Johann Kaspar Riesbeck Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder - Band 1 Einführung Was ist es doch für ein Vergnügen, sich für einen Taler belehren zu können und seinen Horizont zu erweitern, ohne aus dem Haus gehen zu müssen! Voltaire Beim Zeus, darauf haben wir gerade noch gewartet: Ein Reisebericht von 1780, also aus einer Zeit, die längst Geschichte ist – wie aufregend. Nun kann nichts mehr kommen, höher geht's nimmer und wir können getrost in die Grube fahren. Was wird wohl geboten? Sicher eine genaue Beschreibung von 100.000 Ländchen, die der Herr Verfasser so schnell wie möglich durchreist hat, der grundlegende Unterschied zwischen den einzelnen Herrschaftsformen in Anbetracht der verschiedenen historischen, religiösen und landschaftlichen Gegebenheiten, was eigentlich Karl II. Theodor von Karl IV. Theodor unterscheidet und warum Karl Philipp Theodor kein regierender Fürst war, der Unterschied in der Hauptmahlzeit der Hamburger zu der der Dresdner, die Tendenzen in der Damenmode unter genauer Berücksichtigung des noch geheimen neuesten Reifrocks der französischen Königin (1794 leider hingerichtet), die Gebühren für Postkutsche und Zoll an jeder sogenannten Landesgrenze, dazwischen sicher gefühlsdusslige Rheinromantik, lange Beschreibungen der Weisheit der regierenden Fürsten, ellenlange Elogen für oder gegen die Jesuiten, die Ernteerträge von 1777 im Vergleich mit denselben 1778 und ausführliche Ergründung des Unterschiedes zwischen beiden, warum Friedrich der Große die Kaiserin Maria Theresia nur als Königin von Ungarn bezeichnete, alles das selbstverständlich in einem umständlichen und humorlosen Kanzleistil serviert und tausenderlei anderes, was unbedingt zur Bildung im 21. Jahrhundert gehört. Beim Zeus, nein, wir haben andere Probleme zu lösen und wollen uns nicht noch die längstvergangener Epochen aufhalsen lassen. Einzig die Frage, ob die Dummheit der Menschen damals größere Triumphe als heute feierte, wäre allenfalls von Interesse. Dies nun, beim Heiligen Antonius von Padua, ist ein Vorurteil, also die ökonomischste Art der Meinungsbildung: Erst reden (schreiben), dann denken (selber lesen). Man kann es nicht leugnen, diese Art intellektueller Rezeption hat viel für sich und wird auch erfolgreich angewandt. Ehe sich nun einer unbesonnen trotz alledem in die Lektüre stürzt, möge er aber noch ein amtliches Urteil über den Autor kennenlernen: »Wie in allen seinen seitherigen Arbeiten, so zeigt sich auch in diesem Werke wol eine gewisse Gewandtheit der Darstellung, aber man vermißt den Ernst der Forschung und Beobachtung, wie nicht minder das Streben nach Unparteilichkeit und Wahrheit.« Also, ganz klar, ein Luftikus, ein Hansdampfinallengassen, der sicherlich mit den hehrsten und heiligsten Idealen sein Spiel treibt, die Fürsten kritisiert, die Geistlichkeit bloßstellt, aber Seinesgleichen ungeschoren läßt und sich vielleicht sogar – Johann Joseph vom Kreuz Calosirto, du Schutzheiliger der Schriftsteller, steh mir bei + + + ! – um die Lebensverhältnisse der Bauern und Handwerker kümmert. Wenn ich also unsere Erkenntnisse zusammenfasse: Dieses Buch, das damals völlig zu Recht verboten wurde, ist nicht empfehlenswert, es verwirrt den Geist ohne ihn zu beleben, es schändet das Andenken großer Männer und Frauen, es verdirbt das sittliche Empfinden der Jugend, es treibt seinen Spott mit den edelsten Idealen der Religion und verhöhnt die Nationale Ehre. Schleudere es frohen Herzens ins Altpapier! Es gibt eine seltene Spezies von Menschen, die sich ungehörigerweise ihre Meinung selbst bilden, anstatt sich der allgemeinen, die doch von wirklichen Experten stammt und problemfrei zu erfragen ist, zeitsparend anzuschließen. Alles Gebrabbel (hessisch: Gebabbel) geht sie nichts an, sie lesen einen Text selbst. Der Herausgeber vermeidet ein Urteil über diese Leser, denn es sind just die, die sich bis zu dieser Stelle durchgekämpft haben. Für diese nun ein Einblick in das zu Erwartende. Die Briefform des Reiseberichtes ist der damaligen literarischen Mode geschuldet. Der Briefroman stand seit seiner Wiederbelebung durch den Engländer Richardson und den Erfolg der Werke Rousseaus (Neue Heloisa) und Goethes (Werther) in hoher Gunst beim Publikum. Unser Autor schließt sich dieser Zeiterscheinung an und profitiert davon. Form und Inhalt entsprechen genau dem, was die von der Aufklärung geprägte Zeit erwartet. Er gibt sich als reisender katholischer Franzose niederen Adels aus. Damit hat er nicht nur die Möglichkeit, die vorgefundenen deutschen Verhältnisse mit den französischen zu vergleichen, sondern auch kräftige Seitenhiebe in Richtung eines stubengelehrten weltfremden Idealismus, den er dem Empfänger, seinem Bruder in Paris andichtet, auszuteilen. Auch sein angeblicher Katholizismus erlaubt ihm manchen Vergleich. Er bietet genau die richtige Mischung aus Landschaftsbeschreibung, Folklore, Herrschaftsanalyse, Ökonomie, Pfaffentum und Hofklatsch. Justiz-, Militär- und Kirchen(un)wesen fehlen nicht. Der mit todernster Miene vorgetragene Humor als die Würze der dargereichten Speise kommt nicht zu kurz. Auch die Mätressen und anderes am Wege Liegendes werden erwähnt. Die Sicht des Autors auf seine Welt ist keineswegs revolutionär, er akzeptiert die Welt, in die er hineingeboren ist, wendet sich nur gegen Mißbräuche, Ungesetzlichkeiten und Dummheit. Und nimmt sich einfach die Erlaubnis – unterthänigst – Vergleiche mit einem stark idealisierten Frankreich Ludwig XVI. oder mit seiner eigenen hypothetischen Republik zu ziehen. Allenthalben sind die wohltätigen Folgen der Aufklärung zu spüren: Es gibt schon Fürsten, die sich als Diener des Staates und nicht den Staat mit dem Besitz aller Einwohner als ihr persönliches Eigentum betrachten. Das Justizwesen befindet sich, hier mehr, dort weniger, woanders überhaupt nicht, im Umbruch. Todesstrafe und Hexenprozesse sind nicht mehr zeitgemäß. Es gibt sogar einen Fürsten, den ein ungutes Gefühl bei Betrachtung aller Umstände befällt (der Herzog von Württemberg). Die Jesuiten haben sich in ihr Mauseloch verkrochen, Klöster werden aufgehoben, die Pfaffen sind verängstigt, weil in Wien Joseph II. die Macht übernimmt. Aber noch steht der Stock allerorten als Antwort auf vorlaute Fragen bereit. Was zu dieser Zeit niemand, auch der Autor nicht ahnt: Noch in diesem Jahrzehnt wird von Frankreich kommend ein Sturm über das alte Europa hinwegbrausen, der viel von dem hier Geschilderten zum Einsturz bringen wird. Etwas wird den heutigen Leser wohl am meisten in Erstaunen versetzen: die großen regionalen Unterschiede der Herrschaftsgebiete, von denen manche so klein sind, daß man »diesen wahrhaftig schon zu viel Ehre erweiset, wenn man nur sagt, daß sie existiren.« Er erkennt richtig, daß die gemeinsame Sprache das einzig Verbindende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ist. So ist die Einstellung der Regierenden zu Landwirtschaft, Industrie, Handel, Militärwesen, Religion usw. von Ländchen zu Ländchen verschieden. Auch die Menschenwürde zählt mal viel, mal wenig, mal überhaupt nichts. Hier ist sein Kommentar eindeutig: »überall fühlt man, daß man in einen militärischen Staat gekommen ist, der strenge auf Subordination hält. Leute von Stand empfinden diesen Druk nicht, aber ich denke, man wäre allen Menschen ohne Ausnahme Billigkeit und Liebe schuldig.« (Linz) Unser Autor blickt tiefer in das Vorhandene und stellt Fragen dort, wo sonst niemand etwas sieht. Die Analyse Bolongaros Raubtierkapitalismus (Drey und sechzigster Brief.) ist meisterhaft und »sticht ab« (einer seiner Lieblingsausdrücke) mit der heute noch üblichen Gewohnheit, geschäftlich erfolgreiche Menschen in das beste Licht zu rücken. Auch der Buchhändler von Trattner wird als das geschildert, was er war: ein raffgieriger, aber kirchenfrommer Betrüger. Immer wieder fordert er den Leser durch sein Beispiel auf, sich nicht den überkommen Schemas zu beugen, sondern sich ein eigenes Bild zu erarbeiten. Beispielsweise erkennt er, daß nicht die Religion (gemeint ist die Kirche) an sich den Menschen in eine bestimmte Richtung formt, sondern es ist die geistig-intellektuelle Haltung ihrer Verkünder. Also sind Katholiken nicht grundsätzlich verlogen, liederlich und faul, wie auch Protestanten nicht immer fleißig und tolerant sind. Deutlich wird das auch an der Stelle (Drey und vierzigster Brief.), wo er der protestantischen Dresdner Gesellschaft klarzumachen versucht, daß zwischen ihrer und seiner Religion fast kein Unterschied ist, aber daß beide gleichermaßen mit unvernünftiger, unzeitgemäßer Mystik belastet sind. Bei den Ereignissen, die die Welt des 18. Jahrhundert »vorzüglich« bewegten, sind die Kriege an erster Stelle zu nennen. Drei sogenannte Erbfolgekriege, die zwei Schlesischen und als ob das nicht genug an Menschenleid sei, noch der Siebenjährige Krieg. Riesbeck präsentiert sich hier als Verehrer Friedrich des Großen, wie er ja auch dessen Regierungssystem in den höchsten Tönen lobt. »Der König hat weder einen eigentlichen Liebling, noch einen Beichtvater, noch einen Hofnarrn, der noch bey einigen andern deutschen Höfen mutatis mutandis im alten Kredit steht und dessen Rolle öfters der Beichtvater zugleich spielen muß.« Man sieht wieder, daß ein Korrespondent kein Prophet sein kann, denn kaum war Friedrich II. tot, brach sein Regime zusammen, hielten die Pfaffen und Mätressen wieder Einzug in Potsdam. Keine Gelegenheit geht vorüber, ohne die Personen und Stände der Zeit zu zeichnen: Der dumm-stolze, aber auch der gebildete und aufgeklärte Adel, die arroganten Kleinfürsten, die sich wie Großkönige gebärden und ihr Land in Schulden stürzen, die ihr Interesse nicht mit dem des Volkes gleichsetzen, das ökonomisch denkend und handelnde Bürgertum, die sich den Zwängen anpassende Bauernschaft, die parasitären Mönche, fanatisierte Geistliche wie der Hamburger Hauptpastor Goeze, überhaupt »alle Gattungen von Narren« und die Dichter und Gelehrten, die extrem unterschiedlich gewürdigt werden. In Wien verwechselt er die Gelehrten mit den Schneidern, »denn beyde Menschenklassen hab ich hier noch nicht recht unterscheiden gelernt.« Der geneigte Leser, welcher die Epoche der absoluten Weisheit mit der des Internets gleichsetzt, wird über den geistigen Reichtum dieser Zeit mehr als einmal erstaunt sein. Die vom Herausgeber eingefügten Fußnoten sollen ihm dabei behilflich sein. Diese gibt es allerdings nur beim erstmaligen Auftreten eines Namens oder Begriffes. Auf das Deutsche Reich als solches kann zu Riesbecks Zeiten keiner stolz sein, das Zeitalter des Nationalgefühls bricht erst im nächsten Jahrhundert an. Aber wie sieht es mit dem Stolz auf Fürstentum oder Stadt aus, dem oder der man angehört? Wie in allen anderen Belangen reicht die Palette von absoluter Gleichgültigkeit (Wien) bis zu wahrhaftem Patriotismus (Dresden), der durchaus auch nationalistisch gefärbt sein kann. Doch im Ganzen gilt »ihr vaterländisches Gefühl bezieht sich bloß auf den Theil von Deutschland, worinn sie gebohren sind.« Die sogenannten Religionsgrundsätze schneiden tief in das alltägliche Leben ein. Einmal weiß man nicht, daß Katholiken auch Christen sind, ein andermal bedauert man, daß einer nur ein Lutheraner (also Ketzer) ist, in Wien bekommt er um ein Haar kein Zimmer, weil er einen Bart wie die Juden trägt, in Augsburg »lebt das infamste Kanaille, das man sich denken kann, das immer bereit ist, sich selbst auf das erste Signal aus Religionshaß zu erwürgen.«, bei der Prüfung der jungen Fürsten (die dereinst das Land regieren werden!) durch ihren Hofmeister (Siebenter Brief.) ist der Leser im Unklaren, ob er lachen oder weinen soll, kurzum: »Es ist platterdings unmöglich, alles Lächerliche, was hier der Religionshaß erzeugt, in einer Satyre zu erschöpfen.« Auffallend ist aber die pauschalisierende Menschenbeschreibung, so als ob es von der Durchschnittserscheinung nicht unendlich viele Abweichungen gäbe. Im Schwarzwald sind »die Männer plump und die Weiber gelb, ungestaltet und gemeiniglich schon in den dreyßig Jahren runzlicht«, in Linz »schreibt man es dem Wasser und der feuchten Luft zu, daß hier das Rothe auf den Wangen so selten ist«, während in Hamburg »das hiesige Frauenzimmer schön, artig, und freyer im Umgang ist, als es in protestantischen Städten gemeiniglich zu seyn pflegt«. Andererseits ist »das heßische Landvolk im Ganzen genommen bis zum Ekel häßlich. Die Weibsleute sind die eckigsten Karrikaturen, die ich noch gesehen habe. ... Die Männer ersetzen zum Theil durch eine anscheinende Stärke, was ihnen an Schönheit mangelt.« Und in Emden »sieht man rothe Wangen unter dem Mannsvolk fast gar nicht.« Sind nun seine Urteile über das von ihm Beobachteten teils scharfsinnig realistisch, teils durch eigenes Vorurteil getrübt, so gilt von seinen Theaterberichten unbedingt: Hier spricht ein Fachmann. Hier spricht einer, der das Theater und die Mimen kennt, denn Riesbeck war selbst Schauspieler. Er präsentiert uns die Zeit, in der der Hans Wurst im Verschwinden begriffen war und dafür jede Art von Tollheit Platz nahm. Welche Probleme haben in München die Schauspieler, immer wieder neue Arten des Sterbens zu erfinden, um der Gier des Publikums zu genügen! So beklagt er allerorten den verdorbenen Publikumsgeschmack. Die meisten der erwähnten Theaterstücke sind vergessen, nur die Namen Shakespeare, Lessing und Goethe sagen uns heute noch etwas. Seine Schilderung eines Todeskampfes auf der Bühne (Fünf und fünfzigster Brief.) ist ein Kleinod humoristischer Literatur. Bei seinen Reisen ist ihm jede Reisegesellschaft »vorzüglich« lieb, und »sollte sie auch nur aus Juden, Kapuzinern und alten Weibern bestehn.« Aber er hat auch einen geschärften Blick für die Schönheiten der durchreisten Landschaft. Seine vorbildlichen Landschaftsschilderungen der Donaufahrt, der Stadt Salzburg und besonders der Rheinfahrt von Mainz nach Geisenheim sowie die Beschreibung des Binger Loches mit der Nahemündung (Fünf und sechzigster Brief.) stehen am Beginn einer Epoche, in der die Landschaft nicht ausschließlich ökonomisch, sondern auch ästhetisch gesehen wird. Speziell am Rhein spricht man direkt von der Rheinromantik, die in dieser Zeit ihren Anfang nahm und sich in vielen Bildern niederschlug. Besonders reisende Engländer waren es, die den Rhein mit seinen – damals noch vorhandenen – Schönheiten »entdeckten«. Das Bild des Einbandes verdeutlicht das, es stammt von der Engländerin Regina Catherina Carey aus dem Jahr 1814. Auf der Rückseite sind Ruine Ehrenfels und im Hintergrund die Rochuskapelle zu sehen, vorn Bingen mit Burg Klopp, der Nahemündung, dem Mäuseturm und dem Binger Loch. Heute kann sich jeder vor Ort überzeugen: Die Rheinromantik ist längst den auf beiden Seiten des Flusses angelegten Eisenbahnlinien und Bundesstraßen gewichen. Deshalb gehört eigentlich der oben genannte Brief in jedes Lesebuch unserer Zeit. Ein Reporter ist kein Prophet. Allein, wer so scharfsinnig die Gegenwart analysiert, dem kann man ein abschließendes Urteil wohl nicht verübeln und verwehren. Das nun ist seine Meinung über die Deutschen: »Wenn der Karakter der Deutschen nicht das Glänzende andrer Völker hat, so hat er doch seinen guten innern Gehalt. Der Deutsche ist der Mann für die Welt. Er baut sich unter jedem Himmel an, und besiegt alle Hindernisse der Natur. Sein Fleiß ist unüberwindlich. ... Nebst dem Fleiß ist die Redlichkeit immer noch ein allgemeiner Karakterzug der Deutschen. Die Sitten der Landleute und Bürger in den kleinern Städten sind auch noch lange nicht so verdorben, als in Frankreich und andern Ländern. ... Uebrigens ist Nüchternheit auf Seiten der protestantischen, und Freymüthigkeit und Gutherzigkeit auf Seiten der katholischen Deutschen ein schöner Charakterzug.« Es tut gut, auch Lobendes über unseren Nationalcharakter zu lesen, der durch die Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts und die nicht enden wollende Propaganda deswegen so stark verdunkelt wird. Hier aber, im Vergleich mit Frankreich, ist seine Erkenntnis zugleich Aufforderung für die Zukunft. In fast jedem Brief wird unser großes Nachbarland in irgendeiner Weise erwähnt und beispielsweise ist die niederträchtige Zerstörung der Pfalz für ihn kein Thema, das er aus politischen Rücksichten nicht erwähnen sollte. Hier ist der Schnittpunkt, an dem sich Nationalstolz und Vorurteil treffen: »Die Nationen müssen überhaupt einander viel verzeihen, und es ist auch sehr leicht zu verzeihen, wenn die Vorurtheile dieser Art wie in Frankreich und Deutschland, den Individuis unschädlich sind, so sehr auch die Nationalehre darunter leiden mag.« In Erwartung des dann tatsächlich erfolgten Verbotes hat der damalige Herausgeber weder Autor noch Verlag genannt. Das Buch wurde ein großer buchhändlerischer (für den Verleger) und ideeller (für den Autor) Erfolg, ein Bestseller. Auch Raubdrucke erfolgten, wie uns der Verleger berichtet. Riesbecks Reisebericht wurde umgehend in mehrere europäische Sprachen übersetzt. Die Wirkung des Buches aber konnte nicht über Jahrzehnte anhalten; infolge der Französischen Revolution und der nachfolgenden Napoleonzeit mit den Säkularisationen ging viel vom Inhalt verloren. Das wiedererstarkte Pfaffentum nach dem Wiener Kongreß, der neue Grenzen in Deutschland zog, tat das Seine, um das Andenken dieses »ruchlosen Atheisten« zu vernichten. Obiges Urteil über Riesbecks Werk stammt aus dem Jahr 1884. So ist es nicht verwunderlich, daß sein Name spätestens 1900 aus dem deutschen Bildungskanon verschwunden war. Der Herausgeber stellt es nun für Jedermann, nicht »für einen Taler« sondern kostenlos, im HTML- und in einem druckfähigen Format wieder zur Verfügung. Zu dieser Ausgabe wäre noch zu ergänzen, daß der Text der zweiten Ausgabe von 1784 zeichengenau übernommen wurde. Zur besseren Lesbarkeit wurden lediglich Tausenderpunkte in den Zahlen eingefügt. Alles, was zu den Themen Druckfehler, Mehrfachorthografie, Abteilen, Registerhaltigkeit, Textbild, Ligaturen usw. zu sagen ist, kann der Vorbemerkung zu den Mönchsbriefen entnommen werden. Altenstadt in Hessen, September 2007 Roland Welcker Vorrede Der in Nürnberg angefangene Nachdruck dieser Briefe, hat gegenwärtige Auflage veranlaset. Die gerechtesten Klagen, über Eingriffe in das Eigenthum eines Verlegers, drangen bis izo noch nicht in die Ohren einiger Fürsten Deutschlands. Nur unter dem Titel: Commerz und Industrie zu begünstigen, werden Nachdrücke geduldet, mit Privilegien begnadigt!! – So nun werden die Verleger der Originaldrücke genöthigt, zu Sicherung ihres, in den meisten Fällen theuer erkauften Eigenthums, alle nur möglichen Mittel vorzukehren. Dabey aber erleidet er immer Schaden, und das unschuldige Publikum mit ihm. Eine umgearbeitete, neue und wohlfeilere Ausgabe eines Buches, ist Abwürdigung der vorhergegangenen Edition. Also Unrecht gegen diejenigen, welche schon einmahl gekauft haben, aber durch erlittenes, von eingeschlaffener Justiz geduldet und befördertes Unrecht. – Es bleibt also dem Verleger dieser Briefe weiter nichts übrig: als, diese Schuld und die Klage des leydenden Publikums von sich abzulehnen; und das Publikum zu bitten, um seines eigenen Vortheils willen, Hand von allen Nachdrücken abzuziehen. Der etwas geringere Preiß eines Nachdruks hat sein Wesen in der schlechtern Beschaffenheit des Papieres und des Drucks, und sehr oft ist der Fall wie izo: Daß eine Neue, verbeßerte und wohlfeilere Ausgabe des Originals, alles vorhergegangene unnütz machet. – An den Leser. Lieber Landsmann! Seitdem ich ausser den Gränzen unsers weiten Reiches bin, ist alles, was auf unser Vaterland Bezug hat, doppelt interessant für mich. In der Fremde vergißt man mehr, daß man ein Rheinländer, ein Sachse, ein Bayer u. s. w. ist, und fühlt dann erst recht, daß man ein Deutscher ist. Eine andere Ursache, warum mir unsere Mutterrede überhaupt immer desto heiliger wird, je weiter ich mich von ihr entferne, ist, daß ich nirgends so viel gutes sehe, oder zu sehn glaube. Bloß diese warme Theilnehmung an allem, was auf unser Vaterland einigen Bezug hat, verleitet mich, an einem meiner hiesigen Freunde ein kleines Schelmenstük zu begehen. Es ist ohngefähr das nämliche, welches Leßing durch die Uebersetzung des Jahrhunderts von Ludwig dem Vierzehnten an Voltäre an Voltäre begangen – 1751 erschien in Berlin Voltaires Buch »Siecle de Louis XIV« begangen hat. Der Verfasser dieser Briefe ist der Bruder meines Freundes. Dieser gab mir die Briefe einzeln, so wie er sie von der Post empfieng, aber bloß zum Lesen. Er wollte sie druken, aber erst von seinem Bruder, der wirklich in England ist, nach dessen Zurükkunft überlesen und nöthigenfalls ausbessern lassen. Ich benutzte diese Gelegenheit, um dir, lieber Landsmann oder noch liebere Landsmännin, diese Briefe noch früher in die Hände zu spielen, als sie das französische Publikum zu sehen bekömmt, welches allem Anschein nach wenigstens noch ein halbes Jahr darauf warten muß. Wenn du bedenkst, daß ich die einzelne Originalbriefe nur sehr kurze Zeit in Händen hatte, über Hals und Kopf übersetzen mußte, und ohne Zweifel mit dem Original noch wichtige Verbesserungen werden vorgenommen werden, so wirst du mir die Nachläßigkeit des Stils hie und da leicht zu gut halten, und das, was du mit dem Original mit der Zeit nicht übereinstimmend findest, nicht geradezu für Auslassungen oder Unterschiebungen erklären. Ich glaube getan zu haben, was ich in der Zeit und in den Umständen tun konnte. Es kann seyn, daß meine Uebersetzung Vorteile über das Original erhält; denn vielleicht findet der Franzose seine Bemerkungen hie und da zu frey, und beschneidet seine Briefe; oder die Zensur nimmt vielleicht diese Operation mit denselben vor. Vielleicht werden sie um ein beträchtliches abgekürzt, weil man viele Sachen für das ganze französische Publikum nicht interessant findet, die es doch für das Deutsche sind. Vielleicht – doch das läßt sich erst bestimmen, wenn das Original erscheint. Eine Menge Komplimente an die Nanette und andere Leute; Nachrichten, die sich bloß auf den Bruder des Verfassers und seinen Zirkel beziehn, Adressen u. dgl. m. hab' ich weggelassen, weil sie dich nicht intereßiren können. Ich wollte dir nichts, als das reine Zeugnis eines Ausländers über den Zustand unsers Vaterlandes in die Hände liefern. Ohne Zweifel bist du sehr neugierig zu wissen, wer eigentlich der Verfasser sey. Nennen darf ich dir ihn nicht; denn du weißt, daß einige unserer Fürsten ein wenig kitzlicht sind, und lange Arme haben. Du erinnerst dich vielleicht eines französischen Marquis, der mit seinem Ränzchen auf dem Rücken ganz Deutschland durchzog, und von dem einige Briefe im deutschen Museum standen. Es ist nichts natürlicher, als daß du auf den Einfall kömmst, du habest nun mit einigen Veränderungen die ganze Sammlung der Briefe dieses Marquis in Händen, die das deutsche Museum nicht fortsetzen durfte, weil sie irgendwo Bauchgrimmen erregte. Allein, du betrügst dich, denn es ist nicht nur erweislich, daß besagte Briefe im Museum unterschoben, und nichts weniger als das Werk eines französischen Marquis waren; sondern es findet sich zwischen dem Ton, den Absichten und den Datums dieses Marquis und meines Originals ein sehr merklicher Unterschied, der dir von selbst auffallen wird, wenn du dir die Mühe nimmst, beyde mit einander zu vergleichen. Der Verfasser dieser Briefe ist einer von denen, die man vor einigen Jahren hier Turgotisten Turgotisten – Anne Robert Jaques Turgot, franz. Staatsmann und Ökonom, † 1781 nennte. Diese waren Leutchen, die sich mit Staatsreformen abgaben, und einen schreklichen Lärmen von Simplificierung der Finanzsisteme, Bevölkerung, Ackerbau, Industrie, politischen Tabellen und Berechnungen, und kurz von allen Dingen erhoben, die in vielen deutschen Ländern schon seit langer Zeit im Gang sind; aber hier erst unter Turgot Theorie wurden. Diese Herrchen bildeten eine Sekte, welche die Schwärmerey so weit trieb, als irgend eine Religionsparthey. Sie fielen die ganze französische Regierungsverwaltung mit einer unbeschreiblichen Wut an, und da dieselbe, wie bekannt, so verworren als der gordische Knoten oder irgend ein andrer Knaul ist, so hieben sie, wie eben so viele Alexanders, mit den Säbeln zu, um hernach aus den Stücken ein so ordentliches Statsgewebe zu machen, als des Königs von Preussen seines ist. St. Germain St. Germain – s. Acht und fünfzigster Brief. , welcher zu gleicher Zeit auch aus der französischen Armee eine preussische machen wollte, stand mit diesen Turgotisten im Bund, und feuerte durch seine Hitze den herrschenden Reformationsgeist noch an. Ein ächter Turgonist muß auch ein Encyclopädist seyn. Sie umfaßten nicht nur das ganze weite Feld der Staatsverwaltung, sondern zogen auch alles, was nur auf die bürgerliche Industrie Bezug hat, in ihre Sphäre. Es fehlte wenig, daß sie nicht dem Schuster den Leist zu einem tüchtigen Schuh, und dem Schneider das Muster zu einem Kleid, comme il faut comme il faut – wie es sich gehört , zugeschnitten hätten. Wenn dir also, lieber Landsmann, oder liebe Landsmännin, Stellen aufstossen, wo du glaubst, das französische Herrchen stecke seine Nase in Dinge, die es hätte unberührt lassen sollen, oder es hüpfe auf den Zehen über die Oberfläche mancher Dinge weg, wo es vesten Fuß hätte setzen sollen, oder es deklamire à la Francoise à la francoise – auf französische Art , wo es nach deutscher Art Tatsachen hätte anführen sollen; so thust du nicht wohl daran, wenn du dich darüber ärgerst. Lachen mußt du, und es recht lebhaft fühlen, daß dein Vaterland zu groß und zu erhaben ist, als daß es von einem encyclopädischen Turgotisten, oder einem Kleinmeister mit einem warmen Kopf beleidigt werden könnte. Ich bin gar nicht in Abrede, daß der Stellen, wo du in diesen Fall kommen wirst, nicht ziemlich viel seyen; allein, ich müßte mich sehr betrügen, wenn du mir am Ende des Buches nicht selbst gestehest, daß der guten, interessanten, und mit dem Stempel der Wahrheit geprägten Stellen nicht noch mehr seyen. Der Franzose plazt mit seinen Bemerkungen gerade heraus, und hat, meines geringen Erachtens, so wenig Partheylichkeit, daß er oft das Sprüchwort bestätigt: Kinder und N – \& . . . Du wirst ihm auch einen naiven Beobachtungsgeist, eine ziemliche Dosis allgemeine Weltkenntniß, Gutherzigkeit, und wo nicht gründliche, doch mannichfaltige und nützliche Kenntnisse nicht ganz absprechen können. Es ist auch keiner von der grossen Zahl seiner Landsleuthe, die sich in der sogenannten grossen Welt zu Paris, auf dem sechsten Stokwerk, ihren eignen Maaßstab zur Bestimmung aller Dinge hienieden geschnizelt haben, und von welchen Montagne Montagne – Michel Eyquem de Montaigne, begründete ab 1580 mit »Les Essais« die literarische Gattung des Essays in den nämlichen Kapitel seiner Essais, woraus das Motto des Titelblatts genommen ist, sagt: Nous avons la veue racourcie à la longueur de nostre nez. Nous avons la ... – Wir haben den Blick auf die Länge unserer Nase verkürzt. Unser Author scheint wirklich sein Augenmaß durch mannichfaltiges Beobachten, noch ehe er deutschen Grund und Boden betrat, verbessert zu haben, und gleich in den 2 ersten Briefen sieht man, daß er lange nicht so sehr Franzos ist, als man von ihm und seines gleichen erwarten sollte. Er darf immer auf den Titel eines Weltbürgers einigen Anspruch machen. – So eben schikt mir sein Bruder einen Brief von ihm aus London, woraus ich in Eil folgende Stelle übersetze: »Gegen dein Vorhaben, meine Briefe über Deutschland drucken zu lassen, hab' ich eben nichts einzuwenden, nur mußt du mich dieselbe ausbessern lassen; denn ich hab' hie und da Unrichtigkeiten entdeckt, und was noch mehr ist die Wahrheit sieht an manchen Orten zu nakt da, und ich muß ihr wenigstens um die pudenda pudenda – Geschlechtsteile ein Blatt von gehöriger Breite, oder sonst etwas vorhängen. Du wirst auch leicht begreiffen, daß es etwas anders ist, für das Publikum, als an seinen Bruder zu schreiben, und ich hätte wegen verschiedenen Nachläßigkeiten mehr die Wuth der deutschen Journalisten, die das ausgelassenste und unbändigste Volk von der Welt sind, als die Kritik unserer Landleute zu befürchten, die doch noch mores mores – gute Sitte haben. Ohne Zweifel werden sie die Briefe bald übersetzen; denn es sind immerfort bey ihnen einige hundert Hände beschäftigt, andre Nationen zu plündern, so daß man glauben sollte, Deutschland lebe bloß vom Raub. Sie sind so unverschämt, daß sie sogar aus ihrer Sprache in die unsrige übersetzen und ich kann ihnen gewiß nicht entgehn. So wenig man auch von ihrem Geschrey bey uns hören mag, so geh' ich doch gerne einem groben und besoffenen Mann in der größten Ferne aus dem Weg, wenn ich auch noch so sicher seyn sollte, daß er mir nicht den Hut vom Kopf schlagen, oder mich gar im Angesicht ehrbarer Leute bespeyen kann. Der ekelhafte Anblik allein ist für mich Beweggrund genug, auf meine Retirade bey Zeiten bedacht zu seyn.« Wie das Männchen nicht um sich haut! Wenn jemand aus Rüksicht auf einen andern einen Fehler an sich verbessert, so ist es gewiß eher Hochachtung und Ehrfurcht, als Verachtung und Abscheu, und wenn die deutschen Journalisten die Wirkung auf Schriftsteller haben, daß diese behutsamer werden, so sind sie immer sehr nützliche Leute, und wenn auch noch so viele mit groben und schmutzigen Händen unter ihnen seyn sollten. Uebrigens glaub' ich, daß der Verfasser seine Reise durch Deutschland nicht bloß zu seinem Vergnügen und zur Erweiterung seiner eigenen Kenntnisse, sondern auf Anrathen irgend eines Hofmannes unternommen hat. Turgot fiel schon auf den Einfall, zum Behuf seiner Projekte und Reformen Leute auf Reisen zu schicken, und noch jezt ist es für junge Herren bey dem hiesigen Ministerium eine grosse Empfelung, wenn sie über das Justitz= Finanz= Industrie= und Militarwesen andrer Länder etwas zu sagen wissen. In [ich] bin \& K. R. Paris, fouburg St. Michel. Rue d' Enfers,vis à vis du Noviciat des Feuillans, did lesAnges, Decemb. 18. 1782. Erster Brief. Stutgard den 3ten April 1780. Hier, Lieber, hab' ich mich zum erstenmal in Deutschland gelagert, um nach meiner Gemächlichkeit in die verschiedenen Theile des Schwabenlandes Ausfälle zu machen und die nötigen Kundschaften einzuziehn. Ich hab es mir zur Regel gemacht, mir für jeden bestimmten Theil Germaniens einen gewissen Mittelpunkt zu wälen, darinn einige Zeit zu verweilen, und die Gegend umher mit Muße zu überschauen. Ich will Deutschland bis auf einen gewissen Grad im eigentlichsten Verstand studieren. Wer wollte aber dieses Studium bis in das sehr grosse Detail der sehr kleinen Staaten des deutschen Reiches, der unzähligen Grafschaften, Baronien, Republikchen u. dgl. treiben? Diesen erweiset man wahrhaftig schon zu viel Ehre, wenn man nur sagt, daß sie existiren. Du weißt, daß ich mich eine Zeit lang in Straßburg aufhielt, um das Deutsche, welches ich schon zu Paris lesen konnte, ein wenig sprechen zu lernen, und mich vorläufig mit dem Land, das ich bereisen wollte, in Karten und Büchern bekannt zu machen. Ich fand zu diesem Zweck mehr Hilfsmittel, als ich erwartete. Wahrhaftig, es ist die Schuld der deutschen Geographen und Statistiker nicht, daß man ihr Land ausser demselben so wenig kennt. Wenn du mir also ein wenig Beobachtungsgeist zutraust, so kannst du in meinen Briefen etwas mehr erwarten, als du in den Reisebeschreibungen einiger unserer Landsleute und einiger Engländer von Deutschland gesehen hast. Gemeiniglich sind dies Leute, die nur die großen Höfe besuchen. Da fahren sie die Heerstrassen her, fahren in ihren wohlverschlossenen Wagen, als wenn sie, wie Freund Yorik Yorik – Held des Romans »Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien«von Lawrence Sterne, 1768 , dem Tod entfliehen wollten, brüten in dem Gewölke ihrer Ausdünstungen Grillen Grille – Grille: sonderbarer Einfall, Laune (Grillenfänger) aus, die sie uns dann für ächte Produkte des Landes geben, welches sie mit Extrapost durchreist haben, und haschen allenfalls am Stadtthor, am Gasthof, bey ihrem Wechsler, bey einem Mädchen von gutem Willen, im Opernhaus, oder bey Hofe Hof – der Begriff wird durchweg als Synonym für das Regierungssystem eines Staates gebraucht. So spricht man auch vom römischen Hof, wenn der Papst mit der Vatikanmannschaft gemeint ist. ein Anekdötchen, woraus sie uns den Karakter und Geist eines Volks gar geschikt herauszuklauben wissen. Gar oft verstehn sie kein Wörtchen von der Sprache des Volks, das sie uns schildern, und lernen einen kleinen Theil der Einwohner einer Hauptstadt, mit dem sie auf Geratewohl in Bekanntschaft kommen, durch eine fremde Sprache, und eben dadurch auch in einem fremden und falschen Lichte kennen. Ein Reichsgraf oder Baron, wenn er nicht in Frankreich gebildet worden, muß Grimassen machen, wenn er mit einem Marquis französisch spricht. Jede Sprache paßt nur auf die Sitten und eigenthümliche Art ihres Landes. Man muß sich in alle Klassen des Volks mischen, das man will kennen lernen. Selten thun das die Herren, die uns ihre Reisen beschreiben; selten können sie es thun. Gemeiniglich bleiben sie in dem engen Zirkel von Leuten, in den sie von ihrem Interesse, ihrer Laune, ihrem Vergnügen, ihrem Stand u. s. w. gezogen werden, und sehen dann alles nur einseitig an. Kurz, man muß ein studierender Reisender von Profeßion seyn, um in das Eigenthümliche eines ganzen Volks einzudringen. Deutschland genau kennen zu lernen, ist ungleich schwerer als irgend ein anderes europäisches Land. Hier ist es nicht wie in Frankreich und den meisten andern Ländern, wo man in den Hauptstädten, so zu sagen die Nation in einer Nuß beysammen hat. Hier ist keine Stadt, die dem ganzen Volk einen Ton giebt. Sie ist in fast unzälige, größere und kleinere Horden zertheilt, die durch Regierungsform, Religion Religion – man beachte bitte, daß im gesamten Text das Wort Religion als Synonym für Kirche steht. Zwischen beiden besteht aber ein großer Unterschied, welcher von den Kirchenvertretern immer geleugnet wird. und andere Dinge unendlich weit von einander unterschieden sind, und kein anderes Band unter sich haben als die gemeinschaftliche Sprache. Uebrigens kennst du meine Art zu reisen. Kann ich nicht auf den öffentlichen, ordinären ordinär – alltäglich, gewöhnlich Fuhren, die mir der Gesellschaft wegen (und sollte sie auch nur aus Juden, Kapuzinern Kapuziner – ein in der Bevölkerung verachteter Bettelorden und alten Weibern bestehn) ausserordentlich lieb sind, zu Wasser oder Lande fortkommen, so bin ich meistens zu Fuße, die Ritte auf meinem Steckenpferd abgerechnet. Auch weißt du wol, daß ich Weltbürger genug bin, um auch außer meinem Vaterlande Gutes und Schönes zu finden, und mich eben nicht höchlich darob zu ärgern, wenn nicht alles wie bey uns ist. Im wesentlichen ist es doch so. Der Unterschied beruht blos auf gewissen Beziehungen und Modifikationen. Rechne also alle Woche wenigstens auf Einen Brief, worinn du irgend ein deutsches Volk, oder eine deutsche Landschaft wirst kennen lernen. – Auf einen Pak Radoterien Radoterie – leeres Geschwätz , die du mit unter wirst verschluken müssen, wird es dir nicht ankommen. Ich denke, dein Magen ist durch unsere neuesten Brochüren schon daran gewöhnt worden, und ich werde sie dir auch in kleinen Dosen eingeben. Lebe wohl. Zweyter Brief. Stutgard den 8. April 1780 Ich hoffe, du hast meinen Brief vom 3. dieses richtig erhalten. Er sollte eine Art von Einleitung in die Korrespondenz seyn, womit ich dich einige Jahre durch zu plagen gedenke. Ich weiß wie sauer dir das Briefschreiben wird; aber wenigstens muß ich auf 6. Briefe eine Antwort haben. Kannst du dich platterdings nicht zum Schreiben entschliessen, so bitte die Nanette, es nur in wenig Zeilen zu tun. Ich weiß, sie thuts gerne, und ich will dann den Brief tausendmal küssen. – Nun zu meinem Tagebuch. Wie ich am Gasthof in Straßburg auf dem Postwagen sitzen wollte, kam H. B. = = in starkem Trott mit vieren daher gefahren. Ohne Zweifel hast du ihn bey Madame H. = = zu Paris gesehen. Auf seine Frage: wohin? Sagte ich ihm: die Kreuz und Quere durch Deutschland. O, erwiederte er, ich habe eben das Hundeland durchreißt. Beym Henker, es lohnt sich der Mühe nicht. Er wollte mich bereden, mit ihm nach N. = = zurückzureisen. Anfang dacht' ich, er habe wirklich, wenigstens durch einen einen ansehnlichen Theil Deutschlands, eine Reise gemacht, fand aber bey genauer Untersuchung, daß er auf seiner Schweitzerreise nur einen flüchtigen Ausfall auf das ebne Land von Schwaben und Bayern bis nach München gethan habe, und von da über Augspurg, Ulm und Freyburg nach Frankreich zurückgekehrt sey. Da eben eine deutsche Postkarte an der Thüre des Gastzimmers hieng, so nahm ich meinen Degen unter dem Arm hervor, und fuchtelte mit der Spitze der Scheide auf derselben herum, um ihm begreiflich zu machen, daß er, weit entfernt, Deutschland durchreißt zu haben, so gut als nichts von Deutschland gesehen. Er achtete nicht darauf. Gehen Sie, sagte er; ich hätte den Henker vom ganzen Lande. Meine Reisegesellschaft bestand aus einem Weinhändler von Ulm, mit einer melankolischen Fratze, der immer die Lippen verzog, als wenn er so eben sauern Wein gekostet, und einer alten runzlichten, holaugigten Kreatur, vermuthlich einer ausgedienten Venuspriesterin von Strasburg, die, wie sie sagte, als Gouvernante in ein grosses Haus nach Wien berufen worden. Beyde waren mir platterdings ungeniesbar. Auf der langen Rheinbrücke machte ich also meine Betrachtungen über den Begrif, den man in der grossen Welt bey uns mit dem Wort: le Nord le Nord – der Norden verbindet. Die Gaskonade Gaskonade – Prahlerei, Aufschneiderei der H. B. = = und die deutsche Postkarte hatten mich darauf gebracht. Ich durchlief in Gedanken all das weite Land, das sich von unseren Gränzen an, über die ich eben fuhr, bis an das Eismeer hinauf erstreckt. Ich zählte mir die vielen, mächtigen Völker vor, die in diesem Nord mit unsterblichem Ruhm aufgetretten sind. Da sind in alten Zeiten die Zimbrer Zimbern – gemeint sind die Kimbern, die zusammen mit den Teutonen und den Ambronen um v. C. 100 das Römische Reich in schwere Bedrängnis brachten. , die Gothen, die Franken, die Sachsen, die Schwaben, die Allemannen, u. a. Und in der neuern Geschichte die Schweden, Preussen und Russen; und dies ganze ungeheure Land, und alle die schrecklichen Völker zwängen wir in einen Begriff ein, der um nichts grösser ist, als den wir mit les Pays bas les Pays-Bas – die Niederlande , verbinden. les Pays-bas und le Nord sind in dem Kopf eines Franzosen so kleine Anhänge an dem grossen, allmächtigen Frankreich – »Da läßt sich nichts bessers darüber sagen, spricht Herr Tristram Schandy Tristram Shandy – »Leben und Ansichten des Gentlements Tristram Shandy«, Roman von Laurence Sterne, 1759 bey einem ähnlichen Anlaß, als: die Franzosen haben eine lustige Art, alles, was groß ist, zu behandeln. Ich nußte innerlich lachen, wie mir diese Bemerkung zu Sinne kam, und der Anblick der ganz verfallenen Vestung Kehl gab diesem innerlichen Gelächter einen neuen Schwung. Ich dachte mir unsern grossen Ludwig, wie er in seinem grossen Vorhaben, die kleinen Anhänge von Pays-bas und Nord samt dem bisgen Italien, Spanien u. s. w. Unter den französischen Zepter zu bringen, diese Vestung zum Schlüssel seiner Eroberungen jenseits des Rheins anlegen ließ. Bey meiner Treu, das war doch lustig, sagte ich zu mir, wie ich die Kasernen und Spuren der ehemaligen Vestungswerke betrachtete. – Noch lustiger ist, das Beaumarchais Beaumarchais – franz. Schriftsteller und Theaterdichter (»Figaros Hochzeit«), † 1799 seinen Voltaire Voltaire – Francois Marie Aronet, franz. Philosoph und Schriftsteller. Einer der allerersten Geister, die die Menschheit je hervorgebracht hat. Als Aufklärer unf tätiger Menschenfreund bekämpfte er die katholische Kirche, er prangerte Mißstände des Absolutismus und der Feudalgesellschaft an, † 1778. Die Überführung seiner 1778 verscharrten Leiche 1791 in das Pantheon war ein Triumphzug ohnegleichen. 1814, als die kriminelle Organisation katholische Kirche wieder Aufwind hatte, wurde sein Grab von katholischen Fanatikern geschändet. in diesen Kasernen will drucken lassen. Zum Henker, sagt' ich, (und mein innerliches Gelächter brach zugleich äußerlich aus): Ist denn das grosse Frankreich seit Ludwig XIV. für ein Dutzend Druckerpressen zu klein geworden? Den kleinen Schleichhandel mit der Stadt Straßburg abgerechnet, hat Frankreich von der sogenannten Vestung Kehl nichts zu beförchten. Der Ort ist in jedem Betracht unerheblich, und gehört nebst einigen nahgelegenen Dörfern dem Markgrafen von Baden. Ueber die verschwundenen Vestungswerke aber behauptet das gesamte Korps des heiligen römischen Reiches seine Gerechtsame. Auf dem Weg nach Karlsruhe hatte ich mancherley Empfindungen. Bey dem Anblick des Schlosses zu Rastadt, worinn 1714. der Friede zwischen uns und den Oesterreichern geschlossen ward Friede zu Rastatt – beendete den Spanischen Erbfolgekrieg (1701 – 1714) um den Besitz Spaniens , fühlt' ich mit aller Wärme, daß ich ein Franzos bin. Alle die Helden und die grossen Staatsmänner, die durch das vorige Jahrhundert bis zu dieser Epoche unsern Namen verherrlichten, und uns weit über alle übrigen Nationen erhoben, stellten sich meiner Einbildungskraft dar. Ich stand einige Zeit unbeweglich da, entzükt durch die Erinnerung all der herrlichen Thaten. Aber wie gedemütigt, wie niedergeschlagen ward ich auf einmahl durch den Gedanken, daß das zugleich die Endepoche unserer Grösse war; daß mein Vaterland seit dieser Zeit keinen der grossen Männer wieder hervorbringen konnte; daß seit dem der Ruhm jener Völker, die wir damals so tief unter uns hatten, in ebendem Maaß stieg, wie der unsrige sank. Ich wollte nun vergessen, daß ich ein Franzos bin; suchte als Weltbürger Trost in der Betrachtung, wie viel ganz Europa seitdem gewonnen, sogar durch unsern Verfall gewonnen. Aber es war umsonst. Die Spuren der entsetzlichen Verwüstungen, welche eben jene grosse Helden in diesen Gegenden zurückgelassen, machten mich vollends schamroth, daß ich einen Augenblick so stolz auf sie war. Zu Karlsruhe hielt ich einige Ruhetäge. Ich war so glücklich, gleich in den ersten Stunden meines Aufenthalts daselbst mit einem vortreflichen Mann bekannt zu werden, der mit dem besten Herzen die Feinheit eines ausgebildeten Weltmannes, und mit einer unermüdeten Thätigkeit für den Dienst seines Fürsten viel Geschmak und Kenntniß sowohl unserer, als auch der italianischen, englischen und deutschen Litteratur verbindet. Der Hof von Karlsruhe hat mehrere Männer von der Art. schon zu Straßburg lernte ich einige derselben kennen. Ich mußte mit ihm eine kurze Spazierreise nach Speyer machen, um einen seiner Bekannten zu besuchen. Unser Weg gieng über Bruchsal, der Residenz des Bischofs von Speyer durch ein waldigtes, mit kleinen angebauten Flecken Flecken – ein Dorf unterbrochenes Land. Das Holz macht einen ansehnlichen Theil der Einkünfte sowohl des Karlsruher als auch des Bruchsaler Hofes aus. Es wird auf dem Rhein nach Holland geflösset, und allda sehr theuer verkauft. Die Waldung, wodurch wir kamen, ist ein auffallender Beweis von der Vorzüglichkeit einer Erbregierung gegen die Staatsverwaltung eines Wahlfürsten. Die Badensche Holzung wird mit der sorgfältigsten Oekonomie benuzt und gepflegt, weil dem Fürsten daran gelegen ist, daß diese Quelle von Einkommen für seine Nachkommenschaft in ihrem Stand erhalten werde; da hingegen zu Bruchsal, wo des Fürsten Nachkommenschaft keine Ansprüche auf das Holz zu machen hat, der augenblickliche Genuß desselben mehr für die Benutzung, als für die Erhaltung dieses Schatzes spricht. Mit den Menschen verhält es sich, wie mit dem Holz, es ist auffallend. Bruchsal ist ein artiges Städtchen, und die Residenz des Fürsten ein merkwürdiges Merkwürdig – das Wort wird im gesamten Text im Sinn von »bemerkenswert«, nicht von »seltsam« gebraucht Gebäude. Der jezige Fürst-Bischof Der jezige Fürst-Bischof – Damian August Philipp Karl Reichsgraf von Limburg-Stirum, † 1797 soll, einige Anwandlungen von böser Laune abgerechnet, kein schlimmer Regent seyn. Sein Humor äussert sich besonders gegen das Frauenzimmer auf eine seltsame Art. Man versicherte mich, wenn er es könnte, er würde alle Mädchen zu Nonnen machen, und die Männer kastriren. Er soll kein Frauenzimmer ansehen können ohne in Versuchung zu kommen auszuspeyen. In seiner Jugend soll er über diesen Punkt anders gedacht haben. Ueberhaupt hat er seine ganz eigene Sittenlehre. Er ließ einen Geistlichen seiner Diozes zu einem Ketzer erklären, weil er lehrte, Selbstliebe wäre einer der ersten Grundtriebe der menschlichen Handlungen; arbeiten sey besser als Nichtsthun; nemmen besser als geben u. dgl. m. Seine jährlichen Einkünfte belaufen sich, wie man sagte, beynahe auf 300.000 Gulden, oder etwas über 600.000 Livres, und er ist bey weitem keiner der reichsten Bischöfe Deutschlands. Speyer ist eine kleine freye Reichstadt, die ehedem ungleich ansehnlicher war, als sie jetzt ist. Gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts ward sie von der französischen Armee gänzlich zerstört, lag eine Zeit lang wüste, und ist nun kaum zur Hälfte wieder erbaut. Sie war eine der ersten römischen Kolonien an den Ufern des Rheines. Man findet in der Gegend sehr viele römische Münzen. Hier, Bruder, stand ich mitten auf dem Schauplatz des Schreckens, den unsere Truppen im vorigen Jahrhundert längst dem Rhein hinab bis an die Mosel hinab verbreiteten, wo Melac Melac – franz. General, der im Pfälzer Erbfolgekrieg (1688 – 97) auf brutalste Weise große Teile Südwestdeutschlands verwüstete (Heidelberg, Speyer, Worms u. v. a. niedergebrannt). Seine Name wurde zum Inbegriff des Mordbrenners, da Wort »Lackel« geht auf ihn zurück. mit seinem Heer nicht als Feldherr, sondern als das Haupt einer Mordbrenner=Bande handelte, über 60. blühende Städte und unzälige Dörfer in Asche legte, und eins der schönsten Länder des Erdbodens zu einer Wüste machte; wo Turenne Turenne – Marschall von Frankreich, ein großer Logistiker, † 1675 , der gröste Feldherr des grösten Königs zu der Zeit, dem wehrlosen Kurfürsten von der Pfalz, der bey dem Anblick der Verheerung seines Landes in eine edle Wuth gerieth, sein Leben für sein Volk setzen wollte, und den Turenne auf einen Zweykampf herausfoderte, mit dem Bon Mot Bon Mot – treffender geistreich-witziger Ausspruch antwortete: Seitdem er die Ehre habe, dem König von Frankreich zu dienen, schlage er sich nur an der Spitze von 20.000 Mann. Wie klein steht in meinen Augen der grosse Turenne da, wie er dem gefühlvollen Fürsten mit kaltem Witz ins Gesicht trotzt: Sieh, diese 20.000 Franzosen berechtigen mich, dein Land zu verwüsten! Mein Freund führte mich an die Kathedralkirche, die noch halb im Schutt liegt. Hier sah ich die entweihte Ruhestädte der alten Kayser, deren Särge unsere Soldaten plünderten, und deren Gebeine sie zerstreuten. »Das geschah in Ihrem goldnen Zeitalter, sagte mir mein Freund, unter Ludwig XIV. wo Sie die grösten Dichter, Redner, Tänzer, Philosophen, u. dgl. m. hatten; wo Ihre Verbesserung auf den höchsten Grad stieg; und wir Deutsche in Ihren Augen nicht viel mehr als Iroken Iroken – Irokesen, nordamerikanischer Indianerstamm waren. – Fast, Bruder, hatte ich mich geschämt, ein Franzos zu seyn. – Sowohl zu Speyer, als zu Bruchsal fand ich in den wenigen Häusern, worin wir unsre flüchtigen Besuche abstatteten, mehr Geselligkeit und guten Ton, als ich erwartete. Ich bemerkte, daß man in diesen Gegenden sehr für die Fremden eingenommen ist. Die wenigen Tage, die ich zu Karlsruhe zubrachte, gehören unter die vergnügtesten meines Lebens. Ich sah einen Fürsten Fürst – Karl Friedrich von Baden, Markgraf von Baden, † 1811 , der wirklich bloß für seine Unterthanen lebt, und nur in ihrem Glück das seinige sucht; dessen aufgeklärter, thätiger Geist den ganzen Staat belebt, und durch seinen Einfluß alle, die an der Staatsverwaltung Theil haben, zu warmen Patrioten gebildet hat; der ohne Anspruch auf äussere Scheingrösse blos für sein Volk und nur durch stille Wirksamkeit für das Wohl desselben groß seyn will. Erziehungsanstalten, Polizeyverordnungen, Ermunterungen zum Landbau und zur Industrie, kurz alles athmet den Geist der Philosophie und warmen Menschenliebe. – O daß er nicht viele Millionen Menschen glücklich machen kann, als er seine 200.000 macht! Nach den Kurfürsten und den Häusern Würtemberg und Hessenkassel ist der Markgraf von Baden einer der mächtigsten Fürsten des deutschen Reiches. Nur die Fürsten von Bayreuth und Darmstadt können sich mit ihm messen. Seine Einkünfte belaufen sich beynahe auf 1.200.00 Gulden, oder 2.600.000 Livres. Die markgräflichen Lande liegen von Basel längst dem rechten Ufer des Rheines herab bis nahe an Philipsburg, und von da durch einen Theil des Elsasses bis zur Mosel hin zerstreut. Wenn sie rund beysamen lägen, so würden sie noch mehr eintragen. Sie haben einen Ueberfluß an Getreide, Vieh, Holz und Wein, welcher besonders in dem nahe bey Basel gelegenen Theil vortreflich wächßt. Man bricht auch Marmor im Lande, und thut ihm die Ehre an, ihn mit dem florentinischen und kararischen kararischer Marmor – in Carrara (Italien) gebrochener Marmor zu vergleichen; aber gewiß ist man zu höflich gegen seinen Landmann – Die sanfte Regierung gewährt den Einwohnern einen ruhigen Genuß der Güter, womit die Natur ihren Fleiß so reichlich lohnt. Da die Eingeschränktheit der Einkünfte und die kluge Oekonomie des Hofes keine Aussichten zu übermäßigem Reichthum öffnet, sie aber zugleich gegen drückende Armuth geschützt sind, so leben sie fast alle in dem glücklichsten Mittelstand. Die Sicherheit ihres Eigenthums und Erwerbes, und der durch die Schiffahrt auf dem Rhein erleichterte Absatz macht ihren Kunstfleiß eege [rege]. Die Manufakturen mehren sich von Jahr zu Jahr, und einige derselben, z. B. des Fayence Fayence – Keramik mit farbiger Zinnglasur, die mehrmals gebrannt wird von Durlach nehmen sich vorzüglich aus. Auch mit dem Seidenbau hat man schon glückliche Versuche gemacht. Der Markgraf ist als Privatmann eben so liebenswürdig und glücklich, als er es als Fürst ist. Er und seine Frau Gemahlin, ein Prinzeßin von Darmstadt, lieben die Musen und Grazien, und der Hof ist die beste Gesellschaft zu Karlsruhe. Man braucht wenig Titel, um Eintritt zu finden. Der Hof ist wegen seiner Oekonomie in den benachbarten Gegenden sehr verschrieen. Sie mag wirklich in einigen Stücken übertrieben werden; aber der Fürst selbst hat keinen Theil daran. Seine Frau Mutter fand etwas Kärglichkeit nöthig, um ihr Haus von der alten schweren Schuldenlast zu befreyen. Als der Fürst im Jahre 1771 die Regierung der Lande des ausgestorbenen Hauses Baaden=Baaden antrat, fand man zu Rastadt fast so viele Schulden, als die ganze Erbschaft werth war. Mätressen, Pfaffen, Jäger und Köche hatten seit langer Zeit gewetteifert, diesen Hof zu Grunde zu richten, und unter der letzten Regierung war man in der Wirtschaft zum Theil aus Vorsatz nachläßig, weil man sah, daß ein anders und zwar ein protestantisches Haus nachfolgen würde. Auch das alte Erbe des Markgrafen war durch Kriege und starke Apanagen Apanage – Zahlung an Adelige, um ihnen ein standesgemäßes Leben zu ermöglichen mit Schulden beschwert. Noch hat man sich eben nicht sehr zu wundern, wenn die Fürstin Mutter nicht gerne sieht, daß die Blumen in dem Hofgarten, womit, so wie mit Obst ein kleiner Handel getrieben wird, von den Prinzen zu Sträussen gebrochen werden. Ohne die äusserste Sparsamkeit wäre der Hof verloren gewesen. Die Schulden hätten sich von selbst immer mehr gehäuft; nun sind sie aber größtentheils schon getilgt. Auch fand ich bey genauer Untersuchung, daß das Geschrey hauptsächlich durch einige Schöngeister entstanden war, die sich durch Verbreitung solcher Anekdötchen rächen wollten, daß ihnen der Hof zu Karlsruhe nicht den Hunger gestillt. Karlsruhe ist ein artiges, nach einem sehr eigensinnigen Plan von Holz neuerbautes Städtchen, das mitten in einem grossen Wald, einem Rest des ungeheuern Gehölzes liegt, welches zu Tacitus Tacitus – Publius Cornelius Tacitus, röm. Politiker und Historiker, † 116 Zeiten ganz Deutschland deckte. Damals zogen Auerochsen und Elendthiere Elendthiere – Elen, ein anderer Name für Elch, im Mittelalter in Deutschland ausgerottet , die sich nun in die diksten Wälder von Rußland verkrochen haben, heerdenweise umher. Der Abstich eines so verfeinerten Hofes und Volkes mit der ehemaligen Wildnis hatte viel Vergnügen für mich – Durch dieses Holz hat man nach den 32 Winden 32. Alleen gehauen, und auf 9 derselben die Stadt in Gestalt eines Fächers erbaut. Aber das siehst du mit einem Blick auf den Grundriß der Stadt und Gegend, den du ohne Zweifel in deiner Sammlung von Landkarten hast, besser als ich es dir beschreiben kann. aber eine Anekdote von dem Erbauer des Orts kann ich nicht übergehn. – Ein durchreisender Kavalier äusserte vor ohngefehr 40 Jahren seine Befrömdung darüber, daß das Schloß von Holz und wenigstens nicht von Backsteinen erbaut wäre. »Ich wollte nichts als ein Obdach haben, antwortete der Fürst und meinen Unterthanen durch einen kostbaren Bau nicht lästig fallen. Ohne einen harten Druck derselben könnte ich nicht prächtiger wohnen. [«] – Bruder; hätte man bey der Erbauung vom Louver, von Versailles, von Marly Marly – ein Lustschloß Ludwig XIV. in der Ile de France bei Paris so groß auch der Abstand zwischen einem König von Frankreich und einem Markgrafen von Baden seyn mag, nicht ähnliche Betrachtungen machen sollen? Lebe wohl. Dritter Brief. Stuttgard den 14. April. 1780 Von Karlsruhe wanderte ich zu Fusse hieher, durch ein romantisches und zum Theil sehr schön angebautes Land. So wie man aus Champagne in Lothringen tritt, sieht man schon einen merklichen Unterschied zwischen dem Zustand des altfranzösischen Bauers und jenes in den neueroberten Landen; wiewohl die letztern Gouverneurs diese Provinz schon ziemlich auf altfranzösischen Fuß zu setzen gewußt haben. Aber im Elsaß ist dieser Unterschied auffallend. Im Vergleich mit einem Altfranzosen ist der elsaßische Bauer ein Freyherr. Zwar hab' ich in der Gegend von Straßburg auch schon über ungewohnte Bedrückungen klagen gehört; aber wenn die Elsasser den Zustand ihrer Landsleuthe in den innern Provinzen des Reiches kennten; sie würden selbst ihre Klage für ungerecht erklären. In dem Strich von Deutschland, den ich bisher gesehen, befindt sich der Bauer noch viel besser als im Elsaß. In verschiedenen Ländern, wie z. B. im Würtembergischen, ist er durch Regierungsverfassung gegen allzugrosse Despotie gesichert, und in kleinern Staaten schaft wohl auch das kaiserliche Ansehn Rath, wovon ich dir in der Folge einige Beyspiele zeigen werde. Auf dem Wege von Karlsruhe hieher konnte ich den Wohlstand der Landleute nicht genug bewundern. Ehe ich dir meine Ausfälle in die benachbarten Gegenden von Schwabenland beschreibe, muß ich dich erst mit dem hiesigen Hof bekannt machen. Ohne Zweifel erwartest du Beschreibungen von prächtigen Festen, Bällen, Beleuchtungen, Opern, Balleten, Jagden, Konzerten u. dgl. Mit allem dem kann ich dir nicht aufwarten. Man gräbt nun keine Seen mehr auf Bergen, und läßt sie frohndenweise durch die Bauern mit Wasser füllen, um einen Hirsch darin zu jagen. Man beleuchtet keine Wälder mehr, und läßt mitten in denselben aus künstlichen Grotten ganze Heere von Faunen Faun – altrömischer Feld- und Waldgott und Satyren springen, um zur Mitternachtsstunde ein wohllüstiges Ballet zu tanzen. Man baut keine blühende Gärten mitten im Winter unter ungeheuern Dächern, worunter die Oefen den Trieb der Natur ersetzen müssen, und man durch den Duft der Blumen wie im Frühling spazieren kann, dabey aber von der heissen Luft fast erstickt wird. Das berühmte Opernhaus, worin Noverre Noverre – Jean Georges Noverre, franz. Tänzer und Choreograph, auch Theoretiker, † 1810 sich in seiner Grösse zeigt, steht nun öde da. Du staunst über die Veränderung – Ich kann sie dir nicht besser, als durch die eigne Worte des Herzogs erklären. Im Jahre 1778 ließ der liebenswürdige Herzog der liebenswürdige Herzog – Carl Eugen, Herzog von Württemberg † 1793 bey Gelegenheit seines Geburtstages ein Manifest ergehen, wovon folgendes Auszüge sind – »Da Wir ein Mensch sind, und unter diesem Wort von dem so vorzüglichen Grad der Vollkommenheit beständig weit entfernt geblieben, und auch inskünftige bleiden [bleiben] werden; so hat es nicht anderst seyn können, als daß theils aus angebohrener menschlicher Schwachheit, theils aus unzulänglicher Kenntniß und andern Umständen sich viele Ereignisse ergeben, die, wenn sie nicht geschehen, sowohl für jtzt [itzt] als für das künftige eine andere Wendung genommen hätten. Wir bekennen es freymüthig; denn dieß ist die Schuldigkeit eines Rechtschaffenen, und entladen uns damit einer Pflicht, die jedem Nachdenkenden, besonders aber den Gesalbten der Erde, immer heilig seyn und bleiben muß. Wir sehn den heutigen Tag (Es war sein 50ster Geburtstag) als eine zweyte Periode unsers Leben an – Wir geben unsern lieben Unterthanen die Versicherung, daß alle die Jahre, die Gott uns noch zu leben fristen wird, zu ihrem wahren Wohl angewendet werden sollen – Würtembergs Glücklichkkeit soll also von nun an und auf immer auf der Beobachtung der ächtesten Pflichten des getreuen Landesvaters gegen seine Unterthanen und auf dem zärtlichen Zutrauen und Gehorsam der Diener und Unterthanen gegen ihren Gesalbten beruhen – Ein getreuer rechtschaffener Unterthan bedenke, daß das Wohl einen ganzen Staats oft dem Wohl eines Einzeln vorausgehen müsse, und murre nicht über Umstände, die nicht allemal nach seinem Sinn seyn können – Wir hoffen, jeder Unterthan wird nun getrost leben, daß er in seinem Landesherrn einen sorgenden, getreuen Vater verehren kann. Ja, Würtemberg muß es wohl gehen! Dies sey in Zukunft und auf immer die Losung zwischen Herrn, Diener und Unterthan.« Der Herzog ist nun ganz Philosoph; stiftet Schulen, und besucht sie fleißig; treibt Landwirtschaft, und ist sogar oft beym Melken der Kühe; schüzt Künste, Wissenschaften und Handlung Handlung – Handel und Gewerbe , errichtet Fabricken, und lebt wirklich bloß, um das wieder gut zu machen, was er allenfalls verdorben hat. Sein feuriges Genie riß ihn zu dem Aufwand für Pracht und Sinnlichkeit hin, wodurch er sich in ganz Europa berühmt gemacht. Der Ton der damaligen Zeiten, die Beyspiele andrer Höfe, als das sächsischen und pfälzischen, der italiänische Geschmack, den er auf seinen Reisen annahm, die Verführung seiner Bedienten, worunter sich unsere Landleute besonders hervorthaten, und verschiedene andere Umstände gaben diesem Genie vollends eine falsche Richtung. Die Schulden häuften sich. Man suchte Hilfe in neuen Auflagen. Die Landstände Landstände – ein Parlament, welches allein die Steuern bewilligen darf sträubten sich dagegen, und ertrozten endlich eine Kommißion vom kaiserlichen Hof. Man soll gegen 12 Millionen Gulden Schulden vorgefunden haben. Die bösen Rathgeber werden vom Herzog entfernt. Unterdessen wird aus den meisten deutschen Höfen ein gewisser philosophischer und wirtschaftlicher Ton herschend. Sogleich entscheidet sich das Genie des Herzogs mit eben der Wärme, womit es zuvor an dem wohllüstigen Pracht hieng, für die gute Sache. Die Gräfin von Hohenheim, ehemals Frau von * * , ist unter der Menge Frauenzimmer, die der Herzog kennen lernte, das einzige, das mit ihm sympatisieren und ihn fixieren kann; und so geschah die Verändrung, worüber die Patrioten im Würtembergischen entzückt sind, und die noch die spätesten Enkel segnen werden – Wehe dem Mann, der darüber witzeln und spotten kann! Nun könnte ich dich lange mit den Schulanstalten des Herzogs, besonders mit seiner berühmten Militär=Akademie unterhalten, wenn ich nicht glaubte, daß sie dir schon zum Theil bekannt wären, und ich nicht wegen dem gezwungenen Wesen an unsern Schulen überhaupt, und besonders an den hiesigen einen unüberwindlichen Eckel hätte. Ich gebe zu, es ist gut, vortrefflich, sogar bey den heutigen Staatsverfassungen nothwendig, daß man die jungen Leuthe voll Gelehrtheit pfropft, noch ehe ihre Körper und Sinnen ausgebildet sind; aber ich kann mir nicht helfen; ich möchte allezeit ausspeyen, wenn ich einen Jüngling von 16 – 18 Jahren sehe, der wie ein Magister spricht und sich wie derselbe gebehrdet. Meine Buben, wenn Gott mir einige schenken sollte, müßten bis in diese Jahre wie die jungen Kosaken aufwachsen – Doch meine Gedanken über die Erziehung will ich dir auf ein andermal versparen. Nun etwas vom Land Würtemberg. Der größte Theil des Herzogthums ist ein grosses Thal, das gegen Osten von einer Bergkette, die Alp genannt, gegen Westen vom Schwarzwald, gegen Norden von einem Theil der Berge des Odenwaldes und einem Arm des Schwarzwaldes, und gegen Süden von den zusammenlaufenden Armen der Alp und des Schwarzwaldes eingeschlossen ist. Im ganzen ist es gegen Norden abhängig, und wird in der Mitte vom Necker durchströmt. Eine Menge kleinere Arme laufen von den verschiedenen Bergketten umher gegen die Mitte zu, kreutzen sich auf die mannigfaltigste Art, und bilden kleinere Thäler, die von unzähligen Bächen gewässert werden. Diesen kleinen Bergästen, welche die Thäler gegen die rauhen Winde decken, und zwischen denen sich die Sonnenhitze anfängt, hat das Land seine grosse Fruchtbarkeit zu danken. Auf der sonnigten Seite sind die meisten Berge und Hügel bis eine gewisse Höhe mit Weinreben bepflanzt; oben sind vortrefliche Waiden und Waldungen, und in den Tiefen liegt eine leichte, lockere, graue Erde, die alle Getraidearten, besonders aber den Dinkel, in erstaunlicher Menge zurückgiebt. Im Ganzen hat das Land viele Aehnlichkeit mit dem mittleren Theil von Lothringen, ist aber lange nicht so steinigt und hat viel bessere Erde. Es hat an allen Lebensbedürfnissen einen grossen Ueberfluß, das Salz ausgenommen, wovon es den grösten Theil zu seiner Konsumtion aus Bayern bezieht. Der Ueberfluß von Getraide wird meistentheils in die Schweitz, und der Wein jetzt bis in England verführt. Die Grösse des Landes beträgt nicht mehr als ohngefehr 200 deutsche oder 266 französische Quadratmeilen Meile – meist ca. 7,5 km, in dieser Abhandlung wird sie zu ca. 10 km gerechnet , und in diesem Umfange wohnen 560.000. Menschen, also im Durchschnitt 2.800 Seelen auf einer deutschen Quadratmeile. Ausser den Gegenden um die Hauptstädte, und einigen Bezirken in Italien und den Niederlanden sind gewiß wenige Länder in Europa nach dem Verhältniß der Grösse so stark bevölkert, und doch trägt das Land so viel Getraide, daß es noch einmal so viel Menschen nähren könnte. Die Einkünfte des Herzogs sollen beynahe 3 Millionen Gulden betragen. Ich finde das sehr wahrscheinlich, obschon verschiedene gedruckte Nachrichten eine viele kleinere Summe angeben. Es sind wenige Länder in Deutschland, wo von den jährlichen Einkünften nicht 5 Gulden im Durchschnitt auf den Kopf kommen sollten. Nach der Vergleichung, die ich aus öffentlichen Nachrichten hierüber angestellt habe, fallen in der Vertheilung der Revenüen Revenüen – Einkommen, Einkünfte in vielen Ländern noch mehr als 5 Gulden auf einen Kopf. Warum sollte es in Würtemberg, einem der ergiebigsten Länder von Deutschland, wo der Unterthan eben auch um nichts mehr geschont wird, nicht auch so seyn? Der Herzog ist nach den Kurfürsten ohne Vergleich der mächtigste Fürst Deutschlands. Der Landgraf von Hessenkassel hat nicht viel über 2 Drittheile von den Unterthanen und den Einkünften desselben, ob er schon wegen seiner Verbindung mit England mehr Aufsehens macht. Die Verwaltung des Herzogthums ist lange nicht so einfach, als jene der baadischen Lande. Hier wimmelt es von Räthen, Schreibern, Prokuratoren und Advokaten, wovon wenigstens die Hälfte überflüßig, aber durch die Landesverfassung zum müssigen Genuß ihres Gehaltes berechtigt ist. Ein Theil davon gehört zu dem Parlament, welches die herzogliche Gewalt einschränken soll – Aber auch der Hofstaat des Herzogs ist, der ansehnlichen Reduktionen ohngeachtet, noch übermäßig zahlreich. Die herzogliche Armee bestand ehedem aus 14.000 Mann. Wenn die übrigen Ausgaben eingeschränkt würden, und die Schulden bezahlt wären, so könnte man diese Anzahl Truppen immerfort auf den Beinen halten. Sie wäre der Bevölkerung und dem Ertrag des Landes ziemlich angemessen. Bey der grossen, oben berührten Veränderung wurde sie aber bis auf ohngefähr 5.000 Mann reduziert, und diese scheinen keine von den besten deutschen Truppen zu seyn. Stuttgard zählt ohngefehr 20.000 Einwohner. Seitdem der herzog wieder hier residirt, nimmt die Bevölkerung von Jahr zu Jahr zu. Während des Streites mit seinen Landständen, wobey Stuttgard den Mund besonders weit aufthat, verlegte er seine Residenz nach Ludwigsburg. Stuttgard fühlte bald, was es dadurch verloren. Die Stadt gab sich alle erdenkliche Mühe, um den Herzog wieder zu gewinnen. Es war alles umsonst. Nach der allgemeinen Aussöhnung zwischen dem Landesherrn und Landesständen ward endlich der Wunsch der Stuttgarder erfüllt. Die Stadt ist wohl gebaut, und wird von einem schönen und starken Schlag Leute bewohnt. Das Frauenzimmer ist groß, schlank und rund. Seine Farbe ist Milch und Blut. Der Reichthum des Erdreichs und die Leichtigkeit, bey Hofe oder vom Lande Unterhaltung zu finden, sind Ursache, daß man hier sehr wohl lebt. Was man bey uns für 12 Personen aussetzt, reicht hier kaum für 6. hin. Dem Stuttgarder ist es daher zu Hause so wohl, daß er in einer Entfernung von 6 – 8 Meilen das Heimweh bekömmt. Obschon das Land durchaus protestantisch und nur der herzog katholisch ist, so herrscht doch noch viel Aberglauben und Bigoterie. Die Geistlichkeit gehört zu den Landständen, hat eine Art von eigner Jurisdiktion, und ist sehr begütert. Sie weiß, was sie bey einer Veränderung zu verlieren hat, und hält daher strenge auf Orthodoxie. Die Sitten sind dadurch nicht gebessert. Sehr merkwürdig ist die Liebe der Würtemberger zu ihrem Landesvater. Auch zu der Zeit, wo das größte Talent bey Hofe war, neue Auflagen zu erfinden, hatt' es nichts von dieser Liebe verloren. Der Fluch des Volks Fluch des Volkes – gemeint ist der Jude Joseph Süß Oppenheimer, der 1738 einem Justizmord zum Opfer fiel fiel auf die , die ihn verdienten, auf den Schwarm des Projekteurs, die den guten Herzog irre führten. Seitdem diese von ihm entfernt sind, ist er der Abgott seiner Unterthanen, und er verdient es zu seyn. Leb wohl. Vierter Brief. Stuttgard den 20. May 1780 Auf den verschiedenen Einfällen, die ich in die benachbarte Staaten des schwäbischen Kreises gethan, machte ich bey weitem nicht die reiche Beute, die ich mir versprochen hatte. Ich sah ein Dutzend Reichsstädte, worinn, der republikanischen Verfassung ungeachtet, kein Fünkchen Gefühl von Freyheit und Vaterlandsliebe auszuspüren ist; die im Gedränge ihrer mächtigeren Nachbarn alle Empfindung von dem Werth der Unabhängigkeit verloren haben; deren Bürger sich ausser ihren Ringmauern schämen ihr Vaterland zu nennen, zu Haus aber die Staatsverfassung des alten Roms in der elendesten Farce vorstellen, und im Ton dieser ehemaligen Weltherrscher auf ihre öffentlichen Gebäude, oder auch wohl gar in ihren Rathsverordnungen schreiben: Senatus Populusque Hallensis, Bopfingensis, Nördlingensis \& c. Senatus ... – Senat und Volk von ..., So beginnen die Widmungen auf den römischen Triumphbögen So oft ich das Populus erblickte, fiel mir ein, was einer unserer Landsleute sagte, als von einer Nation die Rede war, die zu Paris die Schuhe puzt: Ca n'est ps une Nation; c'est une f . . . e race. Ca n'est ps ... – Das ist keine Nation; es ist eine verdammte Rasse. Noch im fünfzehnten Jahrhundert spielten die schwäbischen Reichsstädte eine andre Rolle. Sie hatten unter sich, wie auch mit vielen rheinischen und fränkischen Städten einen Bund, der oft die benachbarten Fürsten zittern machte, und den Kaiser selbst in Verlegenheit setzte , aber eben deßwegen von Karl V. Getrennt ward. Seit dem Ursprung des hanseatischen Sistems war alles Geld aus dem Lande umher in die Städte geflossen. Sie waren der ausschließliche Sitz der Industrie, und diese machte sie zu grossen Unternehmungen aufgelegt. Ihr Geld machte die benachbarten Fürsten und Herren, von denen damals ein guter Theil von Strassenraub lebte, auf eine gewisse Art von ihnen abhängig. Hätte ihnen der kaufmännische Geist, der sie beherrschte, erlaubt, mehr Werth auf Besitzungen grosser Ländereyen zu sezen, so könnten sie jetzt noch etwas von ihrem ehemaligen Glanz behaupten. Mit ihrer damaligen Macht hätten sie viel erobern und mit ihrem Reichtthum viel erkaufen können. Nun ist alle Hofnung verschwunden, daß sie sich jemals wieder bedeutend machen könnten. Seitdem die Fürsten den Werth der Industrie kennen, und ihr in ihren Ländern freyen Schwung gestatten, hat sie sich nach und nach aus den schwarzen Mauern der Städte, worinn ihr das Zunftsistem, die kleinlechte Politik und die Eifersucht ihrer Mitbürger ohnehin viele Fesseln anlegten, unter den Schutz derselben geflüchtet. Es ist so weit mit ihnen gekommen, daß viele derselben noch ihr kleines Gebiete werden verkaufen müssen, um ihre Schulden bezahlen zu können. In diesem Fall befindet sich unter andern die Stadt Ulm, die mächtigste nach Augspurg im Schwabenlande – Ich hab dir also von den Reichsstädten, die mir zu Gesicht gekommen, nichts merkwürdiges zu sagen, als daß Heilbronn eine sehr reitzende Lage, und Halle Halle – Schwäbisch Hall Salz sie dereien hat, die jährlich ohngefähr 300.000 Gulden reinen Gewinn abwerfen. Nebst diesen Städten durchlief ich in sehr kurzer Zeit auch ein Dutzend Fürstenthümer, Grafschaften, Prälaturen Prälatur – Amt eines Prälaten u. dgl. m. Fußnote im Original: In der Gegend von Schwaben, die der Herr Verfasser bis hieher gesehen, wüßt' ich eben die Fürstenthümer und Prälaturen nicht dutzendweise aufzutreiben. Doch man muß ihm den Franzosen zu gut halten, ob er es schon weniger als viele andre seiner Landleute ist, welche Bemerkung für viele andre Stellen, wo man die * * ersparen will, gelten soll. D. U. , mit deren Namen ich dich nicht schikaniren will. Fast alles Land besteht aus waldigten Bergen und Hügeln und fruchtbaren Thälern, die sehr gut angebaut sind. Diese starke Bevölkerung bey so wenig günstigen Umständen, bey den Erpressungen kleiner Herrn, die ihre Mätressen, ihre Jagdhunde, französischen Köche und wohl auch ein englisches Pferd haben müssen, bey dem Gezerre mit dem Nachbarn, welches durch die verwirrte Verfassung des Reiches ins Unendliche gegezogen wird, bey den geringen Vortheilen, die ein kleiner Staat seinen Einwohnern gewähren kann, bey dem immer anhaltenden Geldverlust, indem der kleine Herr seinen Luxus gröstentheils mit fremden Waaren befriedigen muß. In Betracht alles dessen ward mir diese Bevölkerung eine Art von Wunder. Alles, was Religion, Sitten, Anhänglichkeit an das Väterliche, Temperament und Nahrungsmittel dazu beytragen mögen, kann den obigen Gegengründen nicht das Gleichgewicht halten. Folgende Betrachtungen schienen mir endlich das Rätsel aufzulösen. Das Eigenthumsrecht, welches die meisten Bauern in diesen Gegenden zu geniessen haben, würde diese Staaten, die fast bloß vom Ackerbau bestehen, von ihrem Untergang in der Länge nicht retten können; denn die erstaunliche Fruchtbarkeit der hiesigen Weiber müßte mit der Zeit so viele Theilungen der der Güter veranlassen, daß den Erben endlich kaum Raum genug übrig bliebe, daß eine mäßige Auswanderung eine grosse Wohlthat für diese Staaten ist. Unter allen deutschen Völkern wandern die Schwaben am häufigsten aus ihrem Vaterlande, und doch bleibt es immer Eines der bevölkertsten Länder. Die Auswanderer sind größtentheils der Auswurf dieser kleinen Horden; liederliches Gesindel, das sein übriges Eigenthum an einen bessern Wirth um das Reisegeld ins Schlaraffenland überläßt, worinn sie hoffen, ihrer Liederlichkeit besser nachhängen zu können. Der andere Theil derselben besteht aus jungen Bauernsöhnen, die als Handwerker ihr Brod in der Fremde suchen, und wenn sie es gefunden haben, ihre Theilchen am väterlichen Erbe um ein geringes dem ältern Bruder verkaufen, oder durch ihren Tod ihn in den Besitz des Ganzen setzen. Dadurch behalten die Güter immer eine gewisse Verhältnißmäßige Grösse, die zur Erhaltung eines kleinen Bauernstaates unumgänglich nothwendig ist, dem es ist eben so nachtheilig ist, wenn die Besitzungen zu groß sind, welches aber in dem Theil von Schwaben, den ich bisher gesehen, der Fall nicht ist. Mit diesen kleinen Völkerschaften verhält es sich ganz anderst, als mit grossen Staaten. Die Eingeschränktheit des innern Luxus gestattet hier nicht die unzähligen Arten von Beschäftigungen und Erwerbungsmittel, die in einem grossen Staat die Menschen ins Unendliche vervielfachen lassen. Die Kanäle, wodurch das Geld hier umläuft, sind zu einfach, und die Natur und die Umstände müssen sehr günstig seyn, wenn in einigen dieser Ländchen Manufakturen gedeihen sollen. Die innere Konsumtion ist zu gering; der Absatz in die meisten benachbarten grössern Staaten durch Auflagen auf fremde Waaren erschwert, und die Industrie findet in diesen durch den Schutz mächtigerer Fürsten, durch die stärkere Konsumtion und in der Mannigfaltigkeit der ersten Materien, welche ihr diese grössere Länder liefern, ungleich mehr Vortheile. – Das eigentliche Leben dieser kleinen Staaten ist also bloß der Ackerbau, dessen Zustand ich in Schwaben bewundern muß. Ich behaupte hiemit keineswegs, daß dies Land, so volkreich es auch ist, in seinem bestmöglichen Zustand sey. Es fehlt in Betracht seines natürlichen Reichthums noch viel daran. Ich erkläre dir nur, wie es bey so geringer Aufmunterung das seyn kann, was es ist. Das meiste zu diesem Anbau Anbau – das Wort wird gesamten Bericht in der Bedeutung »Ackerbau« verwendet und zu dieser Bevölkerung des Landes trägt die Handhabung der Gerechtigkeit und eines gewissen Grades von Polizey bey, die auch in den kleinsten Ländchen und Städtchen, die ich sah, meine Erwartung weit übertraf. Ich bleibe dabey, so sehr man auch bey diesem philosophischen Jahrhundert dagegen schreyt, daß die berüchtigten Przeßformalitäten im Ganzen mehr Gutes als Böses thun. Es ist wahr, der deutsche Prozeß hat beym ersten Anblik eine förchterliche, gothische Gestalt. Er ist mit so vielen Formeln überladen, daß man kaum eine Grundidee davon erkennen kann. Diese machen ihn äusserst schwerfällig, träge, kostbar zu unterhalten u. s. w. Sie öfnen der Schikane den Weg, und fütern eine Menge Advokaten und Prokuratoren, denen es daran gelegen seyn muß, das ganze Land im Streit zu sehn. Allein, dagegen binden sie den Richter wie die Partheyen an eine gewisse kalte Ordnung, die der täuschenden Redekunst, den willkürlichen eingriffen, den gewaltthätigen Leidenschaften und den augenblicklichen Launen wenig Zugang gestattet. Durch diesen Zwang werden Richter und Partheyen in eine gewisse Gleichheit gesetzt, fühlen sich abhängig, und können deßwegen ihr eigenes Selbst nicht so leicht geltend machen, als bey unserer einfacheren und dem Anschein nach philosophischeren Gerichtsform. Realisire man uns nur die Ideale von guten Richtern, die uns die hochweise Herren vordeklamiren. Gebe man uns die Sokraten Sokrates – griech. Philosoph, † v. C. 399 zu Dutzenden her, die Kopf und Herz, guten Willen und Thätigkeit, Uebung und Wärme, Enthaltsamkeit und eine immer gleiche Anstrengung besitzen, und wir wollen ihnen von Herzen gerne die Richterstüle einräumen und alle lästige Formalitäten wegschaffen. Aber solange diese Halbgötter auf unserer Erde selten bleiben, so lange die Philosophie mehr eine Sache des Kopfes als des Herzens ist, und so lange die Eigenliebe der Tyranney selbst eine philosophische Schminke geben und das Gewissen durch Trugschlüsse betäuben kann,sollten wir uns keine andre Richter wünschen, als deren Eigenmächtigkeit so viel als möglich eingeschränkt ist, und die nicht für jeden einzeln Fall Gesetzgeber, sondern nur nach einer gewissen Form Ausleger der Gesetze sind. Uebrigens kann die deutsche Gerichtsform viel von ihrer schrecklichen Rüstung verlieren, ohne eben diesen Zweck zu verfehlen; aber ich kann unmöglich meine Stimme dazu geben, wie der gordische Knoten aufgelöset werden sollen. Verschiedene deutsche Fürsten haben sich als Philosophen zeigen wollen, und Hand an diese Formalitäten gelegt. Wenn es doch leichter wäre, den goldnen Mittelweg zu treffen! In diesen kleinen Staaten hört man wenig von Unterdrückung einzelner Personen. Man hat sogar häufige Beyspiele, daß diese kleinen Herren von ihrem eignen Rath in Privatstreitigkeiten nach aller Rechtsform verfällt werden. Die Despotie dieser Souveränchen spielt mehr auf das Ganze, und die Last wird also durch die Vertheilung leichter. Eine gewisse Redlichkeit, deren Gefühl bey einzeln offenbaren Gewaltthätigkeiten erwacht, ist immer noch Sitte unter ihnen. Nur im Punkte der Jagdgerechtigkeit pflegen sie öfters auszuschweifen und der Menschlichkeit zu nahe zu treten. Uebrigens begnügen sie sich, wenn sie und ihre Pferde und Hunde wohl gefütert werden. Der deutsche, jovialische Humor, der sie beherrscht, sichert die Unterthanen der meisten dieser Herren gegen die stürmische, ausgelassene und gränzenlose Gewaltthätigkeiten, die unter einem andern Himmel, z. B. in Spanien, Italien Frankreich u. a. bey einer ähnlichen Staatsverfassung nothwendig erfolgen müßten. Auch sucht der jetzige Kayser sein Recht mehr geltend zu machen, als seine Vorfahrer. Die Fürsten, welche nicht mächtig genug sind, der Exekution zu trotzen, dürfen ihre Unterthanen nicht auf das äusserste treiben. Vor wenig Jahren wurde den Unterthanen eines schwäbischen Fürsten , der sie aus ihren Besitzungen vertreiben und dieselbe seinen Hirschen und Schweinen einräumen wollte, von Wien aus Hülfe verschaft. Das Kriminalgericht könnte in diesen Gegenden vor allem einige Veränderungen leiden. Man foltert noch, und köpft und hängt und rädert und spießt wohl auch noch pünktlich nach der Karolina Karolina – Constitutio Criminalis Carolina, auch peinliche Halsgerichtsordnung (Strafprozeßordnung) Karls V. genannt. 1530 vom Reichstag in Augsburg beschlossen . Es ist auch noch nicht gar lange her, daß man Hexen verbrannte. Aber dazu kömmt es eben itzt nicht mehr. Lebe wohl. Fünfter Brief. Augspurg – Zur Strafe für deine fast unverzeihliche Trägheit im Briefschreiben ließ ich dich so lange auf Einen von mir warten. Da du dich aber in dem Briefchen, das ich gestern erhielt, reumüthig zeigest und Nannette für dich im Postskript um Verzeihung bittet, so will ich es dir so hingehen lassen und mein Taschenbuch wieder zu Handen nehmen. Von Stuttgard aus that ich mit einem guten Freund, einem jungen Herrn von Stande, einen Einfall tief in den Schwarzwald. Die Bewohner des würtenbergischen Antheils sind lange nicht so schön, wohlgebaut und munter, als die am Necker und den angränzenden Thälern. Die Männer sind plump und die Weiber gelb, ungestaltet und gemeiniglich schon in den dreyßig Jahren runzlicht. Sie unterscheiden sich auch von ihren übrigen Landsleuten durch einen abscheulichen Geschmack sich zu kleiden und einen auffallenden Mangel an Reinlichkeit. Kalb Karolina – Constitutio Criminalis Carolina, auch peinliche Halsgerichtsordnung (Strafprozeßordnung) Karls V. genannt. 1530 vom Reichstag in Augsburg beschlossen ist die beste Stadt in dieser Gegend; sie hat ansehnliche Manufakturen, und ihre Bürger äusserten bey den berüchtigten Streitigkeiten der Landesstände mit dem Herzog ungemein viel Muth, Freyheitsliebe und Anhänglichkeit an ihre Verfassung. Ich konnte die Ursache der Häßlichkeit dieser Leute nicht ausfindig machen. Härte der Arbeit und schlechte Nahrung mögen etwas dazu beytragen; aber sie sind nicht die einzige Ursache, denn im fürstenbergischen und besonders im östreichischen Antheil dieses ungeheuern Gebirges sahen wir die schönsten Leute, ob sie gleich die harte Arbeit und die Nahrungsmittel mit den Würtembergern gemein haben. Vielleicht ist die Richtung und Tiefe der Täler und also die Luft oder vielleicht das Wasser daran Schuld. Diese Bergreise hatte ungemein viel Vergnügen für mich. Es war mir wie in einer Feenwelt. Eine zauberische Aussicht übertraf immer die andere an Mannichfaltigkeit und Schönheit. Seltsame Gestalten und Verkettungen der Berge, Wasserfälle, Parthieen Waldung, kleine Seen in tiefen Schlünden, Abstürze, kurz, alles ist in so grossem Stil, daß ich es nicht wage ihn in einem Brief zu kopiren. Ich rastete einige Tage bey meinem Freund zu Stuttgard aus, und machte mich sodann auf den Weg nach dem Bodensee, wornach sich mein Auge sehnte. Ich kam über eine andre Bergkette, die Schwabenland von Ostnorden nach Westsüden in der Mitte durchschneidet und die Alp genennt wird. Sie streckt sich noch von der schwäbischen Gränze an zwischen Bayern und Franken bis an den Fichtelberg Fichtelberg – das Fichtelgebirge hin und hängt mit dem böhmischen Gebirge zusammen. – Das merkwürdigste auf dieser Reise war mir das Stammhaus der Könige von Preussen. Wer sollte glauben, daß Friederich der Große Friederich der Große – Friedrich II. von Preußen, König seit 1740, führte Preußen durch mehrere Kriege, besonders durch den Siebenjährigen Krieg zu einer europäischen Großmacht, † 1786 , welcher gegen die vereinte Macht der mächtigsten europäischen Häuser stand vereinigte Macht ... – im Siebenjährigen Krieg kämpfte Preußen, nur durch englisches Geld und die Ausplünderung Sachsens unterstützt, gegen die europäischen Großmächte Rußland, Frankreich und Österreich und das Gleichgewicht in Norden hält, der Abkömmling eines jüngern Astes des hohenzollerischen Stammes ist, des kleinsten fürstlichen Hauses in Deutschland, dessen zween noch lebende Aeste, Hechingen und Siegmaringen zusammen keine 70.000 Gulden Einkünfte haben! – Der jüngere Bruder eines unserer Marquis ließ sich das von einem Preußen erklären, schlug einen Schneller mit den Fingern und erwiderte: «Voilà un Cadet qui a fait fortune!« (Dieser jüngere Sohn hat mir ein Glück gemacht!) Wir kamen quer durch das Fürstenthum Hohenzollern, und die Breite wird wenig über ein paar Stunden Stunde – Wegmaß: Die Strecke, die ein Fußgänger in einer Stunde zurücklegt, also etwa 5 km betragen. In die Länge soll es gegen 10. Stunden haben, in welchem Umfang aber, den abgerissenen Sigmaringen Theil mitbegriffen, nicht über 12.000 Menschen wohnen. Das Land ist sehr bergigt und waldigt, und die Fürsten waren von jeher als grosse Jäger bekannt. Die jetztregierenden Herrn sind, wie man mir sagt, sehr liebenswürdige Männer, und suchen beym König von Preussen das Andenken ihres gemeinschaftlichen Ursprungs zu erneuern, wie denn auch kürzlich ein Graf von Hohenzollern zum Koadjutor Koadjutor – Stellvertreter und designierter Nachfolger eines katholischen Bischofs von Ermeland Ermeland – Ermland, eine Landschaft in Ostpreußen, kam bei der ersten Teilung Polens 1772 an Preußen , wenn ich nicht irre, ist ernennt worden. Wir besahen das Schloß Hechingen, das auf seinem hohen Berg eine unbegränzte Aussicht in das Würtembergische und andre benachbarte Länder beherrscht. Einer der ehemaligen Regenten dieses kleinen Ländchens stand mit seinem Gefolge auf der Terrasse des Schlosses und weidete seine Augen in der weiten und schönen Gegend umher. Er nickte dann mit dem Kopf und sagte: Das Würtemberger Ländchen stünde unserm Land wahrhaftig sehr wohl an – Wenn auch die Anekdote nicht wahr seyn sollte, so ist wenigstens der Einfall nicht übel; denn das Ländchen Würtemberg ist wenigstens 30. mal so groß, als das Land Hohenzollern. Beym Anblick des Bodensees war ich würklich entzükt. Ich will keine dichterische Beschreibung dieses herrlichen Anblicks versuchen. Das hiesse, das größte mannichfaltige und lebhafteste Gemählde dir mit einem Gesudel von Kohlen vorzeichnen wollen. Ich will dir nur meine philosophischen politischen Beobachtungen über die Gegend und die Bewohner derselben mittheilen; denn was meine Gefühle betrift, so weißt du, daß ich in Beschreibung derselben sehr unglücklich bin. Auffallend ist vor allen, daß an diesem grossen Gewässer, welches auf eine beträchtliche Strecke die Gränzscheidung zwischen Deutschland und der Schweiz ist, keine einzige Stadt von Bedeutung liegt. Konstanz, die beträchtlichste an den Ufern desselben, zählt kaum 6.000 Einwohner Fußnote im Original: Wenigstens 5.000, und also doch um ein Beträchtliches mehr, als Koxe in seiner Schweitzerreise angiebt, um auf Kosten dieser Stadt einige in der Nachbarschaft derselben im Vergleich grösser zu machen. D. U. . Sie hat weder eine erhebliche Handlung noch die geringste Manufaktur. Da Schaffhausen, St. Gallen, Zürich und einige andere nicht weit entlegene Städte, welche die vortheilhafte Lage nicht haben, sehr blühende Handelsstädte sind. Augenscheinlich ist der Schwabe überhaupt lebhafter und reger von Natur, als der Schweitzer in den angränzenden Gegenden, und was das Landvolk betrift, so bemerkt man sowohl in Rücksicht auf Sittlichkeit als auf Fleiß einen auffallenden Unterscheid zum Vortheil des erstern, da sich hingegen die helvetischen Helvetisch – schweizerisch (Helvetien) Städte ebenso stark zu ihrem Vorteil vor den schwäbischen in ihrer Nachbarschaft auszeichnen. In Konstanz wird man stark versucht, den Mangel an Kunstfleiß, die Vernachlässigung der Vortheile, welche die Natur darbietet, und die herrschende Liederlichkeit der Religion zur Last zu legen. Schon im Elsaß und in dem untern Schwaben fand ich unter den Protestanten mehr Gewerbgeist, als unter den Katholiken. Die Feyertäge, das häufige Kirchengehn, das Wallfahrten, die Möncherei u. dgl. m. tragen viel, und noch viel mehr die übertriebenen Lehren von Verachtung zeitlicher Dinge, und von Erwartung einer wunderthätigen Unterhaltung von Gott, die Leichtigkeit, in Klöstern und der Kirche Versorgung zu finden, und die Eingeschränktheit der Begriffe, die man zum Behuf seines Glaubens bey einem Katholiken im Vergleich mit dem Protestanten voraussetzen muß, dazu bey. Unter dem grossen Haufen der Bauern beyder hier zusammengränzender Völker gleicht sich das durch die natürliche Schwerfälligkeit und Wildheit des reformierten Schweitzers, worüber ich dir mit der Zeit in meinen Briefen über die Schweiz Erläuterung geben werde, ziemlich zum Vortheil des Schwaben ab. Aber in den Städten machen die mehrern Kirchen und Klöster nebst obigen Ursachen auf Seite der Katholiken und die grosse Aufklärung auf Seite der reformirten Schweizer einigen Unterscheid, welcher aber noch ausser der Religion durch eine Menge andre Ursachen unendlich vergrössert wird. In Frankreich, in den östreichischen Niederlanden östreichische Niederlande – auch österreichisches Belgien genannt, etwa das Gebiet der heutigen Länder Luxemburg und Belgien, dazu die heute deutschen Städte Echternach und Bitburg und verschiedenen italiänischen Staaten sieht man offenbar, daß die Religion an und für sich selbst dem politischen Leben eines Volkes eben nicht sehr gefärlich ist und daß sich Industrie und Aufklärung mit einer starken Dosis Aberglauben und Möncherey so gewiß vertragen können, als der Ritter aus der Mancha ausser dem Kreis seiner Donquixotterie ein kluger und brauchbarer Mann sein konnte. Die Religion ist also hier nicht so sehr die wirkende, als vielmehr die gelegenheitliche Ursache, und es hängt von den Lokalumständen ab, warum der deutsche Katholik nicht so aufgelegt zur Industrie ist als z. B. der Franzose oder Genueser. Der Erziehungsart hat man das meiste zuzuschreiben. Du würdest staunen, wenn du den Unterschied zwischen der Erziehung der Jugend in den protestantischen Städten Deutschlands und den katholischen oder auch zwischen diesen und den unsrigen sehen solltest. Ich brauche dir hierüber nichts zu sagen, als daß die Jesuiten Jesuiten – Orden Jesu, ein 1540 von Ignatius von Loyola gegründeter Orden. Dieser wirkte als stärkste Waffe des Katholizismus in der Zeit der Gegenreformation. Aus dem Motto «Alles zur Ehre Gottes« leitete sich auch die Parole «Der Zweck heiligt die Mittel« ab. Daraus folgte dann logisch die Erlaubnis zum Königsmord. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erfolgte das Verbot des Ordens in verschiedenen katholischen Ländern. 1773 wurde der Orden vom Papst aufgehoben, aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder zugelassen. Er wurde von Bismarck 1872 in Deutschland verboten (bis 1917), auch in anderen Ländern erfolgten Verbote. , denen wir in Frankreich so viel zu danken haben, und die unsre Patrioten wieder in die Schulen zurück wünschen, in Deutschland ausgemachte Idioten waren, rüstige Verfechter der Barbarey, die sich eben so sehr beeiferten, allen Schwung des Geistes zu unterdrücken, als die unsrige das Genie zu entwickeln suchten. Ein anderes Hinderniß für den Kunstfleiß in diesen Gegenden ist der dumme lächerliche Stolz des Adels. Während daß die Kaufleute und Fabrikanten, in den benachbarten Städten Helvetiens Regenten sind, blickt der Domherr in Konstanz mit Verachtung auf den Bürger herab, der sein Vermögen nicht seiner zweifelhaften Geburt, sondern seinem Verstand und Fleiß zu verdanken hat, und bläht sich mit dem Register seiner 16. stiftmäßigen Ahnen, welches er beym Antritt seiner Pfründe beweisen muß, ohne zu bedenken, daß er vielleicht von einem Laquayen Laquay – Lakei, Diener , Jäger oder Stalknecht in die Familie unterschoben worden. Auf den Bürger macht das einen sehr schädlichen Eindruck. Anstatt sein Kapital durch seinen Fleiß zu vergrössern, kauft er sich Titel oder Güter, sucht dem Herrn Baron ähnlich zu werden und verhöhnt dann mit noch viel erbärmlicherem Stolz seine Mitbürger. Nebstdem trägt die sparsame Lebensart des Schweizer Bürgers sehr viel zur Aufnahme seiner Manufakturen bey. Das alltägliche Essen eines etwas bemittelten Einwohners von Konstanz wäre für Einen von St. Gallen ein festlicher Schmaus. Aber freylich ist das zugleich auch die Ursache, warum der Schwabe einen bessern Humor hat, als der Schweitzer. Uebrigens scheint Konstanz wegen seiner Entlegenheit vom Hof zu Wien vernachlässigt zu werden. Es sollen sich schon einige Schweizer anerbothen haben, Fabriken daselbst anzulegen. Ich weiß nicht, ob die Intoleranz des Hofes oder des Stadtrates, welcher immer noch etwas von seinem ehemaligen reichsstädtischen Ansehen zu behaupten sucht, oder der obbemeldte Adelstolz der Stein des Anstosses war, woran diese Projekte scheiterten. Der Bischof residirt zu Mörsburg Mörsburg – Meersburg am Bodensee , einem kleinen Städtchen an dem entgegengesetzten Ufer des Sees, und hat ohngefähr 70.000 Gulden Einkünfte. Er besitzt sehr ansehnliche Güter auf helvetischem Boden. Die übrigen nennenswürdige Orte auf der deutschen Seite sind: Ueberlingen und Lindau, worinn man die Spießbürgerei im größten Glanz sieht. Die helvetische Küste dieses kleinen Meeres ist scheinbarer, als die deutsche. Die schöne Mischung der nahgelegenen, zum Theil mit Weinstöcken bepflanzten Hügel, die zerstreute Lage der Bauernhöfe mit ihren vielen Fruchtbäumen umher, und die kleinen Parthieen von all den vielen Arten des Feldbaues geben derselben ein um so lebhafteres Ansehen, da die schwäbischen Dörfer enge, wie die Städte zusammen gebaut sind und oft ein grosses Getreidefeld oder weitläuftige Wiesengründe um sich her beherrschen. Im ganzen, glaube ich, sind beyde Ufer nach dem Verhältnis gleich stark bewohnt. Das helvetische ist steinigter und von schwererem Boden, als das Deutsche, und obschon das Thurgau unter die besten Gegenden der Schweitz gehört, so muß es doch einen guten Theil seines ersten Bedürfnisses, des nötigen Getraides, aus Schwaben beziehn, wogegen es etwas Wein und Obst vertauscht. In Holland denkt man wohl wenig daran, was man dem Bodensee zu verdanken hat. Kaum kann man jetzt sich daselbst des Sandes erwehren, welcher durch die Aar und verschiedene andere Flüsse aus den Alpen in den Rhein geschwemmt wird, die Mündungen dieses Stroms zu verstopfen droht, und durch die grossen Bänke, die er schon weit über seinem Ausfluß ansetzt, in diesem tiefen Lande mit der Zeit gewaltsame Revolutionen Revolution – der Begriff wird durchweg im Sinn einer größeren naturbedingten Veränderung gebraucht erwarten läßt. Wenn nicht in diesem ungeheuren Behältniß die ungleich grössere Menge des Sandes aufgefangen würde, welche durch den reissenden Rheinstrom aus dem hohen Bündtnerlande herabgespült wird, so läge jetzt schon Holland unter neuem Sand begraben, und die gehemmte Ausflüsse des Rheines hätten dem Lande schon lange eine ganz andere Gestalt gegeben. Es ist wahr, diese Veränderung muß ohnehin mit der Zeit nothwendig erfolgen. So beträchtlich auch die Tiefe dieses Sees ist, denn an einigen Orten beträgt sie 300. Klafter, so muß er doch endlich und um so eher ausgefüllt werden, da der Strom von seinem Ausfluß bey Konstanz an durch die höheren Gegenden Deutschlandes immer sein Bette tiefer grabt, und der See also ebensoviel Wasser verliert, als er Sand gewinnt. Aber wenn man bedenkt, was ein so großer Umfang, wie der des Sees, fassen kann, wenn man seinen Inhalt, wie de la Torre de la Torre – ital. Archäologe, † 1717 jenen des Vesuvs, berechnet, so haben sich die Holländer noch freylich durch viele Generationen zu trösten; und wenn der jüngste Tag Der Jüngste Tag – Der päpstliche Legat und Kardinal Pierre d'Ailly sagte 1419 das Weltende zunächst für 1692 voraus und dehnte später den Zeitraum bis 1789 aus. so schnell kömmt, als er von den erleuchtesten unserer Theologen angekündigt wird, so ist diese Berechnung vollends überflüßig. Ich konnte diese Gegenden unmöglich verlassen, ohne den berühmten Rheinfall bey Laufen zu besuchen. Es war das schönste Schauspiel, das ich in meinem Leben gesehen. Da mir zuvor kein Gemählde und kein Kupfer von diesem prächtigen Auftritt der Natur zu Gesicht gekommen, und ich ihn bloß aus einem dunkeln Ruf kannte, so geschah mir, was vermuthlich allen geschieht, die nicht einen etwas bestimmtern Begriff davon mitbringen. Meine Einbildung hatte mich getäuscht. Ich dachte mir die weiteste [wildeste ?] Gegend, wo der Rhein vom Himmel herab in einen unermeßlichen Schlund stürzte. In dem Abstand zwischen der Wirklichkeit und meiner Idee war die Ueberraschung um so angenehmer, da es hier wie mit allen wirklich großen Natur= und Kunstwerken ist, deren wahre Grösse und Schönheit nicht beym ersten Anblick auffällt, sondern erst durch genaue Beobachtung und Vergleichung der Theile muß gefühlt werden. Ich fand den Fall lange nicht so hoch, aber viel schöner, als ich mir ihn gedacht hatte. Das Amphitheatralische der mit Bäumen besetzten Hügel drüber her, die 2. Felsen, auf deren Einem das Schloß Laufen, auf dem andern aber ein Dorf und vor demselben eine Mühle liegt, und die wie die Säulen einer Vorderbühne dem Fall selbst zur Seite stehen, die Breite des Falles und die schöne Vertheilung des mannichfaltig herabstürzenden Wassers, das herrliche Bassin unter dem Fall, die schöne und fast gekünstelte Mischung des Wilden mit dem Angebauten in der Gegend umher, kurz alles war anders und schöner, als ich erwartete. Der Fall beträgt jetzt höchstens 50 Schuhe, die kleinen Abhänge mit gerechnet, die der Strom kurz vor seinem Hauptsturz zur Vorbereitung macht und die man nur von der Höhe herab sehen kann. Ehedem war er zuverläßig höher, und noch bey Mannsgedenken ist ein Stück des Felsen weggerissen worden, welcher dem Sturz mitten im Weg steht. Ich glaube an dem Fels, worauf das Schloß Laufen steht, beobachtet zu haben, wie der Strom stufenweis in die Tiefe gegraben. Es folgt also daraus, daß, wie ich dir oben sagte, der Bodensee immer nach dem Verhältniß schwinden muß, wie der Rhein sein Bette tiefer aufwühlt. Bey Lindau sah ich auch auf meiner Reise hieher offenbar neues Land. Er hat das mit allen hochgelegenen Seen gemein, und am Neufschatelersee soll diese Abnahme unter den helvetischen Gewässern am merklichsten seyn. Ich machte eine kleine Lustreise nach der nicht weit von Konstanz gelegenen Insel Mainau, die eine Kommenturey Kommenturey – Komturei, Verwaltungsbezirk eines geistlichen Ritterordens des Deutschen Ordens Deutscher Orden – geistlicher Ritterorden, 1190 während des Dritten Kreuzzuges gegründet, eroberte später große Gebiete im Baltikum und in Ostpreußen, Sitz des Großmeisters war die Marienburg, 1409 wurde der Orden in der Schlacht bei Tannenberg (Grunwald) durch ein polnisch-litauisches Heer vernichtend geschlagen. ist. Die Wohnung des Kommenturs Kommentur – Komtur, Leiter einer Komturei ist ein neues schönes Gebäude, welches die herrlichste Aussicht über den ganzen See beherrscht. Koxe Koxe – William Coxe, englischer Reiseschriftsteller und Historiker, †1828 hat auf seiner Schweitzerreise die Anlage des Gartens dieses Schlosses nicht begriffen. Er findet es abgeschmackt, daß man in demselben die freye Aussicht auf den See durch Busch=Alleen verdeckt hat. Allein diese führen den Spatzierenden unvermerkt auf den ausgesuchten Fleck, wo er von dieser Aussicht überrascht wird und den ganzen See samt seinem herrlichen Gelände, in voller Pracht vor sich hat. Die durchaus offne Aussicht auf das Wasser würde im Garten um so weniger interessant seyn, da man sie in den Zimmern des Pallastes ohnehin immerfort genießt. Noch muß ich dich, ehe ich von Konstanz abgehe, eines Mannes erinnern, der vor einigen Jahren in den Zeitungen soviel Lärmen machte. In dieser Gegend fieng der berüchtigte Gasner Gasner – kathol. Teufelsaustreiber, 1779 , welcher in kurzer Zeit einige Millionen Teufel austrieb und einige hundert Gläubige heilte, sein Spiel an. Der Bischof von Konstanz verbat sich solche Wunder in seinem Sprengel, und nun flüchtete sich der Mann unter den Schutz des Prälaten von Salmansweiler, der sich immer mit schwerem Gelde die Exemtion Exemtion – Befreiung von allgemeinen Lasten von der bischöflichen Gewalt vom Pabst erkauft. Aus Eifersucht auf den Herrn Bischof nahm der Prälat die Parthey des Flüchtlings mit aller Hitze, und nun war sein Glück durch seine Verfolgung gemacht. Der Oekonom der Prälatur fournirte fourniren – furieren, liefern ihm einige Fässer verdorbenes Oel und ähnliche Sachen, die Gasner zur Heilung der Menschen weihte, und wobey der erstere seine Rechnung fand. Ich theile dir diese Anekdote mit, weil ich sie von guter Hand hab, sie wenig bekannt ist, und ich dir ein neues Beyspiel geben kann, daß Mahommet Mahommed – Mohammed, Begründer des Islam, † 623 und alle Propheten seiner Art ihren Ruhm der Hitze ihrer Verfolger und Patronen, die oft mit dem Prophetenthum dieser Männer in gar keiner Verbindung steht, zu verdanken haben. Lebe wohl. Sechster Brief. Augsburg – Nachdem ich die Gegenden des Bodensees in der Runde besichtigt, trat ich meine Reise von Lindau hieher an, und kam durch einige verfallene Reichsstädte, die das Reich um Nachlaß ihres Kontingents bitten müssen, und wirklich Dörfer geworden sind. Memmingen nimmt sich unter ihnen sehr aus. Es hat einige Manufakturen, und sieht wirklich einer Stadt etwas ähnlich. Von diesem Städtchen kam mir der Auszug einer Kronik zu handen, der so altweiberisch wie alle Kroniken kleiner Städte lautet, woraus ich dir aber einige Stellen mittheilen muß, weil sie den Karakter des Volks schildern. Im Jahr 1448 gieng in den Schenken der Stadt der Wein aus. Der Rath schickte eine feyerliche Deputation an den Necker, um dieß dringende Bedürfniß seiner Unterthanen zu verschaffen. Als die Wagen mit Wein im Anzug waren, gieng ihnen die Bürgerschaft in einer Prozeßion mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen entgegen, und es wurde auch ein öffentliches Freudenfeuer angestellt ... Im Jahr 1449 entstand am St. Gallentage in der Martinskirche wegen den Bethstühlen eine Uneinigkeit unter den Weibern, die in der Kirche selbst eine grosse Schlägerey unter denselben veranlaßte. Die Geistlichkeit meinte, man müsse nun die entheiligte Kirche von neuem einweihen; aber der Rat widersetzte sich mit allem Nachdruck: weil es nur Weiber gewesen wären ... Beyde Schilderungen haben noch ihren Wert; denn der Schwabe hat noch die nämliche Verehrung für den Wein und die nämliche Superiorität Superiorität – Überlegenheit, Übergewicht über sein Weib. Nebst diesen kam ich durch unzälige Graf= und Herrschaften, worunter die Güter der Grafen Truchsesse und Fugger die beträchtlichsten sind, und wohl Fürstenthümer seyn könnten, wenn sie nicht unter so viele Nebenäste der Familie zertheilt wären. Der ganze Strich vom Bodensee hieher ist lange nicht so schön gebaut als der untere Theil des Schwabenlandes. Auch in der sittlichen Kultur ist er weit unter diesem. In der Bildung der Menschen ist der Unterschied auffallend. Die Einwohner dieser Gegend haben soviel Eckigtes und Schiefes in ihren Gebehrden, daß es einem eckelt. Die Natur hat aber selbst auch viel weniger für sie gethan, als für ihre Nachbarn. Der ganze Strich ist eine Ebene, die nur von einer Reihe waldigter Hügel zwischen Lindau und Leutkirchen unterbrochen wird, und das Land ist also bloß zum Ackerbau bequem, dahingegen im Unterschwaben das Gemische der Berge, Hügel und Thäler zu einer mannichfaltigern Kultur Anlaß giebt. Was vollends zum Verderben dieser Gegend gereicht, ist die Zerstückung in so viele, gar zu kleine Herrschaften, und daß mehrere Besitzer derselben an grossen Höfen leben, und also das Geld aus dem Lande ziehn. Man hat nicht nöthig zu fragen, ob der Herr des Gutes an Ort und Stelle residirt. Man sieht es augenscheinlich auf den Gesichtern der Unterthanen und der Verwilderung des Landes. Während daß der Herr am Hofe mit der Beute seiner Unterthanen glänzt, sind diese den Bedrückungen raubgieriger Beamten unterworfen, die gemeiniglich in wenigen Jahren so viel zusammenzubringen wissen, daß sie freywillig abdanken und dann selbst Herren spielen können. Wenn nicht so ungeheure Verschwendung und so lächerliche Titelsucht unter dem großen deutschen Adel Mode wäre, wenn er mehr Geschmack an Wissenschaften und Künsten hätte, wenn er ein besseres Vergnügen als das an Pferden, prächtigen Wagen, vielen Bedienten u. dgl. kennte, wenn er etwas mehr als einen steifen Rücken, gezwungene Stellung der Füße, eine gute Art, sein Geld zu verspielen, das elendeste Jargon und gewisse Krankheiten aus Frankreich Krankheiten aus Frankreich – die Syphilis, auch Franzosenkrankheit oder kurz Franzose genannt zu holen wüßte, so könnte er die glücklichste Klasse von Erdensöhnen seyn. Fast ganz unabhängig, wie er ist, könnte er im weitesten Verstande der Schöpfer des Glückes seiner Unterthanen und von ihnen angebethet werden. Aber dafür scheint der grosse Haufen der Barons Fußnote im Original: Man braucht wohl nicht anzumerken, daß zu Paris jeder Deutsche Kavalier, wenn er auch Graf ist, Baron heißt. D. U. kein Gefühl zu haben. Die Natur rächt es. Durch ihre dumme Verschwendung an den Höfen werden ihre Güter verschuldet und die Quellen versiegen nach und nach. Das berühmte Augspurg ist das lange nicht mehr, was es war. Es gibt hier nun keine Fugger und Welser Fugger und Welser – Augsburger Patriziergeschlechter, die als reiche Handelshäuser im Mittelalter eine große Rolle spielten. Beide im 17. Jahrhundert untergegangen, die Fugger als Folge des Dreißigjährigen Krieges, die Welser infolge der Staatsbankerotte in ihren Schuldnerländern mehr, die den Kaysern Millionen vorschiessen können. In dieser großen und schönen Stadt, die unter den deutschen Handelsstädten in der ersten Reihe steht, sind nicht über 6. Häuser zu finden, die über 200.000, und keine 15 die 100.000 Gulden Vermögen hätten. Der grosse Schwarm der hiesigen Kaufleute, wovon ein guter Theil Karossen haben muß, schleppt sich mit einem Kapitälchen von 30 bis 40.000 Gulden herum, macht den Krämer, Mäkler und Kommißär, und die nun einmahl gängige Gewerbart macht ihn zur Anlegung von Fabricken zu träge. Einige wenige Häuser thun etwas in Wechselgeschäften und der Weg durch Tyrol und Graubündten veranlaßt hier einigen Gegenhandel zwischen Italien und Deutschland. Nach diesen Krämern und Mäklern sind die Kupferstecher, Bilderschnitzer und Maler der ansehnlichste Theil der beschäftigten Einwohner. Ihre Produkten aber sind der Pendant zur Nürnberger Quinquaillerie Quinquaillerie – Spielzeug und Kunstgewerbe . Es gab immer einige Leute von Talent unter ihnen; da sie aber bey den kleinen Versuchen für die Kunst nie ihre Rechnung fanden, so mußten sie bey den Kapuziner=Arbeiten bleiben, um nicht zu verhungern. Sie versehen fast das ganze katholische Deutschland mit Bilderchen für die Gebetbücher und zur Auszierung der Bürgerhäuser. Für die Kunst ist der hiesige Himmel sehr ungünstig. Der Baron füttert lieber Pferde und Hunde und einen Schwarm Bedienten, deren Narr er gemeiniglich ist, als Künstler, und wenn er auf Geheiß der Mode der Kunst ein Opfer bringen muß, so hat er keinen Glauben an das Talent seiner Landleute. Da er selten selbst Geschmack und Einsichten hat, so folgt er gewöhnlich in seiner Wahl dem blinden Ruf fremder Künstler und läßt das Verdienst in seinem Vaterland darben. Es scheint in andern Gegenden Deutschlands hierinn nicht viel besser zu seyn; denn Mengs Mengs – Anton Raphael Mengs, deutscher Maler, Schöpfer des großen Altargemäldes der katholischen Hofkirche in Dresden, † 1779 , Winkelmann Winkelmann – Johann Joachim Winckelmann, deutscher Archäologe und Kunsthistoriker, Begründer der wissenschaftlichen Archäologie, † 1768 (ermordet) , Gluck, Hasse Hasse – Johann Adolph Hasse, deutscher Komponist, wirkte lange in Dresden, später in Wien und Venedig, † 1783 , Händel und viele andre mußten erst von Ausländern in Ruf gebracht werden, ehe man in Deutschland ihre Verdienste anerkannte. Es hat sich zwar unter dem Schutz des Magistrates hier eine Künstlerakademie zusammengethan, die aber, so wie ihre Patronen, keinen höhern Zweck zu haben scheint, als unter dem Namen von Künstlern gute Handwerksleute zu bilden, und die Manufakturen der Stadt im Gang zu erhalten. Der Rath geht seit einiger Zeit mit vielen ähnlichen Entwürfen zur Beförderung der Industrie schwanger, und wie ich an jeder patriotischen Empfindung Theil nehme, so konnte ich denselben anfangs meinen Beyfall nicht versagen. Aber wie ärgerlich war es mir zu sehen, daß diese Entwürfe, zum Theil von den Regenten der Stadt selbst wieder vereitelt werden! Der Grund dieses wiedersinnigen Betragens liegt zum Theil in der Regierungsform. Die Patrizier, welche nebst einem Ausschuß der Kaufleuthe die Stadt aristokratisch beherrschen, können es nicht verdauen, daß der Plebejer durch die Mittel, die er sich durch seinen Fleiß erwirbt, das Haupt über sie empor haben soll. Sie hassen und verfolgen den Fleiß ihrer Werkstätte aus einer elenden Eifersucht, und sprechen ihm in der Rathstube aus affektiertem affektiert – gekünstelt, eingebildet Patriotisme das Wort. Ein gewisser Schülin, welcher durch eine beträchtliche Kottonfabrik Kottonfabrik – Kotton: Baumwollgewebe sein Glück gemacht, ist ein trauriges Beispiel davon. Mit den Millionen, die er sich durch seinen Fleiß erworben, kann er wohl prächtiger leben, als die Patrizier mit ihren leeren Titteln, und deßwegen ist er der unsinnigsten Verfolgung ausgesetzt. Der Hauptgrund dieser erbärmlichen Politick ligt in der Verderbtheit des Ganzen. Neun Zehntheile der Einwohner sind das infamste Kanaille, das man sich denken kann, das immer bereit ist, sich selbst auf das erste Signal aus Religionshaß zu erwürgen, das den Arbeitslohn einer Woche richtig auf den Sonntag in die Bierschenke trägt, und an die Größe seiner Vorfahrer nicht eher denkt, als wenn das Bier in seinem Kopfe gährt – Ich hätte dir schon lange sagen sollen, daß die Regierung gemischt und zur Hälfte katholisch und lutherisch ist. Im Ganzen mögen die Katholiken zahlreicher seyn als die Protestanten – Es ist platterdings unmöglich, alles Lächerliche, was hier der Religionshaß erzeugt, in einer Satyre zu erschöpfen. Täglich hast du einen neuen unerwarteten Auftritt zu erwarten, der dich lachen und fluchen macht. Es kann kein Spinngewebe an einem öffentlichen Gebäude weggeräumt werden, ohne daß sich die Religion ins Spiel mische. Die Katholiken, welche natürlicher weise erhitzter sind als die Protestanten, halten sich einen sogenannten Kontroversprediger, der zu gewissen Zeiten die eine Hälfte von Augspurg lachen und die andere rasen macht. Der, welcher jezt diese Rolle spielt, ist ein Jesuit und der beste Hannswurst, den ich von seiner Art gesehen – Die tiefe Armuth und Liederlichkeit des Pöbels macht ihn gegen die Rechte unempfindlich, die er der ursprünglichen Verfassung gemäß behaupten sollte. Die Aristokraten wären so übermächtig nicht, wenn das Volk mehr Sinn und Gefühl für seine eigentliche Konstitution hätte. Aber die Freyheit der meisten hiesigen Bürger ist so wohlfeil, als die Jungferschaften ihrer Töchter, welche die hiesigen Dohmherren, deren Pfründen ohngefähr 2.000 Gulden eintragen, jährlich duzendweis kaufen. Das übrige Zehntheil der Einwohner besteht aus einigen Patrizier=Familien, unter denen es sehr artige Leute giebt, aus einem Dutzend Kaufleuthe, einigen Künstlern und der Geistlichkeit. Unter diesen herrscht aber zu viel dumme Verschwendung, welcher auch der Klügere nicht ganz entsagen darf, weil sie allgemeine Sitte ist, und zu viel Privateifersucht, als daß wahre, wirksame Vaterlandsliebe unter ihnen Wurzel fassen könnte. – In dieser Stadt, die allerdings 3 Stunden im Umfang hat, wohnen kaum 36.000 Menschen, und das ganze eintragende Kapital derselben beträgt schwerlich über 15 Millionen Gulden. – Ihre Abnahme wird von Jahr zu Jahr merklicher, und wenn ihr nicht sehr günstige Umstände zu Hülfe eilen, so enthält sie im künftigen Jahrhundert nichts als einen Haufen Bettler, deren Regenten in den geraubten und mit Flittergold verbrämten Lumpen ihrer Unterthanen paradieren. Die Stadt ist wirklich schön und das Rathhaus eines der schönsten Gebäude, die ich auf der ganzen Reise hieher gesehen. Der Magistrat läßt sich auch die äussere Verschönerung der Stadt, man sollte glauben, um so mehr angelegen seyn, als die innern Kräfte derselben abnehmen. Die Schminke der ausgedienten Buhlschwester täuscht wohl den vorübergehenden Fremden, aber wer sie am Nachttische besucht – Vor kurzem ließ das Bauamt auf Befehl des Rathes eine Verordnung ergehen, daß die Dachrinnen, welche das Wasser sonst auf die Gassen sprizten und das Pflaster verdarben, an den Häusern herab sollten geführt werden. Eine Gesellschaft von Kaufleuthen protestirte dagegen, und in ihrer Vorstellung an den Rat wurde gesagt: »Die Römer wären eben nicht auf der höchsten Stufe ihrer Grösse gewesen, als der Appische Weg Appischer Weg – Via Appia, die wichtigste Straße des Römischen Reiches, sie führte auf einer Länge von 540 km von Rom nach Brindisi an der Ostküste Italiens, heute noch befahrbar gemacht worden« – Ich weiß nicht, ob der Konzipient Konzipient – Verfasser seinen Spaß trieb. Man sagt sonst: Jede Vergleichung hinkt. Neben den Römern sind die Krücken der Augspurger gar zu sichtbar. Die Stadt bekömmt das Trinkwasser größtentheils aus dem Lech, welcher in einiger Entfernung vorüberfließt. Das Werk, wodurch das Wasser in der Stadt vertheilt wird, ist wirklich bewundernswürdig. Der bayrische Hof kann dieses unentbehrliche Bedürfnis derselben abschneiden, und setzt sie unter Androhung dieser Katastrophe öfters in Kontribution. Er hat nebstdem noch verschiedene Mittel in Händen, den hohen Rath in einer gewissen Abhängigkeit zu erhalten. Um sich gegen die Unterdrückung dieses Hofes sicher zu setzen, sucht die Stadt den Schutz des Wiener Hofes und macht sich auf dieser Seite ebenso abhängig, als auf der ersten, und die Staatskunst des hochweisen Rathes ist also ein Ball, womit beede Höfe unter sich spielen. – Der kayserliche Minister für den schwäbischen Kreis residirt gemeiniglich hier, und versichert seinem Hof einen immerwährenden Einfluß – Es liegen immerfort auch Oestreicher und Preussen auf Werbung hier, und die Partheylichkeit der Stadtregierung für die erstern ist sehr merklich – Im Krieg von 1756 Krieg von 1756 – der Siebenjährige Krieg, s. Fünfter Brief war die Bürgerschaft für beide Höfe in zwo gleiche Partheyen getheilt. Die Katholicken betrachteten den Kayser und die Protestanten den König von Preussen als ihren Schutzgott, und bald hätte der Religionshaß hier einen blutigen Bürgerkrieg veranlaßt. Der Bischof Bischof – Clemens Wenzeslaus von Sachsen, s. Sieben und sechzigster Brief. , welcher sich von dieser Stadt benennt, aber zu Dillingen residirt, hat ohngefähr 200.000 Gulden Einkünfte. Leb wohl. Siebenter Brief. Augsburg – Unter allen Kreisen des deutschen Reiches ist der schwäbische am meisten zerstükt. Er zählt nicht mehr als 4 geistliche und 13 weltliche Fürstenthümer, 19 unmittelbare Prälaturen und Abteyen, 26 Graf= und Herrschaften und 31 freye Reichstädte. Die sogenannten Kreisausschreibende Fürsten sind der Bischof von Konstanz und der Herzog von Würtemberg, welcher letztre aber allein das Direktorium der zu verhandelnden Kriegssachen hat. Das Gemische dieser vielen Regierungsarten und Religionssekten, der Druck der Grössern auf die Kleinern, die Dazwischenkunft des kayserlichen Hofes, welcher viele zerstreute Stücke Landes unabhängig vom Kreise in Schwaben besitzt und zufolge eines dem Erzherzogthum Oestreich eigenen Privilegiums seine Besitzungen in demselben auf verschiedene Arten erweitern kann: alles das giebt der Wirthschaft des Landes und dem Charakter der Bewohner eine sonderbare Gestalt. In vielen Gegenden sieht man auf einigen Poststationen die höchste Kultur mit der äussersten Verwilderung, einen ziemlichen Grad von Aufklärung und Zucht mit der tiefsten Unwissenheit und Bigoterie, Spuren von Freyheit mit der tiefsten Unterdrückung, Nationalstolz mit Verachtung oder Gleichgültigkeit gegen das Vaterland, und alle gesellschaftlichen Verhältnisse auf die auffallendste Art miteinander abstechen. Offenbar sind die grössern Länder in Schwaben, wie das Würtembergische, Oestreichische und Baadensche am besten gebaut. Das ganze Schwabenland mag in der Grösse beynahe 900 deutsche Quadratmeilen betragen, in welchem Umfange ohngefähr 2 Millionen Menschen wohnen, von denen über die Hälfte den 3 bemeldten Häusern zugehöret, ob sie schon bey weitem nicht die Hälfte des ganzen Landes besitzen. Wenn sich die kleinen deutschen Herren vernünftig wüßten einzuschränken, wenn sie nicht grösser scheinen wollten, als sie sind, wenn sie mehr Liebe zu ihren Unterthanen hätten, und nicht so fühllos gegen die sanftern Empfindungen der Menschlichkeit und gegen die Reitze der Musen wären, so könnte die Kleinheit dieser Staaten selbst ihr Glück seyn. Wenn gleich ein kleiner Bauernstaat für manche Bedürfnisse Geld muß ausfliessen lassen, so kann doch, wenn der Herr nicht übermäßigen Luxus liebt, ein guter Theil des Landesertrags, in Betracht des kleinen Kreises, in einem viel engern, und also vortheilhaftern Umlauf erhalten werden, wenn das Höfchen seinen und den von dem seinigen unzertrennlichen Vortheil seiner Unterthanen versteht, und die Einnahme wieder in die gehörigen Kanäle zurückgießt. Da die meisten Herren dieser Gegend katholisch sind, und ihren jüngern Söhnen die reichen Stifter Stift – Stiftung, Altersheim der Nachbarschaft offen stehn, so haben sie sich wenig um Appanagen Appanage – die Bezüge der Mitglieder eines Fürstenhauses zu kümmern. Viele derselben sind selbst geistlich und können also durch ihre gesetzliche Leibesprodukten ihren Unterthanen niemals zur Last fallen. Aber hier, wo vom Glücke der Völker die Rede ist, kommen diese Herren doch nicht in Anschlag. Wegen Mangel der Familienbande betrachten sie sich bekanntlich nie als angehörige ihres Landes, sondern als Kommandanten, die da sind, um das Volk zu brandschatzen ... Die Entbehrlichkeit des Soldatenstandes, die Leichtigkeit, das Ganze zu übersehen, die Entfernung von dem politischen Gezerre der grössern Staaten, die Sicherheit, daß ihre Regenten keine grosse Eroberer spielen können, und noch viele andre Verhältnisse könnten diesen kleinen Völkerschaften zu statten kommen, wenn ihre Häupter gesünder wären. Allein, die Höfe von Stuttgard und Karlsruhe ausgenommen, hab' ich zu meinem grossen Leidwesen keinen in Schwaben gefunden, der das Glück seiner Unterthanen als seinen Beruf betrachtete. Die andern scheinen im Wahn zu stehn, daß die Völker wegen ihnen und nicht sie wegen dem Volk geschaffen seyen. Die Kameralisten Kameralistik – Finanzwissenschaft, Frühform der Volkswirtschaft dieser Herren, deren ich einige sehr genau kennen lernte, machen einen sehr wesentlichen Unterschied zwischen dem Interesse des Hofes und jenem des Volkes, und wenn gleich der Unterthan, wie ich dir schon gesagt, gegen die gröbste Tyranney sicher ist, so ist er es doch nicht gegen die feine Beutelschneiderey der Finanziers. Die Erziehung der meisten dieser Herren ist zu abscheulich, als daß es besser seyn könnte. Sie ist fast durchgehends in Händen von Pfaffen, theils Mönchen, deren Kenntnisse in ihre Kapuzen eingeschränkt sind, theils jungen Abbés Abbé – Weltgeistlicher (im Gegensatz zum Mönch) in Frankreich , die so eben von der Schule gekommen, und durch die Familie ihres Eleven Eleve – Zögling, Schüler ihr Glück machen wollen. Und worinn besteht nun die Moral des jungen Herrn? Der Mönch gewöhnt ihn die Verehrung des heiligen Franziskus Franziskus – Franz von Assisi, 1209 Gründer des Franziskanerordens, † 1226 , Benediktus Benediktus – Benedikt von Nursia, Begründer des abendländischen Mönchstums, † 547 oder Ignazius Ignazius – Ignatius von Loyola – gründete 1540 den Jesuitenorden, † 1556. , die öftern Bestellungen von Messen, die Skapuliere Skapulier – Übermantel mancher Mönchsorden , Rosenkränze, Allmosen für Klöster u. dgl. m. für die wesentlichsten Pflichten zu halten, und zu wähnen, man könne damit eine Menge Vergehungen andrer Art wieder gutmachen. – Und der Abbé? Dieser ist gemeiniglich ein junger Mensch, der auf der Schul seine ganze Philosophie und Moral von Mönchen geholt hat, ans Kriechen gewohnt ist, sich zum Schuheputzen gebrauchen läßt und aus Forcht, beim Regierungsantritt des jungen Herrn seyn gehoftes Brod zu verlieren, in den kritischesten Jugendjahren ihm gerne durch die Finger sieht. Beyde vergessen natürlich nicht, dem heranwachsenden Regenten zu sagen, daß es Sünde sey, die Menschen wie die Fliegen todtzuschlagen, auf offener Strasse zu rauben, die Weiber ihrer Unterthanen durch Jäger oder Husaren Husaren – leichte Reiterei in ungarischer Tracht aus den Betten auf das Schloß holen zu lassen u. dgl. Aber das feinere sittliche Gefühl, Achtung für jedes Geschöpfe, das ihnen ähnlich sieht, Empfindungen für höhere Tugenden, als die in den Legenden zum Muster dargestellt werden, weiß keiner dieser Herren in dem Zögling rege zu machen. Und sind die Klöster und Schulen auch der Ort, die Welt, die zarten Nüanzen der menschlichen Pflichten, und besonders die Erfordernisse zu einem guten Regenten, kennen zu lernen? Ich hatte Gelegenheit, einer Prüfung beyzuwohnen, die der Hofmeister von den Söhnen eines ansehnlichen schwäbischen Herrn mit denselben sehr feyerlich angestellt. Die Eltern, welche sich wenigstens durch den Eifer, ihre Kinder gut zu erziehen, vor vielen andern schwäbischen Häusern auszeichnen, nahmen viel Theil daran und hatten alle Verwandten und Freunde dazu gebeten. Der Hofmeister, ein Benediktiner, bot alle Prälaten und Prioren Prior – Klostervorsteher oder dessen Stellvertreter in der Gegend auf, um den Triumph seiner Erziehungskunst glänzender zu machen, die dann um so zahlreicher sich einfanden, als bey diesem Anlaß ein fetter Schmaus zu erwarten stand. Die Zöglinge waren so zwischen den 14 und 18 Jahren. Der Anfang wurde mit der lateinischen Sprache gemacht, und der ältere dieser Jünglinge las eine lateinische Rede ab, die er nach dem Vorgeben verfaßt haben sollte, die aber offenbar das Werk seines Lehrers war, welches dieser auch in seinen Blicken und Mienen während des Ablesens zu gestehen schien. Die Rede war durch alle die bekannte Figuren durchgearbeitet, und alle Fragen, Ausrufungen, Invektionen Invektion – Schmährede u. s. w. waren gegen die neuern Philosophen gerichtet, die der Religion und der menschlichen Gesellschaft überhaupt den Untergang androhen. Ich war sehr aufmerksam, weil ich einigemal den Voltairius Voltarius – Voltaire, s. Zweyter Brief und Rousseauvius Rousseauvius – Jean Jaques Rousseau, s. 25. Brief mit aller rhetorischen Wuth bestürmen hörte. Ich konnte nicht begreiffen, was z. B. Rousseau, dessen Moral im ganzen, besonders für Regenten, vortreflich ist, und der, auf der guten Seite genommen, in diesen Gegenden zum Besten der Menschheit wichtige Revolutionen machen könnte, einem jungen schwäbischen Herrn oder seinem Hofmeister, die ihn zuverläßig weder in Person noch in seinen Schriften kennen, Leids gethan haben sollte. Einer unserer Landsleuthe, der Sprachmeister der jungen Herren, durch den ich Eintritt fand, half mir aus dem Traum, und sagte mir, daß es seit mehrern Jahren unter den Geistlichen dieser Gegenden Mode sey, dem Voltaire und Rousseau allen erdenklichen Unsinn aufzubürden, und auf den Kanzeln und bey jeder öffentlichen Gelegenheit ihren Witz an denselben zu schärfen ... Nachdem die Rede gehörig beklatscht und die Komplimente und Gegenkomplimente verhallt waren, schritt man zu der Geschichte. Da giengs durch die 4 Universalmonarchien, und die jungen Herrn nennten eine Menge babylonischer, assyrischer, kaldäischer, ägyptischer, persischer und andrer Regenten der Vorwelt, von denen sich nichts weiter sagen läßt, als daß ihre Asche mit der Erde, die wir bewohnen, vermischt ist. Und alle die Monarchien drehten sich um das Alte Testament herum, und wurden auf den Salomonischen Tempel aufgehaspelt. In Griechenland wußte man nichts als die 7 Weisen mit ihren Sprüchen aufzufinden, und hier wie in dem republikanischen Rom war weder von den grossen Tugenden noch von der Kultur, noch von den Ursachen des Steigens und Fallens dieser Völker die Rede. In den Augen eines Mönchen kann ein Heide keine Tugend haben, und die Aufklärung, die Philosophie dieser berühmten Nationen war eben der Gegenstand, gegen den die Rede mit ihrem Feuer spielte. Dafür schien der Hofmeister als Lehrer der Geschichte gar keinen Sinn zu haben. In der Kaisergeschichte war weiter nichts zu melden, als die zehn oder zwanzig Verfolgungen der Kristen. Ich weiß nicht, ob es noch mehrere waren, ob ich schon der römischen Geschichte, wie du weißt, eben nicht fremde bin. Man nennte alle nennbare Märterer, die unter diesen Kaysern litten. In der neuen Geschichte spielten natürlicher Weise die Ahnen der jungen Herren die Hauptrolle; wie sie Klöster gestiftet und begabet, die Kreuzzüge mitgemacht u. s. w. Hierauf kam man zur Geographie, und da wußte man von Arabien, Abyssinien, Monomotapa Monomotapa – sagenumwobenes mittelalterliches Großreich im Süden von Simbabwe und Mosambik , Nubien, Monömugi Monömugi – Königreich in Ostafrika und den Ländern, die wir am wenigsten kennen, am meisten zu sprechen. Nachdem man zur Prüfung einige wohlgeübte Exempelchen der Rechenkunst auf eine Tafel gekrazt hatte, kam endlich die Reihe an die Glaubens= und Sittenlehre. Es wurde in Behandlung des erstern Gegenstandes so viel von den untrüglichen Kennzeichen der alleinseligmachenden Kirche gesprochen, daß ich bald davongelaufen wäre. Ich hatte in einem Lande von vermischter Religion wie dieses, solche harte Ausdrücke um so weniger erwartet, da die Toleranz der herrschenden Sekten ein Reichsgrundgesetz ist. Die moralische Prüfung war folgende: Hofmeister. Welches sind die Haupttugenden? Erster Eleve. Glaub, Hofnung und Liebe – Hofm. Erwecken Sie mir den Glauben, Graf Karl! Graf Karl. O mein Gott, ich glaube alles u. s. w. Hofm. Graf Max, erwecken Sie mir die Hoffnung! Graf Max. O mein Gott, ich hoffe alles u. s. w. Hofm. Graf August, erwecken Sie mir die Liebe: Graf August. O mein Gott, ich liebe alles u. s. w. Es war recht herzbrechend für die guten Eltern anzuhören, wie ihre Kinder den Glauben, die Hoffnung und die Liebe so hübsch nach dem Katechismus auswendig gelernt hatten – Hofm. Welches sind die Hauptlaster? Neid, Zorn, Unkeuschheit, Füllerey u. s. w. Da fielen mir die Prälaten mit ihren rothen, dicken Köpfen auf, besonders einer, der mit einer faunischen Faun – nach dem altrömischen Feld- und Waldgott ein lüsterner, geiler Mann Miene die Hand auf dem Schoos der gnädigen Frau liegen hatte – Hofm. Welches sind die schweren Sünden in den Heiligen Geist? An einer erkannten Wahrheit zweifeln: in einem erkannten Irrthum verharren, u. s. w. – Hofm. Wieviel gibt es gute Werke, Graf Karl? Graf Karl: «Sieben; Erstens die Hungrigen speisen; zweytens, die Durstigen tränken; drittens die Nackenden bekleiden; viertens die Gefangenen erlösen u. s. w. Und das war nebst den 10 Geboten Gottes und den 5 Geboten der Kirche alles, was die Sittenlehre anbelangt – Also nur 7 gute Werke, Herr Graf! – Also für einen Herrn Grafen von 50.000 Gulden Einkünften ist es ein gutes Werk, keine Pflicht, den Hungrigen zu speisen! – Also tut der Herr Graf ein gutes Werk, wenn er seinen Spitzbuben die Gefängnisse öffnet! – Es war alles buchstäblich so, Bruder, wie ich dirs niederschreibe, es ist nichts übertrieben, nichts verkleinert. Von Pflichten der Grössern gegen die Kleinern, von dem wohllüstigen Geschäfte, andre glücklich zu machen, von sündlicher Verschwendung des mit Schweiß und Thränen benezten Geldes der Unterthanen, von Großmut, Sanftmut und ähnlichen Dingen war so wenig die Rede, als in dem wissenschaftlichen Theil der Prüfung von landwirthschaftlichen und statistischen Kenntnissen. Der Hofmeister führte sodann seine Zöglinge triumphierend zu dem Schwarm der Zuhörer, die ihn und die jungen Herren mit einem verwirrten Gemurmel von Glückwünschen empfiengen. Der Zug gieng hierauf sehr feierlich zur Tafel, wo ich im Punkt der schönen Sitten meine Bemerkungen über die Erziehungsart der jungen Herren fortsetzen konnte. Eine gewisse grimaßierende Steifheit war mir in ihren Bewegungen schon beym ersten Anblick aufgefallen; aber der Sprachmeister machte mich erst bey Tische auf das Detail ihrer schönen Manieren aufmerksam. Da wußten sie alle die Löffel, Messer und Gabeln gar methodisch zu beyden Seiten der Teller auszutheilen, die Servietten, einer wie der andre, fein durch das oberste Knopfloch zu ziehn, gerade eine Spanne weit vom Tisch, mit steifen Rüken und die Hände züchtiglich neben die Teller gelegt da zu sitzen, und wenn sie die Nase putzen wollten, es gar unsichtbar mit dem Schnupftuche unter der Serviette zu thun. Die Kaffeetassen nahmen sie mit dem Daumen und dem Zeigefinger und strekten die übrigen Finger, alle gleich, sehr artig neben aus. Keiner durfte den Mund aufthun, als wenn er angeredet wurde. Wenn sie standen, so mußten die Füße fein vest auf einem Flek, und nicht gar weit aus einander stehn, und die eine Hand in der Weste und die andre in der Rocktasche stecken. – Der Sprachmeister sagte mir, die ganze Familie und der Hofmeister wären innig überzeugt, daß kein Mensch zu Paris anderst bey Tische sässe, anderst die Tasse nähme oder anderst die Nase puzte. Er werde oft versucht, dem Benediktiner bey seinen Lektionen von der Art unter die Nase zu lachen, wenn er ihm nicht subordinirt subordiniert – untergeordnet, untergeben wäre. Wenn nun auch diese junge Herren auf die Universität oder auf Reisen gehn, so geschieht es unter der Aufsicht ihres jetzigen Hofmeisters, der ihnen alles, was sie sehen, durch seine alte Mönchsbrille zeigt, und alle Kenntnisse, die sie ebenfalls [allenfalls ?] sammeln, auf den dürren Stamm seiner ehemaligen Lehren einpfropft. Welche Vorbereitung wird nicht erfodert, um mit Nutzen reisen zu können? – Und wenn nun endlich der junge Erbherr die Regierung seines Landes antritt, kann es besser werden, als es ist? Dank dem allweisen Schiksal oder der allgütigen Vorsicht, die in den Regierungen der Länder nur gar zu sichtbar die Hände hat! Wenn man den Anbau dieser Gegenden des Schwabenlandes betrachtet, und weiß, wie wenig von den Herren desselben für sie gethan wird, so muß man glauben, es wache immer ein mächtiger Genius über ihnen, der allezeit das, was die Regenten verderben, zum Theil wieder gutmachen muß. Lebe wohl. Achter Brief. Augsburg – Mit meiner Reisegesellschaft von Augsburg hieher war ich sehr wohl zufrieden. Der Postwagen war mit einigen Theatinermönchen Theatinerorden – 1524 im Zuge der Gegenreformation gegründeter Orden, widmet sich der Seelsorge und der Heidenbekehrung , die ihrem Institut gemäß von der Vorsehung Gottes leben, aber auf alle Fälle den Beutel immer wohl gespikt haben, und einigen Kaufleuten angefüllt. Alle waren wakre Zecher und lustige Pursche, und die Mönche äusserten durch ihr Betragen, daß ihnen der bayrische Himmel ganz vorzüglich günstig sey. Sobald man über der Lechbrücke ist, muß man dem Wein gute Nacht sagen, und sich an dem vortrefflichen bayrischen Bier halten, wovon die Maaß nur 3 Kreuzer kostet. Die Theatiner wußten immer vorher, auf welcher Station das bessere Getränke anzutreffen sey. Nach einigen tüchtigen Schmäusen fuhren wir, gleich einem Kor Bachanten Bachanten – Trinkbrüder unter Singen und lautem Gelächter in das schöne München ein. Als ich vom Posthaus ins Wirthshaus kam, trat eine schöne Wirthin vor mich, sah mir sehr bedenklich ins Gesicht, und tat verschiedene Querfragen, die ich wegen Mangel an Kenntnis der hießigen Provinzialaussprache nur halb beantworten konnte. Da mir das viele Quästioniren quästionieren – fragen, aushorchen an Wirthen unausstehlich ist, so sagte ich ihr etwas rauh; sie sollte mir geradezu sagen, ob ich auf einige Tage bey ihr Bett und Tisch haben könnte? Mit einiger Schüchternheit gab sie mir endlich zu verstehen, sie habe mich so halb für einen Juden angesehen und ich weiß nicht zu welchem Heiligen ein Gelübde gethan, keinen Juden zu beherbergen. Bald hätte ich wieder die Thüre in die Hand genommen; söhnte mich aber des andern Tages, als mein etwas zu grosser Bart abgeschoren war, mit der hübschen Judenhässerin förmlich und feyerlich aus, und befinde mich jezt recht wohl bey ihr. Ungeachtet des starken Schmaussens unterwegs hieher hatte ich doch Zeit genug, die Bemerkung zu machen, daß der Ackerbau in diesem Theil von Bayern lange nicht so gut bestellt zu seyn scheint, als in Schwaben. Ich habe sehr viele schwäbischen Dörfer gesehn, die viel eher Städte zu nennen wären, als die elenden Dinge, die ich seit meinem kurzen Aufenthalt in Bayern unter diesem Namen zu Gesicht bekommen, und darunter waren Dörfer, wovon manches die 6 ersten um München her, sehr weit voneinander zerstreuten Oerter zusammengenommen, an Mannschaft übertraf. Ich bin mit dem Hof und dem Land noch zu wenig bekannt, um dir etwas Zuverläßiges davon sagen zu können. Ich gedenke mich eine ziemliche Zeit hier aufzuhalten, und werde dir in gehöriger Ordnung meine Erkundigungen mittheilen. – Unterdessen besuche ich fleissig das hiesige Deutsche Theater, und bin nun eben aufgelegt, dich mit dem Zustand des dramatischen Theils der deutschen Litteratur, in so weit ich ihn bisher habe kennen gelernt, zu unterhalten. Schon zu Straßburg erfährt man, wenn man die deutsche Sprache versteht, daß Deutschland seit einigen Jahren mit einer Art von Theaterwut befallen ist. Da werden die Buchläden von Zeit zu Zeit mit einem ungeheuern Schwall von neuen Schauspielen, Dramaturgien, Theateralmanachen, Theaterkroniken und Journalen überschwemmt, und in den Katalogen neuer Bücher nehmen die Theaterschriften allezeit richtig den dritten Theil ein. Ich halte selbst das Dramatisiren für die höchste Stufe der Dichtkunst, so wie das Geschichtemalen für den edelsten Theil der Malerei. Es soll uns den edelsten Theil der Schöpfung, den Menschen in seinen mannichfaltigen Verhältnissen am anschaulichsten und mit der grösten Wahrheit darstellen. Aber die Art Menschen, welche jezt in den meisten deutschen Schauspielen herrscht, findet man unter dem Mond höchst selten, und wenn hie und da einer von dieser Art von ohngefähr erscheint, so nimmt die Polizey des Orts, wenn eine da ist, gewiß die Versorgung desselben über sich, und thut ihn ins Toll= oder Zuchthaus. Stelle dir vor, lieber Bruder, die jezigen Lieblingskaraktere des dramaturgischen deutschen Publikums sind rasende Liebhaber, Vatermörder, Strassenräuber, Minister, Mätressen und große Herren, die immer alle Taschen der Ober- und Unterkleider voll Dolche und Giftpulver haben, melancholische und wütende Narren von allen Arten, Mordbrenner und Todtengräber. Du glaubst es vielleicht nicht, aber es ist die Wahrheit, daß ich dir über 20 Stücke nennen kann, worinn verrückte Personen Hauptrollen spielen, und der Dichter seine Stärke in der Schilderung der Narrheit gesucht hat. Und was sagst du, wenn ich dich auf meine Ehre versichere, daß das deutsche Publikum, welches ich bisher zu kennen die Ehre habe, gerade die Stellen am stärksten bewundert und beklatscht, wo am tollsten geraset wird? – Man hat Stücke, worinn die Hauptperson alle 12 bis 15 mitspielende Personen der Reihe nach umbringt und sich dann zur Vollendung des löblichen Werkes den Dolch selbst in die Brust stößt. – Es ist ausgemacht, daß die Stücke den meisten Beifall haben, worinn am häufigsten geraset und gemordet wird, und verschiedene Schauspieler und Schauspielerinnen konnten mir nicht genug beschreiben, was sie für Noth hätten, um auf verschiedene neue Arten sterben zu lernen. Es kommen Stellen vor, wo Leute unter abgebrochenen Reden und anhaltenden Konvulsionen eine halbe Stunde lang in den letzten Zügen liegen müssen: und das ist doch wahrlich kein geringes Stück Arbeit, einen solchen Tod gehörig zu souteniren soutenieren – behaupten . Du solltest nur manchmal eine deutsche Schaubühne sehn, wo 4 bis 5 Personen auf einmal auf dem Boden liegen, und der eine mit den Füssen, der andre mit den Armen, der mit dem Bauch und jener mit dem Kopf seinen Todeskampf ringt und das Parterre unterdessen jede Zuckung der Glieder beklatscht. Nach den Rasenden und Mördern behaupten die Besoffenen, die Soldaten und Nachtwächter den zweyten Rang auf der deutschen Bühne. Diese Personnagen entsprechen dem Nationalkarakter zu sehr, als daß sie einem deutschen Zuschauer auf der Bühne nicht willkommen seyn sollten. Aber warum der phlegmatische Deutsche, der zu stürmischen Leidenschaften, zu rasenden Unternehmungen, zu starken tragischen Zügen so wenig Anlage hat, so verliebt in die Dolche, Giftmischereien und hitzige Fieber auf dem Theater ist, das konnte ich mir anfangs so leicht nicht erklären. Auf der Seite des Publikums mag wohl der Mangel an mannichfaltigern Kenntnissen des bürgerlichen Lebens und am geselligen Umgang eine Ursache davon seyn. Die verschiedenen Volksklassen kreutzen sich in den deutschen Städten nicht auf so verschiedene Art wie in den Französischen. Alles, was Adel heißt, und wenn auch der Adel nur auf dem Namen beruhen sollte, und alles, was sich zum Hof rechnet, ist für den deutschen Bürger verschlossen. Seine Kenntnisse, seine Empfindungen von gesellschaftlichen Situationen sind also viel eingeschränkter, als jene unserer Bürger. Er hat kein Gefühl für unzälige Verhältnisse des gemeinen gemein – das Wort wird im gesamten Text im Sinn von »normal, alltäglich« gebraucht Lebens, die der Bewohner einer mittelmäßigen französischen Stadt gehörig zu schätzen und zu empfinden weiß. Bey dieser Gefühllosigkeit für bürgerliche Tugenden und Laster, bey dieser Stumpfheit für die Verkettungen und Intriguen des gewöhnlichen gesellschaftlichen Lebens hat nun der deutsche Bürger natürlich zu seiner Unterhaltung im Theater Karrikkaturen und starke Erschütterungen nöthig, da sich der Franzose mit einem viel feinern Spiel der Maschinen eines Theaterstückes begnügt, und seine eigne Welt gerne auf der Bühne vorgestellt sieht, weil er sie kennt. Die Theaterstücke, welche man aus Sachsen bekömmt, sind nicht so abentheuerlich und ungeheuer als die, welche in dem westlichen und südlichen Theil von Deutschland gemacht werden, weil ohne Zweifel mehr Aufklärung, Sittlichkeit und Geselligkeit unter den Bürgerständen daselbst herrscht, und man also auch die Schattirungen der Auftritte des gemeinen Lebens besser fühlt, als hier. Ueberhaupt ist hierzulande der große Haufen mehr Pöbel als in Frankreich, und bekanntlich läuft der Pöbel gerne zum Richtplatz und zu Leichen. Auf der Seite des Dichters hat diese tragische Wut verschiedene Ursachen. Die meisten der jeztlebenden deutschen Schauspielschreiber haben das mit dem übrigen Pöbel gemein, daß sie die Fugen und das Spiel des bürgerlichen Lebens gar nicht kennen. Viele derselben sind Studenten, die noch auf der Schule sitzen oder soeben davon zurückgekommen sind, und das Schauspielmachen zu ihrem Metier erwählt haben. Da schmauchen sie ohne alle Weltkenntniß hinter ihrem Ofen, phantasieren sich in den Tobakswolken eine Riesenwelt, worinn sie als Schöpfer handeln können, wie es ihnen beliebt, und ihren Kreaturen keine Schonung, keine Ausbildung, keine Polizey und keine Gerechtigkeit schuldig sind. Da ist es nun kein Wunder, daß aus diesen Wolken so viele Menschen ohne Köpfe, und so viele Unmenschen mit Köpfen herausspringen. Sie suchen die tragische Stimmung des Publikums zu benutzen, um mit der größten Leichtigkeit ihr Brod zu gewinnen; denn, ohne auch das willkürliche Abentheuerliche in Anschlag zu bringen, so ist es doch allzeit leichter, eine Tragödie als eine Komödie von gleicher Güte zu machen. Ein anderer Theil dieser Kothurnaten Kothurnat – von Kothurn (Schauspielerschuh mit hoher Sohle) abgeleitet: Schauspieler läßt sich von dem herrschenden Geschmak verführen. Da trat vor einigen Jahren ein gewisser Göthe Göthe – Johann Wolfgang von Goethe, † 1832 , den du ohne Zweifel nun aus einigen Uebersetzungen kennst, mit einem Stück auf, das seine sehr grosse Schönheiten hat, aber im Ganzen das abentheuerlichste ist, das je in der Theaterwelt erschienen. Ich brauche dir weiter nichts zu sagen, um dir einen Begriff davon zu geben, als daß der Bauernkrieg unter Kaiser Maximilian Maximilian – gemeint ist Kaiser Maximilian I. »der letzte Ritter«, dieser war aber 1525 bereits 6 Jahre tot. mit brennenden Dörfern, Zigeunerbanden und Mordbrennern mit den Fakeln in der Hand auf die anschaulichste Art vorgestellt wird. Es heißt Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, und hat verschiedenen Versuchen ungeachtet, zum großen Leidwesen des deutschen Publikums noch nicht auf das Theater gebracht werden können, weil die häufigen Veränderungen der Scenen, die erstaunlich vielen Maschinen und Dekorationen zu viel Aufwand erfodern und zwischen den Auftritten gar zu lange Pausen verursachen. Göthe ist wirklich ein Genie. Ich hab' einige andere Theaterstücke von ihm gelesen und aufführen gesehen, worinn man sieht, daß er die Menschen, die wie er auf ihren zwey Beinen gehen, in dem alltäglichen Leben eben so gut zu behandeln weiß, als die, welche auf dem Kopf stehen. Mit Vergnügen sahe ich sein Erwin und Elmire Erwin und Elmire – ein Schauspiel mit Gesang von 1775 , eine sehr niedliche Operette, und seinen Klavigo, ein Trauerspiel, wozu unser Beaumarchais Beaumarchais – s. Zweyten Brief. , wie du weißt, den Stof gegeben. Dieses hat zwar auch seine starken Ausschweifungen, aber einem Genie ist alles erlaubt – Nun drängte sich ein unzähliger Schwarm von Nachahmer um den Mann. Sein Götz von Berlichingen war ein magischer Stab, womit er einige hundert Genies auf einen Schlag aus dem Nichts hervorrief. Stumpf gegen die wahren Schönheiten des Originals, suchten die Nachahmer ihre Grösse darinn, die Ausschweifungen desselben treulich zu kopieren. Im Götz von Berlichingen wird mit jedem Auftritt das Theater verändert. Ein gutes Stück mußte also nun der Reihe nach wenigstens eine ganze Stadt durchlaufen, von der Kirche an, durch die Rathsstuben, Gerichtshöfe, über die Marktplätze, bis zur Wahlstatt Wahlstatt – hier scherzhaft: Friedhof . Da Göthe etwas verschwenderisch mit den Exekutionen umging, so wimmelte es nun in der deutschen Theaterwelt von Scharfrichtern. Shakspear, den Goethe vermutlich bloß aus Laune oder vielleicht in der guten Absicht, um seine Landsleute auf diesen grossen Dichter aufmerksamer zu machen, in seinem Götz zum Muster genommen, Shakspear war nun der Abgott der deutschen Theaterdichter; aber nicht der Shakspear, welcher dir die Menschen wie Raffael Raffael – italienischer Maler und Bildhauer, war Bauleiter der Peterskirche, † 1520 in jeder augenblicklichen Stimmung, in allen Nüanzen der Handlungen, mit jeden Bewegungen der Muskeln und Nerven, mit jeder Schattierung der Leidenschaften, mit aller möglichen Wahrheit darstellt, sondern der Shakspear, welcher aus Mangel einer Bekanntschaft mit andern Originalien und einer gehörigen Ausbildung sich mit aller Gemächlichkeit seiner Laune überließ, mit Flügeln seines Genies über Jahrhunderte und über ganze Weltkreise wegflog und sich im Gefühl seiner vorschwebenden Gegenstände um keine Einheiten, und um keinen Wohlstand kümmerte. Ein Geschichtmaler kann unendlich stark im Ausdruck einzelner Personen oder Partheyen sein, und die anständige Zusammensetzung, das, was man Haltung heißt, und verschiedene andere Dinge vernachläßigen; aber wenn sein Schüler in Nachahmung dieser Nachläßigkeit seine Stärke sucht, so ist er wahrhaftig zu bedauern. Die Regeln sind keine Sklaven=Fesseln für das Genie. Entweder trägt es sie wie Blumenketten, ungezwungen, leicht und mit Anstand, oder, wenn es den Werth dieses Schmuckes nicht kennt, wenn es in seiner natürlichen Wildheit auftretten will, so ersezt es durch die unbändige Stärke, womit es seine Gegenstände umfaßt, die vernachläßigten Verzierungen. Aber solche stürmische Genien sind höchst selten, und platterdings nicht zum Nachahmen in den Manieren gemacht. England hat seit so vielen Jahrhunderten nur einen Shakspear, man muß sagen, ganz Europa hat nur einen hervorgebracht. Der größte Theil der kunsttreibenden Erdensöhne wird immer durch angestrengtes Studieren seine Grösse suchen müssen, und die Regeln sind zur Prüfung des Studiums gemacht. Dieser lächerliche Geschmak, durch die Vernachläßigung des Wohlstandes Wohlstand – hier: Anstand, Schicklichkeit und der Regeln, durch affektirte Ausgelassenheit, abentheuerliche Situationen, abscheuliche Grimassen und erbärmliche Verunstaltungen glänzen zu wollen, hat seit dieser Zeit alle Theile des litterarischen und kunsttreibenden Deutschlandes angesteckt. Man hat junge angebliche Genies in der Menge, die in ihren verschiedenen Fächern, in der Musik, in der Malerey, in andern Theilen der Dichtkunst, um so grösser zu seyn wähnen, je weiter sie sich von den Regeln entfernen, und je weniger sie studieren. Die Alten dachten anderst hierüber, und die Werke, welche sie uns hinterlassen haben, werden von diesen vorgeblichen Urgenieen gewiß nicht verdunkelt werden. Virgil Virgil – römischer Dichter, Hauptwerk »Aeneis«, † v. C.19 verglich seine Produkten der unförmlichen Geburth einer Bärin, die bloß durch vieles Lecken eine Gestalt bekommen muß, und man sieht dem Terenz und Plautus Terenz und Plautus – die bedeutendsten Vertreter der altrömischen Komödie gewiß an, daß sie eine Scene ihrer Schauspiele nicht bey einer Pfeife Tobak vollenden konnten – Du weißt, daß Shakspear auch unter uns seit einiger Zeit seine Anhänger hat. Aber dazu wird es doch so leicht nicht kommen, daß seine Ausgelassenheit Regel wird, und wenn auch gleich Arnaud Arnaud – franz. Dramatiker, † 1805 den Ungeheuern den Weg auf unsere Bühne geöfnet hat, so sind sie doch bisher zu selten erschienen, als daß wir Gefahr liefen, die gewöhnlichen Menschen und unsre ehrlichen, bekannten Mitbürger durch dieselben davon verdrängt zu sehen. In der deutschen Sprache machte dieser verdorbene Geschmak eine merkwürdige Revolution. Wenn man die Schriften eines Geßners Geßner – Salomon Geßner, schweiz. Dichter, seine »Idyllen« gehören der Schäferdichtung des Rokoko an, † 1788 , Wielands Wieland – Christoph Martin Wieland, bedeutender Schriftsteller der Aufklärung, schrieb die satirische Dichtung »Die Geschichte der Abderiten« (»Der Prozeß um des Esels Schatten«), † 1813 , und Lessings Lessing – Gotthold Ephraim Lessing, der wichtigste deutsche Dichter der Aufklärung ließt, so sieht man, daß die Sprache im Gang zu ihrer Ausbildung war und nach und nach die Ründung und Politur bekommen haben würde, die zu einer klaßischen Sprache unumgänglich nöthig ist. Aber den neugeschaffenen Genies war es nicht genug, in ihrer erzwungenen Wuth einzlne Wörter zu verstümmeln; sondern sie giengen mit ganzen Perioden eben so grausam um. Alle Verbindungswörter wurden abgeschaft und alle Gedankenfugen getrennt. In vielen neuern Schriften stehn die Sätze alle wie unzusammenhängende Orakelsprüche da, und man findet keine Unterscheidungszeichen darin, als Punkten und !!! und ??? und – –. Jeder wollte sich zu seinen anmaßlichen Urideen auch neue Wörter schaffen, und du müßtest dich krank lachen, wenn du gewisse litterarische Produkte Deutschlands, die von vielen für Meisterstücke gehalten werden, kennen solltest. Nun ist eben hiemit nicht gesagt, daß in Deutschland gar keine Leuthe von besserm Geschmack seien. Sie wurden nur überschrien, weil sie die geringere Zahl ausmachen, mit Gelassenheit und überzeugenden Gründen sprechen wollten, die andern aber ein betäubendes Geplärre begannen. Erst gestern sah' ich mit vielem Vergnügen ein neues kleines Stück, aufführen, welches den Titel hat: Geschwind, eh' es jemand erfährt, und welches sich durch die Simplizität der Handlung, durch sanftes und stilles Spiel seiner einfachen Maschiene und besonders durch den reinen und runden Dialog ungemein ausnimmt. Ich sah noch verschiedene andere Lust= und Trauerspiele von ähnlichem Gehalt; aber das Parterre will geraset, gemordet, gedonnert und kanonirt haben, und die Schauspieler führen solche Stücke nur auf, um zu verschnaufen und zu neuen Rasereyen Atem holen zu können. Die hiesige Schauspielergesellschaft ist ohngefähr die sechste, die ich in Deutschland gesehen. Du wunderst dich über die Menge in dem kleinen Strich? Es dienet dir also zur Nachricht, daß seit verschiedenen Jahren in Deutschland unzälige kleine Haufen Komödianten, wie in Spanien und England, auf dem Lande herumziehen, oft in Scheunen und Ställen der Dörfer und Flecken ihre Bühnen aufschlagen, und vom Dorfschulzen den Schlafrok und die Pantoffeln borgen, um einen Julius Cäsar in der Toga, oder welches ihnen eins ist, einen Sultan darin spielen zu können. In Schwaben sah ich 4. solche Gesellschaften. Sie bestehn meistens aus verlaufenen Studenten und liederlichen Handwerkspurschen, die bald auf dem Theater, bald unter den Soldaten, bald im Zuchthaus, bald im Spital sind. Die hiesige Schauspielergesellschaft ist weit über diesen Troß erhaben. Alle Glieder stehen in der Besoldung des Hofes, welcher die Einnahme der Entrees hat. Fast alle sind sehr artige, gebildete Leuthe, und in Rücksicht auf die Kunst übertreffen sie weit meine Erwartung. Ich wüßte nicht über 3 bis 4 Theater in Frankreich, die ich dem hiesigen vorzöge. Die Schauspieler geniessen den Umgang der größten Leuthe des Hofes, und haben also Gelegenheit, sich auszubilden. Wie widersinnig, daß dieser Umgang dem Dichter verschlossen ist, welcher eben so viel dabey zu gewinnen hat, als der Schauspieler! Schon zu Straßburg hörte ich viel Gutes von Herrn Marchand Marchand – Theaterdirektor in Mannheim und München, † 1800 und seiner Gesellschaft. Er hatte daselbst verschiedenemal gespielt, als er noch kein beständiges Engagement hatte. Der Kurfürst nahm schon zu Mannheim seine Gesellschaft zu Hofschauspielern an und machte ihn mit einem ansehnlichen Gehalt zum Direkteur des Hoftheaters. Es war mir sehr angenehm, ihn persönlich kennen zu lernen. Er ist ein Mann von Welt, sehr lebhaft und witzig, der zugleich seine Wirtschaft so gut verstund, daß er in den Gegenden des Unterrheins ein Kapital von ohngefähr 100.000 Livres zusammengebracht hat. Er sagte mir, wie viele Mühe er sich beym Antritt seiner Prinzipalität Prinzipal – der Direktor einer (reisenden) Theatergruppe gegeben, um seine Gesellschaft auf einen andern Fuß zu setzen, als worauf die meisten deutschen Schauspielergesellschaften damals standen. Er wählte sich nur gutgezogene Leuthe, zahlte sie sehr richtig aus und dankte sie bey einer Ausgelassenheit ebenso richtig ab. Dadurch erwarb er sich und seinen Leuthen die Achtung des Publikums, welches anfangs die Schauspieler noch als unehrliche Leute betrachtete. Auch auf den Geschmack des Publikums verschaffte er sich Einfluß. Er gab nichts, als sehr wohlgewählte übersetzte französische und englische Stücke, nebst den bessern Originalien, und wechselte zur Unterhaltung des Publikums mit unsern Operetten ab, die ausser Paris gewiß nicht besser als bey ihm aufgeführt wurden. Nun riß aber auf einmal die tragische Wuth und das Riesenmäßige in die deutschen Bühnen ein. Er kämpfte lange dagegen; mußte aber doch endlich dem Strom nachgeben. Da die Lungen seiner Leute an gewöhnliche Menschentöne gewöhnt waren, und die starken Erschütterungen nicht aushalten konnten, welche zu der neuen Riesensprache, zu den erschrecklichen Rasereyen und all dem Geheule nöthig waren, so mußte er sich bey seiner Ankunft zu München auf Verlangen des Publikums einige neue Subjekte beschreiben, die im stundenlangen Sterben und Heulen geübt sind, und im Ausreissen ihrer eingestekten falschen Haare, im unerträglichsten Gebrülle und Händeringen mehr beklatscht werden, als die andern im feinsten Ausdruck ihres Gegenstandes. Doch vermuthlich ist der jetzige Geschmack nur eine vorübergehende Fieberhize, die der guten Sache, dem gesunden Menschenverstand mit der Zeit Platz machen muß. Lebe wohl. Neunter Brief. München – Du foderst in deinem Brief viel zu viel von mir. Ich begreiffe wohl, daß dir besonders daran gelegen ist, diesen Hof und dieses Land genau zu kennen,weil, ohne unsre ehemaligen Verhältnisse mit Bayern in Anschlag zu bringen, das pfälzische Haus nach dem östreichischen und brandenburgischen jetzt das mächtigste in Deutschland ist. Oder doch seinen innern Kräften nach seyn sollte. Und die Lage der Besitzungen desselben es in gewissen Umständen für unsern oder den kaiserlichen Hof äusserst wichtig machen könnte. Ich will thun, was ich kann; aber die Zeit, die ich hier zubringen will, ist zu kurz, um dir gänzlich genug zu thun. Der hiesige Hof ist in einen so dicken, bunten und stralenden Schwarm von Ministern, Räthen, Intendanten und Kommandanten eingehüllt, daß es sich nicht wohl durchkommen, auch nicht wohl durchsehen läßt. Mit unserm hiesigen Minister Hiesiger Minister – gemeint ist der französische Gesandte (Botschafter) , der ohne Zweifel seine Welt kennt, konnte ich noch keine besondere Bekanntschaft machen. Ich schildere dir also den Hof, wie ich ihn theils aus den Beschreibungen einiger ziemlich zuverläßiger Leuthe, theils aus meinen wenigen Beobachtungen kenne, die ich aber nur in einiger Entfernung machte. In so weit der Hof in Verbindung mit dem Lande steht, da haben wir ja die öffentlichen Verordnungen und Anstalten, um ihn zu taxieren. Der Kurfürst Kurfürst – Karl Philipp Theodor, s. Zwölfter Brief hat das glücklichste Temperament. Er ist von sanftem, geselligem und munterem Karakter, gar nicht mißtrauisch und argwöhnend, und zu Machtsprüchen und Gewaltthätigkeiten so wenig aufgelegt, daß er, als einst eine Reformation an seinem Hofe zu Mannheim nöthig war, und er den entschlossenen Grafen von Goldstein zum ersten Minister von Düsseldorf berief, um mit Mut Hand an das Werk zu legen, er unterdessen eine Reise nach Italien machte, damit die Reforme durch das Bitten und Klagen der Abgedankten, denen er sich nicht zu widerstehen getraute, nicht hintertrieben würde. In seinen jüngern Jahren verleitete ihn eine etwas mißvergnügte Ehe, aus der er keine Kinder erzielen konnte, zu einigen nicht übertriebenen Ausschweifungen. Die Kinder, welche er von linker Seite hat, liebte er, wie ihre Mutter, so sehr, daß er sie mit schweren Kosten in den Grafenstand erhob. In seinen ältern Tagen öfnete nun seine weiche Gemüthsart und vielleicht die Erinnerung seiner sehr verzeihlichen Fehltritte einer gewissen Frömmigkeit den Weg zu seinem Herzen, die an sich wohlthätig für das Land wäre, wenn nicht zugleich durch sie den Pfaffen und Mönchen der Eingang offen stünde. Was seine Kenntnisse anbelangt, so soll er in verschiedenen Wissenschaften, besonders in den mathematischen ziemlich bewandert seyn, und französisch, italiänisch und englisch sprechen. Aber die Kunst ist eigentlich seine Sache. Er hat ihr sehr grosse Opfer gebracht. Seine Orchester und seine Oper sind nebst den Musicken zu Neapel und Turin das beste von der Art in Europa. Die prächtigen Sammlungen von Kupferstichen, Anticken, und andern Sachen sind ewige Denkmäler seiner Freundschaft mit den Musen. Ein Engländer soll ihm zu Mannheim das Kompliment gemacht haben: Er verdiene ein Privatmann zu seyn. Gewiß ist dieß das beste, was sich über den Karakter dieses Fürsten sagen läßt. Ihm fehlts platterdings die Härte und Entschlossenheit, die unumgänglich nötig ist, um ein so wüstes Land, wie Bayern, umzuschaffen. Es fehlt ihm an richtiger Menschenkenntniß, und sein gutes Herz deutet alles zum Vortheil der Leute, die ihn umgeben. Seine Pfaffen sieht er alle im Licht seiner Frömmigkeit und Religion, mit welcher sie doch im Grunde keine wesentliche Verbindung haben, und so ist es sehr begreiflich, daß der liebenswürdigste Privatmann eben nicht der beste Regent ist. Wenn ich nun meine Augen von der Hauptperson abziehe, und mich nach dem umsehe, der nach derselben und natürlich auch auf dieselbe den meisten Einfluß hat, so tappe ich im finstern herum, und weiß nicht, wen ich greifen soll. Da ist ein Obristhofmeister, ein Finanzminister, ein Kanzler, ein paar geheime Räthe, ein Beichtvater, ein paar Weiber, die unter sich den Einfluß getheilt, und sich den gegenseitigen Antheil garantirt zu haben scheinen. Wer die Sache bey Licht betrachtet, und dem Gang jeder Intrigue bis auf den Ursprung nachspüren könnte, der würde die eigentlichen Triebfedern der Hofmaschine ohne Zweifel in einer Kutte und in einem Cotillon Cotillon – Unterrock finden, welche den Staat vermittelst der geheimen Räthe, des Kanzlers und der übrigen Herren mit Sternen und Bändern in die Bewegung setzen. Was die Pfaffen und Weiber, welche leztere hier zwar keine unmittelbaren, aber doch einen sehr starken Einfluß auf den Regenten haben, für eine Wirthschaft zu treiben pflegen, wenn sie Meister sind, davon haben wir an unserm Hofe Beyspiele genug gehabt. Aber so schlimm, wie sie es hier treiben, war es bey uns doch nie, wenn auch gleich hier nicht, wie an unserm Hofe geschehen, der Raub vieler Provinzen von der Grille einer Mätresse verschlungen wird. Es fehlte doch bey uns nie an entschlossenen Patrioten, die der bösen Wirthschaft entgegen arbeiteten, und öfters zum Theil wieder gut machten, was die andern verdorben haben. Aber einen Patrioten suchst du am hiesigen Hof vergebens, oder wenn du einen findest, so muß er seinen Patriotismus in stillen, unnützen Seufzern aushauchen. Von den herrschenden Grundsätzen der hiesigen Hofleute überhaupt genommen weiß ich dir wenig zu sagen. Das augenblickliche Privatinteresse scheint die Richtschnur eine jeden zu seyn. Wenn sie Grundsätze haben, so sind es gewiß die geschmeidigsten und biegsamsten von der Welt – Wenn es sich von der Denkungsart einiger Untergeordneten, die ich kenne, auf die Höhern, mit denen sie in Verbindung stehn, schliessen läßt, so haben verschiedene der Grossen des hiesigen Hofes den abscheulichsten Unsinn zu ihrer politischen Theorie angenommen. z. B. die Religion sey nur für den grossen Hauffen, um ihn unter den Füssen halten zu können. – Ein Hofmann müsse das Aeussere der Religion mitmachen, und sein Inneres für das Volk verschliessen – Die Menschen seyen von Natur böse, zum Aufruhr, zu Veränderungen, und zum beständigen Murren geneigt, und nie zu befriedigen; man müsse sie daher unter einem beständigen Druck halten, und ihnen die Kräften zu handeln nehmen – Viel Aufklärung sey dem Volk schädlich – Die Grossen hätten ihre Vorrechte über das Volk unmittelbar von Gott erhalten, sie seyen dem Volk also keine Rechenschaft schuldig, und über alle Verbindlichkeiten gegen dasselbe erhaben; u. s. w. – Doch, wie gesagt, das sind keine Grundsätze, sondern es ist elender Wahnwitz, den einige italiänische Politiker zuerst in Ausübung gebracht, weil sie Machiavels Fürsten Machiavels Fürsten – Niccolo Machiavelli, † 1527, gab mit seinem Buch »Der Fürst« eine Anleitung für politisches Handeln misverstanden, den dieser grosse Schriftsteller in seinen Anmerkungen über den Titus Livius Titus Livius – römischer Geschichtsschreiber, † 17 doch selbst so gründlich und deutlich widerlegt. Du wirst nun von selbst erachten, daß der hiesige Hof nicht viel besser als der spanische und portugiesische bestellt sey. Mit den besten Absichten kann der Fürst nichts zum wahren Wohl seines Volks bewirken. Die Kanäle, wodurch sich der Regent seinen Unterthanen mittheilen soll, sind verstopft. Unter der vorigen Regierung verkaufte der Minister die Stellen öffentlich, und nun werden sie am Spieltische vergeben. Man hat häufige Beyspiele, daß Leute die gesuchte Beförderung nicht anderst erhalten konnten, als wenn sie und ihre Patronen an gewisse Damen eine gewisse Summe verloren. Alles ist hier feil. Vor 2 Jahren hätten einige Minister des hiesigen Hofes das halbe Bayern an Oestreich verkauft, wenn nicht der preußische und rußische Hof, und der zweybrückische Der zweybrückische Minister – Zweibrücken war bis 1793 Residenz eines Wittelsbachischen Fürstentums Minister Hofenfels [Hosenfels ?] den Kauf hintertrieben hätten. Alle Entwürfe, welche dem Fürsten vorgelegt werden, haben nur geringern Theils die gute Sache, grösten Theils aber den Vortheil des Projektanten zur Absicht. Wie ist es möglich, daß ein Hof die zum Glück des Volks erforderliche politische Bildung, und die Grundsätze haben kann, worauf der Werth einer Regierung beruht, wenn man blos durch eine glänzende Geburt, durch Verwandtschaften, durch Geld, durch Weiber und Pfaffen zu den höchsten Ehrenstellen kömmt? – Nebst der Gutherzigkeit ist auch die Prachtliebe des Fürsten zum Uebertriebenen geneigt. Die erstere verleitet ihn zu glauben, der Hof sey vielen Leuten und besonders dem Adel reichen Unterhalt schuldig, wenn sie auch gleich nichts zum Besten des Staats thun. Während daß sich viele andre Regierungen alle Mühe geben, die unbegründeten Vorrechte des Adels zu beschneiden und ihn zu zwingen, sich bloß durch wirkliche Verdienste geltend zu machen, hält es der hiesige Hof für seine Pflicht, ihn in seinem geheiligten Müßiggang, wie die Frösche der Latona Latona – Latona (Leto) war eine Geliebte des Zeus und die Mutter von Artemis und Apollon. Auf der Flucht vor Hera verboten ihr Bauern, aus ihrem See zu trinken, diese wurden von Zeus in Frösche verwandelt. , oder die Gänse des Kapitols Gänse des Kapitols – die Gans war das heilige Tier der Juno, deshalb wurden auf dem Kapitol immer Gänse gehalten auf Kosten des Staats zu mästen – Man geht jetzt mit dem Projekt schwanger, eine neue Provinz des Maltheserordens Maltheserorden – der Malteserorden wirkte vom 16. bis zum 18. Jahrh. auf Malta. Heute betreibt er kommerziell den Malteser-Hilfsdienst. mit vielen Millionen in Bayern zu errichten. Nicht das Verdienst, sondern blos der Adel hat auf den Genuß dieser reichen Stiftung zu machen. Ich weiß nicht, ob der kristliche Vorsatz, den Sarazenen Abbruch zu thun, oder sonst eine besondere Vorliebe für diesen Orden den Kurfürsten auf den Einfall gebracht hat: Aber das ist gewiß, daß die Ritter die Zeit, welche sie in ihrem Noviziat auf der See, oder vielmehr an den Spieltischen und bey den Schmäusen auf der Insel Malta zubringen, zu Hause viel nüzlicher für Bayern verwenden könnten. So wenig Vortheil von dieser neuen Maltheserprovinz für den Staat abzusehen ist, so gewiß soll die Ausführung dieses Projekts beschlossen seyn. Man berathschlagt sich nur noch, woher man den Fonds dazu nehmen soll – Die Prachtliebe des Fürsten ist eben so verschwenderisch mit den Staatsgeldern. Ich könnte dir hier zur Erbauung aus dem Hofkalender einige hundert Bedienungen benamsen, deren Verrichtungen insgesamt dir ein unauflösbares Räthsel seyn würden. Es soll aber genug seyn, dir zu sagen, daß sich der hiesige Hof zu 2 bis 3 Rheinschiffen einen Großadmiral hält Einen Großadmiral hält – zum Thema Verschwendungssucht s. a. Sechs und sechzigster Brief. . Alles, alles ist hier durchaus auf den Schein angelegt – Die Armee des Hofes besteht aus ohngefähr 30 Regimentern, die ihrer nun angefangenen Ergänzung ungeachtet doch noch keine 18.000 Mann zusammen ausmachen. Wenigstens einen Viertheil derselben machen die Officiers aus, worunter auch mehrere Generalfeldmarschälle sind. – Die vielen Titel und die bordirten Westen der hiesigen Einwohner setzen einen Fremden nicht sicher von ihnen angebettelt zu werden. Vorgestern beschaute ich die schöne Jesuitenkirche, und um nicht das Ansehn eines müßigen Anschauers zu haben, kniete ich zu einigen Leuten in einen Bethstul. Sogleich rükte ein Mann, den ich nach seiner Kleidung für eine wichtige Person gehalten hätte, näher zu mir, both mir eine Prise Tobak an, und nach einigen Anmerkungen über die Schönheit der Kirche, fieng er an umständlich seine Not zu klagen und mich um ein Almosen anzusprechen. Das nämliche war mir schon in einer andern Kirche von einem sehr wohlgekleideten Frauenzimmer begegnet. – Die Polizey, welche sich die Beleuchtung und Reinlichkeit der Stadt so sehr angelegen seyn läßt, muß sich von den Dieben und Räubern an den Thoren der Stadt trotz bieten lassen, und weiß den unzäligen hiesigen Bettlern keine Beschäftigung und kein Brod zu verschaffen. Dieser Mangel an wahren, durchgedachten und vesten Grundsätzen, diese Scheinliebe, diese Verwirrung der Geschäfte durch die zu grosse Anzahl unbrauchbarer, unpatriotischer und müssiger Bedienten, macht die Verordnungen des Hofes oft sehr widersprechend. Einige vom Hofe haben vielleicht zwischen Wachen und Schlafen den Bekkaria Bekkaria – Caesare Bonesano Beccaria, veröffentlichte 1764 ein Buch »Über Verbrechen und Strafen«. «Eines der einflussreichsten Bücher in der ganzen Geschichte der Kriminologie ... Die Wrkung ... auf die Reform der Kriminaljustiz lässt sich kaum übertreiben Beccaria vertrat die Auffassung, die Schwere eines Verbrechens solle nach dem Schaden bemessen werden, den es der Gesellschaft zufüge, und die Strafe solle hierzu im Verhältnis stehen. Er war der Meinung, dass die Verhinderung von Verbrechen wichtiger sei als ihre Bestrafung und die Gewissheit der Strafe von grösserer Wirkung als ihre Strenge. Er prangerte die Verwendung der Folter und das geheime Gerichtsverfahren an. Er war gegen die Todesstrafe, an deren Stelle lebenslängliches Gefängnis treten solle; Eigentumsdelikte sollten vorerst mit Geldstrafen geahndet werden und politische Verbrechen durch Verbannung; die Zustände in den Gefängnissen wären gründlich zu verbessern ... Diese Gedanken sind heute so alltäglich und selbstverständlich, dass es schwerfällt, sich vorzustellen, wie revolutionär sie zu ihrer Zeit wirkten. Beccarias Buch hatte sofort Erfolg; ... es wurde schliesslich in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt. Seine Grundsätze sind in den Strafvollzug sämtlicher zivilisierter Länder eingegangen« (Carter/Muir). † 1794 gelesen, oder doch von der Verminderung der Todesstrafen und Abstellung der Folter in Preussen, Rußland und Oestreich gehört. Nun affektirte man hier auch diesen philosophischen Ton – es zeigte sich aber bald, daß es nur Affektation war. Die Diebe, Mörder und Strassenräuber mehrten sich so schnell und stark, daß eine Verordnung erschien, welche die ganze Blösse des Hofes an wahren Grundsätzen zeigte, und worin gesagt wurde: »so sehr der Landesfürst zur Milde geneigt sey, und so vest er sich vorgenommen gehabt habe, nach dem Beyspiel andrer Mächte die Gerechtigkeit menschlicher zu machen, so habe er sich doch gezwungen gesehn, wieder strenge nach der Karolina, wie zuvor, hängen, rädern, spiessen, verbrennen und foltern zu lassen« – Aber warum hat die Milderung der strafenden Gerechtigkeit in Preussen, Rußland und Oestreich die Folgen nicht gehabt, die in Bayern das neue Sistem wieder umwarfen? Aus keiner andern Ursache, als weil benannte Mächte ein ernstliches, durchgedachtes und zusammenhängendes Sistem in ihrer Regierung befolgen, der hiesige Hof aber dieses Sistem bloß zum Schein geborgt hatte, und seine übrige Wirthschaft mit dieser Philosophie nicht übereinstimmte. Man wußte hier nicht, wie in jenen Staaten, durch nüzliche Beschäftigung der Müßiggänger das Land von herumstreifendem Gesindel rein zu halten. Man sorgte nicht dafür, durch gute Erziehung, mehrere Aufklärung, Verbesserung der Sitten und Ermunterung zum Arbeiten die Unterthanen vom Stehlen und Rauben abgeneigt zu machen. – Und wenn dann auch der Hof bey Errichtung von Schulen und öffentlichen Arbeitshäusern für den müßigen Pöbel etwas hätte aufopfern müssen, so hätten ja die 6 Millionen Gulden, die man für das Maltheserwerk wegwerfen will, zur Ersparung und Besserung vieler tausend Menschen nüzlicher angelegt werden können. – Diese prächtigen Opern, diese kostbare Sammlungen von Seltenheiten, diese grossen Palläste und Gärten, dieser unzählbare Schwarm von schimmernden Bedienten, macht nicht alles dem Hof den Vorwurf, daß das Eigenthum seiner Unterthanen in schlimmen Händen ist? – Ohne zweifel werde ich Anlaß finden, dich an andern Orten an den hiesigen Hof einigemal zurück zu erinnern. Was die hiesigen Pfaffen betrifft, so liegen sie jetzt unter sich im Streit. Es sind die nämlichen Partheyen, die in Frankreich durch ihre Verbitterung und Hitze gegen einander so viel Aufsehens gemacht haben. Die Exjesuiten Exjesuiten – der Jesuitenorden wurde 1773 von Clemens XIV. verboten, nachdem sein Wirken schon vorher in verschiedenen katholischen Ländern untersagt worden war. mit ihrem Anhang haben eine mächtige Stütze an dem Beichtvater des Kurfürsten, einem aus ihrem Mittel, und an der Spitze stehn sehr reiche Prälaten, die sich mit ihrem Gelde durch die feilen Hofbedienten und Damen einen Weg in das Kabinet zu öfnen suchen. Wenn ich nicht irre, so gehören einige der leztern auch zum Korps der Landstände: Aber bey der jezigen Regierung, die so eifersüchtig auf ihren Sultanismus ist, und die Landstände als ihre Feinde betrachtet, gibt ihnen das wenig Gewicht, wie denn der Hof auch die Huldigung seiner Stände so lang als möglich auszuweichen sucht. Dem ungeachtet glaubt man, sie würden die Jesuiten noch unter die Füsse bringen, weil das Geld hier allmächtig ist. Was der Staat dabey zu verlieren oder zu gewinnen hat, weiß ich nicht. Die Benediktiner Benediktiner – katholischer Orden, der auf Benedikt von Nursia zurückgeht sind zwar immer auch Mönche, aber wenigstens doch so eigensinnig und unverträglich nicht als ihre Feinde von der Gesellschaft Jesu. Diese Intoleranz der Jesuiten, welche schon seit langer Zeit Einfluß auf den Fürsten gehabt haben, hat der Pfalz am Rhein sehr viel geschadet. Die Reformirten machten wenigstens die Hälfte der Einwohner dieses Landes aus, und haben verschiedene Friedensschlüsse und öffentliche Verträge zu ihrer Sicherheit. Sie sind in jedem Staat die besten Bürger, deren Religionslehren mit der gesunden Politik vollkommen übereinstimmen, und deren Geistlichkeit mit der weltlichen Macht gar nicht im Streit liegt. Dem ungeachtet werden sie noch bis auf diesen Tag auf alle Art gedrükt, und der Hof scheint sich ein Verdienst daraus zu machen, diesen bessern Theil seiner Unterthanen auszurotten, und geblendet von den Trugschlüssen seiner Pfaffen, betrachtet er ihn als Unkraut im Garten des Herrn. Die Heuchler verlarfen ihren Verfolgungsgeist mit politischen Scheingründen, und suchen den Fürst zu bereden, Einheit der Religion sey jeder Staatsverfassung so wesentlich, als Einheit der Souveränität. So eben les' ich einen Kabinetsbefehl zur Unterdrückung eines kleinen, artigen und sehr unschuldigen Gedichtes gegen die Intoleranz. Es heiß darinn, der Verfasser suche in dem erzkatholischen Bayern einen dem Staat sehr schädlichen Mischmasch von Religionen einzuführen. Sehe der Hof doch, oder hätte er doch Augen zu sehn, was dieser Mischmasch von Religionen in Holland für gute Wirkungen für den Staat hat, und wie groß im politischen Betracht der Abstand zwischen dem durchaus katholischen Bayern und dem Lande sey, das etliche und dreyßig Sekten zählt! Durch die nämlichen Scheingründe trugen die Jesuiten in Frankreich viel dazu bey, daß das Edikt von Nantes Edikt von Nantes – Heinrich IV. Gewährte in diesem Dokument den Hugenotten (franz. Protestanten) volle Glaubensfreiheit und bürgerliche Gleichberechtigung. wiederrufen wurde. Sie gewöhnten Ludwig den Vierzehnten von Jugend auf, die Reformirten als heimliche Feinde der Krone und des Staats zu betrachten, und dichteten diesen stillen Bürgern den Verfolgungsgeist an, den sie selbst in ihrem eignen Busen fühlten. Unser Hof hat nun einsehn gelernt, daß die Jesuiten ärgere Feinde Frankreichs waren, als die Reformirten; aber während daß wir diesen Schritt so laut bereuen, während daß die Reformirten Hofnung haben, unter Ludwig dem Sechzehnten ihre entrissene Religionsfreyheit wieder zu erlangen, während daß Necker Necker – Jaques Necker, 1776 bis 81 franz. Finanzminister unter Ludwig XVI. Er schaffte die Folter ab, die als jesuitisches Rudiment gesehen wurde. 1788 wurde er erneut berufen und im Zuge der Französischen Revolution gestürzt. † 1804 an seiner hohen Stelle ein öffentlicher Beweis von den unjesuitischen Gesinnungen unsers Hofes ist, fährt man hier fort, die Reformirten auch von den niedrigsten Staatsbedienungen auszuschliessen und auf alle erdenkliche Art zu unterdrücken. Die Natur rächt allzeit ihre gekränkten Rechte. Die verfolgten Ketzer fliehn aus der Pfalz und bauen die nordamerikanischen Wildnisse an, da unterdessen ein grosser Theil von Bayern wüste bleibt, und mit allen seinen Finanzprojekten kann der hiesige Hof das nicht ersetzen, was er sich selbst durch seine Intoleranz schadet. Leb wohl. Zehnter Brief. München – Vor einigen Tagen hatte ich eine sehr lange und lebhafte Unterredung mit Einem von den wenigen aufgeklärten Patrioten, die hier im Dunkeln das Schicksal ihres Vaterlandes beseufzen. Wir kamen auf Kaiser Karl den Siebenden Karl VII. – war Kaiser von 1742 bis 1745, unbedeutender Regent, † 1745 und den bekannten bayrischen Krieg Bayrischer Krieg – der Bayerische Erbfolgekrieg 1778 – 1779, durch den Frieden von Teschen beendet. Hier ist aber vom österreichischen Erbfolgekrieg 1740 – 42 die Rede zu sprechen. Ich hatte schon einigemal hören müssen, unser Hof hätte damals den hiesigen auf die schändlichste Art betrogen, und der Krieg würde zum Vortheil Bayerns ganz anderst ausgefallen seyn, wenn wir redlicher gehandelt hätten. Dieser gute Freund wußte mir auch sehr viel davon zu sagen, wie unsre Armeen in ihrem Angesicht die bayrischen Truppen vom Feind hätten angreiffen lassen, ohne sich zu regen; wie die Subsidiengelder Subsidiengelder – Zahlungen eines Landes zur Finanzierung eines Krieges, den ein anderes führt ausgeblieben wären; wie unsre Minister durch grosse Versprechungen, die sie nie hielten, den Krieg zum Verderben Bayerns verlängert; wie eigenmächtig unsre Kommandanten auf bayrischem Grund und Boden gehandelt u. s. w. Alles das räumte ich ihm zum Theil ein. Ich wußte nur zu gut, wie schlecht unser Ministerium damals bestellt war, besonders als die d' A. = = s ans Ruder kamen. Ich wußte, daß der damalige preußische Gesandte dem unsrigen am hiesigen Hof die nämlichen Vorwürfe gemacht, der letztere, sich damit entschuldigen wollte, daß er unsre Minister Dummköpfe hieß, der erstere aber versetzte: Das sind keine Dummköpfe; das sind Schurken. (ce ne sont pas des sots; ce sont des Coquins.) Ich wußte aber auch von einigen unserer alten Officier, die den Krieg mitgemacht und den Zustand des hiesigen Hofes sehr genau kannten, daß die hiesigen Hofleute viel grössere Dummköpfe und Schurken waren, als die unsrigen; daß der Kaiser der Kaiser selbst – Karl VII., s.o. selbst sich um seinen Rosenkranz, seine Hunde, seine Pfaffen und Mätressen, von welchen er gegen 40. Kinder hinterließ, vielmehr bekümmerte, als um seine Staatsangelegenheiten; daß seine Bedienten mehr darauf bedacht waren, seinen Leidenschaften und seiner Laune zu schmeicheln, als das Beste ihres Vaterlandes zu befördern, wie ihm dann ein gewisser Graf seine eigne Nichte verkuppelte, und durch den Einfluß, den er sich dadurch erwarb, jeden guten Rath der wahren Freunde des Kaisers vereitelte. Ich wußte, daß unsre Minister hier keinen einzigen Mann finden konnten, der mit dem Archiv und den Geschäften bekannt genug gewesen wäre, um zu Unterhandlungen vortheilhaft gebraucht werden zu können; daß die anfangs von Versailles richtig abgeschickten Subsidiengelder durch Nichtswürdige verschleudert wurden, die angegebene Zahl der bayrischen Truppen nie komplet war, und die meisten Officiers mit den Zahlmeistern die Hälfte der Kriegskasse neben einsteckten. Ich wußte, daß der Kaiser, seiner grossen Verlegenheit ungeachtet, kaum dahin zu bringen war, von seinen reichen Klöstern Abgaben zu fordern; vielweniger durch Unterdrückung derselben und Besitznehmung einiger benachbarten geistlichen Fürstenthümer den Zustand seiner Finanzen zu verbessern und seiner wankenden Krone mehr Gewicht zu verschaffen. Mein guter Freund mußte mir also gestehn, daß Bayern selbst den größten Theil der Schuld zu tragen hatte, als die Sachen nicht nach Wunsch giengen. Von jeher stand der hiesige Hof unter dem Einfluß eines Dämons mit einer Kapuze, der seine Politik verwirrte, seine Schatzkammer beraubte, und Dummköpfe und Verräther an die Spitze der Geschäfte stellte. Während daß sich einige der Kleinsten Häuser Deutschlands zu einer förchterlichen Grösse empor zu schwingen wußten, ob sie schon mit fast unüberwindlichen Hindernissen zu kämpfen hatten, mußte dieses alte, mächtige Haus die weiten Gränzen seiner Besitzungen immer mehr zusammen schwinden sehn, wenn sich gleich oft alle gönstige Umstände vereinigten, um es hoch empor zu heben, sobald es der gesunden Politik Gehör geben wollte. – Als der Kurfürst von der Pfalz zum König von Böhmen König von Böhmen – Friedrich V. von der Pfalz wurde 1619 zum Böhmischen König gewählt, verlor das Amt aber schon im folgenden Jahr infolge der Schlacht am Weißen Berg bei Prag, daher der Name »Winterkönig«. Auch sonst ein ungeschickt und tölpelhaft agierender Fürst, der Mitschuld am Dreißigjährigen Krieg trägt. †1632 erwählt ward, wer hätte erwarten sollen, daß sein eigener Vetter, der Herzog von Bayern das meiste beytragen würde, ihn seiner Krone zu berauben, und auf Kosten seines Hauses das übermächtige Oestreich, diesen gefährlichen Nachbarn Bayerns, noch mehr zu verstärken? Nun wäre Böhmen mit Bayern und der Pfalz vereinigt und der jetzige Kurfürst ein mächtiger König – im westphälischen Frieden wußten sich die Glieder des protestantischen Bundes für die schweren Kosten des schwedischen Krieges bezahlt zu machen, indem sie sich in den Besitz der ihnen nahgelegenen geistlichen Fürstenthümer setzten; aber Bayern, welches für den Pabst und das Haus Oestreich bis auf den letzten Blutstropfen gekämpft hatte, hielt sich mit der Kurwürde und der Oberpfalz, die es doch nur auf Kosten eines andern Astes seines eignen Hauses erwerben konnte, für überflüßig bezahlt, und versäumte die beste Gelegenheit, das wichtige Fürstenthum Salzburg, mit dem es jetzt so viel zu zanken hat, das in seinem Busen gelegene Fürstenthum Freysingen, und viele andre angränzenden Bisthümer in Besitz zu nehmen, und so kämpfte es immer, von falschen Religionsbegriffen geblendet, gegen seine eigne Grösse hinan. Diese Kriege, die es so zu sagen gegen sich selbst geführt, der bald darauf erfolgte spanische Succeßionskrieg spanische Succeßionskrieg – der Spanische Erbfolgekrieg, geführt von England, Österreich, den Generalstaaten und Portugal gegen die Hegemonie der Bourbonen in Europa mit Philipp V. 1701 bis 1714. Spanien mußte große und wichtige Gebiete in Europa und Amerika abgeben. , und dann jener von Kayser Karl dem Siebenden, haben diesem Haus Wunden geschlagen, die es hätte heilen können, wenn es gegen seinen innerlichen Zustand durch die nämliche Religionsschimären nicht blind und fühllos gemacht worden. Nun eitern sie aber noch, und stellen dem Beobachter das eckelhafteste Gemählde eines durchaus siechen Staatskörpers dar. Man glaubt, der vorige Kurfürst hätte während seiner langen und stillen Regierung des größten Theil der Staatsschulden abgetragen, aber beym Antritt des jetzigen Fürsten fand man sich in seiner Erwartung sehr betrogen. Etwas von den ältesten Forderungen war zwar getilgt; aber es wurden dagegen wieder sehr viele neue Anleihen gemacht. Der Fürst hatte platterdings keinen Begrif von seinen Finanzen, sondern gab sie seinen eigennützigen Bedienten preis, und war zufrieden, wenn seine kostbaren Jagden konnten bestritten werden, und der jetzige Hof scheint auch nicht geneigt zu seyn, den ungeheuern Aufwand für seine Opern u. dgl. m. wegen seiner Schulden einzuschränken, die sich beynahe auf 25 Millionen Gulden belaufen sollen. Mit Schauern sah ich auf meinen Auswanderungen von hier die Spuren der schrecklichen Kriegsverheerungen auf dem Lande. Ausser der Hauptstadt ist ist in dem ganzen grossen Bayern kein erhebliches Städtchen aufzufinden; denn du kannst nicht glauben, was das Landsberg, das Wasserburg, das Landshut und viele andre, die auf den Landkarten als Städte paradieren, für elende Nester sind. Nach aller Wahrscheinlichkeit hat weder Ingolstadt, noch Straubingen, noch irgend eine der grössern Städte nach München über 4.000 Seelen; und solche Landstädte zählt man in allem nur 40, da Sachsen nach den öffentlichen Nachrichten gegen 220 zählt, ob es schon um nichts grösser ist als Bayern. Ueberall fällt einem die Armuth an Menschen auf, und überall herrscht noch die Liederlichkeit unter dem Volk, womit die kriegenden Armeen eine Provinz anzustecken pflegen. Die Bierbrauer, Wirthe und Bäker ausgenommen suchst du im ganzen Land einen reichen Bürger umsonst. Du findest keine Spur von Industrie, weder unter den Bürgern, noch den Bauern. Der Müßiggang und die Betteley scheinen durchaus für den glücklichsten Zustand des Menschen gehalten zu werden. Abgezogen, was nicht zu dem Kreis gehört, ist Schwaben ungefähr so groß, als das Herzogthum Bayern samt der Oberpfalz, und beyde haben ohngefähr 729. Quadratmeilen; denn das, was Bayern durch den Teschner Frieden Teschner Friede – beendete den Bayrischen Erbfolgekrieg. Neben territorialen Umverteilungen wurden die Kurfürstentümer Bayern und Pfalz zusammengelegt verlor, ward durch die Vereinigung der Fürstenthümer Neuburg und Sulzbach beynahe wieder ersetzt. Die schwäbischen Kreislande zählen aber wenigstens 1.600.000 Menschen, da man in Bayern bey einer Zählung unlängst nicht über 1.180.000 Seelen fand. Der südliche Theil dieses Landes ist sehr bergigt, aber doch zum Ackerbau so unbequem nicht, als er gemeiniglich in Geographien beschrieben wird. Viele Thäler dieser grossen Bergmasse haben den vortreflichsten Boden, und in einem Winkel derselben hat ein aufgeklärter und fleißiger Landwirth, der einzige, den ich von seiner Art finden konnte, den gesaeten Waitzen 16 mal geerndtet. Der Strich von der Hauptstadt bis zur Donau und zum Inn ist durchaus das beste Ackerfeld, welches von verschiedenen Reihen waldigter Hügel hie und da unterbrochen wird. Die Oberpfalz samt dem jenseits der Donau gelegenen Theil des Herzogthums Bayern ist ein fast ganz zusammenhängender Berghaufen, der sich allmählich von der Donau an bis zum Fichtelberg und dem böhmischen Gebirge erhebt, aber doch auch eines starken Anbaues fähig ist. Ein ansehnlicher Theil dieses von der Natur so begünstigten Landes ligt seit den ehmaligen Kriegen wüste. Ich sah verschiedene grosse Striche, welche die Einwohner Moos nennen, die aber so locker und sumpfigt nicht sind, als die Torf= und Moosgründe in Holland oder andern Ländern. Man sieht auf vielen derselben noch die alten Furchen, und hat Beweise im Ueberfluß, daß sie angebaut waren, und leicht wieder gebaut werden könnten. Ein andrer Theil von Bayern wird noch von überflüßigem und finsterm Gehölze bedeckt, und ein dritter liegt immer unnöthigerweise brach. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß das ganze Land kaum zur Hälfte recht bebaut ist. Die Bauern theilen sich in 4 Klassen; in ganze, halbe und vierthels Bauern und in die sogenannten Häusler. Die ganzen Bauern pflügen mit 8 Pferden, und heissen Einsiedler, weil ihre Höfe weit von Dörfern entlegen sind. Viele dieser Höfe beherrschen ein Bezirke von mehr als einer halben Stund in die Länge und Breite, und die Besitzer derselben haben oft wol 12 bis 15 Pferde zu ihrem Feldbau nöthig (2 Pferde auf einen Pflug gerechnet, welches an einigen Orten zwar zu viel, an einigen auch zu wenig ist). Solcher Einöden sollen in allem 40.000 seyn – Ein halber Bauer pflügt mit 4 und ein Viertelsbauer mit 2 Pferden. Die Häusler sind Taglöhner für die andern, und bauen allenfalls ihr bisgen Eigenthum mit fremden Vieh. Von der zahl der Pflüge läßt es sich hier gar nicht auf die Grösse der Bauerngüter schliessen. Die beßten Felder bleiben oft 4 bis 6 und mehr Jahr brach liegen, so wie es die hergebrachte Gewohnheit, die Gemächlichkeit oder der Eigensinn des Besitzers für gut befindet. Da man keine Begriffe vom Wiesenbau und von der Stallfütterung hat, so entschuldigt man dies schlechte Wirthschaft mit dem Mangel an Dünger – mein guter Freund, mit dem ich so viel über den bayrischen Krieg zu streiten hatte, nahm sich auch hier mit aller Wärme seiner Landsleute an. Er behauptete, der Ackerbau könnte in seinem Vaterland unmöglich besser bestellt seyn, weil die innere Konsumtion und der Preis des Getraides zu geringe und keine Wege zu einer stärkern Ausfuhr zu öfnen wären, und die innere Konsumtion könnte nicht wohl durch Manufakturen vermehrt werden, weil Bayerns Flüsse alle nach Oestreich flössen, es mit den Erblanden Erblande – das Erzherzogtum Österreich mit Ungarn, Tirol usw. im Gegensatz zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, dem der Kaiser vorstand. Joseph II. wurde 1765 Kaiser und 1780 Erzherzog in Personalunion, deshalb der Hinweis auf das Gemeinte. Im gesamten Text wird meist das Wort »kaiserlich« anstatt »erzherzoglich« verwendet. dieses Hauses in Kunstprodukten nie konkurriren könnte, und der Absatz auf den andern Seiten wegen Mangel an schiffbaren Flüssen erschwert wäre – Welche Sophisterey Sophisterey – Sophisterei: Rechthaberei, Spitzfindigkeit, Spiegelfechterei um die Trägheit und Liederlichkeit seiner Landsleute zu bemänteln! Es wäre schlimm, wenn zur Aufnahme der Fabriken schiffbare Flüsse unumgänglich nöthig wären. Der größte Theil der Schweizermanufakturen wird auf der Axe verführt; denn das, was Helvetien durch den Rhein absetzt, läßt sich mit der Menge Waaren nicht vergleichen, die über Lande nach Frankfurt, Leipzig u. s. w. durch den ganzen Norden, und die Kreutz und Querre durch Frankreich und Italien verführt wird. Aber Bayern soll noch gar nichts an Fremde absetzen. Nach den Regeln einer ordentlichen Oekonomie muß man erst sehen, was zu ersparen sey, ehe man Bedacht darauf nimmt, wo etwas von Fremden zu gewinnen stehe. Das Ersparen ist schon Gewinn, und der sicherste Gewinn. Wie viel Geld läßt dieses Land nicht für Tücher, Wollenzeuge, Leinwand, Lein= und Rüböhl, Tobak, Leder und fast unzählige Artickel ausfliessen, zu deren Zubereitung ihm die Natur selbst alle Mittel dargebothen hat? Wie viel könnte dadurch erspart, wie viele Menschen damit beschäftigt, wie sehr die innere Konsumtion des Getraides vermehrt und der Ackerbau befördert werden! Aber der Hof und das Volk sind gegen ihren eignen wahren Vortheil mit Blindheit geschlagen – Seit mehrern Jahren erhob sich in Deutschland ein schreckliches Geschrey von Bevölkerung, Manufakturen und Industrie. Das Geschrey drang auch zu den Ohren des hiesigen Hofes, und er fieng auch an einen Beschützer des Kunstfleisses zu affektiren. Ohne die Natur um Rath zu fragen, ohne zu untersuchen, welche Kunstprodukten die gemeinnützigsten seyen und durch welche das meiste Geld im Lande erhalten werden könnte, suchte man bloß die jenigen in Aufnahme zu bringen, die am meisten Aufsehens machten und auf der Liste des Luxus oben an stehen. Bey der unbeschreiblichen Armuth an so vielen dringenden Bedürfnissen legte man Porzellänfabriken an, die der Hof als eine Lotterie für das Volk betrachtet und nur durch mancherley Kniffe und Pfiffe im Gang erhalten kann. Man errichtete Manufakturen von Tapeten, reichen Stoffen, und Seidenzeugen, und ersparte dem Lande wenigstens das Geld für die Meßgewänder der Pfaffen und die Gallakleider der Münchner Damen, während daß sich der größte Theil der Bürger und Bauern mit fremden Tuch kleiden muß. Man darf sich nur mit dem hiesigen Mauthwesen bekannt machen, wenn man sich überzeugen will, daß man hier die wahren Grundsätze der Staatswirthschaft gar nicht kennt. Als die aufgeklärte östreichische Regierung ihre Mauthen nach den Regeln einer klugen Oekonomie einrichtete, freuten sich die hiesigen Kammeralisten, durch das Beyspiel Oestreichs ein Mittel gefunden zu haben, die fürstlichen Einkünfte um ein Ansehnliches zu vermehren. Man äffte das östreichische Mauthsystem nach, wußte aber nicht, daß Auflagen auf die einführende fremde Waaren nichts anders als Strafen sind, und die Verminderung des Ertrags derselben einer klugen Regierung so angenehm seyn muß, als die Verminderung der Strafgefälle von den Gerichtsstuben. Das östreichische Mauthsystem hieng mit dem grossen Plan zusammen, mit allen Kräften daran zu arbeiten, daß die Einfuhr fremder Waaren samt den Mauthen selbst durch seinen innern Kunstfleiß so viel als möglich vernichtet, und die Konsumtion der entbehrlichsten Artickel des Luxus, die man vom Auslande bezieht, durch die Vertheuerung verringert würde. Aber hier, anstatt die Mauthregister nach dem Beyspiel Oestreichs zur Richtschnur zu gebrauchen, wie der innere Kunstfleiß aufzumuntern und zur Bearbeitung der Artickel, die das meiste Geld aus dem lande ziehen, zu lenken sey, hier betrachtet man die Mauthen als eine ergiebige Quelle, deren Ausfluß eher befördert als gestopft werden müsse! Ich hätte dich mit diesen Punkten des staatswirthschaftlichen ABCs nicht so lange ennuyirt ennuyirt – ennyieren, langweilen, belästigen , wenn ich dir nicht einigermassen im Detail hätte zeigen müssen, daß man nicht einmal dieses hier versteht. Leb wohl. Eilfter Brief. München – Ein Gemählde von bayrischen Karakteren und Sitten von Hogarths Hogarth – William Hogarth war ein sozialkritischer englischer Maler und Grafiker. Als Vorläufer der modernen Karikaturisten prangerte er in Gemälden und Kupferstich-Folgen die Sitten und Gebräuche seiner Zeit schonungslos und mit beißender Ironie an. † 1764 Hand müßte äusserst interessant seyn. In England sind die Extremen zwar auch nicht selten; aber Karikaturen, wie sie Bayern liefert, übertreffen alles, was man von der Art sehen kann. Du weißt, ich bin kein Mahler, und wenn ich dir das Eigenthümliche des Bayern in der Abstraktion gebe, so kann es natürlich das Leben nicht haben, welches ihm Hogarth in einer Gruppe oder Shakspear in einem dramatischen Auftritt geben könnte. Doch ich will versuchen, was ich kann. Um methodisch zu verfahren – denn du glaubst nicht, wie sich in allen Dingen eine verwünschte Methode an mich hängt, seitdem ich deutsche Luft athme – , so muß ich dir erst den Körper des Bayern voranatomisiren, ehe ich zur Zergliederung seines geistigen Wesens schreite. – Im ganzen ist der Bayer stark von Leib, nervicht und fleischigt. Man findet sehr viele schlanke und wohlgebaute Männer, die man in jedem Betracht schön heissen kann. Die rothen Backen sind unter dem hiesigen Mannsvolk etwas seltener als in Schwaben, welchen Unterscheid vermuthlich der Wein und das Bier verursachen. Das Eigne eines Bayern ist ein sehr runder Kopf, nur das Kinn ein wenig zugespitzt, ein dicker Bauch und eine bleiche Gesichtsfarbe. Es giebt mitunter die drolligsten Figuren von der Welt, mit aufgedunsenen Wänsten, kurzen Stampffüssen und schmalen Schultern, worauf ein dicker, runder Kopf mit einem kurzen Hals sehr seltsam sitzt, und in diese Form pflegt gemeiniglich der Bayer zu fallen, wenn er mehr oder weniger Karrikatur seyn soll. Sie sind etwas schwerfällig und plump in ihren Gebehrden, und ihre kleinen Augen verrathen ziemlich viel Schalkheit – Die Weibsleute gehören im Durchschnitt gewiß zu den schönsten in der Welt. Sie fallen zwar auch gerne etwas dick ins Fleisch, aber dieses Fleisch übertrift alles, was je ein Maler im Inkarnat Inkarnat – der fleischfarbene Ton auf Gemälden geleistet hat. Das reinste Lilienweiß ist am gehörigen Ort, wie von den Grazien mit Purpur sanft angehaucht. Ich sah Bauernmädchen, so zart von Farbe und Fleisch, als wenn die Sonne durchschiene. Sie sind sehr wohl gebaut und in ihren Gebehrden viel lebhafter und runder als die Mannsleuthe. In der Hauptstadt kleidet man sich französisch oder glaubt wenigstens französisch gekleidet zu seyn. Die Männer lieben noch das Gold und die bunten Farben zu viel. Die Kleidung des Landvolks ist abgeschmackt. Der Hauptschmuck der Männer ist ein langer, breiter, oft sehr seltsam gestickter Hosenträger, woran die Beinkleider sehr tief und nachläßig hangen, vermuthlich um dem Bauch, welcher der Haupttheil eines Bayern ist, sein freyes Spiel zu lassen. Die Weibsleute verunstalten sich mit ihren Schnürbrüsten, welche grade die Form eines Trichters haben, hoch über die Brust und Schultern heraufsteigen und oben ganz schnureben abgeschnitten sind, so daß man gar keine Wölbung der Achseln und des Halses sieht. Diese steife Schnürbrust ist vorne mit grossen Silberstücken verblecht und mit dicken Silberketten überladen. Die Hausmütter, oder die, welche dem Hauswesen vorstehn, tragen an vielen Orten ein dickes Gebund Schlüssel und ein Messer an einem Riemen, die fast bis zur Erde reichen. Was den Karakter und die Sitten der Bayern betrifft, so können die Einwohner der Hauptstadt nicht anderst als sehr verschieden von dem Landvolk seyn. Der Charakter der Münchner bliebe für mich ein Räthsel, und wenn ich auch noch viele Jahre hier wäre. Ich glaube mit allem Grund behaupten zu können, daß sie gar keinen Karakter haben – Ihre Sitten sind so verdorben als sie es in einem Gewirre von 40.000 Menschen sein müssen, die bloß vom Hofe leben und größtentheils auf Kosten desselben müßig gehn. Unter dem grossen Adel giebt es, wie überall, ausgebildete und sehr artige Leute; aber überhaupt genommen, ist er im ganzen Umfange des Wortes Pöbel, ohne alles Gefühl von Ehre, wenn nicht ein grosser Titel und Bänder und Sterne ausschließlich Ehre heissen, ohne Erziehung und ohne Thätigkeit für den Staat, ohne alles Gefühl für sein Vaterland, ohne alle Empfindung von Großmuth. Die meisten Häuser, von denen mehrere 15 bis 20 und einige auch wohl 30 bis 40 tausend Gulden Einkünfte haben, wissen von gar keiner andern Verwendung ihres Geldes und von keinem andern Vergnügen, als welches Tisch, Keller, Spieltisch und Bette gewähren. Das Spiel hat schon viele gute Häuser hier zu Grunde gerichtet. Das jetztregierende Lieblingsspiel der Hofleute heißt Zwicken; seitdem aber der Finanzminister Hombesch die Besoldungen so erschrecklich zwickt, nennen sie es Hombeschen – Viele Hofdamen kennen ausser dem Bette keine andre Beschäftigung, als mit ihren Papageyen, Hunden und Katzen zu spielen. Eine der vornehmsten Damen, die ich kenne, hält sich einen grossen Saal voll Katzen und zur Bedienung derselben 2 bis 3 Zofen. Sie bespricht sich halbe Tage lang mit denselben, bedient sie oft selbst mit Kaffee und Zuckerbrod und putzt sie nach ihrer Phantasie täglich anderst auf. Der kleine Adel und die eigentlichen Hofbedienten schleppen sich mit einer erbärmlichen Titelsucht. Ehe der jetzige Kurfürst hieher kam, wimmelte es hier von Exzellenzen, gnädigen und gestrengen Herren. Das Lächerliche der Titulatur fiel dem jetzigen Hof auf, weil sie zu Mannheim nicht üblich war. Es erschien eine Verordnung, welche deutlich bestimmte, wer Exzellenz, Euer Gnaden und Euer Gestrengen heißen sollte. Die, welche durch diese Verordnung entexzellenzt und entgnädigt wurden, und besonders die Weiber derselben wollten verzweifeln. Zum erstenmal hörte man nun hier über Tyranney klagen, von der man zuvor gar keinen Begriff zu haben schien, und der Hof hätte den gnädigen Herren ihr Brod, ihre bürgerliche Ehre und ihr Leben nehmen können, ohne sich diesen Vorwurf zuzuziehn. Der übrige Theil der Einwohner lebt bloß, um zu schmaussen und der zyprischen Göttin zyprische Göttin – Aphrodite, die Göttin der Liebe zu opfern. Alle Abende ertönen die Straßen von dem Gesumse der Saufgelagen in den unzäligen Schenken, welches hie und da mit einem Hackbrett, einer Leyer oder einer Harfe begleitet ist – wer nur ein wenig den Herrn machen kann, muß seine Mätresse haben; die übrigen tummeln sich um einen sehr wohlfeilen Preis auf den Gemeinplätzen herum. In diesem Punkt ist es auch auf dem Lande nicht besser – Als im Bayrischen Krieg einige Rekrutten zu einem französischen Korps kamen, welches in der Gegend von Augspurg stand, fragte ein Gaskogner Gascogne – Landschaft im Südwesten Frankreichs um Bordeaux einen seiner Landsleute, der schon eine Kampagne in Bayern mitgemacht hatte, wie es daselbst um ein gewisses Bedürfniß stünde. O! antwortete dieser, in Bayern findest du das größte B – l von der Welt. Da zu Augspurg ist der Eingang, und zu Passau die Hinterthüre. – Ich habe die Anekdote von einem alten Officier, und wenn sie gleich von einem Gascogner ist, so ist es doch sicher keine Gaskonade Gaskonade – Prahlerei, Aufschneiderei . Das Landvolk ist äusserst schmutzig. Wenn man sich einige Stunden weit von der Hauptstadt entfernt, sollte man die Höfe der meisten Bauern kaum für Menschenwohnungen halten. Viele haben die Mistpfützen vor den Fenstern ihrer Stuben, und müssen auf Brettern über dieselbe in die Thüre gehn. Viel lieber seh' ich die Strohdächer der Landleute in verschiedenen Gegenden Frankreichs, als die elenden Hütten der bayrischen Bauern, deren Dächer mit groben Steinen belegt sind, damit die Schindeln nicht vom Wind weggetragen werden. So traurig das auch aussieht, so wohlfeil auch die Nägel im Lande sind und so oft auch von heftigen Sturmwinden halbe Dächer weggerissen werden, so läßt sich doch auch der reichere Bauer nicht bereden, seine Schindeln ordentlich nageln zu lassen. – Kurz, Liederlichkeit ist der Hauptzug des Bayern, vom Hofe an gerechnet bis in die kleinste Hütte. Mit dieser grossen Liederlichkeit kontrastirt ein ebenso hoher Grad von Bigotterie Bigotterie – Scheinheiligkeit auf eine seltsame Art. – Ich komme in eine schwarze Bauernschenke, die in ein Gewölke von Tobakrauch eingehüllt ist, und bey deren Eintritt ich von dem Gelärme der Säufer fast betäubt werde. Meine Augen dringen nach und nach durch den dicken Dampf, und da erblike ich mitten unter 15 bis 20 berauschten Kerlen den Pfarrer oder Kaplan des Orts, dessen schwarzer Rok ebenso beschmiert ist, als die Kittel seiner geistlichen Kinder. Er hält gleich den übrigen einen Pak Karten in der linken Hand, und schlägt sie mit der rechten einzeln eben so gewaltig, wie die andern, auf den kotigten Tisch, daß die ganze Stube zittert. Ich höre sie die abscheulichsten Schimpfnamen einander beylegen, und glaube, sie seyen im heftigsten Streit begriffen. Endlich schliesse ich aus dem Gelächter, welches das Schimpfen und Fluchen bisweilen unterbricht, daß alle die S=schw=nze, H=schw=nze u. dgl. m. eine Art von freundschaftlichen Begrüssungen unter ihnen sind. Nun hat jeder 6 bis 8 Kannen Bier geleert, und sie fodern nach einander vom Wirth einen Schluk Branndtewein, um, wie sie sagen, den Magen zu schliessen. Der gute Humor verläßt sie, und nun seh' ich auf allen Gesichtern und in den Gebehrden ernstlichere Vorbereitungen zu einem Streit. Dieser fängt an auszubrechen. Der Pfarrer oder Kaplan giebt sich vergebens Mühe, ihn zu unterdrücken. Er flucht und wettert endlich so stark als die andern. Nun pakt der eine einen Krug, um ihn seinem Gegner an den Kopf zu werfen; der andre lüftet die geballte Faust, und der dritte tritt die Beine aus einem Stul, um seinem Feind den Kopf zu zerschlagen. Alles schnaubt nach Blut und Tod. Auf einmal läutet die Abendglocke. «Ave Maria, ihr S=schw=nze«, schreit der Pfarrer oder Kaplan, und alle lassen die Werkzeuge des Mordes aus den Händen fallen, ziehn die Mützen vom Kopf, falten die Hände, und bethen ihr Ave Maria. Das erinnerte mich an den Auftritt von Don Quixotte, wo er in der grossen Schlägerey wegen dem Helm Mambrins und dem Eselssattel durch die Vorstellung der Verwirrung im agramantischen Lager auf einmal Friede machte – So wie aber das Gebet zu Ende ist, werden sie alle von der vorigen Wut wieder ergriffen, die nun um so gewaltiger ist, da sie auf einen Augenblick, aufgehalten worden. Die Krüge und Gläser fangen an zu fliegen; ich sehe den Pfarrer oder Kaplan zu seiner Sicherheit unter den Tisch kriechen, und ich ziehe mich in das Schlafzimmer des Wirts zurück. Aehnliche Auftritte findest du auch in den Landstädten unter den Bürgern, Beamten, Geistlichen und Studenten. Alles begrüßt sich mit Schimpfnamen; alles wetteifert in Saufen, und überall steht neben der Kirche eine Schenke und ein B – . Ein braver Student auf der Universität zu Ingolstadt muß einen dicken Dornknippel und den Hut abgekrempt tragen, seine 8 bis 10 Maaß Bier in Einem Sitz verschlucken können, und immer bereit seyn, sich wegen nichts auf das Blut herumzubalgen. Eine Gesellschaft solcher Braven kam daselbst auf eine Erfindung, die mit einem Zug den bayrischen Karakter in ein sehr helles Licht setzt. Sie fanden es sehr beschwerlich bey ihren Saufgelagen vom Tische aufstehen zu müssen, um wieder von sich zu geben, was sie verschlukt hatten. Der Wirt mußte ihnen also einen Trog unter den langen Tisch anbringen lassen, worinn jeder sein Wasser ließ, ohne sich von der Stelle zu regen – Sehr seltsame moralische Karrikaturen liefern die bayrischen Mädchen. Da wühlt ein Pfaff mit der Hand in einem schönen Busen, der zur Hälfte mit des Mädchens Skapulier bedekt ist. Dort sizt ein schönes Kind und hält in der einen Hand den Rosenkranz und in der andern einen Priap Priap – erektierter Penis aus Holz, Stein oder Leder . Die fragt dich, ob du von ihrer Religion seyest; denn mit einem Ketzer wolle sie nichts zu schaffen haben. Jene hörst du mitten in der Ausgelassenheit von ihren geistlichen Brüderschaften, ihren gewonnenen und noch zu gewinnenden Ablässen und ihren Wallfahrten mit der Miene der Frömmigkeit sprechen, daß du ihr ins Gesicht lachen mußt. – Der glänzendste Auftritt von der Art geschah in der berühmten Marienkirche zu Oettingen, wo ein reicher Pfaff vor dem Altar der wunderthätigen Maria in der Nacht eine Jungferschaft eroberte, auf die er schon lange Zeit Jagd gemacht, und die er nicht anderst als auf der Wallfahrt erbeuten konnte. Mit der Liederlichkeit und Andächteley vereinigt das Landvolk eine gewisse wilde Dapferkeit, die oft sehr blutige Auftritte veranlaßt. Wenn sie eine Kirchweihe oder sonst eine öffentliche Lustfeyer loben wollen, so sagen sie: Da gings lustig zu; es sind 4 oder 6 todt oder zu Krippel geschlagen worden, und wenn es ohne Mord und Blut abläuft, so heißt das Fest eine Lumperey. – Im vorigen Jahrhundert und noch zu Anfang des jetzigen behaupteten die Bayern den Ruhm der besten deutschen Truppen. In der berühmten Schlacht bey Höchstädt Höchstädt – Stadt bei Dillingen an der Donau, hier fand 1704 die entscheidende Schlacht im Spanischen Erbfolgekrieg statt. standen sie noch und hielten sich für Sieger, als ihr Kurfürst, der an ihrer Spitze stand, die Nachricht bekam, daß die Franzosen auf dem andern Flügel geschlagen wären. Unter Tilly und Mercy Tilly und Mercy – Feldherren des Dreißigjährigen Krieges auf der katholischen Seite haben sie Wunder gethan. Aber seit dem sich die Kriegszucht so sehr geändert hat, sind sie keine Soldaten mehr. Kein Volk kann mehr Abscheu gegen alles haben, was Zucht und Ordnung heißt, als die Bayern. Zu Partheygängern, denen das Rauben, Plündern und alle Ausschweifungen mehr erlaubt sind, als den reglirten reglirt – regulär Truppen, mögen sie noch vortrefflich seyn. Es ziehen wirklich gegen 1.000 Pursche in verschiedenen Räuberbanden im Lande herum, die ohne Zweifel im Krieg ein sehr gutes Streifkorps seyn würden. Man hat Beyspiele, daß sich einige mit ihren kühnen Anführern bis auf den letzten Mann gegen das Militär vertheidigt haben. Aber auch der ärmste Bauersjunge hält es für eine grosse Strafe, wenn er unter die reglirten Truppen seines Fürsten gezogen wird. Dagegen sind die Einwohner der Hauptstadt das weichste, furchtsamste und kriechendste Volk von der Welt, ohne alle Schnellkraft, und die oft ins Grobe fallende Freymüthigkeit, welche noch der schönste Zug im Karakter des Landvolks ist, sucht man in der Stadt umsonst. Als die Münchner unter der vorigen Regierung zu den Füssen eines despotischen Ministers krochen, und nur allenfalls im Dunkeln zu murren sich getrauten, äusserte das Landvolk sein Mißvergnügen mit einer Freyheit, die für den Despoten fast sehr schlimme Folgen gehabt hätte. Nur die unbegränzte und unbeschreibliche Liebe der Bauern zu ihrem Fürsten konnte sie dazu bewegen, daß sie auf einen Befehl des Jägermeisters die Zäune ihrer Felder niederreissen, um das Wild darauf waiden zu lassen. Mit Entzücken sprachen sie von den guten Eigenschaften ihres Herrn; vergassen aber seine Fehler nicht, sondern suchten sie zu entschuldigen und warfen ohne alle Zurückhaltung den schwersten Fluch auf die Bedienten desselben, und so gaben sie jedem Fremden ein treues Gemählde des Hofes, während daß die Tyrannen des Landes von den Einwohnern der Stadt in Zueignungsschriften von Büchern, in Gedichten und öffentlichen Unterredungen zum Himmel erhoben wurden – Auch die jetzige Regierung und den Hof hörst du vom Landvolk viel richtiger beurtheilen, als von den Stadtleuten. Ich könnte weder vom Fürsten noch seinen Bedienten die geringste Nachricht einziehn, wenn ich nicht mit einigen fremden Künstlern bekannt wäre, die zum Hofe gehören, und sich um den Zustand desselben mehr intereßiren als die Eingebohrnen, die bey ihren Bierkrügen eilfe gerad seyn lassen. In Paris kennt jeder Schuhputzer alle Grossen des Hofes; intereßirt sich um ihr Privatleben so gut, als um ihr politisches, und lobt oder tadelt sie nach seinen Einsichten. Aber hier kannst du zu sehr vielen Hofräthen und Sekretären kommen, welche von den Grossen ihres Hofes platterdings nichts als den Namen kennen. Leb wohl. Zwölfter Brief. München – Du hast recht, daß sich der hiesige Hof sehr wichtig machen könnte, wenn er von seinen Kräften Gebrauch zu machen wüßte. Er kann sich mit dem König von Dänemark messen, und Schwedens Macht ist nicht viel ansehnlicher als seine. Wenn man die Lappländer und die übrige fast ganz unbrauchbare Menschen von der Summe der Unterthanen dieser nordischen Mächte abzieht, so werden sie an Mannschaft vor dem hiesigen Hof wenig voraushaben. Bayern hat 1.180.000, die Pfalz am Rhein 280.000, und die Herzogthümer Jülich und Berg zählen ohngefähr 260.000 Menschen. Die Zahl der sämtlichen Unterthanen des hiesigen Hofes beträgt also ohngefähr 1.720.000. In einigen öffentlichen Blättern wird sie nur auf etliche und 1.400 tausend angegeben; aber ohne Zweifel sind die Unterthanen in den westphälischen Staaten des Kurfürsten in dieser Summe nicht mitbegriffen. Ueber die Einkünfte des Hofes ist man weder hier noch in den öffentlichen Nachrichten einig. Der sehr fleißige und in den meisten Stücken sehr richtige Herr Büsching Büsching – Anton Friedrich Büsching, Geograph in Berlin, † 1793. s. a. Drey und fünfzigster Brief. sagt in der neuesten Ausgabe seiner vortreflichen Erdbeschreibung, er habe von guter Hand, die Einkünfte aus Bayern beliefen sich auf 8 Millionen rheinische Gulden. Dieses stimmt mit der mäsigsten Angabe der hiesigen Hofleute überein. Ich habe dir aber in meinem letzten Brief gesagt, daß sehr wenige derselben mit dem Zustand des Hofes bekannt sind. Ich bemerkte auch, daß alle aus einer dummen Prahlerey die Summe der Einkünfte zu vergrössern suchten. Leute, die allem Anschein nach die Sache genau wissen konnten, wollten mich bereden, der Hof habe 12 bis 16 Millionen Gulden jährlicher Einkünfte. Ich sah, daß es unmöglich war, anderst hinter die Wahrheit zu kommen, als wenn ich mich an den gehörigen Orten theilweise um den Zustand der Finanzen erkundigte; und so brachte ich nach langem Forschen mit ziemlich viel Gewißheit heraus, daß die sämtlichen Einkünfte aus den Steuern, Zöllen, Akzisen Akzise – eine vom Staat erhobene Luxussteuer , Domänen Domäne – landwirtschaftlicher Betrieb, der einem Fürsten oder dem Staat gehört , Forsten, Bergwerken u. s. w. kaum 5 Millionen Gulden betrügen. In dieser Summe ist einer der wichtigsten Artickeln, der Handel mit dem salzburgischen und Reichenhaller Salz, nicht mitbegriffen. Dieser wird von einigen auf 2 Millionen gesetzt, aber höchstwahrscheinlich beläuft er sich nicht über 1 Million Gulden. Man kann also die sämtlichen Einkünfte von Bayern am sichersten auf sechs Millionen Gulden setzen. – Die Einkünfte aus der Pfalz am Rhein belaufen sich ohngefähr auf 1.700.000, die aus den westphälischen Landen auf 1.500.000 Gulden; so daß der Hof in allem jährlich ohngefähr 9.200.000 Gulden oder 20 Millionen Livres aus seinen Staaten zieht – Du siehst, daß die Einkünfte der Rheinlande des Kurfürsten etwas mehr als die Hälfte des Einkommens aus Bayern betragen, obschon die Zahl der Einwohner derselben nicht gar die Hälfte der Einwohner Bayerns ausmacht; aber sowohl dieser Unterschied, als auch jener, den der einträgliche bayrische Salzhandel verursacht, wird durch die bessere Benutzung besagter Lande, durch den fleißigern Anbau, durch die grössern Auflagen, durch das lebhaftere Gewerbe der Einwohner, besonders jener in den westphälischen Staaten, und durch die sehr einträglichen Wasser= und Landzölle überwiegend gehoben. Wäre Bayern nach dem Verhältniß seiner Grösse so gut bevölkert und gebaut, als die mit ihm verknüpften Rheinlande, so müßte es 3 bis 4 Millionen Gulden mehr eintragen. Ich habe dir schon gesagt, daß es 729 Quadratmeilen enthält. Der Umfang der Rheinpfalz und der Herzogthümer Jülich und Berg zusammengenommen beträgt kaum 240 Quadratmeilen, und ob er gleich noch nicht den dritten Theil der Größe Bayerns ausmacht, so zählt er doch beynahe halb soviel Einwohner, und wirft mehr dann halb soviel ab als Bayern. Diesen Unterschied macht hauptsächlich das unselige Mönchswesen, welches der stärkern Bevölkerung und bessern Aufklärung, dem Kunstfleiß und dem Anbau der Ländereyen in Bayern überall im Weg steht. Dieses Land mästet ohngefähr 5.000 Mönche in 200 Klöstern, deren verschiedene 30 bis 40=tausend Gulden Einkünfte haben. Das Kloster Niederalteich soll jährlich über 100.000 Gulden verschlingen. Ohne zu übertreiben, kann man alle Einkünfte der Stifter und Klöster dieses Landes auf ohngefähr 2 Millionen Gulden schätzen, welches ein Drittheil von dem Einkommen des Hofes ist. Der Schaden, welchen die Möncherey in dem Lande anrichtet, ist auf den grössern Bauernhöfen, in den sogenannten Einöden am sichtbarsten. Um die Söhne dieser grossen Bauern bewerben sich die Klöster am meisten, weil sie mit jedem 1, 2, 3 und mehrere tausend Gulden erhaschen. Dadurch wird zum grossen Nachtheil des Staates die Vertheilung dieser weitläufigen Ländereyen gehindert, die wegen ihrer Grösse immer nur zur Hälfte recht gebaut werden. An den Söhnen der ärmern Landleute, welche in die Klöster gehn, verliert der Staat wohl auch etwas, aber bey der jetzigen Verfassung könnten diese armen Studenten doch weiter nichts als Soldaten, müßige Schreiber oder Komödianten werden. – Der Hang zum Müßiggehen, zum Schmausen und zur Betteley, welcher durch ganz Bayern herrscht, wird durch das Beyspiel der fetten Mönche erhalten und geheiligt. Das Volk beneidet sie durchaus um ihren seligen Müßiggang – Die Gaukeleyen, die Bruderschaften, Kirchenfeste und Winkelandachten dieser heiligen Marktschreyer beschäftigen den grossen Haufen so sehr, daß er den dritten Theil seiner Zeit an sie verschwendet – Ihr Interesse rät ihnen, das Volk in dem Grad von Dummheit zu erhalten, der zu ihrem Gedeihen nöthig ist, und deßwegen liegen sie immer gegen alles, was gesunde Vernunft und Aufklärung heißt, mit unbeschreiblicher Wuth zu Felde. Ihnen allein hat man die entsetzliche Verwilderung der Sitten in Bayern zu verdanken. Sie haben ihre Kapuzen zum Wesen des Kristenthums und der ganzen Moral gemacht. Sie predigen nichts als die ihnen sehr einträgliche Messe, den Rosenkranz, das Skapulier und die lächerlichen Leibskasteyungen, wodurch sich so mancher Dummkopf den Namen eines Heiligen erworben hat. Der betrogne Landmann glaubt mit der Beicht und einer Messe um 30 Kreuzer die gröbste Sünde tilgen zu können, und hält das sinnlose Bethen des Rosenkranzes für seine wesentlichste Pflicht. So beträchtlich die Anzahl der Mönche, so gering ist jene der Landpriester, die doch das meiste zur sittlichen Bildung des Volks beytragen könnten und sollten, und diese werden von dem grossen Haufen in seinen Begriffen weit unter die Mönche gesetzt, weil ihre Kleidung und ihr Betragen nicht so seltsam ist, als jenes der Mönche. Aber so, wie die Landpriester überhaupt in Bayern wirklich beschaffen sind, verdienen sie auch nicht mehr Achtung als die Mönche. Die meisten unterscheiden sich vom Bauern platterdings durch nichts, als die schwarze Farbe ihrer Kleider, eine kostbarere Tafel und eine schönere und besser gekleidete Haushälterin. Im übrigen sind sie ebenso liederlich, ungezogen und unwissend. – Es gibt Pfarreien von 3 bis 4 Stunden in die Länge und Breite und von 4 bis 6=tausend Gulden Einkünften. Wie nützlich wäre es dem Lande, wenn solche Pfarreyen in 5 bis 6 kleinere zerstückt und mit einer bessern Zucht von geistlichen Hirten besetzt würden! Man müßte aber zugleich den Mönchen verbieten, sich in die Seelsorge einzumischen, oder, welches wohl das rathsamste wäre, aber unter der jetzigen Regierung nicht zu erwarten ist, man müßte sie mit Stumpf und Stiel zu vertilgen suchen. Wenn man die Güter der Klöster einzöge, wie denn die meisten ehedem Landesfürstliche Domänen waren, die in melankolischen Stunden, worinn die Fürsten Vormünder nöthig hatten, verschenkt wurden, und wenn man alle Fremde ohne Unterschied der Religion unter annehmlichen Bedingungen zum Kauf derselben zuliesse, so könnten die Staatsschulden in sehr kurzer Zeit getilgt werden, und das Land würde gar bald eine ganz andre Gestalt gewinnen. Aber Karl Theodor Karl Theodor – Karl Philipp Theodor war Kurfürst von der Pfalz (als Karl IV. Theodor) und von Bayern (als Karl II. Theodor). Er verlegte 1777 seine Residenz von Mannheim nach München. Im Volk war er höchst unbeliebt, weil er z. B. versuchte, Bayern gegen die österreichischen Niederlande zu tauschen. † 1799. s. a. Sechs und sechzigster Brief. ist von diesem Entschluß so weit entfernt und kennt sein eignes Interesse und das seiner Staaten so wohl, daß er in der Rheinpfalz ein neues Nonnenkloster stiftet, und die Güter der Exjesuiten einer andern Art Mönche, den Maltheserrittern, schenkt. Was sagte man von dem Privatmann, der voll Schulden wäre, und noch Vermächtnisse in die Kirche machte? – Doch hier ist das Räsonniren Räsonniren – räsonieren: Schlüsse ziehen; viel und laut reden; schimpfen sehr übel angebracht. Die schädliche Grösse vieler Bauergüter in Bayern brachte mich auf eine Betrachtung, die wohl verdiente, von einem grössern Politiker, als ich bin, etwas genauer erwogen zu werden – Ich theile die freyen Bauern in 3 Klassen; 1) in die, deren Güter zu klein sind, um davon leben zu können, und die noch andern dienen müssen, um ihren völligen Unterhalt zu gewinnen. 2) In solche, welche von ihrem Eigenthum hinlänglich bestehen können, und 3) in die, welche mehr besitzen, als zum gemächlichen Unterhalt einer Familie nöthig ist, und die man eigentlich mehr oder weniger reiche Bauern nennt – Beym ersten Anblick scheint das Steuern der Güter nach der Schatzung Schatzung – Belegung mit Abgaben einzelner Grundstücke und gewissen Prozenten sehr billig angelegt zu sein. Kauft der Bauer ein neues Grundstück, so steuert er nach der Schatzung desselben sein gewisses Prozent, und so steigen seine Abgaben verhältnißmäßig mit der Zahl der Morgen Landes, die er besitzt – bey genauer Untersuchung finde ich aber, daß es ein grosser statistischer Rechnungsfehler ist, wenn der Bauer, der zu seinem Unterhalt nicht genug besitzt, verhältnismäßig ebensoviel von seinem Gut zahlen soll, als der, welcher von seinen Besitzungen sein gemächliches Auskommen hat, und wenn dieser jenem, der übermäßig reich ist, in den Prozenten von den Grundstücken gleich gehalten wird. – Es ist ein politisches Axiom, daß 3 oder 4 wohlhabende Bürger einem Staat viel schätzbarer seyn müssen als Ein reicher, wenn auch das Kapital des letztern das Vermögen der erstern weit überwiegen sollte. Eine ganz gleiche Vertheilung der Güter und des Geldes in einem Staat, wenn sie möglich wäre, würde Raserey seyn, aber in der Ueberzeugung, daß sie platterdings unmöglich ist, muß jeder kluge Regent doch immer so handeln, als wenn sie möglich wäre. Die unglücklichsten Staaten sind die, worinn zu grosser Reichthum mit zu tiefer Armuth der einzeln Glieder zusammen absticht. Es kann nicht lange dauern, so muß ein Theil der Einwohner derselben Despoten und der andre Sklaven sein. Wahre freye Leute werden von einem solchen Staat wie von einer tobenden Gährung ausgeworfen oder verzehrt – Ein übermäßig reicher Bauer verschlingt nach und nach alle Armen in seinem Bezirke. Er leiht Gelder auf die Grundstücke der Aermern, benutzt die Mißjahre, um ein Gütchen vom Nachbar wohlfeil zu erschnappen, und wenn er kein ehrlicher Mann ist, so kann er sich noch durch unzählige Kniffe in Besitz eines für ihn wohlgelegenen Stück Landes setzen. In einigen republikanischen Staaten sah ich mit Entsetzen, wie einige reiche Bauern auf die Art eine ganze Gemeinde zu Grunde richten, und die Tyrannen ihrer Mitbürger werden können. In monarchischen Staaten ist das Uebel so groß nicht; aber doch immer beträchtlich genug, um mit allen Kräften dagegen zu arbeiten. Man erwäge die Vortheile, die ein reicher Bauer von einem und dem nämlichen Grundstücke im Vergleich mit einem mittelmäßigen oder armen ziehen kann. Der Arme muß den Ertrag desselben sobald als möglich und gemeiniglich unter dem Preis verkaufen, weil ihn seine Gläubiger drängen. Der Mittelmäßige kann auch nicht lange aufspeichern, weil er Gefahr liefe, Geld zu leihen und durch die Interessen das wieder verlieren zu müssen, was er durch das Aufspeichern vielleicht gewinnen könnte. Aber der Reiche macht seine Spekulationen, und selten schlägt er um den Preis los, worum die andern ihren Schweiß verkaufen müssen. Er kauft in der Gegend von den Kleinern das Getreide auf, oder er hat ihnen vor der Erndte Geld vorgeschossen, und sie müssen es ihm um den Preis lassen, den er selbst setzt, und so vertheurt er selbst zu seinem Vortheil das Getraide in seinem Bezirke – Bey einer Ueberschwemmung, bey einem Hagelwetter, bleibt dem geringern Bauern oft nicht die Saat auf das künftige Jahr übrig. Das Stück Landes liegt brach, und wenn es der Reiche besitzt, wird es nun mit zwey = dreyfachem Gewinn gebaut, und so wird dieser auf Kosten des Armen und auf Kosten des Staates immer reicher, bis endlich, nachdem er zum grossen Nachtheil der Bevölkerung ein Dutzend kleine Bauern verschlungen, sein Herr Sohn, der unterdessen studieren mußte, kein Bauer mehr seyn will, sich in die Stadt setzt, sein Gut verpachtet, und dem Staat einen Müßiggänger mehr liefert. Sollte der Reiche nicht für alle diese Vortheile, die er von dem nämlichen Grundstücke zieht, das sein ärmerer Nachbar so gut als er besitzen kann, dem Staat etwas mehr entrichten? Kann der Staat gleichgültig dabey seyn, wenn die zahlreichste und nüzlichste Klasse des Volks sich zum Theil unter sich selbst aufreibt, und ein reicher Bauer bey einer Vergrößerung seiner Ländereien einen Eigenthumsherrn zu einem Taglöhner macht? Ich finde es höchst billig, daß in der Anlage der Steuer auf die Verschiedenheit der Bauern Rüksicht genommen werde. Der arme soll nach dem Verhältnis von einem Grundstück nicht so viel zahlen, als der wohlhabende, und dieser nicht so viel als der reiche. Der Staat muß es dem erstern zu erleichtern suchen, wohlhabend zu werden, und dem letztern wehren, sich zum Nachtheil der Bevölkerung noch mehr zu vergrössern. Ich würde also in meiner Republik, die noch ungebildet als Chaos im unendlichen leeren Raum schwimmt, ungefähr ein Mittel bestimmen, und in der Steuranlage die Prozente im Verhältniß so steigen lassen, je weiter das Vermögen an Grundstücken eines einzeln Bauers über dieses Mittel hinaufgeht, oder unter dasselbe fällt – z. B. In meiner Republik wäre ein wohlhabender Bauer, der, welcher 30 bis 50 Morgen Landes, oder kürzer für 4 bis 6 tausend Gulden Güter besitzt. Nun sollte jeder der unter 4.000 Gulden Vermögen hat, ein Prozent, der welcher zwischen den 3 und 5 bis 6 tausenden schwebt, zwey, jener welcher mehr besitzt, drey, und, wer doppelt soviel besitzt, vier Prozent von dem bezahlen, was über das Mittel hinaufsteigt. Beym Ankauf eines Grundstückes hätte dann der arme gegen den wohlhabenden und dieser gegen den Reichen einen sehr billigen Vortheil. Es ist wahr, es gäbe meinen Beamten etwas mehr zu rechnen, und es müßte mit den Urbarien Urbar – Verzeichnis des Güterbestandes und der Einkünfte eines Grundherren, Vorläufer des Grundbuches etwas seltsam umgesprungen werden; aber dafür laß mich nur sorgen, wenn ich erst einmal meinen Staat auf sicherm Grund und Boden habe. Um also wieder auf unser Bayern Fußnote im Original: Die vielen Projekte, die der Herr Verfasser über Bayern gemacht hat, geben ihm wohl das Recht, das von ihm umgeschaffene Bayern sein zu heissen. Aber so wie es wirklich ist – In den vierziger Jahren brauchte ein östreichischer General auch öfters den Ausdruck: nôtre Baviere. *) Ein französischer Offizier, der wegen Auswechslung der Gefangenen mit ihm unterhandeln sollte, hörte lange zu; und sagte endlich: Monsier, nous avons une Chanson dont le refrain est: Quand j'ai, bien bu, toute la terre est a moi **) – Der östreichische General liebte den Trunk sehr. Vielleicht war der Verfasser hier auch etwas mehr erleuchtet, als er seyn sollte. D. U. *) unser Bayern **) Mein Herr, wir haben ein Lied mir dem Refrain: Wenn ich gut getrunken habe, ist die ganze Welt mein. zu kommen, so wirst du dir ziemlich deutlich vorstellen können, wie wenig es das noch ist, was es seyn könnte. Wären die Schulden getilgt, so könnte der Kurfürst nach der Zahl seiner Unterthanen und seinen Einkünften leicht 40 bis 45 tausend Mann auf den Beinen halten, und wäre dieser Theil seiner Besitzungen so angebaut, wie seine Rheinlande, so könnte er wohl eine Armee von 60.000 Mann unterhalten, und sich von den mächtigsten Häusern sehr viel Hochachtung verschaffen. Wenn sein Nachfolger zur Regierung kömmt, so wird das Ganze durch das Herzogthum Zweibrücken um ein Beträchtliches vermehrt, und vielleicht wird dann auch die Wirthschaft besser. Leb wohl. Dreyzehnter Brief. Salzburg. – Der Weg von München hieher ist sehr traurig. Er geht durch eine ungeheure Ebne, die nur hie und da von kleinen Anhöhen unterbrochen wird. Das viele Schwarzholz, die elenden, dünn zerstreuten Bauernhütten, der Mangel an Städten, die Unsicherheit vor Räubern, alles macht einen so viel als möglich aus Bayern hinaus eilen. Auf dem langen Wege von 17 deutschen Meilen sieht man keinen nennenswürdigen Ort, als das schwarze Wasserburg in seinem tiefen Loch zwischen öden Sandhügeln, wodurch sich der Inn krümmt und zwischen denen er eine Erdzunge bildet, worauf der Ort sehr seltsam sitzt. An der salzburgischen Gränze wird es besser. Die Aussichten sind mannichfaltiger, die Wohnungen der Bauern reinlicher und lebhafter von Aussehn, und das Land ist viel besser gebaut – Ohngefehr eine Stunde vor dieser Stadt stellte sich einer der schönsten Prospekte dar, die ich je gesehen. Er bildet ein ungeheures Amphitheater. Im Hintergrunde erheben nackte Felsen ihre trotzigen Häupter zum Himmel empor. Einige derselben, die etwas zur Seite stehn, haben die Gestalt von Pyramiden. Diese abentheuerliche Bergmasse verliert sich stufenweis in waldigte Berge, und dann zu beyden Seiten her in schöne, zum Theil wohl angebaute Hügel. Mitten auf dem Grund dieser Bühne liegt die Stadt, über welche das Schloß auf einem hohen Felsen emporragt. Der Salzafluß giebt der ohnehin so mannichfaltigen Landschaft noch mehr Leben. Hie und da breitet er sich ziemlich aus, und seine Ufer sind an manchen Orten mit schönen Parthieen Gehölze beschattet. Mit der einförmigen und öden Gegend um München sticht die Lage dieser Stadt ungemein ab. Sie ist äusserst sonderbar, und ein bewundernswürdiges Spiel der Natur und Kunst. Der Strom theilt sie in zwey ungleiche Theile. Auf der Westseite desselben, worauf der grössere Theil der Stadt liegt, erhebt sich aus einer weiten Ebene ein hoher, runder, steiler und harter Fels, der das Schloß wie eine Krone trägt. Vom Fuß dieses Felsen zieht sich längst dem Strom herab, in einer geringen Entfernung von demselben, um diesen Theil der Stadt her ein langer Berg von vestem Sandstein, der sowohl von innen als aussen senkrecht wie eine Mauer abgehauen und mehrere hundert Fuß hoch ist. Auf diesem natürlichen Wall, der weit über die hohen Häuser der Stadt emporragt, steht ein starkes Gehölze, und es liegen verschiedene Landgüter darauf. Man hat an einem Ort, wo er gegen 60 Schritte breit ist, ein schönes Thor durchgehauen. Auf der andern Seite des Flusses steht der abentheuerlichste Fels, den man sehen mag. Er kehrt gegen eine schöne Ebene abwärts des Stromes eine von der Natur abgehauene nakte Wand, die eine halbe Stunde lang, und in der Mitte wohl 500 Fuß hoch ist. Aufwärts des Stromes verliert sich sein behölzter Abhang sanft in eine andere schöne Ebene. Ich kann dir seine sonderbare Lage nicht besser geben, als wenn du die Stadt zum Mittelpunkt eines zwey Stundenlangen Diameters Diameter – Durchmesser eines Kreises , den der Fluß bildet, annimmst, einen halben Zirkel von schönen Bergen gegen Osten herumziehst, und diesen Felsen dann als einen Radius in die Mitte setzest, so daß er zwischen der Stadt und dem Bogen der Berge wie eine Querscheidewand steht, und die Fläche des Halbzirkels in 2 gleiche Theile schneidet. Da, wo er dem grössern Theil der Stadt gegen über an den Fluß stößt, liegt der kleinere Theil derselben, und von seiner gegen Norden zu senkrecht abgehauenen, langen Wand ziehn sich die Vestungswerke in einem Viertelzirkel bis an den Fluß herab. Eine einzige, sehr enge Strasse geht zwischen dem Fluß und seinem Abhang gegen Süden hin. Die Natur hat in einer wunderlichen Laune dem Strom seinen Weg durch die abgerissenen Felsen angewiesen. Zwischen dem sonderbaren Wall des grössern Theils der Stadt und den nächsten Bergen gegen Westen ist eine ganz gleiche, 2 Stunden weite und tiefe Ebene, die sich weit über der Stadt hinauf längst dem Fluß hinzieht. Wenn man die Gegend beschaut, so sollte man meynen, er müßte seinen Weg durch diese Ebene nehmen, um sich in seinem wilden Lauf mehr ausbreiten zu können. Aber anstatt dessen drängt er sich ungestümm durch die Felsen durch, welche die Stadt umgeben, und sich seinem Lauf entgegenzusetzen scheinen. Nur aus der erstaunlichen Wut und Gewalt, womit er hastig sein Bette gräbt, läßt sich dieser eigensinnige Lauf erklären – Das Land umher sieht überhaupt sehr romantisch aus, und ich sehe wohl, ich werde mich länger hier aufhalten, als ich anfangs dachte. Die Stadt ist auch innerlich sehr schön. Die Häuser sind hoch, und durchaus von Stein gebaut. Die Mauern gehn nach italiänischer Art über die flachen Dächer hinauf, so daß man auf denselben durch ganze lange Strassen gehen kann. Die Dohmkirche ist die schönste, die ich auf der ganzen Reise von Paris hieher gesehen, und nach dem verkleinerten und simplifizirten Riß der Peterskirche zu Rom von grossen Quaderstücken gebaut. Das Portal ist von Marmor, und das Ganze mit Kupfer gedekt. Vor dem Portal ist ein grosser vierekter Platz, mit Schwibbögen und Gallerieen eingefangen, und an denselben stossen die fürstliche Residenz und die Abtey St. Peter. Mitten auf diesem Platz steht eine schöne Statue der Maria in Bley in übermenschlicher Grösse. Zu beyden Seiten der Kirche sind grosse; mit schönen Gebäuden umgebne Plätze. Mitten auf dem zur Linken steht eine der prächtigsten Fontänen von Marmor, die ich je gesehen, mit einigen kostbaren Figuren in Riesengrösse. Auf jenem zur Rechten ist seitwärts ein Brunnen angebracht, der sich mit dem ersten gar nicht vergleichen läßt, und dessen Neptun eine sehr erbärmliche Figur macht – Die Stadt hat noch mehrere vortrefliche Gebäude und Statuen, die einen erinnern, daß man nicht weit von den italiänischen Gränzen entfernt ist. So weit ich die Einwohner bisher kenne, scheinen sie sehr gesellig, offen und munter und für die Fremden ungemein eingenommen zu seyn. Indessen bis ich dich genauer mit ihnen bekannt machen kann, muß ich dir von einigen Ausfällen Nachricht geben, die ich von München aus in verschiedene Gegenden Bayerns getan habe. Die bischöfliche Residenz Freysing ist eben kein schlecht gebautes, aber im Grunde doch ein sehr armseliges Städtchen, das bloß von Pfaffen, wohlfeilen Nymphen, einigen elenden Studenten und armen Handwerkern besteht. Das fürstliche Schloß hat eine angenehme Lage auf einem abgerissenen Berg, worauf es eine herrliche Aussicht über einen grossen Theil von Bayern und auf das tyrolische und salzburgische Gebirge beherrscht. Die Besitzungen des Bischofs liegen durch Bayern und Oestreich zerstreut, und so gering sie auch alle sind, so hat er doch einen grossen Kreuzgang damit ganz bemalen lassen. Seine Einkünfte belaufen sich auf ohngefähr 130.000 Gulden, und er hat seinen Obristhofmeister, seinen Oberjägermeister, seine Räthe, seine Leibwache, seine Musik und seine Küchen= und Kellermeister, welche letztre ohne Zweifel das meiste zu thun haben. Von Freysingen reiste ich weiter nach Regensburg, einer finstern, melancholischen und sehr grossen Reichstadt, die, wie du weist, der Sitz des Reichstages Reichstag – ursprünglich die Versammlung der Reichsstände, seit 1495 eine feste Institution der Reichsverfassung. Er war das maßgebliche Gegengewicht der Stände gegenüber der kaiserlichen Zentralgewalt. Seit 1663 tagte der Immerwährende Reichstag als ständiger Gesandtenkongress in Regensburg. ist und ohngefähr 22.000 Menschen enthält. Ich weiß dir wahrhaftig nichts Gutes und Schönes von ihr zu sagen, als daß die Brücke über die Donau sehr massiv ist, und der Teufel sie gebaut hat, und daß ich im Gasthaus zum weißen Lamm vortreflich einquartirt war. Der Wirth ist der artigste und billigste, den ich noch in Deutschland gefunden – Man sollte glauben, die vielen Gesandten müßten die Stadt sehr lebhaft machen. Aber du glaubst nicht, wie da alles todt ist. Wäre der Fürst von Thurn und Taxis, kaiserlicher Prinzipalkommissarius und Reichsobristpostmeister nicht da, so wüßte man gar nicht daß der Reichstag in der Stadt sässe. Aber dieser Herr, dessen Einkünfte sich auf ohngefähr 400.000 Gulden belaufen, giebt Opern, Komödien, Hetzen, Bälle und Feuerwerke. Er ist ein herzguter Mann, der durch sein edles Betragen und seine Großmut seinem Stand, seinem Souverän und seinem Vaterland Ehre macht. Er macht im eigentlichsten Verstand die Honneurs Honneurs machen – die Gäste beim Empfang willkommen heißen des Reichstages; denn die übrigen Gesandten der Reichsstände müssen wegen ihres geringen Gehalts sehr eingezogen leben. Viele fahren in Mietkutschen, und die Handelsleute unter der Bürgerschaft beklagen sich sehr, daß sie ihnen das Brot nehmen. Da alles, was an die Gesandten kömmt, zollfrey ist, so machen viele oder doch ihre Bedienten, Kommissionärs und Kaufleute, [ihren Profit darunter; ?] und es mag wirklich wahr seyn, was mir ein angesehener Bürger sagte, daß Regenspurg mehr Schaden als Vortheil von dem Reichstag habe. Auch die Gesandten der grössern Häuser, deren einige [ein ?] ansehnliches Vermögen haben, leben sehr stille. Die fremden Minister reglieren reglieren – es sich so zur Regel machen sich nach diesen, und so kann man viele Wochen in dieser Stadt seyn, ohne von der Versammlung des Reichstages etwas zu spüren. Unter den fremden nimmt sich unser Gesandter durch seine Kenntnisse sehr aus. Nicht nur Er, sondern besonders auch unser Legationssekretär, Herr Herissant, eines Pariser=Buchhändlers Sohn, sind sowohl mit der Verfassung Deutschlands, als auch mit der Litteratur desselben sehr genau bekannt. Die Geschäfte des Reichstages gehn sehr langsam. Die Partheyen, die sich bey wichtigern Vorfällen bilden und die Eifersucht der grössern Häuser auf ihren gegenseitigen Einfluß, sind hauptsächlich daran Schuld: Denn die Form des Reichstages selbst ist ziemlich einfach. Er besteht aus drey Kollegien, dem kurfürstlichen, fürstlichen und städtischen. Die beyden erstern werden die höhern genannt, ob sie schon vor dem letztern in den gemeinschaftlichen Reichstagssachen nichts wesentliches voraushaben. Alle drey Kollegien versammeln sich in einem Saal, um den kaiserlichen Vortrag zu vernehmen. Hierauf vertheilen sie sich in die 3 Kammern, in deren jeder die Stimmen nach einer vestgesetzten Ordnung gesammelt werden. Die Mehrheit entscheidet sowohl in den 3 besondern Kollegien, als auch in den Resultaten derselben. Sind alle 3 Kammern einig, so wird ein Reichsschluß abgefaßt, und dieser als ein Reichsgutachten dem Kaiser oder dessen Prinzipalkommissar vorgelegt. Wenn ein Kollegium den 2 andern widerspricht, so wird sein Schluß dem Gutachten der 2 andern in der Relation an den Kayser beygeführt. Die Reichsschlüsse werden sogleich vollzogen, und beym Ende eines Reichstages in den Reichsabschied gebracht. Das Kurfürstenkollegium Kurfürstenkollegium – der Reichstag bestand aus drei Fraktionen: 1) Kurfürstenrat unter dem Kur-Erzkanzler (dem Erzbischof von Mainz) mit 8 Personen, 2) Reichsfürstenrat, die Vertretung der weltlichen und geistlichen Fürstentümer mit 100 Sitzen, 3) Städterat, 51 Sitze der Reichsstädte unter der Direktion Regensburgs hat in Betracht der geringen Anzahl von Stimmen, woraus es besteht und die jedem der zwey andern viel zahlreichern Kollegien das Gleichgewicht halten, besonders aber dadurch ein großes Uebergewicht, daß die fünf weltlichen Glieder desselben auch in dem Fürstenkollegium gegen zwanzig Stimmen haben. Seit dem Tod des letztern Kurfürsten von Bayern besteht es nur aus 8 Stimmen, worunter der Kurfürst und Erzbischof von Mainz als der erste aller Reichsstände das Direktorium führt. Es ist nicht entschieden, wer im Fall der Gleichheit der Stimmen den Ausschlag geben solle, und da dieser Fall bey einer so kleinen Anzahl doch oft zu erwarten ist, so hoft man die neunte Kurwürde in dem Haus Würtemberg oder Hessenkassel wieder aufleben zu sehen. Nur die Eifersucht einiger Kurhäuser, daß Oestreich nicht einen Kandidaten in Vorschlag bringen möchte, der sein unzertrennlicher Anhänger sein müßte, steht diesem Entwurf im Weg. Das Fürstenkollegium zählt in allem 100 Stimmen, worunter 33 geistliche, 61 weltliche und 6 Kollektivstimmen sind. Diese bestehn aus den 2 Bänken der Reichsprälaten und Aebtißinnen, nämlich der schwäbischen und rheinischen, und aus den 4 Kollegien der Reichsgrafen, nämlich dem wetterauischen, schwäbischen, westphälischen und fränkischen. Jedes Grafenkollegium und jede Prälatenbank gilt für eine Fürstenstimme. An der schwäbischen Prälatenstimme haben 20, und an der rheinischen 19 Glieder Antheil. Das wetterauische Grafenkollegium zählt wirklich 10, das schwäbische 20, das fränkische 16 und das westphälische 34 Glieder. Es haben sich viele Grafen und Herren, die in dieser Zahl nicht mitbegriffen sind, von ihren Kollegien abgesondert, weil sie in den Fürstenstand erhoben worden, aber noch keinen Sitz auf dem Reichstag erhalten haben. Andre sind ausgeschlossen worden, und noch andre Grafenstimmen ruhen, weil die Herrschaften, denen sie ankleben, an grössere Häuser gefallen sind, die es nicht des Werths achten, eine Grafenstimme zu führen, welche im Grunde auch äusserst unerheblich ist. – Das Fürstenkollegium hat das Eigne, daß Ein Haus mehrere Stimmen haben kann; so hat der jetzige Kurfürst von Pfalzbayern 7, und sein Nachfolger, der Herzog von Zweibrücken, wird 8 Stimmen haben; der König von Preussen hat fünf und nach Absterben des regierenden Fürsten von Anspach und Bayreuth 7, und der Kurfürst von Braunschweig hat auch 5 Stimmen; weil der Reichs=Fürstenstand nicht auf der Person, sondern auf dem Lande beruht, und Eine Person mehrere Länder besitzen kann, deren jedem der Fürstenstand besonders anklebt. Im Vorsitz des Fürstenkollegiums wechseln Oestreich und Salzburg täglich miteinander ab. Der Erzbischof von Besancon und der König von Sardinien, als Herzog von Savoyen Savoyen – die Landschaft zwischen Genf und Turin beschicken den Reichstag schon seit langer Zeit nicht mehr, und das Fürstenkollegium besteht also wirklich nur aus 98 Stimmen; das Kollegium der Reichsstädte besteht aus 51 Stimmen, und ist in 2 Bänke, nämlich die rheinische und schwäbische, getheilt; jene hat 14 und diese 37 Sitze. Die Stadt, worinn der Reichstag gehalten wird, führt das Direktorium. Der kaiserliche Hof hat auf alle 3 Kollegien einen sehr grossen Einfluß. In der Kammer der Kurfürsten hat er die 3 Geistlichen fast immer auf seiner Seite, weil sie in neuern Zeiten gemeiniglich seine Kreaturen sind. Er spart weder Geld, noch Drohungen, noch Versprechungen, um die Domherren zu Maynz, Trier und Köln bey der Wahl eines neuen Erzbischofs anstatt des Heiligen Geistes, den sie feyerlich anrufen, zu inspiriren. Ehedem wußte sich unser Hof durch die nämlichen Mittel einen grossen Einfluß auf das deutsche Reich zu verschaffen; aber nun sind ihm durch die Wachsamkeit und Thätigkeit des Wiener=Hofes diese Kanäle auf immer verstopft. Im Fürstenkollegium hat er den nämlichen Vortheil. Fast alle geistliche Fürsten sind seine wahren Söhne. Das Dohmkapitel Dohmkapitel – das leitende Gremium an einer katholischen Bischofkirche. Es tritt als selbständige juristische Person auf zu Lüttich ist das einzige, das sich in neuern Zeiten bey einer Fürstenwahl gegen den kaiserlichen Einfluß wirksam gesträubt hat. Nebstdem hat dieser Hof seit langer Zeit die Maxime, seine Vasallen in seinen Erblanden, wenn sie irgend nur ein kleines unmittelbares Reichsgut besitzen, zu Fürsten zu machen, und ihnen Sitz und Stimme auf dem Reichstag zu verschaffen. So kamen die von Lobkowitz, Dietrichstein, Schwarzenberg, Lichtenstein Lichtenstein – s. Acht und zwanzigster Brief , Auersperg und die von Thurn und Taxis, aller Protestationen der alten Fürsten ungeachtet, in den Reichsfürstenrat, bloß um den Einfluß des Hauses Oestreich zu verstärken. Die Herzoge von Aremberg werden zwar unter die alten Fürsten gezählt; aber der größte Theil ihrer Güter liegt auch in den östreichischen Erblanden, und sie hängen fast gänzlich vom Hof zu Wien ab. Mehrere andre der alten Häuser müssen sich wegen der Lage ihrer Länder immer zu Oestreich halten, und so kann man in jedem Fall beynahe die Hälfte aller Fürsten voraus zählen, die immer bereit sind, dem kaiserlichen Vortrag ihr Ja zuzuwerfen – Im Kollegium der Städte herrscht der Kaiser fast uneingeschränkt. Sie sind fast alle im Gedränge ihrer benachbarten mächtigern Mitstände, wo sie des besondern Schutzes des Wiener=Hofes bedörfen, um nicht gänzlich unterdrückt zu werden. So übermächtig nun auch in diesen Umständen der Einfluß des kaiserlichen Hofes seyn sollte, so wußten die Reichsstände doch noch einen Damm anzubringen, der den Strom desselben sehr oft bricht. Mably Mably – Gabriel Bonnot de Mably, franz. Schriftsteller und Historiker † 1785. hat in seinen Bemerkungen über die Geschichte Frankreichs richtig bemerkt, daß, wenn man die Stände des deutschen Reichs als unabhängige Mächte betrachtet, die sich zu ihrer Vertheidigung mit einander verbunden haben, man keine weisern Maaßregeln erdenken könne, als die sie immer ergriffen haben, um ihre Freyheit gegen die innere Vorgewaltigungen sicherzustellen. Die Definition der Verfassung des Reiches: »Sie ist eine durch Gottes Allmacht erhaltene Verwirrung« Fußnote im Original: Est confusio divinitus conservata gilt in so weit, als man, irriger weise, das Reich als einen einzigen selbstständigen Staat ansieht; aber betrachtet man es in dem rechten Gesichtspunkt als eine Sammlung vieler freyer Staaten, die sich in ein gewisses System zusammengethan haben, so erblickt man anstatt der Verwirrung sehr viel Ordnung und anstatt dem blinden Verhängniß viel Klugheit und Vorsicht – Der Damm, wovon ich dir sagte, und den die Reichsstände gegen die große Parthey des kaiserlichen Hofes angelegt haben, ist das Gesetz, «daß die Mehrheit der Stimmen in den Reichskollegien nicht entscheiden solle, wenn es die Religion oder solche Sachen betrift, worin die Stände nicht als Ein Körper betrachtet werden können, oder wo die Katholiken einer, und die Protestanten einer andern Meinung sind« – In diesen Fällen gehn die Kollegien in Theile, und wenn auch ein Theil noch so gering an Zahl ist, so wird sein Schluß doch jenem des zahlreichern Theils gleich gehalten. Bloß die Religion hat zwar diesem Gesetz den Ursprung gegeben, aber in neuern Zeiten wußte auch die Politik guten Gebrauch davon zu machen; und auch den Katholiken, die dem kaiserlichen Hof anhängen mußten, kam es zu gut, daß sich die geringere Zahl der Protestanten dem Kaiser nachdrücklich widersetzen konnte. Seitdem die Macht des Königs von Preussen so erstaunlich gestiegen ist, steht er an der Spitze der protestantischen Parthey, obschon Sachsen eigentlich das Direktorium derselben führt, und er protestirt oft sehr nachdrücklich gegen Dinge, die mit der Religion eben nicht in der engsten Verbindung stehen. Von München wanderte ich auch nach Inspruck, und noch etwas weiter ins Tyrol, ich will dir aber meine Nachrichten davon bis dahin aufsparen, wo ich sie im Zusammenhang mit den östreichischen Landen besser werde anbringen können, und dieser Brief hat ohnehin schon, wie ich sehe, die gehörige Länge: Also leb wohl. Vierzehnter Brief. Salzburg. Mit Entzücken durchwandre ich nun dieses herrliche Land, das mit dem gebirgigten Theil der Schweitz sehr viel Aehnlichkeit hat. Bald bin ich auf unermeßlichen Gipfeln, wo ich wie der Herr der Welt um mich her die Wolkenheere, unabsehbare Ebenen, unzälige Seen, Flüsse und Bäche, schauerlich tiefe Thäler und die kahlen Häupter von ungeheuern Granitfelder mit dem Gefühl, das den himmlischen Regionen eigen ist, zu meinen Füssen betrachte. Bald lagere ich mich auf dem hohen Abhang eines Berges in die Hütte einer Sendtin (Hirtin), die mit ihrer Heerde den ganzen Sommer durch in dieser überirdischen Gegend wohnt, von niemand, als bisweilen von ihrem Liebhaber, der oft 4 bis 6 Stunden zu klettern hat, einem Gämsjäger, oder allenfalls von einem irrenden Ritter meiner Art besucht wird, und da leb' ich einen Tag wie ein Patriarch der Vorwelt bey Milch und Käs, zähle die Heerde, die sich abends auf einen Pfiff des Mädchens um die Hütte her versammelt, und die in diesem Augenblick so gut als mein ist, schlafe auf einem Büschel Heu sanfter, als du auf deinen hypochondrischen hypochondrisch – schwermütig, trübsinnig Federn und geniesse dann des Schauspiels der aufgehenden Sonne mit einer Wohllust, die du in der Oper, Komödie, auf dem Ball und auf allen den Gemeinplätzen des Vergnügens vergeblich suchst. Bald besuch ich einen See im Busen hoher Berge, und doppelt lieb ist mirs, wenn ich ihn bey Anbruch des Tages mit einem Nebel bedeckt finde. Mit wahrem Entzücken seh ich dann zu, wie ihn die aufgehende Sonne in dem Thal einpreßt und niederdrückt, daß die glänzenden Häupter der Berge weit drüber hinausragen; wie der Wind nach und nach den Spiegel aufdekt und der Nebel sich wie ein Nachtgespenst durch die Einschnitte der Berge in die angränzenden Klüfte verkriecht. Dann mache ich eine Spazierfahrt in einem ausgehöhlten Baum, der hier zu Lande meistens die Dienste eines Schiffes thun muß, und frühstücke dabey mit köstlicher Butter und Honig aus einer benachbarten Bauernhütte, und lache dich laut aus, wenn es mir einfällt, daß du so eben in deinem gelehrten Schlafrock und mit deiner kritischen Schlafmütze am Theetische sitzest, mir dem Thee eine ebenso wässerigte und fade Brochüre du jour Brochüre de jour – Journal vom Tage hinabschlukst und von all dem Geschlampe Blähungen bekömmst, die du dann mit Rhabarber und all dem medizinischen Vorrath in deinem Glaskästchen umsonst wieder abzutreiben suchst. Einer meiner Lieblingsplätze ist der nur 2 Stunden von hier entlegene Untersberg. Gegen die Stadt zu stellt er eine ungeheure Pyramide dar; aber rückwärts zieht sich sein holperichter und kahler Felsenrücken wohl auf 2 Stunden in die Länge und man braucht gegen 6 bis 7 Stunden um ihn an seinem Fuß zu umgehen. Auf dem gewöhnlichen Weg kann man ihn von seinem Fuß an in 5 Stunden ersteigen; aber ein geübter Gemsjäger, der wie eine Katze klettern kann, braucht nicht gar 3 Stunden dazu. Auf demselben hat man eine gränzenlose Aussicht auf das flache Land von Bayern. Auf den Thürmen von München, welches 17 Meilen entlegen ist, sieht man seinen Gipfel sehr deutlich. Man zählt gegen 9 Seen in dem Gesichtskreis umher. Die schönste Parthie der Aussicht ist das Fürstenthum Berchtoldsgaden, welches dem Berg gegen Süden liegt und in einem waldigten Thal besteht, das von den abentheuerlichsten Granitgipfeln ringsum eingeschlossen ist. Unter diesen nimmt sich der Wazmann durch seine vollkommene Kegelform vorzüglich aus. Mitten durch die finstere Waldung dieses Thales leuchten einige Seen hervor, die eine unbeschreiblich schöne Wirkung machen. Die Aussicht in einige benachbarte salzburgische Thäler ist nicht weniger schön. Auch dieser Berg scheint Buffons Buffon – Georges Louis Leclerc, Comte de Buffon, franz. Naturforscher, † 1788 Bergsistem zu bestätigen. Er ist eine in den Urstoff der Erde eingewurzelte Granitmasse, auf deren tiefern Abhängen und Einbiegungen hie und da Sand- und Kalchsteine wie vom Wasser angeschwemmt liegen. – Die unterste Gegend desselben ist mit Wald bewachsen und hat einige schöne Brüche von röthlichtem und weißem Marmor. Auf dem Schutt eines dieser Brüche hat man eine herrliche Aussicht nach der Stadt zu. In einiger Entfernung von demselben ist in einer wilden Kluft des Berges ein merkwürdiger Wasserfall. Ein starker Bach, der aber im Frühling, wenn der Schnee zu schmelzen beginnt, viel beträchtlicher seyn soll, als er jetzt ist, bricht aus einem Felsenritze hervor, in dessen Mündung man vermittelst einer durch Kunst gehauenen Treppe kommen kann. In dem Ritz, worin man für Kälte schauert, hört man im innern des Berges ein dumpfes Getöse, wie einen weit entfernten Donner. Wahrscheinlich enthält der Berg in seinem Eingeweide einen See, in den das Schnee- und Regenwasser von außen eindringt, und dessen Fall das Getöse verursacht. Ohne Zweifel wird dieses innere Gewässer mit der Zeit dem Berge verderblich seyn. Das Volk in der Gegend erzählt sich, Kaiser Karl der Grosse sey mit seiner ganzen Armee in diesen Berg bis an den jüngsten Tag eingeschlossen, und mache bis dahin zu seinem Zeitvertreib das schauerliche Gepolter. An einem gewissen Tag des Jahres sieht man ihn nachts um 12 Uhr mit dem Gefolge von seinen Ministern und Generälen in einer Prozeßion in die Dohmkirche zu Salzburg ziehn. Von Zauberern, deren weisse Bärte in der Länge der Zeit 10 und 20 mal um die Tische herumgewachsen sind, an denen sie im Berge schlafend liegen, von tausendjährigen Eremiten, die verirrte Gemsjäger in das Innere des Berges geführt, und ihnen darinn Feenpalläste von Gold und Edelgesteinen gezeigt haben, wollte ich dir eine Menge erzählen, wenn du nicht schon die Wunderdinge kenntest, die in der Sierra Morena Sierra Morena – Mittelgebirge in Spanien beym Ursprung des Quadiana Quadiana – Guadiana, Fluß in Spanien, bildet teilweise die Grenze zu Portugal zu finden sind. Ich könnte dir ein Manuskript mittheilen, worinn diese Geschichten aktenmäßig bescheinigt und vom Gerichte bestätigt sind. Aus der Spalte, worin man den großen Karl spucken hört, stürzt der Bach mit einem starken Gerausche und in den mannichfaltigsten Kaskaden durch einen tiefen und engen Schlund hinab, den er in den harten Marmor selbst gegraben zu haben scheint. Hie und da hat er sich in seinem Fall Marmorbecken ausgehöhlt, die keine Kunst schöner glätten und runden könnte. Ein Liebhaber von Alterthümern in der Nachbarschaft ist sogar versucht worden, einige derselben für altrömische Bäder anzusehen. Ganz unten am Fuß des Berges, hinter einer Mühle, bietet der Wasserfall einen sehr angenehmen Anblick dar. Der Sturz ist hier zwar nicht hoch, aber doch sehr merkwürdig, weil sich das Wasser in unzälige Fäden zertheilt, die durch hingewälzte Felsenstücke sich so mannichfaltig und seltsam kreutzen, daß keine Phantasie die Kaskade eigensinniger anlegen könnte. Auf den abgerissenen Steinen stehn hie und da kleine Fichten, die das Launigte dieses Naturauftrittes unendlich vermehren. Das Wasser dieses Baches ist so kalt, daß du deine Hand keine 10 Sekunden darin halten kannst, und doch kannst du ohne die geringste Gefahr im größten Schweiß so viel davon trinken, als du willst. Du verdauest und verdünstest es so leicht wie Luft. In der grösten Ermüdung wüßte ich kein besseres Erquickungsmittel als dies Wasser – Ihr armen Leute zu Paris mit euern Diarrheen und Verstopfungen, die euch das leimigte Seinewasser wechselweise verursacht! Könnte euch doch eure allmächtige Polizey dieses Wasser verschaffen, das sich hier ungenutzt in den Salzachfluß verliert! Der Theil des Fürstenthums Salzburg, welcher der Hauptstadt gegen Norden liegt, enthält zwar auch viele Berge, trägt aber doch zum Unterhalt seiner Bewohner Getreide genug. Allein 6 Stunden von der Stadt gegen Süden fängt ein langes und enges Thal an, welches sich erst auf einige Meilen gegen Süden fort und, hierauf gegen Westen herum zieht, von ungeheuerm Gebirge eingeschlossen ist, von der Salzach durchströmt wird, den grösten Theil des Fürstenthums ausmacht und kaum den dritten Theil des nöthigen Getreides trägt. Der Eingang in dieses Thal ist der sogenannte Paß Lueg oder Luhk, welches im Plattdeutschen und Englischen soviel als Sehen heißt, und die nämliche Bedeutung als eine sogenannte Warte in verschiedenen Gebieten von Reichsstädten hat. Dieser Paß ist ein tiefer, enger Schlund zwischen nakten Granitfelsen, die über die Wolken emporragen, senkrecht abgehauen sind und durch welche sich die Salza wüthend drängt. Ueber dem Fluß hat man einen Weg in den Fels gehauen, der durch ein Thor geht, welches kaum Raum genug für einen Wagen hat, und von einer Batterie bedekt wird, so daß hier wenige Leute eine grosse Armee aufhalten können. Die andern Zugänge dieses Thales sind eben so wohl verwahrt, und die Natur hat es so gut bevestigt als das Walliserland Walliserland – Wallis, ein Schweizer Kanton . Ausser diesem großen Thal gehören noch einige anstossende kleinere zu diesem Fürstenthum. Sie sind von der nämlichen Beschaffenheit, wie jenes, und die Nahrung der Einwohner besteht hauptsächlich in der Viehzucht. Man findt an vielen Orten sehr reiche Bauern, die 60 bis 80 Stücke grosses Vieh besitzen. Es wird etwas Käs und Butter ausgeführt, aber lange nicht so viel, als es seyn könnte, wenn die Einwohner so fleißig, sparsam und zur Handlung so aufgelegt wären als die Schweitzer=Bauern. Nebst dem Hornvieh ist auch die Pferdezucht sehr beträchtlich. Diese sind vom stärksten Schlag, und werden als schwere Last= und Zugpferde weit ausgeführt. Von Gestalt sind sie nicht schön: Sie haben zu dicke Köpfe, und ihr Hintergestelle ist zu hoch; aber ich erinnere mich, in einigen Städten am Rhein Salzburger Pferde gesehn zu haben, deren eines auf einem schweren Karren mit 2 Rädern gegen 40 Zentner vom Schiffe weg durch die Stadt ziehen mußte. Die Bauern brauchen sie schon im dritten Jahr zu ihrer schweren Arbeit, und dieß ist Ursache, daß sie gar bald steif werden, und nicht wohl zu Kutschenpferden zu brauchen sind. Der Kaiser kauft für seine Artillerie Eines um 120 Gulden – Die Besitzungen des Fürsten in Kärnthen sind in Rücksicht auf ihren natürlichen Zustand dem übrigen Lande ziemlich gleich, und das, was er in Oestreich besitzt, ist zu unbeträchtlich, als daß es hier in Anschlag kommen sollte. Im Ganzen muß dieses Land beynahe die Hälfte seines nötigen Getreides aus Bayern beziehn. Der hiesige Bauer kann sich nicht, wie der Bergschweitzer, mit Käs oder Erdäpfeln behelfen. Durchaus muß er zu seinem Fleisch, welches er bey der Mahlzeit, so fett es auch seyn mag, immer noch Bissenweis in zerlassenes Schmalz zu tunken pflegt, gutes Brod und Bier und Branndtewein in Ueberfluß haben. Diese für seine natürliche Lage zu kostbare Lebensart müßte das Land zu dem ärmsten in Europa machen, wenn er diesen Aufwand nicht durch eine kluge und bewundernswürdige Sparsamkeit in den andern Theilen seiner Wirthschaft ersetzte. Er kleidet sich selbst von Kopf bis zu Fuß. Jede Familie webt aus ihrer eignen und von ihr selbst zubereiteten Wolle eine Art von grobem, dunkelgrauem Tuch, woraus sie sich selbst die Hauptstücke der nötigen Kleidung verfertigt. Leinenzeug, Schuhe und Strümpfe, alles macht sich der Bauer selbst. Seine Kleidung ist dabey reinlich, einfach, bequem und schön – Das Gleichgewicht zwischen der Einnahme und Ausgabe des Landes wird aber hauptsächlich durch die Ausbeute der Bergwerke hergestellt. Unter diesen ist das Salzwerk zu Hallein Hallein – 10 km südlich von Salzburg gelegen, Salzgewinnung seit der Keltenzeit (600 v. C.) ohne Vergleich das beträchtlichste. Das Innere dieses ohngefähr 4 Stunden von hier entlegenen Berges besteht aus einer Masse von Salzkristall, welches aber mit häufiger Erde vermischt ist. Um es zu reinigen, werden ungeheure Kammern hineingehauen und mit Wasser angefüllt, welches das Salz ableckt und die Erdtheile zu Boden sinken läßt. Das geschwängerte Wasser wird sodann auf die Pfannen geleitet und ausgesotten. Mit der Länge der Zeit füllen sich die Kammern von selbst wieder mit Salz an, und der Schatz ist unerschöpflich – Eine solche Kammer, wenn sie beleuchtet wird, ist der schönste Anblik von der Welt. Denke dir einen Saal von ohngefähr 100 Schritt ins Gevierte, dessen Wände und Böden, aus Kristallstücken von allen erdenklichen Farben bestehn, die im Glanz der durchscheinenden Lichter so wunderbar durchspielen, daß du wirklich glauben must, du seyest in einen Feenpallast versetzt. Zu diesem grossen Werk wird das Holz auf der Salza und den sich in dieselbe ergiessenden Flüssen und Bächen, so weit jener Haupt=Fluß das große Thal beherrscht, herbey geschwemmt. Seit einiger Zeit werden die Holzungen merklich dünner, und mit der Zeit könnte die gar zu grosse Verminderung derselben das Werk stocken machen. Die unglückliche Lage des Landes ist Schuld, daß es diesen Schaz nicht für sich ganz nutzen kann, sondern ihn gröstentheils Fremden überlassen muß. Ringsum ist es von den östreichischen und bayrischen Landen eingeschlossen. Die erstern haben für sich Salz genug, und alle Einfuhr des fremden Salzes ist streng verboten. Auf der andern Seite ist das bayrische Salzwerk zu Reichenhall so ergiebig, daß es nicht nur diese Lande damit hinlänglich versorgen, sondern auch noch eine beträchtliche Menge an die Fremden abgeben kann. Die Erzbischöfe von Salzburg sahen sich also genötigt, mit den Herzogen von Bayern einen Vertrag zu errichten, vermöge dessen diese jährlich eine gewisse Menge Salzes um einen unmäßig geringen Preis von den erstern übernehmen und einen Theil der Schweitz und des Schwabenlandes damit versehen. So ist Bayern eigentlich im Besitz des Handels mit dem hier erbeuteten Salze, und gewinnt wohl 3 mal soviel dabey als die Fürsten von Salzburg. Der Werth des Salzes, welches Bayern jährlich übernehmen muß, beläuft sich auf ohngefähr 200.000 Gulden, und was im hiesigen Lande selbst und durch einen unbeträchtlichen Schleichhandel in die benachbarten östreichischen Lande abgesetzt wird, beträgt so viel, daß der ganze Wert der Ausbeute auf ohngefähr 350.000 Gulden geschätzt werden kann, wovon beinahe 200.000 Gulden reiner Gewinn sein mögen. Die Gold und Silberbergwerke des Fürstenthums machen in den Geographien Deutschlands einen grossen Lärmen, sind aber neben dem Salzwerk kaum nennenswerth. Ich hab den Auszug aus den Registern des Ertrags aller Gold= Silber= Eisen= Kupfer u. a. Gruben gesehen, und im Durchschnitt der letztern 10 Jahre war der jährliche reine Gewinn des Fürsten von allen seinen Bergwerken 65.000 Gulden. Er baut sie fast alle selbst und verliert schon seit vielen Jahren an dem Bau eines Goldwerks in der Gegend von Gastein jährlich über 20.000 Gulden, in der betrüglichen Hoffnung, mit der Zeit reichere Ausbeute zu bekommen und um das Thal, worinn es ist, und dessen Einwohner bloß von diesem Werke leben, nicht zu einer Wüste werden zu lassen. Das hiesige Eisen wird immer spröder und von den Fremden weniger gesucht. Der Fürst hat auch, für seine Rechnung eine Meßingfabricke; aber der dazu erforderliche Galmei Galmei – Zinkerz wird im Lande immer seltener. Herr Büsching sagt in seiner Beschreibung Deutschlandes, er habe von guter Hand, die jährlichen Einkünfte des Erzbischofs beliefen sich auf 4 Millionen Gulden. Wenn mich der Fürst zu seinem Generalpachter machen wollte, ich getraute mir kaum, 1.200.000 Gulden für seine ganze Einnahme zu biethen. Ich weiß ziemlich zuverläßig, daß die Steuern, Domänen, Landzölle u. dgl. nicht viel über 600.000 Gulden abwerfen; rechne ich nun den Gewinn an den Bergwerken dazu, so müßten die Akzise, Zölle und der übrige Ertrag der Hauptstadt samt einigen fürstlichen Bierbrauereyen noch 435.000 einbringen, ehe ich bey meiner Pachtung gewinnen könnte. Die Größe des Landes wird auf 240 deutsche Quadratmeilen geschäzt. Es hat nur 7 oder 8 Städte, wovon einige mit einem grossen schwäbischen Dorf nicht zu vergleichen sind. Die Zahl der sämtlichen Einwohner wird auf 250.000 angegeben, wovon ungefähr 14.000 auf die Hauptstadt kommen. Die geringern Fabriken von baumwollenen Strümpfen und Nachtmützen zu Hallein ausgenommen, ist das Land ganz von Manufakturen entblößt. Seitdem die Strasse nach Triest so vortreflich ist angelegt worden, treibt die Stadt Salzburg einen beträchtlichen Handel mit Spezereyen Spezereyen – Gewürzen und Materialien, womit sie einen grossen Theil von Bayern versieht. Die Wege durch dieses bergigte Land sind überhaupt sehr gut, ob sie schon hie und da über schauerlichen Abgründen auf Holzgerüsten schweben, oder gar in Ketten an den hohen Felsen hängen. Die schwersten Fuhren haben nichts zu beförchten, als etwa von einem gewaltigen Stoßwinde umgeworfen, oder im Frühjahr von einer Schneelauwine bedekt zu werden. Auf meiner Reise in das Bad zu Gastein einer der wildesten Gegenden des Landes, sah ich alles, was zu thun möglich ist, um die schröklichsten Abgründe und die steilsten Felsen wegsam zu machen. Auf dieser Reise sah ich auch einen der merkwürdigsten Wasserfälle, die ich je gesehen. Ein starker Bach stürzt wie aus den Wolken auf einen unterliegenden Felsen, der über 100 Schuh über dem Weg emporragt, und wird von da in einem Bogen so stark zurückgeprellt, daß man auf der Strasse, die unter diesem Bogen durchgeht, gar nicht benezt wird. Von vorne kann man diesen schönen Fall nicht sehen, weil das Tobel Tobel – tiefer, schluchtartiger Einschnitt in einem Steilhang, das Wort wird nur im Alpenraum verwendet zu enge und der entgegenstehende Fels zu steil ist; aber in einiger Entfernung bietet er, von der Seite betrachtet, den seltsamsten Anblick dar. Lebe wohl. Fünfzehnter Brief. s. a. die Berichtigung am Ende dieses Reiseberichtes Salzburg – Ich lobe mir die Bergländer. Ich bin zwar keiner von denen, deren Gefühl bloß durch das Abentheuerliche reizbar ist; die starke Erschütterungen lieben, weil sie gegen sanftere Regungen gemeiniglich stumpf sind, und die ihr Vergnügen auf unwirtbaren Felsenrücken und scheußlichen Eis= und Schneefeldern suchen, weil sie durch unmäßigen Genuß an den Freuden, welche mildere Gegenden darbieten, einen Eckel bekommen haben. Mir ist die einförmigste Ebene mannichfaltig genug, um mein Herz in dem Grad von Wärme und meine Sinnen in der Spannung zu erhalten, die zu einem ununterbrochenen Genuß der Natur nöthig sind. Ich umarme den Baum, der mir auf meiner Wanderung durch ein kahles und ebenes Gefilde auf einen Augenblick Schatten giebt; das Moos auf einer Heide hat Reiz für mich, und der Bach, der durch einen unabsehbaren Wiesengrund schleicht, ist mir auch ohne das Geräusche eines Wasserfalles lieb. Aber ich bin auch billig genug, um dem Gebirge Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und ihm in Rücksicht auf Schönheit den Vorzug vor der Ebene einzuräumen. Der Puls der Natur schlägt hier stärker, alles verräth mehr Leben und Treibkraft; alles verkündigt die immer wirksame Allmacht lauter und stärker. Der Bach, welcher ohne zu wissen, welchen Weg er nehmen soll, langsam die Ebene durchirrt, eilt im Gebirge brausend und ungestümm seinem Zweck zu. Der Zug der Wolken, die Empörungen der Luft, das Hallen des Donners, alles ist hier lebhafter und stärker. Die Thäler sind in der schönen Jahreszeit von einem viel geistigern Geruch der Blumen und Kräuter durchdüftet als die Ebenen, deren Boden zur Zubereitung der feinern Pflanzensäfte nicht so bequem ist, und worauf sich die Ausduftung derselben in der weiten Luft verliert. Die Natur ist hier mannichfaltiger und unendlich malerischer. Sie schattirt sich auf eine Art, wovon sich der Bewohner einer Ebene keinen Begriff machen kann, und in der Schattirung werden alle, auch die kleinsten Züge derselben auffallender und reizender. Hier bietet die Natur die Eigenschaften aller Jahrszeiten und der verschiedensten Erdkreise auf einmal dar. Während daß man im Sommer in der Tiefe des Thales die Hitze von Afrika empfindet, genießt man auf der mittlern Höhe der Berge die gemäßigte Luft des Frühlings, und auf den Gipfeln derselben starrt man im Frost Sibiriens. Und wie mannigfaltig sind nicht die Gestalten, Verkettungen und Aufhäufungen all der Berge und Hügel! Der Mensch ist wie sein Erdreich, wenn die Erziehung und die gesellschaftlichen Verbindungen keine Veränderung mit ihm vornehmen. Der Bauer im Innern dieses Landes trägt ganz das Gepräge der Natur um ihn her. Sein Gang ist schnell wie der seines Waldstroms; er ist in seinen Leidenschaften stürmisch, wie die Luft, die er athmet, stark wie die Eiche, die ihn beschattet, und bieder, treu und vest wie der Fels, der seine Hütte trägt. Die Lebhaftigkeit und Mannichfaltigkeit der Auftritte, welche ihm die Natur darstellt, machen seinen Kopf reicher an Begriffen, und sein Herz wärmer, als es seyn würde, wenn er auf einer einförmigen Ebene wohnte und, wie hier, bloß der Natur überlassen wäre. Die Entfernung von grossen Oertern und die zerstreute Lage der Hütten, wodurch ihm viele Gelegenheit zu schädlichen Ausschweifungen genommen wird, erhalten seine Sitten reiner und machen ihn zum Nachdenken aufgelegter und auf seine Wirthschaft aufmerksamer. In seinem Bau, seiner Gesichtsbildung, seinen Gebehrden und seinem Gespräche zeichnet er sich vor dem bayrischen Bauer sehr zu seinem Vortheil aus. Ich bedaure unendlich, daß ich wegen Mangel an Kenntniß der hiesigen Provinzialsprache die Bergleute nicht so geniessen kann, wie ich es wünsche. Die unbeschreibliche Offenherzigkeit, welche sie äussern, und die Züge des Wohlwollens, des guten Humors und des launigten Witzes, die man auf ihrem Gesichte liest, machen sie beym ersten Anblick dem Menschenfreund vorzüglich lieb. Viele von ihnen tragen noch lange Bärte, und die in den abgelegenen Gegenden duzen jedermann, auch ihren Fürsten. Die Kröpfe sind zwar nicht selten unter ihnen, aber doch lange nicht so häufig, als einige Reisebeschreiber zu melden belieben. Ueberhaupt genommen, sind sie ein sehr schöner Schlag Leute. Die Lücken, welche durch die bekannte Auswanderung der Protestanten vor 50 Jahren Auswanderung der Protestanten – der Salzburger Fürstbischof vertrieb 1731/32 etwa 30.000 Protestanten aus dem Land, (Emigrationspatent von 1731). vgl. Goethe »Hermann und Dorothea«. Die Vertreibung der Protestanten widersprach den Festlegungen des Westfälischen Friedens und erregte europaweit Empörung. in der Bevölkerung und dem Anbau dieses Landes gemacht worden, sind noch lange nicht wieder ausgefüllt. Sie war das Meisterstück einer schlimmen Regierung, wo die Schwäche eines Fürsten und die eigennützige Bosheit eines Ministers im grösten Glanz erschien. Ich habe die Akten dieses merkwürdigen Vorfalles zu meiner grossen Erbauung ganz durchgelesen. Man irrt sich, wenn man die Veranlassung dieses seltenen Auftrittes überhaupt den Religionsgrundsätzen zuschreibt, die sich zur Zeit der Reformation in dieses Gebirge eingeschlichen haben. Aus den Akten ergiebt sich, daß gar wenige einen deutlichen Begriff von dem augsburgischen oder helvetischen Glaubensbekenntnis ... Glaubensbekenntnis – Augsburger Konfession 1530, grundlegendes Glaubensbekenntnis der lutherischen Reichsstände; helvetische Konfession 1536 hatten. Diese Grundsätze mögen wohl etwas beygetragen haben, aber die meisten dieser neuen Protestanten sind es durch eigenes Nachdenken und durch Unterredungen unter ihnen geworden, wozu sie selbst den Stoff aus den katholischen Predigten und Religionsbüchern nahmen. Hätte man ihnen eine unbedingte Religionsfreyheit im Lande gestattet, so hätten sie gewiß eine ganz neue Sekte gebildet, die mit der kalvinischen und lutherischen wenig Aehnlichkeit würde gehabt haben. Die meisten derselben, die gerichtlich verhört worden, antworteten auf die beyden Fragen, »ob sie sich zur lutherischen oder kalvinischen Kirche bekennen wollten?« geradezu [»] Nein; zu keiner von beyden. Wir glauben nur nicht, was unsere Mitbürger glauben, sondern halten uns bloß an die Schrift.« Es war eine durch verschiedene Umstände veranlaßte Empörung des Menschenverstandes, woran die Reformatoren des 16ten Jahrhunderts wenig Theil hatten. Bauern und Handwerker machten Prediger in ihren Häusern, oder unter einem Baum an einem entlegenen Ort. Kurz, man muß diesen Leuten die Ehre lassen, daß sie fast ganz allein ihre eigne Lehrer waren. Erst als sie sich wegen der Bedrückungen ihres Landesherrn um fremden Schutz umsehen mußten, und mit dem König von Preussen in Unterhandlungen standen, erklärten sie sich zu einer im deutschen Reiche durch den Westphälischen Frieden privilegirten Sekte, weil sie sich auf keine andere Art gegen ihre gänzliche Unterdrückung sicherstellen konnten. Der damalige Erzbischof Der damalige Erzbischof – Leopold Anton von Firmian, † 1744, sein gottgläubiger christlicher Kanzler hieß Christani di Rallo war ein guter Mann, der seine Unterthanen wirklich liebte und alles mögliche that, um sie nach seiner Meinung auf den rechten Weg zur Seligkeit zurückzuführen. Er schickte Kapuziner als Mißionärs ins Gebirge, deren Kapuzen und Bärte aber gegen die Explosionen des erwachten Menschenverstandes nicht aushalten konnten. Er bethete selbst unabläßig für die Bekehrung seiner verirrten Schafe, und sparte weder Geld noch gute Worte, um sie dem Himmel wieder zu gewinnen. Der Verlust so vieler Seelen war ihm unendlich schmerzlicher als der Abgang so vieler Arme zum Bau seines Landes und die dadurch verursachte Schmälerung seiner Einkünfte. Sein Kanzler aber betrachtete die Sache in einem ganz andern Lichte. Dieser hatte berechnet, was er für seine Person bey der Auswanderung so vieler tausend Einwohner und bey dem Verkauf so vieler Güter gewinnen könnte. Er benutzte die Schwäche seines Herrn, um sich bey dieser schönen Gelegenheit den Beutel zu spicken. Er stellte ihm vor, wie gefährlich es für das Seelenheil seiner noch rechtgläubigen Unterthanen sey, die Ketzer unter ihnen wohnen zu lassen. Wenn die altgläubigen Nachbarn eines Anhängers der neuen Lehre ihn durch Schimpfen und Drohen auf das äusserste gereitzt hatten, und er endlich in der Wuth sagte: »Wartet nur, bis die 60.000 Mann des Königs von Preussen anrücken; da schlagen wir euch allen die Köpfe ein. Das ist ein anderer Monarch als der Erzbischof, und er ist schon auf dem Marsch zu uns, u. dgl. m.« So wußte der patriotische Kanzler Hochverrath und Landesverräterey in diesen Reden zu finden, die nichts als der Ausbruch einer augenblicklichen, unbedachten und gereitzten Laune waren. Mit einem Wort, er war die eigentliche Triebfeder des Abzuges von ohngefähr 25.000 Menschen, wobey er gegen 50.000 Gulden gewonnen und sein Herr gegen 100.000 Gulden an jährlichen Einkünften verloren hat. Der König von Preussen schickte 2 Kommissärs hieher, die das Eigenthum derjenigen, die sich in seine Lande begaben, besorgen mußten, und den größten Theil des Geldes, welches aus dem Verkauf der Häuser, Güter und des Geräthes der Abgezogenen gelöst worden, aus dem Lande trugen. Durch das ganze Gebirge gibt es noch viele Anhänger dieser neuen Lehre. Ich lernte einen von ihnen kennen, der in jedem Betracht zu merkwürdig ist, als daß ich dich nicht mit ihm bekannt machen sollte. – Vor einigen Tagen besuchte ich, mit einem Herrn von hier den Landvogt, oder wie er hier heißt, den Pfleger von Werfen, einen sehr artigen und helldenkenden Mann, wie es denn auch in den entlegensten Theilen dieses Gebirges viele weit über meine Erwartung aufgeklärte Leute giebt. Diese Wanderung hatte viel Vergnügen für mich. Vom Paß Lueg an, wo das große Thal beginnt, geht der Weg 4 Stunden lang, bis nach Werfen durch einen engen Schlund zwischen nakten Felsen, die oft auf grosse Strecken hin wie himmelhohe Mauern zu beyden Seiten dastehn. Die am Fuß dieser Bergketten hie und da zerstreuten Parthien Holz, der mannichfaltige Lauf der Salza, die sonderbaren Einschnitte, Gestalten und Farben der Felsen, ihr Schutt, die Spuren des ehemaligen Laufes des Flusses viele Klafter hoch über seinem jetzigen Bette, die seltsame Lage der wenigen Gebäude, und die auffallende Schattierung des Ganzen geben dieser sonst öden Landschaft Reitz genug, um den Wanderer zu unterhalten. Das Schloß Werfen steht bey dem Flecken dieses Namens, wo sich das Thal merklich zu erweitern beginnt, auf einem abgerissenen kegelförmigten Felsen, der sich mitten aus dem engen Schlund erhebt. Auf einer Seite hat kaum am Fusse desselben die Straße und auf der andern kaum die Salza Raum genug. Auf dem Schloß beherrscht man eine herrliche Aussicht vorwärts in das sich erweiternde Tal zwischen behölzten, und zum Theil schön angebauten Bergen und Hügeln, und rückwärts in den tiefen Schlund, wodurch man gekommen, dessen Felsenspitzen immer in der Sonne glänzen, während daß sich in die Tiefe desselben ein ewiges Dunkel gelagert hat. Auf dem Schloß werden viele Gefangene bewacht, die zum Theil in Ketten arbeiten müssen. Unter denselben fiel mir die Gestalt und das Gesicht eines Mannes auf, von dem man mir schon viel gesagt hatte. Er ist das Bild eines schönen Mannes. Ein Alter von etlichen und sechzig Jahren hat das blühendste Roth von seinen Wangen noch nicht weggewischt. Sein starker langer Bart und sein schwarzes schönes Haar sind nur hie und da mit etwas Grau untermischt. Er trägt sich so leicht und steht so gerade wie ein Jüngling in seiner vollen Kraft. Seine Stirne und die ganze Bildung seines Gesichtes ist regelmäßig schön, und sein grosses, blaues und sprechendes Auge muß auch den geringsten Menschenkenner auf ihn aufmerksam machen. Aus seinem Antlitz leuchtet eine unbeschreibliche Seelenruhe und ein gewisser Stolz, der von einem starken Charakter unzertrennlich ist. Ich wollte seine Geschichte von ihm selbst hören und erzähle sie dir aus seinem Munde wieder so gut ich kann. «Ich bin nun, sagte er, «ohngefähr 24 Jahre hier als ein Gefangener. Ich erinnere mich noch der Auswanderung so vieler tausend meiner Mitbürger, und habe, so jung ich auch noch war, viel Theil daran genommen. Wie ich heran wuchs, machte die Erinnerung dieses Auftrittes immer mehr Eindruck auf mich. Die Freude, womit so viele meiner Nachbarn ihr Vaterland verliessen, um dem Gewissenszwang zu entgehen und in ihrem Glauben frey und ungekränkt zu seyn, hatte etwas Grosses und Reitzendes in meinen Augen. Dieß verschafte den Vorstellungen einiger meiner Freunde und Bekannten, die im Punkt der Religion mit den Kapuzinern nicht Eins waren, leichten Eingang in mein Gemüth. Ich las die Schrift, verglich ihre Lehren mit den päbstlichen, und machte mir meine eigne Religion, deren Grundsätze ich eben nicht sehr geheim hielt, weil ich Recht zu haben glaubte. Damals hatten die Kapuziner, die im ganzen Lande als Mißionärs herumzogen, überall ihre Spionen, und es konnte nicht fehlen, daß ihnen nicht einige Aeusserungen, die mir in der Hitze verschiedener Religionsdisputen entfuhren, sollten zu Ohren gekommen seyn. Von dem Augenblick an verfolgten sie mich, wo ich nur immer war. Sie kamen sogar in mein Haus und foderten ein Glaubensbekenntniß von mir. Ich wollte überzeugt seyn und legte ihnen meine Gründe vor; sie waren aber bald am Ende, und ihre Gespräche liefen immer dahin aus: Es käme mir nicht zu, über Glaubenssachen Untersuchungen anzustellen; der Glaube müsse blind seyn, und ich müßte ein Glaubensbekenntniß ablegen. Ich sagte ihnen, es wäre mir platterdings unmöglich, etwas gegen meine Ueberzeugung zu glauben; aber alles half nichts. Als ich sah, daß sie mich nicht überzeugen konnten, und ihnen an meiner innern Ueberzeugung auch nichts gelegen war, sagte ich ihnen, sie sollten mich nur in Ruhe lassen; ich stünde ihnen mit Ehre und Leben dafür, daß ich meine Gedanken über die Religion für mich geheim halten und niemand zu meinem Glauben bekehren würde. Umsonst. Täglich brachen sie ungestümm in mein Haus ein, und drangen auf das Bekenntniß eines Glaubens, dem mein Gewissen widersprach. Lieber Herr, ich that alles, was möglich war, um Ruhe zu haben, aber es war unmöglich. Eines Tages kam' ich müde vom Feld nach Haus, und als ich mich bey meinem Brod erquicken wollte, stürmten wieder die Kapuziner herein. Ich hatte mir seit einiger Zeit vorgenommen, ihnen kein Wort mehr, als: Guten Tag oder guten Abend zu sagen. Als sie ihr altes Geschrey wieder begannen, hörte ich lange ruhig und stille zu, und ließ mir mein Brod desto besser schmecken, je mehr sie mich verfluchten. Wie es aber kein Ende nehmen wollte, kroch ich in den Winkel hinter den Ofen, und dachte, schreyt so lange ihr wollt. Aber auch da war ich nicht sicher. Ich warf mich endlich ungeduldig aufs Bette, und wie der eine auch hier zu mir schritt, und mir in die Ohren schrie, kehrte ich ihm den Hintern zu; aber flugs war der andere wieder auf der andern Seite und schrie noch ärger als sein Geselle. Endlich ward' ich toll, sagte ihnen, ich wäre Herr in meinem Haus, und wie sie es immer gröber machten, sprang ich auf, nahm das erste Beste, was mir in die Hände kam (ich glaube es war ein Besen), und jagte sie zur Thüre hinaus. Nun ward ich nicht nur als ein verstockter Ketzer, sondern auch als ein Verfluchter behandelt, der an die geheiligten Priester des Herrn gewaltthätige Hände gelegt. Man nahm mich gefangen, und brachte mich in Ketten hieher. Anfangs litt ich entsetzlich. Hundertmal sagt' ich, man sollte mich nur überzeugen, und ich wollte es dann mit Mund und Blut bekennen; aber alles war vergeblich. Man wollte mich zwingen, in die Kirche zu gehn, zu beichten, meine Gedanken über die Religion zu eröffnen, u. s. w. Ich sagte, ich könnte von meiner Religion weiter nichts offenbaren, als daß ich nicht glaubte, was sie glauben. Ueberzeugen wollte oder könnte man mich nicht, und also würd' ich geduldig zur Kirche gehn, wenn man michs hieße, aber ohne deswegen meinen Glauben zu ändern, und zu beichten hätte ich nichts. Das unausstehlichste war mir das unabläßige Dringen der Kapuziner auf ein Glaubensbekenntniß. Alles Bitten, mich zu verschonen, und alle Vorstellung, daß das Bekenntniß des Mundes ohne Bekenntniß des Herzens nach ihrer eignen Lehre nichts hälfe, war umsonst. Endlich nahm ich mir vor, mich als einen Stummen zu gebehrden, und kein Wort mehr zu reden; welches ich auch 18 ganze Jahre hindurch dem Buchstaben nach hielt. Vor einigen Jahren fieng man an mich gelinder zu behandeln, und seit dieser Zeit habe ich meine Sprache wieder.« Der Herr Pfleger bestätigte es, daß dieser sonderbare Mann 18 ganze Jahre hindurch keine Silbe gesprochen. Und doch sah man während dieser langen Zeit kein Wölkchen des Unmuths oder der bösen Laune auf seinem Gesicht. Sich immer gleich that er gelassen und munter alles, was man ihm, ausser der Sphäre der Religion, geboth. Nur einen leichten Zug von Verachtung der Menschen um ihn her will man an ihm bemerkt haben. Wenn man bedenkt, daß sein ziemlich heller Kopf, sein offenes Wesen und sein guter Humor ihm ein natürlicher und sehr starker Trieb zur Geselligkeit und zur Mittheilung seiner selbst seyn müssen, so muß man über seine freywillige Stummheit staunen. Durch sein Wohlverhalten in seiner Gefangenschaft brachte er es dahin, daß ihm der jetzige Fürst, ein sehr toleranter Herr, die Ketten abnehmen ließ, und auf Ansuchen des Herrn Pflegers eine ansehnliche Zulage zu seinem täglichen Unterhalt bewilligte. Er hat sich so viel Zutrauen erworben, daß man ihn zu einer Art von Aufseher über seine Mitgefangenen gemacht hat. Ungeschlossen und ganz frey ward er mit denselben schon mehrmalen zur Arbeit an Orte hingeschickt, wo es ihm sehr leicht war zu entwischen; aber sein Karakter ist mehr Bürge für seine Person, als die stärkste Kette. Er hat sich – ohne es selbst zu wissen – bey seinen Mitgefangenen so viel Ansehen verschaft, daß er sie mit einem Wort besser in der Zucht halten kann, als der Kerkermeister mit dem Stocke. Die Natur hat ihm eine Ueberlegenheit über den grossen Haufen der Menschen zugesichert, ob sie ihn schon in einer Bauernhütte gebahr. Jetzt beschäftigt er sich in seinen Nebenstunden freywillig damit, daß er einen jungen Mordbrenner von ungefehr 16 Jahren, der einigemal aus Muthwillen seines Vaters Haus angezündet und seit einigen Jahren an Ketten liegt, lesen und schreiben lehrt, ohne ihm etwas von seinen Religionsbegriffen mitzutheilen. Diese hält er jezt so geheim, daß ich mit aller vertraulichen Zudringlichkeit, mit allem Bitten und Versprechen nichts aus ihm heraus bringen konnte. Er antwortete mir nichts, als: «Ich glaube nicht, was die Kapuziner glauben, und wünsche mir zu einem vergnügten Leben nichts mehr als eine Bibel.« Vor einigen Jahren ließ man einigemal seine Frau zu ihm, die er aber ohne die geringste Aeußerung einer Neigung, ihrer geniessen zu wollen, mit einigen guten und warmen Ermahnungen zu ihrem Besten wieder entließ. Eine Bibel, wornach seine Seele so heftig dürstet, wird man ihm schwerlich gestatten, weil man seiner Schwärmerey nicht noch mehr Nahrung geben will. Alle Salzburger Herren und Damen, in deren Gesellschaft ich diesen Mann zu sehen die Ehre hatte, äusserten eine gewisse Hochachtung gegen ihn; aber sie waren auch alle einig, daß es eben nicht sehr politisch politisch – klug, diplomatisch gehandelt sey, wegen so einer Kleinigkeit, als man von dem Mann gefordert, ein Märterer zu werden. Das hiesige Landvolk ist ausserordentlich lebhaft und frölich. Die Mädchen in diesen verborgenen Winkeln unsers vesten Landes, alle frisch wie die Rosen und munter wie die Rehe, verstehn sich auf die Künste der Koqueterie so gut als unsere Pariserinnen, nur sind die Reitze, womit sie auf Eroberungen ausgehen, natürlicher als bey diesen. Ihr gewölbter Busen, dessen Umrisse sie sehr sorgfältig oben und auf den Seiten des Brustlatzes zu entfalten suchen, ist kein Betrug eines lügnerischen Halstuches, oder einer hohlen Schnürbrust. Sie wissen das Schöne ihrer Kleidung ganz zu ihrem Vortheil zu benutzen. Wenn sie einen Liebhaber glücklich machen wollen, so macht ihnen weder die Schande einer unehlichen Geburth, noch die Besorgniß ein Kind ernähren zu müssen einige Bedenklichkeit. Die Sitten setzen sie über das erste, und die Leichtigkeit des Unterhaltes eines Kindes über das andere hinaus. Die Strafe, die sie für einen Fehltritt von der Art erlegen müssen, ist kaum nennenswerth. Die Kindermorde sind daher hier zu Lande äusserst selten. Ohne allen Zwang, ohne alle Zurückhaltung überläßt man sich hier dem Triebe der Natur. Die Mädchen nehmen Sonntags in der offenen Kirche den lauten Gruß und Handschlag von ihrem Geliebten an. Beym nächtlichen Besuch hat aber der Liebhaber einen harten Stand. Die Witterung mag noch so unfreundlich seyn, so wird ihm die Thüre oder das Fenster doch nicht eher geöffnet, bis eine gewisse Losung gegeben ist, die gemeiniglich in langen Reimen besteht, worinn er sein Leiden und Sehnen in einer mysteriösen Sprache zu erkennen geben muß, und die das Mädchen Reim= oder Strophenweis beantwortet. Diese Sitte ist uralt, und in den entlegnern Theilen dieses Gebirges unverbrüchlich. Die Bekanntschaft und der Genuß beyder Liebenden mag noch so lange gewährt haben, so dörfen sie sich doch nicht darüber hinaussetzen. Sehr selten läßt ein Bauernjunge sein Mädchen sitzen, wenn er es auch erst nach 2 bis 3 Kindbetten heyrathen kann. Die Bewohner dieser Berge sind mit ihrem Zustand so vergnügt, daß sie ihr Land für eine Art von Paradies halten. Die Einwohner des sogenannten Dintner=Thales, einer scheußlichen Kluft zwischen nackten Felsen, die vom Dintenbach durchströmt wird, haben das Sprüchwort: Wenn einer aus dem Himmel fiele, so müsse er ins Dintner=Thal fallen, welches soviel sagt, als, dieses Thal sey der zweyte Himmel. Ich konnte lange nicht ausfindig machen, warum die guten Leute einen so hohen Begriff von einem Schlund haben, der oft viele Wochen lang so verschneyet ist, daß kein Mensch weder heraus noch hineinkommen kann, und der mit einigen benachbarten, viel reitzendern Gegenden so stark absticht. Ich nahm es Anfangs für Ironie; aber ich erfuhr endlich, daß es voller Ernst sey; und daß die uneingeschränkte Freyheit, welche die Bewohner dieses seltsamen Paradieses zu geniessen haben, ihnen die grosse Hochachtung für dasselbe eingeflößt hat. Sie bestehn bloß aus einigen Hirten, Bergwerkleuten und Eisenschmelzern, die fast ganz von Abgaben frey sind und auf welche die Obrigkeit in Betracht des geringen Ertrags und der Entlegenheit dieser Gegend wenig Acht hat – Die Abgaben der hiesigen Landleute sind überhaupt sehr mäßig, und die Befreyung von den Erpressungen, worunter die übrigen Völkerschaften Deutschlands seufzen, mag das meiste zu dem guten Humor beytragen, welcher in diesem ganzen Gebirge herrscht. Die Fürsten liessen es bisher bey dem Anschlag der Güter bewenden, der seine Jahrhunderte alt ist, und also mit dem jetzigen Werth der Dinge in einem geringen Verhältniß steht. Der jetzige Fürst hat durch seinen Entwurf, neue Urbarien machen zu lassen und die Schatzungen zu erhöhen, ein kleines Murren im Lande erregt. Wirklich ist er nach dem Verhältniß der Grösse und des Reichtums seines Landes im Punkt der Einkünfte weit hinter den übrigen Fürsten Deutschlands zurück, und in Betracht dessen wäre ihm dieser Entwurf wohl zu verzeihen. Aber die schlimmen Folgen seiner großen Liebe zur Jagd, wovon er vermuthlich nichts weiß, und die ohne Zweifel bloß das Werk seiner Bedienten sind, haben einen stärkern Zug von Despoterey, als die Erhöhung der Schatzungen, die dann doch unter der Garantie der Landstände auf eine lange Zeit festgesetzt bleiben, und nicht, wie jene Wirkungen einer persönlichen Leidenschaft, willkürlichen, augenblicklichen und gewaltthätigen Erweiterungen ausgesetzt sind. In verschiedenen Gegenden ist den Bauern verboten worden, ihre Schaafe auf gewisse Waiden zu treiben, die an grosse Holzungen anstossen, damit dem gehegten Wild das Futter nicht entzogen werde. Ich habe dir gesagt, daß sich der hiesige Bauer meistens von seiner eignen Schur sein Tuch und Wollenzeug selbst macht. Verbote von dieser Art müssen also auf viele Wirthschaften einen sehr schädlichen Einfluß haben. Der hiesige Bauer ist gegen alle Neuerungen sehr empfindlich. Es gab schon Auftritte, wo diese Bergbewohner laut sagten, sie wollten sich auf den Fuß der Schweitzer setzen. Läßt es aber ein Fürst beym Alten bewenden, so sind sie ihm unbeschreiblich zugethan – O! wüßten doch die Fürsten die Liebe ihrer Unterthanen, ihrer Nebenmenschen zu schätzen. Viele der hiesigen Bauern tragen noch lange Bärte und den Hals und die Brust zu jeder Jahreszeit offen. Diese ist dann von der Sonne und der Luft gebräunt und meistens stark behaart. In einiger Entfernung sehn sie schrecklich aus; aber in der Nähe macht sie ihr freundlicher Blick und das unverhehlbare Gepräge der Redlichkeit willkommen. Sie sind muthig und stark, und würden bey einem Angriff in Vertheidigung ihres Landes förchterlich seyn; aber ausser ihrem Lande sind sie, nach dem Geständniß Geständniß – wird im gesamten Text in der Bedeutung »Auskunft« gebraucht der erfahrensten hiesigen Officiers keine guten Soldaten. Sie bekommen wie alle Bergbewohner gerne das Heimweh, und das Eigenthümliche ihrer von Jugend auf gewohnten Lebensart, welches sie in der Fremde entbehren müssen, macht sie oft in einem Feldzug unbrauchbar. Zum Glück hat ihr Landesherr mit der Erhaltung des Gleichgewichts unter den europäischen Mächten wenig zu schaffen – Uebrigens sind sie viel gefälliger und nicht so gewinnsüchtig wie die Landleute in den meisten Gegenden der Schweitz, die, so sehr sie allen Abgaben feind sind, die Fremden bey jeder Gelegenheit gerne in schwere Kontribution setzen. Ich habe häufige Proben, daß hiesige Bauern auf grosse Strecken mit mir gegangen sind, um mir den Weg zu zeigen, und mir noch mehrere kleine Dienste gethan haben, ohne eine Belohnung annehmen zu wollen. Leb wohl. Sechszehnter Brief. s. a. die Berichtigung am Ende dieses Reiseberichtes Salzburg. – In Pilatis Pilati – Carlo Antonio Pilati di Tassulo, † 1802, Jurist und Historiker, verband die politische Philosophie Machiavellis mit den Ideen der französischen Aufklärung, entfaltete eine intensive publizistische Tätigkeit gegen die politischen Ansprüche der römischen Kurie und kämpfte im Sinne des aufgeklärten Josefinismus für Religionsfreiheit Reisen durch verschiedene Länder von Europa erinnere ich mich eine Anekdote gelesen zu haben, welche die Intoleranz der Salzburger schildern soll. Es ist wahr, man schreyt allen Leuten ohne Unterschied auf der Strasse zu, sich vor dem heil. Sakrament, wenn es in der Prozeßion oder zu einem Kranken getragen wird, nieder zu knien, und die persönliche Grobheit des jetzigen Küsters macht es etwas zu auffallend. Auch hörte ich einige gutherzige Mädchen von einigen Protestanten, die sich auf eine kurze Zeit hier aufhalten, und meine Freunde sind, mit dem Ton des innigsten Mitleids sagen: Schade, daß sie Lutheraner sind! Allein, das Niederknien vor dem Sakrament ausgenommen, welches jeder leicht vermeiden kann, weil man den Küster schon in grosser Ferne schällen hört, wüßte ich nicht, was hier ein Protestant zu beförchten hätte. Unter dem Adel, der Geistlichkeit und der Kaufmannschaft giebt es vortreffliche Gesellschaften, worin man ohne Unterschied der Religion sehr wohl aufgenommen wird. In mehrern Gasthäusern kann man um Geld und gute Worte auf die Festtäge Festtäge – Fastentage, eine Form der Askese für den Hausgebrauch: am Aschermittwoch und jeden Freitag ist kein Fleisch erlaubt, wohl aber Eier oder Fisch Fleisch haben, und der Pöbel, der besonders in kleinen Residenzen sehr leicht den Ton des Hofes annimmt, hat unter der jetzigen Regierung viel von der heiligen Grobheit verloren, woran ihn die Bigotterie des vorigen Fürsten gewöhnt hatte. Unter dem Adel, besonders den Dohmherren, giebt es nicht nur sehr gute Gesellschaften, sondern auch Leute, die sich durch ihre ausgebreiteten Kenntnisse sehr ausnehmen. Der jetzige Dohmprobst Domprobst – Leopold Ernst Graf von Firmian, regte die österreichische Schulreform an, † 1783 , ein Bruder des berühmten Grafen von Firmian Graf von Firmian – Karl Joseph von Firmian, italienischer Politiker † 1782 , Vicegouverneurs von Mayland, ist mit den besten italienischen, französischen, deutschen und englischen Schriftstellern sehr genau bekannt. Die Sammlung der letztern ist in seiner ausgesuchten Bibliothek fast ganz vollständig. Er ist ein sehr liebenswürdiger Herr, der von den 20.000 Gulden, die ihm seine Pfründe einträgt, den besten Gebrauch zu machen weiß. Der Obersthofmeister des Fürsten, ein andrer Bruder des berühmten Vicegouverneurs, ist ein grosser Liebhaber und Kenner von Gemählden. Seine reiche Sammlung von Porträten von Künstlern, meistens von ihnen selbst gemahlt, ist nach jener zu Florenz, einzig und giebt derselben wenig nach. Der Gram über einen der schrecklichsten Unglücksfälle, die einen Vater treffen können, hat seine Seelenkräfte sehr geschwächt, und die unbeschreibliche und fast kindische Güte, die aus seinen Gesichtszügen leuchtet, mit einem kleinen Gewölke überzogen. Sein erster Sohn, der Hoffnungsvollste Herr, war Dohmherr zu Passau, und die Familie konnte erwarten, in ihm mit der Zeit einen Bischof oder gar einen Erzbischof von Salzburg zu sehn. Der zärtliche Vater besuchte ihn und machte mit ihm eine Jagdparthie. Als sie auf einem Schlitten nach dem Gehölze fuhren, gieng dem Vater die Flinte los, und die unglückliche Kugel fuhr seinem Sohn durch die Brust. Wie ein Rasender sprang er ins nahe Gebüsche, raufte sich die Haare und wälzte sich im Schnee. Mit Gewalt mußten ihn die Jäger von der Stätte bringen – Ein Graf Wolfegg, Dohmherr, hat eine Reise durch Frankreich gemacht, um unsre Manufakturen und Handwerker zu studieren. Er ist mit allen unsern berühmten Künstlern bekannt und sein Lieblingsfach ist die Baukunst, worinn er wirklich vortreflich ist. Der Oberstallmeister, Graf von Küenburg, ist ein weitumfassender Kopf, äusserst gefällig, witzig und einnehmend im Umgang. Seine niedliche Bibliothek enthält alle unsere guten Schriftsteller, und bey ihrer Anlage ist kein Index librorum prohibitorum Index – Index Librorum Prohibitorum, ein Verzeichnis der Bücher, die Katholiken bei Strafe der Exkommunikation nicht lesen durften. (populäre Autoren z. B. Giordano Bruno und Immanuel Kant), 1966 abgeschafft. zu Rathe gezogen worden. Der Bischof von Chiemsee, Graf von Zeil und noch viele andre vom hohen Adel, sind wegen ihrer Kenntnisse und ihrer guten Lebensart verehrungswürdige Leute. Der hiesige hohe Adel besteht gröstentheils aus österreichischen Familien und zeichnet sich durch Herablassung, Weltkenntniß und Sitten von dem dumm=stolzen Trotz der bayrischen und schwäbischen Baronen auffallend aus. Aber der kleine hiesige Adel, der grosse Schwarm der kleinen Hofleute, macht sich durch seine erbärmliche Titelsucht und seinen elenden Stolz lächerlich. Du findest hier gegen 100 gnädige Herren, die von 3 bis 400 Gulden auf Gnade des Hofes leben und die du nicht gröber beleidigen kannst, als wenn du zu ihnen: Mein Herr, oder zu ihren Weibern: Madame, sagst. Man muß sich hier angewöhnen, immer über das dritte Wort, Euer Gnaden, zu sagen, um nicht für einen Menschen ohne Lebensart gehalten zu werden. Wegen der unbeschreiblichen Armuth unter diesem Theil der Einwohner findet man eine Menge gnädiger Fräulein, welche die Dienste der Haushälterinnen und barmherzigen Schwestern verrichten. Sie beklagen sich alle, daß ihnen der Hof keine hinlängliche Besoldung giebt, um ihrem Stand gemäß leben zu können. Ich hab aber nicht ausfindig machen können, was eigentlich ihr Stand sey. Fast alle haben weder Güter noch Kapitalien, und da sie es für eine grosse Erniedrigung halten, ihre Kinder zu Handwerkern, Fabrikanten, Künstlern oder Handelsleuten zu erziehen, so sieht sich der Hof genötigt, die Besoldungen so klein als möglich zu machen, um den vielen gnädigen und gestrengen Herren, von denen 2 Drittheile zu seiner Bedienung überflüßig sind, grade soviel geben zu können, daß sie nicht verhungern. Ihr Stand ist also nichts als der gute Willen des Hofes, eine grosse Menge unnützer Bedienten zu ernähren, und ihr kühnes Vertrauen auf diesen guten Willen. Wenn man ihnen übrigens die gehörige Titulatur giebt, so sind sie die artigsten geselligsten und dienstfertigsten Geschöpfe von der Welt. Sehr viele von ihnen beschäftigen sich auch mit der Lektur der deutschen und französischen Dichter, besonders jener, die für das Theater gearbeitet haben. Die Theaterwut herrscht hier so stark, als zu München, und man lechzt nach der Ankunft einer fahrenden Schauspielergesellschaft wie im äussersten Sibirien nach der Wiederkehr des Frühlings. Ein französischer Ingenieur, in Diensten des Fürsten, hat ihnen ein niedliches Bühnlein gebaut, mit einigen säuberlichen Statuen und Säulen, die aber nichts zu tragen, haben als ein dünnes Brett vor dem Vorhang, mit dem Wappen des Fürsten. Im ganzen glaube ich hier mehr Aufklärung bemerkt zu haben, als zu München. Obschon der Landesherr ein Geistlicher Landesherr ein Geistlicher – Hieronymus Graf von Colloredo, seit 1772 Fürsterzbischof der Erzdiözese Salzburg, † 1812 ist, so giebt es hier nach dem Verhältniß der Grösse beyder Länder doch lange nicht so viele Klöster, als in Bayern, und die hiesige Geistlichkeit zeichnet sich durch gute Zucht, Demuth, Bestrebung ihrem Beruf nachzukommen und andre Tugenden von der bayrischen sehr aus. Man versteht hier die Regierungskunst unendlich besser, als zu München. In Rücksicht auf den Kopf kann man von dem jetzigen Fürsten nicht gutes genug sagen, aber – sein Herz kenne ich nicht. Er weiß daß er den Salzburgern nicht sehr angenehm ist, und verachtet sie daher und verschließt sich. Ich glaube die Vorwürfe, die man ihm macht, sind sehr übertrieben. Man will berechnet haben, daß er jährlich gegen 300.000 Gulden nach Wien an seine Familie schicke, und dem Land also einen guten Theil seines Markes entziehe. Ein Theil der Landesstände, nämlich fast das ganze Dohmkapitel hat beym Reichshofrath zu Wien einen Prozeß gegen ihn anhängig gemacht, und besonders die Beschwerde angebracht, daß er aus ihrer Kasse gegen Scheine vieles Geld genommen, und sie nun die Kisten anstatt klingender Münze voll Papier hätten, ohne abzusehn, wie es in baares Geld verwechselt werden könnte. Ich weiß nicht, in wie weit die Klagen des hochwürdigen Dohmkapitels gegründet sind, aber so viel ist gewiß, daß er in Rechtfertigung seiner selbst ungemein viel Feinheit und Verstand geäussert hat und daß einige Dohmherren gleich von Anfang seiner Regierung gegen ihn aufgebracht waren, weil sie sich Hoffnung zu der erzbischöflichen Würde gemacht hatten, die aber vom Hof zu Wien dem jetzigen Fürsten zugedacht war. Das, was er das Land geniessen läßt, so wenig es auch seyn mag, verwendet er wenigstens mit ungemein viel Verstand zum Besten desselben, und gemeiniglich zu guten Erziehungsanstalten. Er schont seine Geistlichkeit nicht, und hat den hiesigen Augustinern auf einmal gegen 100.000 Gulden weggenommen, und die eine Hälfte dieser Summe für sich, die andere aber zum Genuß des Publikums bestimmt. Er ist in allem, sogar auch in seiner einzigen Paßion, der Jagd, äusserst sparsam, und mit einem Bataillon wackerer Soldaten, einem der schönsten, die ich je gesehen, dessen Officiers ihm sehr zugethan sind, und welches ganz auf östreichischen Fuß gesetzt ist, kann er sich über alles Murren hinaussetzen. Alles athmet hier den Geist des Vergnügens und der Lust. Man schmaußt, tanzt, macht Musiken, liebt und spielt zum Rasen, und ich habe noch keinen Ort gesehen, wo man mit so wenig Geld so viel Sinnliches geniessen kann – Seit einiger Zeit soll die Venusseuche Venusseuche – Syphilis stark eingerissen haben. Doch die vielen blühenden Gesichter der mannbaren Mädchen, deren Gürtel fast durchaus gelöset sind, macht mich glauben, daß bloß die Neuheit das Uebel so groß macht – Man spricht hier von religiösen und politischen Gegenständen mit einer Freyheit, die der Regierung Ehre macht, und in den Buchläden kann man wenigstens die deutschen Schriften fast ohne Einschränkung haben – Einer der Haupttummelplätze der öffentlichen Lustbarkeit ist der eine Stunde von hier entlegene fürstliche Garten Hellbronn, wo Bier und Wein geschenkt wird. Das Merkwürdigste in demselben – einige vortrefliche Statuen von Marmor ausgenommen – ist ein großer Park, in dessen Mitte sich ein waldigter Berg erhebt. Auf einer Seite bietet er eine schrofe Felsenstirne dar, die einer Heerde Steinböcke zum natürlichen Aufenthalt dient, und welche man wegen ihrer zunehmenden Seltenheit in den Gebirgen des Landes hier nachziehn will. Auf der entgegensetzten Seite enthält dieser Berg in einer Kluft ein in den natürlichen Felsen gehauenes Theater, und auf der Vorderseite desselben steht im Schatten bejahrter Eichen und Buchen ein kleines Schloß, welches über einen Theil des Parks, den Garten und die Gegend umher bis zu den hohen Granitgipfeln gegenüber eine prächtige Aussicht beherrscht. Am Fuß des Berges weidet eine ungeheure Heerde Damhirsche, und in verschiedenen Nebenabtheilungen werden andre Gattungen von Gewilde aufbehalten. Auf der andern Seite stossen an den Garten eine kostbare Fasanerie, Teiche für Biber und verschiedene Behältnisse für seltsame Thiere. Alles ist für jedermann offen. Die hiesige Universität erhält sich durch die Kongregation der Benediktiner=Klöster, welche sie mit Lehrern besetzen. Den studierenden Unterthanen der schwäbischen Reichsprälaten, die mit im Bund sind, dient es zu einer Empfehlung, wenn sie zu Salzburg absolviert haben, und ausser diesen und den Eingebohrnen findet man wenig Studierende hier, obschon der größte Theil der Lehrstüle mit ausnehmend wackern Männern besetzt sind. Der Fonds der Universität ist zu klein, als daß alle die Fächer, worüber sich in unsern Zeiten das Reich der Wissenschaften ausgebreitet hat, gehörig besorgt werden könnten. Die sämtlichen Einkünfte derselben belaufen sich nicht viel über 5.000 Gulden. Zu dem Nationalstolz, welcher unter diesem Völkchen herrscht, weiß ich nicht, was ich sagen soll. Mir ist alles, was zum Glück der Menschen etwas beiträgt, gewissermassen ehrwürdig, so gering und unbedeutend es auch seyn mag. Wie unglücklich wären wir, wenn man uns die Spiele und Täuschungen unserer Einbildung nehmen wollte? Die Einwohner dieser Stadt ärgern sich höchlich darob, wenn man sie Bayern heißt. Ich dachte, weil ihr Land im Kreis dieses Namens läge, so wären sie so gut Bayern, als die Würtemberger Schwaben sind. Aber man belehrte mich sehr umständlich, daß die Vergleichung mit Schwaben nicht statt hätte, weil kein einzler Theil desselben ausschließlich Schwaben hiesse, daß der bayrische Kreis seinen Namen von dem Herzogthum hätte, weil es der größte Theil desselben sey, daß aber dieser Kreis im Grunde eben so gut der salzburgische heissen könnte. Man will hier mit den Bayern gar nichts gemein haben, und sezt sie sehr tief unter sich. Etwas mehr Geschmak, und gute Lebensart, und etwas weniger Bigoterie muß man den Salzburgern vor den Bayern einräumen; aber daß man den Abstand so groß macht, und die Bayern gar unter die Thiere herunter setzt, das muß man der mächtigen Fee Phantasie zu gut halten. Wenigstens sollten aber die hiesigen Herren und Damen bedenken, daß, wenn es jezt hier zu Lande etwas heiterer ist, als unter dem bayrischen Himmel, sie es bloß dem jetzigen Fürsten zu danken haben, der die magischen Dünste des Aberglaubens mit seinem geheiligten Stab aus seinem Gebiete verscheucht. Eine ebenso schnelle Revolution kann in kurzer Zeit die Bayern weit über ihren jetzigen Zustand hinaus sezen. Man hat hier noch Denkmale genug von der Finsterniß, die vor 15 und 20 Jahren sich über den hiesigen Horizont gelagert hatte. Im hiesigen Gefängniß der Geistlichen sizt noch ein Pfarrer, der um seiner Gemeinde einen starken Haß gegen die Sünde und eine lebhafte Forcht vor der Hölle einzujagen, seinen Schulmeister als einen Teufel ankleidete, ihn unter der Kanzel verstekte und auf seinen Ruf mitten in der Predigt neben ihm erscheinen ließ, um Zeuge der Wahrheit zu seyn. Für einen Mineralogen und Botaniker wäre dieses Land äusserst interessant; es hat aber das Unglück, wenig bekannt zu seyn, wenn das Geräuschmachen zum Glück der Menschen unumgänglich nöthig ist. Dieser Schaz ist der Zukunft aufbehalten, wenn einmal das Land ein Genie erzeugt, das seine Aufmerksamkeit auf diese Gegenstände wendet, oder der Schwarm der müßigen Reisenden, welcher wechselsweise die Alpen, die Appeninen, den Aetna, die Pirenäen u. s. w. gleich den Heuschrecken überzogen hat, endlich einmal auch seinen Flug in dieß Gebirge nimmt, und durch sein Geschrey ein ausländisches Genie zur Untersuchung reizt. Das Zillerthal ist besonders reich an verschiedenen Steinarten, und in verschiedenen Gegenden des Gebirges findet man von den seltensten europäischen Pflanzen. Ueber den Bau der Berge, über die Wirkungen und Produkten des Wassers in denselben und über ihre zu erwartende Revolutionen ließen sich hier herrliche Hypothesen spinnen. Ich muß dir noch von einem Fürstenthum des heiligen römischen Reichs Nachricht geben, von dessen Daseyn schwerlich ein Geograph bey uns etwas weiß. Es ist das Fürstenthum Berchtoldsgaden, welches ich dir auf der Spitze des Unterberges, der seine nördliche Gränze ist, zu einem flüchtigen Ueberblick schon gezeigt habe. Es besteht in einem kleinen, engen, mit den steilsten Felsen ringsum vermaurten Thale, welches kaum 3.000 Seelen enthält. Einige Seen nehmen den Boden des Thales ein, und eine ungeheure Waldung bedekt die niedern Abhänge der Berge. Auf einer Insel des grösten Sees hielten wir vor einigen Tagen ein herrliches Mahl mit Fischen aus demselben, einigen niedlichen Fleischgerüchten und kostbarem Tyroler Wein. In den tiefsten Schlünden und Klüften fehlt es hier an guten Köchen nicht. Die Natur des Landes ist weder dem Ackerbau noch einer einträglichen Viehzucht sehr günstig. Die Einwohner haben daher ihre Zuflucht zum Kunstfleiß genommen, der die Menschen in keinem Winkel der Erde darben läßt, und sinnreich und mächtig genug ist, alles auch die härtesten Steine in Brod zu verwandeln. In diesem unbekannten Thale, Bruder, wird der gröste Theil der Quinqualerie verfertigt, womit Nürnberg und Augspurg einen so ausgebreiteten Handel treiben. Die Steckenpferde, Raspeln, Guguck, hölzerne Männchen, Weibchen, Ratten, Mäuse und all das Spielwerk für kleine Kinder; die Kruzifixchen, beinerne Spielzeichen in den so niedlichen Strohkästchen, die Puder und Pomadebüchsen, und all das Spielzeug für die grossen Kinder, und kurz der größte Theil der Artikel, die man bey uns unter dem Titel der deutschen Waare begreift, kömmt aus diesem verborgenen Schlund. Es ist ein angenehmes Schauspiel, 2 bis 3 Familien, von den fast unmündigen Kindern an bis zu den Greisen in einer engen Hütte mit so seltsamen Produkten beschäftigt und die kleinsten Arbeiten von den plumpsten Bauernhänden verfertigen zu sehen. Wegen des erstaunlich geringen Preises ihrer Waaren können sie zwar keine Reichthümer sammeln, aber sie nähren sich alle redlich und haben genug. Die guten Leute wissen nicht, daß ihre Produkten bis zu uns, und mit grossem Gewinn von den Spaniern nach Amerika und den Engländern nach Ostindien geführt werden. Ein kleiner Theil derselben beschäftigt sich mit dem Salzsieden; aber da sie diesen Artikel bloß durch Bayern ausführen können und dieses Land so überflüßig damit versehen ist, so müssen sie es um einen Spottpreiß weggeben. Auch empfinden sie den Druck eines mächtigern Nachbars von der salzburgischen Seite. Salzburg soll seine Salzminen schon weit über die Berchtoldsgadner Gränze fortgesetzt haben, ohne daß man auf die Klagen dieses bedrängten Fürstenthümchens achtet. Außer diesem Thal, welches die unmittelbaren Reichs= und Kreislande der gefürsteten Probstey ausmacht, besitzt sie noch einige Güter in Oestreich und Bayern, und ihre sämmtlichen Einkünfte mögen sich auf ohngefähr 60.000 Gulden belaufen. Durch die Verschwendung einiger ehemaligen Pröbste ist sie in drückende Schulden gerathen. Siebenzehnter Brief. Passau. Von Salzburg fuhr ich auf der Salza und dem Inn zu Schiffe hieher. Wasserreisen haben in Betracht der zahlreichen Gesellschaft, die man öfters trift, ungemein viel Reitz für mich. Bis nach Burghausen war das Schiff gestopft voll. Da stieg die Hälfte meiner Reisegefährten aus; um nach dem nahgelegenen Oettingen zu wallfahren. Sie bestand aus einem Schwarm junger Leute beyderley Geschlechts, denen man sehr deutlich ansah, daß sie auf dieser heiligen Fahrt nichts weniger vor hatten, als ihre alten Sünden zu büssen. Wenn der erste Verführer dieser Mädchen nach der Aussage unserer Moralisten alle Schuld der Sünden tragen muß, die sie nachher begehen, so machen sie ihm aus Rache gewiß die Hölle heiß genug. Im Wirthshaus zu Burghausen blieben wir noch die Nacht über beysammen, und ich hatte viel Gelegenheit zu bemerken, daß meine Wallfahrer reichen Stoff zu ihrer bevorstehenden Beicht sammeln wollten. Es blieb mir noch zu meiner Unterhaltung Gesellschaft genug übrig, ob ich gleich einen östreichischen Werber mit seinen Rekruten und einige Studenten, die in die Ferien giengen, nicht geniessen konnte. Es schmiegte sich ein gnädiges Fräulein von Salzburg an mich, welches nach Wien wollte, um dort die Dienste einer Köchin oder eines Stubenmädchens zu verrichten, weil ihr Stand es ihr nicht erlaubte, sich auf diese Art in ihrer Vaterstadt zu ernähren. Das gute Kind nahm mich durch seine Gefälligkeit, sein gutes Herz, seinen Geschmak und seine ziemlich mannichfaltigen Kenntnisse wirklich ein. Es mußte mir versprechen, mir zu Wien nachzufragen, und mir zu sagen, wozu ich ihm allenfalls gut seyn könnte. Ein junges Frauenzimmer muß in einer fremden grossen Stadt in der ersten Zeit seines Aufenthalts äusserst verlegen seyn. Wir fuhren auf der Gränzscheidung zwischen Oestreich und Bayern. Das kleine Stück von Bayern kleines Stück von Bayern – das Innviertel, die Landschaft zwischen Salzach, Inn, Donau und der Hügelkette Hausruck, kam im Frieden von Teschen an Österreich ( s. 10. Brief) , welches Oestreich vor kurzem in Besitz genommen, und welches wir zur Rechten hatten, beträgt nicht über 38 deutsche Quadratmeilen, und enthält kaum 60.000 Menschen. Die Einkünfte daraus belaufen sich auf ohngefähr 180.000 Reichsthaler, und es ist kaum den achten Theil der Kosten werth, den Oestreich auf die Eroberung desselben verwendet. Der Plan dieses Hauses bey dieser Unternehmung war aber viel weit aussehender als man zu Versailles dachte, wo man den ganzen Handel wie einen Streit um eine Nußschale betrachtete. Es war nicht das erstemal, wo der preußische Hof unser hochweises Ministerium von den Folgen belehren mußte, die die Schritte gewisser Höfe nach sich ziehen würden, und die es ohne diese Belehrung nie überdacht hätte. Als der König von Preussen die östreichischen Ansprüche mit der Feder eben so nachdrücklich als mit dem Degen bestritt, und der Wiener=Hof sich durch Rußlands Erklärung vollends genöthigt sah, zu friedlichen Unterhandlungen zu schreiten, that er den Vorschlag, den Inn bis unter Wasserburg zur Gränze zwischen Bayern und seinen Landen zu machen, und sich von da über die Iser, die Donau und durch die Oberpfalz bis an Böhmen zu ziehn; dagegen wollte er einige seiner Besitzungen in Schwaben dem Hof zu München abtretten. Unser Minister, Herr von Breteuil Breteuil – Louis-Charles-Auguste le Tonnelier, Baron de Breteuil, französischer Diplomat, † 1807 , soll sehr geneigt gewesen sein, diesem Vorschlag seinen Beyfall zu geben; aber die genaue Kenntniß, die der Hof zu Berlin von dem Zustand und der Lage dieser Bezirke hatte, setzte ihn in Stand, unsern und den rußischen Ministern die Augen zu öfnen. Er belehrte sie, daß das östreichische Schwaben kein Aequivalent gegen diesen grossen Theil von Bayern seyn könnte, weil die Einkünfte, welche Oestreich zum Maaßstab der Vertauschung annehmen wollte, im erstern aufs Höchste getrieben, die bayrischen Lande aber in Betracht ihres bisherigen schlechten Anbaues in kurzer Zeit zu einem ungleich grössern Ertrag gebracht werden könnten. Er zeigte ihnen, daß Oestreich durch diesen Vergleich viel mehr gewinnen würde, als es schon wirklich von Bayern in Besitz genommen, indem ihm die Salzquelle zu Reichenhall und der Handel mit dem salzburgischen Salz zufiele, und es also nicht nur die noch übrigen bayrischen Lande, sondern auch den größten Theil von Schwaben und der Schweitz in einem wichtigen Bedürfniß von sich abhängig machte; daß Salzburg und Passau dem Hof zu Wien so gut als unterthänig gemacht würden, und daß endlich die Besitzungen des Hauses Pfalzbayern wegen der zerstreuten Lage des östreichischen Schwabens auf keiner Seite Konsistenz Konsistenz – Zusammenhalt hätten, und die Macht dieses Hauses, in Rücksicht auf den äussern Gebrauch derselben, so gut als vernichtet seyn würde. Diese Vorstellungen wirkten so viel, daß der Kaiser die Arrondierung Arrondierung – Zusammenlegung seiner deutschen Lande bis auf eine günstigere Zeit verschieben mußte. Ich glaube über lang oder kurz müssen sich die Bayern doch noch unter den östreichischen Zepter beugen, so sehr sie auch dagegen eingenommen sind. Ich als Weltbürger und Menschenfreund, der – wenn es um Erbschaften grosser Länder zu thun ist, mehr das Wohl meiner Mitgeschöpfe als das strenge Recht zu Rathe zieht, wünsche meines Theils, daß diese Veränderung sehr bald geschehen möchte. Auch eine viel bessere Regierung, als die jetzige, kann den Bayern die Vortheile nicht gewähren, die sie bloß von der Vereinigung ihres Landes mit Oestreich zu erwarten haben. Bevestigte Ruhe, ein leichterer Absatz ihrer Produkte und eine gemächlichere Versorgung mit den Bedürfnissen, die ihnen die Natur versagt, den östreichischen Landen aber gewährt hat, sind natürliche Folgen dieser Revolution. Nimmt man die persönlichen guten Eigenschaften des jetzigen kaiserlichen Hauses in Rücksicht auf Regierungskunst dazu, so muß man den Bayern glückwünschen, wenn Oestreich einmal seine Ansprüche auf ihr Land mit mehr Nachdruck geltend macht. Passau ist eine arme, meistentheils schlecht gebaute Stadt, den um die Residenz des Fürsten und gegen die Donau zu gelegenen Theil ausgenommen, der wirklich schön ist. Sie lebt bloß von dem kleinen Hof, dessen Einkünfte sich auf ohngefähr 220.000 Gulden belaufen sollen, und von den Dohmherren, deren Pfründen unter die fettesten in Deutschland gerechnet werden. Man schätzt eine derselben auf etwas mehr als 3.000 Gulden, da eine salzburgische nicht über 2.600 Gulden einträgt. Aber fast alle Domherren besitzen 2, 3 bis 4 Pfründen zugleich, und sind noch Glieder der Kapitel zu Salzburg, Augspurg, Regenspurg u. a. m., und daher giebt es in Deutschland wenige Dohmherren, deren Einkünfte sich nicht über 5.000 Gulden belaufen. Die Einwohner der geistlichen Residenzstädte sehen sich alle gleich. Schmaussen und die goldnen Werke der Göttin von Paphos Göttin von Paphos – die Liebesgöttin Aphrodite sind ihre größten Beschäftigungen, und ihre Armuth und der gute Humor, der selten einen Liebhaber dieser Beschäftigungen verläßt, macht sie sehr gefällig, dienstfertig und geschmeidig – Der hiesige Dohm ist ein sehr prächtiges Gebäude. Der Sprengel des Bischofs, welcher unmittelbar unter dem Pabst stehet, erstreckt sich fast bis nach Wien. Seine geistliche Gewalt im östreichischen ist aber sehr eingeschränkt. Mit der Zeit dörfte sein Sprengel leicht bis vor die Thore seiner Residenz eingeschränkt werden; denn auf der Gränze des venetianischen Gebietes und noch an mehrern Orten hat der kaiserliche Hof deutlich genug geäussert, daß er sein Gebiete von aller fremden geistlichen Jurisdiktion Jusisdiktion – Gerichtsbarkeit soviel als möglich unabhängig machen will – In dem hiesigen kleinen Lande giebt es vortrefliche Porzellän= und Hafnererde. Die erstere wird bis an den Rhein verführt. Einige Leute, die über Helvetien geschrieben, wollen diesem Lande mit aller Gewalt die Ehre beymessen, daß dasselbe, und nicht das Schwabenland die eigentliche Quelle der Donau sey. Ihr Hauptbeweisgrund ist, daß hier bey dem Einfluß des Inns in die Donau der erstere Strom eine grössere Masse Wasser habe als der letztere. Die Sache ist im Grunde nur ein Wortstreit; denn wer will dem Publikum das Recht streitig machen, die Flüsse nach seiner Willkühr zu benennen. Der Fluß Brege im Schwarzwald, welcher an dem Ort seiner Vereinigung mit der eigentlichen Donau, ungleich stärker ist als diese, muß sich schon gefallen lassen, seinen Namen dem Eigensinn des Publikums aufzuopfern. Aber auch der Beweis, den die Freunde der Schweitz für den Inn wollen geltend machen, beruht bloß auf einem Scheingrund. Man kann einen sehr kleinen bestimmten Theil eines Flusses nicht zum Maaß der ganzen Grösse desselben annehmen. Ein lockerer Boden des Bettes, ein stärkerer Strom u. dgl. m. machen die Masse des Wassers in einem Fluß zufälligerweis sehr verschieden. Hier, wo sich der Inn mit der Donau vereinigt, strömt diese zwischen Bergen mächtig daher, und hemmt den erstern, der ihr in die Quere kommt, und sich auf einen flächern und weichern Boden bey seiner Mündung mehr ausbreiten kann. Die Donau läßt hier zuverläßig in dem nämlichen Zeitraum viel mehr Wasser vorüberströmen, als der aufgehaltene Inn, und ist weit über Regenspurg, noch ehe sie die starken Flüsse Altmühl, Nab, Regen und Iser zu sich genommen schon ein mächtigerer Strom als der Inn zwischen Wasserburg und Innspruck, welcher durch die sehr unstete Salza im Durchschnitt eben nicht viel Zusatz bekömmt. Schwaben hat ohne Widerrede die Ehre, die Mutter des gewaltigen Donaustroms zu seyn, mit dem sich unter den europäischen Flüssen nur die Wolga messen kann. Wenn man das ganze Gebiete der 2 Flüsse, die sich hier vereinigen, bis n ihren Zusammenfluß überschaut, so ist jenes des Inns, in Betracht der Krümmung zwar ein wenig länger, aber viel schmäler, als das weite Donaugebiet. Bis unter Kuffstein fließt der Inn in einem sehr engen Thale, dahingegen die Donau Oberschwaben und Bayern in der ganzen Breite beherrscht. Die Iller und der Lech sind bey ihrem Einfluß in die Donau auf ihrem langen Lauf schon so stark geworden, als der Inn bey Inspruck ist. In einem sehr engen Thale bekömmt dieser Fluß keine Nahrung, als von kurzen Gletscher= und Waldbächen, indessen die Donau alle Säfte eines der wasserreichsten Länder, das etliche und 40 Meilen in die Länge und 30 in die Breite hat, verschlingt. Auf meiner Reise durch Deutschland bis hieher kam ich nun durch 3 grosse Thäler, die von dem Rhein, dem Necker und der Donau der Länge nach durchströmt werden. Das Vogesische Gebirge und der Schwarzwald, die von Süden nach Norden parallel laufen, bilden das erstere. Der Schwarzwald deckt es gegen die kalten Ostwinde, und die verschiedenen Arme dieser parallelen Gebirge schützen es auch gegen die unfreundlichen Stösse des Nordwindes. Es genießt eine angenehme und gemäßigte Witterung, welche die Weintrauben zu einer vollkommenen Zeitigung gedeihen läßt. Das Nekerthal ist von einer ähnlichen Beschaffenheit; aber das ungeheure Donauthal steht der Wuth aller unfreundlichen Winde offen. Der größte Theil desselben ist gegen Norden und Nordosten abhängig, wie man aus dem Lauf der Flüsse, Iller, Lech, Iser u. a. ersieht. Hier schützt den zärtlichen Vater Bacchus Bacchus – der Gott des Weinbaus nichts gegen die Grobheit des Boreas und des Aquilo Boreas und des Aquilo – Nordost- und Nordwind . An der Iser und Donau unter Regenspurg hat man zwar Versuche mit dem Weinbau gemacht; aber man gewinnt bisher von dem Weinstock noch nichts als Eßig. Ich glaube, dieser ganze Strich Landes ist noch zu waldigt und wässerigt, als daß die Traube in der hiesigen Luft zeitigen kann. Was war Schwaben und das Rheinland zu Tacitus Tacitus – römischer Politiker und Geschichtsschreiber, Autor der »Germania«, † 120 Zeiten? Wie weit war nicht dieser Römer entfernt zu glauben, der Weinstock könne auf deutschem Boden Nahrung finden. Er verzweifelt sogar, daß unter diesem Himmel Obst wachsen könne. Und doch trägt itzt Schwaben herrliche Weine, die dem Falerner Falerner – Weinsorte, in der Antike der berühmteste Wein Italiens, wird in Kampanien angebaut und allen den gepriesenen römischen Weinen den Rang streitig machen, und das noch wildere Bayern bringt gutes Obst in Ueberfluß hervor. Mit dem Anbau eines Landes verändert sich seine Luft. Die Austrocknung des Bodens macht sie wärmer, und wer weiß, wie viel nicht die Ausdünstung einer starken Volksmenge auf die Luft wirken kann? Mit der Zeit können ohne Zweifel auch glücklichere Versuche in Bayern mit dem Weinbau gemacht werden. Die Abhänge der Berge am linken Ufer der Donau, zwischen hier und Regenspurg biethen für die Rebe eine günstige Pflanzstätte dar, indem sie gegen die schlimmern Winde gedeckt sind; und der Wein, der wirklich in der Gegend von Passau gezogen wird, verdient allerdings diesen Namen. Uebrigens hat dieses grosse Donauthal, welches hier auf der linken Seite des Flusses von einem Arm des böhmischen, auf der rechten aber von einem Ast des steyrischen Gebirges geschlossen wird, den besten Getraideboden. Es könnte sehr leicht noch einmal so viele Menschen nähren, als es wirklich enthält. Oft ist in Bayern der Preis des Getraides so gering, daß dem Bauern kaum die Mühe des Baues bezahlt wird. 170 Pfund Roggen werden öfters unter 2 Gulden verkauft. Die Schifffahrt ist in dieser Gegend der Donau bey weitem nicht so beträchtlich, als sie es am Oberrhein ist. Man versteht es noch nicht, den Strom gemächlich aufwärts zu fahren. Die meisten Schiffe, welche hier vorübergehen, kommen von Regenspurg und Ulm, sind ohne Masten, ohne Theer, bloß von Tannenbrettern gebaut und werden zu Wien oder anderstwo verkauft. Der Kaiser hat den Schifleuten, die ihre Fahrzeuge nach rheinischer Art bauen würden, ansehnliche Belohnungen versprochen; aber es geht hier wie überall. Es hält schwer, den mechanischen Theil des Publikums aus seinem gewohnten Gleise zu bringen. Die Schifleute, mit denen ich gesprochen, wollen gar nichts von Masten und Segeln hören. Sie sagen, der Mast drücke das Schiff vorne nieder, wenn es gezogen würde. Umsonst erklärt man ihnen, daß, wenn an das Seil, welches von der Spitze des Mastes ans Ufer geht, ein Querseil angebracht wird, das an der Spitze des Vordertheils des Schiffes bevestigt ist, und in einer Rolle an jenem grossen Seil hängt, auf diese Art das Schiff nicht niedergedrückt werden kann, indem die Richtung des Zuges alsdann horizontal geht. Es ist unausstehlich, ein Schiff die Donau heraufziehn zu sehn. Das Seil ist an dem Vordertheil des Schiffes bevestigt, und wird von 15 bis 18 der stärksten Pferde auf dem Rand des Ufers fortgeschleppt. Es rasiert alles kleine Gesträuche, das ihm in den Weg kömmt, und wenn das Hinderniß etwas zu groß ist, so müssen 1 bis 3 Kerls dasselbe mit Hebeln lüften. Das Schiff wird in seinem Schneckengang alle Augenblicke aufgehalten, und oft müssen in einem Raum von einigen hundert Schritten die Pferde mehrmal ausgespannt werden. Das Reiben des Zugseiles auf der Erde vermehrt die Last wenigstens um soviel als ein Pferd ziehen mag, und mit dem Segel könnten oft mehrere Pferde erspart werden. Die unbetheerten Schiffe werden in dem süssen Wasser und von der Sonnenhitze gar bald leck. Weil die Fahrt den Strom hinauf noch nicht sehr gewöhnlich ist, so fehlt es von Stationen zu Stationen an Mietpferden, und die Schifleute sind gezwungen, alle Pferde für die ganze Reise mitzunehmen, ob sie schon an manchen Orten einige ersparen könnten. Der Rheinschiffer genießt die Gemächlichkeit, daß er bald mit 2, bald mit 6 Pferden fahren kann, je nachdem ihm die Gegend des Stromes oder der Wind günstig ist, welches er bloß der starken Befahrung dieses Flusses zu verdanken hat, wodurch die am Ufer wohnenden Landleute in den Stand gesetzt werden, Pferde auf kleine Stationen zur Miete für die Schiffer herzugeben. Alle diese Hindernisse können jetzt so leicht noch nicht gehoben werden, und einige fallen von selbst weg, sobald die Handlung der Donaulande beträchtlicher seyn wird. Das größte Donauschiff, welches diese Gegend bis nach Wien befahrt, ladet öfters 2.500 Zentner, welches ohngefähr so viel als die Ladung eines zweymastigen Seeschiffes beträgt. Lebe wohl. Achtzehnter Brief. Linz – Ich erwartete zu Passau das ordinäre ordinär – hier: öffentlich, regelmäßig fahrend Wochenschiff von Regenspurg, und wollte mit demselben gerade nach Wien fahren. Die Schifleute machten bey der größten Luftstille unter dem Vorwand eines bald zu erwartenden bösen Windes so oft Halt, daß mir die Geduld ausbrach. Ich merkte wohl, daß es ihnen darum zu thun war, um an den kleinen Orten ihre Kontrebande Kontrebande – Konterbande: Schmuggelware mit guter Art an Land zu bringen. Meine Reisegesellschaft hatte auch zu wenig Reitz für mich. Sie bestand aus einem Schwarm Handwerkspursche, die mit dem Rudern ihre Fracht bezahlen, und aus einer Menge Bauerndirnen, die zu Wien als Mägde unterkommen wollen. Einige derselben waren sichtbarlich in gesegneten Leibesumständen, und schienen ihre Heimat verlassen zu haben, um in dem Spital zu Wien mit geringerer Schande, auf Kosten des Kaisers, entbunden zu werden. Oestreich soll immerfort auf dieser Seite einen starken Zufluß von Bevölkerung dieser Art erhalten. Der ganze Troß, sammt den groben Schiffern war mir platterdings ungenießbar, und die Stadt Linz mit der Gegend umher lachte mich zu freundlich an, als daß ich nicht aussteigen und auf einige Tage nähere Bekanntschaft mit ihr machen sollte. Zu Engelshartszell wurden wir visitirt. Alles geschah in der besten Ordnung und mit ziemlich viel Gelindigkeit. Man hatte einen ganzen Tag mit dem Plombieren der Waaren unsers Schiffes zu tun. Es war mir ein unerklärliches Räthsel, wie die Schiffer ihre Kontrebande, von deren Daseyn ich überzeugt war, durchbringen konnten; denn die Mauthbedienten schienen mir eben nicht sehr geneigt zu seyn, sich bestechen zu lassen. Auf meine Bücher richteten die Herren Visitatoren ganz vorzüglich ihre Aufmerksamkeit. Youngs Young – Edward Young, englischer Dichter, 1742 veröffentlichte er »Klagen oder Nachtgedanken über Leben, Tod und Unsterblichkeit«, † 1765 übersetzte Nachtgedanken, die ich von einem armen Studenten zu Salzburg aus Erbarmen gekauft hatte, nahm man mir als ein verbotenes Buch weg, und Gibbons Gibbon – Edward Gibbon, brit. Historiker, verfaßte eine 6bändige Römische Geschichte, die 1783 auf den Index kam und deshalb weite Verbreitung fand. † 1794 Werke ließ man durchgehn. Der erste ist ein Christ bis zur Schwärmerey, und bloß der kleine Ausfall, den er wegen des Begräbnisses seiner Tochter – nicht gegen die Katholiken überhaupt, sondern bloß gegen die Stadt thut, die seinem Kind das Begräbniß versagte, hat ihn neben den Machiavels, Spinozas Spinoza – Benedictus de Spinoza, † 1677, jüdisch-holländischer Philosoph und Theologe , Bolingbrokes Bolingbroke – Henry Saint John Bolingbroke, engl. Politiker und Schriftsteller, vermittelte 1713 den Frieden zu Utrecht. Sein »Briefe über das Studium und den Nutzen der Geschichte« erregten großes Aufsehen, † 1751 u. dgl. m. an den heiligen Pranger gebracht. Wie lächerlich wird der Index, wenn man offenbar sieht, daß öfters der blosse Titel sein Werk brandmarkt, und wenn man bedenkt, daß kein Zensurkollegium im Stande ist, mit der ungeheuern Menge neuer Bücher, die in den kultivirten Sprachen unserer Zeit erscheinen, augenblicklich so bekannt zu seyn, daß man ihnen sogleich auf die Grenze Steckbriefe entgegen schicken, und den Eintritt in das Land wehren könne. Gibbon ist ein erklärter Feind der Religion, und hat doch über Oestreichs Gränze eindringen können. Ich höre zwar, daß man zu Wien die Bücher, welche den Zensoren fremde sind, nicht eher verabfolgen läßt, bis man sie ganz durchgelesen hat; aber ich werde die Herren dieser Mühe zu überheben wissen – Vielleicht ist dieß die einzige schwache Seite der kaiserlichen Regierung – Es ist sehr unökonomisch gehandelt. Das Bücherverbot erhöht nur ihre Preise im Lande. In der Schweitz, zu Inspruck, zu Salzburg und an andern Orten erfuhr ich, daß jährlich eine ungeheure Menge verbotener Bücher auf dieser Seite in die östreichischen Lande gebracht wird. Officiers vom ersten Rang, Präsidenten und Räthe sind bey diesem Schleichhandel intereßiert, und das Verbot hat keine andre Wirkung, als daß z. B. Bayles Bayle – Pierre Bayle, franz. Schriftsteller und Philosoph, wichtiger Vertreter der Frühaufklärung. Forderte im Zusammenhang mit der Erscheinung des Halleyschen Kometen von 1680 »alles Wissen muß ständig kritisch überprüft werden«. Er entwarf eine nichtreligiöse Ethik (»ein Atheist ist nicht zwangsläufig auch sittenlos«) und brandmarkte die unheilige Verquickung von Staat und Kirche in Frankreich. 1702 erschien »Peter Bayles historisches und kritisches Wörterbuch«. † 1706 Diktionäre, welches sonst 5 Louisdor kostet, zu Wien mit 100 Thaler bezahlt wird, und um diesen Preiß häufig genug zu haben ist – Ohne Zweifel wird dieser Schleichhandel auf der sächsischen und slesischen Grenze eben so stark getrieben. Sobald man den Fuß auf östreichischen Grund und Boden gesetzt hat, fühlt man lebhaft, daß ein ganz andrer Regierungsgeist das Land belebt. Die Wohnungen der Landleute, ihre Kleidung, ihre Gesichtszüge, der Anbau ihrer Güter, alles zeichnet sie zu ihrem Vortheil auffallend von den Bayern aus. Gestern sah ich hier einige Bauern in einspännigen Kaleschen zu Markte fahren, die völlig wie die reichern Pachter in England oder die nordholländischen Bauern aussehen. Ihr volles Gesicht, ihre ausgefütterten Pferde und das gute Geschirr sprachen von einem Wohlstand, die ihr langer, brauner, aber doch sehr reinlicher Wollenkittel, ihre plumpen Schuhe ohne Schnallen, und ihre grossen abgekremten Hüte nicht zu verrathen schienen. Diese reichern Bauern nennt man hier Landler, und ihre beträchtliche Anzahl macht der Regierung viel Ehre. Ueberall erblikt man Spuren des Wohlstandes, und es ist mehr Sitte, als dringende Armuth, daß man besonders unter dem Titel Titel – hier: Vorwand zur Aussteurung einer Braut oder eines Bräutigams von den Landleuten angebettelt wird – Die grossen, abgekremten, grauen oder schwarzen Filzhüte lassen den hiesigen Bauernmädchen, so wie ihre ganze Kleidung ungemein schön [erscheinen]. Oberösterreich ist gegen die befruchtenden West= und Südwinde von grossen Bergen verschlossen, und auch dem reinigenden Nordwinde ist vom böhmischen Gebirge der Zugang erschwehrt. Nur der Ostwind hat durch einen Theil desselben freyen Zug. Das sehr wasserreiche Land kann also nicht anders als sehr feucht seyn. Der bergigte und waldigte Boden ist dem Ackerbau nicht sehr günstig, und sein Reichthum besteht hauptsächlich in der Viehzucht, in Salz und Obst, dessen Most den Mangel des Weines ersetzt. Linz, die Hauptstadt dieses Landes, hat eine vortrefliche Lage. Auf dem Schloßberg, welcher auf der Westseite der Stadt liegt, beherrscht man eine prächtige Aussicht auf eine ungeheure Ebene zur Rechten der Donau, die gegen Süden von den himmelhohen steyrischen Bergen geschlossen wird, deren Häupter oft über die Wolken emporragen. Jenseits der Donau, der Stadt gerade gegenüber stellt sich ein ungemein schönes Amp[h]itheater dar. Der Halbzirkel der schönen und hohen Berge, die es bilden, stößt an der Donau an. Der tiefe und weite Grund desselben ist dicht mit Dörfern und Höfen besäet, und auf den waldigten Abhängen der Berge nehmen sich einige Schlösser vortreflich aus. Die majestätische Donau giebt dieser schönen Landschaft noch mehr Pracht, Leben und Mannichfaltigkeit. Die Stadt ist sehr schön und fast durchaus von Steinen erbaut. Unter den 12.000 Einwohnern, die sie ohngefähr enthält, herrscht so viel Industrie, Geselligkeit und Wohlstand, daß mir die Erinnerung der bayrischen Städte im Abstich mit dieser aneckelt. Es giebt hier einige sehr beträchtliche Manufakturen, und die Handlung der Stadt ist sehr ausgebreitet. Der ziemlich zahlreiche und gutgesittete Adel, die Officiers der hier einquartirten Truppen und einige Professoren bieten die besten Gesellschaften dar. Die Stadt ist ganz offen, und das Ländliche ist nach meinem Geschmack so schön mit dem Städtischen vermischt, daß ich hier meine beständige Hütte aufschlagen würde, wenn mir mein irrender Rittergeist Ruhe gestattete. Der hiesige Adel besteht zwar bloß aus solchen Familien, deren Einkünfte zu eingeschränkt sind, als daß sie mit Anstand zu Wien leben könnten; aber dadurch ist man des imposanten Tones überhoben, womit der reiche deutsche Adel seine Gesellschaft so abschreckend macht. Das hiesige Frauenzimmer ist mit den guten Manieren, der Lektüre und den gesellschaftlichen Situationen viel besser bekannt, als die Bayerinnen und Schwäbinnen, die aber an Fleisch reichlich ersetzen, was ihnen an Geist gebricht. Man schreibt es dem Wasser und der feuchten Luft zu, daß hier das Rothe auf den Wangen so selten ist, und die sprechenden und einnehmenden Gesichtszüge des hiesigen Frauenzimmers den Fremden auf das Welke ihrer Körper nur noch aufmerksamer machen; allein ich glaube, die Hauptquelle des Uebels liegt anderstwo. Eine starke Besatzung ist selten der Gesundheit des Frauenzimmers zuträglich – Die Kleidung der gemeinen Weibsleute ist die niedlichste, die ich je gesehen. Ihr Temperament scheint sehr reitzbar zu seyn, welches das Verwelken ihrer Körper beschleunigt. Die Art, wie man die herankommenden Fremden behandelt, entspricht nicht dem sanften, menschenfreundlichen Ton, den sonst die östreichische Regierung annimmt. Man eskortirte uns wie Gefangene aus dem Schiff zur Hauptwache, und ich mußte über eine halbe Stunde in der stinkenden Stube stehen, bis der Officier mit der Miene eines Inquisitors die Kundschaften Kundschaften – Führungszeugnisse der Handwerkspursche durchschaut hatte, und es ihm endlich beliebte, meinen Paß zu besichtigen. Es war ihm mehr darum zu thun, einen Rekruten zu werben, als sich und seine Obern durch gute Art den Fremden zu empfehlen. Ich hatte meine Tobaksdose in dem Schiff vergessen, und da ich wußte, daß es zu Ens, einige Stunden von hier, halten mußte, um einige Waaren auszuladen, so machte ich durch die reitzende Landschaft einen Spaziergang dahin. Ich kam eben dazu, als einige Unterofficiers mit grober Ungestümme an Bord stiegen, um die Handwerkspursche, die sich zu Linz hinlänglich legitimirt zu haben glaubten, noch einmal zu visitieren. Sie nahmen 2 Böhmen mit Gewalt unter dem Titel weg, daß es den Landeskindern verboten sey, sich ohne besondere Erlaubnis aus ihrer Provinz irgendwohin zu begeben. Unterdessen gieng das Schiff weg; die Böhmen legitimirten sich durch ihre Papiere, und mußten nun einige Meilen zu Fuß laufen, um wieder zu dem Schiff zu kommen. Die Absicht der Soldaten war, die guten Leute durch diesen Aufenthalt in Verlegenheit zu setzen, um sie zu Werbunterhaltungen geneigt zu machen. Gewaltthätigkeiten von dieser Art hat ein Reisender vom niedrigsten Stande in Frankreich nicht zu beförchten. Wenn sein Paß besichtigt und sein Koffer durchsucht ist, wird er nirgends mehr angehalten – Ich stand heute am Ufer der Donau, u. [um] die Leute aus einem Ulmer Schiffe aussteigen zu sehn, in deren Gesellschaft ich morgen meine Reise fortsetzen werde. Unter denselben befanden sich 2 unserer Landsleute; der eine ein betagter Mann, der zu Wien als Sprachmeister sein Brod suchen will, und der andere ein Friseur. Ein Stokböhme Stockböhme – ein waschechter Böhme foderte mit aufgepflanzter Bayonnette die Pässe und Kundschaften ein, und riß sie vielen mit einer gewissen groben Wildheit aus den Händen, die ich ihm nicht verargte, weil sie ihm natürlich war. Der Sprachmeister schöpfte aus dieser unfreundlichen Art den Argwohn, es könnte mit den Pässen unrichtig zugehen und vielleicht mancher dem Eigenthümer vorenthalten werden, um Ansprüche auf seine Person zu bekommen. Es war ihm nicht um sich selbst, sondern um den jungen, wohlgewachsenen Friseur zu thun, der den Soldaten in die Augen stechen mußte. Er raffte all sein bisgen Deutsch zusammen, um dem Soldaten seine Bedenklichkeit begreiflich zu machen. Aber dieser verstand als ein Stokböhme kein Wort davon, und ward durch die anhaltenden Vorstellungen des Franzosen so aufgebracht, daß er ihm bald den Flintenkolben unter die Ribben gestoßen hätte. Der Franzose äusserte gegen die umstehenden Zuschauer, daß man in seinem Vaterlande die Fremden anderst behandelte, und nun mischte sich ein Eingebohrner ein, der ihm unter die Nase sagte, wenn ihm diese Art nicht gefiele, so sollte er zu Hause bleiben – Ein Fremder, dem nicht die bessern Gesellschaften geradezu offen stehen, ist hier zu Lande überhaupt schlecht empfohlen. Vorstellungen sind hier übel angebracht. Ueberall steht der allmächtige Stok zur Antwort bereit, und überall fühlt man, daß man in einen militärischen Staat gekommen ist, der strenge auf Subordination Subordination – Unterordnung hält. Leute von Stand empfinden diesen Druk nicht, aber ich denke, man wäre allen Menschen ohne Ausnahme Billigkeit und Liebe schuldig. Bey uns nimmt auch der geringste Soldat eine Vorstellung an, und beantwortet sie, so gut er kann. Alles beeifert sich, dem Fremden zu zeigen, daß man an seinem Schiksal Theil nimmt, daß man froh ist, ihn bey sich zu sehen, und stolz, ihm durch gutes Betragen den Aufenthalt angenehm zu machen. Offenbar begegnete man uns bey der Mauth zu Engelhartszell etwas gelinder, weil wegen der zu beförchtenden Desertion Desertion – Fahnenflucht keine Truppen dorthin gelegt werden können, und also die Civilbedienten eher ein Wort in Güte annehmen müssen. Aber hier, wo die ganze Luft vom Schwingen der Korporälstöcke ertönt, muß man jeden Blik eines Unterbedienten als ein Gesetz annehmen – Bruder! in Betracht der schönen Sitten und wahren Menschenliebe können wir immer stolz auf uns seyn. Es ist kein Vorurtheil. Unter den übrigen europäischen Nationen ist die gute Lebensart fast durchaus nur auf die kleine höhere Klasse eingeschränkt; aber man muß auch unserm Pöbel die Ehre lassen, daß er es lange nicht so sehr, als in andern Ländern ist, und die sogenannte Freymüthigkeit einiger unserer Nachbarn ist gar oft nichts als eine durch schlechte Erziehung angewöhnte Grobheit und Verwilderung der Sitten. Neunzehnter Brief. Wien – London ausgenommen, lieber Bruder, ist gewiß keine grosse Stadt so schlecht mit Gasthäusern versehen, als Wien. Die wenigen Stunden, die ich nun hier bin, habe ich fast bloß mit Fluchen zugebracht. Da wies man mich in eins der berühmtesten Gasthäuser, dessen Namen ich nicht nachsprechen kann, so sehr meine Zunge auch an die wiehernde deutsche Sprache gewohnt ist. Soviel weiß ich, daß man es einen Hof betitelt. Da brennte man in der sogenannten Gaststube, die einem unterirdischen Gewölbe ähnlich sah, bey hellem Mittag ein Licht. Der schmutzige Kell[n]er sagte mir, alle Zimmer seyen von einer Truppe Komödianten besetzt, und ich nahm meinen Weg zum Ochsen, dem allerberühmtesten Gasthof in der Hauptstadt Wien. Da mußte ich wie auf einen hohen Thurm hinaufkletern, in ein schwarzes Kämmerlein, wo ich keine Luft und keine Aussicht als auf Dächer hatte. Ich fragte um den Preis dieses Loches, und da forderte man 56 Kreutzer des Tages. Ich lief was ich laufen konnte den babylonischen Thurm Babylonischer Turm – Anspielung auf den Turmbau zu Babel in der Genesis wieder herab und fragte nach einem andern berühmten Gasthaus. Man führte mich in den wilden Mann, der immer noch unter die 4 bis 5 ersten Gasthöfe der Kaiserstadt Wien gehört, und da habe ich nun eine Art von Gefängniß in Besitz genommen, wo ich durch mein Fenster nichts als schwarze Mauern sehe, worinn, ausser dem schlechten Bett, einem Tisch und Stul von schwarzen Tannenbrettern, nicht das geringste befindlich ist, in welches ich nur über 4 bis 5 Stiegen kommen kann und das ich doch täglich mit 42 Kreuzer oder beynahe 2 Livres unsern Geldes bezahlen muß. Als die Rede vom Essen war, da war weder eine Table d'hote Table d'hote – Gemeinschaftstafel noch etwas ähnliches im Haus. Der Keller stellte sich steif vor mich hin und nannte mir 20 bis 30 Gerüchte in einem Athem so geschwinde daher, daß ich nichts unterscheiden konnte. Ich mußte es platterdings seiner Diskretion überlassen, die Speisen für mich zu wählen. Nun giengs an ein Fragen, für wie viel Kreutzer Suppe, für wie viel Gemüß, für wie viel Braten u. s. w. ich haben wollte, als wenn man im ersten Augenblick mit dem Werth der Dinge in einer Stadt bekannt seyn könnte. Ich sagte ihm nur, er soll mich nach seinem Gutbefinden füttern, und ich wollte dann alles richtig bezahlen. Zum guten Gebrauch für die Zukunft erkundigte ich mich um den Preis jeder Schüssel, wie sie mir aufgetragen wurde, und ich muß gestehn, daß alles sehr billig war. Um 20 bis 24 Kreutzer kann man hier ein ziemlich gutes Mittagessen nebst einem Schoppen Wein haben. Aber die Art zu speisen ist traurig. Jeder setzt sich besonders in einen Winkel, bewegt eine Zeit lang die beyden Kinnbacken und die Hände, bezahlt seine Zeche, und geht fort ohne ein Wort geredt zu haben. Man hört in der Gaststube nichts, als das Scharren mit den Löffeln und das Geräusche des Kauens. Ich bin, wie du weißt, nur halb satt, wenn ich vom Tisch aufstehn muß, ohne meinen Theil geplaudert zu haben. Man sollte glauben, es sey hier eine Taxe Taxe – Gebühr auf das Reden gelegt. Wie verschieden von Paris! Wie lebhaft sieht es da in den Gaststuben aus! Wie bekannt thun nicht da alle Fremden und Eingebohrnen zusammen im ersten Augenblick wo sie einander sehn! – An der Thüre des Gastzimmers ist ein Zettel angeschlagen, worauf mit grossen Buchstaben gedrukt zu lesen ist, daß der Wirth 10 Thaler Strafe zu erlegen habe, wenn er auf die Fasttäge einem bekannten Katholiken Fleisch zu essen gäbe – Ich bekam Fleisch im Ueberfluß, ob es schon heute Freytag ist. Der Keller nahm sich die Mühe nicht, sich um meine Religion zu erkundigen, und da that er wohl daran. Nach dem Essen legte ich mich ans Fenster der Gaststube, woraus ich einen grossen Theil einer der gangbarsten Strassen dieser Stadt, nämlich der Kärnthnerstrasse überschauen konnte. Das Gewimmel ist nicht viel geringer, als das in der Gegend der neuen Brücke zu Paris, und es sieht hier viel bunter aus. Türken, Raizen Raizen – Griech.-Orthodoxe Serben , Pohlen, Ungarn, Kroaten und ich glaube, auch Panduren Panduren – ungarische Soldaten und Kosaken und Kalmüken Kalmüken – Kalmücken, mongolisches Volk, damals hauptsächlich an der unreren Woga beheimatet durchkreutzen auf eine stark abstechende Art den diken Schwarm der Eingebohrnen, der sich in ungläublicher Stille durch die Strasse drängt. Entweder weiß man hier nichts zu reden, oder man scheut sich laut zu reden. Wenn zwey Bekannte mit einander gehn, so lispeln sie auf der Seite einander zu, und wenn die Kutschen nicht etwas Lärmen machten, so verspürte man auch in dieser Hauptstrasse bey eingeschlossenen Fenstern nichts davon, daß man in einer grossen Stadt ist. Wie verschieden von Paris, London und Neapel! Ohne Zweifel werde ich hier noch Verschiedenheit genug finden, um dich auf eine lange Zeit unterhalten und dir einen Begriff von der Hauptstadt des ganzen Deutschlandes Deutschland – dazu gehörten damals noch Hinterpommern, Schlesien, Böhmen, Mähren, Österreich, Steiermark, Luxemburg, Jülich, Kleve; nicht aber West- und Ostpreußen. und aller östreichischen Staaten geben zu können. Indessen, bis ich einen bessern Standpunkt, als meine hohe Felsenhöhle in diesem Gasthaus ist, bekommen werde, meine Beobachtungen anzustellen, will ich dir von meiner Fahrt von Linz hieher Nachricht geben. Unser Schiff war nach dem Riß Riß – die Konstruktionszeichnung eines Gebäudes. Das Wort ist heute noch in den Begriffen Reißzeug und Reißbrett, auch Grundriß lebendig der Arche Noahs gebaut, ohne Fenster, durchaus verdeckt, und Menschen, Waaren, Thiere und Ungeziefer ohne Unterschied durch einander eingepackt. Was eine Art von Kajüte vorstellen sollte, war der Vordertheil. Eine hohe Lage Zuckerkisten bildeten die hintere Wand, und auf einer Seite war eine kleine Oefnung angebracht, die man ein Fenster nannte, wodurch man aber kaum sehen konnte, daß es Tag war. Mitten in dem Schiff, der Länge nach, war zur Seite auf dem Verdeck eine andre Oeffnung gemacht; aber nicht um eine Taube nach einem Oelzweig ausfliegen zu lassen – Man mußte über das ziemlich abhängige und bey einem Regen sehr schlüpfrige Verdecke mit etwas Lebensgefahr in diese Oefnung hinabsteigen, um seine Nothdurft zu verrichten. Da diese Kloake keinen Ausfluß hatte und auch kein Schiffsjunge da war, sie zu reinigen, so kannst du dir leicht vorstellen, daß das ganze Schiff immerfort mit balsamischen Düften angefüllt war besonders da es ungewöhnlich viel Leute hatte. Ich lag die meiste Zeit ausgestreckt auf dem Dach der Arche, mußte aber die Vorsicht gebrauchen, mich auf der Spitze desselben wohl anzustemmen, um nicht durch den geringsten Stoß, den das Schiff von einem Ruderzug oder von dem Berühren des Ufers zu beförchten hatte, ins Wasser gewippt zu werden. Es ist nicht das geringste angebracht, was den Füssen einige Sicherheit geben könnte. Die herrlichen Aussichten, deren ich genoß, machten mir die Reise in etwas erträglich. Von Passau bis hieher sind die Ufer der Donau gebirgigt, und nur an sehr wenigen Orten stehn die Bergreihen, welche das Thal Oestreich bilden, so weit von einander, daß man den Zwischenraum eine Ebene heissen kann. An vielen Orten hängen sie wie abgehauene Mauern über den Fluß her. Dem ungeachtet sind diese Ufer stark bewohnt und vortreflich angebaut. Man erblickt zwar auf denselben, von Linz bis hieher, welches 28 deutsche Meilen beträgt, keine beträchtliche Stadt, aber eine Menge kleiner Städte und wohlgebauter Flecken und Dörfer, die alle von einem hohen Wohlstand der Einwohner sprechen. Was den meisten Reiz für mich hatte, waren die Krümmungen des Flusses. Einigemal fuhren wir ein langes, enges Tal herab, dessen Bergabhänge aber sanft genug waren, um stufenweis bis zu den Gipfeln hinauf auf die mannichfaltigste Art angebaut zu werden. Im Hintergrund des schönen Perspektivs Perspektive – Ansicht lag am Fuß eines steilen Berges irgend ein wohlgebautes Städtchen oder ein großer Flecken, dessen Weiß mit der finstern Waldung des herüberragenden Berges stark abstach. Nun nähert sich unser Schiffe nach und nach diesem Ort, welcher die ganze Aussicht schließt, und auf dem Wasser zu schwimmen scheint. Wir sind nur noch einige hundert Schritte davon entfernt, ohne absehn zu können, auf welcher Seite sich der Strom aus dem Thal winden wird. Wir glauben bald an die Mauern des Städtchens zu stossen, oder in die Strassen des Fleckens einlaufen zu müssen, als sich auf einmal zu unserer Rechten ein Perspektiv von einer ganz andern Natur öfnet. In einem scharfen Winkel wendet sich der Fluß hier aus dem heitern Thale in einen engen wilden Tobel, dessen ganzen Boden er einnimmt. Es ist, als wenn man auf einmal aus dem hellen Mittag in die tiefe Dämmerung der Nacht versetzt würde. Die senkrechten und sehr hohen Berg= und Felsenwände zu beyden Seiten lassen den Tag nicht eindringen. Den Hintergrund dekt eine dicke Nacht, die kaum die Umrisse der Berghäupter an dem tiefen Blau des Himmels sehen läßt. Der Vordergrund dämmert in einem Halbdunkel, welches den Farben und Gestalten der Berge und Felsen vortreflich zu statten kömmt. Kein Laut unterbricht die Stille, die in diesem öden Thale herrscht, als etwa der widerhallende Schlag eines Holzhauers im nahen Walde oder der Gesang eines Vogels. Wir sind nun bald am Ende des schauerlichen Perspektivs und erwarten, durch eine unterirdische Kluft aus demselben wieder an das Tageslicht zu kommen. Die Schaubühne wird immer dunkler und enger und unsere Auskunft immer räthselhafter. Mit gierigen Blicken suchen wir eine Oefnung in den Felsenwänden, worinn wir ringsum eingemauert sind. Wie auf den Schlag eines Feenstabes öfnet sich nun eine lachende Landschaft zu unsrer Seite, in die wir durch einen Schlund einfahren. Unsere betroffenen Augen waiden nun auf den schönen Hügeln, dem mannichfaltigen Gehölze, den unzähligen Flecken, Schlössern und Höfen, den Weinbergen und Gärten, die sich auf eine grosse Strecke hin in dem Fluß spiegeln – Auf diese Art wechselten die Aussichten immerfort ab, mit einem Abstich, der bey jeder Veränderung immer mehr erwarten ließ, und immer mehr leistete, als er versprach. Ich bestand auf dieser Fahrt zwey Abentheuer, die ich, als ich sie bloß aus dem Gerüchte kennte, nicht gegen jenes des Ritters aus der Mancha Ritter aus der Mancha – »Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha« 1605 von Miguel de Cervantes Saavedra, † 1616 in der Höhle Montesinos vertauscht hätte. Wie es aber zur Sache selbst kam, entwikelte sich der Auftritt, wie jener mit den Walkmühlen, und fast schäme ich mich dir Nachricht davon zu geben. Zu Ulm, Augspurg, München, Regenspurg, Passau und Linz hörte ich so viel von einem Strudel und Wirbel, die man auf der Donau mit grosser Gefahr paßieren müßte, daß ich dir und der Nannette durch die Beschreibung dieser Gefährlichkeiten, die ich bestehen wollte, nicht wenig Schrecken einzujagen gedachte. Ihr könnt aber ruhig seyn, lieben Kinder, wenn ich auch noch hundertmal diese Scylla und Charybdis Scylla und Charybdis – Skylla war ein sechsköpfiges Ungeheuer, das an einer Meerenge gegenüber der Charybdis hauste und die Vorüberfahrenden verschlang. Charybdis – Die Charybdis war ein gestaltloses Meeresungeheuer das in der Straße von Messina lebte. Sie sog dreimal am Tag das Meerwasser ein, um es danach brüllend wieder auszustoßen. Schiffe, die in den Sog gerieten, waren verloren. befahren müßte. Beyde Plätze sind nicht so gefährlich, als es einige Gegenden in der Mosel, Maaß, Rhone, Loire, im Rhein und in mehrern Flüssen von Europa sind, die demungeachtet stark befahren werden. Verschiedene Nebenumstände erhalten den Ruf des Schreckens dieser beyden Plätze. Viele Handwerkspursche pralen gerne damit, daß sie das Abentheuer bestanden, und vergrössern vorsätzlich die Gefahr. Andre sind einfältig genug, dieselbe für wirklich zu halten, und das Schauerliche der Landschaft und des Brausens des Wassers trägt nebst dem Vorurtheil noch viel dazu bey, daß sie auf den verschrienen Stellen zittern, und es ihnen düster vor den Augen wird. Nun sehn sie alles durch das Vergrösserungsglas ihrer eingebildeten Forcht, und übertreiben dann ihre Beschreibung davon unvorsätzlich. Das meiste aber thun hiebey die Schiffleute. Sie bringen die Gefahr mit dem Frachtlohn in Anschlag, und wenn man an den berüchtigten Plätzen vorüber ist, so geht der Steuermann mit offenem Hut im Schiffe herum, und sammelt von den Passagiers ein Trinkgeld ein, daß er sie glüklich durch die Gefahr gebracht. Es ist ihnen also daran gelegen, den Strudel und Wirbel in ihrem Kredit Kredit – hier: Ansehen zu erhalten. Der Eigenthümer des Schiffes, als er sah, daß ich keinen Glauben an das Gespenst hatte, gestand mir im Vertrauen, daß er sich seit den 20 Jahren, durch welche er nun die Donau befahren habe, keines Unglücks zu erinnern wisse, das auf diesen verschrieenen Orten vorgefallen wäre. Ungleich mehr Gefahr ist bey den vielen Holzbrüken, worunter die Schiffe durchfahren müssen. Die Joche stehn größtentheils so nahe beysammen, daß kaum für ein grosses Schiff zwischen denselben Raum genug ist. Auf einem ordinären Fahrzeug, welches Güter von beträchtlichem Werth und Reisende an Bord hat, ist auch nicht viel zu beförchten, denn der Rand dieser Schiffe geht so hoch über das Wasser hinauf, daß sie beym Anstossen nicht sogleich Wasser schöpfen können, und die Schiffleute, welche für die Waaren haften müssen, sind vorsichtig genug, um sich vor Schaden zu hüten. Aber zu Stein, wo wir uns im Wirthshaus an der herrlichen Aussicht nach dem Kloster Gottwich und der Gegend umher waideten, sahen wir drey Holzschiffe nacheinander an der Brücke untergehn. Die wenigen Schifleute, welche sie führten, sprangen in einen Kahn, und suchten vor der ungeheuern Menge Holz, womit die ganze Donau bedeckt war, so viel wieder aufzufangen als sie konnten. Das Bord dieser Schiffe geht kaum einige Zoll hoch über die Oberfläche des Flusses hinauf, und bey dem geringsten Anstoß schöpfen sie auf einmal so viel Wasser, daß sie sinken müssen. Diese Holzschiffer sind arme Leute, an denen sich die Handelsleute nicht erholen nicht erholen – sie bekommen den Schaden nicht ersetzt können. Ihr elendes Schiff hat keinen Werth, und sie können sich im Fall des Scheiterns immer leicht auf einen Kahn retten, den sie hauptsächlich zu diesem Zweck mitnehmen. Ihrer Liederlichkeit hat man die meisten Unglücksfälle zuzuschreiben. Auf der ganzen Reise wurden wir in den Gasthäusern ungemein gut und wohlfeil bewirthet. Von Kell[n]ern weiß man hier zu Lande nichts; sondern die Dienste derselben verrichten schöne junge Mädchen, die ziemlich viel guten Willen äussern, die Fremden nicht bloß zu Tische zu bedienen – Durchaus herrscht eine auffallende Reinlichkeit und ein hoher Grad von Wohlstand. Paris fällt auf keiner Seite so schön in die Augen als die Hauptstadt Deutschlands, wenn man sich derselben auf dem Flusse nähert. In der Entfernung von einigen Stunden erblickt man zuerst den hohen St. Stephansthurm durch ein enges Thal, wodurch sich der Strom windet. Die Krümmungen des Thales entziehn ihn wieder dem Auge des Reisenden, der nun mit Sehnsucht die Augen nach der Gegend richtet, wo ihm die verschwundene Pyramide die Nähe der Kaiserstadt verkündet hat. Hohe Weinberge schliessen dieses Thal, und zur linken öfnet sich eine unabsehbare Ebene, worauf man einen Theil der Stadt allmählich erblickt. Zur Rechten ziehn sich die zum Theil beholzten, zum Theil berebten Berge immer noch am Ufer fort, und das königliche Kloster Neuburg vermehrt noch die Pracht der schönen Gegend. Endlich kömmt man an einen steilen Felsen, der sturzdrohend über den Fluß herüberragt. Sein Gipfel trägt ein Kloster, und an seinem Fuß liegt das schöne Dorf Nusdorf, welches man bald für eine Vorstadt von Wien halten sollte. Sobald man an diesem Felsen vorüber ist, nimmt diese Hauptstadt den ganzen Gesichtskreis vor den Augen des staunenden Fremden ein. Ihre Theile entfalten sich dem Auge um so deutlicher, da sie hie und da ziemlich weit von einander getrennt sind, und viele derselben auf merklichen Erhöhungen liegen. Die unübersehbare Masse der Gebäude, das Geräusche, welches einem entgegen hallt, und endlich die Tiefe der Aussicht in einem unendlichen Häuserhaufen, wenn man sich nun wirklich zwischen den Vorstädten befindet, machten mir das Herz pochen, so sehr ich auch auf den Spruch: Nil admirari Nil admirari – (lat.) sich über nichts wundern halte. Als wir ausstiegen, ward mein Koffer am Ufer noch einmal visitirt. Es geschah ohne lästige Umstände, und man nahm sich die Mühe nicht, meine Taschen anzuschauen, die ich mit einigen konfiskablen konfiskabel – verbotener Gegenstand, der entschädigungslos eingezogen (konfisziert) wird Büchern hoch angefüllt hatte – Die ganze Reise von Linz hieher währte 6 Tage, ob man sie schon sehr gemächlich in 2 Tagen machen kann. Die Schifleute nahmen wieder die widrigen Winde zum Vorwand; ich wußte aber wohl, daß ihre Kontrebande eigentlich schuld daran war – Mit 2 Dukaten kann man die Reise von Regenspurg hieher machen. Mit dem einen wird die Fracht und mit dem andern die Kost der Schiffleute bezahlt, welche in frischen Fischen, gesalzenem Fleisch und etwas Zugemüß besteht. Bey der guten Jahreszeit kann man auch ohne Beschwerde im Schiffe schlafen – So wohlfeil auch diese Reise von 56 deutschen Meilen nach diesem Anschlag ist, so fand ich doch meine Rechnung nicht dabey. Der öftere und lange Aufenthalt des Schiffes reitzte mich zu oft auszusteigen, und in den Wirthshäusern Zerstreuung zu suchen – Wenn man das Glück hat, zu Ulm oder Regensburg Gesellschaft zu finden, so thut diese wohl, wenn sie für sich ein kleines gedecktes Fahrzeug kauft, welches man um 60 bis 70 Gulden immer haben kann und das für 12 bis 16 Personen geräumig genug ist. Das Schiff kann zu Wien gar leicht wieder verkauft werden, und man macht dann die Fahrt von Ulm hieher in 4, 5 oder höchstens 6 Tagen, wozu ein ordinäres Schiff oft 14 bis 18 Tage braucht. Drey bis 4 Schiffsjungen, die man zum Rudern mitnimmt, halten sich für gut bezahlt, wenn man ihnen zu Wien das Schiff überläßt und sie unterwegs kostfrey hält. Leb wohl. Zwanzigster Brief. Wien. Das war eine Arbeit, Bruder, bis ich ein Zimmer hatte! Drei ganzer Tage lief ich mit meinem Lehnlaquayen Lehnlaquayen – Lehnlakei, Mietdiener in der Stadt herum, ehe ich unter Dach kommen konnte. Es ist hier nicht wie zu Paris, wo jedes Quartier Quartier – Stastviertel, Block ein Komtoir Komptoir – Kontor, Büro hat, welches dem Nachfrager Auskunft giebt, welche Wohnungen, Stuben und Kämmerchen, und um welchen Preis sie zu vermiethen stehn. Jeder Eigenthümer heftet hier einen Zettel an die Thüre seines Hauses, worauf gar umständlich zulesen ist, welche Zimmer ledig sind. In sehr vielen Häusern hat jedes der 5 oder 6 Stockwerke seinen besondern Eigenthümer, oder es hat einer eine ganze Wohnung gemiethet und kann eine Stube oder eine Kammer entbehren. Nun heftet jeder seine Anzeige besonders an die Türe, die oft zur Hälfte mit solchen Zettelchen überpappt ist. Da hat Einer eine ganze halbe Stunde zu lesen, ehe er im Reinen ist. Das erste Zimmer, das ich beschaute, war über vier Stiegen und gefiel mir nicht übel; aber sobald ich hörte, daß der gute Mann, der es mir vermiethen wollte, ein gnädiger Herr sey, sagte ich zu meinem Lehnlaquayen in unserer Sprache: Fort; mit einem gnädigen Herrn, der die Hälfte seiner gemietheten Wohnung vermiethen will, mag ich nichts zu schaffen haben – Nun giengs in einem andern Haus der Anzeige nach über 6 Stiegen hinauf. Als ich auf der letzten Treppe verschnauft hatte, kam ein Männchen in einem Schlafrock und mit einer Feder hinter dem Ohr aus einer niedern Thüre gekrochen, welches die Magd, die ihm auf dem Fuß nachfolgte, gestrengster Herr betitelte. Gestrenger Herr, dachte ich bey mir, geht noch an. Ich besah die Stube, und wollte eben in Betracht der reinen Luft, die ich in dieser hohen Region athmen würde, den Kontrakt schließen, als es mir einfiel, ein Fenster zu öfnen, um zu sehn, was ich für eine Aussicht hätte. Ich erblickte nichts als einige gegenüberstehende Dächer und Schornsteine; denn das gebrochne Dach unter meinem Fenster deckte die ganze Strasse für mich – Weiter, sagt' ich; und nun nahmen wir denselben Tag wenigstens noch 6 Stuben in Augenschein, wovon mir aber keine behagte. Unter andern kamen wir auch zu einer Exzellenz, oder (ich will die Wahl haben) zu einer Magnifizenz, denn einen ähnlichen Klang hatte die Titulatur, welche gar auf dem Parterre Parterre – Erdgeschoß eines Hintergebäudes wohnte, und mit welcher ich die faule Luft, die sie einathmete, nicht theilen wollte. Des andern Tages ward das große Werk der Stubenmiete mit einer gnädigen Frau eröfnet, die ihrer Fräulein Tochter so viel mit mir zu schaffen machen wollte, daß ich unmöglich meine Einwilligung dazu geben konnte. »Sehen Sie, sagten Ihre Gnaden, meine Tochter bringt ihnen alle Morgen selbst den Kaffee. Wollen Sie abends Thee, so wird Ihnen meine Tochter selbst damit aufwarten. Wollen Sie uns manchmal in die Komödie begleiten, so steht Ihnen, wenns Ihnen zu spät ist, zum Traiteur Traiteur – Verkäufer von Fertiggerichten zu gehn, unsere kalte Küche zu Befehl,« u. s. w. Du must wissen, daß es in Deutschland nicht wie bey uns ist, wo es ein ehrbares Frauenzimmer für eine Beleidigung hielte, wenn ihm ein Mannsbild, mit dem es keine besondere Verbindung hat, das Entree in ein Schauspiel bezahlen wollte. Hier zu Lande ist es eine Schuldigkeit, das Frauenzimmer, welches man irgendwohin begleitet, frey zu halten. Ich merkte wohl, daß die Dienste des schönen Fräuleins schon im Preis des Zimmers angeschlagen waren und daß man noch verschiedne Nebengefälle Nebengefälle – andere Gefälligkeiten in Anbetracht dessen, daß Mutter und Tochter unverheiratet sind von mir erwartete: Also weiter – Nachdem ich mich diesen Tag müde gelaufen, überzeugte ich mich, daß ich in der Stadt selbst meine Konvenienz Konvenienz – Bequemlichkeit nicht finden würde. Die gemächlichern Wohnungen, die etwas freye Luft und Aussicht geniessen, sind hier ungleich theuer als zu Paris. Es kann wohl nicht anderst seyn; denn beynahe der dritte Theil der Einwohner Wiens, im ganzen genommen, wohnt in der eigentlichen Stadt, welche doch kaum den sechsten Theil des ganzen Umfanges einnimmt. Die Vorstädte sind auf 600 Schritte von der Stadt selbst entfernt, und die Entlegenheit und ihre Weitläuftigkeit sind Ursache, daß sich das Volk zwischen den Wällen der alten Stadt, als dem Mittelpunkt des Gewerbes und der ganzen Bewegung der ungeheuern Maschine, so unmäßig zusammendrängt. Die meisten Vorstädte von Paris sind nicht viel weniger bewohnt, als die Stadt selbst; aber hier sehen viele wie Dörfer aus. Eine andre Ursache des hohen Preises der bessern Wohnungen in der Stadt ist, daß das zweyte Stokwerk von jedem Haus dem Hof zugehört, welcher es seinen Bedienten einräumt. Für eines der bessern Zimmer in einer gangbaren Strasse foderte man 6 bis 8 Gulden den Monath, oder ohngefähr 16 bis 20 Livres, und für das schlechteste unter dem Dache, 3 Gulden – In der Vorstadt Mariahilf, einer der gesundesten Gegenden der Stadt, fand ich nach einigen Umfragen den dritten Tag ein sehr gemächliches und lustiges Zimmer um 3 Gulden den Monath, das seine sehr schöne Aussicht hat und welches ich gegen keines derjenigen, die ich in der Stadt beschaut, vertauschen würde. Ohne grosse Beschwerde kann ich nun freylich nicht in die Stadt kommen. Während daß man zu Paris ewig im Kot herumwadet, möchte man hier beständig im Staub ersticken. Wien steht den trockenen Ost= und Nordwinden offen, und ist von nahen Bergen gegen die Süd= und Westwinde gedeckt, da hingegen Paris von den letztern zu viel befeuchtet wird. Wenn es hier eine ganze Nacht geregnet hat, so ist einige Stunden nach Aufgang der Sonne alles wieder aufgetrocknet, und gegen Mittag steigen schon wieder die Staubwolken empor. Regnet es den Tag über, so ist während dieser Zeit wegen des vielen Staubes der Koth entsetzlich tief. Nun muß ich, wenn ich in die Stadt will, über die weite und öde Ebene, welche sie von ihren Vorstädten trennt; wo die Fußgänger meistens gezwungen sind, den Mund und die Nase mit einem Tuch zu verstopfen, um nicht vom Staub erstickt zu werden. Man fährt hier durchaus, auch mit den Fiakern Fiaker – zweispännige Mietdroschke, auch der Kutscher wird F. genannt. , im stärksten Trott oder im Gallopp, und da der Weg nach Schönbrunn unter meinem Fenster vorüber geht, so gehört viel Vorsicht und noch etwas Glück dazu, um mit verstopftem Munde durch das Staubgewölke durchzukommen, ohne überfahren zu werden, oder mit dem Kopf an einen andern Fußgänger anzurennen. Der Raum zwischen der Stadt und den Vorstädten giebt im Fall einer Belagerung der Vestung freyes Spiel; aber es ist höchst unwahrscheinlich, daß dieser Fall je wiederkommen werde. In neuern Zeiten waren die Türken die einzigen, die ihre Siege bis vor die Thore dieser Hauptstadt Türken ... vor die Hauptstadt – die letzte Gefährdung Europas durch die Türken vor 1950 war die Bedrohung Wiens 1716, sie wurde unter dem österreichischen General Eugen von Savoyen-Carignan (»Prinz Eugen, der edle Ritter ...«), dem bedeutendsten Feldherrn seiner Zeit († 1736) abgewandt. verfolgen konnten, und selbst der König von Preussen konnte auch nach den glücklichsten Schlachten nicht weit gegen dieselbe eindringen. Die Macht des Kaisers ist nun jener der Pforte Pforte – Hohe Pforte, die Regierung des Osmanischen Reiches so überlegen, daß ich glaube, der hiesige Hof unterhält die Vestungswerke hauptsächlich in der Absicht, um die Stadt selbst im Zaum zu halten. Ohne einer Menge Familien zu schaden, könnten sie auch nicht geschleift werden; denn durch die Bebauung des leeren Raumes vor den Wällen würde der Werth der Häuser in der Stadt wenigstens um die Hälfte fallen. Nun giebt es viele Wohnhäuser von 2 bis 300.000 Gulden werth, die das ganze Kapital ihrer Eigenthümer ausmachen, und jeder, der in der Stadt selbst ein schuldenfreyes Haus besitzt, ist ein reicher Mann. Das Haus des Buchhändlers von Trattnern Trattner – Johann Thomas von Trattner, Hofbuchdrucker unter Maria Theresia, verlegte deutsche Klassiker als Raubdrucke und entstellte sie im Sinne der österr. Zensur. † 1798. s. a. Neun und zwanzigster Brief. trägt jährlich gegen 30.000 Gulden oder beinahe 80.000 Livres an Zinsen ein. Die Vortheile, die für die Gesundheit und Gemächlichkeit der sämtlichen Einwohner daraus entspringen, wenn die Stadt bis an die Vorstädte erweitert, und der gedrängte Haufen der Einwohner verdünnert würde, sind so beträchtlich eben nicht, daß sie den Schaden aufwögen, den die Eigentümer der Häuser durch diese Veränderung leiden müßten. Seit einigen Tagen lief ich nach meiner Art die Kreutz und die Quere durch die Stadt, um mir einen Begriff von ihren Haupttheilen und ihrer Grösse zu machen. Von dem äussersten Ende der Vorstadt Wieden bis an das Ende der Leopoldstadt, die nur von einem schmalen Arm der Donau von der Stadt selbst getrennt wird und grösser als diese ist, hatte ich fast 2 Stunden zu gehn. Von der Vorstadt Rossau an bis zu Ende der Vorstadt Landstrasse brachte ich beynahe anderthalb Stunden zu. Der Umfang von Wien beträgt also weit mehr als der von Paris. Der Vorstädte sind etlich und dreysig, aber viele Gegenden in denselben sind öde, und einige hundert Gärten, worunter kaum 3 bis 4 sehenswürdige sind, nehmen fast den dritten Theil ihres Umfangs ein. Die volkreichsten Vorstädte sind die Rossau, die Josephstadt, St. Ulrich, Mariähilf und ein Theil der Wieden und der Leopoldstadt. Die größte von allen nach der Leopoldstadt ist die Wieden, und die Einwohner eines Theils derselben haben viel Aehnlichkeit mit denen in St. Marcel zu Paris. In der Stadt sind kaum 8 Gebäude, die man schön oder prächtig heissen könnte. Unter denselben nehmen sich der Lichtensteinische Pallast, die kaiserliche Bibliothek und die Reichskanzley vorzüglich aus. Die kaiserliche Burg ist ein altes, schwarzes Gebäude ohne Schönheit und Pracht. Alles übrige ist eine geschmacklose Felsenmasse, die bis auf die Gipfel 5, 6 bis 7 Stockwerk hoch ausgehöhlt ist, um so viel Einwohner als möglich zu fassen. Es giebt hier kaum 3 Plätze, die etwas Figur machen. Diese sind der Hof, der Graben und der Neumarkt. Das größte Gedränge ist von der kaiserlichen Burg an über den Kohlmarkt, den Graben, den Stockameisenplatz und durch die Kärnthnerstrasse. In diesen Gegenden, besonders auf dem engen und unregelmäßigen Stockameisenplatz ist der Zusammenfluß von Menschen so groß und die Bewegung so lebhaft als irgend in einer Gegend von London oder Paris. Der Strom dieses grossen Getümmels zieht sich noch bis an das Leopolds=Thor und in die Hauptstrasse der Leopoldstadt fort – In den Vorstädten steigt die Zahl der sehenswürdigen Gebäude auch nicht über 8, und die Bauart und die Anlage der meisten Gärten verrathen überhaupt sehr wenig Geschmack. Nach der gemeinen Sage, die auch von Leuten, denen man eine genauere Kenntniß ihrer Vaterstadt zutrauen sollte, bestätigt wird, beläuft sich die Anzahl der sämtlichen Einwohner Wiens wenigstens auf eine Million. Der berühmte Herr Büsching aber will in seiner Erdbeschreibung dieser Stadt kaum 200.000 Menschen zugestehen. Das hiesige Publikum und dieser große Geograph sind fast gleichweit von der Wahrheit entfernt. Voriges Jahr, wo die Sterblichkeit hier nicht ausserordentlich war, betrug die Anzahl der Todten etwas über 10.000, oder ohngefähr die Hälfte der jährlichen Begräbnisse zu Paris. Wenn man die ungeheure Menge der ab= und zuströmenden Fremden, deren Sterblichkeit man nur sehr geringen Theils mit in den ganzen Anschlag bringen kann, dazu nimmt, so muß man die Summe der Verstorbenen mit etlichen und dreyßig multiplizieren, um die wahre Zahl der hier wirklich athmenden Menschen beyläufig zu bestimmen. Ein Mann von Stande, der es genau wissen kann, sagte mir, man habe bey einer Zählung vor kurzem 385.000 Menschen hier gefunden, die Einwohner und Fremden zusammengenommen. Diese Zahl wird sehr wahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß hier Luft und Wasser besser sind als zu Paris, und in dieser Stadt über 700.000 Menschen gezählt werden, wovon jährlich ohngefähr 21.000 sterben. Wien ist also ungefähr so stark bevölkert als Neapel, und diese 2 Städte sind nach Konstantinopel, London und Paris ohne Vergleich die volkreichsten in Europa – wenn man nur mit mehrern grossen Städten bekannt ist, so wird man beim ersten Anblick schon überzeugt, daß diese Stadt mehr als 200.000 Seelen enthalten muß. Mit dem Karakter, den Sitten, Gebräuchen, Belustigungen u. dgl. der hiesigen Einwohner bin ich noch zu wenig bekannt, als daß ich dir etwas zuverläßiges davon sagen könnte. Ich konnte bisher nichts als einige äussere Züge haschen, die von einer erstaunlichen Prachtliebe der Grossen zeugen. Man zeigte mir den Fürsten Karl von Lichtenstein, der ein stolzes Pferd ritt. Sein Gefolge bestand wenigstens aus 8 Personen, worunter auch einige niedlich gekleidete Husaren waren, die dem Anschein nach eine Art von Leibwache von ihm sind. Er soll in seinen Manieren, Gebehrden und Gesichtszügen etwas Aehnlichkeit mit dem Kaiser haben, und man glaubt, einer kopiere den andern im Aeusserlichen. Ich konnte diese Aehnlichkeit in dem flüchtigen Blick, den ich auf beyde zu werfen Gelegenheit hatte, nicht finden. Wenigstens unterscheidet sich der Kaiser von dem Fürsten darin, daß er bey seinen Spazierfahrten kein so zahlreiches Gefolge liebt. Ich sah ihn in einem Kabriolet mit einem einzigen Bedienten in den Augarten fahren. Er liebt das Einfache und Populäre fast bis zur Übertreibung, und sticht darin mit den Grossen seines Hofes stark ab, die dieses so stark auffallende Beyspiel nöthig hatten. Ich glaube in dieser kurzen Zeit mehr prächtige Equipagen und Pferde hier gesehen zu haben, als zu Paris. Unsere Moden herrschen hier despotisch. Periodisch werden die Puppen aus Paris hieher geschickt, und dienen den hiesigen Damen zum Muster ihrer Kleidung und ihres Haarputzes. Auch die süssen Herren beschreiben sich von Zeit zu Zeit Zeichnungen aus Paris und legen sie ihren Schneidern und Friseurs zum Studium vor. Gestern hörte ich in der Komödie eine Dame der andern mit dem Ton und der Miene der höchsten Wichtigkeit erklären, die Königinn von Frankreich habe erst vor 4 Wochen zu Muette Muette – muet: franz. stumm?, Muette ist ein Jagdhaus den Kopfputz gehabt, nach dessen Muster sie koeffiert koeffieren – frisieren sei. Alle Damen, die ich sah, sind wie die zu Paris stark geschminkt, und das Rothe zieht sich bis an die Ohren und in die Augenwinkel. Die Kunstverständigen sagen, die Augen bekämen durch dieses Roth ein gewisses Feuer, das die Blicke unaussprechlich beseele. Ich glaube, ich habe dir und der Nannette schon erklärt, daß ich Barbar genug wäre, alle Schminke von den Wangen der Damen mit einem Strohwisch und grobem Sand wegzureiben, wenn auch alles Spiel der Augen verloren gienge. Unterdessen scheint die dicke Schminke den hiesigen Damen wie den unsrigen ein unentbehrliches Bedürfniß geworden zu seyn, um ihr natürliches Gelb zu verdecken. Ich sah einige, die alle Ursache hatten zu beten: La verole mon Dieu m'a rongé jusqu'aux os. La verole mon Dieu ... – franz. »Mein Gott, die Syphilis hat mich bis auf die Knochen zerfressen.« Ein und zwanzigster Brief. Wien – Unsere neuern Philosophen sind durchaus gegen die grossen Gesellschaften Grossen Gesellschaften – gemeint ist das Leben in Großstädten. Der Anstoß geht auf Rousseau zurück (»Zurück zur Natur!«) . Ich meines Theils nehme die Sachen gerne wie sie sind, und bin mit jeder Einrichtung herzlich zufrieden, wenn eine Veränderung gefährlich oder unmöglich wäre. Es ist wahr, es schauert der Menschheit, wenn man die grossen Städte auf ihrer Schattenseite betrachtet. Setze sich aber einer dieser Herren, die so viel mit der besten Welt mit der besten Welt – Leibniz' Lösung des Theodizee-Problems, über die viel gelacht worden ist: Gott war in der Schöpfung nicht frei, so schuf er nur die beste von allen möglichen Welten. in der Luft zu schaffen haben, nur einmal hin, und löse das Problem auf, wie Paris, London oder Wien kleiner zu machen seyen, ohne den ganzen Staat zu erschüttern, und ohne einen grossen Theil der wirklichen Einwohner dieser Städte unglücklich zu machen. Diese zahlreichen Gesellschaften bestehen bloß durch ihre Mängel, durch den ungeheuern Luxus, der sie mitten im Ueberfluß arm macht, durch eckelhafte Sklaverey des einen, und durch Uebermuth und Stolz des andern Theils, durch Aufopferung der Gesundheit und des Lebens so vieler tausend Menschen, deren Schiksal unser Philosoph bedauert, daß sie nicht zerstreut wohnen wollen, wie die Schotten im Hochland, und die Helvetier in den Alpen oder gar wie die Illinois und Irokesen in den Wäldern von Nordamerika oder die Afrikaner in ihren Sandwüsten. Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Der Mensch überhaupt genommen, ist überall mehr gut als bös, und wenn das Böse des abstrakten Menschen in grossen Städten sichtbarer ist, als in den zerstreuten Hütten der Berge, Wälder und Wüstenbewohner, so ist es meistentheils deßwegen, weil dort die natürlichen Anlagen des zweybeinigten Thieres ohne Federn mehr Gelegenheit haben, sich zu entwickeln, weil man die zusammengetragne Masse des Bösen so vieler Menschen auf einmal übersehen kann, welches bey dem zerstreut wohnenden nicht statt hat, weil dieses gehäufte Böse mit dem Guten um so stärker absticht, weil die Polizey mehr Neigung hat das Böse zu ahnden, als das Gute zu belohnen und das erstere also ruchbarer ist als das letztere, weil unsere Philosophen, die hierüber deklamiren, mehr Spleen als gute Laune haben und lieber Schwarz als Weiß sehn, und weil es den meisten mit ihren Deklamationen so wenig Ernst ist, daß der sehr ernstliche Herr Hans Jakob Hans Jakob von Genf – Jean Jaques Rousseau, s. Fünf und zwanzigster Brief. von Genf doch lieber zu Paris wohnte als unter den Savoyarden und Wallisern, Walliser – Einwohner des Wallis, ein Schweizer Kanton am Genfer See deren Lobredner er war. Man sagt von London, daß man daselbst Himmel und Hölle beysammen sehe. Dieses gilt für jede grosse Stadt, nur die kleine Modifikation des Guten und Bösen ausgenommen, womit der starke Karakter des Britten seine Handlungen schattirt. Käme doch einer dieser Herren Denker auf dem sechsten Stockwerk auf den Einfall, die Gemählde von heroischen Tugenden, wovon der Halbwilde keinen Begriff haben kann, aus der täglichen Geschichte grosser Städte zu sammeln, und wenn es doch einmal des lieben Brodtes wegen geschrieben seyn muß, sie mit der gehörigen Brühe für das Publikum zu appretiren. appretiren – appretieren: einem Gewebe durch Bearbeitung ein besseres Aussehen geben Das Gute des Menschen entwickelt sich in gedrängten Gesellschaften eben so leicht als das Böse, und hat in den Augen eines wahren Menschenfreundes unendlich mehr Werth, als das Gute des Halbwilden, weil es nicht wie bey diesem die Wirkung eines fühllosen Instinktes, sondern mit mehr Bewußtseyn und einem lebhaftern Gefühl begleitet ist. Die Schilderung des Taglöhners in St. Marcel zu Paris, den ein Mönch auf dem Todesbette damit trösten wollte, daß er froh seyn müßte, aus diesem Jammerthal in das Paradies überzugehen, aber die unerwartete Antwort bekam: »Lieber Vater! Keine Sünde nagt an meinem Gewissen. Meine Tage flossen sanft und in ununterbrochener Freude dahin, und mir war die Welt kein Jammerthal. Willig unterwerfe ich mich der Fügung des Schicksals, und ich sterbe ohne Seufzer; aber fristet mir der Schöpfer noch das Leben, so verschaffe ich mir mit meiner Holzsäge und meiner Axt noch mehr vergnügte Tage! [«] ... Das Gemählde des jungen Menschen, der sich ums Geld so oft zur Ader ließ, um einem angehenden Wundarzt zum Studium zu dienen, und mit seinem Blut seiner Familie auf einige Zeit Brod verschaffte ... Das Mädchen in St. Jakob zu Paris, welches taub gegen alle Beredsamkeit der Wollust, grosse Reichthümer ausschlug, die der Preis ihrer Entehrung seyn sollten, und mit der ekelhaftesten und härtesten Arbeit, die seine Schönheit und Gesundheit aufzehrte, seiner kranken Mutter und ihren kleinen Geschwistern Unterhalt verschafte, und noch tausend Beyspiele von dieser Art, welche die Geschichte von Paris liefert, sind Beweise genug, daß der Mensch in der gehäuften Gesellschaft in eben dem hohen Grad gut als bös seyn kann, und daß der natürliche Stand des Menschen mit seinen Vorzügen an Tugend und Glück meistens nur ein schöner Traum müßiger Denker ist. Ich, Bruder, fand den Menschen auf nakten Felsenwänden, wenn er Anlaß dazu hatte, so bös und gewaltthätig, als den Bürger in der Stadt. Der Hang zur Unterdrückung seiner Nebengeschöpfe kann sich bey dem ersten nicht so leicht entwickeln, weil er nicht so oft und so stark in Kollisionen kömmt, als bey dem letztern; aber wenn dieser gut ist, so ist er es gewiß in einem höhern Grade als der Halbwilde. Es ist wahr, eine gewisse Erziehungsart, gewisse Gebräuche, und eine verderbte Regierung können den Menschen in der gedrängten Gesellschaft leichter unter seine Natur erniedrigen, als da, wo er einsamer lebt. Aber alle Halbwilden, die wir kennen, sind auch diesem zufälligen Einfluß der Erziehung, der Gebräuche und der Regierung ausgesetzt, und die ganz wilden, oder die Urmenschen lernen wir nicht eher kennen, als bis die Länder jenseits des Mondes entdekt seyn werden. Dagegen ist aber der Mensch in der zahlreichen Gesellschaft biegsamer und, wenn er verdorben ist, leichter wieder zu bessern, als der Halbwilde, der sein Leben für seine Gebräuche und Sitten setzt. Auch die schwärmerischesten Verehrer der Schweiz konnten doch nur in einigen Thälerchen von Wallis das Urbild der Unschuld finden, dessen Züge vielleicht in der nächsten Generation unerkenntlich seyn werden, und sie müssen gestehn, daß das Verderben, welches unter den einsamen Bewohnern der Graubündtner Berge und durch einige demokratische Kantons herrscht, alle Vorstellung übersteigt, die man sich ausser diesen Gebirgen davon machen kann, und daß das Uebel hier platterdings unheilbar ist, dahingegen der Pariser, Londner, Wiener u. a. m. in einigen Generationen gebessert werden kann. Ich fand diese Vorerinnerung nöthig, um dir einigermassen begreiflich zu machen, daß mir die Wiener, wenn ich auch gleich nicht soviel Gutes von ihnen sagen kann als ich wünsche, doch sehr liebe Leute sind und daß ich ihnen deßwegen nicht rathen möchte, aus einander zu laufen, und wie die Zigeuner hinter den Hecken zu leben, um ihren Zustand zu bessern und dem Stand der Natur näher zu kommen. Ich finde den Menschen, an dem sich mein Herz wärmen kann, überall, und habe nicht nöthig, mit unsern neuern Rittern in die Thäler von Piemont, Savoyen und der Schweitz zu laufen, um Menschen zu suchen. Ich weiß nicht, ob diese Herren die Menschen, die sie suchen, dort finden; aber das ist bekannt, die [daß] sie alle sehr bald wieder zurückkommen. Das hiesige Publikum sticht mit dem von Paris durch eine gewisse Grobheit, einen unbeschreiblichen Stolz, eine gewisse Schwerfälligkeit und Dummheit und durch einen ausschweifenden Hang zur Schwelgerey erstaunlich ab. Die Gastfreyheit, wodurch es sich bey vielen Reisebeschreibern einen so grossen Ruhm erworben, ist meistens nur ein Vehikulum Vehiculum – Vehikel: Hilfsmittel seines Stolzes. Seit den 4 Wochen, als ich hier bin, konnte ich kaum 3 oder 4 mal nach meiner Gemächlichkeit bey einem Traiteur speisen. Es ist Sitte, wenn man in ein Haus eingeführt wird, einen Tag zu bestimmen, an welchem man wochentlich Gast im Hause seyn muß. In dem Haus, worin ich zum erstenmal eingeführt ward, fand ich sehr artige Leute, deren Gastfreyheit ich für wahre Gefälligkeit nehmen konnte. Aber da waren so viele Bekannte und Verwandte zu Tische, die mich gleichfalls einluden, und bey diesen bekam ich wieder so viele Einladungen, daß ich, wenn ich auch keine neuen mehr annehme, in den ersten 4 Wochen noch nicht damit zu Ende bin. Den meisten stand über den Augen die Frage an mich auf der Stirne geschrieben: «Nicht wahr; wir sind andre Leute als die Pariser?« Einige konnten sich auch nicht enthalten, in ziemlich platte und grobe Spöttereyen über uns auszubrechen. Es ist wahr, man ißt und trinkt hier ungleich besser und mehr als zu Paris. Die tägliche Tafel der Leute vom Mittelstand, der geringern Hofbedienten, der Kaufleute, Künstler und bessern Handwerker besteht aus 6, 8 bis 10 Gerichten, wobey 2, drei 3 bis 4 Gattungen Wein aufgesezt werden. Gewöhnlich sizt man 2 Stunden am Tisch, und man nahm es für eine Unhöflichkeit auf, daß ich mir manche Gerichte verbat, um mir die Indigestionen Indigestion – Verdauungsstörung zu ersparen, womit ich anfangs einigemal geplagt war. Aber so sehr nun auch für die Nahrung deines Leibes hier gesorgt ist, so sehr hungert es deiner Seele nach den freundschaftlichen Dines und Soupes zu Paris, die mehr zur Mittheilung der gegenseitigen Empfindungen und Beobachtungen als zu Indigestionen und Blähungen angelegt sind. Platter Scherz und Spott sind fast das einzige, womit sich die Gäste bey der Tafel zu unterhalten suchen. Die, welche den ersten Rang unter dem Mittelstand behaupten, haben gemeiniglich einen München und öfters auch einen Komödianten an der Tafel, deren sehr verschiedener Wiz die ganze Gesellschaft belustiget. Den Ehrwürdigen sezt man zwischen das Frauenzimmer, welches er unablässig neken muß, und der andere Komödiant nimmt diese Neckereyen zum Stoff der seinigen. Nun dreht sich der ganze Spaß um Zweydeutigkeiten herum, die alle Bäuche und Lungen erschüttern. Nimmt das Gespräche eine ernsthaftere Wendung, so fällt es gewöhnlich auf das Theater, welches die ganze Sphäre der hiesigen Kritik und des hiesigen Beobachtungsgeistes ist, Die hiesigen Schauspieler scheinen nicht, wie die unsrigen, die besten Gesellschafter zu seyn. Auffallend war mirs, daß die, welche ich bisher kennenlernte, nicht einmahl ihre Muttersprache gut sprechen können. Man würde es zu Paris einem Akteur nicht verzeihen, wenn er in einer Gesellschaft das Patois Patois – Mundart, Sprechweise der Fischerweiber spräche wie die Herren vom hiesigen Theater, die ich kenne, und sich, wie diese, in seinen Gebehrden, seinen Beobachtungen und seinem Witz nicht einmal über das tiefste Pöbelhafte erheben würde. Ueberhaupt herrscht hier im alltäglichen Umgang nichts von der Munterkeit, dem geistigen Vergnügen, der uneingeschränkten Gefälligkeit, der lebhaften und zum Interesse des Umganges unumgänglich nötigen Neugierde, wodurch auch die Gesellschaften vom niedrigsten Rang zu Paris beseelt werden. Kein Mensch macht hier Beobachtungen über die Leute, die den Hof ausmachen. Niemand versieht das Publikum mit Anekdoten und Neuigkeiten du jour. du jour – vom Tage Du findest unzälige Leute von Mittelstand, die von ihren Ministern, Generälen und Gelehrten kein Wörtchen zu sagen wissen, und sie kaum dem Namen nach kennen. Alles hängt hier ganz an der Sinnlichkeit. Man frühstücket bis zum Mittagessen, speißt dann zu Mittag bis zum Nachtmal; und kaum wird dieser Zusammenhang von Schmäussen von einem trägen Spaziergang unterbrochen, und dann gehts in das Schauspiel. Gehst du den Tag über in ein Kafeehaus, deren es hier gegen 70 giebt, oder in ein Bierhaus, welche unter den öffentlichen Häusern die reinlichsten und prächtigsten sind – ich sah eines mit rothem Damast tapeziert und mit vergoldeten Rahmen, Uhren und Spiegeln à la grecque a la grecque – griechisch-antike Imitation und mit Marmortischen – so siehst du halt das ewige Essen, Trinken und Spielen. Du bist sicher, daß dich kein Mensch ausforscht oder dir mit Fragen lästig ist. Kein Mensch redet da, als nur mit seinen Bekannten, und gemeiniglich nur ins Ohr. Man sollte denken, es wäre hier wie zu Venedig, wo sich alle Leute in den öffentlichen Häusern für Spionen halten. Ich stund einigemahl gegen Mittag auf dem Graben, um welche Zeit das Gedränge am stärksten ist, um die Wiener in ihren Physionomien zu studieren. Ihre Gesichtsbildung nimmt sich dadurch aus, daß überhaupt genommen, die Knochen unter den Augen ein wenig weit vorstehen, und das Kinn längst den Wangen her, platt und unten spiz zuläuft. Ausser einigen Zügen von grobem Stolz konnt' ich nichts auf diesen Gesichtern lesen. Entweder ist das erste Axiom der Physionomik, nämlich daß sich die Seele in den äussern Linien des Körpers abdrucke, grundfalsch, oder die Wiener haben wenig Seele. Nos numerus sumus et fruges consumere nati; Nos numerus ... – »Wir sind nur Nullen, geboren die Früchte der Erde zu essen.« (Horaz) das ist alles, was sich da lesen läßt. Ich sah bisher ausserordeu[n]tlich wenig bedeutende, geistige Gesichter. Ich schränke meine Beobachtungen bloß auf den Mittelstand ein, der den grossen Haufen, oder im wahren Verstande des Wortes das Volk ausmacht. Der grosse Adel in Europa sieht sich zu unsern Zeiten – einige kleine Nüanzen ausgenommen – fast überall gleich, und die ganz untere Klasse des Pöbels gehört kaum zur Gesellschaft. Die Mannichfaltigkeit und Verschiedenheit der Nationen ist nur in der Sphäre des Mittelstandes zu suchen. Wenn ein Fremder, wie es dem Engländer Moore Moore – ... Moore, englischer Reiseschriftsteller, † 1802 begegnet seyn mag, das Glück hat, in gewisse grosse Häuser hier zu kommen, so findet er freylich einige Gesellschaften, die die besten zu Paris und London übertreffen. Es giebt hier unter den Damen vom ersten Rang Aspasien Aspasien – Aspasia: geistvolle Kurtisane im antiken Athen – ausser dem Bette, versteht sich –, die ihren griechischen Urbildern Ehre machen, deren Zirkel aus den besten Köpfen, den grösten Helden und Staatsmännern bestehn, und selbst von einem der grösten, besten und weisesten Monarchen mit einer sich ganz mittheilenden Herablassung besucht werden, die den Kreis an Augusts August – der Römische Kaiser Augustus Hofe versetzt. Aber hier lassen sich keine Gemählde von Volkssitten und Nationalkarakteren sammeln, die uns Herr Moore auf dem Titel seines Werks zu geben verspricht. Die Geselligkeit, der Geschmack und die schönen Sitten, welche nun den grösten Theil des hiesigen hohen Adels so liebenswürdig machen, sind eine Folge des hinreissenden und entzückenden Beyspiels des jetzigen Kaisers. Sein Herr Vater stimmte den sultanischen Ton des hiesigen Hofes schon etwas herunter, aber Joseph Joseph – Joseph II., 1765 deutscher Kaiser und Mitregent seiner Mutter Maria Theresia in den österreichischen Ländern. Er war der Aufklärung verbunden, während seine Mutter durch den Einfluß der Pfaffen noch im Zeitalter der Gegenreformation lebte, † 1790 ist der erste seines Hauses, der für alle Menschen Mensch ist, der seine Kron und seinen Zepter für ein unbedeutendes Gepränge der Eitelkeit hält, die Kaiserwürde bloß im Wohlthun sucht, und sich bloß durch den grössern Wirkungskreis, wohlzuthun von seinen Unterthanen unterscheidet. Der hiesige Adel war ehedem das Gepräge des Hofes. Einer vom hohen, alten Adel hielt es für eine Entehrung, wenn ihm ein Bürgerlicher nur gerade in die Augen sah. Der kleine Adel ward unter dem Titel des Leonischen Leonischen – leoninisch: ein Vertrag, bei dem der eine Partner allen Nutzen hat, (nach einer Fabel Äsops) nach spanischer Art ganz von der Gesellschaft ausgeschlossen, und man hat Beyspiele, daß sogar Feldmarschällen von niederer Gebuhrt der Zunge [Zugang ?] versagt wurde. Das ganze Reich der Wissenschaften ward unter dem Titel der Pedanterie begriffen, und die Künste, die ohne Wissenschaften geschmaklos sind, durften nur im bunten Gewand des Harlekins erscheinen. Kaiser Leopold Kaiser Leopold – Leopold I., Kaiser seit 1658, gründete die Universitäten Innsbruck und Breslau, begabter Musiker, † 1705 war ein grosser Verehrer der Musik, und man hat noch Aufsätze von ihm, die aber nach Aussage der Kenner wenig Geschmack haben. Denke dir diesen Cäsar, wie er mit der Krone auf dem Haupt zum Fenster seines Pallastes herausschaut, um sich an den Harlekinaden einiger damaligen Schauspieler zu ergötzen, die im Hofe des Pallastes herumtanzten, sangen und ihre Schellenkappen gegen die Kayserkrone aufschwangen, so hast du das wahre Bild des damaligen Hofes, der mit dem gleichzeitigen von Ludwig XIV. stark genug absticht. Der erstickende Dunst der affektirten Hoheit verscheuchte die Musen und Grazien weit von Hofe und aus dem ganzen Lande. Nach dem Getümmel der langwierigen Kriege, worinn er so viel Lorbeer sammelte, weihte zwar der grosse Eugen von Savoyen Eugen von Savoyen – s. Zwanzigster Brief, »Türken ... vor der Hauptstadt« seine Ruhe den schönen Göttinnen. Alles, was von ihm noch übrig ist, spricht von einem Geschmak, der auf die alte, finstere Masse Wiens Licht wirft. Er war der erste, der der französischen Lektüre hier den Eingang zu öfnen suchte. Er stand mit den größten Gelehrten und Künstlern seiner Zeit in Verbindung, und wäre hier für die Wissenschaften eben das geworden, was er für die kayserliche Armee war, wenn der Aberglaube und die Dummheit so leicht zu besiegen wären, als die größten Kriegesheere. Die Mönche, besonders die Jesuiten, hemmten seinen wohlthätigen Einfluß und vereitelten seine patriotischen Bemühungen, wie sie auch das meiste dazu beytrugen, daß seine politische Gegenparthey immer bey Hofe über ihn siegte. Unter Karl dem sechsten Karl dem sechsten – Karl VI., Österreichischer Erzherzog, der letzte Habsburger im Mannesstamm, Vater von Maria Theresia, die er zur Thronfolge bestimmte. Er wurde 1711 Deutscher Kaiser, † 1740. Vgl. auch Zehnter Brief »Bayrischer Krieg« stand kein Fach der Wissenschaften in Ansehn, als die, welche sich auf das Finanz= und Handlungswesen beziehn, die subtile Gelehrsamkeit ausgenommen, die sich mit dem ächten Schnitt einer Kapuze, mit der Berechnung, wie viel Geister auf einer Nadelspitze zu tanzen Raum hätten, mit der Untersuchung, wie sich die einfachen Wesen vervielfachen und wieder vereinfachen können, u. dgl. m. beschäftigen. Vor einigen Tagen fiel mir hier von ohngefähr ein Buch in die Hände, welches ohne Zweifel das beste inländische Produkt ist, welches Karls des Sechsten Zeiten aufweisen können. Es handelt von den Staats= und besonders von den Finanzwissenschaften, und die vortreflichen Grundsätze, die in einem sehr barbarischen Deutsch darin vorgetragen werden, hat bisher noch kein Monarch genau befolgt, als der König von Preussen, König von Preußen – Friedrich II. von Preußen, s. Fünfter Brief »Friedrich der Große« der dadurch groß geworden. Der Verfasser nennt sich Schröder, Schröder – Wilhelm Freiherr von Schröder, veröffentlichte 1686 ein Buch »Fürstliche Schatz- und Rent-Kammer. Nebst einem Tractat vom Goldmachen«, in dem er das Wirtschaftsprogramm des Merkantilismus auf der Grundlage des absolutistischen Staates entwickelte. Dieses Buch stand bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bei den Ökonomen im höchsten Ansehen und wurde als »das beste, so wir von Cameralsachen haben« bezeichnet. und stand in kayserlichen Diensten. Aber ausser dem Fach der Finanzen war alles dicke Finsterniß. Alles, sogar die Predigen, waren Hanswursterey, und erst spät unter der Regierung des verstorbenen Kaysers kommen einige Spuren von einem gereinigten Geschmak zum Vorschein. Die Kaiserin Maria Theresia Maria Theresia – Erzherzogin Maria Theresia von Österreich, † 1780, war eine der mächtigsten Herrscherinnen ihrer Zeit. Sie war die Ehefrau des römisch-deutschen Kaisers Franz I. Stephan und Mitregentin ihres Sohnes, Kaiser Josephs II. Der Titel «Kaiserin« war eine Anmaßung, sie war die Frau des Kaisers, hatte jedoch zweifellos mehr Macht als dieser. konnte sich nie entschliessen, ihrem Gemahl die Zügel des Staats ganz zu überlassen, sonst wäre es hier schon viel heller. Diese in jedem andern Betracht so grosse Fürstin hat eine schwache Seite, die den Pfaffen, welche die Schwäche der Regenten immer am besten zu benutzen wissen, freyes Spiel gestattet. Sie sieht alles, Künste, Wissenschaften, Sitten und Gesellschaften, im Licht ihrer persönlichen Religion und Frömmigkeit, und möchte gern alle ihre Unterthanen mit Gewalt zu Engeln machen. Ich werde dir hierüber ein andermal weitläuftigere Nachricht geben. Sie hat auch die alte spanische Etiquette ihres Hofes noch nicht ganz vergessen können und hält noch viel auf alten reinen Adel. Dieß ist Ursache, daß auch der bessere Theil der hiesigen Einwohner nur in so weit geändert ist, als er es durch den persönlichen Umgang des Kaisers werden konnte; denn dieser hat als Mitregent auf die Regierung seiner Erblande noch gar wenig Einfluß. Die Frömmigkeit der Kaiserin gestattet zur Aufnahme der Wissenschaften und Künste und zu einem frohen Genuß der geselligen Freuden zu wenig Freyheit, und der Zug von Stolz und Herrschsucht, der die natürliche Güte ihres Herzens ein wenig schattirt, theilt sich noch einem Theil des Adels und der Hofleuthe mit. Bey den unbeschreiblich vielen Anstalten, welche die Kaiserin zur moralischen Besserung ihrer Unterthanen macht oder doch zu machen glaubt, muß doch der Hof noch ganz allein hier die frommen Stiftungen unterhalten und das meiste für die Hausarmen thun. Hier ist kein Pfarrer von St. Sulpice, der zur Verpflegung der Nothdürftigen von subscribirten subskribieren – sich zu einer regelmäßigen Zahlung verpflichten, meist im Buchhandel bei Bestellung mehrbändiger Werke gebraucht Wohlthätern jährlich gegen 300.000 Livres einnimmt. Der hiesige Erzbischof, Migazzi, Migazzi – Christoph Anton Graf Migazzi, † 1803, katholischer Erzbischof in Wien, 1785 von Joseph II. zur Abdankung gezwungen. hat zwar die Bigoterie und die Anhänglichkeit an die päbstliche Hierarchie mit unserm Beaumont Beaumont – Christophe de Beaumont, französischer Prälat und Jansenistengegner, † 1781 gemein; aber er vertheilt nicht wie dieser jährlich gegen eine Million Livres unter verschämte Arme und Nothleidende. Ich zweifle, ob hier eine Kollekte von 10.000 Gulden gemacht werden könnte. Und doch giebt es Häuser hier, mit denen sich die reichsten zu Paris nicht messen können. Pracht, Verschwendung und Schwelgerey macht hier fast alles gegen die sanftern Gefühle der Menschlichkeit, gegen die reine Wohllust, seinen Nebengeschöpfen gutes zu thun, und gegen die wahre Grösse des Menschen stumpf und fühllos. Die meisten der reichen Häuser haben sich durch ihren übertriebenen Aufwand mit Schulden belastet, und doch haben es noch wenige gelernt, sich vernünftig einzuschränken. Sie würden es für eine Schande halten, wenn sie ihrer Schulden wegen eine bessere Oekonomie einführen sollten. Die vom Mittelstand verzehren alles von Hand zu Mund, und sind froh, wenn sie auch bey einem beträchtlichen Einkommen keine Schulden haben, wenn das Jahr zu Ende ist. Oekonomie ist hier eine unbekannte Sache. Alles schwelgt, und lebt bloß für seine Sinnlichkeit. Ich muß abbrechen, und die Fortsetzung dieses Briefes auf die nächste Post versparen. Zwey und zwanzigster Brief. Wien – Die hiesige Polizey ist ganz dazu angelegt, alles, was Schwung der Seele und moralische Stärke des Menschen heißt, zu unterdrücken. Man sollte bedenken, daß die beste Polizey eben nicht diejenige ist, die gar keine andere Absicht hat, als jedes Glied der Gesellschaft soviel als möglich sicher zu stellen. Eine weise und wahrhaft menschliche Polizey beschäftigt sich mit dem Problem, wie es möglich sey, der Gesellschaft die größte Sicherheit zu verschaffen und dabey die Freyheit der einzeln Glieder so wenig als möglich zu kränken. Wenn man jeder bürgerlichen Familie einen Wächter zur Seite stellt, unter dessen Aufsicht sogar die Tische und Betten des Hauses stehn und welcher den Bewohnern desselben überallhin auf dem Fusse nachfolgt, so ist freylich für alle Unordnungen gesorgt; aber wer liebt die Ordnung unter den Ruderknechten auf einer Galeere? Der weise Schöpfer, dessen Ebenbild jede Regierung seyn soll, ließ uns den freyen Willen, den wir so oft mißbrauchen. Er legte dem Guten einen stärkern Reitz bey, ohne uns die Gewalt zu nehmen, Böses zu thun. Diese Freyheit macht, alles Bösen ungeachtet, welches daraus erfolget, die wahre Grösse des Menschen aus. Die Religion sagt uns, der Schöpfer wird zu seiner Zeit das Böse streng bestrafen und das Gute reichlich belohnen. Ohne die Freyheit, Böses zu thun, hätten wir kein moralisches Gefühl und kein moralisches Glück, und Gott könnte dann nicht gerecht gegen uns seyn. Ein treffenderes Urbild für die menschliche Gerechtigkeit und Polizey giebt es nicht. Unsere Gerechtigkeit soll das Böse ohne alle Nachsicht strafen und das Gute mit voller Hand belohnen, und die Polizey, welche derselben untergeordnet ist, soll keine andere Absicht haben, als der Gerechtigkeit die Mittel an die Hand zu geben, alles Böse strafen und alles Gute belohnen zu können. Aber das moralische Böse physisch unmöglich machen zu wollen, ist eine Beleidigung der Menschheit und der Gottheit. Die menschliche Gerechtigkeit hat kein Böses, als das, welches aus den Handlungen entspringt, die der Gesellschaft schaden. Sie und ihre Magd, die Polizey sollen ihre Richterstüle nicht zu Beichtstülen machen, und ihre Gebiete gewaltthätiger Weise über die häusliche Moralität der Menschen ausdähnen. Die Polizey= Konsistorial= und andere Räthe dörfen nicht, wie hier, Inquisitoren seyn, wenn das Volk mehr Charakter und mehr moralisches Gefühl haben soll, als es wirklich hat. Vielleicht ist Wien die einzige Stadt in der Welt, die eine besondere Keuschheits=Kommißion hat. Noch vor wenig Jahren giengen die Spionen dieser sonderbaren Kommißion den jungen Leuten bis in die Häuser auf dem Fuß nach, und man mußte sichs gefallen lassen, daß sie auch mitten in der Nacht in die Schlafzimmer brachen, und die Betten visitirten. Der Greuel, den diese Kommißion in der Gesellschaft anrichtete, war so groß, daß der Kaiser sein ganzes Ansehen gebrauchte, um von seiner Frau Mutter, die sich besonders viel von dieser Kommißion versprach, eine Einschränkung derselben zu bewirken. Einige von den Keuschheitsspionen standen mit Nymphen Nymphen – Huren im Vertrag, die junge Leute in die Häuser lokten, und dann nach der getroffenen Verabredung von den Mouches Mouche – Mouchard, franz. Spitzel in Flagranti in Flagranti – auf frischer Tat überfallen wurden. Der junge Mensch mußte sich nun, um nicht vor die Kommission geführt zu werden, rein ausplündern lassen, und der Mouche und die Nymphe theilten die Beute heimlich unter sich. Das Uebel ist nun durch die Verwendung Verwendung – hier: Einspruch des Kaisers in etwas gehoben worden; aber wie eckelhaft ist nicht für einen Menschenfreund der Anblick eines Polizeywächters im Prater, wo die Natur selbst die Menschen zum freyen Genuß des Umgangs einladet; wenn er sieht, wie der Wächter den jungen Leuten in die dickern Gebüsche und unter die Bäume nachgeht, um den möglichen Sünden zuvorzukommen. Man glaubt hier, das wirksamste Mittel zur Unterdrückung der Hurerey und der Kindermorde und zur Beförderung der Bevölkerung wäre, wenn man den jungen Menschen, der von einem Mädchen als Vater angegeben wird, stehenden Fusses vor dem Konsistorium mit demselben verehligte. Man erzählte mir einen seltsamen Auftritt von der Art. Ein junger Herr ward vor das Konsistorium gefodert. Er wußte, daß ein Mädchen Ansprüche auf ihn machte, und was er zu erwarten hatte. In dem Vorzimmer der Gerichtsstube fand er ein armes Jüngferchen, dem er leicht ansah, daß es von dem Konsistorium auch einen Mann zu fodern habe. Er ließ sich in aller Eile einige Umstände von ihm erklären, und als er hörte, daß der Schwängerer dieses Mädchens entflohen und es wenig Hoffnung habe, ihn zum Mann zu bekommen, versprach er ihr eine ansehnliche Summe, wenn es ihn als Vater angeben würde, aber von einem frühern Datum, als das gute Kind, mit dem er so eben vor Gericht konfrontirt werden sollte. Das Mädchen gab ihm sein Wort, und voll Zuversicht, ein sicheres Auskunftmittel gefunden zu haben, stellte er sich vor die Räthe. Man fragte ihn, ob er die neben ihm stehende Person beschlafen habe? Er gestand es. Man sagte ihm, daß er Vater sei und also dem Mädchen die Hand geben müsse. Er wandte dagegen ein, im Vorzimmer stehe eine Person, die ältere Ansprüche auf ihn zu machen habe. Diese wird vorgefordert. Man sieht mit einem Blick, daß sie länger schon Mutter sey als die andre. Die erste Klägerin muß sich mit einer gewissen Summe Geld begnügen und abtreten. Nun sagt der junge Herr, mit dieser noch anwesenden Person habe er sich vorläufig schon abgefunden. Sie läugnet es. Die Räthe fodern Zeugen und Unterschrift. Der gute Herr hat nichts aufzuweisen. Und muß auf der Stelle seine Hand einer Hure geben, die er hier zum erstenmal in seinem Leben gesehn. Ich kenne verschiedene angesehene Herren, die auf diese Art Männer wurden. Ihre Weiber trieben eine Zeitlang in der Stille den Schleichhandel mit ihren Reitzen. Als diese zu welken begannen, wählten sie aus dem Schwarm ihrer Günstlinge irgend einen, mit dem sie eine gute Parthey Parthey – Partie zu treffen glaubten, und gaben ihn vor Gericht an. Das Beschlafen, auch ohne Schwängerung, gab ihren Ansprüchen Gewicht genug. Einige dieser sehr seltsamen Ehepaare sind als Künstler dem ganzen Publikum bekannt. Um die Hurerey und die Kindermorde zu verhüten, wüßt' ich ein sicherers Mittel, welches aber der andern Absicht, die man durch diesen Ehezwang erreichen will, nämlich der Beförderung der Bevölkerung, gar nicht zuträglich ist. Shakspear hat es schon der hiesigen Polizey vorgeschlagen. Ich besinne mich nicht, in welchem Stücke in welchem Stück – Maß für Maß seiner theatralischen Werke dieser Dichter einen Hurenwirt zu Wien sagen läßt, »wenn die Polizey das Huren gänzlich abschaffen wollte, so müßte sie alle Mannsleute kastriren.« Es scheint, die hiesige Polizey stand wegen ihrer Keuschheit schon damals in Ruf. Dieser Ehezwang hat schreckliche Folgen für die Gesellschaft und den Staat. Ich weiß nicht, ob die Hurerey dadurch in etwas gehemmt wird, aber gewiß ist es, daß das Ehebrechen dadurch befördert wird. Die eheliche Treue, Vertraulichkeit und Liebe, die heiligsten und heilsamsten Bande der Gesellschaft werden dadurch aufgehoben. Der Mann, welcher seine Frau, indem er ihr gezwungen die Hand reicht, als eine Hure betrachten muß, kann nie ihr wahrer Freund werden, kann nie die Hochachtung für sie bekommen, die zu einem glücklichen Ehestand unumgänglich nöthig ist. Es ist auffallend, wie gleichgiltig hier die Eheleute gegen einander sind. Zu Paris herrscht unter einem grossen Theil der verehelichten Einwohner die nämliche Gleichgiltigkeit; aber sie ist Sitte und kein Fehler der Regierung. Eheliche Liebe und Treue sind unter dem Mittelstand zu Paris auch so unbekannt nicht, wie sie hier zu sein scheinen. Die Bevölkerung, welche man durch diesen Zwang befördern will, wird grade dadurch vermindert. Nach der Meinung der einsichtsvollsten und erfahrensten Physiker Physiker – Physikus, Arzt ist warme Liebe der Befruchtung ungemein zuträglich und der Beyschlaf ohne dieselbe gar oft fruchtlos. Die meisten durch diesen unnatürlichen Zwang verknüpfte Ehepaare, die ich hier kenne, sind kinderlos und die Ehen hier überhaupt wenig fruchtbar. – Die Gleichgültigkeit der Eltern gegeneinander theilt sich auch den Kindern mit, und die sanftern Empfindungen der Liebe und Freundschaft werden schon in der Jugend erstickt. Dieser Mangel an ehelicher und häuslicher Zärtlichkeit ist ohne Zweifel eine der Hauptursachen, daß die hiesigen Einwohner überhaupt so wenig sittliches Gefühl haben. Es ist wahr, jedes Ding hat seine schlimme und gute Seite. Wenn es dem hiesigen Nationalgeist an Stärke und Schwung fehlt, so sind seine Laster eben so kleinlicht und schwach, als seine Tugenden. Man hört hier nichts von den tragischen Auftritten, die zu Londen, Neapel und auch zu Paris so gewöhnlich sind. Beutelschneider, Betrüger, Bankruttirer, Diebe, Verschwender, Kuppler und Kupplerinnen sind fast die einzigen Gattungen von Arrestierten, die man hier findet. Nicht einmal zu einem Strassenräuber ist der Oestreicher stark genug, denn ich schreibe es den zahlreichen Armeen des Kaisers, die so viele junge müßige Leute mit der Flinte beschäftigt, nicht allein zu, daß diese Art von Verbrechern hier so selten ist. Ein Sachse, den ich hier kenne, und der schon seit mehrern Jahren die östreichischen Staaten durchreiset, kann sich nicht erinnern, je von einem Duell gehört zu haben. Gestern sah ich einen Auftritt, der die hiesigen Einwohner und die Polizey stark karakterisirt. Ein nach dem Aeusserlichen sehr ansehnlicher Herr bekam auf offener Straße Händel mit einem Mietkutscher. Von den 600 Polizeydienern, die durch die Stadt vertheilt sind, sprang sogleich der nächste herzu. Der Herr fieng an heftig zu schimpfen: Der Mietkutscher ermangelte nicht, jedes Schimpfwort mit starkem Prozent wieder zurückzugeben. Es entstand das lächerlichste Schauspiel, das ich je gesehen. Zwischen dem Schimpfen wollte jeder den dicken Haufen von Zuschauern überzeugen, daß er Recht habe. Nun fuhren sie in ihren Erklärungen unabläßig einander mit den Händen an den Nasen herum, aber jeder gebraucht eine unbeschreibliche und für einen Franzosen, Engländer oder Italiäner unmögliche Vorsicht, die Spitze der Nase seines Gegners nicht zu berühren; denn nach dem Gesetz wird der, welcher zuerst schlägt, ohne Barmherzigkeit gestraft, wenn ihm auch der andre noch soviel Anlaß dazu gegeben. Der Polizeydiener stand stumm da, und folgte mit angestrengten Augen den mannichfaltigen Bewegungen der Hände der streitenden. Hätte einer nur die Hutspitze des andern berührt, so wäre es ein Schlag gewesen, und der Wächter hätte den Schläger eingezogen. Der Auftritt währte über eine Viertelstunde, und endigte sich mit einem Gelächter der Zuschauer. Weiter als zum Schimpfen kömmt es hier zwischen streitenden Partheyen höchstselten, und zum Schimpfen ist hier jedermann vortreflich ausgerüstet. Einen Aufstand hat der Hof in seiner Hauptstadt nicht zu beförchten. Die Geschichte Wiens weiß überhaupt sehr wenig von solchen Auftritten. Gegen den Anfang des vorigen Jahrhunderts haben hier die Protestanten eine kleine Gährung veranlaßt, aber jetzt steht nicht das geringste zu beförchten, was einem öffentlichen Tumult ähnlich sähe. Der Wiener ist zu entnervt dazu. Dagegen weiß er auch nichts von dem warmen patriotischen Gefühl, welches alle Lond[o]ner und Pariser begeistert, wenn die Ehre der Nation und der Krone bey irgendeinem Vorfall intereßirt ist. Die Stände der französischen Provinzen und die Stadt Paris haben in Kriegszeiten oft freywillig der Krone viele Millionen geschenkt, und in einzeln Kaffeehäusern unserer Hauptstadt sind öfters schon Kollekten gemacht worden, die zum Bau und zur Ausrüstung eines Linienschiffes hinlänglich waren. Die östreichischen Staaten haben wenige und sehr unbedeutende Beyspiele von der Art aufzuweisen. Subordination ist hier die einzige Triebfeder des Staates. Ich habe noch kein Fünkchen von der Freyheitsliebe der Engländer oder von dem Gefühl der Ehre, welches unsere Landsleute auszeichnet, hier aufspüren können. Der Stolz, welcher unter der kaiserlichen Armee herrscht, ist zu persönlich, als daß er eine für den Staat wohlthätige Empfindung sein könnte. Dem Feuer des Nationalstolzes, welches mehr für den ganzen Staat als für die Privatehre im Busen unserer Landsleute brennt, haben wir es zu verdanken, daß auch unsere halbaufgezehrten Wollüstlinge vom Busen ihrer Freundinnen sich losreissen und mit einer Dapferkeit vor den Kanonen der Feinde auftretten, die sogar auch diese zu jeder Zeit bewundern mußten. Unsere Soldaten werden zu patriotischen Dichtern entzückt, und die Gesänge, welche ein Haufen Kameraden auch zur Friedenszeit unter sich anstimmt, sind größtentheils Empfindungen des Muths, der Ehre und des Nationalstolzes, und Lobeserhebungen ihrer Anführer. Ich hörte hier zu Lande die Soldaten überhaupt wenig singen, und was sie sangen, waren grobe Polissonnerien. Polissonnerie – Zote Ich zweifle nicht, daß des Singens ungeachtet, ein östreichisches Kriegsheer zu unsern Zeiten nicht ein französisches schlagen würde; aber hierüber werde ich zu Berlin mit dir sprechen, wo der Ort schicklicher dazu ist. Ein Staat, der bloß durch Subordination besteht, setzt Schwäche der einzeln Glieder voraus. Der strenge Gehorsam schwächte den Karakter der Spartaner nicht, weil er nicht die eigentliche Seele des Staates, sondern nur ein Mittel zur Vertheidigung der Freyheit und der Nationalehre war, für welche die lazedämonischen azedämonisch – lakedämonich: spartanisch Herzen glühten. Die Gesetze Großbrittanniens sind strenge, und unter der Marine desselben ist eine Subordination eingeführt, welche der preußischen an Genauigkeit gleichkömmt. Aber die Pünktlichkeit und dieser Gehorsam unterdrückten die hohen Empfindungen eines Britten nicht, weil sie nicht die Haupttriebfedern seiner Regierung sind. Kein Volk hat die Gewalt seiner Könige kaltblütiger eingeschränkt als das brittische, und doch hat keine Nation solche Beyspiele von kindlicher Liebe zu einzeln Königen und Aufopferungen für die Personen verschiedener derselben aufzuweisen, als man in der Geschichte Englands so häufig findet. Das Gefühl des Britten für die Freyheit ist für die Person des Königes eben so stark, wenn der König die Konstitution unangetastet läßt, und Liebe zu derselben äussert. Indessen der Unterthan eines Staates, der bloß durch Subordination regiert wird, schwach von Karakter wird, behält der Britte seine Stärke so lange, als seine Konstitution dauert. Die Grossen, wenn Herrschsucht ihre erste Leidenschaft ist, müssen freylich die Stärke des Karakters ihrer Unterthanen als das größte Hinderniß ihrer Herrschsucht, und also als ihre natürliche Feindin betrachten. Es muß ihnen daran gelegen seyn, ihren Staat im eigentlichen Verstande des Wortes zu einer Maschine Staat als Maschine – ein kühner Vorgriff auf Lenin: »Im Kapitalismus haben wir den Staat im eigentlichen Sinne des Wortes, eine besondere Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere, und zwar der Mehrheit durch eine Minderheit.« zu machen, wovon ihr freyer Wille allein die Seele ist, und alle Thatkraft der untergeordneten Glieder dieser Maschine zu unterdrücken. Das Maschinenmäßige, worauf auch die Kriegskunst zu unsern Zeiten gestiegen oder gefallen ist, schließt alle Personaldapferkeit aus, und macht den Muth der einzeln Glieder der Armee entbehrlich. Es ist sogar gewissermassen wahr, was einer unserer größten Schriftsteller bemerkt hat, daß eine solche Staatsmaschine, wenn alle Fugen gehörig ineinander passen, desto dauerhafter und brauchbarer ist, je schwächer die einzeln Glieder derselben im moralischen Betracht sind; aber ich mag kein Glied dieser Maschine seyn. Die hiesige Regierung scheint diesen mannichfaltigen Zwang durch eine unpartheiische Verwaltung der Gerechtigkeit, durch eine allgemeine Sicherheit und durch eine Begünstigung der öffentlichen sinnlichen Vergnügen – jene der Liebe ausgenommen – wieder in etwas gutzumachen. Der geringste Bediente hat sich gegen seinen Herrn, und wenn er auch einer der ersten Hofleute wäre, Gerechtigkeit zu versprechen. Die Polizey ist so aufmerksam und thätig, daß ihr auch oft die feinsten Diebereyen nicht verborgen bleiben, und der Eigenthümer wieder zu dem Seinigen kömmt. Fast alle kaiserlichen Schlösser und Gärten stehn dem gesammten Publikum zur Ergötzung offen. Der Prater und der Augarten sind vom Hof zu den schönsten öffentlichen Spaziergängen grosser Städte in Europa gemacht worden. Die Schaubühnen geniessen vorzüglich den Schutz eines Hofes, der in allem zeigt, daß der Zwang, den er seinen Unterthanen anthut, mehr die Folge irriger Grundsätze als eines Hanges zur Unterdrückung ist. Aber bey all den vielen Lustbarkeiten, bey all der schönen Ordnung und Sicherheit, welche dabey herrschen, bin ich – vielleicht scheint es dir paradox – viel lieber unter den Engländern in London, ob ich schon nicht so sicher wie hier bin, auf der Strasse in der Nacht angefallen zu werden. Ein Vauxhall, Vauxhall – Stadtteil von London, berühmt durch seine zahlreichen Amüsier- und Belustigungsmöglichkeiten wenn mir auch gleich die zertrümmerten Gläser um den Kopf fliegen, ist mir immer lieber, als das stille Saufen und Fressen und Spielen im Prater, wobey freylich jeder sicher ist, daß ihm kein Haar gekrümmt wird. Die Stiergefechte der Spanier, das Rauffen der Trasteverini Trateverini – Einwohner von Trastevere, einem Stadtteil von Rom zu Rom, die Schlägereyen unserer Edelleute und Officiers, das Boxen der Britten sind freylich politische Unordnungen, von denen man hier nichts ähnliches sieht; aber ich glaube, es sind Unordnungen, welche von einem stärkern Nationalkarakter, als der hiesige ist, unzertrennlich sind. Mit nächster Post mehr davon. Drey und zwanzigster Brief. Wien – Sobald Joseph Joseph – Joseph II., s. Ein und zwanzigster Brief. allein am Ruder der Regierung steht, wird hier eine Revolution geschehen, wodurch die jetzigen Einwohner schon in der nächsten Generation werden unerkenntlich gemacht werden. Er ist Philosoph im wahren Verstand des Wortes, ob er schon nicht, wie Kaiser Rudolph der Zweyte, Rudolph der Zweyte – Rudolph II., seit 1576 deutscher Kaiser, lebte in Prag, † 1612 mit einem Tycho Brahe Tycho Brahe – der bedeutendste Astronom und Astrologe seiner Zeit. Er beschrieb eine Supernova und erforschte Kometen. In seinem Weltsystem stand die Erde im Mittelpunkt, aber alle Planeten kreisen um die Sonne. Er hinterließ ein riesiges Beobachtungsmaterial, † 1601 nach den Sternen sieht. Er liebt die Menschen, und kennt ihren Werth. Ich weiß kein öffentliches Denkmal, das einem Fürsten mehr Ehre macht, als die Aufschrift über der Pforte des Augartens: Belustigungsort für alle Menschen gewiedmet von ihrem Freund. Er ist der größte Verehrer von allem, was bürgerliche Tugend heißt, und seine Regierungsgrundsätze sind unendlich republikanischer, als jene der meisten heutigen Staaten, die sich Republiken nennen. Aber die Gesinnungen seiner Frau Mutter stimmen mit seiner Philosophie zu wenig überein. Die helle Seite dieser Fürstin ist freylich so glänzend, daß man die dunkle kaum bemerken kann. In dem häuslichen Karakter sind diese Flecken ganz unbedeutend und zum Theil liebenswürdig; aber es ist ein Unglück für die Menschheit, daß auch die geringsten Schwachheiten der Regenten auf das Glück ihrer Staaten Einfluß haben können, und daß oft die kleinsten Personalgebrechen die größten politischen Mängel sind. Noch sieht man dieser berühmten Kaiserin an, daß sie eine Schönheit war. Ihr Körper kämpft seit verschiedenen Jahren mit einigen Gebrechen; aber alle Züge desselben verrathen noch eine starke Konstitution und ein heftiges Temperament. In der Augustinerkirche, wo sie einen Sieg feyerte, sah ich sie zum erstenmal, und erkannte sie sogleich, nicht sowol aus der Aehnlichkeit mit den Porträts, die ich von ihr gesehen, und die in Betracht ihres hohen Alters viel von ihrer Wahrheit verlohren haben, als vielmehr aus dem Blick der Majestät, der jedem, welcher die Ehre hat, ihr nahe zu kommen, auffallen muß. Sie hat die heftigsten Leidenschaften, und doch konnten sie grade diejenigen, denen die Natur den mächtigsten Trieb beygelegt hat, und denen ihr Temperament am meisten unterworfen zu seyn scheint, nicht zu der geringsten Ausschweifung verleiten. Sie ist vielleicht das größte und einzige Beyspiel in der Geschichte von einer Monarchin, über welche die Vernunft und Religion mehr Gewalt hatten, als der natürliche Trieb eines starken Temperaments und die Schmeicheleyen der unumschränkten Gewalt. Wahrscheinlich hat die Liebe an der Wahl ihres Gemahls viel Antheil gehabt. Er war einer der liebenswürdigsten Ritter seiner Zeit, und von der Natur vortreflich ausgerüstet, die Gunst einer Dame zu behaupten. Sie hielt ihn strenge zu seiner Ritterpflicht an; aber sie erlaubte sich keinen zweydeutigen Blick auf einen andern Gegenstand, als den ihr die Religion zu lieben gebot. Umsonst sucht die skandalöse Kronik im Kabinet dieser grossen Fürstin Anekdoten. Sie war die treueste Gemahlin unter tausenden und hundert tausenden. Zehn noch lebende, wohlgebildete und starke Kinder sind zeugen, daß ihr Gemahl ihre Liebe in vollem Maaß erwiederte. Nach seinem Tod entsagte sie mit einer heldenmüthigen Entschlossenheit allem Genuß der Liebe, und that ein Gelübde, ihn ewig zu betrauern, welches sie unverbrüchlich hält. Sie geht immer noch schwarz und ohne allen Schmuck. Wer staunt nicht, wenn er die Geschichten der Elisabethen, Elisabeth – entweder die russische Zarin E., † 1761 oder E. I. von England, † 1588 K .... K ... – gemeint ist die russische Zarin Katharina die Große † 1796, die z. Z. der Niederschrift noch lebte und so vieler anderer Fürstinnen kennt? Aber die nämliche heftige Liebe machte ihrem Gemahl doch manche bange Stunde; die Eifersucht muß Gewalt über ein Herz bekommen, dessen heftige Triebe bloß von der Religion eingeschränkt werden. Man weiß nicht, wie viel Anlaß ihr Gemahl dazu gegeben; aber man kennt einige Frauenzimmer, die sich aus der Stadt entfernen mußten, bloß weil der gegen jedermann, und besonders gegen die Damen, sehr höfliche, Kaiser Franz Franz – Franz I. Stephan, seit 1745 deutscher Kaiser, † 1765 denselben einige vertrauliche, und vermuthlich ganz unschuldige Komplimente gemacht. Ihre Wohlthätigkeit, woran auch die Religion viel Antheil hat,geht fast bis zur Verschwendung. Sie versagt keiner Seele, die leidet, ihre Hülfe, und dem geringsten ihrer Unterthanen steht der Weg offen, seine Leiden zu klagen. Ihr Hauszahlmeister hat ihr fast gar nichts als Rechnungen von Almosen vorzulegen. Gegen die Wittwen, besonders die von Adel, ist sie vorzüglich freygebig. Sie giebt eine ungeheure Menge Pensionen zu 6.000 Gulden, welche nach unserm Gelde fast 16.000 Livres macht, und unter denen, welche so ansehnliche Pensionen geniessen, sind viele Wittwen von Obristen, Hofräthen, u. dgl. m. Weil sie auf Hoheit hält, so will sie, daß jedermann seiner Geburth und seinem Stand gemäß leben soll. Für die öffentlichen Stiftungen zeigt sie sich wirklich als Kayserin. Die Bibliothek, die Schulen, die Kranken= und Armenhäuser kosten sie unermeßliche Summen. Man sagte mir, die Schulden, die sie durch ihre Freygäbigkeit gemacht, beliefen sich weit über 20 Millionen Gulden, und einer meiner Bekannten will einen ziemlich genauen Ueberschlag gemacht haben, daß sie beynahe 3 Millionen Gulden jährlicher Pensionen einziehn könnte, ohne jemand das Nothdürftigste zu entziehn. Und wer sollte glauben, daß unter dieser großmüthigen Fürstin das Verdienst doch öfters darben muß, während daß so viele Nichtswürdige ihre Wohlthaten geniessen? Wer sollte glauben, die Religion könne über ihre natürliche Großmuth so weit siegen, daß sie einen Officier, der in ihren Diensten zu einem Krippel ward, nicht eher befördern wollte, als bis er die katholische Religion angenommen? Als dieser die Pfaffen einigemal von sich gewiesen hatte, und sah, daß er mit aller Gewalt ein Schurk seyn sollte, um befördert zu werden, verließ er Wien und starb als holländischer General im Haag. Seitdem der jetzige Kaiser einigen Einfluß hat, ist von dieser Art, das Verdienst zu unterdrücken, nichts mehr zu beförchten; aber er muß doch sein ganzes Ansehn gebrauchen, um ähnlichen Auftritten, die allzeit mehr das Werk der Pfaffen als der Monarchin selbst sind, zuvorzukommen. Ihr lebhaftes Temperament bricht oft in Jachzorn, Strenge und Unerbittlichkeit aus; aber sobald diese schnellen Bewegungen vorüber sind, sucht sie augenblicklich das wieder gut zu machen, was sie in der unbändigen Hitze allenfalls verdorben hat. Man erzählte mir einen Auftritt, der, wenn er auch nicht wahr seyn sollte, ihrem Karakter doch vollkommen entspricht. Ein Officier ließ sich wegen einem Gesuche, das er zu machen hatte, auf die Audienzliste schreiben. Es währte lange, bis die Reihe an ihn kam, die nach der strengsten Ordnung beobachtet wird. Endlich ward er vorgerufen. Kaum hatte er vor der Monarchin die spanische Kniebeugung gemacht, die bey ihr Etiquette ist, so brach sie in Vorwürfe, Schimpfungen und Drohungen gegen ihn aus, daß er zu Boden sinken w9llte. Ihre Lebhaftigkeit machte ihre Augen in Feuer rollen, und die Bewegung ihrer Arme war dabey so lebhaft, daß er wirklich in Forcht stand, sie möchte mit eignen hohen Händen eine kleine Exekution an ihm vornehmen. Er wollte zwey und dreymal das Wort nehmen; aber der Strom der Verwünschungen der Monarchin machte ihn taub und stumm. Er mußte warten, bis sie wirklich ausser Athem gekommen war. Hierauf raffte er seinen Muth zusammen, und sagte, Ihre Majestät müßte ihn verkennen; er sey N. N. Sobald sie hörte, daß sie sich in der Person geirrt, bat sie ihn förmlich um Verzeihung, und ihr Eifer, alles wieder gut zu machen, gieng nun so weit, daß sie ihm eine ziemlich ansehnliche Pension aussetzte. Sie ist nicht fühllos gegen den Ruhm, und sie ist stolz auf ihre Würde und die Grösse ihres Hauses. Sie weint Freudenthränen, wenn sie davon hört, wie ihre Kinder, besonders der Kayser und unsre Königin unsere Königin – Marie Antoinette, das 15. Kind der Maria Theresia, 1793 wegen Hochverrats hingerichtet von aller Welt angebethet werden. Dieser Familienstolz und ihr lebhaftes Gefühl überhaupt sind Ursache, daß sie alle Fürsten, die sie bekriegt haben, für ihre persönliche Feinde hielt, und es keinem hat vergessen können. Die letzte Gemahlin des Kaysers, Letzte Gemahlin – Sophie Caroline von Ingelheim ? eine bayrische Prinzeßin, mußte es noch empfinden, daß ihr Vater ehedem sich beygehen ließ, ihr Böhmen, Oberöstreich und die Kayserkrone zu rauben. Sie ließ sie die Vorzüge des Hauses Oestreich vor dem Hause Bayern fühlen; aber die Fabeln, die man hierüber ersonnen hat, sind nicht werth widerlegt zu werden. Mit Bewußtseyn hat diese grosse Fürstin nie unrecht gehandelt. Sie ist Weib, und es ist besonders in den guten Eigenschaften des liebenswürdigen Geschlechtes mehr als sehr viele andre. Sie nahm es auch nicht übel, daß ihr ein naher Anverwandter einer andern grossen Monarchin, dem sie über den Ruhm seiner Verwandtin Komplimente machte, zur Antwort gab. »Eure Majestät; meine Schwester ist doch nur ein Weib.« Alle Tinten in Theresiens Karakter sind Schattierungen eines sehr lebhaften weiblichen Karakters. Sie ist die treuste aber auch die eifersüchtigste Gattin, die zärtlichste, aber auch die strengste Mutter, die freundschaftlichste, aber auch die gebietherischste Schwiegermutter. Gar oft erhebt sich ihr Karakter über die Stärke eines Mannes. Die Entschlossenheit, womit sie nach dem Tod ihres Vaters ihre Erbschaft gegen so viele mächtige Ansprüche behauptete, Ansprüche behauptete – ihr Vater Karl VI. hatte 1713 in der 'Pragmatischen Sanktion' sie zur Erbfolge bestimmt. Als er 1740 starb, eroberte Friedrich II. von Preußen die Provinz Schlesien. Das führte zu tiefgreifenden Reformen in Österreich, mit denen die Rückgewinnung Schlesiens vorbereitet wurde. hat ganz Europa staunen gemacht. Ihre Gerechtigkeitsliebe ist so unpartheyisch, daß sie gewiß ihre Ansprüche fahren liesse, sobald man sie überzeugen könnte, daß sie unrecht hätte, und wenn auch ihr Vortheilund ihre Ehre darunter leiden sollten. Der König von Preussen, ob er schon weiß, daß sie einen kleinen Groll gegen ihn mit sich ins Grab nimmt, hat sich doch auf die Gewissenhaftigkeit dieser Monarchin allzeit so sehr verlassen, daß er bey jeder Unterhandlung nichts angelegeners hatte, als durch die Minister des hiesigen Hofes durchzudringen, und seine Gründe der Monarchin selbst vor Augen zu legen. Der ganze Adel von Genua, wie mir ein holländischer Officier von Rang erzählte, der an der bekannten Revolution in Genua 1746 Ansprüche behauptete – ihr Vater Karl VI. hatte 1713 in der 'Pragmatischen Sanktion' sie zur Erbfolge bestimmt. Als er 1740 starb, eroberte Friedrich II. von Preußen die Provinz Schlesien. Das führte zu tiefgreifenden Reformen in Österreich, mit denen die Rückgewinnung Schlesiens vorbereitet wurde. viel Antheil hatte, schrie unter der Tyranney des abscheulichen Botta einstimmig: »O wär es doch möglich, unsre Beschwerden vor die Kayserin selbst zu bringen; gewiß es wäre uns geholfen!« Die Ausrufung dieser Republikaner zu einer Zeit, da sie von den östreichischen Waffen so hart mitgenommen wurden, ist die gröste Lobrede, welche Theresia je hören konnte; aber sie hörte sie nicht. Bey den vielen Kenntnissen, die sie besitzt, fehlt es ihr an jener, welche unter allen zum Regieren die nothwendigste ist, nämlich an der wahren Kenntniß des Menschen. Sie ward nach der ehemaligen Gewohnheit ihres Hauses im Dunst der Hoheit erzogen, wodurch sie nie mit ihrem Blick in die Verhältnisse des bürgerlichen Lebens, in die Angelegenheiten der untern Volksklassen und in das wahre Interesse der Nation eindringen konnte. Ihre ganze Erziehung war dazu angelegt, sie den falschen Vorstellungen der Schmeichler, den Betrügereyen der Pfaffen und den Vorurtheilen Preis zu geben, welche die Adelichen und Bürgerlichen, die Priester und Layen, zu wesentlich verschiednen Menschenarten machen. Schmeichler und Pfaffen verleiten sie zu Gewaltthätigkeiten, die ihr Herz verabscheuen würde, wenn sie dieselbe im rechten Licht sähe. Bey dem unbedeutenden Aufstand der Bauern in einigen böhmischen Kreisen vor einigen Jahren wollte der Kayser den Weg der Güte einschlagen. Er kannte die wahre Lage dieser armen Sklaven, die selbst nicht wußten, was sie wollten, und bloß vom Hunger herumgetrieben wurden. Man konnte ihnen wenig mehr zur Last legen, als daß sie einige Barone aus den Betten gejagt hatten. Die Weiber der böhmischen Edelleuthe vermochten mit einigen geborgten Thränen die Kayserin dahin, daß man Soldaten gegen die sogenannten Rebellen ausrücken ließ, und daß viele als Hochverräther aufgehängt wurden, die im Grunde nichts als Opfer ihres Hungers waren. Es war um die zeit der bekannten Mißjahre, wo sich eine Theuerung über ganz Europa ausbreitete, die besonders in dem so getreidereichen Böhmen eine schrökliche Hungersnoth veranlaßt hatte. Der Kayser wußte, daß der Geitz der Güterbesitzer, besonders der Pfaffen, die vornehmste Ursache dieser Hungersnoth war. Um das Schicksal seiner Böhmen zu erleichtern, drang er auf die Aufhebung der Leibeigenschaft, die einem Staat so nachtheilig ist. Die Anhänglichkeit seiner Mutter an den Adel widersetzte sich einem Entwurf, wodurch das von der Natur so begünstigte Böhmen in kurzer zeit zu einem der blühendsten Reiche werden müßte. Die Kayserin glaubte gegen ihr Gewissen zu handeln, wenn durch die Ausführung dieses Entwurfs ein kleiner Theil ihrer Unterthanen nur das geringste von seinem Einkommen verlieren sollte, und bedachte nicht, daß der Adel und die Pfaffen den Schweiß und das Blut so vieler tausend ihrer Unterthanen in Müßiggang verschwelgten. Ein unumschränkter Regent, der nicht Menschenkenntniß genug besitzt, um die Leute, die ihn umgeben, zu übersehn, zu durchschauen, ist der abhängigste Mensch in seinem Staat. Bey all ihren Einsichten in so verschiedene Sachen, bey all ihrer Obergewalt kann es die gute Monarchin doch nicht rügen, daß sie fast von allen Leuten betrogen wird. Sie glaubt mit ihren Keuschheitsanstalten allen Sünden zuvorgekommen zu seyn, uns es ahndet ihr nicht, daß sie so viele Weiber, denen sie allen so viele Enthaltsamkeit als sich selbst zutraut, durch ihre Anstalten selbst zu Ehebrecherinnen macht. Sie denkt nicht daran, daß, indem sie einen Theil des hiesigen Frauenzimmers gegen die Anfälle der Mannsleute sicher setzt, der böse Geist unterdessen die Fahne mit doppelter Wut gegen die Frauen schwingt, die unzälige und unentdeckbare Hinterthüren haben, welche dem Feind, vor dem sie öffentlich das Kreutz machen, zu jeder Zeit offen stehn. Sie würde verzweifeln, wenn sie nur den Theil der Hörner Hörner – einem Mann werden Hörner aufgesetzt, wenn seine Frau fremdgeht sehn könnte, welche die hiesigen Männer unter ihren Peruken und Frisuren herumtragen. Man versicherte, die Monarchin habe eine gewisse Art der jungen Leute, ihr Haar zu binden, besonders bey den Schülern des Theresianums Theresianum – eine im Zuge der Einführung der Schulpflicht von ihr gegründete Schule in Wien sehr ärgerlich gefunden, und doch weiß ich von einem Grafen, der ehedem in diesem Institut war, daß es der neuverordneten keuschern Haarzöpfe ungeachtet durchaus mit gewissen stummen Sünden angesteckt war, und vielleicht noch ist, die ungleich abscheulicher und schädlicher sind, als die Sünden, worauf die Keuschheitskommißion Jagd machen soll. Ich kenne eine Frau, die, um sich und ihrer schönen Tochter den Titel Titel – hier: Vorwand eines Unterhaltes zu verschaffen, dieselbe auf ein kleines Theater gab, von dem sie aber kaum so viel bekömmt, daß sie ihre Haarnadeln damit bezahlen könnte. Das Theater ist zu Paris auch mehr der Titel als der wirkliche Unterhalt der Tänzerinnen, Sängerinnen und Aktrizen; Aktrice – Schauspielerin aber das eigne ist hier, daß die Mutter ihre feile Tochter von der Probe aus dem Theater grade in die Kirche führt, wo sie beyde mit niedergeschlagnen Augen und der frömmsten Miene an langen, rasselnden Rosenkränzen bethen, um sich bey der Polizey in den ruf der Heiligkeit zu bringen. Viele Hofleute, welche um die Gunst der Monarchin buhlen, wissen keinen bessern Weg zu ihrem Zweck, als fleißig die Hofkirche zu besuchen. Ich kenne einen sogenannten Gelehrten hier, der ein Gebetbuch aus dem Französischen übersetzte und es der Kaiserin dedicirte, Dedizieren – jemanden etwas zueigenen; widmen um nebst einem Geschenke auch die Anwartschaft auf eine Hofstelle zu bekommen. Er erreichte seinen Zweck. Die Kaiserin hielt ihn für einen frommen Mann, und er war unverschämt genug, im Kreis seiner Vertrauten der guten Monarchin zu spotten. Mit der Bücherzensur verhält es sich eben so. die Monarchin würde zu Boden sinken, wenn sie nur eine von den tausend hiesigen Privatbibliotheken sehen sollte, worinn man alle die vornehmsten der ketzerischen und skandalösen Schriftsteller findet, die sie durch ihr Zensurkollegium und ihren Index, der dicker ist als der römische, auf ewig aus ihren Landen verbannt zu haben glaubt,. So wird sie durch ihre eigne Anstalten, deren völlige Fruchtlosigkeit genug beweißt, daß sie unnatürlich sind, von aller Welt betrogen, und hängt bloß von dem gleisnerischen Schein ihrer Unterthanen ab. Das schlimmste ist, daß ein grosser Theil derselben zur Heucheley gezwungen wird. Vier und zwanzigster Brief. Wien – Um sich einen richtigen Begriff von der hiesigen Regierung, wie sie itzt wirklich ist, zu machen, muß man sich drey Partheyen denken, die sehr von einander verschieden sind. Die erste und stärkste ist jene der Kaiserin. Sie besteht nebst der Hauptperson aus dem Kardinal Migazzi, Kardinal Migazzi – Christoph Anton Graf Migazzi, Erzbischof der Erzdiözese Wien und Kardinal, † 1803 hiesigen Erzbischoff, aus einigen Mönchen, besonders Kapuzinern, und einigen alten frommen Damen, die der Monarchin sogar mit Nachahmung der Trauerkleider derselben schmeicheln. Diese Parthey geht immerfort mit Keuschheitskommißionen, Bücherverbotten, Vertreibung gefährlicher Lehrer und Prediger, Beförderung von Heuchlern, Aufrechthaltung der päbstlichen Monarchie und Verfolgung der sogenannten neuen Philosophie schwanger. Ein grosser Theil des alten Adels, dessen Rechte mit jenen der Pfaffen auch wirklich in Verbindung stehn, dient dieser Parthey zum Rückhalt. Die zweyte Parthey ist jene des Kaisers. Diese liegt mit der ersten in einem unaufhörlichen Kampf. Sie ist mit Verbesserung der Gesetzgebung, mit Beförderung des Ackerbaues, der Handlung und Industrie überhaupt, mit Untergrabung der Gewalt der Dummheit und ihrer Trabanten, mit Verbreitung der Philosophie und des Geschmacks, mit Beschneidung der unbegründeten Rechte des Adels, mit Beschützung der Niedern gegen die Unterdrückung der Grossen und mit allem dem beschäftigt, was Erdengötter thun können. Eine Hauptstütze dieser Parthey ist der Feldmarschall Lacy, Feldmarschall Lacy – Franz Moritz Graf von Lacy, österreichischer Feldherr und Heeresreformator, † 1801 dessen Art die Mönche und ihren Anhang zu bekriegen grade die nämliche ist, womit er vor einigen Jahren dem König von Preussen in Böhmen die Spitze bott; nämlich es ist die vertheidigende Art Krieg zu führen, die auch der Graf von Sachsen wohl kannte. Er legt dem Kaiser die Plane von verschanzten Lagern, Zikzakmärschen und vortheilhaften Retiraden Retirade – militärisch: Rückzug vor, und der General Migazzi mit seinen braunen, schwarzen, weissen, halbschwarzen und halbbraunen Truppen mußte oft schon das Feld räumen und das Winterquartier beziehn; ohne schlagen zu können. Diese zwey Partheyen, die offenbare Feinde sind, pflegen durch Vermittlung der dritten unabläßig Unterhandlungen mit einander. An der Spitze der letztern steht Fürst Kaunitz, Fürst Kaunitz – Wenzel Anton Graf Kaunitz, leitete die österreichsche Außenpolitik, † 1794. Friedrich der Große über ihn: »... Ich halte ihn für einen Mann, der viel Geist hat. Er hat gesundes und klares Urteil, aber er ist so von sich eingenommen, daß er sich in der Politik für ein Orakel und die andern für Schüler hält, die er belehren will....« einer der größten Staatsmänner unsrer Zeit, der sich durch seine Verdienste um das kaiserliche Haus in das Vertrauen der Kaiserin und ihres Sohnes gesetzt hat, und würdig ist der Vermittler zwischen beyden zu seyn. Im Herzen mag er mehr der Parthey des Kaisers anhängen, als den Grundsätzen seiner Frau Mutter; aber es ist jener selbst darangelegen, an ihm einen Vermittler zu haben, der bey der Monarchin Ansehn genug hat, und bey derselben ihren philosophischen Operationen die Farbe von Religiosität zu geben, ohne welche sie ihren Zweck nie erreichen könnte. Er maskirt die Märsche des Kaisers und seines grossen Feldmarschalls, und so wachsam auch der Kardinal mit allen seinen vortreflichen Spionen ist, so mußte er doch öfters schon kapituliren, noch ehe er wußte, daß der Feind im Anmarsch sey. Fürst Kaunitz hat zwar einen Zug in seinem Karakter, der jeden, welcher ihn kennt, glauben macht, daß er eine wirkliche Anhänglichkeit an die Kaiserin haben müsse, so wenig er auch für die übrigen Grundsätze derselben eingenommen seyn mag. Von der Anhänglichkeit, welche jeder Minister seinem Hof schuldig ist, ist hier die Rede nicht. Ich betrachte hier bloß das Personelle. Dieser Zug ist seine grosse Liebe zur Pracht und zu einem starken Aufwand, welche der grossen Sparsamkeit des Kaisers so stark widerspricht. Choiseul, Choiseul – Étienne-François, duc de Choiseul d'Amboise, französischer Staatsmann, † 1785 der Herzensbruder des Fürsten Kaunitz, giebt keine prächtigeren Tafeln zu Paris, wo er doch so berühmt in diesem Punkt ist, als der hiesige Minister. Beyde haben eine Politik und eine Lebensart mit einander gemein. Bey dem Fürsten Kaunitz wird es gegen 11 oder 12 Uhr Morgen, die Mittagstafel beginnt um 4 oder 5 Uhr, und währt bis 7 oder 8 Uhr und noch länger, wenn er kein Schauspiel besucht, und bey den Soupers um Mitternacht findest du nebst den fremden Ministern, reisenden Standespersonen und hiesigen Hofleuten öfters auch die ausgesuchtesten Künstler, Gelehrten, Schauspieler und Schauspielerinnen. Er ist zum Theil gezwungen diesen Aufwand zu machen, denn er macht die Honneurs des Hofes, wofür ihm die Kaiserin 50.000 fl. fl. – Florin: Gulden Nebst seiner Besoldung jährlich ausgesetzt haben soll. Aber diese Honneurs sind dem Kaiser zu kostbar. Der Fürst, welchem es als einem alten gemächlichen Manne unmöglich ist, seine Lebensart zu ändern, kann es also auch mit der Kaiserin und dem Hofbanquier nicht ganz verderben; und ob er schon gewiß weiß, daß der Kaiser seine Verdienste zu hoch schätzt, als daß er bey einer Veränderung in Gefahr stünde, etwas von seinen ansehnlichen Appointements Appointment – Festlegung zu verlieren, so können doch ausserordentliche Fälle kommen, wo eine freygäbige Freundin der Geistlichkeit einem sparsamen Philosophen, der mit seinem System harmonirt, die Waage hält. Die Einschränkungen der Klöster, die neuen Schuleinrichtungen, die vielen Bücher welche ans Licht treten, und die Beförderungen zu geistlichen und weltlichen Ehrenstellen geben allen drey Partheyen vollauf zu thun. Der letzte Punkt giebt besonders viel zu streiten und zu vermitteln. Kaum ist eine Stelle ledig, so wird die Kaiserin augenblicklich von ihren Damen und Pfaffen mit Rekommendationen und Supplikationen Rekommandation, Supplikation – Empfehlung, Bittgesuch bestürmt, und gemeiniglich kömmt der Kaiser, welcher seinen Mann immer nur nach dem Verdienste wählt, mit seinem Kandidaten zu spät. Der unglücklichen Wahl der Kaiserin nach Rekommendationen und Suppliken hat man hauptsächlich die Unthätigkeit zu verdanken, welche hier fast in allen Dikasterien Dikasterium – Gerichtshof herrscht. Gar viele Räthe und Assessoren Assesor – Beisitzer bei Gericht arbeiten platterdings nichts. Es ist hier grosse Mode, sich um ein kleines Geld einen Subalternen Subalterner – ein im untergeordneten Rang Stehender, Untergebener zu dingen, der die Geschäfte versehen muß. Sehr viele Staatsbedienten könnten nicht einmal arbeiten, weil sie sich zu den Geschäften, wovon sie den Titel haben, nie fähig zu machen suchten. Und doch giebt es eine Menge Hofräthe hier, die 6 bis 8 tausend Gulden ziehn. Einige, die besonders viel arbeiten wollen, bringen sich noch viel höher. Man nannte mir einen, der jährlich auf seine 18.000 Gulden kömmt, aber sie auch durch seinen unermüdeten, aber hier höchst seltenen Fleiß verdient. Unter dieser Klasse der Hofbedienten herrscht ein unbeschreiblicher Luxus. Der gnädige Herr, denn alle Räthe sind gnädige Herren, muß seinen Kammerdiener haben, und gar oft hat die gnädige Frau auch den ihrigen. Es ist hier nicht wie bey uns, wo der Kammerdiener fast die verächtlichste Person unter den Laquayen ist. Hier folgt er unmittelbar auf den Haushofmeister, und versieht gar oft die Stelle eines Sekretärs, dem er auch allzeit den Rang streitig macht. Wenn es nur äusserst möglich ist, so muß der gnädige Herr, dessen Geschäfte so unbedeutend als sein Titel sind, auch seine Equipage haben. Vielleicht ist ausser dem türkischen kein Hof in Europa, der, was die Bedienungen vom zweyten Rang betrift, seine Bedienten so gut bezahlt und doch dabey so schlecht bedient wird, als der hiesige. Der Kayser bekömmt mit der Zeit eine herkulische Arbeit, um seine Dikasterienställe zu reinigen. herkulische Arbeit um ... – eine der Aufgaben des Herakles war es, die total verdreckten Rinderställe des Augias an einem Tag zu säubern (daher: Augiasstall) Seit mehrern Jahren hat die Kaiserin ihrem Sohn die Verwaltung des Kriegswesens uneingeschränkt überlassen. Das Militär ist also der einzige Stand, dessen Glieder bloß vom Kaiser abhängen, und beym ersten Blick sieht man, daß dieser Stand zu einer Vollkommenheit gebracht ist, die mit der Unordnung im Civilstand und Kirchenwesen stark absticht. Es ist schon lange bekannt, daß die Unterthanen des Hauses Oestreich von Natur vortrefliche Soldaten sind. Es fehlte der Armee meistens nur an aufgeklärten und patriotischen Kommandanten, an besserer Disciplin und an richtiger Zahlung. Die Finanzen des Hofes waren bis unter der Regierung des vorigen Kaisers voriger Kaiser – Karl VI., † 1740 in der größten Verwirrung, und die Engländer und Holländer mußten immer das Meiste zur Unterhaltung der kaiserlichen Truppen beytragen. Kaiser Franz Kaiser Franz – Franz I. Stephan, † 1765 legte durch Verbesserung des Finanzwesens den Grund zu der förchterlichen Grösse, worauf dieses Haus nun gestiegen ist, und die immer förchterlicher wird. Nun hat der hiesige Hof auch zu den größten Unternehmungen keine fremden Subsidien mehr nöthig. Zur Bildung der Armee fehlte es also nur noch an einem Mann, der so wol die ökonomische Einrichtung, als auch die gute Disciplin und die Theorie der grossen Operationen verstund. Diesen Mann fand der Kaiser an dem General Lacy, der ohne Zweifel eines der größten Genies unsers Jahrhunderts ist. Wie klein sind viele der gepriesenen grossen Geister neben einem Mann, der mit dem nämlichen philosophischen Blick die Regierung, die Staatswirthschaft, das Verhältniß des Staates gegen die übrigen europäischen Mächte, und dann eine Armee von ohngefähr 250.000 Mann so durchschaut, daß er für die allerkleinsten Kleidungsstücke des Soldaten Sorge trägt: der mit gleicher Anstrengung und mit gleich glücklicher Beurtheilungskraft in einer Stunde Plane zu Märschen und Lagern entwirft; in der andern den Schneidern Muster zu bessern Kamisölern Kamisol – Unterjacke vorlegt, und den Schustern einen bessern Schnitt von Soldatenschuhen vorschreibt, in der dritten mit dem Kaiser Verbesserungen des Justitzwesens und der grossen Staatsverwaltung entwirft, in der vierten die kleinsten Griffe der Handmannövers zu simpifiziren simplifizieren – vereinfachen sucht, in der fünften die Magazine durchschaut und besser anordnet, und dann in der nächsten Stunde über jeden Gegenstand der Weltweisheit, der ihm in den Wurf kommen mag, zu seiner Erholung sokratisirt. Sokrates – griech. Philosoph, † v.C. 399 Gewiß, wenn die Menge deutlicher Begriffe den Verstand eines Menschen ausmacht, so sind dem Feldmarschall hierinn wenige zu vergleichen. Wer weiß, was zur genauen Kenntniß der Artillerie, Artillerie – mit schweren Geschützen versehene Truppengattung Kavalerie Kavalerie – Kavallerie: Reitertruppe und Infanterie, Infanterie – Fußsoldaten zur Kombination dieser verschiedenen Massen und ihrer Bewegungen und zum lokalen Gebrauch derselben vonnöthen ist, der wird nicht begreifen können, wie ein Kopf, der alles das umfaßt, sich noch mit den Knöpfen an den Hosen der Soldaten beschäftigen könne. Und doch ist das alles zusammen nur ein kleiner Theil seiner deutlichen Begriffe. Seine geographischen, statistischen, kameralischen, landwirthschaftlichen und noch viele andre Kenntnisse erstrecken sich mit der nämlichen Deutlichkeit bis ins kleinste Detail. – Fast schäme ich mich es niederzuschreiben – dieser grosse Mann ist, aller seiner Verdienste ungeachtet, bey dem grossen Haufen, und auch bey der Armee, deren wahrer Vater er ist fast allgemein gehaßt. Er verlor die Liebe der Offiziers, weil er ihnen die Gewalt nahm, ihren Souverain zu betrügen. Ehedem lieferten die Kapitäns die Bedürfnisse für ihre Kompagnien, und sie waren durchaus gewohnt, sich bey dem Tuch, den Hüten, Schuhen u. dgl. wenigstens noch zweymal so viel zu machen, als ihr Sold betrug. Die höhern Offiziers standen gemeiniglich mit den Zahlmeistern in einem Vertrag, und stekten mit denselben einen Theil der Kriegskasse neben ein. Alles das hört nun auf. Ungeheure Magazine liefern auf Kosten des Kaisers dem Soldaten alles, was er nöthig hat. Er bekömmt seinen Sold richtig auf die Stunde, ist besser gekleidet, als kein Soldat in Europa, und wird zu einer Menage Menage – franz, Ménage: Haushalt, hier Ernährung angehalten, die seiner Gesundheit und seiner körperlichen Stärke sehr zuträglich ist. Der Lohn für diese vortrefliche Einrichtung des grossen Feldmarschalls ist Hohn und Spott. Die Pfaffen, welche wissen, daß er nicht ihr Freund ist, helfen ihn vollends in bösen Ruf bringen; aber er ist Mann dazu, den ganzen Schwarm der Elenden zu verachten, und das Vergnügen zu schmecken, auch Undankbaren Gutes zu thun. Der schwarze Stand, an dessen Spitze der Kardinal Migazzi steht, ist unter sich getheilt. Der größte Theil denkt zwar wie sein Oberhaupt, das heißt, gut bellarminisch, Bellarmin – Robert Bellarmin, Heiliger, Jesuit, Kirchenlehrer, Sein Hauptwerk «Dispute über die Kontroversen des christlichen Glaubens«, machte ihn zum führenden Kopf der Gegenreformation, spielte als Inquisitor die Hauptrolle im Prozeß gegen Giordano Bruno, † 1621 und wo es nur möglich ist einen Exjesuiten anzubringen, da unterläßt es der Kardinal gewiß nicht; allein in diesem Stand ist die Verstellung unendlich leicht, und Migazzi kann es nicht hindern, daß nicht öfters ein Wolf unter einem Schaffell in seine Heerde einschleichen sollte. Es sind schon sogar einige Bischöffe da, von denen der Kardinal nichts weniger erwartet, als daß sie mit der Zeit selbst Hand an seine Hierarchie legen würden, und die doch gewiß nur den Wink des Kaisers dazu abwarten. Unterdessen thut er alles, was möglich, um wenigstens die öffentliche Lehre auf den Schulen und Kanzeln rein zu halten. Sein apostolischer Eifer wird öfters Kühnheit. Vor einigen Jahren unterstand sich ein hiesiger Mönch, ich glaube ein Jakobiner akobiner – Jakobiten, Anhänger des gestürzten englischen Königs Jakob II., der 1688 nach Frankreich ins Exil gehen mußte auf der öffentlichen Kanzel zu predigen: »Die Geistlichen seyen dem Landesherrn wie seiner übrigen Unterthanen, Gehorsam schuldig. Da sie mit denselben gleichen Schutz und gleiche Vortheile genössen, so wären sie verbunden, auch die Auflagen des Landes zu tragen. Die Kirche wäre durch ihren Uebermuth und durch die Schwäche der Regenten in den finstern Zeiten zu einem Ungeheuer geworden, welches die ersten Kristen nicht mehr erkennen würden. Jeder Landesherr sey verpflichtet, das Kirchenwesen nach dem Wohl seines Staates zu verbessern« u. dgl. m. Der Kardinal, dem gewiß keine Predigt entgeht, fiel wie gewöhnlich über den patriotischen Mönch her. Der Kaiser machte Mine, seine Parthey mit allem Nachdruck zu nehmen, um seinen Raub gewisser zu haschen. Der Kaiser verreiste, und nun bekam der gute Mönch seine Inquisition. Er ward als ein Gefangener in ein Kloster nach Oestreich gebracht, wo er sich noch befindet. Der Kaiser konnte bey seiner Zurückkunft nichts thun, als diesen Streich des Kardinals zu den vielen andern dieser Art in sein Souvenir zu schreiben. Die Bücherzensur ist der glänzendeste Triumph der erzbischöflichen Parthey. Man muß alle die Thorheiten, welche dieses Kollegium begeht, nicht den Zensoren selbst auf die Rechnung setzen. Ich kenne verschiedene dieser Herren als sehr aufgeklärte und philosophische Köpfe. Sie sind bey jedem Werk, welches ihnen unter die Hände kömmt, unendlich schlimmer daran, als das Werk selbst. Alles, was geschrieben werden kann, ist nicht an sich selbst, sondern nur bezugsweise ärgerlich, und es ist eine platte Unmöglichkeit für die Zensoren, eine so bestimmte und vollständige Vorschrift abzufassen, daß nichts übrig bleiben sollte, woran sich nicht ein Theil des Publikums ärgern könnte. Nun schwitzen sie über den Manuskripten, die ihnen vorgelegt werden, daß es zum Erbarmen ist. Ich sah einige Manuskripte, welche die Zensoren, um alles Anstößige zu vermeiden, zu ganz neuen Werken umgearbeitet hatten. Sie glaubten ihre Sache recht gut gemacht zu haben. Das Buch tritt unter der Presse hervor, und nun kömmt eine alte Dame, oder ein Neider des Verfassers, oder ein halbverrükter Mönch oder sonst ein Narr oder Schurke, und beweist Aergerlichkeiten, die keinem vernünftigen und ehrlichen Mann auffallen konnten. Es ist bekannt, daß sich einer einmal an den Wörtern: »Vater unser,« sogar auf dem Todbette geärgert hat. Und nun bekömmt der Zensor seinen derben Verweis. Der Theaterzensor bekam schon öfters Verweise, daß er die Wörter »Teufel, Hure, Ehebrecher, Saperment, verflucht, Pabst« u. dgl. m. paßiren ließ: Oft findet ein Grosser eine Personalität in einem Werke, wovon dem Zensor nicht träumen konnte, und nun muß wieder der arme Zensor die Einbildung der Grossen büssen. Ein besonderer Stein des Anstosses für die zensoren sind die Bücher, welche über die östreichischen Staaten selbst geschrieben sind. Der Hof, nämlich jener der Kaiserin, scheint zur Beurtheilung dieser Schriften den Grundsatz angenommen zu haben, daß man alles, was Oestreich heißt, loben müsse. Wenigstens werden die meisten Werke, worinn etwas östreichisches getadelt wird, unterdrückt und verboten – So weit, Bruder, ist es bey uns doch nicht gekommen. Wir haben eine Menge mit königlichem Privilegium gedruckte Bücher aufzuweisen, worinn die Mißbräuche unserer Regierung gerügt werden – Das theologische Fach ist für die Zensoren das bestimmteste. Da haben sie nur alles, was dem Bellarmin, Suarez, Suarez – Francisco Suarez, Jesuit, schrieb die erste systematisch aufgebaute Gesamtdarstellung der scholastischen Metaphysik «Disputationes metaphysicae«, † 1617 Sanchez, Sanchez – Tomás Sánchez, spanischer theologischer Schriftsteller; † 1610 Molina, Molina – Luis de Molina, spanischer jesuitischer Theologe, † 1600 Busenbaum, Busenbaum – Hermann Busenbaum, Jesuit, Moraltheologe, † 1668, Sein Buch «Medulla Theologiae Moralis« wurde in Frankreich verboten, weil es den Königsmord rechtfertigte; man warf ihm auch die Jesuitenparole «Der Zweck heiligt die Mittel« vor. Baronius Baronius – Caesare Baronius, Kardinal und Kirchenhistoriker, † 1607, schrieb eine 12bändige Kirchengeschichte und ihren Konsorten widerspricht, auszustreichen, und so ist die Sache geschehen. Wie das Reich der Wissenschaften in diesen Umständen hier bestellt seye, das will ich dir in meinem nächsten Briefe sagen. Fünf und zwanzigster Brief. Wien. – Die Kräfte der Seele verhalten sich wie die Kräfte des Körpers. Die mannichfaltige, freye und angestrengte Uebungen, das Schwimmen, Fechten, Ringen, Tanzen, Laufen u. dgl. m. geben dem Leibe Ründung, Vestigkeit und Stärke. In der trägen Ruhe, wenn er an einförmige, erzwungene Bewegungen gebunden ist, wird er schwach, schief und kränkelnd. Wenn sich die Seelenkräfte eines Volks entwickeln sollen, muß man dem Geist auch seine gymnischen Spiele gestatten. Die Freyheit der Bewegung hat für den Körper die Wirkung, welche die Freyheit zu denken für die Seele hat, und ein unnatürlicher Zwang macht den Körper und die Seele gleich schief und steif. Unter allen Völkern, welche die Geschichte kennt, sind die Griechen und Römer diejenigen, bey welchen die Philosophie am wenigsten mit der Religion in Verbindung stand. Vielleicht ist die Hauptursache, daß ihr Geist einen Schwung gewann, den die Aegytier, Babylonier und Kaldäer nicht kannten, weil die Philosophie und alles, was Wissenschaft heißt, bey diesen Völkern ein ausschließliches Eigenthum der Pfaffen war, deren Interesse erfoderte, daß das gedankenlose Volk sich von ihnen führen ließ, und ihr Wissen unter Hieroglyphen versteckt blieb. Alles, was einige Griechen auf ihren gelehrten Reisen am Nil und Euphrat gestoppelt haben, waren keine Produkte eines sehr fruchtbaren Genies, sondern nur mühsame Erforschungen, die das Schwerfällige des Mönchstudiums in einer progreßiven Anstrengung auf einen bestimmten Gegenstand verriethen. Ihre sogenannte Philosophie konnte nicht für das Volk wohlthätig werden, nicht das Gefühl und den Geschmack verfeinern, noch über das bürgerliche Leben und die Gesetzgebung Licht und Wärme verbreiten; denn das Volk selbst nahm keinen Theil daran, als in so fern ihm das Resultat des Klosterstudiums als ein trocknes Gesetz vorgeschrieben wurde, dessen Sinn es nicht einsah. Als man in dem neuern Rom den schönen Traum entwarf, sich zum Herrn der Erde zu machen, indem man sich in Besitz der Meinungen der Menschen setzte, mußte man natürlich das ganze Reich der Wissenschaften dem Zepter der Religion zu unterwerfen suchen. Die Ründung der Erde, die Sonnenfleken, und noch bis zu unsern Zeiten auch das kopernikanische System kopernikanisches System – 1992 nahm die Catholica in Gestalt einer Rede des Papstes erstmalig Kenntnis vom realen Weltbild, er rehabilitierte Galileo Galilei und entschuldigte sich für diese Ungeheuerlichkeit (Verbot der Forschung und Hausarrest, Androhung der Folter). Interessant für die Zukunft wird sein, ob die katholische Kirche auch die Ermordung Giordano Brunos eines Tages zur Liste ihren vielen Irrtümern und Verbrechen hinzufügen wird. Gelobt sei Gott der Herr! mußten von Mönchen nach der Schrift, nach den Kirchenvätern, Konzilien und päbstlichen Bullen beurtheilt werden. Alles bezog sich auf die Religion, und hätte man nicht mit aller Gewalt auch die Kassen der Fürsten dahin beziehen wollen, so lägen wir vermuthlich noch in der fühllosen Dummheit des eilften Jahrhunderts. Nach der Reformation blieb der Gebrauch, alles durch die Brille der Religion zu betrachten, noch ziemlich lange. Die Pfaffen der Protestanten konnten die alte Gewohnheit, Herren aller Moralität zu seyn, lange nicht ablegen. Sie untergruben zwar durch die Trennung ihre eigne Macht; aber nur nach und nach, und ohne ihr Bewußseyn. Wenn gleich Luther Luther – Martin Luther, der deutsche Reformator, er schuf das evangelische Glaubensbekenntnis und die Bibel in deutscher Sprache, † 1546 die Güter der Geistlichkeit den Regenten Preiß gab, so sieht man doch deutlich genug aus seinen Schriften, daß er sich in seinen Gedanken als Reformator der Kirche, weit über alle weltliche Macht und über alle Ansprüche der Fakultäten hinaussetzte. Kalvins Kalvin – Johannes Calvin, schweiz. Reformator, Begründer des Calvinismus, befürwortete wie Luther die Hexenverfolgung, † 1564 Uebermuth und Unterdrückungsgeist, was Meinungen betrift, ist bekannt. Ihre Nachfolger behaupteten noch lange ihre eingebildete Herrschaft über die weltliche Macht und das Gebiethe der Wissenschaften. In verschiedenen Gegenden sind noch wirklich im Besitz derselben – Wir müssen unserm Jahrhundert Gerechtigkeit wiederfahren lassen, und gestehn, daß die Freyheit zu denken, und die wahre, menschenfreundliche Philosophie seit den Zeiten der Römer und Griechen erst in demselben sich merklich ausgebreitet haben. Ohne Wiederrede haben die Engländer viele Vorzüge in diesem Betracht vor den andern europäischen Völkern dieses Jahrhunderts. Die Regierungsform trägt viel dazu bey; aber vielleicht noch mehr die konstitutionsmäßige Duldung der Epikopalen, Epikopale – der anglikanischen Kirche nahestehende Sekte Presbiterianer, Presbyter – in einigen evangelischen Kirchen die Mitglieder des Gemeindekirchenrates Independenten Indepedenten – Freikirchen ? und so vieler Sekten, die wegen ihrer Trennung und Verschiedenheit keinen gemeinschaftlichen Plan machen konnten, über die Meinungen des Volks zu tyrannisiren. Es wart sehr natürlich,daß die Britten sich wegen der Mannichfaltigkeit ihrer Religionssekten, die fast gleiche Rechte im Staat zu geniessen haben, nach und nach gewöhnen mußten, das Reich der Wissenschaften, die Gesetzgebende Macht und das bürgerliche Leben unabhängig von der Religion zu betrachten, während daß sich die Geistlichkeit in Schweden, Dänemark, verschiedenen deutschen Fürstenthümern, und sogar auch in einigen protestantischen Republicken immer mehr noch gewisse Bedrückungen des Gewissens und des Denkens herausnehmen durfte, weil sie eine allein herrschende Kirche bildete. Der Geist der Engländer, der von nichts gefesselt war, nahm also den Adlerflug, womit er sich über die Nationen seines Jahrhunderts geschwungen hat. Ihre Philosophen verzeihten sich ihre oft sehr widersprechenden Spekulationen. Sie hatten ihre Kyniker, Kyniker – philosophische Schule, die völlige Bedürfnislosigkeit anstrebte. Bekanntester Vertreter war Diogenes, † v.C. 323 ihre Pythagoräer, Pythagoräer – von Pythagoras († v.C. 497) begründeter asketischer Geheimbund Platoniker, Platoniker – von Plato († v.C. 348)begründete Universaltheorie (Metaphysik) Epikuräer Epikuräer – auf Epikur († v.C. 271) zurückgehende Lehre, die sich mit der Ethik befaßt u. dgl. m. aber alle waren, wie die alten über die wesentlichen Pflichten des Menschen und des Bürgers einig, und die Verschiedenheit ihrer Spekulationen setzte die Gegenstände nur in ein hellers Licht. Auch in den bloß kalkulierenden Wissenschaften äusserten sie die Energie ihres Geistes, die er sich durch die freye Uebung in den mannichfaltigen Feldern der Wissenschaften eigen gemacht hat. Es kam wohl auch zu Radoterien, zu lächerlichen Hypothesen und zu den seltsamsten Schwärmereyen; aber diese Ausschweifungen sind von der Freyheit zu denken so unzertrennlich wie gewisse Mängel von der bürgerlichen Freyheit, und alle Mißbräuche können nicht gehoben werden, ohne den guten Gebrauch einer Sache selbst zu hindern. Von unserer Nation brauch' ich dir mehr nicht zu sagen, als daß die Freyheit zu denken bey uns von der Regierung viel weniger eingeschränkt wird, als in sehr vielen Staaten, die sich frey nennen, und auch viel weniger durch die Religion, als in manchen protestantischen Ländern. Ich muß nun zu meinen Wienern zurück, zu welchen ich einen ziemlich weiten Umweg genommen habe. Vom Rhein an bis hieher hörte ich so viel von den vortreflichen Schulanstalten in Oestreich, von dem grossen Aufwand der Kaiserin für die Erziehung ihrer Unterthanen und für die Wissenschaften und Künste, daß ich mir auf der ganzen Reise Wien als das deutsche Athen dachte. Aber vielleicht war meine übertriebne Erwartung größtentheils Schuld, daß ich bey weitem das nicht fand, was ich erwartete. Die Schulen für die kleine Jugend sind von allen öffentlichen Instituten noch das Beßte, ob man gleich den Kindern viele Dinge mitunter einbläut, die sie in ihrem Leben nicht gebrauchen können, und die zu nichts dienen, als sie zu jungen Pedanten oder Charlatans zu machen; ob man ihnen gleich noch die christliche Lehre und Moral als einen Unsinn vorträgt, der weder ihren Kopf erleuchtet noch ihr Herz erwärmen kann, und ob man gleich noch nicht genug Sorge für ihre Sitten trägt. Diese Mängel werden durch die mannichfaltigen Begriffe, die man ihnen von der bürgerlichen Industrie, vom Handlungswesen, Ackerbau, u. dgl. m. nach und nach beyzubringen sucht, in etwas wieder ersetzt, und die hiesigen Schulen sind unter allen katholischen, die ich bisher in Deutschland gesehen, die einzigen, worinn man die Kinder mehr zu guten Bürgern als zu Mönchen zu bilden sucht. Unterdessen herrschen schon in diesen Kinderschulen die zwo mächtigen Triebfedern des hiesigen Staats: Blinde Subordination und Mönchsglauben. Da sie dem ungeachtet viel Gutes haben, warum erlaubt man noch so vielen Familien die Privaterziehung durch Französinnen, die gemeiniglich verlaufene Huren, oder stolze Kammermädchen sind, welche hier lieber Gouvernantinnen heissen, als in Frankreich die Stuben kehren und die Betten machen wollen? Warum duldet man noch den Schwarm der französischen und italiänischen Abbes bey den jungen Herren, die oft viel schlimmer sind, als Huren? – Ueberhaupt merkt man auch diesen Anstalten noch an, daß sie ganz neu und nach keinem vesten, durchgedachten System angeordnet sind. Der Eigensinn und die Eitelkeit der Projekteurs, welchen sie zu sehr ausgesetzt sind,geben oft zu widersinnigen Veränderungen Anlaß. Auf das Publikum im Ganzen haben sie auch noch keinen Einfluß gehabt. Erst die künftige Generation wird, wenn sie etwas Gutes haben, die Wirkung davon empfinden. Ich besuche die öffentlichen akademischen Vorlesungen: Es ist wahr, der Aufwand der Kaiserin muß ungeheuer seyn. Die gewöhnlichen Universitätskollegien sind nicht nur ganz frey, sondern es wird auch hier über Dinge öffentlich und ganz frey gelesen, die man bey uns nur in Privatstunden und zwar nur um einen sehr hohen Preis hören kann. Z. B. verschiedene lebende Sprachen, die politischen Wissenschaften u. dgl. m. Aber es herrscht fast durchaus noch eine Barbarey, die jeden Menschenfreund den grossen Aufwand der Monarchin bedauern macht. Der Verfasser der Voyages en differens pays de l'Europe (von 1774 bis 76) Verfasser ... – Pilati, s. 16. Brief sagt, er habe auf einer östreichischen Universität öffentlich den Satz vertheidigen hören: Alles Hab und Gut der Unterthanen sey das wirkliche Eigenthum des Landesherrn. Ich weiß nicht, ob es wahr ist; aber das weiß ich, daß sich kein Lehrer des Naturrechts Naturrecht – Wilhelm von Ockham definierte die »natürlichen Rechte« mit Leben, Freiheit, Eigentum hier getraut, zu behaupten: Der Landesherr habe seine Verbindlichkeiten gegen seine Unterthanen, so wie diese die ihrigen gegen ihn. Man sagte mir, das jus naturae eines salzburgischen Benediktiners, worinn dieser Satz stand, wäre einigen hiesigen Zensoren sehr anstößig gewesen, und man habe einem gewissen Herrn, der es mit sich hieher gebracht, freundschaftlich gerathen, es ausser Lands zu schaffen. Das römische Recht Römisches Recht – seit dem 15. Jahrhundert ergänzend zu den jeweiligen Landesrechten angewandt mit allen seinen von unserer Verfassung und unsern Gebräuchen so weit entfernten Begriffen erhält sich noch auf dieser so berühmten Universität, und muß immer noch die Kandidaten der Richterstüle zu Pedanten und falschen Räsonneurs Räsoneur – Schwätzer, Nörgler machen. Wer das jus publicum von Deutschland zu Straßburg gehört hat, und einen hiesigen Professor darüber lesen hört, der wird nicht glauben können, daß von einem und dem nämlichen Staat die Rede seye. Dort wird das deutsche Reich als eine Republik vorgestellt, worinn der Kaiser ohngefähr das Ansehn eines Konsuls oder Diktators hat, und hier macht man es zur uneingeschränktesten Monarchie. Unsere Theologie ist von Natur barbarisch; aber glaubst du wohl, daß ich hier eine ganze Stunde de immaculata Conceptione Mariae de immaculata ... – von der unbefleckten Empfängnis Mariens habe lesen gehört? Ein andermal hörte ich einen solchen subtilen Doktor gar ernstlich untersuchen, ob die Leute, die es allenfalls vor Adam gegeben hat, mit der Erbsünde Erbsünde – eine Erfindung Paulus': jeder Mensch kommt mit Sünde beladen zur Welt befleckt gewesen. Die theologische Moral giebt man noch nach dem Busenbaum, Voit Voit – Edmund Voit, Jesuit, Moraltheologe, schrieb «Theologia moralis ...«, † 1780 und ihren Konsorten. Ich hörte Beschreibungen von Unzüchtigkeiten in der öffentlichen Schule, die ein profanes Buch nothwendig in den Index librorum prohibitorum bringen müßten. Aber es ist wahr, Busenbaum sagt in seiner Bordelmoral, Bordelmoral – Bordellmoral (?) es wäre erlaubt über die Moral öffentlich zu lesen, wenn auch gleich die Schüler gewisse sündliche Regungen empfänden, und wenn auch sogar gewisse sündliche Ergiessungen darauf erfolgen sollten. Es wäre nun das mehrere Gute zu thun, meint er, das die Schüler in den Beichtstülen stiften würden. In dem metaphysischen Hörsal fand ich die Quintessenz Quintessenz – Endergebnis, Hauptgedanke, Wesen einer Sache der Pedanterie und Charlatanerie. Es fiel mir eben nicht sehr auf, daß der Herr Professor sehr umständlich bewies, zwey einfache Wesen könnten sich nicht küssen und umarmen, und es wäre nicht unmöglich, daß ein und das nämliche Ming in einem und dem nämlichen Augenblick einige Tausendmal an verschiednen Orten an verschiedenen Orten ... – welch ein phantastischer Vorgriff auf die Quantentheorie! existire. Nun konnt' ich nicht gleich begreifen, warum man die letztere Untersuchung, die ich mich in einem metaphysischen Werke noch nie erinnere gelesen zu haben, hier auf die Bahne bringt. Endlich fiel mir ein, daß es dem Herrn Professor, der ein geistlicher war, darum zu thun seyn mochte, die Koexistenz Kristi im Sakrament auf den vielen Altären von Kanton bis nach Lisboa Lisboa – Lissabon seinen Zuhörern faßlich zu machen; denn alles wird hier auf die Religion bezogen, und bey den Kinderschulen gab es einen sehr ernstlichen Streit, ob man die Kinder nicht mit dem Vater Unser und Ave Mariä müsse anfangen lassen zu buchstabiren; als wenn das ABC eine nothwendige und wesentliche Verbindung mit diesen Gebeten hätte. Was ich an meinem Metaphysiker am meisten bewundern mußte, war seine dem Anschein nach unerschöpfliche Erudition. Erudition – Gelehrsamkeit Ihm scheint kein Metaphysiker, von den äthiopischen Tragloditen Troglodyt – Höhlenbewohner an bis auf den Hans Jakob von Genf Hans Jakob von Genf – Rousseau entgangen zu seyn. Er zitirte griechisch, lateinisch, italiänisch, englisch, französisch und was weiß ich in noch wie viel andern Sprachen, und widerlegte in einer halben Stunde wenigstens 6 alte und neue Metaphysiker. Der Mann interessirte mich zu sehr, als daß ich ihn nicht öfters besuchte, und mir nicht seine erstaunliche Gelehrtheit so viel als möglich zu nutzen machen sollte. Ich lehnte ehnen – entlehnen, ausborgen von einem Studenten, der in meinem Hause wohnt, auf einige Tage das metaphysische Vorlesebuch, wovon ein gewisser Jesuit Storchenan Storchenan – Sigmund von Storchenau, Jesuit, Theologe u. Philosoph, † 1797 der Verfasser ist. Beym ersten Anblick sollte man glauben, der Verfasser habe das Geheimniß gefunden, die Metaphysik zur Niederlage von allem möglichen menschlichen Wissen zu machen. Da findest du nicht nur alle Sekten der Alten, die Pythagoräer, Platoniker, Epikuräer u. a. m. sondern auch die Kirchenväter der Reihe nach angezogen. Du findest dann aus der mittlern und neuern Zeit alles, was nur geschrieben ist. Machiavel, Hobbes, Hobbes – Thomas Hobbes, † 1679, engl. Philosoph, begründete eine Staatslehre Spinoza, Kartes, Kartes – Rene Descartes, † 1650, franz.Philosoph und Naturwissenschaftler Mallebranche, Mallebranche – Nicolas Mallebranche, franz. Mathematiker, †1715 Bayle, Leibnitz, Leibnitz – Gottfried Wilhelm Leibniz, † 1716, Mathematiker und Philosoph. Auf ihn und Newton geht die Infinitesimalrechnung zurück. Loke, Loke – John Locke, engl. Philosoph der Aufklärung, † 1704 Voltäre, Rousseau, Rousseau – Jean Jaques Rousseau, franz. Philosoph, † 1778, Enzyklopädist, Verfasser einer Staatslehre »Der Gesellschaftsvertrag«, die Parole »Zurück zur Natur« stammt von ihm Bolingbroke, Humes Humes – David Hume, schott. Philosoph, † 1776, Versuche über den menschlichen Verstand, Helvetius Helvetius – Claude Adrien Helvetius, franz. Philosoph, † 1771, wandte sich gegen die Privilegien des Adels, vertrat einen strikten Atheismus. Sein Buch »Vom Geist« wurde verboten und öffentlich verbrannt. über den Geist, das Sistem der Natur, das Werk über die Natur, die Religion eines ehrlichen Mannes und unzählige Schriften, deren Verfasser sich gewiß nie träumen liessen, daß sie einst auf der Universität zu Wien von einem Jesuiten würden angezogen werden. Der Student, von dem ich das unvergleichliche Buch gelehnt, glaubte auch wirklich den Kern aller dieser Schriften in demselben zu besitzen, und im Stand zu seyn, auch die feinste Sophisterey Sophisterei – Spitzfindigkeit, Spiegelfechterei eines Bayle, Spinoza und Hume mit 2 Zeilen seines Buches aller Bücher widerlegen zu können. Ich suchte die Bekanntschaft mit einem Mann, dessen Lektüre so ungeheuer seyn mußte; aber wie erstaunte ich, als mich einer seiner Bekannten versicherte, er habe weder den Machiavel, noch den Bayle, noch den Voltäre, noch eine Menge andere Schriftsteller gelesen, die er anzöge und widerlegte. Er habe ihm einst ein gewisses Werk von 3 Quartbänden auf eine Nacht geliehn, und es einige Tage darauf in einer seiner Dissertationen widerlegt gefunden. Die Medizinischen Kollegien sind ohne Vergleich noch die besten. Van Swieten van Swieten – Gottfried van Swieten, Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia, Beamter in hohen Stellungen in Wien, Aufklärer, † 1803 hat hier das Seinige gethan. Die Herren Professoren von diesem Fach affektiren affektieren – hier: sich einbilden Ekklektiker Ekklektiker – einer, der aus verschiedenen philosophischen Systemen das ihm jeweils Passende entnimmt zu seyn. Ich sagte affektiren, denn es geschieht nicht um bloß der Wahrheit anzuhängen, sondern nur um alles, was andre grosse Leuthe neben ihnen sagen, und grosse Leuthe vor ihnen gesagt haben, verachten, und ihr eignes Selbst geltend machen zu können. Sie gewöhnen ihre Studenten, dem Hippokrates, Hippokrat – Begründer der medizinischen Wissenschaft, † v.C. 370 Galenus, Galenus – Galenus von Pergamon, † 216, geachteter Arzt im Rom der Kaiserzeit Boerhave, Boerhave – Hermann Boerhaave, niederl. Arzt und Gelehrter, † 1738 Haller, Haller – Albrecht von Haller, † 1777, schweiz. Arzt und Naturforscher Tissot Tissot – Auguste André David Tissot, † 1797, schweiz. Arzt, der vor allem durch seine Schriften gegen die Selbstbefriedigung berühmt wurde und allen Männern, welche in dieser Kunst Epochen gemacht haben, Schneller unter die Nasen zu schlagen, und nur an sie [selbst] zu glauben; denn ein Student wird selten überzeugt; er glaubt gemeinlich nur. Die Eitelkeit dieser Herren und ihrer Schüler ist platterdings unbeschreiblich. Und doch soll die Anzahl der Aerzte von Verdienst seit einiger Zeit hier sehr abnehmen. Ausser dem Herrn von Störk, Herr von Störk – Anton Freiherr von Störk, Mediziner und Hochschullehrer, † 1803 kaiserl. Leibarzt, weiß man nur sehr wenige zu nennen, die des Namens, Arztes, vorzüglich würdig sind. Die Art, wie die ältern Kandidaten zur Praxis geführt werden, ist sehr gut, und wird strenge beobachtet. Man weist ihnen in einem Spital einige Kranke an, die sie zu gewissen Stunden besuchen müssen. Sie schreiben den Zustand der Krankheit mit allen Symptomen und Veränderungen nieder, und verordnen die Arzneyen zur Probe, wobey sie ihre Gründe umständlich angeben müssen. Der Professor besucht dann die Kranken, vergleicht die Relation des Studenten mit seinem Befinden, und und korrigirt sie ebenfalls mit Beyfügung der Gegengründe. Man empfiehlt den Studenten, diese Prüfungen aufzubehalten, und läßt sie sehr sorgfältig die Unterscheidungsmerkmale der analogen Krankheiten bemerken, welches meines Erachtens für einen angehenden Praktikus eine Hauptsache ist. Ich sehe, ich kann mit den hiesigen Gelehrten in diesem Briefe unmöglich fertig werden, und spare dir also einen Theil derselben auf die nächste Post auf. Sechs und zwanzigster Brief. Wien – Hier wimmelt es von Gelehrten. Wenn dir einer begegnet, dem du nicht an seinen schmutzigen Händen ansehen kannst, daß er ein Färber, Schmied oder Schuhmacher, oder an der Uniform, daß er ein Laquay, oder am vielen Gold auf den Kleidern, daß er ein grosser Herr ist, so kannst du sicher seyn, du hast einen Gelehrten oder einen Schneider vor dir, denn beyde Menschenklassen hab ich hier noch nicht recht unterscheiden gelernt. Frägst du mich aber um die Namen der hiesigen sogenannten Gelehrten, so bin ich in einer verfluchten Verlegenheit. Es giebt wohl einige, die mit dem Kopf weit über den grossen Haufen dieser Gelehrten emporragen. Hell, Hell – Maximilian Hell, Astronom und Mathematiker, † 1792 Martini, Störk, Stephani , Denis Denis – Johann Nepomuk Cosmas Michael Denis, Schriftsteller, Jesuit. Wurde als Ossian-Übersetzer bekannt, gab 1762 das erste österreichische Lesebuch heraus und dann vor allen Herr Sonnenfels, Sonnenfels – Joseph Freiherr von Sonnenfels, Jurist und Nationalökonom, setzte sich für die Humanisierung des Strafrechts ein, † 1817 der einzige Philosoph, der den Namen verdient, der sehr viele brauchbare Kenntnisse mit wahrer Vaterlandsliebe, Geschmack und Eleganz verbindet. Ausser diesen sind noch einige wenige da, die allenfalls den Namen eines Gelehrten ohne Erröthen tragen können, und die Leute von Stande, die ihr Wissen für sich behalten, oder doch nur so viel davon von sich geben, als es Einfluß auf die Staatsgeschäfte hat, rechne ich gar nicht hieher. Aber alle diese müssen sich des Namens eines Gelehrten schämen. Denn im Ganzen genommen, usurpirt Usurpirt – usurpieren: widerrechtlich an sich reißen man hier diesen Titel abscheulich. Ich will dir ein Gemählde von einem Gelehrten machen, der noch dazu unter den pecora Campi pecora Campi – Viehzeug auf dieser Weide dieses Namens eine vorzügliche Figur spielt. Dieses Herrchen übersetzte erst ein Gebetbuch aus dem Französischen, um sich der Kaiserin zu empfehlen; machte dann einen Versuch mit einer Periodischen Schrift, worüber aber niemand lachen und niemand weinen wollte. Sie ward also Makulatur. Da machte er einen Akkord Akkord – gütlicher Ausgleich unterschiedlicher Interessen mit dem Nationaltheater, und verband sich, demselben jährlich 6 Stücke zu liefern. Er lieferte 3 tragikomische Farcen, und da war die Dichterey des Männchens erschöpft, und der Vertrag mit dem Theater zu Ende. Er suchte sich hierauf bey der Kaiserin mit der Uebersetzung ihrer Geschichte von * * einzuschmeicheln, bekam ein schönes Gelde von der großmüthigen Monarchin, und von dem Buchhändler einen starken Vorschuß auf die Uebersetzung der kristlichen Jahrhunderte, wozu es die Monarchin ermunterte. Die Geschichte der Kaiserin war so schlecht übersetzt, daß sogar viele Namen von inländischen Oertern bis zur Unkenntlichkeit verdorben waren, und das Herrchen wußte offenbar nicht, daß diese Oerter auf kaiserlichem Grund und Boden liegen. Als es nun zur Uebersetzung der Jahrhunderte kam, so fühlte es seine Schwäche in der französischen Sprache, und nahm einen Subalternen in den Sold, der ihm – ich glaube den Bogen um einen halben Gulden – übersetzte, und von seinem Prinzipal=Uebersetzer Prinzipal – hier: Geschäftsinhaber den kleinen, mit blutigem Schweiß verdienten Lohn, mit Gewalt herauspressen mußte. – nun nimmt dieß Herrchen alle öffentlichen Vorfälle zum Vehikulum seiner Schriftstellerey, und ist im strengsten Verstand des Wortes ein Auteur de jour Auteur de jour – Bestsellerautor geworden, dessen Produkte des Tages nach ihrer Erscheinung Makulatur sind. Ich nahm das gelehrte Oestreich zur Hand, ein Werk, womit ein Professor von Linz sein Vaterland prostituierte. Da stehn dir gegen 100 Gelehrte drinne, die in ihrem Leben nichts geschrieben haben, als einige Dissertationen, die kein Mensch mehr finden würde, und die schon lange auf dem dritten Ort dritter Ort – die Toilette und in den Krambuden verbraucht worden sind; einige Gelegenheitsgedichte, einige Seufzer an ihre Schönen oder die Hunde ihrer Schönen, einige Predigten oder einige erbärmliche Komödien. Der Verfasser dieses seltsamen Werkes scheint platterdings keinen, der in seinem Vaterland eine Zeile unter die Presse gegeben, und sollte es auch nur ein kaufmännisches Avertissement Avertissement – Nachricht seyn, aus der Gesellschaft der Gelehrten auszuschliessen. Nun läßt sichs leicht erklären, warum ganz Wien voll Gelehrten ist. Ein Gelehrter heißt hier ein Mensch, der ein Blättchen Papier in seinem Vermögen und zwey gesunde Finger hat, etwas darauf zu schreiben. Die letztern sind nicht einmal unumgänglich nöthig, denn bey meiner Durchreise ließ sich einer in Schwaben ums Geld sehn, der mit dem Fuß schrieb. Die größte Prostitution, welche der Verfasser des gelehrten Oestreichs seinem Vaterlande anthat, ist, daß er kein einziges Werk zu nennen wußte, welches man ein eigentliches Meisterstück heissen könnte; platterdings kein Meisterstück. Die besten Bücherschreiber, die er nennt, sind das, was man in andern Ländern gute Schriftsteller heißt, und die Zahl von diesen ist in dem gelehrten Oestreich so gering, daß man es wirklich das ungelehrte Oestreich heissen könnte, denn die Anzahl der darinn angezogenen Sottisen Sottisen – Dummheit, Frechheit, grobe Äußerung ist ungleich größer. Es giebt hier eine ungeheure Menge von sogenannten Gelehrten, denen sogar die Begriffe von Weltkenntniß fehlen, die man bey uns, ich will nicht sagen bey einem Sekretär, sondern auch nur bey einem brauchbaren Laquayen voraus setzt. Unter zehn dieser Herren sind gewiß neun, die in der größten Verlegenheit wären,wenn sie von einem Weltmann von Stande zur Unterredung gezogen würden. Es ist nicht, als wenn sie sich in ein gewisses Fach der Wissenschaften so vertieft hätten, daß sie die ganze übrige Welt darüber vergässen: Nein; es ist wirkliche Dummheit. Auch die meisten der Gelehrten, die sich etwas von dem Troß auszeichnen, haben ausser ihrem Fach so viele Vorurtheile, so schieffe Begriffe, so wenig allgemeine Welt= und Menschenkenntniß, daß ich alle Augenblicke stumm werde, wenn ich mit diesen Herren in meinem Gespräche etwas über die Linie, welche die Stadt einschließt, oder oft nur aus ihrem Studierzimmer hinausschreiten will. Sie sind sogar in ihrer eignen Heymath fremd. Könnte man wohl in Paris einen Gelehrten finden, der neuern Staatengeschichte von Europa überhaupt, den inländischen Gelehrten und ähnlichen Gegenständen ganz unbekannt wäre? Hier ist ein Gelehrter, der dies alles kennt, eine Seltenheit. Ich wundre mich gar nicht, daß es den Grossen des hiesigen Hofes, und dem Adel, welcher die Welt gesehn, vor den meisten deutschen Gelehrten eckelt. Die meisten kaiserlichen Offiziere, die ich kenne, verdienen den Namen von Gelehrten viel eher, als die erbärmlichen Leutchen, welche hier diesen Titel tragen. Die erstern besitzen nebst den Kenntnissen, die ihr Stand erfodert, gemeiniglich noch eine geübte Menschenkenntniß und Umgänglichkeit. Ich kenne sogar verschiedne von ihnen, die man in jedem Betracht Philosophen heissen kann, da ich hingegen unter den hiesigen Gelehrten kaum 4 auffinden konnte, die dieses Namens würdig sind. Man macht uns und den Italiänern den Vorwurf, wir hätten uns erschöpft, und wären nun ins Fade gefallen. Es mag zum Theil wahr seyn; aber wir haben unsere grosse Periode durchwandert. Wir haben in allen Fächern der Künste und Wissenschaften Meisterstücke geliefert. Hier geschah gerade das Gegentheil. Aus der tiefsten Barbarey hat man schnurstracks einen Sprung ins Fade gemacht. Die Philosophie hat hier noch nie ihre Epoche gehabt. Ein inländischer Schriftsteller hat es selbst gestanden. Der Dämon der Möncherey hielt den hiesigen Nationalgeist bis unter die jetzige Regierung gefangen. Man wollte ihm Luft machen; aber der Dämon ließ ihm nicht mehr Freyheit, als um spielen zu können. Er war vorsichtig und mächtig genug, um bisher zu verhindern, daß sein Sklave nicht Meister über ihn würde – an der Kette, woran er bis itzt noch gebunden ist, kann er sich nie erheben. Joseph muß erst diese Kette zerreissen. Es ist auffallend, daß hier fast alle grossen Leute Fremde sind. Lasey, Laudohn und Wurmser Wurmser – Dagobert Siegmund von Wurmser, österreichischer Feldmarschall, † 1797 bey der Armee sind Fremde. Unter den Gelehrten ist Herr von Störk ein Schwab; Denis, der größte Dichter Dichter Oestreichs, ein Bayer; Hell, der größte Mathematikus, wie man mir sagt, ein Slesier; und wenn auch gleich die hohen Stellen der Civilbedienung mit Inländern besetzt sind, so hat doch der Kaiser für sich einige Geheimschreiber, denen er sich anvertraut, die auch Fremde sind. Zu vielen neuen Einrichtungen mußte man auch Fremde haben, die aber oft schlecht belohn wurden. Die kleine Post, diese vortrefliche Anstalt, hat man einem Fremden zu danken, der aber Schulden hinterlassen mußte. Zu einigen Verbesserungen bey der Artillerie gebrauchte man einen jungen französischen Offizier, dem man aber den Kopf so toll machte, daß er den Dienst aufgab, und zu Neapel mehr Erkenntlichkeit suchte. Ein Engländer lehrte sie hier das Geheimniß, die Pferde sicher zu beschneiden. Man hat ihm grosse Versprechungen gemacht, als man ihm aber seine Methode zu beschneiden abgelernt hatte, hielt man sie nicht. Er schrieb auf ein Billet: Man zwinge ihn Schulden zu machen, und das sey er nicht gewohnt. Dieß Billet legte er auf seinen Tisch und schoß sich eine Kugel durch den Kopf – Man muß diese Unterdrückung des Verdienstes nicht den Ersten des Hofes zuschreiben. Nirgends wird es reicher belohnt als hier, wenn es das Glück hat, sich selbst denselben vor Augen zu stellen; aber nirgends verstehn auch die Hofbedienten die Kunst, sich das Verdienst der andern zuzueignen, so gut als hier. Nirgends ist es, bis es vor den Thron kommen kann, so vielen Kabalen Kabalen – Intrigen ausgesetzt als hier, und nirgends muß es sich selbst so oft verläugnen, um anerkannt zu werden, als hier. Künste und Wissenschaften, alles hängt von den Intriguen der Hofbedienten ab. Der Kaiser weiß es nur zu gut, und sucht es dadurch zu verbessern, daß er mit seiner bekannten Popularität dem Verdienst auf den halben Weg entgegen geht. Aber es ist eine Unmöglichkeit, daß ein grosser Monarch alle Gattungen von Menschen genau kennen sollte, und es muß geschehen, daß er öfters durch die Schminke des Verdienstes getäuscht werde, besonders wenn er, wie Joseph, so ungemein heftigen Eifer äussert, dasselbe zu belohnen. Was die Kunst betrift, da hab' ich dir gar wenig zu sagen. Ich sah Gemählde und Bildhauereyen, welche die Akademie jährlich öffentlich auszusetzen pflegt. Von den ersten waren 2 Drittheile Porträts, wie überall. Die grösten Künstler müssen sich nun fast blos mit Porträtiren abgeben. Die Kunst leidet darunter, aber der Künstler gewinnt dabey. Wenigstens giebt es baares Geld. Von Bildhauereyen waren nichts ausser 2 Busten vom Kaiser und der Kaiserin aufgestellt, die mir ungemein gefielen. Du weißt aber, daß ich nicht der zuverläßigste Kenner bin – Im Grunde vertritt hier das Theater die Stelle aller Künste, und davon werd ich dir in meinem nächsten Brief Nachricht geben. Sieben und zwanzigster Brief. Wien – Noch vor ohngefähr sechzehn Jahren war hier der Harlekin die Seele von allem, was Schauspiel hieß. Man fand nichts schön, als was Harlekin that und sprach. Die Kritik von Norddeutschland Kritik von Norddeutschland – Gottsched wandte sich gegen die Figur des Harlekins (Hans Wurst), der in allen Theaterstücken seine Possen trieb. Dieser wurde 1737 erstmalig von der Neuberschen Theatertruppe (die Neuberin, † 1760) weggelassen pfiff ihn von der hiesigen Bühne; aber der grosse Haufen hier beseufzt noch seinen Abtritt. Er hat auf einen Befehl des Hofes vom Publikum feyerlich seinen Abschied genommen. Nun entwarf man den Plan zu dem Nationaltheater, der nach und nach, aber endlich doch glücklich ausgeführt ward. So wie dieses Theater jetzt wirklich ist, gibt es der französischen Komödie zu Paris nichts oder doch wenig nach. Ich sah hier den Hausvater von Diderot Diderot – Denis Diderot, franz. Schriftsteller, Aufklärer und Enzyklopädist, † 1784 aufführen und zweifle ob er zu Paris je durchaus so gut besetzt war. Die Gesellschaft ist ausgesucht, aber sie hat die nämlichen Gebrechen, welche die französische Komödie hat, und die jede Schauspieler Gesellschaft haben muß, wenn sie unter keiner strengen Subordination steht. Ich besprach mich vor einigen Tagen mit einem der angesehensten hiesigen Schauspieler über die Direktion des Theaters. «Wir formiren unter uns ein Parlament, sagte er, und der Intendant des Hofes hat nicht mehr Gewalt über uns als der König von England über die Kammer der Gemeinen Kammer der Gemeinen – das britische Unterhaus .« Tant pis, Tant pis – umso schlimmer dacht ich; denn wenn eine republikanische Verfassung irgend schädlich ist, so ist sie es gewiß unter einer Schauspielergesellschaft, wovon ein Theil immer die Könige und Fürsten wirklich seyn will, die er auf dem Theater spielt, und den andern für die Bedienten und Sklaven hält, die er auf der Bühne vorstellt. Ich muß dich mit den vornehmsten dieser Whigs Wighs – eine Fraktion des englischen Parlaments persönlich bekannt machen; denn es ist wirklich der Mühe wert. Sie verdienen die Achtung, worinn sie hier stehn, und die ihnen den Zugang zu den ersten Gesellschaften des Hofes öfnet. Der ältere Stephanie, Stephanie – über keine der genannten Personen sind Informationen mit vertretbarem Aufwand zu beschaffen. Das gilt auch für das mehrfach genannte Theaterstück »Fayel«. – »Die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze.« Regisseur, ist ein vortreflicher Mann ausser der Bühne. Er besitzt eine mannichfaltige Lektüre und ein gutes Herz. Er hat in der Gesellschaft das Anständige und Runde eines Weltmanns und ziemlich viel Witz. Es ist Schade, daß sein Bau für das Theater nicht der beste ist. Seine Füsse sind nicht die schönsten, und der Unterleib hat überhaupt nicht das beste Verhältnis zur obern Hälfte des Körpers. Er sucht diese Naturfehler oft durch künstliche Stellungen und Wendungen zu verbergen; aber auch nur ein mittelmäßiges Auge sieht gleich beim ersten Anblick, daß ihn seine Figur genirt. Unter allen hiesigen Schauspielern, Herrn Brockmann ausgenommen, deklamirt er am richtigsten; aber nicht am schönsten, denn seine Stimme fällt manchmal ins Hohle. Seine Sprache ist äusserst rein, welches er seiner theatralischen Bildung in Sachsen zu danken hat. Seine Gesichtszüge sind stark, nehmen sich aber doch auf der Bühne nicht sehr aus, weil er blond ist, und durchs Mahlen dem scheinbaren Spiel derselben nicht genug nachzuhelfen sucht. Zu zärtlichen Vätern, welches seine Meisterrollen sind, ist er ganz gemacht. Ich hab den Hausvater noch nicht besser spielen gesehn, als von ihm. Weil er aber zu gut ist, die kleinen Fehler seiner Figur kennt und mit unbändigen Leuthen zu thun hat, so muß er sich öfters gefallen lassen, Rollen zu spielen, wozu er gar nicht gemacht ist. Man sucht ihm alle schwere Personagen, wobey doch keine Ehre zu verdienen ist, oder alle die sogenannten undankbaren Rollen aufzuhängen. Ich sah ihn junge lebhafte Prinzen machen, wobey er freylich nichts gewann. Unterdessen sieht man überall, daß er Kopf hat, und er leistet allzeit, was mit seinem Körper zu leisten möglich ist. Er hat verschiedene Stücke aus dem Französischen und Englischen übersezt, und wenn ich nicht irre, auch einige kleine Originalstücke geliefert. Sein jüngerer Bruder ist gerade das Gegentheil von ihm: ein rauher, starrköpfiger, troziger Mann, mit einem Medusengesicht, und nach dem ersten Anblik mehr zu einem Grenadierkorporal, als zu einem Schauspieler gemacht. Er spielt Flegel, Murrköpfe, Tyrannen, Scharfrichter u. dgl. m. welche ihm alle natürlich sind, und die ihm niemand nachmachen kann. Als Dichter ist er viel schätzbarer, als Akteur. Aller Kritiken, die ihn verfolgen, ungeachtet, werden seine Stücke doch auf allen deutschen Bühnen und auch auf jenen aufgeführt, wo man am stärksten über ihn schreyt. Sie haben viel Populäres, oft sehr treffende Karakterzüge, und nicht selten eine sehr feine Verwikelung. Es ist Schade, daß er nicht ganz ausgebildet ist. Er ist seiner Sprache nicht Meister genug, und sieht sich oft gezwungen, Intriguen mit Haaren in seinen Plan zu ziehn, weil er zu fruchtbar seyn will; wie man denn schon seine Stücke dutzendweis verkauft. Wenn er sich mehr Zeit liesse, zu feilen und zu schleifen, ich glaube, er könnte unter die besten jetztlebenden Theaterdichter gesetzt werden. Seine Liebe für den König, welches die Geschichte von Karl II. von England ist, sein Deserteur aus Kindesliebe, seine Bekanntschaft im Bad, seine Wölfe in der Heerde und sein Unterschied bey Dienstbewerbungen verrathen gewiß Genie, wenn sie auch gleich nicht bis zur klaßischen Schönheit ausgearbeitet sind. Uebrigens kümmert er sich weder um die Kritiker seiner Gedichte noch seines Theaterspiels. Er flucht und schimpft ihnen unter die Nase, und wenn Noth an Mann gehn sollte, so hat er auch zwo Fäuste, um sie schweigen zu machen. Herr Brokmann ist erst seit einigen Jahren hier. Man hat lange Zeit um ihn gebuhlt. Er genoß in Hamburg eines Ruhms, den Le Kain bey uns und Garrik in England genos. Er wollte nicht hieher, weil er die Kabalen dieser Theaterrepublik scheute, und dann seine Frau seit langer Zeit schon hier war, mit welcher er nicht im besten Vernehmen zu stehn scheint. Endlich ließ er sich durch die vortheilhaften Bedingungen, die man ihm machte, doch hieher locken. Er ist einer von den Schauspielern, die eben nicht beym ersten Anblik auffallen, aber immermehr einnehmen, je länger man sie sieht. Man muß sich erst an seine etwas zu fleischigte Figur und seine etwas heisere Stimme gewöhnen, ehe man sein Verdienst ganz schätzen kann. Aber wer diese kleine Gebrechen einmahl gewohnt ist, der muß über seinen Ausdruck entzükt werden. Ihm entgeht keine Nuance einer Leidenschaft oder sonst irgend einer Situation. Die unbeschreibliche Leichtigkeit seines Spiels verstekt das erstaunliche Studium, welches er auf alle seine Bewegungen und auf jedes einzel[n]e Wort wendet, das er spricht. Er studiert unabläßig vor dem Spiegel, und alles an ihm verräth Verstand, Fleiß und Uebung. Seine Meisterrolle ist Hamlet, den er aber hier nicht spielen kann, weil die republikanische Verfassung der Gesellschaft nicht erlaubt, daß man einem andern eine Rolle nimmt, die er schon gespielt hat, und im Besitz dieser Rolle ist ein gewisser Lange, von dem ich dir bald Nachricht geben werde. Aber Brokmann ist wie Garrick im stand, alle Rollen, vom Sultan an bis auf den Sklaven, gut zu spielen. Einen grössern Beweis von Weltkenntniß giebt es nicht. Nun ist die Reihe an einem Mann, der gewiß einzig in seiner Art ist. Es ist Herr Bergopzoomer, einer der größten Charlatans und doch zugleich einer der besten Künstler seiner Art, die ich je gesehen. Er hatte ehedem zu Prag eine Theaterschule, und kam auf den seltsamen Einfall, alle Bewegungen der Hände und Füsse mit Buchstaben des Alphabets zu bezeichnen. Nun rief er seinen Zöglingen unter dem Spiel zu: A, B, K, R, Y, und mit jedem Buchstabe mußten sie die gehörige Bewegung verbinden. Er soll auch der Verfasser eines sehr traurigen Trauerspiels seyn, worin er die Hauptrolle gespielt, und erst alle andre Personen seines grausamen Stückes und sich dann zu guter Letzte selbst umgebracht hat. Mordthaten sind seine Stärke. Ich sah ihn den tollen Richard von England toller Richard von England – »Richard III.« von Shakespeare machen, und ich muß gestehen, in der Henkersarbeit thut es ihm keiner nach. Er ist stark und doch leicht von Bau, hat eine vortrefliche Stimme, ein lebhaftes Aug und auffallende Gesichtszüge, und weiß von allem dem guten Gebrauch zu machen. Im Studium übertrift er vielleicht noch Herrn Brokmann. Er bemahlt sein ganzes Gesicht mit allen seinen Farben, so wie es der Karakter und auch allenfalls die Geschichte des Personnage erfodert, welches er spielen muß. Er sezt sich falsche Haare in die Frisur, die er sich in der Wuth ausrauft und Handvollweise auf den Boden wirft. Seine Wunden müssen wirklich bluten, und er soll ehedem in heftigen Leidenschaften sogar öffentlich auf dem Theater in der Wut Blut ausgespieen haben. Als Richard sah ich ihn sich in der Wuth auf den Boden werfen, grimsen und mit den Zähnen knirschen, daß ich wirklich schauerte. Alles das hat den Ausdruck der Wahrheit, daß er auch einen Kenner seine Charlatanerieen und Grimassen vergessen macht. Sein Fayel übertrifft alles, was von der Art gespielt werden kann. Er weiß, welche Gewalt ein Deklamateur mit den Gradationen der Stimme haben kann. In der Emilia Galotti macht er als Kamillo Rota, ohne Bewegung der Arme, oder Faltung des Gesichts, blos mit 5 bis 6 Worten das ganze Parterre schauern. Überhaupt ist ihm durch seine erstaunliche Uebung alles so leicht und rund geworden, daß man auch oft die grösten Schwierigkeiten, die er überwindet, nicht achtet. Du must eben nicht glauben, daß der Mann nichts als Romanhelden, als blutdürstige Tyrannen und Mörder spielen könnte. Nein; er spielt auch die etwas lebhaftern Rollen des bürgerlichen Lebens vortreflich. Der Restleß in dem englischen Stück: Alle irren sich, ist ein Meisterstück von ihm. Du weist, daß dieß eine der schwersten Rollen ist, die gespielt werden können. Nur Schade, daß er lieber mordet und stirbt als mehrere solche Rollen spielt. Uebrigens ist er ein guter Gesellschafter, und was etwas seltenes in der Schauspielerwelt ist, ein Mann von ziemlich ansehnlichem Vermögen. Unter allen Schauspielern hat keiner unter den Grossen des Hofes so viele Gönner und Freunde als Herr Miller. Der Mann versteht sich auf alles. Er errichtet Lotterien für die Bälle, d[b]ei deren Fonds sich sogar die Kaiserin selbst intereßirt, hält eine Bude von Galanterieen, Galanterieen – Galanteriewaren: Mode-, Putz- und Schmuckwaren hat eine artige Frau und eine schöne Tochter, welche bey den Großen öfters das Klavier spielt, und weiß von allem Nutzen zu ziehen. Er soll so viel Kredit haben, daß in seinem Handel und Wandel gegen 50.000 Gulden fremdes Geld zirkuliren sollen; ich glaube aber, die Summe ist ein wenig übertrieben. Er lebt von den grossen Herren als ein grosser Herr. Seine Wohnung ist auf dem besten und theuersten Plaz der Stadt, und besteht aus einer Suite von Zimmern, die kostbar und mit viel Geschmak tapezirt sind. Er hat in einer Vorstadt einen artigen Garten gemiethet, worinn er im Sommer für alle Welt freye Tafel giebt. Alle schönen Geister aus Deutschland addreßiren sich an ihn, und er biethet jedem seine Wohnung an. Die Bekanntschaften, die er sich dadurch unter dem hiesigen Adel und den hiesigen Gelehrten macht, vergüten ihm wieder diese Gastfreyheit. Er hat auch einige Theaterstücke fabricirt, die aber nicht so gut sein sollen, als seine Galanteriewaaren. Er ist der insinuanteste insinuant – hier: einschmeichelnd Mann von der Welt, und sucht allen Leuthen zu helfen, so wie er auch sucht, daß ihm von allen Leuthen geholfen wird. Als Schauspieler hat er eine unverzeihliche Eitelkeit. Seine Rollen sind komische Bedienten, Pedanten und Schwätzer; weil er aber ausser dem Theater eine so ansehnliche Figur macht, so gefallen ihm diese niedern Personnagen auf der Bühne nicht. Er spielt gerne Chevaliers Chevalier – franz. Adelstitel und Hofmänner, und darinn ist er unglücklich, denn seine affektirte Sprache, seine Gesichtsbildung und der Bau seines Körpers weisen ihm platterdings den Stall und die Antichambre Antichambre – Vorzimmer zu seinem Fach an. Da er im Theaterparlament den Sprecher macht, so ist es ihm leicht, Rollen zu bekommen, die seiner Eitelkeit mehr schmeicheln als seiner Kunst Ehre machen. Er ist ein neuer Beweis, daß ein Schauspieler eben nicht zu den Rollen, die er im bürgerlichen Leben spielt, am geschiktesten ist, denn zu dem Chevalier, den er in der Welt macht, taugt er auf der Bühne gar nicht. Herr Lange, den ich schon oben genennt habe, ist ein schöner Mann, und hat eine sehr gute Stimme. Sein Fehler ist, daß er ein Mahler ist. Seine Stellungen auf dem Theater sind vollkommene Akademien. Akademie – hier: literarische oder musikalische Veranstaltung Grade wie man in den Zeichenschulen die Leute, welche den Studierenden zum Muster dienen, in gewisse steife Attituden sezt, worin sie nichts empfinden, ebenso kalt und steif fallen auch alle Bewegungen des Herrn Lange aus. Er will alles gar zu musterhaft gut machen, und es ist ihm oft nicht natürlich. Seinen Hamlet könnte er ohne Bedenken Herrn Brockmann abtretten, ohne etwas dabey zu verlieren. Er hat eine Unart an sich, die wenig Kopf verräth. Wenn er eine Stelle deklamiren soll, die ihm Beyfall verspricht, so sucht er so nah als möglich an das Parterre zu kommen und tritt oft bis an den Rand der Vorderbühne vor. Zu bürgerlichen Rollen ist er gar nicht gemacht, denn er scheint überhaupt zu wenig Kenntnisse zu besitzen. Seine Rollen sind Romanhelden, worunter sich Coucy im Fayel vorzüglich ausnimmt. Seine schöne Stimme weiß er nicht zu gebrauchen. Bey Gradationen Gradation – Steigerung fällt er ins Singende. Er schlägt sich zu oft mit geballter Faust auf die Brust. Wenn es in der Absicht geschieht, seine Sünden zu bekennen, so hat man nichts dagegen einzuwenden. Er hat große Gönner und eine liebenswürdige Frau, die sehr gut singt. Durch die Protektion seiner Gönner setzt er sich oft in Besitz von Rollen, worauf er keine Ansprüche machen sollte; aber alles hängt hier von der Protektion ab. Übrigens gehört er auch unter die seltenen Komödianten, die Vermögen besitzen. Nun ist von den Akteurs vom ersten Rang keiner mehr übrig als Herr Steigentesch, den ich lieber bey mir im Zimmer als auf dem Theater sehe. Er ist ein Mann von ausgebreiteten Kenntnissen, spricht verschiedene lebende Sprachen, und hat Witz. Seine kleine Figur und eine gewisse Affektation schadet seinem Theaterspiel, worin er aber doch viel Verstand und Weltkenntniß äussert. Er macht Stutzer und Chevaliers, die aber hier, so wie die jungen bürgerlichen Liebhaber überhaupt, schlecht besetzt sind. – Von den übrigen, worunter Herr Weidmann zu Stutzerkarrikaturen, und Herr Jacquet zu Sesselträgern und Nachtwächtern vorzüglich zu gebrauchen sind, will ich dir nichts sagen, denn die Liste würde zu groß. Unter dem Frauenzimmer sticht Madame Sakko auffallend hervor. Ehedem hieß sie Mademoisell Richard, und war der großen Welt vom Rhein an bis an die Elbe mehr durch die Reitze ihrer Person, als ihres Theaterspiels bekannt. Sie scheint die unbeschreiblichen Talente, welche ihr die Natur gegeben, im Genuß der Liebe eine Zeit lang vernachlässigt zu haben; aber nach und nach entwickelten sie sich von selbst, und bey zunehmendem Alter suchte sie durch angestrengtes Studium alles zu ersetzen, was sie allenfalls vernachläßigt hat. Sie hat ein sehr fühlbares Herz, ein griechisches Profil, phantastische oder, wenn ich so sagen darf, romantische Gesichtszüge, ein Auge voll schmachtenden Feuers, den schönsten Wuchs und eine Silberstimme. Man muß die Gabrielle im Fayel von ihr sehen, wenn man schmelzen will. Zum erstenmal in meinem Leben kamen mir in einem Schauspielhaus Thränen in die Augen, als ich sie diese Rolle spielen sah. Aber Romanheldinnen sind nicht ihr einziges Fach. Sie macht Miladies, Marquisinnen und Devoten mit gleicher Wirkung. Sie kennt die Welt durchaus, und hier stehen ihr auch alle Gesellschaften, bis ins Kabinet der Kaiserin offen. Sie ist so sehr von ihrem Körper Meisterin, daß sie einer meiner Freunde mit einem Klavier oder irgendeinem Instrument verglich, welches Diskant und Baß zugleich spielt. Sie weiß ungemein viele harmonische Bewegungen und Veränderungen der Augen, des Mundes, der Stimme, der Arme und des übrigen Körpers so richtig und so zusammen einfliessend mit einander zu verbinden, welche doch oft so sehr zusammen abstechen und einander erheben, daß ihr Körper wohl mit nichts besser verglichen werden kann als mit einem musikalischen Instrument von dieser Art. Ich kenne keine 3 Schauspielerinnen, die sich mit ihr vergleichen liessen. Sie ist würdig, die Abgöttin des Publikums zu seyn, welche sie wirklich ist. Aber es währte lange, bis das Publikum ihre Verdienste erkannte. Sie hat das mit Herrn Brockmann gemein, daß ihr Spiel nicht wie das von Herrn Bergopzoomer oder Herrn Lange beym ersten Anblick auffällt. Alle grosse Schönheiten haben das eigen. Man wird erst entzückt, wenn man ihre Theile beschaut und vergleicht. Neben ihr tretten Mademoiselle Teutscher und Mademoiselle Nannette Jacquet auf. Sie wären gute Schauspielerinnen, wenn keine Sakko da wäre. Von dem übrigen Frauenzimmer weiß ich dir keine mehr zu nennen, als Madame Huber, die eigensinnige, zänkische und stolze Weiber auf der Bühne und ausser derselben vortreflich macht. In ihrem Hause gilt sie für ein Dutzend dieser Art von Geschöpfen. Die ganze Gesellschaft steht im Sold des Hofes, und jedes Glied behält sein Appointement, Appointement – Besoldung so lang' es lebt, und wenn es auch unbrauchbar wird. Die höchste Gage, welche der Hof zahlt, ist von 1.200 Gulden; daneben bekommen die vom ersten Rang über 600 Gulden und Holz und Kleidergeld, und der Hof vertheilt großmüthig den Ueberrest der Einnahme jährlich unter sie aus. Die ganze Einnahme betrug voriges Jahr gegen 120.000 Gulden, und die Unkosten beliefen sich auf etliche und 80.000. Der Ueberschuß wird nach dem Verhältniß der Appointements vertheilt. Wenn sie Kinder haben, so sucht man ihnen so bald als möglich ein kleines Appointement auszusetzen. Ueberhaupt behandelt man sie sehr großmüthig. Den Gemahl der Madame Sakko, einen Tänzer von Profession, den man zu nichts gebrauchen konnte, machte man bloß in Rücksicht auf seine Frau zum Garderobinspekteur, mit einem Gehalt von 500 Gulden, so daß das liebe Ehepaar zusammen auf ohngefähr 2.300 Gulden oder etwas über 6.000 Livres unseres Geldes zu stehen kommt. Die von der zweyten Klasse ziehen 800 bis 1.000 Gulden Gage, und die von der letzten 4 bis 600. Herr Jacquet mit seinen zwei Töchtern kommt jährlich auf ohngefähr 4.000 Gulden oder beynahe auf 12.000 Livres zu stehen. Die Kabalen und Intriquen, Intrique – Intrige welche in dieser Republik herrschen, sind über alle Beschreibung. Jede Rolle setzt Händel ab. Die Grossen des Hofes mischen sich ins Spiel, und das Publikum leidet darunter. Wenn diese Gesellschaft unter einer klugen und strengen Direktion stünde, so wäre sie ohne Vergleich eine von den 3 ersten in Europa. Auch die Dichter leiden darunter. Wenn das Theaterparlement Sitzung hat, so werden die eingeschickten neuen Stücke öffentlich vorgelesen, und sodann die Stimmen gesammelt. Die Mehrheit giebt den Ausschlag. Nun wurden schon öfters Stücke verworfen, weil einige der Erstern keine glänzende Rolle darinn zu spielen hatten, oder weil man eine schöne Rolle nicht einem Nebenbuhler überlassen wollte, oder weil einige der Mitglieder nicht bey guter Laune waren, eine neue schwere Rolle einzustudieren, oder weil, welches der gewöhnliche Fall ist, die wenigsten den Werth des Stückes einsahen. Der Mangel an guten neuen Stücken, worüber sie erbärmlich klagen, zwingt sie seit einiger Zeit gegen die Dichter gefälliger zu seyn. Der Verfasser eines Stückes bekömmt nebst einem Prämium, die Einnahme von der dritten Vorstellung seines Produktes, und hat die Freyheit, das Manuscript noch einem Buchhändler zu verkaufen. Dieser ansehnlichen Vortheile ungeachtet, ist man hier mit den neuen Stücken so sehr auf die Neige gekommen, daß man dem Theater eine kleine deutsche Oper beyfügen mußte. Die Glieder dieser Opergesellschaft stehen bey den alten Gliedern der Komödie in der tiefsten Verachtung, und es kömmt fast täglich zu den lächerlichsten Auftritten von Verfolgung, Kabalen, Eifersucht und Schelmerey. Uebrigens sorgt die Kaiserin dafür, daß die Sitten der Schauspielerinnen öffentlich besser sind als jener zu Paris. Im Ganzen hat das hiesige Publikum einen so verdorbenen Geschmack als das zu München. Alles schreyt hier Panem et Circenses, Panem \& Circenses – lat. »Brot und Zirkusspiele«, damit hielten sich die Römischen Kaiser in Gunst bei der Bevölkerung und der grosse Haufe scheint wirklich gar keinen andern Wunsch zu kennen, und keine andre Empfindung zu haben, als daß sein Bauch gefüllt und ihm immerfort eine Art Schauspiel zum Desert vorgesetzt werde; allein sein Geschmack wird dadurch nicht gebessert, noch weniger sein Gefühl dadurch verfeinert. Viele seufzen laut nach der güldnen Zeit des Harlekins, und um die andern nicht ungehalten zu machen, muß Freund Harlekin noch öfters mit einer Staatsperücke oder gar in der Rüstung eines Helden auftretten, und das mit einem weinerlichen Ton bewirken, was er ehedem mit Lachen that; denn ich kann die sogenannten erhabenen Stellen der Tragödie, wo einer stundenlang unsinnig ist, ohne von den mitspielenden Personen, die bey Verstand sind, an Ketten gelegt zu werden; wo einer stundenlang mit dem Tode ringt, ohne daran zu denken, sein Testament zu machen, und nichts bessers mehr zu thun weiß, als den Zuschauern zwanzigmal in abgebrochenen Seufzern zu sagen, daß er sterbe, welches sie doch nicht eher glauben, als bis er sein Haupt zur Erde legt; wo einer in einer grossen Verlegenheit ist, womit er sich oder einen andern umbringen soll, und an dem ersten besten, der ihm begegnet, einen Freund findet, welcher die Taschen voll Dolche und Giftpulver hat; und ihn reichlich damit versieht; alle diese grossen Scenen, sag' ich, kann ich für nichts anders als weinerliche Harlekinaden erklären. Das Publikum beklatscht sie, ohne zu wissen warum, wie es ehedem auch die sinnlosesten Grimassen des Hanswurstes beklatscht hat. Es ist fast unbegreiflich, wie sich die Leute durch blosses Nichts bis zur Entzückung hinreissen lassen. Vor einigen Tagen kam es zu einer von den Stellen, die das Parterre vorzüglich fand. Der Schauspieler, welcher sie zu deklamiren hatte, Herr Lange, wußte voraus, wie es jeder wissen kann, daß er Beyfall bekäme, wenn er auch gar nicht verstanden würde. Er trat also an den Rand des Theaters, riß die Arme aus einander, fieng an auf seiner Brust zu trommeln, und ehe er noch einen zusammenhangenden Satz gesprochen hatte, erhob sich das betäubendste Klatschen, welches bis zum Ende der Stelle anhielt. Es war platterdings ohnmöglich, daß jemand nur ein Wort von allem dem verstanden hätte, was der beklatschte Schauspieler gesagt hat. Ich habe mich innigst überzeugt, daß das hiesige Publikum ausser den Grimassen nichts schön finden kann. Bei den Vorstellungen der beßten Stücke, wenn sie nichts Lärmendes und kein sonderliches Gepränge haben, ist das Parterre leer, und bey den elendesten Farcen, worinn geschossen, gehangen, gespießt, geheult und gerast wird, allezeit gedrängt voll. Die beßten Stellen, wo der Dichter die feinste Menschenkenntniß, Witz und Genie zeigt, und der Schauspieler sein Talent nicht durch Grimaßiren, sondern durch den sanften Ausdruck der Wahrheit und durch Ueberwindung grosser Schwierigkeiten an den Tag legt, bleiben unbemerkt. Dabey versteht das hiesige Publikum seine Sprache gar nicht. Kein Eingebohrner achtet hier auf die Reinheit, Ründung und Lebhaftigkeit des Dialogs, und ich habe Stellen beklatschen gehört, die man sicher zu Paris ausgepfiffen hätte, wenn sie so schlecht französisch gewesen wären, als sie hier deutsch waren. Ausser dem Nationaltheater treiben jetzt in den Vorstädten noch 6 bis 7 besondre Schauspielergesellschaften ihre eigne Wirthschaft. Sie sind von der Art, wie ich einige in Schwaben herumziehen sah, deren Glieder wechselweis bald auf dem Theater, bald im Spital und bald bey der Trommel, Trommel – als Soldat und meistens verlaufene Studenten, Schneider und Perükenmachergesellen sind. Sie spielen im Halbdunkel, und scheuen eine starke Beleuchtung, um den ehrlichen Leuten kein Aergernis zu geben, die bey mehrerm Licht alle Schürze der Mädchen über die Hände der neben ihnen sitzenden Mannsleuten gebreitet sehen würden. Die, welche ihre Bühnen tief hinter den Hintergebäuden und in Gärten aufzuschlagen wissen, wo man nach Beendigung des Schauspieles in der Nacht mit einer Freundin leicht einen Abtritt von der offenen Strasse nehmen kann, haben den meisten Zuspruch. Sie wissen so wohl, daß man nicht wegen ihres Spieles zu ihnen kömmt, daß oft die halbe Gesellschaft während der Komödie ins Wirthshaus läuft und einer 3 bis 4 Rollen zugleich spielen muß. Acht und zwanzigster Brief. Wien – Der Verfasser der Voyages en différents pays de l'Europe (Herr Pilati) spricht sehr verächtlich von dem deutschen Adel und setzt den neapolitanischen in Betracht des Reichthums weit über denselben. Wenigstens hätte er den hiesigen davon ausnehmen sollen; denn es sind Häuser hier, deren eines mehr Vermögen hat als die 6 reichsten von Neapel, die er nennt. Die ältere Linie des Hauses Lichtenstein, oder der Fürst Franz dieses Namens hat wenigstens 900.000 Kaisergulden oder über 2.300.000 Livres jährlicher Einkünfte. Er besitzt allein in Mähren gegen 20 Herrschaften, deren viele aus 20 bis 30 Dörfern bestehen. Er ist ohne Vergleich der reichste Partikular Partikular – Partikülier: Privatmann in Europa; denn man kann ihn mit allem Recht einen Partikularen heissen, weil die unmittelbaren Reichsherrschaften Vadutz und Schellenberg in Schwaben, die das Haus bloß in der Absicht gekauft hat, um Sitz und Stimme auf dem Reichstag zu haben, im Ganzen nicht in Anschlag kommen. Lord Kavendisch, welcher jetzt für den reichsten Mann in England gehalten wird, hat ohngefähr 80.000 Pfund Sterling jährlicher Einkünfte, die kaum 700.000 Gulden hiesiges Geld ausmachen. Zu Paris kennt man weder unter dem Adel (die Prinzen vom königlichen Geblüt ausgenommen) noch unter den Generalpächtern Generalpächter – Steuerpächter. Diese haben das Recht der Steuererhebung und zahlen die zu erwartenden Einnahmen im voraus an den Staat. jemand, der über 1.200.000 Livres Revenüen hätte, und die Fürsten Radzivill und Czartoryskin in Polen können sich so wenig als einige rußische Familien mit dem Haus Lichtenstein vergleichen. Der Fürst Esterhazy hat über 600.000 und der Fürst Schwarzenberg über 400.000 Kaisergulden jährlichen Einkommens. Der Häuser von mehr als 100.000 Kaisergulden Renten, oder von ohngefähr 300.000 Livres, welche Herr Pilati als die reichsten zu Neapel angiebt, findet man hier gegen 30, und ohne die obbemeldten wenigstens noch 10, die noch einmal so reich sind. Die Häuser Karl Lichtenstein, Auersberg, Lobkowitz, Paar, Palfy, Kolloredo, Hatzfeldt Schönborn und noch viele andere sind ungleich vermögender als die Herzoge Pignatelli, Matalone und die Fürsten von Palagonia und Villa Franca zu Neapel. Dieses erstaunlichen Reichthums ungeachtet sind die meisten grossen Häuser mit Schulden beladen. Hier vereinigt man alle Arten des Luxus, die man sonst unter verschiednen Nationen zerstreut findet. Pferde, Bedienten, Tafel, Spiel und Kleidung, alles ist übertrieben. Es sind viele Ställe hier von 50, 60, und mehr Pferden. Wer 50 bis 60tausend Gulden Einkünfte hat, muß wenigstens 24 bis 30 Pferde haben. Ein Haushofmeister, ein Sekretär, 2 Kammerdiener, 2 Läufer, 1 oder 2 Jäger, 2 Köche, 5 bis 6 Laquayen und ein Portier machen die Bedienung jedes mittelmäßigen Hauses aus. Die Häuser Lichtenstein, Esterhazy, Schwarzenberg und einige andere haben wohl gegen 50 Bedienten, die Leibwachen der 2 erstern Fürsten ungerechnet. Man setzt oft nur eine Platte Obst für 60 bis 70 Gulden auf die Tafel, und Graf Palm hatte einst ein Kleid von 70.000 Gulden Werth auf dem Leibe. Ein Schmuck für eine Dame von 30 bis 40tausen Gulden ist hier etwas gemeines, und wenn auch gleich die Hazardspiele verboten sind, so hat man doch häufige Beyspiele, daß einzelne Personen in einem Sitz 15 bis 20tausend Gulden verloren haben. Prinz R ** n, welcher als französischer Bothschafter hier war, mit dem hiesigen Adel im Aufwand wetteifern wollte, aber viele Schulden hinterließ, sagte bey seiner Abreise: Man verthut sein Geld zu Paris mit mehr Geschmack, aber die Wiener halten länger aus. Es ist wahr, man verthut sein Geld, ohne viel dabey zu geniessen, ohne Geschmack. Viele würden wohl thun, wenn sie die Hälfte ihrer jährlichen Revenuen gerade zum Fenster hinaus würfen, und sich die Leute darum schlagen liessen. Sie machten auf diese Art ihre Bedienten nicht zu Schurken, und genössen ebensoviel dabey. Zu Paris schränkt man sich in manchen Stücken ein; jeder Hausvater von Stande hat seine Art von Oekonomie, auf die er strenge hält und die ihm zur Gewohnheit geworden; man studiert darauf, um sein Geld mit Anstand zu verwenden, und genießt es dann doppelt, weil die Verwendung mit Bewußtseyn, mit Bedachtsamkeit geschieht. Die meisten unserer Familien bringen auch den Armen, der Kunst und oft auch dem Vaterland ihr Scherflein. Man kennt bey uns den geistigen Genuß des Geldes; aber hier wird alles für eitle Pracht, die nicht der Besitzer, sondern allenfalls nur der Zuschauer genießt, und für die Sinnlichkeit verschwendet. Wenn man die darbende Armuth zu Paris neben dem Ueberfluß sieht, so tröstet doch den Menschenfreund wieder die Erinnerung, daß es in der Stadt einen Beaumont und einen Pfarrer von Sulpice giebt, die einen grossen Theil von dem Ueberfluß der Reichen unter die Dürftigsten vertheilen. Aber hier tröstet einen nichts über den traurigen Anblick der alten und oft kranken Armen, die sich im Dunkeln in die Bier= und Kafeehäuser schleichen, um sich für den andern Tag ihr Brod zu betteln, während daß der Grosse öfters auf einer Schüssel so viel auf seine Tafel setzt, daß eine bürgerliche Familie ein Jahr lang davon leben könnte. Die Kunst genießt vom Reichthum der hiesigen Grossen so wenig als die Armuth. Fast alle ihre Palläste und Gärten verrathen nichts, als eine geschmacklose Verschwendung. Von Sammlungen von Kunstdenkmalen habe ich ausser der lichtensteinischen Gemählde=Galerie in Privathäusern nichts merkwürdiges auffinden können. Diese kann freylich allein für viele Sammlungen von der Art gelten. Sie besteht aus mehr als 600 Stücken von den ersten Meistern und ist in 12 Zimmer vertheilt, die einen herrlichen Anblick darbieten. Man sieht viele Tafeln von Franceschini, Leonardo da Vinci, Leonardo da Vinci – ital. Maler, Bildhauer, Naturforscher und Ingenieur, † 1640 Rubens, Rubens – Peter Paul Rubens, flämischer Maler, † 1640 Guido, Guido – Guido Reni, italien. Maler und Radierer, † 1642 Michael Angelo Caravani, Michael Angelo Caravani – Michelangelo da Caravaggio, ital. Maler, † 1610 Lucca, Lucca – der aus Lucca stammende Pompeo Girolamo Batoni, italien. Maler, † 1787 (?) Castiglione, Castiglione – Giovanni Benedetto Castiglione, italien. Maler, † 1670 Pietro Testa, Weenix Weenix – Jan Weenix, niederländ. Maler, † 1719 und van Dyck. van Dyck – Anthonis van Dyck, flämischer Maler des flämischen Barock, † 1641 Rubens nimmt sich hier vorzüglich aus. Aber das ist auch alles, was man außer dem Hofe in den vielen Pallästen hier sehen kann. Ich hätte bald einen Zug vergessen, der den hiesigen Aufwand sehr karakterisirt. In einigen Häusern, die nach dem höchsten Ton leben wollen, ist es Sitte, wenn grosse Tafel gegeben wird, in einem Nebenzimmer mehrere Dosen Tartarus Emetikus und Lavoirs Tartarus Emetikus und Lavoirs – Brechweinstein und Waschbecken bereitzumachen. Die Gäste, welche an der Tafel Blähungen und Unverdaulichkeiten empfinden, nehmen ohne die geringste Bedenklichkeit einen Abtritt, erbrechen sich und fangen dann von neuem an, den Magen zu füllen. Die Musiken sind das einzige, worinn der Adel Geschmak zeigt. Viele Häuser haben eine besondere Bande Musikanten für sich, und alle öffentlichen Musiken beweisen, daß dieser Theil der Kunst in vorzüglicher Achtung hier steht. Man kann hie 4 bis 5 grosse Orchester zusammenbringen, die alle unvergleichlich sind. Die Zahl der eigentlichen Virtuosen ist geringe; aber was die Orchestermusiken betrift, so kann man schwerlich etwas schöneres in der Welt hören. Ich habe schon gegen 30 bis 40 Instrumente zusammen spielen gehört, und alle geben Einen so richtigen, reinen und bestimmten Ton, daß man glauben sollte, ein einziges übernatürlich starkes Instrument zu hören. Ein Strich belebt alle Violinen und ein Hauch alle blasenden Instrumente. Einem Engländer, neben den ich zu sitzen kam, schien es Wunder, durch eine ganze Oper, ich will nicht sagen, keine Dissonanz, sondern nichts von allem dem zu hören, was sonst irgend ein hastiger Vorgriff, ein etwas zu langes Schleifen oder ein zu starker Griff oder Hauch eines Instruments in starken Orchestern zu veranlassen pflegt. Er war entzückt über die Reinheit und Richtigkeit der Harmonie, und kam doch so eben aus Italien. Es sind gegen 400 Musikanten hier, die sich in gewisse Gesellschaften theilen, und oft viele Jahre lang ungetrennt zusammen arbeiten. Sie sind einander gewohnt, und haben gemeiniglich eine strenge Direktion. Durch die grosse Uebung, und dann durch den Fleiß und die Kaltblütigkeit, welche den Deutschen eigen ist, bringen sie es so weit. An einem gewissen Tag des Jahres geben diese 400 Künstler zusammen ein Konzert zum Besten der Musikantenwittwen. Man versicherte mich, daß dann alle die 400 Instrumente ebenso richtig, deutlich und rein zusammen spielten, als man es von 20 bis 30 hört. Gewiß ist dieses Konzert das einzige von der Art in der Welt. Eins der schönsten Schauspiele für mich waren in den letzten Sommernächten die sogenannten Limonadehütten. Man schlägt auf den grössern Plätzen der Stadt eine grosses Zelte auf, worinn zur Nachtzeit Limonade geschenkt wird. Einige hundert Stüle stehen oft darum her, und sind mit Damen und Herren besetzt. In einer kleinen Entfernung steht eine starke Bande Musikanten, und die grosse Stille, welche die zahlreichste Versammlung hier zu beobachten pflegt, thut alsdann eine unbeschreiblich gute Wirkung. Die vortrefliche Musik, die feyerliche Stille, das Vertrauliche, welches die Nacht der Gesellschaft einflößt, alles giebt dem Auftritt einen besondern Reiz. Um die Equipagen von Wien zu sehn, muß man zur Sommerszeit ein Feuerwerk im Prater besuchen. Der Prater ist ein natürlicher Eichen= und Buchenwald, nahe bey der Stadt, auf einer Insel der Donau, auf deren obern Theil die grosse Vorstadt Leopoldstadt liegt. Unfern des Einganges liegen unter dem Schatten der Bäume gegen 30 Hütten zerstreut, mit vielen Bänken und Tischen umher, wo man Essen und Trinken in Ueberfluß haben kann. Der Ort wird täglich stark besucht, ist aber bey einem Feuerwerk besonders merkwürdig. Gegen 12.000 Menschen versammeln sich da nach und nach, und die nehmen im Walde ihr Abendessen. Auf das gegebene Zeichen, wenn die Nacht eingebrochen ist, strömt die Gesellschaft von den Tischen weg auf die ringsum mit hohen Bäumen umgebene Wiese hin, wo das Schauspiel gegeben wird. Ein schönes grosses Amphitheater erhebt sich dem Feuerwerk gerade gegenüber, und ist größtentheils von einigen hundert Damen besetzt, deren hochgeschminkte Wangen, kostbarer Schmuck, und leichte Sommerkleidung im Licht des Feuerwerkes eine besonders gute Wirkung thun. Das Parterre zwischen dem Amphitheater und den Maschinen ist dicht mit Mannsleuten angefüllt. Der merkwürdigste Auftritt folget nach dem Beschluß des Feuerwerkes. Ein Zug von 12 bis 15hundert Kutschen, Pirutschen Pirutsche – auch Birutsche: ein leichter, halbgedeckter Wagen und allen Gattungen Fuhrwerkes gehet aus dem Walde in die Stadt in einer so geraden und gedrängten Linie, daß, wenn er sich manchmal unter dem Thore stopft, die Deichseln der hintern Wagen mitten auf die Kasten der vordern stossen, und da man nicht anderst als im stärksten Trott oder Gallopp fährt, so wird mancher Wagen auf diese Art durchstossen, und die darinn sitzenden Personen auf das vordere Fenster geworfen. Die meisten sind herrschaftliche Equipagen mit 4 bis 6 Pferden, deren Anzahl überhaupt sich hier auf ohngefähr 3.500 beläuft. Der Fiaker sind gegen 560, und der Stadtlohnwägen gegen 300. Die letztern sind nicht numerirt, haben bessers Geschirre, sind überhaupt schöner, werden meistens von den Wirthen gehalten, und theurer bezahlt als die erstern. Bey all dem starken Fahren der vielen Wagen fällt doch bey einem solchen Anlaß nicht die geringste Unordnung vor. Die Fußgänger haben ihren besondern Weg, den kein Kutscher befahren darf. Die Brücke zwischen der Leopoldstadt und dem Prater, worauf das Gedränge am stärksten, ist in 4 Theile getheilt. Die 2 aussern sind für die Fußgänger, und der eine von den innern für die Wagen, die hinein, und der andre für die, welche herausfahren. Diese Ordnung wird durch den Wald und auf der Chaussee durch die Vorstadt bis in die Stadt selbst beobachtet. Einige Kuraßier Kuraßier – Kürassier, Panzerreiter. Da diese militärisch am Ende des 18. Jahrhunderts keine Bedeutung mehr hatten, wurden sie als Ordnungspolizei verwendet. mit gezogenen Säbeln sorgen dafür. Bey öffentlichen Festen weiß man hier von keinen besondern Unglücksfällen, und alles Unheil, welches hier die Kutschen anrichten, geschieht im alltäglichen Getümmel der Stadt. Man kann sich nicht erinnern, daß in einem Jahr über 7 Personen sind todtgefahren worden, da sich hingegen zu Paris die Zahl der jährlich Totgefahrnen im Durchschnitt der letztern 10 Jahre auf 20 beläuft. Was das Feuerwerk selbst betrift, so zieh' ich es allen hiesigen Schauspielen, und selbst dem Nationaltheater vor. Herr Stuwer, von welchem ich einige sahe, versteht die Kunst. Er stellt mit allem mannichfaltigen Farbenspiel, den Schattirungen, und dem gehörigen Perspektiv ganze Gärten, grosse Palläste und Tempel in fast natürlicher Grösse in Feuer dar. Seine Maschinen sind besonders schön und groß, und machen oft 6 bis 8 Fronten von 50 bis 60 Schritt in die Länge. Bey Eröfnung des Schauspiels fliegen auf einmahl viele hundert Raketten unter einem dem Donner ähnlichen Getöse in die Luft, wovon der ganze Wald erbebt und wobey die Gegend auf einen Augenblick wie bey Mittag erleuchtet ist. Er hatte noch vor einigen Jahren an Herrn Girandolini einen Nebenbuhler, der ihm nach dem Zeugnis aller Kenner in der Kunst überlegen war, aber das Opfer der Bigotterie des Publikums werden mußte. Herr Girandolini, welcher ohnehin als ein Fremder mit mehrern Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, als Herr Stuwer, mußte sich auf das Aeusserste anstrengen, um sich einen Fonds zu machen und es seinem Nebenbuhler gleichthun zu können. Er hatte, wie Herr Stuwer, einen großen Schwarm von Arbeitern den ganzen Herbst und Winter und das Frühjahr durch in Sold. Als er im Sommer sein erstes Schauspiel geben, und es, um sich seines Aufwandes zu erhohlen, so prächtig als möglich machen wollte, kam an dem Tag, der zur Ausführung desselben angekündigt war, ein Donnerwetter, und verdarb ihm fast alles. Als er auf seinem Gerüst die Wolken heranziehn, und sein Unglück vor Augen sah, fluchte er mit der einem Italiäner natürlichen Lebhaftigkeit dem Donner entgegen, und nun schrieen ihn seine eigne Arbeiter als einen Atheisten aus. Er war in seinen Reden überhaupt zu unbedachtsam, und das Publikum faßte ein Vorurtheil gegen ihn, welches er mit aller seiner Kunst nicht besiegen konnte. Man schalt ihn einen Freygeist und Gotteslästerer. Die Anhänger seines Nebenbuhlers suchten dieses Vorurtheil auf alle mögliche Art zu verstärken. Die Kaiserin selbst ward durch das große Geschrey und die Intriguen der Leuthe, die sie umgaben, gegen ihn eingenommen. Wenn ein fremder Grosser kam, den sie mit einem Feuerwerk unterhalten wollte, so hatte Herr Stuwer den Vorzug. Dieser hatte gemeiniglich 3 und 4 tausend Gulden Einnahme, da Herr Girandolini froh seyn mußte, wenn er es auf 15hundert bis 2tausend brachte. Auf diese Art konnte er sich nie aus seinen Schulden ziehn, und kam endlich so weit zurück, daß er wegen den Kosten seinem Nebenbuhler den Preis überlassen und davon gehn mußte. Ich habe dir in einem andern Brief gesagt, daß hier das Verdienst sehr oft ein Opfer der Kabalen ist, und nun hast du auch ein Beyspiel, wie es von den Vorurtheilen des Pöbels mishandelt wird. Zu den Sommerbelustigungen, wo man die Art der hiesigen grossen Welt sehen kann, gehört auch der Augarten. Dieser ist ein grosser Park von schönen Alleen und schönem Buschwerk, auf der nämlichen Donauinsel, worauf der Prater ist, an welchen er gegen Osten angränzt. Er ist ein Werk des Kaisers, welcher ihn, wie die Aufschrift über dem Thore sagt, als ein Freund aller Menschen zu einem Belustigungsort aller Menschen gewidmet hat. Allein, es geniest ihn nur der feinere Theil des Publikums, und der Pöbel fühlt selbst, daß er hier in einem schlechten Licht steht. Er schließt sich selbst aus und thut wohl daran. Es ist zum Staunen, wie dieser Park in so kurzer Zeit das werden konnte, was er ist. Der Kaiser mit seinem lebhaften Temperament wollte sein Geschöpf gleich in vollem Wuchs vor sich sehn, und sparte keine Kosten, um unzälige halb= und ganz ausgewachsene Bäume oft aus der grösten Ferne herbeyzuschaffen. So verschieden auch die Gattungen der Bäume und des Gebüsches und die Alleenordnungen sind, so ist er doch zu regelmäßig, und hat zu wenig Mannichfaltigkeit, als daß man ihn einen eigentlichen englischen Garten heissen könnte. Ein ziemlich breiter Arm der Donau, welcher seine Ufer bespühlt, giebt ihm das meiste Leben. Jenseits des Flusses hat man einen breiten Wald durchgehauen, und diese Waldbahn fällt mit einer der Hauptalleen des Parks in eine Linie. Das Perspektiv, welches dadurch gebildet wird, ist meines Erachtens das Beste im ganzen Garten. Es wird in einer fast unabsehbaren Ferne vom mährischen Gebirge mährisches Gebirge – Böhmerwald, Bayrischer Wald wie von einem leichten Gewölke geschlossen. In einem prächtigen Pavillon hat man alle Erfrischungen und Billard. Wenn man diesen Ort in seinem Glanz sehen will, muß man ihn in den höchsten Sommermonaten morgens besuchen. Es ist seit einigen Jahren hier in der grossen Welt Sitte, daß man im Augarten eine Kur von mineralischem Wasser trinkt, wenn man auch noch so gesund ist. Die Einbildung hat wirklich an diesem Ort die Geselligkeit und Vertraulichkeit eingeführt, die sonst an den berühmten Gesundbrunnen zu herrschen pflegt, und man genießt hier wirklich das Offene und Freye der Gesellschaft, wodurch sich Spa, Pyrmont Spaa, Pyrmont – Spa, Bad Pyrmont, Kurorte mit Mineralwasserquellen in Belgien und Deutschland und andre Plätze dieser Art berühmt gemacht haben, ob man schon das nöthige Kurwasser von mehr als hundert Meilen her beschreiben muß. Alle Stände, besonders die Gelehrten und der Adel, mischen sich hier durch einander. Die Damen trinken die Kur, um sich im Neglische Neglische – Negligé, zarter, durchscheinender Überwurfmantel zeigen zu können, und die Herren, weil die Damen im Neglische nicht so stolz und spröde als im großen Putz sind. Es gibt noch verschiedene öffentliche Spazierplätze in der Stadt. Der welcher am häufigsten besucht wird, ist der Stadtwall oder die sogenannte Bastey. Ob man schon hier der Sonne sehr ausgesetzt ist, so ist er doch gar oft gedrängt voll. Die Bürgerlichen können nachmittag nicht in die Kirche gehn, ohne zugleich auf dem Wall eine Tour um die ganze Stadt zu machen, wozu sie gerade eine Stunde gebrauchen. Die vom höhern Stande kommen dahin um ihre Hunde zu producieren, die hier ganz allein vor den Pferden und Wagen sicher sind. Die Hunde machen hier einen grossen Artickel des Luxus aus, und man wetteifert darin, wie in den Equipagen und Kleidern. Itzt sind die kleinen Pommern Pommern – Spitze Mode, und wenn ein Pommerchen schneeweiß oder kohlschwarz ist und eine scharfspitzige Schnauze hat, so wird es mit 10 bis 15 Dukaten bezahlt. Fürst von ** hat eines um 25 Dukaten gekauft. Jeder Herr, der auf gute Lebensart Anspruch machen will, muß sein Spitzchen haben, welches hier der eigentliche Namen dieser Hunde ist. Die Bauern befinden sich wohl dabey, und haben auf dem Vögelmarkt zugleich einen Hundsmarkt errichtet. Der Garten des Belvedere in der Vorstadt, der Rennweg, welchen ehedem Prinz Eugen besessen, ist nun auch ein öffentlicher Spazierplatz. Der Garten hat an sich nichts vorzügliches, aber der Pallast ist so wohl wegen seiner Bauart, als besonders wegen seiner vortreflichen Lage eines der merkwürdigsten Gebäude in der Stadt. Auf der Terrasse und den Balkons desselben beherrscht man die Aussicht über die ganze Stadt und die ganze Gegend umher. Dieser Pallast enthält seit einiger Zeit in 22 grossen Zimmern die kaiserliche Gemähldegallerie. Der untere Stock ist den Italiänern angewiesen, unter denen sich Tizian, Titian – Tiziano Vecellio, kurz Tizian genannt, italien. Maler, † 1576 Korreggio, Korreggio – Antonio Allegri da Correggio, italien. Maler, † 1534 Guido, Paolo Veronese, Paolo Veronese – italien. Maler, † 1588 Palma und Giorgione Giorgione – Giorgione de Castelfranco, italien. Maler, † 1510 vorzüglich ausnehmen. Man zeigt auch zwei kleine Stücke, die von Raphael Raphael – Raffael da urbino, italien. Maler, † 1520 seyn sollen; allein, wenn sie wirklich von Raphael sind, woran aber der Herr Unterinspekteur, welcher uns begleitete, selbst zweifelt, so gehören sie gewiß unter seine ersten Versuche. Das beste ist ein Kupido Cupido – Kupido, der Liebesgott Amor von Korreggio in der Attitüde, wie er den Bogen spannt. Dieses Stück ist um 18.000 Dukaten, ich glaube, von Kaiser Karl VI. gekauft worden. Man war ehedem hier so fühllos gegen die Kunst, daß man dieses Meisterstück auf einem Speicher liegen ließ und mit Füssen darauf trat. Es wurde stark beschädigt, und der Ausbesserer hat einen guten Theil desselben, besonders den Rücken, abscheulich verdorben. Zum Glück erhielt sich der schöne Kopf unverletzt: Schelmischer und doch zugleich kindischer, giebt es kein Auge, weder im Kopf einer Koquette Koquette – Kokette, eine Frau, die auf Männer wirken möchte noch eines Adonis, Adonis – schöner Jüngling der griech. Sage als das Auge dieses Amors. Der Trotz auf seiner Stirne sticht mit einer scheinbaren Unschuld auf dem Mund sonderbar ab. Kurz, es ist Amor mit Leib und Seele. Da, wo das ursprüngliche Fleisch, welches Korreggio seinem Geschöpfe gegeben, noch erkenntlich ist, übertrifft es alles, was jeder andere im Fleisch getan hat. Es wurden durch die Unachtsamkeit, welche der Hof bis unter dem jetzigen Kaiser gegen die Sammlung äusserte, noch mehrere Stücke vorn höchsten Werth verunstaltet; aber alle waren in der Ausbesserung glücklicher, als der arme Kupido, dem ohnehin durch die hiesige Polizey so übel mitgespielt wird – Im obern Stock prangen die Niederländer, die hier mit allem Recht mit den Italiänern um den Rang streiten können. Man hat viele Wouwermanns, Wouwermann – Philips Wouwermann † 1668, Jan W. † 1666, niederl. Maler Berchhems, Rembrands, Rembrandt – Rembrandt Harmenszoon van Rijn, niederl. Maler, † 1669 Vanderveldens van de Velde – niederl. Malerdynastie und de Heens. de Heen – Jan David de Heem, niederl. Maler, † 1684 – Die Gallerie ist 3 Tage in der Woche für jedermann unentgeldlich offen. Die anstößigen Gemählde sind mit Vorhängen von grünem Taffet bedeckt, die aber jedermann nach Belieben aufziehen kann. Es sind einige darunter, bey deren Anblick der heilige Franz von Aßis Franz von Aßis – Franziskus von Assisi – gründete 1209 einen Orden, dessen Mitglieder nach dem Vorbild Jesu ohne jeden Besitz leben sollten, † 1226. sich gewiß in Dornen wälzen würde. Es sind keine einzlne, nackte Figuren, sondern Gruppen, die man im Leben nirgends als hinter Bettgardinen findet. In der Gesellschaft, worinn ich die Gallerie sah, waren verschiedene Damen und Fräulein. Die Herren zogen ohne alles Bedenken die Vorhänge auf. Ich hätte der so züchtigen Polizey zugetraut, daß sie wenigstens eine Affektation Affektation – hier: so tun als ob von äusserlicher Scham zur Sitte machen könnte: Aber einige von unsern Frauenzimmern sahen auch die geheimsten Spiele der schönen Göttin mit starren Augen an, und die andern hielten zwar die Fächer vors Gesicht; aber die Fächer hatten grosse Oefnungen, und sie konnten sich nicht überwinden, das Gesicht ganz wegzuwenden. Eine halbe Stunde von der Stadt liegt die Sommerresidenz der Kaiserin, Schönbrunn, in einer sumpfigten Vertiefung, worin ich wegen der eingeschränkten Aussicht und der feuchten Luft keine zwey Tage aushalten könnte. Der Pallast ist sehr weitläufig und wirklich in einem grossen Stil gebaut. Die Meublirung ist kaiserlich. Verschiedene Säle sind mit den besten Tapeten aus der Fabrik der Gobelins ausgeschmückt, und die Tapezierung eines einzigen Sales von der Art hat gegen 300.000 Gulden gekostet. In dem dabey befindlichen Thiergarten ist ein Elephant das merkwürdigste. Er ist von der größten Art aus Indien und ein Geschenk des jetzigen Statthalters von Holland, den er auf 10.000 Gulden zu stehen kam. Auf einer Anhöhe hinter dem Pallast hat der Kaiser in antikem Geschmack eine Sala Terrena Sala Terrena – klassizistische offene Halle mit 2 Säulengängen zu beyden Seiten bauen lassen, und dadurch den Fleck bezeichnet, wo seine Mutter ihren Sommerpallast hätte hinbauen sollen, wenn sie eine reizende Aussicht und eine reine Luft hätte geniessen wollen. Wenn die Kaiserin da ist, so sieht man ausser den Kapuzinern und einigen alten Damen wenig schöne Welt. Unterdessen gehört doch dieser Ort auch zu den öffentlichen Spazierplätzen, denn der Garten ist zu jeder Zeit, und der Pallast während der Abwesenheit der Kaiserin für jedermann offen. Unendlich mehr Reiz für mich hat der sogenannte Kalteberg eine Stund über der Stadt an der Donau. Der Weg hinauf geht durch ein vortreflich angebautes Land. Zur Linken erblickt man in einiger Entfernung auf dem Abhang des Berges und im Schatten alter Eichen das sehr einfache Sommerhaus des Feldmarschalls von Lascy Lascy – Franz Moritz Graf von Lacy, österreich. General, † 1801 mit einem schönen Englischen Garten. Nach und nach gewinnt man die dicke Waldung auf der Höhe des Berges, und auf der Spitze desselben steht ein Kamaldulenserkloster Kamaldulenser – katholischer Mönchsorden aus dem 11. Jahrhundert. Die Mönche lebten nach dem Prinzip des zusammengeschlossenen Eremitentums (jeder in einer Zelle eingemauert). Der Orden wurde durch Joseph II. 1786 in Österreich aufgelöst. auf dem schönsten Gesichtspunkt, den man weit und breit nur immer aussuchen konnte. Vor dem Kloster sind unter den Bäumen einige Bänke um einen Tisch angebracht, wo die Herren ihre Frauenzimmer, welchem der Eintritt in das Heiligthum ohne besondere Erlaubniß des Erzbischofs verboten ist, ausruhen lassen, bis sie das Kloster besichtigt haben. Die Wohnungen der Mönche sind kleine abgesonderte Häuser, wobey jeder sein eignes Gärtchen hat. An der äussersten Zelle bildet der Garten eine Terrasse von welcher man senkrecht über einen sturzdrohenden Felsen herab in die Donau sieht, und eine Aussicht beherrscht, deren ein Mönch von der Art wirklich unwürdig ist. Man hat die ganze Stadt, wie in einem Grundriß zu seinen Füßen. Man glaubt das Getöse des Menschengewühls zu hören, welches sie belebt. Man übersieht diesen Theil von Oestreich bis an die Gränzen von Mähren und Ungarn. Die majestätische Donau windet sich durch die unabsehbare Fläche, und in grosser Ferne, wo sie sich mehr ausbreitet, oder von keinem Gehölze und keinen Erderhöhungen gedekt wird, schimmert sie stückweise mit Silberglanz aus der Landschaft hervor. Zur Rechten, wenn man die Stadt gerade vor sich hat, senkt sich der mit Holz bekrönte Berg bis an die Vorstädte hin, und zur Linken zieht sich sein hoher Rüken längst der Donau hinauf, wo man in einer Entfernung von einer Stunde den goldenen Berg von Enzersdorf erblickt, der einen der besten Weine von Oestreich liefert. Die vielen und schönen Dörfer, die blauen am Rand des Horizonts schwebenden Berge, die vielen und mannichfaltigen Parthien Gehölze und das Wasser geben der weiten Fläche Leben genug. Ich konnte meine Entzückung über den Anblick gegen den Mönch, der neben mir stand, nicht bergen. Ich sagte ihm, ich hielt den Bruder für glücklich, der die äusserste Zelle zu bewohnen hätte: «Nein, antwortete er; wir sind nicht Ihrer Meinung. Keiner von uns will in dieser Zelle wohnen; weil sie dem Wind zu sehr ausgesetzt, und im Winter noch einmal so kalt als eine andre Zelle ist.« Auf einmal brachte mich der Mann aus der Entzückung zurück. Du weist, ich bin einer von denen, die im Sommer nicht an den Winter denken können, und denen nichts auffallender ist, als wenn man sie mitten im Genuß der schönen Seite eines Dinges an die häßliche desselben erinnert, so natürlich es auch seyn mag. – Nachdem wir alles, auch die Betten, Gebetbücher, Zilizien Zilizium – von lat silentium = Stille; Keuschheitsgürtel für Männer (?) etc. der Mönche besichtigt hatten, gaben wir ihnen Geld für einige Messen für uns, welches das gewöhnliche Trinkgeld der Fremden ist, und eilten unter die Bäume zu unserm Frauenzimmer. Wir hatten eine kalte Küche und einige Bouteillen Bouteille – Flasche Schumlauer und St. Jörger Ausbruch Schumlauer, St. Jörger Ausbruch – österreichische Weinsorten vorausgeschickt. Der Tag war schön, das Frauenzimmer bey guter Laune, und wir waren alle aufgelegt, den Vorhof des Heiligthums in Zucht und Ehre ein wenig zu profaniren. profaniren – verweltlichen, entweihen Diese Wahlfahrt ward in den ersten Tagen meines hiesigen Aufenthalts veranstaltet, und seit der Zeit habe ich noch verschiedene male, auch bey der rauhen Witterung des Herbstes, in einer weniger zahlreichen Gesellschaft den lieben Ort besucht. Es giebt hier noch verschiedene andre öffentliche Spazierplätze, worunter man auch den Kalvarienberg Kalvarienberg – lat. calvaria = Schädel, eigentl. Schädelstätte. Nachbildung eines Hügels mit der Kreuzigung. zu Herrnals und einige andre Andachtsörter zählen kann; denn das Frauenzimmer und die jungen Herren treiben hier die gegenseitigen Eroberungsoperationen weiter, als an irgendeinem andern öffentlichen Ort, weil die Maske der Andacht sie dem Auge der Polizey versteckt. Neun und zwanzigster Brief. Wien – Der hiesige Hof hat verschiedene kostbare Sammlungen, die er alle das Publikum soviel als möglich geniessen läßt. Das kaiserliche Münzkabinet hat in Europa wenig seinesgleichen. Die Zahl der antiken Münzen beläuft sich auf 22.000 Stück. Jene der neuern Münzen ist ungleich grösser und kostbarer. Die vollständige Sammlung aller Münzen und Medaillen von Karl dem Grossen bis auf unsere Zeiten macht einen besondern, und in Rücksicht auf die Geschichte des Mittelalters, unschätzbaren Theil dieses Kabinets aus. Es war zwar einiger Vorrath von Karl VI. da; aber die Sammlung hat doch ihre Existenz eigentlich dem Kaiser Franz zu danken, der unsägliche Summen darauf verwandte und sie zu seiner Lieblingsunterhaltung machte. Von den mechanischen, physischen und Naturalien=Sammlungen sage ich dir nichts, als daß sie wie alles, was der Hof hat, von jedermann ohne die geringste Beschwerde besichtigt werden können. Die Bibliothek ist ohne Vergleich die wichtigste und gemeinnützigste. Sie ist eine der zahlreichsten in der Welt, und besteht aus mehr als 300.000 Bänden, worunter ohngefähr 12.000 kostbare Handschriften sind. Das Gebäude, worinn sie aufbewahrt wird, ist eins der schönsten in der Stadt, Sie ist alle Tage, die Sonntage ausgenommen, von Morgen bis um 12 Uhr für jedermann offen. Die Liebhaber finden einen geräumigen Saal mit einem langen Tisch und gemächlichen Stülen, nebst Dinte und Papier, um die Bemerkungen aufschreiben zu können, die sie unter dem Lesen allenfalls machen. Ein Sekretär der Bibliothek weißt sie in den Katalogen zurecht, und einige Livreybedienten des Hofes bedienen sie mit dem, was sie fodern, auf den Wink. Im Winter ist der Saal geheitzt, und man hat ein besonderes Gestelle neben der Thüre angebracht, worauf jeder das Buch, welches er ganz durchlesen will, an einen bestimmten Ort jedesmal hinstellen, und des andern Tages finden kann. Wenn ein Liebhaber auch das ganze Jahr hindurch ununterbrochen die Bibliothek besucht, so wird doch keinem Bedienten einfallen, ein Trinkgeld von ihm zu erwarten. Kurz, dieß Institut spricht mehr als jedes andre von der edeln und gemeinnützigen Denkensart des Hofes. Ist man einmal mit einem der Bibliothekare bekannt, von denen immer einer in einem Nebenzimmer zugegen ist, so hält es auch nicht so schwer, die verbothenen Bücher zu bekommen, als einige Leuthe wollen glauben machen. Herr Pilati erzählt, man habe ihm gesagt, ohne einen Erlaubnißschein des Erzbischofs bekäme man kein gutes Buch. Man hat ihn irrig belehrt. Ich lese seit einiger Zeit die Geschichte des tridentinischen Konziliums Tridentisches Konzilium – Tridentinum, Konzil (allgemeine Kirchenversammlung) in Triest 1545 – 1563, es bildet den Auftakt zur Gegenreformation. Neben neuen Glaubenssätzen wurden die Gründung von Priesterseminaren, die Aufstellung von Hochaltären, der Wegfall des Lettners und die Bestuhlung des Kirchenraumes beschlossen. Es stellte die Rechtfertigungs- und die Transsubstantiationslehre auf, schuf die Siebenzahl der Sakramente, den Index der verbotenen Bücher und erklärte die Vulgata zur alleingültigen Bibelübersetzung. von Bruder Paolo und habe Machiavells Werke schon durchgelesen, ohne den Herrn Erzbischof um Erlaubnis gefragt zu haben. Nebst dieser Hofbibliothek giebt es noch verschiedene andere öffentliche Büchersäle. Der Buchhändler von Trattnern Buchhändler von Trattnern – Johann Thomas von Trattner, österreichischer Buchdrucker, Buchhändler und Verleger. Er druckte ohne Erlaubnis Werke von Goethe, Schiller, Wieland u. a. nach und zensierte sie im Sinne eines stinkorthodoxen Katholizismus. † 1798 kam auch auf den Einfall, ein gelehrtes Kafeehaus in seinem grossen Pallast zu errichten. Er versprach den Subskrid[b]enten, alle Zeitungen, alle periodische Schriften und alle fliegenden Brochüren der gangbarsten lebenden Sprachen zu liefern. Vielleicht hätte dieser Plan den ersten Grund zu einer Akademie oder gelehrten Gesellschaft gelegt; allein die Subskribenten sahen bald, daß es mehr auf eine feine Beutelschneiderey als auf ein nützliches Institut hinauslief. Dieser Herr von Trattnern ist überhaupt ein sonderbarer Mann. Er zwingt die Professoren, ihm ihre Manuskripte in Verlag zu geben, und zahlt ihnen keinen Kreutzer dafür. Als Hofbuchhändler behauptet er das Recht dazu zu haben, und die Gunst der Kaiserin, die er sich auf eine unbegreifliche Art erwerben konnte, machte ihn zu einem kleinen Tyrannen aller hiesigen Buchhändler und Gelehrten. Bey dem grossen Ton, den er affektirt, schämt er sich nicht zu den niederträchtigsten Kniffen seine Zuflucht zu nehmen. Er druckt mit kaiserlichem Privilegium hier Bücher nach, die mit kaiserlichem Privilegium in andern Provinzen Deutschlands gedrukt werden. Man sagte mir, er habe sogar die Kaiserin bereden können, der Verlag eines noch so gängigen Buches wäre für den Buchhändler kein Gewinn, und man müsse ihm einen Theil der Druckkosten vergüten, welches die gute Monarchin auch bey einigen Werken, deren Druck sie befördern wollte, gethan haben soll. So sehr er der Kaiserin auf einer Seite schmeichelt, so ungehorsam ist er ihr auf der andern. Durch ihn kommen die meisten verbothenen Bücher in die Stadt. Wenn du es ihm theuer genug bezahlest, so kannst du die Academie des Dames, Academie des Dames – eine Buchreihe erotischer Literatur mit erotisch-pornographischen Zeichnungen den Dom B*****, Dom B***** – Histoire de Dom B***, Portier des Chartreux, eine erotisch-pornographische Novelle, unter gleichem Namen kursierten auch einschlägige Illustrationen. die Pucelle d'Orléans, Pucelle d'Orleans – La Pucelle d'Orleans, Poeme Heroi-Comique, en dix-huit chants, eine Parodie auf das Thema der Jungfrau von Orleans von Voltaire, ein scharfer Angriff auf Wunder- und Vorsehungsglauben und den Jungfrauenkult der Kirche, entstanden um 1730 den Portier des Chartreux und die ganze skandalöse Bibliothek bey ihm haben. Die Lektüre des hiesigen Publikums überhaupt genommen, ist äusserst fade. Es ist lange nicht wie bey uns, wo man Montesquieus Esprit des Loix, Montesquieu – Charles de Secondat, Baron de Montesquieu, franz. Philosoph. In seinem Buch »Vom Geist der Gesetze« (1748) nennt er die drei möglichen Regierungsformen (Republik, Monarchie, Despotie) und fordert die Dreiteilung und Unabhängigkeit der Gewalten wie in England (Regierung, Parlament, Justiz). † 1755 Voltäres Universalgeschichte, Rousseaus Kontract, social Rousseau – s. Fünf und zwanzigster Brief. und ähnliche Werke in Händen von Leuten findet, die gar keinen Anspruch auf Gelehrsamkeit machen. Hier sind viele Gelehrte, die diese und ähnliche Bücher nicht kennen und die es einigen vom hohen Adel und einigen Offiziers überlassen, sich mit denselben abzugeben. Bouffonerien Bouffonerie – Spaßhaftigkeit, Schelmerei machen hier ganz allein ihr Glück, und auch der bessere Theil des lesenden Publikums schränkt sich auf Schauspiel, Romanzen, Feenmärchen u. dgl. m. ein. Ich kenne ein ganzes Dutzend junger Gelehrten, wie man diese Kreaturen hier heißt, die ausser der Schule nichts als einige deutsche und französische Dichter gelesen haben. In dem Lesesaal der kaiserlichen Bibliothek macht' ich einigemal einen Tour um den Tisch herum, um den Geschmack der vielen Leser kennen zu lernen. Zwey bis drey von ohngefähr 24 lasen alte Schriftsteller; einer las Sullys Memoires, Sully – Herzog von Sully, franz. Staatsmann, † 1641 und alle übrigen hatten weder mit der Geschichte, noch mit Alten, noch mit sonst etwas zu thun, das einer wirklichen Wissenschaft ähnlich wäre. Dramaturgien, Gesänge, Romanen, und solche Dinge bedeckten den ganzen Tisch. Einige wenige hatten kostbare Werke, aber, wie man deutlich sehen konnte, bloß um mit Besichtigung der Alterthümer von Herculanum Herculanum – Herculaneum, zusammen mit Pompeji 79 vom Vesuv verschüttet oder der florentinischen Sammlungen einige müßige Stunden zuzubringen. Ich sah verschiedene male einige Ungarn am Tische, die mit ihrer Lektüre alle Deutschen beschämten, die zugegen waren. Die liessen sich ihre seltensten vaterländischen Geschichtschreiber geben, und man sah in ihrer Miene, daß sie ihren Verstand mit der Lektüre nährten, und ihr Herz zugleich wärmten. Sollte nicht die Regierungsverfassung etwas beytragen, daß die Hungarn, wie ich ziemlich allgemein bemerkt habe, mehr Vaterlandsliebe haben, und folglich auch mehr auf die Geschichte ihres Vaterlandes achten, als die Oestreicher? Unter diesen hab ich noch keinen auffinden können, der an der Geschichte seines Vaterlandes, einen besondern Geschmack fände. Auf diese Art ist es sehr begreiflich, daß die meisten Gesellschaften hier, welches mir gleich anfangs auffiel, so todt sind. Die Materie vom Theater ist bald erschöpft, und dann hat man zur Unterhaltung des Gespräches keine Hilfsmittel mehr, als die täglichen Stadtneuigkeiten und schale Bemerkungen darüber. Das Frauenzimmer ist hier allein im Stand, ein gesellschaftliches Gespräch beym Leben zu erhalten. Es sticht durch natürlichen Witz, Lebhaftigkeit und durch mannichfaltige Kenntnisse mit dem hiesigen Mannsvolk erstaunlich stark ab. Ich hab hier in 3 bis 4 ansehnlichen Häusern Bekanntschaft, worin die Herren in den ersten 5 Minuten am Ende von allem sind, was sie zu sprechen wissen; und ohne Galanterien einzumischen, finde ich bey ihren Weibern und Töchtern eine unerschöpfliche Quelle von lebhaftem Gespräche. Es ist wahr, oft wird der Faden des Gesprächs blos durch die natürliche Neugierde des Frauenzimmers fortgesponnen; aber alle Fragen, welche die Neugierde sie thun läßt, verrathen schon einige Bekanntschaft mit dem Gegenstand, worauf sie sich beziehn, oder wenigstens mit dem Gegentheil davon, und sie sammeln dadurch einen Fonds zu neuen Bemerkungen und zur Unterstützung eines neuen Gesprächs. Eben diese Neugierde fehlt den Männern, die überhaupt zu stumpf sind, und zu wenig von allem dem haben, was dem Geist einen Schwung giebt. Das hiesige Frauenzimmer ist schön und stark von Wuchs; nimmt sich aber weder durch eine vorzügliche Gesichtsbildung, noch durch eine schöne Farbe aus. Es ist frey und lebhaft in seinen Gebehrden, seinem Gang und seinem Gespräche. Es ist gesetzter, männlicher und entschlossener als das von Paris, aber nicht so heroisch als das von London. Ich kann dir keinen bessern Begriff von ihm geben, als wenn ich dir sage; es ist das Mittel zwischen den Engländerinnen und Französinnen. Grosse Schönheiten sieht man hier wenig; aber auch wenig starke Karrikaturen. In der Winterkleidung, die es nun schon seit dem Anfang Oktobers trägt, hat es unsere Landsmänninnen noch nicht nachgeahmt. Diese läßt ihm ungemein schön, und besteht in einer mit kostbarem Pelz ausgeschlagenen, und bis auf die Füsse reichenden Polonaise. Da sich diese Kleidung mit keinen hohen Poschen Posche – Hüfttasche verträgt, am Oberleib geschlossen ist und auf den Untertheil nachläßig genug fällt, um seine Umrisse und Bewegungen sehen zu lassen, so hat sie wirklich etwas von der Simplizität eines griechischen Gewandes. Ein Zug von Andächteley, welcher dem hiesigen Frauenzimmer eigen ist, ist mit einer gewissen Empfindsamkeit des Herzens verwebt, und der Liebe, Freundschaft und Wohlthätigkeit eher zuträglich als nachtheilig. Moore hat diesen Zug richtig bemerkt; aber nichts setzt ihn in ein helleres Licht, als wenn eine Dame in einem Kloster Messen bestellt und zu gleicher Zeit den Armen Almosen giebt, damit Gott ihren Wunsch erfülle, und ihren kranken Cicisbeo Cicisbeo – vom Ehemann akzeptierter Liebhaber einer Frau bald gesund werden lasse. Das Cicisbeat steht hier auf dem nämlichen Fuß wie in Italien. Unter den Grossen erhält es sich durch den einmal angenommenen Geschmack; die von der untersten Klasse suchen Geld dadurch zu verdienen, und bloß ein Theil des Mittelstandes, nämlich die Fabrikanten und Kaufleute, kennen die eheliche Eifersucht. Es gab hier vor einigen Jahren einen seltsamen Auftritt. Einer vom hohen Adel besuchte einigemal eine Kaufmannsfrau. Den Mann jukte es auf der Stirne, und als der Kavalier einst bey seiner Frau anklopfte, schlich er sich auf die Seite, und ließ alle seine Bedienten mit großen brennenden Fackeln sich auf die Treppe stellen. Er gieng sodann ins Zimmer, und sagte dem Kavalier, die Bedienten warteten mit Lichtern auf ihn, er möchte sie nicht lange warten lassen. Dieser war in der größten Verlegenheit von der Welt; aber der Kaufmann half ihm bald heraus; nahm ihn beym Arm und führte ihn sehr zeremonisch die Treppe herunter bis an die Thüre; die Bedienten schritten mit den Fakeln voraus; und ob es schon heller Mittag war, leuchteten sie doch bis mitten auf die Strasse. Der Kaufmann blieb unter der Thüre stehn, machte Bücklinge über Bücklinge, und indem er sich so laut, als er schreyen konnte, dem Herrn gehorsamst empfahl, nannte er zugleich seinen Namen. Das zuschauende Publikum brauchte zur Erklärung dieses Auftrittes nichts, als den Namen des Kavaliers zu hören, denn die ganze Stadt wußte, daß er selten in einer andern Absicht in ein Bürgerhaus gieng, als um dem Hausherrn Hörner aufzusetzen. Die Wohllust schweift hier selten ins Abscheuliche und Unnatürliche aus. Ich kenne zwar einen jungen Menschen vom Niederrhein, den eine Dame aus dem Fenster zu sich rief, und den es bald reute, daß er dem Wink gefolgt war. Er fand die Dame mit ihrer Tochter im Schlafgemach, und beyde fiengen ein heftiges Gezänke an, welcher er zu Theil werden sollte. Der gute Mensch suchte die Thüre wieder, aber beyde hiengen sich mit wohllüstiger Wuth an ihn. Er mußte endlich den Vertrag eingehn, daß er wechselsweis eine nach der andern bedienen wollte. Er erfüllte seinen Vertrag so heldenmäßig, daß man ihm grosse Versprechungen machte, wann er wieder kommen wollte, welches er nicht für gut fand. Allein, diese Dame und ihre Tochter waren, wie der junge Mensch selbst glaubte, allem Anschein nach Fremde. Ohne zu bedenken, daß jede grosse Stadt zum Genuß des sinnlichen Vergnügens reizt, so ist hier der etwas unmäßige Genuß unter allen grossen Städten in Europa am leichtesten zu entschuldigen. Die Wollust hat hier mehr Nahrung, als an irgend einem andern Ort. Die Zahl der ganz Armen ist hier nach dem Verhältniß ungleich kleiner als zu Paris, und vielleicht auch geringer als zu London. Alles, sogar die Kleidung der geringsten Dienstmagd, spricht von einem hohen Wohlstand. Die Verschwendung des grossen Adels, die vielen und starken Besoldungen des Hofes, und die ausgebreitete Handlung der Bürgerschaft befördern den Umlauf des Geldes ungemein. Man schätzt die Summe des in der Stadt beständig zirkulierenden Geldes auf 12 Millionen Kaisergulden, oder auf ohngefähr 31 Millionen Livres. Der Erwerb ist leichter als irgend anderstwo, und Wien ist vielleicht der einzige Ort, wo der Preis der Lebensmittel mit der Masse des zirkulierenden Geldes in gar keinem Verhältnis steht. Die Fruchtbarkeit und der Geldmangel des benachbarten Hungarns ist die Ursache davon. Man hat hier trinkbaren Wein um 6 Kreuzer die Maaß, und um 12 Kreuzer ein gutes Mittagessen. Es ist ein Wirth hier, welcher um 13 Kreuzer eine Tafel giebt, die aus Suppe, Zugemüß mit einer Beylage von Karbonnaden, Karbonnade – Karbonade: Frikadelle Würsten, oder gebraten Leber und Rindfleisch besteht; 1 Schoppen Wein und das nöthige Brod mitgerechnet. Hier könnte der Homme à quarante écus Homme à ... – Name eines Romans von Voltaire (Der Mann mit den vierzig Talern) wirklich bestehen; aber wenn er mehr als 40 Thaler hätte, so ist die Versuchung, mehr zu verthun, zu stark, als daß er seiner Oekonomie getreu bleiben könnte. Je mehr die Natur giebt, desto mehr Bedürfnisse macht sich der Mensch, und hier ist sie gegen ihre Kinder wirklich so verschwenderisch, daß sie es auch werden müssen. Die unmäßig große Anzahl der reichbesoldeten Hofbedienten, der zahlreiche Adel, und die vielen Fremden, die sich bloß des Vergnügens halber hier aufhalten, wissen von keiner bessern Beschäftigung, als ihrem Vergnügen nachzuhängen. Reichthum, Müßiggang und die Freygebigkeit der Natur müssen ein Volk wohllüstig machen, dessen Religion ohnehin das Gegentheil von aller Frugalität Frugalität – Einfachheit, Bescheidenheit ist und dessen Regierung die Schnellkraft seines Geistes auf keine andre Gegenstände zu lenken weiß. Die Handlung der Stadt ist sehr blühend. Lange wußte sie die Vortheile nicht zu benutzen, welche ihr die Natur darboth, und ob sie schon einen der grösten Flüsse beherrscht, der bis auf etliche und 70 deutsche Meilen aufwärts schiffbar ist, und ihr abwärts einen Weg bis ins Schwarze Meer und die Levante Levante – der östliche Mittelmeerraum öffnet, so lag doch bis unter die vorige Regierung aller Handlungsgeist darnieder. Karl der Sechste that zwar zur Aufnahme des Handels und der Industrie sein Mögliches; aber so glücklich auch seine Unternehmungen in verschiedenen andern Provinzen waren, so unglücklich waren seine Entwürfe für das Erzherzogthum Oestreich und die Hauptstadt. Der hiesige Adel hielt die Kaufleute für eine Gattung aus dem Thierreich. Die Jesuiten hielten die Protestanten, die in der Folge das meiste für die hiesige Handlung thaten, entfernt, oder unterdrückten sie, wenn sie sich eingeschlichen hatten und empor kommen wollten. Der Hof war voll Schulden, und seine Kasse war für öffentliche Fonds und zur Unterstützung der thätigen und denkenden Partikularen zu schwach. Es fehlte bey Hof und unter dem Publikum an Kredit. Kaiser Franz fieng an, die Finanzen auf einen soliden Fuß zu setzen. Er war selbst Kaufmann, und der Adel gewöhnte sich nach und nach, den industriösen Theil des Publikums mit weniger Verachtung anzusehen. Man fieng an, die reichern Handelsleute zu adeln; und so einen schlimmen Begriff es Einem von der hiesigen Sinnesart geben mag, so war doch dieser Kunstgriff, die Eitelkeit der Grossen zu demüthigen und jene der Kleinern zu privilegiren, in einem Lande nothwendig, wo Verdienst, Tugend, Ehre und alles, was zwischen den Menschen einigen Unterscheid macht, in den Wörtchen Edler und von einbegriffen war. Das Beyspiel des jetzigen Kaisers von Popularität wirkt noch mehr zur Tilgung dieses so schädlichen Vorurtheils. Wo es nur möglich ist, dem Stolz seines Adels einen schlimmen Streich zu spielen, unterläßt er es gewiß nicht. Er führt Künstler und Kaufleute von Verdienst bey der Hand in die ersten Gesellschaften. Die Herren, deren ganzer Werth auf dem politischen Aberglauben an einen Stern und an ein Band beruht, verziehen wohl den Mund und die Nase bey der Erscheinung eines Plebejers unter ihnen, und lassen es auch an Witzeleyen nicht fehlen, um ihn fühlen zu lassen, daß er aus seiner Welt in eine höhere getretten ist. Allein, ein Wort des Monarchen entwaffnet ihren Hohn, und je mehr sie sich sträuben, desto mehr Mühe giebt er sich, ihren erbärmlichen Stolz in die Enge zu treiben. Man sagte mir, er habe vor einigen Jahren zu Prag eine Bürgersfrau in eine adeliche Gesellschaft geführt. Die Damen machten erstaunlich grosse Augen; aber der Kaiser, welcher es bemerkte, suchte sie in noch grössere Verlegenheit zu setzen, und machte mit der Bürgersfrau den ersten und einzigen Tanz. Mit allem dem wäre die Handlung nie hier blühend geworden, wenn nicht die Fremden das Meiste dazu beygetragen und die Ketzer etwas mehr Freyheit gefunden hätten, als man ihnen zu der Zeit gestattete, wo der Beichtvater des Regenten der Direktorialminister von allen Departements und die Politik des hiesigen Hofes ein Spiel der Jesuiten war. Die Leichtigkeit, womit so viele Familien grosses Glück machen konnten, ist ein offenbarer und auffallender Beweis, wie sehr sie den Eingebohrnen an Verstand und Thätigkeit überlegen waren. Der Hofbanquier, Baron von Fries, Baron von Fries – Johann Graf von Fries, Industrieller und Bankier, prägte den Maria-Theresia-Taler, † 1785 ein Mühlhauser von Geburt, konnte ohne beträchtliche Fonds in einer fast ungläublich kurzen Zeit zu einem der ansehnlichsten Wechsler von Europa werden. Er ist ein Mann von ohngefähr 4 Millionen Kaisergulden. Die meisten der vornehmsten Handelsleuthe und Fabrikanten sind aus Schwaben, Franken, Sachsen und andern Gegenden Deutschlands. Die Bürger von Nürnberg, Augspurg, Ulm, Lindau und andern Städten, die mit schwachen und immer mehr abnehmenden Kräften gegen ihren Untergang kämpfen und wo der abscheulichste Despotismus unter der Maske der Freyheit herrscht, fanden hier ungleich mehr Vortheile, die ihnen sowohl die Natur als die Regierung darboth, als in ihren schwindsüchtigen Vaterstädten. Die meisten machten ihr Glück durch Verstand, Fleiß und besonders durch eine sparsame Lebensart, wodurch sie bey ihrer Niederlassung vor den so verschwenderischen Eingebohrnen zur Aufnahme ihres Gewerbes erstaunlich viel voraus hatten. Auch Triest mußten die Fremden, und besonders die Protestanten blühend machen. Nun ist zwar die hiesige Handlung noch lange nicht das, was sie seyn könnte; allein sie ist im Gang zu ihrer Grösse, und macht Riesenschritte. Die Fabriken mehren sich von Jahr zu Jahr. Man zählt hier schon einige hundert Seidenweberstüle und macht Sammet, Grosdetours, Grosdetours – Gros de Tours, ein starker Seidenstoff halb- und ganz seidne Zeuge, und besonders eine erstaunliche Menge Strümpfe und Saktücher. Saktücher – Sacktücher: Taschentücher Auch die Plüsch- und Kottonmanufakturen sind sehr beträchtlich, und der Handel mit inländischen und hungarischen Weinen, mit böhmischem und mährischem Leinwand, der über Triest nach Italien, Spanien, Portugall und in die Türkey verführt wird, mit rohem und verarbeitetem Eisen, Stal und Kupfer, mit Leder, Porzellän und verschiedenen andern Artikeln beträgt einige Millionen. Von dem Handel der gesammten östreichischen Lande werd' ich dir ein andermal Nachricht geben. Der Hof geht in seiner Ermunterung zur Handlung so weit, daß er einen ansehnlichen Fonds bereit hält, woraus unternehmende und einsichtige Partikularen unterstützt werden. Nach Gutbefinden der zu diesem Zweck niedergesetzten Kommißion streckt man denselben sehr beträchtliche Summen vor, wovon sie in 5 == 6 bis 10 Jahren keine Interessen, Interessen – Zinsen und dann stufenweis 1 == 2 bis 3 Prozent zu zahlen haben. Wenn einmal die Zucht der Eingebohrnen gebessert seyn wird, und das sollte man nach den grossen Erziehungsanstalten in der nächsten Generation erwarten, so fehlt es dem industriosen Theil der Einwohner auch zu den größten Unternehmungen nicht an Geld. Der reiche Adel wird, anstatt wie jetzt auf seine Schulden stolz zu seyn, lieber mit einem klugen Bürger in Gesellschaft treten, und anstatt die verderblichen Küchenzettel täglich in die Hand zu nehmen, lieber sich jährlich einmahl die Rechnung von seinem Gewinnst von dem Kaufmann oder Fabrikanten vorlegen lassen. Das Mark des Landes, welches der Adel und die Klöster an sich ziehn, wird dann nicht mehr ein Raub von nichtswürdigen Bedienten und Müßiggängern werden, sondern sich in den Händen kluger und thätiger Bürger zum Besten des Staates mehren. Der grosse englische Adel schämt sich der Handlung nicht, und dadurch wird der Ertrag seiner Güter, so wie auch jener des ganzen Staates, verdoppelt. Das nämliche Geld, welches er aus seinen Herrschaften zieht, läuft erst durch eine Handlungskasse, bekömmt vom Auslande Zuwachs, mehrt die Masse des Nationalvermögens, und ist dann, wenn es in seine häusliche Kasse zurückkömmt, aus einem Bach ein Strom geworden. Der größte Theil des hiesigen Nationalvermögens, welches ursprünglich ungleich ansehnlicher, als das von England ist, wird vom innern Luxus verschlungen, noch ehe es von aussen Zufluß erhalten kann. Ein guter Theil davon fließt auch gerade von der Quelle ins Ausland aus, und ist für den Staat unwiederbringlich verloren. Es fehlt hier noch, woran es gemeiniglich zu fehlen pflegt, an den einfachsten Besserungsmitteln. So lange dem Adel durch eine frugalere und gemeinnützigere Erziehung nicht bessere Grundsätze beygebracht werden, so werden alle Entwürfe des Hofes zur Aufnahme der Handlung und Industrie nur Flikwerk sein. Die walonischen und italiänischen Abbes und die französischen Kammermädchen sind die Leute nicht, die dem Staat, anstatt stolzer Verschwender nützliche Bürger liefern können. So eben breitet sich ein trauriges Gerüchte durch die Stadt aus. Die Kaiserin kam vor einigen Tagen von einer Spazierfahrt unpäßlich zurück, und nun soll diese Unpäßlichkeit zu einer gefährlichen Krankheit geworden seyn. Die Aerzte beförchten eine starke Brustentzündung, welche hier, bey den heftigen Wetterveränderungen immer die gewöhnliche Krankheit ist. Ich hoffe meinen nächsten Brief freudiger anfangen zu können, als ich diesen schliessen muß. Lebe wohl. Dreysigster Brief. Wien – Es ist geschehen. Die große Theresia, die mit allen ihren Schwachheiten doch eine der größten Frauen war, die je einen Thron besessen, ist nicht mehr. Ich sage dir nichts von den Klagen ihrer hinterlassenen Unterthanen, die sie wie eine Mutter liebten, nichts von dem Gepränge, das ihre Leiche umgiebt, und nichts von den grossen Anstalten, die zu ihrer Beerdigung gemacht werden. Alles das kannst du in den Zeitungen besser haben, als ich es dir beschreiben kann. Auch von ihren letzten Augenblicken, die den Karakter eines Menschen am wenigsten aufschließen, und wo er gewiß in seinem ganzen Leben am zweydeutigsten ist, kann ich dir nicht viel sagen. Ueberdem sind die Nachrichten davon ziemlich widersprechend. So viel weiß man, daß sie in den letztern Jahren ihrer Auflösung mit etwas Bangigkeit und Forcht entgegen sah. Die natürliche Schwäche alter Leute, und dann die Besorgniß, ihr Thronfolger möchte einige Veränderungen vornehmen, von welchen ihr ahndete, und die ihrem Herzen zuwider waren, mögen die Ursache gewesen seyn. Auch als sich der Tod ihr allgemach näherte, konnte sie sich nicht sogleich fassen. Umsonst bath sie die Aerzte, ihrer Kunst aufzubieten. Der Tod siegte. Als man ihr seinen grausamen Triumph für gewiß ankündigte, zeigte die Religion ihre Stärke, und sie ward eine Heldin, als sie überwunden war. Sie besprach sich noch einige Stunden lang mit ihrem Sohn, und sorgte besonders noch für ihre Familie. Sie war die beste Mutter bis zu dem letzten Athemzug. Der Monarch, welcher in den Jahren, wo das Gefühl der Ehre am lebhaftesten ist, und zu grossen Unternehmungen spornt, sich nun allein an der Spitze eines der mächtigsten Reiche in der Welt sah, und eine auf ihre Gewalt eifersüchtige Mitregentin verlor, die bisher allen seinen grossen Entwürfen im Weg stand, war in diesem Augenblick nichts als Sohn. Er vergaß alles, und beweinte den Verlust einer Mutter, deren Herz er kannte. Die Familienliebe des kaiserlichen Hauses ist äusserst merkwürdig. Ich muß dir noch einige Züge mittheilen, die den Karakter dieser grossen Monarchin vortreflich ins Licht setzen – Sie hatte die Freuden des Ehebettes in vollem Maaß genossen. Sie war keine Hässerin der Freude; aber die Wollust mußte bey ihr in den Schranken der Ehrbarkeit und Religion bleiben. Sie kannte den Werth der Liebe, und hatte als Mutter nichts angelegeners, als auch ihre Kinder die erlaubte Liebe schmecken zu lassen. Von Herzen gerne gab sie ihre Einwilligung zur Verheyrathung ihrer Tochter Kristine mit einem apanagirten Prinzen aus dem sächsischen Haus, obschon die Politik des Kaisers etwas dagegen einzuwenden hatte, daß sein Haus dadurch mit zu viel Nebenästen belastet werden könnte. Als ihr Sohn Maximilian Koadjutor des Deutschmeisterthums ward, und das Gelübde der Keuschheit ablegen mußte, bedung sie sich vom Pabst ausdrücklich, daß er von diesem Gelübde dispensirt dispensiren – dispensieren: von einer allgemeinen Vorschrift im Einzelfall befreien seyn sollte, sobald er den Orden verlassen und sich begatten wollte. Auch die 2 noch ledige Prinzeßinnen hätten Männer bekommen, wenn es bloß von ihr abgehangen hätte. Sie hätte sich immer für desto glücklicher gehalten, je mehr Enkel sie bekommen hätte, und wenn auch ihre Schatzkammer noch soviel darunter gelitten hätte. Sie hätte in jedem Anblick eines ihrer Kinder die Freuden des Ehestandes in der Erinnerung wieder genossen, und doppelt genossen, weil sie sie mit ihrem Kind hat theilen können – Ein andrer schöner Zug von dieser Art, ist, daß sie für ihre Kinder eine treue Mutter blieb, wenn sie auch noch so weit von ihr entfernt, und noch so erhaben waren. Sie vergaß die Königinnen von Frankreich und Neapel, aller Entfernung, und aller Erhöhung ungeachtet so wenig, daß sie es auch noch in letztern Jahren nicht an Lehren, und sogar, wenn sie es allenfalls für nöthig erachtet, an sanften mütterlichen Verweisen nicht fehlen ließ. Ihr grosser Sohn war schon Kaiser, als sie ihn auch in Gegenwart von andern noch in Kleinigkeiten korrigirte. Die Gewalt, die sie bis zu ihrer letzten Stunde über denselben und über alle ihre Kinder behauptet, floß so ganz mit ihrer Mutterliebe zusammen, daß ihre Verweise keinem derselben auffielen – Ihre vergnügtesten Stunden waren, wenn sie Briefe von den Höfen von Versailles, Neapel, Parma und von Mayland empfieng. Sie schloß sich dann mit einer ihrer innigsten Freundinnen ein, und ergoß die Freude, Mutter von so vielen glücklichen Kindern zu sein, in ihren Busen. Der Prinz Statthalter von Mayland Statthalter von Mayland – Peter Leopold II. Joseph, Sohn der Erzherzogin, wurde 1790 Kaiser, † 1792 und der Herzog von Sachsenteschen, Herzog von Sachsenteschen – Albert Kasimir von Sachsen-Teschen, ein Sohn Friedrich August II. von Sachsen. Als Schwiegersohn der Erzherzogin bekam er diesen leeren Titel ohne Amt, seit 1780 Statthalter der österreichischen Niederlande, † 1822 den der Kaiser seinen theuersten Schwager zu nennen pflegt, werden den Verlust einer liebevollen Mutter vorzüglich empfinden. Die Oekonomie des Kaisers, die er auch gegen sich selbst bis zur Strenge treibt, werden sie in manchen Nebenzuflüssen fühlen. Die zwo noch ledigen Schwestern des Kaisers können sich auf alle Art leicht einschränken, und sie sind sowohl in ihrem väterlichen als mütterlichen Testament hinlänglich bedacht worden; und was die übrigen Kinder dieser unvergleichlichen Mutter betrifft, so sind sie alle unabhängig von ihrem hohen Bruder und gut genug versorgt. Wenigstens wird es unserer lieben Königin am Nothdürftigen nicht fehlen, und wenn sie auch gleich nicht die strengste Oekonomin ist, so ist ihre Erziehung doch zu gut, als daß sie es zu grossen Ausschweiffungen kommen lassen könnte, und in Gefahr stünde, einen Franzosen je über sie murren zu hören. Welcher Franzmann, der sich der Zeiten der du Barry du Barry – Marie-Jeanne Becu, Comtesse du Barry, Mätresse Ludwig XV. von Frankreich bis zu seinem Tod 1774, hingerichtet 1793 erinnert, wird den im Vergleich mit der ausgelassenen Mätresse so unbedeutenden Aufwand einer guten Königin beklagen, und nicht die Asche einer Mutter segnen, die seinem durch die Verschwendung einer Beyschläferin so zerrütteten Vaterlande eine weise und tugendhafte Königin tugendhafte Königin – dieser Brief ist eine einzige Parodie, hier beispielsweise werden die Tatsachen auf den Kopf gestellt. Die Biografie der Königin sagt anderes. Man vergleiche auch die Mitteilungen über Maria Theresia im Ein und zwanzigsten Brief. geschenkt hat. Seitdem das Gerüchte vom Tod der Kaiserin die Stadt erfüllt hat, bemerkt man auf den Gesichtern und in den Gebehrden der Geistlichen und Hofbedienten Ahndungen von einer grossen Revolution. Die Prälaten, die sonst die Bäuche auf den Strassen mächtig vorpresten, schleichen seit einigen Tagen ganz gebeugt an den Wänden hin, und die Hofbedienten scheinen immer in die Rechnungen ihrer Schulden vertieft zu seyn. Sie tragen alle die Hände in den Hosensäken und scheinen eine Apostrophe Apostrohe – feierliche, nicht öffentliche Anrede an eine Person oder Sache an ihre Börsen in ihren Bart zu murmeln. Doch ehe ich dich mit dem unterhalte, was vermuthlich geschehen kann, will ich dich mit dem Zustand der östreichischen Lande, so wie sie die grosse Theresia verläßt, bekannt machen. Das Haus Habspurg-Lothringen gehört nun unter die 4 ersten europäischen Mächte, und hat in der Grösse keine Nebenbuhler als Rußland, Frankreich und Großbrittanien. Zu Anfang dieses Jahrhunderts bis unter die Regierung der verstorbenen Kaiserin gehörte Oestreich in die Klasse der mittlern europäischen Mächte, und Englands ganze Macht und das Geld der Holländer mußten es unterstützen, wenn es eine bedeutende Rolle spielen wollte. Selbst zu der Zeit, wo die Sonne nie in seinen Gränzen untergieng, die Sonne ... – Ausspruch Karl V. († 1556) in Bezug auf die spanischen Kolonien in Amerika: »In meinem Reich geht die Sonne nicht unter.« war es so förchterlich nicht, als itzt. Der Verlust so vieler Reiche und Provinzen lehrte es endlich, daß die Stärke eines Staates nicht auf der Masse der innern Kräfte, sondern auf dem Gebrauch derselben beruhe. Ein grosser Mann, der ihm zu einer Zeit diente, wo es noch das Elsaß, Neapel, Sicilien und verschiedene andre Länder besaß, verglich es einer umgestürzten Piramide, die auf ihrer Spitze steht, und durch das Gewicht des schweren Theils wankt. Die Pyramide ist nun etwas leichter geworden, aber sie steht der Natur gemäß auf ihrem Boden, vest und unerschütterlich. Die Grösse der gesammten östreichischen Erblande, wenn sie rund beysammen lägen, würde etwas mehr betragen, als die Grösse Frankreichs. Hungarn, nebst Siebenbürgen, Kroatien, Slavonien, Tömeswar und dem Stück von Dalmatien macht 4.760 geographische Quadratmeilen aus. Böhmen beträgt 900, Mähren samt dem Stück von Schlesien 430, die östreichischen Kreislande, wozu das eigentliche Herzogthum Oestreich, Steiermark, Kärnthen, Krain, Tyrol und die Ländereyen des Hauses in Schwaben gehören, betragen nebst der Grafschaft Falkenstein, dem neueroberten Stück von Bayern und ein Theil von Friaul ohngefähr 2.200, die Niederlande 500, die Besitzungen in der Lombardey 200, und die Königreiche Gallizien und Lodomerien samt der von den Türken abgetrettenen Bukowina ohngefähr 1.400 geographische Quadratmeilen, welches zusammen 10.360 Quadratmeilen beträgt, da Frankreich kaum die runde Zahl von 10.000 solcher Meilen ausmacht. Doch der Unterschied ist noch so groß nicht; wird aber durch die zu erwartende Vereinigung von Toskana und den modenesischen Staaten mit den übrigen Erblanden bald sehr merklich werden. Die Natur war diesen Ländern noch günstiger als unserm Vaterlande, ob sie schon so viel für dasselbe gethan hat. Frankreich hat kein Produkt, welches die östreichischen Staaten nicht in eben der Menge liefern oder doch bey gehörigem Anbau liefern könnten; Wein, Oel und Seide nicht ausgenommen. Einige der ersten Bedürfnisse, Getreide und Vieh können sie in einem solchen Ueberfluß liefern, daß sie nebst ihren eignen Einwohnern noch wenigstens die Hälfte jener von Frankreich damit versorgen könnten. Der Schatz von Metallen in den Bergen, welche Hungarn umgeben und Tyrol, Kärnten, Krain und Steiermark anfüllen, wird im Vergleich mit dem reinen Gewinn der Könige beynahe ebenso beträchtlich seyn, als jener in dem Gebirge des spanischen oder portugiesischen Amerika. Hätten diese Länder eine ebenso grosse Seeküste um ihren Ueberfluß in die weite Welt verführen, und ihren natürlichen Reichthum besser geltend machen zu können, sie würden wenigstens um den vierten Theil mehr Werth haben, als Frankreich. Aber die glückliche Lage unseres Vaterlandes, das Gewässer, welches dasselbe auf verschiedenen Seiten beherrscht, und die schiffbaren Flüsse, welche den Absatz unserer Produkte aus der Tiefe des Reichs nach allen Seiten erleichtern, geben ihm in Rücksicht auf den verhältnismäßigen Werth ein entscheidendes Uebergewicht über die östreichischen Staaten. Hungarn ist ohne Vergleich der wichtigste Theil des östreichischen Erbreichs. Er besitzt nicht nur alles, was die andern Provinzen hervorbringen, sondern muß auch noch einige derselben mit seinem Ueberfluß ernähren, und seine Produkte übertreffen jene der übrigen Staaten eben so sehr an Güte, als in der Menge. Hier fällt es einem stark auf, daß der Mensch immer desto weniger thut, je mehr die Natur für ihn gethan hat. Bloß der Kampf mit Schwierigkeiten entwickelt seine Kräfte, und nur die äusserste Noth kann ihn seiner natürlichen Trägheit entreissen. Der Bergschweitzer trotzt den nakten Felsen seinen Unterhalt ab, und hat unwirthbare Wildnisse in ergiebige und bewohnte Ländereyen umgeschaffen. Der Holländer hat den verschlämmten Sand des Rheines und der Maas, den ihm die See beständig streitig macht, in einen Garten verwandelt, indessen der beßte Boden in Hungarn wüste liegt. In Wien glaubt man, die geringe Bevölkerung wäre die Ursache, daß Hungarn eine so ungeheure Menge Getraide und Vieh ausführen könnte; allein wenn es auch dreymal so stark bevölkert wäre, so könnte es doch gewiß diese Bedürfnisse in noch grösserer Menge ausführen, wenn der Ackerbau auf den Grad von Vollkommenheit gebracht würde, worauf er in dem größten Theil von Schwaben ist. Es liegt nicht nur ein guter Theil dieses ergiebigen Landes ungebaut, sondern auch der, welchen man bebauet, wird bey weitem nicht so benutzt, als er benutzt werden könnte. Hier weiß man noch nichts von dem künstlichen Wiesenbau, von einer vortheilhaften Art zu düngen, von Mischung der Erdarten, vom Gebrauch des Mergels, den verschiedene Gegenden und zwar von sehr guter Art, im Ueberfluß haben. Es bleibt wenigstens um die Hälfte mehr Land brach liegen, als nöthig wäre. Die gewöhnlichste Art, das Getraide auszudreschen, ist, daß man die Ochsen drauf herum treibt, wobey ein guter Theil davon im Stroh zurück gelassen wird. Wenn man die Strassen dieses herrlichen Landes überblickt, so glaubt man durch eine Steppe zu reisen, ob man schon einen Boden betritt, der das Korn 50, 60, ja, wie mich einige versicherten, oft 100fältig ohne mühsame Bearbeitung zurückgiebt. Die Strassen nehmen hie und da einen unübersehbaren Strich Landes in die Breite ein, weil der flache Boden einen so geringen Werth hat, daß man ihn dem Eigensinn der Fuhrleute ohne die geringste Einschränkung Preis giebt, die sich dieser Freyheit mit einem unbeschreiblichen Muthwillen bedienen, und beym geringsten Regen, oder wenn ein altes Gleisse nur im mindesten beschwerlich ist, durch das angränzende Feld jagen. Die Einwohner entschuldigen ihre schlechte Wirthschaft damit, daß das Getraide keinen Werth habe, und sie es bey einer reichen Erndte nicht abzusetzen wüßten. Die Entschuldigung hat einiges Gewicht, aber verschiedne Fehler der Verfassung und Verwaltung sind die Grundursache des schlechten Zustandes der Wirthschaft. Mit der Bevölkerung würde der Werth des Getraides steigen, und wenn der Landmann mehr Ermunterung zur Arbeit hätte, so könnte ein grosser Theil dieses so unerschöpflichen Bodens zu andern Erzeugnissen als Getraide benutzt werden. Man gewinnt zwar schon eine beträchtliche Menge Tabak, Safran und verschiedene Gattungen der edlern Früchte; allein die Arten der Produkte, welche das Land nebst diesen noch liefern könnte, sind unzählig, und, was du kaum glauben wirst,die Regierung sucht die Erzeugung der Produkte, wodurch das Land am meisten gewinnen könnte, eher zu hemmen, als zu befördern. Die Ausfuhr der vortreflichen hungarischen Weine, die eines der Hauptprodukte dieses Landes sind, und deren erleichterte Ausfuhr unsern Weinhandel nach Norden fast gänzlich zu Grunde richten könnte, ist mit ungeheuern Auflagen erschwert. Die Regierung will dieses unerklärbare Betragen dadurch erklären, daß, wenn die Ausfuhr der hungarischen Weine frey wäre, der östreichische Weinbau zu Grunde gehen müßte. Ich weiß nicht, ob das Gesetz noch gilt, aber wenigstens galt es eine Zeitlang, »daß ohne besondre Erlaubniß kein hungarischer Wein durch Oestreich verführt werden dörfe, wenn nicht eben so viel östreichischer Wein zugleich mit verführt würde.« Nun mag es dem östreichischen Adel freylich sehr unangenehm seyn, wenn er seinen Wein wegen der überlegenen Menge und Güte des hungarischen nicht absetzen kann, und seine Ländereyen an Werth verlieren müssen. Ohne Zweifel hat dieser Adel auch den meisten Theil an der grausamen Einschränkung der Weinausfuhr aus Hungarn; allein wenn man die Erblande des kaiserlichen Hauses als einen zusammenhangenden Körper betrachtet, so heißt das, den Kopf einem Finger oder einer Zähe aufopfern. Oestreich kann nie einen Tokayer, St. Görger, Ruster, Oedenbürger, Ofner, Schumlauer oder Ratzersdorfer liefern, die sich von selbst den Fremden empfehlen, da man hingegen durch diese unpolitische Vertheurung des hungarischen Weines den benachbarten Ausländern den sauern Österreicher aufzudringen sucht. Dem weiten hungarischen Reiche entzieht man dadurch einen grossen Theil seiner besten Nahrungssäfte, um einer Provinz, die kaum den 8ten Theil von der Grösse desselben beträgt, nicht den nöthigen Unterhalt, sondern Ueberfluß zu verschaffen; denn sie hat durch die Residenz des Hofes schon überwiegende Vortheile vor den andern Provinzen, und die weinreichen Gegenden von Oestreich wären zu jeder andern Art von Bebauung geschickt. Die rußischen Kommis, Kommis – Kommiß, Großhändler die sich immer zu Preßburg, Ofen, Tokay und an andern Orten aufhalten, werden nie Bestellungen auf östreichische Weine machen, und wir Franzosen sind der östreichischen Regierung unendlichen Dank schuldig, daß sie unsern Weinen durch die schweren Auflagen auf die hungarischen den Abgang in Norden zu erhalten sucht; denn was von den Russen, Polen u. a. m. in Hungarn gekauft wird, ist meistentheils nur für die Höfe und den höhern Adel, da wir hingegen mit ungleich mehr Gewinn den grossen Haufen in Norden bedienen. Der Verlust des Geldes, welches Hungarn durch eine leichtere Ausfuhr seiner Weine ziehen könnte, ist nicht der größte Schaden, den es durch diese unnatürliche Einschränkung leidet. Das Uebel wird dadurch schrecklich, daß die innere Konsumtion des Weines durch diesen unbegreiflichen Zwang befördert wird. Der Bauer, welcher durch das unmenschliche Lehnrecht vom Adel unterdrückt wird, sucht seine Noth, den Kummer seiner ganzen Familie, seine Verzweiflung im Weine zu ersäufen, den er zum Theil selbst zieht, oder doch in meisten Gegenden um 2, 3 bis 4 Kreuzer, die Maaß haben kann. Der Mangel an Erziehung und die Verwilderung seiner Sitten machen ihn ohnehin schon zu sehr zum Saufen geneigt. Ich sah Gegenden, die mir das lebendigste Bild von berauschten amerikanischen Horden darstellten, und es fehlte hier den hiesigen Wilden nichts, um sie zu vollkommenen Illinois zu machen, als Haarbüschel von erschlagenen Feinden und Hirnschädel zum trinken. Die Trunkenheit schwächt die Seelenkräfte des Bauern eben so sehr als seine Leibeskräfte. Sie macht ihn dumm, träg und schwindsüchtig. Die zu heftige Treibkraft der Natur in den heissen Gegenden dieses Landes macht die Menschen ohnehin bald verblühen. Der unmäßige Gebrauch des starken und an manchen Orten sehr kalchigten Weins hilft vollends ihre Säfte austrocknen, und die meisten Bauern dieser Gegenden sind in dem Alter von 50 Jahren ausgezehrt, und fangen schon in den dreyßigen zu welken an, so kraftvoll und blühend auch die Jünglinge sind. Die Fruchtbarkeit der Ehen wird dadurch vermindert, und die Bevölkerung würde, anstatt sich von selbst nach und nach zu mehren, abnehmen müssen, wenn sie nicht von aussen einigen Zufluß bekäme. – Auch die ungeheuern Auflagen auf den ungarischen Tobak, welcher in die andern Erblande des Hauses Oestreich eingeführt wird, ist dem Anbau dieses Landes entgegen. Die Pachter des Tobakhandels in den Reichserbländern sollten wenigstens angehalten werden, mit einer gewissen Menge fremden Tobacks ebensoviel oder noch mehr hungarschen abzusetzen. Es ist wohl kein Land in der Welt, das von verschiedenern und mannichfaltigern Menschenarten bewohnt wird, als Hungarn. Die alten Einwohner des Landes, welche eigentlich die Nation ausmachen, theilen sich in Tataren und Slaven. Zu jenen gehören die eigentlichen Hungarn, die Kumaner, Zekler und Jazyger. Ihre Sitten und ihre Bildung verrathen noch merklich genug, daß sie mit den heutigen Kalmücken verwandt und Abkömmlinge der alten Scythen sind. Ihre tiefen Augen, ihre eckigten Gesichtsknochen und ihre gelblichte Farbe unterscheidet sie auffallend von den Slaven, die überhaupt einen stärkern und rundern Knochenbau haben, und weisser und fleischigter sind. Es giebt verschiedene Bezirke, wo sich beyde Menschengattungen ziemlich unvermischt erhalten haben. Die Slaven bestehn aus Kroaten, Böhmen, die ursprünglich ein Nebenast der Kroaten sind, Serbiern, die man Raitzen nennt, Russen, Wenden, Polaken. Die deutschen Kolonisten werden auch als Eingebohrne betrachtet, doch müssen sie sich, wenn sie freye Güter besitzen wollen, den Adel um 2.000 Kremnitzer Dukaten erkaufen, die ohngefähr 22.000 Livres ausmachen. Als Beysässen betrachtet man die Walachen, Bulgarn, Türken, Griechen, Armenier, Juden, und Zigeuner, welche im Lande Ziganer genannt werden, und unter diesen angesessenen Fremden die zahlreichsten sind. Alle diese Völker, einen Theil der deutschen Kolonisten ausgenommen, sind noch Barbaren. Der grosse Adel, der sich nach dem Hof zu Wien gesittet hat, ist zu gering an Zahl, als daß er eine Ausnahme machen könnte. Die Regierung, die für die Kultur ihrer deutschen Lande so viel thut, hat fast noch gar nichts gethan, um diesen ansehnlichen Theil ihrer Unterthanen aus der Barbarey zu reissen. Im Gegentheil hat sie, ohne es zu wissen, an dem Karakter und den Sitten dieser Wilden viel verdorben. Als der Hof zu Wien noch nicht soviel unmittelbaren Einfluß auf sie hatte, waren sie kriegerisch, und wie alle Kinder der Natur, denen eine mißverstandne Politik keine falsche Richtung gegeben hat, offenherzig, gastfrey, vertraulich und zuverläßig in ihrem Versprechen. Ich kenne einen alten Officier, der seine Jugend mit Vergnügen unter den Kroaten zugebracht hat, der mich aber versichert, daß sie seit 60 Jahren ganz unerkenntlich geworden, und aus einem beherzten, treuen, muntern und freymüthigen Soldatenvolk in eine tückische, betrügerische und feige Räuberbande ausgeartet seien. Viel lieber, sagte er, hatt' ich mit ihnen zu thun, als sie noch ganz ohne Zucht, und ihren eigenen Gesezen und Gewohnheiten überlassen waren. Es ist wahr, sie plünderten gern bey Freund und Feind, und wenn wir ins Feld zogen, so waren die Würste auf den Bänken der Metzger in einer Stadt so wenig sicher vor ihnen, als die Mädchen und Weiber in den Häusern, wo sie einquartiert wurden; allein das war bloß die Wirkung der Stärke des natürlichen, sinnlichen Appetites, und dabey waren unsere Magazine und unsere Kriegskasse so schlecht bestellt, daß auch die Officiers der reglierten Truppen oft durch die Finger sehn mußten, wenn ihre Leuthe nicht reine Hände hielten. Bey allem dem waren unsere Kroaten brauchbare Kerl. Sie hielten auf den gefährlichsten Vorposten stand, wenn sie auch schon fast von feindlichen Truppen umringt waren. Von Ausreissen wußten sie nichts. Ihr Officier, wenn er ein wenig Liebe und Nachsicht gegen sie äusserte, konnte sie auf den Wink folgsam machen, und in jedem Fall auf ihre Treue und Zuverläßigkeit rechnen. Sie dachten nicht daran, ihre Diebereyen zu verhehlen, und wenn man ihnen ihre Beute ließ, so waren sie in einem Feldzug unermüdet, und konnten auch im Fall der Noth einige Tage lang hungern, ohne stutzig zu werden. Aber jetzt hat sich alles geändert. Durch die sogenannte Zucht hat man dafür gesorgt, daß sie freylich nicht mehr auf offener Strasse rauben; allein sie stehlen heimlich so viel sie können; bestehlen einander selbst; wissen ihre Diebstähle zu verhehlen; machen Kabalen gegen ihre Officiers; desertiren haufenweis, wenn es mit einiger Sicherheit geschehen kann, denn zu einer gefährlichen Desertion sind sie durch den Zwang, den man sie fühlen ließ, zu feig gemacht worden. Sie murren und werden mißmüthig, wenn sie nur 2 Tage en corps en Korps – alle zusammen im Felde stehn sollen, und können ihre Uniform nicht anlegen, ohne darüber zu fluchen. Sie betrachten ihre Vorgesetzten als ihre Feinde, und hassen sie. Ehedem war es unerhört, unerhört – hier: hat man nie davon gehört daß ein Kroate zu den Türken übergelaufen wäre, aber heut zu Tage mischen sie sich, besonders die Likkaner, zu 20 und 30 unter die Türken, und plündern mit denselben ihr eignes Vaterland. Mit den Slavoniern verhält es sich eben so, und auch die Hungarn sind zum Theil durch Reglemens, die auf ihren Zustand nicht passen, und durch gewisse, mißtrauische Anstalten der Regierung eher verdorben als gebessert worden. Der Mann spricht aus augenscheinlicher Erfahrung; aber wenn man auch blos dem allgemeinen Gang der Natur nachdenkt, so kann man sich leicht überzeugen, daß ein wildes Volk durch blosse Polizeyverordnungen nicht gebessert werden kann. Es muß erst vorbereitet werden, um den Sinn dieser Verordnungen in etwas fassen und einsehn zu können, daß sie mit seinem Interesse genau verbunden sind. Seine Einbildungskraft muß erst durch Vernunftschlüsse bezähmt, und der Starrsinn, womit es seinen alten Gebräuchen und Sitten anhängt, durch deutliche Begriffe gebrochen werden. Blos durch blinden Gehorsam, wenn das Volk nicht einsehen kann, daß er sein Interesse befördert, macht man es zu tückischen, mürrischen und widerspenstigen Sklaven, die ihre Regenten als ihre Feinde betrachten und sich durch Trägheit, sinnliche Wollust, Betrug, und andre Laster für den Zwang, den sie leiden müssen, schadlos zu halten suchen. Der Wilde, den man ohne die nöthige Vorbereitung in den Zustand eines polizirten Volks versetzt, nimmt alle Laster desselben an, ohne sich das Gute dieses polizirten Volkes eigen machen zu können, und indem er die Laster der Wildheit mit jenen des verfeinerten Menschen vereinigt, wird er der abscheulichste und zugleich der unglücklichste Mensch unter der Sonne. Die Religion ist der einzige Weg, worauf der Wilde stufenweis aus seiner Wildheit in den verfeinerten Zustand des Menschen geführt werden kann, ohne einen bösen Karakter anzunehmen; und die Regierung, welche diesen natürlichen Weg in der Behandlung ihrer Unterthanen nicht einschlägt, sondern sie durch blosse Machtsprüche bilden will, verliert nicht nur ihre Mühe, sondern arbeitet schnurstracks gegen ihre eigne Absicht und ihr eignes Interesse. Der Sklave glaubt bloß für seinen Herrn zu arbeiten, und thut nicht mehr, als wozu er mit der Peitsche gezwungen wird. Der Unterthan, welcher durch Ueberzeugung geleitet wird, sieht ein, daß sein Bestes mit jenem des Ganzen verknüpft ist; er gehorcht willig, und arbeitet mit Eifer und Muth für den Staat, weil er zugleich für sich zu arbeiten glaubt. Bey dem Wilden vertritt die Religion die Stelle der Ueberzeugung, so wie auch bey dem grossen Haufen in den meisten polizirten Staaten, der fast nie die Verbindung seines Wohls mit jenem des Ganzen deutlich einsehen lernt, und die Religion zur bürgerlichen Tugend und Thätigkeit nöthig hat. In meinem nächsten Brief werd ich dir sagen, wie weit man die Regierung in Hungarn nach diesem natürlichen und einfachen Grundsatz bisher befolgt. Du weißt, man ist öfters gewohnt, gewisse Grundsätze eben deswegen zu übergehen, weil sie zu einfach sind, und uns, so zu sagen zu nahe vor der Nase liegen. Leb wohl. Ein und dreysigster Brief. Wien – Rousseaus gesellschaftlicher Vertrag Rousseaus gesellschaftlicher Vertrag – »Du contrat social« (1762; deutsch »Der Gesellschaftsvertrag«), Rousseau spricht hier erstmalig vom politisch mündigen Bürger. Durch die Bindung aller an das Gesetz, das sie sich selbst gegeben haben, gewinnen sie eine höhere Art von Gleichheit und Freiheit. Das scharfsinnige Werk, im Gegensatz zum absolutistischen Machtstaat stehend ist ein Grundbuch der modernen Demokratie. enthält ohne Zweifel viel Schwärmerey. Das Schicksal, welches mit uns sein ewiges Spiel treibt, wirft uns in irgend eine gesellschaftliche Lage, die uns ankettet, ehe wir an einen Vertrag denken können. Der blinde Zufall und die eiserne Noth sind die Gesetzgeber, welche alle die Demokratien, Aristokratien, Monarchien und Despotien und das unendliche Gemengsel dieser verschiedenen Verfassungen geschaffen haben. Ohne Zweifel befinden wir uns auch, überhaupt genommen, besser unter der Leitung des launigten Glücks, als wenn wir uns in unsern verschiedenen Verhältnissen durch förmliche Verträge mit einander verbinden und gegen einander verwahren wollten. Die Faust des Stärkern bliebe doch immer die natürlichste Erklärung unserer Verträge, und unsere Bedingungen mögen noch so deutlich seyn, so findet der Stärkere doch eine Erklärung nöthig, so bald er seine Ueberlegenheit fühlt, und sein Interesse mit jenem der andern in eine Kollision kömmt. Indessen ist es doch wahr, daß in den verschiedenen bürgerlichen Verkettungen, worin wir uns nun einmal befinden, das Wohl des Ganzen sich nicht deutlicher denken läßt, als wenn man zwischen den Gliedern der Gesellschaft einen Vertrag voraussezt, worin der vernünftige Willen aller oder der meisten Glieder zur Richtschnur der Gesetzgebung und gesellschaftlichen Verwaltung angenommen wird. Kein Sultan hat etwas von dieser Vorstellung zu beförchten, und wenn sie sich auch allen seinen Unterthanen von seinem Vezir Vezir – Wesir, der höchste Würdenträger des türkischen Sultans an bis auf seine Sklaven, mittheilen sollte. Der Souverän, er mag nur Einen oder hundert Köpfe haben, kann sein eignes Interesse nicht besser beobachten, als wenn er seinen Regenten=Willen als das Resultat des vernünftigen Willens aller oder des grösten Theils seiner Unterthanen betrachtet. Eine reelle Kollision zwischen dem Interesse des Regenten und seiner Unterthanen überhaupt läßt sich nicht denken. Sie ist allezeit nur eine Täuschung verworrener Begriffe. Die ganze Geschichte ist voll dieser Wahrheit, deren deutliche Erkenntniß auf Seiten des Regenten die Unterthanen gegen alle wirkliche Tyranney sicher sezt, wenn der Beherrscher auch als Privatmann noch grausam seyn sollte. Eben so kann sich der Regent gegen Meuterey, Verrath und Aufruhr nicht besser sichern, als wenn er seine Unterthanen überzeugt, daß ihr Interesse überhaupt die Richtschnur seiner Gesetzgebung und Verwaltung ist, und es seyn muß, wenn er sich selbst nicht schaden will. Das Interesse ist das heiligste Band der Menschen, Interesse als das heiligste Band ... vgl. auch die Nationalökonomie Adam Smiths und bloß von der deutlichen Erkenntniß desselben hängt ihr Glück ab. Die Bosheit hatte immer unendlich weniger Theil an dem Unglück der Völker, die in der Weltgeschichte auftretten, als der Irrthum der Regenten und die Verkennung ihres eigenen Interesse. Und was hat nun auch der uneingeschränkteste Beherrscher zu beförchten, wenn er öffentlich und feyerlich mit seinen Unterthanen den Vertrag eingeht, nichts thun zu wollen, als was in ihrem sämtlichen vernünftigen Willen eingeschlossen ist, oder, welches das nämliche ist, was ihr Interesse erfodert? Die Natur hat diesen Vertrag schon errichtet, noch ehe eine Monarchie war. Er ist der Grund der Ruhe und des Glükes jeder einzeln Familie, jeder auch noch so kleinen Gesellschaft, und auch das Recht des Stärkern widerspricht ihm nicht, wenn er selbst seine überlegne Stärke, sein natürliches Recht nicht zu seinem eignen Nachtheil verwenden will – Es ist wahr, der grosse Haufen verkennt gemeiniglich sein eignes gemeinschaftliches Interesse; allein die Geschichte hat kein Beyspiel, daß ein Regent, der sich mit Thätigkeit und Klugheit am Besten seiner Unterthanen verwendet, durch Schuld des grösten Theils derselben unglücklich geworden wäre. Die Natur ist Bürge dafür, daß die, welche ihre Gesetze befolgen, ihren Zweck erreichen und glücklich seyn werden – O Ihr, denen die Bildung künftiger Regenten anvertraut ist, wie leicht wäre es euch, eure Mitbürger überhaupt gegen Tyranney und Bedrückungen sicher zu stellen! Wir fodern keine Trajane, Trajan – römischer Kaiser, † 117 keine Antonine, Antonin – römische Kaiser, entweder Antonius Pius, † 161 oder Antonius Marcus, † v.C. 30 keine Heinriche Heinrich – gemeint ist der franz. König Heinrich IV., † 1610 von euch. Die Natur muß für Fürsten von der Art mehr gethan haben, als ihr thun könnt. Aber Eure Schuld ist es, wenn ihr uns Tyrannen gebt, die um so gefährlicher sind, wenn sie selbst nicht wissen, daß sie Tyrannen sind. Könnt Ihr nicht über die Leidenschaften eurer Zöglinge Meister werden; so könnt ihr ihnen doch deutliche Begriffe von ihrem eignen Interesse beybringen, und mehr braucht der Staat zu seiner Sicherheit nicht. Zeigt ihnen im Detail, wie unzertrennlich ihr Glück von jenem des Staates ist: wie z. B. eine unbezähmte Ruhmbegierde, die sie auf Kosten ihrer Völker, zu grossen lärmenden Unternehmungen hinreißt, sie ihren Zweck verfehlend macht, und bey der vernünftigen Nachwelt als Verheerer brandmarkt! Der Aberglauben und besonders die Wollust der Fürsten haben die Politik erzeugt, deren Grundsätze Machiavell gesammelt aber nicht gut geheissen hat. Schon die Auguste August – der römische Kaiser Augustus, † 14 und Neronen Neron – der römische Kaiser Nero, † 68 hatten Gebrauch davon gemacht: aber erst in dem neuern Italien ward sie als einzige wahre Regierungskunst angenommen. Die Päbste, deren Gewalt auf dem Wahn des Volkes beruhte, die Ohnmacht der vielen kleinen Staaten, worin dieses Reich zerstückt war, ihre Zerrereyen unter sich selbst, der beständige Kampf mit überlegnen auswärtigen Feinden, das Genie der Nation und dann vorzüglich die Wollust und Verschwendung der Fürsten brachten diese unnatürliche Staatskunst in Aufnahme, die zwischen dem Interesse des Regenten und seiner Unterthanen, einen wesentlichen Unterschied macht, die letztre als Feinde der erstern behandelt, ihre Gewalt bloß auf List baut, alle Aufklärung und alle graden Wege verabscheut, sich in die finstern Kabinette verschließt und das Volk durch unverständliche Machtsprüche beherrscht. Mit andern Künsten und Wissenschaften breitete sich auch diese menschenfeindliche Kunst aus Italien weiter über Europa aus. Die Minister verschiedener europäischen Höfe, die sich nach den italiänischen Mustern gebildet hatten, glaubten desto besser zu regieren, je feinere, listigere und verwickeltere Maaßregeln sie ergriffen. Ludwig XI. Ludwig XI. – franz. König, † 1483 Richelieu Richelieu – Armand-Jean du Plessis de Richelieu, franz. Kardinal, unter Ludwig XIII. erster Minister, † 1642 und Mazarin Mazarin – Jules Mazarin, ab 1642 Nachfolger Richelieus als erster Minister, † 1661 waren die größten Meister in dieser Kunst. Damals – die glücklichen Zeiten von Heinrich IV. ausgenommen – hätte man es an unserm Hofe für eine Thorheit gehalten, wenn man das Volk durch Aufklärung, Ueberzeugung, Liebe und Freymüthigkeit hätte beherrschen wollen, zwischen den Unterthanen und dem Regenten gewisse Verbindlichkeiten angenommen, und das Interesse derselben als Eins betrachtet hätte. Die Pfaffen, besonders die Jesuiten, deren innere Ordensverfassung und Regierung mit den Grundsätzen dieser sogenannten feinen Politik vollkommen übereinstimmten, trugen das meiste dazu bey, sie an den Höfen geltend zu machen. Man behandelte diese Grundsätze als heilige Geheimnisse, die, wie der Stein der Weisen, ihre Besitzer zu Halbgöttern machten. Geblendet von den Trugschlüssen dieser politischen Goldmacherey entfernte man sich in der Regierung der Staaten von dem einfachen und geraden Gang der Natur, der allein zur Glückseligkeit führt, der in der Verwaltung jeder häuslichen Familie ebenso kenntlich ist als in der Beherrschung des größten Staates und wornach jeder Regent sich als ein guter Hausvater betragen muß, der kein andres Glück kennt, als woran alle seine Kinder, Knechte und Mägde Theil nehmen. Durch die Jesuiten und einige italienische Parvenus Parvenu – Parvenü: Emporkömmling, Neureicher schlich sich der sogenannte Machiavelismus auch an den hiesigen Hof ein. Ich weiß nicht, hat man es dem Nationalhumor, Nationalhumor – Nationalcharakter oder einer andern Ursache zu verdanken, daß er hier die greulichen Auftritte nicht veranlaßt hat, die zu einer gewissen Zeit die Höfe in Italien, Frankreich, Spanien und auch in England zu Mördergruben machten, wo der abscheuliche Mißbrauch der Religion, Freundschaft und Liebe unter dem Vorwand des Besten des Staats geheiligt ward und Verrätherey der innigsten Freunde, Bruder= und Vatermord das Spiel der Kabinete waren. So wenig sich der hiesige Hof mit Verrätherey und dem Blut der königlichen Familie oder vorgeblich furchtbarer Unterthanen besudelt hat, so hat doch seine Staatsverwaltung, wenigstens in Rücksicht auf Hungarn, noch einen kleinen Zug von List und studirter Unterdrückung. Mißverstandne Religionsgrundsätze trugen ohne Zweifel das meiste dazu bey, daß ihn die Fürstin von dem besten Herzen, die Menschenfreundin Theresia, nicht ganz abstreifen konnte. Es ist für ihren liebenswürdigen Sohn aufbehalten, den keine Sophisterey der Pfaffen und Höflinge täuscht, und der Muth genug hat, seine Philosophie in Ausübung zu bringen. Beym ersten Anblick sollte man glauben, die Verfassung dieses Königreichs erfodre eine gewisse listige Behandlung. Das Interesse des hohen Adels liegt mit jenem des ganzen Staats im Streit. Die Unterthanen desselben, welche den ungleich grössern Theil der Einwohner ausmachen, sind zwar keine wahren Leibeignen, aber auch keine Eigenthümer, sondern nur Pächter, die von ihren Lehnherren unter dem geringsten Vorwand von den Gütern vertrieben werden können. Der Adel trägt nichts zu den Staatsbedürfnissen bey, als freywillige Geschenke, ob er schon die Hälfte von dem ganzen Ertrag des Landes zieht. Er ist fast der einzige Stand des Reiches, denn die Häupter der Geistlichkeit, welche einen fast uneingeschränkten Einfluß auf die Mitglieder ihres Standes haben, werden aus dem Mittel des Adels genommen, und das Interesse dieser beyden Stände ist im Grunde Eins. Die Städte sind zu gering an Zahl und zu unbedeutend an sich selbst, als daß sie einer Klasse der übrigen Stände das Gleichgewicht halten, oder einen besondern wichtigen Körper bilden könnten. Kurz, die sogenannte ungarische Freyheit ist bloß ein Vorrecht des Adels und der mit ihr verwandten Geistlichkeit, welches beyde Klassen auf Kosten des Ganzen bisher zu erhalten gewußt haben. Der Hof both bisher alle[n] Künsteleyen auf, um dem Adel das sehr nachtheilige Uebergewicht zu nehmen. Der Kampf zwischen dem Souverän und dem Adel, welcher eigentlich den Mittler zwischen dem Volk und der Souveränität vorstellen sollte, aber hier ausschließlich die eigentliche Nation ausmacht, indem man den ungleich grössern Theil des Volkes nur als Sklaven ansehen kann, brach schon in verschiedene Aufruhre aus, wodurch sich die Thököly Thököly – Emmerich Thököly, evangelischer ungarischer Adliger, führte 1678 mit türkischer Hilfe einen Aufstand gegen Habsburg (Kaiser Leopold I.) an. Bei der 2. Belagerung Wiens kämpfte er auf türkischer Seite, † 1705 und Räkoczi Räkoczi – Franz II. Rákóczi, ungarischer Adliger, führte seit 1703 einen Aufstand der Ungarn und Siebenbürgen gegen das Haus Habsburg an bekannt gemacht haben. Die Hinrichtung der Grafen Zrinyi, Nädasdy, Frangipani und Tertenbach Zrinyi ... – Die Zrinski- und Frankopan-Verschwörung (1664-1670) kroatischer Adelsfamilien gegen Kaiser Leopold I. von Habsburg. Die Teilnehmer wurden 1671 enthauptet. führen einige als ein Beyspiel an, daß sich auch der hiesige Hof sultanische Expeditionen erlaubt habe, um sich reiche, angesehene, unternehmende und gefährliche Unterthanen vom Hals zu schaffen. Allein, ich glaube, sonstiges Betragen sollte ihn gegen diesen Vorwurf sicher setzen, und aus allen Umständen der Geschichte ergiebt sich, daß diese Hingerichteten wirkliche Verbrecher waren. Der Plan zum Sturz des übermäßigen Adels, welchen der Hof seit langer Zeit befolgt, ist auch viel zweckmäßiger, als diese angedichtete Grausamkeit, die nur dazu dienen würde, die Gemüther mehr aufzubringen und wilder und entschlossener zu machen. Man wußte nur zu wohl, welche Macht der Luxus und die Wollust über das menschliche Gemüth haben. Man lokte den stolzen Hungarn, der auf seinem Landsitz Freyheitsentwürfe brütete, an den Hof oder in die Stadt. Man gab ihm durch Ehrenstellen, Titel, Heyrathsvorschläge, und andere Gelegenheiten Anlaß, sein Geld auf eine glänzende Art zu verthun, Schulden zu machen, und bey der Sequestration Sequestration – Zwangsverwaltung durch Gerichtsentscheid seiner Güter sich endlich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben. Der verführte Hungar hielt es für eine Ehre, mit einem von den grossen deutschen Häusern, die überhaupt bey Hofe in viel grösserm Ansehn stehn und ungleich mehr Einfluß auf die Regierung der ganzen Monarchie haben als die hungarschen, verwandt zu seyn. Er holte sich seine Frau aus Wien, und legte sich durch diese Verwandtschaft Fesseln an. Seine Gemahlin führte in seinem Haus den hohen Ton und die feine Lebensart ein, und beschleunigte auf alle mögliche Art die Sequestration seiner Güter. Der ganze hohe hungarsche Adel ist mit dem deutschen zu Wien verwandt, und diese Verwandtschaft trug das meiste dazu bey, die sogenannten schönen Sitten unter demselben gängig zu machen, die ihn entnervten und dem Hofe unterthänig machten. Fast kein grosses Haus ist mehr schuldenfrey, und nach dem Beyspiel des Wiener Adels hält nun der Hungar seine Schulden für eine Ehre. Der Hof, welcher auf diese Art den mächtigsten Theil des ungarischen Adels zu Verschwendern, Wollüstlingen und Memmen umschuf, hat nun keinen Aufruhr mehr zu beförchten. Der misvergnügte Pöbel fände nun keinen Anführer mehr, der Ansehn und Macht genug hätte, um seine Rotte förchterlich zu machen – Die Verschwendung, wozu man dem Hungarn Anlaß gab, zog eine andre Kette nach sich, die ihn noch vester an den Hof band. Nun war es nicht mehr die Ehre allein, die ihn um eine Bedienung werben machte. Auch die Besoldung hatte nun Reiz genug für ihn, etwas von seiner Freyheit aufzuopfern, um seine so stark vermehrten Bedürfnisse bestreiten zu können – Ein andrer Kunstgrif, den Nationalgeist des hungarschen Adels zu schwächen und ihn geschmeidiger zu machen war, daß man die Vorrechte desselben feil both, und den deutschen Familien den Ankauf von Gütern in Hungarn erleichterte, oder gar die der Krone heimgefallnen denselben schenkte. Viele deutsche Häuser gehören nun zu der Klasse der reichsten hungarschen Edelleute und verstärken den Einfluß des Hofes. Beide Nationen vermischen sich; ihre Sitten gleichen sich ab; der Hungar wird desto gleichgültiger gegen seine Freyheit, je mehrere davon Theil nehmen, und desto gleichgiltiger gegen sein Vaterland, je weniger Eigenthümliches es behält – Die Beförderung zu den hohen geistlichen Ehrenstellen ist besonders ein wirksames Mittel, womit der Hof die mächtigen Häuser an sich bindet. Die Kunstgriffe, die er außerdem noch zu diesem Endzweck anwendet, sind unzählig und hängen oft bloß von Zeit und Umständen ab. Einer der gewaltthätigsten ist die Belegung der ungarischen Produkte mit so ungeheuern Abgaben, wovon ich dir schon gesagt habe. Diese Bedrückung trifft freylich unmittelbar nur den Adel, dem die Erzeugnisse des Landes größtentheils zugehören, indem der Bauer kein Eigentum hat. Man glaubt, der ungarische Adel würde zu reich und mächtig werden, wenn er den Ertrag seiner Güter völlig geltend machen könnte; allein mittelbar leidet das ganze Land und besonders der Bürger in den Städten, der Künstler und Fabrikant unsäglich darunter, indem die Masse des zirkulierenden Geldes dadurch verringert wird. Die Auflagen auf die Ausfuhr der ungarischen Weine sind so groß, daß die Bergkroaten ihren Wein in dem venezianischen Dalmatien kaufen, da sie ihn sonst ebenso wohlfeil von ihren eignen Mitbürgern, den benachbarten Hungarn, haben könnten. Man läßt lieber Geld aus dem Lande fließen, als daß man den Hungarn reich werden ließe. Fast alle Bedienungen des Reiches, die nicht verfassungsmäßig von Eingebohrnen müssen besetzt werden, übergibt man fremden Deutschen, die oft die abscheulichsten Despoten machen. In den illyrischen Staaten, die unmittelbar vom Hofkriegsrat abhängen und ganz militärisch verwaltet werden, sind fast alle Stellen mit Ausländern besetzt. Die Deutschen haben sich durch ihr tyrannisches Betragen daselbst so verächtlich gemacht, daß der Kroate keinen entehrendern Namen kennt als Schwab. «Er ist ein Schwab« – das drückt bey ihm alles aus, was verächtlich und hassenswürdig ist. Unter der Benennung von Schwaben begreift aber der Kroate, wie der Wiener, alle Deutsche, die keine Österreicher sind. Die gebornen Österreicher, welche in Hungarn angestellt werden, wirtschaften meistens nicht viel besser als die türkischen Paschas oder die mogulischen Nabobs. Aus ihrem angebohrnen Stolz wollen sie den Hungarn fühlen lassen, daß sie die vorzüglich herrschende Nation sind. Ihre gewöhnliche Verschwendung verleitet sie zu unerlaubten Erpressungen, und sie sind um so mehr geneigt, ihre Untergebnen feindselig zu behandeln, da sie in ihren Sitten, und besonders in ihrer Religion, oft so verschieden von ihnen sind. Durch das Betragen der Fremden, womit die Stellen besetzt werden, nahm der Illyrier das Tückische und Widerspenstige an, das seinem Charakter so unnatürlich ist. So vortreffliche Männer nun auch an der Spitze der verschiedenen Departements stehen, so verwerflich ist der große Haufen der kaiserlichen Unterbedienten. Überhaupt genommen, hat er kein Fünkchen Vaterlandsliebe, keine Kenntnisse, keinen guten Willen und keine Thätigkeit. Stolz, Eigennutz, Hartherzigkeit und ein gewisses gebieterisches Wesen zeichnen ihn aus. Die Besoldung und der Titel sind für ihn das Wesentliche seiner Stelle, und die Geschäfte behandelt er als eine Nebensache. Glaube nicht, daß ich es übertreibe. Ich versichere dich auf meine Ehre, es ist – im ganzen genommen – dem Buchstaben nach wahr. Die gebornen Hungarn, welche bey der Verwaltung ihres Vaterlandes angestellt sind, haben ungleich mehr gesunden Verstand, mehr guten Willen und Wärme für ihre Geschäfte als die Österreicher. Und doch zieht man die letztern überall vor und gibt ihnen allen Anlaß, ihren dummen Stolz und Übermut gegen die andern auszulassen. Unser großer Heinrich pflegte zu sagen: Glücklich ist der Edelmann, der seine 5.000 Livres Revenuen hat und mich nicht kennt. Wenn der hiesige Hof den ungarischen Edelleuten irgendeine Art von Glück zugedacht hat, so ist es diese gewiß nicht. Er hielt es für unumgänglich notwendig, sie zu Hofschranzen umzuschaffen und ihnen alles Gefühl von Freyheit und wahrer Ehre zu nehmen. Er tat alles, was möglich war, um ihren Nationalgeist zu unterdrücken. Er schien bisher die Ehre nicht zu kennen, ein freyes, gefühlvolles Volk zu beherrschen. Er glaubte die ganze Nation zu Sklaven machen zu müssen, um sie beherrschen zu können. Die grausamsten Eingriffe gegen den allgemeinen gesellschaftlichen Vertrag und gegen die natürliche Freyheit waren die Religionsbedrückungen, welche die Hungarn seit zweihundert Jahren ausstehen mußten und wodurch sich der hiesige Hof selbst mehr geschadet, als er in den nächsten zweihundert Jahren wiedergutmachen kann. Es ist einer von den traurigen Widersprüchen, welche die Schwäche des menschlichen Verstandes beweisen, daß der hiesige Hof auf einer Seite die Bevölkerung und Industrie in Hungarn zu befördern suchte, und auf der andern den fleißigsten Theil seiner Unterthanen, dessen Religionsverfassung der Bevölkerung so günstig ist, auf alle Art verfolgte. Die Katholiken machen ohngefähr den dritten Theil von den Einwohnern der gesammten hungarschen Lande aus, worunter Siebenbürgen und Illyrien mitbegriffen sind. Die Lutheraner und Reformirten zusammen betragen das zweyte, und die Griechen, Juden, Widertäufer u. a. das letzte Drittheil. Es wäre zu verzeihn, daß die Katholiken, ihrer geringen Anzahl ungeachtet, die herrschende Kirche ausmachen, weil sich die übrigen kaiserl. Erblande auch zu dieser Religion bekennen. Aber daß man den Protestanten über 300 Kirchen wegnimmt, indessen man den Juden erlaubt, Synagogen zu bauen; daß man sie nöthigt, oft 12 Meilen weit zu einer Predigt zu reisen, während daß viele Kirchen der Katholiken mehr den Mäusen, Ratzen und Nachteulen zur Wohnung, als zum Gottesdienst dienen; daß man den Protestanten nicht erlaubt Schulen anzulegen, und ihnen doch gestattet, ausländische Schulen zu besuchen; daß man das Land lieber von katholischen Kalmücken, Zigeunern, als von gesitteten und arbeitsamen Protestanten bewohnt sieht, und unterdessen zu Wien unendliche Projekten zur Beförderung der Industrie und Aufklärung unter den Unterthanen macht; daß die Regierung und die Unterbedienten gegen die fremden Juden und Türken toleranter und billiger sind, als gegen ihre protestantischen Mitbürger, daß man den Adel zu demüthigen sucht, und daneben auch dem bessern Theil der Bürger in den Städten durch unnatürliche Religionsbedrückungen vorsätzlich alle Vaterlandsliebe nehmen will, und er sich in seiner Heimath als einen Fremden muß behandeln lassen, alles das beweißt, daß die Regierung mit der guten Sache und mit ihrem eignen Interesse im Streit liegt, und mit einer Hand immer wieder niederreißt, was sie mit der andern baut. Man hat sich also nicht zu wundern, daß der hiesige Hof mit seinen unzähligen Anstalten seit dem Anfang dieses Jahrhunderts nichts erhebliches an dem Zustand von Hungarn gebessert hat. Seine Vorkehrungen hatten keine andre Wirkung, als daß der freye und bessere Theil der Einwohner dieses Königreichs erst mürrisch, und dann gleichgültig gegen das Vaterland ward, indessen der grosse Haufen des Volks in seiner alten Knechtschaft blieb. Die Nation verlor ihren Karakter, ohne daß sich ihr gesellschaftlicher und physischer Zustand besserte. Die Regierung verfehlte ihren Endzweck auf dem krummen Weg, den sie einschlug, und wäre demselben in dieser langen Zeit gewiß näher gekommen, wenn sie den geraden und einfachen Gang der Natur befolgt hätte. In allen Staaten ist die Religion der kürzeste und natürlichste Weg, das Volk über sein Interesse aufzuklären und für seine Pflichten warm zu machen. Sie vertritt bey dem grossen Haufen die Stelle eines allgemeinen Vordersatzes, dem sich nützliche und schädliche politische Schlußsätze anhängen lassen, je nachdem der Regent es versteht und sich Mühe giebt, wahre oder falsche Mittelsätze einzuschieben. Die Regierung mag wohl die Religion entbehren können, wenn der Staat einmal auf einen gewissen Grad von Kultur gebracht ist; allein, die ersten Schritte aus der Barbarey bis auf diese Stufe muß das Volk am Gängelband der Religion thun. Wir haben nicht nöthig in Aegypten, im alten Orient, oder bey den Griechen und Römern Beyspiele zur Bestätigung dieser Wahrheit zu suchen: Wir sehen in der neuern Geschichte, daß bey allen europäischen Völkern die Religion der Grund ihrer Kultur war. Sie waren immer desto glücklicher, je enger die Verbindung zwischen der Religion und dem Staatsinteresse war. Sie wurden stufenweis immer desto bessere Bürger, je mehr sich ihre Religionsbegriffe unter Begünstigung der Regierung vereinfachten; und zu der itzigen Verfassung und dem glücklichen Zustand von England hat die Religion den ersten Grund gelegt. Die östreichische Regierung handelte in Hungarn nach den schnurstraks entgegengesetzten Grundsätzen. Sie gab sich alle Mühe, die populare und einfache Religion der Protestanten wieder in die unpolitische Möncherey zu verwandeln, und den aufgeklärten Theil ihrer Unterthanen aus dem Licht in die Finsterniß zurückzuführen. Zu gleicher Zeit, als sie dem Anschein nach mit ihren deutschen Unterthanen vorwärts schreiten wollte, suchte sie ihre protestantischen Hungarn von dem nahen Zweck zurückzustossen, den sie doch mit jenen schien erreichen zu wollen. Dort schien sie zu erkennen, daß das päbstliche Pfaffen- und Disciplin=Sistem der Industrie und dem Wohlstand des Volkes ebenso nachtheilig sey, als der Kasse des Landesfürsten. Sie schränkte die Uebermacht der Geistlichkeit ein, und machte Schulanstalten, deren Resultat doch über kurz oder lang mit den Grundsätzen der Protestanten übereinstimmen mußte, und hier suchte man die erwachte Industrie sammt der Religion zu unterdrücken, die ihre Mutter war. Welcher unerklärliche despotische Eigensinn! Die hungarischen Protestanten sind zwar in Rücksicht auf Fleiß und Aufklärung noch weit hinter jenen in andern Staaten zurück; allein, ungeachtet sie nur den dritten Theil der Einwohner ausmachen, so tragen sie doch beynahe die Hälfte zu der Landeskasse bey und sind dem ungeachtet viel wohlhabender, als ihre katholischen und griechischen Mitbürger. Ein auffallender Beweis, wie sehr ihre Religion mit dem Wohl des Ganzen übereinstimmt, und wie sehr der Hof sein eigenes Interesse verkennt. Am meisten hat sich der Hof durch sein Betragen gegen die Griechen geschadet, die einen so ansehnlichen Theil der Einwohner dieses Reichs ausmachen. Anstatt die Pfaffen dieser Halbwilden, denen sie unbeschreiblich ergeben sind, zu tüchtigen Volkslehrern zu bilden, die durch ihr Ansehn, ihre Untergebenen aus der Barbarey führen und zu guten Bürgern umschaffen sollten, begnügte man sich damit, daß man von Zeit zu Zeit einen Ehr= oder Geldgeitzigen Prälaten bestach, der zu der Hofkirche übergieng. Der Schwarm, den ein solcher geistlicher Komplotmacher mit zur Desertion bewegte, veränderte nichts als den Namen. Aus griechischen Barbaren wurden sie katholische Barbaren, oder, wie sich ein ehrwürdiger kaiserlicher Officier ausdrückte: Man brennte den Schweinen nur ein anders Zeichen auf den H – rn. Uebrigens kümmerte man sich wenig um die Erziehung der katholischen und unirten unirt – uniert: Verbindung von Religionsgemeinschaften. Hier die griechisch-unierte Kirche, die mit der römisch-katholischen Kirche in Kirchenunion verbunden ist und trotz eigener Liturgie die Oberhoheit des Papstes anerkennt. Geistlichen und noch weniger um jene der nichtunirten, woran doch der Regierung so viel gelegen seyn sollte und welche das sicherste Mittel gewesen wäre, den Anbau des Landes zu befördern und den Ertrag desselben zu vermehren. Die griechischen Pfaffen in Hungarn und Illyrien sind ohngefähr in dem Zustand, worin die katholische Geistlichkeit unter Karl dem Grossen in Deutschland war, der auch durch die Religion den ersten Grund zur Kultur der Nation legte, und mit Bildung der Geistlichkeit den Anfang machte. Ich zweifle sehr, ob die meisten lesen und schreiben können; wenigstens weiß ich gewiß, daß sie 6 und 7, 8 und 9 oder irgendeine Zahl, die über 3 und 4 hinaufsteigt, nicht ohne Hilfe der Finger zusammenzählen können. Manche wissen noch nichts vom Gebrauch der Sacktücher, sondern haben noch die löbliche Gewohnheit aus dem Naturstand beybehalten, die Nase mit den Fingern zu putzen. Einer dieser Seelenhirten, ein Macedonier von Geburt, der sich mit seiner Kenntniß der griechischen Sprache großmachte, und viel vom Alexander, seinem berühmten Landsmann, mit einem lächerlichen Stolz zu erzählen wußte, wollte mir auch, als einem Neuling, von dem trojanischen Krieg mit aller Vertraulichkeit Nachricht geben. Er erzählte mir, ein trojanischer Prinz habe eine Prinzeßin von Frankreich entführt. Da wären der griechische und der römische Kaiser, der König von Frankreich und die 7 Kurfürsten nach Troja gezogen, und hätten die Stadt nach einer erstaunlich langen Belagerung mit Hülfe eines hölzernen mit Soldaten angefüllten Pferdes eingenommen und verbrennt. Der Mann hat die Geschichte offenbar durch Tradition in Saloniki oder einer andern Stadt seines unlitterarischen Vaterlandes erhalten, und nicht Einen alten Griechen, noch eine Geschichte gelesen. Dem ungeachtet wird er von seinen Kollegen für ein Wunder von Gelehrsamkeit gehalten. Bey all der schrecklichen Unwissenheit stehn diese Pfaffen doch bey dem Volk in grösserm Ansehen, als ehemals die Orakel von Delphi und Delos. Sie benutzen es aber zu nichts anderm, als auf Kosten desselben zu schwelgen. Sie sind wahre privilegirte Volksdiebe, die blos in den Kniffen und Pfiffen, womit sie den grossen Haufen um die Früchte seines Schweisses bringen, einige Funken von Vernunft zeigen, und so innig von der Giltigkeit ihres Anspruchs auf die Wolle ihrer Schaafe überzeugt sind, daß sie ihnen dieselbe samt der Haut vom Leibe reissen, wenn sie sich nicht gutwillig scheeren lassen. Die katholischen Pfaffen, die etwas entfernt von grossen Städten sind, geben den griechischen in der Unsittlichkeit und Unwissenheit wenig nach. Die Wolle ist auch das Vornehmste, worauf sie beym Hüten ihrer Schafe ihr Augenmerk richten. Ihr Brevier Brevier – Gebetbuch der katholischen Kleriker ist ihre ganze Bibliothek, und die lateinische Sprache ihr einziges Studium. Wie weit es manche darin bringen, kannst du aus folgendem schliessen. Ich sprach mit einem derselben, der in seinem Revier in besonderrn Ansehen steht, und sich wirklich auch durch guten Willen, und etwas ausgebreitete[te] Kenntnisse vor vielen andern seines Standes auszeichnet. Die Rede war von den deutschen Kolonisten, die sich in Hungarn niederlassen. Ich fragte ihn, wie man es mit ihnen hielte, wenn sie die Witterung des Landes nicht ertragen könnten. Damus illis licentiam repatriandi, sagte er. »Man läßt sie wieder in ihre Heimath ziehn.« Der Barbarismus dieses hungarschen Pfarrers ist mir zu gelegen gekommen, als daß ich diesen ungeheuern Brief schliessen könnte, ohne dir von diesen Kolonisten umständlichere Nachricht zu geben. Wenn man bedenkt, daß ein Drittheil der Nordamerikaner aus ausgewanderten Deutschen besteht, daß das Kap, Kap – Kap der Guten Hoffnung, Südafrika Batavia Batavia – Jakarta, Indonesien und Surinam Surinam – Republik Suriname in Südamerika mehr als zur Hälfte von Deutschen bewohnt werden, und immer noch Zufluß aus der unerschöpflichen Menschenquelle des deutschen Reiches erhalten, obschon die beyden letztern Plätze als sehr ungesunde Orte allgemein verschrieen sind, so kann man sich nicht genug wundern, wie sich diese Auswanderer so vielen Gefahren und Beschwerden aussetzen mögen, um jenseits des Weltmeers ein wüstes Land anzubauen, oder als Knechte und Mägde ihr Brod zu verdienen, während daß das nahe Hungarn noch für so viele Millionen Menschen Raum und Brod darbiethet. Der Hof sucht sie zwar dahin zu locken, allein die Hälfte von den Eingewanderten macht wieder von dem Barbarismus des Herrn Pfarrers Gebrauch, und man hat häufige Beyspiele, daß die zurückgewanderten sich nach der neuen Welt neue Welt – Amerika haben einschiffen lassen. Der Fehler muß an der Regierung liegen, und ich glaube, es würden wenige zurückwandern, wenn sie nicht grössere politische Barbarismos machte, als mein guter Pfarrer im grammatikalischen Verstand gemacht hat. – Ein Hauptfehler der Regierung ist, daß sie durch den Religionszwang den schätzbarern Theil der deutschen Auswanderer, nämlich die Protestanten, von ihren Gränzen abschreckt. Diese haben wenig Reitz, sich in einem Land anzubauen, wo sie oft einige Tagereisen machen müssen, um einen Pfarrer von ihrer Religion zu sehn, wo man ihnen nicht erlaubt, eine Kirche zu bauen, und wenn sie auch zu tausenden beysammen wohnen, und wo ihnen und ihren Kindern der Religionshaß im Weg steht, im Civildienst ihr Glück zu machen. Alle diese Hindernisse fallen unter der sanften Regierung der Engländer und Holländer weg, und diese ziehn also den bessern Theil der auswandernden Deutschen nach ihren Kolonien und lassen für Hungarn den schlechtern zurück. Die, welche in dieses Land ziehn, sind das liederlichste Gesindel aus Bayern, Schwaben, Franken und den Rheinländern. Sie versaufen bey ihrer Ankunft das bisgen Geld, welches sie aus ihren verkauften Häusern, Gütern und ihrem Hausgeräthe gelöset haben, und da die Regierung nicht Sorge genug für sie trägt, so sterben sie aus Kummer und Krankheiten, die mehr eine Folge von ihrer Liederlichkeit, als eine Wirkung des Klima sind. Ein Theil derselben bettelt sich wieder nach Deutschland zurück, und braucht die Witterung des Landes zum Vorwand seiner Zurückwanderung, die er zehnmal schädlicher beschreibt, als sie wirklich ist, und wodurch er alle diejenigen in seiner Nachbarschaft, welche noch irgend einen andern Weg zur Auswanderung für sich offen sehn, von Hungarn abschreckt. Die, welche also Geld genug haben, die Reise nach Amerika zu machen, ziehn dieses Land Hungarn vor, und nur die Ärmsten, die kaum einige Dukaten zur Donaufahrt übrig haben, sehen es als ihren einzigen Zufluchtsort an. Für ein so Menschenarmes Land, als Hungarn ist, wäre dieses Gesindel immer noch Gewinn genug, wenn sich die Regierung mehr um ihr Schiksal intereßirte, und den Folgen vorzubeugen suchte, welche die Liederlichkeit und der Mangel an Kenntniß des Landes und an der ersten, zum Anbau einer Familie nöthigen Unterstützung nach sich ziehn müssen. Man müßte zu Wien oder Preßburg ein besonderes Komptoir Komptoir – Kontor, Büro, Behörde für diese Einwanderer errichten, wo sie die nöthigen Kundschaften einziehn könnten. Man mußte ihnen die Auskunft geben, an welchen Orten sich schon mehrere aus ihrer Gegend niedergelassen haben; denn einer der größten Reitze zum Anbau einer Kolonie ist, daß die Neuankommenden schon Leuthe finden, mit welchen sie Sitten und Sprache gemein haben, oder gar bekannt und verwandt sind. Nun sind aber die Deutschen unter sich selbst so verschieden, daß sie sich ausser ihrem Kreise für Fremde halten müssen. Die Bayern müssen in eine gewisse Gegend, und die Franken, Schwaben u. a. m. in die ihrigen gewiesen werden. Vor allem müßte man ihnen vorschreiben, wie sie sich bey der Witterung des Landes zu betragen haben. Das Klima von Hungarn ist an sich so wenig ungesund, als das von Italien, Spanien, Südfrankreich oder einem andern warmen Lande. Nur die Moräste sind es, wie überall. Der Abstich zwischen der Hitze der Täge und der Kälte der Nächte mag einem Deutschen sehr empfindlich seyn; allein ein natürlicher Instinkt lehrte den Hungarn, sich mit warmer Kleidung dagegen zu verwahren, und der Deutsche hat nichts zu thun, um gegen diese Wirkung des Klima sicher zu seyn, als die Landessitte nachzumachen. Die starken hungarschen Weine richten viele Fremden zu Grund, aber noch weit mehr der unmäßige Genuß der vortreflichen Früchte, besonders der schmackhaften, aber sehr schädlichen Melonen, wovon man an manchen Orten ein grosses und schönes Stück um einige Kreutzer haben kann. In der schmachtenden Sonnenhitze, wo der Körper durch die starke Ausdünstung ohnehin geschwächt ist, sind diese Früchte der Gesundheit um so nachtheiliger, da man sie hier zu Lande ganz ohne Brod zu essen pflegt. Gegen alle diese Gefahren müßten die Einwanderer nachdrücklich und umständlich gewarnt werden. Mit dem kleinen Reisegeld, welches die Regierung denselben reichen läßt, ist ihnen wenig geholfen. Baares Geld sollte man ihnen so wenig als möglich in die Hände geben, weil sie es in einem ganz fremden Lande nicht wohl zu gebrauchen wissen, oder verschwenden, oder von eigennützigen Leuten leicht darum gebracht werden. Man müßte ihnen nach Beschaffenheit ihrer Bedürfnisse Holz zum bauen, Vieh, Saatkorn u. d. m. in natura geben, und es zu einer besondern Pflicht der Beamten und Pfarrer machen, auf alle Art für die leiblichen und geistlichen Bedürfnisse der Kolonisten Sorge zu tragen. Aber die hungarischen Beamten und Pfarrer überhaupt genommen, sind freylich jetzt noch keine Leute dazu. Sie würden von diesem Aufwand der Regierung mehr geniessen, als die Kolonisten. Der kaiserliche Hof äusserte auch bisher wenig Neigung, zum Anbau von Hungarn einen beträchtlichen Aufwand zu machen. Sein Grundsatz war von jeher, erndten zu wollen, ohne gesäet zu haben. Unterdessen hätte er mit dem Geld, das er auf die Eroberung des kleinen Stückes von Bayern verwendet, in kurzer Zeit wenigstens 10 mal so viel gewinnen können, wenn er es mit der nöthigen Klugheit zum Anbau von Hungarn verwendet hätte. Der gröste Trost für einen hungarschen Patrioten ist, daß sein jetziger König sein jetziger König – Joseph II. die Verbindung seines Interesses mit jenem des Landes vollkommen kennt, den Werth der natürlichen Freyheit und die Menschen zu schätzen weiß, von keinem Vorurtheil geblendet wird, sich von keinen verjährten Mißbräuchen die Hände binden läßt, und Muth und Stärke genug hat, die herkulische Unternehmung zu bestehn und diesen so wichtigen Theil seiner Besitzungen aus der tiefen Wildheit zu reißen. Lebe wohl. Zwey und dreysigster Brief. Wien – Ich habe dir in meinem letzten Brief gesagt, daß der hohe hungarsche Adel ganz nach dem grossen Ton lebt. Unsere Moden sind schon bis an die Gränzen der Moldau und Wallachey vorgedrungen, und alles, was von Preßburg bis nach Kronstadt feine Welt heißt, spricht unser Patois. Man ißt und trinkt nicht mehr hungarisch, sondern gibt Dinnes, Dinne – diner, Abendessen Soupes Soupe – soupe, Abendessen und Dejeunes. Dejeune – dejeuner, Mittagessen Man giebt wechselweis Bal pare Bal pare – besonders festlicher Ball und Bal masque, Bal masque – Maskenball und jede Stadt, worin 4 bis 5 Familien von Ansehn beysammen sind, hat ihre Assembleen Assemblee – Versammlung, Lokalparlament und Redouten. Redoute – Festsaal Man spielt Whist, hat Poudre a la Marechal, und die Damen bekommen Vapeurs. Vapeur – Parfüm, Parfümzerstäuber Die Buchhändler verkaufen den Voltäre in der Menge heimlich, und die Apotheker den Merkurius Merkurius – Quecksilberpräparat gegen Syphilis in der Menge öffentlich. Die Herren haben einen Ami de la maison Ami de la maison – Hausfreund, Liebhaber für ihre Frauen und die Frauen eine Fille de Chambre Fille de Chambre – Hausmädchen für ihre Herren. Man hat Abbes zu Mäklern, Mäkler – hier: Zuhälter, Kuppler Kuchen=, Keller= und Hofmeistern; man hat Komödien, Ballete, Opern, und, was bey allem dem das nothwendigste ist, man hat Schulden über Schulden. Als in den vierziger Jahren der hungarsche Adel mit seinen Reisigen für seinen König Maria Theresia zu Felde zog, ergriff unsere Truppen bey dem ersten Anblick dieser förchterlichen Armee ein panischer Schrecken. Sie hatten wohl kleine Streifkorps solcher Diables d'Hongrie, Diables d'Hongrie – ungarische Teufel wie sie sie nennten, schon öfters gesehen, allein eine ganze Armee derselben in Schlachtordnung, ungepudert vom General bis zum Gemeinen, die halben Gesichter mit Schnurbärten bedeckt, eine Art runder Thürme auf Köpfen anstatt der Hüthe, ohne Manschetten, ohne Brustkrausen und ohne Federn, alle in rauhe Pelze eingehüllt, ungeheure krumme Säbel über der Stirne gezückt, unter denen durch das schwarze Gewölke der Bärte und Augenbraunen Blicke der Wuth, schärfer als der Stral der blanken Säbel, hervorblitzen – Das war zu arg. Unsere alten Officier wissen noch genug davon zu erzählen, welchen Eindruck diese barbarische Armee auf unsre Leute machte, und wie schwer es hielt, bis sie mit dem Anblick derselben bekannt wurden, und ohne Herzpochen gegen sie Stand hielten. Alles das hat sich seitdem geändert. Der hungarsche Edelmann fängt nun an, den Schnurbart abzulegen. Die Grossen kleiden sich ganz französisch, oder tragen wenigstens doch auf dem frisirten Haar einen Huth nach der Mode, welcher mit der übrigen barbarischen Kleidung, die aber in den Augen einer Kennerin von männlicher Schönheit viele Vorzüge hat, seltsam genug absticht. Während daß andre Mächte das Original der hungarschen Soldaten kopirten, und der Husar ein wesentliches Glied der preußischen Armee, und auch bey uns unter die reglirten Truppen aufgenommen worden ist, hat sich das wahre Original in seinem eignen Vaterlande verloren. Von den 14 oder 15 Husarenregimentern des Kaisers, deren jedes 1.300 Mann stark ist, besteht kein einziges bloß aus gebohrnen Hungarn. Alle sind häufig mit Deutschen untermischt. Erfahrne Officiers behaupten, diese Mischung wäre zum heutigen Dienst nothwendig geworden, und ein Husarenregiment, welches durchaus aus Hungarn bestünde, wäre heut zu Tage fast ganz unbrauchbar. Seitdem die natürliche Stärke und Herzhaftigkeit unter kriegenden Partheyen nichts mehr entscheiden, und bloß der kaltblütige Gehorsam und die Uebung in Wendungen und Handgriffen die Tugenden eines Soldaten ausmachen, verlor der Hungar alle seine militärischen Vorzüge. Er haßt den Zwang der Disciplin, der seine natürliche Lebhaftigkeit fesselt, und scheut, wie jeder wildere Mensch, die künstlichen Mordgewehre, gegen die all sein Muth und alle seine Stärke nichts vermag. Nur an der Seite eines kaltblütigen, nicht durch eigne Lebhaftigkeit, sondern bloß durch angewöhnten Gehorsam thätigen Deutschen hält der Hungar gegen ein anhaltendes und reglirtes Feuer stand. Erst wenn das Feuer nachläßt, und er zum Einhauen kommen kann, oder auf streifenden Vorposten erscheint er in seiner natürlichen Stärke. Aus dieser Ursache waren im letzten Slesischen Krieg einige preußische Husarenregimenter den hungarschen fast allezeit überlegen, und in diesem Fall war die Kopie wirklich besser als das Original. Der hungarsche Adel wäre auch jezt nicht mehr im stand, eine beträchtliche und nur einigermassen förchterliche Armee auf die Beine zu bringen und auf einige Zeit zu unterhalten. Die Esterházy, deren Besitzungen gegen 600.000 Gulden jährlich abwerfen, die Palffy, Csáky, Erdödy, Zichy, Forgách, Koháry, Károlyi Esterházy usw. – ungarische Hochadelgeschlechter und andere mehr, die alle beinahe 100.000 bis 200.000 Gulden Einkünfte haben, können, ihres ungeheuern Vermögens ungeachtet, kaum den Aufwand ihrer Häuser bestreiten, den ihnen seit 40 Jahren die feine Lebensart und die Sitten des Hofes zu einem unumgänglich nöthigen Bedürfniß gemacht haben. Der Hof glaubte sich durch diese Ohnmacht des Adels die eine Folge des eingeführten Luxus ist, noch nicht sicher genug. Er hat einem grossen Theil der sogenannten hungarschen Infanterieregimenter, die allzeit stark mit Deutschen vermischt sind, und auch einigen Husarenregimentern ihre beständigen Quartiere in Böhmen, Mähren und den Deutschen Ländern angewiesen. Dagegen verlegte er viele deutsche Regimenter nach Hungarn, wie denn der größte Theil der schweren Kavalerie Kavalerie – Kavallerie, Reitertruppe und der Dragoner Dragoner – leichte Kavallerie in diesem Königreich liegt. Keine Provinz der östreichischen Erblande ist nach dem Verhältniß der Bevölkerung und des Ertrages so stark mit Truppen besezt, als Hungarn. Der geringste Preiß der Lebensmittel für Menschen und Pferde mag wohl die Hauptursache dieser Eintheilung gewesen seyn; allein, bey dem Ausbruch eines Krieges an den deutschen Gränzen verliert der Hof in wenigen Wochen das, was er in vielen Friedensjahren dadurch erspart hat. Durch die weiten Märsche, welche die Kavalerie in aller Eile an ihren Bestimmungsort machen muß, wird oft die Hälfte der Pferde eines Regiments zu schanden geritten, ehe sie denselben erreichen, und ich glaube der Entwurf, die Hungarn durch diese Verlegung mit den andern Unterthanen des Erzhauses zu familiarisieren, familiarisiren – familiarisieren, gleichschalten ihren Nationalgeist zu dämpfen, sie durch die zahlreiche Armee, womit ihr Land angefüllt ist, an eine strenge Unterwerfung zu gewöhnen, und allenfalls die Konsumtion des Königreiches und dadurch den Umlauf des Geldes zu vermehren, mag nicht wenig zu dieser Vertheilung der Truppen beygetragen haben. Die Engländer haben hierüber ganz andre Grundsätze. Es ist ihnen daran gelegen, den Nationalgeist ihrer Truppen so viel als möglich anzufeuern, weil das Interesse der Regierung mit jenen des Volkes gänzlich übereinstimmt, und die Popularität ihrer Verwaltungsgrundsätze sie keine Meuterey von Seiten desselben beförchten läßt. In der Ueberzeugung, daß der Provinzialgeist nur eine stärkere Anstrengung des Nationalgeistes ist, thaten die klügsten ihrer Patrioten schon einigemal den Vorschlag, die Regimenter in die verschiedenen Grafschaften des Königreiches zu vertheilen, ihre Werbungen bloß auf den Umfang derselben einzuschränken, und jedes den Namen von der Grafschaft, worin es liegt und wirbt, tragen zu lassen. Sie hoften dadurch nicht sowohl die Werbungen zu erleichtern, als vielmehr in jedem Regiment, welches nach Ausführung dieses Entwurfes durchaus aus Landsleuten einer und der nämlichen Grafschaft bestehen würde, den Esprit de corps Esprit de corps – Korpsgeist anzufeuern und es für das Vaterland mehr zu erwärmen. Dieser nützliche Plan wird nach aller Wahrscheinlichkeit auch sehr bald ausgeführt werden – Der kayserliche Hofkriegsrath würde ein Projekt von der Art nicht gut aufnehmen. Er hält es für nothwendig, die Soldaten von ihrem Geburtsort zu entfernen und die Regimenter aus Unterthanen verschiedener Provinzen zusammenzusetzen – Verschiedene Ursachen haben verschiedene Wirkungen, und Swifts Swift – Jonathan Swift, englischer Satiriker und Politiker, † 1745 John Bull Swifts John Bull – der Engländer muß andere Grundsätze haben, als Esquire South. Keines der kayserlichen Erbreiche hat eigentliche Nationaltruppen, nur die sogenannten Bannattruppen, nämlich die Illyrier, ausgenommen, die nur für halbreglirte Soldaten gelten, und deren Offiziers wenigstens doch größtentheils Deutsche oder Hungarn sind. In Kriegszeiten stellt jeder hungarsche Edelmann, nach der Grösse seiner Güter eine gewisse Zahl Soldaten, oder er zahlt das Geld dafür nach einem gewissen Anschlag, an die Kriegskasse. Diese Kontingente des Adels bilden selten besondre Korps, sondern werden gemeiniglich unter die schon stehenden Truppen untergestekt. Ueberall sorgt man dafür, daß der Soldat von allen andern Verbindungen getrennt, und bloß von der allgemeinen Seele der Armee, dem allmächtigen Stock, belebt werde. Dieses Palladium Palladium – ein wundertätiges Bild der griech. Göttin Pallas Athene, vielleicht auch als Wortspiel mit Palliativum zu verstehen der östreichischen Armee, den wunderthätigen Stock must du eben nicht im buchstäblichen Verstand nehmen. Vor nicht vielen Jahren wirkte er zwar noch mechanisch auf die grosse Maschine; allein, nachdem man sie einmal in einen gewissen Gang gebracht hatte, suchte man sie bloß durch Ehrforcht und Andacht zu diesem Heiligthum in Bewegung zu erhalten. Nach einem Befehl des menschenfreundlichen Kaisers dörfen die Offiziers so wenig als möglich physischen Gebrauch davon machen. Im moralischen Verstande herrscht er noch in seiner ganzen Stärke. Die Idee davon vertritt bey dem gemeinen Soldaten die Vaterlandsliebe, den guten Humor, die Ehre, die Hofnung der Beförderung, und alle andre Empfindungen. Alle seine Betrachtungen drehen sich um diese Idee herum, und sein Q. C. D. Q. C. D. – quid, cur, dies: was? Warum? wann? und seine ganze Logik ist: Du must! Ohne Widerrede sind Gehorsam und strenge Subordination die größte Stärke einer Armee. Sollten sich aber dieselben mit gar keinem Selbstgefühl des Subalternen und Untersten vertragen können? Ist der gute Willen des Gemeinen, Gemeiner – einfacher Soldat die persönliche Dapferkeit und das Gefühl der Vaterlandsliebe und der Ehre bey einer Armee ganz entbehrlich? Gewiß nicht. Und wäre es auch bloß wegen dem Glück des gemeinen Mannes zu thun; wäre es auch bloß, um ihm sein hartes Schiksal erträglicher zu machen, so sollte man die Empfindungen, die ihm so manchen bittern Augenblick versüssen können, und allein im Stand sind, ihm in den Armen des Todes Muth einzuflössen, auf alle Art in ihm rege zu machen suchen. Mit der Gewalt, welche nun die östreichische Regierung in Händen hat, würde sie nicht das geringste zu beförchten haben, wenn sie auf einen Schlag alle die nachtheiligen Vorrechte des hungarschen Adels vernichtete, die mit dem Interesse des Ganzen im Streit liegen, und die sie auf eine ihrer Würde und Stärke unanständige Art nach und nach mit List zu untergraben sucht. Einige hundert Familien würden einige Jahre lang murren; aber weiter als zum Murren käme es auch nicht. Der Bürger und Bauer würde für die Sache des Hofes stehn, weil sie seine eigne ist. Der Religionshaß, welcher ehedem den ehrgeitzigen Absichten einiger Aufrührer zum Vorwand diente, erhitzt die Gemüther des Volkes nun nicht mehr so sehr, daß es gegen sein eignes Wohl geblendet würde. Durch ein grades und offenes Betragen würde der Hof das Zutrauen des Adels, welches er durch seine bisherigen Künsteleyen immer mehr von sich entfernte, gar bald wieder gewinnen. Wenn die Rechte desselben, so wie sie dem Wohl des Ganzen entsprechen, deutlich bestimmt, und von dem Hof nachdrüklich geschützt würden, so würde er patriotischer Tugenden fähig seyn, da er im Gegentheil in der jetzigen Lage die Regierung als seinen Feind ansieht, und nichts thut, als wozu er mit Gewalt oder Bestechung gebracht wird. Der grosse Haufen der Nation würde dann nicht mehr aus fühllosen Sklaven und der bessere Theil aus tükischen Despoten, Memmen und Hofschranzen bestehn. Und wenn denn der Hof den nöthigen Aufwand und die erfoderliche Bemühung zu guten Erziehungsanstalten nicht scheute, und die Geistlichkeit der verschiedenen Religionen ohne Partheylichkeit und ohne Bekehrungssucht zu ihrem Beruf zu bilden suchte, so würde schon in der nächsten Generation Hungarn unter die blühenden Reiche von Europa gehören. Der Hungar würde nicht mehr mitten in dem Ueberfluß, womit die Natur sein Vaterland überhäuft hat, arm und elend seyn. Der eckelhafte Anblick des mit der schmachtenden Armuth des Volkes so stark abstechenden Reichthums des Adels würde den Menschenfreund nicht mehr beleidigen. Dann würde der Hof an der Errichtung von Nationalregimentern bald Geschmack finden, weil der Plan seinem Interesse nicht widerspräche. Der lebhafte Hungar oder Kroate würde der Disciplin nicht mehr so abgeneigt seyn, weil seine erwachte Vaterlandsliebe und sein Nationalstolz sie ihm erträglich machen, und er für seine Pflichten Gefühl hat. Die Armee würde von einem Geist belebt werden, den auch der strengste Gehorsam nicht ersetzen kann und der sie in Verbindung mit diesem zugleich geförchtet und glücklich macht. Die Hungarn überhaupt sind von Natur ein vortreflicher Schlag Leuthe zum Soldatenstand. Es fehlt ihnen nichts zur militärischen Vollkommenheit als die Ausbildung, die ihnen die Regierung geben muß. Die Kroaten haben besonders alle Anlage zu guten Soldaten. Ihre mittlere Grösse ist 6. Fuß. Sie sind knochigt und fleischigt, behend, lebhaft und können Hunger und Wetter ausdauern. Besser gebildete Leute giebt es in Europa nicht. Aller dieser natürlichen Vorzüge ungeachtet, machen sie den schlechtesten Theil der kayserlichen Armee aus. Ein offenbarer Beweis, daß die Regierung sie entweder vernachläßigt, oder nicht auszubilden weiß. Man that schon einigemal den Vorschlag, sie unter die übrigen Truppen zu vermischen; aber das hiesse nichts anders thun wollen, als ihre natürlichen Vorzüge zu Grunde richten, um ihnen künstliche geben zu können. Ihre häusliche Lebensart, wodurch sich ihre körperliche Stärke erhalten hat, würde dadurch gar bald nachtheilige Veränderungen leiden. In ihren Hütten wohnen öfters 6 bis 7 Familien beysammen unter einem Dach. Ihre nüchterne Lebensart erleichtert ihnen die Ernährung vieler Kinder. Sie heyrathen frühe, in der Fülle ihrer Jugendkraft und ihre Kinder sind das Gepräge ihrer ungeschwächten Mannheit. Ihre Säfte sind noch unverdorben, und die verderblichen Krankheiten, welche die Lebensquelle vergiften, sind noch nicht stark unter ihnen eingerissen. Die väterliche Herrschaft ist noch Sitte unter ihnen, und der Urgroßvater, welcher unter seinen zahlreichen Enkeln und Urenkeln wohnt, hat noch eine patriarchalische Gewalt über sie, wenn sie auch noch so sehr herangewachsen sind. Alles das dient dazu, ihre Sitten rein zu erhalten, und es käme bloß darauf an, ihre Pfaffen zu Menschen zu machen, so würden sie auch ohne Handlung, ohne Manufakturen und Künste, die man seit einiger Zeit zu ihrem Verderben unter ihnen einzuführen sucht, glücklich und dem Staat nützlich seyn. Durch eine bessere Erziehung, die der Natur ihres Landes, ihrer besondern Verfassung, und dem Vortheil des Staats mehr entspräche, würde sich nach und nach ihre natürliche Starrheit verlieren; sie würden desto biegsamer werden, je mannichfaltigere und deutlichere Begriffe sie von Religion, Ackerbau, Viehzucht, und den Dingen bekämen, die mit ihrem Zustand verflochten sind. Diese Starrheit, eine natürliche Folge ihrer Wildheit, ist die einzige Ursache, warum sie der Disciplin so abgeneigt sind, und die häusliche Erziehung ist eine unumgänglich nöthige Vorbereitung, sie gleich den deutschen Unterthanen des Erzhauses, zur militärischen Zucht und Ausbildung geschmeidig genug zu machen. Dieses ist der natürliche Weg, sie stufenweis aus ihrer Wildheit zu ziehn, und zu guten Bürgern zu bilden, ohne ihre eigenthümlichen Vorzüge zu verderben. Man nehme an, der Hof würde den Plan ausführen, und sie unter seine übrigen Truppen mischen. Man würde sie natürlich in ihren beßten Jahren, wo der Naturtrieb am heftigsten ist, zum Dienst ziehn. Hingerissen zu all den Ausschweifungen, die unter einer stehenden Armee zu herrschen pflegen, würden sie ihre beßten Säfte, die Jugendblüthe, in verderblicher Wollust verschwenden. Geschwächt oder mit dem Gift der Wollust angestekt kommen sie nach der Dienstzeit in ihr Vaterland zurück. Sie lernten Bedürfnisse kennen, die zuvor in ihrem Vaterlande fremd waren. Sie haben an dem ehelosen Stand, der zuvor so selten unter ihnen war, Geschmack gefunden. Sie heyrathen nicht, oder doch später als ihre Voreltern. Ihre alte häusliche Ordnung wird getrennt, und die Treue ihrer Weiber verliert sich. Ihre Kinder werden ihnen zur Last, und es ist hundert an Eins zu wetten, daß sie in der zweyten Generation nicht mehr zu erkennen, und in der dritten oder höchstens in der vierten von den übrigen kayserlichen Unterthanen in Grösse, Stärke, Schönheit und Nüchternheit gar nicht mehr unterschieden seyn werden. Diese Vermischung wäre ein gewaltthätiger Sprung, den die Regierung mit ihnen aus dem Stand der Wildheit auf eine hohe Stufe des verfeinerten Lebens thun wollte. Sie müßten sich dabey ein Glied verrenken, oder gar den Kopf einstossen. Drey und dreysigster Brief. Wien – Ich gab mir bisher alle Mühe, um den Werth der Güter kennen zu lernen, die jährlich in Hungarn ein= und ausgeführt werden, um mir einen deutlichen Begriff von dem Nationalreichthum zu machen. Entweder trägt man die Mauthregister, die einzeln mit ziemlich viel Genauigkeit gemacht werden, nicht ordentlich zusammen, und macht keine Auszüge daraus, oder man sucht sie geheim zu halten. Alles, was ich dir also hierüber sagen kann, beruht auf Muthmassungen und Sagen. Ein dem Anschein nach glaubwürdiger Mann versicherte mich, der Werth der ganzen Ausfuhr des Königreichs betrüge ohngefähr 24, und der Werth der Einfuhr nur ohngefähr 18 Millionen Gulden. Bey diesem Anschlag sind die bloß durchgehenden Güter abgezogen. Gegen den Werth der Ausfuhr kann ich nichts ganz Positives einwenden, denn wie gesagt, ich konnte nichts bestimmtes herausbringen. Mir scheint die Angabe, in so weit ich nach meinem sehr unvollkommenen Ueberschlag urtheilen kann, immer merklich übertrieben. Aber das gegenseitige Verhältniß der Ein= und Ausfuhr will mir noch weniger einleuchten. Ich kann nicht begreifen, wohin sich der grosse Ueberschuß an Geld verkriechen sollte, der auf die Art in Hungarn strömte, ohne einen sichtbaren Ausfluß zu haben. Mit diesem Uebergewicht der Handlung müßte Hungarn eins der reichsten Länder in Europa seyn. Und doch ist in diesem Königreich nichts seltener als das Geld. Von den 20 Millionen Gulden, welche das Land sammt Siebenbirgen und Illyrien in allem der Regierung eintragen soll, kommen doch höchstens nur 3 Millionen nach Wien, und das, was die wenigen, ausser dem Königreich wohnenden, adelichen Familien aus dem Reiche ziehn, wird durch die Gegenwart so vieler Offiziers und Civilbedienten, die in andern Provinzen Güter besitzen, und den Ertrag davon in Hungarn verzehren, reichlich wieder ersetzt. Es bliebe also für Hungarn doch noch manche Million jährlich übrig, und wenn sich dieses glückliche Übergewicht des Handels auch erst seit 5 Jahren herschriebe, so müßte man schon mehr Blut in dem Körper des Reichs verspüren. Wenn man die Menge der Waaren betrachtet die Hungarn jährlich von den Ausländern bezieht, so wird man es platterdings ungläublich finden, daß es in der Handlung das Gleichgewicht haben könne. Fast alle Kunstprodukten bekömmt es, nebst einer erstaunlichen Menge natürlicher Erzeugnisse, von den Fremden. Nur bloß für Tücher giebt es jährlich 4 bis 5 Millionen Gulden aus. Für Seidenzeuge, Leinwand, Baumwollenzeuge u. dgl. m. läßt es wenigstens 5 Millionen Gulden jährlich ausfliessen. Für rohes und verarbeitetes Zinn, Glas, Sackuhren, Sackuhr – Taschenuhr Farbmaterialien, Apothekerwaaren u. dgl. m. bezahlt es jährlich den Fremden auch einige Millionen, und der Kaffee und Zucker kosten es das Jahr durch wenigstens 2 ½ Millionen. Hier sind alle Gattungen der Galanteriewaaren, fremde Weine für die leckerhaften Grossen, die mit ihren vortreflichen vaterländischen Weinen nicht vorlieb nehmen wollen, ausländische Pferde, Kutschen, Geschirre und noch unzählige andre Artickel nicht mitgerechnet. Die natürlichen Produkte, die es den Fremden dagegen giebt, können diese ungeheure Summe lange nicht aufwiegen. Nach einem ziemlich wahrscheinlichen Ueberschlag verkauft Hungarn jährlich den Fremden für ohngefähr 5 ½ Millionen Gulden Vieh, nämlich Ochsen, Schweine und Pferde, für 4 Millionen Gulden Getraide, Heu u. dgl. m. für 3 Millionen Gulden Wein; für eine halbe Million Tobak, Seide (meistens aus Slawonien), Zitronen, Kastanien und andre Früchte; für einige Millionen Mineralien, besonders Kupfer; und wenn ich den Anschlag überhaupt nach meinen verschiedenen Erkundigungen in einzeln Artickeln machen sollte, so würde ich den ganzen Werth der Ausfuhr (die durchpaßirenden Waaren allzeit abgerechnet) ohngefähr auf 16, und den Werth der Einfuhr wenigstens auf 18 Millionen Gulden setzen. Ich glaube Hungarn nicht zu viel zu thun, wenn ich es in meinem Anschlag jährlich seine 2 Millionen verlieren lasse. Seine Lage und die Anstalten der Regierung wehren ihm, seine natürliche Schätze völlig geltend zu machen, und bey einem fast durchaus herrschenden hohen Grad von Luxus, der bey den Grossen unbeschreiblich hoch ist, hat es nicht einmal so viel Industrie, daß es sich die Kunstprodukte, wozu ihm die Natur alle Gelegenheit darbiethet, selbst verfertigen sollte. Ich habe dir gesagt, welche ungeheure Summe Geldes es jährlich für Tücher ausgiebt, und doch ist kein Land in Europa, welches der Schaafzucht günstiger wäre als dieses. Prinz Eugen, der ein ebenso grosser Staatsmann und Beschützer der Künste und Wissenschaften, als Held war, sah die Vortheile ein, die das Land von der Schaafzucht ziehen könnte. Er ließ Schaafe aus Arabien kommen, und gab sich alle Mühe, ihre Fortpflanzung in der Gegend von Ofen zu befördern und auszubreiten. Kaiser Karl der VI. und Kaiser Franz machten ähnliche Versuche; allein sie waren nicht glücklich. Der Adel war bisher zu stolz, zu träge und zu verschwenderisch, als daß er sich mit der Landwirthschaft hätte abgeben sollen, und der Bauer hat kein Eigenthum. Solange der Adel im Besitz des größten Theils der Ländereyen im Königreich bleibt, und keine bessere Erziehung bekömmt, werden alle Versuche, den Kunstfleiß auf dem Lande auszubreiten, eitel seyn, und der Bürger in den Städten ist theils durch Religionsbedrückungen niedergeschlagen, theils durch den eingerissenen Luxus verdorben worden. Die Nachläßigkeit der Polizey, den Strom des Luxus zu hemmen, ist unbegreiflich. Oft schon bin ich versucht worden, zu glauben, die Regierung achte es nicht der Mühe werth, ihre Aufmerksamkeit auf dieses Reich zu wenden, weil der Ertrag der Grösse desselben nicht entspricht, oder das hitzige Temperament des Hofes sey nicht aufgelegt, Verbesserungen vorzunehmen, die erst nach einigen Generationen Früchte tragen würden, und er sey daher mehr geneigt, durch eine gewaltsame Anstrengung dieses Land zu benutzen, als dem gewöhnlichen Gang der Natur gemäß, erst den Grund zu einem dauerhaften Gebäude zu legen, dessen Vollendung zu erleben der regierende Fürst sich nicht versprechen kann. Von den vielen Zügen dieser Nachläßigkeit, die ich bemerkt habe, will ich nur eines erwähnen. Ungeachtet der tiefen Armuth des Landvolks läßt man die Juden und Raitzen öffentlich mit Zuker und Kaffee von Dorf zu Dorf das ganze Land durchziehn. Ihre Waare ist um so verführischer, und der Verkauf um so schädlicher, da sie diesen entbehrlichen Artikel des Luxus nicht ordentlich auswiegen, sondern in kleinen Portionen, die schon in Papierchen eingepackt sind, zu 2, 3, 4 und mehrern Kreutzern verkaufen. Sie schlagen keine Buden auf, sondern gehn von Haus zu Haus und biethen allem Witz, aller Beredsamkeit und allen Kniffen auf, um den Bauern ein Päkchen aufzuhängen, der sich denn um so leichter verführen läßt, da der Verkäufer öfters Brod, Wein, Eyer, Butter, Käs oder solche Sachen dagegen nimmt, womit der Bauer überflüßig versehen ist. Mit diesen eingetauschten Artikeln treibt dann der Jude wieder einen besondern Handel, wobey er gemeiniglich doppelt gewinnt. Auf die nämliche Art wird der Landmann mit Toback, Oel, Ingwer, Pfeffer, und andern Artikeln versehen, die gewöhnlich zur Hälfte mit Mäusedreck und ähnlichen Zusätzen vermischt sind. Auch die Quacksalber überziehn auf diese Art die Dörfer, obschon die Polizey seit einiger Zeit ein Auge auf sie hat. Ich weiß nicht, ob ihr Vertrieb dem Lande schädlicher ist, als jenes der Juden und Raizen. Das Klima vom südlichen Theil des hungarischen Reiches wäre dem Seidenbau Seidenanbau – Zucht von Seidenraupen mittels Blätter des Maulbeerbaumes eben so günstig, als jenes der Lombardey, von Piemont und dem Venetianischen; allein während daß er unter dem brittischen Himmel, ja sogar in dem rauhen Schweden durch den Fleiß der Einwohner in Aufnahme kömmt, wird er in einem Land vernachläßigt, wo die Natur die Menschen dazu auffodert, wo sie das Beyspiel der benachbarten Venetianer dazu ermuntern sollte, und wo man die nöthigen Maulbeerbäume so leicht aus Italien haben kann. In Slavonien und einigen andern Gegenden wird zwar etwas Seide gewonnen; allein im ganzen ist der Seidenbau noch kein Schatten von dem, was er seyn könnte. Nichts von allem dem, was Kunstfleiß heißt, ist in diesem Lande zu einiger Vollkommenheit gebracht, als der Bergbau. Die Leichtigkeit, womit durch denselben grosse Summen können gewonnen werden, hat ihn vorzüglich in Aufnahm gebracht. Alles, was die Mathematik zum Behuf desselben beytragen kann, ist hier gethan worden. Man erstaunt über die Maschinen, womit theils das Wasser aus den Gruben gebracht, womit theils die Ausbeute und Förderung des Aerztes erleichtert wird. An den Gold= und Silberbergwerken zu Kremnitz und Schemnitz gewinnt der Hof fast nichts. Einen Theil derselben läßt er auf seine eigne Rechnung bauen, und verliert dabey ein beträchtliches. Dieser Verlust wird wieder durch die Abgaben ersetzt, den einige Gesellschaften oder Privatleute für den Theil der Werke entrichten müssen, die sie bauen. Der Hof muß seinen Eigensinn, einen Theil der Gruben selbst zu bauen, theuer genug bezahlen, und aller Vorstellungen ungeachtet war er bisher nicht dahin zu bringen, seine Werke gegen gewisse Prozente an Gesellschaften zu überlassen, wobey er zuverläßig gewinnen würde. Unterdessen beträgt der Werth des Goldes und Silbers, welches jährlich in diesen Gegenden gewonnen wird, einige Millionen. Ausser denselben sind in dem eigentlichen Hungarn noch mehrere Gold= und Silberminen; allein die Silber= und Goldbergwerke in Siebenbürgen sollen sie alle zusammen, wenigstens nach Verhältniß des reinen Gewinnes seit einiger Zeit weit übertreffen, und für die Zukunft noch mehr versprechen. Dem ungeachtet glaube ich, daß der Hof an den Kupferwerken dieses Reiches mehr gewinnt, als an dem Gold und Silber, besonders da der neu eingeführte Gebrauch, die Kriegsschiffe mit Kupfer zu beschlagen, den Werth dieses Metalls so sehr erhöht hat. Hungarn wäre im Stand, ganz Europa mit dem nöthigen Kupfer zu versehen. Von den 4 Millionen Gulden, die ohngefähr den jährlichen reinen Gewinn des Hofes von allen Bergwerken seiner Lande ausmachen, kömmt ohngefähr die Hälfte auf Hungarn. Das Land hat eine sonderbare Gestalt. Ringsum ist es von hohem Gebirge eingeschlossen, und in der Mitte giebt es Ebenen, wo man einige Tagreisen machen kann, ohne nur einen beträchtlichen Hügel zu sehn. Man findet ungeheure Heiden, und in denselben, wie in den tatarischen Steppen, wilde Pferde. Die Wälder sind mit Wölfen angefüllt, die nun durch ganz Schwaben, Bayern und Oestreich unter die fremden oder doch höchstseltenen Tiere gehören. Die Ufer der Flüsse in den Ebenen sind Moräste, die hie und da Seen bilden, und die Austrocknung derselben wird mit der Zeit ein unschätzbarer Gewinn für das Land seyn. Die Flüsse würden dadurch schiffbarer gemacht, große Strecken Landes gewonnen, und die Luft würde gereinigt werden. Alle Gattungen der Thiere sind von jenen in Deutschland sehr verschieden. Der gemeine Schlag der Pferde ist klein, leicht und eben nicht schön; allein sie sind ungemein lebhaft und stark. Mit 3 bis 4 Pferden fährt dich ein Hungar von Wien bis nach der Türkey in beständigem Trott oder Galopp. Unterdessen ist ihre Zucht durch angelegte Stuttereyen der Edelleuthe in vielen Gegenden sehr gebessert worden. Das Land liefert die meisten Pferde für die kaiserlichen Husaren, und sehr viel für die Dragoner. Die Ochsen sind die größten und von Bau die schönsten, die ich je gesehen. Von Farbe sind sie durchaus aschgrau und weiß, und ich erinnere mich nicht, nur einen rothen oder braunen gesehn zu haben. Ihr Fleisch ist sehr schmackhaft. Auch das Federvieh unterscheidet sich von dem in andern Ländern durch seine Gestalt und Grösse. Alles, was lebt, verräth entweder durch Lebhaftigkeit oder durch seinen Wuchs einen starken Trieb der Natur. Die künstliche Gestalt des Landes ist eben so sonderbar als die natürliche. Bald erblickt man Palläste, in denen Pracht, Geschmack und Ueberfluß herrschen, bald kömmt man in Gegenden, wo die Menschen gleich den Thieren in unterirdischen Hölen, oder wie die Kalmüken in Zelten wohnen. In den Städten Preßburg, Pest und Ofen, welche die größten des Reiches sind, und deren jede gegen 30.000 Menschen enthält, glaubt man in einem sehr kultivirten Lande zu seyn, und einige Meilen vor den Thoren derselben glaubt man sich wieder in die Mongaley versetzt. Der größte Beweiß, daß ein Land unglücklich ist, ist der Abstich grosser Pracht mit tiefer Armuth, und je stärker dieser Abstich ist, desto unglücklicher ist das Land. Ein Volk kann durchaus arm und doch glücklich seyn; aber wenn man unter einem Haufen Strohhütten, die ihre Einwohner kaum gegen Wind und Wetter decken, hie und da himmelhohe Marmorpalläste emporragen, und mitten in ungeheuern Wildnissen, worauf ein Schwarm skeletirter Menschen Wurzeln sucht, um sich den Hunger zu stillen, Gärten mit Fontänen, Grotten, Parterren, Terrassen, Statuen und kostbaren Gemählden sieht; so ist das ein Beweiß, daß ein Theil der Einwohner vom Raub des andern lebt. Nicht lange nach meiner Ankunft allhier machte ich eine Lustreise nach dem Residenzschloß des Fürsten Esterhazy, welches ohngefähr eine Tagreise von Preßburg entlegen ist. Ohne Zweifel kennst du den Ort schon aus Moores Reisebeschreibung. Vielleicht ist ausser Versailles in ganz Frankreich kein Ort, der sich in Rücksicht auf Pracht, mit diesem vergleichen liesse. Das Schloß ist ungeheuer groß, und bis zur Verschwendung mit allem Geräthe der Pracht angefüllt. Der Garten enthält alles, was die menschliche Einbildungskraft zur Verschönerung, oder wenn du willst, zur Verunstaltung der Natur ersonnen hat. Pavillons von allen Arten sehen wie die Wohnungen wohllüstiger Feen aus, und alles ist so weit über dem gewöhnlichen Menschlichen, daß man beym Anblick desselben einen schönen Traum zu traumen glaubt. Ich will mich in keine umständliche Beschreibung all der Herrlichkeit einlassen; aber das muß ich dir im Vorbeygehn doch bemerken, daß wenigstens das Auge eines Unkenners, wie ich bin, hie und da sehr beleidigt wird, weil die Kunst zu viel gethan hat. Ich erinnere mich die Wände einer Sala Terrena Sala Terrena – Tempel oder Pavillon auf einer Anhöhe mit Figuren bemahlt gesehen zu haben, die wenigstens ihre 12 Schuh hoch waren, und, da die Sala nicht geräumig genug war, sie nach dem menschlichen Verhältniß ins Auge zu fassen, ein Erdensöhnchen meiner Art seine Kleinheit gar zu sehr fühlen liessen. Ich weiß du bist für den grossen Stil, und ich erinnerte mich beym Anblick dieser Riesenfiguren alles dessen, was du meinen profanen Ohren von der Theorie der römischen Schule, ihren grossen Umrissen u. s. w. vorgeschwätzt hattest, aber ich bin gewiß, wenn du diese abentheuerlichen Figuren gesehn hättest, du würdest mir eingestanden haben, daß der grosse Stil hier übel angebracht ist. Was die Pracht des Orts ungemein erhöht, ist der Abstich desselben mit der umliegenden Gegend. Oeder und trauriger läßt sichs nicht denken. Der Neusiedler See, wovon das Schloß nicht weit entfernt ist, macht Meilen lange Moräste, und droht alles Land bis an die Wohnung des Fürsten hin, mit der Zeit zu verschlingen, wie er denn schon ungeheure Felder, die angebaut waren, und den ergiebigsten Boden hatten, verschlungen hat. Die Bewohner des angränzenden Landes sehen größtentheils wie Gespenster aus und werden fast alle Frühjahre von kalten Fiebern geplagt. Man will berechnet haben, daß der Fürst mit der Hälfte des Geldes, welches er auf seinen Garten verwendet, nicht nur die Moräste hätte austrocknen, sondern auch noch einmal soviel Land dem See entreissen können. Da der Zufluß des Sees immer häufiger und der Abfluß geringer wird, so ist die Gefahr womit das sehr niedrige Land umher bedroht wird, wirklich sehr groß. Es käme nur darauf an, durch einen Kanal das überflüßige Wasser in die Donau abzuleiten, Welche Unternehmung die Kräfte des Fürsten eben nicht übersteigt, und ihm in den Augen gewisser Leute mehr Ehre machen würde, als sein prächtiger Garten. Auf der andern Seite des Schlosses braucht man keine Tagreise zu machen, um Kalmüken, Hottentoten, Iroken Hotentoten, Iroken – afrikanische und amerikanische Völkerschaften, hier für fremde Völkerschaften zu verstehen und Leute von Terra del Fuego Terra del Fuego – Feuerland in ihren verschiedenen Beschäftigungen und Situationen beysammen zu sehen. So ungesund auch die Gegend, besonders im Frühling und Herbst, ist und sooft auch der Fürst selbst vom kalten Fieber befallen wird, so ist er doch vest überzeugt, daß es in der ganzen weiten Welt keine gesundere und angenehmere Gegend gebe. Sein Schloß steht ganz einsam, und er sieht niemand um sich als seine Bedienten, und die Fremden, welche seine schönen Sachen beschauen wollen. Er hält sich ein Marionettentheater, welches gewiß einzig in seiner Art ist. Auf demselben werden von den Puppen die größten Opern aufgeführt. Man weiß nicht, soll man staunen oder lachen, wenn man die Alceste, den Hercole al bivio u. a. m. mit der ernsthaftesten Zurüstung von Marionetten spielen sieht. Sein Orchester ist eins der besten die ich je gehört, und der grosse Haiden Haiden – Franz Joseph Haydn, österr. Musiker, † 1809 ist sein Hof= und Theaterkompositeur. Er hält sich für sein seltsames Theater einen Dichter, dessen Laune in Anpassung grosser Gegenstände auf seine Bühne und in Parodierung ernsthafter Stücke oft sehr glücklich ist. Sein Theatermaler und Dekorateur ist ein vortreflicher Meister, ob er schon sein Talent nur im Kleinen zeigen kann. Kurz, die Sache selbst ist klein, aber alles Aeussere derselben ist groß. Oft nimmt er eine Truppe fahrender Schauspieler auf einige Monate in Sold, und nebst einigen Bedienten macht er das ganze Auditorium derselben aus. Sie haben die Erlaubniß, ungekämmt, besoffen, unstudiert und in halber Kleidung aufzutreten. Der Fürst ist nicht für das Tragische und Ernsthafte, und er hat es gerne, wenn die Schauspieler, wie Sancho Pansa, Sancho Pansa – Gestalt aus »Don Quijote«, vgl. Neunzehnter Brief. ihren Witz etwas dick fallen lassen. Nebst dem ungeheuern Schwarm der übrigen Bedienten hält er sich auch eine Leibwache die aus sehr schönen Leuten besteht. Sehr leid that es mir, daß ich den berühmten Haiden nicht sprechen konnte. Er war nach Wien gereiset, um ein grosses Konzert zu dirigiren. Man sagt, der Fürst habe ihm erlaubt, eine Reise nach England, Frankreich und Spanien zu machen, wo er von seinen Bewunderern mit der verdienten Hochachtung wird empfangen, und seine Börse reichlich angefüllt werden. Er hat einen Bruder, welcher Kapellmeister zu Salzburg ist, und ihm in der Kunst nichts nachgiebt; allein es fehlt diesem an Fleiß um sich zu dem Ruhm seines Bruders emporzuschwingen. Vier und dreysigster Brief. Wien – Ich wäre über Hungarn nicht so weitläufig gewesen, wenn ich nicht wüßte, daß es bey Euch unter die Zahl der unbekannten Länder gehörte. Meine Ausfälle in die übrigen Provinzen der kaiserlichen Erblande werden um so viel kürzer seyn. Das eigentliche Oestreich hat durchaus das Ansehn eines glücklichen Landes. Hier sieht man keine Spur von der darbenden Armuth, die in Hungarn mit der Verschwendung der Grossen einen so eckelhaften Abstich macht. Wenn man die Hauptstadt abrechnet, so nähern sich alle übrigen Einwohner dem seligen Mittelstand, der die Folge einer sanften und klugen Regierung ist. Der Bauer ist Eigenthümer, und die Rechte des Adels, welcher die niedere Gerichtsbarkeit über die Dörfer hat, sind genau bestimmt. Gegen Süden und Südosten gränzt eine lange Reihe Dörfer an die Hauptstadt, worinn ein Wohlstand herrscht, von dem man sich im Innern Frankreichs keinen Begriff machen kann. An den Ufern der Donau sah ich verschiedene Dörfer und Flecken, worinn die meisten Bauern in grossen, schönen Häusern von Stein wohnen, die in einer grossen Stadt nicht übel lassen würden. Ein Beweis vom Wohlstand des Landmanns ist, daß er fast täglich Fleisch, und die Woche auch ein oder zweymal seinen guten Braten speißt. Es giebt viele Dörfer und Flecken, deren Einwohner sich von der Lehnsherrlichkeit losgekauft haben, sich nun selbst regieren, und zum Theil auch zu den Landesständen gehören. Von der Art ist des schöne Markt Stokerau, welcher einer meiner Lieblingsorte und der schönste Bauernort, den ich je gesehn. Die Klöster, deren Prälaten zu den Landesständen gehören, sind nach den unmittelbaren Reichsprälaturen und Abteyen die reichsten in Deutschland. Man schätzt die Einkünfte des Benediktinerklosters Mölk Mölk – Melk an der Donau auf 160.000 Kaisergulden, oder über 400.000 Livres, wovon es aber, wie man auch versicherte, beynahe die Hälfte an die Landeskasse zahlen muß. Ich sprach mit einem Mönch dieses Klosters, der mir den Verfall der Religion seit Kaiser Karls des Sechsten Zeiten dadurch erweisen wollte, daß er sagte, damals hätten sie nur 5 bis 6.000 Gulden dem Hof zahlen müssen, und nun begnüge er sich mit 10mal so viel. Unter der Regierung des jetzigen Kaisers bleibt den guten Mönchen vollends keine Hofnung mehr übrig, daß ihr Religionsthermometer steigen werde. Im Gegentheil steht es zu beförchten, daß es weit unter das 0 fallen kann. Klosterneuburg, St. Pölten, Gottwaich und einige andere geben der obbemeldten Prälatur an Religionswärme wenig nach. Unteröstreich verkaufte jährlich für mehr als 2 Millionen Gulden Wein nach Mähren, Böhmen, Oberöstreich, Bayern, ins Salzburgische und einen Theil von Steiermark und Kärnthen. Der Wein ist sauer, hat sehr viel Stein, ist sehr haltbar, und läßt sich ohne Schaden in die ganze Welt verführen. Wenn er seine 10 bis 20 Jahre gelegen hat, so ist er eben nicht zu verachten. Unterdessen würde der Weinbau dieses Landes doch mit einem Schlag vernichtet seyn, wenn man die Ausfuhr des hungarschen Weines nicht gewaltthätiger Weise einschränkte. Diese Einschränkung, wovon ich dir schon in einem meiner vorigen Briefe gesagt habe, hängt mit einem Plan zusammen, wozu wahrscheinlicher weise die Pfaffen des ersten Grund gelegt haben, und welchen ihnen die Edelleute ausführen halfen. Es ist ein altes Gesetz, daß der Bauer mit seinen Gütern keine Neuerungen vornehmen darf. Es darf kein Weinberg ausgerottet, und zu Ackerfeld oder Wiesen angebaut werden, und so umgekehrt. Ohne Zweifel hat der Zehenden zu diesem seltsamen Gesetz Anlaß gegeben. Es war den Eigenthümern des Zehenden daran gelegen, ihn in einem gewissen, bestimmten Werth zu erhalten. Da nun besagtes Gesetz aus dieser Absicht einmahl vestgesetzt war, so konnte es natürlich nicht anderst, als durch ein neues, eben so gewaltsames Gesetz, die Ausfuhr des hungarischen Weines zu hemmen, geltend gemacht werden. Die erste Abgeschmacktheit zog nothwendig die zweyte nach sich. Ein Theil der Güter, welche durch diese Zwangsmittel einen gewissen künstlichen Werth bekommen haben, würde nun freylich – wenigstens auf eine Zeit – viel verlieren, wenn man diese Gesetze aufheben würde; allein ein andrer Theil würde viel dadurch gewinnen. Z. B. ein grosser Theil der Safranfelder, deren Bebauung äusserst mühsam und unergiebig ist, würde zu andern Arten von Erzeugnissen angelegt werden, und viel an seinem Werth gewinnen. In Krems, wo der meiste und beste Safran gewonnen wird, ist jedermann über den Zwang mißvergnügt, womit die Besitzer gewisser Felder zum Bau dieses Produktes angehalten werden. Dem Landmann sind durch diesen Zwang auch die Hände gebunden, daß er keine neue Gattungen von Produkten, die zur Aufnahme gewisser Manufakturen dienen könnten, z. B. Flachs, Hanf, Grapp, Grapp – Krapp, Färberkrapp; eine Pflanze, aus der roter Farbstoff gewonnen wird (Färberkrapp) Tobak, Rübsaamen Rübsaamen – Rübensamen, wurde als Arznei verwendet u. dgl. m. bauen, und von der Veränderung des Werthes der Dinge, welche von den Zeitumständen und den verschiedenen bald steigenden, bald fallenden Gewerbarten des Kunstfleisses abhängen, nicht den gehörigen Vortheil ziehen kann. In Rücksicht auf den Feldbau ist überhaupt aller Zwang schädlich. Die Regenten haben zur Aufnahme desselben nichts zu thun, als nur die Steine des Anstosses, die Hindernisse, wegzuräumen. Das übrige thut die Natur von selbst. Das Land ist stark bevölkert. Herr Schlötzer, Schlötzer – August Ludwig von Schlözer, deutscher Historiker, Staatsrechtler, Schriftsteller, Publizist, Philologe, Pädagoge und Statistiker der Aufklärung. † 1809 Herausgeber eines politischen Briefwechsels, liefert in einem Heft seines Journals eine Zählung oder Schätzung der Volksmenge in den östreichischen Staaten, worinn die Bevölkerung dieses Landes auf ohngefähr 2.100.000 Menschen angegeben wird. Ich halte diese Angabe für übertrieben, wie man denn hier zu Lande überhaupt in allem, was auf den Staat Bezug hat, zum Entsetzen übertreibt. Es ist ein Glück, wenn man jemand findet, der einem die baare Wahrheit giebt. Die Unwissenheit in Rücksicht auf die Kenntniß des Staates, worinn sogar auch der größte Theil der Leuthe schwebt, die bey der Landesregierung angestellt sind, und der lächerliche Stolz, womit diejenigen, die vielleicht etwas bestimmtes wissen, alles zu vergrössern suchen, hat mich in meinen Erkundigungen äusserst mistrauisch gemacht. Ein Ausländer, der sich einige Jahre lang in diesem Lande aufgehalten, und den Zustand desselben so fleißig als möglich studiert hat, will zuverläßig wissen, daß die Volksmenge von Ober= und Unteröstreich nicht mehr als 1.800.000 Seelen betrage, und ich finde es sehr wahrscheinlich. Wenn man auch die Einwohner der Hauptstadt von dieser Summe abzieht, so ist die Bevölkerung doch nach der Grösse des Landes ausserordentlich stark. Die Einkünfte des Landes sollen sich beynahe auf 14 Millionen belaufen, zu welcher Summe die Stadt Wien allein über 5 Millionen beyträgt. Ein Mensch in der Hauptstadt trägt also fast so viel ein, als 3 auf dem Lande. Gegen Süden ist das ganze Oestreich mit einem Berghaufen angefüllt, der sich von den Ufern der Donau bis an die Gränzen von Steiermark stufenweis erhebt, und größtentheils mit Waldung bedeckt ist. Er verliert sich in die ungeheure Bergmasse, die den südlichen Theil von Deutschland ausmacht, sich durch ganz Steiermark, Krain, Kärnthen und Tyrol bis an die helvetischen Alpen erstreckt, und wahrscheinlicher Weise nach Savoyen und der Schweitz die höchsten Gipfel der Erde enthält. Die Einwohner dieses weitläufigen Gebirges sind durchaus einander ziemlich ähnlich. Sie sind ein starker, grosser, und – die Kröpfe abgerechnet – ein schöner Schlag Leuthe. Die Tyroler, welchen ich von München aus einen flüchtigen Besuch abstattete, zeichnen sich von den übrigen durch ihren Fleiß aus. Man findet Gegenden in Tyrol, die bloß von Bildhauern bewohnt werden. Sie treiben mit ziemlich schönen Gipsfiguren einen weitläufigen Handel bis nach Holland, und arbeiten ausser Landes viel in Marmor, andern Steinen und Holz für die Kirchen. In den Verzierungen der Kirchen, und Sälen durch Stukadurarbeit haben sie es sehr weit gebracht. Ein anderer Theil dieses fleißigen Volkes durchzieht Deutschland mit Bändern, Italianischen Galanteriewaaren und Früchten, und bringt eine beträchtliche Summe Geld nach Haus. Ein dritter Theil verlegt sich aufs Kräutersuchen, und quaksalbert in der Fremde. Tyrol hat für Deutschland die meisten Marktschreyer geliefert. Sie waren größtentheils ursprüngliche Gemsjäger, die mit den Häuten dieser Thiere zu handeln anfiengen, nach und nach Kräuter und Salben aus ihrem Vaterlande mit sich in die Fremde nahmen, und endlich durch die goldne Praxis aufgemuntert tiefer in die hohe Kunst eindrangen, und Wunderpillen, Wunderessenzen, Wundertinkturen und noch unzählige andre Wunder erfanden. Tyrol ist seiner Felsen, Eis= und Schneegipfel ungeachtet, vortreflich angebaut und stark bevölkert. Es zählt gegen 600.000 Menschen, und trägt der Regierung gegen 3 Millionen Gulden ein. Das Silber= und Kupferbergwerk zu Schwatz ist eins der einträglichsten Werke in den kaiserlichen Erblanden, und an dem Salzwerk zu Halle Halle – Hallein, s. Vierzehnter Brief werden jährlich gegen 300.000 Gulden gewonnen. Inspruck ist eine artige Stadt von ohngefähr 14.000 Menschen. Nach derselben ist Botzen die beträchtlichste in Tyrol. Diese Stadt hatte ehedem sehr berühmte und einträgliche Messen. Seit einigen Jahren sind sie – wie man allgemein glaubt – durch die Mauthen zu Grunde gerichtet worden. Ganz Tyrol jammert darüber und verwünscht das Mauthwesen. Die Kärnthner übertreffen die übrigen Bewohner dieser Bergmasse an Grösse und Stärke. Sie sind wie ihre Pferde, die unter die stärksten in Europa gehören, und durch keine Arbeit zu ermüden sind. Sie sind stark mit Winden Winden – Bezeichnung sowohl für die Westslawen als auch für Slowenen, was hier gemeint sein dürfte vermischt, und bauen, wie die Tyroler, viel Mais, woraus sie zum Theil ihr Brod machen. Ihr Land liefert den besten Stahl, den man kennt. Aus demselben machen die Engländer ihre feinsten Arbeiten. Die Volksmenge dieses Landes beträgt gegen 400.000 Seelen – Die Anzahl der Einwohner von Krain, Görz, und dem östreichischen Histrien Histrien – Istrien, heute kroatisch und slowenisch soll 500.000 Menschen betragen. Diese Länder werde ich schwerlich zu Gesicht bekommen. Steiermark zählt über 700.000 Einwohner. Die Hauptstadt Grätz Grätz – Graz ist sehr schön, und der daselbst wohnende zahlreiche Adel lebt prächtig. Es sind einige Häuser dort von 30 bis 40 tausend Gulden Einkünften. Im Punkt des Wohllebens übertrift das dortige gemeine Volk noch das hiesige. Man hält gewöhnlich des Tages vier ordentliche Mahlzeiten; Morgens, Mittags, Abends und zu Nacht. Hahnen, Enten, Kapaunen, Kapaun – kastrierter Masthahn u. dgl. m. sind das Essen des gemeinen Bürgers, und kommen auch ausser den Sonn= und Feyertagen öfters auf seinen Tisch. Ich erschrak, wie ich die Wänste den ganzen Tag wie angenagelt an dem Tisch sitzen, und mir mit ihren ungeheuern Zurüstungen von Braten, Torten, Pasteten, Schinken, Würsten u. s. w. so ernstlich zu Leibe gehen sah, um mich mit aller Gewalt auf ein paar Wochen krank zu machen. Ihre Köpfe machen wirklich einen Theil ihrer Wänste aus, und sind wie diese mit nichts als Schinken, Würsten u. dgl. immer angefüllt. Man redet von nichts, als was in die Küche und Keller gehört, einige Digreßion Digreßion – Digression: Abschweifung aufs Theater ausgenommen, und in wenig andern Dingen als der studierten Zubereitung ihrer Speisen, unterscheiden sich die gemeinen Leute von den Orangoutangs. Ich habe nicht nöthig, dir zu sagen, daß du den Adel und die Officiers von diesen zweybeinigten Thieren ohne Federn ausnehmen mußt. Diese halten zwar auch nach Landesgebrauch öfters gute Tafel; allein sie suchen dabey auch ihren Geist, wiewohl bloß mit dem, was man sonst bey Seelenmahlzeiten als Desert aufzusetzen pflegt, zu nähren. Von Salzburg und einigen andern Orten kommen die Pucelles d'Orleans, die Dom Boukres, die Akademies des Dames, die Portiers des Chartreux, die Thereses Philosophes Thereses Philosophes – »Die philosophische Therese«, Erotikum. Alle anderen siehe Neun und zwanzigster Brief. u. dgl. m. dutzendweise auf die Jahrmärkte hieher. Trotz der Strenge des Bücherverboths könnte man hier ohne sonderliche Mühe des Umfragens Voltäres und Bolingbrokes Werke, den Gevatter Mathies, Gevatter Mathies – »Gevatter Matthies oder die Ausschweifungen des menschlichen Geistes«, Erotikum und ähnliche Schriften vierzig und fünfzigmal zusammenbringen. Von Grätz aus wird auch mit dieser Kontrebande ein starker Schleichhandel nach Wien, Preßburg und durch ganz Hungarn getrieben. Nebst dieser Art Schriften machen die Komödien den wichtigsten Theil der Lektüre des dasigen feinern Publikums aus. Die Schöngeisterey hat auch schon unter den jungen Herren von Grätz, wie unter den hiesigen, Wurzeln geschlagen, und sie haben schon ziemlich viel sogenannte Gelehrten. Ich glaube aber, diese Nation wird immer durch diese Kapaunen, denen ich meinen Beyfall nicht versagen kann, und die als Leckerbissen häufig nach Wien und noch weiter verschickt werden, berühmter bleiben, als durch ihre literarische Produkten. Von der Fülle des Landes kannst du dir einen Begriff machen, wenn ich dir sage, daß man einen fetten Kapaunen hier um 18 bis 20, und ein Paar schöne junge Hahnen für 10 bis 12 Kreutzer kauft. Für 10 bis 12 Kreutzer bekömmt man eine Maaß sehr guten innländischen Weines, und das Pfund Roggenbrod kömmt nicht viel über einen Kreutzer zu stehn. Die Stadt Grätz sammt den Vorstädten enthält beynahe 30.000. Menschen. Das Land Land ist bis auf die Gipfel der niederern Berge zum bewundern angebaut. Obschon die Viehzucht die Hauptbeschäftigung der Einwohner ist, so trägt doch das Land beynahe so viel Getraide, als es zum Unterhalt seiner zahlreichen Bewohner braucht. Was noch allenfalls daran fehlt, bekömmt es um einen erstaunlich geringen Preis aus dem benachbarten Hungarn. Der Flachs und Hanf, welcher seit einiger Zeit, so wie in Kärnthen, häufig gebaut wird, ist von vorzüglicher Güte, und trägt dem Lande grosse Summen ein. Der Bergbau beschäftigt einen grossen Theil der Einwohner, und ist wegen den geringen Kosten, die er verursacht, ungemein einträglich. Die Natur des Landes erleichtert ihn auf alle Art. die Rücken der Berge sind bis auf die tiefern Abhänge mit Holzung bedeckt, womit die Gruben und Schmelzöfen überflüßig und ohne besondern Aufwand versehen werden. Oft hat man nichts zu thun, als nur das Holz auf der Höhe zu fällen, und es an seinen Bestimmungsort hinabzuwerfen, so daß alle Fuhren erspart werden. Hie und da wird es auch durch die Flüsse auf eine unkostspielige Art herbeygeschwemmt. Die unzähligen Bäche, welche die Thäler durchschneiden, biethen Gelegenheit dar, die Hammerwerke nahe an den Gruben anzulegen, und so trägt alles dazu bey die Kosten des Baues zu verringern. Die vorzügliche Ausbeute ist vortrefliches Eisen, woraus der beste Stahl bereitet wird. Die Anzahl und Grösse der Kröpfe Kropf – Schilddrüsenschwellung, Struma. Meist durch Jodmangel in der Ernährung verursacht. In den Alpenländern gibt es das sog. Kropfband als eigenständiges Modeteil. ist in Steiermark beträchtlicher, als in Kärnthen, Krain und Tyrol. Man schreibt sie theils dem Schnee= und Eiswasser, theils den Erd= und Steintheilchen zu, womit die Brunnen des Landes geschwängert sind. Andre setzen sie dem Gebrauch der Einwohner, ihre Speisen ungemein fett zu machen und auf das heisse Fett kaltes Wasser zu trinken, auf die Rechnung. Ich meines Theils möchte noch eine vierte Ursache beyfügen, und sie alle zusammen gleich stark auf die Erzeugung dieses Gebrechens wirken lassen. Diese Ursache wären die heftigen Verkältungen, welchen alle Thälerbewohner stark ausgesezt sind. Zwischen den Bergen fängt sich die Sonnenhitze ein, und wird durch das Zurückprellen der Stralen von allen Seiten in die Tiefe der Thäler auf einen ausserordentlich hohen Grad getrieben. Ich erinnere mich, daß ich auf meinen Wanderungen durch enge Thäler oft eine Luft einathmete, die so glühend war, als sie aus einem Schmelzofen käme. Wenn nun die geringste Bewegung in der Luft entsteht, so wird der Zug des Windes in den Thälern durch die Pressung viel stärker als auf höhern Gegenden oder Ebenen, wo er sich mehr ausbreiten kann, und folglich auch kälter. Man pflegt bey einer grossen Hitze die Brust und den Hals gemeiniglich offen zu tragen, und durch die Erkältungen, welche dann ein gäher Windzug verursacht, werden die zarten Theile des Halses am ersten angegriffen. Die Säfte stocken gäh, und die Verhärtungen in den Gefässen müssen dann einen hartnäckigen Geschwulst veranlasen. Man hat auch in Wallis, Savoyen und andern Ländern bemerkt, daß die Bewohner der tiefern Gründe in den Thälern diesem Uebel mehr unterworfen sind, als jene der höhern Gegenden, welches ohne Zweifel zum Theil den gewaltsamen Luftveränderungen in der Tiefe zuzuschreiben ist, da hingegen auf den Bergen und den höhern Abhängen derselben die Luft immer kühl bleibt. Nebst den Kröpfen ist in diesem Land noch eine gewisse Art Tölpel Tölpel – Mißbildungen infolge von Inzucht in den Dörfern merkwürdig, die fast ganz ohne Sprache, und fast zu keinem andern als viehischen Arbeiten zu gebrauchen sind. Ihre Anzahl ist groß, und die Nachläßigkeit, womit man sie in ihrer Jugend behandelt, mag das meiste zu ihrer Vermehrung beygetragen haben. Alle Bewohner dieser Bergländer sind freye Leute, und haben schon längst das harte Joch der Lehnsherrlichkeit des Adels abgeschüttelt, worunter noch ein so grosser Theil von Europa seufzt. Ueberall erblikt man auch mit Vergnügen die guten Wirkungen dieser Freyheit. So ungünstig die Natur auch diesen Ländern im Vergleich mit dem benachbarten Hungarn ist, so sind sie doch ungleich besser angebaut und stärker bewohnt als dasselbe. Wenn man zwischen den nakten Felsen diese Berge oft den Bauern seinen Unterhalt der Natur mit unbeschreiblicher Mühe abtrotzen sieht, indessen der ergiebigste Boden in Hungarn ungebaut liegt, dann fühlt man den Werth des Eigenthumsrecht und der Freyheit in seinem ganzen Gewicht. Alle diese Länder, Oestreich mitgerechnet machen in der Grösse noch lange nicht die Hälfte des hungarschen Reiches aus, und doch tragen sie dem Hof ungleich mehr ein, als dieses ganze weite Reich. Dabey herrscht durch dieselbe ein Wohlstand, von dem man sich in Hungarn keinen Begriff machen kann. Wenn doch die Regierung deutlich einsähe, wie unzertrennlich ihr Vortheil mit jenem ihrer Unterthanen verbunden ist! Der auffallendeste Zug im Karakter der Bewohner aller dieser Länder ist eine unbeschreibliche Bigotterie im Abstich mit einem eben so unbeschreiblichen Hang zur sinnlichen Wohllust. Hier hat man nur die Augen aufzuthun, um sich zu überzeugen, daß die Religion, welche die Mönche lehren, für die Sitten äusserst verderblich und also unkristlich ist – Die Zizisbeen Zizisbeo – Cicisbeo, s. Neun und zwanzigster Brief begleiten die Weiber aus den Betten in die Kirchen, und führen sie am Arm an die Beichtstüle hin. Eine besondre religiös=profane Feyerlichkeit ist eine Wallfahrt nach Mariazell in Begleitung ihrer Bulen. Es ist für sie das, was anderstwo ein Bad oder ein Gesundbrunnen für die Damen ist. Einer meiner Bekannten hatte die Ehre, eine schöne Dame von Grätz nebst ihrem Freund dahin zu begleiten. Es war zu erwarten, daß am folgenden Morgen wegen dem Fest der H. Jungfrau ein grosses Gedränge um die Beichtstüle seyn werde. Abends ward also die Frage aufgeworfen, ob die gnädige Frau nicht besser thäte, denselben Abend ihre Sünden durch das heilige Vomitive Vomitive – Vomitiv, Brechmittel von sich zu geben: »Ich will warten bis Morgen frühe, sagte sie; denn ich müßte ja sonst zweymal beichten, um mit reinem Herzen zur Kommunion gehen zu können.« man rieth ihr, sie sollte die Sünden der nächsten Nacht voraus auf den Konto bringen. »Ey das gilt nicht:« erwiderte sie – Die Weiber von Stande in diesen Gegenden finden es so wenig anstößig, als die zu Wien, öffentlich in Gesellschaften von ihren Liebhabern zu sprechen. Ein Zizisbeo gehört hie zur Mode, wie Eau de fieurs de Venise Eau de fieurs de Venise – ein Parfüm – Die Grätzerinnen sind schöner als die Wienerinnen, und lassen so wenig als diese ihre Liebhaber lange schmachten. Ueber diesen Punkt haben sie ganz andre Grundsätze als unsre Landsmänninnen, die Spitzbübinnen genug sind, einen Seufzenden unter die Nase zu singen: Laisses languir vos amans; Et vous autes l'avantage D' étre adorêes plus long temps. Laisses ... – Lasst Eure Liebhaber schmachten / und ihr werdet / länger verehrt Mit der Anbethung ist es dem hiesigen Frauenzimmer überhaupt nicht gedient. Sie sind für die Liebe á la Grenadiere, á la Grenadiere – wie die Soldaten, stürmisch achten weder Thränen noch Seufzer, weder Verse noch Bonmots, Bonmots – Bonmot: geistvolle Äußerung noch irgend etwas von der feinen Belagerungskunst, sondern lieben das Sturmlaufen und Brescheschiessen. Die vielen kaiserlichen Officiers, wovon alle grosse Städte wimmeln, haben Gelegenheit genug ihre Bravour zu zeigen; sollen sich aber doch mit dem zahlreichen Korps der Prälaten nicht messen können, die nebst der Lebhaftigkeit und dem Nachdruck ihres Angriffs noch den Vortheil über jene haben, daß ihre Kasse gut genug bestellt ist, den Kommandanten der Vestung auch allenfalls bestechen zu können. Ich glaube, dieß ist eine der Hauptursachen, daß die Officiers und Prälaten in den kaiserlichen Erblanden durchaus einander so gram sind. Die Bigotterie des Publikums in diesen Gegenden, welche dadurch, daß sie mit der Galanterie zusammenfließt, bey den Leuten von Stand noch einigen Reitz erhält, fällt bey dem Pöbel in die gröbste und abscheulichste Bouffonerie. Die Winden, welche in diesen Ländern unter den Deutschen vermischt wohnen, zeichnen sich durch ein abergläubisches Wesen aus, das dem Menschenverstand wenig Ehre macht, und unglaublich seyn würde, wenn man nicht die unwidersprechlichste Thatsachen vor Augen hätte. Noch vor 6 oder 7 Jahren zogen sie in Gesellschaft einiger Schwärme aus Hungarn zu hunderten nach Köln am Rhein, ohngefähr 120 deutsche Meilen weit, um dort einem Kruzifix den Bart abzuschneiden. Alle 7 Jahre mußte diese Operation wiederholt werden, weil in diesem Zeitraum der Bart zu seiner gehörigen Länge wieder gewachsen war. Die Reichern in einer Gemeinde schickten Aermere als Deputirten ab, und der Magistrat von Köln empfieng sie feyerlich wie eine Gesandtschaft von einer fremden Macht. Sie wurden von demselben bewirthet, und einige Rathsglieder mußten ihnen die vornehmsten Merkwürdigkeiten der Stadt zeigen. Man weiß nicht, soll man mehr über den Rath von Köln, oder über diese arme Bauern lachen. Den erstern könnte man dadurch in etwas entschuldigen, daß diese guten Leute periodisch ein schönes Geld nach Köln brachten, und er also aus Politik die Komödie mitspielte. Aber gewiß ist es doch die elendeste und niederträchtigste Art, Geld zu gewinnen. Diese Winden hatten allein das Recht den Heiland zu rasiren, und der Bart wuchs bloß für sie. Sie glaubten vest, wenn sie dem Kruzifix diesen Dienst nicht erwiesen, so würde die nächsten 7 Jahre durch die Erde für sie verschlossen seyn, und sie nichts zu erndten haben. Sie mußten deswegen die Haare mit sich nach Haus bringen, die als das Zeugniß ihres vollendeten Auftrags und der zu erwartenden guten Erndten unter die verschiedenen Gemeinden vertheilt, und als grosse Heiligthümer aufbewahrt wurden. Umsonst verboth ihnen der kaiserliche Hof diese Wanderung, wodurch dem Feldbau auf einige Zeit so viele Hände entzogen wurden. Sie machten sich heimlich davon. Das beste Mittel, das er ergreifen konnte, war also, daß er der Stadt Köln verbot, die Leute in die Stadt zu lassen, welches vor ohngefähr 6 Jahren wirklich geschah. Die zahlreiche Gesandtschaft mußte ohne Bart (den ohne Zweifel die Kapuziner immer aus den ihrigen zusammen stoppelten, denn sie hatten das bärtige Kruzifix) nach Hause zurückbetteln, und wird sich nun nicht mehr der Gefahr aussetzen, den Weg um sonst machen zu müssen. Unterdessen wuchs seit der Zeit das Getraide wie zuvor; ob aber der Bart noch wächst, weiß ich nicht – Ich könnte dir noch mehrere auffallende Züge des Aberglaubens der Einwohner von Inneröstreich mittheilen, wenn sie nicht der erste alle überträfe, und er dir zum hinlänglichen Maaßstab des Menschenverstandes in diesen Ländern diente. Besonders merkwürdig ist noch der Handel, den die Mönche mit heiligem Oel, Salben u. dgl. treiben. Seit einiger Zeit hat er durch die Verbothe des Hofes abgenommen, aber gänzlich kann er ihn in dieser Generation noch nicht unterdrücken. Er wird nun im Stillen, und vielleicht noch so stark als ehemals getrieben. Fünf und dreysigster Brief. Wien – Einige Provinzen des östreichischen Erbreichs werd ich nicht zu Gesicht bekommen. Du mußt dich also mit der allgemeinen Nachricht von ihrer Bevölkerung und ihrem Ertrag begnügen, die ich theils aus öffentlichen Blättern, theils aus ziemlich glaubwürdigen mündlichen Berichten zusammenbringen konnte, und um sie dir in ihrem gehörigen Verhältniß zu zeigen, will ich dich einen Blick über das Ganze thun lassen. Herr Schlötzer, dessen sehr nützlichen Briefwechsel ich schon gedacht habe, und von dem ich an seinem Ort mehr reden werde, liefert eine Liste von der Bevölkerung der östreichischen Monarchie, nach welcher sich dieselbe auf 27 Millionen Seelen beliefe. Ich glaube, er ist nun selbst überzeugt, daß sein Korrespondent die östreichischen Unterthanen durch ein gläsernes Prisma gezählt hat. Einige Angaben dieser Liste sind durch neuere Zählungen offenbar widerlegt worden. So fand man z. B. in dem östreichischen Polen samt der Bukowina nur ohngefähr 2.800.000 Seelen, da besagte Liste die Volksmenge dieser Staaten auf beynahe 3.900.000 Menschen angiebt. Im ersten Heft seiner politischen Korrespondenz befindet sich eine andere Liste, die ungleich reeller ist. Wenigstens kömmt die Summa aller östreichischen Unterthanen richtiger heraus; denn wenn gleich verschiedne einzelne Angaben übertrieben sind, so wird das Hauptfaktum doch durch einige ausgelassene Provinzen berichtigt, wie denn ganz Illyrien, die Bukowina und Vorderöstreich nicht auf der Rechnung stehn – Folgende Liste hab' ich größtentheils von der beßten Hand, und sie – nicht bloß nach meinem eignen Ermessen, sondern mit Berathung ziemlich glaubwürdiger Gewährsmänner – aus öffentlichen Nachrichten ergänzt. Hungarn, samt dem nun einverleibten Temeswar 3.600.000   Seelen Illyrien 1.400.000 Siebenbirgen 3.000.000 Oestreich. Polen samt Bukowina 2.800.000 Böhmen 2.100.000 Mähren 1.000.000 Slesien 200.000 Ober und Unteröstreich 1.800.000 Steiermark 700.000 Kärnthen, Krain, Görz, Istrien 1.000.000 Vorderöstreich und Falkenstein 300.000 Tyrol 600.000 Niederlande 1.800.000 Lombardey 1.200.000 19.500.000 Ich lasse mich gern bescheiden, daß diese Liste von runden Zahlen nicht so genau seye, daß man die 20 Millionen nicht vollends ergänzen könne, ohne die Wahrheit in Gefahr zu setzen. Aber an eine Liste, deren Summa um ein beträchtliches über 20 Millionen steigt, glaube ich nicht, und wenn sie mir auch das ganze Korpus des kaiserlichen Staatsraths vorlegte. Man braucht keinen andern Beweis, als den Augenschein, um sich zu überzeugen, daß die östreichischen Erblande überhaupt nicht so stark bevölkert seyen als Frankreich. Der Unterschied in der Grösse beyder Länder ist unbeträchtlich; und wie sollten sich die kaiserlichen Staaten in der Bevölkerung mit unserm Vaterlande, das kaum 24 Millionen Menschen zählt, messen können, da der größte Theil derselben ganz ohne beträchtliche Manufakturen ist, und ein grosser Theil von Hungarn und Polen nicht einmal die nöthigen Handwerker in hinlänglicher Menge hat? Der Ackerbau mag in einem Lande noch so gut bestellt seyn, so häuft er doch die Menschen nie so an, als der Kunstfleiß. Seine Sphäre ist eingeschränkt; aber jene des Kunstfleisses nicht. Mit den Menschen, die in einer von den vielen, grossen, mit Fabriken angefüllten Städten unsers Vaterlandes gedrängt beysammen wohnen, könnte man einen grossen Strich des platten Landes besetzen, der mit Dörfern angefüllt seyn würde. Nebstdem ist der Ackerbau in Hungarn und dem östreichischen Polen, welche Länder weit über die Hälfte der Grösse des kaiserlichen Erbreichs ausmachen, lange nicht so gut bestellt, als in den meisten Provinzen unsers Vaterlandes. In Frankreich wohnen wenigstens noch einmal so viele Menschen in Städten beysammen, als in den östreichischen Erblanden, und doch ist das platte Land (im ganzen) gleich stark besetzt. Nur die deutschen Staaten des Erzhauses lassen sich im Anbau und der Bevölkerung mit Frankreich vergleichen. Einige Angaben auf der Liste, welche für die östreichische Monarchie 27 Millionen Menschen zusammenbringt, sind wirklich lächerlich. So rechnet der Korrespondent des Herrn Schlözers auf die östreichischen Niederlande über 4 Millionen Seelen, da doch die ungleich grössern, und so ausserordentlich bevölkerten vereinigten Niederlande nicht über 2.500.000 Menschen zählen. Der Umfang aller östreichischen Niederlande beträgt höchstens 500 deutsche Quadratmeilen. Nach diesem Anschlag kämen also auf eine Quadratmeile 8.000 Menschen, und da Luxenburg und der nördliche Theil von Brabant bekanntlich nur sehr mäßig bewohnt sind, so würde man auf die übrigen Provinzen im Durchschnitt wenigstens 10.000 Seelen auf die Quadratmeile rechnen müssen; eine Bevölkerung, die in keinem Land in Europa von gleicher Grösse zu finden ist, selbst in den Gegenden um London, Paris und Neapel nicht ausgenommen. Auf meiner Durchreise nach Holland hörte ich zu Brüssel von glaubwürdigen Leuthen, die Zahl aller östreichischen Unterthanen in den Niederlanden beliefe sich auf 1.800.000 Seelen. Eine sehr starke Bevölkerung für die Grösse des Landes; denn es kommen immer noch 3.600 Menschen auf eine deutsche oder geographische Quadratmeile. Eine Tabelle von den Einkünften des Erzhauses, welche Herr Schlötzer mittheilt, ist ziemlich zuverläßig, aber nicht vollständig. Illyrien, die Lombardey und die Niederlande sind nicht auf der Rechnung, und der Ertrag von Hungarn und Siebenbürgen ist gegen die Art eines östreichischen Korrespondenten etwas zu gering angegeben. Folgendes ist beyläufig das Einkommen aus den verschiedenen kaiserlichen Erblanden. Hungarn sammt dem einverleibten Bannat 15.000.000   Kaisergulden Siebenbürgen 3.000.000 Illyrien 2.000.000 Pohlen samt Bukowina 12.000.000 Böhmen 11.600.000 Mähren 4.000.000 Slesien 400.000 Alle östreichischen Kreislande, samt Falkenstein 22.700.000 Niederlande 7.000.000 Lombardey 4.000.000 82.000.000 Die 82 Millionen Kaisergulden betragen gegen 98.400.000 Gulden Rheinisch, oder nach unserm Gelde beynahe 215 Millionen Liv. Tournois, Livre tournois – seit Beginn des Jahrhunderts gab es nur diese eine Währung in Frankreich, vorher existierte noch eine zweite, L. parisis genannt. welches ohngefähr 145 Millionen Livres weniger ist, als das Einkommen unsers Hofes, die Kolonien nicht mitgerechnet, und beyläufig so viel als das ordentliche Einkommen von Großbrittanien. Wenn man bedenkt, daß Frankreich gegen 4 Millionen Menschen mehr hat, als das östreichische Erbreich, daß es demselben in der Handlung so erstaunlich überlegen ist, und Hungarn und Illyrien nach dem Verhältniß ihrer Grösse und Bevölkerung sehr wenig abwerfen, so wird man das Verhältniß des Ertrags beyder Reiche sehr wahrscheinlich finden. Der Ueberschlag von der Ausgabe des hiesigen Hofes, welchen der Korrespondent des Herrn Schlözers seiner Liste von den Einnahmen beygefügt hat, ist grundfalsch. Die Unkosten der Armee werden auf 17 Millionen Gulden angegeben. Nun kostet zwar die Armee des hiesigen Hofes nach dem Verhältniß der Stärke kaum 2/3 so viel, als die unsrige; allein der ganze Aufwand des Kaisers für das Militäre, die ungeheuern Magazine und Werbungskosten mitgerechnet, beträgt jährlich beynahe 30 Millionen. Einige glaubwürdige Leute geben die Summe noch höher an. Die Pensionen setzt der Korrespondent des Herrn Schlözers auf eine Million. Man wird nun bald sehen, daß noch einmal so viel an Pensionen wird eingezogen werden, ohne daß jemand, der auf Gnade des Hofes leben muß, das Nothdürftige verliert. Der Anschlag der Ausgabe mußte grundfalsch werden, denn der Korrespondent läßt sie mit der Einnahme beynahe aufgehn, und hat doch bey dieser gegen 27 Millionen Gulden mangeln lassen. Ich erinnere mich, in einer Parlamentsrede eines englischen Ministers voriges Jahr einen Ueberschlag von den Einkünften der vornehmsten europäischen Mächte gelesen zu haben, wornach derselbe das politische Verhältniß von Großbrittanien bestimmen wollte. Frankreich schätzte er auf 12, Großbrittanien auf 9, Rußland auf 7 und Oestreich auf 6 Millionen Pfund Sterling. Der Verstoß dieses Ministers ist doch nicht so arg, als jener des Herrn Linguet, Linguet – Simon Nicolas Henri Linguet, franz. Jurist und Schriftsteller, seine Polemik » Journal politique et littéraire« (1774) wurde verboten. † 1794 auf der Guillotine. welcher in seinen Annalen den Zweifel äussert, ob Oestreich Mittel genug habe, den Westen von Europa gegen einen Einfall der Türken sicher zu stellen, und deswegen den europäischen Mächten vorschlägt, diesem Haus zu irgend einem Stück von Deutschland oder der Türkey zu verhelfen, um dem Türken die Spitze biethen zu können. Oestreich ist ohne Widerrede jetzt die zweyte Macht in Europa. Rußlands Einkünfte betragen 32 Millionen Rubel, und diese machen nach dem jetzigen Werth des Rubels nicht über 64 Millionen Kaisergulden aus. In dem Umfang seines Reiches kann zwar der rußische Hof mit seiner Einnahme erstaunlich viel thun, weil der Preiß der Lebensmittel und der nothwendigsten Materialien daselbst so gering ist; allein er hat lange nicht so viele Hülfsmittel, grosse Operationen ausser den Gränzen seines Reiches zu souteniren, souteniren – soutenieren: sich behaupten als der hiesige Hof. Die Zeiten von Leopold und Karl dem Sechsten sind längst vorbey. Es ist seit 20 Jahren in den kaiserlichen Finanzen eine Veränderung vorgegangen, welche die Welt wird staunen machen, sobald der hiesige Hof Anlaß bekömmt, seine Macht zu zeigen. Ich glaube, er hätte nicht so viel Zeit gebraucht, als die Russen im letzten Krieg, im letzten Krieg – der Russisch-Türkische Krieg 1768 – 1774 um mit den Türken fertig zu werden – Da Großbrittaniens Einkünfte vor dem Ausbruch des jetzigen Krieges der jetzige Krieg – der amerikanische Unabhängigkeitskrieg 1775 – 1783 jenen des hiesigen Hofes beynahe gleich waren, durch den Verlust von Amerika aber um etwas geschmälert werden; so hat Oestreich an innerer Stärke keinen Nebenbuhler mehr, ausser Frankreich. Seine Macht ist im Steigen, und in 50 Jahren sind beyde Kronen an Gewicht einander gleich – Wenn das rußische Reich auch einige Millionen Menschen mehr enthält, als die östreichische Monarchie, so sind unter diesen Menschen doch so viel Kamschatdalen, Kamschadalen – Bewohner der Halbinsel Kamtschatka im Nordosten Sibiriens Samojeden, Samojeden – das Volk der Nenzen im Norden Rußlands und Sibiriens Lappen Lappen – Lappländer u. dgl. m. die im politischen Betracht kaum so viel werth sind, als ihr Vieh. Beyde Mächte eilen mit gleich starken Schritten zu ihrer Grösse, und werden wahrscheinlich im künftigen Jahrhundert die Rollen spielen, welche Frankreich und England zu Ende des vorigen bis gegen die Mitte des jetzigen Jahrhunderts gespielt haben; nämlich die Ruhe und das Gleichgewicht von Europa werden von ihnen abhangen. Der hiesige Hof wird dem rußischen keinen Schritt voran thun lassen, ohne den nämlichen Schritt, oder vielleicht 2 auf einmal zu thun, wie bey der Theilung von Polen, Theilung von Polen – in der 1. Teilung Polens fielen große Flächen an die drei Länder. Es folgten 1793 und 1795 die 2. und die 3. Teilung Polens die, wie ich nun sicher weiß, eigentlich im hiesigen Kabinet ihren Ursprung genommen hat, wirklich geschehen ist. Rußland hatte die schweren Kosten des Türkischen – oder besser – des polnischen Krieges tragen müssen, und als es zur Theilung kam, gewann Oestreich so viel als Rußland und Preussen zusammen. Der östreichische Antheil von Polen nebst der den Türken abgenommenen Bukowina ist beynahe so groß, als das Land, welches Rußland in Besitz genommen; enthält aber mehr Menschen, und trägt fast um die Hälfte mehr ein, als der rußische und preußische Antheil zusammen genommen. In dem rußischen Antheil wurden nach sichern Nachrichten 2.100.000, und in dem preußischen nicht mehr als 650.000 Seelen gezählt. Nebst dieser stärkern Bevölkerung hatte Oestreich noch die so einträglichen Salzwerke von Wielizka voraus, und der größte Theil von Polen wurde in diesem so wesentlichen Bedürfniß von demselben abhängig gemacht – Oestreichs Stärke ist kompakt, die von Rußland aber ausgedehnt, und jenes wird über dieses immer den Vortheil haben, den ein untersetzter und behender Körper über einen bloß aufgedunsenen und schwerfälligen hat – Man spricht hier viel von einer Theilung der Türkey, die zwischen beyden Kaiserhöfen beschlossen seyn soll. Auch die öffentlichen Blätter fangen schon an davon zu murmeln. Ich glaube noch nicht daran, wenn gleich bekannt ist, daß beyde Höfe schon in den dreyßiger Jahren einen Plan von der Art unter sich gemacht hatten. Sollte aber wirklich etwas daran seyn, und unser Hof auf keiner Seite Einfluß genug haben, um das Gewitter, womit in diesem Fall die Pforte bedroht würde, zu zerstreuen, so würde das gewiß der letzte freundschaftliche Traktat Traktat – hier: Staatsvertrag zwischen Rußland und Oestreich seyn. So bald die Pforte gestürzt ist, und beyde kristliche Reiche an den Ufern des schwarzen Meeres zusammen gränzen, müssen sie nothwendiger weise auf einander eifersüchtig werden, und sie kommen dann in Rüksicht auf Handlung, und andre Gegenstände gegen einander in die nämliche Lage, worin Frankreich und Großbrittanien von je her gegen einander waren. Sechs und dreysigster Brief. Wien – Allgemach fängt der Kaiser an, etwas von dem Plan sehen zu lassen, den er so lange in seinem Busen verschlossen tragen mußte. Du hast nicht von mir zu erwarten, daß ich dir von den Verordnungen, die schon erschienen sind, oder noch erscheinen werden, umständliche Rechenschaft geben solle. Ich denke nächste Woche von hier wegzureisen, und du bekömmst sie geschwinder und vollständiger durch die Zeitungen, als ich sie dir auf meinen Reisen zuschreiben könnte. Freylich ist unsere züchtige Gazette de France der Kanal nicht, Euch Sachen von der Art zufliessen zu lassen. Sie ist zu eng dazu. Sie wird Euch gar umständlich erzählen, wie der Kaiser an dem oder jenem Tag in die Kirche, auf die Jagd oder ins Konzert gegangen, wie er sich die Hand küssen lassen, und welchen Rok oder Ueberrok er an dem oder jenem Ort getragen. Aber daß er Toleranzgesetze macht, Klöster aufhebt, den Pabst beschneidet u. dgl. m. davon weiß sie nichts. Sie mag unsere Klerisey Klerisey – der Klerus durch solche Nachrichten kein Bauchgrimmen machen. Unterdessen habt ihr noch andere Kanäle genug, das reine Wasser an Euch zu ziehn, während daß die Hofzeitung ewig das Vehiculum für allen Schlamm bleibt. Allgemeine Toleranz, Unabhängigkeit der östreichischen Staaten von allem fremden Einfluß und Tribut, Vertilgung des Mönchswesens, Umschaffung der Geistlichen zu Dienern des Staates, Aufhebung der Leibeigenschaft, Beschneidung der schädlichen Vorrechte des Adels, Säuberung der Dikasterien, Vereinfachung der Staatsverwaltung, eine allgemeine und strenge Oekonomie, Verbesserung der Justiz, Beförderung der Philosophie und Industrie, Verbreitung des Gefühls der Freyheit und Vaterlandsliebe, Aufmunterung des Verdienstes – Alles das wird von Joseph mit einem Eifer und einer Beharrlichkeit ausgeführt werden, wodurch Oestreich zum Erstaunen der Welt in kurzer Zeit zu einem der blühendsten und mächtigsten Reiche werden muß. Und was wird aus der Kunst, fragst du? – Giebts auch Akademien des Inskriptions et belles Lettres? Akademien ... – in Frankreich wurde die bestehende Akademie im Jahre 1716 in »Académie royale des inscriptions et belles-lettres« umbenannt Arkadische Gesellschaften? Arkadische Gesellschaften – Arkadien war bei den Dichtern ein Synonym für Freiheit und Schönheit, hier im Sinne von Schöngeistiger Gesellschaft zu verstehen Mahler= und Bildhauer=Akademien? Ohne Zweifel. Von der letzten Art ist schon lange eine da, und auch zur Bildung einer von der ersten Art fehlt es hier an tüchtigen Subjekten so wenig, als zu Paris. Es wären Leute genug da, die Zeit und Talente genug haben, einander periodisch die unsinnigsten Komplimente vorzulesen; Komplote zu machen, um die fadeste Broschüre, deren Verfasser sie an den Fußsohlen kitzelt, in die Höhe zu bringen, und einen Schriftsteller von Verdienst, der einem von ihnen auf die Zehen tritt, zu unterdrücken. Es fehlt hier auch nicht an Leuten, die geschickt genug sind, dem abgedroschendsten Gedanken einen Strich von Neuheit zu geben, und unverschämt genug, verunstaltete Uebersetzungen für ihre Geburten auszugeben. Noch vor 8 oder 10 Jahren wurden die meisten neuen englischen und französischen Theaterstücke für Originale hiesiger Dichter verkauft – Allein, zu allem dem wird der Kaiser schwerlich einen Kreutzer hergeben. Er weiß sein Geld besser zu gebrauchen, und ich wünsche, man hätte auch bey Uns die Kosten mancher Akademie an etwas anders verwendet, und sollte es auch bloß auf Kloaken gewesen seyn, um den Koth besser wegzuräumen, der aus den angefüllten Egouts Egout – Abwasserkanal einen so förchterlichen Gestank macht, und dadurch schon Leute erstickt hat. Ich sehe, Bruder, wie du hier die Nase rümpfest. Ich weiß, du lebst und webst in deiner Bellettristerey, Bellettristerey – Belletristik; schöngeistige Literatur und bedauerst uns andern, daß wir Barbaren genug sind, dem göttlichen Kunstwesen nicht zu opfern. Ich erinnere mich aller der Vorwürfe, die du mir über meine Stumpfheit, Kälte, oder wie du es sonst nenntest, gemacht hast, so oft dir ein schönes Epigramm, eine lebhafte poetische Schilderey, ein guter Kupferstich, eine Zeichnung von einer Meisterhand, oder was ähnliches auffiel, und ich keinen Theil an deiner Entzückung nahm. Aber, lieber Bruder; jeder Mensch hat seinen eignen und verschiedenen Standpunkt, die Dinge dieser Erde zu betrachten, und da ich – aus Hochachtung für deine Lieblingsbeschäftigungen – mir die Mühe nahm, dir von der deutschen Theater= und Dichterwelt schon manche Nachricht zu geben, und dir auch verspreche, in dem Norden von Deutschland, den ich nun bald betreten werde, noch viele Nahrung für dein Steckenpferd aufzusuchen, so wirst du es mir doch nicht übel nehmen, wenn ich dir zur Rechtfertigung meines Geschmaks etwas sage, ohne dir ihn eben aufdringen zu wollen? Sage mit, lieber Bruder, ist es nicht eine Wahrheit, welche durch die ganze Geschichte bestätigt wird, daß die Kunst= und Witz=Epoche bey jedem Volk unmittelbar vor seinem Fall vorausgieng? Ich will dir diese Bemerkung nicht von den Griechen an bis zu uns weitläufig aus der Geschichte herleiten. Du wirst dich der vortreflichen Note erinnern, die ein Tyroler Mönch über eine Stelle des Kolumella Kolumella – Lucius Iunius Moderatus Columella, römischer Schriftsteller, schrieb ein mehrbändiges Werk über Landwirtschaft, Garten- und Obstbau, † 70 gemacht, und dem Verfasser der Voyages en differens pays de l'Europe Voyages en ... – Reisen in verschiedene Länder Europas vorgelesen hat. Sie enthält die wichtigsten Zeugnisse der Geschichte, daß ein Staat, worin die blos belustigenden Wissenschaften und Künste herrschend und der vorzüglichste Weg sind, zu Glück und Ehre zu gelangen, seinem Fall nahe ist. Du hast Recht, daß die Schuld nicht an diesen Wissenschaften und Künsten selbst liegt. Allein wenn sie bey einer Nation ein gewisses Uebergewicht über die andern Beschäftigungen des Geistes gewinnen, so müssen sie Folgen nach sich ziehn, die dem Staat verderblich sind. Frivolität, Weichlichkeit, Verschwendung, Vernachläßigung mühsamer Untersuchungen und Anstalten; Scheinliebe, schlechte Beurtheilung in der Wahl der Diener des Staates, eine eitle und unzweckmäßige Verschönerungssucht, u. s. w. sind nothwendige Folgen derselben, wenn sie bis zum Misbrauch – der so gar nahe an den guten Gebrauch gränzt – aufgemuntert werden – Und was tragen sie dann zum wahren Glück der Menschen bey? Sind sie etwas mehr, als ein schöner Traum? Wie vergänglich war nicht bey allen Nationen die Witzepoche! Da kam gemeiniglich ein ganz unliterarisches Volk, wekte sie aus dem schönen Traum mit Faustschlägen auf, und noch ehe sie ihn ganz aus den Augen gerieben hatten, waren sie gefesselt – Wie lang ist es seit Korneille Korneille – Pierre Corneille, franz. Dramatiker, »Le Cid« 1637, † 1681 und Racine Racine – Jean Racine, franz. Dramatiker, schrieb Dramen über griech. Mythologie, † 1699 her? Und schon erschöpft! Nicht als wenn ich den Werken des Genies allen Beyfall versagen, und sie unbelohnt lassen wollte. Ich wünsche nur, daß man nicht durch zu grosse Freygebigkeit das Unverdienst mit dem Verdienst vermenge, die Nachäfferey begünstige, die sich bey der Annäherung der Literaturepoche wie eine Seuche unter dem Volk auszubreiten pflegt, und dadurch das Gleichgewicht zwischen den nützlichen und blos ergötzenden Wissenschaften und Künsten zum Vortheil der letzteren hebe. Ich bin überzeugt, der Kaiser wird dem Dichter, Maler, und jedem Künstler von wirklichem Verdienst Gerechtigkeit widerfahren, und ihn nicht unbelohnt lassen. Allein ungleich mehr Aufmunterung würde der Akerbau, die bürgerliche Industrie, die Bestrebung des Philosophen zur Verbesserung der Staatsverwaltung, der praktische Mathematiker und Physiker, in so weit sie mit der bürgerlichen Industrie in Verbindung stehn, und alle die Wissenschaften und Künste, die etwas zum dauerhaften Wohl des Staats beytragen, von ihm zu erwarten haben. Und kannst du ihm das übel nehmen? Sein Hof wird schwerlich der von August werden, wo ein Dichter 4.000. Louisdor unseres Geldes Pension hatte, indessen er seinen ehemaligen Soldaten den Sold schuldig blieb. Aber Oestreich tritt nun in die glücklichen Zeiten von Heinrich dem Vierten, wo es sich zu fühlen beginnt; wo der Grund zum Nationalreichthum gelegt, die bürgerliche Freyheit und Ruhe gegen die Eingriffe der Pfaffen und des Adels gesichert, und das Gleichgewicht zwischen den Ständen des Staats hergestellt wird; wo man die schönen Künste und Wissenschaften, der Natur gemäß, bloß zur Erhohlung treibt, und nicht mehr auf sie verwendet, als ein kluger ökonomischer Hausvater nach dem Verhältniß seines Vermögens für sein Vergnügen zu opfern pflegt, und wo sich diese Künste und Wissenschaften eben deswegen, weil man sie ihrer Natur gemäß behandelt, doch viel besser befinden werden, als wenn man sie durch zu grosse Freygebigkeit verzärtelte, und durch übertriebne Aufmunterung ihnen einen Anhang von Buben verschafte, der sie wie feile Gassendirnen behandelt. So bald die Kunst eine Art von Brodgewinn ist, ist es, glaub' ich, um die Meisterstücke geschehen, und wenn sie gar, wie bey uns eine Art von Zunft, und zwar die zahlreichste bildet, so sind gewiß die meisten Glieder dieser Zunft Affen. Wie selten sind nicht die Urgenies! Und läßt sich Voltäres Geist auch mit einem Preiß von Millionen wieder zum Leben erwecken? Verzeih mir diese Ausschweifung, die nicht so sehr ein Hieb auf dein Steckenpferd, als vielmehr ein Ausbruch der Hochachtung für den Kaiser war, den ich dadurch in deinen Augen rechtfertigen wollte. Ich weiß es; ganz verzeihen wirst du es ihm nicht, daß er so sparsam gegen die schönen Künste ist; allein denke dir Bruder, er legt in Landstädten Gelder zu 10 und 20 tausend Louisdor an, womit Leute, die ein nützliches Gewerbe treiben, unterstützt werden, und wovon jeder, der irgend eine Manufaktur etabliren will, Vorschüsse zu ganz unbedeutenden Prozenten, und auch ohne alle Interessen haben kann! Er thut den Kolonisten, die sich in seinem Lande niederlassen wollen, auf alle Art Vorschub; er läßt Strassen, Dörfer, Städte und Haven bauen, und hat eine Armee von wenigstens 300.000 Mann zu unterhalten. Soll er diesen Aufwand einschränken, und dafür eine Academie des Inscriptions et belles lettres Academie des ... – Akademie für Literatur und die schönen Wissenschaften errichten? Vielleicht thut er mit der Zeit etwas für deine Göttinnen, wenn einmal alle Hofschulden getilgt, seine Finanzen völlig in Ordnung, und die Klöster verdünnert seyn werden. Seine Hofschulden lassen sich zwar mit den unsrigen nicht vergleichen; betragen aber doch ohngefähr 160 Millionen Gulden, und es werden jährlich gegen 18 Millionen an Interessen und an Kapital bezahlt. Die liegenden Güter aller Klöster und Stifter in den kaiserlichen Erblanden werden auf 300 Millionen Gulden geschätzt, wovon beynahe die Hälfte auf die Niederlande und die Lombardey kömmt. Vielleicht erben die Musen mit der Zeit etwas von diesem ungeheuern Vermögen. Leb wohl. Sieben und dreysigster Brief. Wien – Morgen reise ich von hier ab. Ich werde mich einige Zeit zu Prag aufhalten, und dort einen Brief von dir erwarten. Nun sieht man, lieber Bruder, was der Kaiser während seiner Mitregentschaft im Stillen vorgearbeitet hat. Alle Fremden, die hier sind, staunen, wie ruhig eine der größten und schnellsten Revolutionen bewirkt wird. Ein offenbarer Beweis, daß der Monarch nach einem lang überdachten Plan handelt, und schon lange die Materialien zu dem Gebäude in Bereitschaft hatte, welches er nun mit unglaublicher Geschäftigkeit ausführt. Die Geistlichkeit und der Adel werden täglich mehr überzeugt, daß er ihnen immer härter zu Leibe gehen wird, und beede Stände sehn sich entwaffnet. Der Adel liegt seines ungeheuern Vermögens ungeachtet in der tiefsten Ohnmacht. Verschwendung und Weichlichkeit haben ihn entkräftet; und der schwarze Stand trägt in seinem eignen Busen eine Schlange, die ihm am Leben nagt. Diese Schlange ist die Philosophie, die sich unter dem Mantel der Theologie schon bis auf die Stüle einiger Bischöfe eingeschlichen hat. Die meisten jungen Geistlichen sind in der Schule mit dem Gift dieser Schlange angesteckt worden. Sie wissen alle, daß ein Febronius Febronius – Justinus Febronius, Pseudonym des Trierer Weihbischofs Nikolaus von Hontheim († 1790), der im Bunde mit anderen Bischöfen ein Zurückdrängen der päpstlichen Primatansprüche in Deutschland anstrebte. in der Welt ist, und wenn sie gleich nur widerlegungsweise mit ihm bekannt wurden, so haben nun die Argumente des Hofes gewiß mehr Gewicht bey ihnen, als die ehemaligen Ergos Ergos – lat. ergo = darum ihrer Professoren, und diejenigen von ihnen, welche die nahe Beförderung zu erwarten haben, söhnen sich nun sehr leicht mit ihrem ehemaligen Schulfeind aus, da der Hof, dessen Gunst sie nöthig haben, seine Parthey mit aller Macht nimmt. Die Bellarministen, wozu alle alten versorgten Diener der Kirche gehören, machen freylich die ungleich grössere Zahl aus; allein der Hunger ist ein mächtiges Argument Pro und Kontra, und es käme nur darauf an, einigen der halsstarrigsten ihre Pfründen zu nehmen; so würde Bellarmin Bellarmin – s. Vier und zwanzigster Brief. auf das kräftigste widerlegt seyn. Sie finden auch unter dem Publikum keinen Anhang, der sie im geringsten förchterlich machen könnte; denn die 250.000 Advokaten, welche durch die Erblande vertheilt sind, haben die unwidersprechlichsten Deduktionen Deduktion – logische Schlußfolgerung für die Sache des Kaisers gegen Bellarmin schon seit vielen Jahren in den Taschen, und stehn auf den Wink bereit, ihre Widersacher augenblicklich stumm zu machen. Ich glaube nicht, daß bey der ganzen Armee ein Mann von Bedeutung ist, der den Verordnungen des Kaisers nicht den herzlichsten Beyfall gebe. Dieser Theil der Staatsverwaltung war seit langer Zeit bloß von demselben abhängig, und er trägt durchaus das Gepräge seines Oberhauptes. Unter den vielen kaiserlichen Officiers, die ich kenne, fand ich nicht einen, der über die Jugendjahre hinaus gewesen wäre, und nicht eine ziemliche Dosis Philosophie gehabt hätte. Während meines Aufenthalts in diesen Ländern waren sie für mich durchaus die besten und nützlichsten Gesellschafter und – mit Erlaubniß aller hiesigen Professoren, Doktoren und übrigen Gelehrten – ich halte sie ohne Vergleich für den aufgeklärtesten Theil der östreichischen Welt. Ich getraue mir eine grosse Menge Korporäle in der kaiserlichen Armee zu finden, die mehr gesunden Menschenverstand haben, als neun unter zehn der sogenannten hiesigen Gelehrten. Bey der Armee herrschte schon seit vielen Jahren eine Freyheit, die mit der Eingeschränktheit der übrigen Stände seltsam genug abstach, und hier hat der Kaiser wirklich schon Wunder gethan. Verschiedne Regimenter haben schon längst Lesebibliotheken für sich errichtet, und die Officiers fanden leichte Wege, die guten Schriftsteller, die andre Leuthe immer nur mit einiger Gefahr bekommen können, über die Gränzen zu konvoyiren. konvoyiren – transportieren Der König von Preussen findet nun keinen vom Pabst gesalbten und gesegneten General mehr gegen sich über, wie er ehemals den Grafen Daun aun – Leopold Joseph Graf Daun, österreichischer Feldmarschall und Feldherr im Siebenjährigen Krieg. † 1766 zu nennen pflegte. Sogar unter den gemeinen Soldaten bemerkt man eine gewisse natürliche Logik, die eine Folge von der Art ist, wie sie behandelt werden, und wie man ihnen ihre Menage, ihre Manöuvres, ihre Aufträge, und kurz, alle ihre Geschäfte faßlich zu machen sucht. Von der Bigotterie, die ehemals die kaiserliche Armee auszeichnete, findet man keine Spur mehr. Und was wollte nun das schwarze Korps gegen eine solche Armee unternehmen? So leicht es dem Kaiser meines Erachtens ist, das Kirchenwesen zu reformieren, so schwer wird es ihm werden, die Verwaltung der bürgerlichen und peinlichen Justiz zu verbessern. Ueber diesem Theil der Staatsverwaltung liegt noch eine schauerliche Finsterniß. Man fühlt schon lange die Gebrechen desselben, die zum Theil eine Folge der Gesetze selbst und der Prozeßform waren; aber durch die Dummheit, Pedanterey, Liederlichkeit, den Eigennutz und Unpatriotismus der verschiedenen Bedienten unendlich vergrössert wurden. Die verstorbene Kaiserin wollte helfen; aber wenn der Kodex Theresianus Kodex Theresianus – Codex Theresianus, ein 1766 erstelltes Allgemeingesetz, das aber nie Rechtskraft und Bedeutung erlangte. auch zehnmal weniger barbarisch wäre, als er ist, so wäre doch noch nicht geholfen. Es fehlt an einer guten Zucht Leute, welche die Gesetze handhaben müssen. Der Kaiser verwendet sich schon während seiner Mitregentschaft mit dem rühmlichsten Eifer, um in den Gerichten die strengste Unpartheilichkeit und mehr Beschleunigung mehr Beschleunigung – die Trägheit der Gerichte ist ein Erbe der Inquisition. Nicht nur damals, sondern auch heute, nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland gehört sie zur alltäglichen Praxis (s. das Flugzeugunglück in Überlingen, der Einsturz einer Halle in Bad Reichenhall oder das Transrapid-Unglück: EIN Jahr ist nichts vor Uns.) einzuführen. Ich glaube auch, daß nicht leicht eine ganz offenbare und auffallende Ungerechtigkeit von seinen Bedienten kann begangen werden; allein, er konnte sich keine neuen Subjekte erschaffen, und solange Dummstolz, Unthätigkeit und Prachtliebe die Hauptzüge der Gerichtsglieder sind, kann es die feine Beutelschneiderey des Eigennutzes und der Bosheit, und die Schikanen nicht heben, wozu Leute von der Art in der so verwickelten Prozeßform Anlaß genug finden. Die Kriminaljustitz ist wirklich in erbärmlichen Umständen. Wenn man den Kodex Theresianus liest, so sollte man glauben, er sey für eine Horde Baschiren verfaßt worden. Es werden darin Strafen für Laster bestimmt, die in einem ganzen Jahrhundert hier zu Lande nicht verübt werden, und gegen Verbrechen, die täglich hier zu tausenden geschehen, aber keine Klage erregen, z. B. Hurerey, Ehebruch, Knabenschänderey u. dgl. wird eine Strenge beobachtet, die mit der ruhigen Ausübung dieser Laster drolligt genug absticht. Das wäre eben so gar schlimm noch nicht; denn die Gesetze mögen so grausam seyn als sie wollen; so setzen sie doch die bürgerliche und natürliche Freyheit in keine Gefahr, und die unmenschlichsten Strafgesetze sind immer besser, als der gänzliche Mangel an Gesetzen, oder, welches das nämliche ist, die Nichtbeobachtung derselben. Das letztre ist nun allerdings hier der Fall. Man sah bald ein, daß der Kodex Theresianus weder auf die Sitten noch auf den Karakter des Publikums paßte, und man schämte sich, zu einer Zeit, wo von allen Seiten her ein so grosses Geschrey von Menschlichkeit, Abschaffung der Folter und Todesstrafen u. dgl. m. ertönt, noch so förchterlich mit Rädern, Galgen und Schwerdtern ausgerüstet zu seyn. Man kaßirte den Theresianischen Kodex nicht; sondern ließ nur allgemeine Befehle an die Richter ergehn, »gelind zu seyn, ohne Noth zu keinen Todesstrafen zu schreiten« u. dgl. m. Diese mißverstandne Gelindigkeit ist die gefährlichste Tyranney von der Welt. Das grausamste Gesetz mordet nicht willkürlich, und – was man in der politischen Rechenkunst genau beherzigen sollte – je strenger und grausamer ein Gesetz ist, desto mehr Verwegenheit und Bosheit setzt es bey dem Verbrecher voraus, der sich von der Strenge des Gesetzes von seiner Uebelthat nicht abschrecken ließ. Aber die unbestimmten Verordnungen, ohne Noth zu keinen Todesstrafen zu schreiten, setzen den Schuldigen platterdings der Willkühr aus, und eine der Hauptstützen der bürgerlichen Freyheit wird untergraben. So lange die vorhandenen Gesetze, wenn sie auch noch so unmenschlich sind, genau beobachtet werden, hat der Verbrecher keine Entschuldigung für sich. Er kannte das Gesetz, und da er sich doch von demselben nicht abschrecken ließ, so entspricht die Strenge desselben seiner Verwegenheit. Aber im letztern Fall kann er das Opfer einer willkürlichen Betrachtung, oder eines Umstandes werden, der mit seinen Verbrechen gar keine Verbindung hat. Ich will dir ein Beyspiel erzählen, das vor einiger Zeit zu Linz vorfiel, und wenn es gleich von der militärischen Justitz begangen worden, doch den jetzigen Zustand der hiesigen Justitz überhaupt deutlich schildert. Zwey Grenadiere, die schönsten vom ganzen Bataillon, machten unter dem Regiment von Stein ein Komplot zu desertiren. Es wurde entdeckt, und die zwey jungen Leuthe als Rädelsführer vom Kriegsrath zum Strange verurtheilt. Nun wußte das ganze Regiment, daß alle kaiserlichen Obersten vom Hofkriegsrath den Befehl hatten, ohne die äusserste Noth kein Todesurtheil zur Exekution kommen zu lassen. Diese äusserste Noth war in dem Augenblick, als das Urtheil gesprochen ward, noch nicht da, und der verstorbne Oberst von Brown war wirklich entschlossen Pardon zu geben. Allein auf einmal änderte sich die Scene. Ihre Kammeraden giengen zu ihnen ins Gefängniß, tranken ihnen zu, und trösteten sie zuversichtlich, daß sie auf dem Richtplatz Gnade bekommen würden. Einige erbothen sich sogar, sich an ihrer statt an den Galgen führen zu lassen, in der vesten Ueberzeugung, der Oberst müsse sie seinem Befehl gemäß begnadigen. Alles das wurde dem Obersten hinterbracht. Der zur Exekution anberaumte Tag erschien. Man führte sie auf den Richtplatz. Sie giengen mit der größten Ruhe hin, welche ihnen die zuversichtliche Erwartung ihrer Begnadigung einflößte. Ganz Linz rechnete auf ihr Pardon um so mehr, daß sie ohne Vergleich die zwey schönsten Leute und auch sonst von untadelicher Aufführung waren. Allein der Oberst von Brown hatte gefunden, daß nun der Fall der äussersten Noth da wäre, und sie wurden zum Erstaunen von ganz Linz aufgehängt. Der Oberst bekam einen Verweis von Wien: Aber hatte er ihn verdient? War seine Entschuldigung nicht giltig, daß durch die Begnadigung dieser zwey Komplotmacher ein unbeschreibliches Aergerniß gegeben würde, indem die ganze Garnison von Linz dadurch in dem gefährlichen Gedanken, ein Oberst dörfe gar nicht mehr ein Todesurtheil exequiren lassen, bestärkt würde; daß das Komplotmachen, ohne Zweifel durch die Begnadigung der Verurtheilten, seit einiger Zeit so häufig geworden, und daß also der Fall der äussersten Noth ein Beyspiel statuiren zu müssen, wirklich da gewesen sey? Meines geringen Erachtens waren diese Grenadiere ein Opfer der Schwäche der Gesetzgebung. Nichts ist gefährlicher, als Urtheile nicht zu exequiren, besonders, wenn bekannt ist, daß die Gesetzgebende Macht selbst will, daß sie nicht exequirt werden sollen. Die Gesetze werden ein Spott für kühne Verbrecher, und da auf diese Art die gesetzgebende Macht mit sich selbst im Streit liegt, so muß das heilige Richteramt ein Spiel von augenblicklicher Laune, zufälligen Nebenumständen, und willkürlicher Betrachtungen werden. Hätten in obigem Fall die Kammeraden der Schuldigen denselben nach dem gefällten Urtheil nicht so laut und so zuversichtlich Begnadigung versprochen, so wäre es dem Obersten von Brown nicht eingefallen, sie hängen zu lassen. Ihr Leben hieng also von dem zufälligen Gelärme ihrer Kammeraden und der Betrachtung des Obersten ab, daß dieses Gelärme sehr schädlich sey. Hat aber die gesetzgebende Macht nicht vorläufig alles das gut geheissen? Befiehlt sie nicht, daß im Fall der Noth das Urtheil vollzogen werden soll? Und wer sollte dann diesen schwankenden Ausdruck bestimmen? Wer anders, als der Oberste sollte entscheiden, ob der Fall der Noth da sey, oder nicht? Bestimmtheit, nicht Gelindigkeit, ist die erste Tugend der Gesetze, und in Rücksicht auf die Vollziehung ist die letztere ein grosser Fehler. Bloß durch die Strenge der Vollziehung erhalten die Gesetze ihre Kraft. – Die Bestimmtheit derselben macht den Beklagten von der Person des Richters und den Zufällen unabhängig, die mit seinem Verbrechen keine Verbindung haben. Sie ist der einzige sichere Damm gegen Tyranney und Despotie. Sie setzt alle Glieder des Staates in den Stand der natürlichen Freyheit, wo es bloß von ihrer Willkühr abhängt, glücklich oder unglücklich, sträflich oder unsträflich zu seyn. Unendlich menschlicher würde die Regierung verfahren, wenn sie mit aller Strenge auf die Beobachtung des theresianischen Gesetzbuches hielte, als Urtheile sprechen liesse, und durch unbestimmte Ausdrücke ihre Diener bevollmächtigte, diese Urtheile nach ihrem willkürlichen Gutbefinden vollziehn oder nicht vollziehn zu lassen. Scheinen die vorhandenen Gesetze der gesetzgebenden Macht zu grausam; so ist kein anders Mittel, ihr eignes Ansehn zu retten, und die bürgerliche Freyheit sicher zu stellen, für sie übrig, als die alten Gesetze aufzuheben, mit der größten Bestimmtheit neue zu machen, und diese mit aller Strenge vollziehn zu lassen. Ueberhaupt ist es ein Fehler der hiesigen Staatsverwaltung, daß man die Bedienten mit Verordnungen überhäuft, ohne auf ihre Vollziehung mit der nöthigen Strenge zu halten. Man sieht überall – das Militäre ausgenommen – daß es an einem durchgedachten und zusammenhängenden Plane fehlt, und die Administration, wie ein unerfahrener Arzt, erst durch eine Menge Vorschriften suchen will, was gut oder bös sey. Das Projektiren und Schreiben geht ins Unendliche. Es folgen Befehle auf Befehle, Mustertabellen auf Mustertabellen, Reskripte Reskript – amtliche Verfügung auf Reskripte, wovon das folgende das vorhergehende allezeit aufhebt, oder doch sehr einschränkt. Verschiedene Beamten auf dem Lande haben es sich zur Regel gemacht, erst 4 bis 6 Wochen mit der Vollziehung dieser Vorschriften zu warten, um zu sehn, ob es der Regierung wirklich Ernst damit sey. Es wäre eine merkwürdige und ohne Zweifel für die östreichische Nachwelt sehr nützliche Arbeit, wenn man alle die Widersprüche sammelte, die seit 15 bis 20 Jahren in den Hofbefehlen vorkamen. Es rührte zum Theil daher, daß der Kaiser einen andern Regierungsplan hatte, als seine Frau Mutter; allein, auch als Alleinherrscher wird er in der nächsten Generation seine Civilbedienung noch nicht ganz in Ordnung bringen können; denn es fehlt an tüchtigen Subalternen, wie ich dir schon öfters sagte. Die hiesigen sogenannten Dikasterianten Dikasterianten – Gerichtsbeamte (überhaupt genommen) sind ein Volk, daß man eher zum Gassenkehren als zu Staatsgeschäften Gassenkehren als zu Staatsgeschäften – der Herausgeber versichert, diese Textpassage nicht eingeschmuggelt zu haben gebrauchen sollte. Und wo soll der Monarch geschwind andre Leute hernehmen? Merkwürdig ist die Sprache der hiesigen Gerichte und Dikasterien. Du mußt wissen, daß sie ihren ganz eignen Stil haben, der von der gewöhnlichen deutschen Sprache unendlich verschieden ist, und der Kanzley= oder Kurialstil genennt wird Sprache der hiesigen Gerichte – der Herausgeber im Deutschland des 21. Jahrhunderts weigert sich, das zu kommentieren – So eben lese ich ein Reichshofrathsreskript an das Dohmkapitel zu Salzburg, welches einen Prozeß gegen seinen Erzbischof führt. Da kommen Perioden Periode – kunstvoll gebauter längerer Satz, Satzgefüge vor, die eine ganze Folioseite Folioseite – ein halber Bogen, größer als DIN A4 ausfüllen, und wo man mit aller möglichen Anstrengung nicht ausfindig machen kann, wie die Schlußsätze mit den Vordersätzen zusammenhängen. Je unzusammenhängender und ausgedehnter die Perioden, und je mehr sie mit den seltsamsten lateinischen und französischen Wörtern untermischt sind, desto besser ist der Kanzleystil. Es kommen auch viele deutsche Wörter vor, die im gemeinen Leben die grad entgegengesetzte Bedeutung haben. Ich halte es für platterdings unmöglich, daß ihre Urenkel etwas von dem Geschreibsel werden verstehn können. Leb wohl. Acht und dreysigster Brief. Prag – Die Reise von Wien hieher war für mich eine der interessantesten, die ich je gemacht; ob wir schon auf einem Weg von 42 deutschen Meilen, nach der Post gerechnet, keine erhebliche Stadt zu Gesicht bekamen. Meine Gesellschaft bestand aus einem kaiserlichen Officier, einem Geistlichen, und einem reisenden Niedersachsen. Der Officier hatte den letzten schlesischen Krieg mitgemacht. Er war ein Mann von Kopf, und auf zwey der berühmtesten Schlachtfeldern, welche die neue Geschichte kennt, unser Cicerone. Cicerone – scherzhafter Vergleich mit dem römischen Staatsrechtler, Schriftsteller und Redner Cicero († v.C. 43): ein viel redender Fremdenführer So lange unsere Reise noch durch Oestreich gieng, sahen wir das Land vortreflich angebaut, und alle Merkmale von einem hohen Wohlstand der Einwohner. Aber in dem Theil von Mähren, durch welchen wir kamen, schien das Landvolk nicht so glücklich zu seyn, als seine deutschen Nachbarn. Doch war das Land durchaus gut angebaut, und man sah keine Spur von Wildheit, die in Hungarn so auffallend ist. Znaym und Iglau sind zwey hübsche Landstädtchen. Die Einwohner sprechen zwar deutsch, doch merkt man, daß es ihre Muttersprache nicht ist. Das ganze Land war theils eben, theils sanft hügelicht. Aber auf der Gränze von Böhmen erhoben sich die Hügel in eine Reihe ansehnlichere , doch fruchtbarer Berge. Da, wo unsere Strasse diese Bergreihe durchschnitt, war sie mit Dörfern, einigen adelichen Schlössern, und schönem Gehölze bedeckt. Die Strasse ist vortreflich. Alle tausend Schritte erblickt man einen Pfahl, worauf die Zahl der Schritte eingebrennt ist, die man zurückgelegt hat – Wir erblickten auf dem ebenen Land von Böhmen sehr wenig Dörfer, und die Deutschen haben ein Sprüchwort: »Das Ding kömmt ihm so fremd vor, wie böhmische Dörfer.« Allein aus dem militärischen Konskriptionslisten Konskriptionslisten – Liste der zum Wehrdienst Einzuberufenden ergiebt sich, daß das ganze Königreich ungemein stark bevölkert ist, und wir sahen auch den Anbau des Landes in dem besten Zustand. Der Boden besteht durchaus aus einer gelblichten lockern und sehr guten Erde, und wir erblickten weder merklich viele Brachfelder, noch irgend einen öden Strich. Unser Offizier,welcher das Land die Kreutz und Quere durchwandert hat, löste uns das Räthsel auf. Er sagte uns, die meisten Dörfer lägen in den Vertiefungen des Bodens, an den Bächen und Flüssen, oder hinter Holzungen, und wenn wir nur eine halbe Stunde weit rechts oder links von der Strasse giengen, so würden wir Dörfer genug erblicken. Diese Gewohnheit der Bauern, ihre Wohnungen in den Tiefen oder hinter Holzungen aufzuschlagen, rührt vielleicht aus den Zeiten des Faustrechts her, wo sie sich vor dem Anblick der Räuber und fahrenden Ritter, welche das Land durchstreiften, zu verstecken suchten, und ohne Zweifel hat auch die Gemächlichkeit, das Wasser in der Nähe zu haben, viel dazu beygetragen. Mitten zwischen Kolin und Planiany, welche Orte zwey deutsche Meilen von einander entlegen sind, kamen wir auf das Feld der so entscheidenden Schlacht, die von beyden Orten benennt wird, aber eigentlich den Namen von einem kleinen Dorf haben sollte, dicht an welchem sie vorfiel. Wir stiegen aus, und unser sehr gefälliger Cicerone, der stolz darauf war, Theil an diesem so merkwürdigen Vorfall gehabt zu haben, durchlief mit uns diese Gegend, wo Oestreichs Ehre gerettet ward. Man giebt verschiedne Gründe an, warum diese Schlacht für den König von Preussen so unglücklich ausfiel. Es lassen sich nach einem Vorfall von der Art unendlich viel wahrscheinliche Betrachtungen und Folgerungen machen, wodurch gar oft ein Nebenumstand, der zum Ausschlag beytrug, als entscheidend angegeben, und der Geschichtsschreiber, der so viele widersprechende Nachrichten, sogar von Augenzeugen vor sich liegen hat, in nicht geringe Verlegenheit gesetzt wird. – Hier hieng zuverläßig der Ausschlag des Treffens bloß von dem Terrein ab, welches Daun zu benutzen wußte. Längst der Strasse und zur Rechten derselben zieht sich eine Ebene in die unabsehbare Ferne hin. Zur Linken derselben erhebt sich sanft eine Anhöhe, die nächst an dem Dorf, wo der Hauptangriff geschah, eine Art von Gipfel bildet. Von der rechten Seite dieser Anhöhe (die man kaum einen Gipfel nennen kann) zieht sich, wenn man sie gerade vor Augen hat, ein langer tiefer und mit steilen Wänden eingeschlossener Graben hin, der in einer beträchtlichen Entfernung ein Thal zwischen Hügeln wird. Auch zur Linken senkt sich diese Anhöhe in ein merkliches Tobel, und nur rückwärts verliert sie sich in einen ebenen Boden. Dauns rechter Flügel stand auf der Spitze dieser Anhöhe, und der übrige Theil der Armee war von dem Graben gedeckt, der sich zur Linken hinzieht. Der König von Preussen rückte durch die Ebene heran, welche unsere Strasse durchschnitt. Er mußte schlagen, oder die Belagerung von Prag aufheben und Böhmen räumen. Es war kein andrer Angriff möglich, als auf den rechten Flügel der Kaiserlichen. Die dapfern Preussen achteten nicht auf die Mißgunst des Terreins. Ueberall gewohnt zu siegen, avancirte avanciren – avancieren: vorwärtsstreben, aufrücken ihr linker Flügel die Anhöhe muthig hinan. Die kaiserlichen, welche den Vortheil der Erhöhung hatten, schlugen sie standhaft zurück. Sechsmal wiederholten die Preussen den fehlgeschlagenen Angriff, und da das Terrein des Angriffs sehr eingeschränkt war, so waren ihnen zuletzt wirklich die Haufen ihrer eignen Todten sehr hinderlich, welche den Abhang der Anhöhe bedeckten, den sie übersteigen mußten. Und doch hätten sie vielleicht noch gesiegt, wenn nicht Daun Zeit gehabt hätte, Reuterey auf seinen schlagenden Flügel zu ziehn. Diese fiel auf einmal aus dem Tobel, welcher der Anhöhe zur Linken ist, in die Flanke der Preussen. Sie mußten nun nach den verzweifeltesten Angriffen die Flucht ergreifen. Indem sie schon flohen, nahm Prinz Moritz von Dessau, dessen Bravour öfters eine Art von Raserey ward, einzle Bataillons, und wollte noch dem ganzen Strom der siegenden kaiserlichen Armee damit Einhalt thun, und so wurde der Verlust der Preussen unnöthiger Weise und auf die tollste Art vergrössert. Er hätte bis auf den letzten Mann gefochten, wenn er nicht von seinem tollkühnen Unternehmen durch des Königs Befehle wäre zurückgerufen worden. Er hatte auch die brave Garde des Königs auf diese Art dem Tod in den Rachen geführt, und als er zum König kam, schrie ihm dieser zu: Prinz! Meine Garde! Meine Garde! Der Prinz schrie zurück: Euer Majestät! Mein Regiment! Mein Regiment! – Er glaubte wirklich, weil sein Regiment zu schanden gehauen wäre, so dürfte keines mehr übrig bleiben. Nun mag es freylich ein Fehler gewesen seyn, daß der König keine Kavalerie auf seinem linken Flügel hatte. Allein dieser Fehler hieng bloß von der Mißgunst des Terreins ab. Hätten die Oestreicher nicht den so grossen Vortheil der Erhöhung ihres rechten Flügels und der Sicherheit des übrigen Theils ihrer Armee gehabt, so hätten die Preussen, die ihnen dieser vortheilhaften Stellung ungeachtet doch den Sieg so lange streitig machten, wahrscheinlicher weise gesiegt, ehe Daun den angegriffenen Theil mit Kavalerie hätte unterstützen können, und niemand hätte dann daran gedacht, daß bey der Preußischen Armee irgendwo Kavalerie gefehlt hätte. Der König konnte auch die Bewegung der feindlichen Reuterey nicht bemerken, und ihr Anfall aus dem Tobel heraus war um so entscheidender, da er ganz unerwartet, und vielleicht auch in den Augen des Königs a priori a priori – von vornherein ganz unwahrscheinlich war. Andre sagen, der König habe nicht mit seinem linken Flügel, sondern, während daß der Prinz von Dessau den Feind amusiren amusiren – hier: beschäftigen sollte, seine Ordre de Bataille Ordre de Bataille – Schlachtplan verändern, und nur mit dem rechten Flügel schlagen wollen. Seine Flanke wäre alsdann gegen einen Anfall der feindlichen Kavalerie gesichert gewesen, und er hätte von dem linken Flügel der Oestreicher, der jenseits des tiefen Graben stand, ohnehin nichts zu beförchten gehabt. Der Prinz von Dessau habe aber, anstatt den Feind zu amusiren, einen so lebhaften und kritischen Angriff gethan, daß ihn der König habe unterstützen müssen, aus Forcht, wenn der Prinz zurückgeschlagen würde, möchte durch die Flucht seiner Regimenter die ganze Armee in Unordnung gebracht werden. Ich glaube, dieß ist auch eine von den hintenach angestellten Reflexionen, wodurch man wohl herausbringt, was man hätte thun sollen, aber nicht, was man thun wollen, und wirklich gethan hat – Andre meinen, der König habe sich durch die Schmeicheleyen seines bisherigen Glückes, welches besonders in dem, nicht lange zuvor, bey Prag vorgefallenen Treffen Wunder für ihn gethan, ein wenig zu kühn machen lassen, und einige Dinge bey dieser Schlacht, z. B. die Stellung der Reuterei vernachläßigt. Aber dies scheint auch eine von den Beobachtungen zu seyn, die irgend ein hochweiser Zeitungsschreiber hintenach angestellt, um sich die Miene zu geben, als wüßte er mehr als andre Leute. Ein Mann von des Königs Karakter, der genug bewies, daß er sich durch keine Misgunst des Glückes niederschlagen läßt, läßt sich auch gewiß durch keine Schmeicheleyen desselben irre machen. Nach so manchen erfochtenen Siegen zum erstenmal geschlagen, zog der König in der besten Ordnung über Leutmeriz und Aussig nach Sachsen zurück. Niedergeschlagen war er nicht, aber wohl ein bisgen mürrisch, welches sein verstorbener älterer Bruder älterer Bruder – die beiden älteren Brüder des Königs waren zu der Zeit längst verstorben, gemeint ist sein nächstjüngerer Bruder August Wilhelm Prinz von Preußen, † 1758 empfand, der einen andern Theil der Armee über Gabel nach Sachsen zurückführte. Doch diesen merkwürdigen Rückmarsch und die damit verbundenen Anekdoten kennst du ohne Zweifel aus dem Recueil de lettres de sa Majesté le Roi de Prusse regardant la derniére Guerre. Recueil de lettres ... – aus der Briefesammlung seiner Majestät des Königs von Preußen über den letzten Krieg Hätte er hier gesiegt, so wäre er Meister von ganz Böhmen gewesen; ganz Oestreich hätte ihm offen gestanden, und nur Ollmütz Ollmütz – Olmütz, im Siebenjährigen Krieg eine starke Festung hätte vielleicht Wien selbst gerettet. Er hätte seinen Feinden Friedensbedingnisse vorgeschrieben. Nun waren aber noch 6 blutige Kriegsjahre die Folge dieses Treffens. Der König kommandirte dieses Treffen aus den Fenstern des obern Stokwerks eines Wirthshauses, welches ganz einzeln und hart an der Landstrasse liegt, und wo der Mittelpunkt seiner Armee stand. Mit unbeschreiblichem Vergnügen speißten wir in dem Zimmer, welches auf beyden Seiten die Aussicht auf das Schlachtfeld beherrscht, zu Mittag. Alles war mir auf eine gewisse Art heilig. Ich stand an der Stelle des Königs, an dem Fenster, wo man die Anhöhe, worauf der Angriff geschahe, schnurgrade vor den Augen hat. Ich empfand seinen Schmerz auf das lebhafteste, den ihm der Anblik seiner zurückweichenden Truppen auf diese Stelle mußte verursacht haben – In den Mauern des Wirthshauses sah man einige Spuren von Kanonenkugeln, und der König war nicht ganz sicher. Kolin ist wirklich ein artiges Städtchen, und ohne Vergleich der beste Ort, den man von Wien bis hieher zu Gesicht bekömmt; doch hat er schwerlich – die darin liegenden Truppen ungerechnet – über 3.500 Seelen, denn es sind der Häuser nicht über 700, und sie scheinen eben nicht häufig bewohnt zu seyn. Wie hielten hier ein wenig Rast, und wurden vortreflich bewirthet, wie man dann in Böhmen überhaupt sehr gut und wohlfeil speißt. Junge Hahnen, Enten, Gänse u. dgl. m. sind auch auf den schlechtesten Dörfern in den Wirthshäusern ein gewöhnliches Essen. Um dir einen Begriff von dem geringen Preiß der Lebensmittel zu geben, will ich dir eine der Zechen beschreiben, die ich in Gesellschaft des Niedersachsen, mit dem ich immer zusammenhielt, gemacht habe – Fast alle Wirthshäuser die wir gesehn, hatten ein schlechtes Ansehn, und die Wirthe schienen, ungeachtet sie uns sehr gut bedienten, in keinen guten Umständen zu seyn. Ihre Häuser standen meistens einzeln an der Strasse, und hatten weder Obst, oder Gemüßgärten, noch irgend ein Stückchen Landes dabey, das ihnen eigenthümlich zugehörte. Sie müssen dem Landesherrn oder den Edelleuten, welchen die Wirthshäuser zugehören, einen so grossen Zins geben, daß sie wenig gewinnen können. Endlich erblikten wir nahe bey einem Dorfe ein Wirthshause, das eine viel bessere Miene hatte. Es hatte einen geräumigen Hof, Scheunen, Stallungen und Gärten um sich her. Es war das Eigenthum des Wirthes. Nun, sagten wir beym Eintritt unsers Schlafzimmers, wird es eine andre Zeche geben, und vermuthlich werden wir die herrliche Aussicht, welche unser heutiges Nachtquartier beherrscht, die schönen Meublen, das niedliche Geschirr und all die Herrlichkeit, die wir geniessen und nicht geniessen, bezahlen müssen. Wir bekamen zum Nachtessen eine Reissuppe, mit einem sehr guten Huhn, einen Salat und 2 gebratene junge Hahnen. Wir tranken zusammen eine Maaß Bier, welches in Böhmen überhaupt sehr vortreflich ist, und einen Schoppen Wein zur Probe obendrauf, fanden ihn sehr schlecht, und wollten um so weniger den zweyten fodern, da wir wußten, daß der Wein in ganz Böhmen sehr theuer ist. Wir hatten zwey reinliche und gute Betten, und einen köstlichen Kaffee zum Frühstük. Und glaubst du nun wohl, daß unsre ganze Zeche zusammen nicht mehr als 42 Kreutzer, oder ohngefähr 1 Livre 17 Sous betrug? Ohngefähr eine Stunde vor Prag machten wir halt, und giengen eine hübsche Streke weit rechts von der Strasse ab, um das Feld der im Jahr 1757 vorgefallenen, berühmten Schlacht zu beschauen; Hier besiegten die Preussen die Natur selbst. Eine vortheilhaftere Stellung hätten die Oestreicher nicht haben können. Ein tiefer, weiter und von ziemlich steilen Abhängen eingeschlossener Graben trennte sie von ihrem Feind. Sie hatten eine förchterliche Artillerie, die auf sehr vortheilhaft angelegten Batterien den Graben bestrich. Als die Preussen durch den Graben den ersten Angriff wagten, fielen sie wie die Schneeflocken zusammen. Das Feuer der Oestreicher war schrecklich. Eine hartnäckigere und blutigere Schlacht ist in diesem Jahrhundert nicht vorgefallen, und vielleicht hat die ganze Geschichte kein Beyspiel, daß ein Treffen in so ungünstigen Umständen als die Preussen hier zu bekämpfen hatten, gewonnen ward. Es ist hier fast buchstäblich wahr, daß sie in dem nämlichen Augenblik zugleich eine Vestung einnehmen und eine Armee schlagen mußten, die stärker als die ihrige war. Denke dir einen tiefen mit Kanonen flankirten Graben, auf dessen entgegengesetztem Rand eine Armee von ohngefähr 70.000 Mann in der besten Kontenance Kontenance – Contenance: Fassung, Gelassenheit steht! Und die Preussen setzen durch den Graben, ersteigen siegreich den entgegenstehenden Wall, schlagen den Feind in die verworrenste Flucht, und belagern Prag, worein sich ein Theil der flüchtigen kaiserlichen Armee geworfen hatte! Sie hatten aber den Sieg theuer bezahlt. Ihr Verlust an Mannschaft war ungleich beträchtlicher als jener ihrer Feinde. Man ist aber über die Zahl ihrer Todten nicht einig. Einige geben sie auf sieben, andre auf neun bis zehn tausend Mann an. Alle neuere Schlachten haben so ungeheure Varianten. Unterdessen soll es doch ohne Uebertreibung wahr seyn, daß der Boden des Grabens hie und da in seiner ganzen, ansehnlichen Breite dicht mit Todten und an manchen Orten auch mit hohen Haufen derselben bedeckt war. Der Verlust des berühmten Generals Schwerin Schwerin – Kurt Christoph von Schwerin, preußischer Generalfeldmarschall, fiel 1757 in obbemeldter Schlacht war bey dieser Schlacht das schmerzlichste für den König. Wir betrachteten mit feyerlichster Wehmuth den Baum, an welchen er fiel. Der jetzige Kaiser ließ ihm ein Denkmal setzen, das dem Stifter noch mehr Ehre macht, als dem, dessen Namen es trägt und verewigt. Vom Tod dieses braven Mannes erzählt man verschiedene Anekdoten. Einige sagen, er habe im Treffen einen Adjutanten an den König geschikt, mit dem Bericht, er halte es für unmöglich, daß die Schlacht gewonnen werden könnte. Der König habe den Adjutanten mit einer sehr kränkenden Antwort zurückgeschikt, worauf Schwerin vorsetzlich den Tod gesucht. Ich habe keinen Glauben an diese Anekdote; denn wenn der General auch noch so viele Bedenklichkeiten über den Ausgang der Schlacht geäussert hätte, so wußte der König doch, daß es mit dem trocknen Wort: Gehorche, genug sey, um ihn an seine Pflicht anzuweisen, und von ihm alles zu erwarten, was ein Mann von Schwerins Karakter, Muth und Fähigkeit leisten konnte. Wir wollen ihm die Gerechtigkeit wiederfahren lassen, die man nach dem Sprüchwort allen Todten schuldig ist. Er starb als Patriot. Er sah die Schwierigkeiten des Angriffes; sah den guten Willen und den durch die greuliche Verheerung des Todes noch nicht erschütterten Muth seiner Truppen; sah, daß ein kühner Anführer entscheiden könnte, und indem er einen Kornet Kornet – Kornett: Fähnrich bei der Reiterei so eben stürzen sah, riß er dem sterbenden die Fahne aus der Hand; rief seinen Soldaten zu : Folgt mir Kinder! Und ritt gegen Kanonen hinan. Eine Stückkugel schlug ihn an der Spitze seiner braven Gefährten nieder; welche aber durch seinen Muth angefeuert, die Anhöhe erstiegen, in den Feind einbrachen, und dadurch dem Treffen zum Vortheil ihres Königs den Ausschlag gaben. Der König belagerte hierauf Prag. Dann [Daun] sammelte unterdessen die zerstreuten kaiserlichen Regimenter und brachte eine Armee zusammen, die um so eher im stand gewesen wäre, diese Stadt zu entsetzen, da sie eine so starke Besatzung hatte, die ohnehin durch heftige Ausfälle dem König warm machte. Der König rückt ihm entgegen, um die Belagerung souteniren zu können, und da kam es zu der oben beschriebenen Schlacht bey Kolin, wo für ihn alles wieder verloren gieng, was er in der ersten gewonnen hätte! Neun und dreysigster Brief. Prag – Böhmen ist ein gesegnetes Land und hat ein herrliches Klima. Seit meinem kurzen Aufenthalt hab' ich verschiedne Fremden kennen gelernt, die sich wegen der gesunden Luft, der guten und wohlfeilen Lebensmitteln und dem jovialischen Humor der Einwohner beständig hier aufhalten – Aeneas Sylvius Aeneas Sylvius – bürgerlicher Name Papst Pius II. dieser war ein bedeutender Humanist, Schriftsteller und Historiker, er stiftete die Universität Basel. beschreibt das Land wie einen Theil von Sibirien; und doch war es zu seiner Zeit, wahrscheinlicherweise, blühender als es jetzt ist. Für einen Römer mag der Abstich der Witterung immer merklich seyn; allein ich glaube, daß ser. ser. – serenissimus: allergnädigst Eminenz doch nur im Winter hier war. Zu Rom hat man gewiß keinen so schönen Frühling, als der jetzige hier ist. Ueberhaupt sollen hier die Frühlinge und Sommer äusserst angenehm seyn, so wie die Herbste zu Wien, wo man aber selten einen ordentlichen Frühling hat, und der rauhe Winter gemeiniglich mit dem heissen Sommer unmittelbar zusammengränzt. Hier bleibt die Witterung immer in einem gewissen Gleichgewicht, und ist den schnellen und gewaltsamen Veränderungen nicht unterworfen, die der Gesundheit so nachtheilig sind. Die Kälte des Winters ist hier eben so selten, wie die Hitze des Sommers ausserordentlich heftig. Die Luft ist trocken, rein und gemäßigt. Das Land liegt hoch, und bildet ein ungeheuer weites Thal, das auf allen Seiten von hohem und starkbeholztem Gebirge umgeben ist. Die Vertiefung in der Mitte, wo die Flüsse, die Elbe, die Moldau und die Eger zusammenfliessen, und die du dir leicht mit einem Blick auf die Karte deutlich vorstellen kannst, ist gegen die Gewalt der Winde gedeckt. Diese verschiedenen Abdachungen des Landes gegen die Mitte zu befördern den Abfluß des Gewässers, und es kann weder Moräste noch Seen bilden, welche die Luft mit schädlichen Ausdünstungen anfüllen. Da der Boden des Thales nur an sehr wenig Orten felsigt ist, so gräbt es sich leicht seine Kanäle durch die lokere Erde, und befruchtet dieselbe ohne, wie in vielen Gegenden der noch höhern Schweitz, die Luft mit Katharrhen und Flüssen Flüssen – Fluß: Schlaganfall, früher Schlagfluß genannt anzufüllen. Das Land hat alles, was zu einem gemächlichen Leben gehört, in erstaunlichem Ueberfluß, nur Salz und Wein ausgenommen. Den größten Theil des ersten Bedürfnisses bezieht es um sehr billigen Preis von Linz, wo eine Niederlage von Salz ist, welches zu Gemünd in Oestreich und zu Halle in Tyrol gewonnen wird. Das übrige bekömmt es jezt, auch um einen mäßigen Preis, aus dem östreichischen Polen. Mit dem Weinbau sind glückliche Versuche gemacht worden, und ich habe hier Melniker Melniker – Name einer Weinsorte in Bulgarien, der im einzigen böhmischen Weinbaugebiet um die Stadt Melnik angebaute Wein ist wesentlich geringwertiger gekostet, welcher der mittlern Gattung der Weine von Bordeaux wenig nachgiebt. Die ersten Setzlinge sind aus Burgund beschrieben worden. Allein das Land wird doch schwerlich diesen Artickel für sich in hinlänglicher Menge ziehen können, und hat auch andre Güter genug, um sich denselben eintauschen zu können. Es hat im Handel ein grosses Uebergewicht, welches ihm auch keines der benachbarten Länder streitig machen kann, weil es größtentheils auf natürlichen Gütern und den ersten Bedürfnissen beruht. Es versieht einen grossen Theil von Sachsen, Slesien und Oestreich mit Getreide und verkauft auch etwas Vieh. Der Saazer=Kreis ist auch in Jahren von mittelmäßiger Erndte allein im stand, ganz Böhmen, so bevölkert es auch ist, mit dem nöthigen Getreide zu versehen. Die vortreflichen böhmischen Hopfen werden bis an den Rhein in grosser Menge ausgeführt. Die Pferdezucht ist seit einigen Jahren ausnehmend verbessert worden, und trägt dem Lande schon eine ansehnliche Summe Geld ein. Das böhmische Zinn ist nach dem englischen das beste, welches man kennt, und mit Alaun, Bittersalz, verschiedenen Gattungen von Edelgesteinen, besonders Granaten, Granaten – eine große Gruppe von Mineralien, die meist zu Schmuck verarbeitet werden, z. B. Karfunkel u. s. w. wird ein beträchtlicher Handel getrieben. Die grossen Waldungen, womit es eingeschlossen ist, begünstigen seine vortreflichen Glasfabricken, die aus ganz Europa, von Portugal und Neapel bis nach Schweden hinauf, eine unglaubliche Menge Geldes ins Land ziehn. Man verfertigt auch seit einigen Jahren eine erstaunliche Menge guter und ungemein wohlfeiler Hüthe, und versieht damit einen grossen Theil der Einwohner von Oestreich, Bayern und Franken. Die Tuch= und Leinwand=Manufakturen kommen auch sehr in Aufnahme. Die Böhmen gehn häufig ausser Landes, theils als Glashändler bis nach England und Italien, theils als Korb= und Siebmacher, in welcher Qualität ich sie Karavanen=weise am Oberrhein und in den Niederlanden umher ziehen sah. Sie kommen größtentheils wieder mit einem hübschen Geldchen nach Hause, und halten alle in der Fremde wie Brüder zusammen. Ueberhaupt haben sie ungemein viel Vaterlandsliebe, und eine gewisse Vertraulichkeit unter sich, die sie oft in den Augen der Fremden zu einem tükischen und groben Volk macht, welches sie aber in der That nicht sind. Seit den Zeiten des Hans Hus Hans Huß – Johann Huß, tschechischer Theologe und Reformator, auf dem Konzil zu Konstanz 1415 wortbrüchigerweise lebendig verbrannt. Papst J.-P. II. drückte 1999 sein tiefes Bedauern über diesen grausamen Tod aus. haben sie einen heimlichen Groll gegen die Deutschen den man nicht einem bösen Humor, sondern wirklich ihrem Nationalstolz zuschreiben muß. Die Bauern welche an den Landstrassen wohnen, sprechen gröstentheils deutsch; allein ohne Noth lassen sie sich mit einem Fremden nicht gerne in ein Gespräche ein. Sie thun, als wenn sie kein Wörtchen Deutsch verstünden, holen die Durchreisenden aus, und haben unter sich ihr Gespötte mit ihnen. Man wollte sie zwingen, ihre Kinder in deutsche Schulen zu schicken; allein bisher war diese Mühe vergeblich. Sie haben einen unbeschreiblichen Abscheu gegen alles, was deutsch heißt. Ich hab hier junge Leuthe von den Siegen, die ihre Voreltern unter Ziska Ziska – Ziska von Trocnov, hussitischer Heerführer, † 1424 über die Deutschen erfochten haben, mit einer Wärme und einem Stolz sprechen hören, die sie in meinen Augen sehr liebenswürdig machten, die aber freylich einem Deutschen die Galle ein wenig hätten angreifen müssen. Sie erinnern sich noch, daß die Residenz des Hofes zu Prag ehedem das Land blühend machte, und äussern ein kleines Mißvergnügen, daß Oestreich in Rücksicht auf die Residenz den Vorzug vor ihnen hat, und jährlich eine so beträchtliche Summe Geldes theils vom Hof, theils vom Adel nach Wien gezogen wird. Die verstorbene Kayserin soll von jeher gegen diese Widerspenstigkeit der Böhmen sehr empfindlich, und dieses Königreich von ihren alten Erbländern das einzige gewesen seyn, welches sie nicht besucht. Die Hußiten sind im Lande noch sehr zahlreich. Einige behaupten sogar, der sechste Theil der Bauern hienge heimlich dieser Lehre an. Auch in Mähren ist sie noch sehr ausgebreitet. Es sind erst 4 Jahre her, daß daselbst gegen 14.000 Bauern einen kleinen Aufstand erregten, ihre Gewissensfreyheit zu behaupten; allein man brachte sie bald wieder zur Ruhe, ohne daß die Sache auswärts einiges Aufsehn erregte. Voltäre und einige andre Geschichtschreiber haben den berühmten Hans Hus und seine Lehre sehr verkennt. Sie setzen bey diesem Reformator einen sehr eingeschränkten Verstand voraus, und meinen, seine Absicht wäre nicht weiter gegangen, als um dem Volk den Genuß des Kelchs beim Abendmahl, und allenfalls den Geistlichen Weiber zu verschaffen. Sie belieben mit ihm ihr Gespötte zu treiben, daß er das unbegreifliche Sakrament noch unbegreiflicher habe machen wollen, und nicht die geringste Ahndung gehabt habe[n], wie sehr der Menschenverstand durch solche Mysterien aufgebracht werde. Sie sprechen ihm daher den philosophischen Geist seines Lehrmeisters, des Wikleffs, Wikleff – John Wycliffe, englischer Theologe, bekämpfte das Papsttum, die weltliche Macht der Kirche, das Zölibat u. a. Er trat für die Besteuerung der Kirchengüter ein. † 1384 und seiner Nachfolger, nämlich des Luthers, Zwinglis und Kalvins, ab. Ich hatte ehedem den nämlichen Begriff von diesem Mann; allein seitdem ich seine und seiner Anhänger Geschichte studierte, habe ich eine größere Meinung von ihm gefaßt. Ich suchte in der Bibliothek zu Wien alle Urkunden auf, die auf diese interessante Geschichte Bezug haben. Bey Mencken Mencken – Johann Burchard Mencke, deutscher Historiker und Jurist, † 1732 fand ich eine Erklärung der Hussiten an den Reichstag zu Nürnberg Reichstag zu Nürnberg – im Jahr 1431 in einem Deutsch, das ich erst verstehen konnte, als ich es 6 bis 7 mal durchgelesen, und auch bey verschiedenen Bekannten Erläuterungen gesammelt hatte. Diese merkwürdige Erklärung und Auffoderung enthält das ganze Lehrgebäude der Hussiten. Sie greifen die ganze römische Hierarchie mit ihren Ablässen, dem Fegfeuer, Fegfeuer – eine der größten Schwindeleien der Catholica: Die Seele muß erst im Fegefeuer gereinigt werden bevor sie in den Himmel kommen kann. Durch Geld erhält man einen Ablaß und damit die Verkürzung der Leidenszeit dem Fasten, dem ganzen Mönchswesen und allen Attributen und Modifikationen an, und man sieht offenbar, daß sie nur einen Schritt hinter Kalvin zurück waren. Die Sprache dieser Erklärung hat den Ton der Entschlossenheit, der innern Ueberzeugung und der gesunden Vernunft; nur fällt sie nach der Art der damaligen Zeiten, so wie bey Luther, manchmal ins Grobe und Pöbelhafte. Gewiß hatten die nachfolgenden Reformatoren nichts von Huß voraus, als den Vortheil, daß durch den seit Hussens Zeiten in Aufnahm gekommenen Bücherdruck die Wissenschaften sich dem Volke mehr mitgetheilt hatten, und durch dieses Hilfsmittel ihre Lehre sich schneller ausbreiten konnte. Hussens Lehre verlor sich in den Kriegen, Kriegen – die Hussitenkriege: 1419 bis 1437 (nur ein Orientierungswert), die Hussiten gingen in Österreich, Schlesien, Polen, Sachsen, Brandenburg und der Pfalz mit grausamer Gewalt gegen alles Katholische vor die eine Folge seines Todes waren. Sie mußte durch die Barbarey, welche sich auf einmal wieder über Böhmen ausbreitete, und wo das Volk keine tüchtigen Lehrer mehr, sondern nur wüthende Anführer zum Blutvergiessen hatte, verunstaltet werden. Ich fand noch Spuren genug, daß Huß, ungeachtet seines Starrsinns und seiner Verwegenheit, ein aufgeklärter und philosophischer Kopf war, der freylich auch etwas von dem unausgefeilten Gepräge seines Zeitalters trug. Es juckt mich verflucht in den Fingern, Bruder, mich hinter seine Geschichte herzumachen, die meines Erachtens noch lange nicht genug behelligt behelligt – hier: erhellt ist. Ich will dazu sammeln was ich kann, und wenn ich einmal hinlängliche Muse habe, einen Versuch machen, ob ich zum Geschichtschreiben einigen Beruf habe. Wenigstens fühl ich einen starken Reiz dazu. Die noch lebenden Hußiten machen sich grosse Hoffnung, der jetzige Kaiser, dessen tolerante Gesinnungen längst schon bekannt sind, werde ihnen um so eher Gewissensfreyheit gestatten, da er den Böhmen vorzüglich hold ist; allein, man glaubt hier allgemein, sie betrögen sich in ihrer Erwartung; denn da sie von den Grundsätzen der Lutheraner nicht sehr entfernt sind, so würde es wohl nicht rathsam seyn, eine ganz neue Sekte, die bey ihrer Entstehung fast allzeit eine Gärung unter dem Volk veranlaßt, in Aufnahme kommen zu lassen. Die Böhmen sind ein vortreflicher Schlag Leute. Dubravius, Dubravius – Johannes Dubravius, Bischof von Olmütz, † 1553 einer ihrer Geschichtschreiber und Bischof zu Olmütz im 16ten Jahrhundert, vergleicht sie mit den Löwen. Da das Land, sagt er, nach der Art seines Zeitalters, unter dem Einfluß des Löwengestirnes liegt, so haben sie alle Eigenschaften dieses edlen Thieres. Ihre hohe Brust, ihre funkelnden Augen, ihr starker Hals, ihr dickes Haar, ihr vestes Knochengebäude, ihr Muth, ihre Treue, ihre Kraft und ihre unwiderstehliche Wuth, wenn sie gereizt werden, beweisen offenbar, daß der Löwe ihr Stern ist, den sie auch mit Recht in ihrem Wappen führen. Der gute Mann trift die Schilderung seiner Landsleute, wenn er gleich die Züge des Originals über dem Monde sucht. Sie sind schön, stark und ziemlich lebhaft, und man erkennt noch deutlich genug, daß sie von den Kroaten, einem der schönsten Völker der Erde, abstammen. Ihre Köpfe sind im ganzen etwas dick; allein das Mißverhältniß ist in Rücksicht ihrer breiten Schultern und ihres übrigen sehr untersetzten Körpers eben nicht sehr auffallend. Sie sind ohne Vergleich von allen kaiserlichen Unterthanen die besten Soldaten. Sie können alle Mühseligkeiten des Soldatenlebens am längsten aushalten, ohne stutzig stutzig – hier: widerspenstig zu werden. Besonders können sie dem Hunger, der den andern kaiserlichen Völkern ein so schröcklicher Feind ist, lange Trotz biethen. Auf meiner Reise durch die östreichischen Erblande bin ich in einer Beobachtung bestärkt worden, die ich schon in verschiedenen andern Ländern gemacht hatte; nämlich daß die Bergbewohner überhaupt keine so gute Soldaten sind, als die Bewohner von ebenen Ländern. Die Tyroler, Kärnthner, Krainer und Steiermärker sind von Körper eben so stark als die Böhmen; allein sie sind doch bey weitem keine so guten Soldaten, als diese, und ohne Vergleich unter allen kaiserlichen Unterthanen die schlechtesten. Auch in der Schweitz sind nach dem Geständniß der erfahrensten Officiers dieses Landes, die Züricher, und der Theil der bernerischen Unterthanen, welcher nicht die höchsten Gebirge des Kantons bewohnt, ungleich bessere Soldaten, als die Graubündtner und andre helvetische Völkerschaften, welche die hohe Alpenmasse bewohnen. Ohne Zweifel kömmt der Unterschied daher, daß die Bewohner der Berge an eine zu eigenthümliche, und von den andern Völkern zu entfernte Lebensart gewöhnt sind, als daß sie ausser ihrem Lande, wo der Abstich mit ihrer Mutterrede sehr auffallend ist, nicht mißmuthig werden sollten. Bekanntlich sind auch alle Hirtenvölker weicher und zärtlicher von Natur, als die Ackersleute, welche durch Arbeit und Witterung mehr abgehärtet werden. Die Bergleute, die größtentheils Hirten sind, vertheidigen nach dem Zeugniß der ganzen Geschichte ihre Mutterrede mit mehr Hartnäckigkeit, als die Bewohner von Ebenen, weil sie wegen den Eigenthümlichkeiten ihres Landes überhaupt mehr Liebe zu demselben haben, und dann muß man bedenken, daß ihnen die Natur die Vertheidigung ihrer oft unübersteiglichen Berge sehr erleichtert. Allein ausser ihrem Lande sind sie so förchterlich nicht, und bekommen gerne das Heimweh, wodurch die Schweitzer bey unserer Armee so bekannt sind. Die Verfassung und die Sitten des Landes tragen viel dazu bey, daß die Böhmen zum Soldatenstand so viele Vorzüge haben. Die Bauern leben in einer Armuth, die viel wirksamer als alle Prachtgesetze, den Luxus und die Weichlichkeit von ihm entfernt hält. Die Leibeigenschaft, welche hier in ihrer ganzen förchterlichen Stärke herrscht, gewöhnt sie von Jugend auf zu einem unbedingten Gehorsam, der größten militärischen Tugend unserer Zeiten. Die athemlose Arbeit für ihre Despoten und ihren eignen kümmerlichen Unterhalt macht sie hart, und sie finden das Soldatenleben einträglicher, als das Bauen der Felder ihrer Herren. Es ist unbegreiflich, daß ein Volk in einem so bedrängten Zustand so viel Karakter habe. Sie haben ihre Freyheitsliebe schon nachdrücklich bewiesen, und in keiner Stadt der östreichischen Erblande fand ich so viele wahre Patrioten als hier. Man schildert die böhmischen Bauern gewöhnlich als dumm und fühllos; allein im ganzen genommen haben sie sehr viel Gefühl und natürlichen Verstand. Ich habe mit vielen gesprochen, die mir ihre Verhältnisse und ihre Lage deutlich genug beschrieben, und mit aller Wärme die Grausamkeiten ihrer Herren geschildert haben. Sie lieben den Kaiser bis zum Entzücken und rechnen mit aller Zuversicht darauf, er werde ihre Ketten zerreißen. Ihre Ketten zerreißen – das Leibeigenschaftsaufhebungspatent Joseph II. von 1781 wandelte die Abhängigkeit der Bauern in eine gemäßigte Erbuntertänigkeit. 1848 erfolgte die vollständige Aufhebung In dem Hussitenkrieg legten sie Proben von Muth und Dapferkeit ab, welche die berühmten Thaten der Helvetier in den Augen der Welt verdunkelten, wenn eben so viel davon geschrieben und gesungen würde. Ohne einigen Vortheil des Terreins, auf ebenem Boden, schlugen sie oft mit einer Handvoll Mannschaft die zahlreichsten Armeen, die mehr geübt und besser bewafnet waren, als sie. Ihr Angriff war unwiderstehlich, und sie hätten sich die Freyheit, deren sie so würdig sind, gewiß errungen, wenn nicht gegen das Ende des Krieges unter ihnen selbst, größtentheils durch Verhetzungen der Pfaffen, Religionsirrungen und Partheilichkeiten entstanden, und sie von ihrem Feinde durch Traktaten nicht wären betrogen worden. Ich konnte nicht ohne die innigste Rührung die schönen jungen Baurenbursche ansehn, die baarfuß, mit zerrissenen leinenen Hosen, in blossen, durchlöcherten, doch reinlichen Hemden, ohne Halstuch, zum Theil auch ohne Hut, Getreide oder Holz für ihre Herren zu Markt führen. Ihre gute Gesichtsmiene und Munterkeit stach mit ihrem Aufzug sonderbar ab. Einer, dem ich vor 3 Tagen auf einer Spazierreise zu Fuß nach dem hübschen Flecken Brandeis meinen Ueberrock (den ich gegen einen allenfalls zu erwartenden Regen mitgenommen, aber wegen der Hitze, die jetzt schon hier herrscht, nicht tragen konnte) auf seinen leeren Wagen warf, war der drolligste und beste Junge von der Welt. Er hatte nichts auf seinem Leibe, als Hemd und Hosen; doch zeigte er mir mit einer Art von Prahlerey einen leinenen Kittel, den er auf den Wagen liegen hatte, und der in seinem Umfang fast so viel Löcher als Zeug hatte. Das † und – des Rockes gieng beynahe gegen einander auf, und doch versicherte er mich in seinem gebrochenen Deutsch, daß er sich um alle Wind und Wetter in der Welt nicht kümmerte, so daß ich sehr philosophische und politische Betrachtungen über den Luxus meines abgeworfenen Ueberrocks anstellte. Er war die Gesundheit und Munterkeit selbst. Seine volle Backen und Waden, von der Sonne stark gebräunt, wollten mich mit aller Gewalt mit der Leibeigenschaft, der ich so gram bin, aussöhnen. Ich dachte, man lärmt so viel über den Luxus, empfiehlt den Bauern so sehr die Nüchternheit und Abhärtung des Körpers, und kann man wohl den Luxus und die Weichlichkeit von ihnen entfernt halten, wenn man ihnen die Thür zum Reichthum öffnet? Der Lehnsherr muß doch seinen Bauern das Nothdürftige geben, wenn er sich nicht selbst zu Grunde richten will, und wenn sie also kein Eigenthum haben, so sind sie doch sicher, daß sie nicht in den Fall kommen, ihr Brod vor den Thüren betteln zu müssen. Es kann ihnen kein Brand, kein Hagelwetter, keine Mißerndte, kein Krieg, noch sonst irgend etwas so viel Schaden thun, daß sie sich nicht in dem nämlichen Jahr wieder in ihren vorigen Zustand setzen könnten. Allein die Betrachtung, daß ihre Frugalität und Härte keine Folge ihres freyen Willens ist, und sie im Grunde ihren Herren nicht viel mehr als das Vieh sind, welches seine Felder pflügt, warf den Vertrag, den ich mit der Leibeigenschaft schliessen wollte, auf einmal um – Unterdessen akkompagnierte akkompagniren – akkompagnieren: einen Gesangsvortrag auf einem Instrument begleiten mein Reisegefährte meine Betrachtungen mit Pfeifen und Singen. Pausenweise sprach er viel mit seinen zwey sehr schönen Pferden, deren vortrefliches Geschirre mit seiner schlechten Kleidung stark abstach. Er schien die Pferde sehr lieb zu haben, streichelte und küßte sie, und doch waren sie nicht sein, sondern gehörten einem Prälaten zu, dessen Sklave er war. Ich konnte keine grosse Idee von einem Prälaten fassen, der das Geschirre seiner Pferde mit Messing verzieren, und seinen Knecht in Lumpen gehen läßt. Aber kann man auch von einem Prälaten Konsequenzen erwarten? – Mein guter Bauernjunge gab mir eine Probe von körperlicher Stärke, die mich staunen machte. Nicht weit von dem Flecken, wo ich übernachten wollte, fuhr er von der ordentlichen Strasse ab, und seine muthigen Pferde wollten Reißaus nehmen. Allein der Wagen stürzte in einen Graben, verlohr ein Rad, und sie mußten stehn. Der Junge lichtete die hintere Axe, wo das Rad fehlte, und glaubte die Pferde würden das übrige thun, aber die Vertiefung des Grabens war zu gähe. gähe – jäh, steil Ich wollte ihm helfen; er protestirte gar höflich, stemmte sich mit Macht an den Wagen an, und in einem Schub war er oben, ohne daß die Pferde viel gethan hätten – Das kleine Trinkgeld, das ich ihm geben wollte, nahm er mit aller Gewalt nicht an, und den ganzen Weg über, so oft ich von seiner Blösse oder dergleichen Umständen sprach, lachte er mich unter die Nase aus, und wurde wirklich auch einmal darüber ungehalten, daß ich glaubte, es fehlte ihm irgend etwas. Vielleicht ersetzt sein Herr durch Essen und Trinken das, was er ihm an der Kleidung abgehen läßt. Ich sahe durchaus bey den Bauern vortrefliche Pferde. Der Kaiser und viele Edelleuthe haben vor mehrern Jahren Stuttereyen mit moldauischen, tartarischen und siebenbürgischen Hengsten angelegt, welche die Pferdezucht in kurzer Zeit sehr verbessert haben. Um einen Gulden kann auch jeder von den kaiserlichen oder verschiedenen adeligen Stuttereyhengsten seine Pferde belegen lassen. Böhmen liefert schon einen großen Theil der kaiserlichen Dragonerpferde, und die Zucht wird immer besser und ausgebreiteter. Vierzigster Brief. Prag – Diese Stadt ist ungeheuer groß, über eine Stunde lang, und ohngefähr 3/4 Stund breit, aber nach dem Verhältniß ihrer Grösse sehr wenig bevölkert. Es giebt Gegenden hier, wo man glaubt, in einem Dorf zu seyn. Gegen die Brücke zu, welche die Haupttheile der Stadt verbindet, ist das Gedränge ziemlich stark; allein je weiter man sich von dieser Gegend entfernt, desto öder wird es. Die Zahl der Einwohner wird auf 70.000 angegeben, und der Häuser sind gegen 5.000 – Die Brücke über die Moldau ist 740 Schritte lang, sehr massiv von Steinen gebaut, und zu beyden Seiten mit steinernen Bildsäulen, meistens in Lebensgrösse, geziert, wovon aber kaum 3 des Anschauens würdig sind – Man erblickt sehr wenig gute Gebäude, und es sieht fast überall ziemlich schwarz aus. Das königliche Schloß ist ein sehr weitläufiges und unregelmäßiges Gebäude, beherrscht aber auf seinem Berg eine vortrefliche Aussicht über die ganze Stadt und Gegend umher. Unweit desselben steht die Wohnung des Erzbischofs, ein artiges modernes Gebäude, und die uralte Kathedralkirche mit einigen sehenswürdigen architektonischen Mahlereyen von einem berühmten Deutschen oder böhmischen Mahler, dessen Namen ich vergessen habe. So schlecht im ganzen die Gebäude der Stadt sind, so schön ist die Lage derselben. Die sogenannte kleine oder westliche Seite der Stadt biethet, besonders auf der Brücke, den angenehmsten Anblik dar, den ich noch in einer grossen Stadt gesehen habe. Die Masse der Häuser erhebt sich amphitheatralisch bis zu einer ansehnlichen Höhe empor. Zur Rechten bedekt sie den Abgang des Berges bis zum königlichen Schloß hinauf, welches majestätisch darüber emporragt. Zur Linken ist dieser Bergabhang bis in die Mitte herunter mit schönen Gärten und Lusthäusern geschmückt, die sich unbeschreiblich gut ausnehmen, und stufenweise das mannichfaltigste und prächtigste Amphitheater bilden. In diesen Gärten beherrscht man eine herrliche Aussicht über den entgegengesetzten Theil der Stadt. Mitten in der breiten, aber seichten Moldau liegen 2 Inselchen, groß und klein Venedig genannt, die zum öffentlichen Vergnügen zugerichtet sind. Die Prager sind durchaus dazu aufgelegt, alle diese Reize und die Fülle des Landes zu geniessen. Man genießt hier die sinnlichen Vergnügungen mit mehr Geschmak als zu Wien, und weiß sie besser mit geistiger Wohllust zu würzen. Ich bin hier in einige vortrefliche Zirkel gerathen, die mich ohne Zweifel 14 Tage länger zurükhalten werden, als ich bleiben wollte – Die Mäurerey Mäurerey – das Freimaurertum, damals ein der Aufklärung verpflichteter humanistischer Geheimbund mit den fünf Grundidealen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Das F. wurde mehrfach von den Päpsten verdammt, das Verbot der Mitgliedschaft für Katholiken gilt noch heute. ist hier in der Blüthe, und einige, worunter Graf K ** sich vorzüglich ausnimmt, hängen ihr bis zum Enthusiasmus an. Sie thun ausserordentlich viel fürs gemeine Beste, besonders durch Erziehungsanstalten. Der Kaiser soll der Mäurerey nicht abgeneigt seyn. nicht abgeneigt sein – tatsächlich war das Freimaurertum in der Zeit von 1780 bis 1795 in Österreich nicht verboten Es ist auch einmal Zeit, die Vorurtheile abzulegen, die man so unbilliger weise gegen eine Gesellschaft gefaßt hatte, die nirgends etwas zum Nachtheil des Publikums, wohl aber viel zum Vortheil desselben gethan hat. Die Böhmen, welche sich den Künsten und Wissenschaften widmen, bringen es gemeiniglich sehr weit. Es fehlt ihnen nicht an Genie, und sie haben ungemein viel Fleiß. Ihre Liebe zur Musik ist merkwürdig. Man kann hier einige Orchester zusammenbringen, welche mit den besten zu Paris wetteifern können, und sie im Punkt der harmonischen Genauigkeit und Richtigkeit noch übertreffen. Als Waldhornisten und Harfenschläger durchziehn die Böhmen ganz Deutschland, und bringen immer etwas Gelde zurück. Selten findet man einen Musikanten von der Art, der nicht erträglich wäre. Man schreibt diesen Hang zur Musik gemeiniglich den vielen Prälaturen und Klöstern zu, welche sich ihre Orchester zum Kirchendienst halten. Allein in Oestreich und Bayern sind die Klöster nicht weniger zahlreich und vermögend, und doch hat der Kirchendienst diese Wirkung nicht auf das Publikum. Ich glaube, das natürliche Genie und die Gewohnheit tragen das meiste dazu bey. Die meisten der hiesigen Studenten sind Musikanten, und sie fangen jetzt schon an, auf öffentlichen Plätzen in der Nacht sogenannte Kassationen Kassation – hier in der Bedeutung: Mehrsätziges Tonwerk für mehrere Instrumente oder Musiken zu machen. Zur Lebhaftigkeit der gesellschaftlichen Unterhaltungen trägt die zahlreiche Garnison der Stadt nicht wenig bey. Es liegen hier gegen 9.000 Mann Soldaten, worunter 6 Grenadierbataillons sind, die das schönste Infanteriekorps ausmachen, das ich in meinem Leben gesehn. Die Officiers sind vortrefliche Gesellschafter, und ganz frey von den Vorurtheilen, womit noch die Köpfe der Glieder andrer Stände zum Theil benebelt sind. Die Juden machen einen ansehnlichen Theil der hiesigen Einwohner aus. Ihre Anzahl beläuft sich auf neun bis zehn tausend Seelen. Sie haben hier ihre Handwerker und Künstler aus ihrem Mittel und in ihrem eignen Quartier, welches man die Judenstadt nennt. Es ist ein seltsamer Anblik, wenn man durch ihre Strassen geht, und ihre Schuster und Schneider mitten auf der Gasse arbeiten sieht. Eine eckelhafte Unreinlichkeit und eine gewisse Plumpheit ihrer Werkzeuge zeichnet sie von den Kristen aus. Es ist immer sehr merkwürdig, daß dieses zerstreute Volk so viel von der Einfalt und dem Sonderbaren seiner Sitten behält, so sehr es auch mit andern Nationen vermischt ist. Ueberall, wo ich sie noch sah, nur Holland ausgenommen, waren sie in der Verfeinerung noch unendlich weit hinter ihren Mitbürgern zurück. In Holland mag der Unterschied ihrer Sitten und Lebensart daher rühren, daß die meisten aus Portugal abstammen, wo sie sich verläugnen und den Kristen, so viel als möglich, ähnlich machen müssen – Hier müssen sie sich durch ein gelbes Läppchen Tuch, Läppchen Tuch – der Davidstern zur Kennzeichnung und Diskriminierung der Juden ist keineswegs eine Erfindung der Nazis. Diesbezügliche Vorschriften der katholischen Kirche (besonders Anordnungen der Päpste Innozenz III., Benedikt XIII. und Paul IV.) reichen bis in die Zeit der Kreuzzüge zurück. In Deutschland war das zunächst der Judenhut, später der sog. Gelbe Fleck, in Österreich wurde dieser 1551 von Ferdinand I. eingeführt. welches sie auf dem Arm tragen, von den Kristen unterscheiden. Ihre Industrie ist bewundernswürdig. Fast in jedem Wirthshaus ist ein Jude, der ganz unentgeldlich die Dienste eines Hausknechtes verrichtet. Der meinige holt mir Schnupftoback, Kniebänder, Strümpfe und alle die kleinen Dinge, die ich nöthig habe; er puzt mir Schuhe und Stiefel, flikt mir Strümpfe, klopft und bürstet mir die Kleider aus, und kurz, er ist mir eine Art von Lehnlaquay, den ich nicht bezahlen darf. darf – brauch, muß Er hält seine Mühe für hinlänglich belohnt, wenn ich ihm einige alte Kleidungsstücke verkaufe, die er dann weiter in der Welt zu befördern sucht. Auf diese Art bedienen sie die meisten Fremden, und begnügen sich mit dem Bisgen, was sie am Handel und Wandel mit denselben verdienen können, ohne die Mühe für eine Menge Dienste in Anschlag zu bringen. Fällt ihnen nebenher noch ein Trinkgeld zu, so nehmen sie es mit Dank an, aber ich habe nicht bemerkt, daß sie den Fremden mit Betteln lästig fallen. Welche politische Ungereimtheit! Man gestattet hier den Juden, den Erzfeinden des Kristenthums, öffentlichen Gottesdienst und vollkommene Gewissensfreyheit, und den Protestanten, die in den Hauptgrundsätzen der Religion mit uns einig sind, versagt man sie. Man schüzt ein fremdes, schmutziges, überhaupt genommen – betrügerisches Volk bey seinen Privilegien, bricht dagegen auf die schändlichste Art den Vertrag mit den Hußiten, und die lezten Regenten haben diesen Bruch, wenigstens stillschweigend, genehmigt! – Es ist ein unerklärliches Ding um den Menschenverstand, lieber Bruder. Die Philosophie sagt sonst, je mehr sich die Leute ähnlich sind, desto eher werden sie Freunde. Im Punkt der Religion sah ich überall das Gegentheil. Je ähnlicher sie einander sind, desto mehr hassen sie sich. Ein Bürger aus dem hiesigen grossen Haufen wird sich zehnmal eher mit einem Juden vertragen als mit einem Lutheraner, von welchem er in der Religion so wenig unterschieden ist. In Holland sind die Reformirten den Katholiken viel günstiger als den Lutheranern, und den erstern werden die Generalstaaten Generalstaaten – in den Niederlanden die Allgemeine Ständeversammlung, das Parlamen überall eher den freyen Gottesdienst gestatten, als den leztern. Die Wiedertäufer Wiedertäufer – reformatorische Bewegung des 16. Jahrhunderts. Die W. lehnten die Zwangstaufe unmündiger Säuglinge (wie z. B. im heutigen Deutschland vom Staat erlaubt) als unbiblisch ab. Erst Erwachsene mit vollem Verstand dürfen getauft werden. und Kalvinisten hassen sich weit mehr, als sie zusammen die Katholiken; und so wirst du überall finden, daß, je näher sich die Religionssekten verwandt sind, desto heftiger sie sich verfolgen. Die Stadt hat weder eine beträchtliche Handlung, noch einige Manufakturen von Bedeutung. Es war schon einigemal die Rede davon, die Moldau schiffbar zu machen; allein der Hof war bisher nicht geneigt, einen grossen Aufwand für das Publikum zu machen, und ohne schwere Kosten kann das Projekt nicht ausgeführt werden. Bey uns wäre es schon längst geschehen, und wir haben Unternehmungen von der Art ausgeführt, gegen welche diese nur ein Kinderspiel wäre. Offenbar würde Prag viel durch diese Unternehmung gewinnen; allein um die Handlung sehr blühend zu machen, wäre es lange nicht hinlänglich. Der Stolz des Adels, welcher den größten Theil des Nationalvermögens in Händen hat und sich des bürgerlichen Gewerbes schämt, die noch vor 10 bis 15 Jahren üblich gewesene mönchische Erziehung der Jugend in der Stadt, wodurch sie mehr zum frommen Nichtsthun als zur Industrie gebildet ward, und dann die ehemalige Intoleranz der Regierung haben der Handlung und dem Industriegeist Steine in den Weg gelegt, die Joseph mit aller Anstrengung in dieser Generation noch nicht ganz wegwälzen kann. Es ist hier ein Stift von englischen Nonnen, das man aber: zu den Hibernern Hiberner – Hibernia ist der lateinische Name von Irland nennt. Im ganzen katholischen Deutschland findet man englische und schottische Mönche und Nonnen zerstreut. Sie mögen zum Theil zur Zeit der Religionsverfolgungen in Großbrittanien in Deutschland aufgenommen worden seyn; allein die meisten haben nur den Namen noch, und vielleicht viele schon seit Karls des Grossen Zeiten her, wo Großbrittanien die ächten Mustermönche lieferte, und Deutschland damit versah. Ein englisches und schottisches Kloster hieß also hernach in Deutschland eben so viel, als eine schottische Freymäurerloge. Sie waren nur von Engländern nach dem wahren Geist der Möncherey eingerichtet worden. Hier wimmelt es wie zu Wien von jungen Gelehrten, die ihre Zimmer mit Büsten, Medaillons, Silhouetten und Kupferstichen berühmter Männer auszieren, die fliegenden Journale um den Pult herum liegen haben, die Zähne stochern, weder denken noch schreiben und ihren Titel bloß daher haben, daß sie zu keiner der bekannten bürgerlichen Menschenklassen gehören. Einer, der kein Soldat, kein Civilbedienter, kein Professor, kein Geistlicher, kein Kaufmann, kein Fabrikant, kein Handwerker, kein Hausdiener, kein Taglöhner, und – was mag es sonst für Menschenklassen geben? – kein Scharfrichter ist, der heißt hier zu Lande ein Gelehrter, er mag studieren oder nicht. Im gemeinen Verstand ist der Titel bloß negativ – Ich kenne einige positive Gelehrten hier von Verdienst, aber ihre Anzahl ist im Verhältniß zu den Negativen ganz und gar unbedeutend. Das hiesige Frauenzimmer ist schön, artig und gesellig. Man pflegt hier der Liebe mit weniger Zurückhaltung, als zu Wien, weil hier keine Polizeyknechte und keine – Nachtlaternen sind. Man ist des Nachts von den Strassenräuberinnen nicht sicher, die in allen Winkeln auf ihren Feind lauern, den sie aber sehr freundschaftlich behandeln – Liebe ist Krieg, sagt Ovid, Ovid – Publius Ovidius Naso, römischer Dichter, schrieb »Ars amatoria« (Die Liebeskunst), † 18 und diese Mädchen sind die stehenden Miethtruppen des kleinen Gottes, kleiner Gott – Amor, der römische Liebesgott die seine Ehre ritterlich vertheidigen. Aber es sollen hier sehr viele Invaliden und Bleßirten unter dieser Armee sein. Die Todten werden nicht gezählt. Da nun die strenge Bücherzensur aufgehoben ist, so strömt von allen Seiten her Witz und Verstand ins Lande. Die hiesigen Gelehrten lassen sich seit dieser Zeit noch einmal so hoch frisiren, tragen ihre Degen um eine Spanne höher, und gehn nun auf den äussersten Spitzen der Zehen einher. Nun können sie ihre Therese Philosophe, Therese Philosophe usw. – siehe Neun und zwanzigster und Vier und dreißigster Brief ihren Dom Boukre, ihre Pucelle, ihren Grekourt, Wieland u. a. m. um die Hälfte wohlfeiler haben. Nun lohnt sichs doch der Mühe, etwas zu schreiben, sagte mir einer von ihnen, der in seinem Leben noch keinen Versuch mit dem Schreiben gemacht, und dem er auch gewiß sehr übel gelingen würde, wenn er einen machen sollte. Die Herrchen gehn immer schwanger, ohne je entbunden zu werden – Nun rückt das goldne Zeitalter heran, rief ein anderer. Die Morgenröthe des schönen Tages unserer Litteratur vergoldet unsern Horizont. Die Dünste der Dummheit und des Aberglaubens fliehn vor der herannahenden Sonne. Schon erwärmen ihre wohlthätigen Stralen unsere Herzen (und Köpfe, dacht ich). Unser Geist schwingt kühn die Flügel zum hohen Adlerflug. Wir werden alle Nationen weit unter uns zurücklassen« u. s. w. Glück auf die Reise, dacht ich. Es fiel mir der junge Ikarus ein, der auch seine Flügel zum hohen Adlerflug schwung, aber ins Meer purzelte. Die Flügel der hiesigen Gelehrten sind größtentheils auch bloß von Leim und Wachs zusammengepappt. Sie müssen sich erst ein ganz anderes Vehikulum anschaffen, wenn sie andre Nationen einholen wollen – Die Zensur war hierdurch einige Privathändel gegen das Ende noch strenger geworden, als zu Wien. Man nahm hier Bücher weg, die nirgends in der weiten Welt für schädlich wären gehalten worden. – – – – – – – – – – – – – – – – – – Zum Beschluß dieses Briefes, der nun 10 Tage lang auf sein Ende warten mußte, will ich dir eine kurze Nachricht von einem Ausfall gegen das sogenannte Riesengebirge sagen, den ich während dieser Zeit gethan habe. Wir fuhren Post bis Königingrätz. Da nahmen wir Pferde und ritten einige Tage lang um Jaromirs, Neustadt, Nachod, Braunau u. s. w. bis an die slesische Gränze herum, um die Lager und Märsche des Feldzuges vor 2 Jahren zu beschauen, und einige Prälaturen, worin meine Gefährten Freunde hatten, zu brandschatzen. Wir hatten einen Kapitän bey uns, der zu beyden Expeditionen unser Anführer war und sich waker hielt. Die Lager und Märsche interessirten mich nicht sehr, weil so wenig dadurch entschieden worden; aber desto besser gefielen mir die Einfälle in die Klöster. Es war mir nicht um die vollen Schüsseln und vollen Krüge zu thun, womit uns der Feind begrüßte. Die Hauptsache für mich war, die Art und Weise der böhmischen Mönche auf dem Lande kennen zu lernen. Das sind die ausgemachte Epikuräer, Epikuräer – Epikureer: Anhänger der Philosophie Epikur, heute meist in mißverstandener Bedeutung Bezeichnung für einen Genußmenschen Bruder, besonders die reglierten regliert – nach der Ordensregel lebend Korherren, die wir in einigen Gegenden besuchten. Zur Fülle aller irdischen Wohllust fehlt ihnen in den Mauern ihres Heiligthums nichts, als ein Nonnenkloster von den Mädchen, die bey Nacht zu Prag sub jove pluvio, in triviis et quad iviis sub jove pluvio ... – bei Wind und Wetter, auf Straßen und Plätzen ihre Andacht verrichten. Ich wüßte wahrlich kein bessers Mittel diese armen Geschöpfe zu versorgen, und die Strassen der Stadt sicher zu machen, als wenn man sie in die Klöster des Landes vertheilte. Diese Mädchen und Mönche sind wie für einander geschaffen, und sie verfehlen alle ihren Beruf, wenn sie getrennt bleiben. Die Landdamen würden wohl etwas dagegen einzuwenden haben, und vielleicht die Landjunker und Beamten selbst, die ihre Familien nicht gerne aussterben lassen, und doch die schwere Arbeit nicht selbst verrichten können. Allein, die Bauern und Handwerker in den Gegenden der Klöster, die ihre Weiber als ihr Eigenthum betrachten, würden desto besser mit dieser Einrichtung zufrieden seyn. Die Mönche und Halbmönche ziehn auf den Dörfern, die ihnen zugehören, und deren Einwohner ihre Leibeigenen sind, als Pfarrer, Jäger u. s. w. umher, und ich glaube sie üben noch das Recht des Prälibats Prälibat – das Recht der ersten Nacht aus, kraft dessen, wie bekannt, in alten Zeiten dem Herrn alle Jungferschaften seiner Leibeignen Unterthanen zugehörten, und kein Knecht heyrathen dorfte, wenn er nicht die Brautnacht an seine Obrigkeit abtrat. Auf allen Dörfern ihres Bezirkes fanden wir einen von ihnen oder auch zwey, die sich gar keine Mühe gaben zu verbergen, daß sie zu den lustigen Brüdern gehören. Wenn man sich sehr erbauen will, so muß man sich mit ihren eignen Beamten bekannt machen, die gewiß die artigsten Anekdoten zur skandalösen Kronik beytragen könnten. In einigen Klöstern fanden wir auch Sängerinnen. Das Leben der reglirten Chorherren und auch der Benediktiner, deren Abt oder Prälat den Freuden der Welt noch nicht entsagt hat, oder hat entsagen müssen, und also kein Sauertopf ist, ist Ein Schmauß, der nur von Spatziergängen, Expeditionen hinter den Bettgardinen, und einem gewissen Rülpsen in der Kirche unterbrochen wird. Das Singen in der Kirche brauchen sie als eine Art von Kur, um den Schleim von der Brust zu bringen. Ich sah sie an einem Fasttag so viel Eyer, Käse und Butter essen, daß ich einem meine Sorgfalt für seinen Magen äusserte, und ihn vor einer Verschleimung warnte. Sorgen Sie nicht, sagte er, das bringen wir alles wieder durch den Kor von der Brust. Meine Gesellschaft wollte mir einen sehr sonderbaren Naturauftritt zeigen, und wir nahmen in dieser Absicht den Weg nach Trautenau. Nicht gar eine Stunde von diesem Städtchen both sich unsern Augen der seltsamste Anblick dar, den man sich denken kann. Nahe bey einem Dorf, dessen Namen ich vergessen, erblickten wir einen ungeheuern Haufen Thürme, die an manchen Orten in regelmäßigen Reihen, meistens aber auf eine sonderbare Art zerstreut da stunden. Wir giengen fast eine Viertelstund lang wie in einem Labyrinth zwischen denselben umher, und ich konnte nicht genug staunen. Die meisten sind 60 bis 70 Fuß hoch, und viele auch gegen 100 bis 150. Von der Seite betrachtet bilden ihre Spitze eine Wogen=Linie, wie der Rücken eines Berges, der sich bald senkt und bald erhebt. Sie sind alle aus einem Stück harten Felsensteines, und würden Herrn Buffon viel zu denken machen. Die Natur hat sie größtentheils in mehr oder weniger regelmäßige Vierecke gehauen. Man hält sie gemeiniglich für das Gerippe eines Berges, zwischen welchem das Wasser die Erde weggespült hat. Die Idee scheint viel Beyfall zu verdienen; allein wenn sie wahr ist, und andere Berge auch ein solches Gerippe haben, dann sieht es um Buffons Felsensystem mißlich aus; denn bekanntlich denkt er sich die Masse der eigentlichen Urfelsen, woraus diese Thürme bestehn, als einen zusammenhängenden unförmlichen Körper, in dessen Vertiefungen, oder Runzeln, Sand, Kalch, Erde u. s. w. angeschwemmt liegen, und mehr oder weniger verhärtet sind. Von da setzten wir unsern Weg nach Freyheit fort, und begannen das eigentliche Riesengebirge zu besteigen, wovon in ganz Böhmen viel Lärmen gemacht wird, welches aber im Vergleich mit den savoyischen und helvetischen Alpen und mit dem tyrolischen, salzburgischen und steiermarkischen Gebirge immer nur ein Zwerggebirge heissen könnte. Wir erstiegen die sogenannte Schneekoppe oder das Schneehaupt, welches der höchste Gipfel dieses Gebirges ist. Seine Höhe wird von einigen auf mehr als 20.000 Fuß angegeben, ich getraue mir aber zu wetten, daß sie keine 8.000 beträgt. Schneekoppe – die Höhe des Berges beträgt 1602 m, also etwa 5000 Fuß Der Gotthardt in der Schweitz ist bey weitem noch keiner der höchsten Berge in der grossen Alpenreihe: Seine Erhöhung über das mittelländische Meer beträgt nicht viel über 13.000 Fuß, und doch hat er ewiges Eis und ewigen Schnee, da wir hingegen hier keine Spur von Eis oder Schnee sahen, und der hohe Sommer doch noch ziemlich entfernt ist. Wir brauchten nicht viel über 3 Stunden, um seine höchste Spitze vom Fuß auf zu ersteigen. Die Aussicht über den grossen Berghaufen zu unsern Füssen, und in Slesien und Böhmen war unbegränzt und entzückend. Sein kahler Felsengipfel bildet eine ansehnliche Ebene, worauf eine Kapelle steht, die von frommen Leuthen einigemal im Jahr besucht wird. Die Leuthe, die von diesem Berge etwas entfernt wohnen, halten es für eine Art von Wunder, wenn jemand den Gipfel desselben besteigt, und doch war ich in Deutschland selbst auf Gipfeln, die von ihrem Fuß an gerechnet, wenigstens um ein Drittheil, und nach dem Verhältniß ihrer Erhöhung über die Meerfläche fast noch einmal so hoch waren, als diese sogenannte Schneekoppe. So sehr ich mich auch betrogen fand, da ich anstatt der erwarteten Riesen nur Berge von mittlerer Höhe sah, so bin ich doch mit dieser Reise ungemein zufrieden. Wir sahen die romantischesten Landschaften, die man sich denken kann, besonders waren einige Thäler unweit der Schneekoppe im mahlerischen Betracht sehr merkwürdig. Die meisten Berge sind über und über mit mannichfaltigem Gehölze bedekt, und nur hie und da ragt ein kahler Gipfel darüber empor. Die stark bewässerten Thäler sind gut angebaut, und die Einwohner scheinen in bessern Umständen zu seyn als die im flachen Lande von Böhmen.