Joseph Schreyvogel Das Sonntagsblatt oder Unterhaltungen von Thomas West Die Schöpfung von Haydn Das Sonntagsblatt – Nro. 66 Sonntag, den 3. April 1808 Die Freunde der Musik, welche in diesem Winter, durch die Concerte im Saal der Universität, um die Unterhaltung des gebildeten Publicums dieser Kaiserstadt sich ein ausgezeichnetes Verdienst erwarben, haben am vorigen Sonntage ihre letzte Versammlung durch ein Fest gefeyert, das einzig in seiner Art genannt werden kann. Es wurde Haydn's Meisterstück, die Schöpfung, ausgeführt, mit italienischem Text, wie es hier noch nie öffentlich gehört worden ist. Die Unternehmer hatten den achtzigjährigen Haydn zu dieser Aufführung eingeladen, und der ehrwürdige Greis, welcher seit zwey Jahren seine Wohnung nicht verlassen hatte, nahm die Einladung an, vielleicht nur, weil er nicht wußte, daß dabey eine öffentliche Huldigung seiner Verdienste Statt finden sollte. – Um die Mittagsstunde war die Gesellschaft versammelt; sie hatte sich zahlreicher und glänzender als jemahls eingefunden. Wer in Wien Anspruch auf Geschmack macht, und Achtung für die Kunst empfindet, suchte gegenwärtig zu seyn. In der Mitte des Saales sah man eine dreyfache Reihe Stühle für unsere ersten Musiker bestimmt, unter denen sich die Herren Salieri, van Bethoven, Hummel (einer der vorzüglichsten Schüler Haydn's), Gyrowetz und Guiliani, der treffliche Meister der Guitare, befanden. Auch einige Dichter, v. Birkenstock, Collin, Carpani, bemerkte man in den Reihen. In der Mitte dieser Umgebung stand ein Armstuhl für Haydn. Als das Zeichen seiner Ankunft gegeben wurde, gerieth, wie durch einen electrischen Schlag, die ganze Gesellschaft in eine freudige Unruhe. Aller Augen waren auf die Thüre gerichtet, die Entferntesten stiegen auf die Stühle, um den Eintritt beobachten zu können. Die edle Fürstin Esterhazy ging selbst, an der Spitze mehrerer Virtuosen, Damen und Herren, dem Greise bis an die Treppe entgegen. Der achtzigjährige Künstler wurde auf einem Armsessel in den Saal getragen. Seine erhabene Fürstin begleitete ihn auf der einen, Salieri auf der andern Seite. Der Schall der Pauken und Trompeten, und ein allgemeines Vivat erhöhten den Eindruck dieser Scene. Als Haydn sich niedergesetzt hatte, wurden ihm die Gedichte überreicht, die zur Feyer des Tages waren verfaßt worden, und mehrere der angesehnsten Bewohner dieser Stadt umringten seinen Stuhl, um dem großen Künstler ihre Achtung für sein Genie und ihre Teilnahme an seinem um die Kunst so hochverdienten Leben zu bezeugen; der Enthusiasmus eines unserer Großen ging so weit, daß er dem alten Meister der Kunst, worin er selbst Virtuose ist, die Hand küßte. Der Botschafter einer fremden Nation, die sich, wie durch alles Große, auch durch die Achtung, welche sie dem Talente beweist, auszeichnet, trat zu Haydn, und sagte ihm einige verbindliche Worte. Mehrere vornehme Russen, von den ersten fürstlichen Familien ihres Reiches, nahmen an der Ausführung der Musik selbst Theil. Der Obersthofmeister unseres Monarchen, Fürst von Trautmansdorf, und der liberale Beförderer der Musik, Fürst von Lobkowitz, wetteiferten, in der Aufmerksamkeit für den ehrwürdigen Greis. Einige Damen legten ihre Shawls um seine Füße, um ihn gegen die Luft zu schützen; andere bothen ihm Erfrischungen an. Alle diese herzlichen Beweise einer allgemeinen Liebe und Verehrung mußten tief auf sein Gemüth wirken. Er sprach einige abgebrochene Worte, ungefähr des Inhaltes: »Nie habe er diess empfunden! wenn er jetzt stürbe, so träte er als ein Glücklicher in die andere Welt!« Die höhere Stimmung aller Anwesenden schien sich auch den Künstlern im Orchester mitzutheilen. Man glaubte die Schöpfung nie vollkommener gehört zu haben; und wirklich war die Musik, unter Salieri's und Kreutzers Leitung, und bey dem vortrefflichen Gesänge der Demoiselle Fischer und der Herren Radichi und Weinmüller, ein Muster der Ausführung. Haydn ward bis zu Thränen gerührt, und hob mehrere Mahle dankbar die Hände gegen den Himmel. Da unter dem Wechsel der Freude und Rührung das Ende der ersten Abtheilung der Musik herannahte, erschienen die Träger wieder. Haydn winkte ihnen, sie möchten sich entfernen, weil er keine Störung verursachen wollte. Die Besorgniss jedoch, seine Kräfte möchten den allzu starken Eindrücken unterliegen, bewogen diejenigen, welche ihn zu nächst umgaben, ihn zu bitten, daß er sich entfernen möchte, um seine Gesundheit keiner Gefahr auszusetzen. Und so wurde er nach Endigung der ersten Abtheilung wieder unter Trompetenschall und Vivatrufen hinausgetragen. Das Fräulein von Kurzbeck und die Freyin von Spielmann begleiteten ihn; beyde bekanntlich Meisterinnen auf dem Piano-forte, und die erstere Haydn's talentvollste Schülerin. – Er wendete an der Thür sich gegen die Zuschauer, und hob die Hände, sie segnend, empor. Jedermann fühlte sich innig bewegt. Die Huldigung, welche einem erhabenen Talente widerfährt, erweckt Empfindungen von so ernster und rührender Art, als sonst nur den Anblick der Tugend zu begleiten pflegen. Natur und Erziehung Etwas aus der Jugendgeschichte des Herausgebers Das Sonntagsblatt Nro. 3 Sonntag, den 1. März 1807 Ich glaube, daß sich meine Neigung für das Theater früh zu entwickeln anfing. Das Haus meiner Tante, dem ich überhaupt meine erste Bildung verdanke, gab mir vielfältige Gelegenheit dazu. Ihre Knaben hatten ein Puppenspiel, mit dem sie, nach kindischer Weise, recht artig umzugehen verstanden. Ich war entzückt, als ich das kleine Zauberwerk – denn dafür hielt ich es, – zum ersten Male in Bewegung sah. Mit mehr Ungeduld, als womit ich sonst um etwas zu bitten pflegte, drang ich in meinen Vater, mir ein ähnliches Kunststück anzuschaffen. Der gute Mann versagte mir selten etwas. In wenigen Tagen kam mein Kasten mit den Marionetten an. Das feine Aussehen der Figuren und die prächtigen Dekorationen machten mir anfangs viele Freude. Zusehends ward mein Vergnügen jedoch gemäßigter, und ich wußte nicht, wie mir dabei geschah. Die hübschen Marionetten sprachen und bewegten sich nicht. Da ich diesem Mangel nicht abzuhelfen verstand: so begnügte ich mich, die geringen Talente meiner Puppen im Stillen zu beseufzen, und sehnte mich desto mehr nach dem belebten Schauspiel, das ich bei meinen kleinen Vettern zu sehen gewohnt war. Meine Tante war eine sehr geistreiche Frau, und die witzigen Köpfe, von denen immer ein halbes Dutzend um sie herum schwärmte, versicherten, daß sie außerordentlich viel Takt und Geschmack besitze. Das lebhafte Vergnügen, das ich an den theatralischen Vorstellungen ihrer Kinder fand, scheint ihr um diese Zeit aufgefallen zu sein, denn sie nahm mich nun öfters in ihre Loge mit, wo ich Gelegenheit hatte, die Kunst in größeren Gegenständen zu beobachten. Ich hatte bisher nur mäßige Fortschritte in meinen Studien gemacht, besonders klagten meine Lehrer, daß ich in der Wissenschaft Gedrucktes zu lesen, sehr zurückgeblieben sei. Man geriet darauf, mir ein Komödienbuch in die Hände zu geben. Das schlug über alle Erwartungen an. Ich vertiefte mich in mein neues Lesebuch, und in wenig Tagen war ich im Stande, meinen Autor ohne vieles Stottern vorzutragen. Ich behielt sogar halbe Szenen daraus, und deklamierte die rührenden Stellen mit einem Pathos, welches die Fassungskraft meines Alters zu übersteigen schien. Meine Tante, sehr erfreut über dieses Phänomen, machte mir ein Geschenk, mit einer niedlichen Ausgabe von Voltair'es Theater. Obwohl ich der französischen Sprache wenig mächtig war, hatte sie doch das Vergnügen zu sehen, daß ich mich, ohne zu ermüden, durch den Mahomet und die Alzire durcharbeitete. In einigen Wochen las ich die wohlklingenden Verse Voltaire's mit mehr Fertigkeit, als kurze Zeit vorher mein Deutsches Vokabelbuch. Jetzt war meine Tante überzeugt, ein entschiedenes Talent für die dramatische Kunst in mir entdeckt zu haben. »Wenn er erst den Shakespeare kennt« sagte sie, »so muß sein Genie zum Durchbruche kommen.« Die gelehrten Herren von ihrer Bekanntschaft unterließen nicht, sie in dieser Meinung zu bestärken. Nur mein Vater schüttelte den Kopf dazu; er war kein Freund der Dichtkunst, und er hatte gehofft, seinen Sohn in einer anderen Laufbahn glänzen zu sehen. Philosophische Betrachtungen über einen Besenstiel (Nach Swift.) Das Sonntagsblatt Nro. 117 Sonntag, den 28. März 1809. Betrachtet diesen Besenstiel! Er gehörte einst einem stolzen Baume, unter dessen Schatten der Wanderer sich erquickte; jetzt liegt er verachtet in einem schmutzigen Winkel, von Niemandem gesucht, als von der Küchenmagd, die seiner zum Auskehren bedarf. Wie wandelbar ist das Schicksal der Kinder der Natur! Wäre ein Bewußtsein im Besenstiel, müßte er sich nicht über den, auf seine Vernunft stolzen Menschen beschweren, der das Holz, aus Eigennutz, und um kleinlicher Zwecke willen, so unbarmherzig verunstaltet? Die Zweige, die sonst voll Saft, mit Blättern und Blüten prangend, die Krone des Stammes zierten, sind jetzt, zu dürren Reisern herabgewürdigt, an das untere Ende dies Stieles gebunden, um – traurige Bestimmung! – alles rein zu kehren, während sie selbst immerwährend schmutzig sind. Keine Spur ihrer ehemaligen Schönheit ist übrig geblieben, und selbst die Jahrbücher der Geschichte schweigen von dem einst so üppig blühenden Baume. O Besenstiel, welch ein armseliges Ding bist du geworden! Nur wenige Tage wird eine angerauchte Magd sich deiner bedienen, bis du, abgenutzt zu einem Stummel, zur Tür hinaus oder in den Ofen hineingeworfen sein wirst! Wenn ich dich so ansehe, dann werde ich gereizt zur großen Frage: Was ist der Mensch? – Und voll Demut rufe ich aus: ein Besenstiel! – In Fülle und Kraft, fähig immer hinauf höher zu streben, geschmückt mit den Locken der Jugend, die gleichsam das Laub sind dieses vernünftigen Baumes, setzt die Natur den Menschen in die Welt, und er gedeiht zur Freude der Geister, bis Unverstand und Unmäßigkeit mit schneidenden Instrumenten seine Äste herunter hauen, und der dürre Stamm, kahl und von seinen Wurzeln getrennt, auf die Erde fällt. Und wie an den Besenstiel fremde Äste gebunden werden, so setzt der Mensch eine Perücke von falschen Haaren auf sein kahles Ende, und dankt Gott, wann er noch die Augen einer Küchenmagd auf sich zieht! O Mensch mit der großen gepuderten Perücke, der du dich prahlst, Ordnung und Reinlichkeit im großen Palaste der Welt zu erhalten, bist du mehr als ein Besenstiel, der stolz ist auf den Raub von Birken, die seine Krone nicht erzeugt hat, und die bedeckt sind mit Staub, der immer Staub bleibt, wäre er auch der Kehricht aus dem Putzzimmer der schönsten Prinzessin. Darum denke an den Besenstiel, wenn dich die Eitelkeit anwandelt. Siehe! Wie an dem Besen das Oberste zu Unterst gekehrt ist, so bist auch du ein verkehrtes Geschöpf, dessen Seele von niedrigen Neigungen regiert wird, und das seinen eigenen Kopf mit Füßen in den Staub tritt. Erkenne mit Bescheidenheit dein Los an, in der Hand höherer Wesen ein Instrument zu sein, den Schmutz der Welt fortzuschaffen. Erdreiste dich nicht, alles zu meistern, alles besser zu wissen und besser zu machen, und allem Jammer abzuhelfen! Bilde dir nicht ein, du kehrest den Unflat weg, wann du ihn nur weiter trittst! Und wenn du am Ende deiner Tage, wie der Bruder Besen, ein Sklave der Weiber wirst, so klage das Schicksal nicht an, das dich über lang oder kurz zum Hause hinaus, oder in den Ofen wirft, damit du deinen Nachkommen und Verwandten noch zur Erwärmung dienen mögest. Darum o Mensch, denke oft an den Besenstiel! Der Apollo-Saal Das Sonntagsblatt Nro. 55 Sonntag, den 17. Jan. 1808 Armida erwies mir am vorigen Donnerstag die Ehre, mich zu einer Partie in den neuen Saal einzuladen. Um 10 Uhr abends versammelte sich die Gesellschaft in ihrem Hause. Unsere vortreffliche Wirtin, ihre liebenswürdige Cousine, das blauäugige Fräulein Suptil, ein Herr von Dünschen mit seiner jungen Gemahlin, beide Herren Platt, ihre Nichte, Sibilla Plump, und deren Busenfreundin, Fräulein Esther Süß, ein Herr Rittmeister Kräftig, der Dichter Schneck und der dicke Herr Baron von Magenheim, – dies waren die interessanten Personen in deren Begleitung ich das Glück haben sollte, die Zaubereien des Herrn Wolfssohn zu bewundern. Wir wurden sämtlich in drei geräumige Wagen gepackt, und mir ward die Auszeichnung zu Teil mit Armiden selbst, der niedlichen Frau von Dünschen und dem Herrn Rittmeister in Gesellschaft zu fahren. In weniger als fünfzehn Minuten hatten zwei rasche arabische Hengste uns, vom Graben bis zur Zieglergasse unweit der Mariahilfer Linie, gebracht; dort wurden wir durch eine lange Reihe von Equipagen aufgehalten. Es gab vielfältigen Lärm und Spektakel auf der Gasse; der Geist der Fiaker sprach sich in sinnreichen Schimpfworten aus. Unser Wagen konnte nur langsam vorwärts gehen; und kam einigemal fast nicht vom Fleck. »Dummer Kerl!« schrie ein Fiaker dem andern zu; »bist du schon wieder besoffen? Soll ich dir zu Gefallen, die gnädigen Fräuleins in den Schnee werfen?« »Halts Maul, du schäbiger Seppel!« antwortete der andere; »werden die rechten sein! deine Fräulein!« »Nur nicht grob, er lumpiger Kutscher, Er!« rief eine Weiberstimme. »Die Entree ist recht lebhaft«, bemerkte Frau von Dünschen; »ich glaube, der Unternehmer wird seine Rechnung finden. Auch ist es gut, daß er sich für die Person fünf Gulden zahlen läßt, denn da kann man sicher sein, nur anständige Gesellschaft zu finden.« »Halt! Halt! Halt!« kreischten die Frauenzimmer in dem Fiaker. »Wir liegen schon im Graben! – Gehen wir lieber zu Fuß, ehe wir den Hals brechen.« Ein Kavallerist sprengte, bei dem Lärm, herbei, gab dem Fiaker einige flache Hiebe, und stellte dadurch plötzlich die Ruhe und Ordnung wieder her, so daß nun ein Wagen dem andern folgen konnte. Gleichwohl währte es noch beinahe eine halbe Stunde, bis die Reihe des Aussteigens an uns kam. – Endlich haben wir die Schwelle des Hauses betreten, dachte ich, wo ein geschickter Bandagenmacher, uns gegen ein mäßiges Legegeld, über die Wirklichkeit hinaus, in ein schöneres Dasein versetzen wird. – Aber schon in den Vorzimmern, wo die Leute ihre Mäntel zur Verwahrung abgaben, ward unsere Stimmung, die auf nichts als auf Zauberei gestellt war, gewaltsam gestört. Wir hörten nämlich ein lautes Fluchen und Schelten der Herren und Damen, welche nicht schnell genug bedient wurden. Da wir die Winterbedeckung unseren eigenen Bedienten zum Aufbewahren gegeben hatten, und unsere Gesellschaft vollzählig beisammen war: so verließen wir diese unmusikalischen Vorzimmer so schnell als möglich, gingen durch zwei oder drei Kabinette und traten nun in einen mäßig großen, sehr hell erleuchteten Saal. Von der offenen Seite dieses Saales führt eine Terrasse, durch drei theatralisch verzierte Bogen, in den eigentlichen Tanzsaal. Der Anblick von dieser Terrasse hinab, ist überraschend und schön. Man sieht unter sich eine Allee von grünen Bäumen; man sieht weiße Statuen, welche in verschiedenen Attitüden Lichter empor halten; man erblickt zwischen diesen Bäumen und Bildsäulen das bunte Gewühl der Tanzenden, und hört eine rauschende Musik, welche von den Grotten am äußersten Ende des Saales herübertönte. Da die Beleuchtung unten merklich schwächer als oben ist, so glaubt man von der Höhe der Terrasse wirklich in einen Garten hinabzusehen. Niemand wurde so sehr davon entzückt als der Dichter Schneck. »Aufwärts, aufwärts strebt mein Geist! zu den Göttern hinauf!« rief er, und streckte die Arme empor. Unglücklicher Weise aber stieß er dabei mit den Händen an die Decke, die hier sehr niedrig aufliegt, geriet in Verwirrung, kam ins Stolpern, wollte sich an dem eisernen Geländer festhalten; dies gab aber nach, – und Herr Schneck, statt zu den Göttern aufzufliegen, fiel auf die Nase. »Das ist eine fatale Zauberei!« sagte er, indem er sich langsam aufrichtete; »man kann sich nicht einmal auf das hiesige Eisen verlassen.« Armida geriet bei dieser Szene in Verlegenheit, sie gab dem Rittmeister den Arm. – »Im Speisesaal treffen wir uns wieder«, sagte sie, und ging die Terrasse hinab. Die andern folgten ihrem Beispiele. Unten im Saale teilte sich die Gesellschaft und jeder ging wohin es ihm beliebte. Frau von Dünschen erbarmte sich des armen, beschämten Schneck und ließ sich von ihm in den zweiten Saal führen, der auch für seine empfindsame Seele wie geschaffen ist. Denn hier findet man Springbrunnen und labyrinthische Gänge, Boskette und andere englische Gartenpartien, ein persisches Zelt mit einem Billard und ein chinesisches mit der Kredenz. Man findet auf einem Berge den Tempel des Apollo, Höhlen in Felsen gehauen, kurz eine vollständige Natur im Kleinen, so allerliebst und so täuschend wie kindische Gemüter sie nur immer wünschen können. Selbst der Mondschein fehlte nicht und leuchtete mit so magischem Silberlichte, daß Fräulein Ester Süß bis zu Tränen gerührt wurde. Fräulein Plump wollte ihrer Freundin zu Gefallen, sich gleichfalls bis zur Entzückung hinaufarbeiten; während sie aber den Berg zum Tempel des Apollo hinaufklimmte, machte sie einen Fehltritt, – und wäre beinahe rückwärts wieder herabgerollt, wie es bei einer so steilen Anhöhe leicht möglich ist. Sie fiel jedoch nicht, sondern kehrte sich schnell und geschickt um, und rannte in vollem Galopp den Hügel hinab. Dadurch kam sie aber so sehr in den Schuß, daß sie eine ganze englische Partie umrannte und mit ihrem Shawl zehn der höchsten Bäume niederriß. Herr von Dünschen erhob hierbei zum ersten Male seine Stimme und sagte nur mit sehr ernsthafter Miene: »Hm! Hm! Hm!« Nach diesem zweiten Schreck verfügten wir uns in den Speisesaal, wo wir den dicken Herrn Baron von Magenheim an dem für uns bestimmten Tisch in seinem übelsten Humor fanden, denn ein Fasan und eine Flasche Erlauer, die er zur Probe verzehrt hatte, schienen seine schönsten Hoffnungen für diesen Abend völlig zerstört zu haben. »Was hilft mir alle Zauberei«, sagte er, »wenn mir das Essen nicht schmeckt.« – Wir setzten uns zur Tafel. Anfangs wurde wenig gesprochen; nachdem aber der Wein seine Wirkung getan hatte, kam die Gesellschaft in größeres Leben, und jetzt fing eigentlich die Zauberei erst an. Alle waren zufrieden, der Baron ausgenommen, der gegen jede Speise eine gründliche Kritik anzubringen wußte. »Hier ißt man sich nur hungrig«, sagte er, indem er einen zweiten Fasan mit Unwillen, aber großer Schnelligkeit verzehrte. »Was sagen Sie, Herr von Dünschen, zu diesem Souper?« fragte er seinen Nachbar. »Hm! Hm!« antwortete dieser mit seiner gewöhnlichen Amtsmiene. »Der Wein«, sagte der Rittmeister, »hat wenig Geschmack, aber viel Geist.« Sobald Herr Schneck dieses Urteil hörte, griff er zur Flasche. »Das ist eben das Wahre«, sagte er; »der Geist belebt, aber der Geschmack läßt nichts aufkommen.« »Hundert Austern!« schrie Herr Magenheim dem Aufwärter zu. »Die Austern müssen gut sein«, sagte Frau von Dünschen, »da sie in den kühlen Quellen lebendig aufbewahrt werden können.« Die ganze Gesellschaft ward stumm bei dieser Bemerkung. »Meinst du nicht auch, mein Schatz«, fragte die schöne Frau ihren Herrn Gemahl. »Hm!« meinte Herr von Dünschen. »Apropos der Quellen«, rief Fräulein Suptil, »haben Sie die chinesischen Goldfische bemerkt?« »Und die Angeln, und die romantischen Fischernetze?« setzte die gefühlvolle Ester hinzu. »Und haben Sie die Vögelein singen hören?« seufzte Herr Schneck. »Ach, wenn ich ein Vögelein wär!« Nachdem viel gegessen, und noch mehr getrunken war, stand die Gesellschaft vom Tische auf, und erhitzt vom Wein und Gespräch, zeigte jeder Lust, an der Seite einer Schönen, sich der Bezauberung hinzugeben. Ich trieb mich lange untätig umher, und fühlte eher Langeweile, als die Wirkung der Zauberei. Erst später ward meine Stimmung fröhlicher, als ich unvermutet Herrn Robert Morfeld mitten im Tanzsaal antraf. Trotz dem Podagra, das ihm den Winter über heftig zusetzt, und ihm seinen Freunden entzieht, hatte er nicht unterlassen können, einen Ort zu besuchen, welcher, dem Vorgeben nach, einzig in Europa, ja in der Welt sein soll. »Die Leute, welche solche prahlerische Urteile fällen«, sagte Morfeld, »müssen nirgend gewesen sein. Ich habe viel gesehen, aber solche Lächerlichkeiten, wie in diesem Saale hat sich noch niemand zu Schulden kommen lassen; aber im Ungeheuern zu exzellieren, ist auch kein Verdienst An das Außerordentliche sollte sich nur der Verstand, und ein gereifter Geschmack wagen.« »Lieber Freund«, antwortete ich, »dieses Urteil wollen wir ja nicht laut werden lassen; man würde Ihre Mißbilligung dem Podagra und Ihren üblen Launen, nicht aber den Fehlern der Anstalt Schuld geben.« »Gleichviel!« erwiderte Morfeld, »mich wenigstens sieht der Apollo-Saal nicht wieder.« »Auch mich nicht«, sagte ich. Während unseres Gespräches entstand ein Zusammenlaufen unter den Leuten. Ich erkundigte mich nach der Ursache und hörte, es gäbe in der Rosenallee großen Spaß, – ein Herr sei im Schlafe mit dem Kopf durch die Wand gestoßen. – Ich verstand den Spaß nicht und ging, um an Ort und Stelle das Nähere zu erfahren. Hier fand ich denn, daß die Nachricht buchstäblich wahr sei. Herr von Magenheim hatte sich nämlich in der Rosenallee mit Fräulein Ester in eine Nische gesetzt, – vielleicht um zu seufzen, war aber eingeschlafen, und hatte die Wand, die nur aus Leinwand besteht, vermöge seiner Korpulenz eingestoßen. Er konnte in der Schlaftrunkenheit den Kopf nicht sogleich wieder zurückziehen; eine Menge Leute umringten ihn, und einige Spottvögel fanden ein Vergnügen daran, ihn noch tiefer in das Loch hineinzuschieben. Fräulein Ester sah der seltsamen Szene zu, und rang weinend die Hände. – Ich befreite den Baron aus seiner Gefangenschaft, und führte ihn und die Schöne zur Kredenz, wo ich beiden Tee geben ließ. Gleich darauf fand sich Armida ein, und nach und nach kamen auch die übrigen Glieder der Gesellschaft wieder zusammen. Jeder erzählte seine Abenteuer. Die Wahrheit zu sagen, es war den meisten sehr übel gegangen. Armida konnte kaum sprechen. Sie hatte mit dem Herrn Rittmeister sich in der Rosenallee niedergesetzt, und das darin herrschende, zur Schwärmerei einladende Helldunkel kaum zu loben angefangen, als der Dampf der Lampen und die feuchte Luft ihnen Kopfschmerzen und einen heftigen Katarrh verursachten. – Herr von Dünschen war so unglücklich gewesen, an dem Spiritus im Tempel des Apollo sich die Finger zu verbrennen, so wie seine Begleiterin, sich an einem Stein in der Grotte die Nase blutig zu stoßen. – Herr Platt der Ältere wollte durch ein Glas Punsch seine Donna mehr ins Feuer bringen, sie war aber etwas ungeschickt und begoß den schönen Mahagonitisch, worüber Herr Platt mit dem Aufwärter in lauten Wortwechsel geriet, – Fräulein Plump, welche die Schwäne fangen wollte, war ins Wasser gefallen, und Herr Schneck schien nach der durchwachten Nacht alle Aufgedunsenheit seiner Poesie verloren zu haben, – so sehr verkümmert zeigte sich jetzt seine prosaische Gestalt. – Kurz, die meisten Herren und Damen unserer Compagnie hatten irgendeine Fatalität erfahren, wodurch der Entzückung, in welche – nicht sowohl die Schönheiten des Saales, als vielmehr der Wein sie versetzte, schnell ein Ende gemacht wurde. Wir fuhren daher alle sehr nüchtern und entzaubert nach Hause.