Bewußtsein, mit einer heftig blutenden Wunde an der Schulter. Erich schien ohne Leben. Der Prinz, in großblumigem Seidenschlafrock, den er mit der Linken zusammenhielt, war anfangs ratlos und warf hilfesuchende Blicke auf die herbeigeeilte Frau Betty, die vor Angst Augen und Mund aufsperrte und Unverständliches lallte. Die beiden Mädchen suchten Melusinens Gewand zu öffnen, um die Wunde freizulegen. Mit letztem Kraftaufwand brachte sie mühsam das Ohr in Erichs Herzgegend, Spuren seines Lebens suchend. »Arzt holen, Arzt holen ...« rief sie mit schwacher Stimme den beiden über sie gebeugten Mädchen zu. Das brachte den Prinzen wieder zu sich. Er schickte Cilli hinüber in den andern Flügel, wo der Chauffeur Wildgruber schlief, er solle sofort wegen schweren Unglücksfalles den Bezirksarzt Dr. Entholzer holen. Inzwischen war Ferdinand mit einem irren Schrei zu Boden gefallen. Niemand achtete seiner. Dem Prinzen gelang es, Melusine sanft von Erich zu lösen, wogegen sie wimmernd, aber kaum mehr Worte findend, Einspruch erhob. Mit Hilfe des Mädchens legte er die Blutende auf eine Ottomane; den leblosen Erich, der nirgends zu bluten schien, hoben sie aufs Bett. Frau Betty stand noch immer wie angewurzelt, war aber dann doch fähig, dem Mädchen die Schüssel zu halten, das sich daran machte, Melusinens Wunde zu waschen. Indessen öffnete Prinz Amadeus Erichs Kleider. Der Schuß war, nachdem er erst Melusine verletzt hatte, ihm durch die linke Brust gegangen. War er tot? Lebte er? Amadeus wendete sich nun zu Ferdinand, der auf dem Bauch am Boden lag und, abwechselnd nach den beiden Gruppen lauernd, wie ein Tier leise hin- und herkroch. Als ihn der Prinz sanft anredete, sprang er plötzlich auf die Füße, schaute mit Wahnsinnsblicken im Zimmer herum und schrie: »Mord ... Mord ... Polizei.« Er wollte davonrennen. »Was tun Sie? Wo wollen Sie hin?« rief der Prinz entsetzt. »Zur Polizei ... ich habe doch gemordet.« »Aber vielleicht lebt er ...« »Nein, nein, er kann nicht leben, ich bin sein Mörder, ich muß mich dem Gericht stellen.« »Aber Sie sind ja gar nicht angekleidet ...« Ferdinands Blick fiel auf Melusine, die fast ohnmächtig war. Der Prinz hielt ihn zurück. » Sie lebt ...« hauchte Ferdinand und in seinen irren Augen blitzte es einen Augenblick wie ein listiges Einverständnis mit irgend etwas, das so war, wie es sein sollte. Dann ging er auf sein Zimmer. Der Prinz setzte sich zu Erich aufs Bett und rief wiederholt seinen Namen. Tränen brachen ihm hervor, als er das strenge Antlitz des Leblosen so starr vor sich sah. »Lebt er?« rief die wieder zu sich gekommene Melusine, deren Wunde bereits zu bluten aufhörte. »Ich weiß nicht ... ich weiß nicht,« schluchzte Prinz Amadeus. In diesem Augenblick begann der Wecker, den Erich Holthoff vor dem Schlafengehen auf halb vier Uhr gestellt hatte, sein nervenzerreißendes Gerassel. Erich schlug plötzlich die Augen auf. Der Prinz ergriff die Uhr, dämpfte den Lärm mit der Hand und steckte sie Frau Betty zu, die sie schnell hinausbrachte wie ein schreiendes Kind. Erich war unfähig zu sprechen, aber er drückte dem Prinzen die Hand. Kurz darauf verließ Ferdinand das Haus, ohne nochmals in dem Zimmer Erichs erschienen zu sein. Er ging die dämmerigen, ihm so wohlbekannten Wege zu dem nahen Dorf. Der blasse Frühlingshimmel erblaute allmählich. Scharen flockiger Lämmerwölkchen zogen hoch dahin, als gäbe es heute nichts anderes auf der Erde, als die Hoffnung eines guten Erntetags. An Gräsern und Zweigen hing der Tau, hie und da von Spinnweben aufgefangen. Ferdinand schaute weg, wenn sein Blick auf solch eine vertraute Einzelheit der Natur fiel, als dürfe er dies alles nun nicht mehr sehen. Da bemerkte er plötzlich, daß ihm Skanny wie ein armer Sünder scheu und leise folgte. Er nahm ihn auf den Arm, streichelte ihm den Kopf und schob ihn in ein Gartenhäuschen. Er hatte keinen Mantel an und erschauerte in der Kühle. Einen weichen Hut ins Gesicht gedrückt, die Hände in den Hosentaschen, eilte er quer über die feuchte Wiese, um den Weg abzukürzen. Bald begannen die Berge, hinter deren schwarzen Wänden die Sonne aufging, an den Rändern zu erglühen, ein Schauspiel, das er selten im Freien, aber oft von seinem Schlafzimmer aus beobachtet hatte, um sich dann wieder behaglich niederzulegen. Des kommenden Spätsommertages mit seinem Lerchenjubel nicht achtend, ging er auf das schmale Gendarmeriegebäude zu, wo er das letztemal vor nun etwa neun Monaten wegen der Anmeldung des Dr. Schenk zu tun gehabt hatte. Noch waren die Läden geschlossen, auf der traulichen Dorfstraße ging kein Mensch. Ferdinand klopfte an die gelb gestrichene Tür, um den Wachtmeister zu wecken. Es dauerte ziemlich lange, bis ihm geöffnet wurde. Fünftes Kapitel Zeitwende XXXVII Am Sonntag Abend war planmäßig in den Gasthäusern der südlichen Umgebung von Rolfsburg das Gerücht verbreitet worden, Prinz Amadeus werde am folgenden Tag die Regierung übernehmen. In den wenig seine Unterschiede machenden Köpfen der Bauern hieß das: sofortige Wiederherstellung der Monarchie und Rückkehr der guten Zeiten. Massen freudig erregten Landvolks zogen in der Montagsfrühe wieder die Sonntagstracht an und erschienen, bunte Buschen am Hut und farbige Abzeichen auf der Brust, in der spätsommerlichen Stadt. Wo sie auf ahnungslos an ihr Tagwerk gehende oder müßig herumziehende Arbeiter stießen, riefen sie diesen mit herausfordernder Lustigkeit zu, die Revolution sei aus, sie hätten wieder einen König. Indessen saßen General Sobern und Graf Twelen beim Dornerwirt und wunderten sich, daß das prinzliche Auto nicht kam. Da wurde der General ans Telephon gerufen. Er erkannte die zitternde Stimme des Prinzen, der eine lebensgefährliche Verwundung Holthoffs meldete und die Herren bat, ihn im Lauf des Tags in Floridsburg zu treffen. Beide taten darauf in Eile alles mögliche, um die beteiligten Stellen von dem Unglücksfall zu benachrichtigen und ein nun sinnlos gewordenes Handeln zu verhindern. Nur Oberst Katzlinger wurde nicht rechtzeitig erreicht. Nach längerem vergeblichen Warten in einem Torweg nahe der Residenz erschien er in seiner sonnebeglänzten hellblauen Leibregimentsuniform auf einem Apfelschimmel. Wie abgemacht, übernahm er das Kommando der Truppen, und auch das Hurrarufen blieb nicht aus, wohl aber das, was dem alles erst seinen Sinn gegeben hätte. Nach einiger Zeit wurde unter den Zuschauern Widerspruch laut. Auf dem Residenzplatz kam es zu vorerst harmlosen Zusammenstößen zwischen den noch immer jubelnden Bauern und den sich mehrenden Unzufriedenen. Da fielen plötzlich Revolverschüsse, wie sich später herausstellte, von Kommunisten, deren viele in jenen Tagen stets bewaffnet gingen. Darin sah Oberst Katzlinger das Signal zum Eingreifen. Er ließ die Menge zurückdrängen. Noch hielt er ohne Schwierigkeit den Platz. Inzwischen verbreitete sich unter den Bauern das Gerücht, sie seien angeführt worden, der Prinz komme gar nicht. Bald war man überzeugt, daß es sich um nichts anderes handle, als eine Militärdiktatur, deren Seele der Oberst Katzlinger war; man mochte ihm wohl zutrauen, daß er die monarchistische Gesinnung nur als Mittel für seine Zwecke mißbrauchte. Das leuchtete um so mehr ein, als in den letzten Tagen öfters von jenem geplanten Militärputsch geflüstert worden war, dem Holthoff gerade hatte zuvorkommen wollen. Katzlinger wurde inzwischen durch das Ausbleiben des Prinzen selber nervös und ließ blank ziehen. Das erste Blut floß, als die Truppen der Räteregierung auf dem Plan erschienen. Dies war der Beginn eines mehrtägigen Bürgerkriegs in den Straßen von Rolfsburg. Aus umgeworfenen Trambahnwagen und Automobilen waren im Nu Barrikaden errichtet, Straßen wurden mit Stacheldraht abgesperrt, von den Dächern knatterten Maschinengewehre, aus den Fenstern wurde blindlings geschossen. In den Straßen wehten rote Fahnen, Soldaten und bewaffnete Arbeiter erschienen, von einer bald aufgeregten, bald dumpfen Menge gefolgt. Lastautos mit Maschinengewehren lärmten höllisch. Worte wie Arbeiter- und Soldatenräte, Generalstreik, Rettung der Revolution schwirrten durch die Luft. Angst, Wut, Blutgier lag in den Gesichtern. Es gab keine Einzelnen mehr, die Masse glich einem vielköpfigen Untier. Gruppen rotteten sich um Redner, ja um deklamierende Dichter und predigende Apostel, die glaubten, ihre Zeit sei gekommen, Frauen schrien hysterisch auf, Kinder heulten. Die Tore der Theater wurden erbrochen, Holz krachte, Glas klirrte, und drinnen tobte die Versammlung in wildem Geschrei, das Kommandorufe durchschnitten. Vor den Zeitungsredaktionen ließ man die Neuauflagen in Flammen aufgehen, während Flugzeuge in den Lüften knatterten. Niemand wußte recht, was eigentlich geschah, wer gegen wen kämpfte, und die sinnlosesten Gerüchte fanden Glauben bei den in die Menge eingekeilten Einzelnen, die noch versuchten, sich Rechenschaft zu geben. In dem Wirrwarr der verschiedenen Räte, die gegeneinander regierten, tauchte für kurze Zeit eine Gestalt des Abgrunds auf, die den gelehrten Morgenthau ganz in den Hintergrund drängte: Mathias Todtmooser. Wer diesen Todtmooser sah, wurde auf den ersten Blick an einen Gorilla erinnert. Der fürchterliche Schädel war obendrein schief, das blatternarbige Gesicht mit den ganz ungleichen, abstehenden Ohren unsymmetrisch. Den Mittelpunkt zwischen dem unmenschlichen Kinn und der niedrigen, gewiß von einem halben Dutzend Querfalten gefurchten Stirn bildete ein breites, tierisches Maul, das übrigens gern und lärmend lachte und dann sogar negerhaft gutmütig aussah. Der Bartwuchs war völlig verkümmert, dagegen bedeckte dichtes, blauschwarzes Kraushaar den Schädel wie einen Kinderkopf und schloß die Stirn gradlinig ab durch eine sogenannte Ponyfrisur. Die Raubvogelaugen, eher klein, argwöhnisch und tückisch blinzelnd, lagen ohne Brauen in blutunterlaufenen Höhlen. Todtmooser war ein großer Freund von auffallendem Schmuck und trug dicke Brillanten in der breiten Hemdbrust, in der kleinen speckig glänzenden Krawatte und an den haarigen Wurstfingern mit bläulichen, langgewachsenen, nicht einmal unsauberen Nägeln. Die Tatzen ragten aus breiten, jeden Morgen frischen, abends aber immer ganz verschmutzten und zerknitterten Manschetten hervor. Auch war er stets in eine Wolke von betäubendem Parfüm gehüllt, die sich mit seinem animalischen Geruch zu einer weithin erkennbaren, wirklich eigenartigen Atmosphäre verband. Stets war er wohlgelaunt, und man konnte ihm ebensogut zutrauen, daß er aus Leckerei Mark aus Menschenknochen sog, als daß er einem treffenden Scherz zulieb einen von ihm zum Tod Verurteilten schnell in dröhnendem Gelächter begnadigte und an seine Seite nötigte. Er hatte ein, man kann nicht anders sagen, als herzliches Bedürfnis nach menschlichem Umgang, ja nach Wärme und Anschmiegung. Für seine Freunde, sagte er, ginge er durchs Feuer. In der Tat teilte er mit ihnen seine Beute und schob alte Kumpane in einflußreiche Stellungen. Besonders gern lud er sich ein paar gute Gesellen zum Zuschauen bei den Hinrichtungen ein, da er auch andern ein Vergnügen gönnte. Selbst der Rührung war er zugänglich. Als er einmal aus Fahrigkeit einen halbwüchsigen Aristokraten hatte erschießen lassen, der als ganz und gar harmloses Bürschchen schon freigesprochen war, und dessen Geld und Juwelen an sich nahm, fand er in der Brieftasche des Toten ein Familienbild, über das er Tränen vergoß. Er steckte es zu sich, zeigte es oft mit feuchten Augen und sagte: »Ein lieber Bursch!« Überhaupt war ihm gleich den homerischen Helden das Weinen nah. Wenn ihm ein Hindernis in die Quere kam und er merkte, daß ihm etwas nicht durch Gewalt gelang, war er bereit, niederzuknien und durch schluchzendes Flehen sein Ziel zu erreichen. Wie alt er war, vermochte niemand zu sagen, er wirkte bald lausbübisch, bald beinahe greisenhaft, wenn ihn bei Versammlungen schlaffe Müdigkeit überkam und sein Schädel lallend über die Hemdbrust sank. Sein Großvater, hieß es, sei noch ein angesehener Großbauer gewesen. Der Vater war als jüngerer Sohn in die Stadt gekommen und hatte als »sauberer Bursch« schnell die Laufbahn vom Hausknecht zum Zuhälter zurückgelegt. Während er mit seiner Geliebten in eine Erpressungsgeschichte verwickelt war, wurde dieser, einer Straßendirne, im Gefängnis ihr Sohn Mathias geboren. Den Ausbruch des Krieges hatte er wegen Beteiligung an einem Raubanfall im Zuchthaus erlebt, war dann auf mehrfach wiederholtes Ansuchen mit einigen anderen in ähnlichem Falle, die, wie er, ihre Strafe fast verbüßt hatten, begnadigt worden, weil er durchaus als Freiwilliger in den Krieg ziehen und möglichst viele Franzosen und Engländer »kalt zu machen« wünschte. In der Erwartung eines solchen Vergnügens war sein Verhalten bei der Truppe musterhaft, seine Tollkühnheit vor dem Feinde außerordentlich, und man konnte ihm schließlich die Auszeichnungen nicht verweigern. Er diente eine Zeitlang unter Katzlinger. Dieser interessierte sich für ihn und erzählte oft lachend von seinem Zuchthäusler und dessen Heldentaten. Es gäbe eben Menschen, deren überschüssige Kraft sie in krankhaft-schwächlichen Friedenszeiten zu Verbrechern mache. Erst der frisch-fröhliche Krieg brächte ihre Werte in einer für die Gesellschaft brauchbaren Form zur Geltung. Als indessen der Krieg kein Ende nehmen wollte, verlor Todtmooser doch den Geschmack an der Unterordnung und mußte mehrmals wegen Unbotmäßigkeit schwer bestraft werden, blieb aber bei Sturmangriffen nach wie vor unersetzlich. Schließlich geriet er in russische Gefangenschaft, und die bolschewistische Revolution wurde die hohe Schule für ihn. Dort lernte er Raub und Mord, so wie Molières » Bourgeois Gentilhomme « Prosa; das heißt, wie dieser auch bisher in ungebundener Rede gesprochen hatte, aber nun erst erfuhr, daß dies Prosa sei, so hatte Todtmooser von früh auf Verbrechen begangen, aber jetzt erst vernahm er, daß solches Treiben Bolschewismus hieß und etwas Großes war. Mit vielen nützlichen Kenntnissen, einem reichen Wortschatz, Propagandageldern und gestohlenen Juwelen versehen, kam diese eindrucksvolle Persönlichkeit im Gefolge der ungarischen Bolschewisten aus Moskau zurück und wurde von diesen sofort in sein Heimatland Harringen entsandt. Man dachte, dort würde er bald stark auf die breiten Massen wirken, aber merkwürdigerweise hatte er seine Erfolge bei dem Teil der intellektuellen Kommunisten, die nicht zur Morgenthau hielten. Da waren junge Schwärmer mit zarten, aber unguten Kindergesichtern, ergraute Wirrköpfe, »die das Leben kannten und nichts mehr auf Theorien gaben«, sensationensuchende Cynäden, die sich an der Kraft berauschten, bramarbasierende Schauspielernaturen mit historischen Revolutionsreminiszensen oder Literaten mit romantischen Vorstellungen vom Volk, insonderheit vom russischen, aus dessen Sprache Todtmooser einige Brocken aufgeschnappt und in die eigene Mundart verarbeitet hatte; und dann gab es da das große Gefolge jener nichts-als-faulen, zuchtfeindlichen und eitlen Menschen, die sich meist einem Künstlerberuf zurechnen und bei keiner aufrührerischen Bewegung fehlen. Fand sich um Morgenthau, trotz der auch dort vorherrschenden verantwortungslosen Inkompetenz, immerhin auch ethischer Ernst und fanatischer, aber ehrlicher Glaube, so war die Grundstimmung jener Kreise offener Zynismus. Sie fanden Mathias Todtmooser schlechthin »fabelhaft«. Das war wirklich die einzig richtige Revolution, urhaft, volksgeboren, unintellektuell, die Geschichte wieder beim Homo Neanderthalensis beginnend. Hier hörte man keine professoralen Dogmen, hier war noch reiner erfrischender Instinkt, das, was der faulen alten Welt not tat. So mochte Attila gewesen sein, wenn man ihn frei von antiquarischem Vorurteil sah. Freilich ein Spaß war es nicht, unter diese Gottesgeisel zu geraten, aber recht geschah es denen, die an bürgerlichen Gemütsvorurteilen festhielten, statt sich von diesem Orkan tragen zu lassen. Der neue Attila raste den ganzen Tag im Auto in den Straßen herum; wenn ihm ein Fußgänger nicht gefiel, beschimpfte oder verhöhnte er ihn, ja ließ manchen gleich auf das Auto laden, um ihn in den Keller des Auswärtigen Amtes zu schaffen, in dessen oberen Räumen er selber residierte, wie die Kaiserin Theodora zu Byzanz, unter deren Lusträumen ihre Feinde in Verliesen schmachteten. In jenen Kellern warteten Aristokraten und andere sozial hervorragende »Burschuis«, die man Todtmooser als besonders strafwürdig hingestellt hatte, auf ihr Urteil. Besonders auf die vornehmen Damen hatte er es abgesehen, doch träumte er weniger von Erschießen, als von Köpfen. Grinsend schlug er bisweilen seinen intellektuellen Freunden, die sich Minister nannten, vor, gemütlich sein kurzes Pfeifchen zwischen den Lippen haltend, sie wollten zusammen hinunter gehen, ein paar Gräfinnen hernehmen und zuschauen, wie das Blut über die weißen Hälse flösse. Die Minister fanden den Gedanken zwar an sich köstlich und beglückwünschten Todtmooser zu solchen Einfällen, hatten aber doch gewisse Bedenken, und schließlich einigte man sich dahin, daß das Fest verschoben würde, bis von Seiten der »Burschuis« eine Herausforderung käme, dann sei man berechtigt, die Gefangenen als Geiseln hinzurichten. Todtmooser hatte schon in Moskau erfahren, daß selbst in der Revolution nicht alles, was man gerade möchte, möglich ist, wenigstens nicht in jedem beliebigen Augenblick, und so fügte er sich seinen Ministern, die schnell lernten, das im Grund doch kindische Ungeheuer durch Schmeichelei und ihm imponierende Schlagworte zu behandeln. So hinderten sie immerhin das Morden um des Mordens willen, denn einen Sinn mußte es in ihren Augen doch haben. Einen solchen hatte z.B. die sofortige Erschießung Katzlingers, des Menschenschinders, unter dem der eine und der andere jener Minister, während er die Uniform trug, persönlich gelitten hatte, und der offenbar die Seele des mißglückten Anschlags gegen die Revolution gewesen war. Gerade diesen aber, seinen alten Gönner, wünschte Todtmooser zu schonen; war der Oberst, damals noch Major, doch der erste und vielleicht einzige geachtete Mensch gewesen, der sich über die Vergangenheit des Zuchthäuslers hinweggesetzt und Leistungen von ihm anerkannt und gelobt hatte. Mit einer sozusagen hündischen Treue und Dankbarkeit hing er seitdem an ihm und hätte im Feld nicht einen Augenblick gezögert, das Leben zur Rettung jenes einzusetzen. Nun stand der frühere Vorgesetzte vor seinem Richterstuhl. Todtmooser duzte ihn wie einen alten Kumpan, aber nicht aus Frechheit, sondern in der Meinung, dadurch sein Vertrauen zu wecken. Er redete ihm zu, er möge doch alles aufdecken, verraten, wer seine Hintermänner seien, dann wolle er ihn begnadigen, und er könne noch das schönste Leben haben, aber Katzlinger blieb stumm. Schließlich trat Todtmooser dicht an ihn heran, umgab ihn mit seiner Atmosphäre und sagte halblaut: »Schau, Katzlinger, sei g'scheit, mir zwei san do immer gut mit ananda auskomm'n, jetzt sag', wie alles gewesen is, damit i di net hi'machen muß.« Nachdem ihn aber Katzlinger von sich weggedrängt und ihn keines Wortes gewürdigt hatte, faßte ihn selber die Wut, und er ergriff die Feder, die ihm sein Wehrminister schon die ganze Zeit ungeduldig hingehalten hatte. Mit dicker, teigiger Schrift malte er mühsam seinen Namen unter das Todesurteil. Eine viertel Stunde später wurde Oberst Katzlinger auf dem Kasernenhof erschossen. Noch einmal hatte er die Lippen geöffnet zu dem Ruf: »Hoch Rolfingen.« XXXVIII Am Morgen nach dem Unglück in Sensburg brachte der Bezirksarzt die beiden Verwundeten in Erich Holthoffs Auto in das nächste Krankenhaus. Melusine fühlte sich seit der Anlegung eines Verbandes verhältnismäßig wohl, nur durch den starken Blutverlust sehr geschwächt. Erich war zwar zu sich gekommen, aber kaum zu sprechen fähig. Da sich keine Gefahr einer inneren Verblutung zeigte, wagte der Arzt die Fahrt, um sofort die Kugel von geschickter Hand extrahieren zu lassen. Das Auto war geräumig genug, daß Erich darin im Rücksitz auf einer Matraze halb liegen konnte. Gegenüber saßen Melusine und der Prinz, der Arzt nahm neben dem Chauffeur Platz. An einer Wegkreuzung in einem von Morgenwinden sanft bewegten Birkenwäldchen stieg Prinz Amadeus nach schmerzlichem Abschied aus. Mit dem Rucksack auf dem Rücken, sich die Augen wischend, ging er traurig die staubige Landstraße entlang nach der nächsten Schnellzugstation, von wo aus er gegen Mittag in Floridsburg sein konnte. Den in Tränen aufgelösten Dienerinnen des so plötzlich verwaisten Sensburger Haushalts hatte er versprochen, sie nicht zu vergessen. Um die Stunde, da eigentlich in der Residenz die Hauptsache schon hätte entschieden sein sollen, erschien er als einsamer Wanderer bei Espérance. Ferdinand war von dem Gendarmeriewachtmeister, einem jovialen, hübschen Mann mit blondem Schnurrbart dienstfertig empfangen worden. Er nahm den ihm angebotenen Stuhl nicht an und sagte finster: »Sie müssen mich festnehmen. Ich habe heute Nacht meinen Bruder erschossen.« Der Beamte, einer von den Gemütlichen, die mit den Parteien zu reden verstehen, fuhr auf, war jedoch sofort geneigt, an einen betrunkenen Scherz zu glauben, einen der üblichen Nachklänge vom Sonntag, wie sie ihm jeder Montag zu bringen pflegte. Ob sie miteinander gerauft hätten, wollte er fragen, aber nein, solche Herrschaften raufen doch nicht. Als er in Ferdinands bleichem starren Gesicht die hinter den großen, kreisrunden Brillengläsern flackernden Augen gewahrte, wurde ihm doch unheimlich zumut. Ferdinand wiederholte seine Worte mit der dem Wachtmeister wohlbekannten Sicherheit eines Mannes der gebildeten Gesellschaftsschicht, der weiß, was er fordern darf, weil seine Wünsche in Einklang mit dem Gesetz sind. »Alsdann müssen Sie dahinein spazieren,« sagte der Beamte höflich, fast unterwürfig. Er öffnete die Tür nach einem kleinen Raum mit vergittertem Fenster. »Wenn der Herr etwas braucht,« bemerkte er, »bitte ungeniert an die Tür zu klopfen, ich muß nämlich zusperren.« Ferdinand schüttelte den Kopf, der Wachtmeister zog sich verständnislos zurück, aber er wollte nicht stören. Dann schrieb er seinen Rapport. Der Gefangene trat an das Fenster. Man sah in ein dürftiges Gärtchen mit Salat und Kohlköpfen, zwischen denen sich eine Frau mit eng geknüpftem Kopftuch zu schaffen machte. Nach einiger Zeit brachte ein erstaunt glotzender junger Mann, halb in Zivil, halb in Uniform, in einem Zinngefäß eine dicke Suppe ohne Geschmack herein. Ferdinand kostete davon, die Wärme tat ihm wohl. Das Denken in ihm stand still. Er fühlte, daß es nichts weiter zu denken gab. Ja, es war bei aller Dumpfheit irgend etwas in ihm, was man nicht anders als Befreiung bezeichnen kann. Die Dinge hatten sich folgerichtig vollzogen. Ihm war zumut, als hätte er längst gewußt, daß sie sich so vollziehen müßten. Sein ganzes ungewiß schwankendes Leben ist nur ein Warten, ein Übergang gewesen zu dem großen Ereignis. Nun war es eingetreten. Er versuchte indessen nicht einen Augenblick, seine Tat zu beschönigen, etwa als ein Schicksal, das über ihn gekommen sei, für das er nicht verantwortlich gemacht werden könne. O nein, er hatte gemordet, den eigenen Bruder gemordet, ganz genau gewußt, was er tat und es so gewollt. Darin sah er jetzt das eigentliche seines bisher schattenhaften Daseins. Nun war er ein Brudermörder; er, nicht jener, verdiente den Namen Kain, und jetzt mußte er auch den Weg des Mörders zu Ende gehen. Zum erstenmal im Leben wußte er genau, was er wollte. Das tat ihm geradezu wohl. Fast ärgerte es ihn, daß der Wachtmeister in seiner Gemütlichkeit das nicht recht begriffen hatte. Aber war denn das noch das Wu-Wei, das Nichttun, das Nichthandeln? Nun hatte er ja auf einmal gehandelt, zum erstenmal in seinem Leben, und seine Tat war ein Verbrechen. Rätselhaft! Zu verstehen war es nicht, aber er fühlte: es mußte so sein. Noch im Lauf des Vormittags holten ihn zwei Wachmänner und führten ihn über die Dorfstraße, durch die er sich so oft zu Fuß und zu Wagen, allein oder mit seinen Gästen bewegt hatte, aber das war jetzt gleichgültig, wie in einem früheren Leben geschehen. Einen Augenblick erinnerte er sich mit Wehmut seines ersten Spazierganges mit Melusinen, aber sofort kam der Gedanke: Nur jetzt keine Sentimentalitäten, die Zeiten sind vorbei. Auf der Straße waren nur Hühner und ein paar ihn anstarrende flachshaarige Kinder zu sehen, die Erwachsenen nützten den vielversprechenden Tag auf den Feldern zum Schnitt des Grummets. Die Wachmänner stiegen mit ihrem schweigsamen Gefangenen in ein Halbabteil dritter Klasse. Er wollte ihnen den Vortritt lassen, was sie nicht annehmen durften, aber unwillkürlich gingen sie auf seine unwiderstehlich ernste und sichere Art ein, so daß sie fast einem Ehrengeleit glichen. Sie wußten, daß er sich selbst gestellt hatte und mochten voll Ehrfurcht ein großes Unglück ahnen. So sprachen sie untereinander nur wenig und im Flüsterton und ließen Ferdinand in der Fensterecke brüten. In dem Untersuchungsgefängnis erhielt er eine Zelle, in der ein Bett an der Wand aufgeklappt war. Gegenüber fanden sich zwei quadratförmige Bretter, ebenfalls zum Auf- und Niederklappen. Eines diente als Tisch, das andere als Sitz. Durch ein kleines Fenster dicht an der Decke kam Licht herein, an der Tür war ein Guckloch in Größe eines Auges. Sonnenkringel spielten über die zerkratzte Wand. Ferdinand blieb kaum eine Stunde allein. Sein Fall war so eigenartig, daß der Untersuchungsrichter ihn, noch ehe er zum Mittagstisch ging, in seiner Kanzlei verhörte. Landesgerichtsrat Mayerhofer galt für einen hervorragenden juristischen Theoretiker, der selbst eine geschätzte Fachzeitschrift herausgab. Er war Junggeselle, schon ganz grau, obwohl erst Mitte der Vierzig und trug einen etwas abgetragenen, weiten tabakbraunen Gehrock über einer Weste und Hose von grauem, grobgemusterten Stoff. Die Gestalt war über mittelgroß, er hatte ein breites, gedunsenes, glattrasiertes Gesicht von dunkler Hautfarbe. Hinter der goldenen Brille blickten scharfe graue Augen hervor, die feingeschnittenen Lippen entblößten verdorbene Zähne. Mit Wohlwollen, gleich einem Arzt, redete er dem Gefangenen zu, als sei er ihm dankbar für den interessanten Fall. Offenbar wollte er ihm helfen. »Daß Sie sich selbst sofort dem Gericht stellen,« sagte er hochdeutsch, aber mit einem behaglichen mundartlichen Anklang, »verbessert Ihre Lage sehr bedeutend. Nun möchte ich Ihre Motive wissen. Vermutlich waren Sie in großer Erregung, vielleicht in berechtigter. Wir haben bereits von dem Wachtmeister, der sich sofort an den Tatort begeben hat, telephonische Nachricht über die einzelnen Umstände. Es ist also eine Frau im Spiel. Ferner teilt der Primararzt des Krankenhauses, wo Ihr Bruder liegt, mit, daß er lebt und der Fall nicht ohne Hoffnung ist. Da haben wir also eine ganze Reihe für Sie günstiger Umstände. Vielleicht werden sie durch ein offenes Bekenntnis aller Einzelheiten noch vermehrt. Daß Sie kein gemeiner Mörder sind, das steht jetzt schon fest.« »Doch, ich bin ein Mörder,« erwiderte Ferdinand, »ich will keine mildernden Umstände.« Der Landesgerichtsrat sah ihn erstaunt an und redete weiter auf ihn ein. Dabei formte seine welke Gelehrtenhand ein Papierknöllchen und schnellte es auf die Seite. Ferdinand schien diesem Vorgang mehr Beachtung zu schenken, als den Worten des Richters. »Ich sehe,« sagte Mayerhofer, auf die Uhr blickend und sich der für ihn vorhin durch einen Gerichtsdiener telephonisch im »Wilden Mann« reservierten Kalbsstelze erinnernd, »daß Sie von den Ereignissen noch zu erschüttert sind. Ruhen Sie sich einmal aus. Ich werde Ihnen eine Zelle mit Bett, Stuhl und Tisch geben. In der Untersuchungshaft können Sie sich natürlich auf eigene Kosten aus dem Gasthaus verpflegen, auch Lektüre kommen lassen. Haben Sie vielleicht sonst noch einen Wunsch?« »Wenn es erlaubt ist zu fragen, haben Sie Nachricht über den Zustand der Dame?« »O da ist keine Gefahr, eine leichte Verwundung an der Schulter, sagt der Arzt.« Ferdinand bezog die neue Zelle und legte sich sofort aufs Bett. Als er aus einem bleiernen Schlaf gegen Abend aufwachte, fiel ihm ein, wie er gerade vor vierundzwanzig Stunden, als die Dämmerung eintrat, glücklich bei Melusinen auf dem Bett gesessen hatte, aber schnell verscheuchte er diesen Gedanken. So sehr sich der Untersuchungsrichter bemühte, es war auch bei den folgenden Verhören aus dem Gefangenen nichts anderes herauszubekommen, als ein fast trotzig anmutendes Verlangen nach baldiger Verurteilung, als habe er ein Recht auf eine Strafe, von der man ihm einen Teil durch mildernde Umstände abfeilschen zu wollen schien. XXXIX Sein Betragen galt für musterhaft. Pünktlich reinigte er die Zelle. Andeutungen des pfiffig dreinschauenden, stets etwas alkoholisch duftenden Wärters, eines Mannes mit buschigem Vollbart und behaarten Ohren, daß ein besserer Herr sich von dieser Verpflichtung in der Untersuchungshaft leicht befreien könne, lehnte er ab. Das Essen ließ er sich aus dem Gasthaus kommen, aß indessen wenig und überließ den Rest dem Wärter, auf dessen Versuche zu jovialen Gesprächen er nicht einging. Schon am ersten Abend in der Dämmerung besuchte ihn der Anstaltsgeistliche, ein älterer schwerfälliger Mann mit müden Zügen. Das graue, etwas in die Stirn gekämmte Haar wirkte fast wie sogenannte Simpelfransen. Er nahm Ferdinand gegenüber am Tisch Platz und begann trocken. »Sie sind Katholik?« »Ja.« »Sie haben sich selbst angezeigt. Dann fühlen Sie gewiß das Bedürfnis zu beichten?« »Ich habe nichts weiter zu beichten, als daß ich ein Brudermörder bin, und dafür verlange ich die Todesstrafe.« »Nicht doch, nicht doch ...« erwiderte der Priester, ein nach Österreich verschlagener Westfale, fast erschrocken, »Sie müssen bei der Wahrheit bleiben. Auch die übertriebene Selbstanklage ist Unwahrheit und darum Sünde. Vor allem sind Sie kein Mörder, denn ihr Bruder lebt, ich habe eben am Telephon mit dem Primararzt gesprochen; er sieht im Augenblick keine Gefahr, und selbst wenn er stürbe, dann wären Sie höchstens ein Totschläger, denn Sie haben nicht vorsätzlich getötet, sondern in der Erregung der Eifersucht. Das ist gewiß eine schwere Sünde, aber Mord ist es nicht.« »Ew. Hochwürden befinden sich im Irrtum,« erwiderte Ferdinand fast scharf, »ich habe nicht aus Eifersucht getötet. Dazu fehlten alle Voraussetzungen. Vielmehr habe ich seit frühester Kindheit meinen Bruder gehaßt und seinen Tod gewünscht. Nur Feigheit hat mich bisher an der Tat gehindert, und nun ist sie endlich vollbracht.« »Aber Gottes Gnade hat Ihren Bruder am Leben gehalten. Gott wollte nicht, daß Sie ein Mörder würden.« »Das ist mir ganz gleich,« erwiderte Ferdinand eisig, »das mag Gott halten wie er will. An meiner Tat wird dadurch nichts geändert.« »Wie?« rief der Priester, der in seiner Anstaltspraxis schon mancherlei Unbegreifliches gehört hatte, erstaunt, »das ist Ihnen gleich? Ja bereuen Sie denn nicht?« »Ja, ich bereue, daß ich ein ganzes Leben in Lüge verbracht habe, als sei ich Abel. Nun aber kommt alles ins Gleichgewicht. Ich bin Kain .« »Das nennen Sie das Gleichgewicht,« sagte der Priester, ihn fest anschauend, »wenn Kain den Abel tötet?« »Ja, so ist es immer gewesen, Kain muß den Abel töten, aber er darf sich nicht einbilden, er sei Abel. Wenn auch jetzt das Gleichgewicht noch nicht hergestellt ist, so wird es das durch meine Strafe ... ich versuche ja nicht, mich rein zu waschen ... was ich getan habe, ist eine schwere Sünde und ich will sie büßen ... keine mildernden Umstände haben. Das ist das Gleichgewicht, aber bereuen kann ich nicht, ich mußte so handeln, um endlich ich selbst zu werden ... Kain ...« »Mir scheint,« sagte der alte Mann traurig, »Sie sind einer von den modernen Menschen, deren Gefühle besser sind als ihre Gedanken. Ihr Herz ist unverdorben und das sagt Ihnen, daß Sie schwer gesündigt haben und dafür büßen müssen. Das ist christlich und nichts anderes als Reue, was auch Ihr Verstand sich dazu für Theorien ausdenken mag ... Ich kann nicht mit Ihnen disputieren, dazu ist mein einfacher Verstand nicht fähig und mein Kopf zu alt. Ich habe auch nichts von den modernen Philosophen gelesen, von Nietzsche und diesem gefährlichen Russen ... nein, nicht Tolstoi meine ich, den andern ... nun, es ist ja gleich, wie er heißt, aber eines, mein lieber Herr, kann ich Ihnen mit Sicherheit sagen, weil ich die Heilige Schrift kenne und das Leben: Das, was Sie da von Kain und Abel sagen, das ist ein glatter Unsinn. Das ist eine alte Geschichte aus grauer Vergangenheit, die schlagen Sie sich nur aus dem Kopf. Sie haben nichts mit Abel zu tun und nichts mit Kain, und Ihr Bruder auch nicht. Wenn er vielleicht böse zu Ihnen war, dann verzeihen Sie ihm, und er wird Ihnen verzeihen, dann ist das innere Gleichgewicht wieder hergestellt, und für das äußere lassen Sie die irdische Gerechtigkeit sorgen. Findet sie in Ihrer Tat mildernde Umstände, dann danken Sie Gott und greifen Sie ihr nicht trotzig in den Arm.« Ferdinand schwieg. Nach einer Weile, während die Dämmerung sich in die enge Zelle senkte, fragte der Priester väterlich: »Wenn Sie das einsehen wollten, dann könnte ich Sie absolvieren und Ihnen die Heilige Kommunion reichen.« Ferdinand fühlte, wie ein Strom weicher Gefühle in ihm aufstieg. Die Heilige Kommunion! Das war ihm einst als etwas Wunderbares erschienen. Als er sie, ein halbes Kind, zum erstenmal nahm, war die Mutter mitgegangen und hatte ihn in seinem neuen, etwas unbequemen schwarzen Anzug an der Hand geführt. Aus seiner ganzen Jugend erinnerte er sich keines so seligen Tages, an dem die Mutter ihm allein gehörte, sich ganz ihm widmete. An jenem Tage galt nur er, Erich war durchaus in den Hintergrund getreten. Aber gerade, weil das einmal so gewesen war, und weil alle die späteren Gänge zum Altar jenes Charakters besonderer Liebe entbehrten – meist war er sogar mit Erich zusammen gegangen, der das Heilige mit derselben unerschütterlichen Sicherheit tat wie das Weltliche – verlor das Sakrament allmählich ganz jene große Bedeutung für ihn. Seit dem Verlassen der Schule hatte er es überhaupt nicht mehr genommen. Auf die unverhoffte Frage des Priesters aber trat die Erinnerung an jene erste Kommunion so mächtig in sein Gedächtnis, daß er auf die wiederholte Frage, ob er kommunizieren wolle, ganz plötzlich mit Ja antwortete. Er blieb in tiefer Erregung zurück. Die Starrheit, die ihn seit seiner Tat erfaßt hatte, war von ihm genommen, und mehr noch, eine kaum wahrgenommene, weil tief in seinem Innersten verborgene andere Starrheit, die sein ganzes Leben heimlich gehemmt hatte, begann sich zu lösen. Von den Gängen hörte man die Geräusche des sich zur Ruhe rüstenden Hauses: vereinzelte rohe Stimmen, die weithin über die Steinfließen hallten, Rasseln von Schlüsselbünden, zugeschlagene Türen, nahe, fern, ganz ferne. Dann wurde es so plötzlich still, daß die Stille geradezu unheimlich wirkte. Ferdinand entkleidete sich und bestieg zum erstenmal das Lager seiner Gefangenschaft. Hatte er sich eben wieder zum Glauben seiner Kindheit bekehrt? Das hätte er so wenig zu sagen vermocht, wie er je in seinem Leben gewußt, ob er ihn eigentlich verloren hatte oder nicht. In die Kirche war er zwar nicht mehr gegangen, aber eigentlich hatte er doch das Band mit dem Ewigen niemals wirklich verleugnet, das er als Kind so tief gespürt. Freilich vermischten sich seine heiligen Gefühle immer kindlich verworren mit den weltlichen Trieben, den edlen zu der Mutter und den gemeinen einer heimlichen Eifersucht auf den Bruder, mit seinem künstlerischen Treiben, das den Sinn der sichtbaren Dinge suchte, und zuletzt ... ja zuletzt mit seiner Liebe zu Melusinen, diesem Geheimnis der Geheimnisse. Hinter solchem richtunglosen Leben war wohl das Heilige immer mehr seiner Aufmerksamkeit entschwunden, aber dunkel gefühlt hatte er es immer, und nun, da er den weltlichen Trieben bis ans furchtbare Ende gefolgt war, trat dieser Priester herein, knüpfte den Faden seines Lebens wieder an, wo er ihn vor langen, langen Jahren fallen gelassen, indem er ihm die Kommunion verhieß, die alles wieder herstellen sollte, und jetzt war er ein Erwachsener von vieler und trauriger Erfahrung, der Heilig und Weltlich zu unterscheiden verstand. Der Priester hatte ihm ein schwarz gebundenes Buch zurückgelassen. Er schlug es auf und las im Bette liegend mühsam im Zwielicht einige besonders groß gedruckte Worte, die ihm unendlich Vertrautes aus jenen Zeiten seiner Kindheit zuzuflüstern schienen. Es waren die Anrufungen der Lauretanischen Litanei, die er als Knabe unzählige Male gedankenlos herunter gebetet und bisweilen auch verlacht hatte, die aber doch, ohne daß er es bis jetzt gewußt, ein inneres Eigentum geworden waren. So konnten sie ihm jetzt Tiefen seiner Seele offenbaren, die jemand, der eine heilige Schrift zum erstenmal als Erwachsener noch so andächtig liest, in ihrem bloßen Wortlaut niemals finden kann. Der Text stand lateinisch und deutsch nebeneinander. Hätte er ihn nicht doch noch halb im Gedächtnis gehabt, es wäre ihm in der eintretenden Dunkelheit unmöglich gewesen, ihn zu lesen. Während er sich halb entsann, halb entzifferte, klang es in seinem Innern wie Orgelmusik: Mater amabilis – o liebenswerte Mutter Mater boni consilii – o Mutter des guten Rates Sedes sapientiae – Sitz der Weisheit Causa nostrae laetitiae – Ursache unserer Freude. Er hielt inne, Tränen rannen ihm über die Wangen. Gerade diese Worte schlossen in ihm tief verborgene Gefühle der Liebe auf. Er hatte den ältesten Sohn seiner Mutter töten wollen, dem er so viele Jahre am selben Familientisch zwischen den Eltern gegenüber gesessen war. Die nächsten Zeilen vermochte er nicht mehr ganz zu erfassen. Nur noch vereinzelte Worte traten aus dem verdämmernden Text hervor: Rosa mystica – geheimnisvolle Rose Stella matutina – o Morgenstern. Dann dachte er: »Erich lebt. Und Melusine gehört nun Erich. So kann die Welt doch wieder ins Gleichgewicht kommen.« Am andern Morgen betrat Ferdinand mit einigen anderen Gefangenen eine vergitterte Galerie, von der man in eine schmucklose Kapelle blickte, wo von dem alten Geistlichen die Messe zelebriert wurde. Einen Augenblick erschauerte Ferdinand, diesmal in solcher Gesellschaft sich dem Altar zu nähern, aber was schadete das, sie versperrte ihm ja nicht den unmittelbaren Zugang zu dem Sakrament, das sich da unten im Strom der Jahrtausende jetzt wie jeden Tag vollzog, und während er dies Wunder begriff, da wurden in Christo alle diese seine Brüder, die es im Leben der Welt nie hätten werden können, und sein leiblicher Bruder, auf den er die Waffe gerichtet, war nur einer unter ihnen. Als während der Wandlung die Glocken läuteten, fühlte sich Ferdinand befreit von uralten Lasten, die ihm so gewohnt gewesen waren, daß er sie vorher kaum gespürt hatte. Wenn nur Erich am Leben blieb, war alles gut. Kurz darauf kam der Priester in seine Zelle. Er beichtete, bekannte ohne viel Worte seine aufrichtige Reue und empfing das Abendmahl. Indessen brachte es ihm doch nicht den erwarteten Trost. Wohl hatte er den einst fallen gelassenen Faden seines wahren Lebens wieder aufgenommen, aber da war noch ein gutes Stück weiter zu spinnen, bis er zum Heute reichte. XL Noch eine andere Persönlichkeit drang alle paar Tage in Ferdinands Einsamkeit. Es war der Advokat Dr. Brunnthaler, der ihm vom Gericht als Verteidiger bestimmt worden war. Zuerst erschien er in Gegenwart des Untersuchungsrichters, später ließ dieser sich durch eine Gerichtsperson vertreten, und schließlich blieb auch diese aus. Es war ja im Revolutionswinter, wo es sich alle Angestellten so bequem wie möglich machten, und der Untersuchungsrichter drückte ein Auge zu. Der Rechtsanwalt Dr. Brunnthaler war ein schwammiger Mann mit der Blässe der Zuckerkranken, listigen Äuglein, sinnlichem Mund und einer hohen, honigsüßen Stimme. Er wurde durch Ferdinands noch immer hartnäckige Weigerung, nähere Angaben über seine Tat zu machen, recht nervös. »Es ist ja sehr schön von Ihnen,« sagte er in gemütlichem Plauderton, »daß Sie offenbar die Dame schonen wollen, aber hier handelt es sich in erster Linie um Sie, Herr.« Ferdinand blieb indessen dabei, daß keine Frau im Spiel sei. Eines Tages brachte Dr. Brunnthaler die Nachricht, Erich und Melusine, die ihn pflege, wären inzwischen im Krankenhaus kommissarisch vernommen worden und hätten beide zugegeben, daß Ferdinand, der in Melusinen seine Braut sah, als er sie in der Nacht im Zimmer seines Bruders überraschte, nicht anders habe glauben können, als daß er von den beiden ihm nächststehenden Menschen unter seinem eigenen Dach aufs schändlichste betrogen wurde. Über den wahren Grund ihrer nächtlichen Zusammenkunft verweigerten indessen beide die Aussage. Erich hatte übrigens die Frage für unzulässig erklärt, da sie in keinem Zusammenhang stehe mit der Tat. Für diese sei nur wichtig, wie die Situation dem Bruder erscheinen mußte. Ferner erzählte Dr. Brunnthaler, Prinz Amadeus von Harringen sei selbst bei dem Bezirksrichter erschienen und habe jene Aussage bestätigt. Persönlich sei er zwar überzeugt, daß die nächtliche Zusammenkunft harmlos war, daß sie aber einen unvorbereitet hinzukommenden Liebhaber, der vielleicht das Jawort noch nicht ganz sicher empfangen hatte, unbedingt aufs äußerste erregen mußte. Nun, auf alles das, meinte Dr. Brunnthaler, ließe sich eine aussichtsreiche Verteidigung aufbauen. Er würde die Harmlosigkeit jener nächtlichen Zusammenkunft natürlich mit Ironie bestreiten, und das Wort, – er glaube es sei von Ulpian – anführen: » Unus cum una noctu in uno lecto inventi non putabuntur paternoster orare «. Findet man einen mit einer Nachts ln einem Bett, so wird man nicht glauben, daß sie das Vaterunser beten. Dr. Brunnthaler schloß seine Mitteilungen mit der Bemerkung, so bald es möglich sei, wolle er den Minister Holthoff selber im Krankenhaus aufsuchen, da man deutlich dessen Absicht sehe, den Bruder zu entlasten. Er merke sogar in den Aussagen der Baronin Kaden, sowie des Prinzen, der den Kranken bisweilen besuche, die juristische Regie des Ministers, wenn ein solcher Ausdruck erlaubt sei. Auch das Personal von Sensburg habe nicht anders geglaubt, als daß Ferdinand Fräulein von Kaden bald heiraten würde. Nach romanischer Judikatur, die stärker auf die Gefühle Rücksicht nehme, würden diese Umstände den Freispruch begründen. Hierzulande bestehe, besonders seit der Revolution, eine starke Neigung, sich der romanischen Auffassung anzunähern. »Freispruch?« schrie Ferdinand wie in Empörung aus. »Ist Ihnen das vielleicht nicht recht?« scherzte Dr. Brunnthaler. Ferdinand drückte die Hände auf die Augen und rief: »Um Gottes Willen, was soll dann aus mir werden?« »Aber ich bitte Sie, Herr Holthoff, ein unabhängiger Mann wie Sie, ein Künstler ... diese ganze Geschichte wird Sie berühmt machen. Denken Sie doch: eine solche Reklame ...« Durch Ferdinands Hornbrille fielen derartige Blicke auf Dr. Brunnthaler, daß es diesem unbehaglich wurde und er sich für heute empfahl. Kaum war Ferdinand allein, als er sich in tiefer Verzweiflung auf das Bett warf. Von der eigentlich so nahe liegenden Seite hatte er die Dinge bis jetzt überhaupt nicht angesehen, daß beide vielleicht wirklich unschuldig waren. Wieso konnte denn diese Möglichkeit so ganz außerhalb seines Denkens bleiben? O, er sah nun klar, er hatte gewünscht, daß Erich schuldig sei, und nicht nur in diesem Fall, er hatte es immer so gewollt. Erich sollte durchaus Kain sein, damit er der gute Abel war. Wie recht hatte der Priester, als er sagte, das sei ein vollendeter Unsinn, diese alten Geschichten von Kain und Abel gingen ihn gar nichts an. Er war so wenig der gute Abel – das hätte er ja gar nicht ausgehalten – wie der wirklich böse Kain. O, jetzt fiel ihm auch ein, wie alles gekommen war. Als ihnen die Mutter einst die Geschichte von Kain und Abel las, da warf er den ersten Blick des Hasses auf den stärkeren Bruder und entschied, daß jener Kain und er der gute und klügere Abel sei. So war diese Maskerade entstanden, und durch sie konnte er den Bruder aushalten. Mochte der nun der Stärkere bleiben, dafür war er der Bessere, dem natürlich Unrecht geschah. Als Erich gar die Rollenverteilung stillschweigend annahm, die Mutter gönnerhaft beschützte und dem frommen Abel die kindliche Liebe zu ihr ließ, da war scheinbar alles gut, so daß er jahrzehnte lang seinen Haß vergaß, ja er hatte Erich »verziehen«, er, der heimliche Neider dem großmütigen Versteher. Dies alles log er sich vor, fand es ganz in Ordnung, daß Erich mehr galt als er, dafür war er doch der Bessere. Aber dann kam Melusine und sagte zu ihm: »Brüderchen«, und nun hätte er sich als der edle Abel bewähren können, aber da merkte er, daß er gar nichts verziehen hatte, vielmehr sie begehrte, die doch ganz gewiß dem Bruder bestimmt war. Eine kurze Zeit lang war er selig gewesen, als er glaubte, Melusine liebte den Abel in ihm, das Brüderchen, aber als er sie unerwartet nachts bei Erich traf, da faßte ihn teuflischer Argwohn. Der gute Abel, das war ja für ihn viel zu wenig. Nun war plötzlich er Kain. Ha, ha, welche unverhoffte Glanzrolle, die wollte er sich nicht nehmen lassen, sie wenigstens bis zum Ende spielen; und in Wirklichkeit war er gar nichts, weder stark wie Kain, noch gut wie Abel, sondern nur gemein und schwach, rein gar nichts, ein Dreck, ein Schauspieler, ein Feigling, der sich ein paar Tage daran berauscht hatte, er sei ein Mörder. Gut gespielt hatte er die Rolle, das konnte man sagen, nichts mehr von der alten Wu-Weipose, aber dafür eine andere: schaut her, ich bin der mutige Kain, nicht er; ich verlange, was einem Mörder gebührt, die Todesstrafe, um diesen Lohn lasse ich mich nicht betrügen, lehne mildernde Umstände ab, ein Mörder vom Scheitel bis zur Zehe, so wie ein rechter Mörder sein soll, gegen den die Verbrecher nebenan kleine Dilettanten sind. Wahrhaftig ein schöner Komödiant war er! Sünde, Strafe? Meinetwegen, wenn nur anerkannt wird, daß ich ein Mörder bin. So hatte er sich's gedacht. Welche Szene vor Gericht! In alle Zeitungen wäre es gekommen. Und nun war vielleicht all das gar nicht wahr. Sicher nicht! Nicht einen Augenblick hatte Erich versucht, Melusine zu nehmen, und zu Haus bei der Mutter war es dasselbe gewesen. Gab es irgend einen wirklichen Grund zu glauben, die Mutter habe Erich bevorzugt? Keinen andern, als den, daß Erich wirklich der vorzüglichere war. Und wegen dieser Komödie eines Schwächlings soviel Unglück! Wenn auch Erich genas, sein großes Werk war zerstört und damit auch der Lebensinhalt eines lieben Freundes, des Prinzen Amadeus. Und was mochte alles in Harringen vorgehen, nur als Folge dieses dummen Schusses? Jetzt sah er erst, was er getan hatte. Von Tag zu Tag wurden ihm nun die Dinge klarer. Hatte er denn wirklich je Erich gehaßt? Auch das war nicht wahr. Geliebt, verehrt, bewundert hatte er ihn, aber sein Ich war zu klein gewesen, diese edeln Gefühle zu ertragen. Warum nur? Er hatte doch immer anerkannt, daß er eine dienende, der Bruder eine herrschende Natur war. Ja, er hatte es anerkannt, aber doch war sein Gefühl beleidigt, wenn er Erichs männlichschützende Liebe der Mutter gegenüber sah. Solche Liebe schien ihm kalt, ja war es überhaupt Liebe, verglichen mit seinem eigenen knabenhaft hingebenden Gefühl? Und bei Melusine war es dasselbe. Hatte er es nicht dem Bruder geradezu verübelt, daß er ihr gegenüber kühl und überlegen blieb? Die männliche Liebe aber ist es, die erobert, die Jünglingsliebe wird höchstens freundlich hingenommen. Das war es gewesen, was er so schwer ertragen, zuerst gar nicht verstehen konnte, aber jetzt, wo er gern sterben wollte, Erich nicht mehr beneidete, sondern ihm das Beste wünschte, jetzt war das alles vorbei, und es blieb, rein und echt, seine Liebe zu dem Bruder übrig. Das war ja etwas Wirkliches, was ihn aus dem Nichts rettete. Daran konnte er sich klammern, da war ein Stück von seinem Selbst, diese Liebe war keine Komödie, nur die Kain- und Abelmasken hatten sie dazu gemacht. Nun fielen die Larven plötzlich von seinem und Erichs Gesicht, aber da dachte er mit Entsetzen plötzlich an Melusine. War er schuldig, so war sie es noch mehr. Sie hatte ihn dazu gebracht, zum erstenmal im Leben diese Maskerade ernst zu nehmen, ohne sie wäre aus dem immerhin ungefährlichen Abel nie Kain geworden. Dann war sie ja aber auch eine Hexe, eine Teufelin, wie die Frauen, die er früher gekannt. Mehrere Nächte lang richtete sich nun sein Haß auf sie. Aber wenn sie ihn zum Haß gegen den Bruder aufreizen wollte, was tat sie dann in der Nacht in Erichs Zimmer? Er entsann sich, wie sie sich als »Schwesterchen« rührend und fromm an ihn geschmiegt, einig mit ihm gegen Erich, dessen Werk sie verfluchte. Spielte sie ein doppeltes Spiel? Warum aber? Wenn sie Erich liebte, warum dann ... Gequält schweifte er von dem Bild des Schwesterchens im Salon zu dem Bild des leidenschaftlichen Weibes, das sich vor Erich gestellt halte, um den Schuß abzuwehren. Kein Zweifel, sie liebte Erich. Nein, nein, das war kein Doppelspiel. Ihm hatte sie ja nicht gesagt, daß sie ihn liebe. Gerade, weil sie ihm Schwester war, konnte sie dem Bruder Geliebte sein, aber – nun verstand er plötzlich auch dies – die Stolze hatte sich lange dagegen gewehrt und bei dem Brüderchen untertauchen wollen, so wie sie sich als Kind in den Wäldern vor den Erwachsenen zu verstecken pflegte. Nein, sie hatte ihm nicht das Geringste versprochen. Er, der falsche Abel, hatte sie in jenes Brüderchen-Schwesterchenspielen verlockt, darin eine Verlobung sehen wollen, hatte Rechte beansprucht, und so war der heuchlerische neidische Abel Kain geworden. Nun hatte er ein Loch in diese Scheinwelt geschossen, aller Trug brach zusammen, und darum konnte er sich nach der Tat zuerst wie befreit fühlen, aber da stand jetzt nackt ein schuldiger Mensch, den der Trotz der Schwäche fast zum Mörder gemacht hätte. Fast! Welch eine Gnade, daß Erich lebte! Er aber wollte nun die Strafe hinnehmen, nicht mehr im Stolz, ein Mörder zu sein, sondern als Büßender. Welch ein Glück lag in der Strafe! Wie gut schien ihm doch im Grund diese Menschenwelt trotz aller Ungerechtigkeit eingerichtet, daß sie selbst dem elendesten Verbrecher in der Strafe die Möglichkeit gibt, das zerstörte Gleichgewicht wieder herzustellen. Er versank in ein Gebet für das Leben des Getroffenen und segnete im Stillen Erichs Bund mit Melusinen. Das war das Gleichgewicht. Seinen Nächten nahte nun wieder der Schlaf, der sie lange gemieden, und, wenn er einmal eine Stunde wach lag, dann war es nicht in qualvollem Grübeln, sondern in befreiendem Erkennen. Eines Nachts dachte er wieder jener chinesischen Lehre des Wu-Wei, der er bisher zu folgen geglaubt hatte. War er denn wirklich dem stummen Wirken der Weltkräfte rückhaltlos offen gewesen, hatte er nicht vielmehr durch jene künstliche Abelmaske gerade verhindert, daß sich ihr Sinn in seinem Leben echt auswirkte? Diese Maske hatte ihm eine bequeme Trägheit ermöglicht, indem sie alle seine tätigen Kräfte band in der falschen Überlegenheit des schwächlichen Träumers und Idealisten, während er Schaffen und Gestalten als böse dem Kain überließ. Weil er es diesem doch nicht gleichtun konnte, hatte er lieber auf Tun überhaupt verzichtet und diesem Nein die Gloriole der Weisheit gegeben. Der Tattrieb ließ indessen seiner nicht spotten, aber die blindlings hervorbrechende Tat überwältigt uns, ist Verbrechen. Wie viel tiefer hatte doch Erich das Wu-Wei erfaßt! Er hielt nicht eigensinnig den Pendel des Geschehens fest, weder bei dem Pol der Untätigkeit, noch bei dem der Tätigkeit, sondern überließ die Bewegung ohne Willenskrampf und ohne Trägheit der geheimen Macht des Werdens. So stand er selbst jenseits von Tun und Leiden. Eines Abends ergriff er die Hand des Priesters und stammelte: »Ich habe endlich verstanden ... mein Verbrechen ist viel, viel größer, als ich glaubte, ich bin ja gar nicht Kain, kein Mörder, der handelt, wie ein Mörder handeln muß, wofür ihm Gott verzeihen kann, ich bin etwas viel schlimmeres, ein Lügner vor Gott und den Menschen, mir kann niemand verzeihen, ehe ich ganz gebüßt habe.« Der Priester verstand zwar diese Worte nicht recht, aber er fühlte, daß Ferdinand nun auf dem Weg zur Einsicht war. Er stellte einige Fragen, und als jener zerknirschend ausrief, er sei nichts, ein Schauspieler, eine leere Maske, da faßte er seine Hände, schaute ihn fest an und sagte: »Jetzt, wo aller Hochmut der Gescheiten Sie verlassen hat, kann ich Ihnen sagen, daß Sie in Ihrer Demut mehr sind, als Sie je waren, mehr als viele arme Erdbewohner. Sie sind ein Mensch, dem die Gnade verholfen hat, den Schein zu durchschauen. Fast alle, die Idealisten, wie die Wirkenden leben in den Masken der Lüge, nur erfahren sie es nie, sind nicht böse, sind nicht gut, sie spielen ihre Rollen bis zum Tod, aber der Herr hat die Lauen ausgespien aus seinem Munde und liebt und erleuchtet ja gerade die großen Sünder. Was Sie jetzt erkennen, darauf sind Sie nicht mit dem hochmütigen menschlichen Verstand gekommen. Das hat Ihnen Gottes Stimme selbst eingegeben, weil Sie gewiß auch mehr geliebt haben, als andere.« Der Geistliche schlug das Kreuz über ihn. In den nächsten Tagen fuhr Ferdinands Anwalt zu Erich, um sich mit ihm über die Prozeßführung zu verständigen. Er nahm einen Brief von Ferdinand mit, in dem dieser ihn ganz kurz um Verzeihung anflehte. Noch sei er nicht fähig, ihm näheres über seine Tat zu Sagen. Erich antwortete ihm, er verstehe alles, und es sei verziehen. Er möge ihn indessen ermächtigen, durch Melusine in Sensburg nach dem Rechten sehen zu lassen. Ferdinand gab diese Ermächtigung. Während er sinnend auf seinem Bett lag, hörte er bisweilen Klopfen an den Wänden. Das konnten nur andere Gefangene sein, die ihn offenbar in ihre Interessen zu ziehen versuchten. Auch Winken und Augenzwinkern war ihm auf den Gängen bisweilen aufgefallen. Sie hatten wohl gemordet wie er oder auch nur geraubt oder gestohlen, aber sie schienen diese Possen noch nicht müde zu sein und dachten offenbar nur an die Welt draußen, um das Maskenspiel, das sie jetzt büßen mußten, bei nächster Gelegenheit wieder zu beginnen. Er nickte ihnen auf den Korridoren traurig-freundlich zu, wie ein Erwachsener, der, mit seinen Angelegenheiten beschäftigt, an spielenden Kindern vorüberkommt, die seine Aufmerksamkeit zu erwecken suchen. XLI Eines Morgens brachte Dr. Brunnthaler eine neue, bedeutsame Nachricht. Die revolutionäre Regierung in Rolfsburg wünsche den Gefangenen, da sein Fall nur ein Teil eines weitverzweigten innerpolitischen Prozesses sei, in ihre Gewalt zu bekommen. Dr. Brunnthaler sagte in seinem gewöhnlichen Plauderton, die Harringische Regierung habe natürlich nicht den geringsten juristischen Anspruch, den Urheber eines auf österreichischem Boden begangenen Verbrechens der hiesigen Justizhoheit zu entziehen, aber die Frage erhebe sich, ob es nicht für den Angeklagten ein großes Vorteil sei, vor dem Volksgericht in Harringen abgeurteilt zu werden. »Gesetzlich können Sie nicht ausgeliefert werden, aber der Prozeß, der, wie ich immer mehr sehe, durch die Person dieses Prinzen, vulgo Dr. Schenk, einen ernsten politischen Hintergrund hat, ist unserer Regierung höchst unbequem. Man beabsichtigt daher Ihre Sache bis auf eine politisch ruhigere Zeit zu verschleppen, denn die derzeitige Regierung in Harringen wird sich nicht halten. Österreich könnte aber vielleicht – eine Form wird sich finden – in diesem Fall freiwillig auf seine Justizhoheit verzichten, und Sie, falls Sie einverstanden sind, an die Grenze schaffen, wo Harringer Polizei Sie in Empfang nehmen würde, überlegen Sie es sich ein paar Tage, lieber Herr Holthoff.« »Ich habe nichts zu überlegen,« erwiderte Ferdinand, »ich will keine Verschleppung, sondern schnelle Verurteilung. Die Auslieferung ist mir daher erwünscht.« »Mir auch,« erwiderte der Advokat über das ganze Gesicht lachend, »nur wiederhole ich, es ist formell keine Auslieferung, aber für Sie ist das Hinüberspielen der Sache ins Politische ein Vorteil mehr, wenn Sie sich als Gesinnungsgegner Ihres politisch doch sehr rechtsstehenden Herrn Bruders hinstellen. Als Künstler können Sie das ja leicht glaubhaft machen.« »Aber das alles hat doch nicht das Geringste mit Politik zu tun,« erwiderte Ferdinand erregt, »ich war nie politisch interessiert, und so weit ich etwas davon verstehe, teile ich die Ansichten meines Bruders.« »Pst ... Pst,« flüsterte Dr. Brunnthaler, »das dürfen Sie vor einem kommunistischen Volksgericht nicht sagen, sonst sind Sie im Vorhinein erledigt.« Fast hätte ihn seine Gutmütigkeit verführt, Ferdinand, dem alles zuzutrauen war, in diesem Fall die Reise zu widerraten, aber dann siegte doch der Anwalt, der mit einem so eigensinnigen Klienten lieber nichts zu tun haben wollte, war doch zu erwarten, daß Ferdinand bei dem Prozeß seinen eigenen Verteidiger Lügen strafen würde. In der folgenden Woche wurde Ferdinand von Gensdarmen an die Grenze gebracht. Dort empfingen ihn ein paar freche, etwas verwahrloste, Harringische Revolutionssoldaten, die aber ihm persönlich eine überraschende Art von Hochachtung bezeugten. Auf der Bahnfahrt, während sie ihn ins Gespräch zu ziehen versuchten, sollte er mit einer Mischung von Schrecken und Ekel den Grund ihrer Haltung erfahren. Man begrüßte in ihm den Mann, der in letzter Stunde durch seine Tat das Land Harringen vor der Wiederherstellung der Monarchie bewahrt hatte. So wurde Ferdinand Holthoff zu einer hochpolitischen Persönlichkeit. Das geschah im September 1919, und als er am Abend in Rolfsburg die für ihn bestimmte Zelle betrat, fiel ihm ein, daß heute sein Geburtstag war. Vor einem Jahr hatte er ihn mit Melusine gefeiert und nach ihren Gesprächen noch auf mindestens ein Jahr stillen Glücks mit ihr rechnen zu dürfen geglaubt. Schluchzend warf er sich auf sein Lager. XLII An dem Morgen nach den Geschehnissen in Sensburg trafen Graf Twelen und General von Sobern auf des Prinzen Amadeus telephonisch geäußerten Wunsch mit diesem ziemlich gleichzeitig in Floridsburg ein. Ehe der Telephonverkehr stillgelegt wurde, hatte Espérance noch aus Rolfsburg von der Verhaftung des Oberst Katzlinger erfahren. Sie beschwor daher ihre drei Gäste, sich schnellstens über die österreichische Grenze zu flüchten. Die Herren mußten diese Notwendigkeit einsehen, denn es war klar, daß ihr Plan in kürzester Zeit der Revolutionsregierung bekannt werden würde. Zu viele, auch untergeordnete Personen, hatte man in den letzten Tagen einweihen müssen, und man konnte nicht erwarten, daß alle bei ihrer Enttäuschung über das Mißlingen schwiegen. Espérance wollte auf keinen Fall die Herren auf der Flucht begleiten. Sie habe als Frau nichts zu fürchten. So konnte es in der Tat scheinen, wenn die Dinge noch nach den Gesetzen der Vernunft vor sich gegangen wären. Schon am Tag nach der Abreise der drei Herren drangen indessen Revolutionssoldaten in Floridsburg ein und verlangten von der einsamen wehrlosen Frau Auskunft über den Aufenthalt des Prinzen Amadeus. Voll Geistesgegenwart bot sie den Eindringlingen an, sie selbst überall herumzuführen und alles zu öffnen, damit sie sich überzeugen könnten, daß er nicht da sei. Das wollte man ihr allenfalls glauben, während man mit ihr die heiteren Räume durchschritt, bei welcher Gelegenheit die Regierungsabgesandten ganz offen und unter Lachen manchen wertvollen Gegenstand wie Dosen, Miniaturen und dergleichen in die Taschen ihrer unsauberen Uniformen gleiten ließen; als sie aber, befragt, immer wieder erklärte, nichts von dem Aufenthalt des Prinzen zu wissen, machte man mit der Drohung Ernst, daß man, falls sie die Auskunft endgültig verweigere, sie verhaften und nach Rolfsburg bringen müsse. »Ich folge Euch,« sagte sie entschlossen, und dabei fühlte sie, daß nun ihre Einsamkeit beendet war. Durch die Verhaftung war sie mit dem Werk derer, die sie liebte, wieder verbunden. Ihre unbefangene Festigkeit verfehlte ihre Wirkung auf die Leute nicht. Keiner rührte sie an. Man erlaubte ihr, sich von ihrer Tante Olga Stryensky zu verabschieden, die nichts von den Geschehnissen wußte, und der sie nur sagte, sie müsse auf einige Zeit verreisen. Auch mit den Dienstboten, die ihr treu ergeben waren, ließ man sie reden. Alle gelobten, in ihrer Abwesenheit das Haus wohl zu hüten. In dem Automobil hieß man sie einen Rücksitz einnehmen, und einer ihrer Begleiter versuchte sogar, ihr durch humoristisch gemeinte Bemerkungen die lange Fahrt abzukürzen. Man fügte sich ganz ihren Wünschen. Nachdem man einige Zeit durch die windige Nacht gefahren war, verlangte sie die Öffnung eines Fensters. Sofort tat man, was sie befahl. Der Humoristische sagte: »Wir stinken halt der Frau Gräfin zu arg, net wahr?« »Ja, Leute, das tut ihr gründlich,« antwortete sie. Lautes Gelächter folgte. Noch in der Nacht wurde sie Todtmooser vorgeführt. Er saß, eine dicke Zigarre mit rotgoldenem Bändchen in dem weichen Tiermaul, in einem Louis quinze-Fauteuil. Sie sagte mit einem Adlerblick aus ihren hellen Augen: »Fragen Sie mich nicht, ich habe Ihnen nichts zu sagen, aber, wenn es Ihnen Spaß macht, können Sie mich erschießen.« Todtmooser lachte aus vollem Hals und gab einen gnädigen Wink, sie abzuführen. Sie wurde in den Keller gebracht, wo man ihr einen Strohsack gab. Die Umherliegenden waren meistens Herren, von denen einer sie sofort erkannte. Alle erhoben sich und machten ihr in einer Ecke Platz. Sie nahm die Liebenswürdigkeiten lächelnd entgegen und genoß es, wenigstens in guter Gesellschaft zu sein. In den folgenden Tagen hörte man häufig vor der Tür Schlüssel klirren. Der eine oder andere der Gefangenen wurde aufgerufen und zum Verhör vor den Gewalthaber geführt. Manche kamen nach einiger Zeit zurück, manche nicht. Vom Hof her hörte man oft lautes Geschrei und Schüsse. In Ferdinands Zelle trat am Tag nach seiner Einlieferung der Rechtsanwalt Dr. Baruch Sobelsohn. Ferdinand hatte früher öfters einen Künstlerstammtisch in einem Rolfsburger Kaffeehaus besucht, wo auch Sobelsohn Stammgast war. Damals – vor zwanzig Jahren – schrieb dieser neben seiner juristischen Tätigkeit Kunstkritiken für radikale Blätter und hatte sich bisweilen günstig über Ferdinands Bilder geäußert. Menschlich waren sich beide nicht näher getreten, aber immerhin umfing sie der gemeinsame Jargon eines intellektuellen Stammtisches und mit diesem glaubte sich Sobelsohn am besten wieder bei seinem Klienten einführen zu können. In jener Zeit hatte die Manie der Schüttelreime geherrscht. Als sich daher Sobelsohn Ferdinands Zelle aufschließen ließ und ihn auf der Holzpritsche liegen sah, blieb er in der Tür stehen, hob lachend die dünnen Arme unter dem flatternden Havelock in die Höhe und rief aus: »Wer liegt da auf der Ottomane, Von dem ich schon das Motto ahne?« Ferdinand fuhr erstaunt auf und erkannte den Bekannten aus alten Zeiten. War er ihm auch nicht besonders sympathisch gewesen, so wirkte doch in diesem Augenblick die Erinnerung an die gemeinsamen Jahre stärker, als das persönliche. »Ach Sobelsohn ...«, rief er mit leisem Lächeln. »Ja, ich bin's,« erwiderte dieser, mit fahrigen Bewegungen hereintretend, »und daraus, daß ich gleich einen faulen Witz mache, können Sie sehen, daß ich gute Nachricht bringe. Bleiben Sie nur ruhig liegen.« Sobelsohn reichte ihm die trockene, knochige Hand und setzte sich gegenüber auf ein Klappbrett. Er war ein ziemlich großer magerer Mensch, schwarzhaarig mit einigen Büscheln auf den vorwiegend kahlen Kopf. Das etwas kantige Gesicht verriet scharfe jüdische Intelligenz und in den Zügen um die dicken, aber gut geschnittenen Lippen Menschenfreundlichkeit, verbunden mit einer Neigung zur Melancholie, über die sein dauerndes Witzeln den Beobachter nicht lange täuschen konnte. Er stand der Regierung nah, kannte ihre Absichten und hatte zuerst auf den Vorteil hingewiesen, Ferdinand in Harringen zu haben, und auf die Möglichkeit, daß die sozialistische österreichische Regierung ihn herausgeben würde. Wohl konnte man ihn nicht zwingen, gegen den Bruder auszusagen, aber in der Verhandlung gegen ihn, wo es um Tod und Leben ging, bekäme man wohl durch Hin- und Herfragen aus dem weltfremden Menschen heraus, was man wollte. Vor allem würde Sobelsohn als Ferdinands Anwalt alles erfahren. Man sollte ihn nur machen lassen. Sobelsohn war zwar den Grundsätzen der Revolution mit Leib und Seele ergeben, aber kein Unmensch. »Senatus bestia, senatores boni viri!« Der Senat ist eine Bestie, aber die Senatoren sind gute Leute. dachte er wohl. Er meinte, im Interesse der Menschheit müsse, schon um eine Gegenrevolution und ihre blutige Bekämpfung auszuschließen, die bisher herrschende Gesellschaft als Klasse verschwinden und dabei dürfe man auch im Augenblick vor Blut nicht zurückschrecken, aber zugleich gewährte es ihm aufrichtige Genugtuung, durch sein Geschick und seine Beziehungen einem harmlosen alten Bekannten das Leben zu retten, ja er genoß diese Situation sichtlich. »Also, mein Lieber,« begann er vergnügt, »gehen wir gleich in medias res . Ich kenne Sie ja, Sie haben mit dem Putsch nichts zu tun, sind Künstler, haben ein schönes Haus, ist Ihnen zu gönnen; warum sollen Sie Ihren Bruder nicht einladen, und was kümmert es Sie, daß der Dr. Schenk ein Prinz ist, wenn schon, außerdem ist er Kunstsammler, kauft vielleicht einmal was von Ihnen; Wirtschaft, Horatio, Wirtschaft! Daß die zwei in Ihrem Haus eine monarchistische Verschwörung anzetteln, was geht Sie das an? Sind Sie Politiker? Ein Ästhet sind Sie, Typus der neunziger Jahre, hab ich Recht? Ich kenn' Sie doch. Damals haben Sie für Oscar Wilde geschwärmt und Stefan George – lebt er eigentlich noch, man hört gar nichts mehr von ihm? – also kurz, Sie wissen von nichts, haben Sie verstanden? Im übrigen lassen Sie die Leute vor Gericht nur fragen, Ihnen wird kein Haar gekrümmt. Als Sie zuletzt auf einmal merkten, was vorging, da haben Sie halt geschossen, um nicht mitschuldig zu sein. Das war natürlich dumm, besser hätten Sie ihn angezeigt, aber was tut man nicht alles, wenn die ganze Welt meschugge ist? Ihr dummer Streich hat zum Glück die Revolution gerettet. Verstehen wir uns?« »Nicht im mindesten, Herr Doktor,« sagte Ferdinand, der sich inzwischen gesetzt hatte. »Was ich getan habe, hat nichts mit Politik zu tun.« »Wem sagen Sie das?« erwiderte der Anwalt, »bin ich ein heuriger Has'? Où est la femme? Natürlich spielt die Weibergeschichte mit hinein, aber das ist Nebensache.« »Nein, auch das ist es nicht, keine Weibergeschichte. Ich habe meinen Bruder erschießen wollen, weil ich ihn zu hassen glaubte, und dafür will ich meine Strafe haben.« Sobelsohn lachte laut. »Aha,« sagte er, »Dostojewskij, der ist aus der Mode, lieber Holthoff, übrigens sind das Ihre Privatsachen. Dafür interessiert sich das Gericht nicht. Nun, lassen Sie mich machen, Ihr Freispruch ist Ihnen garantiert. Wenn Sie nicht durchkommen, will ich Veitel heißen. Sie werden sagen: Sobelsohn ist auch nicht viel schöner. Recht haben Sie. Auf Wiedersehen, ich komme jetzt jeden Tag auf ein Plauderstündchen.« Er blickte nervös auf die Uhr, ergriff seine Ledermappe und ehe er hinauseilte, schwatzte er noch: »Übrigens haben Sie sich sehr verändert mein Lieber. So ruhig und gesammelt sind Sie geworden. Früher haben Sie doch immer so mit dem Mund gezuckt. Hat ganz aufgehört. Waren Sie bei einem Psychoanalytiker? Kenn ich, kenn ich, ein kluges Köpfchen der Freud!« Ferdinand hatte das letzte sehr verwundert angehört. Er wurde sich bewußt, daß er jenes Nervenzucken in den letzten Wochen tatsächlich verloren hatte, überhaupt seine ganze Nervosität und Empfindlichkeit. Er war nun wirklich ein Anderer geworden, mit sich ins Reine gekommen. XLIII Die Entfernung der Kugel aus Erichs Wunde war gelungen. Als er nach der Operation zu sich kam, fühlte er sich unsäglich müde und wie von seinem ganzen früheren Leben abgeschnitten, aber sein Geist war wieder in dem Zustand hellsichtiger Klarheit, der ihn in der letzten Stunde vor Ferdinands Schuß überkommen hatte, nur war das Traumhafte einer nüchternen Gewißheit gewichen. Kein Groll erfüllte ihn gegen den Bruder, vielmehr sah er in dem Geschehenen ein wie selbstverständlich hinzunehmendes Schicksalswalten, dessen Werkzeug der unglückliche Ferdinand, gewesen war. Über die Liebe einer Frau hatte er einst seine politische Laufbahn gefunden. Als er diese durch eine letzte Tat zu krönen glaubte, und die innere Stimme: »Vorwärts!« rief, führte ihn der Weg ... ja wohin nur? Wo war er denn eigentlich jetzt? Melusine war völlig verzweifelt. Sie beschuldigte sich selbst immer wieder, mittelbar Ferdinand zu seiner Tat angestiftet zu haben. Sie hätte die Gegensätze zwischen beiden Brüdern, die vor ihrem Erscheinen einander so gut ergänzten, zur Feindschaft aufgestachelt und sich dazu des schändlichsten Mittels bedient, wozu eben nur ein Weib fähig sei, nämlich zugelassen, daß Ferdinand glaubte, sie liebe ihn und wolle ihm bald für immer angehören. Kein Wunder, daß er dann außer sich geriet, als er sie in Erichs Zimmer überraschte. Erich war unfähig viel zu reden, schüttelte bei solchen Bekenntnissen immer nur den Kopf und sagte leise: »Nein, nein, Melusine, so ist es nicht, wenigstens ist es nicht alles.« Sie legte oft schluchzend den Kopf neben ihm auf das Kissen des Bettes, und allmählich befreite sich ihr Inneres von den unbeschreiblichen Lasten, die sie zeitlebens getragen hatte. Sie sei überhaupt bis jetzt kein Mensch gewesen. Was in ihr menschliches war, das habe sie diesem Moloch Musik geopfert. Der Rest war kindische Hilflosigkeit, zugedeckt von dummem, ganz dummem Trotz. Sie hätte es für etwas Großes und Edles gehalten, keinem Mann anzugehören, das war ihr frauenzimmerlich erschienen, und in diesem Kampf sei sie weniger als eine Frau gewesen, ein albernes widerspänstiges Kind. Wenn ihr Gott einen ganz guten Verstand gegeben habe, so hätte sie ihn ihr Leben lang dazu mißbraucht, unnatürlichen Widersinn zu verteidigen. Als sie dann Erich sah, hätte sie ihn sofort geliebt, aber ihre Seele war ein gekrümmter Hohlspiegel und mußte dieses Gefühl, zu Haß verzehrt, zurückspiegeln. Aus dem, was an ihm übermenschlich groß sei, habe sie ein unmenschliches Ungeheuer gemacht. Gegen dieses Wahngebilde wollte sie dann Ferdinand zu seiner Tat anstacheln. Eine Verbrecherin sei sie, nicht besser, als ein Bolschewist, und so habe sie Ferdinand ins Unglück gestürzt und Erichs Lebenswerk vernichtet. Nur allmählich fand Erich Erwiderungen auf solche Selbstanklagen. »Du bist nicht die erste, die sich gegen das unmenschliche Ungeheuer empört hat, aber dann hast du es auch erlöst,« flüsterte er eines Abends. Melusine bebte mit allen Nerven, und nun sprach er zum erstenmal wieder in zusammenhängender Rede. »Kennst du die Geschichte vom Bär und dem Nußzweiglein, Melusine? Es ist das einzige Märchen, das ich aus meiner Kindheit behalten habe, und immer war mir, als ob es mich ganz besonders anginge. Ein Kaufmann muß im Wald, wo er für sein Lieblingstöchterchen ein Nußzweiglein abgepflückt hat, dem Bär, dem der Wald gehört, versprechen, ihm dafür das Wesen zu schenken, das ihm zu Hause zuerst entgegen kommen wird. Er glaubt, es werde sein Hund sein, aber es ist die Lieblingstochter. So wird die Zarte die Braut des garstigen Bären, nachdem dieser die andern, rauheren Töchter des Kaufmanns verschmäht hat. In seiner Höhle graust es sie nun furchtbar. Sie muß zwischen allerlei Kröten und Schlangen hindurch, aber mutig schreitet sie vorwärts; nachdem sie tapfer das Ende erreicht, kommt ihr der Bär entgegen, aber er ist jetzt kein Ungeheuer mehr, sondern ein von ihr entzauberter Königssohn, der sie liebt.« Melusine war von diesem Bekenntnis beseligt, aber ihr Gewissen quälte sie doch immer wieder. Bedeutete es ihm denn nichts, daß sie seinen ganzen Plan zerstört hatte? War er denn ein Heiliger geworden? Nein, sagte er, indem er ihr Haar streichelte, ein Heiliger sei er nicht und wolle er nicht sein, aber ihm sei zu Mut, als wäre er einen Augenblick schon bei den Toten gewesen und könne daher nun ein wenig den Sinn von allem Geschehenen verstehen. Sie und Ferdinand hätten sein Werk nicht zerstört. Wenn das Königtum in Harringen heute geschichtlich noch möglich wäre, dann würde ihn Ferdinands Kugel nicht getroffen haben. Vielleicht solle es keine gekrönten Könige mehr in der Welt geben, damit der Mensch das Königtum in sich selbst entdeckte. Seit ein Mädchen in ihm das Ungeheuer erlöst habe, wüßte er gar nicht, warum er noch einem Prinzen die Krone aufsetzen solle und nicht lieber seiner Retterin, die das vollbracht habe. Er blickte sie fragend an, und sie sank an seine Brust, aber noch dauerte es eine Weile, bis sie das alles verstand. Es hätte doch auch alles gut gehen können, ohne ihre dumme Frauenzimmerlichkeit, die sie sich nicht verzeihen wollte. Nichts tat ihr wohler, als wenn er ganz ruhig, ja in kühler Betrachtung über die Ereignisse sprach. Er betonte immer wieder, wenn ein Plan im Einklang ist mit dem Weltgeschehen, dann sei es ganz unglaublich, wie viele Dummheiten im Einzelnen gemacht werden könnten, er gelinge im Ganzen doch. Sein Plan war besser vorbereitet gewesen als alles was Caesar und Napoleon taten, und die äußeren Verhältnisse schienen ihm so sehr entgegenzukommen, daß, rein nach Ursache und Wirkung betrachtet, ein Mißlingen so gut wie unmöglich war. Eben darum mußte die Kugel aus einer ganz anderen Richtung kommen. Trotzdem habe er persönlich nichts zu bereuen. Er hatte so handeln müssen. Sein eigenstes Wesen hätte ihn gedrängt, diesen zum Scheitern bestimmten letzten Versuch zu wagen, und die Möglichkeit des Scheiterns habe er von Anfang an geahnt. Längst glaube er nicht mehr an den Wert des Erfolgs. Für unser Leben könne der Mißerfolg wertvoller sein. Oft offenbare sich der Sinn davon erst sehr spät und unklar, in diesem Fall aber läge er doch ganz offen vor ihnen beiden. Er lächelte ihr zu. Melusine sah ihn überwältigt an, während er ihren Arm an sich drückte. »Die großen Dinge kommen über uns, Melusine. Wir können nichts anders tun, als ihre Zeichen zu verstehen und sie auszuführen. Ich wünsche mir nichts mehr, sondern ich taste mich von Augenblick zu Augenblick weiter durch das neue Glück. Frage mich nicht, wie das kommt, ich weiß es nicht, ich weiß weniger als ein Kind. Wenn ich zurückblicke auf den Mann Erich Holthoff, dann ist mir, als habe da ein Kind den Erwachsenen spielen wollen. Du hast mir ein Geheimnis offenbart, das ich mein ganzes Leben nur geahnt habe. Früher war meine Liebe nur ein großmütiges Geben aus meinem Reichtum, dich aber liebe ich aus einer inneren Not. Das alles hätte ich nie erfahren ohne Ferdinands Tat. Er hat eine Bresche in die Festung geschossen, in der ich in den letzten Jahrzehnten gelebt.« Melusine hörte ihm mit namenloser Erschütterung zu. »Ja, man fühlt, daß du bei den Toten gewesen bist,« sagte sie mit einem Gefühl unheimlichen Schauerns. Sie war den ganzen Tag über mit Erich beschäftigt, aber in ihren unruhigen Nächten quälte sie dauernd der Gedanke an den gefangenen Ferdinand, sein schreckliches Schicksal, an dem sie sich die Schuld gab. Als in den nächsten Tagen Prinz Amadeus, der in einem nahen Gasthof Quartier nahm, den Kranken besuchte, verabredeten sie die Einheitlichkeit ihrer Zeugenaussage, von der wir bereits berichtet haben. Der Termin des Prozesses in Rolfsburg rückte heran. Melusine war in namenloser Unruhe. Von der Tatsache, daß Ferdinand ihren Revolver auf dem Korridor gefunden hatte, war bei ihrem Verhör nicht die Rede gewesen. Darin aber lag ein für ihn sehr entlastender Umstand. Sie erklärte daher entschieden, als Zeugin bei der Verhandlung erscheinen zu wollen. Erich erschrak einen Augenblick, aber er durfte Ferdinand dieses Vorteils nicht berauben. Sie betonte, daß sie als Ausländerin ja nicht im Verdacht stehe, an seinen Plänen teilgenommen zu haben, überhaupt als Frau und Künstlerin nicht gefährdet sei. So reiste sie denn an dem entscheidenden Tag, ihre innere Erregung kaum verbergend, nach Rolfsburg. XLIV Der Morgen des Prozesses brach an, ein letzter Sommertag von schwüler Hitze. Saal und Tribüne waren überfüllt. Öffnete man die Fenster, so drang betäubender Straßenlärm herein, schloß man sie, bildete sich sofort aus Staub, Schweiß und schlechtem Atem eine dicke, dumpfe Atmosphäre. So wurde die Verhandlung immer wieder durch Erwägungen unterbrochen, ob man öffnen oder schließen solle. Zwei Wachleute führten Ferdinand vor. Er trug einen grauen Anzug und sah, wie immer, etwas blaß, aber nicht besonders angegriffen aus. Seine Antworten wirkten sehr gesammelt und sicher. Die mit gleichgültiger, näselnder Stimme vorgebrachte Anklage des Staatsanwaltes, eines kahlköpfigen, dünnen, schematischen Beamten, lautete auf Mordversuch aus politischen Motiven. Den augenblicklichen Anlaß zu der Tat habe jedoch der Umstand gegeben, daß der Angeklagte eines Nachts seine Braut im Zimmer des Bruders gefunden habe. Der Angeklagte erklärte bei seiner ernsten Befragung diese Auffassung für falsch. Für Politik habe er sich niemals interessiert. Baronin von Kaden sei nicht seine Braut gewesen, und daß sie nachts in dem Zimmer seines Bruders geweilt, habe bestimmt ganz andere Gründe, als man vermute. Er selber könne darüber nichts sagen. Jedenfalls sei nie in Sensburg der geringste Anlaß gewesen, zwischen den beiden ein gegenseitiges, tieferes Interesse zu vermuten, eher das Gegenteil. Hier unterbrach ihn der Vorsitzende, ein lebhafter Mann mit dunklem Knebelbart und ungeduldig hüpfenden Augen durch die spitze Frage, ob er wisse, daß die Kaden seit der Tat in dem Krankenhaus bei seinem Bruder weile und ihn pflege. Ja, er wisse es und es sei ihm sehr begreiflich. Dann führte er tonlos und in trockener Weise aus, seit frühester Kindheit habe er seinen Bruder heimlich beneidet, ja zu hassen geglaubt und dies unter Freundlichkeit ihm gegenüber verborgen. Der Gedanke, ihn zu töten, habe ihn oft beschäftigt. Warum der Entschluß gerade in dieser Nacht reif geworden sei, vermöge er nicht zu sagen. Seit der Tat sähe er aber ein, wie Unrecht er gehabt. Er sei in dem Wahn befangen gewesen, daß sein Bruder ihn zu unterdrücken versuche. Das habe er sich eingebildet, um seine eigenen Mängel zu erklären und besser ertragen zu können. Er bereue seine Tat tief, habe nur den einen Wunsch, sich noch einmal mit dem Bruder aussprechen zu dürfen, um dann seine Strafe auf sich zu nehmen und das Verbrechen zu büßen. Auf die Frage, wie denn diese plötzliche Wandlung über ihn gekommen sei, erklärte er kurz: »Durch die Gespräche mit dem Anstaltsgeistlichen.« Das Gericht steckte die Köpfe zusammen. Dann fragte der Vorsitzende: »Sind Sie gläubiger Christ?« Ferdinand antwortete mit derselben uninteressierten Ruhe wie bisher: »Ich weiß es nicht.« Es war klar, daß hier eine bestimmte Marschroute vorlag, die sich der Angeklagte gegeben hatte, deren Sinn dem Gericht freilich bis jetzt noch völlig undurchsichtig blieb. Auf die Versuche des Vorsitzenden und der Richter über Erich Holthoffs und Prinz Amadeus politische Pläne etwas zu erfahren, erklärte Ferdinand immer wieder, davon wisse er nichts, er sei ausschließlich Künstler und als solcher habe er den kunstliebenden Prinzen beherbergt. »Und über Politik wurde nie gesprochen?« fragte der Vorsitzende lauernd. »Ich habe nie etwas gehört. Außerdem hätte es mich nicht interessiert.« Als erste Zeugin wurde eine schwarz gekleidete Dame mit erdfahlem Gesicht hereingeführt. Es war Melusine von Kaden. Ferdinand wußte von seinem Anwalt, daß sie gestern angekommen war und sich dem Gericht als Zeugin zur Verfügung gestellt hatte. Was sie aber vorbringen würde, habe sie nicht vorher sagen wollen. Obwohl er auf ihr Erscheinen vorbereitet war, überkam Ferdinand bei ihrem Anblick ein solches Zittern, daß er nicht aufrecht stehen konnte. Die Wachleute mußten ihn halten, während er seinen Sitz einnehmen wollte. Dies entging natürlich niemand in dem Saal. Auch Melusine wurde, als sie ihn auf der Anklagebank sah, von einer heftigen Erregung ergriffen. Sie erzählte unter gewaltsamer Selbstbeherrschung, wie sie nach Sensburg gekommen war. Das Verhältnis zwischen den Brüdern sei vorbildlich gewesen. Nach einiger Zeit habe sie eine unüberwindliche Antipathie gegen Erich Holthoff gefaßt und versucht, sie auf Ferdinand zu übertragen, darum sei sie an allem folgenden Schuld. Sie konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen. »Sie waren mit dem Angeklagten verlobt?« fragte der Richter plötzlich. Keine Antwort. Der Richter drängte. »So gut wie verlobt...« flüsterte Melusine, »er mußte es wenigstens glauben ... ich bin an allem Schuld.« »Der Bruder des Angeklagten versuchte, Sie zu sich herüber zu ziehen, nicht wahr?« »Niemals hat er das versucht!« rief Melusine empört. »Aber Sie sind doch nicht ohne Verabredung nachts in sein Zimmer gekommen?« »Ganz und gar ohne Verabredung ... ich wollte ihn töten.« Dieses Wort wirkte in dem unruhigen Saal wie ein plötzlicher dröhnender Donnerschlag, den kein Blitz vorbereitet hatte. Erst entrang sich der Zuhörerschaft ein seufzerähnliches Atmen, dann lähmte sie ein gespanntes Schweigen. Richter und Vorsitzender schauten sich mit geheimem Einverständnis an. Sobelsohn legte seinen knochigen Zeigefinger an die Schläfe und dachte nach. Ferdinand war durch dieses Geständnis wie zerschmettert. Der Vorsitzende fragte weiter: »Hatten Sie denn eine Waffe bei sich?« »Ja, meinen Revolver ... aber unterwegs hat mir die Kraft versagt... ich warf den Revolver fort und stürmte zu ihm hinein, um ihn um Verzeihung zu bitten.« »Um Verzeihung für was?« fragte der Vorsitzende, »Sie hatten ja nichts getan.« Unter den Zuschauern entstand eine merkliche Lösung der Spannung und Neigung, unernst zu werden. Der Vorsitzende machte die Zeugin darauf aufmerksam, daß sie zwar das Recht habe, ein Zeugnis zu verweigern, das für sie selbst nachteilig sein könnte, aber die Unwahrheit dürfte sie nicht sagen, zumal sie nachher vereidigt werde. »Ich habe nichts zu verschweigen,« erklärte Melusine fest. »Kurz nach mir ging Herr Ferdinand Holthoff über den Gang. Daß er meine Stimme in dem Zimmer hörte, mußte ihn natürlich furchtbar erregen. Unglückseliger Weise lag mein Revolver vor seinen Füßen – es ist derselbe, den ich dort auf dem Tisch sehe – er hob ihn auf, kam in das Zimmer, und so ist die unglückselige Tat geschehen.« »... weil er ja nicht wissen konnte, daß Sie nur hineingegangen waren, um drinnen um Verzeihung zu bitten,« sagte der Vorsitzende triumphierend, ... »und obendrein hatten Sie noch diese unüberwindliche Antipathie.« Im Auditorium brach man in Lachen aus, so daß der Vorsitzende heftig die Glocke läuten mußte. Alle weiteren Fragen lehnte Melusine mit der hartnäckigen Erklärung ab, sonst habe sie nichts zu sagen. Sie sei überhaupt nur gekommen, um mitzuteilen, daß Herr Ferdinand Holthoff sich ihres Revolvers bedient hätte, der scheinbar durch Zufall in dem entscheidenden Augenblick vor seinen Füßen lag. Sobelsohn fühlte eine ritterliche Regung. Leidenden Frauen gegenüber, auch wenn sie der verhaßten Oberschicht angehörten, war er weich. Überhaupt die Frauen, die standen außerhalb der Stände. So nahm er nun endlich seinen Zeigefinger von der Schläfe, protestierte energisch gegen die Aufgeräumtheit der Hörer und sagte mit scharfem Blick auf den Vorsitzenden: »Es ist für den Lauf der Untersuchung in der Tat völlig gleichgültig, welcher private Grund die Zeugin zu ihrem Besuch in dem Zimmer veranlaßt hat. Von Bedeutung ist nur, – und das hat die Zeugin selbst in anerkennenswerter Weise ausgesprochen – wie erregend dieser Besuch in solcher Stunde auf ihren Bräutigam wirken mußte.« Melusine nickte in heftigem Einverständnis. Der Vorsitzende befand sich indessen auf einer anderen Fährte, die Melusinens nächtlichen Besuch erklären konnte; er teilte im Flüsterton dem Staatsanwalt etwas mit. Dieser preßte die dünnen Lippen zusammen und blickte fest auf Melusinen. Auch Ferdinand starrte sie an, erschüttert über das, was sie von dem Revolver gesagt, und zugleich völlig verwirrt, weil er sich in diesen langen einsamen Wochen, zwangsläufig in seine eigenen Ideen verstrickt, nicht ein einziges Mal gefragt hatte, wie eigentlich der Revolver an die Stelle gekommen war, wo er ihn im Augenblick fand. Die Anwälte, denen er ja alle nähere Auskunft verweigerte, hatten als selbstverständlich angenommen, er habe ihn aus seinem Zimmer mitgebracht. Er war vielleicht der einzige, völlig Überzeugte, daß Melusine die Wahrheit sprach. Nachdem ihr Verhör beendigt war und der Gerichtsdiener sie wieder hinausführen wollte, erhob sich plötzlich der Staatsanwalt und erklärte sie als der Teilnahme an der monarchistischen Verschwörung verdächtig und ließ sie verhaften. Sie hörte diese Worte in völliger Erstarrung an und ließ sich von einem Wachmann abführen, während Ferdinand einen halb unterdrückten Aufschrei hören ließ. Rechtsanwalt Sobelsohn geriet in höchste Erregung, aber schnell sah er darin einen geeigneten Angriffspunkt für seine Verteidigung. Wehmütig blickte er der den Saal verlassenden blonden Frau nach. Darauf wurde der aus Österreich eingelaufene Akt über die sofort nach der Tat vorgenommene kommissarische Vernehmung Erich Holthoffs verlesen. Er hatte erklärt, zwischen ihm und Fräulein von Kaden sei eine persönliche Spannung gewesen infolge eines am Tag stattgehabten Gesprächs. Beide hätten indessen den Wunsch gehegt, durch eine Aussprache die Lage zu klären. Dabei sei es wünschenswert gewesen, die Angelegenheit ohne Wissen seines Bruders, dem jene Spannung nicht bekannt war, zu erledigen. Sein Zimmer habe sich durch Abgelegenheit besser dazu geeignet, als das Zimmer des Fräuleins von Kaden. Der Bruder, der in diesen Tagen das Jawort zur Heirat erwartete, hätte naturgemäß diesem Besuch ein ganz anderen Sinn unterlegen müssen und in begreiflicher Erregung so gehandelt, wie wohl mancher andere Mann an seiner Stelle getan haben würde. Die Protokolle über die Verhöre des Prinzen, des Sensburger Dienstpersonals, des Bezirksarztes, des Primararztes im Krankenhaus und jenes Nervenspezialisten, der, wenn man ihn nur früher angerufen hätte, durch die rechtzeitige Anwendung von Himbeersaft den Dingen gewiß eine gänzlich andere Wendung gegeben hätte, brachten nichts Neues. Der Chauffeur Wildgruber, der seit der Tat von Österreich nicht zurückgekehrt war, hatte der Vorladung nicht Folge geleistet. Nach der kurzen Mittagspause begann die Rede des Staatsanwalts. Er leitete sie mit der überraschenden Erklärung ein, daß er die Anklage wegen politischen Mordes zurückziehe. Hier handle es sich nach seiner Überzeugung nur um eine schwere Körperverletzung, begangen im Zustand höchster eifersüchtiger Erregung. Die politischen Vorgänge seien etwas für sich und noch ungeklärt. Sie würden den Inhalt einer anderen Verhandlung bilden, und er, der Staatsanwalt, behalte sich in dieser Hinsicht weitere Schritte vor. Die Rede verlief naturgemaß ziemlich matt. Das war für die Zuhörer, die erwartet hatten, in Ferdinand den Retter der Revolution freigesprochen zu sehen, eine große Enttäuschung. Eine gewöhnliche schwere Körperverletzung? Die Aburteilung von derlei Kleinigkeiten konnte man täglich erleben. Der Staatsanwalt beantragte sechs Monate Gefängnis. Da stand Rechtsanwalt Sobelsohn auf und fuhr sich mit der knochigen Hand nervös über die paar dunklen Haarbüschel. Nicht ohne Selbstgefälligkeit und mit Handbewegungen, die einen Gegenstand in den Raum zu stellen schienen, versprach er, einen Querschnitt durch die ganze Epoche ziehen zu wollen. Zwar sei durch die Erklärung des Herrn Staatsanwaltes heute das politische Motiv als solches aus der Anklage ausgeschaltet, um so freier fühle er sich daher, den Fall rein psychologisch zu betrachten. Der Künstler Ferdinand Holthoff, »unser Angeklagter«, sei von Kindheit an ein Leidender jener Zeit gewesen, der das Bürgertum den Stempel aufgedrückt habe, die nun Gott sei Dank vorüber wäre. Also gut, die Tat des Angeklagten habe mit seiner politischen Haltung, die heute nicht in Frage stehe, unmittelbar nichts zu tun. Wenn es aber ein historisches Schicksal gäbe, eine Frage, die natürlich im Augenblick nicht von den Herrn Geschworenen entschieden werden könne (lächelnde, aber unverstandene Verbeugung gegen diese), so habe es sich jedenfalls der Hand des Angeklagten bedient, und dieser Umstand genüge schon, um in dem Konflikt zwischen zwei Brüdern mehr als eine Privatangelegenheit zu sehen. Nun möge man ihm, der den Angeklagten aus gemeinsamen Jugendjahren kenne, erlauben, etwas über dessen Entwicklung mitzuteilen. Er schilderte mit wirksamen Ausdrücken einen Künstlertypus mit seidezarten Nerven. Diesen Wehrlosen hatte ein paradox-grausames Geschick zum jüngeren Bruder eines Gewaltmenschen gemacht, der neben ihm üppig aufschoß wie ein Bovist, jener Pilz, der im Augenblick der Reife plötzlich platzt und die ganze Umgebung mit dem Giftstaub seines Samens erfüllt. Nun, über diesen Mann brauchte Sobelsohn an dieser Stelle wohl nicht viele Worte zu verlieren. Das Land hatte ja seinen Bedrücker Jahrzehnte lang in heute unbegreiflicher Ruhe ertragen, die letzte Stütze der schmählichsten Reaktion, mit deren Früchten er das Volk gerade von neuem beschenken wollte, wäre ihm nicht »unser Angeklagter« rechtzeitig in den Arm gefallen. Das könne nicht oft genug wiederholt werden. Se. Exzellenz der Herr Staatsminister Dr. jur. Erich Christoph Diego Holthoff! Ja, Diego, Sobelsohn hatte den Namen bei der Polizei gefunden. Gegen eine so großartige, die ganze zurückliegende Zeit in ihrer gewissenlosen Ausbeutungspolitik in schlau liberaler Bemäntelung darstellende Persönlichkeit konnte der jüngere Bruder natürlich nicht aufkommen, das begriffe wohl ein jeder auch ohne Psychologie. Von törichten, weltlichen Erfolg anbetenden Eltern mißachtet – Sobelsohn wollte nicht verschweigen, daß der Vater ein rheinischer Finanzmagnat war – sei der Knabe von früh auf in protzenhafter Umgebung seelisch mißhandelt, einem leeren Poseur, als dem Stolz der Familie untergeordnet worden. Ja, man wies ihn täglich hin auf dessen verabscheuungswürdiges Beispiel, wie man es in der Welt zu etwas bringt. Der Anwalt versuchte nun, die Gefühle auszumalen, die sich in dem Zurückgestoßenen aufhäufen mußten, und sprach zeitgemäß von Haßballungen. Schließlich klagte er, nicht die Feder eines Dostojewskij zu besitzen, um in die Untergründe eines solchen Leidens zu leuchten. Ihm fehle leider diese Fähigkeit, und darum müsse er sich damit begnügen, in schlichten Worten an die Herzen zu appellieren, und zwar an die revolutionären Herzen, die für jeden schlagen, der in dieser Welt zu den Geknechteten gehört. Der Angeklagte hätte, ohne feige Ausflüchte zu versuchen, Haß als den Grund seiner Tat hingestellt. »Aber«, schrie Sobelsohn, seiner Gefühle nicht mehr mächtig, »ist denn dieser Haß nicht unser aller Haß, der Haß der Unterdrückten gegen die Ungerechtigkeit?« Die ihm in der Revolution Ausdruck gaben durch die Tat, betrachte man heute mit Recht als Helden, nicht als Verbrecher. Nun, er, Sobelsohn, wage auszusprechen, daß zu ihnen, freilich unbewußt, auch sein Klient gehöre. Wer könne, solle ihm das Gegenteil beweisen. Hier unterbrach tosender Beifall den Verteidiger. Mit halblauter Stimme begann er von neuem. Auch dieser berechtigte Haß hätte indessen nicht genügt, einen so weichen Menschen wie den Angeklagten zu der Tat zu treiben, wenn nicht im letzten Augenblick noch ein besonders verabscheuungswüriges Verbrechen gegen ihn begangen worden wäre, ein Vertrauensbruch, den zu tragen nach Sobelsohns Überzeugung über Menschenkraft ging. Seit vielen Monaten hätte der Herr Minister mit seinem famosen Prinzen die Gastfreundschaft des allzu Gutmütigen ausgenützt, aber nicht genug, am Schlusse stahl er ihm noch die Braut unter seinem eigenen Dach. Was ihn persönlich betreffe, so falle es ihm nicht leicht, dergleichen private Dinge an die Öffentlichkeit zu ziehen, aber er müsse doch sagen, daß das hier ein besonderer Fall sei, in dem der Takt vor der Gerechtigkeit weichen müsse. Se. Exzellenz mußten doch in der ungewohnten Ruhe des Landlebens, das seinem unstillbaren Ehrgeiz und Machthunger nichts bot, wenigstens sein Pläsierchen haben. Ohne so etwas ging es doch nicht bei diesen großen Herrn einer Gott sei Dank für immer begrabenen Zeit. Da war so eine Künstlerin gerade das Rechte. Solche Frauen seien ja in den Augen dieser Menschen Freiwild. Auf die Gesinnung, weniger auf die Tatsache selbst, wolle er hier den Finger legen. »Meine Herren!« schrie Sobelsohn mit scharfer dünner Stimme. »Fragen Sie sich ehrlich: Wer von Ihnen hätte in diesem Augenblick einer furchtbaren Entdeckung, wenn ihm der Zufall gar eine Waffe in die Hand spielte, nicht nach ihr gegriffen und sich selbst jenes natürliche Recht geholt, das in Ausnahmefällen, wie dieser einer ist, selbst das geschriebene Gesetz aller zivilisierten Staaten anerkannt?« Darauf schilderte er Ferdinands Bedeutung als Künstler in Tönen, wie sie dieser noch nie über sein bescheidenes Schaffen vernommen hatte. Er stempelte dieses zu echt revolutionärer, neues Fühlen verbreitender Kunst, während der Bruder Titel und Orden gehäuft, in feiler Kriecherei die Gunst der Herrschenden gesucht, ihr frivoles Genußleben geteilt, ja nach dem Adelstitel geschielt, den sich sein Vater schon in Preußen vergeblich zu erschwänzeln versucht hätte. Da sei es denn in einer Herbstnacht geschehen, – Sobelsohn schien zu deklamieren – daß der verwöhnte Weltmann als Bittender an die bescheidene Tür des verachteten Bruders klopfte und Einlaß begehrte. Die Drachensaat der bürgerlichen Gesellschaft war aufgegangen. Sobelsohn hatte nicht nötig, jene großen Tage zu schildern, da das Volk an seinen Bedrückern Rache nahm. Nun, für den Herrn Minister waren das freilich keine großen Tage. In Nacht und Nebel feige fliehend, wie Catilina, erinnerte er sich des jüngeren Bruders, und jetzt war der immer noch gut genug, um ihn aufzunehmen. In seiner Gesellschaft befand sich einer seiner Spießgesellen, ein gewisser Dr. Schenk. In dem edlen Herzen dessen, der durch ein paradoxes Schicksal hier als Angeklagter sitze, obwohl ihm mehr geziemen möchte, als Ankläger dazustehen, war sofort aller Haß vergessen. Er sah nur noch Leid, Menschenleid, und so verschloß er seine Tür nicht den Fliehenden. Aber wer beschriebe wohl sein Erstaunen, als er in diesem Dr. Schenk niemand andern als einen gewissen Amadeus Rolfingen erkannte, den Prinzen üblen Angedenkens, den Beschützer angeblich schöner Künste, den ach! so wohl bekannten Damenfreund, unser so beliebtes, leutseliges Volksaussaugerchen, unser köstliches, kostspieliges nationales Kitschchen, mit Künstlerhütchen und flatternden Seidentüchelchen. Ach wie mußte diesem die Werkstatt eines echten Künstlers geeignet erscheinen, die Gutmütigkeit des Besitzers mißbrauchend, sich hier ein ästhetisches Eckchen einzurichten und ein glückliches Augenblickchen abzuwarten, bis man sein fades Süppchen noch einmal aufwärmen könnte. Das hohe Gericht würde nun vielleicht fragen, warum der Angeklagte die beiden Schurken nicht einfach hinausgeworfen hat? Sobelsohn mußte zugeben, daß sein Klient in diesem Punkte schuldig war. Wenn er aber durch allzu große Gutmütigkeit auch im Augenblick schwer gefehlt, dann habe er es nicht nur gesühnt, sondern später besseres getan, als sie hinauszuwerfen. Sobelsohn wolle zwar dem Herrn Staatsanwalt nicht widersprechen, wenn er erkläre, daß das politische Motiv allein nicht den Anlaß zu der Tat gegeben habe, vielmehr liege dieses in der berechtigten eifersüchtigen Erregung des Angeklagten, aber ... – hier erhob sich Sobelsohn zu höchstem Pathos: »– dennoch hat ein geheimnisvolles Schicksal diese Tat zu einer historischen gemacht, durch sie hat Ferdinand Holthoff den schlimmsten Feind der Republik kalt gestellt. Ohne ihn wären wir heute wieder Rolfingische Knechte unter König Amadeus I. und seinem famosen Minister Erich Diego. Das Herz steht einem still, wenn man nur daran denkt. Darum, meine Herren, ehren Sie den Angeklagten durch Freispruch. Sie können, Sie dürfen, Sie müssen es tun.« Den Beifall, der den Redner immer wieder unterbrochen hatte, glich einem Sturm, der sich nicht beruhigen konnte. Es war dem Vorsitzenden unmöglich, die Ruhe aufrecht zu erhalten. Sobelsohn schwamm in der Flut des höchsten Triumphes seines bisher obskuren Lebens. Was auch Ferdinand in der letzten Zeit an inneren Erregungen durchgemacht, niemals hatte er solche Qualen erlitten, wie unter dem Zwang, bis zum Ende anhören zu müssen, wie hier die intimsten, seelischen Vorgänge verfälscht wurden und, der Welt zugekehrt, ein Bild entstand, in dem jedes Wort, jedes Gefühl, jede Triebfeder in ihr Gegenteil verwandelt erschien. Mehrmals wollte er aufspringen, aber die Wachleute an seinen Seiten hielten ihn zurück. Hie und da entrang sich ihm ein dumpfer Ton des Zorns oder Ekels, was anfangs alle Blicke auf ihn lenkte, dann aber immer mehr unbeachtet blieb, je stärker der Redner die Hörer hinriß. Als er aber die Forderung des Freispruchs vernahm, hielt es ihn nicht länger, und er schrie durch den Lärm seinem Verteidiger zu: »Sie sind ein Lügner, ein Fälscher!« Niemand hatte diesen Ausruf recht verstanden. Als ihm der Vorsitzende das Schlußwort erteilte, wendete sich Ferdinand mit tränenerstickter, fast jammernder Stimme an die Geschworenen, deren stumpfsinnige Gesichter über eine Holzschranke ragten. Es waren ausschließlich Soldaten, stellenlose Kellner, Bierwirte, Chauffeure, meist Anhänger Todtmoosers. Während Ferdinand anfangs mühsam sprach, wurde er allmählich aus den Tiefen seines Wesens her von einer leidenschaftlichen Macht des Wortes ergriffen, die in ebensolchem Gegensatz stand zu seiner sonst sehr spärlichen Ausdrucksweise, als zu der schwungvollen Phrase seines Anwalts. »Meine Herren, haben Sie Mitleid mit mir, einem armen, schuldigen Menschen, und verurteilen Sie mich nicht zur sofortigen Rückkehr in's Leben. Ich bin kein Redner wie der, welcher eben gesprochen hat. Ich muß meine ganze, letzte Kraft zusammennehmen, um mich Ihnen verständlich zu machen, Ihr Herz und Ihr Gewissen zu rühren. Hören Sie nun noch einmal von mir, was die reine Wahrheit ist: mein ganzes Leben war von einem verbrecherischen Wunsch unterwühlt gegen einen Unschuldigen, meinen Bruder. In meinem Wahn bildete ich mir schließlich auch noch ein, er habe mir die Braut abspenstig gemacht. Aber weder war sie meine Braut, noch hatte er die geringsten Versuche unternommen, sie mir zu entfremden. Ihr nächtlicher Besuch ist ganz gewiß harmloser Natur gewesen. Ich aber war verblendet. Nur zu gern habe ich es anders geglaubt, denn nun war ja der Anlaß da, die scheinbare Berechtigung, endlich das Verbrechen zu begehen. Nach der Tat fühlte ich erst eine Befriedigung in mir selbst. Nicht daß ich das Morden für erlaubt gehalten, nein, ich glaubte aber, ich hätte aus einem tiefen Drang meiner Natur so handeln müssen, und nun wollte ich dafür bezahlen. Bald indessen sah ich ein, wie unselig ich mich geirrt hatte. Wie Schuppen ist es mir von den Augen gefallen, daß mein Bruder nicht nur in diesem Augenblick unschuldig, sondern daß auch mein ganzer früherer Haß ein kindischer Unsinn, gänzlich grundlos, eine reine Ausgeburt meiner Schwäche und meines Neides gegenüber dem Besseren war. Wenn daran noch der kleinste Zweifel bestehen konnte, so mußte ihn heute das Zeugnis des Fräulein von Kaden lösen. Sie hat die Wahrheit gesagt, als sie von ihrer Antipathie, von unserem gemeinsamen Haß gegen meinen Bruder sprach. Nur ist sie rechtzeitig zur Besinnung gekommen, und statt ihn zu töten, hat sie ihn um Verzeihung gebeten. Seien Sie versichert, meine Herren, daß es so war, weil es gar nicht anders sein konnte. Ich aber bin nicht zur Besinnung gekommen und habe die letzten Folgen aus diesem Haß gezogen. Darum ist ihre Schuld verziehen, ich aber stehe hier als Verbrecher. Ich habe viel mehr, als die eine Tat zu büßen, ein ganzes Leben voll grundlosen Neides. Sie dürfen mich darum nicht um meine Strafe betrügen. Das Gesetz gibt dem Verbrecher ein Recht auf die Wohltat der Strafe, damit er Zeit hat, wieder zu sich selber zu kommen. Ich habe vierzig Jahre nicht bei mir selber, sondern in einem verbrecherischen Wahn gelebt. Für mich gibt es jetzt nur eine Zuflucht: die Strafe. Versagen Sie mir die einsame Zelle nicht, auf die ich einen Anspruch habe, als schuldiger Mensch, der mit seiner Schuld nicht unter Menschen leben kann. Aber vorher lassen Sie mich zu ihm, zu meinem Bruder. Er ist der großmütigste und beste Mensch, der lebt. Niemand kennt ihn wie ich. Ich weiß, er wird mir verzeihen, ja, ich bin gewiß, er hat mir schon verziehen, noch mehr, er wird mich sogar verstehen. Wäre er nur hier und könnte meine armen Worte unterstützen. Er würde Sie durch die unwiderstehliche Macht seines Wesens zwingen, mir die Strafe zu geben, um die ich Sie nur bitten, nur anflehen kann. Meine Herrn, hören Sie nicht auf diesen falschen Freund, der mich vor Ihnen verteidigen wollte. Er ist ja selber viel zu klein, um auch nur zu ahnen, an was für Dinge er hier gerührt hat. Er glaubt, mir zu helfen und will mich um das letzte, einzige bringen, was mir noch in der Welt bleibt, das Recht, meine Tat zu büßen. Gibt es etwas Grausameres? Auch ich rufe Sie jetzt an, meine Herren, wie er es getan hat. Dazu dürfen, dazu können Sie nicht Ihre Hilfe geben.« In dem Saal herrschte ein Schweigen tiefer Ergriffenheit. Ferdinand hatte mit großer Eindringlichkeit wenn auch nicht sehr laut gesprochen. Man glaubte, er sei zu Ende, aber nun begann er noch einmal. Seine Kraft schien indessen nachzulassen. Die Stimme zitterte, der Ton klang weinerlich, und nur mühsam brachte er noch einige Schlußsätze hervor. »Ich muß Ihnen noch einmal sagen, was für ein edler Mensch mein Bruder ist. Nichts, nicht ein Wort ist wahr, was dieser gewissenlose Fälscher behauptet hat ... niemals hat er mich unterdrückt ... großmütig hat er immer auf meine Fehler und Schwächen geblickt ... mir Vertrauen geschenkt, als sei ich der Bessere ... das habe ich nicht vertragen ... er war Abel ... ich wollte Kain sein ... niemand hat ein Recht, das zu verdrehen. Darum flehe ich noch einmal, verurteilen Sie mich, nur mit der einen Vergünstigung, daß ich noch einmal zu ihm darf, ehe ich aus der Welt verschwinde. Verurteilen Sie mich, meine Herrn, schnell, schnell, es ist ja doch alles so klar, ... was ist da noch viel zu überlegen ... und kommen Sie bald aus Ihrem Beratungszimmer zurück, ehe ich den Verstand verliere.« Entkräftet sank Ferdinand auf die Holzbank. Ohne das Geringste von dem Gesagten zu begreifen, blickten sich die Geschworenen an. Einige schauten fragend auf Dr. Sobelsohn, dessen Mund während der Rede seines Angeklagten ein künstliches Lächeln der Ironie gekräuselt hatte. Er machte nun, nach der Geschworenenbank gerichtet, eine Gebärde gegen die Stirn, um auszudrücken, daß es im Kopf des Angeklagten nicht ganz richtig sei. Während sich die Geschworenen zurückzogen, herrschte furchtbares Schweigen in dumpfer Schwüle. Der Nachmittagshimmel hatte sich grau überzogen, an allen Fenstern des Saales summten dichte Scharen schwarzer Fliegen. Sobelsohn war aufgestanden und trommelte nervös an den Scheiben. Die Geschworenen kamen sehr schnell zurück. Der Obmann sagte mit schlecht verständlicher, stark mundartlich gefärbter Sprache, daß die Schuldfrage einstimmig verneint worden sei. Ferdinand stieß einen Schrei aus und sank zurück. Nach der Verlesung des Urteils durch den Vorsitzenden erhob sich der Staatsanwalt und beantragte die Fortdauer der Haft Ferdinands wegen des dringenden Verdachtes, daß er an der monarchistischen Verschwörung seines Bruders beteiligt gewesen sei. Die beiden Wachmänner brachten den Halbbewußtlosen in seine Zelle zurück, von wo er, ebenso wie Melusine, noch in der Nacht auf Todtmoosers Befehl zu den politischen Angeklagten in den Keller des Auswärtigen Amtes überführt wurde. XLV Der junge Graf Herbert Waldegg, der Sohn Espérancens, der das letzte Jahr im Ausland gelebt, hatte dort erfahren, daß seine Mutter verhaftet worden war und in stündlicher Gefahr schwebte, erschossen zu werden. Ohne Zögern eilte er nach Rolfsburg. Er war ein junger, eleganter Mensch von biegsamer Gestalt, glattem, rosigem Gesicht ohne irgend welche Besonderheit des Ausdrucks, aber mit festblickenden blauen Augen. Vom Bahnhof begab er sich sofort nach dem Ministerium des Äußeren, in dessen Kellern noch immer die Todtmooser am meisten interessierenden Gefangenen schmachteten, die er sich täglich zum Verhör vorführen ließ. Waldegg war bereit, sich wenn nötig mit dem Revolver den Weg zur Mutter zu bahnen, fand jedoch eine auffällige, ihn zynisch anmutende Bereitwilligkeit der die Gefangenen bewachenden Soldaten. Im Augenblick werde die Frau Gräfin zwar wieder oben von den Herrn verhört. Später aber könne er wiederkommen, da sie heute noch mit den andern Teilnehmern an der Verschwörung »drankäme«, nämlich erschossen zu werden. Herbert sprach kein Wort. Er ging vor dem Gebäude auf und ab. Dort standen eine Menge Leute, teils Neugierige, die auf die Urteile warteten, die heute gefällt werden sollten, teils Angehörige und Freunde von Verhafteten. Er erfuhr, daß das Auto Todtmoosers nach dem Verhör aus dem Torweg kommen müsse; einige wollten versuchen, seine Gnade zu erflehen. Waldegg hielt sich nun etwas abseits, und, als das Auto mit dem Diktator herauskam, gab er einen Schuß auf ihn ab. Die Menge stürzte sich wie auf ein gegebenes Kommando über den Blutenden. Von den Zuschauern konnte später niemand sagen, wie es begonnen hatte, aber plötzlich sah man, wie der Leib Todtmoosers aus dem Auto gezerrt, hin und her gerissen und schließlich auf dem Pflaster buchstäblich zertrampelt wurde. Indessen zog ein Trupp Soldaten heran. Kaum hatten diese das Geschehene begriffen, als sie in Hurrarufe ausbrachen und sich selber die roten Kokarden der sozialen Republik herabrissen. Waldegg trat auf sie zu und fragte sie, ob sie bereit seien, ihm, dem früheren Offizier des Leibregiments, zu folgen und die unschuldig Verhafteten zu befreien. Jubelnd bejahten sie. Drinnen stieß man auf keine Schwierigkeiten. Die Wärter öffneten jede Tür. Eben hatten sie Espérance, des Todes gewärtig, in eine Zelle gebracht. Sie war in diesen Tagen alt und grau geworden, mechanisch blätterten ihre Hände in einem Gebetbuch. In ihrem dunkeln Kleid und mit dem schlecht frisierten Haar, sah sie aus wie eine Frau, die zeitlebens nichts als Kummer gekannt, aber alles Unglück mit Würde getragen hat. Beim Öffnen der Tür schrak sie zusammen. Sie konnte nichts anderes, als ihre Abholung auf den Hof zur Vollstreckung des Urteils erwarten. Da stürzte der Sohn, den sie ferne wähnte, in ihre Arme. In den Kellern nebenan befanden sich Offiziere, Journalisten, Sekretärinnen und andere Personen, die in den letzten Tagen vor dem geplanten Einzug des Prinzen Amadeus in das Geheimnis gezogen und dann verdächtigt worden waren. Unter ihnen standen sich, aus ihren Einzelzellen befreit, plötzlich Ferdinand und Melusine gegenüber. Erst allmählich begriffen die Befreiten, was vorging. Als Waldegg seine Mutter aus der Zelle führte und beide diese überrascht begrüßten, war sie kaum eines Wortes fähig. Auf Herbert deutend schluchzte sie nur: »Mein Sohn!« Er aber sagte ihnen schnell, sie sollten den augenblicklichen Zustand des Durcheinanders zu schleuniger Flucht benützen, denn niemand könne wissen, was noch geschehen werde. Er selbst, den niemand kannte, brachte die entkräftete Espérance in ein Auto und fuhr mit ihr nach dem Bahnhof. Sein Ziel war Floridsburg, dessen Abgelegenheit zwischen ländlicher Bevölkerung zunächst noch Sicherheit bot. Dort packten sie schnell ihre Koffer und reisten dann über die österreichische Grenze in den Süden. Ferdinand und Melusine hegten beide den Wunsch, noch heute an Erichs Lager zu eilen. Melusine hatte genug Geld bei sich, so daß sie zusammen den Abendzug nehmen konnten. Sie saßen sich in der Bahn lange allein und schweigend gegenüber. Hinter Rolfsburg war die Sonne versunken, über Österreich lag am östlichen Himmel blaßpurpurne Gegendämmerung. Trauriges Licht fiel über die abgeernteten Felder. Melusine begann plötzlich zu schluchzen und erklärte sich schuldig an allem. was geschehen war. Ferdinand fand keine Worte der Erwiderung. »Ferdinand, vielleicht ist der Augenblick gekommen, wo wir alles wieder gut machen können. Er wird sich erholen; noch ist er zu schwach, um selbst handeln zu können, aber er hat ja uns beide, und wir können vielleicht die zerrissenen Fäden wieder anknüpfen, bis er sie von neuem in die Hand nehmen kann.« Ferdinands Augen leuchteten auf. Er drückte ihr die Hand und erklärte, das sei ein Hoffnungsstrahl, er wünsche sich nichts besseres, als für das von ihm gestörte Werk des Bruders sein Leben zu opfern. Nach der Tat des jungen Waldegg hielt sich die erschrockene Gefolgschaft Todtmoosers zunächst ratlos in dem Raum, wo sie noch eben mit zynischen Witzen dem Verhör Espérancens beigewohnt hatte. Man erwartete zitternd den sofortigen Ausbruch der Gegenrevolution, aber da der Urheber der Tat nur die Mutter hatte retten wollen und gleich mit ihr verschwunden war, regte sich nichts in der Stadt. Der Fernsprecher funktionierte, und es gelang, Morgenthau zu erreichen, der noch nichts von dem Geschehenen wußte. Er erklärte sich bereit, die Regierung wieder zu übernehmen. Von seinen alten Getreuen umgeben und mit militärischer Bedeckung zog er gegen Abend in dem Ministerium ein. Ein sofort verbreiteter Erlaß versprach Schutz für jeden, der sich in diesen schweren Tagen ruhig hielt. Die Bevölkerung atmete auf. Verglichen mit Todtmooser bedeutete Morgenthau die Rückkehr der Ordnung. XLVI Ferdinand und Melusine erreichten ihr Reiseziel noch am Abend. Er begab sich in das Gasthaus, wo Prinz Amadeus wohnte. Am anderen Morgen schickte er diesem einen Brief in sein Zimmer mit der Frage, ob er es wagen dürfe, ihm noch einmal unter die Augen zu treten. Der Prinz ließ ihn zu sich bitten, und als Ferdinand hereintrat, umarmte er ihn und sagte: »Sprechen wir nicht von dem Vergangenen, mein armer Freund, ich weiß, wie Sie gelitten haben.« Erich hatte Melusinen eigentlich schon am gestrigen Abend zurückerwartet, indessen beunruhigte ihn ihre begreifliche Verspätung noch nicht. Die Nachricht von dem Ausgang des Prozesses und den Verhaftungen Melusinens und Ferdinands war in der kleinen Landstadt im Lauf des Tages bekannt geworden, und der Primararzt des Krankenhauses sah mit Unruhe dem folgenden Morgen entgegen, wo er seinem noch schwachen Patienten die Mitteilung machen müßte. Da kehrte nun in der Nacht Melusine zurück. Sie trat morgens freudig zu Erich herein, um ihm den Freispruch des Bruders und seine Anwesenheit mitzuteilen. »Geh' und hole ihn gleich,« rief er aus, ehe sie ihm weiteres mitteilen konnte. »Sag ihm, wie ich über alles denke. Ich habe verziehen, und wir wollen sprechen, als mache er mir einen gewöhnlichen Krankenbesuch.« Seit einiger Zeit durfte Erich mehrere Stunden des Tags aufsein. Während Melusinens Abwesenheit kleidete er sich an. Nach einer halben Stunde brachte sie Ferdinand herein. Erich saß, noch etwas blaß, in einem Lehnstuhl. Es hatte in der Nacht geregnet. Das Fenster des Krankenzimmers stand offen. Draußen zwitscherten in frischer Oktoberbläue Vögel aus dem rotgelben, schweren Laub eines Kastanienbaumes, den leiser Wind bewegte. Ferdinand stürzte sich vor Erich auf die Knie und küßte die blassen, mager gewordenen Hände, auf denen sich alle Adern abzeichneten. »Steh auf, mein Lieber,« sagte dieser mit sanfter Stimme. Ferdinand erschauerte. Er blickte ihm in die dunklen Augen. Wie hatte er darin je einen lauernden Indianerblick sehen können? Sie waren milde, wie bei den Buddhastatuen daheim in Sensburg. »Du siehst«, fuhr Erich fort, »ich lebe und ich leide nicht. Der Arzt verspricht, daß ich nächster Tage ein wenig in den Garten gehen darf.« Trotzdem war Ferdinand voll Unruhe. Erregt, aber entschlossen sagte er: »Erich... Du willst, daß von dem Vergangenen nicht gesprochen wird. Gut, lassen wir es, ich darf Dich ja auch heute noch gar nicht um Verzeihung bitten, aber ich habe jetzt erkannt, wie ich sie vielleicht bald gewinnen kann.« Er berichtete nun dem Bruder von seiner und Melusinens Verhaftung nach dem Prozeß und der Tat Herbert Waldeggs. Eben hatte er auf der Straße ein neues Telegramm gelesen mit der Nachricht, daß in Rolfburg gestern Abend Morgenthau die Regierung wieder übernommen habe. Die Dinge lagen also wieder wie früher vor seinem Schuß. Erich hörte diese Nachricht mit überraschtem Interesse. Ferdinand beugte sich zu dem Ohr des Bruders und sprach leise aber eindringlich: »Erich... hör mich an... ich hatte mich wegen meiner Tat selbst zum Tod verurteilt, aber die Hunde haben mich um meine Strafe betrogen, sie sollen es bereuen. Ich nehme jetzt dieses Leben wieder an, aber im Dienst für Deine Sache. Falle ich dabei, dann ist es mir recht, bleibe ich am Leben, dann will ich den Freispruch des Schicksals anerkennen.« »Was hast Du denn vor?« fragte Erich unruhig, die fiebernde Hand Ferdinands erfassend. Dieser flüsterte ihm in's Ohr und zog zugleich Melusinen an der Hand herbei, damit sie es hören konnte: »Ich werde den Morgenthau erschießen ... hört Ihr... dann ist der Weg wieder frei für Dich... Du brauchst dann nur zu kommen und das ganze Land wird hinter Dir stehen...« Melusinens Augen leuchteten auf. »Ferdinand«, rief sie, »das wäre die Rettung«. Erich griff beider Hände und sagte: »Ihr seid ja wahnsinnig alle beide. Du willst also, nur um Dein Gewissen zu beruhigen, noch einmal schießen...?« »Aber dieses Mal auf den Richtigen«, brachte Ferdinand gepreßt hervor. »Es gibt keinen Richtigen und keinen Falschen«, erklärte Erich. Beide schauten ihn schweigend an, als erwarteten sie, von ihm ein Orakel zu hören. »Was Du mir da von Morgenthau sagst,« fuhr er ruhig fort, »ist allerdings sehr wichtig, und wenn Du mir Deine Kräfte zur Verfügung stehen willst, so nehme ich sie an. Aber dann mußt Du etwas ganz anderes tun.« Erich richtete sich in dem Lehnsessel auf. Er sah aus wie früher. Sein Auge leuchtete lebhaft, aber Ferdinand bemerkte auch jetzt darin nichts mehr von einem Indianerblick. »Sobern lebt hier in der Nähe auf einem Gut«, sagte er leise. »Während Melusine ihn hierher holt, versuchst Du an einer verborgenen Stelle über die Harringische Grenze zu gehen. Es ist Herbst. Niemand wird Dich erkennen, wenn Du abends in einem Radmantel mit aufgeschlagenem Kragen in Rolfsburg erscheinst. Gehe in Pauseckers Wohnung und frage ihn, ob er zusammen mit Sobern die Ordnung wieder herstellen will«. »Und der Prinz? Wird Pausecker für die Monarchie zu haben sein?« »Um die Frage handelt es sich nicht mehr. Der Prinz hat sich, wie Ihr wißt, nie zur Krone gedrängt. Jetzt geht es nur noch um die Einrichtung eines geordneten Staatslebens. Wir haben ja oft darüber gesprochen, so daß Du Pausecker weiter nichts zu sagen brauchst. Wenn möglich, bringe ihn gleich hierher, damit er sich mit Sobern für alle Fälle besprechen kann.« »Ich tue alles für Dich«, antwortete Ferdinand, »aber welche Rolle behältst Du Dir selbst dabei vor?« »Gar keine,« erwiderte Erich, »ich muß jetzt in den Hintergrund treten.« XLVII Während Erichs Krankenlager war Melusine oft in das nahe Sensburg hinüber gegangen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Den beiden jüngeren Dienstmädchen wurde gekündigt. Zur Beruhigung der durch die Erlebnisse schwer erschütterten Frau Betty ließ Erich seinen Chauffeur Wildgruber dort wohnen. Die Zeugenvorladung zum Prozeß hatte ihn erreicht, aber auf Erichs Rat war er ihr nicht gefolgt. Er hätte sich dank seiner Mitwisserschaft an den politischen Plänen nur unnötig in Gefahr begeben, ohne das Geringste zu Ferdinands Entlastung sagen zu können. So lebte er denn zusammen mit Frau Betty und suchte deren wirre Auffassung der Dinge etwas zu klären. Zuerst war sie von einem wilden Haß gegen Melusine erfüllt gewesen, die sie für die Urheberin allen Unglücks hielt. Als sie aber immer wieder durch sie hoffnungsvolle Nachrichten über die Aussichten des Prozesses empfing und sah, wie sie und Erich sich um Ferdinands Angelegenheit kümmerten, beruhigte sie sich etwas. Entscheidend war ein Besuch, den sie mit Wildgruber im Krankenhaus machte. Auch schrieb ihr Ferdinand einmal aus dem Untersuchungsgefängnis, sie solle sich den Anordnungen seines Bruders hinsichtlich des Haushaltes in allem fügen. Verstehen konnte sie das allerdings nicht. Warum Ferdinand geschossen hatte, das vermochte sie sich aus ihrem weiblichen Instinkt schon zu erklären, wenn sie auch nicht aus dem Entsetzen darüber herauskam, aber daß nun zwischen den Brüdern wieder alles beim alten war, obgleich Melusine nicht von Erichs Krankenbett wich, das sollte einer begreifen. Indessen, gebildete Herrschaften, das wußte sie, machten vieles anders als die einfacheren Leute, und sie hatte es längst hinnehmen gelernt. Ihre Freude war groß, als ihr an diesem Morgen Melusine telephonierte. Den Freispruch hatte Wildgruber schon in der Zeitung gefunden, aber leider auch die Nachricht, daß Ferdinands Haft nicht aufgehoben war. Nun sollte sie erfahren, daß ihr Herr heute zum Mittagessen in Sensburg eintreffen, nachmittags freilich sofort weiterfahren würde. Nach dem Gespräch mit Erich war Ferdinand freier, als er sich je im Leben gefühlt hatte. Der alte Träumer, der schon seit seiner Tat verschwunden, war erst durch den Verbrecher, dann durch den Büßer abgelöst worden. Nun lag auch dies hinter ihm. Früher hatte er sich bei all seinen Verstimmungen und Melancholien oft damit getröstet, daß er wenigstens frei sei, zu tun, was er wolle, und die Folge davon war meist gewesen, daß er sich für gar nicht entschied. Jetzt hingegen gab es gar keine Wahl als die eine, zu tun, was er mußte und mit seinem ganzen tiefsten Wesen wollte. War das nicht vielleicht die wirkliche Freiheit, das echte Wu-Wei? Hatte nicht das frühere Freisein zu allem willkürlich Erdenkbaren gerade daran gehindert, je etwas einzig Notwendiges zu tun? Solche Gedanken drängten sich ihm auf, während er sich zu Fuß Sensburg näherte, dessen spitz ansteigendes Dach hinter Ulmen erschien. Er entsann sich jener Sommerfrühe, in der er das Haus als ein die Strafe suchender Verbrecher verließ, nur von Skanny begleitet. Zu seiner Linken lag in der Oktobersonne das weiße Haus der Gendarmerie, durch dessen Tür er das alte Leben verlassen hatte. Wieder ging er den Abkürzungsweg über die Wiesen, dann hörte er die Hühner von Sensburg. Das Küchenfenster stand offen. Frau Betty sprach mit jemand. Dort wurde wie einst eine Mahlzeit für ihn bereitet. Der schwarze Skanny sprang ihm entgegen und hüpfte in seinem Freudentaumel ihm fast bis zur Brusthöhe. Ferdinand kehrte in sein Haus zurück, dieses Mal freilich nicht zu beschaulicher Rast. Einen Augenblick durchzitterte ihn tiefschmerzlich der Gedanke an Melusine, die nicht mehr hierher kommen würde, aber schnell klammerte er sich wieder an das, was es jetzt zu tun galt. Das erste Zusammentreffen mit der alten Betty, die ihn und Erich als Kinder zusammen hatte spielen sehen, scheute er ein wenig. Wie oft mochte sie der Eltern Holthoff gedacht haben, deren Jüngster nun auf den Ältesten geschossen hatte, aber mit denen, die seine Tat betraf, und mit sich selber war er nun im Reinen, und so schüttelte er der alten Frau Betty die Hand, als käme er wie sonst von einer Reise zurück. Sie war unverändert, vielleicht noch etwas starrer als sonst. Skanny sprang jubelnd umher, Cora lag faul und fett in der Ecke wie ein Mehlsack. Sie hatte viel von ihrem fürstlichen Anstand verloren und schien zu ahnen, daß die Zeit der Prinzen und Könige vorüber sei. Ferdinand dachte der vielen Abende, an denen sie um ihn und Melusine herumgeschlichen war, die sie nicht geliebt hatte. Während Frau Betty ihn bei Tisch bediente, – sie verfehlte nicht, ihm seine alten Lieblingsgerichte vorzusetzen – dankte er ihr, wie gut sie in seiner Abwesenheit alles in Ordnung gehalten. Der Wildgruber hatte ihr geholfen, Möbel und Kunstsachen durch Hüllen gegen Staub zu schützen. Es war Ferdinand doch recht, daß sie dem Chauffeur ein Fremdenzimmer aufgesperrt hatte? Die Mahlzeiten nahm er mit ihr in der Küche. Frau Betty unterbrach Ferdinands Nachdenklichkeit durch die Frage, ob er denn bald wieder ganz nach Sensburg kommen würde. Er vermochte ihr noch nichts Bestimmtes zu versprechen. Wildgruber mußte ihn nach Tisch im Auto in die Nähe der Grenze bringen, wo er durch eine Schlucht schnell nach Harringen gelangen und in einer Viertelstunde die nächste Bahnstation erreichen konnte. Als Gepäck nahm er nur einen Rucksack mit. Auch kleidete er sich wenig reisemäßig: kurze Hosen und Joppe. Trotzdem konnte er nicht sagen, wann er zurückkommen würde. Vielleicht übrigens schon morgen. Tatsächlich war er vierundzwanzig Stunden später wieder da. Er brachte nur seinen Rucksack zurück und erklärte, wiederzukommen; dann fuhr er gleich mit Wildgruber zu Erich ins Krankenhaus. Melusine hatte am vorigen Tag bereits Sobern hergebracht, der in dem Gasthaus abgestiegen war, wo Prinz Amadeus wohnte. Ferdinand fand beide mit Melusinen im Krankenzimmer. Erich saß in seinem Armsessel und rauchte zum erstenmal wieder eine Zigarre. Der Arzt, der den gestrigen Besuch nicht gerade begrüßt, hatte sich überzeugen müssen, daß er auf Erich sehr günstig wirkte. Seine Lebensgeister waren erwacht, ohne daß am Abend, wie noch einmal am Tage der Abreise Melusinens, sich die Temperatur erhöhte. Ferdinand berichtete nun, daß er gestern abend unerkannt in die Wohnung Pauseckers gelangt sei und ihn bereit gefunden habe, hierher zu kommen, um mit Erich zu verhandeln. Er selbst habe ihn veranlaßt, nicht mit ihm zu fahren, da, im Falle er erkannt und wieder verhaftet würde, Pausecker sein Schicksal teilen müßte. Am folgenden Tag erschien Pausecker. Erich hatte ihn einige Monate nicht gesehen, nur die Nachricht von ihm erhalten, daß er sich verlobt habe. Sein Schwiegervater war ein bekannter bürgerlicher, aber ziemlich links gerichteter Professor der Nationalökonomie an der Universität Rolfsburg. Es fiel Erich auf, daß Pausecker, der, seit die Kriegsnot behoben war, begonnen hatte, ein behagliches Embonpoint zu gewinnen, wieder schmäler geworden war. Seine Haltung schien gestrafft, seine Bewegungen waren lebhafter als früher, ja etwas nervös. Erich fragte sich: »Sollte seine Stunde geschlagen haben?« Es war Erich sichtlich nicht gerade erwünscht, daß in diesem Augenblick der Prinz und Sobern in dem Krankenzimmer anwesend waren. Pauseckers Blick schien den Prinzen etwas überrascht zu mustern. Als Erich ihn vorstellen wollte, kam jener ihm zuvor und sagte: »Lieber Holthoff, es ist für den politischen Ruf Ihres Freundes gewiß vorteilhafter, wenn er auf alle Fälle mit gutem Gewissen sagen kann, er kenne mich nicht und habe nie mit mir gesprochen, aber ich möchte Ihnen sagen, wie sehr es mich freuen wird, später, wenn es ihm nichts mehr schaden kann, ihm einmal die Hand schütteln und ihm aussprechen zu können, wie aufrichtig meine Wünsche sein Tun für unser gemeinsames Vaterland begleiten. Damit trete ich nun zurück. Ich weiß, daß ich jetzt nichts anderes für Harringens Glück tun kann.« Als er sich mit einer kurzen Verbeugung vor Pausecker, die dieser ebenso erwiderte, empfahl, sagte General Sobern: »Ich glaube, es ist das beste, ich schließe mich zunächst Sr. Kgl. Hoheit an. Sprechen Sie erst einmal allein zusammen und stellen Sie fest, ob Sie meine Dienste brauchen. Wenn ja, stehe ich Ihnen mit meinen Kräften unmittelbar oder auch mittelbar zur Verfügung, aber ehe das entschieden ist, wird es für das Werk, auf dessen Gelingen wir alle hoffen, besser sein, wenn Ihr Freund sagen kann, er habe auch mich nicht gekannt.« XLVIII Nachdem Melusine mit den beiden Herren das Zimmer verlassen und Erich sich wieder in seinen Krankensessel gesetzt hatte, rief Pausecker aus: »Zwei prächtige Menschen, es ist mir schwer gefallen, dem alten Herrn nicht die Hand zu drücken.« »Nun, wenn alles glückt, wird dazu bald Gelegenheit sein,« erwiderte Erich. »Sie sehen übrigens brillant aus, lieber Freund.« Dann setzte er Pausecker genau auseinander, wie er die Wiederherstellung der Ordnung seinerzeit geplant hatte. Die meisten Fäden ließen sich wieder aufnehmen. Dank der Diktatur Todtmooser, die von allen Parteien verflucht wurde, lagen nun nach der Meinung beider Männer die Verhältnisse eher noch günstiger als damals. Pausecker berichtete, daß er inzwischen mit heimgekehrten Offizieren, die aus den Ereignissen etwas gelernt, ein Freikorps organisiert habe, in dem er Jugend aus allen Lagern mischte. Das einende Wort lautete: antimarxistischer Sozialismus. Allen diesen jungen Leuten bedeuteten die Parteischlagworte auffallend viel weniger, als den älteren. Sie wünschten nur, bald Zustände zu sehen, in denen wieder sinnvolles Leben und ein fruchtbares Wirken möglich sei, unter welcher äußeren Form auch immer. »Sie können mir glauben,« erklärte Pausecker, »daß ich genau so fühle. Wäre Ihnen die Wiederherstellung der Monarchie in demokratisch-konstitutioneller Gestalt gelungen, ich hätte mich Ihnen zur Verfügung gestellt, wie die Sozialisten in England tun. Unter uns gesagt: persönlich ist mir die Frage Monarchie oder Republik heute gleichgültig, aber tatsächlich ist das Schuldkonto der Monarchie und des Bürgertums in den Kriegsjahren zu groß geworden, oder neutraler und sachlicher ausgedrückt: die Verstimmung gegen beide ist, ob mit Recht oder Unrecht, zu stark, um nicht sehr ernstlich berücksichtigt werden zu müssen.« Die Augen des sonst so gemessenen Mannes leuchteten. Was ein Leben lang in ihm gegoren, nur stückweise Ausdruck gefunden, woran er dann wieder irre geworden, war nun, da er seine unveränderte Gesinnung von allen Parteivorurteilen gereinigt hatte, zu einer Einheit geworden, an die er selbst zum erstenmal ganz glauben konnte. »Eben darum habe ich Sie hierher gebeten, lieber Freund,« sagte Erich ruhig, »wir müssen beide unter unsere Vergangenheit einen Strich machen, aber die Pietät für sie wollen wir behalten. Im Neuen, Kommenden treffen wir uns. Schaffen kann es in diesen Tagen nur ein Sozialist, der wie Sie, auch in der Öffentlichkeit als solcher gilt, und darum werde ich mich nun zurückziehen, nachdem ich Ihnen meine Fäden in die Hand gegeben habe.« »Ich verstehe Ihren Rücktritt nur als Übergang,« erwiderte Pausecker lebhaft, und in seiner früheren, jünglinghaften Art fuhr er fort, »ich kann Ihnen nicht sagen, wie glücklich es mich macht, daß mich das Festhalten an dem, was mir das Rechte scheint, nicht Ihre Freundschaft kostet, denn ohne die Begegnung mit Ihnen hätte ich meinen Weg nicht gefunden. Sie sind mein wichtigster Lehrer gewesen.« »Übrigens wird es noch schwere Kämpfe geben. Ein anderer Teil der sozialistischen Jugend befreit sich ebenfalls von den Scheuklappen des Marxismus und nähert sich den alten Kulturwerten, aber der Proletarier soll dennoch nicht Bürger werden. Ich gestehe, daß mich hier die Entscheidung noch einen schweren Gewissenskampf gekostet hat, und, wenn ich Sie nicht kennen gelernt hätte, wäre ich vielleicht mit jenen gegangen, die mich heute einen Verräter am Proletariat nennen.« »Das wird sich geben,« meinte Holthoff. »Jeder Sozialismus, der die marxistische Kulturfeindschaft aufgibt, wird notgedrungen individualistisch und für uns diskutabel. Es wird unwichtig sein, ob man später einmal sagt, der Sozialismus sei im Bürgertum aufgegangen oder dieses in ihm, so wie man in einer guten Ehe nicht weiß, ob er sich nach ihr oder sie nach ihm richtet.« »O sagen Sie das so laut Sie können, mein Freund,« erwiderte Pausecker, »damit es alle hören.« »Nein, lieber Pausecker, Sie müssen es nun sagen. Ich muß jetzt schweigen. Mir würde man das nur als schlauen Opportunismus auslegen, Sie haben jetzt das Wort. Ich weiß es, Ihre Aufgabe ist furchtbar schwer. Zwar denken alle Menschen, welche die letzten Jahre nicht bloß erlitten, sondern erlebt haben, wie Sie und ich, aber nur unter vier Augen. Es wird noch lange dauern, bis sie sich auch öffentlich von ihren Schlagworten zu lösen getrauen.« Erich erhob sich aus seinem Krankensessel, und seine hohe Gestalt stand wieder aufrecht, wie einst. Er streckte Pausecker beide Hände entgegen, die dieser ergriff, und sagte: »Es wird Ihnen gelingen, lieber Freund, denn Sie haben den rechten Geist. Sie wissen jetzt, daß man das Verkehrte nicht auf seiner Ebene bekämpfen soll, denn dann wird man selbst verkehrt, sondern daß man zunächst als Einzelner eine Stufe über das Bisherige hinaussteigen muß, um einen neuen Ausblick zu gewinnen und etwas anderes schaffen zu können.« Pausecker wurde nachdenklich. War das wirklich seine Erkenntnis? Instinktiv hatte er tatsächlich immer so gehandelt, aber jetzt zeigte ihm erst der Andere den Sinn und die Weisheit, die darin lagen. »Ja,« rief er, »das ist mein Glaube, aber Ihre Worte machen ihn mir erst ganz bewußt. Und nun verstehe ich auch, warum Sie nichts auf Theorien und Ideale geben, sondern nur auf das individuelle Ethos, welches das Leben als Tragödie annimmt, in der man vielleicht untergeht, um man selbst zu werden.« »Nun,« sagte Erich, »mit dieser Auffassung können Sie es wagen, einen Staat zu retten.« »... und zu heiraten,« fügte der glückliche Pausecker lachend hinzu.   Pauseckers Unternehmen gelang ohne Sobern mit Hilfe des Freikorps und der Volkswehr. Morgenthau trat beim ersten Erscheinen einer realen Macht friedlich von der politischen Bühne ab und kehrte zu seiner wahren Aufgabe, dem oppositionellen Journalismus zurück, wo er künftig als leis komische aber immer eindrucksvolle Figur noch gelegentliche Lorbeeren erntete. Die Erinnerung an die Revolution blieb der Höhepunkt seines Lebens und gern flunkerte er davon beim Wein. Pausecker berief Krailinger, den Führer der Bauernschaft, mit dem er gemeinsam eine Übergangsregierung bildete. Dagegen suchte Pausecker für den Posten des Kultusministers einen Mann von freier Geistigkeit, aber aus der alten Schicht. Er wendete sich an Ferdinand Holthoff. Dieser lehnte jedoch in einem Privatgespräch, hinter seiner Hornbrille lächelnd, das Anerbieten ab, stellte aber mit bereitwilligem Eifer seine Dienste für die Förderung der Museen und des Kunstlebens an bescheidenerer Stelle zur Verfügung. Auch die anderen Teilnehmer und Mitwisser an Erich Holthoffs Plan konnten bald nach Harringen zurückkehren. XLIX Erichs Entlassung aus dem Krankenhaus stand dicht bevor. Eines Tages schlug er Melusinen vor, nach Italien zu gehen, um dort einige Zeit in der Stille einer kleinen Stadt zu leben. »Und Ferdinand?« war das erste Wort, das ihr unwillkürlich entfuhr. »Ja, Ferdinand,« erwiderte Erich nachdenklich, »man kann ihn jetzt nicht sich selbst überlassen. Nehmen wir ihn mit.« »Erich, du bist wirklich ein guter Mensch,« erwiderte sie beglückt und drückte seine Hand. »Gut?« erwiderte er, »ich weiß nicht, ich glaube, ich bin gar nichts mehr, nicht gut und nicht böse, ich muß irgend etwas tun, aber ich könnte selbst nicht sagen, was.« Nach diesem Gespräch telephonierte Melusine sofort an Ferdinand nach Sensburg und verabredete mit ihm, wie jetzt öfters geschah, einen Nachmittagsspaziergang. Es war ein klarer Spätoktobertag. Beide saßen auf einer besonnten Bank, von der man das Städtchen und in der Ferne Sensburg liegen sah. Nachdem sie bisher über Gleichgültiges gesprochen hatten, sagte Melusine plötzlich: »Das Allerneueste ist übrigens, daß wir in acht Tagen nach Bergamo gehen, und das Brüderchen kommt mit.« Ferdinand traf es wie ein Blitz. Er blickte sie an, und ihm war einen Augenblick, als sei nichts geschehen, seit jenen Nächten, in denen er mit ihr allein zwischen den Buddhas und den Barockheiligen in seinem Haus gesessen hatte. Er war keines Worts fähig, all das Zurückgedrängte stieg mit Macht wieder in ihm empor, und er erschauerte. »Das ist ja nicht möglich,« flüsterte er nach einigen Minuten des Schweigens, während deren Melusine ihn mit den Blicken verschlang. »Was wissen wir denn heute, was möglich ist,« sagte sie. Dann erhob sie sich und bemerkte, es sei Zeit heimzukehren, um nach dem Kranken zu sehen. Auf dem Rückweg sprach sie nur von den praktischen Vorbereitungen der Reise und bat ihn, morgen seinen Baedeker von Oberitalien ins Krankenhaus zu bringen. Vierzehn Tage später waren die Brüder mit Melusinen in einem alten Palazzo in der Oberstadt von Bergamo einquartiert. Erich und Ferdinand machten oft allein Spaziergänge in der gebirgigen Umgebung, in der es noch spätsommerlich war, und Erich wußte sich vor Staunen nicht zu lassen über das, was ihm Ferdinand nun allmählich über seine inneren Wandlungen im Gefängnis erzählte. Er hatte ja nicht geahnt, daß sich in der Kindheit Ferdinand je als der Benachteiligte gefühlt hatte, vielmehr gestand er nun dem Bruder, daß er selbst sich als der Zurückgesetzte vorgekommen war, wenn er sah, wie der Jüngere bevorzugt und verhätschelt wurde. Er habe indessen seinen tiefen Schmerz darüber ganz in sich verschlossen. »Siehst du,« sagte er, »darum bin ich dann so hart geworden; wenn ich nicht die Liebe der Menschen haben konnte, so wollte ich sie wenigstens beherrschen, und je mehr ich sie beherrschte, desto weniger liebenswert erschienen sie mir und erschien ich mir selbst, das ist das Geheimnis meiner Menschenverachtung. Einmal in meiner Jugend in Paris ist es mir freilich geschehen, daß sich mein Herz einer Frau voll Vertrauen öffnete, aber da geboten es die Umstände, daß ich meine Gefühle nicht voll verwirklichen durfte. Wohl ist ihnen ein kleiner Ausweg gelassen worden, was ja für den aufsteigenden Staatsmann vielleicht schon nahe daran war, meine eigene Haut zu werden, wenn du ihn nicht durchlöchert hättest. Darum hatte ich dir damals sofort verziehen, ja ich fühlte, daß ich dir eher danken sollte.« Ferdinand machte eine heftige Bewegung der Abwehr. »Ja danken,« wiederholte Erich, »ich war unempfindlich geworden, was ja für den ansteigenden Staatsmann vielleicht ein Vorteil ist, aber zugleich blind für die andere, schönere Hälfte der Welt...« Plötzlich stockte er, Ferdinand aber sagte, innerlich zitternd: »Wenn dir die jetzt offensteht, so verdankst du das doch wohl jemand anderem als mir.« Öfters kam das Gespräch bis zu diesem Punkte, aber dann brach es jedesmal ab, und nach kurzem Schweigen begann der eine oder der andere von etwas gleichgültigem zu sprechen. Meistens gingen sie zu dritt spazieren, bisweilen auch Melusine und Ferdinand, aber nie kam es dazu, daß Erich und Melusine allein gingen, beide schienen es zu vermeiden. Es hing eine Wolke des Zweifels über allen dreien, Erich erschien einsilbig, fast schwermütig, aber der Gequälteste war Ferdinand. Melusine sagte ihm indessen oft, wenn sie allein waren, wie sehr er sich zu seinem Vorteil verändert habe, erst jetzt sei er er selber. »Aber um was für einen fürchterlichen Preis,« erwiderte er. »Das ist jetzt gleichgültig,« meinte sie, »du hast sicher verkehrt gehandelt, aber du hast doch endlich einmal gehandelt und aus dir heraus.« Wieder schrak er zusammen, wie auf jener sonnigen Bank daheim, als sie ihm gesagt hatte, daß er mit nach Italien reisen würde. Versuchte sie ihn von neuem, war sie am Ende doch ..? Er dachte an die bösen Gedanken, die er sich zuerst im Gefängnis von ihr gemacht hatte. Plötzlich quollen ihr die Tränen hervor. Er war ratlos, fragte sie, was ihr denn sei, und nun ergriff sie seine Hand und brach in die Worte aus: »Ferdl, als ich dich im Gerichtssaal sah, da wußte ich, daß ich zu dir gehöre, daß ich dich brauche, wie du mich. Immer wieder sehe ich dich vor mir auf der Anklagebank – durch meine Schuld.« Ferdinand mußte sich an einen Baum lehnen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Erschüttert starrte er auf Melusine, die, nachdem sich ihr jene Worte entrungen hatten, sicher und aufrecht vor ihm stand. »Melusine ...« brachte er zitternd hervor, »jetzt sind wir wieder da, wo wir waren, ehe ich ...« »Ja ...« sagte sie fest. »Melusine ... du bist ein Teufel,« preßte er durch die Lippen. Sie lachte fast frivol auf. »Will ich denn, daß du wieder auf deinen Gott schießen sollst? Das war damals gewiß eine Dummheit von dir ... und auch von mir.« Als Ferdinand stumm blieb, sagte sie kurz: »Komm, laß uns jetzt heimgehen.« L Erich empfing öfters von Pausecker Briefe. Dieser hatte ohne Mühe Prinz Amadeus und seinen Sohn zum endgültigen Verzicht auf den Thron veranlaßt, und nun handelte es sich darum, die Wahl des ersten Präsidenten der Republik Harringen vorzunehmen. Erich wußte, daß die bürgerlichen Parteien sich auf ihn geeinigt hatten, und daß demnächst eine offizielle Anfrage zu erwarten war. Es stand für ihn fest, daß er ablehnen würde. Bei Tisch sagte er einmal ironisch zu Ferdinand und Melusine: »Nun kann ich, wenn ich will, vielleicht sogar noch Staatsoberhaupt werden und mit Kaisern und Königen rangieren, was für eine Karriere! Wenn ich das als junger Mann in Paris geahnt hätte! Nur schade, daß es mich heute nicht im geringsten freut, sondern geradezu anwidert.« Nun rief Melusine mit einem eigentümlichen Eifer aus: »Wie, etwas Derartiges willst du ablehnen, das wäre geradezu eine Sünde, so etwas ist Schicksal, das muß man annehmen. Du bist doch unersetzlich!« Erich warf ihr einen schmerzlichen Blick zu und sagte: »So sprichst du, Melusine ...?« Auch Ferdinand blickte sie fragend, ja erschrocken an. »Mein Ehrgeiz ist Gott sei Dank erloschen,« fuhr Erich fort, »und wer ihn wieder in mir entfachen will, der rät mir schlecht, der ist nicht mein Freund, übrigens wird es ihm nicht gelingen.« Er stand auf und ging auf sein Zimmer. Melusine blickte fragend auf Ferdinand, der wie versteinert ihr gegenüber saß, dann sagte er: »Du bist fürchterlich, Melusine.« An diesem Tag ging Ferdinand allein spazieren. Nein, nein, sagte er sich, das darf nicht wiederkommen, das ist vorbei. Sie gehört ihm, das ist doch klar. Liebt sie mich denn? Wie wäre das möglich? Was will sie also von mir? Immer noch Brüderchen und Schwesterchen spielen, nachdem solche Dinge geschehen? Ja, sie ist wirklich fürchterlich, unheimlich wie ihre Namensschwester in der Sage, kein Mensch, ein Dämon, berückend und zerstörend. Was aber sollte er tun? Mit ihr ernsthaft reden? Das war schon geschehen. Wenn sie wieder zu weinen begann, war er machtlos. Mit dem Bruder offen sprechen? Der schien noch zu angegriffen und schonungsbedürftig. Ferdinand hatte erwartet, daß er nach dem Verlassen des Krankenhauses sofort Anstalten machen würde, Melusinen zu heiraten, aber bis jetzt war nichts dergleichen geschehen. Warum zögerte er? Ferdinand durchschauerte ein Gedanke. War ihm vielleicht Melusine auch fürchterlich geworden? Einige Tage später kam während des Frühstücks wieder ein Brief von Pausecker. Er berichtete, daß er mit seiner Partei, welcher zunächst der innere soziale Aufbau der Republik am Herzen lag, einig geworden war, dem bürgerlichen Kandidaten für die Präsidentschaft keine Schwierigkeiten zu machen, so daß also Erichs Wahl mit großer Mehrheit gesichert schien. Er, als der Einzige, der in diesem Augenblick einem solchen Amt gewachsen sei, dürfe nun nicht ablehnen, seine Pflicht ... Erich las nicht weiter, ärgerlich warf er den Brief Ferdinand hinüber und sagte: »Da lies ... Pflicht ... jetzt macht er es mit mir, wie ich einst mit Amadeus ... Ja, unsere Taten kehren zu uns zurück.« Ferdinand las, dann reichte er den Brief schweigend Melusinen. »Nun, so gib mir doch einen Rat,« sagte Erich, und seine Stimme klang verzweifelt. »Ich kann dir nicht raten ...« stammelte Ferdinand unsicher. Melusine aber sagte zu Erich, nachdem sie den Brief gelesen: »Komm ... es regnet und stürmt zwar draußen, wie bei uns im Norden, aber laß uns einen Spaziergang machen.« Als sie sich von der Stadt entfernt hatten, sagte sie sehr weich: »Erich, ich habe dir niemals sagen können, daß ich dich liebe, obwohl mir sehr oft so zumut war; auch in jener schrecklichen Nacht versprach ich nur, deine Magd sein zu wollen. Ich glaube, ich habe dir redlich gedient seitdem, aber nun weiß ich, daß das nicht Liebe ist. Erst habe ich deine menschliche Vollkommenheit gehaßt, dann bin ich verehrend vor ihr in die Knie gesunken, und auch jetzt bewundere ich sie noch aufrichtig und will dir eine herzliche dankbare Freundin bleiben, denn du hast mich aus einem albernen, anspruchsvollen modernen Frauenzimmer zu einem richtigen Weib und Menschen gemacht. Was kann nun aber dieses Weib dazu, daß seine Frauenliebe nicht zu dir, dem Vollkommenen, geht, sondern zu dem Unvollkommenen, der so namenlos um uns beide gelitten hat und noch leidet? Du bist ja weise und verstehst alles, aber er versteht noch immer nicht ganz. Er kann nicht verstehen, so lange du sein Gott bist. Er hat seinen Gott zu töten versucht, aber innerlich hat er das noch nicht gewagt. Darum muß ich zu ihm und fort von dir. Bei dir könnte auch ich nicht vollkommen werden, von jetzt ab würdest du mich nur erdrücken, und das könnte mich wieder zur Teufelin machen. Bei Ferdinand aber kann ich gut werden, während wir zusammen Tag für Tag unseren Weg suchen. Dein Los ist ein Herrscher über Menschen zu sein, dein trauriges Los.« Sie standen sich zwischen grauen Olivenbäumen gegenüber, die gespenstisch in den trüben Herbsthimmel ragten. Als Melusine geendet hatte, legte Erich seinen Kopf auf ihre Schulter und schluchzte. Sie schwieg und schlang den Arm um ihn. Nach einiger Zeit sagte er: »Alles, was du sagst, ist so wahr, daß es darauf keine Antwort gibt. Übrigens weiß ich es ja schon lange.« Sie kehrten zurück. Bei Tisch war Erich völlig gesammelt, gehalten und schweigsam. Zu Ferdinand sagte er: »Ich nehme mein Kreuz auf mich und fahre morgen früh nach Rolfsburg.« Der Nachmittag ging mit Packen und Reisevorbereitungen hin. Nach dem Abendessen legte Erich Melusinens Hand in die Ferdinands, dann ging er in sein Zimmer und begab sich zu Bett. Beim Einschlafen sah er wieder jene verschleierte Frau aus der Tiefe seines Inneren steigen, die ihm einst zugerufen hatte: »Geh vorwärts, du stolzer Teufel, du bist auf dem rechten Weg zu mir.« Später hatte sie das Antlitz Melusinens angenommen, als sein Weg den ihren kreuzte. Jetzt glich sie niemand, war ihm zugleich neu und altvertraut, und er erkannte in ihr das Bild seiner eigenen Seele, die wie aus weiter Fremde zu ihm heimgekehrt war. Sie aber sprach: »Tröste dich, du Mensch, über dein Leiden, denn nun hast du mich aufgenommen, und ich lasse dich nicht mehr in der Wüste verderben.«