Auguste Groner Kriminalnovellen Der seltsame Schatten Das Wochenblatt der Kreisstadt O. brachte folgende Notiz:   »Rätselhafter Mord. Sonntag, am Morgen des 10. Oktober, also vorgestern, wurde der pensionierte Polizeikommissar, Herr Anton Werner, ermordet in seinem Bett aufgefunden. Ein sicher geführter Stoß mit irgendeinem dolchartigen Instrument hat ihn getötet. Bis zur Ausgabe dieser Nummer, also bis heute mittag, ist es noch nicht gelungen, auch nur die geringste Spur des Mörders aufzufinden; ja, es ist noch nicht einmal gelungen, zu entdecken, was den Mord veranlaßte. Ein Raub liegt nicht vor. Feinde besaß das hochachtbare, menschenfreundliche Opfer dieses Verbrechens nicht. Somit ist letzteres bis jetzt unerklärt. Hat vielleicht Irrsinn die Tat begangen? Und noch ein Rätsel! Es konnte bis jetzt trotz allen Scharfsinns unserer so überaus gut geschulten Sicherheitsorgane, nicht einmal festgestellt werden, welchen Weg der Mörder gekommen, welchen er gegangen ist. Jeder Bewohner der Stadt pilgerte bereits nach der Mariengasse, dem Schauplatz der schrecklichen Tat. Jeder fragt und forscht und hat sicherlich schon erfahren, was zu erfahren ist; somit bringen wir diese Notiz eigentlich nur für unsere auswärtigen Leser, wünschend, daß wir bald in der Lage sein möchten, des feigen Mörders Gefangennahme anzeigen zu können.«   So das Wochenblatt von O. Es fand trotz der Kärglichkeit und trotz des Bekanntseins obiger Meldung reißenden Absatz, sowie die Mariengasse tatsächlich das Ziel einer wahren Völkerwanderung geworden war und noch immer reichlichen Besuch erhielt; denn der Mord an dem allgemein bekannten und von allen verehrten einstigen Polizeikommissar Werner hatte weitgehend Teilnahme und Entrüstung hervorgerufen. Eines Abends, es war ein unfreundlicher, stürmischer Abend, standen wieder mehrere Gruppen in der Nähe des Hauses, darin der Mord verübt worden war. Unter vielen anderen konnte man einen Mann von auffallendem Wesen gewahren. Es war ein alter Mann mit grauen Haaren und einem strengen, ja mürrischen Gesicht, mit fest zusammengekniffenen Lippen und lauerndem Blick; ein Mann, der schon seiner Größe halber auffallen mußte und der seiner Stärke wegen von verschiedenen gefürchtet wurde. Dieser Mann hieß Peter Klaus und war Gefängnis-Oberaufseher im Strafhause zu O.; er war daselbst eine wenn auch nicht beliebte, so doch sehr geschätzte Persönlichkeit, denn Peter Klaus war vom Scheitel bis zur Sohle Pflichtbewußtsein, das hatte seine fast vierzigjährige Dienstzeit bewiesen. Selbige Persönlichkeit war, das läßt sich denken, hier eng umringt von den Neugierigen. Denn jeder wollte eine der spärlichen, aber meist zutreffenden Bemerkungen hören, die der alte, in Verbrechergeschichten wohlerfahrene Gefängnisbeamte zuweilen zum besten gab. »Man sagt doch, der Ermordete habe keine Feinde gehabt, und ebenso, daß auch nicht eine Stecknadel entwendet worden sei«, bemerkte ein kleiner, lebhafter Herr, der sich an Klaus förmlich herangedrängt hatte und der, nach seinen früheren Bemerkungen zu schließen, irgendeiner auswärtigen Zeitung anzugehören schien. Klaus sah ihn sehr von oben her an. Er mochte lebhafte Leute nicht recht leiden, vielleicht weil er selber so schweigsam und zugeknöpft war. »Was wissen denn die Herren, die das schrieben«, entgegnete er wegwerfend. »Denken Sie doch nach. Gibt es auch nur einen Polizeibeamten, der keine Feinde hätte?« Peter Klaus sah bei diesen Worten nicht auf den, zu welchem er sprach, er schaute zerstreut, so schien es, vor sich hin. Es war so seine Art. Plötzlich aber wurden seine Miene, seine Blicke nachdenklich, dann gespannt, und seine Wangen sichtlich ein wenig blasser. Er war in Lauschen versunken. Das dauerte jedoch nur eine Viertelminute – dann teilte er mit starken Armen rücksichtslos den Kreis der ihn Umstehenden und ging, ja eilte einer fernstehenden Gruppe zu, die, ihm entgegenkommend, eben ihren Platz dicht vor dem Hause des Mordes verließ. »Verdammt!« murmelte Herr Klaus. »Wohin ist er gekommen?« Der, welchen er einige Augenblicke lang gesehen, deutlich gesehen, der schlanke Mann, dessen scheues, hageres, dunkles Antlitz ihm zugewendet gewesen, dessen glimmendes Auge dem seinigen begegnet – der war verschwunden. Peter Klaus trat an das Gitterpförtchen heran, das den dichtbepflanzten Vorgarten des Wernerschen Hauses gegen die Straße hin verwahrte – es war verschlossen; er sah nach rechts und links – es war nirgends eine Nische, ein Versteck, dahinter sich der so plötzlich Verschwundene verbergen konnte. Hier, an ihrem stadtfernen Ende, schloß die Mariengasse mit hocheingezäunten Gärten ab – sie bildete eine schnurgerade Linie, die noch eine ziemlich lange Strecke fortlief, jedenfalls so weit, daß sie ein Flüchtender im Zeitraum von wenigen Sekunden nicht hätte zurücklegen können, um die verbergende Ecke zu gewinnen. Peter Klaus schüttelte den Kopf, und nachher tat er noch etwas: Er machte kehrt und ging, sich um niemanden und nichts mehr kümmernd, gegen den Mittelpunkt der Stadt zu. Er durchschritt einige öde Gassen. Plötzlich blieb er stehen und schlug sich vor die Stirn. Es war, als ob er sich wieder zurückwenden wollte – aber er tat es nicht, er schritt nur noch rascher vorwärts; endlich stand er vor dem Polizeigebäude. Es war so recht ein Haus, das zu Peter Klaus oder vielmehr zu welchem er paßte. Groß, massig, düster, mit einem gewissen mürrischen Ausdruck. In dieses Haus trat er. Doch nicht dessen Hintergründe, seinen eigentlichen Amtsort, suchte er auf. Er warf nur einen scharfen Blick dahin, als er durch die schon fast dunkle Einfahrt ging, und dann erstieg er rasch die breite Treppe, die zu den Zimmern der amtierenden Kommissare führte. In eines derselben trat er, nachdem er geklopft hatte, ein. Ein dicker alter Herr, der mehr einem Lebemann als einem Hüter der Gerechtigkeit glich, schaute von dem Buch, darin er gelesen, auf. Er legte das Buch vor sich hin, als er den Eintretenden erkannte. Das Buch war ein Leihbibliotheksband. Es mußte dem gemütlichen Herrn über die Zeit hinweghelfen. Zu tun gab es ja um diese Stunde wenig oder nichts. Deshalb war es dem Kommissar eben recht, daß Klaus gekommen war, denn der kam nur, wenn er wirklich Hörenswertes zu vermelden hatte. »Guten Tag, Herr Kommissar!« sagte er mit seiner harten, lauten Stimme. »Guten Abend, lieber Klaus«, gab dieser zurück. »Was führt Sie zu mir? Der Dienst?« Der alte Gefängniswärter dachte einen Augenblick lang nach, dann sagte er unsicher: »Ich weiß nicht, ob ich sagen darf, daß ich dienstlich komme – aber eines weiß ich, Herr von Lautern, ich werde alt.« Herr von Lautern schaute überrascht auf; so kläglich, so tragisch hatte das geklungen. Es war auch nur eine private Mitteilung, das zeigte des dienststrengen Gefängnisaufsehers Anrede. Der freundliche Mann war fast gerührt. Er deutete auf den nächsten Stuhl, darauf sich Klaus ehrerbietig niederließ, indessen Herr von Lautern seufzend sagte: »Mein lieber Klaus, wir alle werden alt, und jeder von uns spürt es. Nur gut, wenn der Dienst nicht darunter leidet, und – der Ihrige leidet ja nicht unter Ihrem Altwerden.« Das war ein wohlverdientes Kompliment, aber Klaus achtete nicht darauf. »Sie waren im Jahre achtzehnhundertsechzig noch nicht hier«, sagte er wieder in seiner scheinbaren Zerstreutheit, die nur Nachdenklichkeit war. Herr von Lautern ergriff einen Bleistift und klopfte damit auf seinen linken Handteller. Er war so lebhaft; er konnte nur zuhören, wenn er mit irgend etwas mechanisch beschäftigt war. »Nein, damals amtierte ich in L.«, sagte er, und Klaus fuhr fort: »Aber Herr Werner war hier und ich und noch einer, den ich heute wiedergesehen habe.« Herr von Lautern spielte noch immer mit seinem Bleistift. »Die Zeitung sagt und die Leute glauben, daß der gute Herr Werner keine Feinde gehabt, und doch – mindestens einen hatte er. Werners Tüchtigkeit war es geglückt, einem gefährlichen Einbrecher auf die Spur zu kommen, er selber, er allein hatte ihn dingfest gemacht und mit Hilfe einiger zufällig hinzugekommener Menschen hierhergebracht. Der Mann, er heißt Josef Holzer, wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt und schwor, ich allein hab's gehört, schreckliche Rache an Werner zu nehmen. – Das war vor zehn Jahren und drei Monaten. Josef Holzer ist wieder frei, und heute – habe ich ihn vor dem Hause Werners gesehen.« Herr von Lautern hatte seinen Bleistift auf den Tisch gelegt. »Und Sie haben ihn nicht anhalten können?« fragte er langsam, ruhig, freundlich. Er wußte ja, daß er einen pflichttreuen Beamten vor sich hatte. »Nein, ich habe ihn nicht anhalten können; ich sagte es ja, ich werde alt. – Kaum hatte ich ihn erblickt, eilte ich auf ihn zu. Er stand nicht allein. Ein Dutzend anderer Neugieriger deckte ihn, und plötzlich war er verschwunden, wie von der Erde verschlungen. Nirgends war ein Versteck, ein Ausweg. Der Wernersche Vorgarten war verschlossen. Ich eilte hierher. Auf halbem Wege fiel mir erst ein, daß Holzer ganz gut in den offenen Garten hatte flüchten können, daß er selbst vielleicht erst die Gittertür verschlossen und verriegelt hat. Natürlich hätte ein Umkehren nichts mehr genützt – da habe ich denn meinen Weg fortgesetzt und habe nun gemeldet, was zu melden war.« Peter Klaus ließ den Kopf sinken. Er schämte sich – das zeigte nicht nur sein ganzes Wesen, das zeigte auch das dunkle Rot, welches während seines Bekenntnisses in sein altes Gesicht gestiegen war. Der Kommissar war aufgestanden und hatte die feine, weiße Hand auf Klaus' Schulter gelegt. »Machen Sie sich nichts daraus«, sagte er gütig, »derlei passiert jedem einmal. Und hoffentlich wird dieser Holzer zu finden sein. Was Sie mir sagten, bleibt Amtsgeheimnis. Ich will sofort zu unserem Chef gehen. Heute noch wird alles mögliche veranlaßt werden, um den vielleicht Schuldigen aufzugreifen.« Nach diesen Worten griff Herr von Lautern zu seiner Dienstmütze, und beide verließen den inzwischen fast dunkel gewordenen Raum. »Den vielleicht Schuldigen!« murmelte Peter Klaus höhnisch, als er dem Gefängnis zuschritt. Er hatte es im Umgang mit seinen Pfleglingen verlernt, gut von den Menschen zu denken – einem Häftling aber traute er überhaupt nur das Allerschlimmste zu. Das Haus des Ermordeten lag, wie schon erwähnt, an einem der beiden Stadtenden. Die Mariengasse wurde meist von wohlhabenden, ruheliebenden Leuten bewohnt. Jedes ihrer Häuser besaß einen Garten. Vor dem des pensionierten Polizeibeamten Werner lag noch ein dicht und sorgfältig bepflanzter Vorgarten. Der einstöckige freundliche Bau war überhaupt nach allen Seiten hin frei, denn auch rechts und links davon zog sich der Garten hin, welcher, ohne bedeutende Tiefe, an einer düsteren, wenig benutzten Promenade endete. Ein hohes Eisengitter faßte ihn dort ein, ein ebensolches – aber mit einem Türchen versehen – schloß Haus und Garten nach der Mariengasse zu ab. Links grenzte an den Wernerschen Besitz ein großes, eingezäuntes Grundstück, darauf nichts als ein von einer Strauchwildnis umgebener Schuppen stand, ein Rest der Ländlichkeit, die noch vor kaum einem Jahrzehnt überall hierherum geherrscht hatte. Das Haus, darin der Mord geschehen, war in Hufeisenform erbaut, an eine achtfenstrige Front schlossen sich nach dem Garten zu zwei kleine Seitenflügel. Als Herr Werner sich vom Amt zurückgezogen und das Haus gekauft hatte, lief um dessen Innenseite ein anmutiger offener Gang, den er teils aufmauern, teils verglasen ließ und der sich nun als ein eleganter, erkerähnlicher Anbau präsentierte, in welchem der kunstsinnige Hagestolz die größeren Stücke seiner Kunst- und Altertümersammlung untergebracht hatte. Eine Stiege führte zu dem Gang empor, auf welchen Frau Thereses, der Wirtschafterin, Zimmer mündete. An dieses Gelaß schloß sich ein Zimmer an, darin Rudolf Werner, der Neffe des Ermordeten, schlief. An dieses Schlafgemach reihte sich ein anderes Zimmer, das dem Neffen als Wohnraum diente. Dann folgten noch drei Zimmer, denen sich zwei im entgegengesetzten Flügel anschlossen. In diesen letzteren arbeitete und wohnte der ruheliebende Pensionär. Im Erdgeschoß lagen die Küche und die sonstigen Wirtschaftsräume sowie das Zimmer, welches der Gärtner bewohnte. Der Gärtner, Niklas Palm, war ein braver, aber etwas stupider Mensch, der den Fehler hatte, fast taub zu sein. Wenn wir noch Frau Thereses Ami, den zierlichen Rattler, erwähnen, dann haben wir aller Lebewesen gedacht, für welche die Großmut und Gemütlichkeit des nunmehr auf so schreckliche Weise aus dem Leben geschiedenen Mannes sorgten. Rudolf Werner, welcher in einem der Ämter der Stadt praktizierte, war ein gemütvoller, kluger junger Mann, der seinen Onkel, welcher für ihn, den seit frühester Kindheit Verwaisten, gleich einem Vater gesorgt hatte, fast abgöttisch liebte. Ein wenig schwärmerisch und weich veranlagt, lebte der kaum Zwanzigjährige nur seiner Geige und den Idealen, die er sich selbst geschaffen, und als er, durch die gräßliche, geheimnisvolle Tat, die da geschehen, schier urplötzlich an die häßlichsten Seiten des Lebens erinnert wurde, war er dem Wahnsinn nahe. Therese hatte den Nichtstuenden an jenem Sonntag gegen neun Uhr morgens berichtet, daß der Herr, ganz gegen seine Gewohnheit, noch nicht aufgestanden sei. »Wollen Sie nicht hinübergehen, Herr Rudolf? Mir ist so bange. Der Herr war gestern ein wenig unwohl, hatte Atembeschwerden, und da ließ es mir schon die Nacht über keine Ruhe. Ich horchte an der Tür. Aber freilich – aus dem Schlafzimmer dringt ja doch kein Laut heraus.« So hatte sie zu dem jungen Mann gesagt. Da war auch Rudolf unruhig geworden, hatte die Geige hingelegt und war ihr voran nach des Onkels Zimmer gegangen. »Ich will hoffen, daß Ihre Furcht grundlos ist«, sagte er dabei, aber seine Stimme war unsicher und sein Auge ängstlich, und er hätte ganz gut sagen können »unsere Furcht«. Nur seines Onkels Arbeitszimmer hatte eine Tür nach dem Gang hin, das Schlafzimmer mündete in den Arbeitsraum. An dessen Tür, sie war des Nachts stets gesperrt, pochte nun Rudolf, pochte mehrere Male, immer rascher, immer lauter, und sein Herz, sein gutes, fast noch kindlich weiches Herz, es pochte schier zum Zerspringen mit. »Onkel«, rief er, »Onkel!« Was ihm antwortete, war nichts als angsterzeugende Stille. Therese, die heitere, kräftige Frau, lehnte sich blaß und zitternd an die Wand, ihre Knie zitterten. »Mein Gott! Mein Gott!« murmelte sie ein über das andere Mal. Und nun wendete sich Rudolf zu ihr. »Eine Hacke«, sagte er ruhig – aber er war bleich dabei, erbarmungswürdig bleich. Und da sie ihn ansah, zitterte sie plötzlich nicht mehr, sie flog den Gang entlang, die Treppe hinunter, um zu holen, was er begehrte. Aber wie sehr sie auch eilte, ihm schien es eine Ewigkeit, bis sie wiederkam. Mit der Kraft eines Verzweifelnden schüttelte, er an der Tür, sie gab nicht nach ... Endlich, endlich kam Therese und reichte ihm die Hacke. Im nächsten Augenblick krachte die Tür, flogen die Splitter – traten die beiden ein. Das Arbeitszimmer hatte nur ein Fenster, dessen Laden halb geschlossen war; dennoch fiel genug Licht ein, daß die Eindringenden sehen konnten. Zu gleicher Zeit eilten sie nach dem Schlafzimmer. Es war dunkel, denn es drang nur so viel Licht herein, als durch die offene Tür fiel. Rudolf stieß einen der Fensterladen zurück. Da tönte ein dumpfer Angstlaut von der Tür her. Rudolf hörte auch, daß Frau Therese auf die Knie sank. Auch die seinen zitterten. Langsam, wie widerwillig drehte er sich dem Bett zu, auf dem, er fühlte es in jedem Nerv, etwas Entsetzliches zu sehen war. Und nun fielen seine Blicke auf das Bett: auf einen Toten – auf einen Ermordeten, dessen Blut das weiße Bettzeug grausig färbte. »Onkel!« schrie qualvoll der junge Mensch auf und flog auf das Bett zu. »Onkel!« seufzte er noch einmal und sank dann halb ohnmächtig neben dem Lager nieder. Therese, die sonst couragierte Frau, die ja Schreckliches erwartete, der aber das weit Entsetzlichere, das sie gefunden, fast den Geist verwirrte – schauerte zusammen, dann raffte sie sich auf und floh aus dem Zimmer. Unsägliches Grauen hatte sie ergriffen; aber ihre Verwirrung war nur von kurzer Dauer. Nein, sie wollte nicht fortgehen, wollte den armen jungen Herrn nicht verlassen; aber Hilfe wollte sie holen, und allein wollte sie nicht bleiben. Sie eilte zum einzigen Fenster der Arbeitsstube, ließ es auf und rief Palm, der eben die Rosenbäume mit Stroh verband. So gellend, so angstvoll rief sie ihn an, daß selbst er, der fast taube Mann, sofort aufblickte. In der nächsten Minute wußte er schon, was geschehen, und auch er erstarrte fast vor grausiger Überraschung. Eine Stunde später war schon die Gerichtskommission da. Der Arzt konstatierte, daß ein von fremder Hand geführter, überaus kräftiger Stoß mit einem dolchartigen Instrument das Ableben Werners verursacht habe und daß der Tod schon vor Stunden erfolgt sein müsse. Sonst wurde eigentlich nichts konstatiert. Rätselhaft blieb es, auf welchem Weg der Mörder gekommen sei und auf welchem er das Haus verlassen habe. Den Gang hatte Therese auch an jenem Sonnabend, wie allabendlich, von innen abgesperrt und ihn ebenso am Morgen vorgefunden. Überdies steckte ja der Schlüssel, mit welchem sich der Ermordete gegen seine Hausgenossen abzusperren pflegte (eine alte Gewohnheit, die mit Argwohn nichts zu tun hatte), noch von innen in dem Schloß der zertrümmerten Tür. Die beiden Fenster der Schlafstube sowie das des Arbeitszimmers waren wohlverschlossen gewesen, als man den Toten auffand. Woher also war der Täter gekommen? Auf welchem Weg war er geflüchtet? Und warum hatte er gemordet? Es fehlte nichts von den Effekten des Toten, und Feinde hatte er nicht gehabt! Man stand vor einem Rätsel. Rudolf war in Gefahr, diesem Rätsel zum Opfer zu fallen. Ein Nervenfieber hatte ihn an den Rand des Grabes gebracht. Er war so recht der junge Mann der Jetztzeit: Er war sensibel wie eine Dame. Das anstrengende Studium, der harte Bürodienst, die aufregenden Musikübungen hatten ihn so gemacht. Seit Tagen war er erst auf dem Wege der Besserung. Das Haus in der Mariengasse war nun noch stiller als sonst. Nur der Arzt ging dort aus und ein. Eines Abends läutete es am Gittertor. Es dunkelte schon. Therese ging zu Palm hinunter und hieß ihn nachsehen, wer Einlaß wolle. Sie war schreckhaft geworden, die geängstigte Frau, schreckhaft und vorsichtig. Palm kam mit einem dicken kleinen Herrn an das Haus heran. Der Herr grüßte artig. Dabei kam sein blondes Haupthaar zum Vorschein. Seine Augen konnte man nicht deutlich sehen, denn er trug eine rauchgraue Brille, aber diese Augen schienen dunkel, ja schwarz zu sein; so glaubte Frau Therese zu sehen, welche dem Fremden mit ihrer Laterne ins Gesicht leuchtete. »Was wünschen Sie?« fragte sie. »Kann ich Herrn Rudolf Werner sprechen?« fragte er zurück. »Er ist krank.« »Ich weiß es, aber er ist, das weiß ich auch, nun bei klarem Bewußtsein und genügend kräftig, um über etwas, das er selbst herbeiwünschen muß, sprechen zu können.« »Das wäre?« fragte erstaunt die Wirtschafterin. »Ich möchte es ihm selber sagen.« »Auf alle Falle kann ich Sie nicht zu dem Kranken lassen«, entgegnete Therese bestimmt, und das leuchtete dem fremden Herrn ein. »Kann ich Sie allein sprechen?« meinte er, mit einem Blick auf den daneben stehenden Gärtner. Die Frau wurde ungeduldig. »Er ist taub, Sie können reden«, sagte sie rasch. »Es handelt sich um die Auffindung des Mörders«, flüsterte er ihr dennoch leise zu. Er hatte sie dabei scharf beobachtet. Hatte er etwa einen Verdacht gegen sie? Hatte er erwartet, daß sie erschrecken werde? Sie sah ihn nur überrascht an. »Kommen Sie!« sagte sie dann nach kurzer Überlegung und ging ihm voran, die Stiege hinauf. Auf der dritten Stufe aber wendete sie sich Palm zu und winkte ihm, ihr zu folgen. Es mochte ihr doch unheimlich sein, allein mit dem Fremden hinaufzugehen. Ein unmerkliches Lächeln zuckte um die Lippen des blonden Mannes. Seine Augen huschten blitzschnell, aber auch mit Falkenschärfe über jeden Gegenstand, an welchem er vorüberkam und welchen das matte Licht der Laterne traf, er nahm schon auf der Treppe den Hut ab und fuhr sich mit der Hand durch das dichte Haar – oder drückte er es vielleicht nieder? Wollte er sich vielleicht nur überzeugen, ob es auf der rechten Stelle war? »Warten Sie hier«, bat Therese und wies dem Fremden einen Stuhl im Gang an. Palm machte sich in seiner Nähe an einem Blumentischchen zu schaffen. Er pflückte welke Blätter ab, die nicht da waren, und richtete Stiele auf, die ohnehin vollsaftig nach oben wuchsen. Auch das bemerkte der blonde Herr und lächelte bitter. Wer ihn beobachtet hätte, hätte es ganz deutlich sehen können und hätte noch anderes gewahren müssen. Wie früher auf der Stiege, so untersuchten auch jetzt in dem hell erleuchteten Gang seine scharfen Augen jeden Winkel, jedes Gerät, jede Zierform. Nach etwa zehn Minuten kam die Wirtschafterin zurück. »Treten Sie ein«, sagte sie, und er trat ein. Er blieb etwa eine halbe Stunde allein bei dem Kranken, bei dem kaum erst Genesenden, dann wurde geklingelt, und Frau Therese, die unterdessen, voll von unterdrückter Aufregung, im Gang auf und ab gegangen war, betrat das Zimmer, in dem Herr Rudolf lag. Der dicke blonde Herr saß im vollen Schein der Lampe am Fußende des Bettes in dem Sessel, den sie ihm dort hingestellt. Er sah völlig ruhig aus. Nicht so Rudolf, dessen abgezehrtes Gesicht von einer Röte überhaucht war. »Liebe Therese, führen Sie diesen Herrn überall dorthin, wohin er begehrt. Beantworten Sie ohne Scheu jede seiner Fragen. Er will sich unserer Sache annehmen. Er ist Geheimpolizist, Schmid mit Namen. Unsere Polizei hat nichts entdecken können, vielleicht gelingt es ihm, unseren lieben Toten zu rächen. Dazu bedarf es aber vor allem der tiefsten Verschwiegenheit. Niemand darf ahnen, daß Herr Schmid die Untersuchung aufgenommen hat.« Erschöpft schwieg der junge Mann. Herr Schmid erhob sich, nahm langsam einige Papiere an sich, welche vor Rudolf auf der Decke lagen und die vermutlich seine Person legitimierten, legte sie sorgfältig in seine Brieftasche und sagte: »So kann ich also gleich beginnen?« »Ich bitte Sie darum«, erwiderte der Kranke und reichte ihm die Hand. Schmid ergriff sie, zögernd, wie Therese zu gewahren meinte, verneigte sich und ging aus dem Zimmer. Die Frau folgte ihm nicht sogleich. Sie machte sich an den Kissen des Bettes zu schaffen und flüsterte Rudolf zu: »Darf man dem Menschen auch trauen?« »Sicherlich. Er nimmt diese Untersuchung aus Gründen des Ehrgeizes auf.« »Warum aber kommt er so bei Nacht und Nebel?« »Weil unsere Polizei es gewiß nicht gern sehen würde, daß ein anderer etwas entdeckt, was ihr verborgen blieb, obwohl sie an Ort und Stelle war, als das Verbrechen verübt wurde.« »Sie meinen also nun, daß man ihn nicht unterstützen würde?« »Man würde ihn eher hindern. Jetzt aber tun Sie, was ich Ihnen sagte. Wir beide werden ja doch erst Ruhe finden, wenn das Verbrechen gesühnt ist.« Sie ging. Im Gang draußen stand Herr Schmid und besah aufmerksam die alten Uhren, welche, merkwürdige Erzeugnisse vergangener Jahrhunderte, die Borde zierten. »Ich hole eine Lampe«, sagte die Frau, an ihm vorübergehend, und verschwand an der Biegung des Ganges. Sie hatte Palm ein Zeichen gegeben, und auch er ging. Man hörte ihn geräuschvoll die Stiege hinuntergehen, dann den Sand der Gartenwege unter seinen Tritten knirschen, eine Tür wurde geöffnet und geschlossen. Der blonde Herr tat einen tiefen Atemzug, und seine Augen glühten düster, als er leise murmelte: »Wenn es mir nur gelänge!« Einige Augenblicke später kam Therese mit einer angezündeten Lampe und einem Schlüssel zurück. Ein zierliches Hündchen folgte ihr, es sprang mit lautem Gekläffe an dem Fremden hinauf. Er beachtete den Hund nicht. Schweigend folgte er seiner Führerin an das andere Ende des Ganges. Vor einer weißlackierten, frischglänzenden Tür blieb sie stehen. »Bitte sperren Sie auf«, sagte sie nach kurzem Zögern. Es mochte ihr recht unangenehm sein, jetzt, in dieser lautlosen Abendstunde die Räume zu betreten, in denen so Schreckliches geschehen war. »Das ist eine neue Tür«, sagte Herr Schmid. »Ja – die alte hat Herr Rudolf, als er sie mit Gewalt öffnete, zersprengt, und offen konnten wir natürlich diese Zimmer nicht lassen.« »Sie haben beide die Tür versperrt gefunden, wie ich hörte?« »So ist's.« »Mit einem Riegel verschlossen?« »Nein, der Schlüssel war zugedreht. Die Tür hatte keinen Riegel.« Schmid sperrte auf, er öffnete die Tür. Sie traten ein. Frau Therese stellte die Lampe auf eine alte Kommode. Der ganze, kleine Raum war hell erleuchtet. »Dies war Herrn Werners Arbeitszimmer?« Herr Schmid hätte gar nicht so zu fragen brauchen, denn es zeigten sich ja, wohin man sah, die Spuren davon, daß in diesem Zimmer die kleinen Liebhaberarbeiten des Pensionärs verrichtet worden waren. Eine kleine Drehbank, ein mit allerlei Handwerkszeug gefülltes Kästchen standen an der einen Wand. Lacktöpfchen und Pinsel ließen darauf schließen, daß er selber allerlei Reparaturen im Hause besorgte, und ein großer, mit Linealen, Maßen, Zirkeln, Papieren, Metallbestandteilen und Lupen beladener Tisch, der dicht neben dem Fenster stand und über welchem eine Lampe hing, bewies, daß der Gemordete sicherlich hier reichlich beschäftigt gewesen. »Herr Werner liebte Altertümer!« bemerkte der blonde Herr, indessen er seine alles sehenden Augen über die beiden großen Glasschränke gleiten ließ, in welchen die verschiedensten Erzeugnisse vergangener Kulturepochen friedlich nebeneinander aufgestellt waren. »Ja, das ganze Haus ist voll von solch altem Kram.« Frau Therese hatte ihres Gebieters Liebhabereien niemals verstanden, das zeigte der mitleidig verächtliche Ton ihrer Antwort. »Und ganz besonders bevorzugte er die Uhren«, setzte Herr Schmid seine lauten Betrachtungen fort, indessen er die eine Wand überblickte, an welcher die verschiedensten Zeitmesser hingen und auf Postamenten aufgestellt waren. Die Frau nickte nur. Herr Schmid war an das Fenster getreten. Man mußte sich förmlich durch den engen Raum zwängen, welchen der große Arbeitstisch dort frei ließ. »Und dieses Fenster war, wie alle anderen, auch verschlossen?« fragte er, das breite, hohe Fenster genau betrachtend »Fest verschlossen. Ich selber habe es erst geöffnet, als ich Palm heraufrief, weil ich mich fürchtete, mit dem Toten und dem Ohnmächtigen allein zu bleiben.« »Wußten Sie denn, daß Palm – das ist ja wohl der Mann, den ich vorhin gesehen habe – unten sei?« »Gewiß, ich hatte ihn ja bei den Rosen gesehen, als ich aus der Küche unten die Hacke holte.« »Die Hacke?« »Mit welcher Herr Rudolf die Tür sprengte.« »Ah so. Und Palm hörte Ihren Ruf? Er ist doch taub?« »Nur, schwerhörig.« Die Frau beachtete es nicht, daß er so rasch, so scharf gefragt hatte – sie mußte wohl völlig unschuldig an dem Verbrechen, also auch völlig harmlos sein. »Also, das Fenster war geschlossen«, kam Herr Schmid wieder auf den eigentlichen Gegenstand zurück, »Sie erinnern sich dessen genau.« »Genau – das heißt, das äußere Fenster war geschlossen, das innere nur angelehnt und ebenso auch der Laden nur angelehnt.« »So! Nun, im Grunde ist das eins. Hinausgekommen ist der Mörder also hier nicht.« »Ganz unmöglich.« Herr Schmid ging auf den großen Kachelofen zu, der die Ecke zwischen den beiden Türen einnahm. Es war keine Kaminöffnung im Zimmer. Die Frau verstand, woran er dachte. »Oh – auch dieser Weg war ihm genommen; weder hier noch dort drinnen ist ein Kamin.« »Gehen wir in das andere Zimmer«, verlangte nun der Detektiv. Therese nahm die Lampe und ging voran. Er folgte ihr. »In diesem Zimmer habe ich, nachdem die Kommission hier gewesen war und man mir die Erlaubnis dazu gegeben hatte, aufräumen lassen«, sagte die Frau leise schaudernd. »Das versteht sich. Aber Sie können mir wohl beschreiben, wie Sie alles vorgefunden haben?« Sie schilderte ihm, wie sie eingetreten waren und wie der erste Lichtstrahl, der durch die erst von Rudolf geöffneten Fensterladen fiel, ihnen den ermordeten Herrn gezeigt habe. Bis in die geringsten Einzelheiten ging sie, man hörte es ihrer schmerzlichen Rede an, daß sie sich nur mit tiefstem Widerwillen diese Erinnerungen zurückrief, daß sie es aber dennoch tat, weil sie hoffte, daß dadurch ihr Zuhörer vielleicht eine Spur des Mörders finden könne und ihr armer Herr so gerächt werden würde. Scharf aufmerkend, hörte ihr Herr Schmid zu, betrachtete genau das Zimmer und alles, was es enthielt, und ließ sich alsdann wieder in die andere Stube hinausführen. Dort stellte er zwei Stühle zurecht und lud Frau Therese ein, sich ihm gegenüberzusetzen. Erstaunt folgte sie seiner Aufforderung. »Und jetzt sagen Sie mir alles, was Sie über Ihren einstigen Herrn wissen«, bat er freundlich. Beklommen kam sie auch dieser Aufforderung nach, erzählte, daß sie nun über zehn Jahre Werners Wirtschaft führe, so lange eben, als er in Pension gegangen sei und sich hier angekauft habe; sie schilderte seine Freude an der Renovierung des Hauses, und seine Güte gegen alle Welt, besonders aber gegen seinen Neffen und seine Hausgenossen, seine Freigebigkeit gegenüber den Armen und seine Gemütlichkeit im Umgang mit allen, die in sein Haus gekommen seien oder mit denen er auswärts verkehrt habe. »Hatte er großen Verkehr?« unterbrach Schmid die etwas weitläufigen Schilderungen der Frau. »Nicht viel, ganz besonders in letzter Zeit nicht. Er war kränklich und damit menschenscheu geworden. Er reiste nicht einmal mehr gern, was doch früher auch zu seinen Passionen gehörte.« »Machte er große Reisen?« »Das nicht. Er besuchte meist nur ein- oder zweimal im Jahr die Residenz, um dort Nachschau zu halten, ob es nicht etwas Interessantes zu erwerben gäbe.« »Einen Zuwachs für seine Sammlungen, meinen Sie?« »Ja, und wenn er etwas besonders Altes gekauft hatte, dann kam er immer fröhlich heim und lud seine Intimen ein, die es mit ihm bewundern mußten, und war es eine alte Uhr oder irgendeine andere mechanische Spielerei, dann setzte er mit Mühe und unter hundert Versuchen die natürlich längst ruinierten Dinger wieder instand und verbrachte täglich mehrere Stunden an diesem Tisch, leise pfeifend oder singend, denn er war nicht weniger musikalisch als der junge Herr. Und einmal, als er mit solch einer Arbeit gar nicht zurecht kommen konnte, nahm er sogar für ein paar Wochen einen Uhrmachergehilfen aus unserer Stadt auf, der ihm helfen mußte.« »Soso!« machte gleichmütig Herr Schmid, »und in jüngster Zeit verkehrte er also nur mit wenigen Menschen?« »Mit fast gar niemanden mehr. Er war, wie gesagt, kränklich und daher gern allein, nicht einmal wir sahen ihn öfter als bei den Mahlzeiten. Freilich, für seine Altertümer fand er weder bei Herrn Rudolf noch bei mir Verständnis, und wenn alte Leute nicht von ihrer Liebhaberei reden können, reden sie lieber gar nicht. Aber da fällt mir's eben ein, daß nach seinem Tode ein Herr hier war, der dringend mit Herrn Rudolf zu reden begehrte. Es handelt sich um einen Kauf oder Rückkauf oder dergleichen; ich habe es mir nicht gemerkt, denn es war eben zur Zeit, als der junge Herr im Delirium lag und meine Sorgen und Gedanken bei ihm waren.« »Den Namen des Herrn wissen Sie nicht?« »Ich weiß nur, daß er ein Raritätenhändler ist.« »Aus der Residenz?« »Es wird schon so sein. Der Tote soll ein guter Kunde von ihm gewesen sein.« »Mit den Geschäftsleuten, die beim Umbau des Hauses hier waren, oder mit sonst irgend jemandem hat es nie einen Konflikt gegeben? Ein Zerwürfnis meine ich, das einen solchen Racheakt wahrscheinlich macht?« »Niemals! Der Herr war ein Engel an Güte.« »Und geraubt wurde auch nichts?« »Nichts. Nicht eine Stecknadel.« »Wie hieß der Uhrmachergehilfe, der hier arbeitete?« fragte der Detektiv, nach einem kleinen Gegenstand langend, der, in ein Papier eingewickelt, auf dem Werktisch lag. Es war eine Drahtspule. Ihre Umhüllung mochte Herrn Schmid auf die gestellte Frage gebracht haben, es war ein Reklamezettel, wie sie an den Straßenecken ausgegeben werden, und eine Uhr sowie der Name einer Firma hoben sich in fettem schwarzem Druck von dem gelben Papier ab. Zwischen diesem Papier und der Spule war jedoch noch ein anderes, ein weißes. »Steiner oder Steiniger, glaube ich. Ich weiß es aber nicht bestimmt, ich habe seinen Namen nur wenige Male gehört, und es ist schon länger als zwei Jahre her, daß er hier arbeitete.« »Hier im Hause und wohl auch hier in der Stadt?« »Ja, beim Mechaniker Kerbler.« »Ein Uhrmacher – bei einem Mechaniker?« »Es war doch so, der Mensch war zu allem geschickt.« »Wie sah der fremde Herr aus, welcher während Herrn Rudolfs Krankheit hier war?« »Es war ein alter Mann mit fast weißem Bart. Auch kann ich mich erinnern, daß er eine Narbe auf der rechten Wange hatte. Er war groß und hager.« Herr Schmid notierte sich einiges, dann sah er die Frau mit durchdringenden Blicken an und fragte: »Ich bitte Sie nur noch nachzudenken, ob Ihnen in der Mordnacht nichts, gar nichts aufgefallen ist. Hat sich zum Beispiel Ihr Hündchen denn gar nicht gerührt?« »Nein, Herr ...«, sie stockte verlegen. »Schmid«, ergänzte er ihre Ansprache. »Schmid«, wiederholte sie, »nein, Ami lag die ganze Nacht ruhig. Er ging nicht einmal mit mir, als ich aufstand, um an des Herrn Tür zu horchen.« »Das haben Sie getan?« »Ich habe es immer so getan, wenn ich wußte, daß der Herr sich nicht wohl fühlte.« »So war es an jenem, seinem Tode vorhergehenden Samstag?« »Ja, und des Nachts erwachte ich auf einmal – ich hatte einen bösen Traum gehabt und war deshalb besorgt und unruhig. Ich nahm ein Licht und ging herüber, ich rief leise des Herrn Namen – aber er antwortete mir nicht, und so nahm ich an, daß er nicht wach, nicht leidend sei.« »Und da gingen Sie wieder zurück?« »Nein, das tat ich noch nicht«, sagte die Frau zögernd und wie in ein tiefes Sinnen verfallend. Es war einen Augenblick lang still in dem Arbeitszimmer des Ermordeten. »Was taten Sie denn?« fragte dann der Detektiv aufmerksam. Die Frau atmete tief auf. »Warum habe ich bis heute nicht daran gedacht? Warum habe ich das den Herrn vom Gericht nicht gesagt?« fragte sie mit unverkennbar echter Verwunderung mehr sich als ihren Zuhörer. »Was hätten Sie denn noch zu sagen gehabt?« fragte dieser, und sie fuhr fort: »Nein, ich ging nicht. Ich drückte auf die Türklinke, meine Unruhe war ja noch nicht ganz behoben durch das Unbeantwortetbleiben meines Rufes. Ich wußte, daß der Herr sich stets abschloß, dennoch drückte ich auf die Klinke, und das tat ich mit dem Gefühl, daß man mich höre. Es war mir, als wache noch einer außer mir im Hause. Aber – die Tür öffnete sich nicht, und nichts war zu hören als der Wind, der in den Bäumen sauste, und da zwang mich irgend etwas, durch das Schlüsselloch zu schauen.« »Der Schlüssel steckte drinnen.« »Ja, aber er war so gedreht, daß der Bart die Öffnung nicht verdeckte, und da sah ich –« »Nun, was sahen Sie?« Der blonde Herr hatte sich ihr erwartungsvoll entgegengebeugt. »Ich sah – aber lachen Sie mich nicht aus – ich sah einen Schatten über das Bild meines Herrn gleiten, und der Schatten verschwand; da schaute sein Antlitz so blaß aus und schien wehevoll verzerrt zu sein – es war wohl, weil der Mond es bestrahlte –, und dann kam der Schatten wieder, und noch einmal wurde das Bild hell, und wieder verdunkelte es sich. Da packte mich die Furcht, und ich eilte nach meinem Zimmer und sperrte mich ein.« »Zu welcher Stunde mochten Sie wohl aufgestanden sein?« »Das weiß ich nicht.« »Und schliefen Sie wieder ein?« »Ja – nach langem Wachen. Es werden wohl Wolken gewesen sein«, sagte Therese sinnend, ihr stilles Denken laut fortsetzend. »Nein, es waren keine Wolken«, berichtigte Herr Schmid ihre Ansicht. »Wieso wissen Sie das?« fragte die Frau erstaunt. »Weil ich jene Nacht im Freien zubrachte«, erwiderte er, und seine Stimme klang seltsam gepreßt dabei. Hatte er damals ein Leid erfahren, das heute noch in ihm nachwirkte? »Nein, es waren keine Wolken«, wiederholte er, und dann stand er lebhaft auf und ging wieder nach dem Fenster. Die Lampe und das Bild, das schräg hinter ihr an der Wand hing, betrachtend, sagte er plötzlich: »Liebe Frau, gehen Sie hinaus, und sehen Sie, wie damals, durch das Schlüsselloch.« Sie tat, wie er gesagt. Und da sah sie wieder einen Schatten über die Wand gleiten, einen harten, schwarzen Schatten, aber er verschleierte niemals das Bild in derselben Weise, wie es in jener Nacht von – jenem weichen Schatten verschleiert worden war. »Treten Sie wieder ein«, bat sie Herr Schmid nach einer Weile. Sie trat ein. »War es so?« fragte er. »Nein. Nicht einmal ähnlich«, entgegnete sie kopfschüttelnd. Der blonde Herr lächelte ruhig. »Übermorgen, also am sechsten November, werde ich um diese Zeit wiederkommen. Seien Sie bereit, einen Teil der Nacht zu durchwachen. Ich bin auf einer Spur. Jedenfalls werden Sie über alles schweigen, wenn Sie wollen, daß der Mörder entdeckt werde. So – und jetzt lassen Sie mich eine Weile allein.« Sie verneigte sich und ging hinaus. Der Mann war ja legitimiert; wie hätte sie ihm nicht vertrauen sollen? Dennoch vertraute sie ihm nicht ganz. Sie hieß Ami mit dem Befehl »Hüte!« sich vor Herrn Rudolfs Tür legen, wissend, daß der Hund keinen als die Hausgenossen über die Schwelle treten lassen würde, ohne mit seiner durchdringenden Stimme Hilfe herbeizurufen; dann ging sie leise die Stiege hinunter, öffnete die Tür, welche sie abschloß, und trat in den Garten hinaus. Da konnte sie denn auch sofort Absonderliches gewahren. Auf dem Fensterbrett stand Herr Schmid und untersuchte den oberen Teil des Fensters. Sein Gesicht war hell vom Kerzenschein beleuchtet. Es drückte Überraschung aus. Er untersuchte noch eine Weile die Fensterriegel und das Windrad, welches sich in einer der obersten Scheiben befand, dann stieg er behend nieder, weit flinker, als es sein Embonpoint hätte erwarten lassen. Frau Therese kehrte rasch in das Haus zurück. Sie kam eben dazu, wie er das Arbeitszimmer ihres Herrn verließ. »Es hat mich doch niemand als Sie beobachtet?« sagte er gleichmütig. Sie errötete. Er hatte sie also unten stehen sehen! »Ich wollte nur ... Ich meinte ...«, stammelte sie. Er aber unterbrach sie freundlich: »Sie sind eine treue Dienerin, und Sie haben mir nicht völlig vertraut; deshalb brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen. Und nun sagen Sie mir noch eins. Wann war Ihr Herr zum letztenmal in Wien?« »Mitte September.« »Hat er da irgendwelche Seltenheiten mitgebracht?« »Das weiß ich nicht. Und auch Herr Rudolf hat wohl nichts gesehen, sonst wäre doch, wie sonst immer, davon gesprochen worden. Der Herr hat es uns übrigens auch nicht immer gesagt, wenn er Einkäufe machte, vielleicht genierte es ihn, es zuzugeben, daß er für seine Liebhabereien so viel Geld opferte.« Herr Schmid nickte verständnisvoll und meinte: »Das kommt wohl vor.« »O ja«, sagte sie lebhaft. »Zuweilen fanden wir irgendwo im Hause plötzlich früher noch nicht dagewesene Gegenstände, einen Helm, eine Uhr, eine Dose, die er heimlich in seine Sammlung eingereiht hatte.« »So – und was liebte er am meisten?« »Uhren oder mechanische Spielereien. Er dachte immer daran, etwas zu erfinden.« Herr Schmid sann eine Weile nach, dann griff er nach seinem Hut und sagte: »Übermorgen komme ich wieder, nicht vor halb zehn Uhr nachts.« »Weiß Herr Rudolf davon?« »Sie werden es ihm sagen. Er wird nichts dagegen haben, denn er hat mir ja das Haus zur Verfügung gestellt. Jetzt habe ich ihm doch nichts Wichtiges zu sagen; auch scheint er mir noch sehr krank, daher will ich ihn heute nicht mehr stören.« Herr Schmid verbeugte sich kurz und verließ rasch das Haus. Therese vermochte ihm kaum zu folgen. Sie bemerkte, daß er, ehe er auf die Straße hinaustrat, scharf hinaushorchte und den Weg hinauf und hinunter schaute, ehe er das Vorgärtchen verließ. Er wollte offenbar nicht gesehen werden. »Nein, es ist niemand da!« murmelte er endlich, dann trat er rasch hinaus. In der nächsten Sekunde schon war er verschwunden. Es war, um mit dem wackeren Peter Klaus zu reden, als ob ihn der Erdboden verschlungen hätte. Er hatte nichts als ein Stückchen Papier aus dem Wernerschen Hause mitgenommen, dasselbe weiße Stückchen Papier, in das die Drahtspule gewickelt gewesen. Es war das letzte Blatt eines Briefes. Seine eine Seite zeigte sich leer, auf der anderen standen nur wenige Schlußzeilen:   »... größte Seltenheit. Also sehen Sie sich die Dinger an. Hochachtungsvoll R. Ackermann Wien, am 9. 9. ...«   Das stand auf dem zerknitterten Zettel, den Herr Schmid, ehe er das Zimmer verließ, sorgfaltig in sein Notizbuch legte. »Am neunten September«, murmelte er und setzte gedankenvoll hinzu: »Und am zehnten Oktober hat man Herrn Werner ermordet gefunden.« Das »Übermorgen« war zum »Heute« geworden. Man hatte im Hause des Ermordeten bis dahin nichts von dem blonden, dicken Herrn gesehen, der so behend vom Fenster geglitten war und dessen dunkle Augenbrauen so seltsam von seinem hellen Kopfhaar abstachen. Herr Rudolf befand sich in wachsender Aufregung. Therese fand, seit der Fremde dagewesen, nirgends Rast noch Ruhe. Palm, der nichts gehört und nichts verstanden, arbeitete ruhig weiter, nur einmal fand ihn Frau Therese sinnend über den Rechen gelehnt, mit dem er das welke Laub zusammenscharrte. »Woran denken Sie?« rief sie ihm ins Ohr. Er fuhr auf. »Wird's denn niemals entdeckt werden?« sagte er dann schier ungeduldig. Sie wußte wohl, was er meinte. Lag es doch auch ihr wie ein Druck auf der Seele, daß der Mörder noch immer nicht entdeckt war. Die Polizei forschte freilich noch immer gewissenhaft nach dem Täter, aber sie hatte bisher nichts gefunden, und inzwischen flüsterten sich die lieben Nachbarn allerlei Gerüchte zu von gierigen Erben und untreuen Dienern und häuslichen Verbrechen. Es war nur gut, daß der überspannte junge Mensch nichts davon wußte. Palm und sie, so dachte Frau Therese in ihrer ehernen Rechtschaffenheit, konnten den ebenso fürchterlichen wie albernen Klatsch ertragen. Sie hatte nun Palm leider nicht mit Herrn Schmid trösten können – sie aber setzte in diesen das vollste Vertrauen. Sein Ehrgeiz trieb ihn, in dieses Geheimnis einzudringen – gut, es war ja gleichgültig, was ihn trieb, wenn er nur Erfolg hatte; dann wurde es wieder licht in diesem Hause, so licht wenigstens, als es in Räumen wieder werden kann, in denen so Gräßliches vorgegangen ist. Palm war bereits zur Ruhe gegangen. An Rudolfs Lager stand die treue Alte. Beide lauschten in die Nacht hinaus. Da schlug es laut zehn Uhr. In demselben Augenblick klingelte es unten. »Er kommt«, sagte der junge Mann. »Er kommt«, sagte auch die alte Frau, und beide erbebten. Eine Minute später führte sie Herrn Schmid an Rudolfs Lager. Herr Schmid sah heiter aus, aber auch müde, sehr müde. »Haben Sie letzthin etwas entdecken können?« fragte Rudolf. »So wenig, daß es nicht der Mühe wert war, es zu berichten. Auch wollte ich Sie nicht stören. Sie sahen so leidend aus, als ich ging. Nun habe ich aber eine Frage. Besaß Ihr Herr Onkel in allerletzter Zeit eine kleine Standuhr, das Gehäuse aus Messing und Elfenbein gefertigt?« »Ich kann mich nicht entsinnen, eine solche Uhr jemals gesehen zu haben«, erwiderte kopfschüttelnd der junge Mann. »Die Uhr hat die Form einer Kapelle.« »Haben Sie eine derartige Uhr jemals im Besitz meines Onkels gesehen?« wendete sich Rudolf an die aufmerksam hinhorchende Wirtschafterin. »Nein«, sagte sie fest. »Wie gesagt, die Uhr könnte erst seit – nun, sagen wir, seit dem zwölften September im Besitz des Verstorbenen gewesen sein«, wiederholte Herr Schmid. »Immerhin möglich. Er war uns ja über seine Einkäufe keine Rechenschaft schuldig«, meinte Rudolf. Ähnliches hatte auch die alte Frau schon gesagt. Das fiel Herrn Schmid auf, aber er begriff des alten Mannes Schwäche und fand durchaus nichts Verwunderliches daran. Nun wendete sich Rudolf an Therese. »Wenn Herr Schmid es für nötig findet, sperren Sie ihm jeden der Kästen auf.« »Ich finde es für nötig.« »Sie glauben ...« »Ich glaube nicht mehr – ich ... doch gleichviel, es handelt sich doch um Beweise. Bitte, werte Frau, kommen Sie.« Der Kranke sah ihnen ungeduldig nach. Es tat ihm bitter weh, daß er so tatenlos hier liegen mußte. »Palm schläft?« fragte Herr Schmid, als sie draußen standen. »Er schläft.« »Gibt es im Garten unten eine Leiter?« »Ja.« »Bitte, zeigen Sie sie mir.« Sie gingen in den Garten. Sie brauchten keine Laterne mitzunehmen, denn der Mond war bereits über die Baumwipfel gestiegen und beleuchtete die schmalen Wege. »Hier ist sie«, sagte Therese, als man vor der Leiter stand. Sie hing waagerecht auf zwei Haken, welche in den Zaun geschlagen waren, der den Wernerschen Garten von dem nachbarlichen Besitz trennte. »Haben Sie nur diese eine Leiter?« fragte Herr Schmid. »Im Schuppen drüben ist noch eine, eine kürzere.« »Helfen Sie mir, einstweilen diese zum Hause zu bringen«, sagte er, nachdem er sie mit den Blicken gemessen. Sie staunte nicht mehr. Sie tat schweigend, was er begehrte. »Ah«, machte er, als sie die Leiter abhoben, »die ist aber leicht!« Ja, sie war leicht, viel leichter, als sie aussah, es konnte sie recht gut ein einzelner Mensch tragen. Er trug sie auch allein, nachdem er seiner Führerin gedankt, bis an das Haus. Er hatte wohl früher, ehe er die Leiter von ihrem Aufbewahrungsort genommen, sie selber und alles, was sich in ihrer Nähe befand, genau betrachtet – aber er hatte nichts entdecken können, was darauf schließen ließ, daß sie in jener Mordnacht benutzt worden sei. Das war nichts weniger als verwunderlich, war doch ein Monat seither verstrichen, und Regen und Stürme – wie solche seither stattgefunden –, die verwischen jede Spur. Schmid machte sich darüber keine Gedanken, ihm schien es genug zu sein, daß die Leiter wie eigens dazu angepaßt bis über das erste Stockwerk reichte und daß sie fest und sicher anzulegen war, weil ihre unteren, spitzigen, eisenbeschlagenen Enden sich zwischen die Fugen des Trottoirs, welches das ganze Haus umgab, zwängten. Dicht neben dem Fenster des Arbeitszimmers legte er die Leiter an. Sie endete ein wenig oberhalb des Windrades, welches in der obersten rechten Scheibe angebracht war. »Stimmt«, sagte Herr Schmid ruhig und setzte hinzu: »Und nun die andere Leiter.« Man holte die andere Leiter. Sie reichte nur knapp bis unter das Fenster. Auch sie fand mit ihren eisenbeschlagenen Spitzen sofort einen festen Standpunkt. »Stimmt!«, sagte abermals Herr Schmid, und dann wendete er sich zu der nun doch ein wenig verwundert dreinschauenden Therese. »Pflegte Ihr Herr die inneren Fenster offenzulassen?« fragte er, und die Frau antwortete lebhaft: »Ja, denn nur im äußeren befindet sich das Windrad, und er bedurfte stets ein wenig frischer Luft sowie ein wenig Licht; deshalb wurden die inneren Fenster sowie der Holzladen stets nur zur Hälfte angelehnt.« »Sie sind auch heute nur zugelehnt?« fragte Herr Schmid, nachdem er vergeblich hinter die im Mondlicht blitzenden Scheiben zu schauen versucht. »Sie sind so, wie Sie, mein Herr, dieselben gelassen haben. Ich betrat das Zimmer seither nicht mehr.« »Gut. Jetzt aber müssen Sie mir den Gefallen tun, es zu betreten, und zwar ohne Licht.« Die Frau zögerte. »Sie fürchten sich?« fragte er mit leichtem Spott und setzte dann freundlich fort: »Es gilt, einen Nachweis zu liefern, der uns viel, sehr viel verraten kann.« »Ich gehe«, entgegnete die Frau, und – sie ging. Um in das Arbeitszimmer ihres Herrn gelangen zu können, mußte sie aus ihrem eigenen die Schlüssel zu jenem holen. Sie tat es, dann ging sie zögernd über den Gang. Er war voll bläulichen Lichts, das durch seine vielen Fenster fiel, und voll schwarzer Schatten, welche die Mauerpfeiler warfen, und dazu glitzerten die Schuppen an den Rüstungen und die Glasaugen in den Köpfen der ausgestopften Vögel. Es wurde Frau Therese recht schauerlich zumute, aber im Grunde war sie doch eine mutige Frau – sie drängte also das unheimliche Gefühl, das sie beschlich, zurück, ging rasch um die Gangecke, trat auf die Tür zu und steckte den Schlüssel in das Schloß, und dann – dann stand sie zitternd und lauschend still. Im Zimmer drinnen ging einer. »Nun, kommen Sie doch!« sagte nach einer Weile Herrn Schmids Stimme, und da faßte sie sich. Natürlich! Der Detektiv war es, der mittels der Leitern in das Zimmer gestiegen. Aber, sie hatte keine Scheibe klirren hören. Wie war er durch das geschlossene Fenster gekommen? Das fuhr ihr blitzschnell durch den Sinn; da sagte Schmid noch einmal: »Kommen Sie herein«, und nun kam sie. Er stand jetzt mitten im Zimmer, und er sah zufrieden, recht zufrieden und sonderbar – er sah ganz anders aus als früher. Das mußten die Augen machen, die leuchtenden nachtschwarzen Augen, die so fremd in seinem hellen Gesicht standen und deren Feuer wohl zu seiner Lebhaftigkeit, nicht aber zu seinem Äußeren paßten. Die Brille trug er in der Hand; sie war zerbrochen. »Wie sind Sie denn durch das unzerbrochene, geschlossene Fenster gekommen?« fragte sie, ihn scheu betrachtend »Genau so – wie der Mörder«, sagte er, »mehr kann ich Ihnen jetzt nicht sagen.« »Er ist also durch dieses Fenster gekommen?« »Gekommen und gegangen.« Die Frau sah schaudernd auf das Fenster; dann trat sie auf den Geheimpolizisten zu und ergriff seine Hand; es war eine hagere, blasse, feine Hand; auch sie paßte nicht zu dem ältlichen dicken Herrn. »Sie sind ein anderer, als Sie scheinen wollen, aber Sie haben sich ja ausgewiesen, und wir vertrauen Ihnen – denn Sie werden Licht in dieses Dunkel bringen. Nun aber frage ich Sie, der Sie schon so vieles wissen – was sollte der Mord, dieser unbegreifliche Mord, an unserem guten alten Herrn?« »Es war ein Raubmord!« sagte Herr Schmid ernst und sehr ruhig. »Ein Raubmord!« schrie sie. »Ein Raubmord?« setzte sie ungläubig hinzu. »Aber es fehlt ja nichts!« »So glaubt man!« entgegnete ebenso ruhig als vorher Herr Schmid. Er schob der zitternden Frau einen Stuhl hin. Sie boten ein seltsames Bild, die alte Frau und der Mann, wie sie hier, vom grellen Mondlicht beleuchtet, nebeneinander weilten. »Darf ich Sie noch um eines bitten?« fragte er, nachdem er wahrgenommen, daß sie sich gefaßt hatte. »Um was Sie wollen«, entgegnete sie, sich vom Stuhl erhebend. »Gehen Sie nun vor die Tür, und wenn Sie mich rufen hören, schauen Sie durch das Schlüsselloch ...« »Wie damals!« meinte sie zögernd. »Wie damals!« Er lächelte und setzte hinzu: »Ich werde gleich bei ihnen sein.« Sie ging hinaus; sie wartete auf seinen Ruf. »Jetzt, jetzt!« rief er; da legte sie ihr Auge gehorsam an das Schlüsselloch und sah – von einer unheimlichen Empfindung beschlichen – denselben Schatten, den sie in jener Nacht gesehen, über das Bildnis ihres toten Herrn gleiten. Wie damals schaute es blaß und wehevoll herunter, wenn der Schatten schwand, und war wie weggelöscht, wenn der seltsame, gleichmäßig kommende und gehende Schatten es verhüllte. Die Frau zitterte, aber sie wagte nicht, ihren Lauscherposten zu verlassen, ehe ihr der Befehl dazu gegeben wurde. Und immer, immer wieder tauchte der Schatten drinnen auf! Da legte sich eine Hand auf Thereses Schulter. Sie zuckte zusammen. Ein leiser Schrei entfuhr ihren Lippen. »Woran denken Sie denn?« fragte ruhig Herrn Schmids Stimme. Da strich sie sich, als ob sie erwachte, über das verwirrte Gesicht. »Sie – Sie sind es!« flüsterte sie mit einem schwachen Lächeln. Auch er lächelte. Wer sonst? will er fragen, aber er verschluckt den Spott und sagt nur: »Und nun treten wir ein.« Sie treten ein. Das Fenster ist verschlossen, ist unbeschädigt, der halbe innere Fensterflügel ist zugelehnt, der zusammenlegbare Holzladen verhüllt zur Hälfte das Fenster. Die Lampe aber, welche dicht daneben von der Decke niederhängt, pendelt noch immer langsam hin und her, und das Gesicht des Gemordeten lächelt auf dem Bilde einmal verzerrt im blassen Mondlicht, um dann zu verschwinden und wieder zu erscheinen. Herr Schmid aber, der noch vorhin im Zimmer gewesen und es durch die Tür nicht verlassen hatte, trat eben durch die Tür ein. »Ganz so haben wir das Fenster gefunden«, murmelte die alte Frau, »und der Schatten, der Schatten – er kam also von der Lampe?« »So ist's. Als der Mörder durch das Fenster floh, bewegte er den Holzladen ungeschickt und stieß an die Lampe; daher der regelmäßig kommende und verschwindende Schatten, von dem Sie mir erzählten. Damals schon wußte ich, daß dies der Weg war, den der Verbrecher gewählt, mit großem Geschick gewählt.« »Aber wie – wie nur war es ihm möglich, das Fenster wieder zu schließen?« verwunderte sich Therese. »Das will ich Ihnen gelegentlich einmal zeigen«, entgegnete Herr Schmid, »einstweilen sollen Sie wissen, daß der Mord um halb elf Uhr geschehen ist.« »Wer sagt Ihnen das?« »Der Mond und die Richtung des Schattens, den die von ihm beleuchtete Lampe wirft. Vor einer Viertelstunde und nach einer Viertelstunde hätte ihr Schatten nicht das Bild getroffen, das ist ...« Herr Schmid sprach nicht weiter. Er lauschte und war plötzlich sehr betreten, er schaute sogar einen Augenblick lang mit verlangenden, ja schier verzweifelten Blicken nach dem Fenster, vor dem er noch die Leitern wußte – dann sagte er halblaut, wie zu sich, wie zu seinem innersten Innern: »Es ist zu spät.« Frau Therese schaute ihn betroffen an – und dann wendete sie sich blitzschnell zur Tür, durch die der Strahl einer Laterne fiel, einer jener Laternen, wie sie die nächtlichen Einbrecher und – ihre Feinde – die Polizisten tragen. »Herr Gott!« schrie Therese auf und taumelte zurück – zurück vor dem Mann, der zugleich vom friedlichen Mondlicht und vom schreckenerzeugenden Strahl der Laterne getroffen wurde und der mit seltsamem Lächeln und mit unnatürlicher Ruhe den ansah, der jetzt rasch auf ihn zutrat und mit lauter, klarer Stimme sagte: »Josef Holzer, im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie.« Es war der Polizeikommissar von Lautern, der so sprach – und neben ihm stand Peter Klaus mit triumphierender Miene, und hinter ihnen zeigten sich zwei wohlbewaffnete Polizisten. Frau Therese hatte sich schon ein wenig gefaßt. Ihr gutes Herz drängte sie, dem Bedrohten zu helfen. »Er ist ja Geheimpolizist«, sagte sie erklärend. Herr von Lautern wendete sich zu dem, der sich bis jetzt Herr Schmid genannt hatte. »Sind Sie das?« fragte er ihn. »Nein!« »Wie kam die Frau auf die Idee, daß Sie es seien?« »Ich habe mich dafür ausgegeben.« »Daraufhin läßt man doch einen Fremden nicht in sein Haus.« »Ich habe mich als solcher legitimiert. Mit einem von mir gefälschten Brief des Gefängnisdirektors von M.« »M. ist das Zuchthaus, darin Sie gesessen?« »Ja, und die mir bekannte, sehr charakteristische Schrift des Direktors hat mich hier eingeführt. Der Neffe des Ermordeten kannte ja die Schrift von seines Onkels Freund.« »Für Sie ist doch keine Tür verschlossen«, sagte unmutig Herr von Lautern, und der falsche Detektiv lächelte eigentümlich. »Keine«, sagte er mit unverkennbarem Stolz. »Warum verhaften Sie mich?« fragte alsdann ruhig der, welcher nun Josef Holzer hieß. Da flammte ehrlicher Zorn aus den Augen des Kommissars. »Warum? Weil wir Sie, den entlassenen Sträfling, den Mann, der bei seiner Verurteilung dem nun Ermordeten mit Rache gedroht hat, hier in dem Hause Ihres Opfers finden – in diesem Hause, das Sie seit dem Tage der Tat umschlichen haben. Und weil ... Doch genug! Folgen Sie mir!« Herr Schmid – oder Josef Holzer – ließ das Haupt sinken. Ein unentwirrbarer Zug von Angst und Leid – von Sicherheit und Bitternis zeigte sich in seinem Gesicht, und über all diese Wirrnis breitete sich ein unbegreifliches Lächeln. Er griff nach seinem Kopf – ein Ruck, und die Perücke, die er getragen, lag auf dem Boden: eine rasche Bewegung, und der wattierte Überrock, der ihm das falsche Fett gegeben, folgte dem falschen Haar. Und der jetzt dastand, war ein noch junger, schlanker Mann, dessen hageres, fahles Antlitz sich nun langsam dem Kommissar zuwendete. »Gehen wir?« fragte er ihn ruhig, sanft lächelnd. Herr von Lautern nickte. Sie gingen. Therese folgte ihnen mit zitternden Knien. Sie vermochte kaum die Pforte hinter ihnen zu schließen. Als sie es endlich doch zustande gebracht, eilte sie, von Entsetzen gejagt, in das Haus zurück. Auf der ersten Stufe sank sie ohnmächtig nieder. So fand sie Palm, der – aus irgendwelchen Gründen wach – den scharfen Laternenschein der Polizisten wahrgenommen und der deshalb sein Bett, sein Zimmer verlassen hatte. Er brachte die Erschöpfte in ihre Stube und wachte den Rest der Nacht hindurch wie ein treuer Hund auf der Schwelle des unheimlichen Hauses. »Ich hab's ja gewußt, daß dieser Halunke noch einmal mein Kostgänger werden wird«, sagte auf dem Wege zum Polizeigebäude Peter Klaus zu dem vor ihm gehenden Polizisten. Josef Holzer mußte seine bissigen Worte gehört haben. Er wendete sich nach Klaus zurück, er wollte ihm etwas darauf erwidern, aber er gewann es über sich zu schweigen. Er seufzte nur ungeduldig, dann sah er nicht mehr nach rechts noch links. Die funkelnden Gewehrläufe neben ihm mochten ihm eine zu häßliche Aussicht sein. Eine Viertelstunde später stand er in einem kahlen Zimmer, vor dessen Tür sich die Polizisten postierten und dessen Fenster vergittert waren. Eine halbmannshohe Holzbarriere teilte es in zwei Hälften. Hinter der Barriere saß ein alter Herr. Sein Haar war eisengrau, seine Züge waren streng, und der Vollbart drängte sich ihm schier bis unter die Augen hinauf. Der alte Herr war ein Oberpolizeikommissar, der seit dreißig Jahren in O. saß und jedes Vergehen, jedes Verbrechen, das dort seit seinem Dienstantritt entdeckt oder begangen worden war – treulich in sein Gedächtnis eingetragen hatte. Er kannte auch Josef Holzer und seine Geschichte, er wußte auch von seinem Verhalten im Zuchthaus von M. Herr von Lautern war auf ihn zugetreten und hatte seine dienstliche Meldung rasch erstattet. »So hat der alte Klaus doch recht behalten«, sagte nachdenklich der alte Herr, erhob sich und trat an die Barriere heran, um den Eingebrachten zu mustern. Josef Holzers Augen begegneten ruhig den seinen. »Warst so brav im Gefängnis«, redete der Oberpolizeikommissar ihn an, »hast dich dort so gut aufgeführt, daß es uns wohl überraschen kann, wie schnell du wieder gesunken bist.« »Bin ich's? Herr! Haben Sie Beweise?« fuhr der ehemalige Sträfling auf. »Die, welche wir noch brauchen, die werden sich finden. Einstweilen genügt es uns, daß du das Haus Werners seit der Tat umschlichen hast – daß du heute verkleidet dort festgenommen wurdest.« »Sonst können Sie nichts anführen, Herr Oberpolizeikommissar«, sagte ruhig der Gefangene. Man fing an, ihn für frech zu halten. Peter Klaus wenigstens tat es, der an der Tür lehnte. Er warf dem Mann, an dessen Hiersein er den größten Anteil hatte, stechende Blicke zu. »Halunke!« murmelte er ein um das andere Mal. Es war das Verächtlichste, das er zu sagen wußte. »Noch kann ich nichts anderes anführen«, entgegnete der alte Herr auf die letzte Bemerkung Josef Holzers, »aber ich fürchte für dich, daß sich Glied zu Glied finden wird und daß du diesmal schlecht, recht schlecht davonkommst, wenn sich das Wahrscheinliche als wahr herausstellt, das weißt du, und darum erinnere ich dich in deinem Interesse daran, daß du besser tust, uns keine Schwierigkeiten zu machen. Leugnen erbittert!« »Ich will ja nur die Wahrheit sagen«, bemerkte Holzer lächelnd. Lächelnd, ja – so war es. Man sah ihn kopfschüttelnd an. Der Oberpolizeikommissar, ein Mann aus der alten Schule und, was mehr ist. ein Mann von starker Individualität, behandelte die Sträflinge vor allem als Menschen – als verirrte Menschen, aber doch als seinesgleichen – denn er dachte noch immer, trotz seiner grauen Haare oder vielleicht ebendeshalb, weil er alt und weise geworden war, daß einer, der gestern noch »seinesgleichen« gewesen, heute nicht deshalb etwas anderes geworden sei, weil die Versuchung über ihn zufällig Herr geworden, während sie an ihn – mit seiner Bildung, seinem sicheren Einkommen, seiner exponierten Stellung – nicht einmal herangetreten war. Man nannte den alten Herrn mit dem strengen Gesicht und der freidenkenden Seele einen Idealisten – aber er war nichts als ein kluger, guter Mann. »Wir brauchen einen Schreiber«, sagte er zu Klaus. Doch ehe dieser noch einen Schritt getan, um den Kanzlisten zu holen, welcher im Nebenzimmer dienstbereit saß, vermutlich aber schlief, bot sich Herr von Lautern an, das Protokoll zu führen. Der Oberpolizeikommissar nahm sein Anerbieten an, er sah ja, daß sich Lautern für den Fall interessierte. Die Personalien des Verhafteten waren aufgenommen, seine verschiedenen Strafen waren notiert, was der Oberpolizeirat aus den Akten zitierte, die er sich, seit man den entlassenen Sträfling beobachtete, aus dem Zuchthaus von M. hatte schicken lassen. Aus diesen Akten ersah man, daß Josef Holzer sich während der zehn Jahre seiner Strafzeit tadellos aufgeführt hatte und daß er mit einer erarbeiteten Summe von 240 Gulden vor vier Monaten dort entlassen worden war. Natürlich befand er sich unter Polizeiaufsicht. Die Polizei wußte aber seit dem 10. Oktober nicht mehr, was er getrieben, wo er sich aufgehalten habe. Und in der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober war Werner ermordet worden. »Am vierten August wurdest du entlassen, am siebzehnten August tratest du beim Schlossermeister Hertig in L. ein, am zweiten September entließ er dich Warum?« »Seine Frau hatte herausgebracht, daß ich ein Zuchthäusler war, und wollte mich nicht mehr im Hause dulden. Ich mußte innerhalb einer Stunde zum Aufbruch bereit sein.« Der alte Herr strich langsam mit der blassen Hand über seinen struppigen Bart; er schaute ein paar Minuten hindurch gedankenvoll vor sich hin, dann las er im Polizeibericht weiter. »Am fünften September tratest du abermals bei einem Schlosser ein, diesmal beim Meister Gottfried Artner in R., der behielt dich nur zwei Tage. Warum?« »Es reute ihn, daß er einen Menschen, welcher unter polizeilicher Aufsicht stand, hatte bei sich eintreten lassen. Er zahlte mir, wie der andere, Lohn und Verköstigung für vierzehn Tage aus und hieß mich gehen.« Josef Holzer lächelte bitter, und in den Gesichtern der beiden Herren spiegelte sich dieses Lächeln; nur Peter Klaus lächelte nicht mit, der sah nur noch verbissener aus, seit er bemerkte, daß man mit dem Meuchelmörder so viele Geschichten machte, daß man fast freundlich gegen ihn sei. »Und so fandest und verlorst du während der vier Monate deiner Freiheit sieben Plätze«, sagte der alte Herr. »Sieben Plätze«, wiederholte Josef Holzer traurig. »Und dann warst du verschollen. Verschollen seit dem neunten Oktober sieben Uhr abends.« »Ja – damals warf mich der Schmiedemeister Hormayer in G., der letzte Herr, bei dem ich in Dienst gestanden, unter dem Gejohle sämtlicher Hausleute zum Laden hinaus. Es war ihm ein Silberlöffel abhanden gekommen.« »Und du hattest ihn nicht?« Josef Holzer wollte auffahren. Er besann sich indessen noch zu rechter Zeit. »Ich habe diesen Löffel niemals gesehen; ich kam niemals in die Wohnung meines Meisters – er war ja so argwöhnisch.« Der Oberpolizeikommissar lächelte. »Du müßtest nicht der Holzer sein, wenn du nicht doch hineingekommen wärest, sobald du wolltest – das ist also der Grund nicht, dessenthalben jener Silberlöffel dir ferngeblieben ist.« Josef Holzer mußte bei diesen Worten, die so viel zugaben, fast stolz lächeln. Ei ja – vor ihm war so leicht ein Raum nicht zu verschließen! Er antwortete aber auf diese Anspielung nichts, er sagte nur mit frohem Aufatmen: »Sie glauben mir also, daß ich nicht der Dieb war?« »Ich glaube dir's. Für so wenig konntest du die Strafe, die dich dafür treffen mußte, nicht riskieren.« »Ich hatte noch einen anderen Grund, ehrlich zu bleiben.« »Welchen?« »Ich wollte eben ehrlich bleiben.« »Und dann kam die Nacht vom neunten auf den zehnten Oktober«, sagte rasch und den Eingelieferten ernst anblickend der alte Herr. Was er vielleicht auf diesen unvorbereiteten Angriff hin erwartete, geschah nicht. Josef Holzer zuckte nicht zusammen, er schlug die Augen nicht nieder. Nein, er sah ihm ruhig und mit einem kaum unterdrückten Lächeln in die forschenden Augen und antwortete ebenso rasch: »Ja, dann kam diese Nacht, diese stürmische und doch mondklare Nacht, die ich, wie manche andere, davongejagt von meinen ehrlichen Mitmenschen, unter freiem Himmel verlebte. Ich wanderte damals hierher. Es schlug zehn Uhr, als ich mich im Mühlgraben vor der Stadt zur Ruhe legte.« »Irrst du dich nicht? Um zehn Uhr lebte wohl der arme Werner noch.« »Ja, da lebte er noch. Er wurde genau um halb elf Uhr ermordet.« »Von einem, der ihm genau vor zehneinviertel Jahren grausame Rache schwor. Ja, das glauben wir zu wissen«, sagte der alte Herr und setzte gemütlich hinzu: »So hast du also im Mühlgraben höchstens eine Viertelstunde lang geruht – denn von dort bis zum Wernerschen Hause braucht man etwa fünf Minuten, und zur Tat – wie lange braucht man zu solch einer Tat?« »Hab's noch nicht probiert, Herr Oberpolizeikommissar, da müssen Sie den andern fragen.« »Immer ist's ein anderer! Aber – lieber Holzer – du hast uns doch versprochen, daß du uns keine Schwierigkeiten machen würdest.« »Ganz im Gegenteil – ich will nur sagen, wie der ›andere‹ ins Haus und wieder herauskam.« »Also sprich.« Und Josef Holzer lehnte seine Arme zutraulich auf die Barriere und erzählte langsam und ebenfalls gemütlich, während Herr von Lauterns Feder in stenografischen Zeichen Wort für Wort das Gehörte in das Protokoll eintrug. »Ich schlief, bis mich die Morgenkälte weckte«, fing der ehemalige Sträfling an und beachtete das dreifache »So!« nicht, das als ein seltsames Echo seiner Einleitung nachtönte, dann fuhr er ebenso unbefangen fort: »Dennoch weiß ich seit heute genau – so genau, als ob ich dabeigewesen wäre, wann und wie der Mörder in das Haus eindrang. Er schleicht sich, vom Mondschein nicht wenig belästigt, vorsichtig in den Garten, vermutlich kam er von der alten Promenade her, von den wüsten Gründen, welche links zwischen dem Wernerschen Hause und den Feldern liegen. Er holt die ihm bekannten Leitern sacht aus dem Garten und dem Schuppen, er stellt die höhere neben die kürzere unter dem Fenster des Arbeitszimmers auf und horcht dann, ob sich außer ihm nichts rege. Das matt herübertönende Geigenspiel des Neffen, das laute Schnarchen Palms – sie genieren ihn nicht. Der Musiknarr, der Taube – sie werden ihn nicht stören. Ami und Therese liegen ebenfalls am anderen Ende des Hauses in tiefem Schlaf; auch sie sind ihm nicht gefährlich. Er ersteigt die höhere Leiter, er nimmt einen starken Draht, so wie dieser einer ist ...«, Holzer zieht bei diesen Worten ein Stück Eisen aus dem Beinkleid, mit einer Schlinge versehen, fest und elastisch, »und fährt durch eine der Öffnungen des Windrades, das am Fenster angebracht ist. Nach kurzen Versuchen – der Mann hat sich ja eingeübt – gelingt es ihm, die Riegel emporzuschieben«, fährt Holzer in seiner Rede fort. »Das Fenster ist offen. Das innere und der Holzladen sind es immer – der alte Herr, der im Zimmer nebenan liegt, will ja ein wenig Luft und Licht. So gelangt der Mörder in das Zimmer. Sein Opfer ist in seiner Gewalt« »Ja – der Elende kann seinen Racheschwur erfüllen«, tönt es grimmig aus der Ecke, in welcher Peter Klaus lehnt Josef Holzer schüttelt den Kopf. »Es handelt sich da nicht um Rache ...« »Sondern?« Beide Herren fragen auf einmal. »Jenes Verbrechen war ein Raubmord«, sagt Josef Holzer. Er sagt es so wie einer, der seiner Sache völlig sicher ist. »Es fehlt ja nichts«, entgegnet unwillkürlich Herr von Lautern. »Es war ein Raubmord«, beharrt der Sträfling auf seiner Aussage, »und hätte nicht die Wirtschafterin den Räuber durch ihr Kommen vertrieben, so hätte er sich mit dem wenigen, das er genommen, vermutlich nicht begnügt. So sah er sich gezwungen, den Rückzug rascher als geplant anzutreten – er ging, wie er gekommen –, das Fenster war ebenso leicht wieder zu schließen, als es leicht zu öffnen gewesen, die Leitern wurden beseitigt, die etwaigen Spuren verwischt und ...« »Und heute steht Josef Holzer vor Gericht und erzählt das alles so klar und genau, als ob er dabeigewesen wäre«, setzt der alte Herr die begonnene Rede fort »Ich habe noch mehr zu erzählen.« »Nur zu.« Josef Holzer erzählt weiter. Dieses Verhör war jetzt kein Verhör mehr. Wohl flog Herrn von Lauterns Feder noch immer über die Protokollseiten, wohl standen draußen, vor der geschlossenen Tür, noch immer die Wachleute mit aufgepflanzten Gewehren, aber der verhörende Beamte hatte die kalte, strenge Miene nun gänzlich abgelegt und stand jetzt dicht an der Barriere, gegen welche sich auf der anderen Seite der Sträfling lehnte, und ihr Atem und ihre Hände berührten sich. So nahe stand der Vertreter des Gesetzes vor dem Verdächtigen, der mit ruhiger Stimme, unaufgehalten, denn Fragen und Einwürfen waren verstummt, weiterredete – so klar und lebendig schildernd, wie man eben nur Selbsterlebtes zu schildern versteht. Er erzählte gut und erzählte Fesselndes – Starrmachendes konnte man fast sagen –, wenigstens wirkte es so auf Peter Klaus, der jetzt mitten im Zimmer – weiter vorzugehen hatte er sich doch nicht gewagt – unbeweglich wie Loths Weib nach jenem Verderben bringenden Blick zurück dastand. Und als es von der nahen Domkirche zwölf Uhr schlug, war Josef Holzer mit seinem Bericht zu Ende, nahm den Hut, welcher auf der Barriere vor ihm lag, verbeugte sich und sagte: »So, Herr Oberpolizeikommissar, ich habe nichts mehr zu sagen. Lassen Sie mich abführen.« Herr von Lautern erhob sich. Er dehnte und streckte die Finger, die fast einen Schreibkrampf hatten, aber er achtete des Schmerzes nicht, er sah – nun seine Augen nicht mehr an das Protokoll gefesselt waren – mit unverhohlener Verwunderung in das hagere, fahle Gesicht des Eingelieferten. Der Oberpolizeikommissar nickte diesem freundlich-ernst zu, dann winkte er Klaus, der, wie aus einem Traum erwachend, zusammenfuhr. »Führen Sie den Gefangenen ab«, sagte er ruhig. Josef Holzer wurde abgeführt. Kopfschüttelnd sah ihm der alte Herr nach. Auch Herr von Lautern schüttelte den Kopf. Josef Holzer ging, mit einem seltsamen Lächeln auf den schmalen Lippen, zwischen den Soldaten. Klaus war vorangegangen. Er hatte, als der Gefangene ankam, die Tür der Zelle, dahinein die Untersuchungshäftlinge gebracht wurden, schon aufgesperrt. Josef Holzer, der schon wiederholt abgestrafte Verbrecher, zögerte über die Schwelle zu treten; es mochten unangenehme Erinnerungen in ihm aufsteigen. Da – während seines Zögerns geschah etwas Seltsames, etwas Groteskes. Peter Klaus, der Menschenverächter, der Tyrann des Gefangenenhauses, trat mit liebenswürdiger Miene und einer einladenden Gebärde vor – es war gerade, als ob er irgendeine hohe Persönlichkeit zum Eintritt einladen würde –, und als Holzer, ihn kaum beachtend, in den kahlen Raum getreten war, verbeugte sich Peter Klaus und zog sich mit einem Kratzfuß zurück. Dann kreischte der Schlüssel im Schloß. Der Mörder Werners war der Gerechtigkeit übergeben. So sagten die strengen Mienen der Polizisten, ihre Augen aber, die sagten etwas anderes, die fragten, ob Peter Klaus, der harte, grobe Peter Klaus, welcher da vor einem Sträfling wie vor einer Hofdame geknixt hatte, verrückt geworden sei. Bald herrschte wieder die gewohnte, tiefe Ruhe in den langen Gängen des Polizeigebäudes. In einem der Amtszimmer aber klapperte der Telegraf, und im Hof unten wurde ein Wagen gerichtet. Er sollte Herrn von Lautern zum Bahnhof bringen. Man konnte doch nicht nur Telegramme nach der Residenz senden. Der nächste Zug nach Wien ging erst in etwa zwei Stunden ab. Herr von Lautern war es, der mitten in der Nacht aus O. abfuhr. Wir aber wollen, während jener die nächtliche Reise macht, hören, was Josef Holzer den Herren vom Gericht erzählte, wollen hören, was er seit seinem ersten Besuch bei Herrn Rudolf erlebt und getan hatte. * Kaum hatte Therese damals, als er nach jenem ersten Besuch fortging, das Gartentor hinter ihm geschlossen, als er auch schon ihren Blicken entschwunden war. Er mußte mit unbegreiflicher Schnelligkeit fortgeeilt sein. So war es auch. Mit einigen Sprüngen war er im tiefen Schatten der gegenüberliegenden Häuser untergetaucht. Von dort aus überschaute er noch einmal die lange, schnurgerade Gasse. Sie lag totenstill da. Josef Holzer, wir wissen nun, daß er so heißt, griff unwillkürlich nach seiner Uhr, aber er nahm sie nicht heraus. Er hätte ja nicht sehen können, auf welche Zeit ihre Zeiger wiesen, weil er noch immer im tiefen Schatten stand. Jetzt aber – jetzt steht er nicht mehr, mit leisen Schritten flüchtet er unter ein Portal. Es kommt jemand die Straße herauf – vom Stadtende her nähern sich die Schritte. Es sind die Schritte zweier Männer. Auf dem Turm einer nahen Kirche schlägt es halb zehn. Holzer wird ungeduldig, er preßt die Hände ineinander, aber er wagt es nicht, sich zu regen, und jetzt, jetzt schreckt er zusammen. Die Männer sind ganz nahe herangekommen. Auch sie scheinen Ursache zu haben, den Schatten dem Licht vorzuziehen, denn sie kommen jetzt dicht an Holzer vorüber. Der blickt scheu aus seinem Versteck hervor, und wieder schreckt er zusammen. Er hat sich vorhin nicht getäuscht. Der eine der Männer ist Peter Klaus, sein Feind, der ihm, seit er ihn damals vor dem Haus unter den Gaffern entdeckt, auflauert. Klaus hält, dicht vor Holzer angekommen, seinen Begleiter am Arm zurück. »Hören Sie nichts? Es ist, als ob da drüben noch Türen gingen.« Auch der andere lauschte. »Ja, dort wacht man noch.« »Es ist jedenfalls gut, sich hier auf die Lauer zu legen«, entgegnete Klaus, »wer weiß, ob der Mörder sich nicht noch einmal hier blicken läßt.« »Sind Sie denn wirklich so fest überzeugt, daß es der Holzer tat?« »Fest überzeugt.« »Ich meine, da hätte er sich später nicht mehr hier blicken lassen.« »Unsinn. Eben sein Gewissen trieb ihn her.« »Na, jedenfalls müßte er ein hieb- und stichfestes Alibi nachweisen können – oder ein anderer müßte als Mörder entdeckt werden, sonst ginge es diesmal mit ihm an den Galgen.« »So ist's«, vollendete trocken der Gefängnisaufseher, der, seit er Holzer wiedergesehen, seine dienstfreien Stunden in der Nähe des Wernerschen Hauses zubrachte. Holzer atmete auf, als die beiden weitergingen. Er sah sie über die Straße gehen, hörte, daß einer von ihnen eine Tür aufsperrte, die in den Nachbargarten Werners führte, und gleich danach war die Straße leer. »Verdammt. Wenn sie nur nicht in das Gärtnerhaus kommen!« murmelte Holzer, wartete noch ein wenig und schlich dann, immer im Schatten bleibend, gegen die Felder hin. Als er vor der Stadt angekommen war, eilte er in gerader Linie über Felder und Wiesen, über Gräben und Hecken vorwärts. Es schien keine Hindernisse für ihn zu geben. »Um mein Leben!« sagte er einmal, als er über einen Dornbusch sprang. »Um meine Freiheit!« murmelte er ein anderes Mal, als er nach einem großen Anlauf über einen Bach setzte. Keuchend, in Schweiß gebadet, kam er eben an sein Ziel, das Bahnhofsgebäude, als der Kurierzug einfuhr. In größter Hast löste er eine Karte, sprang in ein Abteil und ließ sich, fast erschöpft, auf den nächsten Sitz niedersinken. Mein Gott, wie sonderbar, wie verdächtig sieht dieser Mensch aus, dachte die einzige Dame, die außer ihm noch im Abteil anwesend war, und zog sich so weit als möglich in die fernste Ecke zurück. Die Furcht hatte ihr den Schlaf geraubt. Fortwährend sah sie nach dem dicken blonden Herrn, der wie ein Flüchtender in den Wagen gestürzt war, und erwartete mit Bangen jetzt einen Angriff. Aber – es geschah nichts. Der Herr schlief ganz ruhig, bis man nach Wien kam. Freilich, als der Zug hielt, als der obligate Ankunftslärm sich erhob, da erwachte er jählings und fuhr empor. »Meine Freiheit – mein Leben!« stammelte er, noch schlafbefangen – die Dame hatte es ganz deutlich vernommen –, und dann mußte er völlig munter geworden sein, denn mit einem Satz stand er auf dem Perron und war in dem Gewühl der Leute verschwunden. »Warum bist du so verstört?« fragte der Gemahl der Dame, der sie erwartete, und sie antwortete mit Schaudern: »Ich bin entweder mit einem Narren oder mit einem Verbrecher gereist.« Der, den seine Abteilgenossin so nannte, fuhr indessen in einem Fiaker in die Stadt. Er hatte seinem Kutscher ein Kaffeehaus genannt, vor dem der Wagen bald hielt Holzer reichte dem Kutscher den Fuhrlohn und trat in das Lokal. Es war ein feines Kaffeehaus. Holzer paßte gar nicht zu den roten Samtsofas, die sich an die Wände schmiegten. Dennoch tat er sehr unbefangen, bestellte ein Frühstück und ein Adreßbuch. Und während er mit bestem Appetit aß, blätterte er in dem Verzeichnis. Er hatte es bei dem Buchstaben A aufgeschlagen. »Ackermann« – es waren ihrer eine Menge verzeichnet »Karl, Kilian, Konrad, Kuno« – das hatte Holzer seinerzeit mit feinem Bleistift auf das Stückchen Papier notiert, in das die Spule gewickelt gewesen. Es fand sich nur ein »Karl Ackermann« vor – aber der konnte unmöglich im Besitz von Seltenheiten sein, denn er war Selcher. Holzer sah sich jene »Ackermann« an, deren Vornamen mit C begannen. Karl, aha, da ist ein Karl mit C, und der ist ein Antiquitätenhändler – das ist mein Mann, dachte Holzer, aß den Rest seines Kipfels, schrieb sich die Adresse des C. Ackermann heraus, zahlte und ging. Wien mußte ihm bekannt sein, denn ohne irgendwelchen Umweg und ohne zu fragen erreichte er die Straße, darin C. Ackermann seinen Laden hatte. Dieser war eben geöffnet worden. Ein junger Bursche und ein alter Herr befanden sich allein darin. Der Bursche zerlegte eine Rüstung, vermutlich, um sie vom Rost zu befreien. Der Herr las, nahe der Tür stehend, eine Zeitung. Als Holzer eintrat, legte er das Blatt artig aus der Hand. Er war ein alter, großer, hagerer Mann. Sein Bart war fast weiß, auf der rechten Wange hatte er eine Narbe. Holzer wußte, daß dieser Mann es war, den Therese ihm beschrieben. »Womit kann ich dienen?« fragte der Antiquitätenhändler, höflich den Gruß des Eintretenden erwidernd. »Vorläufig mit einer Auskunft.« »Bitte!« »Sie waren unlängst in O.« »Ah – Sie kommen von dort?« »Als Abgesandter des Herrn Rudolf Werner, bei dem Sie nicht vorgelassen werden konnten, weil er schwer krank war.« »Ich weiß es.« »Sie wußten es schon damals?« »Ja.« »Und kamen doch?« »Ich war eben in der Nähe von O., und da wollte ich versuchen, wieder zu einem Stück zu gelangen, das ich ihm verkaufte.« »Und das wohl einen großen Wert besitzt?« »Einen Liebhaberwert – ja. Ich glaubte, der Erbe könne schon darüber verfügen, und da wollte ich die Gelegenheit nicht versäumen.« »Leicht begreiflich. Welches Stück aus des Verstorbenen Sammlung meinen Sie?« »Es ist eine der ältesten Uhren von Meister Peter Hele. Eine echte Nürnbergerin.« »Ein sogenanntes Nürnberger Ei?« »Nein, ein größeres Werk. Eine kleine Standuhr, die auch den Lauf der Gestirne und den Tierkreis anzeigt. Sie stammt aus den ersten Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts, stellt eine Kapelle dar und besitzt ein ganz absonderliches Werk.« »Aus welchem Material ist sie gefertigt?« »Aus Messing mit Elfenbeineinlagen.« »Gut, ich werde den jungen Herrn Werner von Ihrem Wunsch in Kenntnis setzen, sobald ich meine Geschäfte hier abgetan habe und nach O. zurückkehre.« »Sie sind von dort? Da kennen Sie also die Details dieses schrecklichen, unbegreiflichen Mordes.« »Unbegreiflich! Sie haben recht!« sagte der blonde Herr nachdenklich und setzte ganz unvermittelt hinzu: »Vielleicht nennen Sie mir den Preis, den Sie für die bewußte Uhr geben würden, falls der junge Werner sie Ihnen wieder abgibt.« Herr Ackermann sperrte eine Lade auf, entnahm ihr ein Buch, blätterte darin, und als er gefunden, was er gesucht, reichte er es seinem Besucher. »Für so viel verkaufte ich die Uhr, für dreihundert Gulden. Dasselbe möchte ich gern wieder für sie geben«, sagte er einfach. »Ah! Sie lassen sich von Ihren Kunden den Verkauf bestätigen?« »Diese Gewohnheit hat mich schon manches Mal vor Unannehmlichkeiten bewahrt. Sie können sich ja denken, daß ich gern weiß, wo ich die Sachen, die ich verkaufe, allenfalls wieder finden kann wenn die Polizei oder private Kunden, für die sie vielleicht einen unbezahlbaren inneren Wert besitzen, danach fragen.« Sie können aber niemanden zwingen, hier seinen Namen und seine Adresse anzugeben.« »Zwingen? Nein. Aber ich habe meist solche Kunden, die beides nicht zu verbergen brauchen.« »Und so hat sich auch Herr Werner hier eingetragen.« »Ja.« »Am zwölften September also war er hier?« sagte Holzer mehr zu sich als zu dem anderen und setzte hinzu: »Da ist er ja sehr rasch Ihrem Ruf gefolgt« »Wissen Sie denn, daß ich ihn einlud, sich die Uhr anzusehen?« fragte der Antiquitätenhändler verwundert. »Freilich w ...« Der blonde Herr hält plötzlich inne. Hastig langt er nach dem Buch, das bis jetzt vor ihm auf dem Verkaufspult gelegen hat, und mit dem Buch tritt er bis zur Ladentür und starrt auf die Seite, auf welcher nicht nur ein Kaufgegenstand beschrieben und nicht nur ein Käufer sich eingetragen hat. Dicht unter Werner hat sich noch ein Käufer eingetragen. Da steht: Eine Genfer Taschenuhr (Signatur Facio) gekauft 25 Gulden bezahlt. Am 12.9 ... Ludwig Staining, Wien, X-gasse 7. Holzer hatte sich rasch wieder gefaßt Ganz ruhig kehrte er zu dem sehr verwunderten Ladenbesitzer zurück. Auch der junge Bursche hatte in seiner Arbeit eingehalten und schaute auf den Fremden. »Was hat Sie denn so überrascht?« fragte lächelnd der alte Mann. »Ich habe hier ganz unvermutet den Namen eines Jugendfreundes gefunden«, log Holzer erstaunlich gut und setzte lebhaft, als ginge ihm sein Herz bei den frohen Erinnerungen über, hinzu: »Gehört denn auch Ludwig Staining zu Ihren Kunden?« »So – der war ein Freund von Ihnen?« meinte ein wenig kühl der Alte. »Sie erlauben doch, daß ich mir seine Adresse notiere.« »Oh – bitte!« lautete die steife Erwiderung, da blickte Holzer, scheinbar erstaunt und verletzt, auf. »Was haben Sie gegen Ludwig?« fragte er. »Alles und nichts. Ich weiß nur, daß er in seiner krankhaften Überspanntheit und in seiner grenzenlosen Ehrsucht sehr wenig zu Ihrer Gemütlichkeit paßt. Sie haben ihn wohl schon lange aus den Augen verloren?« »Ich habe ihn seit unseren Knabenjahren nicht mehr gesehen«, fabulierte Holzer mit ruhiger Unverschämtheit. »War er damals noch gesund?« »Wie meinen Sie das?« »Nun, jetzt ist er Epileptiker. Ein Mensch, von dem sich seine engelhaft geduldige Frau hat trennen müssen, weil sie ihres Lebens nicht mehr bei ihm sicher war. Und was ihn neben seinem körperlichen Leiden zugrunde richtet, das ist seine schier krankhafte Sammelwut und die fixe Idee, daß in ihm ein Erfinder stecke. Dieser Idee opfert er all sein Geld und den Rest seiner Gesundheit. Er ist das Entsetzen aller Mechaniker und aller Antiquitätenhändler Wiens. Vor ihm bleibt nichts verborgen. Er zerlegt auch gleich alles, was nur halbwegs zerlegbar ist, und kauft mit den schwersten Opfern den unsinnigsten Tand zusammen.« Der alte Mann hatte sich fast zornig geredet. Nun hielt er ein. Er schämte sich. »Es war nicht eben edel, daß ich Ihnen den Jugendfreund so häßlich schilderte, aber nun wissen Sie wenigstens, wie er ist und daß Sie schonend mit ihm umgehen müssen; denn eins steht fest, er ist noch viel unglücklicher, als er schlecht ist. Das sagte auch Herr Werner.« »So! Sie sprachen also mit ihm von – von Ludwig.« »Ja. Herr Staining begleitete ihn zuweilen. Ich glaube, Herr Werner ließ ihm aus Mitleid manches Mal Arbeit zukommen, er hat ihn ja vor Jahren sogar für einige Zeit in seinem Hause beschäftigt.« »Ich weiß es. Aber damals war ich nicht in O.«, sagte Holzer unter sonderbarem Lächeln. »Da hat denn«, fuhr der gesprächige Alte fort, »Staining eine große Anhänglichkeit für Herrn Werner gefaßt, und erfuhr er, daß Werner bei mir Nachschau halten wollte, so schloß er sich ihm öfter an.« »Und Ludwig war auch das letzte Mal mit Herrn Werner hier?« »So ist's. Er konnte das Werk nicht genug bewundern und mußte trotz aller Selbstüberschätzung zugeben, daß ihm der Mechanismus im Grunde ein Geheimnis blieb.« »Soso!« entgegnete, offenbar zerstreut, Holzer, dankte dann dem alten Herrn für alle Auskunft, kam noch einmal auf das schwebende Geschäft zurück und empfahl sich. Erst als er schon weit, sehr weit weg vom Laden war, wagte er es, tief aufzuatmen, und dabei drückte er die Hände ineinander, wie es zuweilen froherregte Menschen tun, die niemanden haben, gegenüber dem sie sich aussprechen können, und die ihr Glück fast nicht ertragen können. Es war keine halbe Stunde verflossen, seit er den Antiquitätenladen verlassen hatte, als er vor einem kleinen Uhrmachergewölbe stehenblieb. Es war ein armseliger kleiner Laden. Die schmale Auslage enthielt nur wenige wertlose Gegenstände: einige Tomback- und einige vergilbte Silberuhren, zwei oder drei unechte Ketten und eine flache Pappschachtel voll Uhrenschlüssel, mit falschen Steinen besetzt und von Rost angegriffen. Freilich sah man nicht viel davon, denn die Fenster waren fast erblindet Der Laden machte einen jämmerlichen Eindruck. Nicht seine Ärmlichkeit stieß ab, seine Verwahrlosung war es, die, wenn sich ihm je ein Käufer nahte, diesen sicherlich wieder von der schmutzstarrenden Schwelle trieb. Nun, Herr Ackermann hatte ja gesagt, daß keine Frau mehr hier walte und daß Ludwig Staining sein bißchen Geld für seine krankhaften Ideen verbrauche. Er hatte also vermutlich niemanden, der ihm den Laden in Ordnung hielt. Josef Holzer wollte schon in das Gewölbe treten, da fiel es ihm ein, daß er gut daran täte, sich noch einige Auskünfte in der Nachbarschaft zu holen. Mit gleichgültiger Miene trat er zurück und ging noch einmal langsam durch die schmale, verwinkelte Gasse. Es war eine Gasse, wie sie nur an der Peripherie Wiens noch vorkommt: eine Gasse mit einstöckigen Häusern, in denen sich winzige Fenster und bescheidene Geschäftsläden befanden, eine Gasse, der man es ansah, daß ihre Bewohner wie eine große Familie miteinander lebten. Ganz in der Nähe des Stainingschen Uhrmacherladens befand sich ein kleines Gasthaus. In dieses trat Holzer. Er blieb, wie früh es auch noch am Tage war, nicht der einzige Gast. Ein ältlicher Mann in einem blauen Barchentspenzer, eine weiße Schürze vorgebunden, trat bald nach ihm ein und begehrte einen »Pfiff G'spritz'n«. Ein achtel Liter Wein mit Sodawasser. Er wurde ihm gebracht. Zugleich stellte der Kellner vor Holzer ein Glas Bier hin. Dieser hatte die neugierigen Äuglein des hinzugekommenen Gastes wohl bemerkt und erhoffte sich von ihm allerlei. »Ach, sieht der Wein gut aus«, sagte Holzer, halb zum Kellner, halb zu dem eben das Glas an den Mund setzenden Alten. »Ist auch gut, Herr! Den müssen S' probieren. Sind wohl fremd hier. Hab' Sie wenigstens in der ›Birn'‹ noch nie gesehen.« »Zur Birne«, so hieß das bescheidene Gasthaus. Holzer war froh, daß sich ein Gespräch so rasch Bahn gebrochen hatte, und nun ging er, seinem nun endlich einmal aufgehenden guten Stern vertrauend, sofort auf sein Ziel los. »Freilich bin ich fremd hier und in ganz Wien fremd; aber ich will hierherziehen, und zwar gefällt mir eben diese stille Gasse sehr gut, und da möchte ich Sie beide gleich fragen, was das für eine Wohnung ist, die hier nebenan zu vermieten ist.« »Ja, in unserer Gasse sind mehrere Wohnungen angeschlagen«, meinte freundlich der Kellner, der in dem wohlgenährten Herrn schon einen künftigen Gast und Trinkgeldspender sah. »Die meine ich, in dem Hause mit dem Uhrmacherladen.« »Ach, das ist unser Haus!« rief der Mann mit der Schürze, der auch lebendig wurde. »Ja, das ist eine hübsche Wohnung, und billig ist die auch. Zwei Zimmer und Küche ...« »Und wieviel Miete?« unterbrach ihn Holzer. »Das weiß ich nicht genau.« »Ah, ich dachte, Sie seien der Hausherr.« Der Alte spreizte sich; es tat ihm sichtlich wohl, daß er einmal, wenn auch nur vorübergehend, für einen Hausbesitzer gehalten worden war. »Nein«, sagte er, »nein, der Besitzer bin ich nicht, ich bin nur der Zimmerherr von der Hausmeisterin.« »Könnte ich die Wohnung sehen?« »O freilich. Ich werd' mir gleich selber die Ehr' geb'n.« Damit erhob er sich voll Eifer, aber Holzer meinte, daß er keine so gar große Eile habe, er möchte überhaupt, ehe er in ein Haus ziehe, wissen, was für Leute die da schon wohnenden Parteien seien. »Na, da werden Sie zufrieden sein«, entgegnete der Alte. »Es wohnt jetzt niemand da als der Hausherr, der Uhrmacher und die Hausmeisterin mit ihrer Tochter. Sie wären außerm Herrn Staining die einzige Partei.« »Und wie ist dieser Herr Staining?« »Na, ein zuwiderer Mensch ist er schon, aber er läßt sich ja fast niemals außerhalb seiner Wohnung und seines Ladens blicken.« »Nur zu uns kommt er täglich einmal. Zu Mittag oder abends, aber auch nur auf eine Viertelstunde«, fügte der Kellner hinzu. »Staining – Staining, der Name kommt mir so bekannt vor«, warf jetzt Holzer, anscheinend grübelnd, hin. »Ist er nicht aus O. gebürtig?« »Schon möglich. Seine Frau hat einmal so etwas dergleichen geredet.« »Und mir scheint, ich hab ihn im Oktober erst in O. gesehen. Er ist ein großer, kränklich aussehender Mensch.« »Das ist er. Und es ist schon möglich, daß er damals in O. war. Am neunten Oktober, an meinem Namenstag, ist er zu Mittag weggereist. Er ist aber am nächsten Tag um zehn Uhr vormittags schon wieder zu Hause gewesen.« »Wieso wissen Sie denn das so genau?« fragte Holzer äußerlich lächelnd, innerlich aufs höchste gespannt. »Weil ich ihm gleich ein Heftpflaster habe holen müssen, und da ist eben die Kathi von der Hausmeisterin aus der Segenmesse gekommen.« »Er ist also am neunten Oktober zu Mittag fortgefahren und ist am zehnten Oktober gegen Mittag wieder hier eingetroffen. – Hat er Gepäck bei sich gehabt?« »Eine kleine Reisetasche.« »Wo war er denn verletzt?« »An der rechten Hand.« »War die Wunde groß?« »O nein, es hat ausgesehen, als ob ihn einer gekratzt hätte.« Die harmlose Unterredung der Männer war unmerklich zum Verhör geworden. Holzer leitete sie, ehe das noch auffällig wurde, wieder in ihre früheren Grenzen zurück. »Der Herr Staining ist also gerade kein angenehmer Nachbar.« »Nein. Aber er tut auch niemandem etwas.« Josef Holzer hatte darüber andere Ansichten, aber er widersprach nicht. »Leidet er denn noch immer an Krämpfen?« »Sie wissen das?« »Ich setze voraus, daß es derselbe Staining ist, den ich flüchtig von O. her kenne.« »Ja«, meinte nun der ältliche Mann, »er ist durch und durch krank, das macht ihn wohl auch so menschenscheu.« »Kann er denn da allein leben? Braucht er denn keine Pflege?« »Er will niemanden um sich haben, seit sich seine Frau von ihm getrennt hat.« »Was tut er denn den ganzen Tag?« Der Alte fuhr sich durch die Haare, er wußte offenbar nicht, was Staining den ganzen Tag tat. »Er studiert und erfindet etwas«, sagte er endlich. »Was erfindet er denn?« »Ich glaube, er studiert darüber, eine Uhr zu machen, die alles zeigt.« Weiteres war aus dem braven Mann nicht herauszubringen; er war sich nicht ganz klar darüber, was Stainings zu erfindende Uhr alles zeigen sollte. Josef Holzer wußte nun auch genug. Er bezahlte für sich und für den Alten und gab dem Kellner überdies ein reichliches Trinkgeld. Dann erhob er sich und fragte: »Ist Herr Staining zu Hause?« Der Alte bejahte, Holzer ging. Er sprach noch einige Worte zu dem Alten. Eine Minute später stand er in dem Laden des Uhrmachers. Ein dünnstimmiges Glöcklein kündigte sein Kommen an, der Laden war leer, fast im buchstäblichen Sinne des Wortes leer; denn in dem kleinen Auslagekasten, welcher hinter dem Verkaufstisch stand, befanden sich, wie draußen, nur wenige Uhren. Ein kleiner Werktisch, mit ungebrauchten Instrumenten und mit Staub bedeckt, ein Sessel, ein verwetzter Spiegel, das war alles, was man hier sehen konnte. Und jetzt, jetzt ließ sich ein schlurfender Tritt hören. Die Tür zur Wohnung des Uhrmachers öffnete sich. Ludwig Staining stand auf der Schwelle. Er war ein langer, magerer Mensch von etwa dreißig Jahren. Er sah gelb und welk aus, und nichts von Jugend oder Jugendlichkeit zeigte sich in seinen müden Bewegungen, in seinem fahlen, fortwährend zuckenden Antlitz. Das Häßlichste, nervöse Leute hätten gesagt: »das Entsetzlichste« in seinem trotz aller Unruhe starren Gesicht waren die Augen; diese Augen mit dem blaugrauen Schein, mit dem gläsernen Blick eines Toten. »Seine Frau hat es nicht mehr ausgehalten neben ihm.« So etwa hatte Herr Ackermann gesagt. Holzer begriff das nach dem ersten Blick, den er auf Staining geworfen. Holzer hatte einmal von Vampiren gelesen; er meinte jetzt, solch einen vor sich zu haben. »Was wollen Sie?« fragte Staining kurz, fast grob. Er hatte eine kleine Feile in der Hand – er war offenbar in einer Arbeit gestört worden. Er trug die Feile in der rechten Hand, deren Rücken zufällig hell beleuchtet war. Holzer sah vier blaßrote Linien auf diesem gelblichen, sehnigen Handrücken. Es konnten die Spuren von Fingernägeln sein, die in wilder Abwehr diese Hand gestreift hatten. »Ich habe gehört, daß Sie sich sehr gut darauf verständen, Uhren zu reparieren«, begann Holzer. Staining sah verdrießlich aus. »Es ist eine uralte Spindeluhr, französische Arbeit, ein Erbstück, das ich instand gesetzt haben möchte«, beeilte sich Holzer hinzuzusetzen, und da wurde Staining aufmerksam. »Haben Sie die Uhr hier?« Wie seine Augen zu glimmen begannen! Wie lebhaft er nun plötzlich war! »Nein. Ich müßte sie Ihnen erst bringen. Aber wer garantiert mir dafür, daß Sie das seltene Werk auch richtig behandeln werden. Haben Sie denn derlei schon unter den Händen gehabt?« Staining lächelte hochmütig. »Kommen Sie!« sagte er kurz und trat in das Zimmer zurück. Holzer folgte ihm. Er folgte ihm sogar sehr rasch und konnte eben noch sehen, daß Staining plötzlich zögerte, um dann rasch einige Schritte nach einer alten Kommode hin zu tun, auf welcher allerlei Gerümpel stand und lag. Einen Augenblick lang blitzte es unter all dem, was darauf zu sehen war, vor Holzers Augen auf: wie Gold? Wie Messing? – Eines war sicher, ein längliches Ding mit allerlei Türmchen und Spitzen war es, darauf jetzt ein buntes Sacktuch lag, das Staining darübergeworfen. Holzers Herz klopfte stürmisch. Dieses freundliche Hinterzimmer barg, er war jetzt schon fest davon überzeugt, die geheimnisvolle Ursache des Mordes zu O. »Sehen Sie nun, daß ich wohl fähig bin, jedes Uhrwerk zu erkennen, also auch zu reparieren«, sagte Staining. Holzer nickte und besichtigte mit gutgespieltem Interesse den Inhalt der schmalen, flachen Lade, welche Staining ein wenig hastig aus einem Schränkchen gezogen hatte. Es waren an zwanzig Taschenuhren von den verschiedensten Größen und Formen, aber alle altertümlich, und jede von ihnen mußte eine Geschichte haben, denn unter jeder lag ein Zettel, darauf mit enger, winziger Schrift vieles verzeichnet war. »Das ist eine wertvolle Sammlung«, beteuerte mit stolzem, ja glücklichem Lächeln ihr Besitzer, »und ich habe sie wahrlich nicht allein deshalb mit schweren Opfern erworben, um sie zu besitzen, sondern um an jedem dieser Stücke zu studieren. Sie können mir Ihre Uhr ohne Sorge anvertrauen.« »Das werde ich auch«, entgegnete Holzer, sich zu dem Tisch wendend, den Staining sicherlich eben vorher erst verlassen, denn er hatte auf ihm die Feile niedergelegt, als sie hereingekommen waren. »Sie sind ja schier ein Gelehrter!« sagte Holzer in bewunderungsvollem Tone. »Sind das lauter Werke über die Uhrmacherkunst?« Er zeigte bei diesen Worten auf die Stöße Bücher, welche auf und neben dem Tisch lagen. Staining fühlte sich geschmeichelt und fing über seine Kunst zu reden an, schwülstig, erregt, unklar – kurz, wie einer, der über einer Liebhaberei, die zur alles verzehrenden Leidenschaft geworden, ein wenig überschnappte. Und während er deklamierte und von Erfindungen, die er zu machen gedachte, faselte – beugte sich Holzer, scheinbar ihm zuhörend, in Wahrheit keines seiner Worte beachtend, über einen alten Folianten, welcher aufgeschlagen auf dem Tisch lag und auf welchem, um die Seiten niederzuhalten, eine kleine, schwere Platte lag. Die eine der aufgeschlagenen Seiten des Buches zeigte eine gewaltige große Überschrift und ein Porträt, das einen alten Mann in der Tracht einer vergangenen Zeit vorstellte, und darunter stand in verschnörkelter Schrift: Peter Hele. Mehr las Holzer nicht, seine Augen hingen wie gebannt auf der runden Messingplatte, welche als Beschwerer auf dem Buch lag. Es war eine Art Zifferblatt, und an ihrem Rande befanden sich die zwölf Gestalten des Tierkreises; sie waren in Elfenbein ausgelegt. Alles Blut drang Holzer zu Kopf. Er erhob sich und strich mit der Hand über sein glühendes Gesicht. »Sie sehen, ich darf mich gar nicht bücken«, sagte er ärgerlich lächelnd zu dem Uhrmacher. Und da lächelte auch dieser. »Ja, bei solcher Fülle!« sagte er. Holzer griff nach seinem Hut. »Sie bringen mir doch die Uhr? Sie kommen doch wieder?« fragte Staining fast gierig. »Gewiß komme ich wieder«, ward ihm erwidert, und dann ging Holzer. Er ging direkt zur Bahn. Der Mittagszug mußte bald abgehen. Im Bahnhof angekommen, sah Holzer im Verzeichnis der Züge nach. Es zeigte sich, daß Staining damals nur einen der zwei Nachtzüge benutzt haben konnte, die zwischen O. und Wien verkehrten. Den Kurierzug, welcher gegen zehn Uhr nachts O. passierte, oder den Postzug, welcher um zwei Uhr nachts von O. abging. »Jetzt handelt es sich nur noch um die Stunde, in welcher der Mord begangen wurde«, sagte Holzer zu sich. Das dritte Läuten erscholl. Der ehemalige Sträfling stieg mit großer Ruhe ein. Zwei Stunden später verließ er den Zug in der letzten Station vor O., aß daselbst mit großem Appetit und schlenderte dann gemächlich seinem Ziel zu. Er betrat O. erst knapp vor zehn Uhr nachts. Er war trotzdem lange nicht mehr so vorsichtig wie bei seinem ersten Besuch des Wernerschen Hauses, sonst hätte er den Vertrauensmann des Gefangenhaus-Aufsehers gewahren müssen, der schon seit Eintritt der Dunkelheit sich in demselben Hausportal verborgen hielt, hinter welchem er am Abend zuvor Deckung gefunden. Kaum war Holzer in den Wernerschen Garten eingelassen worden, und kaum war er mit Frau Therese im Hause verschwunden, so eilte der Lauscher beflügelten Schrittes der Stadt zu. Und bald drauf, wir wissen es ja schon, wurde Herr Schmid – als Josef Holzer – gefangengenommen. * Zwölf Stunden später trat Peter Klaus in die Zelle, darin schon mancher Untersuchungsgefangene seiner Vernehmung mit Angst entgegengesehen hatte. Wie gestern grüßte er Holzer voll Respekt. »Nun?« fragte dieser. Er lag, halb ausgekleidet, sichtlich eben erst erwacht, auf der Pritsche. »Ich soll Sie zum Herrn Oberkommissar führen.« Holzer erhob sich und begann seine Toilette. Peter Klaus machte sich, beinahe mit der Dienstwilligkeit eines Kammerdieners, um ihn zu schaffen. Er war sehr verlegen und – sehr neugierig. »Wie – wie sind Sie denn auf die Idee gekommen?« platzte er endlich heraus. »Auf welche Idee?« »Geheimpolizistendienst zu tun.« »Ich wollte nicht an den Galgen kommen.« »Sie sind ja unschuldig!« »Ja. Aber wer hätte es mir geglaubt! Sie nicht und kein anderer.« »Ihr Alibi ...« »Ich schlief in jener Nacht friedlich im Mühlgraben; aber ich habe keinen Zeugen dafür.« »Ja freilich, und Ihr Racheschwur ...« »Den Sie ausplauderten ...« »Es ist schrecklich, wie leicht einer in die Tinte ...« »... und an den Galgen kommen kann.« »Sind Sie sehr böse auf mich?« »Gar nicht. Sie haben Ihre Pflicht getan. Aber weniger schlecht sollten Sie doch von den Menschen denken.« »Von den Menschen – ja, aber ...« »Auch Sträflinge sind Menschen, Menschen, die sich zuweilen mit aller Gewalt bessern wollen, aber man stößt sie mit aller Gewalt zum Verbrechen zurück.« »Bei Gott! Es ist so. Und ich – ich habe viel dazu beigetragen, so manchen von denen, die ich unter mir hatte, noch mehr zu verbittern, zu verhärten.« »Tut's Ihnen leid?« »Es tut mir leid.« »Dann ist's ja recht, denn Sie sind kein Mann der Worte, Sie sind ein Mann der Tat.« »Es denken eben fast alle so wie ich«, meinte zu seiner Entschuldigung Peter Klaus. Holzer lächelte bitter: »Fast alle? – Oh, sagen Sie frischweg: alle. In drei Wochen habe ich sieben Herren gehabt. Jeder hat mich fortgeschickt. Nicht, weil ich schlechter oder weniger arbeitete als die anderen. O nein! Es hat mir keiner etwas anderes nachsagen können, als daß ich ein entlassener Sträfling sei. Und der letzte, der hat mich gar mit den Hunden aus dem Hause gehetzt. Das war in jener Nacht. Damals hat wohl nicht viel gefehlt, und ich hätte den Nächstbesten getötet – denn alle, alle waren ja meine Feinde. Denn keiner wollte es mir möglich machen, ein ehrlicher Mensch zu bleiben.« »Jetzt aber – ah –, das will Ihnen der Herr Oberpolizeikommissar sagen.« Der Alte schien verlegen. Holzer sah Peter Klaus, den er heute zum erstenmal als gemütlichen Menschen kennenlernte, nicht sehr verwundert an; er lächelte nur froh und atmete tief auf; er konnte sich's ja beiläufig denken, was ihm der Oberpolizeikommissar zu sagen hatte. »Kommen Sie. Ich bin fertig«, sagte er. Sie gingen. Ihm freundlich zuwinkend, erwiderte der streng aussehende alte Herr Josef Holzers tiefe Verbeugung. Klaus zog sich zurück. Die beiden waren allein. »Alle Ihre Angaben haben sich als wahr erwiesen, und daher tut es mir leid, daß Sie diese paar Stunden noch Gefangener waren.« »Oh – bitte!« »Setzen Sie sich doch, lieber Holzer«, fuhr der alte Herr fort. In diesem Augenblick färbte sich des einstigen Sträflings Gesicht dunkelrot. Ein unsägliches Glücksgefühl überkam ihn – es war ihm, als sei eine Bergeslast von seiner Seele genommen, als seien erst jetzt die Ketten, die er dereinst getragen, gesprengt worden. »Vor allem anderen habe ich Ihnen zu sagen, daß ich ermächtigt, ja aufgefordert bin, Sie als Geheimpolizisten für unsere Residenzstadt aufzunehmen. Sind Sie damit zufrieden?« »Es ist ja ...« Holzer wollte sagen: Es ist ja der einzige Lebensweg, der mir bleibt, aber er vollendete den begonnenen Satz anders: »Es ist ja das größte Glück für mich«, sagte er freudig. »Und dann hätte ich eine private Frage an Sie«, fuhr zögernd und angelegentlich in seinen Akten blätternd der alte Herr fort. »Was hat Sie zuerst auf die Vermutung gebracht, daß der Mörder durch das Fenster des Arbeitszimmers gekommen ist?« »Der Schatten, den die Frau durchs Schlüsselloch gesehen, welcher Umstand ihr erst einfiel, als ich sie ausfragte. Ich wußte da sofort, daß die Lampe ihn geworfen haben mußte, die der Täter bewegte, als er bei seiner Flucht den Fensterladen unvorsichtig zuzog.« Der Oberpolizeikommissar nickte gedankenvoll, und nach einer Weile stellte er noch eine Frage. »Wo – wo haben Sie sich denn eigentlich vom zehnten Oktober bis gestern aufgehalten?« Der alte, gewiegte Polizeibeamte errötete bei dieser Frage. Und Holzer? Nun, Holzer konnte diesmal ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. »Ich habe in dem verlassenen Gärtnerhaus gewohnt, welches sich neben dem Wernerschen Besitz in einem Garten befindet«, sagte er achtungsvoll. »Derselbe Garten hat dazu gedient, Sie zu beobachten«, meinte verlegen der alte Herr. »Ich weiß es, Klaus und andere haben viele Stunden darin verbracht.« »Und wo verproviantierten Sie sich?« »Ich ... Herr Polizeikommissar, Sie verzeihen schon, ich aß zu Mittag und Abend neben Ihnen – im ›Goldenen Lamm‹«. Der alte Herr war aufgesprungen. »Sie – Sie waren der fremde, große Herr, der sich für einen Pensionisten ausgab, welcher sich hier ankaufen wolle?« rief er und wich vor Staunen einen Schritt zurück. Auch Holzer hatte sich erhoben. »Der war ich. Ich mußte doch womöglich jedes Wort auffangen, das mir zu einer Spur des Mörders verhelfen konnte. Es handelte sich um mein Leben, um meine Freiheit.« »Ihnen also, den man in der ganzen Stadt, in der ganzen Umgebung suchte, habe ich täglich die Hand gedrückt!« Der Oberpolizeikommissar war noch immer fassungslos. »Ja, mir haben Sie die Hand gedrückt«, Holzer lächelte, »aber ...« Er stockte. »Aber von mir haben Sie keine Spur erhalten«, sagte, sich selbst ironisierend, der wackere Mann. Dann setzte er hinzu: »Jetzt drücke ich Ihnen freiwillig und bewußt die Hand.« * Ludwig Staining gab zwei Stunden vor Holzers definitiver Freilassung vor dem Richter bekannt, daß er das Uhrwerk gestohlen, um daran studieren zu können, daß der alte Werner ihn dabei ertappt habe und daß er deshalb aus dem Diebe aus Leidenschaft ein Raubmörder geworden war. Das seltsame, aufgeregte Gebaren des Unglücklichen ließ schon bei seiner ersten Vernehmung die Vermutung auftauchen, daß man es möglicherweise mit einem Geistesgestörten zu tun habe. Ob es so war, konnte jedoch niemals ergründet werden, denn noch am selben Tage fand man Ludwig Staining an der Klinke der Gefängnistür erhängt. Rudolf Werner hatte, nachdem er seines Oheims Erbschaft angetreten, Holzer reichlich beschenkt, und Frau Therese, die eine unbegrenzte Achtung vor seinem Intellekt und seinem Gemüt hatte, blieb ihm innig zugetan. Er besucht sie des öfteren, er weiß ja, daß er, der in der Welt Alleinstehende, an ihnen treue Freunde gewonnen hat, und er liebt das Haus, darin er sein Glück gemacht, sein Glück, das mit einem seltsamen Schatten begann. Aber er hat auch noch andere Freunde, zum wenigsten viele Bekannte, die ihn seiner ungewöhnlichen Tüchtigkeit wegen schätzen, und er selbst – nun, er selbst ist, wie paradox es auch klingen mag, der gefürchtetste Feind und der treueste Freund aller Verbrecher. »Eine Akquisition« nennen ihn seine Vorgesetzten, und er ist stolz darauf – aber noch weit stolzer ist er ob des Bewußtseins, daß er jetzt wieder ein ehrlicher Mensch ist. Holzer ist tatsächlich einer der fähigsten Detektive der Hauptstadt. Nur wissen die wenigsten Menschen, welches denn seine eigentliche Gestalt ist: ob er blond oder dunkelhaarig, ob er dick oder hager ist – ja selbst seine Größe ist niemandem genau bekannt. Wer ist es? I Ein kühler, stürmischer Frühlingstag neigt sich seinem Ende zu. Überall liegen graue Schatten; sie sinken vom wolkenbedeckten Himmel nieder, sie steigen von der nebelverhüllten Erde auf, und die tausend und aber tausend qualmenden Schlote der Großstadt tragen das Ihrige dazu bei, die Luft zu verfinstern. Aber auch im hübschen Villenviertel der Metropole tritt schon die Dunkelheit ihre Herrschaft an. »Können Sie denn noch sehen, lieber Röhling?« fragte ein Herr in vornehmem Gesellschaftsanzug, sich über die Schulter eines anderen beugend. Dieser andere erhebt respektvoll den Kopf und antwortet: »Sehr gut kann ich noch sehen, Herr Baron, und mit Ihrer Erlaubnis möchte ich die Abschrift heute vollenden.« Der Baron nickte. »Meine Erlaubnis haben Sie, nur müssen Sie allein arbeiten Meine Gäste kommen in einer Viertelstunde, und somit kann ich mich heute meiner Sammlung nicht mehr widmen. Sie sind sich doch über alles klar? Verstehen die Charaktere? Diese alten Mönche hatten ja zuweilen ganz merkwürdige kalligraphische Grillen.« »Ich habe mich vollständig orientiert. Herr Baron können mir die Schriften ruhig überlassen Auch werde ich mir, wenn es Ihnen genehm ist, erlauben, morgen abend vorzusprechen, um Ihr Urteil über meine Abschrift vernehmen zu dürfen.« »Morgen? Nein, von morgen bis Samstagabend bin ich auf dem Gut meines Schwiegersohnes, der mich zur Jagd geladen hat; aber Sonntag können Sie kommen; da arbeiten wir weiter. Das Kloster will ja seine Schriften bald zurück haben.« »Sonntag ...«, beginnt Röhling zögernd, und rasch fällt Baron Merburg ein: »Ah, den Sonntag geben Sie nicht gern her! Ganz gut, Röhling! Ich bin der letzte, der die wenigen freien Stunden, die Ihnen Ihr Dienst läßt, kürzen möchte. Also kommen Sie wie gewöhnlich, Montag um sechs Uhr.« Röhling neigt verbindlich lächelnd sein Haupt. Merburg drückt auf den Knopf einer elektrischen Klingel und befiehlt dem sofort erscheinenden Diener, eine Lampe zu bringen. Inzwischen prüft er noch einmal die krausen Züge der uralten Mönchsschrift, welche Röhlings geschickte Hand auf einem für die reiche Handschriftensammlung des Barons bestimmten Pergamentblatt täuschend ähnlich nachgeahmt hat. »Schade, daß man nicht alles Interessante in der Urschrift besitzen kann«, meint der Baron, »aber Ihre Kunstfertigkeit ersetzt mir schließlich doch jedes Original, was ich haben möchte.« Röhling lächelt geschmeichelt. Der alte Franz stellt in diesem Augenblick die hell brennende Lampe auf den Arbeitstisch, dann schließt er die Vorhänge und wirft hinter Röhlings Rücken seinem Gebieter einen fragenden Blick zu. Merburg versteht diesen Blick und antwortet ihm: »Herr Röhling wird dir klingeln, wenn er fertig ist. Du verschließt alsdann die Papiere, die er dir geben wird, in meinem Wandschrank. Hier ist der Schlüssel dazu.« Der Baron grüßt Röhling, der sich erhebt, und verläßt das Gemach. Franz folgt ihm. Von unten her hört man das Rollen eines Wagens. »Aha – man kommt schon!« sagt Merburg im Hinausgehen. Gleich danach ist es still im Arbeitszimmer des Barons sowie auch in dem davorliegenden Gemach, worin der reiche Gutsbesitzer und angesehene Politiker seine Herrenbesuche zu empfangen pflegt. Es ist ein behaglich aussehender Raum, den teilweise Sammelkästen mit zahlreichen Schubfächern, teilweise bequeme Sitzmöbel füllen. In seiner Mitte steht ein Tisch, von dem eine Decke bis auf den Boden niederhängt. Eine tiefe Wandnische birgt einen schmalen, dunklen Schrank, dem man es nicht ansieht, daß seine Wände aus Stahl sind und daß es eine Kasse ist. In Merburgs Arbeitszimmer herrscht eine tiefe Stille, nur von dem Prasseln des Feuers im altdeutschen Ofen und zuweilen von einem eigentümlichen trockenen Hüsteln Röhlings unterbrochen. Langsam, bedächtig, über alle Maßen genau ahmt Röhling Strich für Strich seine Vorlage nach und unterbricht sich nur, wenn er mit streng kritischen Blicken seine Leistung mit der Vorlage vergleicht. Bei solchen Gelegenheiten erhebt er den Kopf – es ist ein ausdrucksvoll geformter Kopf mit hoher, stark gewölbter Stirn, über welcher sich schwarzes Haar ringelt. Röhlings Gesicht – das Gesicht eines Vierzigers – ist nicht unschön, aber es wirkt nicht angenehm, trotz der Intelligenz, welche sich darin ausprägt Eine Härte liegt darin, die sehr wohl zu dem scharfen Blick seiner Augen paßt und zu dem kräftigen, schier viereckigen Kinn, das von einem dunklen, kurzen krausen Bart nur schütter bedeckt wird Übrigens hat er etwas Soldatisches an sich – ein gewisser Drill, der sich in allem zeigt, sowie eine Narbe auf der Stirn geben ihm dieses Aussehen. Er mag etwa eine Stunde lang allein gearbeitet haben, da öffnet sich die Tür des oben beschriebenen Vorgemachs. Röhling kümmert sich nicht darum, sondern schreibt fleißig weiter. Nur einmal blickt er flüchtig auf – das geschieht, als er die Stimme des Barons erkennt, welcher jetzt bei seinen Gästen sein sollte. Es ist ja Wagen um Wagen vorgefahren, und die Soiree muß längst begonnen haben. »Warum kommen Sie noch heute? Noch so spät?« hört Röhling den Baron fragen, und eine andere, fremde Männerstimme erzählt von Geschäftsschluß, Abreise des Chefs und so weiter und bittet schließlich Merburg, »die Summe« entgegenzunehmen. Franz muß ebenfalls zugegen sein, denn Röhling hört auch seine Stimme. Der Alte kam gewiß mit, um seinem Herrn irgendwie zu Diensten zu stehen. Jetzt tritt er in das Arbeitszimmer und holt eines der Tintenfässer. Draußen werden Banknoten abgezählt. Rohling schreibt ununterbrochen weiter, während Franz draußen das bronzene Tintenbehältnis klirrend auf die marmorne Konsole stellt. Mit dem Zählen ist man fertig. »Darf ich nun um Ihre Unterschrift bitten, Herr Baron?« ersucht der Herr von dem Bankinstitut, und Merburg antwortet: »Gewiß! Es ist alles richtig, und ich bin Ihrem Chef für die rasche Erledigung dieser Angelegenheit dankbar, doch hätte er sich nicht so sehr zu beeilen brauchen, denn ich kann den Kauf des Landgutes erst in der nächsten Woche abschließen. So, und hier meine Unterschrift. – Wie arg es regnet! Sie haben doch einen Wagen?« »O gewiß, Herr Baron. – Und auch einen verläßlichen Mann darin. Bei solch hohen Summen stellt man sich gern sicher.« »Das versteht sich. Also gute Nacht! Franz, begleite den Herrn!« Franz murmelt irgend etwas, der Baron lacht und ruft: »Geh nur! Geh!« Papiere rascheln, der Tritt Merburgs macht sich hörbar, dann vernimmt man ein Geräusch, als würde etwas auf- und wieder zugeschlossen. Röhling schreibt ununterbrochen weiter. Jetzt steht der Baron hinter ihm. »Na – noch immer bei der Arbeit?« fragt er freundlich, und wieder erhebt sich Röhlings Gesicht, und seine Augen blicken ruhig in die des Fragers. »In einer Viertelstunde kann ich fertig sein«, antwortet Röhling. »Ich beginne eben die letzte Zeile.« Sein Gönner nickt ihm zu und geht. Nach einer Viertelstunde steht Röhling auf, wischt sorgsam die Feder aus und tritt dann an das Fenster. Nachdem er eine Weile in den finsteren Vorgarten hinuntergeblickt, kehrt er wieder zu dem Arbeitstisch zurück und drückt auf die elektrische Klingel. Gleich darauf erscheint Franz, übernimmt die Klosterschrift und deren Kopie, sperrt sie in den Wandschrank und begleitet dann Röhling hinaus. Dieser zieht draußen seinen Überrock an, nimmt Schirm und Hut und geht. Im Korridor draußen hört man ein wenig von der Musik. Röhling summt unwillkürlich den Walzer mit, der eben gespielt wird. Es gibt sicherlich derzeit keinen ruhigeren, harmloseren Menschen als ihn. Franz geht mit ihm die Dienertreppe hinab, denn er hat dem Portier etwas zu sagen. Eben kommt das neue Stubenmädchen mit einem Tablett voll Backwerk ihnen entgegen. Es ist eine sehr hübsche Blondine. Sie achtet nicht auf die beiden Männer. Röhling aber singt nicht mehr – er steht wie erstarrt und blickt auf das vorüberschreitende Mädchen. »Diese Ähnlichkeit! Ganz wie sie!« entfährt es seinen bebenden Lippen, und seine Wangen röten sich dabei, und seine dunklen Augen flackern. Wilder Haß und wilde Begehrlichkeit schauen zugleich aus ihnen. Röhlings heftig gerötetes Antlitz erblaßt wieder, seine geballten Hände lösen sich, und das Zittern seines Körpers weicht der gewohnten Ruhe. Aber er ist doch nicht ganz bei voller Besinnung; er vergißt sogar das »Gute Nacht« des alten Dieners, dem seine heftige Gemütsbewegung und sein Ausruf nicht entgangen sind, zu erwidern. Franz und der Portier schauen ihm verwundert nach. Er bietet aber auch einen seltsamen Anblick, wie er, gleich einem Träumenden, in dem strömenden Regen dahinwandelt, unter dem Arm den Regenschirm, den er aufzuspannen vergessen hat. II Es regnete in Strömen. Von allen Dächern raschelte es nieder, sauste in den Gossen als schlammige Flut dahin und ergoß sich aus den Röhren, die an den Hauswänden niederführten. In der breiten baumbesetzten Straße, in deren Mitte des Barons Haus lag, herrschte tiefe Dunkelheit, denn zu dicht war der Regen, als daß das Licht der Laternen zu voller Wirkung hätte gelangen können. Röhling war noch nicht bis an den Vorgarten des nächsten Hauses gelangt, als ihm eine rauhe Stimme zurief: »Veit, halt ein. Ich muß mit dir reden.« Röhling blieb unwillig stehen und entgegnete zornig: »Schon wieder!« Ein großer, hagerer Mann in einem Regenmantel und einem ebensolchen Regenhut stand nahe der Laterne und trat jetzt auf Röhling zu, der unwirsch dreinschaute. Die Männer gingen nebeneinanderher und sprachen lebhaft. Veit Röhling schritt mit seinem unwillkommenen Begleiter schnell dem nächsten Wagen der Pferdebahn zu und schwang sich hinauf. Der Mann im Regenmantel, der ihm gefolgt war, nahm verdrossen in einem Winkel des Wagens Platz und warf zuweilen Röhling einen zornigen Blick zu. Er mochte wissen, warum jener so rasch nach anderer Gesellschaft als der seinen gestrebt. Röhling sah jetzt ganz anders aus als im traulichen Arbeitszimmer seines Gönners. Um seinen Mund hatte sich ein verbissener Zug eingestellt, und seine Augen zeigten einen stahlharten Ausdruck. Je weiter der Wagen fuhr, desto mehr Passagiere stiegen ein, und der Mann mit dem Regenmantel, der so lange im widrigen Wetter auf Röhling gewartet und ihm kaum die Hälfte dessen gesagt hatte, was er ihm zu sagen gekommen war, machte keinen Versuch, sich Rohling zu nähern. Er ließ es sogar ruhig geschehen, daß dieser den Wagen verließ und in der Dunkelheit in einer stillen Seitengasse verschwand. Doch ballte er hinter ihm die Hände, und seine aufflammenden Augen verrieten, daß es kein friedfertiger Gedanke war, welchen er Röhling nachsandte. Dann griff er in eine seiner Taschen, zog einen verknitterten Brief hervor und überlas mit finsterer Miene den lakonischen Inhalt desselben. Er war eine letzte, eindringliche Aufforderung, eine Schuld zu bezahlen, widrigenfalls der Gläubiger, ein ziemlich bekannter Wucherer der Stadt, zur Pfändung schreiten würde. Adressiert war dieser höchst unangenehme Brief an »Herrn Friedrich Pfeffermann, Gärtner«. Auf den Beruf wiesen allerdings die arbeitsrauhen Hände des Mannes mit dem Regenmantel hin, keineswegs aber verriet es sein hartes Gesicht, daß er im Dienste der friedlichsten aller Göttinnen, Horas und Pomonas, stand. »Na, du kommst mir diesmal doch nicht davon«, murmelte er in sich hinein, als er den widerwärtigen Brief wieder einsteckte. Der Wagen hatte inzwischen das Stadtende erreicht und sich ziemlich geleert. Pfeffermann erhob sich und trat auf die Plattform hinaus. Der Regen hatte nachgelassen, und der Himmel zeigte sich ziemlich klar, es schaute sogar der Mond zuweilen zwischen den Wolkenfetzen hervor. Eben jetzt fiel sein Schein auf ein massiges Gebäude. Es war eines der Krankenhäuser der Großstadt. Friedrich Pfeffermann nickte dem Hause zu, als ob er Beziehungen zu demselben hätte. Noch zwei Stationen und das Ende der Tramwaystrecke war erreicht. Pfeffermann hatte aber sein Ziel noch nicht erreicht. Sein Häuschen lag etwa zwanzig Minuten weiter draußen vor der Stadt Eine gutgehaltene Straße und ein schmaler Gehweg führten darauf zu. Der Fußpfad hielt sich in fast schnurgerader Linie auf Pfeffermanns Grundbesitz zu, doch führte er hügelab und endete nicht am Hause, sondern an der tiefst gelegenen Seite des lang gedehnten Gartens. Diesen Fußpfad schlug Pfeffermann ein. Man könnte völlig ungesehen auf ihm weiterkommen, denn rechts und links säumten ihn Sträucher ein, und überdies führte er, wie schon erwähnt, in eine Bodensenkung. In dieser dehnte sich ein frisch umgelegtes Feld. Hier und da ragte ein Pfahl mit einer Tafel empor, auf welcher zu lesen war, daß diese Gründe für Bauplätze bestimmt seien. Pfeffermann hat sein Besitztum erreicht. Er zieht einen Schlüssel aus der Tasche und öffnet damit die Gartentür. Vor dieser zieht sich ein schmaler Graben hin, der jetzt halb mit Wasser gefüllt ist. Pfeffermann hat ihn mit einem weiten Schritt überstiegen, ehe er das Pförtchen öffnet. Seine schweren Stiefel sind dabei tief in das Erdreich geraten. »Verdammter Morast!« knurrt der übellaunige Mann. Langsam geht er alsdann dem Hause zu. Bald ist alles still, nur der Nachtwind singt sein trauriges Lied, und von den Bäumen fallen klatschend die Tropfen. III Die Uhr auf dem Türmchen der Spitalskirche zeigt fünfundvierzig Minuten nach sieben. Der Portier, welcher am Fenster seiner Loge steht, weiß das ganz genau – auch ohne nach der Uhr zu sehen –, denn Herr Röhling tritt ja soeben in den kleinen Hof des Leichentraktes – so genannt, weil hier die Totenkammer des Spitals liegt. Man sieht es den düsteren, grauen Wänden sofort an, daß sie Trauriges verbergen. Allnächtlich rollt ein oder rollen mehrere schwarze Wagen durch das große Tor dieses Hofes, um die Überreste der arm und verlassen im Spital Verstorbenen zum Friedhof zu bringen, während die Leichenbegräbnisse derer, denen Angehörige die letzte Ehre erweisen, am Tage stattfinden. Eine eigentümliche Trauer liegt über dem Hof. Sie weicht auch dem lieblichsten Sonnenlicht nicht; aber sie scheint sich zu verdichten, wenn – wie jetzt – feuchtes, nebliges Wetter herrscht. Der Spitalsportier hat auch etwas Trauriges an sich. Seine dunkle Livree und sein fahles Gesicht passen sehr wohl zu seinem Posten, geradeso wie seine stille, trübselige Art, sich zu bewegen. Er hat einen leicht zu versehenden Dienst. Wohl ist er Wächter, aber Kostbarkeiten gibt es hier nicht – und so hat sich noch nie einer eingeschlichen oder etwas von hier fortgetragen, das hierbleiben sollte. Franz Lechner hat also nichts zu tun, als auf das Pförtchen, dicht vor seiner Loge, zu achten, die Eintretenden nach ihren Wünschen zu fragen und sie zurechtzuweisen und das Haupttor auf- und zuzuschließen, wenn die Leichenwagen den Hof verlassen. Es gibt in der dicken Mauer, welche den Leichenhof von der Straße trennt, noch einen dritten Ausgang, ebenfalls ein Pförtchen, von Lechners Häuschen aus jenseits des großen Tores gelegen. Doch dieses Pförtchen, von einer uralten Trauerweide beschattet und halb verborgen, wird niemals geöffnet, und das Schloß ist verrostet. Es ist so gut wie gar nicht vorhanden. Dies der Umriß von Lechners Aufenthaltsort und Pflichten. Sicher ist, daß er noch immer auf seinem Posten gefunden wurde, geradeso wie Röhling, der zu den pflichtgetreuesten Beamten des Krankenhauses gehört. Mit der Pünktlichkeit eines bestgehenden Chronometers betrat Röhling heute, wie alle Tage, 15 Minuten vor 8 Uhr den Hof des Spitals. Er grüßt den Portier, und bald erscheint seine Gestalt deutlich hinter dem Fenster seiner Amtsstube. Lechner schaut Röhling, einer alten Gewohnheit folgend, zu, wie dieser das Fenster öffnet, auf dem Tisch allerlei ordnet und sich dann zum Schreiben niedersetzt. Zu gleicher Zeit schlägt es acht Uhr. Es hat damit für den pedantischen Röhling das Tageswerk begonnen; jetzt ist er nur noch Amtsmaschine, was er bis Punkt zwölf Uhr bleibt, um dann zwei Stunden lang ein freier Mensch zu sein, und nachher seine Tätigkeit bis sechs Uhr abends fortzusetzen. So ist es in den drei Jahren, während der Röhling hier angestellt ist, ohne Ausnahme gewesen. – Heute aber sollte es anders kommen. Kaum hatte sich Röhling an seine Arbeit begeben, als ein großer, hagerer Mann in einem Regenmantel in den Spitalhof trat. Lechner steckte den Kopf zum Fenster hinaus und rief: »Wohin wollen Sie?« »Zu meinem Vetter, Herrn Röhling«, war die Antwort. »Dort drüben im Gang, rechts, die erste Tür«, gab Lechner Auskunft. Daraufhin ging der Vetter Röhlings über den Hof und verschwand im Gang. Röhling hatte schon beim Hören seiner Stimme den Kopf erhoben, und – Lechner sah es genau – sein Gesichtsausdruck war dabei ein sehr unfreundlicher. Als sein Besuch eintrat, schloß er die Fenster, so daß Lechner von dem Gespräch der beiden nichts hören konnte, doch ließen ihre heftigen Gesten auf eine große Erregung schließen. Eine Viertelstunde später kam Röhlings Besuch wieder über den Hof. Er war ganz rot im Gesicht und warf, indem er die Hände ballte, einen giftigen Blick nach Röhlings Fenster, als er daran vorüberschritt. Mit Röhlings Ruhe war es heute vorbei. Lechner, der, wie alle gelangweilten Menschen, sehr froh war, daß sich endlich einmal etwas in der stillen Kanzlei da drüben ereignet hatte, worüber man sich allerlei Gedanken machen konnte, beobachtete Röhling und bemerkte, daß dieser oft aufstand, um mit hastigen Schritten das Zimmer zu durchmessen und, zum Schreibtisch zurückgekehrt, müßig vor sich hin zu stieren. So ging es bis gegen Mittag. Röhling hatte das Fenster wieder geöffnet. Er mochte Kopfweh haben, denn schon eine Weile saß er da, den Kopf in beide Hände gestützt. Da trat wieder jemand in die Kanzlei – es war ein Diener, der die sogenannte Totenmappe brachte. Lechner wußte, was nun folgen würde, und da ihn dies nicht interessierte, ging er an sein Mittagsmahl, das ihm eben eine Wärterin brachte. Die »Totenmappe« war eine lederne Tasche, in welcher der Beamte der Aufnahmekanzlei seinem Kollegen im Leichentrakt die Papiere jener übermittelte, welche im Spital gestorben waren. Röhling hat dann die Namen der Verstorbenen einzutragen und ihre etwa hinterlassenen Dokumente in mit Buchstaben versehenen Fächern für die Hinterbliebenen, die ein Interesse daran haben, aufzubewahren. Nachdem der Diener sich wieder entfernt und Röhling die Dokumente der jüngst Verstorbenen in den dazu bestimmten Fächern untergebracht hatte, wollte er sich zu Tisch begeben. Da fiel sein Blick auf ein noch auf dem Pult liegendes Päckchen Papiere, die aus Versehen liegengeblieben waren. Wieder öffnete Röhling den Kasten. Ungeduldig zitterten seine Hände, und das Päckchen, das er in eines der Fächer schieben wollte, fiel zu Boden, wobei ein Papier herausflatterte. Ärgerlich hob Röhling beides auf. Als er das Papier, welches herausgeflattert war, wieder in dem Päckchen bergen wollte, sah er, daß es ein Paß war. Ganz interesselos überflogen seine Augen das Papier – dann schloß er es zu den übrigen Papieren der Verstorbenen. Und nun wollte er gehen. Er geht auch bis zur Tür, aber dann bleibt er stehen, tritt zurück und schließt die Tür mit einer seltsam hastigen Bewegung, schiebt sogar den Riegel vor und geht langsam zum Tisch zurück, auf den er mit der Miene eines völlig Geistesabwesenden Schirm und Hut legt. Da weht es kühl vom Fenster her. Das erinnert ihn daran, daß man ihn beobachten könnte. Er schließt also das Fenster. Seine Hände beben dabei, und sähe Lechner jetzt herüber, so würde er wahrnehmen, daß Röhlings Gesicht jetzt wachsbleich ist und daß seine Augen wie im Fieber glühen. Vom Fenster wankt Röhling zu seinem Sessel, in welchen er wie ein todmüder Mann sinkt. Lange verharrt er so – regungslos vor sich hin starrend, endlich blickte er um sich, mit einem schier verwunderten Ausdruck, wie einer, der sich unvermutet in einer ihm völlig fremden Umgebung findet. Ein Zittern überläuft ihn, er erhebt sich und geht zu dem Kasten. Anfangs sind seine Schritte zögernd, bald aber werden sie entschlossen, entschlossen wie der ganze Mann. Rasch öffnet er den Kasten und entnimmt ihm das zuletzt hineingelegte Päckchen, mit welchem er sich alsdann zu seinem Schreibtisch zurückbegibt. Es enthält die Papiere eines Schiffsmannes, welcher heute im Spital gestorben ist. Röhling durchfliegt sie, um sie dann gleichgültig wegzulegen, bis auf das letzte, welches seine ganze Aufmerksamkeit fesselt. Es ist der Paß, den er schon vorhin flüchtig durchgelesen hat. Er ist in portugiesischer Sprache ausgestellt; dieser ist Röhling allerdings nicht mächtig; allein er hat als Soldat einige Jahre in Italien gelebt und sich die Sprache dieses Landes angeeignet, und da diese dem Portugiesischen verwandt ist, so fällt es ihm nicht schwer, den Paß zu übersetzen. Wieder und wieder liest er das Signalement, aus dem hervorgeht, daß Pedro Orfante, geboren zu Evora in Portugal, 43 Jahre alt, mittelgroß, schlank, brünett und von krausem Haar sei. Sein Gesicht ist dunkel und kräftig geformt, seine Zähne gesund, sein Kinn mit einem schütteren, krausen Bart bedeckt, und an der Stirn hat er eine Narbe. Veit Röhling sieht ihn vor sich, ganz deutlich, aber er will ihn noch deutlicher sehen, deshalb steht er auf, nimmt einen Schlüsselbund vom Haken und verläßt, nachdem er die Papiere geborgen hat, das Zimmer. Sein kurzer Weg führt ihn zu der Totenkammer. Er bleibt etwa eine Viertelstunde aus; dann kommt er zurück. Seine Hände zittern, sein Gesicht ist seltsam starr, und seine Füße gehen so unsicher, daß sie an den Eisenrost stoßen, welcher zum Abputzen der Fußbekleidung vor der Kanzleitür liegt. Und wie er so an das Scharreisen stößt, wirbelt feiner Staub auf, der ihn zum Husten reizt. Er will schon die Tür öffnen, da kommt schlurfend der alte Lechner in den Korridor, einen Brief in der Hand. »An Sie, Herr Röhling!« sagt er und reicht dem Beamten das Schreiben. Der nimmt es, doch hütet er sich, die Tür zu öffnen, denn er spürt, daß das volle Licht, das dann auf sein Gesicht fallen müßte, seinen inneren Zustand verraten würde. Er spürt aber auch, daß es notwendig sei, eben jetzt einige harmlose Worte zu sprechen, und so würgt er denn den quälenden Pfropf hinunter, den er deutlich im Halse fühlt, und abermals an das Scharreisen stoßend, sagt er: »Sie sollten wieder einmal gründlich hier kehren, man erstickt ja fast vor Staub.« Heraus waren sie, diese wenigen Worte, die ihn eine so große Anstrengung gekostet, und sie waren harmlos genug, nur – Röhling weiß es genau – hat seine Stimme dabei ganz anders geklungen als sonst. Auch Lechner hat das gefunden. »Es ist Ihnen übel«, sagt er teilnehmend, »ich hab' mir's gleich gedacht, weil Sie nicht zum Essen gegangen sind. Soll ich ihnen vielleicht etwas besorgen?« Röhling hat sich mit Gewalt gefaßt und schüttelt den Kopf. »Kopfweh habe ich, Kopfweh, nichts weiter. Ich danke Ihnen, aber ich brauche nichts.« Lechner geht. Röhling betritt die Kanzlei. Jetzt erst könnte einer sehen, wie fahl sein Gesicht, wie verstört seine Züge sind. Er verschließt die Tür hinter sich, wirft den Brief auf den Tisch, sinkt in den Sessel und birgt das Gesicht in den Händen. Er sitzt lange unbeweglich da. Erst als die Turmuhr mit kreischenden Schlägen die zweite Stunde verkündet, fährt er wie ein aus schweren Träumen Erwachter empor und streicht sich über die Stirn. Da fällt sein Auge auf den Brief. Er greift danach und wendet ihn um. Pfeffermanns Schrift blickt ihm entgegen. Röhlings Züge verzerren sich zu einer Grimasse der Wut, während er das Mahnschreiben – es kann ja nur ein solches sein – betrachtet, es hastig öffnet und liest, wobei seine fest aufeinandergepreßten Zähne wie die eines Raubtieres blinken. »Es soll also durchaus sein. Er zwingt mich dazu. Nun denn, Pfeffermann – es geschieht auf deine Gefahr hin.« So murmelt Veit Röhling, während er den Brief verbrennt. Ein scheuer Blick noch in die Runde, und Röhling sitzt über seine Schreiberei gebeugt so ruhig da wie immer. Er hört nur dann zu schreiben auf, wenn der Hustenkrampf ihn erfaßt. Er hustet eigentlich nicht, er hüstelt nur, aber es muß ihn peinigen, das sieht man seinem verzerrten Gesicht an, wenn die rauhen Töne so seltsam heiser über seine blassen Lippen dringen. IV Samstag wollte Baron Merburg wieder eintreffen. Aber es langte ein Telegramm von ihm an, das seine Rückkehr für Dienstag ankündigte. Die Jagdfreude ließ ihn nicht so leicht los. Seine Gemahlin war durchaus nicht ungehalten darüber, ja, sie vermißte seine Gesellschaft kaum, denn sie hatte eben ihre Schwester, ein sehr liebenswürdiges, jedoch kränkliches altes Stiftsfräulein, bei sich zu Besuch. Die beiden Damen saßen, als das Telegramm anlangte, beim Tee. Baronin Merburg lächelte, als sie es las, und reichte es dann ihrer Schwester: »Na, siehst du, Lori, ich hab's ja gewußt, es gefällt ihm bei den Kindern wieder so gut, daß er länger bleibt«, sagte sie heiter. Gräfin Lori fand diese Tatsache so selbstverständlich, daß sie keine Bemerkung darüber machte, sie erkundigte sich nur danach, ob es in Rothausen noch immer so unheimlich dunkle Zimmer gäbe, was die Baronin bejahte. »Möchte nicht dort wohnen. Ich hasse alles Düstere«, warf die Stiftsdame hin. »Warum nur Eugenie nicht darauf dringt, daß das Schloß renoviert wird.« Eugenie war die Tochter der Baronin Merburg, die Schloßfrau von Rothausen. »Je nun, bei euch im Stiftshause ist es just auch nicht freundlicher«, neckte die Dame des Hauses ihre furchtsame Schwester. »So recht gemütlich ist es ja überhaupt nur in einem modernen Hause, da gibt's keine schwarzen Winkel und keine Fledermäuse.« »Aber Mäuse«, fiel ihre Schwester ein. »Oho! Du sprichst doch wohl nicht von diesem Hause?« »Eben von diesem, Malvine. Als ich letzthin eine Zeitlang wach im Bett lag, hörte ich ganz deutlich ihr Nagen.« »Na, das wäre schön! – Das will ich sogleich Franz sagen, er soll Fallen aufstellen und Gift streuen lassen«, entgegnete lebhaft die Baronin und drückte auch schon auf die Glocke. Das Stubenmädchen erschien, sie mußte Franz herbeirufen. »Gibt's Mäuse bei uns?« lautete die Frage, die ihn empfing. »Ich habe nie etwas davon bemerkt«, antwortete Franz ein wenig verwundert. »Aber ich habe welche im Mauerwerk nagen hören«, bemerkte Gräfin Lori. Franz, der alte Bursche, der sozusagen ein Familienerbstück war, durfte sich schon einige Freiheiten herausnehmen, das tat er denn auch jetzt. »Täuschte sich die gnädige Komtesse auch nicht?« fragte er zweifelnd. »Ich hörte das unheimliche Geräusch wohl eine halbe Stunde lang; vermutlich dauerte es die ganze Nacht, aber ich schlief endlich ein. Die Bowle hatte mir zugesetzt.« »Merkwürdig, auch das neue Stubenmädchen, die Minna, will Mäusegepolter gehört haben«, bemerkte Franz und setzte dienstbeflissen hinzu: »Ich will nachsehen, ob sich irgendwo Spuren zeigen. Am besten wäre es wohl, ich stellte eine Falle in die Bibliothek, falls Frau Baronin es erlauben?« »Warum denn eben in die Bibliothek?« »Nun, ich denke, wenn außer unserer gnädigen Komtesse und Minna niemand im ganzen Haus Mäuse rumoren hörte, so haben sich die Tierchen vermutlich in der Bibliothek angesiedelt. Sowohl das Gastzimmer als auch Minnas Kammer grenzen daran, und das Mädel behauptet, daß von dieser Richtung her das Geräusch kam.« »Gut, Franz! Tun Sie, was Sie für nötig finden. Jedenfalls wäre es sehr unangenehm, wenn die Mäuse über die Sammlungen meines Mannes kämen.« Franz ging, um in der Bibliothek Nachschau zu halten, welche, wie alle Wohnräume des Barons, in dessen Abwesenheit stets verschlossen blieb, da die Baronin für die darin aufbewahrten Sammlerschätze die Verantwortung nicht übernehmen wollte; Franz, das Faktotum des Hauses, verwahrte die Schlüssel. Nun tritt er in das erste der verschlossen gewesenen Zimmer, in dasselbe, wo Merburg seine Herrenbesuche empfängt. Franz war seit Donnerstag nicht mehr hier. Er hatte gemeint, es müsse schon eine recht dumpfe Luft hier herrschen, doch das war nicht der Fall. Gleichwohl öffnete er beide Fenster, um noch mehr erquickende Luft aus dem Garten herein zu lassen. Dann betritt er das Arbeitszimmer seines Herrn, um auch hier zu lüften. Er öffnet das dem Schreibtisch ferner liegende Fenster und geht dann in die Bibliothek, deren Türöffnung nur durch eine Portiere von dickem Wollstoff verhüllt ist. Die Bibliothek ist ein kleiner fünfeckiger Raum, der in dem Eckturm des Hauses liegt und sein Licht durch ein großes Fenster erhält, das zugleich Tür ist und auf einen kleinen, von Säulen getragenen Erker hinausführt. Die Säulen reichen bis in den Vorgarten hinab, der zwischen der Straße und der Villa liegt, und sind dicht mit wildem Wein überwachsen. Franz ist gekommen, um nach Spuren von Mäusen zu suchen, aber kopfschüttelnd und den Zweck seines Kommens vergessend, starrt er nach der Fenstertür, von der ihn ein frischer, kühler Luftstrom anweht: eine der großen Spiegelscheiben fehlt. Sie kann nicht etwa zerschlagen worden sein durch einen Steinwurf oder einen Windstoß, denn da würden sich doch Splitter finden. Aber es sind keine zu sehen. Ein wenig blasser als sonst, geht Franz zögernd auf die Altantür zu. Er steckt den Kopf durch den leeren Rahmen und blickt auf den kleinen Erker hinaus. Ganz sorglich in einen geschützten Winkel gestellt, lehnt da die große, dicke Spiegelscheibe an der Wand, und an ihr klebt ein Lappen, der mit Pech bestrichen ist. Mit wankenden Knien tritt Franz in das Zimmer zurück und sinkt auf den nächsten Stuhl. Seine Augen bemerken, wiewohl sie flimmern, nun noch etwas. Auf dem grünen, über den Fußboden gespannten Teppich finden sich Spuren von dem rötlichen Sand, womit die Gartenwege bestreut sind; sie können nicht von seinen eigenen Stiefelsohlen herrühren, denn er war heute noch gar nicht unten. Franz sitzt eine Weile regungslos da, dann erhebt er sich und wankt durch das Arbeitszimmer nach dem Herrenzimmer. Dort tut er einen scheuen Blick nach der Nische, in welcher die Kasse steht, dann tritt er auf den Korridor hinaus und zieht an einer Klingelschnur. Der zweite Diener, Eduard, kommt herbei. »Ich lasse die Frau Baronin bitten herüberzukommen«, sagt Franz mit auffallend heiserer Stimme. »Ist Ihnen unwohl?« fragt Eduard, aber der Alte winkt ihm zu gehen, und der junge Mensch eilt fort. Er stürzt förmlich in den Salon hinein, wo ihn die erstaunten Blicke der beiden Damen empfangen. »Entschuldigen Sie, Frau Baronin, aber der Franz – er sieht so seltsam aus, und – er bittet, daß Sie hinüberkommen möchten.« »Wo ist er?« fragt die Baronin. »Ich fand ihn vor den Zimmern des Herrn Barons«, entgegnet Eduard. Von ihrer Schwester gefolgt, begibt sich die Baronin nach dem bezeichneten Ort. »Was gibt's, Franz?« fragt sie mit unsicherer Stimme. »Ich fürchte, ich fürchte –«, stammelt der Alte und kommt nicht weiter, aber er führt sie durch die Zimmer bis zur Altantür. Beide Damen und auch Eduard folgen ihm, und alle begreifen sehr schnell. Schweigend wendet sich die Baronin um und geht zurück; ihre Blicke eilen über die Räume, welche sie durchschreitet. Es fehlt hier nichts, keine der wertvollen Waffen, keines der kostbaren Zierstücke, die ihres sammellustigen Mannes Stolz sind. Nicht eine Lücke zeigt sich. Die Baronin eilt zur Kasse. Die anderen folgen ihr. Mit zitternden Händen untersucht sie den Verschluß. Er ist intakt. Es will sich schon die Hoffnung in ihr regen, daß der Einbrecher verscheucht worden oder diesem vortrefflichen Schloß nicht beizukommen vermochte, da stößt sie einen leisen Schrei aus und deutet auf ein Papierendchen, welches aus dem Aufsatz der Kasse schaut, und dann hebt sie den Deckel dieses Aufsatzes und schlägt ihn zurück. Einzelne Eisenspäne fallen nieder. »Also richtig bestohlen!« sagt die Baronin tief atmend, »aber was – was kann der Dieb hier herausgenommen haben? Eugen pflegte doch hier nur Schriften und Rechnungen aufzubewahren.« Solche liegen auch jetzt noch da; teils wie in Eile hingeworfen, teils in kleine Bündel geordnet Es scheint nichts zu fehlen, denn fast das ganze Fach ist voll von Papieren. »Was ist nun zu tun?« fragt die Baronin den Alten. »Vor allem müssen wir, meine ich, dem Herrn telegrafieren«, antwortet Franz, und da sie nickt, geht er zum Schreibtisch und setzt das Telegramm auf. Eduard eilt damit fort. Die Baronin kehrt mit ihrer Schwester in den Salon zurück. Franz sperrt die Gemächer seines Gebieters sorglich ab und begibt sich alsdann in den Garten. In der Nähe des Eckturms forscht er eifrig nach etwaigen Spuren auf dem Boden. Er findet keine, der Regen hat wohl das Erdreich aufgeweicht, allein der rötliche Sand, der darüber liegt, verrät nichts. Franz untersucht daraufhin die laubüberrankten Säulen, die sich bis zum Erker hinaufziehen. Da gibt es denn manch geknickten Zweig an dem fast armdicken, zähen Hauptstamm der Kletterpflanze, an welcher der Einbrecher hinaufgestiegen ist Aber damit sind die Entdeckungen zu Ende. Franz furchtet, daß es sich um den Diebstahl einer bedeutenden Geldsumme handle und daß sein Herr diesen Verlust durch seine allzu große Sorglosigkeit selbst verschuldet habe. Er hatte an jenem Festabend, als der Bankbeamte zu so ungelegener Zeit die flüssiggemachte Summe überbrachte, wohl bemerkt, daß der Baron nur den kleinen, eigentümlich geformten Schlüssel, welcher den schreibpultähnlichen Aufsatz der Kasse schließt, von seiner Uhrkette löste. Der Baron wollte, um sich seinen Gästen nicht allzulange zu entziehen, das empfangene Geld einstweilen nur in jenem Aufsatz aufbewahren. Franz hatte sich erlaubt, seinem Gebieter abzuraten, und sich auch erboten, ihm in sein Schlafzimmer voranzuleuchten, woselbst nebst anderen Schlüsseln auch der zum eigentlichen Kassenschrank in einem sicheren Kästchen aufbewahrt wurde, zu welchem der Baron ebenfalls den Schlüssel immer bei sich trug. Hätte der Baron den wohlgemeinten Rat seines alten Dieners befolgt, so wäre das Unglück wahrscheinlich nicht geschehen, denn zum Öffnen der Kasse gehörten denn doch ganz andere Mittel als zur Durchfeilung des weit schwächeren Verschlusses des Aufsatzpultes. Der sorglose Herr hatte über die Skrupel des pedantischen Alten gelacht; ob er sich nachträglich noch die Zeit genommen, die Geldsumme, welche sich auf 30 000 Gulden belief, besser zu verwahren, wußte Franz nicht. Das Fest hatte bis zum Morgen gedauert, und mit dem Schnellzug, der um sieben Uhr morgens abging, war der Baron schon weggefahren. Mit großer Unruhe sahen die Bewohner der Villa Merburg der Rückkehr des Herrn entgegen. Er traf am nächsten Morgen ein. Es war Sonntag. Mittwoch abend hatte man Merburg das Geld gebracht. Freitag nacht hatten Gräfin Lori und das neue Mädchen, Minna, jenes Geräusch gehört, welches sie für Mäusenagen gehalten. Und heute war Sonntag. Wenn das Geld fort war, dann befand sich auch der Dieb schon in sicherer Ferne. Und das Geld war wirklich fort! Wie Franz gefürchtet, hatte es der Baron nur im Aufsatz der Kasse verwahrt. Jetzt machte er sich allerdings Vorwürfe über seine Unvorsichtigkeit, aber damit konnte er den Verlust nicht ungeschehen machen, der selbst für ihn immerhin bedeutend war. V Natürlich machte der Baron in eigener Person sofort bei der Polizei Anzeige, und eine halbe Stunde später kehrte er schon mit einem Kommissar in sein Haus zurück. Ein ältlicher Mann, der wie ein Kanzleidiener aussah und in einen sehr einfachen Zivilanzug gekleidet war, hatte sich ihnen auf einen Wink des Kommissars angeschlossen. Der Baron beachtete ihn nicht, denn es war nichts irgendwie Auffälliges an ihm außer seinen scharfen, klugen Augen. Als man am Ziel war und der Baron mit artiger Handbewegung den Polizeikommissar einlud, vor ihm in den Vorgarten zu treten, zog der ältliche kleine Mann rasch eine staubgraue Brille heraus und setzte sie auf. Es war im April, der Weißdorn, welcher sich an dem einen Ende des Gitters durch dessen bronzene Stäbe drängte, stand in voller Blüte. Die Augen, die sich soeben versteckt, hatten das sofort gemerkt, und ihr Eigner ging bis an den blühenden Strauch heran und pflückte, noch auf der Straße stehend, eines der Zweiglein. »Mir scheint, lieber Müller, daß jetzt kaum die Zeit zum Botanisieren ist«, rief ihm sein Vorgesetzter in verwundertem, jedoch nicht strafendem Tone zu. Müller lächelte und sagte ruhig: »Es sind so liebliche Blüten!« Der Kommissar folgte hierauf dem Baron in das Haus. Müller ging ihnen langsam nach, dabei legte er irgendeinen kleinen Gegenstand in sein Notizbuch. »Was für einen seltsamen Menschen haben Sie denn da mitgebracht?« fragte lächelnd Merburg. Der Polizeibeamte aber blieb ernst und antwortete: »Der Dieb, der bei Ihnen eingebrochen ist, Herr Baron, hat wohl niemanden mehr zu fürchten als diesen unscheinbaren Mann.« »Ah, er ist also ein gewiegter Detektiv?« »Der tüchtigste, den wir haben. Ich bitte, ihm jeden Vorschub zu leisten.« »Soll geschehen, Herr Kommissar«, erwiderte Merburg und wendete sich dann zu dem Geheimpolizisten. »Es freut mich, daß Sie mir Ihren Scharfsinn zur Verfügung stellen wollen«, sagte er freundlich und streckte dem Mann die Hand hin, aber Müller ergriff sie nicht, denn er war mit seinem Zweig so beschäftigt, daß er anderes nicht sah noch hörte. »Es ist eine ganz seltene Abnormität«, murmelte er, »mitten unter den weißen Blüten eine gelbe!« Der Kommissar lachte laut auf und klopfte ihm auf die Schulter: »Müllerchen! Erwachen Sie aus Ihrem botanischen Dusel; ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß wir jetzt nicht Naturwissenschaft treiben.« Ein wenig verlegen ergriff Müller, von seinem Zweig aufblickend, das Barons Hand, welche dieser ihm noch immer lächelnd hinhielt, und schüttelte sie kräftig. »Sie sind also ein leidenschaftlicher Botaniker?« meinte Merburg. Der Detektiv nickte. »Ja, und wenn Sie Orchideen in Ihrem Glashaus haben, Herr Baron, so geht er für Sie bis ans Ende der Welt.« Der Kommissar lachte. »Wer weiß, ob ich so weit werde gehen müssen«, meinte Müller ruhig. Daraufhin traten die drei in das Vorzimmer, das zur Wohnung des Barons führte. Franz, der darin geweilt hatte, grüßte stumm und wollte sich dann zurückziehen. Merburg aber hieß ihn bleiben. »Es ist Franz, mein alter, treuer Diener«, stellte er ihn vor. Hinter Müllers Brille schoß ein scharfer Blick hervor, auch Kommissar Ehrenfelds kluge Augen studierten des Alten Züge, und dieses Doppelstudium fiel zu Franz' Gunsten aus. »Es ist noch alles so, wie Sie es gestern fanden?« wendete sich Ehrenfeld an Franz. »Genau so. Nur die Fensterläden der beiden Zimmer habe ich geöffnet.« Ehrenfeld betrat das Herrenzimmer des Barons. Auf den glattpolierten Möbeln konnte man den feinen Staub liegen sehen, den der Wind zu dem herausgeschnittenen Fenster des Erkers bis hier hereingeweht hatte. Ehrenfeld öffnete eine schmale Tapetentür, die rechter Hand lag, und blickte in den finsteren Raum. »Das ist mein Schlafzimmer«, sagte der Baron. »Und Sie, Herr Franz, haben dasselbe seit der Abreise Ihres Herrn nicht betreten? Ich schließe es daraus, daß die Fensterläden darin geschlossen sind.« »Ich war nicht drinnen und auch niemand anders.« Müller schritt über die Schwelle. Ein schmaler Lichtstreifen sagte ihm, wo er das Fenster zu suchen hatte. Er schlug dessen Laden zurück. Ein elegant eingerichtetes Kabinett zeigte sich. »Der Dieb war auch hier«, sagte der Kommissar, der zu dem marmornen Waschbecken getreten war, in welchem sich ein wenig rötlich gefärbtes Wasser befand. »Was haben Sie, Müller? Auch ich sehe die Bluttropfen auf der Marmorplatte. Es gab also eine Verwundung.« Müller kniete auf den Teppich und beugte sich nieder. »Auch Metallspäne gibt es hier, gelbe und graue«, sagte er, ruhig einige Splitter auflesend, »sie kommen von diesem Schlüsselkasten. Ganz nutzlos solch eine Arbeit. Der Mann kennt die Glasgower Technik nicht, er hat das Kästchen an seiner festesten Stelle angegriffen.« »Wieso wissen Sie, daß dieses Kästchen Glasgower Arbeit ist? Haben Sie Studien darin gemacht?« fragte verwundert der Baron. Müller nickte. »Wie auch jeder Einbrecher sie machen soll, ehe er sein Geschäft betreibt. Wir haben es also mit einem Neuling zu tun, das vereinfacht die Sache bedeutend.« »Also der Mann hat sich verletzt, was den Schluß zuläßt, daß er wahrscheinlich auch den unteren Teil der Kasse zu öffnen versuchte. Ich verstand doch recht? Es ist nur das Pult gesprengt?« »Nur das Pult« »Und dieses Schlüsselkästchen enthält auch den Schlüssel zur Kassa?« »Auch diesen. Die weit kleineren Schlüssel zum Pult sowie zu diesem Kästchen selbst trage ich an meiner Uhrkette.« »Wer aber kann Kenntnis davon haben, daß hier der Kassenschlüssel aufbewahrt wird?« »Meine Hausgenossen. Sonst wohl niemand.« »Und Herr Baron vertrauen Ihrer ganzen Dienerschaft?« »Allen. Es sind bewährte, schon lange in meinen Diensten stehende Leute.« »Bis auf Minna, Herr Baron, die erst in der verflossenen Woche eintrat«, berichtigte Franz, beeilte sich aber hinzuzusetzen: »Womit ich natürlich keinerlei Verdacht gegen dieses Mädchen aussprechen will.« »In welcher Eigenschaft ist sie hier?« fragte Ehrenfeld. »Als Stubenmädchen.« »Räumt sie auch hier auf?« »Ja, doch stets in meiner Gegenwart; sie war niemals hier allein.« »Kann man sie sehen?« Merburg drückte dreimal auf eine elektrische Klingel. Sehr bald erschien ein bildhübsches Mädchen, das ein wenig zögernd hereintrat, aber mit ruhigem Blick den Kommissar streifte und dann nach des gnädigen Herrn Befehl fragte. »Wein und Zigarren, Minna«, befahl der Baron und wendete sich dann, offenbar um Ehrenfeld und Müller Zeit zu schaffen, an ersteren mit der Frage, welche Sorte er vorziehe. Der Kommissar dankte für beides und bat um ein Glas Wasser. Auf einen Wink hin entfernte sich alsdann Minna, die den Eindruck vollständiger Harmlosigkeit machte. »Und außer Ihren Hausgenossen hatte also niemand Gelegenheit zu erfahren, was für eine Bewandtnis es mit diesem Schränkchen habe, Herr Baron?« »Niemand – das heißt ...« »Das wollte ich eben auch sagen«, fiel Franz, dem eine Blutwelle ins Gesicht gestiegen war, hastig ein. »Was denn, mein guter Alter?« fragte verwundert Merburg. »Was wolltest du sagen? Weißt du denn, an wen ich denke und wessen Name mir kaum über die Lippen will?« »Mir ist dieser Mann bist jetzt gar nicht in den Sinn gekommen, und auch sonst hat keiner im Hause an ihn gedacht. Erst die Minna, aber freilich, das weiß nur ich ...« Franz hielt ganz verwirrt inne. »Na, komm zu dir. Was ist's mit der Minna und – Röhling, denn der ist es; doch nenne ich ihn nur, um vollständige Auskunft zu geben, meine Herren, nicht um ihn, den ich seit zwei Jahren als Ehrenmann kenne, zu verdächtigen.« »In welchem Verhältnis steht Röhling zu Ihnen?« »Er ist ein ausgezeichneter Kalligraph, der mir meine Handschriftensammlung durch gelungene Kopien vervollständigt.« »Und was treibt er außerdem?« »Er ist Beamter im ... Spital.« »So. Und dieser Herr Röhling hatte ... Wie ist sein Vorname?« »Veit.« »Dieser Herr Veit Röhling kannte also auch die intimen Einrichtungen Ihrer Wohnung?« »Das muß ich zugeben.« »Er ist verheiratet?« »Nein.« »Und hat keine Leidenschaften, die Geld kosten?« »Keine, soviel mir bekannt.« »Er spielt nicht? Ist nicht verliebter Natur?« »Er haßt die Weiber und rührt keine Karte an.« »Erlauben – gnädiger Herr!« »Was denn, Franz?« »Das mit den Weibern ist vielleicht nicht ganz richtig. Er hat eine gern oder hat sie früher gern gehabt, eine, der unsere Minna gleichsieht.« »Ah? Woher weißt du das?« Franz erzählte in Kürze den Vorfall auf der Stiege. »Röhling war also anwesend an jenem Abend? War vielleicht sogar Zeuge der Übernahme des Geldes?« sagte nach einer Pause des Nachdenkens Ehrenfeld. »Er befand sich währenddessen nebenan in meinem Arbeitszimmer.« »Und Sie dachten nicht einen Augenblick an diesen Mann, Herr Baron?« »Sie hören, Herr Kommissar, es hat niemand im Hause ihn mit dieser Tat in Verbindung gebracht, so vollständig ist er über jeden Verdacht erhaben.« Ehrenfeld zuckte die Schultern. Müller lächelte. »Wo wohnt dieser Röhling?« fragte der Kommissar. »Im siebenten Stadtbezirk, Königsstraße fünf.« Müller notierte sich die Adresse, dann begab man sich in das Herrenzimmer, den eigentlichen Tatort. Der Detektiv hatte die früher gesammelten Metallspäne in ein Papier eingeschlagen, das er jetzt in seinem Notizbuch barg. Jetzt wurde ihm allein die Untersuchung überlassen. Kommissar Ehrenfeld und der Baron hatten sich in eine Fensternische, Franz an die Vorzimmertür zurückgezogen. Bald mußte Müller zugeben, daß der Einbrecher auch in diesem Raum nicht die geringste Spur zurückgelassen hatte, aus welcher man hätte auf seine Person schließen können. Es befand sich alles in bester Ordnung; nur der dunkelgrüne Plüschteppich, welcher den in der Mitte des Zimmers stehenden Tisch bedeckte, war verschoben, und auf einem der bis auf den Boden reichenden Zipfel fand sich eine Trittspur. Müller kniete nieder, nicht dieser unwesentlichen Spur wegen, die keinerlei Anhaltspunkte darbot, sondern er hatte ein winziges dreieckiges Stückchen Papier entdeckt, welches auf hellblauem Grunde ein zierliches Gittermuster in Gold zeigte. Wiewohl auf beiden Seiten beschmutzt, war doch noch deutlich erkennbar, daß es zu jenen Papiersorten gehörte, welche vorzugsweise zum Überzug von Pappschachteln und dergleichen Verwendung finden. Müller betrachtete es genau und reichte es dann seinem Vorgesetzten mit den Worten: »Es ist an einem Stiefelabsatz hierhergebracht worden, und dieser Absatz war mit viereckigen Nägeln besetzt.« Auch Merburg betrachtete das Papier, auf welchem mehrere kleine viereckige Nageleindrücke deutlich sichtbar waren. Inzwischen hatte Müller noch eine weitere Entdeckung gemacht, auf der Tischdecke klebte ein Tröpflein graugelben, ordinären Wachses. »Ein weiterer Beweis, daß wir es mit keinem Fachmann zu tun haben«, sagte Müller. »Er hat ja nicht einmal eine Diebslaterne, sondern bricht beim Scheine eines Wachsstockes ein. Sehen Sie, meine Herren, hier hat der Wachsstock gestanden.« Es war so. Nun ging Müller an die Untersuchung der Kassa, an welcher nichts verletzt war als das verhältnismäßig schwache Schloß ihres Pultes, aus welchem die 30 000 Gulden verschwunden waren. An diesem war gefeilt worden, das war das Nagen der Mäuse gewesen. Es war ein Stahlschloß, die grauen Späne lagen auf dem Boden. »Während der Mahlzeit ist ihm erst der Appetit nach mehr gekommen«, bemerkte Müller. »Als er hier fertig war, hat er das Kästchen angegriffen. Die Verletzung, die er sich dabei zugezogen, hinderte ihn dann am Weiterarbeiten.« Müller erbat sich das Papierstückchen, welches der Baron noch in der Hand hielt, und verwahrte es sorgfältig in seiner Brieftasche. Die Untersuchung des Arbeitszimmers, der Bibliothek und des Erkers ergab nichts Neues. Während Merburg und Ehrenfeld sich in den Salon begaben, wo die Damen schon ungeduldig des Ergebnisses der Nachforschung harrten, ließ sich Müller von Franz in den Garten begleiten. Durch den Vorgarten, direkt von der Straße her, mußte der Dieb gekommen sein. Auf Fußspuren konnte man sich nicht mehr verlassen, da die Wege seit dem Einbruch vielfach schon von den Hausangehörigen betreten worden waren, vielleicht aber boten die Taxushecke oder das bronzene Gitter, welche den Garten nach der Straße zu säumten, einen Anhalt. Das Gitter, durch dessen letzte Stäbe vom Nachbargarten herüber der blütenüberladene Weißdom seine Zweige drängte, schien plötzlich Müllers ganze Aufmerksamkeit zu beschäftigen. »Was sehen Sie?« fragte Franz neugierig. Müller stieg eben, sich durch eine schüttere Stelle der Taxushecke drängend, auf den niederen Sockel des Gitters. »Was ich sehe? Eine frische Bruchstelle an dieser Stange, an welcher die Lanzenspitze fehlt. Ich meine, hier ist der Dieb herübergekommen.« »Über die spitzen Lanzenschäfte?« Franz lächelte ungläubig. »Sie waren wohl niemals Turner?« fragte Müller lächelnd. Franz schüttelte den Kopf. »Zu meiner Zeit war das nicht Mode.« »Aber heute ist's Mode. Heute ist jeder zweite Mann ein Turner. Ich bin's auch, und da wir gerade keine Zuschauer haben«, fügte er mit einem Blick auf die sonntagsstille Straße hinzu, »so will ich Ihnen zeigen, daß man ganz leicht über diese Lanzenspitze kommt.« Damit begab er sich auf die Straße hinaus. Mit einem Sprung war er auf dem Sockel, dann schwebte er, sich mit der Rechten an einer der Eisenspitzen festhaltend, einen Augenblick in der Luft und war herüben. »Aha, ich bin leichter als der Dieb, die Lanzenspitze ist ganz geblieben«, sagte ruhig der Detektiv und setzte hinzu: »Wie groß ist wohl dieser Rohling? Und ist er derb gebaut?« »Er ist größer als Sie, aber schlank«, antwortete Franz, der statt Müller über dessen Turnerstückchen atemlos war. Dieser zog jetzt seine Brieftasche heraus und zeigte dem Alten ein Stückchen Gummistoff, es war ein fingerlanger Streifen, außen schwarz und mattglänzend, innen ein buntkariertes Muster weisend. Müller hatte diesen Gegenstand schon vor dem Betreten der Villa an der Weißdornhecke flattern sehen und an sich genommen, während er sein Interesse scheinbar nur den Blüten zuwandte. Dieses Stückchen Gummistoff mochte wohl von einem Mantelsaum herrühren, und derjenige, der es etwa hier zurückgelassen, mußte auf dem Sockel des Gitters gestanden haben, denn der Fetzen hatte hoch oben am Strauch gehangen. Davon sprach Müller allerdings nicht, aber er fragte den alten Diener, ob dieser jemanden kenne, der einen Gummimantel mit solch auffallender Innenseite trage. Franz verneinte. Müller schüttelte den Kopf. Die fernere Untersuchung des Gartens ergab nichts Neues. So kehrten denn beide in das Haus zurück, wo ihnen der Baron und Ehrenfeld entgegenkamen. Müller berichtete rasch, was er gesehen und was er vermute; nur von dem Gummistoff sagte er nichts. Einige Minuten später verließ er mit Ehrenfeld die Villa. »Nun? Denken Sie noch immer an diesen Herrn Röhling?« fragte der Kommissar. »Einstweilen nur an ihn. Wir haben ja keinen anderen, an den wir denken könnten. Gestatten Sie, daß ich sofort nach der Königsstraße gehe?« »Natürlich. Da werden wir ja gleich wissen, wie es mit diesem leidenschaftslosen Herrn steht. Da kommt ein Wagen. Nehmen Sie ihn. Also – auf Wiedersehen!« VI Vor einem schmucklosen alten Hause steigt unser Geheimpolizist aus dem Wagen. Wie er vom Hausbesorger erfährt, wohnt Herr Röhling im dritten Stock, Nr. 9. Dort setzt Müller bescheiden die Klingel in Bewegung. Nach ziemlich langer Zeit öffnet eine ältliche Frau. Ob Herr Röhling zu sprechen sei, fragt Müller, artig den Hut lüftend. Die Frau muß ängstlicher Natur sein, denn sie wagt es nicht, ihre Tür ganz zu öffnen. Sie spricht nur durch eine Spalte mit ihm. Herr Röhling sei gestern abend zu einer Landpartie aufgebrochen, und da er nach seiner Rückkunft bei seinem Vetter übernachten wolle, weil er von dessen Wohnung nicht weit ins Spital habe, so werde er erst nach Schluß der Amtsstunden, also nach sechs Uhr, am Montag heimkommen. So lautet die Auskunft der Alten, die sich nun scheu zurückziehen will. Aber Müller bringt seine umfangreiche Brieftasche zum Vorschein und bittet die Frau, ihm den Eintritt in Röhlings Zimmer zu gestatten. Dieser sei sein Freund, und er habe für ihn eine sehr wichtige Mitteilung, die er schriftlich hinterlassen wolle. Der Detektiv erreicht seinen Zweck, denn einen so achtbar aussehenden Herrn mit so einer dicken Brieftasche kann man nicht ohne weiteres abweisen. So folgt er ihr denn in bester Laune in Röhlings Zimmer. Es ist ein kleiner, peinlich saubergehaltener Raum, darin ihn Frau Dorn, so heißt Röhlings Quartiergeberin, einen Sessel an einen sehr altmodischen Schreibtisch schiebt. »Sie entschuldigen wohl. Ich habe einen Auflauf im Rohr.« Mit diesen Worten eilt Frau Dorn aus der Stube. Müller findet, daß ihr die heikle Speise eben zu rechter Zeit eingefallen sei. Er zieht eine Karte aus seiner Brieftasche und legt sie vor sich hin, dabei überfliegen seine Augen seine Umgebung. Außer den notwendigen Möbeln findet sich ein Werktisch, auf welchem ein gelb polierter, ziemlich umfangreicher Kasten steht, woran ein Schlüssel steckt; über diesem Werktisch hängt eine Etagere, auf welcher allerlei Schnitz- und Papeteriearbeiten stehen. »Ah!« macht Müller und tritt rasch an den Werktisch, dessen Lade er herauszieht, um sie enttäuscht bald wieder zu schließen. Seine lebhafte Phantasie hatte ihm ganze Bogen blauen Papiers mit einem zierlichen, goldglänzenden Gittermuster gezeigt, aber es ist nichts damit. Die Täuschung entmutigt ihn jedoch nicht, er blickt auf den gelben Kasten, dreht den daran steckenden Schlüssel um und hebt den Deckel auf. Es ist ein Werkzeugkasten, und ganz obenauf liegt – wie hastig hineingeworfen – ein langer, schmaler Gegenstand in Zeitungspapier eingewickelt. Müller hebt das Paket auf. Es ist schwer. Er öffnet es. Ein Werkzeug kommt zum Vorschein. »Nein, so dumm kann keiner sein«, murmelte er, dann aber setzt er hinzu: »Außer es hegt ihm nichts mehr an der Entdeckung, weil er sich in Sicherheit weiß oder glaubt« Das Werkzeug ist eine Feile. Zwischen ihren Zähnen hängen graue und gelbe Metallspäne. Gedankenvoll schaut Müller auf dieses Beweismittel Auch die Zeitung gehört dazu. Sie trägt das Datum vom 18. April und ist ein Abendblatt. Und in der Nacht vom achtzehnten auf den neunzehnten ist der Einbruch geschehen. Der Detektiv ist so tief ins Nachdenken versunken, daß er überhört, wie die Tür geöffnet wird. »Aber, mein Herr, was tun Sie da?« fragte Frau Dom mit angstvoller Stimme. Müller wendet sich um. »Ich stöbere in fremdem Eigentum«, antwortete er mit so gemütlichem Lächeln, daß sie wieder Vertrauen zu ihm faßt. »Ach! Ich vergaß! Sie sind Herrn Rohlings Freund. Sie können sich wohl solche Vertraulichkeiten erlauben«, sagt sie verlegen. »Ich bin nicht Herrn Rohlings Freund«, erklärt jetzt plötzlich Müller, »ich kenne Herrn Rohling nicht einmal.« Frau Dorn weicht erbleichend bis zur Tür zurück. »Was – was wollen Sie alsdann hier? Wer sind Sie?« stammelt sie, und Müller entgegnet ernst: »Wer ich bin? Einer, der das Recht hat, hier zu sein.« »Mein Gott! Ich verstehe Sie nicht« »Dort liegt meine Karte, Frau Dorn. Die wird Ihnen sagen, was ich bin.« Die Frau geht langsam zum Schreibtisch und nimmt die große, gestempelte und sehr offiziell aussehende Karte, welche Müller vorhin hingelegt hat. »Josef Müller, Geheimpolizist«, liest sie laut, legt die Karte langsam nieder und läßt sich auf den nächsten Stuhl sinken. »Was hat sich Herr Rohling zuschulden kommen lassen?« fragte sie nach einer Weile. »Das wird man Ihnen auf der Polizei sagen, werte Frau. Ich muß Ihnen leider eröffnen, daß es heute mit Ihrer Sonntagsruhe zu Ende sein wird, denn man wird Sie in dieser Sache vernehmen.« »Ich kann nichts Schlechtes gegen Herrn Rohling aussagen.« »Sie werden eben aussagen, was Sie über ihn wissen. Jetzt bitte ich Sie nur um eine Auskunft. Wie ich sehe, hat Ihr Mieter sich mit Galanteriearbeiten beschäftigt und recht niedliche Papparbeiten gefertigt. Wissen Sie vielleicht, ob er in letzter Zeit ein Papier von dieser Art zu seinen Arbeiten verwendete?« Müller hielt der Frau das blaue Papierstückchen mit den Goldgittern hin, das er in Merburgs Zimmer gefunden. Frau Dorn schaute sehr verwundert darein, aber sie nickte. »Ja, er hat Bonbon-Schachteln in seinen freien Stunden verfertigt und sie in das Galanteriewaren-Geschäft von Rolf und Söhne am Graben geliefert, darunter auch viele, die er mit solchem Papier überzog. Er hat auch mir eine solche Knopfschachtel gemacht.« Sie erhob sich und ging hinaus, bald mit einer kleinen Schachtel zurückkehrend, welche mit dem fraglichen Papier überzogen war. Müller steckte mit Erlaubnis der Wirtin das blaue Schächtelchen ein. »Und jetzt möchte ich noch Röhlings Schuhe sehen«, sagte er. Wieder schaute Frau Dorn verwundert auf, doch erhob sie sich sofort und öffnete die Tür eines Nachtkästchens. »Außer denen, die er trägt, besitzt er nur noch dieses Paar. Hier ist es.« »Es stimmt!« Müller nickte, nachdem er die Absätze der Stiefeletten besichtigt hatte, und stellte dieselben zu der auf dem Tisch liegenden Feile, auf welche Frau Dorn zuweilen einen scheuen, ahnungsvollen Blick warf. »Haben Sie eine Fotografie von Röhling?« fragte jetzt der Detektiv. Die Frau nahm eines der vielen in Gruppen geordneten Bildchen von der Wand. Müller betrachtete aufmerksam das Porträt des Mannes, dem man so sehr vertraut hatte und der dieses Vertrauen so schmählich gelohnt. Es zeigte eine Persönlichkeit, die ungemein solid aussah. »Ist er Dunkelhaarig?« fragte er. »Er ist es.« »Hat er Eigentümlichkeiten, an denen man ihn leicht erkennen kann?« »Nein. Oder doch – muß ich es denn sagen? Muß ich denn zu seiner Ergreifung behilflich sein?« brach die Frau nervös los. »Wollen Sie einen Verbrecher schützen?« fragte Müller ruhig. Da strich sie sich das graue Haar aus der Stirn und nickte. »Sie haben recht Er ist mir fast wie ein Sohn gewesen, darum tut es mir weh, ihn jetzt von einer so schlimmen Seite kennenzulernen. Aber trotzdem sollen Sie wissen, was ich sagen kann. Ja, man kann ihn leicht erkennen – an seinem Hüsteln, das kaum viertelstundenlang ausbleibt und merkwürdig heiser klingt, und an der Narbe auf seiner Stirn, die sich auch auf seiner Fotografie unterscheiden läßt.« Müller hatte sich, während sie sprach, am Schreibtisch niedergelassen und packte Röhlings Stiefeletten, die wieder in die Zeitung gewickelte Feile und das blaue Schächtelchen in einen der großen Bogen, welche Röhling als Schreibunterlage gedient hatten. Dabei war ihm eine Vase mit einem schon welkenden Strauß weißen, stark duftenden Flieders im Weg, und indem er sie beiseite schob, ging ein förmlicher Blütenregen nieder. Frau Dorn stellte die Vase auf den Werktisch und wischte mit ihrer Schürze die gefallenen Blüten zu einem Häufchen zusammen, das sie auf einem Stück Papier sammelte. »Gestern nachmittag saß er noch hier und freute sich des Flieders, während er in einem Buch blätterte«, bemerkte sie dabei. Müller fand es seltsam, daß Röhling, der doch schon Freitag nacht hätte flüchten können, sich gestern noch hier aufgehalten hatte. Freilich wußte er aus Merburgs eigenem Munde, daß dieser erst Samstag abend zurückkehren werde, und hatte daher annehmen können, daß der Diebstahl erst um diese Zeit entdeckt werden würde. Aber es mochten trotzdem sehr wichtige Gründe sein, welche ihn in der Stadt, deren Boden ihm unter den Füßen brennen mußte, zurückgehalten hatten. »Um wieviel Uhr verließ Röhling das Haus?« wandte sich Müller an Frau Dorn. »Gegen acht Uhr.« »Wie war er gekleidet?« »Er trug einen dunkelgrauen Anzug und einen braunen Überrock.« »Hatte er Reisegepäck bei sich?« »Nichts als seinen Regenschirm. Aber am Morgen, als er ins Spital ging, da nahm er – ich wunderte mich noch darüber – ein großes Paket mit.« »Wenn Sie wissen, was er besitzt, werden Sie ja bald bemerken, was fehlt. Bitte, sehen Sie also nach.« Frau Dorn tat es. An den zwei Kästen, die sich in der Stube befanden, steckten die Schlüssel, sie waren also sofort zugänglich. Es fehlten einige Wäschestücke und eine alte Reisetasche von dunkelrotem Leder und geringem Umfang. Müller ließ sich die Reisetasche genau beschreiben. »Hatte Röhling nicht einen Regenmantel oder eine Jacke von demselben Stoff?« »Nein.« »Und wo wohnt sein Vetter, den er morgen besuchen und bei welchem er die Nacht verbringen will?« Frau Dorn nannte die Wohnung Pfeffermanns. Den Mann selbst kannte sie nicht, sie wußte nur, daß seine Tochter, ein sehr hübsches Mädchen, einmal bei Röhling gewesen war, um ihm irgend etwas von ihrem Vater auszurichten. Röhling scheine in das Mädchen verliebt zu sein, denn er habe ihr Bild, zwar nicht sehr geschmackvoll, aber doch recht ähnlich, aus dem Gedächtnis gemalt. Das Bildchen hing an der Wand. Im Gegensatz zu den vielen anderen Bildern, welche in sehr bescheidenen, selbstgefertigten Rahmen Röhlings Stube zierten, war es von einem breiten, pompösen Goldrahmen umgeben, der wohl kaum der mittelmäßigen Malerei, sondern dem Original galt. Müller, der jetzt das Mädchenbildnis näher betrachtete, war überrascht. Hatte er denn nicht erst heute in dieses Antlitz gesehen? Er dachte nach, und es fiel ihm die Szene mit dem Stubenmädchen bei Merburgs ein. Ja, Minna ist es, die dem Bildchen da sprechend ähnlich sieht. Müller wußte freilich, daß trotzdem Minna nicht das Original des Bildes sein konnte. Der alte Franz hatte ja Röhlings Begegnung mit dem Stubenmädchen geschildert: Röhlings Ausruf »Diese Ähnlichkeit! Ganz wie sie!« sprach dafür, daß Minnas Anblick ihn nur erschüttert hatte, weil sie ihn an eine andere erinnerte. Nun klärte sich's ja wohl bald auf, was es mit dieser anderen für eine Bewandtnis hatte, denn dieses Mädchen mit den herrlichen goldblonden Haaren und den grünlichen Nixenaugen war ja die Tochter Friedrich Pfeffermanns, des Gärtners, den er heute noch besuchen wollte. Er verabschiedete sich von Frau Dorn, ihr bedeutend, daß sie daheimbleiben möge, da bald jemand von der Polizei bei ihr erscheinen werde. Sehr zufrieden über seinen unerwarteten Erfolg und doch auch wieder etwas nachdenklich über seine so rasch gemachten Entdeckungen, stieg er die Treppe hinunter. Frau Dorn blickte ihm kummervoll nach. Ihr Sonntagsfriede war gründlich gestört. VII Frau Dorn erwartete, zur Polizei zitiert zu werden, und machte sich zum Ausgehen bereit. Gegen zwei Uhr nachmittags ertönte wieder die Klingel, und als sie öffnete, stand Herr Müller mit noch einem anderen Herrn draußen. »Herr Kommissar Ehrenfeld«, stellte Müller ihn vor, dann traten beide in die Wohnung. »Ich meinte, ich würde vorgeladen werden«, bemerkte schüchtern die Frau. »Das wird auch geschehen«, antwortete der Kommissar, »aber für heute konnte ich es Ihnen ersparen, da ich ohnehin Röhlings Wohnung kennenlernen will. War er oft daheim?« »Immer, wenn er dienstfrei und nicht bei Herrn Baron Merburg beschäftigt war. Baron Merburg nämlich war sein Gönner. Ich weiß nicht, wo Röhling ihn kennenlernte, aber ich weiß, daß er durch des Barons Protektion die Stelle im Spital bekommen hat und daß der Baron Röhlings Kunstfertigkeit im Schreiben sehr freigebig honoriert.« »Röhling war also diesem Mann viel Dank schuldig?« »Er war ihm fast seine ganze Existenz schuldig. Als Röhling sich vor Jahren bei mir einmietete, lebte er von elend bezahlten Schreiblektionen. Er litt damals geradezu Hunger, und ich teilte oft mein Essen mit ihm. Da lernte er den Baron kennen, und seit dieser Zeit lebte er ganz behaglich, wiewohl er ein Knauser war und sich lieber nichts gönnte, ehe er sich von dem Geld trennte.« Man war währenddessen in Röhlings Zimmer getreten. Ehrenfeld überblickte es aufmerksam. Er trat zum Schreibtisch und musterte, was sich darauf befand. Da stand ein hölzernes Fachwerk mit allerlei Sorten Papieren, auch Briefpapier und Kuverts waren dabei. Ehrenfeld zog mehrere davon heraus: sie trugen alle den gedruckten Namen des Spitals, an welchem Röhling angestellt war. »Hamster!« warf verächtlich der Kommissar hin. »Sie haben leider recht, Herr Kommissar«, gab Frau Dorn zu, »er ist eine kleinlich angelegte Natur, ein richtiger Hamster; er brachte Federn und Bleistifte. Papier, Gummi und Wachsstöcke aus dem Spital mit und speicherte alles auf, mir immer entgegnend, das täten alle Beamten. Sogar solches Papier, wie es in der Spitalapotheke zum Verbinden der Flaschen verwendet wird, brachte er heim, um seine Bücher damit einzubinden. Da stehen mehrere, die er so gebunden hat.« In der Tat standen auf dem Bord des Schreibtisches etwa ein halbes Dutzend Bücher, die einen seltsam geschmacklosen Einband von gelbbraunem Glanzpapier hatten. Die Männer betrachteten sie lächelnd; sie waren wirklich ein Beleg für Frau Dorns Urteil, daß Röhling eine kleinlich angelegte Natur sei. »Nun, gute Frau. Ihr bisheriger Mieter hat sich von solchen Kleinigkeiten emanzipiert, der ist jetzt ein Dreißigtausend-Gulden-Dieb geworden«, sagte Ehrenfeld. Frau Dorn stieß einen Schrei aus. »Herr Gott! Und er sah aus, als ob er kein Wasser trüben könnte.« »Und wollen Sie auch wissen, an wem er zum Diebe wurde?« »An wem?« fragte Frau Dorn noch ganz wirr. »Er hat Herrn Baron Merburg bestohlen.« »Seinen Wohltäter?« »Seinen Wohltäter!« Jetzt war der letzte Funke von Zuneigung, welche Frau Dorn für Röhling gehabt, verschwunden, das sah man dem bitteren, verächtlichen Lächeln an, das ihren Mund umspielte. »Haben Sie keine Ahnung, wohin sich Röhling gewendet haben kann?« forschte Ehrenfeld. »Keine, Herr Kommissar. Jetzt würde ich alles sagen, denn für einen solchen Schuft kann ich kein Mitleid mehr haben.« »Hatte er noch andere Verwandte außer diesem Pfeffermann? Oder nahe Bekannte? Freunde?« »Niemanden, soviel ich weiß. Er bekam keine Briefe und schrieb auch keine, empfing und machte keine Besuche, außer bei Pfeffermann, dessen Tochter er – ich habe es schon Herrn Müller gesagt – zu lieben scheint.« »Und das Mädchen?« »Ich habe sie nur jenes eine Mal gesehen, als sie Röhling hier aufsuchte. Sie schien eine heftige Szene mit ihm gehabt zu haben, denn sie kam zornig erregt heraus.« Müller hatte inzwischen in der Schreibtischlade gekramt. Ein Notizbuch, das er darin gefunden und das schon vollgeschrieben war, hatte er zu sich gesteckt. Vielleicht enthielt es verwertbare Andeutungen. Der Kommissar teilte Frau Dorn mit, daß der Steckbrief gegen Röhling bereits erlassen sei und daß man erwarte, sie werde ihrerseits nicht zögern, der Polizei sogleich Mitteilung zu machen, falls sie irgend etwas erfahre oder falls ihr noch irgend etwas in Erinnerung käme, das zur Ergreifung Röhlings führen könne. Daraufhin verließ er, von Müller begleitet, das Zimmer Röhlings, welches abgesperrt wurde und dessen Schlüssel man mitnahm. Müller begab sich nach dem Restaurant, in welchem er zu speisen pflegte. Während er sein versäumtes Mittagsmahl nachholte, beschäftigte ihn unaufhörlich der heutige Fall. Er machte Notizen und hielt oft nachdenklich mitten im Kauen inne, um dann, wenn ein unbestimmter Gedanke sich geklärt hatte, mit vergnüglicher Miene weiterzuessen. Als der Kellner den schwarzen Kaffee und eine Virginia brachte, deren bläuliche Rauchwölkchen Müllers Nase umschmeichelten, zog dieser das Notizbuch hervor, welches er Röhlings Schreibtischschublade entnommen hatte. Er durchlas es von der ersten bis zur letzten Seite; es enthielt nichts, das irgendwie in dieser Sache brauchbar schien: doch zeigte sich in diesen täglichen Aufzeichnungen Röhlings kleinlicher Charakter auf allen Seiten, die oft mit nichtigen Berechnungen bis in jedes Winkelchen des Papiers ausgefüllt waren. Bei diesem Menschen, der schier Tag und Nacht arbeitete und trotz eines sehr anständigen Einkommens sich wie ein Bettler verköstigte – was die Notizen bewiesen –, war Geld alles. Es war fünf Uhr geworden, als der Detektiv das Restaurant verließ. Nachdem er dem Baron Merburg Bericht erstattet und noch einige andere Gänge gemacht hatte, begab er sich in seine Wohnung und steckte einen Revolver zu sich, was er immer tat, wenn er nächtliche Berufsgänge vorhatte. Und für einen solchen hatte er sich auch heute gerüstet. VIII Gegen neun Uhr abends pochte es an Pfeffermanns Tür. Eine ziemlich verwahrloste Magd schlurfte herbei, um zu öffnen. »Was wünschen Sie?« knurrte sie den Draußenstehenden an. »Kann ich Ihren Herrn sprechen?« wurde ihr erwidert. Im selben Augenblick rief eine ungeduldige Stimme aus dem Inneren des Hauses heraus: »Wer ist draußen?« »Ein fremder Herr«, rief die Magd zurück, »darf ich ihn hereinführen?« »Meinetwegen«, antwortete die grobe Männerstimme verdrossen. Müller wurde durch einen schmalen Flur in eine dürftige, aber sehr saubergehaltene Stube geführt. An einem Tisch in der Mitte saß, mit einer Näharbeit beschäftigt, ein junges Mädchen, dessen Ähnlichkeit mit Minna sofort auffiel. Doch wendete Müller nach seinem allgemein gehaltenen Gruß seine Aufmerksamkeit zunächst dem Mann zu, welcher auf dem Sofa lag und das rechte, verbundene Bein auf einen Sessel ausgestreckt hatte. »Kann ich allein mit Ihnen reden?« fragte Müller. »Was wollen Sie von mir?« war des anderen Entgegnung. Es entging dem Detektiv nicht, daß der Mann einen scheuen Blick besaß – nur in diesem Augenblick oder immer? »Sie sind doch Herr Friedrich Pfeffermann?« »Der bin ich. – Und wie heißen Sie?« »Ich heiße Müller, wie so viele«, entgegnete lächelnd der Detektiv und setzte hinzu: »Und Herr Röhling, Veit Röhling, ist Ihr Vetter?« Durch den Körper des Mannes ging sichtlich ein Ruck. Er hatte sich aufgerichtet und den verbundenen Fuß an sich gezogen. Müller sah, daß der Verband in der Gegend der Ferse von Blut durchtränkt war. Er sah noch etwas: Friedrich Pfeffermanns Erblassen und das Erzittern seiner Hand, die eine Zeitung hielt. Hinter Müller wurde auch ein Geräusch laut. Das junge Frauenzimmer hatte heftig ihren Stuhl gerückt. Müller wendete sich ihr ganz zu. Sie wollte sich erheben und hatte ihre Arbeit auf den Boden fallen lassen. Unter seinen beobachtenden Blicken sank sie wieder auf den Stuhl zurück, hob ihre Näherei auf und arbeitete weiter. Müller zog sich einen Stuhl herbei und setzte sich so, daß er beide vor sich hatte, den scheu blickenden Mann und das mit unsicherer Hand arbeitende Mädchen, deren gedrücktes Wesen verriet, daß sie sehr wenig glücklich sei, und sie war doch so schön, so eigentümlich schön mit ihrem weißen Antlitz, ihrem goldfarbenen Haar und den grünlichen, traurigen Augen. »Röhling ist mein Vetter!« beantwortete jetzt mit einem gewissen Trotz in der Stimme Pfeffermann die Frage des Detektivs. »Marie, laß uns allein!« Doch paßte das jetzt nicht mehr in Müllers Plan. »Bleiben Sie, Fräulein«, sagte er sehr bestimmt, und das Mädchen, dessen Augen ihn hastig gestreift, blieb. Pfeffermann hatte sich bereits gefaßt, er lächelte sogar ein wenig, obwohl gezwungen. »Wollen Sie mir nun sagen, wer Sie sind?« fragte er. »Ich bin Geheimpolizist.« »Und was suchen Sie bei mir?« »Veit Rohling.« »Den werden Sie kaum hier finden.« »Wenn nicht hier, dann anderswo, und Sie werden, als guter Staatsbürger, dazu behilflich sein.« »Weshalb sucht ihn die Polizei?« Lauernd hingen Pfeffermanns Blicke an denen des Detektivs. »Sollten Sie das nicht wissen?« fragte dieser gleichmütig. Der Gärtner zuckte zusammen, dann aber sagte er trotzig: »Nichts weiß ich.« Marie beugte sich tiefer über ihre Arbeit, dennoch sah Müller einen deutlich ausgeprägten Zug bitterer Angst in ihrem blassen Gesicht Das arme Ding tat ihm leid. Er war ja ein guter, kluger Mann, und ein solcher kann ein Weib nicht leiden sehen, ohne Mitleid zu empfinden. »Fräulein Marie«, wandte er sich in vertrauensvollem Ton an das junge Mädchen, »ist Veit Rohling im Hause?« Marie sah ihn mit offenem Blick an und schüttelte ihren Kopf. »Oder an einem anderen Ort, den Sie kennen?« »Nein«, sagte sie diesmal laut »Wann war Rohling also zum letztenmal hier?« wandte sich Müller nun wieder an Pfeffermann. Dieser blickte rasch auf, aber er mochte wohl langsam denken, denn ziemlich lange besann er sich, ehe er sagte: »Das war am Freitag.« »Seither nicht.« »Seither nicht.« »Sie erwarten ihn auch für heute nicht mehr?« fragte nun Müller. Ein seltsam düsteres Lächeln ging über Pfeffermanns hartes Antlitz, während er sagte: »Nein, wir erwarten ihn nicht, weder für heute noch für ein anderes Mal – diesen Schurken.« Was war das? Ein tödlicher Haß – oder ausgezeichnete Verstellung? Müller war einen Augenblick lang überrascht. »Er war immer ein Schuft«, fuhr der Gärtner fort. »Was wollen Sie von mir? Glaubten Sie, Veit hier zu finden?« »Das will ich nicht gerade behaupten«, versetzte Müller, »eher ist anzunehmen, daß er, seiner Sicherheit wegen, die Stadt verlassen hat.« »Seiner Sicherheit wegen«, knurrte trotzig der Gärtner. »Kann man denn nicht erfahren, was er verbrochen hat?« Müller stand auf und sagte, in dem er bedeutungsvoll seine Hand auf Pfeffermanns Schulter legte: »Was er verbrochen hat? Das brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Woher rührt übrigens die Wunde an Ihrem Fuß?« »Das geht Sie nichts an!« entgegnete der Gärtner trotzig. »So!« machte trocken der Geheimpolizist. »Nun, Herr Pfeffermann, wir werden uns wiedersehen, für heute leben Sie wohl!« Ein ernster Blick, den Pfeffermann mit einem trotzigen erwiderte – und Müller ging. »Gute Nacht, Fräulein Marie!« sagte er sanft, als er an dem Mädchen vorüberkam; sie antwortete ihm nicht, sie saß wie zu Stein erstarrt da; nur in ihrem schönen Gesicht zuckte es. Eben als Müller die Tür hinter sich zuzog, ließ die Spannung ihrer Nerven nach. Er tat noch einen Blick durch das in der Tür angebrachten Fensterchen, welches dem Flur ein wenig Licht zuführte. Irgend etwas glänzte vor ihm auf. Ein Gummimantel war's, der an einem Haken hing und auf den einige Lichtstrahlen fielen. Müller ergriff einen Zipfel, hielt ihn gegen den Lichtstrahl und wendete ihn um. Dann lächelte er befriedigt. Der Stoff war auf der einen Seite schwarz und von seidigem Glanz, die andere Seite zeigte ein buntkariertes Muster. Nachdem er den Stoff besichtigt, warf er durch das Fensterchen noch einen Blick auf die Zurückgebliebenen in der Stube. Pfeffermann starrte ins Leere. Seine weißen, aufeinandergepreßten Zähne blitzten unheimlich zwischen dem dunklen Bart hervor. Maries Körper war zusammengesunken, sie hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und erbebte unter einem qualvollen Schluchzen. Armes Ding! dachte Müller, während er nach dem Ausgang tappte. Jetzt befand er sich im Freien, auf der stillen Landstraße. Er schien weit und breit das einzige lebende Wesen in dieser nächtlichen Einsamkeit zu sein, aber kaum war er hundert Schritte vom Haus entfernt, als hinter einem der alten Alleebäume eine Gestalt hervortrat. »Herr Müller!« flüsterte eine Männerstimme. Müller blieb stehen. »Ah, Körbler, Sie sind's? Und wen hat man noch hierhergeschickt?« »Den Laßnitz. Er liegt hinter dem Hause auf Posten.« »Gut«, sagte Müller. »Es ist also eure Pflicht, jeden, der das Haus betritt oder es verläßt, in sicheren Gewahrsam zu bringen.« Dann entfernte er sich im tiefen Schatten der Allee so weit vom Besitz des Gärtners, bis er, gedeckt von Büschen, zu dessen tiefstem Teil gelangen konnte. Dort fand er den Polizisten Laßnitz, welcher einen so gutgedeckten Platz gefunden, daß Müller erst auf ihn aufmerksam wurde, als sich ihm aus einem Holunderbusch eine Hand entgegenstreckte. Auch diesem Mann gab er genaue Weisungen, dann kehrte er zur Stadt zurück. Gegen elf Uhr legte er sich zu Bett. »Es ist eine nutzlose Vorsicht. Röhling kommt auf keinen Fall mehr zu Pfeffermann.« Das war der letzte seiner klaren Gedanken, dann schlief er ruhig, wie ein kleines Kind. IX Müller hatte den Gärtner und seine Tochter in sehr düsterer Stimmung zurückgelassen. Pfeffermann stierte trotzigen Blickes vor sich nieder und murmelte zuweilen einen Fluch, und Marie weinte so trostlos, daß ihm darob das Herz fast selbst weich, aber auch seine Ungeduld geweckt wurde. »So sei doch endlich ruhig!« rief er. Aber sie schluchzte nur noch leidenschaftlicher, und erst nach geraumer Zeit erhob sie den Kopf und blickte vorwurfsvoll zu ihrem Vater hinüber. »Nun. was gibt's?« knurrte dieser. Da fragte sie ernst, kurz und scharf: »Warum hast du gelogen?« »Wann hätte ich gelogen?« rief er erstaunt »Du sagtest diesem Polizisten, daß Röhling am Freitag zum letztenmal hiergewesen sei.« »So ist's auch.« »So ist's nicht« »Aber Marie ...« »Ach«, unterbrach sie ihn ungeduldig, »mich brauchst du doch nicht zu täuschen! Aber auch dem Polizisten hättest du die Wahrheit sagen müssen, denn jeder Widerspruch in solchen Sachen ist gefährlich – ganz besonders für dich, Vater!« »Warum gerade für mich?« »Denke an deine Vergangenheit«, antwortete Marie beklommen und zögernd. Sie bemerkte es nicht, daß ihr Vater bei ihren letzten Worten zusammenfuhr und einen bitteren Bück nach ihr sandte, sondern fuhr fort: »Röhling hat ein Verbrechen begangen, sonst würde man nicht nach ihm fahnden. Wie kannst du dich seiner annehmen, indem du seinethalben lügst?« Pfeffermann sprang auf, sank aber sofort wieder mit einem Wehlaut zurück. »Einfältiges Ding!« schrie er sie an. »Hast du so ganz den Kopf verloren, weil einer von der Polizei da war? Was kann die Polizei uns anhaben, weil Veit ge ..., weil Veit irgend etwas schlechtes getan hat?« Marie hatte sich hastig erhoben und starrte ihren Vater entsetzt an. »Was hat er getan? Du weißt es. Das Wort wollte dir schon über die Lippen. Oh, warum hast du dem Mann nicht lieber die ganze Wahrheit gesagt? Ich wagte ja nicht dir zu widersprechen.« »Hättest du denn überhaupt widersprechen können?« spöttelte er. »Was weißt denn du von dieser Sache?« »Nur, daß Röhling gestern nacht noch bei dir war.« »Bei mir? Gestern? Samstag nacht? Hast du geträumt?« »Es war kein Traum. Ich hörte ganz deutlich, wie Röhling gestern nacht mit unserem Gehilfen redete. Es mag gegen zehn Uhr gewesen sein.« »Weiter!« drängte Pfeffermann. »Wellner hieß ihn ins Haus treten und sagte, du könntest noch nicht zu Bett gegangen sein, denn in der Stube sei noch eben Licht gewesen. Darauf entgegnete Röhling: Ja, er erwartet mich ja. Gehen Sie nur schlafen, Wellner. Ich finde mich schon zurecht. Dann knarrte die Haustür, und somit muß er doch bei dir gewesen sein.« »Weiter – weiter. Und wann ging er wieder?« »Das hörte ich nicht mehr. Ich schlief bald ein und weiß nur noch, daß Wellner nach seinem Häuschen hinunterschlurfte.« »Das ist doch merkwürdig!« rief Pfeffermann und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Marie sah ihn voll Zweifel an. »Was ist merkwürdig?« fragte sie endlich, als ihr Vater gar nicht aus seiner Versunkenheit erwachen wollte. Er blickte jetzt auf. Er war sehr unruhig. »Es ist mir unbegreiflich!« murmelte er, dann blickte er voll in die Augen seiner Tochter und winkte sie zu sich heran. »Du hast vorhin auf meine Vergangenheit angespielt ...« »Verzeih Vater, verzeih es mir.« Er nickte schmerzlich lächelnd und fuhr fort: »Und du hast recht, daß ich besonders vorsichtig sein muß, denn mit – mit rückfälligen Verbrechern macht man nicht viel Umstände.« »Vater! Wozu das?« So herzlich, so liebevoll sagte sie das und strich dabei zärtlich über sein ergrauendes Haar. »Du hast's ja damals, von bitterster Not gezwungen, getan«, flüsterte sie ihm entschuldigend zu. »Damals – ja, aber diesmal ...« Er hielt inne. Marie war zusammengezuckt und wich unwillkürlich vor ihm zurück. Schon einmal hatte er sich gegen die Gesetze vergangen und dafür gebüßt; das eben gesprochene Wort ließ auf einen neuen Fehltritt schließen. »Vater!« flüsterte das Mädchen, »Vater, es kann nicht sein! Was hast du getan – diesmal –, da dich doch nicht die Not trieb?« Er stierte sie an, dann entgegnete er in gezwungenem Ton: »Närrchen. Es ist nicht so arg, wie du denkst. Ich habe von diesem Halunken nur mein Geld gefordert Nichts weiter, aber siehst du – auch das muß jetzt ans Licht. Ich selber muß es sagen. Morgen will ich gleich zur Polizei. Die Geschichte muß mir vom Herzen herunter. Schon ehe dieser Müller kam, drückte sie mich; jetzt, nachdem du mir erzählt hast, daß Röhling gestern abend hier war, jetzt wird es mir doppelt bang. Er hatte eine Schurkerei vor. Oh, er war immer ein scheinheiliger Schuft, und mich haßt er wie den Tod. Was er nur hier gewollt haben kann?« »Vater!« Pfeffermann schaute auf. Er merkte, daß Marie ihm noch immer nicht glaubte. Da nahm er ihre Hand und sagte ernst und herzlich: »Kind, glaube mir! Ich habe Röhling Freitag nacht zum letztenmal gesehen. Er hat gegen neun Uhr kommen sollen, er kam aber erst nach elf Uhr, als außer mir niemand mehr wach war. Er hat mir Geld bringen sollen – eine ihm lang gestundete Schuld. Und er brachte es auch. Woher er es genommen? Ich meinte aus seinen Ersparnissen, aber ich wurde nur zu bald eines andern belehrt; für sein Verbrechen soll er allein büßen. Für mein Vergehen freilich muß ich einstehen. Jetzt aber rufe mir Wellner. Vielleicht kann der mir über Röhlings gestrigen Besuch mehr sagen.« Seltsam beklommen ging Marie, den alten Gehilfen zu holen. Wellner war ein gebückt einherschreitender, schon etwas schwerhöriger Sechziger, der seit sechs Jahren, das heißt so lange, als Pfeffermann hier ansässig war, bei diesem als Gehilfe arbeitete. Wellner war ein nüchterner, verschwiegener, in allen Dingen verläßlicher Mensch. Nach einer guten Weile trat er mit Marie in die Stube, in welcher er mit fieberhafter Ungeduld erwartet wurde. »Wann war Herr Röhling zum letztenmal hier?« begann Pfeffermann mit lauter Stimme seine Fragen. »Gestern so etwa um zehn Uhr nachts herum.« »Haben Sie ihm die Gartentür aufgemacht?« »Das war nicht erst nötig, der Herr Röhling weiß mit dem Riegel umzugehen.« »So! Und warum haben Sie ihn denn ins Haus gelassen, da ich doch schon in meiner Schlafkammer war?« »Ich habe ganz bestimmt gewußt, daß Sie noch munter seien. Es war sehr regnerisch, und da legte ich die Strohmatten über die neuausgesetzten Pflanzen, die ja zuviel Feuchtigkeit nicht vertragen können. Bei der Gelegenheit bemerkte ich, daß Sie noch Licht im Wohnzimmer hatten. Da kam eben Herr Röhling den Gartenweg her und sagte mir, daß Sie ihn erwarteten. Nun war freilich das Licht im Wohnzimmer soeben erloschen, aber Sie waren doch vermutlich noch wach, Herr Pfeffermann, und so sagte ich ihm denn, er solle nur hineingehen.« »Nun – und ...?« »Er ging ins Haus, und ich ging schlafen. Absperren mußten Sie ja hinter ihm, sobald er fortging, da hatte ich also nichts mehr zu tun.« »So haben Sie ihn nicht weggehen sehen?« »Nein.« Pfeffermann versank in tiefes Sinnen. Wellner schaute bald ihn, bald Marie verwundert an. »Ich glaube, Sie können gehen«, sagte letztere endlich freundlich. Der Alte ging. Es war weit über zehn Uhr geworden. Marie stand am Fenster und sah in die Mondnacht hinaus. So weh und ahnungsschwer war ihr schon lange nicht ums Herz gewesen. Sie sah Röhling vor sich, diesen ihr überaus widerwärtigen Menschen, der ihr so oft leidenschaftliche Worte gesagt und sie mit seinen brennenden Blicken gequält hatte. Sie sah ihn vor sich – ihn, der zum Verbrecher geworden war –, wie er ihr väterliches Haus umschlich, sich mit irgendeinem geheimnisvollen, tückischen Vorhaben tragend. So lebhaft dachte sie an den Gehaßten, daß sie darüber alles andere vergaß und nicht bemerkte, daß ihr Vater inzwischen schlafen gegangen war. Auch die dunkle Gestalt hatte sie nicht bemerkt, welche sich dicht an die Mauer des Hauses drückte und durch das andere Fenster verstohlen in die Stube hineinlugte. Es war die Gestalt des Mannes, welcher beim Weggehen Müllers aus dem Schatten des Baumes getreten war. X In den ersten Morgenstunden des nächsten Tages hielt ein Einspänner vor der Gärtnerei. Wellner hatte ihn holen müssen. Sein Herr wollte zur Stadt fahren. Bald humpelte denn auch Pfeffermann aus dem Hause. Marie stütze ihn. Sie war sehr bleich, ihre Augen waren vom vielen Weinen geschwollen. Pfeffermann sah sehr ernst und gedrückt aus. Sie streifte ihn mit scheuen und doch liebevollen Blicken. »Warum darf ich denn nicht mit dir gehen?« fragte sie mit zärtlicher Besorgnis. »Ich möchte in dieser schweren Stunde bei dir sein.« »Man würde dich dort nicht bei mir lassen.« Er lächelte bitter. »Ich möchte Zeugnis für dich ablegen. Es weiß ja niemand, wie gut du bist.« »Dein Zeugnis wird nichts fruchten.« »Wenn du mir sagtest, was du eigentlich dort willst« »Sei nicht zu sehr bekümmert Es ist nichts so Arges. Na, einerlei, ich werde ja bald heimkommen.« »Gewiß, Vater. Ich darf also das Essen wie gewöhnlich richten?« Pfeffermann blieb stehen. Er war tief bewegt. Seine Brust hob sich unter schweren Atemzügen. Die Tochter sah ihn bestürzt an. »Was ist dir? Vater – lieber Vater!« stammelte sie, noch bleicher werdend. Er nahm sich zusammen; er lächelte verlegen und faßte ihre Hand fester. »So bald, Kind, so bald darfst du mich nicht zurückerwarten«, sagte er langsam, »Ich fürchte – nein, ich weiß es gewiß: sie werden mich dort behalten. Zittere doch nicht so. Es kann ja nicht auf lange sein, es muß ja bald herauskommen, daß ich mit Röhlings Schuld nichts zu tun habe, und das ist die Hauptsache. Marie, fasse dich. Gott sei mit dir, Kind. Siehst du, jetzt weiß ich erst, wie gern ich dich habe. Deinetwegen allein bereue ich es, daß ich der Versuchung erlegen bin. Aber jetzt Gott befohlen.« Er nahm nun ihren Kopf zwischen seine Hände und küßte sie. Sie standen schon an der Gartentür, vor welcher der Wagen hielt Er drängte sie zurück, humpelte allein die paar Schritte und stieg ein. »Zur Polizei-Direktion«, sagte er leise dem Kutscher. Dieser nickte, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Ein Paar wunderschöner Mädchenaugen starrte ihm verzweiflungsvoll nach. Als er hinter den Bäumen verschwunden war, brach Marie hinter den Büschen in bitterliches Weinen aus. Auch sie hatte bis zu dieser Stunde nicht gewußt, wie lieb sie ihren Vater hatte. Es war ein rauher Morgen; die Fensterscheiben des Wagens waren mit dichtem Tau beschlagen, aber wenn das auch nicht der Fall gewesen wäre, so hätte doch Pfeffermann, der in starres Hinbrüten versunken war, es kaum bemerkt, daß sich ein Mann, der aus einem der den Weg einsäumenden Gebüsche hervorgesprungen war, mit großer Gewandtheit plötzlich auf den Sitz neben den Kutscher schwang. »Oho! Was soll das ...?« Weiter kam der erstaunte Rosselenker nicht, denn der ungebetene Fahrgast hatte ihm mit einer Gebärde Schweigen geboten und schlug seinen Rock zurück. Ein Abzeichen wurde sichtbar. »Wohin geht die Fahrt?« fragte der Polizist leise. »Zur Polizei-Direktion«, war die bereitwillige Antwort des Kutschers. »Ah!« machte Körbler, dessen der Leser sich aus dem vorigen Kapitel noch erinnern wird, und schaute ziemlich verwundert drein. Schweigend wurde der Rest des Weges zurückgelegt. Als der Wagen vor dem Polizeigebäude hielt, sprang Körbler rasch vom Bock und leistete dem Insassen beim Aussteigen Hilfe. »Sie wollen zum Herrn Kommissar Ehrenfeld«, sagte er, »ich werden Sie in sein Büro führen.« Pfeffermann, der keine Ahnung hatte, daß der ihm ganz unbekannte Mann während der Fahrt sein Begleiter gewesen war, fühlte sich unangenehm berührt. Hatte man ihn in aller Stille überwacht? Stand er bereits unter polizeilicher Kontrolle? Schweigend folgte er seinem Führer, der ihn, so schien es ihm, mehr als notwendig stützte; hielt er ihn nur so fest, weil er glaubte, daß er ihm hier noch entkommen könnte? Mit heimlicher Qual bemerkte der Gärtner, daß der andere ihn nicht losließ, während er in einem dunklen Gang eine Tür öffnete, und noch unbehaglicher ward ihm zumute, als sein unbekannter Führer hineinrief: »Herr Kommissar, Friedrich Pfeffermann ist hier.« »Bringen Sie ihn herein«, lautete die Antwort. Körbler ließ den Gärtner vor sich in die Amtsstube treten. »Ich komme freiwillig, Herr Kommissar!« waren Pfeffermanns erste, trotzig hervorgestoßene Worte. »Freiwillig. Na, das ist schön.« Der Kommissar nickte, den Ankömmling aufmerksam musternd. »Da haben Sie uns vermutlich recht interessante Dinge zu berichten.« »Weiß nicht, ob Sie es interessant finden werden, Herr Kommissar. Jedenfalls darf ich nicht verschweigen, was ich weiß. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß es sich um Röhling handelt.« Pfeffermann seufzte und lehnte sich an die Wand. »Geben Sie ihm einen Stuhl, Körbler. Dann können Sie gehen und nachsehen, ob Müller im Hause ist.« Pfeffermann warf einen dankbaren Blick auf den rücksichtsvollen Beamten. »Also, Herr Pfeffermann, was haben Sie mir zu sagen?« fragte der Kommissar nach Kröblers Entfernung. »Daß auch ich schuldig bin.« »Ah!« »Meine Schuld ist weniger schlimm, als Sie wohl für den ersten Augenblick annehmen mögen, aber schuldig bin ich doch.« »Wie denn?« »Röhling hat den Baron Merburg bestohlen, und ich habe das, obwohl ich es wußte, nicht sofort angezeigt, sondern sogar etwas von dem gestohlenen Gelde für mich behalten, nämlich hundert Gulden. Hier sind sie.« Pfeffermann stand auf und legte eine Hundert-Gulden-Note tief aufatmend auf den äußersten Rand des Tisches, an welchem der Kommissar saß. Ehrenfeld legte einen Briefbeschwerer darauf und drückte dann auf eine elektrische Klingel. »Herr Plank soll kommen«, befahl er dem eintretenden Wachmann. »Sie wissen doch, daß wir jetzt ein Protokoll aufnehmen müssen«, sagte Ehrenfeld zu Pfeffermann tretend, der sich ächzend wieder auf seinen Stuhl gesetzt hatte. »Ich weiß es.« Der Kommissar legte ihm die Hand auf die Schulter. »Seien Sie klug, Pfeffermann. Sie wissen, mit der Wahrheit kommt man am besten durch. Die haben ein Kind, eine brave, gute Tochter, die niemanden hat als Sie. Schon um dieser Tochter willen müssen Sie trachten, so gelind als möglich wegzukommen, und Sie wissen auch, daß Milde nur der Richter walten lassen kann, wo er Reue, wirkliche Reue, sieht und die Überzeugung gewinnt, daß der Angeklagte keine Winkelzüge, keine Lügen vorbringt.« »Ich bin ja da, um die Wahrheit zu sagen«, entgegnete mit gepreßter Stimme der Gärtner, aus dessen Wesen aller Trotz gewichen war. Draußen klangen Schritte. Der Kommissar ging wieder an seinen Platz zurück. Ein junger Mann trat ein, verbeugte sich stumm und nahm an einem besonderen, mit Schreibmaterial bedeckten Tisch Platz, um das Protokoll niederzuschreiben Während die Personalien Pfeffermanns aufgenommen wurden, trat Müller ein. Ehrenfeld wies auf einen Stuhl, der links von seinem Schreibtisch stand. Wer dort saß, war im tiefen Schatten und konnte das ganze Zimmer überblicken, sah auch die Züge einer Person, die so wie Pfeffermann saß, ganz deutlich im hellen Licht Müller zog Notizbuch und Bleistift heraus. »Sie wurden einmal in Ihrer Heimat abgestraft«, bemerkte Ehrenfeld. »Ja.« »Weshalb?« »Ich hatte meinem ehemaligen Brotherrn einhundert Mark entwendet« »Welche Strafe bekamen Sie?« »Acht Wochen Gefängnis.« »Acht Wochen weniger vier Tage«, bemerkte ruhig Müller, der in sein Notizbuch geblickt hatte. Ehrenfeld lächelte. Pfeffermann schaute erstaunt auf; auch er lächelte dann, aber recht bitter. Man hatte ja schon recht genaue Erkundigungen über ihn eingezogen, offenbar sogar den Telegrafen seinetwegen in Tätigkeit gesetzt. »Ich war damals in bitterer Not«, sagte er leise. »Seine Frau war krank, und er war ohne Verdienst. Der Gärtner Vogt hatte ihn eines geringfügigen Streites wegen fortgejagt, ohne ihm den rückständigen Lohn auszuzahlen«, las Müller mit eintöniger Stimme aus seinem Notizbuch heraus. Wieder lächelte sein Vorgesetzter. So gründlich wie Müller arbeitete nicht leicht jemand. Überallhin streckte er seine Fühler aus, wenn es galt, einem Verbrechen auf die Spur zu kommen, und oft kam er darin seinen Vorgesetzten zuvor. Pfeffermanns Groll gegen den Detektiv schwand. »Und nun zu der jetzigen Sache«, begann der Kommissar wieder. »Erzählen Sie.« Der Gärtner tat einen tiefen Atemzug, dann berichtete er: »Am sechzehnten April bekam ich von einem Wucherer, in dessen Hände ich geraten bin – der Mann heißt Lipps und wohnt in der Herrengasse siebzehn –, ein letztes Mahnschreiben, in welchem er mir drohte, mich in dieser Woche pfänden zu lassen, wenn ich ihn nicht am neunzehnten, das war Samstag, bezahlt haben werde. Ich war dem Mann vierhundertfünfzig Gulden schuldig geworden, wiewohl ich zu Ende des vorigen Jahres nur dreihundert von ihm erhalten habe. Lipps hätte vielleicht noch Geduld gehabt, wenn er hätte fünfzig Gulden dazuschreiben dürfen. Aber ich wollte mich nicht aussaugen lassen, um so weniger, als ich selber Geld ausstehen hatte. Mein Vetter, Veit Röhling, war mir seit sechzehn Jahren mehrere hundert Gulden schuldig, ich habe sie schon oft, aber stets vergeblich von ihm zurückgefordert, denn es ging mir oft schlecht. Röhling war freilich auch nicht auf Rosen gebettet, bevor er hier eine sichere Anstellung und reichlich bezahlte Nebenbeschäftigung bekam. Seine Schuld war, wenn ich ihm nur vier Prozent anrechnete, auf sechshundert Gulden angewachsen, und gerade soviel fehlte mir beiläufig, um mich jetzt wieder flottzumachen. Schon seit vorigem Herbst drängte ich ihn zur Zahlung. Es war nutzlos. Ich wußte ganz genau, daß er während der drei Jahre, seit er die Anstellung hat, nicht einmal sein Gehalt aufbrauchte, viel weniger seine reichlichen Nebeneinnahmen, denn er war ein Knicker, der alles in die Sparkasse trug. Dort mußte er weit mehr liegen haben, als er mir schuldig war. Dennoch zahlte er nicht. Er hätte es wohl unter einer Bedingung getan: wenn ich ihm nämlich meine Tochter zur Frau gegeben hätte, aber diese hat keinen geringeren Abscheu vor ihm, als ihn ihre Mutter dereinst hatte, und zwingen wollte ich sie nicht. So kam ich also nicht zu meinem Gelde.« »Hatten Sie denn keine Schuldverschreibung, durch welche Sie ihn gesetzlich zur Zahlung zwingen konnten?« unterbrach Ehrenfeld den Erzähler. »Nichts als einen Brief, in welchem er die Schuld erwähnte. Als ich ihm am Anfang meiner Ehe das Geld aus der kleinen Mitgift meiner Frau vorstreckte, waren wir gute Freunde. Später entzweiten wir uns ernstlich, denn er stellte meinem Weib nach, und ich wies ihn aus dem Haus.« »Um sich nachher wieder mit ihm zu versöhnen.« »Erst als ich nach dem Tode meiner Frau hierher übergesiedelt war, wo er seinen Wohnsitz ebenfalls nahm, kamen wir wieder zuweilen zusammen.« »Also weiter!« warf der Kommissar dazwischen. »Rohling schuldete Ihnen, nach Ihrer Aussage, sechshundert Gulden.« »An dem Tage, da ich von Lipps diese drohende Mahnung empfing«, Pfeffermann legte den Brief des Wucherers vor den Kommissar hin, »wollte ich von Rohling mein Geld ernstlich zurückfordern. Ich fand ihn nicht zu Hause und suchte ihn daher bei dem Baron Merburg auf. Dort gab es gerade eine Festlichkeit, und ich zog es daher vor, trotz des regnerischen Wetters, Rohling auf der Straße zu erwarten. Als er endlich kam, war er auffallend zerstreut, und ohne mich erst ausreden zu lassen, sprang er in einen Tramway-Wagen. Zwar folgte ich ihm, doch wußte er es so einzurichten, daß immer Leute zwischen uns waren. Plötzlich sprang er mitten im Fahren ab, und ich ließ ihn laufen. Am nächsten Tag konnte er mir ja doch nicht wieder entwischen, da wollte ich ihn im Amt aufsuchen. Das tat ich denn auch. Er empfing mich grob und wollte mich wieder nicht anhören, bis ich ihm drohte, mich an seinen Vorgesetzten oder an Baron Merburg wenden zu wollen. Soweit wollte er's natürlich nicht kommen lassen. Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, fragte er mich, ob meine Tochter sich noch immer nicht zu seinen Gunsten entschieden habe. Ich konnte nur ›nein‹ sagen. Da lachte er höhnisch und meinte, es gäbe ja auch noch andere, die seinem Geschmack zusagten. Er werde mir nun seine Schuld bezahlen, doch müsse ich bis Samstag oder wenigstens Freitag Geduld haben, er würde mir schreiben, wann er mir das Geld bringen werde.« Pfeffermann zog aus seiner Tasche eine Postkarte und legte sie vor den Kommissar hin. »Ich komme heute abend«, las dieser laut. »Vielleicht erst spät. Warte jedenfalls auf mich. Ich bringe Dir das Geld. – V. R.« Die Karte war Freitag, den 18. April, mittags aufgegeben. »Nun, und ist er gekommen?« fragte der Kommissar. »Er ist gekommen. Zu meinem Unglück.« »Reden Sie. Oder – warten Sie ein wenig.« Ehrenfeld drückte wieder auf die Klingel. »Bitte ein Glas Wasser«, rief er dem eintretenden Wachmann zu. Als derselbe das Verlangte brachte, mußte er es auf einen Wink des Kommissars dem Gärtner reichen, der hastig das Glas ergriff und es auf einen Zug leerte. »Ich danke, Herr Kommissar. Ich konnte kaum mehr sprechen.« »Ich habe es gemerkt. Sie fiebern arg. Wie haben Sie sich die Wunde am Fuß zugezogen?« Über Pfeffermanns Gestalt lief ein leichtes Zittern, und seine Wangen wurden für einige Augenblicke ganz fahl. Er mußte sich sehr unwohl fühlen. Seine Stimme klang heiser, als er sagte: »Ich bin auf ein Grabscheit getreten.« Dann fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, auf welcher Schweißperlen standen. Ehrenfeld ließ Pfeffermann Zeit, sich zu erholen, und erst als die Farbe wieder in dessen Gesicht zurückgekehrt war, forderte er ihn freundlich auf, in seinem Bericht fortzufahren, dabei dachte er: »Entweder ist der Mann schwerer krank, kränker noch, als er selber weiß, oder es ist ihm ein peinigender Gedanke durch die Seele gefahren.« Den gleichen Eindruck hatte auch Müller. XI Pfeffermann erzählte weiter: »Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, daß Röhling sein Wort halten würde, denn es war zwölf Uhr nachts vorüber, und noch hatte er sich nicht blicken lassen. Am nächsten Morgen erwartete mich Lipps mit dem Geld. Ich saß allein im Wohnzimmer. Meine Leute schliefen schon. Da pochte es leise an das Fenster. Ich ging hinaus und öffnete die Haustür. ›Na, bringst du das Geld?‹ fragte ich Er nickte, trat rasch in die Stube und ließ sich nieder. Er sah erhitzt aus, und doch schüttelte es ihn, als ob er Frost verspürte. Ich bot ihm Wein an, damit er sich erwärme. Er nickte. Der Wein stand in der Küche. Ich ging, ihn zu holen. Währenddessen dachte ich über Röhlings auffallenden Zustand nach. War er in dem stürmischen und regnerischen Wetter, welches draußen herrschte, so gerannt? Und weshalb? Um mich eine Viertelstunde früher in den Besitz des Geldes zu bringen, hatte er sich gewiß nicht der Gefahr einer Erkältung ausgesetzt, besonders da sein beständiger Husten ihm die größte Vorsicht gebot. Ich zerbrach mir vergebens den Kopf, was ihn in solche Erregung versetzt haben könne, und deshalb wollte ich sehen, wie er sich benehmen werde, wenn ich nicht zugegen war. Die Gelegenheit hierzu konnte nicht günstiger sein. Ich hatte leichte Schuhe an, die meine Schritte unhörbar machten, zudem rumorte die Katze in der Küche, so daß Röhling glauben konnte, das Geräusch werde durch mich verursacht. Ich aber stand neben der Tür im finsteren Gang draußen und schaute in das Zimmer. Der Gang, den ich eben betreten hatte, erhält durch ein kleines, in der Tür des Wohnzimmers angebrachtes Fenster sein Licht. Dieses Fenster war zwar mit einem Vorhang verhüllt, doch gab es an der Seite einen kleinen unverdeckten Raum, durch den ich Röhling beobachten konnte. Er zog hastig seinen ganz durchnäßten Überrock aus und warf ihn auf das Sofa, dann setzte er sich wieder an den Tisch, warf einen Blick nach der Tür und zog eine große Brieftasche hervor. Die Brieftasche war zu meinem Erstaunen ganz mit Banknoten gefüllt, einige davon legte er auf den Tisch vor sich hin, dann stierte er auf den Inhalt der noch immer offenen Brieftasche. Ich hatte genug gesehen. Es war Zeit, daß ich ins Zimmer zurückkehrte, ich schlich mich zur Küche, holte den Wein und trat dann rasch in das Zimmer. Er schob eben mit zitternder Hand die Brieftasche in seinen Rock. Ich ließ mir nichts merken, stellte Flasche und Glas vor ihn und sagte: ›Ah! da ist ja das Geld.‹ Er schenkte sich ein, wobei seine Hand heftig zitterte. ›Ja, da ist das Geld‹, sagte Röhling mit einem schweren Seufzer, ›und du kannst dir denken, wie schwer es mir wurde, es zusammenzubringen.‹ Solche Heuchelei brachte mich aus der Fassung. ›Lüge nicht!‹ rief ich zornig. ›Ich habe sehr wohl gesehen, daß du ein ganzes Vermögen in deiner Brieftasche mit dir herumträgst.‹ Leichenblaß stierte er mich an. ›Du weißt's?‹ fragte er heiser. ›Ja, ich weiß es‹, versetzte ich, ›und jetzt brauchst du mir nur noch zu sagen, woher du das viele Geld hast. Auf ehrlichem Wege bist du zu einer so großen Summe natürlich nicht gekommen.‹ ›Natürlich nicht‹, gab er zu und sah jetzt wieder ganz wie gewöhnlich aus – ruhig, kalt und hart. ›So hast du's gestohlen?‹ ›Freilich habe ich's gestohlen, und du zwangst mich dazu. Daß ich mehr genommen habe, als ich für dich brauchte, wirst du begreifen. Wenn ich schon ein Dieb werden mußte, wollte ich auch etwas davon haben.‹ ›Du willst mich in dein Verbrechen hineinziehen, aber das wird dir nicht gelingen‹, antwortete ich ihm. ›Ich weiß, daß du nur deine Ersparnisse anzugreifen brauchtest, um deine alte Schuld an mich zu zahlen.‹ Er lachte hell auf. ›Meine Ersparnisse? Weißt du nicht, daß die Weiber viel kosten?‹ ›Willst du dich etwa auf den Lebemann hinausspielen? Das glaube ich dir zu allerletzt.‹ ›Hättest du mir deine Tochter gegeben, so würde ich mich um keine andere gekümmert haben. So habe ich Zerstreuung gesucht, und die war kostspielig.‹ Er hatte also seine Ersparnisse durchgebracht, und ich war mit meinem Drängen, mit meiner Drohung, ihm bei seinen Vorgesetzten Unannehmlichkeiten zu machen, die Ursache geworden, daß er gestohlen hatte. Ich warf ihm das Geld hin und erklärte, daß ich gestohlenes Gut nicht haben wollte, da schob er es mir zurück und sagte: ›Ich habe dich belogen. Diese sechshundert Gulden sind mein Eigentum, der Rest meines Ersparten. Du kannst sie ruhig nehmen. Und wenn Marie Vernunft annehmen will, so verspreche ich es dir hoch und heilig, daß die gestohlene Geldsumme in einer Stunde wieder dort liegen soll, woher ich sie genommen habe.‹ ›Wenn du eine Unehrlichkeit wiedergutmachen willst, brauchst du Marie nicht dazu‹, antwortete ich ihm. Er lachte. ›Was nützt mir die Ehrlichkeit, wenn ich das, was mir das Leben wert macht, nicht haben kann? Marie hat dich über alles gern, du brauchst ihr nur ernstlich zuzureden, und noch kann ich glücklich werden. Wenn du aber gar nichts für mich tun willst, so werde ich; Mittel und Wege finden, dich in mein Verbrechen hineinzuziehen. Also überlege dir's.‹ Und ich überlegte. Ich kannte ihn von Jugend an. Er war mir immer überlegen und seit jeher schlecht. Wenn ich ihn dahinbringen konnte, die gestohlene Summe zurückzutragen, so konnte er keine Teufeleien machen, und Marie brauchte ihn doch nicht zu heiraten. Aber vor allem wollte ich ihn und das Geld aus dem Hause haben. ›Ich will gern mit Marie reden, und sie soll die Deine werden, wenn es nach meinem Wunsch geht, aber einem Dieb gebe ich sie nicht. Ich will Zeuge sein, wie du dein Verbrechen wiedergutmachst. Wenn du dich weigerst, so gehe ich sofort und mache die Anzeige – mich sollst du nicht ins Unglück stürzen.‹ Er war erschrocken oder tat wenigstens so. Jetzt muß ich letzteres glauben, denn hätte er das Geld zurückgegeben, dann würde ihn ja die Polizei nicht suchen.« Pfeffermann schwieg. Es herrschte lautlose Stille in dem Raum. Nur die große Uhr tickte. »Nun – und wie geht Ihre sehr interessante Geschichte weiter?« fragte nach einer Weile der Kommissar. Vielleicht merkte niemand als Müller die feine Ironie, welche in dieser Aufforderung Ehrenfelds lag, den die Erzählung Pfeffermanns wie eine wohleinstudierte Rede anmutete. Der Gärtner fuhr fort: »Ich zog mich an, und wir gingen der Stadt zu. Wir redeten kein Wort. Mir ging Röhling zu langsam. Als ich ihn aufforderte, rascher zu gehen, sagte er, er sei müde. Das mochte wahr sein. Als wir durch den Stadtpark gingen, taumelte er so heftig, daß er sich auf eine der Bänke setzen mußte. Ich trieb ihn weiter. Endlich bog er in die Straße ein, in welcher Baron Merburgs Haus liegt. Ich begriff. Es war gegen ein Uhr nachts. Nirgends war ein lebendes Wesen zu sehen, und es war sehr finster. Wir warteten und lauschten eine Weile. Mir schlug das Herz, als wäre das, was nun geschehen sollte, ein Verbrechen, und doch sollte nur ein solches wiedergutgemacht werden. ›Willst du mit bis in das Haus kommen?‹ fragte Röhling, der vor Unruhe zitterte. Ich verneinte. Die Sache war mir doch zu gefährlich, er mochte sie nur allein abtun. ›Wo bist du eingestiegen?‹ ›Dort durch den Erker. Du kannst ihn deutlich sehen. In zwei Minuten ist's gemacht. Warte also auf mich.‹ Er schwang sich über das bronzene Gitter. ›Zum Teufel!‹ fluchte er leise, als er drüben war. ›Jetzt habe ich mich auch noch da verletzt.‹ Es war ihm eine der Spitzen des Gitters in der Hand geblieben. Vorher hatte er schon einen ledernen Fingerling am Daumen der linken Hand getragen. Er huschte durch den Vorgarten und kletterte (wir waren beide seit jeher gute Turner) wie eine Katze an einer Säule zum Fenster empor; in welchem er verschwand. Er blieb vielleicht nur eine Minute im Inneren des Hauses – mir erschien es eine Ewigkeit –, dann erschien er wieder. Ich war, um das Haus besser übersehen zu können, auf den Sockel des Gitters gestiegen und konnte von da aus seine Bewegungen ziemlich genau verfolgen. Bei der nächsten Laterne untersuchte ich seine Taschen. Er ließ es sich ruhig gefallen; nur sah er sehr bleich aus. Dann sagte ich: ›So, jetzt kannst du heimgehen.‹ ›Und du?‹ ›Ich bleibe hier, um das Haus zu bewachen. Der Dieb könnte noch einmal zurückkommen.‹ Er verstand mich und ging. Ich sah, daß er lächelte, das gefiel mir nicht, aber wenn ich bis Tagesanbruch in der Nähe von Merburgs Villa blieb, so konnte er nicht wiederkommen, ohne von mir gesehen zu werden. Am Morgen mußte man die eingedrückte Fensterscheibe und die sonstigen Spuren des Einbruchs entdecken und würde dann die Bewachung des Hauses schon selber übernehmen. So dachte ich und ging in der Straße langsam auf und ab, bis es Tag wurde. Als ich nach Hause kam, wo noch niemand wach war, sah ich im Schimmer des Morgenlichtes etwas unter dem Tisch liegen. Es war diese Hundert-Gulden-Note.« Pfeffermann deutete auf die Note, welche unter dem Briefbeschwerer auf des Kommissars Tisch lag. »Und die behielten Sie«, sagte Ehrenfeld in trockenem Ton. »Und die behielt ich«, wiederholte leise der Gärtner. »Sie bildet meinen Anteil an Röhlings Verbrechen. Er hatte sie verloren, und ich gab sie nicht zurück.« Pfeffermann schwieg, er hielt es offenbar für überflüssig, den Kampf zu schildern, den er gegen die Versuchung geführt und welchem er unterlegen war. »Haben Sie noch eine Fortsetzung, oder war das schon der Schluß?« fragte maliziös lächelnd der Kommissar. Müller blieb ernst und machte sich einige Notizen. Pfeffermann, welchem die veränderte Stimmung des Kommissars entging, starrte vor sich nieder und seufzte, dann erhob er noch einmal den Kopf und berichtete Röhlings Besuch in der Samstagnacht, von welchem er erst durch seine Tochter und Wellner erfahren hatte. Dieser geheimnisvolle, ihm unerklärliche Vorgang habe ihn veranlaßt, sich freiwillig dem Gericht zu stellen und seine kleine Schuld zu bekennen, um nicht etwa in eine größere verwickelt zu werden. Zum Schluß bemerkte er, daß er alles gesagt habe, was er wisse und was auf diesen Fall Bezug habe, aber keine Ahnung besäße, wohin Röhling sich gewendet haben könne. »Sie wissen ja nicht, ob wir ihn nicht etwa schon haben«, warf der Kommissar hin und beobachtete dabei den Angeredeten, der ihm verdächtig geworden war, aufs schärfste. Pfeffermann blieb ruhig, aber er sagte etwas, das ihn später bitter reuen sollte – er sagte ein wenig spöttisch lächelnd: »Ich glaube nicht, daß man ihn hat oder ihn je haben wird.« Ehrenfeld zuckte die Achseln »Nun, vielleicht wissen Sie das besser«, entgegnete er hart und rief, auf die elektrische Klingel drückend, abermals den Wachmann herbei. »Schicken Sie mir den Herrn vom Tage, aus Nummer neun, und kommen Sie mit ihm zurück«, befahl er dem Eintretenden. Pfeffermann erhob sich. Er war sehr bleich geworden Er wußte, daß er jetzt abgeführt werden würde. Der diensthabende Beamte des Inquisitenspitals trat mit dem Wachmann ein. Pfeffermann wurde beiden mit den üblichen Formalitäten übergeben und folgte ihnen schweigend. Ehrenfeld ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder. Er war sehr übler Laune. Pfeffermann hatte ihn enttäuscht. Trotz Müllers wenig günstigem Bericht über seinen gestrigen Besuch im Gärtnerhaus hatte Pfeffermann anfangs einen vorteilhaften Eindruck auf den Kommissar gemacht. Mit diesem war es jetzt vorbei. Als der Protokollführer gegangen, trat Ehrenfeld vor Müller hin und sagte: »Na, dieser Pfeffermann versteht's! Der hat sich die Geschichte über Nacht gut einstudiert.« Der Detektiv zuckte die Achseln. »Ich finde seine Geschichte durchaus nicht unglaubwürdig. Röhling ließ die Hundert-Gulden-Note absichtlich zurück, weil er voraussah, daß sein Vetter der Versuchung, sich dieselbe anzueignen, nicht widerstehen könne und, dadurch seine Schuld auf sich ladend, es nicht wagen würde, Röhling als Dieb zu denunzieren. Die Schwäche, von der Röhling angeblich im Stadtpark überfallen wurde, als sich beide auf dem Weg zur Merburgschen Villa befanden, kommt mir ebenfalls verdächtig vor, denn während Röhling auf der Bank saß, und zwar unter dem Vorwand, sich zu erholen, benutzte er wahrscheinlich diese Gelegenheit, sich der Brieftasche mit den dreißigtausend Gulden zu entäußern, um sie, nachdem er sich später von Pfeffermann getrennt, wiederzuholen.« »Was Sie sagen, hat ja manches für sich«, gab der Kommissar zu. »Dennoch halte ich Pfeffermann für einen geriebenen Schuft. Mir aber soll er keinen Sand in die Augen streuen!« XII Es war Mai geworden, und noch immer war man im Falle Merburg – Röhling nicht weitergekommen. Pfeffermann war wegen der 100 Gulden, die er sich widerrechtlich angeeignet hatte, zu drei Wochen Arrest verurteilt worden, und seine Strafzeit ging nun bald zu Ende. Erkundigungen über Röhlings Lebensgewohnheiten hatten ergeben, daß er keinerlei Bekanntschaften gehabt, also für diese auch kein Geld hatte ausgeben können. Ebenso war festgestellt worden, daß er seine tatsächlich aus 900 Gulden bestehenden Ersparnisse von der Sparkasse am 18. April abgehoben hatte, und da sein aus früheren Jahren stammender Brief an Pfeffermann keinen Zweifel darüber zuließ, daß er demselben 600 Gulden geschuldet hatte, so konnte man den Gärtner wegen Annahme dieses Geldbetrages nicht zur Verantwortung ziehen. In der Pfeffermannschen Gärtnerei dufteten die Rosen und blühte und wuchs alles prächtig, doch ging zwischen all dem frischen Leben die arme Marie blaß und hohläugig umher. Sie durfte ihren Vater nur selten sehen, und in diesen karg zugemessenen Minuten glaubte sie zu bemerken, daß außer der Schande, welche er sich abermals aufgeladen hatte, auch noch eine bestimmte Furcht, für die er keine Erklärung hatte oder gab, ahnungsschwer auf ihm zu lasten schien. Unter einem ähnlichen Druck, von dem sie sich vergebens zu befreien suchte, litt auch Marie. Der alte Wellner, der mit unerschütterlicher Treue seinem Herrn und dessen Tochter ergeben war, teilte mit dieser alle geschäftlichen und häuslichen Sorgen. Die Magd hatte den Dienst verlassen: bei solchen Leuten wollte sie nicht bleiben. Marie war es erwünscht, diese lästige Zeugin ihrer Seufzer und Tränen los zu sein; zwar ruhte nun eine doppelte Arbeitsbürde auf ihr, die sie aber nur als eine wohltätige Zerstreuung empfand. So standen die Dinge zu Anfang Mai. Müller fing an melancholisch zu werden. Ehrenfeld bemerkte das recht gut und unkte seinen Getreuen gar oft mit Röhling, der wie im Erboden verschwunden schien. Eines Tages jedoch finden wir Müller in Ehrenfelds Amtszimmer mit dem eifrigen Studium eines Briefes beschäftigt, den der Kommissar ihm eben gereicht hatte. Das Kuvert lag auf dem Tisch. Der Poststempel zeigte, daß der Brief in der Stadt aufgegeben worden war, und zwar am Abend vorher. Das Brieflein war klein und hatte auf seiner zweiten Seite ein Wasserdruckzeichen, zwei sich kreuzende Anker vorstellend. Das Papier zeigte an den Rändern bereits jene gelbliche Färbung, welche sich einstellt, wenn es lange gelegen hat. Der Brief enthielt wenige Zeilen in schöner, steifer, etwas gekünstelter, möglicherweise verstellter Schrift. Der Inhalt lautete:   »Die ... Zeitung meldete unlängst die Verurteilung Pfeffermanns zu drei Wochen Gefängnis und erwähnte bei dieser Gelegenheit, daß sein Komplize Röhling bisher nicht ausfindig gemacht werden konnte. Ist denn die Polizei niemals auf den Gedanken gekommen, daß Röhling überhaupt nicht mehr unter den Lebenden weilt? Und hat sie sich in diesem Fall nicht gesagt, wer allein dessen Mörder sein kann?« S. M.«   »Nun, was sagen Sie dazu?« fragte gespannt der Kommissar, als Müller den Brief niederlegte. »Ich denke – wie Sie wohl auch, Herr Kommissar, daß dies die ehrliche Meinung einer der Sache fernstehenden, aber mit den Verhältnissen bekannten Person sein kann. Was ich aber als wahrscheinlicher annehme, ist, daß Veit Röhling sich selber hinter diesem S. M. verbirgt. Es herrscht ein großer Haß zwischen ihm und Pfeffermann, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß Röhling, der nicht wählerisch in seinen Mitteln ist, seinen Feind in noch weitere Unannehmlichkeiten zu bringen bemüht ist.« »Vielleicht haben Sie recht, daß Röhling der Verfasser dieses anonymen Briefes ist und nicht weit von hier weilt. Liebe und Rachsucht halten ihn möglicherweise fest. Marie ist ja jetzt unbeschützt.« »Meinen Sie nicht, Herr Kommissar, daß Röhling Marie aufgegeben hat und mehr an ihr leichter zugängliches Ebenbild, Minna, denkt?« »Auch das ist möglich.« »Der Brief ist hier aufgegeben, im südlichen Bezirk der Stadt, zwischen sieben und acht Uhr abends«, fuhr Müller fort, »aber das beweist natürlich Röhlings Anwesenheit hier nicht. Er kann sich ja einer Mittelsperson bedient haben. – Vielleicht kann man durch Anknüpfung einer Korrespondenz in der Zeitung mehr herausbekommen.« »Na, wir können ihm ja antworten.« Ehrenfeld setzte sich wieder nieder und reichte nach kurzer Zeit dem Detektiv folgenden Inseratenentwurf:   »S. M. Ihr Gedanke ist nicht überraschend. Man war längst Ihrer Meinung, doch fehlt bis heute jeder Anhaltspunkt. Haben Sie einen solchen, so melden Sie sich an maßgebender Stelle. Diskretion ist Ihnen natürlich zugesichert.«   Diese Annonce fand sich am nächstfolgenden Tage in auffallendem Druck auf der letzten Seite der weitverbreiteten ... Zeitung Ehrenfeld und Müller lasen sie lächelnd, wenn sie natürlich auch keinen Augenblick lang daran dachten, daß S. M. persönlich erscheinen würde. Eine Woche verging. Ehrenfeld und Müller interessierten sich lebhaft für den Annoncenteil der ... Zeitung, aber was sie suchten, fand sich nicht darin. Endlich brachte die Post wieder einen Brief, im selben Stadtbezirk und um die gleiche Stunde wie der erste aufgegeben. Die lange, steile Schrift mit ihrem erzwungenen Charakter fiel sogleich auf. Das am Rande vergilbte Briefpapier trug wieder das Wasserzeichen mit den gekreuzten Ankern, und wie der erste Brief, war auch dieser in ein altmodisch langes, schmales Kuvert eingeschlossen. Der Kommissar öffnete das Schreiben in Müllers Gegenwart und las folgendes:   »Man suche in dem an Pfeffermanns Gärtnerei grenzenden Grundstück. Dieses birgt das Geheimnis, das Pfeffermann für ewig begraben wähnt. Wo der Grund sich senkt, dort ist die Stelle. S. M.«   »Er gibt nicht nach«, sagte Ehrenfeld nachdenklich. »Was halten Sie von der diesmaligen Deutlichkeit des Briefes?« »Sie weist höchstwahrscheinlich auf irgendeine Tatsache hin. Sonst wäre sie ja sinnlos.« »Aber auf welche Tatsachen? Auf das Grab Röhlings?« bemerkte Ehrenfeld Müller sann nach. Er war an seinem Urteil über den Gärtner irre geworden. »Unmöglich ist's ja nicht, daß Pfeffermann ein Schurke ist«, sagte er, »daß er Röhling ermordete und das Geld an sich nahm. Er ist geldbedürftig, und die Versuchung war groß; überdies haßte er seinen Vetter. Es kamen schon ganz andere Dinge vor. Sehr seltsam ist der Umstand, daß er Röhling in jener Samstagnacht nicht gesehen haben will.« »Denken Sie an sein Gebaren bei meiner Frage nach der Ursache seiner Verwundung. Damals sah er wie ein schwer Schuldiger aus.« »Oder wie ein Schwerkranker, was er ja auch war. Die Verwundung beschleunigte nur den Ausbruch der Krankheit; das Fieber steckte schon früher in ihm, wie der Doktor sagte.« »Der aber auch von großen inneren Affekten sprach, welche den zähen, starken Mann plötzlich so herunterbrachten. Nun, wenn man einen erschlägt und verscharrt, pflegt man wohl innerlich allerlei zu erleben.« Müller mußte das zugeben, dennoch konnte er sich so leicht nicht, wie sein Vorgesetzter, in die Idee hineinleben, daß Pfeffermann ein Raubmörder und ein so vortrefflicher Schauspieler sei. Er hatte genaue Erkundigungen über den Mann und sein Leben eingezogen und nichts sprach dafür, daß er ein schlechter Charakter sei. Dann hatte er ihn einmal ungesehen im Gefängnis beobachtet, als Marie ihn besuchte, und die ruhige, traurige, ja demütige Art gesehen, mit der er sich gab, und sich zugleich der tiefen Innigkeit erfreut, durch welche Marie ihrem Vater bewies, daß sie – wie die Welt sich auch zu ihm stellte – ihm in treuer und herzlicher Kindesliebe zugetan sei. Müller dachte daher gut über Pfeffermann und wußte den Kommissar zu überreden, daß dieser von einer offiziellen Untersuchung der angedeuteten Stelle abstand und es ihm (Müller) überließ, ohne Aufsehen zu erregen, in aller Stille die Umgebung des Pfeffermannschen Grundstücks zu untersuchen. Dann ging Müller. Daheim verglich er die Handschrift der beiden Briefe, die er bei sich hatte, mit der Schrift in dem Notizbuch Röhlings. Nirgends ein ähnlicher Zug – und doch: das W, welches sowohl in beiden Briefen als auch wiederholt in Röhlings Notizen vorkam, zeigte eine auffallende Ähnlichkeit in einer bestimmten, abnormen Verzierung, welche sich gleichmäßig wiederfand. War Röhling wirklich der Anonymus, so setzte er sich allerdings einer großen Gefahr aus; schon daß er dem Schauplatz seines Verbrechens so nahe blieb, war bedenklich. Aber seine sinnliche Leidenschaft, die ihn in die Nähe Maries oder ihres Ebenbildes bannte, war vermutlich stärker als seine Klugheit Und was seine schwere Verdächtigung Pfeffermanns betraf, so überwog hierbei die Begierde, sich dafür zu rächen, daß dieser die gestohlene Summe bei ihm entdeckt und ihn zu der gefährlichen Rückkehr an die Stätte des verübten Einbruchs gezwungen hatte. Das waren Müllers Gedanken, während er mit seinem Äußeren eine seltsame Metamorphose vornahm. Er vertauschte seine Kleidung mit einem Anzug, wie ihn etwa ein schlichter Handwerker zu tragen pflegt, und bedeckte den unteren Teil seines glatten Gesichts mit einem stattlichen Umhängebart In dieser Verkleidung, die ihn ganz unkenntlich machte, verließ er seine Wohnung und wanderte der Pfeffermannschen Gärtnerei zu. Als Müller über den Zaun spähte, sah er Marie, welche eben mit einem Wäschezuber aus dem Haus trat und zu den Stricken ging, die Wellner ihr spannte. Das Mädchen sah froher aus als sonst, und das Rot und die Blässe der Erregung wechselten, während sie flink die blendendweißen Wäschestücke aufhängte, auf ihren Wangen. Gewiß gedachte sie ihres Vaters, der in den nächsten Tagen frei werden sollte. Müller ging zum Pförtchen und rief Wellner an, der eben mit einer Gießkanne des Weges kam. Er öffnete diesem die Tür. »Was wollen Sie?« fragte er mißtrauisch. Der ärmlich, aber sauber gekleidete Fremde fragte bescheiden an, ob er wohl hier Arbeit bekommen könne. Wellner sah sich den Mann näher an und fand, daß er doch ziemlich vertrauenswürdig aussehe, dann führte er ihn zu seiner jungen Herrin. »Fräulein Marie, dieser Mann sucht Arbeit.« »So? Könnten Sie gleich eintreten? Wir haben gerade jetzt viel zu tun.« »Gleich könnt' ich eintreten.« »Mein Vater ist – mein Vater kommt erst in einigen Tagen nach Hause, bis dahin könnten Sie es ja probieren. Er würde dann entscheiden, ob er Sie behält. Haben Sie Zeugnisse?« »Die habe ich.« Der neue Gehilfe reichte ihr mehrere Papiere. Sie schaute hinein. Es war alles ordnungsgemäß ausgestellt. Der Mann hieß Franz Schmid und hatte bis jetzt in dieser Stadt noch nicht gearbeitet. Seine Zeugnisse waren gut. Aber seine Hände sahen so gar nicht wie die eines Arbeiters aus, sie waren viel zu weiß. Das fiel Marie auf. Müller hatte recht gut ihren verwunderten Blick bemerkt. »Ich war lange Zeit im Spital«, sagte er. »Ja, ja. Sie sehen nicht sehr kräftig aus«, meinte sie bedenklich. »Trotzdem habe ich genug Kraft, um jede Arbeit leisten zu können«, sagte Franz Schmid und hob, um seine Behauptung zu beweisen, einen großen Korb Wäsche auf. Marie und Wellner lächelten befriedigt; der Korb war voll und schwer. Ja, der Mann hatte Kraft. Er wurde aufgenommen. Nur mußte er noch einmal in sein Absteigequartier in der Stadt gehen, um seinen Koffer zu holen. Nach zwei Stunden kam er wieder und trat sofort seinen Dienst an. Wellner, der doch auch seine Sache verstand, war sehr zufrieden mit seinen Leistungen. XIII Von diesem Tage an war also Franz Schmid Gehilfe im Gärtnerhause. Es war ein Zufall, daß der Detektiv Müller der Sohn eines Gärtners war und diesen Beruf erlernt hatte, um ihn, allerdings später, für den interessanten Beruf eines Geheimpolizisten aufzugeben. So kam es, daß Franz Schmid seine Stellung zur Zufriedenheit seiner jungen Brotgeberin ausfüllte. Er zeigte sich als ein stiller, zur Einsamkeit geneigter Mensch, der wenig Fragen stellte und sich am behaglichsten fühlte, wenn man ihn in aller Ruhe seinem Tagewerk nachgehen ließ. Marie hatte ihm das Gehilfen-Häuschen am unteren Ende des Gartens zum Wohnen angewiesen, da Wellner, seit sie allein war, bei ihr im Hause wohnte. Franz Schmid hatte eine seltsame Gewohnheit, von welcher Marie und Wellner nichts ahnten. Er pflegte plötzlich des Nachts, wenn die anderen schliefen, spazierenzugehen. Gleich in der ersten Nacht hatte er diese Promenaden begonnen. Heute war er zum viertenmal auf diese Art unterwegs. Ganz leise öffnete er mit dem ihm stets zugänglichen Schlüssel das kleine Pförtchen, welches nach unten hin auf die parzellierten Nachbargrundstücke führte. Zwischen diesen und dem Pfeffermannschen Garten befand sich ein schmaler Graben, den Marie durch eine darübergelegte Bohle hatte überbrücken lassen, denn wenn sie in die Stadt mußte, ging sie lieber über die öden Gründe und durch den Hohlweg als an den einzelnen Nachbarhäusern vorüber, in denen man genau wußte, warum Pfeffermann so lange ferm von seinem Hause weilte. Über diesen Notsteg ging nun schon durch vier Nächte der neue Gehilfe, nachdem er tagsüber zuweilen lange, forschende Blicke über den Zaun geworfen hatte. Diese Blicke waren am eben verflossenen Tage immer wieder an einer Stelle haftengeblieben, welche für harmlose Betrachter vermutlich nicht das mindeste Auffallende gehabt hätte. Zu dieser Stelle begab er sich jetzt. Er trug ein Grabscheit und eine Laterne, legte beides nieder, als er an seinem Ziel angekommen war, und zog ein Paar ganz neue, dicke Lederhandschuhe an. Ein Bursche, der im Laufe des Tages müßig vorübergegangen war, hatte sie ihm aus der Stadt holen müssen und war für den Gang reichlich belohnt worden, ohne daß jemand aus dem Gärtnerhause die Verhandlungen mit dem Boten bemerkt hätte. Jetzt zog Franz Schmid die Handschuhe an und machte sich dann daran, mit kräftigen Spatenstichen die Stelle des Bodens, welche ihm so viel Interesse eingeflößt, zu lockern. Aus der gelockerten Erdschicht hob er vorsichtig die in üppiger Fülle darauf wuchernden Brennesseln, gegen deren Tücke ihn die Handschuhe schützten. Die Brennesseln bedeckten eine mehrere Meter breite und lange Stelle des sonst von solchem Unkraut ziemlich freien Brachfeldes. Wohl einen Quadratmeter legte der emsige Mann von den Brennesseln frei, wobei er jeden der herausgenommenen Büschel behutsam zur Seite stellte. Dann fing er an, in die Tiefe zu graben. Die Laterne, die er auf der Brust trug und aus welcher aus einem schmalen Spalt ein Lichtstreifen auf den Boden fiel, leuchtete ihm zu seiner merkwürdigen Arbeit. Dieser Lichtstreifen fiel auch auf sein Gesicht. Es war ein wenig bleich, und es lag ein Ausdruck großer Spannung darauf. Nachdem er eine Weile gegraben hatte, beugte er sich nieder und schnupperte prüfend die Luft ein. Es war ein scharfer Verwesungsgeruch, der aus dem Boden heraufdrang. Franz Schmid stellte die Laterne auf den Boden, warf noch einige Schaufeln Erde zur Seite, dann senkte er das Grabscheit und starrte lange nieder, wobei ein eisiger Schauer durch seinen Leib rann. Was seine Augen sahen, war eine bleiche, halbverweste Menschenhand, die seine Schaufel bloßgelegt hatte. Einige Minuten hindurch blieb Franz Schmid, regungslos auf die Hand starrend, stehen, dann fuhr er sich über die Stirn und tat einen tiefen Atemzug. Er war wieder der ruhige Mann wie gewöhnlich. Rasch und mit sicherer Hand warf er die Erde wieder an die Stelle, von welcher er sie entfernt hatte, und setzte alsdann die Nesselstauden wieder ein. Er hatte während seiner geheimnisvollen Arbeit von niemanden gesehen werden können. Vor ihm lagen die letzten Büsche des Hohlweges, hinter ihm erhoben sich die Bäume und Büsche des Gartens sowie dessen Planke. Es war der bestgewählte Ort zur heimlichen Bergung einer Leiche. Als der Detektiv die Spuren seiner nächtlichen Untersuchung so gut wie möglich verwischt hatte, kehrte er in sein Häuschen zurück. Er schlief in dieser Nacht sehr wenig. Tausend Gedanken durchkreuzten sein Hirn. Wer anders als Veit Röhling konnte der verscharrte Tote sein? Der Anonymus mußte also die Wahrheit geschrieben haben. Welchen Sinn hätte sonst die heimliche Anzeige gehabt? Röhling also tot! Dann war Pfeffermann sein Mörder. Dann war es nicht wichtig, daß Pfeffermann Röhling an jenem Freitag zuletzt gesehen; dann war Röhling am darauffolgenden Samstag, dem Tage seines Verschwindens, zuletzt mit Pfeffermann beisammen gewesen, in verschwiegener Nachtstunde, vermutlich auf dem Wege zur Flucht, im Besitz der gestohlenen Summe, allein mit seinem ihn hassenden Vetter, und nach dieser Zusammenkunft – nach dieser erwiesenen Anwesenheit im Hause des Gärtners war er nicht mehr gesehen worden – war er wie vom Erdboden weggefegt. Also wälzten sich rastlos die Gedanken im Kopf des Geheimpolizisten, und wieder seufzte er: »Ich werde alt und stumpf«, und bei diesem Gedanken angelangt, errötete er und mußte sich bekennen, daß er die Entdeckung nicht seinem Scharfsinn, sondern einem Hund verdanke. Drei Tage lang hatte Müller fleißig hinübergeschaut auf den großen, brachliegenden Grund, der nach Angabe des anonymen Briefeschreibers ein grausiges Geheimnis enthalten sollte. Er fand kein Fleckchen auf dem ganzen Grundstück, das ihm aufgefallen wäre. Nur Nesseln, Grasbüschel, kleine Hügel und Senkungen, wie sie die Wühler der Tierwelt hervorbringen, fanden sich hier und da. Einige Stellen, die sich durch Lockerheit oder fremde Färbung auszeichneten, untersuchte er während der Nächte, aber ohne Erfolg. Den ganzen Acker umgraben wäre für ihn ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Was also tun? Am vierten Tag seines Aufenthalts im Gärtnerhaus stand der Detektiv, abermals über die Planke spähend, am Rande des Gartens. Drüben lief ein Hund über das Feld. Da und dort schnuppernd, kam er auch in die Nähe des Brennesselstandes, und hier hielt er an, schnupperte heftiger, bellte und rannte dann in die Nesseln, floh heulend vor Schmerz zurück, schnupperte wieder, bellte noch wütender als vorher und zog sich dann scheu und mit eingeklemmter Rute zurück. Der Hund hatte das Grab entdeckt. Müller schrieb ziemlich viel in dieser Nacht. Am nächsten Morgen, genau um acht Uhr, kam ein Hausierer an Pfeffermanns Haus vorüber. Er kam seit fünf Tagen regelmäßig um diese Morgenstunde hier vorbei; es hatte seiner niemand geachtet, auch Franz Schmid nicht. Heute rief er den Hausierer an. Wellner war in der Nähe und sah, daß Franz Schmid ein Stück Seife kaufte, aber er bemerkte nicht, daß der Hausierer statt des Geldes einen versiegelten Brief in Empfang nahm. Der Hausierer ging pfeifend weiter, während der Gehilfe sich ruhig und unverdrossen an seine Arbeit begab. Und wieder wurde es Nacht und punkt elf Uhr trat Schmid aus seinem Häuschen. Es war eine ziemlich stürmische Nacht Sehr gut! Sie paßte eben. Wenn der Wind heult und die Bäume rauschen, überhört man eher andere Geräusche! Als er sich überzeugt hatte, daß in der Gärtnerwohnung alles still und finster war, ging er rasch zu dem Pförtchen hinunter. Diesmal hatte er weder Spaten noch Laterne mitgenommen. Die Nacht war sehr finster. Als der Detektiv das Pförtchen hinter sich sorgfältig geschlossen, damit der Sturm nicht daran rütteln könne, legte sich eine Hand auf seinen Arm. »Müller!« sagte eine gedämpfte Stimme. »Herr Kommissar! Guten Abend!« erwiderte Müller. »Können wir beginnen?« fragte Ehrenfeld. »Ja«, gab Müller zur Antwort. »Also vorwärts!« sprach Ehrenfeld, wie zu einem unsichtbaren Zuhörer, in die Dunkelheit hinein. Mehrere Männer wurden sichtbar, jeder trug eine Laterne, deren Blechhülle zum Teil geöffnet war. Müller grüßte den vornehmsten von Ehrenfelds Begleitern achtungsvoll. Es war ein ihm bekannter Spitalarzt. Den drei anderen Männern nickte er stumm zu. Seitwärts von der schweigenden Gruppe sah man eine verschließbare Tragbahre. Die beiden Träger, Spitaldiener, befanden sich dabei, ein dritter Mann stand, mit einem Grabscheit versehen, unweit davon. »Hier ist es«, sagte Müller und bezeichnete dem Mann mit dem Grabscheit die Stelle, an welcher er mit dem Auswerfen der Erde beginnen sollte. Der Mann setzte das Grabscheit an, und rasch ging die Arbeit vonstatten. Der Grabende hatte noch keine zwanzig Spatenstiche getan, da blinkte es bleich zu seinen Füßen. Die Hand, die Müller schon gestern gesehen, zeigte sich wieder. »Jetzt recht achtsam«, sagte der Arzt, »hier und hier und hier graben Sie.« Der Mann folgte den gegebenen Weisungen. Er stand bald in einer länglichen Grube, die kaum drei Schuh tief war und in deren Mitte sich die Konturen einer menschlichen Leiche abhoben. Sie waren noch mit Erde bedeckt. Endlich legte der Grabende die Schaufel fort und nahm sorglich mit den Händen Stück um Stück der Erde weg, die den Toten bedeckte. Fünf Paar Augen folgten gespannt dem Tun des Mannes in der Grube. Glied um Glied der Leiche wurde frei. Seltsam, sie trug nur Unterkleider und hatte keine Schuhe an den Füßen. Aber ein dunkelbrauner Rock umhüllte ihren Oberkörper. Dieser Rock war, wie auch das Leinenzeug der Wäsche, schon halb zerfallen und hatte, wie dieses, große Löcher. »Da ist eine ätzende Säure im Spiel«, sagte er Arzt, »sie hat auch den Körper teilweise zerstört« Ja, das hatte sie. Man sah es ganz besonders an dem Gesicht, das eben jetzt frei wurde. Es war das von einem kurzen Vollbart umrahmte Gesicht eines Mannes von etwa vierzig Jahren. Der Bart und das längliche gewellte Haar waren fast schwarz, die Hautfarbe der Leiche dunkel: das Gesicht war halb zerstört, nicht von der Verwesung, sondern von der ätzenden Flüssigkeit. Man konnte charakteristische Einzelheiten der Züge nicht mehr erkennen, und doch war ein charakteristisches Merkmal noch deutlich wahrzunehmen: auf der Stirn der Leiche zeigte sich eine senkrechte Narbe. Gesprochen wurde fast gar nicht bei dieser nächtlichen Exhumierung. Wie ein Verbrechen, so scheu und still wurde sie vollführt. Nach seiner Freilegung wurde der Leichnam auf die Bahre gelegt, dann wurde diese geschlossen, die Männer erhoben sie und setzten sich in Bewegung. Man kehrte durch den Hohlweg nach der Stadt zurück. Nahe an deren diesseitiger Grenze lag, wie wir wissen, das große Spital, darin Veit Röhling Beamter gewesen. Dahin trug man jetzt die Leiche. Dieser mittelgroße, schlanke, sehnige Körper von dunkler Hautfarbe, dieses brünette, längliche Gesicht mit dem dunklen Vollbart und dem langen, geringelten Haar, die großen, knochigen Hände, alles stimmte, ja selbst die tiefe Narbe auf der Stirn. Es war kein Zweifel, der Ermordete konnte nur Veit Röhling sein. Etwa nach einer halben Stunde tat sich vor der unheimlichen Prozession das Tor der pathologischen Abteilung auf. Lechner hatte es geöffnet Er war verwundert, als der Doktor ihn aufforderte, dem kleinen Zug zu folgen. Die Träger setzten die Bahre in einem der nahe liegenden Seziersäle nieder. Mit einigem Grausen schaute der Portier auf die Überreste des Menschen, die man vor ihm enthüllte. Ehrenfeld, der Doktor sowie der Detektiv beobachteten ihn gespannt; war er doch, nichts ahnend, hierher beordert worden, um diesen Toten zu identifizieren. Anfangs nur verwundert, wurde sein Blick immer starrer und entsetzter, und jetzt rief er, sich unwillkürlich zu der Leiche niederbeugend: »Herr Gott, das ist, das ist ja der Röhling!« Die drei Männer sahen einander an. Der Doktor und der Kommissar nickten. Müller aber nickte nicht, sondern fuhr sich mit der Hand über die feuchte Stirn, schaute gedankenvoll in irgendeine weite Ferne, und dann machte er eine Bewegung mit dem Kopf, die eher, ein Schütteln als ein Nicken war. Kommissar Ehrenfeld hatte sich an den noch immer schreckensstarren Portier gewendet. »Sind Sie sicher, daß dieser Tote Veit Röhling ist?« fragte er. »Ganz sicher«, murmelte der Portier, und dabei schüttelte ihn ein Schauer. »Sehen Sie sich die Leiche noch einmal genau an.« Nachdem Lechner sich den Toten eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, sagte er in bestimmtem Ton: »Gewiß ist dieser Tote Röhling. Alles stimmt, und an diesen Rock habe ich ihm im Laufe des letzten Winters selber einen Knopf angenäht. Auf dem rechten Ärmelaufschlag fehlte einer. Ich nähte ihn mit grauem Zwirn an, da ich schwarzen nicht hatte. Die anderen Knöpfe sind mit schwarzem Zwirn angenäht.« Der Doktor hob den rechten Ärmel des Rockes empor und untersuchte dessen Knöpfe. Es waren ihrer drei, sie waren klein und standen dicht aneinander. Der mittlere von ihnen war, man sah es noch ganz deutlich, mit grauen Zwirn befestigt worden. Seine beiden Nachbarn waren mit einem Faden von schwarzer Farbe angenäht. »Es stimmt«, sagte der Doktor. Lechner war entlassen. Er ging mit schlotternden Knien hinaus. Er war ganz wirr. Jahrelang hatte er mit Veit Röhling verkehrt und sich an sein Kommen und Gehen gewöhnt wie an den Gang der Zeit, dann war dieser Mann, den er für eine Personifikation der Ehrenhaftigkeit gehalten, zum Dieb geworden und hatte sich geflüchtet, und jetzt lagen seine irdischen Reste da drinnen. Wo und unter welchen Umständen hatte man sie gefunden? Hatte er sich selbst gerichtet? War er verunglückt? War er ermordet worden? Das fragte sich Lechner ununterbrochen. Als er in seinem Stübchen angekommen war, schickte er sich an, die unterbrochene Nachtruhe wieder fortzusetzen. Da ward er sich der unheimlichen Nachbarschaft bewußt, es zog wieder ein Frösteln durch seinen Leib. Schließlich aber fiel er doch in einen unruhigen Schlummer. Plötzlich fuhr er empor. Es war ihm gewesen, als ob er ein heiseres Hüsteln hörte. Er rieb sich die Augen. Er blickte scheu umher. Unmöglich! Röhling war tot, der hüstelte nie wieder. Es war nur ein Traum gewesen. »War das damals aber auch nur ein Traum«, fragte sich Lechner, der an eine Frühlingsnacht dachte, in der er dieselben Töne, das heisere Hüsteln Röhlings zu einer Stunde, wo dieser vorher noch niemals das Spital betreten hatte, zu vernehmen geglaubt? Das Hüsteln kam vom Hofe her. Kaum begonnen, hörte es auch schon wieder auf, als ob es gewaltsam unterdrückt worden sei. War es eine Täuschung gewesen? Darüber hatte Lechner, seit Röhling als Verbrecher gebrandmarkt und verschwunden war, des öfteren nachgedacht Es kam ihm heute wieder in den Sinn. Gesprochen hatte er mit niemandem darüber. Er war ja seiner Sache nicht sicher und hielt sie überdies für gänzlich unwichtig. Nach und nach siegte doch die Müdigkeit und Lechner schlief den Schlaf der Gerechten. Er wurde durch nichts mehr gestört. * Müller war wieder als Franz Schmid nach dem Gärtnerhäuschen zurückgekehrt Der Zweck seines Dortseins war erfüllt. Nur eines blieb ihm noch übrig. Er berief unter einem Vorwand Marie an das untere Ende des Gartens und wußte es so einzurichten, daß sie über die Planke hinweg das aufgewühlte Grab zu Gesicht bekam. Er beobachtete sie scharf. Sie blieb vollständig gleichgültig. Sie hatte offenbar keine Ahnung davon, was jene umhergeworfenen Erdklumpen einen Monat hindurch verhüllt hatten. Müller atmete erleichtert auf. Das Mädchen war ihm liebgeworden. Sie war so tüchtig, so frisch, so natürlich und, seit die Schande unter das Dach ihres Vaterhauses getreten war, so ernst und traurig. Das rührte sein gutes, altes Herz. Wie hätte er nicht Freude empfinden sollen, als er sich überzeugt hatte, daß sie wenigstens ganz schuldlos war an dem Verbrechen, das da begangen worden. XIV Am Tage, welcher der Einbringung der Leiche folgte, verschwand Franz Schmid aus der Welt, dafür tauchte der Detektiv Müller wieder auf. Wir finden ihn in dem unheimlichen Raum, welchen der an und für sich schon unheimliche rückwärtige Trakt des großen Krankenhauses enthält – im Seziersaal. Von breiten, hochliegenden Fenstern her fällt reichlich Licht auf die schauerliche Last, welche eine der marmornen Tafeln, die in dem weiten Raum stehen, trägt. Die untersuchenden Gerichtsärzte haben sich soeben zurückgezogen. Sie standen vor einem Rätsel. Sie suchten nach der Verletzung, welcher der vor ihnen liegende Körper erlegen sein konnte, doch kein Wundmal ließ sich entdecken; sie suchten im Inneren des Leibes nach Gift; es fand sich nicht die leiseste Spur eines solchen. Die ätzende Flüssigkeit, deren Spuren die Haut trug, war nicht mit dem noch lebenden Körper, sondern erst mit dem Leichnam in Berührung gekommen, was leicht zu konstatieren gelang. Zu welchem Zweck? Sicherlich nur, um ihn unkenntlich zu machen. Ein ernstes Leberleiden war die einzige Todesursache, welche die gewiegten Ärzte nachzuweisen vermochten. Sie befanden sich, wie gesagt, vor einem Rätsel. Auch Müller, der sich eben mit dem Toten allein befindet, schüttelt den Kopf. Ihm hat nie ein »Fall« so viel Rätselhaftes aufgegeben wie dieser. Hell fällt das Licht der langsam vorüberwandelnden Sonne auf den Seziertisch. Müller studiert die Gesichtszüge und vergleicht sie, Partie um Partie, mit denen der Fotografie Röhlings, die er in Händen hält. Sie stimmen, soweit dies jetzt noch zu erkennen ist. Müller ist aufgeregt Immer dunkler wird dieser seltsame Fall. Wieder schüttelt der alte Geheimpolizist den Kopf. Er wird ungeduldig. Und in dieser seiner Ungeduld geschieht es, daß die Fotografie seiner Hand entgleitet. Sie fällt zwischen den Körper und den Arm der Leiche. Er greift nach ihr und kommt dabei mit dem Arm in Berührung. Da zeigt sich der Ausdruck der Verwunderung in seinem Gesicht Was hat er denn da unter dem Ärmel gefühlt? Er nimmt eines der Instrumente, die noch auf dem Tisch liegen, und schlitzt den Ärmel auf, welcher den Oberarm des Exhumierten bedeckt. »Ah!« macht er überrascht Um den wächsernblassen Arm spannt sich ein silberner Reif. Er war den Ärzten entgangen, da sie an diesem Körperteil nicht nach der Todesursache geforscht hatten. Müller betrachtet den Reif aufmerksam Es ist ein sehr primitives Armband, ganz kunstlos und ohne Wert. Aber es trägt eine ziemlich deutliche Gravierung: den Namen eines Ortes, den Namen einer Person und daneben zwei sich schnäbelnde Tauben. Jetzt schüttelt Müller nicht mehr den Kopf, jetzt nickt er zufrieden. Das Rätsel beginnt sich zu lichten. Müller drückt auf einen Klingelknopf an der Tür. Ein Spitaldiener tritt ein. Müller gibt ihm den Auftrag, die Herren Gerichtsärzte, die vorhin hiergewesen, noch einmal herzubitten. Sie kommen. Nach kurzer Beratung schickt einer der Herren den Diener nach einer Feile aus. Eine Viertelstunde später verläßt Müller den Seziersaal. Den silbernen Armreif nimmt er mit sich. XV Müller, der das Gutachten der Ärzte genau kannte, stand vor einer neuen Arbeit. Dieser Unbekannte war nicht ermordet worden, er war ganz einfach an seiner inneren Krankheit gestorben. Wann? Wo? Danach galt es jetzt zu forschen. Er hatte grobe Hände gehabt und grobe Wäsche an seinem Leibe getragen. Er war demnach kaum ein bemittelter Mann gewesen. Wohin aber geht der Arme, wenn er gesunden will oder wenn er spürt, daß es zum Sterben kommt? – In ein Spital. So dachte Müller, und da er sich eben in einem Spital befand, so begann er in diesem selbst seine Nachforschungen, wofür ohnehin ein gewichtiger Grund sprach. Er begab sich in die Abteilung für innere Krankheiten und stellte sich dort dem diensthabenden Doktor vor. Das war ein runder kleiner Herr, der sich offenbar einer blühenden Gesundheit und des daraus resultierenden Humors erfreute. Mit diesem Mann besprach sich der Geheimpolizist längere Zeit, und am Ende der Unterredung zeigte es sich, daß jener auch sehr ernst sein konnte. »Ich kann Ihnen keine Auskunft geben, denn ich war in der fraglichen Zeit beurlaubt«, sagte er, »aber unsere Bücher werden reden. Kommen Sie!« Damit führte er Müller nach dem Zimmer, in welchem sich unter anderem die Journalbücher vorfanden. Ein weißhaariger Diener war eben beschäftigt, die wenigen Möbel vom Staube zu säubern. Er wollte sich beim Eintritt der Herren entfernen, der Doktor aber rief ihm zu: »Bleiben Sie, Berner, Sie stören uns nicht.« Dann griff er nach einem Folianten und begann darin zu blättern. »Orfante – Pedro Orfante«, wiederholte er halblaut, während er aufmerksam das Verzeichnis der seit Februar aufgenommenen Kranken und der Verstorbenen durchging. Der Gesuchte aber befand sich nicht darunter. Berner war bei dem Namen Orfante aufmerksam geworden. Eine Erinnerung stieg in ihm auf. Nach einer Weile sagte er: »Herr Doktor, darf ich mich in diese Angelegenheit mischen?« Der gemütliche Doktor wandte sich weit rascher, als es sonst in seiner behäbigen Art lag, dem Fragenden zu. »Ei ja, Berner, mischen Sie sich ein, wenn Sie irgend etwas darüber wissen. Nun?« »Der fragliche Mann namens Orfante starb nicht hier in dieser Abteilung; er war bereits ein Sterbender, als man ihn herbrachte, und da hier kein Bett mehr frei war, so trug man ihn auf Anordnung des Herrn Primarius auf das Zimmer sieben. Sterben konnte er ja wo immer.« Müller nickte, auch der Doktor nickte, sie sahen einander dabei an. »Sie sind wohl überrascht darüber, daß Sie so schnell an Ihr Ziel gekommen sind?« fragte der Arzt den Detektiv. »Nicht so sehr, als Sie glauben, Herr Doktor! Ich hatte Ursache zu vermuten, daß der Exhumierte eben hier in dieser Anstalt gestorben sei.« Nach diesen Worten wandte Müller sich an Berner mit der Frage: »Wie kommt es, daß Sie sich nach so langer Zeit noch an dieses Vorkommnis erinnern? Derlei Fälle können doch hier nichts Seltenes sein.« Berner nickte zustimmend. »Das ist schon richtig. Aber gerade bei diesem Fall kam etwas Besonderes vor.« »Und was war das?« »Der Mann bat – es waren seine letzten Worte –, man möge ihm ein Schmuckstück nicht nehmen, das ihm sein ganzes Leben hindurch teuer war.« »Was für ein Schmuckstück?« »Ein Armband, sozusagen ein Talisman, ein geweihtes Stück, das ihn viele Jahre zur See vor jedem Unglück bewahrt hatte.« »Haben Sie das Armband gesehen?« »Nein. Ich habe nicht einmal den Mann gesehen.« »Woher also wissen Sie das alles?« »Einer der Wärter von Nummer sieben hat es mir erzählt.« »Wie heißt dieser Wärter?« fragte der Doktor. »Goldner.« »Ist er noch hier?« »Ja.« »Holen Sie ihn.« Berner verließ das Zimmer. »Sie haben heute einen guten Tag«, sagte lächelnd der Arzt. Der Detektiv nickte. Ja, er hatte einen guten Tag. Goldner, der Wärter von Nummer sieben, trat ein. Er erzählte klar und deutlich, wann und unter welchen Umständen der Mann mit dem silbernen Armreif gestorben war, auch daß man seinem letzten Wunsch entsprochen und ihn mit seinem Talisman begraben habe. Bei dieser Stelle der Erzählung schauten der Doktor und der Detektiv einander wieder an. Sie wußten, daß der Berichterstatter sich in einem Punkt irrte. Goldner wurde entlassen. Müller verabschiedete sich bald darauf von dem Doktor, der ihm den alten Berner zur Führung auf seinen weiteren Gängen im Spital mitgab. Müller war sehr angeregt. Er befand sich wieder im vollen Fahrwasser. Sein nächster Gang war nach dem Zimmer Nummer sieben. Auch da hatte er eine kurze Unterredung mit dem diensthabenden Arzt, welcher ihm gestattete, sich einige Notizen aus dem Journalbuch dieser Abteilung zu machen. Als er damit fertig war, führte Berner ihn durch verschiedene Höfe und Gänge nach dem Teil des weitläufigen Baues, worin sich die Seziersäle, die Leichenkammern und die Kanzlei befanden, in welcher Röhling tätig gewesen. Während dieser Umschau legte Müller seinem Führer verschiedene Fragen vor, auf welche dieser genaue Auskunft zu geben wußte, und zuletzt hatte er eine längere Unterredung mit Lechner, dem Portier. Nachdem alle diese Geschäfte beendet waren, machte sich der Detektiv auf den Weg nach der Stadt, wo er in einer der größten Papierhandlungen vorsprach. XVI Dort zeigte er einen der anonymen Briefe vor und fragte, ob man das gleiche Papier haben könne oder wo solches zu haben sei. Man habe dergleichen Papier nicht vorrätig, wurde ihm entgegnet, es sei altes, längst nicht mehr begehrtes Fabrikat, welches vermutlich noch aus den Resten einer vor Jahren eingegangenen Papierhandlung stamme. Zu der Verhandlung wurde schließlich auch ein ältlicher Mann gerufen, der einst als Buchhalter in Diensten jenes Hauses gestanden. Dieser erkannte denn auch das Fabrikzeichen mit voller Bestimmtheit; er erinnerte sich, daß der ganze Vorrat dieser schlechten und billigen Ware von der Konkursmasse-Verwaltung nach Neusteinau, einer kleinen Fabrikstadt, verkauft worden sei. Der Käufer hieß Josef Moretzky und war Papierhändler. Müller notierte sich die Namen. Er war zufrieden. Der Zufall hatte ihm auch hier in die Hand gearbeitet. Freilich mochte diese Papiersorte auch noch anderswo in der Welt zu finden sein als in Neusteinau, aber da dieses Städtchen in der Nähe lag, so konnte man immerhin bei Herrn Moretzky Nachfrage halten, wer in jüngster Zeit solches Papier bei ihm kaufte, falls er es überhaupt noch auf Lager hatte. Müller stand bereits im Begriff, die Richtung nach dem Polizeigebäude einzuschlagen, besann sich jedoch unterwegs, daß er Röhlings ehemalige Wirtin, Frau Dorn, zur Identifizierung der Leiche zu laden habe, und begab sich daher nach deren Wohnung. »Nun? Gibt es etwas Neues?« empfing ihn die Alte gespannt. Er teilte ihr mit, was sie zu wissen brauchte, dann betrat er das Zimmer Röhlings. Er hatte den Schlüssel dazu bei sich Müller wollte nichts Bestimmtes in dem Zimmer, aber da er nun doch einmal hier war, so wollte er bei dieser Gelegenheit einen Blick hinein tun. Noch lag in dem ungelüfteten Raum etwas von dem starken Duft des Straußes, der damals auf dem Schreibtisch gestanden. Der Fliederstrauß stand noch immer auf demselben Fleck, wohin Frau Dorn ihn damals gestellt hatte. Als Müller seine Blicke über das Zimmer gleiten ließ und dabei die Bücherreihe auf dem Aufsatz des Schreibtisches streifte, bemerkte er, daß eines der Bücher mit dem Rücken über die gleichmäßige Reihe hervorragte, als sei es hastig hineingeschoben worden. War es eben das Buch, in welchem Röhling vor seinem Verschwinden gelesen hatte, während er sich – wie Frau Dorn geäußert – am Duft des neben ihm stehenden Flieders erfreute? Müller zog das Buch hervor. Aha, ein Eisenbahn-Kursbuch! Er hatte darin gewiß nach den abgehenden Nachtzügen geschaut, aber nach welchem wohl? Wir haben fünf Bahnhöfe. Wenn das altmodische Papier, dessen sich der anonyme Briefschreiber bedient hat, wirklich aus der Neusteinauer Papierhandlung stammt, dann hat er einen Südbahnzug benutzt, denn dieses Nest liegt an der Südbahn. Ah – und die beiden Briefe wurden im südlichen Stadtbezirk aufgegeben. Sollte er ihrethalben immer einen Abstecher hierher gemacht haben? Alles möglich. Beide wurden zwischen sieben und acht Uhr aufgegeben. Na, wir wollen sehen, ob um diese Zeit ein Zug aus Neusteinau hier eintrifft. Müller schlug die »Südbahn« auf. Ein Blick darauf, und seine Augen blitzten, und in sein gewöhnlich blasses Gesicht stieg eine lebhafte Röte. Was sieht er denn? Nichts als eine weiße, jetzt ein wenig rostbraun angehauchte Fliederblüte, welche zusammengepreßt zwischen den zwei Seiten liegt, auf denen sich das Verzeichnis der Südbahn befindet. Müller lächelt. Da ist ja der Weg ganz deutlich angegeben, der zu dem lang gesuchten Röhling führt. Und außer der Fliederblüte spricht noch ein Zeichen dafür, daß der Flüchtige sich hier Rat holte. Die Blüte, welche an jenem Samstagabend von dem seinen Schreibtisch schmückenden Fliederstrauß unbeachtet auf die Blätter des Buches herabtaumelte, gibt das Datum an; eine schwache Bleistiftspur verrät, daß er sich für den Eilzug, des nachts um zwölf Uhr zehn in Richtung Neusteinau ging, entschieden hat. Der Pedant konnte es, nach alter Gewohnheit, nicht unterlassen, die Stelle, die ihn interessierte, mit einem sichtbaren Zeichen zu versehen. Auch Müller unterstreicht übrigens eine der Ankunftszeiten. Um sieben Uhr fünf abends kommt ein Schnellzug aus der Richtung von Neusteinau in der Residenz an. Jetzt sieht er auch nach den gewöhnlichen Personenzügen, und siehe da: er findet, daß zehn Minuten nach Ankunft des Schnellzuges ein Personenzug denjenigen wieder zurückführen kann, der allenfalls nur zum Zweck einer Briefaufgabe nach der Metropole gekommen wäre. »Es stimmt. Es stimmt ja alles!« sagte er und lächelte gutgelaunt. Das Eisenbahnkursbuch in der Tasche, begab sich der Detektiv auf dem kürzesten Wege nach dem Polizeigebäude. XVII Als Müller in das Büro des Kommissars trat, war es bereits Abend geworden. »Nun, was bringen Sie?« empfing ihn Ehrenfeld. »Sie sehen sehr abgespannt aus. Setzen Sie sich vor allen Dingen nieder.« »Ich habe einen heißen Tag hinter mir«, sagte Müller erschöpft. Der Kommissar schob ihm selbst einen Stuhl hin. Damit aber nicht genug, nahm er eine Flasche und ein Gläschen vom Wandschrank und kredenzte dem Detektiv ein goldgelbes Naß. »Trinken Sie, Müller; dieser Kognak wird Sie wieder ins Gleichgewicht bringen.« Müller kostete heut nicht zum erstenmal von Ehrenfelds altem Kognak. Als er das Gläschen geleert, war der Ausdruck der Abspannung aus seinen Zügen geschwunden. »So, jetzt sehen Sie schon ganz anders aus«, bemerkte der Kommissar, »so siegesgewiß, als brächten Sie eine recht gute Nachricht. Betrifft es etwa den Fall Röhling?« »Ja, Herr Kommissar«, antwortete Müller, »und Sie werden viel Neues von mir zu hören bekommen.« Müller begann seinen Bericht mit der Entdeckung des Reifes am Oberarm des Exhumierten, welche ihm mit den weiteren Ermittlungen im Hospital den unwiderleglichen Beweis geliefert hatte, daß der Leichnam nicht der Veit Röhlings, sondern des im Hospital verstorbenen portugiesischen Seemannes Pedro Orfante sei. Hiernach konnte kein Zweifel mehr walten, daß Röhling den Leichnam aus der Totenkammer gestohlen hatte. Jedenfalls war diese Tat unmittelbar nach Verübung des Diebstahls Freitag nacht geschehen, und Röhlings Besuch in Pfeffermanns Gärtnerei am darauffolgenden Samstagabend hatte keinen anderen Zweck gehabt, als sich dem alten Wellner zu zeigen und diesem den Glauben beizubringen, daß er hierauf noch mit Pfeffermann selbst zusammengewesen sei. Da er seitdem spurlos verschwunden und von niemand mehr gesehen worden war, so mußte auf Pfeffermann der Verdacht fallen, daß dieser, um sich die gestohlenen 30 000 Gulden anzueignen, seinen Vetter ermordet und dessen Leiche dann im Nachbargrundstück verscharrt habe. Um die Polizei auf die Spur der Leiche zu bringen, bediente sich Röhling der beiden anonymen Briefe. Gelang sein schurkischer Anschlag, so konnte er unter fremdem Namen seinen Raub ungefährdet genießen, denn als toter Mann war er vor den Nachforschungen der Polizei sicher, dann konnte er auch früher oder später mit Frau von Merburgs schönem Stubenmädchen, das einen so bezwingenden Eindruck auf ihn gemacht hatte, in Verbindung treten, um an ihrer Seite ein angenehmes Leben zu führen. Der Kommissar begleitete Müllers Auseinandersetzungen mit zustimmendem Kopfnicken. »Wie aber war es Röhling möglich, sich in den Besitz des toten portugiesischen Seemanns zu bringen, ohne dabei entdeckt zu werden?« wollte er wissen. »Seine Stellung und seine genaue Kenntnis aller Einrichtungen der Örtlichkeiten des Hospitals kamen ihm dabei zu Hilfe«, versetzte Müller, und wir lassen seinen weiteren Bericht, welcher das Ergebnis seiner heute im Hospital angestellten Nachforschungen war, hier folgen. Die Särge der im Hospital Verstorbenen, welche des Nachts weggeführt werden sollten, pflegte man bereits nachmittags fünf Uhr zu verschließen. Um diese Zeit wurden auch die Seziersäle geschlossen, und niemand betrat dann mehr den Korridor, in welchen außer diesen Sälen auch die Totenkammer und Röhlings Kanzlei einmündeten. In der letzteren wurden sämtliche zu diesen Lokalen gehörige Schlüssel aufbewahrt, und für Röhling war es daher ein leichtes, sich überall Zutritt zu verschaffen. Die Särge waren aus weichem Holz verfertigt, und die wenigen Nägel, mit denen der Deckel befestigt wurde, ließen sich ohne Mühe entfernen. So konnte Röhling den Sarg des Portugiesen leicht öffnen; dann brachte er die Leiche jedenfalls in einem Sack unter, füllte den leeren Sarg mit Aktenbündeln aus, schloß ihn wieder und verbarg den Sack mit seinem unheimlichen Inhalt in dem geräumigen Schrank seiner Kanzlei, um ihn in der Nacht, wahrscheinlich nachdem er Pfeffermann bei der Villa Merburgs zurückgelassen, abzuholen. Der Leser erinnert sich des kaum benutzten Pförtchens, welches sich, von einer Trauerweide beschattet, in der Mauer des Leichenhofes befand. Durch dieses Pförtchen verschaffte sich Röhling im Laufe der Nacht Eintritt, wozu er den in seiner Kanzlei aufbewahrten Schlüssel benutzte. Für Müller hatte sich dies aus dem Gespräch mit Lechner ergeben, welcher erst dieser Tage ganz zufällig den Schlüssel, noch im Schloß des Pförtchens steckend, entdeckt hatte. Er hatte weder diesem Fund noch dem Umstand, daß Schloß und Schlüssel frisch geölt waren, irgendwelche Bedeutung beigelegt, erst heute, als Müller eine Art Kreuzverhör mit ihm anstellte, ging ihm das Verständnis darüber auf. Von dem Pförtchen aus hatte Röhling leicht in seine nur zwanzig Schritte entfernte Kanzlei gelangen können, ohne von Lechner bemerkt zu werden, obwohl dieser das ihm wohlbekannte Hüsteln vernommen hatte. Röhling belud sich mit der im Schrank verborgenen Leiche, die nicht schwer war, und trug sie nach dem Ort, wo sie von Müller gefunden worden war. Der Weg war nicht weit und selbst am Tage so selten betreten, daß der Leichenräuber bei Nacht noch viel weniger Gefahr lief, irgend jemand zu begegnen. Einen Spaten zum Graben mochte er sich ohne viel Mühe wohl aus Pfeffermanns Gärtnerei verschafft haben. Er brauchte nur über die Planke zu klettern, um zu der stets unverschlossenen Holzhütte zu gelangen, in welcher die Gartengerätschaften aufbewahrt wurden. Zwar befand sich dieselbe in unmittelbarer Nachbarschaft des Häuschens, worin Wellner schlief, aber der Alte war schwerhörig und lag überdies um diese späte Stunde voraussichtlich in tiefem Schlaf. Ungehört von ihm, konnte Röhling das Werkzeug zu seiner grausigen Arbeit holen und es nach Beendigung derselben an seinen Aufbewahrungsort zurückbringen. So lautete der Bericht des Detektivs über die überraschenden Ergebnisse, zu welchen seine heute im Hospital angestellten Nachforschungen geführt hatten. Dann erzählte er, was er im Papiergeschäft erkundet und wie im Anschluß an das hier Vernommene das in Röhlings Wohnung vorgefundene Eisenbahn-Kursbuch mit der verräterischen Fliederblüte und den unvorsichtigen Bleistiftstrichen ihm die Bestätigung geliefert habe, daß man wohl nicht fehlgehen werde, wenn man den Verbrecher in Neusteinau suche. »Sie haben sich wieder sehr tapfer gehalten!« sagte der Kommissar, Müller die Hand schüttelnd. »Man wird sich Ihrer bei der nächsten Beförderung erinnern, und auch Merburg wird Ihnen gewiß ebenfalls seine Dankbarkeit beweisen. Ich zweifle nämlich nicht daran, daß Ihnen die Ergreifung Röhlings in nächster Zeit, vielleicht schon morgen, gelingen wird, und es ist hundert gegen eins zu wetten, daß Sie den größten Teil der gestohlenen Summe noch bei ihm finden werden, denn ein Knicker wie er pflegt auch mit dem Geld eines andern sparsam umzugehen.« »Das glaube ich ebenfalls. Es zieht keiner seine Natur aus.« »Inzwischen habe ich versucht«, fuhr der Kommissar fort, »dem anonymen Briefschreiber abermals eine Falle zu stellen.« »Sie haben wieder inseriert?« fragte Müller. Ehrenfeld reichte ihm die heutige Nummer der Zeitung hin. »S. M. – R. noch immer nicht gefunden. Man bedarf dringender deutlicherer Anhaltspunkte«, stand da in fetten Lettern zu lesen. »Er wird die Antwort nicht schuldig bleiben«, bemerkte Müller, »doch möchte ich die Reise nach Neusteinau nicht verschieben.« »Ganz gut«, stimmte der Kommissar bei. »Reisen Sie morgen schon. Wie wäre es, wenn Laßnitz Sie begleitete?« »Der Mann ist zuverlässig.« Müller nickte. »Ich nehme ihn mit.« XVIII Am folgenden Nachmittag traf Müller, von Laßnitz begleitet, in Neusteinau ein. Es war ein ziemlich belebter Fabriksort, aber noch sehr altertümlich ob seiner krummen Gassen und seiner unregelmäßigen Häuser, zu welchen die nüchtern erbauten Fabriken mit ihren mächtigen Schloten gar wenig paßten. Die Papierhandlung von Josef Moretzky war bald gefunden. In dem Auslagefenster waren Schreibmaterialien aller Art ausgestellt. Laßnitz, der in den Zweck dieses Ausflugs vollständig eingeweiht war, zeigte sehr lebhaft auf eines der ausgestellten Briefpapier-Päckchen. »Wenn's das wäre! Es ist auch schon an den Rändern vergilbt, wie das Papier, nach welchem Sie fahnden.« Müller trat in den Laden. Laßnitz folgte ihm. »Kann ich Briefpapier haben?« fragte Müller. »Gewiß, von allen Arten.« »Also ein kleines Format: Oktav.« »Bitte, hier sind mehrere Sorten.« »Mir alles zu dick, zu glänzend. Dünnes, wenig satiniertes Papier möchte ich haben.« »Davon haben wir noch einen kleinen Vorrat. Es wird wenig gebraucht und liegt schon jahrelang am Lager.« Der treffliche Herr Moretzky öffnete das Auslagefenster und holte das Päckchen herein, wonach sein genügsamer Kunde Verlangen trug. Müller nahm einen Bogen heraus, besah ihn genau und bemerkte mit Genugtuung die beiden gekreuzten Anker. »Ich nehme das ganze Päckchen. Ich bin ein Liebhaber des Altmodischen, was freilich in unseren Tagen ein wenig lächerlich ist.« »Oh, mitnichten, verehrter Herr, mitnichten! Es gibt auch noch andere Leute, welche nicht auf dem modernen, steifen Papier schreiben wollen.« »So, also haben Sie auch noch andere Abnehmer für diesen Ladenhüter?« »Gewiß. Der kranke Herr von dort drüben, der seit einiger Zeit im ›Goldenen Adler‹ wohnt, hat sich auch von dieser Sorte gekauft.« »Vielleicht nur, weil es die billigste ist, die Sie haben.« Herr Moretzky lächelte. »Mag schon sein. Das Sparen scheint er zu verstehen. So hat er sich beim Nachbar Hutmacher einen abscheulichen grünen Filz gekauft, bloß weil dieser um einen Gulden billiger war als die anderen Hüte.« »Ja, es gibt solche Käuze, die unnötigerweise knickern. Was hat denn dieser Herr für eine Beschäftigung?« »Er hat derzeit keine. War wohl lange krank, hat sogar eine Operation überstanden. Da tritt er eben auf die Straße. Ah, der verreist wieder einmal.« Der gesprächige Papierhändler hatte zum Glück schon auf den Gulden, den Müller ihm hingelegt, herausgegeben, sonst wäre ihm wohl die Eile aufgefallen, mit welcher sich jetzt die beiden Herren entfernten. »Das nenne ich Glück!« murmelte Müller, der den hageren Mann mit dem häßlichen grünen Hut und der alten roten Ledertasche nicht aus den Augen ließ. »Ist das also Ihr Mann?« flüsterte Laßnitz ihm zu. »Zweifellos.« »Sie haben ihn früher nie gesehen?« »Nur seine Fotografie.« »Die muß demnach sehr ähnlich sein, da Sie ihn gleich erkannten.« »Im Gegenteil«, antwortete Müller, »die Fotografie hat sehr wenig Ähnlichkeit mit dem Original. Der Mann muß sehr krank gewesen sein, denn nur ein schweres Leiden pflegt das Äußere eines Menschen so plötzlich zu verändern.« »Der Papierhändler sprach von einer Operation.« »Ja, und Röhling trägt, wie ich sehe, noch den linken Arm in der Binde.« Röhling nicht aus den Augen lassend, gingen beide hinter ihm her. Der Bahnhof lag vor ihnen. Es fehlte noch eine halbe Stunde bis zum Eintreffen des Kurierzuges. Es war derselbe, welcher um sieben Uhr fünf in der Hauptstadt eintraf, von wo man nach kurzem Aufenthalt noch an demselben Abend zurückkehren konnte. Müller und Laßnitz hatten sich nahe der Ausgangstür niedergelassen. Sie beachteten scheinbar den ruhelos auf und ab schreitenden Röhling nicht. »Ich möchte wetten, daß er das gestohlene Geld überall mit sich herumschleppt«, flüsterte Müller seinem Kollegen zu. Dieser nickte. »Wozu sonst als zur steten Fluchtbereitschaft nähme er Gepäck mit sich?« »Ja«, entgegnete Müller, »und diese alte rote Reisetasche ist's eben, woran ich ihn erkannt habe. Die Fotografie stellt ihn als einen Mann von durchaus gesundem Äußeren dar, der da aber ist ja ein Gerippe mit einem Totenschädel.« »Er hat ein abscheulich geformtes Kinn.« »Früher deckte es ein Bart« »Und graues Haar.« »Vor vier Wochen war es noch schwarz.« »Und die Blässe?« »Wir gaben im Steckbrief an: frische Gesichtsfarbe. Aber das alles erklärt sich durch seinen sichtlich leidenden Zustand.« In diesem Augenblick wurde der Schalter geöffnet. Röhling war von dem Dutzend Passagieren, welche sich zur Abfahrt eingefunden hatten, der erste, der seine Karte löste. Laßnitz, der dicht hinter ihm stand, hörte, daß er eine Karte nach der Hauptstadt verlangte, und löste für sich und Müller erst die Karten, als Röhling sich wieder vom Schalter entfernt hatte. Die beiden Polizisten stiegen dicht hinter dem nichtsahnenden, aber doch recht mißtrauisch nach ihnen blickenden Dieb in dasselbe Abteil ein. Laßnitz saß Röhling gegenüber. Müller hatte auf Röhlings Seite am anderen Ende des Sitzes Platz genommen. Die drei Insassen des Abteils verhielten sich schweigsam. Röhling zog sehr bald eine Zeitung aus seiner Rocktasche. Es war die heutige Nummer der ... Zeitung, worin der Aufruf an S. M. stand. Er las wahrscheinlich gar nicht darin, aber er hielt sie zwischen sich und sein Gegenüber, dessen beobachtende Blicke ihm wohl unangenehm sein mochten. Als man sich der Hauptstadt näherte, brach Müller das bisherige Schweigen und begann von seiner Ecke aus ein Gespräch mit seinem Kollegen. »Wissen Sie schon«, rief er diesem zu, »daß man den verscharrten Leichnam gefunden hat? Er befand sich wirklich an dem Ort, den der Anonymus S. M. angegeben hat.« Die beiden Polizisten beobachteten verstohlen die Miene ihres Mitreisenden. Er bot das Bild eines Menschen, der mit Anstrengung all seiner Sinne lauschte. »Ich habe bereits davon gehört«, erwiderte Laßnitz auf die Bemerkung Müllers, »wissen Sie aber auch, daß der exhumierte Leichnam mit dem Dreißigtausend-Gulden-Dieb gar nicht identisch ist?« Laßnitz bemerkte, wie das Gesicht seines gespannt lauschenden Gegenübers plötzlich aschfahl geworden war. Auch Müller entging es nicht; wäre er bis jetzt noch nicht sicher gewesen, daß er wirklich Röhling vor sich habe, so würde jetzt sein letzter Zweifel verschwunden sein. »Ihnen scheint unwohl zu sein«, sagte Laßnitz zu Röhling und öffnete ein Fenster. »Durchaus nicht«, antwortete dieser, den Kopf schüttelnd. »O doch!« ergriff Müller das Wort, indem er sich ihm gegenübersetzte. »Ihr Arm scheint Sie zu schmerzen. Kein Wunder, wenn man sich erst mit einer Feile den Finger verletzt und dann Leichengift in die Wunde bringt. Eine Blutvergiftung verbreitet sich rasch weiter. Gibt der Arzt Hoffnung, daß Ihnen die Operation etwas helfen werde?« Röhling war gebrochen zusammengesunken. »Ich hatte doch recht! Es ist Ihnen wirklich unwohl«, bemerkte Laßnitz. »Ei, wie unvorsichtig!« fügte Müller hinzu, als Röhling den Hut abnahm, um sich den kalten Schweiß von der Stirn zu wischen. »Ich will nicht davon sprechen, daß Sie sich infolge des Luftzuges, der zu dem offenen Fenster hereindringt, einen tüchtigen Schnupfen holen können; aber wenn man eine Narbe auf der Stirn zu verbergen hat, behält man hübsch den Hut auf. Übrigens läuft Ihre Narbe schräg, während die Narbe des Portugiesen – Sie wissen ja, ich meine Pedro Orfante – in senkrechter Richtung verlief.« Röhling hatte sich während dieser Rede trotzig aufgerichtet. Er war sichtlich bereit, sich gegen diesen Mann, der sich so genau unterrichtet zeigte, zu wehren. »Herr! Wer sind Sie?« rief er. »Das werden Sie erfahren, noch ehe Sie dieses Abteil verlassen«, gab Müller ruhig zur Antwort »Oh, bitte, bemühen Sie sich nicht«, setzte er hinzu, als er Röhling eine Handbewegung nach der Wagentür machen sah. »Es ist ja doch außen abgesperrt, ich habe schon nachgesehen und hätte das selbst besorgt, falls etwa der Kondukteur seine Pflicht vernachlässigt hätte.« Röhling warf seinem Peiniger einen Blick zu, in dem ein so gewaltiger Haß lag, daß selbst Müller, der naturgemäß doch schon mit vielen gefährlichen Menschen verkehrt hatte, sich davon unheimlich berührt fühlte. Plötzlich fuhr Röhling blitzschnell nach seiner Rocktasche, stieß aber gleich darauf einen Schrei ohnmächtiger Wut aus. Laßnitz hatte ihm den hervorgezogenen Revolver entrissen. Dabei waren aus Röhlings Tasche zwei Briefe gefallen. Müller hob sie schnell auf. »Ah, das ist die Antwort auf unseren gestrigen Aufruf in der Zeitung. Na, Mann, Sie sind prompt. Und der zweite Brief ist an Fräulein Minna Gabler gerichtet, an das schöne Stubenmädchen der Frau Baronin Merburg, wohl eine Einladung zu einem Rendezvous? Ein Heiratsversprechen, he?« Röhling zitterte vor Wut. An einem tätlichen Angriff sah er sich durch Laßnitz, welcher beständig den Revolver schußfertig auf ihn gerichtet hielt, verhindert, aber wenn Blicke töten konnten, so wäre es den beiden Polizisten übel ergangen. »Ich konnte mir's denken«, fuhr Müller fort, »daß Sie heute oder morgen mit diesem Zug nach der Hauptstadt fahren würden, um Ihr Geschäft am Briefkasten abzutun. Sie haben diese Tour schon zweimal gemacht. Nehmen Sie dabei stets diese Reisetasche mit? Das ist eine sehr gefährliche Begleiterin, die auch in Ihrem Steckbrief beschrieben ist, den Sie nicht gelesen zu haben scheinen. An Ihrem Gesicht habe ich Sie nicht erkannt, nur die rotlederne Tasche hat Sie mir verraten.« Müller langte scheinbar ganz harmlos nach der Tasche, und seine scharfen Augen sahen dabei, wie Röhlings knöcherne Hand die Tasche krampfhaft festhielt. »Sie haben also richtig das ganze Geld bei sich?« Müller lächelte. »Oder wollten Sie endlich das Weite suchen, vielleicht hoffend, daß die hübsche Minna Sie begleite?« »Was ich wollte, kümmert Sie nicht!« knirschte Röhling, sich in sein Schicksal ergebend. »Ich bin nun einmal in Ihrer Hand. Hölle und Teufel! Und das alles habe ich für nichts getan, für weniger als nichts!« »Ja«, Müller nickte, »das ist bei den meisten Verbrechen das Ende vom Liede, mögen sie auch mit noch so großem Raffinement ausgeführt sein. Übrigens sind wir am Ziel. Veit Röhling – Sie sind verhaftet.« Langsam fuhr der Zug in die Bahnhofshalle. Am anderen Morgen wurde Baron Merburg zur Polizei gerufen, woselbst man ihm das geraubte Geld, von dem nur einige hundert Gulden fehlten, einhändigte. Das Fehlende hatte zum großen Teil die Operation verschlungen, welcher Röhling sich hatte unterziehen müssen. Der Baron übergab Müller, dem er lebhaft dankte, einen Tausender. Einige Tage später kehrte Pfeffermann zu seiner Tochter zurück. Er kam aber nicht allein. Müller begleitete ihn und gab sich der erstaunten Marie als jenen Gehilfen zu erkennen, der ihr so treu – wahrhaftig treu gedient, ihr und ihrem Vater. Müller kam von nun an häufig in die hübsche Gärtnerei, er war ein Freund Pfeffermanns und seiner braven Tochter geworden. Röhling wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, erlebte aber das Ende seiner Straftat nicht. Pedro Orfante hatte sich doch zu nachdrücklich an ihm gerächt. Nach zwanzig Jahren Erstes Kapitel Die Gärtnergasse lag an der Grenze der großen Stadt. Sie führte ihren Namen mit Recht, denn sie wurde fast nur von Gärten gebildet, über deren mehr oder minder verwahrloste Zäune eben jetzt das frische Grün des frühsommerlichen Laubwuchses guckte. Auch Duft gab es gerade genug auf diesem stillen Wege, der sehr wenig frequentiert wurde. Allmorgendlich fuhren die Gärtnersleute zu Markte, um so gegen die Mittagsstunde herum wieder mit leeren Wagen heimzukehren. Danach ward die Gasse wieder einsam. Man sah nur wenige bescheidene Gärtnerhäuschen durch Baum und Busch lugen. Ein Haus aber sah man recht genau, denn es lag nur wenige Meter hinter der Straßenlinie und war stattlicher als seine Nachbarn. Ein mit Sträuchern bepflanzter Vorgarten und ein hohes Gitter schlossen es gegen die Gasse zu ab. Dahinter dehnte sich ein ziemlich großer Garten aus, der von einer weit mehr als mannshohen Mauer umgeben war. Schon seit vielen Jahren gehörte das Gütchen einem wohlhabenden Privatmann. Er war schon recht alt und mußte wohl auch ein Sonderling sein, denn niemals verließ er seinen Besitz, niemals auch empfing er Besuch, und keiner seiner Nachbarn hatte jemals Briefträger an seiner Tür halten sehen oder sonstwie wahrgenommen, daß der alte Herr auch mit der Welt in Verbindung stehe. Ihn selber aber konnte man fast täglich gewahren. Er saß noch gern an warmen Tagen unter dem hohen Fliederbusch, der das Prachtstück des Vorgartens bildete, oder ging langsam, sich auf seinen Stock stützend, auf dem schmalen, kiesbestreuten Weg spazieren. Und war das Wetter rauh, dann saß er gern am Fenster und schaute auf die stille Straße hinaus. Alle, die rings um ihn lebten, kannten ihn von Person, hatten ihn oft gesehen, aber das war auch alles, denn – wie gesagt – der, den sie alle »den alten Herrn« nannten, pflegte gar keinen Verkehr und verließ – es war wohl sein hohes Alter daran schuld – niemals seinen hübschen, kleinen Besitz. Eine Frau, etwa vierzigjährig, von gesundem und gutmütigem Aussehen, führte ihm, seit er das Haus erworben, die Wirtschaft. Die Frau hieß Müller, Josefa Müller. Beide Namen hatten Vorübergehende zuweilen von dem alten Herrn rufen hören, wenn er unter seinem Fliederbusch oder an dem offenen Fenster saß und seiner Dienerin bedurfte. Frau Müller war pünktlich wie eine gut gehende Uhr. Alltäglich um acht Uhr konnte man sie aus dem Haus treten sehen, um die nötigen Einkäufe zu machen. Sie mußte mehrere Gassen weit gehen, um zum Kaufmann, zum Bäcker und Fleischer und zu den anderen Geschäftsleuten zu gelangen, bei denen man alles zum Leben Nötige erhalten konnte. Milch, Gemüse und sonstigen Küchenbedarf kaufte sie bei ihren nächsten Nachbarn. Redselig war sie nicht, diese Frau Müller, aber dennoch hatten die Leute schon aus ihr herausbekommen, daß ihr Herr einen Treffer in der Lotterie gemacht und von diesem Gelde sich sein Anwesen erworben, daß er, durch verschiedene Lebenserfahrungen verbittert, menschenscheu geworden, trotzdem aber gar gut sei und sie sich einen besseren Dienst gar nicht denken könne. Auch den Namen des alten Herrn kannten die Leute. Er hieß Arnold Winkelmann. Und auch eine Liebhaberei von ihm war ihnen bekannt. Sie erstreckte sich auf Blumen. Täglich brachte ihm Frau Müller solche von ihrem Marktgange mit. Daß es in seinem Garten davon so wenig gab, daran trug des alten Herrn Mißtrauen und Menschenscheu die Schuld, er mochte nämlich niemanden anderen als seine brave, schon erprobte Frau Müller im Hause haben, und diese hatte natürlich vollauf damit zu tun, das Haus und den Garten sauberzuhalten und all ihren sonstigen Verpflichtungen nachzukommen, und konnte sich somit nicht auch noch der Blumenpflege widmen. Eines war den Nachbarn Herrn Winkelmanns klar. Der alte Herr hätte kein stilleres, behaglicheres Heim und keine treuere Dienerin und Frau Müller keinen besseren Posten finden können. Im übrigen kümmerten sich die arbeitsamen Menschen in der Gärtnergasse nur wenig um die zwei. * Es war ein Sommerabend, doch nicht freundlich war es deshalb auf Erden, denn es hatte schon den ganzen Tag geregnet, und noch jetzt bedeckte graues Gewölk den Himmel. In der Gärtnergasse herrschte bereits die tiefste Ruhe. Jetzt ward sie durch die eiligen Schritte eines Mannes unterbrochen. Es war ein noch junger Mann, der da so rasch daherkam. Er hatte ein hübsches, etwas hageres Gesicht, das glatt rasiert war und den ganz eigentümlichen Ausdruck hatte, welchen die Gesichter von Schauspielern zu besitzen pflegen. Der junge Mann hatte auch sonst das Äußere eines Mimen: bewußte Bewegungen und etwas Geniales in seiner Gewandung. Aber ein berühmter, ein gut bezahlter Mime war er sicherlich nicht, denn seine Kleider waren schon recht abgetragen, wenn auch durchaus nicht verwahrlost, und seine Gestalt weit hagerer, als es seine Jugendlichkeit gerade bedingte. Auch schauten sehr deutlich Unruhe und Not aus seinen klug blickenden Augen und hatten Verbitterung und Trotz schon ihre scharfen Linien in sein junges, charaktervolles Gesicht geschrieben. Dieser Mann blieb vor dem Winkelmannschen Hause stehen und zog an dessen Klingel. Frau Müllers rundes Gesicht zeigte sich an einem der Fenster und überzog sich mit einer tiefen Röte, als sie den jungen Mann erkannte. Auch leuchteten ihre noch immer hübschen, klaren Augen auf, und sie eilte mit fast jugendlicher Hast aus dem Zimmer. Bis sie zur Gartentür kam, hatten sich indessen schon die Röte ihrer Wangen und der Glanz ihrer Augen verloren, und unruhig waren ihre Stimme und ihr Blick, als sie, während sie öffnete, rief: »Mein Gott, Hans, wie kommst denn du jetzt hierher? Ich habe gemeint, du wärest weit, weit weg von hier.« »Vorgestern war ich auch noch weit weg von hier, aber von nun an muß ich – müssen wir in deiner Nähe leben, und ...« Er kam nicht weiter in seiner merklich Verlegenheit verratenden Rede, während der er in den Vorgarten trat. Frau Müller sah ihn groß an. »Wir – was heißt das ›wir‹?« fragte sie und vergaß über ihrer Spannung, die Tür zu schließen; da drängte sie der junge Mann zurück, schloß selber und reichte ihr dann den Schlüssel. »Ja, Mutter, es heißt ganz richtig ›wir‹«, sprach er dabei, und hohe Röte färbte seine Wangen. »Doch hier, unter dem tröpfelnden Himmel, kann ich dir die Sache nicht erklären, also komme in dein Zimmer. Es ist Abend und dein Gebieter wohl schon zur Ruhe gegangen; da hast du doch hoffentlich ein Stündchen für mich übrig.« Er sagte es wehmütig, sichtlich bedrückt, und da konnte sie nur doppelt herzlich gegen ihn, ihren Einzigen, sein. Darum schloß sie ihn rasch in ihre Arme und küßte ihn zärtlich, wonach sie sagte: »Oh, mein Hans, habe ich nicht mein ganzes Leben für dich übrig? Was immer dich herbringt, du bist mir willkommen. Der Herr schläft schon, und somit bin ich frei.« Sie gingen ins Haus. Alles darin spiegelte vor Sauberkeit, auch die große, freundliche Stube, welche Frau Müller nun schon seit vielen Jahren bewohnte. Über dem steiflehnigen Sofa hing ein gut gemeintes, aber ziemlich schlecht gemaltes Bild. Es war das Porträt eines Mannes. Darauf fiel zuerst Hansens Blick; er grüßte es mit Hand und Augen. Das Bild stellte seinen Vater vor. »Ich habe auf der Herreise sein Grab besucht«, sagte Hans weichen Tones und holte eine Brieftasche aus seinem fadenscheinigen Rock hervor. Dieser Brieftasche entnahm er einige Efeublätter, die er seiner Mutter reichte. Sie drückte die Lippen darauf. Eine Träne netzte die Blätter, als die Frau sagte: »Daß du vom Grab deines Vaters kommst, sagt mir, daß du mir nichts zu melden hast, was mir gar zu sehr weh tun könnte. Jetzt aber setze dich und ruhe! Du siehst sehr müde aus und hungrig.« Der Sohn drückte sich in eine Sofaecke. Die Mutter eilte geschäftig hin und her, und bald stand eine Flasche Bier vor ihm und hatte sie ihm Brot, Butter und kaltes Fleisch vorgesetzt. Er aber aß nur wenige Bissen und tat nur einige heftige Züge, dann stellte er das Glas hin und legte die Gabel nieder. »Laß mich doch zuerst sprechen, Mutter. Ich muß mir die Sache von der Seele reden, ehe ich an meinen Leib denken kann.« »Sprich also vorher und stärke dich später, mir ist ja alles recht, wenn ich dich nur wieder so froh und ruhig sehe, wie du einstmals gewesen bist.« »Ich bin es für gewöhnlich noch, liebe Mutter, nur in den letzten Wochen sind mir Fröhlichkeit und Ruhe verlorengegangen.« »Und warum? Die Armut, die ich dir ansehe, hat dich doch sonst nicht geniert, du stolzer, hochmütiger Mensch, der nicht einmal von seiner Mutter Geld annehmen will.« »Weil du es, was du verdienst und allenfalls zurücklegen kannst, selber für deine alten Tage brauchst und weil ich es mir nun einmal eingebildet habe, daß ich es allein, ganz allein, zu etwas bringen müsse.« »Bei deinem Beruf?« »Siehst du, Mutter! Da ist schon wieder die Verachtung, welche du für meinen Stand hast!« fiel er heftig ein und fuhr fort: »Wie viele haben es mit der Kunst zu Vermögen gebracht!« »Du gehörst nicht zu diesen vielen«, sagte die sehr prosaisch denkende Frau Müller scharf, und ihre Schärfe wurde nur durch den Bück voll Mitleid gemildert, den sie auf die dürftige Kleidung ihres Sohnes warf. Er lächelte bitter. »Nein, ich gehöre nicht zu diesen vielen«, wiederholte er seufzend und sprang dann plötzlich auf und fuhr sich mit den bleichen, hageren Fingern durch das üppige Haargelock. »Und jetzt, eben jetzt, möchte ich zu ihnen gehören«, schrie er leidenschaftlich heraus. Seine Mutter sah erstaunt zu ihm auf. »Was ist denn in dich gefahren?« fragte sie. »Warst doch sonst nicht hinter dem Gelde her. Hast allezeit nur für die Kunst geschwärmt, hast nie und nie an andere Lebensgenüsse gedacht und bist – deine Briefe redeten wenigstens immer davon – trotz magerer Gagen glücklich gewesen.« »So ist es, Mutter, ja, so war es bis – bis etwa vor einem Jahr«, antwortete Hans Müller, der mit raschen Schritten das Zimmer durchmaß. »Bis vor etwa einem Jahr«, wiederholte die Frau, »und – und warum ist es denn jetzt nimmer so? Hast wohl eingesehen, daß in dir der große Künstler nicht steckt, der ...« »Nicht das ist es, Mutter«, unterbrach er sie. »Wohl habe ich einsehen gelernt, daß es viel, viel schwerer ist, ein guter Schauspieler zu sein, als ich früher gemeint, aber ich verzweifle nicht an meinem Können und ich liebe meine Kunst so heiß wie einst – wenn ich auch vielleicht immer nur einer ihrer niedrigsten Diener sein werde.« »So gefällst du nicht?« »O doch – einer wenigstens habe ich nur zu gut gefallen.« »Ah, ein Frauenzimmer hat dich also so unzufrieden gemacht?« Frau Müller war nun selber recht unzufrieden. Blitzschnell zogen die Jahre an ihr vorüber, in denen ihr Sohn der Liebling ihres gütigen alten Gebieters gewesen, der ihn zu ihrem, der armen Witwe, Stolz hatte studieren lassen. Wie schön diese Zeit gewesen war und wie liebe Hoffnungen sie an dieselbe geknüpft hatte! Und – wie ganz anders war alles gekommen! Eines Tages, Hans war schon in der letzten Gymnasialklasse gewesen, ging er einfach durch, um nach Tagen zu schreiben, daß er sich der Truppe eines wandernden Theaters angeschlossen habe und nie mehr zu dem reizlosen, stillen Leben zurückzukehren gedenke, darin er sich seit jeher nicht glücklich gefühlt. In jenen für sie so schrecklichen Tagen zeigte es sich, wie gut ihr Gebieter war. Der alte Herr tröstete sie und stellte ihr mit seltsamem Eifer vor, daß oft ein unabweisbarer innerer Drang eine stürmische, junge Seele zu solchen Schritten hinreiße und daß sie deshalb noch lange nicht endgültig zu verurteilen und für verloren anzusehen sei. Auch daß das Studiengeld verloren sei, wäre nicht richtig, denn die erworbene Bildung sei Hans auch auf den Wegen der Kunst notwendig, und wenn es ihn nicht reue, für des Burschen Geist gesorgt zu haben, so brauche sie sich keine Vorwürfe darüber zu machen, das, was ihm kein Opfer gewesen, für ihr Kind angenommen zu haben. Man müsse eben jetzt abwarten, ob Hans sich nicht in seinem Talente geirrt habe: schön sei es, daß er für jede fernere Unterstützung gedankt, ja eine solche durch das Geheimhalten seines Aufenthaltsortes überhaupt unmöglich gemacht hatte. So tröstete damals Herr Winkelmann seine Wirtschafterin, und dann ward nicht weiter über die Sache gesprochen; aber Frau Müller spürte es, daß ihr gütiger Herr gerade so wie sie selbst Tag für Tag an Hans dachte und gleich ihr begierig auf Nachricht von ihm wartete, auf die Nachricht: »Ich bin jetzt auf dem richtigen Wege, und der Ruhm fängt an, sich an meine Fersen zu heften.« Doch diese Nachricht kam nicht Es kam überhaupt durch mehr denn zwei Jahre keine Kunde von Hans, dann schrieb er, daß er auch jetzt nicht auf Rosen wandle, daß ihm aber die Schauspielkunst so ans Herz gewachsen sei, daß er nie daran denken werde, von ihr zu lassen. Dieser Brief kam aus einer Provinzialstadt, in deren Theater Hans Müller als Charakterspieler engagiert war. Und wieder nach etwa zwei Jahren besuchte er einmal seine Mutter und seinen Gönner. Er ward von beiden mit Herzlichkeit aufgenommen, und als er bei Ablauf seines kurzen Urlaubs ging, tat er es fast mit schwerem Herzen, denn so gut wie daheim war es ihm schon lange nicht gegangen. Er wußte jetzt auch, warum Herr Winkelmann sein Ausreißen vom Gymnasium so mild beurteilt hatte. Der alte Herr hatte es einst ähnlich gemacht, nur mußte in ihm nicht die richtige Künstlerschaft gesteckt haben, dann er hatte es beim Theater niemals zu etwas gebracht, und hätte er nicht, schon in vorgerückten Jahren, einen bedeutenden Gewinn gemacht, er hätte wohl sein Alter nicht so behaglich hinbringen können. Mit Beruhigung, weil der vollständigen Vergebung seiner Mutter und seines Wohltäters sicher, kehrte damals Hans Müller an den Ort seines Engagements zurück. All dies Vergangene zog blitzschnell an Frau Müllers Geist vorüber, während sie jetzt auf ihren Sohn blickte, der, ein Bild der Unruhe, mit hastigen Schritten durch das Zimmer ging. »Ein Frauenzimmer hat dich also so unzufrieden gemacht?« hatte sie Hans zugerufen und dann hinzugesetzt: »Und zu was für einer Gattung Frauenzimmer gehört es denn?« Der junge Mann blieb stehen und wendete sich ihr zu. »Mutter«, begann er weich, »wohl hat Helene mich unzufrieden gemacht, aber auch unsagbar glücklich. Unzufrieden, bis zur Unerträglichkeit unzufrieden mit der Armseligkeit meiner Existenz, mit der Unmöglichkeit, der Geliebten auch nur einen kleinen Bruchteil dessen bieten zu können, woran sie seit jeher gewöhnt war. O ja, ich bin unzufrieden, aber doch glücklich, denn – Mutter, wirst du mir die neue Heimlichkeit vergeben? Denn Helene ist seit fast einem Jahr mein Weib.« »Du – du bist verheiratet?« stammelte Frau Müller und schnellte empor. Hans drückte sie sanft in den Sofawinkel. Er nickte. Es war ihm jetzt offenbar leichter ums Herz, und etwas wie ein schelmisches Lächeln huschte um seine Lippen, als er sagte: »Ja, ich bin Gatte und – Vater. Dein Enkel – er heißt Gottfried wie mein guter, seliger Vater – ist schon sieben Wochen alt.« »Sieben Wochen«, wiederholte verwirrt die Frau. Hans hatte sich neben sie gesetzt. Der augenblickliche Frohmut war schon wieder verschwunden, und die Traurigkeit, die früher aus seinen Augen geschaut, lugte auch jetzt wieder heraus, und neben ihr war noch etwas zu schauen: Scham und bittere Verlegenheit. »Kannst du es dir vielleicht denken, weshalb ich hier so ins Haus falle?« begann er stockend. Sie nickte. »Es geht dir, es geht euch schlecht, du brauchst Hilfe«, sagte Frau Müller, und ihre Hand schob sich dabei unwillkürlich in die ihres Sohnes, der von diesem Zeichen unverwüstbarer Herzlichkeit so bewegt wurde, daß ihm Tränen in die Augen traten. »Du zürnst mir also nicht?« rief er aus. Sie schüttelte den Kopf. »Bist halt schon so. Hast dir dein ganzes Leben allein geformt, warum hättest du mich fragen sollen, als du eine Frau nahmst. Daß es eine richtige Ehe ist, setze ich voraus.« »Es ist eine richtige Ehe – die freilich meinem lieben Weibe ihre Eltern und das gewohnte Wohlleben kostete, denn natürlich war Helenes Verwandtschaft nicht damit einverstanden, daß sie die Frau eines wenig bekannten Schauspielers werden wollte.« »Was ich begreife«, warf Frau Müller ein. »Tatsache ist es ja auch, daß sie und du und euer Kind über den Hals im Elend seid. So ist es doch, Hans? Wäre es nicht so, du wärest niemals um Hilfe hierhergekommen.« »Du kennst mich gut, Mutter! Ja, wenn ich mir noch allein helfen könnte, ich würde dich nicht in Anspruch nehmen. Bis jetzt konnten wir, freilich mit Ach und Weh, mit dem Leben fertig werden. Helene ist ja ein Engel, der nie klagt – unser Kind aber ist krank und braucht Hilfe: Mutter, ich weiß es, du hilfst ihm.« »Natürlich. Wer sonst sollte es denn tun? Gott sei Dank. Mein Erspartes wird euch für längere Zeit aller Not entheben.« Frau Müller erhob sich. Sie machte sich an einem Kasten zu schaffen, aus welchem sie einige Wertpapiere nahm, die sie vor Hans hinlegte, wobei sie einfach sagte: »Da, Kind – da ist, was ich dir sofort geben kann. Die Lose kannst du heute noch verkaufen. Einen Notpfennig habe ich schon noch.« »Einen Notpfennig, den ich dir schmälere, ich, der gehofft hat, dich mit sich hinaufzutragen in ein Leben, das nicht nur aus Anstrengung und Dienstbarkeit besteht!« Frau Müller legte ihm die Hand auf den Mund. »Sei still, sei still«, sprach sie fast heftig, »was du da denkst, ist Hochmut, von dem dich alle deine trüben Erfahrungen also noch immer nicht geheilt haben. Ich danke Gott, daß er mich arme Witwe diesen Dienst hat finden lassen. Wo gibt es denn bald wieder solch einen Herrn? Hat er nicht für dich wie ein Verwandter gesorgt? Behandelt er mich nicht immer mit gleicher Güte?« »Die du aber auch wie keine andere verdienst. Oh, Mutter, ich erkenne ja auch alles Gute, das Herr Winkelmann an dir und mir getan und noch tut, aber ich hätte dich doch am liebsten bei mir gehabt.« »Damit wir hätten miteinander hungern können«, sprach bitter die Frau. »Oh, Hans – wenn du wenigstens jetzt auf einen guten Rat hören wolltest! Gib das Theater auf! Hättest du genügendes Talent, du hättest dich damit schon durchringen müssen.« »Talent«, Hans lachte grimmig, »sage doch lieber Glück. Tausendmal hat man mir gesagt, ich sei ein trefflicher Charakterspieler – aber was nützt mir das Lob, wenn kein praktischer Erfolg danach kommt.« »Das sage ich eben auch, und deshalb ist mir mein schwerverdienter Lohn so viel wert, denn er macht mich unabhängig von anderen. Warum zuckst du zusammen? Das hat doch kein Hieb auf dich sein sollen. Dich kommt das Bitten ja so schwer an, daß man dir gern, oh, wie gern gibt. Mache dir also das Herz nicht schwer, weil du jetzt Hilfe brauchst.« »Ja, ich ziehe dir den Lohn aus der Tasche, den schwerverdienten Lohn – denn daraus, daß du selber mir das Tor öffnetest, muß ich annehmen, daß du noch immer allein alle Dienste im Hause versehen mußt.« »So ist es auch. Herr Winkelmann haßt neue Gesichter, ich darf mir also keine Magd halten.« »Du wirst an dieser Sonderlingslaune noch zugrunde gehen.« »Oh – man arbeitet sich nicht so leicht zu Tode. Freilich, auch ich werde täglich älter, und Ruhe täte auch mir zuweilen not, aber kann ich es deshalb ihm, der so viel für dich getan hat, zumuten, zu tun, was ihm so zuwider ist, noch einen Menschen ins Haus zu nehmen? Das würde nur zu Szenen führen.« Frau Müller seufzte. Es entstand eine längere Pause. »Hat er denn wenigstens für dein Alter gesorgt?« fragte Hans plötzlich. Seine Mutter schüttelte den Kopf. »Er fürchtet ja das Sterben so sehr. Er denkt nicht daran, ein Testament zu machen.« »Und er ist doch schon sehr alt.« »Siebenundachtzig vorüber.« Wieder schwiegen sie. dann unterbrach Frau Müller die Pause. »Du hast dich sehr geändert«, sagte sie. »Früher hast du niemals nach derlei gefragt, da war dir das Geld von wenig Bedeutung.« »Ja, das ist jetzt gründlich anders geworden«, gab er zu. »Seit ich eine Frau habe, eine an Vornehmheit gewöhnte, zarte, kränkliche Frau, die ich anbete, und seit ich einen Sohn habe, der an unserer Armut vielleicht sterben wird, seither ist geradezu eine Besitzeswut, ein Gelddurst in mir erwacht, die mich bestimmen könnten, selbst ein Verbrechen zu begehen, um nur diesen beiden schaffen zu können, was sie bedürfen. Oh, Mutter, Mutter, manchmal fürchte ich mich vor mir selber, so ergrimmt bin ich gegen die Reichen, so gierig nach Besitz bin ich geworden.« Er war aufgesprungen und rannte wieder im Zimmer auf und ab. Seine Mutter schaute ihm erschrocken nach. Wie seine Augen glühten! Wie seine Lippen zitterten! Er sah zum Fürchten aus. Frau Müller redete beruhigend auf ihn ein, und er ward auch rasch wieder ruhig, er setzte sich jetzt sogar zu Tisch und sprach mit einer Gründlichkeit, die für die Leere seines Magens zeugte, den ihm vorgesetzten Speisen zu: dazwischen erzählte er seiner Mutter von dem Glück und Leid seines Lebens, und aus jedem seiner Worte redete die leidenschaftliche Liebe, die er zu Weib und Kind und zu seinem Beruf hatte. Wohl an zwei Stunden mochten Mutter und Sohn so miteinander verbracht haben, und schon rüstete sich Hans zum Gehen, um noch den Nachtzug zu erreichen, als ein schriller Klingelruf durch das Haus tönte. »Oh – der Herr will etwas«, sagte Frau Müller und verließ rasch das Zimmer. Hans trat ans Fenster, um zu schauen, ob es noch regne. Dabei murmelte er verdrießlich: »Wahrlich, ein schwerer Dienst. Sie ganz allein muß alles versorgen. Wahrhaftig, sogar seine Kleider flickt sie«, setzte er hinzu, als sein Blick zufällig auf die Gewandstücke fiel, die auf dem Nähtischchen und auf einem Sessel daneben lagen. Es war ein Schlafrock und eine schon ziemlich verbrauchte Hauskappe sowie mehrere Röcke und Westen. Als Müllers Augen darüber hinglitten, blitzte es in jenen auf. Er lächelte, er lachte nervös laut auf – dann tat er etwas Merkwürdiges. Er schlüpfte hastig in den Schlafrock, setzte sich die Mütze Herrn Winkelmanns auf und ließ sich dann auf dem Sofa nieder. Es herrschte schon Dämmerung, dennoch war noch alles ziemlich deutlich zu sehen. Hans Müllers Augen und Lippen lächelten, als er sich den Verlauf der nächsten Minuten vorstellte, und gar seltsam sah sein junges Gesicht unter der grauen Tuchmütze mit den breiten Ohrlappen aus. Aber jetzt – jetzt war es doch kein junges Gesicht mehr, jetzt war es das Antlitz eines alten, eines uralten Mannes, und die eben noch hochaufragende Gestalt war genauso verkümmert und zusammengeschrumpft wie diejenige des Herrn Arnold Winkelmann. Ein letztes Aufblitzen noch, und auch die Augen wurden glanzlos und sahen müde aus dem welken Gesicht heraus. Ja, Hans Müller verstand es mit schier unbegreiflicher Virtuosität und den kärglichsten Mitteln, aus seinem Äußeren das eines anderen zu gestalten. Die Türklinke ward niedergedrückt, Frau Müller kam zurück. Die Gestalt hatte sich vom Sofa erhoben und ging ihr schweren, langsamen Schrittes entgegen. Die Frau lehnte sich, bis in die Lippen erblaßt und an allen Gliedern zitternd, an die Wand. Ich bin wahnsinnig, dachte sie und fuhr sich über ihre Augen, die eben noch drüben den Herrn in seinem Bette gesehen und die ihn jetzt wieder sahen. Ja, das war der alte Herr; das war sein Gesicht, seine Gestalt, seine Bewegungen. »Mutter, habe ich dich zu sehr erschreckt?« klang es ihr jetzt entgegen, und die Mütze und der Schlafrock flogen in einen Winkel, und das Gesicht war wieder jung. Da sank Frau Müller in die Arme ihres Sohnes und weinte laut, so sehr war sie erschüttert worden. Hans führte sie zum nächsten Sitz und küßte ihr die Tränen von den Augen und bat ihr herzlich den dummen Streich ab. Natürlich vergab sie ihm, wie sie ihm noch alles vergeben hatte, und gab nun selber zu, daß er eine seltene Begabung zu täuschen und andere darzustellen besitze. Und als er nun, von der Zeit gedrängt, ein wenig eilig von ihr Abschied nahm, geschah es beiderseits mit gewohnter Herzlichkeit. »Und grüße mir deine Frau. Wenn ihr in B. drüben leben werdet, wo dir, wie du sagtest, ein Engagement angeboten wurde, dann sehe ich wohl sie und meinen Enkel.« »Gewiß, Mutter. Und nun tausend Dank.« »Sprich nicht. Wer soll dir denn helfen, wenn nicht deine Mutter? Und nun Gott befohlen.« Das waren die letzten Reden, welche die beiden miteinander wechselten, dann eilte Hans Müller fort. Sinnend kehrte seine Mutter in das Haus zurück. Noch oft an diesem Abend und in der ihm folgenden Zeit mußte sie an den furchtbaren Schrecken denken, den ihr Hans durch seine Verkleidungsrolle bereitet hatte, und oft dachte auch er mit einer gewissen Genugtuung an die vollendete Täuschung, die ihm gelungen, zurück; keiner aber von ihnen ahnte, welchen gewaltigen Einfluß jener augenblickliche Einfall auf ihr ferneres Leben nehmen werde. Zweites Kapitel An einem trüben Herbstmorgen klingelte der alte Herr vergeblich mehrmals seiner Dienerin. Frau Müller kam nicht, und doch wußte Herr Winkelmann ganz genau, daß sie im Hause, und zwar höchstwahrscheinlich in der Küche sei, um dort das Mittagsmahl zu bereiten. Eben vorbin war sie ja noch bei ihm gewesen, um sich zu erkundigen, ob er vielleicht heute gern einen Eierkuchen möge. Sie war ja immer so bereitwillig, ihm gefällig zu sein, und jetzt, jetzt kam sie nicht, obwohl er in minutenlangen Intervallen ihr schon viermal geklingelt hatte. Ein wenig ungeduldig und wohl auch neugierig und besorgt, langte Herr Winkelmann nach seinem Stock und machte sich auf die Suche nach seiner Wirtschafterin. Langsam, recht langsam ging er durch das Zimmer und den Korridor, an dessen Ende die Küche lag. Seine Beine hielten eben nimmer Schritt mit seiner Ungeduld. Und als er die Küche betrat, versagten sie ihm schier ganz den Dienst: er mußte sich schleunigst auf den Stuhl niederlassen, der gleich neben der Tür stand. »Josefa, mein Gott. Josefa, was ist Ihnen?« stammelte er und starrte erschrocken auf die Frau hinüber, die totenblaß neben dem Herd auf den weißen Fliesen saß. Der Kopf der Frau lehnte müde an der Herdmauer. Ihre Augen schauten verwirrt nach der Richtung, aus welcher eine Stimme irgend etwas zu ihr wie aus weiter, weiter Ferne herüberrief. Jetzt aber. ja. jetzt wußte Frau Müller schon, daß ihr Gebieter zu ihr redete, und mit Gewalt schüttelte sie das Gefühl des Schwindels und der halben Ohnmacht ab und richtete sich auf. »Verzeihen Sie. verzeihen Sie«, stammelte die arme Frau und richtete sich mühsam vom Boden aut. »ich habe das Läuten wohl vernommen, aber ich konnte mich nicht regen, so sehr hat mich diesmal der Schwindel erfaßt.« Mit müden Bewegungen und noch wankend, war Frau Müller, während sie sich entschuldigte, auf ihren Herrn zugegangen. »Also schon mehrmals war Ihnen ähnlich zumute?« sagte er leise und schaute scheu in ihre noch glanzlosen Augen, auf ihr Gesicht, das merklich angegriffen aussah. Sie nickte. Dann brach sie plötzlich in ein krampfhaftes Weinen aus und rief: »Oh, gnädiger Herr, schicken Sie mich deshalb nicht fort. Ich werde nach wie vor meine Arbeit tun – und solche Anfälle werden ja nicht zu häufig vorkommen. Wollen Sie mich wegschicken, finde ich doch keinen Platz mehr, und Sie wissen, ich habe jetzt auch noch für Hansens Weib und Kind zu sorgen.« »Schon gut, schon gut!« antwortete der alte Herr zerstreut. »Sehen Sie nur zu, wieder gesund zu werden. So könnte das ja nicht fortgehen, und fremde Gesichter, Sie wissen, wie ich fremde Gesichter hasse, tun Sie also schon mir zuliebe alles, um wieder gesund zu werden. Das Kochen lassen Sie nur für heute sein, etwas Tee genügt mir nach diesem Schrecken, und Sie können sich etwas aus dem Gasthaus holen. Bei dieser Gelegenheit geben Sie auch gleich an Doktor Kleiber eine Einladung auf die Post hierherzukommen, Sie müssen etwas für sich tun, liebe Müller.« Herr Winkelmann hatte sich erhoben und schlurfte aus der Küche hinaus. Er hatte offenbar einen ihn höchlich peinigenden Eindruck erhalten, und unter diesem Eindruck vergaß er ganz und gar seine gewöhnliche Freundlichkeit. Ja, dieser alte Mann, dem schon ein Sinn um den anderen untreu zu werden begann und der seinen Leib seit mehr denn siebenundachtzig Jahren auf Erden umherschleppte, der hatte vom Leben noch immer nicht genug, der dachte jetzt noch mit Entsetzen an den Tod! Wie sollte der seit jeher von Todesfurcht geplagte Mann nicht tief getroffen davon sein? Er war es, und seine Bestürzung sah so genau einer argen Verdrossenheit ähnlich, daß Frau Müller, ihres Gebieters Aufregung verkennend, schmerzlich bewegt zurückblieb. »Er ist halt doch nur ein alter Egoist«, sagte sie voll Bitterkeit zu sich selber. »Wohl zahlt er gut, aber er verlangt auch viel dafür; wohl ist er fast immer freundlich, aber muß man sich ihm dafür nicht völlig unterwerfen, jede seiner Eigenheiten schonen? Mein Unwohlsein trifft ihn nur um seiner selbst willen so hart, denn kann ich nimmer allein für ihn sorgen, dann muß er sich ja doch endlich an fremde Gesichter gewöhnen. Und das wäre ihm schrecklich, darum allein ängstigt er sich.« Ein herbes Lächeln umspielte die Lippen der Haushälterin, und langsam begann sie, obwohl ihr noch immer nicht ganz wohl war, sich wieder am Herde zu beschäftigen. »Oh, er soll wie sonst sein gutes Mittagsmahl haben«, höhnte sie und schürte so grimmig das Feuer, daß es hoch aufloderte, »ich will ihm so lange als möglich dienen; er soll keine Ursache haben, mit mir unzufrieden zu sein; solange ich mich noch regen kann, ist ihm ja meine Kraft verkauft. Oh, Hans, ich muß ja schon deinethalben aushalten, denn ich kann dich doch jetzt, da du meine Unterstützung so notwendig brauchst, nicht verlassen!« Seufzend hielt sie ein und begann mit dem Zurichten der Speisen. Aber ihre Gedanken kamen nicht los von dem heutigen Benehmen ihres Herrn. Immer mehr und mehr arbeitete sie sich in eine Bitterkeit hinein, zu welcher sie sich völlig berechtigt hielt. »Habe ich ihm nicht seit siebzehn Jahren treu gedient? Hat er nicht oft gesagt, daß Hans und ich ihm wie Verwandte seien? Und doch rührt er keinen Finger, um unsere Zukunft zu sichern. Und er täte ja damit niemandem ein Unrecht! Hat er doch keine Menschenseele in der Welt, die irgendeinen Anspruch auf sein Vermögen machen könnte. Aber nein, aus purer Feigheit macht er kein Testament, darin er uns ja jedenfalls bedenken würde. Ewig will er leben, der alte Narr, und fürchtet sich jetzt wohl, da ein anderer sich danach sehnen würde, wie ein Verrückter vor dem Sterben.« Sie lachte laut auf. Vor wenigen Tagen war der nächste Nachbar, ein alter, wackerer Gärtner, begraben worden, und da hatte es viele Leute gegeben, welche ihm die letzte Ehre erweisen wollten. Auch Musik gab es, jene unsagbar traurige, nervenaufregende Musik, welche zu all den anderen Qualen derer, die an einem eben erst geschlossenen Sarge stehen, noch eine neue Pein fügt und die doch schier jeder tapfer aushält. Einer aber, einer hatte sich beim Leichenbegräbnis des Gärtners entfernt, dieser eine war Herr Winkelmann. Als die ersten Töne des Trauerchorales anhuben, war er gerade im rückwärtigsten Teile seines Gartens gewesen. Plötzlich sah ihn die Wirtschafterin mit fast komischer Hast auf das Haus zueilen, und schon von weitem rief er ihr zu: »Haben Sie mir das nicht sagen können?« Danach humpelte er ins Haus, wo er bald ruhiger wurde, denn sie hatte schon alle Fenster geschlossen, damit nur ja kein Laut von draußen hereindringen könne. Als sie hinter ihm in sein Zimmer trat und sich entschuldigte und bemerkte, daß sie keine Ahnung davon gehabt, daß er eben jetzt im Garten gewesen sei, und ihm eben aus Schonung nichts von dem Sterbefall nebenan erzählt habe, da ward er ruhiger und ließ sich vollends bald durch ihr gleichmütiges Geplauder mit dem Entsetzlichen – daß zum mindesten andere Leute sterben – versöhnen. An diese Szene mußte Frau Müller jetzt denken und voll Bitterkeit laut darüber lachen. Oh, diese lächerliche Schwäche konnte ihr recht teuer zu stehen kommen! Herrn Winkelmanns unsinnige Menschenscheu kostete sie ihre Gesundheit, denn sie konnte sich gar nicht schonen, weil er ihr nicht erlaubte, sich eine Helferin zu halten, und seine unsinnige Furcht vor dem Tode brachte sie und die Ihrigen um eine wenigstens halbwegs gesicherte Zukunft; denn der alte Herr konnte sich zu keinerlei Verfügungen im Hinblick auf seinen Tod entschließen. In überaus verdrossener Stimmung bereitete Frau Müller das Mahl, und als sie es zu des alten Herrn Verwunderung und keineswegs unangenehmer Überraschung auftrug – war sie es, welche am wenigsten davon genoß. Sie pflegte, da er es seiner Bedienung halber schon seit vielen Jahren so wünschte, stets mit ihm an einem Tisch zu essen. Das war natürlich auch heute der Fall, und weil sie schon gereizt war, fiel es ihr heute überaus unangenehm auf, wie dringlich er sie immer wieder zum Zulangen nötigte. Wie ein Haustier, dessen Kraft er notwenig für sich braucht, füttert er mich reichlich und gut, dachte sie, und die Bissen schwollen ihr dabei im Munde. Um die sie ängstlich beobachtenden Blicke des alten Mannes loszuwerden und um seine Aufmerksamkeit überhaupt von sich abzulenken und wohl auch um ihn, der ihr heute so widerwärtig war, zu ärgern, begann sie von den großen Veränderungen zu sprechen, die demnächst schon in der Umgebung des Hauses Platz greifen würden. Hatte sie ihn wirklich ärgern wollen, dann war ihr Zweck erreicht; denn nun lenkte sich sein Denken auf die große Unruhe, die es bald, und zwar für lange Zeit, ringsum geben würde. Ein Bauspekulant hatte nämlich die an und für sich sehr gute, aber für Herrn Winkelmann außerordentlich ungünstige Idee gehabt, im vergangenen Frühjahr alle Gartengründe rings um den Winkelmannschen Besitz anzukaufen, um an ihrer Stelle einen neuen Stadtteil entstehen zu lassen. Jetzt, da der Herbst angebrochen und die Gärten fast geleert waren, begannen die einstigen Inhaber, denen schon im Frühjahr ihr Auszug zur Bedingung gemacht wurde, ihre bisherigen Heimstätten zu verlassen. Auch an den alten Herrn hatte jener Bauspekulant das Ansinnen gestellt, ihm seinen Besitz für Geld und gute Worte zu überlassen. – Herr Winkelmann aber hatte ihn kurz und ein für allemal abgewiesen, und das war sehr natürlich. Was lag dem alten Manne an ein paar tausend Gulden Gewinn, den er bei dieser Sache hätte haben können? Ihm war es um einen stillen, behaglichen Winkel zu tun, in dem er nichts von der Welt erfuhr und kein anderes Gesicht zu sehen brauchte als das seiner treuen, verläßlichen Wirtschafterin. Als er sein Gläschen Rotwein als »Magenschluß« getrunken, rollte sie ihm wie alltäglich seinen Armstuhl zum gemütlich prasselnden Ofen, schob ihm Kissen unter den Kopf und unter die Füße, reichte ihm die sorglich gestopfte Pfeife und den flammenden Fidibus und fragte dann, wie sie es jeden Tag Punkt zwei Uhr tat, ob er noch irgend etwas wünsche, ehe sie das Geschirr waschen gehe. »Nichts, Josefa, nichts«, antwortete er freundlich. »Der Brief an den Doktor ist wohl schon aufgegeben?« Das war nun nicht der Fall, doch Frau Müller bejahte, denn der alte Herr sollte sich nicht ärgern. Er nickte ihr denn auch befriedigt zu und sagte, nachdem er einen behaglichen Zug aus der Pfeife getan: »Also schauen Sie nur dazu. Sie müssen wieder gesund werden. Was täte ich denn ohne Sie?« Er sah das bittere Lächeln nicht, welches ihre Lippen verzog und das sich vertiefte, während sie den Tisch rasch abräumte und das Zimmer verließ. »Er ist und bleibt ein Egoist. Er denkt bei allem, selbst bei seinen Guttaten, nur an sich.« So murmelte die Frau vor sich hin, als sie der Küche zuschritt. Dort kam sie aber nicht sogleich zum Reinigen des Geschirrs, sondern begab sich in ihr Zimmer, um den Brief an den Doktor zu schreiben. Es blieb nicht bei diesem einen Brief. Sie schrieb auch an ihren Sohn. Der Brief trug, so wie ihr ganzes Wesen heute, den Stempel der Gereiztheit. Er lautete:   »Lieber Hans! Komme hierher. Du sollst Herrn Winkelmann begreiflich machen, daß ich nicht mehr alleine mit aller Arbeit fertig werden kann. Es wird Dir dies vielleicht besser gelingen als mir, die ich – seit ich die Sorge um Dich und die Deinigen habe und überdies körperlich nicht recht wohl bin – nervös und leicht reizbar werden würde und vielleicht ein unrechtes Wort sagen könnte. Das wird Dir nicht so leicht passieren und – Männer sprechen ja überhaupt leichter miteinander. Also komme! Ich habe große Sehnsucht nach Dir. Nach Dir und meinem Enkel und auch nach Deiner Frau, muß ich sagen – denn kenne ich auch Helene nicht, so habe ich sie doch schon liebgewonnen, und mich gekränkt, daß dein Engagement nach B. erst im Winter angeht und ich daher noch so lange darauf warten muß, Dein Kind und Deine Frau in meine Arme zu schließen. Wie gut muß Helene sein und wie sehr lieb muß sie Dich haben, da sie so klaglos Deine Armut mit Dir trägt! Du lieber Gott! Und ich, die ich von Wohlhabenheit umgeben bin, kann Euch nicht helfen, kann Euch nur hier und da einen Brocken hinwerfen. Und dies alles ist nur deshalb so, weil Winkelmann ein Egoist ist, weil er nur an sich denkt und um nichts in der Welt von seinen Eigenheiten lassen will. Aber jetzt lebe wohl, mein Hans. Und küsse mir die Deinigen, und komme, sobald Du kannst, zu Deiner Dich treu liebenden Mutter.«   Dieser Brief wurde samt dem, welcher an Doktor Kleiber adressiert war und in welchem der Doktor ersucht wurde, gelegentlich gegen Abend einmal im Hause Winkelmann vorzusprechen, von dem Mädchen, welches seit einigen Wochen die Milch und das Gebäck ins Haus brachte, mitgenommen. »Ins Haus«, das war nicht richtig, denn Annerl, so hieß das frische vierzehnjährige Ding, gelangte immer nur bis zur Vorgartentür. Dort erwartete sie meist schon Frau Müller, um ihr die Waren abzunehmen und die Bezahlung dafür in die Hand zu drücken. In das Haus jemanden kommen zu lassen, das hätte sie nicht gewagt; aber ihr öfter auftretendes Unwohlsein zwang sie, sich ihren Dienst wenigstens insofern zu erleichtern, als sie sich den täglichen Bedarf an Lebensmitteln jetzt vor das Haus bringen ließ. Herr Winkelmann wußte davon und hatte dagegen nichts einzuwenden gehabt. Am zweitnächsten Tage war er ein wenig aufgeregt, aber es mußte keine geradezu unangenehme Aufregung sein, die ihn befallen und schon die ganze Nacht wach gehalten hatte. Als er Frau Müller beim Kochen wußte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und schrieb einen Brief. Er hatte eine recht charakteristische Schrift, der alte Herr, schon charakteristisch gemacht durch das Papier und die Feder, die er benutzte. Er schrieb, was immer es sein mochte, auf grobem, geschöpftem Papier, davon er einstmals eine größere Partie bezogen hatte. Da nun der alte Herr sehr selten etwas zu schreiben hatte, befand sich fast noch der ganze Vorrat dieses Papiers in einer der tiefen Laden seines Schreibtisches. Es war elfenbeingelb, von großem Format und so schwer zerreißbar wie Pergament. Der alte Herr schrieb noch mit Kielfedern, und so brauchte er hübsch viel Platz für seine große, weite Schrift. Auch sein heutiger Brief hatte eine recht bedeutende Ausdehnung. Während er schrieb, lauschte er zuweilen und drehte sich mißtrauisch um. Er schrieb also etwas, das Frau Müller nicht sehen sollte. Unfreundliches aber oder gar ihr Feindliches konnte sein Brief nicht enthalten, denn während er ihn unterschrieb, lächelte er voll Güte und sagte leise vor sich hin: »Das Opfer muß gebracht werden, für mich gerade so gut wie für sie. Ja, auch die Müller ist nimmer jung. Na, ich bin neugierig, ob ich mich noch an ein kleines Kind gewöhne und an diese Fremde, die den guten Hans – wie ich höre– sogar glücklich macht.« Wieder lauschte der alte Herr, aber nein, die Müller kochte ja am anderen Ende des Hauses – die kann jetzt nicht so bald herüber. Herr Winkelmann wollte den Brief ganz postfertig machen. Er faltete ihn so klein, als es der große Bogen zuließ, zusammen und steckte ihn in ein Kuvert, das er nun versiegeln wollte. Aber das verschob er doch lieber, denn er fühlte sich jetzt recht müde. Offen aber mochte er den Brief nicht liegenlassen, und so zog er aus dem alten, weiten, schwarzsamtenen Hausrock, den er heute trug, eine große Brieftasche und legte den Brief hinein. Er tat es ein wenig eilig und schloß die Brieftasche rasch wieder. Er seufzte auch dabei und wollte schon die Brieftasche in die Schreibtischlade legen, doch besann er sich und ließ sie wieder in den tiefen Sack des Rockes gleiten. »Ich muß es bei mir haben«, murmelte er, »Kleiber muß es ja unterschreiben. Recht gut, daß ich so rasch einen Zeugen finde.« Eine halbe Stunde später trug die Müller das Essen auf. »Ihr Schlafrock, gnädiger Herr, ist schon wieder instand gesetzt. Ich habe ihn auf Ihr Bett gelegt«, meldete sie, als sie die Suppe herausschöpfte. »Schön, schön«, sagte der alte Herr, »heute aber werde ich ihn nimmer anziehen. Es kommt ja wohl Doktor Kleiber, da schickt es sich doch besser, ich behalte diesen schwarzen Flaus an.« »Wie der gnädige Herr wünscht«, antwortete Frau Müller gleichmütig und löffelte in ihrer Suppe. Sie bemerkte es nicht, daß ihres Gebieters müde, alte Augen ganz ungewöhnlich gütig auf ihrem schon recht welken Gesicht ruhten. Seine hagere Hand strich dabei über die Brieftasche, die seinen Rocksack hinunterhängen machte. Dies geschah um halb zwei Uhr. Eine halbe Stunde später überreichte Josefa Müller ihrem Gebieter, wie alltäglich um diese Zeit, seine gestopfte Pfeife. Herr Winkelmann mußte zerstreut sein. Er lächelte seine Wirtschafterin überaus freundlich an, aber er nahm seine Pfeife nicht. Seine Hand hatte sich in die tiefe Tasche seines Rockes versenkt. Endlich wußte er, was sie von ihm wollte. »Ah, entschuldigen Sie. Ich dachte soeben an den Doktor. Ich hoffe nämlich sicher, daß er kommt. Meinen Sie nicht auch?« Herr Winkelmann griff nach der Pfeife. Seine Wirtschafterin empfahl sich mit einer gewissen Steifheit von ihm. Die Frau war gegen sonst wie ausgewechselt. Das Wohlwollen, welches sie noch vor kurzem für ihren Gebieter gehabt hatte, war einer Art von Ingrimm gewichen. Sie nannte ihn bei sich nur mehr ›den Egoisten‹. Ihre Nerven waren entschieden in übler Verfassung, sonst hätte sie nicht seit einiger Zeit alles so ganz anders angesehen als sonst. Es hatte sich ja in der Tat bezüglich ihres Herrn nichts, aber auch gar nichts verändert. Sie freilich, sie war nicht nur physisch derzeit übel daran, sondern ihre Seele war auch schon seit dem letzten sommerlichen Besuch ihres Sohnes in großer Sorge. Wie sollte sie auf die Dauer ihrem Liebling und seiner Familie auch nur ein wenig das Leben verschönern? Sie sandte Hans ihren Lohn, aber wie wenig war das dort, wo es hinreichen sollte, eine zarte Frau, ein kränkliches Kind vor allzu großen Entbehrungen zu schützen. Ja, Josefa Müller lebte in bitterer Sorge, und diese war vielleicht auch die Quelle ihrer körperlichen Leiden. An dem Tage, von welchem wir sprechen, es war der vierzehnte November, war sie noch unruhiger als sonst. Sie erwartete ihren Sohn. Sie hoffte, oh, sie wußte es, daß er so bald als irgend möglich kommen würde. Das Reisegeld hatte sie ihrem Brief beigelegt, Urlaub konnte er, der unbedeutende Schauspieler, sicherlich auch bald haben, denn sein Wegsein störte ja kaum das Repertoire seiner Bühne, was sollte also Hans verhindern, zu seiner Mutter zu kommen? Wie sie sich nach ihm sehnte! Es war schon krankhaft. Nun, wäre es auch ein Wunder, wenn einer im Zusammenleben mit solch einem Sonderling, wie Herr Winkelmann es war, ebenfalls anfinge, absonderlich zu denken und zu empfinden? Frau Müller kam, wie wir sehen, immer wieder auf ihren Gebieter zurück, und die Gereiztheit gegen diesen wuchs mehr und mehr in ihrer Seele. Aber auch ihre schier unsinnige Sehnsucht nach ihrem Sohn ließ sie nicht ruhig werden. Als sie, es war die Nacht schon eingetreten, wieder am Tor stand, nahten endlich eilige Schritte. Ja – es war Hans! Sie wußte es ja, er würde so rasch, als es ihm irgend möglich war, kommen. Lachend und schluchzend zugleich fiel sie ihm um den Hals. »Ei, ei, ganz wie ein Liebespaar!« sagte in diesem Augenblick eine freundliche Stimme. Sie gehörte dem Doktor Kleiber. Er war gegen seine Gepflogenheit zu Fuße gekommen. Der Doktor wohnte nicht in der Stadt, sondern auf einem Dorf, das freilich jetzt schon fast an die Stadt grenzte, aber doch immer noch eine eigene Gemeinde bildete. Dorthin hatte sich der noch nicht alte, aber kränkliche und zum Glück wohlhabende Mann zurückgezogen, um, fast ohne Praxis, still für sich zu leben. Er war verheiratet und besaß eine Tochter, welche seit mehreren Jahren mit ihrem Mann in Trient lebte. Noch unter Tränen lächelnd, reichte Frau Müller dem freundlichen Mann die Hand und scherzte: »Oh, Herr Doktor, wir sind auch Liebende, gerade so ein Liebespaar, wie Ihre Frau Tochter und Sie es sind. Ich habe es nicht vergessen, wie selig Sie ihr in die Arme flogen, als sie im letzten Winter unvermutet heimkam. War ich doch gerade in P. draußen, um unseren Holzvorrat zu ergänzen. Da ging ich, eben als der Wagen mit Ihrer Tochter ankam, an Ihrem Hause vorbei.« So plaudernd, führte Frau Müller den Doktor ins Haus. Hans sperrte das Tor ab und folgte ihnen. Er hörte seiner Mutter Reden so wie die Entgegnungen des Doktors ganz genau. »So haben Sie uns also damals belauscht?« entgegnete Kleiber und setzte hinzu: »Da werden Sie es auch verstehen, wie ich mich nach meinem fernen Kinde sehne. Eben jetzt, sehen Sie, meine liebe Frau, eben jetzt bin ich auf dem Wege zu ihr.« »Wahrhaftig. Sie sind zu einer Reise gerüstet« »So ist's. Um neun Uhr fünfundzwanzig geht mein Zug ab.« »Und doch haben Sie sich Zeit genommen, noch zu uns zu kommen?« »Ja, ich fürchtete, dem alten Herrn sei etwas zugestoßen.« »Keine Spur! Der ist frisch wie ein Fisch im Wasser. Ich bin es, die sich unwohl fühlt. Gleichwohl möchte auch der Herr mit Ihnen sprechen.« »Also gehen wir.« Sie gingen schon die Stiege hinauf. Hans blickte besorgt auf seine Mutter. Also sie war krank! Hatte sie ihn vielleicht nur deshalb hierhergerufen? War sie besorgt um sich, um ihn, und wollte sie über die Zukunft mit ihm sprechen? Ihr Brief war so dringlich. Des armen jungen Menschen Herz zog sich zusammen. Alle drei traten zugleich bei dem alten Herrn ein. »Grüß Gott!« rief dieser frohgemut. Galt es dem Doktor? Galt es Hans? Er streckte beiden seine Hände entgegen. »Sie sehen ja wie einer aus, der eine Reise tut?« fuhr Herr Winkelmann fort und zeigte auf des Doktors Reisepelz und Umhängetasche. Jetzt erst, im vollen Licht der hellbrennenden Lampe, bemerkten die drei, wie unruhig Doktor Kleiber aussah. Er legte den Hut, den Pelz und die Tasche weg und setzte sich zu dem alten Herrn. »Ich werde von hier aus eine Reise antreten«, sagte er und zog seine Uhr aus der Westentasche. »Für Sie, lieber Freund, bleibt mir nur noch eine Stunde, dann heißt es Abschied nehmen, für immer.« »Für immer? Warum?« fragte hastig der Greis. »Meine Tochter ist hoffnungslos krank – lebt vielleicht nimmer, bis ich in Trient eintreffe. Meine arme Frau ist schon dort, sie schrieb mir vor einigen Tagen, daß sie an Rückkehr nimmer denkt. Unsere Enkel brauchen uns dort. Mein Schwiegersohn ist an seinen Amtsort gebunden, und da er nicht zu uns kommen kann, müssen wir eben zu ihm ziehen. Was hält mich denn auch hier? Nichts. Und so gehe denn auch ich. Meinen Haushalt löst mein Neffe auf, und so kann ich, nachdem ich heute telegrafisch nach Trient berufen wurde, sofort zu Luise eilen und habe nichts mehr hier zu tun, als auch noch von Ihnen Abschied zu nehmen.« »Wie traurig dies alles ist – auch für mich wie traurig«, sagte Herr Winkelmann. »Mit Ihnen geht der einzige Mann, zu dem ich noch Vertrauen hatte.« »Oh, gnädiger Herr!« warf betrübt Frau Müller ein; Herr Winkelmann begriff sie. »Ist Hans nicht immer mein Liebling gewesen?« fragte er. »Aber kommt es zu etwas Ernstlichem, dann – dann möchte ich den Doktor hier haben. Du nimmst mir das doch nicht übel, Hans?« Der junge Mann beugte sich trüb lächelnd über ihn und küßte seine welke Hand. Danach sagte Herr Winkelmann: »So – und jetzt führe deine Mutter hinaus. Ich habe mit dem Doktor zu reden. Ich will ihn nicht lange aufhalten, Frau Müller«, warf er den beiden nach, als Mutter und Sohn das Zimmer verließen. * Der nächste Morgen, der Morgen des 15. November des Jahres 1881, fing eben zu dämmern an. In der Gärtnergasse herrschte tiefe Stille. Die Marktwagen waren längst schon nach der Stadt gefahren, und somit lag die Gasse wieder in gewohnter Ruhe da. Die beiden Laternen an ihren Enden brannten noch, doch konnte man ihr Licht kaum durch den dicken Nebel erkennen. Und so war es auch mit dem Licht, das in einer Laterne flammte, welche im Hintergrund des Winkelmannschen Gartens auf einer Bank stand. Es war eine grüngestrichene Bank, und der Tisch, welcher an die Gartenmauer gerückt war, gehörte offenbar zu ihr. Er trug heute eine seltsame Last. Ein Mann stand auf ihm; der Mann schaute über die Mauer hinweg. So groß er war, mußte er sich, um dies tun zu können, noch auf die Zehenspitzen stellen. Sein angstvolles Auge überblickte, soweit dies der Nebel zuließ, den Nachbargarten. Nein, von dieser Seite her brauchte man nicht zu fürchten, daß einem jemand bei einem heimlichen Werke zusehen würde! Nachdem sich der Lauscher darüber versichert hatte, verließ er seinen Posten. Er sprang leichtfüßig von dem Tische auf den weichen Gartenboden herab. Jetzt fiel das Licht der Laterne in sein Gesicht Er sah sehr bleich, aber auch sehr trotzig und entschlossen aus; es war das Gesicht Hans Müllers. Er wendete sich einem nahen Gebüsche zu. Darin kauerte, von den Zweigen fast versteckt, seine Mutter. Sie blickte scheu zu ihm empor. »Nun?« fragte sie mit heiserer Stimme. »Natürlich ist niemand da. Wir können beginnen. Oder – Mutter – lasse es mich allein tun.« Sie schüttelte den Kopf und erhob sich. Stumm ging sie an ihm vorüber und nahm das eine der beiden Grabscheite, die an der Bank lehnten. Hans folgte ihrem Beispiel Sie gingen zu einer Stelle, welche unstreitig die schönste des Gartens war. An drei Seiten von hohen, herrlichen Tannen umgeben, hatte man nur von der vierten aus einen freien Blick, konnte nach der efeuübersponnenen Mauer hinüberschauen, zu deren Füßen wilde Rosen und Fliederbüsche standen. Auf dieses heimliche Plätzchen fiel jetzt der matte Schein der Laterne. Er leuchtete zu einem grausigen Werke. Die beiden gruben ein Grab. Daß es nichts anderes werden sollte, das bewies das schauerliche Schweigen von Mutter und Sohn, das bewies ihr verzweifelt hastiges Arbeiten, und das bewiesen die entsetzen Blicke, mit denen sie aufschauten, wenn irgendwo in ihrer Nähe ein welkes Blatt zur Erde taumelte. Als sie mit ihrer Arbeit zu Ende waren, wischten sie sich den kalten Schweiß von den Gesichtern und gingen, ohne einander anzusehen, ins Haus. Die Laterne war nun schon überflüssig geworden. Hans löschte das Licht und trug sie mit hinein. Noch immer war es nicht hell geworden, denn noch deckte grauer Nebel die Erde und hüllte sie in eine unheimliche Dämmerung. Und diese Dämmerung paßte zu dem unheimlichen Werk, das in ihr vollendet wurde. Josefa Müller und ihr Sohn traten wenige Minuten, nachdem sie hineingegangen, wieder aus dem Haus. Sie trugen eine Last, eine entsetzliche Last. Sie trugen einen alten Mann, aus dessen verzerrtem, blau unterlaufenem Gesicht glanzlose Augen gen Himmel schauten. Die Hände des Toten waren geballt, sein schwarzsamtener Rock wies einen Riß auf, und große Blutflecken färbten den Ärmel seines weißen Hemdes. Der Tote war Arnold Winkelmann. Die beiden legten ihn in die tiefe Grube und warfen dann die Erde auf ihn. Der Boden war wieder glatt und mit weißem Kies bestreut. Bank und Tisch standen auf der gewohnten Stelle. Und doch sah der erste Sonnenstrahl etwas Ungewöhnliches, sah ein totenbleiches Weib und einen nicht minder blassen Mann einander in die Arme stürzen und einander fest umschlungen halten. Die Augen des Weibes hatten keine Tränen, die glühten in unheimlichem Feuer, und was ihnen aus denen des Sohnes entgegenschaute, war grimmiger Trotz. »Wirst du es nicht bereuen?« raunte sie ihm zu, und er antwortete: »Niemals, Mutter, niemals.« Hans lächelte grimmig. Der Blick, den die zwei dabei auf das heimliche Grab warfen, war so seltsam, daß ihn keiner hätte enträtseln können. Scheu, Entsetzen, Trauer und Trotz hatten ihren Anteil daran, und es schien, als könnten sich beide von diesem Grabe nicht trennen. Doch ermannte sich Hans bald, und zog seine Mutter mit sich fort. Eine Viertelstunde später flammte es hell in dem großen Herde auf. Diesmal machte sich Hans in der Küche zu schaffen. Er warf eben, als seine Mutter schweren Trittes in den freundlichen Raum trat, einen blütenweißen, mit Stickerei besetzten Kissenüberzug in die Flammen. Das schöne Gewebe verzehrte, sich bald in der Glut – doch schon von ihr erfaßt, zeigte es noch deutlich die roten Flecken, um derentwillen es vernichtet wurde. Stieren Blickes schaute Josefa Müller darauf hin, dann sank sie, einen Schrei ausstoßend, zusammen. Ihr Sohn sprang auf sie zu. »Mutter, Mutter!« rief er mit erschreckter Stimme. »Wenn du mir stirbst, muß ich ja unsere Tat verfluchen. Bleibe bei mir, hilf mir tragen, was wir uns aufgeladen haben – sonst werde ich wahnsinnig.« Langsam, müde richtete sie den Kopf empor, und ihr Auge suchte das seine. »Ich will leben, Hans«, sagte sie leise, »ja, ich will leben. Wozu hätten wir es sonst getan? Und allein – nein, allein könntest du es nicht ertragen.« Wie sie ihn ansah! So schaute die Mutterliebe – der Wahnsinn der Mutterliebe meinetwegen – und doch die stärkste, die herrlichste Liebe, selbst dann noch unbegreiflich groß, wenn sie vom Verbrechen besudelt wurde. Hans begriff dies, und deshalb riß er sie an sich und küßte ihr voll wilden Dankgefühles die müden Augen, die eisigen Hände; dann führte er sie zärtlich wie ein Liebender nach ihrem Zimmer. * Herr Arnold Winkelmann war also tot und heimlich in seinem Garten begraben. Ja, so war es. Als aber acht Tage später das hübsche Milch-Annerl wie gewöhnlich ihre Ware zum Tor brachte, da sah sie ganz deutlich den alten Herrn wie sonst hinter den spiegelnden Fensterscheiben seines Zimmers sitzen. Drittes Kapitel Im Winkelmannschen Hause hatte sich für die wenigen Menschen, die mittelbar dafür zu tun hatten, nichts geändert, nichts Wesentliches wenigstens; es lebte eben jetzt außer dem alten Herrn und Frau Müller ein großer, schöner Hund darin. Diesen hatte Hans noch im Laufe des Novembers seiner Mutter gebracht. Josefa Müller war furchtsam, außerordentlich furchtsam geworden. Das schien niemandem ein Wunder, denn Herrn Winkelmanns Haus, sonst von wohlgepflegten Gärten und den Wohnstätten fleißiger Menschen umgeben, stand jetzt inmitten einer wahren Wüstenei. Gleich nach dem Ausziehtermin hatten die Bevollmächtigten des Bauunternehmers mit der Demolierung der Häuser und Planken begonnen, damit man baldigst zur Neuparzellierung der weithingedehnten Gründe schreiten könne. Nach wenigen Monaten schon war dies geschehen, und noch war der Winter nicht völlig zu Ende, begann schon allenthalben eine schier fieberhafte Bautätigkeit. Wie die Schwämme wuchsen, mit geradezu unbegreiflicher Schnelligkeit, hohe Mietshäuser aus dem Boden hervor, dem ein halbes Jahr zuvor noch die blühenden Kinder Floras und Pomonas entstiegen waren. Das einzige stille Plätzchen im neuen Viertel bildete der Winkelmannsche Besitz. An einem naßkalten Frühlingsmorgen ward an dessen Tor die Klingel gezogen. Frau Müller trat bald danach aus dem Hause und kam blaß und müden Schrittes herbei. Sie muß ernstlich krank sein, dachte der Fleischer, der mit seinem langen Strohzöger draußen stand, um, wie alltäglich, den Hausbedarf zu bringen. Er zog artig die Mütze. »Guten Morgen, Frau Müller«, sagte er freundlich, »heute hätte ich ein schönes Stückchen für Ihren Herrn. Sie haben es zwar nicht bestellt, aber ich dachte, daß ich's doch mitnehmen solle. Sie haben ja so oft gesagt, daß Ihr Herr die Karbonaden gern habe, und es fiel mir ein, daß er schon seit dem Herbst keine mehr gegessen hat.« Die Frau hatte ihm anfänglich mit dem trüben Gleichmut zugehört, den er schon seit Monaten an ihr kannte, bei seinen letzten Worten aber fuhr sie merkwürdigerweise zusammen, wurde rot und schaute ihn sichtlich bestürzt an. »Ja, ja, Sie haben recht. Er hat schon lange keine Karbonaden gegessen, darum geben Sie her, und – und bringen Sie jetzt öfter welche.« Merkwürdig hastig war ihre Rede, merkwürdig unruhig ihr ganzes Gehabe. Der Mann schaute sie aufmerksam an, das schien ihr widerwärtig zu sein, denn völlig gereizt fuhr sie ihn an: »Warum betrachten Sie mich so aufmerksam? Was fällt Ihnen denn an mir auf?« »Nichts, als daß Sie recht, recht krank sein müssen, Frau Müller«, sagte er gutmütigen Tones und fuhr fort: »Es ist merkwürdig, der alte Herr bleibt sich immer gleich, dem fehlt nie etwas, der ist womöglich noch gelenkiger als früher. Das ist mir erst letzthin aufgefallen, wie ich hier vorübergekommen bin und ihn ans Fenster treten sah, und Sie, die so viel jünger sind, werden jetzt auf einmal so gebrechlich. Sie müssen sich halt nicht so viel plagen. Ich wüßte jetzt ein prächtiges Mädchen für Sie.« »Oh, ich brauche noch lange keine Hilfe«, sprach sie hastig und setzte hinzu: »Überdies will der gnädige Herr keine fremden Gesichter sehen.« »Na, daran wird er sich doch gewöhnen müssen«, meinte gleichmütig der Fleischergehilfe, »oder er darf gar nimmer zum Fenster gehen. In der nächsten Woche wird ja schon da drüben mit dem Bauen begonnen, und dann ist es wohl für immer aus mit der Stille hier herum. Überdies werden auch bald andere Leute Ihnen den Hausbedarf liefern, denn – das wissen Sie wohl noch gar nicht – auch unsere sowie alle Nachbargassen werden rasiert, und jeder, der dort ein Geschäft hat, muß sich nach einem anderen Laden und einer anderen Kundschaft umsehen.« In Frau Müllers Augen hatte es bei dieser Nachricht aufgeblitzt; doch rasch war das seltsame Feuer darin wieder verlöscht, und scheinbar gleichgültig – in Wahrheit aber mit verhaltenem Atem – fragte sie: »Also werden Ihr Herr und unsere anderen Lieferanten nicht hierbleiben? Die neuen Häuser werden ja doch auch Läden erhalten.« »Ja, aber kleine Geschäftsleute können so großen Zins, wie man ihn dafür fordern wird, nicht zahlen. Nein, nein, darum bleibt nichts übrig, als wieder an die neuen Grenzen der Stadt zu ziehen. Jetzt aber muß ich gehen. Behüt Gott, Frau Müller.« Wieder zog der Mann die Mütze, empfahl sich artig und ging. Frau Müller schaute ihm noch eine Weile nach. Ihre Augen glänzten jetzt wieder, und ein Seufzer der Erleichterung drang aus ihrer Brust. »Es wird wohl wahr sein, was er da gesagt hat«, murmelte sie, »und ist es wahr, dann ist es für uns sehr gut; dann wird die Gefahr der Entdeckung bedeutend geringer.« Wieder seufzte sie. Die augenblickliche Befriedigung über das Gehörte war dahin, und sie war wieder die Beute der Reue und der Angst, die seit jener entsetzlichen Novembernacht an ihr zehrten. Müden Schrittes ging sie ins Haus. Sie schauderte, als sie über die Schwelle trat. Sie schauderte jedesmal, wenn sie dies tat, und der Frost war schier nimmer von ihr gewichen, seit sie allein das Haus bewohnte. Ja, allein, denn ihr Sohn konnte nur selten bei ihr sein, kam nur jeden Monat auf zwei bis drei Tage hierher, um den alten Herrn zu spielen, um sich den spärlichen Vorübergehenden in der Maske Herrn Winkelmanns zu zeigen und um alle mögliche Hausarbeit für seine jetzt ernstlich kränkliche Mutter zu verrichten. Hans Müller, der kunstbegeisterte Mime, hatte durch seine Tat für sich rein gar nichts gewonnen; hatte sich damit außer Angst und Gewissensqualen auch noch sonstige Ruhelosigkeit und Unbequemlichkeit geschaffen, denn er mußte jede Stunde gewärtig sein, von seiner unglücklichen Mutter heimberufen zu werden, weil sie seines Rates und seiner Hilfe bedurfte, mußte im Winkelmannschen Hause heimlich mancherlei Arbeiten verrichten, an die er früher niemals Hand angelegt hatte, und mußte außer im Theater auch noch vor seinem Weibe und bei seiner Mutter Rollen spielen: vor seinem Weibe die Rolle des glücklichen Mannes, der durch Erbschaft plötzlich wohlhabend geworden, ihr und seinem Söhnchen nun alles Notwendige und allerlei darüber hinaus bieten konnte, und bei seiner Mutter, die ihm jetzt unbeschreiblich peinlich gewordene Rolle des alten Herrn. Mit Bitterkeit im Herzen mußte er sich jetzt darüber freuen, daß er ein so unbedeutender Schauspieler geblieben, denn wäre es nicht so gewesen, hätte er sich nicht so leicht frei machen können, um von seinem Domizil aus die Hauptstadt aufzusuchen. An all dies, an ihren Sohn und an den Toten, der im Garten in seinem heimlichen Grabe schlief, indessen die wenigen Leute, die ihn kannten, ihn noch zu den Lebenden zählten, dachte Josefa Müller, während sie langsam die Treppe hinaufstieg. Sie hatte, um eine Stütze zu finden, die Hand auf die polierte Stange gelegt, welche sich zu diesem Zweck an der Stiegenwand hinaufzog, doch zog sie plötzlich die Hand zurück und barg sie in den Falten ihres Rockes. Es war ihr in Erinnerung gekommen, wie oft der alte Herr sich einstmals auf diese Stange gestützt hatte, und es schien ihr plötzlich, als brenne das glatte Holz unter ihren Fingern. So erging es ihr oft und oft, und damit war ihr der Besitz, den sie sich in jener Nacht gesichert hatte, zur unbeschreiblichen Qual geworden. Überall tauchte ja des alten Herrn Gestalt vor ihr auf, immer sah sie seine brechenden Augen, sein verzerrtes, blaurotes Gesicht, seine blutbefleckte Gewandung vor sich, hörte ihn hüsteln, hörte ihn umherschleichen, wie er es zu seinen Lebzeiten getan, und konnte das gräßliche Empfinden, daß er allzeit in ihrer nächsten Nähe sei, nicht loswerden. Verbrechen rentieren sich niemals. Das mußten auch diese Mutter und ihr Sohn empfinden, die durch ihre Tat zwar wohlhabend, ja fast reich, aber auch innerlich unsagbar elend geworden waren. Zu fürchten hatten sie eigentlich nichts. Wer sollte ihre Tat entdecken? Wer interessierte sich für den alten Herrn? Seit vielen Jahren hatten sich weder Bekannte noch Verwandte bei ihm gemeldet Er selber hatte gesagt, daß er letztere nimmer habe, und entere waren längst von ihm abgeschüttelt worden; Doktor Kleiber, der einzige Gast, der je über des Hauses Schwelle gegangen war, seit Winkelmann es bewohnte, hatte die Stadt für immer verlassen, und überdies waren alle Nachbarn, die den alten Herrn wenigstens vom Sehen her gekannt hatten, fortgezogen, und somit war niemand mehr da, welcher die Verhältnisse im Winkelmannschen Hause auch nur einigermaßen gekannt hätte. Nun wurden auch die nächsten Straßen geräumt, und es veränderte sich also die Umgebung des kleinen Gutes bis auf weithin so gänzlich, daß keinerlei Gefahr mehr bestand, jene heimliche Tat könne entdeckt werden. Später einmal, wenn kein Bekannter mehr in der Nähe war, konnte man Haus und Garten verkaufen und irgendwo in der Ferne eine neue Heimat gründen. So dachten Mutter und Sohn, und daß sie sich diesen Zeitpunkt herbeisehnten, ist leicht verständlich. Bis dahin aber mußte Frau Müller die Qual ertragen, an die Stelle gefesselt zu sein. Als sie jetzt, nach dem Gespräch mit dem Fleischer, sich allein befand, ward es ihr klar, daß sie trotz aller Vorsicht immerhin Fehler begangen hatte, welche schuld sein konnten, daß ihre Sicherheit gefährdet wurde. Die Kleinigkeit bezüglich der Karbonaden war solch ein Fehler. Wie hatte sie es unterlassen können, die Lieblingsgerichte ihres Herrn weiter zu beziehen? An Quantitäten hatte sie niemals gespart, sondern hatte stets genausoviel an Waren bezogen als früher; aber verschiedene Luxusartikel, die sie sonst gekauft, schaffte sie aus angeborenem Sparsinn nimmer an, seit der, welcher sie früher genossen, ihrer nimmermehr bedurfte. Das mußte von nun an wieder anders werden, mindestens für so lange anders werden, als noch die bekannten Geschäftsleute in der Nähe waren. Pluto, so hieß der Hund, hatte ja einen schier bodenlosen Magen, der vertilgte alles, was an verderblichen Dingen ins Haus geschafft wurde, der würde von nun an eben eine sehr leckere Kost haben. So war es auch. Pluto wurde der verwöhnteste Hund der großen Stadt. Er fraß die feinsten Braten und die teuersten Fische. Das war sehr natürlich. Josefa Müller konnte nämlich keinen Bissen von dem, was sie angeblich für ihren Gebieter kaufte, hinunterbringen. Oftmals hatte sie es mit einer Art grimmigen Trotzes versucht, eines der leckeren Stücke, die sie für sich selber bestellt hatte, zu genießen; doch jedesmal war ihr der Bissen im Munde angeschwollen, und so bekam eben Pluto, was die von Gewissensangst gefolterte Frau selber nicht zu essen vermochte. Auch in anderer Beziehung war sie überaus genau. Wie zu Lebzeiten des alten Herrn, so hingen auch allmonatlich an einem bestimmten Tage seine blütenweißen Wäschestücke zum Trocknen im Garten, den die hohe Mauer schon längst nicht mehr vor neugierigen Blicken sicherte. War er ja schon von zwei Seiten her von hohen Mietshäusern umgeben, und eben jetzt erhob sich an seiner dritten Seite ein ebensolcher Bau. Zu Ende des Winters, als man zu bauen begonnen hatte, schauten nur die neugierigen Handlanger von ihren Gerüsten aus in den uralten, selbst damals schattenreichen Garten hinein, in dessen Hintergrund herrliche Fichten und mehrere Kiefern mit ihren weit ausladenden Ästen den Gartenzaun teilweise verdeckten. Ihnen zuliebe hatte Frau Müller die Komödie der Betreuung des alten Herrn aufrechterhalten, denn – so dachte sie ganz richtig – diese Leute konnten es ja erfahren haben, daß es hier einen alten Herrn zu betreuen gab, ja, sie mußten ihn selber schon am Fenster gesehen haben, denn dort mußte er sich der wenigen Personen halber zuweilen zeigen, welche mit seinem Haus in geschäftlicher Verbindung standen und welche nicht ahnen durften, daß es keinen alten Herrn mehr gab. Noch aber war das dritte der angrenzenden Häuser nicht vollendet, als das erstgebaute auch schon bezogen wurde, und so wagte es Josefa Müller nicht, ihre Komödie abzubrechen. So kam es denn, daß Monat um Monat und schließlich Jahr um Jahr verging und noch immer von Zeit zu Zeit die Wäsche des toten Herrn Winkelmann im Garten trocknete und noch immer hier und da Leckerbissen für ihn eingekauft wurden. Den Einkauf aber besorgte seine Wirtschafterin jetzt auswärts, und zwar ziemlich weit weg vom Hause, denn sie wollte natürlich die Kontrolle über ihr Tun so fern als möglich halten und überdies zuweilen eine andere Luft atmen als die, welche in ihrem Heim bleischwer auf ihr lastete. Und doch war dieses Heim jetzt nimmer so trostlos als ehedem. Eine junge Frau und ein Kind, ein fröhlicher Knabe, teilten es ja mit ihr, und ihr Sohn, der das Bühnenleben aufgegeben hatte, lebte auch daselbst, nun sein eigener Herr, aber freilich auch sein eigener Diener, denn weder er noch seine Mutter wagten es, Dienstleute zu halten. Die junge Frau, Helene Müller, war gewiß auch krank; sie hätte sonst kaum so gedrückt und scheu ihr neues Heim betreten, um darin gleich einem Schatten so leise und gleich einer tüchtigen Magd so unermüdlich, ja fieberhaft tätig zu wirtschaften. Der einzige Glückliche in diesen alten Mauern war der kleine Gottfried, das Büblein von drei Jahren, das noch nichts von Sünde und Strafe wußte und das, an enge Stuben gewöhnt, sich gar wohl fühlte und darin vergnüglich auf seinen dicken Beinen kleine Reisen unternahm. Nur wurden auch diese beschränkt, denn zu des zuweilen eigensinnigen Jungen Verdruß erlaubte ihm seine Mutter niemals, unter den schönen Kiefern zu spielen, deren Zapfen ihm so viele Freude gemacht hätten und die nun ganz ungenützt auf dem feuchten Grunde faulten. Und als Gottfried später zur Schule ging, konnte er es abermals nicht begreifen, warum er nie einen Kameraden mitbringen durfte. Wie stolz und wie glücklich wäre er gewesen, wäre es ihm erlaubt worden; denn keiner seiner Mitschüler konnte über einen Garten verfügen, und oft hatte schon der eine oder der andere seine Sehnsucht, Gottfried besuchen zu dürfen, diesem zu erkennen gegeben. Und Gottfried hatte in dieser Beziehung so manche Bitte an seine Eltern und an seine Großmutter gerichtet, doch, wie innig gut sie sonst gegen ihn waren, an diesem Punkt zeigten sie sich unerbittlich. Gottfried war schon in seiner frühesten Kindheit eingeschärft worden, daß er mit keinem Fremden zu reden habe, daß er niemandem eine Frage, die sich auf seine Verwandten oder sein Heim beziehe, beantworten dürfe. Um seinem Sohn solche Fragen nach Möglichkeit zu ersparen, brachte ihn sein Vater täglich selber zur Schule und holte ihn auch selber wieder ab. So konnte es aber allerdings nicht bleiben, nicht immer konnte ein Wächter hinter dem lebhaften Buben stehen, um jedes seiner Worte zu kontrollieren. Im Winkelmannschen Hause dachte man allmählich daran, Gottfried weit fortzugeben, irgendwohin, wo seine Jugend nicht so getrübt sein würde wie hier, wo er harmlos unter Fremden aufwachsen konnte und nicht immer so seltsam stille Menschen, wie die Seinigen es nun einmal waren, um sich sehen würde. Ein an und für sich geringfügiger, für die drei erwachsenen Bewohner des Hauses jedoch sehr peinlicher Umstand bewirkte, daß dieser schon lange besprochene Plan rascher, als man anfangs gewollt, zur Ausführung kam. Es war wieder einmal Frühjahr geworden, und der nun siebenjährige Gottfried befand sich im Garten. Er war eben aus der Schule heimgekommen und hatte vorhin seinem Vater berichtet, was der Lehrer über das Leben der Insekten mitgeteilt habe, daß viele von diesen, unter Laub oder in der Erde verkrochen, überwintern und jetzt, bald vom warmen Sonnenschein gelockt, ihr Winterquartier verlassen würden. Befriedigt von dem Eifer des Buben und erfreut darüber, daß Gottfried so viel Liebe zur Natur verriet, sprach sein Vater mit ihm noch über die Sache weiter und hieß ihn. nach eingenommener Jause, doch gleich ein wenig Nachschau im Garten halten. Das ließ Gottfried sich nicht zweimal sagen. Kaum hatte er den Kaffee zu sich genommen, stürmte er auch schon mit seiner Buttersemmel aus der Stube. »Was hat er denn vor?« fragte lächelnd seine Mutter. Ihr Mann erklärte ihr daraufhin, daß Gottfried im Garten Nachschau halten wollte, ob sich daselbst schon Insekten zeigten, und setzte hinzu: »Wie mich das freut, daß der Bube so lerneifrig ist! Nun, er hat es ja auch nötig, tritt er doch schon im nächsten Herbst ins Gymnasium ein.« Die junge Frau seufzte. Ihr Mann trat auf sie zu und strich mit Zärtlichkeit über ihren Scheitel. »Du wirst dich also recht schwer in die Trennung finden?« sagte er kummervoll. Sie nickte nur, und dabei rollten schwere Tränen über ihre Wangen. »Müssen sich denn nicht viele Eltern von ihren Kindern trennen?« begann er zaghaft, da fuhr sie empor, und ein lodernder Blick traf ihn aus ihren Augen. »Aber nicht aus solchem Grunde«, entgegnete sie, und unsägliche Bitterkeit klang aus ihrer Stimme, während sie fortfuhr: »Oh, Hans! Wie glücklich war ich in unserer Armut, und wie gern hätte ich sie allzeit ertragen! Aber diese Stärke hast du mir nicht zugetraut; doch eine tausendmal schwerere Last hast du mir aufgebürdet, und die muß ich nun tragen bis – wenn es gut geht – zu meinem Ende ... geht es übel ... bis ... oh, ich kann es nicht ausdenken.« Aufschluchzend hielt sie inne und schlang die Arme um den Hals ihres Mannes, der neben ihr auf die Knie gesunken war und sein Gesicht in den Falten ihres Kleides verbarg. »So elend habe ich dich gemacht und meinte in wahnsinniger Verblendung mit jener Tat deine Zukunft froh zu machen.« Er stöhnte. Sie lachte grell auf. »Froh!« rief sie. »Weißt du, wann ich zum letztenmal froh war? An dem Tage, an dem du damals zurückkehrtest und ich dich mit dem runde auf dem Bahnhof erwartete. In der Minute, in welcher du damals auf mich zukamst, spürte ich, daß irgend etwas an meinem Glück verdorben sei, denn du kamst als ein ganz anderer, als du früher gewesen warst, zurück Lange, lange hast du es mir verbergen können, was dich so ganz anders gemacht hatte, und hätte nicht das Fieber dich aufs Krankenbett geworfen, ich hätte vielleicht niemals erfahren, welch entsetzliche last du mit dir herumträgst.« »Und die du mir so liebreich tragen hilfst«, fiel er unter Tränen ein. »Oh, du Barmherzige, wie soll ich es dir jemals vergelten, daß du mich nicht schon längst verlassen hast.« »Ist denn das Entsetzliche nicht eben meinetwegen geschehen?« fragte die bleiche Frau. »Und mußte ich nicht deshalb schon bei dir ausharren? Daß keiner von uns allen, außer unserem schuldlosen Kind, sich des so erworbenen Wohlstandes erfreut, ja, daß wir im Grunde noch einfacher und plagereicher leben als früher, ist nur selbstverständlich, und daß wir in ewiger Angst vor Entdeckung sind, das ist unsere wohlverdiente Strafe.« »Und so müssen wir schon unsere heimlichen Strafen ertragen und für immer wenigstens unsere eigenen Gefangenen hier sein«, setzte der einstige Schauspieler in verzweiflungsvollem Ton hinzu und erhob sich. »Warum für immer? Hast du die Hoffnung, diesen unseligen Besitz verkaufen zu können, schon ganz aufgegeben?« forschte, ihre Tränen trocknend, seine Frau. Ihr Mann nickte. »Völlig aufgegeben«, sprach er. »Wenn er alte Herr sein Haus verkaufen will, muß er sich persönlich verschiedenen Leuten zeigen, muß vor Gericht legalisierte Unterschriften leisten. Kann er das? Früher, da ich der Sache noch ferne stand, meinte ich, daß eine Besitzübertragung etwas recht Einfaches sei, seit ich aber Erkundigungen darüber einzog, was bei solchem Verkaufe zu tun sei, weiß ich, daß ich ihn niemals abschließen kann. Aber, was ist das? Hast du nicht die Stimme der Mutter gehört? Sie scheint zornig zu sein. Ist wohl Gottfried wieder einmal ungehorsam gewesen?« So redend, schritt Müller rasch der Tür zu, doch noch ehe er sie erreicht hatte, ward die Klinke heftig niedergedrückt und flog die Tür auf. Totenbleich, aber mit glühenden Augen stand seine Mutter mit zitternden Beinen auf der Schwelle. Sie hielt Gottfried an der Schulter. Wie einen Sträfling hatte sie ihn eingebracht, und wie einen Sträfling behandelte sie ihn noch jetzt, denn da er sich ihrer erwehren wollte, schüttelte sie ihn auf fast rohe Weise, und niemand hätte in dieser Minute merken können, daß der hübsche Junge ihres Herzens großer Liebling war. »Was hat es denn gegeben, Mutter! Was hat denn Gottfried getan?« fragte rasch der Vater. Doch Josefa Müller hatte nicht so viel Atem, um ihm antworten zu können. Da berichtete Gottfried stockend, daß er ja nur im Garten gewesen sei, um dort nach Insekten zu suchen, und daß er auch habe sehen wollen, wie tief sich in diesem Winter die Regenwürmer in die Erde gegraben hätten, weshalb er sich ein Grabscheit geholt habe und – Gottfried zauderte bei dieser Stelle seines Bekenntnisses, denn er wußte wohl, daß er Verbotenes getan – und bei den Fichten gegraben habe. Gottfrieds Bekenntnisse hatten einen Wutausbruch von Seiten seines Vaters zur Folge. Kaum merkte dieser, was geschehen war, als auch schon seine Stirnader schwoll und seine Hände sich ballten und er wie ein Toller auf das Kind losstürzen wollte. Da aber sprang Helene zwischen ihn und den entsetzten Gottfried und breitete ihm abwehrend die Hände entgegen. Sie redete kein Wort; ihre erblaßten Lippen wenigstens redeten nicht, wohl aber ihre Augen, die den zornigen Mann mit drohendem Mahnen von einem unsinnigen Tun zurückhielten, und da der wieder zur Besinnung Kommende sich beschämt abwendete, verließ sie, Gottfrieds Hand ergreifend, mit ihm die Stube. »Weil du nicht folgen willst, weil du immer wieder zu den Bäumen gehst, die aufzusuchen der Vater und die Großmutter dir verboten haben, mußt du für heute in deinem Zimmer bleiben. So, da denke darüber nach, daß Ungehorsam niemals zum Guten führt.« So redete Helene Müller auf ihr Söhnchen ein, welches sich es ganz verdutzt gefallen ließ, daß seine immer gerechte Mutter es jetzt einsperrte. Als dies geschehen war, kehrte die wackere Frau zu ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter zurück. Sie fand beide in tiefer Verstimmung. »Wenn ihr derlei noch einigemal aufführen wollt, wird Gottfried es ganz bestimmt wissen, daß es bei den Fichten ein Geheimnis gibt«, begann sie bitter lächelnd; doch als sie sah, wie beschämt die beiden waren, fuhr sie ruhiger fort: »Damit nicht wieder vorkommen kann, was Gottfried heute getan hat, bleibt nichts anderes übrig, als dort, wo – wo der alte Herr liegt, ein Blumenbeet anzulegen. Je besser wir dieses pflegen werden, desto weniger wird das Kind oder ein anderer dort irgendein Zerstörungswerk ausüben oder anderes dort suchen als eben Blumen.« »Dort, Helene, dort sollen wir die Erde umgraben?« Josefa Müller schrie es fast in ihrem Entsetzen heraus, und auch ihr Sohn starrte Helene an, als ob sie etwas Unmögliches vorschlage. Die junge Frau aber lächelte jetzt ruhig. »Lasset mich nur machen. Ganz allein bringe ich es an einem Tage zustande, und ich wundere mich nur, daß es mir nicht schon längst eingefallen ist, dies zu tun. War es mir doch immer eine Pein zu denken, mein Kind könne irgendwann auf jene Stelle seinen Fuß setzen.« Wenige Minuten nach diesem Gespräch verließ Helene Müller das Haus. Eine Stunde später kam sie in Begleitung zweier Männer, welche auf einer großen Trage eine Menge Blumenstöcke und Rasensoden brachten, zurück. Ehe noch der Abend kam, befand sich dort, wo, nie mehr benützt, Tisch und Bank gestanden hatten, ein hübsches Blumenbeet. Als die fleißige Gärtnerin ins Haus ging, war ihr erstes, ihrem Buben wieder die Freiheit zu geben. Gottfried aber machte von dieser für heute nur mehr bescheidenen Gebrauch; er schaute überhaupt seit diesem ihm unbegreiflichen Wutausbruch seiner beiden Verwandten scheu nach ihnen, denn so wie das harmlose Graben nach Regenwürmern sie so sehr aufgeregt, so konnte ja jedes andere Tun auch ihren Zorn entfesseln! Furchtlos blieb der Junge nur seiner Mutter gegenüber, und so tat ihm denn auch nur bezüglich dieser das Scheiden weh, als er im nächsten Herbst in einem weit entfernten Ort als interner Zögling in einem geistlichen Stift untergebracht wurde. Im Winkelmannschen Hause lebten sie von da an noch stiller als sonst. Gottfried fehlte es an nichts, für den wurde reichlich bezahlt, und er fühlte sich überaus glücklich darüber, daß er jetzt seinem Übermut nicht so strenge Zügel anlegen mußte wie daheim. Er, das einst so schwächliche Kind, das in der Not sicherlich umgekommen wäre, erwuchs zum kräftigen Jüngling. Ihm tat also die Wohlhabenheit gut – ihm allein. Seinen Verwandten war sie nichts als eine Qual geworden. Trüb und still lebten sie miteinander, und zuweilen schaute der alte Herr aus dem Fenster. Viertes Kapitel Seit jener Nacht, in welcher der alte Herr heimlich in seinem Garten verscharrt worden, waren fast zwanzig Jahre verstrichen. Das neue Stadtviertel war längst nicht mehr neu, und es enthielt nur ein grünes Fleckchen: den Garten des Winkelmannschen Besitzes. Er gedieh noch immer, denn die Anrainer hatten ihm in ihrem eigenen Interesse nicht alles Licht und alle Luft genommen. Es schlössen sich ihm weite Höfe an, aus denen mehr als hundert Fensteraugen neugierig und sehnsüchtig in das Gewirr von Baum und Busch niederschauten, das sich unter ihnen ausbreitete. Oft hatten die Leute gewechselt, welche hinter diesen Fenstern lebten, und so war den vorsichtigen Bewohnern des Winkelmannschen Hauses keinerlei Gefahr aus ihrer Nachbarschaft erwachsen. Noch immer lebten die drei allein darin. Gottfried, der in dem Glauben erzogen wurde, seine Großmutter sei zeitweilig geistesgestört, war niemals heimberufen worden und machte sich wenig daraus, denn das stille, düstere Leben dort hatte ihm niemals gefallen, und seine Eltern sah er ja oft. Nach Pausen von einigen Wochen besuchten sie ihn abwechselnd, und so konnten es niemals in ihm zu einem Zweifel an ihrer Liebe kommen. Seit etwa zwei Jahren befand er sich jedoch so weit weg von ihnen, daß jeder persönliche Verkehr aufgehört hatte. Gottfried Müller studierte an einer Universität Medizin, und da, wie man ihm gesagt, seine Mutter nun niemals mehr allein mit seiner Großmutter bleiben konnte, fand er es ganz natürlich, daß auch sein Vater die weite Reise zu ihm nicht machen und auch die Ferien nicht mehr, wie sonst, auf Reisen mit ihm zubringen könnte. Nein, Hans Müller besuchte seinen Sohn nicht mehr – aber nicht aus dem Gottfried angegebenen Grunde, sondern weil es ihm peinlich war, dem jungen Menschen in die zuweilen forschenden Augen zu schauen. Gottfried hatte einigemal Fragen gestellt, aus denen seine heimlich entsetzten Eltern entnehmen konnten, daß er sich über die Eigentümlichkeit ihre Lebens Gedanken mache. Ein furchtbar hartes, aber gerechtes Geschick nahm also den beiden unglücklichen Gatten die einzige, reine Freude, die ihr Leben noch barg: das Schauen, das ohnehin so seltene Beisammensein mit ihrem Kinde, das niemals heimkehren durfte. Gottfried durfte ja nicht ahnen, daß noch immer zuweilen die entsetzliche Komödie der Schaustellung des alten Herrn aufgeführt wurde, und schon allein deshalb war ihm das Heim seiner Verwandten für immer verschlossen. Dem Kinde hatte jene Komödie verborgen bleiben können, der junge Mann konnte es zu beliebiger Stunde aus beliebigem Munde erfahren, daß der oder jener den alten Herrn gesehen habe – und was dann folgen mußte, das wußten die drei Schuldigen, welche sich wohl längst selber angeklagt hätten, hätte nicht eben Gottfried mit ihnen büßen müssen. Ungeschehen konnte die Tat aber nun einmal nicht mehr gemacht werden, und Gottfried sollte – so ward es längst beschlossen – ihre Früchte allein genießen. Nicht nur weil sie keinerlei Genuß vom so errungenen Wohlleben gehabt hätten, darbten die drei, sondern sie hatten dabei auch einen praktischen Hintergedanken. Was da niet- und nagelfest war, konnte von ihnen allerdings niemals zu Geld gemacht werden, die Wertpapiere jedoch, die man im Schrank des alten Herrn gefunden und welche immerhin auch ein hübsches Vermögen repräsentierten, die konnten dem künftigen jungen Doktor helfen, sich irgendwo in der Ferne eine angenehme Zukunft zu gestalten. Daher durften sie nicht angegriffen werden, daher mußte man sich so einrichten, daß nicht einmal die Zinsen davon völlig aufgebraucht wurden, denn diese mußten wieder ein kleines Kapital geben, wovon es sich für drei zu ewiger Einsamkeit verurteilte Menschen notdürftig leben ließ. Ein Geschäft also, ein für sie selber gutes Geschäft, hatten Müllers mit der Beseitigung des alten Herrn nicht gemacht, denn ganz abgesehen von den inneren Qualen, die sie sich damit geschaffen hatten, lebten sie jetzt fast noch armseliger als früher. Und konnten sie dies auch ganz gut vor ihrer neuen, so oft wechselnden Nachbarschaft verbergen, so konnten sie doch einzelne Beobachter nicht hindern, sich darüber zu wundern, daß die beiden Frauen und der jüngere Mann im Winkelmannschen Hause merkwürdig dürftig gegenüber dem Rahmen aussahen, in welchem sie lebten. Dieser zog mit seinem vornehm altvaterischen Aussehen die Blicke aller an, die zum erstenmal zwischen den hohen Mietskasernen hingingen. Er zog auch die Blicke eines Herrn auf sich, welcher einmal zur Herbstzeit die Straße passierte. Es waren genau zwanzig Herbste seit jener für Müllers Geschick so wichtigen Jahresneige vergangen. Besagter Herr war in noch jungen Jahren: er mochte kaum die Mitte der Dreißig überschritten haben und besaß ein feines Aussehen. Wer ihn, als er, von dem ihn überraschenden Anblick des Hauses gefesselt, stehenblieb, genauer beobachtet hätte, der müßte wahrgenommen haben, daß die Augen dieses Herrn einen auffallend klugen, ja scharfen Blick hatten, einen Blick, der unter Umständen unangenehm werden konnte, so klar und durchdringend, so unwillkürlich forschend war er selbst jetzt, da er doch mit sichtlichem Wohlgefallen langsam über das alte Haus wanderte. Erst als der Herr bemerkte, daß er den beiden Frauen, welche sich im Vorgarten eifrig mit dem noch ziemlich reichlichen Blumenflor beschäftigten, lästig sei, nahm er seinen Weg wieder auf und ging langsam die Straße hinunter. Unwillkürlich aber warf er noch einen Blick hinüber, und da fiel es ihm auf, daß die beiden Frauen ein wenig hastig, wie es ihm schien, ihre Arbeit unterbrachen und in das Haus gingen. Die eine davon war etwa vierzig Jahre alt, die andere schon eine Greisin. Ihr Haar war weiß, ihre Gestalt gebückt, ihr Gang schwerfällig, und doch humpelte sie jetzt mit fast komischer Eile die wenigen Stufen hinauf, welche zur Haustür führten, und ebenso eilig folgte ihr die jüngere Frau. Als das Tor sich hinter ihnen geschlossen, kehrte der Herr um, ging über die Straße und stand nun dicht vor dem schönen Gitter. Er harte jetzt, da niemand mehr im Garten war und sich auch niemand hinter den spiegelklaren Tafeln der Fenster sehen ließ, keine Ursache mehr, seinem Gefallen an dem Hause Zwang anzutun. Warum die zwei wohl so davongerannt sind? dachte er, als er langsam am Gitter entlang schritt Jetzt sah er erst, bei welcher Art Arbeit er sie gestört hatte. Sie waren dabeigewesen, die letzten Blüten von den Rosenbäumen zu schneiden, die in dichten Gruppen diesen schönen Vorgarten schmückten. Einige der Rosen, es waren herrliche Marschall Niel, hatten die Frauen bei ihrem Gange – bei ihrer Flucht – nach dem Hause verloren. Als der Herr die schönen, auffallenden Blumen auf dem Kiesweg liegen sah, schüttelte er den Kopf. So eilig hatten sie es, daß sie nicht einmal ihren Verlust bemerkten, mußte er denken, indessen er langsam weiterging. Bald lag der Garten hinter ihm. Er kam an einem Laden vorüber, in welchem Kränze und andere Blumengaben ausgestellt waren, denn Allerseelen, das Fest der Toten, stand schon vor der Tür. Der Herr dachte bei diesem Anblick flüchtig daran, daß wohl jene Rosen auch zum Schmuck eines Grabes bestimmt seien, und nun erst tat es ihm leid, daß er die vielleicht von einem noch frischen Schmerz niedergedrückten und daher empfindlichen und menschenscheuen Frauen durch seine Neugier in ihrem Liebeswerk gestört habe. Daß er jedoch, einer augenblicklichen Laune nachgebend, bei seinem Spaziergang heute diese früher nie gesehene Straße betreten hatte, das tat ihm nicht leid, denn er hatte ja dabei das hübsche alte Haus kennengelernt, das gleich einem Zauberbau sich ausnahm zwischen all diesen poesielosen Häuserkolossen, welche die Neuzeit aufgestellt. Doctor juris Hermann John nahm sich sogar vor, gelegentlich wieder einmal diesen Weg zu machen, um den schönen Besitz noch genauer besichtigen zu können. Er, der Untersuchungsrichter in der Provinz gewesen war, hatte vor kurzem seines Onkels Vermögen und Notariatskanzlei geerbt und hatte nun viel damit zu tun, sich in die neuen Verhältnisse einzuleben. In einen wahren Arbeitsrummel gelangte er unter anderem, als er damit begann, die hinterlassenen Geschäftspapiere seines verstorbenen Oheims zu sichten. Doktor Heinrich John hatte die löbliche Gewohnheit gehabt, alle Schriften, die sich auf seine Klienten bezogen, sauber geordnet in einigen umfangreichen Schränken aufzubewahren. Sein Neffe beschloß nun, sich durch eine genaue Einsicht in diese Papiere über die verschiedenen Verbindungen seines Vorgängers und über die Art seines Vorgehens und die Art seiner Klienten zu orientieren. Dazu konnte er kaum eine geeignetere Zeit finden, als sie ihm die rauhen und immer länger werdenden Herbstabende boten. So saß er denn oft noch stundenlang nach Schluß seiner Sprechzeit in seinem Arbeitszimmer und studierte einen Faszikel nach dem anderen. Er war bei dieser Arbeit nicht allein. Franz Moser, ein grauhaariger Mann von nicht eben stupender Gescheitheit, wohl aber von musterhafter Treue und Redlichkeit, der, seit Johns Oheim seine Praxis geübt, bei diesem als Schreiber und Vertrauter, als Diener und Freund lebte, leistete nun auch dem Erben seines einstigen Gebieters alle Dienste, die er jenem geleistet hatte. Und dessen war der junge Doktor froh, denn Mosers Personen- und Sachkenntnis ersparte ihm manch gänzlich überflüssige Durchsicht irgendwelcher Schriftenbündel. »Mit dem plagen Sie sich nicht, Herr Doktor – der Mann ist längst tot, der führt keine Prozesse mehr«, hieß es nach Lesung dieses und jenes Namens, mit welchem jeder Aktenpack auf seinem Umschlag versehen war. Dann wurden die betreffenden Papiere in eine mächtig große Truhe getan, die im Vorzimmer draußen bereitstand, um die ein für allemal abgetanen Schriften aufzunehmen. Sie waren in den verschiedenen Fächern der Aktenkiste alphabetisch geordnet gewesen, und dahin wanderten nur jene Schriften zurück, mit deren Namensträgem die Kanzlei Johns noch in Verbindung stand. An einem stürmischen Herbstabend arbeiteten Doktor John und Franz Moser wieder einmal miteinander. Sie waren eben bei dem Buchstaben W angelangt In dem Fache »W« befanden sich nur zwei Aktenbündel. Das eine davon war sehr umfangreich und trug auf seiner Umschlagseite den Namen Aurelius von Willmer. »Na, Moser! Was ist denn mit diesem Manne?« fragte Doktor John, und sein Adlatus antwortete: »Der war schon ein recht alter Herr. Ich habe in Vertretung Ihres Herrn Onkels ziemlich oft mit Herrn von Willmer verkehren müssen. Er war ein Querulant bester Güte, und der Herr Doktor war froh, als der alte Mann mit Tod abging. Ich selber war bei seinem Leichenbegängnis.« Moser langte, während er diese Auskunft gab, sichtlich ungeduldig nach dem Schriftenbündel, welches sein jetziger Gebieter nachlässig auf der schlanken Hand schaukelte. Doktor John schaute ob dessen hastiger Bewegung nach dem alten Mann. »Oh, entschuldigen Sie! Sie werden wohl schon daheim erwartet? Und Ihr Geburtstagskind wird mir zürnen, weil ich Sie heute noch länger als sonst aufhielt«, sprach er, sich nun selber rasch erhebend und Moser die Akten reichend. Der lächelte befriedigt darüber, daß seine Ungeduld endlich bemerkt worden war, und beeilte sich, den abgetanen Schriftenpack zu den anderen seinesgleichen in die Truhe zu legen. Vor Doktor John lag nur noch ein mageres Papierbündelchen. Sein Umschlag trug den Namen »Arnold Winkelmann«. Während Moser hinausging, durchblätterte der Doktor die wenigen vergilbten Lagen. Er ersah sofort, daß diese eine Sache behandelten, welche vor dreißig Jahren ausgetragen worden war. Auch lagen einige Dokumente dabei, welche Eigentum des Klienten waren. So unter anderem auch ein Paß und ein Militärentlassungsschein auf den Namen Arnold Winkelmann. Selbiger war ein Ausländer, ein Schweizer, und im Jahre 1794 geboren. John warf nur einen flüchtigen Blick auf diese Jahreszahl, dann faltete er die Papiere wieder zusammen und rief Moser, der eben mit Hut und Rock hereinkam, zu: »Da haben Sie noch einen, der in die Truhe gehört, den Arnold Winkelmann. Mit diesem schließen wir für heute; und nun eilen Sie, lieber Moser – und seien Sie mir nicht böse, daß ich Sie so lange aufgehalten habe.« »Ei, Herr Doktor, wie werde denn ich, dem Sie so viel Gutes tun, so genau sein und wegen einer Viertelstunde bocken? Wenn unser heutiges Fest so recht sorgenlos begangen werden kann, danken wir es ja doch einzig ihrer Güte. Aber nun zu diesen Akten. Sie gehören nicht in die Truhe. Herr Winkelmann lebt noch und kann immerhin noch als Klient betrachtet werden. Vor etlichen Jahren wenigstens ließ er noch durch einen gewissen Müller, einen seiner Verwandten vermutlich, hier nachfragen, mit welchen Umständen der Verkauf seines Besitzes – er hat nämlich ein hübsches Haus mit Garten – verbunden sei. Also darf ich diesen Faszikel wohl wieder in den Kasten legen?« Moser war trotz seines Amtseifers schon sehr in Eile, deshalb hieß Doktor John ihn in freundlichster Weise sich heimtrollen, drängte ihn selber zur Tür hinaus und beruhigte des gewissenhaften Mannes Einwendungen mit den Worten: »Gehen Sie nur, Moser, gehen Sie nur! Über den Winkelmann reden wir morgen weiter.« Moser war fort. Doktor John hatte hinter ihm die Tür versperrt und war wieder zu seinem Arbeitstisch zurückgekehrt. »Dieser Mann lebt also noch?« fragte er verwundert und schickte sich an, die Winkelmannschen Papiere wieder in das Fach W zu legen. Doch besann er sich und entfaltete sie noch einmal. Er hatte sich wieder in seinem bequemen Sessel niedergelassen. Das helle Licht der Lampe überstrahlte überaus freundlich den Tisch und sammelte sich mit besonderer Schärfe auf dem alten, rauhen, geschöpften Papier, darauf Doktor Johns Augen jetzt ruhten. Ja, er hatte sich nicht geirrt, Arnold Winkelmann war am 14. Juli 1794 zu Horgen im Kanton Zürich geboren. Als Johns Augen nun zum zweitenmal die Geburtsdaten lasen, hatten sie einen nachdenklichen Ausdruck. Der Doktor lehnte sich in seinen Sessel zurück und sagte zu sich selber: »Moser irrt sich da wohl. Winkelmann lebt sicherlich nimmermehr. In unserer Zeit erreicht man solch hohes Alter nicht leicht. Der Mann müßte ja, da wir jetzt am Schlusse des Jahres neunzehnhunderteins stehen, das hundertsiebente Jahr überschritten haben.« Doktor John lächelte ungläubig, ließ die Papiere offen auf dem Schreibtisch liegen, beschwerte sie mit einem hübsch geschliffenen Glasgusse und schickte sich dann auch an, seine Kanzlei zu verlassen. Eine Viertelstunde später lag diese in tiefster Finsternis und Ruhe da, und Doktor John saß eine Stunde später auf einem Parkettsitz des Opernhauses und lauschte entzückt den perlenden Fiorituren einer bravourösen Koloratursängerin. Trotz aller Ablenkung aber und trotz aller Hingebung an den noch ungewohnten Genuß zog zuweilen, einem flüchtigen Schatten gleich, der Gedanke an die hundertsieben Lebensjahre Arnold Winkelmanns durch das Hirn des Doktors, und als er nach Stunden sich in seinem Bett ausstreckte, schlief er mit einem nach Unglauben ausschauenden Lächeln ein und warf im Traum das Aktenbündel, das den Namen Winkelmanns trug, in die Truhe. Am nächsten Tag aber fand er es auf seinem Arbeitstisch, und als Moser in die Kanzlei trat, schob John den Geschäftsbrief, den er eben begonnen, zurück und sagte: »Setzen Sie sich, lieber Moser. Vorerst sollen Sie mir, soweit Sie es können, über Arnold Winkelmann Auskunft geben.« »Interessiert Sie der so, Herr Doktor?« sagte lächelnd Moser, war aber zugleich sehr bereit, die begehrte Auskunft zu geben. »Der alte Herr«, begann er, »so nennt nämlich seine ganze Nachbarschaft Herrn Winkelmann, war schon recht alt, aber trotzdem außerordentlich kräftig und frisch, als er, ich weiß das zufällig ganz genau, denn es war einen Tag vor meiner Hochzeit, am zweiundzwanzigsten August achtzehnhunderteinundsiebzig, zum erstenmal zu uns kam. Ihr Herr Onkel, damals noch ein junger Mann, der noch nicht lang die Kanzlei eröffnet hatte, empfing den alten Herrn mit ziemlicher Feierlichkeit, und auch ich machte ihm die Honneurs, so gut ich konnte, denn damals hatte Ihr Herr Onkel natürlich noch wenig zu tun, und so war jeder neue Kunde ein Ereignis. Herr Winkelmann, der überaus bärbeißig aussah, versprach uns eben durch sein Äußeres beim Eintritt einen schönen Prozeß, aber darin hatten wir uns geirrt. Er war nur in Angelegenheit einer Hauserwerbung gekommen, und diese Angelegenheit war bald erledigt. Es fanden sich zwei Zeugen, die ihn persönlich kannten und sich dafür verbürgten, daß die Legitimationspapiere, die er produzierte, sich wirklich auf seine Person bezogen, somit war seine Identität hergestellt, und auch alle anderen Formalitäten wurden rasch erfüllt. Die Kaufsumme wurde bar erlegt, der Kauf rasch abgeschlossen und das Haus sofort bezogen. Wenn ich mich nicht irre, war Herr Winkelmann erst in ziemlich vorgeschrittenen Jahren, und zwar durch einen Gewinn, zu Vermögen gekommen und konnte sich nun ein sorgenloses Alter bereiten. Er war verheiratet, aber schon kurze Zeit, nachdem er sein Haus bezogen hatte, starb seine Frau, und da nahm er sich eine Wirtschafterin, eine Witwe mit ihrem Söhnchen, ins Haus. Die Frau, sie heißt Josefa Müller und lebt noch jetzt bei ihm, muß ein wahrer Schatz für ihn sein. Er rühmte sie selber einmal, es war während seines letzten Besuches bei Ihrem Herrn Onkel, über alle Maßen. Es handelte sich bei jenem zweiten und bisher auch letzten Besuch um den Ankauf von Papieren, welche Ihr Oheim besorgen sollte und auch tatsächlich für Herrn Winkelmann kaufte. Ich selber habe sie ihm überbracht. Da konnte ich bemerken, wie ungemein behaglich Frau Müller es dem alten Herrn machte und wie herrschaftlich Haus und Garten aussahen. Sie gehörten ja auch wirklich einstmals einem uralten freiherrlichen Geschlechte und sind heute noch eine Zierde der Gasse, in welcher sie sich befinden.« »Der Gärtnergasse also«, bemerkte John, auf die Papiere schauend, wo Winkelmanns Adresse angegeben war. Moser schüttelte den Kopf. »Jetzt nicht mehr Gärtnergasse«, sagte er, »jetzt – die Kielaustraße.« John blickte rasch auf. »So«, sprach er lebhaft, »so ist die Gasse umgetauft worden?« »Ja, ihr früherer sehr passender Name wäre jetzt, da dort nirgends mehr Gärten und Gärtner sind, unverständlich gewesen, darum hat man ihr den neuen Namen eines Mannes gegeben, der sich um jene Gegend sehr verdient gemacht hat.« »Aber ein Garten befindet sich doch noch in ihr.« »So ist es. Dieser ist der Winkelmannsche Garten. Sie sind wohl schon durch diese Straße gegangen, Herr Doktor?« »Vor acht Tagen etwa, und da habe ich also auch unseres Klienten Haus gesehen?« »Und ihn selber sahen Sie nicht? Ich bemerkte ihn erst vorgestern, als er im Sonnenschein an seinem Fenster saß.« »So? Ihn selber sahen Sie? Ich sah dort nur zwei Frauen.« »Die junge und die alte Müller natürlich. Sonst kommt ja außer dem Manne der einen, er war früher Schauspieler, niemand über die Schwelle.« »So? Was für Leute sind das, diese jüngeren Müllers?« »Stille, überaus stille, scheue Menschen, die sich gleich Josefa Müller dem Wunsche des alten Sonderlings völlig gefügt haben und gleich ihm keinerlei Umgang pflegen. Meine Base, die das Milchgeschäft ihrer Eltern fortführt und als kleines Mädchen der Frau Müller oft die Milch ans Haustor brachte, hat uns zuweilen erzählt, was für ein geradezu unheimlich stilles Leben diese Menschen seit jeher führten. Ah, da klingelt es, und Karl ist noch nicht zurück. So muß ich an die Tür«, unterbrach sich der Alte und ging hinaus. Es war eine Dame, welcher er öffnete; sie hatte schon mehrmals vergeblich versucht, Doktor John zu sprechen, heute fand sie ihn endlich und teilte ihm ziemlich weitschweifig ihr Anliegen mit. Sie nahm des Doktors Zeit wohl an zwei Stunden in Anspruch. Der Diener Karl, der inzwischen gekommen war, tat ihr endlich artig die Tür auf und schickte sich nun an, seinem Herrn Rock und Hut zu bringen, damit dieser ungesäumt in sein Restaurant gehen könne, denn es war bereits Mittag geworden. Doktor John verließ denn auch bald sein Büro und begab sich zum Speisen. Er mußte jetzt schon über sich selber lächeln, denn immer und immer wieder ertappte er seine Gedanken bei dem alten, bei diesem gar so sehr alten Arnold Winkelmann. Es war schon ganz merkwürdig, wie oft er an dessen zufällig entdecktes Haus hatte denken müssen, und nun beschäftigte ihn noch viel mehr dessen Besitzer selbst, dessen Besitzer und die Menschen, die mit diesem lebten und die so scheu, so seltsam scheu waren, wovon er ja neulich selber eine Probe gesehen. Auch auf seinem Wege zum Restaurant dachte Doktor John mehrmals an den alten Herrn und prallte förmlich zurück, als er, zu seinem Stammtisch tretend, von dort als erstes vernehmliches Wort den Namen »Kielaustraße« hörte. »Was ist es denn mit der Kielaustraße?« fragte John, nachdem er seine gewohnten Tischgenossen gegrüßt, und einer der Herren antwortete ihm: »Der Herr Steuerrevisor ist heute von dort weggezogen.« »So. Sie wohnten in der Kielaustraße?« wendete sich John jetzt diesem zu. »Das ist ja eine Straße im jüngsten Stadtteile!« Steuerrevisor Baumann bejahte diese Frage, und bald hatte Doktor John ihn in ein Gespräch verwickelt, in dessen Verlauf er erfuhr, daß Baumann mehr denn zehn Jahre sein dortiges Quartier innegehabt und es eben nur deshalb in der sonst so reizlosen Gegend ausgehalten habe, weil man von den Fenstern seiner Wohnung aus eine wunderhübsche Aussicht auf einen ihnen gegenüberliegenden Garten gehabt habe. »Den Winkelmannschen Garten?« fragte Doktor John. »Denselben«, antwortete der Steuerrevisor. »Er hat prachtvolle Bäume, und schon der Vorgarten ist allerliebst, und wenn man bedenkt, daß nur eine kränkliche Frau ihn pflegt, bewundernswert schön gehalten. Freilich, die Blumenpflege scheint die einzige Freude dieser Frau zu sein.« »Kennen Sie diese Frau?« »Nur vom Sehen her. Diese Leute verkehren ja mit niemandem. Der alte Herr – so wird Herr Winkelmann nämlich von der ganzen Nachbarschaft genannt – soll ein Menschenhasser sein.« »Sie haben ihn auch schon gesehen?« »Ja, zuweilen sitzt er am Fenster und schmaucht seine Pfeife.« »Merkwürdig.« »Warum ist das merkwürdig?« »Der Mann ist hundertsieben Jahre alt.« »Was Sie nicht sagen! Na, das sieht man ihm nicht an. Für solch ungewöhnlich hohes Alter ist er noch sehr rüstig.« Neue Gäste traten an den Stammtisch, und das Gespräch wandte sich anderen Dingen zu. Doktor John hätte das angeschlagene Thema freilich am liebsten festgehalten, doch hatte er zuviel Takt, um andere zu nötigen, bei dem zu bleiben, was doch nur ihn allein interessierte. Am Mittag des anderen Tages ging er nach der Kielaustraße. Es war sonnig und auch sonst schönes Wetter, und so konnte er hoffen, den alten Herrn, für den er nun einmal ein ihm selbst unerklärliches Interesse gefaßt hatte, zu sehen. Aber er sah ihn nicht. Und noch so manches Mal ging er durch die Kielaustraße, ohne seinen Zweck erreichen zu können. Rechte Ausdauer führt jedoch immer zum Ziel. So kam auch Hermann John schließlich einmal dazu, den alten Herrn an seinem Fenster sitzen zu sehen. An einem freundlichen Sonntag war es, als der Doktor wieder einmal durch die Kielaustraße wandelte und zu seiner Befriedigung wahrnahm, daß ein Kaffeehaus, an dessen Ausstattung man schon wochenlang gearbeitet hatte, endlich dem Publikum seine Tür geöffnet hatte. Es konnte niemandem auffallen, wenn da einer, und mochte es selbst stundenlang sein, an einem Fenster seinen Platz okkupierte, und das war für John weit besser, als – wieder und wieder um des alten Mannes willen, der sich so selten zeigte – Fensterpromenaden zu machen. Rasch trat John in das Lokal und saß bald vor einem Kaffeegedeck, das ebenso vor Neuheit funkelte wie alles ringsumher. Übrigens war er nicht der einzige Gast. Die Größe und der Glanz des neueröffneten Lokales hatten auch viele andere Menschen angelockt. So fiel es sicherlich nicht auf, wenn einer unter den vielen seine Aufmerksamkeit mehr der Straße als dem hübschen Raume widmete. Einen besseren Beobachtungsposten bezüglich des Winkelmannschen Hauses hätte man übrigens kaum finden können. Kaum ein wenig schräg gegenüber dem Platze, an welchem John saß, glänzten die sauberen Fenster, hinter denen er jetzt den uralten, unbekannten Mann auftauchen zu sehen hoffte. Und richtig, diesmal sollte Johns Geduld belohnt werden. Sein scharfes Auge bemerkte endlich die lang ersehnte Greisengestalt. Langsam, ganz langsam ließ sie sich in dem hochlehnigen Stuhl nieder, welcher dicht am Fenster stand. Das also war Herr Winkelmann! So lebt er also noch! dachte John und mußte wieder über sich selber lächeln. Natürlich lebte der alte Herr. Hatten ihn doch auch andere jüngst erst gesehen, andere, die ihn kannten, soweit dieser Sonderling überhaupt jemandem bekannt war. Und auch des Doktors scharfe Augen sahen ihn jetzt ganz genau. Nun – er war doch schon recht gebrechlich. Wie langsam und müde seine spärlichen Bewegungen waren, wie weiß sein Haar, wie grau und mumienhaft sein Gesicht! Warum wundere ich mich so über das Alter dieses Mannes? Es kommt ja zuweilen selbst in Großstädten vor, daß einer das Hundert überschreitet. Ich möchte es nicht tun müssen. Der da drüben ist ja doch nur mehr der Rest eines Menschen; halb taub, halb blind, keinen Zahn mehr im Munde und kein Atom Kraft mehr in den Knochen. Nein, ich möchte, notabene, wenn ich nicht mit meinesgleichen leben will, kein so langes Leben. So dachte John, während er, ein Zeichen seines Befriedigtseins, sich unwillkürlich eine Zigarre anzündete, ohne doch dabei – es geschah auch unwillkürlich – den endlich erschienenen alten Herrn aus den Augen zu lassen. In dieser Zeit aber geschah etwas Seltsames, worauf freilich keiner der übrigen Gäste achtete, denn deren Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf anderes. Doktor John hatte sich plötzlich erhoben, die eben erst angerauchte Zigarre war seiner Hand entsunken und rollte auf der schwarzen Marmorplatte des Tisches bis zu einem Stoß Zeitungen, von denen sie aufgehalten wurde. John achtete nicht darauf, er starrte, ein Bild des Staunens, auf den alten Herrn hinüber. Auch das fiel niemandem im Lokal auf, denn jetzt schaute ja jeder nach der Straße. Ein Fiaker, dessen Pferde im Durchgehen begriffen waren, sauste vorüber. Dem Kutscher waren Hut und Peitsche entfallen, und einen Augenblick lang sah man den bleichen Mann sich auf seinem Bock weit zurücklehnen und mit Kraft eines Verzweifelnden die Pferde zurückhalten. Ohnmächtiges Wollen! Die schäumenden Tiere fühlten wohl die Zügel gar nicht. In rasender Eile stürzten sie weiter, vor sich den Schrecken herjagend, hinter sich das Entsetzen lassend. Ein blutender alter Mann lag draußen auf der Straße. Er war schon umdrängt von einem ganzen Knäuel von Leuten, auch aus dem Kaffeehaus waren viele Gäste gestürzt, um sich an dem nutzlosen Gaffen und Jammern zu beteiligen. John aber war nicht darunter, der schaute auf den »alten Herrn«. Und da gab es auch Interessantes zu schauen. Der Greis dort drüben war ein anderer geworden. Blitzschnell war er, als der Wagen vorübersauste, emporgefahren, kraft- und hastvoll hatte er das Fenster aufgestoßen und hatte sich einen Augenblick lang, alles um sich vergessend, ja sich selbst vergessend, weit hinausgebeugt. Wie schlank und gerade jetzt sein vorher gekrümmter Leib war, und wie ganz anders sein Gesicht, aus welchem entsetzensvoll große, dunkle, weitgeöffnete Augen schauten. Wieviel jünger sah jetzt dieses Gesicht aus, dessen Lippen, sich im Schrecken geöffnet und fest aufeinandergepreßte, blitzende Zähne gewahren ließen. All dies dauerte nur wenige Sekunden lang, dann verschwand der alte Herr aus dem hellen Sonnenschein, der ihn grell beleuchtet hatte. Er zog sich freilich noch immer um vieles schneller, als er gekommen war, vom Fenster zurück, an welches eine bleiche Frau trat, um es – nach einem langen Blick, den sie hinauswarf – zu schließen. Doch merkwürdig, dieser Blick galt nicht der durcheinanderwogenden Menschengruppe, welche sich um den Verunglückten ballte, er galt vielmehr den gegenüberliegenden Häusern, an deren Fenstern ja wohl auch so mancher Kopf aufgetaucht war. Doktor John starrte noch immer hinüber, trotzdem kam nichts mehr, das seiner Aufmerksamkeit wert gewesen wäre. * Eine halbe Stunde später betrat Doktor John ein wenig eilig seine Kanzlei. Es war natürlich recht kalt darin, denn heute hatte ja noch niemand die Räume betreten, und es war daher auch nicht geheizt worden. Der Doktor fühlte jedoch diese Kälte gar nicht; seine Wangen glühten, und sein Puls ging so schnell, als sei er im Fieber. Er legte übrigens weder Rock noch Hut ab, ja zog nicht einmal die Handschuhe aus, sondern nahm sofort einen Schlüsselbund aus seiner Tasche und sperrte denjenigen der Aktenschränke auf, welcher den Buchstaben W enthielt. Er nahm den Faszikel Winkelmann heraus, setzte sich an seinen Schreibtisch und schaute eine Weile starr vor sich hin. Er sah wieder alles im Geiste, was sich jüngst vor seinen Augen abgespielt hatte, und er fragte sich: »Bin ich ein Narr? Leide ich an Halluzinationen? Oder habe ich recht gesehen? Der kleine gebrechliche alte Herr – ist er wirklich plötzlich groß und stramm und kraftvoll vor mir gestanden? Habe ich – mein Gott – habe ich das nur als Wahnbild oder in Wirklichkeit vor mir gesehen?« Doktor John stand dann hastig auf, um vor den Spiegel zu treten, der im Vorzimmer hing. Als er sein Bild, Gesicht und Gestalt eines vollkommen normalen Menschen, eine Weile mit sehr kritischen Blicken betrachtet hatte, ging er beruhigt wieder zu seinem Arbeitsplatz zurück. »Es scheint, daß ich ganz gesund bin und daß die Täuschung nicht bei mir liegt«, sagte er mit einem merkwürdig scharfen Lächeln, als er den Umschlag der Winkelmannschen Akte öffnete. Er sah sie noch einmal genau durch, ganz besonders den Militärentlassungsschein und einen alten Paß, der sich bei den Papieren befand. »Mittelgroß, blaue Augen, schadhafte Zähne«, las John laut, als er zu diesen einzelnen, ihn besonders interessierenden Punkten kam, und rief sich danach den heute gehabten Anblick wieder recht lebhaft ins Gedächtnis zurück. Der, welcher sich dort aus dem Fenster gelehnt, war ein großer, ein recht großer, keineswegs ein nur mittelgroßer Mann. Und wie prächtig hatten seine weißen Zähne geblitzt! Freilich heutzutage können sich auch alte Leute hübsche Zähne kaufen, aber wer solche will, der muß zum mindesten mit einem Zahntechniker verkehren, muß diesem seine Besuche machen oder dessen Kommen gestatten. Der alte Herr jedoch hatte, so hieß es wenigstens, seit vielen Jahren sein Haus nicht verlassen und auch keinen Fremden über dessen Schwelle treten lassen. Wohl konnte er sich vor vielen Jahren, etwa in einer Zeit, in welcher er noch nicht so gar merkwürdig menschenscheu gewesen, statt der in seinem Passe angeführten »schadhaften« Zähne neue angeschafft haben, doch sinkt nicht der Kiefer der Greise ein? Ziehen sich nicht alle Knochen und Muskeln im hohen Alter zusammen? Muß da nicht eine Zahngarnitur, welche einst gepaßt hat, nach vielen Jahren unbrauchbar werden? Und da das auch bei dem alten Herrn der Fall gewesen sein mußte, konnte er jetzt unmöglich so herrliche Zähne im Mund haben. Wie das Sonnenlicht darauf gelegen hatte! Wie sie geschimmert und aus dem dunklen, so merkwürdig grauen Gesicht herausgeblitzt hatten. »Der Sohn der Wirtschafterin war einst Schauspieler«, sagte John laut vor sich hin und wiederholte sich diesen Satz und lächelte dazu recht seltsam. Er fühlte, daß der Instinkt ihn zu dem »Fall« Winkelmann hingezogen habe. Wo keiner mehr aus und ein wußte, er hatte sich bei den Untersuchungen, die er einst geleitet, noch immer zurechtgefunden, für ihn hatte es stets einen Punkt, oft ein Pünktchen nur gegeben, von dem aus er wieder einen Faden spinnen konnte, und früher oder später war er allemal in der Lage, das Netz über dem Verbrecher, den er eben unter den Händen hatte, zusammenzuziehen. Und heute – wen hatte er heute vor sich gesehen? Mußte der nicht ein Verbrecher sein, der da, wer weiß wie lange schon, die Rolle des alten Herrn spielte? Wo war denn der alte Herr? Was war mit ihm geschehen? Warum konnte er nicht mehr selber zum Fenster heraussehen? Und seit wie lange tat es der andere schon statt seiner – natürlich mit der Absicht, die Nachbarschaft daran glauben zu machen, daß der alte Herr noch lebe? Während sich Doktor John alle diese Fragen stellte, atmete er tief auf und konzentrierte den Blick seiner klugen Augen sozusagen nach innen. Er fand aber bei seinem Verstande einstweilen nur eine Antwort: Der alte Herr ist tot, und andere genießen seine Habe, andere, die sich selbstverständlich widerrechtlich, ihr Tun beweist dies, zu seinen Erben gemacht haben. Bei dieser Antwort, die ihm sein Verstand gab, ballten sich seine Hände, und er sagte leise, mit seltsam rauh klingender Stimme: »Arnold Winkelmann, du mir Unbekannter, du warst im Leben meines Oheims Klient – tot sollst du der meine sein. Ich will doch sehen, ob ich dir dein Recht – Vergeltung – schaffen kann.« Fünftes Kapitel Am nächsten Tage wußte John schon, daß der Meldezettel eines Arnold Winkelmann, ehemals Gärtnergasse wohnhaft, sich nicht mehr vorfand. Er mußte im Jahre 1871 ausgefüllt worden und samt seinen Zeitgenossen längst abgestoßen und irgendwo in einem Archiv vergraben worden sein. Jedenfalls war Winkelmann nicht abgemeldet worden. Johns nächstes Ziel war die Kirche, in deren Sprengel die jetzige Kielaustraße eingepfarrt war. Er fand da wohl eine Melanie, nicht aber einen Arnold Winkelmann als gestorben eingetragen. »Arnold Winkelmann ist tot«, sagte John leise vor sich hin, als er über den weiten, menschenleeren Kirchplatz ging. »Eine Reise hat er – nach allem, was man über sein Leben spricht – nicht unternommen, kann also auswärts nicht gestorben sein. Wann und wie ist also der alte Herr geendet?« Am selben Tage noch ging ein Brief an den Pfarrer von Horgen, Kanton Zürich, Schweiz, ab. Sechs Tage später kam die Antwort darauf. Arnold Winkelmann war richtig anno 1794 zu Horgen geboren worden. Viel mehr wußte der hochwürdige Briefschreiber nicht anzugeben, denn selbst unter den ältesten Leuten des Ortes gab es keinen, der sich Arnold Winkelmanns erinnern konnte. Da er der einzige Sohn seiner Eltern gewesen und die Pfarrbücher jener Zeit keine anderen Gemeindeangehörigen mit dem Namen seines Vaters oder dem Familiennamen seiner Mutter anführten, war anzunehmen, daß Arnold Winkelmann ohne Verwandte, mindestens ohne nahe Verwandte, gewesen sei. Auch nach Horgen war, wie der Pfarrer mit Ausdrücken der Verwunderung seinem Bericht hinzusetzte, keine Todesanzeige bezüglich dieses freilich längst vergessenen, einstigen Gemeindeangehörigen gelangt. Mit der Bitte um Verständigung, wann und wo Arnold Winkelmann gestorben sei, schloß der Brief des gefälligen Geistlichen. Doktor John konnte ihm in seinem Dankschreiben nur versichern, daß er nach erhaltener Aufklärung über diesen Punkt dem hochwürdigen Herrn sofort die gewünschten Daten senden werde. Wieder nach einigen Tagen bezog ein junger und trotz seiner einfachen Kleidung und geringer Effekten vornehm aussehender Mann ein kleines Zimmer im Hoftrakte eines Hauses, welches an den Winkelmannschen Besitz stieß. Es war John. Er war nun schon einigermaßen über Müllers informiert. Mit ihnen in Verkehr zu treten versuchte er gar nicht, denn was Moser ihm erzählt hatte, bewies, daß diese Menschen überhaupt niemanden über ihre Schwelle ließen; unter welchem Vorwande hätte es ihm gelingen können, dies zu tun? Er wußte keinen solchen Vorwand. Die Anzeige des Verdachtes, ja der subjektiven Gewißheit, daß Arnold Winkelmann längst tot, vermutlich von den Müllers ermordet worden sei, hätte wohl der Polizei, nicht aber ihm das so wohlbehütete Haus geöffnet. Aber dieser Weg paßte dem einstigen Untersuchungsrichter nicht; dessen Ehrgeiz und dessen Interesse für seinen einstigen Beruf ließen es ihm wünschenswert erscheinen, selbst, und zwar ganz allein, diesen Fall in die Hand zu nehmen und Winkelmanns merkwürdiges Verschwinden aufzudecken. Deshalb hatte er sich aufs Beobachten verlegt, und er, der schon so mancherlei wußte, sah nun auch so mancherlei, das, mit jenem zusammengebracht, bedeutungsvoll war. Wenn er daheim war, trat er oft an das Fenster und blickte lange auf den hübschen Garten hinab. Er tat dies so aufmerksam, als wolle er jeden Baum und Strauch zählen, und einmal hatte er gar ein Fernglas vor dem Auge und betrachtete damit den wunderschönen verschneiten Garten, und sein Gesicht war sehr gespannt dabei. In dieser Stunde machte er die erste wichtige Beobachtung. Von seinem Fenster aus konnte man so ziemlich den ganzen Garten und einen Teil des Hofes überblicken, welcher von den zwei kurzen Seitenflügeln des Winkelmannschen Hauses und einem niedrigen Lattenzaun gebildet wurde. Als John jetzt dort hinuntersah, bemerkte er, daß sich die Hoftür öffnete und zwei Männer ins Freie traten. Den einen von ihnen erkannte John sofort wieder, es war der, welcher an jenem Sonntag den alten Herrn gespielt hatte. Der andere mochte die Zwanzig noch nicht lange überschritten haben. Jedenfalls war er ein Sohn der Alma mater, das bewies das bunte Band über seiner Brust und die farbige Mütze, die sein blondes Haupt bedeckte. Die beiden sind sehr hastig in den Hof getreten, und sie reden miteinander. Die Gebärden des Älteren lassen vermuten, daß er den Jüngeren von irgendeinem Vorhaben zurückhalten will, doch dieser achtet nicht auf seine Bitten und Vorstellungen und schreitet auf die den Garten abschließende Planke zu. Doktor John sieht dies alles ganz gut mit bloßem Auge, sieht auch noch, daß der ältere Mann wie widerwillig hinter dem anderen hergeht und auf einen Wink von diesem, vielleicht auch auf ein Wort, das jener ihm zugerufen, plötzlich stehenbleibt und sich sichtlich schwer an die Planke klammert. Da geht also Ungewöhnliches vor! Doktor John bringt das Fernglas vor das Auge. Rasch hat er den Sohn der Josefa Müller, den einstigen Schauspieler, gefunden. Wie entsetzlich bleich dessen Gesicht ist! Und was erblicken seine dunklen Augen, daß sie gar so starr und trostlos vor sich hin schauen? Das Fernrohr sucht sich ein anderes Ziel. Es ist der schlanke, blonde Student. Sein junges, hübsches Gesicht zeigt einige Ähnlichkeit mit den Zügen des bleichen Mannes, der an der Gartenplanke lehnt. Es ist ziemlich wahrscheinlich, daß dieser junge Mann Gottfried Müller ist. Wen außer ihn hätten denn wohl Müllers über ihre Schwelle treten lassen? Der junge Mann ist verstört. Er fährt sich jetzt über die Augen, und nun reißt er die Mütze vom Haupt und überläßt sein lockiges Haar dem Sturm als Spielzeug. Wie zögernd und unsicher und dabei doch hastig sein Gang ist! Und er hat ein Ziel. Es ist die Fichtengruppe im Hintergrund des Gartens. Jetzt hat er sie erreicht. Warum starrt er so seltsam lang vor sich hin? Was suchen, was sehen seine Augen in dem Rondeau, das jene Baumgruppe bildet? Und – warum sinkt er jetzt auf die Knie und birgt das Gesicht in den Händen? Nicht lange dauert die sichtlich peinvolle Versunkenheit des jungen Mannes. Er ist zu einem Entschluß gekommen, zu einem häßlichen, gräßlichen Entschluß. Einen scheuen Blick nach dem Hause werfend, in dessen Hof noch immer der bleiche Mann sich auf die Planke stützt, was freilich der Student nicht sehen kann, denn zwischen ihm und dem Mann befinden sich mancherlei Baum und Busch, einen scheuen Blick nach dem Hause werfend, schreitet der junge Mensch auf ein Rosenbäumchen zu, das nebst mehreren seiner Artgenossen dicht in Stroh verpackt ist. Dieses Stroh ist mit dünnen Stricken umschnürt. Nach einem dieser Stricke streckt sich des jungen Menschen Hand aus. Was er damit will, das besagt der Zug der Verzweiflung in seinem Gesicht. Doch kaum hat seine zitternde Hand den Knoten gelöst, muß sein Sinn sich geändert haben. Ist der Strick schon mürbe? Scheint ihm solches Sterben denn doch zu häßlich? Der Student läßt die Hand sinken, schüttelt das Haupt und wendet sich dem Hause zu. Doktor John legt rasch das Fernrohr hin, greift nach Rock und Hut und verläßt eilig sein Zimmerchen. In großer Hast rennt er die Stiege hinunter und kommt eben auf die Straße, als das Gittertor des Winkelmannschen Vorgartens lärmend ins Schloß fällt. Eine schlanke Gestalt im leichten Hausanzug, eine rote Mütze auf dem Kopf, stürmt die Straße hinunter, John ihr nach. Er sieht im Vorbeieilen ein totenblasses Gesicht, das sich hinter dem Gittertor zeigt, dann achtet er nur mehr auf den jungen Menschen, der vor ihm hineilt, dem Flusse zu, der wenige Gassen weiter seine trüben Wellen gegen Osten wälzt. Gegen wie viele Leute John rennt, er weiß es nicht, er sucht nur immer in dem Menschenschwarm, der sich eben jetzt durch diese breiten, ewig belebten Straßen ergießt, die rote Mütze. Und jetzt, jetzt hat er sie erreicht. Dicht an der Brücke, auf deren Geländer sich eben jetzt des Studenten Hand legt. Sie zittert jetzt nicht mehr. Auch das hübsche Gesicht des jungen Mannes ist jetzt ruhig, oder ist es nur erstarrt im Leid? John tut das Herz weh, als er in dieses Gesicht, in diese todestraurigen Augen schaut, als er seine warme Hand auf die eisigkalte legt, die auf der eisernen Brustwehr liegt. »So endet ein braver Mensch nicht«, sagte John leise; da kommt in des Angesprochenen Augen Leben, großer Schrecken und große Verwunderung schauen daraus, und seine fahlen Wangen färben sich. »Was – wollen Sie von mir?« stammelte Gottfried Müller mit heiserer Stimme. »Daß Sie heimgehen sollen, trotz allem, was Ihnen dort schrecklich ist, heimgehen sollen, damit ihre Eltern nicht verzweifeln. Auch in solchen Zeiten darf ein guter Sohn seine Eltern nicht verlassen.« Das gibt John dem verstörten Frager zur Antwort, schiebt seinen Arm in den Gottfrieds und führt den armen, ganz wirren, gar nicht widerstrebenden Menschen fort. Eine Viertelstunde später stehen sie wieder vor dem Winkelmannschen Hause. Sie brauchen nicht zu läuten. Der bleiche Mann steht noch immer hinter dem Tor. »Gott sei Dank, daß du zurückkommst«, sagt, nein schluchzt er. Da liegt auch schon der junge Mann an seinem Halse und küßt ihn stürmisch und stammelt: »Verzeih mir, Vater, verzeih mir, daß ich habe aus der Welt gehen wollen!« »Gottfried!« schreit Hans Müller qualerfüllt auf. Der junge Mann nickt, dann zeigt er auf John und sagt ernst: »Diesem Herrn dankst du es, daß du noch einen Sohn hast, der mit dir tragen wird, was nun kommen muß.« »Kommen muß!« wiederholte der ältere Müller. »Dieser Herr weiß also ...« »Nichts durch mich, Vater!« »Und doch schon vieles«, sagt John ruhig. »Herr Johann Müller, ich muß Sie bitten, mich ...« »Sie kennen mich also?« unterbricht ihn der Mann. John nickt. Ein sarkastisches Lächeln kräuselt seine Lippen. »Ich habe Sie letzthin – es war an einem Sonntag – als alten Herrn gesehen«, sagt er leise. Brennende Röte huscht über Hans Müllers Gesicht, und seine Augen senken sich einen Moment, dann aber blickt er John fest an und sagt: »Kommen Sie, Herr! Ich will Ihnen drinnen dafür danken, daß Sie uns Gottfried erhalten haben, und Ihnen erzählen, wie ich zu der Rolle gekommen bin, aus der Sie mich letztlich fallen sahen.« Hans Müller sperrte daraufhin das Tor ab und führte Doktor John ins Haus. Er zeigte die Ruhe eines Menschen, der mit seinem Geschick völlig abgeschlossen hat. Mit recht eigentümlichen Empfindungen und Gedanken betrat Doktor John das Haus, das, seit wer weiß wie vielen Jahren, ein Geheimnis umschloß, welches seinen Bewohnern alle Ruhe, alles Glück genommen hatte. Verwundert war Doktor John auch. Er fand diesen Hans Müller merkwürdig ruhig. Ja, war denn nicht jetzt die Stunde der Entscheidung da? Mußte nicht jetzt sein höllischer Betrug und weit mehr noch aufgedeckt werden? Und dieser Mann schien sich vor der notwendigerweise folgenden Strafe nicht zu fürchten. War ihm sein und der Seinigen Leben vielleicht eine weit größere Strafe gewesen als diejenige, die ihn jetzt erwartete? Aber wenn es so war, weshalb hatte er sich nicht schon längst angezeigt? Diese und noch manch andere Frage stieg in des Doktors Seele auf, während er neben Gottfried hinter dessen Vater die Stiege zum ersten Stockwerk hinaufschritt. Als sie auf dem Gange angelangt waren, tat sich eine Tür auf, und die alte Frau kam zum Vorschein, welche John vor einigen Tagen am Grab der Frau Winkelmann gesehen hatte. Sie fuhr zurück, als sie den Fremden erblickte, und war schon im Begriff, in ihrem wirren Schrecken die Tür zu schließen, als Hans Müller sie mit einer Frage zurückhielt. »Mutter! Wie geht es Helene?« Die Alte seufzte. »Schlecht, recht schlecht«, sagte sie dann leise und warf einen scheuen Blick auf den ihr unerklärlichen Besuch. Doch plötzlich belebten sich ihre Züge. Rasch näher tretend, sagte sie lebhaft: »Gottfried! Dieser Herr ist ein Arzt. Du hattest Angst um deine Mutter und hast ihn geholt. Den Gedanken gab dir Gott ein, du guter Sohn. Ich fürchte, daß hier ein Arzt sehr nötig ist.« Josefa Müller hielt plötzlich inne. Es kam ihr wohl zum Bewußtsein, daß sie sehr, sehr unvorsichtig geredet hatte. Ihr Gesicht zeigte jetzt große Ängstlichkeit, aber ganz verwirrt war sie nicht; das bewiesen die Worte, welche sie nun zu dem vermeintlichen Arzt redete. »Meine Schwiegertochter will nämlich nichts von einem Doktor wissen, und deshalb natürlich, deshalb allein ...« Nun verlor sie doch den Faden, denn sie war ob der hilfesuchenden Blicke, die sie auf Sohn und Enkel warf, erst all ihrer Fassung bar geworden. Sah sie doch in dem Gesicht des ersteren ein gar seltsames Lächeln und in den Augen Gottfrieds eine so tiefe Traurigkeit, daß es ihr plötzlich zum Bewußtsein kam, daß etwas weit Ungewöhnlicheres vorgehe, als es der Besuch eines Arztes gewesen wäre. Unwillkürlich suchte da die arme Alte nach einer Stütze. Und während ihre zitternde Hand nach der Türklinke griff, hörte die alte Frau entsetzensbleich, was der Sohn zu ihr sprach: »Mutter, die Komödie ist aus. Geh immerhin um einen Arzt. Gottfried wird inzwischen bei seiner Mutter bleiben. Ich aber, ich habe mit diesem Herrn zu reden, und dann – nun, dann gehen wir wohl beide miteinander fort. Mutter! Gottfried! Hütet mir die arme Kranke gut. Und nun – Gott befohlen.« Hans Müllers Hände lagen zu langem, festem Druck in denen seiner Mutter und seines Sohnes. Die beiden hatten ihn gut verstanden. Ihr Erblassen, ihr Erbeben, ihre tränenvollen Augen bewiesen es. Hans Müller führte John in sein Zimmer. Letzterer dachte nach, was die alte Frau ihren Enkel fragte und was dieser antwortete: »Gottfried – du weißt ...?« »Ja, Großmutter, bald nach meiner Heimkunft heute zwang ich dem Vater euer so lang gehütetes Geheimnis ab. Bald wird es alle Welt wissen; darum sollst du jetzt, so rasch es angeht, einen Doktor holen. – Es gibt hier ja doch nichts mehr zu verbergen.« »Nein, es gibt hier nichts mehr zu verbergen«, wiederholte Hans Müller die Worte seines Sohnes, während er die Tür seines Zimmers, in welches er und der Doktor eingetreten waren, schloß, und setzte jenen Worten hinzu: »Und es ist gut so. Seit mein Sohn nun alles weiß und – und es nicht ertragen wollte, neben uns zu leben, seither ist mir alles gleichgültig, und wer Sie auch sein mögen, Sie und alle Welt soll es wissen, ›der alte Herr‹ ist seit zwanzig Jahren tot.« »Ah!« rief nun doch überrascht Doktor John und setzte dann schnell hinzu: »Und er liegt rückwärts im Garten, zwischen den Fichten begraben.« »Wissen Sie das auch schon?« fragte Müller müde lächelnd. John nickte, und jener fuhr fort: »Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir zu den Fichten. Dort wird es mir sein, als ob der alte Herr es bestätigen könnte, daß das, was ich Ihnen gestehen will, die reine Wahrheit ist.« Im nächsten Augenblick schritten die beiden wieder die Treppe hinab. Vor ihnen her huschte die Alte. Sie eilte sehr, einen Doktor zu holen. Es war nun auch ihr völlig leicht ums Herz, war ihr, als sei eine Bergeslast davon gesunken, eine Last, die sie seit zwanzig Jahren geschleppt hatte. Doktor John und Hans Müller gingen langsam durch den Garten. Nun sah ersterer so recht, wie wunderschön dieser selbst jetzt zur Winterszeit gehalten war. »Meine Frau zuerst und dann wir alle wendeten uns der Garten- und Blumenpflege zu, so konnte es niemandem auffallen, daß wir so viele Blumen zum Schmuck unseres heimlichen Grabes brauchten. Sie werden ja gleich sehen, wie hübsch es gehalten ist. Es war uns ein tröstender Gedanke, den alten Herrn nach seinem Tode ebenso zu betreuen, wie ihn meine Mutter einst zu seinen Lebzeiten betreut hatte.« Kopfschüttelnd schaute John auf den seltsamen Menschen, der da so ruhig neben ihm ging, um ihn zum Grabe des alten Herrn zu führen. Und nun standen sie davor. Es war kein gewöhnlicher Grabhügel, der sich über dieser heimlichen Begräbnisstätte wölbte, sondern ein kreisrundes, erhabenes Beet, das von Efeu eingefaßt und mit Immergrün ausgefüllt war. Zwischen dessen zarten Blättern wiesen sich runde Stellen, welche verrieten, daß zur wärmeren Zeit daselbst noch andere, wohlblühende Pflanzen eingesetzt gewesen waren. Inmitten dieses Beetes aber befand sich ein prächtiger gediehener, wohl schon recht alter, wilder Rosenstrauch, auf dessen schwankenden Zweigen hundert und aber hundert tiefroter Hagebutten verrieten, welche Blütenpracht ihn sommers bedeckt hatte. Eines war sicher. Ein schöneres Grab hätte sich der alte Herr nicht wünschen können, ein schöneres Grab und ein teureres Gedächtnis der Hinterbliebenen. Lange, sehr lange umschritten die beiden Männer das kleine Rondeau zwischen den Fichten. Von der Kälte spürten beide nichts. Den einen machte das Reden, den anderen das Zuhören warm. Endlich wußte Doktor John alles, was sich auf dieses Grab bezog, und als er es wußte und als Hans Müller erschöpft schwieg, reichte John ihm die Hand und sagte: »Mein Lieber, gestatten Sie mir, Ihre Sache in die Hand zu nehmen.« Er hatte sehr warm gesprochen, und Müller hatte ihm mit traurigem Lächeln die Hand gedrückt. »Und nun ist es für heute genug«, fuhr John fort. »Zu Ihrer Selbststellung hat es auch morgen noch Zeit. Beruhigen Sie jetzt Ihren Sohn. Das alles ist so rasch über ihn hereingebrochen, daß es nur selbstverständlich ist, wenn es ihn niedergeworfen hat. Er wird sich hineinfinden lernen, um seiner Mutter eine Stütze zu sein, wenn ...« »Wenn ich nicht da bin«, fiel Müller ein, »ich und meine arme, alte Mutter. Oh, Herr Doktor, daß man auch diese zur Verantwortung ziehen wird, ist mir das Entsetzlichste an der ganzen Sache.« »Regen Sie sich nicht unnötig auf. Suchen Sie mir lieber Doktor Kleibers Adresse.« »Oh! Die kenne ich auswendig.« »Sie haben diesen Mann wohl niemals aus den Augen verloren?« »Wie denn auch? Er ist ja unser einziger Zeuge. Also er lebt noch in Trient.« John notierte sich die Adresse, dann reichte er dem ehemaligen Schauspieler die Hand und sagte: »So, und jetzt gehen Sie zu Ihrem Sohn und zu Ihrer Frau. Wir sehen uns morgen beim Gericht. – Ah, da geht eben der Arzt fort.« Müller hatte das auch bemerkt. Er war schon an des Genannten Seite. »Was fehlt ihr?« fragte er hastig. Der junge Doktor schaute ihm ernst in die Augen. »Sind Sie der Gatte der Kranken?« »Ich bin es.« »Dann muß ich es Ihnen sagen, daß hier sehr viel – unverantwortlich viel versäumt wurde. Das Leben Ihrer Frau hängt an einem Haar.« »Mein Gott! Mein Gott!« kam es in bitteren Klagelauten über die Lippen des bleichen Gatten. »Und hätte es mir die Kranke nicht selber – und sichtlich unbeeinflußt von irgend jemand anderem – gesagt, daß sie, sie ganz allein, gegen die Berufung eines Arztes gewesen ist, ich müßte, wenn dieser Fall letal endet, eine Anzeige machen.« Der Arzt hatte scharf, zuletzt fast grob in seiner Entrüstung gesprochen. Als er aber die schwere Träne, das bittere Lächeln des Gescholtenen sah, ward er milder und sagte: »Nun, alle Hoffnung ist ja noch nicht verloren. Der liebe Herrgott macht so manches wieder gut, was die Menschen verfehlten. Wenn mich nicht alles täuscht, ist die Krisis nahe, und da Sie in keiner Weise zu sparen brauchen, kann noch viel für die Kranke geschehen. Ich schicke Ihnen heute noch eine Schwester her, die beste Pflegerin, die ich kenne.« Müller atmete schwer, als er, die Hand auf des jungen Arztes Arm legend, sagte: »Sie irren. Ich kann eine Pflegerin nicht zahlen. Ich bin ein Bettler.« »Und doch, Herr Doktor, senden Sie nur Ihre beste Pflegerin, und sparen Sie in nichts. Ich – Notar John aus der Domgasse – nehme alle Kosten auf mich. Nun aber habe ich es eilig. Auf morgen also, Müller, Punkt zehn. Früher kann ich nicht kommen.« John ging rasch fort. Er hörte nur noch, wie Hans Müller laut aufschluchzte. * Am nächsten Vormittag, fünf Minuten vor zehn Uhr, bog Doktor John in die Gasse ein, in welcher das Gebäude des Gerichts lag. An dessen Tor traf er mit Müller zusammen. Er reichte ihm die Hand. Schweigend gingen die beiden daraufhin weiter. An einer Tür, darauf eine Tafel mit den Worten »Doktor Leopold Striegler, Untersuchungsrichter« angebracht war, trennten sie sich. John trat allein in das Zimmer. Er kam nach etwa zwanzig Minuten wieder heraus. »Nun, Müller, jetzt gehen Sie hinein, er ist vorbereitet. Ich sehe Sie jedenfalls noch, ehe ...« »Ehe man mich abführt«, vollendete mit schmerzlicher Ruhe Müller, nickte John zu und verschwand hinter der Tür, die ein kleiner, buckliger Schreiber für ihn geöffnet hatte. Ein freundlich aussehender ältlicher Herr, welcher an einem großen Arbeitstisch saß, nickte ihm ganz gemütlich zu und wies, wohl weil ihm das totenbleiche Antlitz Müllers Mitleid einflößte, auf einen Stuhl. Der seltsame Besucher machte jedoch von dessen besonderer Freundlichkeit keinen Gebrauch. »Also, lieber Lackner, beginnen wir«, sagte Doktor Striegler mit einem Blick auf den Schreiber. Dieser saß schon auf seinem Drehstuhl und tauchte die Feder in die Tinte. Doktor Striegler war jetzt nur mehr »im Amte«. Seine Miene war ernst, sein Blick war scharf geworden. »Ihr Name?« begann er. »Johann Müller.« »Ihre Geburtsdaten?« Müller gab sie genau an. »Ihre Beschäftigung?« »Ich war Schauspieler.« »Stimmt. Sie waren bis vor wenigen Jahren Schauspieler, aber haben das jetzt aufgegeben.« Über Müllers Gesicht huschte ein fahles Rot, und seine Augen senkten sich. Doktor Striegler fuhr fort: »Sie kamen hierher, um sich selber dem Gerichte auszuliefern. Das ist richtig, sehr richtig gehandelt, warum warteten Sie so lange damit?« »Bei Gott! Nur meines Sohnes wegen. Seit dieser – es ist seit gestern der Fall – mir unser Geheimnis abrang und deswegen für immer von uns gehen wollte, habe ich keinen Grund mehr, die Komödie weiterzuspielen, die uns seit zwanzig Jahren unbeschreiblich unglücklich und ruhelos gemacht hat.« »Sie haben es also auch gründlich einsehen gelernt, daß keine Sünde ihre Kosten trägt?« »Ob wir das einsehen lernten!« »Also reden Sie, Mann! Und reden Sie völlig aufrichtig. Haben Sie dem Doktor John aber auch die ganze Wahrheit gesagt?« »Ist sie nicht schmählich genug? Sie halten mich doch wohl nicht für einen Mörder? Doktor Kleiber in Trient wird, muß Zeugenschaft dafür ablegen, daß der alte Herr an jenem unseligen Abend vom Schlag gerührt wurde.« »Und er, ein Arzt, verließ den Schwererkrankten? Das ist unwahrscheinlich.« »Nicht so unwahrscheinlich, als man, den Sachverhalt nicht kennend, glauben muß. Doktor Kleiber war damals auf dem Weg zum Zug, der ihn zu seiner, wie er fürchtete, sterbenden Tochter bringen sollte. Seine Furcht war begründet. Als er in Trient ankam, fand er sein Kind in den letzten Zügen.« »Für uns hat dieses Traurige etwas Gutes. Doktor Kleiber wird das Datum, an dem er diese Reise machte, nicht leicht verwechseln. Wie wissen Sie selbst es so genau, was damals in Trient geschehen ist?« »Weil ich dort war. Es trieb mich hin zu dem einzigen Menschen, der das richtige Maß für unsere Tat haben würde. Daß ich dann dennoch nicht mit ihm redete, mich ihm nicht zeigte, war die Frucht meiner Überlegung. Wir wollten ja doch die Früchte unserer Tat genießen, daher mußte sie Kleiber verborgen bleiben, denn er hätte sie ja selbstverständlich sofort angezeigt, und wir hätten nur die Strafe, aber nicht den Nutzen gehabt.« »Übermäßig viel Nutzen haben Sie, wie Doktor John mir andeutete, ja ohnehin nicht daraus gezogen. Bettelhaft leben, das hätten Sie ohne diese Tat auch zusammengebracht. Noch aber ist mein Zweifel bezüglich des Betragens Kleibers nicht ganz behoben. Ich kann es nicht glauben, daß ein Arzt einen Sterbenden verläßt. Dieser Kleiber müßte denn wenig Gewissen besitzen oder damals den Kopf verloren haben.« »Es ist beides nicht der Fall. Doktor Kleiber ist überaus gewissenhaft, und er war, trotz seines Leides um seine Tochter, nicht im geringsten verwirrt, das werden Sie gleich merken. Ich will Ihnen jenen Abend kurz schildern. Doktor Kleiber kam damals um meiner Mutter willen ins Haus. Sie litt an Schwindelanfällen, und Herr Winkelmann selbst hieß sie Kleiber rufen. Ich war an dem Abend, an welchem er kam, eben zu Besuch bei meiner Mutter. Er wurde zuerst zum Herrn geführt, von dem er, ehe er sich meiner Mutter widmete, Abschied nehmen wollte. Herr Winkelmann bat ihn zu sich, er hatte irgend etwas mit ihm zu besprechen. Eine Viertelstunde etwa blieben die Herren beisammen, dann kamen sie in die Wohnstube heraus, wo wir den Doktor erwarteten. Herr Winkelmann sah noch ganz gut aus, als er herauskam. Mitten im Zimmer aber fing er plötzlich zu taumeln an und rief ängstlich nach meiner Mutter. Ehe diese ihm beistehen konnte, waren schon der Doktor und ich hinzugesprungen und halfen ihm auf das Sofa, wo er bewußtlos niedersank. Er war bläulichrot im Gesicht und sah wie ein Sterbender aus. ›Ein Schlaganfall‹, sagte Kleiber und setzte hinzu: ›Er wird wohl letal enden. In solchem Alter erholt sich kaum einer wieder von solch schweren Anfällen. Nur wenn das Leben völlig aus ihm schwindet, ist kaum zu sagen. Jedenfalls kann ich ihm nur die erste Hilfe leisten. Während ich mich um ihn kümmere, können Sie Doktor Caserti holen. Er wohnt in der Kirchengasse einundzwanzig. Aber, eilen Sie, denn ich muß, Sie wissen ja, ich muß fort.‹ So redete der Doktor, nachdem er mit Hilfe meiner Mutter den Kranken in eine passende Lage brachte und seine Kleider öffnete. Ich war schon im Flur. Da kam mir die Mutter nach. Sie rannte zum Brunnen um Wasser. ›Beeile dich, um Gottes willen, beeile dich und komme nicht ohne Arzt‹, rief sie mir zu, und ich eilte natürlich wirklich, so rasch ich konnte, nach der Kirchengasse. Doktor Caserti war nicht zu Hause, wurde aber jeden Augenblick zurückerwartet. Ich riß einen Zettel aus meinem Notizbuch, schrieb unsere Adresse darauf und bat die Magd, es ja auszurichten, daß es sich um einen dringenden Fall handle und der Herr Doktor unverweilt kommen möge. Dann ging ich. Kein Wagen ließ sich blicken. Damals war ja jene Gegend so öde. So mußte ich zu Fuß den ziemlich weiten Weg machen. Durch die Dammstraße gehend, sah ich das Schild eines Arztes. Ich eilte in das Haus. Auch dieser Doktor war nicht daheim. Man sagte mir, für diese Nacht sei auf ihn überhaupt nicht zu rechnen; er sei soeben zu einer Schwerkranken gerufen worden, zu einer Frau, welche einer Operation entgegensah. Ich rannte weiter. Schweißtriefend kam ich zu Hause an. Doktor Kleiber hatte inzwischen den alten Herrn zur Ader gelassen. Winkelmann atmete schwer. Er war noch immer blaurot im Gesicht. Meine Mutter kauerte verstört in einem Winkel. Kleiber hielt die Uhr in der einen Hand, mit der anderen fühlte er den Puls des Kranken. ›So kann es noch stundenlang fortgehen‹, sagte er eben, als ich ins Zimmer trat. Als er mich bemerkte, warf er mir einen fragenden Blick zu. Ich sah qualvolle Ungeduld aus seinen Augen schauen. ›Nun?‹ fragte er hastig, als ich nicht gleich redete. ›Doktor Caserti kommt gleich‹, sagte ich. Mir tat der Mann in seiner Angst und bitteren Unruhe schrecklich leid. Ich wollte es nicht auf mich nehmen, daß er den Zug versäumte. Er atmete denn auch recht erleichtert auf, als er meine nicht ganz richtige Antwort hörte, reichte mir das Rezept, welches er während meiner Abwesenheit geschrieben hatte, und sagte: ›An ein Aufkommen ist kaum zu denken. Der Arme ist teilweise gelähmt. Wie gesagt, er kann noch stunden-, ja tagelang leben, aber zu helfen ist ihm, wenn nicht ein Wunder eintritt, nicht mehr. Zeigen Sie Caserti dieses Rezept. Ihre Mutter muß sich nun auch von ihm untersuchen lassen, denn Sie sehen ja, in zwanzig Minuten muß ich auf dem Bahnhof sein.‹ So redend, hatte Kleiber seinen Rock angezogen, Hut, Reisetäschchen und Schirm genommen, nickte dem alten Herrn, der freilich nichts davon ahnte, freundlich wehmütig zu, grüßte Mutter und mich und verließ die Stube. Man sah es ihm an, wie es ihn drängte fortzukommen. ›Es ist also sicher, daß Caserti bald eintrifft?‹ fragte er auf der Stiege noch einmal. ›Ganz sicher‹, antwortete ich mit großer Bestimmtheit. Er sollte wenigstens in bezug auf diesen Fall ruhig sein. Und er war ruhig. Der Tod eines schon so alten Mannes konnte ihn, den Arzt, naturgemäß nicht besonders bewegen, und da er alles mögliche für ihn getan und überdies meinte, sein Stellvertreter sei schon unterwegs, so hatte er beim Verlassen des Hauses sicherlich nur mehr einen Gedanken, den: möglichst rasch den Bahnhof zu erreichen. Sein letztes Wort war: ›Natürlich schreiben Sie mir. Briefe erreichen mich mit der Adresse Doktor Kleiber im Hause des Regimentsarztes Doktor Polzer.‹ Ich versprach, ihm zu schreiben. Er ging eilig, fast laufend weiter. Ich kehrte ins Haus zurück. ›Wenn nur der andere Doktor bald kommt. Mir ist schrecklich bang.‹ Mit diesen Worten empfing mich meine Mutter. Auch mir war bang. Wenn Caserti nun nicht kam, nicht rechtzeitig kam? Diesen Gedanken durfte ich die Mutter nicht merken lassen. Ich tröstete sie, und wir pflegten den alten Herrn genau nach den Anweisungen Kleibers. Dazwischen lauschten wir auf das Kommen Casertis. Um neun Uhr fünf hatte Kleiber das Haus verlassen, genau zwei Stunden später starb der alte Herr. Er war einen Augenblick lang zu sich gekommen und versuchte zu reden. Erkannt hat er uns ganz gewiß, der sprechende Ausdruck seiner Augen bewies dies, und er hat uns auch noch etwas, das ihm ungemein wichtig dünken mußte, sagen wollen. Doch er war nicht mehr Herr seiner Zunge. ›Nehmt‹, meinte ich aus seinen Sprechversuchen herauszuhören, aber was er etwa mit diesen Worten andeuten wollte, konnten wir uns nicht denken. Eine neue Blutwelle schoß zu seinem armen Hirn, dann verzerrte sich sein Gesicht, und sein Kopf fiel zurück. Sein Herz schlug nicht mehr, davon überzeugte ich mich. Und immer warteten wir noch auf Caserti. Es wurde zwei Uhr morgens. Der Doktor war noch nicht da. Die Leiche war bereits eiskalt. ›Nun ist es mit allem aus. Nun werden wir bald Bettler sein. Wer wird mich kränkliches Weib noch in Dienst nehmen? Und deine Gage reicht ja nicht einmal für dich und Weib und Kind. Oh, hätte er nicht für uns sorgen können! Er hätte ja niemanden geschädigt. Wie oft hat er es mir gesagt, daß er nicht einen Verwandten mehr in der weiten Welt habe.‹ So klagte meine Mutter, nicht ahnend, welche Gedanken sie damit in mir wachrief. Wie ein Blitz war die Idee in mir aufgetaucht, daß durchaus nicht alles aus zu sein brauche, daß wir uns, da der Tote uns nimmer helfen konnte, selber helfen könnten. Wer brauchte es zu wissen, daß der alte Herr tot sei? Kleiber wollte ja auf keinen Fall mehr zurückkehren, und nur er war zu fürchten. Sonst betrat ja kein Fremder das Haus. Und – hatte ich meine Mutter täuschen können, so konnte ich noch weit leichter Vorübergehende täuschen. Ein bißchen Schminke, seine Mütze, seinen Schlafrock – und der alte Herr konnte sich immer noch hier und da am Fenster sehen lassen. Langsam, ganz langsam brachte ich meiner Mutter den Plan bei, den ich mit glühendem Hirn ersonnen hatte. Wie ich sie gewann, das zu beschreiben, Herr Doktor, erlassen Sie mir wohl. Was täte eine Mutter nicht für ihr Kind? Die meine opferte ihr reines Gewissen, ihre Seelenruhe für mich, der ich ohne die ersonnene Hilfe samt den Meinigen zugrunde gehen mußte. Es hatte immerhin viele Worte gekostet, um die arme, kränkliche und daher nicht eben willensstarke Frau meinem Plane gefügig zu machen; als sie sich jedoch entschlossen hatte, mit mir zu tun, was ich damals für unser einziges Heil ansah, brauchte es kaum mehr einiger Worte, um uns über die Art der Ausführung unseres Vorhabens zu einigen. Im Hintergrund des Gartens gibt es ein von Fichten gebildetes Rondeau, dessen Grund von nirgendsher überblickt werden kann. Dort begruben wir den alten Herrn. Am frühen Morgen begab ich mich noch einmal zu Doktor Caserti. Ich mußte doch wissen, warum er nicht gekommen war oder ob er etwa erst kommen wolle. Dem war nicht so. Auf der Treppe kam mir eine Magd entgegen, dasselbe Mädchen, dem ich gestern die Adresse gab. Sie stutzte, als sie mich sah, dann steckte sie abwehrend die Hände nach mir aus. ›Mein Gott, gehen Sie nicht hinauf. Herr, machen Sie mich nicht unglücklich‹, flüsterte sie mir, bleich vor Angst, zu und griff in die Tasche ihres Kleides. Ich wußte augenblicklich, was geschehen oder vielmehr was nicht geschehen war. ›Sie haben die Adresse, die ich Ihnen gegeben hatte, wohl gar nicht Ihrem Herrn übermittelt?‹ fragte ich mit stockendem Atem. Sie gab zu, daß es so sei. Ihr Liebster hatte sie am Tor erwartet. Das war ihre Entschuldigung. Ich ließ mir den Zettel wieder zurückgeben. Er war noch ebenso gefaltet, wie ich ihn gefaltet hatte. Offenbar hatte noch niemand die Adresse, die ich darauf geschrieben hatte, gelesen, sonst hätten sich beim nachherigen, achtlosen Zusammenfalten wohl neue Brüche ergeben. Dennoch machte ich noch eine Probe. ›So senden Sie uns wenigstens jetzt Ihren Herrn‹, sagte ich scheinbar erzürnt, in Wahrheit aber voll Spannung, was sie darauf erwidern würde. Sie langte nach dem Zettel. Sie kannte also unsere Adresse nicht! Ich tat, als hätte ich mich anders besonnen, steckte den Zettel zu mir und hieß sie, in ihrem Interesse, über die ganze Sache schweigen. Dann ging ich – heim. Es wurde uns der Winkelmannsche Besitz wirklich zur Heimat, aber eine unheimlichere hat noch niemand gehabt. Wir mußten da ein Grab bewachen, und in jedem Winkel erblickten wir den alten Herrn. Ich war damals auch auswärts noch Schauspieler, aber seit ich nebenbei auch die Rolle des alten Herrn gab, war mir mein früher so sehr geliebter Beruf völlig verleidet. Auch peinigte es mich, meiner Mutter fernbleiben zu müssen, sie allein zu wissen in dem entsetzlich stillen und doch so entsetzlich belebten Hause. Daher besuchte ich sie, sooft dies anging. Bei solch einem Besuch, währenddessen ich, wie immer, eine Unmasse schwerer Arbeit für meine Mutter getan hatte, verkühlte ich mich und kam fiebernd bei meiner Frau an. Helene (meine arme Frau heißt so) hielt mich seit Winkelmanns Tod für dessen Erben. Dieses Märchen zerfiel für sie in den Tagen meines damaligen Krankseins. Meine Fieberreden verrieten ihr den wahren Sachverhalt. Sie wurde zur Mitschuldigen, das heißt, sie fand nicht den Mut, uns zu verraten, uns verurteilt zu sehen und damit auch unser kränkliches Kind, meine plötzlich schier alt gewordene Mutter zu Bettlern zu machen. Sie entschloß sich, meiner Mutter wegen, in das schreckliche Haus zu ziehen. Dort lebt sie, gleich uns, alles nur irgendwie Entbehrliche entbehrend, uns tröstend und das Grab des alten Herrn schmückend, das traurige Leben eines edlen Weibes, das ihren Teuren zuliebe auf alles verzichtet, was ein Menschendasein freundlich macht, das sogar auf die Selbstachtung verzichtet. Ach, sie hat wahrlich das bißchen Schuld, das auf sie fällt, längst gebüßt.« Erschöpft aufschluchzend hielt Müller inne. Der Untersuchungsrichter betrachtete ihn mit unverhohlener Teilnahme. »Ihre Frau ist derzeit schwer krank?« fragte Doktor Striegler. Müller nickte. »Sie verlor ihren Mut und damit auch ihre Kraft, als Gottfried, unser Sohn, den wir aus leicht erklärlichen Gründen seit seinem siebenten Jahr vom Hause fernhielten, für diese Weihnachten seine Heimkunft ankündigte. Die Angst vor dem, was nun doch wohl kommen mußte, warf sie nieder. Sie wurde täglich schwächer, weigerte sich aber hartnäckig, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Seit gestern aber, nun, seit gestern ist der Winkelmannsche Besitz jedem offen, der seine Schwelle überschreiten mag.« »Und wie war das damals mit Doktor Kleiber? Schrieben Sie ihm?« »Gewiß. Er hätte sich wohl ohne Briefe nicht zufriedengegeben. Ich ließ das Wunder eintreten, das er angedeutet. Schrieb auch, daß Doktor Caserti doch verhindert gewesen sei zu kommen und daß ich einen anderen Arzt geholt habe. Doktor Kleiber war beruhigt und wohl auch von all dem Traurigen, das auf ihn selbst einstürmte, bald so abgelenkt von diesem Fall; daß unser Briefwechsel bald einschlief.« Noch redete Müller, als es an der Tür pochte. »Herein«, rief der Doktor, und sein Gesicht drückte einige Verwunderung aus, als John ein bißchen rasch und sichtlich an- oder aufgeregt in das Zimmer trat. »Sie sind noch immer hier, lieber Doktor?« fragte er, sich erhebend. »Ich bin inzwischen in meiner Kanzlei gewesen«, antwortete John und setzte mit einem merkwürdigen Blick auf Müller hinzu: »Und da habe ich meine Eingänge gemustert. Dieser dürfte Sie und noch einige Leute interessieren.« Lebhaft so redend, reichte er dem Untersuchungsrichter ein Telegramm hin. Es war ein sehr umfangreiches Telegramm. »Ah!« rief Doktor Striegler, nachdem er einen Blick auf die Unterschrift geworfen hatte, und dann las er die Drahtnachricht. Er hatte sich, gleich John, dem er einen Stuhl geboten, gesetzt. Jetzt aber stand er wieder und fuhr sich, als wollte er seine Gedanken meistern, über die breite, wuchtige Stirn. Dann trat er auf Müller zu, sah ihm mit eigentümlich blitzendem Blick in die Augen und sagte, ihm die Hand auf die Schulter legend: »Kommen wir zu Ende. Sie sind freiwillig hier erschienen, um auszusagen, daß Sie vor zwanzig Jahren heimlich einen Menschen begraben haben und daß Sie seither dessen Hinterlassenschaft gleich Ihrem Eigentum behandelten. Daß die Verschweigung von Winkelmanns Tod sowie dessen heimliche Einscharrung längst verjährt sind, wissen Sie; hoffentlich werden Sie beweisen können, daß Sie damals Caserti rufen wollten, und hoffentlich wird Ihnen niemand beweisen können, daß Winkelmann, dessen Reste man natürlich exhumieren wird, eines unnatürlichen Todes starb. Ist das so, dann wäre die eine Seite dieses Falles erledigt.« »Des fortgesetzten, des bis heute fortgeführten Betruges jedoch, der Aneignung fremden Eigentums, bin ich noch heute schuldig, und schon deshalb allein müssen Sie mich festnehmen lassen, Herr Doktor«, fuhr Müller schier gelassen fort und setzte seinen trüben Worten noch hinzu: »Aber nicht wahr, diesem Herrn, der sich so unsäglich gut gegen uns gezeigt hat, diesem Herrn ist es doch wohl gestattet, es mir zu sagen, wie es um meine Frau, wie es um meine Mutter und um meinen Sohn steht?« Müllers trübe Augen sahen flehend in die des wackeren John, der allerdings in diesem Moment der Rührung fast aufgeräumt aussah, was so gar nicht zur Szene passen wollte. Hatte er diesen rasch gefundenen Freund schon wieder verloren? Traute ihm keiner mehr? Verachtete ihn dieser so tief, daß das Mitleid in ihm erstorben war? Müller wurde darob irre an ihm, und in wachsender Unruhe sagte er: »Mein Gott! Wie schwer mußte ich diese Sünde schon büßen, und wie schwer werde ich sie noch büßen müssen!« »So ist es«, bestätigte ihm trocken der Richter. »Sie haben eine Schuld auf sich geladen, die natürlich ihre Sühne verlangt, jene Sühne, welche das aufgepeitschte Gewissen freiwillig leistet; es ist auch möglich, daß Sie andere Strafe noch werden dulden müssen, aber wenn dieses Papier recht hat, dann haben Sie eigentlich schon zu harte Sühne geleistet, indem Sie und die Ihrigen zwanzig Jahre freiwilliger Haft auf sich nahmen. Jetzt aber ist noch gar nichts entschieden, und Sie haben sich als Untersuchungshäftling zu betrachten. Unterschreiben Sie Ihr Geständnis, und dann folgen Sie diesem Herrn.« Auf einen Tastendruck hin war ein Beamter in das Zimmer des Untersuchungsrichters getreten, mit welchem dieser einige Worte wechselte und dem der ganz verwirrte Müller alsdann in den Flur hinaus folgte. Wenige Minuten später saß er in einem kahlen Zimmer an einem Tisch und schaute um sich. Soweit also hatte er es gebracht! Ein Häftling war er. Brennende Röte stieg in seinen Wangen auf, brennende Tränen schossen in seine Augen. Aufschluchzend barg er sein Gesicht in den Händen. Im Zimmer des Doktor Striegler gingen indessen dieser und Doktor John in lebhaftem Gespräch auf und ab. »Seltsam! Schier unglaublich! So hätte er sich eigentlich selber bestohlen. Und derlei bestraft ja die Behörde nicht!« Mit diesen Worten endete das Gespräch der beiden. John setzte nur noch hinzu: »Übermorgen komme ich also auch zur Exhumierung.« Dann war Doktor Striegler allein. Er nahm noch einmal das Telegramm zur Hand. Es war in Trient aufgegeben worden und an Doktor John adressiert. Es lautete:   »Arnold Winkelmann am 14. November 1881 abends vom Schlage gerührt. Hielt ihn für sterbend. Soll sich erholt haben. Josefa und Johann Müller waren mir damals treue Helfer. Doktor Caserti wurde erwartet, als ich ging, doch kam ein anderer Arzt. Winkelmann legte mir an jenem Abend ein eigenhändig geschriebenes Testament zur Zeugenunterschrift vor. Seine Erben sind Josefa und Johann Müller. Erkrankt und alt, bin ich reiseunfähig, hier aber zu jeder Einvernahme bereit. Doktor Richard Kleiber«   Dies der Inhalt des Telegramms, welcher die Antwort auf ein anderes war, welches Doktor John gestern gleich nach seinem Verlassen des Winkelmannschen Hauses nach Trient an Kleibers Adresse aufgegeben hatte. Stimmte sein Inhalt – und warum hätte er nicht der Wahrheit entsprechen sollen? –, so hatten Müllers seit jenem 14. November in ihrem Eigentum gelebt. Es verhielt sich tatsächlich so. Die Exhumierung der sterblichen Überreste Winkelmanns bestätigte Kleibers telegrafische Aussage bezüglich des Testaments. Man fand das Schriftstück noch ziemlich gut erhalten und völlig leserlich zwischen den Resten der fast ganz vermoderten Kleider; diese hatten dem Verfall weniger gut widerstehen können als die Lederbrieftasche, welche Winkelmann damals bei sich getragen. Sie enthielt verschiedene Papiere, darunter auch das Testament. Alles Geschriebene, das sie umschloß, zeigte dieselbe wunderliche, altväterliche Schrift, welche auch das Testament des alten Herrn aufwies. Es war unzweifelhaft ein gesetzlich unantastbarer Letzter Wille, den da das Grab herausgab, auf daß endlich des Leides ein Ende werde, das so lange in dem stillen Besitze geherrscht. Johann Müller ließ man bald frei, denn nun lag ja nichts mehr gegen ihn vor, das eine Ursache geboten hätte, ihn der Freiheit zu berauben. Doktor Kleibers vor Gericht abgegebene Aussagen stimmten so vollständig mit denen Johann Müllers überein, daß letztere nicht mehr zu bezweifeln waren. Auch hatte sich, nach einer Woche etwa, der Aufenthaltsort jener Magd ausforschen lassen, welche in der kritischen Zeit bei Doktor Caserti bedienstet gewesen, und sie erinnerte sich unschwer an jenen kleinen Vorfall. An jenem Abend hatte ihr Liebhaber ihr den Laufpaß gegeben, daher ihre Verwirrung, ihre Zerstreutheit, ob deren sie ihre sonst treulich geübte Pflicht so schwer verletzt hatte. Mit ihrer Aussage fiel der letzte Schein von Verdacht, der noch auf Johann Müller gelastet hatte. Josefa und Hans Müller, von jedem Verdachte und Heimlichkeit befreit, vor jeder Verantwortung und Strafe sicher, hätten nun, so sollte man meinen, ein ruhiges, sorgenloses Leben beginnen können. Und doch konnten sie dies nicht tun. Trug man nicht so recht zur Unzeit einen schmalen, ach, gar so schmalen Sarg aus dem Hause? Er war kaum umfangreicher als der, den man für Arnold Winkelmanns paar Knochen gebraucht, die nun auch in geweihter Erde ruhten. Dieser zweite Sarg umschloß Frau Helenes zierliche Gestalt, verwahrte die erbarmenswerte Frau, welche fast zwanzig Jahre lang an dem Sündenpack anderer hatte mitschleppen müssen, die, von der Liebe gestärkt, die üble Last mutig getragen hatte, bis ihr Kind kam – dieser Sohn –, für welchen auch sie gesündigt hatte und in dessen klaren Augen sie die Verachtung nicht lesen mochte. Wegen Gottfrieds Kommen war sie zusammengebrochen, um sich niemals mehr zu erheben. In tiefem Leid war sie aus der Welt gegangen. Wußte sie doch, so recht tief innerlich waren ihr Mann und ihr Sohn ja doch für immer voneinander getrennt. Gottfried blieb wohl ein guter Sohn – aber etwas, das er recht wohl hätte benennen können, das er jedoch niemals nannte, stand zwischen ihm und seinem Vater. Er war froh, daß sein Studienort so fern von dessen Domizil lag. Nur wenige Male im Jahre kam er heim. Mit von trüber Sehnsucht beflügeltem Schritt eilte er dann zuallererst an das Grab der Mutter, dann erst ging er langsam, viel langsamer dem Hause zu, welches man noch immer den Winkelmannschen Besitz nannte. Dort öffnete ihm jetzt eine nette Magd oder ein wohlgeschulter Hausdiener, und meist auf der Treppe schon kamen ihm der Vater und die Großmutter entgegen. Wenn er ihnen dann in die Augen sah, fand er stets dieselbe Scheu, dieselbe Traurigkeit in ihnen, die ihn seit jeher aus diesen Augen angeblickt hatten. Er redete dann sanft und liebreich auf sie ein oder brachte ihnen wohl auch öfter den einzigen und schon deshalb auch besten Freund des Hauses, Doktor John, mit – und da gelang es beiden im Vereine, zuweilen eine flüchtige Heiterkeit der alten Frau und ihrem früh alt gewordenen Sohn zu erwecken. Doch all das war nur vorübergehend; bleibend aber war die düstere Seelenstimmung, in die sich die beiden seit jener unheimlichen Novembernacht hineingelebt hatten und welche die gerechte Strafe für ihre Tat war. »Alt« nannten wir Hans Müller, und es ist richtig, er war, noch in rüstigen Mannesjahren, alt, ja fast zum Greise geworden, der auch jetzt im wissentlich rechtlichen Besitz so vieler Habe diese kaum genießen kann. Und auch das ist nur gerecht. Hans Müller liebt außer seinem Sohn nur noch eines, die Ruhe, die Beschaulichkeit. Man konnte ihn oft stundenlang unbeweglich an demselben Fenster sitzen sehen, an welchem dereinst in Wahrheit der alte Herr und dann sein Trugbild gesessen hatte. Und wenn die jüngere Generation an seinem Haus vorüberging, erinnerte sie sich wohl zuweilen, wenn auch ein bißchen unklar an das, was die ältere sich von diesem Hause und dessen Eigner erzählt hatte, und fragt ein in der Gasse Fremder einmal einen anderen, der in ihr heimisch ist, wie der weißhaarige, stille Mann heiße, der so gern im Sonnenschein am Fenster sitzt, so antwortet dieser andere wohl: »Man nennt ihn nur den alten Herrn.« Der Brief aus dem Jenseits In einem Kaffeehaus der Provinzialhauptstadt G. saßen zwei Herren an einem Tisch und sprachen lebhaft über die schauerliche Neuigkeit des Tages, welche die Lokalblätter ausführlich besprachen. »Sensationeller Raubmord«, stand da in großen Lettern an der Spitze der Abendausgabe einer der Zeitungen. Über diesen Raubmord sprachen auch die Herren. Sie mußten vom Gericht sein; denn sie zeigten sich über allerlei unterrichtet, wovon eben nur Personen der Gerichtsbehörde Kenntnis haben konnten; wußten, welchem Kommissar die Untersuchung zugeteilt worden war, und auch schon, daß Staatsanwalt Schmid die Anklage führen würde, falls man diesmal so glücklich sein sollte, des Verbrechers habhaft zu werden. »Na, dem kann's gut gehen«, meinte der jüngere der beiden Herren, seine Zigarrenasche abstreifend. »Es soll ihm gar nicht gut gehen«, meinte phlegmatisch der andere, »aber das ist schon richtig, unser schneidiger Staatsanwalt wird genug Grimm in sich gesammelt haben, weil uns jüngst zwei große Verbrecher entwischten, und da wird er noch weniger als sonst geneigt sein, Milde walten zu lassen, sondern wird die Sache so scharf als möglich anfassen.« »Ein sehr schöner Fall – falls es wirklich zu einer Gerichtsverhandlung kommt. Auf so etwas hat Schmid schon lange gewartet. Das ist etwas, wo man sich so recht hineinlegen und sich bei Seiner Exzellenz dem Herrn Minister beliebt machen kann. Da würde dann doch die Berufung nach der Hauptstadt nicht mehr länger auf sich warten lassen!« Der junge Beamte hatte mit großer Bitterkeit gesprochen, sein älterer Kollege sah sich vorsichtig um, ob die heftige Rede nicht etwa Hörer gehabt – aber niemand kümmerte sich um die beiden. Um den jüngeren Mann von den unvorsichtigen Bemerkungen abzulenken, fragte er: »Weiß man noch immer nicht, wer der Ermordete ist?« »Noch immer nicht. Die Vermieterin, die ihn nach seinem Einzug bei der Polizei hätte melden sollen, hat das zu tun vergessen. Aber er soll erwähnt haben, daß er erst unlängst sein Gut, das gar nicht weit von hier gelegen gewesen sei, verkauft und dafür zehntausend Gulden erhalten habe, welches Geld man auch bei ihm gesehen hat. Auf diese Daten hin hat man in der ganzen Umgebung der Stadt den Telegrafen spielen lassen und wird wohl bald herauskriegen, wo dieser Ausländer in jüngster Zeit gelebt.« Noch lange besprachen die Herren die bis jetzt bekannt gewordenen Einzelheiten des Verbrechens, und dann griff der jüngere noch einmal zur Zeitung. Da hieß es:   »Sensationeller Raubmord. Unsere Leser kennen wohl alle die Josefigasse. Es ist eine ruhige, friedsame Gasse, in welcher nur wenige Häuser stehen. Diese Häuser sind durch Gärten und Bauplätze voneinander getrennt und von armen Leuten bewohnt. Das Haus Nr. 7 ist das kleinste, das bescheidenste von allen Häusern der Josefigasse. Es ist das Eigentum eines Handlungsreisenden namens Eduard Winter. Der Mann ist selten daheim. Er hat nur ein Kind und eine Frau, die mit einer betagten Magd die kleine Wirtschaft führt. Das Haus hat nur wenige Räume. Ein Zimmer und eine Küche im Parterre, zwei Zimmer im ersten Stockwerk. Diese zwei Zimmer vermietete Frau Winter monatweise, wenn sie wußte, daß ihr Mann eine längere Reise vorhatte. Diese zwei Zimmer waren auch jetzt vermietet; waren seit acht Tagen von einem noch jungen, fein aussehenden, sich solid gebenden Herrn bewohnt. Er hatte im voraus für einen Monat bezahlt. Er war, so seine Angabe, hergekommen, um Freunde in hiesiger Stadt zu besuchen. Er erhielt auch, soviel man weiß, einmal einen Besuch. Es war ein Herr mit dunklem Vollbart und breitkrempigem, grauem Filzhut, der abends zum Mieter der Winterschen Wohnung kam. Lissi, die alte Magd des Hauses, hatte ihn kommen sehen. Es war am Abend des 23. September. Am Morgen des 24. fand sie Herrn John Siders, so hatte sich der Mieter genannt, mit durchschossener Brust tot inmitten des zweiten Zimmers auf dem Fußboden liegen. Zeter und Mordio schreiend, rannte die Alte auf die Straße und rief die Nachbarn herbei. Ihre Herrin war nicht daheim, die hatte mit ihrem Kind, wie sie es in Abwesenheit ihres Mannes öfter zu tun pflegte, den vergangenen Tag und die vergangene Nacht am anderen Ende der Stadt bei ihrer Mutter zugebracht und war noch nicht zurückgekehrt. ›Mord, Mord‹, schrie, fast von Sinnen, die alte Magd, als sie vor das Haus stürzte, und teilte den herbeieilenden Leuten, es war auch ein Wachmann darunter, in fliegender Hast mit, was sie gesehen. ›Na, seien Sie ruhig, es wird halt ein Selbstmord sein. Derlei kommt ja alle Tage vor‹, meinte der Binder von nebenan, indessen der Wachmann, den anderen voran, ins Haus ging. Er allein betrat das zweite Zimmer, an dessen offener Tür sich bleiche, schreckensvolle Gesichter drängten. Es war kein Selbstmord, das war mit wenigen Blicken zu erkennen, denn überall fanden sich Zeichen eines Kampfes: auf dem Tisch, wo ein Tintenfaß umgeschüttet war, auf dem Boden, wo die Teppiche ineinander geschoben waren und ein Sessel umgestürzt war, ja selbst an den Gardinen, deren eine in Fetzen hing. Wahrscheinlich wollte der Überfallene von dem Fenster aus um Hilfe rufen, und der Mörder war ihm gefolgt und hatte ihn wieder in das Zimmer zurückgezerrt, wo er sein Opfer mit einem Schuß niederstreckte, um es dann zu berauben, was die halb offenstehenden Laden eines Trumeau-Kastens und des Schreibtisches sowie verschiedene wertlose Gegenstände bewiesen, die einst auch in den Laden gelegen und sich nun auf dem Boden verstreut vorfanden. Eine Minute lang war der Wachmann im Mordzimmer gewesen, seine Augen hatten ihm gesagt, daß hier ein Raubmord vorliege, seine Hand, die er auf die eiskalte des Hingesunkenen gelegt, hatte ihm bewiesen, daß man hier keines Arztes mehr bedürfe. Er ging aus dem Zimmer; die Leute waren schon bis zum kleinen Flur und zur Stiege zurückgewichen. »Wollen Sie sofort zur Polizeidirektion gehen, um die Sache zu melden?« fragte der Wachmann den klug aussehenden Bindermeister, und dieser nickte und verschwand. Der Wachmann schloß die Wohnung, in welcher der Ermordete lag, und steckte den Schlüssel zu sich, dann ging er zum Tor hinunter und erwartete dort die Ankunft der Kommission. Die Magd der Frau Winter hatte jemanden nach ihrer Herrin gesandt und sich dann mit schlotternden Knien in ihren Bereich, in die Küche, zurückgezogen. Eine halbe Stunde später hielt ein Fiaker vor dem kleinen Haus in der Josefigasse. Ein Polizeikommissar, der Polizeiarzt und ein Schreiber stiegen aus. Auf dem Kutschbock saß ein scharfgesichtiger Mann in Zivil, der trotz seines eifrigen Plauderns mit dem Wagenlenker die umstehende Menge unauffällig beobachtete. Als indessen einer der Männer in ihm einen Detektiv zu erkennen glaubte und diese Bemerkung leise weitergab, verschwand einer um den anderen von den neugierigen Gaffern, so daß, als nach einer halben Stunde die Herren von der Polizei wieder herunterkamen, niemand mehr da war als die beiden Männer auf dem Bock des Wagens. Frau Winter trat ihnen, noch ganz atemlos und überaus bestürzt, im Flur entgegen, gab einige Auskünfte und zeigte sich sehr erleichtert, als sie vernahm, daß der Leichnam eine Stunde später abgeholt werden würde. Letzteres geschah denn auch, und natürlich hat unsere so eifrige Polizei alles veranlaßt, um dem Täter oder den Tätern auf die Spur zu kommen. Daß der unglückliche John Siders nicht durch Selbstmord ums Leben gekommen war, bewies außer den von uns bereits angeführten Anzeichen noch ein Brief, welchen der amtierende Kommissar neben dem umgestürzten, fast ganz geleerten Tintenfaß fand und welcher nachweislich die Handschrift des Toten trägt. Der Inhalt dieses Briefes ist laut Polizeirapport:   Lieber Freund! Es freut mich herzlich, daß Ihr, Du und die Deine, mich so liebreich aufgenommen habt. Da ich das bewußte Hindernis beseitigen konnte, bin ich natürlich gern bereit, übermorgen, Sonntag, die geplante Landpartie mitzumachen. Zu diesem Zweck werde ich gegen 8 Uhr früh Euch in Eurer Wohnung abholen. Du gestattest, daß ich einen Fiaker und Champagner mitbringe. Es soll ein lustiger Tag werden, und nebenbei müssen wir doch auch unsere Zukunftsprojekte hochleben lassen. Inzwischen schließt Dich ans Herz und küßt Deiner lieben Frau die Hand Dein alter treuer, noch immer flotter John G ..., am Freitag, dem 23. September 189 ...   Dieser Brief, zu dem nur noch die Adresse fehlte, sagt am deutlichsten, daß sein Schreiber noch viel von ›übermorgen‹ und der ferneren Zukunft hoffte und daß er noch voll schäumender Lebensfreude war, die eine mörderische Hand erbarmungslos mit einem Schuß vernichtete. Möge es unserer Polizei doch wenigstens dieses Mal gelingen, den Täter der gerechten Strafe zuzuführen.«   So der Bericht des Abendblattes. Zwei Tage später saß Kommissar Horn, welcher die Untersuchung im Falle John Siders führte, in ziemlich mißmutiger Laune in seinem Büro. Man war noch immer um nichts weitergekommen, hatte nichts wesentlich Neues erfahren. Der Ermordete lag bereits im Grabe. Von seinem Mörder hatte man keine Spur. Wohl wußte man seit heute morgen, wo der Ermordete gewohnt, ehe er in diese Stadt gekommen war. Den Revolver betrachtend, den man einige Schritte seitwärts von dem Toten gefunden und der seither auf Horns Tisch lag, saß der Kommissar da und dachte recht unzufrieden über den geringen Erfolg nach, welchen sein Besuch in Grünau, so hieß das Dorf, aus welchem John Siders gekommen war, gehabt hatte. Er war eigentlich ganz umsonst hingefahren. Er hatte vom dortigen Bürgermeister nur erfahren, daß John Siders aus Chicago hierher übergesiedelt war und daß des Fremden einziger Umgang Ingenieur Graumann war, der nahe seinem Dienstort, einer großen Maschinenfabrik, die sich unfern vom Bürgermeisteramt befand, wohnte. Eine Fotografie des Ermordeten, welche man bei diesem gefunden, wurde vom Bürgermeister sofort als das Bild John Siders erkannt. Als die Person des Toten somit festgestellt war, ließ Kommissar Horn Albert Graumann durch den Bürgermeister in dessen Amtsstube bescheiden. Während man ihn erwartete, erhielt der Kommissar noch einige Auskünfte über John Siders und dessen Bekannten, den Ingenieur Graumann. John Siders hatte auffallend still in seinem kleinen Besitz gelebt. Das einzige indessen, was unangenehm an ihm auffiel, war seine seltsam scheue Art gewesen. Was ihn bewogen, seinen Besitz geradezu zu verschleudern, um ihn nur so bald als möglich loszuwerden, wußte niemand. Seine Dienstleute, eine alte Magd und einen jungen Knecht, habe er sehr gut entlohnt, und sie seien noch im Dorf, falls man Auskunft von ihnen wolle. Horn verfügte, daß auch sie vorgeladen würden. Über Graumann erhielt er ebenfalls Auskunft, und zwar weit genauer als über John Siders. Graumann war ein gebürtiger Grünauer, und seine sowie die Verhältnisse seiner Familie waren allgemein bekannt. Sein Vater war Kassierer der Maschinenfabrik gewesen, hatte den Sohn studieren und ins Ausland gehen lassen, und Albert Graumann war nun schon seit Jahren in dem großen Etablissement beschäftigt. Er war 45 Jahre alt, kinderloser Witwer und lebte im Hause seiner alten Tante. Er war ein sehr intelligenter, diensteifriger Beamter, ein wenig hochfahrend und kaltherzig, sicherlich aber ein Mensch, den man einen Ehrenmann nennen konnte. Er trat, bald nachdem der Bürgermeister den Polizeibeamten über ihn orientiert hatte, in die Stube, in welcher die Herren auf sein Kommen warteten. Er war neugierig, im übrigen aber sehr ruhig und unbefangen dem Wunsch des ihm persönlich befreundeten Bürgermeisters sofort nachgekommen und trat mit der gemütlichen Frage »Na, was gibt's denn, das so eilig abgetan werden muß?« in das Zimmer. »Ich komme wegen John Siders, der ermordet wurde«, sagte, rasch aufstehend und ohne eine Vorstellung abzuwarten, Kommissar Horn und beobachtete dabei scharf den Eingetretenen. Ingenieur Graumann starrte ihn an. Es war ein Erschrecken, ein jähes, tiefes Erschrecken, das sich auf seinem bewegten Antlitz zeigte. Aber frei haftete sein Auge dabei auf dem des Polizeibeamten. »John Siders – ermordet?« murmelte er und wischte sich mit der Hand über die Stirn, hinter der, man sah es dem Manne an, sich viele Gedanken regten. »Sie waren sein Freund«, fuhr der Kommissar rasch fort. Graumann schüttelte den Kopf. »Nur sein Bekannter, hier allerdings so ziemlich sein einziger Bekannter.« »Und kannten als solcher seine Verhältnisse.« Über Graumanns hartes, aber kluges Gesicht huschte ein Ausdruck von Grimm und Verachtung, aber völlig ruhig sagte er: »Ja, ich kannte einiges von seinen Verhältnissen. Er redete mit mir zuweilen über Chicago, das wir beide kennen, er war dort einige Zeit hindurch Advokat. Wir hatten sogar gemeinsame Bekannte dort, und wir waren beide gern drüben gewesen, das gab manchen Gesprächsstoff. Über sein jüngstes Leben bin ich weniger genau unterrichtet.« »Wußten Sie auch nicht, was ihn veranlaßte, sein Besitztum so rasch zu verkaufen?« Graumann zögerte ein wenig, dann sagte er ruhig: »Er hat mir darüber nichts gesagt.« »Wann sahen Sie ihn zum letztenmal?« Wieder dachte der Ingenieur nach, um dann ganz sicher zu antworten: »Als er von hier wegreiste.« »Er nahm all sein Geld mit?« »Wie kann ich das wissen?« »Seine Zukunftspläne kannten Sie auch nicht?« »Er wollte vermutlich Europa wieder verlassen.« »War er ein Deutscher?« »Ja.« »Können Sie mir noch etwas über ihn berichten?« In Graumanns Gesicht stieg eine helle Röte, er tat schon den Mund auf, doch schloß er ihn wieder, ohne zu reden. »Was wollten Sie sagen?« fragte scharf der Kommissar. »Nichts, das auf das Ende John Siders irgendwelchen Bezug haben könnte.« »Haben Sie auch keinerlei Vermutung darüber, wer sein Mörder, wer der Raubmörder sein kann? Sie kannten ja vermutlich seinen Umgang, seine Beziehungen am genauesten.« »Ich habe alles gesagt, was ich in bezug auf John Siders zu sagen hatte.« »Und es interessiert Sie gar nicht, wann, wo und unter welchen Umständen er sein Ende fand?« Wieder waren Horns Augen scharf auf den ihm ziemlich unsympathischen Menschen gerichtet. Doch Graumann blieb unerschütterlich ruhig. Mit einer Kälte, die nicht für sein Herz sprach, sagte er: »Nein, das interessiert mich nicht. Es betrübt mich, daß er solch ein Ende gefunden, aber da ich ihm dadurch nicht zu helfen vermag, erspare ich mir's lieber, die Geschichte seines Todes zu hören. Aufregungen tun mir nicht gut. Ich habe einen Herzklappenfehler. Seinetwegen halte ich nicht einmal eine Zeitung.« »Bedaure«, entgegnete Horn kühl. Es war nicht klar, ob er die Kälte von Graumanns Herzen oder diesen um seines Klappenfehlers willen bedauerte, der ihm nicht einmal gestattete, Tagesneuigkeiten zu lesen. Er entließ den Ingenieur, sprach dann noch mit den inzwischen gekommenen ehemaligen Dienstleuten John Siders', die gründlich entsetzt waren über das schreckliche Ende ihres gütigen Herrn, dem Kommissar aber nicht das geringste Neue zu berichten wußten. Horn fuhr alsdann in ziemlich übler Stimmung nach G. zurück, wo er flüchtig zu Mittag aß, seinem Chef Bericht erstattete, einige laufende Amtsgeschäfte erledigte und gegen drei Uhr müde in seinen Stuhl sank, um doch noch nicht, wenigstens nicht in bezug auf das Denken, Ruhe zu finden. Während er also grübelnd dasaß, pochte es an die Tür. »Herein!« rief er zerstreut. Es war ein hübsches junges Mädchen, das langsam über die Schwelle trat. Sie blieb, nachdem sie die Tür geschlossen, dicht an ihr stehen. Horn erhob sich rasch und ging auf sie zu. Sie war ihm fremd. Aber ein Blick auf sie hatte ihm gesagt, daß sie sehr befangen und überaus unglücklich sei. »Was wünschen Sie, Fräulein?« begann er freundlich, denn sein wohlwollendes Herz drängte ihn, wie ein Freund zu dieser sichtlich Schwerbekümmerten zu sprechen. Den derzeitigen »Fall«, der ihn noch einige Sekunden vorher so lebhaft beschäftigte, hatte er jetzt vergessen. Das Mädchen erhob ihre Augen voll zu ihm; es waren sanfte graue Augen, aus denen ihn ein tiefer Schmerz ansah. »Ich bin Eleonore Römer«, sagte sie; sie mußte in dem Glauben leben, daß er ihren Namen schon kenne, denn da sie merkte, daß er damit keinerlei wichtige Vorstellung verband, zeigte sie sich verwundert. »Und ich bin Kommissar Horn«, stellte er sich vor, worauf sie entgegnete: »Ich weiß es, deshalb bin ich ja eben aus Grünau mit dem nächsten Zug hierhergereist, um mit Ihnen sprechen zu können.« In Horns Augen blitzte es auf. »Aus Grünau kommen Sie?« sagte er lebhaft. »Oh, bitte, was haben Sie mir zu sagen?« Er führte sie zu seinem Tisch und bot ihr einen Stuhl. Sie sah ihn, eine Weile an einem Worte würgend, an, dann fragte sie leise: »Hat Ihnen Herr Graumann, mein Vormund, gesagt, daß John und ich heimlich verlobt gewesen? Daß auch ich über den Unglücklichen aussagen kann – nur Gutes«, setzte sie mit einem lieben, herzzerreißenden Lächeln hinzu. Kommissar Horn reichte ihr die Hand. »Sie sind ein tapferes Kind«, sagte er herzlich. »Ich nehme an, Sie haben es, gleich Herrn Graumann, heute erst erfahren, daß John Siders tot ist.« Das Mädchen nickte, brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus und legte Arme und Haupt auf die Tischkante. Ihr ganzer zierlicher Leib zuckte vor schmerzlicher Aufregung. Horn, der selber eine Tochter in Eleonores Alter besaß, ward es recht weh ums Herz, als er das liebliche Mädchen so trostlos sah. Sanft löste er ihr den Hut vom Kopf und strich ihr über das Haar. »Armes Kind, Sie haben John Siders wohl sehr lieb gehabt?« Wie zart der Kommissar reden konnte! Seine Güte fiel denn auch wie labender Tau in die gramvolle Seele des Mädchens. Sie erhob den Kopf, wendete Horn ihr blasses Gesicht zu und stammelte: »Oh, bitte, verzeihen Sie mir. Aber ich mußte endlich weinen, wenn mich das Grauen und der Schmerz nicht töten sollen.« »Weinen Sie, Kind, weinen Sie. Die Natur fordert ihr Recht. Ich kann schon noch ein wenig warten«, entgegnete Horn freundlich, und als sie sich endlich gefaßt hatte, sah er ihr ermutigend in die Augen, und sie begann: »Als mein Vormund heute mittags heimkam, erzählte er seiner Tante und mir, die ich auch in seinem Haushalt lebe, daß John tot, daß er ermordet, und zwar um seines Geldes willen ermordet worden sei. Er brachte es uns vorsichtig bei – dennoch war mir's, als sollte ich wahnsinnig darüber werden.« »Wußte Ihr Vormund, daß ein Verhältnis zwischen John Siders und Ihnen bestand?« »Er wußte es, denn er selbst hat es vor etwa drei Wochen gelöst.« »Gut, mein Kind. Sie haben, wie ich meine, wirklich Wichtiges auszusagen, da wollen wir denn doch ein Protokoll aufnehmen. Sie waren doch gefaßt darauf?« Gar ernst war der Beamte geworden und gar ernst und noch blasser auch das Mädchen. Sie neigte, seine Annahme bestätigend, das Haupt. Kommissar Horn drückte auf eine elektrische Klingel. Ein Wachmann kam herein. »Ich lasse Herrn Binder zu einem Protokoll bitten.« Eine Minute später kam Herr Binder. Er sah nicht rechts noch links, verbeugte sich im Hereinkommen mechanisch nach der Richtung hin, in welcher er den Kommissar wußte, und saß auch schon an seinem Platz, hinter einer Lage weißen Papiers, dessen Bogen schon numeriert waren. Herr Binder war eine sehr präzise arbeitende, nie versagende Schreibmaschine, die gleich in schönster Schrift selbst die im raschesten Tempo durchgeführten Verhandlungen protokollierte. Er sah schon lange auf sein Papier und die schon angesetzte Feder, als der Kommissar mit seinen Fragen begann. »Sie heißen?« »Eleonore Römer.« »Wie alt?« »Zweiundzwanzig Jahre zehn Monate.« Horn lächelte ein wenig, dann fuhr er fort: »Wo geboren?« »In Grünau.« »Konfession?« »Römisch-katholisch.« »Ledig? Verheiratet?« »Ledig.« »Wohnhaft?« »In Grünau. Im Hause des Ingenieurs Albert Graumann, der, da ich seit Jahren elternlos bin, mir zum Vormund gesetzt ist.« »Seit wann kannten Sie John Siders?« »Fast so lange, wie er in Grünau lebte, das ist seit mehr denn einem Jahr.« Sie verlobten sich mit ihm?« »Ich verlobte mich mit ihm.« »Heimlich? »Heimlich.« »Aus welchem Grunde sollten die Leute nichts von diesem Verlöbnis wissen?« Eleonore Römer lächelte bitter. »Oh – die Leute hätten es schon wissen können, nur meinem Vormund sollte es verborgen bleiben, bis es zur Hochzeit kam, was erst nach meiner Mündigsprechung der Fall sein konnte.« »War er Ihrem Verlobten abhold?« »Nein – solange er nicht wußte, daß John mein Verlobter war.« »Und aus welchem Grunde war er dann gegen ihn?« »Weil er selber mich heiraten wollte«, sagte das Mädchen errötend. »Ah!« machte der Kommissar. Eleonore Römer blickte auf. »Nicht wahr, jetzt wissen Sie, warum Graumann dem armen John so übelwollte, daß er sein und damit auch mein Glück zerstörte. Aber kann er das Schreckliche auch scheinbar beweisen, John ist – ah – war doch kein Dieb, und wenn man ihn auch verurteilt hat, wenn er auch im Zuchthaus gesessen, er war doch kein Dieb, war ehrlich, wie Sie und ich es sind. Das, nur das Ihnen zu sagen, kam ich her, denn ich will nicht, daß man schlecht von dem Toten spricht, der mir's unter Tränen und heiligen Eiden zugeschworen, daß er ungerecht verurteilt wurde und daß ein Justizmord an seiner Ehre verübt worden sei.« Immer gespannter horchte der Kommissar, und als das Mädchen seine leidenschaftliche Rede beendet hatte und, wieder von der gewohnten Schüchternheit überwältigt, die flammenden Augen niederschlug, da fragte Horn sehr erstaunt: »Ja, liebes Fräulein! Wovon reden Sie denn eigentlich?« »Von John Siders, den mein Vormund freilich in dem Glauben, er rede die Wahrheit, heute bei Ihnen verleumdet hat.« »Aber Herr Graumann sagte ja von all dem, was Sie da vorbrachten, kein Wort.« »Kein Wort!« sagte langsam – sich wie eine Nachtwandlerin erhebend und ihn anstarrend – das Mädchen, dann schlug es die Hände vors Gesicht und murmelte: »Mein Gott! Was habe ich getan!« »Das Rechte, Fräulein Römer! Das einzig Rechte und Richtige haben Sie getan, indem Sie, vom einem edlen Gedanken getrieben, hierhergekommen sind, um alles, aber auch wirklich alles zu sagen, was die schreckliche Tat, die an Ihrem Verlobten verübt wurde, vielleicht aufklären kann und wodurch es dem Gesetz möglich ist, den Mörder John Siders der Gerechtigkeit zu überantworten.« Eleonore Römer hatte, während Horn so ernst und gütig auf sie einredete, ihre Verwirrtheit überwunden, jetzt nickte sie wehmütig und sagte: »Sie haben recht, Herr Kommissar. Es wäre ja doch meine Pflicht gewesen, alles zu sagen, was ich über Johns Verhältnisse weiß, und so vielleicht mit dazu beizutragen, damit er gerächt werde. Es wird ihm ja nun nicht mehr weh tun, daß es hier noch mehr Leute als mein Vormund und ich wissen, er sei einstens hier, in dieser Stadt, als Dieb gebrandmarkt worden.« »Hier? Wann?« »Vor acht Jahren.« Horn streckte die Hand nach der elektrischen Klingel aus. – Fräulein Römer wehrte ab. »Sie wollen nach seinem Namen suchen lassen. Man würde ihn nicht finden, denn er hat in Amerika, wo er Staatsbürger wurde, den Familiennamen seiner Mutter, einer Engländerin, angenommen. Auch gebrauchte er drüben nur seinen zweiten Taufnamen. Wenn Sie aber einen Theodor Bellmann suchen wollen, werden Sie finden, daß er zu acht Monaten Zuchthaus verurteilt wurde, weil er auf einen Indizienbeweis hin von dem Richter als eines großen Diebstahls schuldig erkannt worden war. Und dieser Theodor Bellmann, der, ich bin fest davon überzeugt, nie eine unanständige Handlung beging, war unter dem Namen John Siders mein Verlobter.« »Den Sie aber trotz Ihres Überzeugtseins von seiner Unschuld verließen«, sagte ein wenig hart der Kommissar. Leonore Römer senkte das Haupt. »Ja, ich ließ von ihm ab«, sagte sie traurig, »aber nur weil mein Vormund uns damit drohte, Johns Vergangenheit überall, wohin wir uns auch wenden würden, bekannt und uns somit überall unmöglich zu machen. John selber gab mir mein Wort zurück, und ich mußte es nehmen – denn wenn auch ich vielleicht die Entehrung ertragen hätte, Johns schon tief verletzte Seele hätte es nimmer überwinden können, daß er überall als einstiger Zuchthäusler angesehen werde.« »Sie meinten also beide, daß Graumann seine Drohung wahrgemacht hätte?« »Er hätte sie wahrgemacht. Denn er ist grausam und leidenschaftlichen Hasses fähig, wenn seine Wünsche durchkreuzt werden.« »Sie halten ihn also für fähig, Schlimmes zu tun – fast ein Verbrechen –, vielleicht wirklich ein Verbrechen auszuführen?« Langsam, das Mädchen mit festen Blicken betrachtend, hatte Horn geredet, und Eleonore hatte ihn begriffen, das sah er aus ihrem Erbleichen, aus ihrem Zurückweichen, aus dem abwehrenden Ausstrecken ihrer Hände. »Das habe ich doch nicht gesagt – wenigstens nicht sagen wollen!« stammelte sie, worauf er ruhig entgegnete: »Aber Sie haben Graumanns Charakter sichtlich wahr gezeichnet, und da er, soviel wir jetzt wissen, der einzige Feind des Ermordeten war, müssen wir diesen Umstand berücksichtigen und ...« »Und?« ächzte Leonore. »Und uns den Mann ein wenig näher ansehen«, sagte mit einem beruhigenden Lächeln der Beamte. Leonore, die sich schon hastig erhoben hatte, sank wieder auf den Sitz zurück. »Auch das habe ich natürlich nicht auf ihn laden wollen«, sagte sie sanft. Plötzlich überflutete eine helle Röte ihr bleiches Gesicht. Ein Gedanke, der sie beruhigte, mußte in ihr aufgestiegen sein. »Ich habe mit meinem Hierherkommen meinem Vormund kaum einen ernstlichen Schaden bereiten können«, sagte sie lebhaft, »denn es ist ja Gott sei Dank ein Raubmord, dem John zum Opfer fiel.« Horns Blick mochte ihr sagen, daß er ihr wie nach Befriedigung klingendes »Gott sei Dank« nicht verstehe, und da gab sie ihm Aufklärung. »Ich meine, für einen Raubmörder kann niemand in der Welt Albert Graumann halten – und aus diesem Grunde kann man ihn mit diesem entsetzlichen Fall nicht in Verbindung bringen. Und froh bin ich auch, daß es kein Selbstmord ist; hätte John selber Hand an sich gelegt, es hätte mich noch viel tiefer getroffen.« Wieder war ihre Stimme gebrochen und ihr Auge voll Tränen. Sie beugte sich vor und streckte die Hand nach der Zeitung aus, welche vor dem Kommissar lag und auf die sie jetzt ganz zufällig achtete. »Sensationeller Raubmord« und der Name »John Siders« starrte ihr in gesperrter Schrift entgegen. Sie zitterte, als sie das Blatt, das Horn ihr hinschob, anfaßte – aber sie bewältigte ihre Schwäche und bat: »Nicht wahr, Sie erlauben, daß ich die Zeitung mitnehme. Hier könnte ich sie nicht lesen, und ich möchte doch auch so viel davon wissen wie die anderen Leute.« Er nickte ihr zu und spürte dabei deutlich, daß ihm ihr herzbewegendes Lächeln weh, recht weh tat. Aber sein Mitleid ging in Erschrecken über, als er die Veränderung in ihren Zügen sah. Wie starr dieses junge Gesicht wurde, welches Entsetzen diese Augen ausdrückten – diese Augen, welche auf den Revolver gerichtet waren, der unter der nun weggezogenen Zeitung gelegen. Es war die Waffe, mit welcher John Siders ermordet worden war. Sogar Herr Binder blickte von seinem Papier auf und erhob sich langsam – so unbegreiflich gebärdete sich das junge Mädchen. Langsam, ganz langsam, als ob sie einem widerwärtigen Zwang gehorche, streckte sie ihre rechte Hand nach dem Revolver aus, dessen feingearbeiteter Griff mit einem etwas verschnörkelten und absonderlichen Silberornament verziert war. Auf dieser schimmernden Zier haftete Eleonores stierer Blick – bohrte sich schier hinein, nachdem ihre zitternde Hand die Waffe ergriffen und dem Auge näher gebracht hatte. Da verzerrte sich der lieblich gezeichnete Mund zu einem erschreckenden Lächeln, da keuchte die zarte Brust und zitterten die jungen Beine, so daß die ganze Gestalt des Mädchens zu wanken begann. »Dieser Revolver – wem gehört er?« fragte der Kommissar und schaute aufs höchste gespannt auf Eleonore. Er wußte – jetzt würde ein entscheidendes Wort fallen. Es fiel. Es überraschte ihn nicht einmal – er hatte es so halb und halb erwartet. »Graumann!« haben ihm die bleichen Lippen geantwortet – dann schlossen sie sich, dann sank Leonore bewußtlos in des Kommissars Arme. Noch einmal hatte die Natur ihr Recht beansprucht. Zuviel war auf Eleonore Römer an diesem Tage eingestürmt – jetzt war sie mit ihren Kräften zu Ende. »Schicken Sie nach einem Wagen, und bringen Sie mir die Frau des Portiers. Sie wird wohl so gut sein, mit dieser jungen Dame zu fahren.« So sagte ruhig der Kommissar zu Binder. Dieser eilte fort. Zwei Minuten später trat der Polizeiarzt herein, den Binder zufällig auf der Stiege getroffen. Er hatte mit Hilfe von ein wenig kaltem Wasser und Lockerung der Kleider Eleonore halbwegs zu sich gebracht, während Horn rasch ein paar Worte auf ein Briefblatt warf und die schweratmige Portiersfrau dienstbeflissen herbeitrippelte. »Sie bringen die junge Dame und diesen Brief zu meiner Frau«, sagte Horn freundlich, drückte der Alten ein Silberstück in die Hand, trug dann – ihm, dem großen kräftigen Mann ein leichtes – die zierliche Eleonore bis in den Wagen, schob die Alte nach und gab dem Kutscher seine Adresse und Geld. Dann begab er sich mit dem Protokoll zu seinem Vorgesetzten, machte ihm die Meldung, daß er sofort, um den nächsten Zug nach Grünau zu erreichen, wegfahren müsse, sah noch, wie, während ihm das Herz schwer wurde, sein Chef voll Wohlgefallen über den jetzigen Stand der Sache, den er ihm in Kürze mitgeteilt hatte, sich die Hände rieb, und eilte dann, den Revolver mit sich nehmend, fort. Es war längst Abend, früher Herbstabend geworden, als Kommissar Horn in der Station Grünau ausstieg. Wieder war sein erster Gang zum Bürgermeister, den er auch daheim antraf, der sehr bestürzt den kurzen Mitteilungen lauschte und sich dann seufzend mit dem Kommissar auf den Weg nach Graumanns Wohnung machte. Dies war ein hübsches altes Einfamilienhaus, das bald vor ihnen, bald hinter Nebelschleiern, die vom Himmel sanken und aus der Erde stiegen, und hinter den halb entlaubten Bäumen eines Vorgartens aufragte. Mit seinen erleuchteten Fenstern und der tiefen Stille, die es umgab, konnte es so recht als ein Sitz behaglicher Ruhe, als eine Stätte des Friedens angesehen werden. Diese Ruhe, diesen Frieden recht gründlich zu stören, waren die beiden Männer, welche jetzt vor der Haustür des Öffnens harrten, gekommen. Es tat ihnen weh, denn die beiden hatten warme Herzen in der Brust, wußten, was Leid und Freud, was Wohlangesehenheit und was Ehrlosigkeit bedeutet. Deshalb seufzten sie, als sie vor dem friedlichen alten Hause standen, in welchem es jetzt laut wurde. Der Bürgermeister hatte die Glocke gezogen. Ihr gellender Ton war wohl bis in alle Räume des Hauses gedrungen, denn an mehreren Stellen darin wurden Türen geöffnet. »Beeilen Sie sich, Leni. Es wird das Fräulein sein. Mein Gott! Wo sie wohl die ganze Zeit gewesen sein mag?« »Das ist Fräulein Babette Graumann, des Ingenieurs Tante«, orientierte der Bürgermeister, den Kommissar. »Und da läßt er sich selber hören«, murmelte Horn. In der Tat mußte auch Albert Graumann auf den Korridor des oberen Stockwerks getreten sein, denn deutlicher noch als die feine, spitze Stimme der alten Dame klang seine tiefe, harte herunter. »Na, Tante, gräme dich nur nicht allzusehr. Fräulein Eleonore hat nun mal ihre Heimlichkeiten, darein müssen wir uns fügen. Es ist ganz gut möglich, daß sie nach G. gefahren ist, um Johns Grab, denn er wird wohl schon begraben sein, mit Blumen zu schmücken.« Wie spöttisch er von Eleonore sprach, die doch, und das mußte er wissen, jetzt so tief litt. Und wie kalt er von dem Ermordeten redete! Horn bekam auch jetzt einen schlechten Eindruck von dem Mann, und doch war es ihm recht, daß Graumann so ruhig den Namen desjenigen aussprach, neben dessen Leiche man seinen Revolver gefunden. Unter diesen Gedanken betrat er Graumanns Haus. »Sind Sie es? Fräulein Lore?« hatte die alte Leni herausgerufen, ehe sie öffnete, was sie dann doch recht schnell tat, weil sie des Bürgermeisters Stimme erkannt hatte. »'s ist der Herr Bürgermeister!« rief sie hinauf – da trat auch der Kommissar über die Schwelle, und Leni ließ fast die Lampe, die sie in der linken Hand hielt, fallen, so sehr war sie über das unerwartete Erscheinen des Fremden erschrocken. Graumann war dem Bürgermeister entgegengeeilt. »Was bringt denn Sie zu mir?« fragte er, und sein Gesicht sah dabei angenehm erregt aus. Es veränderte sich jedoch, als Graumanns Blick auf den Kommissar fiel. Es wurde unruhig und, Horn glaubte es wenigstens zu sehen, noch ein wenig fahler, als es ohnehin schon gewesen. »Einen Gast habe ich Ihnen zugeführt«, sagte der Bürgermeister und wischte sich dabei den Schweiß von der Stirn. »Einen Besuch«, verbesserte sehr deutlich Kommissar Horn, indessen er den Hut zog. Graumann mußte diese Korrektur unangenehm sein, denn er schloß die schmalen Lippen fester und zog die Brauen empor, wodurch sein Gesicht einen hochmütigen Ausdruck annahm, der nicht angenehmer wurde, als der Ingenieur, sich spöttisch verneigend, sagte: »Herr Kommissar haben wohl eine wichtige Frage zu stellen vergessen?« »Nein, Sie haben wichtige Antworten zu geben unterlassen.« Mit diesen Worten trat Horn zu der Zimmertür, welche Graumann geöffnet hatte, doch lud er diesen mit einer energischen Gebärde ein, vor ihnen einzutreten. Graumann biß sich auf die Lippen, dann folgte er dem stummen Gebot des Mannes, der, er fühlte es nun mit einiger Bedrückung, nicht umsonst so feindlich gegen das Wort »Gast« demonstriert hatte. Der sehr gebildete, sehr pflichtbewußte Ingenieur hatte aber selbstverständlich eine zu große Achtung vor dem Gesetz, als daß er Horn, der ihm von diesem Augenblick an nur mehr die Verkörperung des Gesetzes war, in irgend etwas widerstrebt hätte. Ruhig, freilich auch sehr steif geworden, ging er also den beiden Herren voran in das Zimmer, hinter dessen einer Tür eben ein bleiches altes Frauchen verschwand. Graumann schraubte die Lampe, welche auf dem Tisch stand, höher, nahm den verdunkelnden Schirm von der Kugel, rückte zwei Stühle zurecht und machte eine einladende Handbewegung gegen seine beiden Besucher. Sie ließen sich nieder, dann setzte auch er sich. Der Bürgermeister sah kläglich hilflos aus. Es mußte dem gutmütigen alten Herrn eine schreckliche Pein sein, auf das zu warten, was da kommen mußte. Horn war ruhig – Graumann desgleichen. Dem ersteren hatte etwas sehr wohl gefallen, es war der Umstand, daß der Ingenieur mehr Licht geschaffen hatte. »Nicht wahr, Sie haben einen breitkrempigen grauen Filzhut?« fragte Horn, der erst bei diesem seinem zweiten Zusammentreffen mit Graumann darauf achtete, daß derselbe auch einen dunklen Vollbart trug. Verwundert blickte der Ingenieur den Kommissar an. »Ja, ich habe einen solchen Hut«, sagte er dann lächelnd. »Kann ich ihn sehen?« »Sofort.« Graumann griff nach dem altmodischen Glockenstrang, der hinter dem Sofa hing. Horn aber meinte: »Es wäre mir lieber, wenn wir selber ihn holten.« »Wie Sie wünschen.« Graumann erhob sich, nahm die Lampe und schritt den Herren voran in das Nebenzimmer. Es war sein Schlafgemach. Nahe dem Bett stand ein mäßig großer Schrank. Graumann öffnete ihn zur Hälfte. Es zeigte sich ein Hängefach und darin eine Reihe von Beinkleidern. Graumann mußte, um zu den Legfächern zu gelangen, in deren einem seine Hüte lagen, auch die zweite Tür des Schrankes öffnen. Doch hielt er die Lampe in der Hand, und die Riegel bewegten sich nur schwer. Es war somit gar nicht auffallend, daß Horn, der so begierig war, den Hut zu sehen, sich bückte und den unteren Riegel der Tür emporschob. Er kam dabei mit seinem Augen einem der Beinkleider sehr nahe, und was er beim Öffnen des Schrankes sofort, aber zunächst ein wenig undeutlich bemerkte, das sah er jetzt ganz genau. Auf dem mausgrauen Stoff des Beinkleides zeigten sich einige Tintenspritzer. Sie waren von violetter Farbe. Jetzt war auch die zweite Tür des Kastens offen. Graumann trat zurück. Dieser Polizeikommissar mochte immerhin den für ihn so interessanten Hut betrachten. Horn warf nur einen Blick darauf. »Es ist richtig«, sagte er dann. Graumann wollte den Schrank nun wieder schließen, doch der Polizeibeamte sagte: »Lassen Sie, er mag offen bleiben.« Achselzuckend führte der Ingenieur seine Besucher wieder zu ihren Sitzen. »Und nun erzählen Sie mir, wie Sie hinter Theodor Bellmanns Lebensgeschichte kamen«, sagte der Kommissar. Graumann starrte ihn eine Weile sehr überrascht an, dann fuhr er sich mit der feinen weißen Hand über den wohlgepflegten Bart und sagte schmunzelnd und sich anerkennungsvoll neigend: »Die Behörde ist ja bewundernswert rasch hinter John Siders' Geheimnis gekommen.« Und Horn darauf: »Wie lange haben denn Sie dazu gebraucht?« Graumann lehnte sich bequemer in seinem hochlehnigen Sessel zurück und begann dann gleichmütig: »Gestatten Sie mir, Ihnen vorerst zu sagen, weshalb ich Ursache hatte, mich für Siders' Vergangenheit zu interessieren.« Horn neigte sein Haupt, dann sah er wieder aufmerksam auf den Erzählenden, der also fortfuhr: »Wie ich schon heute vormittag sagte, schloß Siders, mit dem ich zufällig einmal, bald nach seiner Ankunft hier, im Kaffeehaus bekannt wurde, sich mir an. Wir kamen auf Amerika und unser dortiges Leben zu sprechen, wobei es sich ergab, daß wir in Chicago einige gemeinsame Bekannte hatten. Mir war der Mann nicht unsympathisch, doch fiel mir im ferneren Verlauf unserer Bekanntschaft auf, daß er niemals von der Zeit sprach, die vor seinem Amerika-Aufenthalt lag, daß er auch immer auswich, wenn ich eine Andeutung über seine Heimat, seine Familienverhältnisse machte. Im übrigen zeigte er sich als ein Mann, der Hochschulwissen errungen und der auch durch die Hochschule des Lebens gegangen war, benahm sich tadellos und gefiel auch meinen Damen (ich habe nämlich eine Tante und ein Mündel bei mir) so sehr, daß ich ihn zuweilen in mein Haus lud. Was ich nie befürchtet hatte, geschah. Mein Mündel, Leonora Römer, ein sanftes, stilles, bisher willenloses Mädchen, verliebte sich in den uns eigentlich ja ganz unbekannten Mann – mit einer ganz sicher irgendwie geheimnisvollen Vergangenheit. John Siders verleitete Lore sogar zu einer heimlichen Verlobung, hinter welche ich im Juli dieses Jahres gekommen bin. Da ward mir die Sache zu ernst. Ich ließ mir meinen Ärger nicht anmerken, warnte Lore nur, sich nicht noch mehr mit dem Burschen einzulassen, und schrieb, um mich endlich über ihn zu informieren, wozu ich ja nun ein Recht, ja sogar die Pflicht hatte, nach Chicago. John war dort Advokat gewesen, etwa vier Jahre hindurch, und hatte meinen ehemaligen Fabrikherrn zum Klienten gehabt. An diesen Mr. Tressider schrieb ich, ihn bittend, er möchte mir durch die dortige Polizei Auskunft über John Siders Geburtsort verschaffen. Mitte August kam Antwort. Siders war achtzehnhundert ... zu Hartberg geboren. Mehr hatte Mr. Tressider nicht in Erfahrung bringen können. Es war mir genug. Ich nahm einen Tag nach Erhalt des Briefes für einige Tage Urlaub, erhielt ihn, fuhr nach Hartberg, das, wie Sie wissen, nur siebzig Kilometer entfernt von hier ist, und wußte drei Tage später, über G. heimkehrend, alles, was mir zu wissen nötig war. Theodor Bellmann war der Sohn eines kleinen Beamten gewesen, der seine Witwe und den Knaben in tiefster Armut zurückließ. Frau Bellmann übersiedelte nach G., um in der größeren Stadt Musiklektionen zu geben. Theodor ging aufs Gymnasium, später auf die Universität und war stets ein vortrefflicher Schüler. Doch hatte ihm die Rechtswissenschaft, die er studierte, kein Rechtsgefühl zu geben vermocht. Er bestahl den Bankier, bei welchem er Hauslehrer, ja Hausfreund war, wiederholt, wurde endlich eines bedeutenden Diebstahls überführt, leugnete zwar verzweifelt, die Indizien zeugten aber so unzweifelhaft gegen ihn, daß der Richter (es ist der jetzige Staatsanwalt Schmid in G.) ihn verurteilen mußte. Acht Monate hindurch saß Bellmann im Sträflingskleid im Zuchthaus von W. Freigelassen, wanderte er aus, nachdem er vorher noch seiner Mutter Grab besucht. Es war bis zuletzt etwas Gutes in ihm, das vermag selbst ich, der notgedrungen sein Gegner werden mußte, zu bezeugen. Es mag jetzt noch an ihm genagt haben, daß seine Schande die Mutter unter die Erde gebracht, denn nie sah ich ihn froh, nie hörte ich ihn lachen. Jedenfalls hat er die Tat seiner Jugend überhart verbüßt, denn – wie gesagt – er war zuletzt ein guter Mensch.« Graumann hielt ein. Er fuhr sich mit der flachen Hand mehrmals über die Herzgegend. Sein Klappenfehler mochte ihm wieder zu schaffen machen. Es war auch seine Stimme leise, unsicher, ja – Horn schien es so – weicher geworden. Er mochte eine Zwischenrede erwartet haben, doch der Kommissar regte sich nicht, und so fuhr er denn fort: »Ich löste das Verlöbnis meines Mündels mit dem ehemaligen Züchtling, denn ich konnte doch das Mädchen nicht in solche Hände geben.« »Besonders deswegen nicht, weil Sie Fräulein Leonore Römer selber heiraten wollten«, sagte trocken der Polizeibeamte. Graumann fuhr empor. »Sie wissen?« stammelte er und stand langsam auf. »Da – da war Lore also vermutlich heute nachmittag bei Ihnen.« »Stimmt.« »Und hat Ihnen ihr Herz ausgeschüttet«, brach es mit scharfem Spott von des Ingenieurs Lippen. »Stimmt«, antwortete abermals sehr ruhig Horn und setzte ebenso gemütlich hinzu: »Aber das alles ist Nebensache. Die Hauptsache, scheint mir, ist, Ihrem schwachen Gedächtnis auf die Beine zu helfen. Heute vormittag sagten Sie, daß Sie John Siders zum letztenmal gesehen hätten, als er Grünau verließ – na sehen Sie –, das stimmt nicht.« In Graumann ging eine merkliche Veränderung vor. Er ließ sich rasch, als fürchte er, die Kräfte werden ihn verlassen, auf den Sessel nieder, und diesmal starrten seine Augen mit dem Ausdruck starken Angstgefühls auf den Kommissar. »Was wollen Sie damit andeuten?« würgte er langsam heiser hervor. »Andeuten will ich gar nichts, nur sagen, klar und deutlich sagen, daß John Siders am dreiundzwanzigsten September abends den Besuch eines Herrn mit dunklem Vollbart und breitkrempigem grauem Hut empfing – daß das Haus Nummer 7 in der Josefigasse damals außer den beiden Männern nur eine alte, halbtaube Magd umschloß und daß John Siders' schon erkaltete Leiche am Morgen des vierundzwanzigsten September aufgefunden wurde. Was man bei John Siders nicht mehr fand, das waren zehntausend bare Gulden, was man in seinem Zimmer fand, waren ein umgestürztes Tintenfaß, dessen violetter Inhalt weithin verspritzt war, wovon einige Spuren auf dem mausgrauen Beinkleid dort drinnen sich noch vorfinden – und war ferner«, Horn senkte die Hand in die Tasche seines Winterrocks, »dieser Revolver.« Er hielt dem Ingenieur die seltsam verzierte Waffe hin, indem er ernst, schrecklich ernst hinzufügte: »Auf diese Indizienbeweise hin muß ich Sie im Namen des Gesetzes verhaften.« Horn war aufgestanden. Auch der gute alte Bürgermeister hatte sich erhoben, stöhnte leise und knickte völlig zusammen, als sich jetzt jene Tür auftat, hinter welcher Fräulein Graumann vorhin verschwunden war und nun wieder erschien, noch bleicher, noch viel, viel älter aussehend als früher. Langsam kam sie heran und sank neben ihrem Neffen auf die Knie. »Albert – welches Leid kommt über uns«, sagte sie leise. »Aber, Albert, ich weiß es, du hast das Entsetzliche nicht getan, und alles, alles ist ein Irrtum. Albert, sprich! Starre nicht so vor dich hin – lasse mich nicht in der Angst, du seiest irrsinnig geworden. Rede – oh, rede. Das ist ja gar nicht dein Revolver – er kann es ja nicht sein. Ich will es den Herrn sogleich beweisen. Ich will deinen Revolver holen.« Mit der fliegenden Hast fiebriger Angst hatte das alte Fräulein abgebrochen und wollte sich jetzt erheben. Graumann aber sagte, noch immer den stieren Blick auf den Revolver gerichtet: »Es ist mein Revolver.« Da gellte ein Schrei durch das Zimmer. Die Dame hatte ihn ausgestoßen und so das gräßlichste Entsetzen verraten – aber sogleich schüttelte sie wieder krampfhaft das Haupt und sagte völlig ruhig, völlig sicher: »Und wenn es zehnmal dein Revolver ist und wenn auch mit ihm der arme Siders getötet wurde – du hast's doch nicht getan.« Soviel festes Vertrauen tat jedem der drei Männer wohl. In die Augen des sonst so kaltherzigen Graumann waren schwere Tränen getreten. Er beugte sich zu dem alten Gesicht nieder und küßte es zärtlich. Es geschah wohl zum erstenmal. »Ich danke dir«, sagte er danach, »ich danke dir innig. Nein, ich bin trotz allem Johns Mörder nicht. Aber freilich, alles spricht gegen mich, und ich muß nun noch etwas angeben, was sehr unwahrscheinlich klingt und ebenfalls gegen mich zeugen wird. Darf ich reden?« »Sprechen Sie«, sagte Horn. »Ich war wirklich am dreiundzwanzigsten September bei John Siders. In einem Brief, den ich freilich nicht mehr besitze, hat er mich zu einer dringenden Besprechung zu sich geladen. Ich müsse kommen, es stehe für mich und ihn Großes auf dem Spiel. So schrieb er mir und bat mich, um unser beider willen die größte Verschwiegenheit bezüglich dieses Besuches zu beachten. Ich hatte ihn unglücklich machen müssen – so fühlte ich mich denn verpflichtet, seinem Rufe zu folgen, denn mein Gewissen sagte mir, daß ich es ihm schuldig sei, ihm in anderen Dingen zu helfen, falls er meiner Hilfe bedurfte. Ich hatte überdies Angst vor einem exzentrischen Streich, dessen ich ihn, seiner ganzen Art nach, wohl für fähig halten konnte. Dabei dachte ich nicht an mich, nur an Lore. Jedenfalls wollte ich seiner Bitte nachkommen und fuhr zu der von ihm bestimmten Zeit nach G. Für mich hatte ich keine Furcht – das wiederhole ich noch einmal, ich nahm daher keinerlei Waffe mit. Wer den Revolver dahin brachte, weiß ich nicht, wußte bis jetzt nicht einmal, daß ich nicht mehr in seinem Besitz bin, weiß nur ( an dieser Verletzung seines Zierates erkenne ich es noch sicherer als an dem seltsamen Silberbeschlag überhaupt), daß es ganz bestimmt mein Revolver ist.« Schwer atmend und wieder die Hand zum Herzen führend, hielt Graumann ein. »Sie bedürfen einer Stärkung«, sagte Horn, und schon eilte das alte Fräulein aus dem Zimmer; mit einem Glas Wasser und einer Flasche Kognak kam sie wieder. Graumann nahm von beiden ein wenig. Er war gekräftigt. Er sprach weiter. »Weshalb hatte Siders mich zu sich gerufen? Ich erfuhr es nicht. Das Haus war schon verschlossen. Die alte Magd, die mir auf mein wiederholtes Klingeln öffnete, war verwundert darüber und sagte, Herr Siders müsse diesmal gegen allen Brauch die Tür geschlossen haben. Ich ging hinauf. Siders empfing mich geräuschvoll und hielt mich mit allerlei Reden hin. Als ich in ihn drang, mir doch endlich zu sagen, was es denn Wichtiges zwischen uns gäbe, lächelte er und meinte, das Wichtigste sei bereits getan und ich könne wieder gehen. Er sah ganz ruhig aus, mußte es aber doch nicht sein, denn während er so sprach und ich zornbebend über solches ›Zum Narren gehalten werden‹ mich an den Tisch lehnte, warf er aus Versehen das Tintenfaß um, dessen Inhalt natürlich auch mich bespritzte. Er hielt mich dann noch mit einigen Entschuldigungen auf, sah nach, ob noch Licht auf der Treppe sei, und führte mich selbst bis auf die Straße hinunter, wo er noch, während ich wegging, unter der Tür stehenblieb. Ich muß sagen, daß ich ihn für übergeschnappt hielt. Denn erstens bat er mich noch oben in seinem Quartier, daß ich seine ziemlich wertvollen Schmuckstücke aufbewahren möchte, was ich ablehnte, und zweitens sagte er, als ich sehr übel gelaunt von ihm schied, ohne jede Veranlassung: ›Sie werden noch oft, recht oft an mich denken. Dies alles – ich sehe ja selber ein – außerordentlich erdichtet Klingende wollte ich Ihnen heute noch sagen. Ich weiß nämlich nicht, ob ich morgen noch vernehmungsfähig sein werde – Sie wissen, mein Herz ist sehr schwach, und ich war deshalb schon oft wochenlang schwer krank.« Graumann hatte sich langsam erhoben. Er sah nicht übermäßig angegriffen aus. »Gräme dich nicht, meine Unschuld muß ja doch zutage kommen«, sagte er ruhig zu seiner Tante, klingelte und goß sich dann noch ein Glas voll Wasser ein, das er langsam austrank. Leni erschien. »Gnädiger Herr befehlen?« »Meinen Winterrock und den grauen Hut. Auch die Hose, die ich bei meiner letzten Fahrt nach der Stadt trug, bringen Sie mit.« Horn gefiel der Mann immer mehr. Solche Ruhe in solcher Situation war etwas Erfreuliches. Aber freilich, alberne Märchen sollte ein sonst so vernünftiger Mann nicht erfinden. Doch der Selbsterhaltungstrieb zeitigt oft die seltsamsten Früchte. Das wußte Kommissar Horn, der als gerechter Mann immer zwei Standpunkte hatte, seinen eigenen und den des Gegners, und dem in seiner langen Praxis die absonderlichsten Verteidigungsmittel untergekommen waren. Horn fand also auch die verzweifelte Erklärung, die Graumann sich für seinen Besuch bei John Siders zurechtgelegt hatte, recht verzeihlich. Geradezu bewundernswert aber fand er die Ruhe, mit welcher der Ingenieur sein Haus verließ, um sich dem Gericht zu überantworten. Hätte er ihn drei Stunden später gesehen, er hätte ihn bemitleidet- Nacht war's und noch tiefere Nacht als anderswo in einer der Zellen, in welchen die Untersuchungsgefangenen interniert waren. Es war die Zelle, in welche Albert Graumann gebracht worden war, nachdem man ein kurzes Protokoll mit ihm aufgenommen hatte. Mit widrigem Geräusch hatte sich der Schlüssel im Schloß gedreht. Graumann war allein. Er saß auf seinem harten Lager. Er drückte die Hand auf das toll hämmernde Herz. Ein Schüttelfrost lief durch seinen Leib. Er achtete nicht darauf. In seinem Herzen bohrte und nagte es. Er stierte in die undurchdringliche Finsternis und murmelte: »Zuviel Beweise sind da. Auch Leugnen wird mir nichts nützen. Auch ich werde auf Grund eines Indizienbeweises wegen Raubmordes verurteilt werden.« Und wieder stierte er eine Zeitlang vor sich hin, dann brach er in ein gräßliches Lachen aus. Der Schieber an seiner Tür bewegte sich. Die Wache war herbeigekommen, zu schauen, was der Untersuchungsgefangene mache. Ein greller Lichtstrahl fiel durch das kleine Fensterchen in der Tür. Er beschien ein totenbleiches, verzerrtes Menschengesicht. Doch war Graumann ruhig geworden, und der Justizsoldat schloß das Fensterchen wieder. Da sank der Unselige hin, und das Gesicht auf das Kissen seines Lagers pressend, schluchzte er: »Oh, John Siders! John Siders!« * Leonore Römer war nach Hause zurückgekehrt. Sie war ein anderes Wesen geworden, seit sie ihren Vormund, wie alle Welt es tat, für ihres Geliebten Mörder hielt. Kalt und starr gegen die Außenwelt, finster ihrem Gram nachhängend, schloß sie sich entweder in ihr Zimmer ein oder ging, wie immer das Wetter sein mochte, in dem großen, weiten Garten, der das Haus umgab, rastlos auf und nieder. Mit dem alten Fräulein sprach sie nur wenig, nur über das Allernotwendigste und das Allergewöhnlichste. Sie verstanden sich nimmer, waren in jenen Ansichten, die ihnen die wichtigsten sein mußten, weit auseinandergeraten, konnten also über das, was ihre ganze Seele erfüllte, nicht reden. Am liebsten hätte Eleonore dieses Haus verlassen, aber sie war stolz und schüchtern zugleich. Sie hatte keine Verwandten und keine Freunde. Zu Fremden aber mochte sie in dieser Zeit, da alles wund war in ihr, nicht gehen. Deshalb blieb sie einstweilen noch im Hause ihres Vormunds, an den sie ohne tiefes Grauen und ohne tiefes Mitleid nicht denken konnte. Eines Morgens, es war zwei Wochen nach der Ermordung Siders', ging sie eben in den Garten hinab, als der Postbote herankam und ihr einen dicken Brief übergab. Es war ein eingeschriebener Brief. Er trug eine Adresse in ihr völlig fremder Schrift. Verwundert nahm sie ihn entgegen. Er kam aus Hamburg. Dort kannte sie niemanden. Aber unzweifelhaft war der Brief für sie bestimmt »Fräulein Leonore Römer. Im Hause des Herrn Ingenieurs Albert Graumann.« Dann kam noch der Name des Städtchens, der Provinz, in der sie lebte. Der Brief war unzweifelhaft an sie gerichtet So nahm sie ihn denn an, unterschrieb die beiden Empfangsscheine, und der Postbote ging wieder. Eleonore kehrte in ihr Zimmer zurück. Sie wollte den sonderbaren Brief, es war eigentlich schon ein Paketchen, doch lieber oben als im Garten lesen. Als sie in ihr Zimmer gekommen war, bemerkte sie, die so sehr Ordnungsliebende, daß der Wind, der durch das offene Fenster strich, mehrere leichte Gegenstände, Zwirnknäuel und Bandreste, von dem Nähtischchen herabgeweht hatte. Sorgsam hob sie dies auf und rückte auch das Vogelbauer noch ein wenig mehr in die Sonne, die heiter vom blauen, klaren Herbsthimmel niederstrahlte. Dann schloß sie das Fenster, denn die Vorhänge wallten im Luftzug auf recht unangenehme Weise auf und nieder. »Jolli, jetzt mußt du still sein, jetzt wollen wir den Hamburger Brief lesen«, sagte sie dann, als ihr Hündchen, ein hübscher, drolliger Pinscher, sich laut bellend an sie drängte. Hierauf setzte sie sich hin und schnitt, den Kopf leise schüttelnd, das Kuvert mit der Spitze ihrer Stickschere auf. Ein dicker, abermals kuvertierter Brief, auf dessen Adresse sie einstweilen nicht achtete, und ein offenes Schreiben fielen ihr daraus entgegen. Das Schreiben lautete:   »Gnädiges Fräulein! Mein Freund ersuchte mich, folgenden Brief, den ich seit 15. September dieses Jahres in Verwahrung habe, gegen Mitte Oktober dieses Jahres ganz sicher in Ihre Hände gelangen zu lassen. Er machte die Sache so wichtig, daß ich sie nicht minder ernst nehme und buchstäblich das an mich gestellte Ansinnen nach Möglichkeit erfülle, wobei ich in guter Absicht nur vielleicht einen Fehler mache, den, daß ich das mir anvertraute Schreiben ein wenig früher, als ich vielleicht sollte, absende. Ich tue es der Sicherheit wegen. Habe ich nämlich zu rechter Zeit nicht den von Ihnen gezeichneten Rückempfangsschein in der Hand, dann ist es mir noch möglich, nach Ihrem Aufenthaltsort zu reisen, um nachzusehen, wo der sicherlich überaus wichtige Brief, den mein Freund an Sie gelangen lassen will, steckengeblieben ist. Ich habe allerdings nur den Auftrag, ihn so sicher als möglich durch die Post expedieren zu lassen, was ich hiermit tue. Geht jedoch nicht alles in bester Ordnung, so mache ich mich trotz Geschäftsüberhäufung doch noch auf den Weg zu Ihnen. Das ist mir Theodor, dem ich sehr, sehr viel Dank schuldig bin, schon wert. In vollster Hochachtung Leo Pernsburg Hamburg, Rödingsmarkt 7 Reeder«.   »Theodor! – Theodor!« wiederholte mechanisch das junge Mädchen und streifte langsam mit der Hand über die Stirn, hinter welcher die Gedanken sich seltsam kraus ineinandermischten. »Theodor!« sagte sie noch einmal laut, als wolle sie sich vergewissern, daß sie nicht träume. Der noch nicht beachtete Brief, der in ihrem Schoß gelegen, fiel dabei auf die Erde. Hastig bückte sie sich danach und sah mit flimmernden Augen auf ihn nieder. Alles Blut strömte ihr zum Herzen und dann zu den Schläfen hinauf. »Ich bin wahnsinnig«, sagte sie halblaut »Es ist ja nicht möglich, was ich da vor mir zu sehen meine.« Jolli bellte in diesem Augenblick eine vorbeischwirrende Fliege an. Das schien Leonore so natürlich zu sein – und doch nicht natürlicher als der Brief vor ihren Augen, auf den John Siders mit seiner ganz eigenartig schönen Schrift ihren Namen geschrieben und dazu gesetzt hatte: »Überaus dringlich!« Indes ein unbeschreibliches Freudengefühl durch ihre Seele und ein eisiger Schauer durch ihren Leib zieht, geht Leonore zur Tür und verriegelt sie. Kein Mensch hat sie an jenem Vormittag mehr gesehen. Mittags kam sie wie sonst zu Tisch, nur daß sie diesmal noch weniger aß als all die Tage zuvor. Aber sie mußte Fieber haben, denn eine große Unruhe war in ihr, und ihre Augen glühten in düsterem Feuer. Kaum hatte Leni den Tisch abgeräumt, als der Bürgermeister sich anmelden ließ. Er kam jetzt sehr oft. Er tröstete das alte Fräulein mit tausend Gründen, an die er allerdings selber nicht glaubte – denn ganz natürlich stand Albert Graumanns Sache verzweifelt Leonore hielt sonst seinen Besuchen nicht stand, sondern verließ, falls sie einmal anwesend war, wenn er kam, das Zimmer. Diesmal aber blieb sie, und hätte einer besonders auf sie geachtet, er hätte es merken müssen, daß ihre ganze gequälte Seele den Worten des alten Herrn lauschte. Er hatte auch tatsächlich sehr Interessantes zu melden. Die Verhandlung gegen Graumann war vorverlegt worden. Da das Beweisverfahren abgeschlossen war und kein anderer, ebenso wichtiger Fall diesem im Wege stand, sollte drei Tage später, das war am 13. Oktober, die Schwurgerichtsverhandlung gegen Graumann beginnen. Als seine alte Tante davon hörte, brach sie in ein Schluchzen aus. Ach, sie konnte ihrem Neffen so gar nicht helfen! Auch über Leonores Wangen liefen Tränen, und das alte Fräulein zärtlich küssend, flüsterte sie ihr zu: »Nur nicht verzagt sein, Tantchen. Gott ist ja trotz allem – so gut, so gut!« Welch wunderliche Bewegung beherrscht das Mädchen! Groll und Bitterkeit schauen aus ihren Augen, und doch auch wieder, ganz schüchtern, lugt ein heißes Dankgefühl und eine große Ungeduld heraus. So mußte der alte, kluge Bürgermeister denken, als er Leonore nachschaute, die nach ihren seltsamen Worten aus dem Zimmer ging. Der Schwurgerichtstag war da. Die Verhandlung währte schon über zwei Stunden. Der weite Saal war von Menschen überfüllt, denn der Fall hatte großes Aufsehen erregt. Mit lebhaftem Interesse war denn auch die dichtgedrängte Menge der Verlesung der Anklageschrift gefolgt, welche, ein Meisterstück an Logik und Schärfe des Gedankens, nicht einen Punkt in diesem merkwürdigen Fall unbeleuchtet ließ. Der Verteidiger des Angeklagten, einer der bedeutendsten Vertreter dieser Zunft, mußte sich in seiner fast drei viertel Stunden in Anspruch nehmenden Rede lediglich darauf beschränken, hinzuweisen, daß Graumanns Vorleben rein und makellos sei, daß ein Ehrenmann unmöglich plötzlich, ganz unvermittelt so tief sinken könne, daß übrigens auch gar kein Grund für ihn vorhanden gewesen, John Siders zu töten, da ihm dieser ja weder irgendwie im Wege stand noch sein Tod ihm irgendwelchen sonstigen Vorteil brachte; die geraubten 10 000 Gulden konnten doch einen Mann, der 5000 Gulden Jahreseinnahme habe, nicht zu einem Mord verleiten, überdies habe man die abhanden gekommene Summe trotz genauester Nachforschung im Besitze Graumanns nicht gefunden, und endlich sehe die würdige, maßvolle Verteidigung des Angeklagten und sein stetes Verneinen der ihm vorgeworfenen Schuld so sehr nach Wahrheit aus, daß niemand von seinem Schuldigsein überzeugt sein könne, weshalb denn auch nicht im mindesten zu zweifeln sei, daß die Geschworenen zu einem Freispruch gelangen würden. Der Staatsanwalt hatte sich hierauf erhoben. Seine kalten grauen Augen waren zu einem weiten, siegesgewissen Blick geöffnet, um seine Lippen spielte ein ironischer Zug, und da der Verteidiger einen Blick zu ihm hinüberwarf, begegneten sich die Augen der beiden Männer sekundenlang feindlich. Im Leben draußen waren sie ebensosehr Widersacher, wie sie es heute von Amts wegen im Gerichtssaal sein mußten. Nicht daß Doktor H., der Verteidiger, ein Weichling oder ein Optimist gewesen wäre, der jeden für gut hielt, aber er glaubte, trotz langer Gerichtspraxis, noch an das Gute im Menschen und hatte ein feines Empfinden für die Töne der Wahrheit oder Täuschung. Er glaubte diesmal wirklich nicht an eine Schuld des Angeklagten, und deshalb hatte er freudig dessen Verteidigung übernommen und sie trotz aller Aussichtslosigkeit feurig durchgeführt. Als er jetzt zu Schmid hinübersah, wußte er, daß dieser, der das letzte Wort hatte, den ganzen Eindruck, den seine Rede sichtlich auf die Geschworenen gemacht, vernichten werde. Der Staatsanwalt würde auf keinen Fall seinen Ruf besonderen Eifers, besonderer Schneidigkeit verlieren wollen. Und der »schneidige« Staatsanwalt tat, was nicht nur Doktor G., was auch alle anderen, die ihn kannten, erwartet hatten. Er sprach in seiner scharfen, geistreichen Weise voll fachmännischer Anerkennung von der rhetorischen Leistung des Herrn Verteidigers, welche dieser nur leider einer verlorenen Sache gewidmet. Aus der Tatsache allein, daß es ihm nicht gelungen sei, auch nur einen einzigen Punkt der Anklage zu entkräften, daß er alle Indizien anerkennen mußte, welche die Anklage zusammengetragen und die in ihrer Summe schwerwiegender Momente einem Schuldbekenntnis des Angeklagten völlig gleichwertig seien, erhelle, daß die Anklage vollkommen gerechtfertigt erscheine, wie sie denn auch durch das Beweisverfahren in keiner Weise alteriert wurde. Die von der Verteidigung hervorgehobene Tatsache, daß man trotz eindringlichen Forschens die geraubte Summe nicht finden konnte, könne mit Rücksicht auf die in anderen Fällen oft konstatierte Wahrnehmung einer außerordentlichen Listanwendung behufs Verbergung geraubter Gegenstände nicht in Betracht kommen. Ebensowenig sei der Hinweis auf das Vorleben des Angeklagten für die Herren Geschworenen geeignet, ihr Urteil über die Tat zu beeinflussen, die bisherige Unbescholtenheit des Inkulpaten könne höchstens in bezug auf das Strafmaß in Betracht kommen. Bis hierher war der Staatsanwalt in seinen Ausführungen gekommen, und jeder im Saal war der Ansicht, daß innerhalb der nächsten halben Stunde das Verdikt der Geschworenen erfolgen müsse, da sie kaum lange über diesen ja so klar liegenden Fall zu beraten haben würden. Da trat ein kleiner Zwischenfall ein. Ein Diener übergab dem Präsidenten einen dicken Brief und flüsterte ihm etwas zu. Während der Staatsanwalt in längerer, wahrhaft hinreißender Rede nun an die Geschworenen die Ermahnung richtete, in ihrer schweren Pflicht sich nicht durch Gefühlsmomente beirren zu lassen, hatte der Präsident das Paketchen geöffnet und begann zu lesen. Er las – Doktor H. sah es mit einer plötzlich auftauchenden Hoffnung mit steigender Bewegtheit – die erste Seite des umfangreichen Briefes. Immer rascher flogen seine Augen über das Blatt – über die Blätter, welche in seiner Hand zu zittern begannen. Eine gewaltige Erregung mußte den sonst so ruhigen Mann ergriffen haben. Er streckte die Hand nach dem Brief aus, den man auf John Siders' Tisch gefunden, und verglich dessen Schrift mit derjenigen, welche das eben erhaltene Schreiben aufwies. Er nahm auch das Onyx-Siegelstöckchen in die Hand, welches neben den Schmuckstücken des Ermordeten in einer großen Muschel lag, die man neben anderen Beweisstücken auf den Richtertisch gestellt. Der Herr Staatsanwalt hatte auf Vorweisung dieser Schmuckstücke nicht verzichten wollen. War ihm ihr Hiersein doch nichts als ein Beweis dafür, daß der besonnene Mörder sich durch ihren Raub nicht in Ungelegenheiten bringen wollte, was er von den 10 000 Gulden, die er mitgenommen, nicht zu befürchten hatte. Jenes Onyx-Siegelstöckchen war sehr charakteristisch geformt, und es hatte an einer seiner Kanten eine Stelle, welche ausgesprungen war. Der Präsident mußte von dem Vergleich der Schriften in beiden Schreiben und von seiner Betrachtung des Siegelstöckchens und des Siegels befriedigt sein, das ersah Doktor H. aus dem Aufblitzen seiner Augen. Mit einem seltsamen Blick schaute der Präsident zu dem neben ihm stehenden Staatsanwalt auf – und als dieser soeben seinen letzten Satz beendet, erhob jener sich rascher, als er es sonst zu tun pflegte. Es erwartete niemand, außer Doktor H., der den Präsidenten genau beobachtet hatte, etwas anderes als ein ganz gewöhnliches Resümee, und doch sollte etwas anderes – ganz anderes kommen. Hoch aufgerichtet stand die sympathische Gestalt des Präsidenten da. Eine seltsame Bewegtheit sah aus seinen Augen, durchzitterte seine klangvolle Stimme, als er begann: »Unerhörtes ist geschehen. In letzter Stunde hat sich noch ein Zeuge eingestellt, ein stummer und doch wunderbar beredter Zeuge, der für den Angeklagten spricht, der es uns erspart, irrtümlich Gericht zu halten über einen Mann, der nach diesem Brief aus dem Jenseits zu urteilen, mit dem Verbrechen nichts zu tun hat.« Ein unbeschreiblicher Tumult herrschte nach diesen Worten des Präsidenten. Die Leute waren von ihren Sitzen aufgesprungen, Schluchzen, erregte Fragen, Ausrufe höchster Verwunderung, aber auch höchster Befriedigung erfüllten die Luft. Staatsanwalt Schmid allein blieb kalt, und der verbissene Zug um seinen Mund und das ironische Lächeln bezeigten, daß er unwillig über die Störung sei und an die Macht dieses so plötzlich vom Himmel gefallenen Briefes nicht glaube. Aber er mußte an sie glauben, als dieser Brief oder vielmehr die Briefe, denn es waren ihrer zwei, verlesen worden waren. * Eleonore Römer hatte sie zu rechter Zeit in die Hände des Präsidenten gelangen lassen. Eine Stunde später war Albert Graumann frei. Die erste, die an ihn herantrat, war sein Mündel. »Vergeben Sie mir«, bat sie innigst. »Was denn? Daß ich Ihr Glück zerstörte? Daß ich es im Grunde doch war, der Theodor Bellmann tötete?« fragte trüb lächelnd Graumann. »Nein, daß ich Sie solcher Tat für fähig hielt.« »Es hielten mich ihrer ja wohl alle für fähig«, entgegnete er bitter und setzte, nur ihr hörbar, hinzu: »Eines mögen Sie wissen. Jetzt glaube ich es, daß Theodor Bellmann sein Leben hindurch ein ehrlicher Mensch war. Und noch eines: Ich habe schwer gelitten, er hat mich furchtbar gestraft – aber ich murre nicht, es war noch eine milde Wiedervergeltung dafür, daß ich euer Glück und sein Leben vernichtete.« »Wir wollen einander vergeben, und es wird die Zeit kommen, wo wir mild über alles Vergangene werden denken können«, sprach sanft Leonore, und ihr Vormund lächelte seltsam dazu und nickte. »Ja, für Sie wird diese Zeit kommen, denn ich werde bald auch unter der Erde sein, und es ist mir recht, daß ich auf natürliche Weise recht bald sterben werde, denn solch ein Toter zieht einen so oder so nach.« »Sie werden leben«, tröstete das Mädchen. »Ich werde sterben.« Er lächelte. »Es war zuviel für mich. In einem hat Bellmann sich doch versehen – er hat vergessen, daß ich einen Herzfehler habe.« Er war daraufhin zum Wagen gegangen. Leonore war trotz seiner Andeutung ruhig. Er hatte ja schon manches Mal gemeint, sterben zu müssen, und er lebte heute noch. Überdies war ja Sterben das ärgste nicht Das empfand das unglückliche, edle Mädchen nun schon seit langem. So sahen sie und Graumann denn während dieser Fahrt zuweilen einander in die Augen, ruhig, freundlich. Acht Tage später fand man Graumann tot in seinem Lehnsessel. Er hatte ein friedliches Lächeln um die Lippen. Was war denn nun der Inhalt des Schreibens, das der Präsident einen Brief aus dem Jenseits genannt? Die G.er Tagespost brachte ihn in einer Extra-Abendausgabe, und wahrlich, er war des Tumultes im Gerichtssaal und eines Extra-Abendblattes wert. Das Päckchen, welches Leonore dem Präsidenten übergeben ließ, enthielt zwei Briefe. Der eine lautete:   »Geliebte Eleonore! Ehe du Kenntnis vom Inhalt der folgenden Blätter nimmst, schwöre mir beim Andenken an unsere Liebe und bei der Seligkeit, die Du einst in dem Jenseits erhoffst, aus welchem Dir sozusagen dieses mein letztes Vermächtnis zukommt, daß Du genauestens befolgen wirst, worum ich Dich bitte. Inliegendes Schreiben gibst Du ungeöffnet, wiewohl es an Dich gerichtet ist, denn nur mit Dir kann ich jetzt noch verkehren, und Dir zugestellt werden muß, in die Hände des Präsidenten, welcher die Schwurgerichtsverhandlung gegen Graumann leiten wird. Doch darfst Du es erst in jenem Moment aus der Hand geben, in welchem Du merkst, daß der Staatsanwalt an der Schuld Graumanns festhält. Wird dieser, was ich nicht voraussetze, freigesprochen, dann eröffnest Du meinen Brief vor Graumann und einigen Zeugen. Denn jedenfalls soll Graumann, der unschuldig ist, seine Unschuld auch zweifellos beweisen können. Daß ich selber Hand an mich legen will, weißt Du nun. Vergib es mir. Aber ich kann nicht mehr leben – ohne Dich – ohne meine vernichtete Ehre. Gott segne Dich tausendmal. In tiefster Liebe Dein John Gedenke Deines Schwures. Du hast ihn einem Toten geleistet.«   Leonore hatte auch diesen an sie allein gerichteten Brief dem Präsidenten übergeben lassen; damit man wisse, sie sei durch einen Schwur gebunden gewesen, Bellmanns Brief dem Gericht zu ganz bestimmter Zeit zu übermitteln. Dieser Brief war ungeöffnet in die Hände des Präsidenten gelangt. Sein Inhalt lautete:   »G. am 22. September 189 ... Mein teurer Liebling! Wenn Du diesen Brief in die Hände des Gerichtspräsidenten legen wirst, habe ich in der Erde die Ruhe gefunden, die mir auf Erden nimmer werden könnte, seit ich Dich liebe, seit ich weiß, daß ich von Dir geliebt werde, und weiß, daß ich Dich aufgeben muß, wenn ich ein Ehrenmann, der ich immer gewesen bin, bleiben will. Albert Graumann würde ja ganz sicher Wort halten und würde, wohin Du mir als mein Weib folgen wolltest, überall die Ehre des Namens vernichten, den Du tragen müßtest. Aber auch ich ertrüge es nicht – denn meine Seele hat sich wund gerieben an der Heimlichkeit, hinter der ich meine Schmach verbarg, und wund gerieben an dem Haß, den ich für die Unvollständigkeit der menschlichen Gerechtigkeit in mir nährte. Längst war mir das Leben reizlos geworden in der kalten Fremde, in die ich geflüchtet, als ich aus dem Zuchthaus ging. Das Heimweh zehrte an mir, und ich kam wieder – heim. Ich habe den Boden des Vaterlandes geküßt und ich habe am Grabe meiner Mutter geweint. Ich war ruhig und voll Frieden, als ich den Himmel über mir hatte, unter dem ich geboren worden bin. O ja, ich bin ein harmloser, ein guter Mensch geblieben. Einstmals sah ich hier in G. den Richter, der mich verurteilt hatte – ungerecht verurteilt –, und meine Hand hat sich nicht geballt, und es hat sich nicht mein Gesicht gerötet. Ich habe nur gelächelt und dabei gedacht: ›Möchte nicht du sein. Bist wie ein Kind, das mit Messern spielt, und weißt nicht, welche Gefahr dabei ist.‹ Und wieder einmal geschah es, da kam derselbe Mann an einer vornehmen Tafel neben mir zu sitzen, und ich leitete das Gespräch auf seine richterliche Tätigkeit. Ob denn der Irrtum da ganz unmöglich, ganz ausgeschlossen wäre und ob denn das Vorleben, der Charakter, die Aussage des Inkulpaten ganz und gar verschwinden müßten, wenn Sachliches, wenn Indizien gegen ihn sprächen, fragte ihn, und der Mann schälte seinen Apfel ruhig weiter und meinte: ›Aber ich bitte Sie. Wenn die Schuld eines Menschen einmal durch unleugbare, keinesfalls mißzuverstehende Beweise erbracht ist, dann ist er gerichtet, eben durch die Indizien, die gegen ihn vorliegen.‹ Damals ballten sich meine Hände, damals stieg mir das Blut zu Kopfe. So redete der Mann, und schließlich hatte er ja recht. Menschen können nur menschlich richten, wobei es ihnen – wieder ganz natürlich – zuweilen passiert, daß sie irren; denn irren, das ist ja wohl das Allermenschlichste am Menschen. Was mich an ihm so ergrimmte, war nur der unnahbare Hochmut, mit dem er seine menschliche Weisheit vorbrachte, und damals schon stieg der Gedanke in mir auf: dem Manne gehörte eine tüchtige Lehre. Ich vergaß jedoch seiner, als ich Dich näher kennenlernte. Ich darf mich – da nun alles so fix eingeleitet ist und durchgeführt werden muß – nicht weichmachen, indem ich Dir sage, wie innig glücklich Du mich durch Deine Güte, Deine Liebe und – später durch Dein unbegrenztes Vertrauen gemacht hast. Ich will lieber von Albert Graumann reden. Daß er an mein Schuldigsein glaubt, das verzeihe ich ihm. Daß aber er, der Gebildete, der wirkliche Kluge, sich nicht so weit emporschwingen kann, an die Besserung eines einst Bestraften zu glauben und daß er meine angebliche Verfehlung vielmehr vorschützt, um Dich von mir fernzuhalten, Dich für sich selber zu gewinnen, das vergebe ich ihm nicht. Du bist für mich verloren. – Das Leben ist mir deshalb und nach den Szenen mit Deinem hochmütigen, tugendstolzen Ehrenmann von einem Vormund nicht mehr nur reizlos, es ist mir zum Ekel geworden, und so scheide ich denn daraus, nicht schwer, Liebling, glaube es mir, nein, sondern so wie einer, der mit abgewandtem Gesicht und verächtlich verzogenem Mund von einem Tisch geht, auf welchem er Unrat statt Speisen gefunden. Damit mein Hingang nicht ganz ohne Nutzen für die Welt und ganz besonders für zwei Menschen darin sei, habe ich beschlossen, Albert Graumann, der so mitleidslos gegen uns beide gewesen, und dem Staatsanwalt Gustav Schmid, so heißt der Mann, der mich einst irrigerweise verurteilte, der sich gar so sehr an den Wert des Indizienbeweises klammert und dabei die Idee von der Möglichkeit des Irrtums hochmütig von sich weist, jene ausgiebige Lehre zu geben, welche ich einstmals letzterem gewünscht. Gustav Schmid ist zwar jetzt nicht mehr Einzelrichter, und so würde nicht er, sondern würden die Geschworenen die Verantwortung für den Richterspruch tragen, aber wie ich ihn kenne, wird er als öffentlicher Ankläger so hart und scharf als nur irgend möglich ins Zeug gehen, wird jeden Beweis, der gegen den Angeklagten spricht, den ich herschaffen werde, nach allen Seiten hin ins Feld führen, und bei seiner glänzenden Beredsamkeit und den wirklich gravierenden Beweismitteln für des Inkulpaten Schuld wird unfehlbar ein Schuldspruch ausgesprochen werden; der Verurteilte aber wird Albert Graumann sein, welcher seinen Hochmut, seine Unbarmherzigkeit und seinen kindlichen Glauben an die Unfehlbarkeit eines Indizienbeweises – nicht zu schwer mit einigen Tagen Nachdenkens und der Pein des Gerichtsverfahrens büßen wird. Nenne mich nicht rachsüchtig, nenne mich nur ›hart geworden‹ ob der Erfahrungen, welche mich die Menschen machen ließen. Ich hasse – wenigstens in dieser Stunde – niemanden mehr; ich kann aber den beiden, die mich zugrunde richteten, der eine im Namen des Gesetzes, der andere im Namen des stolzen Menschentums der sogenannten redlich Gebliebenen – die herbe Lehre, künftig vorsichtiger zu urteilen und zu handeln, nicht ersparen, deshalb tue ich, was zu tun mich die Pein und der Groll der letzten acht Jahre zwingen. Und nun, Liebling, lebe wohl und habe heißen Dank, daß Du so tapfer warst, meine Testamentsvollstreckerin zu sein – denn Du bist über das erste Blatt hinausgekommen; dann mußtest Du ja Deines Schwures wegen tun, was ich so kurz vor meinem Tode von Dir begehrte. Du standest also treu zu mir, mein Lieb – treu bis über mein Leben hinaus. Ich drücke Dir die Hand dafür. Gott sei mir Dir. Und nun will ich die zur Orientierung notwendigen Punkte aufzählen. Albert Graumann wurde tatsächlich, wie er es wohl auch angeben wird, gestern, am 21. September, von mir in einem überaus dringlich gehaltenen Brief gebeten, am 23. abends, zwischen 7 und 8 Uhr, mich in meiner ihm in dem Brief bekanntgegebenen Wohnung ohne Begleitung und Bekanntgabe seines Vorhabens zu besuchen. Eben vorhin, also am 22. September, bekam ich mit der 4-Uhr-Post seine Zusage. Ich kann also jetzt schon als getan ansehen, was morgen zwischen 7 und 8 Uhr geschehen wird. Wenn etwas dazwischenkommen sollte, sende ich ebendiesem Brief, den ich heute noch vor 7 Uhr eingeschrieben an Herrn Leo Pernsburg, Reeder in Hamburg, Rödingsmarkt 7, aufgebe, einen anderen Brief nach. Mein Freund Pernsburg wird mit diesem Schreiben den Auftrag von mir erhalten, das Kuvert dieses Briefes behufs eventueller Ausweisung über das Datum des Poststempels aufzubewahren. Überdies ist meine Schrift mehreren bekannt und nicht leicht nachzuahmen. Es wird also der Zweifel, daß wirklich ich selber die folgenden Aufzeichnungen gemacht, kaum Platz greifen können. Und so will ich denn schildern, was morgen, am 23. September 1901, zwischen 7 und 8 Uhr geschehen wird. Albert Graumann wird heimlich, wie ich es begehrt, zu mir kommen. Ich werde dafür sorgen, daß Leni sein Kommen, nicht aber sein Fortgehen bemerkt; daß Frau Winter meine Pläne nicht stören wird, weiß ich sicher, denn diese feiert ihren Geburtstag bei ihren Eltern, bei welchen sie auch, wie sie mir gestern selbst sagte, übernachten wird. Graumann und ich werden somit ohne Zeugen sein. Ich werde ihn mit nichtssagenden Reden, da ich ihm ja in der Tat nichts zu sagen habe, ein wenig hinhalten; wenn er sich in die Nähe des Tisches begibt, das Tintenfaß umwerfen, damit ich mit dieser nicht wegzubringenden violetten Tinte einen neuen Beweis seiner Schuld schaffe; werde es versuchen, ob er sich dazu versteht, meinen ziemlich wertvollen Schmuck aufzubewahren, den ich ihm unter dem Vorwand, ich müsse eine Reise machen und wolle ihn ihm während dieser Zeit anvertrauen, aufschwatzen will. Werde ihn ungesehen auf die Straße hinunterbringen. Werde nach seinem Fortgehen die nötige Unordnung herstellen und dann den Revolver gebrauchen, der Eigentum Albert Graumanns ist und den ich – wie ich hiermit, ohne irgendwelche Gemütsbewegung dabei zu empfinden, gestehe – am 20. September, abends 9 Uhr, während Du, Deine Tante und Graumann beim Nachtmahle saßet, von dem mir wohlbekannten Ort holte, an welchem Graumann seine kleine Waffensammlung aufbewahrt. Dieser Ort ist sein im Parterre des Hauses liegendes Arbeitskabinett, und der Revolver lag stets und auch damals in einer Ebenholzkassette mit silbernen Zieraten. Das Fenster des niedrig liegenden Raumes war offen, und so war es mir ein leichtes, diesen neuen Indizienbeweis für Graumanns Schuld beizubringen. Die fehlenden 10 000 Gulden habe ich, wie beiliegender Scheck beweist, beim Bankhaus Mayer \& Comp, zu Händen meiner ehemaligen Verlobten, Fräulein Eleonore Römer, hinterlegt. Den Revolver will ich, damit man nicht vorzeitig auf die Art meines Sterbens kommt, von mir zu schleudern versuchen, auch werde ich seinen Rand nicht dicht an mein Hemd setzen, was Selbstmörder, der Sicherheit des Zieles wegen, stets tun, sondern werde die Berührung der Waffe mit der Schußstelle zu vermeiden suchen, damit nicht etwa ein verräterisches Zeichen des Sengens entstehe. Hoffentlich wird mir dies gelingen, habe ich doch keine Furcht vor dem Sterben, und ich bin ja auch ein trefflicher Schütze. Eines noch werde ich tun, damit ja keiner, bevor ich es für gut finde, an einen Selbstmord denkt. Ich werde an eine fingierte Person einen Brief schreiben, dessen Inhalt recht deutlich darauf hinweisen wird, wie ich so gar nicht ans Sterben denke. Und nun ade – Gedanke an das Leben. Exzentrisch haben sie mich seit jeher genannt, sie haben vielleicht recht gehabt, die Leute. Eigenartig zum mindesten ist ja auch diese meine letzte Tat – aber wenigstens wird niemand sagen können, daß sie unüberlegt, daß sie in einem Taumel geschehen ist. Klar ist mein Hirn, ruhig mein Herz, da ich aus der Welt gehe, aus dieser Welt des Scheines, denn wie wenig ist wirklich, was die Menschen für wirklich nehmen. Dein Vertrauen, Deine Liebe aber, Eleonore, waren echt. Ich segne Dich dafür. Theodor Bellmann, genannt John Siders«