Der Vogelhändler von Imst. (Tirol vor hundert Jahren.) Volksroman in vier Bänden. von C. Spindler.     Stuttgart Hallberger'sche Verlagshandlung. 1855. Erster Band. »Gelbe Vögel trag' ich aus, »Goldne Vögel bring' ich z'Haus, »Und für's Dirnl 'n Blumenstrauß; »Aber ich hab 'n Weg 'n weiten, »Und dazu kein Roß zum Reiten: »Da braucht's wohl 'n Kopf 'n g'scheiten?« Erstes Kapitel. »Ist eine Mutter noch so arm, Sie gibt dem Kindlein dennoch warm; Muttertreu wird täglich neu, Macht leider doch vom Tod nicht frei; Denn von ihm man stets vernimmt, Daß ihm Andres nicht geziemt, Als daß er Lieb' von Liebe schält, Bis er uns Alle hingezählt.« Der unregelmäßige Platz im Dorfe Burgeis, im Ober-Vintschgau, bot ein ungewöhnliches, ein kriegerisches Schauspiel dar. Unter dem Dache, das, wunderlich genug, über die Halbschied des Platzes, von einem Wirthshause zum andern, gezogen war, um die zur Weide treibenden Heerden oder die heimkehrenden, die Fuhrleute, die da gingen und kamen, oder die Tänze und Komödien der Bauern vor Sonnenglut und Witterungsunbill zu beschirmen, lagerte eine starke Abtheilung von dem kaiserlichen Regimente Lichtenstein-Dragoner, mit Pferden, Waffen und Bagage. Die Soldaten kamen aus Italien, woselbst es dazumal – im Jahre 1735 – mit dem Kriegsglück des Kaisers übel aussah. Den durch Tirol retirirenden Truppen wurde nur hie und da eine kurze Rast gegönnt, obgleich Mantua noch wacker Stand hielt, und die italienischen Confinen hinlänglich durch die zurückgebliebenen Infanteriemassen gegen den Feind gedeckt waren. In Mals, einem großen Markte und Hauptort des Vintschgau's zum Beispiel, und im benachbarten Burgeis 2 hatten die Dragoner heute nur ein paar Stunden zu verweilen. Ihr plötzliches Erscheinen, die tausenderlei Gerüchte, die sich mit ihrem Einmarsch im Lande verbreiteten, ihr abenteuerliches Aussehen, das von ihren Strapazen genugsam Zeugniß ablegte, erregten natürlich die Neugier des Volks in hohem Grade. Männer und Weiber verließen ihre Geschäfte, um die Soldaten gleich Wunderthieren zu begaffen. Eine zahlreiche Zuschauerschaft hatte sich um den sogenannten Tanzplatz Der Tanzplatz in Burgeis . Dieser sonderbare Name soll von dem alten Gebrauch, daß jeder neuverheirathete Bürger mit seiner jungen Frau einen Ehrentanz um den Platz des Dorfes machte, abstammen. versammelt. Aus der Schranke, die einen Theil des unter Dach gestellten Raums umgab, ritt eine Schaar von fürwitzigen Kindern beiderlei Geschlechts, die nicht müde wurden, die fressenden Pferde, die schmausenden und auf ihren Tornistern ausruhenden Soldaten zu mustern. Unter den fürwitzigen Buben zeichneten sich zweie durch besonders glückliche Gesichtszüge aus. Ihre Kleidung war überaus dürftig, aber die unbefangene und Geist verrathende Rührigkeit des Einen, so wie der besonnene Ernst des Andern machten sie leicht bemerkbar, weit vor der übrigen besser gekleideten Jugend. Der erstere der Knaben hatte dunkle Haare und Augen, eine robuste Gestalt, und viele Worte auf der flinken Zunge; der zweite, ein bedächtiger Junge mit hellbraunen Locken, schmächtig, obschon gutgewachsen, sprach nicht gar viel, betrachtete aber, was ihn umgab, mit verständiger Aufmerksamkeit. Endlich umschlang er mit dem rechten Arm seinen beweglichen Schaugefährten und sagte zu ihm: »Hast Du heute einen Feiertag, Walt?« – Worauf der Andere: »Mein Bauer hat mir geschafft, die Geißen in Stall zu thun, daß die Soldaten keine derwischen.« – »Just so hab' ich's mit den 3 Gansel'n machen müssen,« versetzte der Bedächtige; »die Soldaten, sagt der Grödner, stehlen so viel gern, was sie auf der Straße finden.« – »Wie geht's zu Haus, Seraphin?« – »Ach Gott, das Schwesterl ist halt gestorben.« – »Das ist schade, Seraphin. Weißt Du was? Ich will Dir eins von meinen Geschwistern schenken?« – »Schönen Dank. Du hast ihrer freilich genug, aber meine Mutter hat's schon hart, um sich und mir durchzuhelfen. Du hast noch Deinen Vater; da geht Alles gut. Aber der meinige . . . .« dem armen Seraphin trat das Wasser in die Augen. – »Habt ihr gar nichts mehr von euerm Vater erfahren können?«– »Gar nichts; seit zwei Jahren, glaube ich, nicht einen Buchstab, lieber Walt. Die Mutter steht mit Seufzen auf, und legt sich mit Weinen nieder.« Ein Unteroffizier von den Dragonern trat aus dem Wirthshause zum »weißen Kreuz,« das in jener Zeit noch dem Benediktinerkloster Marienberg gehörte. Der Mann hatte ein trübes Gesicht und einen schlosweißen Schnauzbart. Er kramte in einer alten Brieftasche die an einem Riemen um seine Schulter hing und fragte den Wirth, der ihm gefolgt war: »Nicht wahr, ich bin doch recht? Das Dorf heißt Burgeis?« – »Zu dienen, Herr Korporal.« – »Ich habe hier eine kleine Verrichtung, die ich abthun kann, bevor wir abmaschiren. Kennt Ihr eine Frau, mit Namen Crescenz Plaschur? sie soll hier ansäßig seyn?« – »Ja freilich. Die nemliche, deren Mann vor ein paar Jahren auf und davon gegangen?« – »Richtig; la stessa . Wo bleibt sie?« – »Beim Schuster in der Hudergasse.« – »Seyd so gut, und gebt mir Jemand, der mich geschwinde hinführt?« – Der Wirth sah sich im Kreise um: »Da ist just ihr Bub. Seraphin, komm herab; geschwinde, sag' ich. Führ' den Herrn zu Deiner Mutter.« 4 Seraphin, wenn gleich stutzig über den vornehmen Besuch, der seiner Mutter zugedacht war, gehorchte unverdrossen, sprang von der Schranke, nickte dem Walt zu, und lief vor dem Korporal her. Dieser folgte, so gut und langsam, als seine schweren Stiefel und steifen Beine es zuließen. Er stand manchmal still und redete ein paar Worte in den Bart. Dem Knaben kam des Dragoners Betragen seltsam vor; er belauerte schüchtern, verstohlen umschauend oder seitwärts schielend seinen Mann, dessen Unruhe stieg, je näher sie dem Ziele kamen. Seraphin hätte sich beinahe vor dem Fremden gefürchtet, weil dessen Blicke nicht mit besonderm Wohlgefallen an dem kleinen Führer hafteten, wenn sie sich überhaupt um ihn bekümmerten. In der bezeichneten Gasse angelangt, wies Seraphin auf das elende Häuschen, das seine Mutter bewohnte. Diesmal stand der Korporal viel länger still als früher, und athmete schwer, wie Einer, der einen Berg zur Hälfte erstiegen, und bis zum Gipfel noch weit hat. »Ihr seyd wohl recht arm?« fragte er mit unsichrer Stimme. – »Freilich sind wir nicht reich, aber wir können nichts dafür,« erwiederte Seraphin trotzig; »doch geh'n wir nicht betteln, und der Herr Pfarrer hat erst am Sonntag in seiner Predigt gesagt, daß die Armuth keine Schande sey.« – »Das wohl nicht, das nicht,« entgegnete der Dragoner mürrisch, »aber ein Unglück, ein leidiges Unglück!« Seraphin zuckte unwillig die Achseln über das kränkende Wort und stieg die paar verfallnen Stufen vor dem Hause in die Höhe. Neben dem engen Eingang befand sich eine ziemlich geräumige, rußdunkle Küche, mit zertrümmerten Steinplatten gepflastert. Gegenüber lag die arme Wohnstube, worinnen unter Tags nicht weniger als drei Haushaltungen ihr Wesen zu treiben pflegten: der Schuster mit seinem Weibe, denen die Hütte gehörte, 5 zwei alte Jungfern, die zur Miethe wohnten und endlich die Frau Plaschur mit ihren beiden Kindern. Die Miethsleute hatten ihre Schlafkammern unter dem Dache; der Schuster als Hausherr behauptete die Wohnstube zur Nachtzeit. Für jetzo hatte er indessen eine Aenderung getroffen, und auf ein paar Tage eine Kammer bezogen, weil das Töchterlein der Plaschur gestorben, und, dem Herkommen gemäß, in der geräumigen Stube ausgesetzt worden war. Da lag das kaum dreijährige Mädchen auf seinem schmalen Bette. Bei seinen Lebzeiten hatte es die Blöße kaum bedecken können, aber seine Leiche war von der Mildthätigkeit der Nachbarinnen in ein weißes Gewand gehüllt worden. Ein schöner Kranz saß auf dem Kopfe. Nach dem Gebrauch des Landes hatten die frommen Weiber das blasse Gesicht der Todten roth angestrichen und den Körper, wie das Lager, mit Feldblumen von allerlei Gattungen verziert. Statt der vier Trauerkerzen, die neben der sterblichen Hülle wohlhabender Erblasser auf silbernen Leuchtern zu brennen pflegen, flackerte zu Häupten der stillen Kleinen nur ein einzig Licht auf thönerner Handhebe, die düstere Fackel der Armuth. Die Mutter saß auf einem niedrigen Schemel neben ihrem blassen Engel, still betend, von Zeit zu Zeit ein paar Tropfen aus der Weihwasserschaale auf die Leiche und ihre Blumen werfend. Die Trauernde vergeudete nicht in Thränen den Mutterschmerz. – Das Geräusch an der Thüre war ihr unwillkommen. Sie fürchtete den schweren Tritt eines neugierigen Nachbars, eines leidigen Trösters, eines schadenfrohen Mitleidheuchlers zu vernehmen. Kaum daß sie die Augen aufschlug; aber es wandelte sich natürlich die Gleichgültigkeit in Befremden, als sie die Gestalt des Dragoners auf ihrer Schwelle erblickte. Sie verharrte zwar in ihrer Stellung, aber ihr Auge ging hin und her vom Soldaten auf den Sohn, vom Sohn auf den Soldaten. »Wen bringst Du da?« lautete 6 ihre Anrede: »Seraphin, wer ist der Mann? Was will er bei uns? hier ist nichts zu holen.« Der Korporal hatte ehrfurchtsvoll vor der Leiche sein Haupt entblößt, vor Stirn und Mund und Brust ein Kreuz gemacht, und die Hände gefaltet wie zum Gebete. Auf einmal jedoch knetete er den Hut zwischen seinen Fingern derb zusammen, strich sich den Bart und sprach die verwunderte Frau an: »Grüß' Euch Gott, meine Liebe. Ich komme zwar nicht eben gelegen, aber ich habe nicht Zeit, lang krumm und grad zu machen. Die Frau wird mich nicht mehr kennen; ich bin vor den Jahren grau geworden . . . . doch« – hier gewann ein tiefes Gefühl die Oberhand in dem Soldaten – »doch ist's halt noch immer der alte Domenico, der vor Dir steht, liebe Creszenz.« Die überraschte Frau hob die Arme hoch auf und ein leiser Anflug wie von Freude beschlich ihr kummervolles Antlitz. Sie redete nicht. Das Herz war ihr zu voll. Sie zeigte jedoch auf das verblichene Kind, und auf die kurze Freude folgte in ihrem Gesicht das Zucken, das dem heftigen Weinen vorangeht. Der Korporal bemerkte dieses, und verhinderte den Thränenausbruch, schon um seiner selbst willen, da ihn die Wehmuth nicht minder überkam. Zu dem Ende sagte er frisch und munter heraus: »Nimm Dieb zusammen, arme Cenzi. Der kleine Erdenwurm ist gut aufgehoben. Spare Deine Zähren. Schau, ich hätte Dir gern was Gutes mitgebracht, denn ich habe Dich immerdar gern gehabt . . . .« »Das weiß ich, Domenico,« erwiederte Crescenz mit Freundlichkeit: »Wenn ich damals, als ich in Botzen war, geahnt hätte, was mir begegnen würde . . . .« »Ja, ja,« unterbrach sie der Korporal seufzend: »wenn wir Alles zum Voraus wüßten in dieser Welt! Du hättest den falschen Plaschur laufen lassen, hättest den 7 ehrlichen Dominik, wenn er schon nur ein armer Markthelfer, ein blöder Tölpel aus Fassa Fassa, Val di Fassa: ein Thal in Wälsch-Tirol; eigentlicher eine Fortsetzung des Val di Cembra und des Val di Fiemme ; erstreckt sich bis an die Quellen des Avisio am Marmolata-Ferner. – Die Bewohner des Thals bekannt durch ihre Rüstigkeit und exemplarische Rechtschaffenheit. Als die Messen (Handelsmärkte) zu Botzen noch im höchsten Flor waren, bestand die Gesammtheit der Markthelfer aus Fassanern. gewesen, angenommen, und geheirathet . . . . Du wärst nicht in's Elend gerathen . . . . ich wäre nicht aus Verdruß und Herzeleid unter die Reiter gegangen, . . . . und hätte Dir nicht jetzo leider Gottes zu sagen und zu bringen, was ich gern für mich behalten würde, um Dir im Leid das Leid zu ersparen.« »Was denn?« fragte sie mit ängstlicher Neugier. – »Einen Gruß und ein paar Buchstaben von Deinem Manne,« antwortete er finster, indem er ein gefaltetes Blatt aus seiner Tasche zog. »Vom Lenhard? Gott steh' mir bei,« sagte Crescenz, die Hand nach dem Briefe ausstreckend. Der Korporal deutete jedoch auf Seraphin, und die Mutter, seine Absicht begreifend, befahl dem Knaben, hinauszugehen. Seraphin gehorchte zwar ungern; dennoch gehorchte er, weil er seine Mutter von Herzen liebte. Er konnte freilich nicht über sich gewinnen, aus dem Hause zu gehen, und horchte begierig an der zugeriegelten Stubenthüre. Aber es war nichts zu verstehen; der Dragoner sprach so leise, die Mutter antwortete ihm nur mit Seufzen, mit einem halblauten: »Ach du mein Gott!« und »Wer hätte das gedacht!« Endlich trat eine ziemlich lange Stille in dem Gemach ein, die dem Knaben eine wahre Herzensangst einjagte. Schon wollte er mit beiden Fäusten an die Thüre pochen, als plötzlich die Trompeten der Dragoner grell durch das Dorf schrien. Das Zeichen vernehmend, rief der Korporal mit bewegter Stimme: »Jetzt heißt's »Marsch« und ich muß fort; behüt' Dich Gott, tröst' Dich Gott, liebe Crescenz!« polterte aus der Stube, und ging, ohne den Knaben anzusehen, seiner Wege. Seraphin sah ihm erstaunt nach; da kehrte der Dragoner nach ein paar Schritten wieder um, als wenn er sich auf etwas besänne. Er winkte dem Buben. 8 Seraphin schlich blöde zu dem grämlichen Dominik. Einen schmutzigen Lederbeutel aus dem Rocke ziehend, und darinnen suchend, sprach der Korporal hastig: »Geh hinein zu Deiner Mutter. Hab' sie lieb und mach' ihr Freude. Du bist noch ihr einzig Gut. Grüße sie von mir und gib ihr das.« Er legte zwei Dukaten in Seraphins Hände. »Sag' ihr fein, das wäre eine ehrliche Soldatenbeute; das Geld sey nicht gestohlen und werde ihr nicht Unsegen bringen. Ein Mehreres hätte ich aber nicht, und sie soll's gesund aufbrauchen, und den alten Freund nicht vergessen, wenn wir uns auch in dieser Welt nicht mehr wiedersehen. Geh', geh!« Der gute Korporal zitterte mit Hand und Stimme, schob den Buben von sich, und machte, daß er fortkam. Seraphin war bleich geworden vor dem Anblick des Goldes. Er hatte noch nie einen solchen Reichthum gesehen. »Mutter, Mutter, schaut doch her!« rief er in die Hausthüre. Er wußte nicht, wo ihm der Kopf stand. – Frau Crescenz trat indessen, ebenfalls weiß wie Schnee, aus der Stube, lief in die Küche hinüber, wo das Herdfeuer brannte. Den kaum erhaltnen Brief schleuderte sie in die Flamme und rief dabei mit bitterster Wehmuth: »Schau Du, Seraphin, schau Du, wie mit diesem Unglückspapier mein Leben verbrennt! Komm' zu mir, und gib mir einen Kuß, Seraphin. Wir haben keinen Vater mehr, als den Allmächtigen im Himmel. Wahrlich, uns wäre besser, wir lägen bei der Anna im Sarge!« – »Ist der Vater gestorben?« fragte Seraphin betrübt. Die Mutter nickte mit abgewendetem Gesicht und preßte den Knaben krampfhaft an sich. In der Meinung, den Schmerz der guten Frau zu lindern, zeigte ihr Seraphin die blitzenden Dukaten. Crescenz betrachtete sie kaum. »Der arme Dominik wird darben, weil er uns sein reiches Allmosen gegeben,« seufzte sie traurig: »könnten wir nur das Geld für ihn aufheben! Könnte 9 ich's nur für Dich und ihn auf einen Acker säen, der's wiederbrächte sechszigfältig! Ach Du mein Seraphin, wie übel haben Deine Eltern an Dir gethan. Du wirst uns alles Böse wünschen, wenn Du's einmal erfährst, und es kann jetzt nichts mehr gut gemacht werden, denn Du hast keinen Vater mehr!« – »Ach, der liebe, der arme Vater!« klagte Seraphin mit Thränen. Plötzlich verschloß ihm die Mutter den Mund: »Schweig doch, schweig; er ist niemals ein Vater für Dich gewesen, Du bist der Sohn eines Höhern; Ihm laß dich befohlen seyn!« »Was plaudert Ihr da?« fragte ein gutmüthig blickender Mann, der in die Küche trat. Sein Kleid war etwas besser als gewöhnliche Bauerntracht. Seine lange Jacke war aus Tuch statt aus Loden gefertigt, ein städtisch aufgestutzter Hut saß auf seinen schlichten Haaren; er trug Beinkleider von Plüsch, statt der ledernen, und ein seidenes Tuch war um seinen Hals geschlungen. Die Frau begrüßte ihn mit einer gewissen Unterwürfigkeit; Seraphin zog das Hütl vor ihm ab. Der Mann war der Krämer des Dorfs, gemeinhin der »Grödner« genannt, weil seine Vorfahren aus dem Grödnerthal Gröden: ein Thal im Herzen von Tirol, laufend von Kollmann ostwärts bis an die Buchensteiner Berge. Der Kunstfleiß der Grödner Bildschnitzer und die Betriebsamkeit der Grödner Kaufleute, die in allen Winkeln der Welt zu finden, sind längst berühmt. Auch die Grödner haben eine eigene Sprache, die sie, wie die Romaunschen thun, unbedenklich mit Wörtern aus jeder beliebigen Sprache bereichern, wenn sie gerade um einen Ausdruck verlegen sind. gebürtig gewesen. Einer der Wohlhabendsten im Dorfe, war er auch ein Wohlthäter der Frau Plaschur, mit deren lang verstorbenen Eltern in Enneberg Enneberg: ein Thal am linken Ufer der Rienz – (Pusterthal); die Einwohner sprechen eine ganz eigene Sprache, die, wenn gleich Aehnlichkeit mit der Romanisch-Ladinischen habend, dennoch keineswegs dieselbe ist. er verwandt gewesen zu seyn behauptete. Der »Grödner« war im Ganzen genommen ein herzensguter Mensch. Seine wohlwollenden Augen betrogen nicht: eben so wenig die feingeschnittene Nase, die von Verstand zeugte. Aber der kreuzbrave Mensch hatte sich aus Versehen einen wahren Satan antrauen lassen. Was an Geiz, Neid und Zorn nur erdacht werden kann, fand sich vereinigt in der Frau des Grödners. Sie regierte unumschränkt im Hause, hielt die Schnüre des Geldbeutels fest, und 10 bevormundete argwöhnisch den seelenguten Mann, daß er krumm lag, wie mit Ketten gebunden, weil er mit dem Streiten nichts gewinnen konnte. Um jeden Brosam gab's gleich offenen Krieg im Hause; der Krämer mußte seine Hofmeisterin um das schwache Taschengeld, das er brauchte, beluchsen, mußte den Heller stibitzen, den er der Armuth als Beisteuer reichte. »Was macht Ihr in der Küche?« fragte der Krämer noch einmal: »Ihr führt verwunderliche Reden?« – »Ach, was da geschieht, ist auch verwunderlich,« versetzte die Frau voll Mißmuth: »wenn nicht unser Herrgott im Himmel wäre, ich thäte mir ein Leid an!« – »Pfui, pfui, wer redet denn so lästerlich? Verliere nicht den Kopf, Crescenz. Hab' ich doch der Kinder dreie eingebüßt, und bin noch immer wohl bei Leben!« – »Ach, Ihr wißt nicht . . . .« – »Wie einer Mutter zu Sinn ist, die ihr Kind verliert? Ja doch weiß ich's. Ich bin meinen Fratzen Fratz, Bamms: kleines Kind; bald in scherzhafter, bald in spöttischer Bedeutung. immer mehr eine Mutter gewesen, als diejenige, so die Kinder geboren hat. Fasse Dich also in Geduld. Sie werden jetzt kommen, die kleine Haut zur Erde zu bestatten. Ich will indessen bei Dir bleiben, Dir zur Gesellschaft. Die Alte ist an ihrer Gicht krank, und kann mir daher nicht nachlaufen. Ich hab' Zeit, mit Dir zu reden, so gut wie ein Beichtvater.« – »Was habt Ihr mit mir zu reden? wißt Ihr nicht, daß jeder Trost an mir verloren geht? Daß Gott erbarm', ich habe nichts mehr auf der Welt als diesen Buben, und der Himmel weiß, wie es ihm und seiner armen Mutter noch ergehen wird, wenn der Tod nicht etwa mitleidiger ist, als ich hoffen darf. Die Anna ist glücklich; sie ist wohl versorgt. Ich brauche keinen Trost; es gibt keinen mehr für mich!« Die gute Frau überströmte ihren Sohn mit ihren Thränen. »Wenn ich aber gerade wegen des Buben mit Dir reden möchte?« hob der Grödner wieder an: 11 »Es wär' Zeit, mit dem Seraphin etwas anzufangen. Er sollte was lernen, die Jugend ist bald vorbei, und bei Dir hat er nicht Hülfe, nicht Anleitung.« – Die Mutter richtete sich trotzig auf: »Wollt Ihr mir auch noch mein letztes Kind nehmen?« fragte sie zürnend, und der Krämer schwieg um so bereitwilliger, als er den Schmerz der Verlassenen begriff. Zur gleichen Zeit kamen Diejenigen, die das Mädchen begraben sollten, in's Haus. Crescentia's Betrübniß war stumm, aber um so heftiger. Sie kämpfte, so zu sagen, um die Reste ihrer Tochter; aber das Unvermeidliche mußte geschehen. In Krämpfe und Fieber verfallend, blieb die arme Mutter unter der Pflege einiger gutartigen Weiber zurück. Seraphin weinte knieend an ihrem schlechten Lager, bis er vor Müdigkeit auf dem Fußboden einschlief. Wie der Abend einbrach, wurde auch Crescenz ruhiger. Sie schloß die Augen und es kam über sie die wohlthätige Ermattung, gleichwie ein tiefer Schlummer. Wenn sie aufwachte, und die an ihrem Bett eingenickte Schusterin ebenfalls den Kopf erhob, um nach der Leidenden zu sehen, sprach die Letztere mit vollem Verstand zu der Wärterin: »Gelt, Du rufst mir morgen den Grödner her? Ich will doch mit ihm reden. Ich habe etwas wegen des armen Buben auf dem Herzen. Es weiß es noch Niemand, aber der Krämer soll's erfahren. Gelt, Du wirst nach ihm schicken?« – Die Schusterin versprach's mit Hand und Mund, und nach einem jeden erneuerten Versprechen schlief Crescenz gleichsam beruhigt wieder ein. Der Grödner saß indessen ebenfalls zu Hause an einem Krankenbett. Die unglückliche Crescenz und ihr Seraphin, der Besuch des Dragoners, von dem er gehört, die Dukaten, die er gesehen, gingen ihm nicht aus dem Kopfe. Er seufzte bald voll Mitgefühl, bald brummte er allerlei Selbstgespräche. »Was hast Du denn nur?« 12 fragte ihn die kranke Frau: »ich glaube wahrlich, Du bist in Gedanken mehr bei dem Bettelgesindel, der Plaschur, als bei mir, Deinem Eheweib?« – »Nun ja doch. Die arme Haut dauert mich unsäglich, und mit dem Buben hat's einen Hacken. Sie hat was Geheimes; die Sache ist nicht richtig. Als die Leuteln aus dem Etschland kamen, und in Planail zu hausen anfingen, war der Bub schon auf der Welt?«– »Freilich. Was geht das Dich an?« – »Höre, Weib: ich glaube nicht, daß der Seraphin des Plaschur Sohn, sein leiblicher Sohn sey.« – »Es wird schon seyn, wie Du meinst. Was geht's uns an, wo die hoffärtige Botzner Ladendirne den Bamms hergebracht hat?« – »Ei, ei, Frau: wenn ich an den Dragoner denke und an die Dukaten . . . .« – »Merkst Du was, Alter? Der Dragoner ist der Vater des Buben.« – »Ich weiß nicht; ich dächte wohl, er wäre etwas Vornehmeres.« – »Warum nicht etwa gar? Laß mich in Ruhe! Und daß Du Dich nicht unterstehst, mit dem Volk Dich abzugeben! Du bist Dorfmeister, ein reicher Mann; das Bettelpack schickt sich nicht für Dich.« – »Die Crescenz ist doch einmal eine Base von mir.« – »Das ist all nichts. Ich glaub' an die Verwandtschaft nicht. So wär' der heilige Adam auch mein Herr Vetter.« – »Wie Du wieder das Maul gehen läßt, Weib! 's wär' ja eine größere Schande für mich, wenn ich meine Blutsfreunde verhungern ließe, als wenn ich mich ihrer annehme?« – »So? willst Du sie nicht etwa in die Kost nehmen? Daß Gott erbarm! Du würdest den letzten Heller vergeuden, wenn ich nicht wäre. Du brauchtest das Venediger Mandl Das Venediger Mandl: ein kleines geheimnißvolles Männchen aus Welschland, das in früheren Zeiten – wie die Sage meldet – häufig nach Tirol und Deutschland, ja selbst in's Fichtel- und Harzgebirge gekommen ist, und ungeheure Schätze an Gold und Edelsteinen heimgeschleppt hat, bis endlich der deutsche Michel hinter seine Schliche kam, worauf der Venediger für immer ausblieb, und nur mehr im Munde des Volks lebt. mit all seinem Geld, um Deine Zigeuner und Bettelweiber zu erhalten. Bei der Theurung? die Franzosen oder die Wälschen als Feinde vor der Thüre! Untersteh' Dich, sag' ich Dir.« – »Es muß doch etwas für die Crescenz und ihren Buben in's Werk gerichtet 13 werden,« sagte dagegen der Grödner mit mehr Entschlossenheit, als er sonst kund zu geben pflegte. – Das Weib wollte sich drohend aufrichten, aber die Gicht hielt sie nieder. »Hätt' ich nur nicht mein böses Bein, oder gar den Bock! « eiferte sie: »ich wollte Dich lehren, mir Galle zu machen! Nichts da; ich will von dem liederlichen Weib und ihrem verlaufenen Mann und ihrem Buben nichts wissen. Hat sie's nicht gut genug für ihre Sünden? Seitdem sie von Planail auf Burgeis gezogen ist, hat sie wohl Mangel gelitten? Strickt und spinnt sie nicht für die Leute? Hat sie nicht vom Anwald ein Stück Wiese geliehen bekommen, und hält sie nicht darauf ein paar Ziegen oder gar eine Kuh, ich weiß nicht recht? Geht sie nicht in's Tagwerk beim Anwald und stopft ihr die Kreuzwirthin nicht, was sie vermag, in den Sack? Darf sie nicht auf unsern Feldern sogar – Du bist schuld daran – Roggen und Gerste spiegeln Spiegeln: das Aehrenlesen der Armen auf dem Felde des Reichen. gehen? Rupft sie nicht alles Gras von den Rainen, um ihr schindeldürres Vieh zu füttern? Gibt ihr nicht der Schloßhauptmann Holz aus des Bischofs Wald und Streu mehr als genug? Bettelt sie nicht von allen Bäuerinnen Milch und Mehl? hütet nicht der Seraphin unsere Gänse, der Tagdieb, der erst neulich wieder eine unter's Rad kommen ließ, und den ich schon ein Dutzendmal fortgejagt habe, obgleich Du ihn immer wieder annimmst? Das Weibsbild lebt ja wie eine Prinzessin, was braucht sie noch?« Der Krämer wagte nicht auf die Litanei zu antworten. Beistimmen konnte er nicht. Lärmen und Schreien wollte er auch nicht. Daher legte er sich ganz stille auf's Ohr und simulirte und grübelte geraume Zeit, bevor er einschlief. Als der Frühmorgen herauf kam – eines prachtvollen Tages Vorbote – erhob sich Crescenz, wunderbar gestärkt, von ihrem Strohsack. Die Schusterin war 14 gegangen, nach ihrem Hauswesen zu sehen. Crescenz kleidete sich, als wenn's Sonntag wäre, in den kargen Trauerstaat, der ihr aus bessern Zeiten übrig geblieben war. Nachdem sie Gebetbuch und Rosenkranz ergriffen, weckte sie den auf der Erde schlummernden Seraphin. »Ach, der Grödner wird böse seyn, ich hab' seine Gänse ganz verschlafen,« hob der Bube an, die schlaftrunkenen Augen reibend. »Das ist alleins,« erwiederte die Mutter: »geh' mit mir zur Kirche.« Mit stiller Aufmerksamkeit betrachtete der Knabe die Frau, die aufrecht stand, wie in den Tagen der Gesundheit, wenn auch mit farblosen Wangen und tiefsinnigen Blicken. Er folgte der Hinausgehenden. Sie hielt sich etwas vor der Küche auf, um der Hauswirthin einen guten Morgen zu sagen. »Ei, schau' einmal! was fällt Dir ein?« fragte die Schusterin: »Wer hat Dich gesund gemacht, und wohin gehst Du?« – »Vergiß mir den Grödner nicht,« entgegnete Crescenz gelassen: »Bitte ihn doch, mir zu lieb, zu Sankt Stephan hinauf zu kommen. Schau': in seinem Hause mag ich nicht mit ihm reden; sein Weib kann mich nicht ausstehen. Und dann ist mir, als könnte ich vor dem Altare und zwar oben auf dem Berge, wo man dem himmlischen Vater näher ist, herzhafter herausreden, was ich ihm zu sagen habe. Er soll nur kommen, um Christi willen. Vergiß das nicht, Nandl.« – Wenn auch kopfschüttelnd ob des seltsamen Einfalls, beruhigte die Schusterin ihre Freundin durch eine liebreiche Zusage. So wandelten sie denn, Mutter und Sohn, quer durch's Dorf, von wenigen Leuten gesehen und gegrüßt, an der Pfarrkirche und dem Widum vorüber, den Weg am Klosterberge empor. War auch die Luft rein und mild, und der Sonnenschein erquickend, so ging doch Frau Plaschur mit jedem Schritte langsamer. Sie stand endlich still, zeigte auf den bereits zu ihren Füßen 15 liegenden Gottesacker und sprach wehmüthig: »Dort – siehst Du das kleine Grab? – dort liegt Deine Schwester. Wenn wir zurückkommen, wollen wir am Grabe beten. Jetzt würde es mir zu weh thun; aber von droben kehr' ich sicherlich gestärkter zurück. Komm', daß ich mich auf Dich lehne: ich weiß nicht – mein Geist ist so hell, und doch mein Herz so matt und müde, daß die Beine fast nicht mehr fort wollen.« Mit Anstrengung gewann die gute Frau die Höhe der Stephanskirche, die unter den Höfen, die zum Kloster gehören, einsam steht, als wie auf einem Vorsprung des Berges, und über einen großen Theil des Vintschgaus die freieste Aussicht gewährt. Die Kirche war offen und leer. Crescenz stieg auf der schmalen Treppe zur Emporkirche und setzte sich auf eine Betbank, den Altar im Gesichte. »Ach, hier ist's kühl und einsam,« sagte sie mit einer gewissen Zufriedenheit: »Hier werd' ich mir Ruh' erbeten. Geh' indessen vor die Kirche hinaus, Seraphin, und schau, wann der Herr Vetter ankommt, daß Du mir's sagest, damit ich dann mein Gebet beschließen kann. Wir sind bei guter Zeit wieder unten, zum Gottesdienst für das liebe Annele.« Seraphin that, wie die Mutter ihm geheißen. Er setzte sich bescheiden an die Ecke der Kirche, wo man in's Thal hinunterschaut, und gab seinen Gedanken Audienz, wie er schon zum öftern gethan, wenn er mit des Grödners Gänsen auf dem Weideplatz gewesen war. Da lag seine ganze Welt vor ihm, und viel mehreres noch als seine Welt: Burgeis, worinnen er alle Winkel kannte; das Schloß Fürstenburg, dessen finstrer Thurm schon vielmals seine Neugier und Einbildungskraft erregt hatte; gegenüber im Bergeinschnitt leuchteten die Häuser von Planail, wo sein Vater ein Wirthshaus gehalten und Krämerschaft getrieben hatte; zur Rechten, in der Mitte des Thals, streckte sich das vielgethürmte 16 Mals, wohin der Knabe schon manchmal im Winter und Sommer den Vater zu Markt und Schenke begleitet hatte; am Gebirge hin lagen die Dörfer Schleiß und Laatsch, wo nicht wenige Spielkameraden Seraphin's wohnten. Weiter hinaus schauten die Mauern der alten Stadt Glurns stattlich wie eine stolze Festung, von Gärten umgeben, aus den Wellungen des Thalbodens hervor. Das Dorf Tartsch bildete die Grenze der von Seraphin gekannten Erde; aber weiter drüben – wie viele Kirchthürme und Bergesspitzen winkten nicht dem sehnsüchtigen Auge des Knaben! Er bildete sich ein, befangen wie er war in seiner Dürftigkeit, dort drüben, und noch besser jenseits der Berge, sey nicht Leid, nicht Mangel zu finden, und er würde schleunigst von dort das Glück heimholen können, wenn er nur hinüber dürfte, frei, wie die Etsch, die hinausstürmt durch's Thal, lärmend und leichtsinnig aller Schranken spottend, wie ein brausendes Roß. Reichere Fluren, freundlichere Menschen würde er jenseits finden, dachte er. Die üppigen Kornfelder des Thals bei Burgeis, die fröhlichen Wiesen, emporsteigend an den Bergschwellungen der sogenannten Malserhaide, schienen ihm dürr und verwildert, gegen den Segen des unbekannten »Drüben« und »Draußen« gehalten. Es fiel ihm ein, die Mutter zu bereden, hinauszuziehen in das fremde schönere Land, wo ihr ein sauberes Häuschen nicht fehlen würde. Er selber wollte dann sich viele Mühe geben, ein rechter Bauer zu werden, und zwar ein feister und behaglicher, dem es nicht an Wein und nicht an Speckknödln und Kraut fehlen dürfe. Er wollte auf den Viehhandel ausgehen, und blanke Thaler sammeln, wie er's schon von Landleuten gesehen hatte, wann sie zur Herbstzeit im Wirthshause den halben Tisch vollzählten mit wohlerworbenem Silber. Und sein Waltl, sein liebster Freund, müsse dabei seyn und all das Glück theilen, beschloß der Knabe; und die 17 Mutter wolle er pflegen wie die Henne das Ei; und wenigstens so schön wie der Grödner und sein Weib wollten sie sich kleiden alle drei, die Mutter, der Waltl und der Seraphin; und essen wollten sie viermal im Tage, wie der Herr Anwald in Burgeis, wenn nicht noch öfter und besser; und einen Kramladen sollte daneben die Mutter führen, der wenigstens so schön wie der des Herrn Vetter seyn sollte, wo nicht noch schöner . . . . Da sah der gute Seraphin, aus seinen Träumen erwachend, den städtischen Hut des Krämers über den nächsten Zaun auftauchen und auf den Hut kamen auch noch das lange Gesicht und die silbernen Knöpfe des Brusttuchs zum Vorschein; und der Bube meinte, es sey jetzt an der Zeit, der Mutter den Vetter anzusagen. Er nahm daher sein Hütl ehrerbietig unter der Kirchthüre ab, strich sich die Haare glatt, und näherte sich der Mutter, die nicht von ihrem Platze gewichen war. Sie kniete und hatte den Kopf in ihre gefaltete Hände gelegt. – »Mutter . . . . der Grödner . . . .,« sagte der Knabe halblaut, um die Weihe des heiligen Orts nicht zu stören. Die Mutter horchte nicht auf. – »He, Mutter, hört's denn nicht? Der Vetter, sag' ich, der Vetter kommt.« – Crescenz rührte sich nicht. Seraphin bog sich über ihren Nacken und schaute ihr unter's Gesicht. Die Augen der Frau schienen geschlossen. »Sie ist eingeschlafen,« lispelte Seraphin mitleidig, und winkte dem eintretenden Grödner, kein Geräusch zu machen. – Der Mann stutzte, trat hastig hinzu, rüttelte seine Base, und als dieselbe steif und blaß sich zur Seite neigte, an des Krämers Herz sinkend, rief er mit erschütterndem Tone: »Das ist der ewige Schlaf, Du armer Bube. Jetzt hast Du auch keine Mutter mehr!« – – Der Mann sprach die lauterste Wahrheit. Crescenz 18 war nicht mehr zu erwecken. – Von diesem Augenblick an stand Seraphin ganz verwaist. Er wußte eigentlich nicht, wem er angehörte zu dieser Frist. War er gleich ein Gegenstand der allgemeinen Theilnahme, so wurde dennoch unmittelbar nach dem Hintritt seiner Mutter nichts für ihn gethan. Er hatte völlige Muße, seinen letzten Liebespflichten gegen die Gestorbene nachzukommen, tausend- und tausendmal ihre abgemagerte treue Hand zu küssen, tausend- und tausendmal ihr Antlitz zu betrachten, sich's auf immerdar in's Gedächtniß zu prägen, bevor es ihm entrissen wurde, um dem finstern Erdenschooß als Eigenthum zu verfallen. Der Schuster litt zwar den Knaben noch im Hause, doch sollte diese Zuflucht dem Verlassenen nach der Bestattung der Frau Plaschur nicht mehr lange gegönnt seyn. – Der Vetter Grödner erschien zwar einigemal, und ließ gegen den armen Jungen ein paar Worte der Vertröstung fallen, aber bis zu einem sichern Versprechen wollte es nicht kommen. Die wackre Kreuzwirthin ließ dem Knaben sagen, sie wolle für's erste ihn mit Speise und Trank versorgen; der Pfarrer, ein gutmüthiger Benediktiner vom Marienberg, schenkte ihm einen Zwanziger, und redete ihm von den Lilien auf dem Felde, die der himmlische Vater kleidet; aber von einer festen Bestimmung für die Zukunft, von Liebe, Schutz und Schirm, wie der Verwaiste sie brauchte, war nie und nirgends die Sprache. Da kam am Vorabend des Begräbnißtages der ehrliche kleine Oswald zu seinem Freunde, streichelte ihm herzlich die kalten Wangen und sagte ernsthafter, als er gewöhnlich zu thun pflegte: »Weißt Du was, Seraphin? Ich habe Dich lieb, ich bin Dir gut; Du kannst mich wohl leiden und mein Vater wie auch meine Mutter haben Dich gern. Komm' zu uns. Die Mutter hat gesagt, daß mit elf Kindern auch noch das zwölfte zu essen fände, und dem 19 Vater ist's recht gewesen. Komm' zu uns. Wir habens nicht gar so schlecht, wenn wir auch auf den »Platten« wohnen, wo der reichen Bauern nicht viele sind. Die Mutter kocht uns in der Woche alle Tage einen Türkenpult Türkenpult: eine rohe Speise aus Mehl vom türkischen Korn bereitet. Türken so viel als Mais. , von dem man brav satt werden kann. An Sonntagen gibt's aber Schmalznudeln, bisweilen Abends Milch mit Brocken. Für's Gewand ist bald gesorgt: wir frieren im Winter beim Holzhacken und Streuschneiden nicht viel. Du wirst ohne Zweifel bald ebensoviel verdienen, wie ich bei meinem Bauer verdiene. Wir Kinder haben zwar keine Betten, und schlafen, wie's grad kommt, aber weißt Du was? Ich will Dich auf den Ofen lassen, wo ich selber bis dato gelegen bin, will Dir auch meinen Sack geben, zum Hineinschliefen. Da wollen wir vergnügt seyn, und groß wachsen, und stark werden, und wenn der Mensch nur einmal groß ist, so hilft ihm der Herrgott als ein kluger Alt-Vater schon weiter.« »Du bist brav, Walt,« antwortete Seraphin, der den gutgemeinten Vorschlag ernstlich überlegte: »ich will schon, ich esse nicht so viel; auch sind meine Augen nicht größer als mein Magen. Zudem wäre ich bei Niemand in der Welt lieber auf der Kammer als bei Dir. Du bist ja mein Herzensbruder, hast mir so vielmal gegen den bösen Liebl- Lex geholfen, der mich immer nach der Schule hat schlagen wollen, ohne daß ich ihm was gethan hätte.« »He, weißt Du denn, warum ich Dir half? Weil Du mich lang vorher von dem schiechen Hund am Lugeneck losgemacht hast, der mir den Janker zerrissen hat. Weißt Du noch? Du guter Seraphin bist grob zerbissen worden von dem »Kohler« und hast ihn doch nicht losgelassen, ihm eins nach dem andern auf's Maul gegeben, bis der Schwarze endlich geblutet hat, stärker als Du und ich.« 20 »Da hab' ich noch die Narbe,« versetzte Seraphin, selbstzufrieden seinen Arm vorweisend: »Aber die Schläge, die mir alsdann der Herr vom »Kohler« gegeben, weil ich mit dem Vieh gerauft, hab' ich gar nicht ein bissel gespürt. Das ist alleins; Du bist mein lieber Walt, einmal und allemal, und ich möchte Dich gar nicht mehr verlassen, so lang ich lebe.« »Drumm komm' mit mir, Seraphin. Deine Mutter wird's noch im Himmel freuen, wenn sie uns beieinander sieht. Sie hat mich wohl leiden können. Drumm habe ich auch Deiner seligen Anna ein recht schönes Hollerkreuzl Hollerkreuz: Sobald in einer Ortschaft des Ober-Vintschgau eine Person gestorben, und die Nachricht davon verbreitet ist, beeilen sich die Knaben des Dorfs, ein jeder für sich, ein Kreuz von Hollunderholz zu fertigen: schmucklos, wie es die Eile erlaubt. Wer nun der erste im Todtenhause sein Kreuz darbringt, darf es der Leiche vortragen, einstweilen es auf ihr Grab stecken, bis ein andres bereitet, und dem Todtentrunke beiwohnen. gemacht, geschwind nachdem Du mir erzählt hattest, daß sie gestorben; bin recht gelaufen, daß mir kein andrer Bub' zuvorkommen sollte; hab's auch Allen abgelaufen und abgewonnen; hab' dem Madl richtig das Kreuz vorgetragen und auf sein budewinzig's Grab gesteckt. Wenn Du's nicht gesehen hast, so ist schuld, daß Du so viel weintest, was ich auch thäte, wenn mir ein Schwester'l hin würde Hinwerden: sterben; auch wenn vom Vieh gesprochen wird ist dieses Wort im Gebrauch. . Auch Deiner Mutter werd' ich das Kreuz vortragen und nach der heiligen Messe auf den Todtentrunk kommen, den der Grödner als ein Vetter der Seligen im Klosterwirtshaus gibt. Es soll mich recht freuen, wenn der Krämer oder der Schulmeister dort von Deiner Mutter den Leuten recht viel Liebes und Schönes derzählen, und – verlaß Dich auf mich – ich werd's Dir gleich widersagen.« Seraphin weinte still beim Andenken der Entschlafenen. Bald jedoch faßte er sich und fragte mit knabenhafter Neugier: »Meinst, Waltl, daß recht viele Leute zur Leiche und zum Todtentrunk kommen werden?« »Recht viele,« versicherte Oswald; »Manderleut und Weiberleut! So viel Füße in Planail herumlaufen, so viele kommen auch gewiß zu uns herunter, wenn morgen die Glocken geläutet werden; aus unserm Dorfe hat der Grödner ebenfalls, was Beine hat, aufgeboten, damit es 21 nicht an Volk mangelt. Er will in der Kirche Alles recht schön haben, und auch beim Todtentrunk wird's brav hergehen. Dein Vetter hat extra die schöne Stube im Klosterwirtshause dazu sich ausgebeten. Die Wirthin läßt Dir sagen, Du möchtest morgen fein bei ihr ankehren. Sie hat was Gutes für Dich. Wenn Alles vorbei ist, geh'n wir mit einander heim, und Du sollst zum Erstenmal an mein Platzl auf dem Ofen kommen.« Die kleinen Freunde trennten sich spät mit den brüderlichsten Versicherungen. Seraphin sah von Stund an in dem lebhaften schnellentschlossenen Oswald einen Stern der Verheißung, der die trübe Nacht seiner kindischen Sorgen völlig heiter machte. Der nächste Tag war ein festlicher. Das einfache Gepränge einer ländlichen Begräbniß-Feierlichkeit wurde diesmal bedeutsamer als sonst, vermöge der überaus zahlreichen Begleitung, die sich versammelte, um der Abgeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen. Die ernsthaften durchfurchten Gesichter der Landleute des Vintschgaus, die den ursprünglich romanischen Typus nicht verläugnen mögen – schnell eintretendes Altern nach kurzer Blüthe – schienen an jenem Tage doppelt nachdenklich und schwermüthig. Sogar die Züge der Männer von Planail, der leichtsinnigsten und lebenslustigsten unter allen, die dem Thale anwohnen, waren der Würde der Todtenfeier gänzlich angemessen. Wer da mit dem Sarge ging, gedachte mit tiefer Betrachtung des verfallenen Glücks der Familie Plaschur, der Verirrungen des flüchtig gewordenen Mannes, der schweren Lebensleiden der armen Frau, und des wunderbar gnädigen Todes, den ihr der Himmel geschickt auf der Schwelle der Verzweiflung. Mit dem Gottesdienste erschienen die nächsten Freunde, die Gevatterleute und Nachbarn der Verewigten, so Männer als Weiber in ihren düstern Gewändern beim »weißen Kreuz« zum Todtentrunk. Eine lange Tafel 22 wartete ihrer in der sogenannten schönen Stube, die mit feinem Getäfel und Schnitzwerk verziert war. Dem uralten Gebrauch zufolge brachte jeder Gast sein flaches Brod, seinen Alpkäse in beliebiger Menge mit. Eine andere Speise darf beim Todtentrunk der gemeinen Leute nicht genossen werden, wenn schon dann und wann Reiche eine Ausnahme machten und eine ganze Mahlzeit vorsetzten. Den Wein stellte dagegen der Besorger des frugalen Mahls, der Vetter Grödner, im Ueberflusse auf. In zwei langen Reihen schaarten sich die Geladenen und Berechtigten um die Tafel. Zahlreiche Gruppen von Bettelnden beiderlei Geschlechts, Erwachsene und Kinder durcheinander, faßten am Eingange der Trauerstube Posto, oder durchstreiften treppauf, treppab das Haus. Mittlerweile waren in der Hinterstube des Erdgeschosses die ansehnlichern Herren von Burgeis zusammengekommen: der Schloßhauptmann der Fürstenburg, ein adelicher Rentmeister des Bischofs von Chur, dem vormals ein großer Theil des westlichen Tirols in geistlicher Beziehung unterworfen war; der Hofrichter des Klosters Marienberg, welches dazumal seine eigene Jurisdiktion besaß; der Anwald von Burgeis, wie zu jener Zeit der Vorstand der Gemeinde geheißen wurde; einige der ihm untergebnen Dorfmeister; endlich der Bader des Orts. Sie alle waren da, ihren Morgentrunk zu nehmen und plauderten von Diesem und Jenem; von den Kriegsvorfällen in Italien, von den drohenden Märschen der Franzosen; von den Friedenshoffnungen, die hin und wieder aus Wien verlauteten; von den höchst bedenklichen Maßregeln, die von der ottomanischen Pforte gegen den Kaiser genommen worden waren. Wie immer wurde von den vergangnen guten und von den herrschenden schlechten Zeiten geredet. Der Wirth, ein heitrer Mann, der ab- und zuging seiner Gäste Gespräch aufzufrischen, 23 wie ihren Wein, brachte die schweren Steuern und Kriegszubußen auf's Tapet; der Anwald belegte des Wirths Andeutungen mit handgreiflichen Exempeln aus der Gemeinde selbst, beklagte sich über Forstzwang und Kamin-Taxen, schilderte die wachsende Last und Armuth des gemeinen Mannes; und somit kamen die Herren unvermerkt von Neapel und Spanien, von Belgrad und Sicilien, von dem gepriesenen Land- und Feldregiment Migazzi und den geschmähten Franzosen auf des Dorfs beschränktere Verhältnisse zurück; so auf die geringen Vorfälle des Tags, so endlich auf das just abgehaltene Leichenbegängniß. – Der Klosterrichter, noch nicht lange im Amte, fragte: »Wer ist den das Weibsbild gewesen, das heute begraben worden? Was ist denn mit ihr vorgefallen, daß alle Welt von ihr den Mund voll hat?« Der Rentmeister des Bischofs versetzte mitleidig: »Die Frau war zu gut für das gemeine Leben und ihr Elend. Sie mußte einen Jeden, der ein Herz hat, erbarmen. Sie hat sich mühsam durchgerungen, da sie noch ihren Mann hatte, geschweige erst, da er ihr davongelaufen war, nachdem er die übelste Wirthschaft gepflogen, und sein Haus an den Bettel gebracht hatte.« – »Hm,« meinte der Jurist: »man hätte auf den Deserteur fahnden und ihn mit exemplarischer Strafe überfahren sollen; nach den Verordnungen des höchstseligen Kaisers Leopoldus zum Beispiel, oder nach gemeinem Recht. Was wird aus der Nachkommenschaft werden wenn eine solche vorhanden? Ich vermuthe, daß die Erbschaft nur sub beneficio inventarii angetreten werden will? Sind der Erbstollen mehrere zu der saubern Verlassenschaft?« »Ein einziger Bub,« entgegnete der Wirth: »der arme Heiter Heiter, Haut, Hascher: das erstere Wort nur beim männlichen, das zweite beim weiblichen gebraucht. Beide dienen als Schmeichel- und Mitleidausdruck. Auch »Hascher« hat die Bedeutung eines recht armen, geringen unmächtigen Menschen oder Thiers. , wie sich's versteht, erbt nur den blauen Himmel, dreihundert und fünf und sechzig Tage in einem 24 gemeinen Jahr und ein paar tausend Muttmal Muttmal: ein Feldmaß; soviel als »Tagwerk, Jauchart, Morgen« u. s. w. in andern Ländern. »Mutt« eine Wiese; auch zugleich ein Getraidemaß. Bergnebel auf dem Ortler Der Ortler: der höchste Bergriese in Tirol, an dessen Flanken heutzutage die neue Straße nach Bormio über's Stilfser-Joch hinläuft. . Es wäre zu wünschen, daß sich ein Menschenfreund fände, der den Seraphin zu sich nähme.« »Ein feiner Bub', mit offenem Kopf und rechtschaffenem Gemüth,« bestätigte der Anwald: »Der Herr Pfarrer und der Schulmeister haben ihn nie auf einer Lüge ertappt, sagen sie, und das ist viel auf einen Sohn des Lenhard, der verlogen und falsch gewesen ist, wie's nicht einen Zweiten gibt zwischen Nauders und der Töll Die Töll: altes Zollrevier an den Etschfällen in der Nähe von Meran. Dort hört Vintschgau auf, sowie es bei Nauders – nach den Begriffen der Eingebornen – anhebt. .« – »Es heißt Alles gesagt,« fügte der Bader, wichtig den Kopf schüttelnd, hinzu, »es heißt Alles gesagt, daß der Lenhard Plaschur noch heutzutage Verwandte im Engadin hat, die evangelisch sind, worunter sogar ein Prädikant.« – »Ah, ah, warum nicht gar? das wird nicht seyn!« riefen die Anwesenden im Chor, und räusperten sich und scharrten mit den Füßen; worauf eine tiefe Stille eintrat. Der Richter unterbrach das Schweigen zuerst: »Ich möchte doch wissen . . . wie gesagt, ich möchte eruirt sehen, wie's im Grunde mit denen Plaschur ausgesehen hat? Es ist so vielerlei hin- und hergetragen worden. Welche Delicta stehen denn auf des alten Plaschur Kerbholz? Ich erinnere mich, in meines Vorgängers Akten gefunden zu haben, daß ein Plaschur mit dem gegenwärtigen Beständer des Klosterhofs Premafur einen Prozeß gehabt – adhuc sub judice lis – der sich in die Länge gezogen, und nachdem die beiderseitigen Advokaten ihre rechtliche Nothdurft genugsam verrichtet . . . .« »Komm herein, Bub, komm herein, Seraphin,« unterbrach des gelehrten Redners Regensburger-Kanzleistyl die rührige Wirthin, indem sie den Sohn der seligen Plaschur hereinführte: »fürchte Dich nicht, küsse den Herren die Hand und befiehl Dich ihrer Gnade. Sie meinen's gut mit Dir, und Du kannst jetzo gar nicht genug Freunde und Fürsprecher haben, Du armer Narr.« 25 Seraphin folgte und fing das Handküssen beim gnädigen Herrn Rentmeister an, der – ein Wohlthäter der Mutter – den Sohn liebreich empfing und dem Klosterrichter vorstellte. »Es ist wahr: ein treffliches Ingenium spricht aus des Jungen Angesicht,« bemerkte der Jurist; »aber was sollen wir mit ihm anfangen? Am Gericht, an der Behörde von Glurns ist es, ihm einen Tutorem zu setzen.« – »Freilich,« erwiederte der Anwald, »aber der nächste beste Gutthäter, den der Bube finden möchte, dürfte herzlich gerne zum Vormund gewählt werden.« – Die Wirthin versetzte mit nassen Augen: »ich bäte Euch wohl um Gotteswillen, Herr Anwald, dafür zu sorgen, daß ein rechtschaffner Mann dieser Waise Nähr- und Ziehvater werde. Es hätte sich schon einer angeboten, wie mir der Seraphin sagt: der Vitus Holzer auf den »Platten«; aber, daß Gott erbarm'! die Leutln haben schon elf Kinder und kaum genug an Brod, um diese zu ernähren.« – »Ja, ja,« meinte der Anwald; »die Aermsten sind immer am ersten bereit, wohlthätig zu seyn. Sie wissen, daß der Hunger weh thut. Ist denn aber nicht der Grödner ein Anverwandter zu den Plaschur? Wie kommt's, daß nicht gerade Er . . . .?« »Du mein Gott!« seufzte Wirth und Wirthin: »Wenn's auf ihn ankäme, was thäte er nicht? Aber, die Herren wissen wohl, . . . . sein Weib ist nicht die beste, und er hat uns heute mit Zähren im Auge erklärt, sie habe ihm ein für allemal verboten, für den Buben seine milde Hand aufzuthun, oder ihn in's Haus zu nehmen; und obschon er noch gestern dazu bereit und entschlossen gewesen, hat er's doch um des Hausfriedens willen aufgegeben.« – »Ei, da wird man die Frau nicht viel fragen! mulier taceat! « rief der Richter, ein Hagestolz; aber auch der verheirathete Rentmeister setzte hinzu: »Das will ich meinen, Pardieu! der 26 Grödner soll ihr nur brav das Ellenmaß zu verkosten geben, so wird sie sich alsobald zum Ziele legen!« »Behüt' uns Gott! Tatzen Tatzen: Streiche mit einem Stäbchen auf die Vorderfinger; eine Schulstrafe. und Ellenmaß!« brummte die Wirthin, eine schlechte Lateinerin. – Der energische Gebrauch des Herrenrechts, vom Richter und Rentmeister kaltblütig empfohlen, wollte der guten Frau trotz ihres Widerwillens gegen die Grödnerin nicht recht einleuchten. Sie schüttelte den Kopf mit der Frage: »Sollte es nicht in Güte gerichtet werden können, Herr Anwald?« Der erleuchtete Gemeindevorstand, der seine Leute kannte, nickte, sich besinnend, wie die Sache anzugreifen seyn möchte. »Hab' ich nicht gehört, daß die Grödnerin krank geworden?« – »Ei ja,« antwortete der Bader: »noch obendrein tüchtig krank. Sie hat ein verzweifelt böses Bein. Ich gehe alle Tage zweimal hin, es zu verbinden. Sie kommt noch davon, das ist keine Frage, denn das Weib ist zäh wie eine Katze, und was böse ist, lebt lang. Aber es wird noch bei ihr Schmerzen der Menge absetzen und eine mörderliche Todesangst, denn die Rippe fürchtet sich erbärmlich vor dem Sterben.« – »Desto besser; so haben wir ja gefunden, was wir suchten,« sprach der Anwald beifällig: »für's erste müßt Ihr dem Drachen etwas mehr bange machen, Meister Johannes.« – »Das kann schon seyn, Herr Anwald.« – »Für's zweite – wenn sie recht in Leid und Aengsten ist, die schlimme Frau – schicke ich den Pfarrer über sie, oder besser den Pater Pius, der die Leute schon schwitzen macht, wenn er nur von weitem die Flammen der Hölle schildert. Ich wette: aus Todesfurcht wird sie sich wenden zur Wohlthätigkeit und Nächstenliebe, so daß sie keine Umstände machen dürfte, die frommen Absichten ihres Mannes in Betreff dieses Buben zu billigen und zu unterstützen. – Was meint Ihr?« fragte der Anwald die Dorfmeister, die ihrerseits keine Einwendung machten. Der Eine sagte, der 27 Grödner habe ohnehin keine Kinder mehr und sey ein wohlhabender Mann. Der Andere ließ einfließen, wie auf diesem Wege doch die Gemeinde nicht bemüßigt seyn werde, einen armen Tropf mehr aus ihren Mitteln aufzufüttern. – Der Richter warf hin, er wolle versuchen, dem Seraphin, im Fall er Geschick zum Studiren hätte, eine Stelle in dem Convikt zu verschaffen, das, wie er aus guter Quelle wisse, der kaiserliche Hofkriegsrath Johann von Radiff – eines Krämers Sohn von Burgeis – am Meraner Gymnasium zu stiften vorhabe. – Der Rentmeister hingegen, voraussetzend, daß Seraphin nicht zum Studiren kommen werde, wollte, ebenfalls mit der Zeit, aus dem Buben einen Jägerburschen, einen Forstläufer, einen Holzmeister machen, und ihm zu dem Ende vergönnen, bei seinen Söhnen dann und wann als Spielkamerad vorzusprechen, und die Brosamen von Gelehrsamkeit aufzuschnappen, die etwa ihr Hofmeister vom Lehrpulte fallen lassen dürfte. Während dieses eifrigen Hin- und Herstreitens und Projektmachens um des Kaisers Bart hatte die Wirthin ihren kleinen Schützling wieder in die Schenkstube entführt. Dort sagte sie mitleidig zu ihm: »Gelt, Du Hascher, die Herren reden viel von dem, was sie in der Zukunft für Dich thun werden, aber gleich jetzt etwas zu richten, fällt ihnen nicht ein? Geh, dort steht ein Mues für Dich; iß davon, so lang Dir's schmeckt und vertrau' auf Gott mehr als auf die Menschen.« Seraphin hockte sich hin und rief den Oswald herzu, der just hereinkam, um nach ihm zu schauen. Seraphin erzählte seinem Waltl, wie's ihm bei den Herren ergangen und sagte: »Wir wollen geschwind zu Deinem Vater gehen. Mir ist dort drinnen angst und bang worden. Die Herren wollen etwas Großes aus mir machen; aber sie ließen mich Hungers sterben, bis es dahin kommt. Ich will jedoch essen und arbeiten und 28 mich nicht mit Büchern plagen.« – Um dem Hunger nicht alsogleich zu erliegen, löffelte er begierig sein Mues auf, und der Napf war leer, ehe er sich dessen versah. Derweilen erzählte ihm Oswald, wie es oben herging: daß die Leute brav tränken, daß der Schulmeister und der Grödner obenan säßen und eifrigst beim Weintrinken mit einem guten Beispiel voranleuchteten; daß der feurige Etschländer den Gästen rothe Stirnen und Nasen mache, und daß der Schulmeister bald die Danksagung anheben würde. »Diese muß ich noch hören,« sagte Oswald: »dann gehen wir in Gottes Namen heim.« Der Gemeindesaltner Saltner, Gemeindesaltner: Gemeindediener; in Südtirol der Weinbergwächter; wahrscheinlich von »Söldner« abstammend. , den indessen der Anwald hinaufgeschickt hatte, um den Grödner herabzurufen, berichtete von demselben, die Danksagung sey vor der Thüre, und der Vorsitzer des Todtentrunks könne nicht wohl vor dem feierlichen Entlassungsspruch des Schulmeisters von seinen Gästen sich verabschieden. Später werde er kommen, wiewohl nur auf kurze Zeit, indem der Anschein vorhanden, als wolle sich der Todtentrunk mit etwelchen Wirthshaus-Nachtlichtln Wirthshaus-Nachtlichtln ; lockere Bursche, die gern die Nacht hindurch trinken und schlemmen. stark in den Nachmittag hinein verlängern. »Eine feine Aussicht,« äußerte der Anwald mißvergnügt: »der Grödner hat, wie ich glaube, heut seinen nassen Tag, und die Planailer, denen ohnehin die liebe Sonne alltäglich zweimal aufgeht Die Planailer Sonne . In dem kleinen Bergdorf Planail sieht man vom 15. bis 29. November und dann vom 12. bis 28. Jänner – namentlich von dem Hause des Kuraten – die Sonne alltäglich zweimal auf- und zweimal untergehen. »In dem Verhältnisse, als der Tag abnimmt, wächst der Zeitraum zwischen dem ersten Untergang und dem zweiten Aufgang in dem Maße, daß die längste Dauer 1¼ Stunde beträgt, während welcher die Sonne gänzlich unsichtbar bleibt. Das umgekehrte Verhältniß tritt beim wachsenden Tage ein; denn vom 12. Jänner an vermindert sich täglich der Zeitraum dieses Sichverbergens der Sonne, bis sie endlich die Bergspitze, deren ganz eigene Stellung jene Erscheinung bewirkt, überstiegen hat, und dann auch in Planail einmal auf- und untergeht, wie anderwärts. Diese Berghöhe wird die » spitzige Lun « genannt. – ( Staffler, Tirol und Vorarlberg; 2. Theil. ) , werden ihm schon dabei helfen. Dennoch möchte ich den Grödner noch im nüchternen Zustand sprechen; es ist wegen des Buben der Plaschur.« »Ich denke, Herr Auwald,« redete einer der Dorfmeister darein, »es wird besser seyn, wenn der Grödner einen kleinen Dampf hat. Er ist ein herzensguter Dottl und am besten aufgelegt, wenn er den Wein spürt. Zugleich hat er alsdann mehr Kuraschi vor seinem Weib, und wenn man ihn dazu gebracht. daß er im Stieber 29 auf etwas seinen Handschlag gegeben, so hält er auch nüchtern, was er im Räuschl versprochen.« »Das ließe sich hören,« gab der Anwald zu. Der Klosterrichter kam indessen mit seinem ewig wiederkehrenden Sprüchlein angestochen: »Wenn sich nur eruiren ließe, was eigentlich der Plaschur peccirt hat, welche Delicta auf seinem Kerbholze stehen, kurz, welch ein Curriculum vitae dieses böslichen Landläufers und seines hintangelassenen Weibes vorhanden seyn möchte?« »Alles dieses können sie weitläufig genug haben, wenn Ihnen gefällig ist, mit mir hinaufzuspazieren und die Danksagung anzuhören?« erwiederte der Anwald: »Ich vernehme so eben einen gewissen Rumor aus der obern Stube. Gewißlich hat bereits der Schulmeister seinen Stuhl gerückt und will seine Rede anheben.« – »Ich gehe mit Ihnen, und sollt' ich darüber mein Mittagessen versäumen,« fügte der Richter zufrieden bei, und stieg mit dem Anwald die Treppe hinan. Die Thüre der »schönen Stube« war halboffen, und gönnte den beiden Honoratioren völlig das Zusehen und Zuhören bei dem feierlichen Akt, der sich vorbereitete. – Die gesammte Tischgesellschaft saß steif und ehrerbietig mit unbeweglichen Gesichtern auf den Stühlen. Die Weiber hatten ihre mit Rosenkränzen verzierten Hände über dem Schürzenbande gefaltet, die Männer hatten die ihrigen so straff auf den Stuhl gestemmt, als fürchteten sie, der Sitz möchte unter ihnen weg davonlaufen wollen. Neben dem melancholisch im einzigen Lehnsessel ruhenden Grödner stand aufrecht der Schulmeister; ein kurzer dicker Mann, der, eben um seiner Fülle willen, von der muthwilligen Schuljugend den Spitznamen »Dampfnudel« überkommen hatte. Er lehnte sich mit beiden Fäusten auf den Tisch, und beobachtete vermöge dieser Fürsorge ein, wenn auch schwankendes, Gleichgewicht. Seine Augen, der flüssigen Begeisterung 30 voll, schauten steif gen Süden; während er vorläufig hustete, lauerte schon hinter der ernsthaft gerunzelten und glühenden Stirne diejenige Rührung, die nach dem Antrittskomplimente immer unaufhaltsamer hervordringen sollte. Er begann, der auserwählte Sprecher: »Mit Erlaubniß! Ehrsame Herren und Nachbauern, ehrzüchtige Jünglinge, ehr- und tugendsame Frauen, auch Jungfrauen. Unsere gegenwärtige Zusammenkunft ist gewiß heute sehr traurig, indem sie uns an die Beerdigung unsrer lieben Mitschwester erinnert, weßwegen uns gegenwärtiges Traktiment von Wein, Brod und Käse vorgesetzt worden ist. Doch wissen wir schon ehevor, daß alle Menschen sterben müssen, und uns deßwegen die Stunde, der Tag und das Jahr unbekannt. Und so wird es mir denn erlaubt seyn, mittelst einiger wohlgemeinten Worte in Kurzem des Lebenslaufs der fürtrefflichen Frau zu gedenken, die wir heute, wie gesagt, zur geweihten Erde bestattet haben. Sie ist geboren worden im Enneberg und zwar von christlichen, leider zu frühe dieser Welt entrückten Eltern. Die Annehmlichkeit ihrer Leibesgestalt verursachte, daß ein ehrsamer Kaufmann von Botzen sie als eine Ladenmagd einstellte, woselbst sie viele Gunst bei Hohen und Niedern erlangt hat, und sattsam vergnügliche Anträge, ihren ledigen Stand zu verändern. In der Meinung, ihr Glück zu machen, verehlichte sie sich mit Lenhard Plaschur, einem detto Ladendiener aus dem Engadein gebürtig, und zwar ein Katholischer aus dem weltberühmten Brunnenorte Trasp, das zum hochfürstlich Dietrichsteinischen Lehen gehört, und zum Gerichte Raudersberg. Derselbe war in seinem Knabenalter in's Tirol gekommen und in den allerchristlichsten Grundsätzen von Gutthätern aufgezogen worden. Was helfen aber alle Grundsätze, wenn wir dem Teufel erlauben, an denselben zu rütteln?« Der Redner seufzte tief, und trank, während alle 31 Gäste nachseufzten, auch der immer melancholischer werdende Grödner sich ahnungsvoll schneuzte, ein großes Glas Wein – wie man sagt – »überm Kopfe« aus, was soviel bedeuten will als auf einen Schluck und Druck. Er öffnete sodann einen Knopf an seiner Weste, und fuhr fort: »Dieser Ehebund ließ sich anfänglich, wie verlautet hat, gut an. Die Ersparnisse der Ehegatten begründeten ihnen ein feines Vermögen, und – es sind elf Jahre her – zogen sie, schon gesegnet mit einem Knäblein, in den wohlbelobten Ort Planail um daselbst ein Wirthshaus, einen Kramladen und ehrliche Landwirthschaft zu betreiben.« »Elf Jahre und fünf Monate auf Bartlme,« verbesserte der Vorstand der Planailer, der gegenwärtig war. – Der Schulmeister sah sehr verdrießlich zu der Unterbrechung, schnalzte indessen nur mit dem Munde, und ging in seiner Rede weiter: »Einige Jahre hindurch war Glück und Zufriedenheit im Plaschur'schen Hauswesen, aber bald blieb der Segen aus, indem sich der Mann, der zu Botzen ein häuslicher Christ gewesen, an schlechte Gesellschaft hing; und diese verdirbt, wie man weiß, die besten Sitten.« Die anwesenden Planailer schauten sich betroffen an und zuckten etwas in die Höhe. Ein strafender Blick des Schulmeisters und des Grödners mißbilligendes »Pst« stellten vorläufig die Ruhe wieder her. »Daß ich es kurz mache: Lenhard hielt sich an die Karten und an den Wein, wurde sein eigner eifrigster Gast, und brachte im Verlauf von einigen Wintern sein Geldl durch. Das Häusel mußte ihm verkauft werden, und seine steigende Unbotmäßigkeit war von der Art, daß er vielleicht noch Schlimmeres geworden wäre, als nur ein schlechter Hausvater und Verschwender, wenn ihn nicht die Noth und Schande gezwungen hätten, in die Fremde zu entlaufen, woselbst er, wie vernommen 32 wird, gestorben seyn soll. – Jetzt, denkt euch ein bissel in seine Seele und Gewissensbisse, ihr Männer; ihr Weiber stellt euch vor, was die arme Crescenz hat leiden müssen.« Der Redner schwitzte; die Planailer wechselten untereinander rachgierige Blicke, die Weiber zogen entweder die dunkelblauen Sacktücher oder die Schürzenzipfel vor Augen und Nase, um sich, wie in der Predigt, auf die laute Rührung vorzubereiten. Wirklich versetzte sich auch der Schulmeister in eine überreizte Stimmung, als er auf die Beschreibung von den Qualen und Bedrängnissen der Verlassenen überging und mit folgenden Worten der Zuhörer Seele zerriß: »Die letzte Kuh war aus dem Stalle, das letzte Schwein hatte verkauft werden müssen, und ein kaum gebornes Kind – Gott hat es jetzt zu sich genommen – schmachtete vergebens nach einem Trunk Milch! Die Zeiten des Glücks waren vorüber, das geselchte Fleisch hatte Platz gemacht den gesalzensten Thränen. Die Wittib – denn auch die Verlassene ist eine solche zu nennen – hat Planail verlassen und nach Burgeis ziehen müssen, wo die Barmherzigkeit ihr reichere Almosen versprach; und sie kam als eine Bettlerin, ohne Brod, ohne Geld, unter uns zu wohnen; ihr armes Herz zerstochen von tausend Schwertern, ihre armen Würmer kaum bedeckt gegen die Kälte, die Mildthätigkeit des Nächsten ihre einzige Zuflucht. Aber diese Leidende war ein Muster der Tugend und ein Bild der Demuth und eine muthige Christin, die tapfer kämpfte gegen den Satan des Hungers und der Verzweiflung! O welch ein Beispiel! O welch ein bittres Leiden!« Der Schulmeister hielt inne. Die ihm zunächst sitzende Zuhörerin stimmte ihr: »Daß Gott erbarm!« an und alle Weiber folgten ihr mit demselben Ausruf in eine Fluth von Thränen, in ein Chaos von Schluchzen 33 hinein. Auch der dicke Lehrer ließ sein Schnupftuch wehen vor den nassen Augen; der Grödner wurde immer blässer und stieräugiger. Er gerieth nach und nach in das trunkene Elend, in denjenigen Zustand, der aus dem besonnenen oder fröhlichen Trinker plötzlich einen heulenden Jeremias macht. Er konnte seine heißen Zähren nicht mehr zurückhalten, da mit Salbung und Weihe der Schulmeister ihn selbst anredete, und ihm sagte. »Aber sie hat, die arme Haut, einen Tröster und Pfleger an unserm verehrten Dorfmeister und Traktirer gefunden, wie derselbe überhaupt an alle Ecken gestellt ist, der leidenden Menschheit auf die Beine zu helfen, und diesem Wohlthäter aller Bedrängten erlaube ich mir, nach dem Requiescat für die Selige, auch noch ein bescheidnes Vivat auszubringen. Er lebe lang zum Wohl unsrer zahlreichen Armen, und meine schwachen Dienste seyen nächst Gott, dem Herrn Pfarrer und der geliebten Jugend ihm auf immerdar geweiht! Für die Verstorbne aber, liebe Freundschaft, Gevatterschaft und Nachbarschaft lasset uns beten.« Die Weiber achteten nicht auf das Vivat, und machten sich an die für die Ceremonie vorgeschriebenen Gebete. Die meisten Männer richteten sich nach den Weibern, bis auf den ersten Trauernden, den Grödner selber, der in so ungemessenes Weinen verfiel, daß ihn der Schulmeister kaum zu begütigen vermochte. »Ich bin ein Elender, ich bin ein armer Sünder, ich bin ein verdammter Unbußfertiger!« stöhnte der Grödner: »Wie kann ich vergelten, was Du von mir gesagt hast, Schulmeister? Du hast einen Heiligen aus mir gemacht! Schulmeister, was hast Du mit mir Abschaum von Süudhaftigkeit angefangen? O Schulmeister, wenn ich nur etwas thun könnte, um Dein Lob zu verdienen, ich armer, elender Mensch! ich wollte alles unternehmen, alles verrichten!« 34 »Ich will Euch Gelegenheit dazu geben,« sagte der Anwald, der sich unbemerkt in die Stube und neben den Krämer geschlichen hatte: »nehmt des Plaschur Seraphin in Euer Haus, erzieht ihn als Euern Sohn, und Ihr habt eine Staffel im Himmel errungen.« »Eine Staffel im Himmel?« fragte der Grödner ganz selig entgegen; aber auf die kurze Heiterkeit folgte ein schwerer Guß von Thränen: »Der arme Seraphin! Er soll mein Bruder seyn; nein, mein Sohn soll er werden. Sie sind ihm ein Fürsprecher, Herr Anwald, und das ist schon genug. Wo ist er? laßt nach ihm schicken, ihr Leute.« »Gebt Ihr mir die Hand darauf?« begann der Anwald wieder: »Bedenkt Euch wohl, der Mensch ist veränderlich.« – »Da ist meine Hand; ach meine sündige meineidige Hand!« – »Bedenkt Euch; noch einmal sage ich es Euch: ich will nicht, daß Ihr morgen bereuen sollet, was Ihr heute aus guter Eingebung thätet.« »Ich bereue nichts als meine Sünden,« erwiederte der Grödner mit einem abermaligen Guß von Thränen. – »Recht; aber fürchtet Ihr nicht auch Euer Weib?« – »Da muß ich lachen,« – er weinte heftiger – »o mein Heiland, Du weißt, daß ich nichts fürchte als Dich und die gerechte Strafe meiner Missethaten. Ich werd' einen eichenen Prügel nehmen, Hochwürdiger« – er sah plötzlich den Anwald für den Pfarrer an – »und ihr den Buckel auf und ab karbatschen . . . .« »Ist nicht nöthig, lieber Dorfmeister; gebt mir nur die Hand und zwar fest und ehrlich.« – »Fest und ehrlich, wie ein ganzer Mann.« – »Ich werd' Euch den Seraphin selber bringen.« – »Schön, und er soll mir lieb und wohlaufgehoben seyn, hochwürdiger Herr; aber dafür zankt in der Beichte nicht so arg mit mir wegen meiner Sünden. Wir sind alle sterblich und schwaches Fleisch.« – 35 Der weinende Krämer war dem lächelnden Anwald, indem er ihm unaufhörlich den Rock küßte, und mit seinen Zähren befeuchtete, bis vor die Thüre gefolgt. Die dort stehenden Dorfmeister und den Richter mit dem Finger bezeichnend, sagte der Anwald abermals: »Eure Hand, und zwar vor diesen Zeugen; gebt Ihr sie?« – Der Grödner that's ohne Widerrede, aber zur gleichen Zeit gab's Lärm in der schönen Stube; die Weiber stürzten wie eine aufgescheuchte Rabenschaar auf die Treppe heraus. Als die Vorsteher des Orts sich den Handel in der Nähe besahen, war's eine Rauferei. Die Planailer hatten das Ende des Gebets abgewartet, um dem Schulmeister an den Kragen zu gehen. Der kleine Mann zeterte wie ein auf die Folter Gespannter. Kaum, daß er unter dem Tische Schutz vor den auf ihn herniederregnenden Faustschlägen fand. – »Heda, ihr Leute, gebt's Ruh, in Gottesnamen!« schrie der Anwald und die Dorfmeister hielten den hitzigsten Planailer fest. Ganz bleich vor Zorn tobte derselbe: »Was hat der Lümmel von Schulmeister uns zu beleidigen? Sind wir eine schlechte Gesellschaft? He? Wär' mir nichts lieber!« – Ein Anderer fügte eben so erbittert hinzu: »Dem Plaschur hat's eine Ehr' seyn können, daß wir mit ihm die langen Nächte hindurch gespielt haben und seinen schlechten Wein zu trinken beliebten.« – »Laßt mich über'n Schulmeister,« sagte ein Dritter, voll von Wein und Zorn, »der Sakra soll uns nicht mehr schimpfen, uns Planailer. Wir sind wohl etwas mehr werth, als die Herren von Burgeis.« – »Wir werden zu Mals in den Wirthshäusern ganz anders spektirt, wie die Burgeiser, die Hungerleider,« schrien sie durcheinander: »ein Planailer trinkt ein Pazeid Pazeid: ein Flüssigkeitsmaß, ungefähr 18 Seidln enthaltend. voll Leitenwein Leitenwein: Wein, der an Bergen wächst; vorzüglicher als der in Ebenen wachsende sogenannte Bodenwein . , eher als ein Burgeiser für'n Kreuzer Enzian Enzian: Branntwein, aus der Gentiana-Wurzel bereitet und sehr beliebt. ! – »Halt's Maul!« befahl der Grödner: »macht euch durch, ihr Zöch' Zoch: im nördlichen Tirol ein »grober Gesell;« in Südtirol gleichbedeutend mit »Bursch oder Knecht.« .« – »Ei schau, was will denn der Rauschige? 36 leg' Dich schlaf'n, mit Dein'm Stieber!« höhnten die groben und undankbaren Gäste. Der Grödner kam außer sich und wollte, wenn gleich seine Augen noch von Thränen spiegelten, dreinschlagen ohne Gnade. Bei einem Haar hätten ihn die Planailer zum schuldigen Dank für die Bewirthung aus der Thüre geworfen. Aber der Anwald und seine Kollegen wußten die Sache nach mancher Mühe gütlich beizulegen, schoben die Erzürnten aus dem Hause und vertuschten den anstößigen Auftritt nach Kräften. Also endete der Todtentrunk zu Ehren der Frau Crescenz immer noch ruhiger als mancher andere, und die Wirthin hatte außer ein paar zerbrochenen Gläsern keinen Verlust und Schaden zu beklagen. Als ein weiteres Ergebniß des Tags ist noch zu berichten, daß die klugen Anschläge des Gemeinde-Anwalds mit Erfolg gekrönt wurden. Der Grödner hielt dem Seraphin Wort, und die Grödnerin, aus Furcht vor den Flammen des höllischen Pfuhls, ergab sich in des Mannes Willen. Seraphin zog in des Krämers Haus, und so lange die Frau krank lag, ging alles gut. 37 Zweites Kapitel.   »Ich will nicht verschweigen, daß wir euch in eine wunderliche Gesellschaft führen werden. Ein böses Weib, eine Hexe und ein verrufener Waidmann von schwarzen Künsten machen zusammen eine schlimme Sippschaft. Pantoffelherren und dicke Sonderlingsleute, leichtfertige Hausirer und allerlei anderes gemeines Pack werden auch nicht dabei fehlen, aber denkt euch daneben ein paar unschuldige Kinder, Gletscher im Sonnenschein, trauliche Alphütten und grasgrüne Berge, so wird sich die Comödie ohne Eckel ansehen lassen.« Prolog zum alten Schauspiel »Der Venediger.« Wenn schon dem Seraphin seine neuen Verhältnisse nicht besonders gefielen, da er einer trüben Vorahnung nicht Meister werden konnte, so behagten sie doch dem guten Oswald noch viel weniger. Sein aufrichtiges Herz grämte sich, daß Seraphin seinen wohlgemeinten Vorschlag, mit ihm als ein Bruder zu leben, nicht angenommen. Die Jugendgefährten sahen sich von Tag zu Tag weniger. Oswald legte seinem Freund sein stilles, eingezogenes Leben als einen Hochmuthsdünkel aus; Seraphin scheute sich vor der übeln Laune Oswald's. – Der Sommer zog schon stark seinem Ende zu, und die beiden Knaben waren sich fremd geworden. Keiner von ihnen wußte eigentlich den Grund dieser Herzens-Erkältung. Keiner wollte aber auch mit seinen Beschwerden heraus, und darum mieden sie sich. Indessen 38 konnte Oswald diesen Zustand nicht gar zu lange aushalten, und eines Sonntags, nach dem Essen, machte er sich auf den Weg zu des Grödners Hause, um seinen Spielkamerad in die Frage zu nehmen und alles, was ihn selber drückte, von der Leber frisch weg zu plaudern. Er schlich durch die Hinterthüre in den Kramladen, woselbst der Grödner sich allein befand, nachdenkend gestützt auf einen Waarenballen. Oswald, der seinen Freund nirgends erblickte, wollte sich schon wieder leise davon machen, aber der Krämer war seiner bereits ansichtig geworden, und fragte etwas barsch: »He! was soll's, was willst Du?« – »Ich hab' nach dem Seraphin schauen wollen.« – »Der Seraphin ist nicht da; er ist auf dem Schloß bei den Kindern des gnädigen Herrn. Was suchst Du bei ihm?« – »Ich hab' ihn heimsuchen wollen, kann aber schon wieder gehen.« – »Hör'! Walt, laß Dir was sagen.« – »Was denn?« – »Schau, Du bist ein braver Bub und Deine Eltern sind rechtschaffene Leute.« – »Dank schön.« – »Aber Du wirst mir einen Gefallen thun, wenn Du den Seraphin seinen Weg gehen lässest; verstehst Du mich?« Das verwunderte Gesicht des Knaben ließ errathen, daß er nicht verstanden. Der Grödner fuhr fort: »Ich will Dir noch was sagen. Du und der Seraphin schicken sich nicht mehr zusammen.« – »Nun, nun, warum denn nicht?« – »Weil Du's in Deinem Leben nur zu einem Bauernknecht bringen wirst; der Seraphin hingegen soll was Rechtes werden.« – »Was denn?« fragte Oswald halb lachend, wenn schon im Innern tief gekränkt. – »Er hat Freunde unter den Herren, ich habe versprochen, für ihn zu sorgen; er ist auch gar nicht, wofür man ihn ansieht; er hat vielleicht einen Vater, wie es keinen vornehmern hier im Land gibt.« – »Ho, ho, das wird nicht seyn.« – »Red' nicht so einfältig: ich muß das besser wissen, Du Aff! Verstanden? Kurz, ich will nicht 39 haben, daß er Deine schlechten Manieren lerne, bloßfüßig herumlaufe und nur von Kuh und Kalb zu reden wisse. Der Herr Instruktor auf dem Schlosse will ihn mit den jungen Herren aufziehen; er soll einmal studiren, oder wenigstens ein Kaufmann werden, der sich sogar in Botzen sehen lassen kann. Darum also, Walt, darum behüt' Dich Gott. Halt' Dich an andere Buben und laß den Seraphin aus. Verstanden?« – Oswald drehte sich um, ohne ein Wort zu erwiedern, schlug die Thür grob zu und lief davon. Der Grödner verfiel abermals in das Nachdenken, woraus ihn Oswald's Erscheinen gerissen hatte. Er zog eine braune Brieftasche hervor, blätterte darinnen in allerlei vergilbten Papieren, öffnete ein Schächtelchen, das in der Tasche verwahrt gewesen, betrachtete wohlgefällig ein darin enthaltenes Kleinod, und sagte zu sich selber: »Die Frau hat bittre Noth gelitten, und dennoch den kleinen Schatz nicht veräußert, auch keinem Menschen etwas davon geoffenbart? Er muß ihr demnach recht am Herzen gelegen haben. Die Inschrift, die Briefe, der Name, Alles stimmt zusammen. Ich gäbe wohl etwas darum, daß sie den Brief des Dragoners nicht verbrannt hätte! In selbigem Brief muß just das enthalten gewesen seyn, was ich wissen möchte. Wenn nur der Plaschur wieder zum Vorschein käme; man würde etwa von ihm erfahren, was vielleicht ein Stück Geld einbringen könnte! Aber der Plaschur hängt wohl schon irgendwo an einem lichten Galgen! Wer weiß? Es kann auch nicht wahr seyn, daß er todt ist! Zudem kann sich auch der Andere wiederfinden, und wenn ein paar Jahre später . . . desto besser. Die Herren, so lange sie jung sind, wollen nicht gern an die Sünden ihrer Jugend erinnert seyn; ist aber das Alter herangekommen, so fängt's Gewissen an zu beißen und vom Todtbette zu reden, und sie sehen schon das Fegfeuer 40 von fern blitzen, daß sie gern in sich gehen und gut machen mit Gelde, was auf andere Art nicht mehr zu verbessern ist.« – Bei diesen Worten fuhr der Krämer ein bischen zusammen, denn er hörte den Husten seiner Frau; er verbarg Brieftasche und Schachtel, und begrüßte freundlichst die erst am selben Tage vom Krankenbett auferstandene Ehegattin. Die Grödnerin war freilich niemals schön, kaum leidlich von Angesicht gewesen, aber auch der letzte Rest dieser Erträglichkeit war jetzo aus ihren Zügen und den Umrissen ihrer hagern Gestalt hinweggeschwunden. Sie ging umher wie ein schwankender aber ruheloser Schatten, der rachsichtig einem Verbrecher auf der Ferse sitzt. »Find' ich Dich endlich?« fragte sie keuchend vor Müdigkeit und Bosheit: »Was steckst Du heut am Sonntag im geschlossenen Laden?« – »Ich hab' gerechnet, liebe Frau, und aufgeschrieben, was wir von Botzen brauchen. Die Messe ist bald vor der Thüre, und ich will mir heuer zum Einkaufen recht Zeit nehmen.« »Die nimmst Du Dir allemal. Kannst ja gar nicht von Botzen wegkommen, wenn Du einmal dort bist, und ich kann derweilen schimmlich werden vor Langweile, und Zwirn und Schwefel verkaufen, Tag für Tag, und mir dasjenige abdarben, was Du auf der Messe als ein Verschwender durchbringst!« »Erzürne Dich nicht alsogleich; bist ja kaum vom Bette aufgestanden.« »Das ist eben ein Kreuz und Leiden für Dich. Hast Dich gewiß schon auf eine Andere besonnen? Aber ich mache Dir nicht die Freude, den Platz zu räumen; noch lange nicht!« »In Gottesnamen. Der Himmel mache Dich ganz gesund und wo möglich etwas freundlicher zu meiner Freude!« 41 »Halt's Maul. Der liebe Gott weiß schon was er thut; er braucht Deine Wünsche nicht. Was willst Du aber auf dem Markt einkaufen?« »Es fehlt vieles. Der Egidi hat mir versprochen, Limonien mitzubringen. Ich erwarte ihn bald. Das Uebrige muß ich schon selbst besorgen: Mandeln, Zibeben, Stockfisch und Oel, Tücher für den Kram und für unser eigen Wintergewand . . . .« »Das hat nicht Eil; das ist nicht heikel Das ist nicht heikel: »das ist nicht wichtig,« »hat keinen Anstand.« . Wir können schon noch auskommen. Dein Rock ist sauber; was fehlt dem Janker? Das Brusttuch ist so gut wie neu . . . .« »Der Seraphin sollte halt aus meinem alten Gewand ein neues kriegen,« fiel der Grödner unbesonnen genug ein. Zwei rothe Flammen schlugen auf den Wangen der Frau empor, da sie den verhaßten Namen hörte. »Was?« versetzte sie, von Zittern ergriffen: »Der Bettelbub? der Gott-weiß-woher? Wär' mir nichts lieber. Unser ehrlich erworbenes Gut auf dem unehrlichen Leib des unnützen Mitessers? Du möchtest uns an den Bettelstab bringen mit all' Deinem Gesindel.« Der Krämer schüttelte heftig und mißvergnügt den Kopf, zuckte die Achseln, rieb die Hände, kratzte sich hinterm Ohr, warf seine kurze Pfeife auf den Ladentisch und brummte ein Lied. Als aber die Frau, doppelt erbost, keine Antwort zu erhalten, mit ihrem Schelten fortfuhr, und sich theuer vermaß, den Jungen nächstens aus dem Hause zu werfen, brach der Mann endlich in die Worte aus: »Es geht nur Schimpf und Schande aus deinem ungewaschnen Maule, und doch ist der Seraphin vielleicht kein hergelaufener Bube und nicht der Sohn eines Landstreichers, wie Du ihn tausendmal heißest.« » Viry-vary , plitschles-platschles Plitschles-platschles: ein Spottwort der Vintschgauer auf die Geschwindrednerei der romanisch sprechenden Engadiner. ! Du mit Deinem hoffärtigen Redensarten sollst mich nicht irre machen. Wären sie Dir Ernst, so müßte ich Dich für einen 42 Narren halten; denn gesetzt, es wäre wahr, was Du behauptest, und der Seraphin eines vornehmen Herrn Sohn, was hätt' er dann an Respekt gewonnen? Er wär' halt ein lediges Kind, daß Gott erbarm! ein Bankert, nichts weiter; damit basta.« »Weib!« hob der Grödner mit feierlichem Ernst und erhobenem Zeigefinger an: »Was Du von den ledigen Kindern sagst, hält nicht Stich, nicht Faden. Wenn Du jemals eine Zeitung gelesen hättest, so wüßtest Du, daß der König in Frankreich, der Sultan in der Türkei und so weiter, von Alters her dergleichen wilde Prinzen gehabt haben, die alle die vornehmsten Herren geworden sind, und nach des Königs Exempel haben auch die gnädigen Herren Cavaliere . . . .« »Pfui, schäm' Dich, dergleichen Unflat in den Mund zu nehmen,« befahl das Weib. Da der Mann schwieg, fuhr die Frau, an ihn rückend, mit argwöhnischem Basiliskenblick fort: »Aber das sagst Du nur im Spaß. Das ist gar nicht Dein Ernst. Wenn ich Deine Affenliebe zu dem Buben recht betrachte, so glaube ich, daß ich die Hand nicht weit auszustrecken brauchte, um den Vater desselben beim Kragen zu nehmen.« Dieses sagend, hatte auch schon das Frauengespenst den Krämer beim Nacken und zauste ihn. Er riß sich los, sprang ein paar Schritte, bis an die Wand der Ladenspelunke, zurück, und war bleicher als die schmutzige Wand. Das Weib bemerkte dieses, und rief mit Hohngelächter: »Sieh, wie das böse Gewissen Dich anstreicht. Gelt, ich hab' nicht vergessen, daß Du zu Botzen gewesen, just zur Zeit, da die glatte Jungfer – Gott vergeb mir die Sünde – die Crescenz sich daselbst befand? Gelt, ich bin nicht blind gewesen und weiß recht gut, woher die Freundschaft zur armen Frau Plaschur ihren Ursprung genommen? He, muß nicht alles kommen an die Sonnen?« 43 »Weib, Dir fehlt's unter'm Schlappl Schlappl: die ehemals bräuchliche Frauenhaube in Vintschgau; vom romanischen: Schlappa , die Haube. !« antwortete der Krämer außer sich, denn seiner Tugend war noch nie eine größere Beleidigung angethan worden. »Nein, nein, nein!« versetzte die Zürnende, die eben aus ihrem Zorn neue Lebenskräfte zu schöpfen schien: »Wer Recht hat, wird ein Narr gescholten. Das geht mich aber nicht an. Alle Deine Bosheiten sind am Tag. Um den Stiefsohn mir aufzuschwatzen, hast Du den Pfarrer bezahlt, den Bader traktirt, dem Anwald Händ' und Füß' geleckt. Ich bin aber nicht dumm; ich bin hinter Alles gekommen, und will der Hacke einen Stiel finden; das will ich! Ich bin nicht mehr krank und blöd im Hirn; ich bin gesund, daß Du's nur weißt, und es soll noch lang dauern, bis Du mich unter die Erde bringst. Verstehst Du mich?« Nachdem sie diesen Strahl des Grimms losgelassen, sauste die Zuchtmeisterin aus dem Laden und ließ dem bestürzten Krämer die Wahl, zu bleiben oder davon zu gehen. Nach kurzem Besinnen beliebte er das letztere und wanderte in's Wirthshaus, welches da ist die Zufluchtsstätte müßiger und geplagter Leute. Er fand dort wohl mehr als einen Hausteufelbesitzer; und Gefährten im Leide bei der Hand zu haben, ist schon ein ziemlicher Trost. – Indessen war der gekränkte Oswald, um seinen Verdruß zu meistern, vor's Dorf gegangen, und zwar auf den Weg nach der Fürstenburg. Er trappelte so vor sich hin, da sah er von ferne eine schwarze Kutte im Winde flattern: das Gewand des Benediktiners, der bei dem Schloßhauptmann die Stelle eines Hauslehrers versah. Neben dem Mönch ging bescheiden und ordentlich Oswald's geliebter Seraphin. Dieser letztere hatte, wie Oswald zu sehen vermeinte, trotz seines dürftigen Kleides und seiner schlechten Schuhe, alle Anlagen zu einem herrischen Benehmen Herrisch thun, herrisch reden: vornehm thun, vornehm reden. herausgekehrt. Oswald ärgerte 44 sich über den gesitteten Gang und die gerade Kopf-Richtung seines Freundes bis zum Rothwerden; er schaute bitter wehmüthig auf seine eigenen nackten Füße, und da er nicht seitwärts treten konnte aus dem Wege des Kameraden, den er um alles in der Welt gerade jetzt nicht hätte grüßen mögen und können, so drehte er den Vorübergehenden recht verstockt den Rücken zu. Seraphin klopfte im Vorbeischreiten seinem Walt auf die Achsel und sagte: »Grüß Gott, Walt. Was hast Du denn?« – Dem Oswald war das Schluchzen nahe, aber er drehte sich nicht um. »Laß den unartigen Buben stehen!« ermahnte der Geistliche, und Seraphin verließ seinen Freund; er ging, doch nicht ohne sich ein paarmal nach ihm umzusehen, wie der hinschielende Oswald wohl bemerkte. Jedoch war dessen Ingrimm zu groß, um ihm zu erlauben, dem nachsichtigen Freunde zu folgen, ihn um Vergebung zu bitten. Die Thränen aus den Augen reibend, mit geballter Faust in der Luft fechtend, ging Oswald auf dem Wege nach Schleiß weiter, bis er an ein Plätzchen zwischen Gebüschen gelangte, wo ein großer Stein lag, neben dem ein Bach vom Gebirge über den Weg lief. Dort setzte er sich nieder, und überdachte lange, was ihm der Grödner von Seraphin gesagt hatte. »Was will denn nur der alle Narr mit seinem vornehmen Geschwätz?« fragte er mißmuthig. »als ob hinter dem Seraphin etwas Apartes steckte! Der Lenhard Plaschur ist doch auch nicht ein gnädiger Herr gewesen; sondern nichts mehr und nichts weniger als ein Bauer, der sein Geldl verlumpt hat. Ei, da gibt's in Schleiß Bauern zu Dutzenden, die adelich sind, und dennoch ackern und Korn schneiden, und Schweine und Ochsen halten! Ich sage nicht, daß nicht einmal aus dem Seraphin was Rechtes werden kann. Es verdrießt mich nur, daß aus mir nichts werden soll. Ich bin doch auch ein gut gerathenes Gewächs! Jetzt, dem 45 Grödner und denen Herren, die sich so viel um den Seraphin bekümmern, ihnen Allen zum Trotz, möcht' ich wohl selber ein vornehmer Mann werden, wenn mir schon eigentlich nicht viel daran liegt. Wie fang' ich's aber an? Das braucht einen Kopf, einen gescheidten.« »Ich meine, den hast Du schon?« ließ sich hinter Oswald eine wohlklingende Stimme vernehmen. Der Knabe, der, starren Blicks vor sich hinschauend, seine Gedanken laut vorgetragen hatte, sah sich erschreckt um, sprang auf, zog das Hütl ehrerbietig, und betrachtete lächelnd aber verlegen den Mann, der ihn angeredet. Es war ein noch ziemlich junger Herr, in einem grauen Reiserocke von Molleton, mit einem breiten Hut auf dem Kopfe; in seiner Hand hielt er ein mächtiges spanisches Rohr. »Fürchte Dich nicht,« sagte er zu Oswald: »Ich wandre so eben von Glurns daher, und habe Dich im Rücken genommen, weil dort oben der Bach leichter zu überschreiten ist. Ich konnte nicht umhin, anzuhören, was Du Dir selber vorplaudertest. Also noch einmal: zweifelst Du an Deinem Kopfe? Deinen Augen fehlt nichts an Lebendigkeit; Deine Stirne und überhaupt alle Deine Züge geben Zeugniß, daß Du nicht Stroh im Gehirnkasten führst.« Dem Oswald war die Anrede ein böhmisches Dorf. Er lachte, ohne zu verstehen. Der fremde Herr ließ sich etwas mehr zu dem Unerfahrnen herab und sagte: »Du gefällst mir. Wie heißest Du?« – »Oswald.« – »Wohl und gut. Hast Du Deine Eltern noch? Hast Du Geschwister?« – »Der Vater und die Mutter sind freilich noch am Leben. Ich habe einen ganzen Sack voll Geschwister.« – »So? Wie viele?« – »Hm, ich will sie Dir gleich herzählen. Zuerst komm ich; hernach der Hansel und der Kropf; hernach der Gansler und der Weiskopf; hernach die Trine, die schöne; das Mariele 46 und die Urschel; hernach das Kind und das kleine Kind, und das Kind in der Wiege. Da hast Du sie jetzt alle beieinander.« Der Fremde lachte sehr, und versetzte: »Wahrhaftig, Du machst mir immer mehr Lust, Dich näher kennen zu lernen. Wie heißt Dein Vater?« – »Vitus Holzer auf der Platten.« – »Holzer? Holzer? Ich kenne einen Maler, der diesen Namen führt, und aus jenem Dorfe gebürtig ist?« – »Ha, der ist ein leiblicher Vetter von mir: der Johann Evangelist. Der Vater hat oft von ihm erzählt. Ja freilich, der Vetter Hans ist ein großer Herr geworden.« »Möchtest Du's nicht auch machen, wie er?« – »Ja wohl gern; ich kann schon brave Hundsköpfln auf Stecken schnitzeln, mein Zeitvertreib im Winter, wenn ich nicht mit den Geißen hinaus kann.« – »Sieh da, recht wacker. Laß Dir sagen: ich bin ein guter Freund von dem Holzer. Ich würde ihm Freude machen, wenn ich ihm einen geschickten kleinen Vetter nach Augsburg hinausbrächte. Hättest Du Lust, mit mir zu gehen und was Rechtes zu werden?« – Oswalds Kopf war wie durch einen Blitz erleuchtet worden. Ohne sich zu besinnen, schlug er ein. »Führe mich zu Deinen Eltern,« sprach der wohlwollende Fremdling. und Oswald tanzte mehr als er ging, vor dem Wundermann her, den der liebe Gott gesendet hatte, um einen »vornehmen« Herrn aus ihm zu machen. Der alte Holzer und sein Weib saßen daheim in völliger Sonntagsruhe. Der Augenblick konnte zu Verhandlungen, wie sie der Fremde begann, nicht bequemer gewählt werden. Die Unterredung hatte deßhalb den besten Fortgang. Das Volk hat nicht Zeit, sich mit Empfindsamkeit oder Klügeleien des Verstandes abzugeben. In der Reihe der Dinge, die seine Entschlüsse bestimmen, steht vorne dran die Nothwendigkeit. Die Abwägung 47 der materiellen Vortheile oder Nachtheile nimmt den zweiten Platz ein; ganz zuletzt endlich werden des Herzens Gefühle in den Rath gezogen, wenn's leicht seyn kann. Als nun der Fremde dargethan, daß er ein vermöglicher Kaufmann von Augsburg, ein Obwexer sey; als er ferner erklärt hatte, er wolle besorgen, daß der berühmte, damals sehr berühmte Maler Holzer in Augsburg die Bildung des Oswald übernähme; nachdem er feierlich versprochen, für das Fortkommen des Oswald einzustehen oder denselben auf seine Kosten zurückzuschicken wenn, gegen alles Vermuthen, der Knabe nichts rechtes lernen, oder selber gern in die Heimath zurück verlangen würde; – alsdann hielten die Eheleute Konferenz nach ihrer Weise. – Die Mutter zwinkerte dem Vater ermunternd mit den Augen zu; der Alte wiegte selbstgefällig lächelnd sein rechtes Bein auf dem linken. Die Mutter klopfte dem Oswald, der stumm, aber dringend, um's Jawort bettelte, die purpurrothen Backen; der Vater maß ihn von unten bis oben mit einem Blicke, der ungefähr so viel sagte, als: Siehe, Du bist wohlgemacht von oben bis unten. Die Mutter sagte kurz: »Was glaubst Du, Veit?« Kurz antwortete der Vater, ohne seine Stellung zu verändern: »Wär' nicht aus!« – Dann warf die Frau, augenspielend mit dem Mann, einen Blick auf den Fremden, begleitet von einem fragenden »Hm?« – Der Mann entgegnete kopfnickend ein zufriedenes und billigendes »Hm, hm.« – Und alsobald stand das Weib auf, und sagte, vor dem Kruzifix in der Kammer eine Verbeugung machend. »In Gottes Namen; wenn der Walt selber gern will, so haben wir nichts dagegen.« Nun erhob sich auch der Mann und setzte dem fremden Herrn den einzigen Stuhl zum Niederlassen vor; die Frau legte darauf ein Federkissen aus dem Ehebett, damit der Herr weich sitze. Trine, die schöne, kredenzte ihm ein Glas Enzian bester Qualität, der einzige 48 fürnehme Trunk im Hause; das Mariele präsentirte ihm, sich die Hände zu trocknen, ein nagelneues Schnupftüchl, das ihr der Vater vor drei Wochen von Nauders gebracht. Während dieser Ceremonien wurde der Vertrag mündlich geschlossen und mit einem Handschlag besiegelt. Es war hohe Zeit, denn unmittelbar darauf polterten Gansler und Kropf, Weiskopf und Hans, die Urschel mit dem Kinde in's enge Gemach; das kleine Kind lief juchzend den andern entgegen, und das Kind in der Wiege wachte erschreckt auf, und schrie als wie am Spieße; so daß kein vernünftiges Wort geredet oder verstanden werden mochte. Noch auf der Schwelle des Hauses, fliehend vor der tobenden Familie, versicherte Herr Obwexer den Vater, er werde binnen drei Tagen längstens den Oswald abholen; wenn etwa früher etwas von ihm gewünscht werden sollte, so möchte man nur auf's Schloß Churburg bei Schlanders schicken; er befinde sich dort in Geschäften bei dem Herrn Grafen von Trapp. – Der Name des in der ganzen Gegend wohlbekannten Eigenthümers und Gerichtsherrn befestigte unwiderruflich das Zutrauen zu des Augsburgers Verheißungen in den ehrlichen Bauersleuten, so daß nicht zu entscheiden war, wer von der Zukunft goldnere Träume hatte, die Eltern Oswald's oder Oswald selber. Herr Obwexer hatte eine ansehnliche klingende Vergeltung für die ihm aufgetischte Labung auf dem Tische zurückgelassen und dieses Pfand zukünftiger Freigebigkeit wanderte in der Familie von Hand zu Hand. Oswald wurde belobt und geschmeichelt, weil er verstanden, einen so überaus guten Herrn für sich zu gewinnen. Wenn auch die eigennützige Zärtlichkeit der Eltern für den Sohn ein ungewohntes, aber gar wohlthuendes Ding war, so war doch sein Herz zu voll, als daß er lange in dem Fröhlichkeitsspektakel hätte aushalten können. Er wünschte dem lieben Freunde die Begebenheit, die 49 seinem Leben eine gänzliche Umgestaltung versprach, mitzutheilen. Darum entschlüpfte er der engen Wohnung und lief, den Seraphin, allen Verboten des Grödners zum Trotz, aufzusuchen. Der Abend war hereingebrochen. Oswald lauerte am sogenannten Lugeneck, wo sich die schwatzhaften Leute des Dorfs zu versammeln pflegten, um die Neuigkeiten des Tags zu besprechen: der Grödner war nicht unter dem Schwarm. Oswald spionirte an den Fenstern der Zechstube im »weißen Kreuz.« Da sah er den Krämer vor dem Wein sitzen, und zwar recht fest sitzen. »Er wird uns nicht so bald stören,« dachte der Knabe, und begab sich schnell in die Nähe des Kramladens. Auf der Schwelle eines Nachbarhauses tratschten ein paar Weiber, und weil sie Seraphin's Namen nannten, horchte Oswald, hinter einem Brunnen verborgen, eine Weile zu. – Die Weiber erzählten einander, daß die Grödnerin den jungen Plaschur grade vor kurzem erst auf's erschrecklichste geschlagen und mißhandelt habe. »Wenn's der Grödner wüßte!« sagte die eine, und die andre entgegnete: »Was wär's dann? Er ist nicht Meister im Haus. Er läßt sich alles gefallen, und das Weib wird immer böser. Seit ihre Kinder gestorben, und ihre Krankheit angehoben, ist gar nicht mehr mit ihr auszukommen.« – »Ich glaub's wohl,« bemerkte eine Dritte: »sie ist eine Hexe, das ist was altes.« – »Eine Hexe? sollt's möglich seyn?« – »Ja gewiß und wahrhaftig. Wißt ihr nicht mehr wie die Söldnerin Butter machen wollte und die Milch konnte nicht gerinnen? Das hat die Grödnerin gemacht. Ich bin dabei gewesen; mir hat die Hexerei nichts gethan, weil ich in meinem Butterkübel einen Benediktpfenning festgemacht und das Pulver geworfen hatte, das mir der Kapuziner von Mals geschenkt hat. Aber die Söldnerin konnte nichts zu Stand bringen. Da hat sie ein heißes Eisen in die Milch gestoßen und einen 50 Spruch dabei gesagt, und dann ging's. Die Grödnerin hatte aber am Tage darauf den Arm in der Schlinge, denn er war erschrecklich verbrannt.« – »Daß Gott erbarm!« seufzten die Weiber, und die vierte von ihnen setzte hinzu: »Nun, weil's denn einmal so ist, so will ich nur auch erzählen, was ich weiß. Wir sind im letzten Winter bei einander im Kunkelheimgarten gewesen, eben die Söldnerin und die Kruckin, und Amreiters Margreth und die Madeln vom Zarabauer, und alles war gut; nun ist auf dem Ofen eine schwarze Katze gesessen, die niemand von uns gekannt hat, und die Katze hat erbärmlich geschrieen, daß es gar aus war Das wär' nicht aus: »das läßt sich hören.« Das ist gar aus: »das ist außerordentlich.« . Endlich ist die Margreth aufgestanden und hat der Katz mit ihrer Kunkel einen Streich versetzt, daß sie ihr ein Bein abgeschlagen, worauf die Katze davon gesprungen, und niemand etwas von ihr mehr gesehen. Von Stund an ist indessen die Grödnerin krank geworden, und hat einen bösen Fuß gehabt, drei Vierteljahre lang.« – »Da haben wir's! da haben wir's!« riefen die Schwätzerinnen durcheinander: »Gott behüt' uns und alle Christenleute vor dem Hexenweibsbilde! Darum wird sie auch den Seraphin zermartern und übel zurichten, bis er einmal aus dem Hause läuft oder an der Verzehrung stirbt; denn ein unschuldig Kind im Hause macht alle Hexenwerke zu nicht!« Sie sagten einander »Gute Nacht,« die Schwätzerinnen, und hatschten in ihre Häuser. Nachdem die Thüre der letzten hinter derselben zugefallen, setzte Oswald seinen Weg weiter fort, kletterte auf den Scheiterhaufen vor des Grödners Wohnung und blickte in dessen Stube, die von einem Lichte sparsam erhellt war. Da saß das vielbesprochene Weib am Tische und die auf- und niederschnappende Bewegung ihres großen Mundes, wie auch die Geberden, die ihre langen Arme und weitgespreizten Finger machten, ließen errathen, daß sie in 51 angelegentlichem Gespräch begriffen sey. Ihr gegenüber saß ein aufmerksamer Zuhörer: der im Vintschgau, Oberinnthal Burggrafenamt Das Burggrafenamt: Weitläufige Jurisdiktion der alten Burggrafen von Tirol, wozu nebst dem Landgericht Meran noch eilf andere Gerichte gehörten. gar wohl bekannte alte Jäger Liebl. Die Gestalt dieses berüchtigten Menschen paßte unvergleichlich zu der Grödnerin. Er hatte beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt, und, auf die knotigen Fäuste gelehnt, schaute in's Kerzenlicht wildbraun, eingedorrt und verwittert das Antlitz des Mannes, das wohl eher furchtbar als vertrauenerregend genannt werden mochte. Zwischen den lebhaften, von schwarzen Brauen überbuschten Schweinsaugen senkte sich lang und schneidig die Habichtnase herab auf den zusammengepreßten Mund mit schmalen Lippen, den ein weißlicher Schnurrbart überhing. Des Jägers Kinn, schon lange nicht barbirt, war ein üppiges Stoppelfeld; unter der niederhangenden Krempe des kleinen Spitzhuts von grüner Farbe, mit einem Gemsbart aufgeputzt, stahlen sich lange Zotteln von grauen Haaren auf den Kragen des Lodenwamses. Hals und Brust, beide braungebeizt von Wind und Wetter, waren so zu sagen nackt. Ein Gürtel, mit Zinn beschlagen, hielt die schwarzledernen Hosen um den Leib zusammen, die Kniee des Waidmannes waren bloß; tiefer unten waren die Wollstrümpfe festgemacht, und verloren sich in die schweren Bundschuhe. Der Körperbau des Jägers war schmächtig und scharf gemuskelt. Eine große Behendigkeit war noch den alten Gliedern zuzutrauen, und auf dem Gesicht des Liebl war ausgeprägt sowohl die schlaue Hinterlist, als auch die dreiste Verwegenheit des Luchses. – Er horchte bereitwillig dem langen Gerede der Grödnerin zu, und schien nur von Zeit zu Zeit ein beifälliges Wort oder einen Ausruf der Verwunderung zum Gespräch beizutragen. Im übrigen verhielt er sich ruhig, und nur der Qualm, den er stoßweise aus seiner kurzen Pfeife trieb, verrieth dann die Lebensthätigkeit in der Person des Zuhörers. 52 Oswald konnte sich selber nicht erklären, warum dieses vertrauliche Beieinanderseyn des alten Liebl und der Grödnerin ihm nicht geheuer vorkam. Der Ruf, dessen übrigens der Jäger im Lande genoß, rechtfertigte so ziemlich die Furcht eines jungen Menschen. So wie die Grödnerin im Verdacht der Hexerei, so stand auch der Jäger im Verdacht gar übler Geschicklichkeiten und Handlungen. Kein frischer und frommer Waidgesell wollte mit ihm gehen und halten. Wo er sein Revier aufschlug, wichen berechtigte Jäger und Wildschützen von dannen, und Liebl jagte offenkundig nicht nur auf den Besitzungen seines Herrn, des Grafen Khuen zu Lichtenberg, sondern wo's ihm einfiel und behagte. Sein Wohnsitz war zu Schleiß, wenn schon sein Dienst zu Lichtenberg. Im erstern Dorfe lebte er mit seinem zweiten jungen Weibe und einem Sohn erster Ehe, den er nach Burgeis zur Schule geschickt hatte, bis der Lex genug herangewachsen schien, um beim Vater in die Schützenlehre zu gehen. Zur Zeit der Jagden ging der Alte oft viele Wochen lang von Hause, »in den Berg,« wie das Volk sagt, und wo er sich da herumtrieb und was er trieb, das wußte nur Gott und Er allein. Genug, daß ihm die Thalbewohner alles Ueble nachsagten, von unerlaubten Künsten in seinem Handwerk, von Beschwörungen und Schatzgräbereien, von seltsamen Wagstücken und Schwelgereien und nicht weniger von unerlaubter Selbsthülfe in Händeln und Gewaltrache an Beleidigern. – Der jähzornige Charakter des Mannes, die Drohungen, die nur allzuhäufig über seine Zunge gingen, schienen seinen übeln Leumund zu bestätigen, seine Lust an einsamen Streifereien, seine Leidenschaft beim Scheibenschießen, beim Kartenspiel und Trunk, wenn ihm grade beliebte, unter Menschen seyn zu wollen; die ungewöhnliche Ausdauer seiner Kräfte, die ihm erlaubten, dann und wann noch ganze Nächte mit Tanz und Zechen zu 53 verbringen, waren zum Sprichwort im Lande geworden, und Alles, was da Böses geschah, dessen Urheber verborgen blieb, mußte der alte Liebl gethan haben. Dabei verrichtete er aber seine Dienste, wie sich's gehört, und genoß seines Grafen unumschränktes Vertrauen. Oswald konnte allerdings nicht verstehen, was sie sprachen, die so eng beisammen saßen, aber er lugte auch vergebens nach dem Freunde aus. Auf der Ofenbank gewahrte er nur des Jägers Gewehr, das der Alte nie daheim ließ, und seine Waidtasche. Seraphin war in der Stube nicht zu sehen. Um die Zeit nicht vergebens zu verlieren, umkreiste Oswald das Haus, und entschloß sich, in die wohlbekannte Hinterthür zu dringen und Seraphin ein Zeichen zu geben. Das Gesinde, wußte er wohl, würde ihn nicht verrathen, und Grödner und Grödnerin waren ja, der eine nicht daheim, die andre verhindert, seinem Besuch sich zu widersetzen. – Doch brauchte der Knabe seinen Witz nicht sehr anzustrengen. Auf der untersten Treppenstufe, neben dem verlassenen Hundshüttl, in tiefer Dunkelheit, saß der vermißte und sehnlichst gesuchte Freund, und sein dumpfes Schluchzen verrieth ihn dem Spielgefährten eher, als dessen Augen, wenn gleich ziemliche Katzenaugen, ihn aus der Finsterniß herauszufinden vermochten. »Lieber Seraphin, was hast Du denn?« fragte Oswald, indem sein Groll sowohl als seiner Eitelkeit übermüthiges Prangen dahinschwand vor dem Leiden des verwaisten Herzbruders. Statt der Antwort fiel ihm Seraphin heftiger weinend um den Hals. Oswald zog den Betrübten zum Hause hinaus, damit nicht Lärm würde, und ehe sie sich's versahen, standen beide an einem stillen Plätzchen in der Vallarga, wie man die spärlich mit Häusern besetzte Dorfgasse nennt, die in den Bergeinschnitt desselben Namens führt, von wannen öfters 54 die Lawinen auf Burgeis niederdonnern, Gräuel und Verwüstung im Gefolge. »Was hast Du, Seraphin?« fragte wiederholt und hastig der ungeduldige Oswald, da Seraphin's Zähren noch immer flossen. – »Ach,« versetzte dieser mit einem Tone, der an Verzweiflung gränzte: »schau Waltl, wenn gerade jetzt eine Windbahn Windbahn: Windlavine, eine der zerstörendsten. Schneeschild: an gähe Felsen gewehte dicke Schneemassen, die durch ihre eigene Wucht beim ersten Sonnenstrahl oder bei der geringsten Lufterschütterung niederstürzen. vom Schafberg herunter fiele, ich ginge nicht vom Fleck und ließ' mich gern erschlagen, wenn Du nur Zeit hättest, auf die Seite zu springen. Ach, Waltl, wenn mein Mutterl im Himmel wüßte, wie mir's da herunten geht, . . . wenn sie's wüßte, sie holte mich ab, und nähm' mich zu sich!« Da sich nun einmal die Wehmuth in Worte aufgelöst hatte, so erfuhr Oswald alles in ein paar Augenblicken. Schon seitdem die Grödnerin gewußt, daß sie genesen würde, seit mehreren Tagen also, war sie dem Buben, dem sie zwar vorher nie ein Wort der Freundlichkeit gesagt, aufsäßig und spinnefeind geworden. Sie hatte ihm die schlechteste Kost zugetheilt, und ein paar Schuhe weggenommen, die ihm der Krämer geschenkt hatte. Jede Bitte des Gemißhandelten wurde mit einem barschen: »Ist gut genug für Dich!« beantwortet, und derselbe mit der härtesten Strafe bedroht, wenn er dem Grödner auch nur die winzigste Klage vorbringen würde. Zehnmal in einem Athem hatte ihn das grimmige Weib mit den ehrlosesten Titeln belegt, die eine Schande waren für ihn und seinen Vater, und vor allem für seine so vielgeliebte Mutter. Er hatte geschwiegen und sich vertröstet. Aber heute, da er heimgekommen vom Schlosse, war die ewig in neuer Bosheit grübelnde Grödnerin auf den Einfall gekommen, ihn mit bereits und längst zerbrochenen Töpfen zum Brunnen zu schicken, daß er Wasser hole. Der Knabe hatte ihr bemerkt, die Töpfe würden nicht halten; vergebens. Wie er vorausgesehen, war's dann gekommen; von einem Hafen löste sich der Boden, der 55 Henkel vom andern; beide zerschellten am Boden. Und hierauf, den Buben beschuldigend, die Geschirre mit Fleiß zerbrochen zu haben, um nicht den Dienst leisten zu müssen, war sie über ihn mit des Mannes Wanderstecken hergefallen, hatte ihm, wie unsinnig, die Schultern und den Rücken zerbläut, eine Hand voll Haare ausgerissen, und ihm, nachdem sie ermattet die Hände hatte ruhen lassen müssen, angekündigt, er werde die ganze Woche mit Wasser und Brod sich zu begnügen und dabei das Maul zu halten haben. Im Falle, daß er dem Grödner klagen würde, was sich begeben, werde die Frau nicht ruhen, bis er aus dem Hause gejagt, und als Pfeifer oder Tampour unter die Soldaten gesteckt worden. »Da hast Du nun die Bescheerung, Walt,« beschloß Seraphin sein Klaglied, »ich bin der elendeste Bub' im ganzen Land weit und breit. Die Mutter war'n armes Weib, aber sie hat mir satt zu essen gegeben; das hab' ich beim reichen Grödner nicht; ich bin nie geschimpft worden, weder von der Mutter noch vom Vater: ich habe wohl hie und da eine Kopfnuß, aber niemals Schläge bekommen, wie man sie einem Esel oder einem schlechten Hund gibt. Und dabei ist kein End und Wend; denn der Grödner ist der Knecht im Haus, aber nicht der Herr. Soldat mag ich nicht werden und betteln will ich nicht; die Herren auf Fürstenburg und Marienberg möchten mich studiren machen. aber ich will das wieder nicht; ich kann die Bücher nicht ausstehen, kann nicht schweifeln, wie ein Hund, daß man ihm schön thun soll. Ich krieg' von der Gelehrsamkeit nichts in den Kopf, und wär' lieber ein Bauer, als ein Herr, und reiste lieber durch die ganze Welt, als daß ich mich in eine Schreibstube hockte. Beim Grödner kann ich nicht bleiben, und wenn ich von ihm gehe, werd' ich Hungers sterben. Was ist da zu thun? Soll ich in die Etsch 56 laufen, und den Tod im kalten Wasser schlucken? Sag' mir was ich thun soll, wenn Du mich noch ein bischen lieb hast, obschon ich das nicht glaube, weil Du seit langer Zeit so kalt und fremd und mürrisch mit mir gethan hast!« Bei dieser Aeußerung, die so natürlich aus Seraphin's Herzen quoll, und deren Aufrichtigkeit alle Befürchtungen und Zweifel des Freundes niederschlug als Gespenster und Gespinnste eines argwöhnischen Gehirns, umarmte Oswald seinen Seraphin gleichwie mit eisernen Armen, küßte ihn derb und herzhaft auf die Backen, und rief: »Du guter Narr, Du armer Narr! Und ich, der ich meinte, Du wolltest schon jetzt den Edelmann anlegen gegen mich! Geh, verzeih' mir, Du bist mein alter Bruder und wir wollen wieder gute, ja die besten Freunde in der Welt seyn. Mir ist jetzo von Herzen leid, daß ich fort soll, und ich wollte doch nur gehen, weil ich meinte, Du hättest mich nicht mehr gern! Aber ich muß ja nicht gehen, kann ja da bleiben und ich will das!« Als Seraphin vernahm, was sich mit Oswald zugetragen, war er äußerst bestürzt, und drängte nur mit äußerster Gewalt die Thränen, die neuausbrechenden, zurück. Dennoch reichte er dem Gespielen die Hand, ja beide Hände, und bat ihn, seinem Entschluß treu zu bleiben, und dem Wink der Vorsehung zu gehorchen. – Indem nun Oswald sich sträubte, und zwar im vollsten Ernst, und der andre ihm zuredete wie ein Galgenpater, überkam den letztern eine Erleuchtung wie von oben, so daß er, selbst getröstet und ermuthigt, zu seinen Ueberredungsgründen noch hinzufügte: »Schau, Waltl, nicht nur Dir, aber auch mir zu liebe geh' in die Welt hinaus. Augsburg muß zwar weit seyn, aber es sey eine große Stadt, hat mir der Grödner einmal gesagt. Man könne unser Dorf wohl zehnmal hineinstellen, und es sey doch noch Platz darinnen für zehn andere Dörfer. Daher 57 hat's auch Platz genug für uns zwei, Walt. Mach's mit Deinem Vetter aus, daß er auch mich annimmt; oder sey's ein anderer Gutthäter. Ich will alles lernen, alles treiben, um nur bei Dir und weit von hier zu seyn: Farbenreiben oder Rauchfang kehren, Pinsel binden oder Schuhe schmieren, alles ist mir recht. Hilf mir nur vom Grödner weg und aus Burgeis. Das andre wird schon Gott fügen. Versprich mir das, Waltl. Dagegen will ich Dir versprechen, daß ich in Gottes Namen aushalten will, wo ich bin, bis Du mir eine Nachricht geben wirst. Du kannst so so schreiben; ich kann so so Geschriebenes lesen, und die Post kommt alle Woche einmal aus der weiten Welt nach Burgeis. Da will ich die Wirthin im weißen Kreuz, wo der Postreiter ankehrt, bitten, daß sie mir den Brief aufhebt, auf dem geschrieben seyn wird: An den Seraphin Plaschur in Burgeis; damit nicht der Grödner oder die Grödnerin denselben in die Hände kriegen. Denn, das sag' ich Dir: hab' ich den Brief und darf ich kommen, so mach' ich mich durch, und müßt' ich mich fortbetteln von Haus zu Haus, ohne Schuh' und Strümpfe; und müßte ich einem Kälberfuhrmann als Spitzhund dienen bei Tag und Nacht, und knurren, unterm Wagen als wie ein Spitzl, damit er mich nur mitnimmt. Freilich – dürft' ich nicht zu Dir kommen, so wär' ich übel daran, aber doch nicht übler, als heute, denn der Vater hat oft gesagt: Man gewöhnt sich an den Teufel. Aber gelt . . . Du lässest mich nicht im Stich, Waltl? Ich mein' immer, wir müßten's noch mit einander haben im Leben, he? es wär' Schad', wenn wir auseinander kämen, und der liebe Gott wird schon so gut seyn, da wir uns lieb haben, recht lieb!« Oswald verdoppelte, da er seinen Seraphin so begeistert und frisch sah, seine Umarmungen, und rief: »Was Du gescheit bist! Was Du gescheit bist! Das 58 wär' mir im Leben nicht eingefallen; aber ich will's schon machen, wie Du gesagt hast. Ich will dem Vetter schon recht schön thun, will ihn streicheln und ihm schmeicheln, die Stiefel ausziehen und die Schlafhaube bringen und Alles thun wie ein fleißiger Knecht. Und wenn ich bei ihm recht in der Wolle sitze, so rück' ich hervor mit dem Herzensfreund, und er schlägt mir's dann gewiß nicht ab. Lieber Gott, wie sich der Mensch doch geschwind verändern kann! Vor einem Vaterunserlang hab' ich gemeint, ich könne und könne nicht mehr von Dir scheiden, und jetzo wollte ich, daß es morgen schon fortginge; denn je früher ich dorten, je eher wirst Du bei mir seyn, lieber Seraphin. Wirst Dich freilich kuschen müssen, Du guter, und's gute Mandl machen und nicht die Augen verzucken, wenn die alte Grödnerin noch so schief aufzieht, aber es wird und soll gewiß nicht lang dauern. Hab' nur Geduld. Wir werden alle Tage älter. Ich bin auf Peterlangets Peterlangez: Petri Stuhlfeier. Langetz , woraus Lenz geworden: der Frühling. schon funfzehn Jahre alt. Und du?« »Ich bin dreizehn vorbei. Der Grödner hat unter den Sachen von der Mutter einen Taufschein gefunden, der mich um ein Jahr älter macht, als ich gedacht habe.« »Desto besser. Du siehst auch eher fünfzehn Jahre gleich, als ich, dem man nicht dreizehn geben möchte; denn Du bist groß, wirst ein langer Bursch werden, und Dich bald nicht mehr zu fürchten haben wenn's an's Raufen geht.« »Ei, ich fürcht' mich schon jetzt nicht mehr. Jetzt sollte der Lex, der Sohn vom alten Liebl, an mich kommen; ich würd' mich schon besser wehren können.« »Hoi! da fällt mir was ein, Seraphin. Der Liebl sitzt droben bei der Grödnerin. Was haben sie miteinander zu tuscheln?« »Wenn ich's doch nicht weiß? Aber sie sind oft beisammen, hab' ich gehört. Mein Vater hat ein paarmal 59 erzählt, daß der alle Liebl hat einmal die Grödnerin heirathen sollen. Es ist lang' her, Walt, aber es ist damit kurios zugegangen. Ich weiß es nicht mehr ganz bei Kreuzer und Heller, aber die Sach' ist, daß die Grödnerin hat auf der Scheibe herausgeschossen werden sollen, und der Liebl hat's beste Numero gehabt. Um den Andern, der ganz fuchtig darüber war, noch mehr zu tratzen , hat der Liebl gesagt, er wolle das Weibsbild auch nicht, und hat sie dem Grödner abgelassen, der sie gern genommen hat. Die Grödnerin ist darauf dem Jäger lang bös gewesen . . . ich glaub's wohl, ich, – haben sich aber hernach wieder vertragen und sind gute Freunde worden und geblieben. Drum kommt der Liebl oft in's Haus, und das Weib muß ihn zu etwas brauchen können, denn sie ist gar zu häl mit ihm. Auch der Grödner schlagt ihm nicht leicht was ab, und das ist alles, was ich weiß.« »Nun ja, z'wegen meiner, schon recht. Haben sich viele zertragen und hernach wieder verstanden. Nimm Dich aber vor dem alten Schnauzl in Acht.« »Warum? Er thut mir nichts, und mit seinem Buben hab' ich nichts mehr, seitdem er auch im Dienst ist, und in Schleiß wohnt. Ich komme nicht hin, er kommt nicht her; basta, wie die Grödnerin sagt.« »Dennoch paß auf und sey auf Deiner Hut. Ist doch der Lex schon ein so wilder Vogel, wie muß erst sein altes Schnurrbartl seyn? Er hat, wie's heißt, schon manchen auf's Dach geschossen, daß ihm die Spatzen heruntergefallen sind, und Hören und Sehen vergangen ist. Wer weiß, ob nicht die Grödnerin ihm's Pulver und das Blei schenkte, um Dich aus der Welt zu schnellen ?« Seraphin lachte hell auf. »Geh, geh; bist ein rechter Tapalori Tapalori: Romanisches Wort, einen täppischen Menschen bedeutend. ! . . . .« rief er neckend: »Willst mich fürchten machen? ich armer Bub bin ja nicht einen Schuß 60 Pulver werth, und die Grödnerin verschenkt gar nichts in der Welt, ob klein oder groß. Sie hat Futterkraut und Körner genug im Kasten, und ein Vogel frißt nicht viel; aber ich muß für mein armes Rothkröpfl das Futter selber suchen und zusammenbetteln, wenn das Thierl nicht verhungern soll. Sieh, Walt, der Vogel ist meine einzige Freud'. Weißt Du? ich habe selber ihn gefangen. Ich hab' ihm viele Künste gelehrt, die sonst ein Rothkröpfl nicht lernt, denn es will eine himmlische Geduld dabei seyn, und ich hab' Geduld – Gott weiß das – und kann mit dem Abrichten umgehen. Meine arme Mutter hat den Vogel gern gehabt, und wenn er aus'm Häusl gekommen ist und hat ihr sein Buckerl gemacht, so hat sie von Herzen gelacht. Denk' Waltl! sie hat sonst wohl nimmermehr lachen können, aber weinen mehr als genug. Auch mein Annele hat den Rothkropf so gut leiden können, daß sie ihn schier einmal in ihren kleinen fetten Pratzl'n zerdrückt hätte, wenn ich nicht dazu gekommen wäre. Darum hängt meine Seel' an dem Vogel und ich geb' ihm gern von meinem karg zugeschnittenen Brod, weil er mir die Zeit vertreiben soll, bis ich wieder zu Dir komme und alle die dicken Bücher hinter mir lassen kann; denn ich will nicht ein Kaufmann und nicht ein Herr Pfarrer werden, das ist mir all' schon verleidet. Wenn ich aber Deinen Brief habe und selber ein Nest draußen in der Welt weiß, dann will ich dem Rothkropf sein Gatterl aufsperren und ihn fliegen lassen in die Freiheit. Es gefällt auch dem Vogel nicht beim Grödner, und ich kann's ihm nicht verdenken.« »Besser wär's, der Vogel legte Dir ein paar goldene Eier, Seraphin. Was ist denn aus des Dragoners Dukaten geworden, weil sie mir just einfallen?« »Hm, der Grödner hat sie mit allem, was meine Mutter hinterlassen in Verwahrung.« Seufzend setzte Seraphin bei: »Ja, wenn ich die Dukaten hätte . . . . 61 's wär nicht aus. Da wär' mir schon geholfen, und Augsburg nicht mehr so weit von hier, als wohl jetzo. Du, Walt! wie lang' kann Einer mit zwei Dukaten leben?« Oswald kratzte sich verlegen. »Da frag' Du das Venediger Mandl. Ich weiß nicht. Aber so ein Goldbatzl muß viel, viel werth seyn. Mein Vater hat erst heute gesagt, er habe es nie zu einem Dukaten bringen können, viel weniger zu zweien.« »Waltl! wenn ich die Dukaten derwische Derwischen: erwischen; mit dem Particip: derwuschen , erwischt. Der Buchstabe d wird häufig den Verbis, die mit »er« anfangen, vorgesetzt: derzählen, derschießen u. s. w. , so werde ich mein Glück damit machen!« »Ich wünsche Dir's von Herzen. Wenn Du sie nur schon derwuschen hättest! Aber die Grödnerin gibt nichts mehr heraus. Schleck' Dir's Maul ab, Seraphin.« »Kannst recht haben, Waltl!« versetzte Seraphin traurig. – Indessen schlug es auf dem Thurm der Pfarrkirche neun Uhr. »Hoho!« sagte Oswald, »jetzt muß ich heimgehen, oder 's gibt Schläge!« – Verzagt erwiederte Seraphin: »Schon so spät? Nun, ich werd's kriegen. Gut' Nacht, Walt. Wann seh' ich Dich wieder?« – »Hm, Morgen soll ich zu der Nahndel Die Nahndel: die Großmutter. Der Großvater: »Nönl.« in's Schlinig Das Schlinig: ein rauhes Hochthal, hinter dem Benediktinerstift Marienberg gelegen; in der Geschichte des Landes traurig berühmt, weil der grausame Vogt des Klosters, Ulrich von Matsch, dort den Abt Hermann enthaupten ließ. (26. August 1304.) gehen, um von ihr mich zu beabschieden.« – »Und ich hab' schon Befehl, mit einem Fassl Branntwein auf die Alm zu steigen. Die Senner haben droben einen Festtag. Es soll nicht schlechter seyn, als die Kirchweih von St. Martin.« – »Das ist ja prächtig! Da lauf' ich über'n Bergsteig auf die Zerzeralp, und finde Dich dort, mein lieber Bruder.« – »Recht, bist brav. So wollen wir's machen!« – Nach diesem herzlichen »Gut' Nacht« ging Einer hier, der Andere dort hinaus. – Oswald, die Hoffnung und Zuversicht seiner Eltern, wurde wegen seiner Verspätung nur mit einem leichten Verweis bedacht. Seraphin hingegen mußte hungrig zu Neste kriechen, und statt aller Erfrischung ein tüchtiges 62 Kapitel – dießmal aus des Grödners Munde – geduldig hinnehmen. Was kümmerten ihn jedoch die Leviten? Seine Zukunft schien ihm gesichert. Mit Waltl's Beistand sollte es ihm nicht fehlen. Er machte es daher wie sein Rothkehlchen: er schlief fest und wohlgemuth, ohne von dem gelben Spitalgesicht der Hausfrau, noch von den groben Redensarten des Krämers zu träumen. Das Morgenroth kam dem Schlummernden allzufrühe über die Berge herauf, und dem Morgenroth und Morgennebel folgte gleich der Wecker: die kreischende Stimme der Grödnerin. »Willst den ganzen Tag verschlafen?« zürnte sie, »solltest schon auf der Alp seyn, Du Faulpelz.« Nach diesem unfreundlichen Morgengruß hing ihm das Weib sein Branntweinfäßchen um, schob ihm einige Zinnbecherchen in den Sack, beschenkte ihn mißwillig mit einem Stück mifflichen Brods, und jagte ihn von dannen. »Du weißt,« rief sie ihm nach, »was Du mitnimmst, und wieviel an Geld Du heimbringen mußt. Schleun' Dich und schenk oben brav ein. Weh Dir, wenn Du einen Heller weniger, als Du sollst, von der Alp mitbringst. Marschir, Du fauler Bube.« Seraphin hatte viel Hunger. Der Weg auf die Alp ist weit. Um ein Bröckel Fleisch zu seinem schlechten Brode zu betteln, schlich der Knabe in das Kreuzwirthshaus zu seiner Gönnerin, der menschenfreundlichen Wirthin. Es war so früh am Tage, daß die letztere, kaum aufgestanden, noch im Begriff war, sich anzukleiden. Daher wartete Seraphin, am Küchenfeuer sich wärmend. Die Leute achteten nicht viel auf ihn, denn es war schon zu so früher Tageszeit eine Kutsche ein sehr dicker Mann, eine gleichfalls wohlbeleibte Frau, und mit ihnen ein mürrisch aussehender Junge, etwas älter als Seraphin, und ein gar herziges Töchterchen, mit dem jungen Plaschur von einem Alter. Diese Familie reiste aus dem Ultner Bade Das Ultner Bad: berühmte Heilquelle, wenige Stunden von Meran, im Thale gleiches Namens. nach ihrer Heimath zurück, und hatte in Mals 63 übernachtet. Das alte Fuhrwerk war aber beim Hereinfahren nach Burgeis zerbrochen, und die Noth der Reisenden groß. Während nun Wirth und Knechte, Schmied und Wagner das aus dem Leim gegangene Gefährt umstanden und großen Rath hielten, während der dicke Mann mit seiner fetten Stimme eine Litanei des Mißvergnügens nach der andern in singendem langweiligen Tone ableierte, sagte die Frau, die rascherer Natur und sehr verständigen Wesens schien, zu der so eben erscheinenden Wirthin: »Was ist's nun weiter? Das Lamentiren hilft nicht. Der Wagen muß hergestellt werden, und so wie es kein Wunder war, daß er nach so langen Diensten zerbrach, so wird's auch keiner Mirakel bedürfen. um ihn wieder nothdürftig herzustellen. Wir kommen halt um einen Tag später nach Hause, und das ist alles. Derweilen sind wir ja hier gut aufgehoben, und Ihr jagt uns nicht von dannen, Frau, nicht wahr?« – Die Wirthin war die Freundlichkeit selber und bot alle Dienste an. Der dicke Mann konnte sich jedoch kaum zufrieden geben, und sein vorlauter Sohn stimmte in die Aeußerungen seines Mißvergnügens ein, bis die Mutter endlich mit dem Gewicht ihrer Autorität einschritt und rief: »Schämt Euch, ihr Mannsbilder. Macht ein Ende mit dem müßigen Klagen. Nimm Du den Wagen hinweg, Schmied, und flicke ihn und damit holla. Unser Hans wird uns nicht davonlaufen und hat die Frau Mutter bis daher die Wirthschaft versehen, so thut sie's auch noch einen Tag länger. Kommt herein, alter und junger Peter. Der Landtag hat lang genug gedauert. Laßt nur die Leute machen, es wird schon recht werden.« Die Anrede der Gattin wurde dem dicken Manne augenblicklich zum Gesetze. Er, der eben vorhin alle Berathungen und Hülfeleistung durch seine Klagen gelähmt hatte, steigerte sich plötzlich zur größten Heftigkeit, 64 machte den Handwerksleuten Vorwürfe über ihre Saumseligkeit, bedrohte sie mit Zorn und Strafe, wenn sie nicht auf der Stelle sich an die Arbeit machten, fragte, ob sie ihn für einen armen Teufel hielten, der die so nothwendige Arbeit nicht bezahlen würde, und schimpfte über die Nachläßigkeit, womit die Fremden sich überall behandelt sähen. Nach dieser Aufwallung drehte er sich höchst friedlichen Angesichts um, und sagte zu seiner Frau: »Marianne, es ist nun einmal nicht anders. Geberde Dich wie Du willst: wir können heut einmal nicht weiter, aber den Kopf wird's darum nicht kosten. Wenn mir nur meine Special-Vögel nicht Noth leiden! Aber die Frau Mutter, die bis daher Alles versehen hat, wird auch noch ferner sorgen.« Die Frau schmuuzelte, als eine an dergleichen Verwandlungen schon längst gewöhnte; der Wirth murmelte etwas von einem »kuriosen Kampel« zwischen den Zähnen, und die Dienstleute stießen sich lächelnd mit den Ellenbogen an. Aber Seraphin, an der Küchenthüre lehnend, hatte schon seit geraumer Zeit nur Sinn und Auge für einen Gegenstand, für das kleine Mädchen gehabt, das theilnahmlos dem Handel zugesehen. So wie die Kleine dastand, mit der Hand an der Mutter Schürze, gehüllt in einen bunten Kattunmantel, ein Tuch um die rosigen Wangen geknüpft, fesselte sie des Knaben Aufmerksamkeit dergestalt, daß er sich nicht erinnern konnte, jemals etwas ähnliches erfahren zu haben. So ungefähr hätte sich Seraphin seine Schwester Anna gedacht, wenn sie zu höhern Jahren gekommen wäre; aber dennoch schien ihm die Fremde ungleich niedlicher als die selige Anna, ein Wesen höherer Art, ein Engelchen, wie es noch niemals schöner in Processionen auf dem Ferculum Ferculum , Ferkel: eine Trage, worauf in Prozessionen die Heiligenbilder getragen werden. getragen worden. Ihre feinen blonden Haare strahlten ihm wie eine Krone von Sonnengold; ihre Nase, die etwas keck in die Morgenluft hinauswitterte, dünkte ihm 65 unvergleichlich; ihren hellen blaugrauen Augen stand nach seinem Erachten der Preis vor allen Augen der Welt zu, und über ihren kleinen Mund, in den sich Seraphins lüsternes Rothkehlchen wie in eine herrliche Vogelbeere vergafft haben würde, – über ihren Mund ging vollends nichts auf Erden. Der Knabe, des Mädchens Wangen Stirne und Hals betrachtend, wußte auf einmal, ohne daß ein Dichter es ihm gesagt hatte, was schöner noch als wilde Rosen sey, und weißer noch als Schnee. Er sah steif und fest das Mädchen an, aber das Mädchen achtete seiner nicht. Er wünschte sehnlichst, ein kleines Wort aus ihrem rothen Munde zu hören, aber das Mädchen sprach nichts, gar nichts, und ging mit Vater und Mutter, Bruder, Wirth und Wirthin in die Hinterstube, ohne sich umzusehen, ohne einen Laut von sich zu geben. – Seraphin lauerte noch ein paar Minuten nach der Thüre der Stube hin; umsonst. »Was machst denn Du noch hier?« fragte ihn plötzlich eine Dirne, »Du wirst's kriegen, wenn Du zu spät auf die Alm kömmst!« Diese sehr richtige Bemerkung machte, daß Seraphin sich zusammennahm; vergessend, weßhalb er dagewesen, still hadernd mit der lästigen Pflicht, fürchtend, die Kleine, die er gar zu gerne Schwester genannt hätte, nicht wieder zu sehen, eilte er davon. Die wohlbekannten Schliche durch's Dorf einschlagend, damit er von der Grödnerin nicht gesehen wurde, machte er schnelle Füße. So vergaß er für eine Weile, was ihn ungewöhnlich bezaubert hatte. Die vielen Leute, die er auf dem Wege fand, und die alle im Begriff standen, sich auf die Alp zu begeben, zerstreuten ihn ebenfalls durch ihren Zuruf freundlicher oder spöttelnder Art; aber bald hatte er alle dahinten gelassen, und stieg emsig, da wo der Weg von der Haide links bergauf führt, zum Skaderhof hinan. Der Morgennebel wich allgemach, die bereits herbstelnde 66 Gegend legte wieder ein heiteres Kleid an. Seraphin wußte indessen nicht, wie ihm geschah, wenn er dann und wann, einen Augenblick rastend, die Gegend übersah. Sobald er an die Tochter des dicken Mannes dachte, so grünte und lebte alles, was ihn umgab, schöner und üppiger, als selbst im Sommer. Das Gras spiegelte in fettem Glanze, Blumen sprießten daraus hervor; in den längst abgeräumten Hecken des Skaderhofs hingen noch Lasten von schwellenden Johannisbeeren oder Zaufen, wie man sie im Lande nennt. Höher hinauf, im Waldweg, den der Knabe betrat, war ihm bisweilen, als höre er den Guckuk schlagen, den Frühlingsgefährten; als sehe er rings umher unter den feierlichen Bäumen die Mostbeeren Mostbeeren, Moosbeeren: Heidelbeeren. stehen, frisch, wie über Nacht gewachsen, und eine glänzende Fülle von rothen Granten Granten, Zwispelen: rothe und schwarze Beeren. ; als neigten sich überall auf schwanken Zweigen die süßen Zwispeln über den Pfad, und durch das grüne Geäste, besetzt mit buntbefiederten Singvögeln, spielte die Sonne des Brachmonds oder besser noch die jüngere Maiensonne. – Wendete Seraphin jedoch seine Gedanken der kargen Heimath zu, an die er jetzo gefesselt, ein geplagtes verlassenes Kind, so war's aus mit Mai und Frucht und Fülle: der Rasen war grau, in den Lüften flogen rauhstimmige Gratschen Gratschen: Kirschvögel, Zirbentauben. – Der letztere Name kommt von ihrer Vorliebe, auf den Zirbelnußbäumen (in Tirol Tschurtschen) zu nisten. , Eichkatzln huschten von Zweig zu Zweig statt der Nachtigallen, und keine Beere war mehr zu sehen unterm Schatten der ernsthaft emporragenden Zirbelnußbäume. Von den abwechselnden Blendwerken seiner erregten Einbildungskraft umgaukelt, gelangte Seraphin zum Zerzer-Brunnen, wo er rastete, und seinen Gaumen erquickte, die Gesundheit des unbekannten kleinen Mädchens trinkend und seiner eigenen Zukunft Wohlergehen. Eine Strecke vom Brunnen führte ihn sein Pfad an dem Platze vorüber, den man »bei den wilden Fräulein« heißt. Eine Volkssage umgibt diese Stelle mit einer gewissen 67 Wichtigkeit. Vor alten grauen Zeiten hausten dort in einem zauberischen Schlosse drei Feen, Töchter des Waldes und der Alpenluft, den Hirten und Jägern bald freundlich, bald wieder tückische grausame Feindinnen derselben. Im Lauf der Tage war ihr Schloß verschwunden, doch schwebten sie frei und freischaltend ferner über Berg und Klippe und Forst. Die Sage bringt, daß an des Schlosses Stätte ein Opferaltar aufgerichtet worden sey, wo die Hirten und Waidgesellen ihrer Ziegen und Jagdbeute Erstlinge niederzulegen pflegten, als ein Geschenk, die Gunst der »wilden Fräulein« zu verdienen. Doch sobald das Christenthum bis auf die Spitze der Berge gedrungen, und das Martinskirchlein auf der Alpenhöhe gegründet worden war, hatte man den Altar verwüstet, den Brunnen daneben verschüttet, und aus dem Gebrauch, daß jeder, der zum erstenmal die Alp bestieg, verhöhnend einen Stein auf die Trümmer warf, mit den Worten: »Das für die wilden Fräulein!« war schier ein Gesetz geworden. – Seraphin vergaß des Brauchs nicht, und hob aus rauhem Grunde einen Kiesel, und schleuderte ihn auf den dort liegenden Steinhaufen, und dachte dabei: »O möge damit mein ganzes Ungemach in Stücken gehen und begraben seyn unter jener Last!« – Da kreischte eine Stimme hinter dem Trümmerberg hervor: »Du unnützer Bube, warum wirfst Du mich?« Der Knabe erschrack sehr; er vermeinte die Grödnerin zu hören, wenn nicht gar eins der wilden Fräulein in Person. Doch graute ihm noch mehr vor der Grödnerin, als vor dem Waldgespenste. Er duckte sich ein bischen, als ein abermaliger Zuruf ihn bewog, die Augen aufzuschlagen. An die Steine gelehnt, stand ein Weibsbild vor ihm, das zum Glück weder der Krämerin noch dem Alpengeiste ähnlich sah, wenn auch ziemlich alt und unschön. Eine sogenannte Schwatzerhaube Schwatzerhauben: zuckerhutförmige gestrickte Hauben von dicker Wolle, entweder dunkelblau, oder blau und weiß melirt, oder ganz weiß; die häßlichste Kopfbedeckung für Weiber, die je erdacht worden. – in jenen Gegenden damals noch unbräuchlich – verhüllte ihre 68 Haare und drückte tief auf die Augen herunter; ein Männerkamisol umhing schlotternd den magern Oberleib; ein Wifling Wifling; ein Weiberrock, von einer ungeheuren Masse Stoffs verfertigt, in tausend Falten gelegt. mit tausend Falten und in schlechtem Zustande bedeckte den übrigen Körper bis auf die Schienbeine und Füße, die auch besser in Lumpen verborgen als nackt gewesen wären. Die Person trug einen Waldstecken und einen dünnen Bündel. Sie schaute finster auf den Knaben und wackelte mißbilligend mit dem Haupte, dem die wollene Grenadiermütze etwas besonders Unheimliches verlieh. Seraphin, obschon verlegen, nickte dem Weibe zu, und rief laut: »Gelobt sey Jesus Christus!« – »In Ewigkeit,« antwortete das Weib und verneigte sich demüthig. Nun, dachte der Knabe bei sich selber, wenigstens ist sie nicht vom Teufel, die Alte; – faßte auch von Stund an Muth, und fügte freundlich hinzu: »'s thut mir leid, wenn ich Dich getroffen habe, altes Weibele; ich bitt' schön ab.« – Worauf sich der Betagten Gesicht merklich erheiterte, so daß sie recht gutmüthig erwiederte: »Bist brav, bist brav, Gott vergelt' Dir's, schöner Bub!« – Dann kam sie herangebatscht, liebäugelte mit dem Fäßchen auf Seraphins Rücken, und sprach: »'s ist jetzt gar warm geworden, und ich muß Kräuter suchen; mir thut das Kreuz so viel So viel: wird in tirolischen Dialekten häufig gebraucht: »so viel gut, so viel bös;« »ich hab' so viel viele Sorgen;« »ich habe so viel wenig Geld« u. s. w. weh; wenn Du mir ein wenig Branntwein gäbest, daß ich mich einreiben könnte?« – Die Alte bat so schön, daß Seraphin sich dachte: auf ein paar Tropfen wird's nicht ankommen. »Hast Du etwas, den Branntwein hinein zu thun?« fragte er. – »Gib nur her, wirst schon sehen.« – Und als Seraphin ein Becherchen voll hingereicht, schluckte die Alte mit Begierde den Trank und sagte: »Gott vergelt' Dir's, schöner Bube« – »Aha, geht's so?« fragte wieder Seraphin, etwas ärgerlich. Das Weib, den Becher in Händen, bettelte noch einmal: »Gib mir jetzt auch was 69 für den Magen; hab' seit gestern nichts genossen, und das ist ein kerngesunder Enzian.« – Seraphin wollte nicht recht daran. Wenn's die Grödnerin merkt?« sagte er bedenklich, aber das Weib bat wiederum so schön, daß der Knabe willfahrte. Und so ging's zum drittenmale, um, wie die Alte versprach, auf des Knaben Gesundheit zu trinken. Sodann gab sie den Becher wieder zurück, schaute dabei in die Hände des Knaben, und murmelte wohlgefälligen Blicks und Seraphins Wange kneipend: »Gott wird Dir tausendmal die Wohlthat vergelten; Du wirst immerdar Glück haben, mein Sohn. Ich seh' in Deinen Händen lauter gelbe Vögel; gelbe Vögel, Kind, die funkeln wie Dukaten, und das bedeutet Ehr' und Reichthum aus Armuth und Verdruß. Bleib' immer fromm und wohlthätig. vor allem wohlthätig, und verzeih allen, die Dir Uebles thun, oder die es thun möchten. Dein Enzian war gut, und wenn Du mir einmal zu Haus begegnest, will ich Dir was schenken. Behüt' Dich Gott!« Nach dieser lebhaft und branntweinlaunig hergeplapperten dumpfen Rede kehrte die Alte wieder nach ihrem Steinhaufen um, und ließ den Seraphin ziehen. Er verdoppelte, halb verdrießlich ob der zudringlichen Zusprache, halb vergnügt, daß die Begegnung leidlich abgelaufen, seine Schritte. Schon hörte er die zur Alp steigenden Leute im Walde, wie die einen laut scherzten und die andern laut beteten; schon hörte er hoch über der Region, die er durchschritt, das Jauchzen der Senner. Er sputete sich, hielt sich nicht auf beim »Donnerbaum,« einem alten vom Blitz zerschmetterten Knorren, worein der Alpensteiger bei der ersten Fahrt zu beißen gehalten ist, – weiß Gott warum? – er lüpfte sein Hütlein eilfertig vor dem Bildstock zu den »armen Seelen,« die, aus ihren Flammen hervorschauend, den Wanderer um ein Gebet anflehen; rasch klimmte er die »Platten« 70 hinauf, rauhe Felsenstufen, die zur ersehnten Höhe geleiten. Ihn beflügelte das helle Geläut der Kapellenglocke, das zum Gottesdienste rief. Schon war die Bevölkerung des Zerzer-Alpenthals vor dem Gotteshause versammelt, und mit ihr eine ziemliche Menge von Dorfbewohnern, die früher und rüstiger als Seraphin und seine Nachgänger das einfache Fest zunächst der Alpeneinsamkeit aufgesucht hatten. Emsigere Spekulanten mit Branntwein aus dem Schlinig hatten ihm bereits den Rang abgelaufen. Zum Gottesdienste eilend, wollten die Anwesenden von Seraphin nichts kaufen; doch vertröstete er sich auf die Stunde nach der heiligen Feier, und wohnte der letztern mit aller Andacht, ohne Besorgniß bei. Die Veranlassung des kleinen Festes war diese: eine Krankheit, die zur Seuche zu werden gedroht, war unter dem zur Alp getriebenen Viehstand ausgebrochen gewesen. Die Eigenthümer in ihrer Noth, hatten, nebst den bräuchlichen Arznei-Mitteln, ihre Zuflucht zum Gebet genommen, und im frommen Vertrauen auf eine rettende Hand im Himmel allerlei Gelöbnisse gethan. Unter andern war eine Messe vor dem Altar des heiligen Martin auf der Zerzeralp unter den Verlöbnissen gewesen. Diesem Verspruch eben wurde heute genug gethan, da die Absicht vollkommen erreicht und das Vieh gesund worden war. Die kleine Festlichkeit gab, so wie zu anderer Zeit die Kirchweih, Anlaß zu starkem Besuch und zur Unterhaltung des Volks, das vor und nach der Andacht aus der Höhe einige Stunden mit Umherschlendern, Plaudern, Ausruhen und Trinken zubrachte. Der Enzian, der König aller gebrannten Geister jener Gegenden, spielte dabei eine wichtige Rolle. Seraphin, der zum Nutzen seines Patrons ein Spender jenes köstlichen Tranks seyn sollte, versprach sich, wie schon gesagt, wenn gleich etwas spät angelangt, noch 71 einen guten und schnellen Absatz; es waren ja nach ihm noch viele Leute eingetroffen, und von diesen Nachzüglern war schon in der Hälfte der Messe die ganze Kirche angefüllt worden. Der Knabe betete daher sorgenlos für seine Abgestorbenen, für seinen Vormund und sogar für dessen hartes Eheweib, für seinen Walt und für sich selber um Alles, was da gut ist im Himmel und auf Erden. Zwar wurde hin und wieder seine Andacht gestört, indem er an die wunderliche Alte sich erinnerte, die ihm eine goldene Zukunft prophezeit hatte. Zum Glück hatte er sich aber nicht viel in der Kirche umgesehen, sonst hätte seine Frömmigkeit noch einen härtern Stoß erlitten. Denn als er, nach dem Ite, missa est sein Fäßchen still vom Boden aufnahm und hinausging, um die aus der Kirche Tretenden alsobald mit seinem Gentiana-Nektar zu erfreuen, bemerkte er – wie schlug sein Herz und wie funkelten seine Augen – unweit der Thüre die Frau des dicken fremden Herrn und die Wirthin aus dem weißen Kreuz, und zwischen beiden das artige Mädchen, das noch tausendmal artiger war, weil die Anstrengung des Kirchengangs noch viel schönere Rosen auf sein Antlitz gemalt hatte. – »Nun, das ist einmal recht,« sagte der Bube freudig in sich hinein, »das laß' ich mir gefallen, und ich wollte, ich hätte meinen Branntwein schon mit Rumpf und Stumpf verkauft, und nichts weiter zu thun, als das Madl anzuschauen, denn es ist ein heller purer Engel, das Madl, und in Burgeis, Planail und Mals gibt's gar keine, die mir besser gefiele. Der Walt ist mir lieb, und ich schau' ihm gern in seine lebhaften Augen, aber die Kleine ist doch was ganz anders als der Walt.« Indem er sich also freute und über seinen Dienst ärgerte, stand er vor der Kirche; dem dicken Mann und seinem mürrischen Sohn gegenüber, die so eben keuchend herankamen, die allerletzten unter den Letzten. – 72 Der Fremde merkte, daß Alles schon vorbei war, und forderte von dem Knaben einen Becher Stärkung. Willig reichte dieser das Verlangte, froh, dem Vater seiner kleinen Herzensfreundin einen Gefallen thun zu können. Der dicke Mann machte es wie die Alte bei den »wilden Fräulein,« trank ein-, zwei-, dreimal, aber bezahlte auch. »Der Enzian ist brav,« sagte er beifällig schmatzend, »wir haben das Zeug bei uns nicht so gut. Bist ein herzhafter freundlicher Bube. Siehst Du, Peter, so muß ein junges Blut herschauen, und nicht wie Du, der ein Gesicht macht, als wie ein geblendeter Finke im Käfich, oder wie eine Pastete, aus der ein Dalken Dalken, Dalk , ein Teig, der sitzen geblieben ist; figürlich ein dummer Mensch. geworden. Ich schlag' Dich nieder, wenn Du nicht einmal ein andres Gesicht machst, Du Murmentl ! – Geh jetzt in Gottes Namen, Bub, ich hab' schon genug.« Damit drehte er dem Seraphin den Rücken, und ging seinem Weib entgegen, das mit allem Volk aus der Kirche kam. Der junge Plaschur sah ihm wehmüthig nach, und dachte wieder bei sich: Wer an der Stelle des grämlichen Peter wäre! Wie gern wollt ich mit dem saubern Gesichtl, mit seiner Schwester spielen, den ganzen Tag hindurch, und wie vergnügt wollte ich seyn! Die Kleine lief dem Vater entgegen, küßte ihm die fette Hand, während die Mutter des Alten Halsbinde und lange Weste sorgfältig in Ordnung brachte. »Du wirst Dich wieder erkälten wollen,« schmälte sie gutmüthig, »die Haut ist immer empfindlicher, wenn man aus dem Bade kommt, und Du hast ohnehin immer etwas am Halse. Setz' den Hut auf, geh'; wir wollen etwas in die Sonne. Wo hat denn die Frau Kreuzwirthin ihr Vieh stehen? . . . .« Die Wirthin entgegnete, es werde wohl für die Fremden zu weit seyn, indem fast eine Stunde Wegs bis dahin, aber sie zeigte sich bereit, ihre Gäste aus dem Waldschatten in das sonnige Hochthal hinaus zu führen, wo die Kaser stehen, zerstreut 73 bis in des Thales Hintergrund; je nach den Vierteln des Dorfs eingetheilt. Das Zerzerthal gehört der Gemeinde von Burgeis und ist in vier Theile geordnet: in die Brucker-, Platzer-, Kircher- und Oberdorfer-Alp. Seraphin schleuderte maschinenmäßig den Dahingehenden nach. Es blieben wohl viele Leute vor der Kirche zurück, die ihm etwas zu verdienen gegeben hätten, aber er hatte von nun an wieder nur einen Gedanken im Kopf: die Kleine, die ihm von Augenblick zu Augenblick stets lieber, die er anzusehen nicht satt wurde, obwohl er für jetzt nur ihren schlanken Rücken sah, und die herabhängenden blonden Zöpfe, und den leichten, muthwillig tanzenden Gang. Die ganze Naturgeschichte, so viel nämlich der arme Schelm davon wußte, ging an seinem innern Sinn in ausgeprägten Bildern vorüber: der dicke Papa war der Elephant, die Mutter eine majestätische Ente, der Bruder das tappige Kalb, das verdrießlich vor dem Mezger herzieht, die Kleine dagegen war und blieb die geschmeidige, zierliche Läuferin: die Gemse. – »Wenn ich nur wüßte, wie sie heißt?« fragte sich Seraphin. Im selben Moment erfuhr er es. »Martina!« rief die Mutter: »Martina! Dein Strumpfbandl ist aufgegangen!« Martina horchte, stutzte, machte eine unwillige Kopfbewegung ob des unwillkommnen Aufenthalts, und lief unter einen Baum am Wege, die Unordnung zu beseitigen. Ihre Eltern gingen indessen ihre Straße fort, und eben so die wenigen Landleute, die hinauswanderten, um bei der Gelegenheit nach ihren Kühen zu schauen. Sie plauderten alle fröhlich vom schönen Wetter, von der baldigen Heimfahrt des Alpenviehs und von dessen Ertrage. Niemand kümmerte sich um die hübsche Martina, die mit ihrem Strumpfband, weil sie gar zu eilig seyn wollte, lang nicht zurecht kommen konnte; niemand als nur allein der nachspähende Seraphin. Er hatte 74 sich, als wie ein Schütze auf den Anstand, hinter den Baum getrollt, und betrachtete das Mädchen nach Herzenslust. Martina schaute auf und gewahrte den Lauernden, der zwar nicht auf den Fuß, aber wohl auf das Gesicht der Strumpfbinderin hinstarrte, als wolle er dasselbe mit Appetit aufessen. »Was wär' mir denn das?« fragte die Kleine, nicht ängstlich, aber mürrisch. »Was thust denn Du hier?« – Seraphin antwortete nicht und stierte die Fragerin an einem fort an. – »Nun?« fuhr Martina schnippisch fort, indem sie, mit ihrer Arbeit fertig geworden, sich aufrichtete, »hast Du's Maul verloren, einfältiger Bub? Schau, wie er die Augen aufreißt! Hast noch niemals einen fremden Menschen gesehen?« Mit diesen Worten machte sie sich wieder auf, ihren Eltern nachzuspringen. Seraphin, in blöder Schüchternheit befangen, trappelte ihr nach. Ein paarmal sah sich das Mädchen nach ihm um; es schien ihn auszulachen. – Diese Wahrnehmung vermehrte freilich seine Blödigkeit, aber es war einmal dem Knaben angethan, und er mußte folgen, wohin das Mädchen ging. Er fürchtete sich, daß sie der Wirthin oder ihren Eltern von seiner Zudringlichkeit reden möchte, und spionirte mit Falkenaugen hell voraus. Aber es drehte sich von den Erwachsenen niemand nach ihm um, und nur Martina wendete von Zeit zu Zeit das Köpfchen. – So ging's bis zum ersten Kaser. Die Wirthin führte ihre Gäste hinein, um ihnen die Alpwirthschaft zu zeigen. Martina setzte sich auf ein paar Holzstöcke in die Sonne. Sie schaute das Thal hinunter und hinauf, spielte mit einem Hunde, der dort herumlief, und stellte sich, als lausche sie den Glocken der Kühe, und denke in der weiten Welt nicht an etwas anders. – »Wenn sie mich wieder neben ihr sieht, wird sie abermals grob seyn,« meinte Seraphin, aber er mußte es darauf wagen. Seine innerliche Bewegung ließ ihm keine Ruhe. Wie ein Blitz war er 75 alsogleich auf den Zipfelzehen hinter dem Mädchen, und dieses that, als bemerke es den Aufdringlichen nicht. – Er hätte gar zu gern etwas geredet, aber was denn nur? Ihm fiel nichts ein. Er hätte gar zu gern nach der Hand Martinens gehascht, die mit dem wedelnden Hündchen spielte, aber, wie sich das unterstehen? Auf einmal zupfte ihn ein neckischer Kobold, und diesem Zupfen folgend, zupfte Seraphin selber an einer der blonden Flechten, die über den Nacken und das mit Goldschnüren besetzte weiße Mieder des Mädchens herabfielen. Mit einem geringen Schrei – Seraphin hatte etwas tappisch gezupft – fuhr Martina auf, musterte den Frevler, der wie billig die Augen niederschlug, mit einem zornigen Blicke, und drohte ihm, schon milder werdend, mit dem Finger. Sodann kehrte sie sich zum bellenden Hunde, beschwichtigte ihn streichelnd und gab nicht weiter Achtung auf den Nachbar. Es dauerte nicht lange, und schon zupfte der Nachbar wieder und stärker an der Haarflechte. – »Wirst einmal Ruh' geben?« fragte Martina, lebhaft umschauend. – Seraphin lachte, von Herzen verlegen; aber sein Lachen muß angenehm gewesen seyn, denn auch Martina lachte, und fragte gleichsam vertraulich: »Was trägst Du in dem Fassel?« – »Einen Branntwein,« antwortete Seraphin demüthig, ja beschämt. »O pfui, pfui, 'nen Branntwein!« wiederholte Martina verächtlich, sich die Nase zuhaltend. Seraphin hatte nichts eifrigeres zu thun, als sein Fäßchen ohne weiters abzustellen, und saß im nächsten Augenblick an Martina's Seite. Sie rückte etwas weniges von ihm fort; er betrachtete wehmüthig seine schlechten Kleider, aber gleich darauf schlenkerte er so vergnügt seine Füße, als würde er nicht mit dem Prälaten von Marienberg tauschen. »Woher?« fragte Martina. – »Von Burgeis,« sagte Seraphin. – »Wie 76 heißest Du?« – »Seraphin.« – »Mit dem Schreibnamen ?« – »Plaschur.« – »Weißt Du, wie ich heiße?« Seraphin nickte vergnügt. »Wie denn?« – »Ei, Du heißest Martina.« – »So?« – »Ja, und der Name geht mir gar wohl ein.« – Martina lächelte ihn an, dann horchte sie auf, und sprach: »Die Mutter kommt und der Vater. Weißt Du was? ich will mich ein wenig vor ihnen verstecke.« – »Dort ist ein Strauch,« erwiederte Seraphin, und, als hätten sie's schon seit langem abgeredet, gaben sie sich die Hände, und sprangen dem Strauche zu. – »Wo ist denn die Tina?« fragte die Mutter überall umschauend. – »Sie ist da gesessen, als wir hineingingen,« fügte der Papa bei, und rief aus voller Kehle des Mädchens Namen, dabei lockend wie einer Meise. Martina kicherte sehr, duckte sich auf den Boden, zerrte an Seraphins Janker, bis er desgleichen that, und wisperte ihm in's Ohr. »Sie werden glauben, daß mich der Wolf gefressen.« – Seraphin erschrack vor der Möglichkeit eines solchen Angriffs auf das schneeige Lämmchen an seiner Seite, und lugte zur Bergeshöhe aus, über die wohl zu Zeiten ein Wolf oder Bär aus dem Engadin zu passiren pflegte, um sich ein Frühstück oder Abendessen zu holen. Da sah er in weiter Ferne eine wohlbekannte Gestalt über die Wiesen herabschreiten und hörte ein nicht weniger wohlbekanntes Jauchzen, das freudig wiederhallte von den baumbewachsenen Thalwänden. – »Der Waltl« fuhr er empor. – »Wer?« fragte das Mädchen, »so bleib doch.« –»Nein, das kann nicht seyn, Martina. Der Walt thät' mir's nicht verzeihen, wenn ich ihm nicht entgegenliefe. Ich bin geschwind wieder da.« – Auf und davon flog er wie ein Pfeil. »O Du Patscher !« brummte das Mädchen, ihm finster nachsehend: »Dummer Bauer, Du!« ging auch mürrisch, wie ihr Bruder Peter, hinter dem Busch 77 hervor, und ließ sich willig von den besorgt umhersuchenden Angehörigen finden. Der Vater schlug die Heimkehr vor; die Wirthin ermahnte, noch ein weilchen auszuruhen. Die Gattin des dicken Herrn war ihrer Meinung. Die kleine Gesellschaft setzte sich auf die oben bezeichneten Holzstöcke, und bewunderte das weidende Vieh, den noch in vorgerückter Jahrszeit bemerkbaren Kräuterreichthum der Alpe, und ein gastfreier Senn bewirthete sie mit fettem Rahm. Es hatten sich indessen mehrere Gruppen von Leuten eingefunden; unter ihnen ein Rudel junger aufgeschossener Bursche, an deren Spitze ein langer frecher Gesell in grauem grünbesetzten Wamms, den grünen Hut voll künstlicher Blumen und ein paar Trutzfedern darauf. Sie lagerten am Boden und tranken mit lautem Gelächter, was das Zeug hielt, aus einem kleinen Fäßchen, schmauchten Tabak und erzählten sich allerlei Geschichten von irgend einem albernen Buben, den sie verdienter- oder unverdienterweise durchhechelten. Der lange Gesell lachte am unverschämtesten und rühmte sich, das Branntweinlabsal seinem verhaßtesten Schulkameraden stibitzt zu haben. Martina, welche düstern Auges und stumm die lärmende Truppe betrachtete, glaubte in deren Mitte das Fäßchen zu erkennen, das Seraphin auf seinem Rücken getragen. Sie erzählte das, und wie sie mit dem Seraphin zusammengekommen, leise dem Bruder, der, schadenfroh lachend, den weiten Mund aufriß und die Sache dem Vater mittheilte. Auch dieser lachte über den nachläßigen, empfindlich gestraften Burschen, und erzählte den Weibern, was er erfahren. Martina's Mutter, voll von Gutmüthigkeit und Mitleid, bedauerte den Raub, der an dem kleinen Branntweinträger begangen worden war, und bat die Wirthin um Vermittlung. Diese, wenn schon für den Seraphin gutgesinnt, wies jenes Ansinnen von sich. »Ihr seht wohl,« sagte 78 sie, »daß die Burschen bereits halb trunken sind; ein trunkenes Ohr ein taubes Ohr, aber ein trunkener Mund ein grober Mund. Obendrein sind's die ärgsten Ruechen von Schleiß, und ihr Capo ist ein schlimmer Bube, der Sohn eines alten, übelberüchtigten Jägers, mit dem kein Mensch hier zu Lande im Ernst anbinden möchte. Was dem Lex geschähe oder gesagt würde, wäre dem Vater geschehen und gesagt, und ich möchte um's Himmelreich selber nichts mit dem Alten haben. Wo steckt nur der Seraphin? Er thut mir leid, aber er wird schlecht ankommen, wann der Grödner von der Geschichte hört.« – Indessen machte sich Martina im Stillen bittere Vorwürfe; sie ahnte, daß sie wohl an Seraphin's Unglück schuld gewesen seyn dürfte, und grämte sich, wenn sie gleich dem Buben zürnte, daß er sie schnöde verlassen, um seinem Freunde entgegenzurennen. Aber der junge Plaschur verspätete sich immer mehr und mehr, denn eine geraume Zeit verging, bis er, da wo er mit Oswald zusammengetroffen, sich satt geherzt hatte am Freunde, und der Länge und Breite nach vernommen, wie gut der Letztere im Schlinig von seiner Nahndel empfangen worden, welche Lehren sie ihm gegeben, was sie ihm alles aufgetragen, und wie sie ihn mit einem schönen Thaler beschenkt habe, an den sie ihren Segen für des Enkels Zukunft geknüpft. – Nachdem der Schatzthaler, ein Leopoldus, mit ungebührlich lang herabhängender Unterlippe hin und her gewendet, von unten und oben genugsam betrachtet worden, hob Seraphin seinerseits den Bericht seiner Abenteuer an, und erzählte hochvergnügt von der Prophetin, die ihm Glück verkündet, und noch seliger von der niedlichen Martina, deren Bekanntschaft er gemacht. Die Worte sprudelten ihm vom Munde, und kaum vermochte Oswald, der da lächelnd zuhörte, einzuschalten: »Was hast Du gemacht, Seraphin? Du hast Dich ja verliebt in das Madl; schämst Du Dich nicht?« 79 Der eifrige Redner verstummte plötzlich, und eine bange Sorge, daß der Freund wahr geredet haben möchte, beschlich ihn. »Nun, nun, das wird doch nicht seyn,« murmelte er bedenklich vor sich hin: »Verliebt, verliebt? wie kommst Du auf das, Oswald? Wir sind ja beide nicht alt genug dazu? Ei schäm' Dich selber, daß Du so vorwitzig reden magst. Geh, das hätt ich nicht von Dir gedacht. Aber Du solltest nur das Madl sehen, und es würde Dir auch gefallen, nicht weniger als mir. Ja freilich, wenn ich schon groß wäre, und die Martina auch, und ich wäre schon reich geworden, wie mir die alte Wollhaube versichert hat . . . .« – »Was denn nun etwa noch?« spottete Oswald; »willst Du nicht vielleicht an das alte Weibele glauben, wie an's Evangelium? Schau, die gelben Vögel und Dukaten, von denen sie gefabelt hat, sind ihr vor den Augen herum geflogen, weil sie den Branntwein im Hirn spürte. Wo hast Du aber Dein Fassel? Hast schon Alles verkauft, Seraphin?« Die Frage fiel dem Freunde schwer auf die Brust. Unwillkürlich griff er nach dem Tragriemen; er war nicht vorhanden. Jetzt besann er sich, daß er seine Waare im Stiche gelassen, und Alles versäumt hatte. »Du lieber Gott, wie wird's mit mir ausschauen,« rief er. »wenn ich der Grödnerin den Branntwein wiederbringe und kein Geld! Laß uns laufen, Waltl. Lauf' zu, lauf' zu. Wie hab' ich Alles so ganz und gar vergessen mögen?« Sie sprangen wie tolle Ziegen das Thal herunter, und erreichten athemlos die Bruckeralp. Der Kaser stand freilich noch auf dem alten Fleck; die Kühe weideten ringsum noch wie zuvor, aber kein Mensch war mehr vor der Sennhütte zu sehen, und das unselige Fäßlein eben so wenig. Seraphin rang die Hände, Oswald spürte ringsum mit fleißigen Augen . . . . nichts war zu finden. – Da trat der Untersenn, die Mundwinkel spöttlich verzogen, auf die Schwelle der Hütte. »Hat Einer von 80 euch etwas verloren?« fragte er neckend. – Seraphin erzählte schnaufend und weinend sein Unglück. – »Nun, nun,« erwiederte der Senn, »das Faß kann ich Dir wiedergeben, – er warf das leergetrunkene zu Seraphins Füßen – »der Liebl-Lex läßt Dir einen schönen Gruß sagen, Seraphin. Der Enzian, sagt er, hat ihm und seinen Freunden wohl geschmeckt; gefunden ist besser als gekauft, sagte er. Wenn Du aber Deine Bezahlung wolltest, hat er gesagt, so magst Du Dich nur an ihn selber wenden. Du wüßtest schon, hat er gesagt, wie seine Kopfstücke schmecken, sagte er.« Dabei machte der Senn, roh auflachend, die unzweideutigste Geberde des Dreinschlagens. Seraphin war versteinert, und setzte sich, in Trostlosigkeit verloren, nieder. Oswald schimpfte dagegen heftig auf den Jägerbuben, auf die Leute, die dem Unfug zugesehen, ohne ihn abzustellen; aber nicht minder hart fuhr er gegen Seraphin heraus, daß er so beispiellos seinen Kopf verloren und seine Dienstpflicht hintangesetzt. Seine Vorwürfe überwanden wohl endlich die Empfindungslosigkeit des geschlagenen Freundes, der wieder anhob zu weinen. Zugleich flüchtete er sich, gleichsam vor der Strenge seines Tadlers weichend, in die Kirche. Dort warf er sich auf die Kniee und betete zum heiligen Martin, daß er ihm sein Fäßchen wieder fülle, oder ihm das Geld dafür in die Tasche stecke. Aber vergebens schaute er nach jedem inbrünstigen Gebetabsatz nach, ob sein Flehen erhört worden: das Faß blieb leer, in seiner Tasche klingelten nur die paar Groschen, die er vom dicken Herrn erhalten. Müde an allen Gliedern und halbverwirrt im Kopfe stand er endlich auf, und verließ die Kapelle, wie einer, der zum Aufhenken geführt werden soll. Da fand er seinen Oswald wieder, dessen heftige Bewegung sich indessen gelegt hatte. Walt umarmte, ein paar Thränen im Auge, seinen Seraphin, und sprach: »Da hast Du das saubere Glück, das jene alte 81 Ackerscheuche Dir vorgelogen hat. Gewißlich war's eine ketzerische Mummedeya Mummedeya: ein Vintschgauer Spottwort auf die engverhüllten, steifschreitenden protestantischen Engadinerinnen; wahrscheinlich vom romanischen » Mumetta , altes Weib. von dort drüben, die Dich behext hat, armer Narr. Komm jedoch getrost mit mir. Los' Losen: hören, aufhorchen. , ich will Dir etwas sagen. Die Nahndel im Schlinig soll mir den Thaler nicht umsonst gegeben haben. Da, nimm Du ihn, und stopfe damit der Grödnerin das Maul. Ich brauch' ihn eigentlich keineswegs, denn der Herr Obwexer wird mich auf der Reise frei halten, und in Augsburg sorgt schon der Vetter für mich.« – »Du guter Waltl,« erwiederte Seraphin gerührt, »bedenk' doch, was Du thust. Deine Eltern werden bald erfahren, daß die Nahndel Dich beschenkt hat, und was willst Du ihnen dann sagen?« – »Für heut und morgen sag' ich nichts, und übermorgen geht's fort. Die Nahndel kommt erst vielleicht zu Allerheiligen auf's Land herunter, und hernach . . . . hernach mögen die Eltern von mir denken, was sie wollen – ich bin fort.« – Vergeblich strengte sich Seraphin an, des Freundes Wohlthat zurückzuweisen. Oswald litt das nicht. »Es bleibt dabei,« sagte er fest und ruhig: »entweder gibst Du mir den Thaler einmal in Augsburg zurück, oder wenn Du« – hier spottete Oswald wieder, daß Seraphin schamroth wurde – »oder wenn Du das Glück gemacht hast, von dem das Hexenweibel Dir vorgelogen.« – Sie umarmten sich. Gleich nachher sprach Oswald ernsthaft zum Andern: »Was ich Dich aber bitt', Seraphin: schau Dich nicht mehr nach den Madln um. Sie bringen Dich um den Verstand, und Du bist ja sonst viel klüger als ich. Mach's wie ich. Ich nehm' mir vor, alleweil ledig zu bleiben. Ich möchte Keine in der Welt heirathen, als etwa meine Mutter, und die hat schon den Vater zum Mann. Also: gib mir die Hand darauf.« – Seraphin gab sie, wiewohl etwas zögernd. »Ich hätt' noch etwas auf'm Herzen,« sagte er verschämt zum 82 Oswald. »Was denn? Laß uns heimwärts gehen, denn schon kommt der Abend, Du erzählst mir's unterwegs.« – Die Platten hinuntergehend, vertraute Seraphin mit mannigfachem Stocken und Zaudern dem Zuhörer Folgendes: »Schau, Walt, ich kann mir schon einbilden, was mir heut beim Kramer passiren wird. Die Alte wird mich beim Grödner verschörgen , und der Grödner wird mich abstrafen mit dem Stecken, oder, was schlimmer ist, mich einsperren. Auf alle Fälle werd' ich das kleine Dirnl nicht wiedersehen. Aber . . . . werd' mir nicht bös, Walt – ich hab' sie halt gar so viel lieb, und es wär' mir 'ne rechte Freud, wenn sie 'n Andenken von mir hätte. Weißt Du was? Ich trauet' mir's schon selber nicht, aber Du bist ein frischer unverzagter Kerl . . . . bring' Du ihr das Rothkröpfl ins Wirthshaus. Sag' ihr fein, daß es seinen Waldgesang gar lieblich aufspielt, und daß es sein Wasser aus dem Brunnen ziehen kann, und daß es auch Schildwacht steht, mit einer Gerte unter'm Flügel, und es wär' von mir . . . . und sie soll's behalten und nicht verhungern lassen . . . . willst Du das thun, Walt?« Der Oswald kratzte sich am Rücken, wie er immer zu thun pflegte, wenn er seine Bedenklichkeiten hatte. »Ei ja,« – sagte er spröde – »daß mich der Vater bei den Ohren nähm' und aus dem Hause prügelte? Nein, nein, das thu' ich nicht.« – »Du hast mich nicht lieb, Walt!« fuhr Seraphin auf. Aber Oswald sprach kaltblütig weiter, indem er seine Lederhosen resolut in die Höhe zog: »Was ich thun will, ist das: ich will schon im Breuz erfahren, in welcher Stube die Fremden schlafen. Hinein werd' ich kommen, denn es bleiben dort die Thüren offen, sind lauter ehrliche Leute im Haus. Da prakticir' ich dann den Rothkropf auf den Tisch oder an's Fenster und schreib' dazu auf ein Herz von weisem Papier: »Ich gehöre der Jungfer Martina.« He? da wird sie wohl merken, daß der Vogel von Dir 83 kommt, wenn sie überhaupt gemerkt hat, daß Du sie gern hast. Ich hab's einmal so für den Maurer-Wastl bei des Hocheneckers Christine machen müssen, und die Christine hat gleich errathen, von wem das Staarl gekommen.« – »Du bist mein goldiger Walt!« schrie Seraphin, ohne weiter zu überlegen, und vergaß alles Herzeleids, das seiner noch warten mochte. »Schon gut, schon recht,« versetzte der Andere: »aber halt' Wort und geh' den Madln nicht mehr nach. Sie bringen Dir Unglück!« Unter heitern Gesprächen gewannen sie wieder den Donnerbaum, die »armen Seelen« und die »wilden Fräulein.« – Hohnlachend warfen sie ein Dutzend Steine auf die Trümmerhaufen und schrien: » den Brocken für die Wollhaube, und das Bröckl auch noch, und gar alle Zwölfe für sie!« Der Credit jener alten Person war in der Meinung der jungen Leute fürchterlich gesunken, aber das Entsetzen vor der Grödnerin wuchs riesengroß in ihnen – namentlich in Seraphin, je näher sie dem Dorfe kamen. Mit nicht gar freundlichen Gesinnungen für die Krämerin stiegen sie vom Skaderhof zur Landstraße nieder, aber auch mit Ingrimm – mit ohnmächtigem freilich – gedachten sie des bösen Lex, den der Unstern auf die Alp geführt hatte, und mit dem, als eines Hexenmeisters Sohn, leider nichts anzufangen war. – Es dämmerte stark, als Seraphin in seine Kammer huschte, und an einem Spagat den geliebten Rothkropf in die Hände seines Freundes hinabließ. Nachdem dieses vollbracht, nahm er sich zusammen, und ging mit so viel Dreistigkeit, als er aufbringen mochte, dem Strafgericht in des Grödners Wohnstube entgegen. Das Donnerwetter war schon in der besten Gährung. Der Grödner und sein Weib stritten, daß die Fenster bebten; ein Hagel von bösen Worten prasselte auf den, noch vor der Thüre mit verhaltenem Athem lauschenden Seraphin nieder, und zwischendurch sagten sich die 84 Eheleute gegenseitig Alles, was nicht gut war. Der leidige Unfall mit dem Enzian war schon im Dorfe ruchbar geworden; der heimtaumelnde Lex hatte ihn selber triumphirend in's Haus des Krämers geschrien. Alle Geister des Zorns waren los in dem unfriedlichen Hause, und mitten hinein, gleichsam zwischen grimmige Hunde und Wölfe, mußte der arme Schelm, die Ursache des flammenden Streits, treten, und sagen: ich habe gesündigt. Er that's endlich, weil's nicht anders seyn konnte, und, kaum war er erschienen, so kratzten schon die magern Hände des Weibes nach seinen Augen, oder krallten nach seinem Schopf, und der Grödner, den dicken Ellenzepter in der Faust, ruhte nicht damit. Was Seraphin vorausgesehen, geschah. Erst nachdem er abgefaßt, was ihm zugemessen, fand er Zeit, um Vergebung zu bitten. »Nichts da,« schrie die Grödnerin: »dießmal mußt Du aus dem Hause ohne Erbarmen.« – »Aus dem Hause!« bekräftigte der Grödner, aber es war ihm nicht so viel Ernst, wie dem Weibe. – Seraphin holte den Thaler aus dem Sacke und reichte ihn dem Grödner, der ihn etwas besänftigt empfing, ohne viel zu fragen, woher. Nicht also die Grödnerin. »Wie kommst Du zu dem Thaler? Bösewicht, Du hast ihn gestohlen, und wem, und wie, und wo? Aus dem Hause, vor's Gericht mit dem liederlichen Dieb!« – Nun begann Seraphin, seiner Unschuld vertrauend, den Mund zu brauchen, und sprang nicht eben zierlich mit der Krämerin um, achtete auch keineswegs der Kopfnüsse und Haarrisse, die zwischendurch wie Blitze aus den Händen des Weibes bei ihm einschlugen. – Der Grödner trat aber plötzlich auf des Gescholtenen Seite, schlug barbarisch mit der Elle auf den Tisch, daß die Frau erschreckt zurückprallte und erschöpft auf die Bank fiel. »Jetzt gebt's einmal einen Frieden!« befahl er: »jetzt heißt's genug gestritten; 's ist ein Unglück gewesen, und damit basta. All' Ding auf Erden hat seine Zeit. Der Bub' ist gepantscht , wie 85 sich's gehört, und damit gut; aber aus dem Haus kommt er doch nicht. Hörst Du's, Weib?« »Daß Gott erbarm.« heulte die Frau, Krämpfe vorgebend: »Wär' mir nichts lieber!« – »Weib, nimm' ein Brechmittel, daß die Galle von Dir geht, und damit basta noch einmal und millionenmal. Setze Dich her, Seraphin, und laß uns rechnen, wie weit wir mit dem Thaler springen, wie viel ich noch am Branntwein einbüße. Ich glaube nicht viel. So, die Groschen gehören auch dazu? Brav, Seraphin, für einen nachläßigen Handelsmann hast Du viel Glück. Thut Dir der Buckel weh? Thut nichts, das ist gesund, Seraphin. Also, wenn wir die Maß Enzian berechnen mit . . . . Du wirst mir morgen sagen, woher der Thaler, laß heut nur gut seyn. Die Hauptsache ist, daß wir den Thaler haben. Also die Maß Enzian steht . . . . wo ist die Kreide, Weib? Hörst Du, Weib? Auf der Stelle hole die Kreide und bring' was zu essen für den Seraphin. Der Bub' kann sich nicht auf den Füßen halten vor Müdigkeit und Hunger!« »Ehe ich dem Liederlich nur einen Brocken Brod vorsetze, eher will ich . . . .« der Zorn erstickte den Hauch in der Grödnerin Mund. Der Krämer platzte dagegen vom Sitze auf, schwang abermals das fürchterliche Ellenmaß und ergänzte, was die Frau gesprochen, mit den Donnerworten: »Eher willst Du selber Schläge kriegen aus dem Salz, nicht wahr, Du böser Drach . . . .?« Und Gott weiß, was in des Grödners Stube an jenem Abend vorgefallen wäre, wenn nicht eine harte Faust an die Thüre geklopft hätte. Gleich darauf schaute ein langes backenbärtiges Gesicht in's Gemach, und rief jovialischen Tons: » Buona saira! Pasch, pasch! Animo, Curascha! Chiauns ca ladren, morden da rar! buona saira! Buona saira! pasch, pasch! animo, Curascha! Chiauns, ca ladren, morden da rar! (romanisch): Guten Abend! Friede, Friede! lustig, lustig! Hunde, die bellen, beißen selten. « 86 Drittes Kapitel. »So hab'n wir die Leut' grad für'n Narren, Und leben grad lustig frisch auf; Der Spitzhund lauft neb'n unserm Karren, Ein Krummschnabel hängt hinten drauf. Der Karren, der ist unsre Hütt'n, Unser Vich ist der Vogel und Hund; So bleib'n wir mit Finden und Bitten So reich und so lustig und gsund!« Dörcherlied. Der romanische Gast war ein hochgewachsener Mann mit wohlgefärbtem Gesichte und kohlschwarzen langen Haaren. Er mochte fünf- oder sechs und vierzig Jahre zählen. Seine Kleidung war die eines Hausirers. In seinen Händen trug er einen eisenbeschlagenen Stock und ein ziemliches Sportele mit Limonien; auf dem Rücken eine Kraxe , die einen ungeheuern Vogelbauer bildete; um den Leib eine lange rothe Neapolitanerbinde. Der Käfich war gegen Wind und Regen fest mit Tuch und Flanell verwahrt, darüber hing die blaue Jacke des Trägers; ein kleiner zottiger Hund, von einer Race, die den Katzen am feindseligsten ist, begleitete den Mann, der kein Anderer war, als der seit mehreren Tagen schon erwartete Egidi. Der häusliche Sturm hatte sich bei seinem Erscheinen alsogleich gelegt; Waffen und Thränen waren zur Seite gethan worden, Wirth und Wirthin des Hauses erschöpften sich in Aeußerungen eines freundlichen Willkomms. »Glückliche Ankunft!« rief die Grödnerin mit ihrer 87 süßesten Stimme. »Bist Du einmal da?« fragte der Krämer mit einem derben Händedruck. Egidi machte sich's auf dem Fleck bequem, stellte die Kraxe ab, legte Hut und Stock weg – die Limonien hatte die Grödnerin alsogleich in Verwahrung genommen – stülpte seine Nachtmütze auf den Kopf und setzte sich auf den Ehrenplatz am Tische. – »Bist Du recht müde?« fragte der Krämer. »Willst Du geschwind was essen?« fragte das Weib. » Ca nun, « antwortete Egidi dem ersten; » o, caschi! « der letztern. – »Was willst Du essen? Ove di Schmaunz ?« fragte die Grödnerin, auf möglichste Sparsamkeit bedacht. Aber der Engadiner schüttelte lachend den Kopf, erwiedernd: Ich mag nicht. Gebt mir meine Lieblingskost; Du weißt wohl, Frau?« – » Bazokles in latt! « befahl der Grödner, und das Weib entfernte sich, innerlich grollend ob der Leckermäuligkeit des Vogelträgers und ob der Mühe, die sie sich zu später Abendzeit mit der Bereitung der geliebten Milchnudeln aufbürden mußte. Seraphin der den Egidi zum ersten Male sah, und aus seinem und des Grödners Munde jenes Kauderwelsch vernahm, das er in frühester Jugend in seiner Eltern Hause oft, und später dann und wann auf dem Tartscher Markt, wo die Engadiner viel einsprechen, gehört hatte, war, ohne Interesse an der Unterredung, in die Nähe des Vogelbauers geschlichen, und plötzlich von dem dabei aufpassenden Hunde in die Wade gezwickt worden, daß er laut aufschrie. – » Chiou, chiou! Chiou! still! (im Romanischen werden alle Buchstaben ausgesprochen; das ch wie tch , das g häufig wie dg . « schrie nun auch der Egidi: »Bub, was hast Du bei die Utschal zu machen?« – »Geschieht ihm recht,« sagte der Grödner, nahm den Schlüssel zum Keller und ging, Wein zu holen. »Was bist Du für ein Bub?« fragte Egidi verwundert; »hat Grödner einen Sohn bekommen? oder was bist Du?« Seraphin gab Bescheid. Egidi ließ, da er den 88 Lenhard Plaschur nennen hörte, das Messer fallen, womit er ein Stück Käse anschneiden wollte. » Söncha Maria! Sönch, Söncha : heilig, heilige. « rief er: »ist Lenard dein Vater, und gestorben? Hm, hm, hm! Ei'gl pusseivel! Gestorben, und deine Mutter auch todt, und Schwester auch? O ti malvantireivel! « Mit einem ganz besondern, mit einem innigen Blick sogar betrachtete Egidi den Burschen, faltete dann die Hände, legte den Kopf hinein, und sprach lange Zeit nichts mehr. Der Grödner blieb immer noch außen, nichts rührte sich in der Stube, als die hölzerne Uhr und dann und wann ein Vogel, der in der Kraxe auf und nieder flatterte, oder pipte. Dem Seraphin wurde ängstlich um's Herz; er zupfte den Engadiner am Ermel, und fragte den Aufschauenden: »Was fehlt Dir denn? Sag', hast Du meinen Vater gekannt?« – Egidi nickte nach einigem Besinnen. »Auch die Mutter?« Egidi verneinte. »Du bist ganz das Ebenbild von Deinem Vater!« sagte er dann, den Buben an sich ziehend. »Nicht wahr, Grödner? Der Giuven ist ganz die Sumeglia von seinem Vater?« Der Grödner, der von der Abstammung seines Mündels ganz andere Gedanken hegte, schüttelte den Kopf und sagte: »Nicht ein Zug!« – »O Du Tschantschader !« begann Egidi eifrig: »setz auf Dein' Spiegel de Nas , setz auf, und laß' Dich nicht auslachen; wie kommt der Giuven in Dein Haus?« Der Grödner erzählte. Aufmerksamst hörte der Engadiner zu. Dann sprach er: »Du machst Dich gern groß mit Deiner Raschun Raschun : Vernunft, daher raschonig: freigebig, honett. , Grödner; das ist so Deine Schwachadad , aber der Bub ist nicht gut bei Dir.« – »Was sagst Du da, Egidi? ist das Dein Ernst?« – » Senza Zwifel , und ich will Dir sagen, parchei .« Der Grödner gab dem Seraphin einen Wink, hinauszugehen. Egidi hielt den Jungen zurück, und 89 diskurirte lebhaft romanisch darauf los, wovon Seraphin gar nicht viel verstehen konnte. Indessen fand er, daß der Engadiner wohlthat, dem Vormund auf den Zahn zu fühlen, und wünschte seinen Bemühungen gutes Gedeihen. – Nachdem die Männer hin und her geredet – der Grödner sprach nämlich von gewissen Absichten, die er mit dem Mündel hätte, und der Engadiner lachte über die Wichtigkeit seiner Erwartungen, so wie über die Versicherung, die der Krämer von sich gab, daß er eigentlich und wahrhaftig Herr im Hause sey, – ging der Grödner wieder in ein christliches Deutsch über, indem er sagte: »Du bist halt ein ungläubiger Thomas, mit dem nicht zu reden ist.« Worauf der Egidi seufzend: » O Sönch Spindrader! mit Deinem Eigensinn ist nichts zu schaffen. Nun, wir haben par Narradads geredt, und damit basta .« – »Hast Du den Lenhard gekannt?« fragte der Grödner etwas ungläubig: »ich denke Nein?« – » Caschì, caschì ,« versetzte Egidi etwas befangen: » par gwiss , ich hab' ihn gekannt in Italia , hab' ihn dort gesehen vor anderthalb Jahren, Securameing! « – »Woher des Wegs grad jetzo?« fragte wieder der Krämer. – »Weit, weit da lunsch , von Smyrna in Levante . Hab' gute Geschäfte gemacht.« Egidi wies auf eine stattlich gefüllte Geldkatze, die des blauen Brusttuchs respektable Länge verbarg. – » Oz avont quindisch gis , heut vor vierzehn Tagen bin ich in Livorno an Land gestiegen, habe ein fünf und zwanzig Stück Canarini von der Insel Elba in Empfang genommen, weil die Utschals zu Hause durch Mausern viel gelitten, und bin mit das Procaccio bis in Mailand gefahren, alsdann über Maleuja Der Berg Maloja, eine Grenze des Oberengadin gegen Italien, im ladinischen Maleuja . in Engiadina, terra fina se non fosse 90 pruina! Durch's Münsterthal heraus auf Laatsch und in bekannten Wegen hieher. Ecco « – »Haben die Vögel auf der schnellen Reise und über den Berg nicht gelitten?« – » Zund bucca . O, ich habe sie eingepackt giust sco las puppas d'affont . Willst Du Canarini sehen, Giuven ?« – Die freudige Neugier, womit Seraphin, Schläge und Müdigkeit, ja selbst Martina und sein Rothkröpfl vergessend, der Einladung folgte, machte ihm einen noch bessern Platz im Gemüthe des Egidi zurecht. Dem Menschen ging nichts über seine Kanarienvögel; er liebte und hätschelte sie, und auch an jenem Abend, wo sie ziemlich frostig auf ihren Stangen saßen und sich ungern stören ließen, wurde Egidi nicht müde, die Schönheit seiner kleinen Sänger zu preisen. » Igl meister mi ven a ludar , der Meister wird mich loben,« sagte er selbstgefällig, die Schaustellung endend und den Flanellvorhang schließend. – »Ei, was mir just brühheiß einfallt'« unterbrach ihn der Grödner: »Der Padrone ist ja eben zu Burgeis!« – » Hoi gie! ist's wahr?« – »Gewißlich er hat im Kreuz eingestellt.« – » Alla crusch alva? « – »Mit dem frühsten Morgen wird er heimreisen; wenn Du eiltest, könntest Du ihn noch sehen.« – » Na ei mia ura da sacc? « Nachdem er auf die Uhr gesehen, sprach Egidi phlegmatisch: »Jetzt ist nichts mehr zu machen. Er liegt immer mit der achten Stunde Abends in seinem Bett. Es eilt auch nicht.« – »Ei, wenn der Padrone wüßte, daß sein bester Handelsmann anwesend, so würde er sich doch eine halbe Stunde vom Schlaf abbrechen?« – » O canùn! amicizia si, amicizia giù , Freundschaft hin, Freundschaft her. Du kennst ihn nicht, el ei ün hum curious a singular . Es ist auch besser, ich treffe ihn erst daheim an. Vor den Fremden würde er mich halten sco ün fumeilg , wie einen Knecht; a casa bin 91 ich ihm ein Bruder, und ich liebe das mehr, als das Andere. Auch könnte ich mit die Canarini ein Unglück haben. Der Sohn des Meisters, der schlimme Peter – el ha ün oelg malign – er könnte mir die Utschals – wie sagt ihr? incantar , verhexen, und was mir auf der Strada krepirt, das krepirt mir und nicht dem Meister. Aber – setzte er, abermals seine Sackuhr betrachtend, hinzu – chei Giavel! es ist schon spät, sie läuten schon auf der Turr dils Zenns , und Spisa, la dulscha Spisa bleibt immer noch aus. Wo fehlt's, wo fehlt's Du Herr im Hause?« Der Grödner sah verlegen auf die Uhr an der Wand, ging dann in die Küche. Egidi zog auf's Neue den Buben an sich und fragte ihn rasch und theilnehmend. »He, paupretto! sie halten Dich wohl elend, miserablameing? « Seraphin bejahte traurig, zeigte pantomimisch, daß man ihm mehr Schläge als Brod verabreicht habe. – Egidi wurde blaß vor aufwallendem Mitleid. »Geduld!« sagte er: »das soll anders werden. Ich kenne wohl der alten Mumetta ihre . . . . wie heißt's z . . . . ihre Spargneivladad  . . . . ihren Geiz . . . . und er, er, der arme Schocher zittert vor ihr sco ün Schneder . Ich weiß wohl . . . . aber Geduld, Giuven  . . . . um Deines Vaters willen . . . . warte nur, seigias ti consolau  . . . . wir werden helfen . . . .« Dem Engadiner standen Thränen im Auge, und Seraphin wußte gar nicht, was das bedeuten möchte. Egidi wischte sich die Augen mit dem Schneiztüchel ab, und nahm seine heitere Miene vor, als der Grödner etwas bestürtzt in die Stube trat. Es mußte ihm die Frau mit dem Rußbesen über's Gesicht gefahren seyn, denn er war schwarz getiegert, und meldete sehr verduzt, sein Gast möge Geduld haben; gut Ding wolle Zeit und Weile! – Da lächelte nun freilich Egidi dem beschämten Prahlhans fein unter die Nase, und fragte 92 pfiffig: » Ta tschapp jon cou? ertapp' ich Dich da, Du Gloriandus? « Als der Krämer sich mit dem Handtuch die Nase abrieb, machte Egidi dem Seraphin ein Zeichen, von dem, was er ihm früher gesagt, unverbrüchlich zu schweigen. Endlich kam die ersehnte Spisa . Die Köchin war mit den Zuthaten wenig freigebig gewesen. Demungeachtet schmeckte auch die karg bestellte Kost dem Hunger vortrefflich; und der Hunger war in zweifacher Person vorhanden, da Egidi den jungen Plaschur zu seinem Mahle einlud, theils um dem Buben eine Gutthat zu erweisen, theils um die böse Frau gründlich zu ärgern; welches letztere ihm so gut gelang, wie das erstere. Seraphin schmauste nach Herzenslust und trank von Egidi's Weine; die Grödnerin sah, brummend und giftig auf der Bank hin und her wetzend, dem Schmause zu. Kaum war jedoch die Schüssel leer, als sie schon mit gellender Stimme anhob: »Wird sich der Freßsack nicht einmal in's Nest scheeren?« Und der Grödner wiederholte als ein getreues Echo: »Jetzt bedank' Dich, Seraphin, und packe Dich hinaus.« – Es war umsonst, daß der Engadiner noch ein paar Worte der Fürsprache für den kaum gesättigten Jungen einlegte. Das Ehepaar bestand darauf, denselben zu Bett zu schicken. » O Madringna , o Padraster! « schalt Egidi seine unerbittlichen Wirthe, steckte dem Buben noch ein Stück Käse und Brod zu, und beurlaubte sich von ihm, ungern zwar, mit einem herzlichen »Schlafwohl, und laß' Dir Gutes träumen!« Seraphin war zum letztern gar wohl aufgelegt. Die Art und Weise, wie der Engadiner sich gegen ihn benommen, die unerwartete Gönnerschaft, die er bei Jenem gefunden, zusammengehalten mit den Prophezeihungen der alten Wollhaube bei den wilden Fräulein, versetzte den Knaben in die heiterste Stimmung. Jetzt stand ihm ja die Welt nach zwei Seiten hin offen; er hatte zwei 93 Freunde gefunden, die für sein Fortkommen sorgen wollten; und schon neigte sich seine Vorliebe mehr zu Egidi als zum Oswald. Jener war der Herr von gelben Vögeln, die Seraphins Glück begründen sollten, wenn sich auf dieselben des alten Weibes Vorhersagungen bezogen; Egidi war auch der Diener des Mannes, der Martina's Vater war, und Seraphin konnte nicht von dem Gedanken lassen, daß jeder Glücksfall seines Lebens abhängig seyn müsse von den Vögeln, von Dukaten und von der lieblichen Martina. Er hüllte sich daher, zufrieden wie ein Domherr, in die grobe Decke, die über seinen Laubsack gespreitet war, und schlief, von Freude, Speise und Prügeln satt, in der Träume goldnes Land hinüber. Ja; Gold war alles, was er träumte; er jagte sich mit goldenen Vögeln, er war an Martina gefesselt mit einer Goldkette, die schwerer war als die an der Kirche des heiligen Leonhard zu Laatsch aufgehängte; er schlug Purzelbäume auf Dukatenhaufen; sein Walt, der ihm zwischendurch begegnete, hatte Augen wie die goldne Sonne; ja, auf seines Rothkröpfels Brust glänzte ein goldiger Stern. Der Glückliche! Aber Nacht und Traum gingen vorüber. – Die Zuchtmeisterin des Hauses war Gottlob wieder einmal von ihren Schmerzen heimgesucht worden, und lag zu Bett; der Grödner war mit dem vor Tagesanbruch weiter gewanderten Egidi bis auf die Haid gegangen, um ihm das Geleit zu geben. Seraphin hatte ein Stündchen für sich. Sein erster Gang war, am weißen Kreuz zu spioniren. Oh weh! die Freundin seines Herzens war auch schon im Morgendunkel mit ihren Eltern abgereist. Verdrießlich schlug er den Weg zu seinem Oswald ein. Da begegnete ihm die schöne Trine, Oswalds Schwester, den Weißkopf an der Hand. »Ist der Walt daheim?« – »Was nicht etwa noch gar? fort ist er, fort. Der Herr von Augsburg, der hat 94 schnell verreisen müssen, hat ihn noch in der Nacht holen lassen, und alle zwei sind jetzt schon auf dem Weg nach Botzen, denn sie wollen oder müssen über Brixen und Innspruck.« – »Ach, Du mein Gott! Verlaßt mich denn alles auf einmal? Trine, sag' mir; wie hat der Walt verreisen können, ohne mir ein Wörtl zu sagen?« – »Wenn er doch um zehn Uhr noch an euerm Haus war, und die Grödnerin hat ihn nicht mehr eingelassen?« – »Ha, das schieche Weibsbild!« – »Ich soll Dir ein schönes Lebewohl sagen, Seraphin, und Du wirst schon was hören vom Bruder, hat er gesagt, und was Du ihm geschafft, sey ausgerichtet, hat er gesagt.« – »So, so? Schön Dank, behüt Dich Gott, Trine.« – Jetzt hüpfte der Knabe mehr als er ging. Der Vogel war also richtig an Ort und Stelle gekommen. »Mich wundert nur, zu hören, wie's der Bub gemacht hat,« lachte er in sich hinein, der kleine Liebhaber. – Kaum gedacht und gelacht, sollte er's erfahren. Die Wirthin zum weißen Kreuz kam stattlich daher aus der Kirche. Sie winkte dem Seraphin freundlich. »Du,« fragte sie, »weißt Du schon, was mit Deinem Rothkröpfl passirt ist?« – Dem Jungen ging der Mund weit auf vor Erstaunen und Bestürzung, denn jetzt erst fiel ihm ein, daß ungefähr das ganze Dorf seinen Vogel und dessen Käfich kannte. Ohne ein Wort zu finden, schüttelte er verneinend den Kopf, der Knabe mit dem schlimmen Gewissen. – »Gelt?« fuhr die Wirthin fort: »Du hattest den Vogel dem Oswald geschenkt?« – Seraphin bejahte schüchtern. – »Nun denk' Dir, stell' Dir vor: Der Leichtsinn hat ihn geschwind wieder weggeschenkt.« – Seraphin's Herz klopfte in freiern Schlägen. »Was? wem?« fragte er. – »'s ist zum Lachen, und wieder zum Weinen. Er hat ihn an das Madl von dem Imster Herrn verehrt, ist in ihre Kammer geschlichen, hat den 95 Käfich auf den Tisch gestellt, und dabei ein Herz von Papier, worauf gestanden ist – ich weiß nicht mehr was. Drauf ist der Walt wie ein Narr davongelaufen, aber der Stachus und die Mala, die an der Hausthüre gewesen, haben ihn wohl erkannt. Das hat ein Fragen und Gered' gegeben! daß Gott erbarm! Die Mutter hat den Vogel zum Fenster hinauswerfen wollen, aber die Martina hat so schön gebeten, und wie der Alte dazu gekommen, ist völlig nichts aus dem Hinauswerfen geworden. Denn, weißt Du, die Imster sind halt Alle rechte Vogelnarren, und der Tammerl ist einer von den ersten vorne dran. Der hat kaum den Vogel gesehen, so ist er völlig verliebt in ihn worden, und hat den Vogel behalten, und hat ihn heute mit dem Käfich eingepackt und mitgenommen.« Seraphin kannte sich nicht vor innerlicher Freude. Dennoch, um etwas zu reden, fragte er stammelnd: »Ei, das wird nicht seyn? Was hat denn der Walt demjenigen Madl den Vogel zu schenken?« »Ach du liebe Frau!« seufzte die kreuzbrave Wirthin mit einem frommen Blick nach oben: Das ist nun freilich ein großes Unglück. Du weißt, daß der Walt von dem fremden Herrn ist zur Nachtzeit abgeholt worden? Nun, der Walt wird uns freilich lang nicht selber sagen können, wie das Ding zusammenhängt, aber doch ist's klar wie der Tag. Du kennst ja wohl den Maurerwastl, den g'streichten G'streicht seyn: einen Sparren haben, »er hat heut sein'n Streich!« Ein G'streichter: ein Halbnarr, ein Mensch mit wunderlichen Launen, fixen Ideen u. s. w. Menschen? Nun, der ist gestern – gegen alle seine Gewohnheit – schier den ganzen Abend bei uns gesessen; hat sich auch in's Hinterstübel hineingemacht, und an einem fort die kleine Martina angeschaut, als wenn er sich die Augen aus dem Kopfe sehen wollte. Das hat gedauert, bis die Imsterleute schlafen gegangen sind. Wie hernach das Spektakel mit dem Vogel ausgekommen, ist mein Wastl nicht mehr da gewesen, und da war's heraus, da haben wir gleich gewußt, wo's 96 hapert. Du weißt: der Wastl – er ist ein rechtes Kreuz für die Eltern, er ist ein Bissel verruckt, und absonderlich in die Weiberleut' geschossen. Mit der Hochenecker-Christine hat er's grad gemacht, wie mit der Martina, und auch selbigsmal ist der Walt sein Bot' gewesen. Nun stell Dir vor, das Unglück für den saubern Menschen von kaum neunzehn Jahren! Da sieht man wohl, wie die Mannen verrückt werden können über eine thörichte, närrische Lieb', von der niemand was haben will. Ist's denn möglich, daß ein solcher Bursch', nachdem er der Christine viele Wochen wie ein Tschoggl Tschoggl: ein (figürlich) blinder, verblendeter Mensch; vom romanischen tschogg , blind. nachgelaufen, ist's möglich, daß er sich in einen Fratzen verlieben kann, der noch nicht trocken hinter den Ohren? Daß Gott erbarm, die Zeit ist recht verderbt worden, merk' Dir das, Seraphin, und nimm Dir's einmal zum Exempel. Grad komm' ich aus der Kirche, und hab' den Wastl gesehen, und hab' ihm gesagt, was sich gehört; . . . . aber, du heiliger Geist! das ist, als ob man zu der weißen Wand redete. Der G'streichte hat mich angesehen, als wie die Kuh das Stadelthor, hat's Maul aufgerissen grad wie Du, und hat gar nichts, keine Silbe geantwortet. Darauf ist die Christine aus der Kirche gekommen, und der ist er wohl geschwind wieder nachgelaufen, als wie ein Hundl. – Aber, hab' ich mich einmal wieder verplaudert mit dem Buben da! Leb' wohl, Seraphin; grüß' mir fein den Grödner, und sey brav und geduldig. Wirst Beides brauchen können, Du guter Tschappel Tschappel: ein gutmüthiger Mensch, der sich Alles gefallen läßt. ?« Die ehrliche Frau klopfte wohlwollend des Knaben Wangen, und ließ ihn gehen. Er war seelenfroh, daß der Handel, dessen er sich jetzo – seit den letzten Worten der christlichen Frau – auf einmal von Herzen schämte, eine solche Wendung genommen. Doch blieb ein Widerhacken in seiner Brust zurück. Der arme Maurerwastl, der nun im ganzen Dorfe die Schuld der albernen 97 Begebenheit tragen mußte, ging dem reuevollen Seraphin nahe. Hatte doch der arme Teufel schon übrig genug des Spottes auszustehen, weil er die Christine liebte und zwar hoffnungslos, und zwar bis zum Unsinn liebte. Man sollte, das Landvolk obenhin betrachtet, nicht von ferne glauben, daß es unter allen Leidenschaften der Welt, gerade von der Liebe am meisten ergriffen werden könnte. Aber nicht selten gibt es unter jenen Leuten Individuen, die es, vom Liebestaumel gepackt, entweder dem ehrsamen Junker de la Mancha noch zuvorthun, oder besser geradeaus ohne seltsame Abentheuer dem Irrenhaus zusteuern, wenn sie den Gegenstand ihrer Neigung nicht zu erreichen vermögen. Der Maurerwastl war ein Beispiel der letztern Gattung. Er begegnete dem tiefsinnig dahinschlendernden Seraphin auf dem Heimweg. – Der gute Sebastian hätte eine der blühendsten Gestalten in der Gemeinde aufzuweisen gehabt, wenn nicht von der sehnsüchtigsten Liebe diese Blüthe vernichtet worden wäre. Er, dessen Wangen einst von Jugend und Gesundheit prangten, schwankte jetzo wie ein Schatten einher. Die Strümpfe schlotterten um seine Beine; seine lange grüne Wolljacke hing gleich einem weiten Mantel über seine Schultern; unter dem breitkrämpigen Hut, der dazumal ungefähr gewesen wie eines Meraners Hut noch heutzutage, verschwand schier sein blasses, abgemagertes Gesicht; das schwarze Seidengeflecht mit langen Quasten, das den Hut des Jünglings verzierte, glich einem Trauerbehänge. – In diesem Aufzuge aber, sein Sonntagskleid, hatte der arme Bursche der geliebten Christine Bekanntschaft gemacht. Er hielt dafür, daß ihm das Kleid vortrefflich stehe, und daß, wenn ihm Christine bis daher nicht geneigt worden, gerade nur sein Werktagkittel daran schuld gewesen seyn müsse. Darum hatte er eines Tags 98 zur Verwunderung seiner Eltern und Geschwistern die Arbeit liegen lassen, und erklärte, er werde von nun an auf unbestimmte Zeit Sonntag machen, und die Arbeit freue ihn so wenig als das Leben, und das letztere werde ihm ganz und gar verleiden, wenn nicht Hocheneckers Christine ihm das Jawort gäbe. Bei dem Entschluß war er seither geblieben, und alle Ermahnung des Pfarrers, des Vaters Drohung und Befehl, der Mutter und der Schwestern Bitten und Zureden hatten ihn von dem Entschluß nicht abbringen mögen. Morgens in der Frühe ging er aus, und setzte sich auf eine Bank oder auf den Brunnenrand, dem Hocheneckerhause gegenüber, und starrte festen Augs, mit verschränkten Armen, lächelnd bald wie der irrsinnige Schmerz, bald traurig blickend, ein lebhaft Bild des Elends, hinauf an's Fenster, wo die Auserwählte saß, die ihn nicht leiden mochte, die sein Werben verächtlich von sich gewiesen, die sein Geschenk, das Staarl, verhöhnt und wieder zurückgeschickt hatte. Das Mädchen war eine Näherin und Strickerin, und manchen Tag im Jahr zu Hause. So hatte sie immer des Liebhabers Leid vor Augen, und wenn sie schon bisweilen auf Arbeit gegangen war, so wußte Sebastian ihren Aufenthalt zu entdecken, und dort Schildwache zu stehen, wie vor ihrem eignen Hause. Läutete die Glocke den Mittag ein, so ging der Maurerwastl zum Essen. Ohne ein Wort zu sprechen, verschlang er sein Mahl, und kehrte flugs auf seinen Posten zurück, bis die Dämmerung kam und die Nacht. Die Abendglocke trieb ihn manchmal heim, doch nicht immer. Nicht selten harrte er aus bis Mitternacht in Regen oder Wind. Christine hatte oft schon ausgeschlafen und der Wastl starrte noch immer empor zu ihrem Fenster. Ein trauriger Wahnsinn allerdings, der den guten Wastl zum Gespött des Dorfs und zum Aergerniß seiner Familie machte, da er, der einzige Sohn und Haupterbe, den Faullenzer spielte, und dabei dennoch 99 für sechs gute Arbeiter essen konnte. Die Liebe hatte mit seinem Appetit nichts zu thun, aber nur mit Leidwesen gibt der Bauer demjenigen, der nicht arbeitet, zu essen. Da nun dem Sohn und Erben die Kost nicht versagt werden konnte, so würzte man sie ihm wenigstens mit Verachtung, und ließ ihn gehen und stehen, wo er wollte, ohne sich mehr um ihn zu bekümmern. Seine Herzensangelegenheit nahm dabei keinen bessern Fortgang. Christine war zäher und eigenwilliger Natur, ihre Empfindsamkeit äußerst gering, und zudem hatte sich, wie man hie und da behaupten hörte, während der Krankheit der Grödnerin zwischen ihr und dem Krämer ein Verständniß, wiewohl in allen Ehren, angesponnen, das den Wünschen des Maurerwastl schnurgerade zuwider seyn mußte. Dem unglücklichen Liebesnarren begegnete also der reuevolle Seraphin. Indem dieser den armen Menschen von oben bis unten aufmerksamer als sonst betrachtete, fielen ihm die Warnungen der Wirthin, so wie seines geliebten Walt, felsenschwer auf's Herz, und er leistete sich selber muthig das Versprechen, seine Gedanken von der Martina abzuwenden, damit es ihm nicht einmal gehen möchte, wie dem unglücklichen Opfer der Weiberliebe, das vor seinen Augen dahinsimpelte. \>Ich will mir mein Lebelang die drei Stücke merken,« sagte er sich selber in's Ohr und Gewissen: »ich will wohlthätig seyn und meinen Feinden verzeihen, wie die fremde Alte es befohlen, und nach einem Mädel nicht mehr aussehen. Darum will ich meinen Dienst thun, wie sich's gebührt, meinen Gedanken nicht nachhängen und mit Geduld erwarten, wie es dereinst mit mir werden mag. Der liebe Walt werden mir schon weiter helfen, besser als Egidi, der Prahlhans, und Martina, die mich zum Narren machen könnte!« Diese trefflichen Vorsätze erstarkten in dem jungen 100 Menschen. Der Lohn war indessen anfänglich nicht allzureizend. Seraphin begegnete seiner Vormünderin mit einer Liebe, die sie keineswegs verdiente, und erntete dafür nur üblere Behandlung, Hunger und Ueberdruß. Dem Zägerler, dem er einmal in den Weg kam, bot er die Hand und sagte ihm: »Du hast mich oft geschlagen, hast meines Herrn Branntwein hinterlistig getrunken und mir dadurch viel Ungemach bereitet; aber ich verzeihe Dir von Herzen.« Worauf der Lex ihm in die Zähne lachte, und mit einem rohen: »Laß mich aus, Du Steinesel!« hinter die Ohren schlug. – Als der Grödner auf die Botzner Messe gegangen war, und Seraphin, bei andauernder Kränklichkeit des Weibes, den Laden verwalten mußte, bewies er sich freigebig gegen die Armen, erließ ihnen etwas am Preise der Waaren, gab ihnen dies und das umsonst, und freute sich seiner Wohlthätigkeit. Aber die Armen lachten ihn aus, und erzählten überall von seiner närrischen Weichherzigkeit; die Grödnerin erfuhr's durch ihre einzige Freundin, eine gewisse Rosa Stampfer, ein Ausbund von Klatschhaftigkeit und Verläumdung, und die Folge war, daß Seraphin aufs Neue Schläge bekam, und ein Dieb am Herrn gescholten wurde. – Seinen neuen Grundsätzen getreu, war ferner der junge Plaschur trotzig und ungeschlacht mit dem jungen Weibervolk geworden, und jene Dirnen, die früherhin den hübschen Knaben wohlmeinend gehätschelt und belobt, fingen an, ihm mit aller möglichen Tücke und Geringschätzung seine rauhe Abneigung zu vergelten. Lügen aller Art kamen über den Armen in Umlauf. Er wußte von den meisten derselben nicht ein Wort, aber täglich mehr stand er vereinzelt da, und die Meinung fing im Dorfe an, sich festzusetzen: der Seraphin sey halt seines nichtsnutzigen Vaters allerähnlichster Sohn, und von bösem Gemüth, wie jener. Nur der Grödner allein hielt dem Knaben die Stange. 101 Mit allerhand geheimnißvollen Worten gab er zu verstehen, er sey in Botzen wegen seines Mündels auf die rechte Fährte gekommen. Derselbe sey wohl aus besserm Blute, als die Lenhards, und die Zeit würde hievon mancherlei lehren. Daneben hielt er jedoch den Knaben strenge zu seinen häuslichen Dienstleistungen an, und verhieß ihn im nächsten Jahre nach Meran in's neuerrichtete Gymnasium und zwar unter haarscharfer Aufsicht zu schicken. Diese Verheißung kam dem Weibe und dem Seraphin gleich ungelegen. Der letztere wollte und mochte nicht studiren; sein Sinn stand nach der Fremde. Die erstere bejammerte jeden Heller, den der Bube kosten sollte. Sie mißgönnte ihm das bischen Leben. Sie unterließ nicht, es ihm je länger je saurer zu machen, und die Gewalt dazu hatte sie vollauf, da in neuester Zeit der Krämer sich wenig um's Hauswesen bekümmerte, sondern vorzog, halbe Tage lang mit dem liebeskranken Wastl auf der Bank oder am Brunnenrande zu verkehren, unter dem Vorwande, den armen Schlucker durch vernünftiges Zureden auf bessere Gedanken zu bringen, in der That jedoch, um selber mit Muße in der Christine Fenster schauen zu können. Der gute Wastl ahnte freilich von dem heimlichen Nebenbuhler nicht das geringste; er litt nicht nur den pfiffigen Krämer in seiner Nachbarschaft, er wurde sogar gewissermaßen mit ihm eins, so wie hin und wieder ein geisteskranker Mensch sein eigen Ich in einer andern Person wiederfindet. Meinte der Grödner, die Sonne scheine ungewöhnlich warm, so wischte sich Wastl den Schweiß von der Stirne; beklagte sich der Grödner über Kälte, so schob der Wastl die Hände in seine Taschen. Sagte jener: »mich hungert«, so lief dieser zum Essen; rauchte jener seine Pfeife, so sagte dieser: »mein Taback ist vortrefflich«; kratzte jener sein linkes Bein, so sprach dieser: »mich beißt's auch noch am rechten Fuß.« 102 War gleich diese Selbstverwechslung sehr possierlich für den Grödner, für Christine, für das ganze Dorf, so mißfiel sie doch der Krämerin ganz und gar. Ihre neu erwachenden Leiden bannten sie in's Haus, sie konnte nicht mehr wie früher den Ehemann auf Schritt und Tritt verfolgen. Machte sie's ihm zu bunt im Hause, so salvirte er sich in's Freie, und wußte sich vor ihr sicher. Die gute Hälfte ihrer Herrschaft war eingebüßt, sie mußte sich's gestehen; aber wo einmal böses Blut in den Adern steckt, da ruht es nimmer, und die Bosheit nimmt zu in Einsamkeit und Ohnmacht. So hatte denn die Grödnerin einmal in Abwesenheit ihres Mannes ihren großen Rath um sich versammelt: die Rosa Stampferin und den Jäger Liebl. Die alte Jungfer Rosa hatte ihr wichtiges Gesicht mitgebracht, und saß wie eine aufgeblasene welsche Henne da, vollgestopft mit bedeutsamen Orakelsprüchen. Der Jäger war dagegen unbefangen und nicht vorbereitet auf das, was kommen sollte. Nachdem die Krämerin mit manchem Seufzer und Augenverdrehen vorausgeschickt, daß eine unglücklichere Frau als sie auf Erden nicht existire, redete sie von der Erkaltung ihres Mannes, von seiner Unbotmäßigkeit, und von den Ursachen, die etwa dieser gänzlichen Charakteränderung des Grödners zu Grunde liegen mochten. »Ich habe,« schloß das Weib den Vorbericht, »meine gute Freundin, die von allerhand geheimen Dingen weiß, inbrünstig gebeten, mit Fleiß nachzuforschen, woher das Uebel entstanden und wie es zu heben sey. Du, alter Freund, sollst zuhören und Deine Meinung dazu geben; daß einmal Fried' werde in meinem elenden Hauswesen.« – Der Jäger nickte, spöttisch lächelnd, die Stampferin räusperte sich, wischte die Nase und die Augen mit dem Aermel ab, und antwortete. »Der Grödner ist aus einem guten und gehorsamen Mann gleichsam ein Ruech, ein höllischer Teufel geworden. Warum? wollt ihr's wissen? 103 Der Maurerwastl hat ihn angesteckt. Der z'nichte Z'nicht seyn: im Kopf verwirrt seyn; wohl auch dann und wann: böse seyn von Natur. Mensch ist von einem bösen Geist besessen und der Geist ist eigentlich der Liebhaber der Christine, und bringt alle Leute um ihren Verstand, auf die sie's abgesehen hat; und die Verrücktheit steckt an, wie's Fieber oder die Blattern. Ich hätte nun wohl dem Unsinnigen helfen können, denn ich weiß ein gutes Trankl gegen solche Zustände, und ein geweihtes Pulver wär' auch nicht aus. Aber der Wastl hat nichts von mir annehmen wollen, und seine Leute sind halbe Unchristen, die nichts glauben. Nun, 's ist genug, daß auch an ihrem Haus das Andreas-Kreuz steht Das Andreaskreuz am Hause haben . Man sieht in der That noch heutzutage dergleichen Kreuze an manchen Häusern in Vintschgauischen Gemeinden. Die Sage will, daß zur Zeit der Engadinerkriege die Anhänger der einfallenden Schweizer jene Kreuze an ihren Wohnungen angebracht hätten, um den Feinden anzudeuten, wo ihre Freunde hausen. , daß Gott erbarm'! – Nun, der Grödner ist nicht wenig vom selben Schlag; er wird auch vom Satan nichts glauben, bis er ihn einmal selber sieht!« Der Jäger schlug plötzlich auf den Tisch, und rief mit verzerrten Mienen: »Halt's Maul, Stampferin. Red' nicht so dumm. Weißt Du nicht, daß man den Teufel nicht an die Wand malen soll?« Dabei sah er sich um, als säße der Schwarze neben ihm auf der Bank. Rosa und die Krämerin waren schlimm erschrocken; doch kamen dergleichen Aufloderungen den alten gefürchteten Grießgram nicht selten an, und man getraute sich nicht, dieselben zu wiederlegen. Rosa begnügte sich daher, ein begütigendes »Nun, nun« zu erwiedern, und fuhr in ihrer Rede fort: »Mit Ansprache und Vernunft ist also, wie ich glaube, bei dem Grödner nichts zu richten, denn er ist eigentlich behext. Worinnen sitzt jedoch der böse Samen? Wie kann man wohl verhindern, daß er sein Hauswesen zu Grunde richte und sein armes Weib? Ich hab' alles wohl überlegt, und hab' mich nicht gescheut, darüber eine kleine Kunst zu machen, die ich von meiner Mutter selig gelernt habe. Da ist nun nach drei- und neunmaliger Probe herausgekommen, daß Alles wieder in's alte Gleis kommen werde, wenn erstens die 104 Grödnerin ihre Gesundheit wieder erlangt, und wenn zweitens ihre Ehe abermals mit einem Kindlein gesegnet wird.« Der Jäger schnitt ein sehr ungläubiges Gesicht, und die Grödnerin seufzte eben so ungläubig. Um so eifriger wandte sich die Stampferin zur Freundin, mit Vorwurf und Ermunterung: »Ach mein, ach mein, liebe Frau, geberde Dich nicht verzagt und verzweifelnd. Gottes Barmherzigkeit ist groß. Man muß sie nur beim rechten Ende anfassen. Vertraue Dich mir an; ich hab' wohl schon Andern geholfen. Laß die Bader und Doktors schmieren und salben rechts und links, und wirf Dich in meine Arme. Ehe wieder der Langets kommt, sollst Du frisch und gesund sein, wie die Forelle im Reschensee Reschen-, Graun- und Haidersee: drei fischreiche Seen zwischen Nauders und Burgeis. . Du wirst blühen und gedeihen, ich will's schon machen, und alsdann ist's bis zu einem kleinen Buben nicht weit. Gib acht, wie der Grödner Dich hernach auf den Händen tragen wird! Aber . . . . aber . . . . noch etwas muß zuvor geschehen, sonst hilft die Gesundheit nicht, und nicht das herzlichste Vertrauen.« – »Was denn? geschwinde Rosa!« fragte die Grödnerin begierig und eben so hoffnungsreich, als sie vor einer Minute arm an Muth gewesen war. Die Stampferin öffnete die Augen weit, rümpfte die Nase, wie sie gewöhnlich that, wenn etwas recht Außerordentliches aus ihrem Munde kommen sollte, agirte feierlichst mit beiden Händen, und sprach langsam: »Es ist Jemand in eurem Hause, dessen Anwesenheit ein Gift für euer Glück und ein Nagel zu Deinem Sarge. Ich sage nicht, wer, ich will's nicht wissen; aber drei- und neunmal hat meine Kunst den unglückbringenden Menschen bezeichnet. Bevor nicht derselbe aus dem Wege geräumt worden, ist alle Hoffnung umsonst. Aber eine jede Erwartung wird befriedigt seyn, wenn der heimliche Drach' bei Seite geschafft wurde. Sieh jetzt zu mit 105 offenen Augen, Grödnerin, und handle unverzagt; Du hilfst Dir damit selber zu Kraft und Wohlseyn. Rechne aber dabei nur auf Dich selber, hoffe nicht auf eine Hilfe Deines Mannes. Behexte und verderbte Leute sträuben sich, die Ursach' ihres Elendes abzuthun. Wäre einmal der schwerste Stein gehoben, dann ist alles Uebrige nur Kinderspiel, und ich, Rosa Stampferin, stehe Dir mit meiner ganzen Lebenszeit für die Wiederherstellung Deines Glücks. – Nun aber muß ich mich schon beurlauben. Die Strassersleute haben ein krankes Roß, dem Schmied und Wasenmeister nicht haben helfen können. Sie haben am End' zu mir geschickt, und ich will bald sehen, ob ich gescheider bin, als die Dummköpfe von Viehdoktoren. Du mein Gott! an die Rosa Stampferin kommt doch immer am End' die Reihe!« – Nachdem die Nothhelferin hinweggegangen, sah die Grödnerin den Jäger lang an, und fragte: »Was sagst Du zu der Rosa Bescheid?« – Der alte Liebl wiegte den Kopf hin und her, erwiedernd: »Wer daran glaubt, ist selig. Laß mich aus mit dem Taas , den die Alte vorgebracht hat.« – »Nun, ich glaub' hast einmal an die Stampferin,« sagte die Grödnerin eigensinnig und giftig: »sie hat immer Recht in Allem, was sie angreift, und sie weiß Sachen, von denen Andere gar nichts merken.« – »Zwegen meiner,« brummte der Jäger, stand auf und hing sein Gewehr um. Seine Gleichgültigkeit verdroß das Weib. Sie fragte spitz: »Gehst Du schon, ohne mir einen Rath da zu lassen?« – »Hast ja schon Dir selber gerathen? was brauchst noch mich?« – »Freilich brauch' ich Dich. Weißt Du, wer derjenige böse Geist ist, der meinen Mann unsinnig und schlecht macht? Der Bub', der Seraphin ist's, und mein Mann ist des Buben Vater, ich laß mir's nicht nehmen, und ich will ihn nicht mehr leiden, und fort soll er mir, und Du sollst und mußt mir dabei helfen.« – »Meinst Du?« – 106 »Du hast mir's schon versprochen, Liebl.« – »Ja, das hab' ich, denn wo 'ne Weiberzunge bittet und bettelt, sagt ein dummes und schwaches Mannsbild nur gar zu bald »Ja« und »Meinetwegen« . . . . aber ich hab' mir's überlegt, und – weißt Du wohl, Du? – es geht gegen das Gewissen, was Du von mir gewollt hast.« – »Gegen das Gewissen, wo es um meine Gesundheit, mein Glück und Leben geht?« schluchzte das Weib. – »Warum hast Du nach der Branntweingeschichte Deinem Mann nicht besser eingeheitzt?« fragte der Jäger; »ich hatte das so gut ausgedacht. Mein Lex ist ein Teufelsbub, ein rechter Radlführer, wenn's einen Schwank gilt. Er hat seine Sachen brav gemacht, und hättest Du Deine Schuldigkeit gethan, so wär' der Bub' schon dazumal aus dem Haus gesprungen.« – »Du kennst den Grödner nicht,« sagte wieder das Weib; »er ist wie das Blatt am Baum, läßt sich hin und her wehen. Es hat Alles nicht geholfen; ich bin um meinen Enzian, und der Donnerbub' ist noch im Haus, und mein Mann läuft außer'm Haus den Dirnen nach.« – »Es thut Dir vielleicht um den Enzian mehr leid, als um alles Uebrige,« spottete der Jäger. Worauf die Frau mit entschiedener Drohung: »Ich will Dir sagen, warum mir leid ist: um die vielen Gutthaten, die ich Dir noch hätte zuwenden können, wenn Du mir den Gefallen thätest, und die ich jetzt sein bleiben lassen werde. Verstehst Du mich? Du hast mir zu einer guten Heirath verholfen, und darum hab' ich Dich immer unterstützt; aber mit durch Deine Schuld ist mein Stern und Glück dahin, und jetzt behalt' ich mein bissel Gut für mich selber. Weißt Du's? Magst hernach schauen, wie Du mit Deiner Wirthschaft auskommst.« Die Grödnerin drehte ihrem ehemaligen Schatz im Zorn den Rücken zu. Der Jäger stand eine Weile unschlüssig. Mancherlei Vortheile, die er in der That bisher genossen, waren auf dem Punkt, zu Wasser zu 107 werden. Liebl strich sich den Schnauzbart hin und her, kämpfte ein bischen mit sich selber; alsdann klopfte er der Grödnerin auf die Schulter: »Du,« sagte er, »'s steht Dir nicht schön, wenn Du Kopf machst Kopfmachen: schmollen. Mocken: dasselbe. . Sey nur zufrieden. Ich will schon sehen. Heut' über acht Tage gehe ich auf die Gemsen. Schick' mir den Buben nach Schleiß hinüber. Der Häuter hat mir freilich gar nichts zu leid gethan, . . . . aber Dir zu Gefallen . . . . überleg's indessen noch ein wenig . . . . des Menschen Sinn ist veränderlich . . . . geh' fein zur Kirche, ehe Du mir den Buben zuschickst, hörst Du?« – Die Grödnerin lachte ihn an mit einem zornheitern, boshaft siegreichen Angesicht. Indem sie nachdrücklich auf den Tisch klopfte, sagte sie: »Los', das sind nur Faxen von Deiner Seite. Du hast, wie sie sagen. noch gar viel Anderes gethan, als ich von Dir verlange. Ich hab' aber in Gottesnamen keine Wahl zwischen dem Buben und meinem eigenen Leben. Du hast gehört, was die Stampferin gesagt hat. So lang der kleine Drachensohn nur mit einem Strohalm noch an dem Grödner und meinem Hause hängt, hab' ich nicht Gesundheit und nicht Frieden zu erwarten. Zudem ist er mir verhaßt, und ich wüßte gar nicht, warum ich mich selber nicht lieber haben sollte, als den hinter der Hecke Gebornen. Heut' über acht Tage schick' ich Dir den Unglücksvogel. Behüt' Dich Gott, Liebl, und halt' Wort!« Seraphin ahnte nicht das mindeste von den wider ihn angezettelten Verschwörungen. Der Geist der Geduld und Versöhnlichkeit hatte in ihm die Oberhand gewonnen. Er setzte voraus, daß die Grödnerin unmöglich einen so unbezwinglichen Widerwillen gegen ihn gefaßt haben würde, wenn nicht er selber einen Anlaß dazu gegeben hätte. Daher bewies er sich, aller Kränkungen ungeachtet, gehorsam, zahm, sogar zuvorkommend. Dem Grödner zu gefallen, rechnete er fleißig, und schrieb, und 108 plagte sich mit dem Kram von tausend Artikeln. Er hatte einsehen gelernt, daß die Freigebigkeit auf Kosten des Herrn nicht statthaft sey, daß auch nicht nöthig, dem weiblichen Geschlechte ungeschliffen zu begegnen, um sich von ihm entfernt zu halten. Darum machte er sich manierlich, und wenn ihm dann und wann die Last und Plage zu arg werden wollte, so lief er auf ein paar Minuten zum Grabe seiner Mutter und Schwester, und die lieben Gestorbenen flüsterten ihm aus dem kahlen Hügel in's Ohr: »Hab' Geduld, Geduld; wir im Himmel werden Dich nicht verlassen.« Indessen war hauptsächlich seiner guten Vorsätze und seiner Geduld Stütze und Stab die Hoffnung auf den Jugendfreund. Seraphin sah mit täglich wachsender Sehnsucht einem Brief seines lieben Walt entgegen. Aber der Brief zögerte immer. Das Jahr stand schon wacker im letzten Viertel; das Vieh wurde von der Alpe heimgetrieben, nach überaus langem schönen Nachsommer. Der Heimfahrttag war ein Tag des Jubels für's ganze Dorf. Von Schellenklang und Jucheyen wiederhallte das Thal. Die Hauptkühe zogen stolz an der Spitze ihres gehörnten Gefolges heim, die Senner, ihre Hüte verziert mit Edelweiß und andern Alpenblumen, die von der Jahrszeit verschont geblieben, prangten daher in ihren schönsten Kleidern und Hemden, mit glänzenden Hosenträgern und Halstücheln, mit flatternden Bändern und nickenden Sträußern. Die Straßen zum Dorfe und darinnen wimmelten von zulaufendem Volk, das sein Vieh gleichsam im Triumph nach Hause brachte, oder den Sennern fröhlich entgegenjubelte mit trockenem oder nassem Munde, mit nüchternem Handschlag, oder tanzend, die Weinkanne im Arm. – Seraphin stand auf der Schwelle des Grödners, wie andere Leute auf der ihrigen, und schaute mit jugendlicher Neubegier dem Segen des Landes entgegen. Und wie er so da stand, und die bunten 109 Thiere zählte, und wie er in seiner geheimsten Gehirnkammer den Wunsch erschuf, einmal reich zu werden an Rinder- und Ziegenreichthum und enthoben zu seyn des langweiligen Gymnasiums, womit ihn der Grödner zu Zeiten bedrohte, bemerkte Seraphin ganz zu Ende des Alpenheimfahrtzugs eine Erscheinung, die ihn plötzlich in Anspruch nahm, und von dem Schauspiel des Tags ganz ablenkte: einen Reiter nämlich, der unwillig genug dem Schwarm des Rindviehs den Vorrang lassen mußte, und nur mühsam nach und nach sich hindurchkämpfte. Der Reiter war aber ein Postknecht und derselbe, der wöchentlich einmal oder zweimal, wenn's hoch kam, von Landeck und Nauders die Briefe spedirte, die in's Vintschgau und Etschland bestimmt waren. Dieser Mann kam heute dem Seraphin so eilig vor, . . . . in seinem Auge lag, wie der Knabe meinte, eine solche Ungeduld, daß sie sich nur durch eine höchst wichtige Depesche erklären ließ, und wer in ganz Burgeis erwartete wohl den wichtigsten Brief? »In dem Felleisen des Postreiters steckt dieser Brief,« sagte sich der hoffnungsreiche, »und auf dem Brief wird stehen: An Seraphin Plaschur, und der Walt hat ihn geschrieben. Darum flink zum Kreuzwirthshause, das Papier alsobald in Empfang zu nehmen!« – Wie ein Blitzstrahl fuhr der Knabe durch die Menschenmenge und das blöckende und mäckernde Vieh, kroch wie ein Aal zwischen den Beinen der vor dem weißen Kreuz müßig aufgestellten Trinkgäste hindurch in's Haus und paßte auf mit unruhigem Herzen und unstät umherschießenden Blicken. Der Postknecht stolperte endlich heran; schwerfällig langte er ein kleines Paket aus seinem Felleisen in's Haus. Der Wirth, der die Briefe in Dorf und Gegend zu besorgen hatte, bezahlte den Knecht, öffnete den Pack, mehrere Briefe fielen heraus. Der Wirth rief einen seiner Söhne: »Heda, trag' schnell die Briefe aus; zwei Stück an den gnädigen Herrn Rentmeister, diesen 110 einen großen an den Herrn Prälaten Johannes Murr im Kloster, den kleinen an den Bader, den da endlich, siehst Du, an den Vitus Holzer . . . . und . . . .« Seraphin, unter des Wirths Arm durchschauend, sah und hörte zu voll banger Erwartung – »und,« fuhr der Wirth fort, »und damit basta. Das Ganze macht einen Gulden fünfundzwanzig Kreuzer, und – was ich sagen will – borge dem Vitus und dem Bader nicht. Man kömmt bei den Leuten später so schwer zum Gelde und der Vitus hat ohnehin des Geldes nicht allzuviel.« – Der Sohn ging mit den Briefen fort. Seraphin, erstarrt und verdutzt, konnte nicht begreifen, warum der Wirth nicht auch für ihn ein Schreiben hergegeben. »Du, wo ist denn mein Brief?« fragte er, den Mann am Aermel zupfend. Der Wirth begriff lange nicht, was er wollte. Da aber die bereits von Seraphin halb in's Vertrauen gezogene Wirthin dazu kam, erklärte sie leicht des Knaben Angst und Hoffnung. »Er wird schon kommen, Du armer Narr,« sagte sie, Seraphins Haar glatt streichend: »er wird schon kommen, der Brief. Hab' nur Geduld, morgen ist auch ein Tag.« Morgen war freilich ein Tag, aber nicht der Posttag. Dieses wissend, lief Seraphin zum alten Holzer und fragte nach. Vitus war außer sich – nicht vor Freude über die glückliche Ankunft seines Aeltesten in Augsburg, aber wohl vor Aerger und Verdruß über den Siebenzehner, den der Brief gekostet. Es war nicht viel Gescheidtes aus dem Manne zu bringen. Die besonnenere Mutter des Oswald berichtete dafür dem Frager, daß ein Gruß an denselben im Briefe stehe, aber weiter nichts. »Ein Gruß und weiter nichts!« wiederholte Seraphin wohl fünfzigmal, gesenkten Hauptes nach Hause schleichend; »und morgen ist kein Posttag! Wie soll ich acht Tage überdauern, ohne zu vergehen vor Ungeduld und Furcht?« – Nun hob auch in der That ein 111 wahres Fieber der Sehnsucht an, den jungen Menschen zu plagen. Sein goldner Schlummer war dahin. Wo er ging und stand, sah er eine gelbe Postjacke wie ein Gespenst um ihn hergaukeln. So oft er die Augen zumachte, und etwas einduselte, meinte er, einen mächtigen Brief in der Hand zu halten. Aufgewacht fand er immer sich betrogen. Zugleich quälte ihn eine neue Angst. »Wo nehm' ich einen Siebenzehner für den Brief her?« fragte er sich: »der Wirth borgt nicht, und der Grödner darf nichts vom Brief wissen.« Gerade an dem Tag, der kein Posttag war, . . . horch, was trabt so rüstig durch's Dorf? was bedeuten die schmetternden Töne des Posthorns, die in der Straße gellen? Seraphin fährt auf aus dumpfem Brüten. Was kann's seyn, als ein Brief von Oswald?« fragt er neu belebt, und zürnt dem spektakelnden Postknecht, der sein Geheimniß so pflichtvergessen in die Welt trompetet. Abermals läuft er dem Wirthshause zu, streckt schon von fern die Hand aus, um nach dem ersehnten Papier zu greifen . . . . ach, wieder vergebens ist seine Freude, seine Zuversicht ist abermals getäuscht. Der gelbe Reiter bringt die Botschaft vom Frieden! Der Kaiser hat Frieden gemacht. Friede! Friede! das Zauberwort fliegt von Mund zu Mund, schneller als das Pferd des Boten weiter gen Mals und Schlanders rennt. Die Bauern jauchzen, sie umarmen sich auf der offenen Gasse, sie schreien ein Vivat nach dem andern dem geliebten Kaiser. Und Seraphin . . . . kehrt wieder entmuthigt, niedergeschlagen und trostlos heim. Was geht ihn der Friede, was der Kaiser an? Ein Brief von Walt wär' ihm theurer als ein hundertjähriger Friede in der Christenheit; – aber der Brief bleibt aus, und kein Gebet hilft, und die Unruhe des Wartenden steigert sich immer mehr. Am nächsten Tage – es ist ein feuchtes regnerisches Wetter – die grauen Nebelmäntel hängen dick und näßlich 112 über den Bergen – bildet sich Seraphin ein, es müsse die Post kommen, . . . . sie sey schon auf dem Wege . . . . er sieht im Geiste, als wie in weiter Ferne, den vorwärts strebenden Reiter! Dem ungestümen Drängen seiner Phantasie gehorchend, eilt er der Post entgegen, die Haide hinan, bis zur Hochbrücke, wo das Gericht von Nauders anhebt. Ach, wiederum vergebens hat er seine Beine, seine Augen angestrengt. Schon ist der Abend da, und nirgends ein Pferd zu sehen, nur hie und da vereinzelte Wanderer, die vor dem drohenden Regenschauer einem gastlichen Dach entgegen ziehen. Seraphin muß umkehren, umnebelt von dem Grauen des Herbstabends und von abergläubischer Furcht; denn an jener Brücke wandelt zur Nachtzeit der furchtbare Lork von Nauders, ein gespenstiger Spuck, dessen Gestalt einem Heuschober ähnelt, mit Augen, die da leuchten wie ungeheure Laternen. Seraphin flieht das Revier des Kobolds, aber die Haide hinab, zur Rechten, zur Linken, am Bette der sausenden Etsch, an den aufsteigenden Wänden des Thals flattern und tauchen Flammen auf und nieder: die berüchtigten feurigen Mandln, die Gespenster der unglücklichen Streiter, die auf der Malserhaide Die Malserhaide: Auf derselben wurde die blutige Schlacht (1499) geschlagen, die Tausenden von Tirolern und Schweizern das Leben kostete, und worinnen die erstern, eines bessern Looses würdig, überwunden wurden. gefallen sind in der ewig denkwürdigen Schlacht. – Gehetzt wie ein Wild, kommt Seraphin zurück in's Haus, wo neue Vorwürfe und Mißhandlungen ihn erwarten, und kriecht, erschöpft vom Lauf und von der Züchtigung, in sein elendes Bett, das er alsdann mehrere Tage nicht verlassen kann, gemartert von schmerzlicher Krankheit, die seiner Einbildungskraft regelloses Walten über den ermüdeten Körper verbreitet hat. – Aber manchmal sind auch Krankheiten Geschenke einer barmherzigen Vorsehung; öfters verhütet ein vorübergehendes Uebel das drohendere Unheil, und der Kampf, den die ungeschwächte Natur muthig ausficht, erobert nicht selten dem Körper und Geist ein beneidenswerthes Gleichgewicht. – Seraphin genaß, und zwar so 113 vollkommen, als ein junger Bursche zu genesen vermag. Er hatte das Verdienst diese Genesung ganz allein sich selber zuzurechnen; denn der Bader hatte ihn behandelt wie ein Pferd, das man auf Tod und Leben traktirt, und die Grödnerin hatte es an der strengsten Vernachläßigung nicht fehlen lassen. Seraphin war auch während der Heilung ein ganz anderer Mensch geworden. Die stürmische Jast in seinem Blute hatte sich gelegt, sein Kopf hatte sich klar gemacht. Die paar Tage der heroischen Krankheit schienen ihn um eben so viele Jahre an Besonnenheit und Verstand weiter gebracht zu haben. Er wußte sich auf einmal in den finstern Tyrannen des Menschenlebens, in's Unvermeidliche zu finden; er grämte sich nicht mehr ab um des Augsburger Briefs willen, der durchaus nicht kam; er grübelte nicht mehr nach den Ursachen der Feindschaft, die ihm die Grödnerin erwies, statt der Pflege. Seine Ergebung in die Dinge, wie sie einmal bestanden, war nicht mehr Schwäche und ängstliche Schweigsamkeit; der Knabe stand erhaben über seiner Sklaverei, und kalten Bluts begann er zu berechnen, wie lange sie noch dauern müsse , wie bald er sich ihr entziehen würde können. – Getrost sagte er sich Morgens beim Erwachen, Abends vor dem Einschlafen: »Den Winter hindurch ist's klug, noch auszuhalten; wenn aber einmal die Blumen aus dem Schnee brechen und die Lerchen in hoher Luft singen, wollen wir's schon anders machen, so Gott will.« Und dieser Hoffnung gläubig hingegeben, that er, was ihm geheißen wurde, ohne Murren, und überhörte alle Spottreden, die von diesem oder jenem gegen den »wilden Prinzen« des Grödners vorgebracht wurden. – »Unkraut verdirbt nicht!« sagte wohl zehnmal im Tage die Krämerin, auf den Knaben zeigend, dessen frisch aufblühende Wangen der Hoffnung spotteten, die jene sich auf seinen Tod gemacht hatte. 114 »Du wirst sehen, aus dem Buben wird noch etwas Rechtes,« erwiederte dann wohl der Grödner, und lächelte dabei, wie Einer, der um ein wichtiges Geheimniß weiß. Die Frau ärgerte sich dann gelb und grün; aber Seraphin blieb kalt bei ihrer Galle, wie bei des Grödners räthselhaften Sprüchen. »Freilich,« lachte er in sich hinein, »will ich schon noch was Besseres werden, als er glaubt und sie fürchtet; aber wohl auf eine andere Weise, und nicht als ein »wilder Prinz.« Denn meine Mutter ist ehrlich gewesen, und ich bin gewiß und wahrhaftig meines Vaters Lenhard Sohn, und das ist mein Evangelium. Mögen sie reden, was sie wollen; ich werd' schon einmal thun, was mir gefällt.« Du sagte eines Tags – schon hatte sich der Winter leise eingestellt – die Grödnerin zum Knaben: »Ich hab' dem Liebl lang versprochen, ihm Kugeln und Schrot zu schicken. Deine dumme Krankheit hat's aufgeschoben. Geh' heut nach dem Essen nach Schleiß, und trag dem Jäger den Sack in's Haus.« – »Kann schon seyn,« antwortete Seraphin kaltblütig, verzehrte sein schmal zugeschnittenes Mahl, und trollte davon, die kleine Last auf dem Rücken. Das Wetter war hübsch kalt, der Wind ruhte, der Pfad war grieselich bestreut mit dünnem Schnee, die Pfützen und Bachrunsen waren überfroren. Seraphin schritt und glitschte munter dahin, schaute wohlgemuth an der Fürstenburg empor, und seufzte mit stillem Herzensdank: »Gottlob, daß die Buben des gnädigen Herrn nach Chur gekommen sind, um was zu lernen; so hab' ich doch nicht nöthig, wie ein Maulaff mit ihnen herum zu ziehen, und dem langweiligen Instruktor nachzubeten. Sie haben bald gemerkt, daß ich nicht eigentlich für sie taugte. Ich denke auch, der gnädige Herr hat mich nur anfangs als ein Spielzeug kommen lassen, und ist selber meiner bald satt geworden. Desto besser, desto besser!« – Und der Knabe pfiff und sang, und schliff weiter und 115 weiter auf den Eisbahnen, die nicht selten den Weg durchschnitten. In dem Dorfe angelangt, sucht er des Jägers Wohnung. Der Alte hatte eine Stube und Kammer bei einem Bauer zur Miethe genommen. »Wenn ich den Lex antreffe?« fragte sich Seraphin mit einiger Besorgniß. Alsobald faßte er sich jedoch, schaute auf seine während des Fiebers stark aufgeschossenen Gliedmaßen, denen Wamms und Beinkleider ziemlich zu kurz und eng geworden waren, und schnalzte, auf Alles vorbereitet, muthwillig mit der Zunge. »Der Lex wird mich jetzt nicht mehr fressen!« sagte er herzhaft und tappte ohne alle Beklemmung in des Jägers Stube. Ach, wie heimelich war ihm darinnen zu Muthe! Am Fensterchen saß des Jägers zweite Frau, ein junges Weib mit einnehmenden Zügen, und spann fleißig. Zu ihren Füßen, neben einem Schemel, kauerte ein kleines Mädchen, Liebl's jüngstes Kind, und zupfte Wolle. Seraphin glaubte einen Augenblick, seiner frischlebendigen Mutter, seiner kleinen Anne gegenüber zu stehen. Das Weib erwiederte seinen Gruß mit freundlicher Stimme und fragte nach seinem Begehr. Schon lange hatte der arme Bursche eine freundliche Weiberstimme nicht vernommen, schon lange nicht in milde Augen geblickt. Er fragte sich selber ganz leise, ob dieses Gemach in der That des gefürchteten Liebl Wohnung sey? Die größte Sauberkeit herrschte an den Wänden, auf dem Fußboden; der Ofen war gut erwärmt, Weib und Kind wohl gekleidet, die Flinte über'm Bett blankgeputzt, der Hund des Jägers glattgestriegelt. Seraphin hatte gefürchtet, in der Behausung des alten Hexenmeisters über Todtengebein zu stolpern, grimmige Katzen auf dem Sims gelagert zu finden, und in jedem Winkel nur Moder und Graus und blutige Waffen. 116 »Wo ist der Jäger?« . . . . fragte er, verzagt ob seiner Täuschung. »Drinnen!« hieß die Antwort des Weibes, das nach der Kammer deutete, »mußt aber warten. Er betet.« – »Er betet?« wiederholte Seraphin staunend, und blieb auf seinem Fleck wie angenagelt, betrachtend bald die heitere Gruppe von Mutter und Kind, bald den ausgestopften Steinmarder über der Thüre, und das schöngefaßte Kruzifix über dem handgroßen, aber krystallreinen Spiegel. Es trat ihm das Wasser in die Augen. »Mutter und Schwester am Leben, ein Stübel, so traulich wie dieses, und genug zu essen und zu trinken . . . . wer auf Erden wär wohl glücklicher als ich?« Dieser Gedanke erfüllte die Seele des Knaben, und er gab nur dürftigen Bescheid mit Worten auf die ausfragenden Anreden der Jägerfrau, die an Neugier keiner andern etwas nachgab, wenn sie schon an Herzensgüte vor Tausenden viel voraus hatte. – Mittlerweile gab's Geräusch in der Kammer; mit dem Rosenkranz in der Hand trat der Jäger in die Stube. Das wetterzerfurchte Antlitz des Mannes hatte in diesem Momente einen Abglanz von höherer Weihe. Das Gepräge dreister Verwegenheit war darauf gemildert; in den Iltisaugen spiegelte etwas wie feuchte Zerknirschung. Man sah ihm an, daß der Mann ernsthaft mit seinem Gott geredet. Betroffen schaute er den Kugelträger von Kopf zu Füßen an. »Was? he, Du? Du bist noch am Leben?« – »Ja freilich, Jäger. Die Frau schickt mich . . . .« – »Die Frau hat Dich zum Teufel geschickt, als ich's letztemal mit ihr geredet. Sie hätte auf Deinen Tod das Abendmahl genommen.« – Seraphin zuckte die Achseln: »Ich kann nicht dafür, daß ich nicht gestorben bin.« – »Du kannst dafür, dummer Bube, Du kannst dafür. Wer nicht dafür kann, ist die Grödnerin.« – »Meinetwegen. Da ist der Sack, und lebt wohl alle miteinander.« – »Halt, Seraphin. Laß Dir sagen: richte der Grödnerin einen 117 Gruß aus, und ich ließe sie fragen, ob sie denn noch nicht zu Verstand gekommen sey?« – »Das mögt Ihr selber ausrichten; mein Rücken will Ruhe haben.«– »Hast Recht; so sag' ihr denn: es sey die Gemsenzeit vorüber; der Berg und Fels hänge voll von Eis und Schneeschildern. Es sey jetzt kein Wetter mehr, zu den Fernern aufzuklimmen. Sie hätte das verpaßt. Zudem sey Freitag, hörst Du? Freitag, und am Freitag rühre der Liebl keine Flinte an.« Der Jäger unterbrach sich hier selber ein paar Athemzüge lang, mit einem Gesichte, als ob ein gewaltiger Schmerz seine ganze Gestalt von der Zehe bis zum Wirbel durchschütterte. Das Weib betrachtete ihn ängstlich, aber bald glich sich der qualvolle Zustand im Jäger aus, und er setzte seinen Worten bei: »Sie muß warten bis auf gelegenere Zeit, wenn sie etwas von mir will. Für Kugeln und Schrot werd' ich mich selbst bedanken.« Die sonderbaren Reden des Liebl begleiteten den Knaben auf der Heimkehr, wie eben so viele unbekannte Leute, deren Namen und Herkunft er gern hätte wissen mögen. »Ein kurioser Mensch!« murmelte er in einem fort, und daneben trug er in seinem Kopfe das Bild von dem stillen reinlichen Haushalt des Jägers mit hinweg, und konnte nimmer und nimmer begreifen, wie der verrufene Waidgesell zur gottseligen Andacht und zu einem so wonnevollen Frieden im Hause gekommen. Bei der Grödnerin war freilich wieder ein anderer Tanz. »Du bist schon wieder da?« fragte sie den Knaben verwundert; und als er ihr gemeldet, was ihm der Jäger aufgetragen, zerschlug sie im aufschäumenden Zorn ein paar Töpfe, und wetterte dabei: »Freitag, Freitag! was hat der falsche Dieb mit dem Freitag zu thun? Wart, wart, Liebl! aber ich muß mir schon selbst helfen!« – »Sie hat schon wieder ihren Streich,« meinte Seraphin, und ließ sie brummen und poltern nach Herzenslust. 118 Nun hob für's ganze Land eine lange Reihe übler Tage an. Der grelle Winter trat plötzlich in seinem vollen Schneepanzer aus den Gebirgen in's Thal. Wer je einen scharfen Vintschgauer Winter erlebt hat, weiß davon zu erzählen. Die kurzen Tage des trübseligen Advents trugen das ihrige zum allgemeinen Ungemach bei. War eine lange Nacht vorüber, so kam ein trauriges Zwielicht, indem das dichteste Schneegestöber den Morgen und Mittag verdunkelte. Und kaum war der Mittag vorbei, so stellte sich wieder die Finsterniß ein. Lange Eiszapfen schoßen an den Dächern an, wenn der Schneefall etwas nachließ, die Etsch schob sich unter Eiskrusten fort, daß nur eine schmale Rinne für den tobenden Fluß als offene Bahn übrig blieb. Der Haiden-, Graun- und Reschensee fror zu, und die Bewohner der drei Gemeinden schafften die stärksten Holzlasten aus den Bergforsten schnurgerade über die Seen in ihre Häuser. Auf diese Eismassen fiel wieder und abermals und immer von neuem Schnee, so daß er in den Dörfern aufgethürmt lag gleich hohen Mauern, und nur zu oft den Eingang in die Wohnungen wild verrammelte. Es wurde zu gewissen Zeiten eine schwere Aufgabe, von Burgeis nach Mals oder nach Haid die verhältnißmäßig kurze Strecke zurückzulegen. Die Seitenthäler waren vom Verkehr der Landstraße ganz und gar abgeschnitten, aber auch im Hauptthal kostete es die höchste Anstrengung, eine Verbindung unter den Ortschaften zu erhalten. Es war keineswegs lustig, die Haide zu durchstreifen, mochte es hell oder finster am Himmel seyn. Die Straße war von den Feldern nicht zu unterscheiden, überdeckt von Schnee; der Rauch (Nebel), der den Reisenden blind macht, stieg von der Etsch auf, von den Bergen hernieder; der rasende Nordostwind, der über die Multen – eine ungeheure Wiesenbreite auf dem linken Ufer des Flusses – beinahe unaufhörlich in's Thal stürmte, oder von Nauders herab die Haide fegte, stürzte die 119 Schneestangen um, wehte den Schnee in dichten breiten Wolken hernieder, daß er die Stellen verschüttete, wo des Menschen Fuß zu wandeln pflegt. Vor dem Heulen dieses andauernden Sturmes verstummten selbst die hungrigen Wölfe, die sich, vereinzelt, von Noth getrieben, aus dem Hochgebirge in das Land geflüchtet hatten. Jenes entsetzliche Windbrausen wurde nur unterbrochen von dem Krachen der gefrornen Seen und von dem seltsamen Gestöhne ihrer gefesselten Fluthen, oder vom Fall und Niedersturz der Schneeschilder, die ihre eigene Schwere von den Felsen riß, oder von dem Wuthgeprassel, womit die Etsch von Zeit zu Zeit ihre Eishülle sprengte, und in Trümmerblöcken weit in's Ufergelände hineinschleuderte. Kein Sonnenstrahl brach durch die finster durcheinander wirbelnden Gewölke. Des Himmels Decke schien bis auf der Berge Gürtel gesunken zu seyn, und schüttelte weißer Flocken eine Menge nieder und konnte kaum damit fertig werden, oder wechselte ab mit tüchtigem Regen, der Berg und Thal mit Eisblattern überschoß, oder drückte eine Kälte, die das Herz hätte erstarren mögen, auf Land und Leute herab. Der Frost spaltete dann Bäume und Steine, tödtete die wenigen Vögel in der Luft, und sobald er wich, regierte wieder die Windsbraut, sprühte der Schnee. – Es war recht traurig, daß neben der scharfen Winterplage auch die Noth und der blasse Mangel in den Hütten der ärmern Leute einriß. Unter diesen Umständen kam der Weihnachtabend heran. Die festliche Zeit wurde im Grödnerhause durchaus nicht mit den Vorbereitungen begrüßt, die in wohlhabenden Wirthschaften stattzufinden pflegten. Die Krämerin hatte seit einigen Tagen ein mürrisch-verschlossenes Wesen angenommen, sorgte kaum für Küche und Herd, stellte sich kränker als sie je gewesen, und legte sich zu Bette. Der Grödner ließ dießmal ihrem Geiz den vollen Lauf, mit dem Vorsatz, sich auswärts schadlos zu halten. 120 Er ertheilte dem Seraphin die Erlaubniß, der wohlgemeinten Einladung der Kreuzwirthin zu folgen, die ihm während der vorgeblichen Unpäßlichkeit der Grödnerin einen Platz an ihrem Gesindtisch angeboten hatte. Seraphin war munter und eßlustig bei dem Mittagsmahl erschienen, hatte mit vielem Appetit seinen Antheil an dem sogenannten Kästenbrei – eine dicke Suppe von Fisolen, Gerste und Kastanien – genossen, und sich die darauf folgenden Nocken trefflich schmecken lassen. Er war gerade auf einen Augenblick zum Krämer zurückgelaufen, um zu fragen, ob es nichts zu thun gäbe, und wollte ins Kreuz umkehren, die einfache Lustbarkeit nicht zu versäumen, womit die Stunden bis zur Christmette hingebracht werden – da beschied ihn die Krämerin an ihr Bett, und sprach zu ihm: »Nimm dieses Medizinglas und geh' nach Mals hinüber, und besorge, daß die Arznei bereitet werde. Der Bader soll nichts davon wissen. Verliere den Zettel nicht. Bis gegen Abend wird der Trank fertig seyn, und dann lauf' und bring' mir ihn geschwind.« Seraphin warf einen traurigen Blick durch's Fenster in das unheimlich drohende Gewölk, versuchte indessen keine Vorstellung bei dem grämlichen Weibe, und ging mit der Flasche im Sack davon. »Je geschwinder ich in die Apotheke komme, je geschwinder komme ich dann heim,« kalkulirte er bei sich selber; »ich will schon wieder zur rechten Zeit da seyn, um die Nüsse und den Wein nicht zu verpassen.« – Da er beim weißen Kreuz vorüberging, stand der alte Stachus Stachus: Diminutiv von Eustachius, wie Stasl von Anastasia, Mala von Amalie, Simele von Simon, Kölbl von Coloman u. s. w. unter der Thüre, und fragte: »Wohin, Seraphin?« Und als der Knecht alles vernommen, kopfschüttelte er und sprach weiter: »Wie kann nur das Weib in einem Wetter wie heut, einen Menschen auf die Straße hinausschicken? Bleib' da, Seraphin.« – »Was nicht etwa noch gar, Stachus? Ich möcht's nicht probiren. 's thut nichts, bin bald wieder da.« – »Hm, hm, Seraphin, 121 weißt Du wohl? es kommt ein abscheulicher Sturm. Ich versteh' mich auf die Witterung. Es sind schon Manche bei solchem Gewölk ausgegangen und nimmer wieder heimgekommen« – »Da wär' mir nichts lieber!« lachte der Knabe ungläubig; »'s wär' mir schon recht, wenn ich nicht umzukehren brauchte, aber das Wetter thut mir nichts. Leb' wohl, Stachus, und heb' mir ein paar Nussen auf, hörst Du?« Fort war er mit der Geschwindigkeit eines Pfeils. Bis vor die Brücke hinaus hatte es keine Noth. Draußen sah es jedoch bedenklicher aus. Der Schnee lag so tief, daß Seraphin bis an die Kniee hineinstapfte, und schon bei der Michaels-Kapelle eine lange Rast machen mußte, um aufzuathmen und seine Glieder ruhen zu lassen. »Wenn der Stachus Recht hätte!« seufzte er, und schaute besorgt an den Bergen herum, so weit dieselben vor den niederhängenden Wolken gesehen werden konnten. Ueberall kein Zeichen, daß sich der Himmel aufhellen würde; dagegen manchmal, was man auf dem Meere eine Windklaue zu nennen pflegt, die, neckend, bald aus dieser, bald aus jener Schlucht hervorstieß und eine Unzahl scharfkantiger Schneekrystalle übers Land verstreute, daß Stirne und Wangen des jungen Wanderers funkelten und brannten, während seine schlechtversorgten Füße im acht Zoll tiefen Schneebade eiskalt und naß hinpatschten. – Wenn er auf diese Weise hundert Schritte gemacht hatte, war er müde, als hätte er die höchste Tanne bis zum Wipfelstrauß erklettert. Wohl drehte er dann die Augen oft nach dem stattlich in der Höhe stehenden Benediktinerstift, und wünschte, zum erstenmal im Leben, ein gelehrter Herr und zwar ein Klosterherr zu seyn, der in seinem geistlichen Schlosse, am warmen Ofen, bei überguter Kost und allerlei Gemächlichkeit, des Winters Last und Plage abwarten kann. Wenn aber die Augen Seraphins auf den spitzigen Kirchthurm 122 von Burgeis und tiefer noch bis zur Kirchhofmauer niederglitten, die von einem hochanlaufenden Schneewall umgeben schien, da wünschte Seraphin freilich noch viel mehr und etwas weit besseres: er wünschte zwei Herzen, die ihn geliebt, in's Leben; er wünschte, für diese arbeiten und schwitzen zu dürfen, und wäre gern Tage lang bis an den Hals im Eis gestanden, wenn er dieses hätte bewerkstelligen können. Aber die Winde spotteten seiner Thränen, und leckten sie weg mit rauher Zunge. Indessen beschäftigte die Wehmuth seine Seele dergestalt, daß er darüber die Mühsal des Körpers vergaß, und wacker darauf loswatete, bis er vor dem Thore des Fleckens ankam, müd und matt, jedoch erhoben durch den Gedanken an die Seinigen. Denn, bekümmerte ihn gleich die Vorstellung, daß ihre sterblichen Hüllen grausam von ihm getrennt lägen unter der Erdenrinde und einer Wucht von Eis und Schnee, wie auch ihre Seelen weit von ihm geschieden waren durch die ungeheuern Wolkenmassen und des Himmels ferne ferne Pforten, so beruhigte ihn doch und tröstete ihn wundersam der fromme Glaube, daß sie lebten, wenn schon hoch oben über allen Lüften, und daß er's dahin bringen würde können, sie wiederzufinden, durch ein ehrliches Leben und einen gottseligen Tod. – Gleich darauf indessen – so veränderlich ist junges Blut – schüttete er das Wasser aus seinen Schuhen und lachte über den Tod und über des alten Stachus Bedenklichkeiten, und meinte, die Müdigkeit verschlage einem so wohl aufgelebten Buben gar nichts, und er wolle sich das Sterben fein vom Leibe halten in Ewigkeit. – Nachdem er sich in einer windfreien Ecke gerüttelt und geschüttelt, die Eiszäpfchen aus dem Haar gerauft und das Hütl abgeklopft, ging er zur Apotheke. Leider war die kleine Spelunke voll von wartenden Kundleuten, und der gravitätische Provisor – in seinem 123 breitaufgeschlagenen schwarzen Rocke, mit den schmutzigen Manschetten und den tellergroßen Glasknöpfen an der dunkelgelben Weste – war nicht geneigt, der Reihenfolge der Wartenden Gewalt anzuthun. »Alles zu seiner Zeit,« brummte er aus blassem Munde und schüttelte drohend seine doppelknotige Perrücke. Der bescheidene Seraphin sah nachgiebig zu, wie sein Arzneiglas ans Ende der langen Zeile von Gefässen gestellt wurde, die auf Beförderung harrten. Er erlaubte sich um so weniger eine Widerrede, als ein ganz anders wichtiger Mensch vom unerbittlichen Apotheker eben so gut und hart zurückgewiesen wurde, ja noch härter, als Seraphin selber. Es trat nemlich der Jäger Liebl ein, und verlangte schnell ein Pulver für sein erkranktes Weib. – »Die Andern gehen vor,« erklärte der Provisor. Der ungeduldige Alte versetzte: »Wer geht einer Frau vor, die als wie am Sterben ist? es eilt, es eilt, Herr.« – »Es eilt nicht,« behauptete der Provisor: »eilt um so weniger, als Du ohnehin dieses Pulver erst bekommen kannst, wenn Du die schon gelieferten Medikamenta bezahlt haben wirst.« – »Wenn ich doch kein Geld habe, in aller Teufel Namen? wenn doch der Verwalter zu Lichtenberg ein geiziger boshafter Hund ist, der mir in der Winternoth keinen Heller vorstrecken will? Wenn doch mein Weib seit dem letzten Erchtag Erchtag: Dienstag. Pfinztag: Donnerstag. Der letzte Donnerstag im Fasching heißt der unsinnige Pfinztag . krank liegt am Husten und Gliederweh und am bittern Mangel?« – »Und wenn auch,« versicherte der Apotheker gelassen: »es wird dir nicht mehr geborgt, und wenn Du's Geld in der Hand hättest, bekämst Du Deine Pulver nicht, bevor nicht die Andern ihre Arzenei haben; Punktum.« – Der Jäger sah eine kurze Weile drein, wie einer, der alles zusammenschlagen will, doch besann er sich eines Bessern; warf's Rezept auf den Tisch, und ging mit nassen Augen und grimmigen Zügen von dannen. Wer in der Apotheke war, schaute ihm verwundert nach, denn 124 niemand hatte den Jäger irgend so verstört gesehen. Der Mann war, seitdem ihn Seraphin besucht, ein ganz Anderer geworden, eine Beute von schweren Leiden, eine Beute vielleicht des Hungers und des Kummers um sein Weib, das er mit jener Leidenschaft liebte, die er auf alles, was sein Gemüth beherrschte, übertrug. – Die Leute schüttelten die Köpfe ob seines Aussehens und Betragens. »Na,« sagte einer, »wer heute dem da in die Hände fällt . . . .!« und Alle riefen wie das »Amen« ihr: »daß Gott erbarm'!« Seraphin beschäftigte sich nicht lange mit dem Jäger; der Frost, der ihn nun überkam, da er ruhig auf dem Flecke stand, zerstreute ihn, wenn gleich auf unangenehme Weise. Er beschloß, ein gastliches Küchenfeuer zu suchen, um sich zu erwärmen. Eine gutmüthige Magd, seine unmittelbare Vorgängerin am Bethesda-Teich der Apotheke, wies ihn in den »Bären« hinüber, und versprach, ihn zu benachrichtigen, sobald die Reihe an ihn gekommen seyn würde. Das Gasthaus war mit Fremden angefüllt. Fuhrleute mit wälschen Zottelmützen und Frachtkarten, Säumer mit Rossen und Weinfäßchen, Handwerksbursche mit langen Degen und leichten Bündeln, Studenten, die heut ihre Heimath, wo sie die Feiertage zubringen wollten, nicht mehr erreichen konnten, buntes Volk von allerhand Zunge und Sitten, hatten ihre feste Einkehr über den Christabend im Wirthshause genommen, und sich's bequem gemacht, wie's anging. Wer Degen oder Mantel trug, saß in der Stube, wer im Kittel oder Janker ging, in der Küche vor dem Wein und Branntwein; die Hungrigsten liebäugelten mit den im Schmalz zischenden Fischen, oder mit der Mehlspeisfülle des Festtags; die Leckermäuler getrösteten sich der Fleischgerichte, die nach der Mette ihnen aufgetragen werden sollten, und gleichsam im Verborgenen schmorten und würzigen Duft 125 versendeten. – Seraphin konnte sich gemächlich unter das Getümmel mischen, aber sein Vorwitz hielt ihn, trotz des Frostes und der Müdigkeit, noch eine Weile an der Stallthüre fest. In das Gewölbe des Pferdestalls hatte eine Karrenzieher- oder besser, eine Landstreicher-Familie von denen, die im Vintschgau oder Oberinnthal hin- und herwandern, und Lahninger oder Dörcher Dörcher: Heimathlose Landfahrer, auch »Laninger« genannt. Sie ziehen noch heute in Oberinnthal truppweise auf und ab, Kessel flickend, Obst karrend, und ähnliche Geschäfte verrichtend. geheißen werden, ihr wanderndes Haus, den Karren, geschoben, und die Familie lagerte neben der Deichsel im Stroh. Sie war zahlreich, wie gewöhnlich: ein Mann, der sich mit Hafenbinden und Löffelgießen abgab; seine Frau, oder besser, die Mutter seiner Kinder, deren ein halbes Dutzend war; die Mutter jener Frau, die Kundschaftbringerin, Ausspäherin, Probebettlerin, Wahrsagerin und des Hauses Rathgeberin in einer Person; ferner ein Kreuzvogel, der in einem Heunest hockte, mit hochaufgeblasenen Federn, und ein schmieriger, einäugiger Spitzhund, der häßlichen häßlichster, aber treu wie Gold, und abgerichtet, Silber und Kupfer zu apportiren, wo es auch liegen mochte. Diese Familie wollte ebenfalls den heiligen Abend und das Christfest in dem Markt zubringen, wie es schien; denn sie hatte sich's bequem gemacht, und aus dem Segeltuch des Karrens schauten einige hochfarbige Festtaglumpen und eine Zither, die am zweiten Feiertag die Kosten des Aufenthalts verdienen sollte. Auf den musikalischen Erwerb schien's besonders gemünzt zu seyn, sonst hätte die wandernde Familie die Liegerstatt in eines Bauern Scheune genommen, statt im Gasthaus zu verweilen, wo man sie nur ungern rasten ließ, und wenn's geschah, gerade nur aus Furcht vor Diebstahl oder Brandlegung – Diese Familie war Seraphins Augenmerk, denn in der erfahrenen Rathgeberin und Großmutter, die just mit ihren Enkeln so gemüthlich spielte, glaubte er die Alte von den »wilden Fräulein« zu erkennen. Es war dieselbe Wollhaube, derselbe Wiefling, dieselbe Jacke; die Beine 126 waren zwar nicht nackt, sondern mit derben Wasserstiefeln bekleidet, aber dafür war's das Gesicht der Kräuterglaunerin mit Haut und Haar, mit Runzel und Warze, mit Bart und Kropf. Sie selber hatte dessen gar kein Hehl denn, sobald sie einmal zur Seite geblickt, den jungen Menschen bemerkt und erkannt hatte, strampelte sie hastig von der Streue auf, und bewillkommte den Freund von der Alpe mit einem grinsenden »Grüß' Dich Gott, schöner Bub.« – Der Herr Schwiegersohn, der seiner Frauen Mutter die größte Freiheit ließ, sah eben nur mit halbem Aug' hinüber, und duckte sich dann wieder in's Stroh. Die Tochter sah sich gar nicht um, mit ihren Kindern beschäftigt. Seraphin war jedoch wie von Herzen erfreut – ohne daß er gewußt hätte, warum – der Alten so unverhofft zu begegnen. Fragen und Gegenfragen wickelten sich schnell nach einander ab. »So wie wir da sind,« sprach das Weib in der Schwatzerhaube, »kommen wir aus unserm Revier, weil uns die Kälte fortgetrieben hat, und wir trachten nach Meran oder Umgegend, um's wärmer zu haben. Mein Sohn ist ein braver Musikant und Kesselarbeiter, die Tochter singt gar schön und versteht Kastanien zu braten, wie keine Andere; die Kinder alle betteln perfekt, und die alte Zaya hilft halt aus, wo sie kann. Wo hast Du jedoch heute Deinen Branntwein?« – Seraphin sagte, warum er zu Mals sey. Die Zaya fragte wieder: »Bist Du ein Sohn vom Grödner?« Und als sie des Burschen Herkunft erfahren, klatschte sie mit großer Verwunderung ihre großen magern Hände zusammen, machte ein Gesicht wie ein Murmentl, das aus dem Winterschlaf geprügelt wird, nemlich süß und sauer, weinend und lachend zumal, und ließ sich auch in Worten sehr erstaunt vernehmen. »Nun, was habt's denn?« fragte Seraphin unwillig: »Wollt's nicht auch verschnappen und verkommen, wie der Egidi, der Maulmacher? Was ist denn Sonderbares an mir und meines Vaters Namen, daß die Leute davor erschrecken, sich 127 verwundern und die Hände über'm Kopf zusammenschlagen?« – »Du bist ein Glückskind, ein gewaltiges Glückskind,« versetzte das Weib, und zerrte ihn hastig aus dem Stall und in die Hausthüre. »Komm, komm, daß meine Kinder nichts merken.« – Seraphin wurde um nichts sanftmüthiger, denn er sagte voll Zorn: »O schweig' still mit Deinem Glück, Du Lügnerin! Hast mir meinen Enzian mit Wind bezahlt, mit falschem, grundfalschem Gelde. Hat er Dir geschmeckt, mein Enzian? Du verlogne Gurgel! Wahrlich, ich hätte den Branntwein brauchen können, mir noch am selben Abend den Buckel einzuschmieren, so heillose Schläge hat mir Dein saubres Glück gebracht!« »Sey gut, gib Ruh', gib Fried',« beschwichtigte den Zürnenden die Alte: »glaub' mir, das Glück kehrt bei Dir ein, und über Nacht wird's kommen, im weißen Winter und im grünen Sommer, zu jeder Jahrszeit, denn es leuchtet Dir aus Aug' und Antlitz. Schau, heut' schon kommt's zu Dir, und ich will Dir damit das Maul stopfen. Du kleiner Zoch' und Zänker. Ist's nicht ein Glück, zu finden, was eigentlich schon verloren war? He? komm, komm, laß Dir den Mund verschließen. Glaub' mir, die alte Zaya ist sonst nicht geschwind bei der Hand, etwas herauszugeben, was sie schon im Sacke hat. Aber Dir, Dir, lieber Bub, g'schieht von mir Alles zu Gefallen, denn Du bist wohlthätig gewesen, Dein Enzian war gut, und die alle Zaya hat gedurstet, wie ein Fisch.« Bei diesen Worten zog die Alte aus dem schier bodenlosen Abgrund ihrer Tasche ein längliches, in schmutziges Papier gewickeltes Ding hervor, und als sie das Papier zurückgeschlagen, war darinnen – ein Zelten Zelten: Weihnachtsbrod von trocknem Obst, von sehr verschiedener Form und Güte. Lebzelten: Pfefferkuchen. , ein Weihnachtzelten von Teig und Mandeln, und Hutzeln und Zibeben. Seraphin wurde noch verdrießlicher, schob das Backwerk von sich, und rief: »Laßt's mich aus mit euerm dummen Spaß!« wollte auch davongehen, als ihn die Alte aufhielt, und halblaut sagte: »Was? wenn doch der Zelten 128 von des Tammerl Tochter ist, die mir ihn gegeben hat, um ihn zu Burgeis dem Seraphin Plaschur als ein Andenken für den Vogel zu überbringen?« – »Wie? Zaya, ist das wahr?« – »So wahrhaftig, als der Wind, von dessen Brausen jetzt grad Dach und Rauchfang erzittert. Die Martina – ich kenn' sie wohl, mein Sohn kommt alle Jahr in Tammerls Haus, das Geschirr zu flicken – sie hat gewußt, daß wir durch Vintschgau reisen, und ist heimlich an mich gekommen und mit dem Anliegen hervorgerückt; aber der Vater und die Mutter und kein Mensch sollten was drum wissen. Nun sind wir heute Morgen zwar durch's Dorf gezogen, und ich hab' gefragt und gefragt, und immer hat's geheißen, man wisse nicht, wo der Seraphin gerade sey. Da hab' ich den Zelten in Gottes Namen behalten und heute Abend mit meinen Kindern essen wollen. Jetzt kommst Du auf einmal daher, und bist der Seraphin selber, und ich kann nicht dem Gelüste widerstehen, Dir zu geben, was Dein gehört. Ich hoff', Du wirst ein paar Kreuzer nicht ansehen, um die alte Zaya für ihre Ehrlichkeit zu belohnen.« – Seraphin suchte eiligst das Geld, das er für die Arznei bei sich trug, und gab der Alten einen Theil davon. Sie dankte sehr und sagte beim Fortgehen: »Noch eins. Die Martina hat gewollt, Du sollest heut' den Zelten anschneiden, als wenn sie dabei wäre, und der Branntwein, den Du dazu trinken wirst, soll seyn, als hätte sie ihn mitgetrunken.« »Juh! juh! Madl, dreh' Dich rund um und um!« sang Seraphin mit geschwenktem Hut. Er kannte hinlänglich die Sitte des Zeltenanschneidens im Ober- und Unterinnthal, wenn sie gleich im Vintschgau nicht herkömmlich war. Darum strich er schnell in's Gewühl der Küche, ließ sich ein Glas Wein in einen warmen Winkel stellen, und setzte sich dazu, vergnügt, wie ein König, denn Martina hatte ihren Platz in seinem Herzen siegreich wieder erobert, und zwar einzig nur durch die bedeutsame Botschaft, die 129 auf einmal den Knaben zum Jüngling und zum Liebhaber, zum begünstigten eines herzenswilligen Mädchens erhob. Es wäre für einen mit der Sache vertrauten Beobachter eine artige Unterhaltung gewesen, dem jungen Plaschur seine Aufmerksamkeit zu schenken, wie er in seinem stillen Winkel so selig dasaß, und sein Glück genoß, während sich Alles in seiner Umgebung mit lautem Geschwätz, Gelächter und Geräusch ergötzte. Mit lebhaftester Einbildungskraft zauberte Seraphin an seine Seite das Konterfei der guten Martina, über sein Haupt das Dach einer einsamen Hütte im Gebirge. Eine klare Mondnacht malte er sich vor das Fenster der kleinen Hütte und einen dünn beschneiten Pfad, den er, um sein Liebchen zu besuchen, gegangen war, wer weiß, wie weit. Sie plauderten so traulich und kindlich mit einander, die Besuchte und der Besucher! Sie hatte mit reinlichem Linnen den Tisch bedeckt, und den Zelten, den ihre Hände verfertigt, und des Pfarrers Segen geweiht, feierlich aufgesetzt. Sie hatte ihm erlaubt, ein Zeichen ihrer Liebe, ihn anzuschneiden; er that's mit Entzücken, füllte ihr den rothen Mund mit dem ersten leckern Bissen, aß dann den zweiten, und bei einem jeden hieß es hin und her: Ich hab' Dich gern, ich hab' Dich lieb, und dieses Mahl soll unsere Liebe heiligen! – Dann bot er zur Vergeltung der Freundin den süßen Labegeist, den er mitgebracht, und sie trank mit ihm, sie nippte ihn so freundlich, als nähme sie ihn von seinen Lippen. Eine süße, niegekannte Wonne beschlich den guten Seraphin, und wer weiß, wie lang der holde Traum im Wachen noch fortgedauert haben würde, wenn nicht die Stimme des alten Jägers unfern sich hätte vernehmen lassen. »He, Du, wie steht's?« hatte ihn ein Bekannter von Mals gefragt. – »Schlecht, schlecht, ich bin zu Tartsch gewesen, weil mir einer dort schuldig ist. Aber nicht ein Heller ist mir geworden. Sie haben mir zu trinken gegeben, daß mir der Kopf schwindelt, aber nicht 130 ein Kreuzer baar fiel ab. Das Weib stirbt mir weg, und ich kann's nicht ändern!« – Der Liebl sah aus wie die leidige Desperation, und sein vorhin noch so bleiches Angesicht glitzerte kupferroth. – »'s ist Schade,« erwiederte der Freund: »ich selbst kann's Geld nicht missen, aber nimm einen Trunk von mir!« – »Gib her, und sollte ich mir damit die Lunge anbrennen. 's geht doch nicht mehr besser in diesem elenden Leben!« – Sie verschwanden in der Menge. »Das war nicht des Jägers Freitagsgesicht,« bemerkte sich der junge Plaschur: »aber der Mensch hat mir in's Gedächtniß gerufen, daß ich schier mein ganzes Geldl weggegeben habe. Wie jetzt die Arznei von dem Provisor kriegen, der nicht borgt?« Der bange Zweifel und der Vorwurf war kaum ausgesprochen, so schob sich eine feiste Figur vor den Knaben hin, schaute ihm in's Angesicht, und fragte: »Du, wo hast Du den Grödner?« – »Daheim« – »Ei was, ei was, das kommt mir ungelegen. Ich bin ihm schuldig; es macht drei Gulden und fünfzig Kreuzer. Jetzt schau: behalt' ich das Geld über die Feiertage, so geht's dahin wie's Wasser in dem Bach. Möchtest Du so gut seyn, und es zu Dir stecken?« – »Das kann schon seyn, Michel Punt.« – »Bist brav, bist brav; hast auch eine Tasche, die nicht zerrissen?« – »Ach, behüte Gott. Du kannst ruhig seyn. Ich trag' das Geld geschwind hinüber.« – »So, paß auf,« versetzte der ehrliche Schuldner, und zählte das Geld bedächtig, wie der Bauer pflegt, dem jungen Menschen in die Hand. Es liefen wohl einige Brodkrumen mit; das hatte aber nichts auf sich, denn Seraphin, seines Geldmangels ledig, empfing die Zahlung mit Freuden und schob sie in die Tasche und achtete in seinem Vergnügen gar nicht auf den gierigen Blick, den ihm der arme Liebl zuwarf, welcher in seine Nähe gekommen war. Auf dem Absatz drehte sich der Jäger flink um, und wurde bald im Wirthshause nicht mehr gesehen.– Dafür kam die gutmüthige Magd, die dem Seraphin versprochen hatte, nach ihm zu schauen, und 131 berichtete, die Mixtur werde so eben gebraut. Seraphin, den Ueberrest seines Zelten unterm Arm, folgte ihr auf die Gasse, und gewahrte zu seinem Schrecken, daß es heftig windete und schneite, und die Dämmerung eilfertig über die finstern Wolkenstufen herniederkletterte zur Erde. – »Du,« sagte er etwas kleinmüthig zu der ehrlichen Dirne: »kannst mir nicht eine Laterne leihen? ich find' sonst nicht Weg noch Steg.« – »Daß Gott erbarm'! hast Du keinen Schlitten bei Dir? Du armer Bub, wie willst Du in der Nacht ohne Unglück hinaufkommen nach Burgeis?« – »Ich komm' schon hin, aber ich bitt' Dich schön, gib mir eine Laterne.« – »Sollst sie haben; Gott will, daß Du mir sie lebendig wiederbringst. Sieh', wär' ich ein Mannsbild, ich thät' Dich schon ein Stück Wegs begleiten, aber so getrau' ich mir's nicht.« – »Macht nichts, der liebe Gott und die heilige Mutter werden mich nicht stecken lassen, Du braves Dirnl.« – Die geschäftigte Martha holte die Laterne, Seraphin empfing die wohleingewickelte Arznei, und machte sich, ein herzhaftes Vaterunser und Ave Maria betend, beinebst aber auch mit süßer Eitelkeit an seine, seine Martina denkend, vor den Flecken hinaus. Er hatte seine Schuhe und Strümpfe ganz abgezogen, die Laterne in die linke Hand genommen, und in die rechte einen derben Knüppel. Hu! wie der Wind ihn packte, als er kaum den Ort verlassen! wie das arme Lichtlein flackerte und niedertauchte und in ohnmächtigem Ringen mit dem wilden Feind sein Flämmchen links und rechts warf! Wie der Schnee sich bauschte unter dem zagenden Fuße des Wanderers, und die vom Himmel stürzenden Flocken ein weißes Gitter auf pechschwarzem Grunde vor seine Augen webten! Die Nacht sah aus wie eine Nacht des Verderbens. Es war als ob die finstern Mächte nicht eilig, nicht dicht genug das Leichentuch wirken könnten, worunter sie die Erde ersticken wollten. Tausend erschreckliche Stimmen heulten über das 132 Land. Jeder Berggipfel schien seinen besondern Kriegsruf, jede Thalschlucht ihre eigne Klage herzzerreißenden Jammers durch die Welt zu versenden. Schauerlich klang der Donner der Berge, zermalmend der pfeifende Wehruf der Thäler, aber am entsetzlichsten drang durch des verwirrten Hörers Ohr und Gebein das gellende Wiehern und scheußliche Hohngelächter des Sturms, der ruckweis über die Multen daherteufelte, wie ein Verkündiger der letzten Stunde. Seinen Wuthstößen widerstand nichts. Er jagte die Schneewehen heran, daß sie, Lawinen gleich, über den Pfad rollten und ihn verschütteten, oder er blies die Massen vom Boden auf, daß nacktes Eis da hervorschaute, wo einen Athemzug zuvor noch eine dichte weiße Decke gelegen. Dann peitschte der Orkan wieder, als wie mit rastlosen zischenden Geißelstreichen, einen Wirbeltanz von Schneeflocken auf, der mit sich fortriß, was in sein furchtbares Drehen gerieth. Seraphin hatte noch nicht den vierten Theil des Wegs zurückgelegt, und schon war er ein paarmal gestürzt, über einen im Nu dahergeführten Schneehaufen oder auf einer im Nu entblößten Eisblatter. Sein Licht war erloschen, die Laterne zertrümmert, aber Martina's Geschenk und seinen Stab hielt er fest, wie ein Riese gethan hätte. Unglücklicherweise spürte er jedoch eine Abnahme seiner Kräfte, die ihn sehr beängstigte, der Athem wurde ihm bleischwer, die Füße versagten öfters den Dienst. Wenn er eine Klafter weit gekommen war, so mußte er stille halten und Gesicht und Körper gegen den Boden senken, um nicht erstickt zu werden von dem Sturmwind. Dann überfiel ihn wieder eine stäubende Schneewand, die ihn vom Wege in den Graben warf, und er hatte von vielem Glücke zu sagen, daß er beständig, wie durch ein Wunder, wieder die rechte Fährte errieth, da, wo keines Pfades Spur mehr war. »O Du liebster Heiland! hat mich denn die Grödnerin in den Tod geschickt?« fragte er einmal, gleichsam sich selber aufgebend, und kraftlos umherwatend in der 133 fürchterlichen Einsamkeit. Da sah er links, als wie aus grauer Ferne, einen Stern durch das flirrende Gestöber strahlen. »Marienberg! will's Gott, Marienberg!« seufzte er aus hoffnungsschöpfendem Herzen. – Da ließ sich, ihm zur Rechten, ein Geräusch vernehmen, wie ein dumpfes Schnaufen oder Schnarchen, oder Röcheln. Seraphin erschrack zum Tode, nach der kurzen Hoffnungslust. »Ein Wolf . . . . oder ein höllisches Gespenst!« Nur eins von beiden hielt seine Furcht und Einfalt für möglich. Aber, scheu zur Seite gewendet, halb versunken im blendenden Winterschaum, sah er eine schwarze Säule gen Himmel ragen, und bald erkannten seine scharfen Augen das »hohe Kreuz,« das die ungefähre Mitte des Wegs zwischen Mals und Burgeis bezeichnet. »Gott sey gelobt!« ächzte er, des Wolfs und des Teufels in der Nähe des heiligen Zeichens vergessend. Aber noch ungeheuerlicher ließ sich jener Laut vernehmen, der ihn zuvor erschreckt hatte. Abermals zagend, wiewohl schon muthiger, stieß er mit dem Stock nach einer, wie er selbst, halb im Schnee vergrabenen schwarzen Gestalt, deren unvollkommene Umrisse seinen Blicken sich enthüllten. – Ein dumpfer Laut, klingend ungefähr wie der Seufzer: »Ach, Jesus!« aus einer rauhen, aber ermatteten Brust gestoßen, antwortete der unsanften Berührung, und gleich darauf kam der Ruf noch deutlicher. »Ein Mensch, ein Mensch!« rief jetzt der Knabe neugestärkt und belebt, so von Mitleid, so von Freude, nicht allein zu stehen im Sausen des Sturms. Er kroch dem zur Hälfte eingewehten Menschen entgegen; er betastete ihn, fühlte Schultern und Hände, einen Kopf, bedeckt mit einer Pelzmütze, aber die Hände ragten steif, der Kopf hing schlaff zur Brust nieder. Des Knaben Herzensangst erneute sich: ein Sterbender kauerte neben ihm, er zweifelte nicht daran. Mit einer Art von Wuth machte sich jedoch der junge Samaritaner über die Wangen des Elenden her, rieb sie mit Schnee, und also Stirn und Augen und Ohren und den Hals, bis 134 ihm trotz Wind und Wetter die Hände glühten, und eine laue Wärme in den Halbtodten wiederkehrte. Dieser lallte unverständliche Worte; Seraphin, der sich nicht anders zu helfen wußte, klemmte seine Finger zwischen die Lippen des Erwachenden, und schüttete ihm in Gottes Namen, auf alle Gefahr hin, die Mixtur der Grödnerin ein. Das Medikament mußte nicht angenehm geschmeckt haben, denn der damit heimgesuchte Mann stieß ein eckles »Brr!« und einen wirren Fluch aus dem Munde. »Da haben wir's! Das ist der Jäger, der Liebl!« seufzte Seraphin, und verdoppelte seine Bemühungen. Zur selben Zeit kam ein bedeckter Schlitten von Mals herauf, und fuhr hastig, so gut's ging, die Straße. »Halt, halt!« schrie Seraphin, aber umsonst; vorbei ging's im Galopp. Die Pferde setzten gut durch den Schnee, und zwar so gut, daß ein paar hundert Schritte weiter der Schlitten sich überstürzte und mit Mann und Maus einen kleinen Rain hinunterrutschte. – Indessen hatte Seraphin mit Bitten, Stoßen und Zerren den erwachenden Liebl in die Höhe gebracht und sich unter ihn geschoben, und ihn so fortgezogen und getragen durch die Wüstenei der Straße. Schwer und doch unsicher war die Last, aber Seraphin ließ nicht nach im guten Werke, und that über seine Kräfte. Dafür belohnte ihn das Geschick auf der Stelle. Er kam mit seinem Patienten dem Schlitten nahe, als dieser gerade aufgerichtet worden war. – Der Drang des Augenblicks ließ den jungen Menschen den Aufzug der Schlittenfahrer übersehen, und er bettelte bei ihnen, wie er bei andern Leuten gethan haben würde, um die Aufnahme seines Halbtodten. Er hätte auch – abgesehen davon, daß gerade das erst erlittene Mißgeschick der Reisenden dieselben nachgiebig machen mußte – sich in der That an keine würdigere Gesellschaft wenden können; denn sie bestand aus der Jungfrau Maria mit dem Kinde, dem heiligen Joseph und zwei Engeln in Person. – 135 Viertes Kapitel. »Jetzt horcht, wie Sturm und Gähwind hausen »Schier die Hütt'n nimmt Dir's mit; »In der Weit'n z'seyn heut außen »Wünscht' ich meinen Feinden nit. »Gar kein'n Hund sollt'st aussi locken, »'s ist grad zum Erfrieren kalt; »Gleich beim warmen Ofen hocken »Ist, beim Eid, heut's feinste bald. »Da thust nichts vom Wetter g'spüren, »Machst Dein'n Türken aus mit Ruh'; »Wastl, Du thust's Feuer schüren: »Gelt, Nönl, Du derzählst dazu?« (Nach v. Lutterotti's Volkssage von der Frau-Hütt ; ursprünglich in Höttinger Dialekt geschrieben) Mehr als eine Stunde, bevor Seraphin seinen wetterstürmischen Heimgang angetreten, waren im weißen Kreuz die Dienstleute des Hauses zusammengesessen an dem langen Tisch, der mit Zelten, Nüssen und Wein prangte, womit am Christabend das Gesinde, statt eines Nachtessens, traktirt zu werden pflegt. Der alte Stachus führte den Zepter an dieser frugalen Tafel, und die braune Mala neben ihm theilte seine Ehre, indem sie den andern Dirnen, wie Stachus den übrigen Knechten und Buben, die Nüsse austheilte, die fröhlich aufgeklopft wurden, so zwar, daß die Mannsleute für die Mädchen sorgten, und diese wieder für jene. Der Krug ging dabei bescheidentlich in die Runde; lustiges Geschwätz würzte die Speise und den Trank. Die plaudernde Gesellschaft hätte nicht mit den Honoratioren in der 136 Hinterstube getauscht; die fleißige Wirthin, die ab- und zuging, um nach des Hauses Ordnung zu sehen, blieb manchmal neben den Scherzenden stehen und ergötzte sich an ihren Schwänken. Wohl sagte sie auch bei der Gelegenheit ein freundlich ermunterndes Wort dem armen Maurerwastl, der am Abend in die Stube gekommen war und melancholisch, in sich selber tief versunken, den Schmausenden zunächst saß. Jedes freundliche Wort war indessen bei ihm gleichwie in taube Ohren geredet. Man merkte ihm an, daß, wenn auch die abscheulichste Witterung ihn vom Fenster seiner Geliebten vertrieben hatte, dennoch sein bischen Geist auf dem eisigen Brunnenrande kleben geblieben war. Die Nußklopfer achteten nicht des armen Thoren; sie hatten mit sich selber genug zu thun. Der Franz neckte die Stasl, die Seph zog den Bruno auf, die Mala hatte es mit dem uralten Josele, dem Gnadenbrodesser im Hause, und was noch ferner an Knechten und Mägden umhersaß, lachte bald über den Einen, bald über die Andern, ohne jedoch die Würde des heiligen Abends mit allzuargem Geschrei zu stören. Die Rede ging vom letzten Nikolaustag und von den Geschenken, die Josele in der Gestalt des ehrwürdigen Bischofs gebracht, wie auch von den gräßlichen Späßen, welche der als Klaubauf vermummt gewesene Simele gerissen; dann gerieth man auf das kommende Neujahr, und rechnete hin und her, was dasselbe wohl den zu Tisch Sitzenden bringen möchte. Franz spöttelte: »'s bringt der Stasl einen Mann; sie kann ihn einmal brauchen, die Haut ist völlig schon übertragen!« – Worauf die Stasl halbböse: »Werd' freilich einen feinern kriegen, als Du bist.« – »Wie oft bist schon durch die Reitern gefallen? Durch die Reiter'n fallen: »keinen Mann kriegen.« Reiter ist ein Sieb. « fragte Simele vorwitzig. –»Noch gar kein einzigsmal. Hab' immer selber meinem Buben den Abschied gegeben. Weißt Du's noch, Simele? solltest es doch wissen, grad niemand 137 besser als Du?« – »Dem Simele ist das was Gewohntes,« scherzte die Mala: »es wird ein Jahr seyn, so haben sie ihm in der Kirche die Zotteln Zotteln: Haarlocken. Der Gebrauch des Zottelabschneidens erklärt sich von selber. abgeschnitten, als die Veronika mit dem Porta-Michel ausgerufen worden ist.« – »Das ist nicht wahr,« bemerkte Simele phlegmatisch: »aber ich habe schon die Scheere im Sack, um Dir den Zopf abzuschneiden, wenn Dein Hansel die Schmidin heirathet, die er jetzt lieber hat, als die Mala.« Zur Bekräftigung sang er den Schnodahagg'n Schnodahagg'n: Spott- und Trutzreim derberer Art, als die gewöhnlichen Gsangl'n und Schnoda- (Schnitter-)Hüpfeln. , den er einmal im Unterinnthal aufgeschnappt hatte: »'s Diendl ist stolz, »Ist von buchsbaumen Holz Von buchsbaumen Holz seyn: sich gar vornehm stellen. , »Wär's von feichtem Feichten: fichtenes, nämlich gemeines Holz. gebor'n, »Wär's so frodig nit wor'n!« Die jungen Burschen wiederholten lachend das Spottgsangl und klopften dazu den Takt auf den Nüssen. Mala verzog ihren Mund bitterböse, und sammelte eine stachliche Erwiederung auf ihrer Zunge. Stachus, der Vorsitzer, wollte jedoch den guten Ton wieder herstellen, pochte auf den Tisch, und befahl: »'s Maul halten, ihr Spottvögel! Trinken wir eins, und reden wir von was anderm! 's kommt nichts Gut's heraus bei dem Föppeln.« Und als Buben und Dirnen tranken, und sich eine Pause einstellte, wendete sich Stachus zum Josele, und fuhr fort: »Sag einmal, Du, – hast schon vierzig Jahre hier im Haus gedient, und bist um zwanzig älter, als ich, der auch nicht mehr jung ist. Hast Du aber in deinem Leben einen Winter gehabt, so schiech und kalt und unlustig wie den heurigen?« – »Ach, mein Gott, ja freilich,« antwortete der erfahrne Josele; »Anno acht und achtzig ist's grimmig kalt gewesen, sind die Füchse im Bau erfroren; Anno neun und achtzig hat's sechzig Schnee geschnieben, und einmal weiß ich, daß das Schneien gar nicht mehr aufgehört hat; das war Anno neun und neunzig.« – »Daß Gott erbarm!« lamentirten die Weiber. 138 »Ja, ja,« redete Josele weiter, »da war auch der Roggen nicht gerathen, und Hungersnoth überall. Haben viele arme Leute Baumrinde in ihr Brod gethan. Nun, dazumal hatte ich noch meine Zähne und hab' mich nicht vor dem steinharten Brod gefürchtet, wie jetzt, da ich die Nussen wohl aufklopfen, aber nicht mehr beißen kann.« – »Halt Dich an den Wein, Josele!« ermahnten die Jungen den Alten, und schoben ihm den Krug zu. Während er willfährig trank, begann Stachus, den Kopf wiegend: »Es setzt auch heuer viel Noth ab unter den Leuten, aber sie müssen still halten und sich gedulden, und wenn sie hexen könnten, denn gegen den Willen Gottes kommt nichts auf.« – »Ja freilich,« meinte Simele, »nicht einmal der Jäger-Liebl. Dem soll's schlecht gehen, und er kann doch mehr als andre Christenmenschen, wie's heißt.« – »Ist's denn wahr, daß er am Hungertuch nagt?« fragte die Wirthin, die des Simele Rede vernommen hatte. »Freilich ist's wahr,« bestätigte Bruno, »ich hab' ihn erst heute früh gesehen. Er ist nicht mehr zum Kennen, so verhutzelt und wild schaut er aus.« – »Narr,« sagte Stachus, »sein Weib ist krank und sein kleines Kind, und nichts zu nagen ist im Hause. Die Mäuse haben schon von ihm Abschied genommen.« – »Hat er denn nicht ein kleines Hexenmandl, das ihm Geld bringt?« fragte die Stas vorwitzig: »Mein Vater hat erzählt, es käme alle Monate ein feuriger Putz zum Liebl in's Haus geflogen, und reiche ihm, was er sich gerade wünsche.« – »Was Putz, was Putz!« spottete Stachus; »hat Jemand gehört, daß der Nauderer Lork einem Menschen etwas geschenkt hätte? Die Erdteufel zahlen nur mit Feuer und Schwefel, aber nicht mit Gold« Mit diesen Worten rückte der erfahrene Josele auf seinem Platze unruhig hin und her, und kaute Luft mit seinen Kinnbacken, ein Zeichen, daß er etwas auf dem 139 Herzen habe, und damit gern losdrücken möchte. »Nun, was sagst Du dazu?« fragte die Wirthin den alten Stachelbart. Josele schaute behutsam rechts und links, hielt die Hand vor die Augen, und erwiederte: »Meine Lichter sind alt und schwach, ich kann nicht mehr unterscheiden, ob außer denen, die am Tische sitzen, noch Jemand in der Stube? Ich möchte euch etwas erzählen, aber, wenn der Jäger um die Wege wäre, oder Jemand, der's ihm wiedersagen könnte . . . .?« – »'s ist Niemand da,« tröstete ihn Stachus, »niemand als der Maurerwastl, und der tragt's nicht aus, was Du uns sagen wirst.« Josele zuckte die Achseln mit einem Seitenblick auf den verliebten Thoren, und legte sich, beide Arme bequem untergestützt, in den Tisch hinein. Die neugierigen Beisitzer steckten die Köpfe zusammen, und der alte Mann fing seine Erzählung mit halblauter Stimme an, als ob er, aller Versicherungen ungeachtet, dennoch fürchtete, von einem ungebetenen Zuhörer belauscht zu werden. »Es war,« sagte er, »wie ich glaube, ein Jahr, bevor der bayerische Kurfürst in's Land gefallen ist; da ist der Liebl in's Vintschgau gekommen. Er hatte sich ehedem im Oberinnthal aufgehalten, und war als ein guter Schütz und verwegner Bursch überall bekannt worden. Gleich zu Anfang berichtete man von dem Jäger allerlei seltsame Stücke, und namentlich war's wunderbar, daß ihm niemals ein Schuß versagte, und daß ihm weder Mensch noch Thier im blutigsten Raufen etwas anhaben konnte. Nicht einmal eine Schramme hat er je davon getragen, und hat sich doch mit Wölfen und nicht selten mit Bären herumgeschlagen. Allemal mußten die Bestien unterliegen und ihr Leben lassen. Beim Scheibenschießen hat er nicht ein einzigmal gefehlt, daß ich wüßte, und auf die Bayern ist er mit dem Landsturm tapfer losgegangen, hat Manchen von ihnen niedergelegt, daß er nicht wieder aufstand. Wo das Kreidenfeuer Kreidenfeuer: Signal- oder Insurrektionsfeuer. Kreiden: Kriegsgeschrei. – In Tirol, zum Aufgebot der Landschützen, noch heute gebräuchlich. aufbrannte, war er der Erste auf dem 140 Platze, mit Säbel und Gewehr, und kam der Letzte nach Hause, als unsere Landschützen dem Feind das Geleit in's Reich hinaus gegeben hatten. Nun also, selbiger Liebl ist dazumal ein frischer Bub gewesen, und hatte viele Liebschaften, aber zum Heirathen hat ihn zu jener Zeit keine gebracht. Er liebte just nur zum Baffeltang Passe-tems [Zeitvertreib] , aber dafür hatte er sich einen Freund zugelegt, über den ist ihm nichts gegangen. Der seinige Freund war eigentlich ein Bergmann von Schwatz oder aus dem Achenthal, und hatte im Tschirgant – wißt Ihr? in dem Berg, der dem Markt Imst vor der Nase steht, gearbeitet. Ich weiß nicht mehr, haben sie dort nach Silber oder nach Kupfer gesucht, das ist alleins; genug: es war bald nichts mehr in dem Berg zu holen und die Stadtherrn, die jene Gruben aufgebrochen hatten, und nichts mehr darinnen zu fischen fanden, haben den ganzen Schmarrn Schmarr'n: elendes Zeug, eigentlich eine wenig geachtete Mehlspeise. eines Tags liegen lassen und ihre Knappen in die Welt hinausgeschickt. Hierauf ist der Maroner, wie selbiger guter Freund sich geschrieben, zu dem Liebl gekommen, und sie haben in Schlanders oder Schluderns mit einander gehaust, ohne andere Arbeit, als in den Berg zu gehn und Gemseln zu schießen, oder halt alles, was ihnen vor's Rohr kam. Dabei waren sie lustige und freche Leute. Wo ein blaues Räuchel aufging Wo ein blau's Räuchl aufgeht: wo nur ein Schornstein raucht, und also irgend eine Lustbarkeit los ist. , waren sie zu finden, und Jedermann ließ sie in Ruhe, weil sie recht gefürchtet waren. Auf einmal – die Herrlichkeit hatte nicht lang gedauert – ist einmal der Maroner vom Gericht beim Kopf genommen und ins Loch gesteckt worden. Er soll falsch Geld gemacht haben, und der Polsterhof hätte gewiß seine traurige Steuer nach Glurns entrichten müssen Die traurige Steuer des Polsterhofs: dieser einsam stehende Hof, drei Viertel Stunden von Schleis, hatte in alten Zeiten die Verpflichtung, zu einer jeweiligen Exekution mit dem Schwerte in Glurns den Polster auf den Malefikantenstuhl zu liefern. Daher der Name. und der Maroner wäre um Hals und Kragen gekommen, wenn er nicht glücklicherweise im Thurm gestorben wäre, ehe noch das Urtheil gesprochen worden. – Nun – er war todt, und 141 der Liebl, der ein paarmal wegen seiner war verhört, aber dann freigelassen worden, weil er verstanden, sich herauszubeißen – der Liebl also ging herum, wie vordem, und wer ihm von seinem Freund sprach, hat eine oder zwei Dachteln aus dem Salz von ihm gekriegt, bis Niemand mehr über die Geschichte das Maul aufthat. Aber mir hat kurz nachher ein Schreiber vom Gericht – Gott hab' ihn selig, er war der ehrlichste Schreiber, den ich je gesehen – mir also hat selbiger vertraut, was der Maroner in seinen letzten Stunden auf sich und den Liebl bekannt hatte. Sie seyen nämlich, hat der Maroner gesagt, ein paar Jahre zuvor, an einem Charfreitag, in der Nacht um zwölfe, bei der Wallfahrt von Kaltenbrunn vor ein Kruzifix an einem Kreuzweg hingestanden, und das Kruzifix war ein andächtig verehrtes, ein braves Kruzifix. Da hat der Liebl gesagt: Weißt Du, was wir thun, auf daß wir fest seyen vor Hieb und Stich und Kugel, und daß uns kein Schuß mehr im Leben versagt? – Nein, hat der Maroner geantwortet, das weiß ich nicht. – So schau her, hat wieder der Liebl gesagt, hat eine extra gegossene Kugel in seine Büchse geladen, und damit unter einem teuflischen Anruf dem Herrgott ein Auge herausgeschossen, das rechte oder das linke, das kommt auf eins heraus. Da hat's drauf einen Krach im Walde gethan, und ein unsauberer Geist ist dagestanden und hat gesagt: Brav, Liebl; Dir soll's nie auf's Schwarze fehlen, und weil Dein Blut jetzt mein gehört, so soll's kein Mensch auf Erden vergießen dürfen. – Nun, der Maroner hat selber nicht schießen wollen, wenn gleich ihm der Liebl das Gewehr mit einer eben solchen Teufelskugel geladen und dargestreckt hat; aber auf dem Todbettl hat's ihn gedrückt, und er hat's einbekennen müssen. Von der Zeit an hat der Liebl Gewalt über Vieh und Menschen gehabt, und weil er so erschrecklich umzog und gleich Jeden niederschlug, der ihn krumm angeschaut, hat 142 der dazumalige Herr Richter, der ein furchtsamer Mann gewesen, über das Bekenntniß still geschwiegen, und ich hab' dem ehrlichen Schreiber versprechen müssen, gleichfalls das Maul zu halten, wenigstens so lange Jener leben würde. Nun ist er freilich todt, und weil mir die Sache wieder heut' in Sinn gefahren ist, hab' ich's Euch sagen wollen, damit Ihr wisset, auf welche ruchlose und gottvergeßne Weise der Jäger zu dem Glück gekommen ist, das bei ihm geblieben ist, bis auf heute. Wo aber einmal der böse Feind seine stinkende Bratzen im Spiel hat, wird nimmermehr das Glück auf ewig Bestand haben. Drum ist heuer der Jäger von seinem Wohlstand herabgekommen, und – was gilt's – wir hören bald, daß ihm sein höllischer Gevatter das Genick zerrissen hat! Das Genick zerreißen; das Genick brechen. »Ein zerrissenes Schloß,« u. s. w. « Nachdem Josele seine wundersame Erzählung beendigt, ließ das Grausen die Zuhörer lange nicht zu Wort, kaum zu Athem kommen. »Hm, hm,« unterstand sich endlich Stachus zu sagen, »es mag schon etwas an der Geschichte seyn, denn es ist bekannt und ausgemacht, daß dem Kruzifix bei Kaltenbrunn oder Kauns die Augen ausgeschossen worden sind, wiewohl Andere sagen, es sey die Kugel in die Seitenwunde gefahren; und daß der Jäger an einem Freitag kein Körnl Pulver verbrennt, und wenn Gott Vater in Person es ihm befehlen würde.« – Es wollten noch mehrere eben so scharfsinnige Betrachtungen von einigen andern Anwesenden angestellt werden, aber die Verhandlung wurde durch den plötzlichen Eintritt des Grödners unterbrochen. Der Mann schien äußerst unruhig und bestürzt. – »He,« fragte er, »hat Niemand den Seraphin gesehen? Wie ich höre, hat ihn mein Weib nach Mals geschickt, und draußen ist ein Wetter, als ob die Welt zu Grund gehen müßte.« – »Der arme Bub!« entgegnete Stachus: »ich hab's ihm vorausgesagt. Wenn er nicht drüben geblieben ist, um das Wetter abzuwarten, so sehen wir ihn nicht mehr 143 lebendig wieder.« – »Wär' mir nichts lieber!« schnaubte der Grödner: »He, Wirthin, gebt mir einen Knecht, ein paar Pferde und ein Wetterlicht; ich will dem Buben entgegenreiten, und wer mich begleitet, soll ein gutes Trinkgeld haben.« – Die Wirthin lief mitleidig, ihren Mann herbeizurufen. Die Knechte, die sich in der warmen Stube, bei Wein und Scherz und Josele's Geschichten wohl befanden, zeigten nicht viel Lust, der Aufforderung des Grödners Gehör zu geben. »Ich ginge schon mit, ich,« entschuldigte sich Stachus, »wenn mir nicht so eng auf der Brust wäre, aber der erste Windstoß würde mich umwerfen. Da ist jedoch der Simele, ein Trumm Trumm: großes Stück. Trumm von einem Kerl, ein sehr starker Mann. von einem Kerl, der Wind und Wetter aushält!« Als Simele bei solcher Lobeserhebung ein bedenkliches Gesicht machte, stieß ihn der Stachus an, und setzte heimlich hinzu: »Mach' dich auf, fauler Mensch! der Grödner ist raschonig, und es kommt ihm gewiß auf einen halben Thaler nicht an.« – Demzufolge erhob sich Simele wirklich phlegmatisch, zog die Hosen auf, langte nach seinem mit Schafpelz gefütterten Lederjanker, und versetzte: »Meintwegen, wenn's nur was hilft!« Die Angelegenheit des Grödners war sofort in ein paar Minuten in Ordnung. Er trank noch ein Glas Wein über'm Kopfe aus, und schwor theuer und hoch, er würde seinem Weib die unmenschliche Versendung des Seraphin tüchtig entgelten lassen, wenn das Weib nicht krank zu Bette läge. Simele folgte dem Beispiel des Krämers, insofern es den Wein betraf. In einem Hui waren beide auf den Pferden, und trabten gutes Muths, aber ohne Aufhören schimpfend und wetternd, in die Nacht hinaus. »Ich glaub' doch,« bemerkte die Mala nach einer Weile mit verschmitztem Gesichte, »ich glaub' doch, was sie im Dorf sagen: der Seraphin sey des Grödners 144 leiblicher Sohn. Hat nicht der Mann geschwitzt, daß an jedem Haar ein Tropfen hing?« – »Nun, was geht's uns an?« erwiederte Stachus gravitätisch: »Wer hebt den ersten Stein auf? Ich will gerade heraussagen, daß mir die Grödnerin auch nicht gefällt, und ich denke, wär' sie noch ledig, und der Grödner auch, er würde wohl keine Scheibe mehr für sie schlagen.« – »Ach, ach, jetzt kommt bald das Scheibenschlagen wieder,« jubelten die Mägde kichernd; nur die Stas verzog bitter den nicht allzukleinen Mund. Franz gewahrte das Schmollen, und spöttelte: »Wer hat am letzten Kassonntag für Dich eine Scheibe geschlagen, Stasl?« – Die Angeredete antwortete nicht, aber für sie nahm der Bruno das Wort, und sprach: »Scheiben hat sie nicht gekriegt, aber wohl ein paar Eis', die ihr der Schuster-Toni gegönnt hat.« – Stas lief eilig, ihre Thränen zu verbergen, vom Tisch und hinaus. »Laßt sie gehen,« meinte Stachus, »obschon Du, Bruno, etwas Gescheideres hättest thun können, als die Gesellschaft stören.« – »Ich möchte doch wissen, woher das Scheibenschlagen kommt? Ich hab's nie recht begreifen können.« – Stachus entgegnete wichtig: »Das weiß man nicht so recht. Auch der Josele kann nichts hievon reden, indem bei ihm daheim, in Passeyer, die Lustbarkeit nicht eingewohnt ist. Aber, wenn der Schulmeister recht hat, so stammt sie aus der großen Pestzeit, wo ganz Vintschgau bis auf einige Ortschaften und Häuser ausgestorben war. Da haben dann diejenigen, so das Sterben überlebt haben, brennende Holzscheiben über's Scheibeck herabgeworfen, um denen Andern zu verstehen zu geben, daß es auch noch Leute in Burgeis gibt, und so weiter.« – »Ach mein, das ist nicht wahr,« lachte Bruno: »das stammt noch aus der alten blinden Heidenzeit, hat der Herr Pfarrer gesagt.« – »Und ich sage,« fiel Franz lebhaft ein, »daß das Scheibenschlagen bekannt ist, seitdem es junge Bursche und Dirnen im Vintschgau gibt. Denn, hört's einmal 145 zu: die Scheiben, die wir Buben aus dem feichtenen Holz schnitzeln, die bedeuten unsre Herzen, die so geschwind in Brand gerathen, wie die Scheiben, wenn wir sie am Feuer auf dem Scheibeck in Flammen setzen. Der Stock, an den wir sie stecken, bedeutet gar nichts andres, als unsre kräftigen Gedanken. Je unverzagter und feuriger das Herz, je weiter läßt sich die Scheibe durch die Luft schleudern, und ist also eben unser verliebtes Herz, das wir dem Madl, das wir meinen, und dem wir die Scheibe zudenken, so zu sagen, in den Schooß werfen. Wenn ich zum Exempel« – setzte der Erklärer mit muthwilligen Augen hinzu – »die Scheibe werfe, und dazu aus vollem Halse schreie: für die Mala! so fliegt sie bis zu den Sternen auf; wenn aber der Schuster-Toni seinen Spott mit der Stasel treiben will, so kann sein Scheibenherz gar nicht fliegen, aber es rodelt so allgemach und matt den Berg hinunter, und das heißt man ein Eis, weil's kalt wie Eis und nur ein Schimpf für's Dirnl, statt einer Liebe. So ist die Sache, und wie ich's mache, so machen's alle Bursche, und darum würde auch der Grödner jetzo seinem Hausdrachen nur ein Eis schieben, statt eines flammenden Herzens.« – »Schau, schau,« rief die Mala fröhlich: »was dem Franz heut' das Maul geht. Will nur wissen, wem er am Kassonntag die Scheibe schlagen wird?« – Die Schelmin wußte es indessen bereits, und gar wohlgefällig hatte sie des hübschen Buben Worte aufgenommen. Stachus antwortete dem Franz auf seine Rede: »Brav, brav; Hausdrach', das ist einmal deutsch, und kein Mensch im Dorf wird der Grödnerin den Titel abstreiten« – »Daß Gott erbarm'!« bat Seph mit falschem Mitleid: »wer wird einer kranken Frau so übel nachreden?« Zur Verwunderung Aller erwachte der Maurer-Wastl unversehens aus seinem Geistesschlummer, und sagte: »Wer 146 will denn wissen, daß die Grödnerin krank sey?« – »Oho, oho, fangen die Stummen an, zu reden?« hieß es rund um den Tisch, und das Nußklopfen wurde eingestellt,, jeder Blick auf den Wastl gerichtet. Dieser wiederholte mit bestimmterem Tone: »Wer sagt, daß die Grödnerin krank sey? Sie ist gesund, wie ein Fisch. Bring' mir noch einen Wein, Kellnerin.« – »Kannst wohl Recht haben,« versetzte Stachus lächelnd: »das Weib ist eine verlogene Schlange.« – Dagegen eiferten die Knechte, um den armen Narren in Harnisch zu bringen: »Ach, ach, was platzedert Platzedern: einfältig plaudern oder schreien. der Wastl da? Was weiß der Wastl?« – Etwas aufgebracht stand der Bursche auf, trat zum Tisch, und hob mit verschränkten Armen an: »Wenn ich sie doch, es ist nicht eine Stunde her, auf unserer Wiese spazieren gehen gesehen habe?« – Nun entstand ein helles Gelächter. »Spazieren, spazieren bei Sturm und Schnee! O Wastl, sey gescheidt!« riefen Knechte und Mägde im Einklang, und auch die Wirthin lachte so herzlich, daß sie die Arme in die Seiten stemmen mußte, um den Rippen Widerhalt gegen das aufrührerische Zwerchfell zu leihen. Der Halbnarr sah aber trotzig im Kreise um, schlug sich auf die Brust, daß es dröhnte, und sprudelte: »Was gibt's da zu lachen? Was denn? Spazieren, warum nicht spazieren? Die Witterung ist nicht unfein: ich bin wohl selber draußen gewesen, um zu spazieren. Lacht's nur zu, Narren müssen gelacht haben. Aber, was ich gesehen habe, hab' ich gesehen.« – Josele gebot mit seiner zitternden Rechten Stillschweigen. »Laßt ihn doch ausreden; es ist ein Zeitvertreib, wie ein andrer. Gib's von Dir, Wastl, merk nicht auf das Ruechenvolk.« Wastl machte dem Gönner einen Scharrfuß, und mäßigte gehorsam und freundlich seine Aufregung: »Jetzt« – fing er an – »stellt euch vor, der Tisch da sey unsre Wiese an der Etsch, so; die Kandel dort ist die 147 Fürstenburg, und der Haufen von Nußschalen das Scheibeck, wo's zum Kloster aufgeht. Jetzt also – ich habe mich etwas nach dem Essen hinausgemacht, um mich zu bewegen. Die Christine ist nicht zu Hause, und der Mensch muß doch etwas zu thun haben. Wie gesagt, die Witterung war nicht unfein, ein bissel Schnee bis an die Waden, sonst nichts, und ein häles Windl, so recht zum Auffrischen.« »Ein häles Windl!« brummte Stachus in den Bart: »ein Windl, das die Eichbäume im dicken Wald niederreißt.« – »He?« fragte der Wastl; da er aber keine Antwort bekam, redete er weiter: »Jetzt also, ich geh' ein bissel in dem Schnee auf und ab, und halte meinen Hut fest, da seh' ich etwas über den Schnee daherkommen, da zwischen der Kandel und dem Nussenhaufen, und jetzt war das ein Mensch. Ich laß' das Mensch vorbeigehen, und jetzt war's die Grödnerin, als ob sie von Schleiß daherkäme, und es wäre Sonntag und heller Morgen zum Kirchengehen. Sie war recht brav aufgeputzt und angelegt, hatte ihren schönsten Rock und ihren Janker von Kamelott an, und schöne Goldborten um den Kragen und die Aufschläge, eine Schürze von Seide, Schuhe mit rothen Stöckeln und die Staatshaube wie am Sonntag. Dabei war sie ganz ernsthaft, und hatte ein Nuster zwischen ihren Fingern. Jetzt hat mich's gewundert, was sie da wohl machen wolle, und ich habe zu ihr gesagt, hab' ich gesagt: »Ei, Grödnerin, wohin denn so spät, oder woher am heiligen Abend?« Sie hat aber gar nichts geredet, muß nicht wohl gehört haben, und ist ganz stat ihres Wegs fortgegangen. Mich wundert nur, wie leicht das Weibsbild ist, denn sie hat auf dem Schnee kein Löchel eingedrückt, und eine Katze würde, ja, was sag' ich eine Katze? ein hinstreifender Vogel würde mehr Spuren hinter sich gelassen haben, als das Weib. Ich 148 bin ihr nachgefolgt, ich weiß selbst nicht, wie's mir einfiel; ich konnte sie nicht mehr erreichen. Aber ich hab' gesehen, daß sie auf die Kirche losging, und neben der Sakristei ist sie auf einmal weg gewesen, wie man ein Licht ausbläst. Jetzt wißt ihr's, und ich darf wohl sagen, daß die Grödnerin nicht krank ist, wenn sie doch in der Nacht spazirt, und sich in ihren Kirchenstuhl setzt!« – Mit großer Selbstzufriedenheit wandte sich der Wastl um, trank aus, und ging nach etlichen Sekunden aus der Stube. »Aber der Streich, den selbiger Mensch hat!« seufzte Mala, ihm nachdeutend. »Wie sich nur ein krankes Hirn so lächerliches Zeug vorstellen mag!« sagte Bruno. »Er ist halt von Sinnen,« meinte Stachus. Aber Josele war andrer Meinung. Er schüttelte bedächtig das weiße Haupt, drohte mit dem Zeigefinger in die Luft hinaus, und ließ sich vernehmen, wie ein Prophet: »Glaubt's mir, meine lieben Leut', das hat was zu bedeuten. Es geht erst auf Zehne; ich will euch in der Geschwindigkeit noch etwas sagen. Derlei gestreichte Menschen oder Narren sehen gar oft, was ein vernünftiger Mensch nicht sieht, weil er halt auf der Welt und mit der Welt lebt, und die Gestreichten leben schon zu drei Viertheil in der Ewigkeit. Da ist vor einigen und zwanzig Jahren ein Dottl im Dorf gewesen; sie haben ihn den Schwaben-Philipp geheißen, denn er war aus dem Reich; in Frankfurt, mein' ich, wo der Kaiser gekrönt wird, ist er geboren gewesen. Nun, der ist auch wegen eines Weibsbilds um sein kleinwinzigs Verstandl gekommen; das Mensch hat ihn nicht gemocht, und so weiter, grad wie beim Wastl. 's war just beim Scheibenschlagen, und wir andere Buben haben wohl zusehen mögen, daß der arme Kerl auch seinen Spaß hatte, und ein paar große Scheiben hinauswarf, und dabei geschrieen hat: Die für meine Liebste! und die für meine Urschel oder Zilla, oder wie halt das Weibsstück geheißen, worauf ich mich nicht mehr besinne. Was ist aber geschehen? Die Zilla 149 oder Urschel ist nebst ein paar guten Freundinnen unten gestanden, und hat des Schwaben-Philipps Geschrei gehört, hat sehr darüber gelacht, und ist alsdann gleich darauf mit ihrer Nebenmagd in's Bett gestiegen, auch alsobald eingeschlafen. Derweilen lauft mein Dottl auf seines Herrn Haus zu – es ist das, wo jetzt der Grödner bleibt Bleiben: außer der gewöhnlichen Bedeutung auch so viel als »wohnen.« – »Er bleibt in jenem Hause.« – »Wir bleiben zu Brixen« u. s. w. – wer begegnet ihm am lichten Mondschein und auf dem klaren Schnee? denn selbigmal lag er noch wohl dick, der Schnee, wie heut, oder wenig besser. Wer? die Zilla oder Urschel, und ist angelegt wie im Sommer beim Getreidaufladen mit einem dünnen Röckl, kurzen Hemdärmeln, und Brust und Arme und Füße nackend. Den Dottl hat gefroren bei dem Anblick, und er sagt zu ihr: »Du, Urschel oder Zilla, was hast denn vor in dem Aufzug und in der Kälte?« Sie aber verwendet den Kopf nicht, geht schnurgrad fort, und der Schwaben-Philipp hat auch nicht eine einzige Fußstapfel von ihr gesehen. Er lauft ihr nach, und will mit ihr seine Liebschaft aufs Reine bringen. Ei ja doch; was nicht etwa noch? Das Mensch geht in den Gottesacker hinein, und auf einmal ist es verschwunden gewesen. Was meint's wohl, was geschehen ist? Sechs Wochen d'rauf ist das Weibsbild begraben worden, und – Gott sey der Grödnerin in ihrem Sterbstündel gnädig – es wird ihr in Kurzem nicht besser gehen. Denkt, der alte Josele hat's gesagt; Amen.« Der Unglücksprophet hatte seine schauerliche Historie eben bis zum letzten Punktum gebracht, und der zerknirrschten Gesellschaft war noch keine Minute vergönnt gewesen, um die grauenhafte Mähre zu besprechen, zu beseufzen, zu beleuchten; als gählings die geräuschlose Unterhaltung durch ein grelles Getümmel gestört wurde. Der Gemeindesaltner hinkte verstörten Angesichts durch die Zechstube nach dem Hinterzimmer, und streute auf seinem eiligen Durchmarsch nur die unheilvollen Worte aus: »Um Gotteswillen, Du liebe Frau, welch ein Unglück! 150 Ein erfrorner Mensch kommt, der erfrorne Jäger-Liebl kommt!« – Alles gerieth in Aufstand. Der Anwalt wurde geholt, nach dem Geistlichen geschickt, der Bader hinter dem Nachttrunk hervorgejagt, und aus jedem Munde erscholl die Frage: »Der Liebl, der Jäger?« – »Na, na?« fragte Allen der Josele entgegen, und triumphirte vorläufig: »hab' ich nicht gesagt, daß der böse Feind den Hexenmann bald holen würde?« – »Ei, Du Narr,« entgegnete ihm Stachus: »hörst Du nicht, daß er erfroren? Der Satan bescheert aber den Seinigen einen brühheiß abgesottenen Tod!« – Indessen erklangen draußen die Rollen eines Schlittenzeugs und Simele's Stimme. Der Knecht kam auch bald herein, von Schnee gänzlich eingekrustet, und berichtete, wie er und der Grödner etwa ein zehn Minuten vor dem Dorfe draußen dem Seraphin und dem Liebl und der übrigen Schlittengesellschaft begegnet seyen. Der Grödner folgte dem Simele, befreit von seiner Angst, und den Seraphin schier auf seinen Händen tragend. Der bescheidene Knabe mochte sich noch so sehr sträuben, er mußte in den Kreis der Herren folgen, die ihn, Geistliche und Weltliche, mit Lobsprüchen überhäuften, nachdem er ihnen erzählt, wie er's angefangen, dem Liebl sein aufgegebenes Leben zu erhalten. Der Grödner ließ für den Buben einen warmen Wein bereiten, den Jäger oben im Wirthshause in ein warmes Bett bringen, und einen Boten nach Schleiß abgehen, um den Sohn des Liebl zu bescheiden. Der Grödner war äußerst zufrieden, er schmälte nicht, daß Seraphin die Medizinflasche in einen Magen, dem die Arznei nicht beschieden gewesen, ausgeleert. daß er ein paar Kreuzer in Almosen und Wein vergeudet; ja, der Krämer schickte ihn mit einem blanken Gulden zum Kranken hinauf, und befahl ihm, zu sagen, der Gulden käme von ihm selber, vom Retter Seraphin. – Der junge Plaschur richtete den Auftrag aus, und der Jäger, der zur 151 Besinnung gekommen war, und alles gefaßt und begriffen hatte, wenn gleich er noch bis zum Tode erschöpft dalag, – der Jäger drückte mit seinen steifen Händen die Finger des jungen Menschen, blickte nach oben, und in dem Blicke lag eine Welt voll Dankbarkeit und reuevoller Andacht. »Morgen,« stammelte er dann, »morgen besuch' mich; heute kann ich nicht reden!« Ein Triumphzug begleitete den Seraphin die Treppe herunter; die Wirthin sammelte für ihn die besten Bissen, die noch übrig waren; was da lebte im Hause, riß sich um den guten Buben, dem die Rettung eines Menschenlebens gelungen war, und er wußte nicht genug zu erzählen, erstarrt und durchschauert von der grimmigen Nacht. Aber jedes seiner Worte war ein Ergebniß seines biedern Gemüths und seiner beneidenswerthen Einfalt, die in allem, warum er gepriesen wurde, nur die natürlichste Pflichterfüllung sah. Der boshaften Grödnerin sogar erinnerte er sich ohne Galle, und meinte es aufrichtig, wenn er sagte: »Laßt doch das Weib in Frieden und schimpft's nicht so unversöhnlich herunter. Sie hat nur gethan was Gott wollte. Wär' ich um selbe Zeit nicht auf der Straße gewesen, so wär' der Liebl sicherlich verdorben und gestorben, und er hat doch ein krankes Weib und ein kleines Kind und den Lex, der nicht viel älter ist, als ich, und alle diese Menschen brauchen den, der sie ernährt. Dafür hab' ich mir wohl einmal nasse Füße und ein paar Maulvoll Schnee holen können.« Der gute kleine Held griff immer verstohlen nach dem Rest seines Martina-Zelten, den er aus dem Sturm der Elemente glücklich salvirt hatte, und wünschte sich eine ruhige Viertelstunde hinter'm Ofen. Aber vielleicht wäre er lange nicht dazu gekommen, wenn nicht die überfüllten Gaststuben von einer neuen Erscheinung heimgesucht worden wären, die für den Augenblick mehr ansprach, als selbst der erfrorne und gerettete Liebl. 152 Die heilige Familie, deren Schlitten so zu günstiger Zeit umgeworfen worden war, zog mit ihren Engeln und nach sorgfältig geordnetem Anputz unter die neugierig aufgaffenden Gäste jeden Standes ein, stellte sich in der Mitte der größern Zechstube auf, und eine erwartungsvolle Pause schlug jede Zunge in Ketten. Der heilige Joseph, mit einem saubern Bart von blonden Hobelspänen, faltete sich sehr gut in seinen rothen Mantel, der nur wenig von den Lederhosen und den blauen Strümpfen sehen ließ. Er führte im linken Arm einen ungeheuern Lilienstengel; an demselben Arm hing eine Säge. Ein gewaltiger Wanderstab mit Kürbisflasche war der rechten Hand zugetheilt. Der breite schwarze Hut war mit vielem Anstand aufgesetzt, und die Würde der Person nicht zu verkennen. – Die Jungfrau Maria fror ein wenig, war sehr schüchtern, hatte bei dem Sturz vom Schlitten einen großen Schlenz in ihr gelbes Kopf- und Manteltuch gerissen, aber das milchblaue Kleid war unversehrt, und die rothen gezwickelten Strümpfe nebst den bis auf die Zehen ausgeschnittenen Rundschuhen stachen gut dagegen ab. Sie hielt in ihren Händen eine zierliche Wiege; das Kind. das hineingehörte, mochte sich vor der Hand die Fantasie der Zuschauer hinein denken , denn die Wachspuppe mit der schönen Baumwoll-Perücke war im Schnee verloren gegangen und hatte sich durchaus nicht wollen finden lassen. – Zur Rechten der Jungfrau und zur Linken des frömmsten Zimmermanns waren die Engel postirt: zwei äußerst breitschultrige Figuren in weißen Hemden mit rothen Gürteln. Die Flügel von Papier und Silberflittern saßen diesen Engeln, wo bei den Stadtherren in späterer Zeit die Zopfmasche zu sitzen pflegte; ihre dickbehaarten Häupter und blauen Bärte flößten Respekt ein, so wie man auch gern ihrem Schnürstiefeltritt auswich. Aber in ihren Händen lag die Harmonie des ganzen Aufzugs; der eine mit der Schwegelpfeife, der 153 andere mit einer langhalsigen Geige, versprachen sie die Wunder der Tonkunst vor ihren christlichen Zuhörern zu entfalten, und hielten Wort, denn nach kurzem Räuspern erklang der erste Akkord, und Joseph und Maria sangen die Qual der Wanderschaft und den Kummer, von allen Thüren, trotz Müdigkeit und dringender Noth, weggewiesen zu werden, mit einer dergestalt erschütternden Wahrheit herunter, daß Vielen alsobald die Thränen in's Auge traten. Die Engel ließen zu Zeiten ihre Instrumente ruhen und sangen ohne Begleitung von der Zärtlichkeit der Eltern und von dem demüthigen Eintritt des heiligsten Kindes in die sündige Welt. Wer da zuhorchte, wurde hingerissen, und weder die grotesken Stimmen und Stellungen der Engel, noch gewisse possierliche Verse, wie z. B. »Sankt Joseph trennt ab ein Hosenbein Und Maria wickelt ihr Kindlein drein,« vermochten das leiseste Lächeln auf den Gesichtern der Anwesenden zu erwecken; so tief war dazumal im ganzen Lande, und sogar in dem von ketzerischer Nachbarschaft umgebenen Vintschgau, die Andacht und die Ehrfurcht vor allem, was sich auf heilige Dinge bezog, eingewurzelt. Und dennoch war dieser Umgang der heiligen Familie nur eine Bettelei, welche dermalen ein abgehauster Tischler von Mals betrieb, der sein Weib zur Maria abgerichtet und ein paar rauhhälsige Musikanten zum Engelchor aufgedungen hatte. Denn während noch diese Letztern Freud' und Lob und Preis sangen und spielten, ging Maria mit der Wiege in der Hand von Mann zu Mann, von Weib zu Weib, und ließ sich ein Opfer in die Wiege gefallen, ein Geschenk, dessen sich weder der gnädige Herr Rentmeister, noch die letzte Dirne im Hause weigerte. Nachdem abgesammelt worden, zog die Familie feierlichst in der Runde herum, verneigte sich und ging ab, um in einem andern Gasthause ihr Heil zu versuchen. 154 Diese Anregung hatte indessen zur Folge, daß auch für den guten Seraphin von Hohen und Niedern eine kleine Geldsteuer gesammelt wurde, die ihm der Klosterrichter, seinen Muth und seine Barmherzigkeit belobend, überreichte. »Mach' einen guten Gebrauch von dem Geldl,« sagte er dabei: »eine Gabe, so wohl verdient und mit so gutem Herzen dargebracht, muß auch justé und stricté verwendet werden.« Als die Glocken in die Mette riefen, war kein vergnügterer Mensch dahin auf dem Wege, als Seraphin. Er spürte nichts mehr von Kälte, nichts von Müdigkeit. Sein Leib war erquickt, sein kleiner Stolz befriedigt. Das selige Bewußtseyn einer wackern Handlung erleuchtete sein Herz und stimmte ihn zur ächtesten Andacht, die er je empfunden. Ein mit sich selbst zufriedener Geist beugt sich so gerne vor seinem Schöpfer, weil er sich desselben würdiger achtet. Und Seraphin ahnte nicht einmal die volle und höchste Bedeutung seiner That. Diese sollte sich ihm erst am Morgen des Christfests in den Bekenntnissen eines verwilderten und überwundenen Gewissens kund geben. Als der gute Bursche versprochenermaßen – nachdem er die Vorwürfe und Drohungen der Grödnerin abgeschüttelt – den Jäger besuchte, fand er denselben noch sehr entkräftet zu Bette liegend. Eine Art von Verklärung verbreitete sich auf dem Antlitz des dem Tode Entronnenen. Er sagte mit ungewöhnlicher Aufrichtigkeit. »Komm her, daß ich Dir die Hände schüttle und mich bei Dir bedanke, Du rarer Kerl. Ich wünschte wohl, Dir mit etwas besserm vergelten zu können, als mit ein paar Worten, aber, denke ich, der Himmel wird's an meiner Statt thun, denn er verlangt nicht den Tod des Sünders, und das Leben des schlechtesten Menschen hat einen gewissen Werth im Himmel.« – »Laß nur gut seyn, Jäger. Streng' Dich nicht an,« ermahnte der bescheidene Seraphin. 155 Der Alte machte die Augen weit auf, forschte damit im Gesichte des jungen Plaschur herum, und fragte: »Sag mir, wo ist meine Flinte?« – »Das weiß ich nicht. Ich hatte Mühe, Dich selber unter'm Schnee zu entdecken.« – »Sey so gut und laß nach dem Büchsel suchen, es ist nach Weib und Kindern mir das liebste auf der Welt. Doch nein: Du gehst mir auch weit vor dem Gewehr. Das Gewehr hätte schier einen Halunken gegen Dich machen müssen, aber es kann nichts dafür, das Gewehr.« Seraphin verstand diese Worte nicht sehr. »Was redst Du denn, Jäger?« fragte er besorgt. – Der alte Liebl zog einen tiefen Seufzer aus seiner Brust, indem er versetzte: »Ja, ja, ich möchte schon Dir vergelten können, was Du an mir gethan, denn ich hab's gar nicht verdient; nicht eines Nagels groß hab' ich's verdient. Ich will jedoch, bevor ich Dir sage, wie's mit mir aussah, einen guten Rath geben. Mach' Dich bald von des Grödners Hause los. Du wirst dort nicht Glück noch Segen finden, denn, was uns Gott auch bescheert, ein böses Weib verdirbt auf Erden Alles. Setz' Dich auf's Bett daher, und horche fein zu. Die Grödnerin ist schlimmer als eine hungrige Wölfin. Sie hat's drauf angelegt, Dich aus dem Weg zu schaffen. Sey gegen alles, was von ihr kommt, auf der Hut!« – »Oho, oho, das wird nicht seyn, Jäger?« – »Darfst mir glauben. Es ist schon lang, so hat sie mir den Auftrag gegeben, Dich auf die Gemsen mitzunehmen. Da hätte ich Dich in's Gebirg, an irgend einen unwegsamen Platz führen sollen – weißt Du, so zwischen Himmel und Erde, wo man nicht mehr vorwärts, nicht mehr rückwärts kann, wo der Ferner überhängt und das Anklettern verbietet, und wo der Fels abstürtzt, daß das Hinuntersteigen für den ungeübten Steiger nur ein Halsbrechen abgäbe – nun, dort hätt' ich Dich verlieren sollen, wie sie meinte . . . .« 156 »Ach du mein Heiland, ist das wohl möglich?« rief Seraphin zitternd aus, und der Jäger nickte bestätigend. »Vielleicht,« sagte er, »hätt' ich's dazumal gethan, weil ich von dem Weib Wohlthaten genossen; ich hätt's gethan, wenn's mich auch nachher bitter gereut haben würde. Aber zu Deinem Glück bist Du krank geworden, und die Zeit ist mittlerweile vorübergegangen und meine Gedanken sind ehrlicher geworden. Dennoch – weil der Tod nicht so gefällig gewesen, Dich im Fieber abzuholen – stichelte und stachelte das grundböse Weib ohne Unterlaß in mein böses Fleisch, daß ich schier voraussah, ich würde mich ihrer nicht erwehren mögen. Ich betete freilich dagegen, was ich konnte, aber mein Gott half mir nur immer gerade über den bösesten Augenblick hinweg; denn des Winters Noth schlug mich, der ich von der Grödnerin und von aller Welt verlassen war, mit grimmigen Fäusten. Ich sah, wie mein Weib hungerte, wie mein Mädel abmagerte, wie der Lex drauf und dran war, ein Dieb und Spitzbub zu werden, um uns das nothdürftige tägliche Brod zu verschaffen . . . . ich hätte lieber selbst eine schwere Missethat begangen, als zugegeben, daß mein armer Bube des Galgens und der Hölle geworden wäre . . . .!« Liebl weinte. Es lag sowohl in dem fürchterlichen Entschluß, den er zum Besten seines Sohns gefaßt, obschon die eigene Verdammniß wagend, als auch in den Thränen, die jetzt aus seinen wilden Augen hervorbrachen, eine so großartige Gewalt, daß Seraphin, vergessend, wie sein leiblich Haut und Haar auf dem Frevelspiel gestanden – durch und durch von Rührung erschüttert wurde, und die freundlichsten Bitten anwendete, den Reumüthigen zu beruhigen. Nachdem dies gelungen, fuhr der Jäger immer vertrauensvoller in seinen Geständnissen fort: »Auf einmal – zu unser Aller Glück – legte sich mein Weib, weil's 157 das Elend kaum mehr ertrug. Ein schmerzliches Erbrechen und heftiges Gliederweh rüttelte die arme Haut zusammen. Nun, Du hast selbst eine brave Mutter gehabt. Du weißt, was eine brave Mutter im Hause zählt. Meine Wehmuth und mein Zorn gegen die ganze Welt machten mich zum Unthier ohne Schlaf, ohne Rast, ohne Christenthum. Wo ich anklopfte, wurde mir nicht aufgethan; wo ich suchte, fand ich nicht. Da begegnete ich Dir zu Mals, und Dich sehen und mir vornehmen, mich mit der Grödnerin zu vertragen, und auszuführen. was sie im Haß gegen Dich verlangte, das war eins und dasselbe. Zum Unglück aber, oder wieder zum Glück, kam ich dahinter, nachdem ich mir im Verdruß einen tollen und vollen Kopf getrunken, daß Du etwas Geld empfangen hattest. Schau – ich will ganz redlich seyn, weil mir Dein braves Herz bekannt geworden – mir stieg gleich zu Sinne, ich wolle noch am Abend mit Dir Alles ausmachen, Dich erwarten auf der öden Straße, Dir's Geld abnehmen, um meinem Weib Arznei, meinen Würmern Futter zu bringen, und es möchte wohl an dem gewesen seyn, daß Du dafür liegen geblieben wärst, armer Junge. Der Sturm hätte Dein Geschrei und den Büchsenknall über die Berge geweht . . . . die Grödnerin hätte wieder ihre geizige Hand aufgethan . . . . aber unser starker Herrgott wollte das nicht haben!« »Ach du liebe Muttergottes,« stammelte Seraphin mit bleichen Lippen: »unter welchem himmlischen Schutz bin ich gewandelt, und glaubte mich so ganz verlassen!« – »Ja, ja, so ist's,« versetzte der Jäger, indem er sich den Schweiß von der Stirne wischte: »ich rannte also in meinem bösen Unsinn bis an's Kreuz, wo Du mich fandst, und erwartete, Dich bald kommen zu sehen. Anfangs spürte ich die Sturmgewalt nicht allzusehr, aber plötzlich fühlte ich einen seltsamen Schwindel im Haupt, meine Füße und Hände erlahmten, ich sank schläfrig und 158 ohnmächtig in den anwehenden Schnee, und aus war's mit Raub- und Mordgedanken. Wie Du mich gefunden, weißt Du wahrlich besser als ich. Es wäre nicht unfein gewesen, wenn der Wind mein Lebensflämmlein ausgeblasen hätte, denn schon hat mein Herzschlag gestockt . . . . dennoch verdanke ich mein Leben gerne Dir, gerade Dir, und meine Kinder mögen Dich dafür belohnen, wie auch später einmal das Paradies. Wenn Du indessen Deinem guten Werk die Krone aufsetzen willst, so behalte, was ich Dir gesagt, für Dich, und nimm Dich vor der Grödnerin in Acht. Du wirst mir freilich nicht gut seyn können, aber, weil Du ein verständiger Mensch bist, so hab' Mitleid mit einem armen alten Manne. Die Leute sagen wohl zuweilen, ich hätte einen bösen Geist zur Hand, der mich mit Geld und Gut versorgt. Die einfältigen Leute! Der böse Geist ist wohl da; ich habe von ihm nichts gewonnen, als Bitterkeit und Gewissensplagen, als Zwiespalt mit mir selber und Mißtrauen in die Gnade Gottes. Denke meiner, wenn Du betest, Seraphin . . . .« Seraphin wollte eben von Herzen das Versprechen leisten, als des Jägers Sohn, der in der Kirche gewesen war, nachdem er die Nacht beim Vater durchwacht, in die Stube kam. Beim Anblick dieses alten Schulfeindes wollte Seraphins Galle aufwallen, jedoch schnell wurde der Groll des jungen Menschen entwaffnet, als Lex mit bleichem, aber versöhnlichem Gesichte auf ihn zukam, ihm beide Hände darstreckte, ihm dann um den Hals fiel und sagte: »Verzeih' mir, was ich je an Dir begangen habe, Seraphin. Du hast mir den Alten da aus dem Schnee gefischt, und mir den liebsten Dienst erwiesen. Nimm mich zum Bruder an; ich hab ein redliches Herz, bin nicht so wild von innen, wie von außen. Wir wollen eins seyn, überall und immerdar, so daß ich lieben will, was Dir lieb ist, und daß Deine Sorge jederzeit die meinige sey. Mein letztes Pulverkörnl, mein einziges 159 Brodbröckl gehört Dein von nun an, wie jedes Haar auf meinem Kopf, und mein Kopf selber, wie sich's versteht; schlag' ein, Bruder!« – Der reiche Mann im Evangelium ist ein üppiger und mit sich selber hochzufriedner Herr gewesen; der lydische Crösus ist unter den Königen, was die Schatzkammer betrifft, der Haupthahn gewesen; die Fugger haben dergestalt im Ueberfluß gelebt, daß sie Kaisern und Fürsten, vielleicht dem Papste selber, Darleihen und Geschenke machen durften, daß ihr Name sogar im Volksmund zur sprichwörtlichen Redensart geworden ist, um die höchste Fülle an Geld und Gut zu bezeichnen, – aber alle diese ältesten und alten Herrschaften haben gewißlich niemals eine Woche, eine lange Woche voll Seligkeit und Wonne genossen, wie sie dem guten Seraphin in den sieben Tagen zwischen dem Christ- und Sylvesterabend zu Theil wurde. In seiner Brust war alles so ruhig, in seinem Kopf so heiter; die Füße bewegte er noch einmal so leicht, noch einmal so zuversichtlich schaute sein Auge in den Himmel, wie in jedes Menschengesicht. Er besaß alles, was er sich in seiner Lage nur wünschen mochte: die Achtung der Leute, seine eigene, ein frohes Gewissen, einen gütigen Herrn, denn der Grödner behandelte ihn plötzlich wie einen Mann; so viele Freunde, als das Dorf Einwohner zählte, die Grödnerin ausgenommen, der er in seinem Glücke alles verzieh, dergestalt, daß er nicht einmal dem Krämer – um ihn nicht zu kränken – sagte, was das Weib gegen ihn gesponnen. Er trug außer dem Schatz in seinem Bewußtseyn einen klingenden kleinen Schatz in seinem Beutelchen, und das Liebespfand Martina's hatte er wohl verwahrt neben seinem Lager, und speiste jeden Abend einen kleinen Bissen von dem süßen Brod des herzigen Mädchens, und dachte ihrer mit sehnsüchtiger und kindlichguter Regung. Er war überzeugt, daß er sie einmal wiederfinden müsse; wann? 160 wußte er freilich nicht, aber ihn umblühte ein so reicher Garten voll von Hoffnungsblumen, daß er sich selber frohlockend und zwar täglich vielmals sagte: »Sie gehört mein, und ich bin der ihrige, und der Himmel, auf die Fürsprache meiner Seligen, die mich wunderbar erhalten hat im Wetterdrang, wird's schon gut machen.« – Zu jener Frist erlebte er auch die Freude, daß der ersehnte Brief von Walt ankam, und er las darinnen, wie der Vetter Holzer für den Augenblick nichts thun könne, aber versprochen habe, im nächsten Jahr das Zusammentreffen der Freunde möglich zu machen. – »So warten wir denn noch ein Jahr,« dachte er mit muntrer Geduld: ich habe den Grödner lieber als je, weil er mit mir jetzt umgeht, wie ein Vater, und werde binnen der Zeit etwa erfahren, ob mein leiblicher Vater noch am Leben, oder ob er gestorben. Die Mutter hat nicht wohlgethan, jenen Dragonerbrief zu verbrennen und mir nicht eine Silbe von seinem Inhalt zu sagen: allein geschehen ist geschehen, und ich darf jetzt noch immer auf meines Vaters Leben hoffen, und am Ende schlägt alles, wie der Jäger sagt, doch zum Guten aus. Wenn in einem Jahr die Sachen noch auf dem alten Flecke stehen, und Walt kann mir dann Wort halten, so nehm' ich's an; aber vor der Hand will ich zum Grödner halten, und ihm durch wackere Dienste seine Fürsorge vergelten, wie ich kann. Mag auch die Frau schelten . . . . ich will's der Kranken verzeihen, und mich laben, wenn nicht an ihrer kargen Speise – so doch an der Erinnerung an die herzliebe Martina und den getreuen Oswald.« – Es war ihm mit der Ausdauer völlig Ernst, denn ihm lachte auf einmal das Leben, das ihm jüngst so manchen Seufzer gekostet hatte. Indessen: der Mensch denkt und Gott lenkt. Der Grödner ebenfalls hatte Briefe bekommen, die er mit vielem Fleiß durchstudirte. Nachdem er damit zu Ende gekommen, überlegte und grübelte er ganz für sich herum, 161 hin und her, nach der Länge und Breite. Am Nachmittag des Sylvester, nach abgehaltenem häuslichem Donnerwetter, das seit dem Christabend alltäglich zwischen Eins und Zwei loszubrechen und nicht selten einzuschlagen pflegte, berief der Grödner seinen Pflegsohn in den Laden, schob gegen einen möglichen Ueberfall von Seiten der Ehehälfte eine schwere Kiste vor die Thüre, die sich in's Innere des Hauses öffnete, und sagte sehr ernsthaft, wenn gleich wohlwollend: »Du bist seit ein paar Wochen ein Mensch geworden, der zu loben ist, und ich habe Freude an Dir, und der gnädige Herr im Schlosse, wie auch der Herr Richter und Anwald nicht weniger; basta . Weil Du eben so verständig und bei der Hand bist, und so viel groß, daß man Dich für einen Siebenzehner halten möchte, was das Fieber macht, das Dich gestreckt hat, so muß nothwendigerweise etwas mit Dir geschehen, und Du sollst mir aufs Jahr nach Meran und ein paar Schulen studiren; basta .« – »Wollt Ihr mich denn nicht zu einem Kaufmann machen? Ich würd's lieber, als ein Student und Gelehrter.« – »Pah, pah, wenn der Kaufmann etwas studirt hat, tragt er gar nicht schwer daran; und dann, wer weiß, ob Du ein Kaufmann bleiben wolltest?« Der Grödner blinzelte nach seiner Weise den Pflegsohn pfiffig an. – »Warum nicht, frag ich Euch? wenn ich auch nicht läugnen will, daß ich am liebsten ein Bauer wäre, und zwar ein reicher . . . .« – »Ein reicher; da hapert's noch bis dato, Seraphin. Wie aber, wenn Du mit der Zeit ein reicher Stadtherr, vielleicht ein reicher Edelmann werden könntest? He? Ein Edelmann ist doch noch vielmal besser als ein Knedelmann ?« – »Das wird schon seyn. Aber Ihr redet wieder von Sachen, die nicht seyn werden.« – »Mein lieber Bub', ich weiß schon, was ich rede. Dein Vater ist von hohem Stande; ich habe ein Andenken, das er 162 Deiner Mutter gegeben, gefunden; ich habe in Botzen seinen Namen erfahren; das Andenken klappt ganz zu dem Namen; ich weiß Deines Vaters Aufenthalt, und im nächsten Frühjahr, wenn mich nicht anderweitige Geschäfte aufhalten« – ein Blick des Grödners flog, gleichsam wie in Zerstreuung, nach dem Fenster der Hochenecker-Christine hinüber – »will ich ihn aufsuchen gehen. Selbst ist der Mann; Briefe thun in derlei kitzlichen Händeln nicht gut. In einer Viertelstunde macht man mündlich ab, was ein Briefwechsel von einem halben Jahr nicht schlichtet.« – »Also ist mein Vater Lenhard noch am Leben und ein vornehmer Mann in der That?« – »Ach nein, ach nein, laß mich mit dem Lenhard aus. Wer frägt nach dem? Dein Vater ist der Herr von . . . . doch stille, stille, daß ich's nicht verplaudre; Du könntest eitel werden.« – »Das nicht, aber Ihr betrübt mich, Ihr ärgert mich. Glaubt doch nicht das dumme Zeug, und haltet meine selige Mutter in Ehren.« – »Ja doch, ja doch, Du hantig's Kräutl; aber habe ich nicht Deinen Taufschein, der da bestätigt, daß Du geboren und zum Christen gemacht worden, nicht weniger als ein Jahr bevor Deine Mutter den Lenhard geheurathet hat? Und von jenem Jahre ist das Halsbatzl . . . . das Andenken, das ich meine, von purem Golde, und ich heb's auf, besser als wie Gold, neben Deinen zwei Dukaten, die ich Dir einmal als Deines Glückes Grundstein aushändigen will. Aber gelt: Du wirst Deinen guten Narrn von Vormund auch nicht vergessen« – unwillkürlich klopfte der Grödner an die Geldlade – »wenn Du ein reicher Herr geworden?« – »Ihr macht mich ganz verwirrt, Grödner. Ich komm' nicht draus. Aber, ich sag' Euch, ich müßt's so gewiß wissen, wie das Vaterunser, wenn ich glauben sollte, daß der Vater Lenhard nicht mein Vater sey.« – »'s wird schon einmal die Zeit kommen, da Du glauben wirst wie Sankt 163 Thomas, was Du nie hättest bezweifeln sollen. Mach' Dich nur so allgemach bereit, nacher Meran auf's Gymnasium zu reisen; 's ist alles schon so gut wie richtig.« – »Ach, wenn Ihr so viel ungern gingt, wie ich!« – »Ungern oder nicht; basta . Muß Dich der Alten aus den Klauen räumen. Sie hätt' Dich schon lang aus dem Haus plündern Wegplündern: ausräumen, in der friedlichsten Bedeutung. »Ich muß erst die Stuben ausplündern, das Bett aus der Kammer plündern« u. s. w. mögen, und wenn ich verreise, Deinen Herrn Papa aufzusuchen, möchte ich Dich nicht ohne einen Schutz und Stab ihrer Gewalt überlassen. Sie könnte Dir – verzeih mir Gott die Sünde – sie könnte Dir ein Leid anthun, sie könnte Dir was geben, Du Heiter, so blind- und spinnenfeind ist sie Dir. Wenn sie Dich hätte, wie einen Dachs unter der Fang-Gabel, sie ließ' Dich nicht mehr lebendig aus. Aber die Weiberleut' sind schon einmal so. Sie müssen immer einen haben, den sie lieben, oder einen, den sie nicht ausstehen mögen. Weil nun die Meinige ein gar scharfer Essig ist, so muß sie schon Zwei haben zum Nichtleiden, und die Zweie sind wir beide. Seraphin. Getröst Dich aber nur, ich will mich schon wehren, und Dich weit aus dem Schuß stellen.« – Seraphin wollte gesenkten Kopfs hinausschlendern, da rief ihn der Grödner zurück, schopfbeutelte ihn liebreich, und sprach: »Mach' kein Gesicht, Seraphin. Schau freundlich aus, Bub. Dort liegt ein Packl für Dich. Hättest es zum Niklaus kriegen sollen, aber der Schneider, die müde Hack' , hat mich damit aufgezogen. Es ist ein neu's Gewandl für Dich darinnen. Mach' mir die Freud' und zieh's gleich an, damit ich sehe, wie Dir's zu Gesicht steht, und dann geh' ins Kreuz und mach' der Wirthin Deine Reverenz; sie hält viel auf Dich. Und – weißt was? – zeig Dich auch fein dem gnädigen Herrn und dem Anwald. Ich hab's gern, wenn sie sehen, daß ich so viel für Dich thue. Verstehst Du mich? 's ist wegen der Zukunft.« 164 Seraphin ließ sich's nicht noch einmal heißen. Den Pack unter'm Arm küßte er die Hand des freigebigen Vormunds, und flog in seine Kammer hinauf. Da war nichts vergessen; von den Schuhen bis zur Halsbinde von Flor war alles treu und stark und sauber gemacht. Der fröhliche Besitzer so vieler Herrlichkeiten kampelte und wusch sich, steckte sich mit Vergnügen in's reine Hemd, in die Prachtkleidung, und war, das tolle Hütl aufs rechte Ohr geschoben, ein recht saubrer Bursche. Er hatte sich noch nie so zu seinem Vortheil ausgenommen, wie heute, und der Grödner konnte sich nicht satt sehen an seiner Wohlthat, bis ihm einfiel, auch seinem Weib einen kleinen Seitenstich zu gönnen, indem er ihr den Seraphin vorführte. Die arme lendenlahme Schlange hätte sich selbst vergiften mögen. »Du wirst noch zum Kirchenräuber werden,« grollte sie mit gelbem Neide, »um dem Nichtsnutz Alles aufzuhängen!« – Worauf der Grödner spitz: »Warum denn nicht, wenn der Seraphin doch mein Fleisch und Blut ist, wie jetzt schon im Dorf die Mäuse aus allen Löchern pfeifen, weil Du und die Stampferin ihnen das Stückl gelehrt haben?« – Darauf ging er mit Seraphin fort. »Das war ein schlechter Neujahrsspaß für die Frau!« meinte der Knabe. – »Meinetwegen,« lachte der Grödner herbe: »sie kocht mir's alle Tage sauer genug. Komm mit, wir geh'n in's Wirthshaus. Zum Einkaufen kommt Niemand mehr, und der Krämer will auch seinen Feierabend haben.« Sie trollten sich in's Kreuz, wo es eben so lustig und noch lustiger herging, wie am Christabend. Der Gäste waren mehr und lärmender durcheinander. Es gefiel dem Seraphin nicht in dem Gewühl, und er sehnte sich, ein paar Augenblicke in der schönen frischen Mondnacht sich zu ergehen und an seine kleine Martina zu denken. Das Wetter hatte sich seit der finstern Mette der Christnacht sehr zu seinem Vortheil geändert. Der 165 Frost und das Gestöber hatten aufgehört, die Wege waren meistens wieder gebrochen und gut gebahnt, Wagen und Schlitten durften wieder ohne Besorgniß durch das Land klingeln. Am Sylvesterabend stand der Mond als eine herrliche klare Scheibe am dunkelblauen, sterndurchfunkelten Himmel. Seraphin ahnte etwas von der Gewalt der Mondnächte auf die Gemüther empfindungsvoller Menschen; daher seine Sehnsucht, der schönen Nacht den Hof zu machen, und für sein Verlangen gar zu spät wurde diese Sehnsucht befriedigt. Erst gegen elf Uhr wurde ihm die ersehnte Freiheit gelassen, nachdem die vornehmern Gäste des Wirthshauses sich an ihm satt gehätschelt, ihn sattsam mit Lebensregeln und Verheißungen angefüttert hatten. – Wie gerne verließ er die qualmige Stube, die leckere Speise, die ihm vorgesetzt worden war, um draußen in Ruhe das letzte Stückchen von Martina's Geschenk zu nagen, und wiederholten Dank der lieben Geberin zu spenden! Allein, auch im Freien fand er die gewünschte Ruhe nicht. Schon zogen die ländlichen Musikanten Dorf auf, Dorf ab, um vor den Häusern der Bemittelten ihr althergebrachtes Neujahrkonzert anzustimmen. So eben marschirte die volle Schaar der einfachen Tonkünstler dem weißen Kreuze zu, bildeten vor dem Hause einen feierlichen Kreis, und Schwegel und Baßgeige arbeiteten rüstig drauf los, bis die Sänger begannen: »Mit Freuden gedeihe das neue Jahr Und was wir wünschen, das werde wahr, Wir wünschen dem Wirth einen viereck'gen Tisch, Auf jeder Eck 'nen gebratnen Fisch. Was wünschen wir ihm in die Mitte hinein? Eine silberne Kandel mit rothem Wein! Mit Freuden gedeihe das neue Jahr, Und was wir wünschen, das werde wahr!« 166 Hierauf folgte ein donnerndes Vivat, dem hochbeliebten Wirth gebracht, und nach einer Pause ging der Pfeifen- und Geigenlärm wieder los, und mehrere Stimmen schrieen: »Der Wirthin! was gehört der Wirthin?« – Die Sänger antworteten gehorsam: »Wir wünschen der Wirthin eine hohe Stiegen, Und oben drauf eine goldne Wiegen; Was wünschen wir in die Mitte hinein? Ein wunderschönes Knäbelein! Mit Freuden gedeihe das neue Jahr, Und was wir wünschen, das werde wahr!« Fröhliches Gelächter nahm diese Strophe auf, deren Witz, alle Jahre wiederholt, eben so gut alljährlich mit dem höchsten Beifall belohnt wurde. Es versteht sich, daß auch der besungenen Wirthin das schuldige und wohlgemeinte Vivat dargebracht wurde, und die Kellnerin, die, wenn auch nicht mit silberner, aber dennoch mit wohlgefüllter Kandel unter die Nenjahrssänger trat, erhöhte durch ihre Erscheinung den Jubel und Tumult der Heißdurstigen, die einen Garaus Garaus: ein alter Vivatruf, wie heute das Hoch! will sagen, daß die Gläser ganz zu leeren seyen. nach dem andern tranken. – Seraphin stand in der hintersten Reihe der Zusehenden, und fühlte, wie ihn Jemand auf die Achsel tippte. Ein fremdes Gesicht, ein schnurrbärtiges, begegnete dem seinigen. »Was ist?« fragte Seraphin, unwillig, gestört zu werden. – »Geh, komm ein bissel auf die Seite, Bub.« – »Ich mag nicht.« – »Es will Einer was mit Dir abdiskuriren.« – »Ich mag nicht. Wenn Einer was will, so soll er herkommen.« – Der Ansprecher, dessen Züge Seraphin sich nicht erinnern konnte, jemals gesehen zu haben, ging unter den dunkeln, überdachten Raum des Tanzplatzes. Seraphin war daran, seinen Platz zu verändern, und sich von dem Gewühl der Neugierigen zu entfernen, da klopfte ihn abermals Jemand auf die Schulter: » Buona saira, « flüsterte ihm eine dießmal gar 167 wohlbekannte Stimme zu: »Wie geht's, Giuven ?« – »Was wär' mir denn das?« fragte der junge Plaschur freudig überrascht entgegen: »Egidi, je, woher des Lands in später Nacht?« – Der Vogelträger steckte in einem dicken Pelz bis über die Nase, und erwiederte: » Che Giavel! ich mache eine Lustreise. Komm her, ich hab' Dir was auszurichten. Hab' Dich schon daheim suchen lassen, aber der turbulant war nicht a Casa . Komm, komm!« Er zog den Knaben halb mit Gewalt von dannen, das Dorf hinauf, und sagte unterwegs, jedoch heimlich: »Wie gehts? frage ich. Wie hat die festa da Nadal angeschlagen?« – »Passirt schon,« antwortete Seraphin: »warum thust Du so heimlich? Laß mich, daß ich den Grödner rufe, oder komm mit mir, daß ich Dich zu ihm führe.« – » Ca nun, ca nun, mi Charett ! Sollst mit mir gehen. Man versteht dort vor der Pfifa und der Clompradura kein lebendig Wort.« – »Nun, was willst Du? Laß uns stehen bleiben.« – » Ca nun , machen wir ein bissel Spassegiada , Charett !« – »Mein! so red' einmal heraus.« – »Hör' Du, ich hab' für Dich gesorgt. Ich weiß eine gute Profession für Dich, buon Giuven .« – »Wie? wo? was meinst Du denn?« – »Hast Du' s nicht schlecht bei dem Mercadont Mercadont und Traficant : Kaufmann. ?« – »O nein, jetzt besser als je zuvor.« – »So? mit einemmal? Du Glisner ? O pfudi , was redst Du da?« – »Die Wahrheit, Egidi. Ich bin jetzo zufrieden.« – » O chei miseria ! Du thust lügen. Tia Bucca plaida bucca la vardad .« – »Gewißlich lüge ich nicht. Du bist aber heut' so kurios, Egidi. Wo willst Du hinaus? Wir stehen ja schon am Ende des Dorfs. Laß uns umkehren.« – » Ca nun, ca nun, Charett . Ich thu' nichts halb. Willst also nicht annehmen das ehrliche Uffizi , das ich Dir hab' ausgemacht?« – »Nein, Egidi. Ich danke, aber jetzt kann ich nicht. Sag' mir lieber, was . . . .« 168 Der Engadiner ließ ihn nicht ausreden, und er hätte doch so gerne sich nach Martina erkundigt. Der Engadiner sagte zornig, und Seraphin fest am Handgelenk haltend: »Willst nicht vom Grödner fortgehen?« – »Nein doch; laß mich los. Du könnt'st mich fürchten machen.« – » Ca nun, ca nun , ich hab' Dich lieb, lieber als der Traficant , der immer ist die Trumbeta seiner artificious liberalidad La trumbeta da la sia artificious liberalitad : die Posaune seiner heuchlerischen Freigebigkeit. . Ich hab' mich bemüht, ich hab' Sagirtad gegeben für Dich. Igl Meister thut Dich erwarten.« – »Das thut mir leid,« rief Seraphin entrüstet: »ich mag aber nicht, was Dein Meister Igel will. Laß mich aus. Du thust mir so viel weh!« – » Cludeit la bucca! ! Jau sunt par ir und Du mußt mitgehen!« – Seraphin wollte sich mit Gewalt losreißen, denn ihm wurde im Ernst bange, da er den Schnurrbärtigen mit einem leichten Schlitten daherschießen sah. – »Was da?« entgegnete der Engadiner seinem Rufen, und hielt ihm den Mund zu: » Un giavel catsch 'lg auter! Or cun tei! Marsch, Coloman!« Und wie eine leichte Feder hatte der riesige Mann bereits den erschrockenen Seraphin in seinen Pelz begraben, in den Schlitten geworfen; wie im Hui saß er neben seiner Beute, und rief gedämpften Tons, aber frohlockend, dem grinsenden Kutscher zu: » A la grada , Marsch! Igl temps passa! A l'alva di gì müssen wir weit seyn, Kölbl! weit, wie flüchtige Schuldada Schulda : Soldat. Pluralis: Schuldada . . Chiou, Chiou, car giuven! Jau nus gavisch ün vantireivel viadi! – Und fort, etschaufwärts flog wie ein Vogel der Schlitten auf glattem Pfad in die »sterndurchfunkelte« Nacht hinein. – Zweiter Band. Erstes Kapitel.   Junker . Ich glaube vermuthen zu dürfen, daß dieser Vogelsteller ein recht lustiges Leben führt. Rüpel . Lustig, weil frei, und wo wäre ein Dieb, der nicht in strafloser Freiheit lustig lebte? Junker . Ein Dieb? Rüpel, du bist unbescheiden. Dieser harmlose Vogelsteller wäre ein Dieb? Rüpel . Nun ja doch. Zuvörderst stiehlt er unserm Herrgott den Tag ab; sodann stiehlt er den Vögeln ihre lustige Heimath und goldene Freiheit. Endlich stiehlt er den Leuten das Geld aus der Tasche, indem er ihnen den wilden Waldgesang für schöne Musik verkauft. Es ist schon oft Einer um weniger gehenkt worden. Das alte Schauspiel vom Junker Kybitz. Auf den glückseligen Inseln, die man die kanarischen nennt, wo die afrikanische Sonne regieret, daher Wärme, Licht und Leben dort Alles durchdringen, zeitigen und in feenhaften Farbenglanz tauchen, ist das harmlose Geschlecht der gelben Eilandsperlinge zu Hause, die noch heute so gerne in nordischen Wohnungen als Lust- und Freudensänger gefangen gehalten werden. Ihre Lieder, so zauberisch durchschallend die dunkeln Haine des heißen Vaterlandes, haben schon frühzeitig in Europa die Begierde nach den niedlichen Musikanten rege gemacht. Kaufmännische Spekulation hat zur selben Zeit daraus Nutzen zu ziehen gewußt. Die Spanier, ein Volk, das vor allen übrigen die Kunst des Monopolisirens verstanden, waren lange dieses Handels Herren geblieben. 2 Sie hatten die europäischen Häfen ausschließlich mit den sogenannten Zuckervögeln, den Lieblingen der Frauen, versorgt. Da wollte einmal der Zufall, daß ein nach Livorno bestimmtes spanisches Schiff, das nebst andern Waaren manches Tausend von Kanarienvögeln an Bord hatte, hart an der italienischen Küste Schiffbruch litt. Während der Schrecken dieses Unfalls waren die Bauer der Vögel aufgegangen, und die goldgelben Sänger, als hätten sie's verabredet gehabt, flogen allesammt westlich und ließen sich als freie Ansiedler auf der Insel Elba nieder. – Von jenem Tage war das Handelsmonopol zu Ende, und der spekulirende Italiener holte von Elba, was er an Kanarienvögeln brauchte; und weil nun leicht zu ersehen, daß dieses zarte Geschlecht auch auf fremdem Boden heimisch zu werden geeignet, so fanden sich bald in nördlichen Ländern Leute, die aus Liebhaberei oder Gewinnsucht die allenthalben begehrten Fremdlinge in großen Parthieen hecken ließen, um die Jungen zu erziehen und zu verhandeln. Tirol, das Land derjenigen Industrieen, die, dem Anschein nach geringfügig, ansehnliche Resultate erzielen, wies auch die Zucht der Kanarienvögel nicht von sich. Es vereinigten sich mehrere Umstände, den Markt Imst im Oberinnthal zum Mittelpunkt des Handels mit geschwätzigen Vögeln zu machen: die eingeborne Neigung des Oberinnthalers, umherzuwandern je weiter je lieber, um ein Stück Geld in die rauhe Heimath zurückzubringen; der lange Winter, der ihm erlaubt, Beschäftigungen im Hause beharrlich nachzugehen; endlich ein fanatischer Hang zur Vogelstellerei und ein besonderes Behagen an der Abwartung, der Zähmung und am Abrichten des kleinen Federvolks. Dieser Trieb, dem Gefieder nachzustellen, macht noch gegenwärtig Epoche in dem Leben des Imsters. Wohl öfter legt Einer sechs bis acht Stunden in Berg und Wald zurück, um einen Fink oder 3 Rothkropf zu fangen, von dessen Schlag der Volksmund Rühmliches berichtet hat. Diese Liebhaberei ist früher noch eifriger betrieben worden. Die Häuser der Reichen wie die Hütten der Armuth wiederhallten vom Gesang der Vögel des Waldes. Die hitzigsten Dilettanten scheuten nicht Zeit noch Mühe noch Kosten, um eine möglichst große Bevölkerung von Vögeln in ihren Wohnungen anzulegen. Der Hausherr mußte seinen wohlabgerichteten Staar, seine spruchreiche Amsel haben; die Hausfrau eine süßflötende Nachtigall und eine Wachtel, die unermüdliche Weckerin; die Kinder vergnügten sich mit gurrenden Tauben, an dem possierlichen Anstand des Gimpels, an der Jagdlust des Fliegenfängers. Der Kanarienvogel wurde mit Enthusiasmus in den Kreis der heimischen Sänger aufgenommen. Die Männer vertrieben sich die Zeit mit der Besorgung der Hecken, die muthwilligen Kleinen des Hauses schleppten Taxen und Futterkräuter für die herzigen Schreier zusammen; das weibliche Geschlecht zog den zierlichen Vogel in den Bereich der Toilette; denn zum häuslichen Sonntagsstaat gehörte bald der Kanari auf dem Zeigefinger der rechten Hand. Mit diesem Schmuck, so unentbehrlich als der goldne Ring, saß die Ehewirthin am Sonn- oder Festtagnachmittag im Erker ihrer Stube, vollkommener Ruhe pflegend. Mit dem Vogel auf der Hand wurden die Besuche angenommen, und eine Hauptwürze derselben waren die Erkundigungen nach dem Befinden des gelben Schäckers, die Lobreden auf seine Talente, und das zarteste Streicheln seines Gefieders. Wer sich in einem Hause einen Stein in's Brett setzen wollte, brachte beim Besuch ein Stück Zucker für den Kanari mit. Eine Frau, die etwas gelten wollte, ließ sich nicht malen, als mit dem Kanari auf dem Finger. 4 Während nun die Weiber die Vögel hätschelten und die Kinder mit ihnen um die Wette schrieen, handelten die besonneneren Männer damit. Gewöhnlich trat eine kleine Gesellschaft zusammen, schoß eine gewisse Summe – in der Regel fünfzig bis achtzig Dukaten auf den Mann gerechnet, ließ dafür einkaufen, was an Vögeln und andern Dingen zu einer Expedition vonnöthen, dingte einige Träger auf, deren Kopf gescheit, und deren Beine bereitwillig genug waren, vor einer weiten Reise nicht zu erschrecken, und ließ dieselben apostelmäßig in alle Welt gehen: nach England, Holland, Rußland, nach der Türkei und den levantischen Scalen. Was die grundehrlichen Träger heimbrachten, wurde redlich unter die Theilhaber nach Maßgabe der Aktien vertheilt und mit dem Ueberschusse weiter spekulirt. Die Natur gab ihren Segen zu dem seltsamen Handel, indem sie den im nördlichen Himmelstrich gezüchteten Vögeln ein schöneres und mannichfaltigeres Gefieder und trefflichere Stimmen gab, als ihnen ihr ursprüngliches Vaterland zu verleihen vermag; so zwar, daß in Kurzem kein Mensch, weder in Moskau, noch in der englischen Peerschaft, noch in des Großsultans Harem, von den Spaniern mehr einen Kanarienvogel kaufte; der Vorzug blieb den deutschen, vor allen den in Tirol gezogenen Vögeln. – Unter Denjenigen, die den Vogelhandel betrieben, als Kapitaliendarstrecker und großartige Unternehmer, zeichnete sich in den letzten Jahren des Kaisers Karl des Sechsten der ehemalige Bäckermeister Peter Tammerl zu Imst glänzend aus. Meistens machte er seine Geschäfte allein; es war eine besondere Gunst zu nennen, wenn er dann und wann einem Freunde oder Gevatter gönnte, daran Theil zu nehmen. Tammerl war in dem bewußten Artikel der »königliche Kaufmann« vom Imst. Seine ungemessene Vogelpassion hatte ihn in Stand gesetzt, die vorzüglichste Waare zu erzeugen, zu liefern und 5 einzukaufen. Sein Unternehmungsgeist, verbunden mit seinem Vermögen, that das Uebrige. Abgesehen von dem Glück, das ihm auf der Bäckerlaufbahn, wie in jedem andern Geschäft, beständig hold gewesen, so war auch schon seines ganzen Wesens Beschaffenheit von der Art, daß Tammerls Mitbürger vor ihm Respekt haben mußten. Der Kern dieses Mannes war durch und durch der eines wackern Tirolers: Redlichkeit, unbeugsame Freimüthigkeit, die strengste Pünktlichkeit in der Erfüllung aller seiner Obliegenheiten, von Empfindsamkeit keine Spur, aber dafür ein unerschütterlicher Grund von Religiosität und Menschenliebe. Diese letztere kostbare Eigenschaft war indessen nicht wenig verschleiert durch einen guten Beisatz von Egoismus und Stolz. Tammerl wußte sich viel mit dem selbsterworbenen Wohlstand, mit dem unbefleckten Ruf von Ehrlichkeit, den er von Vater und Mutter, von Groß- und Urgroßeltern ererbt hatte, und mit den Reisen, die er, das Bäckerhandwerk zu erlernen, und als Geselle zu betreiben, in's Reich hinaus gemacht. Er schrieb sich einen gewissen, in der Fremde erlernten Takt, eine Unfehlbarkeit zu, die freilich gar oft nicht Stich hielt; im Grunde besaß er aber nur die Klugheit, sich in Geschäften nicht betrügen zu lassen. Sein Patriotismus war steif und fanatisch. Das Ausland war ihm ein Gräuel, wenn ihm gerade nicht beliebte, dessen Vorzüge herauszustreichen, insofern es galt, einen hartnäckigen Disputirer zum Schweigen zu bringen; denn er vertrug nicht leicht eine Widerrede, wenn nicht von seiner Frau, die in allen Stücken über ihn den Scepter schwang, obgleich er's den Leuten nicht gestehen wollte. Vor Allen haßte er die Bayern und was mit ihnen zusammenhing; er wußte zwar nicht einen triftigen Grund für diesen Haß anzugeben, und hatte selbst einen Bayer in seinen Diensten, dem er nicht wenig anvertraute. Nächst dem Bayer'schen Volk haßte er indessen auch die 6 Hauptstädter seines Vaterlandes selbst, die Innsbrucker, in einem hohen Grade. Er hatte dort einige Jahre seiner Jugend auf den Schulen zubringen müssen, war gehudelt und geärgert worden; ferner lebte daselbst sein Bruder, ein Spezereihändler, mit dem er – wie man sagt – beständig ins Kreuz gewesen. Gründe genug für ihn, das Fegefeuer seines Knabenalters zu verabscheuen. Jene schlimme Zeit hatte jedoch eine ehrenwerthe Tugend in ihm keimen gemacht: die Liebe zu seinen Kindern. Er suchte an ihnen gut zu machen, was an ihm die allzustrengen Eltern verdorben, und wenn auch nicht selten seine Liebe die Schranken der Mäßigung und Vernunft zu durchbrechen suchte, so war doch seine Ehefrau bei der Hand, die Verirrungen der väterlichen Schwachheit zu zügeln. Sie war ein Weib von gutem Herzen und hellem Verstande, und nicht mit Unrecht ordnete sich ihr der Gatte unter. Er verehrte sie wie den Altar, predigte stets von ihr als von einem Muster aller Frauen, und hatte immer gewußt, heldenmüthig zu widerstehen den Angriffen, die seine eigene Mutter, besonders zu Anfang seiner Ehe, gegen die Schwiegertochter versucht hatte. – Zu dem Umriß des Tammerl'schen Charakters gehört noch beizufügen, daß er bei Gelegenheit abergläubisch war, wie ein altes Weib; daß er gern prahlte, hin und wieder eine harmlose Lüge sich erlaubte; daß er seine Heimath Imst für die Krone der civilisirten Erde hielt, und daß seine Passion für die Vögel, selbst unter seinen passionirten Landsleuten, für eine wunderlich ausgebildete Leidenschaft galt. Er lebte und webte in seiner Liebhaberei; er hegte eine große Menge von Vögeln aller Gattungen, hielt Colonieen von Mehlwürmern und Regenwürmern, Magazine von Ameiseneiern und Kanariensamen, Pflanzungen von Rübsamen und Vogelkräutern und Beeren jeglicher Art. Wer ein paar Stunden in der Runde eine geschickte Schlinge zu drehen wußte und den 7 Vogelfang verstand, war in Tammerl's Solde. Es nistete in der Umgebung kein Singvogel, kein Strichvogel, so zu sagen, passirte das Imster Territorium, von dem Tammerl nicht die erste Kunde erhalten hätte. Gab es nicht Vögel zu fangen, so bosselte Bosseln oder bäscheln oder basseln: immerfort an irgend einer leichten Arbeit thätig seyn. Tammerl dennoch allerlei, was auf seine Liebhaberei Bezug hatte: er fertigte Käfiche von allen Gestalten, richtete kleine Drehorgeln ein, und damit seine Spezialvögel ab, dressirte einen Tschaffit Tschaffit: eine kleine Eulen-Gattung, die sich zum Vogelsang abrichten läßt. Der Tschaffit wird auf einen künstlich bereiteten Busch gesetzt, an welchem viele Leimruthen befestigt sind. Alle umherstreifenden Vögel stoßen auf ihn und verfangen sich in den Ruthen. nach dem andern, bis er einen recht gelehrigen gefunden, und verschmähte sogar nicht, hin und wieder ein italienisches Buch von der »Vogelstellerkunst« durchzustudiren, wenn schon das Lesen nicht sehr bei ihm in Achtung stand und nur die Praxis, nicht die Theorie, ihm grün ins Auge lachte. Dieser Mann nun, mit seinen großen Vorzügen und geringen Mängeln, war seit einiger Zeit von seiner Familie und seinen Freunden so niedergeschlagen befunden worden, daß sie für seine Gesundheit nicht das Beste hofften. Es floh ihn der Schlaf, der Appetit, die Heiterkeit. Der Gebrauch des Bades von Ulten, dem er sich seiner Fettleibigkeit zu Ehren unterzogen, schien, statt einer günstigen, eine schlimme Wirkung auf ihn gemacht zu haben. Kaum, daß ein derber Scherz den Schatten eines Lächelns um seinen Mund zauberte; kaum, daß ein halbgeräuchertes Rippenstückchen vom selbstgeschlachteten Schweine – der Delikatessen erste – seinen Gaumen einen Augenblick verführte: unmittelbar nach dem Scherz und dem Rippenstückchen nahm ihn wieder die schwarze Betrübniß in den Arm, um ihn lange wieder nicht loszulassen. Höchst bedenklich war, daß gerade in der Mitte seiner geliebten Vögel das Uebel noch ärger wurde. Er schüttelte den Kopf beim Gesange seiner Spezialen; sein Elstermännchen sagte vergebens hundertmal in einem Athem das vielbeliebte: »Schau, schau, Peterl, wie geht's?« – Wenn das Staarl vom Fensterbalken 8 noch so oft hereinrief: »Halt! wer da?« oder: » Pfietigott , Natz! « – dennoch wollte Tammerls Stirne sich nicht aufheitern. – »Gebt's acht,« sagten die Leute mitleidig: »der Tammerl wird's nimmer lang machen!« – Die Familie zerbrach sich völlig den Kopf; aber alle ihre Fragen und Muthmaßungen führten zu nichts. Tammerl sagte nicht, was ihn quälte, der Doktor fand seinen Puls und seine Zunge in Ordnung, der Beichtvater war mit seinem Gewissen zufrieden. Sein Seelenzustand wurde daher mit jedem Tage räthselhafter. Da geschah es, daß Tammerls Vogelwärter – ein altes Mandl – starb. »Was wird Tammerl jetzt thun und sagen?« fragten Alle, die Theil an ihm nahmen. Die Einen glaubten, die verdoppelte Beschäftigung – da des Assistenten Tagwerk jetzt auf des Herrn Schultern zurückfiel – würde den Melancholischen zerstreuen; die Andern fürchteten, das Absterben des alten Dieners würde den Meister noch tiefsinniger machen. Zur Verwunderung der Letztern wurde indessen der Meister um vieles heiterer, pfiff wieder halbverstohlen sein Leibstückchen, und brütete einen kleinen Vorsatz aus, der jetzo erst Gelegenheit zum Reifen hatte. Sein Herzblättchen Martina fand ihn eines Tags, da sie hinausgegangen war, ihren Rothkropf zu besuchen, vor des Vogels Käfich stehen, behaglich die Hände auf dem Rücken zusammengeschlagen, und gedankenvoll den Vogel betrachtend, der eben sein Eimerchen mit Wasser zog. »Wie geht's denn dem Herrn Vater?« fragte das Mädchen schmeichelnd, indem sie ihm den Daumen küßte. – »Bist da, Tina?« fragte er freundlich entgegen: »kommst mir gerade recht. Weißt du noch, von wem der Vogel da ist?« Martina wurde glühend roth und erwiederte, ihres Vaters Anfrage verdächtigend: »Ich weiß nicht mehr, 9 Herr Vater. Die Kreuzwirthin hat Dreie genannt: den G'streichten . . . .« – »Nichtsnutz.« – »Einen gewissen Oswald . . . .« – »Wieder nichts nutz. Ich will den wissen, der den Vogel gehabt hat, ehe er uns in's Zimmer ist gestellt worden.« Martina schwieg betreten. Sie fürchtete, sie wußte selbst nicht was. Doch fiel ihr alsogleich ein, daß sie erst vor ein paar Tagen dem Seraphin, dessen Name wie mit Feuer in ihr Gedächtniß geschrieben war, durch die Landzigeunerin einen Zelten geschickt hatte und einen Gruß. »Wenn der Vater davon gehört hat . . . .« fragte sie sich ganz leise, und dachte mit Schaudern an Ruthe und finstere Kammer. Darum schwieg sie noch hartnäckiger, bis endlich Tammerl mit einem Gesichte voll von Güte wieder anhob zu reden, und zwar auf eine Weise, die in des Mädchens Ohr wie Tanzmusik klang: »Wenn ich mich recht besinne, so hat der Vogel dem Burschen gehört, der mir auf der Alpe Branntwein verkauft hat, und dem sie hernach seinen Enzian gestohlen haben?« – »'s wird schon seyn,« versetzte Martina, die recht fein abwarten wollte, was etwa hinter den freundlichen Reden des Vaters stecken möchte. Er fuhr fort: »Wenn ich mich ferner recht besinne, so hat der Bub' ein Gesicht, wie ich's dem Peter wünschte, und es ist schade, einen Branntweinträger aus einem Kerl zu machen, der einen Vogel abzurichten weiß, wie dieses Rothkröpfl abgerichtet ist.« – »Hm, hm,« brummte Martina, dem Anschein nach gleichgültig vor sich hin. Tammerl wendete sich eifriger zu ihr: »Hm, hm? das verstehst Du nicht, Fratz. Der Vogel ist kapital, ich hab' nie etwas Schöneres von einer Abrichtung gesehen. Du weißt gar nicht, wie schwer es einem Rothkröpfl eingeht, das Lernen. Der Bub' muß eine ellenlange Geduld und eine glückliche Hand haben, das muß er.« – Martina horchte fleißig auf, aber es kam noch besser. 10 »Wenn ich's bedenke,« sagte Tammerl, indem er sich in Bewegung setzte, um auf und ab zu spazieren: »wenn ich's bedenke, so hätte meine Kanarienzucht und mein ganzes Federvolk in Bausch und Bogen weit mehr in Aufnahme gebracht werden können, wenn nicht der Bros ein so gar alter verdrießlicher Narr gewesen wäre. Nun, Gott hab' ihn selig, aber es war nichts anzufangen mit dem Menschen. Ein junger, flinker, frischer Bub' wär' allemal viel gescheiter an einem Platz wie dieser. Die Vögel gedeihen besser unter jungen freigebigen Händen. Siehst du, Martina? der Rothkropf ist noch einmal so feist und lustig geworden, weil du ihn fütterst, du lieb's Schatzl!« – Martina ließ sich willig von dem Vater abküssen, und dachte dabei nur: »Wenn er wüßte, daß ich dem Rothkropf immer die doppelte Portion gebe . . . .!«– Aber der Vater ahnte nicht von ferne die übertriebene Freigebigkeit, sondern fuhr fort, so lieb und gut zu seyn, wie schon lange nicht mehr. »Was hat er denn nur?« fragte das Mädchen heimlich ihren Verstand: »wenn ich wüßte, daß es zu etwas gut wäre, ich sagte ihm schon den Namen des tappigen Buben, den ich so gern habe, wenn gleich er mir davongelaufen ist!« Und gerade, da Martina also fragte, fragte auch wieder der Vater, und zwar sehr entschlossen: »Denk' ein bissel nach, Tina. Wenn schon die Kinder kein Gedächtniß haben, wie soll's uns alten Leuten ergehen? Besinne Dich. Wie hieß wohl der Bube?« – »Ja mein Gott: Seraphin heißt er, denke ich,« platzte Martina heraus. – Der Vogelfreund klopfte in die Hände, und wiederholte den Namen sehr befriedigt. »Das ist einmal etwas,« lachte er: »jetzt sollte uns der Schreibname doch noch einfallen; he?« – »Seraphin Plaschur; da hat ihn der Herr Vater,« erwiederte das Mädchen kleinlaut: »was will aber der Herr Vater mit dem Buben anfangen?« – »Das braucht noch gar niemand zu wissen,« versetzte Tammerl, und gab der 11 Kleinen ein zärtliches Zwickerbusserl Zwickabussel: ein Kuß, wie ihn die Kinder gerne ihren Eltern geben, indem sie dieselben mit beiden Händen an den Ohren oder Wangen festhalten. : »und damit es niemand erfahre, sage ich's meinem lieben Schwätzmaul auch nicht, und damit solls vor der Hand gut seyn.« – »Wenn ich aber dem Herrn Vater in die Hand verspreche, daß ich nicht der Frau Nahndel und nicht der Mutter und nicht der Tante Magdalene sagen will, was der Herr Vater vorhat . . . .?« fragte Martina als eine echte Schmeichelkatze, und hüpfte dem Vater, der sich lächelnd niedersetzte, auf die Kniee und kratzte ihm das Kinn so freundlich, daß sie gewiß ihren Zweck erreicht haben würde, denn in einer weichern Stimmung war Tammerl noch nie gesehen worden. Aber der Zufall wollte die Verständigung nicht. Während Tina bat wie ein unwiderstehlicher Engel, und Tammerl sich geberdete wie ein Sünder, der schon zu drei Viertheil bekehrt ist, und dem Durchbruch der Gnade nicht mehr ausweichen mag, klopfte eine rauhe Faust, und öffnete gleich hernach die Stube. Das lange backenbärtige Gesicht des Egidi schaute herein. » Buon gi! ist Erlaubniß, zu kommen?« »Gerade a tempo ,« erwiederte Tammerl, und schob die übel verdrossene Tochter zur Seite: »als ob ich Dich gerufen hätte, Egidi. – Geh, geh, Tina, geh jetzt hinunter. Die Jungfer Tante wird schelten, daß Du von der Arbeit so lange außen bleibst. Geh; grüße Deine Nahndel recht schön von mir, und die Mutter solle mir was rechts kochen; denn ich hab' nach langer Zeit wieder einen Wolfshunger.« Martina wagte nicht ein Wort der Einrede, und schickte sich an, zu gehorchen. » Charetta! « sagte der Engadiner, der sie im Vorübergehen auffangen wollte: »gibst mir nicht ein' bitsch ?« – Martina stieß jedoch den unwillkommenen Störer zornig von sich, und ging mit der übelsten Laune die Treppe hinab. Egidi hatte sich indessen vor dem Prinzipal in Ordnung aufgestellt, seine Haare möglichst glatt gestrichen, einen Fuß, wie ein deklamirender Jesuitenschüler, in Parade vorgesetzt, und kaum war Tammerls Anrede: »Was willst 12 Du, Egidi?« gefallen, so fiel auch schon die Antwort, als wie geflügelt: »Ich bin da, weil alle Leute sterben müssen, und unter ihnen ist auch gewesen Ambrosio; ich komme tras causa de la mort des Ambrosio . . . .« – »Wie so? willst du ihn lebendig machen?« – » Ca nun, ca nun, Meister; nichts weniger, als das. Aber weil einmal Ambrosio gestorben, so ist darum ein anderer Fumeilg für die Utschals nothwendig, und ich möchte dem Padrun einen vorschlagen.« – »Thut mir leid; kommst zu spät.« – » Ca nun, ich glaube nicht. Jau hai spronza , daß ich wirklich komme a tempo . Ich weiß einen braven Giuven , der . . . .« – »Nichtsnutz: gilt nicht, kann nicht seyn.« – » Par amur da Dieu! das kann nicht seyn, daß es nicht seyn kann. Ich habe dem Meister schon einigemal den Giuven vorgeschlagen . . . . der Meister hat aber nicht gehört, und den Egidi vergessen, und im besten Fall gesagt, es sey kein Platz. Aber oz ei dependa mei dad els , nach dem Tod des Ambrosio meinem Giuven das Uffizi zu geben.« – »Wie gesagt, es kann nicht seyn; denn ich hab' den Dienst schon Einem bestimmt, und du sollst mir den Menschen herbeischaffen« – » Jau sunt a lur Cumond . Aber ich hätte nicht gedacht, daß der Meister den ehrlichen Egid so ganz zurücksetzen würde.« – »Ein andermal. Jetzt aber 's Maul gehalten, und aufgepaßt!« – Nun erzählte Tammerl sehr weitläufig, wie lange ihm schon im Sinne gelegen, die Stelle eines Vogelwärters mit einem bewundernswerth geschickten Subjekt zu besetzen, wie ihm die Idee, gerade weil sie wegen des Ambros nicht auszuführen gewesen, Hunger und Durst vertrieben habe, und wie er jetzt alles daran setzen wollte, um seinen Mann an die Stelle des Seligen zu bringen. Kaum hatte er jedoch Seraphins Namen genannt, als ihm Egidi ohne Weiteres um den Hals fiel, und ihm bedeutete, daß kein Anderer als eben Seraphin der Schützling sey, von dem er so oft, wenn gleich oberflächlich, nur um die Bereitwilligkeit 13 des Herrn zu sondiren, gesprochen hatte. – Dem Bäckermeister wurde leicht im Gemüthe. Er befahl, den Burschen herbeizuschaffen. Der Engadiner redete vom Grödner und dessen vormundschaftlichen Rechten. Tammerl klopfte dafür auf seine Taschen, die von Thalern klangen. Der Engadiner erklärte sich bereit, den Buben ohne Umstände heimlich wegzuführen. Tammerl nahm das Anerbieten an; ihm lächelte der Gewaltsschritt. Er stellte Schlitten, Geld und den bayrischen Koloman zu Egidi's Verfügung, und bedung sich nur die größte Schnelligkeit in der Ausführung des Unternehmens. »Wenn's Dir nicht gelänge, den Buben zu kapern, oder wenn er Dir abgejagt würde,« sagte Tammerl zum Abschiednehmenden, »so wollte ich lieber ein paar Ohrfeigen aushalten, denn mir liegt der Bub am Herzen, weil kein besserer Wärter für meine Vögel lebt, und weil aus dem geschickten Buben eine Säule für mein Geschäft hervorgehen wird, wie ich nicht zweifle. Also mach' deine Sachen wohl, und reiß aus, um bald wieder da zu seyn!« – Der Engadiner versicherte, im Fall der Noth schon mehr als eine Sehne am Bogen zu haben. Dennoch wollte er vorläufig den kürzesten Weg versuchen. »Wenn wir einmal den Buben haben , so behalten wir ihn auch,« sagte er zum Lebewohl. Und Tammerl, abermals auf seine Thaler klopfend, sagte: »So behalten wir ihn auch!« Der arme Seraphin ließ sich freilich nicht träumen, daß die flur da Marcau von Imst von solcher Sehnsucht nach seiner Person besessen war. Er zappelte ungeduldig in den Schlingen seines zweideutigen Freundes Egidi. So plötzlich und gewaltsam aus dem ihm behaglich gewordenen Leben herausgerissen, vermochte er sich alsobald keinen Begriff von der Gestaltung seiner Zukunft zu erschaffen. Die lange Winternacht, die er auf dem rastlos dahinstürmenden Schlitten zubringen mußte, verwirrte seine Gedanken so erbärmlich, daß er nicht von fern daran dachte, daß Tammerl, der Vater Martinas, auch Egidi's Padrone sey, was ihn um 14 ein Beträchtliches nachgiebiger gemacht haben würde. Er überhäufte, so oft sein Entführer ein aufmunterndes Wort an ihn richtete, ihn mit Vorwürfen aller Art; nannte ihn einen schlechten Menschen hin, einen falschen Dieb her, und wollte sich nimmer zufrieden geben. Das Spottgelächter des bayrischen Kölbl und die spaßhaften Tröstungen Egidis vergrößerten nur sein Mißbehagen, das von der unbequemen Reise und der Nacht voll Hunger und Kälte ohnehin genug gesteigert worden war. Endlich brach der blasse Morgen an, und der Schlitten hielt vor einem schlechten Wirthshause in einem Dorfe weit jenseits der Finstermünz. Schon eine Weile zuvor hatte Egidi dem Knaben sehr ernsthaft eröffnet, daß ein jeder Versuch zu entspringen kindisch seyn und vereitelt werden würde. Eben so wenig solle der Gefangene wagen, irgend einen Menschen mit Worten um Befreiung anzugehen, wenn er nicht viel schlechter behandelt seyn wolle. Dagegen werde ihm Freude und ein sorgenfreies Leben lachen, wenn er gutwillig sein Schicksal trage. »Es ist kein schlechtes Uffizi , das bei meinem Meister, das ich für Dich erbeten,« endigte der Engadiner: »zudem, was verlierst Du am purgatieri beim Grödner? Igl ei meglier parsuls, c'en mala compagnia Igl ei meglier parsuls, c'en mala cumpagnia : besser ist allein seyn, als in schlechter Gesellschaft. . Herr Tammerl ist ein Mann voll raschun a liberalidad und die Gesellschaft in seinem Hause wird deine bonas Damanonzas nicht verderben.« – Dem jungen Menschen fiel's wie Schuppen von den Augen. Tammerl? ei ja; das war etwas andres. – Seraphin begütigte sich daher wunderbar schnell, und faßte ein großes Vertrauen zu seinem Entführer. Er ließ sich das erste Neujahressen schmecken, und horchte lüstern auf die weitern Erläuterungen des engadinischen Menschenräubers. Je mehr derselbe von seinen Geheimnissen verrieth, je wohler fühlte sich der Geraubte. Eine Qual nach der andern fiel von seiner Seele, und in der Kirche, die von 15 den schnellreisenden Christen, dem Feiertage zu Ehren, besucht wurde, dankte Seraphin inbrünstig für seine Befreiung, die er noch kurz zuvor eine Schandthat gescholten hatte. Dieser Leichtsinn, der Jugend wunderbare Fähigkeit, sich an einen plötzlichen Wandel der Dinge zu gewöhnen, half dem jungen Plaschur zur rosenfarbigsten Laune. Niemand war plötzlich munterer als er; keiner von den drei Flüchtlingen drang so eifrig wie er auf die schnellste Fortsetzung der Reise. Er hätte jedem Roß am Schlitten vier Hülfsbeine wünschen mögen, und es war ihm ein bitteres Leid, daß erst spät in der Nacht das Ziel der Fahrt erreicht werden konnte. – Egidi führte seine Beute vorläufig in sein Quartier und bettete ihn so gut als er vermochte. Die Zärtlichkeit, die der Engadiner dem Knaben erwies, that dem Müden unaussprechlich wohl, konnte er sich auch nicht erklären, womit er sie verdient haben möchte; denn Egidi war nicht der Gefühlvollen einer, sondern hart, wie Stahl, und selbstsüchtig, wie nur je einer seiner Landsleute gewesen. Am folgenden Morgen saß in Tammerls Hause die ganze Familie beim Frühstück. Der Herr des Hauses, ein bischen überwacht in Folge der Neujahrsnacht und des festlichen ersten Januars, nahm einen der beiden Lehnsessel in der Wohnstube ein. Vor ihm stand ein ehrliches Stück kaltes Rindfleisch und eine Caraffine mit Wein nebst dem silberverzierten Becher aus Kokosnußschale. Er aß nicht, er trank nicht; er zählte heimlich an den Fingern die Minuten ab, die Ankunft Egidi's erwartend. Ihm gegenüber, im zweiten Lehnsessel, prangte seine Mutter, eine alte, aber noch rüstige Frau, von strengen Zügen, die weit mehr an mißbilligenden als an zufriedenen Ausdruck gewöhnt schienen. Frau Martha frühstückte Milch mit Eiern und Honig, und theilte davon einem alten fetten Hunde mit, der an ihrer Seite gravitätisch einen grünen Polster einnahm. Neben dem Hausherrn saß die Ehewirthin 16 Marianne, wohlbeleibt, und besonnenen Anstands, wie sie schon in Burgeis bewundert worden, und speiste Suppe mit der vom Morgenschlaf noch glutrothen Martina. Am obern Ende des Tisches befand sich die Tante Magdalene, eine Schwester der jüngern Frau Tammerl, und nippte bedächtig von einem Kräuterthee, den sie, eingebildeter Brustschwäche halber, als Frühstück zu genießen pflegte. Auch sie war in Gesellschaft von zwei Hunden, die jedoch so zierlich und nett waren, als der Frau Martha Lieblingshund ungeschlacht und plump. An Jungfer Magdalenens Person war ebenfalls alles bis auf das Geringste des Anzugs niedlich und sauber, als wäre sie aus einem Schächtelchen gezogen worden, und in ihrem ganzen Aeußern machte sich ein greller Gegensatz zur derben und schwerbürgerlichen Behäbigkeit der beiden andern Frauen bemerkbar. Jungfer Magdalene Promberger, zehn bis zwölf Jahre jünger als Frau Tammerl, hatte aus ihrer Blüthenzeit einen gewissen Reiz hinübergenommen in das reifere Alter, der den Frühling des Lebens in einer glücklichen Wiederspiegelung nachahmte. Die ganze Person war von einer blendenden Weiße, das dunkle Haar wohl erhalten, das dunkle Auge voll milden Glanzes, der recht wohl that. Das hübsch geformte Gesicht ermangelte zwar nicht der Fältchen, aber diese waren so leise und zart über die Stirne gezogen, daß sie kaum zu bemerken. Der Hals, die Arme und Hände der Jungfer waren blendend, voll und wohlgestaltet, die Finger dergestalt geschont, daß leicht zu sehen, wie sie schon lange nicht mit einer mühseligen Arbeit beschäftigt gewesen. Die äußerste Reinlichkeit der Kleidung trug viel bei, die Erscheinung Magdalenens zu einer angenehmen zu machen. Von den weißen Strümpfen bis zu der Haube, deren Schnitt Magdalene eigens für sich erfunden, und die etwas mädchenhaftes hatte, war nicht der geringste Tadel zu erheben. Das Mieder war gefällig ausgeschnitten, damit der Nacken, von achtfacher 17 Granatenschnur geschmückt, sein Recht behauptete. Des Schlenders Aermel gingen nur bis zum Ellbogen, damit der hübsche Vorderarm sich gemächlich aus den feinen Manschetten des Aufschlags hervorthun konnte; schwarze Halbhandschuhe erhöhten die Weiße der Hände. Und über das Antlitz, von gar schwacher Rosenfarbe umdämmert, war eine Ruhe, eine Resignation verbreitet, wie sie bei tausend überreifen Mädchen nicht zu sehen. Frömmigkeit und Milde hatten ihren Platz auf der Stirne Magdalenens, in ihren Blicken, auf ihrem Munde genommen. Wer die Jungfer zum erstenmal sah, fragte sich, überrascht von ihrer stillen Holdseligkeit, wie es wohl gekommen, daß die Einsamkeit ihr Loos verblieben? Ihr Benehmen, ihr Anstand, die Art ihrer Beschäftigungen schienen sie in einen weit höhern Kreis der Gesellschaft zu verweisen. Die Mittelbürgerklasse war nicht die ihrige. Sie fühlte das selbst, die gute Magdalene, und war darauf etwas eitel. Das stolze Bewußtseyn machte indessen, daß sie mit exemplarischer Ruhe alles Bittere ertragen konnte, womit jenes Mißverhältniß ihr Leben schon vergällt hatte. In die Mitte dieser Familie trat auf einmal Seraphin an der Hand des Engadiners. Seine Ankunft war für Alle – Tammerl ausgenommen – eine große Ueberraschung. Martina wußte nicht, wohin die Augen drehen, nicht, auf welche Weise die freudige Bestürzung verbergen, die sich ihrer bemeisterte. Sie hob an, um Fassung zu gewinnen, mit Magdalenens Hunden zu spielen, und versteckte ihre brennenden Wangen in dem Pelz der niedlichen Creaturen. Seraphin machte große Augen, und fand kaum ein Wort, die Fragen des Meisters zu erwiedern. Er schielte ängstlich nach Martina, aber die strengforschenden Mienen der Frau Martha machten, daß er auf seiner Hut blieb. »Aber, in Gottesnamen, was willst Du mit dem 18 Buben anfangen?« fragte Frau Marianne. – »Das ist meine Sache,« antwortete Tammerl kurz und selbstherrisch. Er betrachtete mit Blicken, die man hätte verliebt nennen können, den jungen unfreiwilligen Ausreißer, ließ ihm ein Glas Wein geben, und trat, nachdem er sich angekleidet, mit dem Jungen den Weg nach Tarrenz Tarrenz: ein Dorf, ein Stündchen von Imst entlegen ( ad torrentes , zum wilden Wasser). an, woselbst Tammerls Hauptvogelkolonie angesiedelt war. – Ein Schuhflicker bewohnte im Erdgeschoß des Häuschens eine Stube, und machte den Beschließer und Kastellan des Orts. Aus des Schuhflickers Stube ging eine Leiter kerzengerade zur Decke empor, woselbst sich eine Fallthüre in das obere Gemach öffnete. In dem letztern befanden sich die Vögel, fünfzigerlei Gattungen durcheinander: in Käfichen, zwischen Fenstergittern, auf Stangen, viele frei hin und herfliegend. »Du wirst vor der Hand bei diesem ehrlichen Mann bleiben und Dich als Vogelwärter einrichten,« befahl Tammerl: »Du wirst hier außen verweilen, bis Deine Angelegenheiten zu Hause in Ordnung gebracht seyn werden; denn in der Stadt« – Tammerl nannte sein liebes Imst nur selten einen Markt, und berief sich gern auf einen alten Fürstenbrief, der dem Markt die Rechte einer Stadt verliehen, wovon indessen Imst niemals Gebrauch gemacht – »denn in der Stadt würde Dein unversehenes Erscheinen alle böse Mäuler und Schnäbel raschen machen. Sey derweil getrost, der Egidi wird Dich oft besuchen, und, wenn die Witterung schön ist, kommen wir wohl alle dann und wann heraus.« – Hierauf gab der Meister seinem neuen Diener die weitläufigsten Verhaltungsregeln, und empfahl ihm die strengste Pflichterfüllung, damit die verschiedenen Verluste, die sich seit ein paar Monaten ergeben, ausgeglichen würden, und endigte mit den Worten: »Thue dein bestes, Du bist geschickt, geduldig und hast einen guten Kopf! Ich werde Dich niemals stecken lassen . . . . und jetzt lebwohl, damit ich noch zu Tisch nach Hause komme.« – 19 Die Verweisung nach Tarrenz, in die Gesellschaft des mürrisch aussehenden Schuhflickers, war nun freilich ganz und gar nicht nach Seraphins Geschmack. Er hatte von ganz andern Annehmlichkeiten geträumt. Schier wollte ihn gereuen, dem Engadiner unterwegs nicht entsprungen zu seyn. Dennoch – nachdem er einige Thränchen verschluckt, und überlegt hatte, daß er noch jung sey und ihm eine lange Zeit zum Zuwarten bleibe, ohne alle Gefahr – faßte er wieder guten Muth, und bandelte zutraulich mit dem Schuhflicker an, der seinerseits ein weit besserer Kerl war, als sein grobes und schmutziges Fell vermuthen ließ. Er versorgte das kleine Hauswesen wie eine Magd, kochte, fegte, spülte die Geschirre und ließ dem jungen Plaschur gerade nur die leichteste Arbeit. Er plauderte nicht ungern, wußte eine Menge Geschichten, und meinte es nicht schlecht mit seinem neuen Gefährten. Je hartnäckiger der Krieg gewesen war, in dem der Schuhflicker mit dem seligen Bros immerdar gelebt hatte, um so vollkommener war ihm der Friede mit Seraphin, der von ihm zu lernen hatte, und sich nicht unterstand, etwas besser wissen zu wollen. Während in der Vogelkaserne zu Tarrenz alle Dinge sich zu einem Zustand friedlicher Muße ausbildeten, wurde Herr Tammerl zu Hause scharf auf's Korn genommen. Der Tag und Abend war leidlich vergangen; kaum, daß ein paarmal, als wie von fern, des neuen Dienstburschen erwähnt worden war. Aber die Stunde, da man zu Bette geht, wurde für Tammerl die Stunde eines ernsten Verhörs. Frau Marianne hatte ihre Nachthaube aufgesetzt, und vor dem Kammeraltar ihr Gebet verrichtet. Tammerl saß vor dem Ofen und machte nicht ohne Mühe die Schnallen seiner Schuhe auf Da fragte ihn die Ehefrau in einem Tone, der Ehrfurcht und Aufmerksamkeit forderte: »Wirst Du mir jetzt einmal sagen, Peter, 20 was der sonderbare Handel mit dem Branntweinbuben bedeutet? Du wirst wahrhaftig mir nicht glauben machen wollen, daß der Kummer, der Dich ein paar Wochen geplagt, mit dem Burschen zusammenhängt? Du bist ein Mann mit viel Fett unter der Haut. Solche Leute geben nicht einer jeden Grille mit kindischer Eilfertigkeit nach, und wär's gerade nur aus Bequemlichkeit. Darum sage mir frei heraus, was Dich bewegen konnte, den Burschen, an den kein Mensch gedacht, so hastig holen zu lassen, als wenn dein Seelenheil von dem armen Narrn abhinge? Sag' mir's fein ohne Umschweif. Du weißt, daß Du vor mir kein Geheimniß haben sollst.« Frau Marianne hätte allerdings ihren Spruch etwas heftiger aufgesagt, wenn sie gewußt hätte, daß mit Seraphin sogar diebischerweise verfahren worden war. Aber ihre gelassene, obschon gemessene Anforderung bewog schon hinlänglich den Gatten, nicht länger ein Schloß vor dem Munde zu behalten. Er bemerkte nur etwas kleinlaut: »Es thut mich schier grausen, Dir alles zu erzählen, Marianne. Aber – wenn ich Dich fürchten mache – so denk', daß ich nichts dafür kann, und daß Du selber es gewollt hast.« – »Fürchten, fürchten?« lächelte die Frau: »ach Du mein Peter, was sagst Du da? Als ob ich mich so leicht fürchtete. Und was kann denn mit jenem Buben seyn, daß man davor zu erschrecken hätte? Geh, geh, und sey gescheit. Ich werde nicht Angst haben, aber wohl mich über Deinen Leichtsinn ärgern müssen; denn, was gilt's, Du willst mir etwas aufheften? was ich Dir jedoch nicht rathen möchte, denn ich werde böse, wenn ich in ernsthaften Dingen belogen werde.« Tammerl kopfschüttelte. »Laß mir nur ein paar Minuten Zeit, daß ich mir alles im Kopf in Ordnung lege,« sagte er mit dem Jeremiasgesicht, das er manchmal annahm, wenn ihm ein dornichtes Geschäft bevorstand. Die Frau erwiederte, indem sie sich zu Bette legte und die 21 Decke bis ans Kinn heraufzog: »Nur nicht zu lang, bitt' ich schön. Ein wahrer Mund hat die rechten Worte gleich zur Hand. Und, merk' dir's, Peter, ich weiß perfekt, wann Du mich belügst.« Während dieser Zwischenreden war auch Tammerl zu Bett gegangen. Die Nachtlampe brannte hinter dem mächtigen Kachelofen, eine mäßige Helle verbreitend. Alles im Hause war still. Tammerl legte sich auf seine linke Seite, Marianne auf ihre rechte; er, um zu reden, sie, um zu hören. Aus den blaugestreiften Deckbetten schauten nur die Köpfe mit den Nachtmützen und Tammerls linke Hand, worauf er manchmal seine Wange stützte, wenn sie nicht gerade abenteuerlich agirte zu der wunderlichen Erzählung, die er jetzo begann: »Es ist ein paar Tage nach Martini gewesen,« – sagte Tammerl – »ich habe das Datum in's Gebetbuch eingeschrieben, da bemerkte ich zu meinem Verdruß, daß mir zu Tarrenz und hier im Hause auf einmal mehrere Vögel – meistens Canarini – krepirt waren. Ich schalt den Bros wacker aus, und warf die Todten weg. Aber vom Tag an war's wie verhext. Drauf und drauf verkümmerten mir immer mehrere. Ich überzeugte mich, daß der Alte keine Schuld hatte, aber die Vögel starben, und auch die Spezialvögel waren nicht ausgenommen. Das war hart. Ich mochte gar nichts davon sagen, denn die Neider und Mißgünstigen hätten gelacht, und ich schämte mich als ein erfahrener Mann dem Unwesen nicht steuern zu können. Der Bros mußte das Maul halten, und selbst dem Schuhflicker verbarg ich meinen Verlust, indem ich vorgab, viele Vögel verkauft zu haben, die ich aber in der That mausetodt in einem Sacke weggetragen. So sind mir ungefähr hundert und dreißig Stücke umgestanden, und ich war in der bittersten Sorge, alle zu verlieren. Es fruchtete kein Mittel, es war so zu sagen eine Pest unter den Thieren eingerissen. Um nicht meinem Kredit einen Stoß zu 22 geben, schwieg ich fort und fort, wie eine Mauer, und wartete ab, und laborirte, ohne daß das Uebel abgenommen hätte. Da verlegte ich mich endlich aufs Beten, und verlangte inbrünstig von oben einen Wink und Fingerzeig; denn ich war nahe daran, eines ganzen Jahrs Mühe, Aufwand und Sorge zu verlieren, und für das nächste meinen Handel aussetzen zu müssen. – So saß ich eines Nachmittags – ich hab' mir auch jenes Datum aufgezeichnet – draußen in der Stube neben der Wanduhr – Du bist bei der Gevatterin auf Besuch gewesen, und die Martina mit der Magdalene waren beim Vewerl –und betrachtete tiefsinnig das Schwarzplattl, das als wie krank mit aufgeplausten Federn auf dem Stangel hockte; betrachtete auch den burgeiser Rothkropf, der so gesund wie ein Vogel im Wald dasaß, und sein feierliches Stückl pfiff, und dachte bei mir selber: »Warum ist denn nur der Rothkropf so kerngesund, und meine andern Vögel geh'n so schmählich zu Grund?« Wie ich nun so dasitze und die Füße vor mich hinstrecke, und den Sonnenschein betrachte, der die Fensterrahmen auf den Boden malte, so geht die Thüre leise auf, und herein kommen drei Personen: der Bros, ein junger Mensch, den er an der Hand führt, und – stell' Dir vor – mein Vater selig, wie er geleibt und gelebt hat.« Frau Marianne machte eine ungeduldige Bewegung. Ihrer Einrede zuvorkommend, eilte Tammerl, seine Erzählung fortzusetzen. »Du kannst mir's glauben,« sagte er, »ich lüge gewiß nicht: der Vater selig. Du erinnerst Dich noch, he? die gelben kurzen Hosen, der müllerfarbige Janker, der Hut mit den breiten Krempen und mit der Goldquaste. Er hatte seine Brille in der einen und das Schnupftüchl in der andern Hand, und wischte an der Brille, wie er in seiner letzten Zeit zu thun pflegte, als schon die Gläser seinen alten Augen nichts mehr helfen wollten. – Wie ich ihn sehe, bin ich recht 23 erfreut, stehe auf und grüße ihn freundlich. Er thut den Mund auf und spricht . . .« »Halt. wer da!« rief der plötzlich erwachte Staar vom Fensterbalken. – Die Eheleute erschracken beide heftig, und duckten sich unter das Deckbett. – »Pfietigott, Natz, Pfietigott!« kam zweimal hinterdrein. – »Das war das Staarl!« sagte Tammerl aufathmend. – »Dummes Thier! wie es mich erschreckt hat!« lachte die Frau, Herz fassend. »Wie ging's weiter?« fragte sie nach einer Pause den verstummten Eheherrn. »Also, der Vater selig that den Mund auf, und sagte: »Na, Peter, das ist eine brave Geschichte mit deinen Vögeln. Hab' ich dir nicht tausendmal gesagt, daß bei dem Handel nichts herauskommen würde?« Er putzte seine Brille immer eifriger, und sah erschrecklich böse und spöttisch aus. »Herr Vater,« antwortete ich ihm, »der Handel wär nicht aus, wenn mir nur die Vögel nicht krepirten. Was meint aber der Herr Vater, der jetzt doch alles besser wissen muß, was dabei zu thun sey?« Verstehst Du, Marianne, ich wußte gar wohl, daß der Vater in der Ewigkeit ist, redete aber doch mit ihm, als wär' er am Leben, so wie ich. Wie er denn nun zu seiner Zeit die Gewohnheit hatte, von seiner Strenge nachzulassen, wenn man ihm nur in allen Stücken Recht gab, so machte er's auch jetzt. Er bückte sich vorwärts, und sagte mir in's Ohr: »Wenn Du deine Sachen wieder aufbringen willst, so mußt Du den Buben hier zu Dir nehmen. Er hat eine glückliche Hand. Der Peter ist ein siriger Kerl. Er wird Dir nichts als Herzeleid machen. Aber der Bube da ist ein Glückskind und bringt einmal dein Haus in großen Flor. Denk', ich hab's gesagt.« – Wie ich nun den Buben betrachte, so ist mir, als hätte ich ihn schon einmal gesehen, und zwar noch nicht vor langer Zeit. »Was sagst Du dazu, Bros?« frage ich den Alten, der ganz stumm daneben stand. Er sagt aber kein Wörtl, schaut verdrießlich drein. 24 Worauf der Vater selig noch heimlicher zu mir: »Wie magst Du doch den Bros fragen? Der Heiter ist ja am Sterben, und wenn du nicht den Buben an seinen Platz thust, so gehen Dir alle Vögel drauf.« Somit hat er sich umgekehrt, und zu dem Rothkröpfl hinaufgeschaut, und wie ich zu ihm ging, ihm die Eigenschaft dieses raren Rar: vorzüglich. Ein rarer Kerl: ein ausgezeichneter Mensch. Vogels zu erklären, hab' ich den Vater auf einmal nicht mehr gesehen, und den Buben nicht, und den Bros auch nicht. – Da hast Du die ganze Geschichte.« »Eine saubere Geschichte,« nahm die Frau, wenn auch im Innern etwas von Furcht befangen, das Wort. »Peter, Peter, Du hast geträumt! In Deinem Nachmittagsschlummer sind Dir allerlei wunderliche Gestalten vorgekommen, die Du jetzo für übernatürliche ausgibst.« – »Weib,« entgegnete Tammerl gereizt, »Du sprichst da frevelhaft, und würdest es nicht thun, wenn Du selber den Vater im müllerfarbigen Janker gesehen hättest. Hat er etwa nicht recht gehabt? Ist der Bros nicht gleich darauf gestorben, und das Gesicht des Buben, ist mir's nicht vom Augenblick an so lebendig vor dem Gedächtniß gestanden, als ob es, seitdem es auf der Welt ist, mit uns am Tisch gesessen hätte? – Kurz und gut, ich glaube steif und fest an des seligen Herrn Vaters Vorhersagung, und Du wirst schon sehen.« Marianne erwiederte nichts mehr. Sie kannte den Aberglauben ihres Mannes, und vielleicht war sie selber nicht ganz frei davon. »Im Grunde,« dachte sie, »was liegt daran, ob dieser Bube jetzt in unserm Dienste ist, oder ein anderer? Ich will dem Tammerl seine Grille lassen, wenn er dadurch zufrieden gestellt wird.« – Mit diesen leutseligen Gedanken schlief sie ein, als der durch sein Geständniß erleichterte Tammerl längst schon schnarchte. – – Während im Tammerl'schen Hause alle Dinge ihren gewohnten Weg gingen und Martina sich heimlich auf den 25 ersten leidlichen Sonntag freute, um mit der Familie einen Spaziergang nach Tarrenz zu machen, wurde Seraphin von seinem ehrlichen Schuhflicker in allem, was auf den Meister und die Seinigen Bezug hatte, unterrichtet. Schon am zweiten Nachmittag sagte der erfahrene Praktikus zu seinem Hausgenossen: »Komm her, setz' Dich zum Ofen. Wir wollen eins plaudern, denn Du bist ein kluger Bursch, und ich bin auch einmal jung gewesen, und es hätte mir wohlgethan, wenn ich einen Graukopf gefunden, der mir immer gesagt hätte, wie der Boden beschaffen war, auf dem ich stand. – Vor allem von dem Meister Tammerl zu reden, so sage ich Dir, daß Du bei ihm ein Glück machen kannst, wenn Du's beim rechten End' anpackst. Erstens mußt Du beim Leisten bleiben, nämlich thun, was Dein Dienst verlangt, und um alles übrige Dich nicht bekümmern. Zweitens mußt Du dem Herrn gar niemals widersprechen, sondern immer thun als ob Du seiner Meinung wärst. Drittens mußt Du noch mehr als den Herrn die Frau respektiren, denn sie ist eigentlich der Mann im Hause. Viertens mußt Du der alten Martha fein aus dem Wege gehen, denn sie ist zu Zeiten schiech und harb , und liebt die ganze Welt weniger als ihren Hund. Fünftens beleidige die naseweise Martina nicht, denn der Meister ist in sie vernarrt, wie ein Affenweibchen in sein Junges.« Seraphin wurde im Gesicht wie ein Feuerbrand. Fast hätte er dem Pechmännel in den Bart gelacht, so lustig kam ihm der Verdacht vor, als könne er sich je versucht fühlen, den Gegenstand seiner innigsten Zuneigung zu beleidigen. »Sechstens,« fuhr der Schuhflicker fort, »laß' den Sohn, den Peter, ruhig seine Straße gehen, wenn er einmal wieder nach Hause kömmt. Für jetzt ist er zu Innsbruck, die Bäckerei zu erlernen. Nun, es wird nicht viel aus ihm werden, denn der Bursch ist eine verdrießliche Schlafhaube, und wird nimmermehr mit Freude an eine 26 Arbeit gehen, oder in der Nacht mit hellen Augen wachen. Er ist boshaft; weiß Gott, von wem er das geerbt hat, wenn nicht von der Großmutter Martha, denn seine Eltern haben ein gutes Herz.« Seraphin wurde mißvergnügt, des jungen Peter gedenkend. Eine dunkle Ahnung, als würde ihm dieser manches zu schaffen machen, regte sich auf dem Grund seiner Seele. Der Schuhflicker sagte ferner: »Siebentens empfehle ich Dir in allen Nöthen und Aengsten, die etwa Dein Herz bedrängen möchten, die gute Tante Magdalene. Sie ist gewißlich die allerbeste von den vier Ma-Ma, die bei Tammerl regieren. Sie ist eine Art von Schutzpatronin für Jeglichen, der sich vertrauensvoll an sie wendet. Frage die Armen weit und breit, vor allem aber die verschämten, die ihre Noth zwischen vier Wände einschließen, und in dem Glauben, der da Berge versetzt, geduldig warten, bis eine Hand vom Himmel herunterlangt, und Manna träufelt in den Morast ihres alltäglichen geheimen Elends. Glaub' mir, Bub, die Magdalene Prombergerin laß' nicht aus Deinem Gedächtniß. Sie weiß selber, was es ist, unglücklich zu seyn, und darum hilft sie gerne, wo und wie sie nur kann. Seraphin schüttelte zweifelnd den Kopf. »Sieht sie doch aus, wie ich mir die vornehmste Stadtfrau denke. Ich möchte ihr Gewand nicht mit einem meiner Finger anrühren, aus Furcht, es zu beschmutzen. Hat sie nicht Gold auf der Haube, an ihrem Mieder und Aufschlag, Perlen von ich weiß nicht was, um ihren Hals? Was redest Du von Unglück?« »O Du mein Patscher!« lächelte hierauf der Alte, und warf einen Blick in seine Erinnerungen zurück: »Ja wohl ist die Jugend eine leichtsinnige Rechnerin. Sie nimmt, was glänzt, für Gold. Ei ja, die Angen werden uns schon aufgehen, mein Sohn. Unter dem reichsten Kittel schlägt 27 oft ein blutarmes Herz; doch, das ist schon eine uralte Wahrheit, wie die, daß wir alle sterben müssen. Ein braves Herz ist jedoch niemals ganz arm und verlassen; es findet in sich selber einen Goldkern. Die Bravheit selber ist schon ein großer Reichthum, und den besitzt auch die Jungfer Magdalene. Es liegt ihr somit wenig daran, daß sie auch Geld und Gut besitzt: ein Haus im Obermarkt, ein Gütl im Oetzthal Oetzthal: eines der interessantesten Thäler Tirols, das sich in der nächsten Umgebung von Imst öffnet: reich an Naturschönheiten und tüchtigem Volk, das seine eigenthümlichen Sitten noch ziemlich beibehalten hat. Es ist liederlustig, hegt und pflegt mit poetischem Sinn die vielen Traditionen und Mährchen, die von Alters her im Thale einheimisch sind. , eine herzige Sommerfrisch im Selrain Selrain: ein Seitenthal, wenige Stunden von Innsbruck entfernt; vorzüglich geliebt wegen seiner klaren Wasser. Seine Bewohner verlegen sich mit Nutzen auf das Wasch- und Bleichgeschäft für die Hauptstadt. , zwei Almen mit Kaser und allem, was dazu gehört, und ein feines Stuck Geld, wer weiß, wie viel?« »Sapperlot!« rief Seraphin: »das ist ja meiner Treu wie eine Grafschaft. Mich wundert, wie noch kein Graf dazu sich hat finden lassen?« Der Schuhflicker nickte pfiffig mit dem Kopfe, und versetzte: »Hat sich schon, hat sich schon gefunden. Wenn kein Graf, so doch ein Freiherr oder ein anderer vornehmer Edelmann, und das edelmännische Wesen ist eben von Kindesbeinen an der Jungfer helles Unglück gewesen. Du mußt wissen, daß die Prombergerischen von Natur nicht so gewaltig reich gewesen sind. Der Großvater soll gar nur ein Fürsetzer Fürsetzer: ein Bauer, der Vorspannpferde an Fuhrleute u. dergl. abgibt. am Brenner gewesen seyn. Item: er hat mit Roß und Maulesel, mit Fuhrwerken und Fässern zu handeln angefangen, und ein hübsches Vermögen von den Säumern und andern gewonnen. Der Vater hat am Brennbichel Brennbichel: Brennbühel; ein Weiler mit gutem Gasthause in der Nähe von Imst. einen Hof gehabt, und recht ordentlich gelebt. Da kommt einmal zu ihm eine vornehme Edelfrau von Innsbruck – sie ist eigentlich aus der Steiermark gebürtig gewesen – und sagt ihm: »Promberger, dein jüngstes Madl gefallt mir wohl. Vertraue sie mir an; ich will sie erziehen lassen und Du sollst Freud an ihr haben.« – Was hat der Promberger thun wollen? Er ist ein Wittiber gewesen, daß Gott erbarm, und die Madln wollten nicht recht bei ihm gedeihen. So hat er denn der Frau Gräfin die Magdalene gegeben, und die andere zu einer Verwandtin in Imst. Das Lenl ist ein herziges Narrl 28 worden, und so vornehm und herrisch, wie die Gräfin selber; hat in Freuden und Kostbarkeit gelebt, und ein Landshauptmann wär' ihr zum Mann nicht zu hoch gewesen. Was geschieht? Der alte Promberger war schon todt und die Marianne an den Tammerl verheirathet, da will auch die Lenerl heirathen: nämlich einen vornehmen Herrn Von, der bei der Regierung zu Innsbruck etwas gewesen ist. Es ist auch alles in Ordnung gewesen, ist auf einmal während der Brautzeit selbige Gräfin an einer kurzen Krankheit verschieden, und hat ihr halbes Vermögen der Magdalene verschrieben. Gut, die Hochzeit war aufgeschoben, und da steckt der Hacken. Was dazumal passirt ist, weiß kein Mensch recht genau. Item: wie die Hochzeit hätte seyn sollen, und Braut und Bräutigam standen schon vor'm Altar, so kommt ein Weibsbild daher, frank und frech, und macht Einsprache, und der Herr Von lauft voll Schand und Spott zur Kirche hinaus, und die Hochzeiterin ist als wie zerrüttet gewesen. Ist demnach die Hochzeit nicht nur aufgeschoben, sondern auch aufgehoben worden. Darauf ist die Lenerl anher gekommen, und hat in Stille und Zurückgezogenheit bis heute gelebt und vom Heirathen nichts mehr wissen wollen. Item: 's ist auch Keiner zum Anfragen gekommen; denn für einen Burgersmann ist sie zu vornehm und für einen Edelmann ist selbige Einsprach und Beschämung ein Stein des Anstoßes. Natürlich. Aber die Magdalene wird dereinst im Himmel nicht allein seyn, sondern unter den fürnehmsten gottseligen Jungfrauen sitzen, weil sie schon auf Erden trägt die Krone der Barmherzigkeit.« Der Schuhflicker wurde in der Lobrede der Jungfer Prombergerin so warm, daß er in eine Art von Verzückung gerieth, sich mit ausgespannten Armen gegen das Bild der heiligen Mutter wendete, und, auf seine Kniee gesunken, in die Worte ausbrach: »O Königin der Himmel, nimm jenes vortreffliche Weibsbild unter 29 deinen Schutz und Gnadenmantel, daß ihr Leben voll Freuden und ihr seliger Tod ohne Leiden sey!« Als der Eifrige bemerkte, wie erstaunt Seraphin ihm zusah, sprach er, wieder ins Geleis des Alltagslebeus zurückkehrend, mit Rührung zu dem jungen Menschen: »Lache mich nicht aus, Bub'. Die Lenerl hat allen meinen Leuten, meiner Schwester, meiner seligen Frau, meinem verstorbenen Sohn, und mir alten Krüppel selber unzähligemal geholfen und unter die Arme gegriffen. Daher kenne ich sie auch, wie meine eigene arme sündige Seele.« »Sie ist also eine recht brave Frau, und ohne Zweifel hat sie ihrer Schwester Tochter recht lieb?« fragte, wie eine Katze hinten herumkommend, der Knabe, den die unschuldigste Liebe verschmitzt machte, was die Natur bei ihm unterlassen hatte. »Ei, zum Fressen hat sie die Martina gern: was sag' ich? zum Anbeten lieb,« lautete die Antwort: »Sie hat schon vielmal gesagt, sie wolle nicht, daß es dem Kinde jemals traurig gehe, wie es ihr ergangen. Sie will haben, daß das Kind glücklich sey.« »Das ist wacker von der Tante,« rief Seraphin, und nahm sich vor, die Jungfer mit den Jahren schon zu überreden, daß sie zwischen ihm und Martina eine Heirath stifte. Derweilen fuhr der Schuhflicker fort: »Und damit sie glücklich werde, nämlich die Martina, soll sie, nach Vorschrift der Tante, einmal gar nicht heirathen, und dafür in's Kloster gehen.« »Oho!« platzte Seraphin heraus, denn ihm war, als hätte ihm der alte Schuhkünstler einen Eimer voll kalten Wassers über den Kopf gegossen. »Die schieche Tante!« zürnte er in Gedanken. Aber der Erzähler gab kaltblütig noch den Trumpf: »Wie ich Dir sage. Kannst mir glauben. Hab's mit eigenen Ohren gehört. Und 30 was die Tante will, das will auch die Marianne, und was sie will, das will per se auch der Tammerl.« Seraphin zankte noch immer für sich mit der bösen Jungfer Prombergerin, und es rührte ihn wenig, daß der Schuhflicker beifügte: »Nun, das Klosterleben ist auch recht schön, und mich wundert, ob nicht einmal die Lenerl selber sich einkleiden lassen wird. Sie gäbe eine Priorin oder Äbtissin, wie keine schönere in der Welt wäre. Aber freilich – für die Welt wäre sie verloren, der sie jetzt noch angehört. Und sie ist doch gut, so viel gut, gar zu gut ist sie. Denn – sollte man's meinen? – selbst dem schlimmen Herrn »Von« hat sie verziehen, und es heißt, sie schreiben sich noch immer dann und wann Briefe. Jene schlechte Person nämlich, die dazumal Einsprache gemacht hat, ist auch nicht zu ihrem Ziel gekommen, und, wie man sagt, elend gestorben. Der Herr Bräutigam ist ledig geblieben – hat ihn wohl keine mehr nach dem Kirchen-Aergerniß nehmen wollen – und hat bald Reue und Leid bei der ersten Braut gemacht. Aber ihr unschuldig betrogenes Herzel war gefroren wie der Schnee auf den Fernern; es müßte denn nur ein Harsch Harsch: der gefrorne Schnee auf Bergen und Fernern, der die Passage zuläßt und unter dem Schritt der Wanderer nicht nachgibt. seyn, der beim Sonnenschein wohl einmal schmelzen könnte. Wie gesagt: vergeben hat sie dem saubern Herrn, aber hat ihn dechter nicht geheirathet. Ein gebranntes Kind fürchtet 's Feuer.« »Jetzt haben wir etwa von der Tante genug geplaudert?« fragte Seraphin übelgelaunt: »gibt's sonst noch etwas zu bemerken, Freund Schusterfleck?« – Der Alte drohte, wegen des familiären Uebernamens, dem Plaschur mit dem Finger, that aber doch nach seinem Verlangen. »Achtens ist noch zu berichten; daß Du Dich nicht mit dem Engadiner und mit dem Kölbl zertragen mußt. Schau: der Engadiner, der Egidi, ist, was man sagt, ein ehrlicher Kerl, aber von harben Sitten. Er ist halt ein Schweizer, ein halber 31 Lutheraner, oder wie man die Evangelischen heißt, die nicht an die Heiligen glauben und ihren Prädikanten Weiber zulassen. Der Egidi geht wohl in die Kirche, aber 's ist darnach. Er hört wohl die Messe, aber seine Gedanken sind weiß Gott wo. Der Kapuziner, zu dem er beichten geht, ist auch keine Fackel der Frömmigkeit, wie 's heißt. Dafür mangelt er nicht im Wirthshaus, und ich meine immer: die Karten sind ihm lieber als alle Sakramente. Er gewinnt beständig im Giltspiel Giltspiel: ein eigenthümliches Kartenspiel der untern Volksklassen in Tirol; dann und wann, um der pfiffigen Ränke willen, mit denen es gespielt wird, den höhern Ständen bei traulichen Zusammenkünften nicht unwillkommen. , oder in so einem wälschen Rammel, den er in Nonsberg gelernt hat. Es soll ihm nicht an Geld fehlen; doch ist er geizig und ein jeder Zwölfer brennt ihm zwanzigmal in die Finger, eh' er ihn ausgibt. Gewöhnlich ist er neun Monate im Jahr auf Reisen, ist ein paarmal in Constantinopel bei denen wilden Türken gewesen. Er hat Haare auf den Zähnen, und hat brav raufen müssen, bis ihn die hiesigen Vogeltrager, die nicht gern einen Fremden unter ihnen dulden, auf- und angenommen haben. Wenn er Dich gern hat, so ist's gut. Du kannst viel von ihm lernen, wenn der Tammerl Dich einmal in die Welt hinausschickt.« »Glaubst Du, daß er's einmal thun wird?« fragte Seraphin mit leuchtenden Augen. »Ohne Zweifel,« versicherte der Schuhflicker: »laß Dich hernach nur vom Egidi unterrichten; aber ein anderes ist's mit dem Kölbl. Gib Dich nicht mit dem Menschen ab. Er ist vom Vater her ein Bayer, aus dem Werdenfelsischen. Seine Mutter ist eine Tirolerin, von Zams gebürtig, gewesen. Hast Du schon einen Wolfshund gesehen? Selbige Bastarde haben nur ein klein wenig von dem guten getreuen Hund, aber viel, schier alles von dem wüsten Wolf. So ist just der Kölbl. Wenn er noch so schön tirolerisch thut, so hat er doch kein tirolerisches Herz. Er flucht, er schwört; ich glaube, er würde am Charfreitag Fleisch essen, wenn er's nur bekäme. Was willst Du? er ist halt ein verwegener 32 Wildschütz und ein Schwärzer, der schon manch liebesmal mit den Ueberreitern Händel bekommen hat; ein Robler Robler, Hagmair: Raufer, Faustkämpfer. Die Benennung ist hauptsächlich im Ziller- und Unterinnthal üblich. , der 's mit dem frechsten Hagmaier aus Zillerthal oder Unterinnthal aufnimmt; ein Säufer, dem ein Frakl Branntwein so leicht hinuntergeht in die Gurgel, als ein »Sakra« heraus. Item: ein Gasselgeher und Fensterlbub Gasslgänger, Gasslbub, Fensterbub, was in der Schweiz Chiltgänger: ein junger Bursche, der zur Nachtzeit an der Dirnen Fenster steigt, um mit ihnen zu scherzen und zu liebkosen. , der die Dirnen betrügt und ihren ehrlichen Liebhabern die Haut vollschlägt.« »So, so?« lachte Seraphin, »der Kölbl muß beim alten Jäger-Liebl in die Lehre gegangen seyn.« »Jäger-Liebl, Jäger-Liebl?« fragte, plötzlich sich unterbrechend, der Schuhflicker heftig, und seine Augen rollten, als säh' er vor sich ein Ungethüm, gegen welches er sich auf Leib und Leben zu wehren hätte: »Geschwind, Bube, sag mir, was weißt Du von dem Jäger-Liebl? Ich hab' schon lang nichts mehr von dem Höllenbrand vernommen!« Nachdem Seraphin des Alten Neugierde befriedigt und hinzugefügt hatte: »Sag mir Du auch geschwind, was Du von dem Jäger-Liebl weißt!« fuhr der Schuhflicker mit seinen Händen durch seine silberfarbigen Haare und entgegnete mit Ungestüm: »Wenn ich Dir nun sage, daß jener Mensch das größte Unglück über mich gebracht hat? Es sind schon viele Jahre seither verflossen, aber die leidige Geschichte steht noch immer wie mit Schwefelfeuer eingebrannt in meinem Gedächtniß, als wäre sie erst gestern vorgefallen!« Der Alte warf sein Handwerkszeug zornig durcheinander, bis er seinem Grimm ein wenig Luft gemacht; setzte sich dann auf seinen Dreibein, und fing, was er zu sagen hatte, wehmüthig an, steigerte sich aber im Verlauf der Erzählung bis zum Ausdruck der Verzweiflung, bis zu Thränen. »Ich bin einmal nicht arm gewesen, wie heute,« sprach er: »Wir waren drei Brüder, die ein artiges Gut nach dem Tode der Eltern unter sich zu theilen hatten. Die 33 Schwester hätte ich beinahe vergessen, die ohne ihre eigentliche Schuld die Ursache von allem Unheil hat seyn müssen, das arme Lampl. Also: wir waren vier Geschwister. Ich, der Aelteste, war beim Handwerk; der zweite Bruder war ein Bauer geblieben, und bewirthschaftete den Hof unserer Alten. Die Schwester lebte bei ihm und half im Hause. Der dritte Bruder hatte sich dem Bergwerk zugewendet, war leider seiner Lebtage ein leichtes Tüchl gewesen und gerade so lüftig, wie der Andrä, der Bauer, gesetzt und ordnungsliebend und häuslich. Der Andrä hatte deßwegen unsern Antheil auf dem Gut behalten, und verzinste ihn, wie ein rechtschaffener Mann. Er war schon verheirathet, wenn gleich noch jung, hatte ein paar Kinder, und Alles wäre für ihn und uns glücklich gegangen, wenn nicht der böse Feind den bayrischen Churfürsten und zugleich den Jäger-Liebl in's Land geführt hätte. Der Krieg war kurz, aber hart. Unter den Landschützen, die das liebe Tirol retteten, waren der Andrä, der Bergmann und der Liebl keine der Letzten. Sie hatten sich alle Drei im Felde kennen gelernt, und wie der Rummel aus war. blieben sie – Gott sey's geklagt – Freunde. Der Andrä trieb wieder seine Wirthschaft, der Bergmann arbeitete im Tschirgant, wenn's ihm gerade gefiel. Der Liebl stand hier herum in Condition und brachte dem Bergmann eine große Lust am Jägerwesen bei. Sie kehrten oft beim Andrä ein, der immer ein Stückl Brod und ein Glas Branntwein für seine Freunde übrig hatte, und eine Schlafstätte auf dem Heustadl. Da machte sich's, daß der Liebl sich in die Schwester verliebte, und von nichts anderm redete, als sie zu heirathen. Der Bergmann sagte Ja, der Andrä sagte Nein. »Du mußt ihn nehmen, denn er ist ein rarer Kerl,« sprach der Bergmann der Schwester zu. »Du mußt ihn laufen lassen, denn er ist ein Leichtsinn,« befahl ihr der Bauer. Die Schwester, wenn schon sie den 34 unerschrockenen Schützen nicht ungern sah, konnte mit ihr selber nicht einig werden. Heute glaubte sie dem Bergmann, morgen gab sie dem Bauer Recht. Mittlerweile wurde der Jäger immer aufdringlicher, ließ dem armen Mensch keine Ruhe, und eines Tags sah sich der Andrä gezwungen, ihm das Haus und Revier zu verbieten. Der Liebl hätte ein ganz anderer Bursche seyn müssen, wenn er sich's hätte gesagt seyn lassen. Bald mußte ihm der Bergmann einen Gruß, bald ein Geschenk an die Schwester bestellen, und das einfältige Ding büßte dabei den Kopf so ein, daß sie dem Liebl erlaubte, zur Nachtzeit an ihr Kammerfenster zu kommen. So überraschte sie einmal der Bauer, gab dem Madl ein paar Maultaschen, zankte den Bergmann, der die Leiter gehalten, tüchtig aus, und sagte zum Liebl: »Du, mit unsrer Freundschaft ist's aus, und wofern Du Dich unterstehst, noch einmal daher zu kommen, so laß ich den Hund auf Dich ab, und den Knecht, und meinen Prügel sollst Du schon spüren.« Der Liebl sagte hingegen: »Ich fürchte mich nicht. Wenn Du mir jedoch etwas thust, so ist mein Büchsel für Dich geladen, so gut wie für Hirsch' und Gemsen.« – Nun gab's eine Weile Fried' und Stillstand. Der Bauer dachte daran, die Schwester zu verheirathen. Da kommt einmal der Bergmann zu ihm und redet ihn um sein Erbtheil an, indem er in fremde Länder gehen wolle, da auf dem Bergbau in Tirol nicht viel zu verdienen. Der Andrä gibt ihm's Geldl bei Kreuzer und Heller, obgleich es ihm wehe that. Gleich darauf komme ich von der Wanderschaft heim und verlange mein Erbtheil, mich als Meister zu setzen. Der brave Mensch kreuzigt sich schier ab, um mir gerecht zu werden, steckt sich in Schulden, und zahlt mich blank und baar aus. Ist ein gar braver Bruder gewesen. Kaum hab' ich mich gesetzt und ein bissel Leder gekauft und ein Weib genommen, so kommt der Bergmann auch zu mir, und spricht 35 mich um ein Darlehen an. »Ich kann's in Sachsen gut haben,« sagte er: »aber mein Geld ist fort und wie soll ich die Reise machen? Ich bin jetzt gescheit geworden, und in Jahr und Tag hast Du das Geliehene wieder im Sack.« Ich will nicht recht, aber es war der Bruder und ich war froh, daß er von dem Liebl wegkam, der ihn zum Müßiggang verführte. Ich geb' ihm, was ich gerade entbehren mochte, und er macht mir dafür eine Schrift. Indessen, statt nach Sachsen zu reisen, zieht der Bergmann wohl auf und ab im Land und spielt Trumpf aus, und läßt unsern Herrgott einen guten Mann seyn. Meine Schwester kommt zu mir mit weinenden Augen, und meldet, daß der Bergmann auch ihr, was sie hatte, abgenommen, und daß der Andrä in Verlegenheit stecke bis über die Ohren. »Du gut's Affl,« hab' ich ihr gesagt: »Du mußt jetzt den Frankenseppel nehmen, der Dich will: es ist die höchste Zeit, daß der Bruder erleichtert werde.« – »Wann ich mich aber nicht vor dem Liebl getraue?« sagt sie entgegen, und weint noch heftiger: »er hat gedroht, uns das Haus überm Kopf anzuschüren , und mich todt zu machen, wenn ich den Seppel nehme.« – »So? seyd's noch immer mit einander verbandelt?« – »Ei freilich, er kommt alle Freitage zu mir, und ich weiß mich nicht vor ihm zu retten. Der Andrä darf's nicht wissen: es gäb' ein Unglück.« – Sie hat wahr gesprochen, die arme Haut. Ich sah's nicht ein, und geh' heimlich zum Bruder und sag' ihm: »Du, ich hab' vernommen, der Liebl werde am Freitag auf den Hof kommen. Sperr' die Schwester ein, und jage den bösen Gast ein für allemal zu den alten Mondscheinen hinaus.« – »Hab' Dank; das soll geschehen,« sagte er. – Das war am Dienstag. Ich hatte viel zu arbeiten, und denke nicht mehr an den Liebl und seine Landläuferei. Da sitz' ich am Freitag ziemlich spät Abends, und mache für den Herrn 36 Frühmesser ein paar Stiefel fertig. Die Frau schlief schon lange. Nun klopft's an's Fenster, ich schau' hinaus. »Um Gotteswillen!« jammert mir der Schwester Stimme entgegen, »komm' geschwind mit mir. Der Andrä ist geschossen worden und liegt in den Zügen!« – Ich weiß nicht, wie ich auf den Hof gekommen bin. Aber ich war ohne Hut und in Pantoffeln; dabei war's um die Fastenzeit und ziemlich kalt. Was hab' ich gefunden? Den Andrä in seinem Blute; den Bergmann, der den Pater Benitius geholt hatte, Weib und Kinder in Geschrei und Thränen. »Was hat's gegeben?« – Der Andrä hatte mit seinem Gewehr, ohne einem Menschen davon zu sagen, die Runde um den Hof gemacht, war auf einen Mann gestoßen, der etwas im Arme trug, wie eine Flinte. »Wer da?« hat denselben der Bauer angerufen. »Gut Freund!« hatte der Mann geantwortet, und die Stimme war des Jäger-Liebl. – »Was machst Du da?« – »Ich gehe spazieren.« – »Reiß' aus!« – »Warum nicht gar.« – »Ich schieße Dich zusammen, wenn Du nicht Dein Gewehr niederlegst.« – »Ich hab' gar kein Gewehr, 's ist nur ein Stecken.« – Der Liebl legte den Stecken fort, und wollte sich erklären. Andrä, in seinem Zorn, hielt seine Büchse gespannt, und drohte dem Jäger. Endlich überlief diesen der Koller, und er fiel über den Bauer her, ihm die Flinte zu entreißen. Im Nu hat er den Kolben in der Hand, Andrä hält die Büchse bei'm Lauf fest, und will nicht ablassen. Auf einmal schnappt das Schloß ab, und die Pfosten fahren dem Andrä durch die Brust. Der Jäger war davongesprungen, aber es dauerte nicht lange, so kam er wie ein Geist in die Stube, schwankte zum Todtkranken hin und sagte: »Ich schwör Dir's zu bei Himmel und Seligkeit, daß ich nicht mit Fleiß und Rachlust Dein Gewehr abgeschossen. Der Zufall war's, oder besser, der Teufel, der immer bereit steht, wo's ein Unglück 37 geben soll.« Du kannst nicht glauben, Seraphin, wie uns Allen zu Muth war. Ich hätte den Jäger erdrosseln mögen, aber die Schwester und der Bergmann hingen an mir, als wie Hunde am Wildschwein. Die Frau schmähte den Mörder, aber der Pater gebot ihr Stillschweigen. »Ist es so, wie der Mann sagt?« fragte er sanft, wie er immer gewesen, der Mann Gottes, den Verwundeten. »'s mag schon seyn,« murmelte der Bruder, drehte aber das Gesicht von dem Jäger weg und zog die Hand, wonach er gegriffen, unter die Decke. – Da fiel der Jäger auf seine beiden Kniee vor dem Bette hin und verschwor sich millionenmal, und heulte vor Kummer. Es ist sonderbar, daß wir von seinem Heulen und Rehren so derschossen waren, daß wir auf einmal mit dem Galgenschwengel Mitleid hatten. Kein Mensch sprach davon, ihn einzufangen. Der Knecht, der's etwa gethan hätte, war Tags vorher wegen schlechten Lebenswandels fortgeschickt worden, und der neue noch nicht eingetreten. Pater Benitzi, der fromme Priester, sagte, wie Christus, unser Herr, gethan haben würde: »Gott will nicht den Tod des Sünders, und für ein pures Unglück, wäre es noch so herbe, soll nicht das Schwerdt gezogen werden. Andrä . . . Du hast nicht mehr lange zu leben . . . Du bist mit Gott versöhnt; thue das Härteste, und versöhne Dich auch mit Demjenigen, der aus Versehen ein Werkzeug Deines Todes geworden, und der so bitterlich bereut, was etwa nur der Zufall gethan.« – Worauf der sterbende Bruder: »Gott stehe meinem Weib und meinen Kindern bei: sie werden's hart haben. Gott bessre Dich, mein Bruder und meine Schwester!« – er meinte den Bergmann – »Gott segne Dich, Bruder Schuster, in allen Wegen . . . von dem da« – er zeigte, ohne sich umzuschauen, auf den Jäger – »von dem da will ich nichts wissen.« – Bei diesen Worten, obschon ich dem 38 Armen sie nicht verargen wollte, ging mir's doch grauslig über die Haut, und ich sagte: »Schau, Andrä, der Hochwürdige meint, daß auch der Herr seinen Feinden vergeben hat.« – Hierauf lächelte der Bruder so bitter und spöttisch und leidvoll, wie sie oft lachen, die da den Geist aufgeben, und murmelte: »Wenn unser Herrgott von dem Blutmenschen was weiß . . . meinetwegen. Ich nicht.« – Jetzt fing auch das Weib und die Schwester an, ihm in die Ohren zu schreien, er möchte doch mit dem Sünder barmherzig seyn, und der Sünder schrie ärger als Alle, und der Bergmann hatte den Bruder rechts und ich hatte ihn links, und der ehrwürdige Pater Benitzi hielt ihm's Kruzifix vor, und beschwor ihn bei allen Seligkeiten, er möchte den Reuigen zu Gnaden annehmen . . . es war aber nichts zu machen. Andrä sagte noch einige Mal mit seiner ersterbenden Zunge: »Nichts . . . o nein, o nein . . . ich weiß nichts von dem Teufel!« So ging's geschwind bergab mit ihm, und im letzten Athemzug, da er zu schwach war, um sich von dem Jäger abzukehren, machte er auf dem Sünder den Blick so fest, als wollte er ihn durch und durch schauen, und der Blick, da schon die Augen brachen, war so viel gräßlich, daß sich das Weib gar sehr schleunte, ihm die Augen zuzudrücken. – Sobald er todt war, der Andrä, lief der Jäger davon, um sich beim Gericht als ein Mörder anzugeben. Hat's ihn jedoch unterwegs gereut, oder hat ihn der Bergmann, der ihm nachlief, umgestimmt – genug: er gab sich nicht an, und wir Andern thaten's auch nicht, weil die Sache so viel verwickelt war, und weil der gute Pater Benitzi abrieth, damit nicht etwa ein Unschuldiger lange litte. – Hierauf ist der Liebl fortgegangen und der Bergmann mit ihm. Schau, der Andrä war der erste meiner Brüder, der durch ihn zu Grund ging. Der zweite war der Bergmann, der als ein Falschmünzer im Gefängniß gestorben 39 ist; immer besser, als wäre er unterm lichten Galgen geköpft worden. Nun, was geschah alsdann? Des Andrä Weib hat vom verschuldeten Gut müssen, und ist nach ihrer Kinder Tod in ihre Heimath gegangen. Ich und die Schwester, wir waren um all unser Geldl. Die Schwester ist verkehrt im Hirn worden; ein paar Wochen ging's mit ihr zwar gut; aber dann kamen immer wieder mehrere Tage voll von Narrheit und Raserei. Frag' nur die Jungfer Prombergerin. Sie hat der Haut aus- und abgewartet, bis zu ihrem Ende; Gott tröst' sie. Ich bin immer mehr zurückgekommen, weil ich viel borgen mußte an Andere, und selber keinen Vorrath weder an Geld noch an Leder hatte. Mein Weib verging, mein Kleiner verkümmerte. Da sitz' ich nun von Tammerls Gnade in einer Hütte auf dem Dorf, und flicke alte Schuhe, da keine neue mehr bei mir bestellt werden. Und wer trägt die Schuld von all diesen Unfällen? Der Jäger-Liebl, dem der Bruder nicht verziehen hat, und dem es wahrlich nicht gut gehen kann in dieser und in jener Welt. – So, jetzt gib mir die Kandel herüber, daß ich ein's trinke. Ich bin heiser und müde. Sing mir ein schönes Liedl, wenn Du ein's kannst.« Seraphin sang, von der scheppernden Stimme des Alten begleitet, nach der Weise des Unterinnthals, wo die eigentliche Heimath des Tiroler-Gesangs: »Und wie höher der Kirchthurm, Wie schöner das G'läut, Und wie weiter zum Diendl, Wie mehr daß mich's g'freut! Und im Sommer da wat' ich Durch's Gras ganz waschnaß, Und im Winter, wann's 'n Schnee schneibt, Wie lustig ist das! 40 Und wenn der Mond so schön scheint, Und der Nachtvogel singt, O wie wird's erst so lustig seyn, Wenn mein Bub' kimmt!« Sie suchten erst spät ihr Lager: voll von innerlicher Lust der Knabe, voll von Wehmuth der Greis. Für ihn schien der Mond nicht mehr so schön; für ihn sang der Nachtvogel nicht mehr. 41 Zweites Kapitel.   Es ist an verschiedenen Orten – auch hier – der Brauch, daß Bürger und andere gemeine Leute zur dummen und wüthigen Fastnachtzeit auf einen Tag ein Schemenlaufen Schemenlaufen: Maskerade. Das altgebräuchliche Wort Schemen für Larve. Schellenschemenlaufen: die alljährliche Maskerade zu Imst, wobei eine große Anzahl von Schellen und Kuhglocken unerläßlich. belieben. Nun, es mag ihnen vergönnt werden, weil die Vornehmen Jahr aus Jahr ein alla Maschera laufen und sich betrügen mit verlogenen Gesichtern, da man nicht weiß, ob nicht hinter dem alten Mutterl in der schimplichen Barocka ein Teufel, oder hinter dem Narrenbart ein grimmiger Herodes stecke. Aber das Schemenlaufen soll nicht ein Schelmenlaufen seyn . . . ansonst in den Kotter mit euch Tabacksbrüdern und Weinzapfen.« P. Abraham a Sancta Clara. Es waren beinahe vierzehn Tage vergangen, und Seraphins einsames Leben zu Tarrenz war immer noch nicht durch einen ihm so erwünschten Besuch unterbrochen worden. Der Meister war freilich einige Mal da gewesen, um nachzuschauen, und dem jungen Vogelwärter seine höchste Zufriedenheit zu bezeigen; auch der Engadiner war ein paar Mal gekommen, und hatte in seinem Kauderwälsch seine fortdauernde Zärtlichkeit dem Seraphin an den Tag gelegt. Aber dem jungen Plaschur war es um die Männer wenig zu thun. Er wünschte aus allen Kräften die liebe Martina herbei, um ihr zu zeigen, welch ein Paradies er seinen befiederten Unterthanen mit geschickter Hand bereitet, und nur ihr wo möglich ein paar Worte des Danks für den Zelten, und die Erlaubniß, 42 denselben anzuschneiden, zuzuflüstern. – Leider zögerte das Glück von Tag zu Tag bei dem armen Schelm einzukehren. Bald war's der Schnee, bald der Wind, bald die Kälte, bald das Thauwetter, die feindlich den wegfertigen Füßchen der Kleinen und ihrer Begleiterinnen neue Hindernisse bereiteten. – Seraphin hielt sich für verlassen von der ganzen Welt. Tarrenz schien ihm hundert Meilen von Imst entfernt. Auch von Augsburg hatte er natürlich keine Kunde. Nicht einmal von Burgeis war etwas zu hören. Es war, als ob dort sein plötzliches Verschwinden gar keinen Eindruck gemacht hätte; denn, so viel er wußte, hatte keine Seele nach ihm gefragt und geforscht. Dieses Vergessen verletzte seine Eitelkeit nicht wenig, obschon auf der andern Seite er sich freute über die Unverletzlichkeit seiner gegenwärtigen Zuflucht. – Wäre der ehrliche Maroner, der Schuhflicker, nicht gewesen, die Langeweile und der Ueberdruß hätten den Knaben verzehrt, wenn er sich auch mit allem Eifer der Pflege seines Federvolks hingab, und in der That in diesem Vizekönigthum des Ruhms viel erntete, da unter seiner milden und geduldigen Verwaltung Alles, was vorhin zu vergehen drohte, wieder frisch aufblühte, und nach langer Verwahrlosung und Seuche die Gesundheit und Heiterkeit in das Volk zurückkehrte. Endlich, endlich, nach langem Harren – und zwar nicht an einem Sonntag, sondern in der Woche – langte unversehens, bald nach dem Mittagessen, der kleine Reisezug der Tammerl'schen Familie vor dem Vogelpalast zu Tarrenz an. Das Wetter war schön, die Gesellschaft, von dem kurzen Wege, der zurückgelegt worden, aufgemuntert und lustig. Tammerl befand sich in seiner trefflichsten Laune, und ging, seinen Spazierstock in der Hand, dem Zuge voraus. Gleich hinter ihm schritt zierlichst die Jungfer Magdalene, an ihrer Hand die tanzende Martina, deren rechter Arm in dem linken ihrer 43 Freundin Genovefa hing. Diese Freundin, die Tochter eines Gastwirths in Obermarkt, der Magdalenens Haus zu Pacht hatte, war um mehrere Jahre älter als Martina, und so wie die rundlichste Gestalt, so auch das sorgloseste Gesicht, das sich denken läßt. Eine Beweglichkeit sonder Gleichen zeichnete sie aus; nimmer ruhte sie ganz und gar, als höchstens, wenn sie schlief, und neben ihrem drehfertigen Halse, ihren umherblitzenden Augen, ihren rastlosen Händen und Füßen war auch meistens ihre Zunge, wie ein Perpendikel, in ewiger Beschäftigung. Von ihrer Geschwätzigkeit wurde sie im ganzen Markt das »Vesperglöckl« geheißen. Das Paar, das den jungen und dem alten Mädchen folgte, war die Frau Marianne, begleitet von einem betagten Manne in wohlhäbiger Kleidung. Sein kavaliermäßiges Aussehen – sein Rock hatte goldene Litzen und sein Hut goldene Schnur und Schleife – war nicht ein leerer Schein. Der Herr von Sprenger zählte wirklich zum ächten Adel. Aus Schlesien stammend, war er schon vor geraumer Zeit als ein Verweser des Berggerichts nach Imst gesetzt worden. Gewisse Verdrießlichkeiten, die er mit seinen Vorgesetzten gehabt, machten, daß er nicht die Stelle des Bergrichters erhielt, und die Zurücksetzung kränkte den eiteln Mann dergestalt, daß er von Stund an allen Staatsdiensten entsagte. Inzwischen hatte es ihm in dem Markt und dessen Umgebung so wohl behagt, daß er, sein Geburtsland vergessend, sich zu Imst ansiedelte, unabhängig durch ein ansehnliches Vermögen und einen Eigensinn, der seines Gleichen wohl schwerlich irgendwo fand. Dieser Herr von Sprenger, obschon er vor Jahren in Wien als ein vollkommener Stutzer aufgetreten, und noch neuerlichst, da ihn eine persönliche Veranlassung an den Kaiserhof geführt, nicht anders als nach der strengsten Etikette mit zwei, von weißem Band durchflochtenen Zöpfen dort erschienen war, 44 affektirte eine ungemeine Vorliebe für den Bürger- und Bauernstand. Weil diese Vorliebe erst von der Zeit seiner Zerwürfnisse mit den Herren vom oberösterreichischen Wesen – wie dazumal die Regierung des Landestheils genannt wurde – herstammte, gaben die Leute der vornehmern Stände nicht viel auf die Aufrichtigkeit der Gesinnungen des Herrn von Sprenger. Allein die Folgen waren, wie er sie wünschen konnte. Die feinere und adeliche Gesellschaft zog sich von ihm zurück, der sie gering schätzte; Bürger und Volk kamen ihm dafür entgegen, und ertrugen, um der Gönnerschaft des neuen Patrons willen, die nicht selten vorkommenden störrischen Ausbrüche seiner halbpolnischen Rechthaberei. Er ging in den Häusern der Magistratsmitglieder aus und ein, war wegen seiner Freigebigkeit dem Landvolk willkommen, und galt, namentlich in Tammerls Familie, in vielen Stücken als ein Orakel der Weisheit. – Den Nachtrab der spazierlustigen Gesellschaft machte die alte Frau Wittib Tammerl, geführt von einem hochbejahrten, von allen Geschäften zurückgezogenen Melbler, mit dem sie sich von den alten Zeiten unterhielt, so gut als seine Harthörigkeit es erlaubte. Seraphin hatte alle Hände voll zu thun, seine Verdienste um die Vogelkolonie in's hellste Licht zu stellen. Er führte wohlgemuth die kletterfähigen Herren und Frauenzimmer in den obern Raum des Hauses, zeigte ihnen die Einrichtung seiner Anstalt, die Reinlichkeit der Kammern, die Käfige, bestreut mit weißem frischem Sande, versehen mit dem passenden Futtervorrath, durchweht von dem balsamischen Duft der allenthalben aufgepflanzten Tannenbüschel. Er erklärte seinen Gästen, wie er schon jetzt Alles für die nächste Brutzeit vorbereitet; wie er es angefangen, die Krankheiten der leidenden Thierchen zu beseitigen. Er schenkte ihnen, schwatzend wie die Zufriedenheit selber – seine liebe Martina ging ja neben ihm und horchte freundlich auf jedes Wort – nicht das 45 Körnchen Hanfsamen, das er verbraucht, nicht den rostigen Nagel, den er da und dort, wo es vonnöthen, in die Trinkgeschirre gelegt hatte. Er machte sie aufmerksam auf das Wohlbefinden der Thiere, denen er Luft gegeben, wo sie früher nur ängstlich athmeten; denen er überall die Sonne zugänglich gemacht, wo sie früher in freudlosem Dunkel gesessen. Da war überall kein Kranker zu sehen; nicht einer, der die Darre oder den Bruch gehabt, nicht einmal ein beschmutzter Phlegmatikus, der mit seiner schläfrigen Stimme einen Mißton in das Freudengezwitscher der übrigen gebracht hätte. Zum Beschluß des feierlichen Umzugs im Reiche der Vögel, und um den zu ebener Erde gebliebenen korpulenten Frauen und dem Melbler das Vergnügen zu verschaffen, die Sänger und Nichtsänger auf einem Fleck versammelt zu sehen, ohne die halsbrecherische Treppe besteigen zu müssen, öffnete Seraphin oben alle Bauer und die Fallthüre in dem Boden der Kammern. Auf einen Pfiff des Schuhflickers flatterte das ganze Volk hernieder und setzte sich in der Runde um den handthierenden Alten. Er klopfte seine Sohlen, sang ein Lied, und durcheinander schrieen und girrten, sangen und gurgelten die heimischen Waldvögel, und die isabell-, bernstein- und goldfarbigen Canarini, daß von dem Verwunderungsausruf der Zuschauer kaum ein Wort zu vernehmen. – Nachdem diese Saturnalie eine gute Weile gedauert und Frau Martha und Jungfer Magdalene schon davon gesprochen, die Ohren verstopfen zu wollen, schwang der Schuhflicker seinen Knieriemen in die Luft, und wie auf den Gertenschlag eines Zauberers rauschten die Vögel alle auf von ihren Sitzen und stürmten durch die Fallthüre in ihre Behausungen zurück, woselbst Seraphin sie fleißig einriegelte, und somit das ganze Schauspiel und den Ohrenschmaus beendigte. Des Lobens war kein Ziel. Tammerl allein sprach kaum eine Sylbe, ging jedoch mit dem verklärten Blick 46 eines Triumphators von Einem zum Andern, und fragte seine Frau mit stolzen Geberden: »Hatt' ich recht, wie? was sagst Du nun, was? Ist irgend ein gescheiterer Mann als ich, wo?« Er schenkte dem Seraphin etwas an Geld und den Rest, den er in einem Kruge Seefelder Biers gelassen, und erlaubte ihm, am kommenden Sonntag die »Stadt« zu besuchen, und sein Mittagessen im Tammerlhaus zu begehren, welches ihm Frau Marianne nicht verweigern würde. – »Ich bitt' schön,« ersuchte Seraphin voll Freude die Regentin der Familie, und die gute Frau nickte gnädig, und Martina freute sich unbändig, und das Vesperglöckl gab her, was der Freundin an Worten abging. »Der Bub' ist gar nicht zu bezahlen,« plauderte sie: »ich hab' noch niemals Vögel gesehen, die so schön gewesen wären, und der Bub' ist voll Verstand; hat er doch Augen, heller als der fernsichtigste Falk, und sauber ist er auch. Seine Haare sind kästenbraun und viel glänzender als unsers Wachtels – eines Hundes – Fell. Ich werd' auch meiner Gothel und der Stina und der Agnes und dem Humkircher-Joseph und der Frau Mäusl und dem Herrn Ibele sagen, wie er seine Sach' versteht, und daß sie ihre Vögel von ihm sollen abrichten und kuriren lassen. Ich möcht' schon selber ein Kanarienvogel seyn, um von dem Seraphin gefüttert und versorgt zu werden; denn es ist gar zu schön da droben, sauber wie in einer Kirche, und das schöne Singen, und die Taxen, und die schopfeten Vögel und die mit den großen Sporen . . . .« Veverls Redseligkeit verhallte schon in der Ferne . . . . schon waren die sehnsüchtig erwarteten Besucher den Augen Seraphins entrückt und er stierte noch immer ihnen nach, mit heißem Blicke, alles andere rein vergessend. Auf seine süße Freude folgte leider bittere Wehmuth. Der Besuch war so kurz gewesen wie ein Traum. Gerne hätte Seraphin tausend Worte in Martina's Ohren 47 gezischelt, aber er hatte keine Zeit dazu gehabt. Gern hätte er nur drei Worte oder vier . . . . »Ich bin Dir gut« aus ihrem Munde erlauscht; aber sie hatte ihm nichts gesagt. Zwar hatte sie ihn einmal an der Jacke gezupft, zwar hatte sie, beim Herabsteigen die letzte auf der Leitertreppe, ihm, der sich ihr nachbückte, einen Zwick in die Wange gegeben – seligmachende Liebeszeichen einer beständigen Zärtlichkeit – aber für die vier Worte hätte Seraphin den Zupfer gerne hingegeben, und sogar den Zwicker, der eben nicht allzusanft gewesen und ziemlich wehe gethan. Indessen – um einzubringen, was er hatte versäumen müssen, und dem Freudensonntag die gebührende Ehre zu machen – wie putzte er sich und schniegelte sich nach seinem besten Vermögen! Wie tummelte er sich, seine Arbeit zu vollbringen! Er war am frühen Morgen des Sonntags schon so flink und behende gewesen, als hätte ihm das Wichtele von Starkenberg Starkenberg: ein altes Dynastenschloß ob Tarrenz im Gebirge. geholfen: der gute Kobold, der mit spitzigem Hütel und steifem Kres Kres: Krause, gesteifter und gefalteter Hemdkragen. auf einem Ofen in der Burg seinen Sitz genommen, und den Knechten gern in ihren Verrichtungen beigestanden, wenn sie nur freundlich von ihm geredet und seine Gesundheit getrunken hatten. Nachdem der rare Vogelwärter seinem Freund Schuhflicker die weitläufigsten Instruktionen für den ganzen Tag zurückgelassen, flog er in der herrlichsten Gemüthsstimmung von der Welt dem freudenreichen Imst entgegen, und versäumte nicht, vor Allem in die Kirche zu gehen, in den alten, ehrwürdigen Bau, der den glückhaften Bergknappen der Vorzeit sein Daseyn verdankte, und dessen Räume, Fenster und Gemälde von der Anhöhe so stolz niederblickten auf die kleinen, engen Häuser und steinbelasteten Schindeldächer des Obermarkts. Nachdem Seraphin seine Andacht verrichtet, suchte er im Markte das Haus seines Patrons auf, und strich bei der Gelegenheit auf und ab in den beiden Hälften der Gemeinde, weil die elfte Stunde – die des Mittagmahls 48 – noch nicht geschlagen hatte, und er sich schämte, allzufrüh sich einzustellen. Der Markt Imst sah vor hundert Jahren um Vieles anders aus, als heute, seit dem neuen Aufbau nach dem Brande von 1822. – Der Ort war allerdings, wie noch heute, in den Ober- und Untermarkt abgetheilt, die wiederum unter sich durch eine lange Gasse vereinigt wurden. Aber der Unterschied, oder besser die Unähnlichkeit der beiden Hälften war dazumal sehr grell. Während im Obermarkt die Häuser größtentheils von Holz erbaut und unbequem waren, eigentliche Bauernhäuser, mit Ackerleuten, Viehzüchtern, Handlöhnern und dergleichen besetzt, – prangte der Untermarkt mit Häusern aus Stein, die geräumiger und anmuthiger waren. Sie wurden auch von der Blüthe der damaligen Gesellschaft, von vielen adeligen Familien und den landesfürstlichen Beamten, von den reichsten Bürgern und Magistratsherren bewohnt, die ihre Renten aus Urbarien und Grundstücken, ihre Besoldungen und Pensionen, ihre Kapital- und Handelzinsen, einfach lebend und still unter sich verkehrend, verzehrten. Auch die ansehnlichsten Professionisten, die Kaufleute (man mußte damals unter diesem Namen die Landkrämer verstehen), wohnten im Untermarkt. Zwei Gasthäuser waren im Untermarkt eröffnet und für den Bedarf hinreichend. Im Obermarkt befanden sich dagegen acht bis neun Wirthshäuser, die vollauf zu thun hatten, weil des Volks viel war und die beiden Straßen über den Arlberg nach Schwaben und über den Fern nach Bayern viel Geld und Reisende, geringe Frachtfuhrleute und mehrentheils Säumer brachten. Da für ganz schwere Güterwägen die Landstraßen heillos bestellt waren, so bedurfte man unerläßlich der Säumer, die öfters mit Truppen von fünfzig, siebenzig bis hundert Pferden und Maulthieren, denen ein Leitroß voran klingelte, einzogen: Wein, Salz, Specereiwaaren und dergleichen 49 bringend. Da ferner ein Berggericht und Waldmeisteramt, auch ein Patrimonialgericht zu Imst residirte, und einige einträgliche Jahrmärkte stattfanden, so hatten dort viele Leute von nah und fern zu thun, worunter Bewohner des Landecker-Gerichts, des Oez- und Pitzthals, Bauern vom Lech herauf, und andere mehr; nicht zu vergessen die armen aber genügsamen Thalbewohner von Pfafflar und Gramais, die zu Hause nichts von einer Schenke, nichts von Wein und Bier wissen, denen Brod ein seltener Leckerbissen ist. – Der Verkehr im Obermarkt war daher ziemlich geräuschvoll, und ein Hauptelement des geselligen Lebens in jenen Gasthäusern die Zunft der Vogelträger und Vogelhändler, die zahlreich bestellt war und vor dem eigentlichen Bauer und dem kleinen Handwerksmann sich viel herausnahm. An jenem Sonntage sah der umherschlendernde und nach dem Engadiner ausspähende Seraphin die vielgereisten, von ihm heimlich so viel beneideten Weltwanderer zum erstenmale in Menge auf den Gassen hin- und herziehen. War gleich vor hundert Jahren die Tracht der Imster noch um ein bedeutendes kleidsamer, als der Oberinnthaler Anzug, wie er heute besteht, so zeichnete sich doch das Gewand der Vogelträger sehr vor der Gesammttracht aus. Sie zogen schmuck und fröhlich daher in ihren blauen, mit Schnüren verzierten Jacken, in ihren Brusttüchern, mit silbernen Knöpfen besetzt, in ihren kunstreich ausgenähten kurzen Lederhosen, mit den langen rothen Schärpen um den Leib, und dem grünen Hut auf dem Kopfe! – Seraphin betrachtete sie mit Vergnügen und hatte so viel Respekt vor dem Egidi, der in der Mitte eines Knäuls dieser Leute stand und eifrig redete, daß er sich nicht unterstand, zum Engadiner hinzulaufen und ihm die Hand zu bieten. Er grüßte ihn nur von fern, und dachte bei sich, wie schön ihm, Seraphin, die rothe Binde zu Gesicht 50 stehen würde, und wie lang es wohl dauern möchte, bis man ihm erlaubte, in aller Herren Länder zu pilgern, keck und geldlustig wie die Leute, die jetzt vor seinen Augen stolzirten. Solchen Betrachtungen und vor der Hand noch eiteln Wünschen nachhängend, war Seraphin wieder von seinem Wege abgewichen, und gaffte eben mit weiten Augen den viereckigen Thurm des Schlosses Rosenstein an, wo der Pfleger wohnte, und neben ihm der Anwald, der das adeliche Richteramt zu besorgen hatte. Da rief ihn eine, da riefen ihn zwei glockenhelle Stimmen beim Namen. Wie er sich umsah, stand Martina und das »Vesperglöckl« vor ihm, beide kostbar aufgeputzt, als reiche Bürgermädchen, und aus allen Zügen lächelnd vor Muthwillen und Wohlbehagen. »Hast noch keinen Thurm gesehen?« fragte den Knaben die lustige Martina, und erinnerte ihn an den freudigen Augenblick, da ihm auf der Zerzeralp vergönnt gewesen, sie mit Muße zu belauschen. Er zog den Hut und schaute mit vergnügter Blödigkeit auf seine Schuhe, nur dann und wann einen verschmitzten Blick auf des blühenden Mädchens Antlitz schießend. »Der kluge Seraphin könnte etwas besseres thun, als hier, die Hände in den Taschen, nach den Sternen sehen, und zwar am hellen Tage!« begann Genovefa nach ihrer Weise: »ich dachte, er säße schon hinterm warmen Ofen und wartete auf die Suppe, und betete schon sein hungriges »Aller Augen warten auf Dich!« – »Halten wir uns nicht auf, Veverl,« ermahnte Martina; »der Zeiger steht nah an elf Uhr, und der Vater ist den ganzen Tag verdrießlich, wenn nicht mit dem Schlag das Essen auf dem Tisch steht.« – »Wohl; was fangen wir aber mit dem Buben an, der wie angefroren dasteht?« fragte Veverl. – »Ei, er soll uns fein nachgehen,« erwiederte Martina: 51 »weißt Du was, Seraphin? Du sollst unsern Bedienten vorstellen. Wir werden uns so viel auf Dich einbilden, wie die Frau von Kapeller auf ihr kleines Lauferl, das sie von Wien mitgebracht hat.« Die Lakaienschaft hatte nicht viel Reizendes für Seraphin, und eine andere als seine Martina hätte ihn wohl vergeblich angeredet, in den Scherz einzugehen; aber was konnte er dem niedlichen Mädchen abschlagen? Er nickte daher ziemlich freundlich und ging gravitätisch, das Hütl in der Hand, hinter den lustigen Dirnen her, die sich hoffärtig und kichernd aufblähten, als hätten sie in der That irgend einen bordirten oder dreifarbigen Schuhputzer auf ihrer Ferse. Die Leute, die den Dreien begegneten, sahen den aus dem Stegreif ernannten Leibdiener spöttisch an, und Seraphin war auf dem Punkte, ihnen den Spott, den Mädchen den Spaß und sich selber seine Nachgiebigkeit übel zu nehmen. Da wendete sich Martina, immer mit der Grandezza einer geschmückten Hofdame, halb nach ihm um, und sagte vornehm: »Mach Deine Sachen gescheit, und es soll Dir gut gehen. Ich gebe Dir als Lohn einen Zelten, wie ihn der Kaiser nicht besser kriegt!« – Wie hätte vor solcher zärtlichen Anspielung Seraphins Groll Stand halten können? Mit einer Art von Bockssprung erwiederte er: »Schönen Dank; ich küß' der Jungfer die Hand. Den besten Zelten hab' ich jedoch schon gegessen, und er war mir von lieber Hand geschenkt. Es fragt sich nur, ob die mir ihn verehrt, noch denkt, wie sie gedacht? . . .« – »Wenn sie Dich gern hat, ohne Zweifel,« versetzte Martina, ohne sich zu besinnen, lachte dann hellauf, und sprach zur Veverl: »Du, was sagst Du zu den Vintschgauern? haben sie nicht das Maul auf dem rechten Fleck?« – »Ja freilich, Martina,« entgegnete Genovefa: »aber ich habe nichts von dem verstanden, was der Bub gesagt hat.« – »Ich auch nicht, Veverl; das ist aber grad gleich.« – »Du kleines listiges Schlangl!« 52 dachte Seraphin bei sich; aber die Mund- und Geistesfertigkeit der Kleinen gefiel ihm wohl. An der Hausthüre des Meisters Tammerl, der auf der Scheide des Ober- und Untermarkts wohnte, wurde Seraphin mit Belobung seines Straßendienstes enthoben, und er schlich, den Mädchen etwas neidisch nachschauend, in die Küche, vermeinend, seine Portion auf dem Anrichttische neben dem Hühnerstall zu finden. Wie angenehm wurde er jedoch überrascht, da Frau Marianne, die Königin des Hauses, die mit blendendweißer Schürze und flammendrothen Wangen den Herd überwachte, ihn anwies, in das Eßzimmer zu treten, dem Meister die Hand zu küssen, und sich bei Tische manierlich aufzuführen. Der großen Ehre war er nicht gewärtig gewesen. Indessen, dem Charakter seines Volks getreu, fand er sich mit passender Dreistigkeit gleich in das, was der Augenblick gebot, trat ungezwungen, wenn gleich nach bäuerischer Sitte grüßend, in die Stube, verrichtete seinen Handkuß, und wartete alsdann in einem Winkel, bis der Hausherr das Zeichen zum Niederlassen gab. Es waren ein paar Gäste da: einer der Rathsherren des Markts, der im schwarzen Mantel und großen Dreispitzhut gekommen war; der Herr von Sprenger, des Hauses Freund, und dann die Freundin der Tochter, die geschwätzige Genovefa. Tammerl behauptete den Ehrenplatz, ihm zur Rechten war Marianne, zur Linken die Mutter. Dann kamen auf jeder Seite einer der geladenen Herren, alsdann Jungfer Magdalene; ihr gegenüber Martina, neben ihr das Veverl. Ganz unten, wie billig, fand Seraphin seinen Platz. Er hatte noch nie einen Luxus gesehen, der mit dieser Tafel hätte verglichen werden können. Die Speisen, Geschirre und Tischgeräthschaften des wohlhabenden Bürgerhauses schienen ihm königlich, unübertrefflich. Tammerl hatte in Wahrheit seine Pracht ganz geharnischt auftreten lassen, nicht um Seraphins willen, wie sich von selbst 53 versteht, aber wegen der beiden Herren, die gekommen waren, mit dem Meister einen Festtag zu feiern. Tammerl hatte nämlich die Versicherung erhalten, daß er bei der nächsten Rathserneuerung in den Magistrat des Marktes gewählt werden würde. Der mitspeisende Rathsherr verdiente als Haupträdelsführer dieser Wahl eine Auszeichnung. Herr von Sprenger saß dabei als innig theilnehmender Freund. Es war nichts außerordentliches, daß zum Festschmause auch der arme verwaiste Seraphin gezogen wurde. Die Sitten des Landes waren noch so vollkommen patriarchalisch in Märkten und Landstädtchen, daß die Gegenwart eines Bauern, eines armen Studenten, eines Dienstboten am Tisch der Herrschaft oder des Wohlthäters oder des Gutsherrn durchaus keinen Anstoß erregte, war der Tag auch noch so festlich, und noch so gewählt die übrige Gesellschaft. Seraphin speiste und horchte auf wie Zweie. Er sah auch für Zweie, denn indem er gleichgültig über den Tisch zu schauen vorgab, hütete er mit dem rechten Auge sein Kleinod Martina. Das Mädchen machte es ungefähr eben so, gab nicht viel auf die Schmeichelworte, die der neben ihr sitzende Herr von Sprenger an sie verschwendete; sie wehrte sich gegen seine kindischen Tätscheleien – der alten Herren Brauch, womit sie der Jugend gegenüber, als hinter einer Schäkerlarve, ihre Runzeln zu verstecken suchen – und nahm auf einmal eben von dem Wangenklopfen und Haarstreicheln des Herrn Anlaß, auf eine lustige Weise ihren Platz mit dem der Genovefa zu vertauschen, so daß sie neben Seraphin zu sitzen kam. Der Stutzer aus Leopoldi Zeiten eiferte über bösliche Verlassung. Munter, wie immer, entgegnete ihm Martina und spitzig: »Weil der gnädige Herr mich nicht mit Fried lassen will, so muß ich schon Platz machen. Der Seraphin da, das hölzerne Mandl, wird mir nichts thun. 54 Gelt, Seraphin?« Sie begleitete diese Worte mit einem vertraulichen Zupfer, den der hohe Tisch der Gesellschaft verbarg, und Seraphin war – ach wie selig! Die Neckereien des alten Gecken hatten ihn nicht wenig verdrossen, und nun saß die Holde neben ihm, und hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, daß sie ihn lieb hatte! Das Gespräch ging seinen hurtigen abwechslungsvollen Gang. Nach unvordenklichem Herkommen unter den Hauswirthinnen aller Himmelsstriche entschuldigte sich Frau Marianne bei jeder Speise, daß dieselbe nicht gar extra gerathen. Die Polenta war zu weich, die Kranewitter Kranewitten: Wachholderstauden und die Beeren derselben; ebenfalls werden die Krammetsvögel Kranewitter genannt. waren nicht zu fett; das Wildbret hatte nicht genug Beize, die Pastete war nicht gerathen. Natürlich läugneten die Gäste alle diese Mängel, die Schwiegermutter ausgenommen, die immer der klagenden Wirthin in böslicher Absicht beistimmte. Tammerl lobte dagegen seinen Wein und schenkte tapfer die Gläser voll. Er log in der Geschwindigkeit mehrere Reiseabenteuer zusammen und prahlte mit der weltgeschichtlichen Bedeutung der »Stadt« Imst und ihrer Vorzeit. Die Mama Tammerl erzählte ihre Lieblingsgeschichte vom baierischen Kriege, wie ein hoher Offizier in Max Emmanuels Gefolge sich herzlich in sie vergafft habe, und wie er aus Verzweiflung über ihre patriotische Abweisung seiner Liebe am Pontlatz den Tod gesucht und gefunden. Der Herr von Sprenger berichtete allerlei Wunderdinge von Wien und Breslau, und schimpfte über die elende Regierung der Erbstaaten des Kaiserhauses, wiederholte zum tausendstenmale seine Veruneinigung mit den Häuptern der Verwaltung, und beklagte sich bitter, daß, anderer Beispiele nicht zu erwähnen, ein viel jüngerer Mann als er, der Herr von Dobroslaw, im Begriff stehe, dirigirender Rath zu werden, während er selbst, der Klügere, Gewandtere und Erfahrene, stets auf einer subalternen Stufe habe stehen bleiben müssen. – Bei Erwähnung des Herrn von 55 Dobroslaw ermangelte Frau Martha nicht, ihrem Nachbar bedeutungsvoll auf den Fuß zu treten und mit den Augen nach der wie mit Gluth übergossenen Magdalene zu winken, worauf der Herr von Sprenger achselzuckend und naserümpfend schwieg, und Marianne, ihrer Schwester aus der Verlegenheit zu helfen, wieder eine Küchenbeschwerde aufs Tapet brachte. Die Wendung benützend, sang Tammerl sein altes Spottlied gegen die Innsbrucker, nicht Hohe, nicht Niedrige verschonend, und das »Vesperglöckl« erkundigte sich mit einem Schwall von Fragen nach dem guten Peter, und wie es ihm denn wohl gehe in der verderbten Hauptstadt. – »Wie wird's ihm gehen?« fragte Tammerl ironisch entgegen: »Das Heimweh verzehrt den armen Narrn, er lebt so zu sagen nur von der Luft, die zu Innsbruck auch nicht gar extra ist, und sein Meister macht's mit ihm, wie der schwäbische Bäcker mit seiner Katze. »G'wohns, Mudel, g'wohns!« hat selbiger immer zum Katzl gesagt, als er mit ihm den Ofen auswischte. Nun, um so fröhlicher wird der Peter nach überstandener Lehrzeit seine Heimath wieder sehen. Es gibt doch nur ein Imst in der Welt! nicht wahr, Herr Gevatter?« Tammerl stieß mit dem Rathsherrn an, dem die Augen beträchtlich vor dem Kopfe lagen, da er sich, wie man sagt, aus der Form gegessen hatte. »Unser Imst,« fuhr Tammerl fort, »ist halt eine Kapital-Stadt. Denn ich mag unser Imst nun und nimmermehr einen Markt heißen, denn es ist eine Stadt, weil der höchstselige Herzog Meinhard und sein Sohn, der fürtreffliche König Heinrich, die beide recht gut wußten, warum sie es thaten, Imst zu einer Stadt erhoben. Es ist eine Schande für unsere Voreltern, daß sie von dem Recht keinen Gebrauch gemacht haben, aber was liegt daran, daß sie es versäumten? Der König Heinrich besaß kein fingerbreit Landes in Böhmen, und hieß dennoch dieses Landes König bis an sein Ende. 56 Eben so halte ich's mit Imst. Wenn ich aber bedenke, was aus unserer Stadt hätte werden können! Innsbruck wäre ein armes elendes Nest geblieben, wenn Imst emporgekommen wäre. Alle Aemter und Stellen wären hier, die Hauptstadt von Tirol wäre da, wo wir sitzen. Gibt's eine lustigere Gegend im ganzen Lande? Gibt's irgendwo ein Volk, so brav und treu und bieder, wie das unsrige? Wir wissen zu leben, wir arbeiten, wo es Noth thut, und genießen unser Leben wiederum, wie sich's gehört. Wenn das Jahr seine Last hat bei uns wie überall, so hat's auch seine Freuden, wie nirgends außer unserem Weichbild.« »Das muß wahr seyn,« bekräftigte der begeisterte Rathsherr: »fröhlicher ist's nirgends. So haben wir gerade heute wieder das Schemenlaufen für diesen Fasching erlaubt, dem Eifer der Geistlichen und der Mißbilligung der Obern zum Trotz. Ei was, das Volk muß auch seine Lustbarkeiten haben.« – »Ganz aus meiner Seele gesprochen,« nahm Herr von Sprenger das Wort: »das Volk muß zahlen, leisten und steuern, muß sich hudeln lassen von nichtsnutzigen Beamten, da immer die bessern und wohldenkenden Männer zurückgesetzt werden – es ziemt ihm daher auch eine Freiheit im Leben und Verkehr. Ich liebe das Volk von ganzem Herzen, und seine Fastnachtsschwänke machen mir eine weit größere Freude, als ein Hofball zu Wien, oder ein schaales Concert zu Innsbruck, wo die Leute vorgeben, ihr biederes Tirolerdeutsch vergessen zu haben, und nur auf italienisch schwatzen und singen. Was werden denn heuer für Aufzüge im Schellenschemenlaufen vorkommen?« – »Ein recht ergötzlicher Schwank soll ausgeführt werden,« lachte der Rathsherr: »sie wollen den Auszug der alten Jungfern ins Sterzinger Moos Sterzinger Moos: ein Moorgrund bei Sterzing, ein Tummelplatz für Rosse, Schweine, Gänse u. dergl., die hier treffliche Weide finden; in der Phantasie der Tiroler der Sammelplatz verblühter Jungfrauen, die keinen Mann gefunden, sey es im Leben oder nach dem Tode, um ihre Schmach zu büßen. Daher vom Mädchen, das bereits die Gränze der weiblichen Blüthe überschritten, der Spruch: »Sie gehört auf das Sterzinger Moos,« oder im weitern Sinne an einen verhaßten »Loser an der Wand« der Trutzknittelreim: »Geh hin af das Sterzingermoos, Dorst liegt a toadts Roos, Is Mösser und Gobel dabei, Koscht, wo's wol g'sott'n sey!«                 (S. das Land Tirol, zweiter Band, S. 17.) vorstellen.« – Ein höchst beifälliges Gelächter belobte die Anzeige und den Vorsatz der Maskenläufer. Tammerl und der Rathsherr überwieherten den Beifall, 57 obschon Marianne nun ihrerseits dem Eheherrn auf den Fuß trat, und ihm zuflüsterte: »Denk' doch auf die arme Lenerl!« Die Tante, von dem unzarten Gelächter verletzt, stand, ohne Aufsehen zu erregen, vom Tische auf und ging hinaus. Während die Zurückbleibenden unter sich noch ferner spaßten und witzelten, fragte Seraphin seine liebe Nachbarin leise: »Warum läuft die Tante davon?« – »Das will ich Dir hernach sagen,« versetzte Martina: »komm nach Tisch dort ins Eckzimmer, hörst Du? Wirst Dich nicht vor mir und der Veverl fürchten?« – »Behüte Gott, seit ich von dem Weihnachtzelten gegessen, fürchte ich mich vor gar nichts mehr in der Welt,« rühmte sich Seraphin, und stand vom Tische auf, da ihn Tammerl in seine Nähe winkte. »Schau ein bissel nach meinen Vögeln,« ermahnte ihn der Meister: »die Nachtigall hat, wie ich meine, den Pips, sieh, was mit ihr zu machen. Du wirst auch Deinen Rothkropf finden, den der Narr zu Burgeis meiner Tina geschenkt hat« – Seraphin ging gehorsam eben in das Eckzimmer, das ihm Martina bezeichnet hatte. Er war kaum mit der Besichtigung der Nachtigall fertig geworden, und stand vergnügt vor dem Rothkröpfl, das wie ausgewechselt im Bauer hin und her hüpfte, ein Buckerl um's andere machte, und sich anstellte, als erkenne es seinen ehemaligen Herrn und Erzieher mit Haut und Haar wieder, – als die schnellfüßige Martina herein kam. Sie ging, vorsichtig umschauend, auf den jungen Plaschur los, und hielt ihm plötzlich ein Papier, das sie hinter ihrem Rücken verborgen gehabt, vor die Augen. »Kennst Du das?« fragte sie, und durchstach ihn fast mit ihren Blicken. Seraphin gewahrte zu seinem Erstaunen ein Herz von weißem Papier, und darauf Oswalds Schriftzüge, die da hießen: »Ich gehöre der lieben Martina Tammerl.« – Wenn schon sein eigenes Herz als wie 58 zusammengeschnürt war, so antwortete Seraphin dennoch mit Sicherheit: »Freilich kenne ich das.« – »Wohl?« – »Gewiß und wahrhaftig.« – »Ist das Herz von Dir?« – »Es kommt von mir, wenn schon ein guter Freund für mich die Worte darauf geschrieben.« – »So, so; da fehlt aber noch etwas von Deiner Hand, wenn ich Dir glauben soll.« – »Was denn?« – »Warum wirst Du roth? Kannst vielleicht nicht schreiben?« – »Oho! wär' nicht übel. Bin im Schreiben nie der Letzte auf der Bank gewesen.« – »So schreib' hinzu, was noch auf das Herz gehört. Dort ist der Tante Schreibzeug. Geschwinde nur, ehe Jemand kommt.« Seraphin lief gehorsam, tauchte die Feder ein, und fragte etwas verlegen: »Was soll ich schreiben?« – »Was Dir einfällt, wenn Du mich gern hast.« – Der Knabe zögerte. Martina blickte ihn etwas meuterisch an und fragte wieder: »Ich gehöre der lieben Martina. Wer ist der Ich?« – Er wollte schon erwiedern: der Rothkropf; aber auf einmal schoß ihm das wahre Licht in den Verstand, und zufrieden lachend malte er unter Oswalds Worte seine Unterschrift: »Johannes Seraphin Plaschur.« – Entzückt, gehörig verstanden worden zu seyn, riß ihm Martina das Herz aus der Hand, rief: »So ist's recht. Du hast meinen Zelten angeschnitten, und ich hab' Dein Herz; jetzt bin ich zufrieden!« und verbarg das Blatt in ihrem Mieder. Es war Zeit, »denn das »Vesperglöckl« kam wie ein Sturmwind in die Stube. »Wo steckst Du denn?« fragte sie: »Was habt's denn miteinander? Was hat denn der Bub' mit der Dinte zu schaffen gehabt? Er hat ja großmächtige Dintenflecken an seinen Fingern?« – »'s ist nicht wichtig,« antwortete Martina mit bewundernswerther Gegenwart des Geistes: »Der Patscher hat sich am Nachtigallenkäfig die Finger geschürft, und hernach Dinte darauf gepatzt. Bist ein 59 rechter Bauer, Seraphin; pfui, die garstige Dinte auf den Finger zu schmieren! Warte, wenn die Tante erführe, daß Du über ihr Dintenzeug gekommen! Laß Dir etwas um den Finger binden, Du Ungeschickter!« Und alsogleich hatte sie einen Lappen bei der Hand und schnitt ihn zu, und wickelte trällernd den schwarzgefleckten Verräther ein, als wäre er scharf verletzt. »Das bringt mich auf einen gar schönen Gedanken,« sagte sie kichernd noch während der Arbeit zu ihrer neugierigen Freundin: »aber der Seraphin muß uns den Spaß nicht verderben. Weißt Du, Veverl? die Tante Magdalene hat geweint wegen der Dummheit vom Sterzinger-Moos, die der Gevatter vorgebracht hat. Sie meint immer, man föpple sie, wenn von alten Jungfern geredet wird. Wir wollen auf ihren Verdruß ein Pflaster legen, wie das Bindl da auf des Buben Finger.« Sie zwickte dabei heimlich den Seraphin in die Hand, daß er hätte schreien mögen. »Was meinst Du, Veverl?« fuhr sie fort, »beim Schemenlaufen soll sich der Seraphin als ein Rußler verkleiden, und durch den Rauchfang herab in's Haus kommen, und die Tante brav rußlen! He! wie gefällt Dir das? Sie wird lachen und 's wird ihr gefallen, weil der Spaß nur den jungen Mädeln angethan wird!« – Genovefa gab ihre Zustimmung mit tausend Kindereien, und Seraphin, der keine Einwendung zu machen sich unterstand, obgleich er nicht wohl begriff, was von ihm gefordert wurde, erhielt die Zusage, daß die Mädchen schon für einen passenden Anzug sorgen würden, und daß es unendlich viel Spaß absetzen würde. – – Es ist von diesem Tage ferner nur zu sagen, daß die Alten lange zu Tisch saßen, daß während dessen die Jungen, worunter Seraphin, die Zeit mit unschuldigen Spielen unter dem Patronat der Tante verbrachten, und daß nach einer angenehmen Merende Seraphin, in 60 Gnaden entlassen, seinen Rückzug nach Tarrenz, zufrieden wie ein Prinz, antrat. – – Der Unterricht in Handelssachen, den er bei dem Grödner genossen, mochte noch so unvollkommen gewesen seyn, dennoch wußte Seraphin ganz genau, daß wer einmal einen Wechsel auf sich selbst unterschrieben, auch gehalten sey, denselben zu bezahlen. Daher betrachtete er sich von dem Augenblick seiner Namensunterschrift auf dem Herzen von weißem Papier als ein der Martina mit Leib und Seele ergebener Knecht, und eine dereinstige Heirath mit dem Mädchen als die Einlösung des Wechsels auf seine Person. Da es nun, wie er wohl begriff, bis zur Hochzeit noch eine Weile dauern konnte, so fand er sich verpflichtet, einstweilen dem kleinen Bräutchen in allen Stücken zu gehorsamen, und konnte also in seinem Eifer kaum die lustigen Endtage des Faschings erwarten, um sich in eine Larve zu stecken, die er noch nicht kannte, und auf Martina's Befehl einen Spaß zu machen, von dem er nicht ein Wörtchen wußte. So wie denn nun die Sonne allgemach einen jeden Tag bringt, er sey gefürchtet oder willkommen, so kam auch seiner Zeit der sogenannte unsinnige Pfinztag heran. Seraphin hatte, nach Martinas Belehrung, Jedermann ein Geheimniß aus der Vermummung, die er beabsichtigte, gemacht, und sogar seinem Freund Schuhflicker nur von der Neugierde geredet, die ihn beseele, das berühmte Schellenschemenlaufen mit anzusehen. Der ehrliche Maroner, dem der Fasching keine Freude mehr machte, ließ sich gern bewegen, an Seraphins Statt wieder einmal das Vogelhaus zu hüten und zu besorgen, und Seraphin benutzte demgemäß seine Freiheit, mit dem inbrünstigen Wunsch im Herzen, daß ihm Meister Tammerl nicht irgendwo begegnen möchte, von dem er einen Urlaub nicht erhalten. Dem Kühnen, pflegt man zu sagen, ist das Glück 61 günstig. Es schien sich nicht minder für den jungen Plaschur vortrefflich anzulassen. Wie ihm befohlen worden, stellte er sich gleich nach dem Mittagmahl in dem Gasthause ein, das Genovefa's Vater hielt. Die Gassen von Imst wimmelten bereits von hin- und herirrenden Schaulustigen. Eine Maske war noch überall nicht zu sehen. Seraphin schlich, wie der Iltis in den Taubenschlag, in das bezeichnete Wirthshaus, und wurde alsogleich von dem »Vesperglöckl« und der Martina, die ihn erwarteten, empfangen. Das Haus war von Besuchern angefüllt; um so unbemerkter gelangte die kleine Gesellschaft in Veverls Kammer, wo für den jungen Vintschgauer das Larvengewand schon bereit lag. Seine Eitelkeit wurde beim Anblick dieses Gewandes beträchtlich herabgestimmt. Statt eines bunten und lustigen Narrenaufzugs fand Seraphin nichts mehr und nichts weniger als das Kleid eines Rauchfangkehrers, schwarz und unscheinbar; daneben einen Ledergürtel, woran eine schmutzige Rußbüchse hing. »Schau, mein Bub',« hob Martina an, indem sie auf das mein einen gewissen Nachdruck legte: »das Gwandl wird Dir taugen. Leg es geschwinde an, und streich' Dir das Gesicht brav mit dem schwarzen Pulver ein. Los jetzt, was ich Dir sage. Wenn die Schellenschemen zu laufen anfangen, – den ersten Tanz halten sie vor diesem Hause, – so menge Dich tapfer unter sie, und zieh' mit ihnen, die Dich nicht kennen werden in dem Durcheinander, bis an unser Haus. Die Mutter und die Tante pflegen es verschlossen zu halten, weil sie sich vor dem losen Volk und seinen Spässen fürchten; ich werd' aber auf der Paß' stehen, und die Veverl ebenfalls, denn sie geht mit mir. Du wirst sehen, daß die Thür ein bissel klafft, springst dann hinein und ohne Verweilen die Treppen hinauf zum Estrich , von da auf's Dach, von dort in das Kamin, das drei Mauerspitzen hat, streifst 62 dann herunter durch's Kamin bis zum Herdmantel in unserer Kuchel. Dort bleibst Du, und fallst nicht etwa herunter, bis Du uns in der Kuchel spürst, und bis ich sage: »Tante Lenerl hörst Du was?« – »Dann hüpfst Du keck auf den Herd,« nahm das Vesperglöckl das Wort, »vom Herd zur Erd', fahrst auf die Tante los, als wie ein abgelassener Hund, kriegst sie beim Kopfe, und streichst ihr beide Backen mit dem Ruß an, den Du an der Binde trägst. Laß' sie nicht los, und wenn sie noch so viel schreit. Kannst ihr auch mit dem schwarzen Maul ein Bussel geben, daß sie einen Schnauzel kriegt, und machst Dich hernach davon, wie Du kannst. Nicht wahr, so meinst Du's, Tina?« »Hm, ja,« entgegnete Martina kühl: »bis auf das Bussel, das sich nicht schickt, hörst Du, Seraphin? Die Tante nimmt's so viel übel, wenn gethan wird, was sich nicht schickt. Das thust Du nicht, Seraphin. Mit den schwarzen Backen ist's genug, und spring' nur eiligst weg, und lauf wieder daher. Wir kommen dann schon selber, und auf ein Seidl Wein, Dich aufzufrischen, wird's uns auch nicht ankommen. Schleun' Dich jetzt, die Huttler werden bald auslaufen. Halt' Dich versteckt in dieser Kammer, und in dieser Kammer wollen wir Dich wieder finden.« Schäckernd und narretheiend stäubten die lustigen Dirnen dem armen Schlucker das Gesicht voll Ruß, und machten sich davon. Seraphin unterzog sich schleunigst seiner Verwandlung. In der That brauchte er dazu nicht lange. Das garstige Gewand war hurtig angelegt, das saubere unter Veverls Kopfkissen versteckt. Die Lederkappe bedeckte flugs Seraphins schöne braune Locken, und seine hübschen Augen waren gleich nicht mehr zu erkennen unter dem schwarzen Graus seines Angesichts. Vollkommen eingeteufelt paßte er, an der verriegelten Thüre lauernd, auf die Schellenschemen und ihren Lärm. – Daneben hatte er 63 Muße, das Kammerl der Genovefa mit der Scharfsichtigkeit des Luchses zu durchspähen. Es war für ihn eine Rarität, er war noch niemals in der Kammer einer Jungfer gewesen. Er konnte sich selber keine Rechenschaft geben, warum jeder Gegenstand in diesem Gemach ihm vorkam, als wäre derselbe einer ganz absonderlichen Aufmerksamkeit werth. Dennoch waren Tisch und Stühle eben so gering und einfach, wie in andern Stuben; die Stubendecke gewölbt, wie anderswo, das Fenster klein und rundscheibig, wie in tausend andern Kammern. Der Sonne Strahl spielte herein, wie zu Tarrenz in die Kanarienbauer; ein willkommener Gegensatz zu der Eiskälte des Ofens, der über den Winter noch kein Stücklein Holz im Brande gesehen, weil rasche Jungfern nichts von Frieren wissen. – Aber auch dem Späher Seraphin wurde sehr behaglich warm, da sein Blick vom grünen Fenstervorhang zum rothgegitterten Bettvorhang glitt, von dem mit Epheu bekränzten Kruzifix zum Spiegel über den Tisch, woran Genovefa ihren Kopfputz bestellt, ihren Anzug vollendet hatte. Der Kleiderkasten, halbgeöffnet, schien dem lauernden Rußler ein Schrank der Geheimnisse; seine Nase witterte einen ganz besonders würzigen Lavendelduft, der aus dem Kasten strömte. Der feine Geruch erinnerte ihn an den Weihrauch der Kirche; das Muttergottesbild an der Wand sah ehrwürdig, als ob es in einer Kapelle hänge; die Kapuziner-Dreikönigkreuze Dreikönigskreuze: am sechsten Januar werden feierlichst an alle Eingänge des Hauses, so wie an dessen Stubenthüren drei Kreuze mit Kreide angemalt, daneben die Buchstaben C. M. B. (Caspar, Melchior, Balthasar). Häufig ist's ein P. Kapuziner, der diese Kreuze anschreibt und ihm folgt dann die ganze Hausgenossenschaft mit Rauchpfanne und Weihwasser von Thüre zu Thüre. an der Thüre mit den heiligen Buchstaben C. M. B. schauten den Betrachtenden an, wie die Anfangszeichen himmlischer Offenbarungen; das kleine Weihbrunngefäß daneben, wie einer unversiegenden Quelle des Heils priesterlich geweihte Fassung. »Ich glaube wohl,« dachte er in seinem Sinn, »daß der leidige Satan über diese Schwelle keine Macht hat, und darum ist mir auch so gut und warm in meiner Haut; denn mit den Jungfern ist's doch immer etwas extra, und bei der Martina muß es akkurat ausschauen, wie da, – 64 nur wär' ich lieber dort, als hier. – Nur wär' ich lieber dort, als hier,« setzte er noch einmal hinzu, indem er, vom Gesammteindruck des Ganzen zurückkommend, auf die Einzelheiten seiner Umgebung zu merken begann. Der Ordnungssinn, der – ein Erbtheil seiner Mutter – ihm eingeboren war, stimmte schlecht mit dem ordnungslosen Leichtsinn, dessen Spuren das luftige Vesperglöckl überall verzettelt hatte. Der Unterrock, den Veverl gewechselt, lag noch auf der Stelle, wo er fiel, am Boden, wie ein Zauberkreis. Ein Schuh stand unter'm Bett, der andere lag, das rothe Stöckl kläglich gen Himmel streckend, hinterm Ofen. Die Bürste schwamm in der angefüllten Waschschüssel, der Kamm schlauderte Schlaudern: unordentlich umherliegen; auch: eine Arbeit mangelhaft abthun, um nur fertig zu werden. auf dem Fenstersims. Ein Stück Band fuhr da, eine zerzauste Spitze dort im Winkel herum; aus der unbesonnen zugeklappten Truhe hing eines seidenen Kleides Zipfel jämmerlich eingeklemmt hervor; auf der Wasserflasche saß die Nachthaube, das Handtuch hing über den Lichtstumpf her. Das Gebetbuch lag gekreuzt mit dem Buckelkratzer; der Boden funkelte weiß und gelb von hastig verbogenen und zornig weggeworfenen Stecknadeln. »Nein,« sagte Seraphin zu seiner Ordnungsliebe: »bei Martina muß alles viel reinlicher und aufgeräumter aussehen, es wäre sonst nicht gut. Schaut das liebe Narrl nicht aus, als käme es grad vom Zuckerbäcker, so rund, so rein, so süß und häl? Sie hat an der Tante eine gute Lehrmeisterin; aber, daß Gott erbarm, soll denn wirklich das saubere glatte Madl in einem Kloster versperrt werden?« Der plötzlich wiedererwachte Schreckensgedanke hätte dem armen Jungen viel zu schaffen gemacht, wenn nicht neben der Kammer, die mittelst einer inwendig verriegelten Thüre mit einem Gemach der Wirthsgelegenheit zusammenhing, ein paar Männer ein lautes Gespräch erhoben hätten. Seraphin spitzte die Ohren. »Der 65 Egidi,« flüsterte er in sich hinein: »und – Gott steh mir bei – der Grödner ist mit ihm!« »Hab' ich doch seit hundert Jahren Dich nicht gesehen!« sprach der Letztere: »Nun, mich freut's, daß ich Dir begegnete. Komm da herein, in dem Stubel ist kein Mensch. Im ganzen Hause summt es wie in einem Bienenkorb; hier sind wir allein, und ich hab' Dir viel zu erzählen.« – » Caschì, caschì, buon gì, « erwiederte einmal über's andere der Engadiner, dessen Stimme eine ziemliche Verlegenheit verrieth: »Was machst Du hier? Bein, bein, sey gegrüßt, Grödner. Wie steht's a casa ?« – »Gut und schlecht, wie Du willst.« – »So, so; nun buon gì noch einmal. Trink' ein Glas. Was macht denn der kleine Spitzbub, der Giuven, der Plaschur?« – »Brr, pfui, pfui! erinnere mich nicht an den undankbaren Buben.« – »Oh, oh, undankbar? parchei? Trink, Grödner! Eccu ün vin cotschen , der sehr gut. Oder beliebst Du vin alv ?« – »Das ist mir gleich. Deine Gesundheit, Egidi.« – » Si, si, bevein üna buteglia d'vin ansemen! Bevein üna buteglia d'Vin ansemen : trinken wir mit einander eine Flasche Wein. « – »Gut, gut. Wenn sie mir aber schmecken soll, so bring' nicht wieder die Rede auf den Seraphin.« – » Parchei buc, par amur da Dieu? « – »Pah, er ist ein Halunk, der's nicht verdient« – »Ei, ei, was hat er denn gethan?« – »Was er gethan hat? Er ist mir davon gelaufen.« – » Co! davon gelaufen?« – »Ja, ja, und zwar nachdem er mich bestohlen.« – » Co! ei'gl pusseivel! bestohlen?« –»Wie ich Dir sage. Wenn ich doch den Bursch auf den Händen getragen, ihm ein schön Stück Geld zugewendet, und vom Kopf zum Fuß ihn neu gekleidet habe? Und kaum hat er das Geld und das Gwandl gehabt, fort ist er gewesen, als ein rechter Dieb!« – Egidi brummte allerlei unentschlossen in den Bart. Der Grödner fuhr fort: »Es hat mir schier das Herz abdrucken wollen, denn ich hatte es mit dem Buben gar gut vor. Ich hätt' 66 ihm nachsetzen, ihn mit Steckbriefen verfolgen lassen, wenn mir nicht just wichtigere Dinge im Haus ausgekommen wären. Pah! der undankbare Kerl soll sich meinetwegen henken lassen, wo's ihm beliebt, aber er soll sich nicht unterstehen, jemals nach Burgeis zurück zu kommen. Die Leute sind so aufgebracht gegen ihn, daß es ihm schlimm ergehen würde, und ich helf ihm nicht mit einer Fingerspitze, dem hinterlistigen Gauner und Dieb, der um kein Haar besser ist, wie sein sogenannter Vater, der Landstreicher, der!« – Der Grödner wäre vielleicht mit seiner erbaulichen Standrede noch lange nicht zu Ende gewesen, wenn nicht eine Erscheinung, auf die er nicht gefaßt, die sprudelnde Anklage auf seiner Zunge fest gebannt und seinen Zorn in Angst und Schrecken verwandelt hätte. Seraphin nemlich, der mit unsäglicher Wehmuth und Erbitterung die Beschuldigungen des Vormunds vernommen, konnte sich nicht enthalten, die Thüre jählings aufzureißen, und außer sich dem Grödner entgegen zu springen mit gerungenen Händen, mit bitterlichen Thränen, und mit dem Geschrei: »'s ist ja nicht wahr, Grödner . . . . grüß Gott, Grödner . . . . Ihr werdet doch nicht so schlecht von mir denken . . . . daß Gott erbarm', Grödner, ich bin gewiß und wahrhaftig kein Dieb . . . . verzeiht mir nur um Gotteswillen, Grödner . . . . ich will's gewiß nimmer thun . . . . aber ich kann nichts dafür, ich kann nichts dafür!« Wäre der Krämer nicht in einer Ecke hinter dem schweren Tische gesessen, wo eine Flucht nicht wohl möglich, er hätte beim Anblick des schwarzen kleinen Teufels den Wein und den Freund ohne Weiteres im Stich gelassen, um der höllischen Erscheinung zu entrinnen. Auch der Engadiner sprang bestürzt von seinem Stuhle auf, doch erkannte er bald die Stimme des Seraphin, packte denselben, der sich an den abwehrenden Grödner mit aller Gewalt klammerte, beim Kragen, und fragte halb lachend, halb böse: » Oibò, 67 chei Giavel! was soll das bedeuten, Bub? Wie kommst Du daher? Wie kommst Du in die Maschera ?« – Seraphin riß sich unwillig von ihm los, und flehte, ohne aufzuhören, bei dem Grödner um Vergebung, betheuerte seine Unschuld, klagte den Engadiner als den Anstifter alles Uebels an, und bat, wieder in des Krämers Haus umkehren zu dürfen, alles wieder gut zu machen. »Ich bin kein Dieb, und will nicht ein Dieb heißen; ich bin nicht undankbar, und will's Euch beweisen!« schluchzte und tobte er in einem fort, bis dem Krämer die Schuppen des Entsetzens von den Augen fielen, und er zu verstehen begann, wie sich in allen Stücken die Sache mit dem Jungen verhielt. – Nach den Erläuterungen, die Seraphin herzaufrichtigst gab, und denen Egidi verdrießlich und stumm beiwohnte, drehte sich der Krämer mit ernstem Vorwurf zu dem Engadiner, und fragte: »Wer hat denn Dir das Recht gegeben, mir den Buben zu stehlen, und wie kommt er in diesen wunderlichen Aufzug? Hast Du ihn aus meinem Hause geraubt, um ihn zu einem Rauchfangkehrer zu machen, Du falscher Wälscher?« – Egidi, der, wie Maroner gesagt, stahlhart und auf jegliches gefaßt war, entgegnete trocken: »Wie der furfant aus einem hundreivel Utschaller ein tschufiger Spazza Camin geworden, weiß ich nicht; aber Du mußt wissen, Mercadont , daß ich bin sein Aug , daß er mein Nepot , daß wir sind von einer Schlatta , und daß ich eher ein Recht auf den Giuven habe, als Du, bei dem immer die höllischen Katzen im Hause losgelassen sind. Verzeih; aber › tiers igl vin gì ün la vardad ‹.« – Der Grödner machte große Augen, und es entspann sich alsogleich zwischen ihm und dem Engadiner ein heftiges Gefecht mit Worten in romanischer Zunge, dem Seraphin 68 zuhörte, ohne davon mehr zu verstehen, als daß sich beide harte Dinge sagten, und jeder seine Ansprüche auf ihn geltend zu machen suchte. Er forschte daher unruhig in den Zügen der Männer, auf welche Seite die Wagschale sich neigen dürfte, bis endlich der Grödner, von der Zungenfertigkeit seines Gegners überwunden, ermüdete, das Gewehr streckte, wie es schien, und sagte: »Lassen wir's gut seyn, und machen wir die Sache freundlich ab.« – Worauf der Engadiner: » Giè, mien Amig; par mei jau sunt content cun tei; Mieu amig, par mei jau sunt content cun tei : mein Freund, was mich betrifft, bin ich mit Dir zufrieden. wenn Du aber noch hättest Zweifel, und wolltest cun Guault den Giuven in Dein Haus zurückführen . . . .?« – Der Grödner unterbrach ihn mit Befangenheit: »Nein, nein, das verlang' ich nicht, das will ich nicht. Seraphin, ich bitt' Dir ab, und will Deinen guten Ruf zu Burgeis wieder herstellen, wahrhaftig, das will ich . . . . aber . . . . ich kann Dich nimmer im Hause brauchen, und weil Du ein Glück machen wirst, wie der Egidi sagt . . . .« – »Verzeiht mir doch ganz und gar,« bat der redliche junge Mensch: »verbietet mir Euer Haus nicht, ich will Euch ehrlich dienen, Ihr sollt mit mir zufrieden seyn!« – »Ich glaub's, glaub's wohl, Du Hascher,« versetzte der Grödner freundlichst, und klopfte ihn auf die von Ruß und Thränen marmorirte Wange: »aber weißt Du wohl, ich bin jetzt ganz allein . . . . die Alte ist gleich nach Deinem Abgang auch abmarschirt – in die ewige Ruhe, so Gott will . . . .« – »Desto besser, Grödner, wir wären dann ganz friedlich bei einander.« – »Wohl, wohl; aber schau, Du Tschappel, es wird nicht lang mehr dauern, und es kommt ein anderes Weib in's Haus . . . . weißt Du wohl . . . . die Hocheneckers Christine . . . . und sie wird's nicht leiden wollen, daß . . . . nun, nun, gib Dich nur zufrieden. Wir bleiben jetzt gute Freunde, und damit basta .« Ein gewisser Instinkt bestätigte dem jungen Menschen des Grödners Befürchtung, daß ihn ein junges Weib wohl 69 noch unlieber als eine Alte im Hause sehen würde. Zugleich gab sich Seraphin innerlichst das Zeugniß, gegen den Grödner gehandelt zu haben, wie die Rechtschaffenheit es verlangt; denn fürwahr nur mit schwerem Herzen, und gerade nur, um seine befleckte Ehre wieder herzustellen, wäre er aus Martina's Nähe fortgezogen, um den Ladenknecht beim Dorfkrämer zu machen. Daher fand er sich jetzo um so bereitwilliger in des Grödners willkommene Bedenklichkeit, und grübelte nicht den Gründen nach, die Egidi vorgebracht haben mochte, um ihn dem Hause Tammerl zu erhalten. Sein Wohlbehagen wurde indessen gestört durch die harte Anrede des Engadiners: »Sag jetzt, wie Du kommst in die Maschkra ? Schämst Du Dich nicht, die Narradads mitmachen zu wollen, und bist nicht größer als der Pollisch ?« – »Oho, oho!« versetzte Seraphin, den das Gleichniß billig ärgerte, weil er schon mit seinem Kopfe beinahe an den höchstsitzenden Silberknopf des Egidi-Brusttuchs reichte: »Das wird doch nicht seyn! Was geht Dich meine Maschera an?« – » Co? mich nichts angehen?« polterte Egidi drohender: »Sag mir das noch einmal und ich geb' Dir eine Schlaffada èlg Grugn , daß Dir der Kopf um und um geht, wie ein Torkel !« Was eine Schlaffada bedeute, dolmetschte dem Rußler die Bewegung, die der Engadiner durch die Luft machte. Seraphin duckte sich, und richtete auch dann den Kopf nicht in die Höhe, als Egidi fortfuhr: »Hat Dir der Meister erlaubt, den Spazza Camin vorzustellen? Giè ner na? Ja oder nein?« Der arme Schelm hatte nichts zu antworten, und darum verbannte ihn Egidi mit den Worten: »Marschir, marschir, or cun tei furlant! Auf der Stell' marschir' hinaus in Dein Nest, und wasch' Dich weiß, Du Schmaladieu Neger ! Kommst Du mir wieder in's Gesicht, wie Du bist, Veh a ti! « Der Grödner hatte gut vorbitten, Seraphin mußte die Flucht ergreifen. 70 Wo waren aber indessen die tollen Maskenläufer, denen sich Seraphin hatte anschließen sollen, hingekommen? Der Auszug der Faschingsnarren hatte schon längst stattgefunden. Der ganze bunte lärmende Troß hatte sich vor dem Gasthause müde getanzt und geschrieen und geklingelt, und Seraphin hatte – während seiner Verhandlungen mit Egidi und dem Grödner – nicht das Mindeste von dem Getümmel vernommen. Als er nun hinaustrat auf die Gasse, trieben die Schemen schon im Untermarkt ihr Wesen, und der vereinzelte Rußler lief, von einigen Buben verfolgt, die ihm » Spazza Camin « nachschrieen, wie der Engadiner, zwar nicht gen Tarrenz, aber dem Hause zu, wohin er beschieden und vergebens erwartet worden war. Das Schemenlaufen nahm sich drollig genug aus. Die Helden des Maskenspiels waren größtentheils in abenteuerliche Weiberlarven versteckt. Den Zug eröffnete eine Bande der sogenannten Rollerinnen in kurzen Röcken, überall mit Schlittengeläut behangen. Dieser wunderlichen Musik folgte eine noch auffallendere: ein Trupp von Schellerinnen, noch abscheulicher verkleidet als ihre Vorgänger, und Kuhglocken – manche von einer Schwere von sechzig bis siebenzig Pfund – an Ledergürteln um den Leib schleppend. Der Lärm, den diese seltsamen Instrumente machten, während die Schellerinnen gingen, hüpften oder tanzten, war ein infernalischer Spektakel. Gleich den leichten Truppen in Feld und Plänkelei sprengten zu beiden Seiten der klingenden Larvenmenge die Duxen, ebenfalls Weiberlarven, die Unterinnthalertracht lächerlich nachäffend und mit Säcken, die voll Heu gestopft, auf das gaffende Dirnenvolk schlagend; die Pulgen: verlarvt wie die vorigen, aber mit größern und gewichtiger gefüllten Säcken versehen, womit sie auf die Buben und alles Mannsvolk lospaukten; die Rußler, die den jungen Mädchen nachsetzten, und eine jede, deren sie habhaft werden mochten, schwarz machten, insofern 71 nämlich die Verfolgte den Ruf völliger Unbescholtenheit besaß; so daß zum Ehrenzeichen wurde, was etwa anderwärts zur Schmach gedient hätte; die Maien: wiederum in Weibskleider vermummte Bursche, die sich anstellten, als wollten sie die gerußelten Mädchen dienstfertig abreiben und reinigen. – Diese verschiedenen Truppen verbreiteten ringsum eine solche Verwirrung und ein Getöse dergestalt, daß ein Fremder hätte glauben können, der Markt sey von tartarischen Horden erstürmt worden. Die Gasse hatte kaum Platz für die neugierigen Zuschauer, die beständig vor den Schemen liefen, schreiend, lachend, sich überstürzend, aber eben so flüchtig wieder zusammenflossen, wie gepeitschte Wellen, weil die Neugier und die Scherzlust weit das Ungemach überwog. Die meisten Häuser waren geschlossen, um den zudringlichen Rußlern den Eingang zu verwehren; wo eine Thüre klaffte, drangen sie ein, ein toller Schwarm, und öfters thaten auch andere Masken, als Zigeuner und Diebe verkleidet, dasselbe, und stahlen, was sie erwischen konnten, um die Beute, die übrigens am nächsten Tag zurückgestellt wurde, im Triumph herumzutragen. Hinter den genannten fliegenden Rotten, die den Scherz so eifrig und gewissenhaft trieben, daß man ihn gar oft für bittern Ernst hätte nehmen können, entwickelte sich der lange Zug der alten Jungfern, die auf's Sterzingermoos geschafft wurden. Von Schergen getrieben, und begleitet von einem Gerichtsschreiber in possenhaftem Gewande, der hie und da ein närrisches Protokoll verlas, das nicht glimpflich mit der zärtern Hälfte des Menschengeschlechts umsprang, wanderten die armen Fräulein zu Fuß, mit oder ohne Pantoffeln, zu Esel, zu Wagen, und in Sänften und Kraxen getragen, mit Heulen und Zähnklappern dem feuchten Verbannungsort entgegen; belacht von der Menge, beklatscht, nur nicht bemitleidet. Die Larven aller dieser Schaaren überboten sich in Abscheulichkeit und Verzerrung; doch waren 72 ihrer sehr viele ehrwürdig durch ihr Alter, indem sie wohl vor einigen hundert Jahren schon gebraucht worden. Diese Schemen gehen als ein hochgewürdigtes Erbtheil in den Familien von Glied zu Glied, und es ist schon zu Imst erlebt worden, daß Leute, deren Häuser lichterloh brannten, jene alten Masken, hinter denen schon der Urahnherr seinen Spaß getrieben, vor allem andern Gut gerettet, und sich mit der theuern Schemen Erhaltung über bedeutenden Verlust getröstet haben. Wie noch heutzutage üblich, durchströmte der Zug in brausendem Wirrwarr alle Gassen des Marktes, tanzte vor den Gasthäusern, um eine Spende an Wein und Brod zu verdienen, und vor den Wohnungen der angesehenern Personen vom Adel, vom Beamtenstande und vom Magistrat, um ein Trinkgeld zum Verschmausen zu gewinnen, und rastete nicht, bis zur Abendglocke, die dem Heidenlärm und Fastnachtsschwank ein Ende machte, so wie das Mittagläuten ihm das Zeichen zum Aufmarsch gegeben. Der ängstliche und gescheuchte Nußler Seraphin rannte, was er konnte, dem Tammerlhause zu. Die Schemenläufer waren schon weit davon. Die Thüre war fest verschlossen. Aber in seinem Eifer, dem Befehl der Martina zu gehorchen, rathschlagte Seraphin nicht lange über die Mittel dazu. Das Nachbarhaus war offen. Er springt hinein, wie ein Pfeil, findet eben so schnell den Weg auf's Dach, schwingt sich nicht ohne Gefahr auf den steilen First des Bäckermeisters, kletternd und hinanstürmend über Schindeln und Schwersteine zum Rauchfang mit den drei Zinnen. Kaum läßt er sich Zeit, einen erfrischenden Athemzug zu thun, und schon fährt er, wie ein gelernter Kaminfeger, in den rußigen Schlot hinab. Es hat ihn niemand gesehen, denn die Imster haben vor der Hand keine Zeit, himmelaufwärts zu schauen, da es auf Erden gerade so lustig zugeht. Ehe 73 einer fünfe zählen könnte, hängt der kühne Kletterer schon über der Mündung des Herdmantels, mit dem rechten Knie an die Rußzacken gestemmt, mit der linken Hand eine Eisenklammer fassend, die so gelegen in der Mauer sitzt, als wäre sie eigens zu Seraphins Bequemlichkeit dort eingeschlagen worden. Von seinem schwarzen Schlupfwinkel herab sieht er schnurgerade auf die abgelöschten Kohlen des Herds, auf eine Menge von Kochgeschirr, das die Magd, begierig, den Huttlern nachzulaufen, wie Kraut und Rüben ungesäubert durcheinander hat stehen lassen. Aber es ist todtenstill in der Küche; die Katze wälzt sich faul und geräuschlos in der Asche, ein bleicher Sonnenstrahl spiegelt sich träge in dem Wasserschaff, das am Fuß des Herds vergessen worden. »Ich hab's verpaßt»« zürnt Seraphin mit sich selber: »wär' ich nur wieder oben, wo die Luft streicht und das Auge des Gebirgs froh wird. In meinem Leben will ich nicht mehr einen traurigen Rußler vorstellen, der sich im Kamin die eigene Haut schwarz färben muß, weil er niemand anders zum Rußeln findet.« Schon mißt er mit einem gähen Blick nach oben die Höhe, die er hinanzuklimmen hat, um sich in Freiheit zu setzen, als ein Geräusch in der Küche ihn bewegt, seine Messungen alsbald wieder einzustellen. War's die Thüre, die da knarrte? Sind's Stimmen, die sich unten vernehmen lassen? Wahrhaftig, Stimmen sind es; eine girrende und schnarrende, die sich ungemein schnell durch alle Tonleitern bewegt, und eine, die dem Horchenden schöner klingt wie reinsten Silbers Klang. Martina spricht. Sie sagt mit wehmüthigem Verdruß: »Kannst Du verstehen, Veverl, wo der Seraphin bleibt? Bald hab' ich Angst um den verwünschten Buben, bald möchte ich ihn schopfbeuteln. Er verdient vielleicht nicht, daß ich mich ängstige. Wer weiß, ob er nicht mit den Schellenschemen läuft, mich und seine Bestellung vergessend? Wer 74 weiß, ob er nicht in eine liederliche Gesellschaft gerathen ist, die ihm das Trinken und Spielen beibringt, und das abscheuliche Tabackrauchen?« »Oho! oho! was etwa nicht alles noch?« dröhnt es dumpf aus dem Kamin, und die Rußstücke regnen herunter, und ein paar schwarze Beine strampeln unterm Herdmantel hervor in der Luft, und einen Sprung thut das Ungethüm herab mitten in das irdene Geschirr, das platzt und kracht und schmettert. Noch ein Sprung, um der Verwüstung zu entrinnen, und das Ungethüm patscht in's Wasserschaff; das Schaff schlägt um, die Fluth strömt aus, die Katze entflieht pfuckend und kreischend vor dem Dämon, der sich in Trümmern wälzt. Das Vesperglöckl macht's in ihrer Herzensangst der Katze nach, und läuft mit einem »daß Gott erbarm!« ohne Ende davon. Die herzhaftere Martina lüpft nur den einen Fuß zum Entspringen, der andere haftet wacker am Boden, wie ihr Auge an dem Rußler, der sich mit den Scherben des stürzenden Geschirrs balgt und mit dem hin und herrollenden Wasserkübel, worein er immer wieder geräth, als ob ein Zauberer ihm beständig das Bein hineinstauchte. »Ach Du mein Heiland! welch' Unheil richtest Du an, Seraphin!« ruft das Mädchen, den Tappindieschüssel erkennend: »bist Du toll geworden? hast Du den Veitstanz, oder bist Du betrunken?« »Nicht das, nicht jenes,« erwiedert Seraphin, der sich frei gemacht und Martina bei der Hand faßt: »ich komme nur ein bissel geschwind herab, um Dir zu sagen, daß mir's von Herzen leid thut, nicht zur rechten Zeit da gewesen zu seyn.« »O Du Leichtsinn, o Du schiecher Bube! laß meine Hand los. Ich glaube Dir kein Wort und verzeihe Dir auch nicht, denn Du hast mir den schönsten Spaß verdorben!« 75 »Du mußt mir verzeihen, ich thu's nicht anders. Liebe, liebe Tina, die ich so viel gern habe, lieber als mich selbst, verzeih' mir und hör' mich an.« Seraphin hielt fest, Martina wehrte sich; ungeduldig, die Mißstimmung zu beschwören, umschlang er das zornige Mädchen. Weiß kein Mensch, wie's geschah, daß Martina plötzlich zwei, drei oder vier Küsse auf den Wangen spürte, die nicht allein brannten, sondern auch schwarze Male hinterließen, als wäre des Mädchens zartes Weiß mit einem rußigen Kessel in Berührung gewesen. Die Unbill war zu arg; Martina schrie, und in ihr Geschrei mengte sich plötzlich das helllaute Gebell von zwei Hunden und der Tante Magdalene schreckensvoller Ausruf: »Du liebe Frau! was muß ich erleben.« Im Nu waren Seraphin und Martina auf eine Klafterlänge von einander gewichen. Magdalenens Augen funkelten vor Erstaunen und Erbitterung. Sie drohte dem jungen Menschen mit dem Finger, und sprach zu dem Mädchen, das sich schaamroth an ihre Brust geworfen: »Nimm Dich zusammen, Tina. Ich höre die Mutter draußen. Die Veverl hat's ganze Hans in Allarm gebracht. Die Mutter würde sich erschrecklich ärgern, wenn sie wüßte, was eigentlich vorgegangen. Komm' geschwind mit mir!« – Die gute Tante zog die Nichte mit sich fort, und Seraphin, der wie niedergedonnert dastand, buchstäblich nicht wissend, was sich mit ihm und Martina zugetragen, hörte, wie die Tante draußen sagte: »Schau nur, Marianne, die saubere Bescheerung in der Küche. So kann denn nicht einmal die verschlossene Hausthüre einen Christenmenschen vor der verwünschten Narrheit schützen!« Hintereinander erschienen nun mit blassen oder feurigen Angesichtern Frau Marianne, die Frau Wittib Tammerl, die faule Magd, die schreiende Veverl, der Herr von Sprenger, welcher dießmal bedeutend hinkte, 76 und, als der letzte, der Hausherr selber. Marianne bejammerte das zertrümmerte Geschirr, und schimpfte bald die Magd, bald den Seraphin aus. Frau Martha klagte die Nachlässigkeit der Schwiegertochter weidlich an. Das Vesperglöckl erzählte allen nach der Reihe, was sie gesehen, wie sie erschrocken, und brachte alles noch mehr in Verwirrung, wie die Magd, die sich vertheidigte, als ob es ihr Leben gälte. Die Herren sahen anfänglich zu, ohne ein Wort zu sprechen. Nachdem aber die Weiber den verdutzten Rußler mit Vorwürfen überhäuft, mit Fragen bestürmt hatten, und nachdem Seraphin, ein bischen die Wahrheit verhehlend, großmüthig vorgegeben, er sey ganz allein an dem Spektakel schuld, indem er auf eigene Faust im Hause habe einen Faschingsscherz spielen wollen, vereinigten sich der Männer grobe Stimmen mit dem Wehegeschrei der Mütter und der Dirnen. »Wär' mir nichts lieber, als wie Du Dich aufführst,« hob der Meister an, indem er sich dazu geberdete, wie ein wilder Mann: »Du könntest mich schon g'freuen, Du thust Dich schon brav anlassen. Das taugte mir ins Haus, das muß ich sagen! Wer hat Dir erlaubt, die Dummheiten mitzumachen? Kaum bist Du von Deinem Dorf in die Stadt gekommen, und schon steigen Dir die Dalkereien in den Kopf? Wart, wart, ich will Dir schon einen Germ in Dein Zuckerbrod backen. Du bist mir schon ein rechter Gutedel, Du!« Der letztere Ausdruck, einen schlecht gerathenen Menschen bezeichnend, war dem Meister noch von seiner Wanderschaft ins Reich kleben geblieben. Das ironische Wort des weinpflanzenden Volks am Rhein bedeutete bei Herrn Tammerl einen mächtigen Grad von Erbitterung, wenn er's in den Mund nahm. Von dem »Gutedel« bis zu Schlägen war dann nicht weit. Frau Marianne, dieses gar gut wissend, legte sich zwischen 77 Herrn und Diener mit einem begütigenden »Nun, nun . . . . schrei' nicht so laut, Peter!« »Der Sohn hat Recht,« sagte dagegen Frau Martha gehässig: »Der Dörcherbub' ist ein freches Blut, das abgestraft werden muß.« »Oho! oho!« redete Seraphin eifrigst ein: »meine Eltern waren keine Dörcherleute und Karrenzieher. Laßt Euch das vergehen, Frau.« »Der Bub' sagt die Wahrheit,« stimmte Tammerl, seiner Billigkeit gemäß, ein: »Aber doch hätt' er verdient, daß ich ihn niederschlüge.« »Schäm' Dich, Peter, schäm' Dich!« nahm wieder Frau Marianne das Wort: »Du hast's dem Seraphin jetzt gesagt, und er wird's nimmer thun. Punktum.« »Was Punktum?« fragte Tammerl rauh, obschon sein Grimm beträchtlich schwand: »Die Schüsseln, die Teller, das zerbrochene Wasserschaff, wer ersetzt mir das? Was? Ich frage hier den Herrn von Sprenger. Er entscheide. Wie?« »Ihr sollt's nicht hingehen lassen, Meister!« äußerte der Kavalier, und rieb sein Bein: »die verdammten Faschingspossen, der vermaledeite Narrentanz! Das Volk ist glatt verrückt und ausgelassen, wie das Vieh.« Der bauernfreundliche Herr war, dem Narrentanz zuschauend, von einem mit Sand gefüllten Sack eines Pulgenschemen so schwer in die Kniekehle getroffen worden, daß ihm der volksthümliche Spaß von Stund an vorkam, wie eines entfesselten Pöbels eckelhaftes Rasen. Die Frau Martha, die stets für Strenge und Strafe stimmte, fiel gänzlich dem Herrn von Sprenger bei, indem sie wiederholte: »Der Sohn soll's nicht hingehen lassen. Was krumm werden will, biegt sich bei Zeiten. Jugend will gezüchtigt seyn.« – Alle schwatzten durcheinander, nur die unermüdliche Schwätzerin, Genovefa, war mäuschenstill, denn ihr lief übers Gewissen, daß 78 sie unbesonnen gehandelt, indem sie das Haus in Aufruhr brachte, und daß Seraphin ein wackerer Bursch zu heißen, weil er nicht Martina, nicht Genovefa in den Scherbenhandel verwickelte, sondern alles auf sich nahm. Seraphin bereute seine Verschwiegenheit keineswegs; das Bewußtseyn, für Martina zu leiden, gab ihm den Muth, den Herrn von Sprenger mit ein paar Blicken zu messen und trocken zu sagen. »Ich kenne den Herrn gar nicht; ich hab' den Herrn nur ein paarmal gesehen, und da ist mir vorgekommen, als gehöre der Herr gar nicht in's Haus. Ich habe Wunder, was der Herr über mich vorzubringen hat. Mich geht aber der Herr von A bis Z nichts an; und ich möchte dem Meister und der Meisterin ein Wörtl im Vertrauen sagen.« Der Herr von Sprenger war bis in die Halsbinde hinein purpurroth geworden, und zuckte mit dem spanischen Rohr, das er in der Rechten hielt; aber sich eines bessern besinnend, drehte er sich mit verächtlichem Achselzucken um, und bot der Frau Martha die Hand. Die Magd und das Vesperglöckl folgten stumm, und Seraphin sammt Tammerl und Frau Marianne blieben allein. Seraphin, stolz, den aufgeblasenen Einflüsterer und Dareinsprecher aus dem Felde geschlagen zu haben, sagte mit herzlicher Aufrichtigkeit zu Tammerl: »Ich hab' einen dummen Streich gemacht, verzeih' mir ihn der Meister. Es soll nicht wieder geschehen, was geschehen ist, und ich will von nun an ohne Eure Erlaubniß gar nicht in die Stadt hereinkommen. Das Geschirr hab' ich freilich zerbrochen, laßt mich dafür etwas für's Haus arbeiten, bis ich abverdient habe, was die Trümmer kosten; aber seyd mir nicht böse, und laßt mich nicht von der alten Frau, die ein Maul wie ein Säbel hat, heruntermachen, und noch weniger von dem goldeingefaßten Spanbrenner mit den krummen Haxen . Ihr 79 seyd mein Herr, Ihr seyd meine Frau, und von einer andern Herrschaft mag ich nichts wissen; sonst ging' ich lieber zum Grödner heim, der mich doch wohl noch nähme, wenn ich ihn recht schön bäte.« – Er erzählte nun sein Zusammentreffen mit dem Grödner, und schloß, da Tammerl ihm besänftigt die Hand reichte: »Ich dank' schön für Eure Güte, und der Frau dank' ich für ihre Fürsprache. Mit ein paar guten Worten kann man mich gewiß um den Finger wickeln, aber ich will nicht geschlagen und getrieben seyn, wie ein vierfüßiges Thier, wenn mich auch der Meister hat einfangen lassen, wie einen wilden Hund.« – »Ei, ei, Peter, was hast Du da gemacht?« hob die Frau strenge an, da sie jetzt ungefähr merkte, wie Tammerl zu seinem Vogelwärter gekommen war. – Tammerl ging jedoch nicht auf das Verhör ein, langte dafür in den Sack und gab dem Rußler ein Geldstück mit den Worten: »Nun, nun, es ist jetzt alles recht und vergeben. Ich hab's wirklich nicht gern, daß Du die Narrenspossen mitmachst, Seraphin. Du versäumst mir die Vögel, und möchtest locker und lüftig werden, und es wäre schade um Dich. Bleib' also draußen, und kauf Dir manchmal, was Dir schmeckt. Ich will schon weiter auf Dich denken, wenn Du brav und gehorsam bist, und – Du hast's gesagt – es hat Dir gar niemand zu befehlen, als ich.« Marianne hustete zufällig, und als wie auf ein Schlagwort fügte Tammerl hinzu: »Als ich, und was die Frau will, das thust Du auch, so wie mir. Jetzt geh!« Seraphin schüttelte sich, aus dem Hause laufend, wie Einer der gefürchteten Schlägen entgangen ist, trollte sich in's Wirthshaus, wo er seine Umwandlung bewerkstelligte, warf mit Verachtung die rußigen Lumpen auf Veverl's Bett, und marschirte seinem Hauptquartier zu. Vor der Hand war er geborgen; doch wußte er nicht, was nachkommen würde, wenn die Tante, wie zu 80 besorgen, die eigentliche schwere Unthat, deren Zeuge sie gewesen, Martina's Eltern gemeldet hatte. Es schwante ihm so etwas von wegjagen und dem ähnlichen. Er fand auf dem Grund seines Gewissens, daß ein solches Urtheil wohl verdient seyn würde, und versprach sich selber und dem Himmel – insofern ihm jetzt noch Gnade werden sollte – mit Martina höchst ehrerbietig zu seyn, und gewiß nicht mehr zu wagen, was er – er begriff selbst nicht, wie er dazu gekommen – in der Küche gewagt hatte. Nicht als ob die drei oder vier Honigproben, die er mit unsauberm Munde von Martina's Wangen genommen, ihm wenig geschmeckt hätten: im Gegentheil, sie schmeckten ihm noch, und viele Monate lang blieb auf seinen Lippen der süße Nachgeschmack. Aber er grämte sich rechtschaffener Weise wegen der Beleidigung, die er seiner Liebe angethan, und mochte sich selber kaum die Sünde vergeben. »Es ist schon, wie der Maroner sagt,« wiederholte er sich oft: »oder es hat's, meine ich, der Jäger-Liebl gesagt: der Teufel steht immer bereit, wo's ein Unglück geben soll.« – Dieser Gedanke quälte ihn unablässig, und er wurde des Vorwurfs erst zur österlichen Zeit ledig, als ihm der Beichtvater, nach dringender Ermahnung zur Besserung, die Sünde erließ und eine ziemliche Buße aufgab, die er gewissenhaft verrichtete. – Der Himmel seinerseits hatte ihm unmittelbar Begnadigung bewilligt, denn von dem Küchenauftritt war überall keine Rede, und die Gesichter des Tammerl'schen Ehepaars zeigten sich dem bereuenden Seraphin heiter und wohlgeneigt. Zwischen der Tante und Martina war es übrigens auf der Stelle zu Erklärungen gekommen. Während die gute Magdalene mit zitternden Händen das weinende Antlitz der Nichte reinigte, sagte sie: »Weine nicht mehr, mein Kind, und sey froh, daß ich Deiner Mutter die verunstaltenden Mackel habe verbergen können. Der dreiste 81 Bube, wenn Marianne wüßte, was er sich unterstanden, würde mit Schimpf und Schande aus dem Dienst gejagt werden, und seine Rohheit bitterlich entgelten. Doch ist er ein verwaister Junge und die Strafe würde zu groß seyn für einen Frevel, vor dessen Wiederholung Du Dich leicht hüten kannst. Wir wollen ihm vergeben. Erzähle mir aber jetzt aufrichtig, wie er zu dem Unsinn gekommen.« – Martina hatte einige Lust, in ihrer Beschämung dem kecken Rußler gar alles aufzubürden, aber ihre bessere Natur gewann die Oberhand. Sie gestand, daß sie es gewesen, die den Seraphin zu der Verkleidung bewogen; sie gestand, warum. Sie berichtete lauter und rein den ganzen Hergang der Sache, und wie sie an die Frevelküsse kam, bekannte sie ganz ehrlich: »Ich habe geschrieen, liebe Tante Lenerl, und ich schäme mich noch jetzt, aber ich hab' ihm doch nicht zuwider seyn können. Ich hab' ihn so viel gern, und er hat mich lieb, und wir haben einander versprochen, uns zu heirathen, wenn wir einmal groß seyn werden.« – Die Tante schlug die Hände überm Kopf zusammen. »Ei, ihr thörichten, hinterlistigen Kinder!« rief sie einmal über's anderemal. Aber Martina besänftigte sie bald; sie wußte mit schmeicheln sehr gut umzugehen, und die Tante war dafür nicht unempfindlich. »Du hast oft gesagt, liebe Tante, daß Du mich einmal recht glücklich sehen möchtest,« sagte das Mädchen mit unwiderstehlicher Treuherzigkeit: »Du kannst es in einigen Jahren dahin bringen, wenn Du Dich meiner und des Seraphin annimmst. Er ist ein gutes Blut, und wird schon ein ganzer Mann werden; das sagt der Vater selber, und wir haben uns schon versprochen. Dagegen verspreche ich Dir, daß ich mich von heute an in allen Stücken so benehmen will, wie eine Jungfer, die kein Kind mehr ist, und etwas auf sich hält. Seraphin wird seinerseits brav und ordentlich seyn, dessen 82 bin ich gewiß, und wir werden Dir alle Ehre machen, und keine Dummheiten mehr begehen, wie die heutigen, die Du vergeben und für Dich behalten wirst. Nicht wahr, Du schöne, liebe Tante?« Was konnte die liebe, schöne und eitle Tante solchen Schmeichelworten entgegensetzen? Ein hartes Herz? Aber die Natur hatte gerade ihr das weichste Frauenherz zum Geburtsfeste verehrt; ein Herz voll Liebe und Zärtlichkeit, das mit aller Welt in Frieden leben wollte; ein schwaches Herz vielleicht, aber in seiner Schwäche liebenswürdig und edel. Magdalene umarmte daher die plötzlich aus einem Kinde zur Jungfrauenherrlichkeit erwachsene Martina, und sprach leise, als ob sie sich einigermaßen schämte, in deren abenteuerliche Zukunftsplane einzugehen: »Ihr lieben thörichten Kinder! wenn ich aber Unrecht thue, euern Träumen beizupflichten? Fasse Muth indessen; wenn's an mir liegt, sollst Du glücklicher werden, als ich's gewesen bin. Es kommt nur darauf an, daß Seraphin sich wie ein braver Christ aufführe, und daß euere junge Freundschaft nicht wanke. Daran ist allein zu erkennen, ob der Bund im Himmel geschlossen worden ist, oder ob er nur eine Seifenblase gewesen, die der Wind verträgt.« 83 Drittes Kapitel. Hui! wie lustig ist mir's Leben, Wie ist's wieder nett und fein! Abschied ist dem Winter g'geben, Wieder ruckt der Langets ein. Feld und Rain sind wieder sauber, Schon dem Joch zu geht der Schnee: Außer schießen schon die Lauber, Außer schaut der junge Klee. Alles ist so frisch und selig, Wald und Felder, Bach und Thier, G'rad die Leut' sind nicht gar fröhlich, Sind mit nichts zufrieden schier. Allweil sorgen, allweil graben, 's ganze Jahr und Tag und Nacht, Und kein' Glaub'n an d' Vorsicht haben, Die ja doch für alle wacht! Lieber Gott! all's hat sein' Winter, Niemand Langets 's ganze Jahr, Doch sind wir ja Himmelskinder, 's Leiden wird bei allen gar. Wenn D' auch meinst, mußt gar verzagen, Geht's Dir krumm im Feld und Haus; Darfst nur Wurm und Käfer fragen: Ostern bleibt Dir g'wiß nicht aus. Tirol. Frühlingslied nach Lutterotti. Wie auf den Larventanz die lange bleiche Fasten, so folgte auf Seraphin's verwegenen Tag eine unübersehbare Reihe von entbehrungsvollen Tagen. Obwohl mit dem täglichen Brod reichlich begabt, vermißte der gute Junge 84 doch das Himmelsbrod für seine Seele, den Anblick und den Umgang Martina's mit schmerzlichen Gefühlen. Er sah das Mädchen wunderselten, und wenn's geschah, so mußte er kläglich wahrnehmen, daß eine ganz andere Person aus ihr geworden. Ihre Munterkeit hatte sich in Ernst, ihr ausgelassenes Wesen in eine verzweifelte Ehrbarkeit verstellt. Veverl redete in fünf Minuten mehr zusammen, als Martina im ganzen, jetzt schon wieder langauswachsenden Tag; für Seraphin hatte sie besonders grade nur etwa ein »Ja« oder ein »Nein,« oder ein »Hm, hm!« als Antwort auf seine spärlichen Demuthsfragen in Bereitschaft. Hätten nicht zu Zeiten – selten genug – Martina's Augen so gewiß geleuchtet, als sprächen sie: »Bist doch mein lieber Bub', und hab' nur Geduld!« Seraphin hätte sich der schwärzesten Niedergeschlagenheit ergeben müssen. Zwar suchte er sich zu zerstreuen. Die Zeit, da die Vögel in die Hecke geworfen werden, war da, und gab viele Beschäftigung und Sorge. Eine ganze Menge von jungen Canarini sollte zu Specialvögeln dressirt werden, und der Schulmeister hatte mit Orgel und Pfeife alle Hände voll zu thun. Aber Martinas Bild schwebte vor Seraphins Sinnen hin und her, hoch über allen glatten und gehaubten Canaris, über dem melancholisch flötenden Schwarzplattl, über dem wie ein fernes Mühlrad klappernden Weißbartl, über dem Fliegenspeisenden Schmittl und allen Gesellen dieser gefiederten Künstler. Seraphin hätte wohl selber, statt eines Einsiedlers zu Tarrenz, ein recht hübscher, bunter, süßplaudernder Vogel seyn mögen, um der spröden Martina zuzufliegen; er hätte sogar den Käfich des Rothkröpfls nicht verschmäht, um nur in der Nähe seines Lieblings zu seyn, und manchmal von ihm besucht zu werden. Wie es nun dahin kam, daß endlich nur etwa alle vierzehn Tage einmal die Sonne für ihn aufging in Martina's Person, da wußte er sich schier nicht zu helfen. Der Wonnemond 85 nahte mit Macht; der liebe Gott schickte nach dem strengen Winter einen frühzeitigen überaus weichen Lenz, wie er in Nordtirol eigentlich nicht zu Hause ist: einen Lenz, mild wie süßes Oel, den sausenden Winden streng den Sack zubindend, in aller Friedfertigkeit entgegensprossend dem Mai, der da ist die Krone des Frühlings. Was nützte aber dem geplagten und bekümmerten Seraphin die segenvolle Mündigkeit des Jahresfürsten? So zu sagen geschieden von seiner unschuldigen Liebe, wurden die Tage seiner Sehnsucht zu lang, die Nächte zu kurz seinem Schlummer. Der verstorbene Winter in seinem rauhen Kittel hatte es väterlicher mit ihm gemeint, als der neue Regent, der blumengeschmückte Prinz. – Seraphin hatte nun wohl auch Stunden, in denen ihn die geduldige Hoffnung verließ, und der Trotz beschlich. Er wäre kein Zögling des Gebirgs gewesen, wenn er nicht Anwandelungen von kecker Selbstüberschätzung gehabt hätte. Dann plünderte er freilich den Liederschatz des leichtsinnigen Kölbl, und sang mit verwegenem Hohn: »Diendl, gib acht, Wenn D's Vogerl siehst flieg'n, Und so wen'g als Du's Vogerl fangst, So wen'g sollst mich krieg'n!« Oder: »Wenn D' mich liebst, ist mir's recht, Liebst mich nicht, ist mir's gleich; Weil D' nicht lustiger bist, Diendl, g'rath ich Dich leicht!« Aber wann und wo und wie lang hat der Zorn der Liebe Bestand? Mitten im Spott quoll die Thräne, die allem Hader ein Ende macht, aus den Augen des Sängers. Der Trutzgesang erlosch in der Klage, und aus der Klage erwuchs wieder die Hoffnung, aus der Hoffnung die Geduld. Der ehrliche Schuhflicker, der 86 Seraphins Trübsinn auf Rechnung des Heimweh's schrieb, that sein möglichstes, um seinen jungen Gefährten aufzuheitern. Er erzählte ihm von der alten Zeit; das verfing aber nicht. Seraphins Gedanken waren beständig auf die Zukunft gerichtet. Besser gefielen ihm die Mährchen von den Pützen, deren es in der Gegend von Imst und im Oetzthal eine unbeschreibliche Menge gibt; bald feurig wandelnd wie der Nauderer Lork, bald als ungeheuerliche Thiere umherstreifend. Am besten schlugen die Geschichten von den neckischen oder freundlichen Kobolden an; von den Wichtelen, die sich mit dem Menschen abgeben, die ihm helfen, sein Tagwerk zu vollbringen, die ihm Schätze graben, und Ehrenstellen verschaffen; die ihm nicht selten, dem geringen Bauer, zu einer vornehmen Braut, einer Edeldame, wo nicht gar zu einer Prinzessin den Weg bahnen. Diese Historien waren auf Seraphins Mühle das treibendste Wasser; er hätte gern eines der seelenguten Wichtelen zum Freund gehabt. Warum? läßt sich wohl denken. Maroner that Vernünftigeres, als Mährchen erzählen. Er brachte seinem jungen Freunde die Ueberzeugung bei, daß Arbeitsamkeit aller Betrübniß Meister wird, und daß niemals ein ruhigeres Herz mit dem Menschen zu Bett geht, als nach einem fleißig verbrachten Tage. Seraphin ließ sich dieß gesagt seyn, und richtete sein Leben darnach ein. Er fing an, sogar die Feierstunden zu benützen, las und schrieb und rechnete, lernte so gut italienisch, als Maroner es selbst konnte, unterrichtete sich bei dem Alten in allerlei Vortheilen des Handels und Gewerbs, in Handwerks- und Reisegebräuchen; lauter Dinge, die ihm, wie er sich einbildete, in der Folge ersprießlich seyn würden. Maroner konnte vielerlei, und theilte seinen Handwerkschatz willig mit, und nicht nur willig, sondern faßlich und schnell. Er gehörte zu den Leuten, die, unvermögend, ihr eigen Glück zu schmieden, 87 gern bei andern den Grund dazu legen; ein Sämann auf fremdem Acker, ein Erzhäuer in fremden Schachten. – Seraphin gedieh mit seiner Hülfe im Innern wie im Aeußern. Den Sehnsüchtigen mitunter zu zerstreuen, waren ihm einige Ueberraschungen bescheert. Eines Abends kam der Engadiner nach Tarrenz heraus. Buona saira, Giuven; buona saira, Cuntscha Calzèrs! Komm heraus, Giuven , ich hab' mit Dir zu reden, komm!« – Sie wanderten mit einander gegen das Schloß Starkenberg. Sie fanden unter blühendem Schlehdorn ein heimliches Plätzchen, und setzten sich daselbst nieder. Egidi begann mit ernsthaftem gesammeltem Wesen: »Du hast Dich verwundert, daß ich Dir in der Maschkra eine Schlaffada angeboten habe? Wenn ich sie Dir gegeben hätte, so würdest Du nicht beim Meister die Ramùr gemacht haben, wie ich gehört habe. Ich hatte ein Recht zu der Schlaffada . Hör' die Raschun parchei .« – »O sey still von der Maschera !« – » Bein ; aber hör' nur. Ich will Dir gestehen, daß ich bin Deines Vaters Bruder.« – »Ach mein, laß' mich aus.« – »Ich will Dir ein Sacrament darauf ablegen, daß ich sage, was wahr ist.« – »Geh, geh, Du lügst mich an. Weißt Du wohl, daß mein Vater nur einen Bruder gehabt hat, der in die weite Welt gegangen ist vor langen Jahren? Er hat oft von dem Bruder geredet, aber immer nur wie vom bösen Feind. Es macht Dir keine Ehre, Dich für denselben auszugeben. Da hast Du meine Meinung.« – » Gie, gie, schon gut; aber doch ist's wahr; ich bin sein frar d'üna Vart , sein Stiefbruder. Ich habe gesündigt gegen ihn; ich bin gewesen ein Rubader da la sia Hierta , ein Dieb an seinem Erbgut. O sönch spindrader! ich bin Ursache, daß er ist ausgewandert und elend geworden. O Dieu! ich hab' viel gesündigt und bereut; aber Rauba dilg Giavel va en Criscas! Unrecht Gut 88 gedeiht nicht. Hab' alles verloren, bin aus einem Tagliacrapp ein Utschaller geworden, und hab' mit vieler Mühe wieder ein paar Hrizer ersparen können. An Dir will ich gut machen, was ich am Vater gefehlt habe. Du sollst seyn mein Sohn, mein Freund, mein hartavel , alles haben, was mein ist, wann ich sterbe.« – Die Zähren, die über die harten Gesichtszüge des Engadiners herabflossen, machten dem jungen Menschen, der so unversehens zu einem Onkel kam, glaublich, was er staunend anhörte. – Es war eine Geschichte von Stiefbrüdern, wie sie in der Welt häufig vorkommt. Einer hatte den andern bei der schwachen verwittweten Mutter um Gunst und Erbtheil verkürzt. Lenhard war davongelaufen, sein Bruder hatte Alles durchgebracht, und sich endlich, wie der Erstere, nach Tirol gewendet, und dem Vogelhandel sich ergeben. Egid Flugi, wenn schon bereuend und zahm geworden, hatte kein Bedürfniß gefühlt, den zürnenden Bruder in Botzen aufzusuchen, wohin sein Weg ihn niemals führte. Als den Lenhard seines Lebens Ereignisse nach Planail versetzt, war Egid stets besorgt gewesen, ihm nicht unter die Augen zu kommen. Darum hatte er's immer eingerichtet, daß er zur Nachtzeit in Burgeis eintraf; darum hatte er, aus Furcht, dem Plaschur etwa zu begegnen, seine Herberge bei dem Grödner genommen, der, ein Verwandter der Crescenz, mit Plaschur sehr übel stand, und von der Verwandtschaft zwischen ihm und Egid nicht das geringste ahnte, weil in Graubündten eine Menge von Leuten denselben Familiennamen führen, ohne im Mindesten sich näher anzugehören. Zudem hatten Lenhard und Crescenz, die den bösen Stiefbruder nur aus ihres Mannes Erzählungen kannte, immer geglaubt, der ehemalige Steinmetz sey als Soldat in fremde Länder verschlagen worden, und sein Gebein bleiche schon in irgend einem Winkel jenseits der Alpen oder gar jenseits des Meers. 89 Die Geschichte war für Seraphin – so einfach sie erzählt werden mochte – eine bittere Pille. Die Wurzel des Unglücks, das Plaschurs Leben vergiftet hatte, schmeckte dem anhänglichen Sohne schlecht. Doch rief er seine Gutmüthigkeit zu Hülfe, erinnerte sich der Ermahnung jener alten Dörcherin, Allen zu verzeihen, die ihm Uebles bereitet, und gab dem Onkel die versöhnliche Hand. »Der Vater ist todt,« sagte er, »ich darf wohl nicht daran zweifeln?« – Egidi senkte das Haupt, zuckte die Achseln. – »Aber ich zweifle auch nicht,« fuhr Seraphin fort, »daß er schon vor seinem Ende Dir vergeben hat, und daß er im Himmel für Dich ein gutes Wort reden werde, wenn Du Wort hältst, und mir ein getreuer Freund bist. Schau, Du hast gut angefangen, weil Du mich vom Grödner wegnahmst. Verlaß mich ferner nicht mit Rath und That, und ich will für Dich beten und im Alter für Dich sorgen, wenn ich's zu etwas bringe in dieser Welt.« » Curascha! « rief Egidi erfreut, seines Neffen Hand dankbar schüttelnd: »so thust Du mir gefallen. Ja, ja: igl mund ei s'cüna scala , die Welt ist wie eine Treppe; der Eine geht ansì , der Andere angiù . Du wirst hinaufsteigen, und ich hinunter. Denk': ich hab' einen Plan mit Dir, und um ihn auszuführen, wollen wir, wie ich bisher gethan, von unserer Parentella schweigen. Cludeit la bucca! verstanden?« – »Laß mich den Plan wissen.« – »Wir haben in Engiadina ein Sprichwort: Una bona Maridotta paga tutt la spesa ; eine gute Heirath bringt Alles wieder ein, zahlt alle Kosten.« – »Eine Heirath?« – »Sieh, ich hab' mir in den Kopf gesetzt, einen Mann aus Dir zu machen, der findet seinen Platz in der flur da Marcaù .« – »Wie das?« – »Ich will Dich in zehn Jahren zum Schiender von Meister Tammerl machen.« – »Zum . . .?« – »Zu seinem Tochtermann.« 90 »Oho! oho!« platzte Seraphin heraus, und musterte argwöhnisch seines Oheims leichtfertiges Gesicht, in der Meinung, der abgedrehte Engadiner habe seine innersten Gedanken unbarmherzig ergrübelt. Bald sah er jedoch, daß dem nicht also war. Denn, an den Fingerspitzen zählend, rechnete ihm Egid mit der Selbstgefälligkeit eines ersten Erfinders die günstigen Aussichten her, die sich ergeben möchten, Seraphin zum dereinstigen Schwiegersohn des Meisters zu befördern: die außerordentliche Vorliebe Tammerls für den jungen Vogelwärter; die Erfolge, die Seraphin, von seinem erfahrenen Onkel unterstützt, im Vogelhandel, als Reisender und Verkäufer, erzielen werde und müsse; die hübsche Persönlichkeit, die sich in Seraphin entwickle; die Zuversicht, die Egid habe, den glücklichen Vogelhausirer einst als Mitgenossen in Tammerls Handel zu begrüßen; zum Schluß endlich die Gelegenheit, schon zur Stunde durch ein gefälliges und dienstfertiges Benehmen die Gunst der Frauen in Tammerls Hause zu gewinnen, und selbst im Herzen der aufblühenden Martina einen Vorsprung vor allen zukünftigen Freiern zu erobern. Egidi redete von den tausend und abertausend Beispielen, wie ein armer Junge zum Glück und mit der Tochter seines Padrone zum Altar gekommen, und endigte seine lange Rede mit den Worten: »Merk wohl, ich will nicht, daß Du mit der Juventschella spielen sollst eine fabla romana ; das hilft zu nichts. Du sollst handeln wie ein kluger Purschell , im Aug haben das Geld und ein sorgenfreies Alter, und benutzen die Qualitades , die dir an Leib und Seel' der Himmel gegeben, um zu nehmen die Fortuna p'ils Capells . Du wirst sagen, das seyen abenteuerliche Gedanken; aber nein: ich baue nicht Castells e'gl Luft , ich mein' nur, daß ein kluger Mensch schon in der Frühe sein Bett machen soll, um sich hineinzulegen a temps . – Adieu ; schlaf' über Alles wohl und 91 folg' mir als ein Sohn. Vorzüglich schweig' vom Aug und vom Nipote . Ich hab' die Spargaments nicht gern. Wir können uns besser helfen, wenn wir uns für fremd ausgeben. Adieu, buona noic , Giuven! « – Seraphin hatte gar nichts gegen die Luftschlösser und abenteuerlichen Gedanken seines unternehmenden Onkels einzuwenden. Er betrachtete ihn als einen willkommenen Verbündeten. Eine Hülfe wie die seinige that dem jungen Ehrgeizigen Noth. Zwar gefiel ihm nicht, daß er seine Verwandtschaft mit Egid verheimlichen sollte; er – gänzlich verwaist in den Augen der Welt – hätte gern mit einem handfesten, wohlversuchten Oheim ein bischen geprahlt; doch ehrte er die Gründe, die Egidi haben mochte, und that nach seinem Willen. Es sollte ihn aber bald eine zweite Offenbarung und Ueberraschung heimsuchen. Nur ein paar Tage nach den vertraulichen Eröffnungen des Engadiners klopfte Jemand an's Fenster des Hauses von Tarrenz. »He, Seraphin!« rief der Schuhflicker in die Vogelkammern hinauf: »komm geschwind herunter; 's ist ein Vintschger da, der mit dir reden will!« – »Ein Vintschger!« wiederholte Seraphin erfreut: »gleich, gleich!« stand auch in der nächsten Sekunde mit fröhlichen Augen vor dem Landsmann, dessen Anblick ihm tausend Vergnügen machte. – Die Werktagstracht der Obervintschgauer war dazumal weder bunt, noch malerisch, aber dem Sohn des Plaschur gefiel sie doch, als ob sie das schönste auf der Welt wäre, da er jetzt, nach geraumer Zeit, ihrer wieder ansichtig wurde. Der Bursche, der zu ihm redete, steckte im sogenannten Wollenhemd von schwarzgrauem Loden mit rothen Aufschlägen; Brusttuch, Hosen und Strümpfe waren von demselben Stoff, mit Leder gebunden; eine Lederbinde ging um den Leib, ein breiter Hut saß auf dem Kopfe des Burschen. Der ganze Anzug war von der Art, daß 92 ein Schneider bequem in einem Tage den Kunden kleiden konnte. Aber Seraphin hätte einen von Gold starrenden Lakaien oder Portier gar nicht angeschaut neben dem lodenen Kerl aus der Heimath. Es war ein Bruder der Hochenecker-Christine von Burgeis. »Du!« sagte er; »der Grödner will heut' nach dem Essen zu Dir herauskommen. Daß Du fein zu Haus bist! Er hat Dir was zu geben. Leb wohl unter der Zeit.« – »Oho! wohin so geschwind? Hast Du Eile? Erzähl' mir noch ein Bissel von Burgeis!« – »Das wird schon der Schwager thun; ich muß geschwind zum Büchsenmacher oben im Dorf. Hab' da ein Gewehr, dem's wo fehlt, und es sollte doch bei der Hochzeit recht schnellen.« – »Welche Hochzeit?« – »Ei des Grödners, mit meiner Schwester. Uebermorgen über vierzehn Tage.« – »So, so. Was sagt der Maurer-Wastl dazu?« – »Hm, es ist ihm recht. Der Grödner hat ihm weiß gemacht, er und der Grödner seyen Einer und derselbe. und da komme es auf Eins heraus, ob Der oder Jener die Christine heirathe. Behüt' Gott den armen Narr'n. Leb' wohl, Seraphin!« »Das Heirathen muß doch ein apartes Ding seyn, weil der Grödner so geschwind wieder dazuthut,« bemerkte sich Seraphin, nachdenkend an sein Geschäft zurückgehend. »Ich wollte, der Krämer brächte mir auch etwas Apartes.« Christinens Hochzeiter ließ sich nicht lange erwarten. Er stellte sich ein mit dem zufriedenen Gesicht eines Menschen, der auf Erden alles, was er gewünscht, erreicht hat. Der Schuhflicker war ausgegangen, um eine Arbeit fortzutragen; daher machte sich's der Grödner auf dem Dreibein so bequem als möglich, belobte Seraphin wegen seines gesunden Aussehens, und sagte nach den ersten Fragen hin und her. »Du weißt, daß ich wieder Hochzeit mache. Es liegen mir jetzt so viele Dinge im Kopf 93 und auf dem Hals, daß ich mich nicht länger mit der Aufbewahrung der Siebensachen, die ich nach dem Tode Deiner Mutter für Dich vorgefunden, beschäftigen mag. Ich will sie nicht dem Egidi geben, der sich stellt, als wäre er mit Dir nahe verwandt, was ich aber nicht glaube, indem er es nicht wissen lassen will; – ich glaub's auch aus andern Gründen nicht – und eben so wenig mag ich mit dem Tammerl etwas zu thun haben, da er mir nicht einmal das Wort um Dich gegönnt hat. Zudem bist Du selber klug und anstellig, und wirst merken, was Dir frommt. – Da hast Du, erstens, den Trauschein Deiner seligen Mutter und ihren Ring. Zweitens hast Du hier Deinen Taufschein, den ich zu Botzen selbst erhoben, und der, wie Du siehst, um ein Jahr älter ist, als der Trauschein Deiner Mutter – merke wohl auf diesen Umstand. Ferner übergeb' ich Dir da ein paar Gulden, die aus der Verlassenschaft der Seligen gelöst worden sind, und zwei funkelnagelneue Dukaten, die von dem Dragoner kommen. Endlich hier ein Packl Briefe an Deine Mutter, da sie noch ledigerweise in Botzen in Diensten gestanden, und dieses Schächtelchen mit einem schweren goldenen Halsbatzl Halsbatzl: Halsgeschmeide; ein Schloß zu einer vier- oder achtfachen Reihe von Granaten und Perlen. . Die Briefe und das Batzl sind Hauptsachen für Dich. Schau den Seitenfleck an, womit das Kleinod umwickelt ist: kannst Du lesen, was darauf geschrieben steht mit einer Dinte, die für die Ewigkeit gemacht ist?« – »Ja, warum nicht, Grödner. Die Schrift heißt: »ein Andenken für die tugendhafte Jungfer Crescenz H. von ihrem dankbaren E. v. D.« – »Ganz recht. Bemerkst Du, daß das Datum um ein gutes älter ist, als der Trauschein, und ungefähr zusammenfällt mit demjenigen Deines Taufscheins?« – »Ja, Grödner, das seh' ich.« – »Jetzt schau diese paar Briefe fleißig an. Die einen sind von früher und von Botzen selber ausgestellt, sind zärtliche Briefe; der letzte ist von Innsbruck datirt, und später als Dein Taufschein?« – »Nun ja. 94 Aber was gehen mich die Briefe an?« – »Schau ferner die Unterschrift Eugen von Dobroslaw? Es ist dieselbe wie auf dem Halsbatzl. Du kurzsichtiger Bub! der Herr ist Dein eigentlicher Vater.« – »Grödner! das wird nicht seyn!« – »Warum erschrickst Du? Thut Dir nicht etwa leid, daß Du der Sohn eines vornehmen Herrn bist?« – »Um mich thut's mir nicht leid, aber um meine arme selige Mutter.« – »Warum denn, Tschoggl? Solche Zufälligkeiten sind überaus häufig in der Welt, und wenn Deine Mutter selig eine Sünde begangen hätte, so wäre dieselbe schon lang abgebüßt. Die arme Haut ist schon während ihres Ehestands bei lebendigem Leib im Fegfeuer gewesen. – Ferner hab' ich mich erkundigt: der Herr von Dobroslaw ist zu jener Zeit als ein Marschoffizier in Botzen lange Zeit gewesen; er hat Deiner Mutter den Hof gemacht. Die ersten Briefe reden nur von Liebe und Zärtlichkeit, und klagen, daß Crescenz seit einiger Zeit nicht so vortheilhaft gestimmt sey, wie wohl früher; dann kommt das Halsbatzl als ein Geschenk des dankbaren Herrn. Merk' wohl auf. Er war dankbar, daß Crescenz ihm Gehör gegeben. Von Innsbruck, wohin ihn der Dienst gerufen, betheuert er nochmals, Deine Mutter habe ihn glücklich gemacht und seine Erkenntlichkeit werde nicht aufhören. Ob er nachher noch oft geschrieben, oder wie er sich wegen Deiner mit Deiner Mutter oder dem Lenhard abgefunden, der mit vielem Geld nach Planail aufzog, das ist mir nicht bekannt geworden; aber ich hab' erfahren, daß der Herr noch heute zu Innsbruck befindlich ist, und will Dir rathen, einmal mit dessen Briefen in der Hand ein Recht als Sohn bei demselben anzusprechen.« – »Ihr macht mich ganz verwirrt. Steht denn in den Briefen, daß ich der Sohn des Herrn sey?« – »Das wohl eigentlich nicht; doch geht's aus kluger Betrachtung aller damaligen Dinge und Begebenheiten klar hervor, und ich selber würde bei 95 dem Herrn eine Anfrage gestellt haben, wenn mich einmal mein Weg nach Innsbruck geführt, und wenn nicht jetzo meines eigenen Hauswesens Veränderung mich angespannt hätte, wie einen Ackergaul in den Pflug. Genug: Du wirst selber einmal in die Welt gehen, und da vergiß nicht, Dein Glück beim Schopf zu fassen. Wenn jener Herr nur ein bissel väterlich gegen Dich gesinnt ist, wenn er je Deine Mutter selig lieb gehabt hat, so schaut gewiß für Dich so viel heraus, daß Du mit einem wohlstehenden Bauer gleich und gleich spielen kannst. Ich hoffe auch, Du werdest alsdann meiner nicht vergessen. Ich hab' viel Sorg' und Mühe mit Dir gehabt, viel von meiner Alten wegen Deiner leiden müssen; hab' manchen Brief nach Botzen geschrieben, um alle Umstände zu erheben, und nicht wenig baare Auslagen gehabt. Ein Handelsmann muß in die Zukunft sehen; ich rechne auf Deine Dankbarkeit und wünsche, daß Du mir einst mit billigen Zinsen vergelten mögest, was ich bisher für Dich gethan. Gelt, Seraphin, Du versprichst mir das in die Hand?« – »Das will ich wohl in jedem Fall, wenn mir der Himmel zu einem Glück helfen sollte. Aber am unliebsten käme es mir von jener Seite; von dem Herrn von Dob . . . Dob . . .« – »Dobroslaw, Du närrischer Bursch, der sich mit Grillen quält, die einem falschen Ehrgeiz, einem wahren Hochmuth die Flügel verdanken.« Seraphin schüttelte traurig den Kopf, betrachtete das Kleinod verdrießlich, und entgegnete: »Nein, Grödner, meiner seligen Mutter Ehrwürdigkeit ist nicht eine Grille oder ein Gespenst. – Jedoch, weil sie in ihrer bittern Armuth das goldige Stück in Ehren gehalten und aufgehoben, ob sie gleich öfters hungerte, so mag auf dem Gold schon etwas besonders seyn, und deßwegen will ich's ebenfalls nicht weggeben, sondern von heut an auf der Brust tragen als ein Amulet. Sorgt nicht, Grödner, daß ich's je verspiele oder vertanze oder verhandle. Es soll mir heilig seyn um der Mutter willen; denn ich meine, es sey ein Andenken an irgend eine rechtschaffene Handlung von ihr, und nicht eine Belohnung für ein leichtsinniges Werk. Sie wird ja doch nur aufgehoben haben, was sie mit Freuden hat ansehen können, und jener Herr – wenn alles so wäre, wie Ihr sagt – würde ihr ein Dorn im Gewissen gewesen seyn. Die Briefe mag ich jedoch gar nicht lesen, und will sie in einem Winkel gut aufheben, daß nicht Sonn' nicht Mond darauf scheint; denn ich kann den Schreiber unbekannterweise schon nicht leiden, den Herrn Offizier, den Herrn von . . . .« Seraphin wickelte die Briefe rasch zusammen, indem er zwischen den Zähnen brummte: »Ich möchte wohl wissen, wo mir der Polackenname schon vorgekommen ist?« – Der Grödner, der mit Verwunderung der grundehrlichen und kindlichfrommen Rede des jungen Plaschur zugehört hatte, konnte der Rührung nicht widerstehen. Er umarmte seinen ehemaligen Mündel, und sagte aus der Tiefe seines Herzens heraus: »Wahrlich, Bub', Du hast ein superfeines Gemüth, so viel verständig, so viel brav und gottesfürchtig, wie es wohl wenige gibt, die, so zu sagen, in der Wildniß, sich selber überlassen, emporschießen, wie die kerzengeraden Tannen. Ich mag mit meinen Gedanken und Vermuthungen Deine Gesinnung nicht aus dem Geleise bringen. Unser Herrgott sey mit Dir, und lasse Dich nicht in Deinem schönen Wachsthum verkrüppeln. Ich weiß gar nicht, wer auf Erden Glück haben soll, wenn nicht Du, Du rarer Kerl. Schau, ich schäme mich jetzt beinahe, daß ich Dir zugerathen habe, wie ein eigennütziger Mensch. Ich kann halt manchmal das Rechnen nicht lassen, und ein bissel Schmutzerei ist mir von der Alten anhängen geblieben. Aber – kannst Dich darauf verlassen, daß ich von Dir gehe als ein wahrer Freund, als wärst Du von meinen Jahren, und als wär' mir's recht, wenn wir Haus und 97 Hof und Felder miteinander gemeinschaftlich hätten. Gott behüte Dich, er führe, er segne Dich. Wenn Du nach Burgeis kommst, jung oder alt, arm oder reich, krank oder gesund – geh' des Grödners Thüre nicht vorüber; und wär' der alte Grödner nimmer auf Erden, so geh' nicht vorüber seiner Grabstätte. Deine Fürbitte wird ihm nützen am Tag des Gerichts.« – Der gute Mann, vergessend seiner Bräutigams- und Reichemannshoffart, weinte in den Armen des Seraphin und fragte ihn: »Sag, wackerer Kerl, womit kann ich Dir eine Freude machen?« – Worauf Seraphin, bewegt wie er, ihm zutraulich antwortete: »Ihr habt von Euerm Grab gesprochen, Grödner, und das war viel zu früh. Der Herr wird Euch noch lang und zufrieden am Leben lassen. Aber – Grödner – Ihr wärt so viel brav, und ich hätt' Euch so viel lieb, wenn Ihr meinem Mutterl ein feines Kreuz auf dem Gottesacker setzen ließet . . . .! thut das, ich bitt' Euch schön, thut's bald, eh' das liebe Grab zusammensinkt, das hölzerne Kreuz verfault, und am Ende niemand mehr weiß, wo es gestanden. Thut's! ich komm' vielleicht lange nicht mehr in's Vintschgau; aber, wenn ich komme, so bring' ich, wär' ich übrigens auch noch so arm, gewiß so viel mit, daß ich Eure Unkosten ersetzen kann; – oder, wißt Ihr was? nehmt gleich diese Dukaten, dieses Gold als einen Abschlag auf das Kreuz von Stein für die brave Frau.« »Behüte, behüte!« rief der Grödner: »behalte Du die Dukaten, und leg' sie an, daß sie Dir Glück bringen. Was Du wünschest, soll ohnehin geschehen. Ich verspreche nichts, das ich nicht zu halten entschlossen bin, und damit basta ! Leb wohl!« Nachdem sich Grödner und Seraphin unter gegenseitigen Glückwünschen getrennt, und die aufgeregte Empfindung des letztern etwas verkühlt, überlegte er, einsam 98 spazierend, was ihm abermals begegnet war, und das Ergebniß seiner Betrachtungen war: »Wenn ich schon nichts davon plaudern darf, daß Egidi mein Onkel, so will ich um so weniger mich breit machen mit dem Herrn Vater, den mir der Grödner zum Präsent gemacht hat. Ich schäme mich aber für beide Männer, daß sie, gerade nur wo möglich von mir in der Zukunft etwas Gutes zu genießen, – wenn anders mir armen Schelm selber was Gutes bevorsteht – mir ihre Freundschaft und ihr Vertrauen geschenkt haben. Doch ist der Egid, wie der Grödner, was sie einen »braven Mann« heißen. Wie müssen aber erst die schlechten aussehen, wenn schon die »braven« so hinterlistig und verschlagen und auf ihren Vortheil bedacht sind? Es wird am Ende nicht übel seyn, wenn ich des Maroner fürsichtiges Sprichwörtl annehme: Trau, schau, wem? – Das will ich, und gar keinem Menschen recht zuversichtlich vertrauen, nicht einmal der herzigen Martina, die mir jetzt vorkommt, wie ein falsches Vögelein, das gerade dann, wenn ich ihm noch so wehmüthig sein Stückl pfeife, oder noch so geduldig zurede, den Schnabel nicht aufmacht, als nur um leichtsinnig in den Wald zu schreien, oder das herumhüpfend sich anstellt, als ob's auf meine Musik gar nicht horchte.« Am künftigen Sonntag, da er wieder einmal Erlaubniß hatte, gen Imst zu kommen und in Tammerls Hause sein Mittagsmahl zu verzehren, wollte er sein Mißtrauen walten lassen, und mit kaltem, aber durchdringendem Auge erforschen, wie es Alle dort im Hause wohl mit ihm aus dem Grunde ihrer Seelen meinten. Der arme Narr! Seine junge Wissenschaft wurde alsobald zu Schanden. Mit Tammerl hatte er leichtes Spiel; der Meister war ihm redlich zugethan, lobte ihn nach seiner Weise, und gab ihm auf, drei schöne Spezialvögel auszusuchen, die ein Handelsmann von Innsbruck für einige Damen jener Stadt expreß bei ihm bestellt hatte. – »Der Meister hat 99 mich aufrichtig lieb,« sagte sich der Forscher Seraphin im Stillen. – Dagegen traute er der Frau Martha eine mildere Gesinnung zu, weil er so glücklich gewesen, ihren alten fetten Hund von einem Anfall des Podagra vorläufig zu befreien. Aber gerade im Gegentheil grollte ihm die Mama noch immer, wenn sie auch gleißend mit ihm that. – Martina war erschrecklich kalt und einsilbig, und Seraphin verlor wieder einmal alle Hoffnung; dennoch war ihm das Mädchen gut, wie sie noch gar nie gewesen, und hätte ihn gern umhalset und für ihre Sprödigkeit um Verzeihung gebeten. Der Tante und ihrem kühlen Gesichte traute er am allerwenigsten; demungeachtet war sie freundlicher mit ihm beschäftigt, als er sich einbildete. – Einen kleinen Ersatz für so viele Kälte und drohenden Ernst bot dem jungen Vogelwärter die besondere Gutmüthigkeit, die Frau Marianne, auf deren Gunst ihm viel ankam, dem schüchternen Menschen erwies. Aber – wie tief wäre sein Zutrauen gesunken, wenn er, nach Tisch gen Tarrenz eilend, um die bestellten Vögel auszuwählen, sich hätte träumen lassen sollen, von welcher Art eine Unterredung war, die ungefähr zur selben Zeit, während Martina zu Veverl auf Besuch gegangen, Frau Marianne mit ihrer Schwester Magdalene im Kämmerchen der letztern hatte. Die Tante war beschäftigt, einen Brief zu schreiben. Ihre Arbeit lassend, fragte sie die eintretende Marianne: »Willst Du mich zur Kirche abholen?« – »Laffen wir heute die Kirche bei Seite,« erwiederte Frau Tammerl, indem sie sich matt und müde in den Armsessel versenkte: »Bleiben wir zu Hause. Meine Glieder sind wie abgeschlagen.« – Sie faltete die Hände über dem Gürtel, woran sie die Schlüssel des Hauses trug, und seufzte einigemal ziemlich schwer. Die Tante, die sie genau kannte, wußte nun schon, daß sie etwas auf dem Herzen hatte, womit 100 sie nicht zögern würde, anzurücken. – In der That hob bald Marianne an, um den Brei zu gehen, und warf hin: »Du bist glücklich, Lenerl. Du hast einen Frieden, wie ich mir ihn wünschte.« – »Das ist nicht Dein Ernst, Marianne,« versetzte die Tante ruhig. Die Tammerl redete weiter: »Grad jetzt hab' ich einen Augenblick zum Verschnaufen. Der Herr schlaft wie gewöhnlich; die Frau Mutter betet und läßt mich ungeschoren; die Martina . . . . schwatzt mir auch die Ohren nicht voll, weil sie nicht daheim ist . . . . jetzt könnte ich mir, frei vom Hausgeschäft, etwas Gutes thun; aber . . . .« – »Aber, liebe Marianne?« – »Wenn die Sorgen nicht wären, liebe Magdalene!« – »Kein Mensch ist ohne Last und Plage,« sagte Lenerl, die nun ihrerseits auf den Busch schlug: »Du bist besser daran, als viele andere. Was kann Dir so schwer im Sinne liegen?« – »Ach, schau, Lenerl, die Kinder, die Kinder sind das lebendige Kreuz für die Mutter!« Da Frau Tammerl, obgleich sie die rechte Saite angeschlagen, nicht für gut fand, darauf fortzuspielen, stellte sich Magdalene geschickt an, als ob sie von selbst darauf einginge, und versetzte: »Nun ja, da haben wir wieder das alte Lied von dem Peter in der Fremde. Ich wünschte bald selbst, daß der verdrießliche Junge endlich einmal aus der Lehre käme, wenn schon er sie kaum angetreten, damit nur Deine Kümmerniß um ihn ein Ende hätte!« – »Nun, warum soll ich nicht bekümmert seyn um den guten Peter, da er doch einmal mein Sohn ist, und am Heimweh fürchterlich leidet? Es ist ein Unglück, daß ihr ihn nicht leiden mögt, weder Du noch der Alte selber, und daß ihr behauptet, mein Peterl sey ein Strohkopf, und habe ein schlimmes Gemüth. Das macht mir auch gar oft Verdruß und Kummer, denn das Peterl ist ein braves Kind; ich kenne ihn besser. Aber für den Augenblick liegt mir weniger der Peter am Herzen, als die Martina, die von euch allen verzogen und verhätschelt wird, und die 101 übertriebene Vorliebe gar nicht verdient.« – »Das wäre zu beweisen, Marianne. Was gibt's aber mit der Martina?« – »Hm, sie wird eben doch ein paar Jahre aus dem Hause müssen, so schwer es mich ankommt, von all meinen Kindern mich zu trennen.« – »Ei, ei! wohin soll sie?« – »Ich denke, nach Meran, zu den englischen Fräulein. Sie seyen gar zu brav, hat man mir geschrieben und gesagt von allen Seiten. Erst kaum zehn Jahre sind sie zu Meran, und haben sich schon alle Achtung und Liebe erworben, zählen etwa sechzig Schülerinnen, und erziehen sie vortrefflich.« – »Gib das Vorhaben auf, Marianne. Die Martina taugt nicht in's Kloster. Ihr lebhafter Geist würde dort Anstoß, vielleicht Aergerniß geben, oder würde sich verheucheln und verwandeln, wie Du selbst es nicht gut heißest.« – »Pah, das sind eitel Vorurtheile und irrige Gedanken, Lenerl. Es können nicht alle Mädchen in gräflichen Häusern erzogen werden, und was dabei herauskömmt . . . .« Marianne verschluckte den Schluß ihrer Anspielung, weil sie sich erinnerte, daß Kränkung aus Schwestermunde sehr weh thut, und weil Magdalenens Blick sich still zu ihr aufrichtete, mit einem sanften Vorwurf, der sie schweigen machte. – Nach einer Pause sagte Marianne entschlossen: »Und doch muß das Madl aus dem Hause, und zwar je eher, je lieber.« – »Sie ist Dein Kind, Marianne. Dein Herr und Du, ihr habt zu befehlen. Sag mir indessen, was das arme Ding verbrochen hat, daß sie von den Eltern, aus der Heimath in die Fremde und zwar ins Kloster versetzt werden soll?« Frau Tammerl nahm einen Anlauf, und stieß mit nicht geringem Kampfe heraus: »Daß Gott erbarm'! es ist eine Schande es zu sagen; aber . . . . stell' Dir vor: das kleine Weibsbild, der Fratz, der noch nicht trocken hinter den Ohren ist . . . ., sie ist verliebt, verliebt, die abscheuliche Kreatur!« – 102 Die Tante fuhr zusammen. Wie hatte die Mutter das erfahren? Was hatte sich wieder ereignet? Was hatte sie gethan, die ungerathene Martina, die seit dem unsinnigen Donnerstag von ihrer Tante gehütet worden war, wie ein Ei, wie ein Auge, wie ein Heiligthum? Martina, die ihrer Tante die beste Aufführung, die größte Zurückhaltung versprochen hatte? »Das wird nicht seyn!« stammelte Lenerl wahrhaft entsetzt, und der Aechtheit dieses Entsetzens vertrauend, ging Marianne unverholen mit der Farbe heraus. »Der wunderliche Tiefsinn des Mädels,« sagte die Mutter, »war mir schon lang aufgefallen. Ich meinte jedoch, es habe damit eine andere Bewandniß. Nun komme ich aber gestern, die Langschläferin aufzuwecken, damit sie die Kirche nicht versäume; da schläft sie fest, als wie ein Stück Holz und rührt sich nicht. Aber, so bald ich sie nur ein wenig angeschaut, fängt sie an, die Arme auszustrecken, und im Schlaf zu sagen. »Küsse mich noch einmal! he?« – »Ha, ha, ha!« lachte die Tante, wenn ihr schon nicht viel um's Lachen war: »da haben wir's. Auf das leere Wort hin willst Du das Kind, das blutjunge Mädchen, beschuldigen? Das ist wahrlich nicht zum verantworten. Muß die Martina grade von einem Mannsbild geträumt haben? Warum nicht von Dir selber, oder von ihrem Vater, oder von mir, der sie gar oft ihre Küsse anträgt?« »Weiß mich nicht zu besinnen, daß weder mein Alter, noch Du, noch die Frau Mutter, noch meine Wenigkeit selber den Namen » Seraphin « in der Taufe erhalten hätten.« – »Seraphin!« – »Ja doch, ja doch, Küß' mich noch einmal, Seraphin! hat das gottvergessene Kind gesagt, so deutlich, als ich Dir's jetzt wiederhole. Und hat dabei gelacht, als verdiene sie dafür eine Belobung; als legte sie sich damit das schönste Bildl bei 103 ihren Eltern ein! Und als sie erwachte auf mein Anrufen, so wußte sie noch perfekt, was sie geträumt hatte, denn sie wurde plötzlich, da sie mich sah, wie, wie . . . . ein Granatapfel hat nicht röthere Backen!« Die Tante hatte, während die Mutter ihrer Redseligkeit den Lauf ließ, nachdem das Eis gebrochen, sich von ihrem Schrecken erholt. »Geh, geh,« sagte sie, eine verdrießliche Miene vornehmend, »ist das gescheit? Was können wir denn für unsere Träume? Und träumen wir nicht gerade am häufigsten von Dingen, woran wir im Wachen nicht denken? Soll das Madl da für einen Traum büßen! Hast sie gewiß gleich angefahren nach Deiner Art, Du böse Mutter, die den falschen Peter zum Herzblattl erwählt hat, und das saubre Dirnl ungerechterweise nicht ausstehen kann?« Nicht zu beschreiben ist der feine gesalzene Spott, mit welchem Frau Tammerl aufstand, das Fürtuch auseinander spreitete, den kleinen Finger jeglicher Hand äußerst geziert ausstreckend, einen tiefen Knix vor der mißbilligenden Schwester machte, und triumphirend lächelnd sagte: »Küß die Hand, liebste Jungfer Lenerl, bin aber nicht so einfältig gewesen, wie Du mir's zutraust. Ich habe nichts, gar nichts gesagt; ich habe niemand, gar niemand angefahren, und Dein Herzblattl würde noch ferner in Ruhe schlafen können, und meinetwegen vom Prinzen Eugen sich küssen lassen nach Gefallen, wenn ich nicht – nach einem nähern Beweis stöbernd – tief unter der Martina Sachen versteckt – in einer niedlichen Schachtel dieses Herz gefunden hätte, welches Dir bezeugen mag, daß der geträumte Seraphin lebt in Fleisch und Bein, und daß zwischen den Fratzen ein, will's Gott unschuldiger, aber doch nicht zu duldender Techtelmechtel stattfindet.« Siegreich legte Marianne das bewußte papierne Wechsel-Herz vor Magdalenen's Augen nieder. Die Tante 104 las, ärgerte sich, lächelte dann über der Kinder Einfalt, wurde dann von der Zuneigung, die sich in Beiden so früh entwickelt hatte, gerührt, so daß sie mit feuchtem Blick und scherzendem Munde zur Schwester sagte: »Ja, gewiß setze ich für die Unschuld des kleinen Techtelmechtls meinen Kopf zum Pfande. Die Kinder lieben sich vielleicht herzlich, und das kommt aus ihnen selber; das hat ihnen niemand eingeblasen. Wer weiß, was ihnen die Zukunft bescheert?« – »Wohlgesprochen, aber die Gegenwart will versorgt seyn.« – »Man hat Exempel, liebe Marianne . . . .« – »Exempel hin, Exempel her. Nimm mir's nicht übel, Lenerl. Du bist etwas leicht in Deinen Gedanken, und träumst von allerlei wunderlichen und seltsamen Begebenheiten, die alle tausend Jahre einmal oder besser gar nicht vorfallen; die nur in denen dicken Büchern stehen, von denen hin und wieder der Pater Guardian predigt, und zwar nicht zu ihrem Vortheil; in denen Büchern, die von müßigen und nichts nutzigen Fabelhansen geschrieben werden, um den Leuten das Hirn zu verwirren. Gott sey Dank! in unser Haus sind sie noch nicht gekommen, und haben noch nicht die Legende und das Betbuch ersetzt. Wir Bürgersleute leben noch mit der Welt, wie sie ist, fürchten Gott, ehren unsere Eltern und wachen über unsere Kinder. Das will ich thun, Lenerl, und niemand soll mir darein reden.« – »Nun, nun, Marianne, sey gut: Ich meinte nur, daß die Kinderei nicht verdient, daß Spektakel deßhalb gemacht werde.« – »Ich will auch nicht Spektakel machen; ich will die Wurzel des Uebels im Stillen ausgraben. Das kürzeste wäre, den Buben wegzujagen; aber dazu bin ich zu barmherzig, und der Bub' ist, seine Dummheit mit dem Madl abgerechnet, zu brav. Also ist's am besten, daß die Martina Platz mache. Ein Jahr oder anderthalb – das ist eine lange Zeit für die 105 Jugend. Aus den Augen, aus dem Sinn . . . . Gib mir doch das saubre Herzlein wieder, Lenerl.« Die Tante suchte vergebens darnach. »Der Luftzug muß es zum Fenster hinaus geweht haben,« sagte sie ruhig. – Desto unruhiger erwies sich Marianne. »Eine schöne Geschichte!« rief sie: »da liegt die Bescheerung auf der Gasse, und mag sie finden, wer da will, so ist in einer Viertelstunde die ganze Dummheit in den Mäulern aller Leute!« – Sie eilte hinaus, das Papier von der Gasse aufzuklauben; doch war es nirgends zu sehen. Ungeduld und Verdruß wollten ihr schon zu Kopfe steigen, als sie Magdalene hörte, die leise aus dem Fenster rief: »'s ist nichts, komm nur herauf. Der Piratl hat das Ding gefressen!« Als Marianne wieder bei Lenerl erschien, war richtig der kleine Hund beschäftigt, Papierschnitzel zu verzehren, und Marianne hatte nur die Nachlässigkeit der Schwester und die Gefräßigkeit des Thiers zu bedauern, da ein kostbares Beweisstück durch sie zu Grunde gegangen. – »Das thut jedoch nichts,« sagte sie, bald gefaßt: »besser daß der Hund es gespeist, als daß es im Markt herumgeschleppt worden. Weiß ich doch, was ich weiß, und meine Anstalten werden bald getroffen seyn.« – »Uebereile Dich nicht mit dem Kloster,« ermahnte die Tante nochmals: »beschaue Dir die Sache von allen Seiten, ehe Du etwas, das im Grunde kein Verbrechen, erst schlimm machst.« – »Das werd' ich,« lautete die Antwort: »ich werde überlegen und reiflich überlegen, wie's einer Mutter zusteht. Weil Du jedoch eine Jungfer von Ehre und Zucht und Frömmigkeit bist, so fordere ich Dich auf, meinem Beispiel folgend, der Martina nichts merken zu lassen.« – »Das soll seyn, ich gebe Dir die Hand darauf.« – »Und daß der Bube nichts erfahren darf, versteht sich per se .« – »Das mein' ich auch,« versicherte die Tante ernstlich, und Marianne 106 entfernte sich, um über die Sache weiter nachzudenken, mit dem nochmaligen Versprechen, den Handel und ihren Beschluß nicht über's Knie abzubrechen, und jedenfalls letztern zuvor der Tante mitzutheilen, ehe er zur Ausführung käme. Wie geneigt indessen Marianne war, ihren Beschluß alsogleich vorzubereiten mit dem nächsten besten Mittel, das ihr der Zufall, oder was der Tag brachte, liefern mochte, stellte sich noch an demselben Abend heraus, und zwar in einer Verhandlung mit ihrem Mann. Sie war Selbstherrscherin genug, um ihre jetzige Beschwerde ganz für sich zu behalten und Herrn Tammerl zu verhehlen, der entweder einen unnöthigen furchtbaren Lärm gemacht, oder, je nachdem gerade seine Laune beschaffen, sein Herzblattl vertheidigt und mit den Besorgnissen der Mutter allerlei Scherz und spöttische Kurzweil getrieben haben würde. Doch bot sich ihr eine allzugute Gelegenheit dar, ihr Trennungsprojekt und daneben so ganz von ferne die Zurückberufung ihres geliebten Peterl einzuleiten, als daß sie versäumt hätte, sich ihrer zu bemächtigen. – Herr Tammerl stand eben entzückt vor den drei Canarienvögeln, die mittlerweile Seraphin von Tarrenz hereingebracht hatte. Der arme Narr hatte sein zweistündiges Hin- und Herlaufen nicht mit einem freundlichen Worte Martina's vergolten gesehen. Er hatte das Mädchen zwar an Veverls Fenster bemerkt und ehrerbietig gegrüßt; aber kaum hatte sie vornehm genickt, und wie mit einem Messer im Herzen war er nach Tarrenz zurückgekehrt. – Vor den Vögeln stand also Tammerl und sagte mit vergnügten Blicken: »Schau, Marianne, Vögel wie diese gibt's weit und breit nicht mehr, und der Seraphin hat an ihnen ein Meisterstück geliefert, womit mein Correspondent gewißlich mehr als zufrieden seyn wird. Das ist ein Schlag, so glatt und gleich, als wie geschmiert, und ein jeder pfeift ein andres Stückl; der den Schützenmarsch 107 – hör' nur einmal zu, Marianne – he? dieser das ungarische Husarenlied, – horch, da fehlt auch keine Note. aber der dritte, der schwarzbehaubete . . . . es ist schon eine Pracht . . . . der macht den Zillerthaler Hosennaggler auf, daß einem das Feuer schier in die Zehen spritzt, und daß ich gerad die Füße auflupfen möchte!« »Geh, Peter, geh, schäm' Dich; das würde zu Deinem Alter und wampeten Wesen nicht zum besten stehen! Ich finde, daß Du im Winter wieder gewaltig zugenommen hast.« »So?« fragte Tammerl mit einem besorgten Blick auf seine Korpulenz – er fürchtete Schlagfluß und Wassersucht: »ich mache mir eben viel zu wenig Motion.« »Das könntest Du besser haben, Peter. Wir sind jetzt in der schönsten Jahrszeit. Wenn Du täglich zweimal nach Tarrenz hinausgingst und wieder herein, und Deine Vögel selbst besorgtest . . . . Du solltest schon sehen, daß Dir bald das Gewand weiter würde. Glaub' mir, und probire dieses nur ein acht oder vierzehn Tage lang.« »Wär' mir nichts lieber,« sagte Tammerl, indem er seine Ehefrau mit großen Augen ansah: »Was fällt Dir ein? Wozu hätt' ich den Seraphin, wenn ich selber draußen den Vogelwärter vorstellte?« »Du sollst es ja nicht für alle Ewigkeit, Peter: höre, was mir einfällt. Der gute Kerl, der Seraphin, könnte auch wohl einmal für alle seine Plage und guten Dienste eine kleine Freude haben.« – »Meinetwegen. Welche?« – »Mit welcher Gelegenheit willst Du die Vögel da nach Innsbruck schicken?« – »Uebermorgen mit dem Silzer Fuhrmann. Von Silz wird sie alsdann der Wörle- Hoisal in die Stadt tragen.« – »Gib acht, Du hast mit den Vögeln Unglück. Was weiß der Ruech von Fuhrmann von der Abwart, die sie brauchen? Dann bleiben sie vielleicht in Silz mehrere Tage stehen, bis der Hoisal eintrifft; und im Wirthshaus, bei versäumtem Fressen und Saufen, 108 und getratzt von allen neugierigen Gästen, möchten sie leicht verderben, oder, was sie können, liederlich vergessen.« – »Hm, das wär' nicht unmöglich. Aber was meinst Du eigentlich, Weib?« – »Ich hätte so gedacht: laß den Seraphin die Vögel nach Innsbruck tragen. In fünf oder sechs Tagen kann er wieder recht bequem zurück seyn. Wahrend dessen würdest Du Dich etwas ausmagern, und der Bub' hätte die Freude, ein Stück von der Welt und die schöne Stadt zu sehen, einen Tag oder zwei dort zu rasten, dem Peter die Strümpfe und die Schlafhauben, die ich für ihn verfertigt, zu überbringen, und ihm haarklein zu erzählen, was in seiner Heimath vorgegangen ist. Denk' Dir des Peterl Vergnügen, mit einem Menschen seines Alters von Imst schwatzen zu dürfen! das würd' ihn kuriren und aufmuntern, und der Seraphin würde nachher noch einmal so fleißig und brav seyn. Was meinst jetzt Du, hm?« – »Der Spaß würde mich viel mehr kosten, als die Fracht an den Silzer und den Wörle-Hoisal« – »Schäm Dich, ein Kümmelspalter zu seyn, wenn's darauf ankommt, Deinem eigenen Kind und Deinem braven Dienstbuben ein Vergnügen zu machen. Meinetwegen jedoch. Laß' indessen nur gleich den Bader kommen. Dein Angesicht gefällt mir ganz und gar nicht, roth und aufgetrieben, wie es ist.« Frau Marianne stellte sich an, als wollte sie hinausgehen. Tammerl hielt sie auf. »Was Du immer mit meinem Gesichte und dem Bader hast!« zürnte er; aber sein Zorn war nur die Maske seiner Angst: »Das ewige Blutlassen! Ich werde noch die Wassersucht kriegen. Der schwäbische Doktor von drüben aus dem Voralberg hat mir freilich lang gesagt, das Wassertrinken und eine starke Bewegung wären mir gesünder, als Dein unaufhörliches Aderlaffen; aber ich hab' ihm nicht recht getraut. Die Ausländer alle sind falsche Christen und arge Windbeutel; ich kann sie nicht leiden. Indessen mag der Schwab doch 109 nicht so unrecht haben. Und der Seraphin – ich möchte ihm wohl ein Spaziment gönnen, wie mir eine bessere Gesundheit. Aber schau, Weib: das sind drei Kapitalvögel; Spezialvögel sind's. Das hat gar viel auf sich. Wenn der Bub' sie leichtsinnig hinwerden ließe . . . . wenn er sich die Vögel stehlen ließe . . . . drei Spezialvögel . . . . wenn er das Geld für die Thierchen verlöre . . . . oder gar verwixte . . . .?« »Nun, nun, bist Du bald zu Ende?« fragte die Frau, ihres Siegs gewiß: »es ist eine Schande, Dich so reden zu hören. Du erbarmst mich! Ist Seraphin nicht rechtschaffen und klug, wie ein Alter, ja noch klüger? Willst Du ihn nicht einmal, wie die andern Vogeltrager, auf viele hundert Meilen hinausschicken, mit dreihundert Vögeln und noch mehr, mit Geld und Waare, und willst ihm jetzt nicht einmal auf einen Katzensprung von dreizehn Stunden oder weniger die paar Vögel und ein paar Gulden anvertrauen? Meinetwegen. Aber hör', was ich Dir sage: Wenn Du den fleißigen Buben noch lang als wie einen Gefangenen draußen in Tarrenz halten willst, ohne ihm ein bissel Freiheit zu vergönnen, so wird er sich durchmachen bei der ersten Gelegenheit, und all' Deine wunderlichen Hoffnungen auf ihn sind alsdann in's Wasser gefallen, wo's am tiefsten ist.« – Ob nun Tammerl alsobald nachgab, oder ob er sich noch eine Weile wehrte, ist zu wissen unnöthig; aber gewiß ist, daß er noch am nämlichen Abend Bericht nach Tarrenz schickte, der Vogelwärter habe am nächsten Morgen ganz frühe bei ihm zu erscheinen, und sich auf eine kleine Fußreise vorzusehen. Wenn schon von seiner Frau gebeten, kein Aufhebens von der Vergünstigung zu machen, konnte sich Tammerl doch nicht versagen, die Schwägerin zu fragen, ob sie nichts nach Innsbruck zu bestellen habe. Seraphin würde hingehen und alles bestens besorgen. Die Tante erwiederte erröthend: »Ei ja, ich hab' 110 etwas für ihn. Schick' mir der Schwager den Buben nur so früh als Er will in meine Stube. Ich werde aufgestanden seyn, und ihm einhändigen, was er für mich bestellen soll.« Wie die Tante Lenerl es gewünscht, so geschah es auch. Seraphin stellte sich bei ihr ein, zu einer Stunde, da noch wenige Jungfern von Imst ihrem Bette entschlüpft waren. Aber bereits war Magdalene sauber und zierlich angekleidet, als hätte sie einen halben Vormittag vor ihrem Spiegel zugebracht. Der junge Bursche bemerkte diese Ordnung und Sauberkeit mit Vergnügen. Er fühlte seine Angst, vor der Tante unter vier Augen zu erscheinen, schnell dahinschwinden. Seine Zuversicht wuchs. Die Morgenrosen auf seinen Wangen erblühten noch schöner, noch munterer wurden seine Augen, die nicht von fern ahnen ließen, daß ihr Besitzer eine ganz schlaflose Nacht hingebracht habe. Freilich war sie schlaflos gewesen vor Zufriedenheit, vor Entzücken; denn wie vom Himmel gefallen, und zwar wie eine vom Himmel gefallene Wohlthat, wie eine vielverspätete, aber doppelt reich eingebrachte Niklausbescherung, war ihm der Befehl zur Wanderschaft in seine begnadigte Kammer geregnet. Er verwußte sich nicht vor Freuden, und der Freudenschimmer machte ihn so hübsch, daß er sogar der strengen Jungfer Magdalene gar wohl gefiel. Sie redete ihn daher freundlich an: »Willst Du mir einen kleinen Dienst erweisen, Seraphin? – »Ei,« antwortete er treuherzig: »zwanzig für einen, und immer einen lieber als den andern, Jungfer Lenerl« – »Ist das auch Dein völliger Ernst?« – »Oho, ich lüge nicht. Es sollte mir um einen Finger an jeder Hand nicht leid thun, wenn mir bei der Jungfer etwas einschlüge.« – »Was denn?« – »Daß Sie mir ein bissel gut wäre.« – »So? glaubst Du denn das Gegentheil?« – »Hm, ich sollt's fast meinen. Die Jungfer hat mir immer noch nicht die Dummheit vom Fasching 111 verziehen, und die Martina, fürchte ich, hat's auch nicht gethan, und – schau die Jungfer, ich bilde mir halb ein, daß die Jungfer daran schuld ist.« – »Du bist ein Narr. Ich bin Dir vielleicht mehr zugethan, als Du Dir vorstellst.« – »Das sollt' mir lieb seyn. Aber das ist gleich: ich will jedenfalls treulich verrichten, was mir die Jungfer auftragt.« – »Gut, nimm dieses Päckchen. Wem es gehört, ist darauf geschrieben. Gib das in Innsbruck fein ab. Du wirst entweder dort oder dann von mir eine gute Belohnung erhalten« – »Ach mein, das braucht's nicht. Ich will's schon verrichten.« – Seraphin schob das Päckchen in die Reisetasche, die ihm Tammerl umgehängt hatte, und worinnen allerlei für den Sohn Peter enthalten war. Die Biederkeit und das verständige Wesen, das sich in Seraphins Zügen und Benehmen kund gab, gewann ihm Lenerl's Gunst immer mehr. – »Reise glücklich und komm bald wieder,« sagte sie gütig, und als der junge Mensch noch immer zögerte, fragte sie: »Hast Du mir noch etwas zu sagen?« Seraphin knetete sein Hütl hin und her und erwiederte verschämt: »Ich hätt' eine gar schöne Bitte.« – »Welche?« – »Wenn die Jungfer Tante die Ma . . . . Ma . . . . Martina ein bissel von mir grüßen wollte . . . .?« – Dem armen Buben kam das Wasser in die hellen Augen, und der empfindsamen Tante wär's bald nicht besser ergangen, indem sie bedachte, was ohne Zweifel baldigst den beiden unschuldigen Herzen bevorstand. Schnell entschlossen entgegnete sie: »Wart ein bissel, ich komme geschwind.« Sie verließ hastig die Stube, und ehe noch der gute Knabe dem Himmel hatte danken können, daß er die Tante so gut und freundlich hatte aufstehen lassen, war sie wieder da, an ihrer Hand Martina, die von der eiligen Tante dem Morgenschlummer entrissen worden war. »Da,« sagte 112 Lenerl bewegt: »da, gebt euch die Hände, sagt euch ein Lebewohl. Martina, der Seraphin geht auf ein paar Tage nach Innsbruck; Seraphin, Du wirst die Martina einige Zeit nicht sehen. Sagt euch ein frommes ›behüt Dich Gott! . . . .‹ und betet für einander um ein fröhliches Wiedersehen.« Die Tante vermochte kaum, mit Fassung zu endigen, und drehte sich ein bischen zum Fenster, daß nur der Morgenstrahl ihr feuchtes Auge sah. Die Unbefangenheit der kindlichen Verliebten gestattete ihnen keine ernstere Deutung des Abschieds. Sie gaben sich herzhaft die Hände, und blickten sich an mit klarer unschuldiger Zärtlichkeit, ohne Rückhalt, ohne Furcht vor zukünftigen Ereignissen. »Bleib' gesund, denk' an mich, komm' bald wieder!« sprach Martina. – »Die Zeit wird mir lang werden, aber ich bin geschwind wieder da,« sprach Seraphin. – »Ich will Dich in mein Gebet einschließen, vergiß mich nicht,« sagte wieder Martina. – »Es wird mir wohl gehen, weil Du mir gut bist,« sagte alsdann Seraphin: »vergiß auch Du mich nicht, und wenn das Rothkröpfl singt, so stell' Dir vor, ich sey's.« – »Geschwinde, geschwinde, ehe die Mutter nach Dir ruft!« ermahnte die Tante ihre Nichte. – Nun gaben sich die Beiden beide Hände, und drückten sie, und sagten wie aus einem Munde: »Auf glückliche Wiederkehr, auf glückliches Wiedersehen!« und in den paar Worten verstand ein jedes von ihnen so viel, als hätten sie einen ganzen Tag lang mit einander geredet. – Seraphin ging seiner Wege. Martina schlüpfte mit der Tante wieder in ihre Kammer. Bald war Seraphin gerüstet, hatte die kleine Kraxe mit den Vögeln auf dem Rücken, den Wanderstab in der Hand, eine warme Suppe, die ihm Frau Marianne gekocht, im Magen, und wanderte getrost aus dem Hause. Ueber seinem Haupte klöpfelte es am kleinen Fenster, 113 hinter dem Zipfel des geblümten Vorhangs nickte ihm noch einmal die schöne Frühlingsblume zu, die ihm so wohl gefiel; er schwenkte sein Hütl . . . . und nach wenigen Schritten war er schon auf der Straße in die Welt hinaus. Tammerl wartete seiner vor dem Markte und begleitete ihn bis zum Brennbüchl. Dort versah er den Wanderer noch mit manchem Unterricht, munterte ihn auf, und versprach ihm alles Gute, wenn er seine Geschäfte gut verrichten und sich tauglich erzeigen würde zu dem Leben, wozu ihn Tammerl bestimmt hatte. – Hierauf, nach wenigen Minuten, war Seraphin allein; hinter ihm lag Imst mit seinen Hoffnungen, mit seiner Liebe, aber vor ihm, der jugendlichen leichtbeweglichen Seele zum Trost, lag die ganze Welt mit ihrem reichen Schatz von Freuden. Traurige Gedanken kamen nicht in Seraphin auf. Die Sonne schien hell, die Lerchen sangen munter, die prächtigen Gebirge standen heiter umher, der Strom wälzte frisch die schaukelnden Wogen durch's Land: alle diese herrlichen Erscheinungen fanden einen Wiederhall, einen Abglanz in des gesunden Burschen Kopf und Brust. Die Bürde auf seinem Rücken war federleicht, noch leichter sein Blut. Es könnte ihm nicht fehlen, sagte er sich fröhlich immer wieder, und hätte nicht getauscht mit der jubelnden Lerche, nicht mit der schnellen Woge; war er doch frank und frei wie sie. Den Menschen fällt ihr Erdenloos ungleich. Bevorzugt erscheinen, oberflächlich betrachtet, die Kinder der fetten Ebenen, wo das Korn wächst und auf unermeßlichen Wiesen die Heerden und ihr Futter zugleich gedeihen, wo die leichte Mühe mit dem reichen Ertrag nicht im Verhältniß. Glücklich nennt sich auch der Bewohner der Flußgebiete und der Meeresküsten, der nur sein Netz zu werfen braucht, um mit dem Segen der Fluth schwerbeladen 114 heimzukehren, der nur seines Leuchtthurms Lampen anzuzünden, nur seiner Häfen Ketten zu öffnen hat, um aller Welttheile Kostbarkeiten um sich versammelt zu sehen, von denen er spielend goldenen Zoll erhebt. Wer priese nicht, als lustiger Wanderer an Rebenhügeln vorüberziehend, auf welchen die freudenbringende Traube glüht, wer priese nicht den Herrn jener Nektarquellen, den fröhlichen Weinerzeuger, dem die Sonne stets in's Auge lacht, der singend ihre Strahlen eingefangen hat in's dunkle Faß, in's helle Glas? Nicht Einer von den Dreien, nicht der Mann aus dem Flachland, vom Meeresstrand, aus dem Gau der Reben – wenn schon nicht gar so glücklich, als die von ferne schauende Menge wohl glauben mag – würde tauschen mit dem armen Sohn der Gebirge, der sein Brod nur kärglich baut, der seine Hütte an die Felswand klebt, wie eine Schwalbe ihr Nest an den Kirchthurm, der auf der Alpe verwildert, der allen Elementen zugleich die Stirne bieten muß, der acht Monate Winter hat, und die andern vier Monate kalt. – Freilich ist er arm, freilich unwissender oder roher; aber was ihm, dem im entlegenen Thale zwischen Eis und Schnee und Wildbächen Begrabenen an Kenntnissen und an Weltton mangelt, wird ihm ersetzt durch jenes ruhige geprüfte Selbstvertrauen, das einem Jeden wird, der mit gesunden Sinnen der Dürftigkeit nicht achtet, und auf jegliche Gefahr vorgesehen ist. Der dreiste Muth, die täglich rüstiger angespannte Kraft, der gerade Sinn und Verstand des Gebirgbewohners sind Reichthümer, die allen klingenden die Wage halten. Er lebt von Entbehrungen und hat daran sogar Freude; umzwingelt von drohenden Wettern, steilen Felsspitzen und Ungemach jeglicher Art, scherzt er mit der Gefahr wie mit einer glatten Schlange. Der schwindelnste Pfad ist seinem heitern Kopf gerecht; bei Tag und Nacht, im Schneesturm und Sonnenbrand, ist er zu jeder Stunde bereit, zu gehen, wer weiß, wie weit. Die Finsterniß wie die 115 Sonne ist seine Freundin; er klettert, wo das Wild kaum aufzutreten wagt; Wald oder Heustadel, Bärenhöhle oder Sennhütte sind ihm gleich liebe Nachtlager; ein Bündel Gras oder ein Felsklumpen zum Kopfkissen fehlt ihm nirgends, und bevor er sich niederstreckt, nicht den Dieb, nicht den Luchs fürchtend, nicht die Lawine, nicht den Murbruch , nicht den Waldstrom, der sein Bett überraset, spricht er sein Nachtgebet, und juchzet, noch ehe er die Augen schließt, daß Berg und Thal Kunde erhalten von dem einsiedlerischen Schläfer. Wer über die krachenden Fernen schreitet mit sicherm Fuß, wer aus den wirren Schluchten des Felsgebirgs eine verirrte Ziege heraufholt, ohne fehl zu gehen und die Geduld zu verlieren, wer seines Hauses Zimmermann und Maurer, Dachdecker und Kellergräber, Tischler und Schlosser ist, wer nicht achtet, daß mehrere Monate hindurch seine Hütte eingeschneit liegt, wer trotz Regen, Sturm oder Wintergraus allsonntäglich mit Lebensgefahr zur Kirche wandelt, und lächelnd dem mitleidigen Fremden, der schon vor der Erzählung dieser Schrecknisse sich entsetzt, erwiedern kann: 's ist halt einmal nicht anders, und das thut uns nichts; der ist gewaffnet gegen alle Mühseligkeiten des Lebens. »Gott hilft dem, der ihm vertraut!« hat ihm die Mutter über der Wiege gesungen. Seiner Kräfte bewußt geworden, sagt er sich später: »Gott hilft dem, der sich selber hilft;« und in diesem Satz liegt das Geheimniß des todtverachtenden Muths, des fröhlichen Beiderhandseyns, der hohen Vaterlandsliebe aller Gebirgsvölker. Mit Unrecht erstaunt der Fremdling über die letztere; mit Unrecht nennt er das Heimweh nach dem kargen Lande eine seltsame unbegreifliche Erscheinung. Die strengsten Eltern sind meistens die geliebtesten; ihre Strenge entwickelt in den Kindern Eigenschaften, die reiner Gewinn für's Leben sind. Wie sollte der Mann 116 der Alpen sein Vaterland nicht innigst lieben, das ihm den männlichen Muth bei der Geburt schon zum Geschenke macht; das Vaterland, von dem er den Stolz lernt, der ihm verbietet, vor den Mächtigen der Erde zu zittern! Innerhalb der Riesenmauern der Gebirge gilt ein König nur wie ein anderer Mann; der Richter und der Pfleger müssen sich das gemeine »Du« gefallen lassen. Von der rauhen Heimath hat auch der Gebirgsmann die gestählten Sinne, den schnellgefaßten Geist, einen nüchtern gewöhnten Leib und einen freien starken Willen. Nicht mehr bedarf's, um der Lebenszukunft Herr zu seyn. Darum sind die Bergsöhne in allen Sätteln gerecht, spannen ihre Unternehmungen, klein oder groß, über weites Land, über ferne Meere, und, ob sie ihr Ziel erreichen mit derber geradaus den Weg brechenden Beharrlichkeit, ob sie dahin kommen mit List und Verschlagenheit – wie sie daheim der übermächtigen Raubthiere Meister werden – immer ist's die Eigenthümlichkeit ihres Wesens, ein Erbtheil ihres Vaterlands, die ihnen den Erfolg erzwingt und Glück bescheert. Seraphin war keine von den hochbegabten Menschennaturen, denen riesengroße Entwürfe im Gehirn keimen, oder die mit Heldenlust und Kraft das Schicksal unterjochen, aber dennoch genoß er in bescheidenem Maaße der Vortheile seiner armen Geburt auf armer Erde. Kaum dem Knabenalter entwachsen, war er schon geschickt genug, mit eigener Hand sein Steuer zu führen. In den Jahren, da ein im Wohlleben aufgesäugter Mensch noch bei jedem Schritte eines Helfers bedarf, war er schon Selbstherr seines Kopfs und seiner Glieder. Mit munterer Dreistigkeit ging er dahin, seinen Antheil von der Welt zu nehmen, und zählte sich nicht als eine Null in der Schöpfung. Das biedere Herz in seinem Leibe, die aufrichtige Zunge in seinem Munde, das Gottvertrauen in seiner Seele, dachte er, sollten 117 schon etwas werth seyn. Zudem begleiteten ihn Martina's hoffnungsreiches Andenken und der Mutter Geschmeide, das er in der That um seinen Hals gebunden wie einen Talisman, und sein Schutzengel – so glaubte er fest – mußte auch irgendwo in seiner Nahe seyn; er hatte sich des Engels nicht unwürdig gemacht. Dergestalt ausgerüstet, wanderte er wohlgemuth den beschwerlichen Karreserberg hinan und hinab, ruhte unter dem traulichen Schatten der Obstbäume von Heiming, rastete in dem gastlichen Wirthshause von Silz. Wäre ihm nicht Pflicht gewesen, seine drei gelben Gefährten, die Spezialvögel, sorgsam zu verpflegen, und nicht von ihnen zu weichen, damit kein Mißgeschick in Gestalt einer Katze oder eines schlauen Diebs über sie käme, so hätte Seraphin in seiner heitern Laune nicht unterlassen, das alte Schloß Petersberg zu besuchen, das unfern von Silz auf einem mäßigen Hügel, umschattet von uralten Lindenbäumen, emporragt. So mangelhaft des jungen Vogelträgers Geschichtskenntniß, so war ihm doch nicht fremd geblieben, daß vor grauen Zeiten die Gräfin Margaretha, die als »Maultasche« im Munde des gesammten Tirolervolks noch heute lebt, auf dem Petersberg gar oft ihren Hof gehalten, und daß sie ebendaselbst von den Böhmen gefangen gehalten worden, die ihren unbeugsamen Stolz in Kerkereinsamkeit zu brechen vermeinten, was ihnen jedoch nicht zum besten gelang. – Seraphin zog für heute vor, bei guter Zeit Stamms zu erreichen, das hochberühmte Kloster, von dem er in seiner Heimath schon Wunderdinge gehört hatte. Mit gläubiger Ehrfurcht betrat er die Kirche des Stifts, unter deren Steinpflaster so manche tirolische Fürsten den ewigen Schlaf schlummern, und betete lang um einen glücklichen Ausgang seiner kleinen Wanderschaft. Erst nachdem er das Gotteshaus begrüßt, und staunend die herrlichen Stiftsgebäude umkreist, suchte er das Wirthshaus auf, wo er 118 sein Nachtlager zu nehmen gedachte. – Der Abend war unaussprechlich mild, die Luft erquickend, und tausendfältiges Leben rege und wach in Bergen und Wäldern, auf Fluren und Triften. Die Kanariensänger, die sich ungemein wohl befanden in dem warmen durch ihren Käfich spielenden Hauch des Innstroms und der Berge, wollten ihr plauderhaftes Concert nicht einstellen, und auch ihr Träger dachte nicht von ferne an Essen und Trinken und Schlaf. Er saß auf der Bank vor dem Nachtquartierhause, und zählte begeistert die glühenden Spitzen und Kegel der Gebirge, und versenkte seinen frischen Blick in das feurige Meer des Abendroths, das den Himmel überströmte. Schöner als heute hatte er noch nie die Sonne ausbrennen gesehen. – Da kam auf einem Feldweg von Inn herauf ein ärmlich gekleideter Bauernknabe, der alle Augenblicke stehen blieb, sich, wie Seraphin that, nach dem Himmel und Abendroth umzuschauen. Dann machte er immer ein paar Schritte mit gesenktem Kopfe, und als er an den Vogelträger herantrat, bemerkte dieser, daß dem fremden Buben die Zähren über die Backen liefen. Sobald er jedoch gen Himmel sah, lächelte er wieder, und so, bald weinend, bald zufrieden dreinschauend, setzte er sich neben Seraphin nieder, und sprach seufzend; »Auweh, ich bin steinmüd!« Dieser einfache Versuch zu einer Unterhaltung wurde von Seraphin gut aufgenommen, und er fragte den steinmüden Jungen: »Woher Du?« – Der andere deutete über den Fluß, nach Landesweise kurz erwiedernd: »Von oben herab.« – »Wohin?« – »Auf Oberperfuß.« – »Wie weit?« – »Sechs Stunden und drüber.« – »Wo wirst Du heut über Nacht liegen?« – »Gar nirgends.« – »Oho!« – »Ich will die Nacht durch marschiren.« – »Warum?« – »Ich gehe gern zur Nachtzeit. Ich hab' den Mond und die Sterne und den 119 blauen Nachthimmel so viel gern.« – »Das wird schon seyn. Aber sagtest Du nicht, Du seyst müde?« – »Ganz gewaltig müde, ich hab' über den ganzen Tag nichts gegessen, und das thut den Beinen weh.« – »Du armer Narr, wo fehlt's denn?« – Der Fremde kehrte zur Antwort seine Taschen um, die völlig leer waren. Dieser stumme Bericht machte Seraphin's Herz auf der Stelle mürbe. »Oho!« sagte er: »da schaut nicht viel heraus? Bist Du schon weit gelaufen?« – Der Bube mit der leeren Tasche nannte ein Dorf an der bayerischen Gränze. – »Bleibst Du dort?« – »Nein, ich bleibe zu Oberperfuß. Mein Vater ist dort zu Hause.« – »Bist gewiß ein Dörcherbub', und bettelst unterwegs, was Du brauchst, zusammen?« –»Der Fremde erwiederte böse: »Ich werd' Dir gleich eins auffi geben, Du spöttischer Kanarivogel! Willst's Maul halten? Mein Vater ist ein ehrlicher Bauersmann, und wenn ich keinen Kreuzer im Sack habe, so ist niemand daran schuld, als gerade ich selber. Weißt's wohl, Du Kraxenbub'?« – »Du bist schon ein rechter Limmel!« erwiederte Seraphin, der sich schon geneigt fühlte, mit dem »Auffi geben« selbst den Anfang zu machen. Doch besann er sich bald, daß er durch ein unüberlegtes Wort dem kecken Nachbar einen Anlaß zum Zorn gegeben, und daß ihm selber – es war noch nicht so lange her – ein ähnliches Wort aus dem Munde der Frau Tammerl Wittib nicht gar besonders wohl in die Ohren geklungen hatte. Daher setzte er gemäßigter hinzu: »aber mit einem Heiter, wie Du bist, muß man's nicht so genau nehmen. Ich hab's schon selbst gemerkt, und werd's vielleicht noch manchmal spüren, wie Einem, der nichts hat, zu Muthe ist. Erzähle mir also, was Dir begegnet ist, und ich will sehen, ob ich für Deine Grobheit Dir mit etwas besserm vergelten kann.« Der Nachbar ließ sich nicht lang bitten. »Du wirst 120 mir freilich nicht helfen können,« sagte er: »aber 's ist keine Schande, die ich zu erzählen habe, wenn schon der Vater mir den Taglohn auf den Buckel messen wird, wie ich nicht zweifle. Der Vater ist ein braver Bauer, und daneben ein Drechsler. Ich hab' das Handwerk ein bissel von ihm gelernt, und wir haben miteinander eine Arbeit für den Zoller dort drüben gemacht, die ich demselben hingetragen. Der Zoller bat mich ehrlich und rechtschaffen bezahlt, und ich bin noch am Abend wieder weggelaufen, um recht bald zu Hause zu seyn, und meinem Vater, der's braucht, das Geldl zu bringen, ohne etwas davon zu verzehren. Das war gestern. Ich bin munter durch's Gebirg getrollt, und bin so gegen zwölf Uhr in der Nacht etwa über einen Jochsteig gekommen, wo es gar zu schön war. Die Sterne funkelten, wie sie heut thun werden, in ihrer ganzen Pracht, und der Mond stolzierte mitten unter ihnen, wie der Herr Curat, wenn er bei der Prozession das allerheiligste Sakrament des Altars umträgt. Nun, weißt Du wohl? bin ich ein großer Liebhaber von dem Himmel und seinen Gestirnen. Wenn ich auf der Alm das Vieh gehütet hab', bin ich oft ganze Nächte hindurch auf dem Rücken gelegen, im Freien, ohne zu schlafen, und hab' den Herrn Mond betrachtet, wie er als ein himmlischer Hirt die silbernen Schäflein auf der blauen Weide trieb. So ist er mir ein guter Bekannter geworden, und von seinen Lampeln kenne ich ihrer auch viele und kann sie rufen bei dem Namen, den ihnen die andern Leute geben, oder bei dem, womit ich selber sie getauft habe. Also auf dem Jochsteig war's gar schön, und am Himmel hat's gewimmelt und gestrahlt – es war gar aus. Da hab' ich mich hingesetzt und geschaut, und meine vielen Bekannten aus den Gestirnen richtig herausgefunden, und da muß ich drüber eingeschlafen seyn. Denn es ist auf einmal ein schwarzer Mann bei mir gewesen – hat ausgesehen wie 121 ein Jesuiter – der hielt mich freundlich an der Hand, und zeigte bald da- bald dorthin, und sagte zu mir: »Schau Peterl, alles, was dort oben steht und glitzert, und alles, was auf Erden um Dich herliegt, als Berg und Kofel , oder als Feld und Au, das mußt Du noch viel besser kennen lernen, und ich will Dir's anzeigen, wenn Du Lust hast.« – »Versteht sich,« hab' ich gesagt, und bin mit dem Mann gegangen, und er hat mir viele wunderbare Dinge gezeigt, und ich hab' seine Gelehrsamkeit recht gut verstanden, wenn ich auch jetzt kein Wörtl mehr davon weiß. Das Ende aber ist gewesen, daß ich erwacht bin, und statt des Monds hat mir die lichte Sonne auf die Nase geschienen, und es muß jemand an mir vorbeigegangen seyn, der auch kein Geld hatte und eins brauchte. Kurz, mein Sackl war leer, und nicht ein Vierer mehr darinnen geblieben. Zuerst hab' ich gemeint, ich hätte etwa das Geld verzettelt, und hab's heute im Gebirg' hin und her gesucht, bin schier bis zum Zoller zurückgelaufen; aber nichts da. So hab' ich den ganzen Tag mit Auf- und Absteigen vertrendelt, und hab' froh seyn müssen, daß ein paar Leute, die in einer Zillen übers Wasser gefahren sind, mich aus Barmherzigkeit umsonst herübergenommen haben. 's ist zwar kein Spaß, ich werd's schon spüren, wenn der Vater über mich kommt; aber ich kann nichts dafür, und die himmlischen Gestirne habens auch nicht verschuldet. Ich will sie nicht verschörgen, und sie immerdar lieb behalten, die herzigen Edelsteine. Ich wollte auch gern die Prügel aushalten, zwei- oder dreimal, wenn ich nur den ehrwürdigen Jesuiter irgendwo fände, der mir in der Nacht so väterlich zugesprochen hat, daß ich nicht anders glaubte, als der Himmel und die Erde seyen mir auf einmal ganz und gar aufgeschlossen, und der liebe Gott hätte für mich kein Geheimniß mehr.« Seraphin war im Begriff, die mißtrauische Frage zu 122 stellen: »Ist alles dieses auch wahr, Peter?« Aber sein Auge blieb erstaunt auf dem Antlitz des Nachbars haften, der mit einem wunderbar sinnigen und verklärten Ausdruck gerade jetzt wieder himmelan blickte, und in seinem geliebten Sternenbuch zu studiren schien. Neben aller Einfalt einer ächten Dorfphysiognomie sprach aus Peters Angesicht eine so klare Besonnenheit, und daneben eine so andächtige Sehnsucht, in die Wunder der Schöpfung einzudringen, daß an seinen schlichten Worten nicht zu zweifeln war. Es ging durch Seraphins Seele eine Ahnung, als sitze er neben einem zu hoher Bestimmung berufenen Menschen; als berge der kleine Kopf des unmündigen Sternguckers selbst ein großes Wunder, wie es manchmal vom Allgewaltigen verkörpert zur Erde gelassen wird, um Zeugniß zu geben von seiner Macht, die den Staub unendlich verherrlichen kann, wenn sie es für gut findet. Die stille Ahnung war ein beredter Advokat für den Peter von Oberperfuß, denn Seraphin sagte, ohne viel zu zögern: »Weißt Du was? Mir ist auch einmal geschehen, daß schlimme Buben mein Branntweinfassel ausgetrunken haben, ohne zu zahlen, und daß ein guter Freund mir mit einem Lepoldithaler aus der Patsche geholfen. Ich will heute Dein guter Freund seyn, wenn das verlorene oder gestohlene Geld nicht gar zu viel ausmacht. Sieh, da ist mein ganzer Reichthum. Nimm davon, was Du brauchst; ich komme schon noch unverhungert mit meinen Musikanten nach Innsbruck.« »Je, Du Narr,« hob der andere zutraulich an: »was ich verloren, beträgt nicht einmal ein Drittel von Deiner Baarschaft, und ich würd's herzlich gern von Dir leihen, denn der Vater hat kein Geld im Haus, wenn ich nur wüßte, wann und wo ich Dir's zurückgeben kann.« – »Oho, oho, das hätte noch Zeit,« bemerkte Seraphin, der ganz glücklich war, dem sonderbaren Sternbuben aus der Noth zu helfen: »ich stehe beim Tammerl zu Imst 123 in Diensten, und Du kannst mir das Geliehene einmal bringen, oder ich hole es bei Dir ab, und das wird nicht so bald geschehen, denn ich hab noch ein paar Gulden daheim, und auch ein paar Dukaten, die ich dem Meister zum Aufheben gegeben habe.« – »Du bist reich,« seufzte der Oberperfußer: »wenn ich Dukaten hätte, ich ginge heut noch tapfer auf Sprugg Sprugg: Abkürzung von »Innsbruck«; den Landleuten des nördlichen Tirols fast allenthalben geläufig. los, und gäb' mich dort bei einem gelehrten Herrn in die Lehre. Bin zwar des Vaters einziger Sohn, hab' nur noch ein paar Schwestern, und werd' einmal das Gütl übernehmen; ich hab' das Vieh gern und mag den Feldbau wohl leiden; aber mir ist halt immer um's Herz, als müßt' ich was anders werden, als nur ein Bauer.« – »Nun, wie dem auch ist, nimm's, was Du brauchst, nimm's geschwind, eh' es mich reut.« – Der Knabe blickte dem Seraphin lächelnd tief in die Augen, und antwortete vergnügt: »Ja, es ist Dein Ernst, Du machst mit mir keinen Spaß. So nehm' ich's denn an, und Gott vergelt's derweilen. Wenn Du das Geliehene in einem Jahrl' oder in ein paar Jahrln brauchst, so klopfe bei mir an. Mein Vater ist der Ingenuin Anich zu Oberperfuß und ich bin sein Sohn Peter.« – »'s ist schon recht; Du bist mir ein viel lieberer Peter, als der, den ich zu Innsbruck aufsuchen soll. Bist Du in der Stadt bekannt?« – »Ein bissel, ja. Ich bin ein paarmal hingekommen, wenn die Mutter Haar hineingetragen hat, um es zu verkaufen. Wir sind allemal beim Bäckermeister Wohlrauch eingekehrt.« – »Hoi! just zu dem Wohlrauch hab' ich zu gehen. Dort lernt der Peter, von dem ich gesagt habe.« – »Den kenn' ich nicht; aber der Meister ist ein wohlbesetzter Mann, ist brav und reich, und macht, glaube ich, die besten Paarln in der ganzen Stadt.« – »Schön, dann hab' ich meine Vögel beim Handelsmann Lengrießer abzusetzen. Weißt Du, wo er bleibt?« –»So halb und halb: beim 124 Seilergassel, oder dort herum. Du! der ist ein wunderlicher Heiliger. Sie heißen ihn nur »die theure Zeit und die lange Geduld,« denn er ist ein rechter Hellerkratzer, und wenn man bei ihm etwas zu kaufen oder zu suchen hat, so dauert's eine Ewigkeit, bis man's nur kriegt. Aber die Leute gehen doch gern zu ihm, weil er so viel fromm ist, und sie meinen, in seinem Gewölb sey alles besser als anderswo.« – »Nun, nun, ich werd' schon sehen, wie ich mit ihm auskomme. Es ist nicht heikel, hab' ich doch nicht viel bei ihm zu thun. Aber ich freue mich, die Stadt zu sehen.« – »Das glaub' ich. Ist auch eine schöne Stadt mit Thürmen und prächtigen Kirchen, und das goldne Dachl . . . . Du, wenn wir das abraumen dürften . . . . da wollt' ich bald viel besser wissen, wie's am Himmel und auf Erden ausschaut. In der Stadt blieb' ich nicht; 's wär' mir dort viel zu dumpf und unlustig. Die Stadtleute sind freilich geputzt und wohlhabend, und sie schmausen und spielen und spolzieren Spolzieren: begreift in einem spazieren und stolziren. wie die Storchen; aber auf'm Land, auf'm Mittelgebirg oder auf der Alm ist's alleweil schöner. Da spürt man den warmen Wind nicht, der die Stadtleute närrisch macht, wenn er geht; da ist's nicht so heiß und schwül, und der Himmel ist einem um viele Klafter näher, als in den engen und fünfstöckigen Häusern.« – »Du bist ein Narr, Peterl; der Himmel ist dort wie hier, und die Erde geht uns Menschen auch etwas an.« »Ja freilich,« erwiederte Peter Anich mit schwermüthigem Ernst: »die Erde gibt uns zu essen, aber der Himmel ist doch immer unser Ziel. Der liebe Gott hat nicht umsonst seine goldenen und silbernen Zeichen darauf geschrieben, die immer auf- und abgehen, und uns zuwinken, als sagten sie: komm' herauf, herauf, komm' bald! Gelt, ein müder Wanderer sieht mit Freuden in der Nacht die Lichter des Wirthshauses, wo er ruhen und sich erquicken will, ihm entgegenblinzeln? Gerade 125 so, mein' ich, soll's uns mit den Himmelslichtern gehen. Die Erde ist gut zum bauen, zum erndten: ist gut, daß man auf ihr gehe und fahre, daß man ihr das todte Erz aus dem Schooße nehme; sie ist die große Werkstatt, die den Menschen ernährt, und seinen Leib, wenn die Zeit um ist, mitleidig zudeckt, damit seine Verderbniß vor lebendigen Augen versteckt werde. Es ist daher recht fein, die Erde kennen zu lernen, um sie auszumessen, einem Jeden sein Platzl einzugrenzen und zu wissen, wo wir daheim sind. Aber der Himmel ist doch etwas Apartes, und zu beneiden sind die Leute, die schon im Voraus – ehe noch ihre Seelen hinauf gehen – ein bissel von den Sternenwelten verstehen, die ober unsern Häuptern sich drehen. Der Herr Pfarrer sagt wenigstens, dort oben seyen auch Geschöpfe Gottes zu finden, und ich glaub's gern, da mir oft zu Muthe ist, als müßte ich mit Fleisch und Blut hinaufreisen, und schauen und dort alles finden, was ich wünsche. Aber leider hab' ich keine Flügel, wie Deine Vögel, und mein Kopf ist nicht gescheit genug, um die Flügel zu ersetzen.« – »Ich versteh' nur wenig von dem, was Du sagst,« entgegnete Seraphin: »aber meine Vögel schlafen, und ich denke, wir gehen da hinein und thun dasselbe, nachdem wir gegessen haben werden. Wenn Du gescheit bist, so bleibst Du heut Nacht in guter Ruhe bei mir.« – »Ich will's thun, weil ich so viel müde bin; sonst . . . .« – Peter deutete wieder begeistert nach den Gestirnen. – »Laß mich aus,« sagte der Vogelträger: »die Sterne sind recht schön, aber wenn sie uns so viel bedeuten, als Du behauptest, warum scheinen sie zu einer Zeit, da die Menschen schlafen?« – Peter Anich zuckte die Achseln und versetzte kurz: »Es sind in der Welt nur Wenige zum Wachen berufen. Weißt Du die Geschichte von den klugen und den thörichten Jungfrauen?« 126 Viertes Kapitel.   In das Haus eines wackern Burgers gehören drei Pfennige: der Gottespfennig für die Armuth; der Nothpfennig für die unsichere Zukunft; der Ehrenpfennig redlicher getreuer Sitte. Wer diese drei Pfennige besitzt, ist gerade so reich, als der Reichste auf Erden.« Die Frühlingsabende folgten einander mit derselben Lieblichkeit. Ganz ungewöhnlich für diese Jahrszeit war das herrliche Innthal nicht windlaut. Weder der Sirocco, der aus dem brennenden Afrika über's mittelländische Meer und das schöne Italien seinen Weg so oft nach den Ufern des tirolischen Innstroms sucht, noch der strenge Ostwind, der noch öfter vom »wilden Kaiser« herauf durch das gesegnete Thal stürmt, zerrütteten den stillen Einklang der wunderlieblichen Witterung. Die wenigen Wölkchen, die wie muthwillig ausgesprudelte Blasen von den Bergen aufstiegen, um im Aether zu vergehen, waren rund und anmuthig gestaltet, statt in der Form von straffen langen Schwertfischen sturmverkündend über'm Land zu stehen. Das junge Laub in den Auen am Strom, wie auf den Höhen des Mittelgebirges, der lustigsprossende Keim des Türkenkorns auf den weiten Feldern von Wilten spiegelten freundlich im rothen Schein der Abendsonne, die sich hinter den Oberinnthalergebirgen zur Ruhe legte, und mit ihren Strahlen sogar die grauen Hauben der Salzberge bei Hall anmuthig vergoldete, daß man sie mit Vergnügen in's 127 Auge fassen mochte. – Kein Wunder, daß auch die Bewohner der Hauptstadt Tirols das Freie suchten, um sich zu ergehen auf der fruchtbaren Ebene, oder längs der angenehmen Hügeln von Amras und Weiherburg. Es war eine feierliche Pracht über die Stadt und das ehrwürdige Stift Wilten ausgebreitet, und die Glocken, die zu den Abendandachten in den Kirchen riefen, klangen schwellend und dennoch weich über das ganze reiche Landschaftsbild hinaus, gerade als hätte nur der linde Hauch der Sonnenuntergangslüfte den Dienst der Meßner übernommen. Zur selben Stunde wanderte Seraphin auf der Höttinger Anhöhe, wo dazumal die Heerstraße auf dem linken Ufer des Flusses gen Innsbruck führte, Schritt für Schritt näher an die Herrlichkeit der Hauptstadt hinan. Der Wandertag war einer der glücklichsten seines jungen Lebens gewesen. Er hatte das uralte Flauerling mit seinem schloßähnlichen Pfarrwidum gesehen, die reizenden Fluren von Polling durchschritten; das wunderthätige Muttergottesbild zu Inzing verehrt, an der Brücke von Zirl von seinem Oberperfußer herzlich Abschied genommen, das Bewußtseyn einer braven Handlung im Busen, und von dannen allein den Weg gesucht zu der sagenstolzen Martinswand. Daselbst war ihm freilich eine gute Spanne Zeit müßig hingeschwunden, an der Straße sitzend, und die mächtige Felswand mit ihrer vielbekannten Höhle anstaunend; aber seine rüstigen Füße brachten die Versäumniß bald wieder ein. Der Gedanke, dem Ziel seiner Reise so nahe zu seyn, spornte ihn an, wie einen Lauferlehrling. Seine Vögel schienen nicht minder Begierde zu tragen, bald in die schönen Hände ihrer zukünftigen Besitzerinnen zu kommen, und das Paradies eines gefangenen Kanari zu gewinnen. Sie ruhten nicht mit ihren zahrten Kehlen. Hatte der Hansl von dem Orte an, wo der bairische Graf Arco dem 128 Martinsberger-Jäger Anton Schandl neben seinem Churfürsten, für den er gehalten worden, erlegen war, nicht aufgehört, den Oberinnthaler Schützenmarsch zu pfeifen, so versah es auch der Putzl nicht, je schneller Seraphin ging, das Husarenlied zu jubeln, und der Schwarzhaubete, da er durch die auf- und zufächelnde Decke des Käfichs die Thürme der Stadt, die Gärten und Felder, die Menge von Spazierenden inne geworden, that endlich auch den Schnabel auf, und spielte den drolligen Hosennaggler so oft und begeistert ab, als wäre er von den reichsten und muthwilligsten Burschen des Zillerthals angefrümt worden. Die Vögel hatten gar lustig seyn. Ihrem Träger wäre aber bald Angst und bange geworden, als er nach einer kurzen Verirrung in dem Dorfe Höttingen gegen die Innbrücke herabkam, und sich auf einmal unter einer Menge von hin- und herlaufenden Leuten befand. Die Brücke wimmelte von Spaziergängern und heimkehrenden Handwerksleuten. Seraphin hatte noch nie so viele Menschen auf einem engen Raum versammelt gesehen, wann es nicht etwa einen Jahrmarkt oder eine Prozession gegolten; aber von einem solchen Anlaß war hier gar nichts zu sehen, und die Menschen kamen doch dem Vogelträger immer auf den Leib, wie sorgfältig er sich auch bemühte, ihnen auszuweichen, und er hatte alle Mühe, seine Spezialvögel vor dem Untergang zu retten. Da gähnte vor ihm das Brückenthor. – Innsbruck war damals nicht die heitere frohmüthige Stadt, wie sie heutzutage sich darstellt, entledigt von dem schweren Mauerpanzer einer alten schlachtfertigen Zeit. Die innere Stadt war damals noch eingefangen von Gräben, Ringwehren und mit Thoren und Thürmen versperrt. – Unter'm Brückenthor schaute ein Unteroffizier vom Regiment Migazzi auf die bestaubten Schuhe Seraphins und auf die Kraxe, und fragte barsch: »Woher, Du Landfahrer?« – Seraphin 129 faßte sich bald. »Das will ich Dir sagen,« erwiederte er, und wie ein Blitz ging ihm vom Munde, woher, wohin, was er zu Innsbruck zu schaffen. Die Soldaten lachten über seine ländliche Dreistigkeit, und würden mit vielem Vergnügen des Putzl ungarisches Husarenlied angehört haben; aber der eigensinnige Putzl wollte unter'm finstern Thorbogen, der niemals von einem Sonnenstäubchen erhellt oder erwärmt worden, vom Singen durchaus nichts wissen. So entließ denn endlich die Guardia den unbefangenen Buben, und der Trommelschläger zeigte ihm noch obendrein das unfern von der Ottoburg gelegene Haus des Bäckers Wohlrauch. – Der Meister stand unter der Thüre, kaum zu unterscheiden von einem Bäckerknecht, mit aufgestreiften Hemdärmeln, umgeschlagenem Kragen, die nackten Füße in schlechten Pantoffeln. Aber der selbstbewußte Blick, die stattliche Korpulenz und die feine Sammetkappe auf dem gewichtigen Kopf verriethen schon zur Genüge, daß der Mann nicht auf einen Wochenlohn gesetzt war, und daß er, wenn er auch noch mit Eifer arbeitete, dennoch das Arbeiten konnte bleiben lassen, wenn es ihm beliebte. – Dieses Alles begriff Seraphin im Nu, und redete den Bäcker an: »Grüß' Gott, Meister. Sey so gut und sag' mir, wo der Peter Tammerl zu finden, oder lass' mir ihn rufen. Ich hab' einen Gruß vom Vater an Dich, und einen Brief und ein Packl mit Schlafhauben an den Peter.« – Der Meister, statt der treuherzigen Anrede freundlich zu antworten, sah stolz und verdrießlich auf den Buben herab, und ließ, wie ein geiziger Zahler das Geld aus seinen Händen, so die zögernden Worte von seinen Lippen gleiten: »Kannst nur wieder hingehen, wo Du hergekommen. Bei mir findst Du den faulen Peter nicht mehr; seit dem Morgenessen ist der Kerl nicht mehr zum Vorschein gekommen; und käme er, ich wollte ihm 130 gleich den Lehrbrief auf den Buckel schreiben und ihn damit als einen ausgelernten Taugenichts in die Welt hinausschicken.« – »Was sagt der Meister? Wär' der Peter davon gelaufen?« – »Ich mein's nicht anders. Es hat mir immer so etwas geträumt. Der Bub' hat nicht gelernt; das Schlafen war alleweil sein liebster Zeitvertreib; essen und trinken hat er auch wohl mögen, und die Gesellen durcheinanderhetzen, und mich anschwärzen bei der ganzen Nachbarschaft. Meine Geduld ist nicht zehn Ellen lang, und ich hab' den grundbösen Buben traktirt, wie er's verdient. Weil er mit den Augen das fichtene Holz nicht vom harten hat unterscheiden können, so hab' ich's ihm auf dem Fell zu kosten gegeben; und das hat dem Muttersöhnl nicht gefallen, und heut – ich zweifle nicht – ist er durch wie ein Holländer oder ein andrer falscher Hund. Geh' nur und sag's dem Vater wieder, so brauch' ich nicht lang zu schreiben; und sag' ihm auch, daß ich vom Lehrgeld nicht einen Pfennig herausgeben werde; ich hab's an dem Hackstock und Giftmichel sauer genug verdienen müssen.« – Hierauf ranzte sich der Meister aus, als hätte er gewaltig Schlaf und Langeweile, zog sich die Schürze fest um den Leib, und latschte Latschen: träge, als wie in Pantoffeln, herumgehen. ohne »Gute Nacht« oder »Pfietigott« in's Haus. Seraphin sah ihm mit offenem Munde nach. »Na, der ist schon ein Meister in der Grobheit,« sagte er verwundert: »mit ihm würde der Tammerl selber nicht auslangen. Aber der Peter ist auch ein rechter Galgenstrick, daß er seinen Eltern das Herzleid macht, davon zu laufen wie ein Narr oder Bösewicht. Wenn ich nur wüßte, wo der Ruech steckt; ich wollte ihn bei den Zotteln derwischen, und gern oder ungern heimschaffen. Das wollte ich. Aber vor der Hand sollten wir uns ums Nachtlager beim Lengrießer umschauen.« Vom Hause des Bäckermeisters Wohlrauch bis zum Gewölb des achtbaren Herrn Lengrießer, oben am 131 Seilergassel, war keine Tagreise, kaum ein Katzensprung. Seraphin schob sich fragend und erkundigend durch die düsternden Schwibbogen des Stadtplatzes, lenkte in das Seilergassel ein, und sah bald die Lampen in Lengrießers Gewölb brennen, spärlich zwar und matt, aber dennoch willkommene Lichtpunkte dem von Sehen und Gehen ermüdeten Wandergesellen. Hastig wurde die Schwelle des Ladens erobert, die Thüre geöffnet, die Klingel schlug Lärm wie ein widerbellendes Weib, das kein Ende finden kann; – Seraphin befand sich an Ort und Stelle. Der Aufenthalt war fürwahr nicht reizend. Das Gewölbe des Spezereihändlers in der Hauptstadt unterschied sich gerade nur durch die größere Räumlichkeit von den halb unterirdischen Verschleißlokalen zu Mals, Burgeis und Imst. Man hätte nur den Ladentisch und die Waaren daraus entfernen dürfen, um das Gewölbe zu einem festen und dunkeln Kerker umzugestalten. Die Abendbeleuchtung – zwei trübe, karg genährte Ampeln – diente nur dazu, den Graus und Gräul recht anschaulich zu machen. Das feuchte, an vielen Orten ruinirte Pflaster des Bodens trug zu der Mühseligkeit dieses Aufenthalts das seinige bei. Die Gerüche aller Gattungen, die in jedem Spezereiladen einander feindlich entgegenströmen, schienen in Lengrießers Gewölbe einen außergewöhnlichen Grad von Dichtigkeit und Sättigung gewonnen zu haben. Hoch über allen, als ein entschiedener Sieger, schwebte der Geruch des Schnupftabaks, dessen Verbreitung damals just anfing, auch im Gebirge allgemein zu werden, wenn gleich vor der Hand nur in den ansehnlichern Orten. In entlegenen Gemeinden des Landes kannte man nur den Rauchtabak, und mancher dort lebende Seelsorger, der dem Schnupftabak huldigte, mußte Anstand nehmen, öffentlich zu schnupfen, was seine Beichtkinder noch für ein Aergerniß gehalten haben würden. 132 Lengrießer war für die Stadt und einen großen Theil des Innthals der Hauptlieferant des Schnupftabaks. Sein Absatz in diesem Artikel war außerordentlich. Man erzählte sich im Scherz, er gebe der Geistlichkeit sammt und sonders die Waare gratis, unter der Bedingung, daß sie im Beichtstuhle seinen Tabak empfehlen möchte. Doch war's nur Scherz; denn Niemand erinnerte sich einer Gelegenheit, da Lengrießer etwas verschenkt hätte. – In diesem Spezereigewölbe also, worin der Tabak eine Hauptstelle einnahm, hauste ein fabelhaft abgemagerter Gehülfe oder Ladendiener als erster Minister und als einziger seines Gebieters. Seit unbegreiflich langen Jahren führte der gute Mensch ein Leben, demjenigen zu vergleichen, das die Knappen in einer Quecksilbergrube führen. Täglich stand des Ladendieners physische Existenz, sein eigentliches thierisches Leben, in Frage. So oft er Abends, nach dem vorgeblichen Nachtessen, – das im Grunde nur bis zur leeren Ceremonie herabgeschwunden war, – so oft er sein Talgstümpfchen nahm, um seine Liegerstätte aufzusuchen, durften seine Freunde mit Recht fragen: »Wird er auch den morgenden Tag erleben? Wird ihn nicht der chronische Hunger wegraffen noch in dieser Nacht?« Aber – wie es denn geht – die Krankheiten, woran der menschliche Körper sich zu gewöhnen das Glück hat, verkürzen nicht das Leben, sondern sie wachsen sich in dasselbe als ein so zu sagen nothwendiger Bestandtheil ein. Der Ladendiener Lengrießers hatte sich nach und nach dergestalt abgehärtet, daß die strengste Nüchternheit seine Gesundheit wurde, und daß ihn der plötzlichste Tod gewiß nicht verschont haben würde, wenn er sich nur einmal in der That satt gegessen hätte. – Dieses Gespenst eines Ladenburschen hatte, zwischen Büchsen und Schachteln mit halbem Leibe auf den Zahltisch hingekauert, die lange Nase in das schmutzige Sudelbuch 133 gesteckt, als die Klingel Sturm läutete, und Seraphin hereinstolperte. »Hoi, hoi!« fragte der überraschte Diener, aufschauend: »Wer kommt noch so spät? Was willst Du? Geschwinde nur. Der Herr wird gleich aus dem Segen nach Hause kommen, und wir machen alsdann Feierabend.« – »Hoi, hoi,« antwortete Seraphin: »ich will nichts kaufen; ich bringe etwas.« Er entledigte sich seiner Kraxe und lüpfte ein wenig die Decke derselben. – »Vögel? Vögel?« – »Ja doch, Vögel von Imst, die der Lengrießer bei meinem Meister bestellt hat.« – »So, so. Es ist schon recht. Geh' wieder in Gottesnamen und laß die Vögel da. Kannst morgen wieder anfragen.« – »Morgen? Du hast gut reden. Der Meister hat mir gesagt, ich würde wohl in Euerm Hause über Nacht liegen können, und eine Mahlzeit kriegen. Ich kenne mich in der Stadt nicht aus, und hab' kein Geld für's Wirthshaus.« – »Das wird schlecht ausschauen. Der Herr ist kein Liebhaber von fremden Leuten, die in seinem Hause schlafen wollen. Indessen . . . . da hör' ich ihn selber. Mach's mit ihm aus.« – Der Prinzipal ließ sich wirklich draußen vernehmen mit einem langen scheppernden Husten, und glitt dann in Person durch die Thüre: ein unendlich großer Mann in einer sträubigen Wildschur, die er gemeiniglich zum Kirchgang anlegte, sogar an wärmern Tagen, um sich vor Erkältung zu schützen. »Benedikt!« kreischte er mit der Stimme eines Geiers: »Ausziehen! Warum hast Du noch nicht jene Lampe ausgelöscht? Wirst es nie vom Heller zum Gulden bringen, unhauslicher Mensch. Wer ist das? Was will der Mensch da?« Benedikt zog dem Patron gehorsam die Wildschur ab, blies die Lampe aus, die den stinkendsten Oeldunst entwickelte, und gab während dieser Beschäftigungen Bericht von Seraphins Geschäft und Begehren. Herr Lengrießer, der sich nach Ablegung der Wildschur 134 in einem rothbraunen, bis an den Hals zugeknüpften Rocke, nach der Mode, die unter Ludwig dem Vierzehnten in Frankreich einheimisch gewesen, darstellte, konnte einige Bewegungen der Ungeduld nicht verbergen. »Wie die Leute so überlästig seyn können!« sagte er: »nicht genug, daß Tammerl so verschwenderisch seyn mag, wegen dieser paar Vögel einen besondern Träger an mich abzufertigen, so schiebt er mir auch noch dessen Verköstigung auf den Hals. Es ist ein Unglück, wenn ein Kaufmann weitschichtige Verbindungen hat. Er kann sich der Zudringlichkeiten seiner auswärtigen Freunde kaum erwehren. Was fangen wir mit dem Buben an, Benedikt?« – »Das wird die Jungfer Agnes wohl wissen,« erwiederte der Ladendiener, und deutete auf eine Figur, die eben in der Thüre des Ladenstübchens erschien. – Es war Lengrießers einzige Tochter, die Erbin seines bedeutenden Vermögens, die an jeder Fingerspitze ein Dutzend von Bewerbern hatte, deren Herz aber noch bis dato unempfindlich geblieben war in dem Busen, hart wie Marmor, wenn schon nicht so weiß. Die tugendsame Jungfer schien lange Zeit in einer Rauchkammer behandelt worden zu seyn, war wo möglich noch magerer als ihr Vater, trug ein rothbraunes Kleid wie er, die Haare etwas unbildlich, und ihr Auge – sie hatte in der That nur eines; das andere schlief lange schon unter dem niedergesunkenen Augenlied – blickte entsagend mehr in's Jenseits als ins Jammerthal hienieden. Dagegen war ihre Stimme die durchdringendste im Hause, und mit derselben klaren Stimme protestirte sie alsobald gegen die Beherbergung des ungebetenen Vogelträgers. – Seraphin, dieses anhörend, sagte halb spöttisch, halb weinerlich, wie er's von dem Onkel Engadiner gelernt hatte: » Jau stunt frese! jetzt bin ich sauber angekommen!« und aus seiner ganzen Haltung redete eine dergestalt störrische Betrübniß, daß, wenn nicht 135 Jungfer Lämmchen, doch Papa Geier davon gerührt wurde. Er sprach mit ungewöhnlicher Milde: »Lass' gut seyn, Agnes. Der Bursche scheint mir genügsam, und wir können wohl einmal eine Ausnahme von der Hausregel machen, in Anbetracht des Geschäftsfreundes zu Imst, und der späten Abendstunde.« – »Wie der Herr Vater befiehlt!« entgegnete Agnes bissig, und schlug ihr Auge nieder. Der Ladendiener brummte aber aufräumend zwischen den Zähnen: » Dies irae, dies illa! « denn ihm war nicht anders zu Muthe, als stände er am Sarge seines Herrn, weil nach dem Volksglauben die unvorhergesehene Freigebigkeit eines Geizigen, dessen baldigen Tod bedeutet. Indessen hatte der wackere Benedikt im Verlauf des Gesprächs Grund genug, seine böse Ahnung Lügen zu strafen. Herr Lengrießer fuhr fort, indem er mit dem Zeigefinger zierlich in die ausgelöschte Lampe tippte, und sein glatt in einen losen Zopf gekämmtes Haar leicht einölte: »Draußen im Gange steht noch die lange Waarenkiste, und sie ist halb voll mit Zuckerpapier und Kaffeesäcken. Ein herrliches Lager für frische, junge und müde Glieder. Ich habe viele hundert Male auf den Botzener Messen in einer Waarenkiste geschlafen, um das Quartiergeld zu ersparen, und es hat mir trefflich bekommen. Das wäre also abgemacht. Jetzt zur Hauptsache. Du wirst nebst der Müdigkeit einigen Hunger im Leibe haben, Bursche?« – »Recht viel Hunger,« antwortete Seraphin höchst aufrichtig. – »Da wäre allerdings ein feistes Nachtessen sehr am Platze,« setzte Lengrießer seine Rede fort: »Was stehst Du da, Benedikt, und kauest Luft, und thust, als ob Dir's Wasser im Maul zusammenliefe? Mach' das Gewölb zu!« – Benedikt gehorsamte mit freudig pochendem Herzen. Die Phantasie des Nüchternen – in diesem Zustande am lebendigsten – gaukelte ihm die abenteuerlichen Umrisse einer vollen Schüssel vor. Indessen redete Lengrießer väterlich lächelnd immer 136 weiter: »Was meinst Du, Agnes? dieser fröhliche Wanderbursche könnte schon einen tüchtigen Wolkenbruch vertragen? oder besser einen fetten Christenwürger? oder noch besser einen recht steifen und nahrhaften Vitzthum?« In der trivialen Sprache der gemeinen Leute von Innsbruck bedeutet » Wolkenbruch « eine Einbrennsuppe; » Christenwürger « einen Griesschmarren; » Vitzthum « ein Gemisch von Bohnen, Gerste und Kastanien.  – »Aber, Herr Vater . . . .!« unterbrach Agnes mit ihrer Warnungsstimme den Alten. Noch einmal intonirte unterm Gerassel der Eisenstäbe der Ladendiener sein » Dies irae, dies illa! « mit einer so gewiß schauerlichen Lustigkeit; Seraphin rieb sich vergnügt die Magengegend, und meinte: »Das wär' gar nicht aus. Weißt was? ich bin mit Allem zufrieden!« Und beifällig sprach wieder der Kaufmann, ihm die Hand auf den Kopf legend, wie ein Segnender: »Brav, mein Sohn, brav geredet. Der genügsame Mensch ist Gott lieb. Da hast Du, meine Tochter, die Einfalt des Landlebens, die reinen Sitten des Volks, das nichts von Fraß und Völlerei wissen will, und sich gern bescheidet. Du hast Recht, Seraphin. Der Wolkenbruch würde Dir den Magen blöd machen; der Christenwürger möchte Dir allzuviel Durst verursachen; der Vitzhum vollends, die schwere Patzerei, würde Dich um allen Schlaf bringen, und Deinen von der Reise angegriffenen Eingeweiden ein wahres Gift seyn. 's ist daher ungleich gesünder, weitaus zuträglicher, wenn Du Dich mit einem Stück grauen Käse und wohlausgebackenen Brods begnügst. Du wirst alsdann nur gerade thun, wie wir; denn ich habe mir heute Mittag an dem Gstraunfleisch 137 den Magen verdorben, und Dir, Benedikt, geht, wie ich aus Deinem wiederholten Schluchzen entnehme, die fette Speise ebenfalls noch nach; und überhaupt ist es bei mir Regel, mit kalten Speisen zu Nacht vorlieb zu nehmen. Nicht wahr, Agnes, Du hast nicht etwa andere Vorkehrung getroffen?« Die Verklärung des holden Mädchens dankte dem Vater inbrünstig für seine Rückkehr zu den wahren Grundsätzen nach der kurzen fantastischen Ausschweifung seiner leckerhaften Beredtsamkeit. »Alles steht schon auf dem Tisch,« sagte sie freundlich: »und wenn der Bauer da mithalten soll, meinetwegen. Er wird schon vorlieb nehmen.« – Seraphin stand zwar versteinert vor den Trümmern seiner Hoffnungen; doch machte er keinen Einwurf. Durch das Gewölbe schallte aber ein Seufzer, wie von Einem, dem das Herz bricht. Lengrießer sah sich verwundert um, und da er bemerkte, daß Benedikt den Seufzer losgelassen, sagte er mitleidig: »Siehst Du, Benedikt, wie das geile Mittagsmahl unserm Magen mitspielt? für die Zukunft, Agnes, kein Gstraunfleisch mehr, überhaupt so wenig Fleisch als möglich, Agnes. Der Mensch ist ja kein Wolf, kein Tigerthier, und je gelassener sein Blut fließt, desto glückseliger sein Leben.« – Benedikt fühlte sich verstohlen den Puls, um zu erfahren, ob sein Blut überhaupt noch fließe; indessen gingen die Uebrigen zu Tische. – Da stand auf fahlem Tischtuch der hölzerne Teller, worinnen einige Brocken des mißfarbigen Käse, und auf dem Platze eines Jeden lag ein steinhart gebackenes flaches Brod, das zugleich Teller und Nahrungsmittel vorstellte. Dem unvorhergesehenen Gaste brach Agnes die Hälfte von Benedikts Brod, und eröffnete alsdann das Tischgebet, das so lange und eifrig fortgesetzt wurde, als sollte damit ein Wunder, die Verdreifachung der vorhandenen Speisen, 138 bezweckt werden. Dem war freilich nicht also; die Brocken wuchsen nicht an, das winzige Glas mit Wein, das vor Herrn Lengrießer stand, dehnte sich nicht zur Flasche aus; die Kerze, die den Jammer beleuchtete, brannte nicht heller, wohl aber immer kürzer. – Nachdem das Gebet vollendet, sagte Lengrießer herzhaft: »Na, setz' Dich jetzt, als ob Du zu Hause wärst, Seraphin, und laß Dir's schmecken.« Hierauf nahm er für sich das größte Stück Käse, gab das zweitbeträchtlichste seiner Agnes, und deutete den übrigen an, sich aus dem zu drei Viertel geleerten Holzteller zu bedienen. – Ein Elend, wie dieses, war dem Seraphin noch nicht beim ärmlichsten Todtentrunk des nackendsten Landstreichers vorgekommen. Aber sein froher Muth nahm daran keinen Anstoß. Vor einigen Minuten hätte er weinen mögen; jetzo schwang sich seine Laune im Spott über den Mangel empor. Er erzählte munter von den Kunststücken seiner Vögel, von der Freude, die ihm ihr Unterricht gemacht, und äußerte die Hoffnung, daß die armen Thierchen doch in gute Hände kommen würden. »In die besten von der Welt,« versicherte Lengrießer: »Ich selbst und meine Tochter Agnes . . . .« – Er hustete, und Seraphin, der seine Worte mißverstand, zitterte schon für das Leben seiner Zöglinge, wenn sie bestimmt waren, in dem Hungerthurme zu verbleiben. Aber Lengrießer beruhigte ihn alsobald: »Ich selbst und meine Tochter,« sagte er, »behalten keinen dieser Vögel; wir können die gefräßigen und schmutzigen Thiere nicht haben.« – »Pfui,« bekräftigte Agnes: »wär' mir nichts lieber. Das erschreckliche Geschrei, die Unsauberkeit und der kostbare Unterhalt! Ich dürfte auf dem Platze grad nur das Beste einkaufen, um es den Schreiern in den Rachen zu stopfen.« – »Versteht sich, Agnes. Also: diese Vögel sind für drei von 139 unsern hiesigen adeligen Damen bestimmt. Der eine für die Frau Gräfin von Rechtenfeld; der andere für die verwittwete Frau Baronin Neuhof; der dritte für die Tochter des seligen Husaren-Obersten, das hochwohlgeborne Fräulein von Cibulka. Ich werde Dir erlauben, Seraphin, morgen die Vögel den Damen in's Haus zu tragen, damit Du den Letzteren auch sagen kannst, wie die Vögel traktirt werden müssen. Die Gräfin zahlt zwei Dukaten für den ihrigen, die Baronin ebensoviel. Aber für den dritten werde ich Dir drei Dukaten berechnen, weil er ein Geschenk von einem reichen Herrn ist, der das Fräulein gern zur Ehe nehmen möchte. Du wirst wohl thun, zur Gräfin Rechtenfeld, wenn sie schon die Vornehmere ist, zuletzt hinzugehen – gegen die Mittagsstunde – weil sie schwerlich versäumen wird, Dich am Bediententisch essen zu lassen, wo Du jedenfalls besser traktirt werden dürftest, als bei mir, denn wir haben morgen einen strengen Privatfasttag. Nicht wahr, Agnes? nicht wahr, Benedikt?« »Gewiß wieder ein Familiensterbtag?« fragte der Ladendiener dumpf und unterwürfig, und schüttelte sich dabei, an verdorbene Stockfische und strebelnde Eier denkend. – Mit der zerknirschtesten Miene erwiederte Lengrießer: »Der Sterbetag meiner unvergeßlichen Urgroßtante, die, wie ich immer gehört habe, sich um meine Mutter selig ungemein verdient gemacht haben soll.« – »Tröst' sie Gott!« setzte Agnes feierlich hinzu, und noch einmal so düster flackerte die Kerze des Mahls. – Seraphin, den Trauergedanken eine bessere Wendung zu geben, nahm dem trüb schauenden Benedikt das letzte Stück Käse unter dem Messer weg, und sagte: »Ich will gern mit meinen Vögeln von Haus zu Hans wandern, wenn sie's nur gut kriegen. Den Putzl mit dem Husarenlied geben wir dem Husaren-Fräulein, und die Andern sollen wählen nach Gefallen. Morgen werd' ich aber schon den ganzen Tag hier bleiben müssen.« – 140 »Soll mir nicht darauf ankommen,« entgegnete Lengrießer großmüthig: »bist auf den Abend wie heute willkommen; will Dir nur bemerken, daß wir an einem Sterbetag gar nicht zu Nacht speisen . . . . aber die Waarenkiste steht Dir auch morgen noch zu Diensten, wenn Du Dich heute darinnen gut aufführst.« – »Das werd' ich schon, will ich hoffen; braucht Dir nicht bange zu seyn. Mir ist nur darum zu thun, die Stadt zu besehen, und, wenn möglich, den Peter Tammerl, der vom Meister Wohlrauch davongelaufen, wieder aufzustöbern.« – »Ei, ei, das ist eine böse Geschichte mit dem Peter,« bemerkte Lengrießer gleichgültig. Den jungen Plaschur wunderte diese Gleichgültigkeit. »Bist des Meisters Tammerl Freund, und hast nach dem Peterl nicht umgeschaut?« fragte er mißbilligend. – »Das geht mich nicht an,« hieß die Antwort. – »Hast dem Meister auch nichts davon geschrieben?« – »Das liegt nicht in meinen Gewohnheiten. Ich schreibe keine Briefe, und nehme keine Briefe an; bin kein Wechsler von Amsterdam, kein Seidenhändler von Augsburg und dergleichen. Meine Geschäfte machen sich glatt ab durch Fuhrleute, Boten und ähnliche Leute. Ich gewinne somit an Zeit, und erspare alle Jahre ein Beträchtliches an Porto.« – In der That sagte der Mann hiemit die Wahrheit; nicht nur die Stadt, das ganze Land – und darüber hinaus erstreckte sich nicht sein Wirken – wußte um diese Eigenheit des Originalmenschen, und wenn Tammerl und andere ihn bisweilen ihren Correspondenten hießen, so geschah es nur im Spaß, denn außer einem Frachtzettel oder seiner Namensunterschrift unter einer Rechnung u. dergl. schrieb Lengrießer nicht einen Buchstaben. Seraphin setzte indessen im sorglichsten Anliegen für Meister Tammerl sein kleines Verhör fort: »Ist denn der Peterl Dir nicht anempfohlen worden von seiner 141 Mutter oder vom Vater?« – »Tammerl hat mir in Bezug auf ihn nur eine Weisung gegeben; nämlich, ihm kein Geld zu verabreichen. Dieses zu thun ist nun kinderleicht, und der Peter hat mir's noch leichter gemacht: er hat nie ein Geld von mir verlangt. Ich hab' ihn nie gesehen, daß ich wüßte. Ich bin nicht der Mann der Welt; entweder arbeite ich zu Hause, oder ich bete in der Kirche. Am Abend suche ich weder Spiel noch Trinkgesellschaft: denn wir widmen uns – wir Dreie – unter einander der Fröhlichkeit und dem bescheidentlichen Genuß der Gottesgabe. Nicht wahr, Agnes? Nicht wahr, Benedikt?« – »Ach ja,« gähnte Agnes. – »Mein Gott, ja,« seufzte Benedikt. Auch den unerfahrenen Seraphin überlief die Gänsehaut bei der Vorstellung, die er sich von der allabendlichen Fröhlichkeit in Lengrießers Fastenzwinger machte. Auf den ihm wichtigern Gegenstand zurückkommend, fragte er: »Wie ist's aber? Kümmert sich denn Niemand um den entsprungenen Buben? Wenn ihm nun ein Unglück begegnete, oder wenn er, irgendwo versteckt, und ohne etwas zu beißen und zu nagen, krank oder gar vor Hunger des Todes würde?« Den Kaufmann beschlich bei dieser Rede irgend ein ernster Gedanke. Die hartherzige Agnes versetzte bitter: »Hier zu Lande stirbt keiner Hungers.« – Den Ladendiener warf's ein paar Zoll hoch vom Stuhle auf, und er bestätigte wie ein vom Grab Erstehender: »Ach nein, sie halten's aus, so lang's geht.« – »Das wird wohl so seyn,« sagte Seraphin mit einem verdrießlichen Blick auf die einäugige Hauswirthin. Lengrießer war indessen mit seinem ernsten Gedanken auf's Reine gekommen. »Geh,« sagte er zu Agnes: »geh' und spinelle Anspinellen: mittelst eines Bohrers ein Faß vorläufig anzapfen. einmal das Branntweinfassel I B draußen hinter der Thüre an. Mir ist grade eingefallen, daß mit dem Branntwein etwas vorgegangen seyn möchte. Das Säumervolk hat 142 kein Gewissen im Leibe. Zieh' immerhin ein Frackl heraus, und laß uns kosten.« Benedikt schmatzte. Agnes zog ein garstiges Gesicht, wie immer, wenn ihr etwas aufgetragen wurde, und ging. Indessen fragte Seraphin abermals. »Wird denn auch der Bruder des Tammerl nichts für seinen Brudersohn thun?« – »Ei, ei, Tschappel, was fällt Dir ein? Du kennst den hiesigen Tammerl nicht. Er ist ein Mensch wie ein Elephant, ohne Herz, ohne Schmerz, ohne Rechtschaffenheit und – was das Schlimmste – ohne alle Frömmigkeit. Er besucht nur die Frühmeß in der Pfarrkirche – so im Zwielichte – wo ihn die ehrlichen Leute kaum zu Gesicht kriegen, und wenn er sich von einer Prozession losschrauben kann, so thut er's mit Freuden. Dafür ist er aber am Abend regelmäßig im Wirthshause, häufig Nachmittags in einem Buschen Buschen: ein Trinkhaus, das an manchen Orten noch jetzt durch einen ausgesteckten Tannenbüschel bezeichnet wird. auf dem Lande, trägt sich in der Kleidung wie ein allamoda . putzt sein Weib, die Heugeige , närrisch heraus, läßt seinem leichtsinnigen Buben Alles hingehen und seinem Fratzen von Madl hält er einen Meister auf dem Pantalon Pantalon: ein kolossales Hackbrett, von Hebenstreit erfunden, und bald wieder in Abgang gekommen. ! Auf dem Pantalon! O Du heilige Mutter, ist das eine Narrheit, eine gottvergessene Narrheit! Kurz, an dem Joseph Tammerl ist Chrysam und Tauf verloren. Wie lang, und er hat sich um sein Geldl gebracht, und aus der Narrethei ist geworden eine Armethei? – Agnes, wo bleibst Du? Benedikt, geh' hinaus. Mir ist, als wäre die Agnes draußen in Versuchung gerathen.« Der mißgünstige Ladenbursche folgte wie ein bissiger Hund dem Befehl des geizigen Vaters, um die Jungfer Agnes beim Kosten des verbotenen Guts zu überraschen. Mittlerweile sprach Lengrießer weiter: »Du wirst nicht glauben, daß ich aus Neid dem Tammerl seine Fehler herzähle; etwa, weil er auch mit Spezereien und Farbwaaren handelt, gerade wie ich? Gott behüte mich; das wäre mir als Kaufmann und noch mehr als Christ viel 143 zu schlecht. Die paar Pfunde Kaffee und Saffran, womit er die Leute betrügt, schaden mir, Gott sey Dank, nicht im Geringsten. Mein Heiland, wie oft habe ich ihm mit ein paar Loth Ingwer und einem Stänglein Zimmet ausgeholfen, daß er nur seine wenigen Kunden bedienen konnte. Bei mir ist halt der Schnupftabak Herr, den ich gebe rein und unverfälscht, wie der betrügerische Tammerl noch gar nichts hergegeben hat. Du siehst also, daß ich ihn in seiner Ehrlichkeit unangetastet lasse, und nur auf seinen leichtsinnigen Lebenswandel aufmerksam mache. Hoffe also von einem Menschen der Art nicht, daß er sich um seinen Nepoten bekümmere. Er will vom Vater nichts wissen, geschweige denn vom Sohne. Dennoch wollte ich, Du brächtest den Imster Peter wieder zum Vorschein, daß Dein Meister sähe, welch' ein redlicher Kerl Du für ihn bist. Das gefällt mir gar zu wohl an Dir; und wenn Du Lust hättest, den Dienst zu wechseln, Seraphin – schau', ich könnt' mich wohl entschließen, Dich als einen getreuen Lehrjungen zu mir zu nehmen. Ich wollte das Lehrgeld schon billig stellen, Wäsche und Gewand fielen Dir zur Last, und im Uebrigen weißt Du jetzo, wie wir leben; einfach, aber anständig. Wo Dreie essen, wäre auch wohl für den Vierten der Tisch gedeckt. He, was sagst Du zu meinem annehmlichen Vorschlag?« Seraphin war im Begriff, dem Herrn Lengrießer in's Gesicht zu lachen, und ihm zu sagen, daß er lieber sein Leben lang ein Wildemanns-Gewand von Baumbart tragen, und Kranewittbeeren speisen wolle, als der Firma Hungerleider und Comp. beitreten; aber der Spezereihändler vergaß schnell auf den Antrag, den er gemacht, und auf den Bescheid, den er erwartet, weil eben Agnes und Benedikt hereintraten. Es war zwischen ihnen zugegangen wie im Volksliede mit dem Pudel und Prügel, die einander nachgeschickt wurden und selbander nicht nach Hause kamen. Benedikt hatte allerdings seine junge 144 Prinzipalin in der Versuchung befangen und Branntwein nippend gefunden. Statt jedoch ein blinder Vollstrecker seines Befehls zu seyn, war er geschwinde denselben Versuchungsstricken erlegen, und hatte Schluck für Schluck dem Beispiel des Lämmchens gehuldigt. Nun kam er mit gläsernen Augen, Agnes mit leicht gerötheter Nasenspitze. Sie setzten ein Frackl auf den Tisch, und sagten einstimmig: »Der Branntwein schmeckt nach dem Faß.« – »Wohl und gut!« zürnte der scharfsichtige Lengrießer: »das hab' ich mir gedacht. Was ich mir aber nimmer eingebildet hätte, ist, daß Ihr Beide nach dem Branntwein schmecken würdet! Ist das eine Aufführung am Vorabend des Sterbetags meiner Urgroßtante? Pfui, pfui! So muß ich denn alle Schlüssel des Hauses an meinem armen Leibe herumtragen? so darf ich nicht einmal meiner Tochter anvertrauen, was ich habe? Ihr werdet mich noch aus einem freigebigen Manne zu einem Geizkragen machen, Ihr leichtsinnigen Leute. Aber Strafe muß seyn. Für Deinen Fehler, Benedikt, wirst Du drei Tage lang nicht frühstücken, und weil Du nicht der Agnes vernünftig zugeredet – was Deine Schuldigkeit – weil Du also ihres Fehltritts Urheber gewesen, sollst Du auch an weitern drei Tagen des Frühstücks entbehren. Punktum; ich will Euch lehren! Indem jedoch immerdar, um die Fehler der Bösen auszugleichen, die Gerechten leiden müssen, so befehle ich, daß dieser Branntwein wieder ins Faß gegossen werde, oder besser: ich werd' es selbst thun. Auf diese Weise ist der Ausfall wenigstens zur Hälfte ersetzt, und ich habe, beim Eid, keinen Durst mehr, und Du auch nicht, Seraphin?« – »Behüte, behüte Gott!« lachte der Gefragte, der während Lengrießers Sentenz als wie ein ächter Enzianbruder auf gut roblerisch zugelangt, und ein paar tapfere Züge gethan hatte. Er hatte zur Genüge begriffen, daß in einer nothigen Wirthschaft, wie die des Lengrießer, nur ein dreister Handstreich hin und wieder ein Loch in das 145 langweilige Hungertuch aller Tage zu reißen vermochte. – Lengrießer beachtete nicht die Verminderung des Stoffs im Frackl, oder stellte sich, als hätte er sie übersehen, und schickte seine Hausgenossen zu Bette. Er selbst geleitete den müden Seraphin an die Waarenküste, und hielt geduldig das Licht, bis der gute Kerl sich halb und halb entkleidet, und in die sonderbaren Elemente, die sein Lager bildeten, versenkt hatte. Vorsichtig hatte Seraphin, was er am Geld noch besaß, nicht sehen lassen; er traute dem Geizhals zu, daß er wohl etwa zur Nachtzeit kommen dürfte, um den schlummernden Gast leichter zu machen, so fremdartig kam, selbst nach den Mangelzeiten der Grödnerin, dem Knaben das Treiben in diesem finstern Hause vor. Den Vogelkäfig zur Seite, streckte sich Plaschur in seiner Kiste aus, und stammelte eine »Gute Nacht.« Lengrießer schloß den Gang mißtrauisch zu, und ging zu Bette. Seraphin überlegte noch, ob er seinem bellenden Magen nicht das hartgesottene Ei opfern sollte, das er aus dem Mittagquartier mitgenommen, um seine Vögel zu füttern? Die Liebe zu den Thierchen und die Gewißheit, in dem Hause des Kümmelspalters ein anderes Ei für die Vögel nicht zu finden oder zu bekommen, überwand Seraphins Appetit. Er beschloß, die gelben Sänger stattlich zu füttern, bevor er sie ihren neuen Herrschaften zutrug, damit sie mehr Muth und Ehrgefühl bekämen, und ihren Gesang zur Zufriedenheit der Hörer erschallen ließen. Zunächst beschäftigte den Entschlummernden noch die Sorge, den Ausreißer Peter einzufangen. »Die Frau Marianne würde mir's ewig Dank wissen, und wie gut könnte Martina, könnte ich einmal ihre Güte brauchen?« Diese Frage begleitete Seraphin in seine Träume hinüber. – Er wachte auch mit ihr, die sich seiner ganz bemeistert hatte, wieder auf; denn die Nacht war ziemlich kurz, und die 146 verzweifelte Stimme des hungernden Benedikt weckte in aller Frühe das ganze Haus auf. Mit dem schmählichsten Spektakel wurde das Gewölbe eröffnet; an eine Ruhe war ferner nicht zu denken. Seraphin brachte seine geräderten Gliedmaßen nothdürftig in Ordnung, putzte sich heraus, soviel in seinem Vermögen stand, um seine Besuche nicht als ein schmutziger Landstreicher abzustatten, fütterte seine Vögel, nahm vorläufig von ihnen zärtlichen Abschied, genoß ein mit der Observanz des Hauses übereinstimmendes Frühstück, ein Glas frischen Wassers, und wanderte in den heitern Morgen hinaus. Lengrießers Wohnung mit dem Rücken anschauend, sagte er zu sich selber: »Ja wohl theure Zeit; ja wohl lange Geduld! Wenn alle Menschen in der großen Stadt beschaffen sind wie dieser Spezereikrämer, so mag ich nichts mehr von ihnen wissen, und es thut mir leid, mein liebes Imst verlassen zu haben.« Es blieb ihm Muße genug, Innsbruck von allen Seiten zu betrachten. Vor Allem suchte er die Hofkirche auf, um darinnen seine Messe zu hören, und ein glückliches Ergebniß seiner heutigen Verrichtungen zu erflehen. Die Pracht des Kaisergrabmals blendete und ergriff ihn dermaßen, daß er sich lange nicht zu fassen wußte, und es kam eine feierliche Andacht über ihn, die seine Begierde, den entlaufenen Sohn seiner Dienstherrschaft um jeden Preis wieder herbeizuschaffen, verdoppelte. Seine Seele wußte nicht mehr sich mit andern Dingen zu beschäftigen. Ihm war, als dürfte er nicht nach Imst zurückkehren, ohne der zärtlichen Mutter ihr Kind in die Arme zu führen, und als ob von diesem Liebesdienst das Glück seiner ganzen Zukunft abhinge. Alles, was sonst in seiner Erinnerungskammer aufgehoben, trat vor diesem einzigen, sehnsüchtigsten Wunsch in den Hintergrund. Wer sollte ihm jedoch Anleitung 147 geben, den Wunsch in's Leben treten zu lassen? Er kämpfte mit den wunderlichsten Plänen, die Straßen durchstreifend, von Kirche zu Kirche wandernd, bis die vorgerückte Morgenstunde ihm erlaubte, der ersten von den Damen, die er zu besuchen hatte, seine Aufwartung zu machen. Der Sillgasse am nächsten, fragte er sich bis zum Hause, worinnen das Fräulein von Cibulka wohnte. Fußend auf den Unterricht des Meisters Tammerl, der ihn belehrt hatte, daß die Herrschaften in der Stadt an der unbefangensten Treuherzigkeit der Landleute ihre Freude hätten, schritt Seraphin ohne Furcht in das schöne Gebäude ein. Er hatte das dritte Stockwerk zu erklimmen. Auf jeder Treppe begegneten ihm Lakaien oder Dienstmädchen der andern vornehmen Parteien, die im Hause logirten, und des Fragens auf grobe oder spöttische Weise war schier kein Ende. Seraphin ließ sich indessen nicht irre machen, und als hinter der Treppenthüre des dritten Stocks eine alte, verrunzelte und nicht gar sauber gekleidete Dame ihm den Käfig abnehmen wollte, um ihn zum Fräulein hineinzutragen, sagte er standhaft: »Nein, nein, lass Du die Hand von der Kraxen. Ich muß schon selber mit dem Fräulein reden.« – »Ei, ich bin des Fräuleins Mutter!« – »So, so? Aber doch muß ich mit ihr reden, hab' ihr etwas zu übergeben.« – »Aber, dummer Bursche, sie hat gerade Besuch.« – »Das thut nichts; ich bin auch ein Besuch, und, will's Gott, einer, der ihr Freude macht.« Mit diesen Worten die alte Dame auf die Seite schiebend, öffnete Seraphin die vor ihm prangende Flügelthüre, und stand in dem Zimmer des Fräuleins. Das Gemach war groß und hoch, einfach möblirt, und ein erfahrenerer Blick hätte darinnen eine seltsame Verschmelzung von arm und reich wahrgenommen. Für den Vogelträger war es eine Staatskammer. Auf der Bergère unter dem 148 Spiegel saß, in hochrothe Seide gekleidet, das hübsche und junge Husarenkind; eine bräunliche Schönheit von untersetztem Wuchs, wie Husarenschlag es mit sich bringt, mit perlweißen Zähnen, die sie immer lächelnd zeigte, und die noch einmal so angenehm auffielen, da sie von frischen Lippen eingefaßt und von einem leichten Bärtchen beschattet wurden, das abermals an die Abstammung des Fräuleins erinnerte. Etwas wunderlich stach dagegen die leicht durchpuderte Frisur des Fräuleins ab; jedoch merkte man nicht sehr auf den Kontrast, da des Fräuleins neckische und immerdar lustige Beweglichkeit im ersten Augenblick schon fesselte. – Zur rechten des Fräuleins auf einem breiten Sessel blähte sich ein rothbestrumpfter Prälat; zu ihrer Linken stand ein Kavalier in Uniform, mit goldenen Troddeln auf der Achsel. »Ach, ach, ach!« lachte die Cibulka, »wer kommt denn da so frank und frei, uns Gesellschaft zu leisten?« – Sie musterte mit wachsender Lustigkeit den ländlich zugeschnittenen Besuch, der seinerseits einen Kratzfuß nicht versäumte, und mit dem Hütl wedelte. »So grüß' Dich Gott, Fräulein,« sagte er unverdrossen: »ich bring' Dir etwas Schönes, und hab' Dir ein Wörtl allein zu sagen.« – »Allein? nun, das wird etwas Rechtes seyn!« lachte wieder das Fräulein. Indessen hatten sich die Herren dem Vogelträger genähert, und der Prälat fragte in gebrochenem Deutsch: »Wer bist Du, Bubbe?« – »Meines Vaters und meiner Mutter leiblicher Sohn,« antwortete Seraphin, unterließ aber nicht, dem Geistlichen den Rock zu küssen. – »Wie eissest Du?« fragte der Prälat weiter. – »Das ganze Jahr Seraphin.« – Der leutselige Herr wendete sich zum Fräulein und sprach: »Ein gommischer Mensch; hat sbei Augen voll Spißbubberei.« Dagegen bemerkte der andere Herr mit verächtlicher Miene: »Ein grober Bursche, der eine Lektion verdiente. 149 Sag' mir, Tölpel, wer ist dümmer als ein Bauer?« – Ohne mit dem Aug' zu zucken, antwortete ihm Seraphin trotzig: »Du selber; denn Du fragst mich um etwas, das Du nicht weißt.« – Entsetzt trat der Herr in Uniform ein paar Schritte zurück, aber das Fräulein gebot ihm mit einem Blicke Schweigen. »Was bringst Du?« fragte sie. – »Einen Kanari und etwas Geheimes.« – »Ich habe keinen Vogel bestellt.« – »Das ist eben das Geheime.« – »So so? komm' mit mir.« Sie führte ihn in's anstoßende Schlafzimmer, neigte ihre hohe Frisur zu ihm herab, und sagte: »Rede geschwind.« – »Ich soll Dir sagen, daß ein Herr, der gehört hat, wie Du Dir einmal einen gelernten Kanari wünschtest, Dir den Vogel zum Geschenk macht. Da hast Du ihn; er heißt Putzl, und ist gar ein gutes Vichl. Pfeif, Mandl, pfeif, Mannerl.« Putzl gehorchte und zeigte sich guter Laune. Das Lied machte Eindruck auf die Schöne; sie setzte alsobald das Thierl in einen hübschen Käfig, und trug ihn selber zu den Herren hinaus. »Ich hoffe,« sagte sie, »daß mittlerweile der Herr Prälat den Herrn Obristwachtmeister besänftigt haben werden.« – » Già, già, « versetzte der welsche Hochwürdige: »Alles is wieder in besten Schusand.« – Der Major nickte finster. »Wer schickt dem gnädigen Fräulein diesen kleinen gelben Husaren?« fragte er dann mit süßem Munde, aber mit einem Blick voll von Spannung und Eifersucht. – »Etwas Gewisses weiß ich nicht,« entschuldigte sich die Cibulka: »doch meine ich, die Galanterie kömmt vom Herrn von Dobroslaw, gegen den ich wirklich einst geäußert, daß mir ein Vogel dieser Art lieb seyn würde.« – »Ah, ah, ah! von dem Errn von Dobrosla?« lachte der Prälat, wie närrisch: »von dem Cassandro, dem Narcisso von sexig Jahre?« – »Nun, nun, das hat wohl nichts auf sich!« stimmte der Major etwas gezwungen bei, und die 150 Cibulka wiederholte, ihm mit absonderlichem Ausdruck in die Augen sehend: »Nein, nein, mein gestrenger Herr, das hat gewiß nichts auf sich, und der kleine niedliche Musikant mag mir wohl gegönnt seyn, nicht wahr?« – Der Major verbeugte sich. Der Prälat, dem, weiß Gott warum, die flüchtige Vertraulichkeit der Dame mit dem Offizier nicht gefiel, runzelte die Stirne, und sagte zu Seraphin: »Geh', geh', mein Sohn. Man brauchen Dir nix mehr hier.« Der junge Mensch, der beim Namen »Dobroslaw« plötzlich in tiefe Gedanken versunken war, fuhr daraus empor, und stammelte: »Das wird schon seyn. Behüt' Dich Gott, Fräulein,« und nahm seine Kraxe wieder auf. Die Cibulka suchte verlegen in ihren Taschen. »Man sollte doch dem Buben ein Trinkgeld reichen,« sagte sie kleinlaut. Mechanisch, ohne jedoch viel darauf zu geben, streckte Seraphin die Hand aus, aber er dachte nur in einem fort an den Polakennamen, der unversehens wie ein Gespenst ihn überfallen hatte. Die Herren hatten nicht Lust, der Verlegenheit des Fräuleins mit der That zu Hülfe zu kommen. Der Major sagte brummig: »Geh' hin zu dem, der Dich geschickt, und laß Dir von ihm den Gang bezahlen.« – Der Prälat machte es milder ab, reichte dem Träger seine fette weiße Hand zum Küssen, mit der andern nach der Thüre zeigend. Seraphin, in seiner Zerstreuung, schüttelte die dargebotene Hand, als wäre sie des Engadiners gewesen, und zog ab unterm Gelächter der drei Herrschaften. »Ich meine,« sagte er auf der Straße vor sich hin, »daß die Stadtleute noch gröber sind, als wir draußen auf dem Lande. Doch ob sie mich nun auslachen oder nicht, ob sie mir ein Trinkgeld geben oder nicht, das ist mir gleich, wenn ich nur wüßte, warum der Polak mir immer und ewig in's Gedächtniß gerufen werden muß! O, Grödner, Grödner! Du hast mir einen Floh in die Ohren, einen Wurm an's Herz gesetzt, daß Du's vor Gott nicht 151 verantworten kannst. O meine arme Mutter! Könntest Du mir nur aus Deinem Grabe heraus ein einziges Wort sagen! – Wozu aber? ich glaub' ja nichts Unrechtes von Dir, und der Egidi sagt ja, ich sähe meinem Vater aufs Tüpfel ähnlich. Was geht mich also der Dobroslaw an, mit dem mich der böse Feind alleweil neckt und tratzt?« Der Weg zu der Frau Baronin Neuhof, den er jetzt unter die Füße nahm, zerstreute ihn ein wenig. Die Dame wohnte außer der Innbrücke in einem wohlgelegenen Hause, woran ein hübscher Garten stieß. Das Haus hatte nur ein Stockwerk über dem Erdgeschoß; das Zimmer der Besitzerin war daher nicht wohl zu verfehlen. Es verschlug dem muntern Seraphin wenig, daß das Hausgesinde sammt und sonders in einer Küchenstube einen ziemlich geräuschvollen Landtag hielt, und daß kein Mensch um den Vorüberschlüpfenden sich bekümmerte. Des tausendfältigen Fragens und Hin- und Herüberredens müde, trappelte er wohlgemuth die Treppe hinan, auf den Gang, vorbei dem leeren Bedientenstübel, und machte, des Anklopfens nicht gewöhnt, die ansehnlichste Thüre, die ihm in's Auge fiel, bescheiden auf. Ach, da sah es wohl schön aus! Von Gold und Elfenbein strahlte das prächtige Sitzzimmer, über den ganzen Boden hin lag ein weicher Teppich, worauf zu gehen, wie auf einem glatten Rasen, so fein und leise. Aber in dem Zimmer war kein Mensch. Nachdem sich Seraphin geschwinde in dem Dutzend Spiegeln, die in den Wänden saßen, angestaunt und bewundert hatte, schlich er auf den Zipfelzehen einem Seitengemach zu, worinnen sich etwas wie eine Menschenstimme vernehmen ließ. Auf der Schwelle behutsam angelangt, stieß er die halb zugelehnte Pforte auf, und hätte bald Hut und Kraxe zur Erde fallen lassen vor Schrecken. Denn auch in dem Toilettezimmerchen wurde ein Schrei des Schreckens laut. Eine lange, schlanke Dame in einem durchsichtigen Négligémantel fuhr bestürzt vom Spiegeltische auf, und ein Herr, der vor ihr auf einem Knie lag, und einen bloßen Degen in der Hand hielt, schaute sich erblassend, wodurch sein Gesicht eine wackere Aehnlichkeit mit dem Antlitz eines alten Schafbocks bekam, nach dem höchst unzeitigen Störefried um. »Gelobt sey Jesus Christus!« stotterte der verzagende Störefried. – Statt dem frommen Gruße zu antworten, wie sich's gehört, sprang die Dame hastig auf Seraphin los, und überschüttete ihn mit Redensarten, wie sie aus einem schönen und vornehmen Munde gemeiniglich nicht erwartet werden. – Der Herr erhob sich etwas schwerfällig aus seiner gewagten Positur, steckte den Degen einigemal in der Verwirrung neben die Pergamentscheide, bis er ihn endlich versorgte, wo er am Platz war, und ging mit großen Schritten auf und ab, der Dame die Verständigung mit dem Bauer überlassend. Nachdem die Frau Baronin sich hinlänglich überzeugt hatte, daß sie eine harmlose Einfalt vom Lande vor sich, und ihr zur Seite einen Poltron vom ersten Kaliber habe, ließ sie die Maske des Zorns fallen, und suchte durch einen vorgeblichen Anfall von Nervenschwäche sich aus dem Spiele zu bringen. »Weh' mir!« seufzte sie, in ihren Sessel zurücksinkend, »ich bin unglücklich, unglücklich, aber wie Aber wie!: ein bekräftigender Beisatz, z. B. »ich hab' mich lustig gemacht, aber wie!« – »ich hab' mich geschämt. aber wie!« ! Die grobe Gestalt dieses Bauern beleidigt meine Augen, seine heillose Sprache mein Ohr, seine gräuliche Anwesenheit meine Sittlichkeit, und Sie, mein Herr, haben nicht einmal ein Wort des Schutzes für mich! Sie wollen mich glauben machen, daß Sie sich in Ihren Degen stürzen werden, und Sie prügeln nicht einmal mit der flachen Klinge diesen Grobian aus meinem Heiligthum?« Der Herr mit dem Degen schien den nachdrücklichen Aufforderungen der schönen Wittwe Gehör geben zu wollen, aber nun sperrte Seraphin, der wohl errieth, was ihm bevorstehen sollte, den Mund auf, und sagte trocken zu dem Aufgereizten: »Du, lassen wir's gut seyn; 153 laß Du's nur bleiben, und halt' Deine Flitschen Flitschen: Flederwisch; spöttisch für: »Degen oder Säbel«. in Ruh'! Schau, ich bin noch so viel jung, und Du bist nimmer grün, aber Du kämst doch im Haggeln Haggln: mit den Fingern in sich ineinander hacken, um zu sehen, welcher von den beiden Hagglern stark genug, den andern vom Platz zu bringen; im umfassendern Sinn: »zanken, streiten, sich zu Leid leben.« zu kurz. Was macht's auch für'n Spektakel? Ich will Dir ja nichts stehlen, Frau. Ich bring' Dir ja nur den Schwarzhaubeten, den Du beim Lengrießer bestellt hast. Hab' ihn aparte und extra für Dich ausgesucht, den Tanzmusikanten, denn Du hast, wie ich merke, viel Galle und großen Verdruß, und bist dabei krank und schwach; und solchen Leuten muß immer ein lustig's Stückl aufgespielt werden.« – »Der Bube hat uns ein wenig zum besten,« sagte die Baronin halblaut zu ihrem Gesellschafter: »Wir haben's jedoch selbst verschuldet. Den Vogel hab' ich wirklich bestellt.« – Und mit einer Ruhe, als ob sie in ihrem Leben sich nicht erzürnt und niemals einen Nervenanfall auszuhalten gehabt hätte, betrachtete die Frau von Neuhof den Kanariensänger, schwatzte mit ihm, ließ ihn mehrere Male sein Stückchen pfeifen, klatschte ihm Beifall, reichte ihm Zucker, und ließ sich auf's Umständlichste über die Pflege und Wartung des Thierchens ein. Nachdem Seraphin seine Weisheit ausgekramt und seinen Zögling warm empfohlen, beurlaubte er sich, und erhielt von der beschwichtigten Dame eine stattliche Verehrung für seinen Unterricht und seine Mühe. Er küßte der Dame den Rock, kümmerte sich nicht um den in der Ecke schmollenden Herrn, der nicht ein Wort zum Gespräch gegeben hatte, und ging, mit seinen Geschäften zufrieden, wieder in die Stadt zurück. – »Diese waren ein paar Narren,« bemerkte er sich lächelnd: »Weiß Gott, was sie mit einander vorhatten, als ich ihnen so zu sagen vom Himmel gefallen bin; doch ist das Fräulein oder die Frau endlich vaschonig geworden, und das ist die Hauptsache. Der Herr von Oelgötz geht mich nichts an. Jetzt wird's Zeit seyn, zu der gnädigen Gräfin zu 154 marschiren. Welch' ein Gewächs wird wohl diese seyn? Du armer Hansl, bist jetzt ganz allein, und wie bald, so hast Du auch Deinen Hofmeister zum letzten Mal gesehen! Wenn Gott will, wirst Du's jedoch besser kriegen, als Deine Kameraden. Das Husarenfräulein, der Schußbartl , wird sicherlich den Putzl vor Hunger krepiren lassen, und der g'wohnt's nicht, wie der Benedikt. Und den Schwarzhaubeten wird die durchscheinige Frau im Verdruß den Hals umdrehen, wenn der gewisse Herr sie einmal wieder mit seinem dünnen Flederwisch geärgert hat. Ich wünsch' Dir ein besseres Glück, und mir auch, lieber Hansl, denn es wär' doch gar so viel fein, wenn ich den z'nichten Peterl noch wo auffischen könnte!« – Unter diesem und ähnlichen Selbstgesprächen war Seraphin in der Vorstadt angelangt, woselbst die Frau Gräfin von Rechtenfeld, zunächst an der Plottnerei, wohnte. – Die schöne breite Straße, die nur durch die dazumal noch offenen Ritschen entstellt wurde, gefiel dem Fremdling aus Imst, als ein heiterer Gegensatz zu der dumpfigen innern Stadt, und Paläste, wie die Häuser in der Vorstadt, hatte Seraphin noch nie gesehen. Das Haus der Gräfin war eines der schönsten, und gerade nur von ihr und von ihrem Gemahl bewohnt, welcher letztere irgend ein Amt bei dem oberösterreichischen Wesen – der Regierung oder Hofkammer – bekleidete. Ein dicker Schweizer lungerte hoffärtig unterm Einfahrtsthor und machte die Polizei. Ein grämlicher Hektikus in Livree saß oben an der Treppe, und gab den Kommenden, wenn sie geringe Leute waren, eine fürnehme Vor-Audienz, oder katzbuckelte vor denen, die mit Titeln, Ordensbändern und ähnlichen Auszeichnungen sich einstellten. – Dem Vogelträger wurde nicht Katzbuckel, nicht 155 Audienz. Schon der Schweizer hatte ihm grob gesagt: »Marsch hinauf!« und die Schwindsucht in Livree hüstelte ihm zu: »Aha, aha. Nur warten; Geduld haben. Keinen Lärm machen.« – Zog darauf eine Klingel, auf welches Zeichen eine spitznäsige Kammerzofe ihr Gesicht hinter der Glasthüre zeigte. Der Lakai wechselte ein paar Worte mit ihr. Sie betrachtete geringschätzig den Ueberbringer des Vogels, zuckte die Achseln, und sagte zu dem Lakai: »Die gnädige Frau haben just Gesellschaft bei sich. Solches Volk kann man nicht vorstellen.« – Worauf Seraphin, feuerroth vor Aerger und ohne sich zu bedenken: »O Du meine liebe Miedel! möcht' mir schier übel werden vor Deiner Glori! Bist doch auch nicht von Seiden gewebt, oder aus Zucker gebacken! Wie kannst nur so buchsbaumen reden, und bist selber eine Bauern-Dirn von Haus aus?« – Das Mädchen lief zornig und scheltend in's Innere des Stockwerks zurück. Der Hektikus rieb sich indessen mit boshaftlächelnder Miene das Schienbein, und ließ sich gnädig also vernehmen: »Du bist ein grober Gesell, mein Bub'; aber Du hast's bei der Affel auf den Zweck getroffen, und mich freut's. Komm' ein andermal; dann führe ich Dich selber zur gnädigen Gräfin hinein.« – »Thu's gleich, lieb's Mandl; ich thät' recht schön bitten; denn schau', ich thu vielleicht heut' Abend schon wieder verreisen, und kein Mensch wär' da, um der gnädigen Frau zu berichten, wie man den Hansl zum Singen bringt, und wie er standesmäßig unterhalten werden muß. Die Folge wär', daß der Vogel halt lang stumm bliebe, etwa sein Stückl vergäße, erkrankte und krepirte, ohne daß ihm ein Doktor dabei geholfen hätte.« – »Das geht mir ein,« erwiederte der Lakai auf die treffende Bemerkung Seraphins, die dem Hunger und der Aussicht auf eine brave Mahlzeit am Gesinde- oder Gesindeltisch ihre Entstehung verdankte: »Du bist ein 156 närrischer Kerl, und die Herrschaften können euch Lustigmacher wohl leiden. Wart' ein bissel. Der spitznaseten Fledermaus zum Trotz sollst Du gleich vorkommen.« – Der gefällige Neidhammel ging alsobald, um sein Versprechen in Erfüllung zu bringen. Seraphin sah ihm etwas scheel nach, und meinte still für sich, daß er dem sirigen Rockausklopfer schon gern etwas auf den »Lustigmacher« herausgeben würde, wenn er ihm just nicht so nothwendig wäre. Ein Hannswurst zu heißen, war dem Vogelträger unausstehlich; doch erinnerte er sich der Lehre Tammerls: »Nimm die Leute, besonders die vornehmen, gerade wie sie sind; mit allem Verdruß wirst Du sie dennoch nicht anders machen!« und schwieg klüglich, des fernern gewärtig. Nicht lange darauf öffneten sich für Seraphin die Pforten, die ihm die Spitznase gern verschlossen gehalten hätte. »Sey nur ganz wie zu Hause,« raunte ihm der Hektikus zu: unsere Herrschaft lacht gern, wenn sie auch zu andern Zeiten recht schiech thun kann, und die andern gnädigen Damesen sind gar nicht heikel, und warten jetzt auf einen Spaß.« – »Den kann ihnen ein anderer vormachen,« brummte Seraphin in den keimenden Bart, und schlenderte lustig auf die Thüre zu, die der Lakai vor ihm weit aufmachte. Er trat in einen schönen hohen Saal, marmorweiß mit Gold verziert. Viele Fenster ringsum; an jedem Pfeiler ein Marmortischchen und ein langer Spiegel; auf jeder Wandfläche ein oder ein paar große Medaillons, aus deren Goldrahmen die abgeleibten Rechtenfelder männliche und weibliche, mit Küraß und Allongeperücke, mit Silberhauben und Brokatmiedern in die Wirklichkeit herniederschauen. An der Decke des Saals, ein Meisterstück des welschen Stuccadors, tummelte sich eine Armee von Liebesgöttern, blind und sehend, mit Pfeilen und mit Tauben, mit dicken Köpfen und geschwollenen Beinen. Ein ungeheurer Kronleuchter schwebte über 157 dem Saale, der Fußboden war spiegelblank und glatt. An der Ehrenseite des Saals lief ein Gewölk von Seidenstoff und Franzen hin, und darunter, auf einer niedrigen Estrade, um einen langen sammetbedeckten Tisch saß in üppigen Lehnstühlen eine zahlreiche Damen-Gesellschaft. Den guten Seraphin überlief ein bischen Schauder, denn auf diesen Anblick war er nicht vorbereitet gewesen, und seine Füße glitschten auf dem hälen Boden aus, daß er unwillkürlich ein paar Kniebeugungen machen mußte, als ob er einem Altar gegenüber stände. Die Damen saßen da, als hielten sie ein Gericht; ihre Zungen, die bisher wacker an der Arbeit gewesen, rasteten plötzlich, und Aller Augen wendeten sich steif dem Vogelträger zu. Ihre Häupter, hoch frisirt und mit dem winterlichen Puderschnee der Mode gewaltig ausstaffirt, mahnten den Vintschger an den Suldner-Ferner, an den Ortler und seine weißen Kameraden. Dagegen waren die Backen der alten und jungen Herrschaften in seltsam leuchtendes Roth getaucht, und nicht eine einzige war gegenwärtig, die nicht – wie der einfältige Bauer meinte – wenigstens mit zwei oder drei Muttermälern im Gesichte gezeichnet gewesen wäre. Alle Gestirne des Firmaments schienen sich in schwarzen Verkleinerungen auf das Antlitz der Damen herniedergelassen zu haben. Dem Seraphin war's ein wunderliches Schauspiel, vor dem er seine Augen noch obendrein verschämt niederschlagen mußte, denn unter dem mannigfaltigen Schmuck von schwarzen und diamantenen Halsbändern, von Perlschnüren und Spitzentand leuchteten so viele nackte Reize hervor, daß er unfreiwillig der vorletzten Bitte im Vaterunser gedachte. – Seraphins Haltung war gewiß eine ergötzliche; ein kicherndes Rauschen lief bald durch die ganze Gesellschaft. Indessen erhob sich aus dem größten Sessel die Dame des Hauses, eine stolze und feiste Figur in unendlich weit ausgestreiftem Reifrock, und segelte mit wehenden 158 Bändern und Schleifen dem jungen Menschen entgegen. »Was hast Du da, Kleiner?« fragte sie herablassend. – Wenn schon geärgert, daß die bildsaubere Frau ihn den »Kleinen« nannte, zögerte Seraphin nicht, ihr zu erwiedern: »Bist Du die Gräfin, der ich den Hansl da übergeben soll?« Nun war's, als ob vor einem unbefangenen Wanderer plötzlich ein ganzes Volk von Vögeln aus dem Busch aufflöge; alle Fächer der Damen rauschten zumal auf, und wedelten heftig hin und her, und hinter denselben verbargen sich die zum hellen Lachen gereizten Schönheiten, und die Zitternadeln in ihren Frisuren nickten wie die Halme, die der Ostwind bestreicht. »Nun?« fragte Seraphin, nachdem er seine Bestürzung überwunden: »Da ist nicht zu lachen. Der Hansel ist ein Kapitalvogel, und wenn ös still seyn wollt's, so will ich enk »Oes« und »enk«: in der tiroler Bauernsprache: »Ihr« und »Euch«. sein Liedl zum Besten geben.« Noch eine Salve von Gelächter und Fächerschlagen, dann wurde es ruhig. »Lass' hören,« sagte die Gräfin. Seraphin setzte ohne Umstände seine Kraxe auf den Tisch, und ermunterte seinen Liebling, der nach manchem ablehnenden »Piep, piep!« den Schützenmarsch anhob, und ohne Stocken feierlichst bis zu Ende ausführte. Das Stück machte seine Wirkung. Die Damen trugen unter ihren Fischbein-Harnischen im Busen patriotische Herzen, und der einfache Freuden- und Schlachtgesang des kriegsfertigen Tirolervolks erregte ihren lauten Beifall. Die unscheinbare Kraxe mit dem wohlgeschulten Sänger ging von Hand zu Hand; es war ein Gelock und Reißen um den Vogel, daß dem Lehrer desselben vor Vergnügen die Augen übergingen. Er selbst wurde gehätschelt und angeredet und examinirt von allen Seiten, bis seine einfache Lebensgeschichte ihm ganz und gar abgefragt worden. Eine alte Dame nannte ihn zuerst einen »herzigen Affen,,« eine jüngere fuhr ihm mit der von Ringen 159 blitzenden Hand durch die seidenen Haare; eine noch jüngere meinte, er habe Augen wie Karfunkeln, und es sey schade, daß er gerade nur ein Bauer. Die Gräfin stopfte ihm den Mund aus ihrer Bonbonbüchse, und er schluckte geduldig, obschon er gern das parfümirte Zeug ausgespieen hätte. Er befand sich ungemein wohl, war recht artig, ohne es zu wissen, nachte Scherz, ohne es zu wollen, und freute sich der Zukunft seines Hansl, die sich unter den besten Vorbedeutungen ankündigte. Die Gräfin gab wirklich alsobald Befehl, einen prächtigen Käfig herbeizuschaffen, bezahlte den Vogel freigebig, und ließ ein erkleckliches Trinkgeld in die Tasche des Vogelträgers fließen, dem einige von den Damen einen nicht unbeträchtlichen Zuschuß beifügten. – »Das nenn' ich einmal raschonige vornehme Leute,« flüsterte Seraphin sich zu: »für so viel Güte kann ich ihnen schon das bischen Lachen verzeihen. Sie verstehen's halt nicht besser, und wenn sie in ihrem Aufzug nach Planail oder Burgeis kämen, so würden sie halt auch ausgelacht, und somit geht Eins von Eins auf.« – Mittlerweile verflog indessen die Zeit, die Kutschen und Tragsessel der Damen wurden nach einander angemeldet, die Herrschaften nahmen von einander den zärtlichsten Abschied, machten Bestellung über Bestellung bei dem »herzigen Affen« und trippelten in langer Reihe auf ihren fünfzölligen Stöckeln unter'm Geleit der Gräfin von dannen. – Die letztere hatte, wie Lengrießer vorausgesehen, zu Seraphin gesagt: »Geh' hinunter in die Küche, sie sollen Dir etwas zu essen geben.« Er ließ sich's nicht wiederholen, und begab sich in den Schutz seines hektischen Freundes. – Als die Eßglocke angezogen wurde, fand der Hungrige unten am Tische der Dienstleute ein kleines, gar bescheidenes Plätzchen. Ein gewisser Triumph war ihm vorbehalten. Sein Plätzchen suchend, war ihm das bewußte 160 Kammermädchen begegnet, und hatte sich erzürnt von ihm zum offenen Fenster gewendet, mit den Worten: »Pfui, schon wieder der bäurische Flegel! in dieser Gesellschaft werd' ich heute nichts essen können!« – Seraphin war guter Dinge, und zum Spotte aufgelegt. Mit einem Blick auf die zum Fenster hinaus lehnende Zofe hatte er weg, daß ihr Strumpf einige lückenhafte Maschen aufwies. Er zupfte daher die Schmollende bescheidentlich am Kleide, und da sie sich zürnend umdrehte, und fragte: »Was soll's, was gibt's?« langte er in die Tasche, zog ein Stücklein Geld hervor, und antwortete mit falscher Demuth: »Sey nicht böse, Miedl. Hab' Dir nur einen Kreuzer zu einer Seide schenken wollen, damit Du das Loch in Deinem Strumpf flicken kannst.« Das Dienstvolk wieherte laut auf, und zum Glück streckte der Hektikus zur selben Frist die Nase neugierig über Seraphins Schulter, denn auf diese Weise bekam er die Ohrfeige der Kammerkatze, die auf Seraphin gemünzt gewesen war, und verdoppelte die allgemeine Fröhlichkeit. Während er fuchswild der Davonspringenden nachlief, setzte sich die ganze ehrenwerthe Gesellschaft zur Tafel nieder, an deren Ehrenplatz der Portier als der Aelteste den Präsidentenscepter führte. Nachdem das Voressen verzehrt worden, sollte Seraphin gehänselt werden; aber er gab den Föpplern so treffend heraus, daß sie es unterließen. – Nach dem Gebratenen sollte er betrunken gemacht werden; er wies jedoch den Wein von sich, und trank nur Wasser; und als die Suppe aufgetragen wurde – damals die letzte Speise an ähnlichen Tischen – waren schon alle Beisitzer darüber einig, daß der Vintschger ein vernünftiger Kerl und somit in Ruhe zu lassen sey. – Neben Seraphin hockten zwei junge Menschen in kahlen Kleidern, die offenbar nicht zum Hause gehörten, mit denen keine Bedientenseele eine Sylbe redete, die ihre Ellbogen nur gar demüthig rührten, und sich kaum 161 unterstanden, einander ein paar Worte, und zwar lateinisch, zuzuwispern. Daß sie lateinisch sprachen, errieth Seraphin geschwind, denn er war daheim ein eifriger Ministrant bei der Messe gewesen. Die schwäbischen Mantel, die von den beiden Kahlmäusern an die Wand gehängt worden waren, brachten Seraphin auf die Vermuthung, daß die stillen Esser etwa Studenten seyn möchten. Dem war auch also. Sie gehörten zu der armen Klasse, die irgend ein mageres Stipendium genoß, aber, um sich durch's Studentenleben zu schlagen, auf schlechtbezahlte Instruktionen und auf Freitische angewiesen war. Adeliche und bürgerliche Familien zu Innsbruck hatten stets für dergleichen Musensöhne gewisse Kosttage ein- oder zweimal in der Woche zur Verfügung. und diese Freimahlzeiten waren allerdings eine Vorschule der Demuth und Selbstverläugnung für die Jugend, die sich für den geistlichen oder den Beamtenstand zu qualifiziren suchten. Gewöhnlich mußten sie. ohne Ansprache und Ermunterung, das Silentium der Karthäuser beobachten, dem Hausherrn und der Hausfrau, insofern diese mit zu Tische saßen, beim Kommen und beim Gehen die Hand küssen, und, um die Wohlthat des Freitisches dauernd zu erhalten, mit gewissenhafter Treue zu jeder Zeit die besten Schulzeugnisse beibringen. Einem selbstständigen Charakter ist bisweilen vorgekommen, als ob diese oft sehr weit getriebene Abhängigkeit des Studirenden von seinen Nährvätern und Tischmüttern nicht die besten Folgen für den jungen Menschen haben dürfte, allein es sind dennoch so viele ausgezeichnete Köpfe und Biederseelen aus derlei Verhältnissen an's Licht der Welt gestiegen, daß dieser Verhältnisse Vortheile ihren Nachtheilen die Waage zu halten scheinen. – Seraphins Nachbarn waren vom besten Schlage: heitere, rosenfarbige Gesichter; der Eine von den jungen 162 Leuten namentlich hatte Züge um den Mund, die da verriethen, daß er auch von Lachen und Fröhlichkeit etwas wisse. Seraphin sah ihn gern an, und meinte, daß er ihn schon früher einmal gesehen. Nach einigen halblauten Fragen kam heraus, daß der Student ein Landsmann Seraphins war, ein gewisser Mayr-Michael, ein Vetter des vor zehn Jahren blühenden damaligen Gemeindesaltners von Burgeis, des wohlbekannten Oswald Bliem, der ein Schalk und Leutanführer gewesen, wie selten einer, und von dem das Lugeneck zu Burgeis den Namen erhalten, weil er an selbigem Platze gewohnt war, den leichtgläubigen Bauern allerlei Mährlein aufzuheften, immer eines toller als das andere. Michael stand im Rufe, da er noch daheim zur Schule ging, von seinem Vetter Oswald das schnackige Wesen gelernt zu haben, und wohl eher zu einem Cortisan zu passen. als auf die Kanzel, wohin ihn seine Angehörigen zu stellen gedachten. – Daher verwunderte sich Seraphin über das gar stille und zimperliche Betragen des vordem so aufgeweckten Menschen, und fragte nach der Ursache. Michael stieß ihn aber, in der Runde gäh umschauend, ob niemand die unbescheidene Frage gehört, mit dem Fuße an, und murmelte über seinen Löffel hin: »Halt's Maul, wir sind hier strenger daran, als im Kloster. Die Gräfin dürfte nichts merken, oder . . . .« – Seraphin schüttelte den Kopf, und fragte sich nun selber, was Schlimmes daran sey, wenn ein junger Mensch seinem Muthwillen ein wenig den Lauf ließe. Dann sagte er: »Du, ich hab' Respekt vor der gnädigsten Gräfin, ein schöneres Weibsbild hab' ich gar noch nicht gesehen, und sie hat ein Herz wie Butter so mild und gut. Sie kann gewiß keinem Hundl ein Leid anthun, und ihre Augen scheinen so sanft in die Welt 163 hinein, daß man grad' d'rinnen sitzen möchte als wie in einem weichen Bettl. Gewißlich hat sie in ihrem Leben noch keine Galle gehabt, just als wie ein Täubl ohne Falsch.« – Dem verschlagenen Michael spielte das Lachen noch bemerkbarer um die Lippen. Er zuckte die Achseln, und murmelte wieder über den Löffel: »Das von den Tauben ist erlogen; sie sind die allerbösesten Thierlein, und wenn sie noch so häl und lieblich ausschauen.« – In demselben Augenblick hob der Portier die Tafel auf und alle verließen ihre Stühle. Die beiden Studenten griffen wie auf's Kommando, sobald das Gebet gesprochen, nach ihren Mänteln, und Seraphin besann sich, was jetzt für ihn zu thun sey, als die Thüre des Bedientenzimmers aufging und die Gräfin in Lebensgröße hereinkam. Das Bedientenvolk entfernte sich ehrerbietig, die Studenten hielten betroffen still, und bückten sich tief. Die Gräfin ging höchst leutselig auf Seraphin zu, und fragte: »Wie ist Dir's ergangen? Haben sie's Dir an nichts fehlen lassen?« – »Warum nicht gar!« – erwiederte Seraphin dankbar und spiegelte sich in den blauen Augen, die ihn wohlwollend anschienen wie zwei Sonnen. »Du bist halt eine gute Gräfin, ein Mensch, so herzensgut als sauber dabei, und ich dank' Dir gar schön für das brave Essen. Jetzt kann ich den Lengrießer und seinen Fasttag auslachen.« – Auch die Gräfin lächelte angenehm, und duldete gern, daß ihr der junge Plaschur den Rock küßte. Die Studenten näherten sich, der Gönnerin dieselbe Huldigung darzubringen. Sie streckte die Hände hin, und sprach den Gefährten des verschlagenen Michael an: »Sag' Er mir, was ist an der Komödie, die heute von denen Studenten aufgeführt wird? Die ehrwürdigen Väter der Gesellschaft Jesu versäumen keinen Anlaß, uns ein 164 Vergnügen zu machen.« – »Excellenz,« erwiederte der Student: »das Stück ist vortrefflich, das Laster wird bestraft und die gemißhandelte Tugend erhöht. Der reverendissimus Pater Rector selbst hat die Chöre im Text verfaßt, und sie sind in Musik gesetzt worden von dem ehrwürdigen . . . .« »Also trefflich, schon gut,« unterbrach die Gräfin den Weitschweifigen, drehte sich dann zu dem nebenstehenden Michael, und fragte wieder: »Was hab' ich denn so eben hören müssen?« – Michael wechselte die Farbe. Seraphin verstand nicht, warum. Die Gräfin, ohne davon Notiz zu nehmen, fuhr fort: »Der Oberist, der Luigi Maratti, soll sich heute früh selbst entleibt haben?« – »Leider ist's so, gnädigste Excellenz,« antwortete Michael, der mit Vergnügen vernahm, daß die Gräfin keinen Verweis gegen ihn in petto hatte: »der Mann hat sich mit einer Pistole todt geschossen.« – »Ja, ja, so ist dieses Volk,« nahm die Gräfin wieder das Wort: »in Sünden gelebt und in Sünden gestorben.« – »Ich glaube, daß Kränklichkeit und Dürftigkeit an der vorschnellen That schuld gewesen,« bemerkte Michael unterthänig. Worauf die Gräfin streng: »Wie? Er nennt vorschnell, was eine gräuliche, ja die gräulichste Sünde ist? Schäm' Er sich. Laß' Er mich das nicht wieder hören. Wer hat Ihm gesagt, daß der Maratti wegen Kränklichkeit und . . . .« – »Ich hab's von einem seinigen Kameraden . . . .« sagte Michael, verwirrt werdend. »Wie kommt er mit selbiger Bagage zusammen?« fragte die Gräfin unerbittlich weiter. Immer verwirrter stotterte Michael: »Nicht ich selber, Excellenz . . . . nicht ich . . . . die dritte Hand . . . .« – »Schweig' Er. Er sollte von einem miserabeln Theatersänger ums Geld nicht das geringste wissen.« – »Vergeben Eure Excellenz,« fuhr Michael unbesonnen heraus: »der Luigi Maratti ist nicht ein miserabler Sänger gewesen, sondern ein Sänger von 165 viel Stimme und Musik; man wußte zudem gar nicht, worinnen er wohl mehr sich hervorthat, in der Action oder im Gesang. Ich versichere Eure Excellenz, wenn er heraustrat als Raimundo in seinem Harnisch, ganz von Silberflindern und mit dem stolzen Federhut . . . .« Plötzlich, aber leider allzu spät, hielt der hingerissene Sprecher inne, und Seraphin gewahrte mit bangem Schrecken, daß der Gräfin Taubenaugen sich in solche verkehrt hatten, wie die selige Grödnerin sie führte, oder wie noch ein einziges in Lengrießer-Lämmchens Antlitz vorhanden. Mit der heftigsten Erbitterung blitzten diese Augen den ertappten Studenten schier zu Boden. Der Donner blieb nicht aus, und rollte folgendermaßen aus der sanften Gräfin Munde: »Er impertinenter Bursche, Er: Heuchler und Lügner! mußte es so kommen, daß ich Ihn endlich ertappe? Woher weiß Er, wie der Maratti ausgesehen, wie er gesungen? woher Seine Begeisterung, wenn Er nicht den Komödianten auf den Brettern gesehen hätte? So ist also wahr, daß Er in die Oper geht, die da ist ein höllischer Abgrund für alle jungen Leute? Und nun glaub' ich erst von Herzen, was mir schon zu Ohren gekommen, daß Er sich hin und wieder nicht entblödet, in besagter Opera für Geld, und um der Liederlichkeit zu fröhnen, den Essigkrug Essigkrug: Scherzname der in den Jesuiten-Komödien vorkommenden Statisten. zu machen. Ja, ja, läugne er nicht, halt' Er das Maul. Er weiß, daß im gräflich Rechtendorf'schen Hause für die armen Studenten-Kostgänger ein Gesetz ist, weder Schenken noch am allerwenigsten das Theater zu frequentiren. Er hat dagegen gesündigt, und von heut' an in diesem Hause nichts zu suchen. Scheer' Er sich augenblicklich hinaus, und Er, Gabriel, wenn Ihm an der gräflich 166 Rechtendorfschen Gunst etwas liegt, nehm' Er ein Beispiel, und eine Warnung sey Ihm dieses heuchlerischen Komödianten Exempel!« Da war nicht zu handeln, nicht zu markten; es mußte dem Befehl gehorcht werden. Einige falsche Thränen im Auge schob sich Michael aus der Thüre; Gabriel folgte mit zerknirrschter Reverenz, und so wie öfters, wenn ein Knabe davongejagt wird, auch die andern sich durchmachen, in der Meinung, die Reihe werde noch an sie kommen, so wollte Seraphin ebenfalls gekrümmten Rückens den Studenten nachschlüpfen. Aber die Gräfin, die schnell ihre Taubenaugen wieder gewonnen hatte, rief ihn zurück, und sagte ihm: »Du Patscher, das geht Dich ja nicht an. Hie und da muß man schon mit den abgedrehten Schmarotzern auf solche Weise abfahren. Das hat aber nichts auf sich, und ist gesund für die Herren aus der Schule. Was Dich betrifft, so geh' jetzt in Frieden und Gottesnamen, wenn Du willst. Hast Du einmal wieder etwas Schönes, so komm' dreist, es mir zu zeigen. Dein Hansel ist schon im Käfich wohl aufgehoben, und die Kraxe wirst Du beim Portier finden.« So entließ die Gräfin Seraphin aufs anmuthigste. »Potz Stern!« sagte Seraphin, davongehend: »Da hab' ich mich geschnitten mit den Tauben und mit der Sanftmuth. Die gnädige Gräfin kann ja, wenn sie will, so gemein seyn, wie die gemeinen Leute. Wer hätte das gedacht?« – »Ja wohl,« sagte ihm eine Stimme in's Ohr. Es war der Hektikus, der neben ihm stand. »Wer hätte auch gedacht, daß ich heute statt Deiner eine Maultasche würde einstecken müssen, Du Rebell und Malkontenter?« – »He! was heißt das Alles?« fragte Seraphin, und der Andere versetzte: »Das heißt, daß Du in einem vornehmen Hause nicht mehr laut denken sollst. Wenn die Fledermaus Deine letzten Worte gehört hätte, 167 Du würdest nur mit blauem Buckel davonkommen. Ich will ihr aber keine Freude machen, und darum geh' in Frieden, und danke dem Himmel, daß heute der Büchsenspanner mit dem Grafen über Land ist, sonst hättest Du der Spitznase das Loch in ihrem Strumpf nicht unvergolten vorgeworfen. Er ist ihr Liebhaber und salva venia Bräutigam, und führt eine respektable Faust. Adieu, Kleiner.« Seraphin schlenkerte die leere Kraxe auf seine Schulter, pfiff vor sich hin, und sein Liedlein klang: »Das ist ein schönes Gesindel übereinander; Schuhbürste und Besen können sich nicht leiden, ist Eines so schlimm als das Andere. Und die Herrschaften . . . . daß Gott erbarm'! Der arme Landsmann ist sauber in die Patsche gerathen. 's geschieht dem falschen Bruder schon ein bissel Recht, aber doch nicht ganz. Ein wenig Nachsicht würde der Gräfin fein angestanden haben, und es sollte ja in der vornehmen Zucht selber liegen, daß sich die Herren und Damen nicht so blank und gäh dem Zorn überlassen, wie die armen und dummen Leute. Aber nach der Erziehung wird, wie es den Anschein hat, nicht viel gefragt; die Hauptsache ist, von Adel und Ansehen zu seyn. Die Tante Lenerl zu Imst wäre eine weitaus manierlichere und christlichere Gräfin geworden, als die Rechtenfeld'sche.« So wie der Name der Tante Martinas ihm beifiel, stand Seraphin betroffen still, schlug sich wie ein Vergeßlicher, der sich auf das Versäumte erinnert, vor die Stirne, und suchte alsdann hastig und unruhig in seinem Hängranzel. »Es kann doch in ganz Schwabenland einen heillosern Drottel nicht geben, als ich einer bin,« zankte er sich aus: »Da lehne ich schon vierundzwanzig Stunden lang in der Stadt herum, in allen vier Ecken und Weltgegenden, laufe von Haus zu Haus, balge mich in Gedanken mit der garstigen Raupe, dem Peter 168 Tammerl, herum, denke nur halb an mein liebes Schatzl, und habe die Tante Lenerl ganz und gar vergessen. Wo ist denn das Packl von der Tante?« Er suchte fleißiger, und fand es unter den für Peter bestimmten Schlafhauben versteckt. »Ich will gleich bestellen,« sagte er: »wohin gehört's denn?« Eine Adresse befand sich auf dem kleinen Päckchen, und sie war recht leserlich geschrieben, die Adresse: dennoch sah es aus, als könne Seraphin sie nicht entziffern. Er las und las wieder, und drehte das Päckchen hin und her; immer blieb die alte Aufschrift, wie sie gewesen, wurde nicht länger, nicht kürzer. Seraphin mußte sich endlich gestehen, daß er nicht träume oder konfus im Kopfe sey, und daß eben in Wirklichkeit die Aufschrift lautete: »An Sr. Hochwohlgeboren, den gnädigen Herrn von Dobroslaw, abzugeben im Frieger'schen Hause nächst Mariähülf.« Seraphin starrte die vertrackte Adresse noch lange an, und rief im hellen Zorn: »'s ist viel, wenn das nicht ein höllischer Spuck von der Grödnerin oder vom Hexenmeister Liebl ist, um mir allen Appetit an der Stadt Innsbruck zu verderben! Muß denn der verwünschte Name mir überall vor die Augen kommen? Kann ich's denn nicht dahin bringen, dem Herrn, den ich einmal nicht leiden kann, auszuweichen? Da möchte Einer doch gleich . . . .!« Wenn auch der gut christliche Plaschur die Verwünschung verschluckte, die sich ihm auf die Zunge gedrängt hatte, so war doch keineswegs seine Gesinnung friedfertiger geworden. Er warf murrig seine Kraxe in Lengrießers Gewölbe ab, und wollte schon dem hungrigen Benedikt einen Kreuzer schenken, damit jener den Brief bestelle. Aber plötzlich reute ihn der Entschluß, sein Ehrgefühl behielt die Oberhand; er wollte selber ausrichten, wozu er sich anheischig gemacht, und sich nicht mehr kindisch ärgern und fürchten. »Der Mann kennt 169 mich ja nicht,« sagte sich Seraphin zum Troste: »weiß gewiß kein Wort von des Grödners abenteuerlichen Grillen . . . . und was fürchte ich denn eigentlich? daß er in der That seyn möchte, wofür ihn der Grödner ausgeben will? Pfui, Seraphin. Deiner Mutter Andenken sollte Dir heiliger seyn, als daß Du nur eine Minute lang zugäbest, was der Grödner in den Tag hinein diftelt und platzedert. – Ha, ha, ich freue mich sogar, einmal den Herrn zu sehen. Ist er nicht der alte Schatz von der Tante Lenerl? Richtig; und haben nicht heute die Herren bei dem Husarenfräulein von ihm geredet, und zwar, wie mich dünkt, nicht sehr zu seinen Gunsten? Ha, ha, ich könnte ihm nebenbei ausrichten, wie das Fräulein sein Geschenk aufgenommen? Aber pfui doch, was geht das mich an?« Die Sache war, daß sich allerdings Seraphin noch immer vor einer Entdeckung fürchtete, die ihn bedrohte, wie ein gräßliches Gespenst; daß er innerlichst wünschte, den fraglichen Herrn gar nicht zu Hause zu finden; und daß er seinem Ziele zuschlich, wie ein Lamm der Schlachtbank. – Das Frieger'sche Haus lag sehr ländlich und angenehm, etwas oberhalb der Mariähilfkirche, die als ein Denkmal des Danks der tirolischen Landstände für die glückliche Abwehrung der Kriegsplage zur Schwedenzeit und für die Wohlthat des westphälischen Friedens errichtet worden ist. Ein anmuthiges Gärtchen umgab das Haus, mit Gängen von Rebenlaub beschattet. In dem Gärtchen saß eine schwarzäugige, etwas leichtfertig sich geberdende Frau, ein Stück von Haushälterin, und schwatzte traulich mit einem vor ihr stehenden jungen Mann, den der bunte Troddelsack unterm Arme als einen ehrsamen Badergesellen auswies. Auf die Frage Seraphins nach dem gnädigen Herrn erwiederte die Frau mit einem flüchtigen, aber wohlgefälligen Blick auf Seraphin: »Geh' nur hinauf. Der gnädige Herr ist gerade zu Hause und zu 170 sprechen.« – Seraphin entgegnete wieder verlegen: »Schau', 's wär' mir halt so viel lieb, wenn Du so gut wärst, und wolltest dem Herrn das Packl hinauftragen.« – »Schau',« entgegnete ihm ihrerseits die Haushälterin, »schau', wie ein junges Blut so faul seyn kann, die Beine über die Treppe zu schonen! Spring' nur hinauf, und mach' Dir selbst den Kammerdiener. Bist nicht zu gut dazu!« – Es blieb in Gottesnamen nichts Anderes übrig; in den sauern Apfel mußte gebissen werden. Seraphin murrte hinansteigend mit seinem Geschick: »Ist denn dieses nicht zum Zerspritzen vor Aerger? 's ist die verkehrte Welt. Ueberall, wohin ich heute gewollt habe, bin ich abgewiesen worden oder zur Unzeit gekommen, und hier, gerade hier, wo mir das Abweisen recht gewesen wäre, eben hier finde ich alle Thüren im Voraus offen!« Trutzig streifte er seine Schuhe vor der obern Stube ab, trutzig nahm er das Hütl unter'n Arm und das Päckchen in die Hand; mit dem verdrießlichsten Gesicht ging er zu dem gefürchteten Herrn hinein. Es sah doch nicht so furchtbar und entsetzlich in der Wohnung des Herrn von Dobroslaw aus. Im Gegentheil war Alles darinnen und daran sauber, reinlich und von übertriebener Nettigkeit. In dieser Beziehung hätten der gnädige Herr und die Tante Lenerl überaus trefflich zusammengepaßt. Da war nicht ein Stäubchen zu sehen, nicht ein Federchen klebte an irgend einem Gegenstand. Der Schreibtisch glänzte, wie das Kanapé; die Falten in den Vorhängen waren noch so unberührt, als wären die Vorhänge erst von der Nadel gekommen; die Gefässe an den Fenstern, worinnen Hyacinthen und Tulpen blühten, schienen eben erst aus dem Ofen des japanischen Porzellankünstlers gezogen worden zu seyn. Das Schlafzimmer zur rechten Hand hätte mit dem einer Stutzerin um den Rang streiten können; das Schmollzimmerchen 171 zur linken Hand war von Seide von oben bis unten und ein herrlicher Winkel zum Faullenzen und zum traulichen Gespräch. – Als Seraphin in die stille und nette Behausung trat, befand sich der Herr derselben wirklich faullenzend im Schmollwinkel, und streckte sich behaglich auf dem türkischen Divan, entledigt von der Stadtkleidung und angethan mit einem weißen Kamisol, das von rosarothen Bändern zusammengehalten wurde. – »Was bringst Du mir, Junge?« fragte er, des Boten ansichtig werdend, heraus. Seraphin zuckte auf, als hätte ihn Martina gezwickt. Mit gespitzten Ohren sagte er, noch im mittlern Zimmer verweilend: »Ich hätte da etwas von Imst für den gnädigen Herrn.« – »Gib's nur herein,« hieß die Antwort. Neugierig tappte Seraphin in das Kabinet, überreichte sein Päckchen, und trat wieder bescheiden in's Mittelzimmer zurück. An's schnelle Fortgehen dachte er jetzt nicht mehr. Eine gewisse Ueberraschung, aber auch eine gewisse schadenfrohe Heiterkeit strahlte aus seinen Augen. Indessen zog der Herr von Dobroslaw, um die Depesche zu öffnen und zu lesen, den niedergelassenen Vorhang auf. Seraphin, im beständigen stillen Zweisprach mit sich selber, nickte zufrieden, nachdem er den Herrn noch einmal angeblickt, und sagte: »Jetzt bin ich schon ruhig. Die Mutter hat im Leben etwas Besseres zu thun gewußt, als sich in den alten Heiter da zu verlieben. Mag freilich dazumal noch jünger und sauberer gewesen seyn, das rare Mandl, aber gewiß nicht weniger ein hasenfüßiger Komödiant, wie er heute gewesen. Denn, ich irre mich nicht, das ist dasselbe alte Herrl mit der Flitschen, das heut' am Morgen dem durchsichtigen Weibsbild so viel Galle gemacht hat. Schau', schau, wie die Leute zusammenkommen! O Du traurig's Mannerl! o Du dalketer Grödner!« Auch wenn diese Betrachtungen laut ausgesprochen worden wären, hätte Dobroslaw sie schwerlich gehört, denn er war ganz versunken, wenn nicht gerade in Lenerls Brief, so doch im Anschauen der kostbaren Beinkleiderschnallen, die sie ihm als ein Geschenk zu seinem jüngstverwichenen Geburtstage in den zärtlich freundschaftlichen Brief eingeschlossen hatte. »Die Steine sind schön, die Fassung ist reich, die Geberin hat Geschmack,« äußerte Dobroslaw in seinen Gedanken: »der Brief ist, wie er seyn soll, wenn eine alte Jungfer, die ihre Strenge bitter bereut, ihn einem Manne, wie ich bin, schreibt. Auf dieses hin könnten wir fußen und zu erreichen suchen, was uns fehlt.« – Mit einem obenhin entworfenen Plan im Kopfe trat Dobroslaw zu dem Briefboten. »Gehst Du bald wieder heimwärts?« fragte er denselben. – »Morgen.« – Der gnädige Herr fing an, den jungen Menschen bedächtig von Kopf bis zu den Füßen zu betrachten. Zögernd fuhr er inzwischen fort: »Wolltest Du auch mir einen Brief an die ehrsame Jungfer Prombergerin bestellen?« – »Das kann schon seyn.« – »Du scheinst ein rüstiger Bube zu seyn. Wir kennen uns schon, wenn ich nicht irre?« – »Ich glaub's.« – »Ja, ja, ich besinne mich. Du bist heute bei der Frau von Neuhof eingetreten, und hast mich in einer verdammt lächerlichen Stellung gefunden.« – »Ja wohl, zum Lachen war's.« – »Weißt Du, wie ich dazu kam?« – »Nein.« – »Ich will Dir's sagen, damit Du es der Jungfer Prombergerin erzählen kannst.« – »Ei, das geht mich nicht an. Ich bin nicht so gemein mit der Jungfer Lenerl.« – »Desto besser,« murmelte Dobroslaw in seine weit vorstehende Hemdkrause, setzte aber nichtsdestoweniger seine Rede fort: »Ich wollte mich eben niedersetzen, da brach mein Degengürtel, die Klinge stürzte aus der Scheide, und, schnell gebückt, sie aufzuraffen, fiel ich selber halb zu Boden. Der ungebetene Spaß hat mich mein schönes blauseidenes Beinkleid gekostet, das auf dem Knie zerplatzte.« – »Mußt halt ein 173 andermal den Bratspieß fester anbinden,« erwiederte Seraphin trocken. Die Erzählung kam ihm sehr glaublich vor. Was wußte er auch von den überschwenglichen Liebeserklärungen auf einem oder auf beiden Knieen, mit dem bloßen Degen in der Faust abdeklamirt? Derlei ist von jeher nur in Städten Sitte gewesen. Das Volk auf dem Lande kniet nur vor Gott, am Sterbebette seiner Blutsfreunde und vor dem Feinde, wenn um »Pardon« geschrieen werden muß, welches Letztere den Tirolern nicht oft begegnet ist. Der gnädige Herr las die Unbefangenheit des Vintschgers mit leichter Mühe von dessen Stirne, und hob abermals viel gefaßter an: »Thut nichts, ich bin Dir dennoch gut, wenn Du mich schon in der lächerlichen Positur gesehen hast. Weil Du aber morgen schon zurückgehst, und der vielgeehrte Brief der Jungfer Prombergerin mir große Freude gemacht hat, so halte ich es für meine Pflicht, ohne Verweilen eine Antwort darauf zu geben. Setz' Dich indessen ohne Umstände in jenen Stuhl; ich bin in kurzer Zeit fertig.« – »Kann schon warten, wenn's nicht gar zu lang dauert.« Dobroslaw begab sich an den Schreibtisch, und Seraphin, statt Platz zu nehmen, betrachtete neugierig das blanke und geschniegelte Hausgeräth des gnädigen Herrn, der selber, in seinem koketten Négligé, das Muster eines ächtzünftigen Mitihmsalters , wie eine alte verkleidete Jungfer im Mittelpunkt seines zierlichen Nestchens saß. Alles an dem guten Herrn hatte den Anschein des Künstlichen. Seine rothen Bäckchen waren wie geschminkt; seine wohlbesorgten Zähne hätte man leicht für falsche halten können; man fühlte sich versucht, seine Waden mit der Stecknadel zu sondiren. Was von den Vorzügen einer jugendlichern Zeit ihm übrig geblieben, stimmte 174 nicht mehr zu der trippelnden Ohnmacht des verbrauchten Lebemannes. Seraphin fühlte das, ohne sich dessen deutlich bewußt zu seyn, und immer stolzer nahm in ihm die Zuversicht, dieser Mann könne nun und nimmermehr sein Vater seyn, ihre Ehrenstelle in seiner Seele ein. Da kehrte er sich einmal, den Blick von den gestreiften Tulpen abwendend, dem Kanapé zu, und ein Bild über demselben fiel ihm in's Auge: das Bildniß eines Offiziers in stattlicher weißer Uniform mit grünen Klappen. Ei, das war ein Mann! so unähnlich dem am Schreibtisch Sitzenden, und dennoch ihm wieder so ähnlich. – Die Grundzüge im Antlitz des Schreibenden waren auch die des Gemalten, aber wo in den erstern Schlaffheit, lag in denen des Andern eine große Thatkraft; die Augen des Porträts waren nicht feucht und verglasend, sondern feurig und durchdringend, der Mund kühn aufgeworfen und nicht verderbt durch fader Gemeinplätze und Süßlichkeiten unaufhörliche Ergießung. Stirne und Kinn waren voll von Zeichen der Kraft einer markigen Natur. Ein Anflug von Schwermuth verdüsterte die erstere, kriegerisch sprang die letztere hervor. Des schreibenden Dobroslaw Stirne hingegen war ein unbedeutendes Rechenbrett von Elfenbein; sein Kinn das neugierig gestreckte einer klatschenden Base. Dennoch sagte der gnädige Herr, der sich eben einmal nach Seraphin umgedreht hatte, mit Wichtigkeit und Stolz: »Das Bild stellt meinen Bruder Eugen vor. 's ist hübsch gemalt; was meinst Du?« Den armen Jungen überlief es heiß. Da war auch der Vorname jenes Offiziers, den er fürchtete. Das war also der Mann, der jene Briefe geschrieben, der das Geschenk gespendet, das jetzo feurig wie eine Kohle in Glut auf Seraphins Brust lag! Dieser Mann hatte also Seraphins Mutter geliebt; von diesem Manne also behauptete der Grödner . . . .? – Hastig fragte der junge 175 Plaschur: »Wo ist denn jetzt Dein Bruder? Lebt er noch, oder . . . .?« – Ihm wäre recht gewesen zu vernehmen, daß der Offizier in irgend einer Schlacht ehrenvoll geblieben, aber der Herr Bruder antwortete gleichgültig: »Freilich lebt er, und hat's ungemein gut getroffen; nachdem er vor Jahren lange zu Botzen sich aufgehalten, hat er eine reiche Heirath gemacht, ein Rittergut in Mähren gekauft und den Dienst verlassen. Nach dem Tode eines Onkels seiner Frau ist er, die reiche Erbschaft einzusammeln, nach Holland gegangen, und so viel ich weiß, daselbst verblieben.« – »So viel Du weißt. Ihr seyd Brüder, und doch einander fremd.« – »Ach Du Narr! wie es eben geht in der Welt. Das verstehst Du nicht. Wir sind halt von einander verschieden, wie das Feuer vom Wasser. Haben uns nichts von Belang zu sagen. Warum also schreiben? Das Bild ist von einem berühmten Maler gemacht, und ein wahres Kapital, wenn ich einmal einen Liebhaber dazu finde.« Dobroslaw schrieb noch eine Weile fort, und Seraphin hatte Zeit, sich Gedanken zu machen über die Kälte und Lieblosigkeit der vornehmen Stadtleute, und über die seltsame Hartnäckigkeit, womit das Schicksal oder die Macht des Zufalls darauf bestand, ihm ohne Unterlaß den Namen und das Bild und Gedächtniß eines Mannes vor die Seele zu führen, von dem er gar zu gern nicht das geringste jemals gehört zu haben wünschte. – Indessen, wie Alles in der Welt, so ging auch des Herrn von Dobroslaw Brief zu Ende, wurde noch einmal stille überlesen, mit billigendem Kopfnicken approbirt, gesiegelt mit einem ansehnlichen Wappen, und mit den besten mündlichen Komplimenten, auch einem ziemlich anständigen Präsent an den Ueberbringer zur fernern Bestellung übergeben. – Seraphin machte, daß er geschwinde aus dem Eau de hongrie duftenden Dunstkreise des gnädigen Herrn kam; es war ihm schwül 176 und ängstlich zu Muthe geworden neben dem jugendheuchelnden Cassandro, und vor dem lebenskräftigen Bildniß, das gleich wie mahnend und herausfordernd den guten Jungen angesehen hatte. Aber auf der freien Straße, unter dem reinen golddurchfunkelnden Himmel angekommen, warf Seraphin schnell seine Sorgen und Befürchtungen mit jugendlicher Schnellkraft über Bord, und widmete sich ausschließlich dem Bestreben, wo möglich noch etwas von dem Peterl Tammerl zu erfahren, und seinen Heimzug vorzubereiten. »Noch einmal denn zum Bäcker Wohlrauch!« sagte er: »der Mann ist zwar grob, aber nur von ihm kann ich vielleicht noch hören, was mir taugt. Ein rupfenes Hemd ist auch grob; es hält aber dechter warm.« – Auf dem Wege zum Hause des Bäckermeisters mußte er die Brücke passiren. Da stutzte auf einmal des ehrlichen Knaben Fuß und Auge. – Ein paar Schritte von ihm entfernt, spazierten im Nachmittagssonnenschein in ihren gravitätisch umgeschlagenen Philosophenmänteln mehrere Studenten, und hörten eifrig der Erzählung zu, die Einer aus ihnen eifrigst und gestikulirend vortrug. Der Erzählende war der Mayr-Michael, und was er berichtete, unfehlbar die traurige Geschichte seiner Verweisung aus dem Rechtenfeld'schen Hause. – Aber nicht dieses Michaels Anblick war's, der Seraphins Aug' und Ohr und Fuß stutzen machte, sondern die Figur des Studenten, der auf dem rechten Flügel ging, und zu dem vorzugsweise der Michael redete, beschäftigte ihn ganz und gar. Denn – es war nicht zu läugnen – selbiger Student war der Peter Tammerl mit Haut und Haar, vom Scheitel bis zur Zehe, nur um ein gutes Stück größer geworden seit der Begegnung auf der Zerzeralp, deren sich Seraphin wohl erinnerte. Aber wie ein junger Mensch binnen acht oder neun Monaten aufschießen kann, wußte Seraphin von sich selber zu sagen. – Wie kam 177 jedoch der Peter aus dem Bäckerhemde in den Studentenmantel, unter den kleinen dreispitzigen Hut, in die zierlich gestärkte langzipfliche Halsbinde? Das Räthsel zu lösen, mit Herzpochen und wachsender Begierde, folgte Seraphin den steif spazierenden jungen Herren in die Stadt hinein. Der Peter ging dreist an des Wohlrauch Behausung vorüber, den Stadtplatz hinauf, als wäre ihm gar nichts Uebles beigefallen, und der Michael würgte noch immer an seiner Leidensgeschichte Vortrag, und konnte dessen kein Ziel und Ende finden, so daß die innere Stadt von der Gesellschaft durchschritten, und bereits die heitere Neustadt erreicht war, ehe noch der redselige Michael zum »Amen« gekommen. – Ungeduldig wie Seraphin, der nur dieses »Amen« erwartete, um vermittelst eines beliebigen Vorwands die Gesellschaft der Studenten anzureden, unterbrach der Peter Tammerl den Mayr-Michael, und sagte kurz: »Nun, nun, nun, was ist denn daran? Ist da etwas zu lamentiren? Die Gräfin ist nicht die Welt und für den Kosttag will ich schon sorgen, wenn Du kein anderes Haus weißt. Ich sage meinem Herrn Vater nur ein Wort, und damit basta. Du kommst wenigstens bei uns nicht an einen Tisch, wo der Hauspummerl den Vorleglöffel führt.« – Seraphin, diese Worte hörend, gab seine letzten Bedenklichkeiten auf. Ja, das war des Peters Stimme, die bald im hellen Diskant redete, bald in den rauhen Hochbaß überschlug, ja, das war seine Manier, zu sprechen, kurz und herb und abgestoßen, als ob er mit seiner Zunge Gsott Gsott: der zum Abbrühen und zum Viehfutter bestimmte Abfall von ausgedroschenem Getreide. schnitte. – Von diesem Augenblick an konnte Seraphin sich nicht mehr halten. Ohne ferner vor dem Studentenmantel sich zu scheuen, voll von Eifer, seiner Herrschaft einen wichtigen Dienst zu leisten, drängte er sich zwischen den auf gut spanisch aufgestemmten Ellenbogen der jungen Herren hindurch, und fiel den Gegenstand seiner 178 Beobachtung mit der Freundlichkeit eines Hundes, der seinem Meister unverhofft begegnet, an: »Ach, so grüß' Dich Gott, Peter Tammerl! find' ich Dich endlich nach mancher Sorg' und Pein? Ei, wo treibst Du Dich herum, daß die ganze Welt Dich für verloren ausgeben muß?« – »Mein, mein, wer ist denn der Bub', was will der Narr?« fragte der Angeredete entgegen, und wußte nicht. ob er zu lachen, ob zu schelten habe. »Er heißt Seraphin, und ist ein Vintschger, mein Landsmann just, von dem ich Euch erzählte,« antwortete der Mayr-Michael: »ein wunderlicher Kauz voll Salz und Einfalt.« – »Thust Du nicht verwundert, und wir haben uns doch auf der Zerzeralp gesehen, es sind kaum drei Vierteljahre vorüber? Hast ein kurz Gedächtniß, aber ich kenne Dich ganz wohl, hast auch von meinem Enzian getrunken, wenn schon nicht gar viel. Sag geschwind, daß Du mich kennst, Peterl.« – Worauf der Andere mit Gelächter: »Nun brav, meintwegen, 's wird schon seyn. Sey nur zufrieden, Seraph, und sag mir, was Du willst.« – »Für's Erste soll ich Dich grüßen von Deinem Vater, und alsdann noch etwas besser von der Mutter, und da hab' ich einen Brief von ihr an Dich und ein paar Schlafhauben und einige paar Strümpfe. So. Die Martina hat mir nichts für Dich aufgetragen und die Tante Lenerl auch nicht. Es ist mir auch nicht befohlen worden, Dich auszumachen; die guten Leute dort haben halt noch nicht gewußt, was Du angefangen, und daß Du vom Bäckerofen weg unter die Studenten gegangen. Nun, Gott sey Dank, daß Du noch wenigstens unter halbehrliche Leute gerathen bist; Du hättest es noch weit ärger treffen können, und es hätten Dich etwa die Ueberreiter beim Schopf, und quartierten Dich als einen Landläufer beim Prügelvater ein. Aber dennoch kann ich's nicht lassen, Dir den Leviten 179 herunterzulesen, sobald Du nur einmal den Brief zu Dir genommen haben wirst.« – Seraphin bemerkte in seinem Eifer nicht, daß die Studentengesichter um ihn her mit krampfhaften Zuckungen kämpften, bald roth, bald sogar blau anliefen, und nur mit äußerster Mühe das allgewaltige Lachen zurückhielten, das rebellisch aufpuffte, und gänzlich auszubrechen drohte. Der Peter allein behielt sein Phlegma bei. »Weil Du es so haben willst, werde ich den Brief meiner Frau Mutter alsogleich aufbrechen,« sagte er, und that, wie er gesagt. – »O Du Narr,« raunte Michael dem Seraphin zu: »wohin denkst Du? den Brief hättest Du ihm nicht geben sollen.« – »Warum denn nicht?« fragte Seraphin laut entgegen: »ist er denn nicht der Peter Tammerl?« – »Ja freilich ist er's,« rief Michael, riefen die Andern. – »Nun denn, was für ein Maul hat also der Mayr-Michel? Du bist halt doch der verschlagene und abgedrehte Gesell, den die Burgeiser aus Dir machen, tragst auf beiden Achseln, und schießest aus jedem Büchsel, wenn's nur schnellt.« – Das Gelächter der Studenten wollte heftiger werden; Peter hob indessen an, den Brief laut vorzulesen, und mit der Aufmerksamkeit stellte sich Ruhe ein. – »Herzliebster Sohn Peter! Du glaubst nicht, wie verzagt mein mütterliches Herz geworden ist, seitdem Du hast von Imst verreisen müssen. Ich habe nichts von Dir bei Handen, als zerrissene Kleider und schmutzige Fetzen, aber so oft ich sie ansehe, möchte ich Blut weinen. Was ist denn an einer Mutter, die ihr liebstes Kind nicht mehr an der Seite hat? Ich schließe Dich alltäglich in meine Andacht ein, und habe mich wegen Deiner einstigen glücklichen Anherkunft der heiligen Mutter-Gottes und Wunderthäterin von Trens verlobt. Sie ist die hülfreichste unter allen Muttergottesen auf viele Meil' Wegs um und um. Sey nur ruhig, Peterl, Du wirst 180 schon bald wieder heimkommen, ich will's schon machen. Es ist nur eine von Deines lieben Vaters Sekten , daß er Dich das Bäckerhandwerk will erlernen lassen. Zu welchem Ende? frage ich. Ich wollte eher, daß Du studiren möchtest . . . .« – »Das thu ich ja,« schaltete der Leser ein, und die Zuhörer trippelten vor Lustigkeit, und Seraphin war von der Zärtlichkeit des Briefs tief gerührt – »wenn wir nur hier zu Imst Gelegenheit dazu hätten; denn ich lasse Dich nun und nimmermehr von meiner Seite fort, wenn Du einmal zurückgekehrt seyn wirst. Wie gesagt, ich will's schon machen, und weil Du mit der Schwester bis dato noch nicht gut auskommen magst, werd' ich Dir einen Platz rein kehren, damit Du nicht sekkirt werdest.« – »Hab' ich doch bis jetzt noch nicht gewußt, daß ich mit meiner Schwester über's Kreuz bin!« unterbrach sich der Leser abermals. – »Weiß ich doch jetzt noch nicht,« wurde der Lesende seinerseits von einer tiefen Männerstimme unterbrochen, »wo Du gelernt hast, einen armen Buben boshaft zum Gespött zu machen, und dir Briefe zuzueignen, die nicht für Dich geschrieben wurden.« – Zwischen dem erschreckten Seraphin und dem erblassenden Peter stand ein ansehnlicher Mann, der sein ursprünglich gutmüthiges Gesicht in ein recht drohendes verzogen hatte, und dem ertappten Muthwilligen die Epistel unwillig aus den Händen riß. – »Geschwind in's Haus herein!« befahl er: »ich will nicht den Passanten einen mit Recht erzürnten Vater voragiren! Komm auch Du herein, Du einfältiges mißbrauchtes Schaf.« – Seraphin folgte verdutzt der strengen Einladung. Beim Auftritt des ungebetenen Zuhörers hatten die schwarzbemantelten Essigkrüge der Straßenkomödie sich flugs nach allen Seiten zerstreut, und daher befanden sich nur die beiden Hauptakteurs in dem Hinterstübel eines Spezereigewölbs vor dem Richterstuhl des Herrn Joseph Tammerl; denn 181 kein anderer als eben er war der zornige Vater, und der Student sein leiblicher Sohn. – »Peter, Peter, was hast Du gethan? Schämst Du Dich nicht von Herzen vor diesem armen Burschen?« fragte Herr Joseph mit allem Gewicht der Betrübniß, die seines Sohnes unzeitiger Spaß ihm machte. »Der Herr Vater wolle mir verzeihen, ich will's gewiß nicht wieder thun,« entgegnete der Sohn unterwürfig. Aus seinem Gesicht sprach die aufrichtigste Reue und der Schmerz, des Vaters Unwillen verdient zu haben. – »Jetzt seh' ich wohl, daß Du der rechte Peter nicht bist,« sagte Seraphin treuherzig: »so gut und ehrlich, wie Du jetzo aussiehst, vermag der Peter, den ich meine, schwerlich auszuschauen. Aber geh! eine solche Aehnlichkeit, wer hätte sich dieses einbilden können? Verzeih' der Herr nur immerhin dem Muthwillen. Ich selber hab's an den Peter da gebracht.« – »Du bist eine gute Seele,« versetzte Joseph Tammerl: »der Bursche hat sich bei Dir zu bedanken. Ich habe freilich auch schon gehört, daß er meinem Brudersohn sehr ähnlich seyn soll. Nun, mein Bruder und ich sind auch so ziemlich von einer Positur. Wären wir nur einerlei Sinnes gewesen von jeher! Aber da hat's allerlei Hacken gegeben, von frühester Jugend an, und aus den Hacken ist eine tüchtige Feindschaft geworden, ich weiß nicht recht warum und wie? Ich wäre schon längst geneigt gewesen, den Frieden herzustellen, aber mein Bruder hat niemals die versöhnliche Hand reichen wollen. Nun, wenn's Gottes Wille ist, wird's doch noch vor unserm beiderseitigen Ende geschehen. Wie geht's denn dem Bruder und der Frau Mutter, und der Schwägerin und meiner kleinen Nichte? Ich habe die Kinder noch mit keinem Auge gesehen. Der Imster-Peter hat nicht einen Fuß in mein Haus gesetzt; es wird ihm verboten gewesen seyn. Doch kann ich mir das 182 Kreuz denken, das sein Davonlaufen den Eltern machen wird.« – Seraphin gab, wie er's vermochte, Bescheid von den Imster-Verhältnissen, und zum Dank traktirte ihn Herr Joseph mit einer wackern Merende, bei welcher das Ebenbild des schlimmen Peterl recht gut Freund mit dem Vintschger wurde. Auch die Frau des Spezereihändlers und seine Tochter Pauline wurden herbeigerufen, und unterhielten sich angelegentlich mit dem Boten, der ihnen so viel Neues von ihren nahen und dennoch feindlichen Verwandten zu erzählen wußte. Seraphin hatte nebenbei Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß »die theure Zeit und lange Geduld« keineswegs die Wahrheit von Herrn Joseph und seiner Familie gesagt hatte. Joseph war ein schlichter Biedermann, sein Weib eine ehrliche stille Frau, der Sohn dem Vater liebevoll anhänglich und die Tochter recht hübsch, verständig und wohlerzogen. »Es ist gut,« gestand sich Seraphin etwas verwirrt, »daß die Pauline der Martina nicht so ähnlich sieht, wie ihr Bruder seinem Vetter; sonst weiß ich nicht, ob ich mehr aus diesem Hause und aus Sprugg gehen möchte?« – Die gefällige Pauline spielte dem neugierigen Fremdling ein paar Stückchen auf dem Klavier vor, das Herr Lengrießer aus eigener Autorität für ein lärmendes Pantalon ausgegeben; der Bruder schenkte ihm, seine Narrheit wieder gut zu machen, einige feinere Wäsche, und der Vater zeigte ihm mit einiger Selbstgefälligkeit die saubere Einrichtung und die großen Vorräthe seines Gewölbes, worinnen zwei Ladenbursche beschäftigt waren, die unaufhörlich ab- und zugehenden Kunden zu bedienen. »Du magst es wohl meinem Bruder und meiner Frau Mutter und etwa auch Deinem Herrn Lengrießer sagen,« äußerte sich Herr Joseph Tammerl, »daß auch mein Gewerbe einen guten Boden hat. Ich versorge die angesehensten Herrschaften der Stadt, und bin 183 niemals genöthigt gewesen, zu einer Aushülfe von dem Lengrießer meine Zuflucht zu nehmen. Mein Geschäft geht auf zwei Beinen, und eben darum halt' ich nicht für nöthig, mir und den Meinen allen Lebensgenuß abzuschneiden und zu kargen, wie ein Geizhals. Sollte ich denn, nach dreißig oder vierzig Jahren jammervollen Darbens und Schabens, mich unmuthig zum Sterben hinlegen, und trauern, meinen Mammon verlassen zu müssen? Wofür hätte ich dann gelebt, und mich und mein Weib und meine Kinder gekreuzigt, wie die Märtyrer? – Ein ächter Bürger ist meines Bedünkens im Lande, um sein Haus zu pflegen, seine Kinder zu versorgen, seiner Wittwe einen Ehrensitz zu hinterlassen, aus seinem Groschen einen Thaler zu machen, oder mehr, je nachdem ihm das Glück will. Aber er muß nicht seyn, wie ein Schwamm, der alles einfangt und alsdann vertrocknet, wenn ihn nicht eine harte Hand auspreßt. So er von seinen Mitbürgern leben will, muß er auch dieselben leben lassen; muß auch der Armuth gedenken und zwar nach Kräften, denn es ist die Armuth Vieler, die ihm erlaubt, reich zu seyn. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, aber gebt auch Gott, was Gottes; das ist mein Wahlspruch, und doch bin ich kein Betbruder, der Kirchen bereichert und dafür seine Familie verkürzt, bin kein Mangia Paradiso , wie die Lengrießer und Consorten. Aber ich will an jenem großen Tage, dem wir alle entgegengehen, mit dem Meister der himmlischen Waage schon eben so gut auskommen, wie diejenigen, die mich etwa verlästern, weil sie's nicht besser verstehen. Nun aber basta ; ich bin da in's Predigen hineingekommen, und bin doch sonst kein aparter Freund davon. Die Hauptsache wäre, Du getreuer Seraphin, zu wissen, wohin der leichtsinnige Peter gekommen, denn ich gäbe schon etwas darum, wenn ich dazu helfen könnte, meinem Bruder, den ich gewißlich von Herzen liebe, wenn er 184 auch mich nicht leiden mag, zu seinem Sohne zu verhelfen, ehe derselbe in böse Gesellschaft geräth und etwas anstellt, das ihn vielleicht sein Lebenlang gereuen dürfte.« – Einer der Ladendiener, der in der halboffenen Thüre stand, und die Rede des Prinzipals vernommen hatte, sagte: »So eben hält ein Nolesiner vor dem Gewölbe, der einige Kisteln nach Matrey mitnehmen will. Er sagt, der junge Mensch, von dem der Herr spricht, sey gestern mit ihm und zwar bis Matrey gefahren; er habe sich zu ihm unterwegs als Passagier auf den Bock gesetzt und sich bald zu erkennen gegeben, viel über den Wohlrauch geklagt und geäußert, er wisse eine seinige Base zu Matrey, bei der er bleiben wolle, bis ihm sein Vater, dessen Zorn er fürchte, erlauben würde, wieder nach Hause zu gehen.« – »Der Kutscher ist ja gerade wie auf Himmelsbefehl hier angefahren!« rief Herr Joseph voll Freude; »er soll hereinkommen. Wenn der Peter sich noch zu Matrey befände . . . ich weiß, dort wohnt ja die alte Sabina Feilig, eine unserer Verwandten, aber leider eine schier blödsinnige Person . . . es wäre möglich, daß der Peter dort noch aufzutreiben . . .!« – »Ja, wenn das wäre,« rief auch Seraphin freudig und schnell entschlossen: »wenn das ist, so weiß ich, was ich thue. Ich liefe vom Fleck weg dem Peterl nach, und wollt' ihn schon wieder umkehren machen.« – »Eine Gelegenheit wäre da,« sagte der herbeigekommene Nolesiner lächelnd: »kannst nur grad aufsitzen. Ich fahre leer, und so wie aufgepackt ist, geht's fort!« – »Ich thu's, ich thu's; es geht mir im Geiste vor, faß ich den Buben beim Flittich derwische! wart' nur, Fuhrmann, wart', bis ich vom Lengrießer zurück bin!« Seraphin tanzte vor Freuden und bat den biedern Joseph inständig, bei dem Kutscher alles aufzubieten, daß er warte. – »Versteht sich,« antwortete Tammerl: »schleune Dich nur, es dem Lengrießer zu melden. Ich selber bezahle Deinen Platz 185 und wünsche Dir gutes Glück.« – »Und ich würde Dich begleiten,« fügte der Sohn Peter hinzu, »wenn ich nicht heute Abend in der Komödie singen müßte.« – »Viel Dank, viel Dank!« entgegnete Seraphin diesen freundlichen Reden: »aber ich bin mir schon selbst genug, und es wird gehen, ich spür's in allen Gliedern. Aber, wenn ich's bedenke, so hab' ich gar nicht zum Lengrießer zu gehen, wenn's der Herr Joseph ihm sagen lassen will. Ich lasse lieber das Geld, das ich eingenommen, in des Herrn Josephs Verwahrung, als bei der »theuern Zeit,« und morgen bin ich ja schon wieder da, zu Fuß oder zu Pferd. Der Lengrießer wird mich nicht mangeln, und in seiner Kuchel ändert mein Wegbleiben auch nichts. Mich pitzelt's jedoch in Händ' und Füßen, und ich wollt', ich wäre schon dem Dickkopf, dem Peter, auf dem Absatz. So, den Brief her, das Packl her; mein Ranzl ist immerdar fertig. Lebt's wohl, ihr guten Leutln.« – Was ihm Joseph und dessen Familie noch nachriefen, bekümmerte ihn nicht, ja er hörte es nicht einmal. Sein heißester Wunsch war, daß die schwerfällige Kutsche einmal sich in Bewegung setzen möchte, und das that sie auch endlich. Der Kutscher klatschte mit der ungeheuern Peitsche, die schellenbehangenen Gäule zogen an, die Achse seufzte: die Reise war angetreten. – – 186 Fünftes Kapitel. »Es hat zur Zeit einen Hund gegeben – gehörte dem Junker Zollikofer von St. Gallen –, der seinem Herrn, als derselbe auf Botschaft an den König in Frankreich geritten und den Hund bei Hause gelassen – auf's Gerathewohl nachlief, wiewohl der Herr bereits drei Tage Vorsprung gehabt. Gleichwohl hat der Hund von St. Gallen nach Basel, von Basel nach Belfort, von Belfort nach Paris des Junkers Spur verfolgt, und ihn an der Hofstatt des französischen Königs glücklich wieder gefunden. Ein Lob für Herrn und Hund.« Wenn Seraphin darauf gezählt hatte, vermittelst des Nolesiners sein Ziel schneller zu erreichen, so hatte er sich ungemein verrechnet. Die Kutsche war freilich geräumiger und sauberer, als die vier oder fünf Marterkasten, die in jener Zeit im Oberinnthal bei dem Landadel zu finden gewesen; aber die Schnelligkeit war nicht ihre Sache, und nicht der Pferde Aufgabe, und nicht des Kutschers Bedürfniß. Da der letztere nicht weiter zu fahren hatte, als bis Matrey zum Schlosse, das dem Fürsten von Trautson gehörte, und später an die Auersberge fiel, so eilte der ehrliche Mann nicht sehr, und wäre um keinen Preis zu später Nachtzeit in Matrey eingerückt. Zudem – welche Hindernisse auf dem kurzen Wege? Der Aufenthalt in Wilten, wo der Fürsetzer gleich in Anspruch genommen wurde, um dem Fuhrwerk mit Vorspannpferden und 187 Praxer Praxer: der Knecht des Fürsetzers, der die Vorspannpferde begleitet; auch wohl der Mäkler des Fürsetzers bei Kutschern und Fuhrleuten. den Berg hinan zu helfen; die böse Straße, die den müden und den ausgeruhten Gäulen nur den gemächlichsten Schritt erlaubte; der einbrechende Abend, der eine baldige Nachtherberge wünschenswerth machte, und doppelt grauenvoll die unheimliche Waldstraße von Unternberg den Schönberg hinan gestaltete; endlich noch die liebfreundliche Kellnerin im Wirthshause auf dem Schönberg, die dem Kutscher gewogen war, und nicht zugegeben hätte, daß er in finsterer Nacht die Strecke nach Matrey zurücklegte. – Das Ergebniß all dieser zusammenwirkenden Umstände war, daß der Nolesiner eben nicht weiter, als drei Stunden, als bis zu seiner liebfreundlichen Kellnerin fuhr, und auf dem Schönberg Quartier nahm. Auf dem Wege, so lange noch der Abendschein die langsame Kutsche geleitete, zerstreute sich Seraphin hinlänglich, der mit Wohlgefallen die wechselnden Ansichten der Sill beschaute, die durch die Bergschluchten herabkömmt, wie eine launenhaft sich krümmende Schlange. Daneben horchte er auch eifrig dem Kutscher zu, der ihm von dem flüchtigen Peter erzählte: von dessen Verwünschungen gegen den Bäcker Wohlrauch und trotzigem Aufpochen auf seine eigene zukünftige Wichtigkeit und die standhafte Vorliebe der Mutter, die schon dem harten Vater den Kopf zurechtsetzen würde. Der Kutscher äußerte bei dieser Gelegenheit: »Ich habe schon manches handscheue Roß im Geschirr gehabt und zur Vernunft gebracht; aber ich getraute mir nicht, den stätigen und kollerigen Sinn jenes Burschen zu bändigen. Ich wollte wetten, daß er einst keines natürlichen Todes sterben werde, denn seine eingefleischte Bosheit ist groß und von einer Frechheit unterstützt, die mir die Augen übergehen machte. Noch ein großes Glück, daß des Peters Thätigkeit und Muth seinen übrigen bösen Eigenschaften nicht entspricht. Hätte er Schneid', wie man sagt, er würde ein weitaus gefährlicherer Bube seyn. Dennoch glaub' ich, daß er einmal 188 nicht in seinem Bette den Geist aufgeben wird, und zwar ohne die heiligen Sterbsakramente. Er hat allzuhöhnisch von seinen biedern Eltern gesprochen, und wer das vierte Gebot nicht hält, steht schon mit beiden Füßen in der ewigen Verdammniß.« – Seraphin schauderte, dergleichen von seiner Herrschaft liebem Kinde zu vernehmen, und er sagte: »Wie hat aber der Peter in so kurzer Zeit also bodenlos verderbt werden können?« – »Da ist,« antwortete hierauf der Nolesiner, »zuerst der Müßiggang, der da ist des Teufels Ruhebank, und sodann die böse Gesellschaft. Des Wachslers Sohn zu Innsbruck ist ein mehr als leichtes Tüchel, und die beiden sind immer bei einander gesteckt. Der junge Wachsler ist auch schuld, daß der Peter jetzt schon davongelaufen, indem er selber von seinem Alten nach Roveredo in die Lehre geschickt worden ist, und der Peter ohne ihn nicht mehr in der Stadt hat bleiben wollen. Hat mir auch dieser von weitem merken lassen, er werde bei seiner Base zu Matrey nur kurze Zeit verweilen und Bericht vom Wachslerbuben erwarten, der nur einen Tag vor seiner verreist ist; es könnte möglich seyn, sagte er, daß er selber nach Welschland ginge, bis sein Vater zum Verstand gekommen sehn würde. Aber die Base brauche er, damit sie ihm Geld vorstrecke. Gewiß hat er auch bereits die gute blödsinnige alte Jungfer geplündert.« – »Ach Du mein Gott,« seufzte Seraphin, »wenn das geschehen, so ist er auch schon über alle Berge, und was soll ich alsdann thun?« – »Ihn laufen lassen,« rieth der Kutscher sehr kaltblütig. Der junge Mensch jedoch, dem noch vermöge der Hingebung seiner frühen Jahre die ganze Welt am Herzen lag, sagte verdrießlich: »Das ist lieblos, hörst Du? Und wenn ich an Deiner Stelle gewesen wäre, ich hätte den Peter wieder von Matrey zurückgehen gemacht; das war Deine Schuldigkeit.« – »Wie Du's verstehst,« lachte der Rossebändiger: »ich hätte im Jahre viel zu thun, 189 wenn ich mich all' der Landstreicher, groß und klein, die mir auf der Straße vorkommen, annehmen wollte. Da könnte ich bald Hunde nach Bautzen führen. Wer dankte mir's? Wo steht's geschrieben? Was geht mich die ganze Welt an, wenn ich doch keinen Auftrag habe, ihr aufzupassen? Sehe Jeder, wie er daraus kommt. Die Väter und Lehrherren sollen nur brav die Augen aufmachen, und die Mütter sollen nur keine Abgötterei mit ihren Fratzen treiben; hernach werden die verlornen Söhne bald rar werden, wie jetzt grade der Mondschein. Steig' ab, Bub', und geh' zu Fuß den alten Steig hinauf. Wo Dein Weg mit dem meinigen zusammentrifft, wartest Du fein.« Seraphin kletterte unerschrocken durch die Waldesnacht beim matten Schein der Sterne den Fußweg zum Gipfel des Schönbergs empor, und seine Betrachtungen über die leidige Gleichgültigkeit der Menschen unter einander, verkürzten ihm den beschwerlichen Weg. Er hatte, an der Wegscheide angekommen, vollauf Muße, auf einem umgestürzten Baume sitzend, seinen Gedanken fürder nachzuhängen, denn es dauerte lange, bis die Kutsche mit Vorspann von Unternberg herangekrochen kam. – Sodann waren die Reisenden freilich bald in Schönberg; aber dem eifrigen Seraphin gefiel die Ankündigung, daß er hier über Nacht liegen müsse, ganz und gar nicht. Voll Furcht, den gewissenlosen Ausreißer zu verfehlen, hätte er mit einem Sprung in Matrey seyn mögen. Was war jedoch gegen die Befehle des allgewaltigen Nolesiners einzuwenden? Wäre Seraphin der schnellste Renner gewesen, er wäre doch immer nicht zur rechten Zeit im Flecken angelangt. Die Jungfer Feilig ging mit den Hühnern zu Bette. Und sollte eine Nacht in Ungeduld und Pein zugebracht werden, so konnte es ebenso gut in Schönberg als wie in Matrey geschehen. Darum ergab sich Seraphin, wie alle Menschen thun, seufzend ins Unvermeidliche, nicht zu Aendernde. Das Beste war noch, daß der Kutscher bei seiner Freundin 190 dafür sorgte, daß Seraphin gut mit Speise und Trank bedacht wurde, und ein erträgliches Lager erhielt, worauf er, wiewohl dann und wann gestört von dem Lärm einer nebenan zechenden Gesellschaft von Eisenarbeitern aus dem Stabay-Thal, erträglich ausruhte, denn die Strapatze des Tags war größer gewesen, als die Mühseligkeit der Reise von Imst gen Innsbruck. – Am nächsten Morgen bei guter Zeit wurde Seraphin von seinem Führer in dem Flecken Matrey abgeladen, und die Wohnung der alten Jungfer Feilig war bald gefunden. – Er trat mit einem schüchternen »guten Tag« in das Zimmerchen der alten Person, das von der Vertäferung roch wie ein Sarg, und die Sabina, die darinnen am Spinnrad saß, glich auch nicht wenig, aus einiger Entfernung gesehen, einer blassen Leiche. Indessen sollte Seraphin alsobald erfahren, daß die gute Jungfer allerdings noch lebte, und er war nicht wenig überrascht, sich, den Wildfremden, empfangen zu sehen, als wäre er der willkommenste Gast. Kaum war der Gruß über seine Lippen, als schon Sabina mit vergnügten Augen vom Spinnrade auftaumelte, ihm entgegen kam, ihn in die Arme nahm, und mit kindischem Weinen ausrief: »Ei sieh! ei sieh! Du liebes Bubele, ei sieh! bist Du wieder da? Nun, Gott schenk' Dir eine glückliche Ankunft; ich hab's ja von ehe gewußt, daß Du geschwind wieder bei mir ankehren würdest!« – Der bestürzte Plaschur erwehrte sich ein wenig der Umarmung und sagte verlegen: »Ich dank' der Jungfer schön, ich dank' ihr noch einmal; aber die Jungfer ist gewiß am Unrechten?« – »Ei Du böses Kind!« hieß die Antwort: »thust auf einmal so fremd mit mir? bin ich auf einmal die Jungfer schlechtweg geworden, und heißest mich nicht mehr deine Base? Geh, geh, Du lieber Peterl, willst mich zum Narren haben? Aber, es ist recht gut, recht tausendmal gut, daß Du wieder da bist; gib mir 191 doch die zween Thaler wieder, die Du mir abgebettelt hast. Du stellst Dir nicht vor, wie mich der Blaas ausgemacht hat. Gib mir sie wieder, daß ich sie dem Blaas zeigen kann, Du herzigs Narrl!« »O weh! o weh!« lamentirte jetzt Seraphin. der zu begreifen anfing, daß die schwachsinnige Alte ihn für den landläuferischen Vetter ansah: »wie wird das werden? Ich habe die Thaler nicht und finde auch den Peter nicht mehr. Das ist ein Elend; und die Jungfer wird mir, versteht sich, auch nicht sagen können, wohin er gerathen ist, der Höllenbrand mit Ihren Thalern?« – Er fügte trocken bei, daß die Jungfer im Irrthum sey. Nun war das Erstaunen auf Sabina's Seite. Sie betrachtete am Tageslicht die Züge Seraphins, kopfschüttelte immer heftiger, wollte nicht recht glauben, was er sagte, gab es dann wieder für ein paar Augenblicke zu, und die Unordnung ihrer Sinne wurde immer deutlicher bemerkbar. – »Wer bist Du denn? für wen gibst Du Dich aus?« fragte sie endlich argwöhnisch, und durchbohrte ihren Gast mit ihren Blicken. Die Störung ihrer Geisteskräfte verlieh ihren eingesunkenen Augen ein recht unheimliches Feuer, vor dem Seraphin gar nicht wohl zu Muthe wurde. – Doch sagte er der Alten kurz und derb und laut, was sie erfahren mußte, und fragte dringend, was aus Peter geworden. – Sabina entgegnete mit dem pfiffigen Lächeln, das öfters dem kindischen Greisenalter zu Gebot steht: »Was aus ihm geworden? Ja, das mußt Du am besten wissen, Peter. Du bist ja – war's gestern oder vorgestern, oder vor längerer Zeit, davon gegangen, und hast mir den Thaler mit dem Erzherzog Ferdinand und den andern mit dem Bischof abgebettelt. Oh! oh! wie hat der grobe Blaas gethan! hat er nicht Augen gemacht, wie der Metzger auf das Lamm? komm, komm; gib mir sie wieder heraus, die schönen Thaler; ich will Dir einmal Nüsse dafür schenken. Was macht Dein Vater, 192 Peterl? Hat er Dich wieder zu Gnaden angenommen? Ja, ja, Elternherzen sind weich, butterweich; und ich wär' auch gut, gar so viel gut, wenn mich nur der Blaas nicht so streng und kurz hielte.« Abermals weinte das alte Kind, und dann lachte es gleich wieder, und wollte die Taschen Seraphins untersuchen, und die bewußten Silberstücke schäckernd herausziehen. – Ungeduldig werdend versetzte aber der mißmuthige Reisende: »Laß mich doch aus, Du konfuse Person. Was gehn mich Deine Thaler und der Blaas an? Wer ist denn der Blaas? Was soll ich mit dem Blaas? Sag' mir lieber, wo der Peter steckt, der Peter Tammerl?« – Er hielt die Jungfer, die ihm auf den Leib gegangen war, mit beiden Händen strack von sich ab. Sabina schaute ihn verwundert an, dann wurde sie gleichgültig, endlich tiefsinnig und ließ den Kopf hängen. Auf einmal ließ sie den Buben los, und wirbelte einem eintretenden handfesten Manne, der einem Maurer ähnlich sah, entgegen. Mit wetterfinstrer Stirn rief sie denselben an, und zugleich mit den Geberden einer Heftiggekränkten: »Da schaut's einmal an, Blaas, da schaut's einmal an. Kommt da nicht der fremde Zigeunerbub, und gibt sich für den Peterl aus? Hat man denn in der Welt so etwas gesehen? für mein kleines Vetterl Peter, für den Sohn meines Herrn Vetters Tammerl? Schaut ihn nur an, den Schnabel, und sagt, ich hab's euch gesagt, Nachbar Blaas. Da habt Ihr's jetzo. Immer schimpft's auf den Peterl, und der Peterl hat gar nichts gethan, und die Thaler hat er auch nicht, aber wohl der Lugenbeutel, der Schnabel da!« – Die gutmüthige Alte hatte sich plötzlich in einen zornblinden Drachen verstellt; warum? Das wußte die Arme freilich selber nicht. – »Gebt's Euch nur zu gute,« erwiederte der Maurer, der eine Art von Gerhab oder Curator bei der schwachsinnigen Jungfer vorstellte: »Wir wollen's ihm schon geben, dem Schliffl. Er soll's gleich aus dem Salz kriegen.« 193 »Oho! oho!« ließ sich Seraphin bestürzt und heftig vernehmen: »Ist's an dem, daß ich jetzt den Eckstein abgeben soll, woran Ihr zwei beide euch reiben wollt? Falle ich doch als ein ganz unschuldig Schaf in diese verrückte Wirthschaft herein, und soll jetzt die Suppe allein ausessen?« – »Nur stat, nur stat,« brummte ihm der Maurer mit vertraulichem Augenwinken zu: »Siehst wohl, die Alte ist nicht recht im Blei. E pazza, la poveretta .« – Seraphin verstand den Mann, der zu seiner Zeit in Brescia das Mauern und Pflastern gelernt hatte, nebst dem bischen Wälsch, und entgegnete: »Das seh' ich schon, und glaube auch zu bemerken, daß Du ein vernünftiger Mann bist, der mir berichten wird, was mir dient.« –»Dienen, dienen?« fragte Sabina, die mit untergestemmten Armen zwischen den Mannsleuten stand, und mit wundersamer Beweglichkeit ihre neugierigen Blicke herüber und hinüber schoß: »Hier ist gar nichts zu Deinen Diensten, Schnabel, wenn Du nicht meine Thaler herausgibst. Gelt, Blaas: Ihr seyd auch der Meinung? Eine arme Wittib, wie ich bin . . . hi, hi!« Sie weinte große Tropfen. »Gebt doch nur Fried',« ermahnte ein junger Seminarist von Brixen, der gleich einem langen schwarzen Ungethüm hereinschlich. Auch er war ein Verwandter der Feilig, und machte etwas weniges den Erbschleicher bei ihr, so oft er von Brixen abkommen mochte: »Seyd Ihr schon wieder im Irrthum? Eine Wittib Ihr, die eine unbescholtene Jungfer geblieben . . .?« – Indessen flüsterte Blaas dem Seraphin zu: »Die Haut meint dann und wann, sie sey eine Wittwe, weil der Meusel, der sie vielleicht geheirathet hätte, vor langen Jahren von den Baiern erschossen worden ist.« – Sabina hatte etwas von den letzten Worten des Maurers vernommen und fragte hastig: »Sind die Baiern noch immer im Lande? daß Gott erbarm!« – Blaas begnügte sich die Achseln zu zucken. 194 Der Seminarist führte indessen die Alte zu ihrem Spinnrade, setzte sich als ein Vertrauter neben sie, und diskurirte weiter: »Eine Wittwe Ihr? wo denkt Ihr hin, liebe Base? Euer Jungfernkranz wird sich einmal im Himmel in eine herrliche weiße Taube verwandeln.« – »Dank' schön,« erwiederte Sabina etwas gerührt: »Es hat mich keiner haben mögen. Der Schellenmacher-Natz hat mich einmal angeredet . . . Gott vergelt's ihm.« – »Das mein' ich auch; er hat sich damit schon eine halbe Martyrkrone verdient;« sprach der Seminarist und schnupfte Tabak. Mittlerweile gab Blaas Bescheid auf Seraphins Fragen, indem er sagte: »Vorgestern, so gegen die Jausen Jause: Vespermahl; (wie Merende; aber im innern Tirol wenig gebräuchlich). hin, ist der fragliche Peter angelangt, und die Sabina hat ihn aufgenommen, wie einen kleinen Heiland. Sie glaubte nämlich in ihm den Peter des Innsbrucker Tammerl zu sehen; denn von dem Tammerl zu Imst weiß sie, glaub' ich, gar kein Wort.« – »Wie geht's denn dem lieben Joseph?« fragte die Kindische herüber; denn sie lieh dem Seminaristen nur ein Ohr, und strengte das andere an, von dem Zweisprach der übrigen Anwesenden etwas zu vernehmen. – »Er läßt Dich schön grüßen,« antwortete Seraphin, und horchte wieder begierig dem Maurer zu, der da fortfuhr: »Ich war schon der Meinung, der Bube, der wie ein rechter Nichtsnutz ausschaut, wolle bei der guten schwachköpfigen Sabina auf der faulen Haut liegen bleiben, und ich hätte es nicht gelitten; die arme Person wird so viel oft mißbraucht, daß es ein Graus ist. Aber Peterl erklärte bald, er werde seinen Weg fortsetzen, und in Sterzing einen seinigen guten Freund, des Wachslers von Innsbruck Sohn, einholen, um mit demselben in's Welschland zu wandern. Desto besser, dachte ich, und ließ in Gottesnamen den ungeladenen Gast bei der Base essen und trinken und schlafen, und so ist er gestern, nachdem er bis an den hellen Mittag im Bett gefaullenzt und die Kirche versäumt, eben nach selbigem Sterzing abgepatscht. Erst 195 hinterher erfuhr ich leider von der Alten, daß der Bube ihr ein paar Geldstücke abgeschwatzt hatte, die ich ihr im Sack gelassen, weil ich nicht von fern glaubte, daß sie sich von dem raren Gelde würde trennen können.« – »Nach Sterzing also?« fragte Seraphin lebhaft: »so geh' ich denn auch dahin. Bin ich einmal so weit dem Burschen nachgelaufen, so will ich mich auch die paar Meilen weiter nicht gereuen lassen.« – »Wenn's nur etwas hilft,« äußerte der Maurer bedenklich: »der Peterl ist ein verwilderter Bub', ich hab' noch keinen seinesgleichen gesehen. Bin doch weit in der Welt herum gewesen, so zu Mailand und Brescia, zu Linz und Wien . . . .« – »Kommst Du grad von Wien, Peterl?« fragte wieder Sabina eifrig: »O sag' geschwind, was macht denn unser lieber Kaiser, der Leopold?« – »Ei, der ist ja längst gestorben, Sabina,« entgegnete Blaas, und die Jungfer rief mit aufgehobenen Händen: »So, so, hm, hm! ein armes altes Weibsbild erfährt dergleichen Neuigkeiten nimmermehr!« – »Ich bin auch gewesen in Croatien,« erzählte der Maurer redselig fort: »in Temeswar, mitten unter denen Türken . . . .« – »Daß Gott erbarm'! Liegen die abscheulichen Türken noch immer vor der Stadt Wien?« fiel die Kindische abermals ein: »Peterl, nimm Dich vor ihnen in Acht, sie sind noch grausamer als die baierischen Husaren und die Monster-Dragoner Monstrel-Dragoner, die in der baierischen Invasion von 1703 bei Matrey ein glückliches Gefecht gegen eine Handvoll kaiserlicher Truppen unter dem General Gschwind bestanden. , die mir den Schellenmacher erschossen haben!« – Als hierauf die Feilig abermals zu weinen anhob, hielt sich Seraphin den Kopf mit beiden Händen und sagte mitleidig: »Mir selber wird da innen ganz konfus, wenn ich der Jungfer noch länger zuhören muß. Gott behüt' euch also Alle miteinander. Schön' Dank 196 für die Nachricht, Maurer. Ich will Füße machen wie eine Eidexe. Wenn mein landläuferischer Bub' so verschlafen ist, wie Du sagst, so müßte es nicht mit guten Dingen zugehen, wenn ich ihn nicht irgendwo im Bett derwischte.« Dem guten Glück vertrauend, und auf die Fährte des Peter erpicht, lief Seraphin, was er konnte, Steinach zu, und hielt sich dort nicht auf. Ein freundlicher Zufall war's, daß ihm bald außer dem Flecken ein Postreiter nachsprengte, ein rüstiger lebensfroher Gesell, der mit Lachen vom Sattel herunter fragte: »Kannst reiten und willst Du?« – »Wie weit?« – »Bis Sterzing. Das Roß kann's schon vertragen, wenn es ein bissel schwerer hat. Steig' auf, und halt Dich wacker an mich an. Alles zusammen kostet halt ein Frackl Branntwein, wir trinken ihn mit einander.« – »Schon recht, ich will mich schon halten. Entweder fallen wir beide unter's Rössel, oder keiner von uns!« – Nach kurzem Aufenthalt stolzirte Seraphin, zum erstenmal zu Pferde, den Brenner hinan, und fühlte sich, des unbequemen Sitzens und des harten Stoßtrabs ungeachtet, glücklich wie ein König, ja glücklich wie ein federleichter Vogel. Er meinte Flügel zu haben. – Der junge Postknecht schwatzte allerlei kreuz und quer, jodelte nicht selten hell in die Luft hinauf, knallte mit der Peitsche vor jedem Hause, das eine hübsche Dirne barg, ließ das Posthorn schmettern, daß die Felsen beim Passe Lueg freudig wiederhallten, die traurigen kahlen Altväter, die gewöhnlich wie Leidtragende am schlimmen Wege stehen. So ging's entschlossen und glücklich fort und fort, vorbei am Wirthshause und am Bade des Brenners, vorbei an Raspensteins bemoosten Trümmern, dem wilden Eisack folgend wie einem Führer durch nackte Felseinöden bis nach dem Dorfe Gossensaß. Der kurze Raum zwischen diesem Dorf und Sterzing, der Stadt, vorüber an der Veste Straßberg und an einsam stehenden Hütten und 197 Mühlen, durch einen ziemlich wilden Hohlweg vermittelt, war bald zurückgelegt. Der Abend neigte sich in's Thal, und die Brennerlüfte hauchten rauhe Athemzüge über das Sterzinger-Moos, als Seraphin mit zerschlagenen Gliedern von dem stößigen Gaul stieg, und im Gasthause nach dem Gegenstand seiner Sehnsucht sich erkundigte. Es fehlte nicht, Peter war dagewesen; ein junger Mensch von Innsbruck hatte ungeduldig auf ihn gewartet, und zwar so viel ungeduldig, daß die Zusammenkunft der Freunde am Morgen desselben Tages mit Vorwürfen und Beschimpfungen eingeleitet und mit einer nachdrücklichen Rauferei besiegelt worden war. Nach der beiderseitigen Kraftübung hatten sich die Raufer wohl wieder vertragen, und ein leckeres Mittagmahl gemeinschaftlich verzehrt, waren ein wenig umhergeschlendert und übereingekommen, noch am selben Tage das langweilige Sterzing zu verlassen, und in Mauls, zwei Stunden weiter, über Nacht zu liegen. »Mein Gott, ich hab' sie gern in ihrem Vorsatz bestärkt,« äußerte die Wirthin: »die beiden jungen Herrl'n waren so viel grob und so viel auf's Trinken aus, daß mir gegraust hat, namentlich, weil ich grade die Werbung im Hause habe, wobei der Aeltere von den Beiden, des Wachslers Sohn, hätte unversehens zu seinem Schaden in die Patsche kommen können. Man weiß schon, wie's die Soldaten mit liederlichen Muttersöhnen machen; ich hätte mich der Sünd' gefürchtet, wenn so etwas in meinem Hause mit einem Stadtkind vorgefallen wäre. Hab' ohnehin von den Ruechen, den Pfitscherbauern Pfitsch: ein schwer zugängliches Thal in der Nähe von Sterzing, von rauhem Volk besetzt; doch sind die Mädchen und Frauen daselbst von edelm und anmuthigem Aeußern. – Die Pfitscher, an Entbehrungen aller Art daheim gewöhnt, thun sich gewöhnlich übergütlich, wenn sie nach Sterzing zum Markt kommen. Ihr Appetit ist zum Sprichwort geworden, und die Manier, mit welcher sie es möglich machen, auf einen Sitz eine drei- oder sechsfache Portion verschlingen zu können, erinnert an die ekelhaften Mittel, deren sich zu demselben Zwecke gewisse altrömische Schmarotzer und Schlemmer bedienten. , die zum Markt gekommen, alle Stuben voll, und die leichtsinnigen Mannen schlemmen drauf los, daß die meisten schon toll und voll sind, und zu besorgen steht, daß ihrer etzliche im Garn der Werber kleben bleiben. Schon jetzt schreien sie um nach den Gitschen Gitschen: Mädchen; (im Pfitscher Dialekt, auch im Pusterthal bräuchlich). und nach der Tanzmusik, und wenn einmal das Tanzen anhebt, so steh' uns Gott bei.« – 198 Hierauf antwortete Seraphin niedergeschlagen: »Ich bin doch recht unglücklich, komm' überall zu spät. Die Glieder alle sind mir wie ausgerenkt, und soll noch auf's Ungefähr hin zwei Stunden laufen?« – »Das thät' ich nicht, Du guter Knabe,« rieth die Wirthin: »Glaub' mir, Du richtest mit dem Thunichtgut nichts aus. Zudem sind ihrer zwei, und des Wachsler seiniger ist viel größer und stärker als Du, und ein wahrer Ausbund von Ruchlosigkeit. Weißt wohl, sie könnten Dich brav abklopfen. denn sie sind schon mit einem starken Stieber von hier weggegangen, und dann müßtest Du etwa mit ein paar Löchern im Kopfe liegen bleiben, und wüßtest nicht woaus, woan, während die Schelmen mit Freud' im Herzen ihre Straße weiter zögen?« – Seraphin dachte reiflich nach, und sagte dankbar: »Du bist eine gar gescheite Frau, Du hast recht von Anfang bis zu Ende. Gegen zweie wär' ich nicht stark genug, und wie ginge es mir im fremden Land, wenn mir etwas Schlimmes begegnete? Die Zeit geht hin, das Geldl geht darauf, und der Meister denkt gewiß, ich käm' als morgen schon nach Hause! Wie dumm bin ich gewesen, daß ich mich so weit heraussprengen ließ! Wenn ich bedenke, wie weit ich jetzo nach Innsbruck zurück habe, und dann noch von dort nach Imst! Aber – wär's auch weiter – wenn ich nur nicht auf Sprugg zurück müßte, um mich dort auslachen zu lassen?« – »Hm, das könntest Du Dir ersparen, wenn Du einen Umweg nicht scheuen wolltest?« meinte die Wirthin: »wenn Du über den Jaufen nach Meran gingest, und von da über Mals und Burgeis und Nauders . . . .« – »Heisa, Diendl, tanz'n wir eins?« rief Seraphin in laute Fröhlichkeit überschnellend: »Frau, Du verdienst Dir an mir eine Goldhaube, wie sie die Weiberleute von Innsbruck tragen. Das geht mir ein. Mals – Burgeis – ach, das liebe Dorf könnte ich wiedersehen und etwa am dritten Tag nach Hause 199 kommen? Wohlan, wohlan, und mit dem Laufen nach dem schiechen Buben basta , wie der Grödner sagt. Zwar mein Geldl für den Meister . . .? Aber, wenn ich dem Herrn Joseph schreibe, er möchte es mit dem Lengrießer, der langen Geduld, abmachen, und dem Meister die Dukaten schicken . . . er steht ja nicht so geschwind darauf an, mein Tammerl von Imst! Was meinst Du, Wirthin?« – »Das wär' um so besser,« sagte diese, »als morgen mein Sohn nach Innsbruck reitet; er könnte das Briefl bestellen.« – Wie er sich's in der Eile ausgesonnen, verrichtete es auch Seraphin, malte in Hast und Eifer ein Schreiben an den Spezereihändler Tammerl auf's Papier, erquickte sich sodann am Tisch des Hauses, sah lustig dem Tanze der Werber und der benebelten Pfitscher zu, und übernachtete herrlich in einem ruhigen Winkel, so zwar, daß er später aufwachte, als er es gewohnt war. »Werd' ich nicht ein Faullenzer wie der Peterl?« fragte er sich unwillig: »aber nein, dem ungerathenen Buben werd' ich, so Gott will, nimmer ähnlich sehen, und laufe er meinetwegen, bis ihm die Schuhe von den Füßen fallen! Ich gutherziger Narr habe lang genug seine unsaubre Spur verfolgt. Wenigstens werd' ich dem Vater sagen können, wo sein Früchtl hingekommen!« Den Buben sich aus dem Sinne schlagend und voll Begierde nach der lieben Heimath und Martina bog er rechts ins Thal ein, und stieg langsam dem Dörflein Gasteig zu. Vor dem Wirthshause daselbst angelangt, hielt er Rath mit seinem nüchternen Magen, und dieser sagte eindringlich: »Ich glaube, daß eine kleine Morgenstärkung ganz am Platze seyn würde.« – »Meinetwegen,« gab Seraphin zu, und sprach ein, um Milch zu trinken und Brod zu essen. Er that Recht daran. Der Wirth sah ihm scharf in's Auge und fragte: »Suchst Du nicht etwa Einen auf dem Berge?« – »Oho, wen sollt' ich 200 suchen?« – »Ich hab' gemeint, Du gingest etwa dem Buben nach, der bei mir über Nacht gelegen?« – Seraphin riß die Augen auf. Er ahnte etwas, das ihm taugte; sein Herz schlug geschwinder. »Welch ein Bube?« – »Hm, einer von Imst. Er hat eigentlich nach Roveredo gehen wollen; zertrug sich aber mit seinem Begleiter unterwegs, und weil die Freundschaft einmal gestört worden, so ist der Letztere seines Wegs fortgegangen, und der Andere hat sich vorgenommen, auf kürzerer Straße heimzukehren, was auch das Vernünftigste seyn mag. Er schaut aus, wie ein rechter Lüftling; wird seinen Eltern nicht viel Freude machen. Ich hab' ihn auf den Saumschlag gebracht; er mag jetzo wohl in Kalcha seyn, könnte aber schon ein größeres Stück zurückgelegt haben. Ich mußte ihn mit Gewalt aus dem Bett treiben.« – »Das ist der Peterl, – ist keine Frage,« rief Seraphin entzückt: »geschwind, lieber Wirth, zeig' mir den Weg, den er genommen.« – Der Wirth that es mit aller Freundlichkeit. Der Saumschlag Saumschlag: gepflasterte schmale Bergstraße, für Säumer und deren Thiere eingerichtet. , eine vielbesuchte Verbindungsstraße zwischen dem Etschland und der Brennergegend, führt über das Jaufenjoch in's Passeier-Thal hinunter; reich an den herrlichsten Aussichten und stolzragenden Hochwäldern. Der Aufstieg ist nicht gar gäh von der Sterzinger-Seite, und der zu jener Zeiten noch wohlgepflasterte Pfad für Saumrosse und Kraxenträger war verhältnißmäßig bequem zu nennen. Die frischesten Alpenlüfte spielen über den gelichteten Stellen; zur rechten Hand hinuntersehend in die Tiefe begegnen dem Auge des Wanderers freundliche Wohnstätten der Menschen, Kapellen, und des wunderprächtigen Schlosses Wolfsthurn stolzer, im Sonnenlicht strahlender Bau. Ungefähr auf der Hälfte des Astgneis vom Gasteig zum Joch des Jaufengebirgs liegt die kleine Gemeinde Katcha oder Kalchach. – Seraphin, der trunknen Auges und fröhlich geweiteten Herzens bis dahin gekommen, klopfte an den Fenstern der niedrigen Hütten, 201 und fragte allenthalben, bis ihm endlich die Gewißheit wurde, daß der fragliche junge Mensch wirklich vorüber gekommen sey. »Gott sey Dank!« betete Seraphin inbrünstig: »jetzo, hoffe ich, soll er mir nicht mehr entkommen.« – Er stieg wacker vorwärts; aber auch die Sonne stieg über die Schatten der Wälder empor, und machte den eifrigen Wanderer tapfer schwitzen. Er ruhte an einem Brunnen auf bedeutender Höhe eine Weile aus, und siehe da, ehe er noch sich erfrischt hatte, überraschte ihn ein kurzer Schlummer. Das Geräusch vorübergehender Leute weckte ihn daraus. »Mach, daß Du fortkommst,« rief ihm ein rechtschaffen aussehender Bauersmann zu: »das Schlafen an diesem Platze taugt nicht. Es haben sich schon Andere hier den Tod geholt durch solche Unvorsichtigkeit. Geh', geh', steh' auf, und rühre die steifen Beine, daß es Dir nicht schadet.« – Halb noch vom Schlaf befangen, folgte dennoch Seraphin dem weisen Rath. Sie war freilich nicht zu spät gekommen, die Warnung, aber bereits spürte Seraphin ein schlimmes Mißbehagen in seinem ganzen Körper; die Hände und Beine des allzuschnell Abgekühlten waren wie erstarrt; seine Gelenkigkeit hatte viel eingebüßt, und obschon er der Ermattung rüstig widerstand, und fühlte, wie er sich nach und nach zu überwinden wieder fähig wurde, so litt sein ferneres Aufsteigen immerhin an öftern Unterbrechungen. Er mußte oft rasten, und bereute bitterlich seine unbesonnene Hingebung an eine Trägheit, die sonst nicht in seinem Wesen lag. Er eilte, was er konnte, um das Jaufenhaus zu erreichen, das eine starke Viertelstunde diesseits der Jochhöhe befindlich; aber kaum ein paar hundert Gänge davon entfernt, mußte er noch einmal innehalten und sich ausathmen, und die Arme mit Gewalt, wie zur Winterzeit, über Brust und Schultern schlagen, um sich Wärme und Geschmeidigkeit zu verschaffen. Auf der vollen Höhe des Berges war nemlich die Temperatur eine ganz andere, als 202 in den niedern Regionen. Die Sonnenstrahlen leuchteten dort nur, sie wärmten nicht, und ließen sich sogar von einem windschnellen Nebel, der über die Jochspitze herüber kam, verdunkeln. Der graublaue Rauch umfing mit Blitzesgeschwindigkeit die Höhe und wickelte sie in seine Schleier, daß auf zehn Schritte ein Wanderer den andern nicht wahrnehmen mochte. Mitten durch sprühte ein Schneeschauer nieder; tiefer unten am Berge regnete es; im Thale lag der Sonnenschein warm und unwandelbar. – »Ein Wetter, als wie mir zum Trotz!« sagte Seraphin, schlenkerte die Beine, um sie wieder in ihre Federkraft einzusetzen, und sah während dessen, wie gerade vor ihm, ihm entgegenkommend, ein Weibsbild durch Schnee und Nebel heranruderte. Nach ein paar Schritten stand diese ehrwürdige Person, die ein Branntweinfäßchen in einer Kraxe auf dem Rücken hatte, Nase an Nase mit Seraphin, und sprach ihn, nach einem hellen Ausruf der Verwunderung, aufs Freundlichste an: »Mein Heiland! Du schönes Bubele, kommen wir denn hier wieder zusammen?« – Es war die alle Wollhaube, die Dörcherin. »In Gottesnamen! woher des Landes?« fragte Seraphin ebenso freundlich wie Jene. – Die Dörcherin ließ sich von Wind und Schnee nicht anfechten, und erzählte am Schnürchen Dichtung und Wahrheit ihres Winterlebens her. Nach ihrem Vermelden war der Aufenthalt in der Umgebung von Meran nicht ohne Vortheil für die Laningerfamilie gewesen. Gott weiß, mit welchen Mitteln die Leute dazu gelangt waren, einen Nothpfennig oder Reisekreuzer zu erübrigen. Es war aber einmal geschehen, und daher hatten die Quasi-Eheleute und Häupter des fahrenden Geschlechts den günstigen Zeitpunkt benützen wollen, um nach Rom zu wandern, und daselbst ihre Ehe von der Kirche einsegnen zu lassen: eine Gewissensberuhigung, die ihnen in Tirol, bei dem steten Kampf der Behörden mit den Gemeinden, von weltlicher 203 und geistlicher Obrigkeit versagt worden wäre. Niemand wollte nemlich die Verpflichtung auf sich nehmen, den recht- und heimathlosen Dörchern eine Niederlassungs-, folglich Heimathbewilligung zuzugestehen, und etwa nach dem Tode des Vaters oder beider Eltern die zahlreichen Kinder dieser herrenlosen Zigeuner zu erhalten. – Darum mußte also Rom, die gnädige Mutter, um Vermittlung angesprochen werden. Der Vater und die Mutter hatten deßhalb Pilgerschuhe an ihre Füße gebunden, die Kürbisflasche und den Stab zur Hand genommen, und die Kinder unter der Großmutter Fürsorge zurück gelassen. Zaya that das Menschenmögliche, um die Würmer satt zu machen und zu pflegen, und da mit dem Winter das Kastanienbraten aufhört, und wegen der angestrengtern Feld- und Hausarbeit der Bauersleute auch das Wahrsagen nicht mehr allzubegehrt wird, so mußte, ihren Pflichten zu genügen, die Wollhaube sich allerlei Beschäftigungen unterziehen, so unter andern, die Lohnträgerin von Allerhand vorzustellen. Gerade heute ging sie mit einem Vorrath von Weinbranntwein gen Sterzing, um ihn dort abzugeben, und Innsbrucker Artikel, die schon parat lagen, wiederum dafür ins Etschland zu schaffen. – »Du bist durch und durch kalt und müde, mein schöner Bub',« sagte das Weib mit einer Herzlichkeit, die einer bessern Natur als der einer Landfahrerin Ehre gemacht hätte: »warte, warte, ich will Dir heute wett machen, was Du auf der Alp für mich gethan. Gib Acht, der Tropfen ist nicht zu verachten.« – Seraphin kostete von ihrer Waare und fühlte sich alsobald besser, zumal da der Rauch wieder seinen Abzug nahm, da nur mehr Nachzüglerflocken, wie sparsam stäubende Federn, durch die Luft taumelten, und die Leibfarbe des Himmels prachtvoll durch den zerreißenden Dunst zur Erde leuchtete. – »Sag' mir jedoch, Seraphin, wie Du mir 204 vorkommst? Ich hab' Dich verlassen als einen Laufjungen des Grödners zu Burgeis, und finde Dich jetzo mit abgetragenem Kittel und braun, als wie gegerbt und geselcht, auf dem Jaufen wieder?« – Worauf Seraphin lustig, denn er fühlte seine Kräfte unbeeinträchtigt wiederkehren, und die Ueberbringerin des Martina-Zelten war ihm lieb: »Wenn Du in der That mehr als Brot essen und von der Zukunft etwas voraussagen kannst, Zaya, so zeig' mir an, ob ich denn einmal den Spitzbuben erwischen werde, dem ich nachjage?« Und da er Peter's Namen genannt, und was darauf bezüglich, erzählt, wunderte sich die Zaya sehr und sprach: »Du setzest meine Wissenschaft auf eine leichte Probe, und weißt doch, daß ich Dir mit Glück und Vorbedacht die gelben Vögel, deren Wärter Du jetzt bist, vorausgesagt habe? So wisse denn, daß jener Tammerl-Peter – ein nichtsnutziger Mensch wie Einer – gerade dort im Jaufenhause sitzt und sich's wohl seyn läßt.« – »Juhe!« schrie Seraphin, hüpfte hoch auf und schwenkte den Hut dem steinbeladenen Dache jenes Gebäudes entgegen. – »Schrei' nicht so laut vor Freuden!« ermahnte die Alte mit gutmüthiger Zudringlichkeit: »bedenk' Dich zweimal, ehe Du in dieses Haus trittst. Der Peter ist nicht allein: ein anderer langgewachsener und viel älterer Bursche, der heut Morgen geraume Zeit vor mir herging, den Berg hinan, sitzt bei dem Peter, und sie trinken und sie schmauchen miteinander, daß es gar aus ist, und das dritte Wort des ältern Menschen ist: »Heisa das Soldatenleben!« und das zweite von Tammerl-Peter: »Hoi, hoi, was geht mich Imst an, und ob der Vater einen haushohen Zorn hat oder keinen? 's ist mir gleich!« Stell' Dir also vor, in welche Metten Mette, in trivialer Bedeutung: ein wüstes Durcheinander. Du Dich begeben willst. Zugleich schimpft der Lange eben auf den Vater Tammerl, daß sich die Balken biegen möchten, und – denk' Dir – der Sohn hockt dabei und lacht dazu.« – »Das alles ist recht sonderbar 205 und nicht erfreulich,« gestand Seraphin: »allein ich will nicht von Betlehem nach Jerusalem gekommen seyn, um nichts zu sehen und nichts zu thun? Das wäre dumm, Zaya; und weder der Peterl, der Bosnickel, oder der Gar-Andre werden mich auf'm Kraut essen wollen.« – Diese Worte sagend, deutete er stutzig auf einen langen Menschen, der an der Ecke des Jaufenhauses erschien, und müßig Luft schnappte. »Ist's der, den Du meinst?« fragte er seine Rathgeberin. – »Derselbe.« – »Oho! das ist ja der Kölbl; ich seh's an seinem Löffelwischer, am rothen Schnauzbart. Der ist mir gut bekannt, und begreif' ich auch nicht recht, wie er da herauf kömmt. Doch hab' ich mich nicht vor ihm zu fürchten, und somit leb' wohl, Zaya.« – »Mit Gott geh' hin, mein schönes Bübel!« grüßte auch die Alte freundlich: »Geh' hin, Dir blüht stets noch eitel Glück. Ich will im Sommer nicht versäumen, Dich zu Tarrenz heimzusuchen, und vielleicht bring' ich Dir wieder etwas von der schönsten Hand und von der liebsten?« – »Schön Dank! leb' wohl, leb' wohl!« rief Seraphin noch einmal und verließ die Alte, um in das räucherige Jaufenhaus einzutreten. Diese Herberge ist eine von der Oertlichkeit in jeder Beziehung bedingte und nothwendige. Ob nun den äußerst steilen Abhang von Passeier hinankletternd, oder auf dem bequemern Wege von Sterzing dem Jaufenjoch entgegen steigend, bedarf der Wanderer hier der Labung und eines windstillen Ruhepunkts. Die wilde Einöde gestattet aber nur den Aufbau eines spärlichen und unschönen Obdachs, und dessen Bewohner sind natürlich rauh und felsenhart, wie der Berg. Ein paar wetterfeste Mannsleute, ein paar Weiber von groben und strengen Zügen versorgen dort den Einsprechenden mit leidlichem Wein und unerquicklichen Speisen. Um Ansprache ist man nicht verlegen. Die Neugier der 206 einsiedlerischen Gebirgsbewohner ist, wie sich's versteht, immer bemüht, den Fremdling tausendfältig auszufragen, und die Gelegenheit dazu findet sich nicht minder auf dem vielbesuchten Saumschlag alltäglich mehr als genug. Die Ankommenden verweilen oft lange, und sind gewöhnlich nicht eckel. Die Masse derselben besteht aus Kraxenträgern mit Obst und Branntwein, aus Säumern, die vordem gar häufig den Weg über den Jaufen nahmen; aus ziehenden Handwerksgesellen, aus Bauern, die mit Kleinvieh hinüber und herüber wandern, aus Händlern, die mit Schafen und Böcken aus dem fernen Ungarn kommen, um dieselben auf den Alpen zu mästen und später in Meran auf den großen Winterfleischmärkten abzusetzen; aus vacirenden Bergknappen und wildlustigen Jägern, und endlich aus allerlei Volk, landeinheimisch oder nicht, das auf losen Erwerb gehend, gern so schnell als möglich die größern Flußgebiete wechselt, die Heerstraßen vermeidend. – Vor hundert Jahren und darüber waren der Jaufengänger noch viel mehr als heute; die Aufsicht der Gerichte hüben und drüben um vieles nachläßiger; eine Gewaltthat wurde nicht selten auf dem Berge verübt; den damaligen Besitzern des Jaufenhauses war daran gelegen, mit allen Passanten in friedlichem Vernehmen zu verbleiben, damit nicht etwa eine frevelmuthige Hand aus Rache einmal den Stall leeren, das Rauchfleisch aus dem Kamin stehlen, oder gar den rothen Hahn auf das prasseldürre Schindeldach stecken möchte. Die Wirthe ließen also ihre Gäste, bekannt und unbekannt, vermöglich oder arm, in ihrem Hause gewähren, drückten bei Unfug und Händeln die Augen zu, und wenn ja einmal nach irgend einer schreienden Selbsthülfe die Justiz von Sterzing oder von St. Leonhard in Passeier von weitem bei ihnen anfragte, so hatten sie niemals etwas gesehen oder gehört, das unrecht gewesen wäre, und dabei beruhigten sich gewöhnlich alle betheiligten 207 Parteien. – In diese völlig neutrale Gasthaltung begab sich Seraphin. – Der heutige Zustand des Jaufenhauses ist ein prachtvoller gegen das, was er in jener Zeit gewesen. In der vertäfelten Stube, schwarzgebeizt von Rauch und Alter, durchqualmt von schwüler Hitze – denn der Ofen speist dort oben zu jeder Jahreszeit sein Holz, als ein rüstiger Verzehrer – waren verschiedenerlei Menschen und Vieh zusammengedrängt. Einige magre Hühner hüpften von Tisch zu Tisch, um die gefallenen Brosamen zu picken; mehrere Hunde bellten durcheinander; zwei Lieblingsziegen pflegten ihr Fell unter der Ofenbank, wo sie vor dem Schneegestöber Schutz gesucht. Auf derselben Bank schlummerte, das Gesicht tief in seiner Pelzmütze versenkt, ein müder Waidmann, das Gewehr im Arm. Eine Gruppe von Viehhändlern, deren Thiere vor dem Hause und in dessen Vorplatz angebunden blöckten, meckerten und grunzten, stand, geräuschvoll eine Streitigkeit verhandelnd, um den Wirth, als um den Schiedsrichter, geschaart. Ein Trupp von Hausirern war im Begriff, lärmend seinen Weg fortzusetzen. Die Hauskatze saß vornehm auf dem Gesimse neben dem Betbuch, dem Kalender und der Laterne; unter ihr an schmutziger Tafel der Vogelträger Kölbl vor einem großen Kruge und neben ihm, sich geberdend wie ein völlig mündiger und leichtsinniger Mensch, der landläuferische Peter, den Pfeifenstummel im Mund und blaß vor Müdigkeit, vor Wein- und Tabacksgenuß. – Es war ein wenig reizendes Bild für den ehrlichen und so herzlich um den Taugenichts besorgten Seraphin. Demungeachtet schritt er herzhaft auf die Zechenden los und sprach: »Sieh' da, Gott grüß', ei Kölbl, bist Du's wirklich, und ist das nicht der Tammerl-Peter?« Dießmal war's der rechte Peter allerdings, und damit es Seraphin gleich merken sollte, drehte er sich um, und fragte flämisch entgegen: »Was geht's Dich an? Wer 208 bist denn Du? Mach' Dich durch, und laß mich in Frieden.« – Der Kölbl jedoch machte ein wild-neugieriges Gesicht, schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Potz Wetter! wo hat Dich der Wind derwuschen, Vintschger, und Dich auf den Berg niedergeschneit?« – »Ich suche den da,« erwiederte Seraphin gelassen: »Du, Peterl, 's ist nicht schön von Dir, daß Du davon gelaufen, wie ein Dieb. Jetzt sey aber gescheit, und geh' mit mir heimwärts. Mach' Deinen Eltern ferner keine Sorgen, mach' nicht das Uebel ärger. Der Meister Wohlrauch nimmt Dich zwar nimmer an; aber Deine Mutter wird schon machen, daß der Vater Dir verzeiht. Da hast Du einen Brief von ihr.« – Der Peter, der gelb geworden war vor Galle und Beschämung, studirte mit verwirrten Blicken in dem mütterlichen Schreiben, und sagte während dessen unverschämt: »Find' ich doch im ganzen Brief nicht einmal, nicht ein einzigmal, daß Du den Auftrag hättest, mich heimzuführen? Was gehst Du mich an, frag' ich? Ich werd' schon heimkommen, wenn 's mir gefallt: will auch ein bissel Freiheit haben, nach der Schinderei bei'm Wohlrauch, den der böse Feind holen kann, wann 's ihm beliebt.« – »Ei, Peterl, Du redest ja wie ein Heide und Unchrist,« hob Seraphin an: »Pfui Teufel, schickt sich das für Dich? Die Frau Marianne hat Dich so lieb, daß sie sich halb zu Tod grämen wird . . . .« – »Was nicht etwa noch gar? Man stirbt nicht so geschwind,« versetzte Peter, und trank sein Glas trotzig über 'm Kopf aus. – Seraphin wendete sich nun in seiner Noth an Kölbl und sagte: »Ich bin vergnügt, daß gerade Du hier gegenwärtig bist, Coloman. Du bist der Aelteste und Vernünftigste von uns – will's Gott, Du wirst dem Peter schon sagen, was er zu thun hat, wenn er 's doch selbst nicht weiß, und mir 's nicht glauben will.« – Aber Coloman machte ein grämlicheres und dabei schadenfrohes Gesicht, indem er entgegnete: »Ich hab' dem Peter nicht zu befehlen. Er 209 kann thun und bleiben lassen, was er will. Ich werd' ihm nicht zusprechen heimzugehen.« – »Kölbl! ist nicht der Meister Dein Dienstherr?« – »Gewesen, gewesen!« lachte Kölbl mit Rachgier im Blicke. »Wir haben uns schon vor acht Tagen zertragen und einander Adje gesagt; und weißt Du, wer daran schuld ist? Niemand, als der vermaledeite Engadiner, dessen Herzblattl Du bist, Du falscher Scherg' und Leuteverläumder!« – »Kölbl!« rief Seraphin, der von des Burschen Händeln mit Egidi und Tammerl nichts erfahren, entrüstet aus: »willst Du schweigen, Kölbl? wie kommst Du dazu, mir einen bösen Namen anzuhängen?« – »Sakra!« fuhr nun der wilde Bursche auf: »bist Du nicht etwa ein Wohldiener und angebrischer Speichellecker? Ist Dein Freund Egidi nicht etwa ein neidiger Wälscher und Leutangeber? Schweig' Du selber, oder Du fliegst zur Thüre hinaus. Was scheer' ich mich darum, wenn Du den Hals brichst? Ich geh' unter die Soldaten, damit holla, will auch einmal ein Herr seyn, und die Werbung in Sterzing kommt mir gerade recht.« – »Geh!« rief Peter giftig: »nimm den Bauer bei den Ohren, und wirf ihn hinaus. Die Raupe soll uns in Frieden lassen.« – Seraphin setzte sich, ungeachtet ihm Kölbl überlegen war, in Positur. »Greif mich nur einmal Einer an!« drohte er. – Kölbl, der sich erhoben hatte, ließ sich plötzlich wieder nieder, und sprach, dem Plaschur den Rücken wendend: »Es wäre eine Schande, wenn ich mit dem Buben raufte. Sollst es aber schon einmal von mir eingetränkt kriegen, und Deinem Engadiner, dem Spitzbuben, kostet's wenigstens ein paar Rippen. Kannst es ihm sagen.« – »Ja, geh',« lärmte der feige Peter: »sag auch der Mutter einen schönen Gruß, und ich würde schon wiederkommen, wann's Zeit wäre.« Seraphin stutzte über die Art und Weise, wie die 210 Sache sich zu entwickeln im Begriff war. Indessen war dem Kölbl ein arglistiger Gedanke durch's Gehirn gegangen, und er drehte sich entschlossen um, mit den Worten: »Ich sollte Dir Hals und Bein brechen, schon weil Du es mit dem Egidi hältst; aber ich will Dich am Leben lassen, Du Heiter, damit Du meine Post in's Tammerl-Haus bestellen kannst. Sag' Du dem Meister, er sey ein schlechter Mann, aber ich wollte mein Recht an ihm suchen: nicht etwa vor Gericht; denn ich bin ein armer Teufel, der immerdar vor Gericht den Kürzern zieht; aber auf meine Weise, und ich will Dir sagen, wie? Den Peter da hat mein guter Stern mir in die Hand geführt, und ich will ihn vorläufig behalten. Sorg' nicht, Peter, sollst's gut bei mir haben; aber, Seraphin, sag' dem Meister, daß, wenn er nicht binnen heut und nächsten Mittwoch zweihundert Gulden in die Hände des Wörle-Hoisal, und zwar für mich bestimmt, niederlegen würde, er seinen Buben nicht sobald wieder zu sehen kriegen soll. Der Peter wird mir ein Pfand seyn für das Geld, und was dem Buben widerfahren mag, soll auf den Kopf des geizigen und schlechten Mannes, seines Vaters, zurückfallen. Sag' ihm das Wort für Wort, und mach' Dich durch, damit er's frühzeitig genug vernimmt.« Seraphin war versteinert vor Bestürzung; dem Peter selbst fiel die Ludl Ludl: verächtliche Benennung einer schmutzigen Tabackspfeife. aus den Zähnen, und er fragte scheu: »Je, was hast Du mit mir vor, Kölbl?« – »Nichts als Liebes und Gutes, ergib Dich nur darein,« versicherte Coloman mit der Freundlichkeit eines reißenden Tigers, und schenkte dem Peter das Glas voll. Dem bösen Buben schmeckte jedoch der Wein auf einmal nicht, und er unterstand sich, einen furchtsamen Blick ängstlicher Frage auf Seraphin zu heften. – Da änderte Kölbl seine Sprache und befahl streng: »Trink und laß mich 211 sorgen, oder ich schlage Dich nieder. Mein Vorsatz ist gut, und Du mußt mir ihn ausführen helfen, oder . . . bei Gott! solltest Du Miene machen wollen, mir zu entlaufen, so kostet's Dich einen Flügel vom Leib, wo nicht gar das Leben! Was scheer ich mich darum? Ich geh' unter die Soldaten und damit holla!« Seraphin schaute sich besorgt nach einem Beistand um; vergebens. Der Wirth hatte die Viehhändler hinaus begleitet, die Hausirer waren schon längst von dannen gegangen. Der Jäger schlief wie ein Stück Holz in seinem Winkel. Seraphin merkte bekümmert, daß ihm nur der Weg der Ueberredung übrig blieb, und daß derselbe leider vergeblich eingeschlagen werden würde. »Sey doch vernünftig, Kölbl!« sagte er begütigend. – »Vernünftig?« rief Coloman, und schlug wieder auf den Tisch, daß dem Peter, der gehorsam und über Macht getrunken, das Glas aus den Händen fiel: »ich will nicht vernünftig seyn: ich bin wild, fuchsteufelswild, und der Tammerl soll nun Haare lassen, oder bei Gott, es geht dem Buben da nicht gut. Mach' Dich durch, Kalfakter, sag' ich!« »Jesus, Jesus! siehst Du Peter, in welche Hände Du Dich begeben? daß Gott erbarm'!« klagte Seraphin: »Merkst Du, was daraus entsteht, wenn man die Eltern nicht ehrt, und seinen Nächsten unchristlich verflucht, und ihn dem Teufel übergibt. Ja wohl hat der Liebl-Jäger recht gehabt: »Der Satan ist alleweil zur Hand, wenn ein Unglück geschehen soll.« »Laß mich aus mit Deinem scheinheiligen Geschwätz,« schalt Kölbl, der sich immer mehr in Zorn jagte: »fort mit Dir, und Du, Peter, laß' das Rehren, es hilft nicht. Du bist einmal in meiner Gewalt, und mich soll der Schwarze . . .« – »Brav, daß Du weinst, Peter!« rief mit aufglimmender Hoffnung Seraphin: »komm, 212 komm, ein schneller Entschluß kann viel gut machen. Laß den schlechten Mann da sitzen, und lauf mit mir. Wir wollen sehen, ob der Kölbl mit seinem Rausch uns einholen kann!« »Einen Rausch? Du Lästerschnabel!« zürnte Kölbl und sprang federleicht in die Höhe, während Seraphin den zitternden Peter gewaltsam durch die Stube riß, den Jäger heftig am Beine schüttelte, und ihn, zur Thüre stürmend, um Hülfe anrief. Der Mann verwußte sich kaum und rieb sich die Augen. Indessen war schon der Schauplatz des beginnenden Kampfs vor die Thüre verlegt. Kölbl hielt seinen ungeheuern Wanderknittel in der Faust, den Peter beim Schopfe fest, und bedrohte den an ihm zerrenden Seraphin mit seiner Waffe. »Schlag' mich todt, Kölbl!« schrie Seraphin: »ich lasse nicht los. Peterl, herzhaft, mach' Dich frei. Auf ein paar Haare kommt's nicht an, um Deiner Mutter willen.« – Aber Peter that, obgleich tüchtig gebaut, nichts als weinen und wehklagen, und der Wirth, den Seraphin aus Leibeskräften herbeirief, kam nur zögernd heran. »Halt den Betrunkenen auf!« flehte Seraphin, und biß eben, als Kölbl zuschlagen wollte, denselben in die Hand, die Peter'n festhielt. Der Schmerz, den Kölbl empfand, machte den Peter frei; Seraphin kümmerte sich nicht um den Schlag, der ihm den abwehrenden Arm beinahe zerschmettert hätte. Der Wirth stellte sich mit seiner ganzen Breite dem wilden Kölbl entgegen. Das Spiel schien für die jungen Leute gewonnen zu seyn. Sie entsprangen dem Hause. – Aber schnell wendete sich wieder das Blatt. »Auf die Seite, Wirth!« hatte Kölbl gerufen. Gehorsam war der Wirth zur Seite gesprungen. Im Nu war Coloman auf den Fersen der Flüchtlinge; mit einem Streiche erreichte er Peters Nacken, daß der Angsterfüllte wie todt zu Boden sank. Der zweite Streich sollte den sich umkehrenden Seraphin noch gewichtiger treffen und 213 zur Erde schlagen. Da klang das Fenster der Wirthsstube, eine helle Stimme rief heraus: »Willst Du den Seraphin auslassen, du Henkersknecht?« Und dem Anruf folgte alsobald ein Schuß, der dem Kölbl den Hut hoch in die Lüfte jagte, so daß der Wüthende plötzlich erschreckt im Boden wurzelte, schäumend wie ein Wolf, aber bebend wie ein Lamm. Er merkte, daß der Tod nur einen Zollbreit von ihm gewesen. Der Schütze war flink genug, seinem unverhofften Beistand den gehörigen Nachdruck zu geben. Er ließ die Sache nicht halbgethan liegen, und erschien alsobald auf dem Platze, seine Flinte ladend. »He, Du! bist damisch worden?« rief er den Kölbl verächtlich an, reichte dann dem Seraphin die Hand. »Tausend Willkommen, Bruder mein! hab' ich's errathen mit meinem Büchsel?« – »Ach Du liebe Frau! der Lex, der Liebl-Lex!« – Seraphin umarmte den schon recht freisam ausschauenden Waidmann mit wahrer Herzensergießung. – »Still, willst still seyn? nur keinen Dank. Wir sind noch nicht miteinander fertig. Du hast mir einen lieben Vater erhalten, und ich hab' nur einen schlechten Kerl nicht todtgeschossen, obschon es mir weh genug gethan hat, ihn am Leben zu lassen. Aber gelt, Du? 's ist ein gutes Büchsel, das meinige? Es war des Vaters Gewehr . . . weißt noch? das er im Schnee verloren hatte. Er hat mir's geschenkt, und so ist's grad, als hätt' Er Dich jetzo aus der Gefahr herausgeschossen, und nicht ich. Ich wart' auf ein andermal, für Dich meine Kunst zu verrichten.« – Seraphin erinnerte sich, daß einst der Alte mit demselben Gewehr auf sein Leben gelauert, und pries die Vorsehung andächtiglich. Kölbl hatte indessen in seiner Verlegenheit dem daherschleichenden Peter, der mit dem Schrecken davon gekommen, einige Worte zugeraunt. Aber Lex verfolgte seinen Zweck bis zu Ende, schob den Kölbl bei Seite, und sprach hochfahrend zu ihm, der jetzt 214 so blöde, als vorhin gebieterisch erschien: »Du, soviel ich meine, bist Du bei den Beiden da wenigstens um einen Mann oder Spitzbuben zu viel. Du wirst Dir also schon gefallen lassen, dortaus gen Sterzing zu spolziren. Hast ja gesagt, daß Du dort unter die Soldaten willst? flieg ab, und denk' nicht dran, den jungen Mandln da nachzugehen. Ich werd' auf der Wacht stehen, und wenn Du nicht folgst, so pfeif' ich Dir mein Stückl einen Zoll tiefer. Mach' Dich durch!« Lex schlug sein Gewehr an. Tückisch und mit wilder Zunge dumpf grollend, bei jedem Schritte grimmig umschauend, entfernte sich Kölbl. Er mußte die Vorsätze, die in Peters feiger Seele die Furcht geboren hatte, durch seine paar Flüsterworte schon wankend gemacht haben; denn Peter, da es jetzt darauf ankam, seinem aufdringlichen Hofmeister zu folgen, wollte sich wieder auf die Hinterfüße stellen. Aber Lex sagte scheelen Auges zu ihm: »Du bist ein Tagdieb und ein schlimmes Kräutl, das sich erst noch schlimmer auswachsen wird. Folg' darum für heute Deinem guten Engel, sonst geht's Dir nicht gut, weißt wohl? wie für Jenen eine Kugel, so hab' ich für Dich eine volle Ladung Prügel, und will sehen, ob wir Dich nicht damit weiter bringen. – Ich hab' eigentlich heute noch nicht in's Passeier hinunter gewollt; aber 's wird am besten seyn, wenn ich bei Dir bleibe, Seraphin. Ihr könntet in die Nacht hinein wandern, und sie ist keines Menschen Freund. Du brächtest auch vielleicht den eiterbissigen Buben da nicht ohne Mühe nach Meran. Ein anders wird seyn, wenn ich dabei bin. – So, macht euch auf den Weg. Der Schurke und Teufelsrekrut ist schon weit, und wir wollen keine Zeit verlieren. Unterwegs, Seraphin, magst Du mir erzählen, wie eigentlich die Geschichte hier zusammenhängt, und ich meinerseits will Dir berichten, wie's uns gegangen ist seit 215 letztem Winter. Marsch, voran, Du falsches Murmelthier; komm, Seraphin, mein Bruderherz.« Mit Freuden schickte sich Seraphin zum Abzug an. Verdrossen und über Genickschmerzen unmäßig klagend, folgte Peter seinem Beispiel. Lex machte den bewaffneten Geleitsmann, spähte stets ringsum mit frischen Augen, und wußte Schritt und Tritt anzugeben, wo der Weg durch einen nähern Fußpfad abgekürzt werden konnte. So wanderten die Dreie mit einander übers Joch bergunter, durch Wald und Felsen dem wunderherrlich gelegenen St. Leonhard entgegen. – Dritter Band. Erstes Kapitel. O je, g'freu ich mich heim! Das halt' ich gar nicht g'heim, Ich sag's grad laut. Sei's aussen noch so schön, Möcht' ich dem Berg zugeh'n, Wo's weiß herschaut – Herr, schenk' mir frohen Muth, Führ' mich, o sey so gut, In Deiner starken Hut, Ist meine Wandrung aus, Glücklich nach Haus. Tiroler-Lied. Zuweilen, in hochgelegenem Bergrevier, aus Felsenschluchten, die einander gegenüber sich öffnen, fließen zwei Wildbäche hernieder. Als wüßten sie von einander, stolpern sie ungeduldig über ihre rauhen Treppenstufen, und vereinigen sich geräuschvoll in der Rinne des Thals. Zufrieden alsdann, plaudern sie lustig fort im frischen grünen Wald, durch fette Wiesen und blumige Fluren und gießen sich, gleichsam Arm in Arm in den Fluß, in das Meer, wo ihre Spur dem Auge in der Unendlichkeit verschwindet. Es trifft sich nicht selten, daß einer von ihnen längere oder kürzere Zeit ausbleibt, in seinen Quellen vertrocknet, vom Sonnenbrand, oder vom Winterfrost und Gletschereis gehemmt. Wie niedergeschlagen und müde wandert dann der andere seinen weiten Weg! wie schläfrig rollt er dahin! Seiner Wellen Blitz scheint ein sehnsüchtiger Blick nach der Höhe, die jetzt so dürr und kahl; jedes Rauschen 2 seiner Woge ein Seufzer nach dem Ausbleibenden, der nicht kommt, das vereinsamte Bett zu theilen. Wenn jedoch der Frühling das Eis bricht, oder ein wohlthätiger Regen die Glut des Sommers löscht, und der Strom, befreit von seinen Banden, lebendig, wie sonst, zu Thal sprudelt, – dann ist die Freude der Neuvereinigten ohne Gränzen. Sie bewillkommen sich mit Getöse, sie schwatzen um so eifriger durchs Land, und als ob sie die entlaufene Zeit einzuholen dächten, verdoppeln sie ihre Eile, das Ziel zu gewinnen. So auch zwei innige Freunde, die, lange von einander geschieden, sich wieder begegnen mit leuchtenden Augen, mit brüderlicher Hand. Das fragt und erzählt, das weint und lacht, das zürnt und herzt sich ohne Unterlaß. Immer rühriger bewegt sich die aufrichtige Zunge, das erquickte Herz. Es ist freilich im Grunde gleichgültig, an welchem Orte sich zwei wackre Freunde wiederfinden, aber ihre innerlichsten Gefühle werden immer begeisterter überströmen, wenn sich ob ihren Häuptern die Kronen majestätischer Bäume wölben, wenn die sommerliche Abendluft, so mild und erfrischend, auf heiterm Rasenteppich sie umspielt, und sie dabei ganz vertraulich sitzen können, den fröhlichen Becher zur Hand, worinnen sich die aufziehenden Sterne spiegeln, nicht weniger die von Entzücken feucht gewordenen Augen der im Wiedersehen Verklärten. Bei Augsburg gab es solch ein Plätzchen mit Schatten und Matten und fröhlichem Becher, zu den »sieben Tischen« genannt. Der Patrizier und der Handwerksmann suchten einst dort in ächt republikanischer Eintracht ihre Zerstreuung und Trinkfreude. Des Fremdlings Spaziergang richtete sich gern nach jenem Heimathplatz der Sommerlust. Muntere Gespräche schwirrten über die vielbesetzten Tafeln hin und machten die Sänger in den Baumwipfeln verstummen. Um so neugieriger saßen die stillgewordenen Vögel auf den Zweigen und schauten hernieder in das 3 mannichfaltige Gewühl tief unter ihnen, wo des Gambrinus schäumender Krug von Hand zu Hand ging und ein Spaß den andern jagt, als ob er gefiederprächtige Schwingen hätte. Kurze Zeit nach dem Lorenzitag des Jahrs 1740 war der Sommer recht heiß geworden, daher der Schatten der »sieben Tische« begehrter, und durstiger der Gaumen des dahin wandernden Gastes. Musik, Gesang und Scherz überall; aber am äußersten Ende der bunten Versammlung der Zecher saßen an einem winzigen Tischchen allein zwei Leute, die sich mit wonniglichen Augen musterten, sich tausendmal die Hände reichten und Geberden machten, wie sie nur überglücklichen Menschen gerathen. Der eine der beiden Männer, ein schlankgewachsener Jüngling rosigen Angesichts, trug mit Vortheil das hübsche Gewand des reisenden Vogelhändlers; der andere war städtisch gekleidet, und der Rock, der seine stämmige Gestalt einknöpfte, hie und da mit grünen und blauen Oelfarbflecken getigert. Sein Hut saß etwas verwegen auf seiner Stirne voll Keckheit, über seinem Gesicht, voll von ehrlicher Lustigkeit und gutmüthigem Trotz. Der Stämmige klappte mit der Gewandtheit eines Geübten den Zinndeckel seines Kruges auf, zog einen braven Schluck, und sagte dann, mit dem Aermel den Mund wischend: »Das heißt auf Deine Gesundheit getrunken, Du rarer Seraphin. Jetzt erzähle weiter, und fürchte nicht, daß ich Dich unterbreche.« Seraphin, der schmucke Vogelträger, ließ sich's gesagt seyn, legte beide Ellenbogen auf den Tisch, agirte lebhaft mit den Fingern, und füllte die Kluft der kurzen Unterbrechung mit um so gedrängterem Bericht aus. »Du kannst Dir nicht vorstellen, Walt, wie so viel ungern der schieche Bube mit uns ging. Ein widerspenstiges Fackl ist niemals mit größerer Mühe zum Markt gebracht worden. Zudem – Gott behüte das Passeierthal – war der Weg 4 stückel und steinig gewesen den Berg hinab bis St. Leonhard, so wurde er noch viel schlechter dort unten. Am »Sand« hatte die Passer übel gehaust, unter Riffian und beim Salthaus Salthaus: ein einzelner, sogenannter Schildhof im Passeyrerthal, auf der Straße nach Meran. mußten wir, um nicht im Wasser zu storcheln bis an die Kniee, von Stein zu Stein springen, wie die Gemsen, und ich dachte alleweil, der Teufelsbub' möcht' sich durchmachen. Und je näher gen Meran, je ermüdender wurde die Straße und die Dunkelheit, die mit Gewalt einbrach, machte den Transport noch heikler, und wär' der Peter nicht ein fauler Bub' ohne Courage gewesen, er wäre uns zehnmal statt einmal entkommen. Zum Glück fürchtet er sich aber vor der Hexe und vor der Nacht, und sein liebes Fell ist ihm vor Allem werth; er laßt's nicht auf ein blau's Fleckl ankommen, viel weniger auf einen groben Schuß, womit ihn des Liebl-Lex Büchsel an einem fort bedrohte. Item: wir marschirten in das Meran hinein; aber ich wußte nicht recht, wie es anzufangen seyn würde, den kleinen Waldteufel über Nacht festzuhalten. Ich war schläfrig und müde wie noch gar nie, und der Liebl-Lex sagte am Thor: »Jetzo will ich zurückgehen, und weiter Dich zu begleiten, leidet mir die Zeit nicht.« Nahm freundlichen Abschied von mir, versprach mir noch einmal sein ganzes Herz für seine Lebtage, und kehrte um ohne sich vor der Nacht zu fürchten. Wohin er ging, wußte ich nicht. Er hat mir's nicht gesagt. – Nun hatt' ich nur noch einen Stern: die Hoffnung, daß der Peterl nicht weniger müd seyn würde, als ich, und so war es auch. Dem schiechen Buben hieng schier die Zunge aus dem Halse, und er verlangte nur nach einer braven Gazze voll Suppe und nach einer Liegerstatt. In einem Wirthshaus bei der Kirche verschaffte ich ihm beides, fütterte ihn ab, sagte ihm bei jedem Löffelvoll: »Sey still und ergib Dich und schleun' Dich, und mach mir keinen Spektakel, sonst schlag ich Dich nieder, oder der Lex thut's, der gleich wieder da seyn wird.« Der Heiter hat Alles 5 geglaubt, ist ohne Abendgebet ins Nest gekrochen und gleich darauf eingeschlafen, als wollt' er in hundert Jahren nicht mehr aufstehen. Ich hab' die Thüre zugeschlossen, den Schlüssel in den Sack gesteckt und mich ebenfalls niedergelegt, aber weil ich fürchtete, der Peterl möchte mir durch's Fenster auswischen, hab' ich einen starken Spagat um seine Pratzen und die meinigen gebunden, und mich erst alsdann dem Schlaf überlassen. 's ist nicht nöthig gewesen. Der kleine Ruech schnarchte, bis ihm die Sonne in die Nase schien, und da er erwachte, hatte ich noch immer nicht bei im Reinen, wie ich ihn weiter bringen würde. »Ich bin ganz maladi und marod,« murmelte der Bub' mit seiner verdrießlichen Stimme: »meine Schuhe sind hin, meine Füße sind hin; kannst mir den Schuster und den Bader rufen, Seraphin« – Wahr ist's: seine Schuhe waren zerrissen, aber der Peterl wär' auch in den zerrissenen davongelaufen, sobald ich den Rücken gewendet hätte; darum sagte ich ihm: »Recht, Peterl; darfst nur schaffen . Ich geh' selber mit Deinen Schuhen zum Flicker, und weil, wie ich sehe, Deine Gesäßhosen Gsäßhosen: die eigentlichen Beinkleider, zum Unterschied von den »Beinhosen« – vielfach gefaltete Strümpfe zum Schutz der Waden, – also genannt. ebenfalls die Nadel brauchen, will ich sie gleich mitnehmen.« – Der Peterl machte ein schiefes Gesicht; da ich mir aber wohl einbildete, daß er nicht im Hemde herumspolziren würde, so war ich seiner gewiß, und ging mit seinem Gewand unterm Arm auf die Straße vor's Haus. Was seh ich aber da? Die Tammerlkutsche, die alte, die mir noch von Burgeis erinnerlich war. Ich reib' mir die Augen, ich frag' den Hausknecht. Der sagt mir, die Kutsche sey vor einer Stunde angekommen. – »Wer darinnen?« – Eine wohlbesetzte Frau und ein bildsaubres Madl. – Da ist mir die Martina wie ein Hasenschrot durch's Herz gegangen. – »Oho! was wollen denn die hier?« – Die Alte hat die Junge in's Kloster zu den Fräulein gebracht. – »Ach, Du heilger Geist! soll sie darinnen bleiben?« – – Ach mein ja. Zwei Jahre auf's wenigste, hat die Alte 6 gesagt, und wie's bei den Kapuzinern geläutet hat, sind sie miteinander fort ins Kloster. – Da stand ich nun, die Schuhe in der Hand, das G'wand unterm Arm, und schaute betrübt in die Sonne hinein, und hätte mich selber wegen meiner Langschläferei schopfbeuteln mögen. Ich bildete mir ein, daß wenn nur die Martina mich gesehen hätte, sie unmöglich ins Kloster hätte gehen können.« »Das wird schon seyn . . . . . oder auch nicht,« unterbrach Oswald schon wieder den Freund; »oder auch nicht, sag' ich; denn schau: die Alte ist doch einmal der Martina ihre Mutter gewesen, und ich wollte wetten, daß gerade die Alte den Anschlag mit dem Kloster gehabt hat, und kein Mensch sonst auf der weiten Welt. Das liegt schon in meiner Perspektivi. Gesundheit, lieber Seraphin.« Der Vogelhändler schenkte der Trinkfertigkeit seines Jugendgefährten und Herzbruders einen langen, stillen und mißbilligenden Blick; er zog etwas ungeduldig seine rothe Schärpe zusammen und fuhr fort: »Hast's errathen, Oswald, ganz und gar. Aber laß mich doch an der Schnur fortreden, sonst komm' ich nimmermehr an's Ende. – Wie ich also dastehe und das Maul aufsperre, gleich einer jungen Lerche im verlassenen Neste, wer kömmt vom Thor heraus, vom Thor gen Mals? Die Frau Marianne wie sie leibt und lebt, im Staatsgewand mit der goldnen Haube, aber Niemand ist bei ihr, nicht hinten, nicht vorne, nicht links, nicht rechts. Zur selben Zeit steht Jemand hinter mir, schlägt mir auf den Rücken, und schreit: » Chi Giavel , Du hier?« Du errathst schon selbst, daß es der Engadiner war, der, weil Kölbl nicht mehr in Tammerls Diensten, die Mutter Martina's herkutschirt hatte. Ich konnte ihn nicht viel fragen. Nur sagte er heimlich, ich möchte immerhin gute Miene zum bösen Spiel machen; die Alte habe etwas angezettelt. – So eben kam die Frau in meine Nähe, blieb überrascht stehen, hielt die Hand zwischen Aug' und Sonne, verzog den Mund mißfällig, wurde roth 7 – aber wie! – im Gesichte, und fragte mich zornig: »Heiliges Blut! wie kommst Du nacher Meran?« Nun – ich hatte bald wieder meine Gnade und noch mehr als diese: die Geschichte mit dem Peterl wollte ihr schier das Herz abstoßen, aber wiederum erfrischte seine Rettung ihr Herz, und ich muß sagen, daß sie von dem Augenblick an, trotz ihrer großen Vorliebe für den Buben, doch noch größere Stücke auf mich hielt, als auf den ungezogenen Peterl. Ist's aber auch möglich, daß Einer die warme Mutterliebe so häßlich vergelten kann, wie es der Bube von Stund' an ohne Hehl sich unterstanden? Ei, da muß wohl die blindeste Zärtlichkeit zwei helle Augen bekommen. Du kannst Dir nicht einbilden, wie grob, verstockt und z'nicht der Peterl sich benommen hat. Auf der Reise von Meran nach Imst zurück hat er sich selber muthwillig den G'nickfang bei der Herzensmutter gegeben, und Egidi sparte auch nicht, überall sein Wörtl einzuflicken, um der Frau Tammerl zu verstehen zu geben, welch ein Unterschied zwischen mir und dem ungerathenen Kinde sey, und daß die treue Dankbarkeit eines Fremden höher anzuschlagen, als die Blutsverwandtschaft mit einem Rabensohn. Egidi mochte auch um so unbefangener predigen, als kein Mensch mit einer Silbe wußte, wie nahe mich der Engadiner angeht.« »Wohl, wohl, Seraphin. Aber du kommst ganz ab von Deiner Martina?« »Ei nun, mit derselbigen hatte es seine Richtigkeit. Sie war im Kloster bereits aufgenommen. Ich war unfähig, meinen Verdruß zu verbergen, und bat, das Madl nur noch einmal sehen zu dürfen. Aber die Hand von der Butten! d' Hand von der Butten, 's sind Weinbeerln drinn: nicht anrühren! Da war nichts zu machen. Frau Marianne sah verzweifelt streng, und antwortete, freilich ein bissel unbedacht: »»Wär' mir nichts lieber. Der kleinen Tack' das Herz noch schwerer machen? Behüte Gott!« Das klang feindselig allerdings, aber ich freute mich dennoch. 8 Du merkst, warum? Aber wie viele tausendmal hab' ich von da an gewünscht, ich möchte, wie der Grödner es vorgehabt, zu Meran auf der Schule seyn, und folglich nahe bei meinem Schatz, und träumte so von allerhand. Nun, wer weiß, ob's gut gewesen wäre. Ich zweifle. Der Himmel hatte es besser mit mir im Sinn. Wir reisten also noch am selben Abend fort. Noch einmal war Frau Tammerl im Kloster gewesen; ich hatte sie gebeten, die Martina freundlich zu grüßen, Frau Marianne hatte dieses versprochen. »»Sie thut's nicht;«« sagte mir hierauf der Engadiner. Und richtig hat sie's auch nicht gethan, und der Martina nicht einen Buchstaben von meiner Ankunft verrathen. Der Peterl machte Kopf mit der Mutter, und verlangte nicht nach der Schwester; die Mutter mockte mit dem Peterl und sagte auch von ihm der Martina kein Wort. Mir machte sie vor, sie hätte den Gruß verrichtet und die Martina hätte gesagt: Schönen Dank und nichts weiter. Ich wußte es aber schon besser, und schwieg dazu still. Wir fuhren schnurgrade durch Burgeis, ohne anzukehren. Frau Marianne wollte nicht, daß ich ihres Buben Schande ausposaunte. Zweimal lagen wir über Nacht; am dritten Tage rumpelten wir zu Imst ein. Egidi hatte seine Sachen trefflich gemacht. Die Tammerl hatte ihm ernsthaft gesagt. »Ich will nichts Gutes seyn, wenn ich's dem Seraphin jemals vergesse, und was er von mir haben will, das hat er schon im voraus.« – »Merk's,« sagte hinwieder zu mir der Egidi, und ich that dieses auch so eifrig, daß ich, als wir nach Imst kamen, den Kopf ganz vornehm trug, wie unser Prälat. Der Landläufer jedoch, der Peterl, fürchtete seine Prügel und ließ sich gehen, wie ein Regenwurm. Man hätte ihn vor lauter Elendigkeit durch einen Trichter laufen lassen können, das saubere Früchtl.« »Bin nur froh, daß Du ihn mit Ehren heimbrachtest, Seraphin.« 9 »Beim Meister hatt' ich mir noch ein Bildl mehr eingelegt, als bei der Meisterin. Was ich verrichtet, war gut ausgefallen. Die Tante Magdalene war höchst zufrieden mit dem Brief, den ich ihr von dem Herrn mit der Flitsch'n überbrachte, und sagte mir, sie wisse Alles, was zwischen mir und der Martina verhandelt worden, und das Madl würde mich lieb behalten, und ich solle brav seyn, und es würde Alles gut werden. Sogar die Tammerlmutter war mir freundlich und der alte Maroner erhob mich über alle Sterne. Ich war der Vogel im Hanfsaamen, und wenn auch die Abwesenheit meines Engels weh that, so erquickte mich doch einigemal ein Liebeszeichen von ihrer Seite. Die alte Wollhaube, die Zaya war der hatschige Kurier, der ungefähr alle fünf oder sechs Monate ankam, und mir Grüße brachte, und sogar einmal ein Herz von Papier, worauf stand: »Getreues Abbild des Herzens, das mir Seraphin Plaschur verschrieben, und die liebste Tante gerettet hat. Herz um Herz, 3–4–3 (Treu' für Treu'.) Immer und gewiß Deine ergebenste Martina Tammerlin.« Ja, Waltl: für das blühweiße Papier mit den schwarzen Mückenfüßen darauf, die ihre Hand gemalt – für das Herzl von ihrer Scheere ausgeschnitten, hätte mir schon der Mohrenkönig viele Zentner Goldstaub versprechen dürfen, ich hätt' es doch nicht hergegeben.« »Nun, das meyn' ich doch auch, Seraphin. Hergeben? ja, Schnecken! hättest gerade nicht recht bei den Groschen seyn müssen. Schau, schau! sollst leben, Du rarer Kerl.« – »Mit aller Welt in Fried' und Freud', nur mit dem Peterl stets in Gift und Streit, vergingen mir ein achtzehn Monate, wie der Wind, und siehe da, die Martina kam heim und der Peterl ging hinaus in die Lehre Nummer zwei, über den Berg zu einem Handelsmann nach Feldkirch. Daß er ging, war mir recht; daß sie kam, 10 war mir jedoch zehnmal recht; denn sie konnte nicht zur gelegenern Zeit kommen. Just am Tag vorher hatten der Egidi und ich dem Meister Tammerl sein Haus und Hof vom Feuer, sein Gut und Hab' vor Dieben gerettet. Wie das zuging, sag' ich Dir ein andermal. Genug: mit dem Segen Gottes gelang's, und ich war der Haupt-Mann dabei, denn der Engadiner trat mir all' seine Glorie freundlichst ab. Die Tammerlfamilie weinte und segnete mich. Der Meister sagte zur Frau: He Marianne, hat der Vater selig etwa nicht gewußt, was er that, als er mir den Buben anempfahl? Und die Frau Marianne nickte, und nahm mich mit beiden Händen beim Kopf, und sagte: Du sollst unser Sohn seyn. – Mir war's schon recht, und der Martina auch. Die Frau Tammerl war einmal in die Rührung hineingerathen und der Meister auch, und die Tante Magdalene sagte, ehe noch der gute Geist verraucht war: »Ihr habt, so zu reden, dem Seraphin Alles zu verdanken. Das belohnt sich nicht mit einem Sack voll Geld, und euer Peter, der Scharmantl, würde euch nie vergeben, wenn Ihr sein Erbtheil um ein paar Thaler verringertet, dieselben dem Seraphin zuzuwenden. Darum hört, was ich meine. Mir ist's in der Liebe ganz konträr gegangen; ich will aber nicht sterben, ohne zwei Herzen, die sich aufrichtig lieben, so recht mit Gusto verbandelt zu haben. Entweder gebt Ihr dem Seraphin die Martina, und ich, Lenerl Prombergerin, schenke ihm eine Aussteuer von zehntausend Gulden, daß er als ein rechter Mann Euer Schwiegersohn werde; oder Ihr gebt ihm die Tochter nicht, und ich schenke die zehntausend Gulden dem nächsten Spital, und die Martina kommt folglich einmal um die Hälfte meines Vermögens. Jetzt wißt Ihr's, und macht mir nicht gar zu lang mit Eurem Rath und Ueberlegen.« »Die beste Tante auf der weiten Welt, Seraphin. Nein, die gehört nicht auf's Sterzinger-Moos, sondern 11 in ein Aparte-Stanzl Stanzl: besondres Kirchenstübchen; Oratorium für vornehme Leute. des Paradieses. Die ehrsame Jungfer Prombergerin lebe!« »Spare Dir den letzten Jubeltrunk auf's Ende meiner langweiligen Geschichte. Gott sey Dank, ich hab' nichts mehr zu sagen, als daß die Tammerl-Eltern Ja sagten, trotz des Kopfschüttelns der alten Martha und der Warnungen des Spanbrenners, des Herrn von Sprenger, der sich dahineinmischte, wie ein höllischer Geisfuß, als ob's ihn etwas anginge. – Vier Jahre wurden als Wartzeit festgesetzt. Zweimal sollte ich hinauswandern, wie die andern Vogelträger auch, und Beweise von Geschicklichkeit im Handel und von Treue in Geldsachen ablegen. Ueberhaupt sollte während der vier Jahre meine Aufführung die eigentliche Bürgschaft für mich leisten, und nur von meinem exemplarischen Betragen wurde die endliche Erfüllung der glücklichen Zusage abhängig gemacht. Das zweite Jahr nähert sich gemach seinem Ende. Ich habe meine erste Wanderung angetreten. Sie geht nach England, meine nächste etwa nach Moskau, und wenn ich zurückkomme, brav und treu wie immer – und Gott wird helfen – dann, Walt, dann ist Dein Bruder Seraphin schon in dieser Welt mitten im Himmel drinnen.« »Das wird schon seyn, liebster Bub'. Und so laß uns denn anstoßen, und Dich und Alle, die Dir gut sind, in einem Garaus feiern, daß es schnellt!« Seraphin hielt zwar den Trunk mit; sobald jedoch Oswald abgesetzt, abermals den Mund mit dem Aermel gewischt, und einen tüchtigen Schmatz auf seines Freundes Lippen gedrückt hatte, sagte der Letztere mit einer gewissen sorglichen Wehmuth: »Lieber Walt, so wie ich Dich anschaue, so erkenne ich wohl Deine Stirn und Deine Augen, . . . in jedem Zug bist Du mein ehemaliger und neuerdings wieder aufgefundener Jugendfreund; aber, verzeih' mir's Gott, ich kann dennoch aus Deinen Manieren nicht recht klug werden. Es will mir vorkommen, 12 als habest Du ein gewisses ausländisches Wesen angenommen, das Dir nicht so gut läßt, als Deine ehemalige wackre und einfältige Tirolernatur. Ich verstehe freilich von der Welt blutwenig, und es wird sich schon ein Jeder etwas verändern, der lang in der Fremde gewesen; aber ich kann Dir nicht verbergen, daß mir's weh thut, Dich als einen andern Menschen wiederzusehen.« »Wie meinst Du denn das?« fragte Oswald etwas betreten, und wurde dabei flammroth. »Hm, ich sollte meinen, Du seyst ein bissel leicht geworden?« entgegnete Seraphin bedächtig: »Dein Gewand ist nicht gar sauber, Dein Hut ist brüchig, Deine Schuhbandeln sind zerrissen. . . . .« »Wenn ich doch gerade von der Arbeit davonlief, als ich Dich nach mir fragen hörte?« fiel ihm Oswald in die Rede: »ha, Du sollst mich sehen, ich habe schon bessere Kleider; ich gebe dem galantesten Stadtherrn nichts nach.« »Das wird seyn, Walt, und ich will nicht verlangen, daß Du seyst, wie ein Cavalier. Ein Jeder trage sich nach seinem Stand; aber in Deiner Nachlässigkeit steckt so was apart Leichtfertiges. Auf der Gasse drehst Du den Kopf wie ein eitler Vogel nach den vier Winden, lachst alle Dirnen an, die zum Brunnen gehen, hast einen Zug am Halse, daß eine Maß nach der andern des starken Pechbiers verschwindet, ohne daß ich weiß, wo sie hinkommt; kannst auch nicht übel schwören, und ehe man sich's versieht, lauft Dir ein Gsetzl von einem lockern Gsangl über das Maul. Ei, Walt, hast Du denn das alles aus unserm lieben Vintschgau in's Schwabenland gebracht, oder hast Du's nicht vielmehr hier erst aufgelesen?« »Geh, geh, laß mich aus mit dem Textlesen,« lachte Oswald verlegenen Muths: »ländlich, sittlich. Ich werde halt geworden seyn, wie man hier zu Land ist, und damit basta, wie der Grödner sagt. Ich bin eben ein Maler, 13 und die Künstler sind ohnehin nicht wie andere Leute. Das Bierl schmeckt mir, und warum sollen mir die Mädchen, die jungen und hübschen, nicht gefallen, da ich doch selber jung bin und nicht häßlich von Figur?« »Da haben wir's!« seufzte Seraphin: »da spricht er jetzt wie ein abgerichtetes Staarl, und schwäbelt so vornehm, als hätt' er die liebe Muttersprache ganz und gar vergessen.« »Ach mein, ach mein, hör' auf, Seraphin. Gib mir die Hand.« – Oswald langte die seinige treuherzig über den Tisch, und sein Auge wurde naß. – »Glaub' nur, daß ich noch immer Dein ächter Landsmann bin. Schau: es kann nicht ein Jeder sein Glück machen, wie Du es gemacht hast. Ich hab' mir eingebildet, es könne mir nicht fehlen . . . ja . . . gehorsamer Diener. Und so ist's gekommen, daß ich vielleicht gewisse Sekten angenommen habe, die Dir nicht gefallen. Ich weiß eben für meinen vielen Verdruß keinen bessern Schlaftrunk, als das Bierl; kein besseres Pflaster, als den Kuß eines hübschen Mädels.« »So?« bemerkte Seraphin finster: »Wer ist's denn gewesen, der mir auf der Zertzer Alp die Hölle so heiß gemacht und mich vor allen Weiberleuten gewarnt hat?« »Aha?« fragte Oswald dagegen: »und wer ist's gewesen, der sich aus all meinen Höllenflammen nichts gemacht und dennoch die Martina derwuschen hat? O, sey Du froh, daß Dir ein wackres Madl und brave Leute so fein durchs Leben geholfen haben. Nicht Alle sind so wohl berathen. Laß diesen auch eine Freude. Du hast schon so viel als Haus und Hof; ich sitze vogelfrei auf dem Zweige und muß geh'n wie der Wind weht. Du hast eine Braut, die Deine Hofmeisterin nicht minder; ich hab' da außen keinen Menschen, der sich meiner annimmt. Darum tröst' ich mich mit flücht'ger Lieb' bei'm kühlen Krug, der bald leer, bald voll, wie mein Beutel 14 und mein Herz.« – Oswald zerdrückte die Thräne zwischen seinen Wimpern, hob den Becher, seinen Trost, empor, und sagte mit einer drolligen Mischung von Ernst und Spaß: »Bring' D'r's Waltl, »Gsegn' D'r's Waltl; »Fürcht' Dich nit, Waltl, »'s g'schieht D'r nix, Waltl.« Seraphin, der sich inzwischen besonnen, und die Freundschaft, wie sie seyn soll, hatte walten lassen, lächelte, und bat den Freund um Vergebung. »Du bist der alte gute Mensch,« sagte er, »und wenn Du auch ein paar fremde Manieren angenommen, so ist's am End' nicht mehr und nicht weniger, als ein Kittel, den Du anziehen und ablegen kannst; nach Belieben. Verzeih mir, Walt. Du weißt ja, daß das Predigen meine alte Schwachheit. Von wem ich sie hab', weiß ich nicht. Die Mutter hat sich nicht damit befaßt, und der Vater nun schon einmal gar nicht.« »Hm, Du meinst den Vater Lenhard?« fragte Walt lächelnd: »aber der andre, der vornehme Papa, der mit dem böhmischen oder türkischen Namen . . . . . he, wer weiß?« »Schau, Walt, das laß ich mir nur von Dir im Spaß sagen, und zwar, weil ich Dir ein bissel grob gekommen bin. Aber die Sache ist, daß ich in meiner tiefsten Herzenskammer keinen Gedanken habe, als den, daß der Vater Lenhard allerdings mein Vater gewesen; ja – daß er es noch wirklich, denn ich kann's schier nicht glauben, daß er gestorben ist, wenn schon die Mutter es sagte, da sie jenen leidigen Brief verbrannte. Ach, der Brief, der Brief! die Mutter selig hätte etwas Klügeres thun können, als den Brief ins Feuer zu werfen. Wer weiß, wo der gute Vater jetzt sitzt und trauert. Sie 15 haben ihm freilich im ganzen Land einen schlechten Namen angehängt, aber das verschlägt mir, dem Sohn, nicht das Geringste. Wenn ich ihn nur fände, wär's in einem – Gott verzeih' mir die Sünde, wär's in einem Zuchthause, auf einer Ruderbank; seine Hände in Ketten, wenn auch in verdienten, sollten mir heilig seyn als eines Vaters Hände. Den Kindern steht nicht zu, das Thun der Eltern zu deuteln, und am Ende ist der Lenhard Plaschur, trotz des bösen Leumunds, noch zehnmal besser, als die an ihm kein gut's Haarl lassen! – Doch genug von mir und meinen sieben Zwetschgen. Wir sind ungefähr drei Stunden beisammen, und haben von nichts anderem als von Seraphin und Martina und von Martina und Seraphin geredet. Jetzt möchte ich indessen auch vom Bruder Walt etwas erfahren. Aus Deinen paar Briefen hab' ich nicht klug werden können. Sag' einmal heraus, mein lieber Pinselmann, wie ging, wie geht Dir's?« Der verschwäbelte Oswald hatte wenigstens eine seiner heimathlichen Gewohnheiten nicht abgelegt. Von irgend einer Verlegenheit oder Unentschlossenheit befangen, kratzte er sich zu Augsburg den Rücken, wie er im Vintschgau gethan. So auch jetzt. Mit einer gewissen Kläglichkeit nahm er sodann das Wort: »Was soll ich sagen? Es ist wohl schon Mancher in die Fremde gegangen, und hat geglaubt, er würde mit Glanz wieder heimkehren. So ist's mir geschehen. Aber der Glanz wollte sich hinterher nicht finden. Mein Vetter – ich müßte lügen, wenn ich's nicht sagte – hat sich die erdenklichste Mühe mit mir gegeben; aber es half nichts. In meinen harten Kopf wollte nicht viel, und meine Hände waren fast so ungelenk wie der Kopf. Item: ich bin ein Sudler geworden, und habe mich, seit vor ein paar Monaten mein guter Vetter in's Himmelreich abgereist, gänzlich der Flachmalerei ergeben, bin ein Lakirer, ein Vergolder geworden, ein Anstreicher, ein Weißbinder, – wie Du's 16 heißen willst. Schau: meine Eitelkeit hat nicht zugegeben, daß ich als ein mißrathner Malergesell wieder heimging, und leben muß denn doch der Mensch. Ich lebe auch besser, als wenn ich daheim den Pflug führte, oder Holz sammelte, oder das Vieh hütete; aber es ist einmal nichts Rechtes an mir. Und so werd' ich denn den Tüncherpinsel mein Lebtag führen, und ein armer Teufel bleiben, während Du in Ueberfluß und Herrlichkeit Dein Leben verbringst. Das muß aber so seyn, denn Du bist viel gescheiter und braver als ich, und das Glück will Dir wohl, was ich von mir – ob meine Schuld, ob nicht – keineswegs sagen kann.« Seraphin zuckte mitleidig die Achseln, und meinte, es könne allerdings noch etwas aus dem Freunde werden, wenn derselbe sich entschließen würde, wieder in's Vaterland zurückzugehen. »Alle Stifter und Klöster und Kirchen in Tirol werden jetzt, nach der Reihe, wieder ausstaffirt und neu hergerichtet. Es fehlt, glaub' ich, denn ich hörte darüber klagen, an genugsamer Menge der Künstler und Arbeiter. Es wäre dort innerhalb der heimathlichen Berge gewiß mehr zu erwerben, als im Reich, und die Heimath ist doch immer besser als die Fremde.« »Hm!« sagte hierauf Oswald wehmüthig: »Du kannst Dir nicht vorstellen, wie es mich manchmal überläuft, wenn ich über Land gehe und sehe etwa am Vorabend eines Regentags die fernen Gebirge, die bei schönem Wetter nur so leicht und duftig am Gesichtskreis hingelagert sind, ganz dickblau und mastig herantreten. Mir ist dann, als müßte ich stehenden Fußes hinlaufen und an ihnen hinauf krefeln , und wenn ich Rock und Schuhe dabei einbüßte. Schau, aber lach' mich nicht aus, ich gäbe manchmal einen Wochenlohn für die Freude, nur eine Viertelstunde lang den Kirchthurm von Burgeis vor meinen Augen zu sehen. Oft, 17 wenn ich auf meinem Gerüste hing, und etwa einen Sankt Christoffel so schön renovirte, daß ich selber vor dem Heidenkerl erschrack, fiel mir die Heimath ein, und ich saß Stundenlang, in meine Betrachtung verloren, vergaß die Kleckserei und das Essen, sogar das Trinken, und mein Herz klopfte so wehmüthig dazu! Da brauchte nur allenfalls unten auf der Gasse ein Limonitrager vorbeizuwandern, oder ein Handschuhhändler aus dem Zillerthal einen Juchetzer zu thun, – geschwind lief mir's Haferl über und die Zähren rodelten mir wie Erbser so dick über die Backen, und ich war betrübt wie ein Narr. Wie oft bin ich einem grünen Hütl durch die halbe Stadt nachgelaufen, bis ich mein »Grüß Dich Gott, Tiroler, im Schwabenland!« oder »Diendl, schwarzauget's Diendl, woher und wohin?« anbringen konnte. Sie mußten mir ein's singen, und ich weinte dazu. Sie mußten eins mit mir plaudern, und auch dann rehrte ich wie nicht gescheit, weil die Landsleut' mich schier nicht mehr verstanden und kaum glauben wollten, daß ich daheim in den Bergen geboren worden. Weißt Du? Im Vintschgau haben wir oft gelacht über die langweilige Oberinnthalersprache, über die Grödner, denen das Maul nicht still steht, über die Ruechen aus Passeyer oder über die ungeschlachten Teferegger Teferegger: Leute aus einem Seitenthale nächst dem Pusterthal, als Halbwilde verschrieen gewesen. ; aber heutzutage möchte mir halt die Seele aus dem Leib heraus, wenn ich nur einen Menschen sehe, der, ob aus dem fernsten Winkel, von Tirol gebürtig ist. Selbst die Salzburger rechne ich dazu, und so ich einem Kerl aus dem baierischen Gebirg, einem Garmischer, oder Einem aus der Jachenau begegne, bild' ich mir ein, er sey mein Landsmann, oder beneide ihn wenigstens, daß er gerade neben dem lieben Tirol wohnen, und tagtäglich in dessen Fenster hineinschauen darf. Komm, Seraphin, laß unser Land hoch leben, und unser Burgeis, und unsern Kaiser, und Alle, die es mit dem Landl gut meinen!« 18 Es versteht sich, daß Seraphin dießmal gründlich Bescheid that. Er rief auch mit hitziger Freude: »Du bist halt doch mein alter Freund, und wer's Vaterland gern hat, kann nicht umkommen. Laß' immerhin Deine schwäbischen Brüderln sagen: »Gut' Nacht, Welt, ich geh' in's Tirol!« oder: »Im Tirol sey die Welt mit Brettern verschlagen!« oder: »Die Tiroler seyen dumm und grob!« Was thuts? Wir wissen schon, warum wir das Land und die Landsleute lieb haben. Es muß auch etwas Besondres an unsern Bergen und Thälern seyn, das ist keine Frage. Schau: Da gehen sie hin, die Einen nach Wien, die Andern nach Welschland, Dieser ins Reich, Jener gar nach Portugal oder über's Meer zu den Amerikanern, und heirathen meintwegen dort, und bauen Häuser; und sie bekommen Kinder und werden reich, und kommen halt um ihrer Geschäfte willen oft gar nicht mehr heim. Aber deshalb vergessen sie doch die Heimath nimmermehr. Sie reden alle Tage davon, sie beten alle Tage für sie, sie schicken viel Geld dahin, und stiften Schulen und Kirchen darinnen, und schenken dem lieben Mutterland schöne Bilder und allerlei Herrlichkeit. Es gibt Menschen, die sich ihres Vaterlands schämen, aber der Tiroler ist nicht unter selbigen. Vor Gott und aller Welt, vor Franzosen und Engländern, vor evangelischen und türkischen Leuten setzt er seinen Hut auf, klopft mit der Hand auf den Hosentrager und schreit aus voller Brust: Ich bin ein Tiroler; wer hat was dagegen? Ei, das muß schon eine recht fromme und liebe Mutter seyn, die solche fromme und standhafte Kinder hat! Schad' um Diejenigen, so damit sich begnügen müssen, dieser ehrlichen Mutter alle Morgen nur ein Bußhandl übers Meer zuzuwerfen! Jammerschad' um Diejenigen, die in der Ferne ohne ein getreues vaterländisches »Tröst' Dich Gott!« sterben müssen! Aber, wer's verrichten kann, soll sich der Heimath nicht entziehen, soll sein Leben dort ausmachen, wo er's angefangen, und darum 19 setz' ich meinen Kopf auf, daß mein braver Walt das thue. He? Weißt noch, Du halber Schwab', was wir uns in der Vallarga zugeschworen? Daß wir's noch miteinander haben müßten im Leben? Daß es schade wäre, wenn wir auseinander kämen, und daß der liebe Gott schon so gut seyn würde, indem wir uns so lieb, gar so lieb hätten. Weißt Du's noch?« Oswald umarmte heftig seinen Freund. Tiefgerührt fuhr Seraphin fort: »Folglich muß das geschehen. Der liebe Gott, meine ich, hat's gut genug mit mir gemacht, und Du und ich sind ja im Grunde nur ein und derselbe Mensch. Daheim wirst Du die ausländischen Dalkereien vergessen, daheim wirst Du wieder zurecht kommen, den Eltern auf dem Todbettl die Augen zudrücken! Deinen Geschwistern ein lieber Bruder, mir ein treuer Freund seyn; daheim wirst Du Dich redlicher nähren, als hier außen, und auch ein braves Weib finden, und viele Kinder kriegen, und wenn wir einmal ein paar alte Tatt'ln, ein paar krumme schneeweiße Mandln sind, werden wir uns erst recht freuen am Vaterland, und nicht fürchten vor dem Grab, weil's gegraben ist im Schatten unsrer Berge.« »Das wird schon seyn,« schluchzte Oswald, »Du predigst da so rührend, wie der Pater Thomas – weißt ihn noch, den Pusterer mit seinem braunen Gesicht und den tellergroßen Augen? – Du redest so eindringlich und beweglich wie der lange Komödiant, der am Sonntag hieselbst den großen Gordianus gespielt hat, – ein schönes Spiel fürwahr – aber wie soll ich denn ausrichten, was Du sagst? Wenn mir doch der Vetter, maßen meiner Ungeschicklichkeit oder andern Leichtsinns nicht mehr als wenige Thaler hinterlassen hat, die bereits den Weg alles Geldes dahin liefen? Wenn ich doch Schulden habe, statt eines Vermögens, und von meinen liederlichen Bierbrüderln nichts von dem zu erhalten ist, das ich ihnen aus 20 meinem sauern Verdienst geliehen habe? Wie soll ich nacher Haus kommen, ohne zu betteln, und wird meinen guten Alten mit einem Bettelmandl gedient seyn, das kreuzwohl auf ist, und im Tag dreimal seine Füße unter einen gutbestellten Tisch stecken möchte? Bedenk' es selbst, Seraphin.« »Du bist also schlimmer daran, als ich dachte, Du Hascher,« entgegnete Seraphin mitleidig; »weil ich aber ein Prediger gewesen bin, so will ich's auch zu Ende führen. Mein Geldtrücherl ist zwar gering, aber was darinnen, gehört ehrlich und aufrichtig mein, und wenn's meinen Walt angeht, der mir einmal den Lepoldithaler, seinen ganzen Schatz, geschenkt und das Rothkröpfl transportirt hat, dem ich mein Glück verdanke, – wenn's also meinen Walt angeht, so soll die Spinnerin nicht Zeit haben, ihre Fäden über's Schlüsselloch zu meinem Geldbüchsel zu weben; sondern ich will gleich thun, was in meinen Kräften. Ich zahle nur eine alte Schuld. – Oder, weißt Du was? Verhalte Dich noch hier, bis ich von London zurückkomme. Dann lös' ich Dich aus, nehme Dich unter den Arm, und hopsasa der Heimath zu. Was dort mit Dir geschieht, ist meine Sorge ganz allein.« »Das wäre schön, das wäre recht! Hoi! – Beim Anblick der Scharnitz wollt' ich einen Schnaggler Schnaggler: eigenthümlicher Juchzerlaut, um sich von ferne anzukündigen. thun, daß es schnallte weit und breit. Wann gehst Du weiter?« »Ei, morgen in aller Frühe.« »Ich begleite Dich ein Stück. Wohin zunächst?« »Nach Donauwörth. Mein Alter, der Egidi erwartet mich dort. Ich hab' einen frischen Buben bezahlt, daß er meine Vogelkraxe dorthin trug. Jetzt trag' ich nichts, als diesen Stock und dieses Geld.« – Seraphin ließ einen ziemlich gefüllten Geldgurt sehen: »Davon werden noch hie und da Vögel und Futterwaare aufgekauft, und die Reisekosten bezahlt, bis wir in England, so Gott will, reichen Fang ziehen.« 21 »Ein schönes Geld!« sagte Oswald langsam mit begierigen Augen. »Wohin denn weiter von Donauwörth?« »Ei, an den Rhein, und dann per Schiff hinunter bis nach Holland und von Amsterdam über's Meer. Der Egidi und ich, wir geh'n allein diese Straße; die Andern geh'n von Donauwörth gen Nürnberg und Hessenkassel, und dann, je wohin Einen sein Marschzettel weist. In Donauwörth treffen wir bei der Heimkehr Alle auch wieder zusammen. – So Gott will!« setzte Seraphin mit ernsthafter Miene hinzu. »Nach Holland?« wiederholte Oswald, wie aus tiefem Nachsinnen erwachend: »Bruder Seraphin! Nimm mich mit; ich hab' in Rotterdam eine Condition. Der Schlesinger hat mir sie ausgemacht. Ich habe geschwankt, . . . aber – Deine Hand her – ich geh' mit Dir!« »Das wirst Du seyn lassen. Bleib fein, wo Du bist. Je näher an Tirol, je eher daheim. Hab' ich Dir nicht gesagt, daß ich Dich abholen werde?« Oswald schien den Widerspruch überhört zu haben, denn er fuhr lebhafter fort: »Und besser ist's ich begleite Dich alsdann grad nach Amsterdam, und sehe Dich zu Schiff steigen. Schau: dann treib' ich mein Handwerk zu Rotterdam, bis Du zurückkommst, und gehe hernach mit Dir, wohin Du nur willst.« »Ei, welch' ein dummes Durcheinander! Was willst Du ein sechs Wochen oder zwei Monate in Holland verlieren? Sey doch gescheidt.« »Hm, ich hab' meine Ursachen.« »Welche?« »Ich mag Dich nicht allein gehen lassen.« »Narr, ich bin ja nicht allein. Der Alte ist bei mir, hat schon die Fahrt ein paarmal gemacht, ist dort als wie zu Hause.« »Glaub's schon. Wenn ich nun aber gerade dem Engadiner nicht traue?« 22 »Oho! oho! Was platzederst Du denn, mein lieber Walt? Dem Engadiner, der mich hält, wie sein Auge, der ein Bruder meines Vaters?« »Schau, Seraphin; g'wiß, ich spreche im Ernst; der Egidi gefallt mir nicht. Was Du von ihm erzählt hast, und daß er so heimlich thut, und gar nicht gestehen will, daß er Dein Vaterbruder, und daß er so hinterhältig und doch gewaltthätig . . . . . . das Alles will mir nicht ein, es will mir einmal nicht ein.« »Du bist mondsüchtig, Walt.« »Nein, aber Du bist blind, wenn Du das Geleit eines treuen Freunds ausschlägst.« »O heiliger Geist, welch ein Mensch! Was sollte mir denn der Egidi thun?« »So hast Du mich einmal wegen des Jäger-Liebl gefragt, und doch wär's schier gekommen, daß er Dich erschossen hätte.« Seraphin stutzte, und besann sich eine Weile. Seine Züge nahmen einen finstern Charakter an. Er bezahlte die Zeche, winkte dem Oswald, aufzubrechen und sagte zu ihm, da sie unterwegs waren: »Du hast, meine ich, einen kleinen Stieber, Walt, und Narrheit ist Alles, was Du gesagt. Aber zugleich hast Du mich an etwas Ernsthaftes erinnert! Wer eine weite Reise thut, ist nicht immer versichert, daß er wieder nach Haus komme. Darum will ich Dir noch heute geben, was ich Dir zu geben im Stande bin, um Dich frei und marschfertig zu machen. Du magst alsdann in's Tirol aufbrechen, wann Du willst, und darfst nicht auf mich warten. Geh hin, geh hin je eher je lieber, und grüße die Martina, wenn Du ihrer ansichtig wirst, und sage ihr: Im Leben und im Tod sey ich ihr Eigenthum.« – Oswald ließ sich zwei, drei, vier Tage weder bei seiner Arbeit, noch überhaupt zu Augsburg sehen und verspüren. Als er sich am fünften Tag endlich beim 23 Meister einfand, war schon ein anderer Gesell für ihn eingestellt worden, und nichts mehr für ihn zu thun. »Pah!« sagte er: »Das ist mir alleins;« und fragte um nach Arbeit. Da sich nun aber nirgends welche für ihn aufmachen wollte, brummte er abermals: »Pah, das ist mir wieder alleins, und in Augsburg bleib' ich doch nimmermehr lang!« Fremd geworden, wie die Handwerksburschen zu sagen pflegen, lungerte Oswald noch einige Tage auf dem Pflaster umher, bezahlte seine Schulden, löste seine verpfändeten Kleidungsstücke ein, und versuchte, einzutreiben, was seine Werkstatt und Zechgenossen ihm schuldig geworden waren. Viele Mühe baar umsonst. Sie lachten den blöden Gläubiger aus, und vertrösteten ihn auf Winterpfingsten. Der Eine sagte: »Ich weiß nichts von einer Schuld;« der Andre sprach, ein kalter Philosoph: »Ich zahle nicht, weil ich nicht kann.« Ein Dritter war unverschämt genug, zu fragen, ob sich Oswald nicht schäme, ihn zu beunruhigen, während er, Oswald, selber die Taschen voll Dukaten und neue Kleider auf dem Leibe habe? Der billigste war noch der vierte Schuldner: er schlug vor, auf Bezahlen und Nichtbezahlen zu würfeln. Aber Oswald erschrack vor dem Spielansinnen, wie vor dem bösen Feind, weigerte sich dessen auffallend ängstlich, – er, der sonst Würfel- und Kartenspiel im Sack nachgetragen – und ließ die böswilligen Schuldner laufen. Die Sage von den Dukaten Oswalds hatte ihre Richtigkeit; aber das Gold mußte dem Tiroler keine große Freude machen, denn er versteckte es sorgfältig, nachdem ein paar unbescheidene Freunde davon Wind bekommen, und beschränkte seine Ausgaben aufs Allernothwendigste. Er vermied die abendlichen Trinkgesellschaften, er sonderte sich scheu von allen seinen Bekannten ab; er besuchte die Kirche tagtäglich zu verschiedenen Malen; er gab seinem Herzblättchen, einer niedlichen 24 Bockelhaubenstickerin Bockelhaube: eine Silber- oder Goldhaube, vordem in Augsburg gebräuchlich. , den Abschied. Er hielt sich, auf der Straße gehend, dicht an die Mauern, und sah, ob nun geflissentlich, oder in der Zerstreuung, keinem Menschen in die Augen. Diese Veränderung des so häufig überlustigen Tirolers war viel zu auffallend, als daß nicht Hiesel und Liesel davon hätten diskuriren sollen. Jener plauschte im Wirthshause, diese munkelte am Brunnen und Backtrog die seltsamsten Begebenheiten herum, die dem guten Walt aufgestoßen seyn sollten. Die wunderlichen Fabeln, alle nicht zur besondern Ehre des bezeichneten Helden, kamen vom Lehrjungen an den Meister, von der Magd an die Herrschaft, und eines Morgens hätte beinahe die Polizei der Reichsstadt davon Notiz genommen. Doch erfuhr sie bald auf ihre schläfrige Umfrage, daß besagter geheimnißvoller und praktikenverdächtiger Tiroler schon seit einigen Tagen aus Stadt und Weichbild Augsburg ohne Abschied und Letzung entschwunden. »Auch gut,« sagte hierauf die Polizei, und beruhigte sich wieder. Und – hätte sie es gewollt – dennoch hätten sie ihn nicht gefangen, den breitschulterigen Schmetterling; er flog wie besessen seiner Heimath entgegen, voll von Besorgnissen und Grillen; flink wie die Kugel aus dem Rohr. Freilich hielt er nicht die schnurgerade Richtung ein, freilich verweilte er einen Tag in der baierischen Hauptstadt; aber von dannen ging es stracklichst dem Ziele entgegen. Als ihm bei Mittewald der erste ächte grüne Tirolerhut mit der Huifeder Huifeder: Trutzfeder, die von stolzen raufsüchtigen Buben auf dem Hut getragen wird; ein Ausforderungszeichen. darauf zu Gesicht kam – damals trugen sich noch die Leute um Innsbruck mit dieser Zierde – vergaß er augenblicklich seinen heimlichen Kummer, und herzte das braune ehrliche Gesicht ab, zu dessen größtem Befremden; er küßte den gewaltigen Schnurrbart seines Landsmanns mit heißerer Inbrunst, als je vordem eine heilige Reliquie, und der weithinschallende Schnaggler, den Oswald dem Scharnitzerpasse angelobt, wurde feierlichst losgelassen. 25 In Seefeld angekommen, ging sein erstes Trachten dahin, sein Gewand mit der heimathlichen Sitte in Einklang zu bringen. Er kam sich plötzlich – in seinem steifzugeknöpften Rocke, mit seinen langen Halstuchzipfeln und Manschetten – vor, wie ein kurioses ausländisches Thier. Er meinte, alle Tiroleraugen verfolgten spottend und hohnneckend sein dreieckiges Hütchen, seine grauen, über dem rothen Kniegürtel sauber aufgerollten Strümpfe. Er verschaffte sich daher ein Kleid, halb städtisch, halb ländlich, wie es ihm, als einem aufs Wandern angewiesenen jungen Burschen wohl anstand: kurz und offen, das Brusttuch und den darüber gezogenen Hosenträger nicht verbergend; dazu die bequemere Fußbekleidung vermöglicher Landwirthe und Stadtbürger; endlich den, manche Tasche ersparenden Ledergurt, den er belastete mit den Schriften und Zeugnissen, die ihm wichtig, mit dem Gelde, das er besaß. Er hatte sich mutterseelenallein in eine Kammer eingesperrt, um seine Verwandlung zu vollenden. Nur der Mond, der noch am Himmel zögerte, vor der anrückenden Sonne Reißaus zu nehmen, spionirte in die Kammer, fürwitzigen Augs, und zählte mit dem Besitzer zugleich, Oswald's Habe Stück für Stück. – Der Mond rechnete fünf und vierzig Dukaten zusammen: kaiserlich und holländisch Volk, leichte Polaken, ungarische Raben Rabendukaten: auch Rabeldukaten genannt; sind ungarische Stücke, die auf der Reversseite den Raben mit dem Ringe zeigen. , Lüneburger Kavallerie. »Potztausend, wie reich bist Du!« sagte der Mond. – Oswald seufzte, seinen Schatz überzählend, und wickelte ihn scheu mit dem Lederbeutelchen in ein wohlverschnürtes Päckchen zusammen, steckte dasselbe in den dunkelsten Winkel seines Gürtels, und stopfte, was er nur fand, darauf, damit er des Anblicks und der Erinnerung bald los würde. »Mein!« fragte wieder der Mond, der noch immer sein Hörnchen und sein spitziges Kinn aus den Wolken reckte: »Wie bist Du nur zu all dem Gelde gekommen, Du leichter Patron?« 26 – Wäre auch der Mond nicht schon so blaß und fern gewesen, und seine Frage daher deutlicher, Oswald hätte dennoch schwerlich eine Antwort gegeben, oder etwa nur diese: »Was fragst? Bist ja selbst dabei gestanden, überlästiges Wechselgesicht!« – So begnügte er sich aber, ohne an den Mond zu denken, vor sich hin zu brummen: »Ein Fledermäusel Fledermäusel: tyrolische Scheidemünze mit dem Adler und der Reversschrift: Quadrans novus tyrolis . , ehrlich und brav verdient, wär' mir schon lieber, als der ganze goldene Kram.« Er schlug sich vor die Stirn, und fuhr fort: »Walt, aus Dir ist ein saubres Stück von einem Menschen geworden! hast Dich schön ausgewachsen! Ach, wie froh war ich, wie unschuldig, da mein ganz Vermögen in der weiten Welt in dem Rüsselthaler Rüsselthaler: im Volksmund die Thaler Leopolds I., wegen des unförmlichen Mundes des darauf geprägten Kaiserbildes. bestand, den mir die Nahndel im Schlinig verehrte, den ich dem armen Seraphin abtrat! Ach! ach! wie mag ich nur neben dem Fluchgeld seinen, des Freundes Namen aussprechen? O pfui, pfui mich an, mich schlechten Burschen!« Zwar wischte sich Oswald mit der verkehrten Hand die Augen, daß sie ihn wie Feuer brannten, zwar begab er sich eilends auf die Weiterreise und segelte frisch hinein in die Bergnebel, die unter'm goldnen Blitz der Morgenstrahlen erlagen, wie des Lindwurms Brut unter dem freudigen Speer des himmlischen Reiters; aber seine Laune war getrübt, sein Gewissen strampelte heftig, je schneller die Füße liefen, mit spitzigen Sporen in dem armen Schelm herum. – Die Erinnerung an das Abendmahlwunder von Seefeld trug nicht wenig dazu bei, Oswalds Gemüthsstimmung zu einer trostlos-verwirrten zu steigern. Vor mehreren Jahrhunderten war just einem Namensvetter von ihm, dem gewaltigen Edelherrn Oswald Milser, zu böser Stunde eingefallen, sich vor allem Volke auf eigne Weise zu erhöhen, und am grünen Donnerstag das Osternachtmahl in einer großen Hostie reichen zu lassen. Kaum lag indessen der göttliche Leib auf der 27 Zunge des thörichten Sünders, so brach unter demselben der Boden, worauf er kniete, ein, und bis an die Brust versank der Frevler. Vergebens klammerte er sich an die Stufen des Altars; sie wichen unter seinen Händen. Der erschrockne Priester, der ihm schnell die Hostie aus dem Munde nahm, rettete den Unsinnigen. Stehenden Fußes wanderte der Milser in das Kloster zu Stamms, und beschloß dort sein Leben in Reue und Buße. Sein Weib, das dem Wunder keinen Glauben schenken wollte, vor dessen Augen jedoch, ein Wahrzeichen der schauerlichen Begebenheit, drei Rosen am verdorrten Stocke aufblühten, entrann dem Schlosse und endete verzweifelnd in der Wildniß. – Dieser Geschichte Andenken also erfüllte den Vintschgauer mit der allergrößten Betrübniß, daß er zu wiederholten Malen ausrief: »Wahrlich! wer Gott versucht hat, kann einen guten Ausgang nicht finden!« Was war es aber, das dem leichtblütigen Walt so tief erschütterte? Nicht einmal der bergfrisch daherstreifenden Luft vertraute er das Geheimniß. Aber die Vorwürfe, die an seinem Herzen nagten, gestatteten ihm nicht, den Pfad zur rechten Hand einzuschlagen, den Pfad nach dem Oberinnthale, ins Vaterhaus. Er lief nach Zirk hinab und von dannen gen Innsbruck, wo er in einer einsamen Herberge sich mühselig zu sammeln suchte. Wenn Einer sich in eine traurige, ja verzweifelte Vorstellung hineingearbeitet und so zu sagen verrannt hat, so sieht er gemeiniglich den Wald vor lauter Bäumen nicht. Das Mittel, das ihm aus dem Labyrinth zu helfen im Stande wäre, läge noch so nahe seinem Kopfkissen, er fände es nicht, wenn nicht zuweilen ein Ungefähr ihn auf die rechten Sprünge brächte. Dem armen Walt zu Gefallen war ein solches glückliches Ungefähr um die Wege. Neben seiner Kammer befand sich eine andere, worinnen ein fauler Handwerksbursche, der, 28 auf dem Bette liegend, sich selber seine Generalbeichte vorsang: »Mit dem Arbeiten, mit dem Arbeiten Ständ' ich wohl ganz fein; Aber's Arbeiten, aber's Arbeiten Das geht mir nicht ein.« Oswald fuhr freudig in die Höhe: »O Du herzlieber Faullenzer und Tagdieb!« rief er heitern Muthes: »sey bedankt und gesegnet! Mir geht schon ein, daß mir das Arbeiten helfen könnte aus diesem jämmerlichen Krieg mit meinem Gewissen!« Und stehenden Fußes ging er zu seinem Herbergvater und fragte, wo etwa Arbeit zu finden wäre. Er wollte für einen guten Rath sein Lebenlang dankbar seyn. Darob lächelte der Wirth, ein ehrlicher Innsbrucker, der hinter einer mürrischen Miene ein seelengutes Gemüth verbarg, und erwiederte: »Hör', laß mich aus mit der Dankbarkeit. Diese ist gar nicht mehr auf der Welt. Schau: grad geht unter Deinem Fenster ein stolzer Herr vorbei und schnupft eben aus seiner goldnen Dose von dem spanischen Pulver in seine hochstehende Nase. Selbiger Herr hat vor Zeiten, da er ganz blutarm hier studirte, alle Mittwochen an meinem Tisch als Freikostgänger viele Knödel verzehrt; aber seit er ein vornehmer Kanzleiherr geworden, besieht er mich nicht mehr, und denkt bei sich: Was geht mich der alte Struzzer an, und wie sollt' ich ihn noch kennen? Das ist die Dankbarkeit der Welt für genossene Wohlthaten und Knödel. Darum nichts davon, Vintschgauer. Aber weil Du ein stilles, frommes Blut zu seyn scheinst« – Oswald nieste unwillkührlich – »will ich Dir zur Arbeit verhelfen, sobald der Pater Philipp wieder bei mir ankehrt.« Dieser Pater Philipp, ein Verwandter des an aller Dankbarkeit verzweifelnden Herbergvaters, war ein Servit, und zwar aus dem bei dem berühmten Wallfahrtsort 29 Waldrast bestehenden Kloster. Der ehrwürdige Vater hatte in seiner Jugendzeit die Kunst der Malerei als Liebhaber mit einigem Erfolg getrieben, galt für den vorzüglichsten Knnstverständigen seines Klosters, und war als solcher von seinen Obern beauftragt worden, zu Innsbruck einige Maler, Stuckadors und Vergolder anzuwerben, indem die Kirche und das Ordenshaus zur Waldrast, Dank der Freigebigkeit des Landesfürsten und vornehmer Gönner, aufs glänzendste erneuert werden sollte. Nun waren die Bemühungen des Abgeordneten zwar auf mancherlei Schwierigkeiten gestoßen. Die vorzüglichern Künstler befanden sich zum Theil im Ausland, zum Theil waren sie mit anderweitigen einträglichern Arbeiten überhäuft. Mehrere andere verschmähten es, an dem einsam gelegenen Orte zu verweilen. Zugleich gebot die Zeit Eile, denn von der schönen, ähnlichen Arbeiten günstigen Jahrszeit war wenig mehr übrig, und dennoch sollte noch viel gethan werden. Dergestalt machte es sich, daß Pater Philipp, unvermögend, bedeutende Meister zu gewinnen, zu der Mittelmäßigkeit seine Zuflucht nehmen mußte, und auf Verwendung des alten Struzzers dem Ansuchen des Oswald ein günstiges Gehör schenkte. Handel eins geworden, beschlossen Pater Philipp uns sein neuangenommener Vergolder, die kurze Reise nach dem Kloster selbander anzutreten. Die übrigen Kunsthandthierer waren schon voraus. Leichtern Herzens verließ Oswald die Stadt Innsbruck und getröstete sich der anstrengenden Arbeit, die seiner harrte und der segensreichen Folgen dieser körperlichen und geistigen Zerstreuung. Aber vom Fuß des Iselberges bis auf die Höhen des Schönbergs war bei ihm die Erinnerung an seinen Freund Seraphin, der durch jene Reviere seinen Jagdzug auf den bösen Buben Peter verfolgt hatte, und die Erinnerung war keine freundliche . . . . Jedoch, wo vom Schönberg rechts die Straße in's Stubaythal Stubay: ein ansehnliches Thal einige Stunden von Innsbruck, durch seine Eisenschmelzen u. s. w. berühmt geworden. 30 einbiegt, und freundliche Landschaftsbilder den Wanderer zu umgeben beginnen, ließ die Qual des armen Schelmen nach, und er freute sich der Sonne und des duftigen Bergwalds und der noch frischgrünenden Thalsohle, des fernher blickenden Gletschereises, und ließ sich nicht irren das Gemurmel des im tiefen Einschnitt brausenden Rutzbachs. Das lustig gelegene Dorf Mieders, schon dazumal wie heute eine Sommerzuflucht von Brixnern und Innsbruckern, bot willkommne Erquickung, und den angenehmsten Anstieg zum Endziel der kleinen Reise zur Waldrast. Bald jedoch hatten die Pilger den schattigen Wald im Rücken; über sumpfige Halden schlängelte sich ihr Weg, und näher und immer näher kamen sie der Einsamkeit des Klosters. Von neuem umklammerte eine Bangigkeit ohne gleichen das Herz des armen Oswald, als er des ansehnlichen Gebäudes ansichtig wurde, das in einer Wellung des Bodens zu den Füßen des Sonnensteins lag, dürftig nur geschützt vor dem gewaltigen Andrang der Bergstürme. Der Fichtenwald hatte einst den Boden des Klosters überwuchert, war jedoch zu dessen Herstellung beträchtlich ausgereutet worden, und kahl und mager bis zu dem Saume des übriggebliebenen Forstes, von schroffgespaltnen Felsspitzen umgeben erschien der Ort, von der Sonne nicht durchwärmt, vom Frühling niemals heimgesucht. Oswald hätte weinen mögen inmitten dieser traurigen Oede. Arme Hirten hatten vor vielen Jahren dort oben in einem hohlen Lerchenstamm ein Muttergottesbild gefunden, das wunderbar im Stamme selbst gewachsen zu seyn schien, das göttliche Kind im Arme, einen Apfel in der Hand. Die Finder hatten mit Axt und Säge das Bild vom Stamm getrennt; ein dürftiger Holzhacker für dasselbe eine Kapelle aus dem Almosen, das fromme Tiroler ihm vertrauten, gestiftet, Wallfahrer und Opfer mangelten nicht. Erzherzog Sigmund begünstigte mit 31 Vergabungen den heiliggewordenen Berg; Erzherzog Leopold und seine Gemahlin Klaudia erbauten das Servitenkloster und steuerten es fürstlich aus. Die Gnade der irdischen Herrscher besitzt indessen nicht die Zaubergewalt, die eine rauhe Wildniß in ein sommerliches Paradies umzuwandeln vermöchte. Die Wanderer hatten sich auf der Höhe, eine kurze Strecke vom Kloster entfernt, niedergelassen, um noch einmal auszurasten und der herrlichen Aussicht in's Stubaythal zu genießen. Sie gaben das letztere eigentlich nur vor, denn im Grunde beschäftigten sie sich mit andern Gedanken. Der Pater starrte trübselig in die Tiefe und machte von Zeit zu Zeit mit dem Daumen der rechten Hand das Zeichen des Kreuzes auf seine rechte Schulter. Oswald betrachtete ihn aufmerksam von der Seite. Die mancherlei Wunderlichkeiten des ehrwürdigen Vaters waren ihm schon auf dem kurzen Wege, den er mit demselben zurückgelegt, sattsam aufgefallen. Es war etwas recht Unstätes in dem Benehmen des geistlichen Herrn: eine Scheu, die manchmal über ihn kam, als wie vor einem gefährlichen, ihm nur sichtbaren Feinde. Sehr häufig bewegte er – in dem Gespräch innehaltend – die Lippen, als ob er ein kurzes aber eifriges Gebet spräche; an einer Kirche vorübergehend zeichnete er Kreuz auf Kreuz auf seine Schulter; nicht selten machte er dabei eine abwehrende Bewegung und sagte ängstlich vor sich hin: »Gehst! gehst!« wie man etwa ein Thier, das im Wege liegt, oder ein überlästiges Kind anzureden pflegt. Wollte er irgendwo in ein Haus treten, so berührte er selber niemals die Klinke der Thüren, und wartete lieber mit Geduld, bis eine andre Person sie ihm aufthat. Auch bei'm Weggehen beobachtete er dieselbe Zurückhaltung und paßte die Gelegenheit ab, bis ein Dritter die Thüre des Gemachs zufällig öffnete, worauf er hinauswischte, einem scheuen Gespenst nicht unähnlich. Wenn 32 ihm Frauensleute begegneten, die sich anschickten, ihm die Hand zu küssen, wie auf dem Lande bräuchlich, wendete er sich betroffen und unwillig ab, versteckte seine Hände in die Aermel seiner Kutte, und förderte seinen Schritt, als entliefe er dem Feuer. – Diese Sonderbarkeiten würden zu einer andern Zeit dem lustigen Oswald Stoff genug zu heiterm Scherz gegeben haben; aber der betrübte Oswald betrachtete sie mit andern Augen. Wie nun Pater Philipp neben ihm saß, so müde und abgespannt, so voll wie es schien, von innerlichen Sorgen, so gutmüthig und dennoch so finster, überlegte Oswald ein wenig und richtete den Blick links in die Luft empor. Als er somit der zerklüfteten Felsenpyramide des Sonnensteins ansichtig wurde – eben glitt dort oben ein kühner Bergsteiger umher, ein Schütz mit Schildhahnfedern auf dem Hut, und die Federn glichen, je nachdem er sich drehte und wendete, zuweilen dem Gehörn eines unsaubern Abgründlings – fiel dem guten Oswald das Evangelium vom Versucher ein, der vom hohen Berge dem Sohn Gottes die Reiche der Welt zeigte, und Oswald kehrte sich entschlossen zum Pater und sagte: »Der Hochwürdige ist ohne Zweifel ein vielerfahrner, vielgeprüfter Herr, und ich frage ihn daher mit rathbedürftiger Bekümmerniß, ob es wohl möglich ist, daß der leidige Satan einen sterblichen Menschen holen könne, bevor der allmächtige Gott desselben Sterbstündlein angeordnet hat?« – Der Servit drehte sich seinerseits, als ein gerade im angesprochnen Text Vielbewanderter zum Fragsteller, und erwiederte: »Das versteht sich, mein Sohn, und wir haben Beispiel und Exempel.« »So, so?« seufzte Oswald, von Herzen kleinmüthig. Und der Pater fuhr fort: »Da ist, damit ich nur Eins anführe, nach den gewissenhaftesten Berichten zu Schwatz vor Zeiten folgendes vorgefallen. Es war zur Zeit, da aus dem Reich das scheußliche Lutherthum seine Krallen in's Tirol zu strecken wagte. Die Knappen zu Schwatz 33 hatten dem Irrthum Thür und Angel geöffnet. Ein lutherischer Prädikant predigte auf offnem Anger zunächst der Pfarrkirche seine gotteslästerliche Ketzerei, während ein hochwürdiger Franziskaner von München in der Kirche selbst den wahren Glauben verkündete. Die Knappen und das Volk zankten sich indessen. Die Einen behaupteten, der Barfüßer lüge in seinen Hals, die Andern schimpften den Prädikanten, wie billig, einen abtrünnigen Lästerer. Plötzlich rief ein Lutherischgesinnter: der Teufel solle ihn in's Steinjoch führen, gerade jetzt, bei lebend'gem Leibe, wenn der Prädikant nicht das wahre Evangelium predige. Was geschah auf diesen Frevel? Vor aller Augen riß der Teufel den Vermessenen hinweg in's Steinjoch, wo er, wie etwelche sagen, jämmerlich endete. Andere versichern hinwieder, er sey nach dreien Tagen wieder nach Schwatz gekommen, lebendig zwar, aber gräßlich zugerichtet. Dem sey nun, wie ihm wolle: Wenn der Herr es zuläßt, so hat der Teufel Macht über diejenigen, die sich ihm gottloserweise selbst überantworten.« Oswald hing den Kopf und seine Unterlippe wurde bedeutend länger. »Der Hochwürdige gibt mir schlechten Trost,« sagte er: »Ich bin ganz verzagt und hoffnungslos« – »Warum? wo fehlt's?« fragte Philipp mit großer Sorglichkeit. – »Ach, Herr Pater!« entgegnete Oswald, betrübt aufstehend: »die Sünde steckt in mir, wie der Nagel in der Wand, und mir kann wohl niemand auf Erden helfen.« Somit ging er dem Kloster zu, und Philipp konnte vorderhand nichts Weiteres aus ihm bringen. Da war nun allerdings eine ganz andere Heiterkeit bei der Gesellschaft, die zur selben Stunde, vor dem alten Meßmerhause im Freien sitzend, ihre Merende einnahm: drei Frauenzimmer, die als andächtige Wallfahrerinnen schon am Morgen von Mieders gekommen; zwei Männer, 34 die sich zufällig, von Matrey heransteigend, zu den andächtigen Frauen gefunden hatten. War die Begegnung auf dem heiligen Berge eine zufällige gewesen, so war doch die Bekanntschaft überhaupt bereits von älterm Datum. Die frohsinnige Vertraulichkeit der Fünfe, ihr Scherzen und Lachen berührte den guten Oswald, der bald, nachdem er von seinem Klosterquartier Besitz genommen, wieder in's Freie herausgetreten war, nicht allzuangenehm. Die Trauernden haben wenig Sinn für die Freude Anderer. Oswald würde auch jedenfalls der lustigen Gesellschaft schnöde den Rücken gekehrt haben, wenn er nicht – kaum gestand er sich's – von dem Antlitz eines Mädchens, das sich mit seiner Fröhlichkeit besonders hervorthat, angezogen gewesen wäre, ehe er sich dessen versah. Die Aeltere der Frauenzimmer, ausgezeichnet durch ihre feine weiße Farbe und vornehmprunkende Sauberkeit, besaß noch Reste von bedeutender Schönheit; aber Oswald war kein Liebhaber von schönen Ueberresten; das neben der ältern sitzende Frauenbild – offenbar ein Mädchen, so jüngferlich, wie Eine – war ein rosiger Engel mit goldnem Haar und lichten Augen, aber Oswald liebte mehr den dunkeln Brand von braunen Augen unter braunen Flechten, und die dritte der Wallfahrerinnen, eine derbe pralle Schönheit, bot ihm, was er liebte, im Ueberfluß. Darum saß er, mit seinen Blicken heimlich von ihren Reizen naschend nach Belieben, als wie an seine Bank geheftet, der Holden gegenüber und lauschte dem unaufhaltsamen Fluß ihrer Rede, dem's nicht darauf ankam, durch welches Bett er strömte, wenn er nur überhaupt floß. Ihr Geschwätz, thalauf, bergab dahinrennend, glich dem Schellengeklingel einer muntern Schlittenfahrt, und die Verwandlung des schleppenden oberinnthalschen Dialekts in den rastlos schlüpfenden Klang war ganz selten und wunderlich; und Augen und Kopf und Hände und Füße des Mädchens stimmten mit ihrer ewigen Rührigkeit 35 vollkommen zur fleißigen Arbeit ihrer Lippen und Zunge. Das Thema war das alte und allbeliebte der Mädchen: das Heirathen. Die lustige Schwätzerin beschloß ihre lange Rede mit den Worten: »Und ich sag's halt, und ich laß' mir's nicht nehmen: Eine Jede, sobald sie die Christenlehre hinter sich hat, denkt an's Heirathen, wenn's nicht schon früher geschehen ist.« Sie warf dabei einen muthwilligen Blick auf ihre blonde Nachbarin, deren Rosen heller erglühten. »Und so bin ich auch; ich mache mich nicht schlechter, aber auch nicht besser als ich bin. Ich gesteh's: käme heute Einer, und sagte: ich will Dich zur Ehe, und er schickte sich für mich, und ich könnt' ihn halbwegs leiden, und der Herr Vater und die Frau Mutter sprächen: »in Gottesnamen!« ich ließe mich vom Fleck weg heirathen. Aber wie er mich alsdann hielte, so hätte er mich. Wäre er ein gutes Herz, so sollte er einen wahren Engel an mir gewonnen haben; wäre er jedoch ein Ruech, so wollten wir schon sehen, wer am meisten sekkirt würde. Fried' und Streit – ich habe das alles in einem Sack. Der mich wollte, müßte sich das schon gesagt seyn lassen.« Die Rednerin heftete plötzlich ihre umherschweifenden Augen fest auf den jüngern der beiden Männer, lächelte etwas boshaft und schwieg. Die ältere Begleiterin hob den Finger warnend: »Veverl, Veverl, ei Du Schnabel !« – Die Blonde sagte: »Nun da haben wir's. Merken Sie was, Herr von Idelstein?« – Der angeredete junge Mann versetzte: »'s war nicht so bös' gemeint, denke ich.« Und der ältere Mann, der Vater des jungen, sprach lakonisch: »Larifari!« Veverl hob wieder hitzig an: »Die Tante soll entscheiden, ob ich Recht habe oder nicht. Dir, Martina, gesteh' ich kein Urtheil zu. Du bist verliebt, aber wie! 36 verliebt seit den Kinderschuhen, daher blind und taub. Nun, mir soll's recht seyn; ich habe nichts dagegen, aber ich bin halt ein Alltagskind, bin nie verliebt gewesen und werd's auch niemals seyn. Darum und ergo , wie der Schulmeister sagt . . . .« Bei diesen Worten sah sie unverhofft den Oswald an, und sperrte ihre Augen weit auf, indem sie bemerkte, daß auch er mit weit aufgerissenen Augen sie und die ganze Gesellschaft betrachtete. – Der gute Bursche ahnte, daß er Leuten gegenüber, die mittelbar durch die Person seines Jugendfreundes mit seinem Leben in Beziehung gekommen waren. Genovefa flüsterte ihrem Nachbarn ein paar Worte in's Ohr, worauf der junge Herr von Idelstein entgegnete: »Was geht uns der fremde Mensch an? Wir sind unter uns, und was wir reden, darf die ganze Welt hören.« »Ja freilich,« bekräftigte die Tante. Ihr Gesicht verklärte sich, so daß die Züge der Wehmuth, die seit ein paar Jahren darauf feindselig Platz genommen, beinahe verwischt schienen. »Ist denn eine ehrliche Liebe eine Schande? Darf niemand erfahren, daß meine brave Martina ihren braven Seraphin so viel gern hat, daß sie ihn mit Sehnsucht erwartet, und sich der Zeit freut, da er einmal ihr Mann werden soll? Nein, Martina: Du sollst beileibe Dein Herz nicht vermummen. Die Neigung zu einem wackern Menschen steht einem jungen Mädchen wohl an. Die Herren dürfen auch wissen, daß wir uns zur Wallfahrt hieher verlobt haben, um von der heiligen Mutter für den Seraphin eine glückliche Heimkehr zu erflehen. Das gereicht uns nicht zur Unehre, keineswegs, und schöner hätten wir unsre Sommerfrische im Selrain nicht beschließen können.« »Ach, er ist schon so lange fort;« seufzte Martina, »und außer einem einzigen Briefe ist kein Buchstab von ihm in meine Hände gekommen.« 37 »Laß nur gut seyn,« tröstete Veverl: »was gilt's, wir finden gute Post von ihm, wenn wir nach Hause kommen. Dein Vater wird Dich mit einem ellenlangen seinigen Brief überraschen.« »Gott geb's, Veverl; doch ist mir heut das Herz so schwer . . . . ich kann nicht sagen, wie so schwer!« Oswald blitzte von seiner Bank auf, und schnappte mit dem Munde, als wolle er alsobald die Gesellschaft anreden. Aber der Himmel weiß, was ihm eben so schnell wieder den Mund verschloß. Statt zu reden, ging er vom Platze weg, und spazierte in einiger Entfernung herum, wie Einer, der mit sich selber rauft und streitet. »Das ist ein G'streichter,« äußerte Veverl, die ihn mit ihren Blicken hartnäckig verfolgte: »ein saubres Mannsbild; muß jedoch nicht bei Kopf seyn.« »Hm,« sprach der junge Idelstein dazwischen: »er ist vielleicht auch verliebt, der arme Narr, und das Herz ist ihm schwer, ach, gar so schwer!« Martina kehrte sich verdrießlich von dem Spötter ab, und fragte die Tante mit den Augen: »Ist der Mensch grob, oder nicht, der adeliche Bauer?« Veverl verfiel dagegen in Gedanken und forschte verstohlen unter ihren Wimpern hervor nach dem verspotteten Oswald. »Jetzt geh'n wir!« begann der wortkarge, breitgesichtige Vater Idelstein, dessen Tracht in der That, so wie die des Sohns, den adelichen Bauer verrieth. Er besaß nämlich ein Wirthshaus im Pusterthal, ein paar Stunden von Brixen, betrieb es, seines Wappens ungeachtet, in eigener Person, und war, wenn schon grundehrlich, ein Musterbild von ungeschlachtem Wesen und unzarter Scherzhaftigkeit. Der Sohn sprach zwar mehr als der Vater, that jedoch, wie dieser, in Worten und Werken. 38 – »Jetzt geh'n wir,« sagte also, und zwar zum zweitenmale, Vater Idelstein. »Ei, wie wär's, wenn wir das noch ein bissel bleiben ließen?« fragte die Tante schnippisch entgegen, denn ihrer jungfräulichen Würde Bewußtseyn rebellirte gegen den befehlshaberischen groben Ton des adelichen Gastwirths. Sie setzte gleichgültig hinzu: »Die Herren können's halten, wie sie wollen; aber mich dünkt's hier eben noch recht sein, und das Nachtquartier im Dorf lauft uns nicht weg, sollt' ich meinen.« Martina und Genovefa nickten der Tante, die recht aus ihrem Herzen sprach, den lebhaftesten Beifall, und dachten zu gleicher Zeit beide in ihrem Sinn: »Wir kommen ja noch zeitig genug mit den ungehobelten Pusterern unten in Mieders zusammen.« – Die Herren von Idelstein waren indessen keineswegs gesonnen, selbander den Weg hinabzutrollen; sie fügten sich, ihren sonstigen Gewohnheiten zum Trotz, für dießmal den Wünschen der Frauenzimmer, und wichen, wenn schon mit sauern Mienen, nicht von den Seiten der drei Mädchen. »Wir haben Zeit,« sagte der Alte. – »'s ist mir ein Ding,« sagte der Junge, und blinzelte bald Tammerls Tochter, bald ihre Freundin mit muthwilligthuenden Augen an. Der gute ungeschlachte Bursche war nemlich auf der Brautschau; der einsilbige Vater führte ihn wie einen Bären im Land umher, damit er sehe und gesehen werde, und hatte sich bei seinen Freunden zu Lienz und Bruneck hoch und theuer vermessen, den Herrn Sohn binnen vier Wochen als einen alles Ernstes Verlobten und Versprochenen heimzubringen. Darum schmeckte – wie sie im Gebirge sagen – der junge Nepomuk an allen Rosen, die an seinem Wege blühten, versuchte überall ein gewinnend Wort, und übte sich im siegblickenden Augenspiel eines viel stolzen Herzenverschlingers. Die red- und scherzfertige Genovefa merkte so etwas; 39 sie rümpfte auf einmal das Näschen, schaute besorgt auf ihr Mieder herab und fragte, als wie bestürzt, die unbefangene Martina: »Was brenzelt denn da? brennt nicht etwa Dein Gewand oder das meinige?« Auf Martina's lächelndes Verneinen setzte sie hinzu: »Ich hab' schon gemeint, der junge Herr hätte uns beide in Brand gesteckt. Eure Augen, junger Herr, flammen ja, wie Fackeln? Was habt Ihr mit uns vor?« Nepomuk fühlte sich äußerst geschmeichelt. Er entgegnete schalkhaft: »Ich bin all mein Lebtag hübschen Dirnen gut gewesen, und könnte die Jungfer wohl leiden.« Hierauf sang er: »Gelt, Du Schwarzaugeti, gelt, für Dich tauget-i?« – Veverl lachte hell auf: »Lasse sich der Herr Zeit!« rief sie: »er läuft Sturm wie ein Grenadier. Ein armes Weiberherzl kann die Gewalt nicht aushalten.« Der alte Idelstein schmauste mit seinen Vateraugen den kecken Sohn völlig auf, und bequemte sich zu sagen. »Ein rescher Kerl! fangt den Teufel im freien Feld!« Ein hoher Lobspruch auf Nepomuks Herzhaftigkeit. Er verlangte, seinen Erstgebornen wie einen prangenden Leuchter auf den Scheffel zu stellen, darum ermuthigte er ihn, den Frauen eins seiner Heldenstückchen zum besten zu geben: »Erzähl' einmal, wie Du dem Krainer-Jörg den Schafbock abgerauft hast.« – Die Mädchen zwangen sich, eine ernst aufmerksame Miene anzunehmen, und Nepomuk, der losging wie eine Orgel, sobald das Register gezogen und Wind in den Pfeifen, erzählte nach der Schnur: »Da ist – auf Jakobi hat sich's gejährt – ein Obersenn auf der Alm gewesen, den hat man Krain-Jörg geheißen, weil er dort hinter Käreten zu Hause war, und der Jörg ist ein Robler gewesen, den sie gefürchtet 40 haben weit und breit. Der hat einmal zu seinigen Freunden und Brüderln gesagt: »Da hab' ich einen Schafbock, der gehört mein, hab' ihn selbst aufgezogen, und er ist stößig, wie ein Stier und rauft alle Böcke zusammen. Jetzt möcht' ich aber gern wissen, wer der stärkste ist im Land, ich oder ein anderer, und auf St. Laurenzitag fordre ich alle Buben groß und klein heraus, und wenn der beste Hagmair aus Zillerthal käme, und wer mich niederwirft, soll den Bock haben.« Gut, jetzt hab' ich das Ding vernommen; in unserm Wirthshaus ist's gewesen, am runden Tisch, und der Herr Pfarrer hat grad mit dem Herrn Vater taroggt; und ich sag', sag' ich: »Will's Gott, will ich den Krain-Jörg schon niederlegen auf den Wasen.« Geh, laß's bleiben, sagt der Hochwürdige. »Geh, Muckerl, thu's,« sagt der Vater, und ich bin wie halt immer sein gehorsamer Sohn gewesen. Jetzt kommt der St. Laurenzitag, und ich steh' auf, leg' mich fein roblerisch an Sich anlegen: sich ankleiden. , und geh' hinauf. Jetzt sind viele Leute droben gewesen zum Kirchengeh'n in der Kapelle und zum Zuschauen. Wie ich gerad' noch die Meß' erwische, steht da mitten unterm Volk der Krain-Jörg, als wie ein Baum, wie ein Unthier, wie ein Felsen, so breit und stotzig, und hat ein rothes Gesicht, und wirft die Augen ganz verwegen hinüber und herüber; 's ist mir schier das Grausen angekommen, und hätt' ich mich nicht vor dem Vater geschämt, ich hätte die Sach' bleiben lassen, wie's der Hochwürdige gewunschen hat. Da betracht' ich den Senn von oben bis unten, und denk' mir: »wie willst Du dem Kampel beikommen? Füß' wie ein Elephant, Pratzen, daß man's mit der Elle ausmessen könnte, und haarig, wie ein Bär um und um! Der kann Steine heben! wo der hintritt, wachst auch kein Gras mehr!« So ist's gegangen durch die Epistel und 's Evangelium, und bei'm Sanktus hab' ich noch nicht gewußt, wie ich's anfangen müßte, um dem 41 Endskerl Meister zu werden. Aber just bei der Wandlung, wie der Ministrant dem geistlichen Herrn das Meßgewand aufgehoben und das Weihrauchpfandl brav gerührt hat, hab' ich das Platzl ersehen, wo ich meinen schlimmen Christen anzugreifen hätte. Den Vortheil und das Platzl sag' ich nun freilich nicht; aber ich hab' ihn nachgehends gut dabei derwuschen, und auf die Erde niedergelegt, als ob er niemals unter Gottes freiem Himmel aufrecht gestanden hätte. Er ist wohl mit dem Hinterkopf auf einen Stein gefallen, und nicht unlängst darnach in's Spital gekommen und gestorben; aber der Schafbock war ehrlich verdient, und Gott hab' ihn selig, den Krain-Jörg nemlich. Jetzt fürcht' ich keinen mehr, und wär' er noch so lang und wampet. Da habt's die ganze Geschichte, ihr Jungfern.« Nepomuk blähte sich in stolzem Triumpf. »Bist halt mein Blut!« sagte der Vater gerührt, aber die Mädchen schwiegen und sahen sich halbentsetzt an, denn ihr barmherziges Gemüth war tief erschüttert, und ihre Einbildungskraft malte ihnen den blutenden Jörg, wie er sich mit zerschelltem Kopf im Gras wälzte, gar erschrecklich vor die Füße hin. Tante Magdalene erhob sich von ihrem Sitze. »Geh'n wir,« sagte sie jetzt, wie vordem der alte Idelstein »Du zitterst, lieb's Tantl?« fragte Martina besorgt. »Mir ist der Tod über's Grab gelaufen Der Tod ist mir über's Grab gelaufen: schaudern, eine Gänsehaut kriegen. ,« entgegnete die Tante: »es soll mir aber schon im Gehen wieder warm werden.« »Dummheiten, Weibersekten!« brummte seinerseits Vater Idelstein in den Bart, da er die Verstimmung der Jungfern bemerkte. »Alloh, Muckerl, abpaschen!« befahl er dem Sohn halb grimmig. – Die ganze Gesellschaft richtete sich zum Abmarsch. Während Nepomuks Erzählung war indessen Oswald in einiger Entfernung wie eine Schildwache umhergewandelt, mit allerlei Seelenangst und Unschlüssigkeit sich 42 unterhaltend, und dann und wann seiner scharfen Augen Schützenkünste versuchend, um der holden Veverl bolzengrad mitten in das rothe Herzchen zu schießen, das sie wohlverpanzert hinter'm Fischbeinmieder trug. Der Schritt eines Ansteigenden zerstreute jedoch den eifrigen Zieler. Er schaute zur Seite, und schaute noch einmal, und rieb sich die Augen, und der Herankommende war von Schritt zu Schritt immer mehr und zuverläßlicher Einer, den Oswald an diesem Orte und zu dieser Frist am allerwenigsten erwartet hätte, wenn er ihn schon mir Inbrunst herbeiwünschte aus fernem Lande. Mit einem Satze war Oswald bei dem Fremden, griff traulich nach dessen Händen, und rief vergnügt: »Gelobt sey Jesus Christus, und grüß Dich Gott, Freund Hepperger! Es geschieht ein Wunder, daß Du mir entgegenkommst in meinen Nöthen. Du glaubst nicht, wie Dein Andenken mich geplagt hat!« – Worauf der andre, als ob er eiskaltes Wasser in's lodernde Feuer schüttete: »Was wollt Ihr denn? Wer seyd Ihr? Ich kenne Euch nicht.« – Oswald gab sich dennoch nicht gefangen. »Du hast mein vergessen? nun, leicht möglich; 's wird schon seyn. Aber ich hab' mir Dein Gesicht gemerkt, denn schau': ich bin ein Maler, wenn schon kein gar rarer, und was meine Augen sehen, das halten sie fest wie ein Augsburger Stiegliz Augsburger Stieglitz: Gerichtsdiener in weiß, grün und rothgestreifter Kleidung, grünen Strümpfen und weißem Hut. . Du kommst mir schon nicht aus.« – »Ei was! Stiegliz hin, Stiegliz her; meintwegen ein Zeiserl noch obendrein. Ich versteh' nicht, was Du willst. Gib 'nen Fried, Du Narr, und laß mich meines Wegs geh'n« – Oswald sperrte nun den Mund auf und stammelte: »Ich bin ganz fabig ; ich fall' aus den Wolken. Weißt Du wohl, Hepperger, weißt Du noch . . . in Friedberg . . . in der goldnen Gans . . .? Wir haben uns gedutzt, die halbe Nacht mit einander versessen . . . die Dukaten . . . . weißt Du denn nicht mehr?« 43 Mürrisch, ja sogar grob stieß ihn der fremde junge Mann von sich, den Zudringlichen, und zürnte: »Mach Dich durch, Du z'nichter aufsätziger Mensch, oder ich will Dir eine hölzerne Wurst auf's Kraut legen, und Dich mit gesalznen Faustknedeln traktiren! Friedberg . . . goldne Gans . . . Dukaten! was weiß ich davon? Kannst Dir einen andern Narren suchen. Verstehst mich?« Seinen Wanderstab drohend schwingend, eilte der Fremde an Oswald vorüber, der seiner Drohungen zwar nicht achtete, aber die Hände faltete, und stieren Augs dem Zürnenden nachsah. »Aber kann's denn zwei Menschen in der Welt geben, als hätte sie eine Henne gelegt, als wären sie aus einem und demselben Brunnen getropft? – Er ist's aber doch, der Hepperger . . . . und doch ist er's wieder nicht . . . . und die Hand wollt' ich mir abhacken lassen, daß er's doch ist . . . . und wiederum . . . . und nachgehends . . .« Dem armen Kunsthandthierer versagte die Stimme, da er sehen mußte, wie mit einemmale die daherkommenden Jungfern dem mürrischen jungen Herrn mit freundlichen Gesichtern entgegentraten, ihm die Hände boten, und ganz vertraulich mit ihm thaten. »O weh! ein Verwandter von den Mädeln, oder ein guter Freund, oder gar ein Bräutigam . . . .? o weh, wie wird meine Thorheit da zur Sprache kommen . . .! wie wird mich das Schwarzauge auslachen . . . .? Wohin versteck' ich mich, um ihr Gespötte nicht zu hören?« Mit diesen Gedanken und Aengsten im Kopfe, entfloh Oswald in's Kloster, und sah sich nicht nach der Gesellschaft um. Der mürrische Fremdling sprach indessen, die Empfangskomplimente abwehrend, mit lächelnder Miene zu den Frauen: »Ich muß depreciren, wertheste Herrschaften, kann Ihre Avancen nicht toleriren, sintemal ich nicht derjenige bin, für den Sie mich halten. Mache freilich heut zum drittenmale das Experiment 44 unfreiwilligerweise, daß ich andern Leuten sub jove ähnlich sehe, – leider oder glücklicherweise, will ich dahingestellt seyn lassen; aber diesmal freut mich die Begegnung über die Maßen: einmal, weil ich das höfliche Frauenzimmer, mundi ornamentum , äußerst venerire; zweitens, weil ich schon weiß, wen ich vor mir habe, was mein Herz angenehm aufweckt; und drittens, weil ich Ihnen wenigstens nicht ganz fremd bin, da ich, wenn gleich nicht die Ehre, Dero brüderlicher Freund und Diener, aber dennoch diejenige habe, Ihr vetterlicher Verwandter zu seyn. Ich bin der Sohn des Joseph Tammerl von Innsbruck, Ihnen allen zu dienen.« Auf diese steife enttäuschende Rede des studirten Herrn Vetters gestalteten sich freilich die Willkommgesichter der Frauen zu reverentiösen!, und des fremdthuenden Knixens war kein Ende. Doch setzte der brave Peter diesen körperlichen Staatsübungen ein Ziel. »Der Jungfer Base Prombergerin,« sagte er, »und meiner artigen Cousine Martina Tammerlin küsse ich die Hände, und empfehle mich der andern Jungfer zu Gunst und Gnaden, und bitte allerseits, den bedauerlichen Zwiespalt, der meinen Vater von seinem Herrn Bruder getrennt hat, und welcher – Deo favente – hoffentlich baldigst sein Ziel und Ende in einer dauernden Eintracht finden wird, nicht auf mich übertragen zu wollen; um so weniger, als ich meinen beiden werthesten Verwandtinnen einen Gruß von meinem schätzbarsten Onkel zu überbringen habe. Ich begegnete ihm heute zufälligerweise in Mieders, und er hat mir aufgetragen, Ihnen seine Anwesenheit zu vermelden, nebst seinem Wunsch, Sie citissime zu sehen und zu sprechen.« »Der Schwager? der Vater? Herr Tammerl?« fragten Magdalene, Martina und Veverl verwundert. »Wie kommt er daher? Was ist vorgefallen? Wie sieht er aus? Was macht er? Was spricht er?« 45 Achselzuckend versetzte Peter: »Ich darf sagen, daß er nicht in der besten Laune zu seyn scheint. Sicut leo rugiens, als ein brüllender Leu in seinem Kasten, so geht er im Wirthshause auf und nieder, und zählt die Minuten, und ist sierig, wie ein türkischer Pascha. Hat er mich nicht in Schrecken und Alteration versetzt, da ich quasi wie ein unschuldiges Lamm bei ihm eintrat, dürstend nach einer Labung, und nicht nach Vorwürfen und harten Sermonen? Nun, ich will's ihm zu gut halten. Warum hab' ich auch das Gesicht seines leiblichen Sohns, mit dem er nicht gar wohl zufrieden ist, wie ich gemerkt habe? Hätte er mir umsonst entgegengeschrieen: »Bist Du's, Du Rabenkind? und was machst Du hier, Du unsaubrer Vogel?« Zwar hat er bald seinen Irrthum eingesehen und inne gehalten mit seinem: Vae victis! aber viel Audienz war bei ihm dennoch nicht zu erlangen, so gern ich ihm die Hand gedrückt hätte, da ich ihn zum erstenmal in meinem Leben gesehen. Nur ließ er sich herbei, mir beim Scheiden aufzutragen, Sie, meine lieben Basen, eiligst hinunter zu schicken. Es sey Wichtiges im Lande ausgekommen.« »Da ist der Schwester etwas zugestoßen!« rief die Tante erschrocken. »Unglücksnachrichten vom Seraphin!« jammerte Martina, und ihre lichten Augen trübten sich in Thränen. »Gewiß hat der Peter etwas angestellt!« meinte die redselige Genovefa, die den Genannten nicht allzuwohl leiden mochte. – Josephs Sohn entschuldigte sich mit seiner Unwissenheit, und schüttelte dann dem alten Idelstein, den er als einen Freund seines Vaters erkannte, zum Gruß die Hand. »Sind just auf dem Weg nach Sprugg zu euch,« sagte der Gastwirth. – »So? das freut mich.« – »Hab' einen Sohn zu verheirathen; den Muckerl da. Wollen Deine Schwester ansehen.« – »Viel Dank; doch mein' 46 ich, sie ist schon versprochen.« – »Hm! 's wär' nicht gut. aber Gott schickt alles, und der Muckerl ist ein Baumausreißer, wenn er 'was haben will.« – »Nun, meinetwegen; aber lieber wär mir's schon, wenn Ihr ein gutes Wort sprächt, daß der Onkel und der Vater gut Freund würden.« – »Wollen's schon machen. Kenn' alle beide.« Das hatte seine Richtigkeit; dennoch war der Idelstein, trotz seiner Einsylbigkeit von jeher, ab- und zugehend zu Imst und Innsbruck, einer derjenigen gewesen, die der Brüder Widerwillen und Zwist genährt hatten. Er besaß die Fertigkeit, zu hetzen und zu klatschen, wenn gleich er kaum den Mund aufthat. »Wird uns der Vetter in's Dorf begleiten?« fragte die Tante, der ihr Neffe nicht mißfiel. Peter schüttelte den Kopf. »Muß schon wieder depreciren. Ich will einen kleinen Gang durch's Land machen, wie vor Zeiten in der Vacanz. Ich habe den Mantel an den Nagel gehängt, mag nicht weiter studiren. Zur Handelschaft bin ich nicht geboren: nicht aus jedem Holz läßt sich ein Merkurius schnitzen. Dennoch will ich nicht ein Tagdieb seyn, sondern einem nützlichen Geschäft mich ergeben. Solches nun zu überlegen, und meine Reflexiones zu einem Ultimatum zu bringen, habe ich eine Wanderung von einigen Tagen für ein gutes Mittel ästimirt, und betrachte als ein gutes Omen und Prognosticon, daß ich dem lob- und liebenswerthen Frauenzimmer hier begegnet bin.« – Das Frauenzimmer verneigte sich. Idelstein schlug dem jungen Mann auf die Schulter. »Komm zu mir und lern' das Bauernhandwerk. Acker, Vieh und Alpentrift nähren ihren Mann.« »Wär' nicht aus,« meinte Peter: »vielleicht kehr' ich bei Euch an.« – »Und meine Fräulein Töchter sollen Dich wohl und gut aufnehmen,« lachte Idelstein. 47 So trennte sich Peter von der Gesellschaft, die nach Mieders hinunterstieg. Die Frauen gingen schnell voraus über die Halde, durch den Wald. Idelstein blieb mit seinem Sohne etwas hinter ihnen zurück, und sagte, wohlzugemessene Pausen machend, um seine Zunge nicht über Gebühr anzustrengen: »Was ich sagen will, Muckerl: – – – ein Weibsbild ist wie das andere; – – – wenn sie nur Geld haben. – – Wenn's mit der Pauline nichts ist« – – hier schwieg der Alte wohl zehn Minuten lang und maß das Stubayathal mit seinen Blicken auf und ab – – – »so wird's doch mit der Martina 'was seyn; – – – Bettelbub' – Dummheit! kein Hochzeiter für sie – – – Kraxentrager – – 's muß 'was mit ihm geschehen seyn – – desto besser; werden's hören – – verstanden?« »Ja wohl,« entgegnete der Sohn: »aber die Veverl wär mir schon lieber.« – »Dummheit wiederum. Keine Schwarze – – nimm eine gelbhaarige – – und feiner zu haben im Haus – folgen besser – – Herr im Haus seyn, Punktum.« 48 Zweites Kapitel. D'Freud' ist so g'schamig Und ist flugs dahin, Wie ein Bissen, schön pflaumig Wann ich hungerig bin. Aber's Leid ist ein Brocken, Und wenn ihn Eins schluckt, Liegt er drinn, wie ein Stocken Und zwickt ein'n und druckt. D'Freud ist ein Vogerl, Singt, wann's niemand hört, Aber mitten auf 'n Platz Stellt sich's Leid hin und plärrt. D'Freud guckt aus den Augen Verstohlen herfür, Aber 's Leid richt't sich ein 's ganze G'sicht zum Quartier. D'Freud färbt ein'm die Wangen Schön rosenfarb roth. Aber 's Leid druckt ein'm 's Herz ab, Und würgt ein'n zu todt. D'Freud g'hört für 'n Himmel, Man kennt ihm 's gleich an, Aber 's Leid g'hört für daher , Sonst wollt' Niemand davon. Nach Stelzhammers Lied im Dialekt des Junkerkreises. Der König Herodes soll erschrecklich grimmig gewesen seyn, als er seine Kindermord-Ordonnanz unterschrieb; aber sein Grimm ist gewiß nicht zu vergleichen der Erzwuth, von welcher Herr Tammerl, der friedliche 49 Imsterbürger, der gelassene Hausvater beseelt war, da er zu Mieders im Gasthause hin- und herlief, wie ein Feuerbrand oder ein Meteor durch die Luft fährt. Brummend, seufzend, knirschend, spukend war er für alle Welt, die ihm verwundert zuschaute, ein Schreckniß. »Ist das nicht, um Federn zu kriegen am ganzen Leibe?« fragte er sich selber oft und setzte dann hinzu: »'s wär' auch besser, unter diesen Umständen ein Vogel zu seyn, als ein ehrlicher Mensch.« – Er lachte zornig auf bei diesen Worten und schaute verlegen um sich. Zum Glück war gerade Niemand um die Wege; man hatte den knurrigen Menschen mit den vier Wänden allein gelassen. »Gottlob, daß es niemand gehört hat,« fuhr er fort, bitter schmunzelnd: »Ich bin ein ehrlicher Mensch? Pfui Dich an, Tammerl. Die Leute sagen, und die Meinige behauptet, es schappire mir hie und da ein kleiner Schwank, der nicht ganz wahr sey. Ich will nicht behaupten, daß die Leute und Frau Marianne Recht haben, aber in meinem Leben kann mir nicht eine größere Lüge ausgekommen seyn, als die ich jetzt ausgesprochen. Ich ein ehrlicher Mensch? Ja, Schnecken Ja Schnecken: gleich dem bekannten: Prosit die Mahlzeit! . Ein Lump, ein z'nichter Hausvater, ein Dieb und Landstreicher bin ich. Daß nur endlich einmal die trägen Weiberleut' daherkämen! daß ich's so von Lung' und Leber heraussagen könnte, was mich drückt! Heda, schnattert es nicht draußen als wie aus Gänseschnäbeln? Zirpt und zwitschert es nicht, als ob ein Schwarm von Vögeln auf den Buhin stieße? Die Weiberleut' müssen's seyn, ich sag's, und ich kenn' mich mit ihnen aus.« Sie waren's auch, die Weiber, die im Doppelschritt eintraten und mit dem Sturm der Freude, der Ueberraschung und der ängstlichen Sorge den unverhofften Ankömmling umgaben. Da lautete es durcheinander: »Liebster Schwager, um Gotteswillen!« – »Glückliche Ankunft, Herr Tammerl!« – »Was hat's denn gegeben, Herr 50 Vater?« Der alte Idelstein streckte zwischen den Köpfen Magdalenens und Martina's die den Tammerl herzten, seine breite Rechte durch, und rief mit seiner Donnerstimme: »Auch da!« Tammerl erwehrte sich kaum seiner Freunde, puhstete, wedelte mit dem Sacktuch, stellte sich auf die Zehen und stöhnte: »Genug, und noch einmal genug. Seyd allesammt willkommen, und macht die Thüre zu. Keine fremde Maus darf hören. was ich euch zu sagen habe. Idelstein, Er ist mein guter Freund, sein Muckerl wird auch das Maul halten. Die Fenster zu, damit nicht einmal der Spatz, der vorbeifliegt, mein Herzeleid höre; er wäre kapabel, es von allen Dächern zu singen.« »Du liebe Frau! was hat's denn gegeben?« fragte Magdalena auf's Dringendste. Martina war blaß geworden bis in den Mund. – »Seitdem unser liebes Imst eine Stadt geworden ist – unsre Voreltern können's nicht verantworten, daß sie des höchstseligen Herzogs Meinhard Gnade elendigerweise vernachläßigt haben – seitdem hat sich dort kein Unglück begeben, das dem meinigen gleich käme,« versetzte der gebeugte Tammerl. »Ist die Frau Martha mit Tod abgegangen?« rief Genovefa: »die brave Frau sah so gelb aus?« – »Oder etwa die Schwester Marianne?« fügte die Tante hinzu. »Oder Seraphin?« schrie Martina auf. Tammerl gerieth in einen gesteigerten Desperationsparoxismus: »Es hat sich wohl!« zürnte er: »da marthelt, da mariannt, da seraphinelt sich nichts. Du lieber Gott!« Eine himmlische Beruhigung lagerte sich auf die weiblichen Angesichter. Tammerl, der seine Aufwallung bereute: riß Martina an sein Herz, und sprach wehmüthig: »Komm her, mein Kind, mein Dirnl, mein Madl; verzeih' mir, daß ich Dich angefahren habe, wie der Jud' das unreine Thier. Komm her, denn Du bist 51 mein alleinziger Trost, mein alleinziger Stecken und Stab. Ich hab's ja Deiner Mutter zehntausendmal gesagt, daß Du ein Engerl bist, ein lieb's Narrl, ein gutes Schafl allezeit, und daß der – Gott verzeih' mir's – daß der höllische Peterl nichts taugt. Nun siehst Du's: nun ist's eingetroffen; der Peterl ist ein schlechter Kerl, ist ein Dieb geworden, ist seinem Lehrherrn zu Feldkirch mit hundert Dukaten, die er für ihn draußen im Reich – in Kaufbeuern – hat erheben sollen, durchgegangen; er hat meinen ehrlichen Namen an den Galgen genagelt, und ich sterbe vor Verdruß, wenn ich den gottlosen Schliffl nicht bald beim Schopf derwischen, und beuteln kann, bis ihm Hören und Sehen vergeht.« Erschöpft von dem herben Geständniß und niedergeworfen von seiner Betrübniß, sank Tammerl auf die Fensterbank und verhüllte sich das Angesicht. Es blieb stille um ihn her. Magdalene, die von Allen am besten begriff, was ein Vaterherz unter solcher Kränkung leiden mochte, war bis zum Stummwerden bestürzt. Martina sandte dagegen ein stilles Lobgebet zum Himmel, weil ihren Seraphin kein Unheil betroffen, und Genovefa, die ihren Haß gegen den schlimmen Peterl so glänzend gerechtfertigt sah, äußerte trocken, so zu sagen, befriedigt: »Ich hab's ja gesagt: der Böswicht wird 'was angerichtet haben. Ja, der war schon lang fertig bis auf's Leimen Fertig bis auf's Leimen: in der allgemeinsten Bedeutung: aufgegeben, verloren, unverbesserlich seyn. .« »Bis auf's Leimen!« hob Tammerl an, neuerdings wild werdend: »wer sagt das, leichtsinniger Schnabel? Kannst Du niemals Fried geben, Du vorlautes Vesperglöckl? hat der Bub' etwa schlechte Beispiele im Vaterhause vor Augen gehabt? War ich nicht immer rechtschaffen und sanftmüthig mit ihm? Ist seine Mutter nicht ganz in ihn vernarrt gewesen? Haben wir ihm je etwas an Speis' und Trank abgehen lassen, und an christlichen 52 Lehren? Bis auf's Leimen! Ach, Martina, die Mutter hättest Du sehen sollen, als der traurige Brief vom Feldkircher ankam. Sie hat's anfänglich gar nicht glauben wollen, hat geschworen, es sey absolut unmöglich, daß der Peterl sich bis zum Diebstahl vergessen. Endlich hat sie sich resolvirt, und ist selbst hinausgereist, um zu hören, wie die verzweifelte Sache eigentlich steht. So Gott will, soll uns wohl die Schande einer Ausschreibung, eines Steckbriefs erspart werden; denn hätt' ich auf der Welt nichts als die unglücklichen hundert Dukaten, die den Peterl verlockt haben, müßte ich Dein Heirathsgut, liebste Martina, drauf geh'n lassen – ich gäbe Alles hin, um den Buben und uns vor Schande zu retten.« – »Das versteht sich,« entgegnete Martina lebhaft: »aber wo ist denn der Bruder jetzo? Wo steckt er, das nichtsnutzige Tüchl?« »Nichtsnutzig? das heißt nicht liebevoll und nicht christlich geredet, Martina,« seufzte kopfschüttelnd der bekümmerte Vater: »die Verführung der Welt ist groß; der Versucher ruht nimmer; der heilige Augustin ist in seinen jungen Jahren auch leichtfertig gewesen. Urtheile nicht zu hart, Martina. Aber – wo er ist? wo er sich aufhält? Ja, Du mein Erlöser! frage die Lerche, wohin sie steigt, wenn sie Vater und Mutter verläßt? frage den Raben, wohin er fliegt, wenn er den silbernen Löffel gestohlen hat! – Ich hab' nicht unterlassen, was an mir war. Des Wachslers Sohn zu Innsbruck ist mir eingefallen. Schon einmal hat sein bös Exempel den guten Sitten des Peterl einen Stoß gegeben. Ich hab' mir eingebildet, der Bub' könne nur zu des Wachslers Sohn gelaufen seyn; bin nach Innsbruck gefahren, wo mich immer die Galle überläuft, denn ich kann den Ort nicht schmecken; hab' mich erkundigt, und was hab' ich hören müssen? Des Wachslers Sohn ist ein braver Mensch geworden, und hat tüchtig auf den Peterl geschimpft, als 53 ob der ihn vor Zeiten zu allerlei verführt hätte. Welch ein Spott auf mich! Zum Glück hab' ich nicht gesagt, warum ich dem Peterl nachfrage, aber ich hab' mich durchgemacht, ein Canari kann nicht geschwinder seyn, wenn ihm das Häusl aufgemacht wird. Ein Glück noch obendrein, daß ich den Peterl nicht getroffen habe. Ich hätte ihn behandeln mögen, wie der moskovitische Kaiser seinen leiblichen Sohn behandelt hat. Ich bin giftig gewesen, recht auf russisch giftig, toll und blind vor Zorn. Da hab' ich mich erinnert, daß Ihr vom Selrain eine Wallfahrt habt machen wollen. Die Tante hatte mir's geschrieben. Euch abzuholen und mein Leid zu klagen, deßwegen bin ich da.« Die Tante ermahnte mit Salbung: »Es gibt viel Kümmerniß in der Welt. Wir müssen sie mit Geduld ertragen und dem Herrn aufopfern. Vielleicht wird er's mit dem Peterl erst noch wohl machen, lieber Schwager.« »Hoffen wir's, hoffen wir's,« bekräftigte Tammerl, dessen Muth wieder stieg: »Der Bub' ist im Grund doch nicht so gar bös; es ist nicht aus mit ihm. Wißt's, was ihn verdorben hat? Einmal die verdammte Innsbrucker Luft; dort kann nichts gedeihen, als der Türken, und der wird aufgezogen vom höllischen warmen Wind, der aus dem glühigen Pfuhl der afrikanischen Wüsten, aus dem Fegfeuer auf Erden herausbläst wie ein Narr. Nachgehends hat ihn die Fremde verdorben, den Peterl. Alle Redlichkeit ist halt innerhalb unsrer Berge, und die ausländischen Schwaben taugen alle mitsammen nichts. Was hat der Peter draußen lernen können, als schlechtes Zeug? 's ist ein Fehler gewesen, daß ich ihn hinausgeschickt habe. Im Land bleiben, das ist die Hauptsache. Und hätt' ich ihn nur wieder, den verlornen Sohn, und wär' nur die Schand' schon vergessen! Ich wollte mehr thun, als der Vater im Evangelium; ich wollt' einen Ochsen schlachten lassen, den schwersten obendrein; aber fest wollt' ich den 54 Buben halten und zulucken Zulucken: zudecken. Luck: Deckel. wie eine kostbare Nachtigall, und picken müßt' er mir bleiben, und wenn ihn der Satanas selber an den Füßen zöge.« »Wenn das Frücht'l heimkommt, geb' Er mir's zum Aufziehen,« sagte der alte Idelstein, im Bewußtseyn seiner gewichtigen Haus-Autorität. »Es soll gelten,« entgegnete Tammerl aufgeheitert: »Thu' Er ihn dann auf gut pusterisch traktiren, so kann noch 'was aus dem Limmel werden. – Jetzt aber ist's spät. Morgen früh reisen wir heim, ihr Weiberleut; heut jedoch wollen wir nach Blindheim auf'n Federmarkt gehn Nach Blindheim auf'n Federmarkt gehen: bayrisch-schwäbische Redensart für: zu Bett gehen. , wie die Bayern sagen. Ich bin wie gerädert, und die Augen fallen mir zu, wenn ich schon haushoch Verdruß und Kummer auf mir habe.« – – – Während nun der mit haushohem Jammer belastete Vogelhändler schnarchte, daß er für jeden etwa vorbeiziehenden nächtlichen Wanderer das stille Gasthaus zu Mieders in eine nimmerruhende Sägemühle verwandelte, lag auch hoch oben im Waldraster-Kloster Einer, den der Schlaf floh, der sich unruhig hin und herwälzte auf dem harten Lager, und mit Empfindungen kämpfte, die er Zeit seines Lebens noch nicht verspürt hatte. Der gute Oswald war's. Sein Herz pochte, sein Blut war in Aufruhr, ein Fieber ganz besonderer Art peitschte ihn mit Brennesseln. Zehnmal stand er auf, um in seiner schmalen Zelle auf- und abzulaufen; zehnmal wieder rollte er sich in die Decke und legte sein Haupt auf das Strohkissen, in der Meinung, es werde der Friede der Nacht über ihn kommen. Alles war vergeblich. Mit bang aufathmender Brust begrüßte er endlich die erste Tageshelle, vor deren Glanz die Gespenster Reißaus nehmen, und eine leise Hoffnung, Beruhigung zu finden, that ihm wohl. Nur für eine kurze Frist indessen. Er suchte sich umsonst zu zerstreuen, indem er seinen Wandersack auspackte, sein Kunstgeräthe auseinanderlegte, und sich seine Arbeitsverpflichtungen in's Gedächtniß rief. Alles 55 ging ihm verkehrt von der Hand. Seine Gedanken waren draußen in der Welt, und das Haus, worinnen er sich befand, drückte auf sein Gehirn und seine Lunge. Um die letztere in einige Thätigkeit zu versetzen, brummte er ein Lied. Wie aber gewöhnlich bei solchen Bestrebungen uns etwas und gerade just nur dasjenige beifällt, das die Wunden, an denen wir leiden, erst recht salzt und pfeffert, so erinnerte sich auch Oswald nur eines Gesangls, das ihm zu Augsburg sein Nebengesell Wenzel, ein Böhme aus dem Erzgebirge, häufig in die Ohren gedudelt hatte: »Es schmeckt mir kein Essen, Es schmeckt mir kein Trinken, Und wenn ich soll arbeit'n, Da möcht' ich versinken, Und kann ich mein Trutscherl Nicht bald wieder seh'n, So muß ich vergeh'n.« »Nun, was ist's denn weiter?« unterbrach sich Oswald, und warf Pinsel und Leimstreicher und Schabmesser durcheinander: »Ich bin halt wieder einmal verliebt; . . . 's ist mir schon oft passirt . . . . wird schon wieder vergehen.« – Indessen flüsterte ihm eine heimliche Stimme zu: »Das ist erlogen; diesmal vergeht Dir's nimmer.« Und in einem Nu hatte Oswald überschaut, wie unendlich verschieden von seinen frühern Liebeswallungen das Gefühl sey, das sich ihm gestern schnell, als wär's eine ansteckende Pest, mitgetheilt hatte. Die Bockelhaubenmacherin und ihresgleichen hatte er in der nächstbesten lustigen Gesellschaft bald wieder vergessen; jetzt aber saß ihm ein stahlscharfer Wiederhacken mitten im Herzen, und er konnte seinen Schmerz, der allerdings auch eine gewisse Lust und Freudigkeit mit sich führte, nicht einen Augenblick verwinden. Zudem, wenn er bedachte, daß die schnellredende Zauberin, die ihn berückt, schon wieder in weiter 56 Ferne schweifte, und keine vernünftige Hoffnung, sie wiederzusehen, zu fassen war, ließ er fahren dahin jedwede Freudigkeit und Lust, und ergab sich der trostlosen Todesahnung der Verliebten. Darum setzte er Wenzels Lied fort, weil es, wie sein Gemüth, immer trauriger wurde: Und wenn ich gestorben, Laß ich mich begraben, Ich laß' mir vom Tischler Zwei Bretter abschaben – – Ich laß' mir drei feurige Herzen drauf malen, Ich kann ihm's bezahlen.« Die leichtsinnige Natur des Sängers schlug nach einer kurzen Pause, die er gemacht, durch. Er schämte sich seiner Wehmuth und verspottete seine Todesgedanken: »Wär' mir nichts lieber, als sterben für die Person, die mich vielleicht grad jetzo auslacht, wie nicht gescheit, weil . . .! auweh, daß mir wieder die Dukatengeschichte einfallen muß, und der kohlschwarze Krampus , und die schreckliche Weise, auf welche ich mich an dem armen Freund Seraphin versündigt habe, wie am lieben Gott selber. Wenn ich all die Noth bedenke, die so viel schwer auf meinem meineidigen Schädel aufgestößelt ist, schwerer als eine Fuhre Eichenholz, so möcht' ich mir allerdings lieber ein seliges End' wünschen, als ein langes Leben voll Höllenfurcht und eine Liebschaft ohne alle Aussicht! Ha, warum bin ich auch ein Kerl, der ein Herz von Butter und daneben Augen hat, die ihn verkuppeln, ehe er die Hand umkehrt! Und ich spür's, ich spür's: ich mag thun, was ich will, die schwarze Veverl reiß' ich mir einmal nicht mehr aus der Seele, und wenn gleich mein Verstand mir sagt, ich sey ein Narr, dennoch könnt' ich hinwerden aus lauterer Sehnsucht! Pfui! was ist aus mir geworden! steh' ich nicht da, wie Sankt Neff im Krautgarten Sankt Neff im Krautgarten: bedeutet einen verdutzten bestürzten Menschen, der nicht weiß, was er in seiner Verlegenheit beginnen soll. , den die Buben mit der Pelzhauben derwerfen wollen?« 57 Mit sich selber zürnend, warf Oswald seinen Farbenkasten in den Winkel, seine Palette vom Tisch auf den Fensterbalken, stampfte ungeduldig mit den Füßen den Takt obigen Liedchens und sang, seiner Eitelkeit zum Verhöhnen, wie ein Spottvogel die letzte Strophe: »Nun laß' ich mir anstimmen Den Todtengesang: Da liegt nun der Esel Der Länge, der lang, Der immer gesteckt hat In Liebesbeschwerden, Zur Erden, zur Erden Muß er jetzt werden.« Der geplagte Walt setzte dem Lied als Coda ein bittres Gelächter an, daß die Fensterscheiben klirrten. Vor der Zellenthüre hustete hierauf Jemand ganz bescheiden, aber vernehmlich. »Hoi!« fing Oswald an: »Gibt's auch im Kloster Horcher an der Wand?« – Das Husten wiederholte sich; eine kleine Weile darnach klöpfelte ein diskreter Finger an die Thüre. »Nur herein!« rief der Maler. – Abermaliges Klöpfeln. Obgleich heller Tag war, überlief den Maler ein Grausen. »Wenn der Böse draußen stände!« tuschelte ihm das unsaubre Gewissen zu. Aber der vernünftigere Mannsmuth gewann in dem Zaudernden alsobald die Oberhand. Er ging, zu öffnen, und hereintrat, statt des Bösen, ein grundehrlicher Geist, der Pater Philipp. Nach seiner Gewohnheit hatte der Mönch nicht gewagt, die Klinke der Thüre anzurühren. »Mein lieber Sohn,« sagte er mit herzgewinnender Besorgniß, »die Geschichte, die Du mir gestern vor dem Schlafengehen erzählt hast, ist mir nicht aus dem Kopfe gewichen. Ich habe hin und hergesonnen, wie Deinem verletzten Gewissen beizuspringen, und der Zorn des Höchsten, den Du allerdings grob verschuldet, zu besänftigen 58 seyn möchte. Ich habe außer der nöthigen Buße am Altare nur ein Mittel, das probateste, gefunden.« »O, sagen Sie mir's geschwind, das Mittel, Hochwürdiger;« antwortete Oswald, gleichsam neu auflebend. »Du mußt das unrecht erworbene Gut, wenn es noch in Deinen Händen, dem Eigenthümer wieder zurückstellen.« »Ei, das möcht' ich wohl, aber . . . .« Der Servit unterbrach ihn sanft: »Du mußt es, auch wenn Du nur mehr einen Theil des so vermessen eroberten Guts noch besäßest, mit dem unerschütterlichen Vorsatz, den Rest, je nachdem Du durch sauern Schweiß ihn zusammenbringen wirst, ebenfalls mit der Zeit dem billigen Ersatz hinzuzufügen.« »Den Vorsatz würd' ich gern fassen und ausführen; auch mangelt wenig an der Summe; indessen weiß ich nicht . . . .« Mit einer gewissen Herzensangst fuhr der Pater fort: »Geschwinde, geschwinde muß es geschehen, denn der Drache des Abgrunds hat Macht über Dich, so lang noch ein Stück des Unglücksgeldes in Deinem Besitz bleibt. Die Restitution vor allem, alsdann eine reumüthige Bitte um Vergebung zum Himmel, alsdann die gnadenreiche Buße, endlich die Absolution.« »Sie schließen wahrhaftig den blauen Himmel vor mir auf, hochwürdiger Vater; aber wie kann ich das Gut zurückstellen, wenn ich seinen Eigenthümer nicht ausfindig machen kann? Ich hab' Ihnen erzählt, wie ich schon gestern die Hoffnung hatte, meine Hände zu reinigen, und wie ich mich in dem Menschen betrog, und wie mir's mit ihm ergangen ist.« – »So lege es auf den Altar, oder in den Almosenkasten, das Sündengeld, oder – weißt Du was? gib es in meine Verwahrung. Wenn je der rechtmäßige Besitzer an den Tag käme, es wär' ihm unverloren. Die gottgefällige Absicht, die ich habe, indem ich mich mit dem Mammon 59 belade, wird doch, so der Herr will, die Schreckenspein, so Du selber herausgefordert, aufhalten, und die Krallen der Hölle von Dir abwenden, denke ich.« »Mein Gott, ja das soll gleich geschehen,« rief Oswald, und packte geschwinde den Beutel aus, worinnen die kaiserlichen und holländischen Völker, die ungarischen und polnischen Reiter friedlich beisammen lagen. Der Mönch machte ihn die Dukaten überzählen; er selber rührte kein Stück davon an; er versiegelte dann den Beutel und schob ihn seufzend in seinen Aermel: »Um solchen Mist,« murmelte er, »geht so manche brave Seele zum höllischen Pfuhl, daß Gott erbarm.« – Sodann fragte er den Maler: »Wie nanntest Du den Menschen, dem Du den Quark abgenommen?« »Hm, er gab sich für einen Peter . . . .« – »Sein Schreibname?« – »Hepperger, Peter Hepperger, ein junger Mann mit einem Gesicht, das man nicht so leicht vergißt . . . .« Der Mönch schrieb die angegebenen Namen auf einen Zettel und steckte denselben zu dem Beutel. »Ich werde Erkundigung einziehen . . . .« sagte er. – Indessen war Oswalds Gedächtniß wieder mit dem Fremden beschäftigt, den er gestern so unziemlich angeredet hatte, und mit neu erregten Zweifeln in der Brust sprach er: »'s ist doch wunderbar; die Aehnlichkeit des fremden jungen Herrn mit meinem Friedberger, der aber auch ein Tiroler war, ist so groß . . . . es macht mich ganz damisch, nur daran zu denken . . . ..« Pater Philipp lächelte. »Nun, solcher Wunderlichkeiten gibt's auf Erden genug. Sind mir auch schon vorgekommen. Es ist, als ob solche an sich ganz verschiedene Menschen aus einem und demselben Model gekommen wären . . . ., sonderbarer ist es, daß der Mann von gestern sich ebenfalls Peter schreibt . . . .« »Was? Sie haben ihn gesehen? Sie kennen ihn?« 60 »Nicht ich: der Pförtner hat mir heute gesprächsweise gesagt, daß derjenige an der Klosterthüre angekehrt sey, und nach dem Pater Cassian zu fragen, der jedoch zufällig in Geschäften abwesend. Bei der Gelegenheit hat der Fremde seinen Namen genannt, indem er einen Gruß an den Pater hinterlassen. Er ist der Sohn eines zu Innsbruck wohnenden, viel verlästerten Kaufmanns, der aber in der Stille so viel Gutes thut, wie nicht häufig die andächtigsten Kirchengänger. Joseph Tammerl heißt der Mann, und sein Sohn Peter war es, den Du gestern gesehen und gesprochen.« Oswald stand wie verdutzt vor dem Priester. Plötzlich klatschte er in die Hände, erhob die Augen, leuchtend, als hätte sie ein Blitz durchschwirrt, und schrie: »Hochwürdiger, jetzt ist mir ein Deuter Deuter: ein grob gegebener Fingerzeig; ein Schlag hinter die Ohren. von oben gekommen. Jetzt darf man mir nicht mehr mit dem Holzschlegel winken . . . .; ja wohl! hat mir nicht der Seraphin von den zwei Petern erzählt . . . .? ich will derschossen werden, wenn mein Peter nicht der Tammerlpeter von Imst ist. Jetzt hab' ich meinen Mann, Hochwürdiger, o gewiß hab' ich ihn. Das Geld gehört nach Imst, und auch ich gehöre hin; o ich Dalk, daß ich nicht früher daran dachte!« »Was ist denn?« fragte Philipp: »mein Sohn, Du redest ab Abreden: irre reden. Aufreden: im Schlaf sprechen. .« »Warum nicht gar?« erwiederte Oswald und tanzte, so viel der Raum der engen Zelle es erlaubte, hin und her, so daß der Pater ihm kaum ausweichen mochte: »Der Tammerlbub' ist verlogen, ist z'nicht . . . . gewiß hat er sich und einen leichtfertigen Streich hinter einen fremden Namen versteckt . . . o gewiß, ich hab' ihn schon. Gebt's mir nur jetzt das Sackl, Hochwürdiger. Ich will's fein geschwind nacher Imst tragen, und zu Imst werd' ich alles finden, auch die Veverl, die Schwarzaugete, und Gott selber hat mir jetzt den rechten Weg angezeigt.« »Du bist von Sinnen, mein Sohn,« versetzte der Servit verschämt: »Du mengst da den allerheiligsten 61 Namen des Herrn mit allerlei sündigen Gelüsten und leichtsinnigem Volk zusammen; das taugt nicht, das ist nicht brav. Zudem denke an die Arbeit, die Du in unsrer Kirche zu vollenden Dich anheischig gemacht hast. Der Dienst des Herrn geht vor allem und kann Dir nicht erlassen werden. Arbeite daher, bete und büße; dann, wenn Du ruhiger geworden, reden wir etwa mehr von der bösen Angelegenheit.« »Ach, Hochwürdiger!« rief Oswald beinahe weinerlich: »bedenken Sie doch nur, daß ich zu Grunde gehen, daß ich sterben muß, wenn ich noch ein paar Monate hier verweilen soll. Die Veverl . . . ach mein Gott, Sie kennen sie nicht, Sie haben einen Ekel vor den Weiberleuten, und Sie haben Recht, denn Sie sind ein Klosterherr; aber was kann ich dafür, wenn das liebe Affl mir gar nicht Ruhe läßt, und, wenn ich mich hier versitze, wird nicht ein Andrer kommen, der das Wunderthierl grad vom Fleck weg heirathet?« »Du bist ein Unsinniger,« sagte Pater Philipp hastig, streng und ängstlich zugleich: »Mach' mir die Thüre auf. In Deiner Nähe stinkt es nach Pech und Schwefel. Laß' mich aus und komme zu bessern christlichen Gedanken. Ich darf Dein freches Geschwätz nicht anhören. Mach' auf, sage ich.« Oswald gehorchte allerdings dem bestimmten Befehl, und der Pater entwischte der Zelle, als ob er dem Satan mit genauer Noth entginge. Der Maler verfiel nach seiner Entfernung in ein dumpfes Hinbrüten, aus dem er nur erwachte, als die Ehrlichkeit seines Gemüths ihn derb und unbarmherzig an seine Pflichten erinnerte. »Freilich,« sagte er dann, dieser Ehrlichkeit gehorsamend, zu sich selber: »freilich bin ich ein teuflischer verblendeter Narr. Ein Wort ist einmal ein Wort, und ein rechter Mann muß halten, was er versprochen. Aber wenn mir nur der Himmel gnädig seyn wollte, und meinen Fingern die 62 Fertigkeit einer Eidechse gäbe! wenn er mir nur vergönnte zu arbeiten für Zehne. Denn ich muß mit meiner Arbeit im Sturm fertig werden, sonst halt' ich's nicht aus. Und nur wenn ich ein rechter Gschaftlberger Gschaftlberger: ein Mensch, der sich immer etwas zu thun macht. bin, von früh Morgens bis spät Abends, wird doch mit Gottes Hülfe der Beißwurm in meinem Herzen ein' Fried geben.« Wozu er sich so ehrenhaft ermannte, warum er auf seinen Knieen so eifrig zu allen Heiligen betete, das gelang ihm auch, wie durch überirdischen Beistand über alle Maßen. Sein Fleiß schaffte das Unmögliche in kurzer Zeit, und zwar mit besserm Erfolg, als ihm jemals eine Arbeit von der Hand gegangen war. In fünf bis sechs Wochen hatte er vollendet, wozu er drei bis vier Monate gerechnet hatte. Er war fix und fertig, an dem Tage, da sich just in Tirol die schmerzliche Kunde des Ablebens des regierenden Kaisers verbreitete. – – Der Tod Karls des Sechsten, der Untergang einer falben Sonne, die, vom Monde niedergedrückt, in dem Chaos brauender Wetterwolken versank, erregte in allen Erblanden eine wahre Bestürzung Der Verlust Belgrads soll des Kaisers Tod beschleunigt haben. . Des Kaisers Nachfolgerin Maria Theresia, um ihrer Frömmigkeit, bürgerfreundlichen Anmuth, wie auch um ihrer körperlichen Vorzüge willen schon im Voraus geliebt, wurde zwar mit Jubel auf dem Throne begrüßt, aber noch lange bevor das edelmännische Ungarn seine tausend und tausend Schwerter zückte, der geliebten Königin Maria Theresia Rechte zu verfechten, schlich in allen ihren Staaten eine finstre Ahnung, eine qualvolle Besorgniß in den Gemüthern umher. Selbst das schlichte wortgetreue Tirolervolk fürchtete die Annäherung böser und kriegsdrangvoller Zeiten, und baute wenig auf die berüchtigte pragmatische Sanktion, die dem lebensmüden Kaiser als Ruhepolster für sein 63 sterbendes Haupt gedient hatte. War doch der Bayer, der eigensinnige Churfürst, ehrlich zwar, aber feindselig, nicht zu bewegen gewesen, seine Ansprüche auf Maria Theresia's Erbe aufzugeben! Munkelten doch bald die weitsichtigern Politiker im Lande, daß wo der bayerische Nachbar im Felde stehe, die französischen Fahnen auch nicht weit seyn würden, wie in frühern Jahren! Und wenn sie erst geahnt hätten, wie eilfertig der junge preußische Adler zu Rheinsberg den Frost des kalten Fiebers mit dem nicht minder fieberhaften Durst nach Ruhm und Eroberungen vertauschen würde! Es konnte nicht fehlen: auch zu Imst wurde gekannegießert, was der Brief vermag , – bayerisch zu reden. Tammerl war nicht der letzte unter den Patrioten, die vor der Hand mit ihren Zungen muthig gegen die gefürchteten und gehaßten Ausländer zu Felde zogen; dennoch vermißte man allgemein in seinen Reden und Ausfällen jene Keckheit und Maßlosigkeit, die sein früheres volksthümliches Treiben bezeichnet hatten. Der arme Mann konnte sich nur wenig mit den Besorgnissen des Vaterlandes abgeben, denn der nagendste Doppelkummer zerfleischte sein Herz. Sein Sohn war noch immer verschollen und landläufig, hatte nicht geschrieben, wo er geblieben, und mit seinen Holländervögeln und deren Trägern Seraphin und Egidi ging's dem unglücklichen Meister und Kanarihändler nicht besser. Seit vielen Wochen keine Zeile, keine Botschaft, kein Gruß – alles verstoben und verflogen wie Spreu im Winde, alles stumm, als hätte das Grab die Männer und gefiederte Waare verschlungen. Es versteht sich, daß das ganze Tammerlsche Haus die Betrübniß seines Oberhaupts theilte. Frau Martha, der an Enkeln und Vögeln nichts lag, lamentirte über die böse Laune ihres Sohnes; Frau Marianne, in deren Seele die alte Liebe zum Peter erwacht war, just seit Peter ein Dieb und Wegläufer geworden, beweinte mit stillen aber um so 64 heißern Thränen den Fall und das Verschwinden ihres Vielgeliebten. Zwar hatte sie dem Feldkircher Kaufmann und Lehrherrn die unterschlagenen Dukaten ersetzt, und somit die Steckbriefe sammt allen unangenehmern Folgen des bösen Handels in der Geburt erstickt, aber ihr Friede war dahin; die Bürgerkrone unbescholtner Ehre lag zerbröckelt zu ihren Füßen; die unbefangenste Frage nach Peter ging ihr durch's Herz, wie die boshafteste. Sie, die gewöhnlich so derb geradeaus gegangen war, mußte nun täglich auf neue Ausflüchte sinnen, um die Abwesenheit des Flüchtlings zu entschuldigen, und ihrer Qual war kein Ende. Martina's Verzweiflung endlich, als Tag auf Tag dahin schwand ohne ein Lebens- und Liebeszeichen Seraphins, wäre gar nicht zu beschreiben. Die holde Jungfrau magerte sichtlich ab; ihre Rosen versanken unter Schnee, ihr vordem so lustiger Mund war stumm geworden, und wenn er sich ja – selten genug – aufthat, war er voll von Klagen und Bitterkeit. Ein schwacher Hoffnungsfunke belebte allerdings noch die bleiche sorgenvolle Gestalt: es nahte der Zeitpunkt, an dem die Vogelträger wieder zu ihrem Herd zu kehren pflegten. Wer sich in Imst und Tarrenz mit dem Kanarihandel abgab, erwartete diese Heimkehr natürlich mit großer Begierde. Um das Portiunkulafest ungefähr waren die verschiedenen Gesellschaften zusammengetreten, je zu fünfzehn bis fünfundzwanzig Mitgliedern, hatten ihre Einlagen gemacht, jede sich belaufend auf fünf und siebenzig Dukaten, hatten ihre Träger gewählt, über ihre Reise instruirt, und sie zwischen Portiunkula- und Laurenzitag in die Welt hinausgeschickt. Gegen Allerheiligen kam die wandernde Schaar wieder zurück über den Fern, wo die Straße über Füssen und Reutte in Tirol hereinführt. Alle, die im Reich und in Frankreich und in Holland, Schweden und England gewesen waren, stellten sich in Masse, so wie sie ausgegangen waren, zusammen; Briefe liefen voraus, die 65 ihre Ankunft vermeldeten; der Kaplan auf dem Fern las ihnen die fröhliche Dankmesse, so wie er bei ihrem Auszug ihnen im feierlichen Gottesdienst den Segen gegeben hatte. Die Kommittenten der Vogelträger, die Familien und Freunde der letztern gingen ihnen bis Nassereit entgegen, um sie, die wohlbehalten ihr Vaterland wieder begrüßten, mit heiterm Willkommen heimzugeleiten. – Nur diejenigen Vogelträger, die in's kalte Rußland, in die entlegene Türkei gepilgert waren, – deren aber im Verhältniß zu den übrigen nur wenige – blieben vier bis fünf Monate länger aus, und genossen im Frühjahr die Ehre eines besondern Triumphs. Im Jahre 1740 waren besonders viele Geschäfte im Kanarihandel unternommen worden, waren viele Händler ausgezogen und daher viele Leute auf den Beinen, die rüstigen Hausirer einzuholen. – Tammerl, der ein schönes Geld in der Vogelindustrie stecken hatte, wäre zu jeder andern Zeit der muntere Anführer des Geleits gewesen. Für diesmal jedoch begnügte er sich, von Schwermuth und bösen Ahnungen eingeschüchtert, der pilgernden Genossenschaft bis Tarrenz entgegenzugehen. Seine Frau und Tochter und Schwägerin und das redselige Veverl begleiteten ihn. – Der alte Maroner machte, so gut er's verstand, seinem Patron die Honneurs des Hauses, aber all sein ehrliches und herzlich ergebenes Thun und Plaudern verfing nicht bei dem mißgestimmten Manne. Eine peinliche Niedergeschlagenheit waltete über den Frauen, sogar die Veverl läutete das Vesperglöckl nur wenig. »Werden sie kommen? werden sie nicht kommen?« nur diese langweiligen Fragen gingen in den Frauenköpfen auf und nieder, und gegenüber von der allgemeinen Entmuthigung schwand auch des guten Schuhflickers Hoffnung dahin, und er machte, seines geliebten und so räthselhaft stumm gewordenen Schülers Seraphin gedenkend, bald ein Gesicht, 66 noch betrübter als der Andern Antlitz; gerade als hätte er einen überaus werthen Todten vertrunken Einen Todten vertrinken: bezieht sich auf den alten Brauch der Todtentrünke. »Wann haben wir den N. N. vertrunken? – wann ist der N: N. gestorben oder begraben worden?« , und nicht, als ob er frische lebendige Freunde erwartete. »Ich will nur sehen,« nahm nach langem Stillschweigen Tammerl das Wort: »ich will nur sehen, ob's denn wirklich an dem ist, was mir die Leute schon lang boshaft in die Ohren gesagt haben. Wie? was?« – »Was meinst Du denn?« fragte Marianne. – »Ob der alte Egidi und der Seraphin schlechte Leute geworden sind. Was?« Eine lange Pause. Veverl stieß Martina an und flüsterte: »Antworte doch.« – »Der Seraphin gewiß nicht,« sprach die betrübte Braut kleinlaut. – Worauf Marianne mit bitterm Gefühl: »Ei, warum denn nicht? Schaut's das Madl an, wie es so vorlaut den Schnabel aufmacht. Dein Herzblattl wird wohl auch keine Ausnahme machen. Die Wanderleut' sind alle so gar viel bös und z'nicht . . .: 's ist heutzutage eine wahre Schande.« – »Hm,« sagte Magdalene verstohlen und ernst in ihr Busentuch hinein: »Die Männer sind freilich nichtsnützig, und zu trauen ist keinem, keinem.« – »Wir wollen sehen,« fuhr Marianne hämisch fort, »wer da Recht hatte: ich, die ich dem Buben nie viel traute, und den saubern Verspruch ungern sah, oder Ihr Alle, die Ihr auf ihn bautet, wie auf das Evangelium. Du, Magdalene, hast mit dem Vorschub, den Du dem leichtsinnigen Mädel da geleistet, viel auf Dein Gewissen genommen.« Magdalene schwieg mäuschenstill. Tammerl jedoch zählte an seinen Fingern und seufzte: »Wenn der Engadiner und der Seraphin sich mit meinen Vögeln und Dukaten durchgemacht haben, wie die Spitzbuben, so ist das eine ganz andere Aderlässe, als die mir der z'nichte Peterl abgedrungen hat. He? wie?« – »Red' mir nicht vom Peterl« fuhr Marianne auf: »Peter ist unser Fleisch und 67 Bein, dem man leider Gottes schon 'was zu Gute halten muß; . . . aber die zwei Landstreicher, die seit Monaten nichts von sich hören ließen, die unsern sauern Schweiß, weiß Gott in welchem ketzerischen Lande verprassen, und die Martina um ihre rothen Backen bringen . . . .« »Hör' die Frau Mutter auf, oder es wird mir ganz übel;« seufzte Martina auf's kläglichste. Genovefa löste sie ab, und eiferte in ihrem Namen. »Urtheile die Frau nur nicht vorschnell; das ist eine Sünde, das thut dem lieben Gott leid. Wenn sie auch nichts von sich haben hören lassen, müssen sie darum schlecht geworden sein? Für den Vintschger möcht' ich stehen; vom Engadiner möcht' ich's schon eher glauben, aber auch von ihm nicht, wenn ich's recht überlege. Ist denn ein Brief nicht von schlechtem Papier und kann vom Winde verweht werden? Kann nicht der Poster, der ihn zu bringen hatte, Hals und Bein gebrochen haben? Kann der Brief nicht von einem liederlichen Kerl aufgefangen worden seyn, um Euch Allen schweres Herzeleid zu machen? Und endlich: sind der Seraphin und der Alte nicht ebensogut gebrechliche Menschen oder Geschöpfe oder Dinge, wie der Poster und sein Felleisen und sein Roß und ein Brief aus Lumpenpapier? Können sie nicht an irgend einem Orte, weit weit von da, krank liegen, oder gar, was Gott verhüten möge . . . .« Martina hielt mit unsäglicher Angst der Veverl den Mund zu, und rief: »Gib Fried', gib Fried', ich bitt' Dich. Du machst noch ärger, als die Mutter selber. Daß Gott erbarm: lieber wollt' ich, der Seraphin hätte gelogen und betrogen, und verzehrte irgendwo als ein gesunder Dieb, was ihm nicht gehört, als daß ich mir ihn krank unter fremden unbarmherzigen Leuten, oder gar unterm kalten Grabstein liegend denken möchte . . . .!« Martina schluchzte, daß es alle Grabsteine hätte rühren mögen. – Veverl nahm sie begütigend in ihre Arme, 68 Magdalene redete ihr freundlich zu; die Mutter, die der Tochter Schmerz verstand, antwortete nicht. Nur Tammerl murmelte entrüstet. »Glaub's wohl, . . . . der Fratz . . . er weiß nicht, was das Geld bedeutet . . . . dem Madel ist's alleins, aber mir nicht, ob ein Betrüger mein Hab' und Gut verlumpt, oder nicht.« – Maroner, dem die Zähren aus den Augen schossen, suchte einen Trost hervor, an welchen er selbst nicht glaubte. »Ich meine halt,« sagte er, »daß der Seraphin nicht geschrieben haben wird, um den Herrn und die Frau und die herzige Jungfer da um so unverhoffter mit seiner Ankunft heut zu überraschen. Ja, ja, 's wird schon so seyn.« Tammerl schüttelte ungläubig den Kopf. Die Weiber hingen ihre Häupter. Indessen erschallte von ferne Musik, und einzelne Vorüberlaufende schrieen durch die Gasse: »Hoi! jetzt kommen sie; sie rucken an, die Vogeltrager. Schau, wie schön, wie prächtig! Der lange Hiesel geht vorne weg. Schaut's, wie fein ist das!« Der Wörle-Hoisal war richtig der Vordermann, in schönen weißen Strümpfen und Halbstiefeln, kurzen Lederhosen, aus deren Tasche ein silbernes Besteck hoffärtig guckte, wie ein vornehmer Herr aus seinem Kutschenfenster. Eine schöne Binde mit Pfauenfedern ausgenäht, und lose darübergehängt die rothe Schärpe, schmückten den schlanken Kerl gar köstlich. Sein Hut, dessen Form er den Unterinnthalern abgeborgt hatte, saß auf gut rauferisch; ein prächtiges ausländisches Tuch, ein sogenanntes Allamoditüchl, flatterte an seinem Halse, und ein zweites ähnliches an seinem langen Reisestocke, der mit Epheu umwunden, hie und da mit einer Spätblume verziert war, und den er schwenkte, wie ein gelernter Fähndrich sein Panier, oder wie in spätern Zeiten der Regimentstrommler seinen silberbeschlagnen Kommandostab. Hinter ihm, dem stärksten und vielgereisten Mitglied seiner Zunft, marschirten die Musikanten, ehrliche Leute 69 von Imst und Tarrenz und Nassereit, die sich gar nicht träumen ließen, wie schlecht sie spielten, aber dagegen wohl wußten, in welchem Grad sie ihre Gönner zu begeistern vermochten. Auf den Fersen dieser Musikanten, schier getragen und geschaukelt von ihren hüpfenden Tönen, sprangen, gaukelten, burzelbaumten die kleinen Buben der verheiratheten Vogelträger; auf den Flanken schritten die Weiber und Schwestern der Hausirer; in der Mitte dieser geschwätzigen Frauen und Mädchen drängte sich, in wenig malerischer Ordnung, die Schaar der Abentheurer in ihren Festkleidern, jeder einen Buschen Buschen: Blumenstrauß. – Andre Bedeutung: Schenke. im Knopfloch oder in der Hand oder auf dem Hut. Es waren ihrer gegen vierzig, deren leere Kraxen gleich ebenso vielen Trophäen aufeinandergethürmt, in offnen Wägen folgten. An diese Wägen schlossen sich die Kommittenten, die Freunde und Bewunderer der unerschrocknen Kanariträger an; ein dichter schwarzer Menschenknäul, umschwärmt von allerlei gassenbübischem und zigeunerischem Volk, das wie begreiflich, viel lauter und herrischer schrie, als die in der Aktion mithandelnden Hauptpersonen. Ja, da kamen sie alle wieder mit mehr oder minder wohlgefüllten Geldkatzen, fröhlich und guter Dinge, die Seppeln und Ton'ln und Natzln und Poldln, und auch ein Seraphin war unter ihnen, aber es war nicht der rechte: ein grämlicher alter Kerl mit Zahnlücken und rothgeränderten Augen, der dem Vintschger Seraphin so unähnlich wie ein Türkenkolben einer Zuckerfeige und dem die Fröhlichkeit jämmerlich genug anstand. Alle kamen sie wieder, bis auf einzige Viere: einen, dem der Tod im fernen Krakau kühl gebettet; einen zweiten, der zu Hamburg mit einem bösen Fieber sich herumquälte; und Egidi und Seraphin, Martina's Verlobter, die verschwunden waren, Niemand wußte zu sagen, wohin. – Als sie vor dem Tammerlhause zu Tarrenz standen, 70 die Kanariträger, und dem wohlbekannten Vogelhändler, für den ein jeder der heimkehrenden Gesellen wenigstens eine Reise in seinem Leben gemacht hatte, ein helles Vivat brachten, ließ der ehrsame Ex-Bäckermeister ihnen Wein reichen, und der Rebensaft floß lustig auf der Straße, während die stille Kammer des Hauses in Martina's Thränen schwamm. Tammerl, der eine nothdürftige Ruhe heuchelte, ging fragend und erkundigend durch die Reihen. Maroner, dem die Brust schier eben so schwer war, kundschaftete seinerseits nach Seraphin. Alles so viel, wie vergebens. Die Träger hatten sich in Donauwörth nach allen Seiten zerstreut. Dort war Seraphin, der um ein paar Tage später ankam, als jene, zum letztenmal von ihnen gesehen worden. Ein einziger von den Burschen, der Anführer Wörla-Hoisal, war aus Frießland, wo er den Markt schlecht gefunden, nach Amsterdam gekommen, und hatte dort im »Schild von Geldern« auf der Prinzengracht, wo die Herberge der Tiroler, einiges von dem Engadiner und seinem Gefährten vernommen. Nach den Angaben der Wirthsleute hatten die Beiden ihre Waare sammt und sonders in der großen Handelsstadt abgesetzt, den Entschluß geäußert, statt mit leeren Kraxen nach England zu gehen, vernünftigerweise den Weg ins Vaterland zu wählen, und gutes Muths die Herberge verlassen. Hoisal war daher der Meinung verblieben, sie müßten schon lang vor ihm daheim eingetroffen seyn. Eine Silbe mehr oder weniger war von Allen nicht zu erfahren. Die Vogelträger zogen ab mit großem Gepränge, um sich nach altem Herkommen mit Kind und Kegel und Verwandten und Bekannten zuerst in's Wirthshaus, dann zur Kirche und endlich wiederum zum Schmaus in's Wirthshaus zu begeben, von wannen erst der Weg in die häuslichen vier Pfähle genommen werden sollte. Tammerl, den der Weiber Betrübniß langweilte und 71 ärgerte, obschon er selbst wild und verdrossen, folgte dem Schwarm, um bei günstiger Gelegenheit mit einigen der Burschen, die für ihn Geschäfte zu besorgen gehabt, vorläufige Abrechnung zu pflegen. Marianne ging mit ihm, nach dem Hause zu sehen. Martina und Magdalene wandelten zwar nach Imst zurück, aber schnurstracks in die Kirche, um das Weh der verlassenen Braut am Fuße des Altars niederzulegen. Veverl, wiewohl tiefer, als ihr gewöhnlich gegeben war, die Leiden der Freundin mitfühlend, mußte sich von ihr trennen, um in ihres Vaters Wirthschaft zu helfen, wo es natürlich an diesem Freudentage flott und festlich, also sehr geräuschvoll zuging. Es wurde der Tante und der Nichte unmöglich, so lang als sie gewünscht hätten, in der Kirche auszuharren. Sie hatten dem Heiland und seiner glorwürdigen Mutter so vieles vorzutragen, der Bitten so viele ihrer Gnade anheimzustellen, und waren daher bei weitem noch nicht zu Ende, als der vom Willkommtrunk aufgeregte Trupp der Vogelträger sammt Consorten in das Gotteshaus eintrat. Wer hätte unter dem Geräusch dem stillen herzinniglichen Gebete ferner obliegen können? Eine alte Mutter, die für ihren einzigen Sohn in der Fremde betete, eine andere, die für ihre kreisende Tochter zum göttlichen Mittler am Kreuze flehte, eine Ehefrau, die vor dem Bilde der schmerzhaften Muttergottes für einige Augenblicke ihren Hausjammer vergaß, verließen hastig die Stätte ihrer Andacht. Magdalene und Martina machten es wie sie. »Ich kann's nicht überdauern, wenn Seraphin wegbleibt,« seufzte das Mädchen, im Kampf mit dem ersten heißen Schmerz des Lebens. Die ältere und erfahrnere Jungfrau Magdalene entgegnete: »Sey nicht kleinmüthig, mein Kind. Wohl Dir, wenn Du nicht größern Kummer in diesem Leben zu ernten bestimmt bist. Zudem, wer weiß . . .?« – »Ach, keinen leeren Trost, Tante,« 72 versetzte Martina bitter: »Ich will nicht mehr hoffen, will nicht harren. Du wirst seh'n, daß alles für mich aus ist.« – »Thörichtes Mädel! braucht's mehr, als einen Wink des Herrn, um nach dem schwersten Wetter die Sonne scheinen zu machen, um und um?« Die Jungfern standen am Eingang des Tammerlhauses. Aus der Thüre beugte sich das ewig lachende dumme Antlitz der Magd, und den Mund bis zu den Ohren aufreißend, schrie die Dirne: »Willkomm'! willkomm'! er ist schon da!« – »Da? da?« – »Er ist da?« antwortete Magdalene, rief beinahe ebenso laut die überraschte Martina. – Indessen ließ sich oben an der Stiege die schleppende Stimme der Altmutter Martha hören, fett und gurgelnd, von Hundegebell begleitet: »Ja, kommt's nur geschwind herauf. Er ist da, endlich da!« – Magdalene schritt rüstig die Treppe hinan, mit einem schier männlichen: »Dacht' ich's nicht, sagt' ich's nicht?« Hinter ihr, am Fuß der Treppe war jedoch von Entzücken überwältigt, Martina auf die Kniee gesunken, rang freudig die Hände, schaute mit Freudenthränen gen Himmel und stotterte ihr inbrünstiges: »Lob und Dank dem Herrn.« – Da taumelte wie ein Berauschter oder in Ohnmacht Versinkender Tammerl selbst die Treppe herab, die Tante auf die Seite stoßend, schwerfällig stolpernd, aber verklärt von Angesicht und umfaßte mit der väterlichsten Zärtlichkeit seine Tochter, und fing an, auf ihre thränenden Augen selbst herabzuweinen, und schluchzte und stammelte: »Lobe Dich Gott, und er behüte Dich, Du goldiges Schafl, Du Trost meiner Augen! Schau, so eine Freud' wie jetzt in dieser Stund' hast Du Deinem Vater noch gar nie gemacht. O Du lieb's, lieb's Herzkäferl, ich sage ja immer, Du hast das beste Herzl auf der Welt, und ich werd' Dir's gewiß, gewiß nimmer und nimmer vergessen, daß Du für den Peterl so brav 73 und lieb denkst, und eine Schwester bist, wie selten eine!« – Martina fühlte sich zu Eis gefrieren: »Der Peterl, sagt der Vater?« – »Ja freilich, ja wohl, gewiß und wahrhaftig, Du scharmant's Madel; der Peterl, Dein Bruder, mein Sohn, ist wieder da, da, und zwar gesund und wohlbehalten, und 's ist bei weitem nicht so schlimm mit ihm gewesen, als wir 's uns eingebildet haben.« Auf welche Weise hierauf die Martina über die Stiege gekommen ist, ob zu Fuß oder zu Roß oder zu Wagen, oder auf den Armen ihres Vaters, oder auf den Fittichen eines guten oder bösen Geistes, das hat sie später niemals zu sagen gewußt. Der erste Gegenstand, der ihr da sie in der Wohnstube angekommen, in die Augen fiel, war die Mutter, die ermattet, weinend, aber selig froh in dem alten Lehnsessel ruhte, dem Tummelfeld der Tammerl'schen Nachmittagsträume. Der zweite Gegenstand aber, den Martina durch den Nebel vor ihren Blicken wahrnahm, war der Herr Bruder, der ein paar Zoll von dem Lehnsessel entfernt, am Fenster, aber wohlbedacht hinter der Gardine desselben lehnte, und, wie es auf französisch heißt, se laissa faire . Er litt, daß die von den tödtlichen Sorgen erlöste Mutter an ihm herumtatschelte, seine Hände knetete, wie ehemals der alte Tammerl seinen Teig in der Backmulde, daß sie ihn alle Fingerlang beim Kragen nahm, zu sich herniederzog, und ihn abküßte und mit ihren Thränen benetzte, bis es den Anschein hatte, als hätte Peterl selbst und in der That geweint. Ein »daß Gott erbarm!« und dann wieder »Gottlob und Dank« sagte das andre, und die Mutter, die ehrliche Frau, die den Menschen da unter ihrem Herzen getragen, fand kein Ende, zu loben und zu preisen und zu klagen und zu jubeln. Aber Peter, wie gesagt, se laissa faire ; der alte Stock, der er immerdar gewesen, verdrüßlichen und verdutzten Angesichts, die 74 Augen strohtrocken, den Mund langweilig hängend, ungeschlacht gegliedert, selbst in der tiefsten Unbeweglichkeit, und gerade jetzt. Er ließ sich von seiner Mutter handhaben wie eine Puppe, der lederne Gesell, hinten wie vorn der alte schäbige unerquickliche Bube. Nur seine Kleidung war verändert. Statt auszusehen wie der reputirliche Sohn wohlhäbiger Eltern, glich er von oben bis unten einem ausgemachten Hallunken. Die Haare ohne Zopf und Locke ein wirr durcheinander genisteter Schopf, das Halstuch schmutzig und strickähnlich umgelegt, als sey dessen Herr so eben dem hohen Dreibein entwischt; der Rock zerrissen, die Weste in Fetzen, nicht von den Beinkleidern zu reden, die ein Strolch wohl schon besser geführt, und zu schweigen von den Stiefeln, deren klaffendes Ueberleder und zerrissene Sohlen gerade nur am Absatz hingen, der leidlich festgeblieben, wenn auch von Schlamm und Schmutz tief gedemüthigt. Ein saubres Exemplar fürwahr von einem Ladendiener oder Handelslehrling, der erst vor ein anderthalb Jahren wohlausgesteuert in die Fremde gezogen war. Aber vielleicht eben diese überraschende Aehnlichkeit mit dem verlornen Sohn, da er von dem Trog der unreinen Thiere kam, erhöhte die überfließende Zärtlichkeit der Eltern. Sie beklagten doppelt ihr Juwel, das im Koth gelegen, und gelobten sich gegenseitig, es wieder trefflich herauszuputzen; denn »das Gold bleibe,« sagten sie, »auch unterm Rost das feine Gold, und der Demant lasse sich wieder säubern und schleifen spiegelrein.« »Guten Tag, Martina, guten Tag, Tante;« sagte der an Gemüth und Seele kreuzlahme Bursche, und that dergleichen, als wolle er ein wenig die Hände ausstrecken nach den Reinen, die ungewaschenen trefflich beklauten Hände. Ihm wurde auf die trockne Anrede, wie sich's gebührt, eine eiskalte Antwort. Tammerl, der wie 75 ausgewechselt erschien – er lachte und weinte zur selben Zeit – beeilte sich, der Tochter und der Tante alsogleich die Rechtfertigung des Ausreißers vorzutragen, um den Helden des Tags in gebührenden Glanz zu stellen. Da ergab sich nun, daß Peterl wahrhaftig freiwillig sich im väterlichen Hause gestellt hatte; daß ihm alles, was er etwa Uebles begangen, von Herzen leid thue; daß aber selten eine menschliche Creatur so durchweg verkannt worden, wie just der besagte Peterl; daß er im Grunde von Laster und Sünde so rein, wie der jungfräulichste Schnee; daß nur ein wenig Leichtsinn an ihm zu rügen, der freilich böse Folgen gehabt, und noch schlimmere hätte haben können; aber Leichtsinn in jungen Jahren sey ja an und für sich läßlich, und noch obendrein ein Probierstein für junge Leute, und Peterl habe die Probe christlich und standhaft ausgehalten zu seinem größten Vortheil und Lob. »Die Fremde, ich sag's halt immer, das Ausland hat 'was Verlockendes,« sprach Tammerl, ein beredter Advokat: »der Peterl ist von Feldkirch fortgegangen und hat gewiß nichts im Sinn gehabt, als dem Patron seine hundert Dukaten zurückzubringen, treu wie ein Hund, wie der älteste ehrlichste Diener. Was ist nun geschehen, da er sie hatte? fällt nicht dem Leichtsinn bei, jetzt wär' die rechte Gelegenheit, einen kleinen Abstecher zu machen und über Augsburg und die Stadt München zu reisen? ein kleiner Umweg, um wieder ins Vorarlberg zurückzukehren. Das hättest Du nicht thun sollen, Peterl: die Pünktlichkeit ist Pflicht und Seele in Geschäften. Item, er thut's halt, der unerfahrne Mensch, um ein Stückl von der Welt zu sehen. Und hatte so wenig die Absicht, nur einstweilen, quasi vorschußweise, das Geld seines Prinzipals dazu zu gebrauchen, daß er das benannte Geld ehrlichst zu sich steckte, und von seinen Taschenpfennigen die kleine Reise zu bestreiten vorhatte. Nicht wahr, Peterl?« – Der 76 Hagstock nickte albern mit dem Haupte. Tammerl fuhr fort: »Er hatte schon einige Thaler, ersparte nemlich, auf der Seite, der schlaue Vogel. Die Häuslichkeit hat er von seinen Eltern gelernt; kein Wunder. Ich hab's ihm nie an Taschengeld mangeln lassen, und die Meinige hat ihm auch hinterrücks meiner ein und das andere Petizl geschickt, wie es so zu gehen pflegt, nicht wahr, Alte? War also, abgesehen davon, daß er einen Urlaub von seinem Herrn nicht hatte, gleichsam in seinem Recht, auf seine eigenen Kosten in der Welt ein bissel herumzuhaudern. Wer würde das einem jungen Menschen nicht gönnen, wenn er die Zeit dazu recht wählt? Das hat nun allerdings und leider der Peterl nicht gethan, obgleich er vielleicht zu entschuldigen wäre, denn die Kaufleute geben halt keine Vakanz, – und es hat sich unglücklicherweise gleich selbst bestraft gesehen, das Früchtl obenhinaus und nirgendsan.« – »Ach Du mein Peterl, ach Du Heiter, Du lieb's Mandl!« klagte die Mutter im Andenken an die Fährlichkeiten, die der holde Junge überstanden, und streichelte liebevoll seine Zotteln. Gut für den Peter, man bemerkte um so weniger, wie auf seinem Gesicht Farben und Signale wechselten. Doch war's schwerlich die Schaam, die seine fahlen Wangen dann und wann roth tingirte. – Der Vater, nachdem er ihm lächelnd mit dem Finger gedroht, sprach weiter: »Was passirt ihm, Schwagerin? was? wie? ich frage. Ich wette meinen schönsten Specialvogel, daß es Dir nicht einfällt, Martina. – Wenn nur mir« – schaltete Tammerl mit sinkender Stimme ein – »wenn nur mir nicht jetzt wieder das holländische Vogelelend einfallen müßte! – Item, ich will's vor der Hand hinunterschlucken und vergnügt seyn; hab' ich doch den Sohn wieder gefunden! Also: was passirt ihm? Hinter Augsburg . . . . so in der Gegend von Friedberg oder Dillingen, oder . . . 77 war's nicht dort um die Wege, Peter?« – »Ja, Herr Vater, bei Friedberg, so gegen München zu . . . .« versetzte Peterl und stolperte mit der Zunge bei jedem Wort; hatte auch völlig den rauhen Ton, als ob er Gsott schnitte, wie Seraphin zu behaupten pflegte. – »Also, wie gesagt, dort herum war's; geht mein Heiterl mutterwinzig allein zu Fuß und es dunkelte schon ziemlich. Da fallt ihn ein Kerl an, ein Rauber, wo ihn nur die Haut anrührt, und sackelt meinen guten Peterl ohne Barmherzigkeit aus, nimmt ihm, – das versteht sich – eben so gut die Dukaten des Prinzipals, wie seine eigenen paar Heller, zerreißt ihm im Raufen das Gewand, und nachdem er den Hascher auf'n Boden geworfen, das Gesicht unten, und was mit Respekt zu melden, oben, geht der Ruech mit allem Geld davon, und huss', Donau ! huss'! lauf' ihm nach. Da ist er nun gestanden, mein Peterl, oder gelegen, und hat sich die längste Zeit in einem fort gefürchtet, und die Furcht ist ihm geblieben, und er hat, glaube ich, sogar erbärmlich geweint. Gelt, Peterl, so lautete die Geschichte? und waren der Räuber nicht vielleicht zwei? denn gegen einen einzigen hättest Du doch mehr Schneid haben und ihn recht z'leihen nehmen Einen z'leihen (sprich: z'leichen) nehmen: einen derb abprügeln. sollen?« – »Ja, Herr Vater . . .« greinte der Peter . . . »wenn aber ein andrer auf der Pass' gestanden ist?« – »Hm, da ist's freilich 'was andres; hab' mir's gleich gedacht, denn die Tammerl sind von Noah's Zeiten her kuraschirte Leut' gewesen.« – »Daß Gott erbarm'!« seufzte die alte Martha ironisch, ihres seligen Alten gedenkend, der auch nicht der Vordermann gewesen, wenn's an's Raufen ging. – Tammerl fuhr wehmüthig fort, und Peter, der nichts bessres zu thun wußte, begleitete seine Worte mit dumpfaufstoßenden Schluchzern: »Da war's nun wohl vorbei mit den großmächtigen Gedanken und mit der Residenzstadt des bayerischen Churfürsten; statt der Freud und des 78 Wohllebens war der Hunger und die Angst an die Reihe gekommen. Jetzt hat er viel bereut, der Peterl, was er vorwitzig unternommen, denn er hat's nicht ausführen mögen, und nacher Feldkirch hat er sich nicht getraut, wegen des Prinzipals, und nacher Haus hat er sich auch nicht getraut. Er hat gefürchtet, ich dürft' ihm an die Haar' schmecken, wie er's auch verdient hätte. Und so sind manche Wochen vergangen, wo der arme Narr gebettelt hat in Dörfern und Stadtl'n, gefochten, wie die Handwerksburschen, und es ist ihm das Elend endlich so hoch an's Maul heraufgestiegen wie ein schwellendes Bergwasser, und er hat sich gefragt, ob's nicht feiner wäre, in's Wasser zu laufen und sich zu ersäufen, als ferner zu leben, wie ein laufender und gejagter Hund. Schau, Peterl: das waren recht sündliche Gedanken, die mir jetzt noch, da ich Dich doch frisch und lebendig vor mir sehe, ganz siedheiß um's Herz gehen. Na, Marianne, hör' auf zu rehren, der Bub' ist ja wieder da!« Aber die Mutter ließ sich nicht begütigen. Ihre Thränen fielen, wie die Tropfen eines dichten Mairegens, und sie stammelte: »Ach Du liebe Frau! was hätten wir Eltern erleben können, ohne Deine sichtliche Hilfe und Erhörung meines Gebets! Er hat es nicht bei den Gedanken bewenden wollen lassen; er ist schon am Wasser gestanden, der leichtsinnige von Gott verlassene Bub'. Schon hatte er sein letztes Vaterunser gebetet, und ist schon bis an die Knöchel im Tod gewesen, und ein Bettelmann hat kommen müssen, ihn aufzufangen und ihm vorzuhalten, daß er in seinen ewigen Tod wolle. Ein Bettelmann, ein schäbiger Dörcher vielleicht, hat mehr Christenthum im Leibe gehabt, als unser in aller Religion erzogener Sohn. Das stößt mir schier das Herz ab.« – »Hm,« meinte die Tante etwas böse: »warum soll denn ein Bettler nicht auch den lieben Herrgott in seiner 79 Seele tragen? Ist's denn eine Schande, von einem braven Mann, ob er nun umherbettelt oder nicht, von einer großen Sünde zurückgehalten zu werden? Besser wär's, den guten Bettelmann rechtschaffen zu belohnen; denn er hat den größten Kummer von euern Häuptern gewendet.« – »Das möcht' ich wohl,« hob Tammerl etwas beschämt an: »aber wo wird der Mensch zu finden seyn? Wo hast Du ihn zurückgelassen, Peterl?« Der Peter räusperte sich, stellte sich kerzengerade hin und that das Maul auf, als ob er eine Lektion hersagte. »Er ist mit mir gestern in der Nacht hier angekommen. Wir haben in unserm Stadl über Nacht gelegen . . . . ich hab' mich nicht zum Herrn Vater und zu der Frau Mutter getraut. Erst vorhin hab' ich mir ein Herz gefaßt . . . .« Die Eltern machten große Augen. »In unserm Stadl über Nacht gelegen?« – »Ei Du ungerathener Mensch!« zürnte Magdalene mit drohendem Finger: »wußtest Deine Eltern in der größten Angst, und konntest so lange warten?« – Peter zuckte die Achseln: zählte die Nägel am Fußboden, und versetzte kläglich: »Ich hab' mich's halt nicht früher unterstanden. Ohne des Andern Zureden hätt' ich's vielleicht noch nicht gethan. Der Mensch hat mich in's Tirol hereingenöthigt, ich hätte ohne ihn nichts zu beißen und zu schlucken gehabt. Er hat für uns alle zwei gebettelt, und der Herr Vater sollte schon 'was für ihn thun . . . er braucht's gar nothwendig . . . aber . . .« »Ich will ja gern,« unterbrach Tammerl den Sohn: »wo ist der Mensch, wo?« – »Drunten im Höfl sitzt er und friert.« – »Herauf mit ihm, Martina! die Dirn' soll ihn herbeirufen. Wie heißt er? wer ist er? wo zu Hause? wie? was?« Peter verdrehte die Augen, so heuchlerisch, wie gerade er allein in der ganzen Welt es konnte, und stotterte: 80 »Ja, das ist eine Geschichte . . . . der Herr Vater wird den Menschen nicht gar gern sehen . . . .« – »Ei warum denn nicht?« – »Hm, hm, der Mensch hat sich einmal gegen den Herrn Vater schlecht betragen, . . aber es thut ihm von Herzen leid, gewiß.« – »Und wenn er mir angethan hätte, weiß Gott was alles, so wär' er mir jetzt willkommen, da er Dich wieder unter Deines Vaters Dach geführt hat. Ich kenn' ihn also?« –»Ja . . . freilich . . .« – »Nun, also: Hackstock, werd' ich einmal hören, wer der Kerl ist?« – »Ei nun, wer wird's seyn? der Kölbl ist's.« – »Der Kölbl?« fragten alle wie aus einem Munde. In demselben Augenblick ließ die Dirn' den Werdenfelser ein. Er machte eine ziemlich miserable Figur, der vor Zeiten so rasche und aufgewichste Bursche. Sein Anzug war der leibhaftige Herr Bruder des Peterl'schen. Wäsche und Frisur gerade dieselbe, der Bart einen Zoll lang, der linke in Lumpen eingehüllte Fuß von der Reise Strapatzen und vom Frost etwas lahm; und was noch mehr: eins seiner spitzbübischen Augen war auf seinen mancherlei Hin- und Herzügen verloren gegangen. Eine eckelhafte Unterwürfigkeit heuchelnd, kroch er fast zur Thüre herein, küßte den Weibern nach der Reihe den Saum des Kleids, und dem Hausherrn den Aermelaufschlag. »Ich wünsche allen hohen Anwesenden Glück und Segen,« murmelte er mit zerknirschten Mienen, »und bitte den Herrn demüthigst um Verzeihung, wenn ich ihn einmal vor Jahren geärgert habe, wie ich fast glaube. Aber der süßeste Heiland will, daß man dem reuigen Sünder vergebe, und darum möcht' ich – um der Wunden Christi und um des lieben Peterl willen, gebeten haben, Gnade für Recht ergehen zu lassen; denn, wenn der Herr und die wertheste Frau mich von sich stoßen, so weiß ich gar nicht mehr, was ich auf Erden anfangen soll, so ist meine letzte Stunde bald vor der 81 Thüre.« – Und als ob nicht genug der Thränen in dieser Stube geflossen wären, begann auch der gleißnerische Schurke zu heulen, wie ein Schloßhund. Nach einigem Stillschweigen, während dessen die Anwesenden sich erstaunt angesehen hatten, den Kölbl ausgenommen, der fast auf seine Kniee niedersank, und ausgenommen den Peter, der die Augen niederschlug, wie ein Verbrecher, der dem Ertappen kaum mehr ausweichen mag, zog Tammerl einen langen Athemzug, und erwiederte dem Supplikanten: »Ich erinnere mich ganz wohl, daß Du mich schwer beleidigt hast, Kölbl, und daß Du einmal nicht übel Lust gehabt hast, mir meinen Sohn zu stehlen, als ein gottloser Menschenräuber; aber um Deiner Reue willen, und weil Du Freude und Vergnügen in dieses Haus zurückgebracht hast, will ich Dir vergeben und zwar von Herzen. Wie siehst Du aber aus, Kölbl? Du schaust barmherzig her. Wo und wie bist Du denn um eins Deiner Fenster gekommen? Deine Lichter waren ja sonst hell wie eines Sperbers Augen?« – »Ich hab' mein Auge im Dienst der Hochmögenden Herren eingebüßt,« antwortete Kölbl mit einigem Schauder. Das ängstliche Zittern, das ihn überlief, stimmte die Zuschauer zu größerm Mitleid. Tammerl fragte jedoch, das Ohr hinreckend: »Wie? was? von welchen Herren redest Du da?« – »Von den Generalstaaten von Holland,« versetzte Kölbl. – »So? hab' ich doch geglaubt, Du seyst unters kaiserliche Volk gelaufen?« – Kölbl verneinte, als ob er eine unangenehme Erinnerung von sich schüttelte. »'s hat mich gereut; bin ins Reich gelaufen, unter holländische Werber gekommen, hab' den blauen Rock getragen. Bei einer Gelegenheit bin ich blessirt worden, und meine ganze Belohnung war der Bettelsack.« – »Ja, ja, so geht's mit dem leidigen Soldatenwesen!« äußerte Tammerl mißbilligend: »Da lob' ich mir unsern 82 Landsturm, der nur aufsteht, um das Vaterland zu vertheidigen. Wer in diesem heiligen Dienst einen Denkzettel kriegt, steht Allen zum Beispiel, hat auch zugleich ein Ehrenzeichen vor dem ganzen Land gewonnen, während ein im Ausland geholter Makel nur ein Beweis ist, daß der Träger sein Blut um den Taglohn unnützerweise verkauft hat. Doch – warum sag' ich Dir's? Du bist doch kein Tiroler, Kölbl.« – »Aber dennoch ein ehrlicher Kerl, der Haut und Haar für den Herrn und die Frau verspielen möchte, wenn's darauf ankäme,« rief Kölbl pathetisch. Er fühlte, daß er wieder warm wurde in dem Neste, daß Tammerl schon breit geschlagen war, und daß die Zukunft, die er sich vorläufig wünschte, bereits vor der Thüre – Tammerl schaute sein Weib an, wie er's zu thun pflegte, wenn er sie über eine zu bewilligende Wohlthat zu Rathe zog. Marianne schaute ihn wiederum an, als spräche sie: »Hat uns der Kölbl nicht das Leben wieder gegeben?« Der hölzerne Peter wußte zwar für seine Freunde sogar kein gutes Wort aufzubringen, aber er machte das jämmerlichste Gesicht von der Welt, und der Vater schlug daher seine Gutmüthigkeit nicht in Fesseln, sondern er sprach zu Kölbl: »Wir danken Dir für das, so Du an uns gethan. Kannst derweilen im Haus bleiben und Dich erholen. Wollen schon sehen, was ferner mit Dir anzufangen.« – Kölbl ergoß sich in unaufhörlichen Dankestiraden; die Tante sagte zu Martina: »Ich glaube, wir haben hier nichts mehr zu hören und zu thun,« und führte das trübselige Mädchen auf ihr einsames Zimmer. Martha zog sich mit ihrem Hunde in ihr Gemach zurück. Tammerl sprach, sich erleichtert die Hände reibend: »Jetzt will ich nach meinen Vogelträgern schauen!« und Frau Marianne ging, sich mit dem Meister Schneider zu berathen, der den Peterl von Kopf bis zum Fuß neu kleiden sollte. »Ich werd' auch nicht auf Dich vergessen,« sagte sie 83 gnädigstfreundlich zu Kölbl: »Laßt euch indessen nicht auf der Gasse sehen, nicht einmal am Fenster. Wir würden mit dem Aufzug, den Ihr jetzo macht, keine Ehre bei den Leuten aufheben.« So ließ die sorgliche Hausmutter die beiden Herren Reisenden aus fremden Ländern allein, und ohne Aufmerker und Zeugen einander und selbander gegenüber. Peter lehnte noch immer in seinem Erkerfenster, Kölbl machte sich's auf der Lotterbank am Ofen bequem. Beide schauten einander an, und zwar nicht außerordentlich freundselig, wie man hätte schwören mögen. Sie redeten auch lange nichts mit einander. Kölbl fing Fliegen am Ofen, Peter zupfte mechanisch fort und fort an dem Fenstervorhang. Endlich war der langweilige Peter selbst des Schweigens müde, und hob mit unterdrückter Stimme an: »Nun, ist's recht so?« – »Ho,« lautete die gleichfalls dumpfe Antwort: »ich denk' wohl.« – Nach einer Pause Peterl: »Hab' ich meine Sachen brav gemacht?« – Wieder nach einer Pause Kölbl: »Es wird schon seyn. Hat Dir nicht viel gekostet, mein' ich.« – »Wie das?« – »Wirst dem Alten nicht viel zugeredet haben, ich kenne Dich.«– Peter fühlte sich getroffen und schwieg. Diesmal fing indessen Kölbl wieder an: »Hast Du alles gesagt, wie wir's ausgemacht haben?« – »Freilich wohl.« – »Hast auch gesagt, wer Dich ausgeraubt hat?« – Peterl schüttelte sehr verlegen den Kopf. »Ich hab' mich's noch nicht getraut,« murmelte er. – »Da haben wir's;« brummte Kölbl äußerst unwillig: »und warum denn nicht, Hasenfuß?« – »Ja, schau, Kölbl . . . . 's wär' doch ein vermaledeiter Handel, wenn selbiger Mensch so auf einmal daher käme . . ?« – »Ei, so wollt' ich doch!« brummte der Andre immer hitziger, und schleuderte aus seinem Auge einen verzehrenden Blitz auf den Peter: »auf die Letzt muß einem doch 's Mannl steigend werden ! So wie Dir halt, Du Weiberkittel, die Furcht ankommt, ist 84 gleich dem Himmel der Boden aus. Habt's darum so lang mitsammen gedechtelt und g'mechtelt, hab' ich mir darum da unten die Pratzen schier abfrieren müssen, wenn doch nichts Rechtes hat geschehen sollen? Glaubst mir denn nicht auf mein Wort und Seligkeit, Du Mensch ohne Kuraschi? Hab' ich Dir nicht zehn und tausendmal geschworen, daß selbiger Mensch und sein Kamerad gut aufgehoben sind, und Dir nicht in die Queere kommen würden? Da steht er nun, und macht eine Papp'n, als hätt' er Holzäpfel schlucken müssen! Du, ich hätt' nicht schlecht Lust, zum Alten zu gehen, und ihm grad heraus zu sagen, wie Deine saubern Affären stehen, so viel Gall' machst Du mir für alle meine Gutthaten.« – Kölbl stand in der That auf, als wolle er seine Drohung ins Werk setzen, und diese Gaukelei erschütterte den unerfahrnern Peter ganz gewaltig. Er bewegte sich sogar von seinem Platze, erhob seine Hände und bat: »Lieber Kölbl, thu' das nicht. Die armen Leute haben Herzensangst genug ausgestanden. Es kommt mir manchmal recht ernstlich vor, als hätt' ich schlecht und zwar recht schlecht an ihnen und an mir und an andern gehandelt . . ,« – Peter nießte in seiner Pein, und Kölbl entgegnete: »Helf Dir Gott: es ist wahr. Du bist ein nichtsnutziger Bube; aber wenn Du doch einmal etwas angefangen hast, so bleib' dabei, und führe es aus. Das ist die Hauptsache. Die beiden Schlingel da draußen sind weit, und kommen gewiß nicht mehr zum Vorschein. Warum also versäumen, ihnen gleich den rechten Treff zu geben? Du, ich denke, die friedberger Leute dürften Dir näher seyn und gefährlicher als die andern Spitzbuben?« – Peters Angst steigerte sich bei diesen meuterischen, unbarmherzigen Worten. »Daß Gott erbarm'!« sagte er: »Red' mir nicht von den Friedbergern. Ich könnte die Fraisen kriegen grad auf dem Fleck. Höre, Kölbl, was fang' ich an, wenn 85 das Unglück und der böse Geist Einen von ihnen daherführte?« – Kölbl weidete sich einige Zeit an seines Zöglings Furcht, streckte behaglich sein verletztes Bein, und versetzte gähnend, als ob des Ofens Wärme ihn besonders angenehm überliefe: »Da ist nur ein Mittel und Weg, Peter, aber auch zugleich das beste Mittel und der glatteste Weg. Du muß läugnen, Stein und Bein läugnen. Ja, noch mehr als das. Du muß keinen Menschen, der von Friedberg mit Dir zu reden käme, kennen; gar keinen, hörst Du? und wärest Du Tage lang mit ihm am Tische gesessen, und hättest Du lange Nächte hindurch in seinem Bett geschlafen. Du verstehst mich, he?« – »Wohl, wohl, versteh' ich Dich,« flüsterte Peter, trostlos in den Lehnsessel niedersitzend: »aber . . . Gott behüte mich vor dem Unglück – aber wie werd' ich können, was Du begehrst?« Worauf Kölbl, gleichsam im Halbschlaf: »Man kann Alles, was man ernstlich will. Kann's nicht andere Leute mit Deiner Postur geben? Man hat's schon erlebt, daß einander ganz wildfremde Menschen aussahen wie Zwillinge, ohne neben einander in demselben Mutterleib gelegen zu haben.« – »Ja wahrhaftig, und ich weiß sogar von Einem, der mir gleich sehen soll, als hätte er mich aus einem Spiegel mitgehen geheißen.« – »Desto besser,« gähnte Kölbl. – »Mein Vetter ist's von Innsbruck.« – »Nun, so ist ja Alles gut. Meldet sich keiner, so lassen wir natürlich nichts laut werden. Kommt dagegen Einer oder Eine, so muß der liebe Vetter Alles gethan haben. Aber, wenn ich Dir helfen soll, Peterl, und das will ich gern, so mußt Du nächstens dem Vintschger die Suppe einbrocken. Nachgehends wollen wir zusammenhalten, wie Stahl und Eisen, und sie sollen schon Fried' geben, die uns 'was anhaben möchten.« Kölbl entschlief wahrhaftig nach diesen Worten so 86 sanft und selig, daß er dem ausgestandenen Mangel und Frost dankbar zu seyn Ursache hatte, und Peter faßte neuen Muth bei der großen Sicherheit, die den Burschen, der schon so viel auf dem Kerbholz seines Lebens hatte, zu beschleichen sich herabließ. Peters Gewissensbisse, die leider nur von der Furcht und Feigheit des verlornen Sohns aufgestachelt worden waren, entschlummerten gleich dem Werdenfelser, und er empfing mit sorgloser Heiterkeit den Schneider, der da kam, einen neuen Menschen aus ihm zu machen. 87 Drittes Kapitel. Wo a klein's Hüttle steht, ist a klein's Gütle, Wo a klein's Hüttle steht, ist a klein's Gut; Und wo viel Bube sind, Maidle sind, Bube sind, Do ist's halt liebli, do ist's halt gut. Liebli ist's überall, liebli auf Erde, Liebli ist's überall, liebli im Mai'n; Wenn es nur mögli wär', z'mache wär, mögli wär', Mein müßt' Du werde, mein müßt' Du seyn. Wenn zu mein'm Schätzle kommst, thu mer's schön grüße, Wenn zu mein'm Schätzle kommst, sag' em viel' Grüß; Wenn es fragt, wie es geht, wie es steht, wie es geht, Sag': auf zwei Füße, sag' auf zwei Füß'. Und wenn es freundli ist, sag': i sey g'storba; Und wenn es lache thut, sag': i hätt' g'freit; Wenn's aber weine thut, traurig ist, klage thut, Sag' i komm' morge, sag': i komm' heut. Maidle, trau' net so wohl, Du bist betroge, Maidle, trau' net so wohl, Du bist in G'fahr; Daß i Di gar net mag, nimme mag, gar net mag, Sell ist verloge, sell ist net wohr. Schwäbisches Volkslied.      Wenn Veverl, die leichtsinnige wetterhahnähnliche Veverl, ihrer Freundin Leiden, wenn schon im sehr verjüngten Maasstabe, mitfühlte, was bei einer Natur, wie 88 die ihrige, schon außerordentlich zu nennen, so hatte dieses seinen guten Grund. Ihr Herz, das sich bis daher, wie eine muthwillig schaukelnde Forelle auf der Fluth, oben gehalten hatte, war plötzlich niedergegangen unter 's Gewell, verletzt von scharfem Angelhaken. Sie hatte das, was sie ihre jungfräuliche Ruhe nannte, oben auf der Waldrast gelassen. Der unbekannt stumme Fischer hatte den Fang gethan, der dem redseligern Nepomuk nicht hatte glücken wollen. Seit Veverl's Rückkehr nach Imst hatte sich eine Leere in ihrer Brust fühlbar gemacht, und daneben ein Zuwachs von Erinnerungen, die manchmal das Mädchen wahrhaft bestürzt machten. Wenn sie hie und da den Glotzer hatte Den Glotzer haben: starr und zerstreut vor sich hinsehen ohne auf etwas acht zu geben. , der junge Dirnen oft heimsucht, was sah sie an der weißen Wand, was in der blauen Luft? Die Augen, die dreisten und glühenden Augen des guten Oswald. Was schwebte Nachts, wenn sie das Abendgebet verrichtet und das Licht ausgelöscht hatte, vor ihren müden Blicken, von einer Glorie umgeben? Oswalds Antlitz, das wunderlicherweise von Tag zu Tag deutlicher, Zug für Zug sich bei ihr einstellte, ein lieber Freund, der immer öfter kömmt, bis er einmal gar nicht mehr weggeht. – Dieses Gesicht war ihrem Leben eine angenehme Beigabe, ohne Zweifel; aber hinwiederum auch wieder lästig: ein Block am Beine, den die an unumschränkte Freiheit ihres Kopfs und Gemüths gewöhnte Genovefa leider Gottes endlich überall mitschleppen mußte, sie mochte wollen oder nicht. Die Arme erfuhr, was sie nie geahnt hatte: daß man zum Sklaven dessen wird, was man liebt. Sie zappelte, sie wehrte sich; doch war die Kette nicht mehr abzustreifen, und allmählich verwandelte sich das Unbehagliche ihrer Lage in eine leidliche, dann sogar in eine süße Gewohnheit, der sie sich jederzeit träumend und sehnend überließ, wenn die übrige Aussenwelt für den Augenblick keinen Anspruch auf sie machte. – 89 Zwei Tage nach dem Einzug der Vogelträger war's wieder still geworden in dem Gasthause, das Genovefa's Eltern bewirthschafteten. Die Stuben waren rein gekehrt, Gläser und Flaschen prangten wieder im Feierkleide auf den Schränken; die großmäuligen Krüge standen bescheiden in ihren Winkeln; der Dienst des Kellers ging seinen gewöhnlichen Gang, und die Küche, nach einem kurzen anarchischen Zustande, war wieder unter den alleinigen Scepter der Köchin zurückgetreten. Genovefa hatte Ruhe, und saß abgeschlossen vom übrigen Hausverkehr in der unter Tags selten besuchten Honoratiorenstube. Allerlei Handarbeiten lagen ausgebreitet um sie her; bald beschäftigte sie sich mit der einen, bald mit der andern, wie ihre unstäte Natur es gerade ihr eingab, und weil ihr eine Ansprache fehlte, plauderte sie in Gedanken mit sich selber. Sie redete sich zu, am Nachmittag zu Tammerls hinzugehen, sich nach den etwa eingelaufenen Neuigkeiten zu erkundigen; sie versprach sich in die Hand, dem Peter, den sie nun einmal nicht ausstehen konnte, und dessen Erscheinen wie ein Lauffeuer in dem Markt sich angekündigt, ein erträgliches Gesicht zu machen; sie berieth mit sich sehr ernsthaft, welchen Trost und welche Hoffnungen sie der Martina zum Angebinde bringen dürfte, und bedauerte die Haut aufrichtig um ihres Brautkummers willen. »Aber,« sagte sie halblaut zum Schluß: »traurige Bräute, fröhliche Weiber. Heißt's nicht so?« Und sie wünschte sich Glück, die Thörin, nicht zu seyn, wie Martina. – Da tauchte unversehens der bewußte verführerische Kopf vor dem Mädchen auf, und fragte mit höchst angenehmer, auch etwas sarkastischer Tyrannei: »Untersteh' Dich, rebellisches Ding, noch einmal so trutzig zu reden. Wer bin ich denn, daß Du mir den Gehorsam aufsagen willst, und sind wir nicht heimlich einverstandene, bis auf den Ring fertige Brautleute?« 90 Die Vision war so lebhaft, daß Genovefa ihr Herz, nämlich das Aushülfeherz, das nur da ist, um das Leben zu erhalten, wenn das edlere Herz verloren ging, gewaltig pochen fühlte, und lächelnd und erschrocken auffuhr, sagend: »Heilige Notburga! bin ich doch zusammengefahren! ganz natürlich, als ob es hier gegenwärtig wäre, sammt dem Mann, der daran gehört, hat das liebe Köpfl hergeschaut. 's ist gar aus: wenn ich nicht verhext bin, so gibt's gar keine Zauberei mehr.« – Sie legte die Nadel hin, schob den angefangenen Strumpf auf die Seite, beschrieb mit ihrem runden Finger allerlei Schnörkel auf den Tisch, und sagte, wie eine Klatschbase zur andern: »Bist Du nicht so viel närrisch, und aus der Weise? ein Mensch, dessen Namen Du nicht weißt, dessen Stimme Du nicht gehört hast, von dessen Vernunft der Peterl von Innsbruck ein schlechtes Zeugniß gegeben! 's ist ja zum Lachen, und wenn's die Leute wüßten, wär's zum Weinen. Hat man jemals eine Närrin wie Dich gesehen?« Worauf sie wieder antwortete gleich der angeredeten Base: »Du hast gut platzedern; 's ist halt einmal so, und ich wollte nichts lieber, als ich könnte den lieben Buben nur ein einzigmal wieder vor mir sehen, und daneben hören, wie er spricht und thut, und es muß ganz fein seyn, neben ihm zu sitzen, und die Lieb' abzudiskuriren.« Zu Zeiten sind die Liebesleute glücklich; wenn sie dann in den Topf greifen und sagen: gewonnen! so haben sie auch schon das beste Loos in der Hand. Zu der Frist, als Genovefa im Honoratiorenstübl saß, und sich was Gutes wünschte, zogen gleich Zweie miteinander einen großen Gewinnzettel aus dem Glückshafen des Lebens. Derjenige, den sie herbeiwünschte, kam leibhaftig zur Stelle. Ihn seinerseits, der nicht wußte, wo links, wo rechts zu seinem Seelenschatz, bediente der Zufall nicht minder gut, da er ihm anlag, im »rothen 91 Adler« ein Seitl zu trinken, den Reisestaub hinunterzuspülen. Oswald's Instinkt und Künstlergeist litten nicht, daß er in die Bauernstube trat; er suchte sich den vornehmern Platz, und fand unverhofft den eines Seligen. Frisches Morgenroth auf dem Gesichte, ein fröhliches: »Schau, schau!« im Munde, stand er seiner Liebsten gegenüber, und that wirklich nichts als schauen, und zwar mit einer Innigkeit und mit einem Respekt, den er kaum für einen andern Menschen in der Welt aufgebracht hätte. – Dafür war auch Genovefa eine Weile hindurch nur Auge und Ohr. Da, nur ein paar Zoll von ihr, stand, nicht ein Schattenbild, sondern ein wirklich geborner Muttersohn, der ihr ungemein gefiel, und das einfache »Schau, schau!« desselben klang ihr lustiger als die Tanzpfeife, zugleich festlicher als die Orgel. Sie fand eine Fülle von Anmuth und Bedeutung in den paar Silben, wie nur der Mund des geliebtesten Mannes sie zu enthalten und zu geben vermag; eine Musik, welcher sie sich schämte, das gemeine alltägliche: »Willkomm, was schafft der Herr!« zu entgegnen, wie es in dem Honoratiorenstübl sonst gebräuchlich war, und wie es ihr schnippisch und gewürfelt von den Lippen zu gehen pflegte. Dennoch mußte sie etwas aufbringen; doch änderte sie unwillkürlich die dritte Person in die zweite um, und fragte: »Was schaffst Du?« Worauf er, mit Vergnügen das landessittliche Du erwiedernd: »Daß Du mir nicht davonlaufst, mein herzig's Diendl, verstanden?« – »Aber 'n Wein, und 'was aus der Kuchel?« – »Das Essen und das Trinken ist mir akkurat gleich; ich bin jetzt nicht hungrig, nicht müd und nicht durstig. Bei Dir, mein Schafl, mein schwarzes, vergeht mir aller Appetit.« – »Ein saubres Kompliment.« – »O schau, mein Zuckerkandel, wie magst so tappet reden? Die Heiligen im Paradies essen auch nicht 92 und trinken nicht vor purer lautrer Freud'; und wenn ich auch schon kein Heiliger bin, so bin ich doch in unsers Herrn Paradiesgarten, so lang ich Deinen kohlenschwarzen Guckern mitten hinein in den Stern sehe.« – Genovefa hätte nun auch vor Freuden hüpfen mögen. Da war's nun heraus: der liebe Bub' wußte eben so glatt und süß zu reden, als er zu lächeln und zu blicken verstand. Das muntertreuherzige Wesen in seinem Gesicht war demnach kein falsches Aushängeschild, und die Liebe, die den leichtsinnigen Anflug in des Jünglings Zügen temperirte, war also wirklich vorhanden, und der Gegenstand seiner schnell aufbrausenden Zuneigung war also in der That sie selbst, Genovefa, und keine andere, und nach manchen Wochen des Nimmersehens immer noch sie. Da kamen auf einmal nach der strengen Fastenzeit – da so lang sich nicht gesehen, was sich liebte – die schönen grünen Ostern über das Mädchen, und sie dankte ihrem Gott mit schweigenden Lippen, aber hochverklärten Mienen. Als wäre schon Alles zwischen der Herzensbruderschaft abgeredet, was mit den Worten. »Ich bin Dir gut, ich liebe Dich, ich seufzte nach Dir,« abgesprochen werden kann, und als käme es nur darauf an, gewisse unerläßliche Formalitäten zu besprechen, sagte Veverl mit dem zierlichsten Klang, den ihre Zunge, das Vesperglöckl, anzuschlagen vermochte: »Wer bist Du denn?« – Oswald berichtete ganz getreu Namen und Abstammung. – »Was bist Du denn?« – Er erzählte, daß er ein Kunstmaler, nicht von den ungeschicktesten; – er prahlte gegen seine Holdschaft: – eine Dornenkrone und eine Glorie, ein höllischer Geißfuß und ein schwanweißer Engelflügel gingen ihm gleich vollkommen aus der Hand; daneben sey er ein Vergolder, der schon dem heiligen Alexander vor Kurzem erst das prachtvollste Wappenkleid hergestellt habe, das je gemacht worden sey, seitdem überhaupt das Gold erfunden. Auf der 93 Waldrast sey jetzo eine Krönung Mariä zu schauen, die ihres Gleichen kaum habe, und die er, wenn auch nicht geschnitzt, doch gefaßt und mit künstlichem Silber, Perlmutter, mit Rubinen und Topasen belegt habe, daß sie einem Weltwunder nah verwandt erscheine, und etwa nächstens vom heiligen Vater dazu befördert werden dürfte. Der Mantel der Himmelskönigin sey so schön geblumt und silberstrahlend wie ein Spiegel; die wirkliche Königin von Ungarn und Böhmen, die durchlauchtigste Erzherzogin habe schwerlich etwas so Apartes; »aber,« beschloß er seiner Eitelkeit Gepränge: »Dir, mein holdseliges Dirnl, leg' ich alle Herrlichkeit zu Füßen und will gestehen, daß ich kein Silber weiß, so glanzig wie Deine Stirn, kein Gold, so da brennt wie Deine Sonnenaugen, keine Perl, so hell wie Dein schlechtstes Woferl ; und wie sollte mein miserabler Karmin Deinem Backenroth gleich kommen, da selbst unser Herrgott nicht eine Kirsche erschaffen konnte, die röther wäre, als Deine Lippen, Du schelmisches Madl?« – »Geh, geh, hör' auf: laß mich aus!« ermahnte Genovefa zur Seite niederblickend, und wünschend, der Lobhymnus möchte noch eine Weile dauern. Dazu war Oswald sehr bereit. Seine Kunstlehrzeit, das Ausland mit der geschmeidigern Redeweise, der Werkstattgenossen Beispiel, und was er hin und wieder seinem Vetter Holzer in Stunden der künstlerischen Begeisterung abgelauscht, hatte seinen Kopf mit einer Menge von Gleichnissen ausmöblirt, und manche Galanterie und Redeblume in seinen Sprachgarten verpflanzt, die innerhalb der heimischen Gebirge als kostbare Rarität erschienen. Was in der Fremde der müßige Kopf aufgespeichert, gab nun daheim, vom Witz der Liebe beflügelt, die Zunge des Malers verschwenderisch aus. 94 »Aufhören? Dich auslassen? O, ich hätte lieber nicht gehört, was Du so kalt aussprechen kannst. Ist's denn nicht wahr, daß Dein lieber netter Mund ein Meisterstück auf Erden ist? Vor der Hand ein Jungfernmund, aber – lassen wir zwölf, achtzehn, lassen wir vierundzwanzig Monate ins Land gehen, – gewiß alsdann der schönste Frauenmund, der in Tirol lachen, spassen, küssen wird. Am liebsten wäre mir, wenn dieser Mund meinem Weib gehörte. Und wenn gerade jetzt – wir sind so schön allein – der hübsche Mund mir sagte, er wolle seiner Zeit meines Weibes Mund seyn, – ich wollt' ihn fast noch höher halten, als bis auf den heutigen Tag.« Genovefa schnalzte, als wäre sie ärgerlich über die fortgesetzte Schmeichelei, mit der Zunge. Oswald fuhr aber fort: »Du magst Dich sträuben, wie Du willst, wahr ist's halt doch einmal. Ein Engel hat Dir in der Wiegen das Goscherl aufgesetzt, das würziger schmecken muß als Nagerl und Muskatnuß und Rosenkraut. G'wiß, das hast Du sicherlich nicht von Deinen Eltern. Ich wollt's beschwören, wenn ich sie schon nicht kenne. Daß wir bei der Red' bleiben: wer sind Deine Eltern, mein tausendschöner Schatz?« – »Mein Vater ist der Wirth; die Mutter lebt auch noch, Gott sey Dank; das Haus ist nicht unser; es gehört der Jungfer Prombergerin.« – »Brav. Schau, da kämen wir wiederum in einem Geleis zusammen. Ich hab' auch kein Haus, und die Panduren, meine Geschwister, ein ganzer Sack voll, werden mir keinen Fleck vom Vaterhause übrig lassen. So werd' ich halt mir eigens ein Häusl verdienen müssen, klein aber fein, wie's Dir zu Gesicht steht.« – »Wie ihm's Maul geht!« lachte Veverl, die ihre Sicherheit wieder gewann. »Hättest Du mich so viel lieb, um Dich zu plagen und zu martern etwa Dein Leben lang?« – »Ha, die Lieb' muß sich epper wohl bei Licht sehen lassen. Weißt nicht, wie es im Lied 95 heißt? »Wo kein schön's Haus nicht ist, ist kein schön's Zimmer; wo kein' Lieb außer schaut, ist kein' Lieb' drinnen.« »Wie sind wir aber nur zu der Lieb' gekommen?« fragte Genovefa nachdenklich, ohne die Wichtigkeit ihres in diesen Worten enthaltenen Selbstgeständnisses zu ahnen. – Oswald ergriff ihre Hand, die ihm so rund und weich vorkam und so schwellend und warm wie gar keine andre Mädchenhand auf Erden. Sie ließ ihn gewähren, und er sagte unbefangen, wie seine Freundin: »Mein seliger Vetter hat mir einmal vertraut, das sey ein ganz geheimes Kunststück, das ein guter Engel mache, wenn er ein paar brave Leute zusammenbringen will. Es braucht einer nicht 's Maul aufthun, und fragt grad mit den Augen: »Magst mich?« und der andre Theil antwortet ebenso: Ich mag Dich schon. Und dann ist's fertig, und sie haben nur draufzuschauen, wie sie wieder aus der Lieb' herauskommen.« – »Herauskommen?« rief Veverl mit großen Augen: »Nun, das wär' mir 'was saubres.« – »Versteh' mich recht, mein Herzl: wie sie sich heirathen wollen, hab' ich gemeint.« – »Ah!« versetzte Veverl recht fein und befriedigt. – »Und das wollen wir jetzt überlegen, Du lieber Narr.« – Erst, als sie recht herzlich auf die Wange geküßt war, merkte die Jungfer das kühne Vornehmen ihres raschen Freundes; zu spät war's, sich zu sträuben, aber noch immer an der Zeit, in der Ueberraschung dem Oswald auch den Mund zu erlauben, und ihm recht heimlich zu sagen: »Ich habe gar oft an Dich gedacht.« – »Wenn ich reden wollte . . . .« meinte Oswald, legte die Hand auf die Brust – es war aber Veverls Hand, und sie spürte darunter den Schlag eines muthigen Herzens, und das Uhrwerk ging voll und wallend wie in ihrem eignen Busen – in des Jünglings Wimpern hingen klare Tropfen, Zeugen seiner langen Sehnsuchtspein: 96 »wenn ich reden wollte, ich würde in Jahr und Tag nicht fertig. Schau: Du hast mich erst zu einem ganzen Kerl gemacht. Ich wär' schier einmal ein lockrer Bursch geworden, hatte Tanz und Flaschen« – die Mädeln nannte er nicht – »Spazierengehen und Kartenspiel gar gern. Jetzt denk' ich nimmer an das Alles. Du bist mein wahrer Schutzengel geworden. Sobald Du mir im Lebenskern gesessen, hat mich der Teufel verlassen, ganz und gar, und er war mir doch schon so nah, daß ich seine rauchenden Tatzen an meinem Schippel gespürt habe, siedbrennheiß.« Oswald seufzte tief, wie einer, der eine schwere Bürde zur Erde werfen darf, um sie nicht mehr wieder aufzunehmen. – »Ei, ei, daß Gott erbarm, warum nicht gar?« scherzte Veverl, und fuhr ganz leicht mit ihrer Hand über Oswalds Locken. Er hatte ein Gefühl, als ob ihm Funken aus den Haaren sprühen müßten. »Es wäre schad gewesen um die krausen Haarl'n,« sagte Genovefa, die mit jeder Sekunde verliebter wurde: »was wollte denn der Böse von Dir?« – »Weißt, das ist eine ganz aparte Geschichte,« versetzte er. – »Erzähle sie mir,« forderte sie: »wenn wir denn doch einmal mit einander verbandelt sehn sollen, mußt Du kein Geheimniß vor mir haben.« – Da ging die Thür ganz resch auf, und die Veverl fuhr erschrocken in die Höhe, und Oswald hustete verlegen. Es schaute jedoch statt des gefürchteten Vaters oder der, weil wachsamer, um so mehr gefährlichen Mutter, die Kellnerin in die Stube, und rief die Wirthstochter hinaus. »Ich komm' schon,« entgegnete die letztere: »Resi, bring' dem Mann da eine Halbe vom Guten, und ein Würstl oder so was! Ich bin gleich wieder da,« flüsterte sie dem Geliebten zu, und eilte, wohin man sie verlangte. Der von Entzücken strahlende Oswald richtete an das Kruzifix, das von der Wand sah, ein 97 kräftiges Gratias, und vertrieb sich die Zeit, wie er konnte, bald mit einem Schluck, bald mit einem fetten Bissen, horchte obenhin auf das neugierige Ausfragen des Schenkmädchens, antwortete mit einem trocknen: »Hm, hm! o ja; weiß nicht; kann seyn,« oder suchte mit einem Wirthshausspaß die Zudringliche abzufertigen. – Endlich ging wieder seine Sonne auf, und die Fledermaus, wie er unhöflich die ihn umschwärmende Kellnerin in Gedanken hieß, verschwand. – »Also die Geschichte?« fragte Genovefa, zum Schein ihre Arbeit zur Hand nehmend und die Ohren spitzend, weniger um die Geschichte zu hören, von der sie sich nur eine Neckerei versprach, als vielmehr um so recht mit Muße die melodische Stimme zu vernehmen, die einst zu ihr sagen sollte: »Ich bin Dein Herr, und Du bist meine Rippe.« – Oswald hob an, ernsthafter als das Mädchen es vermuthet hatte: »Es ist noch nicht lang her, so liebte ich das Spiel über die maßen. Sie spielen draußen im Reich viel mehr als bei uns, und sind allerlei Kartenspiele im Schwang, die mehr Geld und Zeit kosten, als es Manchem trägt, und wohl manches Haus und Hüttl ist schon von den vier Königen und ihren Bedienten, wenn sie grad raufen, verwüstet worden, manches Weib und Kind ins Elend getrieben, mancher schwache Tropf an den Galgen gebracht worden. Nun, 's war gut. Ich hatte kein Hüttl und keine Familie zu ruiniren, der Galgen war mir auch nicht vor der Thür; ich machte halt leichtsinnig mit, und gewann und verlor, wie's kam; aber da ich das Gewonnene immer wieder an die Brüderln ausleihen mußte, hatte ich in Summa nichts gewisser als den Verlust. Da kommt ein meiniger Freund, ein guter Mensch, wie kaum ein zweiter unterm Himmel, und sagt mir väterlich, ich solle mich nicht im Ausland versitzen, und alle Liederlichkeit in Essen und Trinken und Aufschneiden, und vor allem das 98 Karteln aufgeben. Mir war die Haut ganz weich und mürb geworden, schon weil der gute Bruder so väterlich und zärtlich sprach; und mich rührte noch viel mehr, daß der gute Kerl grad auf eine weite Reise ging; und ich gab ihm ganz wehmüthig das Geleit, und bei'm Abschied noch sagte er zu mir, hat mich dabei ganz beweglich angeschaut: »Willst brav seyn?« sagt' er: »willst's Karteln aufgeben? gibst mir die Hand darauf?« – »Da, hab' ich gesagt: da hast Du meine Hand, und ich schwör' Dir's zu bei unserm lieben Herrgott, hab' ich gesagt, und wenn ich's nicht halte, was ich versprochen, hab' ich gesagt, und ich nehme noch ein einzigmal die Malefizkarten in die Hand, hab' ich gesagt, so soll mich der Teufel holen – mit Erlaubniß, Genovefa – hab' ich gesagt. Haben uns um den Hals genommen, und gebusselt« – der Schelm von Maler zeigte trotz seiner Wehmuth dem Mädchen ausführlich, wie sie's gemacht hatten – »haben uns Pfiettigott gesagt, und somit gut; ging Eins da hinaus, das Andre dort. Basta! Kannst Dir denken, daß es mir Ernst gewesen ist?« – »Gewiß; aber was weiter?« – »Daß der Mensch nicht eine Stunde seiner selbst Meister ist, das hat's weiter gegeben. Noch an demselben Abend, im Nachtquartier, – ich hatte vielleicht ein bissel mehr getrunken, wegen der Erhitzung – sitz' ich neben einem wildfremden Buben, oder besser gesagt, neben einem jungen Herrn, der's Maul aufreißt und sagt: »Ich hätte wohl Schlaf, aber noch ist mir's zu früh, in's Bett zu gehen. Wollen wir nicht ein Spiel machen?« – Reitet mich der Schwarze, und ich sag': ja, warum nicht? Spiele mit dem Fremden, trinke mit ihm, dutze mich mit ihm, und siehe da: er verliert an mich viele Dukaten, goldne Dukaten, Veverl, und hat nichts davon, als einen Stieber, daß man ihn zu Nest hat tragen müssen. In der Frühe – er hat noch dick geschlafen – geh' ich fort, und das Gold hat mir gelacht und Freude gemacht ein paar Tage lang. Aber hernach ist das Gewissen 99 angeruckt, und die Angst vor dem Satanas, obschon ich das Geld dem Söffel ehrlich abgewonnen und ihn nicht betrogen habe, glaub' mir's, Veverl. Ich hab' wenig von dem Geld gebraucht und mit aller Furcht den ganzen Sack voll ins Tirol gebracht, bis mir's zu arg geworden ist, und ich hab's in Gott geweihte Hände niedergelegt. Die mögen jetzt sehen, wie sie mit dem Krampus auskommen.« – »Du hast brav gethan,« lobte ihn Genovefa: »mich freut's von Dir, und ich wollte, Du fändest den lüftigen Herrn wieder und könntest ihm seine Sach' wiedergeben, und eine Predigt obendrein. Bleib' nur ein Feind vom Karteln. Wenn aus uns was werden sollte,« – setzte das Mädchen erröthend bei – »so müßtest Du nicht wieder anfangen, wo Du's gelassen. Da müßt' ich schon bitten!« – »O Du mein lieb's Rosmarinkräutl!« schmeichelte Oswald, ihre beiden Hände haltend: »eher sollten ja alle Kartelfabrikanten hinwerden und auf Stroh liegen, ehe ich wieder einen Trumpf ausspiele. Ich kann Dir auch im Vertrauen stecken: weißt? ich hab' die Hoffnung, das besoffne Dukatenmandel hier im Markt zu finden. Ist's so, so kann er sich vom Pater Philipp sein Geldl wiedergeben lassen. Ist's anders, so sollen die Armen das Gold genießen, meinetwegen. Den Teufel fürcht' ich jetzt nicht mehr, seitdem mir die Hände rein sind, aber vor meinem guten Freund fürcht' ich mich, dem ich das Wort so schlecht gehalten habe, und darum fehlt mir das Herz, in selbiges Haus zu gehen, wo mein Spielratz etwa zu finden ist.« – »Hast Du also Deine Leute hier zu Imst?« fragte Genovefa verwundert: »Bist also nicht wegen meiner allein anhergekommen? Schau! der Lugner, der da vorgegeben hat . . . .« – Oswald versiegelte ihr auf seine Weise den Mund, und entgegnete: »Wirst nicht mit mir aufbegehren? Wirst Dich nicht gleich mit mir zertragen? 100 Bist Du nicht etwa eifersüchtig auf meinen guten allerbesten Jugendfreund? Schau: den solltest Du kennen. Er ist jünger als ich, und saubrer von Gestalt, und so viel klug . . . . er kann reden wie ein geistlicher Herr, aber er thut auch in allen Stücken, wie ein geistlicher Herr thun soll: so rein, so fromm, so christlich und brav ist er allewege. Aber, ich Drottl, was red' ich denn, als wie von einem landfremden Menschen? Du mußt ihn ja kennen, wenn die Tammerl-Martina Deine Freundin ist; he? den Seraphin Plaschur?« »Ja, Du mein Gott, wenn ich den nicht kennte!« rief das Mädchen freudig aus: »der gute Seraphin! und Du bist – jetzt merk' ich's erst, Du bist der Freund, der Schulkamerad, von dem er uns so oft und schön erzählte. Gelt, Du bist's? noch einmal so lieb habe ich Dich deßwegen.« – Der begeistertste Blick Oswalds dankte dem runden Vesperglöckl für die heilbringende Versicherung. »Freilich,« sagte er, »bin ich's, freilich kann ich kaum erwarten, ihn zu sehen, hätte schon längst einen Gruß an die Martina ausrichten sollen, und daß er ihr treu seyn würde bis an's Ende . . . . nun, er wird den Gruß jetzt schon selber ausgerichtet haben, denn die Vogeltrager sind ja schon alle zurück – o wie freu' ich mich, ihn zu umarmen – mehr freu' ich mich allerdings, als den liederlichen Peterl wiederzufinden, in dem ich meinen Spielratz von Friedberg vermuthe . . . .« – »Ach, der schieche Peter!« schalt Genovefa, »was der für Streiche gemacht hat! Es sieht ihm gleich, daß er seines Prinzipals Geldl verspielt hat . . . . und doch sagt der Bursche, er sey ausgeraubt worden. Wer's ihm aber glaubt, seinen Vater und seine Mutter ausgenommen!« – »Ausgeraubt?« fragte Oswald: »hm, da müßt' ich mich abermals in der Person irren? daß Dich der Teuxel!« – »Nein, nein, Walt, 's wird schon so seyn, wie Du meinst. Jetzt versteh' ich erst, warum Du den 101 andern Tammerlpeter auf der Waldrast angeredet hast, wie er uns so spaßhaft erzählte. Außer dem von Innsbruck, der übrigens ein feines Mandl ist, kann gewiß in der ganzen Christenheit kein Mensch dem hiesigen Tammerlpeter ähnlich sehen, dem verlogenen Gesicht, dem wildschiechen Prinzen. Aber – was mir beifällt: mußt Dich nicht so viel auf den Seraphin freuen, denn er ist noch nicht heimgekommen und hat auch nicht geschrieben. Das ist ja eben unser Kreuz, unsre Sorge, und die Martina kennt sich kaum mehr vor lauter Verdruß.« – »Er ist nicht heimgekommen?« rief Oswald und sprang voll Angst in die Höhe: »da ist ihm etwas passirt; mein Gott, er wird doch nicht gestorben seyn? Aber nein, mit so wenig Jahren und so viel Lieb' im Herzen stirbt man nicht so geschwind. Er wird schon wiederkommen, Genovefa, wird sich schon wieder einstellen. Ein Goldmadl wie die Martina laßt er nicht aus, kannst Dich drauf verlassen!« Genovefa seufzte: » Wär' er nur schon da! ich gäb' selbst was drum; die Martina macht mir angst und bang.« – In diesem Augenblick ging die Thüre wieder auf, und eine Frauensperson kam schnell herein: die Tante Lenerl. Auf ihrem Gesicht war Schrecken und Kummer und Leidenschaft zu lesen. Im Begriff, das Veverl ohne Verzug anzureden, hielt sie an sich mit einem mißtrauischen Blick auf Oswald. Genovefa suchte nach einem Vorwand, der ihr Beisammenseyn mit dem fremden Mann entschuldigen mochte. Ihrer Verlegenheit kam Oswald zu Hülfe; er merkte, daß er als ein Dritter hier zu viel sey, und schickte sich alsobald zum Aufbruch an. »Nehm' mir die Jungfer nichts in übel auf,« sagte er, mit Fleiß so linkisch, wie der ungeschlachteste Bauer: »Wenn sie's erlaubt, kehr' ich schon noch einmal an, sie wird schon mit ihrem Herrn Vater daweil so herumdiskuriren. Ich bin ein armer Bub', und möcht' 102 gern mein Holz bei guter Zeit anbringen. Sey sie halt so gut, bitt' schön, und b'hüt sie Gott!« – Schweren Fußes entfernte er sich. In seine Idee eingehend, rief ihm Genovefa geschwind aus dem Fenster nach: »Komm nur heute Abend im Zwielichte: brauchst nur da an den Balken zu klopfen, ich werd' Dir alsdann Bescheid sagen.« Oswald antwortete mit einem Blick der Erkenntlichkeit, und ging von dannen. – »Ein reputirlicher Holzbauer,« meinte die Tante: »ist mir doch, als wär' mir das Gesicht schon einmal vorgekommen!« – Veverl zitterte vor einer vorschnellen Entdeckung. Sie hätte sich die Furcht ersparen können, denn Lenerl's Geist war offenbar so eingenommen, so zerstreut, so auseinander, daß sie zu einer bedächtigen Erinnerung an vergangene Tage untüchtig wurde. Ihre Züge predigten laut ihre Bestürzung. »Was hat denn die Jungfer?« forschte Veverl leichter athmend. – »Bist Du angelegt, Veverl? So geh' geschwind mit mir. Es sind zu Hause Sachen vorgefallen, die mir und der Martina den Verstand stillstehen machen. Geschwind, Veverl, bitt' ich. Ich komme nicht herum mit dem Madl. Es ist ganz ausgewechselt, und wenn auch Dein Zureden nicht hilft, so weiß ich mit dem Madl halt gar nichts mehr anzufangen. Ich selber zittre am ganzen Leib. Komm, komm, laß' alles stehn und liegen. Ich will's bei Deiner Mutter schon verantworten.« – »Gleich, gleich, Jungfer Prombergerin!« versetzte Veverl, schob in süßer Verwirrung die Nätherei in den Brodschrank, das Hauptschlüsselbund des Hauses in den Uhrkasten, schlüpfte in ihre Stöcklschuhe, und klapperte wohlgemuth und neubegierig mit der windschnellen Tante über die Gassen zum Tammerlhaus. Die Anzeichen einer unendlichen Zerwürfniß und Aufregung kamen ihnen so zu sagen, schon auf der Treppe entgegen. Da war die aufmachende Dirne, die 103 ihr hölzernes Gesicht noch einmal so lang gezogen hatte; da war die Großmutter Martha, die mit unglücksschwangern Blicken durch Gang und Küche rasaunte; da war die Mutter Marianne, die mit zornglühendem Angesichte aus der Stubenthüre schoß, und der Tante ganz heiser vor innerlicher Bewegung zurief: »Schau Du, was Du mit der Tack', mit der Gans, mit dem Schnabel ausrichtest. Mir will sie nicht glauben, ihrer leiblichen Mutter nicht glauben, nicht dem Bruder, dem unschuldigen Lampl, das so viel viel gelitten hat; sie glaubt nichts der ganzen Welt. Sag' ihr, ich geb' ihr – Gott verzeih' mir's – meinen Fluch, wenn sie nicht auf der Stelle alles glauben, und ihrerseits der schlimmen Geschichte ein End' machen will. Ich unglückliches Weib, ich!« – Und ihre Thränen, kaum gestillt durch des Söhnleins Wiederkunft, rieselten auf's neue, wilder denn zuvor, und sie warf donnernd hinter sich die Thüre des Schlafzimmers, wohin sie sich verbarg, in's Schloß. – »Nun, nun,« plapperte Veverl: »da ist ja Sturm und Regen und Erdbeben los. Gott helf' uns weiter!« Das Erstaunen des guten Mädchens machte indessen geschwind der tiefsten Rührung, die sie empfinden mochte, Platz, als sie ihre Freundin wiedersah. War Martina schon in den letzten Wochen kümmerlichen Aussehens gewesen, so hatten doch die letzten zweimal vierundzwanzig Stunden das arme Kind dermaßen entstellt, daß sie sich nicht mehr gleich sah. Ihre hellen Blicke so trüb, ihre Wangen eingefallen, ihre Nase spitz, ihr ganzer Körper so müde und matt: zum Erbarmen war's. In dem Schlaflehnsessel zusammengekauert, streckte sie der Freundin die zitternde Hand entgegen, und sagte mit erloschener Stimme: »Mir ist's recht, daß Du kommst, Veverl. Ich glaub', daß es mit mir zu Ende geht. Da, da« – sie zeigte auf ihre schwerathmende Brust – »da sitzt mein Uebel, meine Krankheit. Der Doktor 104 weiß nichts dafür, und sogar das Weinen ist mir ausgegangen. Es hat mich bisher so viel erleichtert. Jetzt werd' ich verschmachten müssen unter dem Felsbrocken, der mir auf der Brust liegt.« – »Was haben sie denn mit Dir angefangen?« fragte Veverl bekümmert, während die Tante betend und seufzend sich zum Fenster gekehrt hatte. – Leise, als sagte sie ein Geheimniß heraus, entgegnete Martina: »Sie haben sich alle abgeredet, mich ins Grab zu bringen. Nun, sie werden schon die Freude erleben. Ach, Veverl, was ich Dich bitte: behalt' ja immer Dein Herz für Dich. Wehre Dich gegen die Lieb', wie Du nur kannst. Es ist kein Segen dabei. Die Mannder brechen uns armen Dirnen die Seele morsch entzwei, und was sie nicht thun, das unterlassen gewiß die lieben Verwandten und Freunde nicht. Nimm Dir an mir ein Exempel. Hab' ich den Seraphin geliebt! hab' ich ihn gern gehabt! nun, Du weißt's am besten. Schau, wie er mich verläßt. 's wäre schon das allein mein Tod; aber jetzt kommt auch noch der Bruder und die Mutter und die Großmutter, und lügen über ihn Sachen zusammen, die mich desperat, die mich ganz z'rütt machen, und 's ist nicht möglich, ich kann's nicht überstehen!« – Martina schreckte auf, und horchte nach der Thüre, und ächzte, die Hände ringend: »Da hör' ich den Vater, wie er zornig schreit und spektakelt. Er kommt daher, das wird mir den Rest geben, lieb's Veverl.« – Sie verbarg ihr blasses Antlitz an dem Busen der Veverl, der gerade so heiß von Liebe durchwallt war, wie der ihrige; sie versteckte sich in der Freundin Arme, wie eine Taube, die vor dem Weih einen Schutz sucht. – Indessen polterte Tammerl in die Stube, unwirrsch, außer sich, und noch zu allem Unglück von zwei andern Personen begleitet, die Martina gern dahin gewünscht hätte, wo sich die Füchse gute Nacht geben: in's fernste, ödeste Wildgebirge. 105 Die Herren, die mit dem Vogelhändler kamen, waren der von Sprenger und der von Idelstein. »Hat das Rehren noch kein Ende?« fragte Tammerl grob, sich vor seine Tochter hinstellend: »Du willst also noch immer nicht glauben, was ich Deiner rechtschaffenen Mutter, und diese wieder Dir gesagt? Daher meine lieben Herren und Freunde, stellt's euch daher, und schaut, wie ein Madl toll werden kann, für einen Kerl, der nicht werth ist, daß man ihn todtschießt. Ihr seyd Ehrenmänner, und meines Hauses Freunde. Ihr werdet nicht weiter sagen, was ich euch jetzt in meiner Herzensbetrübniß offenbaren muß – ich kann nicht anders. Er, Idelstein, ist gerade zu rechter Zeit gekommen, daß ich mich vor ihm ausschütten kann: all mein Unglück, all mein Elend!« – »So rede der Meister einmal,« hob der ungeduldige Sprenger mit kirschrothem Gesicht an. – »Was gut's?« fragte der Idelstein phlegmatisch. – Tammerl schlug ein Gelächter auf, als ob er von Sinnen käme: nicht nur Martina, sondern die Tante selbst wurden schier davon ohnmächtig. »Es ist bald gesagt,« rief er hintennach: »es ist in einer halben Minute gesagt, so geschwind, als man einem Kranewiter den Hals umdreht: der Seraphin, der Dörcherbub', der undankbare, ist mit meinem Geld und meinen Specialvögeln zum Teufel gegangen; über's Meer ist er gegangen, der Dieb, mein halbes Baarvermögen im Sack, aber damit das Maß recht schön voll werde, hat er zuvor meinen armen Peterl als ein Straßenräuber geplündert, und die Dukaten seines Patrons mitgenommen. He? was meint Ihr dazu? Und der alte Schurke, der Egidi, hat ihm bei dem Raub geholfen; aber diesen wortbrüchigen Meineider hat in Holland die Strafe ereilt, und sie haben ihn ins Zuchthaus gesetzt. Da, das ist die ganze Geschichte, die mich zu einem halben Bettelmann, zu einem betrognen Hausvater, zum Gespött der ganzen Welt macht. Ist das eine Bagage durcheinander, die einen ehrlichen Mann, der 106 voll Vertrauen, so niederträchtig hintergeht? Soll da Einer nicht auf der Stelle zum Raubvogel werden und hinfliegen und den Schurken die Leber aus dem Leib hacken? Ist das eine gehorsame vernünftige Tochter, die all diesen saubern Entdeckungen zum Trotz und Nichtsnutz, dem Bettelbuben die Stange hält, und nicht vom Fleck weg sein miserabliges Andenken aus ihrer Seele reißt, um ihn zu verabscheuen, wie wir alle es thun? Wie? he? was? ich frage.« »Wie kann der Herr Vater nur glauben, was sie ihm da in die Ohren geblauscht haben?« jammerte Martina. Worauf der Alte: »Läugne Du die Sonne am helllichten Tage, und sag': es sey blinde Nacht, Du ungerathnes Madl. Ich will Dir den Kopf schon zurecht setzen.« – »Versteht sich,« meinte Idelstein. – »Ich hab' immer dem Seraphin Galgen und Rad von der Stirn' gelesen,« fügte Sprenger bissig hinzu. Er nahm dabei eine wollüstige Priese aus seiner vergoldeten Dose. – Tammerl, den der Zorn quecksilberig machte, wie einen jungen Luftspringer, eilte zur Thüre, und schrie hinaus. »Herein da, ihr Bursche. Peterl, wo steckst Du? Kölbl, wo hat Dich der Schwarze? herein da, sag' ich, oder ich komm' hinaus und reib' euch die Ohren. Herein, ihr mauderigen Vögel! Wird's bald?« – Peterl schlich herein, blaß und gekrümmt, wie gewöhnlich; das leibhafte böse Gewissen. Mit entschlossener Verstocktheit folgte ihm Kölbl. – »Führ' mich fort,« bat Martina ihre Freundin: »mir wird übel vor allen diesen Menschen.« – »Nichts da,« knurrte Tammerl: »dableiben, aushalten, anhören aus dem Mund unverwerflicher Zeugen, was Du nicht glauben willst, Du blöde Nachtigal. Ich möcht' Dich abwürgen, Du gängete Gänker: ein Vogel, der zum Locken abgerichtet: wurde und nicht gerieth: – gänked , so viel wie distonirend. Kreatur; Du ruinirst mir meinen ganzen Vogelherd.« – »Liebe Frau, steh' mir bei!« stöhnte Martina, und ergab sich in ihr Schicksal. – Tammerl machte den kurzangebundenen Verhörrichter. Zum Sohn gewendet, fragte er barsch: »Wo 107 bist ausgeraubt worden?« – »Hinter Friedberg.« – »Wer hat's gethan?« – »Der . . . der Seraphin.« – »Hast ihn gut erkannt?« – »Im Gesicht und an der Stimme. Treff' ich Dich da, Du Spitzbub'? hat er gesagt; hab' Dich niemals leiden können, jetzt sollst Du mir bezahlen. Hat mich niedergeworfen, schier zertreten, und da ich ihn um's Leben bat, und ihm zurief, es würd' ihm daheim schlecht bekommen, wie er mit mir verfahre, hat er gesagt, indem er mir eine Kopfnuß nach der andern gab: Das für den Tammerl, und das für die leichtfertige Martina, und das für's ganze Haus. Zieh' aus, Halunk'; ich komm' nimmer heim.« – »Da haben wir's!« schaltete Tammerl mit einem gewissen Triumph ein. Dann wieder zum Peter: »War der Egidi auch dabei?« – »Wohl; . . . ich glaub's wenigstens. Es kann noch ein Dritter dabei gewesen seyn. Hau nur zu! Curascha! hat einer immer gerufen.« – »Richtig; das war der Engadiner; das ist klar.« – »Sonst weiß ich nichts.« – »Gut; was aber weißt Du Kölbl?« – Als ob er auf einem Theater agirte, stellte der Werdenfelser den rechten Fuß vor den linken, legte die Hand ehrenfest auf die blanken Knöpfe seines neuen Hausknecht-Brusttuchs, und sprach vernehmlicher als sein Vorgänger: »Ich bin in Diensten der Generalstaaten von Holland gewesen, und . . . .« – »Das brauchen wir jetzt kaum zu erfahren,« unterbrach ihn Tammerl grob: »sag heraus, was Du von Seraphin und Egidi weißt, und lüg' nicht.« – »Ich hab's mit Augen angesehen – mit einem wenigstens – wie sich der Seraphin nach Batavia oder Suriname eingeschifft hat. Er war lustig, toll und voll von Kranewitter-Branntwein, sein Geldgurt war vollgestopft, wie er selber, und geschrieen hat er, wie zwanzig Mann: hussa, hussa, nach Indien! Pfietigott, Tirol, ich geh', wo die Welt mit Brettern vernagelt ist.« – »Nun?« fragte Tammerl mit einer Art von Selbstbefriedigung: »ist das 108 liederlich, ist das gottlos genug? – Weiter, Kölbl, Du hast etwas vergessen.« – »Kommt schon Meister. So hab' ich ihn denn gefragt, was werden sollte aus der Hochzeiterin und so weiter, die er daheim verlassen? Sagt er d'rauf: . . .« hier hielt sich Kölbl gleichsam verschämt den Mund zu – »nein, ich kann's nicht vor den Jungfern und vor den Herren sagen, was der Seraphin hierauf gesagt hat.« – »Weiß schon,« lachte Idelstein hämisch. – »Bald zu errathen,« lächelte auch v. Sprenger, und schöpfte abermals mit einem ganz besondern Blick auf Martina aus seiner Dose den vornehmen Spaniol. – »Also. Punktum,« sprach Tammerl der sich die Weste öffnete: »was ist ferner mit dem Engadiner passirt?« – »Er sitzt auf zehn oder zwölf Jahre im Amsterdamer Raspelhaus,« erwiederte Kölbl mit wildem Eifer: »der Hund hat einen Diener der Hochmögenden in Trunkenheit und Völlerei schwer verletzt, und mußte dafür in die Keuche, was ihn abhielt, dem jungen Dieb nachzulaufen.« – »Hat das alles seine Richtigkeit?« begann der Herr von Sprenger mit ermuthigender Freundlichkeit zum Kölbl. – »Alles selbst gesehen, gehört und dabei gewesen!« betheuerte Kölbl, wie zuvor die Hand auf die Brust gelegt: »ich will ein Jurament drauf ablegen, ich will das heilige Abendmahl darauf nehmen; alles pur und klar wie Gold, wie Sonn' am Himmel, weiß Gott!« – »So muß man's glauben,« bekräftigte Sprenger, »wenn man nicht vernagelt im Kopfe ist, Amen.« – »Wird 'chor seyn,« gab auch Idelstein dazu; und Tammerl hob noch einmal mit grimmigem Ton zu den beiden Vagabunden an: »Warum jedoch ihr Limmel, seyd's erst heut mit der höllischen Geschichte herausgeruckt? wie? was? habt's nicht schon gestern, nicht vorgestern gleich 's Maul aufmachen können?« – Peterl stand wie ein Stock. Kölbl bezeichnete mit seinem blitzenden Aug' den Gefährten, als das Hinderniß eines Geständnisses, und Tammerl fuhr den Sohn an: 109 »Willst reden, Du Mocker, Du Gutedel? willst's einmal von Dir geben? wie? warum? he?« – Da küßte der Peter des Vaters Manschette, und gakezte unterwürfig, als wäre er zerknirscht durch und durch: »Hab' dem Herrn Vater'n und der Frau Mutter und der Martina nicht gleich das größere Herzleid anthun wollen. Hätt's noch nicht gesagt, wenn nicht der Kölbl an mir geprenzt hätte. Der Kölbl ist aber immer so grad heraus, und ich fürchte mich so viel arg, daß es den lieben Eltern 'n Verdruß machen möchte.« –»Ja so bin ich,« bemerkte Kölbl sehr bescheiden: »immer von der Brust weg: nichts im Sinn behalten, ehrlich und grob gradaus; aber der Peterl hat's dechter gut gemeint.« – Hierauf umarmte der Vater den Sohn mit großer Liebe und mit den Worten: »Soll mir Einer kommen und sagen, Du seyst nicht brav und treu, und ich schlag' ihn hinter die Ohren, daß er's Aufstehen vergißt. Bleib' nur immer so, mein Peterl. Ist Dir schon alles verziehen. – Jetzt, meine Herren, hab' ich aber genug. Und Du, Martina, wirst auch genug haben und Deiner Mutter die Hand küssen gehen, und sie um Verzeihung bitten, daß Du ihr nicht geglaubt hast. Der Herr von Sprenger entschuldigt schon; ich hab' jedoch mit dem Idelstein da 'was abzudiskuriren. Komm Er, lieber Freund.« – Tammerl und der Pusterer gingen in des Meisters Kammer hinüber; Sprenger, nachdem er vergeblich Martina umkreist hatte, um ihr ein Gespräch abzugewinnen, begab sich still vor sich hinlächelnd und mit den Fingern schnippend in das Gemach seiner großen Freundin Martha; Martina, dem Befehl des Vaters zu gehorchen – damals waren die Kinder noch in allen Stücken gehorsam – ließ sich von Tante und Veverl zu der Mutter führen; und wiederum blieben Peter und Kölbl allein in der Stube zurück. Sie fingen einen Zweisprach an, heimlich, wie gewöhnlich; von Peters Seite furchtsam, von Kölbls 110 fahrläßig, gleichgültig, oberherrlich. Auch stand wieder Peter am Fenster und Kölbl saß wieder auf der Lotterbank. –»He, Kölbl? war's jetzt einmal recht?« – »Hast's brav gemacht.« – »Wenn nur schon aller Sturm vorbei wäre und uns nichts begegnet.« – »Pah, die sind gut aufgehoben. Der Egidi überdauert 's Raspelhaus nicht, und der andere wird schon in Surinam vom Fieber gefressen werden, wie tausend andere. Ist mir gar nicht bang.« – »Wenn's nur die Schwester, das blöde Thierl, aushält?« – »Nein, was ist's hernach? zuvörderst sind die Weiber lebig wie die Katzen; nachgehends hätt's nichts auf sich, wenn sie drauf ginge. Du erbtest dann den Vater und die Mutter und die Tante ganz allein.« – »s' ist aber eine Sünd', auf ihren Tod zu warten. – »Mein, mein, red' gescheit. Das ist der Lauf der Welt. Der Vater kriegt ein Schlagl, die Mutter die Wassersucht, die Tante stirbt an der Jungfernabzehrung. Nun, was weiter? Wir müssen einmal alle daran glauben.« – »Du bist ein harter Kerl,« murmelte Peter, schaudernd vor Bewunderung. – Der andere fuhr fort: »Bitt' mir nur aus, daß Du hernach nicht vergissest, was wir abgeredet haben. Umsonst ist nur der Tod, und auch er nicht. Was ist aber mit dem Kerl, von dem Du mir anfingst, zu erzählen, als der Herr uns rief? Er ist Dir auf der Straße nachgelaufen, hat Dich beim Namen gerufen?« – »Ja, denk': das macht mir wieder Sorgen. Ich glaub', es war der Mensch, mit dem ich in der goldnen Gans gekartelt habe. Weiß nicht gewiß, denn ich war dazumal vor lauter Wein nicht sehr bei Groschen. Doch rief er mich »Hepperger Peter,« so wie ich zu Friedberg überhaupt mich geschrieben habe.« »'s war also lang vor meiner Zeit,« sagte Kölbl mit großer Ruhe: »Was weiter? wie? was?« – Der Schurke äffte behaglich dem Patron des Hauses nach. Peter schnitt dazu ein saures Gesicht; seine Eitelkeit mehr als 111 seine kindliche Liebe mißbilligte den groben Spaß. Doch fürchtete er sich vor dem Spaßmacher und that als ob er lächelte. Zu erzählen fuhr er fort: »Nun freilich vor Deiner Zeit. Du weißt ja – der mich so geschwind ausgesäckelt hat . . . . ein Landsmann; seinen Namen und sein Gesicht hab' ich rein vergessen; aber doch mein' ich, daß er's war, der mir heute nachlief. Ich hatte die Dummheit gemacht, mich auf den »Hepperger Peter« umzuschauen . . . .« – »O Dideltapp'« räsonnirte Kölbl. – »Freilich, ja freilich bin ich ein Steinesel . . . aber 's war einmal geschehen. Mir ging's wie ein Reitersabel mitten durch die Lungel und alle Eingeweide. Jedoch besann ich mich, und als er mich fragt: »Gelt Du bist's, Peterl?« hab' ich darauf gesagt: »Nichtsnutz, wär' mir nichts lieber; bin nicht Dein Peter und nicht der Hepperger-Peter. Mach' Dich durch!« – Sagt' er darauf, als wollte er mir in's Gesicht lachen: »Nun, nun, eine Frag' ist frei; sieht auch die Katz den Bischof an, und er ist doch ein g'weihter Mann. Wirf mich nur nicht aus'm Markt außer. Bin auch nicht auf einer Brennsupp'n hergeschwommen,« – und noch spitzige Grobheiten hat er gesagt, und von den Dukaten und Friedberg und der gold'nen Gans ummergeredt Ummerreden: etwas zu Gehör reden. , daß mir blau und grün worden ist vor der Nase. Nur nicht verzagt! hab' ich mir gedacht, und das ernsthafteste Gesicht gemacht, recht unerschrocken. Du, hab' ich g'sagt: wir wollen, wenn Du 's nicht anders haben willst, gleich auf's Reine mitsammen kommen. Gehst mit, so zeig' ich Dich an, als einen von den Böswichtern, die mich ausgeraubt haben, und Du kommst in's Loch. Laß mich also aus, und geh' nacher Innsbruck, Deinen Peter zu suchen, denn ich hab' Sorg', es wird der Tammerlpeter aus der Vorstadt seyn, dem schon 's Mies auf'm Mantel wachst, so lang studirt er bereits und wie 's scheint akkurat nur auf Lumpereien. Hepperger ist ja gerade seiner Mutter Geschlechtsname.« – »Ist das wahr, Peterl?« fragte 112 Kölbl, von der scharfsinnigen Ausrede seines Zöglings überrascht. – »Wohl, wohl, und mir hat's ein guter Geist eingeblasen, daß ich gerade diesen Namen so aus der Luft herab, ohne an weiteres zu denken; gewählt habe.« – »Brav, Peterl! Wenn Dir selbiger guter Geist noch oft helfen thut, so wirst Du schon ein Balsam von einem Spitzbuben werden, so Dir's Leben bleibt.« – »Halt's Maul, und hör' zu. Meine Kuraschi hat dem Kerl den Daum auf's Aug' gesetzt und das Messer an die Gurgel. Er gab, wenn schon spöttisch lachend, daß man ihm nicht ansehen mochte, ob er Spaß machte oder Ernst, zu, daß er sich betrogen haben könne. Es seien jedoch einundfünfzig Dukaten beim Pater Philipp im Servitenkloster zu Waldrast für den Peter Hepperger niedergelegt, und der Hepperger solle sich nur getrost dort melden und seinen Stand beweisen und wenn alles geprüft worden, das Geld an sich nehmen. – Alsdann zog er den Hut ganz unterthänig vor mir ab, machte mir ein paar schielige Augen, und ging, wie ein Teufel so höhnisch seinen Weg weiter. He? hab' ich's gut gemacht?« – »Vielleicht. Ich hätte den Kerl in die Eisen legen lassen und als Straßenräuber behandelt.« – »Gut; wenn er aber die Friedberger Leute zur Zeugschaft berufen hätte? Wär' gar nicht übel, das? Friedberg liegt auch nicht außer der Welt, leider! was hälst Du davon?« – »Peterl, Du denkst an alles. Peterl, Du bist ein Hauptschnipfer. 's ist ganz recht so. Nur müssen wir's einrichten, daß wir die einundfünfzig Dukaten, die der Klosterherr hat, für unsre Müh' und Last bekommen.« – »Schön wär's; aber wie . . .?« – »Laß doch mich sorgen; das kommt später, und merk' Dir: was da auch geklagt wird – immer nur alles frisch auf den Sprugger geschoben. Zudem hab' ich einen Vogel pfeifen gehört: Dein Vater will Dich wegen des Geredes auf einige Zeit außer das Imster Revier thun. Nachher sollen sie nur sich heranwagen, die Geizkrägen. Ich will 113 sie schon abtrumpfen« – »Man sollte Dich auf ein Altarl stellen, Kölbl! Du bist halt mein Helfer in der Noth, und sollst, wenn ich einmal Herr bin, alles bei mir vollauf haben. Gewiß, das sollst Du.« – »Dank schön. Halten wir nur zusammen, sag' ich. Nehmen wir ein Seitl auf den Schrecken, Peterl?« – »Gar gern. Die Eltern haben alle Hände voll zu thun und zu richten. Wir wollen in den Buschen hinüber; dort ist's fein, dort ist's still, und ich hab' heut' so viel viel ausgestanden, und ich möcht' mir schon so ein lustiges Stieberl trinken.« – »Meinetwegen, Peterl, aber nicht zu viel, hörst Du? daß sie's nicht merken. Hast ein Geld, Peterl?« – »Vier Thaler, von der Mutter heimlich bekommen; das langt weit, Kölbl. Und sie merken heut gar nichts, und wenn wir brennten und feuerten; denn allen liegt genug im Kopf und 's bleibt ihnen nicht Zeit, sich mit uns abzugeben und an uns zu denken.« – »Hast wieder recht. Peterl. Alloh, marsch! Pfeifer, spiel' auf!« – Selbst des Pfeifers Amt versehend, nahm Kölbl Peters Arm unter den seinigen und schob sich mit ihm behutsam ins Hinterhaus, durch die Hinterpforte, in den einsamen Buschen. Tammerl und Idelstein waren also in des Hausherrn Kammer. – »Weiß Er? da macht's kalt?« hob Idelstein an, sich die Hände reibend. »Um so geschwinder werden wir alles verhandelt haben,« meinte Tammerl. – »Hab' Ihm was vorzuschlagen,« begann abermal der Pusterer. – »Was? he?« – »Das ist eine ungerade Geschichte, die in seinem Haus.« – »Mein Gott und Heiland, ja wohl. Nun aber?« – »Die Weiberleut' wissen drum und halten 's Maul nicht. Der Sprenger ist auch ein altes Weib. Was dann? die Geschichte wird auskommen.« – »Kann seyn, ja, ja, kann seyn.« – »Er und sein Madl ist verschändet.« – »Er hat recht.« – »Die Martina nimmt Keiner mehr.« – »'s wär' nicht unmöglich.« – »Weiß Er was? mein Muckerl nimmt sie.« – »Wie? was? So?« – »Der Kerl macht sich nichts draus. Er fangt den Teufel im freien Feld.« – »Ah!« – »Er hat seines Bruders Pauline heirathen mögen, sie hat ihn nicht gewollt. Noch ein paar andre in Hall und zu Schwatz hätt' er mögen, aber es ist nichts draus geworden. Nun, 's thut ihm nichts.« – »Gott sey Dank.« – »Dank' schön. Weil ich nun grad da zu Imst bin, – ich hol' mir ein paar Rösser – möcht' ich mein'm Muckerl auch eine Braut heimbringen; 'was Apartes. Er nimmt die Martina, sag' ich Ihm.« – »Das freut mich, aber, lieber Freund, die Sach' ist zu bedenken.« – »Nichts da. Ja oder Nein.« – »Ich laß' das Madl nicht gern von mir. Wenn Er aus'm Pusterthal daher ziehen wollte?« – »Ich mag nicht.« – »Oder wenn sein Muckerl sich hier ankaufen wollte?« – »Das mag ich wiederum nicht.« – »Ja, da werden wir schwerlich zusammenkommen.« – »Das ist dumm von Ihm« – Dieses Kompliment, in tiefster Gemüthsruhe ausgebracht, fiel wie ein Feuerbrand in's Pulverfaß. »Wer ist dumm?« fuhr Tammerl wüthend auf. – »Er.« – »Weil ich meine Tochter seinem dalketen Buben nicht hinwerfen mag?« – »Ja.« – »Haha! da muß ich lachen; ausschütten muß ich mich vor Lachen. Den Bauch muß ich mir halten vor Lachen« – »Weil Er ein Narr ist.« – »Das hat mir noch niemand gesagt.« – »So hört Er's von mir« – »Will Er still seyn, er Fackentreiber?« – »Laß Er mich aus, Vogelhanns, der Er ist.« – »Ich will Ihm beweisen, daß ich g'scheidt bin.« – »Wird mir lieb seyn.« – »Weiß Er, warum ich mich nicht mit Ihm verschwägern will?« – »Bin neugierig« – »Weil ich nicht haben mag, daß Er oder sein Bub' meine Martina plagen und sekkiren soll, wie sein armes Weib und seine Töchter es gewohnt sind. 115 Basta« – »Wie Er's versteht.« – »Er kann nur mit Vichern umspringen, aber nicht mit christlichen Menschen. – »Er ist ein zweischneidiger Kerl Zweischneidiger Mensch: ein Mensch bösartiger Natur, dem nicht zu trauen. , Tammerl. Was geht Ihn aber mein Weib und was geht Ihn meine Glitschen an? he?« – Tammerl war auf diese bündige Frage ganz verblüfft. Der Zorn ging ihm aus. Den Andern hatte der ganze Auftritt ruhig gelassen. Ein bedeutend langes Stillschweigen stellte sich ein. Tammerl war heiß überall am Leibe; Idelstein blies auf seine kalten Fingerspitzen und hob, nachdem er sich vom vielen Reden erholt, grob und ungeschliffen an. »Was hat Er mir zu sagen? 's macht teuflisch kalt da. Weiß Er?« Nun veränderte Tammerl sein aufgebrachtes Wesen in eine freundlichere Manier. »Ich möcht' den Peterl auf eine Zeit los werden, bis die ganze Sache eingeschlafen ist. Weiß Er noch, was Er mir einmal versprochen?« – »Ja.« – »Wollt' Er denn so gut seyn und den Buben in sein Haus nehmen?« – »Ja.« – »Der Peter ist zum Bäcker und zum Kaufmann verdorben. Mach' Er einen Bauer aus ihm.« – »Meinetwegen.« – »Ich kauf' ihm dann später ein Gütl, oder er erbt eins von der Tante Lenerl . . .« – »Geht mich nichts an.« – »Halt' Er ihn nur recht scharf.« – »Versteht sich.« – »Kann Er ihn gleich mitnehmen?« – »Mit meinen Rössern, ja.« – »Nun, die Hand darauf?« – »Ja.« – »Nicht wahr,« setzte Tammerl etwas geschämig bei: »wir bleiben die Alten?« – »Ja doch.« – »Er ist halt ein grober Pusterer!« lachte Tammerl, dem Freund die Hand schüttelnd. – »Und Er ein g'streichter Imster,« erwiederte der Andere, und ging, nach seinen Pferden zu schauen. – Gedankenvoll, den kaum vorübergegangenen Streit und die schnelle Versöhnung überdenkend, müde auch von den Affekten, die der stürmische Morgen über ihn 116 gebracht, kam Tammerl, sich in der inzwischen leergewordenen Wohnstube niederzusetzen, als ein Besuch abermals seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Diesmal war's nicht der ungeschlachte Junker Roßkamm und Schenkwirth, sondern der feiner thuende Herr von Sprenger. Er schritt mit einer so gewissen statiösen Feierlichkeit in die Stube, daß Tammerl all seine Müdigkeit vergaß, und mit freundlicher Unterthänigkeit dem Gast, dessen adelicher Besuch ihm schmeichelte, entgegenging. Sprenger hatte seine bürgerfreundlichste Miene vorgenommen, und mitten durch seine stolze Herablassung schimmerte eine so milde Familiarität, daß des ehemaligen Bäckermeisters Seele gleichsam davor hinschmolz. »Nun, wie geht's jetzt, liebster Tammerl?« lautete des Besuchers erste Frage, während er sich vertraulich und bequem in den Lehnsessel vergrub, den Tammerl gerade eine Minute zuvor eingenommen. »Setzen Sie sich zu mir, liebster Tammerl;« sagte der wohlwollende Herr, nachdem der Meister auf die obige Frage mit Seufzen, unverständlichem Murmeln und Achselzucken geantwortet. Sprenger legte ein besondres Amabile auf das zum zweitenmale gebrauchte Schmeichelwort. Es klang dem ehrlichen Tammerl süß, und mit offnem Vertrauen setzte er sich, seinem edeln Freund gegenüber, auf einen Stuhl, der kaum für seine breite Figur Platz bot. Herr von Sprenger spielte noch ein bischen mit den goldnen Schnüren seines Pelzrocks, betrachtete sinnend die weichen glänzenden Stiefel von Kalbleder, die seine straffen Beine umhüllten, rieb den funkelnden Knopf seines Stocks noch funkelnder, ehe er leutselig in's eigentliche Gespräch einbog. »Das ist eine verzweifelte Geschichte, ein großes Malheur, das über Ihr Haus eingebrochen ist,« sprach er: »glauben Sie, daß ich mitfühle, was Ihr Vaterherz und Ihre Bürgerehre leiden.« – Tammerl bückte sich 117 und seufzte wieder. »Was hilft's? geschehen ist einmal geschehen,« sagte er mit Ergebung. Hierauf der Herr von Sprenger: »Sie sind ein rechter Mann, Tammerl. Sie legen sich nicht hin und erkranken. Sie lamentiren nicht der Welt die Ohren voll. Ich achte sie hoch, und bin Ihnen aufrichtig dankbar.« – »Dankbar, gnädiger Herr? wofür?« – »Ei nun, haben Sie mir nicht einen großen Beweis Ihres Vertrauens gegeben, indem Sie mich zum Mitwisser Ihres Familiengeheimnisses machten? Ich bin Ihr Schuldner, wahrhaftig, das bin ich.« – »Sie machen nur G'spaß, Herr Baron . . . .« – Tammerl, dem zum erstenmal begegnete, daß Sprenger ihn so fortdauernd und ehrenvoll mit dem noch nicht viel in Bürgerkreisen bräuchlichen Sie bedachte, avancirte den höflichen Herrn seinerseits, um nicht an Artigkeit zurückzustehen, ohne weiters zum Baron. Sprenger nahm's nicht übel: im Gegentheil wurde er noch freundschaftlicher, indem er fragte: »Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen gleich ein Stück Dankbarkeit abstatte? Sehen Sie: ich bin verschwiegen, wie ein Fisch; habe bei Hof schon ganz andere Dinge für mich behalten müssen; als Beamter hab' ich die wichtigsten Dienstgeheimnisse gleichsam in einer verschlossenen Schatulle bei mir getragen . . . . ist mir schlecht vergolten worden, doch thut das nichts zur Sache – kurz: meine Diskretion ist ein Faktum . . . .« »Ein Fak – Faktum?« wiederholte Tammerl, den die vielen ausländischen Wörter einigermaßen verwirrt machten. »Außer allem Zweifel,« erklärte Sprenger geduldig, was sonst eben nicht seine schwache Seite war. »Ich werde nichts ausbringen. Da sind aber die Mädchen mit prickelnden Zungen; das ältere Frauenzimmer, das seine Sorgen nur in der Mittheilung an andere beschwichtigt; dem – Kölbl, glaub' ich – trau' ich auch nicht viel; der Alte aus dem Pusterthal . . . . der – 118 kann ich mich doch nie auf seinen Namen besinnen –« – »Der Herr von Idelstein,« bemerkte Tammerl dienstfertig, und mit spöttischem Lächeln hierauf der Hausfreund: » Von Idelstein, sagten Sie? Ohne Zweifel ein staubiger Adelsbrief, der nachläßigerweise in die Stallstreue gefegt worden ist, und deren Geruch angenommen hat? Nun, gleichviel. Der Mann ist hainbüchen, wie man bei mir zu Land sagt, und weiß nichts von Delikatesse, wird nicht reinen Mund halten . . .« – »Vielleicht,« versetzte Tammerl kleinlaut, und wunderte sich im Stillen, wie doch das Gespräch des Herrn von Sprenger so ganz genau demjenigen des Idelstein gleichlautete. – »Vielleicht,« fuhr Sprenger fort, »dürfte sogar Peter, das unschuldige Opfer der Betrügerei des Ausreißers, in seiner Einfalt nicht gar haushälterisch mit dem Geheimniß seiner Eltern umgehen . . .?« – »Der Bub' kommt aus dem Hause,« unterbrach Tammerl mit Eifer. Sprenger schaute seinen Mann durchdringend an, neigte sich etwas vorwärts und sagte: »Recht, Sie sind ein vorsichtiger Vater, aber, lassen Sie sich rathen: thun Sie auch Ihre Tochter so geschwind als möglich aus dem Hause.« – »Wie? was? warum?« Tammerls Mund stand weit offen, aber noch weiter und zwar ängstlicher öffneten sich seine Ohren, als Sprenger die Worte von sich gab: »Die Welt wird mit Fingern auf sie zeigen; das Mädchen selbst wird sich zu einem Schatten verzehren, wenn sie in diesem Hause bleibt. Sie werden etwa ihren Tod aufs Gewissen kriegen, wenn Sie nicht alsobald dem Leben und Schicksal der armen Martina eine andere Wendung geben.« – Aus diesem Gesichtspunkte hatte Tammerl, wenn schon der liebevollste Vater auf Erden, die ganze Sache noch nicht betrachtet. Um so mehr erschreckte ihn des Kavaliers orakelmäßige Vorhersagung. Er erinnerte sich an Martina's abgezehrtes Antlitz, an die in ihr 119 arbeitende Angst und Betrübniß. Er sah schon im Geiste den Sarg vor der Thüre, der da kam, sein geliebtes, theures Engelkindchen abzuholen. Der perlende Schweiß trat auf seine Stirn; er erhob sich rasch, und fragte mit zitternder Stimme – seine Hände und Beine bebten nicht minder –: »Bringen Sie mir eine schlimme Post, Herr von Sprenger? Ist das Madl krank, zu Bett, in den Zügen? Erlauben Sie . . . .« – Er machte Miene fortzugehen, aber die sanfte Hand seines Gastes hielt ihn zurück, zwang ihn mit Freundlichkeit, sich wieder niederzulassen. »Sie ist noch nicht bettlägerig, noch viel weniger am Sterben, guter Mann,« tröstete Sprenger. »Ich sage nur, daß alles schief gehen könnte, wenn Sie nicht ohne Verzug Ihre Vorkehrungen treffen.« – »Was meinen Sie? was soll ich thun?« forschte halb entgeistert der schmerzlich berührte Vater. – »Jedesmal das beste Mittel, einen schweren Mädchenkummer zu kuriren, ist, das Mädchen zu verehelichen;« predigte der Herr von Sprenger gravitätisch, als ob ihn die Fakultät mit dem rothen Hut geziert hätte: »um so mehr ist dieses Remedium angezeigt, wenn eine Verehelichung schon auf dem Tapet gewesen, und durch einen nicht mehr zu reparirenden Umstand zurückgegangen ist. Die weibliche Natur, des Frauenzimmers eigentliches Leben, bester Freund, geht nur von einer Grundlage aus. Das Frauenzimmer ist berufen, dem Mann anzugehören, und welch ein Ende und Zwitterdaseyn daraus wird,. so jener Beruf mißkannt wurde, das, liebster Tammerl, zu beobachten, haben Sie nicht nöthig, weit zu gehen.« – »Aha, ich merk' schon: die Tante Lenerl, meine Schwägerin. Ja wahrhaftig, Herr von Sprenger, es ist schade um die Person. Sie können nicht glauben . . . .« – »Halten wir uns dabei nicht auf. Was ich sagen wollte, ist nur dieses. Um Martina wieder herzustellen und den Leuten die höchst ungewaschenen 120 Mäuler zu versiegeln, muß sie nothwendigerweise verheirathet werden.« – Ohne ein Auge von Tammerl abzulassen, schnupfte Sprenger bedächtig und Stäubchen für Stäubchen eine große gelbe Prise. Er hatte Zeit, Halskrause und Manschetten auszuschütteln; denn erst nach geraumer Frist, und den Hinterhalt des Kavaliers nicht übel errathend, versetzte Tammerl langsam: »Wär' mir schon recht, Herr Baron; aber wer wird eben jetzo die Martina haben wollen, und wen wird sie gerade jetzo mögen? wie? was? ich frage.« Seine Rede kam stückweise, ein jedes Stück pfundschwer, als ob's auf dem Kirchenthurm zwölfe schlüge, zum Vorschein. Gerade ebenso begegnete ihr der Herr von Sprenger: »Und ich antworte: ein Imster wird sich sobald nicht finden lassen, denn, daß der Spitzbube Seraphin die Braut verlassen, bringt sie auf lange Jahre in Verruf, und der Herr hat mit dem Handel auch ein gutes Stück Geld verloren, was ebenfalls nicht geheim bleiben wird. Verstanden? Doch weiß ich Einen, der aus Freundschaft und Edelmuth, aus Passion seines Herzens und langes Attachement, sage Anhänglichkeit, an des Herrn Töchterlein, beide Augen zudrücken und beide Hände nach ihr ausstrecken würde. Ich weiß Einen, Herr, und derjenige hat in seinem Leben einem Grafen nicht den Antrag gemacht, den er heute seinem liebsten Freunde Tammerl macht.« – Der Herr von Sprenger erhob sich bei diesen Worten majestätisch aus seinem Sessel, und stand in der ganzen Höhe seiner gold- und juwelenbesetzten Figur vor dem Vogelhändler, der vor lauter Verwunderung über die pathetische Wendung, beide Fäuste auf die Knie gestützt, sitzen blieb, obgleich er etwas Aehnliches beinahe erwartet hatte. – »Versteh' ich Sie, Herr Baron?« stotterte er, da der Kavalier, adlermäßig auf ihn herabsehend, keine Miene zum Weitersprechen machte. – » Sapienti sat ; das heißt: wer klug ist, wird 121 allerdings wissen, wo hinaus ich will,« entgegnete Sprenger, ohne seine Stellung zu verändern. Tammerl hing ein wenig den Kopf; dann lispelte er zögernd: »Eine Ehre, eine große Ehre für mich, mein Kind und die ganze Familie. Aber, hochgeborner Herr Baron . . . müssen's nicht übel aufnehmen . . . aber meinen der Herr Baron nicht vielleicht . . . wie sag ich nur . . .? daß Sie zum heirathen . . . zum heirathen mit einem so blutjungen Ding . . . daß Sie zum Beispiel ein bissel zu alt dazu wären?« – Da leuchtete es wie ein Blitz über Sprenger's Gesicht. Die Ader auf der Stirn wurde dick zum platzen, und das erglühende Antlitz fand kaum mehr Raum in der Halsbinde. Es drohte ein gewaltiger Donnerschlag auf Tammerls Haupt hernieder; auch duckte es sich unwillkührlich. Aber Gottlob, das Ungewitter verzog sich schnell, wie es aufgestiegen; die Sonne strahlte von der Stirn des Kavaliers, und mit einer wenn auch mühsam hervorgerufenen, dennoch nicht weniger gewinnenden Gutmüthigkeit, erwiederte der Verletzte: »Ich war gefaßt auf diesen Einwurf. Eigentlich hätt' ihn das Mädchen zuerst machen sollen. Der vernünftige Vater sollte bedenken, daß es in meinen Jahren und meinem Karakter liegt, gerade nur der in falsches Licht gestellten Jungfrau ein zweiter Vater, ein Beschützer und Rathgeber, mit einem Wort, derjenige zu seyn, der ihr gern zu Ehre und Ansehen in der Welt verhelfen möchte. Was darüber hinaus, ist Nebensache. Ich könnte zu meinen Gunsten vorbringen, daß die Zeit mich nicht so übel zugerichtet hat, wie manchen viel jüngern Mann, daß ich gesund und grün bin, wie ein Eichbaum, daß ich ein Vermögen besitze, das bei meinen Lebzeiten schon zu einer Freudenquelle für des Herrn Tochter, nach meinem Tode ganz in ihren Besitz überzugehen bestimmt ist; daß ich« – hier erhöhte er die Stimme merklich – »daß ich eines Standes mich erfreue, der keinem andern in der Welt zu 122 weichen hat, und daß mein Wappen – so gleichgültig meine Ansichten vom Adel seyn mögen – dennoch breit und hoch genug ist, um allen Unstern des Tammerl'schen Hauses gebührend zuzudecken . . . .; doch will ich alle diese zufälligen Vortheile nicht geltend machen; allein nur meine innige Hingebung für das Wohl des Herrn, dem ich lang befreundet bin, und die Intention, Sein Kind glücklich zu machen, wie es ein Bürgerlicher nicht leicht zu thun vermöchte. – Jetzt höre ich eben die Mittagsglocke läuten, und will nicht länger stören. Auch seh' ich des Herrn äußerst verständige Mutter kommen. Die würdige Frau weiß um meine Absichten. Sie wird sich mit dem Herrn benehmen. Thu' sich aber der Herr keinen Zwang an. Was hier verhandelt worden, soll Ihn nicht überreden und nicht verblenden. Ich hasse das und bleibe nach wie vor Sein vielgewogner Freund und der Frau Martha ergebenster Knecht.« Mit einem leichten quasignädigen Kopfnicken, das Tammerl'n galt, und mit einem verbindlichen Bückling gegen die eintretende Martha empfahl sich der Herr von Sprenger, und sein Abmarsch war in der That ein stattlicher. Den übergewichtigen Eindruck, den des Kavaliers Anrede und Werbung auf Tammerl gemacht hatte, versuchte der Letztere gar nicht zu verbergen. Schon zeigte sich ihm der ganze Antrag in einem viel günstigern Licht, und die volle Gleichgültigkeit, womit Sprenger das Ja oder Nein zu erwarten vorgab – ein Beweis seiner reinen Uneigennützigkeit – hatte Tammerls Empfindungen für den Baron in partibus bis zur höchsten Verehrung gesteigert. Das Werk zu vollenden hatte Frau Martha übernommen. Sie predigte dem Sohn, der noch gewissermaßen unter'm Pantoffel der strengen Mutter stand, vom Nachtisch bis zum Abend, und tuschelte dann mit Marianne unter vier Augen bis in die späte Nacht. Die Vertraulichkeit der beiden Frauen, die sich Jahr aus Jahr ein gemeiniglich nicht ausstehen konnten, war eine seltene 123 Erscheinung im Hause, dafür aber um so bedeutsamer. Unter diesen allerlei Vorbereitungen und Unterhandlungen nahm auch Idelstein plötzlich Abschied, und rückte mit dem über seine gar so schnelle Hinwegnahme bestürzten und vom Buschenwein sehr erhitzten Peter noch am selben Abend bis Nassereit, wohin seine Pferde ein paar Stunden früher vorausgegangen waren. Während alles dieses sich begab – im Zwielicht, das der Verliebten Morgenröthe ist – standen auf der Schwelle des rothen Adlers, aber auf der Schwelle eines Seitenthürchens, das vom Ab- und Zugehen der Wirthshausgäste nichts wußte, Genovefa und Oswald, und hatten sich bereits seit einer halben Stunde tausendmal Lebewohl gesagt, und waren dennoch immer stehen geblieben, um sich abertausendmal die Neuigkeit zuzuflüstern, daß sie sich gern hätten, lieb und werth hielten, und wie sehr! und auf ewige Zeiten kürzestens. Mitunter war wohl auch die Verwirrung in Tammerls Hause zur Sprache gekommen, und der in seinem Freunde tiefbeleidigte Oswald hatte grimmig genug gethan gegen alle Verläumder, Brod- und Brautneider Seraphins. »Müßte ich nur nicht fort,« hatte er gesagt, »oder besser: müßt' ich nur nicht fürchten, daß der alte grobe Tammerl, der jetzt seinem Buben und dem liederlichen Kölbl alles auf's Wort glaubt, mich als einen Mithelfer am erlognen Straßenraub einsperren ließe, ich wollt' ihnen die Wahrheit geigen, den z'nichten Menschen. Gelt Genovefa, Du glaubst ebenso wenig an Seraphins Schlechtigkeit, als ich, gelt? Und die Martina wird doch auch Raschon im Leib haben, und nicht am End' heulen, wie die andern Wölfe thun? Wenn ich nur nicht fort müßte!« hob er wieder an. »Das ist auch mein Leid;« klagte still und bänglich Genovefa, und hielt den Schürzenzipfel vor ihre Augen: »kaum gefunden, so verschwunden! das steht auf dem beinernen Löffel, den mir einmal Seilers Toni – Gott hab' 124 ihn selig; er stürzte sich auf dem Ferner das Genik ein – von Sterzing mitgebracht hat. Willst ihn annehmen von mir, lieber Walt?« – »Gib her, daß ich mich Dein erinnre, so oft ich meine Supp'n oder mein Mus esse, Veverl. Ach, in meines Vaters Hüttl wird's schmal hergehen. Der Grödner, mit dem ich nacher Haus fahre, hat mir so viel Uebles von daheim erzählt. Der Vater hat sich in den Fuß gehackt, und liegt darnieder ohne Verdienst. Die Mutter – weiß nicht, wie sie's anfing – ist dran, mich noch mit einem G'schwisterl zu erfreuen, daß Gott erbarm . . . . die schöne Trine hat schon geheirathet . . . . die andern, Brüder und Schwestern, sind Hackstöcke, die nichts verstehen, als die Zunge im Maul zu haben. Ich muß schon hin, und nachsehen, wie's geht, und mein bissel Erworbnes in den Opferstock legen. Will mich auch um Arbeit umsehen, und sobald ich kann . . . .« – »Kommst Du wieder, Walt,« fiel Genovefa ein: »Gelt, Du schwarzer lieber Kraushaareter, Du kommst bald wieder?« – »Nu, das versteht sich; eher blieb die Sonne aus. Gott gebe nur, daß Deine Eltern so verständig seyen, wie die Tammerl's mit dem Seraphin gewesen sind, und daß wir kein Unglück haben, wie die Martina leider jetzo.« – »Ach, ich weinte mir die Augen aus dem Kopfe heraus.« – »Und ich – ich lief' in's Wasser – oder schluckte allen Grünspan, den ich habe.« – »Das wär' ein Elend, Walt!« – »Das wär' ein Sekkatur, Veverl!« – »Bleib' mir treu, Walt!« – »Wie ein Hnndl, mein Engerl. Aber Du, Du, wirst Du mich nicht vergessen?« – »Wär' mir nichts lieber. Du machst mit Gall', wenn Du so leichtsinnig fragst.« – »Sey nicht bös, mein Herzl. Wenn aber Dein Vater und Deine Mutter nicht wollten . . . .?« – Genovefa machte ein betroffenes Gesicht. »Ja,« sagte sie langsam: »wenn der Herr Vater und die Frau Mutter Nein sagten . . . .« – »Nun, nun, dann? was thätst Du alsdann?« – »Ich weiß nicht, Walt, ich weiß nicht; 125 aber leid thät' mir's zum Sterben . . . . und ich ginge dann lieber unter die Flecklschwestern Flecklschwestern: Tertiarinnen, Schulschwestern; in Brixen von Maria Hueber in's Leben gerufen. , als einen Andern heirathen.« – »Wohl?« – »Gewiß und wahrhaftig.« – »Schau,« rief Oswald lustig, denn er lachte, wenn er sich sein fröhliches Veverl in dem traurigen Habit vorstellte: »schau, Du bist halt ein prächtig's Diendl, und wenn Du das thust, so geh' ich unter die Kapuziner, laß' mir einen langen Bart wachsen, und wir lieben uns dann geistlich. Willst Du?« – »Ach, Du ein Kapuziner!« lachte auch Veverl herzlich: »Du mit einem langen Bart! das wär' gar aus!« Oswald und sein Mädchen lachten und kicherten um die Wette. »Was hat's denn da unten für einen Tanz?« fragte eine fette Stimme aus dem obern Stock zum Fenster heraus. – »Der Vater! leb' wohl!« Erschrocken flüchtete sich Veverl in's Haus. Seinerseits nahm Oswald Reißaus. Als er jedoch durch die lange stichdunkle Gasse hinaus zum »Kitz« tappte, machte er sich Vorwürfe, daß er lang nicht alles seinem Schatz gesagt hatte, was er sich vorgenommen, ihm mitzutheilen. Er würde zwar immer eins und dasselbe gesagt haben, aber der Verliebten Wörterbuch besteht auch nur auf allen Blättern immer aus einem und demselben Spruch: »Ich bin Dir gut!« 126 Viertes Kapitel,   Junker . Sieh einmal zu, Rüpel, wie sie mit den Händen ficht, und Luft schnappt. Ich fürchte, sie wird sterben, wie der Fisch umsteht, den man aus dem Wasser zog und auf den Sand warf. Rüpel . Behüte, Euer Gnaden. Sie bildet sich's nur ein. Junker . Du grober, unbarmherziger Knecht. Sie stirbt, und zwar aus Liebe zu mir stirbt sie, ich sag' es Dir. Rüpel . Geh'n wir vorüber und kehren wir nach ein paar Wochen um. Ihr werdet sehen, wie ihr der Haber schmeckt. Junker . Weil Du ein paar Zoll Fett zwischen Deinen Wanst und die Menschheit gelegt hast, meinst Du Andere seien feisten Herzens, so wie Du? Doktor . Der Narr hat Recht, mein schöner Ritter. Aus dem Berge Mons wächst noch manche Radix, die der Jungfern Siechthum heilet, der Kräuter zu geschweigen. Hier wird die Maaslieb, oder wenn Ihr wollt die Mannslieb' Wunder thun. Altes Schauspiel vom Junker Kybiz . Die Jugend ist nun einmal – nicht Einer läugnet's – ein gar herrliches prächtiges Ding. Sie gibt ihrem glücklichen Volke wachsweiche Glieder und federkräftige Herzen. Sie spottet der Krankheit, sie lacht dem Tod in's Gesicht, und hält ihn für ein fabelhaftes Gespenst, von dem nur abergläubische Mährchen erzählen. Ihre Verzweiflung sogar ist schon mit den Lorbeern eines künftigen Siegs 127 über allen Jammer gekrönt. Wer jung ist, und seinen Kummer nicht am Ende überwindet, ist gerade nur selber daran schuld. Die Natur will nicht, daß ihre Blüthen umkommen; sie geizt nach vollem Leben, nach Knospe und Frucht. – Tammerls Martina war auf der Gränzscheide angekommen, wo der Mensch die Wahl hat, sich selber zu verlassen und aufzugeben, oder sich zu ermannen und als ein Wundervogel aus Gluth und Asche hervorzusteigen. Es war geschehen, was der Herr von Sprenger scharfsinnig prophezeit hatte. Martina war von der Trauer in das Welken, von dem Welken in's Verschmachten gerathen, sie hatte sich niedergelegt, um nicht mehr aufzustehen, wie sie meinte. Einige Wochen waren vergangen seit der unheilvollen Ankunft Peterls, und der armen Eltern Besorgniß hatte den Gipfel erreicht. Sie hofften nicht mehr auf eine Besserung der Schwererkrankten. Der Aberglaube Tammerls, der nun mit Gewalt hervorbrach, und alle seine übrigen Eigenschaften, Liebhabereien und Erwartungen aus dem Feld trieb, sammelte mit grausamem Selbstbehagen Vorzeichen um Vorzeichen eines nur zu bald zu befürchtenden Trauerfalls. Der Herr von Sprenger – die betrübten Weiber nicht zu erwähnen – war dermaßen erschüttert und geängstigt, daß er einen geschickten Arzt aus dem Reich hatte kommen lassen, und einen wälschen Doktor, der bei einer adelichen Familie zu Imst eingetroffen, ebenfalls beredet hatte, am Krankenbette im Tammerlhause niederzusitzen und mit dem schwäbischen Kollegen Konsultation zu halten. Der Schwabe und der Wälsche waren zufällig derselben Meinung: die Kranke würde sich auflösen, dachten sie. Diese Uebereinstimmung war vielleicht des Mädchens Rettungsanker; die gelehrten Herren erachteten eine ärztliche Behandlung, eine Bestürmung mit Pillen und Latwergen, überflüssig und ersparten der Patientin den Kampf mit der Medizin. – So lag sie, hoffnungslos wie es schien, bereits versehen mit den Stärkungsmitteln der Religion, 128 und brütete und düsterte hin, wie eine, die den Tod erwartet. Ergiebiger Schweiß rieselte von ihrer Stirne; beschwerlich ging der Athem aus und ein, ruhelos legte sie ihre kalten Hände hin und wieder, faltete den Mund in jenem peinlichen Lächeln, das nicht guten Zeichens ist, wie man sagt. Sie sprach nicht mehr, schien kaum der vielen kummervollen Leute zu achten, die an ihrem Lager saßen und standen. Der Herr von Sprenger, der wie die ganze Familie lange nicht von ihrem Bett gekommen war, konnte endlich seinem Posten nicht mehr treu bleiben. Um nicht selber einer Ohnmacht zu unterliegen, schlich er mit gesenktem Haupte fort. Da sagte die Großmutter Martha, seine Freundin, und die robusteste Seele unter den Weibern, die für Martina beteten und sorgten, der Kranken gleichsam mit einem Vorwurf in das Ohr, ungewiß, ob sie es verstehen würde: »Ach Du böses unglückliches Kind! wußtest Du, was sogar der Fremde, was dieser gute Herr von Sprenger um Dich zu leiden hat! Bliebest Du am Leben, würdest Du gesund, Du würdest seine Frau werden, und hättest Glück und Freude in der Welt vollauf. Aber Du gehst dahin wie eine Blume über Nacht, und wie bald wird er, wie bald werden wir Alle Dir folgen müssen!« Die Anrede der Großmutter war allerdings nicht zart ersonnen; auch erfüllte sie die Anwesenden – Tammerl nicht gerechnet, der wie halb in sich verloren da saß – mit gründlichem Unwillen. »Aber Frau Mutter!« ermahnte Frau Marianne kopfschüttelnd. »Ist das ein Reden!« murmelte die Tante Lenerl, ihr Gebetbuch zuklappend und gen Himmel blickend. »Das könnt' ihr gerad den Tod bringen auf'm Fleck,« eiferte Veverl und raschelte unruhig hin und her, und beugte sich voll Sorge über die Freundin. Martha schaute die mißbilligenden Weiber giftigen Blicks an, aber Niemand gab auf sie acht, denn Martina, die plötzlich die Augen groß öffnete und die Großmutter fest anstarrte, beschäftigte die Aufmerksamkeit Aller. »Hm!« 129 machte sie und wiegte langsam mit dem Kopfe rechts und links: »hm, hm, was doch die Frau Nahnl daherredet!« wendete sich von Martha ab und zu Veverl sagend: »Gib mir zu trinken.« Das geschah, und Martina trank ruhig, in Absätzen, mit Behagen und nicht mehr fieberhaften Durstes voll. Dann legte sie ihre Hände kreuzweis auf die Bettdecke, gähnte ein paarmal, athmete leicht, wie von einer großen Beschwerde erlöst. – »Madl, was ist denn?« fragte die Mutter mit zagender Freude: »wie kommst mir denn vor?« – »Ist Dir besser geworden, mein Tin'l?« begann eben so schüchtern die Tante. – »Herz, was verlangst Du noch?« setzte Genovefa hinzu, bebend vor neuer unversehener Hoffnung. »Schlafen; still seyn; viel schlafen,« erwiederte die Kranke, und ihre Stimme hatte wieder Klang, und ihr Athemzug war gekräftigt. – Der Wunsch Martina's war natürlich ihren Verwandten Befehl. Alle standen auf, um zu gehen. Marianne tippte auf Tammerl's Schulter, und winkte ihm, zu kommen. »Jesus Maria!« seufzte er erschrocken: »ist's aus mit ihr?« – Worauf Martina selbst vernehmlich: »Nein, liebster Herr Vater; im Gegentheil. 's wird schon besser geh'n. Nur schlafen, schlafen!« – Verstummend vor Entzücken streckte Tammerl die Hände nach oben, und ließ sich von den Weibern geduldig hammelhaft hinausführen. Veverl blieb bei der Freundin zurück. Sie setzte sich in Tammerls Stuhl, und trieb geräuschlos dasselbe Werk, das er noch vor kurzem getrieben in väterlicher Angst. Sie schlug die Karten auf, und bemühte sich, alle die Wahrsagerschwänke wieder in ihr Gedächtniß zu rufen, die sie einst von Kartenschlägerinnen gesehen. Da es ihr nicht zum Besten gelang, so half sie sich mit dem trostreichen Spiel aus, das man in vornehmern Kreisen grand' patience nannte, und sie mochte sich dabei denken, was sie wollte: die Karten gaben immer ihren Consens dazu. Das Spiel 130 ging immer glatt aus. Es war ein Glück zum Verzweifeln eigentlichsten Sinne, denn Veverls Augen wurden dabei vor Ungeduld und Unwillen naß, und ihr Fuß stampfte gar oft behutsam die Erde. »Ist das desperat!« murrte sie, so oft alles zugetroffen: »Die z'nichten Karten wollen immer, und der Herr Vater will doch nicht , und die Mutter ebensowenig. Die falschen Karten, die verlogenen Karten!« Sie hätte etwas darum gegeben, wenn nur ein paar Ober aufeinander liegen geblieben wären, um sie wegen der Wahl des Abzugs in Verlegenheit zu setzen. Umsonst: alles so rein und klar wie der Tag. Ueber eine Stunde saß sie schwitzend bei der Arbeit, ungestört von den Weibern, obgleich diese manchmal aufpassend den Kopf in die Thüre steckten. Doch hörte Veverl alsobald auf, als Martina sich rührte und aufwachte mit bequemem wohlbehaglichem Dehnen, als hätte sie vierundzwanzig Stunden mindestens im erquickenden Schlummer zugebracht. – »Bist wieder da?« redete Veverl die Freundin an. – »Ja freilich. Hab' ich lang geschlafen?« – »Nicht doch. Was länger hätte Dir getaugt.« – »Hm, es ist mir doch leichter. 's war, wie man eine Hand umdreht. Zum Sterben schwer, und dann wieder auf einmal, als ob der Guckuck mir dreißig Jahre in's Ohr riefe.« – »Der Guckuck war die Großmutter, Du arme Haut. Ich dachte, sie würde Dich todtmachen vor lauter Schreck.« – Martina lächelte; es war aber nicht jenes peinliche Lächeln, des Todtenvogels Flügelschlag, sondern beinahe wie in guten alten Tagen; das Aufgehen einer Rose, oder das lustige Aufplatzen des Granatapfels. Martina hob dabei sogar die ausgemergelten Hände zum Kopf und strich ihre Haare aus der Stirne. Die Bewegung trieb ihr etwas Blut in die Wangen, sie schienen zu erblühen und die Haare schienen zu erglänzen im Wiederschein der Wangenröthe. Die Erscheinung war zwar nur von kurzer Dauer, und das Jungfrauenantlitz wurde weiß wie zuvor, aber die Züge hatten 131 schon mehr Haltung und Mark. Ruhe war darin zurückgekehrt und Geist in die Augen. »Was todtmachen?« antwortete das Mädchen auf Veverls Bemerkung: »das sind Dummheiten. Wer sagt denn, daß ich sterbe, und daß ihr alle hinterdrein müßt? Nein, nein, Veverl. Einmal hab' ich's selbst geglaubt und gesagt, aber Gott sey Dank, es ist nicht wahr; ich fühl's, und die Dokters sollen mich auslassen. Ich weiß besser, wie's mit mir steht. Veverl, ich hätte so viel Hunger. Bitt' gar schön um 'was zu essen.« – Nun, so möcht' ich selber tanzen vor Vergnügen!« jauchzte Genovefa, indem sie etwas Eingesottenes ans Bett trug, und die Genesende fütterte wie einen Kanarispatz: »das ist wenigstens nicht der Tod, der mit Dir ißt, mein liebes Hascherl.« – Martina beutelte lächelnd den Kopf und schlürfte die Preisselbeeren mit Lust und Behagen. »Ich muß der Nahnl danken,« sagte sie abgebrochen zwischen einem Löffelvoll und dem andern: »sie hat mir den Kopf zurecht gesetzt mit ihrem Sprenger. Zuerst war's die Galle über den alten Bräutigam, die mir das Leben aufjagte; nachgehends kam's mir so lustig vor, zu denken, daß der alte Heiter mich gern zur Frau möchte, und so hat sich's denn gegeben und gelegt mit mir, daß mir jetzt der Baron vorkommt, als wie ein Senfpflaster, das ich auf dem Magen gehabt hätte. Veverl, der Gedanke, die gnädige Frau von Sprenger zu werden, könnte Einen vom Tod erwecken.« – »Vor Freude?« fragte Veverl verdrießlich. Martina hätte gern laut gelacht, wenn sie nur schon dazu die Kraft gehabt hätte. »Warum nicht gar?« sagte sie: »vor Spaß, meine ich. Mach' ein freundlich Gesicht, Veverl, das macht mich früher gesund.« – »Ja, wenn überall freundliche Gesichter helfen könnten! aber nicht diese und auch nicht die Karten sind zu 'was nutz.« – Martina, trotz ihrer Schwäche, richtete sich etwas auf, und las befremdet Zug für Zug in Veverls Angesicht durch. »Es 132 ärgert Dich wohl, daß ich mich besser befinde?« sagte sie mit jener Reizbarkeit, die den Kranken, welche nach Mitleiden schmachten, so eigen ist. Veverl fühlte sich beschämt. Sie heiterte ihre Stirn möglichst auf, küßte die Freundin vielmal, und getröstete sie ihrer unveränderten Liebe und Anhänglichkeit. »Ich hatte Wunder,« entschuldigte sie sich beinebst, »ob Du denn schon den guten Seraphin vergessen hättest.« – Jetzt war's an Martina's Stirn, sich zu verfinstern, und das Mädchen antwortete langsam: »Vergessen? das sagst Du mit Fleiß Etwas mit Fleiß sagen: etwas im Scherz reden oder behaupten. , Veverl; das ist nicht Dein Ernst. Vergessen? das kann ich bis in Ewigkeit nicht. Aber verloren hab' ich ihn einmal, und was will ich thun? Wo er ist, ich weiß es nicht. Was er gethan hat? ich weiß nur, daß er kein Dieb ist. Ob mir ungetreu geworden? das wär' möglich. Frag' nur die Tante Lenerl, wie's die Mannsbilder machen. Sie weiß etwas davon zu erzählen. Nun, wie Gott will. Aber Gott wolle mir auch die Sünde verzeihen, daß ich einmal gewünscht habe, todt zu seyn. Das Leben ist doch so fein, und die Eltern, die so viel gut mit mir sind, und so viel viel Sorge um mich haben, sollen nicht durch meinen Tod betrübt werden, so lange ich noch ein Zuckerl thun kann. Bin's ihnen schuldig; hab' mir's Leben nicht selber gegeben. Ah, jetzt bin ich wieder müde, mein Schatzl. Ah, ich schlafe schon wieder ein.« – »Die ist g'scheit, die hat 'n Verstand!« rühmte Genovefa ganz heimlich sich selber vor: »da komm' ich nicht nacher. Ich möcht' gern mit dem Kopf durch die Wand rennen, und sie schwimmt, wie 's Wasser lauft. Glückliches Madl.« Sie war in der That glücklich, die Kranke, denn die Augen waren ihr zugefallen, und wie Eine, die in den Himmel lächelt, schlummerte sie. Nun kam die ganze Sippschaft, die im Vorgemach gewartet, herein, und Veverls Bericht erfüllte alle mit Wonne, und diese Wonne durfte sich in Worten nicht gar zu leise äußern, wie der Jubel es liebt, denn Martina hatte diesmal einen 133 gesunden Schlaf, und wenn der altberühmte kaiserliche Graf von Tirol, der Max, seinen »Weckauf« und den »Purlepaus« hätte vor dem Markt abschießen lassen, sie wäre vielleicht nicht erwacht, Martina, seines geliebten Berglandes liebe Tochter. – »Ich bin in die Haut hinein froh,« sagte Tammerl: »wär' das Madl gestorben, ich hätt' den Peterl nicht mehr vor Augen sehen können. Jetzt stift' ich eine heilige Meß' bei den Kapuzinern« – »Ich verspreche der Muttergottes von Trens einen neuen Rock,« fiel Marianne ein, und dann Martha: »ich will einen armen Studenten von Fuß bis zu Kopf kleiden. Und Lenerl: »ich sticke selber ein Meßgewand für die Serviten auf der Waldrast.« – »Ich will herschenken, was ich aufgespart habe,« setzte die Genovefa hinzu.« – Denn ich habe bei den Kapuzinern beten lassen,« fuhr Tammerl fort. »Und die alte Zaya ist für mich nach Trens gewallfahrtet mit Erbsen in den Schuhen,« sagte Marianne. – »Und das Gnadenbild auf der Waldrast hat sich wunderthätig bewiesen,« sagte Lenerl. »Die Martina hat halt eine Natur von Eisen,« sagte Genovefa, und die Großmutter mit Wichtigkeit: »Die Freude hat ihr 's Leben erhalten. Der Herr von Sprenger wird sie glücklich machen, zur reichen Frau, mit Kutsch und Pferden. Das hat ihr wieder Lust und Genesung beigebracht« – »Ist das auch gewiß?« warf die Tante bedauernd hin. Die Großmutter rümpfte stolz die Nase: »Das Madl haltet's mit der Welt wie sie ist, und macht sich keine Fabeln vor, wie gewisse andere Leute.« – Worauf die Tante, schmerzlich verletzt: »Kann denn die Frau Mutter nicht einmal heut ein'n Fried' geben?« – Eine ziemliche Stille erfolgte nun, die erst Tammerl unterbrach. »Wenn's nur mit der Besserung anhält! Wie es heut geläutet hat, hat die Uhr zugleich die Stunde geschlagen, und das bedeutet nichts Gutes.« – »Hm!« machte die Hausfrau: »muß es 134 gerade für uns übles bedeuten? Es sind noch mehr Leute auf der Welt.« – »Die Martina hat in der Taufe geschrieen, und dergleichen Kinder, sagt man, werden nicht alt.« – »Ei was,« redete Frau Martha drein: »ich soll auch geschrieen haben, als ob ich am Spieß steckte, und siehe: ich hab' doch meine Jahrln auf'm Buckel.« – Der eigensinnige Tammerl wackelte mit dem Kopf, und predigte immer fort: »Ich sag's, die Vögel, die am Morgen so früh singen, verrecken gern am Abend.« – »So geht's auch mit den Menschen, der Schwager hat recht: nur wollen wir erst den Abend der Martina kommen lassen,« tröstete Lenerl. Die Hauptsach' ist,« begann wieder die Nahnl, daß das Madl bald einen braven Mann kriegt.« – »Das wird sie auch« nickte Tammerl: »sie hat immer die Katz so viel gern gehabt, und selbige Madln . . . .« – »Das wissen wir schon, Herr Tammerl,« unterbrach ihn Genovefa. »wenn's so ist, werd' ich niemals einen braven Mann bekommen.« – »Der Mann ist gefunden,« sprach Martha: »er heißt Sprenger.« – »Meinetwegen,« bestätigte Marianne: »wenn er nur nicht Seraphin heißt. Daß mir niemand mehr von dem undankbaren Buben redet.« – »Hab' mir's oft gedacht, daß es nicht zum guten End' kommen würde,« bemerkte nun Tammerl, zum erstenmal in seinem Leben: »dem Madl ist das Schuhbandl so viel oft aufgegangen, und das bedeutet immer, daß der Bräutigam andern nachläuft. Ach, Du mein Erlöser, wer wird meinen Dukaten nachlaufen? Ich bin ein geschlagner ruinirter Mann. Na, hab' ich erst die Martina verheirathet, so schaff ich mir gute Locker an, und thu' gar nichts mehr, als auf die Zeiselen gehen. Mit den Kanari hab' ich kein Glück mehr, das ist aus und vorbei« – »Hast recht,« antwortete ihm die Ehehälfte spitz: »laß' Dir nicht mehr vom seligen Vater träumen, oder glaub' ihm vielmehr 135 nicht, wenn er Dir wieder einen hergelaufenen Bub' empfehlen sollte.« – Tammerl setzte sich zur Wehre, wie ein zürnender Hahn. »Hör' Du,« begann er: »mit selbiger Erscheinung ist noch immer nicht zu spassen. Stell' Dir vor, ich saß . . . .« – »Schon gut, ich weiß es schon lange.« – Nun wendete sich Tammerl an die andern Weiber. »Es war eines Nachmittags . . . .« – »Der Schwager hat uns das so oft erzählt,« erinnerte Lenerl und ergriff die Flucht. – »Da kam der Vater, ich seh' es noch, wie ich euch sehe . . . .« – »Behüte, ich will von dem Seligen nichts hören!« rief Martha und lief der Tante nach. – »Er hatte, wie im Leben, seine Brille . . . .« – »Das ist nicht auszuhalten!« schalt Marianne und machte sich durch wie die andern. – »Aber so höre doch nur . . . .« – Tammerl segelte der Seinigen nach, entschlossen, um jeden Preis einmal wieder seine Geschichte anzubringen. Dergestalt war Genovefa wieder allein bei Martina, und diese erwachte, wie auf ein Kommandowort. »Welch' ein Lärm?« fragte die Kranke. – »Ach, sie hätten sich fast gezankt,« entgegnete Veverl: »nur in einem Stück sind sie einverstanden. Sie wollen Dich absolut dem Sprenger geben.« – Martina machte eine Bewegung der Ungeduld. – »Du bist grantig, Veverl, Du hast mich nicht lieb; Du thust mir weh. Warum? Sag' mir: was geht in Dir vor?« – Genovefa wäre bald in Thränen ausgebrochen, als sie versetzte: »Es geht in mir vor, daß ich halt gerad so gut verliebt bin, wie Du, verliebt, 's ist gar aus; und daß ich unglücklich bin, 's ist nicht zum sagen.« – »Du, Du, Veverl?« – Genovefa erzählte nun mit der bewundernswürdigen Geläufigkeit ihrer Zunge den ganzen Hergang ihrer Liebesgeschichte; daß Oswald so lang schon abwesend, ohne nur einen Gruß und »G'segn' Dich Gott« zu schicken; 136 daß dieses schon ein großes Elend, aber daß der größere Jammer darinnen bestehe, daß am Abend des Hinweggangs des Geliebten der Vater ihr angekündigt, der alte Idelstein habe für seinen Sohn um sie angehalten, und er hab' es zugesagt, und im Frühjahr würde Nepomuk kommen und drei Wochen darauf die Hochzeit seyn. Und das halt' ich nicht aus, und das werd' ich nicht thun, und müßt' ich ganz Imst umkehren,« betheuerte Veverl, »und wenn Du thun wolltest, wie ich, Du armes Schafl, das sie auch verkaufen wollen an einen alten Geißfuß, so geh'n wir beide in's Kloster, und das müssen die Eltern zugeben, denn wir wollen die ganze Klerisei hinter sie jagen, und die geistlichen Herren setzen alles durch, was sie wollen. Dann wollen wir als ein paar Klosterschwestern freundselig mit einander leben, wie wir's gewohnt sind, und die schieche böse Welt vergessen, die nur Dörner und feurige Laurenziroste für uns zu spendiren hat. Gelt, Martina, wir thun's?« – Martina überlegte kaum eine Viertelminute, und gab dann die Antwort von sich: »Was mich angeht, Veverl, so mag ich nicht in's Kloster. Ich hab' einen Abscheu davor, und Du wirst Dich, hoffe ich, noch anders besinnen.« – »Wie, Martina? Ich fall' aus den Wolken, Dich also reden zu hören. Ich hätt' mir eher den Tod eingebildet, wahrhaftig. Du wolltest lieber den Sprenger ehelichen, als . . .?« – »Viel lieber, mein Veverl. Ich will denken, daß ich auch dieses nicht werde thun müssen, aber lieber als eine Klosterfrau würd' ich die Frau von Sprenger, das ist wahr.« – »Nun, so muß bald der jüngste Tag kommen. Du, so verliebt in den Seraphin . . . .« – »Ei, die Lieb' wird nicht aufhören, Veverl, aber wenn er doch für mich verloren ist, will ich nicht im Kloster noch härteres Ungemach ausstehen.« – »Nun, wie Du willst. Mein Vorsatz ist felsenfest. Du bist ein Weltkind, Martina, aber ich bin standhaft 137 über die Ewigkeit hinaus.« – Martina kicherte unter ihrer Decke über den Stolz und die Vermessenheit der flatterhaften Freundin. »Es wird Dir schon anders kommen,« sagte sie dann freundlich. »Dir möchte das Kloster noch weniger anstehen, als mir, Du meine liebe Genovef'. Was drängst Du aber mich und Dich selber, als ob schon alles verloren wäre? Kann Dein Vater nicht seinen Spruch zurücknehmen? Kann Seraphin nicht heute oder morgen wiederkehren, und ist dann nicht alles, wie zuvor? Mein, mein, schweige und sey ruhig. Gott wird's schon machen nach seinem Gefallen. Er stärkt mich wunderbar. Ich möchte heut schon aufstehen, wenn's dem Geist nach ginge. Aber vernünftigerweise will ich im Bett aushalten, und wünsche nur, einmal wieder vom Seraphin zu träumen. Der Falsche hat mich sogar in meinen Träumen verlassen« – »Da will ich Dir etwas rathen,« versetzte Genovefa altklug wie eine Wunderdoktorin: »Wenn man unter's Kopfkissen ein Packl Melissen legt, und vor dem Einschlafen steif und fest an die Person denkt, die man im Schlafe sehen will, so fügt sich's, daß es geschieht, und das Verlangen befriedigt wird. Probir's, Martina; schaden kann's ja nicht.« – »Ich danke Dir, mein Schatz; gib mir die Melissen dort vom Tisch. Besser als der Thee daraus, soll mir eine Unterhaltung mit dem lieben Buben bekommen. Gib her; so; leg' es auf meine linke Seite, wo das Herz ist. So; nun noch das Nachtgebet, und Gott verleihe dann seinen Segen.« Das so warm empfohlne sympathetische Mittel bewies sich, den Versicherungen Genovefa's und Martina so festem Glauben zum Trotz, unwirksam. Die Genesende träumte gar nicht, oder vielmehr blieben ihre Träume nicht in ihrem Gedächtniß haften. Wenn indessen das Kunststück geglückt wäre, so hätte eben in jener Nacht die Sehnsüchtige ihren Liebsten in einer Umgebung sehen können, 138 die ihr noch befremdender vorgekommen wäre, als sie ihm selbst erschien; sie hätte sich vielleicht geängstigt, und die Angst würde ihr geschadet haben. Nicht unter'm spiegelklaren Winterhimmel, der just über Tirol ausgespannt war, nicht im Nebelgraus, das Hollands Küsten überzogen hatte, nicht vor dem gewaltigen Kaminfeuer einer Herberge in Altengland saß in jener Nacht der arme, dem Vaterland und seinem Glück entrissene Vintschger. Es trieb schon unter milder Zone, ein Schiff dahin auf ruhigem Meere, ein Schiff unter der Flagge der Mynheers, ein Schiff, vollgepfropft von schlummernden Soldaten und fluchenden Bootsknechten. Seraphin befand sich auf der Fregatte; doch schlief er nicht, wie seine Gefährten. Er wachte und sprach viel, und sprach an einem Orte, dessen Luxus nicht sonderlich zu der magern blauen Uniform paßte, worein man den freien Sohn der Gebirge gesteckt hatte. Als ein gemeiner Musketier, das kleine Hütchen auf den Knieen haltend, ohne Säbel oder Bajonet, saß er nichts desto weniger auf einem seidnen farbig geblümten Stuhl, und um ihn her glänzten Mahagonywände und Säulchen mit vergoldeten Knäufen. Prächtige Waffen hingen an den Wänden. Aus der halbgeöffneten Koje schaute lockend ein schmales, aber höchst bequemes Bett. Davor, in einem Lehnstuhl, der sich zum Tammerl'schen verhielt, wie des Großmoguls Krone zu der venetianischen Dogenmütze, saß ein stattlicher Mann, dem man den Kavalier schon von ferne anmerkte, und der von den funkelnden Achselquasten bis zu den blitzenden Steinschnallen auf seinen Schuhen, in Parade und vollem Anzug war. Ein Federhut bedeckte seinen Kopf, seine Linke spielte mit einem kleinen goldnen Degen, der über seinen Knieen ruhte. Auf die rechte Hand stützte er sich, und hörte mit erbaulicher schier ungewöhnlicher Theilnahme dem gemeinen Musketier zu. Man sah ihm an, daß er kein Wort 139 verlor, wenn auch jedes Wort deutsch war, und verachtet von dem übermüthigen Holländer, dem stiefbrüderlichen Abkömmling deutscher Mutter, deutschen Vaterlands. Aber der blanke Offizier war auch kein Holländer, und darum lauschte er mit Entzücken der langvermißten südlich deutschen Zunge. – »Wir hatten also,« so erzählt Seraphin ohne Furcht, »alles verkauft, den Erlös in Papiere umgesetzt, und sahen uns nach einer Fuhrgelegenheit zu Wasser oder zu Lande nach der Heimath um. Der gnädige Herr Gouverneur kann sich nicht einbilden, wie mir das Herz vor Freuden schlug, aber mitten durch kam öfters ein Gefühl als sagte mir Einer: Du, paß auf; 's kommt noch 'was. – Mein Kamerad, der zu Amsterdam Bescheid wußte, lief hin und her, um aufzutreiben, was wir suchten. Hatte es auch, wie er sagte, schon gefunden, und es kam nur darauf an, mit dem Patron ernsthaft zu reden, daß er uns arme Vogelträger nicht über die Ohren hieb; denn mit dem deutschen Muff machen die Holländer weiter nicht langen Prozeß. Wir sollten's beide bald erfahren, und an der ganzen Schlechtigkeit dauert mich am meisten, daß ein Landsmann – nein, Gottlob! kein Landsmann aus Tirol, sondern ein Bayer uns in die Patsche führen mußte. Nun, es kurz zu machen: so wie der Egidi auf'm Geschaftln war, bin ich in den Gassen und an den Kanälen umherspaziert, und hab' mir die Raritäten angesehen und immer auf mein Geldl acht gegeben, das ich in einem Gurt unter dem Brusttuch trug. 's war viel, recht viel für uns, gnädiger Herr Gouverneur, und ich hätt' mir daheim noch ein viel bessres Bildl einlegen können . . . es sollte halt nicht seyn.« – Nachdem der arme Soldat mit dem Aermelaufschlag über sein Auge gefahren war, nahm er wieder den Faden seines Berichts auf: »So steh' ich denn einmal – nicht weit war's vom 140 Hafen – vor einem Paperl, das Einer aus Indien gebracht hatte, und das Paperl schrie, daß mir die Seel' im Leib gelacht hat: Oranje boven! und allerlei, das ich nicht verstand, aber doch hatt' ich bald den Narrn an ihm gefressen, denn die Vögel, Excellenz Gouverneur, die Vögel sind halt meine Passion und Profession. Steht mir im Angesicht ein Kerl, den ich kenne, ich mag ihn anschauen, wie ich will. Kennt mich der Kerl auch, und kommt herüber und sagt treuherzig: »Bist Du nicht der Seraphin von Burgeis? ha, ha, 's ist schon lang, daß wir die Schlittenfahrt miteinander gemacht haben. 's ist auch schon lang, daß wir auf dem Jauffen uns disputirt haben! Na, nur nichts für ungut. In der Fremde müssen die Landsleut' zusammenhalten und Dir geht's pudelwohl, wie ich weiß, und mir geht's erbärmlich schlecht. Hab' den Holländern gedient, so treu, daß es gar aus war, und doch haben sie mich jetzt fortgeschickt, und ich hab' nichts als diesen lumpeten Kittl und den Bettelstock, und wenn noch ein Geld in der Welt ist, so weiß ich doch wenigstens nicht, wie's ausschaut. – So haben wir hinüber und herüber geredet, und der Mensch hat mich derbarmt, wenn er schon der Kölbl war, und wir uns nicht wohl haben leiden können. Aber ich bin einmal so ein Tschappl. Die Zeit und mein guts Herz putzen gar bald alles von der Tafel, wo sich Einer bei mir angerußelt hat. Oho! sag' ich: willst heimwärts gehen? Kannst mit uns. Der Egidi hat Dich zwar im Magen , aber ich will ihm schon zureden, und führ' Dich nur gut mit uns auf, hernach wird's schon werden. – Sagt' er drauf: Sakra – bitt' um Verzeihung, Excellenz, aber der Kerl hat immer so geschworen – Sakra, sagt er also: das wär' mir schon recht und das geht mir ein, hat er gesagt. Doch hab' ich da drinnen – ich weiß nicht mehr wie das Diebsgassel sich schreibt, 141 wo er hingedeutet hat – da drinnen also, sagt er, hab' ich noch einen Bären angebunden, und wenn Du ihn vielleicht ablassen willst, so wär' mir's schon gar recht. – Ich sag': z'wegen meiner, wenn's nicht viel ist; und er meint, es seyen nur ein paar Schilling oder dergleichen. Gehen wir also leider in das Gassl und in das Haus, und darinnen haben Seelenverkäufer ihre Wirthschaft getrieben. Das hab' ich nicht gewußt, sonst denk' ich mir, daß ich außer geblieben wäre. Der Egidi hat mich viel davor gewarnt gehabt; aber es mußte halt einmal kommen, wie es kam: ich konnte nicht helfen. Wir setzten uns in die Spelunken, in ein Kammerl, hinten hinaus, und aßen Erdäpfel und tranken Genever; aber in dem Branntwein müssen sie mir 'was gegeben haben, denn ich bin ganz damisch worden, und wie ich mich umschaue, ist der Kölbl fort, und der Spitzbub' von Hausherrn sagt mir unter's Gesicht, ich dürfe nicht mehr fort. Ich sey an ihn verkauft, und er habe mich an die Regierung verkauft, und ich müsse Soldat werden, und das sey alles. Mir war's schon mehr als genug. Ich rebellirte, schrie nach Hülfe. Auf einmal kommt der Egidi herein, der ich weiß nicht von wem erfahren, daß ich in dem Sündenstall eingeschlossen sey. Er prügelt den Wirth und den Kölbl, der ihm nachgesprungen war, schlägt dem Letztern ein Aug' wurz aus dem Kopf, daß es ihm über die Backen hing. Indessen kommen die Schergen und führen ihn fort, lassen mich aber in dem Seelenverkauf zurück, denn leider hat die Regierung diese Teufelslöcher unter ihren Schutz genommen, wie ich hören mußte. Mit mir war's vorbei; gegen die Gewalt kommt der Stärkste nicht auf. Die Henkersknechte waren schon daran, mir mein Geldl zu nehmen; kommt ein Offizier dazu, und nimmt's den Schurken wieder weg; hat mir's freilich nicht wiedergegeben, aber immer hab' ich's der hungrigen Regierung 142 mehr vergönnt, als den Hunden von Seelenverkäufern. Bin dann in's Rekrutenloch gesteckt worden, und nach mehreren Tagen in diesen Rock und auf's Schiff. Da hab' ich hören müssen, daß mein braver Egidi in's Zuchthaus hat marschiren müssen, weil er einen Amsterdamer schwer geschlagen und dem Kölbl ein Aug' aus dem Schädel gehackt hat. Der arme Kerl! den Egidi mein' ich. Die Herren von Holland hätten sich um den Kölbl, den sie wegen schlechten Lebenswandels abgedankt hatten, nicht mehr angenommen, wenn der Egidi ihm nicht mit seinen Pratzen aufgewartet hätte. Nun, basta, wie der Grödner sagt; weiß nicht, was aus dem Kölbl geworden; denk' aber, der Hanf wird schon irgendwo für ihn gesäet seyn. Wohl bekomm' ihm indessen der Judaslohn, den ihm meine Haut eingetragen hat.« – Seraphin seufzte tief aus der innersten Seele aus. Der Herr Gouverneur von Surinam – denn eine geringere Person war der schmucke Herr nicht – nickte mit dem Kopf, als ob er über etwas sehr nachdächte, und brach in die freilich nur halblaut gesprochenen Worte aus: »Es ist nach meiner Meinung der hohen Regierung unwürdig, solche Menschenräuberanstalten zu dulden und zu ermuthigen. Doch hat der Uebelstand auf der andern Seite wieder Entschuldigung verdient. Der Staat ist klein, und braucht für seine Kolonieen und Flotte außerordentlich viel Leute. Eine offne Werbung brächte die Masse nicht auf. Der Patriotismus des Einzelnen, wenn's darauf ankömmt, Haut und Haar den Negern oder den Malaien, der tropischen Sonne und den tödtlichen Fiebern entgegenzutragen,. darf nicht zu hoch veranschlagt werden. Darum wird bis auf besserer Zeiten Ankunft dieses Menschenpressen tolerirt. Es läuft nicht immer Schurkerei mitunter. Aber mich verdrießt besonders, daß bei Dir der Zwang so gehässig angewendet wurde. So gelangtest Du denn auf dieses Schiff 143 – und in diese Kleider. Kamst gar nicht mehr an's Land?« Seraphin lachte: »Oho! sie haben klug daran gethan, mich nimmer außer zu lassen. Ich wär' nicht wiedergekommen, und hätte auch gut daran gethan. Der gnädige Herr wird's selber sagen müssen. Aber ich bin ein Narr und ein z'nichter Mensch, wahrhaftig!« Er verkehrte sein lustiges Gesicht in ein tiefbekümmertes. Mit Sanftmuth fragte der Gouverneur: »Warum denn, Tiroler, warum denn?« Seraphin antwortete: »Ich kann lachen, lachen, wenn daheim vielleicht ein braves Kind in Zähren sitzt, wie eine Magdalena, nur unschuldiger als diese; aber in Zähren um meinetwillen! Wär' ich nur noch ein kleiner Bub', und dürft' mich recht ausrehren!« Der Gouverneur fand Vergnügen an der biedern Einfalt des Vintschgers. Er sagte: »Ein Mann darf nicht mehr weinen; das ist Ordnung und Herkommen. Sag' mir lieber, wie die Balgerei entstanden ist, die Dir so übel bekommen kann?« Seraphin versetzte mit Entschlossenheit: »Und wenn der Kapitän mich todtschießen oder todtprügeln läßt noch heute, ich werde nie bereuen, was ich gethan. Der Gefreite wollte mir ein Kleinod abnehmen, das ich seit manchen Jahren auf meiner Brust getragen habe. Es ist von der Mutter selig, und geht den Gefreiten, der's aus Zufall inne wurde, nicht an. Ich bat ihn, mich in Ruh zu lassen, dann warnte ich ihn in Güte, dann drohte ich ihm, und als der grobe Zackler den anderen Kesselkameraden zurief: ich hätte ein katholisches Götzenbild am Hals, oder gar gestohlnes Gut, so war ich hinreichend als Sohn, als römisch-katholischer Christ und als ehrlicher Kerl beleidigt, daß ich ausfuhr und den Verläumder schlug.« – »Ei, das hast Du bös gemacht. Das Kriegsrecht 144 wird Dir's Leben absprechen,« sagte der Gouverneur mit Nachdruck. – »In Gottesnamen, Herr Gouverneur Excellenz. Was liegt mir an meinem bissel Leben, da ich die Martina nicht mehr zu sehen kriege? Besser, ich sterbe gleich hier auf dem Schiff, am Mastbaum aufgehenkt, als daß ich mich von einer eckelhaften Krankheit abgewürgt sehen müßte. In Surinam, sagen die Leute, sey das Grab der Deutschen. Das ist also gehupft, wie gesprungen. Mich verdrießt aber, daß sie mir das Halsbatzl genommen haben, und thät schon gern bitten . . . . wenn ich's wieder haben könnte? Der Herr Gouverneur Excellenz und Gnaden haben sich, weiß nicht warum, um mich armen Teufel angenommen, und selber gewunschen, mich zu sehen, und wenn Sie jetzo die Gnad' haben wollten, mir vom Kapitän das Halsbatzl . . . . ach, ich könnte ja nicht ruhig sterben, wenn ich's nicht bei mir hätte! Nachgehends kann's nehmen, wer will; ich kann's nicht hindern, obschon ich daheim Leute wüßte, denen ich's eher gönnte. Aber wie sollt' ich's ihnen schicken mitten aus dem Meere? wer sollt' es ihnen bringen?« – »Ist's das da?« fragte der Gouverneur, und hob ein glänzendes Schmuckstück in die Höhe. – »Ja, ja, bei'm Eid, ja, es ist's. – »Von Deiner Mutter?« – »Ach ja, gnädiger Herr . . .!« Der arme Bursche tappte darnach, und legte die Hände bittweise zusammen. »Von Deiner seligen Mutter? sagtest Du nicht so?« – Da vergaß Seraphin Ordnung und Herkommen, und schluchzte, und nickte mit dem Kopfe, und schlug die Hände abermals zusammen, drei, viermal, wie Kinder thun, die ungestüm bitten. – »Da hast Du's wieder?« sprach der Gouverneur bewegt und reichte es ihm hin, der's augenblicklich wieder fröhlich im Busen verbarg. »Trage es als ein braver Sohn bis in den Tod.« – Seraphin spürte so etwas, als sollte er auf die Kniee sinken. Er that dieses wohl nicht, aber er küßte und schüttelte des gnädigen 145 Herrn Finger, küßte sein Kleid: »Sie sind so gut, Excellenz, das thut mir so viel wohl . . . . ach, Sie haben mich nicht gehalten wie einen Gefangenen, haben mich ohne Ketten eintreten, haben mich sitzen lassen vor Ihnen . . . ach, ich danke Ihnen, daß Sie mich wie einen Menschen geachtet haben . . . .« – Um dieser aufregenden Scene ein Ende zu machen, zog der Gouverneur die Glocke. Ein Unteroffizier trat in die Kajüte, um den Arrestanten abzuholen. Bevor er ging, sagte ihm noch der gnädige Herr: »Es soll geschehen nach Deinem Verlangen. Sollst nicht mehr lang leiden, armer Narr.« – Obgleich Seraphin unter diesen Worten nichts anders verstehen konnte, als ein baldiges Aufknüpfen am Mastbaum, dennoch war er damit zufrieden. Wie sollte ihm bangen vor dem Tode, da Martina für ihn verloren, und da im Himmel Mutter und Schwester ihn mit offenen Armen erwarteten? – Es war gut, sehr gut, daß Martina dieses alles nicht im Traume gesehen. Freilich, wäre der Traum ein honetter Traum gewesen, so hätte er ihr als ein Gegenstück zu dem trüben Bilde vorherzeigen können, was am andern Tage geschah. Sie hätte erfahren, daß der Gouverneur den geschlagnen Gefreiten rufen ließ, und ihm, dem grauhaarigen, eine Schreiberstelle bei'm Rathfiskal der Kolonie Surinam versprach, wenn er sich barmherzigst erinnern wollte, daß es schon lang mit des Tirolers Kopf nicht richtig gewesen, und daß dessen kriegsartikelwidrige Widersetzlichkeit nur eine Folge seiner Geistesverwirrung. Der Traum hätte hinzugefügt, daß der Veteran die ruhige Stelle zu Paramaribo mit Dank annahm, und ein Protokoll im Sinn des Gouverneurs unterschrieb; daß der edle Mann die Offiziere zusammenberufen und ihre Einwilligung in sein Vorhaben empfangen; daß er sodann unverzüglich kraft seiner 146 statthalterischen Allgewalt einen Begnadigungs- und Entlassungsbrief zu Gunsten des Vintschgers aufgesetzt, und mit seinem Namen »Abraham van Nieuwenvlyt, Generalfeldwachtmeister« unterzeichnet, und daß somit Leben und Freiheit des Bedrohten gerettet worden. – Aber die Melissen thaten eben nicht ihre Schuldigkeit, und der Traum war auch nicht an und für sich ein guter Freund, der ungerufen kömmt, sonst hätte er mehrere Tage später wenigstens, ohne sich in große Unkosten zu versetzen, der sehnsuchtsvollen Martina bei Gelegenheit einfach erzählen können, was noch ferner auf dem Schiffe, das nach Surinam segelte, vorging. Es stand so zu sagen still auf der weiten Fluth, nirgends war eine Küste zu sehen. Ein anderes Kriegsfahrzeug, von dessen Flagge der Löwe mit dem Pfeilbündel herniedersah, schaukelte sich unfern von der Fregatte in müßiger Erwartung. Unter dem Gezelte des Verdeckes saß Mynheer van Nieuwenvlyt im Kreise seiner Familie; Frau und Kinder, ein hübsches rothwangiges schon halb aufgeschossenes Geschlecht, umgaben ihn. In ehrerbietiger Entfernung standen die Offiziere der Expedition. Und vor dem Gouverneur, den Begnadigungsbrief in der Hand, stand der ehrliche Tiroler, und hörte mit Verwunderung und Entzücken, wie ihm auf deutsch, den andern unverständlich, als nur seiner Gattin nicht, der Gouverneur sagte: »Du bist frei, Landsmann, und wirst auf jenes Schiff Dich begeben, das wie gerufen uns entgegen kam, und nach Holland zurück segelt. Mein Sekretär – noch mehr: mein Freund, den ich nur ungern von mir lasse, um sein Leben zu erhalten, welches, wie ich fürchte, in Guiana sich verzehren würde, wird unter seinem Schutze Dich nach Europa bringen, und mit Dir versuchen, ob Dein Geld noch zu finden und wiederzuerhalten. Folge ihm in allen Stücken. Er hat gemessene Instruktionen, und – ich zweifle nicht – 147 er wird sie Dir zum Frommen, mir zur Freundschaft gewissenhaft vollziehen. Der Gouverneur reichte dem jungen herbeigetretenen Mann, der so leidend aussah, als hätte ihn das böse Fieber schon am Kragen, mit herzlichem Gefühl die Hand. – »Damit Du aber wissest, Seraphin, welchem Umstand Du eigentlich meine Verwendung für Dich verdankest, so will ich Dir nicht verbergen, daß Deiner lieben Mutter Angedenken kräftig für Dich zu meiner Menschlichkeit gesprochen hat. Ich hatte sie einst so gern, so lieb, wie Du jetzo Deine Braut, und es war eine Liebe, die sie theilte, deren wir uns beide nicht zu schämen hatten. Ich hätte meinen Adel, meinen Degen, meines Lebens Hoffnungen mit leichtem Muth hingeworfen, um sie die Meinige zu nennen; allein, wenn ihre Liebe groß war, so war doch ihr Verstand und ihre Rechtschaffenheit noch größer, und sie bewahrte den ihr von Gott geschenkten Herzensadel auf eine standhaftere Weise, als etwa Tausende an ihrer Statt gethan haben würden. Sie erinnerte mich an das, was ich meiner Geburt und meinen Eltern schuldig sey. Sie wies mich zurück auf die Bahn, die mir vorgezeichnet war. Sie entsagte mir, um mich meinen Pflichten gegen Haus und Vaterland zurückzugeben. Ich sage ihr noch heute Lob und Preis. Mein Schmerz war heftig, doch löschte ihn die Zeit; und die Liebe meiner Gattin, die ich, ohne Reue zu befürchten, wählen durfte, heilte mich gänzlich, machte mich zum glücklichsten Manne.« Seraphin starrte den Mann, der also redete, mit begierigen Augen an. Es war, als fielen ihm die Schuppen von denselben. Jetzt erst errieth er noch in den Zügen des Gouverneurs die Aehnlichkeit mit jenem jungen lebensfrischen Kopf, den er im Bilde bei dem Herrn mit der Flitsch'n zu Innsbruck gesehen. »So; Sie also . . . .« sagte er schüchtern, wenn gleich frohlockend: »Sie sind's gewesen, der . . . . der meiner guten Seligen das Halsbatzl geschenkt haben? Oho! Sie sind alt geworden, Herr, doch . . . das versteht sich ja . . . es ist so lange her . . . . recht alt sind Sie geworden . . . aber 's thut nichts. Ist doch Ihr Herz jung geblieben, denn es hat noch ein wackres Gedächtniß! . . . . o vergelt's Gott, lieber Gnädiger, was Sie an mir thun . . . . Ihr Bruder hätt's nicht leicht gethan, glaub' ich . . . nun, Herr, wenn ich nicht täglich ein paar Vaterunser gerade nur für Sie bete, so will ich ein Spitzbub seyn!« Der Gouverneur und seine Gattin ergötzten sich an der Verwirrung des rechtschaffenen Vintschgers, und der Erstere fuhr fort: »Mich dauert sehr, daß Deine Mutter im Elend starb; ich – oder vielmehr meine gute Frau – hatte ihr ein paar tausend Gulden geschickt, als einen schwachen Lohn für ihre edle Standhaftigkeit. Leider hat ihr's nicht genützt . . . 's wird wohl Dein Vater das Geld verschleudert haben . . .?« – Dem Seraphin ging wieder ein Schwert durch die Brust. »Bitte, bitte, nichts Böses von meinem Vater,« flehte er: »ich kenn' ihn zwar nicht mehr, verschwunden ist er – oder gestorben . . . ich weiß es nicht; aber, lieber Gnädiger, die Mutter hat ihn gern gehabt, und er hat mir's Leben gegeben . . . lieber Gnädiger, nichts Böses von ihm; ich könnt's nicht hören ohne zu weinen . . . und gerade jetzt . . . die Augen sind mir freilich naß, aber das hat die Freude und die Dankbarkeit gemacht . . . verwandeln Sie diese Freudenzähren nicht in Zähren der Bekümmerniß und Trübsal, gnädiger Herr!« – Der gute Bursche hatte sein innerstes Leben auf der Zunge, da er also redete. Die Bewegung des Seraphin steckte seine Zuhörer an. Herr Abraham van Nieuwenvlyt – der die Namen seines Oheims mit dessen Erbe angenommen, um sich unter den auf ihre Nationalität eifersüchtigen Holländern leichter vorwärts zu bringen, was dem ausländisch klingenden Dobroslaw nicht so gut gelungen wäre – fand gar kein Wort des Lebewohls 149 mehr; er tuschelte dem Sekretär mit Hinweisung auf den Tiroler mehreres in die Ohren, gab dem letztern seine Hand zu küssen; die gute Dame des Gouverneurs that ein gleiches, und also verließ Seraphin mit seinem neuen Geleitsmann die Fregatte, um auf den Schooner überzugehen, der nach Europa steuerte, während das Gouverneurschiff seinen Lauf nach Surinam fortsetzte. Alle diese Vorfälle hätte, wie gesagt, ein ordentlicher, reputierlicher, wohlmeinender Traum der verlassenen Braut zu Imst leicht mittheilen können, und sie hätte ihm auf's Wort geglaubt, was auch ihre Umgebungen dazu gesagt hätten. Dem war jedoch nicht also. Als ob der Schlummer der Genesenden in Sprengers Solde gestanden, ließ er Seraphins Bild in seine Gemäldegalerieen nicht zu. Die arme Haut träumte nur von Dingen die ihr peinlich seyn mußten. Bald sah sie ihre Eltern bettelarm von Thür zu Thüre gehen, und bei Sprenger um's tägliche Brod anklopfen. Bald war sie mitten unter den Imstern, die sie verhöhnten und verspotteten, als eine Sitzengelassene. Das Sterzinger-Moos diente solchen Gräuelbildern stets als traurige Folie. – Und wenn sie die Augen aufthat, so plauschten ihr Martha und Marianne die Ohren voll. Tammerl war das Echo der beiden Frauen, und selbst Tante Lenerl gab nach und nach zu, daß eine glänzende Heirath nicht so übel seyn würde, daß die Männer im Allgemeinen falsch seyen, wie ihr Dobroslaw, dem sie alles verziehen, der ihr zum zweitenmal die Ehe versprochen, und nachdem er von ihr ein bedeutendes Darlehen erhalten, sich hatte nach Dalmatien begeben, wo er die Cibulka, das Husarenkind geehlicht, zu Schand' und Spott und Trauer der zweimal Betrogenen. – Obschon noch sehr jung, empörte sich Martina allmählich gegen den Gedanken, aus purer Anhänglichkeit an einen Treulosen das Schicksal einer alten Jungfer riskiren zu sollen. Ihre Eitelkeit empörte sich eben so gewaltig gegen den stillen und lauten Hohn ihrer Mitbürger. 150 Sprenger's Versicherung, daß ihr leidenschaftlicher Kopf eines vernünftigen Rathgebers und Dämpfers bedürfe, so wie die Erinnerung, daß sie um des bösen Seraphin willen schon nur einen Fingerbreit vom Tode entfernt gewesen, gewannen Raum in ihren geheimen Verhandlungen mit sich selber, und trumpften nach und nach alles, was noch bei ihr für den Undankbaren sich verwendete, aus dem Felde. Um diese Zeit versuchte Herr von Sprenger, sich und der Welt zu beweisen, was ein Mann auszurichten vermag, der Geld besitzt, und die Intrigue versteht. Er, der bis dahin als ein Junggesell zur Miethe gewohnt hatte, kaufte plötzlich ein Haus im nobeln Theil des Markts: ein Haus, das erst vor Kurzem einem Junker gebaut worden war, modelmäßig nach dem Muster adelicher Ansitze bei Innsbruck. Der Junker Bauherr hatte nichts daran gespart: die breite Treppe und die Schneckenstiegen, der Hof und die geräumigen Gänge, die Giebelfronten und die Eckthürmchen – alles war da, alles eingeschanzt und verwahrt mit Mauer, Gitter und Pforte nach allen vier Weltgegenden zu; vom tiefsten Kellergrund bis zur Spitze des Wetterhahns alles sauber, in bester Ordnung. Und als der Junker Bauherr sein neues Haus zu dieser prachtvollen Vollkommenheit gefördert hatte, rechnete er ab und fand, daß es die höchste Zeit, das Gebäude so schnell als möglich wieder zu verkaufen; denn nicht immer behält, der da baut, sein Dach und Fach. – Weil's daher dem Junker eilig war, und niemand sich einstellen wollte, ihm das Haus abzunehmen, so verhandelte er's Knall und Fall bei einer Flasche Kalterer-Seewein an den Herrn von Sprenger. Ungern that er's, denn Sprenger stand auf dem Scheitelpunkt des Verhaßtseyns bei der adelichen Kaste; aber wieder gern that es der Junker, denn er ärgerte damit seine schildfähigen Genossen, die für ihn kein Geld zu finden gewußt hatten, und setzte ihnen den verabscheuten »Wasserpolacken« wie eine Klette mitten in den Pelz. 151 Sprenger hatte also das Haus, dessen früherer Besitzer sich auf Reisen begab, vermuthlich um noch früher mit seiner Habe fertig zu werden. Er that nichts halb, sofern es in seiner Macht stand, der rührige Herr von Sprenger. Darum möblirte er auch hastig, aber mit Ordnung und gutem Geschmack sein neues Haus, und sorgte darinnen für jede Kleinigkeit mit der kindischen Ungeduld, die ein Graubündner aus dem Hochland zeigt, der von seiner Zuckerbäckerei in Petersburg oder von seinem Handelsgeschäft in Valencia oder Lissabon in's Vaterland zurückkommt, und eines jener stattlichen Häuser baut und einrichtet, die wir heutigen Tags im Ober-Engadin verwundert betrachten, leer und öde, wie sie sind, aber wahre Paläste in mitten einer großartigen Bergwildniß. – An einem kleinen Orte wird viel geklatscht, folglich auch zu Imst. Tagtäglich war neues zu vermelden von den ungeheuern Anschaffungen des Herrn von Sprenger. Innsbruck, Wien, das Reich, ja sogar das wälsche Mailand mußte steuern zu dem Schatz an Geräthen und Tapeten und Modespielereien, den der neue Hausbesitzer in seinem »Daheim« ausstellte. »Woher das Geld zu all dem kostbaren Tand?« fragten Edelleute, die mit Neid und Kummer von den letzten rothen Hellern ihrer Ahnen zehrten; fragten Beamte, die mit ihrem Traktament stets viel zu früh auskamen: »Der alte Freigeist wird noch im Spital sterben wollen?« Sie kannten ihn schlecht, der in seiner Oekonomie der pünktlichste war, und dessen Beutel noch viel mehr hätte aushalten können. Denn nebst seinem bedeutenden Vermögen war ihm auch von einer fernen Base ein Vermächtniß zugekommen, das sehr freigebig genannt werden durfte. Die Base, die, vom Alter geschwächt, sich immer eingebildet hatte, jung und schön zu seyn, und sich unter ihrem Jugendgefährten immer noch den lebhaften Studenten vorstellte, der ihr manchen Spaß zum Besten gegeben, hatte für ihren »Ferdinand« dergestalt mit vollen Händen gesorgt, als ob er alle Menschen auf Erden 152 zu überleben haben würde. – Von dieser unverhofften Bereicherung hatte Sprenger geschwiegen, ließ nur von Zeit zu Zeit etwas davon merken, durch irgend eine Thatsache, die den Zungen seiner Neider wieder leidenschaftlichern Schwung verlieh. Sprenger in eigener Person war von da an nur an zwei Orten zu finden; nicht bei Kavalieren und Beamten, die er haßte wie die Sünde, und die es ihm reichlich zurückgaben; aber auch nicht bei den Bürgern oder Bauern, seinen Bewunderern und Protegirten, wo er eigentlich hin gehörte, der als ein neuer Cäsar lieber der Erste im schmutzigen Dorfe als der zweite im marmornen Rom seyn wollte. Nur an zwei Orten: in seinem neuen Hause, mitten unter hobelnden Schreinern, klopfenden Spenglern und Glasern und andern Handthierern, Staub schluckend, und, wie es kam, Trinkgelder oder Grobheiten spendirend; endlich bei Tammerl, wo er nicht den Staat regieren half als ein Führer des Volks, sondern wo er auftrat als ein milder Agitator, leise schürend seine Kohlen, leise fachend einen Brand, alles für seine Privatinteresse. – Geflissentlich machte er sich überall bei seinen andern Freunden rar, daß um so eher seine Abwesenheit bemerkt, also sein Name genannt, also die Sprache auf seine neuesten Anordnungen gebracht wurde. Dennoch fand er im Flecken da und dort seine Leute – einen alten zur Ruh gesetzten Handthierer, der vor lauter Müßiggang nicht mehr wußte, was anzufangen, oder eine betagte Klatschschwester, der man nur von fern ein Glöckl zu läuten brauchte, um sie zu vermögen, alle Sturmglocken, die zu ihrem Gebot, anzuziehen – seine Leute, die begierig das Wort aufleckten, das als ein breites überall gesprochnes und gehörtes von seinen Lippen fiel, wiewohl meistens seine eigne Erfindung. – Da er diesen wohlfeilen Agenten niemals verbot, seinen Namen zu nennen, so fühlten sie sich auch nicht dazu verpflichtet. Die Neuigkeitsjäger bieten gern ihr Wildpret zum Kaufe als aus der erster Hand kommend an. Und so erfuhr denn bald 153 der ganze Markt, was Herr von Sprenger wünschte, daß er wisse, und noch allerlei darüber hinaus. Und dergestalt erfuhren auch Tammerl und die Weiber im Tammerlhause bald Dinge, die ihnen die Haare sträuben machten: daß Tammerl als ein halb- oder zu dreiviertel ruinirter Mann das Vertrauen des Magistrats und seiner Mitbürger nicht mehr besitze; daß Peter allerdings zu Feldkirch gestohlen, und zwar mit Einbruch, und daß der schmutzige Geiz des Vaters, der ihm alles Taschengeld versagt, daran schuld gewesen; daß auch Seraphin aus ähnlichen Gründen und aus angeborner Spitzbüberei den Weg zum Galgen eingeschlagen; . . . daß aber zu fürchten sey, daß er mit der Martina zu vertraut gewesen . . . daß es auffallend, daß diese sich so ängstlich abgeschlossen; daß sich aber die Männer und Frauen von Imst wenig daraus machen, indem ihr schnippischer Hochmuth von jeher dem ganzen Flecken ein Dorn im Aug' gewesen, und allerdings eine derbe exemplarische Lektion jedenfalls verdient habe. Und was der christlichen Reden noch mehrere. Leicht zu denken, wie dieses Geträtsche im Tammerlhause aufgenommen wurde. Tammerl spie Flammen, Marianne, die sonst so vernünftige Frau, war außer sich. Martha pries den Sprenger als den einzigen Retter und eigentlichen Ehrenhold der Familie. Lenerl allein behielt Fassung genug, um zu rathen, die Otterzungen giftig sprudeln zu lassen immerhin, ohne ihnen mit einer Silbe zu antworten. Martina hatte eigentlich keine Stimme bei dieser Sache, da sie einestheils nicht die Hälfte der Ortsklatschereien vernahm, und anderntheils sich gar nicht darum zu kümmern schien. Doch haftete auch in ihrer Brust der meuchlerische Pfeil und ihr Selbstgefühl blutete aus mancher Wunde im Stillen um so heftiger. Sprenger, der hülfreich, besorgt, galant und tröstend kam und ging, durfte sich mit Recht eines glücklichen Erfolgs versehen. Zwar machte er sich hie und da Vorwürfe, auf unedlen Wegen diesem Erfolge nachzustreben, allein ihm 154 diente zur vollen Entschuldigung die Empfindung, die seiner sich bemeistert hatte, und sie sah wahrhaftig aus wie Liebe. Die Leere um ihn her, die er so gar oft als Hagestolz bemerkt, wurde ihm stündlich unerträglicher. Nur ein weibliches Wesen konnte ihm geben, was er brauchte: Unterhaltung, Beschwichtigung seines immer reizbarer werdenden Charakters; die Pflege, deren das Alter immer benöthigt ist. Wäre plötzlich aus jenen lang verschollenen zärtlichen Verbindungen, in denen er als jüngerer Mann auswärts gelebt, eine erwachsene Tochter ihm entgegengekommen, eine unverhoffte Person mit Rechten auf sein Herz und sein Leben, er würde sie gerne aufgenommen haben, um nicht allein zu seyn. Doch fehlte eine solche, und in ihrer Ermanglung ließ ihm keine Ruhe mehr der Gedanke, sich als Gatte mit dem aufgeblühten Mädchen zu verbinden, das schon in seiner frühen Jugend ihn durch Muthwillen und neckisches Versagen und unwiderstehliches Schmollen geködert hatte. Wenn er glaubte, verliebt zu seyn, so glaubte er's ohne Falsch, und kein Zeitpunkt konnte günstiger seyn, seine Wünsche zur Reife zu bringen. Auch fühlte er, daß er nicht Zeit habe, lange zu warten, wenn er gleich eine unerschöpfliche Geduld in dieser Angelegenheit heuchelte. – Der März war gekommen, und die Sachen standen, wie schon gesagt, als Veverl eines Morgens bei Martina zum Besuch erschien. Sie war unstäter als gewöhnlich, und irgend ein Vorfall, eine Geschichte saß auf ihrer Zunge, die sich nach Erleichterung sehnte. Martina befand sich in ähnlicher Stimmung. Beide Mädchen hatten einander allerlei zu vertrauen; das merkten sie wohl bald; dennoch zögerte eine schüchterner als die andere, mit ihren Fragen und Beschwerden vorzurücken. Die ruhigere Martina eilte noch weniger als Genovefa. Diese brach mit einemmale das Eis: »Jetzt ist's fertig, Martina, jetzt ist's geschehen. Gott helfe weiter.« – »Was ist geschehen?« – »Ich 155 hab' mich versprochen, verlobt, verbandelt; ich kann nicht mehr zurück.« – »Wie? verlobt mit Deinem Oswald?« – »Ach nein, ach nein. Mit dem andern.« –. Mit dem jungen Idelstein?« – »Ja, mit ihm. Der Brief ist gestern geschrieben worden; in ein paar Tagen hat er ihn; in ein paar Wochen wird er da seyn.« – »Was Du sagst?« fragte Martina listig: »was ist denn mit dem Oswald?« – »Den Abschied gegeben. Zuerst hat's der Vater gethan; darnach die Mutter, und da er immer noch kein'n Fried gab, hab' ich leider Gottes den letzten Trumpf darauf setzen müssen.« – »Nun, das hätt' ich mir nicht eingebildet.« – Was nicht?« – »Ich dachte mir schon, daß Deine Eltern es nicht zugeben würden . . . ein Maler, der von unsicherem Verdienst lebt, der nichts hat, als Hoffnungen . . . .« – »Setze hinzu,« fiel Veverl hastig ein, »daß er sich einbildete, das Ding würde gehen, als wie geschmiert: ein sorgloser Mensch, der sich daheim hingesetzt hat seit manchen Monaten, und seiner Mutter jüngsten Bamms gewiegt hat, ohne sich um mich zu bekümmern. Was geh'n mich seine Eltern an? Bei mir wäre sein Platz gewesen. Man muß den Käfig im Aug' behalten, damit die Vögel nicht ausfliegen, sagt Dein Vater. Mit ein paar Briefen, jeder von fünf Zeilen, ist nichts gerichtet. Ich kann nicht alles allein thun, mit den Eltern im Streit liegen, den Idelstein abwehren, den Verwandten Rede stehen, und mich noch obendrein abgrämen, wie nicht gescheit. Schau' mich an; die Kleider fallen mir fast vom Leibe; ich kenn' mich selbst nicht mehr. Meine Fette, mein Humor, all' meine Freud' ist dahin. Wie alles zu spät war, kommt er daher wie eine Kanonenkugel und scharmuzirt mit den Eltern, und wie alles nichts half, hat er mir Vorwürfe gemacht . . . nun, Du hättest sie hören sollen. Da ist mir die Gall' übergegangen, und »Alloh Marsch« hab' ich ihm gesagt: »unsre Sach' ist nichts mehr, und 156 basta und aus und aus.« – »Das hast Du ihm so in's Gesicht sagen können?« – Genovefa fühlte, daß ihr schon wieder die Zunge davongelaufen war, ohne erst mit dem Kopf, geschweige mit dem Herzen Rath zu pflegen. Sie schämte sich ein bischen, und versetzte kleinlaut: »'s hat mich viel gekostet, Tina, und wenn er sich nur nichts leides anthut! Aber die Mutter ist dabei gestanden, und Du weißt schon, wie sie herschaut, wenn sie aufpaßt. Ich hab' wohl so reden müssen. Der Vater obendrein war in der Kammer, und ich hätt' es schön gekriegt, wenn ich anders gesprochen hätte.« – »Wo sind Deine Vorsätze geblieben, Veverl?« fragte Martina schalkhaft nach einer Pause: »ich zweifle nicht, daß Du ihn aufgeben mußtest, weil Deine Eltern es wollten. Heißt's nicht in der heiligen Schrift, daß der Eltern Fluch der Kinder Häuser einreißt, und ist nicht da das vierte Gebot, dem wir immer getreu seyn sollen? Aber wo blieb Dein Vorsatz, in's Kloster zu gehen? Meint ich doch, Du würdest eher bei den Flecklschwestern Profeß thun wollen, als einen andern heirathen?« – »Die Eltern hätten auch das nicht zugegeben,« brachte Veverl schamroth vorher. – »Warum sprachst Du nicht mit dem Herrn Pfarrer? warum ließest Du Dir nicht von dem hochwürdigen Pater Guardian rathen? Die geistlichen Herren, sagtest Du, werden es schon machen. Oder sagtest Du nicht so Veverl?« Da brach die Neuverlobte in heiße Thränen aus, und konnte sich kaum zufrieden geben. Mit allen Zeichen der Desperation schluchzte sie: »Schau, Martina, wenn ich mich jetzt auf der Stelle seckzieren ließe, wie der Doktor Musteratsch sagt, man fände mein Herz und was dazu gehört, in lauter kleine Stückln zerbrochen; ich weiß das gewiß; aber ich kann einmal nicht helfen. Bei den Klosterfrauen taugt mir's nicht; ich könnte das Maul nicht 157 halten, und, ich muß schon sagen, ohne Mannsbilder möcht' ich doch auch nicht seyn, so lang ich lebe. Und darum heirath' ich lieber den Muckerl; Gott verzeih' mir's, ich kann nicht anders.« »Hast Du ihn denn lieb, den Muckerl?« hob wieder Martina an. Veverl trocknete geschwind ihre Augen, und entgegnete mit Seelenruhe: »Ach, behüte; was fällt Dir ein?« – »So? und nimmst ihn doch?« – »Und nehm' ihn doch. Ich mag ihn nicht, und nehm' ihn doch.« – »Was wird denn dabei herauskommen?« – »Was in tausend Haushaltungen herauskommt, Martina. Die Schmidin hat auch ihren Mann nicht ausstehen mögen. Des Fuhrmanns Steffel Frau kann den Ihrigen auch nicht leiden. Basta, sie leben doch.« – »Du bist ein ungemein vernünftiges Mädchen geworden,« sagte Martina mit einiger Unruhe: »Wenn nur Dein Zukünftiger damit zufrieden ist.« – »Ha, er muß wohl,« erwiederte Genovefa leichtsinnig. »Er hat seine Sekten, ich hab' die meinigen. Zudem ist er ein bissel vernagelt, und die Mutter sagt, sie wüßte aus Erfahrung, daß mit den vernagelten Männern am besten auszukommen ist. Und der Muckerl muß einen haushohen Streich haben, weißt Du? Kannst Du glauben, daß er's machen will, wie die Herren in der Stadt?« – »Wie so denn?« – »'s ist zum zerspritzen vor Lachen. Da schreibt er mir einen Brief, worinnen viel Kauderwelsch steht, vom Nachtvogel und vom Mondschein, und daß er vor Lieb' außer sich gerathen. Ich weiß nicht mehr alles. Und zum End' bittet er mich gar schön, ich möchte ihm etwas von meinen Haaren schicken. Gelt, das ist dumm? aber die Mutter behauptet, die Herren in Sprugg und Wien machten's grad so, und es sey närrisch, aber ich sollte halt dem Narrn für jetzt den Willen thun.« – »So? und Du hast ihm also geschickt, was er verlangt hat?« – »Ah bah; wär' 158 mir nichts lieber. Mir die Haare zu verschänden, dem Affen zu lieb! Ich hab ihm wohl so was geschickt, aber gewiß nicht von meinem Kopf.« – »Was denn?« – »Schau, der Vater, wie Du weißt, ist Soldat gewesen, und hat brandschwarzes Haar gehabt, wie ich noch heutigen Tags. Seinen Soldatenzopf hat er abgeschnitten und die Mutter hebt ihn auf. Ich bin aber dahinter gekommen, und hab' aus der Hälfte davon eine saubre Locke gedreht, und sie dem Pusterer Dalken in den Brief gelegt. So ist er zufrieden, und ich bin's auch. Wenn ich von meinem Zopf hätte etwas hergeben wollen, so hätt' es niemand gekriegt, als mein lieber, lieber Walt. Da ich aber den guten Narrn nun einmal nicht haben kann, so setz' ich mich auch nicht in Unkosten, und es ist mir jetzt überhaupt alleins, wer mein Mann wird.« Sie weinte abermals, doch nicht lange, denn sie merkte, daß Martina mit einer Herzensangelegenheit herausrücken wollte. Das geschah auch alsobald. »Ich will mit meinem Vertrauen gegen das Deinige nicht zurückstehen,« sprach Martina mit unverkennbarer Aengstlichkeit: »ich hab' mich entschlossen, dem ungestümen unaufhörlichen Penzen meiner Eltern nachzugeben. Seit gestern ist der Herr von Sprenger ganz wie ausgewechselt. Er hat gesagt, ich müsse mich jetzt erklären mit Ja oder Nein; er wolle nicht länger mehr warten. Meine Eltern wären glücklich, wenn ich ihn nähme; sogar die Tante, die mir immer die Stange hielt, hängt den Kopf, und meint: der Eltern Wunsch sey Gottes Finger . . . Seraphin kommt nicht mehr, und ich fange an zu glauben, was von ihm erzählt worden . . . .« Martina seufzte schwer – »und so hab' ich mich in Gottes Namen auch darein gegeben, um dem nichtsnutzigen Volk im Markt zu zeigen, daß ich doch noch etwas werth bin . . . . kurz: ich will den Sprenger nehmen.« 1598 – »Den Sprenger?« fragte Veverl langsam und nachdenklich. Martina, die der Freundin Tadel befürchtete, wollte schon des Breitern auseinandersetzen, welche Vortheile diese Ehe darböte, und wie am Ende die Jahre keinen gar so großen Unterschied machten; lauter Dinge, die sie im Herzen selbst verwarf – aber Veverl sparte ihr die Mühe und enttäuschte sie über den Sinn ihrer Frage alsogleich, indem sie ihr in die Rede fiel: »Den Sprenger also? Höre, Martina . . . ach, wie glücklich bist Du! Geld und Gut vollauf, Kutsche und Bediente . . . ein Haus, wie eine Königin, und darinnen Herz, was begehrst Du? Ach, wie glücklich bist Du! der alte Schnapper wird nicht mehr lang halten . . . Dir sein Geldl vermachen, und hernach . . . . ach, wie glücklich, wie glücklich, Martina!« Tammerls Tochter erschrack vor der Auslegung, die Genovefa von ihrem Glücke machte. »Pfui; ist das christlich, Veverl?« schalt sie, änderte indessen den Ton geschwind, und setzte hinzu: »Heut soll ich mich erklären; . . . nun, ich will's. Ich habe gefastet und gebetet, und die heilige Muttergottes um Rath gefragt. Sie hat mir zwar nicht mit Worten Bescheid gegeben; aber es ist eine solche Ruhe in meiner Brust, daß ich meine, es könne nicht übel ausfallen, was ich thun will.« – »Der Himmel wird's geben,« erwiederte Genovefa andächtig: »Du bist glücklich, Martina . . . der Sprenger muß an die Siebenzig stehen . . . Du bist erschrecklich glücklich. Mein Muckerl hat erst fünfundzwanzig Jahre . . . eine lange, lange Zeit ist vor mir; . . . aber Du . . . nein, es ist gar aus, wie manchen Leuten das Glück in's Hans fliegt!« Zur selben Frist trat die ganze Tammerlfamilie, den Herrn von Sprenger gleichsam im Triumpf aufführend, feierlichst in die Stube. Die Großmutter war im Staat, 160 und begann: »Wir kommen, Deine Antwort abzuholen, Martina.« Die Mutter folgte: »Du wirst ein braves und kluges Kind seyn, nicht wahr?« Die Tante, angegriffen und ängstlich, sagte gar nichts. Dagegen platzte Tammerl heraus: »Einen glücklichern Tag gibt's nicht, um etwas Ernsthaftes vorzunehmen, als den heutigen. Gleich werden die Glocken läuten und es wird ein Freudenschießen anheben, und Alles sich freuen, wie noch gar nie. Wie? was? weißt Du schon? Unsre allergnädigste Landesfürstin ist von einem Prinzen entbunden worden, und wenn's jetzt dem Preußen nicht schlecht geht, so weiß ich's nicht.« – Der Herr von Sprenger, der noch ein Gütchen in Schlesien besaß, das von den preußischen Truppen nicht zum besten mitgenommen worden, schnitt ein Gesicht, als wollte er sagen: »Hol' der Teufel den Preußen lothweise!« aber mit Gewandtheit schluckte er den Aerger hinunter und fragte mit süßer, zitternder, begieriger Stimme: »Nun, liebe Jungfer: wie steht's? Der Krieg geht allenthalben los. Ein hübsches Frauenzimmer thut weise, sich in eines braven Mannes Schutz zu begeben, und ich muß wissen, woran ich bin, damit ich mein Haus bestellen kann in diesen unruhigen Zeitläuften.« – Martina sah ihm fest, mit einem ganz besondern Ausdruck in das Gesicht. Dann sagte sie treuherzig, wie ein gutes in ihrem Innern tief verwundetes Kind: »Was der Herr Vater und die Frau Mutter wollen, bin ich zu thun bereit. Erlauben Sie mir nur die einzige Anfrage: haben Sie alles wohl überlegt, Herr von Sprenger? Wär's nicht besser, Sie gäben mich auf, weil's noch Zeit ist? Erschrecken Sie nicht, daß ich Ihnen freimüthig sage: ich glaube nicht, daß Sie mit mir das Glück erheirathen!« Freilich erschrack Sprenger ein wenig, und Tammerl noch mehr. Das Mädchen sah dabei so verzweifelt 161 ernsthaft aus. Lenerl putzte sich eine Thräne von der Wange. Die robuste Großmutter jedoch sagte barsch: »Pah, pah, pah! lasse sich der Herr nicht bange machen. Thut das Madl nicht, als wollte sie den Herrn in der Brautsuppe mit Gift vergeben!« Martina wehrte entsetzt dieser lieblosen und unzarten Deutung. Sprenger bückte sich aber galant vor ihr, wie noch vor niemand, und erwiederte: »Und wenn diese Hand mich wie einen Ratz mit Arsenik vertödten wollte, es wäre mir ein sonderbares Plaisir, gerade von dieser Hand zu sterben, und eben darum will ich's riskiren jedenfalls.« Und hierauf geschah die Verlobung. Der Herr von Sprenger lief, von Tammerl eskortirt zum Pfarrer. Am nächsten Tage wurde das Paar von der Kanzel verkündet. Acht Tage darauf war die Hochzeit angesetzt. – Martina ließ ihren überjährigen Bräutigam wie einen gehetzten Hasen von einem Winkel in den andern schießen, und hielt sich still zu Hause, wo alle Hände sich beschäftigten, die längst zusammengeschaffte Aussteuer zu ordnen und wieder zu ordnen, damit nicht das leiseste Mackelchen daran übersehen würde. Tammerl ging ab und zu, sich die Hände reibend, und studirte nicht selten mit einer gewissen freundlichen Besorgniß in der Tochter Angesicht, als wollte er fragen: »Bist Du auch recht glücklich?« – Die Tochter verstand ihn, drückte ihm manchmal die Hand und sagte dann: »Der Herr Vater meint's recht gut, und ich denke, Gott wird schon helfen.« Sie sagte dieses mit Gelassenheit und Tammerl beruhigte sich. Er war ja nicht gegenwärtig bei den Thränen ihrer Nächte, und hörte nicht die Gebetseufzer, die ihren Lippen entflogen. Das Mädchen war stark und hielt brav aus. Marianne wunderte sich über ihre Fassung, Martha frohlockte darüber; die Tante schüttelte 162 den Kopf und dachte bei sich: »Wie das wohl werden wird?« Martina schien ruhiger von Tag zu Tag. Sie sah aus, wie eine angehende Nonne; die Röthe ihrer Wangen war seit ihrer Krankheit ausgeblieben, doch trotz ihrer Blässe war sie einnehmender als je, und der Herr von Sprenger überraschte sich öfters auf dem jugendlichen Ausruf: »Glücklicher Ferdinand!« Dann aber wurde ihm plötzlich, als ob ihn eine Schlange bisse, und um sich zu betäuben, rannte er wiederum rastlos hin und her, und zählte nicht nur die Stunden, sondern die Minuten, die noch zu verstreichen hatten bis zum Hochzeitfeste. – Sie vergingen, wie der Brauch ist, eine nach der andern, und der Vortag des Festes war schon da. Es war um die Zeit der Frühlingsblumen. Martina befand sich in der Stube ihres Vaters, dessen Fenster mit Blumenscherben verziert waren. Sie öffnete die Winterscheiben, um einen Strahl des heitern Tages auf die Gewächse fallen zu lassen, und sagte zu ihnen, während sie sie begoß: »Noch einmal, das letztemal, ihr lieben kleinen bunten Narren, begieß' ich euch; zum letztenmal. Möge euch eine barmherzige Hand ferner bescheert werden, damit ihr nicht verkümmert; ich wünsche es, ich habe euch lieb, denn ihr habt mir so viel viel Freude gemacht, und müßt jetzt erleben, daß ich euch verlasse!« Sie stand vor einem Blumentopf, den ihr einst Seraphin nach Hause gebracht. Wehmüthige Erinnerungen zuckten durch ihre Seele. Der kleine Haufen Erde, aus dem die Blumen lustig keimten, erschien ihr, wie Seraphins Grab. Die Tropfen aus dem Gießkännchen floßen nicht unvermischt mit ihren Thränen, auf dieses Häuflein Erde. »Seyd befeuchtet von meinen einsam geweinten Zähren!« sagte sie leise zu den Blumen: »blühet, blühet als der letzte Schmuck, den ich ihm widmen darf. Ach, wenn 163 nicht Er, ist nicht seine Liebe längst schlafen gegangen, wie in einer kühlen Gruft?« Indem sie heimlich mit den Blumen redete, und sich ihnen klar und wahr zeigte, wie nicht den Leuten, die sie umgaben, kam leise ein Mensch zur Thüre herein, der's Anklopfen vergessen hatte, weil's ihm in der Brust zu heftig pochte, und der Mensch stand betroffen still, da er die so sehr veränderte Martina erblickte. »Wie ist's möglich,« dachte er bei sich, »daß die Blümeln blühen können unter der Wartung dieser bleichen langen abgestorbenen Hände?« – »Schau Dich um,« flüsterte indessen ein boshafter Putz dem Mädchen zu: »Schau Dich um; wer kommt?« Mit einer Schnelligkeit ohne gleichen folgte Martina der Einflüsterung. »Seraphin?« Der Freudenruf schwebte auf ihrer Zunge . . .; ach, er war es nicht. – »Ich bin der Oswald Holzer,« sagte der Mensch an der Thüre: »mein armer guter Freund wird der Jungfer schon von mir derzählt haben?« – Martina antwortete, sich mühsam fassend. »Hm, ja, ja, ich erinnere mich. Die Veverl hat noch vorgestern . . . .« »Bitt' gar schön; von der Veverl nichts. Ich möcht' hübsch bei Kopf bleiben, und wenn ich an selbige erinnert werde, so geht mir's im Hirn durcheinander, und ich möchte ein Jäger, Notabene auf Menschen seyn, und niederschießen dürfen, was fliegt und stiebt.« »Was willst Du bei mir, Oswald?« fragte Martina, auf Kohlen stehend. »Nur eine Frag', Jungfer Martina, denn Sie ist's doch? sieht ihr nicht viel mehr ähnlich, aber doch ist Sie's, nicht wahr?« »Ich bin's; und frag' nur zu.« »Ist's wahr, daß Sie den alten Sprenger zur Ehe nimmt? Ist's wahr? O, sag' die Jungfer Nein, und ich 164 will gern mein eigen Leid vergessen, und glauben, daß auf der Welt alles gut und recht zugeht.« »Du bist ein . . . ein zudringlicher vorlauter Mensch. Was der ganze Markt weiß, das wird wohl wahr seyn?« Oswald nickte tiefsinnig mit dem Kopfe: »Ja, ja; sie sagen's alle. Hab's aber nicht recht glauben mögen. So hab' ich mich denn gar nicht zu beklagen. So ist denn gar keine treue Lieb' auf Erden.« Eine lange Predigt hätte Martina nicht erschüttern können, wie diese paar schlichten Worte thaten. Scham und Verwirrung verschlossen ihr den Mund. Oswald fuhr melancholisch fort: »Da geht der Wind hin, und nimmt alle Versicherungen und Eide mit sich fort. Ja, ja, es ist der Welt Lauf. 's geht schon nicht anders. Ich merk's. Aber, Martina, Du solltest es nicht machen, wie die andern Weiber.« »Soll ich mich zu tod grämen, wenn ein ungetreuer Mensch mich zum Gespött macht?« entgegnete Martina trotzig. »Nein, nein; ich thät's aber abwarten, Martina. Die Zeit bringt viel, und« – hier wurde der Freund eifrig und hitzig – »und wenn das ganze Land schreit: der Seraphin ist nichts nutz, so sage ich nein, nein, nein; und Du, Martina, hättest es noch viel lauter schreien sollen, als ich.« Mit erlöschender Stimme versetzte Martina: »Laß mich aus. Es ist zu spät; und wenn er selber käme, wär's zu spät.« »So, so. Zu spät. Hm, ich hätt' mir's einbilden können. 's wird schon so seyn. Früh genug, um einem ehrlichen Kerl das Leben zu verleiden, dazu ist's immer früh genug. Aber immer zu spät, ihm treu zu seyn. Nun, Martina: ich bitt' um Verzeihung.« »Warum? Ich hab' Dir nichts zu vergeben, als etwa Deine Einmischung in meine Angelegenheiten. Doch will 165 ich nicht daran denken, weil ich weiß, daß Du auch Dein Glück eingebüßt zu haben glaubst. Geh' jetzt nur.« »Hast mich nicht verstanden. Weiß Gott, ich will Dir Dein Glück mit dem alten Sprenger nicht mißgönnen, weil ich selber mit Schand und Spott von meiner Werbung abgefahren bin. Aber Du sollst mir Deine Lieb' verzeihen.« »Jetzt versteh' ich Dich nicht.« »Ich hab' sie gemacht, Deine Lieb'. Ich hab' den Vogel zu Dir getragen, und der Vogel hat Dir errathen lassen, wer Dich gern hatte. Hab' freilich nie gemeint, daß ich in der Klag' geh'n würde, um dieser Lieb' willen. Aber ich bin halt schuld daran, und vergib mir's nur von Herzen. Und weil wir gerad vom Vogel reden . . . . lebt das Rothkröpfl noch? hast Du ihn noch?« Mit abgewendetem Blick deutete Martina nach der Wand. Dort hing noch der wohlbekannte Käfig, und auf seiner Sprosse stand der Vogel lebendig aber lautlos. Oswald näherte sich ihm mit rührender Theilnahme, beschaute ihn von allen Seiten, und sagte: »Ach Du mein Rothkröpfl, was ist aus Dir geworden! Bist sonst so lebig und lustig gewesen! jetzt stehst Du da, wie ein alter Herr in abgetragnem Gwandl, halb kahl, fast alle Deine Stückln vergessen und keinen Gesang mehr in der Gurgel. O Du lieb's alt's Mandl! in Deinem Saufgeschirrl liegen Spinnweben, und in Deinem Freßgeschirrl ist mehr Staub als Korn zu finden. 's geht Dir halt wie allen Mandern bei Jahren; man schaut sich nimmer nach Dir um. 's geht Dir halt wie aller alten Lieb'. Sie lassen sie vergeh'n und verhungern. Komm mit mir; ich will Sorg' für Dich haben; wir sind ja alle zwei beide die Ursachen von dem Unglück unsers besten Freundes! Komm, komm, Dein Platzl ist nur bei mir in dieser Welt. Gelt, Martina? Du gibst ihn schon her, den alten grauen Kerl. Hast ja auch Deine Treue wohlfeil hergegeben?« 166 Nach der Braut sich umschauend, fand er das Zimmer geräumt. Martina war entflohen. Finster und gallebitter den Mund verziehend, nahm Oswald den Vogel an seine Hand. »Fort ist sie, ohne Pfietigott und Dankdirsgott, fort . . . und sie hat wohlgethan; ich hätt' auch die Schand' nicht ausgehalten. Geh' nur zu. Da wird's viele Thaler brauchen, um Deine Lieblosigkeit zuzudecken. Und der Seraphin – ich weiß nicht, ob er wiederkommt – aber wenn er's thut, will ich ihm sagen, daß er sich nicht gräme, nicht ein Vaterunserlang. Zuvörderst ist sie ein Weib, und nachgehends, wenn ihr der Sprenger, der steife hundertjährige Tattl, nicht zu schlecht ist, so ist der Seraphin noch viel zu gut für sie. Komm jetzt, Du altes Herrl von Rothkropf; jetzt geh'n wir eigentlich dorthin, wo wir hergekommen sind.« – Am Abend dieses Tages war Martina wieder sehr unwohl geworden, und Lenerl drang auf die Verschiebung der Hochzeitfeier. Tammerl, in seiner väterlichen Allgütigkeit, obendrein dunkel merkend, daß die Sachen doch nicht so ganz nach Wunsch standen, wollte nichts dagegen haben; aber Martha und Marianne opponirten heftig, beriefen sich auf die bereits gemachten Anstalten, auf das unnütze Gerede, das wieder im Markt umlaufen würde. Am heftigsten erklärte sich Sprenger gegen jeden Aufschub. Es solle und müsse einmal seyn; er könne und wolle nicht länger warten, und sich vor den Leuten, wie er sich ausdrückte, eine Ohrfeige geben lassen. Die Trauung müsse vor sich gehen, und wenn sie am Bette der kranken Braut geschähe. – Er vergaß beinahe gänzlich die Rolle der Sanftmuth, die er sich zugetheilt, und überließ sich völlig dem ihm angebornen Ungestüm mit einer Hast und Rücksichtslosigkeit, deren Grund selbst seine eifrigen Anhängerinnen sich nicht klar zu machen wußten. – Martina, von all diesem Zwiespalt unterrichtet, faltete die Hände mit Ergebung, sprechend: »Wenn es einmal seyn soll, in 167 Gottesnamen denn. Seraphin kommt doch nicht wieder, und ich habe nichts mehr zu verlieren, was mir theuer wäre. Flechtet nur das Hochzeitkränzl, ich werde morgen bereit seyn.« So war es auch. Martina hielt Wort mit der Selbstbeherrschung, die den Frauen eigen ist. Sie fand Stärke genug, zur Kirche zu gehen, und sagte ihr »Ja« mit Kälte und trocknen Auges. »Sie weint nicht einmal! Das wird schlimm ausfallen,« sagte das abergläubische Volk, und Tammerl wiederholte den Ausspruch mit innerer Zerknirschung. – Nach der Trauung wurde das festliche Mahl in Tammerls Hause abgehalten. Er hatte es reich bestellt, um seinen Mitbürgern zu beweisen, daß er bei weitem noch nicht so arm, wie man ihn verschrieen. – Die Gesellschaft war nicht sehr zahlreich, im Anbeginn auch nicht sehr lustig, denn des Bräutigams unstätes hochfahrendes Wesen, so wie die wortkarge Eiskälte der Braut, schüchterten ein. Je nachdem aber der wackre Siebeneichner und der sprudelnde Isera der Tafelgäste Stirne entrunzelten, und ihr Herz froh machten, ging es an ein buntes Geschwätz hin und her, nach allen Richtungen. Martha machte dem Herrn von Sprenger alle erdenklichen Komplimente, und ließ sich von demselben tausendmal seine Dankbarkeit versichern. Marianne pries den Ehrentag als einen höchst glücklichen in ihrem Leben, bedauernd, daß ihr guter Peterl leider entfernt sey, und seinen Theil daran nicht genießen könne. Lenerl unterhielt ihre Nichte mit allerhand aufheiternden Redensarten, und das Vesperglöckl hatte für heute seinen Verdruß über's Dach geworfen, um noch einmal als Ehrenjungfer zu plaudern, zu plaudern im Uebermaaß. Sie entzückte ihren Nachbarn, den Gevatter Rathsherrn dermaßen, daß er hoch und theuer schwur, sie müßte ohne weiters die Seinige werden, wenn er nicht schon verheirathet wäre. Der Pfarrer und der Guardian gaben ihre Seminar- und Novizenspässe zum 168 besten. Die Vettern und Basen tischten Klatschgeschichten die Menge auf. Sprenger ging sogar ein wenig aus seiner überreizten Stimmung in einen geselligern Ton über, und erzählte Schwänke aus Breslau und Wien. Nur Martina blieb einsilbig und zurückhaltend – wie das Volk sich ausdrückt – ein Bild ohne Gnad'. Tammerl bemerkte ihre Schweigsamkeit und Versagung mit tiefer Besorgniß, und raunte dem Doktor Musteratsch, der neben ihm saß, in das Ohr: »Wie das Madl heut Kopf macht! Ist mir in meinem Leben keine so traurige Hochzeiterin vorgekommen. Ißt nichts, trinkt nichts, 's ist zum Erbarmen. Und doch hab' ich gemeint, ich hätt' es so gut gemacht, wie nur ein Vater in der Welt.« – »Geb' sich der Herr nur zufrieden,« entgegnete der Doktor mit seiner ewig gleichgültigen Freundlichkeit: »Wie lang, und wir kriegen ein solides tüchtiges Schlagl, und dann geht die Herrlichkeit erst an.« – Tammerl entsetzte sich. Die Furcht vor einem plötzlichen Ende packte ihn wieder mit scharfen Klauen: »Ein Schlagl? Doktor . . . ist's möglich? Spürt man mir schon so etwas an? wie? was?« – Der Doktor lachte. »Hab' ich denn von Ihm gesprochen? Ach mein, hab' der Herr keine Angst. Da, von dem Sprenger hab' ich reden wollen. Sieht Er nicht, daß ihm 's Blut im Kopf steht, gerade zum Aufspritzen? Nur getrost: Seine Tochter wird sich als Wittwe schon besser befinden.« – »Ei, da möcht' ja ein Lamm das Fieber kriegen oder den Pips!« erwiederte Tammerl, sich begütigend: »das wird doch nicht seyn? Hör' der Herr, warum verdirbt Er seinem Nebenmenschen mit derlei ruchlosen Redensarten allen Appetit?« Ein Posthorn schmetterte durch die Straße, Sprenger, der in einer etwas lockern Erzählung begriffen, hielt plötzlich inne, und alles Blut strömte nach seinem Herzen zurück. Als wie außer sich, hupfte er vom Stuhle auf, reckte das Ohr, und stotterte: »Wer? wer? das Posthorn . . . was 169 soll das?« – Einer war an's Fenster gesprungen, wie schon Brauch ist in kleinen Orten, wo das Posthorn eine erregende Gewalt ausübt, und gab den Bescheid, der Graf Ferraris fahre eben durch den Markt. – Sprenger sank müd und matt in seinen Stuhl zurück. Auf seiner wieder gluthroth werdenden Stirn war ein feuriges »Gottlob!« zu lesen. Sein voriger Schrecken war indessen auch so beredt gewesen, daß die argwöhnischern oder gescheitern Gäste die Köpfe ineinander steckten, und allerlei Muthmaßungen, eine toller als die andere, ableierten. – Indessen brachte der Pfarrer die Gesundheit des Brautpaars aus, und das Sprüchlein: »bei den Alten ist man wohl gehalten!« kreiste mit allerhand leichtfertigen Zusätzen in der Runde. Tammerl holte bei Gelegenheit des Posthorns eine alte Lügenanekdote aus seiner wohlversorgten Tasche. »Da ist mir einmal,« sagte er, »im Reich ein Poster vorgekommen, der blies göttlich, wenn er gleich ein Schwabe war.« – »Wir wissen schon,« lachten die meisten der Gäste. – Tammerl fuhr unerschüttert fort: »Kommt einmal ein vornehmer Herr . . . .« – »Der Kaiser Lepold« berichtigte der Rathsherr. – »Ja, ja, der Kaiser Lepold, und will von dem Poster gefahren seyn.« – »Verspricht ihm ein Trinkgeld von zwei nagelneuen Dukaten;« schaltete Musteratsch ein, der die Anekdote schon vielmal aus demselben Munde gehört. – »Macht ihn blasen von Frankfurt bis nach . . . . der Ort ist mir entfallen;« spottete Martha. »Bis nach Mainz,« eiferte Tammerl: »wenn man nachhelfen will, sollte man wenigstens sich alles wohl gemerkt haben. Und, in Mainz angekommen, was war geschehen?« – »Bekannt, bekannt, schon da gewesen!« jubelten die Gäste im Chorus. – »Der Poster hatte sein dreimal gewundnes Horn kerzengerad geblasen,« sagte Tammerl mit größter Wichtigkeit: »hat auch nachher noch viele Jahre als Trompete beim Feuersignal gedient. So 170 hat sich die Geschichte verhalten, und wer's nicht glaubt, soll nur hingehen und fragen.« – Unter dem allgemeinen Gelächter bemerkte niemand, daß Martina auf ihrem Stuhle schwankte. Die vier oder fünf Stunden, die sie nach damaligem Brauch hatte bei Tafel zubringen müssen, waren ihr schlecht bekommen. »Wenn dem heiligen Schmaus nicht ein Ende gemacht wird,« flüsterte sie der Tante zu, »so falle ich ohnmächtig zur Erde.« – Hierauf erhob sich ein großer Aufstand. Sprenger war gänzlich der Meinung seiner jungen Frau. Die Eltern waren es nicht minder. Tammerl bot der Tochter die Hand, sie aus der Stube zu führen. – »Nichts da;« sagte jedoch Sprenger brutal: »jetzt ist sie mein, und hat mit mir zu gehen. Es ist zwar noch nicht völlig Abend, und die Herren freuen sich auf die Spässe, die Herkommens sind, bevor die Braut in's eheliche Haus aufbricht. Werden sich's aber gefallen lassen müssen, daß ich mein Weib jetzt heimbringe, und Allen höflichst Dank und »gute Nacht« sage.« – »Geh'n? aus dem Hause gehen? für immer?« seufzte Martina mit starren Augen und schmerzlich wallender Brust. »Nun freilich, was ist denn? willst bei Mutter und Vater verweilen?« fragte Sprenger mit steigender Grobheit: »Du gehst jetzt mit mir. Die Kutsche ist unten. Bitt' mir aus, weiter keine Spargamenter gemacht, oder ich geig' Dir aus einem andern Tone auf.« – Martina betrachtete ihn mit Schrecken und Staunen. »Der Herr gibt sich ja auf einmal als ein rechter Schroll ?« sagte sie stolz. – »He? was war das?« fuhr Sprenger auf, und drohte mit seiner Rechten der jungen Frau. – Tammerl sprang dazwischen, und nun erfolgte ein Austausch von beleidigenden Bitterkeiten, die das anfängliche Kichern und Lachen der fremden Gäste in tiefen Unwillen verwandelten. Tammerls sehr natürlicher Vaterzorn brachte alle rechtliche Leute auf seine Seite. Sprenger, der etwas gar zu früh 171 die Larve weggeworfen, verlor bei Allen alles, was über die Achtung, die dem reichen Mann gezollt wurde, hinausging. – Die Stifterinnen des Ehebundes, der sich auf einmal so fatal angekündigt hatte, waren betreten, oder schrieen, ohne sich zu verstehen, wild durcheinander. – Zum Glück – für den Augenblick wenigstens – waren die geistlichen Herren als beruhigende Autoritäten gegenwärtig, und, wie Veverl einst behauptete, wußten sie alles in's Geleis zu bringen. Sie führten den aufgebrachten Ehemann die Treppe hinunter, sie ermahnten Martina, ihm gutwillig zu folgen. Sie goßen Oel in die wilden Wellen des Tammerlschen Zorns. »Lebt wohl! leb' wohl Du liebes Haus!« schluchzte die junge Frau, das Tuch vor dem Gesichte. – »Du armes Kind!« tröstete die im Kind beleidigte Mutter, und das Kind erwiederte: »Die Frau Mutter hat's befohlen.« – »Hätt' ich gewußt, Du Schafl, hätt' ich mir träumen lassen, daß aus dem hälen Menschen so ein höllischer Ruech hervorschauen könnte . . .!« seufzte, Martina küssend, der Vater. – Und Martina erwiederte: »Der Herr Vater hat's so haben wollen!« Von Lenerl und Veverl unterstützt wankte sie aus dem Hause, stieg sie in die Kutsche, worinnen schon der immer noch heimlich grollende Tyrann saß. Ueber dem Streit war Abend geworden. Fackelträger liefen neben der Kutsche her; mit Musik, wenn gleich im Innern verstimmt, folgte der Schwarm der Hochzeitsgäste. – »Das ist eine Pracht! das ist gar aus!« sagten die Leute, an die Fenster rennend, und viele Dutzende von Buben und Mädeln beneideten den Sprenger, die Martina. Aber in der Kutsche des hochzeitlichen Paars gab es nichts, als Grimm und Vorwürfe und Thränen. Vierter Band. Erstes Kapitel. Bin i jüngst verwich'n Zu mein'm Diendl g'schlich'n Hab' zum Fenster freudig einiguckt; Hab' i's sehen scherzen Und 'n Andern herzen, Daß mir's durch die Seel' hat blutig 'zuckt. Da geh' i ganz stat Mit mein'm Herzeload, Hab' den Weg zum Dorf hinaus nit g'fehlt: Gibt's denn gar kein'n Weg, Gibt's denn gar kein'n Steg, Der mi aussi führet aus der Welt? Lied vom falschen Madl. Acht Tage nach der Sprenger'schen Hochzeit, nicht um einen Tag früher, nicht um einen später, – auch war's in derselben Abendstunde, die von dem Fackelzug der Brautleute zu erzählen wußte und von ihrer Zwietracht – näherte sich ein rüstig schreitender Mensch dem Dorfe Tarrenz. Er ging, als wie ein Laufer; als hätte man ihm, gleich einem solchen, die Milz aus dem Leibe geschnitten, wie das Mährchen erzählt. Nicht sein Gewand, das knapp genug, und nicht sein Gepäck, das nur in einem Schnupftüchl, hinderten ihn, seine Glieder spielen zu lassen. Ein gesegneter Aprilregen sprühte ihn an; er merkte nichts davon; von einem einzigen Gedanken war sein Kopf erfüllt; ein einziges Streben trieb ihn vorwärts. Der Abend dunkelte, konnte den Wandrer jedoch nicht aufhalten. Vorübergehende grüßten ihn mit dem rührenden Spruch: 2 »Gelobt sey Jesus Christus!« Manchem vergaß er die Antwort zu geben. Im Dorfe angekommen, ging er sichern Fußes auf Tammerls Haus los, klopfte an der Thüre, als ob er längst gewöhnt gewesen wäre, daran zu pochen. – Aber nicht jedem Pochenden wird aufgethan. Der Reisende, der hier nur eine kurze Station zu machen gesonnen war, klopfte zum zweiten- zum drittenmal, trippelte vor Ungeduld, zog endlich den nur angelegten Fensterladen an sich, und streckte den Hals, um in die Stube des Schuhflickers zu schauen, den er mit Namen rief. Die durchaus finstre Stube, das streng gesperrte Schloß an der Thüre, gaben übeln Bescheid. Kein Hund, keine Katze antworteten dem späten Besuchlustigen. – »Oho! muß ihn gerade heute ein dalketer Geist in's Wirthshaus oder in 'n Heimgarten geführt haben?« brummte er; aber seine üble Laune wich alsobald einer freundlichern Vorstellung. »Pah,« sagte er, indem er sich wieder laufermäßig auf den Weg machte: »bin ich doch gleich an Ort und Stelle. Warum auch mit dem Pechmandl die Zeit verplauschen? Bekomm' ja um so früher mein Madl zu sehen, und werd' bald vor der rechten Schmiede erfahren, wie alles daheim steht! – Daheim, daheim.« wiederholte er halb lustig, halb schwermüthig, pfiff sich ein Stückl, und lief mit verdoppelter Kraft. Dem guten Burschen Seraphin, den ein Jeder zu Tarrenz und Imst geschwind erkannt haben würde, trotz seiner blauen Matrosenjacke und dem eingetheerten Hütl, wenn es nicht schon dunkel gewesen wäre, fühlte sein Blut siedigwarm in seinen Adern kreisen, und heftiger athmeten seine Lungenflügel, da er die ersten Häuser des Markts erreicht hatte. »Hab' ich Dich einmal derwuschen, Du lieb's Nestl?« fragte er den finster daliegenden Ort: »hast mir viel Kreuz und Sorgen gemacht: aber jetzt bist Du wieder mein mit all Deinen Gassen und Häusern, juchhe. Da ist des Bäcker Thomas zweifenstrige Wohnung; dort 3 geht's zum rothen Adler; da bleibt der Wörla-Hoisal; dort ist des welschen Fuhrmanns Behausung . . . da geht's zur Kirche, und dort, dort . . . Sapperment, sey meinetwegen noch einmal so finster, Du alte blinde Nacht, Du alte rußige Häuserpastete . . . ich will dennoch mit meinen guten Augen schon die Thüre finden, die ich meine, und das trauliche Stübl, und meine saubre, meine bildsaubre Martina . . . .« Da stand er vor den Stufen, die in's Tammerlhaus führten. »Aha! da ist's nicht versperrt; ein gutes Zeichen!« Athemschöpfend hielt er still. Die Thüre war in der That offen, gegen alle Ordnung des Hauses; aber was fragte die Magd nach der Ordnung, wenn 's galt, mit ihrem Schatz einen kleinen Spaziergang im Dunkeln zu machen? – Das Lichtstümpfchen der Dirne brannte einsam auf dem Treppengeländer. »Wieder ein gutes Zeichen!« sprach Seraphin, und huschte, ohne Furcht, sich die Stirne oder die Nase zu schinden, die Stiege hinan. – In der Wohnstube bellten Lenerl's Hunde, und der Hund der Frau Martha antwortete mit dumpfen Lauen. Gelächter aus weiblichen Kehlen folgte dem Anschlagen der Schoosthiere. »Lauter gute Zeichen.« – Es gibt keine bösen Ahnungen in der Welt, oder vielmehr schliefen sie jetzo einen tückischen Schlaf; denn Seraphin war seelenvergnügt. Dennoch war's kein Gelächter des Frohsinns, das er vernommen; es war der Ausdruck höchsten weiblichen Ingrimms. Marianne und Martha lachten sich gegenseitig in's Angesicht, weil eine jede von ihnen behauptet hatte, an Martina's unglücklicher Heirath nicht schuld gewesen zu seyn. Hätte Seraphin nur einen Augenblick an der Thüre gehorcht, wie einst bei'm Grödner, die Wahrheit würde ihm in die Hand gekommen seyn. Seine Ungeduld ließ ihm jedoch nicht Zeit, den Lauscher zu machen, und ohne zu klopfen, wie ein vertrauter Freund, machte er die Thüre 4 auf, trat in die Stube, und sagte einen herzlichen: »Guten Abend beisammen! Da bin ich einmal wieder, Gott sey Dank!« – Eine tiefe Stille bewillkommte ihn. Am Ofen saßen Marianne und Lenerl. Am Tische, neben der Kerze, saß Frau Martha. Die ersteren, mit gefalteten Händen starrten dem Ankömmling, wie einer Erscheinung entgegen. Die letztere, ihre Hand zwischen das Licht und ihre Augen haltend, suchte den Eintretenden zu erkennen. Die Hunde theilten der Frauen lautlose Bestürzung. Mit eingezogenen Schweifen schnupperten sie in die Luft, ohne sich weiter zu regen. – »Guten Abend beisammen,« wiederholte Seraphin mit treuherziger Zudringlichkeit, und den am Ofen postirten Weibern die Hände entgegenstreckend: »Frau Tammerl, Tante Lenerl, kennt's mich denn nicht noch ein bissel?« »Der Seraphin?« schrieen alle Dreie laut auf, und gaben damit den Hunden ein Signal, auf den Burschen loszufahren, und ihn unbarmherzig anzukläffen. Ein Spektakel, um sich die Ohren zuzuhalten. Zwischendurch vernahm Seraphin die befremdlichen Fragen: »Wie unterstehst Du Dich?« – »Was will Er da?« – die Marianne und Martha an ihn richteten, und Lenerl's sanftmüthigeres, aber unbeschreiblich klägliches: »Daß Gott erbarm! das fehlte noch!« Betroffen schaute er einer nach der andern in's Gesicht. Er las darauf nur Schrecken, und Unwillen, und Abscheu. Aller Hände zogen sich unter die Schürzen zurück, um den seinigen nicht zu begegnen. Nicht eine von den Frauen erhob sich, ihm ein »Willkomm« zu sagen. Vielmehr saßen sie, wie finstre Parzen, drohend zu Gericht. – »Oho! was soll das bedeuten?« fragte Seraphin, und sah dabei einem Nachtwandler nicht unähnlich. – »Das fragt Er noch?« brummte Martha im tiefsten Baß. »Der Herr Der Herr: ehrerbietige Benennung des Hausvaters und Gatten; noch heute in Bürgerfamilien von allen denselben verwandten Gliedern, vorab von der Hausfrau häufigst gebraucht. wird Dir gleich darauf antworten,« versetzte Marianne. »ich höre 5 ihn schon auf der Stiege« – »Nun, das will ich nicht mit anhören,« seufzte Lenerl, von ihrem Sitze aufrauschend: »ich kriege schon den Herzklopfer bei der bloßen Vorstellung.« – Sie flüchtete sich aus dem Zimmer. – »Wohin, Lenerl?« rief Marianne. – »Laß sie geh'n, das zuwidere Ein zuwidrer Mensch: ein unausstehlicher Mensch. Zuwider seyn: nicht angenehm seyn. Weibsbild!« ermahnte die Großmutter, der Lenerl mit der Faust nachdrohend: »Sie ist an allem schuld.« Indessen trat Tammerl etwas schwerfällig über die Schwelle; er kam von einem kleinen Rathstrunk. Die Herren hatten ihn ihres wieder aufgelebten Zutrauens versichert; er hatte seiner Leiden Bürde in ein paar Gläsern Weins ersäuft; seine Laune war rosenroth. Aber beinahe nachtete es vor seinen Blicken, da ihm Seraphin in's Auge fiel, und seinem aufgeschreckten Haupte entsank der Hut, seiner Rechten der Stock. – »Was wär' mir denn das?« platzte er heraus, betrachtete den Vintschger von oben bis unten, verschränkte die Arme, besann sich auf eine niederdonnernde Anrede. – Seraphin kam ihm zuvor. – »Grüß' Gott den Meister;« sagte er, wieder Hoffnung schöpfend, jemand zu finden, der ihn anhören würde: »Wie ich verstehe und merke, so komme ich den Frauen ein bissel ungelegen; warum, weiß ich nicht. Ich bin wie ein neugebornes Kindl, so dumm und so unwissend. Der Herr wird mich aber schon besser begreifen, und mein Brief lang in seinen Händen seyn.« Tammerl gab seiner Frau den herrischen Wink, den Lehnstuhl zu meiden, pflanzte sich hinein, und antwortete dem Sprechenden: »Weiß nichts von einem Brief. Hab' nichts erhalten.« Seraphin stutzte; faßte sich indessen bald und versetzte gleichmüthig: »'s thut mir leid, das, recht leid. Aber 's ist halt schon einmal so. Briefe geh'n verloren, wie so vieles andre auch. Nicht zu wundern in der Kriegszeit, die jetzt überall losgeht. Bin überall Soldaten begegnet. Vom Trommelschlag gellen mir die Ohren. Drum hab' 6 ich auch mich geschleunt, anher zu kommen; hab' nicht rechts und nicht links geschaut, mich nirgends aufgehalten. Ein Fuhrmann hat mich nacher Nassereit gebracht; von dort aus bin ich zu Fuß gelaufen, ohne zu fragen und zu essen und zu trinken. Noch einmal: grüß Gott! ich bin froh, daß ich wieder bei euch bin.« – »So?« fragte Tammerl langgedehnt: »Hätt's nicht gemeint. Wie schaust Du aus? Wo hast Du die Juppen und das Narrenhütl her? Wo bist Du so lange gesteckt? Wo sind die Vögel, das Geld, Du amerikanischer Spitzbub?« Seraphin nahm die Anrede für Scherz. »Ich will dem Meister erzählen, wie alles gegangen ist,« sagte er. – »Da werden wir 'was hören,« meinte der Vogelhändler. – Im Voraus schüttelten die Weiber ihre Köpfe ungläubig. Seraphin berichtete, wie es ihm ergangen, mit derselben Wahrheitsliebe, der er auf der niederländischen Fregatte gehuldigt hatte, und wenn hin und wieder Tammerl oder die Zuhörerinnen ungeduldig sich rührten, oder die Hände zusammenklatschten, glaubte der arme Schelm, es geschähe aus purer lautrer Theilnahme. – Nachdem er beschrieben, wie er mit dem kränkelnden Sekretär des Gouverneurs von Surinam nach Holland zurückgekehrt, und seinen Weg durch die Kanzleien angetreten, um wo möglich, vermittelst der Fürsprache seines Gönners, wieder in den Besitz der ihm abgenommenen Geldsummen zu gelangen, schloß er mit den Worten: »Leider hab' ich's nicht abwarten können und mögen. Die Sach' trendelt Trendeln: zaudern, zögern; etwas langsam verrichten. sich immer mehr hin, und geht vielleicht in einem Jahr nicht aus. Hab's nicht so lang im Ausland verhalten mögen. Die Lieb' zur Heimath und zu euch allen, und zur Martina hat mich gestochen wie mit Spennadeln . Da komm ich nun, vom Unglück wohl heimgesucht, aber nicht ohne Hoffnung, daß wenigstens dem Meister noch alles ersetzt werden wird, was er mir anvertraut hat. Der liebe Gott und 7 der Gouverneur Excellenz und sein Sekretari werden mich nicht stecken lassen. Bis dahin will ich Euch aber dienen mit aller Kraft meiner Hände und meines Kopfs, und was ein ehrlicher Kerl thun kann – ich darf's schon sagen – das thu ich für den Meister und all' die Seinigen mit der größten Freude. Will's Gott, werden wir auch noch erleben, daß der Egidi frei wird – der Sekretari hat mir die beste Hoffnung dazu gemacht, – und hernach – wenn Ihr alle mir gut geblieben seyd, hätt' ich schier keinen andern Wunsch mehr auf der Welt.« – Seraphin sagte das »schier« recht kleinlaut und bewegt, denn er gedachte seines Vaters, von dessen Leben oder Tod er auch nicht das mindeste wußte. – Er hatte sich dem Meister mit größter Zutraulichkeit genähert, und abermals seine Hand zum endlichen traulichen »Willkomm!« hingereckt. Darum schlug ihm, wie ein Donnerstreich in die Ohren, was Tammerl, gleichsam wider Willen zornig, seiner Offenherzigkeit antwortete: »Ja, wer's glaubt, was Du da hergelogen hast, Du z'nichter Bub' und Galgenstrick!« – »Der kann lügen! der kann lügen! – ist gar aus!« schrieen die Weiber und segneten sich vor der Unverschämtheit des Wahrheitsliebenden. – Seraphin wußte nicht mehr, ob er den Kopf auf dem Rumpf habe oder nicht. »Oho!« sagte er: »was plazedern denn die Leutl'n? Ich, ein Galgenstrick, weil ich in's Unglück gerathen bin, wie's dem Meister selbst begegnet wäre, hätte ihn der Lump von Kölbl an meiner Statt angetroffen.« »Der Lump von Kölbl wird Dir gleich antworten!« polterte Tammerl: »der Lump ist jetzt mein Hausknecht; der Lump hat mir alle Deine Niederträchtigkeit aufgedeckt. Ruf' mir Eins den Kölbl! geschwind: wie was?« – »Du vergissest, daß der Mensch ins Welschland gefahren ist, um den Doktor zu holen,« bemerkte Marianne. – »Ja so, ich dachte nicht daran, aber warte 8 nur, Du verlogener Vintschger. Nichts soll Dir geschenkt seyn!« Indem er so redete, ging Tammerl, der aufgestanden, hastig auf und ab, und setzte unschlüssig bald den Hut auf, bald warf er ihn von sich. Furchtlos, wenn schon betroffen, erwiederte Seraphin: »Weiß nicht, wie der Kölbl wieder zu euch kommt. Hätt' ihn am wenigsten hier zu treffen vermeint; wohl eher irgendwo draußen am helllichten Galgen – aber das ist akkurat eins und gleichviel. Wollen sehen, wer am meisten vor dem andern derschrickt. Für euch hab' ich indessen, wenn Ihr meiner ehrlichen Versicherung nicht glaubt, einen andern Beweis, einen rechten, einen geschriebenen. Der Herr von Dobroslaw oder von Abraham oder von . . . gleichviel, wie er jetzt heißt, hat mir ein Zeugniß ausgestellt, und noch ein paar andre Papiere hat mir sein Sekretari mitgegeben . . . .« – Seraphin suchte in den Taschen seiner Jacke, seiner Beinkleider. – Tammerl stand plötzlich steif und still. Es hätte ihm gefallen, wenn Seraphin sich rein gewaschen hätte. – »Nun? die Papiere? die Testimoniaunza Testimoniaunza : (romanisch) Zeugschaft, Beweis; auch Testament. ? wo? wie? was? her damit!« Aber – es kam nichts zum Vorschein. Vergeblich kehrte Seraphin das Futter seines Kleids, das dürftige Bündel unter seinem Arm um und um. Nirgends etwas zu finden. Schwitzend vor Eifer und Angst stammelte er: . . »Da, da . . . da hab' ich's verloren, das Brieftaschl, mit allem, was darinnen. Gibt's denn einen geschlagnern Menschen, als ich bin? Wo denn – in Gottesnamen – hab' ich das Brieftaschl verlieren können?« Martha lachte vor Bosheit hell auf. Marianne zuckte geringschätzig die Achseln. Tammerl, je gespannter er gewesen, je zorniger wurde er. Er arbeitete sich völlig aus seinem guten Humor heraus, indem er den Seraphin anschrie: »Was sollen also die Spargimenter Spargiment : hin und wieder »Umstände;« sodann auch »Gerücht« in schlimmerer Bedeutung. ? was soll die heuchlerische Anrufung des heiligsten Namens? 9 Lockfink des bösen Feindes! meinst Du, ich würde Deinem falschen Pfiff zuhorchen, wie ein gutmüthiger Dalk von einem Vogel? Was gar nicht existirt, das kann freilich nicht vorgewiesen werden. Durchgebracht, verwixt ist mein schön's Geldl, und wenn Du's auch herhexen könntest, so will ich Dir dennoch beweisen, daß Du ein Dieb bist, der meinen Peterl ausgeraubt hat, wie einen Schelm.« – Folgte nun in körnigen Worten die Litanei der Anschuldigungen, wie der verlorne Sohn sie vorgebracht hatte. – Bei jedem Absatz, den der schnaubende Tammerl machte, fiel Seraphin um eine Klafter tiefer aus den Wolken seines geträumten Himmel. Mochte er zehnmal den Alten unterbrechen, sich mit Händen und Füßen wehren, immerdar »Nein, nein« und »es ist alles nicht wahr, ist alles erlogen!« rufen, kein Mensch glaubte ihm. Martha schüttelte Lawinen von ehrenrührigen Redensarten aus ihrem tückischen Munde; Marianne forderte Blitz und Donnerkeil auf, denjenigen zu vernichten, der es wagte, die Aussage ihres lieben Kindes Lügen zu strafen. Seraphin stand nicht wie der Fels im Meere: dazu war ihm das unermeßliche Unheil viel zu unverhofft gekommen. Er weinte, er seufzte, er wimmerte: »Bin ich denn hier unter meinen ärgsten Feinden? Nimmt denn gar kein Mensch für mich das Wort? Wo ist die Tante Lenerl, die es mit mir so gut meinte? Wo ist Martina, mein Schatz, mein Alles, daß sie für mich vorbitte?« »Die Tante, das ungute Weibsbild, ist an allem schuld,« gab Martha wiederum zum besten. – »Den Peterl, meinen liebsten Peter anschwärzen!« kreischte Marianne. Tammerl seinerseits trat mit einer wilden. fast lächerlichen Majestät vor den Seraphin, und sagte. »Du, laß' mir die Martina aus dem Spiel. Wisch' Dir das Maul, Du schlechtes Früchtl. Mit der Martina 10 ist's nichts mehr. Rede nicht so gemein und vertraulich von ihr. Sie ist verheirathet, und die Frau von Sprenger sollst Du respektiren, oder ich schlag' Dich nieder, Du Gutedel.« Alle Lawinen und Donnerkeile der beiden Frauen waren Spielwerk im Vergleich zu den erschrecklichen Worten Tammerls, der gar nicht die Hand aufzuheben brauchte, sein Schlachtopfer niederzuschlagen. Seine Rede allein traf den guten Vintschger so gewaltig, daß er an den Ofen taumelte, und sich die Stirne blutrünstig schlug. Nicht der Schmerz, sondern die über alles Maß schreitende Verwirrung seiner Sinne machte, daß Seraphin seinen Kopf mit beiden Händen hielt, und unzusammenhängende Laute ausstieß, die das trockenste Herz erweicht haben würden, wäre er nicht von feindlich flammenden Gemüthern umgeben gewesen. Er schluchzte, er klagte, er riß an seinen Locken . . . er war kein vernünftiger Mensch mehr. Das verständlichste, was er vorbrachte, war: »Mutterl, Mutterl im Himmel! nimm mich zu Dir.« Tammerl wurde nach und nach im Angesicht dieses tiefen Kummers betroffen und unentschlossen. Selbst Marianne machte Schicht mit ihren hageldicht fallenden Vorwürfen. Aber Martha blieb, wie sie war, und herrschte dem Sohne zu: »Nun, Peter, nun? soll uns der Straßenräuber die Ohren voll lamentiren? Ich meine, wir hätten genug Verdruß im Leibe. Weißt nicht, was mit ihm anzufangen?« – »Marschiren soll er, sich durchmachen!« befahl Tammerl; aber die Alte war damit nicht zufrieden. »'s wär' ihm das liebste!« rief sie: »aber der Peterl und der Kölbl, die als Lügner dastehen! und das Geld, Dein Geld, das sauer verdiente, willst Du in's Kamin schreiben? Mir käm' er ohne Strafe nicht durch, der höllische Dieb, mir nicht. Verstanden?« »Ja, Frau Mutter!« hob Tammerl an, von neuem 11 angehetzt: »Dableiben, nicht mucksen soll er. Ich gehe, stehenden Fußes, den Gerichtsdiener zu holen. Eingesperrt, prozessirt, kriminalisch werden, Galgen, Rad und Zuchthaus. Ja, Frau Mutter, ich geh' geschwinde.« Im Nu hatte er den Hut abermals auf dem Kopfe, nahm den Stock verkehrt in die Hand, und lief zur Thüre hinaus. Die Weiber folgten ihm; das Schloß an der Thüre wurde abgeschnappt. Seraphin war allein und eingesperrt. Unvermögend, den davoneilenden Tammerl aufzuhalten, war doch dem Burschen nicht entgangen, was beschlossen worden im Rath seiner Dränger. Der Sohn der Freiheit empörte sich gegen den Verschluß und die Aussicht auf einen strengern Kerker. Wenn auch die mißhandelte Liebe ihm zurief: Was gilt Dir Freiheit und Leben, da Martina für Dich dahin? so war doch seine Erinnerung plötzlich wach geworden, als eine auf gefährlichem Posten stehende Schildwache und schüttelte ihn auf, und donnerte ihm in's Ohr: Wie? kaum entgangen dem Kerker der Seelenverkäufer und des holländischen Schiffs und der Furcht, am Mast zu baumeln, willst Du, der Unschuldige, schmachvolle Ketten und Prozeß und unehrliches Urtheil erwarten? Pfui Dich an, wenn Du das willst. Frei seyn, frei und dann meinetwegen zu Grund gehen, aber nur frei! – Ohne sich lang zu bedenken, gab Seraphin der Mahnung Gehör. Ihm fiel ein, das kürzeste möchte wohl seyn, zum Fenster hinauszuspringen. – Aber das Mitleid eines Weibes ersparte ihm das halsgefährliche Wagestück. Allerdings war nicht Martha und nicht Marianne die Barmherzige, die den Verzweifelnden befreite. Die weiße Hand der guten Tante öffnete behutsam von außen, und Lenerls thränenweiche Stimme sagte zu Seraphin durch die Klumse der Thüre: »Du weißt noch den Weg durch's Hinterhaus? Das Stadtthor steht auf. Such' das Weite, und Gott verzeihe Dir, was Du angerichtet.« 12 Da war nun freilich keine Zeit mehr zu Entschuldigungen und Aufklärungen. Seraphin benutzte unverweilt den dargebotnen Freipaß, und hatte innerhalb einer Minute, trotz seiner Verwirrung und der dichten Finsterniß, das so geliebte und so gefährliche Haus im Rücken. Wohl bekam's ihm, denn nicht lange darnach kehrte Tammerl in Begleitung seines Gevatters, des Rathsherrn und des Gefängnißknechts zurück. Triumphirend führte Martha, die an der Hauspforte mit dem Lichte Wache gehalten, das Kleeblatt hinauf, und sank beinahe in Ohnmacht, da sie den Käfig leer, den Vogel ausgeflogen fand. Auch Tammerls Verwunderung war groß. »Das ist was saubres.« spottete der Rathsherr. – »Einen auf den alten Kaiser hin Etwas auf den alten Kaiser hin thun: schwäbische Redensart: etwas ohne Ueberlegung thun. Z. B.: »er lebt,« oder »er macht Schulden auf den alten Kaiser« u. s. w. (Beziehung auf das Mährchen vom alten Hohenstaufen.) aus'm Bett zu jagen!« maulte der Gerichtsknecht, ein Schwab von Pfullendorf. »Wer hat ihn ausgelassen?« fragte Tammerl bärbeißigst »Epper ich nicht!« entgegnete Martha trotzigboshaft. – »Daß Gott erbarm! ich auch nicht!« sagte Marianne. – »Und ich, will's Gott, doch auch nicht,« sagte die Dirne. – »Die Tante! die Lenerl! niemand als sie.« vereinigten sich dann alle Stimmen. Und die Tante war zu ehrlich, um zu läugnen, und sie sprach mit Nachdruck zu Tammerl: »Ja, ich hab' dem Schwager den größten Gefallen gethan, den ich ihm thun konnte. Ich habe dem Seraphin durchgeholfen, und ihr Alle werdet mir's einmal danken, daß ich euch die mannichfache Schande gespart habe, die über euch und eure Angehörigen gekommen wäre. Mehr als die Schande, das größte Unglück. Würde Martina, die im ärgsten Leide sitzt, nicht vergehen ganz und gar, wenn ihr gewesener Bräutigam in Eisen läge und dem Zuchthaus entgegenreifte? Und gesetzt, er wäre unschuldig, wie er sagt . . . . was sollte aus dem Peter werden? Ich habe recht gethan. Thut ihr jetzt, was vernünftig ist, und schweigt und laßt die traurige Geschichte ruhen. Seraphin wird euch 13 nicht weiter stören. Ob strafbar ob unschuldig, – glaubt mir – er wird euch mit seiner Gegenwart immerdar verschonen, oder ich kenne seinen Kopf und sein Herz gar schlecht. Was wollt ihr mehr?« Martha erstickte fast vor Grimm, und lief in ihre Stube, sich einzuschließen. Der Rathsherr drückte der Tante schweigend die Hand. Der Eisenknecht bedankte sich für das reiche Trinkgeld, womit sie seinen Mund versiegelte. Marianne meinte, die Schwester könne etwa nicht Unrecht haben. Nachdem Alle fortgegangen, sagte Tammerl, der kaltblütig geworden, mit seinem gewöhnlichen gutmüthigen Ausdruck zur Tante: »Die Schwägerin ist brav, brav von innen heraus; eine christliche Seele, beim Eid. Ich danke Ihr wahrhaftig. Die arme Martina, an die ich gar nicht dachte! Der Bube laufe hin. Mein Geld ist doch verloren; ich könnt's ihm nicht aus der Haut schneiden, und – wer weiß – vielleicht bessert er sich auch noch. Ich hätt' es selber nicht ertragen mögen, den Burschen – den mir mein seliger Vater rekommandirt – im Elend zu wissen. Gott schenk' ihm wieder ein gut Gewissen; der Martina gebe er Geduld – sie hat sie nöthig, die arme Haut – und uns verleihe er Frieden im Haus und im Lande. Gute Nacht, Schwägerin. Sie wird schlafen, wie eine Heilige, das ist gewiß. Und auch mir wird der Himmel einen süßen Schlaf schicken, der mir ausgeblieben wäre, hätte Sie nicht alles zum besten gekehrt. Gute Nacht.« – – Seraphin hatte keine süße Nacht. Sobald er sich frei gefühlt, war er von dannen gesprungen, und zwar auf der Straße nach Landeck; denn eine Art von innerlicher Gewalt und von Naturtrieb jagte ihn seiner Heimath entgegen. Wollte er dem Grödner sein Leid klagen? wollte er in Oswalds Armen, den er mit Recht dort vermuthete, Trost suchen? Oder sehnte er sich nur nach dem kleinen Gottesacker neben der Kirche, nach einem stillfriedlichen 14 Grabe neben dem Erdhügel, der seiner Mutter und seines Schwesterchens Asche bedeckte? – Schwerlich konnte er sich Rechenschaft geben von dem, was er wollte und vorhatte. Aber eine Thatsache ist, daß er, nachdem er fast eine Stunde weit gelaufen, plötzlich inne hielt, die Arme verschränkte, hinaufschaute zum Mond, der sich langsam durch schwarze Regenwolken arbeitete, und laut zu sich selber sagte: »Das Leben ist viel, die Lieb' ist wohl noch mehr; aber die Ehrlichkeit ist doch das Hauptstück auf Erden. Und wenn ich für's Leben auch keinen Pfifferling mehr gebe, und wenn mir auch die Lieb', meine Seligkeit, dahin ist – ich will sie ja meinetwegen, so Gott befiehlt, zum hohen Fenster hinauswerfen, die edlen Rosen – so wär's doch schade, wenn meine Rechtschaffenheit nicht stehen bliebe. Noch im Grab müßt's mich ärgern, wenn die Leute von mir Schlechtes glauben könnten . . . . und um's ihnen zu beweisen, muß ich mein Brieftaschl wieder haben, und das Taschl kann ich nur in des Fuhrmanns Wagen haben liegen lassen, und den Fuhrmann muß ich derwischen. Ist er doch von Telfs, und wird vor dem nächsten Montag nicht wieder ausfahren, und laufen kann ich ja wie besessen, leicht im Magen und im Beutel! denn der Appetit ist mir ganz vergangen, und wenn mir auch das Herz bleischwer, so gibt mir doch der höllische Geißfuß, die Desperation, die Sporen in die Seiten, als wie ein betrunkner Reiter seinem Roß. Umkehren also! Ehrlichkeit vor allem! hernach sich hinlegen und ausgeistern  . . . . Gute Nacht dann, Du schnöde Welt!« – Gesagt, gethan. Die feurigen Putzl'n, die den Seraphin einst von der Nauderer Brücke bis in's heimathliche Dorf hinab verfolgt hatten, waren nicht bald so geschwind gewesen, wie er sich jetzo erwies. Kein Kopfhängen, kein zögernder Fuß, kein Seufzen von O! und Ach! – sondern der straffe Lauf eines Menschen, der, weil er Alles verloren, sich um dir weite Schöpfung nicht mehr 15 bekümmert. Seraphin vermied, den Markt wieder zu berühren; er eilte im Bogen über die Matten, sprang über Abzugsgräben, fiel in eine Mühlrunse, zerriß sich an Hecken und Pfählen die Kleider . . . . was machte er sich daraus? – So gelangte er um die Mitternachtstunde wieder gen Tarrenz, warf noch einen Blick in das todte Fenster seines Schuhflickers, war im Nu wieder viele Klafterlängen weit vor'm Dorfe draußen, ohne Rast, ohne Ruhe. Da gab ihm die Natur einen Deuter, weil's die Vernunft nicht that. Er war, einen Satz machend, nahe daran, eine Flechse zu verstauchen. Der blitzschnell auftauchende Schmerz sagte ihm: »Stockan! halt! oha, Bub!« und er mußte nachgeben, der Springer. Sah sich um nach einem Obdach; denn es fing wieder an, dünn aber ergiebig zu regnen: gewahrte auch ein solches, wenige Schritte von der Straße. Dort lag ein Bauernhof, der heutzutage nicht mehr steht, und dazumal schon passabel herabgekommen war. Man hieß ihn allgemein »beim Trummeter« und gewöhnlich hielten nur ein Knecht und eine Dirn dort Quartier; der Eigenthümer aber wohnte zu Tarrenz. –»Ich will keinen Lärm machen,« sagte sich Seraphin: »im Stadl oder im Stall beim Vichl finde ich schon eine Unterkunft, um über Nacht zu liegen, bis das Morgengrau in die Höh' geht.« – Er glitschte, sein Vorhaben auszuführen, über 'n nassen Steig dahin; aber eine Hellung, die bald deutlicher und deutlicher sich ausnahm, wie auch das dumpfsummende Geräusch von allerlei menschlichen Stimmen gaben ihm, dem Näherkommenden, zu seiner Verwunderung, zu verstehen, daß es »beim Trummeter« grade heute nicht so einsiedlerisch zuging, wie sonst das ganze Jahr hindurch. Der Stadel war sperrangelweit offen, und wohl ein halb Dutzend Laternen brannten darinnen auf verschiedenen Punkten, in der Höhe, auf dem Boden, und fern in dunkeln Winkeln. Ueberall saßen und standen und lagen 16 Leute umher in lodenen Hemden Hemd: die Juppe oder lange Jacke von Loden: die Tracht der Bergbewohner. und breiten Hüten, verwegene und gutmüthige Gesichter bunt durcheinander; weiße und braune Schnauzbärte, und manches glatte jugendliche Kinn; lauter Männer des Landes. Die meisten hatten das kurze Tabakspfeifl zwischen den Zähnen und dampften leichtsinnig in der gefährlichen Nachbarschaft der Futtervorräthe. Es war eine bewaffnete Gesellschaft, denn auch ein Jeder beinahe hatte seine Flinte im Arm oder zwischen den Knieen; eine Gesellschaft von Landesschützen, die von den Kreidenfeuern Kreidenfeuer: Signalfeuer auf den Bergen, zum bewaffneten Aufstand zu mahnen. aufgemahnt, aus dem Innern herangezogen waren, die Grenzen zu besetzen, um den sich rüstenden Bayern zu wehren. Sie hatten ihr Nachtlager im »Trummeter« genommen. Seraphin näherte sich unangerufen. Entweder hatten sie eine Schildwache auszustellen unterlassen, oder diese hatte sich vor dem Regen in die Scheune zurückbegeben, oder sie hatte nicht versäumen mögen, den Vortrag eines ältlichen Schützen mitanzuhören, der eben erst anfing, mitten im Kreise sitzend, wo das Branntweinpanzl Panzen: ein kleineres zum Ausschenken des Getränks bestimmtes Faß; spaßhaft: der Bauch eines Menschen. lag, etwas Anziehendes zu erzählen. Der Gegenstand mußte recht volksthümlich seyn: die einzelnen Gespräche der Schützen untereinander schwiegen; die auf dem Heustock und seiner Leiter Sitzenden hörten auf, mit den Beinen zu schlenkern; die müde Dahinliegenden hoben die Köpfe und reckten die Ohren, um keine Silbe zu verlieren. Seraphin machte sich geräuschlos unter den Schwarm der Zuhörer, der unfern von dem Thore lagerte. Der graugelockte Schütze erzählte, wie folgt: »Da ist es bei unsern Alten viel anders gewesen als heutzutag. Ich kann davon reden, Soggara Soggara : eine im Mittelgebirg bei Axams, Birgitz u. s w. bräuchliche Verwünschung (Sakra). ! Bin zu Axams auf die Welt kommen; meine Mutter selig ist eine von Bürgi gewesen, und ihr Nöndl, der am Völlenberg sein Gütl hatte, hat's viel hundertmal derzählt. Um also wieder auf den Türken zu kommen, so ist der vor Zeiten viel höher und schöner und ausgiebiger gewachsen, als 17 wie heute, und ich will euch sagen, warum. Die Aecker sind gewesen, wie jetzo, und die Erde gerad so braun und schwarz, und es ist Winter gewesen und Sommer, gerad noch wie alleweil. Aber im Frühjahr, wenn's einmal aper geworden ist, und kein Gfrirst mehr zu fürchten, und die Vögel sind schon brav in den Lüften gewesen und der Schnee ist nirgends mehr gelegen, als im Felsspalt, und dort nimmer weiß, sondern graulich gelb – da sind die Bergmänner gekommen, groß und stark wie die Bäume, und haben von den Jöchern herabgeschrieen: »Türken baut's! baut's Türken!« haben sie geschrieen; und darnach haben die Bauern gleich gebaut und gesetzt, und beim Einthun ist immer so viel unmenschlich viel Korn gewesen, daß die Latten Latten: die Gestelle längs den Mauern und Giebeln der Bauerhäuser, wo die Maiskolben zum Trocknen aufgehängt zu werden pflegen. gar nicht mehr haben zureichen wollen; die Bauern haben völlig den Türken nicht unterbringen mögen. – Aber einmal in einem Jahr sind die Riesen lang lang nicht gekommen, und doch ist alles schon aper und das Wetter das schönste gewesen. Geh'n halt die Bauern hin und bauen und setzen, und richtig ist hinterher der Reifen gekommen; hat ihnen den ganzen Türken verbrennt. Gleich darnach sind wohl auch die Bergmander auf die Jöcher gestiegen; und wie sie gesehen haben, daß die Bauern nicht auf sie gewartet hatten, so ist's das letztemal gewesen. – Jetzt liegen sie wohl faul hinter den Fernern und kümmern sich nichts mehr um die Menschen, und wenn sie ihr Pfeifl im Maul haben, so gibt's den Rauch in den Bergen, der uns Regen bringt, und manches Stückl Vieh bethört, und manchen Menschen, daß sie sich ganz blind zu todt fallen. Aber der Türken ist jetzo kein Gleichniß Das ist kein Gleichniß: das ist nicht dasselbe, nicht zu vergleichen. von dem, was er ehzumal gewesen.« Dieses Ackerbaumährchen, erfunden ohne Zweifel hinter'm friedlichen Ofen zur traulichen Winterzeit, hatte eben jetzt, so zu sagen unter den Waffen erzählt, etwas Rührendes, ja tief Ergreifendes. Gläubig nickten alle Häupter dem Erzähler Beifall und Beistimmung. Ein Einziger, 18 waffenlos und der Jüngste vielleicht in der Versammlung, lächelte ruhig. »Das mit den Bergmandern,« sagte er bescheiden, »ist einmal nicht wahr; und der Türken wächst noch heute so, wie er vor Zeiten gewachsen ist. Der liebe Gott macht keinen Unterschied; er gibt den Menschen ihr Brod, und braucht dazu die Riesen nicht. Darum hat der Mensch sein Hirn im Kopf, daß er selber wisse, wann und wie er's anzufangen, sich und die Seinigen ehrlich zu ernähren. Die Sonne kommt und geht, geschwinder oder langsamer, nach der Zeit, die ihr der Schöpfer vorgeschrieben Strich für Strich, Tag für Tag; die Bergmander, wenn sie anders auf der Welt sind, können nichts daran richten; aber der Wind ist's, der warme Athem Gottes, der allmächtig über die höchsten Berge daberbraust, und eigentlich zur rechten Stunde ruft: »Baut's Türken! ich will ihn schon wachsbar machen.« – »Schaut's einmal den Schnabel, ihr Mander und Buben!« rief der Erzähler verwundert und beleidigt: »Er wird's jetzt besser wissen wollen, als ein Mann bei Jahren, der seine Sach' versteht, und zu Axams auf die Welt gekommen ist?« »Ja, ja! 's ist wahr!« riefen mehrere Stimmen dem Axamer nach: »wer ist denn das käsige Gesicht, das so unchristlich redet, und die Bergmander abläugnet? Man sollt' ihn mit Kirschenbeinern derschießen, wenn nur welche da wären.« »Oho! oho!« nahm auf einmal Seraphin das Wort, und drängte sich zum bedrohten Jüngling durch, in dem er, an dessen Züge und Stimme sich erinnernd, den Oberperfußter Peter erkannte, seinen Nachtkameraden zu Stams: »wenn doch der Peterl unserm Herrgott alles zuschreibt, wo ist da eine unchristliche Rede? Ja, von Gott kommt freilich alles, gut und schlecht, Freud' und Leid, Türken und Roggen. Hast mir einen rechten Trost gegeben, Peter Anich. Wir sind groß geworden, aber kennen wirst Du 19 doch den Stamser Seraphin? ein bissel wirst ihn noch kennen? he?« Der Oberperfußer umfaßte seinen Freund. »Wenn ich Dich nicht mehr kennte, so wüßte ich nicht, wo ich meinen Kopf habe,« sagte er fröhlich: »Grad Du bist schuld, daß ich mich daher verlaufen habe, und den Mandern da in die Hände gerathen bin. Der Vater hat mich nach Telfs geschickt, um eine seinige Schwester vor ihrem Tod noch zu gesegnen. Der Vater ist erkrankt, hätt' selber nicht gehen mögen Mögen: wird sehr häufig für können gebraucht. . Gott sey Dank, die Frau ist nicht gestorben; sie wird besser, und in meiner Freud' hab' ich den Weg unter die Füße genommen, um Dich heimzusuchen, und meine Schuld endlich einmal zu bezahlen. Da, da, Seraphin, da ist das Geldl, ich hab' etwas als Zins dazu gelegt. Du hast auch nichts zu verlieren, meine ich.« »Hab' schon Alles verloren, hast recht Peterl. Aber doch ist der Zins vom Uebel.« »Wär' mir nichts lieber, als daß Du mir ihn zurückgäbest! Nein! nein. Die Anich's sind arme Leute, aber sie leben und lassen leben. Ordnung muß seyn. Zudem dank' ich Dir, daß Du mir ein Stückl Wegs erspart hast.« – Sich besinnend, setzte Peter Anich verdrießlich hinzu: »Ja so, ich wär' epper gar nicht nacher Imst gekommen; wenn Du mir nicht begegnetest, hätt' ich etwa meine Schuld nicht abtragen können. Denk' Dir einmal, weißt? Die Schützen da wollen mich nicht fortlassen; ich soll bei ihnen bleiben, 's Büchsel auf die Schulter nehmen, und Bayern todtschießen geh'n. Hast von einer Gewalt gehört, wie diese?« – »Soggara!« hob jetzt der alte Axamer an: »habt's jetzt miteinander geplauscht? Beim heiligen Blut! ich hab' genug, und die Mander allesammt. Redst noch von G'walt, wo die Bayern wieder Lust haben, 's Landl zu fressen? Bist ein ausgewachsener Limmel von 20 einem Buben, und willst Dich besinnen, das Vaterland zu vertheidigen?« »Hoi! das Vaterland ist mir lieb, wie einem von euch,« erwiederte Peter Anich mit funkelndem Auge: »Zum Soldaten tauget' ich zwar nicht, aber für die Heimath thu' ich schon auch meinen Schuß, und an mir soll's nicht fehlen. Aber ich muß dem Vater Post bringen, und mich von ihm verabschieden, und dann will ich, wenn's seyn muß, mit meinem Dorf ausziehen; dorthin gehör' ich, und wir werden nicht die Letzten seyn, wenn's drauf ankommt.« »Der Bub' hat recht und spricht raschonig,« meinten etliche von den Schützen. »Und wenn's euch recht ist,« fiel Seraphin ein, »so behaltet mich an seiner statt. Ich bin nicht mehr an ein Dorf oder ein Hüttl gebunden; ich bin frei, und halt nimmer viel auf mein Leben. Gebt's mir 'nen Stutzen. Ich will auf die Bayerköpfe halten, wie der Vornehmste unter euch. Laßt's mir den Peterl gehen.« »'s ist erst die Frag', ob wir Dich nicht lieber am nächsten Baum abkrageln wollen!« schnauzte den kühnen Stellvertreter einer der Schützen an: »Du bist ein verdächtig's Gewächs, sprichst wie ein Tiroler, schaust aber nicht her, wie Einer aus dem Land. Könnt'st wohl ein Spion seyn, ein bayerischer Vorschmecker?« »Pah! ein Spion! ich, ein ehrlicher Vintschger!« versetzte Seraphin verächtlich, und redete dann zum Anich mit großer Aufregung, und so, daß die Andern nur abgerissene Worte davon verstanden. Nun waren die meisten der Schützen aus dem Landecker Gericht, und schnurrten durcheinander: die Vintschger seyen als verschlagen und halbe Schweizer bekannt und verrufen; das halbromaun'sche Wesen tauge nicht; der Kerl in seiner ausländischen Jacke sey ohne Zweifel ein Kundschafter, der Briefe an Leute getragen, die 's mit den Bayern hielten, . . . und was des unverständigen Geredes mehr. 21 Der Argwohn des Volks hat immer den Vortritt vor seiner Vernunft. »Es gibt immerdar Spitzbuben, die das Land verrathen,« sagte der graue Axamer heftig: »Im Jahr drei ist's akkurat so gewesen. Sind Briefl'n getragen worden hin und her, eh' der Churfürst hereingebrochen ist. Denn – ihr Mander – die Stadtleute sind alle miteinander z'nichte Kameraden, und wenn wir Bauern nicht helfen wollten, s' Tirol wär schon langlang verloren.« Die Landschützen in großer Mehrzahl schrieen hierauf: »Sucht's den Kerl da aus. Wenn er was G'schriebnes bei sich hat, soll's ihm schlecht gehen!« Im nämlichen Augenblick sagte Seraphin zu Anich: »Und wenn Du 's Brieftaschl kriegst – der Mann wird doch Ehr' im Leib und Gott vor Augen haben – so besorg' es fein, wie ich gesagt. Thu mir die Lieb, Peterl.« Die Worte wurden gehört, und schienen den aufgeregten Bauern ominös »Ein Brieftaschl? habt's gehört? 's ist ein Postelträger, ein bayerischer . . . sucht's ihn aus, schlagt ihn todt . . . hängt's ihn auf!« ging's von Mund zu Munde. Anich wurde blaß, dagegen Seraphin feuerroth; denn er hörte einen Mann ihm zur Seite sagen: »Jetzt kenn' ich ihn. Es ist ein Bub', der seinen Herrn um viel Geld betrogen hat.« – »Wer sagt das?« fragte Seraphin außer sich. – »Ich,« antwortete der Ankläger, auf die Brust schlagend: »ich bin der Hartl von Zams und kenn' den Tammerl von Imst und Deine Stückln wohl.« – »Nun, ihr Brüder?« fragte der Axamer seinerseits: »das ist ja sonnenlicht. Wer seinen Herrn bestiehlt, hat der noch weit dazu, sein Vaterland zu verkaufen? . . .« Ein fürchterliches Geschrei des Unwillens brach im Haufen los. Seraphin wurde beim Kragen genommen, niedergeworfen, und unbarmherzige Stimmen schrieen ihn 22 an: »Die Briefe heraus! heraus damit, Du bayerischer Judas!« »Ho, ho, was wär' mir denn das?« begann plötzlich Einer, der unversehens in den Kreis trat; und den Knäul der sich mit Seraphin Balgenden auseinander zerrte: »ist denn hier der höllische Sabbat los?« – Eine kurze Stille folgte. Anich, den nur die Uebermacht von Seraphins Seite gedrängt, half ihm besorgt wieder auf die Beine. Wenn auch verwitterter und verfallner als vor noch wenigen Jahren, war dem jungen Plaschur der alte wilde Jäger von Schleiß, der vor ihm stand, hinlänglich kenntlich.– »Schau, schau, Jäger-Liebl, wie sie mich zugerichtet haben!« sagte Seraphin zu ihm: »hilf Du mir, wenn Du kannst.« Der Jäger schlug mit der Linken an den schweren Hirschfänger, streckte die Rechte, mit der Flinte bewaffnet, über die Köpfe der scheu zurücktretenden Bauern, indem er rief: »Oes! gebt 'n Fried', ös, oder ich will enk heimleuchten? Was habt's da, Zwanzig gegen Einen? Schamt's enk nit in enkere Seel hinein, den armen Heiter da so zu derschlagen? Sey nur zufrieden, Seraphin: so wahr ich getauft bin, sie thun Dir jetzt nichts mehr.« Der Axamer, an der Spitze von Mehreren, die sich vordrängten, wollte Einwendungen machen, aber der Jäger-Liebl schnitt ein erschreckliches Gesicht, klopfte auf die Hauptmannsbinde, die er um den Leib trug, und trumpfte die Rebellirer herzhaft ab: »Marschirt's und laßt's mich aus! Spart's eure Maultaschen für den Feind, und kastigart Kastigaren: züchtigen, ausschelten (aus dem Italienischen). mir nicht da den unschuldigsten Buben, der unter der Sonne dahergeht. – Laßt's mich aus, sag' ich. Komm, Seraphin, komm auch Du, Peterl oder wie Du heißt. Legt's euch auf eure langen Ohrwascheln, ihr Mander. Schildwach', hinaus auf Dein'n Posten. Die Lichter aus! Ruh' geben.« Mit diesen Worten begab sich der gestrenge Hauptmann 23 zum Tempel hinaus, und Seraphin und Peter Anich folgten ihm in's Bauernhaus, wo er sein Quartier genommen. – »Bist groß und sauber worden,« sagte Liebl zu seinem jungen Freunde: »jetzt geh' und erzähl' mir, was Dir auf'm Herzen liegt. Nimmst mir's nicht übel, wenn ich mich auf der Bank ausstrecke. Bin alt und müd, und komme von einem Gespräch, das mich ein bissel angegriffen hat.« – Liebl that, wie er gesagt; Seraphin erzählte ohne Hinterhalt, Anich desgleichen. Liebl horchte schwermüthigen Angesichts zu; die Pfeife ging ihm alle Augenblicke aus. Nachdem die beiden Jünglinge fertig geworden, besann sich der Jäger eine kleine Weile; dann sprach er zu Anich: »'s ist dumm, daß Dich die Ruechen haben aufhalten wollen. Mach' Dich durch; aber gleich und auf der Stelle, ehe die Limmel wieder ausgeschnauft haben und wieder zum Zecken anfangen.« Anich hüpfte auf, griff nach dem Stecken. »Vergiß nicht den Fuhrmann in Telfs!« ermahnte ihn Seraphin.– »Warum nicht gar? Kannst Dich auf mich verlassen. Behüt' euch Gott!« – »Du!« hob der Jäger an, ohne seine Stellung zu verändern: bist so gut, nacher Tarrenz hineinzulaufen, und beim Schuster, beim Maroner anzuklopfen und ihm zu sagen, ich ließ mich noch tausendmal bei ihm bedanken? he? ein Katzensprung für junge Füße. Wie?« – »Will's grad verrichten!« – »Sag' ihm auch von mir einen schönen Gruß,« bat Seraphin, »und ich sey unter die Schützen gegangen, und eine bayerische Kugel sey gewiß schon für mich gegossen.« – »Dalkerei mit der Kugel!« lachte Anich: »aber den Gruß will ich schon ausrichten. Lebt wohl miteinander.« – »Laß' Dir Zeit!« riefen dem Forteilenden die Zurückbleibenden nach: ein ächter Gebirgsgruß dem eilfertigen Wanderer. – »Ist's Dein Ernst, mit uns zu gehen?« fragte der Jäger bedenklich. – »Wohl, mein bittrer Ernst,« versetzte 24 Seraphin: »die Schützen sollen spüren, daß ich kein Spion, aber wohl ein braver Tiroler bin. Ich scheer' mich auch nichts mehr um Schuß und Hieb und Tod. Meine Freudenblumen sind verwelkt; unter meiner holländischen Juppen zittert ein absterbend Herz. Gib mir ein Büchsel, und Du sollst sehen, Jäger-Liebl!« – »Ich glaub's, ich glaub's,« erwiederte traurig-lächelnd der Alte: »mein Gewehr, wenn Du's haben willst, ist Dein, bis Du ein andres Dir gewonnen hast. Da ist auch das Hemd und der Hut vom Sepp-Antoni, der sich heut Morgens in den Inn geworfen hat, der dumme Tschoggl. Die Lieb hat ihn konfus gemacht, und da hat er sich mit Lieb' und Leben in den Tod gestürzt, und das Gewand zurückgelassen. Leg' Du's an seiner statt an; aber sey vernünftiger als der Sepp-Antoni. Bist jung wie er, und die Welt hat noch viel viel Thüren offen für Dich. Ein ander Ding, als eines alten Kerl's Schicksal. Schau mich an. Ich hab' keinen Eingang mehr in's Leben, sondern nur den Ausgang vor mir. Dechter möcht' ich mir nicht den Hals abhacken und die Gurgel mit Innwasser ersäufen.« – Der alte Mann legte sich auf den Rücken, deckte beide Hände über's Gesicht, und seufzte schwer und oft. – »Willst Dich nicht auf's Bett legen?« fragte Seraphin mitleidig. – »Streck' mich lieber auf's Rechbrett !« antwortete der Greis finster, und schwieg dann lange. – Wäre Seraphin nicht so sehr mit der Geschichte seines traurigen Abends beschäftigt gewesen, er hätte sich dringend nach der Ursache der Veränderung erkundigt, die er im ganzen Wesen des Jägers bemerkte. Wo war die Wildheit, die den Liebl ehedem so kräftig beseelte, selbst im herbsten Kummer? Wo war der, so zu sagen. muskelstarke Geist, der stets hoch über des Jägers Widerwärtigkeiten geschwebt? der sich nur gebeugt vor Gott und vor dem ernsthaften Boten des Allmächtigen, vor dem Gewissen? – Wo alle diese Kraft hingekommen, und warum er sie verloren, nahm sich der Jäger-Liebl nach 25 einiger Zeit selbst die Mühe, dem jungen Freund zu erzählen. Er setzte sich auf, stemmte die Ellbogen auf die Kniee, den Kopf in die Hände, und sprach: »Mit dem Schlafen ist's nichts mehr. Ich bin wachbar, wie ich drüben im Fegfeuer seyn werde. Gelt, Seraphin, jetzt hat mich das Alter derwuschen? aber es ist nicht dasjenige Pelzmandl, das uns von außen her den Schnee in die Zotteln und den Bart bläst, die Zähne ausbricht, und die Flaren schlaff macht. Ich sterb' von innen heraus ab, und nicht, wie der Gerechte, von der Krone. Oder, besser gesagt: ich bin schon ganz todt, und nur mein Schatten lauft mir zum Wunder und zum Spott auf Erden herum. Denn, wahrlich, liebster Seraphin: der ganze Kerl, den Du in jener Weihnacht aus dem Schnee hervorgegraben, liegt in einem Sarge, auf dem Gottesacker zu Schleiß; und zwar schon seit Monaten liegt er dort neben meinem armen Weibe.« – Indem der Jäger also redete, kugelten ihm dicke Zährentropfen längs den zerfurchten Wangen nieder. – »Tröst' Dich Gott im Leid', wie mich!« sagte Seraphin tief erschüttert. Er sah im Geiste die Martina in der Glorie der Weltpracht, und sein Leben, Lieb' und Alles unter ihren Füßen vermodert und verwest. – »Wie Dich! wie Dich?« entgegnete der Jäger unwillig: »Du Narr im Klagmantel um ein Ding, das Du noch gar nicht verkostet hast! Ich aber – ich habe geschmeckt, was Gutes ist an einem getreuen Herzen. Die Selige ist mir gewesen ein Weib, eine Schwester, eine Mutter, hat mich geküßt, berathen, gefüttert. Pah! was willst Du reden? Für Dich ist Sommer und blumenvoll ein jeder Garten; für meinen Winter wird kein Dornapfel Dornapfel: Rosa Canina . mehr roth. Wir haben uns lieb gehabt, – schau, Bub – lieb aus dem Fundament. Sie war mir lieber als gar alle Weiber, die ich schon gekannt habe, 26 die Mutter meines Lex nicht ausgenommen. Ich bin im Berg gar oft auf Wolfsmütter gestoßen, die ihre Jungen vertheidigt haben, – aber wie! bis ihnen Luft und Blut ausging – aber 's war halt doch keine Lieb, wie ich sie zu der Meinigen hatte.« – Der Alte schluchzte, als spaltete sich sein morsches Herz. – Dann faßte er sich aber gewaltsam und fuhr fort: »Nun, das ist jetzt vorbei, kommt nimmer wieder. Ich hab's zu gut gehabt und das Gute nicht verdient, gewiß nicht. Aber nach der Mutter hab' ich auch mein klein's Madl verlieren müssen. Nicht etwa, daß sie gestorben wäre! nein! sie lebt schon noch und ist kreuzwohl. Aber ich hab' die Haut an ein paar fromme Frauen geben müssen; ich hätt's mit ihr nicht aushalten können. Hat sie nicht die Augen und die Stirn und die Manieren und die Stimme meines seligen Weibes? Fort also mit ihr: eben so gut. Die Alte steht mir ohnehin Tag und Nacht vor der Nase, ich brauch' ihr Ebenbild nicht auch noch daneben. Spari! wie die Welschen sagen. Nun, der Lex ist auch im Dienst, den ich gehabt, und kann nicht bei mir sitzen, und die Zähren aus meinem Schnupftüchl ringen. So war ich denn allein, und konnte mir ausrechnen an den Fingern, wie viel von meiner Natur tagtäglich hinwerden möchte. Da kommen auf einmal ein paar alte Mander aus 'm Landecker Gericht und plauschen mir vor von Anno Drei, wo ich redlich an ihrer Seite gefeuert habe, und – kurz und gut, machen mich zu ihrem Hauptmann. Ich hab' mir's gefallen lassen, 's ist ein Zeitvertreib, und mit dem Sterben kann's auf diese Weise schon noch geschwinder 'was werden. Aber – Dir im Vertrauen zu sagen – 's ist nichts mehr mit mir; die Schützen haben sich verkauft. Bin zu nichts mehr nutz, als zum Rathgeben, und wenn sie noch auf mein Kommandiren horchen, so ist's, weil sie meinen, ich hätte den bösen Feind im Sack. Wissen aber nicht, 27 daß ich mit Rosenkranz und Weihwasser und Bußwerken den höllischen Gesellen abzulohnen, mich unablässig bemühe. Gott sey Dank! das schwerste Quartal hab' ich ihm diese Nacht gezahlt, hab' den alten Maroner so lang und fußfällig gebeten, bis er mir verziehen hat, und zwar im Namen seines seligen Bruders, der schon lang, sogar besser als ich, wissen wird, was bei dem Unglück meine Schuld und was nicht.« – »Der Maroner?« fragte Seraphin, sich an Andrä's gewaltsamen Tod erinnernd: »ich fand ihn nicht bei Hause; . . .« – »Das glaub' ich. Wenn ich ihn doch in die Kirche rufen ließ, die mir der Meßner aufschloß? Schau, Bub: daheim bei ihm wär's nicht so leicht gegangen, aber wo unser Herrgott selbst vom Altar hernieder winkt, mit seinem Haupt voll Dörnern, wo Taufstein, Gruft und Tabernakel beisammen steh'n, da wird die Seele weich und die Hand versöhnlich. Der Großpönitenzer zu Rom selber hätt' mich nicht besser absolvirt, als der gute Schuhflicker es gethan hat, und seitdem ist mir, als wäre auf meine innerlichste fressendste Wunde ein wohlthätiger Himmelbrand Verbascum thapsus : gemeine Königskerze. gelegt worden. Ich wäre gesund, wie nur ein Schatten seyn kann, litte ich nicht am Schmerz um mein Weib. Aber denselbigen nimmt mir nur das Knochenmandl ab. Indessen bin ich schon so zufrieden. Du, Seraphin! ein todter Mensch liegt wie ein drei Meilen hoher Berg auf dem Gewissen seines Todtschlägers. Du! probir' das in Deinem Leben nicht! und darum mach' Dich davon aus unserm Schützentrupp. Und wär's auch nur eines Bayern Blut, – 's drückte Dich für Dein Lebtag darnieder. Du bist zum Krieg viel zu fromm, viel zu gut und geistlich. Folg' mir, lieber Bub': der Friede ist viel feiner als der Krieg.« 28 »Wohl, wohl;« entgegnete Seraphin hitzig: »aber damit das Vaterland Friede habe, muß Krieg seyn; und weil ich nichts auf Erden mehr zu lieben habe, als das gute Land Tirol, so will ich's auch vertheidigen, bis Amen gesagt wird.« – Noch einmal schüttelte der Jäger traurig seinen Kopf, gab die Büchse dem Rauflustigen in die Hand, hing ihm Sepp-Antoni's Lodenhemd um die Schultern, und sagte: »In Gottes Namen, wenn Du nicht hören willst. Unser aller Herr weiß, daß ich Dir abgerathen habe. Zähle auch nicht auf mein Beispiel. Ich thue keinem mehr 'was zu Leide; will nur das Blei abwarten, das mich trifft.« – »Ich auch,« antwortete Seraphin trotzig, und indem er des Schützen Hut aufsetzte, war auch der Landesvertheidiger fertig. Eben jetzt schlug die Trommel, der Himmel that sich auf dem Morgenlicht, und die bewaffnete Schaar zog fürbaß gen Reutte. – 29 Zweites Kapitel.   Der Prophet Ezechiel hat einen Wagen gesehen, an dem ein Ochs und ein Löw nebeneinander gespannt. Ungleiche Thiere sind das gewesen. Die Eheleute werden auch an ein Joch gespannt, dahero sie Conjuges benamset werden, aber gar oft auch ungleich: wo sie sich zusammenschicken wie eine Sichel und Messerscheide; wo ihr Willen weiter von einander als Preßburg und Straßburg; wo die Lieb' so inbrünstig ist, daß man sie ganz sicher könnt' in ein Schaab (Bund) Stroh einsperren. O Bitterkeit! P. Abraham a Santa Clara. Der argwöhnische Seraphin würde sehr erstaunt gewesen seyn, wenn er seine ehemalige Braut, die er von der Glorie der Weltpracht umstrahlt wähnte, in ihrer wahren Lage hätte sehen können. Ach, die sparsamen Blüthen ihres Brautkranzes waren schon dürr und abgefallen, vom hochzeitlichen Schmuck ihres Hauses Wände entkleidet, jedwede Freude, noch so winzig, hatte sich getummelt, vor der betrübten Wirklichkeit im Leben der Neuvermählten die Flucht zu ergreifen. – Martina, blaß und leidend, reue- und angstvoll, saß als Wärterin am Lager eines Schwerverletzten. Der arme kranke Mann im hohen Himmelbette, eine verkörperte Litanei aller Schmerzen, war ihr Gatte. Wie sich's manchmal zuträgt, daß Kinder und einfältigliche Gemüther zum Weissagen kommen, sie wissen nicht wie, – so war's der unbefangenen Martina ergangen. 30 Ihre Prophezeihung, daß Sprenger mit ihr das Glück nicht heirathen würde, war fast urplötzlich richtig geworden. Daß sie, die den Bräutigam beneidet, ihn jetzo beklagten, und andere, die ihn geschmäht, ihn jetzo noch grausamer verlachten, hatte sich also begeben: von den Hochzeitsfackeln begleitet, war die Kutsche mit dem schmollenden Paare vor Sprenger's Hause angelangt; die Bedienten hatten die Schlagthüren aufgerissen, die Musikanten ihren besten Tusch angestimmt. Sprenger, voll von oberherrlichen Gedanken, und in der Meinung, sich als ein recht vollzähliger Mann dem Volk zu weisen, hatte den Arm des Lakaien verschmäht und einen rüstigen Sprung auf's Pflaster gewagt. Doch fiel er plump darnieder, und so gewaltsam auch die Beschämung an ihm zerrte, ihn wieder aufzurichten, dennoch mußte er das Aufstehen bleiben lassen. In sein Gemach hinaufgetragen, und der Besichtigung des anwesenden Doktors Musteratsch unterworfen, mußte er zu seinem Schrecken erfahren, daß er den Schenkelhals gebrochen. In seinem Alter eine schwere Verletzung, und vor hundert Jahren noch um gar vieles schwieriger, als heutzutage. Nicht möglich ist es, einen Begriff von dem Sturm des Grimms zu geben, der in dem leidenschaftlichen Manne losbrach, und nur dazu diente, das Fieber, das ihn bald ergriff, doppelt wild und wüthend zu machen. Mehrere Nächte hindurch fabelte er von allen gekrönten Häuptern der Erde, regierenden und nichtregierenden, von seinen Feinden im oberösterreichischen Wesen, von der Tammerlsippschaft und sogar von Seraphin, den er beschuldigte, ihm vor den Wagen eine Schlinge gelegt zu haben; eine Idee, die er sich sogar bei wacher Vernunft nicht leicht nehmen ließ. Musteratsch, die Unzulänglichkeit seiner wundärztlichen Erfahrungen und Geschicklichkeit offen bekennend, hatte von dem wälschen Arzt gesprochen! Tammerl alsobald den Kölbl versendet, den Wundermann herbeizuholen. Im 31 besten Fall versprach die Heilung nur den allerlangsamsten Fortgang, und mehrere Monate des Leidens und der Unfähigkeit standen unnachsichtlich dem ungeduldigen Kranken bevor. – Martina, dem wie vom Himmel geschneiten Unglück gegenüber, hatte – sie schämte sich bald nachher des unbarmherzigen Leichtsinns – ein gewisses Frohlocken in ihrer Seele verspürt, als ob das peinlichste Joch mindestens auf eine Zeit von ihrem Nacken genommen worden wäre. Aber, nicht lange, und sie hätte eher alles in der Welt gern ertragen mögen, als die Mitleidenschaft, in welche ihre Pflicht und ihres Mannes Wunsch sie zog. Eine Krankenpflegerin des alten Herrn vorzustellen, war keine Kleinigkeit. Die spitzfindigste Tyrannei hätte lange sinnen müssen, um die Qualen zu ersinnen, die Sprenger, stets hundert Befehle und Vorwürfe im Munde, seiner geplagten Gattin bereitete. – Wenn Martina in den bösen Fiebernächten neben dem vor Schmerz und Jast heulenden und irreredenden Menschen verweilte, wenn sie hörte, wie er ihr selbst alle Schuld seines Elends beimaß und sich und alles auf Erden und im Himmel verwünschte, hunderterlei begehrend und wieder von sich stoßend, der boshaftesten Laune und Wildheit voll, da kam ihr öfters vor, als sey der Teufel alt und gefangen worden, und müsse nun vor ihren Augen auf dem feurigen Rost, den er bis daher für Andere in Gluth gesetzt, alle seine Missethaten abbüßen. – »O Herr!« betete sie dann: »geh' nicht mit ihm in's Gericht, und lasse ihn gesunden, wenn ich jemals ein wenig Gnade vor Deinen Augen gefunden. Denn hart ist mein Loos, und härter noch zehnmal, weil nicht wenig verschuldet.« – Ihr war zum Herzen gedrungen, daß sie grausam vorschnell, und nicht wie die Liebe will, gegen Seraphin und sich selbst gehandelt. – Da – am Abend war's der Ankunft Seraphins zu 32 Imst – da erwachte langsam der Kranke aus dem bleischwer schlafsüchtigen Zustande, der seit ein paar Tagen die Rebellion in seinem Körper abgelöst hatte. – Mühsam umherschauend: »Ist der wälsche Doktor gekommen?« fragte er. – »Nein;« antwortete Martina: »er schleunt sich nicht, ich muß schon sagen.« – Sprenger lag ein paar Minuten, vor sich hinstarrend. Dann flog ein ängstlicher Krampf über sein Gesicht. – »Wo ist der Rock, den ich am Hochzeittage trug?« – Die Frage geschah hastig, furchtsam – Martina zitterte leicht; dann ging sie, das Kleid herbeizuholen. Sprenger fuhr unverzüglich in die Tasche des Rocks mit begierig bebender Hand. – »Der Brief?« sagte er. – »Da;« erwiederte Martina, das verlangte Papier aus ihrer Tasche ziehend, und aufs Bett legend. – »Du hast gelesen?« fragte Sprenger verlegen. – »Ja.« – »Gelesen?« fuhr jetzt der Kranke empor: »hast Dich unterstanden . . .?« – Mit eiskalter Würde stand Martina vom Sessel auf. »Warum nicht? Er gehört meinem Vater. Die Briefe, die an ihn geschrieben, waren mir nie ein Geheimniß.« – »Du weißt also . . .?« – »Daß der Herr an mir unredlich gehandelt hat; denn mein Vater hätte den Brief zu unterdrücken nicht über's Herz bringen können.« – Sprenger schlug sich vor die Stirne: »Ach, welche Folter innen und außen!« seufzte er: »Im Beine hämmert der Tod, und der Satan in meiner Seele!« – Sanftmüthiger setzte er bald hinzu: »Martina, mein Kind! ich verlange sehr nach dem heiligen Abendmahl; ich hungre nach der Beichte und dem heiligen Gute. Besorge mir doch ohne Verzug das Nöthige.« Martina beeilte sich, dem Bittenden zu willfahren. Der Geistliche kam; Sprenger blieb eine Weile mit ihm allein. Nachdem alles vorüber, in vorgerückter nächtlicher Stunde, ließ Sprenger seine Gattin rufen. 33 Sie kam ohne finstre Falten auf der Stirne, ohne Verachtung und Vorwurf zu verrathen. Ihre Milde that dem Kranken wohl. Er ergriff ihre Hand, und legte darein den Brief und ein andres versiegeltes Papier. »Du bist ein gutes Weib,« sagte er reuig: »ich aber bin ein schlechter Kerl. Ich will mich nicht mit meiner Lieb' zu Dir entschuldigen. Der Postbube gab mir einen Brief; der andre, der an Deinen Vater, war noch in seiner Hand, ich las aber die Aufschrift und den Ort, wo er postiert Postieren: Postgeschäfte besorgen, Postreiten, etwas per Post abschicken. worden. Was kommt von Frankfurt an den Tammerl? fragte ich mich heimlich, und der Seraphin, der oft wie ein Gespenst in meinem Hirn spuckte, that es auch diesmal fürchterlicher als je. Drum sagte ich zum Buben; gib her; ich gehe just zum Tammerl, löste den Brief, aber auch dessen Siegel, und fand darunter die Anzeige der Wiederkehr des Nebenbuhlers. Ein Wink des Himmels schien mir der Zufall; nicht bedenkend, daß Gott seine unerforschlichen Zwecke gewiß nicht von unreinen Händen und gewissenlosen Werken abhängig machen werde. Dem Seraphin zuvorzukommen, beschleunigte ich unsre Ehe . . . . Dein und mein Unglück. Kannst Du mir vergeben?« – Martina entgegnete sanft: »Der Herr ist so ruhig und friedsam, daß ich glauben muß, Er sey versöhnt mit Gott. Wie sollte ich denn nicht vergeben, was der Priester vergab? Beruhige sich der Herr, und pflege Er Seine Gesundheit. Die lieben Heiligen werden sorgen. – Was soll ich mit diesem Brief beginnen? wem das andre Papier zustellen?« Sprenger horchte als wie halbverklärt auf die christlichen Worte seiner Frau, so daß er beinahe das Antworten vergessen hätte. Martina mußte ihre Fragen wiederholen. Hierauf sagte der Kavalier, und zwar ächt kavaliermäßig: »Den Brief Deinem Vater; er soll mir das 34 Böswichtstücklein nachsehen um Deiner Versöhnlichkeit willen, und mich nicht vor den Leuten zu Schanden machen. Das versiegelte Papier gehört jedoch Dein, ist mein Testament, vermacht Dir alles, was ich habe, wenn ich aus dieser Welt gehen werde. Ich meine, es werde nicht zu lange mehr mit mir dauern.« Mit einer Bewegung des Schreckens wollte Martina das Papier zurückstellen. Sprenger drückte es ihr noch fester in die Hand. »Deine Jugend ist mehr werth als das,« sagte er: »ich darf nichts mehr von Dir verlangen, als ein wenig Geduld.« – Martina weinte, küßte seine Hände. »Nein, nein!« rief sie: »der Herr wird nicht sterben, sondern gesund werden, lang leben, und mich immerdar getreu an seiner Seite finden.« »Du bist brav, bist's mehr, als ich erwarten durfte,« versetzte der Kranke gerührt. Gleich darauf heftete sich sein Auge mit besonderer Gewalt auf die so sehr ergriffene Gattin, und er sprach nachdrücklich: »Basta. Das ist abgemacht. Das Papier ist Dein, mein Gewissen befriedigt. Ich spiele nicht mit Dir Komödie. Willst Du mir aber nun zwei Fragen recht aufrichtig, recht von Herzen beantworten?« – »Ach mein, die reinste Wahrheit will ich sagen; rede der Herr nur frisch zu.« – »Was hättest Du gethan, wenn dieser Brief zur rechten Zeit zu Deiner Kenntniß gelangt wäre?« – »Ich hätte mich nicht zur Heirath bequemt, sondern Seraphins Ankunft und seine Rechtfertigung abgewartet.« – »Ich dachte mir's. Was aber wirst Du jetzo thun, wenn er, wie sein Brief besagt, daher kommt, voll von Hoffnung und Zuversicht?« – »Ich werde ihn nicht sehen; Er, ich bürge dafür, wird mich nicht aufsuchen. Ich weiß, was ich jetzt dem Herrn und meiner gegenwärtigen Lage schuldig bin.« – »Gewiß? Dein Wort, Deine Hand darauf?« – »Hand und Wort.« – »So ist's recht; damit bin 35 ich zufrieden. Du nimmst einen Stein von meinem Herzen.« – Als hätte ihn die Versicherung erfrischt, schlief Sprenger bis in den hellen Morgen hinein. Als er erwachte, saßen der wälsche Doktor und Musteratsch an seinem Lager, und die Prüfung dessen, was bisher in Betreff der Verletzung geschehen, begann. Sie fiel für den Patienten vortheilhaft genug aus. Er würde geheilt werden können, und nicht allzuviele Unbequemlichkeit ferner am Beine empfinden, meinte der Italiener; doch würde es langsam gehen und viel Ergebung brauchen. – Martina war von dem edelmüthigen Benehmen ihres Gatten dergestalt hingerissen. daß sie die Kunde von seiner bevorstehenden glücklichen Wiederherstellung ihrem Vater, der sie zu besuchen kam, mit ungeheuchelter Freude mittheilen konnte. – Tammerl, der schon eine sorgenvolle Stirne mit ins Haus gebracht hatte, schien sich weniger zu freuen, als seine Tochter. Da ihm diese jedoch von dem Testament zu ihren Gunsten sagte, wurde des Bäckermeisters Antlitz etwas heiterer, und er gratulirte. »So wird's denn besser ausgehen, als ich fürchtete,« sagte er: »denn entweder stirbt er, und Du sitzest ohne Einbuße in Hülle und Fülle, oder – im Fall, daß er genäse, wäre doch ein bissel mehr auf sein Gemüth zu bauen, nach dieser Handlung zu urtheilen.« – Tammerl seufzte nichtsdestoweniger etlichemal, und ging ganz herabgestimmt in der Stube hin und her. Martina bemerkte seinen Kleinmuth, und bat ihn, ihr sein Anliegen zu offenbaren. Tammerl ging nicht gern mit der Farbe heraus; es ließ ihm jedoch nicht Ruhe. – »Schau, liebe Sprengerin,« sagte er, die junge Frau auf die Seite nehmend: »ich hab's eigentlich für mich behalten wollen; aber am Ende habe ich doch zu keinem Menschen ein größeres Zutrauen, als zu Dir: nicht zur Nahndel, – sie ist so viel wunderlich; nicht zu der 36 Meinigen – sie ist so viel voll von Vorurtheil; nicht einmal zu der Lenerl, die eine kreuzbrave Person; aber vor ihr schäme ich mich. Dir mag ich's nicht vertuschen: Der Seraphin ist gestern Nacht dagewesen.« – »Dagewesen?« lispelte Martina sehr erschrocken, und setzte sich geschwinde, fühlend, wie ihre Beine zitterten. »Hm, ja, ja, wie ich Dir sage,« fuhr Tammerl traurig fort: »'s war eine kuriose Geschichte. Laß Dir erzählen.« Martina sprang auf, hielt dem Vater den Mund zu, und rief: »Bitte, bitte den Herrn Vater gar schön: nichts davon reden! ich will nichts davon wissen, als das Eine: haben wir ihm Unrecht gethan oder nicht?« – Noch trauriger antwortete Tammerl: »Gott weiß es am besten. Der Mensch hat sich freilich nicht weißgebrannt . . . oho! dazu fehlt viel . . . aber . . . ich weiß nicht . . . ich hab' so meine eigenen Gedanken . . . es könnte möglich seyn, daß . . . aber jetzt ist doch alles vergebens . . . fort ist er endlich, und den, fürcht' ich, haben wir gesehen ein für allemal.« »Ein für allemal!« wiederholte Martina betrübt; aber schnell gefaßt, setzte sie bei: »'s ist auch gut, wohl noch besser, als wir meinen.« – Hm, wie man will!« entgegnete Tammerl mißmuthig: »Wenn's Dir recht ist, so ist's die Hauptsache; . . . aber ich wollte, ich hätte Augen, wie ein Sperber, und sähe hell. Wenn ich mich an Seraphin's Reden erinnere . . . so scheinen sie mir die pure Wahrheit. Aber warum sind ihm alle andern Stimmen und Umstände schnurstracks entgegen? . . . Nun, die Sache ist, daß ich jetzo dem Peterl und dem Kölbl auch nicht mehr unbedingt traue. Ein Unglück, aber 's ist schon so. Drum hab' ich so eben dem Kölbl ein Stück Geld auf die Hand gegeben und ihn aus dem Dienst geschickt. Er mag ein ehrlicher Kerl seyn . . . aber ich kann nicht helfen; ich bin einmal so. Wie? was?« – »Der Herr Vater wird wissen, was er zu thun hat!« 37 versetzte Martina, die von Seraphins Brief – sie wollte denselben wie einen letzten Nothpfennig aufheben – kein Wörtchen schnaufte, und eben so wenig ihren Argwohn gegen den Bruder und dessen Konsorten auftischen mochte, damit sie den schwankenden Vater nicht ärgre und verletze. »Die Tante« – fuhr Tammerl mit Beklemmung fort – »wird Dich ohne Zweifel heimsuchen, Sprengerin. Nun, sie wird Dir erzählen. Ihr Weiber macht eure Sachen gern untereinander ab. – Ich jedoch hab' Dir nebenbei sagen wollen, daß ich auf ein anderthalb oder zwei Tage verreisen muß. Stell' Dir vor: der alte Idelstein hat mich beschickt. Er habe nothwendig mit mir zu reden. und erwarte mich zu Silz. Es sey zwar eine Dummheit, daß er nicht gar nacher Imst hereinkomme; er könne aber durchaus nicht, und ich müsse zu ihm reisen, weil es sich um die ganze Zukunft meines Peterl handle.« – »Der Peterl?« fragte Martina lebhaft: »ach, was wird noch der Herr Vater vom Peterl hören müssen!« – »Was Gutes gewiß nicht;« meinte Tammerl schwermüthig: »ich fang' an zu glauben, daß an dem Buben alles verloren ist. Du mein Heiland! hätt' ich vor diesem Kreuz Ruhe und den Zoch versorgt, ich wollt' ja gern fortan nur noch Locker abrichten und Leim rühren, und den Paruechieri's Parruchieri: in Trient und Roveredo trieben sie häufig das Nebengeschäft des Abrichtens der Tschaffiten oder Tschuffiten. An den Fenstern ihrer Boutiken sah man gewöhnlich derlei Vögel zum Verkauf stehen. zu Trient ihre schönsten Tschaffitten abhandeln, und auf der Vogelhütte leben und sterben.« – Tammerl hätte gern – sich an längst vergangene häusliche Verdrießlichkeiten erinnernd, die in der unbegränzten Vorliebe Mariannen's zu ihrem Sohne ihren Grund gefunden – mehreres geschwätzigerweise hinzugesetzt, das etwa nicht zum Ruhme seiner Frau gewesen wäre. Aber sein grundehrliches Gemüth und sein verständiger Sinn legten ihm alsobald die nöthige Zurückhaltung auf. Seine Tochter sollte, aus seinem Munde wenigstens, nicht hören, was ihrer Mutter nachtheilig klang. Noch mehr: er bat sogar Martina, seiner Frau vorläufig nichts von 38 dem Beweggrund seines demnächsten Zusammentreffens mit dem alten Idelstein zu sagen. »Das gute Weib könnte sich unnützerweise zergrämen,« bemerkte er mitleidig. So entfernte er sich, versprechend, bald wieder zu kommen, und wünschend, daß in Martina's Haus und Ehe Alles so gut als möglich ablaufen möchte. »Wir haben etwas übereilt gehandelt,« fügte er hinzu: »vielleicht ist Seraphin – mir wird's sauer zu gestehen, aber ein ehrlicher Mann muß seine Zweifel bekennen – vielleicht ist er nicht so tadelnswerth, als wir meinten . . . er hat doch manches Verdienst um mein Haus, hat mir einmal – Du weißt es – mein Geld vor diebischem Einbruch gerettet . . . ich hätte das nicht so leichtsinnig vergessen sollen . . . aber geschehen ist einmal geschehen, und dem Himmel anheimzustellen, daß er alles zum besten lenke. Darum Geduld, Geduld, Martina, und liebe Deine Eltern nicht minder denn zuvor.« Mit Thränen umschlang ihn die Tochter und beurlaubte sich von ihm mit tausend Betheuerungen unverwelklicher Liebe. Allein geblieben, merkte sie wohl, daß recht viele ihrer Thränen auch dem Andenken Seraphins floßen. Sie benetzte damit den Brief, der von Stund an ihr bester Schatz wurde. »Wie Du auch gefehlt haben magst,« seufzte sie auf zum Bilde des Geliebten, das schwermüthig vor ihrer Seele stand, »ich darf Dir nicht böse seyn, denn auch ich habe gefehlt, aus Eitelkeit, aus Trotz und Uebereilung gefehlt. Vergib mir daher in der Ferne, und Gott lasse Dir's wohl gehen. Es ist nun schon nicht mehr anders zu machen, als zu ertragen, was da kömmt.« Dann versteckte sie den Brief in ihrem Busen und freute sich seines Besitzes, freute sich, daß sie durch dessen Mittheilung des Vaters Reue nicht verdoppelt, und des Gatten Ehre nicht preisgegeben. Als wie gerufen, um Martina's Kummer auf einige Minuten zu zerstreuen, stellte sich Genovefa zum Besuche ein. Zu einem Besuche, nicht ohne Absicht und nicht ohne 39 Leidenschaft. Das »Vesperglöckl« sah blutroth bis in die Augen aus, ihr Kopfputz war höchst vernachläßigt, ihre Kleidung unordentlich. Sie hatte vergessen, ihre Schuhe anzulegen und kam in Pantoffeln, ihre Schürze war an der verkehrten Seite umgebunden, des Mieders Silberketten waren wild durcheinander gekreuzt, ungefähr wie in ihrem sturmbewegten Kopfe ihre Gedanken, ihre Vorsätze. Da war auch kein weites Ausholen, kein leeres Gesprächsel, um den Zweck ihres Erscheinens nach und nach anzudeuten. Schnurgrad, wie ein Pfeil, fuhr aus ihrem Munde, was sie anzubringen hatte. »Guten Tag, Sprengerin; immer wohlauf, gesund? grüß' Dich Gott!« Genovefa machte ein Rhabarbergesicht zu diesen Begrüßungen: »Wie seh' ich aus? wie komm' ich Dir vor? Hast Du schon Eine gesehen, die sich zwischen zwei Stühlen niedergesetzt hat? ein dummes Mensch, das durch die Reitern gefallen? Da schau her. Schau mich an. Nun, 's ist gar aus. Das ist mein End. Wer hat das Schreiben erfunden? Der liebe Gott war's einmal nicht, sondern der Schwarze mit Schweif und Hörnln. Ich möcht' lachen, wie die Schmidin, wenn sie recht giftig ist. Ich möcht' rehren, wie ein Narr, der ich bin, ein armer Narr, den die Kinder auf der Gasse auslachen. Weißt, was mit meiner Hochzeit ist? Nichts ist's damit. Der Zopf vom Herrn Vater hat mir Unglück gebracht. Aus ist's gar aus. Da schreibt mir der Nepomuk, der Idelstein, der Steinesel, daß er sich bedankt, und so weiter. Der Vater, der meinige, ist fuchtig, die Mutter ist toll, ich bin gar aus'm Häusl. Wär' ich eine Hex', ich machte ein Gewitter, daß ganz Tirol hin würde; wär' ich ein Tattermandl , ich bisse mich selbst in den Schweif, bis ich todt wäre. Ach, Martina! das ist 'ne Welt; daß Gott erbarm! mich graust vor der Welt, und vor den Manderleuten am allerersten. Ach, Martina, Du hast's leicht. Du hast einen Mann. Und die Flecklschwestern haben's 40 auch leicht, denn sie haben keine Männer. Du wirst sehen: ich kann's nicht ausderstehen!« Genovefa marschirte im Zimmer hin und her, dragonerhaft und aufgebracht. Martina ließ sie gewähren. Nur sagte sie mit schmerzlichem Lächeln: »Der Spaß mit dem Zopf war nicht fein; aber daher kommt das Unglück schwerlich. Die Untreu' an Deinem Liebsten hat sich bezahlt gemacht; das ist alles.« – »Untreu? Untreu? Du darfst noch reden!« zürnte Veverl. Martina senkte den Blick. »Auch mir geschieht recht,« sagte sie mit Demuth: »ich will mich nicht auf's Altarl stellen; ich nicht.« – Diese Ergebung besänftigte die Freundin ein wenig. Sie setzte sich zu Martina, streichelte ihr Haar und ihre Wangen, und entgegnete: »Nicht bös seyn. Ich bin einmal so 'n z'nichtes, schieches Weibsbild. Geh', mach' nicht Kopf mit mir. Laß gut seyn. Wir sind beide übel daran. Schau; was hab' ich denn thun sollen? Der Oswald spolziert herum, ich weiß nicht wo, und läßt mich allein. Die Eltern haben gemeint, es müßte seyn mit dem Muckerl. Weißt? wir sind doch einmal Bürgertöchter, und können nicht über'n Zaun springen, wie die Prinzessin in der Lenerl ihrem Geschichtenbuch. Vor Lieb' sterben? wär' mir nichts lieber; das ist Dummheit. Oder davonlaufen mit dem Lotter ? Das bringt keinen Segen, wenn auch die Ueberreiter nicht da wären. Nach Rom laufen, wie die Dörcher? was käm' dabei heraus? Der heilige Vater thäte schon absolviren, weil er ein altes Mannl ist, das gern Ruh' und Fried' hat, und dann, weil er keine Kinder hat, und nicht weiß, wie es den Eltern daheim um's Herz ist . . . aber zu leben gäb' er uns doch nichts, und von der Lieb ißt man nicht und trinkt nicht, und schafft sich keine Kleider. Also, ich hab' schon zugreifen müssen, und so werden's noch viele Tausende müssen, so lang die Welt steht. Aber – ist's nicht infam von dem Nepomuk? 41 Mir nichts, Dir nichts Ade Pfietigott! Er hätt' sich mit einemmal anders besonnen, der schlechte Mensch; weiter keine Ursach. Und heirathen wird er dechter. Wen? eine rothhaarete mit Sommerflecken und kasigem Gefries Gfries: Gesicht (im scherzhaften und im verächtlichen Sinn gebraucht). ! Das schreibt er mir noch zum rechten Spott, der himmellange, der storchbeinige, der ruechige Pusterer der. Da ist der Zopf retour, da ist mein Briefl retour, da ist sein miserables Papier. Lies nur, lies, es steht alles haarklein darinnen.« Martina überlief den Absagebrief, der in der That bauernkavaliermäßig abgefaßt war. Sie fragte: »Wer muß dem Menschen beigebracht haben, Dir die Schande anzuthun?« »Wer? wer? eine saubre Frage!« erwiederte das Vesperglöckl noch hitziger: »Schau, ich will alle meine Finger verwetten, daß es ein Stückl von Deinem Brüderl, von dem verlognen Peter ist.« »Mag seyn, Genovefa, mag seyn. Ach, der Peter! er hat viel Unheil für uns alle gestiftet. Ich kann nur nicht begreifen, wie Du, die sonst gar nichts auf dem Herzen behalten kann, nicht zur rechten Zeit meinem Vater erzählt hast, was Dir Dein Oswald anvertraute?« »Ich? warum nicht gar! Ich wollte der Katz die Rollen nicht anhängen. Hättest es noch eher thun können und müssen, denn ich hatt' es Dir erzählt. Und Oswald, als ein guter Freund des Seraphin, hat es zuletzt wohl auch thun wollen, wenn schon es nicht ohne Gefahr für ihn gewesen wäre . . . . aber es war halt zu spät. Du hattest schon den Kopf aufgesetzt, da war nichts mehr zu machen. Zudem hatt' ich dem Hascher den Abschied gegeben, und das ganze Leben sammt Freund und Feind war ihm verleidet. Obendrein war der Peter nimmer daheim, und es hätte eine lange weitläufige Hin- und Herschreiberei gegeben, und Deine Hochzeit war vor 42 der Thür. Nein, nein. Schieb' nicht auf mich, nicht auf den Walt die Schuld. Du hast sie allein. Jetzt bin ich unglücklich, und der Walt – will's Gott – auch, wenn noch ein bissel Rechtschaffenheit in den Mannsbildern ist, und Du hast auch Dein Theil. Reden wir nicht mehr davon.« Martina's Stolz fand sich verletzt durch das zweideutige Mitleid der Leichtsinnigen. Trocken sagte sie: »Du bist freilich noch besser daran, als ich; Du bist wenigstens wieder frei und ledig. Aber ich . . . nun, ich müßte lügen, wenn ich sagte, daß es gar so schlimm mit mir stände. Mein Herr wird gesund werden, und er ist von Natur gar nicht so übel, und, wenn ich Dir sagte, Veverl, was er erst vor ein paar Stunden für mich gethan . . .?« Veverl horchte mit offnem Munde, und Martina war im Zuge, von der Wohlgesinntheit ihres Mannes viel Wesens zu machen, theils um ihrem dankbaren Herzen zu genügen, theils um sich selbst wieder ein wenig über ihre Lage zu täuschen, theils auch, um der Freundin Neid zu erregen, der ihr besser gefiel, als ihr Mitleid. Aber sie wurde alsbald unterbrochen. Sprenger riß wie ein Verdammter an der Glocke seines Krankenzimmers. Magd und Knecht des Hauses schrieen nach der Frau, die der Herr zu sich entbot. Unter diesem Höllenlärm vertagten die Freundinnen ihre Sitzung, und Martina lief, ihre Gehorsamspflichten zu erfüllen. – Sprenger hatte einen rothen Kopf voll Zorn und Ungeduld. Wohl zu merken: er wußte jetzt, daß er davonkommen würde. – »Wo steckst Du? wo bleibst Du? läßt Dich gar nicht mehr bei mir sehen?« rief er der Frau entgegen. Martina entschuldigte sich, nannte, wer bei ihr gewesen. »Ich werde Dir die Visiten abthun und niederlegen,« hieß die rauhe Antwort. »die Prinzessin agiren, während 43 der Mann mit dem Tod ringt! Eine brave Aufführung. Warte! ich lasse deine ganze gemeine Sippschaft zum Haus hinauswerfen, wenn sie sich noch einmal beigehen läßt, hier uns zu molestiren. Dein Platz ist da, bei mir, und nicht bei dem Schuster, Schneider und Bäckergesindel. Die Kneipenbekanntschaften müssen aufhören, ich sag' Dir's. Himmel, wie ist man gestraft, wenn man sich mesalliirt und in eine Pöbelfamilie heirathet!« Die Erzbilder am Maxgrabmahl standen niemals unbeweglicher, wie jetzt Martina, solcher Umwandlung gegenüber. »Meine Suppe! wo ist meine Suppe? willst Du mich verhungern lassen?« fuhr der Haustyrann fort. – Martina flog zur Küche, brachte in wenig Minuten das Verlangte. – »Eine Ewigkeit bleibst Du außen;« hieß es nun wieder: »Müßigstehen, mit den Mägden ratschen, mir, wo Du kannst, ein Klamperl anhängen Einem ein Klamperl anhängen: einem etwas Uebles nachreden, oder eins auswischen. ; das ist deine Sache; gelt, Du zwidre Person?« Martina hatte sich auferlegt, nicht zu antworten. Das war jedoch des Polterers Rechnung nicht. – »Wer hat die Suppe gekocht?« fragte er, ohne sie zu kosten. – »Die Köchin, so Gott will,« entgegnete Martina nothgedrungen. – »So der Satan will!« schrie der Kranke: »Du selbst solltest sie bereiten, faules Weib. Da!« – Suppe und Tellerscherben lagen am Boden. Noch einmal nahm sich Martina, wie man zu sagen pflegt, das Herz in beide Hände, und schwieg; und ging und stellte sich mit gluthrothem Angesicht an des Heerdes Glut, den groben Befehl zu erfüllen. – Bald war's geschehen, aber schon ein Dutzendmal hatte die Glocke gerufen, als Martina die von ihr selbst bereitete Suppe hineintrug. – Der Gestrenge versuchte sie, nickte, und sagte: »Besser, besser, aber zu langsam . . . und zu bitter. Warum so bitter?« Hatte die Sache Grund, und war etwa ein 44 Wermuthtropfen aus Martina's Wimper in die Schale gefallen? Oder vergällte dem Kranken der Zorn die Speise, oder war der Vorwurf erlogen? Gleichviel. Martina begnügte sich, zu erwiedern: »Ich kann's halt nicht besser.« – »Du kannst nichts;« lautete Sprenger's Amen. Nach einiger Zeit, gefräßig speisend, aber immer neue Tücke sinnend, fing Sprenger an: »Gib mir das Testament zurück. Ich war ein Narr, damit herauszurücken, und Dir den eigensinnigen Kopf zu verdrehen. Auf ein andermal; wenn Du's verdienst, nemlich. Dergleichen Papiere sind für unkluge Kinder schneidende Messer, für den einfältigen Geber wahre Gurgelabstecher.« Schon lag das Papier neben Sprenger. »Ich hatt' es nicht begehrt,« sagte Martina stolz: »ich hätt' es nicht behalten. Der Herr kann's glauben. Was das Papier enthält, macht mich nicht glücklich.« »Nicht?« fragte Sprenger spöttisch entgegen, und riß das Papier mitten entzwei. »So, das für den dummen Bauernstolz. He? wie steht's nun, gnädige Frau?« Verachtend sprach Martina. »Der Herr kann schalten mit dem, was ihm gehört.« – »Immer noch der Pöbelhochmuth! Warte! Wenn ich einmal wieder aufstehe, will ich Dir schon die Sekten austreiben!« »Schone sich der Herr nur jetzo. Je mehr Er sich ärgert, je später wird Er gesund.« Mit diesen Worten setzte sich Martina zu einer Arbeit nieder. Nach einer langen Pause hob wieder Sprenger lebhaft an: »Warum sagst Du mir immer Er: warum dutzest Du mich nicht?« – »Das würde sich nicht schicken. Der Herr ist mir so viel respektabel, wie mein eigner Herr Vater . . . .« 45 »Schweige, Schlange!« schalt der brutale Mann. »bist Du nicht mein Weib? Was Vater! was respektabel! Sage mir Du ; ich will's haben. Sag' mir Du und Ferdinand . Hörst Du, oder . . .?« »Das kann ich nicht, und werd' ich nicht!« versetzte Martina entschlossen; »das wär' mir jetzo wider die Natur.« »Oho! das ist stark; was hör ich da? Gleich auf der Stelle kommst Du her, und küssest mich, und sagst mir Du und lieber Ferdinand! « – »Nein, nein, nein, und wenn's der Pfarrer selber mir beföhle!« Martina lief davon. »Halt! he! willst Du bleiben!« schallte ihr nach, und ein Kissen, von Sprenger geschleudert, traf sie zwischen Thür und Angel. Demungeachtet floh sie, und ließ den alten Narrn toben und läuten nach Herzenslust. – »Oh! oh! und ich muß da liegen, gleich wie angenagelt!« seufzte Sprenger, ohnmächtig werdend vor Gift und Galle. – »Ach, wie geschieht mir doch so recht!« seufzte zum tausendstenmale Martina. – – Während dergestalt Sprenger seinen Charakter für's Haus entfaltete, wie, der Sage nach, die Aloe ihre Blüthe: überraschend mit Knall und Getöse – rollte Tammerl auf leichtem Karren, mit einer schweren Bürde von Sorgen, dem Stelldichein in Silz entgegen. Noch bei guter Abendzeit dort angelangt, fand er den Freund Idelstein schon vor, der hin- und herging, ein stillgrollendes Unwetter, das sich nicht verziehen zu wollen schien vor dem weichen und gerührten Angesicht des Eintreffenden. »Was hat Er denn? was will Er denn von mir?« fragte Tammerl und immer finsterer wurde des alten Pusterers Stirne: »Er macht mich ängstlich. Schieß' Er nur loß, wenn's doch etwa in's Herz getroffen seyn muß. Den Peterl – gelt, den Peterl geht's an, was Er mir zu sagen hat?« – 46 Sie waren in ihrer Stube allein und ungestört. Idelstein, der noch kein Wort geredet, nicht einmal die Hand zum Gruße hingereicht, hatte viele Mühe, über sich zu gewinnen, daß er den Mund aufthat. Einmal mußte es indessen doch geschehen, und so faßte er sich nach beliebter Weise recht kurz. »Er hat einen feinen Schmecker!« sagte er, und ließ sich in einen Stuhl nieder. Tammerl stand vor ihm mit ängstlich gefalteten Händen. »Hätt' ich nicht gedacht!« hob wieder Idelstein nach geraumer Frist an. – »Was nicht? Red' Er doch« – »Mir Seine Tochter abzuschlagen!« – »Ja . . . mein Gott . . .! das hatte seine Nisi  . . .!« – »Hat jetzt was saubres angerichtet.« – »Der Peter?« – »Er, Er!« – »Daß Gott erbarm . . .!« – »Der alte krummhaxete Sprenger . . . schäm' Er sich. Da hat Er's nun.« – »Nun, so ist's meine Sache.« – »Und mein Muckerl dagegen . . . ein Kerl, der den Teufel . . . .« – » . . auf freiem Feld fangt; ich weiß schon. Geb' Er einmal 'n Fried'.« – »Sag' Er mir einmal, Tammerl . . . .« – »Was?« – »Wenn Er mir schon seine Tina abgeschlagen . . .« – »Nun?« – »Gäb' Er wohl seinen Peterl meiner ältesten Fräule?« – »Ach! ist's nur das? ach, von Herzen gern.« Tammerl war glücklich, als käme er aus dem erfrischendsten Bade. Idelstein versuchte ein freundlichers Gesicht. Es gelang nicht zum besten. Dennoch sagte er leutseliger: »So können wir 'was mitsammen reden.« – »Ja, das wollen wir.« Mit heiterer Miene nahm Tammerl nun auch seinen Stuhl und pflanzte sich dem Idelstein gegenüber auf. »Weiß Er was?« sagte der Pusterer, den gehörigen Nachdruck auf das »was« legend. – »He? was denn?« – »Daß sein Peterl der größte Spitzbub auf Erden ist?« – »Hoi, hoi!« fuhr Tammerl auf, aber die breite 47 Tatze des Idelstein hielt ihn auf dem Stuhle fest. – »Wenn ich's Ihm sage?« – »Es ist nicht wahr.« – »Wenn ich's Ihm aber sage?« – »Sein Wort ist auch noch kein Evangelium, Weiß Er's?« – »Wenn ich's Ihm aber doch sage, als ein Ehren- und Edelmann aus dem Pusterthal, Er zwidrer Imster, Er?« – Tammerl sprang auf seine Füße. »Beweis?« rief er im Harnisch. – »Fragen;« antwortete der Andre phlegmatisch, wie er im Beichtstuhl zu thun gewohnt, um Gedächtniß und Mundwerck nicht unnöthig anzustrengen. – Tammerl war schon mit dieser Unform seines Freundes bekannt, und – wollte er doch einmal etwas näheres erfahren – mußte er auf das sehr unbequeme Verhör eingehen. »Hat Ihn der Peter belogen?« – »Ja« – »Betrogen?« – »Das mein' ich.« – »Bestohlen?« – »Das versteht sich.« – »Nun, daß Gott erbarm! das ist viel auf einen Hieb.« – Idelstein zuckte die Achseln. Tammerl fuhr fort: »Geschah's um Geld?« – Idelstein schüttelte das Löwenhaupt. »Gottlob!« seufzte Tammerl aus tiefer Brust: »war's um ein Weibsbild?« Idelstein nickte. »Noch einmal Gottlob, es wird immer besser. »Der Peter ist also in Seine Aelteste verliebt?« – »Ja.« – »Und das ist Ihm nicht recht?« – »Nein.« – »Und doch will Er das Madl dem Buben geben?« – »Ich muß.« – »Warum?« – »'s thut sich nicht mehr anders.« – »I, Du mein Heiland, der Peter wird doch nicht etwa das Madl verführt haben?« – »Ach, b'hüt' Gott!« – »Dann versteh' ich gar nicht. Oder das Madl will selber absolut heirathen?« – »Warum nicht gar! wollt's ihr zeigen!« Idelstein hob bedeutungsvoll die geballte Faust. – »Nu, ich weiß schon, daß Er Herr im Haus ist. Aber . . . ist das Madl etwa krank vor Lieb' und dergleichen?« – »Dummheit; frisch und gesund. Mag ihn nicht, den Peter, ganz und gar nicht, spinnefeind.« 48 – »So so? und dennoch heirathen?« – »Ja, oder ich schlag' den Peter nieder.« – »Oho.« – »Oder ich laß den Muckerl auf ihn los, ein frischer Kerl, der im freien Feld« – »den Teufel fangt;« ergänzte Tammerl abermals, und zerbrach sich den Kopf, bis er durch unablässige Fragen herausgebracht hatte, wie die Sache, die geheimnißvolle, ungefähr zusammenhing. – Peter, begieriger, sich die Zeit mit Sponsiren zu vertreiben, als die Landwirthschaft zu erlernen – wie er denn überhaupt gar nichts zu erlernen berufen schien – hatte sein Herz bald der Aeltesten der Idelsteintöchter angetragen, und war mit einem unumwundenen Nein heimgeschickt worden. Die Schöne fühlte wohl etwas für einen Andern, und diesem Andern machte Peter in wohlbekannter Gewissenlosigkeit einen Strich durch die stille Rechnung. Er malte des Nebenbuhlers Handschrift nach, und spielte dem Mädchen ein Briefl in den Sack, worinnen um eine Viertelstunde unter vier Augen in des Mädchens Kammer gebeten wurde. Das übelberathne Fräulein war schwach genug, die Viertelstunde vor Sonnenaufgang zuzugestehen, und empfing den gleißnerischen Wolf in ihrer Stube. Ihn erkennend, wollte sie ihn freilich wieder hinaustreiben, aber Peter, ohne sich irre machen zu lassen, orgelte aufs neue seine Erklärungen und Werbungen ab. Da jedoch alles nicht half, war er boshaft genug, den Fensterbalken aufzumachen, und sich an der Schönen Kammerfenster dreist dem ganzen Volk der Knechte und Mägde, die zur Arbeit gingen, zu zeigen. – Nun hatte er seinen Zweck erreicht. Obgleich unter ihnen alles in Ehren zugegangen, so war doch durch den Besuch das Schicklichkeitsgefühl dergestalt in die Enge getrieben, daß gerade nur eine Heirath wieder gut machen konnte, was der Schelm mit Fleiß verdorben. Wollte nun das Mädchen oder nicht, es mußte seine Hand zur Verlobung reichen. Peter selbst wollte nichts 49 lieber, als dieses, und war zufrieden. Der Vater stellte ihn indessen unter Muckerls Obhut, damit er nicht desertire, und sperrte einstweilen seine untröstliche Tochter bei den Klosterfrauen zu Lienz ein. Tammerl durfte seine Einwilligung zur Heirath nicht vorenthalten, wollte er nicht seinen Sohn gewasnet, gescheutert, geästet Wasnen, scheitern, ästen: mit Rasenstücken werfen, mit Holzscheitern oder vom Baum gebrochenen Prügeln durchhauen. (Galanterie, die im Unterinn- und Zillerthal nicht selten dem glücklichen Nebenbuhler von dem unglücklichen erwiesen wird.) oder gar todtgeschlagen sehen. Die starken Leute in den Thälern verstanden dazumal nicht viel Spaß, wenn sich's um die Ehre ihrer Töchter und Schwestern handelte. – Sie sind vielleicht heute noch gerade so. Tammerl, wie gesagt, hatte keine Wahl. Im Grunde war er zufrieden, den Störefried seines Familienlebens durch eine eheliche Verbindung an irgend eine Hufe dauernd zu fesseln; aber, wo in der Geschwindigkeit die Hufe finden? – »Wenn Er einstweilen den jungen Leuten ein Gütl abträte?« fragte er den Idelstein. Worauf die Antwort: »Ich mag nicht.« – »Oder ein braves Stück Geld auf die Hand, damit die Leutln anfangen können?« – »Das mag ich schon wieder nicht.« – »Nun,« – fuhr Tammerl auf – » ich kann es nicht, und so wird sich die Hochzeit zerschlagen, weiß Er?«– »Also karbatsch' ich den Lumpen brav durch, und verklag' ihn bei den Gerichten;« gab wieder Idelstein von sich, der phlegmatische Tansendsappermenter. »Untersteh' Er sich!« räsonnirte Tammerl. – »Das werd' ich.« – »Das wäre ja die größte Schande für Ihn und Seinen Freund.« – »Eine Mordschande, ja wohl.« – »Er ist ein Grobian.« – »Und Er ein Geizkragen.« – »Ein ungebildeter Mensch!« – »Ein eingebildeter Narr.« – »Halt' Er's Maul.« – »Still, sag ich!« Tammerl verzweifelte, dem zähen Edelbauer das letzte Wort abzugewinnen. Er besann sich lang, bis er vorwurfsvoll sagte: »Wir sind so lang gute Freunde 50 gewesen!« – »Wir sind's noch alleweil,« versetzte der Andre. – »Warum also immer streiten?« fragte Tammerl wehmüthig. – »Das möcht' ich auch wissen,« entgegnete Idelstein sehr ruhig. – »Die Unglückskinder!« seufzte Tammerl. – »Ha, die Mali wär' schon recht; aber sein Bub' taugt nichts.« – »Er wird noch froh seyn um den Buben.« – »Weiß nicht. Der Andre wär' mir zum Schwiegersohn lieber gewesen.« – »Wer ist der Andre?« – »Der Peter.« – »Welcher Peter?« – »Der Peter Tammerl.« – »Ja, mein Gott, was schwatzt Er denn da? Hat Er einen Branntwein im Kopf? Mein Peter?« – »Ach Du mein Tammerl!« platzte Idelstein mißvergnügt heraus: »muß ich mir heut das Maul zerreißen. Was Sein Peter? Den grünen Peter mein' ich.« – »Nicht meinen Peter?« – »Warum nicht gar. Den grünen, nicht den grauen.« – »Der grüne, der graue? Ich will einen Topf voll Ameiseneier ausessen, wenn ich Ihn capire.« – »Fragen;« lautete die Erwiederung, und ein neues Verhör begann. Das Ergebniß desselben war in Kürze folgendes: Der Zufall hatte gefügt, daß Joseph Tammerls Sohn vor einigen Wochen sich ebenfalls zum Idelstein in die Lehre begeben hatte. Vielleicht mochte dazu der kurze Aufenthalt, den der Exstudent im verwichenen Herbst in Idelsteins Hause genommen, das Seinige beigetragen haben. Mali hatte einen guten Eindruck auf den jungen Innsbrucker gemacht; ihm war wünschenswerth geworden, die Landwirthschaft und die Liebe an einem und demselben Fleck zu erlernen. Die spröde Schüchternheit der beiden jungen Leute hatte eine Erklärung noch nicht aufkommen lassen. Der leichtsinnigere Imster benutzte diese Zurückhaltung, um seinen bösen Waizen auszusäen, und kümmerte sich wenig um die Mißbilligung seiner Handlungsweise, die ihn überall verfolgte, indem die ganze Pustererwelt lieber den Grünen an Mali's Seite gesehen 51 hätte, als den Grauen. Um die überraschende Aehnlichkeit der beiden Vettern in etwas zu vermitteln, hatte nemlich Idelstein den Innsbrucker in einen grünen, den Imster in einen grauen Kittel gesteckt. Der Umstand, daß gerade seines Bruders Sohn ein Zeuge und Opfer der Bosheit des schlimmen Peters hatte werden müssen, giftete den guten Tammerl mehr, als die schlechte Handlung an und für sich. »Ach, wie wird auf mich der Joseph mit Fingern zeigen, und sagen: Da haben wir's. Wie kann aus Imst Gutes hervorgehen? – Wahrlich, die zwidern Innsbrucker werden ein Preis- und Loblied auf ihre eigene Rechtschaffenheit loslassen. Das macht mir Galle, Freund Idelstein.« Also seufzte und klagte der feindlichgesinnte Bruder zu wiederholten malen, und immer entgegnete ohne Nachsicht der Pusterer: »Will's glauben. Der Grüne ist auch brav und der Graue nichtsnutz.« – »Red' Er doch nicht so gehässig von seinem zukünftigen Tochtermann!« – »Hat mir die Gitschen in's Geschrei gebracht, muß sie nehmen; ist aber doch nichtsnutz.« – Tammerl räusperte sich betreten. »Was hat denn des Josephs Bub zu der Geschichte gesagt?« – »Hm, zu Anfang hat er dem Vetter alle Zähne in den Rachen schlagen wollen; – recht wär' es gewesen; ich hätt' ihn nicht abgehalten . . . . aber er ist so viel brav, und so viel verständig; – ist gleich wieder zu sich gekommen, und schaut den Böswicht jetzt nimmer an.« – »So, so.« – »'n braver Bursch, der Grüne, beim Eid!« – »Bleibt er noch bei Ihm?« – »Versteht sich. Ist nicht von denen, die um eine Weibsperson sich ein Leid anthun, unter die Soldaten laufen, in die weite Welt gehen. Macht seine Arbeit fort, und wird auslernen, wie 's recht ist. Der Hochzeit, denk' ich, wird er wohl nicht beiwohnen, aber so lang das Madl aus dem Haus ist, hat's 52 keine Noth.« – »So, so. Mein Peterl lauft also bei dem Menschen keine Gefahr?« – »Pah! der Sprugger ist nicht so schlecht, wie der Seinige.« – Etwas aufgebracht rief Tammerl: »So laß' Er doch einmal ab mit seinem Schimpfen. Hat Er mich von Haus daher kommen lassen, nur um mir lauter Verdruß zu machen?« – Phlegmatisch sagte der Andre: »Er hätt's akkurat so zu Haus haben können, aber ich getrau' mich nicht nacher Imst hineinzugehen.« – »Warum?« – »Weil der Muckerl jetzo die Veverl doch nicht nimmt, wohl aber die rothhaarete Glatzl-Tochter von Vintl. Der Wirth zum rothen Adler und sein Weib rissen mir alle Haare aus, wenn ich mich dort innen sehen ließe.« –»So, so. Ein saubrer Kerl, sein Muckerl.« –»Was geht's Ihn an?« –»Was geht Ihn mein Peterl an, den Er immer ausmacht, als wie einen verstohlnen Hund?« – »Nun steh'n mir alle vierzehn Nothhelfer bei! Wer geht mich denn leider mehr an, als sein schlimmes Früchtl? Er gefallt mir nicht übel, Tammerl, das muß ich sagen!« – Idelstein gerieth beinahe in Zug, recht viel und hitzig zu diskuriren; doch besann er sich schnell und fiel in verstocktes Schweigen zurück. Tammerl prophezeite sich nichts Gutes aus dem finstern Brüten seines Freundes, und, entschlossen, der Sache ein Ende zu machen, und, wie man sagt, mit beiden Füßen zugleich über den Haag zu springen, hob er barsch an: »Was sagt seine Tochter dazu?« – »Die hat nichts zu sagen,« antwortete Idelstein befremdet. – »So? sie muß also auch , wie ich , wenn sie auch nicht will?« – »Wollen? seit wann haben denn die Gitschen ihren Willen? Wär' mir nichts lieber. Und Er fragt mich, und hat erst selber ein Madl verheirathet?« – Der Vorwurf traf tief. – »Er thut also nichts für die jungen Leute,« fing wieder Tammerl an. – »Vor meinem Absterben, nein .« – »So muß ich Schulden machen, oder 53 mein Herr Schwiegersohn muß mir helfen, dem Buben ein Gut zu kaufen?« – »Ja, ja, mach' Er's so.« – »Die Hochzeit kann also nicht schon morgen oder übermorgen seyn.« – »Es eilt nicht.« – »Ich hab' grad gemeint, daß es eile.« – »Behüte, im Gegentheil. Wenn das Madl ein paar Monate bei den Klosterfrauen geblieben ist, dann wird die Nachbarschaft sonnenklar sehen, daß zwischen ihr und Seinem liederlichen Buben nichts übles vorgegangen ist, und niemand wird der Mali auf 'm Kirchengang den Kranz abthun wollen.« – »Auch recht. Ich will mich gleich umsehen. – Auf Georgi also?« – »Ist noch zu früh.« – »Peter und Paul?« – »Nichtsnutz.« – »Auf den Stephanstag?« – »Meinetwegen. Bis dorthin ist's grad Zeit.« – »Meinetwegen auch; hab' ich selber am Stephanstag Hochzeit gehabt, und die Mali ist an selbem Tage, aber vier Jahre nach der Hochzeit, notabene, geboren worden. Soll auch der Muckerl zur selben Zeit seinen Ehrentag mit der Glatzlin halten.« – »Wie Er will. Die Hand her!« – »Da, zum Glück!« – Die breiten Hände besiegelten, was die Köpfe der Väter ausgerechnet hatten. Fortan wurde von freundlichern Dingen gesprochen. Tammerl wäre sozusagen erheitert zu Bett gegangen, wenn ihn nicht die bange Sorge gequält hätte, wie wohl etwa der Frau Marianne die Sache beizubringen seyn würde. Idelstein mit seinem viel ruhigern Gewissen, schlief wie ein Drescher, und er war noch nicht aus dem Schlummer erwacht, als schon Tammerl im leichten Karren hinausfuhr in die Welt, um sich ohne langen Verzug nach einem Gütchen für seinen ungerathenen Sohn umzuschauen. – 54 Drittes Kapitel. Nicht lang ist's, daß 's g'regn't hat, Und 's Dachl tropft noch: Ich hab' 'n schön'n Schatz g'habt' Wollt', ich hätt' ihn noch. Den Schatz, den ich gar nicht mag, Den seh' ich alle Tag; Der, so mein Herz erfreut, Der ist mir gar zu weit; Daß der Wald finster ist, Machen die Tannenbüsch'; Daß 's Diendl weit von mir ist, Das weiß ich g'wiß. Die neu' Lieb', die wankt gern, Die steht nicht so fest. Die alt' Lieb', die rost't nicht, Ist allweil die best'. Bayrische Schnodahüpfln. Ein Fluß hat's gar lustig, wenn er so reizend eingebettet worden, wie der Innstrom; ein Thalherr, der seines Gleichen sucht in deutschen Landen. Sein Gebiet ist viele Meilen lang und ausgestattet mit allen Schönheiten: mit dichten Wäldern, romantischen Felsenmauern, üppigen Almen; mit lachenden Ebenen, heitern Dörfern und spiegelhellen Städten. Da lohnt sich's schon, mit Gletschermilch aufgefüttert worden zu seyn. Der gute Junker Inn, der sein schweizerisch Geburtsland stolz 55 verläßt, um ein Tiroler Landmann Tiroler Landmann: der in die Landesadelmatrikel aufgenommene Edelmann. Ein stolzer und gern angeführter Titel, der mehrere Vorrechte verleiht. zu seyn! der als Mitgift seiner neuen Heimath die Forsten seiner Wiege bringt! wohl ist ihm zu gönnen, wenn er, vom Holzschleppen müde, hie und da an seinen sonnigsten Geländen sich breit hinlegt und zu schlummern scheint! Doch schläft der Schelm mit nichten. Er hat stets seine tausend glitzernden Augen offen, und saugt voll Wollust in sie das Himmelblau hoch über ihm, und die grünen Fluren neben ihm, und die ebenfalls grünen Kirchthurmspitzen, und die feierlichen Berge, die Gränzhüter seines wundervollen Reichs. – So liegt er denn und rastet an einer schönen Stelle zwischen Imst und Innsbruck, wo das Thal recht breit und weit, recht bunt und munter. Es ist einige Wochen nach der Zusammenkunft des Tammerl und Idelstein. Die schöne Jahrszeit hat alles ringsumher verjüngt. Ueberall ist alles in fröhlicher Bewegung. Das Laub an den Bäumen zittert unterm Hauch der lindkosenden Luft; die Vögel streichen hin und her, Futter naschend, zum Nestbau heimeliche Stellen suchend. Das silberne Hofgesindel des Innstroms schießt muthwillig in der ruhenden Fluth links und rechts. Auch die Menschen laufen überall umher auf Straße und Steig, in Feldern und Wäldern. Auf beiden Ufern des Stroms ziehen Reiter daher: sorglose, sonnverbrannte Gesichter. Zwischen ihnen hindurch winden sich zahlreiche Häuflein von Landfahrern und Landgehern Landgeher: gleichbedeutend mit »Laninger« oder »Landfahrer« nur vorzugsweise eine Benennung derjenigen, die ihre Verkaufsartikel auf dem Rücken tragen, und es noch nicht bis zu einem Karren gebracht haben. . Einige derselben haben in Gruppen Halt gemacht. Da und dort rasten sie unterm Schatten des Segeltuchs, das über ihre Karren gespannt gewesen. Da und dort auch halten vereinzelte Reiter neben diesen fliegenden Lagern, und tauschen ein Gläschen Branntwein oder eine Handvoll trocknes Obst gegen italienische Kupfermünze ein. Drei oder vier Bäume bilden irgendwo ein blätterreiches Dach, und daneben sprudelt eine Quelle und einige Laninger Karren verweilen dort. 56 Wenige Schritte vor den braunen Dörchern, ihren Hunden, Krummschnäbeln und Kindern stehen ein paar Rosse angebunden. Ein Reiter, mit dem Gesicht im Grase liegend, schläft so zu sagen unter ihren Hufen eine beneidenswerthe Sieste hin; ein andrer Reitersmann, wohlbeleibt, eisgrau, ein Wachtmeister wenigstens, sitzt wachbar und redselig neben dem murmelnden Brunnen. Er raucht sein Pfeifchen, zehnmal in einer Minute geht es ihm aus, aber unermüdet schlägt er Feuer und gönnt seiner Zunge dabei nicht Ruhe, als hätte er eine Predigt zu halten dem jungen Bauernburschen, der vor ihm kauert, den Hut trübselig in's Gesicht gedrückt, und die Büchse im Arm haltend, als wäre sie nicht eine Waffe, sondern ein Hirten- oder ein Pilgerstab. »Kopf in die Höhe, sag' ich also;« brummt er gutmüthig seinen Zuhörer an: »die Welt ist rund, das Leben ein Krieg, das Weibsvolk falsch. Ausnahmen gibt's: z. B. Deine selige Mutter. Solch ein Weib bringt aber auch ihren Angehörigen noch über's Grab hinaus Glück und Segen. Du hast's erfahren. Mach' ihr dafür Freude. Sie schaut immer auf Dich herab aus dem Himmelssaal. Mach' ihr Freude, und nimm Dich zusammen. Wenn Dich Andre für schlecht halten, was geht's Dich an, der Du Dich rein weißt? He? Wenn die Landsturmgesellen Dich nicht mehr unter ihnen leiden wollen, weil sie sich einbildeten, Du hättest Deinen Meister bestohlen, . . . was thut's? Herr, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie thun! heißt's da, nach dem Exempel unsers Heilands. Der alte Jäger hatte recht, Dich zu bereden, gutwillig fortzugehen von den wildernden Müßiggängern im Gebirg. Hättest sie alle todtschießen müssen, um ihnen das Maul zu stopfen; sind doch keinen Schuß Pulver vom Deinigen werth. Ist auch keine Ehr' zu holen bei den Lottern, die dort oben Krieg spielen. wo's keinen Feind gibt. Bist alleweg nicht zum Krieg gemacht, denk' ich; 57 darum will ich Dich auch nicht mit mir nehmen. Kannst noch was Besseres anfangen, als Pferde striegeln, Stall ausmisten und auf der Vedette stehen. Sey nicht so vermaledeit traurig bei unserm Wiedersehen. Bin ich doch einer Deiner ältesten Bekannten, he?« – Seraphin drückte Dominik's Hand recht innig, und antwortete: »Euer Gesicht ist mir – wiewohl nur einmal gesehen – niemals fremd geworden. Mich erquickt Euer Anblick. Ach, wär' ich noch ein Bub wie dazumal, und das Mutterl lebte noch!« – »Dummes Zeug.« – brummte Dominik, seine Rührung hinunterschluckend. »Hin ist einmal hin. Wär' ich der Himmel, ich gäbe Deine Mutter auch nimmer wieder heraus. Gedulde Dich. Mich freuts, Dich zu sehen. Hab' hin und her an Dich gedacht. Schau, mich hat's recht herumgeworfen in aller Herren Länder. Wir kommen jetzt wiederum aus Welschland, und werden zu Imst und Landeck kantoniren; denn bei uns geht's zu, wie's gerad dem Hofkriegsrath einfällt. Viele Köche versalzen den Brei. Der Prinz Eugen hat recht gehabt: eine brave Armee mit tapfern Generalen hätte unsrer Maria Theresia weitaus mehr gefruchtet, als das Geschreibsel zu Regensburg und anderswo. Genug, wir sind wie der ewige Jud: heut da, morgen dort; bald vorne dran, bald hinten draußen; 's ist ein Elend. Nun, ich werd's nimmer lang aushalten, und mir wär's recht, grad zu Burgeis mein Leben zu beschließen, und zwar bei Dir, und Du solltest haben, was ich mir ersparte: ehrliche Dragonerbeute. Was meinst Du? Aber bis ich von der Fahne komme, müßtest Du Dich von Grund aus ändern, und Deine unselige Lieb' an Nagel hängen. Verkauf doch nicht an jenes falsche Weibsbild alle Freuden Deines Lebens. Reite doch nicht immer auf demselben schwarzen Gaul des Kummers und des Herzeleids!« Seraphin sah den Wachtmeister mit einem ganz 58 besondern Blicke an, der tiefe Empfindung und schalkhaften Vorwurf in sich vereinigte: »Ihr redet gut und schön, Herr Dominik. Sagt mir aber doch einmal: wie seyd Ihr in des Kaisers Rock gekommen? warum habt Ihr mit meiner Mutter geweint? warum mich im Gedächtniß behalten? warum wünscht Ihr zu Burgeis zu sterben, das doch nicht Eure Heimath? warum soll ich, gerade ich, Euer Gut erben?« Dem alten Mann ging's bei diesen Worten wie ein Schleier an den Augen vorüber; ihm wurde wohl und weh zugleich um's Herz. Er drückte wieder Seraphin's Hand, und versetzte leise: »Ich versteh' Dich. Ich versteh' Dich, weiß es Gott. Ja, ich will's nicht abläugnen. Es mag wohl öfter eine Liebe geben, die unser ganzes Leben erfüllt, die unser Morgen- und Abendgebet, all' unsrer Stunden Geschäft und Lust und Leid . . .; nimm mir's nicht übel auf, Seraphin: Du hast's getroffen; ich will nicht weiter an Dir hofmeistern.« Die Altmutter der nebenan gelagerten Dörchergesellschaft brachte dem Wachtmeister einen guten Trunk. Freundlich gingen ihre Augen hin und her, vom Unteroffizier auf den Landschützen, und umgekehrt. – Dominik lächelte ihr zu: »Wir kennen uns schon ein bissel lang, Zaya,« sagte er treuherzig: »ich glaub', der Tod wird Dich allgemach vergessen haben, Zaya. Weißt Du noch? in Botzen war's; ich schleppte dazumal noch Kisten und Ballen. Auf der Messe, eines Abends, hast Du mir wahrgesagt?« – »'s ist möglich, gestrenger Herr Offizier; 's wird schon seyn. Doch hab' ich in meinem Leben soviel vielen Leuten ihr Theil gesagt, daß ich mich kaum besinne. Den Jungen da, den kenn' ich schon besser.« – »Ich wollt', ich hätte Dich nie gesehen,« antwortete Seraphin bitter: »hast mir so viel schöne Dinge in den Kopf gesetzt, und jetzt . . . . ach, ich mag nicht daran denken!« 59 Worauf Zaya: »Ungeduldig Blut! will nicht warten, das ungeduldige Blut. Hab' doch viel Vornehmern schon gesagt, was ihrer wartete. Wirst Dich noch wundern, junger Kerl, wirst Dich noch wundern. Laß noch einmal sehen Deine Augen, Deine Hand.« – »Ach, mich nimmt's nicht Wunder, was Du auch daherplauschen magst,« sagte Seraphin kurzab und drehte der Zaya den Rücken zu. Indessen hob Dominik seufzend an: »Bei mir hast Du's getroffen, Weibele. Hast mir gesagt, ich würde niemals diejenige zum Weibe kriegen, die ich lieber hatte als mein Leben. O, das ist akkurat ausgegangen. Sieh da ihren Sohn, das Kind eines unglücklichen frommen Wesens, das zu gut gewesen für diese Welt.« »Ihr Sohn?« fragte Zaya mit erneuter Theilnahme: »ha? bildet sich der Mensch vielleicht ein, auch er sey zu gut für diese Welt, weil er nichts von ihr wissen will? Geh, laß Dich anschauen, Bub; nicht alle alten Weiber haben Unglück in den Augen. Aber in den deinigen steckt alles noch voll Glück. Liebe Frau! was ist Dir noch bescheert auf Erden.« – »Laß' mich aus;« antwortete Seraphin unwirrsch, aber der Wachtmeister drehte mit Gewalt sein Gesicht gegen die Zaya und öffnete ihm die Hand wider Willen. »Ich möchte gern meine Kunst bei dem Buben zu Ehren bringen,« lachte die Alte; »aber er ist bocksteif. Vielleicht hat er selber dem guten Schicksal ein Bein gestellt? Bist Du denn immer wohlthätig gewesen, Seraphin?« – »Nun, ich denk's. Zu meinem Schaden bin ich's gewesen.« – »Nein, nein; Wohlthun bringt niemals Gefahr, die da besteht; und hingegen, wenn noch so spät, viel Segen. Hast Du immerdar Allen verziehen, die Dir Böses gethan?« – Seraphin schaute hoch auf, besann sich, und versetzte: »Oho! das heißt: auf's Gewissen ausgefragt.« – »So antworte mir auf's 60 Gewissen.« – »Ich denk' halt nur an mein Leid, und nicht an die Menschen, die mir Leid zugefügt.« – »Das ist zwar noch nicht das Rechte, aber ein guter Anfang. Sey zufrieden, es wird schon werden. Hast Du Deine Mutter recht lieb gehabt?« – »Ach!« rief Seraphin bewegt: »wie viel, wie sehr, kann ich nicht sagen.« – »Brav; und Deinen Vater?« – Seraphin erschrack ordentlich; dann sprach er: »Ich hab' ihn gern, als kennt' ich ihn.« – »Nur Muth, nur Muth; halt fest an den drei Stücken. Dir wird's noch wohlergehen!« Mit diesen Worten trippelte Zaya wieder zu ihren Leuten zurück. »Warum wieder so schwermüthig?« fing Dominik zum Jüngling an. Dieser warf sich an des Reiters Brust, und schluchzte: »Mein Vater! wer sagt mir, was aus dem Vater geworden?« – »Ach, leider,« entgegnete der Wachtmeister, »weiß ich da nicht zu helfen. Als ich vor fünf Jahren zu euch kam, hatte ich ihn in Italien verlassen. Der gute Herr von Dobroslaw hatte Deinen Eltern eine Summe Geldes geschickt. Der Lenhard war damit über die Berge gegangen; weiß nicht, was er mit dem Geld vorhatte. Leichtsinnig, wie er stets gewesen, hat er's durchgebracht, ist auch zum Theil darum betrogen worden; das ist einmal richtig. In der Verzweiflung fand ich ihn, und verzweifelnd sagte er zu mir: »Dominik, mit meinem und der Cenzi Glück ist's aus und vorbei. Ich bin ein Lump, ein Tagdieb, ein gewissenloser Vater. Ich geh' nach Portugal oder England, um als ein Handlohner dort den Tod zu erwarten, wo mich und meine Schande niemand kennt. Wenn Du in's Vintschgau kommst, so gib der Meinigen den Brief, den ich ihr geschrieben, und grüße sie von mir zum letztenmal.« – Nun, den Brief hab' ich bestellt, das andre weißt Du. In dem Schreiben war lediglich nur die Nachricht, daß Ihr nicht mehr hoffen 61 dürftet, den Vater wiederzusehen, und daß er sich vor aller Welt zu verbergen eile. – Kurze Zeilen, worinnen aber der Tod Deiner Mutter geschrieben stand.« – »Du lieber Gott! bei Dir ist die Mutter gut aufgehoben; doch der Vater?« schrie Seraphin und drückte beide Hände vor's Gesicht: »Lebendig oder todt! wo ist der Vater hingekommen? In Portugal, das so weit? in England, dem ich so nahe gewesen bin? Ach, dorthin komme ich in meinem Leben nicht mehr! Und er ist vielleicht noch auf Erden, und ich soll ihn nicht mehr, nicht ein einzigmal wiedersehen!« – Dominik studirte verlegen auf eine Antwort, die den betrübten Sohn, wenn auch nur halbweg, befriedigen möchte; es fiel ihm jedoch nichts ein. So dankte er es dem Zufall, der eine Unterbrechung des für beide Theile peinlichen Gesprächs herbeiführte. Es entstand nemlich ein großer Lärm in der Nachbarschaft des Dörcherlagers. – Eine Abtheilung des Regiments Neiperg Infanterie, das, ebenfalls aus Italien kommend, statt, wie vorher bestimmt gewesen, nach Salzburg zu marschiren, plötzlich gegen das Vorarlbergische instradirt worden war, hatte, wie die Reiter gethan, eine kurze Station bei den Branntweinfäßchen der Laninger gemacht. Die Rast lief aber stürmisch ab. Wildes Geschrei ließ sich bald vernehmen, und in vollem Jagen kam ein ziemlich lumpenhaft gekleideter Mensch die Straße herangesprungen, hinter ihm ein Feldwebel mit spanischem Rohr, zwei Gemeine mit blankem Seitengewehr. »Der hat gewiß gestohlen!« rief Dominik, sich erhebend: »Halt' ihn auf, Seraphin; bist flinker als ich und der faule Laslo, der Schläfer!« Seraphin gehorchte, während der Wachtmeister den schlummernden Reiter mit einem Fußstoß weckte, und hielt dem Flüchtling die 62 Mündung seiner Büchse mit einem drohenden: »Halt!« entgegen. Der laufende Kerl stand auch plötzlich, knickte dann zusammen, als hätte ihm Einer die Kniesehne entzwei geschnitten, und seufzte: »O weh! Sakra! jetzt wird's Matthäi am letzten seyn!« – »Kölbl! vermaledeiter Kölbl! was machst Du hier? was hast Du wieder angerichtet?« rief ihm dagegen Seraphin zu, und hob unwillkürlich den Kolben seines Gewehrs, um dem Sinkenden einen tüchtigen Denkzettel zu geben. Aber es reute ihn alsobald der grausame Vorsatz, und er verharrte nur in der drohenden Stellung, um sich der fernern Unterwürfigkeit des jammernden Buben zu versichern. – Zur gleichen Zeit keuchte auch der Feldwebel heran, und setzte sich in Positur, den Werdenfelser mit dem Rohr zu bearbeiten. Dominik wehrte ihm dieses jedoch, indem er sagte: »Sey doch der Herr Kamerad gescheit und gelassen. Was hat denn der Mensch verbrochen?« Worauf der Feldwebel, den bald sein ganzes Detaschement neugierig umgab: »Allen Respekt vor dem Herrn Kamerad: Er ist der Aeltere; allen Respekt; aber dieser Spitzbube hat mich bestohlen, betrogen, in Arrest gebracht; aufhenken möcht' ich den Schelm, oder todtprügeln; – alleins.« – »Barmherzigkeit! Ich bin ja nicht derjenige, den Er meint, gestrenger Herr Offizier, oder Obristwachtmeister!« schrie Kölbl dazwischen, die Hände ringend. – »Den Teufel auch bist Du's nicht, falscher Siebenzehner!« polterte wiederum der Unteroffizier: »ich kenn' Dich noch gut, wenn Du auch jetzt ein Schurkenauge weniger in deinem Galgenschädel trägst. – Wo hast Du's hingebracht, Deserteur? Das war ein Auge, das dem Kaiser gehörte; er hatte es von Dir gekauft, wie deinen ganzen Schelmenleib. Wo hast Du des Kaisers Auge gelassen, Du landstreicherischer Dieb?« – 63 »Nun, nun,« hob Dominik mit Autorität an: »werd' ich einmal hören, was an der Sache ist?« – »Gar nichts, Herr Kamerad, als daß ich diesen Burschen vor ein paar Jahren dort hinter'm Brenner angeworben habe, ehrlich angeworben, freiwillig, möcht' ich sagen. Er hat des Kaisers Gesundheit getrunken, des Kaisers Feldzeichen aufgesteckt, des Kaisers Handgeld genommen, und ist dann auf dem Transport desertirt, wie ein räudiger Hund. Hab' ich das Geld ersetzen müssen aus meiniger Tasche, und schwitzen müssen im Arrest, und find' ich ihn heut wieder, als einen Strolch, mit einem andern Strolchen diskurirend hinter jenem Karren und in einem Rothwälsch, das der Teufel verstehen mag. Aber meine Augen haben ihn besser verstanden, als meine Ohren, und ich lasse den Spitzbuben zu todt karbatschen; das laß' ich für mein gutes Geld und seinen Meineid.« – Während der Feldwebel seine Anklage der Länge und Breite nach vortrug, hatte Seraphin Zeit gefunden, dem Wachtmeister einige dringende Worte bittweise in's Ohr zu flüstern. Darum zog Dominik den Kameraden alsobald zur Seite und sagte zu ihm: »Was will der Herr mit dem Kerl anfangen? Hatte er schon feierlich zur Fahne geschworen?« – »Hm, das noch eben nicht, aber der Handschlag und das Handgeld . . . .« – »Mach' Er sich doch keine unnöthigen Geschichten auf dem Marsch. Todtgeprügelt oder aufgehenkt ist Einer bald; aber die Verantwortung, he? Was wollt' Er sonst mit dem Kerl anfangen? Mit einem einzigen Auge kann er doch nicht mehr dienen, und Seinen Arrest, Feldwebel, nimmt Ihm der General selber nicht mehr ab. Das Handgeld aber will ich Ihm ersetzen. Laß' Er den Burschen laufen. Das Volk in Tirol sieht uns fremde Soldaten ohnehin nicht gern . . . hüt' Er sich daher, keine Leidenschaft regieren zu lassen.« – 64 Der Feldwebel wurde in der That geschmeidiger. Noch ein paar Minuten Zuredens, ein paar Groschen auf die Hand, und der gestrenge Mann befahl, den armen Sünder laufen zu lassen, kommandirte sein »Vorwärts, Marsch!« und zog mit seiner Truppe ab. – Kölbl lief indessen immer noch nicht, hatte er gleich dazu die Erlaubniß. Er hielt sich wie vernichtet zwischen Laslo und Seraphin. Der herbeikommende Dominik drückte ihn bei den Schultern zum Staube nieder. »Ja, rutsche nur vor diesem wackern Menschen auf den Knieen;« sagte er auf Seraphin deutend: »Du hast Ursache, es zu thun. Wär' Er nicht gewesen, an dem Du Dich wie ein Judas versündigt, Du lägest wenigstens halbtodt und krumm und lahm auf diesem Flecke. Weine bußfertige Thränen auf seine Füsse, küsse seine Schuhe, und mach' Dich durch, Du elender Gesell!« Aber Kölbl weinte nicht, und küßte nicht, sondern erhob sich verstockt, Seraphins Blick vermeidend. Kein Wort kam aus seinem Munde, bis ihn der aufgebrachte Wachtmeister wieder anredete: »Woher gebürtig?« – »Aus dem Freisingischen.« –»Nun denn, dort über jene Berge hinaus geht Dein Weg, und Dein Bischof wird schon irgendwo ein Zuchthaus haben, Dein edles Leben zu verpflegen. Marsch, Deserteur und Verräther, marsch, oder ich lasse Dir mit Steigriemen Füße machen!« Trotzig drehte sich Kölbl um, und ging, wie ein Fuchs, zuerst langsam, dann schneller, dann immer geschwinder, bis er an des Flusses Ufern verschwand. – Dominik umarmte den Seraphin: »Du bist ein rarer Kerl, Gott beschütze Dich. 's ist mehr als brav, einem bittern Feind so willig zu verzeihen.« – Seraphin lächelte: »Hat mir nicht so eben die Zaya eine brave Lektion gegeben? Wenn's bei dem Kölbl nur was helfen wollte. Ich glaub's nicht. Und Du, Zaya, Du glaubst es auch nicht, wenn ich Dein Kopfschütteln recht 65 verstehe?« Zaya, die sich still heranbegeben hatte, schüttelte wieder das Haupt, und versetzte: »Bubele, Du hast's gottesfürchtig gemeint; aber ich bin halt der Meinung, daß es jetzo besser gewesen wäre, den Wolf in die Eisen zu werfen, als laufen zu lassen. Er führt böse Dinge im Schild. Da ich vor kurzem von euch ging, nach meinen Enkeln zu schauen, hab' ich den Burschen gesehen, wie er im Schatten jenes Karrens lag, und mit einem gewissen Tatzer-Melcher, einem Landgeher von der schlimmsten Gattung eifrig redete. Ich hab mich hinter's Karrenrad gelehnt, und zugehorcht. Der Einaugete schlug dem Melcher vor, beim Tammerl zu Imst einzubrechen, und das Geld und Silber zu stehlen. Schon einmal, sagt er, hab' er's probirt, es sey schon lang her, aber es sey nicht geglückt; ein Vogeltragersbub habe Allarm gemacht, und so weiter. Diesmal sey's aber günstiger. Der Tammerl fahre jetzt viel im Land herum, ein Gütl einzukaufen, und nur Weiberleute seyen im Haus vorhanden. Nun kenn' ich den Melcher, den z'nichten Buben. Er wird sich's nicht zweimal sagen lassen. Doch ehe er Ja oder Nein geantwortet sind die Soldaten dazwischen gekommen, und der Melcher hat Reißaus genommen, wie der andere.« – »Oho!« rief Seraphin: »geht mir ein Licht auf. So ist's der Kölbl gewesen, den wir dazumal, der Egidi und ich, verscheucht haben? Ei, da ich schon einmal des Tammerl Hab und Gut gerettet habe . . . so möcht' ich's wohl noch einmal thun. Der Tammerl muß gewarnt werden. Ich lauf' gleich, wie ich bin, nacher Imst zurück.« – Da besann sich der arme Tropf und fügte betrübt hinzu: »Nein, nein, ich darf mich ja vor den Leutln nicht mehr sehen lassen. Sie würden glauben, ich käme abermals, sie anzulügen. Die Holländer haben mich sitzen lassen, mein Brieftaschl ist dahin . . . ich 66 kann ja gar nicht beweisen, daß ich die Wahrheit gesagt habe . . . sie ließen mich in die Keuche werfen, daß Gott erbarm!« »Armes Bubele!« klagte Zaya. Dominik fragte theilnehmend: »Also blieb und ist die Brieftasche verloren?« – »Ganz und gar; 's war völlig nichts davon zu finden,« erwiederte Seraphin noch trauriger, denn zuvor: »aus dem Gebirg herunterkommend, hab' ich mich's nicht verdrießen lassen, den Weg nach Telfs zu nehmen, und beim Fuhrmann anzukehren. Nun, er hat mir's bei seiner armen Seele zugeschworen, daß er von dem Brieftaschl nichts gesehen. Ich muß ihm glauben; – wer weiß, wer's gefunden hat, dem's nichts, auch gar nichts hilft . . . . und mir schadet's doch so viel! 's ist ein Elend, aber mich thut noch etwa mehr bekümmern, daß der Peterl von Operperfuß, den ich doch so schön gebeten habe, auch nicht mit einem Wort beim Fuhrmann nachgefragt hat. Ja, die Welt ist immer ein Krieg, wie Ihr sagt, Dominik und auf die besten Freunde ist kein Verlaß. Fahr hin, Peterl: ich habe auch auf Dich zu viel vertraut.« – »Nun, er wird halt seyn, wie alle Maulfreunde,« bemerkte Dominik tröstend: »das geht schon auf Erden nicht anders; und am End', da das Brieftaschl sich doch nicht im Wagen gefunden, ist's einerlei, ob der Maulaff nachgefragt hat oder nicht.« – »Ei, es wird Dir noch gut gehen, auch ohne das Brieftaschl,« sagte Zaya aufmunternd und zuversichtlich. »Meinetwegen kommt's, wie Gott will,« versetzte Seraphin: »aber ohne die Martina wird's schwer angehen, und diese ist für mich einmal für allemal verloren.« – »Willst Du 'was Neues wissen?« fiel Zaya ein: »die Sprengerin ist auch nicht glücklich, und . . . .« Seraphin hielt ihr den Mund zu. »Um Gotteswillen!« bat er; »nichts mehr davon. Ich will nichts hören und nichts wissen. Laß mich glauben, daß sie glücklich ist. Sie 67 sey es auch in der That, ich wünsche es. Es wär' ein Trost für mich, wenn es so wäre; dagegen ein Leid, haushoch, wenn ich sie leidend wüßte, und ohrfeigen möcht' ich mich selber, wenn mir jemals beikäme, mich etwa zu freuen, weil sie leidet. Nein, nein: laß mir ihr Andenken wie das meines kleinen Schwesterls, rein, engelrein und fröhlich mitten in der Wehmuth. Ich könnte sonst nicht leben, oder müßte leben wie ein zuichter Mensch, der an den Himmel und an's Sakrament nicht glaubt. – »Brav, brav;« lobte Dominik mit herzlicher Rührung; »was Du da zu sagen weißt, hab' ich mein Lebtag für Deine Mutter selig gespürt in tiefster Seele. Mich freut's, jetzt auch zu hören, was ich gefühlt habe und noch fühle.« Seraphin wendete sich an die Dörcherin: »Wärst Du so gut – ich bitt' gar schön – dem Tammerl anzumelden, was der Kölbl vor hat? Mir laßt's schier keine Ruhe.« »Ich möchte wohl, mein Bubele. Doch hab' ich jetzt nicht Zeit. Siehst Du dort am Felsen die Zeichen, die unsre Leute mit Karrensalbe hingeschmiert haben? Die ziehenden Dörcher bezeichnen oft den Nachfolgenden die Richtung ihres Wegs durch gewisse Hieroglyphen auf Wegkapellen, Felsen, Mauern u. s. w. Z. B.: ↕;Ө;∟; u. a. m. Sie bedeuten, daß wir zu Mötz ein Zusammentreffen und Schiedsgericht haben. Ein paar Tage nimmt's schon weg, und wenn auch heute und morgen der Kölbl und der Melcher noch ein'n Fried geben werden, so möcht' ich doch nicht für die nächste Woche stehen, und ich darf meine Kinder, die nach Unterinnthal ziehen, nicht verlassen.« – 68 »Was schadt's?« sagte Dominik: »marschiren wir nicht nacher Imst, und werd' ich nicht bis auf weitre Ordre dort verbleiben? Weißt Seraphin? ich will mich beim Tammerl einquartieren, und bei Gelegenheit Deine Nachricht anbringen. Sey ruhig. Wo ich und Laslo im Quartier liegen, bricht niemand ungestraft ein, und wär's der böse Feind in Person.« »Ich dank' euch schön viel tausendmal!« rief Seraphin hocherfreut: »da werd' ich mit leichterm Herzen meiner Wege gehen. Sagt nur fein alles mit Bedacht, und grüßt mir dankbarlichst die Tante Lenerl, die mich ausgelassen. Sie hat's noch am besten mit mir gemeint, und ich glaub', sie hat mich noch ein klein bissel lieb. Die Andern hab' ich zwar noch gern, aber sie mögen mich nicht mehr, und darum will ich sie in Frieden lassen. Aber die Lenerl – nicht wahr, Ihr thut mir den Gefallen?« Dominik bejahte freundlich. »Dort kommen,« sagte er, »die wundgedrückten Pferde und die maroden Reiter, die ich zu kommandiren die Ehre habe. Man hat den Invaliden zu den Maroden gethan; ich merke, daß mein Abend gekommen ist. Wohin aber gehst Du, und lässest Du gar nichts von Dir hören?« »Ich gehe,« entgegnete Seraphin schwermüthig, »noch weiß ich nicht wohin, eine Zuflucht, eine Arbeit, oder wie Zaya will, das Glück aufzusuchen. Will mich schon bei euch melden, wenn mir merkwürdiges zustößt. Glaubt indessen, daß ich nimmer Eurer Freundschaft und Lehren unwerth seyn will. Ich bin im Kopfe nüchtern geworden, und will mich nicht durch eine Narrheit zum Spott der Menschen machen, nicht durch eine Sünde um den Himmel bringen. Arbeiten und vergessen! das ist mein Wunsch, und mein heiliger Schutzpatron wird mich nicht stecken lassen.« Dominik reichte dem jungen Mann stumm die Hände 69 hin. Seraphin, damit nicht zufrieden, küßte ihm den Schnautzbart und die Backen vielmals ab. Beide sagten nicht »Leb' wohl,« nicht »Behüt' Dich Gott!« – Sich von dem Dragoner losreißend, der alten Wollhaube mit der Hand zuwinkend, lief Seraphin, was er konnte, davon, stromabwärts, dem Innsbrucker Revier entgegen. – – Ganz um dieselbe Zeit, in einem niedlichen wohl umschatteten Dörfchen, das nur eine halbe Stunde entlegen von dem Platze, wo die Dörcher und Dominik ihr Lager aufgeschlagen, handthierte mit Kelle und Kalk, mit Pinsel und Bürste, vornehm auf einem Gerüste schwebend, das an dem stattlichen Hause eines wohlhäbigen Bauern angebracht war, der Maler Oswald Holzer, und hatte keine Ahnung, daß sein Freund und Bruder Seraphin ihm so nahe, und sogar mit jedem Augenblick um einen Schritt näher. – Dankbar den himmlischen Fürsprechern, die manches Jahr hindurch seinen Pflug gesegnet, seine Saaten verhundertfacht, Hagelschauer und Engerlingfraß Engerling: schädliches Insekt, das dem Flachs und andern Pflanzen Schaden zufügt. von seinen Feldern abgehalten, war der reiche Bauer zu dem Entschluß gekommen, die heilige Nothburga und den heiligen Ackersmann Isidor auf die Stirne seiner Wohnung malen zu lassen, so bunt und ansehnlich, als nur immer möglich, und daneben so wohlfeil auch, als sich thun ließ. Er hatte seinen Mann und Künstler in dem wackern Oswald gefunden, der dazumal, ein irrender Pinsler und Vergolder, in jenen Gegenden umherstrich und Arbeit annahm, wo er sie nur antraf und zu welchem Preis es seyn mochte, und wie schlecht sie auch ausfiel. Je wohlfeiler, je schneller, je schneller, je ungeheuerlicher gedieh das bestellte Meisterwerk; dieses war einmal Oswalds Gewohnheit geworden. Sorgloser als jemals zu Augsburg, pinselgeschwinder als jemals der fertigste Klexer, tünchte er seine Schöpfungen auf die Mauern, auf Holz und 70 Leinwand nach Belieben, und selten lag zwischen Anfang und Ende seiner Bemühung mehr als ein einziger Sommertag. – So hatte er auch heute mit dem Aufblitzen des Morgenroths den heiligen Isidor vorgenommen, und schon bis Mittag fürtrefflich hingestellt in einem braunen Etschländergewand, mit rothem Hosenträger und schwarzem Bart, und der Pflug war daneben nicht vergessen und nicht die beiden Engel, die den Pflug zogen, und die – sah man genau hin – allerdings von zwei Riesentauben zu unterscheiden waren. Am Nachmittag war flugs die Reihe an die fromme Magd Nothburga gekommen, und als die Schatten sich streckten im niedergehenden Sonnenschein, stand auch die Heilige, bis auf die Sichel und die Flasche fertig da: eine Person von sechs Schuhen, voll und drall mit brandschwarzen Augen und Haaren, die der grelle gelbe Schein um das Haupt noch kräftiger hervorhob. – Im Augenblick der Vollendung jedoch, statt zu jubeln und den Pinsel gegen die anrückenden Sterne zu schleudern, befiel den Maler eine finstre Grille, und er sagte brummig: »Da haben wir's. Da steht schon wieder die Veverl, wie sie leibt und lebt. Ich kann nichts anders mehr machen; ich, der ich sonst nicht die Nase eines andern Menschen abzukonterfeien im Stande war! Immer das Gfries der falschen Veverl, daß Gott erbarm! Der heilige Isidor schaut ebenfalls her wie ihr Zwillingsbruder. Gut, daß er 'nen Bart sich wachsen ließ, sonst kennte man das Mandl und das Weibl nicht von einander.« – Diese Betrachtungen hatten den Maler unversehens um die kostbare Zeit gebracht, die er hätte verwenden können, um die Flasche und die Sichel, ja vielleicht noch den Lilienstengel, den er sich vorgenommen, zwischen Isidor und Nothburga zu pflanzen, tadellos auf den nassen Kalk zu zaubern. – »Feierabend!« gähnte er, 71 als wäre Haus und Hof und Stadl seines Kunstgönners nur ein Bissen für seinen Mund: »schon wieder ein Tag dahin, Gottlob. Und jetzt frisch hinter's Glasl – mein Bauer hat 'nen guten Ueberetscher Ueberetscher: Wein aus den Geländen jenseits der Etsch in der Gegend von Botzen. – und hernach zum Nachtmahl, und hernach in's Wirthshaus, und hernach in's Nest schlafen, wenn mit der Kellnerin nichts mehr zu reden ist. Basta, wie der Grödner sagt. Gut' Nacht, ihr Farbentiegel; gut' Nacht, Du dicke falsche znichte Veverl!« Mit diesen Worten hupfte er vom Gerüst und gerade in die Arme des Herzbruders Seraphin, der schon eine Weile unten gestanden und hinauf geguckt mit scharfen Augen, und nicht gewußt, ob's wahr oder nicht wahr, daß sein Oswald dort oben. Zwar standen auch der Bauer und die Seinigen da, und blinzelten zur Malerei empor, mit entblößten Häuptern die Männer, mit gefalteten Händen die Weiber, und konnten sich nicht genug verwundern über die funkelnden Gesichter des Heiligenpaars, und über den kostbaren Umfang der breiten Patzerei. Aber was ging jetzt den Oswald seiner Kunstbrotherren Beifall oder Tadel an? Hielt er doch den liebsten Menschen auf dem Erdenrund an seiner Brust, blind vor Freud' und Glück, das um so größer, je unvermutheter es aufgetreten! Da war das Wiedersehen zu Augsburg nur ein kahler Schatten gewesen, das Gespräch bei den sieben Tischen nur ein faules schlaftrunknes Gewäsch. Jetzo ging's von Beider Munde wie Geklapper einer Mühle, sie fochten mit Worten, wie hitzige Gesellen mit dem Degen, wie junge Schüler beim verbotnen Spiel mit ihren Trümpfen. Keiner schien geneigt, dem Andern den letzten Hieb, den letzten Stich zu lassen, und lange dauerte es, in die Nacht hinein sogar, bis die Mühle stand, bis sie rasteten vom Kampfgestrudel ihrer Zungen. Am nächsten Morgen pflanzte Oswald mit beliebter 72 Eilfertigkeit den bewußten Lilienstengel, übergab sein vollendetes Meisterwerk dem Urtheil der Mit- und Nachwelt, strich seinen kargen Lohn ein, nahm seine Geräthschaften auf die Schulter, seines Freundes Arm unter den seinigen, und wanderte wohlgemuth selbander fürbaß. »Schau!« sagte er mit biederm Vorwurf zu Seraphin: »so wie wir jetzt gehen, hätten wir von Augsburg bis nach Holland gehen sollen. Du wärst meiner nicht ledig geworden. Der Walt wäre nicht in Rotterdam zurückgeblieben, er hätte Dich bis an's End begleitet, und Dir genug mit Aufpassen und Hofmeistern zu thun gegeben, so daß Dir nicht Zeit geblieben wäre, Dich mit dem grauslichen Kölbl herumzutreiben. Alles wäre gut gegangen, Du hättest Dein Madl, ich hätte das meinige oder ein andres, der Egidi säße nicht im Zuchthause . . . . nun, nun, werde nur nicht gleich so wild und verdrießlich. Gethan ist gethan. Schauen wir vorwärts. Draußen beim Vetter hab' ich oft im Kupferstich und in Gyps ein heidnisches Doppelgesicht aus der Römerzeit gesehen; . . . der Vetter hat mir allerlei davon erzählt, ich hab's wieder vergessen – aber genug: das eine Gesicht von dem Doppelkopf war ernsthaft, und das andre hat gelacht, wie ein lustiger Bub' lacht. Laßt uns wie jener alte Doppelkopf ein Stück durch die Welt laufen; Du ernsthaft, ich heiter und leichtsinnig. Wir werden beide von einander lernen. Du wirft ein bissel Munterkeit von mir lernen; ich werde Dir wieder ein bissel Ehrbarkeit abgucken. Ich bin, im Vertrauen gesagt, aus lauter Verdruß über die Veverl, liederlich geworden, und war doch schon Monate lang ein stiller ehrlicher Bursche, wie ein Madl so sanft und verschämt. Ich hab's von Dir und der Veverl gehabt. Wegen der letztern habe ich die Tugend aufgegeben; wegen Deiner will ich dieselbe wieder anschaffen. Bleiben wir bei einander.« 73 Seraphin versetzte mißbilligend: »Wegen einer an sich geringen Störung in unserm Leben sollen wir nicht auf die schlimme Seite schlagen. Trau Dir selber nicht, Du Kräutl Thunichtgut, das rathe ich Dir. Wie aber sollen wir zusammenbleiben? Soll ich neben Dir herdörchern ohne Verdienst, ohne Arbeit? Das will ich nicht, und auch Du wirst es nicht wollen. Du machst, daß den Leuten grün und gelb vor den Augen wird; ich muß mich meinerseits durchzubringen suchen. Es wird hart gehen, aber es muß doch am Ende. Ich hab' kein Handwerk gelernt, bin auch nicht bei der Bauernschaft gewesen, das Viehhüten hab' ich ver lernt. Mir dem Vogeltragen ist's aus. Was soll ich denn anfangen? Sie wollen mich nicht einmal bei den Landschützen leiden . . . . der Wachtmeister mag mich nicht unter den Soldaten sehen – ich hab' auch nicht große Lust dazu. Soll ich das Ellenreiten, das ich beim Grödner getrieben, noch einmal anfangen? Oho, nicht rühr' an. Drum denk' ich halt immer: ich will unter die Knappen gehen . . . .« »O Seraph, Seraph, bist Du denn bei die Groschen? So 'n Scheermausleben, so rußig und schiech und finster und naß? Lebendig begraben seyn tief unter der Erde und dem Sonnenschein!« – »'s wär' eine billige Vergeltung. Ich hab' zu hoch hinaus gewollt, der arme Bub' des ärmsten Vaters. Hinunter mit mir; es geschäh' mir recht. – Ach, mein Vater!« Oswald fuhr in seiner Klage fort: »Drei Viertheil des Lebens blind seyn für die bunten Farben der Welt, . . . drei Viertheil des Lebens entfernt seyn von lustiger Gesellschaft . . .! mit jedem Athemzug ein bissel Tod einschlucken! Geh', Seraphin, Herzl, thu' das nicht. Ja, ich wollt' nichts sagen, wenn's noch wäre wie zur alten Zeit, wo ein rüstiger Bergmann Karfunkel fand, noch 74 größer als die Hühnereier, wo die Zaubermandln im Berg herumfuhren mit Kratten und Schiebkarren voll von Schätzen, Perlen und Edelsteinplunder, und den braven Knappen sagten: Herz, was begehrst Du! In jener Zeit würdest Du, rarer Kerl, von den wunzigen Krattlern bald genug gekriegt haben, um den wampeten Tammerl zu bezahlen und Deine Ehr' zu retten; aber heutzutage . . . daß Gott erbarm'! schier verhungern sie auf ihrem Gold und Silber, die armen Heiter von Knappen, und verdienen's auch die meisten nicht besser, denn es sind viele heimliche Lutheraner unter ihnen, und zu denen gehörst Du nicht, Seraphin. Bleib weg von den Weißkitteln, glaub' mir.« »Du meinst es gut. aber wohl möcht ich mein Lebtag graben und graben wie ein Wühlscheer, wenn ich nur meinen Vater wiederfinden, den Egidi frei machen und meine Rechtschaffenheit vor aller Welt beweisen könnte. Die Martina muß ja alles schlechte von mir glauben, und das thut mir so viel weh, und thut mir wiederum so viel wohl . . .!« »So viel weh, und doch so vielwohl?« fragte Oswald verwundert. Und Seraphin entgegnete hastig: »Ja freilich; denn wenn sie recht viel Böses von mir geglaubt hat, so hat sie doch wenigstens nicht aus Leichtsinn und Untreue sich an den Andern gehängt.« – »Nun!« lachte Oswald, »ich muß sagen: Du verstehst Dich zu trösten, wo ich aus der Haut fahren möchte vor Galle und Gift. Du bist wohl brav und christlich, aber ich an Deiner Statt würde viel lieber das falsche Weib vermaledeien, und dem Tammerl seinen Verlust an Geld und Gut herzlich gönnen, und dem Sprenger den Hals umdrehen, und den Kölbl, den Spitzbuben, hätte ich wahrhaftig nicht springen lassen, und dem verlognen Peter schlüge ich bei nächster Gelegenheit den boshaften Schädel ein. Weißt Du was Neues von der Martina?« – 75 Seraphin schüttelte den Kopf. »Nun, ich auch nicht,« fuhr Oswald fort: »und von der Veverl weiß ich auch nichts, denn ich habe das miserable Imst seither gemieden wie ein Pestilenzhaus; aber ich wünsche . . . ich wünsche . . . ich mag gar nicht sagen, was ich den Weiberleuten insgesammt auf den Hals wünsche. Ich habe mit allen das größte Unglück. Meine Mutter sogar, seitdem sie den kleinen Bamms hat, besieht mich kaum mehr; die schöne Trine ist, seitdem sie verheirathet ist, ein zwidriges Weibsbild geworden, und hat mich allweg angeschnauzt, als ob sie nicht meine rechte zweibändige Schwester Zweibändige Schwester: von demselben Vater und derselben Mutter erzeugt, wie ihre Geschwister. Einbändig: Stiefgeschwister. wäre! Das hat mir die Heimath verleidet, und mir wieder Appetit am Herumstrolchen beigebracht. Schau: halt's mit mir. Ein ächter Wein ist ein getreuer Freund; laß uns brav trinken und lustig seyn. 's gibt viele saubre Diendln auf der Welt; laß uns sie bussen nach Herzenslust, aber uns mit keiner mehr verbandeln; so können wir noch fröhliche Tage haben.« »Ei, pfui Dich an!« antwortete Seraphin unwillig: »Laß mich aus, und red' nicht so frech in den Tag hinein. Hast Du kein Gewissen mehr? fürchtest den Teufel nicht mehr, weil er Dich nicht vom Kartenspiel und Sündengeld hinweggeholt hat? Geh, laß Dich flechten! 's ist Dir nicht halb so viel Ernst, als Du Dich anstellst; schäm' Dich ein bissel, Walt!« Wunderbar eingeschüchtert, sagte Oswald nach einer Pause: »Ja, es wird schon so seyn. Du hast's halt doch getroffen. Der beste Wein schmeckt mir doch nicht mehr wie ehedem; der leichtfertigen Dirnen Kuß ist mir aber noch bittrer als der Wein! Ich hab' keine rechte Freud' mehr. Wenn ich recht toll und ausgelassen bin, so bild' ich mir ein, ich sey lustig; aber 's ist nicht wahr. – O Veverl, Veverl, ungetreues Diendl!« – Er brach in helles Schluchzen aus, das gewaltsam fortdauerte, und nur langsam dem Zureden des Freundes 76 wich. – »Laß uns miteinander nach Schwatz gehen, und die Knappen in der Nähe anschauen,« sagte er alsdann; »vielleicht ist für uns beide das Bergwerk gut.« – So wanderten sie an Innsbruck vorbei gen Hall, setzten sich da auf's Wasser und fuhren nach Schwatz. Sie sahen da freilich in der Nähe die überaus zahlreiche Zunft der Kinder des Propheten Daniel Daniel in der Löwengrube, der Patron der Schwatzer Bergknappen. , sahen sie mit allen ihren guten und schlimmen Eigenschaften, mit ihren Vortheilen und Gefahren. Sie beobachteten dort, wie schon die Kleinen als Kläuberjungen Bruch und Zagel ausschieden, wie sie mit der Bergtruhe aus- und einliefen. Sie sahen dem Treiben der Häuer und Hutmänner, der Herrenarbeiter und Lehenhäuer Herrenarbeiter: Arbeiter im Bergwerk, die im Sold der Herrschaft arbeiten. Lehenhäuer: solche, die einen Antheil an der Kuxe haben. zu. Sie traten ein in die Hütten dieses armen Knappenvolks, das sein magres Leben bestritt mit schmaler und sauer verdienter Löhnung, die nicht zugereicht haben würde, wenn nicht die sogenannte Pfennwerthshandlung Pfennwerthshandlung: diejenige Einrichtung bei den Bergwerken, vermöge welcher der Knappe einen Theil seines Lohns in Naturalien (Tuch, Getraide, Butter u. s. w.) erhält, damit seine Angehörigen nicht Noth leiden, wenn ihn der Leichtsinn veranlaßt, sein Geld im Wirthshause zu verthun. für die Bedürfnisse der Weiber und Kinder besser gesorgt hätte, als der neben seiner Kühnheit so leichtsinnige Knappe und Hausvater zu thun verstand. Sie maßen mit ihren verwunderten Augen die blassen ausgemergelten Gestalten der Bergarbeiter, denen die feuchte Grubenluft und das »böse Wetter« den Keim der Bergkrankheit, der Abzehrung nämlich, unaufhaltsam zutrug. Sie waren Zeugen der ausgelassenen Lustigkeit, womit sich die armen Leute dann und wann ihr Daseyn ausschmückten, um hinterher noch geschwinder zu verfallen; sie standen hin und wieder an Sterbelagern, auf denen die Erschöpften, Jünglinge oder ältere Männer, mit der Ergebung des Lebensmüden den traurigen Bergertod erlitten! – Der eitle Vorsatz der beiden jungen Vintschger, in die Reihen dieser armen Silberdiener des Landes einzutreten, schwand vor 77 der elenden Wirklichkeit, die sich ihnen nackt und bloß zeigte, dahin wie ein Hauch im Winde. Seraphin schaute lange trübselig zu; aber der leichtblütigere Oswald brach schnell den Stab über das so unerquicklich vergeudete Leben jener Leute. »Nein;« rief er: »das ist nichts für Dich und mich. Ein armer ungeschickter Kleckser, wie ich bin, mag ich nicht tauschen, weder mit den Knechten des Bergs, noch selbst mit den Herren; denn auch die letztern sagen nicht umsonst: Die Hoffnung meistentheils den Berg thut bauen; Man muß auch haben zu Gott ein rechtes Vertrauen, Und immerdar zum Beutel schauen! Seraphin mußte sich endlich wohl einverstanden erklären, und die Thorheit seines Vornehmens bekennen. Er mußte zugeben, daß es sich Zoll für Zoll selbstmorden hieße, wenn er den Vorsatz ausführen würde, sich Leuten zuzustellen, die selbst, wenn sie nur es machen konnten, ihrem Stand entliefen, um einen andern zu wählen. So drängten sich zum Beispiel die Knappen haufenweise zum Kriegsdienst im Lande und im Felde; andere zogen nach Wien, in allerlei Dienste zu treten. Nicht wenige versuchten ihr Glück unter den Laienbrüdern mancher Klöster. Die Beobachtungen, die zu Schwatz von Seraphin und seinem Freunde gemacht worden waren, hatten ihnen viele Zeit und so ziemlich ihren ganzen Geldvorrath aufgezehrt. Es hieß nun arbeiten. Seraphin fand einen Dienst in der Nähe von Schwatz, Oswald fand Arbeit in dem Kloster auf St. Georgenberg. Der Zustand eines Dienstboten wollte jedoch dem jungen Plaschur nicht behagen. Am meisten widerte ihn die rohe Gesellschaft an, in deren Mitte er sich bewegen mußte. Es lebte in seinem Kopfe ein besser erzogener Geist; seine ganze Natur hatte zu viel Milde an sich, und ging zu hohen Schritts über dem Geleise des Handlöbnerlebens weg, als daß sie zu der Gemeinheit seiner Genossen sich bequemen, 78 in die Botmäßigkeit einer rücksichtslosen Dienstherrschaft sich fügen mochte. – »Ich habe schon ein Stück Himmel auf dieser Welt genossen;« sagte sich wehmüthig Seraphin, an Imst, das Tammerlhaus und Martina zurückdenkend: »ich mag das schmutzige Joch nicht mehr ertragen« Ging auch eines Tags wohl entschlossen aus seinem Dienst, wo man ihn nur einen Träumer und Weichling gescholten, und begab sich, seinen Oswald auf ein paar Stunden zu sehen, in die Einsamkeit des St. Georgenbergs. Wer sie jemals gesehen, jene wunderliche, erfrischende und in Wahrheit geheiligte Wildniß, kann leicht verstehen, wie tröstlich sie ein wundes Herz umarmt. Die Seele, die den Muth hat, allein zu seyn, und die Welt mit dem Frieden der Einöde zu vertauschen, findet nirgends ein Fleckchen Erde, wo sie ungestörter ruhen und anbeten, wo sie freudiger ihre Schwingen entfalten könnte. Der steile Felsen in der waldgrünen Schlucht, der gerade nur Platz hat für das Haus des Herrn, scheint eine unbezwingliche Burg irdischer Seligkeit; die Wellen, die seinen Fuß in schwindelerregendem Abgrund bespülen, scheinen der Strom zu seyn, von dem die Alten erzählen, daß er hinwegnahm jeden Schmerz und jede eitle Freude sterblichen Daseyns. Doch über dem Abgrund, der da ist die Gränze der lauten Welt, hoch über dem Gotteshause auf wildem Felsgestein, wölbt sich die Kuppel des Himmels so rein und klar, und die berganstrebenden Wälder, die darüber hinausragenden Gebirgsköpfe und Schneetriften scheinen ebenso viele Stufen zu seyn, die gerade aus in das Land der Verheißung den Weg bahnen. »Hinauf, hinauf zum Lichte!« ruft dort Alles dem rastenden Pilger zu; »unten ist's dunkel, laß' ab von der Finsterniß! Dir bleibt hier kein Pfad, als der nach oben!« – – Seraphin vernahm was sie ihm zuriefen, die im frischen Winde schwankenden Tannenwipfel, die über der Waldeinsamkeit kreisenden Vögel, die rothen Steinnelken, die prächtige Zierde auf dem nackten Leib der Bergwände. 79 »Hier möcht' ich bleiben!« seufzte der dichterische Geist, der in ihm wohnte, ohne daß er selbst es wußte: »diese Wildniß mit den Schatten meiner Lieben bevölkern, am Altar der Kirche und der Gebirge meine Sehnsucht dem Schöpfer vertrauen, und endlich meinen letzten Athem auf eine Wolke legen, die hinanzieht zu dem blendenden Reich der Sonne.« Aber eine Gelegenheit, da zu verweilen, wollte sich nicht ergeben, und Oswald, der keineswegs die fromme Schwärmerei theilte, die sich Seraphins zu bemächtigen begann, arbeitete wie ein Rasender, um nur sobald als möglich die Wucht des stillen Einsiedlerlebens von seinem Nacken zu schütteln. – »Ich darf wahrhaftig nicht mehr von Deiner Seite gehen,« sagte er treuherzig zum Freunde: »Du wärst im Stande ein Klausner zu werden; und es wär' doch schade um einen bildsaubern Buben, wie Du bist. Die Weiberleut' sind nicht werth, daß Du um ihrentwillen um Dein frisches Leben kommst, und daß ich an Dir meinen besten Kameraden verliere. Geh, mach' Dich auf; ich bin mit meinen sieben Zwetschgen fertig, hab' eine Empfehlung an den Dechant in Fügen, der noch einen Heiligen für seine Kapelle braucht. Die Kreuzer werden uns nicht ausgehen. Daneben ist dort ein großes Schießen, und Du kannst, wenn Du geschickt bist, mit Deinem Büchsel eben auch ein Geld verdienen, derweil ich pinsle und schmiere über Hals und Kopf. Geh, häng' nicht das Maul und schlag' Dir die Einsiedlerei aus dem Sinn. Laß' sehen, wie uns beiden das lustige Zillerthal anschlagen wird.« – Oswalds Beredsamkeit hatte Erfolg. Sie wanderten in's liederfröhliche Thal ein. Wie zu erwarten, bekam dem Maler die Reise und der Aufenthalt an der Ziller außerordentlich gut. Die anmuthigen Gegenden, so heiter, so grün, so belebt, weckten sein Herz recht auf. Die schönen Menschengestalten schmeichelten seinem Auge, das Wohlleben, das sich dort ein jeder kaufen konnte, der nur ein paar Groschen besaß, kitzelte 80 seinen Gaumen; der Gesang, der auf der Alm so gut zu Hause, wie im tiefen Thal, erfrischte sein Ohr, und der hübschen Dirnen leichtsinnig und leichtfertig Wesen verführte schnell und genug seine zum Verliebtwerden sonderlich geneigte Natur. – Er schwamm behaglich wie ein Fisch im erwünschten Element, und zum erstenmal seit langer Zeit konnte er mit seinen Geschäften nicht fertig werden, und verstand sich perfekt darauf, einen Tag nach dem andern zu gewinnen, bis beinahe der Sommer schon zur Rüste ging. – Mit Seraphin war's umgekehrt. Zog ihn die patriarchalische Einfalt der Zillerthaler und ihr Frohsinn im Schooß der Armuth freundlich an, so stieß ihn doch das Roblerwesen und die landübliche Lockerung der Sitten völlig ab. Das Treiben der Bursche und Mägde in Dörfern und Einöden eckelte ihn an; der prahlende und ausschweifende Ton der Thalbewohner, die als Mithridatträger und Teppichkrämer in's Ausland gingen und stets verdorbener zurückkehrten, that es nicht minder. Die Schönheit der Mädchen ließ ihn gleichgültig, machte ihm sogar nicht selten Verdruß. Ein jedes blonde Frauenhaar, ein jedes lichte Auge erinnerte ihn schmerzlich an sein verlornes Glück. Sein halbmüßiges Leben, als gewinnsüchtiger Schütze, wenn es ihm auch trotz seiner Unfertigkeit einschlug, oder als untergeordneter Gehülfe und Farbenreiber seines Freundes, widerstand ihm, je länger, je mehr. Die Grille, seinen Theil wo möglich am Klosterleben zu nehmen, die ihn aus St. Georgenberg beschlichen hatte, wuchs unter seinen jetzigen Verhältnissen immer ansehnlicher heran, und zirpte ihm täglich vernehmlicher ihr altes Lied in's Ohr. – »Ich kann nicht mehr in diesem Salzburgerland bleiben,« sagte er oft und stets ungestümer zu Oswald: »hier ist nicht meine Heimath, meine ernsthafte und rechtschaffene Heimath. Mag nicht singen, mag nicht tanzen, nicht liebeln, nicht raufen; es geht mir halt da alles nicht zusammen. Geh 81 mit nach Burgeis, oder laß' uns Abschied nehmen.« – Ermahnungen, denen Oswald eine Zeitlang Widerpart hielt im Ernst und im Scherz; aber denen er sich eines Tags zur Verwunderung Seraphin's plötzlich auf Gnad' und Ungnad' ergab. Mit finsterem Gesicht kratzte sich Oswald am Kopfe und zog die Beinkleider in die Höhe; ein Zeichen unwiderruflichen Entschlusses. »Du hast beim Eid den Zweck herausgeschossen,« sprach er: »der Schwarze hole das Zillerthal, den Salzburger- und den Tirolerantheil. Mag nichts mehr davon haben!« – Vergebens fragte Seraphin nach der Ursache des so erwünschten aber wenig gehofften Entschlusses. Oswald sagte seinem sittlichern Freunde nicht gern, daß er gerade in der Nacht zuvor einer Dirne an den Balken gestiegen , und von eifersüchtigen Nebenbuhlern eine derbe Lektion bis schier zum Lahmwerden erhalten. Dergestalt drollten sich die unzertrennlichen Gefährten von Fügen nach Zell, von Zell nach Mayerhofen, von Mayerhofen nach Finkenberg, und wählten den Pfad durch das Durerländchen, wo nur Winter ist und Sommer, und der letztere nur wenige Wochen dauert. Wieder behagte es dem Seraphin in der Einsamkeit von Hinterdur sehr wohl, die schwarzen Hütten, die schlichte Tracht und Haushaltung der ernsten Durerleute, der in allen Farben blitzende Ferner, der stattlich und drohend hereinschaut in das baumlose Hirtenland, gefielen ihm besser als im Zillerthal Volk und Natur, eines lustiger als das andere. Oswald dagegen konnte nicht genug eilen um über's Joch hinüberzukommen, und niederzusteigen in das romantische Thal von Schmirn, und einzulenken in die Straße die das Wippthal durchstreift; die Regierungshauptstadt von Tirol verbindend mit dem Sitz seines Handels, mit der dazumal noch frischblühenden Meßstadt Botzen. Willens, ihre Richtung gen Burgeis durch die Gebirge auf nähern Wegen zu verfolgen, kehrten die Freunde in Steinach 82 ein, und dort redete Oswald zu Seraphin: »Hör' jetzt, was mir eingefallen, und sage mir, ob Dir ansteht, was ich ausspintisirte. – Vor allem thut's Noth, daß wir zwei beide gar nicht mehr von einander gehen, und gegenseitig aufpassen, daß nicht Einer Dummheiten macht. Ich könnte gar leicht in meinen schwäbischen Leichtsinn zurückfallen bis an den Hals; Du wärst im Stand, Dich in lauter Gottseligkeit und Menschenfeindlichkeit zu vergraben. Besser ist's, daß nicht eins, nicht das andere geschieht. Mich freut doch noch dies und das auf der Welt, so ein armer Narr ich bin; bei Dir hat dagegen alles seinen Werth verloren. Die Sonne macht Dir nicht mehr warm, die Vögel singen Dir nicht mehr. Was Gutes auf der Erde wächst, thust Du verachten, es müßten denn unsrer Frauen Aeuglein seyn, unter denen Du Dir Martina's Augen vorstellst, obschon diese grau sind und nicht blau; – Du bist mit einem Wort eine abgelaufene Uhr, und wer diese aufziehen kann und muß, der bin ich . Jetzt los' zu, und fall' mir nicht in die Rede. Von hier aus – und es liegt nicht viel außer unserm Weg – wollen wir in der Waldrast einkehren. Ich will das Geld, von dem ich Dir sagte, aus den Händen des Paters Philipp wieder zurücknehmen; ein feines Kapital für unser eins. Damit wollen wir einen Bilderhandel anfangen wie die Tesineser Tesineser Bilderhandel: eine der scheinbar geringen, in der That aber weltdurchschreitenden Industrien des Tirolers. Die Bewohner des Tesinothals, aus den Gemeinden Pieve, Cinte und Castello trieben diesen Handel schon bald zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts nach allen Gegenden der Erde. Den größten Aufschwung nahm er um 1750. , und beide zusammen den Verschleiß besorgen, nachher Frankreich, Spanien und Portugal, wohl auch nach England wandern, und das Glück wird uns nicht stecken lassen. Ich treibe daneben meine Profession; Du hilfst mir, oder machst indessen Ausflüge zum Nutzen unsers Handels. Wir werden Geld verdienen, wohl noch mehr als die von Tesino, und wer weiß, ob Du nicht auf diese Weise noch Deinen Vater irgendwo in einem Winkel des Erdbodens auffindest? Dergestalt können wir den Grund zu unserm Wohlstand legen, und 83 die ungetreue Weiberleute werden sich einmal das Fieber an den Leib ärgern, wenn wir in fremden Ländern unsre Niederlagen halten, und eines Tags zum Besuch in die Heimath kommen, ein jeder mit einem spanischen oder französischen Frauele am Arm. He, was meinst Du?« »Der Gedanke wär' nicht übel,« erwiederte Seraphin nach kurzem Bedenken, »wenn Du Dich nicht schon, und zwar nach Recht und Pflicht von dem schmutzigen Gewinnst losgesagt hättest, den Dir ein böser Geist dazumal zur Versuchung in die Tasche jagte. Die Dukaten, Oswald, hast Du eigentlich nie mit ruhigem Gewissen besitzen und benützen können; viel weniger darfst Du noch jetzt darauf Anspruch machen. Wie ich mir denke, wenn ich alle Deine Erzählungen zusammenhalte, so gehören sie am allernächsten dem guten Meister Tammerl zum theilweisen Ersatz des Geldes, das er an den Feldkircher entrichten mußte, den der schlimme Peterl bestohlen. Nachdem: mit welcher Stirne wolltest Du von dem Serviten zurückfordern, was er, um Dich von der Höllenfurcht zu erlösen, aus Barmherzigkeit an sich genommen?« – »Du bist gar nicht zu haben mit Deiner erschrecklichen, peinlichen, abgezirkelten Ehrlichkeit!« murrte Oswald sehr mißmuthig: »Was ich dem Serviten sagen werde? Ei, die Wahrheit; gerade, was ich Dir jetzt vorgeschlagen. Und da er ein verständiger Mann ist, wird er sagen: Wohlgesprochen, Oswald Holzer! und das verdächtige Geld wird in einer ehrlichen Sache schon auch ehrliche Dienste leisten. Es ist ja doch am Ende mein mit Fug und Schick; ich habe ja den Spieler nicht darum betrogen, und noch fragt sich's, ob der Tammerlpeter von Imst der Spieler gewesen. Es kann noch einen dritten in der Welt geben, der ihm ähnlich sieht, weil's schon einen zweiten gibt, ihm aus dem Gesicht geschnitten. Und weißt Du, was wir thun, um Dein zartes Gewissen zu beruhigen? Sobald 84 wir einen vollen Zug mit unserm Bildernetz gethan, schenken wir die gleiche Summe von Dukaten, die unsers Glücks Grundstein gewesen, der Kirche oder der lieben Armuth, und fügen meinetwegen noch die Zinsen hinzu. Das wird doch recht seyn, Du trauriger Bub? . . . na, sey nur nicht bös, Du lieber Narr, Du herziger Freund. Mach's aus, wie Du willst; laß' uns nur beisammenbleiben.« Seraphin war gerührt von der lebensfrischen nachhaltigen Anhänglichkeit seines Jugendgefährten. Aber die schwärmerische Vorstellung, die ihn vom St. Georgenberg überall hinbegleitete, war noch riesenstark. »Thu, wie Du willst,« sagte er schwermüthig zu Oswald: »ich glaube, daß jenes Geld Dir nicht Segen bringen wird. Probir' indessen Dein Glück, wenn Du nicht auf mich hören magst. Was die Waldrast betrifft, so geh' ich gern mit Dir. Der Pater Philipp, wenn er so verständig ist, wie Du sagst, wird Dir die besten Lehren geben können; und mir soll er sagen, ob ich zu einem Klosterbruder was nutz sey, oder nicht. Denn bis dato – ich gesteh' Dir's – ist mein Sinn nur auf die Einsamkeit und das Gebet gerichtet. Es ist, wie Du sagst: mir gefällt nichts mehr in der Welt; was soll ich also noch darinnen, ein unnützes, von den ehrlichen Leuten verachtetes und ausgestoßenes Glied? Gott, der meine Unschuld kennt, wird mich doch etwa aufnehmen in eines seiner Häuser, wird barmherziger seyn als die Menschen.« »Das ist zum desperatwerden!« zankte Oswald ganz still für sich: »Ist der Mensch müd und zwider. Da platzedert er immer von seiner verkannten Unschuld; aber die Lieb', seine betrogene Lieb' liegt ihm viel schwerer auf dem Herzen, das weiß ich besser. Doch will ich nicht in ihn hineinreden, das würd' nichts helfen. Der Pater Philipp wird schon das seinige thun, und der Verstand wird dem Seraphin doch nicht allweil ausbleiben?« – Zum Seraphin sagte Oswald hingegen laut: »Du bist ein 85 rechter Patsch-Urbele Patsch-Urbele: familiärer Spottname, womit die Vintschgauer einen beschränkten, dann aber auch einen eigensinnigen, sonderlingartigen Menschen belegen. ! komm nur, komm. Was Du willst, soll geschehen, Du eigensinnige Kreatur.« – Von Stund an, je trauriger Seraphin, um so aufgeräumter wurde Oswald. Bemerkte der Maler, daß sein Freund, während sie ihre Straße gingen, verstohlen die Augen wischte, so that er einen Schnaggler, daß das Firmament gellte; seufzte der junge Plaschur einmal, sich unbelauscht wähnend: »O Du liebe Martina, wie so viel gern hab' ich Dich, und sey nur immerdar glücklich!« so that Oswald den breiten Mund auf und sang, was er nagelneu aus dem Zillerthal mitgebracht hatte: »Diendl, Dein Schönheit Die nimmt bald ein End, Und 's Blüml auf 'm Feld Hat der Reif gleich verbrennt! Und wenn denn, und wenn denn So heikel willst seyn, So nimm ein Papierl Und wickel Dich drein!« Der gute Oswald hielt mit solcher Leichtfertigkeit seinem schwermüthigen Gefährten in der besten Absicht Widerpart: um ihn zu heilen, nicht um ihn zu verhöhnen. Ihm selber war, so lustig er sich anstellte, keineswegs wohl und frey zu Muth; denn ihn quälte die verschmähte Liebe gar sehr, seitdem er in Fügen seine Schulmeister gefunden, und beträchtlich enge war ihm die Brust, wenn er sein Spottgesangl mit dem Versl oder Gesetzl schloß: So bist Du das Diendl, Das die Buben so foppt? Und ist Dein ganz Herzl Mit Baumwoll' ausgschoppt? Aber der verhehlte Schmerz und die vorgebliche Munterkeit, beide vertrieben den Reisenden die Zeit, und sie waren von Matrey aus der Waldrast emporgestiegen, ehe sie sich dessen versahen. – 86 Wie fromme Leute thun, namentlich wenn sie an der Schwelle eines neuen Lebensabschnitts stehen, so thaten auch die beiden jungen Männer: sie besuchten vor allem die Kirche des heiligen Berges. Ein einziger Beter befand sich darinnen: ein schon recht sehr alter Mann, der in Andacht versunken vor dem wunderthätigen Bilde auf den Knieen lag. Man sah ihm schon von weitem an, daß nicht ein freudiges Dankgefühl ihn an die geweihte Stätte gefördert hatte. Seine schlichten weißen Haare fielen längs kummergefurchten Wangen herab; der sich eifrig bewegende Mund lächelte nicht; seine abgemagerten Hände zitterten und schienen sich schmerzlich emporzuringen zum Himmel. Der lange Reisekragen von Wachstuch, die Kürbisflasche an der Seite und der absonderlich geschnitzte Stecken verriethen den Pilger; diesmal nicht einen der jungen heuchlerischen Bengel, die auf Kosten frommer Barmherzigkeit ihren leichtsinnigen Abenteuern durch die Welt nachlaufen, sondern einen gebeugten Altvater, den nur die triftigsten Gründe bewogen haben konnten, seinen Heerd zu verlassen und die ihm fremde Erde zu durchschreiten, um Trost und Hülfe in irgend einem heiligen Wunderhause zu suchen. – Oswald stieß seinen Freund leise an, und flüsterte ihm zu: »Siehst Du den Alten dort? Er trägt schwer, wie es scheint; schwerer als Du und ich, und dennoch geht er rüstig fort im Leben; denkt nicht daran, in einem Kloster sich und seinen Kummer selbander einzumauern.« – Oswald hatte, dieses sagend, gar nicht viel Geräusch gemacht; dennoch war der Pilger gestört worden, und schaute sich nach den Reisenden um. Sein Gesicht hatte nicht den Schnitt des Landes; es war breit, etwas plump, wenn schon guthmüthigen Ausdrucks. Finstre Brauen hingen über die Augen hernieder, die trotzig, obgleich verweint, unter den grauen Schatten hervorlugten. Nachdem der Pilger seine Nachbarn eine Weile betrachtet, drehte er wieder den Kopf weg und ergab sich von neuem seinem 87 Gebet. – Seraphin achtete seiner weiter nicht, und kniete in einem Klosterstuhl nieder. Aber Oswald blieb stehen, und murmelte allerlei verworrene »Hm, hm!« und »Ei, ei!« die dem Freunde nicht entgingen. – »Gib doch Ruhe!« flüsterte der letztere: »was hast Du denn?« Nun kniete auch Oswald nieder und sagte dem Gefährten in's Ohr: »Der Fremde dort . . . . hm, mir ist, als hätt' ich schon irgendwo den alten Kopf in irgend einem breiten Großvaterstuhl lehnen gesehen, unwillig brummelnd, und dann wieder schlafend . . . . die staubigen Beine steckten dazumal in sammetnen Hosen, in blaugezwickelten Strümpfen, und ich glaube, seine Schuhe hatten silberne Schnallen.« – »Laß mich aus mit Deinen Narrheiten,« entgegnete Seraphin ungehalten: »stör' mich nicht. Du träumst wieder mit offnen Augen.« – Hierauf wurde es lange still in der Kirche. – Da näherte sich aus der Sakristei ein langsamer Schritt und das leise Geräusch einer im Gehen flatternden Kutte. »So wahr ich lebe, da ist ja der Pater Philipp, just als wie bestellt!« hob Oswald an, und beeilte sich, dem Ordensmann entgegenzutreten. – Sie begegneten sich an der Kirchenthüre. »Sieh, sieh, unser Meister Raphael!« sagte Philipp scherzend, und reichte dem Maler die Hand zum Kuß: »Was führt Dich abermals in unsre Einsamkeit?« – Oswald setzte ihm bescheiden und der Wahrheit gemäß auseinander, was ihn bewogen, zu kommen. Als der Pater von den unheimlichen Dukaten hörte, wurde er unruhig, zeichnete wieder Kreuz um Kreuz auf seine Schulter, und antwortete dann: »Allerdings hab' ich noch das Geld in sichrer Verwahrung, und wir wollen nachher in meiner Zelle davon reden, und überlegen, was räthlicherweise damit anzufangen. Der Böse, leider ruht nimmer . . . indessen wir wollen sehen. Jedenfalls bist Du gerade heut zurecht gekommen. Morgen hättest Du mich nicht hier angetroffen. Ich hab' einen kleinen Urlaub erhalten, um das 88 Bad zu Anholz zu besuchen; der Gstirner von Matrey führt mich in seinem Wagen dahin, um Gotteswillen. Gott vergelt's ihm auch, dem wackern Christen. Nachdem, daß mich meine Straße bei dem Herrn von Idelstein vorbeiführt, will ich einer Hochzeit beiwohnen, die eine meinige Verwandte, die Glatzlin, mit dem jungen Idelstein abhält; am gleichen Tag heirathet auch der Tammerlpeter von Imst die älteste von Idelsteins Fräulein. Bin nicht gern bei Hochzeiten.« – Hier wurden wieder ein Dutzend Kreuze gemacht, und das unbekannte feindliche Wesen mit dem ängstlichen »Gehst, gehst!« verjagt. – »Kann's aber dießmal nicht ausschlagen, und deßhalb muß ich schon morgen fort. So, so, mein lieber Maler. Komm gleich mit mir in's Kloster. Wen hast Du da bei Dir?« Der Pater zeigte auf Seraphin, der mit freundlicher Demuth näher getreten war. »Ein saubrer Mensch, mit unschuldigen Augen!« fuhr der Geistliche fort, Seraphin betrachtend; »solche Freunde zu haben, ist gut; ich wollte darauf wetten. Der paßt ganz für Dich, Du leichtes Tüchl von einem Maler. Aber . . . Holzer . . . was hast Du denn, frag ich? stehst, wie des Loth Ehefrau vor mir? he? wie?« – Oswald stand auch in der That mit etwas albern geöffnetem Munde, und schaute wechselweise nach dem knieenden Pilger, und in die Luft, und dann endlich dem Pater in's Gesicht, und erwiederte zerstreut: »Mein Freund hat dem Hochwürdigen was vorzutragen: geh' nur mit dem Hochwürdigen, Seraphin. Ich will nicht stören, komme gleich nach. In einer halben Viertelstunde bin ich schon bei der Hand.« Pater Philipp war indessen aus der Kirche getreten, und wandelte vor Seraphin her bis in seine Zelle. Da setzte er sich in den einzigen Sessel, und sagte liebreich: »Was verlangst Du, mein Sohn?« Von Vertrauen zu dem ehrwürdigen Manne beseelt, 89 der ihm vorkam wie ein längst bekannter vielerprobter Beichtiger, sagte Seraphin alles heraus, was er auf dem Herzen trug als Leid und als Sehnsucht; bat um wohlgefälligen Rath und um die Gunst, durch des Paters Verwendung, im Kloster als dienender Bruder verbleiben zu dürfen, wenn anders die Verhältnisse es erlauben. – Philipp hatte anfänglich mit väterlicher Geduld zugehört; gegen das Ende der vertraulichen Eröffnung jedoch war eine sanfte Traurigkeit auf seinem Gesichte Meister geworden, und seine Antwort war nicht die von Seraphin erwünschte. Nicht ohne eine gewisse Hastigkeit sprach er unter anderm zu dem Klostersehnsuchtler: »Mich wundert nicht, daß Du auf den Gedanken gekommen bist, der Welt Valet zu sagen. Alle wohlgesinnte junge Leute, die sich einbilden, an einem unvergänglichen Seelenschmerz zu kränkeln, kommen einmal wenigstens im Leben auf dieselbe Idee. Für manche ist sie ausführbar, Andern muß ein rechtschaffener Priester total abrathen, was sie verlangen zu thun, und Du bist unter diesen letztern. Entweder betrüg' ich mich ganz und gar, oder Du bist zu einem solchen Dienste ganz ungeschickt, oder, wenn nicht das, so würdest Du bald den Schritt mißbilligen, den Du gethan. Gesetzt dann, Du könntest ihn zurückthun, . . . wo wäre da ein Gewinn? Lieber gehe nicht unbesonnen vorwärts. Du trägst in Dir – danke Gott dafür – eine ächte Christenseele, die da thätig seyn kann und wird in Worten und in Werken. Solche Christengemüther sind just in der Welt, wo es zu schaffen, zu helfen gibt, an ihrem Orte. Laß' die unfruchtbaren Seelen dem Kloster. Als ein Priester könntest Du auch von der Klausur aus Gutes stiften; aber Deine Erziehung hat Dich nicht zum Priesterstand geeignet. Zum dienenden Bruder – ich sag' es frei – bist Du zu gut. In einem jungen Menschen sind vielerlei Leben; streite mit ihnen gegen den Hang Deines Geistes, sich wehrlos todtschlagen zu lassen. Was 90 Du verloren, kannst Du hundertmal wieder gewinnen. In dem Verlust ist aber auch Deine Ehre begriffen, und die mußt Du noch im Sonnenschein siegen machen, damit nicht der Feind sage, Du hättest Dich muthlos in's Heiligthum verkrochen. Fasse daher alle Deine Kraft zusammen, werde Deinen Nebenmenschen im Alltagsleben nützlich. Gott übersieht geringere Verdienste nicht, warum solle er in Dir das größere nicht belohnen? und das wird er, indem er in Deine Brust den Keim des Seelenfriedens legen wird, verlaß Dich darauf. Von selbst wird diese Gnade Dir kommen; in der Abgeschiedenheit würdest Du sie mit großem Kampfe nur erkaufen, und wer weiß, ob auf die Dauer? denn vor allem ist zu fürchten die Reue, die gewiß nicht ausbleibt, wo nicht ruhige Ueberlegung, sondern der Gram einer heftigen gestörten Leidenschaft ein junges Leben von seinen Wurzeln in der Welt abtrennte.« – Philipp hatte sich in Eifer geredet. Er griff mit beiden Händen an seine Brust, als wollte er seinem Athem, dem schnaubenden, einen Zaum anlegen. Sein Blick flog besonders unstät in allen Richtungen umher. Aufstehend fing der Mönch mit unsicherer Haltung in der Rede wieder an: »Schau, mein Sohn: ich hab' an einem Freunde ein traurig Exempel erlebt. Er hatte ein Mädchen gern gesehen, hatte es ihr gesagt, hatte auf sie gezählt, wie auf den eignen Herzschlag. Nun betrog er sich aber in seiner Rechnung. Er hatte mit der Unbeständigkeit einen Bund gemacht, und die Unbeständigkeit blieb ihrer Natur getreu. Eines Tags hatte nicht mein Freund, sondern ein anderer den Schatz. Der Betrogene wollte sich nicht henken, nicht ersäufen, aber einen bitterlebendigen Tod sich anthun; nemlich geistlich werden, in's Kloster gehen. Wenn der arme Narr sein Innres hätte an's Licht drehen können, die Welt hätte ihn für einen Hiob oder Lazarus gehalten, voll Blut und Wunden. So lang nun die Wunden Blut gaben, war es gut und das Studiren ging trefflich; Profeß 91 wurde gethan, alles auf's beste bis über die Zeit hinaus, wo ein Rücktritt möglich gewesen wäre. – Nun, den Rücktritt hatte er dennoch nicht gemacht, denn Gott zürnt dem Meineidigen und die Welt verachtet ihn. Kurz aber: da die Wunden heilten, ging die Reue an, und schilderte dem Geplagten Stunde für Stunde als eine boshafte Malerin, was alles er verscherzt hatte, was alles er verloren. – Auf einmal stand sein Lebensbaum draußen vor dem Klosterthore in Millionen Blüthen, und der Aaronstab im Heiligthum war dagegen um alles Laub gekommen und verdorrt. – Da half freilich anfänglich die Vernunft leidlich; aber endlich mischte sich der Satan hinein, und schickte seine Versuchungen, die den guten einfältigen Priester quälten bis zum Wahnsinn. Eine erschreckliche Zeit!« – Des Paters Augen rollten; verstohlen machte er seine Kreuze, scheuchte er den unsichtbaren Feind von sich. Dann fuhr er fort: »Weiß nicht, was aus ihm geworden wäre, denn er hielt sich trotz seines tapfern Widerstands für verworfen und verdammt . . . wenn nicht ein sanfter Fingerzeig vom Himmel ihn aufgerichtet hätte. Siehst Du dort im Gewölb unter der Grabkapelle die Nische mit dem steinernen Muttergottesbilde? Wie gefallt Dir der kleine Heiland auf dem Arm der Himmelskönigin? Schaut er nicht her, als ob er lebte? Er umarmt die Weltkugel, er drückt sie liebevoll an sein Herz. Nun denk' Dir: dazumal war die Kugel zu Boden gefallen; man hatte dessen nicht geachtet, und siehe: ein Vogel hatte in Jesu Armen dafür ein Nest gebaut, und wie unterm Schutz des göttlichen Kindes gedieh das kleine gefiederte Völkchen. Ein gar schöner Anblick, der meinen Freund erquickte, und in ihm neu erweckte die erbleichende Erinnerung an die unendliche Güte des Herrn, der auch dem geringsten Geschöpf seiner Welten gewogen ist, und keines von sich stößt, wenn es nur sich ihm anvertraut. Seitdem ist mein Freund ruhiger und gelassener geworden, aber dennoch, dennoch, mein Sohn, 92 trotz all seiner Vorsicht und Vertheidigung ist der faule Fleck an ihm nicht ganz vertilgt. Merke Dir's, damit es nicht Dir selber einstens gehe, wie meinem Freund.« »Ist dieser Freund des hochwürdigen Herrn in diesem Kloster gewesen?« fragte Seraphin ganz unbefangen, ohne Falsch. Mit einem gepreßten Seufzer antwortete Philipp: »Noch – noch heute ist er da; leider, ja, ja, noch heute da.« Des Paters abermals steigende Unruhe wurde auf einmal beschwichtigt, indem durch die langsam geöffnete Thür der Pförtner sein Gesicht neigte, und halblaut meldete: »Man verlangt den hochwürdigen Pater Philippus.« »Sogleich. Erwarte mich, Seraphin. Gleich wieder da.« Der Mönch entfernte sich geschäftig, und Seraphin dachte indessen über das Gehörte nach, noch lang nicht überzeugt; doch so tief im Grunde erschüttert, daß Oswalds Plane und Ermahnungen bereits halb gewonnen Spiel hatten. Aber wo blieb nur Oswald? die halbe Viertelstunde war längst verstrichen. Statt des Malers kam der Pater mit einem Brief in der Hand. Auch er fragte: »Wo bleibt Dein Freund? Ich hätt' ihm etwas mitzutheilen. Sonderbar, daß gerade heute, da der Maler kommt, nach seinen Dukaten zu fragen, auch der Peter Hepperger sich einstellt, sein Geld zurückzufordern, Oswalds Versprechen zufolge.« – »Peter Hepperger?« rief Seraphin voll Erstaunen. – »Nun,« lächelte Philipp, den Brief entfaltend, »wenn nicht gerade er selber in Person, doch ein Bevollmächtigter, und, was noch mehr, derjenige, dem allerdings, so wie die Sachen stehen, das Geld der Billigkeit nach zusteht, indem er für alles haftete, ja alles ersetzte. Der alte Tammerl von Imst schreibt hier, daß sein Sohn unter dem Namen Hepperger das Geld, das er einem Feldkircher entwandte, verspielt hat, und daß er , der Vater nemlich, die Hand darauf lege, um einen Theil seines dem 93 Betrogenen geleisteten Opfers hereinzubringen.« – »Darf ich ein bissel den Brief anschauen?« fragte Seraphin rasch und argwöhnisch. – »Hier.« – »Ei, warum nicht gar? das ist nicht Tammerls Handschrift.« – »So?« – »Wer hat den Brief gebracht?« – »Ein rothbrauner Mensch, sieht aus wie ein vazierender Knecht, trägt unter der Mailänderhaube, glaub' ich, einen Verband; darüber einen spitzen Hut; hat nur ein Auge . . . .« – »Ach!« schrie Seraphin auf: »den kenne ich! Hüte sich der Herr Pater, das Geld herauszugeben!« – »So? Du meinst . . . .? Ich will ihn heraufkommen lassen.« – »Wenn er von meiner Nähe weiß, so ist er schon auf und davon!« bemerkte Seraphin. Worauf Pater Philipp: »Nicht doch; kein Wort von Dir. Wie sollte ich? Der Kerl weiß noch von nichts, und wir wollen ihm in's Weiße seines Auges schauen. Oeffne mir die Thür, Seraphin.« – Philipp ging hinaus, gab dem Pförtner ein vernehmlich Zeichen, und kaum war er wieder in seiner Zelle und saß auf seinem Stuhle, so klapperten harte Sohlen über den Gang daher. Einen Moment nachher trat Kölbl in höchsteigner Figur zum Mönch in die Zelle. Sein Auge bemerkte nicht sobald Seraphin, als er auch zusammenfuhr, ein wildes »Verdammt!« und »Maledeit!« aus dem Munde stieß, und sich resolut umkehrte, die Flucht zu ergreifen. Doch schloß ihn der nach ihm gehende Pförtner fest in seine gewaltigen Arme, und zum Ueberfluß zeigten sich Oswald und der alte Pilgersmann auf der Schwelle der Mönchskammer, die schier zu enge wurde für so vielen und unruhigen Besuch. Denn Kölbl raufte beinahe mit dem Pförtner; Seraphin schlug die Hände zu wiederholtenmalen höchlich erstaunt zusammen; der Pilgersmann schrie wie außer sich: »Ha, da ist einmal Einer! wo, wo der andre?« und Oswald, den Kölbl beim Kragen nehmend und zum 94 Mönch gewandt, rief ganz rabiat: »Da haben wir's! das sind saubre Geschichten! Laßt's den Schurken nicht aus, Bruder Pförtner. Sag', sag' an, Du schiech's einauget's Schnautzbartl: kennst Du den Alten da? kennst Du das alte Mandl? Jetzt Seraphin, jetzt, Hochwürdiger, wollen wir dem Bruder Freisinger 'nen Tanz aufspielen, und ihm die Kraxer abthun, daß sich die Engel im Himmel freuen sollen. 's ist meine Passion!« 95 Viertes Kapitel. »Wer da kauft, was nicht feil, Und da find't, was nicht verloren, Der soll sterben, eh' er krank wird. Auf dem Richtschwerdt zu Endingen. Der Mann sieht mir nicht aus, als würde er ersaufen. Englisches Schauspiel.     »'S ist meine Passion;« sagte auch der alte Idelstein, indem er seinen Freund Tammerl von Imst nöthigte, aus dem Wagen zu steigen. Dieses geschah ungefähr eine halbe Stunde von dem Hof und Gasthaus des bäurischen Edelmanns, und zwar mitten auf einem Kreuzwege, wo der Zugwind messerscharf den Wanderern durch die Rippen schnitt. – »Ich frag' Ihn noch einmal,« sprach nun Tammerl, »warum Er mich wie ein Straßenräuber hier anhält? Bin ich ein Schübling, der mit sich machen lassen muß, was einem jeden Maulaffen durch den Kopf geht?« – Der alte Herr war recht bitterzornig, that jedoch, was Idelstein begehrte, der kaltblütig wiederholte: »'s ist meine Passion. Ich empfang' Ihn wie einen großen Herrn an der Gränze meines Lands. Kutscher! dort einbiegen, auf jenes Hüttl zufahren. Dahinten ist ein Stall, 's Pferd einstellen, sich weiter nicht sehen lassen!« Der Knecht, nach einem verwunderten Blick auf Tammerl, der selbst nicht wußte, wie ihm geschah, lenkte in den Feldweg ein, und fuhr auf das bezeichnete Haus zu. »Komm Er!« fing wieder Idelstein an, der sich in 96 der Runde umgesehen, nahm den Freund unter dem Arm und führte ihn dem Wagen nach: »Die Luft ist rein; geschwind, daß wir unter Dach kommen!« Nach ein fünfzig unwillig gemachten Schritten blieb Tammerl, dem die Galle zu Kopf stieg, bocksteif stehen, und ergoß sich in Vorwürfen und Ausrufungen der höchsten Ueberraschung: »Sag Er mir ist er von einem bissigen Hund derwuschen worden? Was zum Wetter hat Er mit mir vor? Komm' ich daher den weiten Weg von Haus, als Sein Freund, Sein Gast, Sein Schwäher, zur Hochzeit meines Sohns mit Seiner Tochter, zur Hochzeit Seines Muckerl mit der rothen Glatzlin – na, laß' Er sich nur sobald nicht mehr zu Imst sehen! der rothe Adler speit Feuer und Flammen – hat er ein Wirthshaus, so groß wie des Bischofs zu Brixen Pallast, und fangt Er mich da von der Landstraße ab, und schleppt mich in eine Spelunke, wer weiß, wie schlecht, und doch ist's bald Abend und ich bin müde, aber wie? was soll das heißen? was? he? wozugegen?« »Er wird's schon erfahren;« sagte Idelstein finster. »halt' Er's Maul.« – »Wär' mir nichts lieber! Und wär' ich ein Felsstein, ich müßte aufschreien. Der Vogel braucht seinen Schnabel, bis man ihm den Hals umdreht, und das wird Er doch mir nicht thun?« – »Dummheiten. Komm Er nur.« – Da half nichts. Aus dem nobeln Gastwirth war diesmal nichts mehr herauszubringen. Bald waren sie vor der Hütte angelangt, wo ein schmutziger Bauer, ein Bestandsmann Idelsteins, sie empfing. Der Mensch schien im Vertrauen seines Pachtherrn zu seyn, denn schon hatte er die alte Kutsche untergebracht, und nicht eine Spur von ihr und vom Pferde und vom Kutscher war zu sehen. Idelstein schob den Freund in die niedrige enge räucherige Stube der Hütte, und sagte zu seinem Vertrauten: »Jetzt geh' und sag' dem Peter in's 97 Ohr, er soll nicht vergessen zu kommen, wie abgeredt ist. Wir riegeln uns derweilen ein.« Der Mensch ging mit pfiffigem Lächeln davon. Idelstein pflanzte seinen Gast auf die Ofenbank, drückte ihm die Hand wie ein Riese: »Glückliche Ankunft. Was macht die Seinige? Hab' gemeint, sie werde auch nicht fehlen?« – »Hm; Er weiß ja wohl wie die Weiber sind. Heut wollen sie das, morgen wieder jenes; verschleckt und g'naschig wie die Canari, beim Eid. Nun, es ist mir selber keine große Freud' über die Hochzeit in's Herz gewachsen. Bin nicht glücklich mit meinen Kindern. Die Martina hat's gewaltig sauer. Der geizige Mensch, der Sprenger, – er hat mir nicht einen Vierer geliehen, hab' das Gütl für den Peter mit Schulden an mich bringen müssen, – der Geizkragen also quält die Haut bis auf's Blut. Ist noch krank an seinem Bein, kann nicht gehen, nicht ordentlich stehen, als auf Krücken, wird aus dem Bett auf den Stuhl und vom Stuhl in's Bett gehoben; ein saubrer frischer Ehemann, daß Gott erbarm'! Ebenso gut wär' die Martina in's Kloster gegangen. Ebenso gut hätt' sie auf den Seraphin gewartet. Ja, Idelstein, Er weiß nicht, was mir auf Lungel und Leber druckt. Ich bin, fürcht' ich, ein Unmensch gewesen, ein wilder Bär statt eines Vaters.« – »Wird schon seyn; aber was plauscht Er denn vom Seraphin?« – »Freilich sollt' ich gar nicht von ihm reden, sondern blutige Zähren vergießen. Denk' Er sich: da ist ein Bursch von Oberperfuß gekommen, und hat des Seraphin Brieftaschl gebracht, hat's vorm Fenster des Maroner in Tarrenz gefunden – der Vintschger hat's dort wohl verloren – hat's der Tante Lenerl gegeben; die hat mir's erst vor einigen Tagen mitgetheilt . . . . . Da sind richtig die Papiere drinnen, von denen der Seraphin geredet hat – ich Narr, hab's ihm nicht glauben wollen . . . ach, das 98 macht mich schiech und sterig!« – »Pah! ein abgemachter Handel, Freund Tammerl; falsche Schriften . . .!« – »Das müßt' ich mir ausbitten!« fiel Tammerl eifrig ein. »Nichts falsch, nichts abgemacht, Echte Siegel und Unterschriften. Und, damit Er's glaubt: am letzten Pfinztag ein Brief von Frankfurt von einem reichen Wechsler: der Gouverneur hat das Geld richtig aus den Kanzleien außer geklopft . . . all' mein verloren Geld ist da; ich kann's von Frankfurt haben, wann ich will. Nun? was sagt Er nun? Nicht wahr, da sperrt Er's Maul auf? Wir alle haben's gethan; die Lenerl hat gerehrt, die Martina hat's nicht nicht wissen dürfen, und ich fahr' aus der Haut, denn mein Madl ist unglücklich, und der Bub', der Seraphin ist unglücklich, werd ihn wohl auch nimmer finden, ihm mein Unrecht abzubitten . . . . 's ist auch mit der Martina zu spät . . . . ich bin ein geschlagner Mann; aber der Wachtmeister hat mir's vorausgesagt, und die Zaya . . . und . . . . 's ist zum derschießen.« Tammerl stützte den Kopf in beide Hände und schwieg vorläufig. Idelstein fragte gleichgiltig: »Wachtmeister? Zaya? Wer das?« – Nun gerieth plötzlich Tammerls Zungenwerk in Gang, wie Veverls. – »Wer das? lauter gute Freunde. Der Wachtmeister hat Quartier bei mir, und wenn er und die Zaya nicht gewesen wäre, so säß' ich jetzt nicht da bei Ihm, sondern ich läg' auf dem Rechbrett, respektive im Grab, und mein letztes Gut und Geld wär' beim Teufel, Gott verzeih' mir die Sünd'!« – »Hoi, hoi; begehr' Er nicht so auf.« – »So? ich soll nicht hitzig werden? Das wär' mir eine Lieb'! Wenn doch die Spitzbuben mich haben bestehlen wollen? Eingebrochen sind sie. Hab's aber durch den Wachtmeister schon vorher gewußt . . . . Die Zaya ist eine brave Person und der Seraphin ein rarer Mensch . . .! wär' er nur dagewesen, wie schon einmal mit dem Egidi; nun Er weiß davon . . . aber 's war auch so nicht übel. Der Wachtmeister hat 99 eigentlich Wacht gehalten, hat richtig den Dörcher gefangen, und leider dem Andern nur einen Hieb mit dem Säbel über's Ohrwaschel gegeben, dem Kölbl, dem Gutedel!« – »Dem Kölbl?« Idelsteins Frage war mit aufbrausender Theilnahme gestellt. – »Ja doch, dem Kölbl. Nun, er ist durchgekommen, aber soll sich in Acht nehmen. Der Melcher hat alles verrathen. Wären sie an mich gelangt, hätten sie mir die Drossel abgeschnitten.« – »Ich will ein Narr seyn, wenn ich verstehe, was Er durcheinander kaudert.« – »Er ist schon ohnedem ein rechter Narr, und ich erzähl's Ihm ein andermal nach der Schnur. Jetzt weiß Er aber, warum die Meinige sich nicht vom Hause traut, und warum sie wenig Freude haben kann, den Peterl wiederzusehen. So geht's auch mir.« – »Warum das?« – »So? wenn doch der niederträchtige Kölbl sein bester Freund gewesen? wenn doch einmal die gute Hälfte, was sie dem Seraphin auf den Hals geladen, rein erlogen gewesen? Weiß Er, daß ich zittre und bebe, den Peter vor Augen zu sehen? Denn ich will nicht selig werden, wenn er nicht auch wie ein Schelm mich betrogen hat, da er sagte, der Seraphin habe ihn ausgezogen und ausgeraubt. Ich hab' kein gutes Vorgefühl, und mir thut's leid, leid, dreimal leid, daß der falsche Bub' in Seine Familie heirathen muß.« – »Er ist ein Ehrenmann;« entgegnete Idelstein: »ich bin's aber auch, und sage frei, daß mir's nicht weniger Kummer macht. Nehm' Er's nicht krumm, aber der Grauwuzl , Sein Peter, verdient meine Fräule ganz und gar nicht.« – »Meinetwegen: 's ist aber nichts mehr da zu thun, und übermorgen ist halt doch die Kopulation.« – »Nun, bis übermorgen kann noch viel geschehen;« bemerkte Idelstein gewissermaßen prophetisch. –»He?« fragte Tammerl, der nichts verstanden hatte. Idelstein antwortete keine Silbe, und so fühlte sich der Vogelhändler 100 veranlaßt, selbst das Gespräch fortzusetzen: »Wird Er mir jetzt einmal sagen, was ich hier soll? warum wir uns nicht nach Seinem Hof aufmachen? wo Seine Leute und mein saubrer Lugenbeutel von Sohn stecken?« – »Weiß Er?« hob Idelstein an: »ich muß Ihm sagen . . . .« – »Was denn?« – »Nur Geduld. Bereite Er sich vor . . . .« – »Wozu?« – »Nicht so hitzig!« – »Nicht so hitzig! Will Er mich denn zu einem Eiszapfen machen?« – »Nein.« – »Nun?« – »Sein Bruder ist da.« – »Wo?« – »Im Gasthaus.« – »Warum?« – »Den Peter abzuholen.« – »Seinen Peter?« – »Ja.« – »Morgen?« – »Geh'n sie fort.« – »Desto besser. Und darum also hat Er mich hieher gesperrt?« – »Damit Er nicht mit Seinem Bruder grob sey, darf Er mir nicht ins Haus, so lang . . . .« – »So lang?« – »der andre noch nicht im Bett ist.« – »Dumme Vorsorge. Ich mag den Bruder nicht, aber fressen werd' ich ihn darum auch nicht. Laß' Er uns gehen.« – »Wohin?« – »Nun, beim Himmel, Er ist ein wunderlicher Heiliger! Zu Seiner Frau, zu Seinen Madln, zu meinem Früchtl . . .« – »Die Weiberleut' kommen erst heut Abend spät von Lienz, haben die Mali dort abgeholt.« – »So so . . . das ist aber immer noch kein Grund . . . .« – »So hör' Er einmal auf zu räsonniren!« fuhr Idelstein grob heraus: »'s wird schon alles recht werden.« – Tammerl verstummte vor der Grobheit, aber ihn wurmte im Innern stets mehr und mehr die zweideutige Lage, worinnen er sich befand. Um so schmerzlicher kränkte ihn die Frage, die nach einer mäßigen Pause Idelstein an ihn richtete: »Wie geht's mit dem Vogelfang?« – »O Er giftiger zweischneidiger Mensch!« brach Tammerl los: »Will Er mich noch mit Spott sekkiren, und bin doch schon halbtodt vor Verdruß? wie können Ihm jetzt die 101 Vögel einfallen? Ich verstehe gar nicht, wie auf Erden rohe oder g'streichte Seelen, wie die Seinige . . . .« – »Stille, Tammerl. Nichts Spaß. Ernst.« – »Nun denn; ich mag nicht einmal mehr auf die Zeiselen geh'n. Da weiß Er's.« – »Nun denn: ein Zeitvertreib.« – »Was?« – »Ich geb' Ihm einen Hauptvogelfang.« – »Er? mir? wann?« – »Gleich heut Abend.« – »Wird nicht seyn.« – »Wird seyn.« – »Beim Licht?« – »Bei Mond und Latern'.« – »Kurios. Weiß ich doch nicht . . . . in dieser Jahrszeit . . . Er foppt mich?« – »Auf Ehr': nein.« – »Am dunkeln Abend? Das müßte etwa . . . . . hat Er Locker dabei?« – »Einen.« – »Und dieser . . . .« – »fangt den Vogel, wenn's gut geht.« – »Welch einen Vogel? die Gattung?« – »Raubvogel.« – »Ach, das ist 'was andres. Mit einem Locker? Das hab' ich noch nie gesehen. Nachteulen? wie? was?« – »Wart' Er ein bissel; wir gehn geschwind.« – Idelstein begab sich vor die Thüre. Der Beständer war zurückgekommen, und tuschelte dem Gastwirth verschiednes in die Ohren. Idelstein band ihm den Kutscher und den Wagen aufs Gewissen, und sagte zum Freund: »Mach' Er sich auf die Spazierhölzer, und geb' Er keinen Laut von sich.« – Er ging voraus. Es dämmerte stark. Der geheimnißvolle Marsch führte hinter dichtbelaubten Hecken weg durch einen trocknen Graben, der die Wandrer vollkommen verbarg, bis an einen kleinen Busch, an den sich ein alter Heustadl lehnte. Nachdem Idelstein vorsichtig umhergespäht in Näh' und Ferne, auch mehreremal bedächtig durch die Klumsen des Stadls geguckt, machte er ein morsches Brett an der Hinterwand los, und ließ seinen Begleiter hindurchschleifen. Er folgte. Das Brett fiel hinter ihnen zu. Sie standen oder kauerten bis an den Hals, bis über die Ohren im Heu. Idelstein praktizirte ganz leise einige Oeffnungen, wie Schießscharten 102 gestaltet, aber glücklich maskirt, in die Verschanzung, bis sie Aussicht auf das Innere des Stadels hatten, und gut vernehmen konnten, was sich etwa darinnen oder in der nächsten Umgebung zuzutragen so gefällig seyn wollte. – Tammerl, den Idelstein knuffend und kneipend ersuchte, herzhaft zu schweigen, fragte sich im Geiste: »Bin ich ein Narr, oder ist's der Pusterer?« und es wurde ihm sogar etwas mörderfurchtsam zu Muthe, als er plötzlich in der Dunkelheit einen menschlichen Fuß in einem derben Strumpf erwischte. »Jesus Maria und Joseph!« hauchte er zahnklappend den Idelstein an: »ich hab' einen abgewürgten Fuß in der Hand! er ist noch warm . . . um Gotteswillen, was geht hier vor? Aber alsobald hielt ihm des Pusterers Rechte den Mund zu, und der geheimnißvolle Fuß entzog sich mit rüstiger Spannkraft seinem Arrest. »Um's Himmelswillen stille!« bat Idelstein mit kaum vernehmbarem Lispeln. »Da ist der Raubvogel. Verjage Er ihn nicht.« – »Das ist 'ne dumme Jagd!« dachte Tammerl in seinem Sinn: »wo ist der Locker, von dem der unwissende Mensch gesprochen hat? Die verkehrte Welt. Wird denn der Geyer warten, bis der Locker angeschlichen kommt?« Was da herankam, war freilich nicht ein Geier, der die Gewohnheit hat, durch die Luft zu spazieren und in der Dämmerung zu Nest zu steigen; eher hätte, was sich näherte, ein sanft trippelnder Kasuar seyn können. Es trappte sehr vernehmlich über die Matte zum Stadl, räusperte sich, nieste, schneuzte sich, und sagte verdrossen: »Sakra! ein kalter Wind!« – Tammerl sperrte die Ohren weit auf, und noch weiter die Augen, die spionirend an seiner Schießscharte lagen; denn der sogenannte Raubvogel kam in den Stadl herein, und warf sich auf den Grummethaufen nahe bei der Thüre. Der Mond, der gerade zu jener Zeit Schildwacht hielt, beleuchtete den Platz ein wenig. 103 Mit seiner Hülfe kam Tammerl dazu, sich ahnungsvoll zu sagen: »Entweder bin ich nicht der Tammerl von Imst, oder jener Kerl ist der Kölbl; allerdings ein saubrer Vogel.« – »Der Peter bleibt lang aus, der faule Strick;« brummte der Vogel ungeduldig, und streckte sich aus. Eine wo möglich noch größre Ungeduld prickelte nun in Tammerls Adern; er vergaß alles um ihn her, und lauerte wie ein Schütze. – »Sakra, sakra, die Zeit vergeht!« murmelte wieder der andre und zog den Tröster in Leid und Langeweile, die Pfeife aus dem Sack. Da kam's an Idelstein, ungeduldig zu werden. »Himmelhund! den Stadl anschüren, auch noch?« knurrte er in das Heu hinein, so daß Kölbl beinahe aufmerksam geworden wäre. Zum Glück ging das Knurren Idelsteins im Geräusch, das ein Herankommender machte, unter, und Kölbl sagte zum Letztern: »Endlich! hat lang gedauert. Soll ich mir's Fieber in der windigen Nacht holen? darf mich ohnedem nicht vor den Leuten sehen lassen.« – »Warum nicht?« fragte Peter, und ließ sich neben dem Kölbl nieder. – »So? wenn mich der alte Narr, der Idelstein sähe? Er weiß gewiß schon, daß mich Dein Vater fortgejagt hat. Du! mir geht's schlecht: ich brauch' ein Geld. Verschaff' mir eins, aber morgen früh um fünfe muß ich's schon haben; muß Staubaus machen.« – »Warum denn? – »Hm, das hat so seine Ursachen. Ist's wahr, daß Du übermorgen heirathest?« – »Ja, ich denk's.« – »Du . . . wenn Du's nicht morgen thust, so kann's gefehlt seyn.« – »Hoi, wie so?« – »Wenn Du mir versprichst, nicht den Falschen mit mir zu machen, will ich Dir's sagen. Aber Geld muß ich haben.« – »Wie viel?« – »Hundert Gulden wenigstens.« – »Narr, woher soll ich sie kriegen?« – »Vom Altar, wenn Du nicht anders kannst. Hast mich schon angeführt, hast mir versprochen, für mich zu sorgen, mir von Deinem Erb' einmal 104 das Drittel zu geben . . . das alles geht mir jetzt in Rauch auf . . . . wenn ich aber die hundert Gulden nicht krieg, so mach' ich einen Mordspektakel, und sag' Deinem Schwiegervater alle Deine Stückln; weißt?« – »Das wirst Du doch nicht thun?« – »I warum denn nicht? Also willst Du, oder willst Du nicht?« – »Ich will, wenn ich kann.« – »Du mußt , Donnerwetter, Du mußt!« – »Ich müßt' halt vom Idelstein zu leihen nehmen.« – »Meinetwegen, geht mich nichts an. Es ist, als ob mir der Teufel ein Ei in alle meine Wirthschaft gelegt hätte. Muß mein Glück einmal wieder draußen versuchen. Also, um fünf Uhr wieder da zusammentreffen, 's Geld in der Hand, Peterl?« – »So wahr ich der Peter von Imst bin.« – »Gut; schlag' ein.« – »Da; jetzt sag mir aber, warum 's mit der Hochzeit gefehlt seyn kann?« – »Morgen früh.« – »Warum nicht heut? Morgen hab' ich vielleicht nicht Zeit, viel mit Dir zu reden.« – Nach einigem Besinnen sagte Kölbl: »Es ist auch ein Ding. Du bist doch in meiner Hand, wenn Du Dich unterstehen wolltest, mir nicht Wort zu halten. Du! paß' auf. Der Großvater von Friedberg ist im Tirol, gewiß ist er auf dem Wege hieher; ich bin gelaufen, wie ein Wirbelwind, ihm zuvor zu kommen.« – »Der Großvater von Friedberg?« – »Nun ja doch; der alte Tschoggl. Das Madl hat einen Buben in die Welt gesetzt, soll Dir gleich sehen, zum Erschrecken. Das Weibsbild ist jetzt so krank, wie der Bamms gesund, und 's ist der pure Verdruß um Dich, der sie schwindsüchtig macht.« – »Ah! Spaß! Du machst mir 'was vor.« – »Wenn ich Dir's sag', Peterl, wenn ich Dir's sag'! Der Tattl ist nach Loretto auf die Wallfahrt gegangen, um das Madl gesund zu machen; kommt nach Tirol, führt ihn der böse Feind auf die Waldrast, dort muß gerad der Seraphin und Dein Spielbruder von Friedberg seyn, . . . . kurz, alles kommt heraus, wie sie 105 mich gesehen haben. Die G'schicht' ist zu lang, um sie jetzt zu erzählen . . . ich bin mit genauer Noth davon gekommen, denn der Alte hat ein gutes Gedächtniß, hat nichts verschwiegen.« – »Was Du sagst! nichts?« – »Nein, Du Hackstock. Sitzest da, als ging Dich die Sach' mit Haut und Haar nichts an. Alles erzählt, sag' ich Dir; wie Du in der goldnen Gans eingekehrt, und Dich für einen den Werbern Entsprungenen ausgegeben; wie Du mit Dukaten um Dich geworfen – weißt's? die gestohlenen Dukaten . . .?« – »Geh, hör' auf.« – »Hast vorgegeben, auf Briefe von daheim zu warten; 's ist aber nur wegen der Schlarafferei mit dem Madl gewesen.« – »Kölbl, laß mich aus!« – »Aber für den Peter Hepperger von Nirgendsheim sind halt keine Briefe gekommen, und die Dukaten haben Abschied genommen, weil Du gespielt hast, wie ein Ratz, und das Madl hast Du mit Deinem Ehversprechen weich gemacht, und wie die Kinderei fertig gewesen ist, und die Wirthsleute haben ihr Geld haben wollen, bist Du da gestanden wie der Jackl beim Mues.« – »Pst! pst! ich bitt' Dich . . . .« – »Thu' nur nicht so vornehm, Peterl, ich weiß ja alles von Dir. Es hat mich schon ein bissel geärgert, wie Du heut so am Fenster gesessen bist, und ich hab' Dir gewinkt und Zeichen gemacht, und hast gethan, als ob Du mich nicht kenntest; aber Du bist halt ein Patscher, heut so, morgen anders. Wie ich Dir mein Zetterl auf'm Stein zum Fenster hineingeworfen habe, bist Du freilich traktabler geworden. Nun, daher hast Du mich bestellt, da bin ich, und muß Dir wohl sagen, warum ich da bin. Kurz, jetzt weißt Du's, und richte Dich darnach. Der Alte weiß jetzt, daß Du der Hepperger bist, – ich selber hab's nicht recht läugnen können.« – »Ei warum nicht, Du znichter Mensch?« – »Weil, weil . . .« erwiederte Kölbl, der seine eignen Schelmenstreiche nicht aufsagen wollte, 106 mit peinlicher Verlegenheit: »es ist halt nicht recht angegangen . . . aber jetzt weißt Du's, daß der Alte auf dem Weg zu Dir, und ich verlang' mein Geld, sonst sag' ich morgen früh alles selber dem Stier, dem Idelstein, und Du kommst nur mit Schand und Spott weg.« – Nun sagte aber Peter mit einer überraschenden Sicherheit: »Du bist selbst ein Esel, daß Du mir jetzt alles gesagt hast. Nicht einen rothen Heller sollst Du kriegen. Dummkopf! wenn denn doch alles an den Tag kommen soll, warum stopfte ich Dir denn das ungewaschne Maul mit Gelde?« – Kölbl starrte den mündig gewordenen Kumpan verwundert an: »Je, hör' ich denn recht? Du unterstehst Dich, mir die Leviten zu lesen? Ist das der Dank für meine Hülfe, ohne welche Du in Friedberg miserabel sitzen geblieben wärst? Als mich der Zufall und der Vettel in selbiges Wirthshaus zur goldnen Gans geführt, wo Du neben der dummen weißen Gans saßest, und nicht wußtest, wie Dich losmachen – bist Du nicht an meinen Hals gesprungen, als wärst Du mein Fleisch und Blut . . . .?« »Pfui Teufel!« knurrte jetzo Tammerl und biß ergrimmt in den Heubüschel, der vor ihm lag. Kölbl fuhr erhitzt fort: »He? hast Du was gesagt? Hab' ich nicht mich Deiner angenommen wie ein Vater? Bist Du nicht auf meinen Rath, um der Dalkerei ein End' zu machen, Knall und Fall mit mir schappirt? hast nicht die Spaarbüchsen von demjenigen Madl mitgenommen, und ihr 's Kindl gelassen? haben wir nicht mit einander ausgehalten, bis nichts mehr da war? Hab' ich Dich nicht angelernt, wie Du zu Haus hast sagen sollen? vom Ausrauben, vom Seraphin? Und jetzt kommst Du mir so? Bist tausig gscheit worden, meinst wohl, der Mond geht nur in Deinem Hof auf? Wart nur, 107 wart, potz Sakra. Die hundert Gulden morgen früh um fünfe, oder um sechse weiß schon der Idelstein alles, und dann wird er doch wahrhaftig nicht der Maulesel seyn, Dir sein Madl anzuhängen; weißt's? Ich wollt' nur, Dein Vater wär' da, ich wollt' ihm selber alles vorgeigen, was Du getanzt hast, Früchtl. Es thut mir so schon leid, daß ich Dir geholfen, Du Böswicht!« »Der Herr Vater ist schon da, kannst ihm gleich sagen!« entgegnete Peter meuterisch, und trat dem Strauchdieb drohend entgegen. Kölbl verdutzte nun . . . . das Gewissen beutelte ihn. »Dein Vater? ist er da?« stotterte er ahnungsvoll. Und zur selben Frist wurden alle Heuhaufen lebendig. Wie von einem Erdbeben hervorgeschüttelt, brachen drei Männer zumal aus ihrem Versteck hervor. Kölbl wollte mit einem Schrei Fersengeld geben, aber der Peter hielt ihn fanghundmäßig an der Kehle fest. Im Nu darnach packte ihn Idelstein an der Juppe, und rief: »Bestieren, bemauleseln, Du Zech, Du Galgenschwengel, das will ich! Da der Maulesel, da der Stier! Hätt' ich nur mein Godetschas Couteau de chasse [Jagdmesser]. , ich wollt' Dir Ader lassen, dummer Teufelsbraten!« – Und Tammerl gleichfalls wüthend zum Peter: »Was hab' ich gehört? was, Du Rabensohn, was, Du Mädchenverführer, Kinderindieweltsetzer, Sparbüchsenstehler, Dukatenstehler, Ehrabschneider, Dirnensitzenlasser!« Er wollte dem Peter in die Haare. Da hielt ihn jedoch der dritte Mann, dem das Bein im derben Strumpf gehörte, halb zornig halb lachend zurück und schrie unablässig: »d'Hand von der Butten! 's ist nicht der Rechte, 's ist der Meinige! sey doch gescheit, Bruder Peter; der Meinige ist's!« Und damit der Auftritt mit aller erdenklichen 108 Feierlichkeit vor sich gehe, strömte im hellen Mondschein eine ganze Gesellschaft um die Streiter zusammen: die Frau von Idelstein, die Fräuleins oder Gitschen von Idelstein, die rothe Glatzlin mit dem Muckerl und der andre Peter, der anfangs neugierig war wie die übrigen, gern sich aber bald hundert Meilen von dem Platz weggewünscht hätte, da er seinen Vater und den Kölbl erkannte, und zum Ueberfluß den alten Großpapa von Friedberg, der in Pater Philipps Begleitung – beide einem Paar von Gespenstern ähnlich, und vom Bestandsmann Idelsteins geführt, – zu der so verschiedenartig angeregten Gruppe trat. Des schlimmen Peterls Bestürzung wurde kaum von der Kölbl'schen überwogen, der den schwerbeleidigten Tammerl vor sich sah, und daneben wie zwei unheimliche Doppelgänger den Grauen und Grünen, einander so ähnlich – zwei Theresienkreuzer sehen sich nicht so akkurat gleich. – »Ich bin höllisch betrogen!« rief er aus, im Ton des Gerechtesten. »Gott sey Dank!« schnaubte Idelstein: »der Maulesel war abgeführter als Du; der Stier war abgedreht, Dir zum Verdruß. Tammerl, mein Freund, steht Er nun? Bin ich dumm oder gescheit? Schicke den Grauen sammt Muckerl sammt Gemahlin und Glatzlin und Fräulein Jüngste nach Lienz, die Mali zu geleiten. Gut. Kommt heut das Diebsgesicht da in mein Revier und schaut mit dem einen Aug' schier meine Wände durch. Ich bin gerad daran, den Grünen zu trösten, da sagt er: der Mensch macht mir Zeichen! Mir lauft gleich was über die Leber, ich versteck' mich. Nicht lang, wirft der Kerl sein Papierl herein. Gleich auf Gleich! haben wir gedacht, und der Grüne warf ihm die Bestellung hinunter. Daß eine Spitzbüberei herauskommen würde, war gewiß; und der Vogel ist gefangen worden . . . Gelt, Er Vogelnarr von Imst?« – 109 Tammerl entgegnete mit bittrer Verachtung: »Vogelfang im Heustadl! o heilige Einfalt! aber ist denn ein miserablerer Vater auf Erden als ich bin, ohne Ruhm zu melden? Der Kaiser Heinrich der Vogler hat in seiner Vogelhütte die Reichskrone von den Churfürsten angenommen, – ich aber habe in diesem Heustadl meinen Sohn verloren.« Der ungerathene Peter stand erbärmlich da. In der Runde kursirte die Geschichte der beiden Landstraßenhelden lang und breit, und der alte Brummler aus Friedberg und Pater Philipp, der Glatzlin Vetter fügten jedes Jota hinzu, das etwa noch fehlte. – »Mag der Herr Vater sagen, was Er will; aber den Tammerlpeter von Imst heirathe ich jetzt nun und nimmermehr!« rief stolzen und erleichterten Herzens die Mali. – »Der Herr Vater sagt Amen;« antwortete Idelstein. – »Victoria!« jubelte der Exstudent: »so wird wohl das gute Recht der Liebe endlich triumphiren?« – »Wenn das auf deutsch heißt, daß Er die Mali haben soll, sag ich auch Amen;« versetzte wieder der Vater Idelstein. – »Aber die Leute!« gab seine Frau zu bedenken. Worauf Idelstein als Hausherr: »'s Maul halten, Weib. Wenn nur die Mali geheirathet wird, mehr braucht's nicht.« – »Aber übermorgen kann nur des Muckerl Hochzeit seyn,« bemerkte die Frau des Idelstein, »und das Verkünden muß von vorn angehen.« –»Warum hat uns aber der Herr Vater gleich bei unsrer Ankunft hieher bescheiden lassen?« sagte das jüngste Fräulein, das gern selber den Innsbrucker Peter gehabt hätte, und sich nun um ihn gebracht sah, naserümpfend: »was sollen wir denn hier zur Nacht im Freien?« – »Nicht mucksen!« drohte Idelstein, »und zusehen, wie zwei schlechte Gesellen abgestraft werden.« – »Ueber diesen da,« sprach Tammerl, auf Kölbl zeigend, der indessen vom Bestandsmann und Muckerl festgehalten 110 worden, »muß das Gericht entscheiden. Bringt ihn getrost in's Gefängniß, das heißt: sperrt ihn derweil in einen Keller. Unter seinem Verband sitzt der Hieb meines Wachtmeisters, und des Melcher Eingeständniß, Schurke, bricht Dir den Hals. Marschir' Dich fort in's Loch!« – Indem Kölbl von dem Baumann und einem Knecht hinweggeführt wurde, fing Peter, der Graue, an zu heulen, und nahte sich mit gefalteten Händen seinem Vater. Aber Tammerl war dießmal ernstlicher böse als jemals in seinem Leben. – »Zehn Schritt' von mir, abscheulicher Mensch!« zürnte er, und schloß sich der Gesellschaft an, die mit den verschiedensten Gefühlen den Rückzug heimwärts antrat. – Peter folgte kriechend dem Vater und küßte die Flügel seines Rocks. Wiederum sagte ihm Tammerl: »Ich mag nichts mehr von Dir wissen; ich kenne Dich nicht mehr.« – »Aber Vater! verlaß' mich doch der Herr Vater nicht, wie sie mich alle jetzt verlassen!« flehte Peter, und hielt den Alten verzweiflungsvoll an. Die Männer ließen den grünen Peter und den Muckerl mit den Weibern ziehen, und blieben stehen bei Vater und Sohn. »Will Er mich loslassen, oder . . . .!« rief Tammerl, und drohte dem Sohn mit einem Streiche. – Aber der Innsbrucker Joseph fing den Streich auf, und ermahnte: »Peter! er ist Dein Kind. Du sollst keinen Haß auf ihn werfen.« – Worauf der Imster trotzig: »was geht's Dich an, Joseph?« – »Was jeden Menschen, der Gefühl hat erstens, und dann zweitens bin ich des Jungen leiblicher Onkel; ob Du mich leiden magst, oder nicht: ich bin's einmal, und mein' es gut mit euch beiden.« – »Danke schön. Gib Dir nicht Mühe!« – »Bruder! wir haben uns so lang nicht gesehen, und Du hast kein andres Wörtl für mich?« – »Nun, nun, Sepp . . . ich glaub', Du weinst? Das thut mir leid, das will ich nicht . . . ist's Dir denn aber mit dem Rehren auch ernst, Bruder 111 Sepp? – »Das fragst Du, und ich bin doch von Jugend auf derjenige gewesen, der Dir nachgab in allen Stücken, der Dir aus allen Nöthen geholfen, der Spielwerk und Leckerbissen mit Dir getheilt?« – »Hm, es wird schon seyn . . . . aber wie sind wir auseinandergekommen?« – »Durch Deinen Ungestüm und der Frau Mutter Partheilichkeit, weil ich's denn doch sagen muß. Mir lief der Mund über, Du mißhandeltest mich . . . ich ging . . . wir waren geschiedne Leute.« – »Bis jetzt;« fügte Tammerl, nachdenkend die Arme kreuzend. – »Sind dreiundzwanzig Jahre,« sagte Joseph mit derselben Geberde, dem Bruder gegenüber. – »Schon dreiundzwanzig Jahre?« – »Wohlgezählt.« – »Ei, ei, das ist lang, ist recht lange.« – Beide neigten die Köpfe, als sähen sie in den Sand zu ihren Füßen; aber unter den Brauen hervor blickte eines Jeden Auge in das Aug' des Andern. Der Mond stand funkelnd wie geschlagnes Silber über ihnen; kein Zug ihrer Gesichter, den er nicht, je nachdem sie sich drehten, beleuchtet hätte. Die Zeugen waren klug genug, sich stumm zu verhalten. Peterl barg sich in dem Schatten, den sein Vater warf. Die Brüder hatten alles vergessen, so den Ort, so die Stunde, so die Gesellschaft; sie musterten nur die vergangenen Jahre: blitzend von Heiterkeit die grünen jungen; in Trauer gehüllt als finstre Leidtragende, die letzten dreiundzwanzig. – »Du!« hob Tammerl zu Joseph an, und zwar mit weichem Vorwurf: »von der Frau Mutter mußt Du nicht reden, ebensowenig als vom Vater selig. Weißt Du? das vierte Gebot? weißt Du? ich bin ganz allein schuld, nicht die Frau Mutter.« – »Vergib mir, daß ich von ihr geredet habe, und zwar im Tadel; 's war nicht so bös gemeint. Ich trag' auch nicht wenig von der Schuld.« – »Schau, Joseph; ich war halt so viel jähzornig. Gählings war ich oben hinaus, gählings war ich wiederum gut.« – »Drum 112 sag' ich Dir ja, daß ich so viel Schuld auf mir habe, wie Du.« – »So? wenn ich doch grob und ruechig war?« – »So? wenn ich doch verstockt war und Kopf machte, statt Dir die Hand zu bieten, als Du wieder gut warst?« – Tammerl lächelte ein wenig vor sich hin, und entgegnete dann, mit den Augen blinzelnd: »Horch; ich denke, Du machst Dich schwärzer, als Du bist?« – »Ach nein; 's hat jeder Mensch seine Fehler.« – »Ja, sag' mir nur . . . . was willst Du denn jetzt von mir?« – »Nichts, ganz und gar nichts. Doch nähm' ich gern, was Du mir freiwillig gäbest.« – »So, so. Ein stolzer Herr von Innsbruck. 's ist ihm nichts drum.« – »Um was nicht?« – »Hm, ich meine, . . . so . . . um mich selber.« – »Oho, oho, das heißt wieder reden! Geh weg; willst mich nur tratzen.« – »Tratzen? das wär' ein schlechtes Spiel für graubartige Buben, wie wir sind.« – »Ei nun, so sag' das erste Wort, wie Du vor dreiundzwanzig Jahren das letzte gesagt hast.« – »Ein gutes oder ein böses?« – »Ein gutes, Du Narr.« – »Nun, Du stocksteifes Trutzmandl: magst mich? magst mich denn?« – »Von Herzen. Gib mir drum die Hand.« – »Und Du die Deine, und vergeben und vergessen.« – »In Ewigkeit; und jetzt ein Bussel oben drauf.« – »Meintwegen zwei! komm her, mein Joseph!« Da hatten sie sich bei den Köpfen, und halsten und küßten und streichelten sich, und es dauerte gar lang, bis sie fertig waren, aber es gab immer noch keinen Ersatz für das, was sie in dreiundzwanzig Jahren versäumt hatten. »Ecce quam bonum, bonum et jucundum!« sang Pater Philipp mit näselnder Stimme, aber höchst zufrieden; denn der rührende Auftritt, dem er beiwohnte, ließ nicht einen Skrupel, nicht die leiseste Versuchungsfurcht in ihm aufkommen. – »Ja so,« sagte Tammerl, den 113 Gesang vernehmend: »wir sind nicht allein.« – »Nein,« antwortete Joseph vergnügt: »aber unsre Freude darf vor der ganzen Welt hohen Hauptes sich produziren. Ich bin so himmlisch selig, wie noch nie. Jetzt sind alle meine Erdenwünsche erfüllt.« – »Du lieber Sepp, bin ich nicht eben so glücklich?« fragte Tammerl: »Mit Dir versöhnt, könnt' ich allen meinen Feinden von Herzen vergeben.« – »Wenn das ist,« rief Joseph, den Moment erfassend, »so wirst Du ja wohl Deinen leiblichen Sohn nicht verstoßen? Komm, Peterl, küsse Deinem Vater die Hand, und gelobe ihm, fortan ein braver Mensch zu seyn und zu bleiben!« – Peterl weinte diesmal aufrichtige Thränen auf seines Vater Hände, und Tammerl, der Weichherzige, stellte sich nicht mehr unerbittlicher, als er von Natur war. Aber mit großer Bewegung hob er zu dem Sohne an: »Wenn Du je vergissest, wie viele Menschen Du unglücklich gemacht hast – die Martina, den Seraphin, der doch Dein bester Freund gewesen, als er Dich vordem aus Kölbl's Klauen erlöste – die Enkelin dieses alten gebeugten Mannes . . . . Deine Eltern nicht minder . . . . wenn Du nicht endlich gut machst, was in Deiner Macht steht, wieder gut zu machen . . . . wenn Du wieder zurückfallen willst in Lug und Trug und Sünde . . . . nenne Dich mein Kind nicht mehr! Aber bereue Deine Irrthümer, thue, was die Rechtschaffenheit von Dir verlangt, und sey dann meiner Nachsicht und meines Beistands versichert. Was willst Du thun?« – Peterl versprach alles Gute. »So mußt Du dem Mädl da draußen und Deinem Kind vor allem die Ehre und das Leben wiedergeben,« befahl der Vater. – Peter nickte zitternd sein Ja. Der Großvater von Friedberg wollte nun in allerlei breite und erneuerte Klagen und Beschuldigungen eingehen; aber da war Idelstein ihm zur 114 Seite, und sagte mit einer Derbheit, die selbst dem Bayer imponirte: »Jetzt sey der Herr raschonig; Er sieht, daß Er mit raschonigen Leuten zu thun hat.« Der Alte, schüchterner zwar, aber hartnäckig, redete von der Schande seines Hauses, von der Krankheit seiner Nanni, von dem Schaden, den er erlitten, . . . aber noch einmal schnitt ihm Idelstein das Wort vom Munde: »Mein lieber goldner Ganswirth, Er hört's, daß Seine Nanni wieder zu Leben und Ehren kommen soll, und damit basta. Er hat's da mit ehrlichen Tirolern zu thun, und kann der heiligen Mutter danken, daß sie ihm den weiten Weg nach Loretto erspart hat. Sey er ruhig, Er wird bald wieder hinter Seinem Bierkrügl, mit der Schlafhauben über die Ohren, sitzen, und alles wird recht seyn.« – »Was der bayrische Knopf noch für Umständ' macht!« fügte der Pusterer leise hinzu, indem er sich zum Pater wandte. – Indessen hatte Tammerl seinen Vorsatz gefaßt, und sprach: »Machen wir jetzt ein Ende. Bin müd, bin hungrig, bin durstig, und 's ist ein Wunder, daß ich einen Appetit spüre, weil ich doch den Buben da und den Kölbl noch mehr im Magen habe: zwei schwere Kerls mit allerlei Beifracht. Na, na, Peterl, nur nicht wieder rehren. Schäm' Dich still in Dein Herz hinein, das ist gesünder. Um dieses recht mit Muße zu verrichten, so hupf' aufs Stangl, das heißt: geh' in's Bett. Morgen, Du friedberger Altvater, wollen wir selbdritt hinaus in Deine Heimath fahren, und die Hochzeit mit der Nanni zu Stand bringen. Thut mir leid, ich sag's grad' heraus, thut mir vor allem leid, daß selbiges g'stolperte Madl eine fremde, eine Ausländerin, gar noch eine aus Churbayern ist, . . . aber was will ich machen? Sie will ihr Recht, als ob sie eine Tirolerin wäre, und ein braver Mann macht da keinen Unterschied. Wenn schon Krieg ist, wir kommen dennoch durch, und der Idelstein leiht mir schon ein Geld, daß wir geschwind 115 abfahren können; denen bei der Hochzeit – gelt Peterl – nicht bei der einen doch bei der andern wollen wir zuschauen, he?« – »Hast einmal vergeben;« erinnerte Joseph: »warum quälst Du noch den Buben muthwillig?« – »Wie viel braucht Er?« fragte Idelstein, auf seine Tasche klopfend, daß die Thaler klangen. – »Gar nichts;« entgegnete statt Tammerls der Servit, und reichte dem Vogelhändler das Sackl mit den bewußten Dukaten: »das da gehört von Gott und Rechtswegen dem Herrn, und Seraphin und Oswald lassen herzlich grüßen.« – »Ach, Seraphin!« rief Tammerl, nachdem er von des Jünglings Besuch auf der Waldrast unterrichtet worden: »jetzt fallt mir wieder all mein Elend ein! Doch nur Kuraschi. Müßt' ich nicht, damit mir der Bub' da keine Lumpereien mehr mache, müßt' ich nicht in's Reich hinaus, ich machte gerad' jetzt auf den Seraphin Jagd. Der ist ein Martyrer, der Seraphin, beim Eid. Ich hab's dem Vater selig schön vergolten, daß er mir den Vintschger anempfohlen hat.« – »Wie so?« fragte Joseph neugierig; aber Idelstein, der wieder die lange oft gehörte Geschichte anrücken sah, fiel dem Tammerl in's Wort: »Dummheiten sind's. Daß wir mit hungrigen Mägen jetzt schon eine halbe Stunde vor der Hausthür stehen, ist auch eine Dummheit, keine kleine. Essen droben, Trinken droben, viel, viel und gut. Grauer Peterl ins Bett! g'hörst nimmer zu uns bis auf weiteres. Ganswirth, ins Bett! Seine Suppe und Sein Weinl soll zu ihm in's Bett kommen; ausschlafen; dann vergnügt morgen aufstehen. Pater Philipp, zu den Weibern! trinkt nicht, lacht nicht, durch und durch Einsiedler, basta. Aber wir dreie, uns es schmecken lassen, wie Männer. Bei mir ist heut, morgen und übermorgen Tinzltag Tinzltag: Festtag für eine Zunft mit Gottesdienst, Schmaus und Tanz. !« – »Recht so!« rief Joseph: »die erste Gesundheit . . . .« – »Der Frau Mutter!« ergänzte Tammerl: »die zweite dem Joseph!« – »Die 116 dritte die Deinige!« sagte wieder Joseph, den Bruder umschlingend. – »Und so fort von A bis Z!« überschrie Idelstein seine Gäste: »alles mit Maß und Ziel. Die Nacht würde zu kurz seyn, wenn wir auf aller Biedermänner, die wir kennen, Gesundheit trinken wollten; Gott sey Dank!« Im Treppenansteigen fragte der Wirth seinen Imster Freund: »Was denn aber mit dem Freisinger, wenn er morgen verreist?« – »Hm,« versetzte Tammerl: »Laufen lassen wird's kürzeste seyn. Mein größter Zorn ist dahin, und der Kerl wird sich jetzt wohl nimmer vor uns sehen lassen. 's ist wegen der Schand und des Peterl, weiß Er wohl?« 117 Fünftes Kapitel. »Wo isch der Weg zu Fried' und Ehr', Der weg zum gueten Alter echt? Grad fürsi goht's in Mäßigkeit Mit stillem Sinn in Pflicht und Recht.« »Und wenn denn emme Chrüzweg stohsch, Und nümme weisch, wo's ane goht, Halt still und frag' di G'wisse z'erst: 's cha dütsch, Gottlob, und folg si'm Roth.« Hebel . Nachdem sie die Gastfreundschaft des Servitenklosters auf der Waldrast nur für die Dauer einer Nacht in Anspruch genommen, waren Seraphin und Oswald, ihrem Plan und ihrer Richtung getreu, fürbaß gewandert. Sie hatten das Stubaythal durchmessen, auf nicht gefahrlosem Pfade am Rande des Ferners, der das Thal verschließt, den Uebergang in's Selrain gewagt, von dannen über Küetbay und Ochsengarten das Oetzthal besucht. Den Gletscherstock bestreichend, der dort in großen wüsten Eisfeldern sich ausbreitet, und den Zusammenhang der Gebirge des Nordens und des Südens vermittelt, waren sie hinübergeklettert in das wilde Thal von Schnals, die Einsamkeit der Karthause begrüßend. Trotz der üblichen Ermahnung der Wanderleute, die ihnen begegneten: »laßt's euch Zeit!« hatten sie wenig gerastet, und sich dagegen beeilt, in das heitre sonnenreiche Leben des Etschthales hervorzutreten, flußaufwärts die Straße nach der Heimath verfolgend. So waren sie 118 gen Tartsch gekommen und nicht säumig gewesen, den Bühl zu erklimmen, wo die alte Kirche, nach der Sage aus der Heidenzeit stammend, weit hinausschaut in's gesegnete Thal des Vintschgaus. – Dort lagerten sie sich – just läutete im Pusterthal die Glocke zur Vermählung des jungen Idelstein mit seiner Glatzlin, und zur Verkündigung des grünen Peters und der Fräule Mali; just wallte Tammerl mit seinen Begleitern dem feindlichen Bayerlande entgegen, und Kölbl, der geprellte Schalk, landstreicherte trostlos, Gott weiß wo und wohin – sie wußten aber von all diesem nichts, und waren versunken im Anschauen des vielgethürmten Mals und der Berge, an deren Fuß ihr liebes Burgeis gelegen. Aber keineswegs freudig leuchteten ihre Augen, ihre Stirne war nicht heiter, ihr Mund nicht beweglich zum fröhlichen Geplauder, wie wohl sonst der Fall ist bei jungen Gesellen, die aus der Fremde kommen im Staub ferner Länder, um zu ruhen im Schatten der heimischen Bäume, und in vollen Zügen zu trinken die heimische Luft. – »Du weißt ja gar kein Wörtl,« hob Seraphin trübselig zu seinem Genossen an: »Wie ist Dir denn zu Muth, so nahe bei Burgeis?« – »Ach mein Seraphin, wie wird mir seyn?« versetzte der andre: »die Heimath macht mir jetzo wenig Freud'. Der kleine Bamms in Vaters Haus, die schlimme Trine, die mir Kreuz und Gall' macht, der leere Beutel, den ich heimbringe, und keine Aussicht auf Verdienst . . .! was soll ich da sagen? Deine Ehrlichkeit, Seraphin, war recht schön; dem Tammerl gehören wohl eigentlich die Krampusdukaten . . .. aber uns, uns Bedürftigen wären sie halt gar so wohl angestanden, und mit dem Bilderhandel hätt' sich's auch gemacht. Wenn Du mir wenigstens erlaubt hättest, den Kölbl recht z'leihen zu nehmen, 's wär' eine Passion gewesen, und doch ein bissel etwas zur Entschädigung. Aber Du bist halt immer der barmherzige Samariter, und schier wär's besser, Dein Feind zu seyn, 119 als Dein Freund. Na – mir wär' der freche Dieb und Falschschreiber nicht ungeschlagen ausgekommen, – doch, basta, wie der Grödner sagt: es ist einmal geschehen, und soll Dir Rosen bringen, und nicht Hagebutzen. Aber, noch einmal: mich g'freut die Heimath jetzt gar nicht. Mir kommt's vor, als hätt' ich dort große Güter gehabt, und sie wären mir alle verlumpt und durchgebracht worden, und als erwartete mich in meiner Hütte der grobe Exekuzi , um mich selber bei'm Schopf zu nehmen und einzustecken. Da weißt Du's jetzt.« Darauf antwortete Seraphin nur: »Um's grad herauszusagen: mir geht's auch nicht anders. Meine Lungel treibt so schwer, als käm' mir ein großes Unglück entgegen. Ach je, hab' mich g'freut auf die Heimath! Aber mir war viel besser dort oben in der Wüstenei der Ferner, wo die Gamsln spielen, und der Speik blüht, neben dem Edelweiß. Dort war's fein und spiegelheiter. Hier unten ist's so dumpf und schwül, 's ist gar aus.« »Ja doch;« bemerkte Oswald, der sich an der Niedergeschlagenheit des Freundes wieder aufrichtete: »was aber hilft's? Das Zittern hilft nicht für den Frost. Wenn ein Unglück seyn soll, so fallt sich die Katz vom Stuhl herab zu todt. Wir können nicht da liegen bleiben. Muthig auf und davon, mitten in die Heimath hinein! Werden schon finden, was unser dort wartet. Mein Hauptunglück ist, daß ich kein Geld habe. Ich hätt' nicht gemeint, daß mir's so gehen würde, denn ich habe meine Groschen im Sack brav geschüttelt, da ich den ersten Kuckuck heuer schreien hörte. Hat nichts geholfen; aber die Hitz' und die Schwüle machen mir auch nichts aus: 's kommt halt ein Wetter, und bald bald ein frühzeitiger Winter, wie der Pater Philipp gesagt hat. Da können wir uns nur wie die Murmelen in 'n Schatten legen und an den Pratzen saugen, und schlafen 120 und träumen von den Dukaten, die wir Bettelleute dem reichen Tammerl geschenkt haben.« »Tröste Dich doch,« ermahnte Seraphin: »Du spürst in Dir selber, daß ich recht gethan habe, und eine jede rechtschaffene Handlung bringt ihren Lohn. und eine jede unredliche ihr Leid.« »'s wird schon seyn;« brummte Oswald, indem er sein Bündel wieder aufhuckte: »nichts G'wisses weiß man nicht!« – Ohne ferner ein Wort zu reden, spazierten die Freunde den Bühl hinunter, und befanden sich in kurzer Zell auf der heißen Landstraße zwischen Tartsch und Mals. – Eine Kutsche zog ihnen langsam entgegen, eingehüllt von einer breiten Staubwolke. Zu beiden Seiten der Kutsche tauchten hin und wieder ein halb Dutzend Pferdeköpfe aus der weißgrauen Wolke, und darüber hin blitzte es zuweilen wie von Säbelglanz. – Die Kutsche hielt, da Seraphin und Oswald nur noch einige Schritte davon entfernt waren. Dragoner auf braunen Pferden wurden als Eskorte des Wagens sichtbar. Der erste der Reiter rief dem Seraphin zu, ein Trinkgeschirr herniederlangend: »Du, fülle einmal das Glas dort am Brunnen.« – Es stand ein Brunnen am Wege; heute ist er nicht mehr zu sehen. – Seraphin that mit Freuden, was ihm befohlen, und reichte den perlenden Trank dem Reiter hinauf. Das Pferd desselben scheute ein wenig vor dem Sonnenstrahl, der an dem Geschirr herumfunkelte, und der Reiter hatte mit dem Gaul zu thun. Darum sagte er zum Mundschenk von Ungefähr: »Dort im Wagen haben sie Durst. Geh' hin!« – Seraphin, gefällig, wie zuvor, stieg auf den Tritt: am Schlage, in der Meinung, irgend einen General mit Stern und Band erquicken zu dürfen. – Aber in der Kutsche lag ein kranker alter Mann leidend auf Polstern, und eine junge Frau neben ihm streckte die weiße Hand 121 nach dem Glase aus, dem Kranken die Labung zu reichen. Nun zitterten aber die Finger des jungen Mannes dergestalt, daß die hellen Tropfen an dem Becher niederstürzten, und die junge Frau hastig sich vorbeugte, ein Wort des Vorwurfs auf der Zunge, und geschäftig das Glas ergreifend, ehe sein Inhalt ganz verzettelt wurde. – Der Vorwurf verwandelte sich in ein »Ach« der Ueberraschung. Seraphin fand nicht einmal einen Seufzer. – Dagegen krächzte eine rauhe Stimme ungeberdig, »Wird's bald? nun, Tina, wird's bald?« Die Frau stammelte ein paar unverständliche Worte über ihre schneebleich gewordnen Lippen, mit einem Blick auf Seraphin, der ihn bat, sich zurückzuziehen; allein auch von Seiten des ungeberdigen Kranken war ein Blick, schief und scharf, nach den Beiden geschleudert worden, und was er sah, entlockte dem Alten einen wahren Raubvogelschrei: »Vermaledeiter! Du auch da? Noch nicht Unsegen genug? fort mit Deinem Gift!« – Becher und Wasser flogen über des zurückspringenden Seraphin Haupt zum Wagen hinaus. Der Wurf hatte ihn nicht getroffen, aber leider hatte er sehen müssen, wie der wüthende Sprenger, mühsam ein wenig aufgerichtet, auch einen Schlag gegen Martina's Gesicht probirte. »Falsches Weibsbild!« kreischte der zorngierige Greis, und die Kutsche rumpelte davon, als ob die Tarantel die Pferde gestochen hätte. Lange Zeit verhallte das »Heda! Ach! Halt! und O weh!« des Kranken ungehört, bis endlich der Kutscher wieder den Leichenschritt einhielt, und die gerade jetzt so wohlverdiente Marter des alten Zornnickels endigte. – Aber schon weit war der Wagen von Seraphin entfernt, und die Dragoner flogen nach; der letzte, ein Böhme, mit dem Hohnruf: »Alter Geisbuck! Kupp seiniges quanti verdrahti! Hussah.« Seraphin schaute trostlos den flimmernden Rädern der Kutsche, den glitzernden Waffen der Galoppreiter nach, 122 dem Staubgewölk, das die Hufschläge der Rosse aufwühlten . . . . »Hast Du sie gesehen?« fragte er seinen Oswald schmerzlich. – »I freilich;« sagte Walt kurz und mürrisch hierauf, und dann noch leiser: »daß sie alle doch der leidige Schwarze davon trüge! Gott verzeih' mir's; ohne Weiberleut' wär's viel feiner in der Welt.« – »Hoho!« rief jetzt ein tüchtig schwitzender, obgleich im Schritt reitender Kavallerist, den Hinstarrenden vom Gaul herunter an: »weiß Gott! Por Dio! sind wir's, Serafino? Grüß' Dich Gott, lieber Junge. Hast sie gesehen? was hat's gegeben?« – Hinter dem Schweißtüchlein hervor, womit der Reiter seine nasse Stirn bearbeitete, schaute das gutmüthige Antlitz des Wachtmeisters Dominik, und seine steif behandschuhte Faust ließ vom Zügel, und öffnete sich gegen Seraphin zum derben Männergruß. – »Herr Jesus! seyd Ihr's?« entgegnete Seraphin, und tätschelte freundlich den pfundledernen Stiefel seines alten Bekannten: »ob ich sie gesehen habe? Ach, ich wollte, es wäre nicht geschehen. Die arme Haut! Geschlagen hat sie das Unthier! geschlagen! das vergeß' ich dem Burschen im Leben nicht!« – »Ei was! Sie hat's selber also haben wollen!« griesgramte der Wachtmeister: »Jetzt hat sie's auch, und weiß noch gar nicht recht, wie hart. Weißt Du, was es ist? Der Sprenger hat ein paar gute Freunde gehabt, – verstanden? wie's ihrer nur zu viele gibt; die ärger sind als die Panduren und Mörder. Die haben ihn höhern Orts angezeigt, als einen Volksaufwiegler, als einen Adels- und Beamtenfeind, und als Einen, der zur jetzigen Kriegszeit wohl mit den Preußen im Komplott stehen möchte, indem er so viele Briefe aus Schlesien empfing. Der alte Narr wußte davon nichts, und ließ an seinem morschen Bein doktern, aber es ging nicht damit, hat's noch immer nicht zum Aufstehen bringen mögen; bis ich ihm aus dem Bett habe helfen müssen. 's ist 123 nemlich Befehl gekommen, den Sprenger unverzüglich, ohne Gnad' und Aufschub an den Gardsee auf die Festung zu bringen, und mein Rittmeister hat mich dazu kommandirt. Vorgestern hab' ich's ausgeführt, und die Herren Commissarien haben derweil alle Papiere bei ihm ausgeräumt und versiegelt. Als eine große Gunst hat die Frau erhalten, daß sie ihren Herrn begleiten durfte. Sie weiß aber nicht, daß sie vor der Festung wird umkehren müssen. 's ist strenger Befehl da. Na, sie wird's zeitig genug hören. Da hast Du jetzt die ganze Pastete, Seraphin. Zugleich aber vernimm' was fröhlicheres. Wenn ich zurückkomme, erhalte ich, wenn auch Krieg ist, meinen Abschied, vor der Hand als einen Urlaub. Der Regimentsfeldscheer meint, ich könnte keine Kampagne mehr aushalten, und ich laß' ihn gern auf seiner Meinung. Dann, lieber Bub', wollen wir beisammenbleiben. – Und zweitens: Deine Unschuld kommt zu Imst immer kreideweißer an den Tag. Ich hab' nicht Zeit, Dir Alles haarklein zu sagen, . . . ich muß meinen Kerls nachreiten . . . aber, wenn ich wiederkomme, laß' Dich sehen, hörst Du? Und – was ich noch rapportiren wollte . . . mit den Burgeisern gib Dich nicht viel ab; sie verdienen's nicht an Dir, kannst es glauben . . . Potz Donner! schon seh' ich meines Arrestanten Kutsche nicht mehr. Vorwärts denn, marsch! addio! addio! ein andermal mehr!« Das Pferd griff aus; der Wachtmeister trabte rasselnd davon . . . . bald war er nur ein Schatten im Staubwirbel; dann um die Ecke, wo die Straße in's Dorf verschwindet . . . . er selbst verschwunden alsobald. – Was er zuletzt geredet, wie ein eitler Schall war es an Seraphin's Ohr vorübergeklungen. Seraphin's Gedanken, flüchtiger als die Dragonerrosse, hatten sich getummelt, den Gardasee zu erreichen, um die Geliebte dort zu empfangen, zu trösten, schirmend zu begleiten. Sein inneres Auge sah 124 jene Gegenden durch und durch: den breiten Seespiegel, Cypressen und Citronenbäume an den Ufern, das fatale Schloß mit kanonengespickten Bastionen, Städte und Märkte voll lebendig schnatternden Volks – Fülle des Glücks und Wohlseyns überall – nur sie , die Geliebte, unglücklich auf jenen gesegneten Gestaden, nur für sie kein Segel bereit, dem Jammer sie zu entführen! Seraphin war zum dichterischen Seher umgestaltet; aber der ungebildete Natursohn wußte seinen Zustand nicht anders zu beschreiben dem Freunde, der ihn nordwärts zwang zu gehen, als mit den Worten: »Weißt? es sitzen mir zwei Augen im Genick, und sie schauen viel schärfer das Land hinunter, als das andre Paar unter der Stirne gen Burgeis.« – »Wenn sie doch nur schon schliefen, die Gucker im Genick!« seufzte Oswald: »jetzt ist der arme Kerl wieder auf lange Zeit verdorben.« Wohl gelangten beide nun in's heimathliche Dorf. Kaum schenkte aber Seraphin unterwegs dem hohen Kreuz, wo er seiner Jugend Ehrenschlacht dem grimmigen Winter geliefert, einige Aufmerksamkeit. Er schaute sogar kaum links zum Stephanskirchlein empor, zur Pfarrkirche und zum Gottesacker hinunter; dennoch lag dort sein Allerliebstes in der Erde. – »Da sind wir endlich!« rief Oswald mit traurigen Vorgefühlen. Seraphin fing an, seine Umgebung zu erkennen. Wohl waren da die alten wohlbekannten Häuser noch auf den Beinen, und die Etsch purzelte nach wie vor durch's Dorf, und die Brücke war's, und die Hudergasse, und die Fürstenburg, und des Anwalds Wirthshaus; aber dennoch war alles dieses miteinander nicht mehr das alte ächte, rechte Burgeis. Warum? vermochte Seraphin nicht deutlich zu sagen. Die Berge so traurig, die Luft so matt; absterbend schien ihm alles, Freude nirgends zu seyn. – Es sollte noch besser kommen. Seraphin – er hatte 125 ja nirgends ein Obdach, ihm eigen – kehrte im Kreuzwirthshause ein. Vordem sein Lieblingsaufenthalt, schien es ihm jetzt so finster, so ungastlich. Das schien nur; aber eine nackte grausame Wahrheit bot sich dem Fremdling im Vaterlande unverweilt dar. – Die Gesichter der Leute, die einst den jungen Seraphin geliebt, waren die alten für die ganze Welt, nur nicht für ihn; und ihre Gesinnung vollends hatte sich verändert, wie ihr Betragen. Sogar die wohlwollende Wirthin, das behagliche runde menschenfreundliche Weib, war, Seraphin begrüßend, so steif, so unschlüssig! Der arme Bursch konnte sich glücklich schätzen, ein Nachtlager zu erhalten. Der Anwald maß ihn von oben bis unten, räusperte sich ein paarmal verdächtig, ehe er seinem Weib die Erlaubniß ertheilte, den alten Bekannten zu beherbergen, und machte kurze Worte. Nun, dem Seraphin war auch nicht um viele Worte zu thun, sondern eher um einen stillen Winkel, worinnen er die Begebenheiten des Tags wieder an sich vorüberspazieren lassen konnte. – Der Winkel wurde ihm auch mitten in der belebten Zechstube. Seraphin, in tiefen Gedanken, gewahrte nicht, wie alle von seinem Eckplatz sich entfernten, die an dem Tische gesessen hatten; wie es leer um ihn wurde, als wäre ein unsichtbarer Pestkordon durch die Stube gezogen, um gerade ihn und seine Ecke von allem Volke abzuschneiden. Sogar die Neugier des weiblichen Geschlechts, der Wirthin, der Kellnerin, begehrte nicht den Bann zu brechen. Ach, die Leute wußten schon genug, nur allzuviel von dem arglos sinnenden Landsmann, und hatten sich über ihn tausenderlei zuzuflüstern, und deuteten auf ihn, und zersäbelten ihn mit ihren Zungen nach Gefallen. Er wehrte es ihnen nicht; er wußte nichts davon; merkte nicht einmal, daß auch die Thüre des Honoratiorenstübl nicht selten aufging, und daß bald der gnädige Herr vom Schlosse, bald der Richter, bald der Barbier 126 herausschauten, ihn musterten, die Köpfe schüttelten, und sich wieder zurückzogen ohne Wort, ohne Wink, ohne Gruß. – Oswald, die praktische Natur, hatte die Stimmung gleich weg. Als er, der gegangen war, seine Leute zu bewillkommen, wieder kam, wenig erfreut von dem Empfang, den er zu Hause gefunden, sah er mit einem Blick, wie die Sachen standen, woher der Wind blies. »Hast Du mit den Menschen da Händel gehabt?« fragte er. Seraphin verneinte staunend. »Nun, Du siehst doch, wie g'spreizt und fremd sie thun?« – »Ich seh's zum erstenmale.« – »Und hörst auch nicht, wie sie wispeln und Dich brav ausmachen?« – »Mich?« – »Nun, ich will's meinen.« Mit diesen Worten legte sich Oswald über den Tisch, klopfte mit der Faust auf, daß Ruhe wurde, und rief trutzig in den Schwätzerhaufen hinein: »Ist der Seraphin Plaschur Einem von Euch 'was schuldig? Hat er von Einem 'was geliehen und nicht zurückgegeben? hat Er Einem 'was gestohlen? Heraus damit. Eins, zwei, drei. Nichts da? Nun, so habt meintwegen Maulaffen feil – noch größer, noch größer! wer aber von nun an noch etwas über meinen Freund sagt, daß ich's höre, wie ich's gerade jetzt erst habe hören müssen, den schlag' ich auf's Maul; verstanden?« Und zur größern Deutlichkeit trommelte er auf der Tafel und gab ein zillerthal'sches Trutzg'sangl zum besten, dessen mildestes Gesetzl das folgende: »Ein frischer Bub' bin ich, Hab' drei Federln auf'm Hut. Und den möcht' ich seh'n, Der mir die abi thut.« Gewann auch für jetzt die Parthie, der eisenfeste Freund. Die Wispler und Lispler gaben Fried, und 127 ließen's bei einigen Seitenblicken und etwas Achselzucken bewenden. – »Der Wachtmeister hat wahr geredet« sprach Oswald, verächtlich die Lippen aufziehend: »die Bagage da möchte gern an Dir keinen guten Faden lassen. Haben von Imst herauf was läuten gehört, wissen nicht, wo die Glocken hangen. Pfui, Bagage! Siehst Du, Seraphin: mit all diesem Volk bist Du seiner Zeit freundlich gewesen, wie ein Engel; hast jenem 'was geschenkt, diesem 'was wohlfeiler verkauft. Da hast Du's jetzo. Der Struzzer zu Sprugg hat ein salomonisches Wort gesagt: »'s gibt gar keine Dankbarkeit auf Erden.« Die Ruechen sagen Dir dennoch nach, Du hättest den Tammerl um sein Geld betrogen, und sie hätten's schon Anno so und so viel gemerkt, als Du mit des Grödners Waaren so freigebig umgingst.« – »Laß sie reden,« versetzte Seraphin geduldig: »es wird doch einmal an Tag kommen, was recht und wahr ist. Oder wollen wir gehen, den Grödner aufsuchen? Mein erster Gang gehörte billig dem Grabe meiner Mutter, . . . aber ich möcht' es mit ruhigerm, gefaßterm Herzen besuchen.« – Der Grödner schritt so eben in die Zechstube ein. Gott segne den Mann! er war zwar von außen nicht das Gleichniß von dem, was er vor ein paar Jahren noch gewesen: er ging gebückt, als trüge er einige Zentner auf dem Genick; seine Nase war spitziger geworden, die Falten in seinem Gesicht länger und tiefer, das Silberfadennetz des Herbstes hatte seinen ganzen Kopf umsponnen; aber in der langsamer athmenden Brust war doch noch der Kern frisch und roth und unverändert geblieben. Nach einem flüchtigen Blick auf die Gesellschaft in der Stube, näherte sich der Grödner unverzagt und mit Zeichen lebhafter Freude dem guten Seraphin, der sich von diesem freundlichen Entgegenkommen so erfrischt 128 fühlte, als hätte die heilbringendste Quelle des Gebirgs ihren Sprudel über sein Haupt ergossen. »Mich g'freut's, na, mich g'freut's herzlich!« sagte der Grödner bieder und aufrichtig: »hab' schon gehört, daß Du angekommen. 's Dorf ist schon voll von der Neuigkeit. Brav von Dir, daß Du Deine Heimath nicht vergessen; brav, daß Du mit aufrechtem Kopf und offnen Augen zurückkommen magst. Manch Andrer, von dem nicht so viel gefabelt wird, wie von Dir, wär' nicht zurückgekehrt, wie Du. Hab' erst vor kurzer Zeit viel von Dir geredet, und zwar mit dem Herrn Tawack von St. Maurizen im Engadin – er bleibt aber jetzt in Chur – Du! er hat Deinen Vater vor ein paar Jahren gesehen; zu Neapel hat er ihn gesehen – hatte dort eine Kaffeeschenke, ging nicht zum besten – hat sich nach Frau und Kindern erkundigt – aber der Tawack konnte leider nichts davon sagen . . . oder desto besser; der arme Mann hatte Herzeleid genug, Dein Vater nemlich.« – »In Neapel?« fragte Seraphin erfreut und betrübt zugleich: »dahin ist's weit, nicht wahr?« – »Das mein' ich. Ist schon mancher Landsmann dort am Verdruß Verdruß: (Vintschgau) das Heimweh. »Es verdrießt ihn da oder dort;« er hat Heimweh. gestorben. He, bist auch aus Verdruß heimgekommen?« – »So halb und halb. Aber, Grödner, mir g'fallt's nicht gar gut hier zu Burgeis.« – »Glaub's, glaub's, mein Hascher. Hat sich vieles verändert. Die Menschen werden immer schlechter, immer unliebsamer, immer vorlauter mit der Zunge, und wissen doch nicht, was sie eigentlich wollen. Nun, basta mit dem schlimmen Kapitel.« – Der Grödner seufzte, nippte am Glase; Oswald stieß seinen Freund bedeutsam mit dem Ellbogen an. Seraphin verstand nicht, was er wollte. Indessen kam die Wirthin und forderte den Maler auf, in's Honoratiorenstübl zu treten. Der gnädige Herr verlange nach ihm, sagte sie. 129 – »Ich komme geschwind,« sprach Oswald zur Wirthin und zum Freund, und ging, wohin er gerufen war. – »Was haltest Du von dem Walt?« fragte der Grödner seinen ehemaligen Mündel im Vertrauen. Seraphin wiederholte, was er schon oft vom Freund gesagt: »Einfältig wie ein Kind, in der Ehrlichkeit ein uralter Mann.« – »Ja, ich weiß, Du redst von niemand übles; wenn es nur die Leute auch so mit Dir hielten! Nun basta. Aber der Walt hat große Fehler und Sekten an sich.« – »Weiß nicht.« – »Das ist erlogen; Du weißt's wohl, aber willst's nicht zugeben, weil er Dein Freund.« – »Nun, Grödner, und wenn's so wäre? Gott verzeiht's schon, wenn gute Freunde mit einander recht partheiisch sind, und einer auf den andern nichts kommen lassen. Eine laue Freundschaft soll mir vom Hals bleiben. Wir alle haben unsre Fehler und Makel.« – »Ja wohl, ja wohl!« gab der Grödner zu, und seufzte abermals beweglich – »Nun, Ihr sagt mir gar nichts von Euch, Grödner? wie geht's denn Euch?« – »Passirt,« antwortete der Krämer trocken, und drehte sich, ein ander Gespräch auf's Tapet zu bringen, nach dem Fenster: »'s wird ein Wetter absetzen, Seraphin. Wollen wir nicht geschwind, ehe es losbricht, den Gottesacker besuchen? Ich habe gethan, wie Du gewünscht, und Deiner Mutter selig ein stattliches Kreuz gepflanzt.« – »Ihr habt mich froh gemacht durch Euer Wohlwollen,« versetzte der junge Mann: »ich hab' wieder etwas vom Vater gehört. Jetzt will ich gern mit Euch gehen, da ich einen heitern Sinn und neue Hoffnung zum kühlen Bettl meiner Mutter zu tragen habe.« – »Ja, ja, die Hoffnung gehört zu den Gräbern;« meinte der Grödner, und ging voran. Auf der Straße hing er sich aber in den Arm seines jungen Gefährten, und sagte lächelnd: »Die ausrichterischen Mäuler sollen spüren, daß ich mich nicht schäme, mit 130 Dir zu gehen.« – »Mein Herr und Heiland! denken sie denn gar so viel schlechtes von mir?« – »Nicht wenig, grad heraus gesagt. Ich kenn' aber meinen Seraphin besser, und Dir soll niemand was zu leid thun, und wär's der gnädige Herr selber mit seinem Pardieu und Parbleu . Basta; da sind wir zur Stelle. Du weißt wohin zu gehen? Ich will mich indessen auf einer andern Seite verweilen.« Allerdings wußte Seraphin, wohin zu gehen; dennoch hätte er beinahe nicht gefunden, was er suchte; seiner Lieben Ruhestätte. Wie war seit seiner Entfernung von Burgeis der geweihte Grund durchschaufelt worden! Wie fleißig hatte leider der Tod seine Arbeit verrichtet! Hügel an Hügel, frisch und nackt, eiserne Kreuze ohne Rost, Weihbrunnschalen, neu und blank! ein breites Lager der Vergänglichkeit umkreiste Creszentia's und Annele's Schlummerplatz, daß des Sohnes und Bruders Fuß wie durch ein Labyrinth dahin den Pfad suchen mußte. Von fern erkannte er die Stätte nicht; sie war so vornehm geworden; ein dichter Rasen deckte sie, wie grüner Sammet nicht besser gethan haben würde; das Kreuz von weißem Stein leuchtete majestätisch erhaben über dem Grabe der mühebeladenen Bettlerin. »Gott vergelt' Dir's, braver Grödner!« betete Seraphin aus dem tiefsten Grunde seines andächtigen Gemüths, ehe er seinen lieben Heimgegangenen erzählte, was ihn betroffen, fern von der Heimath. Indessen sank die Sonne, die Wetterwolken stiegen; die Vögel verstummten, der Wind wurde laut. Leise beginnend, aber lauter und lauter werdend, kam das Geheul hungriger Wölfe von Süden heran, und doch waren schon überall die Wölfe vor der Wetternähe in ihre Schlupfwinkel gekrochen. Es war aber der Sturm, der ihre Stimmen nachäffte, und dann wieder in das Wimmern ungebärdiger Kinder verfiel, und plötzlich aufschnaubte, wie Blasbalg in der Esse. Sein Schnauben schürte auch die 131 Glut im Gewölke; es rang, es braute, es kämpfte, bis aus dem Streiten und Reiben und Ringen hervorschoß der Blitz und darnach das Donnergebrüll: die grollende Verwünschung, die den Messerstoß des Feindes begleitet. – Seraphin übersah den Flammenstrahl, obgleich die Fackel das ganze Vintschgau beleuchtete, er überhörte das gellende Kesseln aus nachtschwarzen Wolken. Aber das Getümmel herbeistürzender Leute störte ihn, riß ihn aus seiner Betrachtung. Sie kamen, dem Wetter zu läuten, die schlichten Söhne des Dorfs. Seraphin nahm vor ihnen die Flucht. Da er sich nach dem Grödner umschaute, stand dieser kerzengerade mit gefalteten Händen, ein Bild des entgeisterten Kummers, vor dem Grabe seines ersten Weibes, und sein Gesicht rieselte voll von Tropfen. Dennoch hatten die Wolken noch kein bischen Regen herunterfallen lassen. – »Ich bin auch da,« sagte Oswald, dem Freund auf die Schulter klopfend: »hab' mir schon eingebildet, wo Du zu finden.« – »Sieh nur, Walt, wie fleißig der Grödner für seinen alten Drachen betet. Ist das ein braver Mann oder nicht?« – »Hm; er möchte die Alte epper herausgraben mit seinen Nägeln, wenn er sie lebendig machen könnte;« versetzte Oswald ernsthaft. – »Oho! wie Du auch redest!« – »'s ist schon so. Seine Gramniß ist dorfbekannt. Du wirst's bald hören. Die Christine . . . nun, Du erinnerst Dich – die Christine ist zwar jung, sauber, ist sogar jetzt noch sauberer, und ein tolles Weib geworden, aber . . . puhuh, das war ein Schlag und Strahl. komm, komm! jetzt hebt das grobe Wetter an!« Eben kam der Grödner auf sie zu, schob den Rosenkranz in den Sack, und redete den Seraphin an: »Geh' mit mir heim; mir ist nicht gut unter den bösen Mäulern im Wirthshaus. Ich weiß wo eine gute Flasche Wein steht; wir wollen sie miteinander ausstechen.« – »Gute Nacht also!« sagte Oswald hierauf. – »Wie, gehst Du 132 nicht mit zum Padron?« fragte Seraphin. Der andre versetzte, indem der Grödner seinen Mündel leislich zupfte: »Meine Leute geh'n früh schlafen, und ich will keine Unordnung anrichten. Wir kommen schon morgen wieder zusammen.« Ging, und ließ die beiden ihre Straße ziehen. »Ei, wir brauchen keinen dritten,« meinte der Grödner, sein Haus aufschließend. »Du bist's, der mich was angeht; der Holzer-Walt nicht ein bissel.« Der Krämer schlug Licht und ging dann in die Kammer, den Seraphin allein lassend. Mit Wehmuth und Vergnügen begrüßte der Letztere alle Gegenstände in der Stube, die ihm so wohlbekannt, so wohlbefreundet waren. Da stand noch der gute alte Tisch, an dem Egidi seine Milchnudeln gespeist; da hing noch an der alten Stelle das Handtuch, womit der Grödner den Ruß seiner Kuchelhexe vom Gesicht gewischt. Da klebte noch am selben Platz wie ehedem der Bauernkalender mit seinen Heiligen, seinen geheimnißvollen Zeichen, und dem ganzen ergötzlichen Bilderkram, der den Landmann an seine täglichen Verrichtungen erinnert. Da war noch der dunkle Schmollwinkel mit dem Spinnrade, wo die böse Grödnerin so manchen Faden in Gift und Galle abgerissen; dort der Stuhl, den die Geheimeräthin der Hausfrau, die Rosa Stampfer einzunehmen im Brauch hatte; hier die Bank am Ofen, worauf der Jäger-Liebl gefaulenzt; dort der Sims, von dem der Grödner die Elle nahm, seinen Pflegsohn gleichsam wider Willen durchzugerben. Das Kruzifix, zu welchem Seraphin oft die Hände erhoben, mit der Bitte, ihn vom Uebel zu erlösen; der Schemel, den er oft mit Thränen benetzt; das Schiebfenster im winzigen Erkervorsprung, aus dem er seinem Walt so oft zugewinkt . . . alles, alles war noch vorhanden, eine unverwüstliche Chronik der alten Zeit, die dem Knaben so schlimm gedünkt; die dem jungen Mann jetzt freundlicher dünkte, als die traurige Gegenwart. Er hatte keine 133 Langeweile, obschon der Grödner ziemlich lang ausblieb, bis er endlich mit Flasche und Gläsern wieder eintrat. »Die Frau ist in's Bett gegangen; wir wollen jetzt guten Muths seyn. Das Wetter, Gottlob, zieht vorüber, der Regen plätschert auf der Gasse; mich dünkt's hier recht fein; setz' Dich her Seraphin. Da, iß ein Stück Brod, gutes, ehrliches Vintschgerbrod; da, trink' Dein Glasl Wein. 's zwar ein welscher, aber nicht falsch, nicht ungerad. Ich bring' Dir's zu.« Seraphin gab sich zur Unterhaltung getreulich her, und weil zwei biedre Seelen da miteinander redeten, machte der Regen eine angenehme Musik dazu, und der Donner murmelte so anständig und freundlich, daß sie ihn nicht ungern als den dritten Mann im Gespräch zuließen. – Unter anderm sagte der Krämer: »Deine Mutter selig hat's nicht nöthig, daß wir auf ihre Gesundheit trinken; sie hat jetzt alles vollauf; 's geht ihr beim Herrn des Himmels und der Erde nichts ab. Aber auf Deinen Vater wollen wir trinken, der etwa noch irgendwo am Leben. Du, ich hab's Dir abzubitten, daß ich Dich für eines gnädigen Cavaliers Sohn gehalten. Nimm mir's nicht übel. Ich habe gefehlt. Weißt? Dein Taufschein, den ich mir aus dem Kirchenbuch ausschreiben ließ, ist fehlerhaft ausgefallen; der junge geistliche Herr, der's für den Pfarrer besorgte, hat vielleicht während der Arbeit an andre Dinge gedacht, und Dich geradezu um ein Jahr älter gemacht. Im Kirchenregister steht's aber, wie's seyn soll, mit Vater und Mutter, wie sich's gehört. Ich hab's – noch ist's nicht gar lange her, selbst gesehen und gelesen. Der Lenhard ist also gewiß Dein Vater, basta. Und wenn er noch lebt, so lassen wir ihn auch leben, den guten Mann!« – »Da trink ich mit Freuden;« entgegnete Seraphin mit freudigen Augen. Aber schnell verstimmt, hing er an den Trunk die Frage: »Wie soll ich's aber machen? Neapel so weit und ich so arm? Ich könnte freilich das Halsbatzl der 134 Mutter verkaufen, aber dann hätt' ich nichts mehr von ihr, als Papiere, die gar schnell dahinmodern, und wer weiß, ob der Verkauf des Kleinods nur hinreichte, mich nacher Neapel zu schaffen und wieder zurück?« – »Natürlich, und zuvörderst wirst Du mit dem Tawack sprechen müssen; Neapel ist groß; könntest Monate lang darinnen herumsuchen, und doch den Alten nicht finden.« – »Wohl, wohl; aber derselbige Tawack . . .?« – »Wart' nur, auf's Jahr im Mai kommt er nach seinem Haus in St. Maurize; da suchen wir ihn auf, und er wird Dir gern des Lenhard Adresse geben.« – »Wär' schon recht; aber Du liebe Frau! wo bin ich etwa im Maien? wo wird mein gutes Halsbatzl seyn? Werd's verkaufen müssen, um mir Brod anzuschaffen; denn ich bin so gut wie ausgeraubt und abgeraumt. In ein paar Tagen wird mir allgemach der Hunger aus den Fenstern schauen . . .« – »Basta, basta; nichts da, potz Schlapperment, was soll das heißen!« fuhr der Grödner auf, und packte Seraphins Hände, daß der junge Mann schier erschrack: »Untersteh' Dich! wär' mir nichts lieber. Untersteh' Dich, zu hungern, und Dein Kleinod zu verkaufen, wie man sein altes G'raffl weggibt. Nein, daraus wird einmal nichts. Basta. Da müßt' ich bitten. Weißt? ich hab' Dir a tempo vorschlagen wollen . . . mußt's aber annehmen, oder ich verzeih' Dir's nimmermehr: komm wieder zu mir in Dienst oder Condition, wie Du's heißen willst. Komm, so lang und groß und breit Du gewachsen bist. Ich brauch' jetzo nothwendig einen Helfer . . . denn schau: ich werde so zerstreut, gerade wie der Maurer-Wastl gewesen ist.« »Ei so!« lachte Seraphin, der sich auf die Possierlichkeiten des Wastl besann: »Denkt Ihr noch an den armen Kerl?« – »Ich glaub's, ich glaub's!« antwortete der Grödner hastig, rückte unstät auf der Bank, schielte bald rechts, bald links: »wie kommen wir aber nur auf den Wastl . .? wo bin ich denn geblieben? Siehst Du, daß 135 es wahr ist: das Gedächtniß laßt mich sitzen, aber wie! Darum brauche ich Einen, der für mich rechnet und im Laden steht, . . . und Du weißt noch deinen Platz von ehedem; he? Gibst Du mir die Hand? Gleich morgen kannst Du einstehen, he?« »Lieber, lieber Grödner mein! Ihr seyd halt ein rares Mandl!« rief Seraphin und fiel frohlockend dem Padrone um den Hals: »je, gewiß nehm' ich's an. Freilich wohl bin ich zufrieden. 's ist ein Glück für mich; ein Reichthum, im Sand gefunden. So werd' ich doch wieder eine Arbeit und ein Obdach haben! ein Daheim, ich armer angeschwärzter Bursche, dem alles treulos geworden ist.« »Basta, basta; also ist's fertig und ausgemacht,« unterbrach ihn der Grödner: »Dein Obdach wird Dir jetzt schon besser gefallen, als vor Zeiten. Ich hab' auf dem Estrich bauen lassen. Dein Kammerl ist – wie Du selber – auseinandergegangen, hat sich ausgewachsen; schaut jetzt her wie ein Schloßstübl, das will ich meinen; im ganzen Haus hat's nicht so viel Sonne, als dort oben. Und – oho – Dein Rothkröpfl kannst wieder hinaufhängen . . . der eisgraue Heiter wird's besser bei Dir haben, als bei den Holzerleuten, wo der Walt den Vogel eingethan hat.« Auf einmal wurde des Grödners Gesicht sehr lang. Er sagte nach einer Weile: »Ich hab' Dir den Walt nicht zu verbieten, aber in's Haus sollst Du ihn nicht zügeln . . . hörst Du? – Nun, er wird schon selber nicht darauf antragen.« »Was habt Ihr denn mit dem Walt? warum könnt Ihr ihn nicht leiden?« fragte Seraphin. – »Hat er Dir's noch nicht gesagt?« – »Nein.« – »Gewiß nicht?« – »Wenn ich's sage!« – »Ich glaub' Dir, und 's war recht von ihm. Ich sage Dir's ein andermal.« Jetzt fragte Seraphin: »Gewiß?« – »Ganz gewiß.« – »Ist's auch wahr?« – »Nun, wenn ich Dir's sage!« – 136 Der kleine Zwischenfall wurde somit bei Seite geschoben; aber nach ein paar Minuten fing Seraphin an: »Nehmt's nicht übel, Grödner: ich hab' auch mein kleines Bedenken. Wie sieht's mit Euerem Weib aus? wird sie nichts gegen mich einwenden?« – »Ach nein, ach nein, Seraphin. 's ist schon mit ihr ausgemacht.« Der Grödner fügte zögernd bei: »Es ist nicht so wie mit der Alten. Die Meinige ist freigebig, ja, sehr freigebig . . . . sie macht sich nichts aus dem Handel . . . er ist ganz meine Sache. Nun – weißt? Sie ist halt jung, für mich noch recht jung . . . . ich muß ihr schon 'was zu Gefallen thun . . . .« Der Grödner stellte sich an, als suche er etwas unterm Tisch, und da war's kein Wunder, daß er mit brandrothem Gesicht wieder zum Vorschein kam. Dem Seraphin ging eine dunkle Ahnung durch den Kopf. Er hatte, was man einen Merker nennt; aber seine Vorstellungen waren undeutlich. Indessen sammelte sich der Grödner, und fuhr fort: »Laß Du immerhin mein Weib gehen, wie sie mag. Weißt? die Weiberleut' haben Sekten, die eine so, die andre anders. Du bist vernünftig; also kein Ratschen, kein Herumtragen; 's kann nicht immer schön Wetter im Haus seyn . . . . nur nicht den Aufpasser machen, hörst Du?« »Oho, was denkt Ihr von mir?« – »Alles Gute, und darum wollen wir auch miteinander gut seyn und bleiben. Ich werde alt; Du wirst mich unterstützen. Ich geh' nicht mehr gern in's Wirthshaus; Du bist auch kein Freund davon. Lieber setzen wir uns Abends mit der Meinigen hin und karteln um einen Kreuzer; oder Du erzählst mir von Deinen Reisen und Begebenheiten, und die Winterzeit wird dergestalt vorbeigehen, daß es eine Freud' ist. 's bleibt also dabei, nicht wahr?« »Amen; gar gern!« erwiederte Seraphin, und hiemit war beiderseitig der Handel geschlossen. – »Da bin ich wieder angelangt, von wo ich ausging;« 137 sagte Seraphin am andern Tage zu sich selber. »Was mich während fünf Jahren erfreut und geschmerzt, käme mir vor, als wär' mir's gar nicht passirt, wenn nicht das bittre Andenken zurückgeblieben wäre. Besser, ich hätte als ein Murmentl die Zeit verschnarcht! Nun, der liebe Gott wird ja wissen, warum er's so gemacht hat. Sein Wille geschehe, und der Herr thue mir nur in einem Stücke den meinigen: Er gebe mir Ruhe und Frieden in's Herz, daß die Arbeit mich zerstreue, daß ich vergessen möge, was ich doch nicht mehr erreichen kann. Dann wird das stille Loos, im stillen Dorf, am stillen Grab der Mutter, mir ein leichtes Joch seyn!« Dieser Meinung war nun Oswald ganz und gar nicht. »Du bist ein besser Schicksal werth;« meinte er: »wer weiß, ob Du's nicht verdalkst, wenn Du als Ladenknecht beim Grödner einstehst? Ein dummer Streich für einen so viel gescheiten Buben; glaub' mir's. Und schau: was Du mir anthust! Ich kann nicht mehr ohne Dich leben . . . da, jetzt muß ich von Dir scheiden. Der gnädige Herr auf Fürstenberg hat mir eine einträgliche Arbeit in Chur verschafft. Ich gehe dahin, und hatte mir schon ausgerechnet, Dich mitzunehmen . . . wer weiß, welch ein Glück Dir dort blühte, Du mein Tschoggl!« – »Wie?« fragte Seraphin etwas beleidigt: »Solltest Du meinen Ernährer machen? sollte ich von dem Pfenning leben, den Du selbst nothwendig brauchst?« – »Hoi, nur nicht so harb und hantig, bitt' ich mir aus!« erwiederte Oswald derb: »bist wieder herrisch und vornehm? wer hat denn mir in Donauwörth so viel Gutes erwiesen, das ich nimmer werde vergelten können? Ist das ein Mensch! und ich meyn's gut mit ihm, will ihn von dem Ort entfernen, wo er nichts als Kreuz hat, er mag mitten hinein, oder gen Imst, oder nach dem Gardsee schauen! He, Du! ist denn nichts mehr abzuändern? hast Du dem Grödner Deine Seel' unwiderruflich verschrieben?« – 138 »Unwiderruflich. Du bist jedoch ein Limmel, daß Du den bravsten Mann auf Erden, meinen einzigen Gönner und Wohlthäter, hinstellst, als wär' er der böse Feind und machte Jagd auf arme Seelen!« – »Nun, nun,« ließ sich Oswald begütigend vernehmen: »hab's nicht so gar böse gemeint. Ein Spaß, weiter nichts. Aber – wenn schon der Grödner ein braver Mann – er zahlt, was er schuldig ist, gibt den Armen, geht fleißig Kirchen, hat's Nuster allweil in der Tasche – so ist er doch nicht – wie sag' ich gleich? so ist er doch nicht umsonst, nicht um nichts und wieder nichts brav. Er muß mit Dir 'was vorhaben, ich laß' mir's nicht nehmen; etwas Geheimes vorhaben, sonst . . . . aber Du schnarchst mich schon wieder an, und glaubst mir nicht . . .! Und dann . . . . und wenn Du noch sieriger herschautest, ich muß es doch heraussagen: und dann ist's ein viel zu großes Mirakel, daß er Dich, einen jungen, saubern Menschen in sein Haus nimmt, als daß nicht dahinter 'was stecken sollte.« »Und was denn, Du weiser König aus dem Morgenland? Du bist ja so klug geworden . .! treibst alle Dreizehne . .! wenn Du mit Gott Vater äßest, müßtest Du einen größern Löffel haben! was denn? 's wird wieder etwas herauskommen, wie dazumal, wo Du mir den Egidi verdächtig machen wolltest, und ist doch ein ehrlicher Mann gewesen, und sitzt wegen meiner im Raspelhaus! Ach, da gehen wieder alle meine Bresten auf! der arme Egidi, mein Vaterbruder!« Oswald traute sich lang nicht, zu antworten. Endlich aber mußte er's doch thun, und that es glimpflich: »Weißt, Seraphin, weißt, wir wollen nicht in Unfrieden gerathen. Mit dem Egidi hab' ich's zwar nicht getroffen, wie's scheint, . . . aber ein Schütz hat drei Schuß frei – wenn er sie gekauft hat – und wenn er um des Fürsten lederne Hosen schösse Um des Fürsten lederne Hosen schießen: Vor Zeiten gaben die bayerischen Fürsten zu den Freischießen in ihren Städten einen besondern Ehrenpreis, der immer in einer Lederhose – ein von dem Landvolk sehr begehrtes Kleidungsstück – bestand. . Drum ist's noch einmal 139 an mir. Ich will Dir nur sagen, daß der Grödner, der mit Hocheneckers Christine recht gut zu fahren vermeinte, es recht übel mit ihr errathen hat. War's ihr als eine Jungfer eine Freud', den Maurer-Wastl um seinen Verstand zu bringen, so möchte sie jetzo als Frau gern allen Mannsbildern den Kopf verdrehen. Derweilen ist sie selbst ein Narr: ein Kleidernarr, ein Spolzirnarr, ein Ratschnarr, ein Fensternarr. Mit dem Jungfernkranzl hat sie auch alle Arbeitsamkeit niedergelegt. In der Kirche stolziren, wie eine Docke, das Geldl für Tand und Dalkereien wegwerfen, bei allen Lustbarkeiten seyn, von früh bis spät am Fenster sitzen, und den jungen Burschen zunicken, und zwinkern und winken, als wollte sie sagen: Seht's nicht, daß ich eine junge Frau bin, die einen alten Tattl zum Mann hat, daß Gott erbarm? das ist, was die Christine jetzo treibt und thut, und warum des Grödners Haushalt vorwärts geht wie ein Krebs, wie ein Seiler. Der Grödner ist nicht dumm; er weiß schon, wo ihn der Schuh drückt, und weil er doch nun einmal zu schwach ist, Ordnung zu machen, ist er noch weiter in's Unglück gerathen. Nemlich: er eifert, wie ein Türk, und das nimmt ihm am Tag den Muth, in der Nacht die Ruh. Wirst ihn oft sehen können, wie er an allen Klumsen horcht, wie er auf den Zipfelzehen hin und wieder schleicht, in den Winkeln auf'm Anstand steht, und allen jungen Mandern schon von fern ein Gesicht macht, wie ein Löw. Ich selber, wie ich dastehe, hab' die Ehre, bei ihm auf der schwarzen Tafel zu stehen, weil mich sein Weib ein paarmal freundlich angelacht, und mir ist's doch nicht eingefallen, mit ihr zu sponsiren. Ich bin ja noch ein kleiner Bub' gewesen, als ich für den Maurerwastl das Staarl zur Christine trug, und seither ist sie ja auch, wie ich, alle Jahre um eins älter worden; weißt?« Seraphin schaute zwar auf dieses seinem vielverliebten Halbschwaben scharf in's Gewissen; aber der Walt 140 schien diesmal doch im Recht zu seyn, denn er schlug nicht die Augen nieder, verfärbte sich nicht, kratzte sich nicht am Rücken. So sprach denn auch Seraphin, des Freundes Unschuld anerkennend, mit einem ernsthaften Blick zum Himmel: »Es wird demnach alles schon hier auf Erden vergolten, und – merkst Du, Walt? – jedem Fehltritt folgt die Strafe bald.« »Wird schon seyn;« versetzte der andre: »die Veverl wird schon 'was gespürt haben. Warum hat auch der Grödner selbiges leichtes Weibsbild, die Christine, genommen?« »Ei, das hat er wohl thun müssen, nachdem er sich vor aller Welt mit ihr eingelassen; aber, daß er bei Lebzeit seiner Seligen dem Maurer-Wastl in's Revier ging, das war schwach, das war unrecht von ihm. Ich weiß wohl noch, wie mir's als einem Buben nicht wohl gefiel, wenn der Padrone auf dem Brunnenrand saß, und den armen Wastl tratzte, und zur Christine hinauf Augen machte, wie sie auf ihn herunter. Ich konnte dazumal nicht begreifen, warum mir das an dem Mann nicht fein vorkam; jetzt versteh' ich's besser. Untreu' bringt nicht Segen. – Ja, ja, werde nur roth, Walt, und kratze Dich; 's ist schon so, und wenn Du mit der Veverl noch zurecht kommen willst, so magst Du nur Reu' und Leid machen. Weißt Du? im Zillerthal, und Gott weiß wo noch, war's halt nicht richtig mit Deiner Beständigkeit. Merk' Dir das für Chur, mein lieber Bub', und, was ich Dich bitt', hänge Dich nur nicht an eine Calvinische; das wäre noch das Aergste vom Argen.« – Worauf Oswald mürrisch, weil getroffen und verlegen: »Du bist eine müde Hack', Seraphin. Passe nur Du auf, Du selber, daß Dir bei'm Grödner nichts zustoßt. Ich glaube, daß die Frau Dich nicht in Ruhe lassen wird, wenn gleich Dein Herz bis dato noch von der Martina angefüllt ist, wenn Du gleich in jedem Frauenschühlein Unsrer Frauen Schühlein: Frauenschuh. 141 ihr rares Füßl, in unsrer Frauen Aeuglein Unsrer Frauen Aeuglein: Vergißmeinnicht. ihre Augen siehst. Aber auch die Christine hat Augen, und welche! flankirt damit herum wie eine Mordbrennerin, und . . . . nun basta, wie der Grödner sagt. 's bleibt einmal dabei, daß er nicht umsonst sich untersteht, Dich in sein Haus zu nehmen, und nur dieses hab' ich Dir beweisen wollen.« – »Hast aber nichts bewiesen,« entgegnete Seraphin spöttisch: »und was die Grödnerin angeht, so laß Dir Zeit und mach' Dir um mich nicht Sorge. Ich trage zwei Amulete auf meiner Brust, die mich vor der Versuchung und der Sünde wohl beschützen werden: der Mutter Ehrenzeichen, und das Herzl der Martina.« – »Ein Herzl von Papier!« lachte Oswald: »das Konterfei von einem Herzen, das ein andrer hat?« – Seraphin schüttelte den Kopf. – Oswald fuhr fort: »Du Heiter, Du Nachtwandler am hellen Tag! Heb' nur selbiges Herzl auf! ein schönes Andenken! wenigstens dient es, stündlich Dich zu erinnern, daß die Weiber falsch und untreu und verlogen; und als Warnung mag das Papierschnitzl gut seyn.« – Seraphin ließ ihn reden, und wie immer, wenn er's so machte, schwieg auch heute Oswald bald von dem unangenehmen Kapitel. Sie gaben sich die Hände, getrösteten sich des Wiedersehens im Winter, und verließen sich, ein jeder unzufrieden mit der Trennung, und wünschend, daß es dem andern wohl gehen möchte. Indessen saß der Grödner daheim über Papier, Feder und Tinte, und Oswald würde recht zufrieden gelacht haben, wenn er hätte lesen können, was jener schrieb. Der Brief wäre Wasser auf seine Mühle gewesen; denn er lautete in aller Kürze: »Der geehrtesten Jungfer Prombergerin zu melden, daß unser Mann endlich hier angekommen, und ich nach Dero Vorschrift gesucht, ihn festzuhalten, was auch gelungen; zwar mit einiger Aufopferung von meiner Seite, denn Feuer und Stroh nebeneinander in einem Hause sind gefährliche Dinge; doch 142 alles, um der Jungfer insgeheim zu dienen, weil Sie doch nicht haben will, daß der Seraphin wisse, wie soviel Sie sich um ihn bekümmert. Wünsche, daß bald auf Ihrem Platze die Sachen sich ausgleichen, und der arme Tropf bei Ihrem Herrn Schwager wieder zu Gnaden aufgenommen werden möge. Erwarte baldigst Dero weitere Befehle.« – Schrieb's, der Grödner, trug die Depesche selbst zur Post, und holte wiederum selbst nach einigen Tagen die Antwort aus dem Kreuzwirthshause ab. Die Tante Lenerl sagte darinnen, daß noch nichts offen zu thun sey. Es habe abermals ein großer Verdruß die Familie betroffen, und den Meister Tammerl veranlaßt, eine weite Reise in's Bayern zu unternehmen, die wegen der Kriegsläufte gefährlich und wenigstens langwierig ausfallen könne. In des Meisters Abwesenheit könne übrigens, trotz aller Beweise für Seraphin's Unschuld, die Lenerl in Händen habe, zu Gunsten des jungen Mannes nichts geschehen, da seine Feindinnen noch nicht versöhnt schienen, wenn auch auf dem Wege dazu. Der Grödner möchte also um Gotteswillen die Ueberlast noch etwas ertragen, und gegen Seraphin verschwiegnen Mund beobachten, damit derselbe nicht durch irgend einen raschen Schritt selbst seiner Sache schade. – Der Grödner ergab sich in den Aufschub, denn er war mit allen seinen Schwächen ein herzguter Mann, und liebte den jungen Plaschur mehr, als irgend ein andres Mannsbild auf Erden. Natürlich konnte Seraphin nicht in seines Padrone Seele lesen und ahnte daher nicht im mindesten die Geheimnisse, womit sich der Grödner trug. Plaschur that seine Schuldigkeit schlichtweg, ließ sich nicht irre machen durch das lauernde Mißtrauen, das ihm die Dorfbewohner zu vermerken gaben; nicht abschrecken durch die vornehme Kälte der Honoratioren, die ihm einst so zugethan gewesen. Er benahm sich, als hätte er nur auf 143 ein paar Tage seinen Dienst verlassen gehabt. Alles war ihm noch frisch im Gedächtniß. Der Krämer konnte sich auf ihn verlassen, besser als auf seine rechte Hand, und benützte insgeheim die Zeit der Muße, die ihm durch den Adjunkt wurde, seine Eifersucht fleißiger und regelmäßiger Schildwacht stehen zu lassen. Seraphin, durch Oswald aufmerksam gemacht, gewahrte bald, daß vieles, was der Maler gesagt, seine Richtigkeit hatte: der Grödner stand nicht mehr so gut, wie ehemals; die Frau war eitel, putzsüchtig, müßiggängerisch. Sie ließ sich's nach einer Jugendzeit voll Müh und Noth, recht wohl seyn, und fragte nicht, ob's der Mann just so vermochte, wie sie's trieb. Dagegen war der Mann so schwach, ihr nicht die Wahrheit zu sagen, und sie in dem Glauben zu befestigen, daß sie einen Goldschacht auszubeuten habe, während es in der Wirklichkeit nur eine Kupfergrube war und täglich mehr sich minderte. Dazu half denn auch die einreißende Sorglosigkeit des Grödners selbst, der lediglich nur mit seiner Eifersucht, der leidigen Handelsgenossin, Geschäfte machte, und darüber Ladentisch und Ladenkassa versäumte, seine Rechnungen nicht mehr einhielt, auf den alten Kaiser hin borgte, Waaren verderben ließ, und Zug für Zug dem Ende seines Wohlstandes näher kam. Dem treuen Diener wurde bei solchen Aspekten das Herz verzagt. Dennoch war im Hause selbst noch sehr viel gut zu machen, wenn der Grödner es verstand. Christine war nicht böse, und wiewohl gefallsüchtig im hohen Grade, doch nicht untreu. Wie gewöhnlich, war die Hälfte von dem Geschwätz, das im Dorfe über sie ausging, nicht wahr. Seraphin, der einestheils ihr Thun und Lassen genau beobachtete, anderntheils sich überzeugte, wie apart sie von dem ruhelosen Grödner gehütet wurde, konnte nicht anders, als ihr das beste Zeugniß geben, und er that's so gerne! War er doch selbst 144 unter der Zahl der auf Erden Verkannten. Der Werth Christinens stieg in seinen Augen im Verhältniß zu der Verläumdung, womit man ihren Ruf gern zu bemakeln suchte. Nichtsdestoweniger wollte gerade zur nemlichen Zeit Christinens Werth, bis dahin im Kern unerschüttert, wankend werden, und der junge Beobachter – merkte gleich der Bescheidene in seiner Seelenreinheit nicht eine Spur davon – trug selbst die Schuld dieses Wankens im Geleise der Pflicht. Wie das Wohlgefallen an einem unverdorbenen jungen Mann, das Mitleid mit dessen standhaft getragner Trauer, wie der leicht erregte Wunsch, einem Verlassenen die Liebe zu ersetzen, die ihm treulos den Rücken gewiesen, ein weibliches Gemüth und weibliche Sinne umstricken, berücken, verhexen können, mußte leider die Grödnerin seit Seraphins Eintritt in ihr Haus empfinden, und an einem schönen Morgen wahrnehmen, daß ihr kaltes Herz warm geworden und ihre Gefallsucht ganz den Ton geändert. Das stolze Allegro, womit sie vordem alle Männer, die ihr gefielen, schon vornhinein versagend, aufgefordert, hatte sich in ein demüthiges Lied verwandelt, in ein Bettlerlied. Christinens unversehens aufgeschossene Liebe stand schüchtern, wie eine zu aller Demuth bereite Magd vor der Schwelle des Jünglings, den sie als Meister verehrte, und der Jüngling hörte nicht einmal ihr leises Klopfen, der Undankbare! Dennoch war er der stillen Freundin zugethan, denn sie sorgte für ihn und ging mit ihm um, wie eine ältere Schwester mit ihrem jüngern Bruder. An der Stelle, wo die erste Grödnerin den Knaben fast hinsterben ließ an Hunger und Fieber, wurde der Jüngling wohl gepflegt, gütig angesprochen und behandelt, als gehörte er zu der Familie. Das that allerdings sehr wohl, just in diesem Hause, wo der Knabe gelitten, unaussprechlich wohl. Schon darum hielt Seraphin große Stücke auf 145 Christine, und wünschte einzig, der Grödner möchte einmal einsehen, wie er's zu machen, um den Frieden und das Glück in's Haus einzuführen, und darinnen festzuhalten, wie einst der Kapuziner ein Gespenst im Sack fing, und Idelstein's Nepomuk den Teufel im freien Feld. Indessen verging aber die Zeit, und Seraphin's heimliche Sehnsucht, den Wachtmeister oder die liebsame Martina selbst aus Italien zurückkehren zu sehen, blieb getäuscht. Er fand sich einsamer, unbefriedigter, verdrossener als je. Da traf es sich – die Ungarn hatten just in Preßburg ihre Säbel einmal zur rechten Zeit gezogen, und ihr neues Evangelium: »Moriamur pro rege nostro Maria Theresia!« war schon, auf gut deutsch übersetzt, die Donau heraufgeschwommen und bis in's Herz der Alpen gedrungen, als eine wahre gute Botschaft – die Burgeiser machten einen Feiertag deßwegen und wiederholten im Wirthshaus den Ungarnspruch, bis ihnen die Augen übergingen, und der Grödner hatte willig oder nicht willig die Einladung des Anwalds zu einem kleinen Abendtrunk im Herrenstübl annehmen müssen, – da traf es sich, daß am spätern Nachmittag die Frau Christine und Seraphin Plaschur zu Hause saßen, und hatten Karten gespielt, und waren des Spiels überdrüssig geworden. So sagte die Grödnerin zu dem Ladendiener: »Weißt was, Seraphin? Erzähl' mir 'was von Deinen Reisen. Du kannst alles so fein vorbringen; ich hör' Dir so viel gern zu!« – Worauf der junge Mann: »Ich hab' der Frau schon nach der Schnur alles erzählt, weiß nichts neues mehr.« Worauf die Grödnerin: »Was gilt's, Du hast noch gar viel im Vorrath? Von einem Kapitel hast Du auch nicht ein Wörtl angegeben.« 146 Worauf der junge Mann: »Was für ein Kapitel meint die Frau?« »Ei nun, das von der Lieb' meine ich.« – »Davon kann ich einmal nichts derzählen. Meine Lieb' war in Imst, eine andre für mich nicht auf der Welt. So reist' ich ohne Lieb', wie ohne Roß. Und als ich heim kam, – siehe: war meine Lieb' indessen gestorben und begraben. – Die Frau weiß ja schon die Geschichte.« »Ja wohl, ja wohl, Du guter, armer Seraphin. Es muß recht traurig seyn, zu verlieren, was man von Herzen gern hat.« – »Nun, das versteht sich. Geb' Gott, daß die Frau es nicht einmal erfahren muß. Aber reden wir von 'was anderm.« »Meintwegen. Erzähl' mir denn von der Lieb' bei andern Leuten. Ihr Vogeltrager sollt – man hat mich so berichtet, weiß nicht, ist's wahr? – Ihr sollt hie und da in großen Städten gebraucht werden, um Briefl'n zu tragen und Bestellungen zu machen. Ist das wahr, und ist Dir nicht auch dergleichen passirt?« »Ja freilich ist's wahr; und mir selber ist schon ein paarmal solch ein kleines G'schaftl vorgekommen. Hab's meistens ausgeschlagen; ein einzigmal hab' ich's nicht abschlagen mögen. 's war so ein blutjunger und höflicher Herr . . . . die Gutheit hat ihm aus den Augen herausgeschaut. Es war in Amsterdam. Er hat mich auf der Prinzengracht – wie sie's dort heißen – angetroffen, flugs angeredet und zwar deutsch, den schönsten Vogel, den ich trug, mir abgehandelt um einen raschonigen Preis, und mir ein ansehnlich Präsent noch obendrein versprochen, wenn ich einer Jungfer, die er mir bezeichnen würde, einen Gruß und ein paar geschriebne Worte von ihm bringen wollte. Er hat so wehmüthig 147 gebeten; es war ihm so viel viel Ernst; ich war dazumal auch noch ein Bräutigam und hätte gern die ganze junge Welt miteinander copulirt gesehen, mich vornedran mit selbigem Madl, das die Frau weiß . . . . kurz, ich hab' Ja gesagt, und bin in das Haus der Jungfrau hineingegangen ohne Furcht und Herzklopfer. Wir Tiroler haben im Reich und in aller Herren Länder das Privilegi, gradaus gehen, und wie uns der Schnabel gewachsen, reden zu dürfen. Die fremden Leute nehmen's nicht übel. noch mehr: sie glauben nicht, daß wir ächte Tiroler sind, reden wir nicht brav grob und dutzen wir sie nicht, und geh'n wir nicht gradzu ohne anzuklopfen. Nun, ländlich sittlich. Ich geh' also zu der Jungfer hinein. Die Frau kann sich nicht vorstellen, wie schön und prachtvoll es dort aussah. Der Vater von selbiger Person ist ein großes Thier bei der indianischen Kompagnia gewesen; sie heißen's dort Bewindhebber. Aber wahrlich ist ihr Reichthum nicht Wind und Blendwerk. Die Fußböden waren vom rarsten Holz und farbig eingelegt, die Fenster von Spiegelglas, die Fürhangln von purer schwerer Seide, und was überhaupt an unserm Hausrath Holz und Tuch ist, das war in selbigem Haus von Gold und Messing und Sammet: Herz, was begehrst Du? Du kriegst's. Mein junger Herr hat seinerseits von all' den Wundersachen nichts begehrt, als sein Diendl, die freilich etwa das Schönste im Haus gewesen ist; so weiß und rein, so sauber und freundlich hat sie hergeschaut, und Geschmuck an ihr gehabt für viele tausend Gulden, sollt' ich meinen. – Ich hab' meinen Auftrag ausgerichtet und das Briefl übergeben, wie mir geschafft war, und in meinem Leben vergeß' ich die Freud' nicht, die das arme liebe Mauserl gezeigt hat. Sie hat das Briefl gebußt und mir die Hand gedrückt, – ja, ja, die Hand, warum schaut die Frau so finster her? da die 148 rechte Hand ist's gewesen; – hat in einem Schachterl herumgesucht, und mir alsdann einen großen Granatstein verehrt. Weiß die Frau? so groß, wie ihn oft bei uns zu Land die Schützen als Flintenstein aufsitzen haben. Nun: ist, wie ich glaub', die Verehrung nicht gar stattlich gewesen, so hat sie mir sie doch mit ihren weißen Handln gegeben; noch mehr: sie hat auf meine Bitt' den Stein auf meiner Mutter Halsbatzl geheftet, und ich hab' ihn also noch als ein Andenken. Gott geb's, daß die beiden Leutln zusammengekommen sind. Glücklich werden sie schon geworden seyn, und ich gönn's ihnen, wenn ich's auch selber nicht bin.« – »Ich hätt' Dir 'was bessres gegeben zum Postertrinkgeld, als den einfältigen Granat;« sagte die Grödnerin mit einem scharfen Blick. – »So? was denn?« fragte Seraphin. Die Grödnerin sagte schelmisch: »Los'; ich will Dir auch eine Geschichte erzählen. Es ist einmal eine Königin gewesen, die gar schön von Gesicht und Gestalt war, und keine Eltern mehr hatte. Sind die Herren von ihrem Hofstaat gekommen: der Pfleger und der Anwald und alle Dorfmeister, und haben ihr zugeredet, sie möchte doch heirathen, und sie wüßten einen raren Prinzen, der sie zur Ehe verlangte. Meintwegen, hat die Königin gesagt, und – wie's bei vornehmen Majestäten Schick und Brauch ist, hat's nicht lang angestanden, so ist ein Kurier gekommen, und hat der Königin das Bildniß von selbigem Prinzen gebracht, und gefragt, ob's was mit der Hochzeit werden sollt' oder nicht. Da hat die Königin sich nicht lang besonnen und zur Antwort gegeben: »Mit der Hochzeit ist's nichts, und ist doch wieder etwas; denn der Kurier gefallt mir besser als der Prinz, darum laß' ich den Prinzen bei Seiten, und heirathe den Kurier. Es ist auch also geschehen.« 149 »Gut für den Kurier;« lächelte Seraphin, da er eine Weile vergebens auf eine Fortsetzung der Geschichte gewartet hatte: »was kommt aber weiter?« – »Nichts, als daß die Leutln wohl recht fein mit einander gewesen und selig gestorben sind;« erwiederte die Grödnerin, und sah ihren Zuhörer abermals mit spitzigem Blick an. »Amen; aber was will denn die Frau eigentlich mit der Historie?« fragte Seraphin befremdet. – »Ich will damit nur sagen, daß mir, am Platz der holländischen Jungfer, der Briefbesteller lieber gewesen wäre, als der junge Herr. Weißt Du's nun?« – »Ich?« – »Du.« – »Die Frau sagt's im Spott.« – »Nein, 's ist mein Ernst.« – »Wo denkt die Frau hin? ein armer Vogeltrager und ein reicher junger Herr . . . .« – »Seraphin, Du Patscher: wer Augen im Kopf hat, wie Du, und so ein lieb's G'sichtl und Gemüth, der ist reicher als ein goldner Stadtherr.« Jetzt ging dem ehrlichen Seraphin ein Licht auf, und zur Fakel wurde es, da ihn die Grödnerin auf einmal bei der Hand erwischte, und ihm sagte: »Schau nicht so traurig her; ich kann nichts dafür; ich hab' Dich halt so viel gern!« Seraphin sprang in die Höhe; nicht allein aus Schrecken vor der Leidenschaft, die ihm so plötzlich ihre Maschera in's Gesicht warf, sondern im Schrecken vor sich selber, denn er wußte nicht wie ihm geschah, berührt von Christinens weicher Hand, angeblitzt von ihren ausdrucksvollen Augen. Die Gefahr ahnend, die gählings wie eine Schlange mit aufgesperrtem Rachen vor ihm in die Höhe stieg, verstand er sich nicht anders zu helfen, als indem er grob wurde, und zwar um so gröber, je weniger er sich selbst in dem verführerischen Handel zutraute. – »Wär' mir nichts lieber! da müßt' ich schon bitten!« stotterte er wild heraus, seine Schwäche in die 150 Löwenhaut vermummend: »ist die Frau bei Kopf? hat da einen Mann, den besten auf der Welt, und der Mann ist mein zweiter Vater, und Sie schämt sich nicht, und ich soll mich auch nicht schämen, und . . .? ich mag's gar nicht ansprechen! Steckt hinter Ihrer Gutheit denn der leidige Satanas? weiß Sie denn nicht, daß unser Herrgott da von der Mauer auf Ihre Praktiken herunterschaut? Wenn er schon von Holz ist, so müßt' er seine Augen verkehren, wenn ich mir einfallen lassen könnte . . . .! ich dank', Frau . . . ich dank' . . . aber bewahr' mich Gott vor der Sünde!« Aengstlich hatte ihm anfangs die Frau zugewinkt, daß er schweigen möchte! aber die Eitelkeit überwog bald bei ihr die Angst. Es schien ihr unerträglich, von dem jungen Mann verschmäht zu werden; darum entgegnete sie bissig, bei der ersten Pause, die er machte: »'s ist schon recht, 's ist schon gut. Ich bitt' Dich, keuscher Joseph, sey still. Das ist mir einmal in der Welt passirt; es soll mir eine Warnung seyn; ich werd' gewiß nimmermehr mein gutes Herz einem Ruechen von Mannsbild aufthun; gewiß nicht mehr.« – »Das wird grad recht seyn;« entbot ihr Seraphin, noch immer wild, weil feig, und auf sichern Rückzug denkend: »das kann Ihr schon eine Warnung seyn, . . . und wenn ich der keusche Joseph bin . . . nun, so ist's erst nicht so übel, und besser ist's, man laßt den Mantel im Stich, als die arme Seele . . . und . . . wo ist denn mein Hut . . .? ja, wo find' ich meinen Hut? Wir dürfen einmal nicht mehr beieinander seyn im Dunkeln und so ganz allein.« Der armer Schelm suchte seinen Hut vergebens, obgleich derselbe vor ihm auf der Bank lag, oder am Nagel hing. Es war dunkel zwar, doch nicht stockfinster, und Seraphins Auge gewöhnlich falkenhell. Dießmal 151 hatte ihm's indessen die Hexe angethan; er schoß umher, ein stürmischer Vogel im engen Käfich, und überall leider, in jedem Winkel sah er leuchtend aus der Dämmerung der Grödnerin verliebtes Gesicht, ihren runden Nacken, – kurz alles, was ihm an ihr auf einmal so unbändig wohl gefiel, daß er vor Angst außer sich kam. – Die Grödnerin ihrerseits sah auch nur ihre Schmach vor Augen; und weil die Dämmerung ihre Schamröthe verbarg, traute sie sich, ihren Verdruß recht herauszusagen: »Stell' Dich an, wie Du willst, wirst mich doch nicht glauben machen, daß Du ein Stück Holz seyst. Aber ich weiß schon: ich gefall' Dir nicht; kannst mich nicht gern haben: bin schon zu alt für Dich. Wär' ich ein Fratz von sechzehn Jahren, sollte mir die Schande nicht begegnet seyn!« Worauf Seraphin mit einem Eifer, der einen unbetheiligten Zuhörer in das ausgelassenste Gelächter versetzt haben würde: Ach mein, Plitschles-pletschles! das weiß die Frau besser; das sagt sie grad' nur mit Fleiß. Wär' Sie schiech wie die alte Grödnerin, so thät' ich mich vor ihr schrecken wie vor einem grauslichen Beißwurm, oder ich thät' ihr unter die Nase lachen . . . . aber eben weil Sie sauber ist, sollt' Sie einen ehrlichen Kerl nicht in Angst setzen, und ihm ein Aergerniß geben. Und es hilft doch nichts, gar nichts; ich lauf' eher davon. Ich wollte, Sie wäre so recht von Herzen schön, wie es von unsrer Landesfürstin heißt; ich wollte, Sie wäre die Schönste auf der Welt, daß ich recht beweisen könnte, wie so viel Ernst mir's ist mit dem, was ich sage. Und wär' die Frau unsre Königin selber, ich könnte halt' nicht anders; denn ich hab' nur einen Gott und eine Lieb', denen bin ich treu, und will mein Gewissen nicht beschweren. Heb' Sie das ihrige fein auf; es ist Ihr schier in die Schuhe gefallen, und geh' 152 die Frau in sich! – Ha, da find' ich mein Hütl. Nichts für ungut, Frau, und leb' Sie wohl. Ich hätte nicht gedacht, daß mich einmal die Lieb' aus diesem Hause werfen würde; aber so man lang lebt, so man alt wird, und täglich lernt man neues. B'hüt Gott die Frau!« – Seraphin schoß wie ein Pfeil aus der Stube, auf die Gasse. Die Grödnerin wollte ihm nachschreien: er war über alle Berge. – Ein Glück, daß der Krämer mit einem kleinen Stieber heimkam. So bemerkte er nicht die rothgeweinten Augen seines Weibes. – »Wo ist Seraphin?« fragte er. – »Ich weiß nicht,« lautete die kleinmüthige Antwort. – Der Grödner suchte seinen Diener auf dessen Kammer; alles still und leer. »Was gilt's, der Bub' thaut auf, und fensterlt irgendwo?« – »Ich weiß nicht,« hieß es wieder. – »Ich weiß aber, daß Du heute erschrecklich langweilig bist, Christine.« – »Es wird schon seyn.« Die Frau sagte dieses mit der Demuth eines bösen, aber empfindlich gewarnten Gewissens. Sie hatte es, nach Seraphins Wunsch, wieder aus dem Sande aufgefischt, und alsbald sich das Versprechen geleistet, zu ihrem Nutzen zu verwenden, was Seraphin in seiner Erbitterung ihr dick und dünne herausgesagt. »Das soll mir nicht noch einmal passiren!« gelobte sie sich im vollsten Ernst. »Der grobe kalte Schroll!« schimpfte die Eitelkeit. – »Und doch möcht' ich keinen andern!« setzte das bessre Gefühl hinzu. Seraphin kam am folgenden Tage nicht mehr zum Vorschein. Wohin er gekommen? niemand bis auf Einen wußte davon Bescheid zu geben, und der Eine war stumm wie das Grab. »Ist der Mensch fortgelaufen als ein Narr?« fragte der Grödner. – Christine schnaufte nicht ein Silbchen. Noch einige Tage 153 flossen hin, – keine Nachricht. Der Winter, der überraschend frühe und verheerend einbrach, beschäftigte bald alle Leute, und Seraphin wurde, wie es zum wenigsten schien, von ihnen vergessen. Von der Grödnerin ist mit Ehren zu melden, daß sie in der That des jungen Bußpredigers Ermahnungen sich zu Herzen nahm, aus lauter Verdruß ihren Mann zu lieben anfing, und daß sich dabei Handel, Acker, Haus und Wiege wohlbefanden. 154 Sechstes Kapitel. »Ach, Mutter mein, wie kalt, wie kalt! – »Es heult der Wind durch Berg und Wald.« – »Ach, Mutter mein, so weiß, so weiß! – »Das Land ist voll von Schnee und Eis.« – »Ach, Mutter mein, die Luft wie roth!« – »Der Winter macht den Sommer todt.« – Seraphin's Verschwinden aus des Grödners Hause und Burgeis hatte seinen ganz natürlichen Hergang gehabt. Wenn auch wunderliches dabei im Spiele – Wunderbares war nicht dabei. Die selige Mutter hatte ihrem Sohne von Kindesbeinen auf stets wiederholt, daß man jede Versuchung zum Bösen stracks von sich zu weisen, oder – besäße man dazu nicht die hinlängliche Kraft – vor dem Versucher die Flucht zu ergreifen habe. Seraphin hatte die mütterliche Lehre befolgt; der ihm bisher noch nie vorgekommene Sturm seiner Sinne, den der Grödnerin Händedruck angezettelt, hatte ihn gluthschnaubend festzuhalten versucht, jedoch zugleich ihn gewarnt. Glücklicher als viele, durchbrach der junge Mann die Netze, die ihn umfingen, und lief, und lief in Nacht und Nebel hinaus, bis er in Laatsch, einem Dorf an der Mündung des Münsterthals, wieder zu sich kam. – Dort lag er über Nacht in einer stillen Scheune und führte Krieg mit der falschen Schaam, die ihn unter den Pantoffel zu zwingen versuchte, indem sie ihn hohnneckte: »Da bist Du wieder ein Landgeher geworden, ein närrischer, lächerlicher Tropf, der süße Speise, 155 wonach ein Dutzend andre Bursche und reife Männer die Finger geleckt haben würden, von sich stößt, als hätte man ihm Jalappa und Mithridat vorgesetzt! Mit Dir mein Hans Dottl, ist nichts anzufangen. Raufst Dir die Haare aus, wenn Dich die Leute nicht mögen; bist unglücklich und zwider, wenn Sie Dir Hand und Herz entgegenstrecken. Du wirst nimmer eine bleibende Statt finden; denn wie Du's wünschest, kann's nirgends so grad auf den Stipfel seyn, und also gute Nacht; grab' Dich ein im Wald und werd' ein Einsiedl, mein Bub', bei klarem Wasser und rothen Hetschepetsch. G'segn's Dir Gott, an Dir ist Chrisam und Tauf' verloren.« Wenn gleich dieselbige innere rebellische Stimme schalt und höhnte, daß es ein Graus war, so ermahnte sie doch mitunter leislich, umzudrehen, der Grödnerin abzubitten, und zu naschen von der dulscha sposa , wie Egidi zu sagen pflegte; aber da war doch immer gleich der ehrenfeste Widerspruch bei der Hand, den das Gewissen that und Martina's Gedächtniß, und der rechtschaffenen Mutter tagtägliche Lektion. Und Seraphin schlug sich wacker auf die Seite der ehrlichern Freunde, und beschloß, in Gottesnamen weiter zu gehen, und nicht umzukehren. »Nein, nein!« redete er sich selber zu: »wenn der Dieb ein Geld sieht, stiehlt er's; wenn die Katz die Butter g'spürt, so schleckt sie; und, weiß Gott, was ich auf einmal vom Dieb und von der Katz' an mir habe. Ich hätt's nie geglaubt, daß mir so schlechte Kreaturen in der Haut steckten. Nein! weit vom Schuß und so weiter. Ich kann ja dabei nur gewinnen. Entweder verzeiht mir die Grödnerin meine Grobheit, und meine arme Seel' ist verdammt, oder sie thut's nicht; und hernach gnad' mir Gott! wie es einem zornige Weiber kochen, hab' ich schon versucht. Also fort; so weit mich 156 die Schuhe tragen, und mögen die Burgeiser sagen, was sie wollen!« Damit in's Reine gekommen, schlief er ein wenig. Als er mit dem kalten Morgenroth erwachte, nahm er den zweiten Punkt vor. Wohin sollte die Reise gehen? Ein paar Petitzl'n im Sack, ein karges G'wandl auf dem Leib, und kein Bündel oder Felleisen auf dem Rücken, – aus eignen Mitteln konnte er nicht weit kommen. Dessen ungeachtet spann sein bischen Fantasie, oder seine Liebe, oder der Teufel, – wer weiß, wer die Spindel gehalten? – in seinem Kopf ein lockendes Mährchen zusammen. Nemlich: er marschirte etschabwärts an denselbigen Gardsee, den er schon im Geiste gesehen, . . . in die kanonengespickte Festung hinein, und wurde dort Soldat, stand auf der Wacht vor dem Gefängniß seiner Martina und ihres alten Bosnickels; und eines Tags kam Martina heraus, fiel ihm um den Hals, sagte, sie könne es nicht mehr aushalten, und wolle mit ihm davonlaufen, und er besann sich nicht, und sie liefen . . . . nach Rom . . . . nach Jerusalem . . . . in's alte Paradies . . . . auf eine wilde Insel . . . . – »Dummheiten!« unterbrach Seraphin sich selber, als ob er der alte Idelstein gewesen wäre: »ist denn auf Erden ein Schlagbaum, worüber der Teufel nicht setzen kann? Von mir ganz zu schweigen – wäre aber Marzina nicht der Braten Nummer zwei, der dem bösen Feind in den Rachen fiele, wenn wir auf der wilden Insel säßen, sie, die Frau eines andern, und ich ein Verbrecher am sechsten Gebot? Basta mit dem unreinen Gedanken. Ich kann's der Grödnerin nicht vergeben, daß sie da in mir ein Kammerl aufgesperrt hat, das besser verschlossen geblieben wäre. – Nun bleibt mir aber nichts übrig, als dem Walt nachzulaufen. Und hab' ich nicht da zur rechten Hand den Weg nach Taufers und Münster? Dort liegt ja die Schweiz, und 157 Chur wird von einem geschwinden Fußgänger wohl noch zu erreichen seyn, und dort ist der Walt . . . wird der mich auslachen! was schadt's? und dort ist der gewisse Tawack, und der sagt mir vielleicht von meinem Vater, und wer weiß, wozu das alles gut ist?« – Wie gedacht und gesagt, so gethan. Seraphin kehrte dem Morgenroth den Rücken, und ging die von ihm bezeichnete Straße, nicht unähnlich einem Schübling, der, dem Ueberreiter entsprungen, den verschwiegnen Bergwald mit Hast zu erreichen strebt. In Taufers hat er gerastet, und, wie er meinte, für lange Zeit den letzten vaterländischen Wein gekostet, und bald darauf ist er in Münster gewesen, wo es schon brav graubündnerisch zuging in Rede und Sitte, wiewohl noch des Volkes Anhänglichkeit an den katholischen Glauben groß, wie bei den Nachbarn im Tirol. Dort war dem ehrlichen Flüchtling beschieden, das letzte Landsmanngesicht zu begrüßen: den Maurer-Wastl. Dieses Zusammentreffen hatte etwas Bedeutsames an sich. Vor der Grödnerin lief Seraphin staubaus; an ihr Opfer, den Wastl, rannte er. – In Burgeis hatte man sich gewöhnt, zu glauben, der Wastl sey im Kopf wieder ganz richtig geworden, weil er sich von den Menschen zurückgezogen, keine auffallenden Streiche mehr gemacht, der Christine nicht mehr nachgelaufen, und dem Sitz auf dem Brunnenrande Ade gesagt. Allerdings war er – wohl ihm! – ruhiger, aber nicht fleißiger, verschämter vor den Leuten, aber nicht gar geistesstark in seiner eignen Gesellschaft geworden. Statt, wie vordem, einem Weibe nachzulaufen, haßte und mied er nun das ganze Geschlecht, nicht selten mißhandelte er thätlich so Frauen als Dirnen, die ihm zu übler Stunde begegneten. Statt, wie vordem, seinen Tag sozusagen an einem Fleck, wie angenagelt, hinzubringen, lief er gewöhnlich auswärts 158 umher, krefelte am wilden Berge auf und ab, trieb Kräutersammlerei auf seine Manier, nämlich ohne Wissen und Vernunft, und kehrte häufig mit einer Kräutelweihe Kräutelweihe: scherzhaft: ein ungeheurer Blumenstrauß. (Am Mariä Himmelfahrtstage wurden in den deutschen katholischen Ländern allerlei Kräuter geweiht, die gegen die Verhexung der Viehställe gut seyn sollten.) von Schweizerhosen Schweizerhosen: eine auf den Vintschgerbergen häufig wachsende Glockenblume. und ähnlichem Geniste, von langwierigen Wanderungen heim, stolz, als trüge er die Hände voll mit Enzian und noch kostbareren Gewächsen. Just mit einer ähnlichen Ausbeute beladen, stand er auf einmal in der Mitte des Val Mustair vor dem eifrig berganschreitenden Seraphin. »Oho! wohinaus?« rief er den Flüchtling an. – »In die weite Welt,« antwortete dieser. – »Du:« warnte Maurer-Wastl mit bedenklich erhobnem Zeigefinger, als hätte er durchschaut, was sich mit Seraphin zugetragen: »Du, wenn Dich die Grödnerin derwischt!« – »Ei,« lachte der andere: »das macht mir keinen Kummer, wenn Du ihr nicht sagst, wo Du mir begegnet bist?« – So ernsthaft, als hätte er den theuersten Schwur abzulegen, versetzte Wastl: »Beileibe, stumm wie ein Fisch. Aber wohinaus denn?« – »Narr, über'n Berg; siehst Du? dort hinauf über Fuldera, über'n Ofen Ein Paß, durch welchen man aus Vintschgau in das bündnerische Inngebiet gelangt; Forno geheißen von den Schmelzöfen, die ehemals dort im Gang gewesen. .« – Wenn ich Du wäre, ich thät' nicht gehen.« – »Warum nicht, Wastl?« Wastl drehte den Kopf nach allen Seiten, wie ein Rab auf hohem Baume. »G'spürst Du das Windl?« fragte er wichtig. – »Ja, 's geht frisch über'n Berg herab; es herbstelt halt ein bissel.« – »Ich sag Dir: es wintert. Geh' nicht über'n Berg.« – »Ach, der Winter ist noch weit; was denkst Du denn?« – Wastl zeigte kopfschüttelnd gen Himmel: »Der Mond ist jetzo krank;« sagte er: »siehst Du auch die Schlafhauben auf 159 dem Pizz dort, und da und da drüben?« – »Was geh'n die mich an? Leb' wohl, Wastl.« – Wastl fing den Eiligen bei einem Zipfel seines Gewands. »Bleib' da, sag' ich Dir!« schrie er: »Siehst den zottigen Mann, der dort herüber schaut? Er lehnt sich aus dem Himmel herunter, hat Schnee und Eis im Maul; siehst Du den Winter nicht, den alten Brummler? Die über'n Berg gehen, sind des Todes. Glaub' mir doch, Seraphin.« – Der junge Wanderer stieß, da sich Wastl's Verrücktheit zu entwickeln begann, den Warner heftig von sich, und machte sich davon. Noch lange hörte er den Blödsinnigen lamentiren und in die leere Luft hinaus predigen, bis endlich der wachsende Raum zwischen Beiden des Narren Warnungsstimme verschlang. – In Fuldera lag Seraphin über Nacht im stockromanischen Lande. – Der Unterricht seines Onkels hatte bei ihm so viel gefruchtet, daß er recht gut verstehen konnte, was die schwatzenden Leute neben seiner Kammer miteinander plauderten. Sie theilten sich lauter üble Wetterbotschaften mit; der Eine wollte dieses, der Andre jenes beobachtet haben, diese, jene Prophezeihung gehört haben. Alle stimmten darin, daß wer da noch eine Wandrung in die Nachbarschaft vorhätte, gut thun würde, sie je eher je lieber abzumachen, indem am Himmel wunderbare Dinge vorgingen, und der Jahrszeit zum Trotz der rauhe Winter da seyn würde, ehe man sich dessen versähe. – Dem Vintschger fielen bald des Maurer-Wastl Worte ein. Mancher würde schon von diesen letztern bewegen worden seyn, wieder umzukehren, denn häufig spuckte auf dem Lande noch das Vorurtheil, daß der Narren Rath und Warnung höhern Ursprungs sey. Als nun Seraphin von so vielen Stimmen bestätigt hörte, was der Maurer-Wastl ihm angedroht, war er auf dem Punkte, 160 verzagt zu werden; aber da war schnell die falsche Schaam, in ein andres Mäntelchen vermummt, bei der Hecke, und malte dem Zagenden mit dickem Pinsel die Schande und den schadenfrohen Spott vor, den die Burgeiser ihm spendiren würden, wenn er so plötzlich wieder vom Himmel fiele, und seine Reise aus Furcht vor den Elementen aufgäbe; dergestalt, daß sein ganzer Stolz in Allarm gerieth, und er lieber mit sehenden Augen sich in einen feurigen Pfuhl begraben hätte, als daß er klugerweise der dringlichen Gefahr entronnen wäre. – »Was wissen die Romaun'schen?« fragte er sich, die Nase rümpfend, und entschlummerte mit leichtaufgebauten Hoffnungen für den nächsten Tag. Am Morgen desselben wunderte er sich selbst über die Veränderung des Wetters. Kein Luftzug mehr; das Firmament grau und wolkig thalabwärts über Valcava und Santa Maria hinaus; aufwärts schon dunkler über dem Alpendorf Cierf; schwarz wie Gewittergewölk über dem Buffalora, dem Höhepunkt des bedeutend hohen Passes am Ofen. Nicht ein Strahl der Sonne ließ sich in Osten sehen; zahlreiche Schwärme von Schneegänsen ruderten wie hinter Florgardinen mühsam durch die schweren Nebelmassen; aber lautlos war in den Lüften wie auf der Erde alles, was da stiebt und fliegt. – »Der Winter?« lachte Seraphin dreist zum Berg empor, obgleich ihm das Herz nicht allzuruhig unter der Jacke schlug: »Was für Sekten! Ein Donnerwetter mag kommen; das ist möglich, und naß können wir werden, aber ein Spiel mit Erfrieren und Ersticken, wie dazumal zwischen Mals und Burgeis, ist heut nicht zu befürchten; das ist einmal gewiß.« – Mit solcher Ueberzeugung trat er muthig vor's Haus. Seine Wirthin rief ihn an: »Bleib da, bleib da! es kommt ein Wirbelwind, es kommt ein dunkles Gähwetter!« – »Pah, pah!« antwortete er: »ist denn von hier der Weg so weit bis auf den Ofen? Von dannen 161 geht's dann meistens durch tiefe Waldung nach Zernetz am Inn – und dort – wahrlich! von hier keine Tagreise, die der Mühe werth – denk' ich zu übernachten, wenn das Wetter grob werden sollte.« – »Bist noch nicht dort, bist noch nicht dort, leichtsinniger Junge!« Seraphin kehrte sich ärgerlich von der zudringlichen Unglücksprophetin ab, und strebte vorwärts; doch war in ihm die Ahnung aufgeweckt worden, als gehe er einer schlimmen Wendung seines Schicksals oder gar einem bösen Ende seiner Tage entgegen. – Zu jener Zeit stand, ungefähr auf demselben Platze, wo heutzutage das Wirthshaus »alg forn« zu sehen, eine alte Schenke, die in noch frühern Jahren eine Eisenschmelze gewesen war. Eingesenkt in die Wellungen des Hochpasses, angelehnt an eine der baumlosen Anhöhen, die den Saumpfad beherrschten, bot sie eine kümmerliche Zuflucht vor dem schlechten Wetter, eine wenig erquickliche Herberge dem müden und durstigen Pilger. Die Säumer und Karrenführer, die aus den wilden Gründen von Zernetz heraufkamen, pflegten ihre Thiere dort zu tränken und mit einer Handvoll Heu zu füttern. Andres war für die Thiere nicht vorhanden und für die Herren selbst wenig mehr als ein Stück vom Alpenkäse, ein steinharter Roggenkuchen, und ein Trunk des kopfbrecherischen Bündnerweins. Die Schenke war nicht wohl beschaffen, Gäste über Nacht aufzunehmen. Die Herberge auf dem Jauffen war ein bequemer Pallast, gegen die demüthige Hütte auf dem Forno gehalten. – Zu jener Zeit auch hauste als Wirthshauseigenthümer oder als Beständer dort oben in der kahlen Wildniß ein Mann, den seine Abgeschiedenheit von der gebildeten Welt ziemlich ungesellig gemacht hatte. Ein Wittwer, ohne Kinder, von Knecht und Magd besorgt, die ihm an 162 Einsilbigkeit und einsiedlerischer Scheu nicht nachstanden, pflegte er nur mit dem Fasse engere Kameradschaft. Der Wein, in dessen Ermanglung der Branntwein – es kehrten nicht selten Tage des Mangels im Forno ein, wenn die Zufuhr von Lebensmitteln erschwert worden – war seine Lebensessenz, der Quell seines Lebensmuths, dann und wann auch seines Gesangs. Seine Arbeit? sie war bald gethan, denn die Magd besorgte die abenteuerliche Küche, der Knecht mähte das saure Heu im Grunde, die wohlriechenden Gräser auf den Höhen. Seine Unterhaltung? sie war sehr einfach. Am Fenster saß er, wenn die Sonne schien, und zählte die Bergamaskerschafe, die auf dem Buffalora, ihm gegenüber, weidend hin und herwandelten, oder wartete geduldig der Vorüberziehenden, die ein paar Blutzger Blutzger: kleine Graubündner Münze, deren 70 Stück auf einen Bündner Gulden = 48 Kreuzer Reichsmünze gehen. in seiner Hütte zurückließen. War's Aura scüra , auf deutsch finster Wetter, so ließ er in seinen vier Pfählen für sich allein die Sonne in der Weinflasche aufgehen, und schlürfte Strahl für Strahl derselben ein, bis in seinem Haupte Nacht wurde. Ein vergnügliches Leben, so einen und alle Tage hindurch, vom ersten Jänner bis zum letzten Dezember. Da saß er auch am Morgen, da es so finster und schwarz über das Joch herkam, wohl eingeriegelt in seinem Hause – die Vorsicht schadete nicht – vor seinem künstlichen Sonnenaufgang, und zählte zum Zeitvertreib die Sprünge des Zeigers auf der Schwarzwälderuhr, lugte durch die runden Scheiben des schmalen Fensters, und seufzte. Da waren nicht mehr die welschen Schafe zu schauen, die großen, rauhwolligen, und ihre Hirten nicht mehr, das braune Gesindel, das in der Hitze gleichsam nackt lief, und beim Winde in Felle kroch, und gleich Schafen selbst, die etwa zum Spaß auf zwei Beinen marschiren, das Asyl in der Schenke suchte. Der Herbst hatte die Heerden und ihre Regenten schon über 163 den Umbrail Umbrail: (romanisch) für Monte Braulio , der von Santa Maria ansteigt, seine Höhe auf dem Wormserjoch erreicht und gegen Worms ( Bormio ) in's Thal der Adda abfällt. in die Heimath zurückgejagt. Da kamen nicht Pferde, nicht Muli, nicht breitgestirntes Ochsengespann des Wegs, um das karge Mahl der Reise einzunehmen. Alles leer, alles öde. Im Hause selbst rührte sich nichts. Die Magd war zum Beistand der kreisenden Schwester nach Santa Maria geeilt; der Knecht mit einem lahmen Pferde zum Viehdoktor gen Zernetz geschickt worden; zugleich mit dem Auftrag, wo möglich einen Menschendoktor im Tausch heraufzubringen nach dem Forno, der so weit von Menschen und Feldern und menschlichen Sitten. – Alles öde, alles leer. – Doch siehe: es zuckt am Himmel, als ob ein Umhang gelüftet würde, eine zweifelhafte Helle auf, und stracks wird's lebendig wenigstens in der Luft. Sie klopfen oben ihre Federbetten aus, sie schütteln muthwillig ihre Baumwolle zur Erde. Es fliegt und stäubt und funkelt und tänzelt koboldartig der Schnee in leichten aber zahlreichen Flocken hernieder. Das ist nun kein seltnes Schauspiel auf dem Forno. Drum sagt auch der Wirth dazu nichts als ein gleichgültiges: »Nivel a neiv!« und trinkt sein Gläschen aus. – Nicht lang und aus weiter Ferne singen die Wälder, und je höher empor, je furchtbarer rast der Gesang in den Lüften und nach Osten stürmen unbändig und massiger die Schneeflocken. – Schon bedenklicher zuckt der Wirth die Achseln. »Tempest, Brentschina , tempest!« murmelt er, und rückt auf seinem Schemel hin und her. – Wieder nicht lange und ein Stoß geht durch's ganze Haus, vom First des Dachs bis in den Keller, von Wand 164 zu Wand, und der Himmel wird völlig schwarz vom weißen Schnee, und im Ring jagen sich Flocken auf Flocken, weithergetragne Blätter, leichterer Steine Menge, des fürchterlichsten Windes Spiel. – Der Wirth springt auf, setzt das Glas aus der Hand, er stottert ängstlich: »Turnikel! Suffel da Turnikel !« – Durch seine Seele geht etwas wie eine Sehnsucht nach Gebet. Wenn er nur eins geschwinde zusammenlesen könnte! Aber immer heftiger krachen die Balken des Hauses, die Schwersteine rodeln vom Dach; der lockre Schornstein überläßt dem Sturm seine Zinne. Auf dem Oberboden wird indessen geklopft, und wie auf einen bekannten Anruf macht sich der Wirth eiligst hinauf unter die Schindeln, wo seine Schlafkammer. – Der Aufruhr in den Lüften dauert fort; seine Wildheit steigert sich; Millionen von Schneeflocken sausen in jeder Minute zur Erde, brausen nach dem Val Mustair hinaus. In einiger Entfernung vom Forno hat die Wuth des Orkans einen Trupp von Jägern zerstreut, die von der Wormser Gränze herüberstreiften. Hie und da knallt eine Büchse, kaum hörbar, einen Nothschuß in die Luft. Das gejagte Wild entkommt den Verfolgern, weiß sich jedoch kaum vor dem tobenden Unwetter zu verbergen. Schon sind die betretenen Pfade nicht mehr zu erkennen; der im Schooß des Passes zusammengewehte Schnee deckt alles zu, füllt alles aus. Dort, im Graus dieses fürchterlichen Tages steckend, keuchend, strauchelnd, um und um geweht von grollender Windsbraut, ein Mensch! . . . . Was die Bewohner der Ebenen nicht glauben, sich nicht vorstellen können, das empfindet er in vollem Maße: die Beängstigung des Todes, ankämpfend gegen den Ungestüm der feindlichen Gewalten; die Verwirrung in den Sinnen, die da macht, daß er sogar die Richtung seines Wegs vergißt; die physische Blindheit, denn seine Augen vermögen nicht, sich 165 offen zu halten. »O Jesus Maria und Joseph!« seufzt er: »ich kann ja nicht weiter. Es schneien mir glühende Funken in's Gesicht; . . . . wo ist mein Hut . . .? ach, wo? hat mich Einer bei den Haaren und reißt mich im Kreise herum?« Bei diesen Worten fällt der Unglückliche neben einem großen Steinhaufen nieder, und zwar auf der glücklichen Seite, wo er geschirmt vor dem grellsten Zudrang des Sturms, der ihn um das Bewußtseyn gebracht haben würde. – Er kann wieder die Augen öffnen . . . . aber, was er ansieht, – die Steine, der Schnee, der ohne Rast auf ihn fällt und ihn zu verschütten beginnt, der Himmel – alles kömmt ihm wie von blutrothem Schimmer durchleuchtet vor. – Noch einen Blick zum Himmel, und dann die Augen wieder zugemacht. Wahrhaftig: die Flügel der Himmelsfenster sind breit aufgelehnt, und herausneigt sich der alte weiße zottige Wintergeist mit gräßlichen Blicken und von sich sprudelnd Schnee und Windstoß. Vor seinen geschlossenen Augen sieht der erschöpfte Wanderer das scheußliche Antlitz, die zornigen Augenbrauen des Wintergespensts; in seinen Ohren läutet es, wie mit Kirchenglocken, und in einem fernen Traumgebiete schaut er, wie zu Burgeis Alt und Jung zum Hochamt geht, alle mit rothen Fingern und veilchenblauen Nasen; wie der Hauch aus dem Munde der Gemeinde vor Frost aufwallt gleich Weihrauchwolken; wie dem Schullehrer die steifen Hände den Dienst bei der Orgel versagen, wie dem Pfarrer auf der Kanzel Eisstücke von den Lippen fallen statt der Worte, und die Predigt auf dem Boden der Kirche zusammenfriert und zu lesen ist, wie die Schrift auf einem Grabstein. Ein häßlicher Traum, trotz seiner Lächerlichkeit, denn er war ein trauriger Spaß des Todes, der über dem hinbrütenden Wanderer schwebte, und nach ihm aushäckelte, und in voreiliger Freude, daß er auf dem öden Buffalora einen Schmaus grade an 166 der Straße gefunden, ein Pröbchen seines dürren Witzes verschwendete. Aber die Hand von der Butten, schäbiger Schadenfroh! Der Mensch erwacht aus dem gefährlichen Halbschlaf, als hätte ihn eine warnende Eidexe überlaufen. Er verzieht die Nase, die sich von einem heißdunstigen scharfen Geruch belästigt fühlt. Er hört ein dumpfes Brummen an seiner Seite; sein Herz zuckt, seine Glieder streben in die Höhe; dem Sturm zum Trotz wirft er um die Ecke seines Steinhaufens einen Blick – – in zwei glühende Augen, auf ein mächtig aufgebaustes Fell, auf eine blutende Bärenpratze, auf eine andere, die nach ihm ausfährt. Der Trieb der Selbsterhaltung macht ihn dem Ungethüm fliehend den Rücken zuwenden; ach, die scharfe Tatze haut in seinen Rücken ein, streckt ihn zu Boden. Eine schwere Last purzelt über ihn her . . . . Als seine Lebensgeister sich sammeln, sitzt er, an die Steine gelehnt; zu seinen Füßen liegt der im Verscheiden strampelnde Bär, und vor ihm kniet ein jägerisch ausschauender Mann, der trotz seiner Otterfellmütze und der verschiedenen Tücher, womit er Kinn und Ohren verwahrt hatte, von Seraphin erkannt wurde, wie dieser gleich von ihm erkannt worden war. »Ach mein, bist Du's, Lex? hab' Dank, Du rar's Bürschl!« sagte Seraphin erfreut, wenn gleich matt vor Erschöpfung und Blutverlust; denn die Klaue des gebirgischen Bruno hatte ihm tüchtige Striemen gerissen, und dabei wär's nicht geblieben, wenn nicht der daherfliegende Lex die Gefahr eines Menschen wahrgenommen, und ein gutes Blei in den Bauch des Waldsohns gejagt hätte. – »Bestie!« höhnte der Jäger nun, dem schwerverendenden Ungethüm den Gurgelfang gebend: »bist doch mein, hast doch mein seyn müssen. Vor einer Stunde schoß ich Dir in die Pratze; 's war das Angeld; eine feine Caparra! Und Du, Seraphin, kannst mir heute eine Quittung ausfertigen. Heute hab' 167 ich meinen Vater aus Deiner Schuld herausgeschossen. Heut' war's der Mühe werth, und eine kleine Dank- und Gloria-Meß thät' gar nicht schaden.« Kurz nach dem Glücksschuß trug Lex, der Mann zur rechten Zeit, seinen Kameraden in die Schenke, deren Thüre er fast mit offener Gewalt erbrechen mußte, um sich Einlaß zu verschaffen; denn der Wirth hatte alles gut verriegelt, und nicht Lust, fremde Leute aufzunehmen. Die wilde Sylvesternatur des baumstarken Lex schaffte jedoch Rath. Er bedrohte den eigensüchtigen Bündner mit allen Schrecken der Selbsthülfe, nahm von der Zechstube ohne weiteres Besitz, bereitete dem Blessirten ein leidliches Lager auf der Ofenbank, setzte sich neben ihm fest, und kündigte dem, in seine Ecke und hinter seine Flasche zurückgedrängten Wirth an, daß er sie als Gäste zu halten habe, ihn und seinen Gefährten, bis wieder der Himmel blau und die Straße rein. Dieser Beschluß, unterstützt von der Autorität des scharfgeladenen Gewehrs, wurde denn auch vom Hausherrn respektirt, und ein genügendes Einverständniß stellte sich zwischen den Partheien her. Lex übte Pflichten und Wohlthaten des barmherzigen Samaritaners an seinem jungen Freunde, und hatte das Vergnügen, seine Bemühungen, noch bevor der Abend kam, mit Erfolg gekrönt zu sehen. Seraphin's Schmerzen ließen nach; er vermochte, sich mit Lex zu unterhalten, während draußen das Wetter, als wollte es gar nicht mehr enden, seinen Verlauf hatte. Der Wirth des Hauses horchte zwar mit gespitzten Ohren der Unterhaltung seiner Zwanggäste zu – seine Neugier war groß, aber desto geringer seine Kenntniß der Vintschgauer Sprache. Er verstand fast nichts von dem, was er hörte, und Lex, den er selber manchmal ansprach, fertigte ihn stets mit einem kurzen abweisenden Kraftwort ab. Dagegen vernahm Lex mit herzlichem Mitgefühl die 168 Begegnisse seines Geretteten, und erwiederte Vertrauen mir Vertrauen. Aber seine Begebenheiten waren die alltäglichsten von der Welt. Aus seinen jüngern Jahren hatte er nur die Abenteuer eines verwegnen Wildschützen, eines kühnen Schwärzers, eines lockern, allen Scheibenschießen nachlaufenden, vom Kranz und Schleckerbest lebenden Gesellen zu berichten. Seit einiger Zeit in den eigentlichen Dienst der Grafen Khuen getreten, war er geworden, wie früherhin sein Vater: lustig, wo ein blaues Räuchl aufging, oder dem Handwerk nachgehend im Berge, zum Theil auf Zügen, die ihn weit von Haus entfernten, und in Gesellschaft von handfesten Burschen, die sich wenig um einen Gränzstein kümmerten. Eine solche Verirrung in fremdes Revier eben hatte ihn auf den Forno verlockt, und ihm zur tüchtigsten Handlung seines Lebens die Veranlassung gegeben. Im Uebrigen war er von Gemüth nicht gerade böse, aber leidenschaftlich und gewalthätig, im Kopfe nicht gar hell, im Begreifen der Dinge, die außer seinem Handwerk lagen nicht sehr glücklich; ausgelassenen Bluts, das Ebenbild seines Alten, den er innigst liebte, und um dessentwillen er auch den Seraphin dankbar verehrte, trotz der grellen Verschiedenheit ihrer Naturen. Seraphin hatte, sozusagen, in des Jägers Armen, die Nacht ziemlich gut verschlafen und nichts gehört von den schmetternden Sturmstößen, die bis nach Mitternacht das Haus erschütterten, nicht das Gebrüll und ängstliche Schlagen der Thiere im Stall, der unter der Stube angebracht war, wie häufig in Graubünden der Fall, damit die Hausbewohner im kalten Lande von der Wärme der Stallung auch etwas genießen mögen. – Am späten Morgen erwachend, loste Seraphin mit seinem Ohre – der Wind heulte nicht mehr. Aber nur eine sehr zweifelhafte Hellung gab sich an den Fenstern kund. Lex saß mit verschränkten Armen und starrte nach den 169 Fenstern. Die Uhr über Seraphins Haupte schlug neun. – »Schon neun!« rief Seraphin, »und annoch so dunkel! Lex, Lex, wie sieht's aus?« »Schlecht,« antwortete der Jäger langsam: »der Wind in voriger Nacht hat Berge von Schnee um unsre Hütte aufgethürmt. Wir sind im Schnee begraben, und noch immer flockt es wie besessen vom Himmel nieder. Der Winter reitet heuer Kurier. Wir sitzen fest.« – »Liebe Frau! in dieser Spelunke? Eingeschneit? das fehlte noch! Mein Gott was fangen wir an?« – »Geduldig abwarten, oder uns aufhenken!« lachte Lex: »wollen wir darum würfeln?« – Indessen ging hinter dem Ofen die Fallthüre des Oberbodens auf. Die plumpen Füße des Wirths strampelten auf die spannenbreite Treppe herab, die in's Schlafgemach hinaufführte. Der Kopf mit dem jämmerlichsten Gesicht folgte den Beinen. Aus dem Vorhang, der diese Treppen in den Engadinerbauerhäusern maskirt, hervorschlüpfend, sagte er bestürzt: »Jetzt stehen wir frisch. Ein paar Wochen kann's dauern, bis sie von Zernetz oder Cierf den Weg bis zu uns brechen, und mit dem Brod und aller Leibesnahrung sieht's windig aus. Was machen wir nun, ihr fremden Männer?« – Ernsthaft versetzte Lex: »Zuvörderst essen wir, was im Hause vorräthig. Alsdann kommt die Reihe, aufgefressen zu werden, an's Vieh und Euch, Padrone. Somit wird's schon ausreichen, denk' ich.« Der Wirth, mit einem gewissen Seitenblick auf Lexens Flinte und Waldaxt, probirte ein Lächeln, und beeilte sich zu melden, daß genug des Weins vorhanden, und daß er der Meinung, ein geistvolles Frühstück könne auf den Schrecken nicht schaden. – Das Wort zur That machend, tischte er freigebig auf, bemüht, seine verdächtigen Gäste bei guter Laune zu erhalten. – Der Padrone ging mit dem besten Beispiel voran; 170 er aß und trank für Dreie. Lex that ihm redlich Bescheid, und collazte allerdings für Zweie, da Seraphin um seiner Wunden willen und wegen seines Verdrusses, sich in der Einöde gefangen zu sehen, keineswegs tapfer mithalten mochte. So wie nun der Wein das Herz, selbst in der ängstlichen Lage, stärkt und erfreut, so öffnet er es auch, und legt dessen Inhalt auf die Zunge der Zecher. Es ging nicht anders zu in der eingeschneiten Schenke auf dem Forno. Wirth und Gast wurden heimelich, zutraulich; sie näherten sich einander; noch immer vorsichtig zwar, und nicht ganz und gar aufrichtig; aber sie näherten sich doch. Die sprachliche Verständigung war langsam, weil beide Parteien im fremden Idiom nicht viel bewandert; daher begnügten sie sich manchmal, gerade nur oberflächlich zu errathen, was der Gegentheil vorbrachte; dollmetschten auch hin und her, oft geraume Zeit mit Hin- und Widerfragen vertändelnd; doch verging wenigstens damit die Zeit: ein großer Trost in so bedrängter Lage. – Die Neugierde des Republikaners und Einsiedlers ging zuerst auf Futter aus. Lex und Seraphin sahen sich bis auf's Blut examinirt. Den hundert Kreuz- und Querfragen antwortete nun Lex, beinebst auch im Namen des Freundes, wie ein Wildschütz zu antworten pflegt, verschwieg Namen und Wohnort, gab dafür andere an, und knetete ein Drittel Wahrheit und nicht mehr in den ganzen Teig. Der Wirth seinerseits glaubte, was er wollte, und dachte bei sich: »wartet, ich krieg' Euch dennoch in's rechte Geleis, ehe noch die Straße ausgeschöpft Den Weg ausschöpfen: den Weg vom Schnee befreien; Bahn brechen. worden.« Dennoch merkte er so viel, daß sein Leben und sein Eigenthum von den beiden Fremden nichts zu befürchten hatte. Lex gab sich so rücksichtslos für den leichten Gesellen, der er auch war; Seraphin hielt sich immer so bescheiden und ruhig. Der Bündner faßte Muth und Zuversicht, ließ sich von 171 Minute zu Minute den rothen Feuertrank besser schmecken und hatte bald einen niedlichen Affen herumzutragen . Auch Lex gab unversehens – wie Oswald zu sagen gewohnt war – seiner Natur einen Stoß, und zechte fleißig; doch blieb er immerdar mehr auf seiner Hut, als der andre, und benützte die Stimmung desselben, um Aufschluß über gewisse Dinge zu erhalten, die ihm schon in verwichner Nacht im Kopf herumgegangen waren. »Jetzt weißt Du alles von uns,« hob er rothwälschend zu dem Wirth an: »Laß uns nun auch wissen, welch einen Burschen wir vor uns haben.« – »Da bin ich,« erwiederte der Bündner, und breitete seine Arme aus, als wollte er Brust und Herz herzeigen. – Wie man die Hand umkehrt, war alsobald dem Lex seines Wirths zweimalige Sklaverei unter essigscharfen Eheweibern, seine freudenlose Wittwerschaft ohne Kindertrost und sein Valet, der Welt gegeben, kein Geheimniß mehr. – »Dergestalt,« sagte der Ofenwirth äußerst wehmüthig, und in den Augen rannen ihm Thränen des Weins: »dergestalt bin ich ganz allein, seit einigen Tagen sogar meiner nothwendigsten Dienstboten entbehrend, mein eigner Koch, Kellner, Viehbesorger, und« – setzte er mit dem Scherzlächeln des Poltrons hinzu – »muß mir tausendmal Glück wünschen, in diesen Unglückstagen mit eurer, meine werthen Herren, Gesellschaft begnadet worden zu seyn.« – Im Gefolg der langen Rede trank er viel. Lex fuhr mit spitzfindigen Blicken in seinem Verhör fort. »Ganz allein? keine Seele außer uns im Hause?« – »Viehseelen ausgenommen, keine;« antwortete der Wirth. – Worauf Lex, ihn spaßhaft bei der Nase nehmend: »Ihr seyd ein . . ., ein, . . . wie heißt's auf romaunsch? ein »Fuchs?« – »Fuchs? auf romaunsch? Wolff.« – »Ei nicht doch; einen Fuchs mein' ich, das Thier mit rothen Haaren und langem Besenschweif.« – »Nun: das heißt Wolff.« – »Heiliger Geist! Wirth, Ihr 172 habt ein dickes Fell. Wie heißt denn der »Wolf?« – »Nun: Fuchs!« – »Ei, das ist zum Teufelholen! Habt Ihr mich zum Narren?« – Die Sprechenden standen auf dem Punkt, in Händel zu gerathen. Hier konnte nun Seraphin, der bisher vor Lachen kaum zu reden fähig gewesen, in's Mittel treten und erklärte das Mißverständniß Fuchs, italienisch Volpe ; in's Romanische verstümmelt: Volff . Der Wolf dagegen heißt Luff. . Hierauf glätteten sich wieder die gerunzelten Stirnen, die geballten Fäuste wurden wieder zu freundlich gebotenen Händen, die Gläser klangen zum Brindisi. Die Eintracht stellte sich her, und der Wirth fand hinlänglichen Gleichmuth, um zu bemerken, daß es nöthig sey, ein Licht anzuzünden, da der heranwehende Schnee allgemach die Fenster verschüttete. – »Ein durchtriebener Kerl!« lachte Lex während seiner Abwesenheit und spekulirte als wie auf dem Anstand, um den Ofen herum. – »Mein, was willst Du denn von ihm?« fragte Seraphin. Worauf Liebl's Sohn: »Ich wette, daß der Buvaderatsch ein Weibsbild im Haus versteckt hält.« – »Nun, was geht's uns an, Lex?« – »Dich wohl nichts, Du betrübter Heiter, aber . . . . in diesem Schneegrabe wäre eine weibliche Gesellschaft für andere Leute ein gefundner Handel.« – Lex war äußerst verliebter Natur, wie sein Alter gewesen. – Dem Seraphin mißfiel die Aeußerung. Er legte sich auf seine Bank, und ließ den Freund treiben und spintisiren, was er wollte. Inzwischen kam der Wirth mit seiner Laterne zurück. Lex nahm ihn gleich wieder in's Gebet. »Gesteht,« sagte er: »daß Ihr eine Dirne im Hause beherbergt.« – Der Ofenwirth schaute ihn groß an. »Ja, ja, mein Freund;« spaßte der andre. »ich hab's gemerkt; halb Part, Kamerad!« – »Ihr seyd betrunken;« antwortete Jener, um ein gutes Theil nüchterner werdend. – »So? war ich 173 auch betrunken in verwichner Nacht, als ich, wachend bei meinem lieben Herzensbruder, dort oben klopfen hörte, und etwas, das da klang, wie eine Menschenstimme?« – »Bah, bah! das war ich selbst, in meiner Schlafkammer war ich; zu Nacht red' ich gern laut im Schlummer; eine üble Gewohnheit, Mann.« – »Bah, bah! sag' ich jetzt auch. Stellt euch nicht so unbefangen, Wirth. Weiß ich etwa nicht, daß Ihr dort auf dem Ofen, hinter jenen Vorhängen, die Nacht zugebracht, und hab' ich nicht deutlich vernommen, wie Ihr aufstandet, und durch die Thüre in den obern Stock hüpftet? Horch! klopft's nicht gerade jetzt, und am nämlichen Ort?« – » Narradads! « versetzte der Wirth unruhig, hupfte vom Stuhl auf, und eilte, so schnell als seine Füße es erlaubten, die schmale Treppe hinan. – Lex folgte ihm schlangengeschmeidig; aber die Fallthür flog grob über seinem Haupte in die Fugen. Er lauschte, strengte Ohren und Phantasie zugleich an. Nach geraumer Zeit vernahm er Stimmen; die des Wirths; dann eine viel schwächere, aber . . . »Gott verzeih' mir's!« sagte er zu sich selber: »ich glaub', ich hab' mich gewaltig betrogen. Wenn das eines Weibes Stimme, so ist's ein altes, altes Weib, das seine dürre Zunge rührt. Pfui, Lex! eine Mummedeya! pfui, pfui!« – So eben kam der Wirth wieder zum Vorschein. Sein Gesicht war ängstlich; seine Unruhe von der Art, daß er nun selber von freien Stücken dem neugierigen Gast mit Eröffnungen entgegenkam, die ihm Lex, nach dem, was er gehört, geschenkt haben würde und zwar mit Freuden. Was kümmerte ihn das Geschöpf im Oberstock, wenn es nicht ein junges blühendes Mädchen? »Ei, ei, sprach der Ofenwirth kopfschüttelnd: »er wird sterben, 's ist kein Zweifel, wenn nicht ein Doktor kommt, der auch vielleicht nichts nützt. Aber in diesem Wetter . . .! keine Möglichkeit, von Zernetz herauf zu 174 reiten, keine Möglichkeit; und bis der Weg gebrochen . . . mein Gott, wo wird dann der Kranke seyn? Anno Sechsundzwanzig lag ich an fünf Wochen im Schnee verschüttet, hatte nichts mehr zu beißen und das Haus voll Leute . . . . und der Mann hält vielleicht keine fünf Stunden mehr!« »Was fabelt ihr da? Wer? wer wird sterben? fragte Lex mißmuthig. – »Ach, der kranke Mann dort oben; ein Türk, im Vertrauen gesagt; das macht mir nicht wenig Kummer; 's wäre möglich, daß ihn der Teufel holte, und mir das Haus anzündete!« – »Desto besser; dann schmilzt der Schnee gewiß.« – »Narradads! was fang' ich mit einem Türken an, der sterben will? Weiß ich, was ich ihm vorbeten soll? Singen die Heiden Psalmen, oder was sonst?« – »Sagt mir nur, wie der Türk' zu Euch kam?« – »Vor ein paar Tagen; wie? zu Fuß; schon abgemergelt und im Fieber; mußte liegen bleiben; wollte, glaub' ich, nach Wien oder weiß Gott wohin! Lumpig, abgerissen; aber ich mein', er ist nicht ohne Blutzger. Türken tragen gern den Sack voll Diamanten und Karfunkel, habe ich gehört.« – »Das wird schon seyn;« warf Lex ein: »könnt Ihr türkisch plaudern, Freund?« – »Ach nein, ach nein; er spricht aber Latinisch, so recht vom Fleck weg. – »Ein frischer feiner Türke, der.« – »Bei'm Eid, ein echter Türk von Cospoli.« – »Ei was! so laßt ihn ausgeistern und beerbt den Türkenhund, wenn er 'was hinterläßt.« – Der Gastfreund verzog das Gesicht auf Vocksmanier, und erwiederte halblaut: »'s wär' nicht das schlechteste. Er hat eine Brieftasche, groß und voll; laß sie nicht aus den Händen. Jägersmann, was meint Ihr? Reinen Mund gehalten? 's setzt ein Trinkgeld von der Erbschaft; ein gutes. Sagt Euerm Freund, der dort schläft wie ein Ratz, von der Sache lieber nichts; he, guter Freund? Stirbt der Türk, und kämen dann die Leute, nachzufragen, 175 – was antworten wir?« – »Hm. daß nichts, gar nichts da gewesen, ehrlicher Padrone.« – »Recht so; und Ihr seyd Zeuge?« – »Das wollt Ihr ja; wofür sonst das Trinkgeld?« – »Ihr seyd ein Mann von Ehre, Jägersmann. Die Deutschen sind oft nicht so dumm, als wir meinen.« – »Tausend Dank, wackrer Romaunsch.« – Die Verbündeten tranken sich zu; der Wirth in der Hoffnung, wirklich mittelst eines geringen Lohns den überlästigen Zeugen abzufertigen; Lex in der Aussicht, jedenfalls den Habsüchtigen hinter's Licht zu führen. Entweder wollte er – je nach Umständen – ehrlich seyn und des Türken Verlassenschaft in der Gesetze Obhut stellen, oder sie doch dem Schweizer zur Hälfte wenigstens abjagen, war sie der Mühe werth. Nach dem Trunk fragte der Jäger: »Wenn er nun aber stirbt, wohin mit ihm, daß er uns nicht das Haus verpeste? Wir können ihn nicht ganz unterschlagen. Mein Freund würde dessen gewahr; Eure Dienstboten sind unterrichtet . . . . wir wissen, was mit seinem Erbe zu thun . . . aber was fangen wir mit ihm selber an?« – »Mit ihm? in jene Kiste!« – Der Wirth zeigte, durch die geöffnete Thüre hinausleuchtend, auf eine räucherige große Truhe im Winkel des schmalen Vorplatzes. – »Was ist in jener Kiste?« – »Salz.« – »Alle Wetter!« rief Lex erschrocken: »was fällt Euch ein? Der Leichnam in die Salzkiste?« – »Pah! hat doch Anno Sechsundzwanzig meine Mutter darin gelegen drei Monate lang – sie starb während der Verschneiung – wird doch der Türk sich nicht darüber aufhalten. So ist der Brauch bei uns in den Bergen zur Winterzeit. Im Frühjahr schaffen wir die Todten wohl auf den Kirchhof. Aber den Türken begraben wir auf dem Berge, wenn er sich nicht bekehren sollte.« – »Nun, nun: wir werden ihn nicht bekehren;« spaßte Lex, während ihn noch das Grausen vor der Salz- und Todtenkiste überlief: »wie aber, wenn er nicht stirbt?« – »Ei nun, antwortete der Wirth traurig: »so wär' uns halt eine schöne Hoffnung in's Wasser gefallen. Aber ich glaub' nicht, daß er den Tag überlebt. Schon redet er verwirrtes Zeug und lamentirt nach Weib und Kindern . . . vor allem nach einem Sohn, so viel ich ihn verstehe; denn er kauderwälscht viel deutsch und andres Zeug, das wahrscheinlich türkisch, in's Latinische hinein.« – »Hm, hm, armer Mammamuschi! wie kommt er doch zum Latinischen, Gevatter Wirth?« – »Das weiß ich nicht; aber was ich weiß, ist, daß wenn wir seinen Sohn da hätten, wir augenblicklich besser wissen würden, wie 's um seine Batzen steht.« – »O Bestia! wären wir nicht dann um alles geprellt? Doch . . . . sagtet Ihr nicht, daß er abredet wie in den letzten Zügen? Laßt mich zu ihm. Vielleicht nimmt er mich, im Sterben blind, wie der Erzvater gethan, für seinen geliebten Sohn? Es ist das wenigste, daß wir ihm einen Trost bereiten in der letzten Stunde. Geht voran. Immerhin werd' ich Euch sagen können, ob's Matthäi am letzten oder nicht. Ich bin schon oft dabei gewesen, und kein Geheimniß sey mehr zwischen Freunden!« – Von der Aufforderung hingerissen, führte der Wirth den Vertrauten über die Ofentreppe zu dem türkischen Kranken. Das Licht ließ er unten stehen. In die Kammer unter den Schindeln drang das Tagslicht frei und ungehindert. Seraphin schlief indessen fort; unruhig, ächzend, als wie in Thränen schluchzend. Vielleicht zeigten ihm die Träume dunkle Bilder, seine Martina im Sarge, den Sarg in finstrer Gruft neben einer düster flackernden Lampe . . . da weckte ihn ein heftiges Rütteln. Die Augen aufthuend, sah er den Traum fortgesetzt: das mattglimmende Licht im schwarzen Gemach, und an seiner Seite einen todtblassen Mann, in dessen Zügen er kaum das Antlitz seines Freundes Lex, des Bärentödters, wiederfand; der ihm winkte, heftig winkte, ohne ein Wort zu reden; der den 177 Schlaftrunknen auf die Beine stellte, fortriß mit Gewalt; der, ihn die verhüllte Stiege hinandrängend, auf sein ängstliches »was ist? was willst Du?« endlich nur erwiederte: »Um Gotteswillen, geschwind! Hinauf; in Gottesnamen mach' geschwind!« Ohne sich bewußt zu seyn, wie ihm geschah, machte Seraphin eine Art von Himmelfahrt aus der Finsterniß in das Licht; oben empfangen von dem Padrone des Forno, als von einem seltsamen Petrus. – Lex blieb zurück, horchte, lauschte mäuschenstill, und als er von oben – nach kurzer Frist – einen Doppellaut, ob nun des Schmerzens oder der Freude, vernommen, glitt er zum Boden nieder, fiel auf einen Stuhl, stützte beide Arme auf den Tisch, verbarg mit den Händen sein Gesicht, seine des Weinens ungewohnte, dennoch nasse Augen, und seufzte aus enger Brust: »Mein Gott und Heiland! ach, wie wunderbar sind Deine Wege! 's ist doch wahr, was die Priester lehren! Du bist überall und nicht das Haar unsers Hauptes entgeht Deiner Fürsicht!« – Nicht lange, und auch der ganz und gar ernüchterte Wirth fand sich mit allen Zeichen der Bestürzung und Verwunderung neben dem Jäger ein. »So sagt mir doch nur« . . . . stotterte er . . . . »erklärt mir doch in Gottesnamen!« Worauf Lex, tief erschüttert, wie er noch nie gewesen: »Ihr fragt mich noch, und wart dabei? Sein Sohn, sein Sohn! . . . .« – 178 Siebentes Kapitel. »Was Dir geheim ist, verrath es nicht; »Was Du gelitten, o klag es nicht; »Was Dir das Herz schwellt, o sag es nicht; »Freud' kommt aus Leiden, o zweifle nicht; »Gott ist Dir nah, o verzage nicht.« Hausspruch.     Strenge Herren regieren nicht lang. Davon konnte derjenige vorwitzige Winter, Anno Einundvierzig, zur Genüge erzählen. Ach, wie wurden ihm Haube und Pelz ausgeklopft. Ach, wie schien ihn noch die Spätherbstsonne durch und durch, daß er elender zusammenging als ein Butterballen an der Hundstagshitze! Der schadenfrohe Baumwollenkrämer hatte gar zu frühzeitig die Messe bezogen; sie wurde ihm schmählich verdorben. Nach acht bis zehn Tagen – wie war der ungeheure Schneevorrath geschmolzen! Vergebens hatte der wildschieche Eispandur alle Straßen verlegt, alle Verbindungen unterbrochen. Er mußte in den Bergen der vereinten Menschenkraft weichen; in der Ebene that es schon das Tagsgestirn allein: das Gestirn der muthigen Maria Theresia, die zur selben Zeit begann, mit siegreichen Adlern zu fliegen. Die Pässe wurden frei und es dauerte lange, bis der gedemüthigte Winter es wagte, sie auf's neue unbrauchbar zu machen. Durch's Pusterthal, über den Brenner, durch die Schlünde von Ampezzo, von den rauhen Pfaden des Monte Braulio ergossen sich noch einmal zahlreiche Wandererschaaren und eine Menge von Rossen und Maulthieren in das Land. Auch der Forno fand wieder seine Hin- und Hergänger, 179 und der erste derselben, der nach Taufers kam, erzählte schon von dem Türken Lenhard Plaschur aus Engadin, der, früher ein Lump, in Constantinopel als Kaffeewirth und Opiumkrämer guten Verdienst gehabt, auch in den Fundamenten seiner Backstube – jeder Bündner ist ein geborner Zuckerbäcker, wie die Leute glauben – einen Topf voll alten griechischen Kaisergelds gefunden. Mit diesem Schatz hab' er sich aufgemacht, um seine daheimgelassene Familie zu Ehren zu bringen aus dem Elend. Jedoch sich fürchtend vor der Landreise, die den Reichen nicht geheuer, sey er zu Schiff nach Smyrna gegangen, und von dort ebenfalls per via di mare nach Italien und zwar nach Genua. Die Alpen habe er sodann zwar erklettert und die Nähe seiner Familienheimath erreicht; aber nur, um, wie Moses, im Angesicht des gelobten Landes zu sterben. Und auf dem Forno sey ihm der Sohn begegnet, der einzige, der geliebte, geschickt von Gott, dem Alten das sterbende Herz zu erleichtern und die müden Augen zu schließen, sanft wie die Liebe es thut. Eine Freude für beide, weil denn doch des Vaters Loos unwiderruflich bestimmt gewesen. Der Sohn werde die geliebte Leiche in Burgeis begraben lassen, auf diese Weise die getrennten Gatten zum zweitenmale und auf ewig vereinen. Mit dem Gelde habe es seine Richtigkeit, und der Sohn trage mehrere tausend Gulden in Wiener Wechseln als Erbe davon. – Die Neuigkeit galoppirte athemlos, um ja nichts zu versäumen, die Galfa hernieder, setzte sich in Laatsch ab, erreichte in derselben Stunde Glurns und Mals, und als die Malser noch am nämlichen Tage die Geschichte brühheiß nach Burgeis verkaufen wollten, war sie dort schon etwas altes, seit zwei Stunden kursirend und in Aller Munde. Wiener Wechsel! welch ein Zauber in dem Wort. So viele ihrer seyn mochten, ein jeder war ein ächter Adelsbrief, dem Herzen Seraphin's huldreichst ertheilt von 180 Volkes Gnaden. Die ihn beargwohnt, hatten im Stillen fest auf ihn gehalten; die ihn bemakelt, waren leider schlecht unterrichtet gewesen; die ihn gelästert, hatten Scherz getrieben. Der ungetreue Knecht war plötzlich ein männliches Seitenstück zur heiligen Nothburga geworden; die arme selige Crescenz eine beneidenswerthe Mutter. Sogar der Vater Lenhard fing an, glimpflich wegzukommen: »Er hatte Unglück gehabt, der wackre Mann, hat alles wieder gut gemacht, und ist dem edeln Werk erlegen, nachdem er es vollbracht.« Diese Leichenrede wurde ihm bei der Begräbnißfeier, wobei sich Köpfe drängten, tausend an tausend. Sie vertranken ihren Todten mit Saus und Braus. Sie weinten sehr, und deuteten auf den in wahren tiefen Gram versunknen Sohn, und flüsterten unter einander: »Seht Ihr, wie seine Juppen bauscht? dort steckt die Brieftasche mit den Wiener Wechseln!« Willkommenere Leute, als diese Geldverehrer, diese Scheinfreunde, die den Mantel hängen, wie man just will, als diese bittersüßlächelnden Neider, die daheim unwillig das Maul zogen, während sie vor dem Volke Seraphin's Glück priesen, – viel willkommenere waren dem jungen Mann diejenigen, die ihm in der That stets treu geblieben waren: der Grödner und Oswald, welcher letztere sich von Chur in ziemlich übler Laune wieder eingefunden hatte, da alle seine Hoffnungen dort zu Wasser geworden. Sich bei dem Krämer wegen seines seltsamen Ausreißens zu entschuldigen, fiel dem Sohne Lenhards nicht schwer. Damals glaubten die Leute noch an plötzliche vom Himmel gekommene Eingebungen, an Fingerzeige des Schutzengels, an bedeutsame Träume, und einer solchen überirdischen Mahnung schrieb Seraphin, um seine stille Freundin Christine zu schonen, seine überraschende Entfernung zu, die ihn geradeaus in des seligen Vaters Arme geführt. Wer weiß auch, ob die Nothlüge nicht im Grunde eine sehr ernsthafte Wahrheit sagte? – Die verzeihliche Neugierde 181 seiner beiden Hauptfreunde befriedigte Seraphin eben auch leicht; denn die Männer waren bescheiden und wußten sehr wohl die Verschwiegenheit des Sohnes zu schätzen, womit er die Zusammenkunft mit Lenhard und dessen letzten Stunden umgab. War doch in den ungewöhnlichen Verhältnissen auf dem Forno der Sohn eigentlich der Beichtvater seines Erzeugers gewesen, und was dieser aus seinem verwundeten, reuigen, nach Hoffnung und Vergebung ringenden Herzen in das des Sohnes niedergelegt, war und blieb billig ein Geheimniß. – Am unschwierigsten wurde dem milden Seraphin, seines Seelenbruders Oswald Unzufriedenheit zu beschwichtigen. »Mach' keinen Mutsch Einen Mutsch machen: ein verdrießliches Gesicht machen; die Unterlippe hängen lassen. mehr!« sagte er treuherzig zu seinem Walt: »lache das falsche Schweizerglück aus, gib ihm einen Nasenspicker; denn fortan soll wahr seyn, was ich immerdar gewünscht: wir wollen nicht mehr von einander gehen. Was mein, ist Dein, bis Du auf eignen Füßen stehen kannst. Wir sind lang genug in der Welt auf- und abgezogen. Eine feste Heimath wird uns wohl thun, und eine solche wollen wir aufzusuchen gehen. Zuvörderst ruft mich meine Schuldigkeit zu meinem wackern Meister Tammerl. Der Grödner sagt mir, daß meine Aspekten dort ziemlich gut stehen. Anich hat als braver Bursch gehandelt, und der Gouverneur von Surinam als ein Ehrenmann. Wäre jedoch, was er zu meinen Gunsten den gefräßigen Kanzleien abgepreßt, nicht hinreichend gewesen, Tammerls Verlust zu decken, so muß ich jetzo, da ich's kann, drauflegen, was da fehlt. Das ist meine erste Sorge, nachdem ich des lieben Vaters kleine Schulden im Land abgetragen habe. Begleite mich; 's ist Winter, Dein Handwerk feiert, und Deine Anwesenheit bei mir wird mir noch einmal so lieb kommen, als sonst, weil zu Imst manch' schwarzer Kummer mich erwartet. Ach, Walt! ich hab' halt immer noch selbiges Madl, die Martina, nicht vergessen!« – »Wenn's mir doch gerade so mit selbiger Veverl geht?« brummte Walt entgegen: »'s ist keine Red'; ich geh' mit Dir, wär's 182 an das End' der Welt. Mir kommt's auch auf einen Umweg und Abstecher nicht an. Bin ich doch von Augsburg über München nach der Scharnitz gegangen! Das ist mir alleins. Aber . . . . wenn ich halt die gewisse Veverl wieder sehen sollte . . . . ich steh' nicht für mich gut; daß Du's weißt! Entweder werd' ich mit ihr schiech seyn zum Erschrecken, . . . . oder aus mir wird noch einmal ein Haspel, ein Gispel, ein Patscher.« – »Sey ruhig, Walt. Steht mir nicht ebenfalls bevor, meine falsche Martina wiederzusehen? und zwar neben dem Sprenger, wenn sie ihn etwa schon freigelassen haben? Daß Gott erbarm! ich wüßte kein Messer, das schärfer durch's Herz geht. Aber – Schuldigkeit ist Schuldigkeit. Ich muß den Meister sehen, ich muß ihn heimsuchen, es gehe wie ihm wolle. Also, Walt, bleibt's dabei?« – »Nun, das versteht sich doch;« brummte wieder der Kamerad: »aber 's wird hart seyn, wenn mir die Veverl als Jungfer begegnet, und noch härter, wenn sie schon einen Mann hat, wie's leicht seyn kann.« Der Grödner, der schon vor ein paar Tagen eine Depesche nach Imst gesandt, welche die riesenmäßigsten und fabelhaftesten Schriftzüge, die er je zu Papier gebracht, aufzuweisen hatte, schnaufte kein Wörtl zu den Projekten des Seraphin; im allgemeinen dessen Vorhaben, einen Theil seines unverhofften Erbes bei Tammerl im Vogelhandel zu verwerthen, seinen Beifall gebend. »Das wird Schwung kriegen!« sagte er; »und von Dir ist's recht, den Tammerl in Ehren zu halten, wenn er Dir auch mit der Tochter nicht das Wort hielt. Denn es ist der Menschen Urtheil irrig, und unsre Augen sind lebendiger für 's Böse, als für 's Gute. Wer hätte noch vor einem Monat gedacht, daß ich mit der Meinigen ganz ein Herz und eine Seele werden würde? Doch ist's so, und zusehends gedeiht mein Hauswesen. Darum alles mit Gott. Basta, sag' ich.« – Der Auszug Seraphin's aus dem Dorfe Burgeis war 183 frohmüthiger, als sein Einzug im Gefolge der Leiche seines Vaters. Ohne daß er wußte, wie es zuging und warum, war seine Brust jetzo so frei, so hoffnungsvoll, als sie ihn schwer gedrückt, da er zum Forno anstieg. – Der Grödner, der Pfarrer, der Anwald gaben den Freunden das Geleit bis Nauders. – Und überall auf ihrem fernern Wege war bereits die Wendung, die Seraphin's Geschick genommen, bekannt, und in Landeck begegneten ihnen sogar Leute, die zu der Landschützenschaar unter'm Jäger-Liebl gehört hatten, und die nun freundlich oder respektvoll demjenigen zuwinkten, den sie unlängst aus ihrer Mitte gestoßen, weil sie ihn für einen Schelm gehalten. – Es war wieder um die nämliche Stunde, da vor manchen Jahren der Knabe Seraphin den Markt Imst zum erstenmale betreten, als sie den Ort erreichten, die beiden Freunde. Ihr Wägelein wurde beim » Kitz « eingestellt, und nicht einen Augenblick wollte Seraphin versäumen. Alsobald ging er, Tammerls Haus aufzusuchen. Walt ging mit; an der Hausthüre sagte er jedoch: »Weißt? dort oben wird vielerlei geredet werden, wobei ein Dritter vom Uebel wäre. Besser, ich erwarte Dich hier. Da steht eine Bank, die Sonne scheint wie um Peterlangetz, das Pfeifl hab' ich im Sack, ich werde keine Langeweile haben. Mach' Du beinebst fein geschwind, rehr' nicht viel bei'm Wiedersehen und laß' Dich brav um Verzeihung bitten. Die Leute haben's an Dir verdient.« – Seraphin stieg die Treppe hinan. Oswald that, wie er gesagt. Er stopfte seine Pfeife, lehnte das Haupt bequem an, streckte die Füße von sich, verschränkte die Arme und dampfte wohlgemuth in den blauen Tag hinein. Seine halbgeschlossenen Augen schielten indessen, sobald ein Stöcklschuh über die Gasse klapperte, rechts und links, und unbeweglich dachte er nur einen und denselben Gedanken: »Ich bin doch neugierig, ob mir 184 das falsche Madl denn gar nicht zu Gesicht kommen wird?« – Die Zeit verstrich; Männer und Weiber gingen an dem Maler vorüber, aber keine Spur von der Veverl. – »'s ist am End' doch erlogen gewesen, daß der Idelstein sie nicht genommen!« sagte Walt in sich hinein: »wenn sie nicht auswärts wäre, im Pusterthal oder Gott weiß wo? wie ging' es zu, daß heut, in dem bildsaubern Sonnenschein, das Quecksilber nicht über die Straße tanzt? Ich hätte schier Lust, am rothen Adler vorbeizugehen, und in's Fenster zu schauen.« – Noch unentschlossen zuckte er doch schon mit dem rechten Fuß, um sich vom Sitz zu erheben, . . . da hört er einen bekannten Laut, ein Kichern, ein helles Lachen. »Hoi, da ist sie!« sagt er und dreht den Kopf nur ein wenig, und sieht die Genovefa wahrhaftig in Lebensgröße, rund, wie ehedem, fröhlich und patzig, wie sonst, ohne Weiberhaube mit blanken Zöpfen, und in denselben nicht ein graues Härchen, der Sorge Lieblingszwiebelgewächs. »Schau, schau!« murmelt er: »glatt wie ein Aal, feist zum anbeißen! ein Teufelsmadl, das!« Sie kam recht g'schnappig daher, einen Korb am Arm, ratschte mit einer Nachbarin, hielt einen kurzen Landtag vor der Thüre der letztern, trippelte nach ihrer Weise ungeduldig mit den Füßen, ging dann ihres Wegs weiter, hatte den Maler nicht einmal bemerkt. Obschon Oswald sein abschreckendes Gesicht vorgenommen, um ihr recht empfindlich, wenn auch stumm, den Hohn und die Verachtung ihres ehemaligen Bräutigams spüren zu lassen, – so nahm er's etwas übel auf, daß sie ihn nicht beachtet. »Kann seyn, daß sie wiederkommt!« dachte, wünschte er alsdann. Richtig. Oben bei Tammerl wurde eben von verschiedenen Stimmen etwas laut geredet; – Oswald hatte nicht Muße, darauf zu horchen – als Genovefa wieder die Gasse herantänzelte. Neugieriger als Oswald, 185 – denn jedes Geplauder gehörte in ihren Sprengel – warf des Adlerwirths Tochter ihren Blick auf Tammerls Fenster; sie lauschte ein wenig, den Schritt hemmend, und natürlich dauerte es nicht lang, so fiel ihr Aug' auf das verlegen-spöttisch-trotzig-sirige Antlitz neben der Hausthüre. Sie fuhr zusammen, sie öffnete den Mund, erstickte jedoch klüglich den Schrei der Verwunderung! indessen aber schlugen helle Flammen aus ihrem Gesicht. Sie zu verbergen, suchte sie in ihrem Korb nach dem Schnupftüchl, fand es nicht, weil es nicht darinnen, statt dessen verlor sie die Semmeln, die sie geholt, aus dem Unglückskorbe, und das Gebäck hüpfte weit in die Runde auf den Steinen umher. Sie bückte sich, zum Tode beschämt, und das Schürzenbandl riß; sie kniete, um die gefallne Schürze und eins der Brode zu erwischen; zum größern Jammer sprang ihr die Schnalle vom rechten Schuh. – Und immer höher lächelte des Malers Koboldgesicht, und der ungeschliffene Mensch rührte sich nicht aus seiner bequemen Stellung. Kein Mensch war gerade um die Wege, einen verzwickten Gassenbuben ausgenommen, der zwar lächelnd eine Semmel aufhob, sich aber damit diebisch durchmachte. »O Du liebe Frau!« seufzte mit Thränen des Zorns in den Augen die unaussprechlich gedemüthigte Veverl, ließ Korb und Semmeln liegen, wo es ihnen beliebte, nahm in die eine Hand die ungetreue Schürze, in die andre den meineidigen Schuh, schimpfte auf den boshaftträgen Oswald hinüber: »Thut ihm das wohl oder nicht, dem znichten Maulaffen, dem schiechen, dem garstigen?« und verließ stolpernd und hinkend, weil ein Fuß auf hohem Stöckl und der andre im Strumpf, den unseligen Wahlplatz. – Nun stand Oswald auf, sammelte das Brod in den Korb und ging der Fliehenden nach. Sie sah ihn folgen, lief um so geschwinder, sprang hexenflink in ihr 186 Haus, warf die Thüre hinter sich zu. Doch war das Fenster geöffnet, und durch dasselbe in Veverls Arbeitsstube schleuderte mit dorfmäßiger Galanterie der Maler seine Bürde. Gleichsam als Antwort auf die Gabe, flog die zerbrochene Schnalle von Veverls Schuh auf die Straße. Oswald hob sie auf, betrachtete sie, steckte sie in's Brusttuch, und kehrte, nach einem scharfen Blick in's Fenster, wieder um. – »Schau! er hat sie eingesteckt!« lispelte hastig die hinter'm rothen Vorhang Lauschende: »das ist doch gar aus! der Ruech ist doch etwa nicht so z'nicht, wie er herschaut?« Es war ein Mirakel von Schnelligkeit, wie Genovefa in ihre Pantoffeln fuhr, und auf einmal wieder vor Tammerls Haus erschien, wo Oswald wiederum saß, wie früher. Veverl suchte in der Runde auf dem Boden; sie kam in Oswald's Nähe. »'s fehlt mir eine Semmel;« sagte sie unbefangen, aber nur mit halb aufgeschlagnem Blick. – »Sie hat dem Buben gut geschmeckt;« antwortete phlegmatisch der Maler. – »Ah? . . . . ich muß mich . . . . bei Ihm . . . . bei Dir schön bedanken?« murmelte das Mädchen.– »Es hat seyn können;« brummte Oswald. – »B'hüt Dich also Gott!« Veverl sah ihn von der Seite halb zärtlich an. – »Laß Dir Zeit,« erwiderte Oswald und lächelte. – Sie ging davon, langsam, Schritt vor Schritt. Er schaute ihr nach, zuerst wenig, dann länger, dann in einem fort. Sie drehte den Kopf hin und her, um sich von seiner Aufmerksamkeit zu überzeugen. An der Ecke nickte sie ihm zu. Er gab den Gruß zurück. Dennoch hatte der Bösewicht eine Minute darnach die Stirn, seinem Freund, der herunter kam, zu sagen: »Hätt'st dabei seyn sollen! hab' ich die Veverl traktirt! Ja, so 'ne Schand' und Spott hat sie noch gar nicht ausgestanden! Ja, ich kann's, wenn mich eine beleidigt, Sapperment!« 187 – Seraphin, der sehr heiter aussah, ging nicht auf des Freundes Prahlereien ein. »Alles ist gut und glücklich abgelaufen! sagte er fröhlich: »Ja, Walt, meine Ehrlichkeit ist sonnenklar, Gott sey Dank. Der Meister, sein Weib haben mich mit vielen Zähren um Verzeihung gebeten; sogar die Nahndel war nicht gar zu bös. Und stell' Dir vor . . . . wen hab' ich gefunden? Ja, das ist ein Tag voll Glück und Stern! Der Egidi ist da . . . .! Der Gouverneur hat ihn aus dem Raspelhaus gebeten; da ist er, frei und gesund, wenn auch müd und mager, und rehrt wie ein Narr, kann sich gar nicht fassen. Sie haben ihn droben behalten müssen; er wär vor Weinen über die Stiege gefallen . . . . weißt? sein Unglück, und daß er mich wieder hat, und die Nachricht vom Vater . . . . weißt? es ist ihm nicht zu verargen. Er hat ein schönes Stück Geld mitgebracht, das mir der gnädige Herr noch extra zu all' seinen Gutthaten verehrt hat. Walt! ich werd' bald seyn, wie der reiche Mann im Evangelium!« – »Brav, brav, drum laß uns gehen, des Holländers Gesundheit zu trinken. Mir klebt die Zunge im Munde fest . . . . es beißt mich in allen Gliedern . . . . das Veverl . . . .! ich muß eins trinken, das ist schon nicht anders. Mein Herz, . . . . ich weiß nicht, wie 's mir ankommt, aber seit ich dasjenige Madl wiedergesehen habe, macht mein Herz einen Hupfauf Das Herz macht mir einen Hupfauf: Das Herz schlägt hoch vor Freude. nach dem andern.« – »Ei so geh, so geh, wohin Du willst. Ich wart auf den Meister; er wird gleich herunterkommen; er zieht sich gerade einen andern Rock an; will mich zur Tante Lenerl bringen. Du! bei der muß ich mich bedanken! Sie allein hat's immerdar mit mir gut gemeint. – »I, wo ist sie denn, die Lenerl?« – »In Sprenger's . . . . in Martina's Hause;« antwortete Seraphin verdüstert: »sie muß dort nach den Rechten schauen, so lang die Martina nicht daheim. Und Gottlob, Gottlob, diese ist noch im Welschland, und der Wachtmeister in Innsbruck wegen seines 188 Abschieds. Gottlob, Gottlob! das hält mir den Kopf sauber, die Brust leicht; denn . . . hätt' ich sie wieder hier getroffen, ich weiß nicht . . .! und hätte mir der Dominik von ihr erzählt . . . ich weiß wieder nicht! Die dort oben schweigen wenigstens von ihr mit langen Gesichtern, daß Gott erbarm! nur der Meister hat von ihr geredet.« Eben schlenderte der Postjunge daher und ging zu Tammerl hinauf. »Da bringt er vielleicht einen Brief von ihr, oder von dem Alten!« bemerkte Seraphin unruhig: »doch . . . ich will ja nicht mehr daran denken!« setzte er heftig hinzu, und lief ein paarmal vor dem Hause auf und ab. – Indessen kratzte sich Oswald am Rücken, zog die Hosen in die Höhe, schaute hin, schaute her, räusperte sich, und auf einmal schob er sich, wie ein Fuchs thut. Seraphin bemerkte diese kleine Falschheit und rief: »Oho! wohin, wohinaus?« – Immer schneller davonrudernd, rief Oswald gleichsam voll Schaam über die Achsel zurück: »Ein Seitl im rothen Adler! Er ist am nächsten bei der Hand. Will Dich dort erwarten« – Obschon den Seraphin wieder einmal die bitterste Erinnerung plagte, konnte er sich doch nicht enthalten, nachdem er einen Augenblick sich verwundert, dem Freunde in den Nacken zu lachen. »Ach, mein Walt, mein Walt!« rief er ihm nach: »ist der Vogel schon wieder gefangen? schon wieder so bald? Ei, das sollte mir nicht passiren, mir nicht.« »Was nicht passiren?« fragte Tammerl, ganz erhitzt neben Seraphin erscheinend: »freilich weiß man nicht, was Einem passiren kann . . . .! 's schaut mancher gut her, und ist doch nicht g'salzen, nicht g'schmalzen. Mancher ist so fastenblöd und durchsichtig, so recht zum Kren reiben Er ist just recht zum Kren reiben: er ist von gar schwächlicher Natur (Kren: Meerrettig). , und dauert doch aus wie ein Gesunder. Komm, Seraphin, freu'n wir uns, daß wir leben; wer lebt, kann noch gut wegkommen. Die Todten – requiescant! Gib mir Deine Hand, Du rarer Kerl. Gib her!« – Seraphin that's mit Freuden, wenn er auch mit nicht 189 wenigem Befremden gewahrte, wie so seltsam die Röthe in des Vogelhändlers Antlitz auf- und niederwallte, aufblitzte und wieder verging. Den Hut hatte er aufgestülpt, wie der blaue Montag. Seine Weste hing nur zur Hälfte in den Knöpfen; er hatte die Zwinge seines Stocks angefaßt, und focht mit dem Knopfe in der Luft herum. Rasch durch die Gasse eilend, schwänzelte er ungebührlich mit den Rockschößen, pfiff bald, bald sang er, bald redete er abgerissene Worte in seinen Bart, bald sagte er sie zu Seraphin, der nicht wußte, was er zu antworten. Die an ihnen Vorübergehenden betrachteten sehr erstaunt, was der gute Tammerl trieb. »Ein Räuschl oder nicht bei Kopf?« fragten sie einander mit Worten und Zeichen. Tammerl fragte nicht darnach. – Da stand er vor dem Sprengerhause, zog die Glocke und schob den Seraphin in die Thüre. »Nicht wahr, ein schönes Haus?« sagte er wohlvergnügt: »ein Edelsitz fürwahr. Wenn Imst eine Stadt geblieben wäre und folglich des Landes Hauptstadt, es hätte viele solche Gebäude aufzuweisen. Die Sprugger sollten die Augen aufreißen, die hoffärtigen Windmacher, und auch die Ausländer sollten's, die nichtsnutzigen Schwaben! Doch will ich weder meinen Bruder Joseph noch Deinen Gouverneur gemeint haben! Da – siehst Du die Tante? Lenerl, da bring' ich den Deserteur! Wie? was? he?« Als hätten sie 's verabredet gehabt, blieben sie nicht einander steif gegenüber stehen. Seraphin vergaß seine Schüchternheit, Lenerl die Würdigkeit der Jungfer. Sie fielen sich geradezu in die Arme, und beide weinten hell auf; beide weinten über dem Abgrund, der ihre liebste Hoffnung verschlungen. Seraphin wußte in seiner Verwirrung nicht, was ihn die Tante fragte. Wie hätt' er wissen sollen, was er antwortete? Aber auf einmal wurde ihm ganz drehend, er wankte an der freundlichen Hand der Tante und starrte in's Zimmer hinaus, als sähe er einen 190 Geist, und dennoch war's ein gutgesinntes Wesen voll von Blut und Leben, das sich ihm näherte, widerstrebend und sehnsüchtig zugleich, geleitet von Tammerl, und zögernd vor Schaam. Und Seraphin seufzte ergriffen und erschöpft: »Ach Tante, ach Meister! warum thut Ihr mir doch so weh! Entweder ist sie's nicht, und ich muß den Betrug verwünschen, oder es ist wahrhaftig und leibhaftig die Martina, und wie kann's dann möglich seyn, daß mir nicht das Herz mitten entzwei springt?« Wohl war's Martina selbst, und leider Gottes schöner als je, weil nichts auf Erden reizender als die weiße Lilie, die, vom Rosenschein des Abendroths verklärt, das gebeugte Haupt erhebt: der Schmerz im Putz unvorhergesehener Freude. Der Schmuck stand der geprüften Martina gut; nicht minder dem Seraphin das Kleid seiner Trauer ohne Haß. – Lange schon hatte die Tante, von einem Wink des Schwagers aufgefordert, mit Tammerl gleichzeitig das Zimmer gemieden; immer noch stand das Paar sich gegenüber, ohne zu reden mit dem Munde; aber ihre Augen sagten sich so Vieles und so Liebes, daß es gar zu alltäglich klang, als Martina endlich, ihre große Beklemmung überwindend, mit den Worten begann: »Ich habe nicht gewußt, Seraphin, daß Du hier seyst. Ich hätte mich nicht unterstanden, Dir ohne Erlaubniß unter die Augen zu treten. Ich bin gegen Dich in solche Schuld gerathen, daß nicht mein Leben, wär's unglücklicherweise noch so lang, ausreichen würde, sie abzubüßen.« – »Rede nicht so traurig und betrübt, Martina. Ich kann's nicht hören; es zieht mir die Kehle zusammen;« bat Seraphin und betrachtete die Unglückliche voll Mitleid. – »Du sagst's, Seraphin;« antwortete Martina: »das Reden hilft nicht. Alles ist verdorben. Ich habe Dein Vertrauen betrogen. Ich darf von Dir Nichts mehr verlangen, als daß Du mir verzeihest, wie ein Christ. Gelt, Seraphin? O wünsche mir nichts Böses, fluche mir nicht. Du glaubst 191 nicht, wie ich gestraft bin!« – »Ach mein Gott, mein Gott! wüßte ich nur die Kunst, Dir alles von Deinem schweren Herzen zu nehmen, Martina!« rief redlich der Jüngling: »glaub' Du mir auch . . . so wie ich Dich sah auf der Landstraße, neben dem . . . Gott verzeih' mir's, ich hätt' ihn beinahe gelästert, den alten Mann – neben ihm halt, der sich unterstand, gegen Dich die Faust aufzuheben . . . was da in mir vorgegangen . . . . ich kann Dir's nicht sagen!« – »O, das Schlimmste ist noch nicht gewesen;« versetzte Martina traurig: »doch hat er auch – seit dem Unglückstag der Hochzeit – nicht eine gesunde Stunde gehabt; immer elend darnieder liegend, sodann noch obendrein als Arrestant verschleppt und eingesperrt, getrennt endlich von mir, seiner einzigen Pflegerin . .! ich muß ihm viel zu gut halten, Seraphin, und den Rest – nun, in Gottesnamen – ich hab' ihn verdient, verdient, verdient!« – »Ach, liebste Martina . .! hör' auf!« flehte Seraphin, der seine Rührung nicht bemeistern konnte: »schau, Martina . . ich weiß wohl, daß ich Dich nicht mehr dutzen sollte . . . . Du bist eine vornehme adeliche Frau . . . . ich sollte Dir Ihro Gnaden sagen . . . aber weißt? ich kann's halt nicht. Ich hab' Dich zu lieb dazu . . . und verzeih' mir also . . . vor den Leuten werd' ich's schon besser machen . . . doch, wenn wir allein sind, erlaubst Du mir's . . .? schau, ich geh' schon bald wieder fort.« – »Fort, Seraphin, fort?« – »Ei ja, was soll ich denn hier? Meine besten Zeiten hab' ich hier schon gehabt, Martina, die sind vorüber und vorbei.« – »Ja wohl vorüber, ja wohl vorbei!« Martina stützte sich mit beiden Armen auf die Lehne eines Sessels und verbarg ihr Gesicht. Seraphin fuhr fort: »Selbige Zeiten, weißt Du? wo wir nur eine Seel', ein Herz hatten!« – »Guter Seraphin!« schluchzte Martina: »geh, geh, Du wirst noch glücklich werden ohne mich!« – »Das ist, mit Erlaubniß, völlig nicht wahr, 192 Martina. Glücklich ohne Dich? Ich, Seraphin Plaschur, ohne Dich? Wann denn ist jemals mein Glück wo anders gewesen als gerade nur bei Dir?« – »O, bin ich ein schlimmes z'nichtes Geschöpf!« lamentirte Martina. – »Nicht, nicht;« beschwichtigte Seraphin die Klagende: »das hat alles der liebe Gott so gewollt und angeordnet, glaub' mir das. Wir waren so eigenmächtig, haben uns selbst mit Dint' und Federn unsre Herzen verschrieben . . .! da sagt darauf der liebe Gott: Jetzt extra sollen sie sich nicht haben; basta!« – »Ich hab' Dein Herz immer noch!« rief Martina, aus ihrer Trauer auffahrend. – »Und da hab' ich das Deine!« entgegnete Seraphin, und producirte es. – »Das Deinige liegt bei meinen Goldsachen, aber lieber mir als Gold und Alles in der Welt!« – »Gewiß, Martina?« – »Wenn ich Dir's sage, Seraphin? Und einen Deinigen Brief bewahre ich daneben und mache Reu' und Leid, so oft ich ihn ansehe.« – »Du hast mich also noch ein bissel gern?« – »So viel viel gern, ach nur zu viel gern! . .« seufzte Martina, aber plötzlich nahm sie sich zusammen, zog die Hand zurück, die sie dem jungen Mann entgegengestreckt, und setzte lebhaft ihrer Rede bei: »'s ist nicht recht, daß ich Dir's sage, jedoch es ist einmal heraus, und ein Wort läßt sich nicht mehr einfangen, wie ein schappirter Vogel. Damit aber genug. Ich bin einmal verheirathet, und wir müssen einander fremd werden von Person, Seraphin.« – »Freilich, Martina, daß Gott erbarm! freilich ist es so. Von Person gewiß . . . aber in Gedanken, Martina, in frommen ehrlichen Gedanken . . . . laß' uns da immerhin einander angehören! Meine Gedanken, wenn sie Dich angehen, glaub' mir's, sind wie ein Gebet.« – »Du guter Mensch! ja bete immerdar für mich. Ich werd' es nöthig haben. Bald, so muß ich erwarten, kehrt mein Herr zurück, und dann gibt's schwere Stunden, schwere Plage!« – »Wie? er kommt?« – »Ich konnte ihm drinnen in der Festung nichts mehr nützen, weil sie mich von ihm getrennt. So reiste ich über Innsbruck, hab' bei dem Landesgouverneur gebeten und gemahnt; . . . ein Bericht ist nach Wien gegangen . . . . ich hoffe, um seiner Unschuld willen, nächstens auf seine Freiheit . . . .« – –»So werde ich Dich dann nicht mehr sehen dürfen?« fragte Seraphin mit erbleichender Stirne und faltete seine zitternden Hände: »heilige Jungfrau! Dich Martina nicht mehr sehen, und bist mir jetzt in dieser Stunde unendlich lieber geworden, als Du mir je gewesen . . .?« – »Ist's denn wahr? ist's denn wahr?« rief Martina, zitternd wie ihr Geliebter vor Freude und Wehmuth. Da stand zwischen beiden die Tante; nicht ruhig und blendend weiß, wie gewöhnlich, sondern angegriffen, hochathmend, mit gerötheten Wangen und blitzenden Augen. »Ein Brief!« sagte sie mühsam, als ob die Zunge ihr den Gehorsam verweigerte: »ein Brief von Innsbruck, von der Regierung . . . . vom Gouverneur . . . . was weiß ich? Da, da mein Kind, und bleib' bei Sinnen, liebes Kind!« – Es war richtig ein Brief mit großem Siegel, und da ihn Martina öffnete, den bereits von Tammerl erbrochenen, fiel ein zweiter heraus, schwarz petschirt. Indessen hatte Tammerl den Seraphin bei'm Kragen und rief ihm ins Ohr: »He? wie? was? ich hab's schon vorhin gewußt . . . .! du rarer Kerl! merkst was? in Wien haben sie ihn freigegeben . . . aber im Welschland war er schon gestorben. Die Martina ist frei, Gott Lob und Dank, und verzeih' mir Gott, daß ich meine Hände hergab, sie in den Malefiz-Käfich einzusperren, meine liebe gute Nachtigall! Todt ist er; was sagst Du, Seraphin? 's ganze Vermögen, schreibt er da in dem schwarzpetschirten Brief, alles hat er dem armen 194 Schafl da vermacht. He? wie? ach, ich kann nicht mehr reden. Die Nachricht hat mir ganz den Athem genommen. Halt mich ein bissel aufrecht, Seraphin!« Seraphin, verdutzt, bestürzt, erschrocken, erfreut, alles zur gleichen Zeit, unterstützte gern den von seiner schwersten Gewissensbürde entledigten Mann. – Indessen las Martina, wenn ihr schon die Zeilen vor den Augen tanzten, aus dem von Sprenger angefangnen aber nicht beendigten Schreiben: »Ich sterbe; das Fieber würgt mich ab und meine zerbrochnen Knochen fallen auseinander. Du hast viel leiden müssen . . . .. wir haben das Glück nicht erheirathet. Ich schenke Dir im Testament, was ich habe. Wenn ich mich noch jetzt mit irdischen Dingen abgebe, so macht es nur der Verdruß, daß ich Deine Jugend . . . .« – Sie mochte nicht weiter lesen, die jungfräuliche Wittwe. Der Brief flog auf den Tisch, sie selbst in die Arme der Tante, worein sie sich so tief versteckte, daß sie nicht bemerkte, wie die beiden Männer, der ernsthaften Stunde ihre Ehre gebend, still davonschlichen. – – Binnen kurzer Zeit bestätigte sich der Hintritt des Herrn von Sprenger; zugleich seine völlige Schuldlosigkeit. Martina hatte die Freude, das Andenken ihres Gatten von dem Flecken der Verrätherei befreit, seine Feinde gedemüthigt und bestraft zu sehen. – Auch das Testament des Verstorbenen wurde publizirt. Es fand sich, daß der alte Herr selbst mitten unter den Bedrängnissen seiner Lage und Sterbestunde die gewohnte nachträgerische Tücke seines Charakters nicht hatte überwältigen wollen. Martina war allerdings die Universalerbin, doch nur unter der Bedingung, daß sie unverehelicht bliebe. Ihr Austritt aus dem Wittwenstand sollte den Verlust des Vermögens zur Folge haben, dasselbe milden Stiftungen überantwortet werden. Martha triumphirte wieder im Stillen; Marianne seufzte. Tammerl sprach zur Tochter: »Du siehst, daß alles in Deine Hand gegeben. Du hast uns bisher gehorcht 195 wie eine brave Tochter. Du bist jetzo eine Frau für Dich; handle gerade wie Du willst.« Martina runzelte nicht die Stirne, und ließ die Imsterleute schwatzen, wie ihnen gut dünkte. – Einige Wochen später – die vorgerücktere Trauerzeit erlaubte es – trat Seraphin an Lenerl's Hand bei der jungen Wittwe ein. Zagend, aber getröstet in seinem rechtschaffenen Gemüth, seiner edlern Absichten sich bewußt, bot er seiner ersten und einzigen Liebe die Hand, mit der Frage: »Magst mich, Martina?« – »Ei, magst denn Du mich noch, Seraphin?« antwortete die Beglückte. – Im Herzen froh, ihrer Neigung Uneigennützigkeit dem Geliebten beweisen zu können, warf sie, ohne sich zu bedenken, den Reichthum des alten Tyrannen weg, der ihr nur eine Last, nicht eine Freude gewesen. – »O wie närrisch!« schalt Martha, spottete die Welt. Aber Tante Lenerl jubelte und rief: »So hat doch einmal wenigstens die reine Liebe gesiegt!« Ihr Roman kam zu einem unverhofft erwünschten Ende. Tammerl und Marianne segneten das Verlöbniß, als gute, zur Vernunft gekommene Eltern. – Um diese Frist heirathete Oswald, der mit Tammerl's und Seraphin's Hülfe sich als Maler und Vergolder und Meister in tausenderlei Künsten zu Imst niederließ, die wohlbelobte Jungfer Genovefa aus dem »rothen Adler.« Der Verspruch war am Tag, da Seraphin seine Martina als Wittwe wiedersah, ohne vielen Verzug gemacht worden. – – Und ein paar Monate später gab Vater Tammerl seiner Tochter den zweiten, fröhlichern Hochzeitschmaus. Diesmal saß obenan ein vergnügtes, verliebtes, zärtliches Brautpaar. Martina schaute unter den heitern Bogen ihrer lichten Augen hervor, als säße sie unter lauter Engeln. Seraphin, wenn er ja einmal den Blick von ihr verwendete, nickte froh und selig allen seinen Freunden zu: dem ehrlichen Wachtmeister Dominik, der, vom Kriegsdienst erlöst, bei seinem Erben Plaschur die letzten Tage verleben wollte; dem wieder zu Lust und Wohlstand zurückgekehrten Grödner; dem plumpen aber getreuen Egidi, der seine Raspelhauslaufbahn und was er für Seraphin gethan, ruhmredig der Gesellschaft vortrug, vor allen dem selbst so glücklichen Oswald, der so manche bittre Stunde mit dem Bräutigam getheilt, und immer derselbe erprobte Freund gewesen. Die g'schnappige Veverl ließ ihr Zünglein gehen nach Gefallen; sie hatte diesmal nicht die schwere Verrichtung übernommen, die Braut aufzuheitern. Martina schwatzte heut selbst für Dreie, küßte ihre vergnügte und küchengeschäftige Mutter tausendmal, glättete durch ihren Frohsinn sogar die ernste Stirne der ungefälligen Martha; drückte ihres Vaters Hand dankbar, so oft er mit dem Glase in der Hand den Tisch umkreiste. Am untern Ende der Tafel saßen wohl ein paar getrübtere Stirnen: der Sohn Peter, seine Friedberger Nanni, die auf einem Gütchen in der Nähe hausten, und, obgleich in Eintracht und vernünftig lebend, noch nicht die Wirrnisse der Vergangenheit hatten vergessen können. Aber, um sie dem Vergnügen zugänglich zu machen, hatte der Bruder Joseph von Innsbruck zwischen ihnen seinen Platz erwählt, und gewann durch seine milde Heiterkeit auch die Niedergeschlagnen, sogar den alten Jäger-Liebl, der mehr an seine Verstorbene dachte, als an des Tages Feier, für die Freude der Gesellschaft. Indessen erzählte der unerschrockne Lex, neben dem kauderwälschenden Egidi sitzend, sein Fornoabenteuer laut über den Tisch, und wies die eigens aufbewahrte Bärenpratze vor, die jenes entscheidenden Tags Trophäe geblieben. Der geschwätzige Doktor Musteratsch unterhielt den wie immer einsilbigen Idelstein von den Gefahren des Schenkelhalsbruchs, und wie der famose Kölbl, 197 den sein Unstern nach Meran geführt, dort in einem Auflauf wegen Werbern von einem Stein zu todt geworfen worden. An der Thüre des Gemachs lauschten, nicht weniger mit verklärten Augen, die alte Zaya und ihre ganze landfahrerische Rotte, die heute auf Tammerls Kosten splendid abgefüttert wurden. Wie versteckt, in einer Ecke, am Katzentischl plauderten Maroner und der junge Anich von Oberperfuß von den wackern Eigenschaften des Hochzeiters und der Braut. Daher Spektakel, Gesumme und Getümmel um und um; Gelächter von Geistlichen und Weltlichen; der Gevatter Rathsherr vorne dran mit seinen Spässen. Wohlstudirte Kanarienvögel, – seit Seraphin's Genossenschaft im Vogelhandel des Tammerl, wieder eine Liebhaberei des Letztern – schmetterten von allen Seiten in den allgemeinen Lärm; die Vogelträger, die, im Hof versammelt, tranken, schossen flink und oft Gewehrsalven in die Luft, wie sich's bei einer stattlichen Bürgerhochzeit geziemte. Die Musik der Fiedler und Bläser rastete auch nicht oft. – Doch wie in stiller Majestät, strahlend von Befriedigung, saß in mitten des Freudentumults die Urheberin, die eigentliche Urheberin desselben: die Tante Lenerl, eine Jungfer zwar, aber so vergnügt, als wäre sie selbst eine Braut. Still, wie sie, verwunderter vielleicht als sie, hielt sich in seinem Käfich das alte Mannl, der verhängnißvolle Rothkropf, der trotz des Podagra und grauer Jahre noch den Sieg seiner Werbung erlebt hatte und ihn mitfeiern durfte, prangend mitten auf der Tafel zwischen den Salzfässern von Silber und Porzellan. Das Ehrenkraut Ehrenkraut: eine Schüssel voll Sauerkraut, die auf ländlichen Hochzeiten noch heute nicht fehlen darf. wurde aufgetragen. Zwanzig Gewehre auf einmal schnellten, dieser bedeutsamen Schüssel zum Preise. Herr Joseph Tammerl erhob sich, sagte einen schönen Spruch, trank der Braut Gesundheit, und überreichte ihr sein Geschenk, ein Halsband von schönen Steinen. – »Es kam so eilig,« sagte er: »mir blieb 198 nicht Zeit, einen schönen Schlußstein aufzufinden. Ein rother Edelstein, sollte es, meine ich, am besten thun. Aufgeschoben ist drum nicht aufgehoben. Ich werde das Versäumte nachtragen.« – »Vielleicht paßt dieser Stein;« sagte nun Seraphin, und legte den Stein, den er von der Holländerin erhalten, dazu. Musteratsch heftete seine scharfen Augen darauf; Herr Joseph, ein Kenner, schrie auf über die Pracht; es ergab sich, daß der gering geachtete vorgebliche Granat eigentlich ein Rubin von sehr großem Werthe. – »Schau;« versetzte Seraphin lächelnd. »da hab' ich immer einen Reichthum mit mir herumgetragen und hab' ihn nicht gekannt?« Worauf Tammerl mit jener unübertrefflichen Gutmüthigkeit, die sich selber Freude macht, wenn sie Andere hoch beloben darf: »Du hast wohl größere Reichthümer in Deinem Herzen herumgetragen, ohne ihrer eitel bewußt zu seyn!« – »Unerschütterliche Rechtschaffenheit!« rief der Grödner. »Die geduldigste Freundschaft!« rief Oswald. »Versöhnlichkeit mit Deinen Feinden!« rief der Jäger-Liebl. »Barmherzigkeit mit den Armen!« schrie Zaya zur Thüre herein. »Die getreuste Liebe von der Welt!« flüsterte Martina ihrem Gatten zu. Und dieser schloß bescheiden, beschämt von so vielem Lobe: »Den Segen meiner Mutter!« »Ja, auch der Mutter Segen baut Häuser, und nach Stürmen folgt immer wieder Sonnenschein!« begann der Guardian der Kapuziner mit frommer Salbung. – »Da fällt mir wieder ein,« nahm eifrig Tammerl das Wort, »wie mein Vater selig in Person mir diesen Seraphin in's Haus geführt, wodurch allerdings mir großer Nutzen ist erwachsen.« – »Pst, pst, Gevatter!« winkte der Rathsherr, um den Meister zum Schweigen zu bewegen. Marianne zupfte ihn unwillig am Rocke. – »Ei was!« rebellirte Tammerl: »alle diese Gäste wissen nichts von der Geschichte, und so merkwürdig, wie sie . . . .« – »Dummheiten!« brummte Idelstein. »Unterbrecht ihn, sonst redet er uns 199 todt!« schrie der Rathsherr – und alle, wie aus einem Munde fielen ein: »Das Brautpaar hoch!« Noch einmal donnerten die Gewehre; der Pfarrer öffnete schelmisch den Deckel des Beschauessens Beschauessen: ein Backwerk, das bei Hochzeitschmäusen vor die Braut gestellt wird, und in der Regel irgend einen Schabernack für die Braut verbirgt. , und zog – nach altem Spaß und Brauch – an rosenfarbigen Bändern eine lange Reihe von Kinderpüppchen hervor, der Braut auf den Teller. – Martina verbarg ihr erröthend Antlitz an Veverls Halse, bis auf die Straße schallte der Gäste muthwilliges Gelächter; die Musikanten spielten: »Und was wir wünschen, das werde wahr!«