Georg Michael Franck von la Roche / Johann Jakob Brechter / Johann Kaspar Riesbeck Briefe über das Mönchswesen von einem catholischen Pfarrer an einen Freund. Erster Band Worinn aus der Kirchengeschichte, den Kirchenversammlungen, den besten catholischen Schriftstellern, und eigener Erfahrung dargethan wird: Daß Unwissenheit und Aberglauben ihren Ursprung allein den Mönchen zu verdanken haben. 1780 »Selig sind die Einfältigen im Geist. Wenn man in das verfluchte Lesen kömmt, da grübelt man nach. Und der Teufel streut immer Unkraut darunter. Wir lesen nicht, daß Christus der Herr, der die ewige Weisheit gewesen, eine Bibliothek mitgeschleppt; und von den Aposteln hat auch keiner in Buchläden eingekehet. Im Gegentheil sehen wir, daß sie immer gegen die Schriftgelehrte geschmähet haben; zum Zeichen, daß schon damals allerhand verbotenes Gezeug mit kezerischen Propositionen muß gedruckt worden seyn.« O beatissime lector O beatissime lector, lava manus tuas et sic librum adprehende, leniter folia turna, longe a littera digito pone. Quia qui nescit scribere, putat hoc esse nullum laborem. O quam gravis est scriptura: oculus gravet, renes frangit, simul et omnia membra contristat. Tria digita scribunt, totus corpus laborat ... O glücklichster Leser, wasche Deine Hände und fasse so das Buch an, drehe die Blätter sanft, halte die Finger weit ab von den Buchstaben. Der, der nicht weiß zu schreiben, glaubt nicht, daß dies eine Arbeit sei. O wie schwer ist das Schreiben: es trübt die Augen, quetscht die Nieren und bringt zugleich allen Gliedern Qual. Drei Finger schreiben, der ganze Körper leidet ... Notiz eines Schreibers im 8. Jahrhundert Einführung Es gäbe weniger Gläubige auf der Welt, kennten sie ihre Glaubensgeschichte so gut wie ihr Glaubensbekenntnis. Daß Glaube etwas ganz anderes sei als Aberglaube, ist unter allem Aberglauben der größte. Kirche – metaphysische Bedürfnisanstalt. Eine Praxis, die krank macht, um heilen zu können; die in Nöten hilft, die man ohne sie gar nicht hätte; das Gängeln derer, die noch glauben, durch jene, die es nicht mehr tun. Die Wenigsten ahnen, daß der größte Teil der Klugheit des Klerus in der Dummheit der Laien besteht. Karlheinz Deschner Ein junger freundlicher Mensch soll Pfarrer werden, wird es auch und erfährt nun Freud und Leid (mehr Leid als Freud) dieses Berufes. Hier lernt er zum ersten Mal das wirkliche Leben kennen. In seiner Pfarre machen sich die Franziskaner mausig, aber er hat auch einen guten Freund an seiner Seite. Seine Erlebnisse und Erfahrungen berichtet er seinem »lieben Herrn Bruder«, also einem erfahrenern Kollegen. Am Ende bekommt er zwar nicht die Königstochter und das halbe Königreich dazu, aber wenigstens eine neue Pfarre mit besserem Einkommen. Er ist eingeladen, sich am frommen Betrug der Mönche zu beteiligen und zu bereichern, aber sein Ehrgefühl verbietet ihm das; im Gegenteil, er überführt die Schwindler. Sein guter Geist ist ein ehemaliger Hofmeister, von dem er, wie Hans Castorp von Settembrini im Zauberberg, in Kirchen- und Mönchsgeschichte eingeführt wird. Dankbar läßt er sich von seinem Mentor in Theorie und Praxis durch die katholische Welt führen. Er lernt, daß nichts in der Catholica »von Ewigkeit zu Ewigkeit« gegründet ist, sondern sich nach den jeweiligen Macht- und Interessenverhältnissen am Römischen Hof und den auf ihn wirkenden äußeren Kräften gestaltet, sich also wie jede menschliche Einrichtung im Laufe der Zeit entwickelt. Er, der bei mittelmäßiger Begabung nicht einmal seine eigene Herkunft überblickt, stellt nach und nach ziemlich alles in Frage; Anregungen hat er von seinem Schulmeister und eigenem Erleben genug. Bei so vielen Zweifeln, die auf ihn einstürmen, kann er nur bitten: »Bete für mich, daß meine Glaube nicht wanke.« Im 6. Brief ist er »noch unruhiger als zuvor.» Besonders hart ist das Zölibat für ihn, selbstzerstörerische Zweifel darüber lassen ihn nicht los. Zuletzt macht er auch, wie sein Bruder im Geist, Projekte zur Gestaltung des Landes und der Klöster. Der junge Pfarrer ist nun in das etablierte System der Ausbeutung eingebunden, er lebt von der Arbeit anderer und wird selbst vom Dechanten ausgebeutet. Dabei bleibt er so arm, daß er sich nicht einmal eigene Bücher leisten kann. Eine große Hilfe sind ihm so die von seinem Vorgänger übernommenen und die von Gutmann geliehenen Bücher, der ihm sogar die Lizenz zum Lesen verbotener Bücher verschafft. Ausgiebig wird das Leben und Treiben der Franziskaner dargestellt, die Handlung erlaubt sogar Einblicke in die Welt der Kartäuser und der Chorherren, auch ein betrügerischer Kapuziner wird erwähnt. Sein Haß gegen die niederträchtige parasitäre Art des Mönchstum drückt er in einem Brief aus, in dem er von »einem gemeinschaftlichen Feind – dem Mönchswesen» spricht. Ihre grenzenlose Dummheit, ihr gotteslästerlicher Aberglaube, ihre parasitäre Lebensweise (»sie sind in der menschlichen Gesellschaft eben das, was Ratten und Mäuse in der Arche Noas gewesen.«), ihre Pervertierung wahrer Religiosität kommt in den Gesprächen der Mönche mit dem Dechant deutlich genug zum Ausdruck. Pars pro toto steht hierfür das Motto dieser Ausgabe. (Alte deutsche Redensart: Dumm, dreist und gottesfürchtig.) Das 18. Jahrhundert als das Jahrhundert der Aufklärung hat auch in seinem Gebiet gewirkt und wird nun vehement von Dechant und Mönchen, keine Lüge und Verleumdung verachtend, bekämpft. Immer ist von »Freygeistern« die Rede, ohne daß der Begriff jemals überhaupt erklärt wird. (Ein generelles Kennzeichen aller totalitären Ideologien.) Und die Freimaurer werden selbstverständlich vom Teufel persönlich geführt, sein Mentor, Herr Gutmann, »der Halonke und alter Ketzer«, fährt regelmäßig zum Schornstein hinaus, er bekommt vom Teufel Geld usw. Die Autoren erhalten durch die Ansiedlung der Handlung in einem Dorf und die Darstellung Gutmanns' Unterricht die Möglichkeit, nicht nur die auftretenden Personen, sondern auch die die katholische Welt bewegenden Themen wie theologische Ausbildung, Zölibat, Beichte, Aberglauben, Hexenwahn (aber Hexen werden nun schon nicht mehr verbrannt), Index, Terminierung, Dritter Orden und vor allem die Geschichte des Mönchstums zu behandeln. »Mit Beybehaltung des täglich häuslichen Beyspiels und der zur andern Natur gewordenen Neigung wird das fünf oder sechsjährige Kind dem Schulmeister und dem Pfarrer zur Unterweisung auf den Hals geschoben, damit es nur auf einige Stunden von der Gasse oder aus des Vaters Haus komme, weil seine Munterkeit, seine lebhafte, durch die gütige Natur als ein Entwicklungsmittel vorgeschriebene Bewegung, die man gewiß mißbräuchlich und unbarmherzig eine Wildigkeit nennet, den Leuten zuviel Lermen machet.« – Wer traut sich zu, diesen Satz in die heutige deutsche Sprache zu übersetzen? Ich jedenfalls nicht. Vergessen wir doch einfach die ungewohnte Darstellung und freuen uns über Gemeinsamkeiten damals und heute. Lassen wir doch einfach den Zauber der Sprache des 18. Jahrhunderts auf uns wirken. Deshalb habe ich den Text nicht nur wortwörtlich, sondern auch zeichengenau erfaßt. (Einige wenige eklatante Druckfehler sind durch das augenscheinlich richtige in eckigen Klammern nachstehende Wort verbessert.) Dabei kam zum Vorschein, daß mehrere Setzer an der Arbeit waren, von denen jeder seine eigene Orthographie hatte. Beispiele für unterschiedliche Schreibweisen gibt es zuhauf: catholisch – katholisch, nüzlich – nützlich, bewegt – beweget, Bischoff – Bischof, Kezer – Ketzer, schiken – schicken, wohl – wol, druken – drucken, Heyden – Heiden (innerhalb eines Bogens!), Gesez – Gesetz, Sclave – Sklave (in einem Satz!), dito Anblik – Anblick usw. usw. Die Anrede lautet mal »sie«, mal »Sie«. Beim Abteilen fühlt man sich gleich in die heutige Zeit versetzt: Miter=ben, Stammel=tern (beim Seitenwechsel!) und da es mit der Registerhaltigkeit auch nicht zum besten steht, auch Schusterjungen vorkommen, so können wir aufatmend sagen: Bücher wurden auch damals schon genau so liederlich gedruckt wie heute. Lediglich Fliegenköpfe sucht man in heutigen Büchern vergebens - weil technisch nicht möglich.. Hinzu kommt das ungleichmäßige Schriftbild, weil wahllos stark abgenutzte oder neugegossene Lettern und Ligaturen verwendet wurden, wie das Faksimile der Textproben (Seite 12 und 96) zeigt. Beim Setzen des Textes wurden die Bleilettern und -ligaturen einzeln dem Setzkasten entnommen und in den Winkelhaken geschoben, dieser kam dann in das Setzschiff, welches im Schließrahmen danach die Druckform für die Druckerpresse bildet. Es wurde also jede Letter einzeln ausgewählt und eingesetzt. (Ein Trost für mich, daß es der Setzer noch schwerer als ich hatte, obwohl ich die Buchstaben auch einzeln eintippen muß, denn für diese Frakturschrift gibt es keine OCR-Software. Auch war der Arbeitstag länger und die Beleuchtung schlechter. Allein: Er bekam die Arbeit bezahlt, ich nicht.) So sind zwei Buchstaben in einer Letter (Ligatur) eine arbeitsparende Erleichterung. Im Lateinischen finden wir: ae, oe und ct in dieser Form, im Deutschen sind es oe, ae, ue, fl, si, ck, tz, st (daher die unsinnige und lange gültige Vorschrift, auch für Schreibmaschinentexte, daß st nie getrennt werden darf!) und sz. (Ewiger Ruhm den deutschen Kultusministern, die uns in ihrer Rechtschreibreform diesen Kretin von Buchstaben erhalten haben!) Die Umlaute werden so gebildet, daß über den Vokal ein kleines e gesetzt wird. Das gilt allerdings nicht für Großbuchstaben. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entstanden daraus die beiden Strichelchen. Die Metamorphose lautet also ae – a mit kleinem e darüber – ä. Heute nun schließt sich der Kreis wieder, denn der Computer zwingt Bärbel Müller dazu, sich Baerbel Mueller zu nennen. Welche Hilfen hatte nun der Buchbinder, um die richtige Reihenfolge der Bögen einzuhalten? Wie wurde, um einen Terminus unserer Zeit zu gebrauchen, die Qualität gesichert? Auf einen Papierbogen wurden an genau definierten Stellen vorn und hinten je 8 Textseiten, teils aufrecht, teils kopfstehend gedruckt. Nach dreimaligem Falten entstehen so 8 Blatt - 16 Druckseiten, also das Oktavformat. Dieses Heft wird ebenfalls Bogen genannt. Auf der ersten Seite jedes Bogens erfolgt unten mittig die Bezeichnung desselben: A (Titelbogen, Beschriftung entfällt), B, C usw. Da im zweiten Band die Seitenzählung wieder von vorn beginnt, erfolgt hier noch der Zusatz (»Zweyter Band«). Und die lückenlose Textreihenfolge ist dann sichergestellt, wenn das auf der letzten Seite eines Bogens stehende zusätzliche Wort mit dem ersten des nächsten identisch ist. Man verließ sich nicht auf die Seitennummerierung, die in der Tat mehrmals fehlerhaft ist. Die Textprobe Seite 12 zeigt zur Verdeutlichung die Trennstelle zwischen 6. und 7. Bogen des ersten Teils. Dem heutigen Leser fällt auch auf, daß die wörtliche Rede stark von unserer Schreibweise abweicht; nur teilweise werden die Gänsefüßchen verwendet. Ist dies aber der Fall, so beginnt jede Textzeile mit ihnen. Eingestreute Floskeln (»sagte er«), die eigentlich nicht zur wörtlichen Rede gehören, werden nicht aus dieser herausgehoben. Auch die grammatische Konstruktion von Fragesätzen ist für unsere Begriffe ungewöhnlich. Meist sind es eine Frage enthaltene Aussagesätze, die dann aber mit einem Fragezeichen enden. (»Ich zweifle, ob dieser wohllüstige König, ungeachtet der Ausdrücke in seinem Brautlied, mehr Brunst empfunden hat, als ich?«). Die Fußnoten des Autors werden direkt an den entsprechenden Stellen in den Text eingerückt, so daß die Fußnoten den Übersetzungen der lateinischen Stellen vorbehalten bleiben können. Alle für heutige Leser erklärungsbedürftigen Namen und Begriffe sind in den Dictionnaires für Personen bzw. Sachen aufgeführt. Die zusammengesetzten Hauptwörter (eine Eigenheit der deutschen Sprache) sind hier noch im Entstehen begriffen: Ketzer=Register, Fastnachts=Montag usw. Was in einer Adaption wie dieser überhaupt nicht wiedergegeben werden kann, ist die bis ins 20. Jahrhundert vorkommende Verwendung des sog. Schluß-S. Im obigen Textbeispiel: dieses, aus, eines usw. Das ist der S-Buchstabe am Ende einer Silbe, während er ansonsten von einer ganz anderen Letter bezeichnet wird: sey, seine, dieses, solchen usw. Es fällt auf, daß es keinerlei Hervorhebungen wie Kursivschrift oder Sperrung im Text gibt, auch Einschübe in Klammern (wie in dieser Vorbemerkung) sind nicht vorhanden. Von der Werkgeschichte wissen wir, daß der erste Teil von Georg Michael Franck von la Roche (1720 – 1788) und Johann Jakob Brechter (1734 – 1772), Diakon in Schwaigern in der Schwäbischen Alb, stammt, und 1771 anonym erschien. Der damaligen literarischen Mode entsprechend war das Buch in Briefform gehalten. Die Handlung endet mit dem 13. Brief ziemlich abrupt, somit ist klar, daß la Roche eine Fortsetzung plante. Warum er sie nicht ausführte, ist unbekannt. War es die Furcht, beim Schreiben entdeckt zu werden, Spitzel gibt es überall? Oder hatte er nicht die Zeit dafür? Auch ist denkbar, daß der Tod seines Mitautors der Grund ist. Man kann hier nur vermuten. La Roche war als Waise von einem Grafen Stadion adoptiert worden und wurde sein Sekretär und Vertrauter. 1754 heiratete er Maria Sophie Gutermann von Gutershofen, eine Augsburger Arzttochter. Der Name des guten Geistes in den Mönchsbriefen (Gutmann) ist eine Würdigung für sie. 1771 wurde la Roche zum Geheimen Rat am Hof von Kurtrier (in Koblenz) berufen, 1775 wurde er Geheimer Staatsrat und Regierungskanzler. Das Bekanntwerden seiner Autorschaft der Mönchsbriefe war nur nebenher beim Sturz seiner Regierung 1780 von Bedeutung. Er verließ seinen Wohnort Ehrenbreitstein, der ein wichtiger Treffpunkt von Schriftstellern der Zeit (Goethe, Wieland, Jacobi u. a.) war und verbrachte den Rest seines Lebens in Offenbach Jedenfalls nahm sich 1779 Johann Kaspar Riesbeck (1754 – 1786) – sicher ohne Kenntnis und Einwilligung des Erstautors – des Torsos an. Seine geniale Weiterführung des Themas machten das Werk – ähnlich wie sein später (1783) erscheinendes Buch »Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder in Paris« zu einem Riesenerfolg, so daß noch im Erscheinungsjahr 1780 zwei weitere Auflagen des Gesamtwerks gedruckt werden konnten, ebenfalls anonym. Nun wird auch klar, warum bei durchgehend lückenloser Handlung (im 13. Brief wird die Lizenz zum Lesen indizierter Bücher angefordert und im 14. liegt sie schon vor) scheinbar 9 Jahre eingeschoben sind: Das Datum der Briefe ist das Datum der Niederschrift des jeweiligen Textes. Auch aus stilistischen Merkmalen ergibt sich eine zweite Autorschaft: Die Verwendung des Semikolons ist im zweiten Teil häufig, besonders aber fällt die vielfache Verwendung des Doppelpunktes als Satzzeichen auf. Auch befleißigen sich die Autoren des 1. Teils einer altertümlichen Schreibweise (sehet, gebet, zeiget usw.), wogegen im 2. Teil die uns geläufigere (seht, gebt, zeigt) verwendet wird. Mein Dank gilt Frau Studienrätin Anne-Barbara Reichel vom Gymnasium Nidda, die bei der lateinischen Übersetzung hilfreich war. Die Bilder für den Einband der gedruckten Textfassung sind Ausschnitte aus dem Panoramabild »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland« von Werner Tübke in Bad Frankenhausen im Kyffhäusergebirge (www.panorama-museum.de). Vorrede. Wenn diese Briefe meine eigene Kinder wären, oder wenn ich sie an kindesstatt angenommen hätte, oder wenn sie als Gegenstände des Mitleidens zu einem besondern Werk der Barmherzigkeit berechtigt wären, so könnte ich nicht wohl grausamer gegen sie verfahren, als daß ich sie ohne Empfehlung, ohne Vorbitte, ohne ihre bescheidene Aufführung, ihren guten Verstand,und ihre liebenswürdige Laune, die ihnen bey allen Menschen Zutritt verschaffen werden, herauszustreichen, in diese kluge, gelehrte, weitsehende, alberne, altkluge und thörichte Welt hineinschicke. Man empfängt den Mann nach dem Kleide, sagen die Russen, und begleitet ihn nach dem Verstand. Einer guten Aufnahme können sie sich also schon versichert halten; denn sie sind nach der Mode gekleidet. Aber wegen der Begleitung? O, um diese bin ich ganz unbekümmert. Ist es nicht das allgemeine Schiksal aller Menschen, daß sie sich das Urtheil der Gesellschaft, in welche sie sich mischen, gefallen lassen müssen. Warum sollte diese gute Kinder einen Vorzug vor allen erwarten? Ich glaube, daß sie Verstand haben: Aber müssen es andre deswegen auch glauben? Urtheilen Sie über diesen Punkt wie sie wollen, meine Herren, mir bleibet es immer einerley. Was nicht von Herzen gehet, sagt man, das gehet auch nicht zu Herzen. Sie sind ja nicht meine Kinder. Alles, was mir ihrentwegen einige Sorgen machet, ist ihre Sprache. Sie reden ganz frey von den Lungen weg, ohne darauf zu denken, ob sie jemand beleidigen, ob sie in ihrem Urtheil nicht zu streng und in ihren Ausdrücken nicht zu beissend seyen. Ich wollte es ihnen, ehe ich sie in die Welt schickte, abgewöhnen; es war mir aber unmöglich. Ihr Vater, sagen sie, der sie in seinem Alter gezeuget, wo man ohnehin mit der Welt weniger als in der Jugend zufrieden seyn könne, habe sie keinen andern Ton gelehret, und überhaupt ihnen den Grundsatz beygebracht, daß sie stets die Sprache der vertraulichen Freundschaft reden, und ein jedes Ding bey seinem eignen Namen, ohne ängstliche Umschreibungen oder zierliche Einkleidungen, nennen sollen; besonders wenn es darauf ankäme, daß duro nodo durus quaerendus sit cuneus . Was sollte ich unter solchen Umständen gethan haben? Sollte ich sie zurück gehalten, in meinem Hause eingekerkert, und niemals vor jemandem haben erscheinen lassen? Ich glaube nicht, daß mir eine solche Ungerechtigkeit zugemuthet werden kann. Mir kamen sie als liebenswürdige Schwätzer vor. Die Materien, die ihnen so geläufig waren, intereßirten mich unwissenden Laien. - Ich habe sie lieb gewonnen. – Hier fängt mit freylich das Herz ein wenig zu pochen an. Wie, wenn diese Kinder nicht so wol gestaltet wären, als ich sie gefunden habe? Sommerfleken kriechen erst heraus, wenn man in die freye Luft kömmt. – Hier bleibe ich steken, meine Herren! Alles was ich jetzo noch thun kann, ist, daß ich feyerlich verspreche, die andere in meinem Hause sich aufhaltende niemals an das Tageslicht kommen zu lassen, wenn diese das Unglück haben sollten, Ihnen zu mißfallen. Aber in der That ich glaube, daß die Erschütterungen, die sie verursachen werden, der Wahrheit vortheilhaft sind. Die Asche fällt dadurch von den Kohlen, und was kaum noch glimmte wird wiederum in einen heilsamen Brand gesetzt. Lassen sie es also seyn, daß der Charakter, in welchen sie sich festgesetzet, Ihnen übermüthig vorkommt. Sollte nicht der vernünftige sie eben deßwegen von den gemeinen Pflichten der bürgerlichen Höflichkeit lossprechen?Und die gezüchtigte Mönche können meinetwegen auch einen Trost in ihrer natürlichen Strenge finden. Sie können sich schmeicheln so elend nicht zu seyn, als sie der spröde Geschmack dieser Tadelsüchtigen findet. Hören Sie nur, was diese leichtfertigen Kinder mir einmal auf meine Vorstellungen geantwortet haben: »Wir müssen es uns freylich gefallen lassen, von jedermann beurtheilet zu werden. Die mit uns umgehen, kaufen ihr Recht darzu. Es ist sehr natürlich, daß unsere Beurtheilungen den Mönchen ebenso sehr mißfallen, als sie uns.« – Darauf konnte ich nichts sagen. Ich habe sie also mit der Erinnerung, auf ihrem Wege wenigstens die Mendicantenklöster zu vermeiden, von mir gelassen. O, riefen die Lose aus, sorgen sie nicht: Diese fette Ordensbrüder sind zu sehr in die Ruhe verliebt, als daß sie mit Leuten unsers gleichen, die sie zu denkenden Wesen machen könnten, Umgang pflegen sollten! Die Vorurtheile, welche ihr Ansehen noch immer in unserer Kirche durch die Unwissenheit der Mönche behauptet haben; die Vorurtheile, über welche Wieland mit allem Recht klaget: Verwünschtes Vorurtheil, du Mutter unsrer Pein, Wie würden, ohne dich, so viel Socrate sein? Du blendest den Verstand mit trügerischer Klarheit? Mit manch entlehntem Zug der göttlich schönen Wahrheit Schmückst du Idolen aus, die nimmermehr Cardan, Der Weisen Don Quixott, verwirrter sehen kann. Diese sind es, wieder welche der Verfasser zu Felde ziehet. Er zeiget, welches die eigentliche Lehren der Kirche seyen, und was als unnüze Spreuer von dem Korn abgesondert werden müsse. Wenn es mir, als einem in göttlicher Wahrheiten ungelehrten Laien, zu urtheilen erlaubt wäre, so wollte ich fast sagen, man sehe aus diesen Briefen nur zu deutlich, daß die catholische Religion, und die Religion der Mönche zwey von einander unterschiedene Dinge seyen. Diese erste Sammlung kann als eine Einleitung angesehen werden. Wir das Publikum geneigt seyn, die in dem dreyzehnten Brief angezeigte Materien abgehandelt zu lesen, welches der Verleger bald genug merken wird, so können sie stückweise erscheinen. Sie haben den guten Endzweck, ein reines von allen eigennüzigen Zusätzen geläutertes Christenthum einzuführen. Die Beweise sind, so viel ich davon urtheilen kann, bündig und aus den besten Quellen geschöpft. Herr Gutmann hat alles Geschick zu einem solchen Unternehmen. Er kennet die Welt, er kennet die Geistlichkeit, er kennet die Triebfedern, welche die ganze Maschine der Kirchenhierarchie in Bewegung setzen; er hat Belesenheit und Beurtheilungskraft genug, Den Einkleidungen der Gedanken siehet man es freylich an, daß die vorkommende Wahrheiten auf dem Zimmer bey einem Vertrauten ohne alle Zurückhaltung abgehandelt worden. Es wäre meine Pflicht gewesen ihnen eine solche Wendung zu geben, daß man ihnen dieses Vertrauliche nicht so sehr angemerkt hätte. Aber ich wagte es nicht, das Salz, welches mit vollen Händen darinnen ausgstreuet ist, zurück zu behalten, und die Ausdrücke zu mildern. Der Vernünftige wird es mir vielleicht Dank wissen, daß ich ohne die mindeste Abänderung alles, wie es der Hr. Pfarrer an seinen Freund geschrieben, habe stehen lassen. Die andern werden hoffentlich nicht böse werden, wenn ich ganz frey bekenne, daß weder ihr Lob noch ihr Tadel von einer Erheblichkeit sey. Wenn ich nicht gerne die reine Wahrheit gestünde, so könnte ich, mit dem Herausgeber des IX Theils von Tristrams Geschichte, an einem gewissen Tag diese Briefe vor meiner Hausthüre gefunden haben. Und wer wollte alsdann etwas darwider einwenden? Ich halte es aber immer für besser, wenn man auch in solchen Dingen, die an sich gleichgültig sind, der Wahrheit getreu bleibet. Der Freund des Herrn Pfarrers, an welchen diese Briefe geschrieben worden sind, hatte einige Jahre eine Köchin, in die er viel Vertrauen setzte. Ich weiß nicht was Gelegenheit gegeben haben mag, daß die vieljährige Dienste ihm oder der Köchin nicht mehr gefielen; ob ... oder ob ... Genug, sie sahe sich um einen andern Dienst um, und verdingte sich zu mir. Ob sie gleich ein wenig ins Alter sticht, so kann sie doch unter der Aufsicht meiner Frau meiner Küche wohl vorstehen. Gerade an dem Tage ihrer Abreise hatte ihr ehemaliger Herr Fremde, und spielten eben Solo, als sie ihn um alte Papiere ansprach ihre Habseligkeiten sauber einpacken zu können, daß ihnen durch das Fahren auf dem Post wagen kein Schaden geschehen möge. Er konnte die Magd nicht aufhalten, und wollte sich doch auch in seinem Solo nicht irren lassen; er gab ihr daher nur die Antwort, in seinem Zimmer an einem gewissen Ort, den er ihr anzeigte, würde sie finden. Das gute Mensch kam an den unrechten Pack, sie erhaschte den ganzen Bündel der vertrauten Briefe, welche ich hier bekannt mache, und vielleicht noch bekannt machen werde, und packte sie mit alle dem Ihrigen auf das beste darein. Wer weiß, wie viel Bänder und Spitzen, und Kleinigkeiten den Hausrath eines Frauenzimmers, und wenn es auch nur eine Köchin ist, ausmacht, der wird gar leicht begreifen, daß die ganze Menge dieser Briefe kaum hinreichend gewesen, ihr die Dienste zu leisten, die sie foderte. Sie kam zu mir. Und da ich bey dem Auspaken einige Papiere sah, die ganz überschrieben waren, und sie dieselbigen nur von sich warf, so wurde ich neugierig darauf etwas davon zu lesen. Kaum entdeckte ich aber, daß es ein Briefwechsel zweyer Geistlichen in Religionssachen seye, als ich die Magd ersuchte mir sorgfältig alle diese Papiere zusammenzulesen. Was kann natürlicher seyn, als daß ein Laie, wenn wenn er von Priestern solche Materien abgehandelt findet, die einen die einen unmittelbaren Einfluß in die Religion haben,und der gegenwärtigen Denkungsart der Grossen angemessen sind, seine Begierde nicht mehr zurückhalten kann, alles zu wissen, was Männer, die es besser verstehen müssen, davon urtheilen? Ich ergriff die Feder und schrieb alles ab. Mein guter Engel hatte mir dieses eingegeben; denn ich bin noch nicht fertig gewesen, als der ehmalige Herr meiner Köchin ihr die Briefe angelegentlich abfoderte. Ich habe sie ihr gegeben, und sie schikte sie ihm zu. Aber warum haben denn diese Briefe gedrukt werden müssen? Warum muß der Welt der Briefwechsel zweyer Freunde vorgelegt werden? Es kann ihnen nur ein schlechter dienst damit geschehen seyn. Dieses sind freylich Fragen, die mein Gewissen ein wenig beunruhigen; und wenn ich der Welt einen eben so schlechten Dienst gethan habe, als diesen beyden Freunden, so werde ich mich kaum noch zu fassen wissen. Aber sie wissen es ja, meine Herren! Der Oncel Tobias hatte nicht allein sein Steckenpferd, auf welchem er fleissig geritten hat, sondern alle andere Menschen nähren ein solches Thier. Die Armuth meines Geistes läßt mich nicht hoffen, daß ich jemals als Autor gedrukt werde; sollte ich denn die Gelegenheit so muthwillig aus den Händen gelassen haben, bey der ich wenigstens als ein Herausgeber unter die Presse komme. Die Herren Critiker mishandeln die arme Schriftsteller, daß einem die Lust vergehen soll. Ahmet man nach, so ist das ewige Klagen, man lasse sein Original weit über sich; will man selbst Original seyn, wie viel wie viel gehört nicht darzu? Abaelardus Virbius sagt: »Wenn man es uns ebenso schwer machen will Originale zu seyn, als Copien zu werden, was hat man anders im Sinn, als uns in Maulesel zu verwandeln?« Bey solchen Aussichten muß ein bescheidener Mann in sich selbst Mistrauen sezen, oder die Ruthe der Critik fühlen. Inzwischen ist es doch, alles wol erwogen, ganz recht, daß die Herren Critici kein Mitleiden kennen, und durch nichts zu bestechen sind. Aber ich fordere doch die Nachsicht, auf die ein Herausgeber meiner Art Ansprache machen kann. Hernach, amusirten mich diese Briefe. ist es möglich, daß ich glauben könnte, ich sey der Einzige, der sich an ihnen ergözen und unterrichten könne? Findet sich nach den Regeln der Kunst vieles daran auszusetzen; stößt man sie ohne Barmherzigkeit unter die schlechte Schriften; Wirft man dem Verfasser vor, daß er geschrieben habe: Ohn Achtsamkeit, Beruf und Zwang, Ohn Ordnung und Zusammenhang. So antworte ich: Ist dies nicht stets erlaubt gewesen? Er schreibt ja, wie die meiste lesen. Ob diese Briefe aber alsdann noch werden gelesen werden, wenn uns beyde Staub und Moder decken, ist eine Frage, deren Beantwortung auf keinen Grundsätzen beruhet. Man siehet oft so geschwind den Untergang eines guten als eines schlechten Buchs. Dem sey wie ihm wolle; ich halte mich überzeugt, daß meine Correspondenten die Wahrheit geredet, und ihre einander freundschaftlich mitgetheilte Gedanken können der Welt auf eine oder die andere Art Nützlich werden. Mir sollen sie wenigstens soviel nuzen, daß ich mich mit mehrerm Ernst auf die Wissenschaften zu legen; die Unwissenheit, die man mit Vorsatz zu unterhalten gesucht hat, zu vertreiben; die Religion nicht mehr in nichts bedeutenden Nebendingen zu suchen, und mit meinen eigenen Augen zu sehen anfangen werde. Wenn viele nach Durchlesung dieser Briefe eine gleiche Entschliessung fassen, so habe ich den Trost, daß mich meine Hofnung nicht hintergangen habe. Geschrieben den 1. Jenner 1771. Der Herausgeber. Erster Brief. Den 3 ten Aprill. 1770. Gott sey Dank, daß einmal das Jubiläum vorbey ist, und ich meinem l. Herrn Bruder, nach einem halbjährigen Verzug, ein vertrautes Wort zu schreiben die Zeit finde. Vergebe, daß ich dir noch nichts von meinem Hierseyn gemeldet habe. Ich bin seit meinem Aufzug mehrentheils in vergnügten Zerstreuungen gewesen, und nun - habe ich in diesen 14 allgemeinen Gnadentagen, Gott vergebe mir meine schwere Sünde! mehr als tausendmal meinen geistlichen Stand – meine Pfarrey - und meine Unwissenheit verwünscht. Wenn nicht der Pfarrer zu M** mein Nachbar und Beichtvater mir Muth zugesprochen hätte, so wäre ich gewiß entweder erkranket, oder davon gelauffen. Du kannst dich unmöglich in die Beschaffenheit meines Gemüths und meine Verlegenheit setzen, wenn ich dir die Sache nicht von Grund aus erzähle. Deine Begierde, von meinen Umständen das eigentliche zu wissen, habe ich bisher weder befriedigen wollen noch können. Izo ist es mir aber ein wahrer Trost, dir als einem geliebten und vertrauten Schulcameraden mein Herz zu eröfnen. Ich verspreche dir alles, was dich schon lange neugierig gemacht hat, zu offenbaren. Aber ich muß von vornen anfangen. Und daher bitte ich um Geduld und Aufmerksamkeit; und dann fahre ich fort: Du weißt, daß unser gnädiger Herr Baron, in Absicht meines sel. Vaters, seines lang gewesenen Cammerdieners und nachherigen Verwalters, und weil er meine l. Mutter geheyrathet, gleich bey der Hochzeit versprochen, daß er für das erste Kind sorgen wolle. Er mag nun freylich nicht gedacht haben, der gute Herr, daß diese Heyrath Kinder hervorbringen würde, weil mein Vater sehr alt, und meine Mutter ziemlich jung gewesen. Doch hat es der l. Gott so geschikt, daß ich vor meiner Geburt meinen l. Vater verloren, und meine Mutter, die, wie du weist, eine Französin ist, ohne einen Verwandten oder Freund im Land zu haben, mit mir niedergekommen. Wenn da der gnädige Herr nicht gesorgt hätte, so würden wir verhungert und hülflos verschmachtet seyn; besonders weil die gnädige Frau, die doch im ersten Jahr, da meine Mamma zu ihren Töchtern als Mamsel gekommen, sie gerne hatte, nachher aber auf einmal aus einem mir unbekannten oder gewiß unchristlichen Haß unabweichlich darauf andrunge, daß meine Mutter, mit dem Kind gleich nach den Wochen aus dem Dorf fortgewiesen werden sollte. Eine Zeit her habe ich schon mehrmalen gedacht, es wäre mir, und vielleicht auch meinen Pfarrkindern besser gewesen, wenn die gnädige Frau Recht behalten hätte. Aber der gnädige Herr zankte, und lärmte und fluchte damals wie ein Türk dagegen; er sagte: Er müsse als Landesherr ein Beschüzer der Wittwen und Waisen seyn. Er schikte meiner Mutter Geld, ließ ihr durch die Schulmeisterin Hüner und Brühen kochen, und Gott vergelte es ihm, er half uns mit recht gutthätiger Mildigkeit gegen Jedermann durch. Als zwey Jahre nachher die gnädige alte Frau, nach einem Zorn über ihre Köchin, aus gerechtem Verhängnis des Himmels an zurückgetretten Gichtern erstickte, so weißt du, daß der rechtschaffene, der liebe, gnädige Herr meine Mutter und mich wieder in sein Haus genommen hat, und ich daselbst aufgewachsen bin. Meine l. Mamma hat ihn, wenn er freundlich war, immer erinnert, er solle sein Versprechen an mir erfüllen. Da war es nun die Frage - wie? Weilen ich viel um den Kutscher, einen alten ehrlichen Mann gewesen, so gewöhnete ich mich leicht in den Stall, und hätte auch gerne Kutscher werden mögen. Allein der Bediente, welcher ein Schneider war, wollte mich überreden, ich sollte sein Handwerk lernen. Er sagte, weil ich lesen und schreiben könnte, und weil meine l. Mutter mich die französische Sprache in der Kindheit gelernet, so könnte ich nach den Lehrjahren auf der Wanderschaft nach Mez zu meinen mütterlichen Verwandten, und dann gar nach Paris kommen. Und wann ich von dort wieder mit neuen Moden und einem hübschen Kleidgen nach Deutschland zurükkäme, wo die französische Schneider höher als mancher Gelehrter gesucht, angesehen und belohnet würde, so könnte ich gar in einer Stadt Meister und dann vielleicht Hofschneider werden; darauf eines reichen Mannes Tochter heyrathen, und meine Kinder wie Herren erziehen. Unser Kutscher, dem ich den Gedanken anvertraut, war auch wohl damit zufrieden. Ich ließ also meine Begierde zum Stall fahren, und eröfnete meiner Mutter, was mir der Schneider gerathen hatte. Allein, sie wollte durchaus nichts davon hören, und sagte: Sie sey aus adelichem französischem Geblüt, eine Officiers Tochter, die nur auf einige Jahre nach Deutschland gekommen, um etwas Geld zu erwerben: Daß sie nur einen schlechten deutschen Verwalter geheyrathet, seye genug Unglük. Und da ich die Ehre hätte, von ihrer Seite aus adelichen Lenden entsprossen zu seyn, so müsse ich auch ihrem Geblüt keine Schande machen; der gnädige Herr habe ihr erst gestern Abends beym Ausziehen versprochen, er wolle mich bey den P. P. Jesuiten zu D** Namens seiner Dorfgemeine, studieren lassen; denn soll ich geistlich und hier im Ort dereinst Pfarrer werden. Das seye so ein Dienstgen für mich zu Belohnung ihrer treuen Dienste, und Versorgung ihrer alten Tage. Ich dachte, in Gottes Namen, weil ich meiner Mutter nicht widersprechen durfte; und glaubte, Handwerk für Handwerk, könnte ich, alles zusammen genommen, eben so gut das Studieren als Schneider werden lernen. In D** wurde ich mir dir, lieber Bruder, zu Tisch, Schule und Bett im Convict bekannt. Ich erinnere mich wohl, daß du mir oft vom Studieren abgerathen; weil mein Kopf nicht dazu beschaffen, und das Lateinische mir schwer eingegangen ist. Meine Neigungen, die Beweggründe und die Ursachen getrauete ich dir nicht zu sagen, da meine l. Mamma mir gar sehr verboten, weder ihren Stand noch das Vorhaben des gnädigen Herrn zu verrathen. Mit Mühe, Bussen und Schlägen bin ich durch die Schule gekommen. Und weil mir der gnädige Herr, als ich Philosophus wurde, einen Degen, ein Kleid und 5. fl. schikte, zugleich aber dem P. Rector bekannt machte, daß ich im geistlichen Stand nur so viel studieren sollte als zu einer Pfarrey nöthig wäre, so wurde mir alles leicht gemacht. Fromm bin ich, wie es dir bekannt ist, allemal gewesen: Und da ich den Canisium so gut wußte, daß ich einst daraus Secundus certans worden bin, so sagte mir der P. Präfect: Ich würde mit ein Bischen Casus und dem Busenbaum recht brav zur Seelsorge taugen. Gottlob! Das ist mir auch so gut gerathen, daß ich auf des gnädigen Herrn Recommendationsschreiben, worinn er zugleich mir die Pfarre zu geben versichert, bey dem Examen fast ohne Anstand durchgewischt, – Und ein geistlicher Rath versicherte, daß, weil ich ohnehin auf ein Dorf käme, wo es nur auf Bauernseelen ankömmt, so wünsche er mir und meinen Pfarrkindern Glück: Mit der Verwarnung, ich solle nur vorzüglich darauf sehen, daß mir von den Pfarrgütern, Zehenden und Oblationen nichts abgezwackt, dem Pabst und geistlichen Rath nichts zuwider geredt werde, und ich selbst keine gar zu junge Hauserin nehme. – Uebrigens soll ich fromm seyn: Und wer zu meiner Gelehrtheit kein Vertrauen habe, könne sich ja aus der nahen Stadt einen Capuciner holen lassen. Verzeihe, daß ich hier abbreche. Ich werde zu einem Kranken gerufen. Wenn der Bot wieder hier durchgehet, soll er einen zweyten Brief finden. Bete für mich! – Ich bin etc. Zweyter Brief. Den 5 ten Aprill. Der Kranke, welcher mich meinen lezten Brief abzubrechen genöthiget, war meine l. Mutter im Schloß. Sie hatte das Unglück von einer kleinen Leiter, als sie Wäsche in den Schrank legen wollte, zu fallen, und bey einer Ohnmacht, die sie anwandelte, liefen die Mägde nach dem Pfarrer, und schrien unten in meinem Hause: Ich sollte gleich in das Schloß kommen. Ich traf zu meinem grossen Herzenleid sie am Kopf ziemlich verlezt an. Doch scheint es sich zu bessern. Gott erhalte sie mir, und lasse mich das Unglück nicht erleben, sie, meinen einzigen Trost, zu verlieren! Indessen mein dir gegebenes Versprechen nach und nach in Zwischenstunden zu erfüllen, so wisse, daß mein Vorfahrer auf der Pfarre, voriges Jahr Anfangs Septembers an der Wassersucht gestorben, und ich, nachdem ich auf Allerheiligen meine erste heil. Messe gelesen, an Martini als Pfarrer eingesetzt worden bin. Der gnädige Herr hat alle Kosten und Auslagen samt der Gastung bestritten, und die Bauern haben sich zur Einrichtung meines kleinen Hauswesens recht wohlthätig eingestellt. Eigene Küche mag ich noch nicht haben. Die Schulmeisterin schikt mir mein weniges Essen ins Haus. Meine Mutter aber hat mir versprochen, wenn die grosse Fräulein auf den Sommer heyrathet, und dann der gnädige Herr mit der zweyten in die Stadt ziehet, so wolle sie um ihre Entlassung aus Schloßdiensten bitten, und bey mir ihr Leben in Ruhe schliessen. Gott lasse ihren und meinen Wunsch darunter zur Erfüllung kommen. Noch will zwar der gnädige Herr nichts davon hören, weil nicht jedermann mit ihm zurecht kommen kann, und er nicht gerne fremde Leute annimmt. Aber vielleicht giebt das Jubiläum und meiner Mutter dermalige Krankheit den Anlaß, da er von seinem Fluchen und stürmischen Betragen gegen andere Dienstboten ablässet; und dann kann er sich eher an eine neue Beschliesserin gewöhnen. Bey meinem Aufzug ließ ich meine erste Sorge seyn, mir die Liebe und das Vertrauen meiner Pfarrkinder zu erwerben. Ich bin aus dem Ort, ich kenne alle, ich weiß ihre Umstände, ihre Noth, und die kleine Feindseligkeiten, die zwischen den zerschiedenen Haushaltungen sind; meinen Vater hatten sie lieb, weilen er dem gnädigen Herrn manchmal Vorstellungen that, wann er allzustreng bey Mißwachs oder Wetterschlägen auf die Ablieferung der Schuldigkeiten dringen wollte. Damit hat er oft den armen Leuten gutwillige Erleichterung ausgebracht. Denn der gnädige Herr ist im Grunde nicht böse; nur den Jäger muß man gewären lassen, keine Hasenschlingen legen, und ihm seinen Respekt bezeigen. Der iezige Verwalter ist ein Studierter, der, nachdem er die Theologie ganz absolvirt hatte, als Präceptor bey den Söhnen von unsers gnädigen Herrns Schwager die Kammerjungfer geheyrathet, und sein Verlangen geistlich zu werden gegen den hiesigen Dienst aufgegeben hat. Dieser nun, um sich desto angenehmer zu machen, ist um so unbarmherziger gegen die armen Unterthanen. Und eben deßwegen hat die Vergleichung mit meines Vaters guter Gemüthsart mir nach seinem schon langen Absterben noch die Liebe der Leute erhalten. Da ich also mich bemühet, zwischen verschiedenen Familien Frieden zu stiften und alte Uneinigkeiten beyzulegen, segnete Gott meine Worte, und ich habe in diesem halben Jahr schon das Glück gehabt, fünf vor Amt gehangene Processe, zwar zu grossem Mißvergnügen des Amtmanns, durch freundliches Zureden beyzulegen; ein paar zerstörte Ehen wieder zu vereinigen, auch (es sey ohne eitlen Ruhm gesagt) armen Nothleidenden Almosen, Hülf oder Nachsicht zu verschaffen, weil der gnädige Herr mich gerne um sich hat; und was ich endlich nicht richten kann, steke ich hinter meine Mutter, die bey dem Herrn, wenn sie den ersten rauhen Eifer vertoben läßt, viel ausbringen kann. Nur eine Sache hat mir sehr weh gethan. Der Herr Bruder wird sich aus meinem ersten Brief erinnern, daß mir der geistliche Rath nach dem Examen eingebunden, mir von den Pfarr=Nutzungen ja nichts abzwacken zu lassen. Aber noch vor meinem Aufzug sagte mir der gnädige Herr: Weil er auf meine Erziehung und Studieren, wer weiß wie viel, Geld verwendet; über dieses er zwey Mißjahre gehabt hätte; die Bauern wegen Wildschaden von ihm Vergütung verlangten, oder die Gülten nicht ganz abliefern wollten; und er auf den Sommer die älteste Tochter aussteuern, die jüngere aber zu dem Englischen Fräulein zum Studieren thun müsse, so soll ich ihm auf sein Lebenlang den grossen und kleinen Zehenden vom Schloßgut dahinten lassen: Nach seinem Tod soll ich dann wiederum den ganzen Genuß haben: Er habe keinen Sohn; und ob seine Tochtermänner reich oder arm wären, daran liege ihm nichts: ein Edelmann müsse nur die Erhaltung seines Namens, und nicht seiner Kinder, lieb haben. Was wollte ich machen? Ich dachte, er hat mir die Pfarrey gegeben; viel Ausgeben hat er; der Wein ist theuer; der Zuspruch groß; meine Mutter geniesset Kost und Lohn; ich selbst esse dann und wann im Schloß wenn keine Fremde oder Mendicanten da sind. Mein Beichtvater gab mir den Rath ich solle den Hergang nur fein deutlich in das Pfarrbuch eintragen, und in Gottes Namen mich zufrieden geben. Doch fehlen mir dadurch jährlich gegen 100. fl. und ich muß mich in genaue Ausgaben einschränken, wenn ich ehrbar durchkommen will. Was mich vorzüglich dabey schmerzet, ist diese: Daß ich keine Bücher ankaufen, und nur etwa bey Versteigerungen eines oder das anders der Wohlfeile nach erhaschen kann. Bey meines Vorfahren Tod hat der Dechant die besten, anstatt des ihm gebührende Breviers, weggenommen; und die andern, sagt er, Gott stehe uns bey, offenbar von Kezern geschrieben, da sie in Frankfurt oder Leipzig, wo der Luther gewohnet, gedruckt seyen; mithin lauter Gift unter der Gestalt der Vernunft enthielten. Was also von diesen der Dechant nicht verbrannte, hat der Amtmann zu sich genommen, und, wie billig, confisciert. Ich will von dem guten Mann, meinem Vorfahrer, nichts übles unter der Erde sagen; aber das ist doch erschröcklich, daß er sich durch den schönen Druk so verblenden lassen, kezerische Sachen zu lesen. – Unter uns gesagt, es ist doch wahr, daß er in dem Haus geistet. – Ich habe ihm mein Jubiläum geopfert; nun hoffe ich, er werde Ruhe haben. Indessen habe ich das Glück gehabt, verschiedene Werke im Anfang des Jahres von dem P. Abraham von St. Clara wohlfeil zu kaufen. Diese thun mir im Predigen viel gutes. Der gnädige Herr und die Bauern lachen sich fast in Stücken, wenn ich so Spaß vorbringe. Meine Fasten=Exempel habe ich alle daraus gezogen; und wirklich lerne ich ein Ostermährlein auswendig, das mir grosse Reputation geben muß. Es ist noch ein Geistlicher in M**, P. S**r Namens, der soll noch viel spaßiger Zeug in Predigten geschrieben haben, und bald wie Gott Vater, bald wie Engel, dann wie ein Moscoviter, oder ein Jud, alles auf Hanswurstisch, doch hochdeutsch, ausgehen lassen. Wann der Herr Bruder von dieses Mannes Sachen mir gelegenheitlich etwas verschaffen könnte, so würde mir ein grosser Dienst geschehen. Noch einen glüklichen Fund zu meiner Büchersammlung habe ich in der Fastnacht gethan. Ein schwabminchingischer Strumpfhändler hausirte im Dorf. Er bot mir gestrikte Kappen zum Verkauf an. Ich sahe, daß ein jedes halb duzend Strümpfe in ein paar gedrukte Bogen eingewikelt gewesen. Aus Neugierde las ich einige Zeilen; und siehe Controverspredigten des berühmten gottseligen P. N**. Ich kaufte mir eine Kappe, dunge mir das gedrukte Papier in den Kauf, und gab dem Mann ein anderes. Nun habe ich dadurch vier ganze Controverspredigten bekommen; das Schimpfen und Schmähen ist alles ganz; nur an den Proben fehlt ein halber Bogen. Gleich nach Ostern will ich eine auswendig lernen. Wenn schon meine Bauern nichts davon verstehen, so müssen sie doch erkennen, daß ich mir Mühe gebe, und nicht allemal von Unzucht oder Zehenden=Betrug predigen mag. Ich kann den l. Herrn Bruder versichern, daß nur ein einziger Mann im Dorf ist, der mir nicht in die Predigt kommt; und dieser ist seit drey Wochen die alleinige Ursache meines herznagenden Kummers und Unmuths. Es ist ein kränklicher, ältlicher Herr, der Hofmeister von unseres gnädigen Herrn verstorbenen Sohn war. Er wohnt im obern Stok beym Amtmann, lebt sparsam, hört nur Sonn- und Feiertags Meß, und vertreibt seine Zeit meistens mit lesen und schreiben. Der P. Guardian von B** sagte mir vor vier Wochen zum erstenmal von diesem Herrn viel übels, und nennet ihn einen Freygeist, der sogar über den Portinnculä=Ablaß öffentlich spottet: Er muthmasse sicher, der Mann müsse ein Freymaurer seyn; mit dem Beysatz: Dieses wären gefährliche Leute, die mit dem bösen Feind - Gott stehe uns bey - in heimlicher Gemeinschaft lebten, und die Geistliche nur Pfaffen, die Franciscaner aber Bettelmönche hiessen. Da nun dieser Herr mein Pfarrkind sey, sagte der P. Guardian, und schwerlich das Jubiläum zu gewinnen Lust haben werde, doch Gott von mir dereinst über alle Seelen meiner Pfarrey, ausschließlich unserer vierzehen Juden=Haushaltungen, Rechenschaft fodern würde, so sey es meine Schuldigkeit, ihn als Seelsorger entweder zu bekehren, oder doch, wenn er meinen Ermahnungen kein Gehör geben wolle, ihm die Hölle recht heiß zu machen, und die ewige Verdammnuß keck anzukündigen. Der Schulmeister klopft mir zu einer Kindstaufe. Schier wäre ich auf die Frau ungeduldig worden, daß sie just heute in die Wochen kommen mußte, wo es mir mehr um Schreiben als um Taufen zu thun ist. Doch Schuldigkeit geht vor Freude. Ueber acht Tage mehreres. Lebe wohl. Dritter Brief. Den 10ten Aprill 1770. Liebster Herr Bruder! Die Versicherung deiner Freundschaft, und das alte redliche Gutmeinen, welches ich aus deinem Brief lese, hat mich ganz aufgerichtet. Ja, ich habe Vertrauen auf deine Erfahrung, und glaube, daß du mir eben so gut Rath geben als jezo Muth einsprechen kannst. Ich eile mithin dir vollends meinen Kummer zu entdecken. Und heute will ich mich durch nichts stören lassen. Es giebt nichts in der Kirche zu thun; die Bauern sind mit dem gnädigen Hrn. auf dem Schnepfentreiben; es ist auch nichts zu taufen noch zu begraben; und mit meinem Brevier bin ich fertig. Ich habe mich eingeschlossen; und wenn der alte Pfarrer nicht auf der Bühne rumpelt, so soll mich nichts hindern, dir Wunderdinge zu schreiben. Ich muß dir zum voraus gestehen, daß ehe der P. Guardian mir von dem alten Hofmeister, Hr. Gutmann, so heißt er, so viel Uebels gesagt, und mir das Gewissen geschärfet, ich recht viel auf ihm gehalten habe. Der Herr ist alt und kränklich, dachte ich; er kann die feuchte Kirche nicht vertragen; er fürchtet sich für Husten und Flüssen; deßwegen kommt er nicht täglich in die Meß: In Proceßionen kann er auch nicht mitgehen, weil er schon oft das Zipperlein gehabt. Wer weiß, ob er nicht in seinem Zimmer desto fleißiger betet. Weil ich nur erst ein halb Jahr hier bin, und er mir nicht gebeichtet, so dachte ich, er glaube mich noch zu jung, und beichte wenn er dann und wann in die Stadt fährt. Ich höre ohnehin die Herren nicht gerne beichten. Man weiß nicht, was man ihnen sagen soll. Sie haben oft Sünden, die ich noch nicht verstehe, und dann weiß man auch nicht, wie man sich mit den Bussen zu richten hat. Es gebühret sich, daß man ein wenig höflich ist. Wann ich einen Bauern unter der Beichtcur habe, so richte ich mich nach den Sünden, die er mir sagt. Flucht und schwört er gerne, so tobe ich mit ihm wie ein lebendiger Teufel. Ist er einer guten Gemüthsart, so bin ich wie ein Lamm. Und damit komme ich recht gut aus. Bey Knechten und Mägden muß man viel Tanzen, Wirthshaus, und vom sechsten Gebot verschlucken können. – Transeat Herr Bruder, sie sind Menschen, die an der Erbsünde Theil haben. – Bey den Weibern kommt es meist auf Ehrabschneidungen, Hoffartsneid und Männerbetrug an. Das alles ist in einem Dorf parvitas materia . Aber, im Vertrauen, du solltest unsern gnädigen Herrn, oder den Amtmann oder Verwalter, wie ich im Jubiläum, Beicht hören. Da wußte ich wahrhaftig nicht, wie ich mit Ehren von ihnen kommen sollte. Das sind Sünden wie Heustöck. Fünfzehn habe ich aufgeschrieben, die ich nicht im Bussenbaum finde. Doch weil ich in diesem Fall auch die casus reservatos observieren konnte, und ich gleich gemerkt, daß keiner von ihnen weder die ewige Keuschheit, noch den Eintritt in einen geistlichen Orden verlobt hatte, so bin ich in Gottes Namen darüber hinweggehüpft. Der gnädige Herr war brav; er sagte: »Machts kurz, Herr Pfarrer; ich möchte mich gerne bessern, aber ich bin zu alt; doch nehme ich mir es vor. Keine lange Buß; sie wird sonst schlecht verrichtet - und ein Cavalier kann nicht beten wie seine Bauern.« Dem Amtmann wollte ich von Ungerechtigkeit und dem Verwalter (ich will aber keinen von beyden nennen) von Restitutionen reden. Da solltest du gehört haben, wie sie sich gewehret. Besonders der letztere, der als Quarti anni Theologus mehr Distinctionen über jede Sünde wußte als Buchstaben im Psalm Miserere sind. Ich weiß nicht wie ich von meinem Hauptobject durch das einfältige Beichtgeschwätz abgekommen bin. Wenn das Herz voll, so gehet der Mund über. Ich sagte dir oben, daß ich auf dem alten Hrn. Hofmeister Gutmann recht viel gehalten, und das ist wahr. Er wohnet nun fünf Jahre hier, und in dieser ganzen Zeit hat er nicht ein Kind beleidiget. Wenn ein Bauer ein gescheides Memorial verlangt, so macht er es ihm, aber allemal umsonst. Wer ungerechte Händel anfangen will und ihn frägt, dem rathet er ab, und schreibt kein Buchstaben. Ist ein Gemeindsmann in Nöthen, so findet er 5, 10 bis 15 fl. bey ihm ohne Zins. Ob er schon nicht reich ist, so giebt er mehr zur Armencasse als der Amtmann. Mir hat er schon gar oft sagen lassen, wann ich Kranke im Dorf hätte, die sich kein Fleisch oder Brühen verschaffen können, so sollte ich sie an ihn weisen; und wenn ich es thue, so giebt er augenblicklich Geld und auch kleine Hausmittel. Er kauft alle Jahre ein Haufen Strümpfe, Kappen, Handschuh, und so Zeug, das er in der Schule den Kindern, die am besten lernen, austheilen läßt. Den Bauern läßt er um sein eigen Geld allerley Saamen kommen, um unsern Ackerbau zu verbessern, und schwazt ihnen freundlich vom Säen und Erdbau, wie ein ausgelernter Calendermacher. Er ist also überhaupt der rechtschaffenste Herr. Nur zwey einzige mal habe ich Gelegenheit gefunden, in Zeit meines Hierseyns, an seinem Christenthum zu zweifeln. Das erste war, daß er einer armen auf den Tod gelegenen Judenfrau Geld und Medicin geschickt; und das zweyte, so mich noch mehr Wunder genommen, ist, daß er vor vierzehen Tagen, mithin gerade bey dem Anfang des Jubiläums, wo sich doch jedermann als ein wahres Glied der catholischen Kirche bezeigen sollte, einem im Wirthshause gefährlich erkrankten calvinischen Handwerksbursch, weil sich, wie billig, niemand des Menschen annehmen wollte, und er kein Geld hatte, den Doctor aus der Stadt holen ließ, auch für ihn alles bezahlte. Da dachte ich, hinter diesem Mann muß nicht viel Religion steken. Aber so arg habe ich es mir nicht eingebildet, als ich es leider nun finde. Alles, was mir der P. Guardian gesagt hatte, und mein eignes Denken zusammengenommen, fand ich mich endlich im Gewissen verbunden, dem Herrn Gutmann einen Besuch abzulegen, und mein Pfarramt dahin auszuüben, daß ich ihn entweder mit Güte zu einem wahren Kind der Kirche machen und zu Gewinnung des Jubiläums zwingen, oder doch Gewißheit haben möchte, was und wie er denkt, damit ich es unserm Herrn Dechant anzeigen kann. Es hat mich viele Ueberwindung gekostet; denn es war das erstemal, daß ich ihn in seinem Hause und zwar von Angesicht zu Angesicht sprechen sollte. Mehrere Bedenklichkeiten hatten mich bis daher von ihm entfernt gehalten. Erstlich weiß ich, daß er bey dem gnädigen Herrn nicht wohl gelitten ist, theils weil er ihm aus dem Vermächtniß seines Bruders des Domherrn von A** jährlich 3200 fl. bezahlen muß; theils weil Herr Gutmann über das ewige Jagen, Fluchen, Saufen, Ehrabschneiden und Müssiggehen im Schloß manchmal, doch mit allem Respekt, ein wenig loszihet, und überdas mit dem verstorbenen Pfarrer gut Freund gewesen. Um ihm aber recht wohl bewafnet unter die Augen zu tretten, duchblätterte ich nochmal mit Fleiß mein ganzes Jubiläums=Büchlein, und gieng Freytags in der letzen Jubiläums=Woche nach der Meß in das Amthaus. Als mich die Magd gemeldet, ließ er mich fragen: Ob mein Besuch Kranke oder Nothleidende beträfe? Sonsten, wenn es nur ihn angienge, wolle er sich die Ehre auf den Nachmittag ausgebeten haben; er habe unaufschiebliche Geschäfte, und sey eben in der Arbeit begriffen in einer eilenden Sache eine Vorstellung an ein benachbartes Oberamt für eine arme bedrängte Partie [Parthey?] zu verfertigen. Als ich Nachmittags um zwey Uhr wieder dahin gehen wollte, hat mir das Herz im Leib so gepochet, daß ich mir vorher mit einem paar Gläser Wein Muth und Kühnheit einsprechen mußte. Ich gieng hin. Er hat mich mit mehr Freundlichkeit empfangen als ich hoffen konnte, und sagte gleich beym Eingang: Herr Pfarrer, ich habe mir schon mehrmalen das Vergnügen gewünschet, sie bey mir zu sehen. Sie sind, wie ich nun selbst erfahre, und von den meisten des Dorfes gehöret habe, ein wackerer gutthätiger Mann. Ich habe ihnen nicht übel nehmen können, daß sie mich bisher noch nicht besuchet haben; die Ursachen sind leicht zu errathen; und eben diese haben auch mich abgehalten, ihren Umgang zu suchen. Ein freundschaftlicher Umgang, dergleichen ich mit ihrem Vorfahrer genossen, wäre mir ein Trost in meinem Alter: Allein man siehet es in dem Schloß nicht gerne, daß die Herren Pfarrer mit mir auf einen freundschaftlichen Fuß leben; und sie thun wohl, daß sie sich mit dem gnädigen Hrn. gut zu stehen bemühen. Kann ich aber ihnen oder ihren Pfarrkindern einige Dienste erweisen, so ist es aus Christenthum und Menschenliebe meine Pflicht. Ich stammelte einige höfliche Worte - machte ein paar Kratzfüsse - und wußte nicht mehr was ich sagen wollte. Herr Gutmann muß meine Verwirrung bemerket haben; denn er nahm, nachdem er mir einen Stuhl angewiesen, sogleich das Wort: Sie haben nun vierzehen Tage sehr viel zu thun gehabt, Herr Pfarrer. Es freute mich, daß ich die Leute so fleißig nach der Kirche gehen sahe. Die Ostern werden leichter seyn. Es ist gut, daß nun die Hauptandachten noch bey schlimmem Wetter nach einander vorbeygehen, sonst würden die Leute in dem Ackern und Habersaat sehr gehindert worden seyn. Diese Worte, und daß er das Jubiläum und die Osterbeicht mit der Habersaat vermischte, waren mir ein Donnerstreich. Ich muß blaß worden seyn; denn er fragte gleich wieder: Fehlet Ihnen etwas, Herr Pfarrer, oder haben sie sich an meinen unschuldigen Worten geärgeret? Ich antworte ein halblautes Nein! Und da ich auf dem Tisch ein aufgeschlages Jubiläumbüchlein von C** sah, gab es mir Gelegenheit, meine Absicht merken zu lassen. Ich sehe, daß sie zu Haltung der großen Gnadenzeit vorbereiten, sagte ich, worzu nur noch zwey Tage übrig bleiben. Ein Lächeln, das mir durch die Seele gieng, bereitete sich über des Hrn. Gutmanns Gesicht aus. Ew. Hochw. muß ich gestehen, daß ich meinen Bündel Untugenden und Sünden auf die nahestehende Osterzeit verspare. Aber warum wollen Euer Herrl. nicht des allgemeinen, nun durch unsern heiligsten Vater eröfneten Gnadenschatzes sich theilhaftig machen? Darzu verbindet mich kein Glaube; es beweget mich keine Ursache; und ich hoffe mit Erfüllung der wahren Christcatholischen Pflichten doch ehrlich zu leben und selig zu sterben. Ehrlich zu leben, das kann wohl seyn. Aber mit Verachtung des von dem Statthalter Christi ausgeschriebenen Jubiläums, und Hintansetzung der übermäßigen Gnadenzeit, auch selig zu sterben; erlauben Ew. Herrlichkeit, daß ich daran zweifle! – Sie müssen mich nicht unrecht verstehen, Herr Pfarrer. Ich verachte das Jubiläum nicht. Ich trage alle Verehrung für unsern heiligsten Vater. Ich glaube, daß die Kirche Macht habe, Ablaß der Sünden zu ertheilen; und daß dieser Ablaß nüzlich sey. Ich glaube aber auch, daß wenn keine Ablaß ertheilt würde, man dennoch, mit Erfüllung seiner Pflicht gegen Gott und die Menschen, selig werden könnte. Lieber Herr Bruder! Hier stunden mir die Haare zu Berge. Nun mußte ich mit sehr betrübtem Herzen sehen, daß ich wirklich einen Mann vor mir hätte, der schon mit kezerischen Banden verstrikt, und eines verhärteten Herzens sey. Herr Gutmann merkte meine Verwunderung, und sah alle in meinem Innersten vorgehende Bewegungen mit lächelnder Ruhe zu. Als ich mich ein wenig zusammengeraft hatte, sagte ich endlich: Wenn aber Ew. Herrlichkeit glauben, daß die Kirche die Macht habe, nützliche Ablässe auszutheilen, was bewegt sie, sich dieses Nutzens nicht auch theilhaftig zu machen? Denn wissen, daß mir etwas an meiner Seele nützlich ist, die Gelegenheit neben dem offen sehen, da ich es mir leicht eigen machen kann, und doch nicht darnach trachten, ist schon eine Sünde. Ey! Herr Pfarrer, das bedarf eine weitere Zergliederung. Wenn ich weiß, daß ich ohne diese Sache schlechterdings nicht selig werden kann; wenn die Kirche, ich sage nicht der Pabst allein, mir die Erfüllung einer mit Gottes Wort oder den Geboten einstimmenden Handlung als ein Gesetz vorschreibt, so haben sie recht. Aber ich müßte keine Kirchengeschichte, keine vernünftige cathol. Glaubens=Ausleger, und das Concilium zu Trient nicht gelesen haben, wenn ich geradezu glauben und thun wollte, was der übertriebene unwissende Mönchen=Eifer oder der Hochmuth eines sich unfehlbar glaubenden Theologens, oder auch die Begierde nach Opfer uns weiß machen will. Verzeihen Sie, daß ich hier nicht weiter spreche, sondern für dieses Mal abbreche: Ich muß noch einen Boten nach der Stadt schicken, um für des armen Juden kranke Frau einige Kindbetterkräuter zum Trank zu beschreiben. Kommen Sie ein andermal zu mir; ich mache mir eine Freude mit ihnen zu sprechen. Und damit ließ er mich mit Höflichkeiten überhäuft weggehen. Was meinest du, Herr Bruder, wie mir zu Muth war? Hundert verschiedene Einfälle giengen mir durch den Kopf. Bald bedauerte ich den übel gebrauchten Verstand des Herrn Gutmanns; bald entsetzte ich mich über seine so kezerisch schmekende Propositiones, bald wünschte ich ihn zu bekehren, und wußte doch auch nicht, was ich ihm sagen sollte. Doch war ich überzeugt, daß er unrecht habe: Denn qui ecclesiam non audierit sit sicut Ethnicus \& Publicanus; atqui der Pabst hat das Jubiläum angeordnet, und der Bischoff hat uns in dem gründlichen Unterricht die Vorschrift gegeben, wie wir es halten sollen; ergo ist Herr Gutmann qui audivit, und doch den Ablaß nicht gewinnen mag, Ethnicus \& Publicanus . Nur war ich noch irre, was er mit der Kirchengeschichte sagen wolle. Was mag dieses wol für ein Historienbuch seyn? Und wenn auch die Beschreibung aller Kirchen und Capellen darinn enthalten wäre, dachte ich, so kann das zum vollkommenen Ablaß nichts machen; denn eben dieses bestärket ihn, weilen bey jeder Einweyhung einer neu erbauten Kirche allemal vom Bischoff Ablässe ertheilet werden. Er sagt auch vernünftige catholische Glaubens=Ausleger; das scheinet mir auch nicht orthodox. Man soll ja die Vernunft nicht gebrauchen, so bald etwas den Glauben betrift. Das Concilium zu Trient lasse ich allenfalls an seinen Ort gestellet seyn. Wer weiß, was sie da für Sachen vorgehabt haben; es muß etwa kein Pabst dabey gewesen seyn; und wenn die Sache wahr wäre, hätte uns auch der Professor etwas darvon gesagt. Ueberdas hab ich mein Lebtage von keinem andern als dem Concilium Tridentium und nicht von dem zu Trient gehöret. Tridens heißt ja Dreyzak und Triens ein Drittel. In der Verlegenheit beschloß ich, mich bey unserm Herrn Dechant Raths zu erholen und ihm den ganzen Handel vorzulegen; bis dahin aber nicht mehr zum Herrn Gutmann zu gehen. O das verzweifelte Schnepfenjagen! Ich muß schlissen; es ist ein Pferd vor meiner Thür; ich soll eilends in den Wald, der gnädige Herr hat einen Buben gefährlich geschossen. Nächstens sollst du erfahren, wie die Sache bey Ihro Hochw. dem Herrn Dechant abgelaufen. Vierter Brief. Zwey Dinge sind einem Schriftsteller und Herausgeber die unangenehmste von der Welt. Einmal wenn man sie nicht nach ihren Absichten beurtheilet, oder dieselben gar zu weit ausdehnt: Was können sie dafür, daß andere aus einem A.B.C.=Buch ein Lehrgebäude machen? Und hernach, wenn die spitzfindige Geschäftigkeit ihrer Leser so weit gehet, daß sie Originale zu den Charaktern gefunden haben wollen. Wir mögen noch so gewöhnliche und fast alltägliche Charaktere schildern, so finden sie doch immer so gewaltig scharfsinnige Leute die Personen angeben können, die wir in Gedanken gehabt haben sollen. Wissen denn diese Herren nicht, daß es unser Amt ist die Fehler aufzusuchen, ohne darauf zu denken, ob diese oder jene Person davon angesteket seye? Ich will mich über diese bekannte Wahrheit nicht mit Anmerkungen ausbreiten. Billige und gelehrte Männer würden ohnehin Bedenken tragen zuversichtlich zu behaupten, daß der Dechant dieser Briefe ein gewisser wakerer Mann sey. Ein Vorgeben, welches um so unvernünftiger ist, als nicht ein einziger Zug auf den wahren Charakter des Mannes passet, der davor ausgegeben werden wollen. Hudibras würde von Bemühung dieser Herren gesagt haben: »Sie geben dem Autor die Kräze, um ihn reiben zu können.« Vielleicht war dieses ihre liebreiche Absicht. Allein sie mögen ihr hocus pocus so gut machen, als sie wollen, so werden doch die Züge und Nebenstände, welche diesen Charakter bestimmen, nicht verwandelt werden. Und so lange dieses nicht geschiehet, sind mein Dechant und der ihrige himmelweit unterschieden. Aus besonderer Gefälligkeit will ich ihnen doch so viel Nachricht geben: »Daß ich auf eifriges Nachfragen in sichere Erfahrung gebracht, daß der Dechant, von welchem hier die Rede ist, in der That und wirklich die angezeigten Bücher von dem Gutmann seinen Gedanken nach habe verbrennen lassen; und daß ...« Doch beynahe hätte ich vergessen, daß sie meinen Dechant nicht kennen sollen. Stossen sie also immer ihre hochweise Häupter zusammen und rathen sie. Ohne Zweifel werden sie es nun errathen. Oder fehlet es ihnen an Scharfsinnigkeit? Kommen sie, meine Herren! Ich will ihnen zu der Verwandlung des Zacharias Ronald verhelfen. Was werden sie alsdann nicht errathen können? Ihn berührte der Pudergott mit einem Zauberbande, und es wurde plötzlich ein Haubenstok. Den 11 ten Aprill 1770. Ich eile dir, liebster Bruder, zu melden, wie meine Anzeige bey dem Herrn Dechant aufgenommen worden. Um acht Uhr muß ich in die Kirche gehen; es ist mir also nur eine einzige Stunde zum Schreiben übrig. Freylich wünschte ich dich mündlich zu sprechen; aber ich sehe bey unserer gar zu weiten Entfernung keine Möglichkeit vor mir. Doch es freuet mich, daß dir mein Vertrauen angenehm ist; und so habe ich doch wenigstens den Trost, daß wir einander oft schreiben werden. Wisse also, daß ich den Herrn Dechant noch im Schlafrock angetroffen, und daß er more folito mir sehr hoch und trocken begegnet. Ich habe bey mir ganz stille gedacht: Entweder wird der Mann noch Weihbischof oder ein Narre. Amen! Seine Anrede war: Nu! Wie lauts, was hat der Pfarrer neues? Nicht viel, aber es ist mir ein Vorfall begegnet, wo ich Ew. Hochwürden Rath und Beystand nöthig habe. Ja, wenn man nichts anders zu thun hätte, als euch jungen Leuten aufzuhorchen! Lernet eure Sachen besser in studiis , so braucht man nicht nachzuschulmeistern. – Nur kurz und geschwind! Da fieng ich an meinen Kram auszulegen, und ihm den vollkommenen Hergang zu erzählen. Wie er einmal wußte, daß mein Vortrag den Herrn Gutmann angehe, da wurde sein Gesicht über und über feuerroth wie ein Hahnenkamm. Das ist ein sauberer Gespann, sagte er. Man darf nur die P. P. Franciscaner hören, was der alte Lumpenkerl für Reden auf Franciscifest über den Vollkommenen Ablaß ausgestossen. Kein Wunder, daß ihr in eurem Dorf zwey Mißjahre aufeinander gehabt, und der gnädige Herr ein Bettelmann werden muß; warum giebt er ihm Aufenthalt? Ich bemühete mich ihm den Irrthum, in dem er in Ansehung der vermeinten Freundschaft zwischen dem gnädigen Herrn und dem alten Hofmeister stekte, zu benehmen, und setzte noch hinzu: Dieser könne ja eben so gut als vierzehen Judenhaushaltungen in dem Dorfe wohnen. Aber damit bekam ich seine ganze Ungnade auf den Hals. Indem, was Juden, ruft er aus! Ich wollte lieber 100. Juden als einen Gutmann in meinem Dorf haben. Der Pabst hat auch Juden in Rom; aber Ketzer duldet er nicht. Mit Juden kann ich noch handeln; und wenn ich sie betrüge, thue ich doch keine Sünde, sondern nur den Feinden Christi Abbruch. Juden tragen auch wol jura stolae ein. Aber so ein heilloser Gutmann, der sich auf Vernunft verläßt, der die halbe Welt durchwandert, und mit seinem bisgen Lesen gescheider seyn will, als unser einer, so einen Kerl sollte man in einem Christcatholischen Gebiet nicht leiden. Laufe der Herr Pfarrer nur fein fleißig zu diesem Atheisten, so wird er bald werden, wie sein Vorfahrer, der alle Tage bey ihm gesessen, und allerley verbotene Bücher mit sich nach Hause genommen, ohne die Licentium legendi bezahlt zu haben. Beym Auskehren hat sichs gefunden. Schon mit 68. Jahren schickte ihm Gott die Wassersucht. Was glaubt er wohl Herr Pfarrer, was ich für Bücher bey ihm angetroffen? Eine Oetingische Lotterie=Bibel, die zu Nürnberg gedruckt war, wo der ganze Magistrat, wie ich höre, Lutherisch seyn soll. Deutsche Predigten von einem gewissen Tillotson aus Engelland, wo der Pabst als Antichrist behandelt wird. Andere zu Amsterdam gedruckte, von wannen ich mein Lebtag gehöret, daß man nichts als Stokfische und Häringe kommen läßt. Zum Spaß habe ich ihn sehen wollen, von was einige andere Bücher handeln; sie waren aber lateinisch, und da hätte mich die Zeit gereuet. Auf einem deutschen stuhnd zwar Muschenbroek Philosophie; aber wie ich es aufmachte, fand ich über den Capiteln Vernunftlehre, Geisterlehre etc. und allerley in Kupfer gestochene Cirkel mit Buchstaben, Sonnen, Dreyeck und andere gewisse Merkmale, daß es zur Hexerey, Gott segne uns! gehören müsse. Der alte Gutmann forderte seine Bücher wieder. Aber ich machte kurzen Proceß, und warf sie mit einander in das Feuer. Dem Herrn Dechant mag das Verbrennen solcher Bücher noch hingehen. Aber wenn man auf einer Lutherischen Hohen Schule Geßners Idyllen von einem R. aus heiligem Eifer verbrennen siehet, so muß man über die Barbarey mitten in unsern aufgeklärten Zeiten erstaunen, und solche Urkunden des Unverstandes beweinen. Mit einem Wort: Ich finde, daß der Mann nichts nutz ist. Will er das Jubiläum gewinne, so muß er mir erst alle seine Bücher einliefern. Will er nicht, so ist und bleibt er des Teufels Eigenthum. Was schwätzt so ein Bursch von Kirchenhistorie. Es giebt freylich so Bücher, aber sie gehören nicht zum Glauben. Der Catechismus ist nicht umsonst geschrieben. Und wenn man so Bücher lesen müßte, wo wollte man die Zeit hernehmen das Brevier zu beten, Messe zu lesen, ein Spielgen mitzumachen, und mit guten Freunden ein Glas Wein zu trinken? Ich sage es ihm, Herr Pfarrer, meide er den ketzerischen verdächtigen Kerl. Glaube er, was er gelernet; lehre er auch das und nicht mehr seine Bauern. Selig sind die Armen im Geist. Und er wird sogar in der Legend allemal zwanzig einfältige Heilige gegen einen gescheiden antreffen. Noch einmal, sagte er endlich, kann er zu ihm gehen; merke er aber auf alle Worte; und wenn wir ihn in einer einzigen verdächtigen Rede fangen können, so soll er bald excommunicirt seyn; da mag er dann crepieren und verscharrt werden wie ein anderes Vieh auch. Was macht er denn sonst im Dorf für Händel, fragte er letzlich? Ich sagte, er sey in seiner Aufführung ein ganz ordentlicher gutthätiger Mann, der den Armen und Nothleidenden viel Hülfe und Gutes beweise. Den Armen, den Nothleidenden! Ich weiß aber das Gegentheil. Es sind noch keine drey Tage als mir der Bruder Dismas von den Capucinern geklaget, daß der Gutmann ihn noch niemals vorgelassen, wenn er zu unterschiedlichen Zeiten im Dorf, Butter, Fleisch, Lichter, Flachs, Brod, Mehl, Eyer, Salz, Schmalz, Oel, Wolle oder andere Sachen terminiere. Wann der alte Kezer gutthätig wäre, so gäbe er aus so vielen Nothwendigkeiten doch den armen Capucinern, Franciscanern, Augustinern, Carmeliten oder Dominicanern etwas. Diese sind die wahre freywillige Arme, die bey ihrer vom Pabst approbirten Armuth dennoch der Kirche gegen die Ketzer beystehen und den Pfarrern aushelfen. Schwerlich wird Gott das, was man an Bauern verschenkt, für ein gutes Werk ansehen. Denn diese sind zur Arbeit geboren, und nicht freywillig, sondern gezwungen arm. Es muß doch jemand im Schweiß seines Angesichtes sein Brod gewinnen, auf daß der Fluch der Erbsünde erfüllet werde. Wann der Bauer was hat, oder geschenkt bekömmt, wird er gleich übermüthig oder faul. Und das gehet gegen seine Bestimmung. Nun ist es gut, Herr Pfarrer. Merke er sich was ich ihm da gesagt. Junge müssen von den Alten lernen. Hat er keine Aepfel mehr? Die Fasten thut mir wehe. Ich mag nicht immer von Mehl essen; Fische sind zu theuer: Vielleicht giebt es welche in seinem Dorf. Ich stehe wieder dagegen zu Diensten, und komme ohnehin bald auf die Visitation. Da hast du, lieber Herr Bruder, den ganzen Hergang haarklein. Aber was habe ich daraus lernen oder zu meinem künftigen Verhalten merken sollen? Ich weiß nichts, als daß er und die Mönche den Gutmann nicht leiden können, und daß ich gleich noch in der Stadt ein Körbchen Aepfel gekauft, und es des andern Tags dem Dechant von Haus aus zugeschickt. Ich möchte dir gern mehr sagen; aber man hat mir schon mit beyden Glocken zum Altar gestürmt; nun muß ich fort. Nach Ostern das weitere. Fünfter Brief. Den 17. Aprill. Ich danke dir für den freundlichsten Osterwunsch. Mir macht es nichts ob ich Fleisch oder Fastenspeise esse. Ich bin das ganze Jahr an eine magere Kost gewöhnet. Der Wirth hat auf die Feyertage geschlachtet, und mir einen schönen Braten geschickt. Die Helfte davon haben ich und mein Schulmeister mit einander verzehret, und das andere wollte ich eben unserem alten kranken Wagner, einem 70. jährigen von seinen Kindern übel behandelten Mann schiken. Aber er hat mir mit dem Beysatz danken lassen, der Herr Gutmann habe ihn auf die ganze Woche mit Fleisch und Brod versehen. Der verzweifelte Gutmann macht mich manchmal ganz irre. Ich weiß nicht was ich von ihm halten soll. Wenn ich betrachte, daß er ganz genau die Schuldigkeiten unserer Religion im äusserlichen erfüllet, wie er dann erst am Grünendonnerstag recht erbaulich communicieret hat; wenn ich sehe, daß er mit dem besten Gemüth von der Welt, aber freylich ohne Unterschied des Glaubens, jedem Nothleidenden Hülfe leistet; so möchte ich ihn lieb haben. Wenn ich aber wieder betrachte, was der gnädige Herr, der Dechant und P. Guardian mir von ihm gesagt, so ist und bleibt er ein verstockter Bösewicht und heimlicher Erzketzer. Du kannst dir, lieber Herr Bruder, nicht vorstellen, was mir für wunderliche Gedanken, neulich, als ich von dem Dechant aus der Stadt nach Hause gieng, unterwegs der Teufel in den Sinn gegeben. Und ungeachtet ich seither den l. Gott alltäglich in dem heil. Meßopfer um Erleuchtung gebeten, so kann ich mich doch noch nicht ganz überzeugen, daß der Gutmann ein so verdammniswürdiger Mensch sey. Ich dachte, der Dechant hat mich auf den Catechismus gewiesen; und was darinnen stehet, das thut und glaubt ja unser alter Hofmeister. Ich weiß nichts Uebels von ihm, als daß er in keine Bruderschaft eingeschrieben; keinen Ablaß gewinnt; von Hexereyen nichts hält; Gespensterhistorien nicht glaubet; der Mönche Betteleyen nicht günstig ist; über ihre Predigten und geistlichen Erzählungen manchmal spöttelt; keine Walfahrten verrichtet; allerley weltliche Bücher auch von Ketzern lieset; und, was freylich das Aergste ist, keinen Unterschied in Vertheilung seiner Wohlthaten macht, sondern jeder menschlichen Creatur, die er in Armuth oder Noth weiß, und sollte es auch zehnmal ein Jud, oder gar ein Lutheraner seyn, mit gleichem Eifer hilft und dienet. Dieses sind grosse Fehler, ich gestehe es; aber es stehet doch auch gleichwol von allem diesem nichts in dem Catechismus; mithin ist er zu dem was er nicht thut durch den Glauben nicht gebunden. Und doch dachte ich auf der anderen Seite wieder, der Dechant müsse einmal recht haben. Denn er ist S. S. Theologia Baccal biblicus etc. formatus . Und als Priester, als Beichtvater, als unser geistliche Capitulsvorsteher dürfe er nicht lügen, nicht ehrabschneiden, nicht verläumden; das wäre ja eine entsetzliche Sünde. Er hat das Jubiläum gewonnen und lieset fast in jeder Woche einige heil. Messen. Siehe, lieber Herr Bruder, wenn der Gutmann nicht in meiner Pfarre wohnete, so läge mir an allem nichts. Darf ich mit Juden handeln, so dürfte ich auch mit diesem Mann manchmal Umgang pflegen, und sein Pfarrer möchte alsdann für seine Seele an jenem Tage antworten. Aber das ist aus; er ziehet von hier nicht weg. Und da bleibt mir immer, nach des P. Guardians Versicherung, die Verantwortung für seine Seele, die ich nicht kenne, auf dem Gewissen liegen. Ich werde ganz abscheulich von meinen eigenen Gedanken herumgetrieben. Bald habe ich den Gutmann lieb, bald ist er mir wieder sicut Ethnicus \& Publicanus . Erst gestern Abends nach Tische habe ich mit meinem Schulmeister lang und breit über diese Sache gesprochen. Aber ich weiß nicht, wie mir der Mann vorkömmt; er hat mir behaupten wollen, der Dechant, der Guardian, und alle, die gegen den alten Hofmeister sprächen, wären unchristliche gewissenlose Verläumder; und er setzte mit einem erhitzten gotteslästerlichen Ton hinzu: »Ein Gutmann ist mehr werth und in Absicht der menschlichen Gesellschaft ein besserer Christ, als sechs und dreißig Franciscaner und vier und zwanzig Dechanten.« Ich mußte ihn mit Ernst schweigen heissen, und wollte, er sollte auf der Stelle beichten. Aber er war in einem solchem Jast, daß er sich nicht zurückhalten ließ. Ew. Hochwürden, sagte er, ich bin über meine sieben Jahre. Ich weiß, was die heil. drey Könige geopfert haben. Ihr sel. Vorfahrer war auch kein Ketzer. Und daß er etwas wußte, hatte er in seinen letzten Jahren dem Herrn Gutmann zu verdanken. Der gab ihm, und der Herr Pfarrer mir Bücher. Hätte ich nur lateinisch verstanden, wie ich es lesen konnte, oder ein Bisgen mehr Französisch als votre Serviteur , so wollte ich ein anderer Mann seyn. Aber so viel ist allemal gewiß, daß der alte Herr Hofmeister, Gott segne ihn, mehr vernünftiges cathol. Christenthum in der That, und zwar täglich, ausübet, und sich dadurch bey dem allmächtigen Gott mehr Verdienst sammeln muß, als fünfzig Mendicanten=Klöster mit allem ihrem kraftlosen Geplärre in einem langen Jahr, zu 365. Tag und Nacht gerechnet, gewiß nicht zusammenbringen können. Das christliche Gesez ist ein Gesez der Liebe. Unser Heiland hat uns diese vor allen andern geboten, und gesagt: In der Liebe Gottes und des Nächsten bestünde das Gesez und die Propheten. Wer ist nun mein Nächster? Ew. Hochwürden werden vielleicht, mit dem Dominicaner, der letzthin zu A** gepredigt hat, antworten, nur die Mönche und die den catholischen Glauben haben. Aber das ist fein brav nicht wahr. Gott hat alle Menschen nach seinem Ebenbilde erschaffen. Christus der Herr ist für alle gestorben. Und der allmächtige Gott, der sie auf die Welt geschikt hat, auch darauf leben läßt, hat uns die Pflicht geboten, ihren Nöthen, wenn wir können, zu steuern, ihr Elend zu versüssen, und nicht, weil sie an ein oder das andere nicht so wie der Dechant glauben, sie ärger als das unvernünftige Vieh zu achten. Sie füttern ja ihre Kaze und den Canarivogel, und brechen sich auch wol ein Stück Brod von ihrem Mund ab, um es ihrem Mops zu geben. Ist dann ein kranker Kezer mit einer vernünftigen Seele, wo nicht besser, doch eben so gut als ihr Mops? Ich habe mich fast zu Tode geärgert, fuhr er fort, als der Dechant nach dem Absterben ihres seligen Vorfahrers auf sechs Tage hieher kam, und mit sündlichen Kösten, unter dem Vorwand des Obsignierens und Inventierens, Diäten zu ziehen, und sich wohl seyn zu lassen. Die ganze Verlassenschaft schäzte er auf 120. fl. Die Leichkosten beliefen sich auf 27. fl. Die Diäten des Dechants auf 15 fl. Dann mußte die Schwester, als Erbin, noch für abgeholten Wein im Wirthshaus 7. fl. und für andere Küchennothwendigkeiten über 14. fl. bezahlen. Da sind schon über 60. fl. hingewesen. Die arme Tröpfin hat bitterlich geweinet, als sie nach bezahlten sonstigen Schuldpöstlein fast mit leerer Hand abziehen mußte. Heißt das die Liebe des Nächsten ausüben, wenn der reiche Dechant mit Faullenzen und befliessenen Köstenmachen so einer alten abgelebten Person das wenige, was sie erben sollen, vollends zu nichte macht? Aber das ist nicht, was ich sagen wollte. Sondern, weil Sie, Herr Pfarrer, noch nicht hier seyn konnten, so mußte ein Capuciner bisweilen die Pfarrey versehen. Der Dechant brachte ihn mit, und die sechs Tage, da dieser hier saß, mußte ich beym Tisch aufwarten. Wenn dieser seine zwey, und jener seine halbe Maaß Wein ausgeleert hatte, da fingen sie an gelehrt zu thun, und über Religionssachen zu disputieren. Wann alles das wahr wäre, was der Dechant da behauptete, so erbarme sich Gott seiner armen Geschöpfe; aber ich gieng heut noch und ließ mich beschneiden. Er gieng unbarmherzig mit den Menschen um. Nicht weniger als neunzehn Theil mußten des Teufels Eigenthum immer und ewig werden. Alle weltlichen Leute, welche die Oberherrschaft der Geistlichkeit nicht blind erkenne; die nicht in Brüderschaften eingeschrieben sind; oder nur im geringsten Stück an der Regel des heil. Francisci zweifeln; den Mönchen die Gurgel nicht schwenken, und keine Ablässe gewinnen, wurden von dem Himmel ausgeschlossen. Und wissen sie die wichtige Ursache? Weil sie als sündige Menschen täglich zwanzigmal fallen, und niemand oder nichts haben, was sie wieder aufhebt. Gerade als ob man nicht ohne Beyhülfe dieser Herren aufstehen könnte. Ew. Hochw. sollten nur gehört haben, wie sie mit Kaiser, Königen und Fürsten umgegangen sind. Das kann ich zwar gelten lassen, denn ich kenne keinen davon. Und ich dachte, wenn alle grosse Herren unserm Edelmann gleichen, so ist ihr Verlust ohne das dem Himmel kein grosser Schade. Mir selbst ist bey ihrem Verdammen nicht Angst geworden. Als Meßmer bin ich doch auch ein Mitglied der Geistlichkeit; und da ich auch Schuldigkeit wegen bey allen Andachten in der Kirche seyn muß; wo ich mehr als der Pfarrer selbst geschoren bin, so will ich den sehen, der mit meinen Antheil an dem Verdienst absprechen kann. Aber es giebt noch eine Schwierigkeit, die ich nicht verdauen kann. Es hat auch unter den Weltlichen eine grosse Menge recht gelehrter, wakere, gutthätige und redliche Männer, die alles glauben und thun, was unsere heilige Religion vor alten Zeiten zu glauben und zu thun geboten hat; und weil diese nicht alle, Gott vergeb es mir! von einfältigen Andächtlern aufgebrachte Narrenspossen mit machen, so sagt man gleich, sie hören die Kirche nicht; und wer die nicht höret wird verdammt. – Ey, so verdamme du und der Geyer! – Ich kann mich nicht zurückhalten, Herr Pfarrer; ich muß ihnen etwas gestehen: Aber verrathen sie mich, so halte ich mein Lebenlang nichts mehr auf sie; und bringen sie es für den Dechant, so läugne ich es ihnen vor dem Maul weg. »Ich glaube nicht, daß, wer Gott und den Nächsten liebet, auch für sich selbst ein redlicher Mann ist, in Ewigkeit verdammt werden wird. Gesetzt er wisse auch nicht just, oder glaube nicht ganz was im Catechismus stehet. Das lasse ich mir nicht nehmen. Und wenn ich anderst dächte, so glaubte ich in unserm Herrn Gott Unrecht zu thun.« Lieber Herr Bruder! Mein Schulmeister war in einem so lebhaften und fast rasenden Eifer, daß ich ihn aller meiner Bemühungen ungeachtet nicht stille machen konnte. Aber wie er mir mit offenbaren propositionibus ab ecclesia damnatis kam – da machte ich die Thür auf, und hieß ihn aus meinem Hause gehen. Wie er sahe, daß ich in Zorn gerathen war, gab er gute Worte und sagte: Euer Hochw. verzeihen mir, wenn ich ihnen in der Hitze vielleicht grob begegnet bin; ich bitte um Vergebung. Aber ich kann mir nicht helfen; was ich gesagt habe, dabey bleibt es, oder sie müssen mir, als mein Seelsorger, das Gegentheil in meinen Kopf probiren. Wissen sie was? Wir sind allein; ich möchte gern mit ihnen noch weiter schwatzen: Und weil sie, wenn ich als ein gemeiner Mann mit ihnen rede, gar leicht böse werden, traktieren wir die Sache wie eine Beicht; da müssen sie mich wohl mit Geduld anhören. Er wollte gleich die offene Schuld beten und mich zum Niedersitzen zwingen. Da ich aber gar leicht einsahe, daß mit dem Geken, der aus gutem Gemüth fehlete, weiter nichts anzufangen seyn wurde, so suchte ich ihn dadurch zu besänftigen, daß ich ihm ohne Beicht zuzuhören versprach, und sogleich auf mein Ehrenwort versicherte, gegen den Dechant nicht das geringste merken zu lassen; doch mit dieser Bedingung, daß er mir aufrichtig bekenne, wie er zu diesen erzkezerischen Gedanken gekommen sey. Itzt ists recht, rufte er freudig aus! Ich will Ew. Hochw. alles sagen: Aber stören sie mich nicht, und seyn sie geduldig; es wird ihr Schade nicht seyn. Der verstorbene Pfarrer hat mir einst im Winter eines von des Gutmanns Historienbücher zu lesen gegeben. Was weiß ich, was es eigentlich war; aber es handelte von Leuten, die vor alten Zeiten in Rußland wohneten und Griechen hiessen, die nicht an den H. Geist glauben. Da las ich von einem Juristen, der sich Solon geschrieben hat, der hat viele Gesetze zusammengeschrieben; und hernach noch von einem Namen Socrates, der war Professor auf der Universität Athen. Nur die zwey Namen habe ich aus dem Buch behalten können. Euer Hochw. werden nicht glauben können, was das für ehrliche, gescheide und wakere Männer gewesen sind. Und da es mir wehe that, daß so rechtschaffene Leute dem Teufel, und dagegen so viele einfältige nur dummfromme Einsiedler aus der Legend unserm Herr Gott zugehören sollten; so ward ich anfänglich auf diese gelehrten Leute böse, daß sie nicht auch den christlichen Glauben angenommen haben, und dachte: Was mögen sie doch immer für eine Ursache darzu gehabt haben? Endlich bin ich im Fortlesen auf die Buchstaben gekommen. A. 469. v. C. G. gebohren. Weil ich das nicht verstuhnd, so fragte ich den sel. Pfarrer der mich dann belehrte, daß es 469. Jahr vor Christi Geburt gebohren heisse: Da ist mir auf einmal leichter worden. Wenn die Leute 400. Jahr vor Christo gelebet, dachte ich so konnten sie keine Christen werden; und Juden werden sie wohl nicht haben werden wollen; weil, wenn man da Alte Testament lieset, und da findet, was sie für ein liederliches, sündiges, rachgieriges und lastervolles Volk gewesen, und was sie dem l. Gott für Verdruß gemachet haben, einem aller Lust vergangen seyn muß, sich zu einem Hebräer machen zu lassen. Einstmal hatte ich das Buch bey mir in Sacristey. Da blätterte der P. Lector von E.** darinnen vor dem Meßlesen, denn er hatte Langeweile und mußte auf den gnädigen Herrn warten, der noch vor der Kirche seinen braunen Henst auswerfen lassen, und zusehen wollte, wie das arme Thier sich wehren und ächzen würde. Dr P. Lector fragte mich, ob das Buch mein sey? Ich antwortete, nein, es gehöre dem Herrn Gutmann. Schon das gefiel ihm nicht; denn er schüttelte den Kopf mit einem ziemlichen Amtsgesicht. Doch las er halblaut fort, so wie man des Brevier herschnorret; und da hörete ich meinen lieben Socrates nennen. Nicht wahr ihr Hochw. das war ein braver Mann? Ja, antwortete er, das war er, aber nur nach dem Fleisch nicht nach dem Geist. Warum Herr Pater? Weil er ein Heyde gewesen. Was kann ihm das schaden; Christus ist ja damals noch nicht gebohren gewesen? Dem ungeachtet ist er nicht weniger immer und ewig verdammt. Denn wer vor Christus kein Jud war, und nach Christus kein Catholik ist, der hat zur Seeligkeit kein Recht. Ey das ist sehr hart. Der Mann war so brav, so gscheid, so nüzlich, so tugendhaft. Vielleicht hat er vom A. T. nie nichts gelesen; vielleicht sind keine Mißionen in sein Land gekommen; wie hätte er dann einen Glauben annehmen sollen, von dem er nichts gewußt hat? Gewußt oder nicht. Das verstehet ihr nicht mein lieber Mann. Ihr müsset blind glauben und nicht zweifeln. Die göttlichen Gerichte sind ein tiefer Abgrund. Und wir Gelehrte haben das Ding schon so ausgemacht, daß, wann ihr nur den mindesten Anstand an meinen Worten nehmet, so seyd auch ihr verdammt. Nun war es Zeit, mein Maul zu halten. Aber ich war so böse, daß ich ihm einige Stumper und Stösse beym Anziehen der Meßkleider gegeben; und wenn er sie nicht gefühlet, so muß sein Leib eben so unempfindlich als seine Kutte gewesen seyn. Unter der Meß habe ich Gott recht eifrig angerufen, er möchte mir doch in den Sinn geben, ob der Herr P. Lector wahr geredet oder gelogen habe. Und, Gott weiß es, Herr Pfarrer, es war mir nach wie vor. Als ich ihrem sel. Vorfahrer das Buch wieder gebracht, wollte ich ihn auch um seyne Meynung über meine Bedenklichkeiten fragen; aber er lächelte und fieng an von ganz andern Dingen zu reden. Von selbiger Zeit an konnte ich kein Buch mehr von ihm bekommen. Der Dechant aber, da er bey dem Inventiren hier war, hat mir gleich den andern Tag einen gehäuften Korb voll Bücher gegeben, mit dem Befehl sie augenblicklich zu verbrennen. Unter diesen fande ich auch, nachdem das Feuer schon zwey Lateinische verzehrt hatte, mein Historienbuch, und hieraus urtheilete ich, daß sie alle mit einander dem Herrn Gutmann zugehören müßten. Warum läßt der Dechant eines anderen ehrlichen Mannes Bücher verbrennen? Das kann nicht recht seyn, dachte ich. Vielleicht kann es noch gar der armen Schwester des Verstorbenen Verdruß machen, und davor will ich sie verwahren. Ich holte sogleich einen Haufen alter Schreibbücher von meinen Schülern, die ich sonst unserm Krämer für Taback verkaufte, warf diese ins Feuer, und verstekte einstweilen die Gutmännischen unter dem Wasserstein, bis ich sie Abends ihm hintragen konnte. Der Dechant war zufrieden, daß er auf dem Heerd Papier prasseln hörte, und so brachte ich noch Nachts um neun Uhr dem Herrn Gutmann seine Bücher. Er freuete sich darüber, und wollte mir einen Gulden schenken; aber ich schlug ihn aus, weil ich glaube, man müsse sich eine ehrliche That nicht bezahlen lassen. Dieses einzige bat ich mir von ihm aus, daß, wenn er so eines hätte, das für mich zum lesen taugte, er es mir leihen möchte. Der l. alte Mann stellte mir frey was ich aus dem Korb behalten wollte; und da ersuchte ich ihn um ein dikes Buch, das ich noch habe. Dieses schenkte er mir gleich; und ungeachtet ich weiter nichts annehmen wollte, so schikte er doch Tags darauf meiner Frau, ohne mein Wissen, ein Viertel Erbsen. Ich war doch begierig dieses Buch kenn zu lernen, und fragte daher den Schulmeister, wie das Buch hiesse? Das sollen sie gleich sehen, sprach er, und lief eilends nach Haus. Er brachte einen ziemlich diken Band in Folio, der schon vor 200. Jahren in Straßburg gedrukt worden, unter dem Arm herfür. Es war Titus Livius und Lucius Florus von Ankunft und Ursprung des römischen Reichs, der alten Römer Herkommen, Sitten, Weisheit, Ehrbarkeit, löblichen Regiment und ritterlichen Thaten etc. Das ist ein Buch ihr Hochw. sagte er, indem er es auf dem Tisch aufschlug; da ist mehr Menschenverstand inne, als in dem ganzen Leben der Heiligen von P. Cochem. Das lasse ich gelten, wenn ihr von menschlichem Verstand redet. Aber, mein lieber Schulmeister, aller Wiz, aller Verstand, aller Welt Gelehrtheit macht nicht selig. Ja, Herr Pfarrer, aber das macht doch weise und glücklich. Zur Seligkeit muß es auch nichts schaden, sonst hätte Christus seine Apostel und Jünger immer dumm und einfältig bleiben lassen, mithin die Erleuchtung des H. Geistes versparen können. Lesen sie einmal den H. Paulus. Der war beym – ein feiner Kopf. Ja, aber was wollt ihr denn mit eurem Buch beweisen? Das nämliche was ich mir seit dem ersten Buch nicht mehr aus dem Kopf bringen kann. Ich will und werde nimmermehr glauben, daß Gott der Schöpfer aller Menschen, der alles zum Besten und mit unbeschreiblicher Weisheit gemacht und zur Seeligkeit berufen hat; der Gott, dessen Güte und Barmherzigkeit ohne Ende ist, ehrliche Leute, vernünftige, geschickte, menschenfreundliche, tugendsame Männer darum ewig verdammen sollte, weil sie sich nicht taufen lassen, ehe man noch etwas von der Taufe gewußt hat, und weil sie vor Christi Geburt und Lehre keine Christen geworden sind. Sehen sie einmal hier, (hier wies er mir einige sich ausgezeichnete Namen,) der Mann, der Archimedes heißt, war ein äusserst geschickter Rechenmeister und Feldmesser, zu Syracusa nicht weit von dem gelobten Land wohnhaft. Da ist einer, der mir gar wohl gefällt, der Seneca; er war Hofmeister bey einem Kaiserlichen Cronprinzen in Rom. Den Cicero kennen sie aus der Schule. Schon Ehre und Lob genug für ihn, daß er aus einem Gerichts=Procurator zum Rathsmeister aufgestiegen ist. Der alte Cato da hat auch viel Gutes gestiftet, und noch ein Haufen anderer, die ich nicht aufsuchen mag. Diese Leute lasse ich mir alle nicht verdammen, oder – ich gehe mit. Um nur den halsstarrigen auf seiner Meynung versessenen Mann ein wenig zu beruhigen, jedoch mit feyerlicher restrictione mentali de non praejudicando S. S. Sedi Romanae in sententiis receptis , sagte ich endlich zu ihm: Es könnte seyn, daß diese mir nur dem Namen nach bekannte Heiden, wenn sie einen Gott geglaubet, und das natürliche Gesetz ohne sonstige Todsünde gehalten, vielleicht einmal zu Gnaden aufgenommen werden könnten; aber das helfe ja seinem Gutmann nichts, der in einer glücklichern Zeit der geoffenbarten Religion geboren sey, und geflissentlich sich durch seinen Unglauben gegen die Kirche, mithin gegen Gott, versündige, und, was das schlimmste sey, in seinem Eigensinn beharre, und sich dadurch muthwillig verdamme. Ey, ey, Hochw Herr! Ich bedanke mich einstweilen, daß ihr meine heidnischen Altväter nicht ohne ihr Verschulden unglüklich machet; für Hrn. Gutmann ist mir nun nicht mehr bange. Er hat auch geistliche Bücher; er hat viel gelesen und thut es noch täglich; er ist getauft; er glaubt das ganze credo und ist von Herzen gutthätig. Was will man mehr von ihm? Und dann ist er so vernünftig, daß er ja auf dem Todbette beichten kann, wenn ihm noch etwas fehlen sollte. – Aber ich habe damit noch nicht genug, Herr Pfarrer: Ich möchte gerne – Nun, was den weiter, fiel ich ihm ein? – auch die Lutheraner und Calvinisten selig haben. Es soll mir keine Seele verloren gehen; sonst bin ich nicht zufrieden. Wunderlicher Mann! Zulezt wollt ihr auch noch Türken und Juden dabey haben! – Vielleicht auch. Es soll mir niemand verdammt werden als die Narren, wenn es giebt, die Gott läugnen; und verstockte übelthätige Bösewichter, die kein Gefühl einer menschlichen Seele haben, und sich durchaus nicht bessern wollten. Aber sagt mir, wie und warum ihr so denket? Sehen sie, Herr Pfarrer, ich habe letzthin bey des Amtmanns Sohn, als er zum Meßdienen kam, einen Calender gesehen, einen Gothaischen Hofcalender. Ich behielt ihn während der Messe, und blätterte so hin und her. Ich habe gar bald gefunden, daß ungefähr 3000 Millionen Menschen auf Erden leben. Da kam mich der Lust an, in der Austheilung, die dabey stehet, auszurechnen wie viel catholische Länder darunter seyen; denn diese weiß ich aus einer Landcharte, die mir der vorige Pfarrer geschenkt hat. Ich brachte 62. Millionen catholische Christen heraus. Weil ich mich aber doch gestossen haben könnte, so gab ich für die hin und her in andern Ländern zerstreute noch 18. Millionen hinzu; da waren es 80. Von diesen 80. Millionen gehet auch noch der vierte Theil, und wenn es euch geistlichen Herren und euerm Sagen nach gehet, wohl die Helfte verloren. Doch wir wollen es bey dem vierten Theil bewenden lassen; so bleiben 60. Millionen für den Himmel übrig. Ich dividirte sodann die ganze Summe nach des Lechners Rechenkunst, und nach dieser Rechnung hat der Teufel allemal 50. Seelen bis unser Herr Gott eine bekömmt. Der liebe Gott hat sie alle erschaffen; zur Seligkeit erschaffen; sein göttlicher Sohn hat sie alle vom ewigen Tod erlöset, und der Teufel soll dem ungeachtet Herr und Meister darüber werden? Das kann mit dem herrlichen Zweck der weisen Schöpfung und wahrhaft göttlichen Erlösung nicht bestehen. Und wenn zuletzt alle Stricke brechen, so läßt es die unendliche Barmherzigkeit Gottes nicht zu. Ich kann den Himmel, der gewiß grösser ist als die Hölle, nicht leer stehen, und dagegen das kleine verdammte Loch im Mittelpunkt der Erde so voll angestopft sehen: Mit einem Wort, alle Menschen sind mir lieb, und Gott über alles. Es ist mir schlechterdings unmöglich, daß ich mir ihn wie den Kaiser Nero vorstellen soll, der, wie in diesem Buch stehet, eine Freude hatte die Leute zu quälen, blos darum, weil er Gewalt und ein böses Herz besaß. Ihr geistliche Herren, denke ich, macht euch nicht viel daraus. Weil ihr keine Kinder habt, so sorget ihr nur für euern Balg. Aber unser einer, der dafür arbeitet, daß die Welt nicht absterbe, hat schon mehr Menschenliebe. Wann wir uns überwinden könnten, alle Menschen als unsere Brüder und als Miterben des Himmelreichs anzusehen; wenn wir darauf merken wollten, was ein jeder thut, und nicht was er so zu sagen zu glauben gezwungen ist, weil ihn seine Geburt, sein Pfarrer und sein Schulmeister es gelernet; weil seine Eltern das auch geglaubt, die er für vernünftige Leute hält, und weil er in einem Lande sein Haab und Gut, und Nahrung hat, wo man nicht anders glauben darf, so hätten wir einander alle lieb; und da würden viele Seelen noch dem Himmel gewonnen, die sich jezo aus Haß und Verfolgungsgeist selbst verdammen. Nun, Herr Pfarrer, damit ists aus. Ich weiß was sie dagegen nach ihrem Handwerk sagen müssen. Ich will alles als ein gehorsames Kind der Kirche annehmen, und zufrieden seyn, daß meine und ihre Religion die beste sey. Aber lassen sie mir nur die Freude, daß es unter den Kezern auch recht viele ehrliche, gutthätige, und rechtschaffene Leute gebe - und daß unser liebe Gott nicht denke wie der Dechant. Bey diesen Worten ergriff mein Schulmeister die Thür, wünschte mir gute Nacht; denn es war beynahe zwölf Uhr; bat noch, ihm nichts vor ungut zu nehmen - und fort war er. Dieses einfältigen Tropfens Geschwätz hat mir doch seither viel Nachdenkens gemacht. Ich habe ihm so aufmerksam zugehört, daß mir alles in dem Gedächtniß geblieben ist. Und ich muß es dir gestehen, wenn ich nicht geistlich wäre, so dächte ich fast wie mein Schulmeister. Sed abrenuntio . Die Kirche kann nicht fehlen, und was sie gebietet, das muß wahr seyn: Freylich haben des Schulmeisters Argumente viel Wahrscheinliches, und ich wünsche so gar, daß er recht haben möchte; allein – Bete für mich Herr Bruder, daß mein Glaube nicht wanke. Der Bot klopft an meinem Fenster Lebe wohl! Sechster Brief. Den 14. Aprill. 1770. Gestern, lieber Herr Bruder, habe ich deinen Brief von dem 21. dieß erhalten. Ich hoffte von dir Anweisungen zu bekommen, wie ich mich gegen die offenbar irrige Meynungen des Schulmeisters setzen, und auch bey dem Gutmann wohl bewaffnet erscheinen könnte; allein, ich weiß nicht was ich aus deinem gelinden Ton machen soll, und bin, die Wahrheit zu gestehen, noch unruhiger als zuvor. Du sagst, ich müsse mich erkundigen ob mein Schulmeister auch bey andern Leuten, oder in der Schule, von solchen Dingen rede; dann das müsse ich eben nicht leiden; sonsten aber entschuldige den Mann sein gutes Herz, in Ansehung dessen, was er etwan gefehlt haben sollte, ihm Gott gewiß verzeihen würde. Warum setzest du das etwan zuerst, und das gewiß hernach? Ich bilde mir ein, man müsse es umkehren; dann nach unserm Professor hat er gewiß gefehlet. Zu einer Ketzerey gehören nach dem Busenbaum zwey Sachen, Judicium erroneum als das materiale, und pertinacia als das formale. Atqui: Der Schulmeister hat mir behauptet, die göttliche Barmherzigkeit würde über kurz oder lang alle Menschen, die einen Gott glauben und rechtschaffen leben, zu Gnaden aufnehmen; hernach setzte er hinzu: Er lasse sichs nicht nehmen, ecce pertinacia! Ergo ist er ein Ketzer. Deine Distinction, daß der kein Kezer sey, der bereit ist seine Meynung der Kirche zu unterwerfen, kann hier nichts gelten. Ich glaube, dieses gienge noch so an, wenn man an Kleinigkeiten z. B. an solchen, die nicht von unsern Theologen, sondern nur aus der heil. Schrift hergenommen sind, zweifelte. Aber du siehest ja wohl, daß der Schulmeister eine Sünde in dem heiligen Geist begehet. Er sündiget für die Ketzer auf die Barmherzigkeit Gottes, und gegen das Ansehen unserer ganzen Geistlichkeit. Das ist freylich noch das Beste, daß er gegen keinen Menschen sich das mindeste von dergleichen Gottlosigkeiten verlauten lassen, auch in der Schule und Christenlehre sich redlich und auferbaulich nach dem Catechismus verhält, und seine Schulkinder nichts lehret, als was vorgeschrieben ist. Letzthin in den Fastnachtstagen hat er mir zwar einen Streich gespielet, der mich beynahe böse gemacht hätte, und den ich ihm kaum vergessen kann. Ich lasse alle Tage, damit die Kinder ihre Religion gründlich lernen, eines von ihnen an dem Ende der Nachmittagsschule aus des P. Cochems Legende das Leben des Tags=Heiligen laut vorlesen. Am Fastnachts=Montag und Dienstag aber brachte mein Schulmeister den öconomischen Landwirthschafts=Calender, der zu Stuttgart im Luthertum gedruckt ist, mit in die Schule, nahm den Buben die Legende weg, und sagte: Kinder, ich muß euch doch auch einmal etwas nützliches zu eurer Fastnachts=Veränderung lesen. Ihr seyd zur Landwirthschaft geboren; da könnet ihr viel gute Sachen lesen und hören, die zum gemeinen Leben taugen: Er las ihnen viele Blätter selbst vor, und erklärte die Worte, die sie nicht verstunden. Ich hätte vielleicht nichts von der ganzen Sache erfahren, wenn nicht zu allem Glück die Kinder am Dienstag erst Abend um sechs Uhr aus der Schule gegangen wären. Ich fragte des Korbmachers Buben, warum so spät? Habt ihr vielleicht heute doppelte Capitel gelesen? Nein, antwortete der Bube, heute und gestern hatte P. Cochem Ruhe, der Schulmeister hat etwas mitgebracht, wo von Ackern, vom vom Wetter, Gesundheit, Wiesen und so Sachen inne stund. Er wollte um vier Uhr zu lesen aufhören; aber nur die kleinen giengen fort, und wir Grosse wollten alle nicht aus der Schule gehen; so hat uns das Ding gefreut: Wir haben ihn gebeten, er soll uns noch mehr lesen, und wenn es nicht Nacht worden wäre, säsen wir noch beysammen. Wenn wir uns wohl hielten und fleißig wären, sagt er, da wolle er uns nach und nach das ganze Buch auslesen; und wer die schönste Schrift auf Ostern brächte, dem wolle er es gar schenken. So geht's, dachte ich, wenn man nicht hinten und vorne dran ist. Ich habe aber den Mann brav ausgefilzet und ihm den Calender weggenommen. Du sagst, mein l. Herr Bruder, in deinem Brief, ich soll mir punktenweis aufschreiben, was ich an dem Gutmann auszusetzen hätte; und dann soll ich zu ihm gehen, und ihm in aller Höflichkeit meinen Anstand an seinem gemuthmaßten Unglauben sagen. Ja sogar, ich sey es als Seelsorger verbunden, damit ich ihm entweder von dem Irrweg helfe, oder, wenn er sich vernünftig erkläre, bey andern seinen verletzten Leumund retten könne. Ich will dir folgen; und wenn ich mich nicht irre, so habe ich dir in meinem vorigen schon geschrieben, was mir an diesem Mann nicht gefällt. Nun will ich es ordentlich zusammentragen, und Morgen Nachmittag Gelegenheit suchen mit ihm zu sprechen. O, wenn ich den Manu [Mann ?] herumholen, und auf die gute Seite bringen könnte, ich wäre stolzer als ein chinesischer Jesuiten=Mißionarius. Und das ist viel gesagt! Es ist morgen Marcustag; da muß ich um fünf Uhr mit der Proceßion fort. Ich gehe mithin schlafen. Ueber acht Tage die Nachricht von meiner Zusammenkunft mit Gutmann. Siebenter Brief. Den 20. Aprill. Ich habe dem l. Hrn. Bruder recht viel zu sagen. Schon seit fünf Tagen bin ich mit Herrn Gutmann in vollem Feuer; und ich wette du errathest die Situation nicht, in welcher ich mich befinde. Aber kurz und gut, ich fürchte sehr, es gehe mir zulezt wie einem französischen Abbe, der Türken bekehren wollte, und sich selbst beschneiden ließ, als ihm ein Muselmann seine Frauenzimmer gewiesen. Ich muß den ganzen Hergang umständlich beschreiben; du wirst sehen, daß es der Mühe werth ist. Nachdem ich von meiner Proceßion nach Haus gekommen, und ein wenig gegessen hatte, gieng ich zu Herrn Gutmann. Seine freundliche Aufnahme, die muntere Heiterkeit dieses Mannes, wenn er nur ein bisgen wohl ist, und da ich bereits mit ihm das Eis gebrochen hatte, gab mir mehr Kühnheit ihn anzureden. Nach einigen gewöhnlichen Höflichkeiten, zu welchen ich freylich nicht so, wie er, gestimmt bin, und bey welchen nichts vom Wetter und solchem Unsinn vorkam, wie sich gemeiniglich die Unterredungen bey unsern Zusammenkünften anfangen, nicht anderst als ob wir uns zusammensetzen und den Calender verbessern wollten, sagte ich mit aller Demuth: Euer Herrlichkeit erlauben, daß ich mir die gegebene Erlaubniß, ihnen öfters aufwarten zu dörfen, zunutz mache. Sie haben mir letztlich einige Scrupel in den Kopf gesetzt, wegen welchen ich mir gerne die Freyheit nehmen möchte ihre ausführliche Meynung zu wissen. Sie sind ein gelehrter hochstudierter Herr, und ich noch ein seichter Anfänger. Es mangelt mir an allen Orten. Ich habe keine Bücher, und kein Mittel mir solche anzuschaffen; und wenn ich auch Geld hätte, so wüßte ich nicht was eigentlich für mich taugte. Indessen bin ich noch jung und lernbegierig. Ich wünschte ein redlicher Mann vor Gott, und ein getreuer Seelsorger bey meiner Gemeinde zu seyn. Es ist wahr, dieselben erfüllen gewisse äusserliche Pflichten unserer Göttlichen- und Kirchengeboten zu jedermanns Erbauung; allein, mich dünket, sie lassen in dem Gegentheil auch andere mitwirkende und sehr angepriesene Beyhülfen zu einer desto gewissern Seligkeit gänzlich ausser Acht. Insonderheit, nehmen sie es mir nicht übel, scheinet es mir, als ob die Geistliche nicht allerdings viel bey ihnen gelten. Sie sind, hoffe ich, überzeugt, setzte ich hinzu, daß ich nicht von meiner geringen Person rede; aber höhere und vernünftigere von meinem Stand glauben es. Und da ersuche ich sie angelegentlichst, helfen sie mir aus meinen Zweifeln. Mit der liebreichsten Miene und einem überaus freundlichen Lächeln antwortete er: Ihr gutes Gemüth, Herr Pfarrer, ist es nicht das ihnen diese Fragen gegeben; ich kenne die Quelle, woraus sie geflossen sind. Weil ich das Unglück habe in keiner Filiation, weder mit den Kindern des H. Francisci noch Dominici zu stehen, so möchte unser Herr Dechant, den ich ohnehin mir dadurch zum Feind gemacht, daß ich ihm einigemale unverdauliche Wahrheiten gesagt habe, gar gerne mit seiner geheiligten Bosheit meine Ruhe unterbrechen, wenn er nur einen blossen Fleck finden könnte, wo der Hacken eingienge. Dem sey wie ihm wolle, da sie mich ohne Falschheit, wie ich glaube, und in Liebe fragen, so mache ich mir eine Freude davon, mich deutlich zu erklären. Ich warne sie aber, Herr Pfarrer, vor dem Aergerniß, womit sie anfänglich meine Aeusserung anhören werden. Sie haben bisher das Glück nicht gehabt zum Selbstdenken angeführet zu werden. Was andere gedacht, das haben sie nicht gelesen, und ihre noch junge Jahre haben ihnen unmöglich noch Gelegenheiten genug verschaffen können, Erfahrungen zu sammeln. Erlauben sie also, daß ich vor allen Dingen ihnen über meinen Glauben, und dann über meine Begriffe von unserer Geistlichkeit, eine kleine Rechenschaft gebe. Die weise Vorsehung hat mich von catholischen Eltern in einem catholischen Lande gebohren werden lassen. Beyde Umstände sind schon Ursache genug, warum ich weder ein Heyde, noch ein Türke noch ein Lutheraner oder ein Calviniste, sondern der catholischen Religion zugethan bin und bleibe. Menschenkinder mit einer unsterblichen Seele, und junge Kazen mit dem Instinkt einst Mäuse zu fangen, sind in Wahrheit bey ihrem Eintritt in die Welt ziemlich von gleicher Beschaffenheit. Ein noch weicher Körper, unentwickelte Fähigkeiten, Mangel an allem, was man Begriffe heißt, und an Kenntniß dessen was in und ausser unserm Körper ist, bezeichnen unser erstes Daseyn. Alle Sinne nur noch im unentfalteten Keim. Täglich aber macht die durch Gottes unergründliche Weisheit mit einfachen und immer gleichen Gesetzen geleitete Natur bey allen Geschöpfen einen allmählichen Schritt. Unsere rohe Säfte gähren. Sie fodern zur Ausdehnung der Maschine einen Zusatz von Nahrung. Nach und nach werden die zum Gebrauch unserer Sinnen bescheidene Theile fester; unsere Hebel bekommen mehrere Stärke. Wir fangen an zu sehen und zu hören, aber noch ohne Nutzen für uns. Gewohnheit webt sich in unsere Natur und vertritt noch einstweilen den Abgang der Gedanken. Gewisse Stunden nehmen die kindliche Maschine an den Ersatz dessen, was der Körper zu seiner Entwicklung verbraucht hat, d. i. an Nahrung oder Ruhe. Ein wiederholtes Sehen der Objecten, die zu diesen zweyen Bedürfnissen gebraucht werden, geben die ersten Begriffe, die von aussenher in unsere Seele kommen. Die entblößte Brust der Mutter, die Breypfanne und die Wiege sind alsdann die weiteste Gränzen des künftigen gründlichsten Gottesgelehrten, scharfsinnigsten Weltweisen, des tapfersten Kriegsmanns und des einfältigsten Tölpels. Oeftere Wiederholung eines und eben desselben Dings gewöhnen die Empfindsamkeit, den Reiz unsere Maschine zum Verlangen, zur Erwartung einer Folge, die unsere körperliche Triebe schon mehrmals befriediget hat: Bis dahin ist mein neugebohrner Monarch der Welt mit einem jungen Käzgen noch in gleichem Verhältniß. Nun aber gehet die Kaze, die nach dem Maas ihrer Bestimmung und der Kürze ihrer Lebensjahre viel eher zur reifen Vollkommenheit gelanget, und den ihr von Gott zugetheilten Grad der Fähigkeiten zu dem Ganzen beytragen muß, auf den Kornboden unter das Dach, fängt Mäuse – spielt damit – frißt sie – macht Junge – und stirbt. Ich weiche also von dem Gleichniß, und bleib in der Kinderstube. Aber auch diese sind nach dem Unterschied der Welttheile, der Länder und des Zustandes der Eltern sehr verschieden. Der Wilde in America, der Hottentote am Vorgebürge hat weniger Kenntnisse, mithin auch weniger Bedürfnisse, als der so genannte gesittete Europäer. Der Wilde lernet sein Kind nichts. Es sieht auch von ihm nichts, als was es zu einem unentbehrlichen Lebensunterhalt, zu etwelcher Bedeckung gegen die abwechselnde Witterung und zu Beschüzung gegen Feinde in Menschen- oder Thierhäuten nöthig ist. Der alte Mann, der über den Gebürgen wohnet; die Sonne, der Neumond, oder wohl gar irgend eine scheusliche Gestalt; ein fruchtbarer dunkler Hain, und dergleichen, müssen das Bild einer Gottheit in die Sinne werfen; weil der Wilde ein höheres ausser ihm und seinen Sinnen wohnendes Wesen merket, aber mit den feinern Unterscheidungszeichen, die ihm in seiner an Worten und Begriffen armen Sprache fehlen, nicht ausdrücken kann. Wenn es dem Herrn Pfarrer, sagte er, einst gefällig seyn sollte, auch von diesen und andern auf dem Erdball wohnenden von uns in Farbe, Bildung und Lebensart so unterschiedenen Gattungen Menschen etwas zu lesen, will ich ihnen mit einigen guten Reisbeschreibungen gar gerne an die Hand gehen. Sie müssen nicht glauben, daß ich sie damit auf Zweifel und Irrwege führen oder von dem Studieren der Gottesgelehrtheit abziehen wollte. In dem Gegentheil, sie werden dadurch die Grösse unsers Schöpfers, die mannigfaltige Verherrlichung seiner Allmacht in Millionen allerley Geschöpfe mehr bewundern, und mit einer empfindsamen Seele erkennen lernen, daß diese Werke des Schöpfers, wie sie mit uns einen gemeinsamen Ursprung haben und nach ihrem Verhältnis gleiche Gutthaten geniessen, nicht minder denn wir zu einem noch grössern Grad von Vollkommenheit berufen seyn müssen. Und dieses bahnet den Weg zu der menschenfreundlichsten von allen Tugenden, der Duldung. Bey uns Europäern, denn ich will mich jezo blos auf uns beschränken, siehet das noch kaum entwickelte Kind Gegenstände, die durch öfteres Ansehen ihm gewöhnlich werden. Es höret dieselben mit einem dem Ort seiner Geburt zum Unterscheidungszeichen angenommenen Laut, d. i. mit Worten, benennen. Endlich prüfet und übet es seine Zunge diesen Laut nachzuahmen. Was das Kind nicht siehet, davon ist für dasselbe kein Begriff in der Welt, und seine ganze Kenntniß bestehet in dem was die Bilder- und Wort=Sprache durch Gesicht und Gehör einflösset. Oftmalige Wiederholungen des nämlichen Dings wirken das, was man Gedächtniß nennet. Die Verbindung aber mehrerer ähnlich oder unähnlich sinnlicher Ausdrücke erzeuget abermals eine neue Modification die mittels Vergleichung zweyer Objecte Empfindung und Gedanke wird. Von diesen ersten sinnlichen Eindrücken in unsere noch unreife, doch mit dem Wachsthum des Körpers zunehmende Seelenkräfte, hanget größtentheils unser sittliches Betragen auf die ganze Lebenszeit ab: Quo semel imbuta recens \& c. Ist eine gewisse Wahrheit. Und wenn Horatz um nichts verdiente gelobet und bewundert zu werden, so hätte er es durch diese wenige Worte verdient. Indessen hat sich das Kind an die Wohlthaten, an die Liebe seiner Eltern gewöhnet. Es siehet je mehr und mehr, daß es ihnen unterwürfig seyn muß, weil sie die Macht haben ihm Zuckerbrod oder die Ruthe zu geben; weil es merket, daß es, sich selbst überlassen, sich weder ernähren noch helfen kann. Es bekömmt dadurch unvermerkt eine Gewohnheit zu gehorchen, als den ersten Begriff von dem, was man Macht nennt. Aus der Liebe und der Wohlthätigkeit entstehet Vertrauen, und aus einer mit diesen vermengten Macht entspringt die Folgeleistung. Beydes zusammengenommen erzeuget das Vorurtheil, alles dasjenige ohne Umstände für wahr anzunehmen, was unsere Eltern eben so angenommen haben. Hiemit verbindet sich der täglich sinnliche, mithin wirksame Eindruck, daß die Kinder zu Hause beten sehen, daß man sie mit in die Kirche traget; daß man ihnen Gott Vatter als den alten Mann mit dem weissen Bart auf der Weltkugel weiset; daß man sie auf den Altar sehen lehret; ihnen den Priester in einem reichen Meßgewand mit einem schönen Kelch und brennenden Lichtern zeiget; daß das Volk in gewissen Augenblicken entweder laut oder in stiller Bewegung der Lippen auf den Knien mit entblößtem Haupte betet; daß man dem kleinen Kind, wenn es etwas pappeln will, ein Drohungszeichen giebt, oder den Mund zuhält; und daß ein größrer Junge, der umgaft, oder mit seinen Nachbarn schwazt, von dem Aufseher ein paar Ohrfeigen bekömmt. Dieses alles zusammengenommen, mein l. Herr Pfarrer, machet den Urstoff unsers Glaubens aus. Diese Erstlingszüge graben sich unauslöschlich tief in unsere Seele. Sie geben die Farbe, den Glanz und den Schein, den unser äusserlicher Religionsanzug bis zum lezten Fetzen behält, wofern nicht durch öfteres Ausstäuben und Bürsten, durch Vernunft und Erfahrung, durch veränderte Nahrungs- Landes- oder Lebensumstände etwas davon abgenöthiget wird. Sie haben nun die Entstehung der Religion bey dem gemeinen Mann kennen lernen. Wir wollen sie auch in ihrer weitern Ausbreitung betrachten. Mit Beybehaltung des täglich häuslichen Beyspiels und der zur andern Natur gewordenen Neigung wird das fünf oder sechsjährige Kind dem Schulmeister und dem Pfarrer zur Unterweisung auf den Hals geschoben, damit es nur auf einige Stunden von der Gasse oder aus des Vaters Haus komme, weil seine Munterkeit, seine lebhafte, durch die gütige Natur als ein Entwicklungsmittel vorgeschriebene Bewegung, die man gewiß mißbräuchlich und unbarmherzig eine Wildigkeit nennet, den Leuten zuviel Lermen machet. Da sitzet und schwitzet das Kind über dem Auswendig lernen des Catechismus, der Glaubenslehren, der Geheimnissen und vieler heil. Worte, von dem allen es nicht das mindeste versteht, und bey welchen nur gar zu oft der Schulmeister, dem eigentlichen Begriff nach, keinen andern Vorzug vor dem Kind hat, als daß er es schon dreysig Jahre eher auswendig hersagen konnte. Da der Lehrer, da der Pfarrer (ich bitte um Vergebung; denn ich rede nicht von allen) von dem was eigentlich den Glauben ausmacht, nämlich von Geheimnissen und denen unser schwacher Verstand übersteigenden grossen Grundwahrheiten, selbst nichts als umnebelnde Auslegungen weißt, so sind beyde zufrieden, wenn das Kind nur die Worte hersagen lernet: Um das, verstehest du auch was du liesest? Bekümmert man sich wenig. Wollte es um etwas fragen, so würden ein paar Ohrfeigen, oder sonst eine auf die Nasenweisheit gesetzte Strafe, die Stelle der Auslegung vertretten, und demselben also durch ein argumentum baculatorioum , der Verstand geöffnet werden. Aber das Kind ist so klug und frägt nichts. Es denkt nur immer auf den Glockenschlag, der es vom Schulkerker losmachet und in die seinen Jahren angemessene Freyheit setzet. Oft wiederholte Handlungen und oft ausgesprochene Worte, wobey das Kind ganz nichts denkt, werden also zur gewohnten Eigenschaft; die Begriffe bleiben besonders über das unbegreifliche Wesen der Gottheit an körperlichen Bildern angeheftet. Sie sind wahre Antropomorphiten. Der Bauernjunge malet sich den dreyeinigen Gott im Geist und in Gedanken gerade nach dem Altarblat, nur daß er sich alle drey Personen lebend vorstellet, und den für uns unermeßlichen Raum, den wir an heitern Tagen blau sehen und Himmel nennen, als ein festes Gewölbe betrachtet, über welchem er Gott und allen Heiligen ihre Wohnung anweiset, die hundertmal schöner sind als des Edelmanns Schloß, oder die Pfarrkirche, wenn sie am schönsten ausgezieret ist. Die Bücher, die der catholische Bauer am liebsten lieset, weil sie was Wunderbares und ungewohntes enthalten, sind die Legenden der Heiligen. Da findet er, daß P. Cochem mit lauter sinnlichen Bildern himmlische Häuser, Gärten, Spaziergänge, Gastereyen, und Gesellschaften beschreibet – und was das beste ist, so findet sich kein Wirth, der die Zeche macht, sondern es ist alles frey und umsonst. Kein Amtmann, der Geld fodert. Kein Ackerbau, der Arbeit erheischet. Keine Jagd, kein Frohnen, kein Wildschaden, sondern es stehen lauter Feyertage im Calender; und der Edelmann, dem er ohnehin den Himmel nicht gönnet, hat auf das äusserste, wenn er ja dem Teufel entwischet, doch nichts zu befehlen. Es ist in der That ärgerlich, daß die tröstlichen Wahrheiten unserer H. Religion unter so unwürdigen Bildern vorgestellt und lächerlich gemacht werden. Und vergeben sie mir, sie Geistliche haben einen eben so verdorbenen Geschmack. Erst gestern begehrte ein Mann ein Almosen von mir, der auf einem halben Bogen fünf schöne geistliche Lieder gedruckt verkaufte. Es ist erbärmlich, zu was für schlechten und äusserst elenden Begriffen darinnen heilige Wahrheiten erniedriget werden. Nehmen sie hier denselben nach Hause, und lernen sie solche Gedichte verabscheuen. Nur zur Probe will ich ihnen eine einzige Strophe lesen: 4. Sollt etwan ein Fasttag (in dem Himmel nämlich) ankommen, Die Fische für Schrecken erstummen: Da laufet St. Peter Mit Netzen und Kette In himmlischen Kerker hinein; Willst Karpf, Hecht und Forellen, Aal, Krebse bestellen? Auf Lorenzen Rost müssen Ihr Leben einbüssen: St. Martha die Köchin soll seyn. Solches Zeug nennet ihr Herren geistreiche Lieder, und duldet sie unter diesem Namen. Haben unsere Glaubensgegner Unrecht, wenn sie uns auslachen? Auf dem Michelsaltar und dem Beinhäuslein sammelt er sich hingegen das Bild der Hölle, und des Fegfeuers. Der Teufel mit der rothen Zunge, knottichten Schwanz, ledernen Flügeln, braunen Haut, feurigen Augen, Hörnern und Drachenklauen; das höllische Feuer, wo die halbgeröstete Seelen in Verzweiflung Qual haben, und nach besagtem Hochw. P. Cochem wieder im Eismeer bis zum Erfrieren abgekühlet werden. Die eckelhafte Kost von Schlangen und Ungeziefer und s. w. halten ihn vielleicht manchmal von dem Ausbruch grober Laster zurück; doch denkt er auch: Davor kann ich mich bewahren, wenn es nur hier auf der Welt der Amtmann nicht erfährt. Und was meynen sie, was er für wichtige Gegengifte habe? Der P. Carmeliter hat ihm bey dem Termin ein Scapulier gegeben; der Capuciner eine Teufelsgeisel; bey den Dominicanern ist er in der Rosenkranz=Brüderschaft; und der Monica Gürtel, wer will den verachten? Und das ist noch nicht einmal alles. Ich, denkt er, beichte auf Portiuncula. Ich bete die Brigittenkrone, und dann kann ich alle Teufel auslachen. Unser Land ist dabey so mir Wallfahrten übersäet, daß sie einander selbst an dem Opfer wehe thun. Und da neben dem jedes Kloster oder jede Pfarrey das wunderthätigste Bild haben will, so glaubt der Bauer schon auf ewig gerettet zu seyn, wenn er neben dem jährlichen Gang nach Einsiedlen noch alle Quartal eine kleinere Wallfahrt besuchet. Alles was ich ihnen, mein l. Hr. Pfarrer, hier ein wenig weitläufig daher erzähle, ist nicht als wenn ich glaubte ihnen was Neues gesagt zu haben; aber es sind Wahrheiten, derer sie mir keine einzige läugnen werden. Und ich wollte ihnen nur damit beweisen, daß die Vorurtheile unsers Geburtsorts, der Erziehung, und sowol der älterlichen als landsherrlichen Gewalt die Materialien sind, woraus sich der feste selten beweglich Thurm unserer Religion bauet. Ja ich bin auf alle Weise überzeugt, daß, wenn auch jemand aus Nebenabsichten seinen Glauben gegen eine Heyrath, Dienst, oder Befreyung, oder Minderung einer Strafe vertauschet (denn einen uneigennüzigen Proseliten habe ich auf der Welt ausser ein Paar wahnwitzigen nicht angetroffen) er gar oft geheime Vorwürfe bey sich empfindet, die bloß maschinenmäßig von dem Kriegslauf einer von Zeit zu Zeit wieder kehrenden Idee, oder den ehmaligen Jugendgewohnheiten entstehen, nun aber der Versuchung des leidigen Satans beygemessen werden. So wie sie und ich, und jeder in der catholischen Religion erzogener Mensch denket und empfindet, so fühlet auch die nämliche Gewalt des Vorurtheils der Lutheraner, der Calvinist und der Anhänger mancherley Secten; nur mit dem Unterschied, daß der gemeine Mann unter ihnen besser unterrichtet ist. Von Türken, Juden und Heyden will ich jezo nichts sagen. Meine Aeltern, welchen ich für Leben und Erziehung meiner Kinderjahre danke, waren aus dem bürgerlichen Mittelstand, gar nicht reich, und ihre kleine Handelschafft mit Tuchwaaren erhielt einen unwiederbringlichen Verlust, als ich noch in der niedern Schule unsers Städtgens alles dasjenige lernte, was ich eben erzählt habe. Der Kummer über den verlornen Credit, und die Sorge, vier Kinder dem Hunger zu entreissen, drückten meinen sel. Vater in das Grab. Meine Mutter rafte den geringsten Rest ihres Vermögens zusammen und zog mit uns auf das Land. Meine saubere Handschrift veranlaßte den Amtmann von K... mich dann und wann zum Aushelfen zu gebrauchen, bis er mich endlich gar in sein Haus aufnahm: Sein Schreiber, der ohne das seine zwey Söhne im Latein zu informieren hatte, ließ mich gegen geringe Dienstleistungen, aus Gutherzigkeit, den Unterricht mit geniessen. Ich kam als Aufwärter, und wegen meinem Wohlverhalten endlich als Aufseher mit diesen beyden Knaben in die Stadt. Alles was ich hoffen, und meine Mutter wünschen konnte, war, daß ich es so weit bringen möchte in den Orden des heil. Francisci aufgenommen zu werden. Aber die Jesuiten, die meinen Fleis, mein stilles Betragen, und eine gewisse leicht fangende Fertigkeit an mir merkten, empfahlen mich als einen pauperem zum Praeceptor einiger Studenten niederer Schulen. Der Vater des einen war ein Advocat. Dreymal in der Woche hatte ich bey ihm die Kost. Der Mann war ein Phönix seiner Zeit, gelehrt, ehrlich und friedliebend. Er gab mir oft seine Arbeiten abzuschreiben, und eben dadurch hatte ich das Glück ihm bekannter zu werden. Er erlaubte mir einen freyen Zutritt in seine Bibliothek. Da fand ich zum erstenmal, daß es in der Welt Leute gegeben, die anderst als ehemals mein Schulmeister, Pfarrer und Amtmann, und jezo mein P. Professor gedacht. Ich fiel mit Begierde auf die historischen Werke eines gewissen Hübners. Die in Jesuiterschulen gewöhnliche Rudimenta historica litten dadurch bey mir einen starken Abfall. Zunächst bekam ich einige philosophische Bücher von einem zwar protestantischen Wolf in die Hände. Wie sehr wurden nicht da mein Bisgen Begriffe erläutert; mein natürlicher Hang zum Nachdenken befördert; meine Ergottereyen, worauf ich mir soviel eingebildet, verwiesen, und was mich staunen machte, mir bewiesen, daß man in unserer Muttersprache ohne lateinische Beyhülfe, und ohne aristotelische Spitzfindigkeiten, philosophiren könne. Ich will dem Herrn Pfarrer nicht mit Erzählung aller Bücher, die ich damals gelesen und die mir den Schulstaub abgewischt haben, beschwerlich fallen. Man hat seitdem jungen Leuten mittelst noch besserer Bücher alles noch mehr erleichtert. Wollen sie, so stehen ihnen die meinigen, nebst einer treuen Anweisung zu Diensten. Ich halte mich überzeugt, daß alle Menschen verbunden sind ihre Kenntnisse zu verfeinern, und daß das zuverläßigste Mittel darzu das Lesen guter Bücher sey. Nur sollte sich ein jeder vorzüglich an die Classe halten, die seinem Genie und erlernten Nahrungsgeschäften am angemessensten ist. Dem Bauren z. E. sollte man die landwirtschaftliche, nicht in weitläuftigen ganze Alphabethe übersteigenden Bänden, sondern, nach der Art der weisen Zürcher=öconomischen Gesellschaft, in kleinen doch saftigen Auszügen, wohlfeil in die Hände liefern. Durch den allgemeinen öconomischen Stuttgarder=Calender ist so etwas geschehen. Hernach hat schon vor etlichen Jahren ein wakerer und gewiß vernünftiger Benedictiner in der R. A. O*** ebenmässig damit den Anfang gemacht; allein es blieb bey dem ersten Versuch. Ich habe noch etwas an Schriften der Art auszusezen. Sie sollen nämlich nur auf Erfahrungen eines geschikten Mannes im Land gegründet, und nicht aus englischen oder französischen Büchern ausgeschrieben seyn. Wenn ich ein grosser Herr oder meine Glücksgüter darnach beschaffen wären, so wollte ich mir zwey bordirte Kleider im Jahr weniger machen lassen, und für das Eine einen braven Landwirth besolden, der mir, in einem für männiglich begreiflichen Ton, Ackerbau und Wirthschafts=Erfahrungen schriebe, für das andere wollte ich sie drucken lassen, und meine Beamte müßten sie mir meinen Unterthanen umsonst austheilen. Besonders aber sollten die Schulmeister wochentlich zweymal ihre Jugend daraus lesen lassen, um ihnen neben dem christlichen auch einen Nahrungs=Catechismus in den Kopf zu bringen. Aber ich merke, daß ich ausschweife. Ich wollte ihnen nur zu erkennen geben, daß ich durch vernünftigere Bücher mich von meiner in hohen und niedern Schulen gelernten Disputierkunst und dem alten Schlendrian losgewikelt habe. Mein Advocat empfahl mich einem adelichen Herrn, dem er einen Proceß bediente, als Hofmeister seines wakern Sohns, den er nach Strasburg schickte. Wir blieben drey Jahre daselbst. Ich lernete da die französische Sprache; und ärgern sie sich nur nicht, wann ich ihnen gestehe, daß ein protestantischer Geistlicher, der den dritten Stock unsers Miethauses bewohnete, mir unsaglich viele Liebe erwiesen, so daß ich seiner Leitung in den schönen Wissenschaften das Meiste, was ich verstehe, zu verdanken habe. Bey unserer dreyjährigen vertrauten Freundschaft war keine einzige Minute zu Religions=Gespräche gewidmet. Ja, ich war und blieb den wahren Grundsätzen unsers Glaubens so getreu, daß ich Mühe genug hatte, mich nur von einigen kleinen unnüzen Aberglauben, die noch mit der Muttermilch in meinen Adern umrolleten, loszumachen. In Strasburg lernete mich der Bruder unsers gnädigen Herrn, der Dommcapitular von A*** kennen, und durch ihn kam ich zu seinem Nepoten, den ich sieben Jahr auf Universitäten und Reisen begleitet habe. Ein halbjähriger Aufenthalt in Rom, glauben sie mir Herr Pfarrer, hat mich mehr in der Lehre unsers Glaubens irre gemacht, als dreyjährige Studien in Halle, mitten unter den gelehrtesten Leuten, die unsere Geistlichkeit verketzert. Ich hatte daselbst das Glück mit vornehmen Prälaten umzugehen, und berühmter Advocaten Schreibstuben oft zu besuchen. Wer da gut catholisch bleibet, und, ohne Zweifel und Scrupel zu bekommen verdauen kann, wenn – – – daß der H. Geist um paar – – – und der heiligste B. – – – Christi von der Schmach – – Vaterlandes den best – – (*) (*) Ich bedaure sehr, daß es mir schlechterdings unmöglich gewesen einen zusammenhangenden Verstand aus dem Beschluß dieses Briefs zu ziehen. Die Magd hat ihr Mieder gerade in diesen Brief eingepakt, und die Haken desselben haben ihn so übel zugerichtet, daß er theils ganz durchgefiket, theils so gefärbet worden, daß man nur hier und da ein paar Worte herausbringen konnte; welche ich auch pflichtmäßig hergesetzet habe. Achter Brief. Den 4ten. May. 1770. Ich fahre nun fort, dir meine Lehrstunden bey Herrn Gutmann ordentlich abzuschreiben. Denn so bald ich von ihm nach Hause komme, ist es meine erste Sorge, unsere ganze Unterredung, oder vielmehr seine freundschaftlichen Collegien, zu Papier zu bringen. Hier empfängst du wieder ein Stück; ich weiß nicht ob es lang oder kurz ausfallen wird. Herr Gutmann ermahnet mich immer die Pflichten meines Pfarramtes auf das strengste auszuüben, und dieselben nebst der Menschenliebe allen andern Beschäftigungen vorzuziehen. Er sagt immer: Herr Pfarrer, sie sind ein Soldat des geistlichen Regiments; keine Gesetze sind schärfer als die militärische. Werde ich ungefehr mitten in der Unterredung von dem Schulmeister zu einem Kranken, oder sonstigen Kirchengeschäfte gerufen, und bezeige Lust nur bis zu dem Beschluß einer Periode zu bleiben, so redet er um alles in der Welt kein Wort mehr. Auf den Posten Herr Pfarrer! Wenn sie fertig sind und abgelöset werden, dann gehören sie sich selbst wieder; jezo sind sie nicht ihr eigener Herr, sie gehören dem gemeinen Wesen, der Menschlichkeit, dem Dienst ihres Nächstens. Und da muß ich eilend fort. Komme ich wieder, so empfängt er mich freudig, und es ist als ob ich niemals abwesend gewesen wäre. Was sagst du denn lieber Herr Bruder zu der Abschilderung, die er mir letzthin von Rom gemacht hat? Sollte man es wohl glauben können? Doch hat er mir aus dem Suarez, dem Laymann, Tolet, Diane, Roßignol gleich die Stellen aufgeschlagen, welche beweisen, daß mittelst einer einzigen Distinction keine Simonie mehr möglich sey. Und es ist auch wahr. Ich kaufe ja den H. Geist nicht; den habe ich schon, weil ich sine tonsura nicht fähig wäre ein Beneficium zu besitzen. Es ist nur eine Retribution für zeitliche Einkünfte. Wohl eine schöne Sache um den Probabilismus! Inocentius XI hat es zwar, wie mir Herr Gutmann bewiesen, schon Ao. 1679. inter propositiones damnatas Num. 45. und 46. gesetzet. Aber man ist nicht schuldig alles zu wissen, und der Unwissende sündiget nicht; der Wissende aber hat abprobirte Theologen, die das Gegentheil behaupten. Mich bekümmert es überhaupt am wenigsten – Keine bessere Pfarre bekomme ich nicht; wenn ich nur den Schloßzehenten wieder hätte! Nun das ist wahr, das war ein ausschweifender Introitus . Jezt zum Haupttext. Als ich des andern Tags zu Herrn Gutmann kam, sagte er: Wir sind gestern dabey stehen geblieben, daß ich ihnen meine wenige Gedanken erklärete, warum ich behaupte, daß 96. von 100. Christen ohne alle Untersuchung gerade das glauben, was ihr Geburtsort, Aeltern, Schulmeister und der Geistliche glauben. Bey uns ist alles darauf eingerichtet, daß es nicht anderst gehen kann. Man lernet mit Mühe in der zarten Jugend gewisse Säze, und diese kommen bey einer jeden dargebotenen Gelegenheit wieder in unser Gedächtnis. Man wird gelehret, daß Selbstdenken nachtheilig, ja höchst schädlich, und eben deßwegen verdammt sey. Um diesem sonst befremdenden Gesez ein Ansehen zu geben sagt man: Der leidige Satan ist es, der solche Gedanken eingiebt: Die Kirche stehet nun bald 1890. Jahre: Wer sie nicht höret, ist ein Heyd und Zöllner: Unsere Vernunft ist schwach und durch die klägliche Erbsünde mehr zum Bösen als zum Guten geneigt: Weil nicht jedermann die Fähigkeit, die Mittel, die Zeit und den Beruf hat nachzudenken, so haben jene für uns gedacht, die der heil. Geist darzu ausersehen hat; haben sie schon keine geschriebene Vollmacht und Beglaubigungsbriefe ihrer Unfehlbarkeit aufzuweisen, so muß doch alles wahr seyn, weil es die cathol. Kirche, deren Glaube nicht abnehmen kann, für wahr annimmt. Der Politicus betrachtet die Sache auf einer andern Seite. Religion, sagt er, müssen wir wenigstens im äusserlichen wegen guter Ordnung, und das Volk im Zaum zu halten, haben. Will der ehrlich Mann ruhig leben, seinen guten Namen behalten, Brodt, Dienst und Nahrung erwerben, seinen Kindern einen Stand und Bürgerrecht, nebst Haab und Gut beybehalten, auch nicht in das Elend verjagt werden, ja in gewissen Ländern nicht Leib und Leben verlieren, so muß, so darf er nichts anders glauben und thun, als was auf den Wildstamm seines Gehirns durch Aeltern und Lehrer gebelzet worden, und was durch Gesetze und angenommene Gleichheit in dem Kreis der Gesellschaft, darinnen er lebet, üblich ist. Sie fragen mich, ob denn die andern Religionsverwandte von allem Zwang und Vorurtheilen ganz frey seyen? Ich glaube, nein! Sie hangen so fest, als wir, ihren in Fleisch und Blut verwebten Vorurtheilen an. Aber wir wollen es ihnen um so weniger übel nehmen, da wir einen guten Theil mehr, und sie neben dem ganz unläugbar noch zu dem ihrigen Verstand haben; so daß wir alt- und gutcatholische die in unsere Kirche durch die Länge der Zeit in Nebensachen eingeschlichene und durch die geistliche Uebermacht fortgepflanzte Mängel nicht läugnen können. Denn daß dergleichen vorhanden gewesen, haben die constanzische, baselische und tridentische Kirchenversammlungen deutlich genug bewiesen. Ob sie, wie man sagt, um den Rok auszubürsten gar das Tuch zerrissen haben, lasse ich Gott und ihrem Gewissen über. Sie bleiben aber immer meine Brüder, meine Nebenmenschen, die zu meiner Liebe oder Hülfe berechtigt sind. Wer das menschliche Herz, unsere Temperamente, und die Macht der Eigenliebe kennet, der wundert sich nicht, wann ein anfänglich einfacher Satz durch die Widersprüche des Gegentheils zu übertriebener Hitze verleitet, und durch den Stolz des Rechthabens in unzähliche Nebenzweige vertheilet wird. Soll ich aber darum meinen Nebenmenschen hassen, verfolgen und verdammen, weil er in einer Sache nicht mit mir gleich denket? In einer Sache, die weder er noch ich untersucht haben, die zum theil unbegreifliche Geheimnisse enthält, und die wir beyde andern gutherzig nachglauben und nachsprechen. Bey allen drey in unserm Vaterland durch den westphälischen Frieden verbürgten Religionen, haben sich die meisten Theologen schon von Anbeginn der so sehr zu bedauernden Spaltung die leidige Freyheit genommen, aus Schimpfen und Schmähen gegen die Reformation oder den Pabst mit den gröbsten persönlichen Anzüglichkeiten einen bündigen Beweis für die Lehre zu machen. Sehen sie da, Herr Pfarrer, sagte er, (indem er mir die Columnam \& Firmamentum des P. Katzenbergers, eines Theologen aus dem Franciscaner=Orden, auf der 160. Seite aufgeschlagen), daß ich die Wahrheit rede. Wie ist nicht da Lutherus und Calvinus auf das gröbste und ehrenrührigste mitgenommen; und zwar, was den letztern betrifft, sich auf daß Zeugnis eines lutherischen Theologen, des D. Schlüsselbergs, in seiner Theologia Calvinistarum berufend. Wie sehr bemühen sich aber auch in dem Gegentheil die Protestanten, aus unserm sichtbaren Oberhaupt der Kirche nichts geringeres als den Antichrist zu machen. Vernünftige, in der Kirchengeschichte bewanderte Catholiken werden freylich nicht läugnen wollen, daß wir unter mehr als drithalbhundert Päbsten auch einen Sabinianum, Stephanum VII., Christophorum, Sergium III., Johannem X. XII. \&. XXIII. Bonifac. VII. \& VIII. Benedict. IX. Innocentium VIII. besonders aber Alerand. VI. zählen, die, selbst nach dem Geständtnis der Geistlichkeit, nicht den besten Namen nach sich gelassen haben. Ich könnte als ein Laie, der das Brevier nicht betet, aber die Geschichte mit einem unparteyischem Auge lieset, dieses Register vielleicht noch mit einem Duzend vermehren, und der Heiligsprechung unbeschadet Gregor. VI. den Reihen [Reigen ?] führen lassen; allein, ich sehe nicht, was dieses alles der Grundfeste christlicher Lehrsätze für einen Nutzen oder Schaden bringen könne. Es kömmt meines Erachtens nicht auf Personen, sondern auf Sachen an. Wir werden den Streit aus der blossen Vernunft schwerlich entscheiden, da eine so grosse Menge der gelehrtesten Männer sich ganze Jahrhunderte hindurch mündlich und schriftlich bemühet haben einander zu überzeugen, wobey sich mit heischern Hälsen und stumpfen Federn am Ende ein jeder den Sieg beygemessen, und von seinen Anhängern hat zujauchzen lassen. Ich habe noch nie ohne Thränen die Beschreibung jener Verheerungszeiten lesen können, in denen man das christliche Gesetz der Liebe mit dem Degen in der Faust geprediget, wo ganze Nationen in Waffen, in Wuth, in Strömen von Bürgerblut den Beweis des wahren Glaubens gesucht, wo die heiligste Naturpflichten dem übertriebenen Fanatismus haben weichen müssen. Gott sey gedanket, daß diese Zeiten vorbey sind; wir wollen aber immerhin bitten, daß er sie nicht mehr wolle kommen lassen. Und darzu mein l. Herr Pfarrer gehöret, darf ich es sagen, ohne daß sie davon laufen? »Eine Umschaffung des größten Theils der Geistlichkeit in allen drey Religionshaufen.« Ich kann mir nicht helfen; aber ich finde in unsern Geistlichen fast nichts mehr von jenem wahren Unterscheidungszeichen unter welchem sie uns die Kirche in den ersten Jahrhunderten mahlet. Wir haben in den Sendschreiben des smyrnischen Bischofs St. Polycarps an die Philipper vom Anfang des zweyten Jahrhunderts die Vorschriften: »Daß die Priester und Diacons, neben andern Tugenden, zärtlich und mitleidig gegen jedermann ohne Ausnahme seyn sollen. Man verlangt von ihnen, daß sie die Irrende mit Liebe zurückführen, die Kranke besuchen, die Wittwen, Waisen und Arme nicht vernachläßigen, sich von allem Zorn entfernt halten, durch niemand sich zu ungerechtem Urtheil einnehmen lassen, und den Geitz fliehen sollen. Er will, daß sie nicht leicht von ihrem Nebenmenschen etwas böses glauben, nicht zu streng seyn, sondern bedenken sollen, daß wir alle Sünder sind. Betet, spricht er, für die Könige, Fürsten und Gewaltige; für die welche euch verfolgen und hassen. Auch für die Feinde des Creuzes, damit die Früchte euers Glaubens der ganzen Welt offenbar seyen etc.« Der H. Polycarpus, als ein Schüler des Evang. Johannes, konnte doch wissen, wie die Geistlichen und Seelsorger nach der Lehre Christi und seiner Apostel beschaffen seyn müßten? Ohne jemandem zu nahe zu treten, (denn es giebt allerdings Männer, die dem apostolischen Amt Ehre machen,) darf man doch wohl sagen, daß sie dünne gesäet sind, und hier und da ein Paar Schwalben keinen Sommer machen. Die Ursache davon ist nicht schwer anzugeben. In der ersten Kirche wurde der geistliche Stand noch nicht handwerksmäßig zu einer abgesonderten, den Laien entgegengesetzten und so weit vorgezogenen Zunft gerechnet. Die Bischöffe suchten zu Bestellung des Presbiteri: erfahrne und bereits in dem Glauben bestärkte Männer (Seniores) aus. Der Beruf wurde in ihrer Weisheit gesucht, und nicht, wie jezo, durch einen Vater oder Mutter bereits ein Sohn in der Wiege bestimmt. »Du unreifer Thiermensch sollst ein Kirchenlicht werden! Ich lasse dich geistlich studieren, und dann will ich schon etwas in gut bekannten Wegen dran wenden, daß du Seelen=Beherrscher eines ganzen Dorfs werden sollst.« Es ist zwar wahr, mit abgelebten und greisenmässigen Pfarrern wäre uns auch nicht gedienet. Der H. Augustin sagt schon: Sane etiam grandioris aetatis , \&, sicut scriptura loquitur, plenum dierum posse dici seniorem b. e. Presbyterum, non omnis presbyter etiam senex \&. Sane ... – Es muß für dieses Geschäft kein Alter oder ein Bischof sein, auch ein junger verständiger Mensch, der die Schrift auslegen kann, ist zulässig. Aber noch heutiger Mode hat man es damals gewiß nicht verstanden; daß ein Purschgen von kaum 24. Jahren, das mit Noth einige lateinische Schulen durchgelaufen, seine Schulbücher noch nicht recht verstehet, und von der unbändigen Hitze seiner jugendlichen Leidenschaften noch beherrschet wird, einem Haufen vernünftiger und bärtiger Christen unsere unaussprechliche Geheimnisse verdollmetschen, und Lehren, die über alle menschliche Vernunft sind, mit einer stolzen Kühnheit, als ob er sie verstünde, und der man überdes nicht widersprechen darf, vortragen soll. Glauben sie mir, Herr Pfarrer, ich bin meinem ererbten catholischen Glauben aus Schuldigkeit und Ueberlegung gewiß getreu. Ich weiß z. Ex. daß ich dem Priester meine Todsünde reumüthig bekennen und offenbaren muß. Ueber die Ursachen, welche unsere liebreiche Mutter, die Kirche, gehabt, dieses Gesetz in strenger Ausübung zu erhalten, verfallen unsere Glaubensgegner auf mancherley übertriebene Anschuldigungen. Es ist schon so hergebracht, daß man das Kind mit dem Bade ausschüttet. Aber da mich mein vernünftiger und gründlich untersuchender Fleury Ich weiß wol, daß Fleury, welcher in diesen Briefen oft angeführt wird, von einem Augustiner Balduinus de Rousta und einem ungenannten Carmeliten mit den größten Kezern verglichen worden; allein, er bedarf meiner Vertheidigung nicht, nachdem ein gelehrter Franzos den Ungrund diesere Verläumdung deutlich genug dargethan in seiner Justification des Discours \& de l'Hist. Ecclesiast de M. L'Abbé Fleury. in der vor dem VIII. B. s. Kirchengeschichte stehenden Disseration belehret, daß in den ersten Jahrhunderten niemand zur Beicht und Busse gezwungen worden, sondern man dieselbe nur denen heilsamlich angedeyen lassen, die sie verlanget haben; daß die Kirche dabey mit aller Sanftmuth und Liebe zu Werk gegangen, welche sie sogar den Heiden liebenswürdig gemacht habe; daß man die Busse als ein Heilungsmittel gegen den ewigen Tod angesehen, und erst in spätern Zeiten, als die Kirchenzucht durch die Unbiegsamkeit des Volks, und Unwissenheit und Schwäche der Seelsorger abgenommen, auf strengere Mittel verfallen, mithin endlich in der IV. Lateranensischen Kirchenversammlung Ao. 1215. das allgemeine Gesetz der österlichen Beicht und Communion zur Glaubenslehre eingeführet; so bin ich in meinem Gewissen überzeugt, daß man in denen damaligen Zeiten der Unwissenheit, in welchen alle Wissenschaft, Lesen und Schreiben mitgerechnet, lediglich auf den Geistlichen beruhete, sich der Beicht als eines Mittels bedienen wollen, wenigstens einmal im Jahr dem unbesorgten Sünder Gelegenheit zu verschaffen, sich bey seinem gewöhnlichen Beichtvater Raths zu pflegen, von diesem aber, der in Glaubenssachen besser als der unbelehrte Laie bewandert war, einen heilsamen Unterricht zu holen. In der nämlichen Kirchenversammlung findet sich deßwegen auch die bessere Einrichtung der Schulen für Geistliche und Arme ernstlich befohlen. Es heißt anbey weiter, daß man von niemand als seinem gewöhnlichen Seelsorger, oder nicht ohne dessen ausdrückliche Erlaubniß von einem andern absolviret werden könne. So sehr ich also diese heilsame Verordnung verehre, weil sie auf die Belehrung des unwissenden, auf die Stärkung des wankenden, und sanftmüthige Bekehrung des irrenden Sünders gerichtet gewesen, und sich auf die männliche wohl belehrte Erfahrung des seine Schafe kennenden Hirten gründete: Eben so wundersam muß es nun bey ungleich mehr aufgeklärten Zeiten einem gestandenen, in Jahren, Studien und Weltkenntniß zur Reife gediehnen Mann vorkommen, daß er das Innerste seines Herzens, seine Schwachheiten und die Blösse der menschlichen Neigungen, die sonst die Schamhaftigkeit in Worten auszudrücken verbietet, einem unerfahrnen, mit eben solchen, oder vielleicht noch ärgern Sünden beladenen, noch von der ungestümen Hitze seines gährenden Temperaments beherrschten Jüngling und verkleideten Bauernbuben, hersagen, auf seine indiscrete Fragen antworten, und mit geduldiger Demuth sich von diesem unreifen Gelbschnabel erbärmliche unsäftige Lehrstücke herplaudern lassen muß. Es ist wahr, die Kirche will, wir sollen in dem Beichtvater nicht die Person, sondern sein Amt und übertragene Gewalt verehren; allein, sie hat eben darum auch geboten, daß dieses Amt nur senioribus in sapienta anvertraut werden soll. Prüfen sie sich selbst Herr Pfarrer; finden sie, daß ich zu strenge urtheile? Wie mag ihnen oft zu Muth seyn, wenn sie von ungefehr jemand mit einer Frage, mit einer Sünde, mit einem Zweifel überraschet, wovon sie gar keine Idee haben? Mann nimmt ja zu einem Gerichtsverwalter und Bauern=Schulzen so viel möglich ausgesuchte Mannschaften und erfahrene Leute, bey denen es doch nur auf zeitliche Güter ankommt; und wo dieses Gericht noch mehrern Oberrichtern unterworfen ist. In dem Tribunal des Gewissens aber, wo es um die unschätzbare Seligkeit zu thun ist, soll ein einziger Jüngling, der oft weniger als ein mittelmäßiger Bauer verstehet, allein Rath und Urtheil sprechen? Verstehen sie mich wohl Herr Pfarrer? Ich bestreite deswegen nicht, daß die Kirche in ihren Sätzen nicht recht habe. Ich unterwerfe mich ja dem Gebot selbst; sondern ich sage nur nach, was und wie ein Fleury spricht. Es ist nur ein Wunsch zur Verbesserung dessen, was unsere Religion mehr heiligen könnte. Dem ungeachtet bin ich doch noch mit unsern Weltgeistlichen mehr als mit den Mönchen zufrieden. Was dermalen der Pfarrer verrichtet, das war in alten Zeiten das Amt des Bischofs. Weit über die Hälfte der ersten tausend Jahre unsers Kirchenalters waren die Diöcesen klein, damit ein einziger Mann ihr wohl vorstehen und seine ganze Gemeine durch sich selbst kennen möchte. Der Bischof allein predigte und lehrete. Er hatte zwar auch Priester; allein nur zur Aushülfe, zu etwelcher seiner Erleichterung, wann er abwesend seyn mußte oder krank war. Nur im Nothfall übertrug er ihnen die Zwischenbesorgung seines väterlichen Amts. Diese Priester waren zugleich seine Räthe, und machten das Kirchengericht aus, weil ihre Weisheit, ihre Gelehrsamkeit in geistlichen Dingen, und ihre Erfahrung sie zu dieser Würde durch mehrere Stuffen erhoben hatte. Denn damals wurden noch nicht von einem Quartal zum andern die Ordinationen so eilfertig beschleuniget, nur damit der zu einer Pfarrey oder zu einer geistlichen Pfrund beförderte geschwind in deren Genuß komme; sondern viele Jahre giengen oft vorbey bis ein Mann alle Grade durchgedienet, und dann mittelst seiner Verdiensten und Erfahrung zu der Priesterwürde, als ein Gehülfe des Oberhirten tauglich befunden wurde, ja oft darzu genöthiget werden mußte. Und doch war noch in jenen Zeiten das Pfarramt leichter als jezo. Der gläubige Eifer hat sich mehr durch fromme Beyspiele und Vorgang jener leiten lassen, welche sie schon um ihres Alters und Fähigkeiten willen verehreten. Die viele Sophistereyen waren noch nicht erdacht. Die einfache, die wenige Grundsätze des christlichen Glaubens hatten noch nicht nöthig, um der vielen Beysätzen willen, mit einer Menge von Commentarien erlernet und gelehret zu werden. Mit einem Wort: Die Grossen foderten nicht viel, und die Kleinen nahmen es nicht genau. Ich würde unbillig seyn, wenn ich in dem allgemeinen Haufen der Geistlichkeit nicht eine Ausnahme machen wollte. Ja, Herr Pfarrer, ich kenne selbst ein Duzend Männer, die ich als würdige Seelsorger, als rechtschaffene, belesene, und menschenfreundliche gläubige Priester verehre. Sie gönnen mir ihre Freundschaft, und ich habe in ihrem vertrauten Umgang schon manche angenehme Stunde zugebracht. Allein sie müssen sich mit dem grossen Strom hinreissen lassen, und dörfen nur im Verborgenen denken: Wie ich denn auch selbst um meiner Ruhe, um meines guten Namens willen, nicht wie viel nähme, wenn man wüßte, daß ich Euer Hochw. so dreiste Wahrheiten aus dem Innersten meines Herzens eröfne. Noch eins kann ich Ihnen doch nicht verschweigen. Ich denke mir eine Ursache, warum eigentlich unsere Pfarreyen mir allemal mittelmäßigen Genien besetzt werden, und so zu sagen besetzt seyn müssen. Ich finde darzu drey Gründe. Erstlich, dünket sich jeder Vater oder Mutter, so bald sie durch ein Bißgen erworbenes Geld oder Ehre den Kopf über den gemeinen Bürgerstand erheben, und dem Hut unter dem Arm, oder einen Fächer in der Hand tragen können, viel zu vornehm, als daß ihr Herr Sohn nur ein Land- oder auch Stadtpfarrer werden soll. Die l. Mamma will ohne Widerrede, daß ein Abkömmling aus ihren Lenden, ein herziges Kind daß sie mit Schmerzen geboren, mit Affenliebe erzogen, und mit Kösten durch alle Schulen laufen lassen, dem sie Praemia erkauft, und das nach ihrem Ebenbild geschaffen ist, wenigstens ein Canonicat, einen einträglichen Altar oder eine Hofcaplaney haben soll. Für Bauern, und sonst gemeines Volk, ist er zu gut; seine Brust zum Predigen zu schwach; beym Besuch der Kranken ist Gefahr des Ansteckens; er könnte nicht Beicht sitzen; oder auf Predigten studieren, weil er den Familienfehler hat, daß er den Blähungen stark unterworfen ist. Auf Dörfern hat man keine Ansprache; er müßte melancholisch werden. Und was die Mamma will, das muß dem Papa gefallen. Man läßt sichs also Geld kosten, damit das scharmante Söhngen nach seiner Gemächlichkeit versorgt wird. Zweytens, ist es leider nur allzuwahr, und es sey zur Schande unserer Tage gesagt, daß man einen Pfarrer, der wirklich das bischöfliche und apostolische Amt vertritt, viel schlechter achtet als den geringsten und dümmsten Bettelmönch. Ich habe es selbst oft gesehen, und sie werden es auch schon erfahren haben, Herr Pfarrer, daß, wenn ungefehr in einem adelichen oder Beamtenhaus und Tafel ein Mendicant und ein Pfarrer zusammentreffen, gemeiniglich der gute Seelsorger den untersten Platz bekömmt, und dem Mönch weichen muß. Und dann drittens, weil sich kein vermöglicher Mensch, wie eben gesagt, bey geringem Einkommen dem beschwerlichen Amt widmen mag, so bleibet diese Last für Arme nothwendig übrig. Der Unbemittelte aber hat weder den nöthigen Vorschub sich länger im Studieren zu verweilen, noch sich mit guten und theuern Büchern zu versehen. Er geniesset den kurzen und seichten Unterricht der übel besetzten Schulen; er lernet im Seminario ein Bisgen von den geistlichen Handgriffen; er kommt mit einem ungerüsteten Kopf als Pfarrer wieder zu einem Haufen Leute, die ihrem Stande gemäß nicht viel wissen. Haussorgen, Nahrungsbeschäftigungen, Noth und Geringschätzung sind alsdann wahrlich keine Ermunterungen, für einen solchen Mann, seinen Verstand und Kenntnisse ohne Anweisung mit leerer Hand zu bessern, Hat er darneben vielleicht noch einige Temperamentsfehler, Leidenschaften oder jugendliche Triebe, die ihm die Menschlichkeit abnöthiget, so ist und bleibt er ein – elender Tropf, der das ehrwürdigste aller Aemter, die Seelsorge, verunzieret. Wenn sie mir meinen Eifer verübeln, oder auf sich mißdeuten, Herr Pfarrer, so thun sie mir Unrecht. Denn wenn ich sie nicht liebete, und zu einem rechtschaffenen Mann zu bilden nicht vorhätte, so würde ich schwerlich meine Meynung so offenherzig gesagt haben. Er gab mir darauf guten Abend; und versprach in unserer nächsten Unterredung mir über die klösterliche Orden seine Gedanken zu sagen. Nun habe Geduld, l. Bruder; bis zum nächsten Botengang sollst du auch diese wissen. Neunter Brief. Den 12. May. 1770. Gleich den folgenden Tag war ich wieder bey meinem Hrn. Gutmann und erinnerte ihn seines Versprechens. Alles, was mir dieser Mann sagt, sind mir spanische Dörfer; und doch muß ich bekennen, daß ich in und an mir selbst die Wahrheit fühle. Freylich höre ich nicht allemal gerne, wann er mir so unverblümt den reinen Spiegel vorhält, worinnen ich meinen und vieler Mitcollegen Lebenslauf mit unsanften Farben gemahlet finde. Allein er macht mich aufmerksam bis zum Ende; und dann habe ich mir vorgenommen, seine Sätze die Musterung paßieren zu lassen. Für jezo sage ich noch nichts, sondern erzähle dir nur, Herr Bruder, was Gutmann spricht. Sie wollen meine Gedanken, sagte er mir, über die Mönche und Religiosen wissen; ich muß von den Einsiedlern den Anfang machen. Der erste, Fertur Paulus vitae, quam Eremitiam vocant, auctor esse. Sed haec videndi ratio diu ante hunc inter Christianos, immo diu ante Christum, in Egypto, Syria, India \& Mesopotamia, usitatae fuit, \& adhuc inter Mahumedanos non minus quam Christianos in his ficcis \& artendibus terris usitata est. Fertur ... – der lateinische Text der folgenden Erläuterung Et Paul Lucas Voyages \&c. 1714. Tom. V. p. 363. von dem wir wissen, daß er in eine Einöde geflohen, um da in Betrachtungen und völliger Ergebung an himmlische Dinge der Welt abzusagen, war der heil. Paulus von Theben. Er wich von den Verfolgungen des Kaisers Decius um die Mitte des dritten Jahrhunderts. Sein Zeitgenosse und Vertrauter war der heil. Einsiedler Antonius. Ich habe von beyden nichts zu sagen, als daß ich mit vernünftigen catholischen Kirchenlehrern glaube, sie hätten durch Frömmigkeit und gutes Exempel mitten in der Welt mehr Nuzen schaffen können, als durch ein unbekanntes Leben in einer Wildniß. Diese beyde hatte keine in Gemeinschaft lebende Schüler; aber Pachomius, ein Lernjünger des Einsiedlers Palämon im vierten Säculo, war der erste bekannte Stifter, Obere und Führer des Klosters Tabennes am Ufer des Nils, und hat die Provinz Thebais wol mit 50000 Mönchen bevölkert. Seine Regul ist noch vorhanden. Von diesem entsprossen also die Cönobiten, und wurden von nun an Mönch (das war der Einsiedler) und Cönobit in eine Gattung zusammengegossen. Nach dem Sozomenus, im dritten B. seiner Kirchengeschichte, war der armenische Bischoff Eustathius auch ein grosser und eiferiger Beförderer des Mönchstandes. Doch wohnten noch alle in Klöstern, die von Städten entfernt und in Wildnissen gelegen waren. Basilius der Grosse aber, nachmalige Bischoff zu Cäsarea, welcher auf seiner Reise nach Egypten und Libien, als dem Vaterlande der Einsiedler=Mönche, an ihrer Zucht und Einrichtung Wohlgefallen fand, war der erste, der auch in Pontus und Cappadocien den Mönchstand einführte. Doch ist dabey zu merken, daß er sie in Städte und Dörfer zog. Sie waren aber noch gröstentheils Laien, sie mußten ihre Nahrung mit Arbeit erwerben, bettelten nicht, waren fromm und dienten der Geistlichkeit in Kirchenverrichtungen als Leute eines exemplarischen Lebens. Wenn sich einige darunter fanden, die durch besondere Eigenschaften oder Gelehrsamkeit verdienten unter die Geistlichkeit aufgenommen zu werden, so wurden sie dazu berufen und gewählet. Diese bisdaher im Orient blühende Mönchschaft wurde endlich durch die H. H. Hieronymus und Athanasius in die Gegend um Rom gebracht, und von dannen mit der Zeit in den ganzen Occident ausgesäet. Es entstunden auch zugleich die Frauenklöster zu Rom selbsten, weil man das weibliche sich Gott widmende Geschlecht nicht im freyen Felde umwandern lassen wollte; und diesem Exempel folgten die Mönche. Der H. Martinius, Bischof von Tours, der von einem Kriegsmann ein Einsiedler und endlich Bischof und gallischer Apostel worden, bauete sich selbst mit 80. Mönchen ein Kloster. Die meiste Geistlichkeit richtete sich nach seinen Gesetzen; und, da er der erste Heilige gewesen, dessen Gedächtniß die lateinische Kirche öffentliche Ehre erwiesen, so ist sich gar leicht einzubilden, daß auch dieses dem Mönchstand schon einen grossen Vorschub gegeben. Was der H. Augustinius für ein fruchtbarer Stammvater gewesen, und daß er hauptsächlich den Mönchstand mit dem geistlichen verknüpfet, ist bekannt. Gegen das Ende des 5ten Jahrhunderts wurde der H. Benedictus geboren. Seine zahlreiche Nachkommenschaft hat sich nachmals durch die von ihnen abgerissene Regul des H. Columbani gegen Ende des 6ten, und des H. Bernardus im 12ten Säc. in verschiedenen Zweigen des mächtigen Stamms also ausgebreitet, daß man, wenn der Erzählung des P. Cassinus in seinen Privilegiis Regularium zu trauen ist, vor den Zeiten des Costnitzer=Conciliums bereits 15074. berühmte Aebte, 18. Päbste, 184. Cardinäle, 1564. Erzbischöffe, 3512. Bischöffe, und 5559. Heilige aus diesem Orden gezählt haben soll. Ich habe nichts entgegen, setzte Herr Gutmann hinzu; denn wir können nicht läugnen, daß man in der Gelehrten Welt diesem Benedictiner=Orden eine Menge geschickter, vernünftiger Leute, und wohlgeschriebene Werke zu verdanken hat. Da diese Kloster fast allein in den barbarischen Unwissenheits=Zeiten vom 9ten bis 15ten Jahrhundert uns historische Nachrichten erhalten, auch zeithero in der Diplomatik grosses Licht angezündet, und noch wirklich hier und da darunter sehr wackere, vernünftige und denkende Männer im Verborgenen stecken. Ich glaube, die Kirche Gottes hätte mit diesen ihre zahlreichen, und schon mit gar ansehnlichen geistlichen Gütern begabten geistlichen Hülfsvölkern gegen den Teufel und seinen Anhang genug haben können. Besonders weil um damalige Zeiten der römische Stuhl in der größten Macht und unumschränkten Gewalt gewesen, die leidige Creuzzüge anbey alle Länder von den Menschen entblößt hatten, und von gefährlichen Ketzereyen ausser den Albigensern nichts beträchtliches zu hören war. Allein das 13te Jahrhundert heckte ein mixtum Regularium genus , zu deutsch eine Mißgeburt, aus, die dem allmächtigen Gott mit einem theuern Eidschwur geloben mußten, nicht zu arbeiten, sondern gleich unnützen Hummeln des arbeitsamen Bienenstocks nur das verzehren zu helfen, was andere im Schweiß ihres Angesichts eintragen und erworben würden. Der Name, sagt P. Chassimus, würde diesem neuen Kinde aus dem Modo vitae quaerendae geschöpft; man hieß sie Mendicanten, Bettelmönche. Die Dominicaner, Franciscaner, Augustiner und Carmeliter wurden, seiner Sage nach, jene vier Hauptflüsse, welche aus dem Paradies der römischen Kirche ausgegangen sind, um die ganze Erdkugel mit dem Wasser der H. Wissenschaften und Tugenden zu befeuchten: Denn so nennet sie auch der Pabst Pius V. ein Dominicaner, als er Ao. 1568. noch sechs andere Orden, die Serviten, die Minder=Brüder, die Jesuiten, die Carmeliter=Barfüsser, Trinitarier etc. unter Bettelmönche, und zwar so viel es die Jesuiten betraf mit Unrecht, zählete. Es kann seyn, Herr Pfarrer, sagt er, daß diese H. Flüsse von Anfang, als sie noch unter die kleinen Bächlein zu rechnen gewesen, wie ein lauteres Brunnwasser dahergeflossen. Es hat sich aber nachher so viel Leimen und trüber Unflat mit dem hellen Bach vermischet, daß die anwachsende Ueberschwemmungen in Wahrheit unser ganzes so heilig als einfaches Christentum mit einem modernen Schlamm überzogen haben, und also die geistliche Erndte uns nun gar viel unschmackhafte Körner des Aberglaubens zur Seelenspeise geniessen läßt. Die Augustiner- und Carmeliter-Orden sind nicht sonderlich zahlreich in Deutschland. Sie haben noch denn und wenn einen geschickten Mann; ich selbst kenne deren einige, die ich hochschätze. Die Dominicaner machen auch keinen gar grossen Haufen, und sind wegen ihrer ungeschliffenen, unwissenden und schwelgenden Lebensart nun bey uns in ziemlicher Verachtung. Serviten und Trinitarier kennet man hierzu Land kaum. Die Jesuiten gehören nur dem Namen nach, und dieses abusive in diese Bettelgemeinschaft; mithin zähle ich sie unter die Mönchenclasse. Aber Herr Pfarrer, die viele Legionen Franciscaner und Capuciner, welche unser Vaterland wie die Heuschreken überschwärmen, und den armen Landmann fast auffressen, diese möchte ich vermindert wissen. Sind sie (jedoch ihre priesterliche Würde in Ehren zu halten) in der menschlichen Gesellschaft eben das, was Ratten und Mäuse in der Arche Noe gewesen. Fruges consumere nati . Sie verzehren und verderben mehr als andere, und lassen aller Orten stinkende Spuren zurück. Man darf nur auf die erste Zeiten ihrer Entstehung zurückgehen, und da lesen was die Kirchengeschichte uns erzählet, um zu sehen, was der blinde Enthusiasmus damaliger Zeiten für schnelle umsichgreifende und tiefe Wurzeln gefaßt. Ao. 1206. fiengen des H. Francisci seltsame Begeisterungen an. Vier Jahre nachher geselleten sich sieben andere ihm zu. Und als er Ao. 1219. bey Assiß, in Gegenwart seines guten Freundes des H. Dominiks, an Pfingsten ein General=Capitel versammlete, waren schon mehr als 5000. Brüder seines noch nicht bekräftigten Ordens beysammen. Sie campirten auf dem Felde. Die Städte Assiß, Perussa, Foligna, und Spoletto ernährten sie, und ein Haufen herbeygelaufenes Volk aus allen Ständen trugen alles mögliche bey, ihnen da Nöthigste anzuschaffen. Man glaubte unter ihnen ein rauhes büssendes Leben, innerliche Freude und Friede, die vollkommendste Unterwürfigkeit gegen ihren heil. Stifter, den engen und wahren Weg des Evangeliums, und die Ursache zu finden, warum es dem Reichen so schwer werde in den Himmel zu kommen. Allein, wie sehr auch der H. Franz in Gegenwart des Cardinals Hugolinus die Demuth predigte, und die Abweichung von der Regul als die künftige Abnahme des Ordens gleichsam weissagete, so waren doch schon mit Bruder Elias und Johannes, beyden Vorstehern von Toscana und Bononien, mehr andere dreiste genug, durch besagten Cardinal unter die Hand Francisco vorstellen zu lassen: Er möchte seine Brüder mit zu Rath ziehen, die mehr als er verstühnden und einer Regierung fähiger wären, da er nichts als ein einfältiger in Wissenschaften ganz unbewanderter Mann sey. Sie wollten man soll sich von den Reguln des H. Benedicts, Augustins und Basils nicht so weit durch eine ausserordentliche Strenge entfernen, und nicht besser scheinen wollen als ihre Väter gewesen. Man siehet hieraus, daß der Keim des künftigen Hoffahrts-und Abänderungengeist schon in den Erstlingen des Saamens heimlich gärete. Und obschon der H. Stifter damals sie mit der ihm von Gott gebotenen Einfalt, Demuth, und Schuldigkeit, mittelst ihrer Handlungen, wie er sagte, die Thorheit des Creuzes zu predigen, zur Ruhe, auch gar zur Unterwürfigkeit an die Bischöffe verwiesen, so ließ er doch durch Pabst Honorius, den 11. Jun. Des nämlichen Jahres, seine Stiftung bekräftigen. Und da dieser Pabst, von welchem Gerard Laricius, in summa Theologica sagt, daß er auch den Deutschen, die nach dem Tischgebet seine Gesundheit trinken würden, 60. Tage Ablaß verliehen habe, einen ziemlich übertriebenen Eifer für diese zu Stürmung der Höllenpforten gewidmete Recrouten gehabt haben muß, wie aus seinen sowohl für die Anhänger Francisci als Dominici ertheilten Bullen und Empfehlungen erhellet; auch sein Nachfolger Gregorius IV. welches eben der Card. Hugolinus gewesen, von dem ich ihnen eben als einem enthusiastischen Freund des H. Francisci gesprochen, den neuen Orden, zu offenbarem Abbruch aller andern Geistlichen, besonders der Bischöffe und Pfarrer, mit unbeschreiblich grossen Freyheiten und Ausnahmen begabt; so nimmt mich nicht Wunder, daß diese verzogene Neulinge übermüthig werden, und nach Verlauf kaum der ersten 20. Jahre so wol der gesammten Geistlichkeit zu vielfältigen Klagen Anlaß gegeben, als besonders unter sich in offenbare Streitigkeiten verfallen sind. Lesen sie, Herr Pfarrer, die Klagen, welche der Clerus der deutschen Nation im Jahre 1479. geführet, und sie werden finden, daß ich ihnen nichts weis zu machen begehre. Sie beklagten sich ausdrücklich §. 23: Insuper Fratres menticantium obtinuerunt, \& in dies obtinere nituntur diversa enormia, ac juri communi contraria privilegia exorbitantia, de obtinendis beneficiis etiam majoribus, \& de regendo Ecclesias parochiales, ac alias curatas; \& de ministrando simpliciter ecclesiastica Sacramenta, in praejudicium libertatis Saecularium Clericorum \& rectorumparochialium Ecclesiarum fqq. Insuper ... – Obendrein behaupten die Bettelmönche gegenwärtig diverse Privilegien und damit verbundene Einnahmen, die ihnen, weil im Gegensatz zu den bischöflichen und pfarrbezirklichen Rechten, rechtmäßig nicht zustehen. (Leibnitz Cod. Juris Gent. Diplom. I. Part. p. 439.) Diese Streitigkeiten und Klagen der Geistlichkeit waren um so heftiger, als sie gerecht gewesen und selbst die H. H. Stifter dieser Orden ganz anders als ihre Nachfolger gedacht haben. Baronius auf das Jahr [1]676. N. sagt: »Daß die Mönche sich dem Gehorsam der Bischöffe durch ihre Freyheiten entzogen haben, seye nicht einmal dem H. Francisco angenehm gewesen; wohl aber dem Bruder Elias, welchen er einen Menschen nennet, der nicht divino spiritu, sed carnis prudentia beseelet worden seye.« Freylich sind diese gute Kinder den Verordnungen ihres H. Vaters nicht immer getreu geblieben. Er befahl bey dem General=Capitel 1219. ausdrücklich, und zwar per obedientiam, quod ubicunque sint, non audeant petere aliquam litteram in Curia Romana. per ... – für alle Zeiten, an allen Orten, nicht auf die Befehle der römischen Kurie zu hören Der H. Bernard ist in diesem Streit auch auf der Bischöffen Seite. Er schrieb an Eugenium III. ... quodque magis delendum inter Ecclesias inimicitias graves, perpetuaesque discordias ... und fährt fort: ... Tunc tibi licitum censeas, fuis Ecclesias mutilare membris, confundere ordinem, perturbare terminos, quos profuerunt Patres tui? quodque ... – jeder Orden strebt nach immer mehr Reichtum, was zu schwerer Feindschaft innerhalb der Kirche und letztlich zu ewiger Zwietracht führen wird ... sonst wird aus diesen Rechten, für die Kirche als Ganzes gesehen, eine große Rechtlosigkeit und Unordnung geschehen. Aber bey dem allem werden wir uns doch in Acht nehmen müssen, die Sache der Bischöffe gegen die Mönche mit gar zu grossem Eifer zu verfechten, sonst möchte auch mit uns in dem alten Styl gesprochen werden; hat ja Johannes Seresberiensis schon angemerket, daß sie gleich mit Feinden der Religion und Bestreitern der Wahrheit um sich werfen, wenn ihnen widersprochen wird. Si eis obloqueris, religionis inimicus \& veritatis diceris impugnator. Und dieses sagt er, nachdem er vorhero folgende Beschreibung von ihnen gemacht hat: Procedunt ulterius, ut quo sibi plure impune liceant, a jurisdictione omnium Ecclesiarum se ipsos eximunt, \& efficiuntur Romanae Ecclesiae filii spirituales. Si ... – Dieser der Religion verderbliche Widerspruch und der Wahrheit feindlich gesinnter Kampf ... Wenn diese Verhältnisse weitere Fortschritte machen, wenn sie sich immer mehr ungestraft erlauben dürfen, wenn sie weiter von allen Pflichten ausgenommen werden, sind sie nicht mehr die geistigen Söhne der Römischen Kirche. Lib. VII. c. 21. de Nugis Curial. Schon im Jahr 1243. finde ich einen heftigen Zank zwischen beyden Bettelorden, den Predigern der Dominicanern und den Minderbrüdern oder Franciscanern, aufgezeichnet. Ihre geschworne Demuth machte sie um die Ehre des Vorzugs und Ansehens streiten. Wir sind die erste, sagten die um drey Jahre früher vom päbstlichen Stuhl bekräftigte Dominicaner; wir tragen einen ehrbaren Habit; wir sind zum Predigtamt bestimmt, welches eine apostolische Verrichtung ist, und führen dieses Amts Namen als Prediger. Aber, antworteten die Franciscaner, wir haben Gott zu lieb eine strengere und demüthigere, mithin heiligere, Lebensart angenommen, weshalben man auch von euerm Orden zu dem unsrigen, als zu einer strengern Observanz, übergehen kann. Das wollten aber die Prediger nicht eingestehen. Sie gaben vor; Ihr gehet zwar barfuß und übel gekleidet, und mit Stricken umgürtet; aber das Fleischessen, auch sogar ausser dem Kloster, ist euch nicht so wie uns verboten. Ihr dörft besser, als wir, leben, u. s. w. Mattheus Paris, der diesen Zank beschreibet, sezet hinzu, daß diese Entzweyung eine grosse und der Kirche um so gefährlichere Aergernuß erweket habe, als beyde Theile gelehrte und den Studien gewidmete Leute gewesen. Hören sie nur einmal Herr Pfarrer, sagte er, diesen Matthäum Paris, was er von den Bettelmönchen für eine Beschreibung macht: »Es ist betrübt, schreibt er, daß in einem viehundertjährigen Zeitverlauf der ganze Mönchorden nicht so viel von seiner Regul abgewichen, als dieser der erst seit 24. Jahren in Engelland sich festzusetzen angefangen. Ihre Gebäude erhöhen sie schon wie Paläste und erweitern sich täglich. Sie prangen darinnen mit unschätzbaren Kostbarkeiten, gegen die Armuth, die doch der Grundstein ihrer Gelübden ist. Sie sind sorgfältig den sterbenden Grossen und Reichen zu starkem Abbruch der wirklichen Seelsorger beyzustehen. Sie sind gewinnsüchtig und erpressen heimliche Vermächtnisse. Sie empfehlen nur ihren Orden, den sie allen andern vorzuziehen wissen, daß niemand mehr selig werden zu können glaubt, wenn er sich nicht unter die Gewissensführung der Prediger oder Minder=Brüder begeben. Sie bemühen sich Privilegien zu bekommen. Sie haben Eingang in den Rath der Könige und Grossen gefunden, sind deren Kammer- und Schatzmeister. Sie vermitteln die Heyrathen, und sind die Beytreiber der päbstlichen Erpressungen. Beissend und schmeichelnd sind sie in ihren Predigten, und entdecken die Geheimnisse der Beichten durch unschickliche Bussen. Sie verachten die längst durch die Kirche bekräftigte Orden des H. Benedicts und Augustins, da sie den ihrigen allen andern vorziehen. Die Cistertienser=Mönche schelten sie grob, bäurisch und halb weltlich; die Cluniacenser aber für hoffärtig und Epicuräer.« Man darf diesem M. Paris wohl auf sein Wort glauben. Denn ob er gleich selbst ein Benedictiner zu St. Alban in Engelland gewesen, so ist doch sein Zeugniß als eines Zeitgenossen und starken Eiferes für die Kirchenzucht ohne Verdacht eines übertriebnen Hasses. Sie können übrigens, Hr. Pfarrer, weil sie Französisch verstehen, in dem 17ten Band der Kirchengeschichte des Fleury das mehrere von der Ausartung der Bettelmönche, gleich nach den ersten Zeiten ihrer Erschaffung, lesen. Ich will ihnen das Buch mit nach Hause geben, und sie werden darinnen finden, daß sie sich zeithero nicht gebessert. Alle Anfänge neuer Religionen, Orden und darzu gehörigen Kirchendiener, sind mit einem heftigen Verlangen in dieser Welt fromm, und in jener glücklich zu werden, begleitet gewesen. Es ist eine so allgemeine Wahrheit, daß sie sich auch auf die Heiden und sonstige politische Gesetzgeber erstreckt. Man wirft zwar den erstern eine Blindheit vor. Man sagt, sie hätten, statt dem wahren Gott zu dienen, dem Teufel geopfert. Ich nehme diesen Saz an, in so weit es die heil. Schrift und die Kirche mir gebietet; aber es kann doch auch mit dem was ich glaube ganz wohl bestehen. Die Heiden als Mitanfänger der Weltbevölkerung und Kinder der Menschen betrachtet, hatten alle das ihnen von Gott ertheilte grosse Geschenk der natürlichen Vernunft. Sie erkannten im Ursprung einen schöpfenden, einen erhaltenden Gott. Der weite oder kurze Umfang ihres Gesichtskreises bezeichnet ihnen die Werke der Allmacht. Ehe es Gott gefallen durch Mosen eine Geschichte der Schöpfung nach sinnlichen und menschlichen Begriffen für das jüdische Volk aufzuzeichnen, und dies zu unsern Zeiten erhalten zu lassen, waren die Erbsünde durch den Fall der Stammeltern, die Nothwendigkeit einer Erlösung, und alle andere darauf fussende heil. Wahrheiten verborgen. Der vernünftige Heide, der erst noch rohe Philosoph konnte sich also keinen andern Begriff machen, als daß ein unsichtbares, doch allmächtiges Urwesen die Natur gebildet, und ihr immer gleiche Gesetze vorgeschrieben habe; der tägliche Auf- und Niedergang der Sonne, des Mondes, der Sternen, das Wachstum und Verderben dessen was lebt, und aller anderer Geschöpfe, leitet ihn auf Betrachtungen: er hörte von seinen Aeltern die Warnungen des Verflossenen, und er zog aus beyden die Folge auf das Künftige. Entweder war es ihm wohl oder übel. War das erstere, so schrieb es es den gutthätigen Gesetzen des Urwesens zu. Er dankte im Verborgenen, weil die Grundlagen der Dankbarkeit in unsere Natur mit verwebt sind, und wir dem Gutes zudenken, der uns Gutes thut. War es ihm übel, so sprach er zu sich selbst: Das Wesen, welches alles erschaffen und bis daher erhalten hat, kann auch mich von meinem Uebel befreyen, und länger und glücklicher erhalten. Er that einen Wunsch, und dieser Wunsch war sein Gebet. Er wurde von dem Uebel entlediget. Das Mein und Dein, als eine Erfindung der Eigenliebe, und eine Folge der Vermehrung und der Gesellschaft mit Menschengeschöpfen die ausser mir sind, hatte ihn gelehret, daß die Dankbarkeit sich nicht mit leeren Worten, sondern mit Werken eines Gegendienstes, oder einer freywilligen Abgabe von etwas das mein ist, am wirksamsten bezeigen lasse. Seine erste sichtbarliche gottesdienstliche Handlung wurde also ein Opfer. Die Liebe zu seinen Kindern ließ ihn auch für diese opfern. Ein glückliches Jahr, eine gesegnete Ernte, eine reichliche Jagd oder Fischfang, gute Gesundheit, waren lauter erneute Anlässe, seine und der seinigen Dankbarkeit dem Urheber der ihn so segnenden Natur abzustatten. Dadurch bekam der Gottesdienst eine Epoche; und bisdahin war er einfach, mit den noch unerweiterten Gränzen ihres Denkens einstimmig, und allgemein. Den Tausch, die erste Handelsart der Menschen, um sich den Ueberfluß eines andern gegen Verwechslung des Meinigen, zu meiner Nothdurft oder Vergnügen, eigen zu machen; den natürlichen Hang, mit weniger Mühe und Arbeit unser Wohlseyn zu vergrössern, sehe ich als den ersten Ursprung der Gelübden an. Uebernatürliche Begriffe darf ich, ausser dem Glauben, in der menschlichen Natur nicht suchen. Man denkt nur durch sinnliche Bilder. Wie der Mensch mit andern Menschen zu handeln gewohnt war, eben so handelte er im Sinn mit Gott. Er versprach dem Wesen, dem er aus Erfahrung die Macht Gutes zu thun zuschrieb, eine für seinen Wunsch und Hofnungen angemessene Rükgabe. Er hielte sich aber zur Erfüllung nicht verbunden, wenn seinem Verlangen keine Genüge geschahe. Die Feyerlichkeit einer menschlichen Handlung, welche derselben ein Ansehen gab, wurde mit in das feyerliche Geschäft der Dankbarkeit oder des Wunsches verbunden, und man opferte auf erhabenen Steinen, auf Hügeln, in in dun[k]keln Wäldern. Die Gottheit, die sie nur dachten und nicht sahen, konnte von Hand zu Hand nichts annehmen; und weil man ihr doch eine Wohnung zuschrieb, so glaube ich, daß man den schönen Glanz und die gutthätige Wärme der alles belebenden Sonne dazu ausgewählet. Der aufsteigende Rauch war das einzige Mittel, der Gottheit einen fühlbaren Genuß des Opfers zuzubringen. Die Opfer wurden also verbrennet. Das Wunderbare macht ausserordentliche Eindrücke und Vermuthungen, weil es über die Begriffe unserer natürlich gewohnten Erfahrung ist. Ein hoch gen Himmel aufsteigender Rauch kann also gar wohl ein vermeintliches Zeichen der gefälligen Aufnahme des Opfers gewesen seyn, und das Gegentheil einer Verwerfung der Bitte angezeiget haben. Physicalische Ursache wußte man noch nicht; mithin wurden übernatürliche hergeholet. Ich werde hier abgerufen, mein l. Herr Bruder, sonst solltest du noch einen viel längern Brief zu lesen bekommen. Morgen will ich dir wieder schreiben; und da mein Schulmeister nach E** geht, so soll er bey dir einsprechen und meine Fortsetzung dieses Briefes mitbringen. Fortsetzung des IX. Briefs den 13. May 1770 Dem für alle Welt gutthätigen Urwesen, fuhr mein alter erfahrener Lehrer fort, mochte man keine Vorliebe zwischen gleichen Geschöpfen beymessen; und dieses ist vielleicht die Ursache, warum ihm ein böses an die Seite gedacht worden. Krankheiten, Mißwachs, Donnerstreich, Ueberschwemmungen etc. waren die Beschäftigungen dieses unsichtbaren Bösen. Da nun der Mensch gefunden zu haben glaubte, daß Opfer dem wohlthätigen Schöpfer gefallen, so war es eine natürliche Folge, daß man es auch bey dem übelthätigen versuchen müsse. Dann wurden zum erstenmal zwey Altäre erbauet, und sie, um diesem kenntliche Unterscheidungszeichen zu geben, mit sinnlichen Vorstellungen besetzt. Eine weibliche Figur mit hundert Brüsten und Armen, Thieren- und Menschenbildern, war bey den Egyptern die gutthätige allgemeine Mutter der Natur. Eine Schlange, ein reissender Löwe, oder sonst ein scheusliche Nachahmung, mußte den schädliche Zerstörungsgeist vorstellen. Was anfänglich ein Bild, ein Unterscheidungszeichen war, wurde bey Kindern, welche künftige Begriffe an die erste sinnliche Bilder anhängen, und die einmal gefaßten eindrücke nicht leicht mehr ausfegen können, zu wirklichen mit Gewalt versehenen Gottheiten. Das mit solcherley Vorurtheilen aufgewachsene Kind wurde ein Mann. Dieser erkannte mit Mühe, daß Holz, Stein und Metall die Gottheit nicht selbst seyn könne. Doch wurde das Bild ein göttlicher Wohnsitz, und, damit dieser Palast nicht durch Regen und Wetter zerstöret würde, eine Hütte darüber gebauet, mithin ein der Gottheit gewidmeter Tempel. Ein Paar abgelebte, schon mit Vorurtheilen geborne und erzogene, mit abnehmenden Säften und Kräften, wieder der Kindheit sich nahende Männer, die dem Feldbau und Nahrungsgeschäft nicht mehr nachkommen konnten, widmeten sich der Reinlichkeit des Tempels. Die Eigenliebe und das wünschende Lob einer guten Verwaltung wird sie auch bewogen haben, das ihnen anvertraute Bild zu zieren, um damit, weil alles Sinnliche bey sinnlichen Menschen vorzüglich gefällt, ihrem Tempel mehrern Zugang zu verschaffen. Ihre Dienste, ihr Alter, forderten Belohnung. Sie bekamen einen Theil der Opfer, und wurden die ersten Götzenpriester. Sie waren besorgt den Leuten herzusagen, was von ihren Gottheiten für für Gutes geschehen oder für Uebel abgewendet worden. Und, um es der Nachwelt aufzubehalten, wurden die ersten Denkzeichen in Bilder aufgehangen. Ich glaube, daß diese meine Anfangspriester ehrliche und uneigennützige Leute gewesen, die gehandelt wie sie gedacht. Allein, in der Folge gieng es, wie es zu gehen pflegt. Ein alter Vater, der Kinder hatte, ließ sich jezuweilen seinen Kirchendienst erleichtern. Der Junge, der noch die Gottheit im Holz verehrte, aß mit von dem Opfertisch. Wolleben und keine abmattende Arbeit haben, ist ein erwünschter Zustand. Er suchte seinem Vater im Amte zu folgen. Dazu gehören Verdienste. Er machte sich solche durch sein erfindsames Gehirn, durch Träume und Lügen. Er vermehrte die angebliche Wunderwerke; ersann Weissagungen; hatte Begeisterungen, und schwatzte unbekannte Dinge für den leichtgläubigen Pöbel. Und da haben sie meinen anfänglich dem natürlichen Gesetz nach ganz einfachen Gottesdienst wirklich zu dem ärgsten Greuel umgeschaffen. Sie werden werden vielleicht sagen, Herr Pfarrer, ich träume mir meine Heiden selbst, wie ich sie haben wolle. Es kann seyn. Wer aber den menschlichen Empfindungen und dem Zusammenfluß unserer unbelehrten Begriffe nachdenkt, wird mir wenigstens eingestehen müssen, daß der allmähliche Lauf meiner Folgerungen nicht ganz ohne Wahrscheinlichkeit sey, und wer weiß, ob wir nicht etwas ähnliches bey unsern aufgeklärten Zeiten antreffen könnten. Ueberhaupt wollte ich aber nur sagen, daß alle Gesetzgeber gute Absichten gehabt, die aber in der Folge durch menschliche Leidenschaften der Hoffart, Ehrgeitzes und Eigennutzes in Laster und Unordnungen ausgeartet. Wir wollen jene politischen Männer, einen Solon, einen Lycurg nicht betrachten, weil sie keine neuen Glaubenslehren eingeführet haben, sondern sich nur der angenommenen bedienten, um ihre Mitbürger im Zeitlichen durch Zucht, Sicherheit und Recht, glücklicher zu machen. Lesen sie aber nur bey einer müßigen Stunde aus des Plutarchs Lebensbeschreibungen, hier in diesem Quartband, den Numa Pompilius, der als der zweyte König des noch rohen, zusammengeraften römischen Volks, sich einer Religion bedienen mußte, um durch übernatürliche Zwangsmittel, durch Geheimnisse, durch ausserordentliche Bewegungen des Gewissens, sich ein gesittetes Volk zu bilden. Er entlehnte die Gottheit der benachbarten Griechen. Er hatte alle fruchtbare Erzählungen des Homers zu seinen Diensten. Von dem Guebre oder Parsis borgte er die stäte Erhaltung eines H. Feuers, und vertraute solches den selbsterdachten Vestalinnen an. Mit einer einzigen unsichtbaren Gottheit hat der sinnliche Pöbel nicht genug. Numa fand es für gut alles mit anzunehmen, was den Zweck bey andern angesehenen Nationen erfüllete, und doch wurden noch in der folgenden Zeit ein Haufen minderer Gottheiten für alle Gelegenheiten, Zustände und Erfordernisse hinzugeschaffen. Der Gesetzgeber war unschuldig, was die Beysätze der Nachkomen betrift. Und eben so gieng es ja bey dem, von dem allwissenden Gott selbst belehrten, auserwählten Volk. Das deutlichste, durch den Finger des Allerhöchsten geschriebene, durch ihren Erlöser Mosen erklärte Gesetz, welches noch dabey mit einer menge feyerlicher Ceremonien, Beobachtungen, Warnungen und Wunderwerken das vollkommene Vertrauen und die Aufmerksamkeit des Pöbels reizen und sich angenehm machen können, wurde bey allen Anlässen, bey jedem Durchzug durch ein fremdes Land, mit denen daselbst angetroffenen Mißbräuchen und falschen Gottheiten vermehret. Ich bewundere mithin gar nicht, daß das einfache, liebreiche und nur auf wenige Hauptsäulen gebaute christliche Gesetz schon zu den Zeiten der Apostel in Mißdeutungen, Beyschläge und Abartungen gegangen, welche seither tausendfach vervielfältiget worden. Dieses ist aber gewiß, Herr Pfarrer daß vor Entstehung der beynahe unzählbaren Menge von Mönchen, Religiosen und Regularen, unser Gottesdienst reiner, der Begriff von einer majestätischen Gottheit viel herrlicher, der Abscheu vor Laster und Sünden stärker, die Trennung von den wahren Glaubenssätzen im Occident seltener, und unser Vaterland im Innern glücklicher gewesen. Ich sage das im engsten Vertrauen, mein l. Herr Pfarrer; denn es wären beyde unglücklich, wenn so etwas von ihnen oder mir herkommend weiter erzählet würde. Ich würde so arg als Febronius und Lochstein, und Neuberger, und Kollarius, und der einsichtige G-B-g-t. in unsern Tagen, und wie Muratori, Alexander Natalis, Erasmus, Petrus de Marca, Gerson, Petrus de Vinci, Willh. v. St. Amore in ältern Zeiten, verketzert. Denn sie müssen wissen, daß es in allen Zeiten redliche, geschickte, und, wol zu merken, catholische Männer gegeben, die ihre Gedanken frey und nach Hilfsmitteln geseufzet haben. Ich hoffe, was ich oben gesagt, dem Herrn Pfarrer begreiflich zu machen. Unerwiesen sollen sie nichts auf mein Wort glauben. Wir müssen schon wieder auf die ersten Jahrhunderte der Kirche zurückgehen, wenn unsere Urtheile aus der reinen Quelle geschöpfet werden sollen. Diejenigen, welchen das Glück beschehret gewesen den Heiland der Welt selbst zu sehen, und seine Lehren zu hören, fanden in seinem Wandel, Sitten und Predigten lauter Liebe des Nächsten, gesellschaftliche Tugenden, freundliche Duldung aller Menschen und liebreichen Ruf für die Sünder. Die Apostel und Jünger, welche allein den Befahl, die Gewalt und die Gabe hatten, das christliche Gesetz fortzupflanzen, theilten sich in die nahen und entfernten Gegenden. Sie errichteten ihre Diöcesen noch ganz im Verborgenen. Sie bekümmerten sich nicht um weltliche Macht, sondern blieben für sich der Obrigkeit unterthan; und ihre Lehrlinge haben sie eben auch dahin angewiesen. Sie wollten nicht hoch angesehen seyn. Sie zwangen keinen Menschen zur Aufnahme ihrer Lehrsätze. Alles, warum sie sich kümmerte, war die Offenbarung der Wahrheit und Erklärung des göttlichen Worts. Niemand waren sie beschwerlich, da sie sich mit eigener Handarbeit ihren Lebensunterhalt erwarben. Es hieß bey diesen heil. Männern: Verba docent, exempla trabunt . Die Heyden, welche vom natürlichen einfachen Gesetz durch ihre eigennützige, verschmitzte und habsüchtige Pfaffen zum Aber- und Irrglauben nach und nach verführet, und nach Art des grossen gemeinen Haufens zu einer unsinnigen Vielgötterey verleitet worden sind; die Juden, bey welchen der kleine öhlreiche Kern des von Gott durch Mosen gepredigten Gesezes mit Füssen getretten wurde, weil ihre Schriftgelehrte für besser oder einträglicher hielten um die Schalen zu zanken, und einander unter dem Namen Pharisäer, Sadducäer und Essäer zu verfolgen: Ich sage Heyden und Juden fanden bey der christlichen Lehre das Einfache der Gottheit wieder. Unser Heiland hatte Matth. VII. 12. den Grundstein des natürlichen Gesetzes zur Hauptregel vorgeschrieben: »Darum, alles, was ihr wollet das euch die Leute thun sollen, das thut ihnen auch; denn das ist das Gesetz und die Propheten.« Der Heyde fand da, was ihm die griechische Philosophen vorgesprochen hatten. Aber er traf auch im V. C. 43. 44. [Matth. 5, 43] noch eine Vollkommenheit an, die der die der menschliche Natur bisdahin nicht unter die moralische Pflichten gerechnet hat. »Ihr habt gehöret, daß gesagt ist, du sollst deinen Nächsten lieben, und hassen deinen Feind. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, thut Gutes denen die euch hassen, und bittet für die, die euch verfolgen und beleidigen.« Diese Gutthätigkeit, die nur am göttlichen Sinn predigen konnte, mußte nothwendig das Vertrauen auf eine Lehre vermehren, welche schon mit der eigenen Ausübung seiner Jünger, und mit offenbaren Wunderwerken bekräftiget war. Nirgends ist anbey ein schweres Joch in den Evangelien den Christen nachgehalset. Von denen noch auf uns fortgepflanzten guten Werken, war Beten und Allmosen geben den Heyden nicht anstößig, und den Juden bereits geboten. Letztere hatten auch nach dem Gesez das Fasten, nicht bloß die Enthaltung vom Fleisch gelernet. Und dieses ist nach der Erklärung beyder geschickter Männer, Don Calmet in seinem biblischen Wörterbuch Art. caresine so wohl, als im zweyten Band der Kirchenhistorie des Abbe Fleury, wo er von den Büchern des Tertullians redet, in den ersten Zeiten nicht geboten, sondern nur von jenen eingeführet worden, die den Ausspruch Christi Matth. XI: 15. Marc. II: 20. als eine Erinnerung über den zeitlichen Verlust des Erlösers und eine Vorbereitung zu dem Osterfest angesehen, oder durch den Trieb der Andacht sich eine Faste auferleget haben. Zumalen die Jünger des Herrn ja selbst, wie der 14. v. des obigen Cap. Matth. beweiset, nicht gefastet haben. Ich bin überzeugt, Herr Pfarrer, daß Andachtsübungen, die nicht als eine unumgängliche Nothwendigkeit befohlen sind, sondern nur angepriesen werden, weit mehrere Nachahmer bekommen. Dem Zufolge glaube ich, daß wirklich die ersten Christen strenger und fleißiger, als wir, gefastet haben. Die Kirche hat uns nun gewisse Zeiten vorgeschrieben. Wir sind schuldig sie zu hören; ich rede also nicht dagegen, sondern ich wollte nur damit beweisen, daß die den Juden und Heiden neben dem Glauben gepredigte gute Werke nicht so enge und so unmenschlich gewesen, als ein Franciscaner, der vom Geißlen, haariger Kutte und Cilicien prediget, und ohne allen Grund daher schwazt. Ich bleibe dabey, die Lehre war einfach, dem natürlichen Gesetz gemäß; die unbegreifliche Geheimnisse glaubte man mit einfältigem Herzen, als nothwendige Folge des Vertrauens das man auf den Lehrer und dessen Jünger hatte. Aller Pracht, alle äusserliche Gepränge, aller Reichtum waren verbannet, weil sich vorzüglich Arme dem Christentum widmeten, die Verfolgungszeiten auch noch nicht gestatteten öffentliche Zusammenkünfte der Gläubigen bey hellem Tag zu veranstalten, und weil man dem Pracht und Aufpuz der Gözentempel und Synagogen nichts nachahmen wollte. Gott verzeihe mirs, Herr Pfarrer, wenn ich ein Gleichniß mache, das unserer Geistlichkeit nicht anständig ist: Aber wenn ich die Vorwürfe und Meynungen der Heyden lese, welche sie den Christen geheget, so finde ich, daß damals die klugen Römer eben den Begriff gehabt haben müssen, den jezt ein sich klug glaubender P. Lector von den Freymäurern hegt. Lesen sie, was Fleury darüber bey Gelegenheit des Gesprächs von Minutius Felix zwischen Octavius und Celilius geschrieben hat. Indessen siehet man daraus, wie demüthig, und mit was sanftmüthigem Eifer der noch im Verborgenen aufwachsende christliche Haufen, nur mit gutem Exempel, ohne Macht, mithin auch ohne Zwang, Proselyten geworben hat. Freylich haben sich unter diesen im Grund vereinigten Nachfolgern der Apostel schon in den ersten Jahrhunderten Irrlehrer eingefunden. Man brachte über Geheimnisse neue Meinungen auf. Aber man darf auch sagen, l. Herr Pfarrer, daß dieses nur eine Frucht jener Anhänger gewesen, die dasjenige, was über unsere Begriffe ist, mit einem unnüzen Schulgeschwäz erklären wollen, und vielleicht eben dadurch verfinstert haben. Sie waren entweder mit stoischen oder platonischen Logomachien gesättiget, und um ein Bisgen gelehrt zu thun, mußte die edle Einfalt, womit der Christenhaufen undemonstrierliche Geheimnisse glaubte, nun der unsinnigen Ergotterey aufgeopfert werden. Ob der liebe Gott ein Wohlgefallen daran haben könne, daß man Sachen, die seine unendliche Weisheit unserm endlichen Verstand verborgen, mit Gewalt errathen, und als unumstößliche Wahrheiten durch Wortspiele herdemonstrieren wollen, will ich jezo nicht untersuchen: Ich wenigstens zweifle sehr daran. Indessen hat doch die unfehlbare Kirche für gut befunden, die eine Partie dem leidigen Satan als Eigentum zu schenken, die Lehrer der Gegenmeinung aber unter die Schaar der Heiligen zu versetzen. Und mit diesem Ausspruch per majora wollen wir in Gottes Namen zufrieden seyn, Herr Pfarrer. Daß es aber an Sectirern nicht gefehlet, weil von Ao. 40. bis 100. bereits 14; im zweyten Säc. 42; im dritten aber wieder 29. unterschiedene; mithin 85erley ungleiche Schriftausleger in unserm catholischen Ketzer=Register namentlich aufgezeichnet stehen. Ich mag nicht erwähnen, daß im 4ten Jahrhundert etlich- und 80. andere benennet sind. Und so gab es immer einige frische Recrouten; so daß nur das 9te 10te, und 11te Jahrhundert von neuen Meinungen frey geblieben; vermuthlich weil damals die Laien in der äussersten, die Geistliche aber in einer sehr grossen Unwissenheit vergraben gelegen sind. Im Orient hat die Bilderstürmerey, während dem 8ten Jahrhundert den meisten Lermen gemacht, und neben den Saracenen sind die Kaiser durch die innerliche Zerrüttungen sehr geschwächt worden. Das longobardische Reich war mit den Päbsten in unterschiedliche Händel verwickelt; und da gerade in diesen Zeiten das Christentum allererst angefangen durch die Predigten derer Heiligen Gallus, Kilian, Willibrod, Bonifacius, etc. sich in unserm Vaterlande auszubreiten, so mußten wohl die gröstentheils gezwungene Catechumeni wie das Echo nachsprechen, und glauben was man ihnen vorsagte. Mit dem H. Bonifaz wurden nun auch die Mönche in Deutschland bekannt, verschiedene Klöster fundirt und der Kirche bey uns das erste mächtige Ansehen gegeben. Im 9ten Jahrhundert hatte der Pabst Carln den grossen, und dieser jenen nöthig. Die heiligste Väter Servi Servorum dei , waren durch die Schwäche der griechischen Kaiser schon so kühn geworden, daß sie dann und wann dem Monarchen, ohne dessen Gefallen und Bekräftigung sie nicht Päbste seyn konnten, sehr derbe aus der Entfernung ungestraft zugeschrieben haben. Wir lesen daß bereits Stephanus III. sich von Menschen auf den Schultern tragen lassen. Man giebt der Sache zwar den Anstrich, daß seine Weisheit und Tugenden ihn so liebenswürdig gemacht, ut suorum humeris fuerit deportatus ad Basilicam Lateranensem etc. Gott bewahre mich, daß ich es als einen ausserordentlichen Stolz auslege; aber freylich ist unser Heiland mit einer gelehnten Eselin und seine Jünger mit ihren Füssen zufrieden gewesen. Sonsten könne man freylich auch noch anmerken, daß dasjenige, was diesem Stephano aus Liebe geschehen, bey seinen Nachfolgern eben zu keiner Schuldigkeit hätte werden sollen. Ich wollte nur soviel sagen: Daß, nachdem gedachter Stephanus am ersten unter den Päbsten die Alpen überstiegen und sich mit Pipin in dem Occident gewissermassen getheilt hatte, nachdem Hadrian I. welcher die salutationem \& adorationem honorariam der Bilder in Kirchen und Häusern öffentlich befestiget, durch seinen an den fränkischen Hof abgeschickten Nuncius wider die Langobarden um Hilfe gerufen, und nochmals der grosse Carl für Leo III. geleisteten Beystand wirklich zum Kaiser in Occident ausgerufen worden; daß nach allem diesem sich nicht so bald ein Zweifler mehr ganz offen darstellen durfte, um zwey vereinigten Monarchen, die den Glauben mit dem zeitlichen Tod und ewiger Verdammniß sehr überzeugend predigen konnten, zu widerstreben. Bey dieser Vereinigung; bey der unumschränkten Macht des Kaisers, der die ganze weitläufige Monarchie nur durch seine Ministerialen verwalten ließ; bey dem Eifer, den er gesegneter Weise für die Religion hatte; bey der ausserordentlichen Unwissenheit der Laien; (schier hätte ich Versuchung den Kaiser mit auf die Liste zu sezen); und da sich derselbe nothwendig seiner Caplanen als gelehrter Schreiber bedienen mußte, diese Leute aber alle gewissermassen Ordensgeistliche gewesen sind; so können sie gar leicht den Schluß machen, daß, je mehr diese Geistlichkeit an Macht und Ansehen zugenommen, je eifriger sie auf Glücksgüter und zeitliche Regiersucht bedacht gewesen, je weiter sie sich eben dadurch von ihrem ersten Zweck der Demuth, der Handarbeit, der Armuth, des Gehorsams und andächtiger Sitten entfernt haben. Glauben sie nicht daß ich dieses alles selbst erdenke. Ich will ihnen einen Gewährsmann nennen, wider welchen sie nichts einwenden werden. Sie werden finden, daß er alt genug ist sie zu überzeugen, daß es eben keine lange Reihe von Jahren erfordert habe, die Demuth in Stolz, und den Gehorsam in Macht und Ansehen zu verwandeln. Lesen sie hier was der H. Bernhard in seinem Tract de Mor. \& Offic Episc. c. IX. schreibet: Miror, quosdam in nostro Ordine Monasteriorum Abbares hanc humilitatis regulam odioso contentione infringere, \& sub humili (quod pejus est) habitu \& tonsura tam superbe, ut, cum ne unum quidem verbulum de suis imperiis subditos suos praetergredi patiantur, ipsi proliant Ecclesias, ut emancipentur, redimunt se, ne obediant. Non ita Christus . Indem der grosse Haufen so dachte, und auf eine Menge weltlicher Ausschweifungen verfiel, gab es dennoch immer noch einige wenige, die auf die Reguln zurücksahen. Benedict, Abbt von Unian suchte die verlorne Zucht wieder herzustellen. Man hat noch von ihm den zu Aachen verfertigten Codicem Regularum: Allein, da einmal die Mönche durch ihre bereits besessene, und mit Einführung der Leibeigenschaft sogar, und Feudalrechten ein bisgen tyrannisch vermehret , grosse Güter des Wohllebens gewohnt gewesen; so nahm nach des Fleury Zeugnis die gute Ordnung wieder so schnell ab, daß man gegen das ende des 9ten Jahrhunderts in vielen Klöstern kaum einen Mönch finden konnte, der seine Regul zu lesen im Stande gewesen ist. Auch im 10ten Säculo entstunden abermal einige Verbesserungen, doch ohne lange Dauer. Reichtum und Müßiggang sind keine Stützen für Frömmigkeit und eingezogene Verläugnung der Welteitelkeiten. Anstatt der von dem gemeinsamen heil. Stammvater so ernstlich gebotenen Arbeit, wurde zwar das Chorsingen zu gewissen Stunden eingeführet: Allein, wir wissen es beyde, daß diese Uebungen ohne Andacht und ohne Gegenwart des Geistes bloß mit der Gurgel und den Lippen verrichtet wird, woran dem allerhöchsten Gott eben nicht sonderlich viel gelegen seyn mag. Und damit ich es kurz mache: Zu Zeiten des H. Bernhards im 11ten Jahrhundert klagte dieser Ordensverbesserer: »Daß zwar die Mönche äusserliche Kutten trügen, die nach den Reguln verfertiget seyen, aber ihre Seelen liessen sie nackend ohne Frömmigkeit, Demuth und andere Tugenden. Er straft an ihnen die Unmäßigkeit ihrer Gastereyen, den Ueberfluß in Kleidern, Betten, Pferden, Gebäuden etc.« Und wenn man die ganze Beschreibung, die er macht, nach des Fleury Uebersetzung im 14ten Band auf das Jahr 1126. zusammen nimmt, so sollte man glauben, dieser heil. Mann habe erst vor wenig Wochen geschrieben. Wenigstens copieren die heutigen Mönche treflich das damalige Original: Nun, dafür wollen wir sie sorgen lassen. Sie haben für ihre Gelübde und Seelen Rechenschaft zu geben; mithin gehet es mich und sie, Herr Pfarrer, nichts an. Sie haben vernünftige, gelehrte Leute; diese werden schon wissen wie man ein Mäntelgen darüber ziehet. Die Päbste aus ihren Orden haben ihnen Privilegien und Dispensen gegeben. Und endlich sind sie auch nicht zu mehrerm verbunden, als wozu sie sich durch einen Eid anheischig gemacht; d. i. so zu leben, wie es in ihrem Kloster heutzutage üblich ist. Recrouten muß ein jedes Kloster haben. Sehr jung nehmen sie Leute an. Ein Knabe von 15. Jahren der 13. Worte Latein und ein wenig sophistisches Schulgeschwätze, oder etwas Musik versteht \& non vitiati corporis non ... – Man wundert sich, daß selbst die Äbte kleiner Klöster so hochmütig sind und deshalb in der Bevölkerung gehaßt und verachtet werden. ist, der von der Welt keine Kenntnis hat, dem seine Aeltern keine Erziehung gegeben, oder kein Vermögen verlassen können, gehet zu Herbstzeiten, gegen das Ende des Schuljahrs mit einem vergoldeten Buch, das man Prämium nennt, in die Vacanz. Er kommt in eines oder mehrere solche Klöster. Man giebt ihm da zu essen und zu trinken. Die Herren sind freundlich mit ihm. Der Hr. Prälat examiniert den Buben und schenkt ihm etwas. Das Wohlleben stehet ihm an. Er siehet keine von Fasten, Sorgen und Arbeit ausgemergelte Körper. Er findet, daß die Hrn. Beamte, alle Weltpriester und das Volk, jedem Geistlichen, so bald er nur Pater geworden, mit gebeugtem entblößtem Haupt so viel, wo nicht mehr, Ehre, Respekt und Unterwürfigkeit bezeugen als dem Junker in seinem Dorf. Der Herr Prälat, die Hofherren, denkt er, sind auch wie ich in das Kloster gekommen; und warum sollt ich es nicht ebenmäßig werden können? Der Beruf ist damit fertig. Der Jüngling hält an und wird aufgenommen. Und da haben sie einen Kirchenpater in herbis . Trift den jungen Menschen das Glück, daß er einen vernünftigen Moderatorem oder Novizenmeister bekommt, so kann er einen wakern Mann geben. Wiewol er doch allemal gut mönchisch studieren, und nur wissen oder lesen darf, was man ihm vorlegt. Ich kenne, sagte er, rechtschaffene Leute darunter, die mehr denken, als sie sagen und schreiben dörfen. Aber, der grosse Haufe *** Zehnter Brief. Den 21ten May. 1770. – – – Es kränket den Herausgeber ungemein, daß das Ende dieses und der Anfang des folgenden Briefs ganz und gar unleserlich geworden. Für dieses Mal hätte ich fast wünschen mögen, daß der Herr Pfarrer weniger Sorgfalt für meine Köchin gehabt haben möchte. Er gab ihr ein gebratenes Gansviertheil mit auf den Weg. Der galante Mann muß es gewußt haben, daß ein Frauenzimmer auf der Reise ohne eine kalte Küche nicht wohl fortkommen kann. Aber daß die Köchin gerade diese zwey Briefe in der Geschwindigkeit nehmen und ihren Braten damit einwickeln mußte, ist ein Zufall, um den ich gerne eine ganze Gans hingegeben haben würde, wenn ich ihn damit hätte verhindern können. Zum Glück zehret sie ihr Geschenk nicht ganz auf, sonst würde sie die Papiere unfehlbar von sich geworfen haben. Dank seye es der Mäßigkeit derer unter dem schönen Geschlecht, welche Essen und Trinken auf einer Reise für eine Sünde halten. Ein noch unabgenagter Theil des Schlegels rettete das Uebrige, was ich noch herzusetzen im Stand bin. Die Fettfleken haben das andere theils unleserlich gemacht, theils so erweicht, daß es ganz zerrissen war. So viel sehe ich freylich leyder ein, daß gerade wichtige Sachen fehlen werden – Allein, wer kann helfen? Freylich diese neue Religiosen=Regul (denn die Bettler wollen keine Mönche seyn) auf einsames Leben, Busse und Betrachtungen gerichtet, und die heil. Stifter Franciscus und Dominicus sagen [saheten?] nicht vorher, daß eben diese einsame ungesellschaftliche Tugend zu einer unerschöpflichen Quelle von übertriebenem mithin schädlichem Vertrauen, Ehrgeiz, Reichtum und Mißbräuchen werden würden. Die falsche unterschobene Decretalen, deren unächte Geburt nun alle vernünftige Geistliche und Rechtslehrer, ein van Espen, Barthel und andere offenbar erkennen, hatten die unumschränkte Macht des heiligen Stuhls zu Rom bey den damaligen schwachen Zeiten so befestiget, daß Kaiser, Könige, Fürsten und Völker für den Bannstrahl zitterten. Diese nunmehr seltene oder doch nicht mehr zündende Wetterstreiche der römischen Allmacht, die in jenen Tagen den Monarchen seiner Länder beraubten, die Unterthanen ihrer Pflicht entbanden, Thronen umstiessen und Königreiche versenkten, waren auch der Hauptschlüssel zu dem von Clemens VI. neuerfundenen Kirchenschatz an Privilegien, Begnadigungen, Befreyungen von der bischöflichen Gewalt und Aufsicht, womit man diese geistliche Neulinge beschenkte. Sie scheinen über meine unverblümte Aeusserungen erschrocken, Herr Pfarrer; sie haben bis jezo weder Erfahrung noch Belesenheit genug; ich muß sie also überzeugen, daß ich weder der Erste noch der Einzige bin, der diese Befreyung von der bischöflichen Gewalt, womit man die Mönche ausstaffieret hat, für die Quelle vieles Unfugs ansiehet. Schon aus dem 68. Brief des Petri Blesensis welcher in dem Namen Richards Erzbischof von Canterbury an Alexander III. geschrieben, können sie sehen was in den damaligen Zeiten davon gedacht worden. »Was heißt, schreibt er, die Befreyung der Aebte von der bischöflichen Gewalt anders, als Halsstarrigkeit und Aufruhr befehlen, und Kinder gegen ihre Aeltern bewaffnen.« Er fährt in einem noch stärkern Ton fort, daß ich ihnen lieber die folgende Stelle in ihrer Original=Sprache anführen will. »Monasteria enim, quae hoc beneficium damnatissimae libertatis, sive Apostolica autoritate, sive, quod frequentius est, bullis adulterinis adepta sunt, plus inquietudinis, plus inobedientiae, plus inopiae incurrerunt; ideoque \& multae domus, quae nominatissimae sunt in Sanctiate \& religione, has immunitates aut nunquam habere voluerunt, aut habitas continuo rejecerunt.« Monasterias ... – Jedenfalls wird das Mönchstum insgesamt der Verdammnis anheimfallen, entweder durch die apostolische Autorität, oder, wenn es so weitergeht, daß sie immer mehr werden, wird es mehr Störungen des Kirchenlebens, mehr Ungehorsam, mehr Mangel an allem Lebensnotwendigen geben; die Vorrechte der Orden sollen aufgehoben werden. Wollen sie das Urtheil eines Mönchs, der unter den Canonisten gewiß nicht den letzten Platz behauptet, lesen, so schlagen sie Benedicts Oberhausers Praelectiones Lib. III. Tit. 36. auf, sie werden nach einer sehr vernünftigen und bescheidenen Vorstellung endlich die Worte finden: Exemptione enim maxime perdite est res Regularium. Exemptione ... – Ausnahmen von den Regeln sind eine Angelegenheit, die besonders sorgfältig festzulegen sind Und was dürfen wir weiter Zeugniß, da in der XXIV. Ses. der tridentinischen Kirchenversammlung Cap. 11. de Ref. die ausdrückliche Worte vorkommen: Exemtiones – – – hodie perturbationem in Episcoporum jurisdictione excitare, \& exemtis occasionem laxioris vitae praebere dignoscuntur. Exemptiones ... – Ausnahmen sind heute eine Unordnung im kirchlichen Leben, und sie führen durch ihre liederliche Gewährung und Handhabung zum Untergang. Ich könnte sie mit noch mehr solchen Stellen bekannt machen; allein sie sehen aus diesen schon,daß ich mit ihnen nicht in den Tag hinein rede, sondern meine Urtheile auf die Aussage alter und neuer catholischer Männer gründe. Dem ungeachtet wurde es den Päbsten als sichtbaren, aber nicht mit genugsamen Soldaten versehenen Oberhäuptern der ganzen Welt zur unumgänglichen Nothduft sich eine geistliche Armee zu erschaffen, die durch das Bezwingen der innern Empfindungen, durch Gefangennehmung des Geistes, durch Himmel und Hölle, den unbelehrten Haufen zu blinder Folge leiten, und das nun in diese Welt versetzte Reich Christi seinen Statthaltern unterwürfig erhalten könnte. Die Erfindung war klug; die Menschenkinder unwissend; die Furcht vor der Hölle groß. Der Versuch gelang; die Fürsten wurden klein; der Pabst mächtig; und es war der Dankbarkeit gemäß, daß er seine streitende Völker mit Gnaden, mit Vorzügen, und nach Art der weltlichen Feldobersten auch ein bisgen mit Freyheiten zur Beute und marodiren dann und wann beschenkte. Die alte, schon lang gediente Regimenter der Benedictiner, Cistercienser, Prämonstratenser, Cartheuser etc. hatten bereits ihre gute Garnisonen und quiete vivere . Diese konnten mit ihren Reichtümern und gemilderten Zucht zufrieden seyn. Die wenige Weltgeistliche, die keinem Orden zugehörten, behandelte man als Landmilitz auf halbem Sold. Aber die neugeworbenen leichten Truppen, Franciscaner, Dominicaner, Augustiner und Carmeliter, die nach der Stiftung keine eigene Bagage haben durften, wurden mit ihrem Unterhalt der ganzen catholischen Welt zugewiesen, und ihnen das streifende Betteln nicht allein erlaubt, sondern als die gröste aller christlichen Vollkommenheiten sub conditione sine qua non geboten. Nun hat es freylich, weil der leidige Fürst dieser Welt nicht ruhet, Menschenkinder, und was das ärgste ist, Geistliche gegeben, die das Betteln der Religiosen angefeindet und mit lästernden Federzügen geschmähet haben. Man wollte behaupten, Christus und seine Apostel hätten nie gebettelt. Man hat gesagt, der H. Paulus habe sogar in seiner schönen II. Ep. an die Thessal. c. 3: v. 8. 10. das Gegentheil behauptet: »Wir haben von niemand das Brod umsonst gegessen, sondern mit Arbeit und Mühe Nacht und Tag gewürket, auf daß wir niemand unter euch beschwerlich wären. – Denn als wir auch bey euch waren, zeigten wir euch an, daß so jemand nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.« Man glaubt, daß weil die Reguln der ersten Einsiedler, Mönche, des H. Benedicts und seiner Nachfolger, neben dem Gebet die Leibesarbeit zum Befehl gemacht, so könnten die neuen Ankömmlinge in dem Weinberg des Herrn auch noch selbst ihren Groschen verdienen. Allein, es bekam den Feinden der H. Bettelorden sehr übel. Man darf nur lesen, wie es dem obenangeführten Wilhelm von Saint Amour, Canonicus zu Bauvais, ergangen, als er, neben der Unterwürfigkeit, welche die Mönche den Bischöffen und Pfarrern schuldig wären, auch behauptete, es sey keine tugendhafte Handlung, freywillig ein Bettler zu werden; man sollte starke und gesunde Bettler strafen. Pabst Alexander IV., nennet sein Beginnen eine verdammte Empörung gegen die römische Kirche, nahm ihm sein Canonicat, und befahl unter Strafe des Bannes, die darüber ausgefertigte Bull in Paris zu verkünden. Nun, Herr Pfarrer, fuhr der Gutmann fort, weilen es einmal der H. Vater so haben will, oder wegen der steten Einsprechung des H. Geistes nicht fehlen kann; Gutmann wird hoffentlich diese Unfehlbarkeit nicht im Ernst gemeinet haben, sonst könnte er unmöglich so gut wie Febronius denken, welcher in seiner Antwort auf das Urtheil der Universität zu Cölln über sein Buch N. 2. sagt: Nesciunt fane, aut non praevident Domini de stricto Collegio, quantum haec (infallibilitas R. Pont. \& ejusdem independentia à Concilio generali scilicet) Universitatis gloriae atque authoritati apud prudentiores detrabant; imprimis quidem apud eos Catholicos, qui Historiae Ecclesiasticae, Sacrorum Canonum, \& Conciliorum studio non praeoccupatis animis incumbunt; deinde \& apud Protestantes, de quibus cognitum est, quantumillaprincipia (quibus Ecclesia Catholica sine omni praejudico caret) abhorreant, quantumque ha nostram Religionem illis suspectam faciant, Tom. II. p. 2. Nesciunt ... – Die Kirche oder die tonangebenden Kollegien wissen nicht, (die Konzilien schweigen über die Unfehlbarkeit des Papstes) daß die Genehmigung für den Buchdruck (die ohne Vorurteil erteilt werden sollte), bei den Protestanten für sinnlos gehalten wird und der katholischen Kirche mehr Schaden als Nutzen bringt. weil auch andere Päbste, Urbanus, Clemens, Eugenius und Sixtus alle die IV. Calixtus III. Alexander VI. Bonifacius IX. Leo X. und Pius V. Nach des P. Chasainus Priv. Regul. Tract. II. Cap. 4. einhellig bezeugen, daß ein Ordensmann sich des Bettelns nicht schämen dörfe, weil ihnen Christus und seine Apostel darunter den Vorgang gemacht hätten; so muß der H. Paulus in angezogener Stelle nicht für ganz Europa, sondern nur für die Thesalonicher geschrieben haben. Denn die Worte sind merkwürdig, welche ich in der durch obige und andere Päbste, besonders durch das allgemeine Concilium von Vienne, bestätigten Regul des H. Francisci lese, wo im 6ten Cap. geschrieben stehet: »Die Brüder sollen sich nichts eigen machen, kein Haus, kein Ort und keine Sache; sondern als Fremde und Ankömmlinge in dieser Zeitlichkeit, die in Armuth und Demuth dem Herrn dienen, sollen sie vertrauensvoll auf Allmosen ausgehen. Sie hätten sich dessen nicht zu schämen, weil der Herr selbst sich zum Armen in dieser Welt gemacht hat. Dieses ist die Erhabenheit der höchsten Armuth, welche euch, liebste Brüder, zu Erben, zu Königen des Himmelreichs einsetzet. Sie hat euch in Sachen armgemacht, aber in Tugend erhöhet. Diese sey euer Theil, welche euch in das Land der Lebendigen einführet.« Es muß also schon gebettelt seyn; da hilft nichts mehr dafür. Pabst Sixtus V. soll auch gar die fürchterliche Inquisitores haereticae pravitatis ihres strengen Amts gegen alle Bischöffe, ihre Vicariaten, Pfarrer, und die ganze Welt, erinnert haben, wann sich jemand gelüsten lassen würde, dem Betteln der Mönche Einhalt zu thun. So stehet es wenigstens im Compend. Privil. Mendic § 7. Aber da muß ich ihnen, Herr Pfarrer, doch einen Spaß erzählen, der beynahe die Päbste in Harnisch und Sorgen gebracht hätte. Die Bettelmönche behaupteten, sie hätten gar nichts Eigenes; viel mehr gehöre so gar das Brod, welches sie essen; der Kirche; mithin sässen sie nur in einem bestimmten Genuß; das Eigentum aber gehöre dem Pabst und der römischen Kirche. Dieser Saz wäre schon noch so mit hingegangen. Aber einige sich klüger oder heiliger dünkende Religiosen, Ocham Bonagratia und der Ordensgeneral Michael Caerennas behaupteten weiter: Christus der Herr als das Urbild, dem die Franciscaner in allem zu folgen geschworen haben, hätte auch kein Eigentum in einiger Sache, sondern nur allein den Gebrauch gehabt. Da stutzte Johannes XXII. als dieses Vorgeben ruchbar wurde. Denn er merkte, daß man daraus die Folge ziehen könnte, daß also weder der Pabst, noch ein anderes Kirchenoberhaupt, auch nicht das mindeste Eigentum haben dörfe, weil doch der Jünger nicht über seinen Meister seyn könne. Mithin würde man das Patrimonium Petri ziemlichen Zweifeln ausgesetzt haben. Er suchte also die Mendicanten von diesem in dem perusinischen General=Capitul bestätigten, und auf eine Constitution Nicolai III. gegründeten Satz abzubringen. Da sie aber auf keine Art sich dazu bequemen wollten, begab sich der Pabst, mittelst eines öffentlichen zu Avignon angeschlagenen Edicts, alles Eigentums so seine Vorfahrer über jene Güter und Sachen angenommen hatten, die dem Orden Francisci gegeben oder geschenkt würden. Dadurch gedachte er sie zum Geständniß zu bringen, daß sie wenigstens von dem was sie genössen auch einen eigentümlichen Besitz haben müßten. Die Religiosen waren aber mit dieser päbstlichen Entsagung so übel zufrieden, daß der P. Bonagratia di Bergamo in einem öffentlichen Consistorio der Cardinäle sich darwider beschweret und gesetzt hat. Doch da dem Pabst allzuviel daran gelegen war, den Satz der Mendicanten zum Nachtheil der Kirche nicht aufkommen zu lassen, so wurde solcher in einer Bulle Cum inter non nullos Ao. 1323. als ketzerisch verdammt, Christo dem Herrn und seinen Aposteln ein Eigentum zugeschrieben, und der P. Bonagratia auf ein Jahr zum Dank seiner mit so vieler Strenge behaupteten gar zu grossen Armuth eingesperret. Und damit ist dieser grosse Streit mit Beyhülfe sophistischer Distinctionen, die, Gott weiß, blosse Wortspiele sind, gehoben. Weil dann endlich die Bettelmönche eine obschon masquirte Gattung Eigentum haben dörfen, und doch nicht arbeiten mögen, sollen, oder können, so müssen sie sich das Nöthige freylich schenken lassen; oder weil die Gemeinheit der Güter unter den Christen aufgehoben und die alte Schenksucht für die Kirchendiener ziemlich erkaltet ist, so muß man sie betteln lassen. Ich habe nichts darwider, aber von mir bekommen sie nichts, so lange ich überzeugt bleibe, daß ein unbemittelter Kranker, ein presthafter Alter und ein mit Kindern beladener arbeitsamer Taglöhner ärmer als ein Bettelmönch ist. Ich kenne selbst, sagte er, vernünftige Mendicanten, die nichts mehr wünschen, als daß man ihnen den Bettelsak zustricken möge. Ich habe mit einem dergleichen noch nicht vor langem über diese Sache gesprochen, da ich ihm unläugbar erwiesen, daß das 4te carthagiensische Consilium Ao. 398 in der 51. 52. 53. Constitution so gar den Weltpriestern die Handarbeit mit den Formalien geboten: Clericus quantumlibet verbo Dei eruditus artificio victum querat. Clericus victum etc. vestimentum sibi artificiolo vel agricultura, absque officii sui dumtaxat detrimento praeparet. Omnes Clerici, qui ad operandum validi sunt etc. artificiola etc. litteras discant. Clericus ... – die Geistlichen sollen in Landwirtschaft und Handwerk, in Kunst und Literatur arbeiten Wobey ich mich erinnerte, daß der H. Augustinus, der dieser Kirchenversammlung mit beygewohnet, kurz darnach in einem besondern Tractat sich der Handarbeit gegen die das Faullenzen vertheidigende Klöster angenommen und ihnen bewiesen habe, daß der H. Paulus nicht, wie sie vorgeben wollen, von der Arbeit geistlicher Unterweisung der Gläubigen, sondern wirklich von körperlichen Beschäftigungen gesprochen habe. Der Ordensmann gab mir zur Antwort: Ich solle dagegen lesen, was der H. Thomas beynahe eintausend Jahr später dem Betteln für eine schöne Apologie geschrieben, und dabey bewiesen habe, daß Christus der Herr selbst gebettelt, als er den Zachäum vom Baum herabsteigen heissen, um bey ihm zu übernachten. Er wies mich ferner an den heil. Bonaventura, welcher sich der Gründe des heil. Thomas bediene um den Bettelsak im Credit zu erhalten. Allein endlich mußte er doch eingestehen, daß ebenbesagter Ordensgeneral kaum 30. Jahre nach dem Tod des hei. Stifters schon die Mängel seiner Mönche in einem zu Paris den 23. Aprill 1257 geschriebenen Brief so abschildert wie man sie noch findet. Er sagt darinnen: »Wenn ich die Ursache suche, warum der Glanz unsers Ordens sich verdunkelt, so finde ich eine Menge von Geschäften, für welche man mit heissem Hunger Geld verlanget, und es ohne Vorsicht annimmt, ob es gleich der größte Feind unserer Armuth ist: Ich finde den Müssiggang einiger unserer Brüder, welche in einem unnatürlichen Zustand zwischen Betrachtung und Handlungen sich einschläfern: Ich finde ein umschweifendes Leben bey vielen, welche, um ihrem Leib Gemächlichkeit zu verschaffen, ihren Beherbergern zur Last sind, und anstatt der Erbauung die Leute ärgern: Ich finde die ungestüme Foderungen, die den Leuten eben solche Furcht vor unsern Brüdern einjagen als ob ihnen Diebe begegneten: Die Grösse und die Besonderheit der Gebäude, welche unsere Ruhe störet, unsern Freunden beschwerlich ist, und und argen Urtheilen der Menschen aussetzet: Die Vermehrung des allzuvertrauten Umgangs, den unsere Regul verbietet, die zu allerley bösen Vermuthungen Anlaß giebt und unserm guten Namen schadet: Die Begierde nach Begräbnissen und Testamenten, die uns den Haß der Geistlichkeit, besonders der Pfarrer, zuziehet: Die allzuöftere Veränderung der Wohnpläze, welche ebenfalls die Ruhe störet, eine Unbeständigkeit bezeichnet, und der Armuth schädlich ist: Endlich die Grösse des Aufwands; denn unsere Brüder sind nicht mehr mit wenigem zufrieden, und die Gutthätigkeit ist erkaltet. Wir sind mithin jedermann zur Last, und werden es ins künftige noch mehr werden, wenn nicht dem Uebel bald gesteuert wird.« Was halten sie, Herr Pfarrer, fragte Gutmann von dieser schon vor fünf Jahrhunderten nach dem Leben entworfenen Schilderung? Haben sich die Mönchen seither gebessert? Oder hat nicht vielmehr die Prophezeyung dieses heil. Vaters zugetroffen? Ich denke, wenn sie nicht etwas schlimmer geworden sind, so seyen sie doch wenigstens nicht um ein Haar besser. Das Unglück hat gewollt, daß sie gleich nach der ersten Fundation einen Pabst bekommen haben, der enthusiastisch für sie dachte. Das war Gregorius IX. Wenn er schon kein Franciscaner war, so ließ er sich doch in ihrer Kutte begraben, und ertheilte ihnen mit sämtlichen Bettelorden so viel Privilegien, Exemtionen und Freyheiten, daß beynahe der liebe Gott in dem hohen Himmel selbst keine Rubrik mehr finden könnte, in welcher ihm nicht der Pabst schon den Rang abgelaufen. Dieser Pabst hatte eben damals die Decratalen herausgegeben, welche vorzüglich aus den – – – Constitutionen des hoch – – Innocentius III. verfaßt worden. Die heiligste Väter wurden da zu lauter Sonnen, die alles erwärmen, alles beleben. Da es aber auf die Sonne nicht allein ankömmt um einen ausgestreuten Saamen Keim und Wurzel fassen zu machen, so sah man die von der bischöflichen Aufsicht befreyte Bettelorden als die tüchtigste Gärtner an, das dürre Gewissen des Pöbels zu begieriger Auffassung des fremden römischen Saamens zu behaken und in steter Begiessung mit ihren Cancel- und Schullehren zu unterhalten. Wer die Ao. 1654. zum drittenmal gedruckte Privilegia Regularium, pariser Ausgabe in Folio, lieset, der muß erstaunen, mit welcher Kühnheit der päbstliche Pönitentiarius Chasainus, ein Franciscaner=Mönch behauptet, daß, nachdem einmal Paulus III. und IV. Gregorius XIII. Sixtus V. Clemens VIII. und andere, ihrem Orden die ausserordentlichen Begnadigungen und Freyheiten aus dem grossen Meer der päbstlichen Vollmacht zufliessen lassen, die nachfolgende heilige Väter, als z. B. Martinus V. und Gregorius XV. solche ihnen nicht mehr wirksam nehmen können oder wollen. Artig ist der Schlupfweg, durch welchen sie sich helfen wollen. Es hieß: Ja, es ist zwar wahr, unsere Privilegien sind dadurch wiederrufen; allein nachdem eines andern, z. Ex. des Benedictiner- oder Cistercienser-Ordens dabey nicht gedacht worden, und wir mit diesen in einem gemeinschaftlichen Genuß aller päbstlichen Befreyungen stehen, so bleiben wir als Theilhaber von dem auch in unserm Besitz. Sie, die jure proprio nichts besitzen wollen, berufen sich auf eine fünfhundertjährige Verjährung. Und wenn es nur so ohne einen allzugrossen Lermen möglich wäre, so möchten sie gar gerne dem tridentinischen Concilio eine wächserne Nase drehen. Man arbeitete auf dieser Kirchenversammlung mit Ernst auf Seiten der Bischöffe an Abschaffung dieser ihre Rechte kränkenden Befreyungen. Besonders haben sich die spanischen Bischöffe dabey hervorgethan. Freylich konnte man nicht in Abrede seyn, daß grosse Unbequemlichkeiten aus derselben entstehen; allein, wie es öfters guten Anstalten zu gehen pflegt, man befriedigte sich mit einer sehr alltäglichen Ausrede: »Die Aufhebung, hieß es, oder Einschränkung dieser Freyheiten komme dem Pabst ganz alleine zu.« Sie können mehrers hievon in den Memoires sur le Concile de Trente p. 578. finden. Damit man sich aber von dieser Ausflucht eine recht gute Würkung möchte versprechen können, so mußte der Cardinal Simonetta an den spanischen Hof vorstellen: »Die Bischöffe suchten nichts anders darunter, als eine freye und uneingeschränkte Gewalt über ihre Kirchen zu erhalten, welches am Ende dem König und dem Reich zu einem grossen Nachtheil gereichen würde.« Den ganzen Hergang aber bey dieser Kirchenversammlung, wegen der Exemtionen, muß man bey dem Fra Paolo lesen. Man findet da, wie die Ordensgenerale gelernet und den Bischöffen vorgeworfen haben, daß, wenn man das Altertum hervorsuchen und die Mönche der Episcopal=Aufsicht, nach der Vorschrift des calcedonensischen Concilii, wieder unterwerfen wollte, so müsse es freylich in allem befolgt werden. Sobald als die Bischöffe die Lebensart wieder angenommen haben würden, die ihre Vorfahren geführet, so könne man ihnen die Klöster wieder untergeben, wie vordem geschehen. Es wäre aber nicht billig, daß sie die Aussicht begehrten, so lange sie nicht selbst so lebeten wie die Superiores der Klöster leben müßten. Die päbstliche Legaten, welche das nützliche Werkzeug der römischen Macht nicht verlieren wollten, fielen ihnen bey; und da blieb es bis auf ein weniges beym Alten. So erzählet ungefehr Sarpi die Sache. Aber ich muß ihnen dabey sagen, Herr Pfarrer, daß dieser Mann alzufrey geschrieben, und daher seine Werke in Rom sehr übel angesehen worden sind. Ihn selbst hat man 1606. in Bann gethan, und ein Jahr darauf ermorden wollen. Vitorio Siri in dem ersten Theil seiner Memorie recondite, S. 434. will aus den Briefen des französischen Gesandten d'Alincourt gelesen haben, der päbstliche Nepot, Cardinal Borghese, habe, wie Sarpi es selbst nennet, diesen Stilum curiae Romanae über ihn verhängt: Aber ich will es nicht glauben; denn gewiß, es wäre gar zu abscheulich. Van Espen sagt indessen: Ex his intelligimus, quanta scandala \& contentiones per haec privilegia S. S. Canones \& Jus Commune per Romanos Pontifices Saec. IX. \& X. concudi coepta in ecclesia sint exorta \& usque modo perseverent, ut non immerito eorum totalis revocatio saepius expetita fuerit. Ex ... – Man hat Kenntniss von Skandalen und unwürdigen Handlungen des Glaubenseifers der Privilegierten unter den Päpsten des 9. und 10. Jahrhunderts, als immer mehr Ausnahmen von den Vorschriften unverdienterweise gemacht wurden, ohne daß jemals ein völliger Widerruf erfolgte. In seinen Werken T. 3. p. 546. Ad Conc. Later, tert. Es hat einige gegeben, welche glaubten, Gutmann hätte seine Beweise eben nicht von einem Muratori, van Espen und solchen Männern hernehmen sollen, wider deren Religions=Eifer viel eingewendet werden könne. Ihre Vertheidigung gehet mich, als den Herausgeber, nichts an; und wer würde mir als einem Laien glauben? Aber das Lob eines Mannes, welches er dem van Espen zu geben sich nicht entbrechen konnte, ob er gleich ein frommer Verfechter aller alten Lehrsätze ist, will ich gleichwol nicht verschweigen. Mein Mann ist der D. Kaufmanns, der als ordentlicher Censor zu Cölln im Jahre 1655. den 8. Febr. sich also von ihm vernehmen lassen: Auctor in hoc opere postumo Juris Ecclesiastici fontes sublimi speculatione scrutatus, reconditos SS. Canonum sensus penetrandi, autoritate \& ratione academicas Sacr. Decretorum interpretationes fulciendi, alia ex aliis declarandi, Ecclesiae catholicae sanctitatem in fidei \& morum purissimis regulis ostendendi, scientiam Juris simul \& antiquitatis Ecclesiasticae peritissimus ita exhibet, ut post innumeros Juris Ecclesiastici Tractatores Juris=Consultis tam qui in Academiis versantur, quam qui Tribunalibus Ecclesiasticis operas suas addicunt, theoriae \& praxeos subsidia imprimis commendanda praebent. Auctor ... – Die Zensoren sind oft nicht in der Lage, den Inhalt eines Buches zu beurteilen und erteilen oder verweigern die Lizenz nach Gutdünken. Wenn Gutmann für sich nicht im Stand wäre zu urtheilen, so würde ihn dieses Lob von einem Mann, wie Kaufmanns ist, schon berechtigen, dem van Espen einen beynahe blinden Glauben zuzustellen. Muratori hat seine grosse Verdienste, welche ihm vorige Zeiten nicht streitig machen konnten, und unsere Tage zu erkennen anfangen. Da jedoch die Bettelmönche ihre Privilegien und Exemtionen einmal haben, so wollen wir beyde uns auch nicht darwider auflehnen. Wenn es die Bischöffe und unsere klügere Weltgeistliche geschehen lassen, so sey es. Doch es läßt sich von den gegenwärtigen Zeiten vieles hoffen. Die vor einigen Jahren zu Paris niedergesetzte Commißion, welche aus Bischöffen, Prälaten und Magistrats=Personen bestunde, beschäftigte sich mit Untersuchung und Abschaffung einiger Mißbräuche, unter welchen auch folgende stunden. »3.) Monachi per suas exemtiones vigilantiae \& inspectioni proprirum Episcoporum subtracti, sine medio subjiciunturromano Pontifici, à cujus oculo non habent quod metuant. 4.) Mendicantium continuae excursiones ad quaestum non paucis e junioribus fuerunt \& sunt occasio naufragii innocentis.« Monachi ... – 3. Auf Grund der Befreiung der Mönche von der bischöflichen Aufsicht haben sie Eigentum, das eigentlich der Kirche gehören sollte, und schalten damit ohne Furcht vor irgendeiner Aufsicht. 4. Die Bettelmönche fahren fort damit, sich das Eigentum der Armen und Waisen unter verschiedenen Vorwänden anzueignen und diese zugrunde zu richten. Viele solcher Mißbräuche sind, wie sie wissen, schon 1768. abgeschaft worden, und es ist kein Zweifel, daß nicht nach und nach eine gänzliche Verbesserung erfolgen werde. Nehmen sie hier die Chur=Maynzischen Verordnungen gegen die Mönche vom 30. Jul. dieses Jahres mit nach Hause, sie werden finden, daß die Erzbischöffe nicht nur ihre Gerechtsame kennen, sondern sie auch auszuüben anfangen. Vielleicht denken sie nun über alles, was ich ihnen so weitläufig her erzählet habe, ich seye auch ein Klosterstürmer, und wolle alles was Mönch oder Religios heißt kurzum abgeschaft wissen. Nein, Herr Pfarrer, dermalen denke ich noch nicht so, ob ich gleich ihre Nothwendigkeit nicht einsehe; und also würden sie mir Unrecht thun. Alles was ich als ein guter catholischer Christ wünsche, besteht nut darinnen: Daß die Zahl der Bettelmönche bis zur richtigen Verhältniß mit dem Staat worinnen sie leben vermindert, das Betteln abgestellt, ihre unnöthige den ächten Grund des Glaubens verunstaltende Andächtereyen ausgeschaft, und die Mendicanten dem Land als geistliche Mitglieder nützlich gemacht würden. Das sind vier Punkte, die ich als pia desideria ansehe. Aber nachdem man in der Welt allerley Systeme schmiedet, und ein müßiger Kopf, wie jezo der meinige ist, doch allemal ein Kopf bleibt, der für sich das Recht zu denken nicht als ein päbstliches Geschenk, sondern aus der natürlichen Folge dessen, was mir in die Sinne fällt, haben darf, so bediene ich mich zuweilen meines Rechts. Ein ehrlicher Mann kann allemal in seinem Gehirn eine Schublade für verlorne Concepte haben. Die meinige ist ziemlich groß, weil mein bisgen Erfahrung und vielverträgliche Menschenliebe mir oft die beobachteten Mängel unsers gesellschaftlichen Lebens zurückrufet, und ich mich als ein unumschränkter Monarch meines Gehirns sodann eben so gut berechtiget halte, Idealverbesserungen zu träumen, als Plato und des Wielands Diogen, unmögliche Republiken zu erschaffen. Nun gute Nacht für heute. Wenn sie begierig sind mich meine Träume beichten zu hören, Herr Pfarrer, so gönnen sie mir Uebermorgen die Ehre eines Besuchs. Morgen muß ich ein wenig medicinieren, weil das böse Wetter, und eine kleine Mahnung meines Zipperleins mich erinnert, daß einige Unreinigkeiten, die mich gar leicht krank machen könnten, weggeschaft werden müssen. Lieber Herr Bruder! Es ist mir ein besonderes Vergnügen, daß ich dir meine Aufzeichnungen über meine Gespräche mit Herrn Gutmann abschreiben kann, und aus deiner letztern Antwort weiß, daß dir damit ein Gefallen geschehe. Ich habe den Mann wirklich von Herzen liebgewonnen. Für einen guten Christen muß ich ihn erkennen; ob er aber auch gut catholisch sey, das kannst du besser, als ich, beurtheilen. So viel ist gewiß, daß, wenn er einen Satz vorbringt, der mir nur ein wenig ketzerisch scheinet, so ist er gleich mit einem Buch da. Er schlägt mir die Stellen auf. Ich darf sie französisch oder deutsch selbst lesen; das Welsche verdeutscht er mir; und weil sein Büchervorrath zahlreich ist, so fehlet es ihm nie an aufrichtigen Beweisen. Samstag schreibe ich dir wieder. Morgen kommt der Dechant zur Visitation, und erst Mittwochs Nachmittag fähret er nach Haus. Wenn du mir auf Uebermorgen ein Essen Spargel und ein halbduzend junge Hühner schicken könntest, wollte ich es gern bezahlen. Dieser Besuch kostet mich wieder über 20. fl. In Gottes Namen! Dem der da bellt, muß man mit einem fetten Brocken das Maul stopfen. Adieu! Eilfter Brief. Den 26ten May. 1770. Ich danke dir, l. Herr Bruder, für dein Küchengeschenk. Es ist mir gar wol gekommen. Und ja doch, du sollst, so oft ich kann, die Fortsetzung meines Umgangs mit dem alten Herrn Gutmann wissen. Mit dieser Münze will ich gerne deine Gutthaten bezahlen. Ich schreibe leichter drey Bogen als ich bey meinem elenden Einkommen einen Gulden missen kann. Der Herr Gutmann hat mir auch einen Flaschenkeller mit Wein und etwas Zuckerbrod gesteuert. Aber schier, wann des Amtmanns Köchin sich nicht so wol gehalten, hätte ich mit unserm Dechant Händel bekommen. Schon um 8. Uhr am Montag kam er an. In der Kirche ist er in einem Hui fertig gewesen. Den Schulmeister schnurrte er ein bisgen wild an, weil er ihm unter der Meß, beym letzten Einschenken, zu viel Wasser in den Kelch gegossen. Von der Schule wollte er nichts hören. Er sagte, wenn Bauernkinder den Catechismus könnten, sey es genug. Man soll die Buben geschriebene Sachen lesen lernen; bey den gedruckten sey allemal Gefahr; und wenn ein Bauer nur das Unglück hätte, einen lutherischen Calender unter die Hände zu bekommen, so lerne er etwas Böses daraus. Die Flegel, sagte er, werden so zu gescheid. Wann ein gemeiner Kerl den Rosenkranz betet und sein Kerbholz aufschneiden kann, so ist er der Seele und dem Leibe nach gelehrt genug. Ich ließ ihm, wie der Rosenkranz in seiner Meß vorüber war, durch vier abgerichtete Mägdens, nach der Wandlung, ein Mißions=Lied singen. Aber das gefiel ihm gar nicht. Er hat mir scharf verboten, nicht mehr singen zu lassen, weil es uns den Ketzern gleich mache. Es schmerzet mich; aber ich muß nun wol wie er will. Um zehn Uhr giengen wir aus der Kirche, und weil es noch zu früh zum Tisch war, bot ich ihm einen Spaziergang ums Dorf an, mit dem Zusatz, wir wollten im Heimgehen den Herrn Amtmann, den ich ihm zur Gesellschaft auf Mittag geladen, in seinem Hause abholen. Gott weiß ich hatte es nicht böse gemeint; aber da war der Teufel los. Was ich, sagte er, ich sollte so einem groben Schelmen, wie euer Dorfamtmann ist, des ersten Besuch geben? Ich, als ein Commissarius Apostolicus , der hier heute den Bischof vorstellt. Da kommt er mir recht, Herr Pfarrer; ich merke wol, daß er sein Handwerk nur schlecht verstehet. Des Grobians Schuldigkeit wäre gewesen, meine Meß anzuhören; und dann mich in der Sacristey abzuholen, und zu einem Caffe oder Frühstück in sein Haus zu bitten. Ich wäre ihm aber doch nicht gegangen; denn so lange der Gutmann in seinem Hause ist, so scheue ich es wie ein mit Pestilenz und ansteckenden Seuchen angefülltes Siechenhaus. Komme der Herr Pfarrer, sprach er, wir wollen heimgehen. Ich muß ein paar Schalen Caffe trinken; mein Magen ist noch leer, sonst muß ich immer gähnen. Hat er mir einen Armsessel in mein Zimmer gestellt? Ich bin gewohnt vor dem Essen ein Halbstündgen zu meditieren. Wir giengen also in mein Haus. Geschwind wurde der Caffe gemacht, getrunken, und ich führte ihn in sein Zimmer, welches meine l. Mutter mit Bett und andern Geräthschaften aus dem Schloß recht niedlich gemacht hatte. Der Herr Dechant schloß sich ein – und bald darauf hörete ich ihn schnarchen. Das Mittagessen war auf den Glockenschlag zwölf Uhr bestellt. Eine halbe Stunde zuvor kam unser Herr Amtmann. Ich klopfete anfänglich ganz sachte, und endlich ziemlich hart an der Thür. Sogleich hörete ich den Dechant aufspringen. Er nahm geschwind sein Brevier. Und als ich ihm das Daseyn des Herrn Amtmanns meldete, ließ er ihn zu sich kommen, murmelte noch immer als wenn er betete, beklagte sich anbey beym Eintritt sehr, daß er just De ea De ea ... – nicht ganz gesund sey, und fast nicht fertig werden könne, weil er seine Brille vergessen, und sich die Augen ganz dick gelesen hätte. Da er mir in der Kirche so heftig gegen den Amtmann losgezogen, dachte ich, er würde ihm ein bisgen schnöde begegnen; allein er war so höflich als er mit seinem besten Freund hätte seyn können. Nun giengen wir zu Tische. Bis zum Braten wurde nicht viel geredet. Als ich aber eine Flasche von des Herrn Gutmanns Wein holete, und diese schier getrunken war, da wurde das Gespräch lebhafter. Der Dechant fieng an ein bisgen groß zu thun, und von der Beschwerlichkeit seines Amts, von seinem Credit bey der Curia, von der gottlosen Welt, und von den grossen Fürsten zu reden, die der Teufel gegen die Kirchen=Immunitäten aufgewiegelt, und nun am Seil führe. Es sagte, man habe auch ihm schon an seinem Kirchhof ein Grasblätzgen abstreiten, und als ein gemeines Stataliment dem Mann beylegen wollen, der den Stier halten müsse: Aber, sagt er, ich verstehe meine Sache, ich bin S. S. Theologia Promotus zu D** und ich habe dem Burgermeister eines zu schmecken gegeben, das er lange nicht verdauen wird. Auf der Canzel habe ich ihm seine Streiche vorgeworfen: Und wenn er sich nicht begriffen und mich durch den P. Florian wieder besänftiget hätte, so wollte ich ihn in drey Predigten so vor den Leuten heruntergemacht haben, daß kein Burger einen Hut mehr vor ihm abgezogen hätte. Es ist ein böser Mann; er sauft, hat schon eine seiner Mägde geschwängert, und nimmt mit beyden Händen an. Hier im Vertrauen gesagt, setzte er bey; (denn Gott bewahre mich, daß ich einem Menschen was Uebels nachsagen wollte) wir sind jetzt ohnehin gute Freunde so lange es dauert. Die Unterredung kam darauf auf unser Dorf und auf die Amtsgeschäfte. Herr Amtmann, sagte der Dechant, ich glaube sie haben auch ein schweres Ueberbein im Haus, weil sie den alten Kezer, den Gutmann bey sich beherbergen müssen? Im Gegentheil, versetzte der Amtmann, es würde mir leid seyn, wenn ich ihn verlieren sollte. Es ist zwar wahr, daß er sich manchmal ein wenig in Amtssachen mischt, und armen Leuten auch gegen meine Sprüche rathet und Schriften macht. Aber sonst ist er ruhig, immer fröhlichen Gemüths, und von guter Unterhaltung. Er zahlt alles bey mir für Kost und Wasche ordentlich. Meinen kleinen Buben hat er mir aus Spaß französisch gelehrt, und die biblische Geschichte nebst andern Historien so artig und spielend beygebracht, daß die kleine Kröte manchmal wol gar mehr weiß, als ich. Lieber Herr Bruder, da hättest du sehen sollen, wie sich das Gesicht des Dechants auf einmal verfinsterte. Es war wie ein Aprilsturm. Doch hat er sich nicht getraut ein Wort dagegen zu sagen. Ein Unglück aber für mich ist es gewesen, daß der Amtmann mich zum Zeugen des Gutmanns Wohlthätigkeit nahm, und sagte: Der Herr Pfarrer kann es am besten bekräftigen, weil er seit einigen Wochen mit ihm einen fleißigen Umgang hat. Ich winkte dem Amtmann, und wurde blaß. Der Amtmann verstummete – und der Dechant ward feuerroth. Er trank noch ein halbdutzend Gläser in der Geschwindigkeit nach einander, stund auf, entschuldigte sich gegen den Amtmann wegen noch aufhabenden Visitationsgeschäften, und lief in sein Zimmer. Sobald er den Amtmann die Treppe hinabgehen hörte, hat er mich zu sich gerufen; und da gieng der Tanz an. So, sagte er: Also ist das die Frucht meiner dem Herrn Pfarrer letzthin gegebenen väterlichen Ermahnung, daß er jetzt gar mit dem Erzfeind der Geistlichkeit, mit dem heillosen alten Spötter, dem Gutmann, Gemeinschaft und Umgang pfleget, und damit seine Seele muthwillig dem Teufel schiken will? Aber das soll mir in meinem nächsten Bericht die Curia wissen. Dann kann er brav Exercitia machen, und vielleicht gar um die Pfarrey kommen. Admonitionem salutarem hat er schon durch mich bekommen, nun kommt die Correctio episcopalis , und dann Mutatio . Mich dauert seine liebe Mutter; aber es ist aus, hier kann er nicht bleiben. Ich ließ ihn vertoben, und dann sagte ich: Ew. Hochw. haben ja selbst befohlen, ich soll noch einmal zu dem Gutmann gehen, und ihn auszunehmen suchen, wie und was er denke. Das habe ich gethan; und weil der Mann etwas weitläufig schwatzt, auch oft von kleinen Geschäften, oder Gesundheitsmängeln unterbrochen wird, so habe ich auf einmal mit ihm nicht ausreden können. Dieses hat einen zweyten, und dann noch einige Besuche erfodert. Ich darf aber auf meine Priesterschaft versichern, daß ich noch nichts anders als einen weltlichen tugendsamen Mann an ihm gefunden, der unter der Geistlichkeit einen grossen Unterschied zu machen weiß; und wann er schon für die Bettelmönche nicht gar vertrauensvoll eingenommen zu seyn scheint, so hat er mir doch insbesondere E. Hochwürden als einen gescheiden, gelehrten, einsichtlichen und aller Hochachtung werthen Mann angepriesen; er wundert sich nur, daß man sie so lange in dem kleinen Städtgen lasse, und nicht schon mit einem Canonicat an den Hof zum geistlichen Gericht berufen habe. – Gott verzeihe mir meine Nothlüge! Aber sie that ihre Wirkung – Mein Herr Dechant wurde sanftmüthiger. Ich mußte ihm mehr denn sechsmal das nämliche wiederholen. Und er selbst war so überzeugt, daß Herr Gutmann recht habe, daß er endlich gestund, es nehme ihn Wunder, warum man bey Hof nicht eben so denke. Mit einem Wort, das Ungewitter gieng für dießmal glücklich vorüber. Ja er wollte endlich gar, ich sollte mit ihm zum Gutmann gehen; er müsse den ehrlichen Mann näher kennen lernen, der ihm Gerechtigkeit wiederfahren lasse. Du kannst dir leicht vorstellen, wie unaussprechlich bange mir bey einem so unerwarteten Entschluß geworden ist; ich konnte nicht anderst, meine Zuflucht mußte ich zu einer andern Lüge nehmen. Ich fieng daher an, ihm vorzustellen, wie übel es sich schicken würde, wenn der Herr Dechant dem Gutmann den ersten Besuch geben wollte; alle Leute im Dorf würden glauben, er gienge zum Amtmann, und das könne zuletzt ein Präjuditz für die nachfolgende Visitationen werden. Zudem sey der Herr Gutmann nicht wol auf, und es könnte gar leicht geschehen, daß er den Besuch anzunehmen ausser Stand wäre; dieses könnte sich seine Hochwürden nicht anderst als zum Schimpf rechnen. Ich setzte bey, er habe mir selbst gesagt, sein erster Ausgang in die Stadt soll zu dem Herrn Dechant seyn. Endlich gestund ich gar, daß der Wein, der seiner Hochwürden so gut geschmeckt, ein Geschenk von Herr Gutmann sey. Gott lob! Damit war alles gut. Er entließ mich in Gnaden, sagte, er müsse schreiben, und glaublich hat er eine Stunde im Sessel verdaut. Um 5. Uhr ließ er den Schulmeister rufen. Ich muß dir sagen, lieber Herr Bruder, daß aus meinem in des Dechants Zimmer ein kleines Fenster gehet; das hatte ich mit einem Bild überhängt; und da konnte ich ungesehen alle Worte hören. Nun, wie geht es, Schulmeister, war die Anrede? Ganz gut ihr Hochw. Excellenz. Wie seyd ihr mit euerm Pfarrer zufrieden? Sehr wohl, er ist ein wakerer fleißiger und guter Herr. Vergiebt er nichts von seinem Pfarr einkommen, Juribus stolae , oder sonst am kleinen Gras oder Obstzehenden? Ich weiß nichts, als daß er den armen Leuten im Dorf umsonst tauft, und manchmal auch umsonst begräbt; hernach wenn ihn ein nothdürftiger Unterthan, der Futtermangel und doch Kühe und Kinder hat, anspricht, ihm den Graszehenden schenkt, im Obst aber nimmt, was man ihm bringt. Ey, das ist nicht recht; er ist halt noch ein junger unhauslicher Mensch; das will ich abstellen. Wie viel Kinder habt denn ihr, Schulmeister? Fünfe, wann mir sie Gott behütet; das älteste Mägden, von achtzehen Jahren, dient im Amtshaus; ein Bub von sechzehn lernt das Schusterhandwerk; der zweyte von vierzehn wird ein Schreiner; dann habe ich noch ein Mädchen von zwölf, und einen Buben von neun Jahren. Laßt ihr keinen studiren? So viel als ich weiß lerne ich sie selbst, und dann thue ich sie zu einem Handwerk. Aber warum? Euer Hochw. Excellenz können leicht ermessen, daß mein Einkommen nicht groß ist. Zum Studieren gehört Geld. Darnach laufen so viele Juristen in der Welt umher die kein Brod bekommen, weil sie wenig haben lernen wollen oder können. Die geistliche Versorgungen, Pfarreyen und dergleichen sind auch rar; und dann, wann so etwas auskömmt, so läuft man duzendweis darnach. Ich habe keine angesehene Freunde und kein Geld. Ich denke also, es sey für ein Kind armer Eltern besser besorgt, wenn es ein ganzer Handwerksmann, als wann es nur ein Achtelsgelehrter werde. Um 30. fl. nimmt es jeder Meister in die Lehr, und um 30. fl. kauft man wenig Lateinisch. Unser Schulz hat mir vor wenig Tagen mit weinenden Augen geklagt, daß ihn sein Sohn schon über 300. fl. koste, und daß er Haab und Gut bey der Gemeinde verpfänden müsse um ihm einen Titul zu verschaffen; jetzt könne er halt ein bisgen Meß lesen, und müsse fast wie ein Mezger von Haus zu Haus betteln bis er 20. kr. zu verdienen bekomme. Ihr seyd ein Geck, sagte der Dechant. Gott hat den Menschen zu einer grössern Vollkommenheit erschaffen. Da nun der geistliche Stand, wie ein jeder weiß, weit vollkommener als der weltliche ist, so sind alle Leute verbunden, wenigstens eines ihrer Kinder dem allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden wieder zu opfern. Freylich sehet ihr an mir das Exempel, daß man gelehrter als andere seyn muß, wenn man so hoch steigen will; aber eben darum, weil der barmherzige Gott für alle seine wahre Diener sorgen wollte, und doch nicht jeder den Kopf zum Studiren oder die Mittel hat, so ließ er durch H. H. Leute die Orden stiften. – Mit 100. Thlr. könnt ihr einen Sohn, wenn er stark und gesund ist, zu den Franciscanern oder Capucinern bringen; da ist er auf sein Lebenlang versorgt und ein Herr. Mein Schulmeister blieb ein wenig still. Hä, Schulmeister, was wollt ihr darauf antworten, rufte der Dechant. – Ich kenne ihn, und war also überaus begierig auf seine Antwort. Er hustete, reisperte sich und sprach ziemlich lebhaft: Wann ich einen Bettler haben will, so brauche ich gar nichts an ein Kind zu wenden. Euer Hochw. Excellenz nehmen es mir nicht übel, aber ich bin hie gebohren und erzogen: Wann die Herrn Terminanten kommen, so muß ich oft mit ihnen in den Häusern herumgehen, oder, was sie dem Bauern abgezwungen haben, abholen und in den Pfarrhof tragen; da weiß ich am besten wie hart es bey den Bauern hergehet. Sie geben wohl weil sie müssen; der eine aus Scham, der andere um sich reich zu stellen, der dritte weil seine Frau eine Betschwester vom dritten Orden ist; und einige aus Leichtgläubigkeit, weil der Pater Terminant den Himmel verspricht, oder mit der Hölle drohet, und der arme Mann sich für den losen Mäulern oder gar dem Vorwurf im Wirthshaus fürchtet. Aber Gott weiß es, wie manchem zu Muth ist, wenn gerade nach dem terminirenden Geistlichen der Presser in das Haus kömmt, und noch ein Stück Hausrath zu Bezahlung der herrschaftlichen Abgaben wegnimmt, da just zuvor der Pater so viel gebettelt als zur Zahlung des Pressers nöthig gewesen. Ich thue deßwegen den H. H. Orden nicht zu viel, sagte er; sie sind mir liebe Männer und fromme Herren; weil sie nichts haben so müssen sie betteln. Wir werden gelehret, das, was man ihnen giebt, sey Gott selbsten geschenkt. Ich gebe ihnen auch: Aber wann ich nicht viel im Haus habe, und selbst mit meinen Kindern trocken Brod essen muß, so lang meine Kuhe keine Milch giebt, da muß ich am besten wissen, ihr Hochw. Excellenz, wie schwer es mich ankomme Schmalz beym Krämer auf Borg zu holen, damit die Herren Franciscaner eine fette Suppe essen können. Für andere Leute habe ich nicht zu sorgen. Ich denke aber ein für allemal, von meinen Kindern soll, so lange sie gerade Glieder haben, keines betteln, und, weil ich kein Geld habe, keines studiren. – – Der Dechant hatte Mühe den Mann ausreden zu lassen. Allein, da just der Amtmann auf ein Abendspiel wieder kam, so wurde dem Schulmeister eine derbe Lauge verhütet. Uebrigens gieng den Abend noch vollends alles gut, und man legte sich zeitlich zu Bette. Mittwochs nach der Meß kam der Dechant unvermuthet in mein Zimmer, und verlangte meine Bücher zu sehen. Ich entschuldigte mich mit meiner Armuth, die mir nicht erlaube etwas gutes anzukaufen; und wenn ich auch Geld hätte, sagte ich, so wüßte ich nicht was es eigentlich für rechte taugliche Bücher in der Welt zu meiner Seelsorge gäbe. Das hat nichts zu bedeuten, sagte er, es ist mir lieber er habe wenig als viel – Und damit machte er meinen Schrank auf. Die ersten viere, die ihm in die Hände kamen, waren Judas der Erzschelm von P. Abraham. Gut, sagt er; das sehe ich gerne; das Werk ist geistreich und späßig; solche Predigten machen die Bauern aufmerksam, und man kann auch oft in Gesellschaft gute Gedanken anbringen und Ehre machen. Ich selbst kann ihn gewiß halb auswendig. Dann fand er Conciones Dominicales P. Iustini, Carmelitae, und die christliche Wahrheiten des Jesuiten Brean. Mit denen, ob er sie gleich nicht kannte, war er sowohl als mit P. Neumeyer, Sebast. Seiler, meinem Busenbaum, dem Firmamento veritatis des P. Katzenbergers und des Cartheusser Rossel Praxi deponendi conscientiam wohl zufrieden. Das waren nun meine eigene Bücher alle. Aber was wollte ich darum gegeben haben, wenn ich die andere hätte zudecken können: Es stunden etliche da, die mir Herr Gutmann geliehen. Es nahm das erste; es war ein Band von den Werken des Hrn. Bossuet. Was sagt er, da ist ja ein Franzos! Ich antwortete demüthig, ja, ich hätte es von dem Herrn Gutmann mit nach Hause genommen. – und dieses, fragt er: Nämlich ein Band von Fleury Kirchengeschichte. Es gehöret auch dem Herrn. Und, dieses? Es waren drey Theile vom P. Bourdalone. – Sie sind nicht weniger Herr Gutmann zugehörig. – Da haben wir es, sagte er. Höre er, Herr Pfarrer, ich will glauben, daß der Gutmann meine Meriten erkenne; warum, ich bin bekannt, und man müßte dumm seyn wann man anderst dächte. Nicht daß ich mich rühmen will. Aber ich halte doch den alten Mann in der Haut nichts nutz. Ich sehe es am deutlichsten aus den Büchern, die er ihm gegeben. Wann die Pursche da wahrcatholisch hätten schreiben wollen, so hätten sie ja deutsch geschrieben. Sehe er, mein l. Herr Pfarrer, die Franzosen sind allezeit Feinde der deutschen Nation gewesen; sie haben mich im Vierzigerkrieg auch ex odio religionis hart mitgenommen. Ihre Feldpatres hatten gepuderte Haare, und, weil sie das Concilium Tridentium nicht angenommen, so heißt man sie Jansenisten; freylich Schanzenisten; man sollte sie alle auf die Schanz thun können. Haben sie nicht die Jesuiten verjagt? Ex ungue leonem . Gebe er gleich die Bücher zurück. Es ist ein Unglück für ihn, daß er französisch versteht. In so Büchern steckt verborgenes Gift. Das heißt nichts. Wie heißt denn dieses, fragte er? Ich sagte, es wäre die wahre Andacht eines Christen von Muratori, auf deutsch übersetzt. Ja das ist eben recht. Ich habe gehöret, Gott habe ihn mit Blindheit an beyden Augen gestrafet, weil er für den Kaiser gegen den Pabst geschrieben, und in allen seinen Büchern gegen die Ketzer kein einziges Schimpfwort gebraucht. Das wird rar catholisch seyn. Hat er noch mehr etwas vom Gutmann? Nein Ew. Hochwürden. Nun heute noch schicke er ihm all das Zeug wieder. Und wann er sich doch etwas anschaffen will, so lasse er sich den Ritter von Bandel von der Post kommen. Der Mann ist ein wahres Zeughaus von catholischer Gelehrtheit. Es macht auch Spaß, aber es ist mit lauter Narreteyen die schönste Controvers. Und wenn sich nur ein Ketzer regt, so hat er gleich eines recht grob auf die Nase. Man muß manchmal für Lachen schier bersten, und gleich darauf wieder citiert er so gründlich, daß man für Anmuth weinen möchte. Hört ers, den bestell er sich; er ist für ein Jahr nicht theuer. Sehe er, da hat er ein Stück davon. Er zog eines aus der Tasche; das las [les ?] er: Ich habe zwar, fügt er bey, heute Morgen ein Blat davon verbraucht, aber er kann doch an dem Ueberrest noch den Geschmack des Mannes sehen. Was ist denn das für ein geschriebener Zettel, fragte er, der da an die Schrankthür genagelt ist? Es sind Titel von Büchern, die ich gerne nach und nach anschaffen möchte, wann uns Gott Leben und gute Jahre verleihet. Laß er mich das Ding lesen, sagte er. Van Espen, Jus Ecclesiasticum . Der ist nicht rein. Der Pater Lector von E** versichert mich, daß der Mann in Rom nicht wol angesehen sey. Summa Conciliorum von Ludovico Bail. Was Beil? Das ist ein Kerl der ärger geschrieben hat als der Teufel selbst. Er soll ein Dictionarium für die Schulen in Holland herausgegeben haben; da müssen alle Wörter kezerisch seyn; denn er ist zu Rom verboten. Hiffenwetter Dialogi apologetici pro statu Petrino seu ecclesiastico . Laß er das Ding weg; ich sehe das ist gegen einen Jesuiter geschrieben. Herr Pfarrer, er hat so gut bey den Jesuiten als ich studiert. Ein Vogel muß nicht in sein eigen Nest machen. Cabassutius Notitita ecclesiastica . Der Name gefällt mir nicht. Was will er mit dem Gezeugs machen? Geographisch Wörterbuch, Historisch Wörterbuch, Haushaltungslexicon. Mein, wer hat ihm die Narrenteyen in den Kopf gesetzt? Ich bitte ihn, nicht gescheider als andere ehrliche Leute werden zu wollen. Wer weit fragt, geht weit um. Selig sind die Einfältigen im Geist. Wenn man in das verfluchte Lesen kömmt, da grübelt man nach. Und der Teufel streut immer Unkraut darunter. Wir lesen nicht, daß Christus der Herr, der die ewige Weisheit gewesen, eine Bibliothek mitgeschleppt; und von den Aposteln hat auch keiner in Buchläden eingekehet. Im Gegentheil sehen wir, daß sie immer gegen die Schriftgelehrte geschmähet haben; zum Zeichen, daß schon damals allerhand verbotenes Gezeug mit kezerischen Propositionen muß gedruckt worden seyn. Spare er das Geld für ein sauber Kleid, oder ein gut Glas Wein. Ein Pfarrer bekömmt doch immer gute Freunde, die ihn besuchen; und da muß man seinem Stand doch Ehre machen. Glaube er mir, ich meine es gut, und weiß was für ihn taugt. Als er mir eben noch einen Haufen Lehrstücke geben wollte, wurde vom Schulmeister gemeldet, daß der P. Guardian und P. Fulgentius von E** angekommen seyn, um Ihro Hochw. Excellenz aufzuwarten. Ich versperrte geschwind meinen Schrank, und steckte den Schlüssel tief in Sack. Der Dechant gieng in sein Zimmer, und die Herren P. P. wurden von mir zu ihm begleitet. Bey dem Eingang bükten sich beyde P. P. so tief, daß ich glaubte, sie würden den Herrn Dechant wie einen H. Leib verehren. Der Guardian führte das Wort, und schäzte sich überaus glücklich, wieder einmal die hohe Ehre zu haben, seine Hochw. Zu sehen. Er schwazte von der demüthigen Aufwartung und schuldigen Hochachtung, und empfahl sich und sein armes Klösterlein zur alles vermögenden Protection. Ich habe in meinem Leben nicht so viel und so tiefgebeugte Complimente gehört. Der Dechant versicherte sie seiner Wohlmeinung, und versprach bey allen Gelegenheiten ihrer eingedenk zu seyn. P. Fulgentius hatte ihm zwar auch das H. Meßopfer offerirt; aber, da der Dechant schon gelesen hatte, so gieng der Franciscaner allein in die Kirche. Ich ließ die Herren beysammen, und gieng in mein Zimmer an das bedeckte Fenster. Da hörete ich allerley Neuigkeiten. Er ist noch ein junger Mann, sagte der Dechant; (das war von mir gesprochen) er weiß noch nicht viel, aber er ist doch fromm und gehorsam. Ja, sagte der Guardian; doch habe ich gehört, daß er nun schon mehrere Tage hinter einander bey dem alten Gutmann gewesen. Ich warne deßwegen euer Magnificenz Noscitur ex socio . Man gehet selten mit einem rußigen Kessel um ohne sich zu beschmüzen. Des Herrn Amtmanns alten Kindsmagd habe ich zwar durch ihren Beichtvater, den P. Benignus, befehlen lassen, ein wenig Acht auf beyder Umgang zu haben; aber bis jezo hat sie noch gar nichts referiren können. Das Mensch sagt, es lägen immer Bücher auf dem Tisch, und der Herr Pfarrer schriebe dann und wann etwas in sein Taschenbuch; wenn sie aber in das Zimmer trette, so redeten gleich beyde französisch. Ich weiß nicht was daran ist; allein diese Magd, wir haben sie in die Gürtel=Brüderschaft aufgenommen, behauptet, es gehe bey dem Gutmann nicht richtig her. Sie habe in der Wallburgisnacht, kurz vor 12. Uhr, den alten Kerl das Fenster aufmachen gehöret; gleich darauf seye es nicht anderst gewesen, als wann in seinem Zimmer der böse Feind rumore. Es wäre ein Sessel gefallen und das Nachtlicht ausgelöscht. Sie habe darauf aus ihrem goldenen Himmelsschlüssel das Gebet, das man zur Beschwörung des Ungewitters gebraucht, andächtig gesprochen, weil es auch kräftig gegen die Hexen eingerichtet ist; und da sie, wie es dabey vorgeschrieben ist, in die Luft Weyhwasser gesprüzet, so glaubte sie damit verhütet zu haben, daß der Gutmann nicht habe ausfahren können. Denn als sie noch vor 5. Uhr Morgens ihm Feuer angemacht, habe sie ihn deutlich reuspern hören. Aber ganz verstört sey sie gewesen, wie sie ihm das Theewasser gebracht; und weilen sie auf die Kohlen mit Fleiß ein wenig Hexenrauch geworffen, so habe der Alte sich sehr über Gestank beklägt, und gleich alle Fenster aufmachen lassen. Die stärkste Probe ist, sagte er, daß, als das Mensch, auf ihres Beichtvaters Geheiß, ihm bey seinem letzten Anfall des Zipperleins heimlich ein Amulet unter das Kopfkissen geleget, er die ganze Nacht nicht ruhen können, sondern beständig schlaflos gewinselt hat. Ja, sagte der Dechant, das kann wohl seyn; aber ohne stärkern Anlaß kann ich ihn nicht deferieren. Es ist Schade um den Mann; denn wie ich höre, so hat er doch ein gutes Judicum. Er weiß die Leute nach ihrem Verstand zu schätzen, und er soll wirklich von Männern meinesgleichen nicht ohne Grund urtheilen. Referendissime Domine, ne credas! erwiederte der Guardian. Ich darf meinen Autoren nicht nennen, aber er hält uns alle für Esel. Das mag er wol für sie denken, versetzte der Dechant. Aber ich weiß doch, daß er vollkommen wohl unterrichtet ist, daß er etwas weiß; und wenn sie so sprechen wollen, Herr Pater, so bitte ich sie zu glauben, daß ich nicht mit zu der Gesellschaft des H. Antonii gehöre. Behalten sie den Esel für sich. Ey, sprach der Guardian, an der besondern Gelehrtheit von eurer Magnificenz kann freylich niemand zweifeln, wer nur jemal das Glück gehabt hat, eine einzige Predigt von ihnen zu hören; aber so ein Feind der Geistlichkeit, wie Gutmann, macht Distinctionen. Er denkt für dieselbe wohl, in so viel er sie als noch einen Gelehrten betrachtet; allein abstractive, qua Geistlichen und Priester, nego . Denen allen ist er spinnenfeind, quod probo . Er hat letzhin einen Bauern, der eingethürmet worden, weil er dem Amtmann 1. fl. Straf nicht erlegen konnte, trocken in das Gesicht gesagt; »Er hätte ja das Kalb, das er uns, zu Ehren des H. Vaters Francisci, aufziehen muß, verkaufen, und sich damit einstweilen helfen können. Die Franciscaner dürften kein Eigentum haben; wir hätten es also nicht zurückfodern und er uns einmal ein anders geben können.« Quasi vero , als wann so ein Bauer nicht lieber 4. Wochen im Thurm bleiben, als der Religion seinen Gehorsam zu bezeigen sich weigern soll. Das ist endlich wahr, sagte der Dechant; der Mann hat, als ein Syncretist betrachtet, teuflische Principia. Wissen sie was? Lassen sie ihm weiter nachspüren; wenn ich ihn auf dem mindesten Fehltritt gegen unsere Hierarchie ertappe, so soll er seines Elendes kein Ende wissen. Aber genug hiervon. Was macht denn mein Confrater, der Dechant von O**? Sie wissen, daß mir der Mann von Herzen zuwider ist. Er bleibt der alte, antwortete der Guardian. Hoffart und aufgeblasene Dummheit sind seine Tugenden. Ich schickte letzthin den P. Damasus auf den Termin in seine Pfarrey. Meynen sie, daß er ihn über Nacht behalten? Ey bey Leide nicht. Die Köchin sagte gleich, es wären ihre Better alle, wegen der Durchreise der Dauphine, zu G** weggeliehen, und noch nicht wieder heimgegeben worden. Das war aber nicht wahr; denn wir haben uns erkundiget. Allein der Mann kann noch in ein grosses Labyrinth kommen. Des Schultheissen Frau kömmt oft in den Pfarrhof. Sie ist schwanger. Ihr Mann ist vor einiger Zeit nach Wien in das W*** gefahren. Ich habe ihr den Tag aufgeschrieben, und will ihr gewiß nachrechnen. Ihre Nachbarin hat mir gesagt, die Schultheissin grüsse allemal den Herrn Dechant so freundlich, und man sehe wohl, daß sie Schuld daran sey, daß das Dorf nicht gepflastert werde, damit sie Ursache habe über den Kirchhof heimzugehen, wann sie vom Garten kömmt. Man soll von keinem Menschen übel richten; aber, das sind schwere Judicia .... Wissen euer Magnificenz schon, was vor drey Wochen im Schloß zu M** paßiert. Der gnädige Herr, der bekanntlich des Jägers Frau gerne siehet, hat die gnädige Frau, die ihn auf dem Heustok erwischen wollen, erbärmlich geprügelt. Sie ist darauf in die Stadt gefahren, und hat sich zu dem sardinischen Lieutenant in Sicherheit gegeben, mit dem sie ihr Herr immer vexirt. Ich habe unserm Bruder Dismas, dessen Schwester in der Schloßküche dienet, aufgegeben, mir von der ganzen Sache genaue Nachricht zu verschaffen. – Der Amtmann von S** wird nächstens den Abschied bekommen. Er hat seinem gnädigen Herrn Geld schaffen sollen; und da fand sichs, daß er vielmehr einen guten Freund gewarnet nichts herzuleihen, weil er nichts wieder bekomme. Wir haben es erfahren, und den gnädigen Herrn davon durch die dritte Hand benachrichtigen lassen. Der Amtmann ist ein böser Mann. Ehe er zu dem Dienst gekommen, hatten wir immer von der Dorfgemeinde jährlich zwey Klafter Holz. Der gottlose Mensch hat es abgestellt, und die Bauern darzu genöthiget, daß sie jezo das nämliche Holz dem Schulmeister geben, unter dem Vorwand, er sey schlecht besoldet, und man könne sonst keinen tüchtigen Menschen für die Jugend bekommen. Ich hoffe einen andern, der uns sehr gewogen ist, an seine Stelle zu bringen. Wir haben den Kammerdiener, der viel gilt, auf unserer Seite; und da muß die Sache gehen.... Vom Hof höret man wunderliche Sachen. Der Regierungsrath G**, ein bekannter Freygeist, hat dem Fürsten ein Project in das Cabinet gegeben, welches von Verminderung der Klöster, und Verbesserung der Pfarreyen die ketzermäßigsten Sätze enthält. Der Fürst, wie denn so Herren sind, soll es sehr wol aufgenommen haben. Ecce den Finger des Allerhöchsten! Just mußte das Jubiläum kommen. Da bekam sein Beichtvater der P. V***, ein geschickter Jesuit, die Gelegenheit ihm in die Eisen zugehen; und es wurde unterdrückt. Ich habe durch einen geheimen Cancellisten, der einen Bruder in unserm Orden hat, eine Abschrift davon überkommen. Sub sigillo kann ich Euer Magnific. eröfnen, daß ich durch unsern P. Victorinus an einer Widerlegung arbeiten lasse. Ich habe ihm im Namen des P. Provincialis befehlen müssen, tapfer mit Ketzern und Excommunicationen um sich zu werfen. Wenigstens macht es beym Volk aufsehen und dem Fürsten einen üblen Namen. Jetzt sind wir mit aller Macht daran, den Regierungsrath wegzubeissen. Denn ich fürchte, er läßt nicht nach. Das Jubiläum ist vorbey; grosse Herren aber wankelmüthig. Daß aber sicher dieser Regierungsrath der Verfasser des gottlosen Projects sey, wissen wir von seiner Frau. P. Saltantius ist ihr Beichtvater, und weil sie eine Scrupulantin ist, muß er alle Wochen zwey oder dreymal bey ihr seyn. Der Regierungsrath siehet es gar nicht gerne. Und da muß man ihr das Gewissen ein wenig warm und orthodox halten. P. Fulgentius kam von der Kirche zurück; mithin unterbrach er das Gespräch. Wir sind bald darauf zu Tische gegangen, wobey alle auf eine halbe Stunde die Sprache verloren hatten. Zwey Flaschen Margräfler belebten uns endlich wieder, und löseten uns die Zungen. P. Fultius fragte mich, ob der verstorbene Pfarrer, mein Vorfahrer, sich noch mit seinem Gepolter dann und wann im Haus hören ließ? Ich sagte, Nein: Es wäre mir auch leid, daß ich mich durch das einfältige und boshafte Geschwätz einer Nachbarin verleiten lassen, zu glauben, daß der selige Mann zum Gespenst worden sey, da ich doch seit mehrern Wochen nun durch meine Augen und Ohren überzeugt sey, daß der Lermen von Mardern und Katzen hergekommen. Ich gestand, daß ich seiner Seele mein Jubiläum gewidmet, und nachher, als das Getappe doch nicht aufgehöret, selbst mehrere Stunden auf meiner Bühne gepasset, und endlich zweymal so glücklich gewesen, dem tollen Springen und Liebeshistorien dieser Thiere mit beyzuwohnen, mich aber damit von einem sehr sündlichen Argwohn zu befreyen. Dieser Ton gefiel meinen Franciscanern nicht. Sie sahen den Dechant an, als wollten sie um Erlaubniß bitten, mich auf den rechten Weg zu weisen. Endlich sagte der P. Fulgentius: Euer Ehrwürden sind seit kurzem zu seltsamen Begriffen gekommen; es scheint fast, als wollten Sie die Gespenster läugnen! Ich antwortete, nein; aber ich glaube doch, daß man nicht so leichtsinnig alle Mährlein zu Evangelien machen, und manches ehrlichen Mannes Gedächtniß nach dem Tod noch verunglimpfen sollte. Das ist schon wahr, versetzte der Dechant: Allein man muß auch nicht gleich allzufreygebig mit dem Himmel seyn, sonst fällt man nach und nach auf ketzerische Irrthümer, und dann ist man mit dem Fegfeuer bald fertig. Ich versicherte, daß ich gewiß nicht daran zweifle; aber ich müsse zugleich gestehen, daß ich nicht mehr so leichtgläubig sey als ich es gewesen, seitdem mich meine Augen vor dem Betrug der Ohren gewarnet. Ich wisse, sagte ich, daß gar oft dergleichen Gespenster nur in dem Gehirn boshafter Leute erzeugt werden, und Ehrendiebstäle nach dem Tod blieben. Mehrere Beyspiele, die ich seit kurzem gehöret, hätten mich in meinem Urtheilen behutsamer gemacht und überwiesen, daß von 100. Gespenster- und Hexenhistorien 98. Unwahrheiten zu subtrahieren wären. Hier konnte sich der P. Guardian nicht mehr halten; er fuhr über mein keckes Geständniß mit lebhafter Hitze auf, bat den Dechant um Erlaubniß mich confundieren zu dörfen (so nennte er es); und da er den Capuz zweymal über den Kopf und wieder zurück geschupft, sagte er: Herr Pfarrer, da sind wirklich, Gott bewahre uns, teuflische Principia. Ich will es Ihnen probiren; denn was ich sage, muß Händ und Füsse haben. Ich bin zweymal Lector Philosophiae und auch zweymal Theologiae gewesen; vom Beichtstuhl will ich mich nicht rühmen, aber man darf nachfragen; und quoad Exorcismus \& Benedictiones muß mir keiner gleich kommen. Nulli cedo . Haben Sie, fragte er, jemalen des R. P. Martini von Lochem [Cochem] Ablaßbuch am 5. 6. und 7ten Cap. gelesen? Ich sagte, nein! Nun so werden Sie doch dessen goldenen Himmelsschlüssel haben? Aus diesem lesen Sie (denn ich will mit Ihnen nicht von andern gelehrten Büchern unserer Ordensväter reden) nur das erste Capitel von den grausamen Peinen des Fegfeuers. Er sagt selbst, und ich hoffe, Sie werden ihm als einem Priester die Wahrheit nicht absprechen, zumalen das Buch cum Adprobatione \& Censure ordinaria gedrukt, auch ein kaiserliches Privilegium dabey ist, daß die drey angeführte erschreckliche Historien keine Fabeln und erdichtete Mährlen, sondern glaubwürdige Exempel seyen, welche von einem vornehmen Geistlichen, wie auch dem Abbt Petro Cluniacense, und dann von dem andächtigen Dionysio Carthusiano, welcher 180. geistliche Bücher geschrieben, und viele Verzuckungen und Offenbarungen gehabt, als wahrhafte Geschichten verzeichnet worden. Und wenn Sie auch diesen seligen Männern nicht glauben wollten, so fragen sie nur den Ochsenwirth zu M*** was ich für Mühe gehabt, des Geist seines Schwiegervaters, der ein ganzes Jahr lang ihm durch sein Gepolter die Gäste aus dem Haus vertrieben hat, wegzubenediciren. Das war ein alter Schelm – Gott gebe ihm die ewig Ruh! Der mir viel zu schaffen gemacht hat. Anfänglich wollte der Wirth (wie halt die weltliche Leute sind) das Ding vertauschen; es kam aber durch seine Kinder an den Pfarrer. Aber der wußte schon, daß in dem Diöcesen=Benedictionale (ich verachte es darum nicht) keine kräftige Exorcismi stehen. Er machte seine Sache, so gut er es verstunde, daher und versprengte viel Weyhwasser. Ja, dachte ich, wie ich es hörte, Weyhwasser; da kann er gegen ein hartnäckiges Gespenst nicht viel ausrichten. Wir waren damals eben ein wenig auf einander erzürnet, weil er auf mein Ansprechen, dem H. Pater Francisco zu Ehren, nicht an den See fahren, und unsere terminirte Weine um Gottes willen nicht abholen wollte. Ich dachte aber gleich, du must mir doch kommen. Dictum, factum . Er lief zu den Capucinern; die gaben ihm Amuleten, Anastasiusköpfe und kleine Caravacakreuzlein. Da gieng das Gepolter erst recht an. Sein Vetter, der Jesuiter, schickte ihm geweyhte Ignatius- und Xaverius-Bilder, auch Ignatiuswasser. Aber wieder umsonst. Er versprach eine Wallfahrt zu der guten Beta [Berta ?]; er holete einen Carmeliter. Die kennen fast gar nichts, und wollten sich doch grosser Streiche ausgeben. Endlich da um sechs Uhr Abends die Magd nicht mehr in den Keller wollte, wenn er nicht den grossen Sohn mitschicke; da die Gäste sein Haus meideten; da kein Handwerkspursche mehr bey ihm einkehrte, und zwey Zünfte ihm die Herberge aufgesagt hatten, da kroch er zum Creuze, und bat flehentlich, wir möchten ihm helfen. Ich versagte ihm alles. Denn, sagte ich, er muß nun auch spüren, was es ist, wenn man unsern heil. Orden vor den Kopf stößt. Lasse er sich nun durch den Carmeliter, Jesuiter oder den Capuciner helfen; sie sind jünger in der Kirchenhierarchie als wir, vielleicht können sie mehr. Ich glaubte, daß ich es kurz sage, es sey gut, wenn er ein wenig geschohren werde; daß er wiederkommen müsse, wußte ich so. Den andern Tag schickte er gleich seinen Sohn mit der Fuhr an den See für uns, und Nachmittags ein Kalbsviertheil mit zehn Maaß Wein ins Kloster. Dieses machte mich weichherzig, obwohl der P. Desinitor nicht sogleich darein willigen und haben wollte, ich sollte ihm bis zur Wiederkunft des Weinwagens, das Gespenst auf dem Hals lassen. Ich gieng hin, und nahm, nebst einigen Ordinari=Exorcisinen, etwas Dreykönigswasser mit. Davon hat bekanntlich ein Tropfen mehr Kraft, als ein Eimer mit Kirchenweyhwasser; aber ich habe auch einen halben Tag Arbeit, bis ich es fertig bringe. An allen seinen Thüren fand ich C. +. M. +. B. +. Agatazettul, und die Capuciner- oder Jesuiter-Bilder, Creuzer von Osterkerzen und andere geweyhte Sächelchen, die alle zu leicht für seinen Schwiegervater waren. Ich ließ mir zeigen, wo eigentlich der Hauptaufenthalt des Gespensts sey. Das war ein Eck unter der Stiegen des zweyten Stockwerks. Wenn jemand bey der Nacht dort vorbey oder nur die erste Stiege hinauf gehen wollte, warf es, sagten die Leute, mit Steinen, Prügeln, und allerley Unflat; und; curios, der Magd, die ihre Kammer obenauf hatte, that es nichts. Nur in den Keller durfte sie Abends nicht allein hinabgehen. Ich ließ mir meine Kerzen anzünden, hängte den Stoll um, und fieng an. Da kam auf einmal ein Sturmwind, als wenn er das Haus über einen Haufen blasen wollte. Aber das war mir just recht: Nun dachte ich, ist der Geist in der Enge. Zweymal hat es dabey an einem alten Schrank entsetzlich gekracht. Und wie ich von meinem Dreykönigswasser nur mit einem geweyhten Palmzweig etwas an die Wände des Gangs spritzte, und das Oremus a domo etc. betete, so fuhr das eine Fenster mit einem erstaunlichen Wind auf. Da merkte ich gleich, daß der Geist seinen Abschied genommen habe. Und nachdem ich mit einem Stück eines seraphischen Stricks, welchen ein in fama sanctitatis bey uns verstorbener Pater getragen, das Fenster zugebunden, auch das Loch unter der Stiege, welches eine Gatterthür hatte, mit heiligem Wachs in forma crucis quasi versiegelt, so konnte ich den Ochsenwirth versichern, daß, wenn er noch einige heil. Messen bey uns am Antoniusaltar lesen lassen würde, sein Haus künftig frey wäre. Der Mann war sehr froh, und hat mir und meinem Socio wol aufgewartet, auch Tags darauf unserm geistlichen Vater ein schönes Almosen geschickt. Ich mußte noch, bis es Nacht worden, zu seinem Trost in dem Hause verweilen. Der Magd, die uns nach Haus leuchtete, sagte ich, sie soll mir am andern Morgen gleich melden, ob alles ruhig geblieben? Ecce , es war so. Ich habe das Mensch gefragt, wie es doch immer zugehe, daß das Gespenst sie allein mit Frieden lasse? Ach! Sagte sie, wie es in unserm Hause zugehet, können Euer Hochwürden nicht glauben. Mein Herr, der Wirth, ist als ein Metzger gewandert; da ist er viel mit lutherischen Leuten umgegangen, die haben ihm den Kopf verkehrt. Er kam aus der Fremde, schwängerte die Tochter vom Haus, seine noch lebende Frau; der alte Vater war gut, und gab sie ihm mit dem Hauswesen zur Ehe. Das sind nun schon fünf und zwanzig Jahre. Er hat nur den einzigen Sohn, der ein gar braver Mensch ist; dieser hat auch schon gewandert; wie er vor zwey Jahren wiederkam, da hätte er gleich die Wittib im Hecht heyrathen sollen. Ich war eben auch zum Ochsen in Dienst getreten. Er hat mir oft seine Noth geklagt. Das Gott erbarm. Es ist doch nicht recht, daß man den jungen Menschen hat zwingen wollen, eine alte Frau zu heyrathen, die seine Mutter seyn könnte. Ich habe ihn so viel getröstet, als mir möglich gewesen, aber ganz in der Stille. Denn Sie glauben nicht, wie meine Herrschaft fluchen und lermen kann, wenn sie den Sohn und mich mit einander reden sehen. Indessen fieng der Geist an zu poltern. Der Wirth und die Wirthin waren sehr furchtsam. Niemand als der Sohn hatte das Herz, des Abends die Stiege hinauf zu gehen. Ich selbst habe die ersten acht Tage in der Küche geschlafen. Aber, dachte ich, nun kömmt das Portiunculafest; da will ich für das Gespenst den Ablaß gewinnen. Kaum hatte ich den Gedanken gefaßt und meiner Frau gesagt, so ließ mich der Geist in Ruhe schlafen gehen. Und seither lermt er nur, wenn ich schon in meiner Kammer bin. Ich muß ihm also doch in etwas seine Pein vermindert haben. Zweymal hat er sich vor mir sehen lassen, und freundlich gelächelt. Er siehet ganz weiß aus, nur hat er beyde Hände und die Nase schwarz. Der Sohn sieht ihn oft; und wenn fremde Gäste im Haus übernachten, denn Bekannte kommen nicht mehr, so muß der Johannes im nämlichen Gang neben meiner Kammer schlafen; dann ist alles stille. Enfin , nach meinem Exorcisimus war drey Tag Ruhe. Als aber der Sohn mit unserer Weinfuhr nach Hause gekommen, fieng in nämlicher Nacht das Gepolter wieder an. Et, quod mirandum , das Gespenst plagte und ängstigte auch die Magd, so daß sie andern Tags wie verhext aussahe. Ich wurde gerufen, überdachte alle Umstände, und beschloß im Wirthshaus zu übernachten. Ich holte mir einen Partikul de vestimento Smi Patris nostri , wiederholte mein Exorcismos, und alles blieb stille. Ich hatte mich mit der Stoll in einen Lehnsessel gesezt, den Weyhwedel in einer und mein Benedictionale in der andern Hand. Die die Stubenthür hatte ich gegen den Gang aufgelassen und alle Leute in ihr Zimmer gehen heissen. Mit dem Glockenstreich 12. Uhr hörete ich auf der Bühne ein gräßliches Geschlepp von Ketten und Rollen. Das Gespenst kam mit schweren Schritten die Stiege herab. Ich fieng an zu beschwören, blieb aber in meinem Sessel sitzen. Und, damit ich es kurz mache, kaum hatte ich El + Elodim + Sother + Athanatos + Tetragramaton + Behyros + ausgesprochen, so flog ein noch brennender Bogen Papier in das Zimmer – und der Geist war verschwunden. Ich faßte alle meine Courage zusammen und hob das Papier auf. Eine Seite war ganz überschrieben, in dem andern halben Bogen aber hatte das Gespenst seine brennende Hand eingedrukt. Ich habe es zu Haus und kann es stündlich aufweisen. Das geschriebene weiß ich auswendig. Es hieß: »Gelobt sey Jesus Christus. Alle gute Geister loben Gott den Herrn. Ich thue dem Hochw. Herr P. Guardian zu wissen, daß ich im Fegfeuer bin, und unaussprechlich viel leide. – Ursach warum? Weil ich mit hab haben wollen, daß der Johannes die Hechtwirthin heyrathen sollen, wegen ihrem Geld. Und weilen die Ehen im Himmel gemacht werden, und mein Enkelsohn nicht mit ihr glücklich worden wäre, und ich doch mit ihm gezankt, und oft gesagt, er müsse sie nehmen, und also ihr ungerechtes Gut wollte in meinem Haus haben, so muß ich jetzt leiden. Es kann mir aber geholfen werden, wenn mein Tochtermann 24. Messen am Antonius=Altar lesen läßt, und neun Diensttage haltet, und seinem Johannes ein armes Mädgen, das fromm ist, zur Frau giebt. Da sollen Euer Hochwürden, Morgen früh um 7. Uhr, alle Leute die im Hause seyn werden mit in die Kirche nehmen, und am Antonius=Altar Meß lesen, und, wenn sie den letzten Segen geben, wohl acht haben, wer nießet; und die soll der Johannes heyrathen. Zeugniß meine Hand, die eingebrannten fünf Finger!« Ich dachte, wer muß das seyn; habe aber keinem Menschen nichts davon gesagt. Die Leute nahm ich alle mit in die Kirche. Es waren zwey Nähemädgen und die zwey Mägde, nebst dem Wirth, seiner Frau und Sohn. Ich bin selbst begierig gewesen auf des Gericht Gottes, und einen so augenscheinlichen Fingerzeig der weisen Vorbestimmung catholischer Ehen im Himmel. Und siehe! Wie ich das letzte Creuz machte, fieng übernatürlicherweise die Magd Catharina an über zehnmal nacheinander zu niesen, daß man glaubte der der Kopf müsse ihr zerspringen. Nach der Meß nahm ich alle in die Michaels=Capelle, und eröfnete dem Wirth und den Umstehenden die ganze Sache. Die Magd wollte absolute nicht heyrathen, und sagte, sie habe die Keuschheit verlobt. Der Johannes wollte auch nicht daran; und der Wirth stuzte. Als ich ihnen aber zusprach, und aus göttlicher heiligen Schrift bewiesen, daß sie sich nach dem Willen des Himmels fügen müßten, und daß das Gelübde der Keuschheit in ein anderes, z. E. mit Einschreibung in unsere drey Orden, des Ehestandes ungeachtet, verwandelt werden könne, da gaben sie sich zufrieden. Der Geist blieb von Stund an aus. Sie wurden sechs Wochen darnach copulirt, leben recht vergnügt, und sind unsere besten Gutthäter. Und sehen Sie, das ist mir selbst begegnet, Herr Pfarrer! Wer will mir noch Gespenster läugnen? Der Dechant, welcher ganz aufmerksam zugehöret hatte, bekräftigte die Sache als unläugbar; mit dem Beysatz, er habe sich in seiner Jugend auch mit Beschwörungen abgegeben, einen Teufel ganz allein, und noch einen in Compagnie mit dem verstorbnen P. Damasus ausgetrieben, auch gegen die Hexen ein Paar recht kräftige Segen gehabt. Es sey ihm aber durch eine alte Bestie, er kenne sie wohl, das Buch gestohlen worden. Und seitdem, wann Leute von ihm Hülfe begehrten, schike er sie zu denen P. P. Franciscanern. Unser einer, sagt er, mag sich mit dem Geschmeiß nicht verfeinden, und die Herren Patres haben wirklich geheime Zwingsegen die besser als des Cleri Secularis ihre sind. Ja freylich sind sie besser, sagte P. Fulgentius; per Privilegia Pontificia ist uns auch mehr Kraft beygelegt und übertragen worden. Wer kann z. E. Hexenpantöfelein machen als wir? Ich habe das Geheimniß davon recht glücklich durch einen Capuciner aus der fränkischen Provinz erschnappt, und seitdem, wie der P. Guardian weiß, rechte Wunderdinge damit gethan. Was ist das, fragte der Dechant? Da holete P. Fulgentius seinen Theck unter dem Ermel hervor, und wies uns kleine Stücklein Holz, recht artig wie ein Pantoffel geschnizelt, woran der Absaz von schwarzlechtem [schwarzpechtem] Wachs angeklebt war. Das, sagte er, ist die wahre Panacea Coelestis gegen alle Hexerey. Wenn alle Segen, Bilder, geweyhte Wasser fehlen, so darf ich nur in dem Zimmer oder Stall eines behexten Hauses, an einem Freytag, in Commemorationem Passionis \& Stigmatum , mit einem neuen Bohrer, über der Thür und einem Fenster zwey Löcher machen, ein solches Pantöfelein hinein steken, die Löcher wieder mit Zapfen und Creuzdorn zuschlagen, und dann dem verhexten Menschen oder Vieh einen Lucaszettel im Dreykönigswasser eingeben, so ist mit einem einzigen Fugite partes adversae vollends alles geschehen. Gott Lob, es hat mir noch nie gefehlt, und das ganze Kloster weiß, daß wir dadurch schöne Almosen bekommen haben. Es sind noch keine drey Wochen, fuhr er fort, da kam eine Frau in Kindsnoth. Ich mag sie nicht nennen; es ist aber eine junge Frau, die der Herr P. Guardian wohl kennet, und wovon wir vielleicht kaum gesprochen haben. Sie ist erst seit fünf Monaten copulirt; und da hätte sie noch nicht niederkommen, oder ein todtes Kind zur Welt bringen sollen. Sie war aber überaus dick, und man sahe, daß Leute die ihr Glück beneidet, ihr Malefitz beygebracht hatten. Die Hebamme war verlegen, und kein Mensch glaubte, daß sie ihr Leben durchbringen werde. Der P. Guardian ist nicht zu Hause gewesen; da liefen die Leute zu den Augustinern und holten einen Monica=Gürtel. Des Burgermeisters Frau schikte zugleich eine Christilänge und Loretohäublein, aber umsonst; denn weil die Frau in unserer Brüderschaft eingeschrieben ist, konnte ihr nichts aus andern Klöstern helfen. Endlich bin ich geholt worden. Kaum als ich ihr den Lucaszettul, in welchen ich ein wenig von meinem Hexenpantöflein abgeschabet hatte, eingegeben, so gebar sie ein grosses starkes Kind, so aussehend, als wenn sie es ganz ausgetragen hätte. Aber damit war es noch nicht genug. Das Kind hatte die rechte Hand fest zugeschlossen; und, wie man solche eröffnete, was fand man? Den nämlichen Lucaszettul ganz unversehrt, den ich der Mutter eingegeben hatte. O Mirabilia die in Creaturis dachte ich! Wenn ich nur ein halb Duzend Lutheraner bey Handen gehabt hätte, da wollte ich ja augenscheinlich ihnen die Wahrheit unserer alleinseligmachenden Religion bewiesen haben. Drey Miracul so zu sagen an einem Stiel. Alle Malefitz verschwunden – ein fünf Monat getragenes Kind vollkommen in einer Minute auswachsen – und den Lucaszettul in der Hand. Ich bezeuge es als Priester. Und die jungen Eheleute würden schwerlich so dankbar seyn, wenn es nicht wahr wäre. Sehen sie, sagte er, der Tabak, den ich schnupfe, und dieses Schnupftuch sind von ihnen; das sind lebendige Zeugen. Es wurde noch lange von der Sache gesprochen, und den Ketzern der Proceß gemacht. Der Dechant sagte, er wäre begierig, dem alten Schurken, dem Gutmann, mit so einem augenscheinlichen Wunderwerk eins auf die Nase zugeben. Der Wein war aus – und wir stunden von Tisch auf, weil gottlob der Dechant nach Haus wollte, und P. Guardian vorher noch mit ihm allein zu sprechen verlangte. P. Fulgentius gieng in den Garten, und meine Curiosität trieb mich an mein Fensterlein. Es betraf aber nichts anders, als daß der Guardian dem Dechant eine Heyrath zwischen dem Amtschreiber von F** und seiner im Haus habenden Base vorschlug, und wegen des Heyrathguts in Unterhandlungen eingieng. Eine halbe Stunde hernach marschirten die Herren Franciscaner, und ich begleitete meinen Herrn Visitatorem in des Amtmanns Chaise nach Haus. Unterwegs schlief er meistens; folglich war ich seiner Ermahnungen los. Er bezeugte mit meinem Tractament zufrieden zu seyn. Und ich bin es auch, wenn nur meine dabey gemachte Schulden bezahlt wären. Lieber Herr Bruder, da hast du einen zweytägigen Bericht. Die Augenblicke des dritten Tags, welche ich mit meinem Brief an dich zugebracht, sind mir doch die vergnügtesten. Morgen gehe ich zum Gutmann. Er muß mir meinen Lügen und aus meiner Gäste Träumen helfen. Lebe=wohl! Deine silberne Löffel habe ich apart gepackt, und dem Boten die Lieferung zu eigenen Handen befohlen. Zwölfter Brief. Den 29ten. May. 1770. Ich komme wirklich von Hrn. Gutmann nach Hause, und finde deinen Brief, der mir so angenehm als beruhigend ist. Wie ich sehe, so bist du mit mir, was unsere Obere und den Mönchen=Despotismus betrift, in gleichen Umständen. Allein, Gott hat dich mit ererbten Mitteln, und bessern Amtseinkünften, als mich, gesegnet. Du hast bereits eine zahlreiche Bücherversammlung, und Gelegenheit genug, dich mit vernünftigen Leuten zu besprechen. Ich aber habe mit allem meinem guten Willen noch keine Stunde zur Besserung meines rohen Verstandes anwenden können, als seit dem glücklichen Augenblick, der mich zur Bekanntschaft mit meinem so wohlthätigen alten Hofmeister geführt. Dieser rechtschaffene Mann fährt fort, sich meiner Unwissenheit zu erbarmen. Ich bin in seiner Gesellschaft nichts als Ohr, und, wenn mich nicht die Bescheidenheit zurückhielte, so würde ich ihm den ganzen Tag über dem Hals sitzen. Er nennet mich immer seinen pythagorischen Schüler, weil ich schweige, lehrbegierig zuhöre, und seiner Redlichkeit unbedungen glaube. Heute zwar bin ich nicht so stumm als gewöhnlich gewesen; denn ich erzählte ihm alle meine Abentheuer mit dem Dechant und beyden Franciscanern. Wie liebreich hat er sich nicht geäussert, daß er meine Nothlügen zu Wahrheiten machen, und bey seinem ersten Ausfahren in die Stadt dem Dechant einen Besuch geben wolle. Wenn ich dadurch nur so viel zuwegebringe, sagte er, daß er ihnen, Herr Pfarrer, den Umgang mit mir zu keinem Laster aufrechnet, so habe ich gewonnen genug. Da sie mein pythagorischer Lehrling sind, so wollen wir, nach dieses friedliebenden Weltweisens Grundsäzen, den Krankheiten des Staatskörpers und der Unwissenheit des Geistes vorzüglich den Krieg erklären. Den Herrn Dechant werden die sieben Weisen aus Griechenland nun nicht mehr bessern: Seine Art zu denken ist mit in seine schon steife und bejahrte Natur verwebt: Expellas furca, tamen usque redibit . Man muß ihm also nur ein Kerzgen anzünden, ne noceat . Das will ich gerne ohne alle Niederträchtigkeit thun. Daß sie ihm aber gar viel von meiner Hochachtung gegen ihn vorgesagt haben, ist ein wenig zu weit gegangen gewesen. Ueber ihre Franciscanergäste habe ich nichts zu sagen. Erasimus pflegte die Mönche mit dem Ausdruck zu bezeichnen, quibus mundus caruit, quando fuit optimus. quibus ... – sie verzichten gern auf den ganzen Erdkreis, wenn sie nur auf ihrem Platz die Tüchtigsten sind. Sie werden nun aus eigner Erfahrung gefunden haben, daß ich letzthin diesen heiligen Männern nicht zuviel gethan, als ich ihnen a priori ihre Eigenschaft geschildert habe. In Bethörung des gemeinen Volks durch Aberglauben, Andächtlereyen, Intriguen, Geschwätz, Heyrathsstiftungen und Fuchsschwänzen bestehet ihr ganzes Geheimniß. Dieß ist ihr Gewerb, ihr Acker und Pflug: Zu allen Zeiten war dieses ihr Geschäfte. Die eigene Erfahrungen überheben uns der Mühe, Beweise für unsere Tage aufzusuchen; aber ein paar ältere Zeugnisse, da es ihnen an Büchern fehlet, müssen sie sich doch aufzeichnen. Ludovicus Thomasinus führet in seinem Buch T. III. part. 3. libr. 2. c. 57. n. 3. an, daß Mattheus Paris auf das Jahr 1246. erzähle: In Engelland wären zwey Archidiaconi, ohne ein Testament gemacht zu haben, in einem unglaublichen Reichtum an Geld und Mobilien verstorben. Ihre Erbschaft sey also Laien, ihren Anverwandten vermuthlich, anheim gefallen. Der Pabst, welcher freylich eine so schöne Baarschaft in die Augen gestochen haben wird, forderte, daß dergleichen Verlassenschaften von Geistlichen, die ohne ein Testament verstorben, dem Apostolischen Stuhl verfallen seyn sollen, und setzet hinzu: Id ut expugnaret, Dominicanorum \& Franciscanorum opera usus est. Sed invictissime restitutum à Rege est. d ... – Auch wenn es erpreßt ist, wie bei Dominikanern und Franziskanern üblich, so ist es unbedingt dem Schatzhaus des Papstes einzuliefern. Noch mehr, solche Geschichten können sie bey Hericourt Loix Ecclesiastiques Part. I. col. 105. und in dem Leben Stanislaus I. Königs in Polen T. I. p. 61. lesen. Sie wissen aber nur die Unwissenheit des grossen Haufens, mit sinnlichen Anthropomorphosien künstlich zu unterhalten; der kluge weiß freylich, was er davon zu denken hat. In unterschiedenen Landen fängt ihr Reich an zu wanken. – Vielleicht sind sie so glücklich es noch zu erleben, daß dieser Mönche Nachkömmlinge einst noch dem gemeinen Wesen nützlich werden. Aber freylich muß man sie erst ganz umschaffen – und das kömmt mir gar nicht unmöglich vor. Projecte machen ist zwar meine Sache gar nicht. Gott soll mich und meine alte Tage bewahren, daß, wenn es auch nur ein Gedanke wäre, von mir etwas dergleichen in das Publicum käme. Vestigia terrent . Es soll mir so bald nicht entfallen, wie übel es im vorigen Jahre dem patriotischen C*** bekommen, da er mit den reinsten Absichten, wie ich glaube, aber in einem noch mit Vorurtheilen und knechtischer Unterwürfigkeit für die Mönche eingenommenen Freystaat, etwas zu ernsthaft solche Wahrheiten vertheidigt hat. Nolite tangere – – soll sich ein jeder zu seinem Morgengebet als einen Vorsatz für den ganzen Tag beschliessn: Und wem seine Gemüths- und Leibesruhe lieb ist, wer seine Tage in Ruhm und Ehre hinzubringen gedenket, der enthalte sich die Kutten zu beunruhigen, die unser Volk noch blind verehret. Mein l. Herr Pfarrer, sagte er, denken sie immer auf das zurück, was ich ihnen vor mehrern Tagen bereits gesagt habe. Ich bin im Herzen ein guter catholischer Christ, und ehre einen rechtschaffenen Geistlichen, als den Diener unsrer Kirche, als den Nachfolger der Apostel, als den Beförderer meiner künftigen Wohlfahrt. Allein, indem ich sein Amt und seine Verrichtungen hoch schätze, so bleibt er mir immer in denen ausserkirchlichen Handlungen ein Mensch wie ich; d. i. er hat Leidenschaften, Temperamentsfehler, Schwachheiten, Vorurtheile, Erziehungsmängel und die ganze Zubehörde der an unsere Natur gehefteten Unvollkommenheiten. Lehret er mich nach der Vorschrift der göttlichen und Kirchengesetze, so thut er darinn eben so seine Schuldigkeit, wie z. Ex. der besoldete Professor einer Universität, welcher mich in philosophischen oder rechtsgelehrten Dingen unterrichtet. Er ist ein Diener des gemeinen Wesens. Ich fordere von ihm nicht, wie eine besondere Gattung Protestanten ihre Geistliche haben wollen, daß er nämlich die menschliche Natur ausziehen und eine engelreine dagegen annähmen müsse; denn das kann er nicht. Aber so lange er mein sündiger Mitmensch verbleibet, soll er mir weder etwas weiß machen wollen, noch von mir fordern, daß ich ihn, ausser seiner geistlichen Gewalt, die ihm die Weihung, aber nur in Dingen gegeben, die meine Religion erfordern, für einen Heiligenleib halten, für einen Tugendspiegel achten, und wenn ich ihn in Gesellschaft, etwan gar im Wirthshaus oder in noch fleischlichern Gelegenheiten, betrachte, dennoch in gebeugter Ehrfurcht vor ihm zittern soll. Ich muß auch gestehen, daß es der Status Petrinus , die Weltgeistliche und auch endlich der Mönch im eigentlichen Verstand, nämlich der Benedictiner, Bernhardiner, Norbertiner etc. gröstentheils nicht begehren. Aber der Mendicant ist um so eifersüchtiger auf seinen Bettelstaat. Und er entblödet sich nicht, von den Leuten zu fordern, daß er ihn desto mehr vergöttern soll, je weiter er sich von der gesitteten Lebensart der übrigen Menschen entfernet, und sich gleichsam als ein merkwürdiges Wunderthier aufführet. Er pranget mit seiner schmierigen geflikten Kutte, die er als eine unausstehliche Marter auf dem blossen Leib ausgiebt. Der männliche Weichling, das zärtliche Frauenzimmer glaubet es ihm auf sein Wort, und bedenket nicht, daß unsere Haut alles gewohnen lernet. Der Engelländer, der sich seiner Gesundheit wegen den Leib mit Bürsten reiben läßt, kann nach Verlauf eines Vierteljahrs fast keine mehr finden, die ihm nicht zu weich scheint. Ich selbst trage, gewiß nicht aus Andacht, sondern gegen mein Hüftweh, schon lange Jahre einen groben Flanell um meine Lenden. Die ersten acht Tage duldete ich das kaum erträgliche Zucken, aus Begierde meiner Schmerzen künftig überhoben zu werden. Das war bey mir der Enthusiasmus der mich bewog; und der junge Mönch hat den seinen zur Abtödung des Fleisches. Nun mag ich auch das gröbste Wollenzeug nehmen, so fühle ich es nicht mehr. Der Arme, der weder Schuhe noch Holz hat, ist viel schlimmer daran, als der Franciscaner und Capuciner der auf Sandalien gehet und im Refectorio den warmen Ofen genießt. Mit ihrem Geiseln pro forma \& consuetudine hat sich noch keiner, er müßte denn stultus propter regnum caelorum gewesen seyn, eine Ribbe beschädiget. Der Soldat in dem Felde, der Gelehrte bey seiner Studierlampe, der Minister im Cabinet, der Wollüstling auf dem Ball und beym Nachtschwärmen, der Arme für sich und seine Kinder ums Brod besorgte Taglöhner, müssen sich weit mehr den Schlaf brechen, als der Mönch, der zu Bette gehen, und, wenn er es ausrechnet, seine wolgezählte sieben Stunden mit gewohnter, folglich ihm natürlich gewordener Unterbrechung ruhen kann. Des ersten rechnet man ihr Wachen zur Schuldigkeit, oder zu einem Laster; dem Mönchen aber zur seligmachenden Tugend. So unbillig sind die Vorurtheile! Das Gesang, ich mag es nicht Brüllen nennen, womit sie den allmächtigen Gott übertauben, wenn es möglich wäre, und die Nachbarschaft beunruhigen, wurde ehemals den heidnischen Pfaffen sehr übel genommen. Nun ist es als die Gottgefälligste Sache geheiliget. Sogar das Ungeziefer und der Gestank, womit der Bettelmönch ehrlicher Leute Häuser verunreiniget, das Eyergelb, womit sich St. Seraphin den Bart beschmiert, wird zum Beweis der in ihnen über andere Menschen gereinigten Seelen. Indessen lebet ein einziges Kloster von 36 – 50 solcher Männer besser, und hat einen stärkern Aufwand, als 50 ehrbare Laien=Haushaltungen. Sie betteln kein Geld sondern nur Lebensmittel. Wer aber nicht Ehre und guten Namen verlieren will, der muß geben; und wer schon auf der Mönche vielvermögendes Vorwort bey Gott und seinen Heiligen zählet, wird ihnen nichts abschlagen. Man giebt also das Beste was man im Hause hat oder bekommen kann. Man thut sich selbst wehe; der eine, weil er es Gott selbst zu geben glaubet, der andere, weil er sich nicht mag ausrichten lassen, und auch wohl manchmal weil er nicht ohne Grund hoffet, daß es der Mönch erzählen und ihm damit ein Ansehen, ein Großthun und einen Nachklang von Reichtum verschaffen werde. Neben den Victualien ertragen die Messen eine beträchtliche Baarschaft. Und während der Zeit, da der Bauer dem Pfarrer Schuhnägelköpfe und geründeten Hammerschlag auf dem Altar opfert, trägt seine Frau 20. oder 30. gewaschene Kreuzer in das Kloster, und bittet um eine Zwingmeß, damit ihre Nachbarin, eine alte garstige Frau, die eben darum eine Hexe ist, weil ihr das Alter eine runzliche Haut und wunderlichen Humor gegeben hat, die Kuhe, welcher sie die Milch genommen haben soll, ferner unbehext lassen, und den Gänsen eine gute Brut verleihen möge. So betrüglich sind unsere bestgemeinte Urtheile und Handlungen, wann sie auf den falschen Grund des verjährten Altertums der Unwissenheit und mit dem Zeitverlauf geheiligten Aberglaubens gebauet werden. Ich muß ihnen hier, sagte er, eine Stelle zeigen, die ich erst vor ein par Tagen aus dem zwar protestantischen Buch des berühmten Abbts Jerusalems über die Betrachtung, daß Gott der allervollkommenste Geist sey, wieder gelesen habe, und sie hieher gar wohl passet. Sie ist vernünftiger, entscheidender und deutlicher als alles was ich ihnen sagen könnte. Sie dörfen das Buch nicht lesen, weil sie keine Licenz noch darzu erkauft haben; aber diesen kleinen Auszug mögen sie sich wohl merken, oder gar abschreiben. Plato sagt, daß die Götterbilder der Egyptier auch zu seiner Zeit noch nicht schöner hätten gemahlet werden dürfen, als sie es 1000. Jahre vorher gewesen; und diese unförmliche Abbildungen hatten in den Augen der Egyptier schon allein so was heiliges, daß sie auch gleich kein Bedenken mehr hatten einen infamen Antinous unter ihre Götter aufzunehmen, sobald er nur eben so steif wie die übrigen gezeichnet war. Ein merkwürdiger Beweis wie die Vernunft, bey allem übrigen Wachstum in Geschmack und Scharfsinnigkeit, an die unsinnigsten Begriffe, sich gewöhnen, und, wenn sie erst durch das Alter ein ehrwürdiges Ansehen bekommen haben, und in Pomp eingekleidet sind, sie vergöttern kann, ohne daß die Philosophie ohne Hülfe ausserordentlicher Revolutionen es wagen dürfte sie angreifen zu wollen. Ohne solche Hülfe, die die Vorsehung jedes Mal selbst veranstalten und bereiten muß, ist alle Vernunft nicht hinreichend eine allgemeine Erleuchtung zu befördern. Sie ist ein Licht das nur einen Mann erleuchtet, aber mit demselben auch in Gefahr ist zu verlöschen. Socrates sahe die Ausschweifungen des Aberglaubens seiner Vaterstadt; er sahe sie; aber weil er sich es merken ließ, mußte er den Giftbecher trinken. Plato sahe sie auch; aber, durch das Exempel seines Lehrmeisters gewarnet, sprach er mit Fleiß zweydeutiger, und opferte den Göttern mit allem Pöbel. Die Philosophie, sagt Herr d'Alembert, wagt es allein nicht, die Schranken des Aberglaubens zu zerbrechen; sie wartet bescheiden bis die Zeit sie öffnet; und wenn sie es eher wagt, so sind ihre Versuche sehr mißlich. Alle angegriffene Herrschsucht ist rachgierig; und was kann rachgieriger seyn als herrschende Irrtümer, die vom Pöbel angebetet, und von der Politik unterstützt werden? Der Tod von einem Sokrates hilft zu ihrer Bekämpfung nichts. Hierzu wird das Blut vieler Heiden erfordert; und viele solche Heiden macht die Philosophie nicht. Ein einziger drohender Befehl, so schwört der Verfasser seinen Esprit eben so niederträchtig, als er ihn stolz und zuversichtlich vorher bekannt gemacht. Selbst der große Geliläi, der Vater der wahren Naturlehre, der zuerst die Vernunft mit der Natur recht bekannt gemacht, muß, um dem Zorn des H. Officii zu entgehen, seine Einsichten verläugnen.« Sie werden, fuhr Herr Gutmann fort, was sie da gelesen haben, unläugbar wahr finden, wenn ich ihnen die darinnen vorkommende historische Anspielungen von Socrates, Plato, Helvetius und Galiläi, erläutere. Socrates war – – – Doch ich mag sie dir nicht wiederholen, Herr Bruder; du bist gelehrter als ich, und weist es schon. Wir finden uns, sagte mein gutmeynender Lehrer, noch wirklich in dem Fall vorgedachter Egyptier. Das ausserordentliche der Kutten, der Strick, das geschorne Haar, die Sandalien, der runde Capuz des Franciscaners, und, wenn etwa jemand wie bey Samson die Stärke in den Haaren sucht, auch der Bart und die spitzige mit langem Proceß erfochtene Capuz des Capuciners, dienen dieser Gattung geistlicher Sonderlinge zu Beweisen der Heiligkeit. Ihre vilen Erzählungen und Wundermährlein stellen sie dem gemeinen Haufen des Pöbels als besondere Lieblinge des Himmels dar. Und wenn, daß ich nur einige Exempel anführe, so ein Mann, der täglich Meß lieset, mithin im Stand der Gnaden seyn muß, zu welchem sich keine Lüge passet, mit einer dreisten Mine versichert, daß alle Geistliche der drey Orden Francisci, samt denen so St. Franzens Strickgürtel tragen, täglich alle Ablasse erwerben, welche in ganz Rom und Jerusalem, sind; wenn er zu der Bürgers- oder Bauernfrau (und wollte Gott, man dürfte den höhern gesittetern Stand des schönen Geschlechts nicht auch mitbeyzählen) mit unbegreiflicher Kühnheit spricht, die H. Margaretha habe vor ihrer Marter von Gott erlangt, daß alle Weiber, welche ihr Gedächtnis begehen und sie anrufen würden, mittelst eines Gebets das sie der Pater lernet, eine glückliche Geburtsstunde haben, und einer gesunden Frucht genesen müßten; wenn er sagt, er wisse eine Litaney, durch welche die H. Coletta allemal in ihren Nöthen eine schleunige unfehlbare Hülfe erlanget habe; wenn es aus den Offenbarungen der H. Brigitta erzählet, daß durch gewisse ihm bekannte Seufzer ein grosser Sünder verdient habe, daß die Mutter Gottes sich seiner angenommen, und ihn vor Gottes Gericht beschützet habe; wenn er dabey etwas von der H. Mechtildis vorplaudert; das Leben der in Schwaben und Bayern hochgepriesenen Crescendia und alle ihre Wunderwerke herzupreisen weiß, und Amulete, Segen und Mittel wieder Hexen, Unholden und Gespenster austheilet, so ist diese geistliche Charlatanerie ein stets erneuerter Zufluß auf ihre Mühle; und man darf wohl sagen, daß sie eigentlich an dem Fegfeuer die fettesten Suppen kochen. Sie wissen so gut als ich, Herr Pfarrer sagt er, daß ich nicht ein einziges übertriebenes Wort rede. Aber man muß doch billig seyn. Mehrere hunderttausend Mendicanten wollen leben. Sie dürfen keine Güter haben und müssen der Arbeit abschwören. Wann sie wie Weltpriester gekleidet wären, und eben so, bloß nach dem Evangelio und nach den Kirchensatzungen lehreten und predigten, mithin keine gemeine Brandsalben gegen das Fegfeuer, keine Specialcataplasmata über verschwollene Gewissen, keine besondere resolvierende und stärkende Tincturen wider die Hexerey, keine Fumigatoria wider den Teufel und seinen Anhang auszutheilen hätten; so würde man sie eben so wie die arme Weltpriester und Dorfpfarrer in Hunger und Kummer schmachten lassen. Denn es gehet hierinnen wie mit andern Profeßionen; der Quacksalber und Wurmschneider hat allemal mehr Credit und Verdienst als der geschickteste promovierte Medicus. Der Landesfürst (denn dem Pabst kann man nichts zumuthen) der eine Mendicanten=Armee in seinen Staaten beherberget, hat also keine andere Wahl; entweder muß er ihnen das Hausieren mit ihrer geistlichen Waare gestatten, und die reine, die ächte, die geheiligte, die vernünftige Religion preißgeben; oder er muß sie aus seinen Domainen ernähren; oder er sollte bedacht seyn, den allzugrossen Haufen bis auf eine dem Staat nützliche Zahl zu mindern. Einen von diesen drey Wegen mußte er einschlagen; ich glaube nicht, daß ein vierter möglich wäre. Aus den fürstlichen Domainen, wird der Cameralist sagen, können wir nichts abgeben; wir sind ja vielmehr durch die gegenwärtige Staatsbedürfnisse gezwungen, selbst die geistliche bis daher gleich der Arche des Bundes unantastbar gewesene Immunität zu verletzen, und den Kirchendiener als ein Mitglied des ganzen Staats für den geniessenden gemeinen Schutz mit Steuern und Abgaben zu belegen. Wie soll man also unnütze Brodesser sich auf dem Hals lassen, wann die eingehende Renten kaum und oft gar nicht einmal hinreichen, die nützlichen und unentbehrlichen zu besolden? Dem Unterthan ist seyn Beytrag schon bis zur äusserten Möglichkeit auferlegt. Und, wohl zu merken, wann man die Contribuenten berechnet, so wird auf jenes was die Mönche von ihm bettelnd erpressen, und das in manchen Ländern oft einem Hagelschlag gleich kommt, kein Rabbat calculieret. Hat nicht schon Erasmus Roterd. in seinem Brief an Albertum Brandenb. 1519. den 1. Nov. den grossen Schaden berechnet, welchen die Kirche und der Staat von der gar zu grossen Anzahl der Bettelmönche hat? Mundus oneratus est tyrannide Fratrum Mendicantium, qui cum sint fatellites Sedis Romanae, tamen adeo potentiae \& multitudinis evadunt, ut ipsi Rom. Pontifici atque ipsis adeo Regibus sint formidabiles. Mundus ... – Die Tyrannei der Bettelmönche ist dem ganzen Erdkreis eine Last, was selbst der römische Papst erkannt hat, es sind ihrer zu viel, selbst in der großen Stadt Rom. Sogar den Päpsten ist ihr Regiment furchtbar. (Ed Basil. 1540. Libr. XII. ep. 10.) Der Cameraliste wird also ganz gerne rathen, man soll lieber das Land von diesen unfruchtbaren Saugästen befreyen, damit der Baum den unnützverschwendeten Saft den übrigen Tragsprossen desto würkender zuführen könne. Allein das hiesse eben so viel, als nach Art der Cherokesen in America den Baum gar umhauen, damit man ein duzend Aepfel desto gemächlicher abpflüken könne. Damit wäre ich nun nicht zufrieden. Denn man muß in einem Staat für allerley Gattungen Krankheiten Spitäler haben. Es sind zwar wenige, aber doch giebt es solche Enthusiasten, deren Krankheit in einem übertriebenen Wahn und in einem seltsamen Begriff von dem Weg zur Seligkeit bestehet. Diese Art Leute wollen sich nicht bereden lassen, daß ein Weltmann auch damit selig werden könne, wenn er Gott, nach den Grundsätzen der geoffenbarten Religion, und seinem Nebenmenschen mit treuen Herzen dienet, besonders aber, wenn er durch die Freude eines liebreich gesegneten Ehestandes dafür sorget, daß die Welt nicht aussterbe; und wenn er ein leinen Hemd, Strümpfe und Schuhe trägt, sich nicht dreymal wochentlich geisselt, und täglich eine bestimmte Anzahl mystischer Worte hersagt. Diese Gattung hypochondrischer Temperamente würde unter den geschäftigen Bürgern eben so wenig Nutzen schaffen, als ein Engelländer, wann er seinen Anfall von Splie bekömmt. Da gleichwohl ihre Absicht gut ist, und sie ihre Melancholie dem l. Gott, wie eine Frau auf dem Todbette ihren Unglauben, aufopfern wollten, so gehören sie, als mit dem – – behaftet, in eine heilsame Absonderung, also in ein Kloster. Da sollen sie fasten, ihren Leib casteyen, mit Meßlesen ihren Unterhalt verdienen, und für die sündliche Welt beten. Wobey ich aber die Einrichtung also treffen würde, daß diese in dem Kloster nichts zu befehlen haben dürften, und nicht zum Beichthören gebraucht würden. Denn ihr Enthusiasmus gehet gar leicht in einen Fanatismus über, und dann wird er gefährlich. Eine andere Art Menschenkinder werden mit einer guten Anlage zu Studien, aber mit einem schwächlichen Körper geboren. Ihre Aeltern sind arm, und mit vielen Kindern beladen. Mein Candidat hat den Trieb etwas in den Wissenschaften zu thun, und in der Welt weiß er nicht fortzukommen. Er ist zu einem Soldaten entweder zu klein, oder es mangeln ihm die Einschneidzähne, oder sonst eine Kleinigkeit, daß ihn der Commissarius bey der Assenta ausmustern würde. Zum Handwerk ist er zu schwach, und das Bauernwesen nicht gewohnt. Da ist es alsdann eine Erleichterung für den arbeitsamen Haufen, wann dieser sonst wackere Mensch in einem Kloster seine Versorgung findet. Diesen dispensire ich vom Fasten und Geisseln. Der darf nur fromm seyn und beten, quantum fatis . Ich schaffe ihm Bücher nach seiner Neigung; und dieser soll dem Nächsten damit nützlich werden, daß ich durch ihn und seines gleichen freye Schulen für die Jugend errichte. Ich finde auch, daß es nützlich sey, wenn eine mäßige Anzahl wohldenkender, gesunder, und dem Geiste nach arbeitsamer Männer sich in den Klöstern befinden. Aber hier, sagte Herr Gutmann, muß ich mich etwas weitläufiger erklären. Haben sie Geduld, und denken sie immer, daß es nur ein Traum ist. Wann sie auch ein bisgen dabey schlummern mea pace . Ich bin schon vor einigen Augenblicken in das Schloß zu meiner l. Mutter gerufen worden; und da ich keine bequemere Gelegenheit mehr bekommen könnte abzubrechen, so überschicke ich dir diesen Brief. Die Fortsetzung soll bald folgen. Alle Staatslehrer predigen die zu mehrende Bevölkerung eines Landes als die gröste Glückseligkeit des bürgerlichen Verhältnisses und des Staats. Ich habe nicht das allergeringste wieder diese Predigt einzuwenden, die der allgemeine Ton ist, auf den alle Philosophen, Moralisten und Theologen gestimmt sind. Er ist um so löblicher, als er unserer Natur überaus angemessen ist, und dem menschlichen Herzen Ehre macht. Aber sind in den meisten Staaten von Europa nicht schon Menschen genug, die ihren Unterhalt kaum noch finden können? Es lohnet sich der Mühe, diese Frage einer genauern Prüfung zu unterwerfen. Ich will es nur in abgekürzten Säzen thun, um Gelegenheit zum Nachdenken darüber zu geben. Die unten angeführte süßmilchische Berechnungen überzeugen uns, daß von Zeit zu Zeit mehr Menschen geboren werden, als sterben. Die neue Heilungsart der Hrn. Aerzte, wenn es mit derselben so beschaffen ist wie sie uns bereden wollen, und wenn es nichts als die Inoculation der Blattern wäre, dienet darzu, dem guten Charon sein Stück Brod ansehnlich zu schmählern. Gleichwol will die Handlung in den meisten Staaten im Reich nicht viel sagen, und die hier und da zerstreute Kaufleute sagen, daß sie keinen Verdienst haben. Die Künste ernähren ihren Mann nur sehr schlecht. Die Handwerker sind meistens übersetzt und geben kaum das trokene Brod. Der Landmann bedarf um so weniger einer weitern Vermehrung, als seine Güter ihn noch kaum ernähren, und wenn er sie unter seine Kinder theilen muß, so geben sie ihnen nicht wohl halb Brod. Taglöhner können sie nicht werden, weil, wenn manche Gegenden keine heilsame Aderläße bekommen, ohnehin alles beynahe Taglöhner seyn wird. Fruchtbare Gegenden können sie nicht suchen; denn wo sind sie? Wenn die, welche noch eine Bevölkerung leiden können, ihre Bewohner ernähreten, so würden sie schon vorlängst bevölkert seyn. Die Auswanderungen sind so übel nicht als sie ausgeschrien werden wollen. Aus einem Dorf, wo der Hausvater mit den Seinen sein Brod findet, gehet sicher keiner. Sollte auch jezuweilen einer, in der Hoffnung es besser zu bekommen, abreisen, so ist es fast desto besser, weil andere seine Güter an sich kaufen und sich einen hinreichenden Unterhalt verschaffen können. Ich bin von mehr als einer Auswanderung ein Augenzeuge gewesen, und habe gefunden, daß jedesmal nur diejenigen wanderten, welche, wo nicht in sich, doch in ihren Kindern gewiß dem gemeinen Wesen mit der Zeit zur Last gefallen wären. Aus einem Ort von 1500. Seelen giengen 100. auf einmal, und ich kann versichern, daß dasselbe so wenig über diese Wanderung zu klagen hatte, als ein Vollblütiger über den Abgang etlicher Unzen Bluts. Ich denke, diese Betrachtungen, die mir meine eigene Erfahrung an die Hand gegeben, sollten immer auch neben dem Ernst, womit man die Vermehrung der Menschen treibet, beherziget werden. Man wende mir nicht ein, daß, wenn schon die Zahl der Gestorbenen sich zu den Gebornen verhalte wie 10. zu 12. so seyen doch auch die Kriege da, welche diese Ersparniß gewiß auffressen! so daß man also eigentlich nicht sagen könne, es sterben weniger Menschen als geboren werden: Dieses kann von den Ländern, in denen Krieg geführt wird, wahr seyn; aber die wo Friede herrscht, empfinden nichts davon. Würde Sachsen, Preussen, Schlesien und Böhmen sich sobald nach dem letzten Krieg erholet haben, wann die Menschen nicht vorher dünner gemacht worden wären? Man will durchgehends behaupten, daß die Armeen der damals kriegenden Mächte wirklich schon wieder vollzähliger seyn sollen als jemals. Es ist moralisch betrachtet schon recht, daß man die Vermehrung der Menschen auf alle Weise zu befördern suchet. Die Frage aber: Woher nehmen wir Brod, daß sie alle essen, ist auch nicht die geringste, die ausgemacht werden muß. Ich weiß wol, daß man sich über diesen Punct mit allerley Betrachtungen behilft: Man berechnet die Erde nach Quadratmeilen und Schuhen. Man bestimmt die Zahl der Menschen so genau als möglich. Man behauptet, 9100. Quadratschuhe treffen einen Menschen seinen Unterhalt darauf zu suchen. Man gehet weiter und sagt, 25. erwachsene Personen können 100. andern den nothdürftigen Unterhalt verschaffen. So rechnet der Gelehrte auf seiner Studierstube; aber er muß aus derselben herausgehen, und sich in der Welt umsehen, wenn er ein richtiger Beobachter seyn will; alsdann werden ihm folgende Betrachtungen nicht entgehen können: Der von dem höchsten Stand bis zum niedrigsten sich ausbreitende Luxus erlaubet uns nicht mehr, nur von dem zu Fortsetzung unsers Lebens erforderlichen Unterhalt zu reden. Unsere Erziehung und die allgemeine Lebensart hat uns viel zu viel Bedürfnisse gegeben. Wir sind nicht mehr in denen Zeiten, da eine ganze hochadeliche Familie bey einer Pfanne voll Haberbrey das Mittagsmal gehalten und die gnädige Frau sich auf den Wagen gesetzt, wenn sie Aepfel zum Verkauf in die Stadt führen lassen. Wer kann es aber ändern? Es kann gar nicht gedacht werden, daß selbst dem Landvolk die Güter in einer Proportion erhalten werden. Ein jedes Dorf hat einen oder ein paar, Hechte welche die kleine Fische fressen. In den Städten wohnen mehr Menschen als auf dem Lande. Wann eine jede Haushaltung daselbst nur noch einmal so viel jährlich verbrauchte, als eine auf dem Land nöthig hat, so könnte noch eine Gleichheit gefunden werden; aber sie müssen ungleich mehr haben. Die Personen von hohem Rang, welche sich daselbst aufhalten, erfordern, einen jeden einzelnen gerechnet, für ihre Bedürfnisse eine größre Summe, als ein ganzes Dorf. Ich rede von den Monarchen und Fürsten nicht; davon ein jeder täglich mit seinem Hofstaat so viel verzehrt, als 10. Dörfer in einem ganzen Jahr zum Unterhalt nöthig haben. Und dieses alles muß der so sehr verachtete Pöbel anschaffen, theils an Interessen für Capitalien, die im Grund betrachtet viel weniger seinen als seines Darleihers Nuzen befördern. Man seze die grosse Anzahl Klöster bey, so werden die Schwierigkeiten vermehret. So wenig der Engelländer mit 7. Pfund, und der Franzos mit 100. Livr. auskommen kann, so wenig reichen dem Deutschen seine 30. Thlr. hin, die ihm diese philosophische Vorschneider zutheilen. Diejenigen, welche dieses behaupten, kennen die Umstände des ärmsten Landmanns eben so wenig als des Kaisers von China. Sezet man noch hinzu, daß der Gebrauch so vieler ausländischer Waaren zur Nahrung und Kleidung das Geld aus Deutschland hinausschleppt, und so viele Herren kleiner Stücke Landes nicht auf ihren Gütern leben, so glaube ich, nach genauerer Betrachtung dieser Sätze wird sich niemand mehr eine zahlreichere Vermehrung von Menschen unter uns wünschen. Denn in der That, sie könnten sich an vielen Orten nicht ernähren. Der Herausgeber Es sind darüber ein Haufen Bücher von vernünftigen Männern geschrieben, und mit landesfürstlichen Verordnungen begünstiget. Alle Geistliche, insonderheit aber die Mönche, predigen entgegen, und lehren, daß die Keuschheit im unverehelichten Stand, mithin die Entvölkerung, die vorzüglich gottgefällige und den Seelen angemessenste Tugend sey. Ihre Ursachen sind mystisch; aber es gebühret uns nicht, solche, weder zu untersuchen, noch darüber einen Zweifel zu haben. Denn es ist in der allgemeinen Kirchenversammlung zu Trident in der 14. Seßion Can. X. schon zum Gesetz gemacht: »Daß derjenige verdammt seyn soll, der sagen würde, daß der Ehestand dem jungfräulichen oder ledigen Stand vorzuziehen sey, und daß es nicht besser und seliger sey in diesem jungfräulichen und ledigen Stand zu verbleiben, als sich zu verheyrathen.« Wenn es mir nicht befohlen wäre so zu glauben, sollte es mir vor 40. Jahre schwer angekommen seyn; nun ich aber ein kränklicher Sechziger bin, begreife ich gar leicht, wie es den klugen und betagten auch unverehelichten Kirchenvätern zu Muth gewesen seyn mag, als sie eben gedachten Canonem aufgesetzt haben. Vielleicht kömmt einmal ein anderes Concilium, wozu es aber freylich der römische Hof nicht leicht kommen lassen darf, und ändert diesen Satz, wenn es den Fürsten recht Ernst ist die Bevölkerung durch alle dienliche Mittel zu befördern, und dem vor Zeiten mit Strafen verfolgten Hagenstolziat wieder den Krieg anzukünden. Ich läugne indessen nicht, daß doch die Welt, wann Kriege und Pesten ausbleiben, immer mehr anwächst. Man darf nur unser hiesiges und einige benachbarten Dörfer ansehen. Es haben noch deren viele den Namen Weiler oder Hof, zum Zeichen, daß sie ursprünglich nur aus einem oder wenigen Häusern bestanden, und nun 60. bis 80. Familien enthalten. Probst Süßmilch, dieser fleissige und unermüdete Menschenzähler, beweiset uns, daß in den meisten Staaten mehr Menschen geboren werden als sterben. Und, wie gesagt, wir sehen es ja selbst in unsern Gegenden. Alle diese Menschen wollen in der Jugend einen getreuen Unterricht zum Glauben und Gottesfurcht; in dem männlichen Alter eine oft wiederholte Vorpredigung ihrer Pflichten; tröstlichen Vortrag der G duld [Geduld] bey einem mühseligen Nahrungsstand; ermunternde Mahnungen zur Tugend und Abscheu des Lasters; Gelegenheit zu erbaulicher Ausübung der äusserlichen Religionsgebräuchen, und einen kernhaften Beystand in tödtlichen Krankheiten haben. Dieses sind beynahe die pfarramtlichen Schuldigkeiten alle. Allein wie die Zahl der Menschen, der Pfarrkinder zunimmt, so sollten auch die Seelsorger vermehret werden. Und dieses geschiehet nicht. Warum? weil man nicht ausfündig machen kann, woher ihnen das Einkommen, die Besoldungen geschöpft werden sollen. Die meisten Pfarrer, in unserm wie in mehrern Ländern, haben kaum so viel, daß sie mit Wohlstand leben können. Der Landesfürst braucht alle seine Intraden. Und der Bauer muß ohnehin gar oft mehr geben als er erschwingen kann. Der Pfarrer kann sich also keinen geistlichen Gehülfen halten, der die Arbeit mit ihm theilet. Und wann er sich von seinem eigenen Munde so viel abbricht, daß er in kränklichen Umständen auf einige Zeit einen Cooperatorem oder Capellanen hält, so ist dieses ein junger noch unerfahrner Mensch, der alle Stricke anspannet, um bald zu einer eigenen Versorgung zu gelangen. Man betrachte ihn wie man will, so ist er ein schlecht besoldeter Mietling, von dem man weder fordern noch erwarten kann, daß er diesen kleinen Wartdienst sich so sehr angelegen seyn lassen soll. Dieser Sache wollte ich nun dadurch abzuhelfen suchen; daß ich meine Anzahl woldenkender, gesunder und dem Geist nach arbeitsamer Mönche zu Pfarramtsgehülfen, unter völliger Abhängigkeit des Bischofs und gehorsamer Folge der pfarramtlichen Befehlen, hinverwendete. Sie lachen, mein l. Herr Pfarrer; ich weiß was sie damit sagen wollen. Aber erinnern Sie sich, daß mein Hirngespinst nur ein Traum ist, und daß, wie ich schon oft gesagt, meine Mönche ganz umgeschaffen werden müssen. Und die Abschaffung der unerhörten Freyheiten von der Bischöflichen Aufsicht, wie sie Paris nennet, ist auch keine unmögliche Sache. Lesen sie hier diese Verordnung des Senats zu Venedig, welcher allen Vorstellungen des Pabsts ungeachtet, dennoch alle Religiosen und Mönche den Bischöffen unterworffen hat: Es sind fünf unterschiedene Stücke, welche die Streitigkeiten des Pabsts mit dem Senat darüber enthalten, und es wird Sie nicht reuen sie gelesen zu haben. Nur erinnern Sie sich, das dasjenige, was in dem einen Staat möglich gewesen, in einem andern auch wird ausgeführet werden können. Die Einwürfe, die mir ein Vernünftiger wachend machen wird, weiß ich schon. Erstlich wird es heissen: Ich spreche immer von Abstellung des mönchischen Aberglaubens und Nebenlehren, die das reincatholische Christentum verunstalten; und nun wollte ich den Bock zum Gärtner machen. Man wird zweytens sagen, von wem soll dann der cooperierende Mönch abhangen? Wer soll ihn zum Pfarramt zuschneiden, und zu einem rechtschaffenen Christentum geschickt machen? Der dritte wird mir entgegensetzen: Wann der Pfarrer für sich nicht zu leben hat, wann der Fürst und der Bauer nichts geben kann, wann der Mönch nicht betteln und seinen geistlichen Kram nicht verhandeln darf, wer soll ihn dann ernähren? Ich habe schon für die Beseitigung dieser scheinbaren Beschwerden gesorget. Denn fürs erste müssen sie wissen, daß ich nicht mehr wie bisher, einen jeden Buben von 17. Jahren, der gesund und stark ist, und weiter nichts als eine starke Dosin unverschämter Kühnheit statt des Berufs aufzuweisen hat, in meine Klöster aufnehmen, sondern, wie sie gleich hören werden, autore praetore meine Recruten wähle. Sie sollen mir nach der Regul des H. Vaters für ihre Person zwar leben. Sie können nach Belieben zu einer Secte, mit oder ohne Bart, zum runden oder spitzen Caputz sich entschliessen. Ich benehme ihnen weder Geissel noch Fasten. Arm sollen sie auch seyn, aber betteln sollen sie nicht, weil ich für ihren Unterhalt sorge. Und wann ich solchergestalt ihnen die Ursachen des Bettelns benehme; den frommen Betrug, d. i. die Fortpflanzung des Aberglaubens durch Mährlein, und ihre geistliche kurze Waare scharf verbiete; dabey ein recht gutcatholisches Gesetzbuch für Lehre und Wandel durch einsichtliche Geistliche vorschreiben lasse, so wollte ich wetten, daß nach und nach meine Mönche fromm, vernünftig und dem Staat nüzlich werden können und müssen. Der zweyte Einwurf, von welchem der erste abhanget, kostet mich mehr Mühe. Es bleibet stets leichter Zweifel vorbringen, als sie heben. Man bauet leichter ein ganz neues Haus, als daß man ein altes, auf allen Seiten baufälliges dauerhaft zusammenflicket, und in wohnbaren Stand und Schein herstellt. Weil aber doch die Fundamente noch gut sind, ich auch noch viele Materialien brauchen kann, auch gerne das ursprüngliche Altertum verehre, so hören sie meinen Traum weiter. Wir leben in Zeiten, wo man mit starken Schritten von dem Wahn zurückkömmt, daß die ganze Welt im Grund und Boden, nebst allem was körperlich heißt, unserm heiligsten Vater als ein ererbtes Eigentum zugehöre. Ich habe zwar in dem Buch über die Bulla in Coenä Domini S. 35. I. Theil, eine Verzeichniß der päbstlichen Ansprüche gelesen, die recht seltsam lautet; und weil ich weder das Manuscript des Amonius Marcellus, noch den Genebrard habe, so kann ich für dessen Richtigkeit weniger Gewähr leisten als vielleicht der Verfasser. Aber das freuete mich doch, daß weder Franken, Bayern, noch Schwaben auf der Liste stehen. Wir dürfen also wohl eine Schuldistinction machen, weilen doch die päbstliche Uebermacht durch eben dieses Mittel seine stärkste Beweise in jenen Zeiten erhalten hat, wo niemand als die Geistlichkeit das atqui und ergo verstunde; und da wollen wir unsere dem heiligsten Vater zugehörige Seelen schlaffen lassen, und nur dem Leibe nach fortträumen. Unser deutscher Fürst (denn ich rede von einem, und die andern können, wenn es ihnen gefällt, es immerhin nachmachen,) läßt sein Volk zählen. Er bestimmt durch seinen landesfürstlichen geistlichen Rath, nach dem Verhältniß seiner Ober- oder Vogtämter, die Anzahl Menschen, denen ein einziger Geistlicher wohl vorstehen kann. Er läßt untersuchen, was und wie viel dieser jährlich und ständig Einkommen habe. Ich lasse keine bona laboriosa , Aecker, Weinberge, Zehenden und dergleichen zerstreuende Zankäpfel, die den Pfarrer mehr zum Bauern als Gelehrten machen, in meinem Pfarreinkommen; sondern ich vertheile alle Güter unter die Bauern gegen jährliche Gülten und Geldzinse. Finde ich, daß der Seelsorger für sich, aber ja nicht kümmerlich am Hungertuch nagen müsse, sondern recht honnet wie einer meiner weltlichen Räthe leben kann, so soll er mir so gut einen Caplanen als seine Köchin halten. Hat er aber kaum für sich alleine genug, so gebe ich (denn jezo bin ich der Herzog Michel und rede als ein Landesfürst) ihm einen meiner wohl unterrichteten Mönchen zum Gehülfen. Ich führe also dasjenige wirklich aus, worauf viele von den Vätern, welche auf der tridentischen Kirchenversammlung waren, durchaus bestunden, »daß nämlich den Klöstern ihre Freyheiten genommen und sie ihrer ersten Stiftung nach als auxiliares \& subsidiarii der ordentlichen Pfarrer genähret werden sollen.« Damit ich aber diesen wohl unterrichteten Mönch bekomme, so mache ich es folgendergestalt. In meinem Lande studiret jährlich eine gewisse Anzahl junger Leute die Theologie, in der Absicht geistlich zu werden. Wann ich die richtige Listen meiner Pfarreyen habe; wann ich weiß, wieviel Seelen ich einem Pfarrer allein zu treuer Lehre und Besorgung geben soll; wann bestimmt ist, wie viel ich Capläne oder Cooperatoren brauche, und alsdann nach zwanzigjährigen Todten=Listen berechne, wie viel Seelsorger ein Jahr in das andere sterben, so lasse ich nicht mehrere geistlich studieren als ich glaube nach und nach versorgen und in meinem Land gebrauchen zu können. Alle diese jungen Leute müssen mir auf meiner eigenen Universität, neben der gereinigten Philosophie, die griechische und hebräische Sprache, eine gesunde Kirchen- und Landeshistorie, eine brunnenlautere Theologie, wenig Speculatives aber viel Moral, gar keine Contovers, und ein öconomisches Collegium hören. Wer dieses nicht eingehen will, den lasse ich nicht studieren, oder er bekömmt keine Pfarrey. Alle Jahre sollen meine Commissarii, bey denen ich es nicht auf den geschwornen Eid, sondern auf die Cassation ankommen lasse, meine jungen Leute streng prüfen. Welche sich am besten anlassen, und das Zeugniß eines unsträflichen Wandels haben, die bekommen ein silbern und vergoldetes Gnadenzeichen, und damit die Anwartschaft auf den nächsten offenen Pfarrdienst. In der andern Classe mache ich eine Unterabtheilung. Aus dieser sollen die besten wieder mit einem silbernen Pfennig zu Personaten, Frühmessern und dergleichen, jedoch allemal als schuldige Beyhelfer der Pfarreyen quoad curam Hofnung haben. Die andern aus dieser Ordnung müssen meine Mendicantenklöster aufnehmen. Will aber einer oder der andere aus der ersten Classe auch in ein solches Kloster gehen, so habe ich nichts darwider. Die übrigen Ochsenköpfe, die nur studiren, um nicht mit den Händen zu arbeiten, die nur Stolz und Faulheit, oder Hofnung des Wohllebens zum schwarzen Rok oder zur Kutte greifen macht, sollen verworfen, von fernern Studien ausgeschlossen, und zur Musquete, Handwerk, oder hinter den Pflug gewiesen werden. Und damit, wenn ich nur gelehrte und rechtschaffene Commissarien zu Prüfung auswähle, bekomme ich nach und nach gewiß einen Clerum in mein Land, der Gott und dem Staat wohlgefällig ist. Auf daß aber auch meine neuangehende Pfarrer und übrige Clerisey, meine Mendicanten nicht ausgeschlossen, wenn sie wirklich Brod haben, nicht auf die faule Seite oder Abwege sich lenken, so soll jeder im Jahr über einige biblische Texte, die mein geistlicher Rath vorschreibt, oder über sonntägliche Episteln, Evangelien und andere Materien, sechs Predigten und nicht mehr ausarbeiten, und zwey Specimina in Dialogen und catechetischen Unterweisungen einschicken, und also der Prüfung unterwerfen. Das beste Hundert davon werde ich mit dem Namen der Verfasser drucken, und allen Pfarrern im Land austheilen lassen. Auch sollen sie in einem sehr wohlfeilen Preis dem gemeinen Mann zu seiner Erbauung in die Hände geliefert werden. Sollten, aller Vorsichtigkeit ungeachtet, sich dennoch einige schlechte Pfarrer in mein Land einschleichen, so müssen dieselben angehalten werden, diese Predigten auswendig zu lernen und solche ihren Gemeinden vorzutragen. Da ich ohnehin nur alle vier Wochen höchstens einmal predigen ließe, und desto eifriger auf den Unterricht in den sogenannten Christenlehren dränge, wäre es keine so grosse Sache, des Jahrs zwölf Predigten zu lernen. Dadurch würde ich so viel gewinnen, daß nicht mehr so viel albernes und elendes Gewäsche aus dem Stegreif auf den Canzeln erschiene, der Unterthan und andere ehrliche Leute auf den guten Vortrag aufmerksam gemacht würden: und ich versichert bleiben könnte, daß eine reine Glaubenslehre und vernünftige Moral meinem Volk auf eine angenehme Weise vorgetragen, und endlich zu Fleisch und Blut würde. Wer drey Jahre nach einander die beste Arbeit einschikt, bekömmt die beste Pfarre sobald sie erlediget wird. Nichts als das Verdienst ist bey mir eine Empfehlung zu höhern und bessern Stellen. Meine helfende Mönche sollen nicht ganz leer ausgehen; es wäre unbillig. Ich mache aus ihnen Vorsteher der Klöster, Aufseher der Schulen, und was ich ihnen sonst Gutes thun kann, sollen sie haben. Nur müssen sie dem Land und der Religion nützlich und keine Ausländer seyn. Man könnte mir einwenden, ich wolle Pfarreyen und Beneficien vergeben, worüber ich das Jus patronatus nicht habe; und, da Gerechtigkeit meine Pflicht sey, so könnte ich keinem Collatoren seine freye Wahl benehmen. Ich antworte: Wann Gerechtigkeit meine Pflicht ist, so muß ich sie meinen Unterthanen, deren Anzahl unendlich grösser als der Patronen ist, vorzüglich auf eine Art beweisen, die das unschätzbare Heil der Seelen derselben in Sicherheit setzet. Hier also, Herr Patrone, ist die Liste meiner tüchtigsten Leute, (Ausländer darf er mir gar keine nehmen,) wählen Sie darunter, so erhalten Sie Ihr Recht, ich meinen Zweck, und mein geliebtes Volk die Beförderung seiner geistlichen Glückseligkeit. Mit meinen Mönchen mache ich es ebenso. Und wenn ich sie sine aggravio Publici ernähre, so werden sie mir schon auf meinen bittlichen Ernst den Gefallen erweisen, und den Rechtschaffendsten unter vielen befördern. Habe ich nicht in meinen Anstalten schon dafür gesorget, daß sie alle wackere Männer werden. Ich versperre ihnen auch den Wechsel von einem Kloster in das andere nicht. Aber doch mache ich dabey die Einschränkungen, daß sie nicht aus dem Lande hinaus in ein Kloster, und von dorther keinen herein nehmen dörfen; auch sollen Sie mir keinen braven Mann, der gerne an dem Ort bleibt, auch Pfarrer und Gemeinde wohl mit ihm zufrieden ist, ohne Vorwissen meines geistlichen Raths, und auch dieser keinen ohne erhebliche Ursachen, hinwegnehmen. Hernach wird es noch darauf ankommen, daß eine so geschickte Eintheilung getroffen werde, daß der Mönch von seinem Kloster nicht weit entfernt sey, damit er bey seinen Ordensfesten, geistlichen Exercitien und regulmässigen Gelegenheiten zu Hause seyn kann. Nun auf dem dritten Punkt mache ich meinen Kirchenschatz auf. Da finde ich Reichtümer genug, um alle zu ernähren. Meine reiche Abteyen im Land, wo sechzig Männer wohl und besser als ein Edelmann leben, die nur für ihre eigene Seelen zu sorgen gewohnt sind, und mit dem ersparenden jährlichen Ueberschuß auf Gelegenheit passen, bald da bald dort ein Stück Gut dem weltlichen Haufen abzukaufen, diese sind schon so gütig, und für den Staat, der sie so reichlich ernähret, wohlgesinnet genug, daß sie zehn ihrer Patrum absterben lassen, und mir den für sie erforderlichen Unterhalt in einem gerechneten Quantum zum Behuf meiner wackern Religiosen geben. Ich begreife nicht, warum Hr. Gutmann der Abteyen in seinem Vorschlag so schonet. Wann in einer Abtey sechzig Patres leben, die alle gleiche Rechte an die sie ernährenden Kirchengüter haben, so müßten mir für die zehn ausgestorbenen auch zehn Sechzigtheile des jährlichen Einkommens geliefert werden. Sollten allsdann nicht mehr Religiosen erhalten werden können; wenn man erwäget, daß viele solche Abteyen fürstliche Revenüen haben? Wollte aber auch dieses zu Ausführung meines Projekts noch nicht hinreichen, so ließ ich mehrere aussterben. Es kann der christlichen Kirche einerley seyn, ob in einer Abtey fünfzig oder dreißig Patres leben. Denn ursprünglich sind ihrer doch nur zwölf oder fünfzehn gewesen, und doch keine einzige Seele mehr oder weniger in den Himmel gekommen. Zehn Abteyen ernähren mir also hundert meiner Pfarrgehülfen. Die viele Wallfahrten, die ich in meinem Land habe (ich möchte aber die auswärtige gar gerne wie die fremde Lotterien verbieten lassen, damit mir das Geld im Land bleibe) bekommen einen Haufen Opfer. Ihre Fabriken wachsen jährlich in Capitalien merklich an. Ich verlange nur fünf Procente davon zu meiner gottgefälligen Anstalt; der Fond kann immer der Wallfahrt bleiben. Oeffentliche Kirchenbussen, welche die Leute nicht bessern, und zu Kindermord Anlaß geben, widme ich meiner Mönchencasse. Alle Seel- und sonst aus Andacht verlangende Messen (nur die Zwing- und Bannmessen wollte ich mir abbitten,) bleiben auch den Klöstern zugedacht. Und dann lasse ich alljährlich auf den armen Seelentag eine Generalcollecte, aber freywillig, in allen meinen Kirchen auf dem Land und in den Städten, für meine heilsame Absicht vornehmen. Da habe ich gewiß zu vollem Unterhalt meiner klösterlichen Enthusiasten, meiner Schullehrer und Pfarrgehülfen, alles was ich bedarf. Den Ueberschuß lege ich zu Capital. Wenn es nöthig wäre, so wollte ich noch eine Lotterie zu diesem Behuf aufrichten lassen. Die Zahl meiner Mönche ist ohnehin bis zur Billigkeit und Erfordernis gemindert. Die Religion hat den augenscheinlichen Nutzen. Der Staat wird eines Ueberlastes befreyet. Der Eintritt zum geistlichen und Klosterstand bleibet dem Verdienst aller meiner fähigen Landeskinder offen. Mein Gewissen ist einer Sorge befreyet, die mich wegen dem Aber- und Irrglauben meines Volks sehr beunruhiget hat. – Und nun kann ich aufwachen; mein Traum ist zu Ende. Ich weiß wol, daß noch eine Menge Vorbereitungen darzu gehören, und daß man noch viele Schwierigkeiten und Steine in dem Weg finden wird. Aber nehmen Sie meine Gedanken nur als eine unausgetragene Hirnfrucht an. Wenn der Entwurf jemals zu einer Reife gebracht werden sollte, so will ich schon Leute benennen, die diese Vorschläge gar bald in Ordnung gebracht und durchgesetzt haben würden. Ich habe einen Bischof, einen Staatsminister, und ein halb Duzend gelehrter catholischer Räthe, Professores, und Leute, die in den vornehmsten Reichsdicasterie sitzen. Ich möchte Sie gerne, mein l. Herr Pfarrer, mit den vortreflichen Arbeiten dieser Männer bekannt machen; aber Sie dörfen ohne Licenz nichts dergleichen lesen. Und Gott wolle mich bewahren, daß ich Ihnen etwas zumuthen sollte, welches Sie auch nur von weitem in Verdrüßlichkeiten stürzen könnte. Wenn Sie aber wollen, so getraue ich mir von Rom, wo ums Geld alles zu haben ist, Ihnen eine wohlconditionirte Erlaubniß kommen zu lassen. Dann stehen Febronii beyde Theile; die nach und nach in einem Churstaat ergangenen Landesfürstliche Verordnungen; von Ikstatts academische Reden von dem Einfluß des Nationalfleisses; Briefe eines Bayern über die Macht der Kirche und des Pabsts; des verkappten Lochsteins geschickte Ausgaben; Gedanken eines Geheimenraths; der Weise im Mond etc. zu ihrem Befehl. Glauben Sie ja nicht, daß ich Ihnen hier Bücher vorschlage, die von Uncatholischen, folglich Glaubensfeinden, geschrieben worden wären. Es sind catholische Männer, die ich ihrer grossen Gaben und ihres Herzens wegen verehre. Drey davon kenne ich von Person, und ich darf sie unter meine Freunde zählen. Die Absicht der sich noch täglich vermehrenden Schriften von der Art ist keine andere, als uns von der unthätigen Schlafsucht zu erwecken, in welche wir uns durch die gothische Vorurtheile des mittlern unwissenden und barbarischen Zeitalters haben einwiegen lassen. Man möchte gern das Stroh von den Kernern scheiden; die Heiligkeit unserer Religion, welche unter dem Haufen der Zusätze und Nebendinge mit einem fressenden Rost überzogen ist, wiederum scheuern, und ihr ihren alten Glanz wieder geben; die Gesetze der Kirche, mit denen des Staats zu des Leibs und der Seele Wohlfahrt vereinigen; dem wahren Priestertum die Hände bieten, sein apostolisches Amt zum Segen für Lehrende und Lernende auszuüben; zugleich aber auch unsern Mitbürgern, durch Bezäumung des von unwissenden Mönchen in den eben so unwissenden Pöbel gepflanzten eigennützigen Aberglauben, eine dem Worte Gottes und dem rechten Sinn der ursprünglichen Kirche angemessene vernünftige Denkungsart und Sittenlehre einprägen. Es wurde ziemlich spät. Ich merkte daß der ehrliche Gutmann in dem Eifer, der ihn belebte, seiner Ruhe vergaß, und anfieng mit Mühe zu reden. Ich bat ihn also, nach einer gebührenden Danksagung, mir zu erlauben, daß ich einiger Geschäfte wegen, die ich vorschützte, nach Haus gehen, und andern Tags wiederkommen zu dürfen. Meine Bescheidenheit gefiel ihm recht wohl; denn er sahe ein,daß ich ihn in keiner andern Absicht, als seiner zu schonen, verließ. Nun habe für dieses Mal damit genug. Nächstens die Folge. Lebe wohl. Dreyzehnter Brief. Den 5ten. Jun. 1770. Ich weiß noch nicht, ob mir heute die Zeit erlauben wird dir nach meiner Neigung einen langen Brief zu schreiben; und gleichwohl weiß ich auch nicht, wie ich mich von meinem Schreibtisch wegmachen soll, wenn ich einmal die Feder ergriffen habe, dir unsere Unterredungen abzuschreiben. Wenn mir der gnädige Herr Zeit läßt, der Morgen nach M** reiset, so sollst du viel erfahren. Die älteste Fräulein soll nach Johannis den Herrn Hauptmann von *** heyrathen. Meine l. Mutter muß die Reise mitmachen. Da habe ich also noch Abschied zu nehmen, paken zu helfen, und eine Menge Kleinigkeiten von ihr in mein Haus übertragen zu lassen. Doch ich will keinen Botengang versäumen, ohne dir wenigstens ein Stück meiner neuerworbenen Kenntniß mitzutheilen. Herr Gutmann, bey welchem ich gestern meinen Abend mit abermaligem Vergnügen hingebracht, fangt nun erst recht an, mir seine Gedanken unverholen zu entdecken. Und eben gestern hat er mir versprochen, daß er, nach des gnädigen Herrn Abreise, so oft es seine Gesundheit zulassen wird, mir über eine Menge wichtiger Gegenstände Wahrheiten erklären wolle. Ich habe wirklich, sagt er, nach Rom geschrieben, um Ihnen eine Licenz zu Lesung der so genannten verbotenen Bücher kommen zu lassen. Sie werden sehen, daß man ums Geld keine Mühe, ohne Prüfung oder Umsicht, gleich so einen Flederwisch erhalten kann. Allein, wenn wir einen rechten und nützlichen Gebrauch davon machen wollen, so muß ich Ihnen vorläufig erklären, was dieser Index sey, was darzu Anlaß gegeben, wer die Censores sind, und wie dabey zu Werk gegangen werde? Sind wir damit fertig, so müssen Sie den römischen Hof, und die Intriguen, womit man daselbst den H. Geist an der Schnur fliegen läßt, auch näher kennen lernen. Es giebt sich hernach die schönste Gelegenheit, von der päbstlichen Unfehlbarkeit das weitere zu sprechen. Wir wollen ferner die Lehrsätze von der Kirchenzucht scheiden, und etwas von allgemeinen und Provincialconcilien reden. Darauf müssen wir die Geschichte der Geistlichkeit in mehreres Licht sezen, und dabey sehen, was Tradition und H. Schrift für zwey besondere Schicksale gehabt. Es sollen hernach Betrachtungen folgen, über die gegen den ächten Sinn unsers Heilandes und seiner Apostel entsprossene Mißdeutungen. Bischöfliche und priesterliche Gewalt, Abartungen der Mönche, und dergleichen Betrachtungen mehr, sollen uns zu dem mannigfaltigen Aberglauben, zu dem unnüzen Moos, durch welches die fruchtbare Pflanze des wahren Glaubens erstikt wurde, hinleiten. Andächtlereyen, eigennüziger Betrug und die übrige geheime Handwerksvortheile sollen von uns nicht überschlagen werden. Wir können die Art unserer geistlichen Studien, die absichtliche Untreue der Professoren, die Sophisterey unserer Lehrbücher, und hundert andere Mängel unserer entstalteten und nicht mehr kennbaren Religion mit durchgehen. Ich wette, mein l. Herr Pfarrer, Sie sollen bis auf den Herbst einen wahren catholischen Lehrbegrif haben, und alsdann erst die Würde und Pflichten ihres Amts lieben, zu schäzen und auszuüben wissen. Ihrer Seele soll es Ruhe, Ihrem Verstand Erleuchtung und Ihrer Gemeinde ein reines Christentum verschaffen. Ich habe dabey keine andere Absicht, als meine erlangte Kenntnisse und Erfahrung einem Mann mitzutheilen, an welchem ich die Grundlage eines redlichen Herzens nicht ohne Freude verspüre. Es wäre Schade, wenn ein so guter Acker ungepflügt wüst liegen bliebe, oder aus Mangel des guten Samens nur durch das gewöhnliche Unkraut zur Haide werden sollte. Damit sie mich aber nicht für den inimicus homo halten qui zizaniam unter den Waizen einstreuet, so wollen wir unsere Waaren alle aus den rechten Behältnissen holen. Die Kirchengeschichte, die bewährteste gut catholische Schriftsteller sollen unser Leitfaden, und meine Erfahrung die Beyhülfe seyn. Wenn Sie zweifeln, so bitte ich mir Ihre Fragen und Einwürfe aus; und wenn ich alsdann kein Genügen thun kann, so bin ich bereit so gleich meine Begriffe zu ändern. Ich habe ohnehin noch die von Ihnen aufgeschriebenen Ausstellungen über mein catholisches Christenthum zu beantworten. Wir wollen unsere Gedanken von Hexereyen, Gespenstern, Jubiläum, Ablässen, Bruderschaften und Wallfahrten, in so weit als sie gewinnsüchtig und übertrieben sind, zusammentragen. Sie sollen dabey sehen, daß ich die Gränzen zwischen dem löblichen Gebrauch und schändlichen Mißbrauch nicht ausser Augen seze. Unsere Glaubensgegner haben in vielen einzelnen Fällen und Ländern gegründete Ursachen zu spotten, weil sie vielleicht nur zu geneigt sind, von einem Theil auf das Ganze zu schliessen. Es ist auch nicht zu läugnen, daß man viele vernünftige Veränderungen unter unsern catholischen Haufen treffen könnte: Allein welchem Pabst ist zuzumuthen, daß er z. B. das was der vergötterte dem Brevir einverleibte H. Gregorius VII. mit einer seligen Wuth herausgedonnert, nun als unrecht erklären soll? Ich finde den Weg und das politische Betragen, welches unser jeziger H. Vater einschlägt, als ein Muster der feinen Staatskunst. Er läßt die aufwachende Fürsten gewähren, und siehet nicht, was er nicht sehen will. Er ist nachgiebig, weil er nicht mehr trozen kann, und der Donnerstrahl nicht mehr zünden will: Geben Sie acht, Herr Pfarrer, damit gelanget er viel leichter zu dem gemäßigten Zweck als sein weinender und unbiegsamer Vorfahrer, der umsonst bis an sein Lebensende mit häufigen Thränen auf ein Wunderwerk gewartet, das seine Vicegottheit gegen die Verlezungen der Gewaltigen auf Erden beschüzen soll. Gleich bey dem Antritt seiner Regierung war die Frage von der Wahl eines Staatssecretarii. Bis daher hat man aus dem Cardinalscollegio arbeitsame, ernsthafte, der Geschäften und päbstlichen geheimen Absichten wohlkündige Männer darzu gewählet. Wenn ich Ihnen einst von den Consistoriis, Congregationen und andern Stellen der römischen Curia reden werde, so sollen Sie sehen, wie diese Monarchie nicht so viel durch den H. Geist als durch alle seine Kunstgriffe des Verstandes und Wizes ausgesuchter Minister auf die höchste Stufe des Despotismus gestiegen ist. Allein der regierende Pabst, welcher zwar ein Kind des seraphischen Ordens, aber kein klein denkender Heuchler noch enthusiastischer Mönch ist, hat zu seinem Staatssecretario einen Cardinal gewählet, dem Gesundheit und Kräfte fehlen. Er war so redlich sich den Dienst zu verbitten, und bekannte, daß eine solche Last seinen mürben Schultern zu schwer sey. Das hat nichts zu sagen, antwortete der Pabst; traget nur den Namen, geniesset die Besoldung, und – seyd meine Freunde; die Arbeit soll euch nicht schwer fallen; denn ich will sie selbst thun, und ich versichere, daß ihr müßige Stunden genug haben werdet eurer Gesundheit zu pflegen und sonst nach euerm Gefallen zu leben. Bis daher hat auch der heiligste Vater sein Wort gehalten. Er arbeitet mit einigen sich ausgesuchten vertrauten Männern seines Ordens unermüdet, aber in der Stille. Er weiß, daß das Geheimniß die Seele der Geschäften ist. Er läßt die Cardinäle sich wundern, klagen, und gegen diese Neuerung, die sie von Intriguen und eigenem Gewinn entfernet, sagen was sie wollen. Es scheint, als wolle er geflissen nicht wahrnehmen, was die Könige, die Fürsten in ihren Ländern zur Staats- und Kirchenverbesserung vorkehren. Seine Einsicht lehret ihn, daß man mit der entdeckten Unwahrheit der falschen Decretalen auch den Stuhl Petri untergraben, und daß damit gewissen Traditionen, der darauf gegründeten Hoheit, Großmacht und unterwürfigem Gehorsam die Stüzen gebrochen werden können. Er weiß, daß die Grundsäze des dogmatischen Theils unserer Religion nicht angegriffen, sondern nur die Materien der Hierarchie und Disciplin auf bessere Wege geleitet werden wollen. Er hat den grossen Schritt gewagt, schon dieses Jahr die berühmte Bullam in Coena Domini Bullam ... – s. Dictionnaire Sachen nicht mehr zu publicieren. Die feyerliche Verwahrung de non proejudicando [praejudicando ?] de ... – Ungültigkeit für seiner Nachfolger hat nichts zu bedeuten. Denn, wenn man einmal von dem majestätischen Stolz abläßt, und nicht ein ausserordentliches Wunder den jezo reifer gewordenen Geist der Menschen, eben so wie dort die Sprachen bey Babels Thurmbau, bis zum Unverstand verwirret, so darf sich niemand mehr für einer künftigen Wiederholung dieser sonst so fürchterlichen, und jezt – Bulle graue Haare wachsen lassen: Indessen ist doch dieser Entschluß des heil. Vaters eine Folge der feinen welschen Politic. Man kennet daran den auf einen demüthigen Ordenspater oculirten Weltmann. Er siehet ein, daß man grosse Fürsten und Höfe nicht mit Gewalt und päbstlichen Soldaten, wol aber mit einer sanften Nachgiebigkeit zu Gegengefälligkeiten führen muß. Und wenn er so fortfährt einen Hof um den andern schmeichelnd beyzufangen; wenn er das Mittel findet nach und nach Mißhelligkeiten unter die Grossen auszustreuen; und wenn er endlich die Gabe besitzet, mit Aufschub und schmeichelnden Hofnungen Zeit zu gewinnen, so kömmt leicht ein Zwischenauftritt, der die seiner Machtverminderung gewidmete Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand leitet, und ihm Luft macht. Ich mag es ihm gerne gönnen. Wenn ich ihnen, Herr Pfarrer, einmal die geheime Triebfedern unsers deutschen Reichssystems ein wenig deutlich zu machen Gelegenheit finde, so sollen sie sehen, daß unter die Grundpfeiler des jezigen Gebäudes unumgänglich für den catholischen Haufen ein Pabst, ein Vorsteher der Geistlichkeit, ein Band der Vereinigung, und ein – obschon nicht allmächtiges – Oberhaupt der Kirche, eben sowol als ein Kaiser, erfordert werden. Es schlägt hiebey ein, was ich ihnen mehrmalen gesagt habe. Die Zeiten der ersten Kirche hatte den Glauben, und durch ihn den Weg der Seligkeit. Der Gesetze waren wenig. Viele Bruderliebe und wenig Macht. Mehr, als Christus und seine Apostel gelehret, muß zur Seligkeit nicht nöthig seyn; sonst wäre es für die Urväter unserer Religion in den ersten Jahrhunderten übel gesagt. Wenn dann auch schon die Tradition, die Concilien, in tausend Jahren, viele Verzierungen und Gebote uns nachbefohlen, so können und sollen wir als gehorsame Kinder einer lieben Mutter gerne folgen, eben so wie wir den landesfürstlichen Gesetzen der Provinz, die uns Schutz und Nahrung giebt, zu gehorchen verbunden sind. Allein, wenn uns unsere übergelehrte geistliche Gewissensbeherrscher Soto, Felinus, Bellarminus, Fagnanus, Diana etc. sagen: Quod lex poenalis in temporalibus, nin obliget in cinscientia, Quod ... – wie das Strafgesetzbuch im Zeitlichen, so gilt das Wort der Kirche im Ewigen so wünsche ich mir, falls es ohne Excommunication so freundschaftlich geschehen könnte, daß mir ein vernünftiger Theolog, aber kein Bandel, kein Schulzen=Stoffel, kein – – in Vertrauen mit Gründen,die dem gelehrigen Verstand eines redlichen Mannes überzeugend eingehen müssen, zeigete, warum ich im Gewissen verbunden sey, den Poenalgesetzen des Pabstes in ausserdogmatischen Disciplinsachen mehr als landesfürstliche Folge zu leisten. Denn, daß man den Prügel gleich zum Hund leget, und mich dem Satan zum neuen Jahre in Handen und Banden liefert, daß heißt den Proceß von der Execution anfangen, und petitionem principii zum Entscheidungsgrund machen. Und dieses ist wahrhaftig keinem Dorfsgericht erlaubt. Ich will gerne nicht mit dem John des D. Swifts in dem Mährgen von der Tonne alle Stickereyen und Zusätze meines Kleids in der Wuth abzerren und damit mein stoffenes Tuch in Stücken zerreissen; denn es gefällt mir selbst, wenn eine mässige Verzierung, eine verschönernde Pracht beybehalten wird. Aber wann ich Flecken und Unrath sehe, womit mich Zeit und Mode beflecket hat, so wünschte ich nur die Erlaubniß zu haben mit der Sammetbürste ganz sachte darüber zu fahren, und so viel es ohne Aufsehen geschehen kann durch den Schneider selbst es wieder gereiniget zu haben. Das ist gleichwohl nur ein Wunsch, Herr Pfarrer. Ich bin, wie sie, zu Gehorsam geboren; und wir wollen es unter unsere von Gott auferlegte Pflichten rechnen. Doch wird es hoffentlich keine Sünde seyn, wenn wir nach dem allgemeinen Gebet wider Pest, Hunger, Krieg, Hagel und Ungewitter auch zu Gott unsere gute Meynung richten, daß er die Gedanken unserer Bischöffe und catholischen Fürsten, samt deren Minister, ferner zum Besten der Religion und Wohlstand ihrer Länder lenken, und ihren löblichen Eifer nicht erkalten lassen wolle. Der Gelehrte auch in dem grossen Buch der Welt nicht unbelesene gefürstete Abbt zu St. Blasien, Martinus Gerbert, dem Gott viele gute Stunden und Glück darfür verleihen wolle, hat in seinem Traktat de dierum festorum numero minuendo, celebritate amplianda meinen obigen Wunsch gerechtfertiget. Er sagt S. 2. »Alle menschliche Gesetze, welche sich mit dem gesellschaftlichen Band und löblicher Ordnung beschäftigen, können nicht in allen Orten, zu allen Zeiten und Umständen gleich seyn. Und dieser Satz erstrecket sich nicht allein auf den bürgerlichen und weltlichen Staat, sondern auch auf die Kirche; nicht zwar in jenen Dingen welche von Gott selbst eingesetzt sind, sondern welche von ihren Vorstehern erfunden und geboten werden. Denn, wenn sie in ehemaligen Zeiten heilsam und nützlich gewesen, so hat es doch geschehen können, daß sie nachher schädlich werden oder wenigstens den ursprünglichen Nutzen nicht mehr gewähren.« Ich habe unterdessen schon oft den Worten dieses einsichtlichen und billigen Theologen nachgedacht, und gefunden, daß bey den mittlern Zeiten des Christentums viele heidnische, jüdische, römische und griechische Ceremonialstücke mit in unsere Kirche übertragen worden, weil man mit derley Kleinigkeiten, denen man einen mystischen Verstand geben konnte, den immer auf das Aeusserliche sehenden Pöbel beyzuziehen hofte; eben wie die Jesuiten in China den Confucius in öffentlichen Umgängen gleich unsern Heiligen mittragen liessen, da sie sahen, daß die Chineser auf die Verdienste dieses Gesetzgebers Vertrauen setzten, und ein solches Nachgeben eine wirksame Vorbereitung zu willigerer Aufnahme des Christentums seyn würde. Allein, was bey der Jugend ein ergötzendes Spielwerk und Raritätenkasten abgegeben, sollte nun bey der männlichen Reife unsers Verstandes nicht mehr zu einem unter zeitlicher und ewiger Strafe gebotenen Zwang uns aufgenöthiget werden. Dieses, Herr Pfarrer, ist die eigentliche Ursache der Lauigkeit in dem Christentum, und warum der grosse Haufen nur aus Noth und Scham sich den vielfachen äusserlichen Kleinigkeiten unterwirft, und die wahren christlichen Tugenden am wenigsten ausübet. Wann er nur alle Sonn- oder Feyertage seine Meß höret, auf die gewöhnliche gebottene Festtäge das Fleischessen meidet, fleissig bey Processionen erscheint und seinen Rosenkranz melket, Weyhwasser im Haus hat, wallfahret, und den Mönchen opfert, so mag er übrigens die sieben Todsünden begehen so oft er will. Man siehet nicht auf den innern Werth des redlichen zur Gottesfurcht und Menschenliebe gebauten Herzens, wann nur die äussere Decke glänzet und der Schnitt vergoldet ist. Da unsere lehrende Geistlichkeit gröstentheils selbst übertünchte Grabmäler sind, die Hoffart, Herrschsucht, Eigennutz, Wollust und eine Menge lasterhafter Neigungen im Busen hegen, (denn der priesterlichen Weyhung ungeachtet, sind und bleiben sie doch Menschen) so heften sie die Religion um so lieber an die äusserliche Kleinigkeiten, als manchen sehr schwer fallen würde, wenn er seiner Gemeinde den alleinseligmachenden Grund des Glaubens erklären, oder nur zu dessen Bestärkung mehr als die sinnlosen Worte des Catechismus vortragen müßte. Sie können dereinst, wenn wir von diesem Punkt reden werden, aus bewährten Büchern lesen, was das scholastische Gezänk, und die bald platonische, bald aristotelische Spinnenfüsse für ein Gewirre gemacht, und, gleich leuchtenden Irrwischen, ignibus fatuis , den nach dem Lande der Seligkeit reisenden Christen von der geraden Landstrasse in Sümpfe und steile Abgründe verführet haben. Wir Catholische sind es zwar nicht allein, die sich über solche Gebrechen zu beklagen haben; die von dem hällischen Professor Hausen Ao. 1767. geschriebene Pragmatische Geschichte der Protestanten in Deutschland klaget mit bittern Vorwürfen über den nämlichen Unfug. Nur bleibet uns, als den erstgebornen Kindern des Christentums, leider ein merkliches voraus, mit welchem unsere Mönche unter päbstlicher Authorität wuchern, und, wenn man sie fortgewähren lisse, bald die buntscheckigte Harlekinsmaske fertig haben würden. Ich rede gar nicht viel, und gewiß nicht uncatholisch. Die H. Väter, die Kirchenversammlungen sind in ältern Zeiten, in neuern aber ein Sarpi, Fleury, Baillet, Dubin, Muratori, Van Espen, Barthel, Zallwein, Neller,der gelehrte Febronius, die Bayrische Schriftsteller und andere Eiferer der Kirche und des Staats meine Gewährsmänner. Wenn ich ihnen lauter geistliche Zeugen und Urtheilssprecher aufführe, so hoffe ich den Verdacht auszuweichen, als ob ich weltlicher sündiger Mensch, dem der H. Geist seine Einsprechungen nicht so wie den Kirchengliedern mitzutheilen sich anheischig gemacht hat, instigante Diabolo in das Eingeweide meiner seligmachenden Mutter ketzermässig wüthen wolle. Ich habe Augen und das göttliche Geschenk der Vernunft, auch eine bezahlte Erlaubniß verbottene Bücher zu lesen; da ist es mir unmöglich, ich kann mich nicht so beschwazen lassen, daß ich schwarz für weiß ansehe. Doch man ist auf gutem Weg. Nach und nach kann mein Wunsch erfüllet wergen [werden]. Ich zwar glaube es nicht zu erleben. Aber ungefehr in zwanzig Jahren, erinnern sie sich und prüfen sie ob ich einen prophetischen Geist gehabt habe. Wir haben einen Kaiser der denkt, und, was sie wohl merken müssen, mit eigenen klaren Augen siehet. Er hat ein von Vorurtheilen befreytes Ministerium, und bildet sich seine Nachzöglinge. Wir haben einen Pabst der nachgiebt; der den Stein, den er nicht heben kann, liegen läßt, ihn aber nicht mit Pulver sprengt, aus Furcht, es möchten einige Stücke davon auf ihn selbst zurückfliegen. Einsichtliche Erz- und Bischöffe haben bereits das Herz gefaßt, ihre eigene Macht zu üben. Mit Verminderung der Feyer- oder Faullenzertäge geben sie den Beweis, daß sie arbeitsame Bienen lieben, und unnütze gefrässige Wespen hassen. Unsere weltliche Fürsten fangen an, wie die Franzosen sagen à penser tout haut , überlaut zu denken. Die Philosophie gewinnt auf unsern Hohen=Schulen bessere Oberhand. Sie wird allgemeiner. Man unterstehet sich schon nach Ursachen zu fragen, oder nachzusinnen. Unsere Gelehrten errichten ihre Lehrgebäude nicht mehr, gleich Aesops Vögeln, in der Luft. Die Altertümer werden aufgesucht. Die Critik forschet nach dem unterschobnen Betrug. Und wann es so fortgehet, so – – aber meine Uhr schlägt Mitternacht! Ich wünsche ihnen wohl zu schlafen, Herr Pfarrer? Nächstens das mehrere. Weiterführende Literatur Ökumenisches Heiligenlexikon» www.heiligenlexikon.de/ Deschner, Karlheinz »Abermals krähte der Hahn« Deschner, Karlheinz »Der gefälschte Glaube« Duller, Eduard »Die Jesuiten« Lea, Henry Charles »Die Inquisition», insbesondere das Kapitel »Die Franziskanerspiritualen» Ratzinger, Joseph »Einführung in das Christentum», Rezension unter www.welcker-online.de/ Riesbeck, Johann Kaspar »Briefe eines reisenden Franzosen» unter www.welcker-online.de/ Sellner, Albert Christian »Immerwährender Päpstekalender Vorkommende Abkürzungen A. T. – Altes Testament Ao. – Anno, also im Jahre athen. – athenisch c. – Kapitel C. – Vers d. Ä. – der Ältere D. H. – der Herausgeber d. i. – das ist d. J. – der Jüngere dt. – deutsch Ep. – Epistel, Brief etc. – et cetera, und so weiter fl. – Florin, Gulden franz. – französisch gem. – gemäß griech. – griechisch h. heil – heilig H., H. H. – heiliger, heilige Hl. – heilige, heiliger Hrn. – Herr hum. – humanistisch ital. – italienisch Jhr. – Jahrhundert jüd. – jüdisch kath. – katholisch l. – lieb/er lat. – lateinisch Mar. – Markus Math. – Matthäus N. – nach Christi Geburt N. T. – Neues Testament P. – Pater p. – Seite phil. – philosophisch röm. – römisch s. – siehe unter s. v. – sub verbo; sozusagen Säc. – Säkulum, Jahrhundert span. – spanisch u. d. g., u. dgl. – und dergleichen u. s. f. – und so fort v. – Vers z. Ex., z. E. – zum Beispiel