Johann Kaspar Riesbeck Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder – Band 2 Ein und vierzigster Brief. Dresden – Ich bin auf einmal in einer ganz neuen Welt, Bruder! So wie man über der böhmischen Gränze ist, erblickt man ein ganz anders Erdreich, einen andern Anbau, andre Leute, und hört eine ganz andre Sprache. Zum erstenmal hört' ich nun das gemeine Volk verständig deutsch sprechen; denn durch ganz Schwaben, Bayern und Oestreich spricht man ein Jargon, das Einer, der das Deutsche von einem Sprachmeister gelernt hat, ohne besondre Uebung unmöglich verstehen kann. Nun bin ich erst in dem eigentlichen Deutschland. Nur ein kleiner Strich von dem Theil des deutschen Reiches, den ich bisher gesehn, nämlich der nördliche zwischen der Donau und dem Rhein in Schwaben, gehört zu dem alten Germanien, dessen Bewohner den Römern so förchterlich waren. Das übrige war alles nur erobertes Land, und hieß Vindelicien Vindelicien – das Land der keltischen Vindeliker zwischen Alpen und Donau , Rhätien Rhätien – Rätien: ehemals von den Rätern bewohnte Alpenlandschft, in der Römerzeit das Gebiet um Chur, Augsburg, Kempten, Bregenz und Regensburg und Pannonien Pannonien – römische Provinz zwischen Ostalpen, Donau und Save . Um die Zeiten Pipins und Karls des Grossen waren aber auch hier die Gränzen Deutschlands beschränkt. Die Slaven hatten zuvor die Burgunder, Schwaben und andre deutsche Völker über die Elbe getrieben, und sich ihrer Wohnsitze bemächtigt, so wie diese dann den Theil der alten Germaner, die an den Ufern des Mayns und Rheins wohnten, nach Gallien trieben. Es war, als wenn damals die Völker eine Reihe Kugeln gewesen wären, die von Osten her einen Stoß bekamen und wo immer eine die andre in gerader Linie forttrieb – In der neuern Geschichte, nämlich seit Luthers Zeiten, war Sachsen immer in jedem Betracht eine der vornehmsten Provinzen Deutschlands. In Rücksicht auf Literatur waren die Sachsen für die übrigen Deutschen das, was vor einigen Jahrhunderten die Florentiner für die andern Völkerschaften Italiens waren – Doch ich bin zu voreilig. Alles das sollst du zu seiner Zeit umständlicher erfahren. Ich muß dir erst sagen, wie ich hieher gekommen bin und wie das Land aussah, durch welches ich kam. Der Theil von Böhmen, durch welchen unser Weg hieher gieng, sieht ungleich schöner und reicher aus als der zwischen Prag und Oestreich. Der Anbau ist, so wie das Land selbst, mannichfaltiger, die Menschen wohnen näher beysammen, und scheinen geselliger zu seyn. Hügel, Berge, Ebenen und Thäler wechseln auf eine reitzende Art mit einander ab, und der Weinstock, der jenseits Prag gar nicht zu sehen ist, bedeckt hier häufig die Abhänge der Berge. Wir sahen die waldigten Gipfel des sogenannten Erzgebirges, dessen höchster Rücken die Gränze zwischen Sachsen und Böhmen ist. Diese Berge sind auch nur von mittlerer Höhe, und machen durch ihre Grösse bloß deswegen einiges Aufsehen, weil von hier bis an die Mündung der Elbe und der Ostsee hin kein erhebliches Gebirge ist. Die Leute, welche aus diesem niedrigen und ebenen Lande heraufkommen, und hier zum erstenmal ein Gebirge erblicken, welches dieses Namens würdig ist, erheben ein großes Geschrey, und glauben die Grundsäulen des Himmels gesehen zu haben, so wie das Riesengebirge auch seinen Ruhm bloß dem kleinen Maaßstab zu verdanken hat, den die Leute, welche es in Ruf gebracht, von Gebirgen überhaupt hatten. In alten Zeiten machte man es mit dem Atlas, Olymp, Athos Athos – der höchste Berg der Ägäis , Parnaß Parnaß – Berg in Griechenland bei Delphi und andern Bergen ebenso. Moore will auf diesem Weg, den ich hieher gemacht habe, eine grosse Verschiedenheit der Fruchtbarkeit zwischen dem sächsischen und böhmischen Boden zum Vortheil des erstern bemerkt haben; allein ich fand grade das Gegentheil. Zuverläßig ist das Erdreich von Böhmen von Natur ergiebiger als jenes von Sachsen, wie denn dieses Land auch seinen beträchtlichen Theil seiner ersten Bedürfnisse aus jenem bezieht. Vorzüglich fruchtbar ist der Leutmeritzer Kreis, wodurch dieser Weg geht, und mit welchem sich der angränzende Theil von Sachsen gar nicht vergleichen läßt; aber der fleißigere Anbau ist auffallend, sobald man den Fuß auf sächsischen Grund und Boden gesetzt hat. Man wird gar bald überzeugt, daß die Verfassung dieses Landes dem Feldbau und Fleiß überhaupt günstiger ist, als jene von Böhmen. Der Bauer verräth in der Bebauung seiner Felder mehr Ueberlegung und Verstand als der Böhme, und sein ganzes Aeusseres bezeugt, daß er kein Sklave ist. Dresden hat eine stolze Lage, und beherrscht auf allen Seiten eine vortrefliche Aussicht. Sie ist ohne Vergleich die schönste Stadt, die ich noch in Deutschland gesehen. Die Bauart der Häuser hat viel mehr Geschmack, als die von Wien. Auf der langen und prächtigen Elbbrücke ist die Aussicht bezaubernd. Der Fluß, welcher bis auf einige Entfernung von der Stadt sehr eingeschränkt war, fängt sich an merklich auszubreiten, und ist hier schon ein mächtiger Strom, welcher der Pracht der Stadt und Landschaft entspricht. Das Gebürge gegen die Lausnitz zu bietet einen majestätischen Anblick dar, und die theils wilden, theils mit Weinreben bepflanzten Berge längst dem Fluß hinab bilden ein ungemein schönes Perspektiv. Die Sitten und die Art der hiesigen Leute sticht mit den Deutschen, die ich bisher gesehen, noch stärker ab, als die Schönheit der hiesigen Strassen, und der Geschmack der Gebäude mit den Städten in Schwaben, Bayern, Oestreich und Böhmen. Ein ungemein schöner Wuchs, sprechendere Gesichtszüge, eine gewisse Ründung und Leichtigkeit der Bewegungen, eine zuvorkommende Höflichkeit, eine durchaus, bis auf die untersten Volksklassen herrschende Reinlichkeit, und ein gewisses gesprächiges, zudringliches und einnehmendes Wesen muß jedem, der auf meinem Weg hieher kömmt, an den hiesigen Einwohnern stark auffallen. Es war ein unglücklicher Einfall, diese schöne Stadt zu befestigen, und unbegreiflich ist es, daß man, anstatt die Vestungswerke sobald als möglich zu schleifen, sie noch verbessern will. So ausgesetzt wie das Land ist, und in seinen itzigen Umständen, wo es sich in keine Fassung setzen kann, um in einer Fehde zwischen Oestreich und Preussen die Neutralität zu behaupten, ist diese Stadt mehr als irgendeine in Gefahr verwüstet zu werden. Das Andenken der Verwüstungen von 1758 und 1760 Verwüstungen 1758 ... – Beschießung und Besetzung Dresdens im Siebenjährigen Krieg ist noch frisch genug, um der Regierung zur Warnung zu dienen. Die Stadt scheint nach der Grösse ihres Umfanges nicht sehr bevölkert zu seyn. Man schätzt die Anzahl der Einwohner auf 50.000. So viel ist gewiß, daß sie seit dem Ausbruch des letzten Schlesischen Kriegs und dem Tod Augusts des Dritten August III. – Kurfürst von Sachsen, † 1763 fast einen Drittheil ihrer Einwohner verloren hat. Die Fremden und Einheimischen, welche die Stadt vor dieser Epoche kannten, wissen von der Abnahme derselben nicht genug zu erzählen. Die Kriegsverheerungen haben zu dieser Veränderung lang nicht soviel beygetragen, als die Sparsamkeit des Hofes, welche auf eine grosse Verschwendung desselben erfolgte. Unter dem letztern Kurfürsten war der hiesige Hof vielleicht der glänzendste in Europa. Man rechnet, daß bloß die Hofmusik, die Oper und das Ballet den Kurfürsten fährlich im Durchschnitt gegen 300.000 Gulden sächsisch, oder über 780.000 Livres gekostet haben. Seine Tafeln, Jagden, Ställe u. s. w. entsprachen vollkommen diesem Aufwand. Aus allen Ländern strömten Fremde hieher, um all die Herrlichkeit mitzugeniessen. Dresden war in Norden der Mittelpunkt des Geschmacks und der feinen Lebensart. Das zahlreiche Gefolge des Hofes und der vielen Fremden machten den Umlauf des Geldes, die Künste und alles Gewerbe lebhaft. Unterdessen häuften sich die Schulden, wodurch sich aber der Kurfürst so wenig irre machen ließ, daß, als er in einer gewissen Oper das schöne Opferfeuer vermißt, welches sonst in einem Tempel zu brennen pflegte und mehrere hundert Thaler kostete, und ihm der Intendant sagte, die heidnische Gottheit müßte sich für dießmal mit einem Feuer für 20 bis 30 Gulden begnügen, weil kein Geld mehr in der Kasse sey, er doch den strengsten Befehl gab, daß bey der nächsten Aufführung dieser Oper wieder wie zuvor die vielen hundert Taler verbrennt werden sollten. Ein Hof, der auf diesen Ton gestimmt ist, hat selten gute Staats= und Verwaltungsgrundsätze. Die Minister werden, wie der Fürst selbst, von eitelm Glanz geblendet; wollen sich in der Welt eine bedeutende Miene geben; lassen sich in Unternehmungen ein, denen die durch die Verschwendung geschwächten Kräfte des Landes nicht gewachsen sind. Sie sind in einem gewissen Schwindel Schwindel – Taumel , worin sie weder ihre eigne Lage, noch jene der andern Mächte, mit welchen sie in Kollision kommen, genau ins Auge fassen können. Durch die allgemeine Verschwendung werden Untreue, Bestechung, Verrath und alle Laster begünstigt. Die wichtigsten Stellen werden erkauft, erschmeichelt, erh*rt. Dieser wird geheimer Staatsrath, weil er schön tanzt, und jener General, weil er die Flöte gut blaset. Das Verdienst wird unter dem Unterrock abgemessen, und die ganze Politik eines solchen Hofes ist gemeiniglich in der Sphäre eingeschlossen, welche die schöne Göttin zu Florenz Göttin zu Florenz – die Venus von Medici mit der einen Hand bedeckt. Man ist einig, daß der König für seine Person nicht so sehr die Wollust als die Pracht geliebt; allein die skandalöse Kronik seiner Hofleute übertrift vielleicht alles, was man von der Art kennt, und wenigstens hat er durch seine Prachtliebe die Ausschweifungen seiner Untergebenen begünstigt. In der Trunkenheit der Wollust ließ sich das Ministerium in einen Plan ein, von dem es kein Ende absehn konnte und worinn es sich nothwendig der Diskretion mächtigerer Höfe überlassen mußte, mit denen es sich gegen einen gefährlichen Nachbar verband. Vielleicht war dieß eine der unpolitischesten unpolitisch – unklug Verbindungen, welche die Geschichte kennt. Man nahm die Parthey von Rußland, welches für Polen so förchterlich war, schlug sich zu Oestreich, welches ohnehin ein mächtigerer Nachbar war als Preussen, und wollte diesen Hof entkräften, der doch ganz allein im Stand war, das Gleichgewicht in Deutschland zu erhalten. Man verstieß sich also auf drey Seiten gegen die erste Staatsmaxim eines Hofes, der im Gedränge andrer ist, nämlich nie die Parthey des Stärkern, sondern allzeit jene des Schwächern zu nehmen. Doch man konnte damals nichts vernünftiges von dem hiesigen Ministerium erwarten. Mitten in dem Taumel überfiel der König von Preussen das Land, wie Karl der Zwölfte Karl XII. – König von Schweden, eroberte im Großen Nordischen Krieg 1702 Warschau und Krakau, † 1718 Polen unter August dem Zweiten August II. – sächsischer Kurfürst, König von Polen, auch August der Starke genannt, † 1733 . Die Armee, womit man so grosse Dinge thun wollte, 14.000 Mann stark, ergab sich, ohne einen Schuß zu thun. Es sollen bey derselben einige Obristen Kastraten Kastrat – Sänger mit besonders hoher Stimme gewesen seyn. Die derben Schläge des Königs von Preussen weckten sie nach und nach aus dem Schlaf auf. Die ganze Herrlichkeit, nur das ausgenommen, was die Minister zuvor für sich eingesteckt hatten, war wie weggeblasen. Nun ertönte ein Konzert von Schuldfoderungen, Brandschatzungen, Lieferungen u. dgl. m. welches mit dem Bachanalgetöse Bachanal – bachantisch: ausgelassen, überschäumend kurz zuvor einen schauerlichen Mißton machte. Alle Welt hielt das Land für verloren, und es wäre auch nicht zu retten gewesen, wenn nicht der unbeschreiblich thätige Geist der Nation seine Zuflucht zur Sparsamkeit und Industrie genommen hätte, und nicht eben so nüchterne und patriotische Minister ans Ruder gekommen wären, als trunken und feil die vorhergehenden waren. In einem meiner folgenden Briefe werd' ich dir von dem ietzigen Zustand des Landes umständlichere Nachricht geben. Eine von den Merkwürdigkeiten, wovon man hier am meisten Lärmen macht, ist das sogenannte grüne Gewölbe im kurfürstlichen Schloß, oder die eigentliche Schatzkammer. Einige wollten wissen, man habe Bedenklichkeiten, sie den Fremden zu zeigen, weil einige von den vielen Stücken, die im letzten slesischen Krieg in Holland versetzt worden, noch nicht eingelöset wären; allein man machte uns (ich war in Gesellschaft zwey rußischer Edelleute) nicht die geringste Schwierigkeit, und der Mann, welcher sie uns zeigte, versicherte, daß alles wieder eingelöset sey. Die Sammlung ist immer sehr merkwürdig; ich glaube aber, die Schätze an den Höfen zu Wien und München geben ihr wenig nach, und ich müßte mich sehr betrügen, wenn nicht die Schätze einiger Dohmkirchen, die ich gesehn, ihr die Waage halten sollten – Die Gemähldegalerie, die Sammlungen von Antiken Antiken – antike Standbilder und Kopien davon , Kupferstichen und Naturalien Naturalien – naturwissenschaftliche Exponate wie Gesteine, Versteinerungen, Tierpräpatate usw. sind in meinen Augen ungleich merkwürdiger als das berüchtigte grüne Gewölbe, wie dann die Gemähldegalerie unter die allerersten in Europa gehört. Sie zählt ohne die Pastellmahlereien beynahe 1.200 Stücke. In derselben ist die Geburt des Heilandes von Korreggio Korreccio – Corregio, ital. Maler, † 1534 , welche man schlechthin die Nacht nennt und für die beste Arbeit dieses Meisters hält, das merkwürdigste Stück. Es soll über eine halbe Million Livres gekostet haben. Einige ziehen ihm den heiligen Georg, auch von Korreggio, noch vor. Dieses Stück sollte eigentlich Maria heissen, denn die heilige Jungfrau ist die Hauptfigur, und der heilige Georg steht neben andern Heiligen neben ihr – Von Karacci Karacci – Annibale Carraccio – ital. Maler, † 1609 hat die Galerie kostbare Werke und sein bestes Stuck. Es ist ein heiliger Rochus, der Allmosen giebt. In Italien ist dieß Stück unter dem Namen Opera dell' Elemosina bekannt. Zwey und vierzigster Brief. Dresden – Je länger ich hier bin, Bruder, desto mehr glaube ich in meinem Vaterlande zu seyn. Die Sitten der hiesigen Einwohner, ihre Lebensart, ihre Geberden, Vergnügungen, der Ton ihrer Gesellschaften, kurz alles versetzt mich nach Haus. Ich wünsche nur, daß unsre Damen, Fräulein und Mädchen auch so schön und frisch wären als die hiesigen – Ich erinnere mich, daß eine Oestreicherin, als einige Herren in einer Gesellschaft den Sächsinnen eine große Lobrede hielten, denselben zur Antwort gab: Gebt uns nur so schöne und artige Männer, als die Sachsen sind, und dann laßt uns für das Uebrige sorgen. Mit dem Essen und Trinken sieht es hier nicht so gut aus, als in Süddeutschland. In diesem Punkt ist der Kontrast zwischen den Sachsen und den übrigen Deutschen, die ich bisher gesehen, so groß, daß man zu den Antipoden Antipoden – Gegenfüßler, die auf der anderen Halbkugel leben der letztern gekommen zu seyn glaubt. Die Brühen sind hier so dünne, man hat so oft kalte und immer so schmale Küche, daß ich glaube, ein Wiener könne es hier in einem mittelmäßigen Haus nicht 4 Wochen aushalten. Ich hatte schon mehr als eine Gelegenheit zu bemerken, daß auch in den vornehmen Häusern eine Kärglichkeit in Rücksicht auf Küche und Keller herrscht, die man in Oestreich und Bayern für eine Entehrung halten würde. Diese strenge Oekonomie erstreckt sich über alles, was zum innern Hauswesen gehört, und ich habe noch keine andre Art von grossem Luxus bemerken können, als die Kleidungen, worin der Aufwand im ganzen noch grösser seyn mag als in Süddeutschland. Alle vom Mittelstand, Frauen und Männer, sind hier nach der Mode gekleidet, und sie herrscht auch unter einem ansehnlichen Theil der untern Klasse, da hingegen zu Wien, München u. a. Orten sich bis tief in den Mittelstand hinauf noch eine gewisse Nationaltracht erhält – Ich wohne bey einem Uhrmacher, dessen 2 Töchter ihre vollständige Toilette haben, und täglich koeffiert koeffiert – frisiert werden; dagegen nehmen sie öfters Abends mit einer Butterschnitte, und allenfalls einem dünnen Schnittchen Schinken dazu vorlieb, welches Essen zusammen mir anfangs sehr auffiel – Es sind vielleicht keine 3 adelige Häuser hier, die 20 Pferde im Stall haben, und die Portiers, Kammerdiener u. dgl. m., die zu Wien eine so grosse Anzahl ausmachen, sind hier ziemlich selten. Man giebt wohl einem der Laquayen, so wie auch zu Paris Sitte ist, den Titel eines Kammerdieners; allein ein Kammerdiener zu Wien hat wenigstens noch einmal soviel Gehalt als ein hiesiger, obschon in Wien viel wohlfeiler zu leben ist – Hier schämen sich die gnädigen Frauen nicht, sich in der Küche umzusehn, den Bedienten die Lichter, auch die Strümpfchen der Lichter vorzuzählen und auszurechnen wie lange sie brennen müssen. Kurz, die Kleidungen ausgenommen, ist hier alles nach der strengsten Oekonomie abgemessen. Es sind auch der reichen Häuser hier sehr wenige. Kaum einer vom inländischen Adel hat über 30.000 Gulden Einkünfte, und die meisten der vornehmsten Häuser stehen zwischen 10 und 15 tausend Gulden. Die Bürgerlichen klagen durchaus über Mangel an Geld, Theurung und geringen Verdienst. In Rücksicht auf den Zustand der Stadt, wie er unter dem letztern Kurfürsten war, mögen sie wohl Ursache zu klagen haben; allein ich hab noch keine Stadt in Deutschland gesehn, wo durchaus soviel Wohlstand herrschte wie hier. Man sieht eben so wenig Armuth, als übermäßigen Reichthum. Das Geld, welches im Umlauf ist, wird größtentheils durch bürgerliche Industrie in Bewegung gesetzt, und in diesem Betracht sticht Dresden mit München und andern Städten Deutschlands, die bloß vom Hof und der Schwelgerey des Adels ihre Nahrung ziehn, stärker ab, als in irgend einer andern Rücksicht. In dieser einzigen Stadt sind ungleich mehr Fabrikanten und nützliche Künstler, als in ganz Bayern. Man verfertigt hier eine große Menge Rasche Rasche – Ras de Cesille, ein nur aus zwei Farben gewebter Stoff , Sarsche Sarsche – 5- bis 7bündiges Atlasgewebe für Möbelbezüge , Seiden= und Leinenzeuge, Tücher u. dgl. m. und treibt damit einen ausgebreiteten Handel durch ganz Deutschland. Eben deswegen, weil das Geld meistentheils durch Arbeit gewonnen wird, geht man sparsam damit um. Der Zustand, worin die Stadt unter dem letzten Kurfürsten war, ist eben nicht der gesündeste. Er gleicht dem Zustand eines Körpers, der zu viel Nahrung und keine Bewegung hat, um die Säfte in alle die gehörigen Kanäle zu vertheilen, und so leicht zu machen, daß keine Stockung entstehn kann. Einsichtige Bürger von hier, mit denen ich über diesen Punkt geredet, mußten gestehn, daß zu der Zeit, als der Hof in seinem größten Glanz war, unter einem gewissen Theil der Einwohner ungleich mehr drückende Armuth herrschte, als iezt. Die Verschwendung der Grossen hatte auch die Kleinern angestekt, und die Leichtigkeit des Verdienstes verringerte den Werth des Geldes in den Augen des Besitzers. Ein grosser Theil desselben strömte den Fremden zu, ohne erst durch eine beträchtliche Anzahl hiesiger Hände zu laufen. Schmeichler, Kuppler, Huren, Projektmacher, Tänzer, Sänger u. dgl. m. theilten die Beute des Hofes unter sich, schleppten den größten Theil davon aus dem Lande. Nur die, welche dem Hof nahe waren, genossen etwas beträchtliches von dem Aufwand. Das übrige verlor sich unter den grossen Haufen in so unzäligen und engen Kanälchen, daß mancher gar nichts davon empfand. Man sieht zu München offenbar, wie wenig auch der ungeheuerste Aufwand des Hofes für Pracht und Vergnügen die Einwohner der Residenzstadt wohlhabend und wahrhaft glücklich machen kann. Ich glaube gerne, daß es hier jetzt trauriger aussieht als vormals. Es ist auch sichtbar genug, daß der gute Humor und die Munterkeit, welche die Natur diesem Volk gegeben hat, öfters von einem gewissen Trübsinn umwölkt wird, der meistens durch die angewöhnte Sparsamkeit und den angestrengten Gewerbgeist verursacht wird. Ohne Zweifel hat man es dieser Bedächtlichkeit zu verdanken, daß man hier mehr wahres Vergnügen genießt, als in irgend einer andern Stadt Deutschlands, die ich gesehn. Der grosse Haufen zu Wien, München u. s. w. kennt keine andere Wohllust, als sich den Bauch zu füllen, sich von dem Unsinn eines Harlekins kitzeln zu lassen, und zu kegeln. Alle öffentlichen Gärten in den Wirtshäusern zu Wien sind zu Kegelbanen angelegt, und ich erinnere mich in einem einzigen Garten dieser Art gegen 30 Bahnen gezählt zu haben. Hier weiß man aber das Vergnügen des Umgangs, der Freundschaft und Liebe zu schmecken. Man macht, wie bey uns, kleine Parthien auf das Land, und hat Gefühl für die mannichfaltigen Schönheiten der Natur. Auch unter dem Mittelstand herrscht Geschmack an Kunstsachen, und die Lekture ist fast allgemein. Diese ist nicht wie in Süddeutschland bloß auf Komödien und fade Romanen eingeschränkt, sondern erstrekt sich auch über gute moralische, historische und andre Bücher von höherm Werth. Der Adel hält sich hier sogar für seine Gesellschaften einen eignen Leser Leser – Vorleser . Ich glaube hier schon bestätigen zu können, was Pilati über den Unterschied der katholischen und protestantischen Deutschen sagt, nämlich daß bey diesen ein Junge von 20 Jahren mehr weiß, als bey jenen mancher alte Gelehrte. Wenigstens ist mir hier der Unterschied so stark aufgefallen, daß ich glaubte, über die Pyrenäen aus Spanien nach Frankreich gekommen zu seyn. Was man zu Wien in der Normalschule mit soviel Geklatsche erst in Aufnahme zu bringen sucht, das scheint hier schon vor einigen Menschenaltern gethan worden zu sein. Ich besuchte vor wenig Tagen eine Landschule unweit der Stadt, und fand ungleich mehr Ordnung und wahren Unterricht, als in der besten Schule zu Wien. Die gemeinsten Leute verrathen durchaus ungemein viel Kenntniß von den Dingen, die zur bürgerlichen Gesellschaft und zum sittlichen Leben gehören, dahingegen ein gemeiner Bürger in Süddeutschland, einige kleine Striche in Schwaben ausgenommen, in seinem eignen Zirkel fremd ist, und nichts denkt, als wie er die Woche durch so viel Geld zusammenbringe, daß er am Sonntag schmaussen könne. Zwischen dem Frauenzimmer ist der Abstich noch stärker, als zwischen den Mannsleuten. Bey einer Schönen in Deutschland hast du nichts zu thun, als die Bettvorhänge auf und zu zuziehn. Das Geschäfte ist so kurz, und so ganz ohne Vor= und Nachgeschmak, daß ich in diesem Punkt ein Kyniker geworden wäre, wenn ich länger unter diesen Waldnymphen hätte bleiben müssen. Für mich hat keine andre Liebe einigen Reitz, als die zwischen der saunischen und platonischen platonische Liebe – eine Liebe auf geistiger Ebene, in Freundschaft und Verbundenheit schwebt, und die Vater Ovid lehrt. Man heisse es Koqueterie, Ziererey, Affektation oder wie man sonst will – Die sogenannten natürlichen Mädchen sind meine Sache nicht. Ich halte es mit Montagne, der die Venus auch nicht anderst als in Gesellschaft der Musen und Grazien willkommen hieß, und die köstlichsten Augenblike für mich sind die, wo das Fleisch den Geist noch nicht ganz überwältigt hat, sondern noch eine Art von Lustkampf unter ihnen obwaltet. Das hiesige Frauenzimmer ist ganz dazu gemacht, die körperliche und geistliche Wollust zusammenzuschmelzen, und den Eckel zu verbannen, der den bloß sinnlichen Genuß zu begleiten pflegt. Es hat nicht nur die Kenntnisse, die unmittelbar dazu beytragen, seine natürlichen Reitze zu erhöhen, sondern auch sehr viel allgemeine Weltkenntniß, und was noch viel mehr ist, schöne Sitten – Mit Ekel erinnere ich mich eines Auftrittes zu Wien, wo ich einen Bekannten theils aus Gefälligkeit, theils um die Wirkungen der Keuschheitskommißion zu sehn, an einen gewissen Ort begleitete. Ich war keine Minute da, so floh ich, was ich fliehen konnte. Die Yahoo, welche Gullivern bey den Houyhnhnms Yahoo ... – eine Episode aus »Gullivers Reisen« von Jonathan Swift. Die Houyhnhnms sind rational agierenden Pferden, die menschenähnliche Yahoos als Haustiere halten. im Bad anfiel, kann keinen so grossen Abscheu in ihm erregt haben, als ich über dem Anblik und dem Betragen dieser Kreaturen empfand – Die Treue der hiesigen Weiber ist nicht so schwankend, als jener zu Wien, und mit grossem Vergnügen lernte ich hier verschiedene Muster von guten Gattinnen und Müttern kennen. Das Verdienst ist um so grösser, da der Umgang ganz frey ist. Uebrigens fehlt es an öffentlichen Gemeinplätzen der Wollust nicht. Hier gibt es wahre Ideale von Schönheiten. Schlank von Wuchs, frisch von Fleisch und Farbe, rund von Knochen und lebhaft in Gebehrden hüpfen dir die Mädchen daher, wie die jungen Rehen, um mit Salomon Salomon – altjüdischer König im 1. Buch der Könige, ihm wird das Hohelied Salomons (Liebeslieder) zugeschrieben zu sprechen, an den ich dich überhaupt verwiesen haben will, um dir von den übrigen Reitzen dieser Mädchen und dem Eindruk, den sie machen müssen, durch Gleichnisse eine Vorstellung machen zu können; denn ich bin wirklich nicht dazu aufgelegt, dir ein dichterisches Gemählde davon zu geben, ob ich schon noch kein Frauenzimmer gesehen habe, das mich so leicht zu einem hohen Lied entzüken könnte als das hiesige – Es scheint aber geschwinde zu verblühen, denn ich sah wenig Weiber von 30 Jahren, an denen nicht die Spuren des Verwelkens sichtbar waren. Das heftige Temperament mag viel dazu beytragen, vielleicht aber noch mehr die schlechten Nahrungsmittel verbunden mit der Sorge für das Hauswesen – Die Bayerinnen mögen die Sächsinnen vielleicht in Qualität des Fleisches übertreffen; allein diese sind ungleich schöner von Bau, und ihre Gesichtszüge sind interessanter. Mit den Schauspielen verhält es sich hier, wie mit allen öffentlichen Belustigungen, die einen Aufwand erfodern. Die Einwohner sind zu sparsam, als daß sie ein Vergnügen bezahlen sollten, welches ihnen der Hof ehedem umsonst gab, und dessen Mangel sie sich durch eine gesellschaftliche Unterhaltung zu Haus leicht ersetzen können. Vor einigen Jahren war eine der besten und vielleicht die erste Schauspielergesellschaft von Deutschland hier. Der Prinzipal, Herr Seiler Seiler – Abel Seyler, Schauspieler und Theaterdirektor, war an der Gründung der Nationaltheater in Hamburg und Mannheim beteiligt. Er hat Verdienste für Shakespeares Schauspiele. , hatte kein vestes Engagement, besuchte bald die Messen zu Leipzig, bald andre benachbarte Städte, beschrieb sich Leute aus der ganzen Welt zusammen, so daß seine Gesellschaft gegen das Ende etliche und siebenzig Personen stark war, und gab für einen wandernden Theaterentrepreneur Entrepreneur – Theateragent ungeheure Gagen, wie er denn eine der ersten Sängerinnen Deutschlands, Madame Hellmuth, welche izt erste Hofsängerin zu Mainz ist, mit 2.000 Thalern, oder mehr dann 7.800 Livres bezahlte. Dem ungeachtet hätte er diesen Aufwand leicht bestreiten können, wenn das hiesige Publikum und das zu Leipzig soviel Theaterliebe hätte, als jenes in den Städten von Süddeutschland – Im Vorbeygehn – Dieses ist mir mehr, als irgend etwas anders ein Beweis, daß die hiesige Köpfe heller sind, als die zu Wien, München u. a. Orten – Herr Seiler fand bey dem Publikum zu wenig Unterstützung, machte Schulden, wollte sein Glück am Rhein versuchen, und ward endlich Bankrutt – Nun hat zwar der Hof ein Nationaltheater nach dem Plan des wienerschen errichtet. Er bezahlt die Glieder der Gesellschaft und hat die Einnahme; allein die Sparsamkeit des Publikums steht auch dieser Einrichtung im Weg, und sie ist in Gefahr, alle Augenblike zu scheitern, wie sie dann der Hof auch gleich bey dem Ausbruch des lezten bayrischen Krieges aufhob. Bey dem geringsten Anlaß von der Art wird er es wieder so machen; und da thut er meines Erachtens sehr wohl daran – Die Familienschauspiele besonders unter Kindern stehn hier in größerer Achtung, als die öffentlichen. Einer der schönsten und stärksten Züge, wodurch sich die Sachsen von den Süddeutschen auszeichnen, ist ihre Vaterlandsliebe und ihre warme Theilnehmung an allem, was den Staat intereßiert. Bis tief in den Mittelstand hinab ist hier jedermann über den Zustand des Landes und Hofes aufgeklärt. Hier hört ich zum erstenmal das Wort Vaterland mit Nachdruk und einem vernünftigen und edeln Stolz aussprechen. Das hiesige Frauenzimmer braucht wie das unsrige die Galanterie zu einem Sporn für die Männer. Es nimmt Theil an den Gesprächen von Kriegen, Friedensschlüssen, Unterhandlungen und allem, was sich auf den Staat bezieht. Es lobt seine Officiers und Truppen, und spricht mit grossem Vergnügen von den Vorfällen, wo sie sich brav hielten. Die jungen Officiers empfehlen sich bey ihm, wenn sie sich eine eisenfresserische Miene geben, welches in meinen Augen eben nicht so unbedeutend ist. Mit Verachtung und Abscheu spricht es von den Ministern, die Verräther am Vaterlande waren – Der König von Preussen ist schlecht bey ihm empfolen; doch spricht es mit Bewunderung von seinen Thaten, und stimmt den Männern bey, daß man von jeher würde besser gethan haben, wenn man sich zu ihm gehalten und nie die Parthey von Oestreich genommen hätte, gegen welches man hier, ungeachtet der Bedrängnisse, welche der König von Preussen das Land fühlen ließ, noch einen stärkern und allgemeinen Groll hegt, als gegen diesen, die Person des itzigen Kaisers ausgenommen. Kurz, lieber Bruder; es ist mir, als wäre ich mitten unter meinen Landsleuten, wo die Theilnehmung am Zustand des Vaterlandes, an den öffentlichen Angelegenheiten und Vorfällen alle Gesellschaften beseelt, und man sich fühlt. Die sächsischen Truppen sehen ungemein gut aus. Sie sind nicht so gut disciplinirt als die Oestreicher und Preussen; aber auch nicht so steif. Sie gleichen den Engländern, die nur beym Angriff selbst Soldaten sind, und sich ausser dem Schlachtfeld nicht gerne ermüden lassen. Brav sind sie, was man brav heissen kann; allein heut zu Tage ist nicht viel mit der Bravour auszurichten. Man erzählt einen Zug von ihnen, der in den Augen eines kaiserlichen oder preußischen Kommandanten vielleicht lächerlich, aber in den Augen eines Menschenfreundes und Weltbürgers gewiß sehr liebenswürdig ist – Die Officiers eines sächsischen Dragonerregimentes, welches vor einigen Jahren bey der Armee des Prinzen Heinrich von Preussen in Böhmen stand, legten unter freyem Himmel zusammen den Schwur ab, daß jeder denjenigen von ihnen, den er in einem Treffen würde fliehen sehn, niederschiessen sollte – Seit einiger Zeit bemüht man sich, die Armee, welche ohngefähr 25.000 Mann stark ist, auf preußischen Fuß zu setzen; allein bis izt hat man es noch nicht weit mit dieser Reforme gebracht, und ich glaube es wird so schwer damit halten, als wenn man die englischen Truppen an die preußische Taktik gewöhnen wollte. Drey und vierzigster Brief. Dresden – Man hat es der Verfassung des Landes zu verdanken, daß die Sachsen von einem ganz andern Geist belebt sind, als die Bayern und Oestreicher. Die Gewalt des Kurfürsten ist eingeschränkter als irgend eines andern Regenten in Deutschland. Die sächsischen Landstände wußten sich durch Klugheit und Muth im Besitz der Rechte zu erhalten, welche die Stände der meisten andern Reichslande mehr durch ihre Nachläßigkeit und Feigheit, als durch die Despotie der Fürsten verloren haben. Der Hof kann ohne Einwilligung der Landesstände nicht die geringste Auflage Auflage – Steuererhebung machen. Diese bestehn aus 3 Klassen. Die Stifter Merseburg, Meissen und Naumburg als Prälaten, die Grafen von Schwarzburg, Solms, Stollberg und Schönburg, als der höhere Adel und die Universitäten von Leipzig und Wittenberg machen die erste Klasse aus. Die zweyte besteht aus der Ritterschaft, die sich nach den 7 Kreisen Kreise – Verwaltungseinheiten, nicht identisch mit den unten genannten Reichskreisen des Landes eintheilt. Ihre Anzahl ist unbestimmt. Ein Glied dieser Klasse muß 8 Ahnen von väterlicher und mütterlicher Seite beweisen und zwar ein Rittergut besitzen, hat aber doch nur eine Stimme, wenn er auch, wie häufig der Fall ist, 3, 4 und mehrere Güter besitzt, so daß die erfoderliche Eigenschaft mehr auf den Personen als den Gütern beruht. Die Städte, 102 an Zahl, machen die dritte Klasse aus. Allgemeine Versammlungen werden nur alle 6 Jahre gehalten, aber es kömmt ordentlicher Weise alle 2 Jahre ein Ausschuß zusammen, der sich auch bey allen ausserordentlichen Vorfällen zu versammeln pflegt – Diese Landstände bewilligen nicht nur die Auflagen und besorgen das Schuldwesen, sondern wachen auch über verschiedene Fideikommisse Fideikommiss – unveräußerliches Eigentum einer Familie , über die Aufrechthaltung der herrschenden Religion, über Landesveräusserungen u. dgl. m. – Die Verfassung der Lausnitz ist ohngefähr die nämliche. Das Schuldwesen giebt denselben am meisten zu schaffen. Die Summe aller Landesschulden beläuft sich noch auf ohngefähr 26 Millionen Thaler, sächsischen Geldes, oder etwas über 100 Millionen Livres. Jährlich werden für 1.200.000 Thaler oder etwas über 4.700.000 Livres Schuld= oder Kassenzettel eingelöset und verbrannt. Wenn man also auch nur 3 ½ Prozent für die Interessen rechnet; so nimmt das Kapital der Schuld sehr langsam ab. Dessen ungeachtet hat die Landeskasse einen sehr grossen Kredit, weil sie gegen die willkürlichen Verfügungen des Hofes gesichert ist, und die gewissenhafteste Redlichkeit beweißt. Als das Land nach dem lezten preußischen Krieg fast erschöpft und sein Kredit bey[.]nahe vernichtet war, wollten die Kassenbillets keinen Umlauf gewinnen. Einige aus= und inländische Wucherer machten Spekulationen auf die Einsicht, Redlichkeit und das Ansehn der Landstände, und sammelten die Zettel um einen Spottpreiß ein. Es währte keine 3 Jahre, so zeigte sichs, daß das Land noch Hülfsquellen genug habe, und nun stieg der Werth des Papiers auf einmahl. Die meisten der Spekulanten gewannen 50 bis 60 Prozenten. Zu Hamburg, Lübek, Bremen und auch in Holland erstaunte man über diese schnelle Veränderung, und die Landstände fuhren fort, Schulden zu bezahlen, die auf diese Art von den Unterthanen zum Theil schon bezahlt waren. Die Einkünfte des Landes belaufen sich wirklich auf ohngefähr 6.200.000 Thaler, oder ohngefähr 24.349.000 Livres. Alle Gattungen der Auflagen sind von den Landständen zu einer bestimmten Ausgabe angewiesen. Der Kurfürst kann ohne Einwilligung derselben hierin nichts ändern, und hat seine eigne Kasse, an welche auch gewisse Gefälle Gefälle – Gefälligkeiten, verpflichtungsfreie Zahlungen angewiesen sind – Die Landstände haben beschlossen, daß die Armee nach dem Verhältniß, wie die Schulden abnehmen, vermehrt werden sollte – Für einen Prinzen von Geblüte sind 50.000 Thaler oder ohngefähr 196.000 Livres zur Apanage bestimmt, und dieses macht bey der zahlreichen Familie des Hofes einen ansehnlichen Artickel – Der kaiserliche Hof glaubte durch die Verheirathung der Erzherzogin Kristine an einen sächsischen Prinzen dem hiesigen Hof eine grosse Ehre zu erzeigen. Die Sachsen sagen, so groß auch die Ehre sey, so wäre sie doch gewiß noch grösser, wenn der Herzog von Sachsenteschen Herzog von Sachsen-Teschen – s Dreysigster Brief durch die Großmuth des kaiserlichen Hofes bewogen würde, auf seine Apanage Verzicht zu thun. Es sind wenige Länder in Deutschland, die nach dem Verhältniß der Grösse so viel eintragen, als Sachsen. Es ist wahr, die Auflagen sind groß; allein wenig andre Länder hätten auch Kräfte genug sie zu tragen, und da die Landeskasse gegen die willkürlichen Eingriffe des Hofes gesichert ist, und die Landesstände überhaupt einsichtsvolle Patrioten sind, so werden sie auch wieder zum Beßten des Landes verwendet. Auffallender ist nichts in der politischen Welt, als ein Vergleich zwischen Sachsen und Bayern. Beyde Länder sind von gleicher Grösse, und dieses hat von Natur noch etwas vor jenem voraus. Beyde haben eine Verfassung, nur daß die Stände von Bayern in neuern Zeiten ihre Privilegien verschlafen, versoffen, verh**t und auch am Rosenkranz verbetet haben. Das erstere zählt 18 grosse und 206 kleine, lezteres aber in allem nur 40 Städte, worunter ausser München nicht eine ist, die sich, ich darf nicht sagen an Reichthum, sondern nicht einmal an Zahl der Einwohner mit der geringsten von den 18 sächsischen Städten messen könnte. Im Gegentheil sind unter den 206 kleinen sächsischen Städten wenigstens 50, die in Rücksicht auf Reichthum die beßte bayrische Landstadt noch übertreffen. Sachsen hat 1.900.000, Bayern 1.180.000 Einwohner. Jenes trägt über 11 Millionen Gulden (rheinisch) dieses nicht über 6 Millionen ein. Sachsen hat ungleich mehr Schulden, als Bayern, tilgt seine Schulden, und kann über 20.000 Mann auf seine Kosten zur preußischen Armee stossen lassen, um Bayern dem Haus Oestreich entreissen zu helfen, und dieses hatte keine 6.000 Mann auf den Beinen, um nur einen Gedanken von Protestation gegen Oestreichs Ansprüche fassen zu können, und seine Schulden waren noch dabey im Steigen! In Deutschland schreibt man dieses politische Mißverhältniß insgemein der Religion zu; allein, warum verhindert die nämliche Religion nicht, daß Frankreich, Toskana, Genua, Venedig, die kaiserlichen Niederlande, Oestreich u. a. Länder blühende Staaten sind? Es mag seyn, daß der Katholicismus der Bayern im theologischen Verstand besser und im politischen schlechter ist, als jener der obbeldten Länder; allein die Schuld liegt hauptsächlich an der Regierung, welche die Religion, wie die Luft den Barometer, steigen und fallen machen kann. Es hängt allzeit von der Erziehungsart, den eingeführten Gebräuchen, der Regierung und den Lokalumständen ab, wenn eine Religion dem Staat nachtheilig ist. Die Religion artet unter einer schwachen Regierung durch das Interesse ihrer Diener und die Dummheit und Trägheit des Pöbels leicht in einen Mißbrauch aus; allein das nämliche hat jede andre menschliche Einrichtung zu beförchten, und ich glaube, jede Religion kann, wie jede Regierungsverfassung, ohne Ausnahme gut seyn, wenn sie in guten Händen ist. Eine weise und thätige Regierung ist allmächtig, und Peter der Grosse Peter der Große – russischer Zar, † 1725 hat deutlich genug bewiesen, daß man einen Staat blühend machen, und jede Religion zu diesem Endzweck benutzen kann. Die Religion des grossen Haufen, in Rücksicht auf blosse Meinungen ist sich fast überall gleich. Aberglauben und Resignation auf die Leitung seiner Priester, deren Mäntel, Kaputzen, Kragen und Perüken der Hauptsiegel ihres Berufs in seinen Augen sind, machen das Wesentlichste seiner Religion aus. Ich wurde in verschiedenen protestantischen Ländern, die man in Rücksicht auf Religion für die aufgeklärtesten hält, genug davon überzeugt. Der grosse Unterschied der Völker, welcher sie zu guten oder schlechten Bürgern macht, beruht auf den Sitten, die eine Folge der Erziehung und mit den Religionsmeinungen gar nicht verbunden sind. Ich werde dir meine Gedanken hierüber in einem meiner nächsten Briefe, wo ich etwas von der Reformation sagen werde, faßlicher zu machen suchen. Unterdessen kann ich hier eine Bemerkung nicht übergehn, die ich auf meinen Reisen durch Deutschland häufig gemacht habe, und die zur Erläuterung meines Satzes dient. Fast in allen katholischen Städten fand ich Italiäner, und die meisten derselben waren Leute von Vermögen. Sie sind durchaus als bettelarme Leute nach Deutschland gekommen, und haben in einem fremden Lande ohne alle äussere Unterstützung ihr Glück gemacht. Noch vor 30 und 40 Jahren waren fast alle reiche Krämer in den mittlern und kleinern Städten des katholischen Deutschlands Italiäner. Ich glaube, dieß ist der Beweiß genug, daß Industrie und Sparsamkeit, wodurch diese Leute ihr Glück machten, keine Attributen einer gewissen Religion, sondern des Lokalkarakters sind, der seine Bildung größtentheils von der Erziehung erhält. Die nüchternen, nachdenkenden, und fleißigen Wälschen Wälschen – Welsche: Italiener; vgl. welsche Haube, Welschkraut usw. hatten an ihrem Karakter Kapitals genug, um in dem bürgerlichen Gewerbe über die trägen, verschwenderischen und dummen deutschen Katholiken gar bald eine Ueberlegenheit zu gewinnen. In der Religion waren sie ihnen gleich. Ich sprach mit einigen dieser Parvenus Parvenu – Parvenü: Emporkömmling, Neureicher , die sich beklagten, daß es itzt schwerer hielte in Deutschland fortzukommen, als ehedem. Ohne Zweifel ist die durch Regierungsanstalten verbesserte Erziehung der Leute Schuld daran, unter denen sie fortzukommen suchen. Wer staunt nicht über die Verschiedenheit der Italiäner selbst in Rücksicht auf Industrie? Und doch haben sie Eine Religion mit einander gemein – Zu Rom selbst herrscht weniger Aberglauben als in der ganzen übrigen katholischen Welt, und sind die Römer deswegen bessere Bürger als die Genueser, die im Ganzen genommen grössere Bigots Bigots – Scheinheilige, Heuchler sind? – Ich rede hier nicht von der kirchlichen Disciplin, von den unmässigen Reichthümern der Klöster, von Annaten Annaten – »Jahresertrag«, die an den Papst fällige Abgabe für die Verleihung eines geistlichen (gewinnbringenden) Amtes , Pallien Pallien – Abgaben an den Papst für die Ernennung zum Erzbischof , Dispensationen Dispensationen – Zahlung eines Geldbetrages an den Papst für die Freistellung von katholischen Pflichten (Lesen verbotener Bücher, Befreiung vom Zölibat, Vielweiberei usw.) und andern päbstlichen Tributen, von den Usurpationen der geistlichen Gewalt u. dgl. m., welche Dinge einem Staat sehr nachtheilig seyn können, aber nicht zum Wesen der Religion gehören. Die Sachsen haben es also, meines Erachtens nicht ihrer, wie sie glauben, philosophischeren Religion Philosophische Religion – man vergleiche aber diese Aussage mit den Berichten über Bayern, Österreich, Köln u. a. zu verdanken, daß sie glücklichere Bürger sind als die Bayern – Ich hatte vor einigen Tagen in einer Gesellschaft einen harten Stand, wozu diese Materie Anlaß gab. Einige Herren und Damen nahmen sich die Freyheit über die Religion meines Vaterlandes einige satyrische Bemerkungen zu machen. Es wäre unbegreiflich, sagten sie, daß die aufgeklärteste und witzigste Nation in Europa, (ich machte ein Danksagungskompliment im Namen aller meiner Landsleute) sich zu gewissen Meinungen bekennte, welche die Nachwelt mit dem Verstand, den diese Nation ihren übrigen Unternehmungen und Schriften blicken liesse, nicht würde zusammenreimen können. Nach dieser Vorrede war nun auf die Stelle von Swifts Mährchen Swifts Märchen – s. Zwey und vierzigster Brief angespielt, wo Peter seinen Brüdern eine Brodkruste anstatt eines Schöpsenbraten vorlegte (Im Vorbeygehn, Bruder; die Lutheraner scheinen sich itzt in diesem Punkt mit den Reformirten vereinigt zu haben, und die meisten ihrer neuern Theologen gehen in ihren Schriften weit von Luther ab.) Die Männer machten sich sodann mit unsern Nonnen, und die Damen mit den Mönchen lustig. Man zerschnitt unsre Abbes, die das Zelibat Zelibat – Zölibat: verordnete Ehelosigkeit der Geistlichen und Mönche erwählen, um ein ganzes Dutzend Weiber besitzen zu können u. s. w. Da ich das Gespräche selbst aufziehn half, so konnte ich es eben nicht übel nehmen, daß mir der Zeiger in seinem Umlauf ein wenig die Nase berührte. Ich ließ es auslaufen, und hätte wohl gar nichts darauf geantwortet, wenn nicht die Ehre aller meiner Landsleute dabey interessirt gewesen wäre. Ich sagte also zur Vertheidigung derselben: Was unsre Abbes, Nonnen und Mönche beträfe, so würde wohl, wie ich glaubte, der ganzen Gesellschaft bekannt seyn, daß die witzigen Köpfe unter meinen Landsleuten selbst das Lächerliche davon erschöpft hätten. In Rücksicht auf die Geheimnisse unserer Religion, die nach der Meinung der Herren und Damen unsern Verstand bey der Nachwelt würden verdächtig machen, so kennte ich keine Glaubenssekte in Europa, die sich nicht zu einigen Geheimnissen von der Art bekennte. Ich könnte nicht einsehn, was eine Nation, die 12 unbegreifliche und in profanen Augen unphilosophische Sätze annehme, in Rücksicht auf die Beweise ihres gesunden Menschenverstandes vor einer andern Nation voraus hätte, die sich zu 13 solcher Sätze bekennte. Sie wüßten, wie ich glaubte, wohl alle, was ausgelassene Spötter über die Wunder des alten und neuen Testaments, über die Geheimnisse der Dreyfaltigkeit, des Menschwerden Gottes, der Erlösung, und viele andre Gegenstände von der Art, wozu sich alle Kristensekten bekennten, gesagt haben. Die Vernunft allein würde die Kristen nie gegen diesen Spott sicher stellen können, und die Theologen aller Sekten hätten wohl daran gethan, daß sie sich in die Schantze einer Distinktion Distinktion – Unterscheidung geworfen und erklärt hätten, daß diese Sätze zusammen nicht wider, sondern über die Vernunft wären. Nun hätten wir Katholiken diese Retirade Retirade – Rückzug höchstens nur zweymal mehr nöthig, als die Kristen der andern Sekten, nämlich im Fall von Peters Traktament Peters Traktament – der Anspruch des Papstes, als Nachfolger des ersten römischen Bischofs Petrus zu gelten. Es gibt keinen Beleg dafür, daß Petrus je in Rom war, auch wissen die ersten zwei christlichen Jahrhunderte nichts von einem Petrus als Römischen Bischof. Der Text einer Rede an seinen Nachfolger ist eine plumpe Fälschung. , und dann im Punkt des Fegfeuers, welches im Betracht der vielen Fälle die alle Kristen zusammen beträfen, eben keinen grossen Unterschied ausmachte. Uebrigens hätten die Herren und Damen selbst gestanden, daß alle diese Dinge unserm Verstand und Witz wenigstens in den Augen unserer Zeitgenossen, nichts präjudicirten präjudiciren – präjudizieren: eine Vorentscheidung treffen . In Rücksicht auf die Nachwelt, traute ich derselben die Unparheylichkeit zu, die wir alle gegen die Griechen, Römer und andere Völker der Vorwelt beobachteten, welchen wir im politischen und litterarischen Betracht volle Gerechtigkeit wiederfahren liessen, ohne uns durch die Religion derselben, die unendlich unphilosophischer war, als die unphilosophischste aller Kristensekten, in unserm Urtheil irre machen zu lassen. Ich glaubte, man müsse die Religion von der Sphäre der übrigen menschlichen Kenntnisse platterdings ausschliessen, und meines Erachtens thäten auch alle Theologen, welche über Glaubenssachen philosophirten, ihren Kirchen schlechte Dienste. Was endlich das Gepräge und die Zeremonien unsers Kirchendienstes beträfe, so wäre es mir leicht darzuthun, daß wir und die Italiäner einen grossen Theil unsers Witzes und unserer Kunst diesen Zeremonien zu verdanken hätten u. s. w. – Ich war im Odem, und wäre noch weiter gegangen, wenn ich nicht bemerkt hätte, daß meine Deklamation keine andre Wirkung bey der Gesellschaft hervorbrachte, als ein kleines Lächeln, welches mich der Partheylichkeit für meine Religion zu beschuldigen schien. Indessen hatte ich gerade eben so viel Grund, die Gesellschaft der nämlichen Partheylichkeit anzuklagen. Es gieng, wie es überall zu gehen pflegt. Jeder glaubt in solchen Fällen ausschließlich das Recht auf seiner Seite zu haben. Es ist unmöglich einander zu belehren, und man hat von seiner Gegenparthei nie Gerechtigkeit zu erwarten. Ich wurde hier von neuem überzeugt, daß, wenn die Religion als eine Nationaleigenschaft in Betracht kömmt, auch die vernünftigsten und im gemeinen Leben toleranteste Leute die Vorurtheile nicht ganz ablegen können. Ich sah häufige Beyspiele, daß alsdann auch die Leute, welche sich öffentlich für Unkristen erklären, die hitzigsten Verfechter der Religion werden – Als der bekannte Leßing, der offenbar kein Krist ist, nach Rom reisen wollte, sagten ihm seine Freunde hier und zu Leipzig, sie wären innigst überzeugt, daß er nun wenigstens so lange als seine Audienz beym Pabst währte, der orthodoxeste Lutheraner seyn würde, bloß um seiner Heiligkeit widersprechen und die Religion seiner Landleute vertheidigen zu können. Die Religion des hiesigen Hofes ist eben auch nicht darzu gemacht, das grosse Vorurtheil des sächsischen Publikums gegen den Katholicismus überhaupt zu dämpfen. Die Jesuiten haben sie gebildet, und ich habe dir schon gesagt, daß die deutschen Jesuiten gerade das Gegentheil von den französischen und italiänischen, und unter allen Mönchen die größten Mönche waren. Man erzählte mir hier eine Anekdote, die der Hofgeistlichkeit wenig Ehre macht, und zuverläßig seyn soll. Zu Anfang der Regierung befürchteten die Jesuiten, der K – möchte die Religion ändern, besonders da er so jung war, sein Volk liebte, einige der Grossen Anschläge zu dieser Veränderung gemacht hatten, und die K – in, eine liebenswürdige Dame von aufgewecktem Geist, den Jesuiten eben nicht sehr günstig war. Einer derselben ließ sich also beygehn, den Auftritt zu wiederholen, welcher schon dem Großvater des K – zu Wien gespielt ward. Es kam ein Gespenst zu dem K –, welches ihn mit der ganzen Macht der Hölle von der beförchteten Veränderung abzuschrecken suchte, ihm aufs nachdrücklichste verbot, jemand etwas von der Erscheinung zu sagen, und in einer gewissen Zeit wiederzukommen versprach. Der K – ward auf einige Zeit nachdenkend. Seine Gemahlin, die er so liebte wie sie es verdient, riß ihm endlich das Geheimnis mit Gewalt aus dem Busen, und entdeckte es dem Prinzen ** . Dieser erwartete das Gespenst in der bestimmten Nacht, und schlug es mit seinem spanischen Rohr todt. Den folgenden Tag kam er in ein gewisses Haus, wo er sagte: Ich habe mir eine Besoldung von 500. Thalern erspart, und meinen Beichtvater durch einen Zufall todtgeschlagen. Ungeachtet des kleinen Zugs von deutschen Jesuitismus ist der Kurfürst doch ein sehr liebenswürdiger Regent. Er kennt keine von den Ausschweifungen, denen sonst Fürsten, die den größten Theil der Regierungsgeschäfte ihren Ministern anvertrauen müssen, nachzuhängen pflegen. Er hat auch Einsicht und Thätigkeit genug, um wenigstens von den wichtigern Angelegenheiten genaue Rechenschaft zu fodern, und öfters belebt er auch durch seine Gegenwart und Befehle den Gang derselben. Seine Minister sind durchaus Männer, die seines grossen Zutrauens würdig sind, aufgeklärte und arbeitsame Patrioten, die so wol in der innern Staatsverwaltung, als auch in der äussern Politik einen einförmigen, durchgedachten und vesten Plan befolgen, und sich dadurch von den bayrischen Ministern stark auszeichnen. Bey Anlaß des bayrischen Krieges vor einigen Jahren haben sie bewiesen, daß es ihnen an Entschlossenheit nicht fehlt, so sehr ihnen auch durch den innern Zustand des Landes die Hände gebunden sind. Wenn einmal das Geld, welches jährlich für Verintreßirung Verintreßirung – Zinsen für aufgenommene Kredite und Tilgung der Landesschulden bestimmt ist, zur Verstärkung der Armee verwendet werden, und der Hof von der ganzen Stärke des Landes Gebrauch machen kann, so wird das Ministerium ohne Zweifel andre Grundsätze annehmen, als es jetzt hat. Das Land würde alsdenn, ohne zu viel Anstrengung etliche und 40 bis nahe 50 tausend wackre Soldaten auf den Beinen halten, und also in jeden Fall die Neutralität behaupten können. In den jetzigen Umständen aber muß es immer eine Parthey nehmen und sich zu Oestreich oder Preussen schlagen. So lange der Friede währt, macht es, seiner Klugheit gemäß, beyden Höfen gleichviel Hofnung; aber im Fall eines Bruchs wird es nach meiner Meinung allezeit eher auf die preußische als östreichische Seite treten, theils weil der so mächtige kaiserliche Hof seine Rechte mit aller Strenge gegen die Reichsstände überhaupt geltend zu machen sucht, und die Macht desselben immer gefährlicher wird, theils weil Sachsen seiner Seits ganz besondere Ursachen zu haben glaubt, mit dem kaiserlichen Hof unzufrieden zu seyn. Die Grafen Schönburg, deren beträchtliche Besitzungen von den sächsischen Ländern umgeben sind, behaupten, sie wären unmittelbare Reichsvasalen Reichsvasalen – Reichsvasallen: reichsfrei, unmittelbar dem Reich unterstehend , wogegen Sachsen ihre Güter zu Afterlehen Afterlehen – der Inhaber eines Lehens (nur auf Lebzeit vergebener Besitz) gibt einen Teil seines Lehens ebenfalls als Lehen weiter , die es von ihm empfangen hätte, erklärte. Der kaiserliche Reichshofrath sprach für die Grafen. Nun war es um die Exekution zu thun, die nach den Reichsgesetzen einem Stand des Kreises Kreis – Reichskreis, um 1500 gebildete Flächeneinheiten, die den »Ewigen Landfrieden« in ihrem Gebiet sichern, die Reichsgesetze verkünden und durchsetzen sollten. Beispielsweise bildeten Sachsen und Brandenburg einen Kreis, Hessen, Lothringen und Savoyen ebenfalls einen , zu welchem der Verfällte Verfällte – der Verurteilte gehört, aufgetragen werden soll. Der Kaiser wußte nur zu gut, daß eine Exekution gegen einen mächtigen Kreisstand nie statt hat, und nahm sie selbst über sich. Es rückten Truppen aus Böhmen an, und Sachsen konnte nun nicht weiter protestiren. Dieses war eine der Hauptursachen, warum 4 oder 5 Jahre hernach, bey dem Ausbruch des bayrischen Krieges, die sächsischen Truppen sich so eilig mit den preußischen vereinigten. Im Teschner Frieden ward die Sentenz des Reichshofraths und die kaiserliche Exekution wieder vernichtet, und die schönburgischen Güter zu Afterlehn erklärt. Der nämliche Auftritt war schon zuvor zweymal mit Kurpfaltz, einmal in Betreff einer Streitigkeit mit dem Grafen von Leiningen und das andremal in Sachsen gegen die Reichsstadt Aachen vorgefallen. Der Kaiser bedrohte den Kurfürsten auch mit eigenmächtiger Exekution, und er mußte sich gegen die Gewohnheit der mächtigern Fürsten Deutschlands dem Urtheil des hohen Reichsgerichtes unterwerfen – Man hat häufige Beyspiele, daß zween Ständen eines Kreises gegenseitige Exekutionen, in Betreff anderer ihrer Kreismitstände aufgetragen waren, die sie denn gar freundschaftlich gegen einander aufhoben. Dieser schöne Gang der Gerechtigkeit mußte einen Prinzen ungehalten machen, der ein so warmer Vertheidiger derselben und so eifersüchtig auf sein Ansehn ist, wie Joseph der zweyte. Der Unterschied zwischen der Religion des Hofes und jener des Landes hat hier auf die Staatsangelegenheiten und Geschäfte nicht den geringsten Einfluß. Was mich betrifft, so hätte ich eine starke Versuchung ein Türk zu werden, wenn die herrschende Religion meines Landes die mahometanische Mahometanische Religion – der Islam wäre. Es wäre mir um die Liebe meiner Unterthanen zu thun, die, so groß sie auch seyn mag, doch immer desto grösser seyn würde, je weniger ich als Privatmann von ihnen verschieden wäre. Vielleicht will der hiesige Hof die Religion überhaupt nicht dem Tadel aussetzen, daß sie so veränderlich wäre, so oft sie mit einem zeitlichen Interesse in irgend eine Kollision kömmt, wovon August der Zweyte bey seiner polnischen Thronbesteigung Polnische Thronbesteigung – August trat zum Katholizismus über, um Polnischer König werden zu können ein auffallendes Beyspiel gegeben. In Deutschland ist die Religion überhaupt sehr launigt. Das Haus Würtemberg dehnt sich in alle kristliche Religionssekten aus. Die Familie des Prinzen Eugen ist ursprünglich lutherisch, die Großfürstin hat die griechische Religion angenommen, und die Braut des Erbprinzen von Toskana wird ohne zweifel katholisch werden, zu welcher Religion sich der Bruder dieses Prinzen der regierende Herzog schon längst bekennt. Nun sind in diesem Haus auch Prinzeßinnen von Brandenburg, so daß es auch mit der kalvinischen Sekte verwandt ist. Ohne Zweifel ist dieß das kräftigste Mittel, die Toleranz in Europa auszubreiten, und die Menschenfreunde sind den deutschen Fürsten deswegen grossen Dank schuldig – Uebrigens wären die Sachsen, wenn auch der regierende Fürst ein Herr von weniger gemäßigtern Gesinnungen wäre, als der jetzige, doch gegen alle Religionsbedrückungen sicher. Die Landsstände haben in diesem Punkt seine Gewalt so sehr eingeschränkt, daß er sich sogar einen lutherischen Hofprediger bestallen muß. Er darf auch nur wenige, (wenn ich nicht irre, nur zwey) Katholiken zu Staatsräthen ernennen. Diese Sicherheit ist Ursache, daß die Sachsen, die wirklich mehr gegen die Katholiken eingenommen sind, als man glauben sollte, ihren Fürsten doch sehr lieb haben. Vier und vierzigster Brief. Leipzig – Sachsen ist ein herrliches Land, Bruder. Ich habe einen grossen Umweg durch das Erzgebirg, über Freyberg, Marienberg, Annaberg und dann über Zwickau und Altenburg hieher gemacht. Man sollte glauben, der ganze ungeheure Berghaufen, der sich längst der böhmischen Grenze hinzieht, wäre untergraben. Es sind Gruben an Gruben, und alle Thäler ertönen von Hammerwerken. Ein fleissigeres Volk als die Sachsen habe ich noch nie gesehen. Das ganze Gebirge wimmelt von beschäftigten Menschen, und den nakten Felsen trotzen sie Nahrung ab. Sie verarbeiten nicht nur die Steine und Mineralien auf die mannichfaltigste Art, sondern alle Städte haben auch noch Leinwand, Spitzen, Band, Barchet Barchet – Barchent, ein Baumwollstoff , Tuch, Flanellen oder irgend sonst eine Art Manufakturen, die unzählige Hände beschäftigen. Ihr empfindsamer und reger Geist ist unermüdet und unerschöpflich. Wenn die Mode oder die Mitbewerbung ihrer Nachbarn ihnen einige Arten von Manufakturen niederschlägt, so haben sie in einem Augenblick zehn andre, um die erstern wieder zu ersetzen. Freyberg enthält über 25.000 und Zwickau gegen 12.000 Menschen. Die übrigen Städte, die ich sah, sind alle, wie die Flecken, ungemein stark bewohnt und vom Kunstfleiß belebt – Auf der andern Seite der Elbe, durch die Lausitz, wohin ich von Dresden einen Ausfall that, herrscht die nämliche Betriebsamkeit und der nämliche Wohlstand unter den Einwohnern. Bautzen, Görlitz und Zittau sind ansehnliche Städte, voll Gewerbe und Nahrung. Welcher Abstich mit Süddeutschland, in welchem ungeheuren Strich ich außer der Haupt= und Residenz= und einigen Reichsstädten nicht einen Ort sah, der sich mit einer von den bessern dieser sächsischen Landstädten vergleichen liesse! – Es ist, als wenn der hohe Rücken des Erzgebirges und des Thüringer=Waldes, eine Scheidewand zwischen Licht und Finsterniß, Arbeitsamkeit und Indolenz I ndolenz – geistige Träg- und Gleichgültigkeit , Freyheit und Sklaverey, Reichthum und Betteley wäre. Vielleicht findet man in der ganzen Welt keinen in der Nähe so auffallenden Abstich zweyer Völker, als zwischen den Sachsen und Böhmen; und für diese hat die Natur doch ungleich mehr gethan, als für jene! Der Bergbau ist ein unschätzbarer Gewinn für das Land. Fast alle Gruben gehören Gesellschaften von Privatleuten zu. Die Werke sind in gewisse Aktien oder Kuxen Kuxe – Anteilschein an einer bergrechtlichen Gewerkschaft (Grube) eingetheilt, wovon die Gesellschaften einen gewissen Antheil für den Hof umsonst bauen, und deren verhältnißmäßigen Ertrag dieser zu beziehen hat. Man rechnet den reinen Gewinn des Hofes von allen Bergwerken des Landes auf ohngefähr 400.000 Gulden, oder über eine Million Livres, welches kaum der fünfte Theil des sämmtlichen reinen Gewinnstes ist. Durch die Verarbeitung der erbeuteten Mineralien wird noch mehr gewonnen; denn wenig davon wird roh ausgeführt. Man macht eine unbeschreibliche Menge schwarzes und weißes Blech Bleche – schwarzes Blech ist rohes Eisenblech, weißes Blech ist verzinnt . Man verfertigt Stal, Meßing und Tombak Tombak – Messing mit hohem Kupferanteil , und hat verschiedene Gold= und Silberfabriken. Die sächsischen Gewehrfabriken sind berühmt. Die Sachsen haben sich durch ihre Geschiklichkeit im Bergbau in ganz Europa bekannt gemacht. Man hat sie deßwegen schon nach Neapel und Spanien beschrieben beschrieben – abgeworben . Ihre starken Körper, ihr unverdrossener Fleiß und ihr natürlicher Verstand machen sie vorzüglich zu dieser Art von Arbeit aufgelegt, die unter allen menschlichen Beschäftigungen ohne Vergleich die härteste und mannichfaltigste ist, und deren Produkte in der Verhandthierung Verhandthierung – Herstellung so viele Kenntnisse erfodern. Der Bergbau verräth meines Erachtens einen der stärksten Karakterzüge der Deutschen und vorzüglich der Sachsen, wodurch sie sich von unsern Landsleuten auszeichnen. Rasch: verdrossen beym Anstoß hartnäckiger Schwierigkeiten; niedergeschlagen, wenn einige hitzige Anläufe die Hindernisse nicht übersteigen können; verliebt in die schnellen Abwechslungen; gierig auf einmahl viel zu gewinnen; bloß zu Unternehmungen aufgelegt, die ein schnelles Fassen, Genie und Hastigkeit erfodern, werden es die Franzosen in dieser Art von Industrie nie so weit bringen, als die kalt nachdenkenden, forschenden, durchdringenden, anhaltenden und unermüdeten Deutschen, die sich, ohne muthlos zu werden, auch mit den undankbarsten Beschäftigungen abgeben können. Ohne Zweifel hat unser Vaterland in seinen vielen Gebirgen wichtige Schätze. Man weiß, was Kolbert Kolbert – Jean-Baptiste Colbert, Merkantilist, Minister unter Ludwig XIV., förderte Industrie und Handel und viele seiner Nachfolger, besonders in neuern Zeiten Turgot, zur Aufnahme des Bergbaues thun wollten; allein das Genie der Nation vereitelte immer ihre Unternehmungen. Das Volk in den kleinsten sächsischen Bergstädten, die oft ringsum durch wilde Gebirge von der übrigen Welt getrennt sind, ist artiger, gesitteter und aufgewekter als das in den größten Städten von Süddeutschland. Die Lekture ist hier zu Lande fast allgemein. Geselligkeit und Gastfreyheit begleiten und ermuntern den angestrengten Fleiß. Freyheit, Weltkenntnis, Witz und munterer Scherz machen auch die Gesellschaften von mittlern Rang unterhaltend. Das Frauenzimmer ist durchaus vom schönsten Wuchs und den beseeltesten Gesichtszügen, munter, frey und witzig, und doch sanft, wohlgesittet und zum Hauswesen gebildet. Die Männer klagen sehr, daß ihre schönen Hälften seit einiger Zeit von der Eitelkeit zu sehr seyen eingenommen worden. Die Klagen würden bald aufhören, wenn die Weiber in jeder Stadt zusammenstünden, und das Gesetz machten, daß der 8te oder 10te Mann zu Erbauung der ganzen Gemeinde, sich ein Weib aus Bayern oder Oestreich holen müßte. Ausser dem Putz hab' ich unter den Sächsinnen noch keine Ausschweifungen bemerken können. Die Oestreicherinnen und Bayerinnen aber lieben den Putz eben so sehr, und pflegen nebstdem noch zu Tisch und Bette auszuschweifen, und sich wenig um die Wirthschaft zu bekümmern. Die ungemein starke Bevölkerung des Erzgebirges setzt die Einwohner bey einer Theurung in nicht geringe Verlegenheit. Es bringt nicht den zehnten Theil des zum Unterhalt derselben nöthigen Getreides hervor; sondern bezieht den größten Theil desselben aus Böhmen. Die Theurung, welche vor 9 und 10 Jahren in dem größten Theil von Europa herrschte, hat vielleicht nirgends so traurige Wirkungen gehabt, als hier. Viele tausend Menschen sind theils durch Hunger, theils durch schädliche Nahrungsmittel umgekommen. Eine Menge Menschen hatten ihre Rettung den verschiedenen Mäurerlogen Mäurerlogen – Freimaurerlogen, s. Vierzigster Brief. zu Dresden, Leipzig, Freyberg und andern Orten zu danken, welche unglaublich viel für ihre leidenden Mitbürger thaten. Wenn ein Land Vorrathshäuser nöthig hat, so ist es dieses. Sobald die geringste Theurung einreißt, werden die benachbarten Länder geschlossen, und die Ebenen von Sachsen sind auch zu stark bewohnt, als daß sie viel von ihren Erndten entbehren könnten. Die Regierung hat einige Anstalten gemacht; allein in der itzigen Lage der Finanzen kann sie nicht soviel thun, als hinlänglich wäre, um diese Bergleute ganz sicher zu stellen. So blühend die Handlung und Industrie in diesem Lande ist, so elend ist im ganzen der Zustand der Bauern. Der Fehler liegt weder an der Verfassung, noch an ihnen selbst. Sie sind freye, fleißige und verständige Leute. Ohne Zweifel ist die gar zu grosse Zertheilung des Bodens Schuld daran. Längst dem Fuß des Erzgebirges hin steht Dorf an Dorf, und in den ebenern Gegenden kann man kaum die vielen Kirchthürme zählen, die man auf allen Seiten erblickt. Die Anzahl aller Dörfer in den kurfürstlichen Ländern, die Lausitz mitgerechnet, soll sich auf beynahe 6.000 belaufen. Ich sah viele Bauern, die mit einem Ochsen und einer Kuhe pflügten, und sehr viele sollen nur eine Kuhe haben, die ihnen Milch giebt, und zugleich zum pflügen dient. Die lokere und feine Erde in diesem Strich erfodert freylich keine mühsame Bearbeitung; allein ein Bauer mit so wenig Vieh kann unmöglich wohlhabend seyn. Man sieht auch in ihrer ganzen Wirthschaft, daß es sehr knapp bey ihnen zugeht. Ein grosser Theil derselben lebt fast bloß von Erdäpfeln Erdäpfel – Kartoffeln , Hülsenfrüchten und Rüben, und sehr selten erblikt man auf ihrem Tisch Fleisch. Unbegreiflich ist ihre Verschwendung im Kafee, der die einzige Nahrung von vielen zu seyn scheint, und dessen unmäßiger Gebrauch mit der durchaus herrschenden Kärglichkeit sehr kontrastirt. Sie trinken ihn nicht Schalen=, sondern Kannenweise: aber freylich so dünne daß er kaum die Farbe von den Bohnen hat. Ihre Reinlichkeit ist bey ihrer Armuth auffallend – Die schwäbischen Bauern sind, im Vergleich mit den sächsischen, Freyherren und im Ganzen die glücklichsten, die ich noch gesehen habe. Durch das ganze Land sprechen auch die gemeinen Leute in den Städten ziemlich rein deutsch, und ausser dem Gebirge auch die Bauern. Frankreich hat keine Provinz von gleicher Grösse, worin das Volk durchaus seine Sprache so gut spricht, als die Sachsen das Deutsche. Einige Meilen von Leipzig besuchte ich einige Edelleute auf ihren Gütern, an die man mir zu Dresden Addressen gegeben. Ich glaubte in eine Schule des ländlichen Vergnügens gekommen zu seyn. Die wenigen Tage, die ich bey ihnen zubrachte, gehören unter die wollüstigsten meines Lebens. Die Einkünfte dieser Herren sind ziemlich eingeschränkt, wie denn der sächsische Adel ebenso unvermögend als zahlreich ist. Allein diese Eingeschränktheit selbst ist eine der Hauptquellen ihres Glückes. Sie verstehen es das Schöne mit dem Nützlichen, Einfalt mit Geschmack, Sparsamkeit mit mannichfaltiger Abwechslung und die Kunst mit der Natur so schön zu verbinden, daß die Beschäftigungen, welche der größte Theil der Menschen als eine Last betrachtet, für sie Wollust und ihre Tage ein Gewebe von Freuden werden. Sie schlürfen das Vergnügen hinab, wie man einen seltenen Wein zu kosten pflegt, den man zwischen dem Gaumen und der Zunge lange spielen läßt, um seinen Geist besser zu empfinden. Der Feldbau, die Viehzucht, die Jagd, der Vogelfang, die Fischerey, die Bienenzucht, die Gärtnerey, die Försterey, alles wissen sie so wohl zu ihrem Vortheil als ihrem Vergnügen so sehr zu benutzen daß ich mir vorgenommen habe, wenn es irgend nur möglich ist, noch einige Tage bey Einem von ihnen zuzubringen, bloß um Virgils Georgica Vergils »Georgica« – ein vierbändiges Lehrgedicht über Landwirtschaft (Feldbau, Obst- und Weinbau, Viehzucht, Bienenzucht), um – 30 entstanden mit Verstand, Geschmack und Gefühl lesen zu können, die man gewiß nirgends so gut verstehen lernt als bey ihnen. Die Fischzucht ist für sie ein ganz besonders angenehmes, wichtiges Studium, und gewiß nirgends auf den Grad der Vollkommenheit gebracht, wie hier. Sie haben ihre Teiche, worin die Fische in verschiedener Absicht, und nach dem Alter eingetheilt sind. Diese Teiche sind in Brachfeldern, die dann zur bestimmten Zeit wieder abgelassen und bebaut werden, so daß der nämliche Boden doppelt benutzt wird. Das Forstwesen und die Schäferey sind hier auch zu einem seltenen Grad von Vollkommenheit gebracht. Die Waldungen werden nicht nur mit der ängstlichen Regelmäßigkeit gelichtet, sondern man studiert auch die Baumarten und den für sie tauglichern Boden mit einem unbeschreiblichen Fleiß. Ich glaube, wir Franzosen könnten in diesem Punkt, so wie in der Landwirthschaft überhaupt viel von den Sachsen lernen. Die sächsische Wolle ist berühmt, und gehört nach der spanischen und englischen unter die beßte von Europa. Sie wird theils roh, theils zu Tüchern, Zeugen, Strümpfen, Mützen und Handschuhen verarbeitet, noch häufiger aber gefärbt und unverarbeitet ausgeführt. Die unnachahmlich schön gefärbte blaue Wolle, die den Namen vom Lande hat, kömmt bis zu uns. Diese mannichfaltigen Geschäfte der Landwirthschaft, theoretisch und praktisch behandelt, wechseln bey dem Adel mit kleinen Spazierreisen, Besuchen der Freunde auf dem Land und in der Stadt, der schönen Lektüre, Sammlungen von Natur und Kunstsachen, Bemühungen für die Verbesserungen der Schulen ihres Bezirkes, häuslichen Familienmusiken, Versuchen im Zeichnen, Mahlen und auch manchmal in der Poesie oder über Gegenstände der Landwirthschaft, und andern Geistesbeschäftigungen ab. Die Reichern, worunter schon die gehören, welche 8 bis 10.000 Gulden Einkünfte haben (die meisten stehn so zwischen 3 und 6.000, und gar viele zwischen 800 bis 2.000 Gulden) besuchen regelmäßig im Winter auf 1 oder 2 Monathe die Stadt – Ihre Töchter sind die artigsten und verliebtesten Geschöpfe von der Welt – Ihre natürliche Empfindsamkeit und Lebhaftigkeit nimmt in der Stille des Landlebens gemeiniglich einen romantischen Schwung, der in allen ihren Gebehrden, Blicken und Reden sichtbar ist, und in den ersten Jahren der Jugendhitze sie oft zu unbesonnenen Schritten hinreißt. Mißheirathen, Entführungen und Entfliehungen sind hier zu Lande ungemein häufig. Ich fand in Schwaben, Bayern und Oestreich Sächsinnen aus guten Häusern, die im letzten Schlesischen Krieg mit Offiziers von der kaiserlichen und Reichsarmee entliefen; aber alle zärtliche Gattinnen und Mütter geworden sind. Zu Prag fand ich ein sächsisches Fräulein von gutem Haus, das aus lauter Uebermaaß von Empfindsamkeit, wie es selbst mit Thränen gestand, und aus Mangel an Weltkenntniß ein sehr gemeines Mädchen ward. Leßings Minna von Barnhelm, die du ohne Zweifel kennst, hat etwas von diesem Zug verliebter Schwärmerey; allein ihre karakteristische Laune ist mehr die Art der sächsischen Stadtfräulein. Die Landfräulein überhaupt genommen haben das Piquante und Nekende der Minna nicht, sondern sind viel nachdenkender und schmelzender; aber alle sind gleich schön, wie die Engel – Die Modelekture, welche itzt in Deutschland überhaupt herrscht, nämlich die Komödien und Romanen sind keine gute Nahrung für die von Natur so zärtlichen Landfräulein in Sachsen. Leipzig ist eine kleine, aber ungemein schöne und zum Theil prächtige Stadt. Die Zahl der Einwohner, die Vorstädte mitgerechnet, muß nahe an die 30.000 steigen. Die Lebensart ist von jenen in den andern sächsischen Städten, die ich gesehen, sehr verschieden. Es herrscht hier mehr Verschwendung und Luxus als zu Dresden. Man spielt fast in allen Gesellschaften, und oft unmäßig hoch. Das hiesige Frauenzimmer ist unthätiger im Hauswesen, als seine Landsmänninnen in den andern Städten, und hat mit denselben die Liebe des Putzes und der Koquetterie gemein. Unter dem Schwarm der hiesigen Gelehrten giebt es zu viel Stutzer, Kleinmeister und Unwissende, so daß ich in einigen Gesellschaften mich wieder nach Wien versetzt zu seyn glaubte, wo die Gelehrten und Friseurs in einem Rang roulieren roulieren – umlaufen; hier: angesehen sein , und auch gleich zahlreich sind. Allein die beträchtliche Anzahl der Männer von Verdienst, welche den Troß dieser vorgeblichen Litteratoren ihrer Vaterstadt so verachten, wie ers verdient, machte mich bald wieder den Unterschied bemerkend. In allen Fächern findet man hier einige vortrefliche Männer, die sich sowohl durch die Tiefe als auch die Ausbreitung ihrer Kenntnisse, und besonders durch eine grosse Bekanntschaft mit der übrigen Welt von den Gelehrten zu Wien stark auszeichnen, für welche meistens alles was ausser der Linie ihrer Stadt liegt, todt ist. Die Kleinmeister machen hier wirklich den – zwar etwas zu dicken – Troß, zu Wien aber die eigentliche Armee der Pallas Pallas – Pallas Athene, Schutzgöttin der Wissenschaft und der Künste aus, an deren Spitze einige Helden in Riesengrösse stehn, um den Zug der Zwerge hinter ihnen desto lächerlicher und verächtlicher zu machen. Ich besuchte Herrn Weiße Weisse – Christian Felix Weiße, Lyriker, gab die erste deutsche Kinderzeitschrift heraus, † 1804 , dessen Kinderfreund Herr Berquin Berquin – Arnaud Berquin, franz. Kinder- und Jugendbuchautor, † 1791 theils übersetzen, theils nachahmen will. Er ist nicht nur einer der artigsten Dichter Deutschlands, sondern auch ein merkwürdiger Gelehrter im ganzen Umfang des Wortes. Er ist die Eleganz selbst, und das Einkommen von einer ansehnlichen Stelle, die er bekleidet, setzt ihn in den Stand seine alten Tage der philosophischen Ruhe, dem Wohlthun und den Musen zu weihn. Er ist einer der stärksten Antagonisten Antagonisten – Gegner, Widersacher der litterarischen Kalmüken, von denen ich dir bey Anlaß des Theaters von München schrieb, die gleich den Truppen des Gengiskans Gengiskan – Dschingis-Khan, Mongolenfürst im 13. Jahrhundert vor einigen Jahren einen Einfall auf den deutschen Parnaß Parnaß – Sitz des Apoll und der Musen thaten, die Musen nothzüchtigten, die schönen Blumenbetten der alten deutschen Dichter verheerten, die Sprache verstümmelten, die Wörter mit tartarischer Wuth zerfezten, und vielleicht auch im Hunger noch Kinder gefressen hätten, wie ihre Originale, wenn ihre Disciplin der Wuth ihres Angriffes entsprochen hätte, und nicht so geübte Leute, wie Herr Weisse ist, sie nach der Hitze des ersten Anfalls zerstreut hätten. Nun haben sie sich allgemach hinter die Hecken und Gebüsche verlaufen, wo sie manchmal noch Feuer auf die vorübergehenden geben, aber sich nicht lange mehr halten können. Fünf und vierzigster Brief. Leipzig – Die Handlung und die Manufakturen dieser Stadt sind sehr beträchtlich. Sie ist der Mittelpunkt des Bücherhandels von ganz Deutschland, des Wollhandels von fast ganz Sachsen, und wenige deutsche Städte werden ihr es auch in Wechselgeschäften zuvorthun. Man verfertigt hier Sammet, Seidenzeuge, Plüsche, Leinwande, Tücher, Kattun, Tapeten und noch verschiedne andre Sachen. Mit Materialien und Spezereyen versieht diese Stadt den größten Theil von Sachsen, und sie hat einen grossen Theil des gegenseitigen Handels zwischen Süddeutschland, der Schweiz und Italien, und dem Norden. Es giebt mehrere Millionärs hier. Die Messe, welche 8 Tage vor meiner Ankunft vorüber war, soll nach dem Geständniß aller Einwohner und der fremden Kaufleute kaum ein Schatten mehr von dem seyn, was sie vor 30 und mehrern Jahren war. Das merkwürdigste ist noch auf derselben der Bücherumschlag zwischen den Buchhändlern Deutschlands, die sie theils durch Kommissärs Kommissärs – Kommissionäre, Zwischenhändler beschicken, größtentheils aber in eignen hohen Personen erscheinen. Ihre Anzahl soll sich auf etwa 300, und der Werth der Bücher, die sie gegen einander vertauschen, über 500.000 Rthlr., ohngefähr 1.751.000 Livr. im Durchschnitt der letztern Jahre belaufen. Leipzig erhält sich im Besitz dieses Buchhandels nicht so sehr durch die unter den Buchhändlern einmal eingeführte Gewohnheit, als vielmehr durch den häufigen Verlag, den es selbst von neuen Büchern hat, und weil es mitten in der Gegend von Deutschland liegt, wo die Künste und Wissenschaften vorzüglich blühen, und das Lesen und Schreiben am gemeinsten ist. Man hat schon einige Versuche gemacht, dieser Stadt diesen Handlungsast zu rauben, allein jetzt noch ist es meines Erachtens wegen obbemeldten Ursachen platterdings unmöglich. Die östreichischen Buchhändler waren bis an jetzo die einzigen, die nicht regelmäßig und zahlreich bey diesem Litteraturhandel erschienen sind. Die Einschränkung durch die Zensur, und dann die Eingeschränktheit der Köpfe ihrer Schriftsteller verhinderten bisher, daß sie kein Papier von so gutem Gehalt zu Markte bringen konnten, daß die andern Verleger das ihrige dagegen vertauschen wollten. Leipzig kam durch die Verdienste seiner Bürger und Landsleute in den Besitz dieses sonderbaren Handels, der meines Wissens in Europa der einzige in seiner Art ist. Sachsen war die Wiege der Litteratur und des Geschmacks in Deutschland. Der erste Saamen der Litteratur und des Geschmacks ward in Deutschland von Leuten ausgestreut, die keine Gelehrten von Profeßion waren. Seit der blühenden Epoche unserer Litteratur unsere Literatur – also die französische stand ein Theil der deutschen Fürsten immerfort in Verbindung mit unserm Hof. Die Unterhandlungen, welche dadurch veranlaßt wurden, und die Feldzüge unserer Truppen in Deutschland machten die Kenntniß unserer Sprache zu einem Bedürfniß des deutschen Adels und aller Leute von Stand. Minister, Räthe, Officiers, Sekretärs u. dgl. m. verfeinert sich durch den Umgang mit unsern Landsleuten, und der Geschmack verschiedner deutscher Höfe war schon gebildet, ehe noch Deutschland selbst einen Literator von Verdienst aufzuweisen hatte. Schon Prinz Eugen, der seine Jugend an unserm Hofe zugebracht, arbeitete mit allen Kräften für die Aufnahme der schönen Wissenschaften und Künste in Deutschland. Die Jesuiten standen ihm am Hof zu Wien im Weg, und dieser Hof war zu der Zeit der einzige in Deutschland, bey welchem unsre Sprache keinen Eingang finden wollte. An den meisten andern Höfen waren auch Leute von dem Geschmack und der Denkungsart des Prinzen Eugens, Gönner der Musen, die in ihren Bemühungen für die Ausbreitung des guten Geschmacks mehr oder weniger glücklich waren – Auf die nemliche Art kamen die Künste aus Italien zu uns und aus der Levante Levante – die Länder des östlichen Mittelmeeres nach Italien. Nun fehlte es nur noch an der Sprache, um das deutsche Genie zur Nacheiferung aufzuweken. Hierin hatte Sachsen einen grossen Vortheil über die andern Provinzen Deutschlands. Seit Luthers Zeiten hatte dieses Land immerfort einige Männer, die sich von dem barbarischen lateinischen Schulton, welcher durch ganz Deutschland herrschte, entfernten, und ihr Wissen populär zu machen suchten. Der Kirchendienst hatte hier vorzüglich viel zur Verbesserung der Sprache beygetragen. Die Schulen für die kleine Jugend waren in Sachsen schon lange vor der blühenden Epoche der Litteratur in einem guten Zustand. Die Sprachen einiger sächsischen Schriftsteller aus der Zeit zwischen 1715 und 25, wo das übrige Deutschland noch den unsinnigen Kanzleystil schrieb, hat schon ziemlich viel von dem Gepräge der grammatikalischen Richtigkeit und Reinlichkeit. Der natürliche Witz der Sachsen und die ihnen ganz eigne und wie angebohrne Liebe zu allem, was schön ist, machte gar bald Eifer und Stolz, ihre Sprache gut und schön zu sprechen, unter ihnen rege, der ehedem die Athenienser Athenieser – Athener auszeichnete. Der geringste Handwerker hier bemüht sich mehr, gut zu sprechen, und ist viel glücklicher in der Wahl seiner Ausdrücke, als irgend ein Gelehrter von Profeßion in Süddeutschland, mit dem ich zu reden die Ehre hatte. Sogar die hiesigen Mädchen sind empfindlich gegen die Sprachfehler, und ahnden sie. Sachsen hatte nebst der verfeinerten Sprache noch andre Vortheile, welche dazu beytrugen, daß sich die Litteratur unter seinen Einwohnern früher und schneller ausbreitete, als unter den übrigen Deutschen. Die Philosophie und höhern Wissenschaften waren schon lange vor der ästhetischen Epoche von dem scholastischen Staub gesäubert. Leibnitz, Puffendorf Puffendorf – Samuel Freiherr von Pufendorf, deutscher Historiker und Jurist, systematisierte das Völker- und das Naturrecht, † 1694 , Thomasius Thomasius – Philosoph und Jurist, hielt als Erster Vorlesungen in deutscher Sprache, er strebte die Befreiung von Philosophie und Wissenschaft von der Vorherrschaft der Theologie und der Scholastik an, war einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Aufklärung, † 1728 , Wolf Wolf – Christian Freiherr von Wolff. Deutscher Philosoph, † 1754. War Professor für Mathematik und Philosophie in Halle / Saale, von Friedrich Wilhelm I. 1723 des Landes verwiesen, Friedrich II. hohlte ihn 1740 nach Halle zurück. und andere hatten das ganze weite wissenschaftliche Feld umgerissen, mit Einsicht und Geschmack angebaut, und in ganz Norddeutschland, vorzüglich aber in Sachsen eine glückliche Revolution in den Köpfen veranlaßt. Die bekannten Acta Eruditorum Acta Eruditorum – die erste deutsche wissenschaftliche Zeitschrift, 1782 eingegangen nahmen hier schon 1682 ihren Anfang und wetteiferten mit den Recensionen der aufgeklärtesten europäischen Völker, mit dem Journal des savants Journal des savants – eine seit 1665 herausgegebene französische wissenschaftliche Zeitschrift , den englischen Transactions und den Giorneli de' Leterati Giorneli de' Leterati – ital. wissenschaftliche Zeitschrift seit 1668 , indessen der Geschmack in den meisten andern Gegenden Deutschlands, sogar zu Berlin, noch bloß das Eigenthum einiger Hofleute war. Schon im ersten Vierthel dieses Jahrhunderts besorgte man hier gute Ausgaben der alten, die zur Entwicklung des Genies überall mehr beytrugen, als die besten Regeln und Theorien. Die Prachtliebe und der Aufwand für Kunstsachen der sächsischen Auguste trugen ohne Zweifel sehr viel zur frühern Verfeinerung des Geschmackes und zur Ermunterung des Genies in diesem Lande bey. Die Künste haben eine schwesterliche Liebe gegen einander, und selten lassen sie sich lange trennen. Die Mahlerey, Bildhauerey, Musik, Baukunst und alle mit ihnen verwandten Künste waren an dem Hof August des dritten blühender als an irgend einem europäischen Hofe. Aus der Schule der Künstler, die sich damals hier bildeten, kamen Mengs Mengs – Anton Raphael Mengs, barock-klassizistischer Maler, † 1779 , der größte Maler unsers Jahrhunderts, Hasse Hasse – Johann Adolf Hasse, Dirigent und Komponist in Dresden, † 1783 , dessen musikalisches Genie mit dem dichterischen eines Metastasio Metastasio – Pietro Antonio Metastasio. Ital. Dichter und Librettist, † 1752 wetteiferte, Gluk Gluk – Christof Willibald Ritter von Gluck, Komponist, reformierte die Oper, † 1787 , Hiller Hiller – Johann Adam Hiller, Musiker, seit 1758 in Leipzig tätig, † 1804 u. a. m. Es war sehr natürlich, daß sich zu diesen vielen Künsten auch endlich die Dichtkunst gesellte. Die Opern machten die Sachsen mit italiänischen Dichtern bekannt, so wie sie die Hofsprache, mit den französischen bekannt gemacht hatte. Endlich machten sie selbst einige Versuche in ihrer Sprache, und sie gelungen ihnen. Gellert Gellert – Christian Fürchtegott Gellert, deutscher Schriftsteller und Fabeldichter, begründete den deutschen Roman, † 1769 , Rabener Rabener – Gottfried Wilhelm Rabener, deutscher Schriftsteller und Satiriker, † 1771 u. a. m. haben sich offenbar nach den Franzosen, Italiänern und Engländern gebildet. Seit dieser Zeit hatte Sachsen nach dem Verhältniß immer die meisten schönen Geister unter den übrigen Provinzen Deutschlands. In der Zahl der Handlanger der schönen Literatur übertrift es das übrige Deutschland zusammen. Der Uebersetzer, Journalisten, Magazinen, Almanachen= und Verzeichnißmacher u. a. dgl. ist eine unendliche Menge. Es gibt hier zu Lande viel Leute, die mit der alten und neuen Literatur der Franzosen, Italiäner und Engländer so bekannt sind, als die Gelehrten dieser Völker selbst. Man hat auch ein Magazin der spanischen und portugiesischen Literatur. Sogar im tiefen Norden auf dem dänischen, schwedischen, russischen und polnischen Parnaß fouragieren fouragieren – Verpflegung für die Truppe beschaffen, hier: mit Lesestoff versorgen sie. Vortheile, welche Deutschland vor allen andern Ländern voraus hat. In Rücksicht auf das Mechanische der Literatur, die Verhandthierung der ersten Materien, und den Verkauf der Manufakturen dieser Art wird Sachsen deswegen noch lange dem übrigen Deutschland überlegen bleiben; allein sein Genie selbst scheint erschöpft zu seyn. Die neue Zucht seiner schönen Geister ist die Frivolität selbst, indessen erst in andern Provinzen Deutschlands das Genie in seiner Jugendstärke erwacht – Es verhält sich mit dem dichterischen Genie, wie mit der physischen Zeugungskraft des Menschen, mit welcher es auch ohne Zweifel eine natürliche und wesentliche Verbindung hat, und ich getraue mir zu wetten, daß, wenn es jemand untersuchen wollte, die gutwilligen Mädchen sich an jedem Ort mit den Schöngeistern in gleichem Verhältnis gemehrt haben. Das Dichten ist wirklich eine Debauche Debauche – Ausschweifung des Geistes, oder, wie Swift in der Vorrede zu der bekannten Bücherschlacht Bücherschlacht – The Battle of the Books, 1704 erschienen sagt und welches Eins ist: »Witz ist eine Absäumung des Rahmes, welcher sich oben im Hirn ansetzt.« Nun hat das Hirn bekanntlich mit den Zeugungssäften des Menschen eine sehr enge Verbindung, und beyde Substanzen werden durch das öftere Rahmen verdünnert und endlich gar zu einem Pfützenwasser gemacht. Durch einige Debauchen, die im Anfang vielleicht die Wirkung des Uebermaasses der Zeugungssäfte waren, läßt sich der Geist leicht zur Geilheit hinreissen, und anstatt sich nach den Gesetzen mit einer Wissenschaft zu verheyrathen, die ihn in Zucht und Ehren und mit Maaß und Ziele abrahmen könnte, verschwendet er in der Geilheit seine Säfte, nimmt bey der Abnahme derselben Schokolade, Stanza marina Stanza marina – offensichtlich ein Liebeselixier, aber wer weiß hier Genaueres? u. dgl., die seine gänzliche Entkräftung beschleunigen, und schwindet endlich zu einem Schatten zusammen. Ich seh es an den Waden der hiesigen Literatoren, daß ihr Geist unvermögend ist – Eben diese ansteckende Geilheit des Geistes, die bey Annäherung der Kunstepoche bey allen Nationen einriß, und bey allen Völkern der Nachwelt in diesem Fall einreissen muß, weil die Bastarten, die sie auf die Welt setzt, wie alle Bastarten, eher ihr Glück machen, als ehrliche Kinder, und sie durch den Beyfall der andern Menschen begünstigt und zu ihren Ausschweifungen ermuntert wird, macht mich der sogenannten schönen Literatur überhaupt so abgeneigt. Die Polizey sollte darauf sehn, daß sich der Witz allzeit mit der Vernunft begattete, und sollte die literarische Bordels nicht Mode werden lassen, die im Anfang einige hübsche Kinder der Liebe liefern, aber für die Waden der jungen Leuthe gefährlich sind. – Aus meiner Republik schließ ich, wie ein kluger Alter, alle Dichter, Musikanten u. dgl. für immer aus. Haben meine Unterthanen Witz, so soll nie zu den sogenannten schönen, sondern bloß zu den nützlichen Wissenschaften und Künsten Gebrauch davon gemacht werden. In meinen Augen (ich weiß du wirst wieder auf einen Augenblick böse) hat der unbekannte Mann, der die Nähnadel erfand, mehr Verdienst als Homer Homer – sagenhafter griech. Dichter im – 8. Jahrhundert , Virgil und alle alten und neuen Dichter zusammen. Sechs und vierzigster Brief. Leipzig – Ich that von hier einen Ausfall nach Weimar und Gotha. Dieser Strich Landes ist der angebauteste und im politischen Betracht der schönste, den ich noch in Deutschland gesehn. Alle 2 bis 3 Meilen hat man eine Stadt, und fast in allen blühen Manufakturen. Die Dörfer sind unzälig, und der Feldbau ist auf dieser Seite mannichfaltiger, als gegen Dresden hin. Die Natur scheint auch dieser Gegend günstiger gewesen zu seyn. Weimar ist ein artiges Städtchen. Der Hof ist äusserst populär, und der regierende Herzog treibt die Popularität und Philosophie vielleicht zu weit. Er setzt sich mit allen Menschen parallel, und nimmt Rollen in gesellschaftlichen Schauspielen, welche die schönen Geister und Bedienten seines Hofes unter sich aufführen. Er liebt das Romantische, und erkletterte nicht sonder Lebensgefahr in Gesellschaft seines eben so ritterlichen Busenfreundes, Herrn Göthe, auf seiner letzten Schweitzerreise den sturzdrohenden Felsen, mitten im Fall des Rheines unter Schafhausen, an dem die Gewalt des Sturzes schon grosse Stücke weggerissen hat, und der immerfort bis in seine Grundveste erbebt; eine That, die des berühmtesten Ritters aus den vorigen Jahrhunderten würdig wäre. Mit diesem liebenswürdigen Gefühl für das Kühne und Abentheuerliche verbindet er einen ausgebildeten Geschmak an allem, was Kunst heißt. Sein Hof besteht fast bloß aus schönen Geistern, und sogar sein Generalsuperintendent Generalsuperintendent – Johann Gottfried Herder, Sprach- und Geschichtsphilosoph, der 1776 dieses Amt in Weimar erhielt. † 1803 , (welcher dir ganz unbekannte Titel soviel als ein kleiner Pabst heißt) ist ein schöner Geist, der das erste Buch Moses als eine poetische Rapsodie erklärt und auch in der neuern rapsodischen Gestalt unter dem Titel: Urkunde der Menschheit, herausgegeben hat. Die vortrefliche Bildung des Herzogs ist ein Werk des berühmten Wielands, den romantischen Zug seines Karakters ausgenommen, den er Herrn Göthe größtentheils zu verdanken hat. Wieland ist ohne Widerrede der beste Kopf unter den Schriftstellern Deutschlands. Keiner verbindet so viel Studium mit soviel Genie als er, den einzigen Leßing ausgenommen. Er hat nicht nur sein literalisches Augenmaß durch anhaltendes und durchdringendes Anschauen der Schönheiten des Alterthums geübt und fixirt, sondern umfaßt auch die ganze Literatur der Franzosen, Italiäner und Engländer. Seine Werke sind keine Rapsodien im Geschmack der neuern deutschen Dichterlinge, sondern haben das wahre Gepräge der Kunst. Auch die flüchtigen Produkte seiner frohen und launigten Augenblicke verrathen eine Meisterhand, die im Zeichnen geübt ist, und ihren gewissen Pinselstrich hat. Man sagt von den grossen Mahlern, daß man sie sogar in den Zügen erkennt, die sie mit dem Abwischen ihrer Pinsel machen. Wieland ist einer von den wenigen deutschen Schriftstellern, welche die Nachwelt unter die klaßischen setzen wird, nachdem die Schriften der meisten andern zum Düngen der Felder werden verbraucht seyn. Man macht ihm den Vorwurf, er wiederhole sich zu oft. Ich meines Theils hab in seinen Schriften wenig eigentliche Wiederholungen bemerkt, wohl aber, daß er, wie alle grossen Schriftsteller, seine Lieblingsideen hat, die er immerfort dreht und wendet, um sie den Lesern auf allen Seiten und in jedem Licht zu zeigen. Ich wüßte nichts an ihm zu tadeln, als daß er sein Studium zu wenig verstekt, seine ungeheure Lektüre zu viel auskramt und manchmal vergißt, daß seine Leser in gewisse Vorstellungen nicht so verliebt seyn mögen, als er; und dann auch, daß er ehedem, als er noch nicht Hofrath und Prinzenhofmeister war, wahrscheinlicherweise manchmal schreiben mußte. Seine Epoche ist nun vorüber. Sein ungemeiner Scharfsinn und seine unbeschreibliche Thätigkeit, alle Vortheile, welche die Umstände seinem Beutel darbieten, so viel als möglich zu benutzen, brachten ihn auf den Einfall, ein Journal in die Abschnitte seines grossen Ruhms zu emballieren emballiren – emballieren: verpacken , um im Alter seinen literarischen Handel nicht ganz aufgeben zu müssen. Keiner der deutschen Schriftsteller kennt sein Publikum so gut als Wieland. Er ist unerschöpflich in Erfindungen, seinem Merkur Merkur – ›Teutscher Merkur‹;, eine von Wieland seit 1773 herausgegebene Zeitschrift , der immer noch soviel werth ist als der unsrige, durch abwechselnde Kleinigkeiten den Abgang zu erhalten. Bald klebt er, wie die holländischen Tobackshändler auf ihre Päkchen, ein Bildchen auf die Emballage Emballage – Verpackung , bald verspricht er, in folgenden Bänden Schlüssel zu Dingen in den vorhergegangenen zu liefern, und giebt dann dem Publikum anstatt des Schlüssels eine Rassel oder ein Pfeifchen, womit die Kinder zu spielen pflegen, in die Hand; bald dehnt er ein Stück durch einen ganzen Jahrgang aus, bald füllt er ganze Bände auf einmal damit an. Räthsel, Zeitungen, Anekdoten, Zänkereyen andrer Schriftsteller, kurz alles mögliche nahm er zu Hülfe, um seiner Waare immer den Anstrich von Neuheit zu geben, und das Publikum zu – amusiren. In Deutschland kann man es einem grossen Mann weniger übel nehmen, wenn er zu all den schriftstellerischen und buchhändlerischen Pfiffen und Kniffen seine Zuflucht nimmt, als in andern Ländern; denn der größte Mann könnte da Hungers sterben, wenn er nicht die Industrie aufs äusserste treibt. Wieland ist, was sonst wenige Dichter sind – ein guter Hausvater. Wirklich lebt er jetzt mehr für seine Familie als für das Publikum. Er ist ein neuer Beweis von dem Satz, der den Schluß meines letzten Briefes ausmachte, nämlich daß die Zeugungskräfte des Menschen mit dem Genie in einem Verhältniß stehn, und daß es gut ist, wenn man den zum Zeugen erforderlichen Vorrath von Säften eben so vorsichtig und ordentlich abrahmt, als den Witz vom Hirn. Er hat 7 oder 8 eheliche Kinder. So viel hat kein Dichter je zur Welt gebracht, wie er selbst versichert; indem er die Lebensbeschreibungen der Dichter bloß in der Absicht, um sich dieses Vorzugs zu vergewissern, nachgeschlagen hat. Eine artige Pension von Hofe setzt ihn nebst dem Gewerbe mit seinem Merkur, in den Stand, seinem herannahenden Alter mit Ruhe entgegenzusehn, die Freuden des Lebens bis an sein Ende zu schmecken. Sein Karakter hat viel sonderbares. Ich will dir nur einige Züge von ihm mittheilen, die mit seiner Schriftstellerey in Verbindung stehn. Aus allen seinen Schriften leuchtet eine grosse Weltkenntniß, und man sollte ihn nach denselben für einen ausgedienten Hofmann halten. Er ist aber nichts weniger als dieses. Er weiß sich weder in grossen und feinen Gesellschaften, noch in irgendeiner Intrigue des alltäglichen Lebens, die eine Dreistigkeit erfodert, so zu fassen, als man von einem gewöhnlichen Weltmann erwarten sollte. Man weiß Fälle, wo er vis à vis vis à vis – gegenüber von einer Dame in seinem Reden und Betragen verlegen war, ob er gleich damals schon den Agathon und eine Menge Werke herausgegeben hatte, die ihm unter den politesten politest – feinster, geschliffenster Schriftstellern einen Rang anweisen. Seine Kenntniß der feinern Welt ist bloß theoretisch, und man muß ihm etwas Zeit lassen, wenn er Gebrauch davon machen soll. Er ist nicht einmal im alltäglichen Leben ganz abgeründet. Der Mangel an Umgang mit der grossen Welt und ein anhaltendes Studieren scheinen nicht die einzige Ursache davon zu seyn. Sein Temperament mag viel dazu beytragen. Er ist von Natur sehr lebhaft, aber nicht sehr entschlossen, mißtrauisch auf sich selbst und leichtgläubig gegen andre, und kurz, einer von denen, welchen die Natur alle Anlage zur Suffisance Suffisance – Süffisanz: Selbstgefälligkeit im menschlichen Leben versagt hat, von welcher doch eine kleine Dosis sehr nützlich ist. Seine Weltkenntniß ist, wie Montagne von einem seiner Art sagt, en lieu d'ou il l'emprunte, \& non en lui en lieu ... franz. – ›entlehnt, und nicht von ihm selbst‹; . Das Gefühl hievon in Fällen, wo er Blösse gab, mag ihn vollends zu einem Poltron Poltron – Hasenfuß gemacht haben. Daraus muß man die schnellen Uebergänge in seiner Denkensart, die Schmeicheleyen gegen Leuthe, die ihm den Rücken decken können, das Nachgiebige gegen die, welche ihm die Stirne biethen, seine verträgliche Art gegen jene, deren Grundsätze von den Seinigen himmelweit entfernt sind, seine Liebe zum Partheymachen, und alle die Retiraden erklären, zu denen er seine Zuflucht nahm, so oft er seinen Ruhm in Gefahr glaubte, für welchen er doch nie etwas wichtiges zu[ ]beförchten gehabt hätte, wenn er seine Stärke besser gefühlt hätte. Vor Göthes Epoche stand Wieland, wie er es verdiente, an der Spitze des Heeres der deutschen Pallas. Das Schicksal fügte es, daß sich gegen seinen Willen eine ungeschikte Rezension des Götzes von Berlichingen in sein Merkur einschlich. Göthe rächte sich durch eine Farce Farce – derb-komisches Lustspiel , nach seiner Gewohnheit, auf eine – starke Art. Wieland, immer bereit, auf den ersten Wink ins Bokshorn zu kriechen, suchte den Fehler durch eine zweyte, geschicktere Rezension gutzumachen. Zum Glück für ihn reisete sein Eleve, der regierende Herzog bald darauf nach Frankfurt, wo er Herrn Göthe besuchte, ihn mit sich nach Weimar nahm, und natürlicher Weise mit seinem ehemaligen Hofmeister aussöhnte. Der geschmeidige Wieland nahm hierauf nicht nur etwas von Göthes Ton an, sondern schrieb auch Apologien Apologie – Verteidigungsrede für Leuthe von der Parthey desselben, auf welche doch fast alle seine vorhergehenden Schriften Satyren waren. Ueberhaupt ist er einer der größten Sophisten Sophist – Rechthaber unsers Jahrhunderts der auf alles eine Apologie und Satyre fertig hat, und das hergiebt, was man ihm bezahlt. Göthe ist der Liebling des Herzogs. Sie sind Du zusammen. Was die Natur Herrn Wieland gänzlich versagte, das gab sie Herrn Göthe im Uebermaaß. Ehedem verleitete ihn seine Suffisance wirklich zu Ausschweifungen; allein er hat sich seit einigen Jahren merklich geändert. Er ist nicht nur ein Genie, sondern hat auch wirklich viel Ausbildung. Einige sonderbare Grundsätze trugen mehr dazu bey, als seine natürliche Raschheit, daß er – gewiß gegen seine Erwartung – einer Kalmückenhorde das Signal gab, den deutschen Parnaß, der in voller Blüthe stand, vor einigen Jahren zu verheeren. Er ist in allen Dingen – aus Grundsatz – für das Ungezierte, Natürliche, Auffallende, Kühne und Abentheuerliche. Er ist der bürgerlichen Polizey eben so feind als den ästetischen Regeln. Seine Philosophie gränzt ziemlich nahe an die rousseauische. Ich will mich nicht damit aufhalten, sie zu zergliedern – Als das Gefühl seines Genies in ihm erwachte, gieng er mit abgekremptem Hut und unfrisiert, trug eine ganz eigne und auffallende Kleidung, durchirrte Wälder, Hecken, Berg und Thal auf seinem ganz eignen Weg; Blick, Gang, Sprache, Stock und alles kündigte einen ausserordentlichen Mann an. Auch in seinen Schriften hielt er eine gewisse Nachläßigkeit für anständiger, als eine gesuchte Delikatesse. Er kürzte seine Perioden auf die seltsamste Art ab, nahm veraltete und vulgare Wörter an, und apostrophirte apostrophien – apostrophieren, hier: verkürzen, entfallen lassen die Hälfte der Vokalen, welches für die so vokalenarme deutsche Sprache eben kein Freundschaftsdienst war. Seitdem er sich aber auch seine Waden und Backen apostrophirt hat, ist er in allen Sachen geschmeidiger und gelassener geworden – Seine Schriften enthalten sehr viele von den glücklichen Zügen, die eine richtige Menschenkenntniß mit einer starken und reichen Phantasie und einer piquanten Laune vereinbaren. In allen sieht man auch, daß er einen Plan anlegen und übersehen kann, und Herr von den Mitteln ist, ihn auszuführen, wodurch er sich von allen seinen Nachahmern auffallend unterscheidet. Wenn irgendwo ein Theil nicht sehr genau mit dem Ganzen zusammenhängt, so sieht man, daß es nicht aus Ungeschicklichkeit geschah, sondern er sich nur die Mühe nicht nehmen wollte, denselben besser anzuknüpfen. Er hat viel Studium, ist ein Kenner der alten und bekanntesten neuen Sprachen, zeichnet, ist Musikant, ein guter Gesellschafter, Bonmotist und herzoglicher Legationsrath. Ohne Zweifel sieht er itzt selbst ein, daß er der deutschen Litteratur viel geschadet hat. Viele junge Leute glaubten, es wäre bloß um Dreistigkeit, Unverschämtheit, Verunstaltung der Sprache und Vernachlässigung alles dessen, was Ordnung und Wohlstand heißt, zu thun, um Genies zu werden. Sie behaupteten öffentlich, daß alles Studieren, alle Regel und aller Wohlstand Unsinn, und alles, was natürlich ist, schön wäre, daß ein wahres Genie keine Bildung nöthig hätte, sondern, wie Gott, alles aus seinem Wesen schöpfen, und sich selbst genug seyn müßte, daß ein Genie berechtigt wäre, sich im blossen Hemd oder auch nach Belieben in puris naturalibus in puris naturalibus – im reinen Naturzustand, nackt auf dem offenen Markt und bey Hofe zu produzieren, daß die kalte Vernunft die Menschen zu Schöpsen Schöps – hier: Kastrat , eine unbezähmte Phantasie aber zu Halbgöttern machte; daß Träumen, entzückt seyn und Rasen der natürliche und glückliche Zustand des Menschen wäre, daß alle Beschäftigungen, wodurch der Mensch sein tägliches Brod verdiente, ihn unter seine Natur und Würde erniedrigten, daß in der besten Welt in der besten Welt – s. Fußnote 2 im Ein und zwanzigsten Brief die Menschen auf allen vieren gehn und Eicheln fressen müßten u. s. w. Du mußt nicht glauben ich übertreibe. Ich kann dir das alles urkundlich vor Augen legen. Göthe hatte das mit Rousseau gemein, daß seine Philosophie, die (auf falschen oder wahren[)], Grundsätzen beruhte, der Liederlichkeit und Ausgelassenheit schmeichelte, und deswegen von Leuten ausgeübt ward, die gar keine Grundsätze hatten, sondern durch blinden Glauben an ihren Propheten selig werden wollten. Seine Jünger begiengen die lächerlichsten Ausschweifungen, indessen er immer seiner selbst Meister war, und das Eigensinnige seines Betragens durch eine Uebereinstimmung desselben mit seinen Grundsätzen, durch eine gewisse Mäßigung und durch eine Umgänglichkeit mit allen Menschen rechtfertigte. Nun erschien ein Schwall von dem elendesten Geschmiere, das je die Welt gesehn. Ich glaube, viele dieser Herren wären selbst nicht im Stand, von manchen Stellen ihres Geschreibsels eine Erklärung zu geben. Der platteste Unsinn ward von Kritikern dieser Parthey als die Quintessenz des menschlichen Witzes und der menschlichen Phantasey (dem menschlichen Verstand kündigten sie, wie ich dir oben sagte, öffentlich und ausdrücklich den Krieg an) ausgeschrieen. Wenn man den Beyfall des Publikums, im Grossen genommen will verachten lernen, so muß man die Produkte mancher dieser Herren lesen, die zum Theil noch izt für Wunder gehalten werden. Diese Kalmückehorde rekruttirte unter allen Klassen Künstler. Es gab Aerzte, die ihr Sistem nach den Glaubensartikeln dieser Schwärmersekte einrichteten, und lehrten, sich im Schnee wälzen, im kältesten Wasser baden, Bocksspringe machen, sich auf den Kopf stellen, abstürzige Felsen erklettern, nichts warmes zu sich nehmen, sondern bloß von den rohen Früchten der Erde leben, der Natur nicht den geringsten Zwang anthun, sondern sich der Naturlast stehenden Fusses an jedem Ort und zu jeder Zeit entbürden, u. dgl. m. wäre alles, was der Mensch sowohl zur Erhaltung als zur Wiederherstellung seiner Gesundheit thun könnte. Ein bekannter Doktor, welcher verschiedne Leute durch diese Kur zu Grunde gerichtet, berief sich in seinen Vorschriften bloß auf das Beyspiel der grossen Geister Deutschlands. Wenn er einem Kranken das kälteste Bad verordnete, und dieser aus Erfahrung beförchtete, er möchte ein Fieber oder einen Fluß holen, so versicherte ihn der Herr Doktor, er habe nichts von allem dem zu beförchten, denn der grosse Göthe gieng mitten im Winter ins Wasser und ins Eis – Die jungen Mahler mahlten nichts mehr, als Stürme, Blitze und Alpengebirge; Elephanten, Löwen und Tiger; Didonen Dido – die karthagische Königin Dido verbrannte sich selbst aus Liebeskummer auf den Scheiterhaufen, Lukretien Lukretia – Lukretia verübte nach ihrer Schändung Selbstmord und Medeen Medea – Medea tötet sich selbst und ihre Kinder, weil Jason sie verlassen hatte , die ihre Kinder zerrissen. Alle sanftern Landschaften, die alltäglichen Thiere und die gewöhnlichern Situationen der Menschen schloß jeder aus seinem verschiedenen Fach aus. Um Zeichnung, Haltung und Wahrheit war es ihnen nicht zu thun. Diese Kleinigkeiten überliesse ein Genie, sagten sie, den kalten Vernunftmenschen und Brodarbeitern. Die Kunst bestand nach ihren Begriffen darin, daß alles, was sie machten, ausserordentlich wäre. Je unnatürlicher ein Dido die Arme zerränge, je gewaltsamer sie die Augen verdrehte, und je mehr Unordnung im Haar und in die Draperie herrschte, desto schöner wäre sie – Auf diese Art mißbrauchten Künstler jeder Gattung Göthes Theorie. Seine Anhänger ahmten ihm auf die lächerlichste Art in der Kleidung, im Gange und sogar im Reden nach. Ganz unschuldig ist er nicht an diesen Ausschweifungen. Er entdeckte bey einigen seiner Freunde, z. B. Lenz Lenz – Jakob Michael Reinhold Lenz, wichtiger Vertreter des »Sturm und Drang«, † 1792 , Klinger Klinger – Friedrich Maximilian von Klinger, gab mit seinem Drama »Sturm und Drang« der literarischen Epoche den Namen, † 1831 und andern, Funken von wahrem Genie, die durch einige Aufmunterung in lichte Flammen zu bringen wären. Da er aber einmal angefangen hatte, den Protektor zu machen, so drängten sich auch Leute an ihn zu, die seiner Protektion ganz unwürdig waren, und die er geraden Weges wieder zu ihren Brüdern auf die Waide hätte zurückweisen sollen. Der Kitzel des Ruhms mogte ihm aber vielleicht nicht mißbehagt haben, und er schämte sich nicht, wenigstens einige Zeit lang wirklich an der Spitze der Rotte zu stehen. Rousseau war hierin sehr verschieden von ihm. Der protegirte nicht und kommandirte nicht. – Itzt scheint sich Göthe um das Litteraturwesen überhaupt wenig mehr zu bekümmern. Er arbeitet an einer Lebensbeschreibung des berühmten Bernards von Weimar Bernard – Bernhard von Sachsen-Weimar, Feldherr unter Gustav Adolf im Dreißigjährigen Krieg, † 1639 , und genießt das Leben in so weit es sich mit ziemlich welken Lenden geniessen läßt. Er wird, wie man mir in Weimar sagte, von allen Seiten her unabläßig mit Rekommandationen Rekommandation – Empfehlungsschreiben bestürmt, und aus Osten, Süden, Westen und Norden besuchen ihn zu Zeiten Jünger seiner Apostel, in der Hofnung, angebracht angebracht zu werden – hier: durch Vermittlung einen fetten Posten zu erlangen zu werden. Er hat es sich aber itzt zur Regel gemacht, mit seiner Protektion sehr haushälterisch zu seyn; und da thut er wohl daran. Die Sottisen Sottisen – Dummheiten, Frechheiten dieser Leute würden alle auf ihn fallen. Es ist auch keine Folge, daß, wenn die Minister, Räthe und Kabinetssekretäre eines Hofes schöne Geister sind, auch die Küchen= und Kellermeister, Kammerdiener, Laquayen, Jäger und endlich auch die Stallknechte schöne Geister sein müssen. Gotha ist viel grösser, reicher und schöner als Weimar. Man schätzt die Anzahl der Einwohner auf neun bis 10.000 Menschen, die einige beträchtliche Manufakturen treiben. Der Hof ist so populär und artig gegen Fremde, als der zu Weimar. Der Herzog hatte eines der besten deutschen Theater, dankte aber die ganze Gesellschaft vor einigen Jahren ab, weil der Aufwand ein wenig zu groß ward, er sich satt gesehen hatte, und die Herren Schauspieler den Kavalierton übertrieben. Die Unterthanen beyder Herzoge befinden sich sehr wohl. Die Abgaben sind mäßig und reglirt reglirt – eindeutig festgesetzt . Die Verwaltung der Gerechtigkeit und Polizey ist vortreflich. Beyde Herren haben die Schwachheit anderer Fürsten Deutschlands nicht, den größten Theil ihrer Revenüen an ein oder zwey Regimenter Soldaten zu wenden, und die gesammte junge Mannschaft ihrer Lande, anstatt pflügen, exerzieren zu lassen. Die Einkünfte eines jeden derselben sollen sich auf beynahe 500.000 rheinische Gulden belaufen. Ihre Länder sind sehr fruchtbar und ausserordentlich stark bewohnt. Erfurt ist eine sehr grosse, alte, finstre und schlecht bewohnte Stadt. Sie hat beynahe eine Stunden im Umfang, und enthält kaum 18.000 Menschen. Das merkwürdigste hier ist der Gartenbau, der an keinem Ort in Deutschland, den ich gesehen, so hoch getrieben ist, als hier. Man treibt mit verschiednen Pflanzen und Früchten einen ziemlich beträchtlichen Handel. Die Einwohner sind, so wie in ganz Sachsen, sehr artige, gesellige und freundschaftliche Leute. Der jetzige Statthalter des Kurfürsten von Maynz, welchem die Stadt nebst etlichen und 70 umliegenden Dörfern zugehört, ist ein Baron von Dahlberg Dahlberg – Carl Theodor Anton Maria Reichsfreiherr von Dalberg, bekleidete hohe klerikale Ämter, war Erzbischof von Mainz, † 1817 , Dohmherr von Maynz, den du vielleicht zu Paris sahest. Er war in dem Haus des Marquis de V – te, und, wenn ich nicht irre, auch bey dem Herzog von Choiseul Choiseul – Étienne-François, duc de Choiseul d'Amboise, französischer Staatsmann, zeitweilig Außenminister, † 1785 nebst dem Baron von Gr – g, maynzischen Gesandten, wohlbekannt. Er ist ein Mann von ungemeiner Weltkenntniß, ein Gelehrter im ganzen Umfang des Worts, ein Menschenfreund und Patriot. Er hat in allen Geschäften der höhern Welt und in allen Fächern der Staatsverwaltung ausserordentlich viel Routine, beschützt die Wissenschaften und Künste, und steht mit den besten Köpfen Deutschlands in Verbindung. Er hat Hoffnung mit der Zeit der erste Fürst des deutschen Reichs und nach dem Pabst der reichste und angesehenste Prälat in der katholischen Welt zu werden – Der Staat von Erfurt soll jährlich gegen 180.000 Gulden rheinisch abwerfen. Er zählt in allen gegen 36.000 Menschen. Sieben und vierzigster Brief. Leipzig – Ich kann Sachsen nicht verlassen, ohne dir etwas von der Reformation zu sagen, die hier ausbrach. Ihr eigentlicher Ursprung in Rücksicht auf die Lehrsätze ist schwer zu bestimmen. In der Mitte zwischen Luther und Huß stehn Paul von Tübingen, Brulfer, Basilius von Gröningen und einige Engländer, welche die Hauptsätze der Protestanten öffentlich vertheidigten. Lange vor Huß hatten sich die Waldenser Waldenser – christliche Sekte, von Petrus Valdens († 1207) gegründet, sie wurden von der Inquisition grausam verfolgt. Waldenser leben in freiwilliger Armut, studieren die Bibel und haben Laienprediger. Sie lehnen Heiligenkult, Ablaß, Todesstrafe, Eid und die Zwangstaufe unmündiger Kinder ab. nach ihrer Verfolgung wieder erstaunlich ausgebreitet, und zwischen ihrem Anfang und Hussens Epoche lehrten Wikleff, Jean de Paris Jean de Paris – Johannes von Paris, Theologe, stellte sich gegen den Machtanspruch des Papstes, † 1306 , Arnauld de Ville=neuve, Guillaume de St. Amour, Eberhardt, Bischof von Salzburg Eberhardt, Bischof von Salzburg – Eberhard von Regensburg, Bischof in Salzburg, † 1246. Er verhielt sich in Sachen der Inquisition entgegen dem üblichen Fanatismus menschlich milde. und viele andre öffentlich, was Luther und Kalvin lehrten. Es ist leicht zu beweisen, daß zwischen der Entstehung der Albigenser Albigenser – auch Katharer genannt, die größte religiöse Bewegung des Mittelalters, von der Inquisition verfolgt blühte sie vom 11. bis zum 14. Jahrhundert. Ethik: Weder Mensch noch Tier töten, Verbot des Fluchens, Pflicht zur Arbeit, Alkoholverbot. und der Epoche der Reformation kein Zwischenraum von einem Menschenalter war, worin die Hauptsätze der heutigen Protestanten nicht von irgend einem angesehenen Mann öffentlich vertheidigt wurden. Zwischen Peter de Valdo Peter de Valdo = Petrus Valdens, s.o. , der das meiste zur Ausbreitung der Sekte der Waldenser beygetragen, ob sie schon nicht von ihm den Namen hat, wie einige glauben, und dem berühmten Berengarius, welcher Zwischenraum kaum ein Jahrhundert beträgt, standen Pierre de Bruis, Henri de Toulouse und Arnand Hot; die nebst vielen andern fast in ganz Frankreich die Lehre der heutigen Protestanten in Aufnahme brachten. Der bekannte Bischof Honore von Autun, der über den freyen Willen geschrieben, und im Ton der heutigen Protestanten den Pabst das grosse Thier und die babylonische Hure nannte, schrieb gegen 1115, und Berengarius starb 1091, so daß wieder kaum ein Menschenalter zwischen beyden ist. In dem Jahrhundert von Berengarius hat sich Arnaulph, Bischof von Orleans, auf der Kirchenversammlung zu Rheims durch eine Rede berühmt gemacht, die nachdrüklicher war, als irgend etwas, was Luther gegen die Macht des Pabstes geschrieben. Kurz die Lehre der Protestanten selbst steigt bis in die ersten Jahrhunderte des Kristenthums zurük, und ein aufmerksamer Leser der Kirchengeschichte überzeugt sich leicht, daß sie mit den Lehren der ersten Sektirer in der Kirche ununterbrochen zusammenhängt, und daß Luther durch die blosse Lehre keine Epoche gemacht hat. Wer mit der Geschichte des Jahrhunderts vor Luther nur ein wenig bekannt ist, und sich eine etwas deutliche Vorstellung von der Lage in Sa[s]chen um die Zeit der Reformation machen kann, der findet leicht, daß andre Dinge mehr zu dieser Revolution beytrugen, als die Theologie selbst, und daß Luther nur das Signal zum Ausbruch gab. Seit Kayser Sigismund, der diese Revolution schon bewirkt hätte, wenn seine Kenntniße seinem Eifer zu Reformiren entsprochen hätten, und der wegen Mangel derselben sich von einigen verschmitzten Kardinälen bey der Nase herum führen ließ, arbeitete Deutschland unabläßig an der Reformation. Wenn ein Katholik es heut zu Tage in Deutschland wagte, das, was auf der Kirchenversammlung zu Konstanz vor der ganzen Nation und hernach auf den Reichstagen und in den Unterhandlungen einiger einzeln Fürsten im Namen der ganzen Nation öffentlich gesagt wurde, nur in der Schule oder in einer fliegenden Schrift zu behaupten, er würde als der ärgste Ketzer eingefangen werden. So sehr änderten sich die Gesinnungen der katholischen Fürsten Deutschlands durch die Hitze der Zänkereyen, nachdem der Schritt geschehen war, den sie selbst zuvor beförderten! Die bekannten hundert Beschwerden der deutschen Nation hundert Beschwerden der deutschen Nation – die 95 Thesen Martin Luthers von 1517 , die endlich weit über die hundert anwuchsen, beweisen offenbar, daß die Politik des größten Theils von Deutschland bereit war, den ersten kühnen Mann, der gegen den römischen Hof auftretten und ihre Beschwerden mit theologischen Gründen unterstützen würde, in Schutz zu nehmen. Der verschlagene, thätige und sehr beredte Aeneas Sylvius Aeneas Sylvius – Enea Silvio de' Piccolomini, Legat in Deutschland, später Papst (Pius II.), † 1464 , welcher die Konkordaten zwischen Pabst und Reich zu Stand gebracht, hat durch seine listige Betriebsamkeit die Eifersucht der denkenden Patrioten in Deutschland nur noch mehr gereitzt. Er war ein glänzendes Genie, welches den kalten Humor der Deutschen seinen Ascendant Ascendant – hier: Übergewicht wohl auf einen Augenblick fühlen lassen und zum Schweigen bringen konnte; allein die Hartnäkigkeit, welche diesem Humor eigen ist, nahm nach den betäubenden Deklamationen und den kühnen Intriguen dieses Ciceros Cicero – Marcus Tullius Cicero – römischer Politiker und Schriftsteller, berühmter Redner, Schöpfer der lateinischen Kunstprosa, † v.C. 43 seines Jahrhunderts immer wieder die alten Beschwerden zur Hand. Aeneas Sylvius hielt seine Feinde für schwächer als sie waren. In allen seinen Schriften sieht man, daß er die Deutschen weit zu übersehn glaubte. Ihr Genie war aber erwacht, und im Grunde übersahen sie ihn; nur waren sie weder geübt, noch einig genug, um den Maschienen, die er rasch auf sie spielen ließ, augenblicklich widerstehn zu können. Mayer, damaliger Kanzler des Hofes zu Maynz, welcher Hof zu der Zeit der aufgeklärteste, feinste und glänzendste in Deutschland war, und zur Reformation unglaublich viel beytrug, spricht in seinen Briefen, die man in verschiedenen Kompilatoren zerstreut findet, mit dem Italiäner in einem Ton, der jeden andern Advokaten des römischen Hofes, den unerschöpflich witzigen Sophisten Aeneas ausgenommen, würde stumm gemacht haben. Wenn man liest, welche Intriguen und Bestechungen der römische Hof damals anwenden mußte, um den Kaiser, die Herzoge von Bayern und die Pfalzgrafen am Rhein bey guter Laune zu erhalten (wovon Febronius einige Pröbchen giebt), so muß man sich wundern, daß der Ausbruch der Reformation noch bis zu Luther hin verschoben werden konnte. Indessen die Politik vieler Höfe Deutschlands gegen den römischen Hof gespannt war, wurde das Ansehn desselben durch die Philosophie in den Schulen und durch des gesellschaftlichen Umgang der Gelehrten nach und nach untergraben. Die Buchdrukerkunst, welche in dem letzten Vierthel des fünfzehnten Jahrhunderts allgemein zu werden begann, beschleunigte in Deutschland die Ausbreitung der Wissenschaft. Gleich zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts fiengen sie schon an, ihre Sprache gut zu schreiben. Der Weg ward gebahnt, dem Volk eine Lehre schnell und leicht mitzutheilen. Deutschland hatte damals überhaupt eine seiner glänzendsten Epochen. Es hatte warme Patrioten, werkthätige Philosophen, denkende und unternehmende Fürsten. Der erwachte Verbesserungsgeist hatte sich schon in der Gesetzgebung und den Polizeyanstalten geäussert. Die innere Ruhe war bevestigt. Die Künste und der gute Geschmack fiengen an sich aus Italien über Deutschland auszubreiten. Bologna war die Schule für den jungen deutschen Adel. Wenn diese gleich das barbarischeste Gemengsel von römischen, päbstlichen und lombardischen Rechten von dort hohlte, so brachte er doch zugleich gute Sitten, eine Kenntniß der italiänischen und lateinischen Sprache und den Geschmack an den schönen Künsten und Wissenschaften mit sich zurück. Erasmus von Rotterdam Erasmus von Rotterdam – Erasmus Desiderius von Rotterdam, einer der glänzendsten Vertreter des Humanismus in Europa, einer der ersten Gelehrten seiner Zeit. Er trat für ein von Dogmen und Aberglauben freies Christentum ein und forderte das Studium des Evangeliums statt der Beschäftigung mit der Scholastik. Er verurteilte den Heiligen- und Marienkult und das Mönchswesen. Der Reformation schloß er sich aber nicht an. † 1536. Sein Buch »Lob der Torheit« gehört zur Weltliteratur, † 1536 , Reuchlin Reuchlin – Johannes Reuchlin, Humanist und Altphilologe, kämpfte für die Bewahrung jüdischen Kulturgutes, † 1522 , Hutten Hutten – Ulrich von Hutten, Reichsritter, Humanist und politischer Publizist, führte ein unstetes Leben. Er gab eine Schrift des italienischen Humanisten Lorenzo Vallas heraus, in der die Konstantinische Schenkung als klerikale Fälschung entlarvt wurde. Sein freiheitliches Denken machte ihn zu einem Vorbild der studentischen Jugend des 19. Jahrhunderts. † 1523 , u. a. m. sind ein Beweis, wie sehr sich der Geschmack in Deutschland schon verfeinert hatte. Sachsen hatte besonders vortrefliche Schulen. Die Universität zu Leipzig gewann den Ruhm, den zuvor jene zu Prag hatte, und die neugestiftete zu Wittenberg, auf welcher Luther das Signal zum Schlagen gab, ward nicht nur von Deutschen, sondern auch von den Hungarn, Polen, Dänen und Schweden häufig besucht. Luthers Schriften überhaupt beweisen, daß die deutsche Sprache in seinem Vaterland schon sehr kultivirt war, so wie seine Bibelübersetzung ein Beweis ist, daß die alten Sprachen sehr fleißig in den Schulen getrieben wurden. Wahrscheinlicher Weise wäre Deutschland unter allen europäischen Ländern nach Italien zuerst aufgeklärt worden, und es würde in der Litteratur damals schon die Epoche gehabt haben, in die es jezt getreten ist, wenn nicht die Religionsgezänke auf einmal wieder die Köpfe verfinstert, und die darauf erfolgten Kriege das Reich verwüstet hätten. Italien, welches damals das aufgeklärteste und blühendste Reich in Europa war, dachte an keine Reformation, obschon es die Gebrechen der Religion besser mochte eingesehen haben, als Deutschland selbst. Die guten Köpfe in Italien begnügten sich mit Satyren auf die Päbste, Kardinäle und ihr Gefolge von Mönchen und Nonnen. Man behandelte die Misbräuche der Religion so wenig ernstlich, als man heut zu Tage in der feinern Welt die Ehebrüche und die übrigen Galanterien behandelt, die zu allgemein sind, als daß die Polizey hoffen könnte, sie zu hemmen. Die Ausschweifungen der italiänischen Geistlichen fielen ohne Zweifel auch nicht so ins Grobe und Wilde, als jene der deutschen, und vertrugen sich besser mit den feinen Sitten, dem Karakter der Nation und dem gesellschaftlichen Leben. Die Kunst, welche alles, was in ihren Kräften ist, zur äusserlichen Verschönerung der Religion in diesem Lande beytrug, verdekte in den Augen vieler denkenden Leute manche Mängel derselben, wie die Koquette durch ein Schönpflästerchen gewinnt, welches sie auf irgend ein Wärzchen oder einen häßlichen Flek zu legen pflegt. Wenn man nebstdem bedenkt, daß Italien vermittelst der Religion, und also ohne die geringste Auslage, ungeheure Reichthümer aus seinen geistlichen Kolonien zog, die sich seit Karl dem Grossen bis nahe an das Eismeer ausgedehnt hatten, und daß das italiänische Adel im Kirchendienst sein Glück machte, so hat man sich nicht zu wundern, daß dieses Land keine Hand an die Reformation legen wollte, ob es schon in der Philosophie und Politik viel vor dem übrigen Europa voraus hatte, und gewiß das Verderbniß der Kirche früher einsah, als Luther und seine Gesellen. Frankreich hatte seit Philipp dem Schönen Philipp der Schöne – franz. König, † 1314, seine Antwort auf die Bulle »Unam sanctam« des Papstes Bonifatius VIII., die die unbestrittene Weltherrschaft des Papstes konstatierte, lautete: »Philipp von Gottes Gnaden, König von Frankreich, an Bonifatius, der sich für den Papst ausgibt, wenig oder gar keinen Gruß! Du sollst wissen, Erznarr, daß wir in weltlichen Dingen niemandem unterworfen sind. Wer anders denkt, ist ein Tor oder wahnsinnig.« Dieser Satz ging in die Weltliteratur ein. gelernt, mit dem römischen heiligen Geist zu spielen. Der römische Hof war ihm nicht förchterlich. Unsere Könige wußten im Gegentheil aus dem Einverständniß mit demselben wichtige Vortheile zu ziehn, und den Statthalter Kristi zu ihrem politischen Unterhändler zu gebrauchen. Unsere Sitten waren auch damals feiner, als jene der Deutschen, und unsre Geistlichkeit hielt sich mehr in den Schranken des Wohlstandes und der Ehrbarkeit. Man sieht es am deutlichsten daraus, daß das tridentische Konzilium tridentische Konzilium – Tridentinum, Konzil in Triest 1545 – 1563, s. Neun und zwanzigster Brief. in unserer Disciplin nichts änderte, da es doch in den Sitten der katholischen Geistlichen in Deutschland eine so grosse Revolution verursachte. Wir hatten zwar damals in den Wissenschaften keine so glänzenden Genies, als die Deutschen; allein die Kenntnisse waren bey uns ausgebreiteter, und wir können Beweise genug aufzeigen, daß man bey uns die Misbräuche der Religion so gut einsah, als irgend anderstwo. Unsere Gesandten auf der Kirchenversammlung zu Konstanz hatten es schon 100 Jahre vor Luther bewiesen, und die Art, wie unser Hof mit den Protestanten in Deutschland in Verbindung trat, zeigt, wie viele andre Beyspiele von der Art, daß bey ihm die Religion immer der Politik untergeordnet war. Es mußten also viel dringendere Ursachen, als die Erkenntniß der Religionsirrthümer, und ganz besondre Schwungfedern mitwirken, daß die Reformation vorzüglich in Deutschland ausbrach. Sie sind sehr verschieden. Eine der wirksamsten war ohne Zweifel die Härte und der Stolz, womit der römische Hof besonders den Deutschen begegnete. Er hatte so oft durch List und Gewalt über diese nachgiebige und vor dem fünfzehnten Jahrhundert so undenkende Nation gesiegt, daß er glaubte, ihre Last ohne Gefahr ins Unendliche häufen zu können. Unterdrückung ist nach einem alten Sprüchwort die Mutter der Freyheit. Er glaubte sich durch die Konkordaten Konkordat – eine Vereinbarung der Catholica mit einem Staat, die jener viel, diesem wenig gibt. Beispielsweise ist das Konkordat des Heiligen Stuhls mit Hitlerdeutschland, nach dem der Staat die Kirchensteuer eintreibt (für maximal 4 % Gewinn!) und die Priester vom Staat besoldet werden (z. B. Kardinal D. Lehmann mit 10.000 EUR pro Monat) heute noch gültiges Recht. Konkordate haben keine Kündigungsklausel. von Aschaffenburg Konkordat von Aschaffenburg – Wiener oder Aschaffenburger K. von 1448. In diesem gab Kaiser Friedrich III. alle schwer errungenen Rechte der staatlichen Gewalt an einen Legaten des Papstes Nikolaus V. preis. gegen ihre weiter Unternehmungen sicher gesetzt zu haben, sie hatten aber gerade die entgegengesetzte Wirkung, weil die erwachte Nation nun einsehn konnte, daß sie durch die List der päbstlichen Unterhändler ist betrogen worden – Eine andre Ursache war der Humor der Nation. Ein Phlegmatiker, wenn er einmal sieht, daß er betrogen wird, und in den Harnisch kömmt, ist der unternehmendste und unbändigste Mensch. Die vielen Religionsgährungen in unserm Vaterlande schon vor der Reformation giengen immer so schnell vorüber, wie unsre Moden – Die wilde Ausgelassenheit der Geistlichen in Deutschland war auch eine dieser Triebfedern. Die Nonnenklöster dieses Landes waren öffentliche Bordels, und wo die Klöster und Stifter die Gerichtsherrlichkeit hatten, übten sie wie die Ritter das Recht des Prälibats Prälibat – das Recht der ersten Nacht über die Töchter ihrer Leibeignen aus. Die Wollust war in diesem Lande nicht, wie in Italien und Frankreich, durch Geselligkeit und gute Sitten bezähmt, sondern fiel ins Viehische und äusserst Abscheuliche. Die Pfaffen brachten bey Anlaß öffentlicher Lustbarkeiten wegen Huren auf der offenen Strasse Leute um. Noch kurz vor der Reformation ereignete sich ein solcher Fall in Augspurg. Nothzüchtigungen, Kindermorde, Blutschändereyen, Sodomitereyen Sodomitereyen – Geschlechtsverkehr mit Tieren und alle die unnatürlichen Laster waren unter der deutschen Geistlichkeit im Schwung. Der Greuel mußte also dem Theil des deutschen Publikums, der sich zu der Zeit durch Bekanntschaft mit den Wissenschaften, Künsten und den Sitten andrer Völker verfeinert hatte, mehr auffallen, als den hellen Köpfen jener Länder, deren Geistlichkeit die Ausschweifungen nicht weiter trieb, als die übrigen Stände des Volks. Zu allem diesem kam noch die Hitze, womit Luther Lärmen blies. Die Protestanten läugnen es selbst nicht, daß die Privatleidenschaften dieses Mannes, Stolz und Rachsucht, seinen Beruf ausmachten. Ein erhitzter Theolog würde sich heut zu Tage eher lächerlich machen, als eine Revolution durch einen Schulstreit bewirken zu können. Es mag immer sehr demüthigend für die Menschen seyn, daß die größten Revolutionen oft von so einer Kleinigkeit abhängen, als theologische Theses Theses – Thesen sind; und wenn man bedenkt, daß diese Theses ganz Deutschland verwüsteten, die die Hugenottenkriege Hugenottenkriege – ab 1562 der bürgerkriegsähnliche Kampf zwischen den französischen Protestanten, den calvinistisch geprägten Hugenotten, und den papsttreuen Katholiken. Sie wurden durch das Edikt von Nantes 1598 beendet. in Frankreich veranlaßten, England zum Schauplatz aller Greuelthaten machten, Könige ihrer Kronen beraubten u. s. w. daß ohne dieselbe weder Gustav Adolph Gustav Adolph – König Schwedens, griff in den Dreißigjährigen Krieg auf seiten der Protestanten ein. † in der Schlacht bei Lützen 1632 , noch Heinrich der Vierte Heinrich IV. – französischer König, ursprünglich Hugenotte, erließ 1598 das Edikt von Nantes, das den Hugenotten Glaubensfreiheit gewährte. , noch Kronwell Kronwell – Oliver Cromwell, der Führer der englischen Protestanten im Bürgerkrieg gegen den absolutistischen König Karl I. (1649 hingerichtet). Er begründete Englands Weltmacht, † 1658 , noch viele andre Männer bekannt geworden wären, so weiß man kaum mehr, was man groß und wichtig nennen soll. Allein, das ist nun einmahl unser Schiksal. Ohne die Leidenschaften der Menschen wäre die moralische Welt so todt, als die physische ohne Fermentation, Fermentation – Umwandlung biologischer Stoffe in der Gärung und so demüthigend es in Rücksicht auf die erstere für uns seyn mag, daß die an sich noch so unbedeutende Grille eines Menschen eine halbe Welt erschüttern kann, eben so eckelhaft ist es in Rücksicht auf die leztre, daß wir und alle Dinge, die wir geniessen, durch Fäulung entstehn – Rom hatte seine Freyheit auch der Privatleidenschaft einer Familie zu verdanken. Bey uns kennt man Luthern fast gar nicht. Er ist von unsern Geschichtsschreibern und Theologen abscheulich mißhandelt worden. Voltäre, der so glüklich war, die karakteristischen Züge merkwürdiger Männer, welche vielen andern entgiengen, zu haschen, weiß von Luthern nichts mehr, als daß er den Pabst ein Eselchen genennt. Luthers Schriften verrathen nicht nur einen grossen Vorrath von Gelehrsamkeit, sondern auch ungemein viel populären Witz und mitunder auch starke Züge einer lebhaften Einbildungskraft. Seine vortrefliche Laune schwebt zwischen der Art und dem Ton eines wohllebenden Mönchs oder eines sogenannten lustigen Bruders, und der Art und Weise eines witzigen, umgänglichen, gelehrten und patriotischen Professors. Er fällt öfters nach unserm heutigen Geschmak ins Grobe und Pöbelhafte; allein man muß bedenken, daß er mit dem Pöbel zu schaffen hatte, und seine Schüler in der Begeisterung, in welche sie der Reformationseifer sezte, Dinge bekannt machten, die er nicht wollte ans Licht kommen lassen. Sie fiengen alles von ihm auf, und wollten von ihrem Propheten kein Wörtchen verlohren gehen lassen, und wenn er es auch im Taumel des Weines gesprochen. Auf diese Art sind seine berüchtigten Tischreden entstanden. Man liest in einer Ausgabe derselben »und da sah der grosse Mann, daß einige der Anwesenden seine Scherzreden niederschrieben, und sprach zu ihnen: Ihr Esel, warum fängt ihr denn allen D – k auf, den ich fallen lasse.« Die Popularität seines Witzes und seiner Gelehrsamkeit trug viel dazu bey, daß sich seine Lehre so schnell ausbreitete. – Als ein wahrer Phlegmatiker war er unversöhnlich und unbändig, wie er einmal aufgebracht war. Er machte Himmel und Hölle gegen den Pabst rege. Aus den Klöstern und den lustigen Gesellschaften, wo alles auf Kosten des Pabstes lachen machte, eilte er an die Höfe der Fürsten, um sie zu hetzen, oder schrieb die nachdrücklichsten Briefe an sie, und wenn er sich gleich mit anderen Reformatoren auf eine nicht sehr anständige Art herumzankte, so wußte er doch unter den Fürsten immer die Einigkeit zu erhalten; ein Beweis, daß er auch ein Weltmann war, und die Grossen eben so gut zu behandeln wußte, als den Pöbel. Uebrigens war er ein guter Mann, führte eine kostbare Wirthschaft, hinterließ Schulden, und was den damaligen protestantischen Fürsten Deutschlands wenig Ehre macht, seine hinterlassene Frau wäre mit ihren Kindern beynahe in drückende Armuth gerathen. Erasmus von Rotterdam und einige andre, die anfangs mit Luthern in Verbindung standen, waren ohne Zweifel gelehrtere und ausgebildetere Männer als Er. Allein um den Schlag zu thun, wurde ein ganz andrer Mann erfodert, als ein blosser Gelehrter. Der, welcher den ersten Schritt that, mußte mit einem beträchtlichen Vorrath von Kenntnissen eine gewisse Kühnheit und Starrheit verbinden, die ein ausgefeilter Gelehrter nie besitzt. Er mußte zugleich ein Mann für das Volk seyn, welches Einer von des Erasmus Karakter auch höchst selten ist. Kurz, er mußte Luther seyn. Einige wollen ihm die Ehre des ersten Schritts streitig machen, die in meinen Augen eben so groß nicht ist. Man führt zum Beweis an, daß Zwingli noch vor 1517, wo Luther seine Theses anschlug, in der Schweiz gegen die Mißbräuche der Kirche gepredigt. Allein das thaten in Deutschland hundert andre vor Zwingli und Luther. Seit dem konstanzischen Konzilium konstanzisches Konzilium – Konzil zu Konstanz 1414 – 1418, die größte Zusammenkunft von Klerikern des Mittelalters und ihrem streng zölibatärem Geist entsprechend die größte Hurenversammlung an einem Ort, die die Christenheit je sah. Auf Grund der Maxime »das Konzil steht über dem Papst« wurden insgesamt drei Päpste ab- und schließlich Martin V. eingesetzt. Eine durchgreifende Reform der Kirche erfolgte nicht, damit war die letzte Chance vertan, die Reformation Martin Luthers aus eigener Kraft zu verhindern; im Gegenteil, die wortbrüchige Verbrennung Jan Hus' (die Kirche lehrt, daß einem Ketzer gegenüber keinerlei Versprechen oder Eid gültig ist) führte zu einem neuen Schisma und zu verheerenden Kriegen (Hussitenkriege) in ganz Europa, letztlich auch zum Dreißigjährigen Krieg. fehlte es nie an Männern, die gegen den Unfug predigten und schrieben, und deren Freyheit in Bestreitung der Mißbräuche mit der damaligen despotischen Kirchenverfassung stark genug abstach. Mit predigen allein war nicht geholfen. Nicht einmal politische Handlungen ansehnlicher Höfe konnten vor Luther etwas bewirken, es erfoderte einen Mann, der sich an die Spitze einer grossen Parthey stellte, hinter den sich alle Gelehrten der damaligen Zeit steckten, der von einem der mächtigern Fürsten unterstützt ward, und an einem so ansehnlichen und so öffentlichen Ort stand, als die Universität von Wittenberg damals war. Es mußten Umstände mitwirken, die wir jetzt nicht mehr genau abwägen können. Mit predigen ward in der Schweitz so wenig gethan als in Deutschland. Es mußte irgendwo zur Exekution geschritten, und Hand angelegt werden. Alle übrigen Reformationen erfolgten erst auf das Beyspiel, welches Sachsen gegeben hatte, und obschon verschiedene Reformatoren nachher mit Luther zerfielen, und weiter giengen als er, so betrachteten sie ihn doch anfangs alle als ihren Mittelpunkt und den Mann, der ihnen das Eis gebrochen. Ohne ihn, oder vielmehr ohne den Zufall, der ihn in die Hitze brachte, wäre es nach aller Wahrscheinlichkeit nicht zu Thätlichkeiten gekommen. Die guten Köpfe hätten immer Satyren geschrieben, patriotische Vorschläge gethan, gepredigt, an den Höfen gehetzt u. s. w. und der Pabst hätte sich endlich mit den Deutschen auf den Fuß setzen müssen, worauf er mit Frankreich stand, welches Reich die Ablaßkrämerey, die den Anlaß zur Rebellion in Deutschland gab, so wie den groben Greuel überhaupt ohne Reformation abgeschaft hatte. Man macht in neuern Zeiten viel Aufsehens von der Aufklärung, welche die Reformation über Europa ausgebreitet. Das heißt die Sache gewiß sehr einseitig und partheyisch betrachten. Die Aufklärung wurde offenbar durch die Reformation gehemmt, und die Kultur von Deutschland beynahe um 200 Jahre zurückgesetzt. Frankreich und Italien waren damals ohne Reformation aufgeklärte und sehr blühende Reiche, und Deutschland würde mit ihnen zugleich in der Kultur fortgeschritten seyn, wenn nicht der theologische Unsinn die Philosophie wieder verdrängt hätte, und das Land nicht durch die Religionskriege verheeret worden wäre. Italien war damals auf einem Grad von Kultur, den Deutschland sobald noch nicht erreichen wird. Venedig, Genua und Toskana waren so aufgeklärte, polizirte und nach ihrer Grösse so mächtige Staaten, daß Europa – das Verhältniß der Grösse beybehalten – heut zu Tage nichts ähnliches aufzuweisen hat. Venedig ganz allein konnte dem Kaiser und dem ganzen römischen Reich Trotz biethen, und erregte die Eifersucht aller der mächtigsten Fürsten des damaligen Zeitalters. Auch Neapel war ein blühendes Reich. Ich kann auch nicht sehn, was die Protestanten heut zu Tage, in Rücksicht auf die Aufklärung des Volkes, vor den Franzosen und einem Theil der Italiäner voraus haben sollen. Die Aufklärung des Menschenverstandes wird doch nicht von 2 bis 3 Religionsgeheimnissen, mehr oder weniger abhangen? Ich nahm auch das Vorurtheil mit auf meine Reisen, der grosse Haufen der Protestanten müßte erleuchteter seyn, als der katholische Pöbel; allein ich mußte es bald ablegen, und fand, daß der grosse Haufen unsrer Landsleuten viel heller in den Köpfen ist, als jener verschiedner protestantischen Länder, von deren Erleuchtung man so viel Lärmen macht. Unter den Protestanten selbst steht die Aufklärung des Volkes in keinem Verhältnis mit der Simplicität ihrer verschiedenen Religionen. Die Sachsen, deren Religion bey weitem nicht so einfach, und wenn mans so nennen will, so philosophisch ist, als jene der Reformirten, sind im Ganzen genommen, doch ein viel aufgeklärteres Volk, als die Reformirten Holländer, und Schweitzer. Unter den Bauern ist der Abstand auffallend – In Deutschland fiengen nach der Finsterniß, welche die Theologie und der Krieg über das Reich ausgebreitet hatten, die Katholiken eher an, sich auf die Wissenschaften zu legen, als die Protestanten. Sturm, Sturm – Johannes Sturm, Schulreformer im Sinne des Humanismus in Straßburg, wurde wegweisend mit seiner Schrift »Scholae Lauinganae« (1565), † 1589 der erste protestantische Schulverbesserer gesteht in seiner Abhandlung de institutione scholasica selbst, daß die Jesuiten vor den Protestanten einen Vorsprung in den Schulen hätten, und diese sich Mühe geben müßten, sie einzuholen. Es hieng bloß von der Dummheit und Indolenz der katholischen Fürsten Deutschlands ab, daß die Protestanten die deutschen Katholiken nicht nur bald einholen, sondern ihnen auch bald einen grossen Vorsprung abgewinnen konnten. Während die ersten die Freyheit benutzten, welche ihre kirchliche Verfassung den Schulverbesserungen gestattet, liessen sich die letztern von den päbstlichen Jägern unter Begünstigung ihrer undenkenden Fürsten Fußangeln anlegen. Das gieng aber in Frankreich, Venedig, und andern katholischen Ländern nicht an. Durch den gänzlichen Umsturz der römischen Kirchenverfassung haben sich die Reformatoren um das Wohl ihrer Anhänger vielleicht eben so wenig verdient gemacht, als durch die Abschaffung einiger unphilosophischer Lehrsätze um die Aufklärung derselben. Wenigstens hörte ich in allen Protestantischen Ländern die Geistlichen über die Abnahme ihres Kredits, über die Eingeschränktheit ihrer zeitlichen Glücksumständen, und über die Unordnungen klagen, die eine Folge davon sind, daß sie keine veste Verbindung unter sich haben, und jedem erlaubt ist, Pabst in seinem Sprengel zu seyn. Ein Theil ihres Verdienstes beruhte auf der Verbesserung der kirchlichen Polizey, in so weit sie auf die weltliche Bezug hat, auf der Abschaffung des Zelibats, der Fasten, der päbstlichen Dispensationen, und Ablaßkrämerey, der reichen und müßigen Mönche u. dgl. m. welche Verbesserungen sich mit dem Wesen und der Verfassung der katholischen Religion gar wohl vertragen können, und auch in verschiedenen katholischen Ländern, mehr oder weniger, eingeführt sind. Der päbstliche Ablaßhandel ist fast in der ganzen katholischen Welt vernichtet, und auch von der Kreuzbulle Kreuzbulle – Sondersteuer zur Finanzierung eines Kreuzzuges gegen die Heiden der Spanier und Portugiesen zieht der heilige Vater wenig mehr. Das Fegfeuer, welches den Protestanten ein Hauptstein der Aergerniß ist, zieht kein Geld mehr aus den Staaten, die Kleinigkeit ausgenommen, welche die Klöster, Bruderschaften u. dgl. Gemeinden, deren Feste mit Ablässen verbunden sind, für ihre Bestätigungsbullen zu bezahlen pflegen. Allein auch diese Quelle ist für den römischen Hof seit einiger Zeit so gut als völlig verstopft. In den meisten katholischen Ländern gestattet man weder neue Klosterstiftungen, noch Errichtungen neuer Bruderschaften, noch Einführungen neuer Feste. Im Gegentheil man sucht die alten abzuschaffen. Das Fegfeuer ist also itzt bloß für die inländische Geistlichkeit der katholischen Staaten einträglich. Ich sah aber, daß sich die protestantischen Geistlichen in den Ländern, wo ihre Einkünfte sehr eingeschränkt sind, Erpressungen und Kniffe gegen das Volk, besonders auf dem Lande, erlauben, die viel abscheulicher sind, als das Messelesen für die Seelen im Fegfeuer, welches bloß von dem freyen Willen des Volks abhängt, und auf einem allgemein angenommenen Lehrsatz beruht, an den Priester und Layen glauben, wie man wenigstens so gut, als in den kritischen Glaubenspunkten der Protestanten voraussetzen muß. Die Revolution, welche die Reformatoren in den Sitten des Volkes bewirkten, macht den Haupttheil ihres Verdienstes aus. Ablässe, Prozeßionen, Feyertäge, Fasten u. s. w. konnten immer von der weltlichen Polizey abgestellt werden, ohne daß es eine Trennung in der Kirche veranlaßt hätte. Allein keine Polizey kann ein verschwenderisches und liederliches Volk geschwind nüchtern und sparsam machen. Luther, der für sich eben nicht der beste Oekonom war, predigte nichts so sehr, als Abstinenz, Frugalität Frugalität – Einfachheit und Arbeitsamkeit. Die Kalvinisten giengen noch weiter. Sie lehrten, »die Welt hienieden wäre ein Jammerthal, und Abtödung des Fleisches wäre des Menschen wahres Leben.« Ihre Sittenlehre verdammte alle Ergötzlichkeiten, und sie machten das Lachen zur Sünde. Man muß Swifts Schriften lesen, wenn man sehen will, um wie viel die Kalvinisten hierin weiter giengen, als die Lutheraner. Unterdessen sind diese strengen Begriffe von Fleischesabtödung die einzige Ursache, warum die Kalvinisten überall reicher sind, als die Lutheraner. Sie sind diesen weder an Thätigkeit noch Geschicklichkeit überlegen. Im Gegentheil, ihr melancholischer Humor, der eine Folge ihrer Erziehungsart und ihrer Sitten ist, macht sie in allen Dingen schwerfällig, und gränzt bey dem gemeinen Volk in vielen Gegenden an die äusserste Stupidität. Dieß ist auch die Ursache, warum sie es in Kunstsachen nie so weit brachten, als die Katholicken und Lutheraner. Ich erinnere mich in einem englischen Journal eine Untersuchung gelesen zu haben, wie sich die Zahl der Künstler und schönen Geister unter den Puritanern Puritaner – sittenstrenger Mensch oder Kalvinisten zu jenen unter den Episkopalen Episkopalen – Mitglied der reformierten Kirche in England oder Lutheranern verhalte, und nach dieser Rechnung standen die erstern gegen den letztern wie 1 gegen 6, obschon jene ohngefähr 2 Fünftheile von den Einwohnern Englands ausmachen – Der Holländer lebt mitten in seinem Geldhaufen kärglicher, als anderstwo der Katholik und Lutheraner von mittelmäßigem Vermögen. Er kennt auf der weiten Welt kein Vergnügen, als im Winter bey einer Tasse Thee von Krieg und Frieden zu schwätzen, und im Sommer einmal die Woche seinen vertrakten Garten zu beschauen. Er ist schwerfällig und auf eine gewisse Art träge in seinem Thun und Lassen, und hat seinen Reichthum bloß einem gewissen immerfort anhaltenden Schlendrian seiner Geschäfte, besonders aber seiner Filzigkeit zu verdanken. Dieß ist der Karakter der Kalvinisten überhaupt. Der Geitz, welcher ein Hauptzug derselben ist, und ihrem melancholischen Humor entspricht, erlaubt ihnen im alltäglichen Handel und Wandel gewisse Knausereyen, die ein Katholik oder Lutheraner für offenbare Betrügereyen halten würde. Da sie auf alles einen Schrifttext haben, so geben sie einem Kapitel das Motto: Seyd listig wie die Schlangen – Die Mennoniten Mennoniten – eine im 16. Jahrhundert entstandene Glaubensrichtung. Die M. fordern völlige Trennung von Kirche und Staat. Sie lehnen die Taufe unmündiger Kinder, den Eid, den Kriegsdienst und die Ehescheidung ab. Es gibt keine Kirchenverfassung, jede Gemeinde ist völlig selbständig. Taufe erfolgt nach dem 14. Lebensjahr. Zum Mennonismus in der Praxis s. Ein und siebenzigster Brief. und Quäker Quäker – eine im 17. Jahrhundert von C. Fox begründete Religionsgemeinschaft, wegen der Ablehnung des Kriegsdienstes verfolgt, sie haben keine Sakramente und leisten Friedensarbeit. Die Gründung des US-Staates Pennsylvania war stark vom Quäkertum beeinflußt. sind noch filziger als die Reformirten, und daher auch überall reicher, zugleich aber auch noch finsterer und schwerfälliger. Diese haben, so viel ich weiß, für die Kunst noch kein einziges Genie geliefert. Es war sehr natürlich, daß die Reformationshitze hie und da zur Schwärmerey ward, und man von einem Extrem auf das andere fiel; allein, wenn auch gleich ein Theil der Protestanten die Strenge seiner Sittenlehre übertrieb, so war diese Uebertreibung doch dem ganzen Staat eben so vortheilhaft, als sie vielleicht dem Glück des Privatlebens nachtheilig war. So wenig die Holländer durch ihre ungeheure Reichthümer im Privatleben glücklicher sind, als ein anderes ärmeres Volk, so können sie doch in ihrer jetzigen Lage nicht nur den nöthigen Kriegsaufwand für sich bestreiten, sondern auch noch Freunden und Feinden ungeheure Summen vorschiessen. Die Lutheraner behielten etwas von dem Humor ihres Stifters bey, und wußten sich zu mäßigen. Sie verbinden einen hohen Grad von Sparsamkeit und Fleiß mit einer gemäßigten Liebe des Vergnügens und der Munterkeit, welche das gesellschaftliche Leben angenehm macht. Der unnatürliche Freudenhaß erstickt bey ihnen nicht den Witz und die gute Laune, und sie haben nichts von der tückischen Zurückhaltung, der finstern Gleisnerey, und die Grobheit, welche den grossen Haufen andrer Sekten auszeichnen. Bey dieser Revolution in den Sitten sah man, wie allmächtig die Religion über das Volk ist. Sie war ein Wunder. Deutschland war vor derselben in einer beständigen Raserey. Wein, Tanz und viehische Liebe erhielte Priester und Layen in einem anhaltenden Taumel, und schon fiengen auch die geschmaklosen Schauspiele an, das Ihrige zur Zerrüttung des Verstandes beyzutragen. Auf einmal rennte das Volk aus den Saufhäusern und Lustgelagen in die Kirchen, rieb sich die Augen, glaubte, ward nüchtern, sparsam und fleißig – Zu dieser Veränderung wird ein Grad von Entschlossenheit erfodert, der nur einem so wilden Volk, als die Deutschen damals waren, eigen ist. Wenn die Wohllust einmal das Volk unter diesen Grad von Entschlossenheit entnervt hat, so ist eine solche Revolution nicht mehr zu erwarten. In Süddeutschland, besonders in Bayern ist sie eben so wünschenswerth, als schwer zu bewirken. Acht und vierzigster Brief. Berlin – Mein Weg hieher gieng über Wittenberg, einer mittelmäßigen Stadt von ohngefähr 6.000 Einwohnern, die aber noch Spuren von den öftern Verheerungen hat, die sie im letztern schlesischen Krieg trafen. Sie hat sich seit dieser Zeit noch nicht ganz erholen können. Sie sollte eigentlich die Hauptstadt der kursächsischen Lande seyn, muß aber Leipzig den Vorrang lassen, und steht in Rücksicht auf Bevölkerung und Reichthum weit hinter mehrern sächsischen Städten. Auf dem sogenannten Kurkreis, dessen Hauptstadt sie ist, und welcher einer von den kleinern Kreisen der sächsischen Lande ist, beruht nicht nur die kurfürstliche Würde, sondern auch jene eines Reichshalters Reichshalter – Statthalter bis zur Kaiserwahl während des Interregnums Interregnum – die Zeit vom Tod eines Regenten bis zur Einsetzung eines neuen in Norddeutschland. Bis über die Elbe hin war das Land so gut angebaut als das übrige Sachsen, und schien durchaus den nämlichen Boden zu haben; allein kaum hat man von Wittenberg eine Station zurückgelegt, so bemerkt man eine auffallende Veränderung des Erdreichs. Anstatt der grauen und fetten Erde in Sachsen erblikt man nichts mehr als Sand. Das Land sticht mit Sachsen durch eine fast ermüdende Einförmigkeit ab. An den Flüssen erblickt man weite Moräste, und das viele und dicke Schwarzholz Schwarzholz – Erlen giebt der Landschaft eben kein munteres Aussehn. Unter allen deutschen Provinzen, die ich noch sah, scheint Brandenburg von der Natur auf das stiefmütterlichste behandelt worden zu seyn. Die Einwohner ersetzen zum Theil durch ihren Fleiß die Kärglichkeit der Natur. Wo der Boden nur irgend einigen Anbau gestattet, haben sie daraus gemacht, was möglich ist, und das Aeußerliche der Flecken und Dörfer und ihrer Einwohner verräth ziemlich viel Wohlstand. Ich kann es bestätigen, was schon einige andre Reisende angemerkt haben, daß das Visitiren in den preußischen Landen weder so langweilig, noch so lästig und kränkend für einen ehrlichen Mann ist, als bey den östreichischen Mauthen. Die hiesigen Zollbedienten sind vernünftige und artige Leuthe, und handeln bey weitem nicht so eigenmächtig und herrisch als die östreichischen Mauthbeamten. Berlin ist eine ausserordentlich schöne und prächtige Stadt. Man darf sie immer unter die schönsten Städte Europens setzen. Sie hat die Einförmigkeit nicht, welche den Anblick der meisten neu und regelmäßig gebauten Städte in die Länge ennuyant ennyant – langweilig, verdrießlich macht. Die Bauart, die Eintheilung, die Gestalt der öffentlichen Plätze, die Besetzung derselben und einiger Strassen mit Bäumen, kurz, alles ist abwechselnd und unterhaltend. Ich bin seit einigen Tagen nach meiner Art die Kreutz und Quere durch die Stadt gerennt. In der Grösse giebt sie Paris und Wien nichts nach. Sie hat beynahe anderthalb Stund in die Länge, nämlich von dem sogenannten Mühlenthor gegen Südosten bis an das Oranienburgerthor gegen Nordwesten, und eine starke Stunde in die Breite, nämlich von dem Bernauerthor gegen Nordosten bis an das Potsdamerthor gegen Südwesten. Allein in diesem ungeheuern Umfang sind eine Menge Gärten, und auf einer Seite sogar auch Felder mit eingeschlossen. Sie hat nicht viel über 6.000 Häuser, da Paris hingegen beynahe 30.000 zählt. Die Oedheit vieler Gegenden sticht mit der Pracht der Gebäude sonderbar ab. Der Abstich dieser Pracht ist noch auffallender in Rücksicht auf den Zustand der Einwohner. Du stehst voll Bewunderung vor einem Gebäude in ionischem Stil, das niedlich vergypset ist, eine prächtige Fronte darbiethet, und eine Miene macht wie die Wohnung eines Fermier=General fermier=General – Steuerpächter oder wenigstens wie die eines Ducs. Ducs – Herzog Auf einmal öfnet sich im untern Stock ein Fenster, und da stellt dir ein Schuhflicker einen neuversohlten Stiefel vor die Nase, um auf dem Gesimse die Schwärze eintrocknen zu lassen. Du fängst an über dieses Räthsel Betrachtungen zu machen, und siehe, da geht dir im zweyten Stock ein anderes Fenster auf, wo ein Hosenflicker dir ein Paar neugefärbte Beinkleider zur beliebigen Schau vor die Augen hängt. Wenn du das Räthsel noch nicht aufgelöst hast und noch einige Minuten stehen bleibst so thut sich auf der andern Seite des nämlichen Stockes wieder ein Fenster auf, und da lüftet dir ein Schneider einen geflickten Wams vor der Nase aus. Hast du noch nicht Erläuterung genug, so schwingt dir endlich aus dem dritten Stock jemand das Tischtuch über dem Kopf aus, und da fällt dir nichts heraus, als die Haut von einigen Erdäpfeln – Du gehst nun einige Schritte weiter, und setzest Fuß vor einem Pallast in korinthischem Stil, der die Miene hat, als wenn er einer Mätresse des Königs oder einem Prinzen von Geblüt zugehört. Kaum hat dein bewunderndes Auge sich bis zum Dach erhoben, so sieht dir aus dem obern Stockwerk ein Jud heraus, der dich fragt, ob du was zu schachern habest. Du schlägst die Augen um ein Stockwerk nieder, und da hängt dir zur Rechten ein Musquetier Musquetier – Musketier: Fußsoldat mit schwerer Handfeuerwaffe ein gewaschenes Hemd vor die Nase, welches einem Officier gehört, den du zur Linken am Fenster stehn und sich rasiren siehst, und wobey du leicht ausrechnen kannst, daß der Herr Officier nur im Besitz von 2 Hemdern ist. Deine Augen fallen noch um ein Stockwerk, und da nickt dir ein Jüngferchen durch das Fenster zu, und winkt dir gar herzig, ihm auf einige Minuten einen Besuch hinter der Bettgardine abzustatten, die du im Hintergrund des Zimmers erblickst. – Du gehst durch 2 bis 3 Strassen fort, deren Gebäude alle im größten Stil sind, und in allen entdeckst du die nämliche Art von Hausleuthen. Endlich kömmst du an die Wohnung eines Generals, wie du leicht an der Wache vor der Thüre sehen kannst. Aber da siehst du weder Portiers, noch Läufer, noch irgend etwas von dem Gefolge des Adels von Wien. Seit 3 Tagen habe ich mich bey einem Kriegsrath eingemiethet, und hätte auch die Ehre haben können, neben einem Geheimen Rath in einem Pallast von toskanischem Geschmack zu wohnen. Ich konnte in dem Wirthshaus, wo ich abstieg, unmöglich länger bleiben. Der Wirth machte Büklinge über Büklinge, und that so geschäftig um mich, daß ich gleich in der ersten Minuten Verdacht schöpfte. Den zweyten Tag war ich Gast zu Mittag in einem Haus, an welches ich von Dresden aus addreßiert war, und Abends machte mein Herr Wirth schon seine Bemerkungen darüber. Des andern Tages verlief ich mich etwas weit von meinem Logis, und speiste in einem Gasthaus, welches einen schönen Garten und gute Gesellschaft hatte. Ich war im Rekognosciren rekognosciren – rekognoszieren: auskundschaften, erkunden der Stadt begriffen, und wollte mich nicht durch den weiten Rückmarsch zu meinem Wirth irre machen lassen. Ich erzählte ihm Abends von dem Garten des Gasthauses und der guten Gesellschaft, mit welcher ich zu speisen die Ehre hatte, und da nahm es der Herr Wirth ernstlich übel, daß ich nicht eine Stunde Wegs machen wollte, um ein neues Item item – Einzelheit, Rechnungsposten auf seine Rechnung zu machen. Er sah, daß ich einer von denen bin, die mit Wirthen kurzen Prozeß machen, und da kam er des andern Tages mit der hiesigen Zeitung, die im Unsinn und in der Heucheley der Gazette de France nichts nachgiebt, zu mir auf mein Zimmer gekrochen – wirklich gekrochen, denn er berührte in seinen Büklingen beynahe mit der Nase die Erde – las mir die wichtigen Neuigkeiten vor, daß ein preußischer Major am Podagra Podagra – Gicht gestorben, daß se. königl. Hoheit der Prinz Heinrich nach Rhinsberg abgereiset ist, daß ein Pastor in der Neumark, der ein Gelehrter seyn soll, mit der Kolik geplagt ist, und daß in Slesien eine Frau Generalin glücklich ist von einem Töchterchen entbunden worden. Ich nahm ihm das Blatt aus der Hand, um nicht mit noch mehr Neuigkeiten von der Art überhäuft zu werden. Er that so demüthig, daß ich ihm seine Grobheit vom vorhergehenden Abend eben vergeben wollte, als er mir zu verstehn gab, daß ich auch bey ihm nach Belieben mit einem lebendigen Bedürfniß zu Bette bedient werden könnte. Nun entschloß ich mich augenblicklich, auszuziehn, und in einem Bürgerhaus Quartier zu suchen, denn der Wirth, welcher zugleich ein Maquerau Maquerau – Kuppler, Zuhälter macht, ist gewiß ein Schurke. Ueberhaupt scheinen die hiesigen Wirthe ein ganz eigener Schlag Leuthe zu seyn. Sie sind alle kriechend höflich, zudringlich bis zum Eckel, grob, wenn sie einen finden, der sich nicht von ihnen beschneiden läßt, lästig durch eine Menge Querfragen, von denen du gar keine Absicht errathen kannst, und wenn sie auch gleich keine Mädchen im Haus haben, so machen sie doch kein Geheimnis daraus, daß sie die Fremden mit diesem Artickel reichlich bedienen können. Sie haben ihre Listen, worauf die schöne Jugend der ganzen Nachbarschaft nach den verschiedenen Preisen sortirt ist, und der Hausknecht ist immer bereit, die Waare herbeyzuschaffen, die sich der Fremde auszusuchen beliebt. Mein Hausherr, der Kriegsrath versicherte mich, daß unter hiesigen 20 Wirten kaum einer wäre, der sich mit diesem Nebenhandel nicht abgebe. Wenn man aus Böhmen nach Sachsen kömmt, so fällt einem die Theurung der Lebensmittel in dem letztern Lande stark auf; allein noch viel auffallender ist sie hier im Vergleich mit Sachsen. Die Armuth des Landes an vielen Bedürfnissen, die ungeheuern Accise Accise – Akzise: eine vom Staat erhobene Luxussteuer und dann die vielen Monopolien Monopol – verbietet privatwirtschaftliche Produktion oder Handel mit einer bestimmten Ware sind Schuld daran. Um dir von den letztern einigen Begriff zu geben, so dient dir zur Nachricht, daß das pariser Klafter Brennholz, welches hier auch ein Monopolium ist, ohngefähr auf 40 Livres zu stehen kömmt, obschon das Brandenburgische einen Ueberfluß an allen Holzarten hat. Berlin hat in Rücksicht auf die Masse des zirkulirenden Geldes und der Theurung der Lebensmittel ein umgekehrtes Verhältnis mit Wien. In der leztern Stadt wundert man sich, daß bey der ungeheuern Geldmasse, welche im Umlauf ist, alles so wohlfeil seyn kann, und in der ersten kann man kaum begreiffen, wie bey der kleinen Geldmasse alles so ungeheuer theuer ist. Denke dir Bruder, man zahlt hier die Bouteille Burgunder mit 5 bis 6 Livres, und der hat doch öfters nichts als den Namen von Burgund. Von unsern ordinären Weinen aus Orleannois, Isle de France, Guyenne u. s. w. die man hier überhaupt unter dem Titel Franzweine begreift, wird die Bouteille mit 3 bis 4 Livres bezahlt. Der König geht mit den Weintrinkern wirklich zu grausam um. In den Privathäusern, die ich bisher sah, herrscht eine fast eckelhafte Kärglichkeit in der Küche, im Keller und in allen Theilen derselben. Nur in der Kleidung bemerkt man einigen Aufwand, und vielen sieht man an den Gesichtern an, daß sie Hunger leiden, um sich pudern und Manschetten tragen zu können. Der Putz der Damen ist ganz nach der Mode, und ich sah auch wirklich schon etwas Schmuk von beträchtlichem Werth und von Geschmack. Es ist wohl keine Stadt in Europa, Konstantinopel ausgenommen, die eine so zahlreiche Garnison hat, als Berlin. Es liegen hier gegen 26.000 Mann. Man kann zu allem einen Soldaten um ein kleines Geld haben. Sie putzen die Schuhe, waschen, fliken, kuppeln und thun alles, was anderstwo die Savoyarden Savoyarden – Einwohner Savoyens und alten Weiber thun. Sie sprechen auch die Fremden – nicht um ein Almosen – sondern um ein Trinkgeld an, wofür sie sich aber gemeiniglich etwas zu Essen kaufen, denn um ihren Durst zu löschen hat die Spree Wasser genug. Sie sind lange nicht so grob, als die kaiserlichen Soldaten, und man findet sehr viele offne Köpfe unter ihnen. Soviel seh' und hör ich überall, daß das hiesige Publikum, in seiner höhern Region, nämlich, um die Köpfe besser bestellt ist, als das wienerische, ob es sich schon in der mittlern Gegend, um den Bauch und die Hosensäcke herum, mit demselben nicht vergleichen kann. Da die Leerheit, welche in dieser Gegend, besonders in den Börsen herrscht, ziemlich allgemein ist, so hat man sich dieselbe durch einen stillschweigenden Vertrag im gesellschaftlichen Leben verziehen, und nur ein Fremder bemerkt sie. Sie hat für hiesige Augen und Ohren so wenig auffallendes, daß Officiers und Räthe auf den offenen Kaffeehäusern, ohne Zurückhaltung, bey Juden einige Gulden negociren, negociren – negoziieren: auf Wechsel leihen wovon ich schon den zweyten Tag nach meiner Ankunft ein Augenzeug war. Die Kaufleute, Fabrikanten und der Theil des Adels, welcher einiges Vermögen hat, thun so geheim mit der Münze, daß man sie im alltäglichen Umgang von dem grossen Haufen, der völlig ausgebeutelt ist, nicht unterscheiden kann. Dagegen herrscht hier eine Aufklärung über den Zustand des Landes, eine Freyheit in Beurtheilung der Regierung, ein Nationalstolz, eine Theilnehmung an den öffentlichen Angelegenheiten, und unter den Militär= und Civilbedienten eine Thätigkeit für den Staat, und, der geringen Besoldungen ungeachtet, ein Bewerbungseifer, daß man in Betracht alles dessen glauben sollte, man wäre nach London versetzt worden. Ein offenbarer Beweis, daß nicht die Verfassung der Regierung, sondern die Verwaltung den Geist eines Volkes bildet, und daß das patriotische Gefühl kein ausschließliches Vorrecht des Republikaners ist. Man spricht hier von den Verordnungen des Königs König – Friedrich II., der Große, regierte von 1740 bis 1786, s. Fünfter Brief. und seinem häuslichen Thun und Lassen mit einer Freyheit, die man nur von einem Engländer erwarten sollte. So kurze Zeit ich auch hier bin, so glaube ich doch mit aller Zuverläßigkeit der Vorstellung widersprechen zu können, die man auswärts von der preußischen Regierung hat, und die durch die Relationen einiger Extrapostreisenden ist ausgebreitet worden, nämlich daß der König wie aus einem undurchdringlichen Gewölke durch Machtsprüche seinen Staat verwalte. Ich meines Theils habe noch keine offenere und populärere Regierung gesehn als die hiesige, die von England nicht ausgenommen. Der ganze Verwaltungsplan scheint mir so einfach zu seyn, und liegt so offen vor jedermanns Augen, daß es mir fast unbegreiflich ist, wie man sich eine so falsche Vorstellung machen konnte. Einige Engländer, die den Werth und das Wesen der Freyheit darein setzen, daß sie in ihren Parlamentskammern ihren schalen Witz, ihren Spleen, ihre Radoterien Radoterien – leeres Geschwätz und ihre Sottisen ungehindert auslassen können und die trotz ihrer Sufficance Sufficance – Süffisanz: Selbstgefälligkeit und Dreistigkeit, unter allen Reisenden die schlechtesten Beobachter sind, haben vermuthlich das meiste zur Verbreitung derselben beygetragen. Man braucht nicht lange in den preußischen Landen zu seyn, um sich zu überzeugen, daß der König von geheimnißvollen Anstalten so wenig als von eigentlichen Machtsprüchen Liebhaber ist. Das Departement der auswärtigen Geschäfte, und vielleicht einige Dinge, welche das Grosse der Armee betreffen, sind die einzigen Gegenstände, worüber etwas Dunkel liegt, und man wird doch nicht begehren, der König solle die Briefe seiner Gesandten und seine Schreiben an dieselbe, so wie auch seine Taktik öffentlich drucken lassen? – Doch hievon will ich ein andermal umständlicher mit dir reden. Neun und vierzigster Brief. Berlin – Verzeihe, Bruder! daß ich dich einmal etwas lange auf einen Brief warten ließ. Ich machte verschiedene irrende Ritterfahrten durch das Land, und will dir nun die Resultate meiner Beobachtungen mittheilen. Ich war 3 Tage zu Potsdam. Diese Stadt hat zum Theil noch schönere Gebäude, als Berlin, die aber, wie hier, auch bloß von Leuten aus der untern und mittlern Klasse bewohnt werden. Man rühmte mir die Lage und Gegend derselben sehr. Für ein so einförmiges Land, als Brandenburg ist, mag sie immer schön heissen. Weder die Gebäude, noch die Lage und Gegend der Stadt waren aber die Hauptabsicht meiner Reise dahin. Es war mir darum zu thun, den König zu sehen, der seit so vielen Jahren der Abgott des Pariser=Publikums, die Bewunderung von ganz Europa, das Muster und zugleich der Schrecken seiner Feinde ist, und den man in den benachbarten Staaten durchaus nur den König par excellence par excellence – vorzugsweise, vor allem anderen nennt. Man hatte mir gesagt, daß es ausserordentlich leicht wäre, Sr. Majestät vorgestellt zu werden. Allein ich halte es immer für eine große Impertinenz, die Herablassung eines grossen Fürsten so zu mißbrauchen, daß man sich ihm, oder vielmehr ihn sich ohne den geringsten Titel präsentiren läßt. Ich hatte das Glück, ihn zweymal zu Pferd bey der Parade zu sehn, bey welcher er itzt nicht mehr so regelmäßig wie ehedem erscheinen soll. In keinem Kupferstich, den ich noch sah, ist er nur halbwegs getroffen; allein man hat sehr viele Kopien von einem sehr treffenden Gemählde, worauf er in halber Leibesgrösse abgebildet ist. Bey Madame de S ** zu Paris kannst du eine dieser Kopien sehen, und sie sind so wenig selten, daß ich einige sogar in öffentlichen Gaststuben deutscher Wirthshäuser sah. Das Original ist von einem Italiäner, und da dieser ausserordentlich glücklich war, so ließ es der König von guten Meistern einigemal kopiren und machte verschiedenen deutschen Fürsten Geschenke damit, wodurch sich die Kopien so sehr ausbreiteten. So schwer auch das Alter auf dem Körper dieses unsterblichen Mannes liegt, so bleiben sich doch seine sehr starken Gesichtszüge immer getreu. Er ist kaum von mittlerer Größe, starkknochigt und untersetzt. Seine Brust ist nun sehr eingebogen, und sein Hals sehr gebeugt. Sein Auge ist noch durchdringend, erweitert sich sehr, wenn er beobachtet, und tritt merklich vor. Ruhe, Ordnung, Entschlossenheit und Ernst sprechen aus seiner Miene. Es ist noch ein gewisser, unerklärlicher Zug in seinem Gesicht auffallend, der allen wirklich großen Männern eigen ist, und den ich Gleichgiltigkeit gegen alles, was ihn umgiebt, nennen würde, wenn er nicht durch seine unbeschreibliche Thätigkeit zeigte, daß er sich um die Sachen, welche in seinem Wirkungskreis sind, ungemein intereßiert. Der Verfasser der Voyages en différents pays de l'Europe Voyages en différents ... – Reisen durch verschiedene Länder Europas (Pilati) sagt, zu Berlin und Potsdam werde alles im tiefsten Stilleschweigen behandelt, und man wisse weder von den Staatsgeschäften noch von dem Privatleben des Königs etwas zu reden. Es ist die allgemeine Vorstellung, die man auswärts vom hiesigen Hof hat, daß er so verschlossen sey. Wenn man einigen Engländern, besonders Herrn Wraxall, Wraxall – William Wraxall, englischer Historiker und Reiseschriftsteller, † 1831 glauben wollte, so wäre der Geist, welcher den preußischen Staat belebt, ein menschenfeindlicher, lichtscheuer Genius, der beständig in einem finstern Hinterhalt Anschläge auf die Güter der Unterthanen machte, und Fallstrike für sie spinnte. Einen falschern Begriff kann man sich nicht von dem König machen. Herr Pilati, der sich an mehr als einer Stelle widerspricht, sagt an einem andern Ort seiner Briefe, selbst, der König habe seine Stunden so genau und ordentlich eingetheilt, daß man in jedem Augenblik wüßte, was er thäte. Die grosse Simplizität und Ordnung seines Privatlebens ist also die Ursache, warum man so wenig davon zu reden weiß. Es ist keine Mätresse da, die mit den Ministern Intriguen anspinnt, um einen ehrlichen Mann, der ihr im Wege steht, zu stürzen; welche die Stellen verkauft, das Land brandschatzet, und der Mittelpunkt aller Bewegungen des Hofes ist; deren Launen man studieren muß, um die günstigen Augenblicke zu einer Beförderung oder zur Entscheidung eines Rechtshandels haschen zu können, und von welcher man ein geheimes Tagebuch hält, um sich durch aufgestutzte Anekdoten, Bonmots und Epigrammen für ihre Bedrückungen an ihr rächen zu können. Es ist nicht einmal eine Königin da, welche den Hof alle Morgen zur Untersuchung reizt, ob sie die verwichene Nacht bey ihrem Gemahl geschlafen, ob sie in gesegneten oder ungesegneten Umständen sey, und ob die Mode nicht für die künftige Woche von Ihrer Majestät mit einer Revolution bedroht werde. Die Prinzen und Prinzeßinnen vom königlichen Haus und Geblüte Fußnote im Original: Deutschen Lesern ist wohl nicht bekannt genug, daß zwischen der FAMILIE ROYALE und den PRINCES DU FANG ROYAL ein wesentlicher Unterschied ist. D. U. haben weder unabläßige Rangstreitigkeiten, noch Kabalen zu betreiben, noch große Spielschulden zu bezalen, noch irgend eine von den Angelegenheiten, welche sie anderstwo in den täglichen Wirbel des Hofes ziehn. Der König geht weder auf die Jagd, noch auf den Ball, noch in die Komödie (einige Opern das Jahr durch ausgenommen, die aber auch fest gesetzt sind). Er braucht nicht mit dem Finanzminister Rath zu halten, ob und wie der Schmuk oder das neue Haus, oder der neue Garten, für die Mätresse, oder die Reise nach – bezahlt werden könnte. Hier wird nichts unternommen, wozu nicht das Geld vorräthig daliegt. Der König hat weder einen eigentlichen Liebling, noch einen Beichtvater, noch einen Hofnarrn, der noch bey einigen andern deutschen Höfen mutatis mutandis mutatis mutandis – mit den nötigen Abänderungen im alten Kredit steht und dessen Rolle öfters der Beichtvater zugleich spielen muß. In diesen Umständen muß nun freylich die Hofgeschichte du jour du jour – Neuigkeiten arm sein. Der König giebt sich aber so wenig Mühe, sich zu verbergen, daß es, wie der Engländer Moore bemerkt, eben nicht schwer sein würde, unaufgehalten bis an sein Schlafzimmer zu kommen. Weder eine ansehnliche Wache, noch ein Schwarm von Kammerherren und Kammerdienern umgiebt ihn. Er geht öfters ganz allein in dem Garten von Sanssouci spazieren, und er mag seyn, wo er will, die Revuen Revue – Truppenschau seiner Truppen ausgenommen, so hat niemand zu beförchten, daß er sich des Königs wegen entfernen müsse. Die nämliche Simplicität und Ordnung, welche die einzige Ursache der Stille seines Privatlebens sind, machen auch den Gang der Staatsverwaltung so wenig rauschend. Wer die Regierungsgeschäfte des Königs für geheimnisvoll, und seine Anstalten für intriguant hält, der begeht entweder den Fehler, der uns Sterblichen so gemein ist, nämlich daß man eben deswegen ein Geheimnis voraussetzt, weil die Sache gar zu offenbar und einfach ist, und man die Wahrheit darum übersieht, weil sie zu nahe vor unsern Augen liegt, oder seine eigne Galle wirft etwas Dunkel auf die Gegenstände, welches meines Bedunkens Herrn Wraxalls Fall war. Es ist wahr, der König hält weder ordentliche Staatsräthe, noch ein Lit de justice Lit de Justice – hier: Richterstuhl . Er hat kein Parlament, dessen Glieder wegen Schmeicheley befördert, und wegen Widersetzlichkeiten exilirt exiliren – exilieren: verbannen werden. Das Korps der Prinzen von Geblüte kann gegen seine Verordnungen keine Repräsentationen und Protestationen eingeben, um ihn zu zwingen ihnen auf einige Tage die Erscheinung bey Hofe zu verbiethen, oder ihre Schulden zu bezahlen. Die ehrlichen Leute werden durch keine Cachetbriefe Cachetbrief – Lettre de chachet: Königlicher Befehl zu Verhaftung und beliebig langer Gefangenschaft ohne Anklage und Prozeß (im absolutistischen Frankreich) von ihnen verfolgt, noch können die Minister eine Kabale gegen sie machen. Er hat weder nöthig an die Liebe und den Patriotismus seiner Unterthanen zu appellieren, wenn der Witz des Finanzministers erschöpft ist, und dieser keine Künste mehr ausfindig machen kann, ihnen die letzten Pfenninge ohne Appellation Apellation – Widerspruchsrecht aus der Tasche zu spielen. Er weiß nichts von Staatslotterien, von Leibrenten, von Anliehn [Anleihn ?], von neuen Vingtiemen Vingtieme – eine Steuer vom Zwanzigstel des Besitzes und Erhöhung der Kopfsteuern und andern Gefällen. Er hat keine Dongratuits Dongratuits – Geschenke der Geistlichkeit an den König von seiner Geistlichkeit zu empfangen, die er mit Religionsreformen bedrohen muß, wenn sie ihm nicht schenken will, was er fodert. Er hat keine Bischöfe, und keine Sorbonne, Sorbonne – die Pariser Universität welche wohldenkende Männer verketzern und in den Augen des Publikums infamiren infamiren – verleumden können, um sie von den öffentlichen Stellen auszuschliessen. Seine Minister können weder Partheyen unter sich machen, noch die Blinde Kuh mit ihm spielen. Alles das muß die Regierung nun freylich sehr einförmig und unnouvellisch Unnouvellisch – arm an Neuigkeiten machen. Unterdessen könnte ich tagelang nachsinnen, in welche Regierungsgeschäfte der König irgend einen geheimnisvollen Anschlag verweben sollte, ohne nur etwas wahrscheinliches herauszubringen. Die auswärtigen Staatsgeschäfte erfodern ihrer Natur nach eine gewisse Verschwiegenheit, die auch das englische Ministerium gegen das Parlament sehr heilig beobachtet. Was die innern Staatsangelegenheiten betrift, so liegt hier weder die Religion noch der Adel, noch irgend sonsten ein Theil des Staats mit dem Ganzen im Streit. Weit entfernt die begründeten Rechte des Adels zu untergraben, giebt sich der König alle erdenkliche Mühe, ihn bey seinem Ansehen zu erhalten. Er hat den slesischen Adel, den mächtigsten in seinen Landen durch grosse Vorschüsse zu 1 und 1 1/2 Prozent von seinem Verfall gerettet. Der Adel einiger andrer Provinzen flehte ihn um die nämliche Hülfe an, und er hat sie ihnen gewährt. Keine Gemeinde, keine Stadt, keine Stiftung ist nur in der entferntesten Gefahr, daß ihre Privilegien, insoweit sie nicht offenbar dem Staat nachtheilig sind, angetastet werden sollten. Sogar die reichen Klöster in Slesien und Westpreussen haben nicht das geringste zu beförchten. Man hält die preußische Regierung auswärts für die willkürlichste in Europa; und doch ist sie nichts weniger als das. Der Grundsatz der englischen Verfassung: Rex in regno suo superiores habet Deum et legem, Rex in regno ... – Der König hat in der Ausübung seines Regiments nur Gott und das Gesetz über sich stehen wird nirgends so gewissenhaft beobachtet, als hier. Man wird doch eine strenge Vollziehung der Gesetze und der Anstalten, welche unmittelbar zum Besten des Staats abzwecken, nicht Despotie nennen wollen? Und wo hat sich sonst der König irgend etwas erlaubt, welches eine willkürliche Strenge verriethe? In keinem Staat werden die Gesetze der Vernunft, die Rechte der Natur und die Verträge, Gebräuche und besondern Statuten, die dem Wohl des ganzen nicht widersprechen, heiliger beobachtet und geschützt als in den preußischen Landen. Nirgends mißt die Regierung ihre Schritte so gewissenhaft nach der Billigkeit ab, als hier. Der stärkste Beweis hievon ist die Verwaltung des Finanzwesens. Die Auflagen sind das eigentliche Feld der Despotie; denn alle übrige Gewaltthätigkeiten eines Despoten treffen nur einzelne Menschen, und gerade die, welche von ihrem Interesse zu nahe an den Thron getrieben werden. Die Auflagen aber dehnen sich über das ganze Volk aus. Nebst den Domänen, Forsten, Bergwerken, Fabriken und dergleichen besondern Einkünften des Königs, beruht sein Finanzsistem auf den zween einfachsten Grundsätzen, nämlich den Akzisen und Steuern. Die Steuern liegen auf der zahlreichsten und nützlichsten Volksklasse, nämlich auf den Bauern, und sie sind daher nach dem Verhältniß des Werths der Dinge so mäßig, als irgend in einem europäischen Land. Die Bauern in den preußischen Landen, wie sogar der Engländer Moore selbst gesteht, befinden sich daher so gut, als irgend anderswo. Sie machen wenigstens ¾ von den Unterthanen des Königs aus, und der gute Zustand dieses so ungleich grössern Theils der Nation wiegt doch wohl auf der Waage der Menschlichkeit den Reichthum des Adels und der Handelsleute in England und Frankreich auf, in welchen Staaten die Bauern, ob sie schon eigentlich das Volk oder die Nation ausmachen, von der Regierung doch zuletzt und am wenigsten in Betrachtung genommen werden. Es ist der Mühe werth, die Lage der Bauren in Großbrittanien mit den preußischen zu vergleichen. Das Resultat dieses Vergleichs ist der schönste Beweis, welche schiefe Begriffe man sich von dem Wohl eines Staates, von Freyheit und Despotie machen kann, und wie wenig man sich auf die Nachrichten der englischen Reisebeschreiber zu verlassen hat, die ein Volk für Sklaven erklären, weil es keine indischen Nabobs, Nabob – indischer Fürst keine Lords, keine bestochene Schwätzer im Parlament und keinen König hat, den jeder Bube, unter der Maske des Patriotismus, mit Koth bewerfen darf. Die sogenannten Substantial Farmers Substantial Farmers – freie Bauern der Engländer können wegen ihrer geringen Anzahl nicht in diesen Vergleich kommen. Sie sind beynahe das, was hier zu Lande die Besitzer kleiner Rittergüter und die Pachter von königlichen Domänen sind, deren Anzahl in den preußischen Landen ungleich grösser ist als jene der englischen Substantial Farmers. Die Zahl der Yeomen, Yeom – Yeoman: Freisasse Freeholders Freeholder – Grundeigentümer und Copyholders, Copyholder – Pächter welche unter den Landleuten das Wahlrecht für das Unterhaus haben, ist auch sehr gering, und es ist bekannt genug, daß ihr Wahlrecht ein leerer Titel ist. Die adelichen, deren Lehnleute sie guten Theils sind, oder die doch das Jagd= Zoll= und Marktrecht in ihren Bezirken auszuüben haben, haben sie theils durch Gewaltthätigkeiten, theils durch öffentlichen Kauf und Bestechung um dieses Recht gebracht. In der jetzigen Lage Großbrittaniens hat der Bauer platterdings keinen Theil mehr an der Gesetzgebung. Der englische Bauer ist im strengsten Verstand des Worts ein Sklave der übrigen Stände. Er mußte als Matrose und Soldat Amerika, Ost und Westindien erobern, wovon ausschließlich die höhern und unzahlreichsten Klassen der Nation die Früchte geniessen. Durch das ungeheure Geld, welches aus diesen mit seinem Blut eroberten Ländern nach England strömte, ward der Preiß der Dinge so erhöht, daß er seine Früchte wegen des hohen Preises außer Landes nicht mehr absetzen konnte, und er hätte einen Theil des besten Bodens von Europa ungebaut müssen liegenlassen, wenn das Parlament nicht so ansehnliche Preise auf die Ausfuhr des Getreides gesetzt hätte, daß er mit andern Nationen in diesem Handel hätte konkurriren können. Dieser prekäre Zustand des Getraidehandels dauert aber nur so lange, als die Schiffahrt der Russen und der Länder, welche die Küste von Polen ausmachen, eingeschränkt ist. So wie die Schiffarth von Rußland und Preussen, und der Ackerbau in Polen steigen, kömmt der englische Bauer immer in grössere Verlegenheit. Das Sistem der Konvenienz, Konvenienz – hier: Eigennutz welches Großbrittanien schon seit so vielen Jahren, mit Hintansetzung aller Gerechtigkeit und des Völkerrechts zu seiner Staatskunst gemacht hat, ist eben so drückend für den Bauern, als es für den Adel und die Kaufmannschaft gemächlich ist. Er muß die unzählige Kriege ausfechten, welche dieses Sistem veranlaßt. Er empfindet das Steigen und das Fallen des Nationalkredits, die schwere Last der Schulden, welche sich über seinem Vaterlande häuft, und die Verwandlung des Geldes in Papier, welche der auf seine Unkosten bereicherte Grosse durch seine Verschwendung und die Verschickung der Münze in die Fremde beschleunigt. Ihn trift am derbsten die Erhöhung der Auflagen im Fall eines Krieges. Auf einmal werden alsdann dem Ackerbau so viele Hände entzogen. Die innere Konsumtion wird durch die Entfernung so vieler Verzehrer aus dem Vaterlande verringert. Der Absatz des Getreides wird durch die Gefährlichkeit der Schiffahrt, und in der politischen Lage, worin sich Großbrittanien seit beynahe 80 Jahren befindet, gerade in die Länder gehemmt, wohin es das meiste Getreide in Friedenszeiten auszuführen pflegt. Aus dieser Ursache wimmelt nach einigen Kriegsjahren England allezeit von Strassenräubern und Dieben, die alle aus der Klasse der Bauren sind, und eine neue Plage des Landvolks werden. Durch die vielen Kriegsjahre, welche von den lezten hundert Jahren gerade die Hälfte ausmachen, wurde die Bevölkerung von Großbrittanien zum grossen Nachtheil des Ackerbaues gehemmt. So viel Lärmen man auch von der Bevölkerung Englands macht, so läßt sie sich doch, im Verhältniß der Grösse der Länder mit jener von Frankreich, Deutschland und Italien nicht vergleichen. In diesen leztern Ländern kommen im Durchschnitt bekanntlich 2.500 Menschen auf eine geographische Quadratmeile, und in England kaum 1.900. Und doch gab ihm die Natur die ersten Bedürfnisse des Lebens in einem größern Ueberfluß, als jenen Ländern. Geblendet durch einen falschen Schein von Freyheit glaubt der englische Bauer für das Wohl des Vaterlandes zu opfern und zu fechten, und im Grunde ist er das Lastvieh der Grossen. Daraus muß man die Grundsätze einiger Engländer erklären, welche behaupten, die Aufklärung des Bauren sey dem Staat schädlich und eine gewisse Wildheit desselben zur Stärke des Staates unumgänglich erfoderlich. Es ist ihnen darum zu thun, Matrosen und Soldaten zu haben, die fühllos, wie die Thiere, gegen Stürme und Batterien eine Freyheit vertheidigen, die kaum für den zwanzigsten Theil der Nation Früchte trägt. Moore glaubt, der König von Preussen halte seine Bauern so gelinde, weil er aus ihnen seine Soldaten zieht. Nur ein Engländer, der alles auf seinem beleibigen [beliebigem] Standpunkt nur einseitig betrachtet, kann der Verwaltung des Königs diese Erklärung geben. Kaum 2 Fünftheile der preußischen Armee bestehn aus inländischen Bauren. Ueber die Hälfte derselben besteht aus geworbener fremder Mannschaft, und zu der übrigen Hälfte tragen die Städte des Landes so gut als die Dörfer das Ihrige bey. Pilati widerspricht hierin Herrn Moore stark genug, indem er behauptet, die preußische Armee bestehe nur aus solchen Leuten, welche die alten Römer für untüchtig zum Soldatenstand gehalten hätten, nämlich aus Handwerkern. Ich will mich nicht damit aufhalten, noch mehr Widersprüche von der Art über die preußische Regierung anzuführen, die einem unpartheyischen Mann Stoff genug zum Lachen geben könnten. Der König von Preussen betrachtet im Gegensatz mit der englischen Regierung und der Natur der Dinge gemäß die Bauern, als den wesentlichsten Theil des Staates. Er bewirbt sich nicht um auswärtige Kolonien, die dem Landbau Hände entziehn, und die der Bauer bloß zum Vortheil des schwelgenden Theils der Nation vertheidigen muß. Sein politisches Sistem gründet sich weder auf die Herrschaft über die See, noch auf die Eitelkeit sich in alle Händel der europäischen Mächte einzumischen, um den zweydeutigen Namen eines Vertheidigers des Gleichgewichts und der Freyheit von Europa zu haben, wodurch sich England in so viele Kriege verwickelt hat. Seine Bauren sind nichts weniger, als in Gefahr, Schlachtopfer eines Ehrgeitzes zu werden, den man ihm auf die ungerechteste Art, wie ich dir in der Folge meiner Briefe zeigen werde, angedichtet hat, den aber die großbrittanische Regierung im höchsten Grade besitzt. Es ist eine Unmöglichkeit, daß der preußische Bauer je in die Verlegenheit komme, seine Produkten nicht absetzen zu können. In England liegen, nach dem Zeugniß aller Politiker, ungeheure Striche des besten Bodens wüst, in den preußischen Staaten wird der dürre Sand angebaut. In England kann ein Adelicher oft zu seinem Vortheil und zum grossen Schaden der benachbarten Bauern einen Zwangpreiß auf den Märkten für das Getraide machen; hier zu Lande ist nicht nur der Bauer gegen alle solche Gewaltthätigkeiten des Adels, wie auch gegen die Beschwerden der Jagd= und Forstfreyheiten gesichert, sondern der König erhält auch durch sehr kluge Anstalten und den Aufkauf für seine ungeheuern Magazine das Getraide zum Vortheil des Bauren in einem ziemlich gleichen und hohen Preiß. Die Preise, welche das englische Parlament für das auszuführende Getraide bezahlt, wiegen bey weitem das Geld nicht auf, welches der König von Preussen zur Aufnahme des Ackerbaues verwendet. Er giebt nicht nur denen, welche wüstes Land urbar machen, Holz zum Bauen, Vieh und ansehnliche Geldvorschüsse, sondern theilt auch jährlich unter die schon angesessenen ärmern Bauern beträchtliche Summen aus. In den letztern Jahren hat er bloß den Bauern in der sogenannten Mittelmark jährlich gegen 100.000 Thaler geschenkt. Man schätzt, daß er im Durchschnitt jährlich gegen 700.000 Thaler, oder über 2 ½ Millionen Livres unter die ärmsten Bauren seiner Lande vertheilen läßt. Der jährliche Aufwand für Kolonisten, für Dämme, Einteichungen, Kanäle u. s. w. welche hauptsächlich die Aufnahme des Ackerbaues zum Endzweck haben, beträgt noch mehr als diese Summe. Der Hauptvortheil, den der preußische Bauer vor dem englischen hat, und der ihn ohne Vergleich zum freysten und glücklichsten Bauern von Europa macht, ist, daß seine Landtaxe oder Steuer nie erhöht wird. Diese einzige Wahrheit wäre hinlänglich, das elende Geschrey von der Despotie der preußischen Regierung zu schanden zu machen, wenn die Schreyer einiger Schaam fähig wären, oder sie sich die Mühe nähmen, etwas tiefer in das Land einzudringen, als sie auf der Extrapost zu thun gewohnt sind. Die Steuer ist in den preußischen Landen unveränderlich. Selbst in dem Gedränge des letzten slesischen Kriegs, wo ganz Europa glaubte, die Lande des Königs müßten bis auf den letzten Pfenning erschöpft seyn, ist sie um keinen Heller erhöht worden. Wenn derselbe auch einen Krieg auszufechten hätte, der noch viel lästiger und anhaltender wäre, als jener war, so würde sie doch nie erhöht werden. Diese weise Verfügung ist eine Folge von der wahren Kenntniß der Lage des Landmannes und der redlichen und undespotischen Gesinnung des Regenten. Er wußte, daß in den Verheerungen und Bedrängnissen des Krieges die Auflagen für den Landmann doppelt lästig sind; daß zu einer Zeit, wo durch die Entfernung der stehenden Truppen die Konsumtion der Produkten verringert, die Felder öfters vom Feinde geplündert oder gänzlich verwüstet und durch Rekrutirungen dem Landbau so viele Hände entzogen werden, die Erhöhung derselben für den Staat äusserst verderblich seyn müßte. Herr Pilati, welcher den Bemühungen des Königs für die Aufnahme des Ackerbaues Gerechtigkeit widerfahren läßt, schließt mit der Bemerkung, daß der Feldbau in den preußischen Landen, ungeachtet des grossen Aufwandes des Königs für das Beste desselben, doch nicht gedeihen wolle, weil zu wenig Geld im Lande zirkulire. Unter den Bauern konnt' ich nun eben keinen Geldmangel bemerken. Im Gegentheil, ihre Kleidung, ihr Hausgeräthe und ihre Lebensart verrathen einen hohen Wohlstand und gränzen wirklich sehr nahe an den Luxus. Es läßt sich auch à priori à priori – durch logisches Schlußfolgern beweisen, daß die Bauern in den preußischen Staaten den Geldmangel, welcher unter den übrigen Ständen herrscht, nicht verspüren können. Sie müssen der Hauptkanal, oder so zu sagen der grosse Behälter des Geldes seyn, welcher es aus den kleinen Kanälen des Staates an sich zieht, und es wieder durch kleine Kanäle in den Körper zurükergießt. Die ganze Einrichtung des Staates ist hauptsächlich zu ihrem Vortheil angelegt. Die Akzise und Monopolien treffen sie am wenigsten, und sie können sich von diesen Auflagen ganz frey machen, wenn sie nach dem väterlichen Willen des Königs den entbehrlichen Luxus vermeiden. Der Handwerker, Künstler, der kleine Kaufmann, und überhaupt die unterste und mittlere Klasse der Städtebewohner werden durch die Akzise bloß auf die Verzehrung der innern Landesprodukte eingeschränkt, und der Bauer zieht eigentlich den Haupttheil des Verdienstes derselben. Das ganze preußische Akzissistem ist zu Gunsten der Bauern angelegt. Z. B. die ungeheure Auflage auf die fremden Weine hat die Absicht, bloß die Verzehrung des inländischen Bieres zu vermehren, wodurch dem Bauer seine Gerste, seine Hopfen u. s. w. besser versilbert werden. Der Soldat giebt alles dem Bauern. Seine ganze Kleidung, sein Essen und Trinken, alles kommt dem Bauern zu gut. Der offenbarste Beweis, daß die preußischen Bauern grade die Leute sind, unter denen kein Geldmangel herrschen kann, ist, daß die Landesfrüchte im Vergleich mit den benachbarten Staaten in einem sehr hohen Preiß stehn, und der Absatz derselben doch leichter ist, als in irgend einem andern Land. Ich hab sogar in einem deutschen Journal ein Schreiben eines preußischen Ritters gelesen, worin behauptet wird, die Bauer würden durch die überwiegenden Vortheile, welche sie vor den andern Ständen geniessen, dem preußischen Staat gefährlich werden. Ist es aber nicht billig, nicht natürlich, nicht republikanisch und der Würde der Menschheit gemäß, daß der zahlreichste und nützlichste Theil des Volkes das Uebergewicht in einem Staat hat? Soll ein Pak Lords allein die Vorrechte der Freyheit geniessen, welche der Bauer doch vertheidigen muß? Herrn Pilati, der oft wieder gut macht, was er verdorben hat, und oft wieder verdirbt, was er gut gemacht hat, entfährt in Sicilien eine Bemerkung, welche seiner obbemeldten Beobachtung über den Zustand des Ackerbaues in den preußischen Landen eben nicht genau entspricht, und der preußischen Regierung unendlich viel Ehre macht. Nachdem er die verschwenderische Güte der Natur gegen diese Insel mit ihrer stiefmütterlichen Sparsamkeit gegen die preußischen Lande in einen Kontrast gesetzt hat, gesteht er, daß die preußischen Bauern doch ungleich reicher sind, als die sicilianischen. Welch eine göttliche Regierung muß die seyn, welche die Bebauer von Sandwüsten glücklicher macht, als die Einwohner des Landes, das die Alten und Neuen für ein Wunder von Fruchtbarkeit und natürlichem Reichthum halten! Der Boden von Sicilien giebt den Saamen des Korns hundertfältig zurück, und in Preussen ist es ein Glück, wenn man den gesäeten Waizen 7 und 8 mal und das Korn 12 bis 15 mal erndtet. – Der Sicilianer hat nebst dem Getraidebau Oel, Seide, Baumwolle, Wein, Zitronen, Pomeranzen, Pomeranzen – apfelsinenähnliche Zitrusfrucht Zucker und noch eine Menge andrer Produkte vom ersten Werth; und der Preusse hat kaum neben dem Ackerbau etwas Rüben, Holzäpfel, Holzapfel – vermutlich die Stammform des Kulturapfels Tannenzapfen u. dgl. Und doch ist er reicher, als jener! Und macht es der preußischen Regierung nicht mehr Ehre, daß der größte Theil ihrer Unterthanen bey der Kärglichkeit der Natur gegen sie wohlhabend und glücklich ist, als wenn sie einige Milords Baltimore, Clive, Cavendish, einige Ducs de Pignatelli, Monteleone, Matalone und einige Fürsten Esterhazy hätte? Wenn man, wie es billig ist, die Härte der Natur in den preußischen Landen mit in den Anschlag bringt, so hat der König in der Beförderung des Ackerbaues wirklich Wunder gethan. Ich sah Gegenden angebaut, die noch vor 10 und 15 Jahren trockener Sand waren. Die Anzahl der in seinen verschiedenen Landen von ihm neuangelegten, oder doch so verbesserten Dörfer und Höfe, daß man sie für fast ganz neu halten muß, soll sich auf viele hundert belaufen. Da die Moräste an den Flüssen hier zu Lande der beste Boden sind, so verwendet er unglaubliche Summen auf die Einteichung und Austrocknung derselben – Ueberall sieht man, daß der Ackerbau hier, der Natur gemäß, als die Grundveste des Staates angesehen wird. Die Minister und geheimen Räthe des Königs wiedmen demselben ihre Nebenstunden, welche diese Herren an andern Höfen der Wohllust, dem Spiel und der Kabale zu opfern pflegen. Der Minister Hertzberg, Herzberg – Graf von Hertzberg, seit 1763 Staatsminister, † 1795 der in jedem Betracht unter die grossen Männer unsers Jahrhunderts gehört, hat einige Stunden von hier ein Landgut, dessen Wirthschaft seine Erholung von den Staatsgeschäften ist. Fast in jedem Dorfe findet man einen von Adel, dessen Hauptbeschäftigung der Landbau ist, und der sein Vergnügen mit seinem Nutzen aufs schönste zu verweben weiß. Man beschreibt nicht nur Getraidearten aus Polen, Rußland, England, Sicilien und andern europäischen Ländern, um diejenigen ausfindig zu machen, die auf preußischem Boden am besten gedeihen, sondern hat sogar schon Versuche mit barbarischem und ägyptischem Korn gemacht. In den Augen des Königs macht der Mann eine der merkwürdigsten Epoche der Geschichte seiner Regierung, der in dem Feldbau eine merkliche Revolution veranlaßt. Man erzählte mir eine Anekdote, die ihm mehr Ehre macht als das geprängvolle Ackern des sinesischen Kaisers mit einem vergoldeten Pflug. Der Geheime Rath von Brenkenhof, ein Mann, der ohne Heller und Pfenning durch seine Industrie ein Millionär (von Livres) ward, hat sich besonders um den Ackerbau in den preußischen Landen verdient gemacht. Unter andern beschrieb er Roggen aus Archangel, Archangel – Archangelsk am Weißen Meer der auf preußischem Boden so gut fortkam, daß man nach und nach durch Pommern, Brandenburg, Slesien und Preussen Saatroggen von ihm beschrieb, und das Land durch die bereicherten Erndten erstaunliche Summen gewann, die es ehedem den Polen und Russen für diesen Artickel geben mußte. Wenn Herr von Brenkenhof nachher eine Bittschrift für sich oder die Provinz an den König zu machen hatte, so fieng er sie immer so an: »Wenn ich keinen Roggen aus Archangel ins Land gebracht hätte, so würden Eure Majestät und Ihre Unterthanen so viel tausend Thaler weniger haben: Es ist also billig, daß Sie mir die Bitte für die Provinz gewähren« u. s. w. Der König hat ihm nicht nur nie etwas abgeschlagen, sondern auch öffentlich gesagt: »Brenkenhof ist der merkwürdigste Mann, der in meinen Landen unter meiner Regierung ist gebohren worden, und ich bin stolz darauf.« Der nämliche Herr von Brenkenhof hat, zur grössern Aufnahme der Viehzucht Kameele und Büffel aus Asien kommen lassen. Die Zucht der letztern soll unter dem preußischen Himmel gut fortkommen. Ich sah sie auch in Salzburg, wo das Klima, der südlichern Lage ungeachtet, nicht wärmer ist als in den preußischen Landen. Allein die Trägheit dieses Thieres vernichtet immer seine andern Vorzüge. Der Versuch mit den Kameelen wollte gar nicht gelingen. Die Schaafzucht und der Tobacksbau sind nebst dem Getraidebau die vorzüglichsten Ressourcen des hiesigen Landmanns. Man gewinnt auch schon eine beträchtliche Menge grober Seide; allein dieses Produkt ist immer noch eher eine Unterhaltung spekulativer Landwirthe, als ein ordentliches Landeserzeugniß. Der Adel, die Pfarrer und die Besitzer großer Ländereyen geben sich eigentlich nur damit ab. Unterdessen ist es immer merkwürdig, daß in den preußischen Landen jährlich gegen 12.000 Pfund Seide gewonnen werden, da man in Hungarn, dessen Klima diesem Produkt so günstig als irgend eines Landes in Europa ist, bey allen den grossen Anstalten, welche die Regierung seit manchen Jahren gemacht hat, kaum 7 bis 8.000 Pfund jährlich gewinnt. Der preußische Bauer, dessen Stand durch das Beispiel der Grossen geehrt, der gegen alle willkürliche Auflagen gesichert, und auf alle mögliche Art geschützt und unterstützt wird, ist also ein grösserer Beweis von Nationalfreyheit als ein Dutzend fette Lords, oder ein bestochenes Parlament. In meinem nächsten Brief werde ich dir etwas von den Volksklassen sagen, die eigentlich in das Gebiete der Akzise und Monopolien gehören. Ich kann diesen Brief nicht schliessen, ohne eine Bemerkung zu machen, die dem Anfang desselben entspricht, nemlich, daß die Art, wie der König seinen Staat verwaltet, an sich schon ein Beweis ist, daß er nicht daran gedenkt, geheime Anschläge gegen irgendeinen Theil seiner Unterthanen in seine Regierung zu verflechten. Ein Despot, der sich nicht strenge an die Gesetze der Billigkeit und Gerechtigkeit binden will, zwischen seinem Nutzen und dem Vortheil des Ganzen einen Unterschied macht, und Intriguen spinnt, um seinen Nutzen über jenen seiner Unterthanen siegen zu machen, ohne daß sie es merken, müßte, wenn er den ganzen Staat selbst und allein regieren könnte, seinen Absichten gemäß entweder lauter Schöpsen zu seinen Ministern und Räthen wählen, die er, wie das Volk täuschen könnte, oder er müßte einen Liebling haben, den er zur Vollziehung seiner geheimen Anschläge gebrauchte. Keines ist der Fall des Königs von Preussen. Seine Minister und Räthe sind die aufgeklärtesten Patrioten. Die meisten von ihnen würden auch als Gelehrte Figur machen, wenn sie sich mit schreiben abgeben könnten, oder wollten. Von einem eigentlichen Liebling hat man hier noch nie etwas gehört. Voltäre, Marquis d'Argens, D'Argens – Jean-Baptiste de Boyer, Marquis d'Argens, franz. Philosoph, wirkte 27 Jahre am Hof Friedrich II., erwarb sich Verdienste um die Akademie der Wissenschaften, † 1771 Algarotti, Algarotti – Francesco Algarotti, ital. Schriftsteller und Gelehrter, lebte lange in Berlin und Dresden, † 1764 Quintus Icilius Quintus Icilius – eigentlich Karl Gottlieb, Militärfachmann und -schriftsteller, von Friedrich II. sehr geschätzt, † 1775 und Bastiani dienten ihm bloß zur Unterhaltung in seinen Nebenstunden und wußten von den Regierungsgeschäften unter allen am wenigsten, wie Voltäre öfter durch Bonmots bezeugt hat. Diese Schöngeister mußten auch immer in den Schranken der gebührenden Ehrfurcht bleiben und brachten den König nie zur Vertraulichkeit, so wenig er sie auch den Unterschied seines Standes fühlen ließ. Der König hat das grosse und seltne Talent, sich gegen jedermann herabzulassen, ohne sich das geringste zu vergeben. Sein Leser oder Sekretär darf ihm nicht mündlich eine Klage oder eine Bitte vorbringen. Der König scheint wirklich mistrauisch gegen sich selbst zu sein und zu beförchten, er möchte durch eine ungefühlte, und bloß durch den alltäglichen Umgang mit den Leuten in seinen Busen eingeschlichene Partheylichkeit in seinem Urtheil irre geführt werden. Sein Sekretär, der täglich so viele Stunden um ihn ist, muß ihm seine Angelegenheiten schriftlich und in der Form vorlegen, an die jedermann gebunden ist. Seine Minister sind im Grunde nur Referenten, und die ersten Kanäle der Exekution seiner Befehle. Es haben schon viele Leute angemerkt, daß kein Monarch in der Welt so getreu und gut bedient wird als der König von Preussen, ob er schon seine Bedienten am schlechtesten bezahlt. Mit blosser Strenge läßt sich diese gute Bedienung nicht erzwingen. Die Bedienten müssen fühlen, daß der Herr ihnen an Verstand überlegen ist, und daß er sich strenge an den Vorschriften der Gerechtigkeit und Billigkeit hält. So bald sie in seinem Kopf oder in seinem Herzen eine schwache Seite ausfindig gemacht haben, ist es um die gute Bedienung geschehen. Bloß der strengen Unpartheilichkeit, Gerechtigkeit und dem überlegenen Verstand des Königs muß man die Thätigkeit und Ordnung in den preußischen Dikasterien zuschreiben. Kein Prinz von Geblüte hat vor dem Bauer vor Gerichte nur ein Haar breit voraus. Wenn sein Domäne, oder irgend ein Kronfonds, mit dem Eigenthum eines seiner Unterthanen in Kollision kömmt, so fällt keinem Richter ein, für den König ein Vorurtheil zu fassen. Im Gegentheil, er befahl bey seiner Thronbesteigung, in diesem Fall vorurtheilig gegen ihn zu seyn. Aus der nämlichen undespotischen Gesinnung macht er gar kein Geheimniß daraus, daß die Könige in seinen Augen eben nicht durch eine unmittelbare Verordnung Gottes über die Völker der Erde gesetzt und Statthalter des Allmächtigen hienieden sind. Er hält die königliche Würde für einen Stand, der durch menschliche Verfügungen, wie der Stand eines Generals u. s. w. aufgekommen ist, und wozu nach der einmal geltenden Ordnung bloß die Geburt den äusserlichen Beruf ausmacht. Anderstwo würde man durch eine solche Behauptung in den Kerker kommen oder des Landes verwiesen werden. Er braucht die Religion eben so wenig als die politische Theorie, um sein Volk zu blenden, und sein Ansehn mit Glauben und Meinungen zu unterstützen. Das Bewußtseyn, daß er keiner vorsätzlichen Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit fähig ist, kann ihn ganz allein über diese sogenannten machiavelischen Künste hinaussetzen. Zum Beschluß meiner Beweise, daß der König nichts weniger als Despot im gewöhnlichen Verstand ist, muß ich noch bemerken, daß er keine überwiegende Leidenschaft hat. Ruhmsucht ist seine Sache gar nicht. Er verachtet alles Geschrey der Menschen von Herzen. Der große Physiognomist Lavater Lavater – schweiz. Theologe. Er stellte eine Lehre auf, daß der Charakter eines Menschen an Gesichtszügen und Körperformen ablesbar sei, † 1801 will sogar in seinem Gesicht gelesen haben, daß er die Menschen selbst verachtet. Wenigstens glaub ich mit Zuverläßigkeit behaupten zu können, daß der König in keines Menschen Augen kleiner ist, als in seinen eignen. Schmeichler sind die, welche sich am schlechtesten bey ihm empfehlen, und Schriftsteller, die ihn mit aller Bitterkeit getadelt haben, können sicher seyn, daß er keine Galle gegen sie hat. Er achtet wahrlich nicht darauf. Abt Raynal, Abt Raynal – Guillaume Thomas François Raynal, franz. Historiker. Abbe, nicht Abt, † 1796 welcher wirklich hier ist, ist ein Beweis davon. Nirgends, in der weiten Welt wird von den Thaten des Regenten weniger Lärmen gemacht, als hier. Es währte lange Zeit, bis man es endlich bemerkte, was der König für seine Bauern und Armen thut. Keine der inländischen Zeitungen meldete ein Wörtchen davon, und es wäre auch nie ein Wörtchen davon gesprochen worden, wenn nicht einige Patrioten die Betrachtung gemacht hätten, daß auswärtige Hofzeitungen hinten und vorn die Posaune der Fama ansetzen, wenn der Fürst einige Batzen verschenkt, oder etwas thut, was keine offenbare Sottise ist; denn wirklich las' ich viele Beschreibungen von vorgeblichen schönen Handlungen verschiedener Regenten, die nur darum schön genennt wurden, weil sie nicht das Gepräge sultanischer Impertinenz hatten. Einige Preussen, die ihren König liebten, wurden durch dieses Geschrey gereizt, der Welt Beweise vorzulegen, daß ihr von den meisten Fremden so verkannter König in der Stille mehr thut, als irgendein halbes Dutzend der andern Halbgötter auf der Erden zusammen. Die Welt staunte, als sie vernahm, daß der König schon seit vielen Jahren Millionen unter seine Unterthanen verschenkt, und die Journalisten nahmen es ihm übel, daß er es ohne ihr Wissen that. Es sind auch erst wenige Jahre her, daß man weiß, daß die Landtaxe Landtaxe – Grundsteuer in den preußischen Staaten für immer vestgesetzt ist, und man kein Beyspiel von einer Erhöhung derselben hat, obschon dieses Sistem so alt als die Regierung des Königs ist. Schon lange zuvor, als es unsern neuern Philosophen einfiel, gegen Todesstrafen, Folter, Langwierigkeit der Prozesse u. dgl. m. zu deklamiren, waren alle diese Dinge in Preußischen Landen abgeschaft, ohne daß sich ein Schreyer die Mühe nahm, das Te Deum Te Deum – Tedeum, christlicher Hymnus »Te Deum laudamus ...«, »Großer Gott, wir loben dich ...« wurde gern beim Verbrennen von Menschen gesungen. anzustimmen. Bekkaria macht selbst diese Bemerkung. – Geiz ist eben so wenig des Königs Schwäche, als Ruhmsucht. Niemand giebt williger her, als er, wenn er sieht, daß das Geld gut verwendet wird. Das Geld ist bey ihm im Kopf, und nicht im Herzen, und Oekonomie ist eine der ersten Tugenden eines Regenten. Doch hievon in meinem nächsten Brief. Fünfzigster Brief. Berlin – Durch ganz Deutschland, und besonders durch ganz Sachsen nimmt man es als die ausgemachteste Wahrheit an, der König von Preussen habe falsche Handlungsgrundsätze. In den holländischen Kaffeehäusern, den wahren Pfützen alles politischen Unsinns, spricht man ihm sogar auch die allerersten Begriffe vom Handlungswesen ab. Den auswärtigen Kaufleuten kann ich es nicht übel nehmen, wenn sie den König lästern; denn sie sprechen wie Cicero für sein Haus. Sie können mit den Grundsätzen des Königs, die ihnen alle Wege verschliessen, seinen Unterthanen das Geld abzunehmen, unmöglich zufrieden seyn. Aber auch hier und in den übrigen preußischen Städten hört man die nämlichen Klagen. Man schreyt über die Akzise, Zölle, Monopolien, und preist allgemein die Freyheit als die Seele der Handlung an. Es ist wahr, die Akzise machen die Verarbeitung in den Fabricken so kostbar, daß verschiedne preußische Manufakturen, deren Produkte von der ersten Güte sind, mit andern Nationen nicht konkurriren können. Es ist wahr, die Monopolien versperren der bürgerlichen Industrie viele Wege. Ich glaube aber, daß alles das eine wesentliche Verbindung mit dem ganzen Regierungssistem des Königs hat, und daß man die politische Wahrheit der Grundsätze, worauf das Akzis= und Monopoliengebäude beruht, wie viele andre Dinge in den preußischen Landen, deßwegen nicht einsieht, weil sie zu einfach ist, und zu nahe vor unsern Augen liegt. Weder die Handlung, noch die Manufakturen, noch irgend sonst ein Fach der bürgerlichen Industrie, welches eine grosse Ungleichheit in dem Nationalvermögen machen, und einem Theil der Unterthanen zu einem schnellen und unmäßigen Reichthum verhelfen könnte; sondern bloß der Feldbau ist der Hauptgrundstein des preußischen Staatsgebäudes. Auf diesem Standpunkt muß man die Politik des Königs betrachten, die in allen ihren Theilen die schönste Symmetrie hat. Es war also diesem Hauptgrundsatz gemäß, daß der Theil der Unterthanen, welcher der unzahlreichste ist, die leichtesten Beschäftigungen hat und sehr geneigt ist, auf Kosten des arbeitenden Landmanns zu schwelgen, nach dem Verhältniß das meiste zu der Staatskasse beytragen sollte. Wer sich die Mühe nimmt, die preußischen Akzise mit einander zu vergleichen, der findet leicht, daß sie mit dem Luxus in dem genauesten Verhältniß stehn, und wie es ihre Natur erfodert, immer desto schwerer sind, je weiter sich der Konsumtionsartickel, worauf sie liegen, von den einfachen Bedürfnissen des Lebens entfernt, die der inländische Feldbau liefert. Die Akzise sind daher auch veränderlich, und müssen es seyn. Der König bekömmt die genauesten Tabellen von den Sachen, welche der Luxus aus der Fremde bezieht. Sieht er, daß ein Artickel unmäßig steigt, so erschwert er durch die Erhöhung der Akzise die Konsumtion desselben, wie er es vor kurzem mit dem Kafee machte, der nach seinen Listen in den leztern Jahren einige Millionen Livres aus seinen Landen zog. Er empfahl dafür seinen Unterthanen warmes Bier, welches das Inland liefere, das eine gesundere und wirklich auch schmakhaftere Nahrung sey, als der Kafee, und bey welchem er sich selbst in seiner Jugend sehr wohl befunden habe. Er bemerkte sogar, daß aus Sachsen jährlich für ohngefähr 12.000 Gulden Eyer nach Berlin gebracht wurden, und um seinem Land diese Abgabe zu ersparen, belegte er die sächsischen Eyer mit einer grossen Abgabe, und munterte seine eignen Bauern zur Hühnerzucht auf. Doch dieser Grundsatz ist einer der einfachsten in der Staatswirthschaft, der in allen aufgeklärten Ländern, nur nicht mit der preußischen Genauigkeit und Billigkeit, beobachtet wird. Das Zoll= und Akzissistem der Engländer und Holländer ist gegen das Essen und Trinken viel unbarmherziger, als das preußische. Es ist ein Sprüchwort, daß man in Holland eine Schüssel Fische fünfmal dem Staat, und einmahl dem Fischer bezahlen müsse. Die Klagen, welche einigen Schein von Grund haben, beziehen sich auf die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens, deren Auflagen immer auch sehr hoch sind, und wodurch der Arbeitslohn so erhöht wird, daß die preußischen Manufakturen darunter leiden müssen, und dann auch die Monopolien. Diese Abgaben betreffen also nur die Städtebewohner, die Künstler, Handwerker, Fabrikanten, Kaufleute und die, welche vom Dienst des Staates leben. Um das Verhältniß der Auflagen auf die Konsumtion der ersten Lebensbedürfnisse genau abzuwiegen, muß man die bürgerliche Industrie erst nur in so weit betrachten, als sie mit dem Innern des Landes in Verbindung steht, ehe man ihren Bezug auf den auswärtigen Handel Rücksicht nimmt. Der König, welcher in allen Dingen die Ordnung der Natur strenge befolgt, arbeitete lange nicht so sehr daran, Geld vom Auslande zu gewinnen, als vielmehr die Kanäle zu stopfen, wodurch aus seinen Staaten Geld in die Fremde ausfliessen könnte. In diesem Betracht waren die Auflagen auf die nöthigsten Bedürfnisse des Lebens der bürgerlichen Industrie nicht hinderlich. Der Arbeitslohn des Fabrikanten, Künstlers und Handwerkers gleichte sich mit dem Preis der Viktualien Viktualien – Lebensmittel ab, und die Akzise waren nur ein neuer und grosser Kanal, um den Umlauf des Geldes zu befördern. Der König, welcher den Plan, sein Land von der Industrie der Fremden unabhängig zu machen, mit Macht betrieb, sorgte dafür, daß dieses Geld aus der Staatskasse wieder durch die sichern Kanäle zurükfloß. Alles, was der Soldat braucht, und auch, alles was der Civilbediente zu einem gemächlichen Leben nöthig hat, liefert der inländische Feldbau und die inländische Industrie. Die Auflagen auf die Fremden, z. E. Tuch, Leinwand u. dgl. waren so hoch, daß nur der höchste Luxus die inländischen Manufakturen von der nämlichen Art hintansetzen konnte, und es war billig, daß er dafür gestraft wurde. Was den auswärtigen Absatz der preußischen Manufakturen betrift, der wirklich zum Theil durch die Akzise erschwert wird, so muß man bedenken, daß das kleinere Uebel allezeit dem grössern vorgezogen werden muß. »Der Luxus untergräbt den Staat. Unmäßiger Genuß ist die größte politische Sünde. Ungleiche Vertheilung des Nationalvermögens ist ein Beweis, daß der eine Theil des Volkes aus Sklaven, und der andre aus Tyrannen besteht,« so schreyen alle unsre Philosophen, und sie haben Recht. Noch mehr: Alle englische Parlamentsdebatten sind mit der Bemerkung angefüllt, daß die brittische Freyheit durch den unmäßigen Reichthum eines Theils seiner Bürger und durch die Leichtigkeit, zu diesem Reichthum zu gelangen, unterdrückt worden sey. Daß Wohllust, Bestechung, Ehrgeitz, kriechende Armuth des untern Theils des Volkes u. s. w. die Nation entkarakterisirt hätten. Wie ist es aber anderst möglich, dem Luxus und unmäßigen Reichthum Schranken zu setzen, als durch preußische Akzise? Je mehr Einer verzehrt, und je reicher Einer ist, desto mehr muß er dem Staat bezahlen, welcher diesen Ueberfluß des einen Theils unter die [be]dürftigere Klasse vertheilt, und das Nationalvermögen dadurch so viel als möglich abzugleichen sucht. Einmal angenommen, daß Frugalität, Frugalität – Einfachheit Fleiß und verhältnißmäßige Vertheilung des Nationalvermögens hauptsächlich die Stärke eines Staates ausmachen; so muß man sich über die Inkonvenienzen Inkonvenienz – Unbequemlichkeit hinaussetzen, welche aus der Beobachtung dieses politischen Axioms Axiom – als richtig erkannter Grundsatz für einen kleinen Theil der Bürger entspringen können. Welche Nation, die ihre Stärke hauptsächlich auf die Handlung stützt, hat sich je lange erhalten können? Der unmäßige Reichthum, welcher eine Folge der Handlungsfreyheit war, zog immer nothwendigerweise den Luxus, die Verschwendung, die Weichlichkeit, Tyranney und dann endlich den Umsturz des Staates nach sich. Der nämliche Herr Wraxall, der das Murren einiger in= und ausländischer Kaufleuthe über das preußische Finanzsistem aufgefangen hat; aber in den Hütten der preußischen Bauern sich gar leicht hätte überzeugen können, daß nicht alle Unterthanen des Königs gegen ihn aufgebracht sind, wie er behauptet; der nämliche Herr Wraxall ist der heftigste Deklamateur gegen die Ueppigkeit und Tyranney, welche der ungeheure Reichthum in England eingeführt hat. Zeige er uns nur ein anderes Mittel, als jenes ist, welches der König von Preussen zu einem Damm gegen die Ueppigkeit und die Tyranney gemacht hat. Es ist ein seltsamer Kontrast politischer Räsonnements, Räsonnement – Vernünftelei, Mäkelei wenn man in England klagen hört, überwiegender Reichthum der Grossen habe die Freyheit und die Stärke des Staates untergraben, und wenn man daneben die Bemerkungen einiger preußischen Adelichen liest, welche behaupten, der Wohlstand der Bauern sey dem preußischen Staat gefährlich. Die Geschichte hat kein Beyspiel, daß der Wohlstand der Bauern den Staat mit dem Umsturz bedroht hätte; aber sie ist voll von Beyspielen, daß die Macht des Adels und die Freyheit der Handlung Staaten umgestürzt haben. Das preußische Akzissistem vergreift sich im geringsten nicht am Eigenthum der Unterthanen. Es wirkt bloß auf die Konsumtion und den unordentlichen, geilen Geil – gierig Handel. Es hat keine andere Absicht, als die Unterthanen sparsam zu machen, und Sparsamkeit ist die Mutter der Industrie. In keine Wissenschaft haben sich so schädliche Sophistereyen eingeschlichen, als in die Staatswirthschaftslehre. Man glaubt, die Handlung überhaupt mache einen Staat reich, und doch ist nichts weniger wahr als das. Kadix, Neapel, Smirna, Aleppo und viele andere Plätze sind auf Kosten der Staaten, denen sie zugehören, blühende Handelsstädte. Wenn man in den preußischen Landen klagt, die Handlung habe abgenommen; so heißt das weiter nichts als die Konsumtion hat abgenommen. Es ist natürlich den Kafeekrämern unangenehm, daß sie nicht mehr so viel Kaffee verkaufen können als ehedem. Allein diese Art Leute, welche den König ganz allein ins Geschrey gebracht haben, sollten bedenken, daß ein Judenstaat (von modernen Juden, versteht sich) der elendeste unter allen ist, und daß der Regent wohl daran thut, wenn er sie auf [auf sie] die wenigste Rücksicht nimmt. Wenn der geile Handel in den preußischen Staaten abgenommen hat, so hat dagegen die Industrie zugenommen. Man hat den augenscheinlichen Beweis davon an dem erstaunlichen Wachsthum der Städte und der Volksmenge. Kein Staat in Europa von gleicher Grösse hat in 50 Jahren, die eroberten Provinzen abgerechnet, seine Volksmenge verdoppelt, wie der preußische. Dieses einzige Faktum widerlegt hinlänglich das Geschrey über die preußische Despotie; denn die Wirkungen müssen den Ursachen entsprechen, und unter einer menschenfeindlichen Regierung können sich die Menschen nicht auf eine so ausserordentliche Art mehren. Die Monopolien stimmen auch mit dem allgemeinen, menschenfreundlichen System des Königs überein. Ich will mich in keine umständliche Untersuchung einlassen, sondern nur das ausheben, was unter ihnen am meisten Aufsehens macht, nämlich das Brennholz=Monopolium. Die Gesellschaft, welche im Besitz dieses Monopoliums ist, bezahlt dem König, oder welches hier Eins ist, dem Staat (denn der König hat weder einen Marstall von 6.000 Pferden, noch eine Wagenremise, Wagenremise – die Garage für die Kutschen worunter Kutscher von 100.000 Livres sind, noch eine Mätresse, noch eine Tafel von 50 Trachten, noch macht er Jagden und Reisen, die Millionen kosten u. s. w. sondern alles wird für den Staat verwendet) eine beträchtliche Summe Geldes. Die Gesellschaft kann keinen willkürlichen Preis machen, sondern das Holz ist taxirt, und sie muß es in der besten Qualität liefern. Der hohe Preiß des Holzes kömmt bey dem Arbeitslohn des Künstlers und Handwerkers mit in den Anschlag. Niemand empfindet ihn im Grunde, als der Rentier, und der vom Hof Besoldete. Wenn der erstere arbeiten wollte, so würde er natürlich den Artickel des Brennholzes wie der übrige Theil des industriösen Publikums mit im Arbeitslohn anschlagen. Er wird also billigerweise für seinen Müßiggang gestraft. Die Besoldung des letztern ist zwar knap, doch zum ordentlichen Unterhalt des Lebens hinlänglich, und des Königs Hauptgrundsatz ist: Jeder soll genug, aber keiner zu viel haben. Durch das Monopolium gewinnt der Bauer. Die Gesellschaft muß ihm das Holz nicht nur theuer bezahlen, als wenn kein Monopolium da wäre, sondern es ihm auch erlauben, eine gewisse Menge Holz in die Stadt zu Markte zu führen, welche er desto besser versilbern kann. Es werden dem zufolge in die verschiedenen Dörfer zu gewissen Zeiten Scheine ausgetheilt, die den Bauern zu Pässen für ihr Holz in die Stadt dienen. Das Monopolium dient auch dazu, die Waldungen zu schonen, über deren Abnahme ganz Europa schon seit langer Zeit klagt. Man geht, wegen der Kostbarkeit des Holzes, sparsamer mit dem Aushauen und Verbrennen um. Das Monopolium trift auch nur die Bewohner der Städte Berlin und Potsdam, die durch die Residenz und die vielen Staatsbedienten grosse Vortheile vor dem übrigen Lande voraus haben, wo das konzentrirte Gewühl der Menschen den Erwerb des Geldes erleichtert, und wo die Verschwendung am ersten einreissen kann. Die Fremden, welche sehn, daß die Brennmaterialien zu Berlin und Potsdam wie Brasilien= oder Kampecheholz Brasilien= und Kampecheholz – Tropenhölzer; Kampescheholz: Blauholz aus Mexiko verhandelt werden, fassen nun freylich aus Gründen, die in ihrer Börse sind, kein günstiges Vorurtheil für die preußischen Monopolien. Allein, wenn sie deswegen mit Herrn Wraxall den König geradezu für einen Tyrannen erklären, so ist es, um den gelindesten Ausdruck zu gebrauchen, gewiß doch unartig – Die übrigen Monopolien sind überhaupt solche, wie man sie in den meisten andern Ländern hat; nämlich von Tobak, Salz, Spielkarten, Kalendern u. dgl. m. Der König beschützt zwar alle Gattungen von Handel und Manufakturen, insoweit sie dem ganzen Staatswirthschaftssistem nicht entgegen sind; allein er sucht den auswärtigen Handel seiner Lande hauptsächlich auf solche Produkten zu fixiren, die dem Land einen sichern Vortheil versprechen, und deren Absatz nicht leicht durch die Konkurrenz andrer Staaten, und die Mode gehemmt werden kann, und die zugleich mit dem innern Feldbau in Verbindung stehn. Von der Art sind die hiesigen Wollenzeuge, die schlesischen Leinwande und Tücher; der Tobak und verschiedne andre Artikel, die überall einen leichten Abgang finden, weil sie das Bedürfniß des grossen Haufens sind, und wozu das Land die ersten Materien liefert. Nebst diesen ansehnlichen Artikeln ziehn die Manufakturen von Seidenzeugen, verarbeiteten Eisen und Stahl, Spiegeln, Porzellän, Zuker, Zuker – Zucker: Der Anbau von Zuckerrüben begann erst gegen Ende dieses Jahrhunderts, es wird Honig gemeint sein und dann besonders der Holzhandel grosse Summen Gelds aus der Fremde in das Land. Polen muß der preußischen Industrie schrecklichen Tribut bezahlen, und die Preussen haben vorzüglich wegen ihrer Sparsamkeit und Nüchternheit, die eine Folge des königlichen Akzissistems sind, ein grosses Uebergewicht im Handel überhaupt. Für eines der größten Hindernisse des Handels in den preußischen Landen hält man gemeiniglich den Schatz des Königs, der alljährlich eine gewisse Summe Geldes außer der Zirkulation setzt. Natürlich ist dieß nur von dem gewöhnlichen Judenhandel zu verstehn, welcher der Trägheit und der Geldgierde schmeichelt, aber einem Staat im Grunde so schädlich ist, als der Verkehr der Marktschreyer und Quacksalber; denn der solide, wohlthätige, industriöse Handel ist in den preußischen Landen nichts weniger als im Stocken. Nach meinem Bedünken ist der Schatz des Königs eine seiner weisen Verfügungen. Er legt jährlich eine Summe Geld zurück, die mit dem, was seine Staaten jährlich von den Fremden durch das Uebergewicht der Handlung gewinnen, in einem gewissen Verhältnis steht. Man nimmt allgemein für zuverläßig an, daß die Summe ohngefähr eine Million Gulden, oder beynahe eben so viel betrage, als er jährlich verbaut, jährlich den Armen schenkt, und jährlich zum Anbau des Landes verwendet, von welchen verschiednen Ausgaben eine jede sich auf 700.000 Thaler belaufen soll. Ueberhaupt ist die ganze Staatseinnahme nach einer vesten und unabänderlichen Ordnung in die verschiednen Fache der Ausgabe vertheilt, und menus plaisirs menus plaisirs – kleine Freuden machen hier keine Aenderung. Nun beträgt aber das Uebergewicht der preußischen Handlung nach dem mäßigen Anschlag 2 ½ Millionen Gulden, und der König legt also nicht die Hälfte von dem jährlichen Zufluß des Geldes aus der Fremde in den Schatz zurück. Es ist eine der unsinnigsten Staatsmaximen, daß der Staat alles Geld in den Umlauf setzen, und nichts für den Nothfall zurücklegen soll, welche Maxime sich wie viele andere Radoterien, in dem zu unsern Zeiten so gewöhnlichen Deklamationston in eine Menge politischer Theorien und Romanen eingeschlichen hat. Bloß dem Schatz des Königs hat es das Land zu verdanken, daß in Kriegszeiten die Abgaben nie erhöht wurden, und es ist auch bloß zu dieser Absicht angelegt. Die Erhöhungen der Auflagen in dem jetzigen Krieg der jetzige Krieg – 1778 hatte Frankreich mit den sich für unabhängig erklärenden Vereinigten Staaten von Nordamerika ein Bündnis geschlossen. Daraufhin herrschte zwischen Großbritannien und Frankreich der Kriegszustand. Dieser wurde im Frieden zu Paris 1783 beendet. sind für die französische und englische Nation drückender, als die unmittelbaren Drangsalen des Krieges selbst. Einer der ältesten und gewiß auch einer der klügsten Statistiker Deutschlands, Schröder, Schröder – Wilhelm Freiherr von Schröder, siehe Ein und zwanzigster Brief. hat den Ungrund dieser Maxime längst schon gezeigt. Nebstdem daß die ordentlichen Abgaben zur Kriegszeit den Unterthanen lästiger seyn müssen, als zur Friedenszeit, so können sie auch alsdann nie mit der nöthigen Eile zusammengebracht werden. Nun kommen noch, wenn kein Schatz da ist, ausserordentliche Auflagen dazu, und dann wird manche Provinz, wie wir jetzt in Frankreich traurige Beyspiele genug haben, in 3 bis 4 Kriegsjahren so erschöpft, daß sie sich in einem Menschenalter kaum wieder erholen kann. Man nimmt dann seine Zuflucht zu Staatslotterien, Anleihn u. dgl. m. welche die Drangsalen eines Krieges auf Enkel und Urenkel ausdehnen, und endlich das schöne Schuldensistem zur Welt bringen, welches die Hälfte der Einkünfte von Großbrittanien und Frankreich jährlich verschlingt, und welchem Herr Neker Neker – Necker, s. Neunter Brief. gewiß gegen seine Ueberzeugung in seinem Compte rendu Compte rendu – Bericht (über die Finanzlage des Staates) zur Aergerniß aller denkenden Menschen das Wort geredet hat. Hätte der König von Preussen keinen Schatz gehabt, so hätten sich seine Lande nach dem so verheerendem Krieg von 1756 bis 1763 Krieg von 1756 bis 1763 – der Siebenjährige Krieg, s. Fünfter Brief. nicht nur so leicht wieder erholen, sondern sogar in kurzer Zeit noch blühender werden können, als sie beym Ausbruch des Krieges waren. Für die Lage der preußischen Lande ist auch ein Schatz ganz besonders nothwendig. So unarrondirt arrondirt – arrondiert: flächenmäßig zusammenliegend wie sie sind, stehn sie auf allen Seiten dem Feind offen, der auf einmal sich in den Besitz einer ansehnlichen Provinz setzen, und dem Staat den Zufluß von Geld auf dieser Seite abschneiden kann. Dem vorräthigen baaren Gelde hatte der König in dem Krieg, der ihn unsterblich macht, einen guten Theil des Nachdrucks und der Lebhaftigkeit seiner Operationen zu verdanken. Der Schatz des Königs ist auch nicht ganz müßig. Er hat den Ständen einiger seiner Provinzen gegen sehr unbeträchtliche Zinsen erstaunliche Summen vorgeschossen, die im Lande zirkuliren, nur mußten sie ihn sicher setzen, daß er in einer bestimmten Zeit nach Aufkündigung das Kapital haben könnte. Der preußische Staat ist, als Staat, der reichste in Europa. Es ist eine platte Unmöglichkeit, daß er wegen Geldmangel je in Verlegenheit komme. Sein Finanzsistem ist auch so vest gegründet, daß wenn der Nachfolger des Königs eine Hauptänderung vornehmen wollte, daß [das] ganze Staatsgebäude in einem Augenblick zusammenstürzen müßte. Du wirst es nicht wohl glauben können; aber ich versichre dich, es ist die Wahrheit, daß man sich die hiesigen Bankobillets Bankobillet – Schuldschein als eine Gefälligkeit ausbittet. Man hat gar keinen Begriff davon, wie sie ihren Kredit verlieren könnten. Die Holländer sind froh, wenn man ihr Geld in der hiesigen Bank annimmt. Sie wissen, daß sie es, ungeachtet des Geschreys über die preußische Despotie, in der Welt doch nicht sicherer anlegen können, als hier. Welche Bank in der Welt, ausser der hiesigen bekömmt Kapitalien zu 2 ½ Prozent in Ueberfluß? Ueberhaupt ist es leicht zu bemerken, daß viele unserer hochweisen Deklamateurs die preußische Regierung bloß deswegen tadeln, weil ihr Gang mit dem gewöhnlichen politischen Schlendrian unserer aufgeklärten europäischen Staaten nicht übereinstimmt, und hier alles neu und unerklärlich für sie ist. Unterdessen, wenn sie sich die Mühe geben wollten, die Augen aufzuthun, und den Gegenstand etwas näher und starrer zu beschauen, so würden sie bald ihr Urtheil zurücknehmen, wenn sie ihre Eigenliebe nicht aller Ueberzeugung unfähig macht. Ich kenne keinen dieser Herren, der nicht an andern Stellen grade die Grundsätze predigte, worauf der preußische Staat wirklich gebaut ist, und die er bloß deswegen in diesem Staat übersah oder verkannte, weil ein erstaunlicher Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist, und man besonders in philosophischen Deklamationen gemeiniglich bloß auf den Zweck sieht, ohne auf die Mittel Rücksicht zu nehmen, wodurch dieser Zweck erreicht werden kann. Gar oft verabscheut man die Mittel, wodurch ganz allein dieser Zweck zu erreichen ist, und so ist es ziemlich natürlich, daß die Leute, welche so heftig gegen den Luxus, die Ueppigkeit, Schwelgerey, die Trägheit und Ungleichheit des Nationalvermögens deklamiren den preußischen Akzisen nicht hold sind, die doch der einzige sichere Damm gegen all diese Staatsgebrechen sind. Alle die prächtigen Grundsätze vom Wohl der Völker, welche uns Abbe Raynal in seiner berühmten Histoire philosophique \& politique Histoire philosophique ... – Geschichte der Philosophie und Politik predigt, worinn er auf den König von Preussen, ohne ihn im geringsten gekannt zu haben, einen so unhöflichen Ausfall that, wurden in den preußischen Landen und vielleicht nirgends sonst auf der weiten Welt, schon längst ausgeübt, ehe er noch eine Feder zu seiner Histoire schnitt. Vielleicht gesteht er mirs, wenn ich, wie ich hoffe, in einigen Tagen die Ehre habe, ihn hier zu sprechen. – Ein andrer Theil dieser Herren Deklamateurs tadelt bloß der Singularität halber. Unter diese Klasse gehört, glaub' ich, auch Herr Guibert Guibert – Jacques Antoine Hippolyte, Graf von Guibert, französischer General und Militärschriftsteller, † 1790 nebst einigen andern unserer Landsleute. Diese Herren thaten sich etwas damit zu gut, daß sie unserm Publikum einen König, welcher seit so langer Zeit schon der Abgott desselben ist, umgekehrt, die Füsse oben und den Kopf unten, durch eine Laterna magika Laterna magica – Bildwerfer zeigen konnten. Ohne Zweifel war die Gelassenheit, womit der König solche Possen gegen ihn anzusehen pflegt, noch ein besonderer Reitz für sie. Der König von Preussen, und zum Theil schon sein Vater, hat die drey schwersten Staatsprobleme aufgelöset, und die Geschichte hat kein Beyspiel, daß sie je so schnell, so glücklich und so allgemein aufgelöset wurden. Er hat ein träges, verschwenderisches und dummes Volk fleißig, sparsam und klug gemacht; er verschaffte einem von der Natur ganz vernachläßigten Land einen Werth, den viele der Länder nicht haben, gegen die sie mit ihrer Güte verschwenderisch war; und er setzte eine kleine Nation in den Stand, nicht nur in einem günstigen Augenblick über die verbundenen mächtigsten Völker der Erde zu siegen, sondern auch jeden derselben zu aller Zeit die Spitze bieten zu können. Ein und Fünfzigster Brief. Berlin – Wenn man in Süddeutschland vom König von Preussen spricht, so glaubt man einen Würgengel zu nennen, dessen Beruf und Beschäftigung es ist, die Leute zu hunderttausenden todtzuschlagen, Städte und Dörfer zu verbrennen, und die Felder zu verheeren. Diese Vorstellung hat größtentheils den nämlichen Grund, den die Meinung des Pöbels im letzten schlesischen Krieg hatte, welcher sich bereden ließ, der König von Preussen führe den Krieg gegen Oestreich und Frankreich, um die katholische Religion zu vertilgen. Die östreichische Regierung, welche öfters zu solchen kleinen Mitteln ihre Zuflucht nahm, apellirte an den Religionseifer und die Empfindsamkeit des Volks, nachdem ihre Truppen geschlagen waren, und sie fand dem Anschein nach, einigen Trost darin, wenigstens vom Volk bedauert zu werden. Man dichtete dem König Absichten und Handlungen an, von denen er sich nie träumen ließ, um das Mitleiden des Pöbels rege zu machen, und allenfalls auch von einigen katholischen Fürsten Deutschlands nach Kräften und Vermögen unterstützt zu werden. Es ist dem Pöbel leicht zu verzeih, wenn er Vorurtheile hat. Wenn man aber in den neuern Schriften der berühmtesten östreichischen Gelehrten und Staatsmännern liest, das ganze Staatssistem des Königs von Preussen wäre darauf angelegt, sich mit überspannten Kräften seinen Nachbarn förchterlich zu machen, die Staaten derselben zu plündern, und vom Raub zu leben, dann weiß[t] man nicht, ob man über ihre Unwissenheit lachen, oder über ihre Unverschämtheit staunen soll. Ausser Deutschland betrachtet man den König von Preussen auch vorzüglich als einen grossen Helden; Allein man ist doch dabey nicht blind gegen seine übrigen Tugenden. Unsre Landsleute, denen man Unpartheylichkeit und Einsicht in Anerkennung des Verdienstes grosser Männer nicht absprechen kann, lesen mit dem nämlichen Vergnügen, welches ihnen die Beschreibung der Feldzüge des Königs von Preussen macht, auch seine Civilverordnungen, Bonmots, und häusliche Anekdoten. Allein, man macht sich eine ganz falsche Vorstellung des Königs, wenn man sein Heldenverdienst als überwiegend, und seine kriegerischen Fähigkeiten als die vorzüglichsten betrachtet. Man achtet wegen der Liebe zum Geräusche, die uns Menschen eigen ist, mehr auf das Getöse seiner Feldzüge, als auf seine stillen, friedlichen Beschäftigungen, worinn er doch unendlich grösser ist, als im Feld. Man dichtet ihm auch diese Liebe zum Geräusche, und eine Neigung zu kriegerischen Unternehmungen an, die kein Fürst der Erde weniger hat als er. Erzogen in den Armen der Musen, und bloß zur Ausübung der Philosophie gebildet, hatte er kaum die Regierung angetretten, als sich eine der merkwürdigsten Begebenheiten unsers Jahrhunderts ereignete, die sein größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen mußte. So viele Fürsten machten Ansprüche auf die Verlassenschaft Karl des Sechsten, und sein Haus hatte uralte Ansprüche auf einige slesische Fürstenthümer. Der Zeitpunkt war da, diese Ansprüche geltend zu machen. Wahrscheinlicher Weise hätte er die Parthey der von allen Seiten bestürmten Maria Theresia genommen, wenn man seine Foderungen befriedigt hätte. Allein das östreichische Ministerium, immer geblendet von seiner Grösse, beantwortete sie mit kränkendem Hohn. Der König schlug die kaiserlichen Truppen, und nun war man froh, daß er sich mit ganz Schlesien begnügte. Wirklich bezeigte er hier Mäßigung, denn es wäre ihm leicht gewesen, durch seine Unterstützung Karls des Siebenten ein Haus tief zu demüthigen, das ihm unter den europäischen Mächten am gefährlichsten war. Allein seine Politik erlaubte ihm nie eine Ungerechtigkeit. Weder die Raubbegierde des Königs, noch sonst irgend eine andere Ursache, als der Stolz des östreichischen Ministeriums und eine geringe Kenntniß von der Stärke des preußischen Staates waren die Ursach des Verlustes von Schlesien. Man verachtete einen Hof, der keine Fürsten und Herzoge, sondern Kaufleuthe und Ritter à quarante écus à quarante écus – zu je vierzig Talern (Anspielung auf den Roman Voltaires, s. Neun und zwanzigster Brief.) zu Ministern und Generälen hatte. Man sah nur auf das Aeussere des Hofes vom Vater des Königs, der unter der Maske einer lächerlichen Singularität den Grund zu Preussens Grösse gelegt hat. Man lachte über sein ungepudertes Haar, seine schmierige Stiefel, die Rüben, die er aß, und über seine grosse Garde, bey welcher er sich doch vor dem Teufel, vor Gsepenstern [Gespenstern] und vor seinem Beichtvater förchtete. Man wußte aber nicht, daß seine grossen Soldaten, die man nur als seinen sonderbaren Zeitvertreib ansah, die beste Disciplin in der Welt hatten; man wußte nicht, daß seine undurchlauchtigten und ungnädigen Minister die aufgeklärtesten Patrioten waren; daß die strenge Oekonomie den kleinen preußischen Staat ungleich reicher gemacht hatte, als damals das stolze und mächtige Oestreich war; daß spartanische Nüchternheit, und spartanischer Gehorsam, die unter diesem, dem äusserlichen nach, so lächerlichen König bey den Preussen Sitte wurden, der Indolenz, Indolenz – geistige Trägheit Weichlichkeit und Verschwendung überlegen seyn mußten, und wenn das östreichische Heer auch noch so zahlreich gewesen wäre. Diese Unwissenheit war eigentlich das, was einige Leute das Glück des jetzigen Königs von Preussen nennen. Der Einfall, den der König einige Zeit nach der Besitznehmung von Schlesien in Böhmen that, war eine Folge von den inständigsten und rührendsten Bitten des Kaisers, des Oberhaupts des deutschen Reiches, dessen Mitstand der König war. Ich sprach mit einem alten, berühmten holländischen Offizier, der den Grafen Sekendorf als Adjutant nach Berlin begleitete, um den König zu bewegen, dem Kaiser aus dem Gedränge zu helfen, worin er gänzlich hätte unterliegen müssen. Der König war lange taub gegen alle Vorstellungen und alles Bitten. Er zeigte dem Grafen Sekendorf bey der Parade ein Regiment, welches im ersten schlesischen Krieg besonders viel gelitten hatte. Sehn sie, sagte er, was mich der Krieg gekostet. Dieß Regiment hat über die Hälfte seiner Leute verlohren, und soll ich meine Unterthanen wieder der Gefahr aussetzen, so schrecklich niedergemetzelt zu werden? Dieß ist der König, den man für einen kriegerischen Räuber und Tyrannen ausschreyt – Sekendorf, der bekanntlich ein grösserer Staatsmann, als General war, wandte vergeblich alle Beredsamkeit an, um seine Absicht zu erreichen. Nichts bewegte den König, von neuem Oestreichs Feind zu werden, als die Vorstellung, wie unmenschlich die Oestreicher in Bayern gewirthschaftet haben, wie sie das Archiv geplündert, den Adel beraubt, die Felder verheert, und den Bauern in die Sklaverey versetzt haben; und wie ihr bekannter Stolz, ihre Rachsucht und Hartherzigkeit alles Aeusserste für das bayrische Haus beförchten liessen. Der König entschloß sich, den Kaiser aus dem Gedränge zu ziehn, ohne Oestreich viel zu schaden, und er that es mit einer Mäßigung, welche die unpartheyische Welt noch itzt bewundert. Er zwang den Prinzen Karl mit seiner Armee vom Rhein nach Böhmen zu eilen, und machte dem Kaiser Luft. Er that keinen Schritt weiter, foderte nichts für sich, sondern begnügte sich bloß damit, gethan zu haben, was die Billigkeit und die Theilnehmung an dem Schicksal des Kaisers von ihm foderten. Es ist bekannt genug, wie wenig seine angedichtete Raub= und Eroberungssucht zum Ausbruch des Krieges beytrug, worin er die größten Thaten alter und neuer Helden verdunkelte. Mitten in diesem Krieg, wo er so viele Lorbeer sammelte, schrieb er einen Brief an Voltäre voll Sehnsucht nach philosophischer Ruhe und voll Rührung über den Greuel des Krieges. weit entfernt, von seinem Ruhm trunken zu werden, und weit entfernt von der Eitelkeit des römischen Statthalters, der aus einer Provinz zurückkam und erwartete, ganz Italien müßte mit dem Lob seiner Verwaltung angefüllt seyn, fragte er den Professor Gellert, der ihn mitten auf dem Schauplatz des Krieges um Frieden bath, sehr naiv, »ob er denn nicht gehört oder gelesen habe, daß drey Mächte gegen ihn wären, und ob es also in seiner Gewalt stünde, Deutschland den Frieden zu schenken?« Er dachte nicht daran, daß seine Feldzüge Aufsehens machten; sondern es war ihm bloß darum zu thun, sich seiner Haut zu wehren. In diesem merkwürdigen Brief an Voltäre gelobt er, wenn er einmal Ruhe haben würde, auch die entferntesten Anlässe zu einem Krieg auf das sorgfältigste zu vermeiden, sich mit der ganzen Politik von Europa nicht abzugeben, sondern bloß in der philosophischen Ruhe sein Land zu bauen. Er hat dieses Gelübde bis jetzt aufs heiligste gehalten. Zu der Theilung von Polen trug er das wenigste bey. Man wird staunen, wenn diese Begebenheit mit der Zeit recht wieder aufgeklärt werden [wird]. Keine Thatsache kann durch politische Schmierereyen so verunstaltet werden, als diese ward. Ich sammelte zu Wien einige erläuternde Beyträge zu dieser Geschichte, die ich dir mit der Zeit mündlich mittheilen werde. So viel ist nun ganz notorisch, daß der König bey dieser Theilung nicht den dritten Theil von dem bekam, was Rußland zog, und bey weitem nicht den vierten Theil von dem, was Oestreich zufiel. Ein stärkerer Beweis von der Mäßigung des Königs und von seinen friedlichen Gesinnungen ist nicht möglich. Die Theilung würde gewiß etwas leichter ausgefallen seyn, wenn es zu den Waffen gekommen wäre. In dem letzten bayrischen Krieg beobachtete er wieder die bewundernswürdigste Mäßigung. Er ergriff die Waffen, um das Haus Wittelsbach Haus Wittelsbach – eine Regentenlinie, die hauptsächlich in Bayern und der Pfalz wirkte; 1623 wurden die Herzöge von Bayern zu Kurfürsten ernannt. in sein Erbe einzusetzen, und die Verfassung des deutschen Reichs zu vertheidigen, die ihm als einem Mitstand heilig seyn mußte. Er foderte nichts für sich, und that wieder keinen Schritt weiter, als wohin ihn die strengste Billigkeit rief. Uneigennütziger und großmüthiger ist noch kein Monarch zu Felde gezogen, als der König von Preussen in diesem Fall – Er ließ seit den 20 Jahren, die er der werkthätigen Philosophie gewidmet hat, noch manch andre Anlässe vorübergehn, die einen Fürsten gewiß zum zum Aufbruch gereitzt hätten, welcher die Macht des Königs in Händen und die kriegerischen Gesinnungen hätte, die man ihm andichtet. Kein Fürst kann mehr Schonung gegen die Menschen äussern, als der König von Preussen wirklich äussert. Er intereßirt sich um den Wohlstand einer Bauernhütte so sehr, als um die Blüthe des mächtigsten Handelshauses seiner Staaten. Es ist sein Stolz und seine größte Wohllust, wenn er auf den jährlichen Listen sieht, daß die Volksmenge sich in seinen Landen mehrt. Man sah ihn seit langer Zeit nicht so froh, als da er auf den Listen des letztern Jahres sah, daß die Zahl der Gebohrnen jene der Verstorbenen in seinen Landen ausserordentlich weit überstieg. Ein Fürst von dieser Sinnesart ist gewiß nur Krieger, wenn er es seyn muß. Seine lacedämonische Lacedämonisch – Lakedämon = Sparta Armee dient ihm bloß dazu, um sein Land in Ruhe bauen zu können, und den Prozessen mit den Nachbarn zuvorzukommen. Sie ist offenbar nicht der Endzweck seines Regierungsplans, sondern nur ein Mittel; und nur die, welche auf das Rauschende sehn, und nicht in den Geist der preußischen Regierung eindringen können, betrachten sie als den Haupttheil des preußischen Staates. Der König zieht aus diesem Wahn den Vortheil, den er aus der Unwissenheit zog, worin jeder Fremde in Rücksicht auf die Regierung seines Vaters schwebte. Man glaubt, sie erschöpfe sein Land, und sie ist im Grunde eins von den Mitteln, sein Land reich zu machen. Einige östreichische Schriftsteller glauben sogar, der König könne seine Armee nicht unterhalten, wenn er nicht periodisch eine Streiferey in das Gebiet seiner Nachbarn unternähme, und den Unterhalt derselben auf einige Jahre erbeutete. Darauf kann man nun freylich mit nichts als Lachen antworten. Diese Armee besteht, wie ich dir schon sagte, mehr als die Hälfte aus geworbener, fremder Mannschaft. Sie zieht also Verzehrer ins Land, die bloß die Dinge konsumiren, welche mit dem Landbau in der unmittelbarsten Verbindung stehn. Ihre Kleidung besteht bloß aus inländischem Tuch und inländischem Leinwand, und trägt also dazu bey, die Erzeugung der ersten Materien und die Verarbeitung dieser Produkte, und also die Industrie zu befördern: Die Ausgabe für sie fließt also aus der Staatskasse in die einfachsten und wohlthätigsten Kanäle, und befördert den Umlauf des Geldes auf die sicherste und leichteste Art. Von den geworbenen Fremden lassen sich nach der Kapitulationszeit Kapitulation – Vertrag über abzuleistende Dienstzeit eines Soldaten auch manche hunderte im Land nieder, und helfen es anbaun und bevölkern. Aber der größte Theil der eingebohrnen Soldaten ist immer auf Urlaub, und arbeitet zu Haus. Es werden also durch die Armee für den Landbau und die Industrie eher Hände gewonnen, als verloren. Im Grunde kann man nur die geworbene, fremde Mannschaft ein stehendes Korps heissen; denn die eingebohrnen Soldaten sind, wie auch Moore bemerkt hat, in Friedenszeiten wirklich nur eine reglirte wohlgeübte und leicht aufzubringende Landmilitz. Alle militärischen Anordnungen stimmen mit diesem vortreflichen Plan, die Armee für den Landbau unschädlich zu machen, und durch sie den Umlauf des Geldes zu befördern, aufs genauste überein. Die jährlichen Musterungen geschehen zu einer Zeit, wo der Landbau die Hände am leichtesten entbehren kann. Die Armee ist auf das genaueste nach dem Verhältniß des Ertrages in die verschiedenen Provinzen vertheilt, damit kein Geld von den Truppen aus einer Provinz in die andre gezogen werde. Alles ist in dem genauesten Gleichgewicht. Slesien hat gerade um so viel Truppen mehr, dann Brandenburg, als es mehr einträgt und so die andern Provinzen im nämlichen Verhältniß. Da die Armee beynahe 2 Drittheile von den Staatseinkünften zieht, so bleibt auf diese Art mehr Geld in den Provinzen, als in irgend einem andern Staat in Europa, wo gemeiniglich das Geld unmäßig in die Mitte zuströmt, und die Hauptstadt sich auf Kosten des Landes bereichert. Jedes Regiment hat seinen bestimmten Kanton, worin es rekrutirt, und überhaupt genommen, hat es auch darin, oder doch in der Nähe desselben sein beständiges Standquartier. Dadurch wird nicht nur das Sammeln der Truppen im Nothfall erleichtert, sondern der Vater hat auch den verabschiedeten Sohn zum Behuf seines Landbaus immer in der Nähe, und dieser hat zur Musterungszeit keinen beschwerlichen Weg zu seinem Regiment zu machen. Auf diese Art ist es unbegreiflich, wie man dem König von Preussen wegen seiner stehenden Armee Vorwürfe machen, und sie als schädlich für das Land betrachten kann. Die inländischen Soldaten haben nicht viel mehr Zeit auf den Dienst zu verwenden, als die Militz der Engländer, der Schweitzer und andrer Nationen, die theils durch Vermiethung ihrer Truppen, theils durch die Schiffahrt dem Landbau Hände entziehn, dahingegen der König durch sein Militärsistem Hände gewinnt. Die preußische Armee ist zuverläßig gegen 200.000 Mann stark, und kostet den König jährlich gegen 20 Millionen Gulden, oder ohngefähr 52 Millionen Livers. Sie ist wirklich bis zum Maschinenmäßigen subordinirt und disciplinirt. Einen unserer modernen, empfindsamen Philosophen mag die Härte des Schiksals des gemeinen Mannes wirklich schaudern machen; allein, ohne diese Härte wäre die preußische Armee das nicht, was sie ist, und der König muß sie als ein nothwendiges Uebel ansehn, um die Ruhe seiner Staaten zu sichern. Ohne Zweifel würde unser Philosoph auch geschaudert haben, wenn er die Truppen des Alexanders und des Cäsars gesehen hätte, die nach aller Wahrscheinlichkeit, die sich aus der Geschichte sammeln läßt, kein leichteres Schiksal hatten, als die Preussen. Einige Kenner behaupten sogar, Cäsars Truppen hätten die Preussen an Strenge des Gehorsams, an Nüchternheit und Schwere der Arbeit noch übertroffen. Dem sey wie ihm wolle, so muß man unter den preußischen Truppen einen Unterschied machen. Das Schiksal der eingebohrnen Soldaten, die ein Fremder auf der Extrapost selten sieht, ist eben so ausserordentlich hart nicht. Sie sind, wie ich schon bemerkt habe, nicht viel mehr, als eine wohlreglirte Militz, und ziehn doch dabey einigen Sold. Diese sind nicht so fühllos und steif, als man die preußischen Soldaten überhaupt zu schildern pflegt. Im Gegentheil, es herrscht viel guter Wille, viel Liebe zum König und zum Vaterland unter ihnen. Da sie während der Zeit des Urlaubs andre Beschäftigungen als mit dem Gewehr, und mit andern Leuten, als ihren Korporälen und Kammeraden Umgang haben, so sind sie auch runder, belebter und freyer in ihrem Betragen, als die geworbenen Fremden. Diese sind kraft eines freywilligen Vertrags (denn die Kapereyen der Werber kann man dem König und auch dem Ganzen nicht auf die Rechnung setzen), dessen Bedingnisse man gegen sie genau beobachtet, an ihr Schicksal gebunden. Richtiger, aber auch sparsamer, zahlt kein Mensch in der Welt, als der König von Preussen. Es ist wahr, die Lebensbedürfnisse sind diesen Leuten mit der äussersten Kärglichkeit zugemessen; und vielen sieht man den schmachtenden Hunger und eine Ermüdung durch Arbeit auf dem Gesicht an. Allein die Matrosen, welche auch zur Friedenszeit andern Staaten durch Betreibung des Handels und der Schiffahrt dienen, haben gewiß kein leichteres Schicksal; und so lächerlich es in den Augen der meisten Leute wäre, wenn man den seefahrenden Nationen rathen wollte, ihren Handel aufzugeben, weil die Stürme, gesalzene Speisen, Veränderung des Klima, Skorbut, Erschöpfung durch Arbeit und noch unzälige andre Ursachen ihnen so viele Matrosen aufreiben; eben so lächerlich ist es in meinen Augen, dem König von Preussen wegen dem harten Zustand seiner Soldaten Vorwürfe zu machen. Ohne die Nüchternheit und Arbeit wäre die preußische Armee um nichts besser, als eine andre, und da er mit mächtigern und eifersüchtigen Nachbarn umgeben ist, so muß er durch Kunst das ersetzen, was die andern an innerer Stärke voraushaben. Das Leiden eines kleinen Theils der Unterthanen, wenn der Staat ohne dieses Leiden nicht sicher gestellt werden kann, ist kein Uebel, sondern eine Wohlthat, und wenn man diese Aufopferungen mißbilligen wollte, so müßte man auch mit Herrn Linguet den Getraidebau tadeln, der für den größten Theil der Unterthanen jedes europäischen Staates nicht viel weniger hart ist, als der Zustand des preußischen Soldaten. Die Schilderungen dieses Zustandes sind auch von Beobachtern mit schielenden Augen merklich übertrieben worden. Was den Stok betrift, so braucht man ihn erst, wenn der Mann zu viel Dummheit, Ungeschicklichkeit, Nachläßigkeit oder Bosheit äussert. Bey keiner Armee werden die Rekruten so sanft behandelt, als bey der preußischen. Mit aller möglichen Nachsicht und Gelassenheit lehrt man sie die Handgriffe und das Marschieren. Man schmeichelt ihnen sogar, erklärt ihnen, wiederholt ohne Vorwürfe einen Griff hundertmal, wenn er dem Körper des Mannes schwehr eingeht. Ist er aber einmal im Besitz der Vortheile, dann hebt sein Lehrer den Stock auf, mit der Erklärung, daß dieser nun sein Zurechtweiser seyn würde, wenn er nicht thäte, was er nun zu thun im Stande sey. Er fehlt alsdann auch aus Nachläßigkeit oder Bosheit und verdient also seine Strafe. Die Queerhiebe, welche sonst der Wind den preußischen Staaten manchmal zujagte, werden immer seltener. Ich hatte auf meinen Reisen öfters Gelegenheit, eine sehr intressante Bemerkung zu machen. In allen bischöflichen Residenzen, und in vielen Reichsstädten fand' ich Soldaten, die dem König von Preussen gedient hatten, und die ihm größtentheils entlaufen waren. Es ist meine Art, wie du weißt, auf die Leute von der untersten Klasse aufmerksamer zu seyn, als auf die mit den Sternen und Bändern. Ich sprach wohl mit mehr als 20 solchen Ueberläufern, und unter diesen war keiner, der sich nicht in den preußischen dienst zurück gewünscht hätte. Ich widersprach ihnen, und stellte ihnen vor, welche ruhige Tage sie bey ihrem Bischof oder ihrem Magistrat hätten, und wie ich nach allen Beschreibungen, die man von der preußischen Armee hat, nicht begreifen könnte, daß sie mit ihrem Schicksal unzufrieden seyn sollten. Es wollte ihnen nichts einleuchten. Alle machten nur eine Beschreibung von den grossen Thaten des Königs mit einer Art von Begeisterung, die mich oft ein wenig ansteckte, und dann war immer der Schluß: »Es ist wahr, man ist beym König von Preussen knapp gehalten; allein der Sold fällt richtig auf die Stunde, und man hat kein Beyspiel, daß jemand bey ihm verhungert wäre. Wenn der Mann seine Schuldigkeit thut, so hat der Officier ein Aug auf ihn, und dann weiß man doch, was man eigentlich ist. Man ist anderstwo doch nur ein halber Soldat, und hat keine Ehre davon.« Viele dieser Leute, wenn sie noch jung genug sind, laufen dem König auch wieder zu, ob sie schon in dem Dienst der Bischöfe und Reichsstädte mehr in den Bierschenken sitzen, als unter Gewehr stehen. Merkwürdig ist, daß man sie an diesen Orten durchaus als eine Art von Veteranen auszeichnet. Ich hörte auf der Parade einer bischöflichen Residenz einen Korporal aushunzen. hunzen – wie einen Hund behandeln, beschimpfen dieser antwortete mit einem unbeschreiblichen, kalten Stolz: Herr Officier, ich hab dem König von Preussen gedient: und der Officier schwieg. Das Desertiren ist einer der Hauptgründe, die man gegen das preußische Militärsistem anzuführen pflegt. Es ist wahr, bey dem ersten Einfall in Feindes Land läuft ihm der 15te oder 12te Theil seiner Armee davon: Allein, so bald er eine Schlacht gewinnt, kommen sie wieder mit Prozenten zurück, und wenn er auch nach einer unglücklichen Schlacht noch so viel von der geworbenen Truppe verliert – seine Landeskinder desertiren seltener, als irgend andere Soldaten in der Welt – so behält er immer doch einen beträchtlichen, und den größten Theil davon. Es ist ein neuer Beweis von der Weisheit und dem guten Willen des Königs, seine Armee für den Landbau unschädlich zu machen, daß er sich lieber dieser Inkonvenienz aussetzen, als mehrere von seinen Unterthanen unter das Gewehr stellen will – Nach der Schlacht bey Kolin Schlacht bey Kolin – s. Acht und dreisigster Brief. liefen sie dem König haufenweise davon. Bey Rosbach Rosbach – Roßbach: Heute Ortsteil von Naumburg (Saale). Hier besiegte Friedrich 1757 ein französisches Heer und ein ihm angeschlossenes Reichsheer bei relativ geringen eigenen Verlusten. Diese Schlacht wurde von patriotisch gesinnten Kreisen als Sieg des Nationalen Gedankens gefeiert. Die protestantische Seite sah sie als eine Niederlage des Katholizismus an. bestand seine Armee fast blos aus seinen Landeskindern. Er schlug unsre Truppen und die Reichsarmee, und die letztere diente ihm alsdann dazu, seine geschmolzenen Regimenter wieder zu kompletiren. So gieng es immer. Die Deutschen von Rhein und Mayn und aus den obern Gegenden der Donau hielten es immer mit der siegenden Parthey. War der Kaiser glücklich, so liefen sie ihm vom König zu, und kehrten dann wieder zurück, wenn sich das Blatt zum Vortheil des letztern wandte. Unterdessen mußten sie doch allzeit an den Ort, wo sie waren, wenigstens einen Puff aushalten. Von der innern Verfassung und Taktik der preußischen Armee weiß ich dir wenig anders zu sagen, als daß man sie auswärts nicht kennt. Man hält hier Herrn Guibert für den elendesten Radoteur Radoteur – Schwätzer von der Welt, und sagte mir eine Menge Dinge, die er falsch berichtet hat. Ich will dir nur einen Zug hievon mittheilen, dessen ich mich eben erinnere. Er sagt unter andern, die cylindrischen Ladstöcke der Preussen drückten vorn das Gewehr im Anschlagen nieder. Nun ist dieß nicht nur an sich falsch, sondern Herr Guibert übersah hier auch etwas, das die Preussen für einen besondern Vortheil halten. Sie schlagen die Gewehre vorsetzlich vorn in die Tiefe an, weil sie bemerkt haben, daß der Soldat im Losdrüken eine Zukung zu machen pflegt, besonders wenn er wirklich im Feuer des Feindes steht, wodurch sich die Mündung des Gewehres erhebt. Sie sagen, wir hätten, ich weiß nicht welche Schlacht in Flandern verloren, weil unsere Truppen während der Aktion immer zu hoch geschossen die englischen Officiere aber ihren Leuten zugesprochen hätten, mit den Gewehren tiefer anzuschlagen. Einige derselben sollen sogar in der Hitze des Treffens mit den Armen und Stöcken die Flinten der nahestehenden Soldaten niedergeschlagen haben. Ich glaube, es geschieht hier, was in allen Beobachtungen über die Staatsverwaltung des Königs von Preussen geschieht. Es ist nicht so sehr Verheimlichung auf seiner Seite, als vielmehr zu grosse Simplicität der Dinge, daß man so vieles übersieht und falsch beurtheilt. Man sucht Künste, wo keine sind, und setzt Geheimnisse voraus, wo man den Grund der Nähe wegen nicht einsieht. Wenigstens versicherten mich verschiedene Officiers, daß besonders im Marschieren (welches sie für einen der wesentlichsten Theile der Kriegskunst halten, ob sie schon nicht, wie bey uns geschehen, mitten im Marschieren ganze Regimenter Minuten lang auf einem Bein stehen lassen, um sie zu lehren, das Gleichgewicht des Körpers richtig auf die Beine zu vertheilen) gewisse Kleinigkeiten seyen, die man nicht leicht bemerkte, und worauf doch fast alles ankäme. Zu grossen Manöuvres läßt der König nicht leicht jemand zu, vielleicht mehr, um die Truppen durch einen Schwarm von Zuschauern nicht zu genieren, als um etwas geheim zu halten. Wenigstens gehört ein gutes und geübtes Auge, und dann auch ein vortheilhafter Standpunkt dazu, um ein grosses Manöuvre übersehen und verstehen zu können, und vermuthlich wäre unter 20 Zuschauern von Profeßion kaum einer, der ein grosses preußisches Manöuvre recht fassen könnte. Dies ist auch die Ursache, warum die meisten preußischen Officiers selbst von ihren Kunstsachen im Grossen keine Rechenschaft zu geben wissen. Jeder hat an seinem Ort so viel zu thun, daß er auf das Ganze keine Rücksicht nehmen kann. So vortreflich auch nach dem allgemeinen Geständniß die preußische Infanterie ist, so soll sie doch auch nach der Aussage aller inländischen Officiers, die ich gesprochen, von der Kavallerie noch übertroffen werden. Sogar die reisenden Engländer, die sonst nicht gerne fremdes Verdienst anerkennen, und so stolz auf ihre Reuterey sind, gestehn, daß dieser Theil der preußischen Armee alle Vorstellung übertreffe, die man sich machen könne. Der König soll sich auch von derselben versprechen, daß sie zwischen ihm und seinem allenfalls zuerwartenden Feind zu seinem Vortheil entscheiden werde. Er verwendet unglaubliche Summen darauf, und läßt sogar Pferde in der Tartarey Tartarey – Tatarei: historische Bezeichnung von Mittel-, Nordasien und Osteuropa; die Heimat der Tataren. Hier ist das Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres, des Dons, des Dnjeper und der Krim gemeint. aufkaufen. Die preußischen Officiers, deren Sache sonst das Pralen nicht ist, behaupten, so weit die Geschichte der Kriegskunst reiche, fände man kein Beyspiel, daß die Reuterey irgendwo auf dem Grad der Vollkommenheit gewesen wäre, worauf sie wirklich in Preussen sey. Sie reiten durchaus den Bauch auf der Erde, Bauch auf der Erde – »Denn unsere Seele ist gebeuget zur Erde; unser Bauch klebet am Erdboden.« Psalm 44, 25 und doch mit der Prezision in den Wendungen, welche die Infanterie beobachtet. Gegen Infanterie halten sie den Angriff der Pferde für platterdings unwiderstehlich. Die Reuterey des Königs ist etliche vierzig tausend Mann stark, und er braucht jährlich gegen 7.000 frische Pferde. Der Kaiser giebt sich alle Mühe, um es dem König hierin nachzuthun, er soll aber, wie die hiesigen Officiers behaupten, noch weit zurück seyn, obschon seine Kavalerie nach der preußischen ohne Vergleich izt die beste in Europa ist. Ein besonderer Vorzug der preußischen Armee ist die durchaus herrschende Gleichheit. Er hat für die verschiedne Abtheilungen seiner Truppen besondere Exerciermeister, welchen die Obristen nichts vorzuschreiben haben, wenn sie die Regimenter derselben üben, ob sie gleich öfters nur Major sind. Dadurch wird eine Menge kleiner Nebendinge gehoben, die unter andern Armeen, besonders unter der unsrigen, zu herrschen pflegen und die bloß vom Eigensinn und den Grillen des Obristen abhangen. Das Ganze muß auf diese Art besser harmonieren; denn wenn auch gleich die Grundregeln die nämlichen sind, so macht doch in der Ausübung die Lebhaftigkeit oder Nachsicht der verschiedenen Obristen oder Majors einen merklichen Unterschied unter den Regimentern. Die gute Zucht von Officiers macht meines Erachtens einen wesentlichen Theil der Stärke dieser Armee aus. Sie sind fast alle von inländischem Adel, und unter 20 ist kaum ein Fremder. Sie müssen alle als Kadeten Kadeten – Kadetten: Offiziersschüler bey Regimentern gedient haben, und in der Kadettenschule gebildet seyn. Ich hab vortrefliche Bekanntschaften unter ihnen. Sie sind in jedem Betracht ausgebildete Leute und im ganzen auch von sehr edler Denkungsart. Die geringe Besoldung der Subalternen zwingt sie, nüchtern nüchtern – hier: korrekt zu seyn, welches ein grosser Vortheil für den Dienst ist. Sie haben alle die martialische Miene und die Gradheit in allen Dingen, welche Leute ankündigt, die bereit sind, jeden Knoten mit dem Degen aufzulösen – Ich glaube die preußische Armee hat dadurch über die kaiserliche einige Ueberlegenheit, daß der preußische Adel nicht so mächtig, als der östreichische ist. Bey den vielen Fürsten und Grafen von so ungeheuerm Vermögen läßt sich nicht leicht die strenge Subordination und Simplicität einführen, welche die eigentliche Seele der preußischen Armee sind. Auch unsere aufgeklärten Officiers klagen über die Unordnungen, welche durch Familienintriguen bey dem Dienst verursacht werden, und es ist längst bekannt, daß diese auch ein Hauptfehler der englischen Armee ist. Von Natur sind die Oestreicher unwidersprechlich ein besserer Schlag Soldaten, als die Preussen. Ich wollte dir eine grosse Deduktion darüber machen, in wie weit die Kunst in jedem menschlichen Verhältniß der Natur überlegen sey. Es läßt sich aber mit keiner Deduktion so richtig und deutlich beweisen, als wenn man einen ausgezehrten kränklichen Menschen mit seinem Kunstgeräthe vis à vis gegen einen wilden stellt. Der Wilde, welcher im Stand wäre, ein Dutzend solcher elenden Kreaturen zu zerreissen, liegt doch zu den Füssen des elenden Geschöpfes hingestreckt, sobald er seine Flinte losdrückt. Dies nämliche Verhältniß bleibt zwischen mehr und weniger disciplinirten Armeen, und die natürlichen Vorzüge des Soldaten können es gegen die künstlichen unmöglich aushalten. Zwey und fünfzigster Brief. Berlin – Wenn man in Linguets Annalen liest, der König von Preussen habe im letzten schlesischen Krieg mehr Soldaten als Bauern gehabt, so nimmt man es natürlich für einen witzigen Einfall. Ich glaube aber, es war voller Ernst und Unwissenheit. Der Mann, der den europäischen Mächten rathen konnte, dem Haus Oestreich zu einem Stück von Deutschland zu verhelfen, um es in den Stand zu setzen, den Türken zu jeder Zeit die Spitze bieten zu können, ist wenigstens eines solchen Versehens fähig. Er beguckte den preußischen Staat auf der Landkarte, und da derselbe wegen seiner Unförmlichkeit eine schlechte Figur bey einem flüchtigen Anblick macht, so fällte er das Urtheil: Auf einem so engen Raum von Papier können unmöglich 200.000 Bauern wohnen. Was mich in dieser Meynung bestärkt, ist die Unwissenheit der Leute in Rücksicht auf die Stärke des preußischen Staates, die ihn doch theils aus dem Augenschein, theils aus öffentlichen deutschen Nachrichten besser kennen sollten. Herr Pilati, einer von den seltenen ausländischen Schriftstellern, welche die deutsche Sprache verstehn, und also die Nachrichten aus der Quelle schöpfen können, behauptet, der König von Preussen habe nicht mehr als 1.200.000 Unterthanen gezählt, als er seine erste Eroberung machte. Als der König die Regierung antrat, zählten seine Lande wenigstens 2.200.000 Einwohner. Brandenburg hatte 600.000, Preussen Preussen – Preußen bestand zu damaliger Zeit aus Teilen des heutigen Ost- und Westpreußens, die nicht zum Deutschen Reich gehörten. Das ermöglichte 1701 die eigenmächtige Königskrönung und die Übernahme des Namens auf den Gesamtbesitz der Hohenzollern. 600.000, Pommern 300.000, Magdeburg und Halberstadt 300.000, und seine westphälischen Staaten wenigstens 400.000 Seelen – Seine Einkünfte betrugen damals wenigstens 14 Millionen Gulden, und er hatte einen erstaunlichen Schatz an baarem Gelde von seinem sparsamen Vater geerbt. Noch ist das Vorurtheil ziemlich allgemein, daß die preußischen Staaten nicht innere Kräfte genug hätten, sich in dem Glanz zu erhalten, worin sie der jetzige König gesetzt hat. Es ist wahr, an innerer Stärke kann sich die preußische Monarchie mit den europäischen Staaten vom ersten Rang nicht messen; allein, so lange das Verwaltungssistem des jetzigen Königs dauert, wird sie immer im Stand seyn, jeder europäischen Macht die Spitze zu bieten. Bekanntlich beruht die wahre Stärke eines Staates nicht auf der Masse seiner innern Macht, sondern auf dem Gebrauch derselben, und kein europäischer Staat ist jetzt noch im Stand, alle seine Fibern und Nerven so anzustrengen, als der preußische die seinigen wirklich angespannt hat. Wenn die Bebauung desselben in dem Verhältniß fortschreitet, worin sie unter der jetzigen Regierung bisher fortgeschritten ist, so nimmt seine innere Macht auch schneller zu, als die irgend eines andern Staates. Die Grösse der preußischen Staaten, von welcher man sich auf einer Landkarte eine richtige Vorstellung machen kann, beträgt 3.650 deutsche Quadratmeilen, welches ohngefähr so viel ist, als die Königreiche Neapel, Sicilien und Portugall zusammen ausmachen. Die Volksmenge derselben beläuft sich wenigstens auf 6 Millionen. Die Königreiche Schweden, Dänemark und Portugall enthalten zusammengenommen nicht viel mehr Einwohner, und England für sich allein ist nicht so stark bevölkert. Da die Volksmenge der preußischen Lande mit ihrer Grösse auch noch nicht in dem Verhältniß steht, worin sie stehn könnte, oder da dieselbe noch lange nicht ganz angebaut sind, so kann Preussens Macht noch beträchtlich vermehrt werden. Im Durchschnitt gehören die Länder der Güte nach, unter die mittelmäßigen von Deutschland. So schlecht der Boden von Brandenburg ist, so vortreflich ist der vom Magdeburdischen, Halberstädtischen, von Kleve, Kleve – Herzogtum, zu Preußen gehörig. Das Gebiet um die Städte Kleve und Wesel der Grafschaft Mark und einigen Gegenden in Slesien, Pommern und Preussen. Wenn sie nach dem Verhältniß ihrer natürlichen Güte mit der Zeit auf den Grad von Anbau kommen, worauf die meisten übrigen Provinzen Deutschlands sind, so können sie leicht genug 8 Millionen Menschen ernähren. Nebstdem hat dieser Staat an den Fürstenthümern Anspach und Bayreuth noch einen beträchtlichen Zuwachs zu erwarten, und es ist Zehn an Eins zu wetten, daß er auch wieder sein Theilchen ziehen werde, wenn die Höfe von Wien und Petersburg ihren Plan gegen die Pforte ausführen sollten, womit sie seit des Kaisers Reise nach Mohiulow und Petersburg beschäftigt sind. Hier spricht man seit einiger Zeit von diesem Entwurf mit ziemlich viel Zuverläßigkeit. Der hiesige Hof kann unmöglich gleichgiltig dabey bleiben. Ich will dir die Meinung derjenigen hiesigen Politicker mittheilen, die den meisten Glauben verdienen. Sie sagen: Die beyden kristlichen Kaiserhöfe brauchen kaum den dritten Theil ihrer Truppen, um mit den Türken fertig zu werden. Der König sieht sich in der Mitte zweyer Mächte, derer jede ihm an Stärke gleich ist, wenn sie auch zusammen 180 bis 200 tausend Mann gegen die Pforte ausrücken lassen. Frankreich, welches seinem levantischen Handel, der der Krone allein gegen 8 Millionen Livres einträgt, mehr bey dieser Sache interessirt ist, als der hiesige Hof, müßte also natürlicher weise denselben unterstützen, wenn er sich diesen Entwurf gradezu entgegensetzen wollte. Nun begieng aber Frankreich die Thorheit, zu einer Zeit, wo der ganze Osten und Norden vor den zwo förchterlichsten Landmächten erbebt, welche die neuere Geschichte kennt, seine Stärke hauptsächlich auf die See anzustrengen. auf die See anstrengen – unter Ludwig XVI. wurde die französische Marine wieder der englischen ebenbürtig Die zween Kaiserhöfe liessen es an der Angel des amerikanischen Krieges, in die es sich unbesonnener weise verbissen, so lange zappeln bis es entkräftet war. Es hat sich mit Schulden überhäuft, und ist platterdings nicht im Stand, das Gleichgewicht in Osten herzustellen. (Im Vorbeygehn, Bruder, es ist für einen Franzmann kaum auszuhalten, wie verächtlich man hier von unserer Landmacht spricht. Man glaubt, daß sie höchstens nur gegen holländische, piemontesische Piemont – heute eine norditalienische Landschaft um Turin, seit 1718 Königreich zusammen mit Sardinien und ähnliche Truppen zu gebrauchen wäre, und hält sie vis à vis von der rußischen oder östreichischen Armee für ein plattes Null.) Der König von Preussen, dessen Alter und bekannte Liebe zur philosophischen Ruhe ihm ohnehin die friedlichern Auskunftmittel anrathen, wird sich also mit einem Stück von Polen befriedigen lassen, wenn es auch noch so klein seyn sollte. Etwas muß er haben, denn wenn es ihm einfiele, seinen alten Kopf aufzusetzen, so fände er vermittelst seines grossen Schatzes wahrscheinlicher weise in Schweden, Dänemark und an einigen deutschen Höfen doch noch so viel Unterstützung, daß er es wagen könnte, sich dem Entwurf der beyden Kaiserhöfe zu widersetzen, besonders wenn Frankreich mit seiner Flotte für die Pforte thäte, was es thun könnte, und allenfalls dem Kaiser in den Niederlanden und in Italien eine Diversion Diversion – Angriff von der Seite zu machen suchte, wo es die Holländer und die Könige von Sardinien und Neapel zu Hülfe nehmen könnte. So schwer auch diese Umstände zu kombiniren sind, so ist doch 20 an Eins zu setzen, daß die Höfe von Wien und Petersburg den König lieber auf die erste Art beruhigen, als zum Aeussersten reitzen werden. Giebt man ihm so viel, daß es der Mühe und Kosten werth ist, so trägt er vielleicht gar das Seinige zur Vertreibung der Türken aus Europa bey, oder garantirt die beyden Kaiserhöfe gegen alle Bewegungen, die andre kritische Mächte zu Gunsten der Pforte machen könnten. u. s. w. – Wenn also die Höfe von Wien und Petersburg, wie es das Ansehn hat, wirklich zur Ausführung ihres Plans schreiten sollten, so ist der Verlust unsers so unschätzbaren levantischen Handels eine Folge von dem verderblichen amerikanischen Krieg, dessen Ende wir noch nicht absehn, und worin wir nie so viel gewinnen können, als wir hier verlieren müssen. Auch unser nordischer Weinhandel muß darunter leiden; denn die Polen arbeiten schon lange an einem Kanal, der vermittelst der vielen Flüsse, welche ihr Land durchkreutzen, die Ostsee mit dem schwarzen Meer verbinden soll, wodurch dann die Weine aus den Provinzen, welche jetzt die europäische Türkey ausmachen, auf eine leichte Art durch den ganzen Norden können gefördert werden. Nichts davon zu sagen, daß Europa alsdann zwo Seemächte mehr hat, die besonders für uns auf dem mittelländischen Meere beschwerlich werden können. Wir haben also gute Ursache, die auf Kosten unserer Landmacht gebaute Flotte zum Henker zu wünschen – Einen Trost haben wir noch übrig, nämlich daß Rußland und Oestreich wohl nicht lange Freunde bleiben können, wenn sie einmal so nahe aneinander gränzen. Die preußische Monarchie hat sich also immer noch Wachsthum zu versprechen. Wenn sie arrondirt wäre, so würde sie schon um ein beträchtliches stärker seyn. Man sprach schon öfters von einer Vertauschung der preußischen Besitzungen in Westphalen Westphalen – Westfalen: die Herzogtümer Kleve und Geldern, die Grafschaft Mark und der Fürstenthümer Bayreuth und Anspach gegen das Meklenburgische, Anhaltische und die Lausitz: Sie würde für den König sehr vortheilhaft seyn; hat aber sehr viel Schwierigkeiten. Die Einkünfte des Königs sollen sich auf 34 Millionen Gulden Sächsisch, oder auf ohngefähr 89 Millionen Livres belaufen. Seine Civilliste ist ausserordentlich und fast unglaublich gering. Sein Premier Minister hat 15.000 Gulden Einkünfte. Ich kenne einen Hofrath in Wien, der höher kömmt. Der Gehalt seiner Gesandten auf den ersten Posten beträgt auch nicht mehr als 15.000 Gulden. Das Publikum zu Wien mokirt sich über den Baron Riedesel, dem Verfasser der Reise durch groß Griechenland, weil er nicht, wie die kaiserlichen Gesandten seine 30 bis 40 tausend Gulden Gehalt hatte; allein er bewies gar bald, daß die Fähigkeiten eines tüchtigen Ministers nicht in seinem Beutel sind. Es währte nicht lange, so gab er in den besten Gesellschaften Ton, und sein Eifer für den Dienst seines Herrn hätte manchen kaiserlichen Bedienten beschämen sollen, der ungleich besser bezahlt wird. Slesien ist nach dem Königreich Preußen die wichtigste Provinz des Königs. Sie ist nur halb so groß als dieses, und hat doch beynahe eben so viele Einwohner, und trägt auch fast eben so viel ein, als dasselbe. Die slesischen Leinwande sind durch ganz Europa berühmt. Der König hat jetzt seinen Unterthanen den unmittelbaren Handel mit denselben nach Spanien geöfnet, in dessen Besitz sonst die Hamburger waren. Mit Tüchern treibt dieses Land auch einen sehr ausgebreiteten Handel. Die slesischen Waldungen liefern vortrefliches Holz zum Schiffbau. Die am 12 April dieses Jahrs verlorne Stadt Paris war ganz aus slesischem Holz gebaut. Auf den verschiedenen Ausfällen, die ich nun in einige preußische Provinzen gethan, hab ich bemerkt, daß nirgends so viel sichtbare Armuth herrscht, als in den 2 Hauptstädte, Berlin und Potsdam, die wahrscheinlicher weise das Land hauptsächlich wegen diesem Punkt bey den Fremden ins Geschrey gebracht haben. Der hohe Preis der Lebensmittel in diesen 2 Städten, die grössere Anzahl müßiger Leuthe, die geringe Besoldung der vielen Civil= und Militärbediensten, die kärgliche Lebensart des zahlreichern kleinen Adels, der doch seine Bedienten und guten Theils auch seine Schulden haben muß, und dann der durchaus herrschende Luxus in den Kleidungen mögen die Ursachen dieses Abstiches seyn, im Ganzen scheint mir das Land wo nicht reich, doch wohlhabend zu seyn. Die Masse des Geldes ist wegen seiner ziemlich gleichen Vertheilung nicht sehr auffallend. Ein Lord verdeckt mit seiner Verschwendung die Armuth von hundert seiner Landsleuthe, welches aber hier der Fall nicht ist. Es ist kein adeliches Haus in den preußischen Staaten, einige Herrschaften in Slesien ausgenommen, das von inländischen Gütern 30.000 Gulden Einkünfte hätte. Man findet vielleicht nicht über drey Häuser von 20.000 Gulden. Die Einwohner sind im Ganzen von übermäßigem Reichthum und drückender Armuth gleichweit entfernt, wie man denn hier zu Lande so wenig Bettler sieht, als irgend in einem andern Staat. Es ist auch falsch, daß die Manufakturen nicht gedeihen, wie verschiedne Reisende behaupten. Ich sah keine auch noch so kleine Stadt, worin nicht einige Manufakturen blühten. Man hat dem König Vorwürfe gemacht, daß durch seine Finanzoperationen die Messe von Frankfurt an der Oder sey zu Grunde gerichtet worden; allein das war auch nur eine Art Judenhandel, von welchem wohl die Kaufleute dieser Stadt Nutzen zogen, der aber dem übrigen Lande eher schädlich als nützlich war. Man macht dem Kaiser wegen dem Verfall der messen von Botzen in Tyrol die nämlichen Vorwürfe. Drey und fünfzigster Brief. Berlin – Berlin ist in Rücksicht auf Wissenschaften und Künste ohne Vergleich die erste Stadt in Deutschland. Sie hat diesen Vorzug bloß dem jetzigen König zu verdanken. Sein Vater dachte so orthodox und züchtig, als die verstorbene Kaiserin, und ohne Freyheit befinden sich die Musen nicht wohl. Er vertrieb sogar den berühmten Wolf aus seinen Landen, der doch nichts weniger als ein Ketzer war. Er hielt alles Studieren, das theologische und kameralische ausgenommen, für Unsinn und Betrug des Teufels, und sein Hofjude war in seinen Augen ein grösserer Mann, als Wolf, oder Leibnitz, oder Newton. Newton – Isaac Newton, Physiker, Mathematiker und Astronom, forschte über die Natur des Lichtes und über Planetenbewgungen sowie über die Gravitation. Newton ist der Begründer der klassischen theoretischen Physik und der Himmelsmechanik. † 1727 Der jetzige König, ein vertrauter Freund der Wissenschaften und Künste, gestattete in seinen Landen dem Denken eine Freyheit, die man ausser denselben nur in Großbrittanien findet. Weder die Orthodoxie noch die Politik schränkt hier die Philosophie ein. Indessen die Lehrer der Staatswissenschaft zu Wien behaupten, Land und Leute gehörten mit Haut und Haar dem Souverän als ein ererbtes Eigenthum zu, darf man hier ohne die geringste Gefahr mündlich und schriftlich behaupten, der König sey nichts mehr noch weniger als der Statthalter oder Vormund des gesammten Volks – Die Juden därfen öffentlich beweisen, daß der Meßias noch zu erwarten sey; die Katholiken, daß sie ihn täglich essen, täglich essen – das heilige Abendmahl, ein kannibalisches Ritual und der Pabst der Lehnsherr aller Fürsten sey; die Protestanten, daß der Pabst das apokalyptische Thier und die babylonische Hure sey; die Griechen, daß Mahomed Mahomed – der Prophet der Mohammedaner ein grösserer Prophet gewesen, als Kristus und Moses; und die ganz Ungläubigen, daß es nie einen Propheten gegeben. Die Polizey sorgte dafür, daß es bloß bey theoretischen Beweisen bleibt, und der Priester, Rabbiner oder Kadi, welcher ein Autodafe Autodafe – Autodafé: Ketzerverbrennung machen wollte, würde gewiß zuerst auf seinem Scheiterhaufen sitzen. Der König hat eine Akademie, die eben nicht aus den besten Köpfen besteht, welche man hier auffinden könnte. Unterdessen hat sie unter den vielen mittelmäßigen Leuten doch einige Männer von wahrem Verdienst. Der König hat, wie viele Fremden schon bemerkt haben, ein Vorurtheil für die Ausländer, und beschreibt sich lieber einen unserer Journalisten, um seine Akademien zu kompletiren, als daß er einen deutschen Gelehrten in dieselbe aufnähme. Herr Pilati hat schon bemerkt, daß einige hier angesessene Deutsche eine bessere Figur in der Akademie machen würden, als manche dieser Ausländer. Allein der König hat durch sein sur la litterature allemande sur la litterature allemande – Über die deutsche Literatur den Deutschen ein öffentliches Zeugnis gegeben, daß er ihre Litteratur und sogar ihre Sprache nicht kennt. Als er seine Bildung erhielt, war die deutsche Litteratur noch ein Unding. Besonders herrschte zu Berlin eine Barbarey, die ihn anekeln mußte. Sein Geschmak war an die Franzosen und Italiäner gewöhnt, und als er die Regierung angetretten hatte, machten bloß diese Ausländer in den Erholungsstunden seine Gesellschaft aus. Unterdessen gieng das Licht in Deutschland auf, ohne daß er es sah. Er sprach und schrieb nur französisch, und der Spott der fremden schönen Geister, die ihn umgaben und kein Deutsch verstanden, bevestigte sein Vorurtheil gegen eine Sprache, die er nie gut sprechen und schreiben lernte, und gegen eine Nation, die er bloß nach dem finstern Humor und steifen Schnitt beurtheilte, der die Einwohner von Berlin unter der Regierung seines Vaters auszeichnete, und den sie noch nicht ganz abgelegt haben. Als das Geschrey von der deutschen Litteratur zu laut ward, und man ihm einige Pröbchen vorlegte, konnte er unmöglich den Gang einer Sprache fassen, die er von jeher als barbarisch betrachtet hatte, und von welcher er selbst nur das elendeste Jargon sprechen und schreiben konnte. Randverfügung auf das Gesuch eines Weinhändlers, der König möge ihm den Verlust von 82 Weinfässern ersetzen, die ihm die Russen gestohlen hatten (Die Russen hatten im Siebenjährigen Krieg für kurze Zeit Berlin besetzt.): »Warum nicht auch Was er bei der sündfluth gelitten Wo seine Keller auch unter wasser gestanden.« Dito auf ein Gesuch des Predigers Pels um Gehaltserhöhung: »Die apostelen Seindt nicht gewinn Süchtig gewesen Sie haben umb Sonst gepredigt, der Herr Pels hat keine apostolische Sehle und denket nicht das er aller güther in der Welt vohr nichts ansehen mus.« Um an einer Sprache Geschmak zu finden, muß man nothwendig mit ihren eigenthümlichen Wendungen bekannt seyn. Es verhält sich damit, wie mit einem Schauspieler, der die Stelle eines andern ersetzt, welcher der Liebling des Publikums war. Der neue Akteur mag bey seinem ersten Auftritt aller Kunst aufbieten, er wird doch nie dem Publikum genug thun. Es muß sich erst an seine besondre Aussprache, seine eigenthümlichen Gebehrden, und an eine Menge Kleinigkeiten gewöhnen, die ihm bloß durch den Vergleich mit seinem verlornen Liebling auffallen und ekelhaft sind, und die es an diesem nicht mehr bemerkte, weil es derselben durch die lange Bekanntschaft gewohnt worden war. Der König, der sich wegen seinen Regierungsgeschäften die Mühe nicht nehmen konnte, durch häufigen Umgang mit der deutschen Litteratur sich an die Eigenthümlichkeiten der Sprache zu gewöhnen, und den Ekel zu besiegen, den er gegen sie gefaßt hatte, ward durch diese ihm vorgelegten Pröbchen immer noch mehr in seinem Vorurtheil bestärkt. Vielleicht war man auch in der Wahl derselben nicht glücklich. Wenn man bedenkt, daß er seit seiner Regierung die Litteratur bloß zu seiner Erholung und seinem Vergnügen gebraucht, so kann man ihm seine Abneigung gegen die deutschen Gelehrten vollends nicht verübeln. Selten verbinden sie den feinen Weltton mit ihren Kenntnissen, und ihr Witz stumpft sich an dem trocknen Studieren ab. Indem andre Nationen öfters den Verstand dem Witz schlachten, opfern sie diesen jenem gänzlich auf. Der Hunger und der Mangel an Bekanntschaft mit der grossen Welt macht ihre schönen Geister schüchtern, kriechend und abgeschmackt im Umgang, wenn sie auch in ihrer Welt hinter dem Ofen noch so herrisch und gebietherisch thun, und ihren Luftgeschöpfen eine Politur zu geben wissen, wovon sie selbst in ihrem alltäglichen Umgang und gesellschaftlichen Betragen keine Spur haben. Die Professormiene der deutschen Gelehrten, und das Studentenmäßige der Schöngeister, welche der König zu Gesicht bekam, konnten ihn nicht für die deutsche Litteratur einnehmen. Ohne Zweifel trug auch der Nationalhumor dazu bey, daß er ihnen die Franzosen und Italiäner immer vorzog. Ihr Genie ist langsam, und wenn gleich vielen ihrer witzigen Produkten der Stachel Fußnote im Original: Les Pointes nicht fehlt, so merkt man doch zu deutlich, daß er ihnen hart aus dem Leibe geht. Sie empfehlen sich daher selten als gute Gesellschafter, wenn sie in ihren Schriften auch noch so unterhaltend sind. Sie haben die Lebhaftigkeit nicht, welche die Franzosen und Italiäner in den Stand setzt, das Sonderbare eines Dinges augenblicklich zu fassen, und seine schnellen Beobachtungen dreist heraus zu sagen. Die Religion hat auch einige Schuld daran. Sie gewöhnt die Protestanten das Angenehme dem Nützlichen zu weit nachzusetzen, und da die Katholiken in Deutschland, deren Religion der Phantasie und dem Witz mehr freyes Spiel gestattet,noch in der tiefen Barbarey sind, so hat man sich eben nicht sehr zu wundern, daß sich der König zum Behuf seiner Erholungsstunden lieber italiänische Abbes wählt, als deutsche Pastors, die in Rücksicht auf gründliche Kenntnisse oft freylich viel vor jenen voraus haben, aber immerfort auf die Kanzel und in den Predigerton fallen, womit dem König eben nicht gedient seyn kann. Eben so verhält es sich mit den deutschen Politikern und Geschichtschreibern. In Rücksicht auf Wahrheit und Genauigkeit der trokenen Thatsachen übertreffen sie die Geschichtschreiber und Politiker aller andern Nationen; aber sie wissen diese Thatsachen nicht sprechen zu machen, noch ihnen ein schönes Gewand zu geben. Es ist freylich besser, wahrhaft und trocken, als unrichtig und witzig zu seyn; allein die Wahrheit läßt sich auch mit dem Witz verbinden, und wenn sie dieser gefälliger und einnehmender macht, so ist er eben nicht zu verachten. Die Vorwürfe, welche der König in seinem sur la literture allemande seinen Landsleuten hierüber macht, sind ziemlich gegründet: allein seine Bemerkungen über die Schulen sind, so wie die Pröbchen vom Witz einiger deutscher Schriftsteller sehr übel angebracht. Der Schesser Armdicker Stralen und der Ring an dem Finger der Zeit wäre in den letzten 20 Jahren allgemein in Deutschland ausgepfiffen worden. Was die Schulen betrift, so sind sie in keinem Land in Europa in dem vortreflichen Zustand, worin sie in des Königs Landen selbst sind. Regeln sind der Deutschen eigentliche Sache, und auch über Dinge, die sie selbst zu leisten gar nicht aufgelegt sind, wissen sie die besten Vorschriften zu geben. Keine Nation kömmt ihnen in Beurtheilung des Werthes der Genieprodukten bey. Sogar über die Art, wie eine Geschichte gut geschrieben werden soll, haben sie die besten Regeln gegeben, die aber, wie alle Regeln in der Welt, noch kein Genie hervorgebracht haben. Indessen sind Regeln und Beurtheilung der Schriftsteller doch alles, was sich in der Schule leisten läßt. Nichts hemmt die Entwicklung des Genies der Deutschen so stark, als die Gleichgiltigkeit der Fürsten gegen die deutsche Litteratur. In meinen Augen verdienen sie keine Vorwürfe darüber. Wenn sie fortfahren, wie sie seit einiger Zeit angefangen haben, den Landbau zu befördern, den Kunstfleiß rege zu machen, die Gesetzgebung und die Sitten zu verbessern, und ihre Schulden zu bezahlen, so wird diese männliche Thätigkeit, wie sie der König in seiner Abhandlung über die deutsche Litteratur nennt, mehr zum Glück und Ruhm der Nation beytragen, als wenn ihre Dichter und Redner jene der alten und neuern Zeiten verdunkelten. Allein, wenn einer der ersten Fürsten Deutschlands selbst seinen Landsleuten Vorwürfe macht, daß sie noch keinen Virgil, keinen Horaz, Horaz – eigentlich Quintus Horatius Flaccus, Schöpfer der römischen Lyrik, † v.C. 8 keinen Tullius, Tullius – Marcus Tullius Cicero, s. Sieben und vierzigster Brief. keinen Korneille, Korneille – Pierre Cornaille, franz. Dramatiker, der Vollender des klassischen französischen Dramas, † 1684 keinen Moliere, Moliere – eigentlich Jean-Baptiste Poquelin, franz. Theaterdichter, (»Der eingebildete Kranke«), † 1673 keinen Voltäre und keinen Tasso Tasso – Torquato Tasso, italienischer Dichter (»Das befreite Jerusalem«), † 1595 hervorgebracht haben, so sollte er doch bedenken, daß die Fürsten das meiste zur Bildung des Geschmackes und der Sprache, und zur Entwicklung des Genies beytragen müssen. Ich fand noch keinen Hof in Deutschland, wo nicht eine fremde Sprache herrschte. Die Hofleute, Sachsen ausgenommen, sprechen gemeiniglich ihre Muttersprache am schlechtesten, so erbärmlich auch ihr französisches oder italiänisches Jargon ist. Ohne die französische Sprache kömmt einer nicht einmal an den deutschen Höfen fort. An den meisten derselben hält man es für unanständig und pöbelhaft, seine Muttersprache zu sprechen. Und doch ist der Hof der Ort, wo die Sprache die Ründung, den Schlif und die Leichtigkeit am schnellsten bekommen kann, die sie von dem Jargon der Barbaren auszeichnen sollen. In Frankreich und Italien trugen die Höfe das meiste zur Verfeinerung der Sprache bey. Der Schriftsteller schaft sich so leicht seine Sprache nicht. Die Wörter und Redensarten müssen erst in den guten Gesellschaften das Bürgerrecht bekommen haben, ehe er sie ohne Anstoß gebrauchen kann. Der Eifer, seine Sprache rein und mit Geschmack zu sprechen, muß unter den Leuten der höhern Klasse, die allezeit den Ton des Hofes annehmen, zu dem Stolz, und so zu sagen, zu der Eitelkeit werden, welche in der Kleidung, im Putz und in den Gebehrden derselben zu herrschen pflegt. Auch in Griechenland und Rom haben die guten Gesellschaften zuverläßig mehr zur Ausbildung der Sprache beygetragen, als die Schriftsteller, deren Erscheinung allzeit schon einen hohen Grad von Kultur bey ihrer Nation voraussetzt – Wo soll sich der deutsche Redner bilden? Auf der Kanzel? Vor dem Pöbel? Denn wenige Leute aus der feinen Welt legen der Kanzelberedsamkeit einigen Werth bey. In der Gerichtsstube? Bey dem unsinnigen Kanzleystyl, und der kalten und schwerfälligen Prozeßordnung? Es muß erst ein römischer Rath, es muß erst römische Gesetzverwaltung da seyn, ehe man einen Cicero erwarten kann. Die auswärtigen Staatsverhandlungen, die noch ein grosses Feld für den deutschen Redner wären, geschehen durchaus in der französischen Sprache. Es giebt sogar Fürsten, deren Verordnungen für ihre Unterthanen erst aus dem Französischen übersetzt werden müssen, ehe sie publicirt werden. Der Reichstag zu Regensburg, der einzige Ort, den die zerrissene deutsche Nation als ihren Mittelpunkt und Sammelplatz betrachten kann, und wo die Liebe zur Staatsverfassung, zum Vaterland, und der Nationalstolz der Demosthenen, Demosthen – Demosthenes, der größte Redner des Altertums, † v.C. 322 die Ciceronen, die Burkes Burke – Edmund Burke, britischer Staatsmann † 1797 und Foxes Fox – Charles James Fox, britischer Politiker, † 1806 bilden sollten, dieser Reichstag ist der Tempel des Schlafes, der Fühllosigkeit, der stillen Bestechung, der finstern Rabulisterey Rabulisterey – die Kunst, einen Sachverhalt glaubhaft so darzustellen, daß er nicht der Wahrheit entspricht; Wortverdrehung und der stummen Verrätherey. Die Verhandlungen mit den fremden Gesandten, und sogar auch die meisten unter den inländischen, geschehen wieder in französischer Sprache, und in den Versammlungen der Deputirten selbst hängt alles von einem dürren Ja ab. Selten hört man ein Nein; denn es ist gemeiniglich alles vorläufig schon ins Reine gebracht. Der Reichshofrath zu Wien spricht eine Sprache, die unter 10 deutschen Gelehrten kaum einer versteht, und ohne Zweifel giebt ihm die Kammer zu Wetzlar Kammer zu Wetzlar – das Reichskammergericht an der Umständlichkeit nichts nach. Nirgends sonst ist die deutsche Nation konzentrirt. Sie ist auch gar nicht gewöhnt, sich als eine einzige, selbstständige Nation zu betrachten, und ihre Sprache kann sich daher so wenig fixieren, als ihr Karakter. Wenn aber auch dieses Hinderniß gehoben wäre, so würde es dem deutschen Genie immer doch noch an der Belohnung, und also an der stärksten Aufmunterung fehlen. Der kleine Weimarsche Hof ist der einzige, den ich noch in Deutschland fand, welcher das vaterländische Genie nicht hungern läßt. Da er aber seine Nebenausgaben sehr einschränken muß, so muß er die schönen Geister zu Räthen, Sekretären und Superintendenten Superintendent – s. Sechs und vierzigster Brief. machen, um sie belohnen zu können. Klopstok Klopstok – Friedrich Gottlieb Klopstock, sein Hauptwerk »Der Messias« hatte großen Erfolg, † 1803 ist unter den jetztlebenden Dichtern vielleicht der einzige, der einige unbedeutende Zeugnisse von werkthätigem Patriotismus einiger Grossen Deutschlands empfängt. Der elendeste unserer Journalisten macht an den deutschen Höfen unendlich leichter sein Glück, als der größte unter den inländischen Schriftstellern. Einer der auffallendesten Beweisen hievon ist die hiesige Akademie. Unter den vielen hiesigen Gelehrten von Verdienst, qui ne font rien, pas même academiciens, qui ne font rien, ... – die kein öffentliches Amt haben und keiner Akademie angehören war mir die Bekanntschaft mit dem Juden Moses Mendelssohn, Moses Mendelssohn – Moses Mendelssohn, jüdischer Philosoph. Lessing setzte ihm mit der Gestalt des Nathan ein bleibendes Denkmal. † 1786 den Herren Büsching, Teller, Teller – Wilhelm Abraham Teller, ev. Theologe, † 1804 Spalding, Spalding – Johann Joachim Spalding, protestantischer Theologe. Er hatte Zweifel an der Orthodoxie und prägte den Satz »Religion, eine Angelegenheit des Menschen«. † 1804 Ramler, Ramler – Karl Wilhelm Ramler, deutscher Dichter und Philosoph, † 1798 Nicolai, Nicolai – Friedrich Nicolai, deutscher (Reise)schriftsteller der Aufklärung und Buchhändler. Er begründete die »Allgemeine deutsche Bibliothek«, in der sämtliche Neuerscheinungen im Geist der Aufklärung rezensiert wurden. † 1811 und der Frau Karschin Karschin – Anna Louisa Karsch, »die Karschin«, deutsche Lyrikerin, zu ihrer Zeit wenig gewürdigt, † 1791 vorzüglich interessant. Der erste ist einer der merkwürdigsten Schriftsteller Deutschland. Seine Werke haben eine Eleganz und seine Sprache ist so reich, rund und bestimmt, daß er mit der Zeit klaßisch werden muß. Er ist Direktor einer ziemlich beträchtlichen Handlung und übt seine Philosophie aus, so viel er kann. Jetzt beschäftigt er sich in seinen Nebenstunden mit Beyträgen zur Aufklärung seiner zerstreuten Glaubensgenossen. Er hat auch in seinem Umgang die Eleganz, die ihn als Schriftsteller auszeichnet, und die seine unvortheilhafte körperliche Bildung überwiegend verbessert. Büsching, Teller und Spalding sind Oberkonsistorialräthe. Der erste ist der größte bekannte Geograph in Europa. Seine Beschreibung von Europa übertrift in Rücksicht auf Genauigkeit und Vollständigkeit unendlich weit alles, was hierin andre gethan haben. Man muß immer bedenken, daß diese Wissenschaft wegen den vielen Veränderungen, die in jedem Lande beständig vorfallen, nothwendige Mängel haben muß. Allein ich zweifle, ob es möglich sey mehr zu thun, als Büsching gethan hat. Nicht nur sein unsäglicher Fleiß, welcher zu [k]einer Unternehmung von der Art erfodert wird, sondern auch sein Scharfsinn in Beurtheilung seiner Hülfsmittel ist zu bewundern. Sein historisches und geographisches Magazin enthält die wichtigsten Beyträge zur neuern Geschichte, besonders der rußischen. Er selbst ist das unerschöpflichste Magazin von Anekdoten der europäischen Höfe. Es ist kein Hof in Europa, dessen wirklichen Zustand er nicht aufs genaueste kennt. Da er einer ungeheuern Menge lebender Sprachen mächtig ist, so entgeht ihm nichts von den historischen, politischen und geographischen Produkten der Europäer. Die ganze Welt liegt immerfort wie in der erhobenen Arbeit vor ihm, worin der General Pfyffer Pfyffer – Franz Ludwig Pfyffer von Wyher, schweiz. Topograph, gestaltete als Erster eine detailgetreue dreidimensionale Gebirgslandschaft. † 1802 zu Lucern einen Theil der Schweiz dargestellt hat, und worauf er nicht nur den natürlichen Zustand und den physischen Anbau der verschiedenen Länder, sondern auch die Bewegung der Menschen wie lebendig erblickt. Ich sprach mit ihm von der Vollendung seiner unschätzbaren Erdbeschreibung. Er schützte seine vielen Berufsgeschäfte vor, die ihm die Hände binden, so sehr er auch dazu geneigt sey. Allein ich konnte doch mit unter bemerken, daß er die damit verbundenen Schwierigkeiten scheut. Asien, Afrika und Amerika lassen sich so leicht auch nicht beschreiben, als Europa. Unterdessen hat er doch erstaunlich viel vorgearbeitet. Teller und Spalding sind die unpriesterlichsten Priester, die ich kenne. Keine Seele auf Gottes Erdboden ist in Gefahr von ihnen verdammt zu werden. Ihre Religion ist die theoretische und praktische Philosophie. Beyde sind vortrefliche Prediger, elegante Schriftsteller und Pröbste, Probst – Propst: Klostervorsteher, Superintendent die gegen die Art der protestantischen Geistlichen ihr ziemlich schönes Auskommen haben, dem sie vielleicht einen guten Theil ihrer gemäßigten Denkensart zu verdanken haben; denn der Hunger macht die Priester am leichtesten ungesittet, grob und unverträglich. Ramler ist einer der liebenswürdigsten Dichter Deutschland. Keiner hat es in der Ausfeilung seiner Verse so weit gebracht als er. Er hat etwas von Horazens scharfen und kurzen Pointen, und den gedrängten und kräftigen Perioden desselben. Seine Sprache ist klaßisch. Er ist Professor bey der Kadettenschule, und eben in keinen glänzenden Glücksumständen. Herr Nicolai ist für die deutsche Litteratur als Schriftsteller, besonders aber als Sammler ein äusserst merkwürdiger Mann. Sein Sebaldus Nothanker Sebaldus Nothanker – »Leben und Meinungen des Herrn Magisters Sebaldus Nothanker«, im Gutenbergprojekt vorhanden ist einer der besten deutschen Romane; ganz Original und voll treffender Karaktere,und interessanter, wahrer Schilderungen. Da er Buchhändler ist, so kann man es ihm nicht verübeln, daß er seine Schriftstellerey nach den Pfunden auswiegt, die sie ihm eintragen kann. Kein deutscher Schriftsteller, den einzigen Wieland ausgenommen, der ihm seines eignen schriftstellerischen notorischen Judenthums ungeachtet Vorwürfe darüber gemacht hat, versteht es so gut, seine Waare für das Publikum zu appretiren, appretiren – appretieren: einem Ding ein besseres, gefälligeres Aussehen geben und die Zeitläufte zu benutzen, als Nikolai. Unterdessen trift sein Vortheil doch öfters den wahren Nutzen des Publikums, und läuft mit ihm parallel. Deutschland hat ihm ein kritisches Journal zu verdanken, das an Vollständigkeit und innern Werth seines gleichen jetzt in Europa nicht hat. Da er nur der Sammler ist, so kann man es ihm nicht auf die Rechnung setzen, wenn sich manchmal eine partheyische und leidenschaftliche Rezension in seine deutsche Bibliothek einschleicht. Die Zahl der unpartheyischen und gründlichen Rezensionen ist doch allzeit weit überwiegend, da hingegen die Rezensionen andrer Nationen heut zu Tage durchaus die Wirkungen von Komplotten sind. Sein Umgang ist unbeschreiblich interessant, weil er einen unerschöpflichen Vorrath von Anekdoten deutscher Schriftsteller hat, von denen er eine skandalöse Kronik liefern könnte, die alles überträfe, was skandalös heißt. Er kennt alle Klubs derselben, und ihre häuslichen Angelegenheiten. Madame Karschin ist eine liebenswürdige Dichterin. Ihre Gedichte athmen Unschuld, sanfte Empfindsamkeit und philosophische Seelenruhe. Sie ist auch eine vortrefliche Gesellschafterin, und um so merkwürdiger, da sie sich selbst gebildet hat. Unter dem hiesigen Frauenzimmer findet man sehr viele, welche mit den schönen Künsten und Wissenschaften Umgang pflegen. Madame Reklam ist unter andern eine glückliche deutsche und französische Dichterin. Ich war in vielen Gesellschaften, wo das Frauenzimmer an allem litterarischen Gespräche Theil nahm. Nirgends findet man unter den Hofleuten so viel Aufklärung, als hier. Alle Minister und wirkliche Räthe sind die ausgesuchtesten Männer, unter denen kaum einer ist, der nicht in seinem Fach ein[er] merkwürdiger Schriftsteller seyn könnte. Der jetzige Fiskal Fiskal – Vermögensverwalter; hier : Finanzminister des Königs hat in einer kurzen Abhandlung über die peinliche Gesetzgebung mehr geleistet, als alle Folianten und Quartanten Folio, Quart – Buchformate: etwa wie DIN A3 bzw. A4 und auch alle philosophische Deklamationen in Bekkarias Bekkaria – s. Neunter Brief. Geschmack hierin geleistet haben. Der Minister von Herzberg, an den des Königs Abhandlung von der deutschen Litteratur addreßirt ist, und welcher mit Wärme die Parthey seiner Landsleuthe nimmt, hat sich als Geschichtsschreiber, besonders aber als Verfasser vieler merkwürdigen Staatsschriften bekannt gemacht. Er ist das Muster eines braven Ministers, und wird dir durch die Verhandlungen des Streites über die bayrische Erbschaft und des Teschner Friedens bekannt seyn. Der königliche Justitzminister von Zedlitz hat einige sehr treffende Bemerkungen über die Erziehung herausgegeben, und viele der königlichen Räthe sind wirklich Schriftsteller – Nach dem alten Sprüchwort erkennt man den Herrn an seinem Diener, und es giebt so wenig einen grössern König in der Welt, als man eine aufgeklärtere, patriotischere und thätigere Staatsbedienung findet, als die preußische ist. Was die Gelehrten von Norddeutschland besonders auszeichnet, ist ihre Bekanntschaft mit der Litteratur der kultivirtesten europäischen Nationen. Weder hier noch in Sachsen fand ich einen Gelehrten von Bedeutung, der nicht mit den berühmtesten Schriftstellern Großbrittaniens, Italiens und unsers Vaterlandes genau bekannt gewesen wäre. Sie sind in der Litteratur wahre Kosmopoliten, und ganz ohne Vorurtheil für ihre einheimischen und gegen die ausländischen Produkte. Nirgends fand ich so viel allgemeine und unpartheyische Weltkenntniß als hier. Dieß ist ein Vorzug, den weder die Franzosen, noch die Engländer und Italiäner den Deutschen streitig machen können. Vier und fünfzigster Brief. Berlin – Bis tief in die Mittelklasse herab herrscht unter den hiesigen Einwohnern eine Aufklärung, die man selten anderstwo findet: Allein der hiesige Janhagel Janhagel – holländisch: Pöbel, Gesindel ist dagegen auch abscheulicher, als irgend in einer andern grossen Stadt. Alles, was die Schwärmerey nur lächerliches ausbrüten kann, findest du hier im Kontrast mit der aufgeklärtesten und philosophischesten Religion, die je nur an einem Ort herrschte. Es gibt hier Pietisten, Pietismus – protestantische Bewegung des 17. Jahrhunderts innerhalb des Protestantismus (»Kirche in der Kirche«), die lebendige Frömmigkeit, verbunden mit den »christlichen« Tugenden der Nächstenliebe verband Herrnhuter, Herrnhuter – Herrnhuter Brüdergemeine, eine ev. Freikirche, 1722 in der Oberlausitz vom Grafen Zinzendorf begründet. Sie pflegen christliches Gemeinschaftsleben, die Tageslosungen gehen auf sie zurück. Inspirierte, Inspirirte – Inspirationsgemeinden, eine aus dem Pietismus hervorgegangene christliche Freikirche. Sie betrachtet neben der Bibel das durch die Wirkung des Heiligen Geistes erfolgte Zungensprechen (Stammeln unverständlicher Worte) als göttliche Offenbarung. Wunderwirker, Teufelbanner und alle Gattungen von Narren, die es auf ihre eignen Kosten oder auf Kosten andrer Leute geben kann. Es gibt hier fromme Gesellschaften, worin ausgediente Buhlschwestern Priesterinnen oder gar Orakel sind. Man könnte ihnen ihr Psalmsingen nicht verargen, wenn sie es dabey bewenden ließen, mit David welke Lenden – Psalm 38.4 ff: »Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe wegen deines Drohens und ist nichts Heiles an meinen Gebeinen wegen meiner Sünde. Denn meine Sünden gehen über mein Haupt; wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden. Meine Wunden stinken und eitern um meiner Torheit willen. Ich gehe krumm und sehr gebückt; den ganzen Tag gehe ich traurig einher. Denn meine Lenden sind ganz verdorrt; es ist nichts Gesundes an meinem Leibe. Ich bin matt geworden und ganz zerschlagen; ich schreie vor Unruhe meines Herzens.« über ihre welken Lenden und Rückschmerzen zu klagen, die eine Folge von ihren jugendlichen Ausschweifungen sind; wenn ihnen die Andacht nicht zum Deckmantel der abscheulichsten Verführungen und zur Befriedigung ihres Geldgeitzes diente. Oft werd' ich versucht, von meinem Stock Gebrauch zu machen, wenn mir eine Vettel von der Art, das Psalmbuch unter dem Arm, und die in Gesellschaften mit gen Himmel erhobenen Augen von nichts als Salbung, Heiligung und den Auserwählten spricht, eine Unschuld zum Kauf anbietet, die sie mit dem Garn der Andacht gefangen hat. In den beyden Extremen von Paris, in St. Marceau in Süden und in der Gegend der Porcherons Porcheron – Pariser Stadtviertel am Montmatre, Kneipengegend in Norden sieht es noch viel besser aus, als unter dem hiesigen Volk. Glaubst du wohl, daß ein neues Gesangbuch, welches einige patriotische Geistliche unter dem Schutz des Königs anstatt der alten unsinnigen Liederbücher einführen wollten, beinahe eine Rebellion hier veranlaßt hat? Die Unzucht ist einer der Hauptvorwürfe, die man dem hiesigen Publikum macht. Unter andern Monopolien sind hier auch öffentliche privilegirte Bordels, die Kraft ihrer Privilegien das Recht haben, das Publikum ausschließlich mit dem Bedürfnis zu versehen, welches bey gesunden Leuten nach dem Essen und Trinken gemeiniglich das erste ist; und gegen allen Unterschleif Unterschleif – Unterschlagung; hier: Schwarzhandel zu klagen, der in den Wirthshäusern oder auch in Privathäusern mit dieser kostbaren Waare getrieben werden könnte. Die Polizey läßt die Mädchen regelmäßig visitiren, um die Ausbreitung der Lustseuche Lustseuche – Syphilis zu hemmen, und wenn sie auch nur im geringsten verdächtig sind, so müssen sie die Quarantäne halten. Es sind der öffentlichen Magazine dieser Art gegen 12 bis 15. Auch Leute, die über dem Pöbel sind, machen öfters Lustparthien in die vornehmern unter denselben, nicht eben um auszuschweifen, sondern blos eine Bouteille Wein oder einen Kaffee in Gesellschaft muthwilliger Mädchen zu trinken. Die Sache hat hier gar nichts anstößiges, und ich habe junge Herren sogar in Gesellschaften von Damen von ihren Expeditionen in diesen Häusern ohne allen Scheu sprechen hören. In den meisten derselben soll ziemlich viel Reinlichkeit herrschen, und die Priesterinnen der Venus sollen hier nicht so unverschämt und so ganz ohne sittliches Gefühl seyn, als sie sonst gemeiniglich zu seyn pflegen. Da die Sache öffentlich und unter den Augen der Polizey geschieht, so mögen diese Ausschweifungen freylich nicht das Gepräge der viehischen Wildheit und Abscheulichkeit haben, welches die Wollust an den Orten, wo man sie ins Dunkel verscheucht, auszuzeichnen pflegt. Die Mädchen behalten ohne Zweifel noch einiges Selbstgefühl, weil sie sich von der Polizey geschützt und sich vom größten Theil des Publikums, wo nicht geehrt, doch nicht so verachtet sehn, als sie es an andern Orten sind. Es ist hier nichts Seltenes, daß fremde oder auch eingeborne Zelibatärs Zelibatärs – franz. Célibataire: Junggeselle mit einem Mädchen und dem Eigenthümer desselben, nämlich dem Wirth, auf eine bestimmte Zeit einen förmlichen Kontrakt schließen. Man hat selten ein Beyspiel, daß dieser Kontrakt von dem Mädchen gebrochen wird. Es bleibt gemeiniglich während der bedungenen Zeit seinem Käufer getreu. Es faßt auch zu demselben eine gewisse Anhänglichkeit und einen wahren Diensteifer, den man von Kreaturen seiner Art an andern Orten nicht erwartet. Ich habe einige Bekannten hier, die sich mit solchen Mädchen verbunden haben, und, wenn sie unpäßlich sind, sehr regelmäßig von denselben besucht und bedient werden. Da die meisten derjenigen, die nicht aus den Hölen sind, worin sich die Grenadiers herumtummeln, etwas Lekture und Erziehung haben, so sind sie keine schlechten Trösterinnen und Aufwärterinnen am Krankenbette. Ein Irrländer, mit dem ich vertraut bin, und der sich seit einigen Jahren hier aufhält, erzählte mir ein Beyspiel, das vielleicht einzig in seiner Art ist. Die Wirthschaft dieses Herrn kam durch verschiedne Ausschweifungen in Unordnung, und eine Krankheit setzte seine Gläubiger noch mehr in Unruhe. Er hatte in einem Bordel ein Mädchen kennen gelernt, das ihn vorzüglich intereßirte. Er fand sich mit dem Wirth ab, und nahm das Mädchen zu sich ins Haus. Dieses wartete nicht nur seiner mit dem größten Fleiß, sondern intereßirte sich auch um seine Wirthschaft. Es fieng für ihn ein so sparsames Menage an und hielt ihm so genaue und getreue Rechnung, daß er in Zeit von einem halben Jahr aus seinen Schulden war, welches er für ein Wunder hielt. Nachdem sich seine Umstände gebessert hatten, führte es seine Wirthschaft noch einige Zeit fort, und er war stolz auf die gute Art, womit es die Honneurs Honneurs – franz. Ehre, hier: die Gäste bei Empfängen willkommen heißen für ihn zu machen wußte, wenn er in seinem Haus Gesellschaft hatte. Eine Reise, die er nach Dresden machen mußte, trennte ihn von seiner Erretterin. Sie wollte sich mit dem begnügen, was er ihr für die Woche bedungen hatte. Allein, er gab ihr so viel Beweise seiner Erkenntlichkeit, als ihm seine Umstände erlaubten, und sie gieng wieder in das Haus, worinn er sie kennen lernte und worinn sie wirklich noch ist. Beyspiele von der Art beweisen offenbar, daß die Maaßregeln der hiesigen Polizey der Natur angemessener und weiser sind, als jener in andern Städten, wo die ins Dunkle verscheuchte Wollust alle gesellschaftlichen Bande trennt, und immer von der Raubbegierde begleitet wird. Wenn gleich die privilegirten Hurenwirthe so gut, als die Brennholzgesellschaft, ihren Alleinhandel auf alle Art zu vertheidigen berechtigt sind, so ist die Waare doch zu schlüpfrig, als daß man dem Schleichhandel wehren könnte. Jedes alte Weib aus der untern Klasse, jeder Lehnlaquay, jeder Kell[n]er in einem Wirthshaus und fast jeder Wirth selbst kuppelt. Ich kenne auch einige Aerzte, welche sich damit abgeben und vielleicht mehr dadurch gewinnen als durch ihre Kunst. Es ist hier unter andern vortreflichen Polizeyanstalten auch ein Addreßkomptoir für Dienstmägde, welches die frische Waare sowohl in die Privathäuser als auch für die öffentlichen Magazine liefert. Aber alle diese Schleichhändel kommen dem ausgebreiteten Verkehr nicht bey, der mit den Weibern getrieben wird. Das eigentliche Zizisbeat Zizisbeat – Cicisbeat, s. Neun und zwanzigster Brief. ist hier nicht eingeführt, und es ist auch gar nicht nach dem Geschmack der hiesigen Damen. Sie lieben die Abwechslung und den augenbliklichen Genuß zu sehr, als daß sie sich an einen Gegenstand und an eine gewisse Ordnung binden sollten. Hier ist es gar nichts seltenes, daß sich Frauen von Ansehn fast ohne Zurükhaltung um junge Leute bewerben, sie mögen von einem Stand seyn, von welchem sie wollen, wenn sie nur die Miene von wakern Rittern haben. Bessere Ehemänner giebt es in der Welt nicht, als unter einem gewissen Theil der hiesigen Einwohner. Die Leichtigkeit der Ehescheidungen trägt wohl das meiste dazu bey. Die Eheleute sind hier durch nichts zusammengebunden, als durch ihr gegenseitiges augenblikliches Interesse. Sobald ein Theil dem andern zu Last wird, oder einer die Aussicht hat, eine bessere Parthey treffen zu können, so kostet es ihn nur eine Anzeige am gehörigen Ort, um seiner beschwerlichen Hälfte los zu werden. Der förmliche Weibertausch ist hier gar nichts seltenes. Zwey Ehemänner, deren jeder mit des andern Weib bekannt wurden, vertauschen ihre Gattinnen gegen einander mit einer Kaltblütigkeit, die in unserm Welttheil kein Beyspiel hat. Die Frau, welche mit einem neuen Liebhaber eine Parthey treffen will, bespricht sich gar freundschaftlich und offenherzig darüber mit ihrem Mann, und hat, wenn er in keinen guten Umständen ist, öfters noch Mitleiden genug mit ihm, um ihm ihre Baase, Baase – Base: Cousine, d. h. die Tochter meiner Tante oder sonst eine Person von ihrer Bekanntschaft zu verkuppeln, ehe sie sich von ihm scheidet. So rouliert eine Frau in wenig Jahren durch 3 bis 4 Familien und thut in Gesellschaften, wo sie einige ihrer ehemaligen Ehemänner trift, als wenn sie dieselbe nie gekannt hätte. Durch diese Polizeyverfügungen müssen die Einwohner von Berlin nun freylich mit der Zeit alle zu Bastarden werden. Allein die wesentlichsten Wirkungen rechtfertigen hier wieder des Königs Grundsätze. Berlin ist nach den öffentlichen Listen die einzige grosse Stadt in Europa, und vielleicht die einzige in der Welt, wo die Anzahl der jährlich Gebohrnen jene der Verstorbenen weit übersteigt. Diese unbezweifelte Thatsache wiegt auf der Waage der Philosophie mehr, als alle Deklamationen und das ganze Korpus der geistlichen Rechte, die den Ehescheidungen so gram sind. So auffallend dieses Verkehr der Liebe jedem Fremden seyn mag, so glaub' ich doch, daß hier nicht mehr noch weniger ausgeschweift wird, als in jeder andern Stadt von gleicher Bevölkerung. In welcher Stadt, die nur den zehnten Theil so groß ist, als Berlin, fehlt es an Gegenständen zur Befriedigung der Wollust? Das Offene und Ungezwungene, welches ganz allein die Sache hier auffallend macht, ist so wenig ein neuer Reitz zu Ausschweifungen, daß es nach der allgemeinen Bemerkung vielmehr die Hitze dämpft, die eine Folge strenger Verbothe ist. Man findet hier auch in den untern Volksklassen noch soviel eheliche Treue, als an irgend einem andern gleich grossen Ort; und würde es zu Paris, London, Madrid und an andern Orten besser seyn, wenn man die Ehescheidungen unter den Leuten der höhern Klasse einführte, als wenn man den Männern erlaubt, im Angesicht ihrer Weiber Mätressen zu halten? Unter den durch eine Scheidung neu gestifteten Ehepaaren herrscht doch wenigstens auf einige Zeit wieder Liebe, Treue und häuslicher Friede, dahingegen der Zwang des Ehebandes den Personen, unter welchen der Hausfriede einmal gestört ist, das Leben zur Hölle macht, die Bevölkerung hemmt, und ein neuer Reitz zu Ausschweifungen wird, den man hier nicht kennt. Die Publicität hat keine andre Wirkung, als daß sie die Wollust unschädlicher macht, und die Laster hemmt, welche die schrecklichsten für die Menschheit sind. Kindermorde, Onanie und der Gebrauch von Sukzessionspulvern Sukzeßionspulver – Sukzession: Thronfolge, hier: Abtreibung sind hier seltener als an irgend einem andern Ort, und die Lustseuche, welche Paris, London, Wien, Madrid, Lisabon und andere Städte zu blossen Spitälern macht, in ganzen Distrikten von Frankreich und Spanien die Lebensquelle verpestet und verstopft hat, und Enkel und Urenkel noch die Ausschweifungen ihrer Ahnen büssen läßt, ist hier nach dem Verhältnis noch sehr wenig eingerissen. Die Frauen, die hier ihrem Temperament nachhängen, bringen doch noch Kinder zur Welt, dahingegen die von Paris und Wien entweder ganz unfruchtbar sind, oder nach Art der römischen Damen zu Juvenals Juvenal – Decimus Junius Juvenal, römischer Redner und Dichter, schuf maßgebend die literarische Form der Satire, † 128 Zeiten, nicht gebären wollen. Die Zahl der Todtgebornen zu Wien beläuft sich jährlich auf mehr als 400, und jene der Kinder, die im ersten Jahre sterben auf ohngefähr 5.000. Wer zählt die, an welchen die Gewaltthätigkeiten der unnatürlichen Mütter, die ohne Zweifel viel zu der grossen Zahl derjenigen beytragen, welche im ersten Jahre ihres Alters sterben, früher und wirksamer anschlagen? Die Damen von Madrid, wie mich einer meiner Bekannten versicherte, abortiren, wenn's ihnen beliebt. Auch die von Lisabon sollen es in dieser unmenschlichen Kunst sehr weit gebracht haben. Hier ist sie fast ganz unbekannt, und ich glaube, man braucht sonst keinen Beweis, daß hier die Polizey weiser und die Wollust nicht so abscheulich und menschenfeindlich ist, wie in andern Städten, als die oben erwähnte Thatsache, nämlich, daß die Anzahl der Gebohrnen jene der Gestorbenen jährlich um einige hundert übersteigt, dahingegen zu Paris und London jährlich drey bis vier tausend, zu Wien aber ein bis zwey tausend weniger gebohren werden als sterben. So gerne ich dem hiesigen Publikum seine Paillardise Paillardise – von franz. paillasse: Hure abgeleitet; Hurerei, Unzucht verzeihe, so wenig kann ich in andern Stüken mit ihm zufrieden sein. Der Engländer Sherlok Scherlok – Martin Sherlock, englischer Reiseschriftsteller, veröffentlichte 1782 eine Reisebeschreibung Neue Briefe eines Engländers auf seiner Reise nach Italien, Genf, Lausanne, Strasburg, Berlin, Deutschland, Senlis und Paris sagt, wenn die Sachsen die deutschen Athenienser seyen, so seien die Preussen die deutschen Spartaner. Die Verfassung der Armee, die Frugalität des hiesigen grossen Haufens, die eine Folge seiner Armuth ist, die Gemeinschaft der Weiber, vorzüglich aber der allgemeine Hang desselben zum Stehlen und Betrügen, den die Staatskunst der Lacedämonier begünstigt haben soll, um den Witz der Jugend zu schärfen, sind freylich spartanische Karakterzüge. Gegen öffentliche Räubereyen setzt einen die hiesige Polizey sicher genug; allein man kann sich nicht genug in Acht nehmen, um nicht auf eine Art betrogen zu werden, welche die Polizey nicht rächen kann. In der ersten Woche gab ich einen der feinsten Lyoner Hüte, den ich erst kurz zuvor zu Leipzig gekauft hatte, einem hiesigen Hutmacher zum Ausputzen, weil er mir auf der Reise staubigt geworden war. Auf den bestimmten Tag holte ich ihn selbst bey ihm ab, und schrieb das Rauhe, welches er bekommen hatte, der schlechten Farbe zu, die er gebraucht haben mochte. Ich trug ihn einen Tag, ohne einen Betrug zu ahnden; allein schon den zweyten Tag hatte mein Hut alle Steife verloren, war lumpigt, und so mürbe und zerfetzt, daß ich überall mit dem Finger durchstossen konnte. Ich sah nun, daß mein Huth, der einen Louisdor gekostet, gegen einen Lumpen vertauscht war, den der spartanische Hutmacher mit einem Geschmiere von Leim und Schwärze für einen Augenblick aufgesteift hatte. Ich sprach mit ihm; er wußte aber von keinem andern Hut, den ich ihm gegeben hätte. Du bist in Gefahr, täglich auf diese Art betrogen zu werden, und du wirst es gewiß am ersten, wenn du deine Maaßregeln recht sorgfältig genommen zu haben glaubst. Du mußt dich in alle Mausereyen und in alles, quod suasisset egestas, vile nefas quod suasisset egestas, vile nefas – »was der Mangel angeraten hat, als ein allgemeines Übel«, Zitat aus einem Gedicht über den römischen Bürgerkrieg von Marcus Annaeus Lukan »Bellum civile sive Pharsalia«, † 39, von Nero zum Selbstmord gezwungen resigniren. Da hier Licht und Schatten durchaus sehr stark sind, so ist der bessere Theil des hiesigen Publikums von eben so edler Denkensart, als niederträchtig der Janhagel in seinem Betragen ist. Zur tiefen Beschämung des ungeheuer reichen Wiens hat man hier Armenanstalten, welche dem Anschein nach alle Kräften der Einwohner übersteigen sollten, da man hingegen zu Wien keine Spur davon findet. Jede Gemeinde der verschiedenen Glaubenssekten hat ihre beträchtliche Kasse, welche zur Unterhaltung ihrer Hausarmen hinreicht. Man hat Beyspiele von schönen Handlungen einzelner hiesigen Bürger, die man zu Wien kaum glauben würde, und wenn man bedenkt, daß unter dem hiesigen Janhagel eine ungeheure Menge zusammengelaufener Fremden ist, so kann man die Niederträchtigkeit desselben um so weniger für einen Zug des Nationalkarakters halten, da sie in den andern Städten, Potsdam ausgenommen, und auf dem platten Lande sehr selten ist. Fünf und fünfzigster Brief. Berlin – Unter den verschiedenen öffentlichen Vergnügungen zieh ich, wenigstens zu der jetzigen Sommerzeit, das Spatzieren in dem hart bey der Stadt auf der Südseite der Spree liegenden Park weit vor. Ich habe noch keinen schönern öffentlichen Spazierplatz gesehen. Die Mannichfaltigkeit des Gehölzes, der Alleen, Gebüsche, bedekten Gänge und Irrgärten übertrift alle Phantasie. Er hat weit über eine Stunde im Umfang, und auch Wasser genug, um ihm mehr Leben zu geben, als die Spatzierplätze grosser Städte gemeiniglich zu haben pflegen. Ein Theil desselben berührt die Spree. Schade, daß man ihn nicht hart unter der Stadt über den Exerzierplatz und den königlichen Holzmarkt bis an den Fluß gezogen hat, an dessen Ufer man in dieser Gegend sowohl abwärts des Stromes als auch aufwärts, in einen Theil der Stadt eine ungemein schöne Aussicht beherrscht. In diesem Park sieht man auf die Sonntäge Berlin in seinem Glanz. Er ist für das hiesige Publikum, was die Tuilleries Tuilleries – der Tuilerienpark, Jardin des Tuileries für die Pariser sind, nur ist das Gemische der Spatzierenden hier mannichfaltiger. Er wird vom Pöbel und der feinern Weit gleich stark besucht. Man fährt und reitet darin ohne Einschränkung herum. Auf einigen Plätzen desselben findet man, wie in den Tuilleries, grosse und prächtige Zirkel von Damen auf Ruhebänken sitzen, und die Freyheit, sie zu beschauen und sie unter die Nase zu beurtheilen, ist hier so groß als zu Paris. Man trift hier auch zu gewissen Zeiten einen grossen Theil der hiesigen Gelehrten beysammen. Man hat Erfrischungen von jeder Art. Man spielt, verirrt sich mit Damen oder Mädchen in einsame Gebüsche, verabredet Zusammenkünfte, und es steht hier nicht wie zu Wien, immer ein Polizeydiener auf dem Sprung, einem verirrenden Paar auf dem Fuß nachzuschleichen. Die grosse königliche Oper, die man für eine der besten in Europa hält, konnt ich noch nicht sehn. Ausser dem Winter spielt sie höchst selten. Es ist sonst wirklich kein Schauspiel hier, ausser einem deutschen sehr mittelmäßigen Theater, welches sich mit den deutschen Schauspielen zu Wien und München nicht vergleichen läßt. Der Entrep[r]eneur desselben, Herr Döbbelin, hat sehr sonderbare Grundsätze. Er setzt seine Stärke bloß in die grosse Anzahl von Schauspielern, unter welche er die Rollen nach dem Loos zu vertheilen scheint. Ich habe gar oft bemerkt, daß der, welcher den Bedienten macht, viel mehr Geschick hatte, die Rolle seines Herrn zu spielen, der nach der Ordnung der Natur die Stelle des Bedienten hätte vertreten sollen. Unter 40 bis 50 Subjekten hat er kaum 4, die man zu Wien erträglich finden würde. Nebstdem ist seine Garderobe seltsam arrangiert. Ich sah zwey Stücke in spanischer Kleidung spielen, die doch bekanntlich nicht mehr existirt. Das Zeitalter der Stücke war neu. Mitten unter Kleidungen aus dem fünfzehnten Jahrhundert erblickt man öfters, besonders an Frauenzimmern, eine ganz moderne. Selten verändert das Frauenzimmer seine Koeffüre, und wenn der Schauplatz auch in Indien wäre. Und doch macht Herr Döbbelin viel Aufsehens von seiner Garderobe und seinem richtigen Kostume. Sein Theater ist so klein, daß einige seiner Schauspieler sich wohl in Acht zu nehmen haben, damit die Wolken des Himmels über ihnen nicht in ihren Haaren hängen bleiben. Ich sah Bäume auf demselben, die gar füglich den Akteurs zu Spatzierstöcken hätten dienen können. Einige seiner Subjekte sind Gerippe, an denen der Hunger alles Fleisch abgenagt hat, und manche sind kaum Meister von ihren Beinen und Armen, woran vermuthlich die Aktrizen Aktrize – Schauspielerin schuld sind, wie man auch aus ihrer holen Stimme schließen kann. Herr Döbbelin giebt Gagen von 6 und 8 Gulden die Woche, wobey seine Leute freylich nicht viel Schnellkraft in ihren Körpern haben können. Ohnmachten sind daher ihre Stärke, und zwey bis drey von seinen Frauenzimmern übertreffen alles, was Ohnmacht heissen mag. Sie fallen nach dem Sprüchwort zusammen, wo die Taschenmesser, wenns zu einer Ohnmacht kömmt, und wenn sie dann im Fallen die Schminke rein vom Gesicht weggewischt haben, so sehen sie aus wie die leibhaften Gespenster. Auch im Sterben sind sie nicht zu verachten. Besonders künstlich sah ich vor einigen Tagen einen seiner Akteurs in einem deutschen Originalstück sterben, worin viel gestorben werden muß. Der Mann lag, nachdem er seinen Theil bekommen hatte, der Länge nach auf der Erde ausgestreckt, einige Sekunden lang ohne alle Bewegung. Endlich wars, als wenn seine Seele in einer schnellen Wuth seinen ganzen Körper durchstreifte, um sich einen Ausweg zu öfnen. Erst rennte sie in die Füsse, die Konvulsionen bekamen, und dann wieder durch alle Glieder in den Kopf zurück, wo sie die Augen des Sterbenden gräßlich verdrehte. Er bäumte sich, daß einer unter seinem holen Rücken gemächlich hätte durchkriechen können. Vermutlich wollte seine Seele in diesem Augenblick zum Bauch heraus. Der Mann mochte stark im Balancieren sein; denn in den Todeszuckungen kam er einmal in eine der schwersten Stellungen für den menschlichen Körper, die man sonst zur Folter braucht. Er erhob den Obertheil des Körpers und zugleich die Beine so hoch, daß er wirklich bloß auf dem untersten Knochen des Rückgrates ruhte. In dieser Lage wollte seine Seele ohne Zweifel zur Hinterthür heraus. Er warf sich hierauf noch einigemal von einer Seite zur andern, und gab endlich seinen Geist auf, wie ich aus dem betäubenden Geklatsche schloß, das sich auf einmal erhob; denn ich war gefaßt, ihn wenigstens noch eine Viertelstund lang seine Sterbekünste machen zu sehn, und hatte an ihm nicht das geringste bemerkt, welches man für ein gewisses Zeichen seiner Hinscheidung hätte halten können. Vielleicht hatte er gesagt, daß er jetzt todt sey, und ich hatte es nicht gehört – Ich bin so umständlich hierüber, um dir einen richtigen Begriff vom jetzigen Zustand des deutschen Theaters zu geben. Sterben ist für jeden Schauspieler Sterben ist für jeden Schauspieler ... – vgl. auch Achter Brief. die Hauptsache, und wenn er seinem Tod, wie der oben beschriebene Sterber, recht viel Leben zu geben weiß, so kann er sicher auf den lauten Beyfall des Parterres rechnen. Die tragische Wuth, welche in Deutschland vom adriatischen Meer bis an die Ostsee herrscht, sollte einen Fremden glaubend machen, die deutsche Nation bestünde aus lauter Mördern, Scharfrichtern, Vater= und Brudermördern, rasenden Liebhabern, Jungferräubern u. dgl. m. Die meisten ihrer neuern Romane athmen den nämlichen kannibalischen Geist. Berlin, eine Stadt von 142.000 Menschen, die Garnison mitgerechnet, ist nicht im Stand, ein gutes Schauspiel zu unterhalten; denn ich schreibe es bloß dem Mangel an Unterstützung zu, daß Herr Döbbelin die Hälfte seiner Leute hungern läßt, und in einem Gebäude spielt, welches man in jeder andern grossen Stadt für ein Winkeltheater halten würde – Diese Stadt ist gewiß in diesem Punkt einzig. Man sollte glauben die acht bis neunhundert Officiers, welche hier sind, wären allein hinlänglich, um eine Schauspielergesellschaft bey Fleisch zu erhalten – Gewiß ist dieß der stärkste Beweis von der Armuth und Sparsamkeit des hiesigen Publikums. Man hat sich nicht zu wundern, daß das Publikum der grossen Städte der preußischen Monarchie den Schauspielen eben so ungünstig ist als jenes der Hauptstadt. Die grosse Arbeitsamkeit, welche in denselben herrscht, muß diese Wirkung haben; dahingegen die Hauptstadt der Mittelpunkt aller Müßiggänger des Landes ist, deren Anzahl zwar jener in andern Staaten nicht gleichkömmt, aber doch hinreichend seyn sollte, um ein paar Dutzend Schauspieler nicht hungern zu lassen. Man kann dieses Paradoxon dadurch erklären, daß die Müßiggänger, wenn sie auch ihr vestes und gemächliches Einkommen haben, hier doch im Grunde sehr arme und gestrafte Leute sind. Es ist eine Folge von dem weisen Finanzsystem des Königs. Der industriose Theil des hiesigen Publikums empfindet die Theurung der Lebensmittel nicht, die eine Folge der Akzise und Monopolien ist, weil er seinen Arbeitslohn nach dem Verhältniß derselben anschlägt. Allein der, welcher von seinen Renten und Gütern und von der Besoldung lebt, fühlt ihre ganze Last, und kann unmöglich das Gleichgewicht zwischen seinen Renten und dem arbeitenden Publikum, zu dessen Vortheil dasselbe ist, herstellen. Wenn er gemächlich und im übrigen seinem Stand gemäß leben will, so macht die Ausgabe für das Theater ein zu wichtiges item in seinen Rechnungen. Die arbeitenden Leute gehn also nicht ins Schauspiel, weil Arbeitsamkeit sparsam macht, und die Müßiggänger, weil sie hier arm sind. Ich kenne keinen unterscheidendern Zug im Karakter der Preussen und Oestreicher als das Theater. Die preußische Monarchie hat doch viele ansehnliche Städte. Königsberg zählt etwas über 60.000 Seelen; Breßlau hat über 40.000; Stettin, Magdeburg und Potsdam enthalten beynahe 30.000 Einwohner und drüber. Frankfurt an der Oder, Halle, Wesel, Emden und einige andre sind Städte von 18 bis 25.000 Einwohnern. Von 8 bis 10 tausend Seelen giebt es eine grosse Menge. Und doch können sich in diesem ganzen Lande 2 Schauspielergesellschaften kaum des Hungers erwehren! Im Oestreichischen hingegen findet man in jedem Städtchen ein Theater. Ich fand zu Linz, zu Wienerisch Neustadt, zu St. Pölten und sogar zu Krems Schauspielergesellschaften. Die grössern Städte, als Prag, Preßburg, Gräz, Brünn u. a. m. haben alle ihre beständigen Theater. Der Reichthum macht diesen Unterschied nicht; denn Wien ausgenommen, welches vom Mark der ganzen Monarchie und auch von einem Theil des Markes von Deutschland fett wird, ist in den preußischen Städten ungleich mehr Geld, als in den östreichischen, obschon in jenen keine adelichen Häuser von 50, 100 bis 200 tausend Gulden sind. Unter der Mittelklasse der Einwohner der preußischen Provinzialstädte herrscht ein Wohlstand, von dem man sich in jenem der östreichischen Monarchie, die Lombardey und die Niederlande ausgenommen, keinen Begriff machen kann. Bloß die grössere Industrie der Preussen und die von ihr unzertrennliche Sparsamkeit macht diesen Unterschied. Die östreichischen Städte wimmeln von Müßiggängern, Taugenichtsen und Verschwendern, welche dagegen in den preußischen Städten die seltenste Menschenart sind. Nebstdem macht die Aufklärung und Sittlichkeit des bessern Theils der Einwohner der preußischen Landstädte dieselbe aufgelegt, reinere Vergnügen zu schmecken, als Theater, Tanzböden, Tische und Keller gewähren können. In den kleinsten preußischen Landstädtchen findet man mehr Geselligkeit, als in mancher grossen Stadt in Oestreich, und in der erstern wird von Privatleuten gewiß auch mehr Gutes gethan als in einer der letztern. – Schon lange wirst du gewünscht haben, ich möchte dir etwas von dem künftigen Kronerben Preussens sagen. Die öffentlichen Nachrichten, die man von ihm hat, sind eben so lächerlich, als widersprechend. Ein deutscher Journalist ist sogar unverschämt genug zu behaupten, der König habe die Bildung des Prinzen vernachläßigt, damit seine Regierung durch den Schatten der Verwaltung seines Nachfolgers mehr Licht in den Augen der Nachwelt erhalte. Dummer und abscheulicher kann weder der König noch der Prinz gelästert werden. Der Prinz von Preussen ist nicht nur ausgebildet, sondern der König sucht ihn auch auf alle Art an sein Regierungssistem zu attachiren. attachiren – attachieren: zuteilen, hier: ihn daran zu beteiligen Sein heftiges Temperament riß ihn in der Jugendhitze zu einigen Ausschweifungen hin; allein er wird nun immer kälter und gesetzter. Er ist nach dem Zeugniß des Königs selbst, der nicht gerne lobt, ein grosser General, und alle Leute hier, die ihn kennen, versichern, daß er auch ein grosser Staatsmann ist. Er liebt die Wissenschaften und Künste, und, was ihn den deutschen Journalisten besonders werth machen sollte, er denkt für die deutsche Litteratur günstiger, als sein grosser Onkel. Man macht ihm den Vorwurf, er sey verschlossen und kenne die Freundschaft nicht. Dieses war eine Folge von seinem ehemaligen Betragen, welches er eben nicht aufs genauste nach seinen bessern Einsichten abmaß, und ihn die Zeugen und Referenten scheuend machte. Es ist zugleich ein Beweis, daß der König von jeher ein wachsames Auge auf seine Aufführung hatte. Seit mehrern Jahren hat sich das sehr geändert, und sein Karakter hat sich nun zu seinem Vortheil fast ganz entwickelt. Er ist würdig sich an die Reihe grosser Regenten anzuschliessen, die seit hundert Jahren durch ein Wunder, von welchem die Geschichte kein Beyspiel hat, den preußischen Staat fast aus nichts zu einem der förchterlichsten Staaten von Europa gebildet haben. Nichts als ein kleiner Zug von Prachtliebe und zu wenig eingeschränkter Freygebigkeit macht den preußischen Patrioten nach dem Tod des jetzigen grossen Regenten eine Aendrung beförchten. Es ist wahr, dieser Fehler kann für die preußische Monarchie, die bloß auf Simplicität und Sparsamkeit gebaut ist und keine andre Stärke hat als ihre strenge Oekonomie, unter allen der verderblichste seyn. Allein der König, welcher dieses besser einsieht, als irgend ein anderer, und von jeher für den Prinzen und sein Land ein sorgfältigerer Vater war, als der oben berührte Journalist wähnt, ließ denselben auch einigemal schon das Unangenehme fühlen, welches eine Folge unökonomischer Grundsätze ist, und wenn der Prinz auch nicht mehr bey Lebzeiten seines hohen Onkels das Sistem der Sparsamkeit desselben annehmen sollte, so wird nach seiner Thronbesteigung ein halbes Jahr hinreichend seyn, ihn zu überzeugen, daß er es annehmen müsse. Der preußische Staat ist ein Uhrwerk, welches stille steht, sobald nur ein Zahn eines Rädchens fehlt, und der Prinz hat Klugheit, Thätigkeit und Ehrgefühl genug, um den bündigen Lehren der Erfahrung Gehör zu geben und seinen Staat durch seine Indolenz nicht sinken zu lassen. Die Einkünfte der Prinzen und Prinzeßinnen von Preussen sind eben so eingeschränkt nicht, als man glaubt. Jeder Prinz hat, wenn er majorenn majorenn – volljährig, mündig ist, 50.000 Thaler Appanage, und die Brüder des Königs haben so wie der Erbprinz, nebstdem noch sehr beträchtliche Einkünfte von Gütern und Stellen. Der Prinz Heinrich kömmt beynahe auf 400.000 und der Erbprinz auf ohngefähr 350.000 Livres zu stehn – Beyde reichen das Jahr durch mit ihren Einkünften nicht aus. Der König versagt ihnen im Nothfall seine Hülfe so wenig, als seine brüderlichen und väterlichen Ermahnungen – Ueberhaupt ist es seine Art, bey Geldauslagen Bemerkungen zu machen und Ermahnungen und Verweise zu geben. Demungeachtet zahlt niemand richtiger als er, und man hat kein Beyspiel, daß er an einer gewissenhaften Rechnung nur einen Kreutzer abgezogen hätte. Ich muß dir noch einige Karakterzüge des Königs mittheilen, der von vielen so sehr verkennt wird. Ich will keine der Anekdoten wiederholen, die häufig von ihm bekannt sind, und ihm als Regenten und Privatmann so viel Ehre machen als seine Kriegesthaten. Was ich dir zu sagen habe, betrift sein Betragen gegen Leute, mit welchen er unzufrieden seyn könnte, welches seine gemäßigte, und undespotische Denkensart am besten an den Tag legt; und dann seine genaue Kenntniß des Zustandes aller europäischen Staaten und seinen durchdringenden Blik in die Kabinette der verschiedenen Mächte. Ich kenne 2 Leuthe, die eine Zeit lang vom König zu wichtigen Staatsgeschäften gebraucht wurden. Beyde sind Avanturiers Avanturiers – aventurier: franz. Projektemacher, Glücksritter, Abenteurer von der ersten Klasse. Der eine hat einiges Talent, welches aber mehr blendenden Glanz als ächten Gehalt hat, weil seine Kenntnisse zu sehr auf sein Fach eingeschränkt sind, und er die Verbindung desselben mit andern politischen Gegenständen gar nicht kennt. Der andre hielt die Hände nicht rein genug, wozu ihn mehr sein Hang zu Ausschweifungen, als sein Eigennutz oder eine schändliche Gewohnheit verleitete. Beyde setzten den König in beträchtlichen Schaden. Sie bekamen von der dritten Hand einen Wink, und entfernten sich – zu verschiedenen Zeiten – von Berlin. Die Sache hatte weiter kein Aufsehen gemacht. Es fügte sich nachher, daß beyde, der eine an der Ostsee, und der andre am Niederrhein, dem König Dienste thun konnten. Alle Leute, die ehedem mit dem König in einiger Verbindung gestanden sind, wenn sie auch Beschwerden gegen ihn zu haben glauben, behalten immer noch einen Diensteifer für ihn in ihrem Busen, der mehr als irgend etwas anders beweißt, daß der König das Gerade und die Billigkeit liebt, und veste Grundsätze hat, die alle Menschen, welche ihn umgeben, gegen willkürliche und gewaltthätige Verfügungen, gegen sultanische Launen und fürstliche Possen sicher setzen. Der nämliche Diensteifer, der mehr eine Folge wahrer Hochachtung und Zuneigung als des Eigennutzes ist, bewegte die 2 Flüchtlinge, an den König zu schreiben, und ihm von der Lage der Dinge Nachricht zu geben, worinn sie ihm dienen könnten. Dieß geschah immer zu sehr verschiedenen Zeiten, und ihre Umstände hatten gar keine Verbindung mit einander. Der König nahm ihr Anerbieten an, belohnte sie nach dem Maaß ihrer Dienste, und ob er schon mehrere Briefe, wovon ich einige gesehen, mit eigenhändiger Unterschrift ihnen zuschikte, so berührte er doch ihre ehemalige Aufführung in seinen Diensten mit keinem Wort. In mehr als einem Brief waren offenbare Spuren, daß er es aufs sorgfältigste auswich, sie auch nur in der größten Ferne an das Vergangene zu erinnern. Noch mehr; Der Eine von ihnen ist seit 3 Jahren wieder hier, und hat mehrmalen die Ehre gehabt, den König mündlich zu sprechen, ohne daß er nur einen zweydeutigen Wink auf seine alte Geschichte bekommen hätte. Einige Anekdoten, die man mir hier für zuverläßig gab, und die ich mich nicht erinnere, gedrukt gelesen zu haben, beweisen, daß dieß Betragen des Königs gegen die zwey besagten Avanturiers keine Folge von dem Eigennutz desselben war, sondern auf Grundsätzen beruht, die er gegen jedermann beobachtet – Der Minister ** war im letzten slesischen Krieg Major. Da er ungemein grosse militärische Talente hatte, so gab ihn der König dem General Hilsen, der brav wie sein Degen, aber kein Denker war, auf einige der wichtigsten Expeditionen zum Adjutanten. Der König gebraucht zu gewissen Operationen gerne Leute mit eisernen Köpfen, die anrennen ohne zu beförchten, sich ein Loch in die Stirne zu stossen; aber dann steht sicher ein Adjutant hinter ihnen, der ihnen die Direktion Direktion – Richtung giebt. Der Major that seine Schuldigkeit, und der König war so wohl mit ihm zufrieden, daß er sich schnelle Beförderung versprach. Diese erfolgte aber nicht. Der Herr Major hatte zu viel Saltz in seinem Humor, und machte einige sehr beissende Bemerkungen über die Kriegsoperationen des Königs. Dieser erfuhr es, und begnügte sich damit, seinen dreisten Rezensenten wissen zu lassen, »daß er ein naseweises Herrchen wäre.« Der Major glaubte, es wäre nun um seine Promotion Promotion – Beförderung gänzlich geschehen, setzte sich in einer Provinzialstadt in Ruhe, und philosophirte wie ein förmlich Disgrazirter. Disgrazirter – Disgrazierter: ein in Ungnade Gefallener Der König fieng nach einiger Zeit an, sich um denselben zu erkundigen. Man sagte ihm, er studiere zu seinem Vergnügen die Politik, die Finanzwissenschaften u. dgl. m. Der König ließ es noch einige Zeit gut seyn; als er ihn aber reif zu seyn glaubte, beförderte er ihn zu einer der ansehnlichsten Stellen in der Provinz, und da er sich allda durch seine Verdienste sehr auszeichnete, ward er endlich gar ins Ministerium gerufen. Nie wurde er nur in der größten Ferne daran erinnert, was zwischen ihm und dem König ehedem vorgefallen – Quintus Icilius ward einst wegen einem seiner Werke von jemand in einer Schrift erbärmlich mitgenommen. Er wollte einige Zeit hernach wieder etwas unter die Presse geben, und bath den König deswegen um Erlaubniß. »Ich habe nichts dawider«, antwortete Se. Majestät. Sie müssen Herrn N – Ihren Rezensenten um Erlaubniß fragen«! Das wurmte dem Quintus Icilius. Authorstolz war seine schwache Seite. Aus einer kleinen Rachsucht blieb er einige Abend aus der gewöhnlichen und alltäglichen Gesellschaft des Königs. Als der König glaubte, sein Authorzorn werde sich gelegt haben, ließ er ihm sagen; »Er habe mit Vergnügen vernommen, seine Unpäßlichkeit wäre vorüber, und er erwarte ihn deßwegen diesen Abend zur gewöhnlichen Stunde« Quintus fand sich ein, und kein Blick, keine Miene, keine Frage setzte ihn in Verlegenheit. Der König kam derselben mit Leitung eines Gespräches auf gleichgiltige Gegenstände und mit einer Artigkeit zuvor, die einem Partikulier Partikulier – Partikülier: Privatmann Ehre machen würde, und die nur einem grossen Menschenkenner, Menschenfreund und Weltmann eigen ist. Man hat noch sehr viele Züge von der Art, welche beweisen, wie unsultanisch der König von Preussen denkt und handelt. Indessen die preußische Regierung so allgemein verkannt wird, indessen auch diejenigen Höfe, welche die Anstalten Friedrichs aufs genauste nachzuahmen suchen, doch nie in den Geist seiner Staatsverwaltung eindringen, und gemeiniglich das für den Endzweck halten, was bey ihm nur Mittel ist, oder auch wegen Mangel an durchgedachten Grundsätzen grade das, was das Einfachste und Offenste in seiner Regierung ist, als eine künstliche und geheimnißvolle Täuscherey betrachten; indessen die Regenten Europens noch nicht einmal dazu aufgelegt sind, Friedrichs Regierungssystem kennen zu lernen, ist Er mit der Verfassung, Verwaltung und den äussern Angelegenheiten auch der kleinern europäischen Staaten aufs genauste bekannt. Er kennt Frankreich vielleicht besser als unser ganzes Ministerium. Ich bin von guter Hand versichert worden, er habe 4 Personen in verschiedenen Gegenden unsers Vaterlandes einige Jahre lang reisen lassen, um genaue Kundschaft von der Bevölkerung, dem Anbau, dem Ertrag und besonders von den Manufakturen unserer Provinzen einzuziehn. Gewiß weiß ich, daß er auf diese Art die östreichischen Provinzen besser kennen lernte, als man sie zu Wien selbst kennt. Die Anekdote vom König in dem Discours préliminaire Discours préliminaire – Vorrede des Buches Grande tactique \& Manœuvres des Guerre suivant les principes de sa Majesté Prussienne \&c. Grande tactique \& ... – Über das Wesen der Kriegskunst gemäß den Prinzipien seiner preußischen Majestät wo sein Gesandter zu Paris, Lord Marschall, unserm Minister der auswärtigen Geschäfte über den Zustand Rußlands die Augen öffnen sollte, aber wegen der Dicke des Staares Staar – Star: die Augenkrankheit, Jeremia 5.21 »Hört zu, ihr tolles Volk, das keinen Verstand hat, die da Augen haben und sehen nicht, Ohren haben und hören nicht!« nicht konnte, hat ihre völlige Richtigkeit. Unser Ministerium hätte von dem König von Preussen noch öfters zu unserm Nutzen können belehrt werden, wenn es seine Präsumtion Präsumtion – Voraussetzung, Annahme, hier: Vorurteil nicht ganz ungelehrig machte. Die Emissärs, Emissär – Abgesandter welche er zur Auskundschaftung der geheimen Kabinetsverhandlungen der europäischen Höfe gebraucht, erlauben sich freylich öfters Mittel und Wege, wobey die Ehrlichkeit zu kurz kömmt. Als die Theilung von Polen projektirt war, wurden die Papiere eines Geheimnißschreibers eines gewissen Kabinets auf eine Art kopirt, wobey die Freundschaft aufs äusserste geschändet, und eine Dreistigkeit gebraucht worden, die fast allen Glauben übersteigt. Allein diese Spionenkünste erlauben sich alle europäischen Höfe; nur ist keiner so glücklich damit als der preußische, weil keiner überhaupt so getreu und fleißig bedient wird, wie er. Die Geschäftigkeit, Treue und Verschwiegenheit, womit sie betrieben werden, sind die Ursachen, warum die preußischen Gesandten an allen Höfen so kurze Prozesse zu machen pflegen, und gemeiniglich schon das Resultat hinwerfen, wenn andre erst zu räsoniren, zu kombiniren und sondiren anfangen. Das Kabinet, welches etwas von Wichtigkeit, wobey der König von Preussen nur einiger Massen intereßirt ist, ohne Wissen desselben zu verhandeln glaubte, ist betrogen. Auch bey der jetzigen Unterhandlung der Höfe von Petersburg und Wien in Betreff der Pforte hat der König einige Federn springen lassen, welche ihm die Kabinette beider Mächte ziemlich weit öffneten – Er sagte den Jesuiten zwey Jahre ihren Fall voraus; ihren Fall voraus – nachdem die Jesuiten das große Erdbeben von Lissabon von 1755 als Gottes Strafe für die Gottlosigkeit der portugiesischen Regierung bezeichnet hatten und 1758 ein Attentat auf den König stattfand, wurde der Orden 1759 in Portugal verboten. (Auf der offiziellen Homepage des Ordens wird das als »Verfolgung des Ordens im 18. Jahrhundert« bezeichnet.) Es folgten Verbote in weiteren Ländern und 1773 wurde er durch den Papst aufgehoben. aber sie glaubten ihm nicht, weil sie sich für grössere Propheten hielten. Zuverläßig beruht Preussens Stärke zum Theil auf der deutlichen Kenntniß seiner eignen Kräfte und jener seiner Rivalen. Der Vortheil ist doppelt wichtig, da die Begriffe der letztern eben so verworren und unvollständig, als jene des Königs und seiner Minister deutlich und präzis sind. Verwirrung der Begriffe ist die Mutter des blendenden Stolzes, welcher uns zu dem größten politischen Fehler verführt, und uns unsere Feinde zu unserm grossen Schaden verachten macht. Diese Blendung hat Oestreich um Slesien und Großbrittanien um Amerika gebracht, wie der König von Preussen öfters selbst bemerkt hat. Er ist sicher, nie in diese Grube zu fallen; denn seine Eigenliebe blendet ihn nicht. In den preußischen und östreichischen Staatsschriften herrschte bisher ein merkwürdiger Kontrast. Diese suchen auf alle Art und öfters auch offenbar gegen ihr eignes besseres Wissen ihre Macht mit Posaunentönen zu vergrössern und den preußischen Staat zu verkleinern. Jene hingegen reden sogar im Krieg mit Hochachtung von Oestreichs Macht, und bis itzt hat man noch kein Beyspiel, daß ein Preusse in einer öffentlichen Schrift sich Mühe gegeben hätte, die Stärke seines Vaterlandes zu vergrössern. Alles, was inländische Schriftsteller hierüber gesagt haben, beruht auf Rechnungen und Thatsachen, ohne Pauken und Trompeten. Ein stark unterscheidender Karakterzug beyder Nationen. Während daß im bayrischen Krieg vor einigen Jahren die östreichischen Staatsmänner behaupteten, »der König von Preussen müsse nothwendiger weise Krieg anfangen, um seine Soldaten, für die er weder Geld noch Brod mehr hätte, nicht Hungers sterben zu lassen«, sagten die preußischen Minister in den öffentlichen Staatsschriften: »Es wäre unbegreiflich, wie sich ein so grosses und mächtiges Haus, als das östreichische, bey seiner gewaltigen Ueberlegenheit über seine Nachbarn und seiner so hochgepriesenen Großmuth auf Kosten eines alten und ihm so wenig förchterlichen deutschen Hauses zu vergrössern suchen könnte« – Mit einem Wort, der preußische Staat wird durch Ueberzeugung, und der größte Theil der übrigen Welt durch Wahn regiert. Sechs und fünfzigster Brief. Hamburg – Der Körper, lieber Bruder, befindet sich durchaus in Norddeutschland grade um so viel schlechter, als sich der Geist überhaupt besser befindet, dann in Süddeutschland. Jenseits des Erzgebürges sind die Wirthshäuser, Strassen, Postwägen und alle Dinge, die auf den Thiermenschen wirken, in dem besten Zustand. Diesseits des Erzgebirges sind die Wirthshäuser auf dem Lande nicht viel besser als die spanischen. Die Strassen sind wie die hungarschen, und anstatt der Postkutschen hat man hier eine Art grosser und plumper Bauernwagen, ohne Dach und Fach, worauf sich die Passagiers aufs Stroh hinlegen, wie die Schweine, und allem Ungemach der Witterung ausgesetzt sind. Dagegen findet man hier überall die besten Gesellschaften, fast in jeder noch so kleinen Stadt einige merkwürdige Fabriken, Sammlungen von Kunstsachen, Bibliotheken, Mäurerlogen, u. dgl. m. und fast jeder Landpfarrer hat hier mehr Welt= und Menschenkenntniß, als mancher Hofmann in Süddeutschland. Die Natur hat im physischen Betracht beyde Hälften Germaniens schon sehr verschieden gemacht. Sachsen, welches der beste Theil vom nördlichen Deutschland ist, kömmt in Rücksicht auf natürliche Fruchtbarkeit doch mit Böhmen, Oestreich, Bayern und Schwaben in keinen Vergleich, und der Boden von Brandenburg, Pommern und Meklenburg hat nicht halb soviel natürlichen Werth, als der von Süddeutschland in gleicher Grösse. Das Herzogthum Meklenburg ist ohngefähr so groß als das Herzogthum Würtemberg. Dieses zählt 560.000 Einwohner, und trägt seinem Fürsten beynahe 2 Millionen Reichsthaler ein, da jenes kaum 220.000 Menschen enthält, und nicht viel über 400.000 Reichsthaler abwirft, wovon die Schwerinische Linie der Herzoge drey, und die Strelitzische Ein Viertel zieht. Bey der so ungleich stärkeren Bevölkerung könnte das Würtembergische doch noch sehr gemächlich alle Einwohner Meklenburgs mit seinem Ueberfluß ernähren. Wenn man einen Kalkul machte, so würde sich finden, daß das Herzogthum Würtemberg fünf bis sechsmal so viel natürlichen Werth hat als das Meklenburgische, ungeachtet der vortheilhaftern Lage des letztern an der See. Im malerischen Betracht ist das Meklenburgische schöner und mannichfaltiger als die Mark Brandenburg, ob man schon in beyden Ländern keine eigentlichen Berge zu Gesicht bekömmt; denn die Dinge, welche man in diesem ganzen Strich mit dem Titel von Gebirgen beehrt, sind im Vergleich mit wahren Gebirgen nur Maulwurfhaufen. Unterdessen sah ich doch in Meklenburg einige sehr reitzende Landschaften, wo sanfte mit mannichfaltigem Gehölze bekränzte Hügel, wogigte und mit Getraide vergoldete Anhöhen und prächtige Wiesen mit einigen Bauernhütten rings um einen kleinen See her, ein vortrefliches Gemählde ausmachten. Die meklenburgischen Bauern sind ein schöner und starker Schlag Menschen. Ihr lockigtes und blondes Haar erinnert den Reisenden an die alten Germanier, die dem römischen Luxus ehedem die auream caesariem auream caesariem – blondes Haar, ein wichtiger Exportartikel der Germanen, besonders begehrt war Frauenhaar lieferten, welche auf dem Kopf eines dünnbeinigten, bleichgelben und hustenden jungen Senators oder einer hohlaugigten Liebhaberin der Thiere mit den langen Ohren, Liebhaberin der Thiere mit den langen Ohren – eine Sodomitin wofür Juvenal einen Theil der Damen seiner Zeit ausgiebt, die größte Satyre auf das Verderben Roms in den Augen des Denkers seyn mußte. Alle Bauern in Meklenburg sind zwar Leibeigne; allein ihr Schiksal ist eben so hart nicht, weil der Adel menschlich, aufgeklärt und sehr gesittet ist. Dieser genießt nebst den Bürgern einiger Städte hier eine Freyheit, die er schon vor langer Zeit im ganzen übrigen Deutschland verloren hat. Die Herzoge von Meklenburg nebst dem Kurfürsten von Sachsen sind die eingeschränktesten Fürsten des Reiches, und keine Reichshofrathsreskripte, Reskript – amtliche Verfügung, Erlaß die sie in den vielen Streitigkeiten mit ihren Landständen schon ausgewirkt haben, konnten bisher noch den Adel demüthigen, der seine Eifersucht auf die Gewalt der Regenten oft bis ins Lächerliche treibt. Die Herzoge erhielten durch den Teschner Friedensschluß Teschner Friede – beendete 1779 den Bayrischen Erbfolgekrieg zur Befriedigung ihrer Ansprüche auf die Landgrafschaft Leuchtenberg das sogenannte lus de non appellando us de non appellando – Recht der letzten Instanz oder das Recht, kraft dessen keine Streitigkeit von ihren Gerichten an die Reichstribunalien Reichstribunal – höherstehendes Reichsgericht gezogen werden kann. Sie glaubten nun, ein entscheidendes Uebergewicht über ihre Landstände zu haben; allein diese protestirten gegen dieses Privilegium, weil dadurch ihre Freyheiten vernichtet würden, und die Sache ist noch nicht ausgemacht. Wahrscheinlicher Weise werden sich die Herzoge im Besitz eines Rechtes erhalten, welches ausser den Kurfürsten wenige andre Reichsstände besitzen, und dadurch eine vollkommne Souveränität in ihren Landen erhalten. Wenn ich Euch Leuten in der grossen Welt sage, daß man an der Loknitz, Stör, Reknitz, Warne und an andern Flüssen, die ihr in euerm Leben nicht habt nennen gehört und die nichts desto weniger so gut als die Somme, Schelde, Sambre u. s. w., und zum Theil auch schiffbare Flüsse sind, sehr gute Gesellschaften findet, so sprecht ihr einstimmig das Urtheil, mein Geschmak sey durch die grobe deutsche Luft verdorben worden. Unterdessen versichre ich Euch, Ihr würdet die Gesellschaft selbst gut heissen, wenn ihr auch, warm in Euern Betten parfümirt, und wohl eingeschlossen in Euern Kabinetchen durch den Schlag eines magischen Stabes in einen Zirkel von meklenburgischem Adel versetzt würdet, ohne nur ein Drachma Drachma – antikes Gewicht, etwa 5 g deutsche Luft unterwegs einzuathmen, und wenn ihr auch gleich keine Academiciens, Academicien – Akademiemitglied keine Abbes, keine Virtuosen, keine Journalisten, keine Komödianten und keine von den Personen findet, welche Ihr zur Würze Eurer Gesellschaften braucht. Die Natur, der gesunde Menschenverstand und die reine Gutherzigkeit geben dem Umgang hier eine kräftigere und nahrhaftere Zubereitung, als Eure Histoires und Anekdotes du jour, Histoires ... – Geschichten und Anekdoten vom Tage Eure Komödien, fliegende Broschüren und alle Eure künstlichen Brühen, worunter ihr auch so viel Assa fötida Assa fötida – Asa foetida: Heilpflanze (Doldengewächs), riecht und schmeckt widerlich zu mischen pflegt. Geselliger und gastfreyer fand ich noch keinen Adel, als den von Meklenburg, besonders in und um Güstrow. Er ist auch mit der feinen Lebensart und der grossen Welt so unbekannt nicht, als Ihr wohl wähnt. Die Tafeln sind hier vortreflich besetzt, und man findet viele Leute mitunter, die eine grosse praktische Kenntniß vom Hofleben haben. Die Litteratur ist durch alle Stände, die über dem Pöbel sind, ausgebreitet. Die Frauen wissen nichts davon, was Ton geben heißt. Sie haben nichts von dem Vordringlichen und Herrischen, und auch nichts von Eroberungssucht unserer Landsmänninnen. Sie sind sanft, nachgiebig gegen ihre Gatten, still und züchtig. Allein alles, was sie reden, ist so naiv und so herzig, daß mir der Witz unserer berühmtesten Gesellschafterinnen im Kontrast damit anekeln würde. Ich fand es sehr natürlich, daß ich auf meinen deutschen Reisen durchaus sehr viel von dem jetzigen Krieg der jetzige Krieg – der amerikanische Unabhängigkeitskrieg sprechen hörte. Die Nation nimmt wenigstens in Rücksicht auf ihre Miethtruppen Miethtruppen – die deutschen Fürsten verkauften dem englischen König 30.000 Soldaten. Vgl. »Kammerdienerszene« in »Kabale und Liebe« von Schiller einigen Theil daran, und da sie seit einem Jahrhundert der Mittelpunkt aller europäischen Kriege war und überhaupt sehr kriegerisch ist, so wundert es mich eben nicht, daß über hundert inländische Zeitungen kaum hinreichend sind, ihren Hunger nach Kriegsneuigkeiten zu stillen. Unerklärlich ist mir aber die große Partheylichkeit der Deutschen für die Engländer. Unter hundert Deutschen findest du kaum Einen, der unsre Parthey nimmt. Besonders sind die Meklenburger bis zur Schwärmerey für die Britten eingenommen. Ich war an vielen Orten, wo man kleine gesellschaftliche Feste giebt, wenn die Göttin mit den zwo Trompeten, Göttin mit den zwo Trompeten – Fama, die antike Göttin des Gerüchts one before and one behind, one before and ... –ob sie »eine Trompete zuvor und die andere danach« bläst, wissen wir nicht ein den Engländern günstiges Gerüchte verbreitet. Man findet etwas grosses in den Thaten und dem Karakter der Britten, welches man auf unsre Kosten bis zur Abgötterey verehrt und bewundert. Auch ausser den Kriegsoperationen sind die Deutschen bis zur Ausschweifung gegen uns unbillig. Man hält unsre Regierung für die Quintessenz des Despotismus, und uns überhaupt für ein tükisches und betrügerisches Volk, da wir doch Bonhommie Bonhommie – Bonhomie: Gutmütigkeit und Offenherzigkeit für unsre Hauptnationaltugenden halten, die uns auch viele Ausländer zugestanden haben. Die Projekteurs und Avanturiers, welche Frankreich ausgeworfen hat, und die in Deutschland ihr Glück zu machen suchten, mögen das meiste zu diesem Vorurtheil beygetragen haben. Ich könnte es den Deutschen nicht verzeihen, unsre ganze Nation nach diesem Auswurf so einseitig zu beurtheilen, wenn ich nicht wüßte, daß man bey uns ebenso ungerecht gegen sie ist, und den Baron, der mit seinem bordirten Rok und seiner bordirten Weste in Paris manchmal eine drolligte Figur spielt, als das Muster vom deutschen Adel betrachtet. Die Nationen müssen überhaupt einander viel verzeihen, und es ist auch sehr leicht zu verzeihen, wenn die Vorurtheile dieser Art wie in Frankreich und Deutschland, den Individuis unschädlich sind, so sehr auch die Nationalehre darunter leiden mag. In England, Holland und einigen andern Ländern haben sie für den Partikularen öfters schlimme Folgen, und dieß ist unverzeihlich. Der erste Anblick des Innern der Reichs= und Hansestadt Hamburg ist sehr eckelhaft und abschrekend. Die meisten Strassen sind enge, dumpfigt und schwarz, und das gemeine Volk, welches sie durchwühlt, ist grob, wild und im ganzen auch nicht sehr reinlich. Sobald man aber in einigen der bessern Häuser bekannt ist, bekömmt man einen vortheilhaftern Begriff von der Stadt. In den Häusern der reichern Kaufleute herrscht Gemächlichkeit, Reinlichkeit, Pracht und zum Theil auch Verschwendung. Die Hamburger sind die ersten Protestanten, die ich sah, welche im Essen und Trinken gut Deutschkatholisch geblieben sind. Ihre Tafeln übertreffen noch jene der Wiener, Grätzer, Prager und Mönchner, und vielleicht wird nirgends in der Welt so viel auf den sinnlichen Geschmak raffinirt, raffinirt – abgeleitet von Raffinement: durch Geschicklichkeit erreichte höchste Verfeinerung als hier. Die Gärtnerey ist in wenig Städten Deutschlands so blühend als hier, und doch begnügt man sich nicht mit den vortreflichen Zugemüsen, welche der vaterländische Boden liefert, sondern beschreibt sich manche Gattungen derselben aus England, Holland und einigen Gegenden Deutschlands, bloß weil die Mode den ausländischen Gewächsen einen Vorzug beygelegt hat. Aus Norden, Osten, Süden und Westen treibt man alles zusammen, was nur jedes Land Eigenes und Kostbares für den Tisch hat. Es würde deinen Glauben übersteigen, wenn ich dir ein vollständiges und getreues Gemählde von der hiesigen häuslichen Lebensart machte. Du kannst dir einigen Begriff davon machen, wenn ich dir sage, daß man in den guten Häusern hier zu jeder Speise einen besondern Wein giebt. Nach der hier allgemein herrschenden Grundlehre des Essens und Trinkens hat der Burgunder, der Schampagner, der Malaga=Porto=Madera=Rhein= und Moselwein, jeder seine besonders angewiesene Speise, auf welche er paßt, und so wie die Tracht kömmt, für welche die Natur nach dem Ausspruch des weisen Hamburgers diese oder jene Gattung Wein geschaffen hat, so werden frische Gläser mit der gehörigen Sorte gekredenzt. Zu jungen grünen Bohnen die Schüssel oft für einen Dukaten, mit neuen Häringen das Stück oft um Einen Gulden, trinkt der Hamburger gewiß keinen andern als Malagawein, und zu neuen grünen Erbsen ist der Burgunder das anständige Vehikulum. Austern müssen notwendiger weise im Schampagner schwimmen, und ihre köstlichen gesalzenen Fleische werden bloß mit Porto oder Maderawein konvoyiert. konvoyiren – begleiten Du must nicht glauben, dieß geschehe bloß bey Feyerlichkeiten. Nein; es ist die alltägliche Art der hiesigen Reichen. Die ganze übrige Lebensart stimmt mit diesem Geschmack überein. Ich mußte schon einige Besuche in den Landhäusern vor der Stadt machen, die unzälig sind. Equipage, Meublen, Spieltische, kurz, alles entsprach dem Reichthum der Tafel. Eine gewöhnliche Gesellschaft von Leuten von Stand zu Paris ist selten glänzender, als die hiesigen Partheyen in den Sommerhäusern sind, und schwerlich wird in Paris im Ganzen so hoch gespielt, als hier. Häuser, die jährlich 20 bis 30 tausend Livres verzehren, gehören noch unter die mittelmäßigen, und wenn sich gleich die Familien bloß durch ihre Industrie erhalten müssen, und fast gar kein Adel hier ist, der seine gewissen Revenüen von liegenden Gründen hat, so sind doch der Häuser, die 40, 50 bis 60 tausend Livres zu ihrer Wirthschaft brauchen, sehr viele. Bey dem Hang zur Sinnlichkeit vernachläßigt man aber hier doch den Geist nicht, wie in Süddeutschland. Die Hamburger von der höhern Klasse sind noch munterer, geselliger, gesprächiger und wiziger als die Sachsen. Man findet hier viele Gelehrte vom ersten Rang. Besonders steht hier die Naturgeschichte Naturgeschichte – Naturkunde in großer Achtung, wie denn auch ein Hamburger dem Ritter Linne Linne – Carl von Linné, schwedischer Naturwissenschaftler, entwickelte die moderne biologische Systematik, † 1778 die Grundidee zu seinem Natursistem gegeben hat. Da viele der hiesigen jungen Leute, meistens des Handels wegen auf einige Zeit nach London, Petersburg, Bordeaux, Kadix und nach andern Seeplätzen gehn, wo sich Aeste von hiesigen Handelshäusern angepflanzt haben, so trift jeder Fremde hier Leute an, die mit seinem Vaterland bekannt sind. Ueberhaupt reisen die Hamburger viel, welches die hiesigen Gesellschaften besonders lebhaft und unterhaltend macht. Das hiesige Frauenzimmer ist schön, artig, und freyer im Umgang, als es in protestantischen Städten gemeiniglich zu seyn pflegt. Ueberhaupt herrscht hier eine Lebhaftigkeit, die man so tief in Norden nicht suchen sollte, und welche mit den holländischen Handelsplätzen stark absticht. Ohne Zweifel trägt die gute Tafel das meiste dazu bey. Eine dieser Stadt ganz eigne Belustigungsart bietet der Alsterfluß dar. Er fließt von Norden fast mitten durch die Stadt, und bildet in derselben einen See, der wohl seine 1000 Schritte im Umfang haben mag. An den jetzigen schönen Sommerabenden ist dieser See fast ganz mit einer Art Gondeln bedekt, die aber nicht so traurig aussehn als die venetianischen. Man speißt Familien= und Parthienweise fahrend in diesen Gondeln mit der gewöhnlichen Niedlichkeit der Hamburger zu Nacht, und ein mit Musik beseztes Fahrzeug schlängelt sich öfters durch die gedrängte Reihen dieser Gondeln durch. Das Ganze hat eine unbeschreiblich gute Wirkung, besonders da nahe bey dem See ein öffentlicher, starkbesuchter Spazierplatz ist, dessen Lebhaftigkeit jene des Sees noch sehr erhebt. Nahe über der Stadt liegen an der Elbe einige Dörfer, die vier Lande genannt, die im Sommer auch ein besonderer Tummelplatz des öffentlichen Vergnügens sind. Die Bauern dieser Dörfer sind sehr wohlhabend, und ziehn durch ihre vortreflichen Gemüse, besonders ihre berühmten grünen Erbsen, eine unglaubliche Summe Geldes aus der so lekerhaften Stadt. Täglich findet man im Sommer Lustparthien von Stadtleuten in diesen Dörfern, wo eben so viel Reinlichkeit als Ueberfluß im Essen und Trinken herrscht. Die unvergleichlich schönen Bauernmädchen, deren Kleidung die schönste ist, die ich je unter Landmädchen gesehn, locken auf Kosten ihrer Unschuld, die jungen Herren schwarmweise aus der Stadt, von denen sich mancher auch auf einige Wochen unter dem Vorwand einer Milchkur in einem der Dörfer einquartirt, um seiner Liebe nachhängen zu können. Läßt dieselbe sichtbare Spuren zurück, so haben die Bordels und die Zuchthäuser der Stadt eine neue Acquisition Acquisition – Akquisition: Erwerbung gemacht, die sie immer wechselsweis einander abtreten, bis die Waare ins Hospital muß. Diese sogenannten vier Lande liefern der Stadt nebst den Zugemüsen, der Butter, Milch, den Heu u. dgl. m. auch die meisten Freudenmädchen und die meisten öffentlichen Spinnerinnen. – Das hart an der Stadt gelegene Altona bietet den Hamburgern noch unzälige Gelegenheiten sich zu belustigen dar. Der König von Dänemark, welcher diesen Ort aus Eifersucht auf Hamburg auf alle Art blühend zu machen sucht, scheint den Bordels und Wirthshäusern dieser Stadt eben so viel Abbruch, als der Handlung derselben thun zu wollen. Durch seine Bemühungen ist Altona wirklich in kurzer Zeit aus einem Dorf eine Stadt von ohngefähr 35.000 Einwohner geworden, unter denen aber freylich sehr viel Gesindel ist. Die Gegend um Hamburg ist sehr reitzend, ob sie schon eben ist. Der mannichfaltige und fleißige Anbau giebt sehr viel Leben. Das meiste trägt aber das Gewässer zu ihrer Schönheit bey. Der Fluß, welcher der Stadt unsägliche Vortheile verschaft, und den sie als die äusserste Zollstadt größtentheils beherrscht, hat vor derselben 7/4 [¼?] Stunden in der Breite, und bildet verschiedene Inseln, auf welche man auch häufige Lustparthien macht. Der Anblik dieses mächtigen, starkbeschiften und zum Theil mit schattigten Inseln bedeckten Stromes hat viel Majestät. Ungeachtet des vielen Gewässers und der tiefen Lage der Stadt ist die Luft hier doch sehr gut, weil sie immerfort und von allen Seiten von starken Winden gereinigt wird. Der Nordwestwind ist der Stadt sehr gefährlich. Er hemmt den Ausflug des Stromes, und verursacht ungeheure Ueberschwemmungen, welche oft den untern Theil der meisten Häuser mit Wasser anfüllen, und auf dem Lande umher unbeschreibliche Verheerungen anrichten. Sieben und fünfzigster Brief. Hamburg – Hamburg ist ohne Vergleich die blühendste Handelsstadt in Deutschland. Ausser London und Amsterdam ist schwerlich ein Handelsplatz in Europa, wo man immerfort so viele Schiffe sieht, als hier. Das hiesige Gewerbe beruht freylich größtentheils nur auf Kommißionen und Speditionen, allein der eigenthümliche und solide Handel der Einwohner ist daneben doch auch sehr beträchtlich. Spanien und Frankreich sind für den hiesigen Handel die wichtigsten Länder, besonders ist das Verkehr mit dem ersten Reiche sehr vortheilhaft für die hiesigen Kaufleute. Hamburg versah Spanien bis hieher größtentheils mit Leinwand, und lieferte ihm auch eine ungeheure Menge Eisen, Kupfer und andre nordische Artickel. Die Preussen, Dänen, Schweden und Russen geben sich zwar alle Mühe, ihre Produkten selbst den Spaniern zuführen zu können; allein es hält schwer, die Handlung aus einem alten Gang zu bringen, und viele Kaufleute in Norden finden den Zwischenhandel der Hamburger zu gemächlich und zum Theil auch zu vortheilhaft für sich, als daß diese in Gefahr stünden, diesen Handlungskanal ganz zu verlieren. Die Remessen Remesse – Rimesse: Geld oder Wertpapiere zur Bezahlung gelieferter Waren im Wechselgeschäft bleiben zu lange aus Cadix aus, und wenn eine Nation nicht durch den Waarentausch sich immerfort bezahlt macht, so ist der Handel mit Spanien sehr beschwerlich. Nun ist aber Hamburg immerfort an Spanien schuldig, oder es bezieht allzeit mehr Waaren aus diesem Reiche, als es demselben liefern kann (die Kriegszeiten ausgenommen, wo die Schiffbaumaterialien, Munition u. dgl. m. einen Unterschied machen). Es ist also sehr natürlich, daß ein Theil der nordischen Ausfuhr leichter durch die Hände der Hamburger geht, die ordentlich und geschwinde bezahlen können, dahingegen das Abwarten der Schiffe von Havanah, welche die Seele des ganzen spanischen Handels sind, oft den nordischen Kaufmann in Verlegenheit setzt. Zuckerrohr ist der Hauptartickel, Zuckerrohr ist der Hauptartickel – seltsamerweise wird der Rohstoff importiert und die Zuckergewinnung erfolgt hier den Hamburg aus Spanien zieht und womit es ungeheure Summen gewinnt. Keine Nation hat es bisher den Hamburgern im Zuckersieden und raffiniren zuvorthun können, und der Handel mit diesem Artickel erstreckt sich durch ganz Deutschland, Polen und einen grossen Theil der Nordländer. Weine, Salz, Baumwolle, Früchte u. s. w. sind ebenfalls sehr wichtige Artickel, die Hamburg den Spaniern abnimmt, und womit es einen sehr ausgebreiteten Handel in Norden treibt. Nebstdem machen die Kattun=Strümpf= und Bandfabriken, die Spezereyen und der Fischfang einen grossen Theil des soliden Handels dieser Stadt aus. Nirgends giebt es auch feinere und kühnere Spekulanten als hier. Kein Umstand, kein Augenblick, der einem gewissen Artickel günstig ist, entgeht ihnen. Der jetzige Krieg hat hier erstaunliches Geld aufgehäuft. Die aufgeklärten und patriotischen Regenten dieser Stadt unterlassen nichts, was zur Ausbreitung der Handlung beytragen kann. Vor mehrern Jahren suchten sie wegen dem Anschein grosser Vortheile ihren Mitbürgern den Handel nach den Küsten der Barbarey zu eröffnen. Die Holländer wurden eifersüchtig darauf, und machten den König von Spanien glauben, die Hamburger führten zu seinem Nachtheil den Sarazenen Sarazenen – Sammelbezeichnung für Araber und Mohammedaner Kriegsvorrath zu. Der König ergriff diesem Wahn gemässe Maaßregeln, welche den hiesigen Kaufleuten diesen neuen Kanal verstopfen, dem sie den ungleich wichtigern Handel mit den Unterthanen desselben nicht aufopfern konnten. Auf allen Seiten ist diese Stadt im Gedränge mächtiger Rivalen, über deren Bedrückungen aber allzeit ihre Industrie, Klugheit und Freyheit siegen. Die dänische Regierung unterläßt nichts, was dieser Stadt schaden kann. Oft sucht sie dieselbe ohne einen abzusehenden Vortheil bloß zu necken. Die dänischen Minister glauben, der Kanal, Kanal – der Eiderkanal, der direkte Vorläufer des Nord-Ostsee-Kanals, von 1777 bis 1784 durch den dänische König Christian VII. errichtet wodurch sie die Ostsee mit dem deutschen Meere deutsches Meer – Nordsee vermittelst des Eiderflusses wirklich verbinden wollen, werde der Handlung von Hamburg und Lübeck unheilbare Wunden versetzen; allein die Regierung und der kluge Theil der hiesigen Bürgerschaft sind so ruhig darüber, als wenn se. dänische Majestät einen Kanal in Grönland graben liesse. Auf der andern Seite erschwerte der König von Preussen durch seine förchterlichen Zölle die Kommunikation dieser Stadt mit Sachsen vermittelst der Elbe, die für beyde Theile ungemein wichtig ist. Der weise Rath von Hamburg trat hierauf in Unterhandlung mit den Regierungen von Hannover und Braunschweig und entwarf den Plan zu einer Strasse, welche den Handel zwischen Sachsen und dieser Stadt erleichtern sollte. Der König von Preussen sah, daß nun seine Elbzölle eher ruinirt würden, als die Handlung zwischen Hamburg und Sachsen, und setzte sie demzufolge herab. Sie sind immer noch sehr lästig für die Sachsen und Hamburger; allein sie müssen doch in gewissen Schranken bleiben. Aller Bedrängnisse ungeachtet, hat die Handlung dieser Stadt in diesem Jahrhundert immer zugenommen. Die durch den stärkern Anbau, die wachsende Bevölkerung und den Luxus der Nordländer vermehrte Konsumtion hat ohne Zweifel das meiste hiezu beygetragen. Allein bloß die Freyheit würde im Stand gewesen sein, eine Menge Hindernisse zu besiegen, welche feindselige Nachbarn der hiesigen Handlung in den Weg zu legen suchten. Während daß die benachbarten Regierungen ihre mannichfaltigen Akzis und Mauthsisteme einführten, und dadurch ihren Unterthanen so viele Handlungskanäle verstopften, eröffnete man hier der Aus= und Einfuhr der Waaren ohne den geringsten Unterschied alle mögliche Thüren, und suchte die Zölle eher zu verringern als zu erhöhen. Diese uneingeschränkte Handlungsfreyheit entspricht vollkommen der Verfassung und der Lage der Stadt, und sie war das einzige Mittel, welches die kluge Regierung derselben ergreifen konnte, um die Republik aufrecht zu erhalten. Wenn aber die Stadt nicht eine besondre selbstständige Republik ausmachte, so würde diese eingeschränkte Handlungsfreyheit dem Staat, welchem die Stadt zugehörte, sehr nachtheilig seyn, indem sie zum Theil auf dem Luxus und der Verschwendung des benachbarten platten Landes beruht, und nur auf Kosten andrer Theile dieses Staates bestehen könnte. Die hiesigen Politiker haben Recht, wenn sie behaupten, die uneingeschränkteste Handlungsfreyheit sei die Grundfeste des Wohls ihrer Vaterstadt; allein sie haben sehr Unrecht, wenn sie, wie sie allgemein thun, das preußische Akzissistem für ein wahnsinniges und land= und leutverderbliches Unternehmen halten. Mit einer einzeln, unabhängigen Stadt verhält es sich ganz anders, als mit einem grossen Staat. Die Handlung, welche die Herren Hamburger bereichert, macht viele Holsteiner und Meklenburger arm, denen sie soviel Geld für Kafee, Zucker, Wein u. dgl. m. abzapft, und sie könnte des Königs von Preussen beste Provinz in kurzer Zeit zu Grunde richten, so wie die blühende Handlung von Danzig sehr viel zur Verarmung des ganzen, weiten polnischen Reiches beygetragen hat. Wenn Hamburg ein beträchtliches Gebiet hätte, so würden seine Regenten bald die schlimmen Folgen einer unbedingten Handlungsfreyheit empfinden, wenigstens wenn sie nicht, wie die Regenten einiger andern Republiken, das Landvolk den Bürgern der Stadt gänzlich aufopfern wollten. Unterdessen hat bloß das Geschrey der aus= und inländischen Kaufleute, von denen der König von Preussen seine Bauern nicht will plündern lassen, ihn bey den Leuten von Herrn Wraxalls Art in den Ruf der Tyranney gebracht. Das Vermögen der hiesigen Einwohner ist einer beständigen Ebb' und Fluth gleich. Die kostbare Lebensart ist die Ursache, daß wenige sehr reiche Häuser hier sind, und vielleicht keines aufzufinden ist, das sich über 60 Jahre lang in einem gewissen Glanz erhalten hat. Das ungeheure Vermögen dieser so mächtigen Handelsstadt ist so sehr vertheilt, daß nicht über 5 Millionärs hier zu finden sind, aber die Zahl der Häuser von 300 bis 600 tausend Gulden ist sehr groß. Sobald es ein Kaufmann auf die 100.000 Gulden gebracht hat, muß er seine Equipage und seinen Garten haben. Sein Aufwand steigt mit seinem Vermögen, und dann ist der kleinste Schlag im Stand, ihn wieder in den Koth zurück zu werfen, aus dem er sich freylich wieder sehr leicht herausarbeiten kann. Hamburg ist darin wirklich einzig, daß man hier viele Leute findet, die 2, 3 und 4 mal bankrutt geworden, und doch wieder bey Kräften sind. Der Mann, der seine 200 bis 300 tausend Gulden Vermögen hatte, und sowohl in seiner Wirthschaft als auch in seinen Handelsgeschäften mehr Lärmen damit machte, als mancher Amsterdamer mit vielen Millionen, verliert augenblicklich sein Komptoir, sein Haus, seine Magazine, seinen Garten, seine Kutschen und Pferde, läuft des andern Tages wieder als Mäkler in der Stadt herum, und kaum ist sein altes Haab und Fahrt vom Gerichte verkauft, so hat er schon wieder sein Komptoir, kauft sich wieder ein Haus, fährt gar bald wieder mit 2 prächtigen Holsteinern herum, hat wieder seinen Garten, seinen Koch, seine Spieltische, und, husch! ist er wieder ein Mäkler. Die unbeschreibliche Leichtigkeit, das Geld umzusetzen, macht die Kaufleute hier zu kühn, und ein Hamburger macht mit 50.000 Gulden gewiß mehr Geschäfte, als ein Holländer mit 200.000; allein dagegen ist er auch den schlimmen Zufällen mehr ausgesetzt als dieser. Die Sicherheit, in seinem Alter nicht darben zu müssen, macht ihn vollends sorglos. Nirgends hat man für die Bankruttiers so günstige Einrichtungen als hier. Sie erhalten, wenn sie nicht wieder mäklen und ihr Glück von neuem versuchen wollen, Stadtdienste, von welchen sie gemächlich leben können, und man hat auch besondre Fonds, um arme Bürger, unter denen man hier nichts als Bankruttiers versteht, zu unterstützen. Ueberhaupt findet man nirgends so vortrefliche Armenanstalten, als hier. Man sieht überall, daß Bankruttiers von jeher Theil an der Gesetzgebung und Staatsverwaltung gehabt haben, und sich und ihre Nachkommenschaft auf alle Fälle sicher setzen wollten. Die schnellen und beständigen Revolutionen in den Handelshäusern geben hier dem Kaufmannsgeist einen Schwung, den er nirgends in der Welt hat. Nirgends thut das kaufmännische Genie so viele Wunder, als hier. In richtigen Beurtheilungen, Kalkulationen, Spekulationen und glücklichen Koups übertreffen die Hamburger weit die Holländer, und unter den hiesigen Mäklern findet man mehr ächte Handlungstheorie, als in manchen dicken Büchern, die hierüber geschrieben worden. Nur muß man dieselbe nicht statistisch betrachten wollen, denn für Zölle, Akzise und alles, was dem modernen Judaismus im Weg steht, haben sie keinen Sinn. Der Schliff und die Biegsamkeit, welche die häufigen und mannichfaltigen Zufälle dem hiesigen Handlungsgeist geben, sind in Rücksicht auf das Ganze ein grösseres Kapital, als die Millionen der Holländer, die geschickter sind, das Geld zu behalten, als zu erwerben. Mit der nämlichen Leichtigkeit, womit der Hamburger fällt, arbeitet er sich auch wieder empor, dahingegen der Holländer ohne die äusserste Kärglichkeit und angestrengte Bemühungen sein Glück nicht machen kann, und überhaupt genommen bloß durch den Fleiß und Sparsamkeit seiner Ahnen vermögend ist. Reiche Erben sind hier nach dem Verhältniß der ganzen Geldmasse sehr selten, weil dieselbe zu sehr vertheilt, und ihre Ebb' und Fluth zu schnell ist. Verstand und Industrie sind hier das Hauptkapital des einzeln Kaufmannes. Der ganz uneingeschränkte Kredit der hiesigen Bank ist ein Beweis, wie vermögend die Stadt im Ganzen ist und wie richtig man hier über alles denkt, was Bezug auf die Handlung hat. Die Grundsätze, wornach diese Bank eingerichtet ist, sind die einfachsten, die sich denken lassen. Kein Papier, keine gewisse Münzsorte, kein eingebildeter Werth, sondern das wirklich baar daliegende und nach dem Pfund abgewogene Silber, ist die Grundveste dieser Bank, die sich bey allen Fremden in so grosses Ansehen gesetzt hat, und gewiß auch unter allen, die man nur kennt, die solideste ist. Die Regierungsverfassung von Hamburg ist vortreflich. Ich kenne keine Republik, die das Mittel zwischen Aristokratie und Demokratie so glücklich traf und sich gegen die Inkonvenienzen Inkonvenienz – Unbequemlichkeit; Nachteil beyder Regierungsarten so sicher zu setzen wußte, als diese. Die gesetzgebende Macht ist in den Händen der gesammten Bürgerschaft. Sie ist nach den 5 Kirchspielen der Stadt eingetheilt. Das erste Kollegium, oder der erste Ausschuß derselben besteht aus den Oberalten, deren aus jedem Kirchspiele 3 von den verschiedenen Gemeinden dazu erwählt werden. Zu dem zweyten Ausschuß wählt jedes Kirchspiel noch 9 Personen, so daß er mit den Oberalten ein Kollegium von 60 ausmacht. Zu dem dritten Ausschuß giebt jedes Kirchspiel noch 24, so daß er mit den beyden erstern aus 180 Personen besteht. Gewisse Dinge werden vom Rath stufenweis bloß vor diese 3 Ausschüsse der Bürgerschaft gebracht; wenn aber ein neues Gesetz oder eine Auflage zu machen ist, so muß es, wenn es vor diesen Ausschüssen war, auch noch der gesammten Bürgerschaft vorgetragen werden. Bey dieser Bürgerversammlung müssen die 180, und aus jedem Kirchspiele noch 6 sogenannte Adjunkten Adjunkt – Assistent eines Beamten nothwendig erscheinen. Von den übrigen Bürgern darf jeder, der ein eigenes Haus oder unbewegliches Gut schuldenfrey, oder eine bestimmte Summe baares Geld über den Werth besitzt, um welchen das Haus oder das Gut verhypothezirt Verhypothezirt – hier: im Wert eingeschätzt ist, bey dieser Versammlung erscheinen und seine Stimme geben. Das elende Zunftsystem, welches in andern Republiken, die sich der Demokratie nähern, oft zu so lächerlichen und oft auch zu so abscheulichen Auftritten Anlaß giebt, hat also hier keinen Einfluß auf den Staat. Kein Handwerk kann hier, wie in manchen andern republikanischen Städten, das ganze Volk tyrannisiren, und der Schusterleist kann nicht der Maaßstab vom Wohl des gemeinen Wesens werden. Es ist auch dafür gesorgt, daß die Volksluft, welche in Staaten, die der demokratischen Verfassung so nahe als Hamburg sind, oft die weisesten Verordnungen und die gemeinnützigsten Entwürfe verweht, dem hiesigen Staat nicht so leicht nachtheilig seyn kann. Ehe ein Gesetz vor die gesammte Bürgerschaft kömmt, ist es schon von dem bessern Theil derselben geprüft worden, und es ist dann nicht schwer das Volk für die gute Sache zu gewinnen, da es zu seinen von ihm selbst gewählten Ausschüssen Zutrauen haben muß. Der Hauptausschuß ist auch zu zahlreich, als daß sich eine besondre Parthey durch die bekannten demokratischen Künste leicht überwichtig machen könnte. Da die Ausschüsse für eine lange Zeit gewählt sind und nicht leicht abgeändert werden; so sind ihre Mitglieder mit dem wahren Zustand des gemeinen Wesens bekannt genug, um ihren Gemeinden und der gesammten Bürgerschaft einen genauen und deutlichen Begriff von dem Sinn der Gesetze, Verordnungen und öffentlichen Anstalten geben zu können. Die Vertheilung der Bürgerschaft nach den Kirchspielen hat auch noch den Vortheil, daß die Familienverbindungen nicht so leicht ein schädliches Uebergewicht bekommen, als in den Republiken, wo dieselbe in Zünfte oder beliebige gewählte Gesellschaften vertheilt ist. Wenn du dir die Mühe nimmst, diese Verfassung mit andern republikanischen Formen zu vergleichen, so wirst du leicht noch mehr Vortheile herausrechnen können. Der Rath, welcher die vollziehende Gewalt in Händen hat, besteht aus 36 Personen, nämlich vier Bürgermeister, 4 Syndiks, Syndik – Syndikus: Bevollmächtigter einer Körperschaft 24 Rathsherren und 4 Sekretärs: Aber bloß die Stimmen der Bürgermeister und Rathsherren werden gezält. Er wählt seine Glieder selbst nach vorläufigem Vorschlage durch das Loos. Seine Gewalt, die sich nämlich bloß auf Vollziehung der Gesetze bezieht, ist uneingeschränkt, und die Gerechtigkeit und Polizey haben deswegen hier eine Kraft, die sie in wenigen so demokratischen Republiken haben. Er besteht nicht aus Leuten, die gar keinen Beruf zum Regieren haben können, wie in andern Republiken. Drey von den Bürgermeistern, 11 Rathsherren und alle Syndiks und Sekretärs müssen Gelehrte und sogar Graduirte seyn, und Beweise von ihren erfoderlichen Kenntnissen abgelegt haben. Ein Bürgermeister und 13 Rathsherren müssen, der Natur der Republik gemäß, Kaufleute seyn. Die Einkünfte von den Rathsstellen selbst sind unbeträchtlich genug, um den Geitz von der allgemeinen Staatsverwaltung entfernt zu halten. Ehre, Tugend und Geschicklichkeit sind die vorzüglichsten Beweggründe zur Bewerbung. Wenn einer die Rathsstelle, wozu er gewählt wird, ausschlägt, muß er sogleich die Stadt räumen. Die Anzahl der Rathsglieder ist zu gering, als daß die Familienpartheylichkeiten der Gerechtigkeit und Polizey öfters hinderlich seyn könnten. Kurz, die gesetzgebende Macht ist so sanft und populär, als sie seyn kann, und die vollziehende Macht ist, wie sie seyn muß, monarchisch strenge, und Hamburg ist wirklich das Muster einer wohleingerichteten Republik. Malversationen Malversation – Veruntreuung mit den Staatsgeldern sind hier höchst selten, und fast unmöglich, weil die Leute, welche sie verwalten, keine Glieder des Rathes sind, sondern unter der strengen Aufsicht desselben und der Bürgerschaft stehen und zur pünktlichsten Rechenschaft gezogen werden. Sie sind eine besondere Deputation der Bürgerschaft, die aus 10 Personen besteht, wozu jedes Kirchspiel zwey, theils durch Wahl, theils durchs Loos, deputirt. Alle 6 Jahre legt jeder dieser Deputirten sein Amt nieder, und sein Kirchspiel wählt einen andern an seine Stelle. Dieß geschieht nicht, um, wie in andern Republiken, mehrere am gemeinen Besten Theil nehmen zu lassen, sondern, um die Deputirten von einer wirklichen Last zu befreyen. Die Einkünfte der Stadt sind sehr beträchtlich, und fliessen theils aus alten beständigen Quellen, theils aus unbeständigen Auflagen, die von der Bürgerschaft bewilligt werden. Gewisse Kontributionen Kontribution – hier: Beitrag zu einer gemeinsamen Sache hat der Bürger das Recht in einem verschlossenen Beutel den Deputierten einzuhändigen, den sie in seiner Gegenwart nicht öffnen dörfen. Die Stadt hat auch ungeheure Ausgaben. Um den Ausfluß der Elbe, worauf das ganze Wohl der Republik beruht, nicht versanden zu lassen, und ihren bey der Mündung des Flusses gelegenen Haven im Stand zu erhalten, hat sie Anstalten treffen müssen, die dem Anschein nach ihre Kräften übersteigen sollten. Ihre sämmtlichen Einkünfte sollen sich auf beynahe 4 Millionen Mark, belaufen, und reichen kaum zum nöthigen Aufwand zu. Die schnellen und beständigen Revolutionen Revolution – hier: Schwankungen, Veränderungen in dem Vermögen der einzeln Bürger setzen diesen Staat vielleicht noch wirksamer als seine Verfassung gegen Oligarchie Oligarchie – Ausübung der Herrschaft durch eine kleine Gruppe und Familienkomplotte sicher. Hier weiß man nichts von herrschenden oder gefährlichen Häusern, von welchen keine unserer heutigen Republiken frey ist. Ein Beweis von der guten Einrichtung und der vortreflichen Verwaltung dieser Republik ist, daß sie vielleicht die einzige deutsche Reichsstadt ist, die keine Prozesse mit sich selbst bey den Reichsgerichten führt. Zu Wien nennte man mir verschiedene Reichsstädte, deren manche Prozesse zu Dutzenden gegen sich selbst beym Reichshofrath anhängig gemacht hat. Zu Anfang dieses Jahrhunderts war Hamburg auch in einer starken Gärung, die aber 1708 durch die wohlthätige Verwendung des kayserlichen Hofes und die Klugheit verschiedener Patrioten so gänzlich unterdrückt wurde, daß die Ruhe des Staats seitdem nicht die geringste Erschütterung mehr erlitten. Die Bande der Gesellschaft sind wirklich zu vest, als daß einige Zerrüttung in Zukunft zu beförchten stünde. Bloß der misverstandne Religionseifer wollte einigemal Feuer anblasen; allein zu unsern Zeiten ist das Religionsfeuer überhaupt nur eine Strohflamme, die sich noch leichter aus= als anblasen läßt. Die Gegenwart des kayserlichen Gesandten, den die Bürgerschaft aus mehr als einer Ursache zu respektiren hat, und die Weisheit des Rathes sorgen dafür, daß die Funken erstickt werden, ehe sie zu Flammen ausbrechen können. Unterdessen war Hamburg von jeher mit orthodoxen Pfaffen gesegnet, die es an nichts ermangeln liessen, was einen Brand erregen könnte. Durch unermüdetes Blasen brachten sie es einigemal dahin, daß das Volk zu Thätlichkeiten schreiten wollte, um den Gottesdienst der Katholicken in der Hauskapelle des kaiserlichen Gesandten zu stören; allein die Polizey war ihnen allezeit überlegen. Wirklich steht an der Spitze der hiesigen Geistlichkeit ein Mann, welcher der Stadt in unserm philosophischen Jahrhundert wenig Ehre machen würde, wenn man nicht wüßte, daß ihn der Rath bloß deßwegen duldet, weil er äusserst sicher ist, daß seine inquisitorischen Anstalten nicht die geringste Wirkung haben, und die Scheiterhaufen, die er beständig baut, niemand ein Häärchen versengen können. Erst vor kurzem bließ dieser orthodoxe Mann, der sich Götz Johann Melchior Goeze, Hauptpastor zu St. Katharinen, † 1786. s. a. Lessing »Anti-Goeze« und Andreas Urs Sommer »Die Kunst selbst zu denken«. Seine Polemik gegen Goethes »Werther« steht unter www.goethezeitportal.de/ zur Verfügung nennt, auf der Kanzel wieder gegen den Pabst und seinen Anhang Feuer; es that aber keine andre Wirkung, als daß er sich die Baken wund bließ, und er dem kaiserlichen Gesandten eine Abbitte thun mußte. Als dieser Mann seinen geistlichen papiernen Thron bestieg, herrschte noch die löbliche Gewohnheit in Hamburg, vor jeder Predigt in einem Gebet den Pabst und seinen Anhang öffentlich und feyerlich zu verfluchen. Der Rath sah ein, daß dieß zu unsern Zeiten eine grosse Aergerniß wäre, und befahl dem Herrn Hauptpastor, diesen Fluch ins künftige zu unterlassen. Die Liebe zum Fluchen war aber diesem Mann so an die Seele gewachsen, daß er gegen diese Eingriffe der weltlichen Macht in das Heiligthum eine förmliche Protestation eingab, und ohne die weitern Verfügungen seiner Oberherren abzuwarten, in der nächsten Predigt einen doppelten Keil [Pfeil?] auf den Pabst und sein Reich von der Kanzel herabschleuderte; seine Donnerschläge sind aber zum Glück allezeit kalt. Der Rath ergriff nun das wirksamste Mittel, um den unartigen Mann Sitten zu lehren, und drohte ihm mit dem Verlust seiner fetten Pfründe. Der Herr Hauptpastor hatte Philosophie genug, um einzusehn, daß es besser für ihn sey, nicht zu fluchen, als zu hungern, und so war der Pabst und sein Reich in den Kirchen der Reichs= und Hansestadt Hamburg gerettet. Obschon dieser Mann unzälige Mal öffentlich und allgemein ausgepfiffen worden, und seit 12 bis 15 Jahren der beständige Gegenstand des Spottes vom ganzen protestantischen Deutschland und zum Theil auch von seinen geistlichen Brüdern in Hamburg ist, so ist sein heiliger Eifer doch im geringsten nicht erkaltet. Gegen das Sittenverderbniß eifert er eben so sehr als gegen den Pabst. Er ist ein abgesagter Feind von allen öffentlichen Belustigungen: aber gegen die Lustparthien hinter den Bettgardinen soll er sanftere Gesinnungen hegen. Die Theater sind ihm besonders ein scharfer Dorn in den Augen. Da der bessere Theil des hiesigen Publikums nur seinen Spaß mit ihm treibt, so gab es schon verschiedene sehr interessante Auftritte. Unter andern fand einst ein Engländer ein deutsches Originalstück auf dem hiesigen Theater so schön, daß er den Mann, der neben ihm saß, um den Namen des Verfassers fragte. Dieser Mann war ein sehr witziger Kopf, namens Dreyer, Dreyer – Johann Mathias Dreyer, Zeitungsredakteur und Gelegenheitsdichter in Hamburg. Er war berühmt-berüchtigt für seine scharfe Zunge und mußte wegen seines Hauptwerkes »Schöne Spielwerke beim Wein, Punsch, Bischof und Krambambuli« die Stadt vorübergehend verlassen, † 1769. welcher den Engländer gar ernstlich versicherte, der Herr Senior und Hauptpastor Götz wäre der Verfasser dieses vortreflichen Stückes. Der Engländer, voll Begierde, einen so grossen Theaterdichter kennen zu lernen, machte des andern Tages dem geistlichen Akteur seine Aufwartung, der sich über das Kompliment, welches ihm der Britte wegen der angedichteten Geistesgeburth machte, so sehr ärgerte, daß er Gift speyen wollte. Da er ein handvester Mann und Lebensart überhaupt seine Sache nicht ist, so schmiß er den Engländer zur Thüre hinaus. Herr Dreyer, der ihn in den April geschikt, begegnete ihm bald darauf auf der Strasse. Ohne die geringste Erklärung gab ihm der Engländer eine Ohrfeige, daß er zu Boden sinken wollte. Demungeachtet spielte Herr Dreyer nachher dem antitheatralischen Herrn Pastor noch manchen ähnlichen Streich. Ich hielt dich so lange mit diesem Pastor auf, um dir ein Beispiel zu geben, daß die protestantische Geistlichkeit nicht durchaus in Deutschland so wohl gezogen und tolerant ist, als in Sachsen und in den preußischen Staaten. Ueberhaupt ist die Religion des grossen Haufens in den Gegenden der Niederelbe lange nicht so helle, als weiter oben. Das misverstandne Eifern gegen die öffentlichen Belustigungen trägt viel dazu bey, daß die schädlichen Winkelergötzungen hier so häufig sind, und daß sich in einer so reichen Stadt von 90.000 Menschen kein Theater erhalten kann, indessen täglich in den Stunden, wo man gemeiniglich das Theater zu besuchen pflegt, zum Verderben der Familien viele tausend Gulden verspielt werden. Acht und fünfzigster Brief. Hamburg – Seit meinem lezten Schreiben, lieber Bruder, that ich einen Einfall tief in das sogenannte dänische Reich hinein. Schon im Hollsteinischen, welches noch zum deutschen Reiche gehört, fiel mir eine Verschiedenheit in der Lebensart und den Sitten des Volks, und dem Anbau des Landes auf. Als ich jenseits der Eider, welche die natürliche Gränze zwischen Deutschland und Dänemark ist, einige Stationen zurükgelegt hatte, fand ich einen Abstich zwischen diesem Lande und Deutschland, der so stark war, als jener zwischen Bayern und Sachsen. Wenn man die Aufklärung, den Fleiß, und die gute Zucht der Protestanten rühmt, so muß man auch einige Ausnahmen machen, so wie auch die Protestanten, wenn sie den Katholiken wegen ihrer Dummheit, Trägheit und Liederlichkeit Vorwürfe machen, grosse Ausnahmen machen sollten. Die Dänen sind noch wenigstens um ein Jahrhundert hinter den meisten protestantischen Völkern Deutschlands zurük, und um kein Haar besser, als die Bayern und Portugiesen. Sie sind das finsterste, schwerfälligste und trägste Volk, das ich noch gesehen. Liederlichkeit, Bigotterie und Unverträglichkeit zeichnen es von den meisten Protestanten Deutschlands so stark aus, daß man auf einen Blik von der Unwirksamkeit der Religion auf die Besserung der Menschen, wenn ihr nicht oft zufällige Nebenumstände zu Hülfe kommen, überzeugt wird. Es giebt wohl unter den Geistlichen dieses Landes aufgeklärte und wakre Männer; allein im Ganzen sind sie ebenso stolz, so intolerant und unwissend, als die Pfaffen in Spanien. Ich sah Pastors, die auch im Aeusserlichen den spanischen Priestern vollkommen gleich waren. Sie trugen die Brillen gerade so hoch über der Nase, trugen den Hals ebenso steif, warfen gerade so den Kopf zurük, sprachen vollkommen so durch die Gurgel und die Nase, und schritten eben so aufgeblasen daher, wie die Priester von Barcelona oder Saragossa. Wenn sie über einer Predigt sitzen, so thun sie, als wenn sie mit der Erlösung des Menschengeschlechts schwanger giengen. Ich besuchte einen, den man für einen grossen Botaniker ausgab, der aber nicht viel mehr als die Heidekräute seines Vaterlandes kennt. Er brütete eben seine Sonntagspredigt aus. Es blieb lang unentschieden, ob er mir Audienz geben wollte. Nachdem ich mit seinen zwo Töchtern, den dümmsten und unartigsten Kreaturen, welche ich noch gesehen habe, die mir, aus Ungezogenheit oder falschen Keuschheitsbegriffen, nie ins Gesicht zu sehn getrauten, eine halbe Stunde von Wind, Wetter und Sonnenschein verplaudert hatte, kam ihre hohlaugigte, dunkelgelbe Mutter aus dem Studierzimmer ihres Herrn Gemahls, und kündigte mir an, daß der Herr Pastor entsetzlich viel mit seiner Sonntagspredigt zu schaffen habe, daß er aber jetzt ein Stündchen verschnaufen wolle, und ich die Ehre haben könne, mit ihm eine Pfeiffe Tobak zu rauchen. Ich stand wirklich an, ob ich diese Ehre annehmen wollte; denn daß ich einem groben Pastor zum Vehikulum seines Verschnaufens dienen sollte, brachte meine Eigenliebe wirklich in einen kleinen Aufruhr. Ich überwand mich aus Achtung für die Landessitten, die ich auch den Hottentoten Hottentoten – Hottentotten: der Negerstamm der Khoi Khoi in Südafrika, das Wort wird hier pejorativ gebraucht schuldig wäre, und wie ich zur Thüre hineingetretten war, erhob sich der Herr Pastor sehr langsam von seinem grossen gepolsterten Stul, und ließ mir Zeit genug, über den Hintertheil seiner zottigten Perüke, den Kontour seiner breiten Schultern und die Draperie seines langen, in der Mitte zusammengebundenen Schlafroks Betrachtungen an[zu]stellen. Endlich kam er durch den Labyrinth seiner unzäligen Bücher, die theils auf Stülen, theils auf Pulten um ihn her lagen, und ohne Zweifel alle auf seine Sonntagspredigt Einfluß hatten, zu mir hervorgekrochen. In 4 bis 5 Minuten waren wir schon am Ende alles Gespräches. Ich zwikte an allen möglichen Saiten, aber kein Ton wollte auf dem dicken Pastor einen Widerhall hervorbringen. Als er endlich selbst bemerkte, daß er mir durch sein Verschnaufen lange Weile machte, nahm er seine Predigt zur Hand, und las mir einige Perioden vor, um mich zu desennuyren. desennuyren – ennyieren: langweilen, lästig werden; also: die Langeweile vertreiben Ich hörte kein Wörtchen; denn der Tabacksdampf, den er mir während des Lesens unter die Nase blies, brachte mich vollends aus der Fassung. Hierauf hatte er noch den grausamen Einfall, mir seinen Schatz, wie er es nennte, zu eröffnen. Das war ein Schrank, welcher die Handschriften aller seiner Predigten, in 8 bis 10 dicken Folianten, enthielt. Wie er den ersten herauszog, lief mir ein kalter Schauder über den Rücken, der mir einen Katharr beförchten machte. Er sah, daß es mir nicht wohl bey der Sache ward, und tröstete mich damit, daß er mir nur die Texte seiner Predigten in dem Register vorlesen wollte. Ich hielt ein Register aus; wie er aber zum zweyten Folianten griff, nahm ich Stock und Huth, und eilte zur Thüre. In keinem protestantischen Land, das ich sah, selbst Holland nicht ausgenommen, stehen die Pfaffen noch in einer so Dalailamaischen Dalailamanische Achtung – Dalai Lama, der Oberpriester der Tibeter Achtung bey dem Volk, als in Dänemark. Der Stolz und das eigenmächtige Ansehn der Diener der Religion sind ein sicherer Maaßstab, die Aufklärung des Volkes und den Werth der Landesregierung zu berechnen. Die geistliche und weltliche Macht sind von Natur so eifersüchtig auf einander, daß man allzeit Indolenz auf Seiten der Landesregierung voraussetzen muß, wenn das Priesterthum ein gewisses Uebergewicht hat. Man weiß, wie viel Einfluß auch die dänische Geistlichkeit auf Struensees Struensee – Johann Friedrich Struensee, Arzt, † 1772 hingerichtet. Er befaßte sich als Erster wissenschaftlich mit der Maul- und Klauenseuche, war Leibarzt des dänischen Königs und führte die Regierung. Seine aufklärerischen Reformen machten ihn bei der Reaktion verhaßt. Diese nahmen eine Liebesaffäre mit der Königin zum Anlaß für seinen Sturz. Sturz gehabt hat. Ueberall, sogar auch in den Städten Dänemarks, in denen man doch ziemlich viele Ausländer antrift, findet man Spuren von dem übermächtigen Einfluß und der Intoleranz der Geistlichkeit. An einigen Orten empfand ich eine beleidigende Verschlossenheit auch von angesehenen Leuten gegen mich, als ich ihnen erklärt hatte, daß ich ein Katholik wäre. In Horsens schien die Frau eines der besten Häuser nicht begreifen zu können, daß die Katholiken Kristen wären. Man setzt uns wirklich mit den Heiden und Juden parallel. Ich glaube auch wirklich, daß Se. dänische Majestät, so uneingeschränkt auch ihre Gewalt im übrigen ist, den Schritt zur Toleranz ohne Gefahr nicht thun könnte, den der Hof zu Wien gethan hat, welchem man doch noch vor wenig Jahren so bittre Vorwürfe wegen der Intoleranz und dem Ansehn seiner Geistlichkeit gemacht hat. Ein offenbarer Beweis, daß es in den östreichischen Staaten schon vor langer Zeit heller war, als es itzt noch in Dänemark ist. Man lebt in Dänemark beständig wie auf einem Schiffe, das eine Reise um die Welt macht. Gesalzener Speck, Hülsenfrüchte und Brandtewein sind die hauptsächlichsten Nahrungsmittel der groben und trägen Einwohner, die bey ihren Nachbarn auch als tückisch und betrügerisch verschrieen sind. Der unmäßige Gebrauch des Brandteweins trägt ohne Zweifel viel zu ihrer Indolenz, ihrer Dummheit, und Verwilderung bey. Wenigstens legte der König von Schweden in einer den Brandtwein betreffenden Verordnung diese Wirkungen demselben zur Last. Die Verwilderung ist besonders auf dem Lande sichtbar. Sie schreckte mich ab, meine Reise bis nach Aalborg und von da zurück durch Seeland und die übrigen Provinzen des dänischen Reiches fortzusetzen, wie ich mir vorgenommen hatte, und welche Tour man, wenn man auch hie und da die Winkel besichtigen will, in 8 bis 10 Tagen gemächlich vollenden kann. Der Schlamm des Meeres, und der Flüsse in ihrer Mündung, den die Frösche den Einwohnern beständig streitig machen, und welcher durch das Salz bis zur Geilheit fruchtbar gemacht wird, ist noch ziemlich gut angebaut. Sobald man sich aber einige Schritte weit von den Ufern entfernt, geräth man in Wüsteneyen. Zwischen Aarhus und Ringkiöbing, welche Städte an den beyden entgegengesetzten Ufern der Halbinsel Jütland, 14 deutsche Meilen von einander entfernt liegen und das non plus ultra non plus ultra – Nonplusultra: das nicht zu Übertreffende, der Gipfelpunkt meiner Dänischen Expedition waren, erstreckt sich auf viele Meilen in die Länge und Breite hin eine Wildniß, die den Tatarischen Steppen nicht unähnlich seyn mag. Dieser Boden ist nicht unfruchtbar, sondern besteht aus einer grauen, etwas schweren und hie und da mit Sand untermischten Erde, die für ein so enges Reich, als das Dänische ist, unschätzbar seyn sollte. In Preussen hat man Erdreich angebaut, das nicht halb soviel natürlichen Werth hat, als dieses. Die Natur selbst macht durch die starken Gesträuche und die fetten Gras= und Kräuterarten, welche diese Wildniß bedecken, den fühllosen Einwohnern Vorwürfe wegen ihrer Trägheit. Die Regierung machte einige Versuche, ihre Unterthanen zum Anbau dieser Wildniß aufzumuntern; allein es fehlt allen Dänischen Regierungsanstalten an Nachdruck, und die Trägheit des Volks läßt sich auch nicht in einem einzigen Fall besiegen, wenn sie zur Natur geworden ist. Die benachbarten Gemeinden fanden es für ihre hottentotische Wirtschaft zu gemächlich, daß sie ihr Vieh auf dieser Steppe konnten waiden lassen, als daß sie nicht gegen die Vorkehrungen der Regierung hätten protestiren sollen. Unterdessen zeigten diese Versuche der Regierung, daß man aus diesem Erdreich alles machen könnte, was man wollte. In Jütland weiß man noch nichts von den glücklichen Entdeckungen, die man in England, Frankreich, Deutschland und Schweden zum Behuf der Landwirthschaft gemacht hat. Wenigstens haben sie auf dieses Land noch keinen Einfluß, wenn sie vielleicht auch in die Studierzimmer einiger Gelehrten gekrochen sind. Der dummstolze Adel des Landes verwendet lieber sein Geld auf prächtige Gebäude, französische und englische Meublen und kostbare Kleider, als auf den Anbau von Ländereyen, und lebt größtentheils in der Hauptstadt. Die Landpfarrer, unter denen man in Norddeutschland, besonders in den preußischen Staaten, so viele Kenner und Beförderer der Landwirthschaft findet, haben in Jütland mehr mit Moses Anstalten in der Wüste, Moses Anstalten in der Wüste – die in der Bibel berichteten Wunder Moses' in der Wüste Sinai (z. B. 2. Mos. 16) mit Aegypten, mit dem Bach Kedron Kedron – der Bach Kidron, der am Garten Gethsemane vorbeifließt (Joh. 18, 1) und Bileams Esel, Bileams Esel – ein sprechender Esel, der auch Gespenster sehen kann, (4. Mos. 22) als mit ihrem Vaterlande zu schaffen. Die Kronbedienten haben alle die Nachläßigkeit und die Begierde, ihren Eigennutz zu befriedigen, welche von einer despotischen und schwachen Regierung unzertrennlich sind. Und wer sollte dann das Uebel heben? – Die gute Zucht der dänischen und hollsteinischen Pferde, welche dem Land beträchtliche Summen einträgt, beruht zum Theil auf Vernachläßigung des Ackerbaues. Die Marschländer an der See und den Flüssen erfodern keine mühsame Bearbeitung, und sind größtentheils zu Waiden angelegt. Die Bauern sind daher nicht, wie in den Ländern, wo man mehr Mühe auf den Feldbau verwendet, gezwungen, ihre Pferde sehr frühe zu den schwersten Arbeiten zu gebrauchen und sie in den kritischesten Jugendjahren zu Grunde zu richten. Die höhern Gegenden sind beynahe durchaus ungebaut. – In den Städten, wo sich Fremde wegen der vortheilhaften Lage niederlassen, sieht es besser aus, als auf dem Lande, und in den meisten fand ich einige blühende Manufakturen. Die Regierung von Dänemark ist die despotischeste in Europa. Diese Regierungsart kann die beste und schlimmste seyn, besonders für ein Reich, das wegen seiner Kleinheit so leicht zu übersehen ist, wie das Dänische, welches aber auch wegen seiner Kleinheit die Leidenschaften und Schwäche seiner Regenten um so härter empfindet. Dieses Reich ist wirklich das geringste unter allen europäischen Königreichen. Es hat, die Lappen, Grönländer und Isländer mitgerechnet, kaum 1.800.000 Einwohner, und kaum machen die Hollsteiner, die zu den Deutschen gehören, die Zahl von 2 Millionen dänischer Unterthanen vollständig. Den Sundzoll, Sundzoll – Zoll, der am Öresund zwischen Seeland (Dänemark) und Schonen (Schweden) erhoben wird welchen die seefahrenden Nationen aus gutem Willen entrichten, mitgerechnet, betragen die sämmtlichen Einkünfte des Königs von Dänemark nicht viel über 9 Millionen rheinische Gulden, oder ohngefähr 20 Millionen Livres. Er kann sich also mit dem Kurfürsten von Sachsen nicht messen, und der Kurfürst von Pfalz=Bayern ist ihm an Macht gleich. Ohne Subsidien ist se. dänische Majestät nicht im Stand, eine Armee von 40.000 Mann, oder eine Flotte von 20 Linienschiffen nur einige Jahre lang in Aktivität zu unterhalten. Die Auflagen sind ungeheuer, und einige sind von der Art, wie man sie in wenig andern Ländern findet. Hier muß man die Erlaubniß bezalen, sich zu verheyrathen. Unsere Regierung machte ehedem eine Auflage auf die Hagestolzen. Hagestolz – Junggeselle Die dänischen und französischen Regierungsgrundsätze sind also sehr verschieden. Diese Eingeschränktheit der Staatskasse ist die Ursache, daß in Dänemark mehr Projekte gemacht werden, als in irgend einem andern Lande, die aber größtentheils nur Luftschlösser sind, und vom ersten Wind verweht werden. Gemeiniglich haben sie den Eigennutz des Projekteurs zum Hauptzweck, und zur Unterstützung von grossen Entwürfen wahrer Patrioten fehlt es dem Hof an Kräften und auch an gutem Willen. Der König, welcher sich durch einen öffentlichen, förmlichen Prozeßakt zur zahlreichen Brüderschaft gekrönter Ehemänner bekennt hat, muß den größten Theil der Regierung seinen Bedienten überlassen. Seine Stiefmutter soll viel Regierungs= und Hofkunst besitzen; allein den meisten Einfluß haben doch die Minister und Räthe. Unter diesen herrschen immer Kabalen, Intriguen und Revolutionen, die man aus Struensees Geschichte, besonders aus seiner eignen Rechtfertigung am besten kann kennen lernen, und die jeden ehrlichen Mann ausrufen machen: Beatus ille, qui procul Beatus ille... – glücklich der, der hiervon entfernt lebt – – Vor Kurzem erst ist wieder ein Premier gesprengt worden. St. Germain St. Germain – Graf von Saint-Germain, ungarischer Fürst, einflußreicher Freimaurer, Alchemist, Arzt, Musiker, Geheimdiplomat, Abenteurer, Weltreisender. Wirkte als Berater unter Ludwig XV., Ludwig XVI. und dem Schah von Persien. War am Sturz des russischen Zaren Peter III. beteiligt. † 1784 war in Kopenhagen sehr übel angebracht. Der verstorbene König berief ihn an seinen Hof, um die Armee auf einen bessern Fuß zu setzen, weil se. dänische Majestät damals Willens war, an gewissen Bewegungen in Norden Theil zu nehmen, oder sich wenigstens förchterlich zu machen. Man sagte ihm von 50 bis 60 tausend Mann. Bey seiner Ankunft fand er aber ausser den Garden gar keine eigentlichen Soldaten. Das übrige war theils eine wilde undisciplinirte Militz, theils ein Haufen hungriger Invaliden. An Kavalerie fehlte es gänzlich. Der gute König, welcher seine Armee nur auf dem Papier gesehen, und sie vielleicht auch da nicht genau besichtigt hatte, denn Rechnen war seine Sache nicht, konnte nicht begreifen, wohin seine grosse Armee bey St. Germains Ankunft sollte verschwunden seyn. Einige vom Ministerium, welche das papierne Kriegswesen verwalteten, machten sich Hofnung, St. Germain würde mit ihnen unter der Decke spielen. Dazu war nun St. Germain der Mann nicht. Nachdem er entdeckt hatte, daß ein Theil des für die Truppen bestimmten Geldes in die Privatbörsen der Minister, Kommissärs und Offiziers floß, wollte er mit seiner gewöhnlichen Redlichkeit und Strenge Hand an die Reformation legen. Er sah aber bald, daß, wenn auch die Malversationen gehoben würden, eine dänische Armee, die in Norden Figur machen sollte, doch immer nur ein frommer Wunsch bleiben würde. Ueberzeugt, daß nichts zu reformieren sey, wo nichts ist, erklärte er mit der ihm eignen Freymüthigkeit dem König: »Er sehe nicht, wozu er sr. Majestät gut seyn könnte; im Gegentheil müsse er Derselben zur Last fallen, und seines Erachtens wäre das rathsamste, er gienge seines Weges wieder zurück. Die Minister waren froh, einen so strengen Aufseher vom Hals zu bekommen, den sie nicht leicht durch eine Kabale hätten stürzen können, weil ihn der König liebte, und eine Kabale gegen entschlossene Gradheit, verbunden mit wahrer Menschen= und Hofkenntniß, nichts vermag, wenn der Regent, wie hier der Fall war, für die gute Sache ist, wenn sie ihm ins rechte Licht gestellt wird. Nach einigem Zaudern und mancherley Unterhandlungen that ihm endlich ein Minister den Vorschlag, er möchte sich anstatt der versprochenen Pension mit einer gewissen Summe baaren Geldes für immer begnügen lassen. Kein Vorschlag konnte St. Germain willkommner seyn, da er die Unzuverläßigkeit des dänischen Hofes kannte. Bekanntlich war er für sich kein vorsichtiger Oekonom, und er nahm ohne alles Bedenken einen Wechsel von 50 oder 60 tausend Thalern an, der auf einen Kaufmann zu Hamburg gestellt war. Bey seiner Ankunft in dieser Stadt hatte der Kaufmann so eben Bankrutt gemacht, und sich auf dänischen Grund und Boden geflüchtet. St. Germain behauptete bis an sein Ende, der Minister habe den Raub mit dem Kaufmann getheilt. Er mußte nun, wie bekannt, eine lange Zeit von einer Kollekte leben, welche die Offiziers unserer deutschen Truppen aus ihrem eignen Antrieb für ihn subskribirten. Ein schöner Pendant zu vielen dänischen Ministergeschichten! Struensee und alle Leute von Einsicht behaupteten immer, die besten Maaßregeln, welche der dänische Hof ergreifen könnte, wären, daß er die nach dem Verhältniß seiner Einkünfte unmäßigen Ausgaben für die auswärtigen Geschäfte einschränkte, sich in die Angelegenheiten der übrigen Mächte gar nicht einmischte, seinen Kriegsetat bloß zur Handhabung der innern Ruhe seiner Staaten und der Polizey reduzirte, und alle Kräfte zum Anbau seiner wüsten Länder und zur Beförderung der Industrie verwendete. Dieß ist gewiß auch alles, was Klugheit und Vaterlandsliebe rathen können. Von Schwedens Seite hat Dänemark in der itzigen gegenseitigen Lage beyder Reiche nichts zu beförchten, und ein Wink des rußischen oder preußischen Hofes würde hier auch bald Ruhe schaffen. Auf der andern Seite würde der erste Kurfürst des deutschen Reiches, welcher der dänischen Heeresmacht in den Weg käme, sie in die äusserste Verlegenheit setzen. Der Verlust eines Hauptmagazins oder einer Kriegskasse würde den ganzen Feldzug krebsgängig machen. Wenn aber auch fremde Subsidien die Seele ihrer Operationen wären, so könnte sie es doch nie gegen eine mittelmäßige deutsche Armee lange aushalten. Die inländische Miliz, welche die Hauptsache ausmacht, ist äusserst roh und ungebildet, und die mit so vielen Kniffen und Pfiffen geworbenen deutschen Truppen laufen beym ersten Schritt, den sie über die dänischen Gränzen thun, davon. Sie verwünschen ein Land, wo sie wegen der ungesunden Luft, den ungewohnten und schlechten Nahrungsmitteln und verschiedenen Vernachläßigungen dahin sterben wie die Fliegen. Ich sprach verschiedne Deutsche in dänischen Diensten, und manchen flossen die Thränen über die Wangen, als sie mir die Art, wie sie von den Werbern gekapert wurden, und ihre gegenwärtige Lage schilderten. Man hat fast unglaubliche Beyspiele von Verzweiflungsmitteln, die sie ergriffen haben, um aus dem gehäßigen Lande zu entfliehn. Nebstdem fehlt es an einer hinlänglichen Reuterey, die heut zu Tage so entscheidend ist, und von den Deutschen Armeen beynahe den vierten Theil ausmacht. Es müßten ungeheure Subsidien seyn, wodurch diese auf einen respektablen Fuß gesetzt werden könnte. Sie läßt sich nicht beym Ausbruch eines Krieges aus nichts schaffen. Ihre Bildung erfodert in Friedenszeiten einen Aufwand, wozu die Einkünfte des Staats mit allen Subsidien, die sich der Wahrscheinlichkeit gemäß voraussetzen lassen, nicht hinreichend sind. Die Zeiten sind vorbey, wo man mit einer Handvoll undisciplinirter und ungeübter Truppen Wunder thun, und sie auf Feindes Kosten unterhalten konnte. Die heutige Kriegsmethode erfodert Vorbereitungen und einen Vorrath an so mancherley Bedürfnissen, daß dem dänischen Finanzminister die Haare würden zu Berge stehn, wenn man ihm die Berechnungen davon vorlegte. Wenn auch der dänische Hof 2 Millionen Thaler jährliche Subsidien bekäme, so reichten doch dieselbe mit den sämtlichen Einkünften des Hofes kaum zu, einen einzigen Feldzug mit einer Armee von 40.000 Mann, von der man sich heut zu Tage etwas versprechen könnte, ohne Gefahr durch irgend einen beträchtlichen Verlust auf einen Schlag unthätig zu werden, und mit Nachdruk zu betreiben. Der kurze Feldzug im bayrischen Krieg vor einigen Jahren hat den Wiener=Hof gegen 72 Millionen rheinische Gulden gekostet, obschon gar nichts von Bedeutung vorgefallen ist, und das, was zu jedem Feldzug vorräthig da seyn muß, nicht mitgerechnet. Seine Armee war ohngefähr 300.000 Mann stark. Man mache nach dem Verhältniß den Anschlag für 40.000 Mann. Und was wären dann auch 40.000 Mann, wenn sie der dänische Hof, welches ihm doch platterdings unmöglich ist, auf eine etwas beträchtliche Zeit ausser Landes in Thätigkeit setzen wollte? Dem König von Preussen, wenn er auch noch so beschäftigt wäre, kämen sie sehr willkommen. Es ist überhaupt eine gute Maxime, daß, wenn man einmal mit mächtigen Feinden beschäftigt ist, man die benachbarten Kleinen auch noch dazu nehmen müsse. Man kann bey diesen mit einem Koup gewinnen, was auf der andern Seite allenfalls verloren geht. Was wurde aus den armen Schweden, die sich im lezten schlesischen Krieg durch französische Subsidien in Pommern sprengen liessen? Und doch hatte der König von Preussen damals mit dem größten Theil von Europa zu schaffen. Was wurde aus den armen Sachsen? Aus der armen Reichsarmee? Und doch waren die sächsischen und die Reichstruppen besser unterhalten und wenigstens so gut disciplinirt, als die dänischen wirklich sind. Dänemark kann auch nicht, wie Sachsen, an irgend einem Fall gezwungen werden, die Neutralität zu Land zu brechen, und hat also nicht nöthig deswegen sich immer in einem respektablen Stand zu erhalten. Von Schweden hat es aus mehr als einer Ursache nicht das geringste zu beförchten, und seine Lage setzt es auf allen andern Seiten sicher – So sicher, wie Dänemark durch seine Lage ist, hätte es sich immer doch nur ungewisse Vortheile von seiner Landmacht zu versprechen, wenn es sie auch auf einen respektablen Fuß setzen könnte, und bey irgend einer Gelegenheit der angreifende Theil seyn wollte. Dagegen wären die Vortheile gewiß, die es durch die Verwendung der Kosten seiner Landtruppen zum Anbau wüster Ländereyen und zur Beförderung der Industrie erhalten könnte. Ich war über diesen Punkt so umständlich, um dir und deinen Bekannten begreiflich zu machen, daß unser Hof Fußnote im Original: Diese Stelle beweist mehr, als irgend eine andre, daß unser Herr Reisende nicht bloß unter die Klasse der Neugierigen gehört, sondern wirklich für einen halben Spion irgend eines französischen Ministers zu halten ist. D. Ueb. zu den vielen Thorheiten, die er in neuern Zeiten begangen hat, noch eine neue häufte, wenn er in gewissen Absichten dem dänischen Hof Subsidien bewilligte, wozu er Neigung zu haben scheint. Das Geld wäre in jedem Betracht weggeworfen. Die Hälfte davon bliebe den dänischen Ministern und Kommissärs an den Fingern kleben, und die andre Hälfte wäre sehr übel angewendet. So überwiegend nun auch die Gründe gegen die dänische Landarmee sind, so macht man doch täglich dänische Projekte, um sie zu verstärken. Das eitle Ministerium, welches Struensee in seiner bekannten Rechtfertigung so getreu geschildert hat, will die Welt nicht vergessen lassen, daß ein Königreich Dänemark da ist. Es giebt sich ein [un]beschreibliches Air von Wichtigkeit. Verschiedene kleine Nekereyen grosser Höfe, in die man es immer zu ziehn beliebt, machen es wähnen, daß es wirklich einigen Einfluß habe. Unterdessen wird ihm von allen Seiten eingeflößt. Ein Wort des rußischen Ministers bringt die ganze Politik desselben ausser Fassung, und hat zu Koppenhagen wenigstens 20 mal so viel Gewicht, als zu Wien oder Berlin. Rathsamer wäre es noch, die Kräfte des Reichs bloß auf eine Seemacht zu verwenden. Es wäre der Lage des Landes und den Beschäftigungen seiner Einwohner gemäß. Mit einiger Unterstützung könnte sich dieses Reich auf diese Art doch in gewissen Fällen geförchtet machen, und wenigstens zur Kriegszeit seine Kauffahrt decken. Allein das dänische Ministerium will zu Wasser und zu Lande glänzen. Es hat 20 Linienschiffe, die von 50 Kanonen mitgerechnet, wovon aber nicht 6 im Stand sind, in Zeit von 6 bis 8 Wochen unter Segel zu gehn, ob man schon seit der Geburth der bewaffneten Neutralität an einigen Fahrzeugen rüstet. An verschiedenen Schiffen wird schon seit 8 bis 10 Jahren reparirt, und andre sind gar nicht mehr zu reparieren. Die Leichtigkeit, womit sich Aventuriers von der ersten Klasse von jeher in die dänischen Rathskollegien und bis ins Ministerium schwingen konnten, ist kein günstiges Vorurtheil für die Staatsverwaltung dieses Hofes. Zu Hamburg hat man ein Sprüchwort, daß, wenn Einer zu gar nichts mehr tüchtig ist, er doch wenigstens noch zu einem dänischen Rath zu gebrauchen wäre, und sein Glück noch zu Koppenhagen durch Projekte machen könnte. In diesen Umständen kann es um den Patriotismus nicht gut stehn. Ueberhaupt ist die dänische Wirthschaft ein Beweis, daß die despotische Regierungsart, bey all ihrer anmaßlichen Allmacht, doch die schwächste unter allen Regierungsarten ist, wenn das Haupt nicht sehr gesund und stark ist. Die Minister reiten auf den Räthen, diese auf den Sekretären, die Sekretären auf den Schreibern, und die Weiber auf ihnen allen nach Belieben herum. Gar oft wird auch der Minister vom Rath, und dieser vom Schreiber geritten, und so herrscht eine stille Anarchie, in welcher die Ruhe und das Wohl des Landes oft bloß noch von einem Hosenknopf abhängt, und man hat sich dann nicht zu wundern, wenn an einem Hof dieser Art manchmal solche Katastrophen ausbrechen, wie die vor 10 Jahren war Katastrophen ... vor 10 Jahren – der Sturz Struensees, s. o. – Prinz Friedrich, Stiefbruder des Königs, ist eine grosse Hofnung für das Land, und scheint mehr für die gute Sache, als für die Kabalen und Intriguen des Hofes zu seyn. Sein Einfluß ist aber jetzt noch eingeschränkt. Auf meiner Rückreise aus Jütland nahm ich einen Umweg über Lübeck hieher. Diese Stadt, die ehedem an der Spitze des Hansebundes eine so grosse Rolle spielte, und Königen auf den Thron half, ist nun sowol in Rücksicht auf Bevölkerung als auch auf Reichthum und Handlung, kaum die Hälfte von Hamburg. Gegen diese ohnmächtige Reichsstadt zeigt sich das dänische Ministerium in seiner ganzen Grösse. Sie und Hamburg sind die einzigen Mächte, denen es wirklich förchterlich ist. Besonders ist Lübeck der Gegenstand seiner Operationen. Wo es nur möglich ist, die arme Stadt zu bedrängen, läßt es dieselbe seine Ueberlegenheit mit allem Nachdruck empfinden. Geradezu und hart auf den Leib darf es ihr doch nicht gehn. Kaiser und Reich stehn für sie. Es muß seine Unternehmungen gegen dieselbe bloß auf eine Art von Blokade einschränken – Das Band der deutschen Reichsstände ist in Rücksicht auf auswärtige Mächte viel vester, als manche glauben, und der Artickel in den kaiserlichen Wahlkapitulationen, Wahlkapitulation – seit 1519 die vom Kaiser bei seiner Wahl zu beschwörenden Bedingungen, z. Z. der Niederschrift des Buches galt eine W. von 1711 »die Gränzen des Reichs nichts schwinden zu lassen«, hat, besonders unter Joseph dem Zweyten, seine gute Wirkung. Sogar unser Hof muß benachbarte kleine Fürsten Deutschlands so sehr, und oft noch mehr menagieren menagiren – menagieren, eigentlich: Essen in Empfang nehmen (beim Militär), hier: unterstützen als andre angränzende souveräne Staaten. Er dörfte sich gegen die Reichsstadt Speyer das nicht erlauben, was er sich so eben gegen Genf gegen Genf erlaubt – 1782 besetzten französische Truppen die Republik Genf erlaubt hat, wo er mit gewaffneter Hand den Vermittler machte, nachdem er doch die Garantie dieses Staats förmlich und feyerlich niedergelegt, und also gar keine Verbindung mehr mit demselben hatte. Leb wohl! Neun und fünfzigster Brief. Hannover – Alles Land, lieber Bruder, was von hier gegen Norden und Nordwesten liegt, und von der Embs, und der Elbe begränzt wird, ist theils purer Sand, theils ächtes Froschland, Schlamm und Morast. Der Schlamm an der See und den Flüssen wird hier zu Lande für eine paradiesische Erde gehalten. Wenigstens giebt er doch den Einwohnern Brod, dahingegen das höhere und veste Land größtentheils unfruchtbarer Sand ist. Hier, lieber Bruder, empfindet man erst, was Bergländer sind! In diesem ganzen Strich von Hamburg bis nach Emden, und von da durch einen grossen Theil von Westphalen bis hieher sah ich keinen einzigen Berg, keine einzige lachende Landschaft, keine schattige Hügel, kein schönes Gehölze, kurz nichts von allem dem, was einer Aussicht Leben geben kann. In Westphalen sah ich auch grosse Heiden, die noch öder waren, als die jütländischen. Das ganze Land ist beständigen Revolutionen unterworfen. Es ist ein Haufen Sand, den die Flüsse aus den höhern Gegenden Deutschlands herabgeschwemmt haben, und den sie beständig durchwühlen. Die See, welche hie und da fetten Schlamm ansetzt, reißt an andern Orten Dünnen weg, und so haben die Einwohner beständig mit dem Wasser und den Fröschen zu kämpfen. Die Flüsse tretten alljährlich aus, und setzen das Land auf viele Meilen in die Breite unter Wasser. Besonders sind die Ueberschwemmungen der Weser schreklich. Dann stehn Städte und Dörfer in einer See, und bilden eben so viele Inseln. Schnuppen, Husten und Fieber sind die Folgen davon, und würden vielleicht grosse Verheerungen unter den Menschen anrichten, wenn sie sich durch häufigen Brandtewein nicht immer erwärmten, und die Gewohnheit den Menschen nicht eisern machte. Für einen Fremden muß das Land im Frühling und Herbst äusserst ungesund seyn. Die Einwohner sind durchaus schnekenartig, bleich von Farbe, weich von Fleisch und eingeschrumpft. Ihre kleinen, runden Figuren stechen mit den schlanken Deutschen in den südlichern Gegenden stark ab. Rothe Wangen sieht man unter dem Mannsvolk dieser Gegenden fast gar nicht, und sie sind auch unter dem Frauenzimmer seltener, als weiter gegen Süden. Man lebt hier, wie in Dänemark schiffmäßig, von gesalzenem Fleisch, welches sie sehr schmakhaft zu machen wissen; von Fischen, Hülsenfrüchten und Brandtewein, den auch die gemeinen Weibsleuten mit grossen Gläsern trinken. Von dem schönen Obst und dem vortreflichen Gemüsen, worauf andre deutsche Völker, besonders die Schwaben und Rheinländer so viel halten, weiß man hier nichts. Das Volk ist unempfindlich, schwerfällig, finster und zum Theil auch unreinlich; doch ist es, besonders in dem hannövrischen nicht so wild und ungesittet, als das dänische. Unter den Bauern dieser Gegenden giebt es sehr viele reiche Leute. Die Leichtigkeit des Absatzes ihrer Produkte, die geile Fruchtbarkeit der Marschländer, der Fischfang, der ungeheure Umfang ihrer Güter in den heideartigen Gegenden, die noch immer zur Viehzucht zu benuzen sind, und die Regierungen, die größtentheils sehr sanft sind, gewähren ihnen Vortheile, welche die Bauern in vielen Ländern, in denen die Natur ihr ganzes Füllhorn ausgeschüttet hat, nicht genissen. In einem grossen Strich von Westphalen sah ich gar keine Dörfer; sondern das ganze Land gehörte einzeln Höfen, deren Gebiethe oft mehrere Stunden im Umfang hatte. Mitunter giebt es auch viele sehr arme Bauern. Besonders schienen mir die, welche jenseits der Weser, über Bremen und Delmenhorst wohnen, durchaus in keinen glücklichen Umständen zu seyn. In einigen Gegenden haben sie ihr Vieh in ihrer Wohnstube, und zweymal mußte ich mit einem Strohlager hart neben den Kühen vorlieb nehmen. Dieß hat hier zu Lande ein fahrender Ritter meiner Art gewiß zu erwarten, wenn er sich nur einige Schritte von den gewöhnlichen grossen Strassen entfernt. Er findet dann in keinem Dorf ein ordentlich Wirthshaus, sondern irgend einer der geringern Bauern schenkt Brandtewein, wozu er nichts als Erdäpfel oder etwas gesalzenen Spek und Kleyenbrod aufzusetzen hat. Es ist mir unbegreiflich, wie es unsere Truppen im letzten schlesischen Krieg in diesen Gegenden aushalten konnten. Bremen ist eine ziemlich reiche Stadt von ohngefähr 25. 000 Seelen. Sie treibt einen wichtigen Handel mit Eisen, Flachs, Hanf und Leinwand nach Frankreich, England, Spanien und Portugal, aus welchen Ländern sie verschiedene Produkte zurücknimmt, und damit einen grossen Theil von Westphalen und den hannövrischen Ländern versieht. Vom Fischfang zieht sie auch grosse Vortheile; besonders ist ihr Handel mit Thran nach Süddeutschland sehr wichtig. So finster und steif auch die Einwohner im Ganzen sind, so findet man doch unter dem bessern Theil derselben ganz artige Gesellschaften. Emden ist nicht so ansehnlich als Bremen. Der König von Preussen soll einen heimlichen, unauslöschbaren Groll gegen die Bürger dieser Stadt haben, die wirklich auch überhaupt genommen, kein angenehmes Volk sind. Trägheit und Fühllosigkeit zeichnen es auffallend aus. Es währte lang, bis die grossen Bemühungen des Königs, die Einwohner zur Handlung und Schiffahrt aufzumuntern, einige Wirkung hatten. Die ostindische Handelsgesellschaft, Ostindische Handelsgesellschaft – Emder Ostasiatische Handelskompanie, von Friedrich dem Großen 1751 unter dem offiziellen Namen »Königlich-Preußische Asiatische Compagnie« gegründet, 1765 wieder aufgelöst welche er mit beträchtlichem Aufwand ehedem in dieser Stadt errichtete, zerschlug wieder in den ersten Jahren. Gewisse republikanische Begriffe, welche die Bürger dieser Stadt affektirten, vereitelten vollends alle Bemühungen des Königs, und erhielten sie in ihrer alten Trägheit. Endlich besiegten doch die Klugheit und Thätigkeit der Regierung und einige günstige Umstände die Haupthindernisse, welche der Aufnahme der Handlung, wozu die Stadt eine sehr vortheilhafte Lage hat, im Wege standen. Die Häringsfischerey, wozu der König die Einwohner auf alle Art aufmunterte, bringt jetzt der Stadt grosse Summen ein. Der amerikanische Krieg begünstigte die Absichten des Königs ungemein, und die Handlung der Stadt fängt an sehr blühend zu werden. Sie verführt viel Westphälische Leinwande in die Südländer, versieht einen Teil [!] von Westphalen mit Specereyen und Weinen, und ihr Handel mit Käsen ist auch sehr beträchtlich. Ihr Hafen ist vortreflich. Die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst, welche der König von Dänemark auf Betreiben des rußischen Hofes gegen den Antheil desselben an Hollstein an einen Prinzen von Gottorf abtrat, machen nun ein sehr ansehnliches Fürstenthum aus, welches gegen 75.000 Einwohner zählt, und jährlich beynahe 400.000 rheinische Gulden abwirft. Aus diesen Gegenden, besonders aus Frießland, kommen die starken, schweren und stolzen Kutschenpferde, deren mächtiger Trott die Strassen verschiedener Städte Italiens erbeben macht, und die man auch, zwar etwas seltener, bey uns erblikt. Der rußische Hof läßt auch viele dieser Pferde für seine schwere Reuterey aufkaufen, die in Betracht dieser ungeheuern Thiere förchterlich aussehn muß. Für die deutschen Küraßiers liefert Hollstein die meisten Pferde, die gewiß auch den Friesen und Oldenburgern zu diesem Gebrauch vorzuziehn sind, indem sie mit der nämlichen Stärke mehr Lebhaftigkeit und Leichtigkeit verbinden. Hannover ist in jedem Betracht eine sehr schöne Stadt, von ohngefähr 20.000 Einwohnern. Hier giebt es vortrefliche Gesellschaften, zu deren Annehmlichkeit die Offiziers nicht wenig beytragen. Der Adel ist so gesittet und fein, als in irgend einer andern Stadt Deutschlands. Die Gegend um die Stadt ist wenigstens nicht so traurig, als die tiefern Gegenden an der Weser, und das Land fangt hier an, sich etwas zu erheben. Der Prinz Friedrich, zweyter Sohn seiner großbrittanischen Majestät, Großbrittanische Majestät – bis 1837 gehörte das Kurfürstentum Hannover (eigentlich Braunschweig-Lüneburg) zu Großbritannien ist wirklich hier, und macht einen gewissen Zirkel der Einwohner sehr lebhaft. Er ist Bischof von Osnabrük, welches Fürstenthum ihm jährlich gegen 180.000 rheinische Gulden einträgt. Er bekam es fast schon in der Wiege, und sein zärtlicher Herr Vater hat ihm seitdem die Revenuen desselben ohne allen Abzug zusammengespart, so daß er beym Eintritt in seine Majorennität Majorennität – Volljährigkeit weit über 3 Millionen Gulden baares Geld vorräthig hat. Man wünscht und glaubt hier, er werde nach einigen Jahren zu einem Statthalter der deutschen Lande seines Herrn Vater erklärt werden, und hier beständig residiren. In Betracht seiner ansehnlichen Einkünfte wäre es ein wichtiger Vortheil für diese Stadt, und seine vortrefliche Bildung verspräche dem ganzen Lande eine eben so weise als sanfte Regierung. So fruchtbar auch einige Bezirke der hannövrischen Staaten seyn mögen, so sind sie im Ganzen doch ohne Vergleich der schlechteste Theil von Deutschland. Ihr Umfang beträgt ohngefähr 700 deutsche Quadratmeilen, und doch enthalten sie schwerlich 700.000 Einwohner; wenigstens hat man in denselben bey einer Zählung nicht über 100.000 Feuerstellen gefunden. Im letzten schlesischen Krieg fanden unsre Kommissärs bey einer Zählung in den gesammten hannövrischen Ländern nicht viel über 500.000 Seelen. Wenn man aber auch gegen alle Wahrscheinlichkeit die Zahl der sämtlichen Einwohner auf 700.000 sezt, so findet man doch im übrigen Deutschland keinen Umfang von gleicher Grösse, der im Durchschnitt nicht mehr als 1.000 Seelen auf einer Quadratmeile enthielte. Zwischen Schwaben, Sachsen, Oestreich, Böhmen und andern Provinzen Deutschlands und diesen Ländern ist der Abstand ungeheuer. Jene Staaten zählen im Durchschnitt 2.500 Seelen auf einer Quadratmeile, und zum Theil noch mehr. Die Natur hat hier fast alle Schuld der geringen Bevölkerung. Es giebt hier zu Lande ungeheure Sandheiden, die platterdings nicht anzubauen sind. Fast alles Land zwischen hier und Hamburg ist todter Sand. – Die sämmtlichen Einkünfte dieser Lande betragen ohngefähr 4.800.000 rheinische Gulden, wozu die Bergwerke im Harz allein gegen 1 Million beytragen. Die Länder des Kurfürsten von Sachsen, die nur um eine unbedeutende Kleinigkeit grösser sind, als die hannövrischen Staaten, werfen mehr als noch einmal so viel ab. Die Regierung dieser Lande ist sanft, und die Staatsbedienung in Händen kluger und thätiger Patrioten. Von Erpressungen weiß man hier nichts. Wenig Geld geht aus dem Lande nach London. Fast alles wird zum Besten dieser Länder wieder verwendet. Die Armee, welche den größten Theil davon zieht, ist etliche und zwanzigtausend Mann stark. Sie ist unter allen deutschen Truppen am besten unterhalten; aber lange nicht so disciplinirt, als die östreichische oder preußische Armee. Vielleicht ist unter allen deutschen Regierungen die hiesige die gelindeste, und es herrscht in diesen Staaten durchaus ein Geist der Freyheit, der mit andern Gegenden Deutschlands stark genug kontrastirt. Ich war kaum 3 Tage hier, als ich einen Ausfall nach Braunschweig that. Deutschland hat wenige Fürstenhäuser, auf die es so stolz seyn kann, als auf dieses. Es war wirklich eine Art von Begeisterung, womit ich einige der ersten Helden Germaniens anschaute, ob sie schon auf unsere Kosten Helden geworden sind. Der regierende Herzog regierender Herzog – August Wilhelm, Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, preußischer Infanteriegeneral, nahm an allen drei Schlesischen Kriegen teil, † 1781 ist einer der ersten Generäle der preußischen Armee, ein ausgebildeter Staatsmann, und der Liebling des Königs von Preussen. Den Prinzen Ferdinand Prinz Ferdinand – Prinz Ferdinand von Braunschweig, preußischer Generalfeldmarschall, spielte eine wichtige Rolle im Siebenjährigen Krieg, besonders im Kampf gegen die Franzosen im Rheingebiet, † 1792 brauch ich dir nur zu nennen, um dich fühlen zu lassen, wie interessant es mir seyn mußte, ihn zu sehn. Er ist Euch andern nur als ein schrecklicher Feind bekannt; allein sein gutes Herz, seine ausgebreiteten Kenntnisse, seine Thätigkeit für das Wohl der Menschheit, in so weit sich seine Sphäre ausdehnt, und seine gegen jedermann zuvorkommende Höflichkeit würden Euch bald vergessen machen, daß er Euer Feind war, wenn Ihr ihn genauer kenntet. Braunschweig ist der Mittelpunkt der deutschen Freymäurerey, an deren Spitze der Prinz steht. Die meisten protestantischen Fürsten Deutschlands sind Glieder dieses zahlreichen Ordens. Es ist noch nicht lange her, daß sich das Sistem der deutschen Logen fixirt hat, und sie einen vesten Zusammenhang haben. Deutschland hat ihnen unendlich viel zu danken, und wäre es auch nur, daß ein grosser Theil seiner Fürsten populärer dadurch geworden ist. Fünf Prinzen aus diesem alten Heldenhaus kämpften im lezten slesischen Krieg für Deutschlands Ruhm und Freyheit. Der jüngste von ihnen ist 17 Jahre alt, blieb mit Wunden bedekt unter einem Haufen Husaren, die die Zeugen seiner bewunderswürdigen Dapferkeit waren, und denen er bis zum letzten Athemzug Muth einsprach; noch ein andrer blieb bey Hochkirchen – Vielleicht weißt du nicht, daß dieses Haus das eigentliche Stammhaus der Herzoge von Braunschweig, und das königliche Grosbrittanische nur ein Nebenast desselben ist. Braunschweig ist eine ziemlich ansehnliche Stadt, die einen beträchtlichen Handel treibt, und auch verschiedene Manufakturen von Bedeutung hat. Die zahl der Einwohner, unter denen es sehr gute und feine Gesellschaft giebt, belauft sich auf ohngefähr 24.000. man schätzt die sämmtlichen Einkünfte des regierenden Herzogs auf ohngefähr 1.300.000 rheinische Gulden. Sechzigster Brief. Kassel. – Das Ideal von körperlicher Schönheit lieber Bruder, welches unsern Künstlern vor Augen schwebt, sich aber so sehr gegen die Meisel, Pinsel, Grabstichel, gegen Bley, Kohlen, Kreide und alle Instrumente sträubt, ist gewiß nicht in Norden abstrahirt worden. Alle Menschenfiguren, von hier bis an die Nord= und Ostsee, sind so weit davon entfernt, daß sich keine Linie dazu haschen liesse. Einen Frauenkopf, der sich der griechischen Form näherte, suchst du im ganzen Strich umsonst. Du findest einnehmende Gesichter genug mit sehr sanften Zügen. Allein allen fehlt das griechische Profil, und die Seele. Das schöngefärbte Fleisch hat auch die Festigkeit nicht, welche von einer sehr schönen Form unzertrennlich ist. An den tiefern Gegenden der Elbe und Weser siehst du die Schneebusen, die Lilien= und Rosenwangen der Mädchen, die in ihrer vollen Blüthe sind, in ihrem Gang sich bewegen. Alles ist schlapp und unstät, daß man es keine veste Form nennen kann. Auch unter den Sächsinnen, die übrigens, wenigstens für uns Ungriechen, allerliebste Geschöpfe sind, findest du höchst selten ein Gesicht, das sich deinem Ideal näherte, ob sie schon in Norden das sind, was die Florentinerinnen in Süden sind, und alle ihre Landsmänninnen an Lebhaftigkeit und Geist unendlich weit übertreffen. Die Männer in Norden sind eben so weit von dem Ideal der Schönheit entfernt. Winkelmann Winkelmann – Johann Joachim Winckelmann, Archäologe und Kunstwissenschaftler, Begründer der wissenschaftlichen Archäologie, formte das idealistische Antikenbild der deutschen Klassik, † 1768 (Raubmord) selbst glaubte, daß man in Neapel und Sicilien mehrere und bessere Muster zum Studium männlicher Schönheit fände, als unter seinen Landsleuten, den Sachsen, die doch unter den Nordvölkern ohne Vergleich das schönste sind. Ich weiß auch, daß kein Deutscher den Südvölkern den Vorzug der Schönheit streitig machen wird. Wenn man aber den Deutschen sagt, daß überhaupt genommen, der Mensch in Süden viel stärker und dauerhafter ist, als in Norden, so halten sie es für das dreisteste Paradoxon. Und doch ist Stärke ein Hauptzug der männlichen Schönheit? – Sie sollten einmal einen Sicilianer mit einem Hannoveraner oder einem Westphälinger ringen sehn! Das Ringen halt ich für die entscheidenste Prüfung der Stärke – Ich glaube auch, daß man die genuesischen und neapolitanischen Lastträger, die 400 Pfund auf eine beträchtliche Streke Weges schleppen, im ganzen Norden umsonst sucht. Ich glaube auch, daß man mit deutschen Truppen, in gleichen Umständen, nie das thun kann, was man mit Spaniern zu leisten im Stand wäre. Daß jene diesen heut zu Tage in Disciplin und Kunst so sehr überlegen sind, kömmt hier nicht in Anschlag. Zu Karl des Fünften Zeiten, waren es die letztern den erstern eben so sehr. Man agire einmal mit deutschen Truppen in Spanien oder Italien. Wenigstens sind die Armeen, welche ehedem die Kaiser nach Italien führten, alle umgekommen. Dagegen haben die Spanier unter Karl dem Fünften am Rhein so manche Feldzüge mit Ruhm ausgehalten, und auch in Holland, dessen Klima von dem ihrigen so unendlich verschieden ist, grössere Wunder der Dapferkeit gethan, und hartnäckiger gestritten, als die Eingebohrnen selbst, die gewiß noch hätten unterliegen müssen, wenn ihnen nicht äussere Umstände wären zu Hülfe gekommen, und des Prinzen von Oranien Geist nicht mehr gethan hätte, als alle Mynherrn zusammengenommen. Es hat dem Nationalstolz der Deutschen beliebt, sich von den Südvölkern einen Begriff zu machen, dem die ganze Geschichte, der Augenschein und die Natur widersprechen. Sie glauben, Verstand, Entschlossenheit, Muth, Stärke und Freyheit wären Attributen ihrer dicken und feuchten Luft, und der Süden wäre der natürliche Sitz der Dummheit, Indolenz, Weichlichkeit und Tyranney. Unterdessen lehrt uns die Geschichte, daß die Erleuchtung des Menschenverstandes aus Süden gekommen ist. Der Augenschein lehrt uns, daß die Italiäner und Spanier viel nüchterner im Essen und Trinken und vielleicht auch im Genuß der Liebe sind, als die Deutschen überhaupt genommen, die Dänen, Schweden; Russen und Polen. Die Natur sagt uns, daß die körperlichen Kräfte mit jenen der Seele in einem gleichen Verhältniß stehn, und daß die natürliche Schönheit und Stärke des Geistes am ersten da zu suchen sey, wo die grosse Schöpferin dem Menschenkörper eine vorzügliche Schönheit und Kraft beygelegt hat. Gehen wir einmal über die Mittellinie hinaus; vergleichen wir die Menschen in dem Verhältniß, wie sie sich immer gleichweit von dem glüklichen Luftstrich Griechenlands, Kleinasiens oder Italiens gegen den Nordpol und den Aequator entfernen. Die Natur läßt den Bewohner der Küste der Barbarey, den Araber, den Guineer, Guinea – Westafrika Abyßinier Abyßinien – Abbesinien: Äthiopien u. w. s. nicht zu der Indolenz und Fühllosigkeit sinken, wodurch sich der Grönländer, der Lappe, der Samojede Samojede – eine Rasse von Schlittenhunden u. s. w. auszeichnet. Welche erstaunliche Proben geben uns nicht die Negers von körperlicher Stärke, Entschlossenheit und Kaltblütigkeit. Ein offenbarer Beweis, daß der warme und heitere Himmel in Süden den Naturmenschen erhöht, und die trübe und kalte Nordluft ihn erniedrigt. Wenn jetzt die Völker in Norden denen in Süden überlegen sind, so beweist es nichts, als daß Gebräuche, Sitten und Regierung mehr Macht über den Menschen haben, als das Klima. Diese Sitten, Gebräuche und Regierungsarten, welche den Norden in diesem Jahrhundert ein so grosses Uebergewicht über das südliche Europa geben, sind aber aus Süden gekommen. Was sind unsre Republiken anders, als Miniaturkopien von den Griechischen und Römischen? Wie krippelhaft ist unsre Gesetzgebung überhaupt im Vergleich mit der von Karthago, Aegypten, Rom, Athen u. s. w. ? Und doch ist auch dieß Krippelhafte nichts, als was wir in den Ruinen dieser Südstaaten zusammengestoppelt haben. Hat die preußische Taktik etwas Besseres, als die Phalanx Phalanx – antike Sturmtruppe von 8.000 bis 16.000 Mann der Macedonier war? Wundern wir uns, daß die Völker an der Weser und Elbe den Varo Varo – Publius Quinctilius Varus, römischer Feldherr, nahm sich nach der verlorenen Schlacht im Teutoburger Wald † 9 das Leben ermüden und schlagen konnten, da wir doch sehen, daß die Nordamerikaner, das feigste und undisciplinirteste Pakvolk von der Welt, vermittelst ihrer Wälder, Flüsse, Sümpfe und der Ausdehnung ihres ungebauten Landes der ganzen Macht Großbrittaniens Trotz bieten? Und doch ist den Britten das Klima von Nordamerika gewiß nicht so beschwerlich, als jenes von Süddeutschland den Römern damals seyn mußte, und Deutschland war zu der Zeit bey weitem noch nicht so angebaut, als jetzt schon Nordamerika ist. Man denke sich Varons Armee an dem St. Laurentfluß, St. Laurentfluß – St. Lorenz-Strom an dem Obersee, dem Illinoissee, und im Begriff, über die obern Gegenden des Mißißippi zu setzen, und dann hat man doch noch kein getreues Gemählde von ihrer Lage. Sie hatte lange die Leichtigkeit der Zufuhr von Kriegs= und Mundvorrath nicht, welche sie in Nordamerika haben würde. Deutschland war damals ein unterbrochener Wald, dessen Flüsse noch in keine beständigen Bette eingeschränkt waren, sondern ungeheure Moräste bildeten, von denen man noch zu viele und zu deutliche Spuren sieht. Die Völker Deutschlands, welche nachher den Süden unterjochten, hatten diese Ueberlegenheit ohne zweifel zum Theil den Kriegen zu danken,welche die Römer zuvor gegen sie geführt hatten, so wie die Russen durch die Kriege mit den Schweden, und die Nordamerikaner durch die Anfälle der Britten, geübt und endlich vollkommene Soldaten wurden. Man hätte den Scipionen Scipionen – Publius Cornelius Scipio, römischer Feldherr im 2. Punischen Krieg, besiegte - 202 Hannibal in Afrika, † v.C. 183 sagen sollen, daß einst aus dem herzinischen Wald herzinischer Wald – Hercynia silva, römische Bezeichnung für die deutschen Mittelgebirge die Ueberwinder der Römer kommen würden! Wenigstens würden sie auf das Klima keine Rücksicht genommen, sondern allenfalls geantwortet haben, daß zuvor Roms Sitten, Verfassung und Verwaltung verderben müßten, und das war hernach auch der Fall. Was waren aber die Eroberungen der Nordvölker, nachdem der Luxus die Menschen in Süden unter ihre Natur herabgewürdigt, und die erstern den letztern überlegen gemacht hatte? Waren sie nicht gleich einem Eisgang ihrer Flüsse, die nach einem starren Frost aufthauen, die Felder überschwemmen, und mit Eisschollen und Sand weit und breit alles verwüsten? Alle Eroberer aus Süden bauten an und klärten auf, dahingegen alle Eroberer aus Norden verheerten und verfinsterten. Vor und nach der Epoche der Römer geschah immer das nämliche. Die Babylonier und Aegypter, wenn die Feldzüge der letztern wahr sind, waren wohlthätige Sieger, wie die Griechen und Macedonier, und was waren dagegen die Scythen? Scythen – Skythen: Sammelbezeichnung für die Nomadenstämme der eurasischen Steppen im - 1. Jahrtausend Die Araber verbreiteten Wissenschaften, Künste und Menschenliebe, wohin sie ihre Waffen trugen; wie finster ward es aber, als sich die nördlichen Türken ihres Reichs bemächtigt hatten? Ein auffallender Beweis von der körperlichen Schwäche der Nordvölker ist, daß sie allezeit entnervt waren, sobald sie sich in Süden niedergelassen hatten. Nie konnten sie es lange aushalten, da man hingegen in keinem Geschichtschreiber liest, daß das Klima von Norden der Stärke und Tapferkeit der Römer nachtheilig gewesen wäre. Wie hielten es Cäsars Truppen in Gallien, Belgien und Brittanien aus? Wie hartnäckig agirten die Römer unter den Kaisern am Rhein, an der Donau und in den Gegenden der Weser und Elbe? Man giebt es dem Klima schuld, daß die Nordvölker in Süden weichlich wurden. Waren aber die Römer weichlich, als ihre Heerführer Haberbrey assen? Waren es die Macedonier oder Spartaner? Der grosse Haufe der heutigen Italiäner und die Spanier sind gewiß kein weichliches Volk. Das Klima an sich machte den Unterschied nicht. Der schwache Nervenbau der Nordvölker war schuld, daß sie den Abstich der heissen Täge mit den kalten Nächten in Süden, welcher die stärker gebauten Eingebohrnen abhärtet, erschlappen machte, und sie auch die Veränderung der Lebensmittel nicht aushalten konnten. Die grossen Körper unter den Deutschen, Dänen und Polen sind blosse Klötze von Knochen und Fleisch, welches letztere oft bis zum Eckel ins Schwammige fällt. Dahingegen der leichtere Italiäner und auch der hagere Spanier sehnigter und muskulirter ist, welches die wahre und körperliche Stärke karakterisirt. Eben so ist es ein Beweis von der Seelenschwäche der Nordvölker, daß sie in dem eroberten Süden nie dauerhafte Staaten zu stiften wußten. Ihre Reiche waren ein blosses Spiel des Zufalls, und sie hatten nie glückliches Genie genug, um Plane zu machen, und gesellschaftliche Bande zu knüpfen. Wie ganz anders verfuhren die Südvölker bey ihren Eroberungen, besonders die Römer, auch als sie von den Wissenschaften und Künsten noch nichts wußten! Ueberhaupt äussert die Natur durch alle ihre Reiche in Süden eine ganz andre Treibkraft, einen viel mächtigern Schöpfungsgeist, als in Norden. Welche Mannichfaltigkeit und Stärke herrscht durch das Pflanzenreich in Süden! Die Staude, welche uns den Balsam von Mekka Balsam von Mekka – Kaffee liefert, die Gewürze von Zeylon und den molukkischen Inseln beschämen die Zeugungskraft der Erdstriche gegen die beyden Pole zu, und augenscheinlich nimmt diese Kraft in eben dem Verhältniß ab, in welchem ein Erdstrich sich von dem Aequator entfernt. Unsere schmackhaften Früchte sind alle aus Süden zu uns gekommen, und je schmackhafter und geistiger sie sind, desto weniger können sie die Nordluft ertragen. Die edlern Früchte können so wenig als der Wein, der den Menschen so stark macht, in Norden einheimisch werden. Sogar in dem todten Steinreich zeigt sich die Natur in Süden edler als in Norden. Und vollends das Thierreich! Wie weit sind die Thiere in den warmen Ländern jenen in Norden überlegen? Warum sollte die Natur, die unter einem heissen Himmel durchaus mächtiger wirkt, nicht auch unter denselben den Menschen stärker machen? Der Verstand und die Sittlichkeit sind freylich kein Eigenthum eines gewissen Luftstriches. Sie setzen Gebräuche, Sitten, Erziehung, Regierung, u. s. w. voraus, wodurch der künstliche Mensch leicht dem natürlichen überlegen werden kann. Allein der Menschenverstand erwacht gewiß eher aus seinem natürlichen Schlaf in Süden als in Norden. Unter einem warmen Himmel bietet ihm die Natur mannichfaltigere Gegenstände dar, deren sehr lebhafte Eindrücke ihr die Aehnlichkeiten viel leichter abstrahiren machen. Seine Sinnen sind hier reger und gespannter, und beruht nicht der Verstand auf sinnlichen Begriffen? Die Phantasie, welche mit allen Verrichtungen der Seele so sehr verwebt ist, hat in Sicilien doch gewiß mehr Reitz und Nahrung, als in Island. Die Stärke der sinnlichen Eindrücke giebt unter einem warmen Himmel den Seelenkräften einen Schwung, welcher der eigentliche Karakter des Genies ist, und den die Nordvölker durch keine kalten Abstraktionen, die eine Folge ihrer geborgten Sitten, Gebräuche und Regierungen sind, ersetzen können. So vortheilhaft die Stärke der sinnlichen Eindrücke für den Verstand und die Phantasie des Menschen ist, eben so enge ist das feine sinnliche Gefühl mit dem sittlichen verbunden. Die Deutschen, welche den Franzosen, Italiänern und allen südlichen Völkern Indolenz, Sklaverey und Erniedrigung der Seele vorwerfen, vergessen, daß die Sibirier und Kamtschadalen in ihrem Eis und Schnee nach den Beschreibungen aller Reisenden das feigste, wollüstigste, niederträchtigste und sklavischeste Volk auf der Erde sind. In Italien konnte das Gefühl der Freyheit nie so ganz erstickt werden, wie in verschiedenen Nordländern, die der natürliche Sitz des Despotismus zu seyn scheinen; und die Regierung von Frankreich und Spanien ist lange nicht so willkürlich, als sich die deutschen Politiker dieselbe zu denken belieben. Die reine und trockene Luft in Süden erhebt die Seele, so wie sie den Nerven Ton giebt. Alle, die auf Bergen eine heitere und feine Luft geathmet haben, reden von Empfindungen, die sie auf der Ebene nicht kannten. Die Luft des südlichen Europa verhält sich zu der in Norden, wie sich die Luft auf den Alpen der Schweitz zu jener in den Thälern verhält. Wenigstens lassen sich die hektischen Engländer zu Cintra, Cintra – Stadt in Portugal Nismes, Nismes – Nimes, Stadt in Südfrankreich Nizza, Pisa und Neapel nieder, um ihren schlappen Nerven Ton zu geben. Wenn die Völker an der Elbe und Weser eben so der lieben Natur überlassen wären, sie würden an Seelenstärke eben so tief unter den Sicilianern und Neapolitanern seyn, als sie von diesen in körperlicher Schönheit und Lebhaftigkeit übertroffen werden. Der unbefangne Weltbürger bewundert die Allmacht der Regierungen, welche die Menschen so weit über ihre natürliche Lage erheben, oder so tief sinken lassen können, ohne gehäßige Vorurtheile gegen ein Volk zu fassen. Er wünscht dem Norden Glück, daß er sich anbaut und durch den Anbau immer mehr aufheitert; aber er vergißt nicht, daß der Süden früher angebaut und aufgeheitert war, und daß die Kunst des Anbaues und das Licht aus diesem gekommen sind. Du siehst diesen Betrachtungen leicht an, daß sie auf dem Postwagen gemacht worden, wo ich ein Vieh von einem oldenburgischen Pferdehändler, ein Klotz von einem bremischen Mäkler, und ein hübsches weibliches Stück Fleisch, eitel todtes Fleisch, vor mir auf dem Stroh liegen hatte. Da war auf dem ganzen Weg von Göttingen hieher kein Wörtchen zu reden. Wenn nicht Husten, Niesen, R*lpsen u. dgl. m. die grosse Stille manchmal unterbrochen hätten, so würde ich gewiß nicht daran gedacht haben, daß ich Gesellschaft hätte. Zu Göttingen hatte ich verschiedene Professoren besucht, denen ich meine grosse Hochachtung nicht versagen kann, die aber alle für die Kultur Deutschlands und gegen uns andre Südländer so sehr eingenommen waren, daß ich es mit ihrer so ausgebreiteten Weltkenntniß nicht zusammen reimen konnte. Alle diese Herren sprechen von dem politischen und litterarischen Zustand unsers Vaterlandes mit einer Verachtung, die wirklich manchmal ans Lächerliche gränzt. Es ist theils Nationalstolz, theils Partheylichkeit für die Engländer, theils ächte Charlanterie vom besten Gehalt. Unsere Regierung halten sie für die Quintessenz der Despotie, unsere Akademien für Narrenspithäler, unsre Soldaten für Weiber, und unsre größten Geister, denen sie doch, wie sich offenbar aus ihren Schriften ergiebt, so viel schuldig sind, für Kleinmeister. Ueberhaupt halten sie den Süden für das Reich der Finsterniß und Tyranney, und trauen den Schweden, Dänen und Russen mehr Menschenverstand, Witz und Aufklärung zu, als dem feinsten Südvolk, welches mir zu meinen Betrachtungen auf dem Postwagen, die durch starke Stösse manchmal dekontenancird dekontenancird – von Contenance: Fassung, Gelassenheit; also aus der Fassung bringen wurden, Anlaß gab. Unter andern besucht' ich auch den Professor Schlötzer, Schlötzer – August Ludwig von Schlözer, s. Vier und dreyßigster Brief. der aus purer Nationalpartheylichkeit auch nicht sehr billig gegen uns ist. Vielleicht giebt es wenige Geschichtkundige in Europa, die aus der ganzen Weltgeschichte so viele Thatsachen wissen, als dieser Mann. Besonders fand ich von der neueren Geschichte einen ganz unerwarteten Vorrath bey ihm. Er besitzt eine ungeheure menge lebender Sprachen. Seine etwas versalzene Laune mag ihm als Privatmann nicht sehr vortheilhaft seyn; aber in seinen Schriften thut sie oft eine gute Wirkung. Was ihn itzt vorzüglich merkwürdig macht, ist ein Journal, welches er unter dem Titel eines politischen Briefwechsels herausgiebt, und welches eins der gängigsten in Deutschland und auch einigen angränzenden Ländern ist, ob es schon Herr Linguet bey einem gewissen Anlaß peu connu peu connu – wenig bekannt nennt. Es ist nicht von der Art der englischen, holländischen und französischen Journale, die meistens nur Reflexionen und Deklamationen enthalten, welche in ihr voriges Nichts zusammen fallen, so bald man die Species Fakti, Species Fakti – die Tatsachen worauf sie beruhen, in die Pfanne hauen kann. Schlözers Journal enthält größtentheils nur Urkunden, zu denen er manchmal kleine, interessante und oft auch etwas beissende Noten macht, und deren Sammlung ihm die deutsche Nachwelt gewiß verdanken wird. Es ist wahr, daß auch oft sich falsche oder verunstaltete Thatsachen sich einschleichen; allein, sie werden zuweilen berichtigt. Aus keiner Schrift kann man den jetzigen politischen Zustand, wenigstens eines Theils von Deutschland so genau kennen lernen als aus diesem Journal. Es enthält eine Menge Listen von Bevölkerung und Einkünften verschiedener deutscher Staaten und Nachrichten von dem Anbau und der Industrie derselben. Da Herr Schlözer besonders auf die Sottisen und Sultanismen deutscher Regenten und auf die Produkte der Barbarey und des Mönchswesens Jagd macht, so fehlt es nicht an sehr interessanten Anekdoten, die oft zu noch interessanteren Beleuchtungen Anlaß geben. Vielleicht ist dieses Journal einer der sichersten Dämme gegen die Despotie der kleinen Fürsten Deutschlands. Wenigstens weiß man gewiß, daß es an verschiedenen Höfen Wirkung gehabt hat. Leute vom ersten Rang, und sogar Fürsten selbst haben ihm öfters schon Beyträge geschickt. Der Plan dieses Journals ist für den Herausgeber eben so einträglich, als vortheilhaft für das Publikum. Es erhält sich durch fremde Beyträge, wird durch keine selbstbeliebige und partheyliche Bemerkungen des Verfassers gehäßig, alle Wege bleiben ihm offen, und die kleinen Regenten, welche noch einige Schaam haben, müssen den strengen Zensor förchten, der ihre Thaten öffentlich sprechen läßt. Herr Schlözer bedient sich all der Freyheit, die ihm der Ort seines Aufenthaltes Ort seines Aufenthaltes – Göttingen bzw. Hannover gehörten zum Großbritannischen Königreich gestattet. Auch von andern Staaten hat er in seinem Journal sehr interessante Nachrichten geliefert. Es kömmt immer mehr in Aufnahm, und in meinen Augen hat ein Heft desselben mehr Werth, als alle Jahrgänge von Linguets Annalen zusammen genommen. Wenigstens enthält es mehr Wahrheit. Dieses Journal karakterisirt die deutsche Gelehrsamkeit überhaupt vortreflich. In den deutschen Geschichtschreibern und Politikern findet man keine Spur von den kühnen Bemerkungen, dem glänzenden Scharfsinn und der Gabe lebhaft zu schildern, wodurch sich die Geschichtschreiber und Staatsmänner der Engländer auszeichnen. Alles beruht bey ihnen auf trockenen Thatsachen, mit deren Berichtigung sie sich unglaublich zu schaffen machen. Der unbefangene Liebhaber der Wahrheit, welcher zu seiner Unterhaltung kein Spiel des Witzes sucht, wird gewiß lieber in Schlözers Briefwechsel eine Liste von der Bevölkerung eines Landes anschaun, als die pompösen Deklamationen der englischen Reisebeschreiber und Politiker lesen, die oft durch einige Ziffer jener Liste zu Schanden gemacht werden. In allen Fächern der Wissenschaften unterscheiden sich die Deutschen von andern Nationen auf die nämliche Art. Göttingen ist ein hübsches Städtchen von ohngefähr 8.000 Seelen, dessen Lage schöner und dessen Gegend fruchtbarer ist, als irgend einer andern hannövrischen Stadt, die ich sah. Sie lebt fast bloß von der Universität, die nun eine der berühmtesten in Europa ist, und nebst den Deutschen auch von Russen, Schweden, Dänen und Engländern besucht wird. Der Studenten sollen hier itzt gegen 800, und der Lehrer, die Sprach= Tanz= Fechtmeister u. dgl. m. mitgerechnet, gegen 60. seyn. Der König von Großbrittanien spart nichts, was diese hohe Schule immer mehr in Aufnahme bringen kann. Die Bibliothek, welche auf seine Kosten unterhalten und immerfort sehr vergrössert wird, ist eben so zahlreich als gut angeordnet. Die Sternwarte, die Sammlungen von Naturalien, physikalischen und chirurgischen Instrumenten, der botanische Garten, kurz, alles zeugt von einem königlichen Aufwand. Die halbjährigen Kurse der protestantischen Universitäten, welche Herr Pilati so sehr mißfallen, haben meinen vollkommenen Beyfall. Wenn sie zum Vortheil des Beutels der Professoren angelegt sind, so verliert der Lernende doch gewiß auch nichts dabey. Auf einer Schule läßt sich keine Wissenschaft erschöpfen. Es kömmt hier bloß darauf an, den Studirenden einen Grundriß davon vorzuzeichnen, ihnen einen deutlichen Begriff von der Abtheilung des Gebäudes zu geben, die Schwierigkeiten und zugleich die leichtesten Mittel anzuzeigen, dieselbe zu überwinden. Das Mauern, Zimmern, Vertäfeln, Verfenstern und Vergolden ist kein Werk für die Schule. Kaum reicht das Leben eines Menschen hin, um das Gebäude einer Wissenschaft ganz auszuführen. Faßt der lernende den Grundriß leicht, so ist der halbjährige Kurs ein eben so grosser Vortheil für ihn, als den Professor. Er erspart Zeit und Geld. Faßt er ihn nicht ganz, so kann er sich von der Wiederholung um so mehr Deutlichkeit und Leichtigkeit versprechen. Eben so parallel läuft der Vortheil der Studenten mit jenem der Professoren darin, daß man jene anhält, viele Stunden auf einmal zu nehmen. Gemeiniglich legt man ihnen einen Plan vor, in welchem man die Wissenschaften theils nach ihrer natürlichen, theils nach ihrer relativen Verbindung mit dem Zweck der Studierenden so anordnet, daß sie einander die Hand bieten. Es ist hier nichts seltenes, daß ein Student alltäglich seine 6 bis 7 Kollegien frequentirt. Er wird nicht leicht ermüdet, weil die Abwechslung unterhält. Das Quellen=Studium ist nicht für die Schule, und wenn man einen geschikten Vortrag anhört, so macht es einen lebhaftern und vestern Eindruck auf die Seele, als wenn man das nämliche lesen würde. Man muß auch voraussetzen, daß der Professor das bestimmte und deutliche Resultat geben kann, welches der Studierende aus einem Haufen Bücher oft nicht heraus nehmen könnte. Wenn durch diese Gewohnheit auch nur den Studierenden der Weg zu Ausschweifungen und zur Liederlichkeit mehr abgeschnitten würde, so wäre der Vortheil schon groß genug. Daß die Kollegien von den Studierenden müssen bezahlt werden, hat meinen Beyfall nicht. Es ist wahr, es trägt dazu bey, den Eifer und Fleiß der Professoren warm zu erhalten; allein der Vortheil ihrer vollkommenen Unabhängigkeit von den Studenten würde meines Erachtens jene aufwiegen. Alles, was die Hochachtung des Schülers gegen seinen Lehrer vermindern kann, sollte sorgfältigst vermieden werden. Die Studierenden hier sind freylich meistens erwachsene Leute; allein sie sind doch nicht alle im Stand, ihre Lehrer bloß nach dem innern Werth zu beurtheilen. Ein wenig Glauben und Ehrfurcht ist gewiß für den Schüler nicht schädlich. Verhetzung, Klätschereyen, und eine Menge elender Kunstgriffe, zu denen sich öfters so berühmte Männer einiger Gulden halber herablassen, und die sie in den Augen der Studierenden herabwürdigen müssen, sind eine Folge dieser Einrichtung. Man könnte allenfalls auch durch einen wohlgewählten, klugen und wachsamen Intendanten verhindern, daß die Professoren nicht leicht einschliefen, wenn sie ihre festen und hinlänglichen Besoldungen hätten. Wenn Herr Pilati sagt, die Deutschen behandelten alle Wissenschaften itzt nur in Kompendien, so hat er gewisse Produkte der öffentlichen Lehrer besonders auf der hiesigen Universität sehr verkennt. Fast jeder Professor hier entwirft einen Plan zu seinen Vorlesungen, der seinen Zuhörern zu einem Leitfaden in seinem Vortrag und zum Behuf seiner Nachlesungen dient. Diese Plane kann man keine eigentliche wissenschaftliche Kompendien nennen, so wie man z. B. Bossuets Bossuet – Jacques Bénigne Bossuet, französischer Bischof, Jesuit, † 1704 Universalgeschichte ein Kompendium dieser Wissenschaft nennt. Sie sind nichts mehr noch weniger als ein Entwurf der Methode, wie sie, jeder einzeln für sich, eine Wissenschaft mit ihren Zuhörern behandeln wollen. Eine Nebenabsicht dabey ist, durch eignen Verlag oder durch Verkauf der Manuscripte einige Louisd'or zu gewinnen, wie sie denn überhaupt die Industrie aufs höchste treiben. Nun haben einige freylich diese diese [!] Entwürfe so ausgearbeitet, daß sie für Kompendien gelten können; allein daraus folgt nicht, daß die Gelehrten Deutschlands, die nicht alle Professoren sind, die Wissenschaften durchaus kompendienmäßig behandelten. Einige dieser Entwürfe, die ihren Zweck überstiegen haben und Kompendien geworden sind, sind Meisterstücke von grösserm Werth, als manche Abhandlungen der Wissenschaften in Folianten, und überhaupt genommen, sind sie ein offenbarer Beweis, daß die Universität zu Göttingen mit den ausgesuchtesten Männern besetzt ist. Die weder durch Politik noch durch Pfaffen eingeschränkte Freyheit, die Entfernung von dem lästigen und schwerfälligen Fakultätensystem, welches noch die Universitäten andrer Länder drückt, eine aufgeklärte und sanfte Regierung, gewähren dieser hohen Schule Vortheile, die schwerlich eine andre hat. Kassel ist eine sehr schöne und zum Theil prächtige Stadt von ohngefähr 32.000 Einwohnern. Die Hugenotten Hugenotten – die Aufhebung des Toleranzediktes von Nantes durch Ludwig XIV. 1685 unter dem Einfluß reaktionärer Pfaffen führte zur Rechtlosigkeit der Hugenotten, diese flohen zu hunderttausenden ins Ausland. Der wirtschaftliche Schaden für Frankreich war beträchtlich. haben diese, so wie viele andre Städte Deutschlands, auf unsre Kosten blühend gemacht. Sie hat sehr beträchtliche Manufakturen, besonders von Hüten, die den Lyonischen an Feinheit und Stärke nichts nachgeben, und auch mit denselben in gleichem Preis stehen. Die Zahl der Unterthanen des Landgrafen Landgraf – Friedrich II., Landgraf von Hessen-Kassel. Trat zum katholischen Glauben über, angeblich der erste Fürst der Aufklärung in Hessen, wurde europaweit durch den Soldatenhandel bekannt, † 1785 ist mir zuversichtlich auf 330.000 Seelen angegeben worden. Die Einkünfte aus seinen Landen sollen sich auf 2.200.000 rheinische Gulden belaufen. Sammt den hanauischen Landen, die ohngefähr 100.000 Menschen zählen und etwas über 500.000 Gulden abwerfen, machen die Besitzungen dieses Hauses also noch kein Herzogthum Würtemberg aus. Dieser Staat ist der militarischste von ganz Deutschland; seine Bauern sind nicht nur alle exerzirt, sondern auch immer in die ganze weite Welt marschfertig. Die Verschickung der heßischen Truppen nach Nordamerika Verschickung der heßischen Truppen ... – es sollte »Verkauf« heißen, ein schönes Beispiel für pfaffengestützten Absolutismus, s. a. Schiller »Kabale und Liebe«, die Kammerdienerszene. Der Kaufpreis dient dem persönlichen Luxus des Fürsten. ist an sich nicht ärgerlich, weil dieser Hof mit dem von St. James St. James – der Londoner Königspalastes St. James's Palace in einer beständigen Verbindung steht. Allein diese Verbindung selbst ist für das Land keine vortheilhafte Maxime. Unmöglich können die englischen Subsidien den Schaden ersetzen, den diese Verbindung bisher dem Lande wie dem Fürsten zugefügt hat. Nach dem letzten schlesischen Krieg war das Land von aller jungen Mannschaft entblößt, und kaum war wieder einiges nachgewachsen, als sie nach Amerika wandern mußten. Es sollen in allem nun gegen 20.000 Hessen nach diesem Welttheil gegangen seyn, wovon gewiß die Hälfte nicht wieder zurückkömmt. Das Land hat also den sechsten Theil seiner schätzbarsten Einwohner durch den Bostoner Theebrand Bostoner Theebrand – unmittelbarer Auslöser des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges war die Boston Tea Party, als am 16. Dezember 1773 Bostoner Bürger die Teeladung von vor Anker liegenden Schiffen ins Hafenbecken warfen. verloren. Die Auflagen sind sehr groß, wie du aus einem Vergleich der Bevölkerung und des Ertrags dieses Landes mit dem Herzogthum Würtemberg, dessen Natur seinen Bewohnern ungleich mehr Vortheile als das Heßische den seinigen gewährt, leicht ersehen kannst. Der Landgraf hat zwar, so lange der amerikanische Krieg dauert, seinen Unterthanen einen Theil der Abgaben erlassen; allein sie ziehen doch haufenweise aus dem Lande, nach Hungarn, Polen und vielleicht gar nach der Türkey. Die militarische Verfassung dieses Landes war bey einigen Anlässen dem deutschen Reiche eben so vortheilhaft, als sie dem Lande selbst schädlich war. Schon zur Zeit der Reformation kam sie der Freyheit der Reichsstände vortreflich zu statten, und vielleicht wäre der letzte schlesische Krieg nicht so vortheilhaft für die Könige von Preussen und Großbrittanien abgelaufen, wenn nicht gegen 16 bis 18 tausend wackre Hessen den Damm gegen unsre Truppen verstärkt hätten. Ein und sechzigster Brief. Würzburg – Du siehst, wenn du eine Universalkarte von Deutschland zur Hand nimmst, daß ich getreulich Wort halte, und das heilige römische Reich in die seltsamste Figuren von Zirkeln, Vier= und Dreiecken durch meine Märsche zerschneide und es in geraden, krummen und Zikzaklinien, kurz, nach ächter fahrender Ritterart durchkreutze. Das heßische Landvolk, lieber Bruder, ist im Ganzen genommen bis zum Ekel häßlich. Die Weibsleute sind die eckigsten Karrikaturen, die ich noch gesehen habe. Ihre Kleidung ist abscheulich. Die meisten gehen ganz schwarz, und tragen die Röcke so hoch, daß man gar keine Taille, wohl aber die ungelenkten Stampf=Füsse bis an die Knie erblickt. Die Männer ersetzen zum Theil durch eine anscheinende Stärke, was ihnen an Schönheit mangelt. Im Ganzen sind sie kein grosser, aber ein dauerhafter und behender Schlag Leute. Hie und da erblickte ich auch riesenmäßige Figuren, die aber alle ungeheure Köpfe und Füsse hatten. Sie sind meistens blond und kraushaarigt. Ihre Lebensart ist rauh; Erdäpfel und Brantewein, den man auch den Kindern giebt, sind ihre vorzüglichsten Nahrungsmittel. Im Fuldischen ist das Landvolk nicht viel anders. Der ganze Strich Landes von Kassel bis über die Gränze von Franken ist rauh und wild, und die Einwohner haben das Gepräge ihres Bodens, der noch stark mit Waldung bedeckt und ziemlich bergigt und felsigt ist. Der jetzige Fürst von Fuld Der jetzige Fürst – Heinrich Karl Sigismund von Bibra, Fürstbischof und Abt von Fulda. † 1788. Er stand den Ideen der Aufklärung nahe. ist ein Mann von Geschmack, guter Lebensart und liebt den Aufwand. Er denkt äusserst tolerant, und ist kein Freund der päbstlichen Hierarchie. Er nennt den Pabst bey Tisch seinen Herrn Bruder. Er ist ohne Vergleich der reichste Abt in der katholischen Welt; aber zugleich auch Bischof. Die Zahl seiner Unterthanen, die er ziemlich klug und sanft regiert, beläuft sich auf ohngefähr 70.000, und seine Einkünfte betragen ohngefähr 350.000 rheinische Gulden. Er macht vortrefliche Schulanstalten, und gestattet seiner Geistlichkeit eine Freyheit im Reden und Schreiben, die mit der Art der katholischen Geistlichkeit in andern deutschen Ländern stark absticht. Zu Wien hielt man es während meines dortigen Aufenthalts für eine heldenmäßige Kühnheit, daß einige profane Gelehrten behaupteten, »das Konzilium wäre über den Pabst.« In Fuld las ich diesen und noch dreistere Sätze in theologischen Disputationen von Mönchen, die schon ihre 12 und mehrere Jahre alt seyn mochten. Die Residenzstadt Fuld ist ein hübscher und ziemlich lebhafter Ort, und ich fand viel bessere Gesellschaften, als ich erwartete. Es fehlt dem kleinen Ort an gutherzigen Mädchen nicht. Würzburg ist im Ganzen eine sehr schöne Stadt, in einem reitzenden weinreichen und vom Mayn bewässerten Thale. Der fürstliche Pallast ist eins der schönsten und prächtigsten Gebäude, die ich in Deutschland gesehn. Unter den Einwohnern, deren 16.000 seyn sollen, herrscht eine Munterkeit, ein Hang zum sinnlichen Vergnügen, und besonders unter beyden Geschlechtern eine gegenseitige Geselligkeit, die man in keiner protestantischen Stadt Deutschlands von gleicher Grösse findet, und welche dem Reitz und dem Reichthum der Landschaft umher entsprechen. Auffallend war mir hier wie in Fuld die Aufklärung und tolerante Gesinnung der Geistlichkeit, die wirklich die bayrische und östreichische beschämt. Da diese Eigenschaften selten von den guten Sitten und der Umgänglichkeit getrennt sind, so war mir der Ton einiger Gesellschaften, in die ich gleich in den ersten Stunden nach meiner Ankunft gerieth, um so auf fallender. Ich sehe, daß man unter den Katholiken Deutschlands einige Ausnahmen zu ihrem Vortheil machen muß, so wie man unter den Protestanten Ausnahmen zu ihrem Nachtheil zu machen hat. Das leztere ist freylich nicht so arg als das erstere. Ganz heiter ist es eben hier noch nicht. Ich sprach gestern mit einem Priester von dem bekannten Hexenprozeß, Hexenprozeß – 1749 wurde die Subpriorin des Klosters Unterzell, Maria Renata geb. Freiin Singer von Mossau, als Hexe enthauptet und verbrannt. Das war der letzte Hexenprozeß in Deutschland. Der letzte Hexenprozess in Europa fand 1782 in der Schweiz statt. Die Zahl der ermordeten Opfer in Europa insgesamt beträgt etwa 9 Millionen. der an der hiesigen Regierung so oft ist gerügt worden. Er that erst, als wenn man diese Saite gar nicht berühren dörfte; endlich erklärte er mir mit der Miene der Vertraulichkeit: »Daß die Klügsten unter ihnen von dem Ungrund dieses Prozesses überzeugt wären; indem sehr gelehrte Theologen bewiesen hätten, daß die Nonne, welche als eine Hexe verbrennt worden, eben sowohl vom Teufel Obsessa als Circumsessa Obsessa, Circumsessa – innerhalb, außerhalb des Menschen hätte können gewesen seyn.« Ich weiß nicht, ob du den Sinn dieser Distinktion fassest. Sie soll so viel sagen, daß die Zauberkraft des Teufels nicht gerade in dem Umfang ihres Körpers sein mußte, sondern daß der Satan, um sie der heiligen Justiz in die Hände zu spielen, ausser der Peripherie ihres Leibes alle die Wunder thun, und die Zuschauer auf ihre Kosten blenden konnte. Ich stuzte nun freylich, als ich diesen Unsinn von einem Mann hörte, der in seinem Fach sehr seltene Kenntnisse besitzt; allein im Ganzen war es wohl keiner von Würzburgs hellsten Köpfen, und wenn diese theologische Distinktion in Zukunft eine Hexe vom Scheiterhaufen errettet, in Betracht, daß unmöglich zu entscheiden ist, ob sie Obsessa oder Circumsessa sey, so ist sie eben so unsinnig nicht mehr. Der jetzige Fürst der jetzige Fürst – Franz Ludwig von Erthal, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg seit 1779. † 1795 ist ein sehr aufgeklärter, mit Staatsgeschäften und der Welt überhaupt sehr bekannter Mann. Er ist einer von den wenigen Bischöfen Deutschlands, die ihre Würde und ihr Glück bloß ihren Verdiensten zu danken haben. Er ist aus einer alten, aber nicht sehr reichen Familie, die sich von Erthal nennt, und ein Bruder des Kurfürsten von Mainz. Seine Kenntnisse und Thätigkeit empfahlen ihn dem kaiserlichen Hof, welcher ihm die ansehnliche Stelle eines kaiserlichen Kommissärs bey dem Reichstag zu Regensburg Reichstag zu Regensburg – seit 1663 tagte hier der immerwährende Reichstag auftrug. Er zeichnete sich daselbst durch seine Verdienste so sehr aus, daß ihn der kaiserliche Hof bey Erledigung des hiesigen bischöflichen Stuls in Vorschlag brachte. Aus Schwäche des Alters ist er nun ausserordentlich andächtig geworden. Würzburg allein wäre eins der ansehnlichsten Bisthümer Deutschlands. Es zählt gegen 190.000 Einwohner, und trägt gegen 800.000 rheinische Gulden ein. Nun besitzt aber der Fürst auch noch das Bisthum Bamberg, welches auch eine der fettesten Pfründen des deutschen Reiches ist, und beynahe 700.000 Gulden abwirft. Beyde Länder gehören unter die beßten in Deutschland. Sie haben alle Bedürfnisse des Lebens im Ueberfluß, und Würzburg gewinnt viel durch seine Weine, die bis nach Schweden verführt werden. Man machte mir viel Rühmens von dem sogenannten hiesigen Steinwein. Steinwein – Würzburger Stein ist eine Weinbaulage auf Muschelkalkboden oberhalb Würzburgs Ich hab ihn gekostet. Er ist sehr feurig und brennend auf der Zunge; aber dabey sehr kalchigt und erregt Durst. Der Ackerbau scheint in diesem Lande sehr gut bestellt zu seyn; allein in Rücksicht auf die bürgerliche Industrie ist es noch weit hinter Norddeutschland, und auch sogar hinter dem angränzenden Fuldischen zurück, welches Land wenigstens eine unbeschreibliche Menge des schönsten und feinsten Damastleinwands verfertigt, und damit so wie auch mit grobem Leinwand einen sehr ausgebreiteten Handel treibt, dahingegen Würzburg keine Art von einem ähnlichen bürgerlichen Gewerbe hat. Da die Fuldischen Bauern sich im Winter mit Spinnen und Weben beschäftigen, so stehn sie überhaupt genommen in ihrem rauhen Lande besser, als die würzburgischen Bauern in ihren paradiesischen Gegenden. Der hiesige Fürst hat eine beträchtliche Spiegel= und Porzellänfabrik, welches die einzigen ansehnlichen Manufakturen des Landes sind. Einige Gewerbarten der protestantischen Einwohner von Kitzingen sind das Erheblichste von würzburgischer Industrie. Der jetzige Bischof giebt sich viel Mühe, seine Unterthanen zum Kunstfleiß aufzumuntern. Um diesem Brief sein gehöriges Gewicht geben zu können, machte ich vor Versiegelung desselben eine Kreutzfahrt durch den ganzen fränkischen Kreis, welcher unter allen Kreisen des deutschen Reiches der kleinste ist. Allein die Prisen, Prise – soviel, wie zwischen Daumen und Zeigefinger zu fassen ist die ich auf dieser Fahrt gemacht habe, sind so unbedeutend, daß sie wirklich kaum das Porto, welches du für sie zahlen must, werth sind. Bamberg ist eine ziemlich grosse, sehr schöne und lebhafte Stadt von ohngefähr 20.000 Seelen. Das merkwürdigste ist hier die Gärtnerey, welche in keiner Stadt Deutschlands so blühend ist, als hier. Einige hundert Gärtner treiben mit kleinen eingemachten Gurken, mit Süßholz, Süßholz – eine Gewürz-, Genuß- und Heilpflanze, dient u. a. zur Herstellung von Lakritze. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war S. die Charakterpflanze Bambergs mit Zwiebeln, die für die besten in Deutschland gehalten werden, und einigen andern Produkten einen sehr ausgebreiteten Handel bis nach Holland. Mit vortreflichen Küchenkräutern, den edlern Obstarten und Zugemüsen versehen sie die ganze Nachbarschaft umher. Auch das hiesige sehr gute und starke Bier wird häufig bis an den Rhein verführt. Das gemeine Volk hier glaubt, in der ganzen übrigen Welt wachse kein Süßholz mehr, und es sey von der heiligen Kunigunda, die nebst ihrem Gemahl, Kaiser Heinrich dem Zweyten, Kaiser Heinrich II. – der letzte Ottone, Heiliger, König seit 1002, † 1024 im hiesigen Dohm begraben liegt, zuerst hier gepflanzt, und dieser Stadt als ein ausschließliches Eigenthum zugesichert worden. Da ich doch einmahl an der Legende dieses heiligen kaiserlichen Ehepaars bin, so muß ich dir noch einen Beytrag aus dem Munde des hiesigen Publikums dazu mittheilen. Legenden sind ohnehin die einzigen Denkwürdigkeiten, die sich in dieser Gegend auffinden lassen. Vielleicht ist dir schon bekannt, daß Kaiser Heinrich der Zweyte, der Stifter dieses reichen Bisthums, seiner Heiligkeit ungeachtet, sehr eifersüchtig auf seine heilige Gemahlin Kunigunda war, und diese zum Beweis ihrer Keuschheit nach Art des damaligen Zeitalters die Feuerprobe aushalten mußte. Als sie unversehrt über eine Reihe glühender Pflugscharen gegangen war, umarmte sie natürlicher Weise ihr Gemahl, und bath sie wegen seines Verdachts gar höflich um Verzeihung. Nun hatten sie, wie sie überhaupt in Bereicherung dieses Stiftes mit einander wetteiferten, zwey neue Glocken in die Dohmkirche machen lassen. Sie giengen einige Tage nach der Feuerprobe mit einander um die Stadt spatzieren, als man mit ihren neuen Glocken zu läuten begann. Heinrichs Glocke tönte schöner, als jene seiner Gemahlin, die empfindlich darüber ward. Um ihr einen Beweis seiner herzlichen Aussöhnung und Liebe zu geben, nahm der Kaiser seinen goldnen Ring vom Finger, warf ihn eine halbe Stunde weit auf den Thurm des Dohms, so daß seine Glocke ein Loch bekam, und auf den heutigen Tag noch einen Mißton hat – Fast ist dieser Zug von Galanterie für das zehnte und eilfte Jahrhundert zu fein. Von alten Ritterromanzen, Legenden und Gespenstermärchen ließ sich in den Hochstiftern Würzburg und Bamberg eine ungeheure, und zum Theil auch eine sehr interessante Sammlung machen. Nebenher sind solche Unterhaltungen des Volks ein Beweis, daß es viel müßig geht und keinen nützlichen Stoff zu seinem Nachdenken und seinen Gesprächen hat. Das Psalmsingen des Pöbels unter den Reformirten, wozu er seine Zuflucht nimmt, wenn er müßig oder besoffen ist, hat freylich den Schmuck der Phantasie nicht, welcher die Unterhaltungen der Katholiken in Deutschland karakterisirt; allein es ist doch der Bestimmung des gemeinen Volkes angemessener, und giebt demselben keine falschen und schädlichen Begriffe – Eine Gespensteranekdote von Würzburg darf ich hier nicht übergehen. Man versicherte mich, daß noch auf den heutigen Tag die Schildwache in einer gewissen Strasse um 11 Uhr in der Nacht abgelöst, und der Posten bis um 12 Uhr nicht besetzt würde, weil in dieser Stunde ein sehr gefährlicher Mann durch die Strasse spatzierte, der seinen Kopf unter dem rechten Arm trägt. Des vortreflichen Bodens ungeachtet sind die Einwohner der Bißthümer Würzburg und Bamberg im Ganzen genommen doch sehr arm. Der Feldbau wird nicht vernachläßigt; allein es fehlt dem Landvolk an Sparsamkeit, und dann kann der Ackerbau in so volkreichen Ländern auch nicht alle Hände hinlänglich beschäftigen. Die Erziehung und die Gewohnheit sind die Hauptursache, daß man in diesen Ländern, wo die Natur sich so freygebig gegen die Menschen zeigte, so viele Bettler sieht. Die Regierungen der geistlichen Fürstenthümer in Deutschland, die ich bisher sah, sind wirklich sanfter, als die meisten der weltlichen Staaten, und die Vorwürfe, die man jenen macht, sind überhaupt genommen, sehr ungerecht. Es gehören mehrere Menschenalter dazu, um ein verschwenderisches Volk sparsam und industriös zu machen. Ein Theil der Liederlichkeit des katholischen Publikums in Deutschland ist sogar eine Folge allgemein angenommener Grundsätze seiner Lehrer. Schlözers Briefwechsel beurkundet, daß ein katholischer Priester von einem Bischof und 2 Universitäten der Ketzerey beschuldigt wurde, weil er lehrte: »Selbstliebe wäre der erste Grundtrieb der menschlichen Handlungen; Vernachläßigung des irdischen Gewinstes, den Zeit und Gelegenheit dem Menschen darbieten, wäre eine philosophische Sünde; eben so unerlaubt wäre es, einem andern eine Wohlthat zu erzeigen, wobey ich mir einen beträchtlichen Schaden zufügte«, u. dgl. m. Diese übertriebenen Begriffe von Freygebigkeit und Verachtung zeitlicher Dinge, sind die Ursache, warum die katholischen Deutschen überhaupt genommen, gutherziger sind, als die protestantischen, wie auch Herr Pilati bemerkt hat. Die häufigen Bettler selbst sind ein Beweis davon; denn wenn sie nicht so viele Geber fänden, würde sie die Noth schon arbeiten lehren. Allein immer wäre es doch besser, wenn gar keine Bettler da wären, wenn auch schon das Volk etwas zurückhaltender, mürrischer und kärglicher werden sollte – Aus eben der Ursache findet man in den katholischen Städten Deutschlands unendlich mehr milde Stiftungen, als in den protestantischen, obgleich jene unendlich ärmer sind als diese. Das Juliusspital zu Würzburg übertrift an Reichthum vielleicht alle Stiftungen von der Art in den preußischen Ländern zusammen genommen, das berühmte Waisenhaus zu Halle Waisenhaus zu Halle – die Franckeschen Stiftungen, sie gehen auf August Hermann Francke († 1727) zurück ausgenommen. Allein diese Stiftungen sind eine neue Nahrung der Liederlichkeit. Die Bettelmönche finden ihre Rechnung bey diesen Lehren von Freygebigkeit und Verachtung der Güter dieser Erde, die sie doch selbst so sorgfältig sammeln. Sie sind auch die Hauptvertheidiger derselben; denn, die im ganzen wirklich unbedeutende Seelenmessen abgerechnet, sind die katholischen Weltpriester von der Freygebigkeit des Publikums ganz unabhängig. Die Pfründen der Dohmherren von Würzburg und Bamberg gehören unter die besten von Deutschland. In guten Jahren trägt eine 3.500 und mehrere Gulden ein. Man findet aber schwerlich einen Dohmherrn, der nur eine Pfründe hätte. Manche haben 4 bis 5 Pfründen in ebenso vielen Stiftern, und kommen jährlich auf ihre 8, 10 bis 12tausend Gulden zu stehn. Die Prälaten dieser hohen Stifter ziehn jährlich wohl 20 bis 30tausend Gulden, und die ganze Arbeit eines deutschen Dohmherrn besteht darinn, daß er nur in Einem gewissen Monat des Jahres bey dem Singen im Kor seiner Stiftskirche erscheinen muß, und es braucht keine andere Talente, als lateinisch lesen zu können, und von einer stiftsmäßigen Mutter gebohren zu seyn, denn der Adel seines Vaters im strengen Verstand läßt sich nie beweisen. In einer gewissen bischöflichen Residenzstadt Deutschlands hat man das Sprüchwort: [»]Daß sich die Dohmherren selbst machten«. Wenigstens sieht man sie in solchen Residenzstädten am häufigsten um die stiftsmäßigen Damen. Man versicherte mich, daß jeder Dohmherr von Würzburg, wenn er in das Kapitel eintritt, von allen seinen Herren Kollegen einen Ruthenschlag aushalten müsse. Diese seltsame Inaugurationsart Inauguration – feierliche Einsetzung in ein hohes Amt soll verhindern, daß kein Prinz, um diese feyerliche Erniedrigung zu vermeiden, in das Kapitel aufgenommen zu werden verlange. Nürnberg ist eine traurige Stadt, die immer mehr zerfällt. Noch gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts zählte diese Stadt gegen 50.000 wehrhafte Mannsleute. Nun hat sie nicht viel mehr als 30.000 Seelen. Es sind im Durchschnitt der letztern Jahre hier jährlich gegen 1.100 Menschen gestorben. Einige hundert Häuser stehen ganz leer, und die übrigen sind fast durchaus nur von einzeln Familien bewohnt. Die Einwohner sind noch ein sehr fleißiges Volk, und es ist ein sehr angenehmes Schauspiel, wenn man in den Werkstätten die kleinsten Kinder mit den verschiedenen Quincaillerie=Artikeln beschäftigt sieht, wodurch sich diese Stadt durch ganz Europa bekannt gemacht hat. Es ist unverzeihlich, daß sogar deutsche Schriftsteller diese Produkten der Nürnberger mit Spott belegen, und den Kunstfleiß derselben zu einem verächtlichen Sprüchwort gemacht haben. Rechtfertigt nicht der starke Abgang dieser Waaren die Beschäftigung dieser ihrer Landsleute? Es ist um so unverzeihlicher, da Nürnberg seit langer Zeit immerfort Künstler geliefert hat, die in Verfertigung mathematischer und physikalischer Instrumente sich den berühmtesten Engländern an die Seite stellen können. Ueberhaupt wird ausser England nirgends in Stahl, Eisen und Meßing so gut gearbeitet, als in dieser Stadt; und will man es den Einwohnern verübeln, daß sie nebst den bessern Produkten auch ihre Weiber und Kinder mit nützlichen Kleinigkeiten zu beschäftigen suchen? – Im Kunstfleiß ist Nürnberg der Stadt Augspurg noch unendlich überlegen. Das Patriziat frißt diese Stadt nach und nach auf. Es würde meinen Glauben überstiegen haben, wenn mir es nicht mehrere Bürger von Nürnberg selbst auf ihre Ehre versichert hätten, wie unmenschlich sie von ohngefähr 20 Familien behandelt werden, welche ausschließlich die Regierung in Händen haben. Von Zeit zu Zeit muß jeder Bürger ein gerichtliches Inventarium von seinem Vermögen machen lassen, und dann muß er den dritten Theil von seinem jährlichen Gewinn der Regierung an Abgaben entrichten. Ohne das Unmäßige dieser Abgaben in den Anschlag zu bringen, so ist es für eine Handelsstadt schon eine sehr schädliche Politik, daß der Bürger den Zustand seines Vermögens vor allen Augen aufdecken muß. Diese Patrizier haben sich noch eine gewisse Anzahl von Familien an die Seite gesetzt, mit welcher sie ausschließlich die öffentlichen Aemter theilen, die sehr zahlreich sind. Es ist demnach kein Wunder, daß die reichern Bürger haufenweise aus der Stadt ziehn, und sich zu Pfyrt, auch in den östreichischen oder preußischen Staaten niederlassen. Die Sitten der Nürnberger sind reiner und strenger als irgendeiner andern deutschen Stadt. Besonders eifert der Magistrat sehr gegen die Paillardise. Paillardise – Unzucht Es ist keine Satyre, sondern eine Thatsache, daß er ehedem durch eine Deputation einiger seiner Glieder und eines Arztes die Jungferschaften der Stadt physikalisch untersuchen ließ. Man hat diesen Auftritt, wo die Deputierten mit der Brille auf der Nase, mitten in der Untersuchung begriffen sind, in einem sehr karakteristischen Kupferstich. Keine Reichsstadt hat ein so grosses Gebiete, als Nürnberg. Man schätzt die Anzahl der Unterthanen auf dem Lande auf ohngefähr 360.000, und gegen diese scheint die Regierung nicht so sultanisch zu seyn, als gegen die Bürger der Stadt selbst. Wenigstens ist das Land vortreflich angebaut, ob es schon fast durchaus sandigt ist. Schönere Dörfer hab ich nirgends gesehn, als in der Gegend dieser Stadt, und alles spricht von einem hohen Wohlstand des Landvolkes, welches, so wie der Pöbel in der Stadt, seinen alten Sitten und seiner Kleidertracht noch ziemlich getreu bleibt. Die Fürstenthümer Ansbach und Bayreuth, welche jezt einem Herrn zugehören, stechen in Rücksicht auf Industrie mit den Bisthümern Würzburg und Bamberg stark ab. Die Natur war ihnen bey weitem nicht so günstig, und doch sind ihre Einwohner, ob sie schon mit ungleich mehr Auflagen beschwert sind, viel vermögender, als die Bewohner dieser Länder. Die Städte Erlang, Anspach, Schwobach, Marktsteft, Kreilsheim und einige andre haben sehr beträchtliche Manufakturen. Der jetzige Fürst, der jetzige Fürst – Christian Friedrich Karl Alexander, der letzte Markgraf der beiden fränkischen Markgraftümer Brandenburg-Ansbach und Brandenburg-Bayreuth. Beide verkaufte er 1791 am Preußen. der letzte Sprosse seines Hauses, der auch keine neue Zweige mehr verspricht, ist ein sehr artiger und liebenswürdiger Mann. Die bekannte Mademoiselle N * * ist seine Gesellschafterin, und diese Wahl rechtfertigt seinen guten Geschmack. Seine sämmtlichen Einkünfte betragen ohngefähr 1.600.000 rheinische Gulden. Seine Bauern sind etwas mißvergnügt über ihn, weil er ihre Söhne den Engländern verkauft den Engländern verkauft – er »vermietete« Truppen an England und Holland hat. Es hat auch unter den Truppen selbst, die nach Amerika mußten, einige ziemlich lebhafte Gährungen abgesetzt. Er scheint das Land so gut als möglich benutzen zu wollen, weil es nach seinem Tod in fremde Hände fällt. Die Residenzstadt Anspach zählt ohngefähr 11.000, und Erlang, die wichtigste nach derselben, etwas über 8.000 Seelen. Das Uebrige von Franken besteht aus einer Menge kleiner Herrschaften, deren Unterthanen zum Theil im tiefsten Druck leben. Besonders unglücklich sind die Bewohner der Ländchen, deren Herren an grossen Höfen residiren. Sie verlieren dadurch nicht nur eine beträchtliche Summe Geldes, sondern sind auch den Erpressungen despotischer Bedienten ausgesetzt, die allzeit grausamer sind, als die Herren selbst und die ihren Theil auch haben wollen. In einem gewissen fränkischen Fürstenthum, dessen Besitzer immerfort abwesend ist, bleibt ein Verwalter selten länger als 6 oder 8 Jahre an seiner Stelle. In dieser kurzen Zeit hat er sich allzeit so viel zusammen gespart, daß er kein Bedienter mehr seyn, sondern sich seinem Herrn gleichsetzen will. Hier wirst du dich der Bedienten der Indischen Kompagnie in England erinnern, die man nach ihrer Zurückkunft Nabobs zu nennen pflegt, welches sie auch auf Kosten der Indier im buchstäblichen Verstande des Wortes gemeiniglich sind. Man hat es den stehenden Armeen zu verdanken, daß die Bauern dieser Gegenden unter der Geissel ihrer Nabobs so geduldig sind. In dem bekannten Aufruhr, in dem bekannten Aufruhr – der Bauernkrieg den sie um das Jahr 1525 erregten, und den Göthe in seinem Götz von Berlichingen so natürlich dargestellt hat, sprangen sie mit den Grafen, Herren und ihren Bedienten seltsam genug um. Ein Haufen derselben bemeisterte sich einiger Schlösser der Grafen von Hohenlohe, packte diese beym Kragen, und schrie ihnen unter die Nase: »Nun sind wir Herren von Hohenlohe und Ihr seyds nicht mehr.« Unpolitisch war es damals von den fränkischen, schwäbischen und rheinischen Städten gehandelt, daß sie zur Unterdrückung der Bauern die Hände bothen. Jetzt empfinden sie den Druck der Fürsten so stark, als die Unterthanen derselben selbst, und bey der seit dieser Epoche durch die stehenden Truppen bewirkten Ueberlegenheit der Fürsten war kein anderes Rettungsmittel mehr für sie übrig, als wenn sie mit den Bauern bey einem solchen günstigen Anlaß gegen die Fürsten und den Adel gemeinschaftliche Sache gemacht hätten, wie es ihre politische Lage erfoderte. Ohne ihre Hülfe wäre man nie von den Aufrührern meister geworden. Die nun so ohnmächtigen Städte, Halle, Bopfingen, Dünkelspühl, Nördlingen u. a. m. waren damals den aufrührischen Bauern förchterlicher, als die mächtigsten Fürsten. Nun haben sie keinen so günstigen Anlaß mehr zu erwarten. Zwey und sechzigster Brief. Frankfurt – Auf meinem Weg hieher kam ich durch den Spessart, die dickste Waldung, durch die ich noch in Deutschland auf einer ordentlichen Strasse gekommen bin. In neun Stunden Wegs sah ich nur ein einziges Dorf und ein Jagdhaus. Alles übrige war fast ununterbrochenes Gehölze und guten Theils auch Gebirge. Dessen ungeachtet ist die Strasse vortreflich, und der Kurfürst von Mainz, Kurfürst von Mainz – Friedrich Karl Joseph Reichsfreiherr von Erthal, der letzte Kurfürst und Erzbischof des alten Mainz seit 1774, † 1802 dem der gröste Theil dieser Holzung zugehört, hält sie auch von Räubern sehr rein. Set 20 Jahren weiß man kaum zwey Beyspiele, daß jemand in dieser schauerlichen Waldung wäre angefallen worden. Sie ist jetzt so sicher, daß man ohne alles Bedenken sogar in der Nacht durchreiset. Zu Aschaffenburg, einem hübschen, lustigen Städtchen, liegen immerfort gegen 30 Husaren, welche zu gewissen Zeiten den Spessart durchreiten, um ihn wegen verdächtigem Gesindel zu säubern. Wenn alle deutsche Fürsten ihre Handvoll stehende Truppen zu dieser Bestimmung gebrauchten, so hätte man nichts gegen die Militärsteuern und die gewaltthätigen Werbungen der Söhne ihrer Bauern einzuwenden. Die schöne und gesunde Lage reitzte mich, zu Aschaffenburg einige Rasttäge zu machen. Gegen Osten und Norden zieht sich der Spessart in einiger Entfernung in einem Halbzirkel um diese Stadt, und deckt die weite Ebene, welche sie auf ihrer Anhöhe gegen Süden und Westen hin beherrscht, gegen die rauhen Winde. Die Gegend um die Stadt ist ungemein fruchtbar. Besonders trägt sie eine ungeheure Menge gutes Obst. Man macht aus sogenannten Borstorfer=Aepfel Borstorfer=Aepfel – eine alte Apfelsorte, Borsdorfer Renette oder Doberaner Borsdorfer genannt einen Wein, den nur eine feine Kennerzunge von dem ächten Wein unterscheiden kann. Er ist schon als geringer Rheinwein nach Norden geführt worden, und ich hab hier Obstwein gekostet, der seine 6 Jahre alt war, sein Feuer hatte, aber auch mit 14 Kreutzer, die Maaß, bezahlt werden mußte, um welchen Preis man hier auch einen ziemlich guten Rheinwein haben kann. Die Regierung muntert die Einwohner auf, die Vortheile dieser Lage so viel als möglich zu benutzen. Man hat Maulbeerbäume gepflanzt, und schon einige glückliche Versuche mit der Seidenwurmzucht gemacht. Jenseits des Mayns, der Stadt grade gegenüber, zieht sich eine schöne grade Allee durch die unübersehbare Ebene. In dieser Allee fand ich ein vortrefliches Denkmal aus dem sechzehnten Jahrhundert. Ein alter deutscher Ritter kniet in Lebensgrösse und in seiner völligen Rüstung vor einem Kreuzbild, zu dessen Füssen er seinen Helm niedergelegt hat. Das Ganze hat eine ungezwungene Pyramidenform, deren Spitze das Kreutz, die Nebenseiten aber der Ritter und seine Haube auf die leichteste und ungesuchteste Art machen. Es fällt vortreflich ins Auge, und ist auch sehr gut ausgearbeitet. Besonders ist der Kopf des Ritters voll Ausdruck. Ich will es nicht der Regierung oder den sämmtlichen Einwohnern von Aschaffenburg zur Last legen, daß man dieses schöne Denkmal auf die infamste Art verstümmelt hat. Du weißt, daß die alten Ritterrüstungen anstatt des Hosenlatzes einen grossen runden Knopf haben, um der Mannheit Raum zu lassen. Nun muß ein Grillenfänger oder eine Grillenfängerin diesen Knopf ärgerlich gefunden haben: Kurz, man hat ihn mit einem groben Meisel weggeschlagen. Das Uebel ist nun gewiß ärger; denn manchen wäre der Knopf gar nicht aufgefallen, weil man ihn an allen ähnlichen Abbildungen zu sehen gewohnt ist: nun gehen aber die groben Meiselhiebe so tief und eckigt in den Körper hinein, daß sie jedermanns Auge auf sich heften, und die Phantasie zum weitern Eindringen reitzen müssen. Dieser unbesonnene Keuschheitseifer sticht mit den Sitten der Einwohner der Stadt stark ab. Der Hosenknopf trug gewiß nichts dazu bey, daß die hiesigen Mädchen so schmachtend sind, und man an den Sonn= und Feyertägen in den öffentlichen Wirthshäusern beyde Geschlechter auf die bunteste und ungezwungenste Art durch einander gemischt sieht. Frankfurt ist eine schöne und grosse Stadt. Prächtigere und bessere Gasthäuser als die hiesigen findet man in Deutschland nicht. Nebst Hamburg ist diese Stadt die einzige Reichsstadt, die sich in ihrem alten Glanz erhält. Im Gegentheil, während daß die ehemals so mächtigen Städte Nürnberg, Augspurg, und andere immer mehr zerfallen, nimmt Frankfurt immer mehr zu. Es verschönert sich auch äusserlich ungemein. Es wird sehr lebhaft gebaut, und die vielen neuen Häuser zeugen, daß die Einwohner ihren Reichthum mit Geschmak verwenden wollen. Millionärs ( von Livres ) zählt man hier gegen 30, und man weiß 60 bloß kalvinische Häuser zu nennen, die gegen 100.000 Gulden und drüber vermögen. Die Zahl der eben so reichen Lutheraner und Katholiken ist nicht geringer; und es mögen 200 Häuser hier seyn, die beynahe 1000.000 Gulden und drüber besitzen. Ueberall sieht man Spuren eines hohen Wohlstandes. Die Meublierung der Häuser, die Gärten, die Equipagen, die Kleidungen, der Schmuck der Frauen, kurz, alles übersteigt das Bürgerliche, und gränzt nahe an die verschwenderischeste Pracht. Der Handel von Frankfurt ist für Deutschland sehr verderblich. Die Ausfuhr deutscher Waaren von hier nach fremden Ländern beträgt nach einem ziemlich genauen Ueberschlag eines einsichtigen hiesigen Bürgers kaum den 10ten Theil der Einfuhr aus Frankreich, Holland, Italien und andern Ländern. Die erstere beruht auf Eisen und einigen andern rohen und verarbeiteten Metallen, die größtentheils nach Holland und Frankreich verführt werden, auf Wein, Leinwand und einigen andern unbeträchtlichen Artikeln; die letztere hingegen beruht auf allen Gattungen von Spezereyen, Galanterie=Waaren, fremden Weinen, fremden Tüchern und Seidenzeugen, und kurz, auf allem, was unser Vaterland, Italien und England für den höchsten Luxus liefern, und Frankfurt ist der Hauptkanal, wodurch das deutsche Reich sein Geld ausfliessen läßt. Der Geldverlust, den diese Stadt den Gegenden des Oberrheins, der obern Donau, und des Mains verursacht, läßt sich aus dem Werth des Louisd'ors ermessen. Da alle Zahlungen von hier nach Frankreich und Holland in dieser Geldsorte geschehen müssen, so gilt derselbe hier gemeiniglich 8 bis 12 Kreutzer mehr, als im übrigen Deutschland, die Gegenden des Niederrheins ausgenommen, die den nämlichen unpatriotischen Handel treiben. Man hat wohl hier und in der Gegend umher einige Manufakturen von Wollenzeugen, Tapeten, Kotton, u. s. w. die zum Theil hiesigen Kaufleuten gehören, zum Theil aber durch hiesige Kaufleute abgesetzt werden, wie denn auch ein grosser Theil der sehr gängigen Wollenzeuge von Hanau durch die dritten hiesigen Hände verhandelt wird. Allein im Ganzen genommen, ist die hiesige Handlung ein träges Judenkommerz, welches wenige deutsche Hände nützlich beschäftigt, und gröstentheils auf der inländischen Verzehrung beruht. Die größten hiesigen Kaufleute schämen sich nicht, Krämer zu seyn, und eine Menge Handelsleute von 40, 50 bis 60tausend Gulden Vermögen, machen Kommißionärs, anstatt daß sie, wenn sie mehr Thätigkeit und wahren Industriegeist hätten, ihr Geld mit mehr Vortheil zu Manufakturen anlegen könnten. Die Lage versichert dieser Stadt einen ewigen Genuß der Vortheile, wodurch sie so reich geworden. Sie liegt mitten in dem beßten Theil von Deutschland, dessen natürlicher Reichthum den Luxus begünstigt, und der in so unendlich kleine Herrschaften zerstückt ist, daß sie von Verboten fremder Waaren und Prachtgesetzen nichts zu beförchten hat. Sie hat keinen so mächtigen und über seinen und seiner Unterthanen Nutzen so aufgeklärten Nachbarn, wie Danzig, welches die nämliche Art von Gewerbe trieb, als sie; nun aber zum Vortheil von Preussen und Polen zu Grunde geht. Diese Stadt zählt ohngefähr 30.000 Seelen, die Fremden, ausser den Messen, ungerechnet. Man schätzt die Zahl der Fremden, welche die Messen gewöhnlicher Weise hieher ziehn, auf einige tausend. Unter diesen waren in der Herbstmesse vorigen Jahres gegen 50 fürstliche Personen. Die fremden Standespersonen, welche die Bäder und Gesundbrunnen Deutschland besuchen, nehmen gemeiniglich den Weg über Frankfurt, weil diese Stadt die gangbarsten Hauptstrassen Deutschlands beherrscht, sie gute Gesellschaft finden, und das Getümmel der Messen in einer so schön gelegenen Stadt, verbunden mit einer ganz uneingeschränkten Freyheit der Lebensart, ein reitzendes Schauspiel ist. Der deutsche Adel wird durch zu machende Zahlungen und Käufe, durch die Nachbarschaft vieler fürstlichen Höfe und viele andre Reitze hieher gelockt. Die Regierung der Stadt, die ehedem sehr finster war, hat nun eine gefälligere Miene angenommen, und sucht den Fremden während der Messe ihren Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Man hat Schauspiele, Konzerte, einen Vauxhall, die schönsten Spatzierplätze, öffentliche Tanzböden und Freudenmädchen im Ueberfluß. Die letztern sind hier zudringlicher, als in irgend einer andern Stadt Deutschlands. Kein Mannsbild kann hier in der Dämmerung auf einer öffentlichen Promenade spatzieren, ohne von ihnen angefallen zu werden. Es sind auch verschiedene, zwar unprivilegirte, öffentliche Venustempel hier, und in einigen benachbarten Dörfern wimmelt es von Kreaturen dieser Art, wie denn das der Stadt zugehörige Dorf Bornheim sich durch diese Art von Kommerz durch ganz Deutschland berühmt gemacht hat. Ausser der Messe sind die Fremden, die sich dem ungeachtet sehr häufig hier aufhalten, ziemlich eingeschränkt. Diese Stadt ist zwar eine von den wenigen Reichsstädten, welche sich von der Tyranney des Zunftsystems frey gemacht haben; allein da verschiedene Zünfte der Regierung grosse Abgaben entrichten, so sucht dieselbe auf eine den Fremden sehr lästige Art bey ihren Privilegien zu schützen. Die Wirthe z. B. gestatten nicht, daß sich ein Fremder ausser der Messe in einem Privathaus einquartiere, wenn er auch die Tafel in einem Gasthaus nimmt. Oefters spielt den Fremden auch eine gewisse kleinstädtische Eifersucht, welche dem guten Ton dieser grossen und artigen Stadt nicht entspricht, einen schlimmen Streich. Der immer steigende Luxus von Deutschland überhaupt, besonders aber der benachbarten Gegenden,die Gewohnheit eines Theils des deutschen Adels, sich gegenseitig hier zu produciren, welche immer allgemeiner wird, das nun immer zunehmende bestreben des Magistrats, den Fremden alle Arten von Vergnügungen zu verschaffen, die vortreflichen Strassen, welche die Stadt mit ganz Deutschland verbinden, die unvergleichlichen Gasthäuser u. s. w. sind die Ursachen, daß die hiesige Messe seit mehreren Jahren wieder zunimmt, da sie doch zuvor durch eine lange Periode immer abgenommen hatte. Sie wird jetzt sogar von Parisern und Londnern besucht, welche hier die ersten Artickel des Luxus absetzen. Täglich gehen von hier Posten nach Holland und Oestreich ab, und täglich kommen sie auch von da an. Im Ganzen sind die Einwohner dieser Stadt ein wenig steif im Umgang. Man findet aber doch Gesellschaft genug von der ersten Güte. Besonders giebt es unter den sogenannten Patriziern, die meistens von gutem Adel aber nicht vorzüglich herrschend sind, sehr ausgebildete Leute. Frankfurt hat auch Deutschland von jeher und immer Gelehrte vom ersten Rang geliefert, und wirklich findet man hier in jedem Fach der Wissenschaften und Künste vortrefliche Männer. Nur das inquisitorische Ansehn der Geistlichkeit der hier herrschenden lutherischen Kirche steht der Freyheit des Geistes und der Verfeinerung des Publikums im Wege, und schadet auch der Handlung und Industrie ungemein viel, wie denn die Reformirten, die nach dem Verhältniß ihrer Anzahl ohne Vergleich der reichste Theil der Einwohner sind, aller ihrer Bemühungen ungeachtet, die Duldung ihres öffentlichen Gottesdienstes in der Stadt noch nicht erhalten konnten, obschon die Katholiken, deren Religion von der hier herrschenden Kirche ungleich verschiedener ist, als jene der Reformirten, die meisten Kirchen besitzen, und die Juden eine öffentliche und sehr grosse Synagoge haben. Die Anzahl der hier angesessenen Juden beläuft sich auf ohngefähr 6.000. es giebt Millionärs unter ihnen, die in jeder Art des Aufwandes mit den Kristen wetteifern. Ihre Industrie ist unbeschreiblich. Die machen hier Maqueraus, Sprachmeister, Tanz=Fecht=Schreib= und Rechenmeister, Lehnlaquayen u. s. w. und ihre Töchter sind auch für die Unbeschnittenen Unbeschnittene – Nichtjuden feil. Wer sich in die Nähe ihrer Strasse wagt, läuft Gefahr, von ihnen erdrückt zu werden. Dutzendweis fallen sie die Fremden an, und suchen ihnen ihre Waaren aufzudringen. Ohne Hülfe des Stockes kömmt man nicht leicht von ihnen los, und sie laufen den Fremden wol auf 3 bis 4 hundert Schritte nach. Die Häuser ihrer ringsum vermauerten Strasse sind bis unter das Dach mit Leuten angefüllt, und in sieben Häusern, die vor einigen Jahren in derselben abbrannten, und zusammen kaum 50 Schritte in der Länge hatten, wohnten gegen 1.000 Seelen. Dagegen wohnt in einem der grössern Häuser, die gemeiniglich den Reichsten zugehören, öfters nur Eine Familie, welches ein Beweis von einem ungeheuern Vermögen ist, indem die Hauszinse in dieser Strasse vielleicht theurer sind, als in irgend einer Gegend von London, Paris oder einer andern grossen Stadt. Der Magistrat hat das Gesetz gemacht, daß es platterdings keinem Juden erlaubt seyn soll, ausser dieser Strasse zu wohnen. Er sah aber durch die Finger, und nun erneuert er periodisch dieß Gesetz, um von den Juden, welche ausser ihrer Strasse wohnen, von Zeit zu Zeit eine ausserordentliche Abgabe zu ziehn. Die sogenannten hiesigen Kollegien sind eine vortrefliche Einrichtung. Sie sind besondere Gesellschaften von Leuten eines und des nämlichen Standes, die sich auf gewisse Täge versammeln. Man hat Kollegien von Adelichen, von Künstlern nach ihren verschiedenen Beschäftigungen, von Buchhändlern, Doktoren der Rechter und der Medizin, kurz, von allen Ständen. Es ist für einen Fremden gar nicht schwer, eingeführt zu werden, und der Vortheil, in Einer Stunde mit allen, oder doch den meisten und vorzüglichsten Leuten seines Standes in der Stadt bekannt zu werden, ist unschätzbar. Die Regierung der Stadt ist vermischt und sehr verwickelt. Der Kampf zwischen der Aristokratie und Demokratie ist hier heftiger als in irgend einer andern Republik unsers Zeitalters. Es vergeht fast kein Jahr, daß nicht die Bürgerschaft gegen den Rath, oder dieser gegen jene einen neuen Prozeß anfangen sollte, und da die Prozesse bey den hohen Reichsgerichten einen sehr trägen Gang haben, so sind die Prozesse der Stadt Frankfurt gegen sich selbst nun schon zu einigen Dutzenden angewachsen. Ich hab von guter Hand, daß die Stadt bloß in ihren eignen Sachen im Durchschnitt der letzten 20 Jahre jährlich 30.000 Reichsthaler Prozeßunkosten gehabt hat. Die Rabulisterey und Zanksucht ist nirgends höher gestiegen als hier. Mit allen benachbarten Fürsten, Grafen und Herren liegt die Stadt zum Vortheil der Juristen zu Wien und Wetzlar im Streit, und diese Prozesse mit ihren Nachbarn haben sie in der besagten Periode jährlich wenigstens 20.000 Reichsthaler gekostet, so daß die Prozesse überhaupt in den gemeinen Ausgaben jährlich einen Artickel von 50.000 Thalern ausmachen. – die sämtlichen Einkünfte der Stadt sollen sich beynahe auf 600.000 Gulden belaufen, wozu die Akzise und Zölle das meiste beytragen. Die Steuern der Bürger, welche Schatzungen genennt werden, sind sehr mäßig und von dem wahren Geist einer handelnden Republik angeordnet worden. Sie sind in zwey Klassen, nämlich in die grosse Schatzung von 50, und die kleine von 25 Gulden eingetheilt. Jeder Bürger hat die Freyheit, die grosse oder kleine Schatzung zu bezahlen, und schätzt sich also selbst; doch ist, wenn ich nicht irre, ein Vermögen von 30.000 Gulden zur Gränzlinie beyder Schatzungen angenommen worden; allein der hiesige Magistrat hat nicht, wie der von Nürnberg das Recht, von dem Vermögens=Zustand des Bürgers zum Nachtheil der Handlung ein Inventarium aufzunehmen. Er findet auch seinen Vortheil dabey,daß er ihm die Freyheit läßt, sich selbst unter oder über diese Gränzlinie zu setzen, denn es liege jedem Kaufmann daran, im Ruf eines Mannes von mehr als 30.000 Gulden Vermögen zu stehn, und also die grosse Schatzung zu bezahlen. – Die Beysässen, wozu alle Reformirten, und auch ein grosser Theil der Katholiken gehören, haben grössere Abgaben zu entrichten. Die letztern können wohl durch die Gnade des Rathes das Bürgerrecht, aber nie Theil an der Regierung bekommen. Die erstern sind platterdings von der Bürgerschaft ausgeschlossen. Drey und sechzigster Brief. Maynz. – Das Land zwischen hier und Frankfurt, besonders in der Nachbarschaft von Maynz, ist eines der reichsten, die ich in Deutschland sah; und die Strasse ist die beste und schönste, auf welcher ich noch in Deutschland ritterlich ausgezogen. Bis auf eine Stunde von Frankfurt ist sie schnurgerade, hochgewölbt, wohlgepflastert, und zu beyden Seiten dicht mit hohen Steinen besetzt, welche die Fußgänger gegen die Wagen und Pferde sicher setzen. Nur ist der Raum in der Mitte für 2 Wagen etwas zu enge. Frankfurt hat durch sein ganzes Gebiete die Strassen auf diese prächtige Art machen lassen, und jede Stunde Wegs soll die Stadt über 60.000 Gulden gekostet haben. Die Chaussee ist die 7 Stunden durch das Maynzische zwar nicht so kostbar gebaut, als durch das Gebiete der Stadt Frankfurt; allein sie ist breiter, durchaus zu beyden Seiten mit Bäumen besetzt, und sehr gut unterhalten. Hier und da bildet sie die schönsten Alleen von alten Wallnus- oder Obstbäumen, und die Dörfer am Ende derselben fallen im Perspektiv vortreflich ins Auge. Schwerlich wird in Deutschland eine Strasse stärker befahren als diese; wenigstens wird die Station des Postmeisters von Hatersheim, welches in der Mitte zwischen beyden Städten liegt, für die beste von den Reichspoststationen auf dem Lande gehalten. Das Pferd zahlt auf einer Station im Maynzischen 2 Pfennige Chausseegeld, und jede der 3 Chausseestationen trägt beinahe 6.000 Gulden ein. Nebstdem gehn täglich noch 2 grosse sogenannte Marktschiffe zwischen beyden Städten auf und ab, die immerfort mit Leuten und Waaren angefüllt sind. – Ich sah auf dieser Strasse Güterwagen, die in der Ferne wie grosse Häuser aussahen; 16 bis 18 der stärksten Pferde vorgespannt hatten, und, wie mich die Fuhrleute versicherten, gegen 140 bis 150 Zentner geladen hatten. Sie gehn meistens von Frankfurt nach Straßburg. Wir kamen durch das artige Städtchen Höchst, welches 2 Stunden von Frankfurt auf einer Anhöhe eine vortrefliche und sehr gesunde Lage hat. Ich würde von diesem Ort keine Meldung gethan haben, wenn ich nicht eine Bemerkung des Herrn Moore über denselben berichtigen müßte, und ich dir nicht ein seltenes Beyspiel falscher politischer Grundsätze von 2 verschiedenen Regierungen bey diesem Anlaß zu geben hätte. Nahe bey diesem Städtchen erblickt man einen prächtigen Pallast, dessen Bauart aber nicht sehr schön ist. Der Erbauer war ein gewisser Italiäner Namens Bolongaro, Bolongaro – Joseph Maria Markus Bolongaro, Tabakindustrieller, † 1779 der sich ohne Kreutzer und Pfennig, bloß durch seine Industrie, ein Vermögen von wenigstens 1 1/2 Million Gulden zu erwerben wußte. Er hat bloß durch den Schnupftobak, der seinen Namen trägt, und noch durch ganz Deutschland sehr bekannt und beliebt ist, sein Glück gemacht. Er war Beysässe zu Frankfurt. Ich weiß nicht, wollte er wegziehn oder wollte der Rath von Frankfurt ihn als einen Ausbürger Ausbürger – Ausländer von neuem taxieren; kurz, es kam darauf an, der Regierung den Zustand seines Vermögens vorzulegen. Er bot dem Rath eine ungeheure Summe Geldes an, um seine Foderungen überhaupt, und ohne genaue Untersuchung seines Vermögens zu befriedigen. Dieser beharrte aber mit einer sehr kleinstädtischen und unverzeihlichen Hartnäckigkeit auf einem Inventarium. Der Fürst von Maynz und die Stadt Frankfurt haben ihren Unterthanen durch einen Vertrag einen ganz freyen Abzug gestattet, wenn sie sich in einem der gegenseitigen Gebiete niederlassen. Herr Bolongaro, ein trotziger und rachsüchtiger Mann, ergriff diese Gelegenheit, um sich an dem Magistrat zu rächen. Er baute sich zu Höchst an, ward ein maynzischer Unterthan, braucht nun dem Rath von Frankfurt kein Inventarium seines Vermögens vorzulegen, und kann dasselbe aus dieser Stadt ziehn, ohne einen Kreutzer zurückzulassen. Herr Moore sagt, der ungeheure Pallast, den er zu Höchst gebaut habe, stünde ganz leer; allein, wie viel darinn gearbeitet werde, läßt sich zur Gnüge daraus schliessen, daß Herr Bolongaro jetzt der Stadt Frankfurt wenigstens 8.000 Gulden jährlich an Zöllen weniger bezahlt, als ehedem, wo seine ganze Handlung noch daselbst war. Nebstdem hat er einen guten Theil der Speditionen der Güter, welche von Bremen, Hamburg, aus dem Heßischen und Hannövrischen nach Schwaben, dem Elsaß, der Schweitz u. s. w. gehn, von Frankfurt nach Höchst gezogen, welches ihm die Regierung von Maynz durch Erbauung eines sogenannten Kranen am Mayn, vor seinem Pallast, ungemein erleichterte. Herr Bolongaro trieb seine Rache noch weiter. Er nahm einen seiner Landsleute Namens Beggiora, einen feinen, fleißigen und sehr geschickten Mann aus dem Komptoir eines der besten Handelshäuser von Frankfurt, und trat mit ihm in Gesellschaft zur Errichtung einer besondern Spezereyhandlung zu Höchst, welcher Handlungszweig der wichtigste von Frankfurt ist. Bloß die Firma des Herrn Bolongaro war für diese neue Handlung, welche bey demselben offene Kasse hat, und ihm die Summen, welche sie daraus nimmt, zu gewissen Prozenten verintereßirt, verintereßirt – verzinst ein unschätzbarer Vortheil. Nebstdem hat sie aber auch die Zollfreyheit zu geniessen, welche Herr Bolongaro in dem Vertrag mit der Regierung von Maynz auf 20 Jahre für sich bedungen hat. Durch diese ansehnlichen Vortheile unterstützt, ward diese neue Spezereyhandlung mit einer solchen Lebhaftigkeit eröffnet, daß sie nun schon gegen 160.000 Gulden aus der Kasse des Herrn Bolongaro umsetzt. Alles das beweist sattsam, daß der Rath von Frankfurt, durch seine Härte gegen einen seiner reichsten Unterthanen sich sehr gegen das Wohl seiner Vaterstadt versündigt hat, und daß Herr Moore, welcher ohne Zweifel das Gebäude des Herrn Bolongaro in Gesellschaft einiger Herren von Frankfurt und durch die Brille derselben besichtigt, dasselbe eben nicht so ganz leer würde gefunden haben, wenn er von seinen eignen Augen einen bessern Gebrauch gemacht hätte. Die Regierung von Maynz begieng aber noch einen viel grössern Fehler bey der Aufnahme des Herrn Bolongaro, als die Stadt Frankfurt durch Vertreibung desselben. Millionärs sind, besonders für einen kleinen Staat, eben nicht allezeit Gewinn, und ein paar Dutzend Weberstühle, die einige Bürger redlich nähren, sind allzeit mehr werth, als eben so viele Palläste von der Art des bolongarischen. Der Hof von Maynz bezahlte die Ehre, einen Millionär zum Unterthanen zu haben, sehr theuer. Er bewilligte ihm Bedingungen, die überwiegend zu seinem Vortheil sind, ohne daß das Land etwas dabey gewinnt. Herr Bolongaro verpflichtete sich, 20 Jahre lang jährlich eine gewisse Summe, ich glaube, 20.000 fl. zu Höchst zu verbauen. Dagegen gestattete ihm die Regierung von Maynz eine 20 jährige Zollfreyheit, ganz freyen Handel und Wandel, die unerschöpflichen Steine aus den Trümmern eines alten Schlosses, und 4 freye Pferde zu seinem Gebrauch. Der ersparte Zoll und der freye Abzug von Frankfurt allein wogen die Anerbietungen des Herrn Bolongaro, jährlich 20.000 fl. zu verbauen auf. Allein dieser wußte den Vertrag vollends bloß zu seinem Vortheil geltend zu machen. Nach seiner pralerischen Art machte er die Regierung von Maynz glauben, er würde in den bedungenen 20 Jahren eine ganz neue und ansehnliche Stadt bauen, welche er selbst zu Ehren des verstorbenen Kurfürsten Emmerichsstadt nennte. Er baute zwar einige Häuser an seinen Pallast an, die Herr Moore ohne Zweifel für Flügel desselben ansah, die aber nun als Bürgerhäuser von dem Eigenthümer vermiethet werden. Allein es ist doch zuverläßig, daß Herr Bolongaro jährlich kaum die Hälfte von der bedungenen Summe Geldes verbaute, und sein Komptoir machte viele Jahre lang die ganze Emmerichsstadt aus, woraus er seine Briefe in die ganze Welt datirte. Es wäre immer noch zu verzeihen, daß sichs die Regierung von Maynz so viel kosten liesse, einen Millionär zu akquiriren, akquiriren – akquirieren: erwerben, anschaffen wenn er wenigstens doch einige Hände im Land nützlich beschäftigt und einen beträchtlichen Theil seines Vermögens zu einem vesten und dauerhaften Gewerbe in demselben angelegt hätte. Allein, die wenigen Maurer und Zimmerleute abgerechnet, zieht sonst kein maynzischer Unterthan nur einen Kreutzer von Herrn Bolongaro. Fast all sein Tobak wird ausser Landes gemahlen, und der größte Theil desselben auch aus Frankfurt verschickt, wie denn sein Hauptkomptoir und Magazin immer noch in dieser Stadt ist. Er zog nur den Theil seines Gewerbes nach Höchst, den er zu Frankfurt nicht so vortheilhaft betreiben konnte, und machte die Rechte eines maynzischen Unterthans nur in so weit geltend, als er dieser Reichsstadt schaden konnte, ohne seinem neuen Souverän nur das geringste zu nutzen. Es stand auch ihm und seinen Erben frey, sich mit Frankfurt auszusöhnen, und augenblicklich Höchst zu verlassen. Alsdann hätte er sich auf die wohlfeilste Art einen Sommerpallast, wozu sein Gebäude eine unvergleichliche Lage hat, und auch eigentlich bestimmt zu seyn scheint, nebst einigen Bürgerhäusern gebaut, deren Miethe ihm das kleine Kapital, welches sie gekostet, reichlich verintereßirt, oder die er mit ansehnlichem Gewinn verkaufen könnte. Allein das alles war noch eine läßliche politische Sünde der Regierung von Maynz. Eine unverzeihliche Todsünde im politischen und moralischen Betracht war es aber, daß man Herrn Bolongaro eine ganz unbedingte Handlungsfreyheit gestattete. Dieser Mann, der nun im Grabe Staub und Asche geworden ist, war ein Original von pöbelhaftem Geitz. Man hat Züge von Filzigkeit von ihm, die fast allen Glauben übersteigen, und mit einer gewissen groben und beleidigenden Pralerey, die ihm eigen war, einen seltsamen Kontrast machten. Ein schadenfroher Stolz trieb ihn an, auch die kleinsten seiner Mitbürger das Uebergewicht seines Geldes fühlen zu lassen, und alles zu thun, was ihn auf Kosten derselben nur um einige Pfennige bereichern konnte. In dem Städtchen Höchst waren 8 bis 9 Krämer, die sich redlich nährten, und auch einige Handlungsgeschäfte im Grossen machten. Es war Herrn Bolongaro nicht genug, unter dem Schutz des Hofes von Maynz einen Theil seines grossen Handels mit so überwiegenden Vortheilen betreiben zu können; sondern er war auch stolz darauf, durch diese Vortheile einen Theil der Krämer von Höchst, wo nicht ganz zu Grunde zu richten, doch sehr zurücksetzen zu können. Er eröfnete eine Spezereybude, wo er im kleinsten Detail verkaufte. Die Regierung von Maynz, die sich sonst von den geistlichen Regierungen Deutschlands sehr zu ihrem Vortheil auszeichnet, bedachte nicht, daß 8 mittelmäßig wohlhabende Bürger einem Staat viel werther seyn müssen, als ein sehr reicher, wenn auch das Kapital des letztern jenes der erstern tausendmal aufwiegen sollte, und sahe beym Detailhandel des Herrn Bolongaro durch die Finger, der über lang oder kurz ihr doch einige schätzbare Unterthanen auffressen wird. In jedem wohleingerichteten Staat unterscheidet man sorgfältig die Kaufleute von den Krämern. Die Dinge, welche im Lande verzehrt werden, ernähren auf diese Art einige Bürger mehr, und durch die Vertheurung, welche diese Einrichtung veranlaßt, wird die Verzehrung zum Vortheil des Staats vermindert. Auch kann der grosse Kaufmann, wenn er zugleich den Krämer macht, die Regierung viel leichter um die Akzise betrügen, als der grosse [bloße ?] Detailleur. Detaileur – Einzelhändler Noch mehr. Die Krämer, welche sich zu Höchst angebaut und ihr Bürgerrecht erkauft hatten, bildeten eine Art von geschlossener Zunft. Sie dachten nicht daran, daß die Landesregierung so unklug genug seyn würde, ihre Anzahl so zu vermehren, daß sie einander aufreiben müßten; aber noch viel weniger konnten sie daran denken, dieselbe würde ungerecht genug seyn und den gesellschaftlichen Vertrag so sehr brechen, daß sie einem neuangekommenen Fremdling Vortheile gestattete, die sie, wenigstens zum Theil, zu Grunde richten müssen. Die Niederträchtigkeit des Herrn Bolongaro gieng noch weiter. Er wollte sogar die wichtigsten Artikel der Krämer von Höchst zu einem Monopolium seiner Bude machen, und both in dieser Absicht der Regierung eine gewisse Summe Geldes, wozu sich aber der jetzige, sehr einsichtsvolle Kurfürst nicht verstehen wollte. Um das Maaß aller Niederträchtigkeit voll zu machen, brachte Herr Bolongaro bey der Regierung eine Klage gegen die sehr zahlreichen Fischer von Höchst an, einige derselben hätten, ich weiß nicht, eine Statue oder einen Baum seines Gartens beschädigt, und drang darauf, man sollte denselben die Fischerey auf dem Nidfluß, welcher an der Mauer seines Gartens sich in den Mayn ergießt, verbieten. Diese Fischerey machte einen wichtigen Theil der Nahrung dieser armen Leute aus. Die Regierung, welche sich schon in so vielen Fällen äusserst schwach in Rücksicht auf Herrn Bolongaro gezeigt hatte, nahm wegen einer zufälligen Beschädigung seines luxuriösen Gartens auch noch den Fischern von Höchst ein Theil ihres Brodes, und so richtet sie eine hübsche Anzahl ihrer Unterthanen zu Grunde, bloß des Titels halber, Herrn Bolongaro zum Unterthan zu haben, dessen Karakter ich dir nicht besser ausmahlen kann, als wenn ich dir sage, daß einer seiner Landsleute und besten Freunde, der durch Unglück in schlimme Umstände gerathen, und sich eine ansehnliche Unterstützung von ihm versprach, ein 4 Soustück, und zwar das schlechteste, welches der reiche Mann in seinen Säken aussuchen konnte, von ihm erhielt, nachdem er einen erstaunlichen Weg in dieser betrügerischen Hoffnung zu seinem vermeinten Freund gemacht hatte. Ich wäre nicht so weitläufig über diesen Gegenstand gewesen, wenn ich dir nicht zugleich damit ein umständliches Beyspiel hätte geben wollen, wie die Stände des deutschen Reiches, oft auf ihre eigne Kosten, einander zu schikanieren suchen; denn zuverläßig hatte der gute Willen, der Stadt Frankfurt Abbruch zu thun, viel Einfluß auf das Betragen der Maynzischen Regierung gegen Herrn Bolongaro. Ich besuchte zu Höchst die Porzellänfabrik. Ihre ökonomischen Umstände sind jezt nicht die beßten. Sie war in eine grosse Zahl Aktien vertheilt, und die Herren Aktionärs waren die Leute nicht, auf das gemeinschaftliche Beßte zu sehn. Man macht jezt Plane, um ihr wieder aufzuhelfen. Unter andern lernte ich in derselben Herrn Melchior Melchior – Johann Peter Melchior, Bildhauer und Porzellandesigner, seit 1768 in Höchst tätig, † 1825 kennen, den man immer unter die jeztlebenden grossen Bildhauer setzen kann, und der mit einer unbeschreiblichen Wärme seine Kunst studiert. Grosse Arbeiten hat man wenige von ihm; aber alles, was man in dieser Art von ihm hat, ist vortreflich. In kleinen Modellen ist er unnachahmlich, wie er denn vorzüglich durch seine Figuren diese Porzellänfabrik in ihren Ruf gebracht hat. Die Dörfer und Flecken, welche man auf dem Weg von Frankfurt hieher erblikt, würden in Bayern oder Nord=Deutschland Städte heißen. Alle sprechen von einem hohen Wohlstand der Einwohner, und die Bettler, welche einen von Zeit zu Zeit anfallen, sind eine Folge von der Sinnesart der deutschen Katholiken und den Grundsätzen ihrer Regenten, welche ich dir zu Würzburg beschrieben. Der Bauer findet sich, überhaupt genommen, in diesem Strich Landes äusserst wohl. Er ist fast durchaus ein freyer Eigenthümer, der von keinen zu harten Auflagen gedrückt wird. Mit ein wenig mehr Bestrebung, die Hände, welche zum Bau des Landes überflüßig sind, nützlich zu beschäftigen, und durch die Erziehung der untersten Klasse der Landsleute etwas mehr Eckel gegen die Betteley beyzubringen, würde die Regierung allerdings vollkommen seyn. In den benachbarten Darmstädtischen Landen, die ich von Frankfurt aus besuchte, ist der Bauer im Ganzen nicht so reich, als der Maynzische, weil ihm die Natur nicht so günstig war, und er vielleicht auch etwas mehr Auflagen hat; allein er ist reinlicher und reger. Auch sieht man im Darmstädtischen fast gar keine Bettler. Bis auf zwei Stunden von Maynz beruht die Nahrung der Einwohner des Landes hauptsächlich auf dem Ackerbau, der ausserordentlich ergiebig ist, und das Korn dieser Gegend wird weit und breit am Rheinstrom für das schwerste und beßte gehalten. Nebst dem zieht man eine unbeschreibliche Menge Obst und Zugemüß. Feiner Blumenkohl und vortrefliche Spargeln sind hier zu Lande das Essen des gemeinsten Bürgers, und ein Liebhaber von Zugemüsen und Küchenkräutern befindet sich in Deutschland, wo man überhaupt sehr viel auf diese Speisen hält, nirgends besser als hier. Der Kappes Kappes – Weißkohl wird aus dieser Gegend sowohl roh als eingemacht in grossen Schiffsladungen an den Niederrhein, ja sogar bis nach Holland verführt. Das kleine Städtchen Kronberg, welches ohngefähr zwey Stunden von der Landstraße entlegen ist, und welches man längst einem grossen Strich Weges hin auf seiner Anhöhe thronen sieht, verkauft jährlich für ohngefähr 8.000 Gulden Obst, Obstwein, Obsteßig und Kastanien, von denen es wirklich einen ganzen Wald hat, und die schiffsvollweise nach Holland geführt werden. Alle Dörfer dieser Gegend liegen in einem Wald von Obstbäumen, und beherrschen ausser demselben ungeheure Getreidefelder. Das Land sieht deswegen im Ganzen etwas öde aus, ob es schon so gut angebaut ist als irgend eine andre Gegend von Deutschland. In dem Strich von Frankfurt bis Maynz und vom Mayn bis an das nahe Gebirge gegen Norden, welcher ohngefähr vier Meilen in die Länge und zwey in die Breite hat, zählt man 8 Städtchen, 5 grosse Marktflecken und gegen 80 Dörfer, worunter wenige unter 60 Familien stark sind. Zu Wikert, 2 Stunden von Maynz, verändert sich die Natur des Landes. Von der oben erwähnten Bergreihe der Wetterau Bergreihe der Wetterau – gemeint ist der Taunus, die Wetterau ist die fruchtbare Landschaft zwischen Taunus und Vogelsberg läuft hier ein Arm bis an das Ufer des Mayns herab und bildet unfern desselben 2 breite Hügel, auf deren einem Wikert, auf dem andern aber Hochheim liegt. Der südliche und westliche Abhang des erstern trägt einen vortreflichen Wein. Der östliche Abhang des zweyten ist unvergleichliches Getreidefeld, und seine Abhänge gegen Süden und Westen tragen ohne Vergleich den edelsten Wein von Deutschland. Der Flecken Hochheim, von welchem die Engländer allen Rheinwein Hock benennen, soll über 300 Familien stark seyn. Einen schönern und reichern Bauernort hab ich nicht gesehen. Er gehört dem Dohmkapitel von Maynz, und der Dechant Dechant – Erzpriester, der anderen Priestern vorsteht; auch Stellvertreter des Bischofs dieses Kapitels geniest die Revenüen desselben. In einem guten Jahr gewinnt derselbe hier für 12 bis 15tausend Gulden Wein. Er und die Augustiner Augustiner – Mönchsorden, geht auf Augustinus von Hippo zurück von Maynz und Frankfurt sind ausschließlich im Besitz der sogenannten Blume des Hochheimer Weines, von welcher in guten Jahren das Stük zu 600 Maaß für 900 bis 1.000 Gulden von der Kelter weg verkauft wird. Dieser Wein gehört also unter die theuersten der Welt. Wir waren begierig, diesen seltenen Wein zu kosten, und mußten im Ort selbst die gewöhnliche grüne Bouteille mit 1 Reichsthaler bezahlen. Dieser war aber vom besten Jahrgang in diesem Säkulum, Säkulum – Jahrhundert nämlich von 1766, den wir nicht bekommen hätten, wenn nicht ein Advokat von Maynz bey uns gewesen wäre, dem der Wirth, seines Vortheils halber, etwas zu Gefallen thun wollte. Dieß war der erste deutsche Wein, den ich ganz ohne Säure gefunden. Er war auf der Zunge blosses Gewürz. Der übrige Hochheimer Wein, so gut er auch seyn mag, ist doch nicht von Eßig frey, ob man schon die Bouteille vom geringsten desselben, wenn er seine Jahre hat, mit ½ Gulden im Ort selbst bezahlt. Die starke Stunde Wegs von Hochheim bis nach Maynz war eine der angenehmsten auf meinen deutschen Reisen. Erst geht es den goldnen Hügel auf eine Viertelstunde durch ununterbrochene Weingärten herab, die an der Strasse stark von Obstbäumen beschattet werden. Auf diesem Abhang beherrscht man eine unvergleichliche Aussicht über ein kleines, aber ungemein reiches Land, welches die nördliche Erdzunge bey dem Zusammenfluß des Rheins und Mayns bildet. Die Blume des Hochheimer Weines wachst nicht auf dieser Seite des Hügels, die gegen die Morgensonne zu sehr gedekt ist, sondern grade gegen Süden. Hierauf kömmt man in eine Tiefe, welche von einem kleinen Bach bewässert wird, und wo Wiesen, Felder und Obstgärten die schönsten ländlichen Scenen darstellen. Zur Linken schimmert nahe bey durch einen Wald von Obstbäumen das wirklich prächtige Dorf Kostheim. Die schöne Strasse windet sich sodann durch die Obst= und Weingärten des grossen Flekens Kassel, Kassel – heute Mainz-Kastel welcher am Ende der mannichfaltigsten und natürlichsten Allee am Ufer des Rheines, grade gegen Maynz über, zum Vorschein kömmt. So wie man auf die Schiffbrüke kömmt, welche über den Rhein führt, wird man von dem prächtigsten Anblik überrascht, den man sich denken kann. Der stolze Strom, welcher so eben das Gewässer des Mayns verschlungen, und hier gegen 1.400 Fuß breit ist, kömmt aus einer Ebene herab, die am Horizont den Himmel berührt. Abwärts stellen sich hohe Berge seinem Lauf entgegen, und zwingen ihn indem er einige Inseln bildet, sich gegen Westen zu wenden, nachdem er von Basel her immerfort gegen Norden geflossen ist. Diese Berge, zu deren Füssen und auf deren Abhängen man einige Oerter schimmern sieht, bilden amphitheatralisch das sogenannte Rheingau, welches der Thron des deutschen Bacchus Bacchus – der Weingott (Dionysos) ist. Der Rhein hat hier immer noch die schöne grünliche Farbe, die man in Helvetten an ihm bewundert, und noch auf eine weite Strecke hinab unterscheidet er sein Gewässer sorgfältig von dem trüben Mayn. Grade vor den Augen hat man die Stadt Maynz, die sich hier mit einer unbeschreiblichen Majestät darstellt. Die unzähligen Schiffe, welche die Rheden derselben bedecken, spiegeln sich, so wie die vielen und prächtigen Kirchenthürme im Kristallwasser des Rheines. Die Länge der Stadt am Rhein herab, beträgt, die weitläufigen Vestungswerke mit eingeschlossen, wenigstens eine gute halbe Stunde. Durch die grosse und etwas finstere Masse der alten Gebäude sieht man hie und da einige neuere hervorblicken, die sich im Abstich um so besser ausnehmen. Sowohl längst dem Rhein herab als auch zu beyden Enden ist der Häuserhaufen hie und da mit reichem Grün geschmückt. – Kaum läßt sich die Lage von Dresden mit der von Mainz vergleichen, so prächtig auch jene ist. Die Reitze des Anblicks verschwinden, wenn man in die Stadt selbst kömmt. Die Strassen sind finster, enge und auch nicht sehr reinlich. Doch, ehe ich dir weitere Nachricht von dieser Stadt gebe, muß ich dir von einigen Ausfällen Bericht abstatten, die ich von Frankfurt in die benachbarten Länder gethan habe. Ich machte einen Ritt nach Darmstadt, einem kleinen, aber allerliebsten Ort. Man beschrieb mir zu Frankfurt die Einwohner als steif; allein ich fand den Zirkel, worein ich gerieth und der aus einigen Räthen und Officiers bestand, ungemein artig, belebt und unterhaltend. Ich wünschte mir zur Würze meines Lebens keine andre Gesellschaft, als die mir Darmstadt darbot, wie dieser Ort auch überhaupt einer von denen wäre, worin ich meine Zelte für immer aufschlagen würde, wenn das Schicksal mich den Ort meines Aufenthalts frey wählen liesse. Man ist in der Mitte zwischen vielen grossen Städten, die alle nicht weit entfernt sind, hat eine Gesellschaft, so gut, als sie nur die größte Stadt geben kann, kann das Ländliche mit dem Städtischen ungemein schön verbinden, geniest eine sehr gesunde Luft, und die ausgesuchtesten Lebensmittel um den wohlfeilsten Preis. Die Popularität des Hofes, der niedliche, für jedermann geöfnete englische Garten, die schönen Wachtparaden, die hübschen und muntern Mädchen, die Jagdparthien, die man ohne besondre Kosten mitmachen kann, kurz, alles bietet Unterhaltung und Vergnügen im Ueberfluß dar. Der regierende Fürst, der regierende Fürst – Landgraf von Hessen-Darmstadt, Ludwig IX., † 1790. Gründete Pirmasens und hielt sich meist dort auf. dessen Talente vorzüglich die militärischen seyn sollen, hält sich sehr wenig in Darmstadt auf. Der Erbprinz, der immer daselbst residirt, ist der artigste und beste Mann von der Welt. Er weiß nichts von dem Dunst affektirter Hoheit, der viele andre Fürsten Deutschlands umgiebt, und die Fremden von ihnen verscheucht. – Man schätzt die Einkünfte des Landes auf 1.150.000 rheinische Gulden, wovon aber ein guter Theil zur Verintereßirung und Tilgung alter Schulden verwendet werden muß, welches das Schiksal fast aller deutschen Höfe ist. Dieser Theil der Darmstädtischen Lande, welcher zwischen dem Rhein, dem Mayn, der Bergstrasse und dem Odenwald liegt, ist zwar im Umfang der beträchtlichste, aber doch nicht der beste von denselben. Er besteht größtentheils aus Sandfeld und dicker Waldung, wovon der ansehnlichste Theil Schwarzholz ist. Einige Bezirke an der Bergstrasse und dem Odenwald sind ungemein ergiebig; allein im ganzen sind die in der Wetterau gelegenen Besitzungen dieses Hauses ungleich reicher, als dieser Theil der sogenannten Grafschaft Katzenelnbogen. Dessen ungeachtet herrscht hier durchaus unter den Bauern ein hoher Grad von Wohlstand. Ihr Fleiß und die kluge und thätige Regierung ersetzen das, was die Natur ihren Nachbarn vorausgegeben hat. Die Dörfer dieses Landes sehen ungemein reinlich und munter aus. Das Korn, welches dieser Sandboden trägt, vergütet durch die Schwere, was ihm an der Menge gebricht, und das viele Holz und die ungeheure Menge von Zugemüsen, welche man erzieht, tragen nebst dem Getraidebau dem Land eine grosse Summe ein. Der Flecken Gerav verkauft im Durchschnitt jährlich für 4 bis 5 tausend Gulden Kappes, welcher der berühmteste in diesen Gegenden ist. Die Spargeln von Darmstadt sind wegen ihrer Grösse und Feinheit durch ganz Deutschland bekannt. Man gewinnt auch an einigen Orten einen trinkbaren Wein. Die Bauern dieses Landes sind ein sehr schöner und starker Schlag Leute. Sie sind alle schlank von Wuchs, knochigt und sehnigt. Schönere und geübtere Truppen, als die 3 Darmstädtischen Infanterieregimenter sind, sieht man in Deutschland nicht, die preußischen Truppen selbst nicht ausgenommen. Sie machen zusammen gegen 6.000 Mann aus. Das zu Pirmasenz einquartierte Regiment wird von unsern Officiers von Straßburg, Landau, Fortlouis und andern Plätzen stark besucht und bewundert. Es ist ein Muster von Taktik, Oekonomie und guter Unterhaltung. Wegen den vortreflichen Militärischen Grundsätzen des Fürsten von Darmstadt verspricht man sich bey unserer Armee viel von dem Regiment, dessen Inhaber nun derselbe ist, und welches vormal Royal-Baviere Royal=Baviere – königlich-bayrisch hieß, besonders da Herr von Pirch Kommandant desselben ist. Man macht dem Fürsten Vorwürfe wegen seinem Militäre; allein seine Truppen sind keine Last für das Land, weil sie unglaublich wenig kosten, auf Urlaub gehen können, und der Ackerbau also nicht darunter leidet. Sie sind nur eine Art reglirter und wohlgeübter Militz. Diese militärische Verfassung hat auch ihre sehr gute Seite. Man sieht allen Bauern an, daß sie gedient haben. Eine gewisse Regelmäßigkeit, Reinlichkeit und Thätigkeit, die eine Folge ihres Dienstes ist, zeichnet sie auffallend von ihren Nachbarn aus. Sie sind auch keine Waare zum Verhandeln, wie die Truppen andrer deutschen Fürsten. Der englische Negociateur Negociateur – Negoziation: Verkauf von Wertpapieren oder Wechseln, hier: Kauf von Truppen für den englischen König zum Einsatz in Amerika Faucitt bot dem Darmstädtischen Hof ein beträchtliches mehr an, als der Fürst von Hessenkassel bekam; allein man schlug ihm sein Gesuch rund ab, obschon man in Betracht der drückenden Landesschulden das Geld sehr wohl gebrauchen könnte. Auf dem Weg von Aschaffenburg nach Frankfurt kam ich durch Hanau. Die Länder dieses Hofes haben einen Ueberfluß an Getreide, Holz, Wein und Salz, und tragen ihrem Besitzer gegen 500.000 rheinische Gulden ein. Hanau ist eine sehr schöne und volkreiche Stadt, welche beträchtliche Manufakturen, besonders von Wollenzeug hat. Der regierende Fürst der regierende Fürst – Wilhelm I., Graf von Hanau, † 1821 ist der liebenswürdigste Mann, den ich unter den Fürsten Deutschlands fand. Jeder Fremde, den sein Stand, seine Verdienste, oder seine Kenntnisse vom Pöbel auszeichnen, hat sich an diesem Hof die beste Aufnahme zu versprechen. Ich kenne keine Person von so hohem Stand, die einen Fremden ihre Höhe so wenig fühlen läßt, als dieser Fürst. Sein Umgang macht so wenig verlegen, daß er allen Leuten, sowohl in der Wahl des Stoffes zur Unterredung als auch in wahrer Gefälligkeit zuvorkömmt. Er und sein liebenswürdiger Bruder sind sehr eifrige Mäurer. Mäurer – Freimaurer Man macht ihm, wie dem Fürsten von Darmstadt, seiner Soldaten wegen Vorwürfe; allein da er Erbe von Kassel ist, und dieses Land ohnehin durchaus eine militärische Verfassung hat, so sind diese Vorwürfe sehr unbillig. Auf allen Seiten beherrscht Frankfurt die vortreflichste Landschaft. Die Dörfer und Flecken dieser Gegend würden in andern Ländern alle als Städte paradiren, wie denn ganz Bayern, München ausgenommen, keine Stadt hat, die den ysenburgischen ysenburgisch – die Grafschaft Ysenburg (Isenburg) umfaßte Gebiete in Hessen Flecken Offenbach, anderthalb Stunden von Frankfurt, an Schönheit, Bevölkerung und Reichthum überträfe. Ich machte in Gesellschaft einiger Herren von Frankfurt auch eine Wanderung nach Homburg von [vor ?] der Höhe, der Residenz eines Fürsten Residenz eines Fürsten – Residenz der Landgrafschaft Hessen-Homburg aus dem heßischen Haus, der von dieser kleinen Stadt benennt wird. Das Gebiete dieses Fürsten besteht nur aus einigen wenigen Dörfern, worunter aber eine sehr ansehnliche und reiche Hugenottenkolonie ist. Diese heißt eigentlich Friedrichsdorf, wird aber in der ganzen Gegend Wälschdorf genannt, wie man denn uns hier zu Lande überhaupt Wälsche Wälsche – welsch: italienisch, heute noch in Welschkraut, welsche Haube und Kauderwelsch gebräuchlich heißt, welchen Titel man in Oestreich und Bayern ausschließlich den Italiänern giebt. Sie hat sehr ansehnliche Manufakturen, besonders von verschiedenen Wollenzeugen. – Der Hof ist, wie das Städtchen selbst, sehr klein. Die Fremden aber sind hier, besonders wegen der Entlegenheit des Orts, sehr willkommen. Die Fürstin, Fürstin – Karoline von Hessen-Darmstadt, † 1821 eine Schwester der verstorbenen Großfürstin von Rußland, der Herzogin von Weimar und der Markgräfin von Baden, ist eine der ausgebildetesten Damen, die ich kenne. Die Erziehung dieser Prinzeßinnen macht ihrer vortreflichen Mutter, deren Geprängloses Grab in dem Park zu Darmstadt ein ewiges Denkmal ihres unverdorbenen Geschmacks und ihrer edeln Denkensart ist, so wie ganz Deutschland sehr viel Ehre. Auch der Fürst von Homburg Fürst von Homburg – Friedrich V. Von Hessen-Homburg, † 1820 ist ein sehr ausgebildeter Mann, und dieser Hof, so klein er auch ist, war für mich einer der merkwürdigsten in Deutschland – Alles zusammengerechnet, sollen die Einkünfte desselben nicht viel über 100.000 Reichsthaler betragen. Die Gegend zwischen Frankfurt, Homburg, Kronberg und Rödelsheim ist dicht mit Dörfern und Flecken besäet, welche die schönsten ländlichen Gemählde darstellen. Eine lachendere Landschaft siehet man selten, als in der Gegend von Oberursel, einem sehr grossen maynzischen Flecken, welcher zwischen Kronberg und Homburg liegt. Das Getöse einiger Eisen= und Kupferhämmer thut in derselben eine ungemein gute Wirkung. Wir bestanden in dieser Gegend ein Abentheuer, dessen ich mich ewig mit der größten Lebhaftigkeit erinnern werde. Hinter Kronberg erhebt ein hoher Berg, Altkönig genannt, sein kahles Haupt hoch über die lange Bergreihe empor, welche die schöne Ebene am Ufer des Mayns zwischen Frankfurt und Maynz gegen die rauhen Nordwinde deckt. Man erzählt viel abentheuerliches von diesem Berg und den Ruinen eines alten Schlosses auf demselben. Wir erstiegen ihn mit etwas Beschwerde, und hatten auf seinem Gipfel eine Aussicht, die keine Zeit aus meiner Seele löschen wird. Gerade gegen Süden überblickt man eine 14 Stunden weite Ebene, welche von den Gipfeln der Bergstrasse und des Odenwaldes geschlossen wird. Hier kann man alle die Städte, Flecken und Dörfer zwischen Maynz und Frankfurt und eines großen Theils des darmstädtischen Landes zählen. Gegen Osten ruht der Himmel auf dem Spessart, der gegen 17 Stunden von hier entfernt ist. Das ganze Land von Aschaffenburg längst dem Mayn herab bis an den Rhein, bis an den Neckerfluß und bis an den Donnersberg in der Pfalz, jenseits des Rheines, lag wie eine Landkarte zu unsern Füssen. Solche ungeheure Aussichten sind eben nichts seltenes; allein über ein so angebautes und vom Menschengewühle belebtes Land findet man deren gewiß wenige. Rückwärts, gegen Norden, und zu beyden Seiten gegen Westen und Ostnorden übersieht man theils rauhe und waldigte Berge, theils das schönste Gemische von sanften Hügeln, Thälern und Ebenen. Gerade gegen Westen bildet die fortlaufende Bergreihe das schönste Amphitheater, das man sehen kann. Allein das schönste Schauspiel both uns der andre Morgen dar. Dieser Berg hat eine ungemein vortheilhafte Lage, um die Sonne aufgehn zu sehn. Wir hatten uns in der Absicht, diesen majestätischen Naturauftritt zu geniessen, mit Pelzen versehn; allein ein schneidender Ostwind zwang uns in der Nacht Holz zu stoppeln, und Feuer zu machen, obschon die Täge des Augusts sehr heiß waren. Die Reitze des Morgens belohnten uns reichlich für die Beschwerden der Nacht. Eine höhere Empfindung von dem Wesen, welches die Natur belebt, und von mir selbst, hatte ich in meinem Leben nicht, als in dem Augenblik, wo am fernen Horizont der erste Blick der Morgenröthe die Gipfel des Spessarts und Odenwaldes vergoldete, die in der grossen Ferne Feuerwogen zu seyn schienen. Noch war alles bis zu diesen Gipfeln hin dickes Dunkel, und diese Ostgegend schien eine beleuchtete Insel zu seyn, die zur Nacht auf dem schwarzen Ocean schwimmt. Nach und nach breitete sich das Morgenroth weiter aus, und legte uns die schönsten perspektivischen Landschaften in Miniature vor die Augen hin. Wir entdeckten in schattigten Vertiefungen Ortschaften, die ein Blick der Morgenröthe traf, und der Finsterniß entriß. Wir konnten nun zusammenhängende Bergreihen, ihre Krümmungen und Einschnitte deutlich unterscheiden. Alles das stellte sich nicht anderst dar, als wenn man eine stark und schön beleuchtete Landschaft durch ein umgekehrtes Sehrohr betrachtet. Eine nie gefühlte Beklemmung bemächtigte sich beym Anblick dieser Scenen meiner Brust. Aber das erste Lächeln der Sonne selbst über den Horizont übertraf noch alle Schönheiten der Morgenröthe. Die Grösse, Mannichfaltigkeit und Pracht dieses Auftrittes übersteiget alle Beschreibung. Die 25 Stunden lange und 14 Stunden breite Ebene zwischen dem Spessart, dem Donnersberg, den westlichen Theilen des Odenwaldes und unserm Berge, die wir ganz übersehen konnten, ward von grossen Lichtstreifen durchschnitten, die mit dicken Schattenmassen auf die seltsamste Art abstachen. Wir sahen den Rücken des Donnersbergs vergoldet, während daß sich noch zu seinen Füssen und über den Rhein her ein tiefes Grau gelagert hatte. Wir selbst standen im Licht, und zu unsern Füssen dämmerten die Thäler und Ebenen noch in einem Halbdunkel, das sich bloß durch den Widerschein der Beleuchtung unsers Berges von der Finsterniß unterschied. Die erhabnern Theile der vor uns liegenden ungeheuren Ebene stachen mit einer Lebhaftigkeit aus der Dämmerung hervor, die sie uns wenigstens um die Hälfte näher setzte, und die angenehmste Täuschung für uns bewirkte. Dort erhob sich ein Kirchthurm aus dem Dunkel, hier ein behölzter Gipfel; dort schien ein ganzes Dorf mit seinen Bäumen über der Erde zu schwimmen; hier lag ein erhöhteres Getraidfeld im Licht, wodurch es von dem angränzenden Gefilde, so zu sagen, abgeschnitten und erhoben ward. Der sich durch die Ebene schlängelnde Mayn, welcher zuvor wie ein hellgrauer Streif die dunkle Landschaft durchzog, begann nun Theilweise mit Silberglanz zu schimmern, und auch ein Stück des Rheines ward durch einen blendenden Silberschimmer uns näher gebracht – Allein, ich wage zu viel, da ich dir ein Schauspiel beschreiben will, das an sich selbst so weit über alle Beschreibung ist, und für welches Ihr andern in der grossen Welt gar keinen Sinn habt – Ich sah schon oft die Sonne aufgehn, aber nie so prächtig, als auf dem Altkönig, und vielleicht kann man auch manches grosse Land durchwandern, ohne einen so vortheilhaften Standpunkt zum Genuß dieses Schauspiels zu finden, als dieser Berg ist. Vier und sechzigster Brief. Maynz – Der Reisende, welcher nicht die Mühe nehmen mag, sich weit von seinem Absteigequartier zu entfernen, nimmt keine gute Meinung von dieser Stadt mit sich. Der bessere Theil derselben ist grade der, wo die wenigsten und fast gar keine Gasthöfe und keine Passagen sind. Besonders liegt das Gasthaus zu den 3 Kronen, welches am häufigsten besucht wird, in der finstersten und abschreckendsten Gegend derselben, so gut auch die Bewirthung darinn ist. Von da kann man einen beträchtlichen Theil der Stadt durchwandern, ohne etwas anders, als eine finstere Häusermasse zu sehn, die über die engen Strassen hie und da den Einsturz drohen. Ich hab deswegen von dieser Stadt die widersprechendsten Nachrichten bekommen, ehe ich sie selbst besichtigt hatte. Einige hatten mir sie als eine Kloake, und andre als eine der besten Städte Deutschlands beschrieben. Erst vor einigen Tagen traf ich einen unsrer Landsleute, die als Avanturiers von jeder Art, besonders in dieser Gegend, ihre Rechnung finden, der mich in vollem Ernst versicherte, Maynz wäre die einzige erträgliche Stadt in Deutschland. Der gute Mann hatte nichts, als das Kölnische und Trierische und einen Theil von Westphalen gesehn. Ich konnte ihm nichts anders antworten, als daß Deutschland sehr groß wäre. Der nördlichste Theil der Stadt, wo die Residenz des Fürsten liegt, ist wirklich sehr schön gebaut. Hier ziehn sich 3 schnurgrade Strassen, die Bleichen genannt, vom Ufer des Rheines bis auf 700 Schritte Landeinwärts in parallelen Linien, die fast regelmäßig von hübschen Querstrassen durchschnitten werden. Die kurfürstliche Residenz beherrscht sowohl durch diese Parallelstrassen, als auch über den Rhein und einen Theil des Rheingaus eine unvergleichliche Aussicht. Von diesem neuen Theil der Stadt ziehn sich einige sehr schöne Strassen und Plätze in die alte Stadt hinein. Der sogenannte Thiermarkt, an der nordwestlichen Seite der Stadt, ist besonders sehenswürdig. Auch in der alten Häusermasse findet man hie und da einige lachende Gegenden. Der mitten in der Stadt gelegene Markt ist zwar kein regelmäßiger, aber doch einer der schönsten Plätze, die ich in Deutschland sah. Auf demselben nimmt sich die Dohmkirche vorzüglich aus. Sie ist ein ungeheures vortrefliches gothisches Gebäude, othisches Gebäude – Irrtum, der Baustil ist romanisch dessen erstaunlicher Hauptthurm vor ohngefähr 17 Jahren vom Blitz in die Asche gelegt ward. vom Blitz in die Asche gelegt – 22. 05. 1767 brannte der nördliche Vierungsturm ab, zwei Jahre später erfolgte der Wiederaufbau in der heutigen Form Er war von einem Wald von Holz gebaut und stand gegen 14 Stunden in vollen Flammen, ehe er verzehrt war. Um diesem Schicksal in Zukunft zuvorzukommen, ließ ihn das Domkapitel nun von blossen Steinen, beynahe in gleicher Höhe, erbauen, welches Unternehmen dasselbe gegen 400.000 Gulden gekostet. Schade, daß er zu sehr mit kleinen Zierrathen überladen ist; und noch mehr Schade, daß dieser bewundernswürdige Dohm mit kleinen Bürgerhäusern und Buden umgeben ist, die ihn zur Hälfte verdecken. Allein, da die Häuser und Buden in dieser Gegend der Stadt am theuersten sind, so kann man es dem Dohmkapitel nicht sehr verübeln, wenn es sich lieber seinen Grund und Boden bezahlen, als seine Kirche in mehrerm Glanz paradieren läßt. Schwerlich findet man in Deutschland eine Kirche von der Länge und Höhe dieses Dohms. Verschiedne prächtige Monumente von Kurfürsten und andern Standespersonen verschönern das Innere desselben. Unter andern bewunderte ich das Monument eines verstorbenen Dohmprälaten, Herrn von Dahlberg, Herr von Dahlberg – Wolfgang von Dalberg, Erzbischof und Kurfürst von Mainz, † 1601 welches der Bildhauer Melchior verfertigt, dessen ich in meinem letztern Briefe erwähnt. Der Prälat liegt in Lebensgrösse auf einem Sarg, worauf eine Pyramide steht, die eine Dreyfaltigkeit in Wolken trägt. Die Arbeit ist vortreflich, würde aber noch viel schöner seyn, wenn der Künstler seine eigne Idee hätte ausarbeiten därfen. Im obern Kor pranget ein köstliches Stück von Bildhauerkunst. Ein Graf von Lamberg, der unter einem Prinzen von der Pfalz die kaiserlichen Truppen kommandirte, welche zu Anfang dieses Jahrhunderts unsere Armee aus der Stadt Maynz vertrieben, und an der Seite desselben in einem Schiff während des Angriffs von einer Stückkugel getödet ward, hebt mit dem rechten Arm trotzig den Deckel seines Sarges auf, und strekt mit der Linken den Kommandostab heraus. Das thut eine ungemein gute Wirkung, und drükt die Todesart des Helden sehr lebhaft aus. Man findet in dieser Hauptkirche noch mehrere sehenswürdige Denkmäler. – Der Schatz derselben übertrift das sogenannte grüne Gewölbe zu Dresden, wovon man so viel Lärmen macht, um ein beträchtliches. Nebst dem Dohm enthält die Stadt Maynz noch viele andre merkwürdige Kirchen von modernem Geschmack. Die Jesuiten= und Peterskirche sind immer sehenswürdig, ob sie schon zu sehr mit Zierrathen überladen sind. Die Augustinerkirche, wovon die Maynzer viel zu rühmen wissen, ist das Meisterstük eines verdorbenen Geschmaks. Um so viel schöner ist die von den Einwohnern weniger bewunderte Ignatiuskirche, die ein Muster von antikem Styl seyn würde, wenn nicht eine unglückliche Hand auch hier zu viel Ziererey angebracht hätte. Ueberhaupt vermißt man auch an den Pallästen der Adelichen, die hie und da aus den Bürgerhäusern hervorstechen, die edle Simplizität, welche ganz allein die wahre Grösse und Schönheit ausmacht. Nach einem Menschenalter wird die Stadt Maynz im Aeusserlichen kaum mehr zu erkennen seyn. Unter dem vorigen Kurfürsten ist sehr lebhaft gebaut worden, und diese Art von Aufwand scheint auch die Lieblingsbeschäftigung des jetztregierenden Fürsten zu seyn. Man zwang die Klöster und Stifter, ihre alten Häuser von neuem aufzubauen, und wenn manche Strassen etwas breiter und grader wären, so würden sie schon keine schlechte Figur machen. Die Einwohner, deren Anzahl sich sammt der Garnison auf 30.000 beläuft, sind eine gute Art Leute, die, wie alle Katholiken Deutschlands, sehr viel auf eine gute Tafel halten. Ihre Physionomien sind interessant, und es fehlt ihnen nicht an natürlichem Witz und Lebhaftigkeit; allein erst nach einigen Generationen werden sie in der Kultur des Geistes ihren protestantischen Landsleuten gleich seyn, so sehr sich auch die hiesige Regierung seit 16 bis 18 Jahren durch gute Erziehungsanstalten vor den übrigen katholischen Regierungen Deutschlands ausgezeichnet hat. Doch findet man in keiner katholischen Stadt Deutschlands so viele helldenkende und wirkliche gelehrte Männer, als hier. Unter der vorigen Regierung trieb man die Freyheit zu denken und zu schreiben beynahe zur Ausschweifung, und obschon der jetzige Kurfürst der jetzige Kurfürst – Erthal, s. Zwey und sechzigster Brief. die Segel etwas mehr eingezogen hat, so lavirt er doch gradewegs der Philosophie entgegen. Die Wahlkapitulation Wahlkapitulation – Bedingungen des Domkapitels, die der zu wählende Erzbischof / Kurfürst vor seiner Wahl bestätigen muß des über die vorige Regierung aufgebrachten Dohmkapitels, seine Verbindungen mit der verstorbenen Kaiserin, gewisse Familienverkettungen, und überhaupt die Einschränkungen eines geistlichen Fürsten verwehrten ihm, seinen Lauf mit mehr Entschlossenheit anzutretten. Das Schicksal seines Vorfahrers, Vorfahrer – Emmerich Joseph Freiherr von Breidbach zu Bürresheim, Erzbischof seit 1763, stand der Aufklärung nahe, reformierte die Klöster, entmachtete die Jesuiten, beschränkte Prozessionen und Feiertage. Von seinem Sturz ist nichts bekannt, † 1774 der durch seinen zu heftigen Reformationseifer Priester und Leviten Levit – Helfer des Priesters beim Hochamt gegen sich in Harnisch brachte, mußte ihn ein wenig behutsamer machen, so wie sein Ministerium an dem Sturz des ehemaligen ein sehr erbauliches Beyspiel hatte. Man kann es also der jetzigen Regierung nicht verargen, wenn sie nicht gradezu mit allem Nachdruck nach ihrer Ueberzeugung handelt. Ich sage nach ihrer Ueberzeugung, denn zuverläßig fehlt es hier an der politischen Theorie nicht. Der Erzbischof Erzbischof – s. Zwey und sechzigster Brief ist ein Mann, der sich an den wichtigsten Stellen, so wie sein Bruder, sein Bruder – s. Ein und sechzigster Brief. Bischof von Würzburg, eine grosse Menschen- und Geschäftekenntniß gesammelt hat, und bloß in Betracht seiner Verdienste vom kaiserlichen Hof dem hiesigen Domkapitel bey Erledigung des erzbischöflichen Stules empfohlen wurde. Unter seinen Ministern und Räthen findet man die vortreflichsten Männer, und einige derselben könnten auch bey der Verwaltung eines ungleich grössern Staates, als das Kurfürstenthum Maynz ist, eine ausgezeichnete Rolle übernehmen. Vermuthlich geschah es bloß aus Hochachtung gegen den kaiserlichen Hof, seinen Patron, daß der jetzige Kurfürst aus Wien, wo er mehrere Jahre als maynzischer Gesandte stand, einige Polizeygrundsätze mit sich nahm und beym Antritt seiner Regierung in Ausübung brachte, die der bürgerlichen Gesellschaft äusserst nachtheilig seyn müssen. Er ist der eifrigste Verehrer der Keuschheitsanstalten der verstorbenen Kaiserin. Er hat auch bey seinem Konsistorium die Maxime eingeführt, den Schwängerer stehenden Fusses mit dem geschwängerten Mädchen zu verehelichen, um die Hurerey und die schlimmen Wirkungen derselben zu hemmen. Wenn doch der sonst so einsichtige Fürst sehen könnte, welche Unordnungen diese Verfügungen im Ehestand veranlassen. Man zeigte mir hier einen jungen Menschen, der auf diese Art eine Frau bekam, die er aber jezt selbst seinen guten Freunden zum verkosten anbiethet. Vernichtung aller ehelichen Liebe und Treue, Unfruchtbarkeit der Ehen, die schändlichsten Verführungen, wenn eine Dirne mit einem jungen Menschen ihr Glück zu machen glaubt, Ehebrüche und noch unendliche Uebel sind Folgen dieser Verordnungen. Die Regierung von Neapel hatte ehedem die nämlichen Grundsätze; aber die Erfahrung lehrte sie, daß sie schädlich waren, und schon vor 4 Jahren erschien eine Verordnung, Huren, wie sie es verdienen, ihrem Schicksal zu überlassen. Warum sollte auch eine Dirne für eine Vergehung belohnt werden, die sie selbst so leicht, als die andre Parthey, vermeiden konnte? Belohnung ist es allzeit; denn das Mädchen, welches die Gränzen der Schaam einmahl überschritten hat, ist gewiß für jedermann feil, und sucht sich dann unter seinen vielen Liebhabern den aus, mit welchem es am gemächlichsten zu leben hoft. Wenn es aber auch den Vater mit Zuverläßigkeit angeben kann, so muß man, solange dieß Gesetz gilt, doch allzeit voraussetzen, daß es selbst den ersten Schritt zu seinem Fall gethan hat, denn es ist in unsrer jezigen Welt für das Frauenzimmer viel schwerer, sich zu begatten, als für das Mannsvolk. Die Verführung zu einer Farce, die sich nach diesem Gesetz mit einer Heyrath schliessen muß, ist also größtentheils der schönern Hälfte des Stückes auf die Rechnung zu setzen. Auch der jetzige Kaiser hat, seiner Weisheit gemäß, die Erfahrung zu Rath gezogen, und die ehemaligen Keuschheitsanstalten seiner Mutter aufgehoben. Eine besondre Verordnung desselben gebiethet ausdrücklich, daß eine geschwängerte Person keine Ansprüche auf ihren Liebhaber zu machen habe. Ist es nicht im höchsten Grad unbillig, daß das ganze Glück eines jungen Menschen von einem wohllüstigen Augenblik und der Verführungskunst einer Buhlerin abhängen soll? Man betrachtet diese gewaltthätige Verehelichungen als den sichersten Damm gegen die Kindermorde. Morden aber die gegenseitige Kälte der Ehepaare und die Ausschweifungen der Weiber und Männer, welche durch dieselben begünstigt werden, die Kinder nicht zu Dutzenden? Wie lange soll es noch währen, bis sich unsre Regierungen überzeugen, daß aller physische Zwang in moralischen Fällen für die menschliche Gesellschaft verderblich ist? Nach Wien giebt es wenig Städte in Deutschland, wo ein so zahlreicher und mächtiger Adel versammelt ist, als hier. Es sind einige Häuser, die gegen 100.000 Gulden Einkünfte haben. Die Grafen von Bassenheim, Schönborn, Stadion, Ingelheim, Elz, Ostein, Walderdorf, die Freyherren von Dahlberg, Breitenbach und einige andre stehn alle jährlich zwischen 30 und 100 tausend Gulden. Nebst diesen zählt man hier noch gegen 16 bis 18 Häuser, die jährlich 15 bis an 30 tausend Gulden Revenuen haben. Der hiesige Adel wird für den ältesten und reinsten in Deutschland gehalten. Die fetten Dohmpfründen und die Hofnung, aus ihrem Schoos einen Kurfürsten zu zeugen, lokt die Familien hieher, und macht sie auf ihre Reinheit so aufmerksam. Wie vortheilhaft es für eine Familie sey, einen Sprossen auf dem erzbischöflichen Stul zu haben, kannst du daraus ermessen, daß der vorige Kurfürst, der nicht der strengste Oekonom war und nicht viel auf den Nepotismus Nepotismus – Vetternwirtschaft, nicht nur die Hauptbeschäftigung der Renaissancepäpste, sondern auch Pius' XII. († 1958) hielt, für seine Familie gegen 900.000 Gulden zurückgelassen, wovon sie aber nur die Nutzniessung hat, und die nach Absterben derselben, dem Lande anheim fallen. Sein Vorfahrer, ein Herr von Ostein, Ostein – Johann Friedrich Karl von Ostein, seit 1743 Erzbischof und Kurfürst von Mainz, † 1763 soll seiner Familie gegen 4 Millionen rheinische Gulden hinterlassen haben. Es giebt unter diesem Adel viele Personen von grossen Verdiensten, die seltene Kenntnisse mit einem thätigen Leben verbinden, und überhaupt zeichnet sich derselbe durch die sogenannte feine Sitten und gute Lebensart von dem größten Theil des übrigen deutschen Reichsadels aus. Allein im ganzen ist seine Erziehung doch zu steif und zu verzärtelt. Er ist so unpopulär, daß er dem Ersten Minister des Kurfürsten den Zutritt in seine Assembleen Assembleen – Versammlungen versagen würde, wenn er nicht von stiftsmäßigem Adel wäre; und einige dieser Herren Barons glauben sich wirklich zu verunreinigen, wenn sie vis-à-vis mit einem unadlichen stehn. Sie sprechen alle ein elendes französisches Jargon, und schämen sich wirklich ihrer Muttersprache, wie dann auch wenige von ihnen mit der Literatur ihres Vaterlandes genau bekannt sind, da sie hingegen alle, wenigstens die leichte Reiterey, von unsern Schriftstellern kennen. Die Tafeln, Kleidungen und Equipagen sind hier nach dem besten Ton von Paris. Wenn aber die Barons wüßten, welche erbärmliche Figuren sie überhaupt genommen zu Paris spielen, und welche geringe Meinung man daselbst von ihnen hat, so sehr man sie auch, ihrer Louisdor halber, mit Komplimenten überhäuft, so würden sie die Platten, Kleidungen und Equipagen à la Parisienne zum Henker wünschen. Einige derselben, z. B. Herr von Dahlberg, Statthalter von Erfurt, Baron von Groschlag, Baron von Leyen, Dohmherr, und andre wußten zwar etwas mehr, als das Patois unserer Fischweiber, den Schnitt eines Kleides u. dgl. m. aus Paris zu holen, allein die Anzahl dieser ausgebildeten Männer ist im Verhältniß zum Ganzen zu gering, als daß man den hiesigen Adelichen die Reise nach unserer Hauptstadt nicht verbieten sollte, wo sie größtentheils nur sich und ihr Vaterland prostituieren und ihre Baken und Waden zurüklassen. Baken und Waden ... – sich die Syphilis holen Ich kenne hier einige junge Herren von Adel, die auf dem Land erzogen wurden, und als Landjunker der übrigen Noblesse zum Gespötte dienen; allein diese haben ihre vollen und rothen Wangen, und wenn sie sich auch nicht so kavaliermäßig, wie die übrigen, die Zähne zu stochern wissen, die Ringe an den Fingern nicht mit soviel Grace Grace – Anmut spielen lassen, nicht durch eine Lorgnette nichts sehn können, sich nicht auf einem Bein herum drehen und mit dem schönen Air in die Luft pfeifen können, so haben sie doch ihren gesunden Menschenverstand und Waden, und wissen den Bauer und Bürger zu schätzen. Ihr Abstich mit den übrigen Baronen setzt die sogenannte feine Erziehung in ein besseres Licht, als die weitläuftigste Abhandlung. Die hiesige Geistlichkeit ist die reichste in Deutschland. Eine Dohmpfründe trägt in einem mittelmässigen Jahr 3.500 rheinische Gulden ein. Die Pfründe des hiesigen Dohmprobstes ist ohne Vergleich die fetteste in Deutschland. Sie wirft jährlich gegen 40.000 Gulden ab. Jene des Dohmdechants trägt gegen 26.000 Gulden ein. Die sämmtlichen Einkünfte des Dohmkapitels betragen beinahe 400.000 Gulden. So sehr es auch in den geistlichen Rechten verboten ist, daß Einer nicht mehr als Eine Pfründe besitzen soll, so haben die hiesigen Dohmherren doch alle 3, 4 bis 6 Pfründen, und es ist schwerlich ein Kapitular Kapitular – Mitglied des Domkapitels da, der nicht wenigstens seine 8.000 Gulden Revenuen hätte. Der verstorbene Dohmprobst, ein Graf von Elz, hatte so viele Pfründen, daß er von derselben jährlich gegen 75.000 Gulden zog. Nebst dem Dohm sind noch viele Korherrenstifte hier, deren Pfründen jährlich gegen 12 bis 1.500 Gulden abwerfen. Um dir vom Reichthum der hiesigen Klöster einen Begriff zu geben, dient dir zur Nachricht, daß man bey der Aufhebung der Jesuiten 120.000 Rchthlr. für ihre Weine löste, ob sie schon um den billigsten Preis verkauft wurden. Der Kurfürst hob vor kurzem eine Karthaus Karthaus – Kartause: ein Kartäuserkloster (Kartäuser verlassen ihre Klosterzellen nur zu besonderen Anlässen, Fleisch ist ihnen wie auch unverdünnter Wein verboten und 2 Nonnenklöster auf, die zusammen für ohngefähr 500.000 Reichsthaler Wein in ihren geheiligten Kellern hatten. Des ungeheuern Reichthums ungeachtet ist die hiesige Geistlichkeit doch die gesittetste in ganz Deutschland. Von auffallenden Ausschweifungen derselben hört man sehr wenig. In keiner Diöcese Diöcese – Diözese: Amtsgebiet eines katholischen Bischofs von Deutschland sind die in der Tridentinischen Kirchenversammlung ridentinische Kirchenversammlung – Tridentinum, s. Neun und zwanzigster Brief. beschlossenen Verbesserungen der Kirchenzucht mit mehr Eifer und Strenge ausgeführt worden, als in der hiesigen, wie denn auch die hiesigen Erzbischöfe schon selbst zur Zeit der Reformation und schon vor derselben mit rühmlichern Muth Hand an dieß grosse Werk gelegt hatten. Ein Grundsatz, worauf hier besonders strenge gehalten wird, und der sehr viel zur guten Ordnung unter der Geistlichkeit beyträgt, ist, keine Priester zu dulden, die nicht ihre sichere, veste und hinlängliche Versorgung haben. Die meisten Unordnungen in Bayern, Ostreich und andern Ländern werden von den vielen Abbes, die von ihrer täglichen Industrie leben müssen, und den geistlichen Taglöhnern veranlaßt, welche sich mit einer Messe, die sie durch mancherley Kniffe und Pfiffe zu erschnappen suchen, täglich den Hunger stillen. Diese Kreaturen sind hier ganz unbekannt. Von jeher waren die theologischen Grundsätze des hiesigen Hofes gereinigter, als anderer geistlichen Fürsten Deutschlands. Es fiel mir auf, die Bibel in vielen Händen so vieler gemeinen Leute, besonders auf dem Land zu sehn, und man versichert mich, daß das Lesen derselben in der hiesigen Diöcese nie verboten gewesen; das Lesen derselben ... nie verboten gewesen – Das Lesen der Bibel verboten? Nein, das ist keine Verleumdung eines Kirchenfeindes, so etwas kann auch kein Satiriker erfinden – das war die Wirklichkeit! Es war die Synode von Toulouse 1229, die den Laien den Besitz und das Lesen der beiden Testamente verbot. sondern man nur den Leuten rieth, sie nie ohne Berathung ihres Beichtvaters durchzulesen. Schon seit langer Zeit verfolgt man hier den Aberglauben bis in seine verborgensten Schlupfwinkel, und wenn man gleich die Wunderbilder und Wahlfahrten noch nicht ganz abstellen konnte, so kann es doch kein hiesiger Priester ungeahndet wagen, einen Exorzismus Exorzismus – Teufelsaustreibung. Man vergleiche dazu den Bericht über eine T. durch Johannes Paul II. am 4. April 1982 ( Eugen Drewermann »Glauben in Freiheit«, Band 1, Seite 558 ) zu machen, oder so groben Unsinn zu predigen, als man noch auf vielen Kanzeln andrer deutschen Länder zu hören gewohnt ist. Merkwürdig ist, daß Bellarmins Bellarmin – s. Vier und zwanzigster Brief. Werk von der geistlichen Hierarchie schon seit 18 Jahren hier, ein durch öffentlichen Anschlag förmlich verbotenes Buch ist. Der vorige Kurfürst vorige Kurfürst – Emmerich, s. o. hat vorzüglich viel für die Säuberung seines geistlichen Schafstalles Schafstall – vgl. Joh. 21.15 »Weide meine Lämmer ... weide meine Schafe usw.« gethan. Er erlag unter der herkulischen Arbeit; der jetzige Fürst setzt sie aber mit etwas gemäßigterm Eifer immer fort. Jener war besonders für die Mönche förchterlich, und sah bey Ausmistung der Klöster den Weltpriestern ein wenig zu sehr durch die Finger, die unter seiner Regierung ein zu galantes Air annahmen, und die Gränzen der anständigen Freyheit ein wenig überschritten, wie denn von einem geistlichen Lehrer hier Voltärs Abhandlungen von der Toleranz Voltärs Abhandlung – »Abhandlung über die Toleranz«, 1763 und ähnliche Bücher zum Behuf seiner Vorlesungen in der öffentlichen Schule erklärt wurden, und die Werke des Helvetius, Bayle u. a. m. in den Händen der Studenten der Logik roulierten, roulieren – umlaufen während daß die Jesuiten hier damals noch de infallibilitate summi Pontificis, de immaculata conceptione B[eatae]. V[irginis]. M[ariae]. de infallibilitate summi ... – über die Unfehlbarkeit des Papstes, die unbefleckte Empfängnis der glückseligen Jungfrau Maria u. s. w. mit einem Ernst disputirten, der mit den Lieblingsauthoren der Studenten der Philosophie den lächerlichsten Kontrast machte. Der jetzige Fürst dehnt aber seine väterliche Sorge und Zuchtruthe auch über die Weltgeistlichkeit, und hat sie an einen Anstand und an ein Betragen gewöhnt, welches sowohl ihm als ihnen selbst sehr viel Ehre macht. Wie heilig indessen das Andenken des verstorbenen Kurfürsten jedem Patrioten von Maynz seyn müsse, kannst du zur Gnüge daraus ermessen, daß er bloß zur Stiftung und Unterhaltung einer Schullehrerakademie für das Land jährlich über 30.000 Gulden aus seinem Privatbeutel hergab. In der Ueberzeugung, daß ohne den Grund einer guten Erziehung alle Verordnungen und Verbesserungsanstalten in einem Staat unnütz, oder doch nur augenblickliche Linderungspflaster, und keine vollkommne Kur seyen, sparte er nichts, was zu diesem Endzweck beytragen konnte. Der itztregierende Fürst, welcher den Grund zum Gebäude der Volkserziehung gelegt fand, sucht es, wiewol in einem etwas abgeänderten Stil auszuführen, strengt aber seine Bemühungen hauptsächlich zur Beförderung der höhern Erziehung und zur Aufnahme der Wissenschaften und Künste an. Den größten Theil der liegenden Gründe der erwähnten 3 aufgehobenen Klöster schenkte er der hiesigen Universität, deren vormals sehr schmale Einkünfte dadurch um ohngefähr 100.000 Gulden vermehrt wurden. Da dieser Fürst ganz frey vom Nepotismus ist, so kann er mehr, als irgend ein andrer Bischof Deutschlands den Musen opfern. Die Anekdote in Pilatis Reisen von einem Schweitzer Officier, der seinen Bedienten hier in keinem Gasthaus wegen der Religion unterbringen konnte, entspricht dem itzigen Ton des hiesigen Publikums nicht. Ich war hier in mehrern Gasthäusern, wo mir der Wirth von selbst auf die Fasttäge Fleisch anboth, wenn ich allenfalls ein Protestant wäre. Wahrscheinlicher weise hat der Officier auch nicht die ganze Tour durch die einigen hundert Wirthshäuser gemacht, und es ist hier, wie überall. In einer Strasse liest man noch Legenden, während daß man in der andern mit Locke und Newton konversirt. Wenn man Paris nach den Leuten in der Gegend der Porcherons, Berlin nach den Gemeinden, die wegen eines alten unsinnigen Gesangbuchs beinahe einen Aufruhr erregt hätten, und Hamburg nach den Gemüsweibern, an deren Spitze der Pastor Götz steht, beurtheilen wollte, so würde das Urtheil über diese Städte sehr schlecht ausfallen. Obgleich die Handlung hier seit 18 bis 20 Jahren immer blühender wird, so ist sie doch lange noch nicht das, was sie in Betracht der günstigen Lage der Stadt und andrer Vortheile seyn könnte. Die sogenannten hiesigen Kaufleute, deren einige ansehnliches Vermögen besitzen, sind im Grunde nur Krämer, die größtentheils von der Verzehrung der Stadt und des Landes umher ihre Nahrung ziehn; und nebenher Spediteurs für die Kaufleute von Frankfurt und einige andre Städte machen. Wie kleinlicht hier im ganzen noch der Kaufmannsgeist sey, kannst du daraus abnehmen, daß man hier schwerlich einen Wechselbrief von 30.000 Gulden anbringen könnte. Einige Galanteriehändler, 4 bis 5 Tobaksfabrikanten und 5 bis 6 Spezereyhändler sind alles, was man hier zur eigentlichen Kaufmannschaft rechnen könnte. Einen Wechsler giebts hier gar nicht. Und doch hat diese Stadt das unschätzbare Stappelrecht Stappelrecht – Stapelrecht: Die Stadt kann vorüberfahrende Kaufleute zum zeitlich begrenzten Lagern und Verkauf ihrer mitgeführten Waren zwingen. Der Fernhändler kann seine Waren auch an ortsansässige Kaufleute zum Weitertransport übergeben. und beherrscht vermittelst des Rheins, Mayns und Neckers die ganze Aus= und Einfuhr vom Elsaß, der Pfalz, von Franken und einem Theil von Schwaben und Hessen gegen die Niederlande zu. Man sieht hier auch immerfort einige hundert Schiffe, die aber sehr wenig auf Rechnung hiesiger Kaufleute geladen haben. Religionsvorurtheile waren ein Haupthinderniß der Aufnahme der Handlung in dieser Stadt. Zur Zeit der Auswanderung der Hugenotten wollte eine sehr beträchtliche Gesellschaft derselben sich hier anbauen. Sie versprach dem Kurfürsten, der Stadt Maynz grade gegenüber, nämlich zwischen Kassel und Kostheim, auf der Landspitze, welche der Zusammenfluß des Rheines und Maynes bildet, eine ganz neue Stadt zu bauen, sie auf ihre Kosten zu bevestigen, eine hinlängliche Besatzung darinn zu unterhalten, und der Regierung jährlich noch eine ansehnliche Abgabe zu entrichten, wenn man ihr freye Ausübung ihrer Religion gestattete, und sie die Vorrechte der alten Stadt Maynz geniessen lassen würde. Allein der damalige Kurfürst der damalige Kurfürst – Anselm Franz von Ingelheim † 1695 fand es nicht anständig, so nahe bey seiner Residenz das Gift der Ketzerey Wurzel schlagen zu lassen. Der verstorbene Kurfürst hat öfters den Wunsch geäussert, so glücklich zu seyn, daß ihm Ketzer von dieser Art eine ähnliche Anerbietung machten. Auch unter der itzigen Regierung würden sie sehr willkommen seyn; allein solche Gelegenheiten sind sehr selten, und man vertreibt nun in ganz Europa keine Hugenotten mehr. Der Stolz und die Verschwendung des Adels sind ein anderes Hinderniß der Handlung. Er und die Geistlichkeit sind im Besitz des grossen Kapitals dieser Stadt, dessen Interessen bloß in der innern Verzehrung roulieren, und während daß der Kaufmann von Frankfurt Mitregent seiner Vaterstadt wird, sieht ihn der Kavalier hier mit der tiefsten Verachtung an, und schließt ihn gänzlich aus seiner Gesellschaft aus. Der hiesige Adel äfft bloß das Aeusserliche und die nichtsbedeutenden Kleinigkeiten des Adels von Paris und London nach, und er ist nicht dazu aufgelegt, von demselben die Kunst zu lernen, sein Vermögen durch Handlung und Industrie zu verdoppeln. Ich habe dir schon gesagt, daß die Gesichtszüge der Einwohner dieser Stadt und der Gegend sehr interessant sind. Die Landleute sind nebstdem auch sehr stark von Bau, und eine frische Gesichtsfarbe unterscheidet sie stark von den Bayern und Norddeutschen, die überhaupt genommen, bleich von Farbe sind. Allein durch das ganze Mayngebiethe, und auch einen Theil von Hessen bis hieher fielen mir die Beine der Leute stark auf. Besonders sind die Beine der Einwohner der hiesigen Gegend sehr übel gestaltet. Entweder stehn die Knie einwärts, und bilden Frauenzimmerfüße, oder sie sind ganz grade wie Stecken. Schön ausgeschweifte Männerfüsse sieht man hierzulande höchst selten. Zuverläßig ist die unsinnige und sehr schädliche Art, die Wiegenkinder so stark einzuschnüren, welche in diesen Gegenden herrscht, wenigstens zum Theil schuld daran. Ich konnte ohne Aerger nicht zusehn, wie die Mütter es recht gut zu machen glauben, wenn sie ihre Kinder so steif, wie ein Stück Holz einfetschen, und sie dann Tagelang in dieser unnatürlichen Lage liegen lassen. Dieser Zwang hat gewiß auch auf die Seele Einfluß, die in den ersten Jahren der Kindheit so enge mit dem Körper verwebt ist. Ueberhaupt muß man die Kopieen der Deutschen des Tacitus Deutsche des Tacitus – Tacitus: s. Zweyter Brief. In seiner »Germania« beschreibt er die Germanen: »... trotzige blaue Augen, rotblondes Haar und hoher Wuchs ...« hier nicht suchen. Schwarze und braune Haare sind hier viel häufiger, als blonde. In den so nah gelegenen darmstädtischen Landen sind die Einwohner diesen Urbildern ähnlicher. Ein aufmerksamer Beobachter sieht leicht im Aeusserlichen, welche Völker Deutschlands mit Fremden vermischt sind, und welche Länder bey der grossen Völkerwanderung von undeutschen Kolonisten in Besitz genommen wurden. Die schwarzen und dunkelbraunen Haare der hiesigen Einwohner stammen vielleicht noch von den Römern ab, welche hier ein Lager hatten. Fünf und sechzigster Brief. Maynz – Nach dem Pabst ist der hiesige Erzbischof ohne Vergleich der ansehnlichste und reichste Prälat in der kristlichen Welt. Das Erzstift hat seine Grösse und sein Ansehn dem heiligen Bonifacius Bonifacius – Bonifatius. Eine Lügengestalt der Catholica. Die von ihm gestifteten Kirchen und Klöster konnten nie aufgefunden werden. Falls er überhaupt gelebt hat, dann im 10. und nicht im 8. Jahrhundert. s. Klaus Weissgerber »Phantomzeit in Thüringen, II«, Zeitensprünge 4/99, Mantis-Verlag Gräfelfing zu danken, der mit Recht der Apostel der Deutschen genennt wird. Dieser Mann, ein Engländer von Geburt, war es, der unter Karl dem Grossen, den berühmten Wittekind und die braven Sachsen taufte, die sich so lange mit dem Säbel in der Hand gegen den Tauf gewehrt hatten, und welcher das Gebiete des Statthalters Kristi bis an die Nord= und Ostsee erweiterte. Er war es, der in Deutschland die römische Liturgie einführte, die wilden Einwohner vom Pferdefleisch entwöhnte, aber zugleich den Pabst auch in Deutschland in ein grössers Ansehn brachte, als er in irgend einem andern Lande stand. Nach dem Zeugnis des Aventinus Aventinus – Johannes Aventinus, bayrischer Chronist, Wegbereiter der klassischen Philologie, † 1534 machten ihm verschiedene Bischöffe den Vorwurf, er habe durch seinen neuen Huldigungseid, den er dem Pabst leistete, ihr Ansehn vernichtet, und durch Einführung des römischen Kirchengepränges dem Aberglauben und Unkristenthum die Thüre geöfnet. Auch hat er das meiste zur Aufnahme der berüchtigten falschen Dekretalen des Isidores Dekretalen des Isidores – Pseudoisidorische Dekretalen – eine der zahlreichen, auf Macht- und Besitzerweiterung gerichteten kirchlichen Fälschungen des Mittelalters. Entgegen der landläufigen Meinung sind sie im 11. Jahrhundert entstanden, in dem sie nützlich wurden. Die hochgebildeten Autoren schufen ein Konglomorat aus (erfundenen und verfälschten) fränkischen Gesetzen, Papstbriefen, Konzilsbeschlüssen usw. Vgl. Friedrich Nietzsche »Der Antichrist« – »Im Christenthum, als der Kunst, heilig zu lügen, kommt das ganze Judenthum, eine mehrhundertjährige jüdische allerernsthafteste Vorübung und Technik zur letzten Meisterschaft.« beygetragen. Allein, wenn man die damalige Lage der Sachen genau erwägt, so war das päbstliche Ansehn das einzige Mittel, die Nation schnell aus der Barbarey zu reissen, und die Geistlichen selbst, die nicht weniger Barbaren, als die Layen waren, wie sie denn weder lesen noch schreiben konnten, in ein ordentliches Zuchtsystem zu bringen. Wäre es auch bloß darum zu thun gewesen, die deutsche Geistlichkeit vermittelst der päbstlichen Hierarchie unter sich selbst zu verbinden, und die Nation dadurch mit andern Europäern bekannt zu machen, so hätte Bonifacius Deutschland schon einen sehr wichtigen Dienst gethan. Dem sey, wie ihm wolle; der Statthalter Kristi belohnte die Dienste dieses Apostels in vollem Maaß. Alle in Norden von Deutschland neugestifteten Bisthümer wurden dem Stul zu Maynz unterworfen, den Bonifacius zu seinem Hauptsitz gewählt hatte. Die Provinz ward die größte im ganzen päbstlichen Reiche. Ganz Schwaben, Franken, Böhmen und beynahe ganz Sachsen, nebst einem Theil von Helvetien, Bayern und des Oberrheins gehörten zu derselben. Nachdem sie durch die Reformation und Rachsucht des Königs von Böhmen Rachsucht des Königs von Böhmen – im Westfälischen Frieden gingen durch Säkularisation die Bistümer Verden und Halberstadt verloren, also keineswegs der dritte Teil. um den dritten Theil geschmälert ward, so zählt sie nebst dem erzbischöflichen Sprengel doch noch 11 Bisthümer, worunter mehrere der ansehnlichsten von Deutschland, sind, als Würzburg, Paderborn, Hildesheim, Augspurg u. a. m. Es konnte nicht fehlen, daß, als der Statthalter Kristi seine Macht auch über die weltlichen Reiche ausdehnte, der Bottschafter desselben (denn dafür gab sich Bonifacius selbst aus, und noch das tridentinische Konzilium nennt alle Bischöffe päbstliche Gesandte) nicht auch im profanen Verstand sein Glück machen sollte, besonders da zu den damaligen Zeiten die Geistlichen ausschließlich im Besitz der Wissenschaften, und deswegen auch in politischen Geschäften unentbehrliche Leute waren. Das Geistliche und Weltliche war damals so durch einander verwebt, daß der ansehnlichste Bischof Deutschlands auch der mächtigste Reichsstand werden mußte. In Brittanien, Polen und allen Ländern, die sich der aristokratischen Verfassung näherten, geschah das nämliche. Die Landgrafen von Hessen, die Pfalzgrafen, ja sogar die Kaiser selbst trugen kein Bedenken, Lehnleute der Erzbischöffe von Maynz zu seyn. Als das Gebäude der päbstlichen Monarchie von Gregor VII. Gregor VII. – das Papsttum, erst durch das Kaisertum der Ottonen groß geworden, strebte nun unter ihm und gegen dieses zur Weltmacht. Es begann mit der Leugnung des uralten Rechts des Kaisers zur Bischofseinsetzung (Investitur). Heinrich IV. antwortete: » ... Ich, Heinrich, durch Gottes Gnade König, und alle Bischöfe sagen Dir, steige herab.« Gregor schleuderte den Bannfluch gegen Heinrich, dieser mußte sich in der Burg Canossa 1077 unter entwürdigenden Umständen vom Bann freisprechen lassen. »Die höchste weltliche Gewalt des Abendlandes lag zu Füßen eines langobardischen Handwerkersohnes.« ... Heinrich berief eine Synode nach Brixen, diese setzte Gregor ab, der 1085 im Exil starb. vollendet war, erschienen die Erzbischöffe von Maynz von nun an immerfort an der Spitze der deutschen Reichsstände, und im dreyzehnten und vierzehnten Jahrhundert war ihr Ansehn groß genug, daß sie ganz allein Kaiser ernennen konnten, wie denn das Haus Habspurg bloß einem Kurfürsten zu Maynz den ersten Grund seiner Größe Grund seiner Grösse zu verdanken – der Habsburger Albrecht II. wurde 1438 zum deutschen König gewählt zu verdanken hat. Seitdem man gelernt hat, die Gränzen der geistlichen und weltlichen Macht so genau zu trennen, und die letztere über die erstere ein so entscheidendes Uebergewicht gewann, wurde zwar das Ansehn und der Einfluß der hiesigen Erzbischöffe natürlicher Weise merklich eingeschränkt; allein sie haben doch noch äusserst wichtige Vorrechte, die sie mit mehr Nachdruck könnten geltend machen, wenn sie sich nicht wegen verschiedenen Nebenumständen zu sehr an das kaiserliche Haus schmiegen müßten. Sie führen noch das Wort in dem Kurfürstenkollegium, schreiben auf Bedeuten des Kaisers den Reichstag aus, können in den Proceduren der Reichsgerichte Revisionen verordnen, u. s. w. Diese hohen Privilegien hängen aber in der Ausübung itzt zu sehr von dem östreichischen Haus ab. – Auch die geistliche Macht derselben schwindet immer mehr zusammen. Ihre Suffraganeen Suffraganeen – Suffragan: Bischof, der einem Erzbischof untersteht haben sich in den Kopf gesetzt, alle Bischöffe seyen im Wesen der Gewalt einander gleich, und der Titel eines Erzbischoffes bedeute nur einen Vorrang irgend eines Bruders unter gleichen Brüdern. Man appellirt wohl bisweilen noch von den Konsistorien einiger Suffraganeen an das hiesige sogenannte Generalvikariat; allein alsdann wird gewiß auch weiter nach Rom appellirt, und das metropolitanische Metropolitanisch – erzbischöflich Ansehn verliert also in solchen Fällen eben so viel, als es dabey gewinnt. Der Genuß der Güter, welche dem hiesigen erzbischöflichen Stul ankleben, und die wenigstens itzt noch unzertrennlich von demselben sind, kann die Besitzer desselben leicht über die Schmälerung ihres geistlichen und politischen Ansehens ausser den Gränzen ihrer Lande trösten. Diese machen einen der besten Theile Deutschlands, und, zwar nicht dem Umfang nach das größte, aber doch das bevölkerteste und reichste geistliche Fürstenthum aus. Schwerlich beträgt Ihr Umfang mehr als 125 deutsche Quadratmeilen, da hingegen das Erzbistum Salzburg gegen 240 Quadratmeilen enthält; allein jene zählen ohngefähr 320, und dieses zählt höchstens nur 250tausend Einwohner. Wegen des natürlichen Reichthums der maynzischen Lande und ihrer vortheilhaften Lage trägt ein Unterthan derselben ungleich mehr ein, als ein Bewohner des Erzbistums Salzburg, dessen größter Theil bloß von Hirten bewohnt wird. Die maynzischen Lande zählen gegen 40 Städte, die salzburgischen hingegen nur 7. Der hiesige Rheinzoll allein trägt jährlich gegen 60.000 Gulden, oder beynahe so viel ein, als alle salzburgischen Bergwerke zusammen, das halleinische Salzwerk ausgenommen. Die Weinakzise hier und in der umliegenden Gegend werfen dem Hof jährlich über 100.000 Gulden ab, wobey die Akzise von den entlegenen Landen desselben nicht mitgerechnet sind. Man kann die sämtlichen Einkünfte des Kurfürsten auf 1.700.000 Gulden schätzen. Zuverläßig weiß ich, daß sie in den letztern Jahren des verstorbenen Erzbischofs gegen 1.800.000 Gulden betragen haben. Nun hat zwar der itzige Fürst beym Antritt seiner Regierung den Unterthanen von 15 oder 16 Schatzungen, die sie jährlich entrichten mußten, freywillig 2 erlassen; diese 2 Steuern aber betrugen gewiß nicht über 100.000 Gulden, und nebstdem sind einige andre Quellen von Einkünften durch die kluge Oekonomie des itzigen Fürsten sehr verbessert worden. Wenn die kurfürstlichen Lande beysammen lägen, so hätten sie Getraide und alles, was zur Nothdurft des Lebens gehört, im größten Ueberfluß. Da aber einige Theile derselben zu weit von einander getrennt sind, so müssen sie verschiedene Bedürfnisse von Fremden kaufen. Besonders ist die Hauptstadt samt dem benachbarten Rheingau in Rücksicht auf das Getraide von der benachbarten Pfalz abhängig, so ergiebig auch der maynzische Antheil in der Wetterau an Korn, Waizen und allen Getraidegattungen ist. Das vorzüglichste Produkt der am Rhein gelegenen Lande des Kurfürsten ist der Wein, der fast ganz allein im eigentlichen Verstand Rheinwein heißt, und nur die Weine von Nierstein, Bacharach und einigen andern, sehr wenigen ausländischen Orten, werden von Kennern unter dem Titel des Rheinweins mitbegriffen, die pfälzischen, bergsträßischen, baadenschen und elsaßischen Weine aber sorgfältig von demselben getrennt. Es wird zwar auch in den auf der West= und Südseite des Rheines gelegenen maynzischen Landen sehr viel Wein gebaut, und der von Laubenheim, Bodenheim, Büdesheim und Bingen wird sogar unter den vorzüglichen Rheinwein gerechnet; allein das auf dem nördlichen Rheinufer gelegene Rheingau ist doch das eigentliche Vaterland des Rheinweines, der die Dichter und Nichtdichter Deutschlands so oft im physischen und moralischen Verstand begeistert. Ich machte vor einigen Tagen mit einer Gesellschaft von hier eine Lustparthie nach dem Rheingau, bey welchem Anlaß ich einem der merkwürdigsten ländlichen Feste beywohnte, die ich in meinem Leben genoß. Unser Schiff hatte ein besseres Ansehn als die Fahrzeuge, welche man sonst in Deutschland zu sehen gewohnt ist, und war einem kleinen holländischen Jagdboot Jagdboot – Jagdschiff, Yacht ziemlich ähnlich: Als wir die Krümmung paßiert waren, welche der stolze Rhein eine gute Stunde unter Maynz gegen Westen macht, hatten wir eine Aussicht vor uns, die man ausser der Schweiz schwerlich in einem andern Lande zu sehen bekömmt. Der Rhein breitet sich hier erstaunlich aus, und bildet in seinem trägen Lauf einen See, der hie und da über eine Viertelstunde breit ist, und worauf einige beholzte Inseln schwimmen. Zur Rechten bildet das eigentliche Rheingau ein Amphitheater, dessen Schönheiten weit über alle Beschreibung sind. Bey Walluf, dem ersten Ort des Rheingaues, laufen sehr hohe Berge ziemlich nahe an das Ufer des Stromes her. Von da ziehen sie sich landeinwärts, und bilden einen Halbzirkel, dessen andres Ende 5 Stunden weiter unten, nämlich bey Rüdesheim an das Rheinufer stößt. Das Ufer, die Hügel, welche dieser Zirkel einschließt, und die Abhänge dieser Berge sind dicht mit Fleken und Dörfern besäet. Die weiße Farbe der Gebäude und die schönen blauen Schieferdächer dieser Ortschaften nehmen sich in dem mannichfaltigen und durchaus herrschenden Grün dieser Landschaft ungemein schön aus. Längst dem Rheinufer hinab liegt alle Viertelstunde ein Ort, der in jedem andern Lande eine Stadt heissen würde. Mancher enthält 3 bis 4 hundert Familien, und in diesem 5 Stunden langen und in der Mitte ohngefähr 2 Stunden breiten Amphitheater zählt man gegen 36 Ortschaften. Alle sonnigten Abhänge der Berge und Hügel sind ein ununterbrochener Weingarten, der von unzäligen Obstbäumen häufig beschattet ist. Die waldigten Häupter der hintern Berge werfen ein gewisses feyerliches Dunkel über die sonst sehr leichte Landschaft, welches eine vortrefliche Wirkung thut. Hie und da laufen stärkere Arme von der hohen Bergreihe an das Ufer her, und ragen über die niedern Hügel majestätisch empor. Auf einem solchen Bergarm liegt, beynahe in der Mitte des Rheingaues das Dorf Johannesberg, welches einen der edelsten Rheinweine erzieht. Vor diesem Dorf liegt auf einem runden und schöngestalteten Hügel, nahe am Ufer des Stromes ein gräflich Stadionisches Schloß, Stadionisches Schloß – Schloß Johannisberg; die Dynastie der Grafen von Stadion ist ein uraltes Adelsgeschlecht, ursprünglich stammt es aus Graubünden. Vom Besitz des Schlosses ist nichts bekannt. Johannisberg wurde 1716 dem Fürstbischof von Fulda verkauft. welches der Landschaft umher eine unbeschreibliche Pracht giebt, und fast in jedem Ort erblikt man ein grosses herrschaftliches Gebäude, das ihm ein reicheres Ansehn leiht. Dem Halbzirkel der Berge, welcher es gegen die kalten Ost= und Nordwinde schüzt, und dem Sonnenschein doch Raum und Spiel genug läßt, hat das Land seinen Reichthum zu verdanken. Die Waldungen und höhern Abhänge der Berge sind zugleich der Viehzucht sehr günstig, und vermehren den Dünger, welcher in einem Lande dieser Art einen ausserordentlichen Werth hat. Das dem Rheingau entgegengesetzte Ufer des Stromes ist viel öder und erhöht durch seinen Abstich die Reitze desselben. Kaum erblikt man auf dieser, stufenweis sich erhebenden Südseite 4 bis 5 Oerter, die weit von einander entlegen sind. Der grosse Raum zwischen denselben besteht größtentheils aus Heideland und Wiesen. Nur hie und da wirft ein alter Hain dicke Schattenmassen über dieselben hin, und nur sehr sparsam leuchten an einigen Orten Getraidefelder aus der finstern Landschaft hervor. Der Hintergrund dieser Gegend ist im mahlerischen Betracht der beste Theil derselben. Ein enger Bergschlund, der sich zwischen Rüdesheim und Bingen perspektivisch zu verengen beginnt, bildet denselben. Senkrecht abgehauene Berge und Felsen hängen hier über den Rhein her, auf den sich hier eine ewige Nacht gelagert hat. In der Ferne glaubt man, der Rhein ströme durch eine unterirdische Höle aus dieser Landschaft heraus, durch welche er so langsam zu gehen scheint, um ihre Reitze in wohllüstiger Trägheit desto länger geniessen zu können. Der sogenannte Mäusethurm scheint im Dunkel, welches auf diesem Hintergrund liegt, auf dem Wasser zu schwimmen. Kurz, in der ganzen Gegend Ist nicht das geringste, das nicht zur Schönheit und Pracht derselben etwas beitrüge, und so zu sagen nothwendig wäre, um das Paradies vollkommner zu machen. – Wenn man in der Mitte zwischen Maynz und Bingen auf dem Rhein fährt, so bilden die Ufer des Stromes ein vollkommnes Amphitheater Im Oval, welches eine der mahlerischesten und reichsten Landschaften ausmacht, die man in Europa sehen kann. Die Nacht war schon angebrochen, als wir zu Geysenheim ankamen. Ehe wir landeten, genossen wir noch eines sehr seltenen Anbliks. Wir konnten fast die ganze Küste des Rheingaues übersehen, die wie von einer zusammenhängenden Stadt bedekt war. Die vielen Lichter in den unzäligen Dorfschaften täuschten mich so sehr, daß ich wirklich eine ungeheure Stadt beleuchtet zu sehen glaubte. Der Widerschein dieser Lichter in dem spiegelglatten Rhein begünstigte die Täuschung. Des andern Tages nach unserer Ankunft giengen wir nach Rüdesheim, wohin uns ein Geistlicher von Maynz eingeladen hatte. Wir fanden eine zahlreiche Gesellschaft bey ihm, worunter auch einige Protestanten waren. Nach dem Mittagessen führte uns unser artiger Wirth in einer Prozeßion, in seinen grossen Saal, woraus wir eine unvergleichliche Aussicht über den hier ausserordentlich breiten Rhein und die Stadt Bingen genossen. Alles schien ein grosses Fest anzukünden, dessen Karakter aber wenigstens für mich immer noch ein Rätsel war. Auf einmahl öfnete sich die Thüre des Saales. Eine Bande Musikanten gieng feyerlich voraus, und ihnen folgten 2 hübsche und wohlgekleidete Mädchen, die auf einer mit feinem Leinwand überzogenen Tafel eine grosse Traube trugen. Der Rand der Tafel war mit Blumen bekränzt. Man setzte die Traube mitten im Saal auf eine Art von Thron, der auf einem Tisch errichtet war, und nun erklärte man mir, daß unser Wirth das Fest wegen der ersten reifen Traube in seinem Weinberg angestellt habe, und daß die Sitte, die erste Zeitigung einer Traube zu feyern, bey den Reichen dieses Landes heilig beobachtet werde. Man fand dieß Fest um so nöthiger, da dieses Jahr die Trauben ausserordentlich spät zu reifen beginnen. Nachdem der Altar des Bachus errichtet war, hielt unser Wirth eine kleine, aber sehr gute Rede, die dem Karakter der Feyerlichkeit entsprach, und hierauf tanzten wir um die Traube herum. Nie, Bruder, habe ich mit mehr Empfindung getanzt, als hier. Noch macht mich bloß die Erinnerung der lebhaften Gefühle, die sich in diesen seligen Augenbliken meiner bemächtigten, stumm und entzükt. – – In meiner Republik sollen Feste dieser Art gewiß die einzigen seyn. Giebt es ein heiligeres und würdigeres Fest, als wo man dem Schöpfer durch Freude für die Wohlthaten dankt, womit er uns selig machen will? – Es war nicht darum, als wenn diese Traube die einzige reife im Weinberg unsers Wirthes gewesen wäre. Wir fanden bey genauer Untersuchung derselben noch mehrere. Demungeachtet zankten wir uns um die Beere der Traube, die wir betanzt und besungen hatten, mit mehr Hitze, als wenn sie orientalische Perlen von gleicher Grösse gewesen wären. Rüdesheim ist ein reicher Flecken von ohngefähr 2.500 Einwohnern. Der hiesige Wein wird ohne Vergleich für den edelsten der rheingauer und aller deutschen Weine gehalten. Ich fand ihn auch viel feuriger, als den Hochheimer; allein in Rücksicht auf Annehmlichkeit des Geschmackes zieh ich den letztern immer vor. Der beste Rüdesheimer wird wie der Hochheimer im Ort selbst zu 3 Gulden p. Maaß bezahlt. Für Einen Gulden bekömmt man hier noch keinen vorzüglich guten Wein, und kaum kann man den für 2 Gulden unter die bessern Weine zählen. Wenigstens würde ich den schlechtesten Burgunder dem Rüdesheimer vorziehn, den ich um diesen Preis sowohl im Ort selbst als auch zu Maynz getrunken. Die Weine unsers geistlichen Herrn Wirthes zeichneten sich freylich von jenen sehr aus, die man in den Wirthshäusern bekömmt. Allein er gestand uns selbst, daß er die mehr oder weniger reifen Trauben bey der Lese sorgfältig zu sondern pflegte, und also von der nämlichen Gattung Trauben sehr verschiedene Weine machte. Es ist im Rheingau wie überall. Die bessern Produkte werden gemeiniglich von den mittelmäßigen und geringern Einwohnern verkauft, und die schlechtern für die innere Verzehrung zurükgehalten, weil die Fremden in Betracht, daß die Transportkosten immer gleich sind, lieber die bessern doppelt bezahlen, als die schlechtern aufkaufen. Nur bey den Reichen, worunter auch unser Wirth gehört, die etwas für ich selbst und ihre Freunde zurükbehalten, findet man etwas vorzügliches. Aus dieser Ursache habe ich weit ausser der Schweiz die besten Schweizerkäse gegessen, und in den Gasthäusern von Norddeutschland viel bessern Rheinwein getrunken, als in jenen seines Vaterlandes. Die Lage des Landes vertheuert auch die Rheingauer Weine ungemein, und befördert ihre Ausfuhr. Dieses Land ist das nördlichste, welches den Wein in Ueberfluß erzeugt, und der gemächliche Transport desselben auf dem Rhein nach Holland und der übrigen Welt erhöht seinen Preis über seinen natürlichen Werth. Der Ort, wo die Blume des Rüdesheimer Weines wächst, ist gerade die Erdspitze, welche der Rhein durch seine Wendung nach Norden bildet, nachdem er von Maynz bis hieher nach Westen geflossen ist. Diese Spitze, ein beynahe senkrechter Fels, genießt die erste Morgenröthe und die späteste Abendsonne. Sie ist in ganz niedrige und schmale Terrassen eingetheilt, die sich wie eine steile Treppe bis zum waldigten Gipfel des Felsen erheben, auf künstlichen Mauern ruhen, und auch an vielen Orten durch Kunst und Fleiß mit Erde bedeckt wurden, die oft von einem Regenguß wieder weggeschwemmt wird. Die ersten Setzlinge der Weinstöcke kamen zuverläßig aus unserm Vaterland hieher, und noch nennt man die beste Gattung hier Orleanstrauben. Man zieht die Weinstöcke ungemein niedrig, und selten sind sie über 4 bis 5 Fuß hoch. Diese Art, den Weinstock zu ziehn, ist für die Menge, aber nicht für die Güte des Weines zuträglich; denn die phlegmatischen und schweren Theile desselben würden eher zurückbleiben, wenn die Säfte, woraus er gezeugt wird, durch höhere und mehrere Kanäle sich sublimiren müßten. Dies ist ohne Zweifel eine der Hauptursachen, warum alle Rheinweine etwas herbes, saures und wässerichtes haben. – In den besten hiesigen Weinbergen, welches die niederen an der obbemeldten Erdspitze sind, ist öfters schon von holländischen und andern Weinhändlern vor der Lese der Stock mit einem Dukaten überhaupt bezahlt worden. Es muß ein reicher Stock seyn, wenn er über 4 Maaß Wein giebt. – Du kannst dir leicht vorstellen, daß der Weinbau an diesem Ort sehr kostspielig ist, indem der ohnehin sehr theure Dünger von den Bauern auf dem Rücken und mit unbeschreiblichen Beschwerden auf den Berg getragen werden muß. Nach unsrer Zurückkunft besichtigte ich zu Geysenheim den sehr prächtigen Pallast eines Grafen von Ostein, des reichsten Kavaliers von Maynz, der einige von einem ehemaligen Kurfürsten, seinem Vetter, ererbte Millionen auf Leibrenten in Holland liegen hat. Das Gebäude, in modernem Geschmack, ist immer sehenswürdig; allein, der halb französische und halb englische Garten hatte ungleich mehr Reitz für mich. Hinter Geysenheim ließ der Graf einige Alleen durch einen Wald hauen, worin auch einige Einöden Einöden – Felsgrotten (?) angebracht sind. Die Hauptallee führt auch in einer Krümmung auf die Spitze des Felsen, an dessen Fuß der beste Rüdesheimer wächst. Auf dieser Spitze ließ der Graf eine Terrasse eine Terrasse – gem. Riesbecks Schilderung hat sie sich etwas flußaufwärts des heutigen Niederwalddenkmals befunden bereiten und mit einem Geländer umfassen, welche eine der entzückendsten Aussichten beherrscht, die ich in meinem Leben sah. Senkrecht über den Felsen hinab übersieht man die Weinberge in Terrassen, und schaut in den Rhein, der sich hier wütend durch sturzdrohende Berge, und die dunkle Nacht, welche sich in ihren Busen gelagert hat, zu drängen beginnt. Die Aussicht, den Fluß hinab, ist schauerlich. Man glaubt, der Rhein suche seinen Weg durch ein unterirdisches Gewölbe der theils öden, theils waldigten Berge, die über ihn herhangen. Der Fels, worauf man steht, streckt seinen Fuß bis an das entgegengesetzte Ufer, worauf ein andrer abstürziger Berg wie eine ungeheure Säule steht. Der Zusammenhang dieser Berge verursacht einen Fall im Rhein, dessen dumpfes Getöse in der Landschaft eine ungemein gute Wirkung thut. Man hat auf der Rüdesheimer Seite, nahe am Ufer, über welches man auf der Terrasse oben herüber sieht, eine Passage unter dem Wasser durch den harten Felsen durchgehauen, welche für die grösten Schiffe geräumig genug und unter dem Namen des Bingerloches Binger Loch – ein Quarzitriegel zwischen den beidseitigen Felsen, der das Passieren von Lastschiffen verhinderte. An seiner Beseitigung wird bis in die Gegenwart gearbeitet. Der stärkste Eingriff erfolgte im 17. Jahrhundert. Es verbesserte sich zwar die Schiffahrt, aber nicht nur die Rheinromantik, sondern auch die Verhältnisse flußaufwärts nahmen unwiederbringlichen Schaden: Der Wasserspiegel sank, die Fließgeschwindigkeit stieg, die Gründungspfähle des Mainzer Domes faulten, weil sich der Grundwasserspiegel senkte usw. Heute ist der Rhein nur noch ein Schatten seiner selbst. bekannt ist. Der Fels, welcher hier den Sturz des Rheines verursacht, ragt in der Mitte des Stromes merklich über das Wasser empor, und bildet ein theils nacktes, theils mit Gesträuche bedecktes Inselchen, worauf der berüchtigte Mäusethurm steht. Aufwärts des Rheines übersieht man den größten Theil des lachenden Rheingaus und das ganze ihm entgegengesetzte Ufer. So schön und mannichfaltig auch diese Aussichten, den Strom hinauf und hinunter sind, so werden sie doch noch von einer andern Parthie dieser Landschaft übertroffen, die man ganz gerade auf der Terrasse vor sich hat. Hier sieht man durch einen engen Schlund, durch welchen sich der Fluß Nahe in den Rhein ergießt, und dessen Boden er beynahe ganz einnimmt. Im Vordergrund, wo die Nahe sich mit dem Rhein vereinigt, steht zur Rechten der waldigte Bergkolosse, mit welchem der Rüdesheimer Fels unter dem Wasser zusammen hängt. Auf der Erdspitze zur Linken liegt die Stadt Bingen am Fuß eines andern Berges, den die Trümmer eines alten Schlosses Trümmer eines alten Schlosses – Burg Klopp in Bingen krönen. Der Schlund selbst ist öde und dunkel und beinahe eine halbe Stunde lang. Nur die rothen Schiefersteine eines Berges in demselben und ihr Schutt sticht mit der auf der rechten Seite durchaus herrschenden Waldung, und mit der theils kahlen und geringern, theils mit Weinstöcken besetzten Bergwand zur Linken, ein wenig ab. Mitten in diesem Schlund geht eine alte Steinbrücke über die Nahe, die von ihrem Erbauer, dem Drusus Germanicus, Drusus Germanicus – römischer Feldherr † v.C. 10, um die Zeitenwende drangen die Römer in das Gebiet zwischen Rhein und Elbe ein noch die Drususbrücke genennt wird, und das Mahlerische der Landschaft ungemein erhöht. Am Ende des Schlundes ist eine Mühle über den ganzen Fluß gebaut, die in dickem Grün nicht weniger pittoresk als die Drususbrücke ist. Allein der Hintergrund dieser Landschaft ist der interessanteste Theil derselben. Der Naheschlund ist wie ein Sehrohr, durch welches man in die lachendste Landschaft hinschaut. Das starke Licht, die blaue Ferne der Berge und Hügel, einige schöne Dörfer und sanftes Gehölze, und Weinberge um dieselben kündigen an, daß das Land hinter diesem finstern Schlund sich sehr verebnet, und weit ausbreitet. Die Stadt Bingen, welche nebst einem Rheinzoll, der jährlich gegen 30.000 Gulden abwirft, dem maynzischen Dohmkapitel zugehört, ist ziemlich schön, und enthält ohngefähr 4.500 Einwohner. Von hier wird ein grosser Theil des Rheingaues mit Getraide aus der benachbarten Pfalz versorgt, wogegen die Stadt Spezereyen und verschiedne fremde Fabrikwaaren den Pfälzern zurückgiebt. Dieser Handel macht sie ziemlich lebhaft. Nebstdem hat sie sehr ergiebigen Weinbau. Der Berg, an dessen Fuß sie liegt, und dessen Eine Wand den Schlund bildet, wodurch die Nahe sich in den Rhein ergießt, bildet hinter demselben eine andre steile Wand, welche mit dem Rhein und dem goldnen Rüdesheimer=Berg parallel steht. Sie genießt deswegen mit diesem gleiche Sonne, und der Büdesheimer Wein, welcher auf derselben wächst, giebt dem Rüdesheimer wenig nach. Nachdem ich die Reitze dieser ungemein schönen Landschaft einige Tage lang genossen hatte, trieb ich [mich] noch einige Tage durch die Dörfer des Rheingaus herum. Auch hier überzeugte mich der Augenschein, daß der Weinbauer nicht der glücklichste ist. Die Einwohner sind theils unmäßig reich, theils unmäßig arm. Der glückliche Mittelstand ist nicht für Gegenden, deren hauptsächlichstes Produkt der Wein ist. Nebstdem, daß der Weinbau ungleich mühsamer und kostbarer ist, als der Getraidebau, so ist er auch Revolutionen unterworfen, die den Eigenthümer eines Gutes auf einen Schlag zu einem Taglöhner machen. Ein besonderes Uebel für dieses Land ist, daß man dem Adel gestattet, zu viel Güter zu kaufen, obschon dieser Ankauf durch ein Gesetz eingeschränkt ist. Die Familienverbindungen der Erzbischöfe zwingen sie, zu oft durch die Finger zu sehn. Ein kleiner Bauer steckt vor der Weinlese gemeiniglich in Schulden, und wenn dann diese nicht reich genug ausfällt, so ist er auf einmal ein Taglöhner, und der Adeliche oder Reiche erweitert seine Besitzungen durch den Sturz desselben zum Nachtheil des Landes. Es giebt zwar viele Bauern hier von 30, 50 bis 100 tausend Gulden Vermögen, die das Air von Bauern abgelegt, und jenes von Weinhändlern angenommen haben; allein, so beträchtlich auch ihre Anzahl ist, so tröstet sie den Menschenfreund doch nicht über den Anblick so vieler ganz armen Leute, wovon manche Dörfer wimmeln. Zur Aufrechthaltung des Wohlstandes in einem Lande dieser Art wird eine großmüthige landesfürstliche Kasse erfodert, die den geringen Bauer im Nothfall unterstüzt, mit einer genauen Aufsicht auf die Wirthschaft desselben verbunden ist, die reichen Weinlesen abwarten kann, und in Mißjahren die Interessen durch keine strengen Husarenexekutionen Husarenexekution – Pfändung eintreibt. Die Rheingauer sind ein schöner und ungemein starker Schlag Leute. Auf den ersten Anblik sieht man, daß ihr Wein dem Geist und Körper wohl bekömmt. Sie haben sehr viel natürlichen Witz, und eine Lebhaftigkeit und Munterkeit, die sie von ihren Nachbarn stark auszeichnen. Man darf sie nur mit verschiedenen der letztern vergleichen, um sich zu überzeugen, daß die Weintrinker den Bier= und Wassertrinkern, und die südlichern Völker also den nördlichern an natürlichen Kräften der Seele und des Körpers überlegen sind. Wenn die Weintrinker auch nicht so fleischigt als die Biertrinker sind, so übertreffen sie doch dieselben an Lebhaftigkeit und Güte des Blutes, und dauern in der Arbeit länger aus. Schon Tacitus hat in seiner Abhandlung von den Sitten der Deutschen diese Bemerkung Sitten der Deutschen ... Bemerkung – » ... doch reicht die Kraft ihres Körpers nur zum Angriff. Mühseliger Anstrengung sind die Germanen nicht im gleichen Maße gewachsen, und am wenigsten können sie Durst und Hitze aushalten; dagegen sind sie an Kälte und Hunger durch Klima und kargen Boden gewöhnt.« gemacht. Die ungeheuern und fleischigten Körper der Deutschen, sagt er, sind nur zu einem gähen Angrif gemacht, aber nicht dauerhaft. Damals trank fast ganz Deutschland noch nichts als Bier, und bloß der Weinbau hat in verschiedenen Gegenden Deutschlands eine Revolution bewirkt, welche die jetzigen Deutschen von jenen des Tacitus sehr verschieden gemacht hat. Die schwarzen und dunkelbraunen Haare sind hierzulande viel gemeiner, als die blonden, wodurch die Deutschen im alten Rom so berühmt waren. so berühmt waren – blondes Frauenhaar für Perücken war ein wichtiger Exportartikel der Germanen Du kannst leicht denken, daß sich in einem so fetten Lande die Mönche besonders wohl befinden müssen. Wir statteten dem Herrn Prälaten dem Herrn Prälaten – vgl. auch: Gottfried August Bürger »Der Kaiser und der Abt« (»Drei Männer umspannten den Bauch ihm nicht.«) zu Erbach oder Eberbach, einen Besuch ab, und ich konnte die Armuth dieses Klosters nicht genug bewundern. Diese Herren Mönche, denn in jedem Betracht sind sie Herren, haben ihre schöne Jagd, prächtig meublirte Zimmer, ihren Billardsaal, ein halbes Duzend sehr schöne Sängerinnen, und einen ungeheuern Weinkeller, vor dessen wohlrangirten Batterien ich wirklich erschrak. Einer, der es mir mochte angesehen haben, daß mich die unzähligen Fässer stutzen machten, erklärte mir, daß sie es ohne die wohlthätige Ausdünstung derselben in dem feuchten Thal, worin das Kloster liegt, nicht würden aushalten können. Wirklich sind die gewölbten Zimmer dieser vorgeblichen Einöde so dampficht und feucht, daß sie den Geist des Rheinweines zur Erwärmung ihres Körpers und ohne Zweifel auch ihrer Seele nöthig zu haben scheinen. Die Wirthschaft dieser Mönche fiel mir im Ganzen nicht sonderlich auf, weil ich in Deutschland an solche Schauspiele gewöhnt worden bin, und ich gönne ihnen von Herzen den Genuß ihres Antheils an dieser groben Erde, die sie so ernstlich verachten, und den ihnen der Himmel und die guten Zeitumstände beschieden haben. Allein den Bemühungen eines Theils der Geistlichkeit dieses Landes, den Aberglauben unter dem Volk zu erhalten, kann ich meinen Beyfall so leicht nicht geben. Besonders fiel mir ein Wallfahrtsort im Walde unweit Geysenheim auf, wo die Kapuziner noch Mirakel Mirakel – Wunder in Ueberfluß wirken sollen. Bloß der Name dieses Ortes ist schon grobe Aergerniß und Gotteslästerung. Er heißt: Noth Gottes. Ein kleines hölzernes Bildchen des Erlösers wurde nach der Legende aus Verachtung oder Unachtsamkeit von einem Bauern in einem hohlen Baum des Waldes versteckt, und nun schrie es so lange: »Noth Gottes, Noth Gottes!« bis es die Leute in der Nachbarschaft aus dem Baum nahmen, und es an einen Ort setzten, wo es keine Noth mehr hatte. Seit diesem hat es unzälige Wunder gewirkt, die den Kapuzinern zugleich auch aus der Noth halfen. Sechs und sechzigster Brief. Maynz – Ungeachtet der ansehnlichen Reduktionen, welche der jetztregierende Kurfürst in seinem Civiletat vorgenommen, ist derselbe doch noch unmäßig zahlreich und kostbar. Er hat seine wohlbezahlten Minister, seine Staatsräthe und gegen 80 bis 90 geheime Hof= Kammer= Revisions= Kanzley= und Hofgerichtsräthe. Der Aufwand für diesen Etat ist nach dem Verhältniß der Einkünfte des Hofes ungeheuer. Der zahlreiche Adel, welcher wenigstens des Titels halber sich um Staatsbedienungen bewirbt, die ihm der Hof nicht wohl versagen kann, der Mangel an einfachen Verwaltungsgrundsätzen, und der Stolz der ehemaligen Kurfürsten ehemaligen Kurfürsten – von einer Aufhebung der Kurfürstenwürde vor 1806 ist nichts bekannt , die ihre Grösse bloß in ein zahlreiches Gefolge setzten, sind die Ursachen der unmäßigen Civilliste. Eine nothwendige Folge davon ist, daß die Hof= und Staatsgeschäfte bloß auf dem kleinen Theil der Bedienten liegen, der Thätigkeit und Geschicklichkeit genug besitzt; und daß der grosse Schwarm der übrigen sich vom Mark des Landes in Müßiggang mästet. Auch das Militäre des hiesigen Hofes scheint mehr zur eiteln Pracht und zur Versorgung eines Theils des Adels, als zum wahren Nutzen des Landes eingerichtet zu seyn. Die sämtlichen Truppen machen kaum 2.200 Köpfe aus, und doch hatten sie beym Regierungsantritt des jetzigen Kurfürsten nicht weniger dann 6 Generäle. Nach ihrem ersten Plan und der Steueranlage sollten sie 8.000 Mann betragen; allein in den jetzigen Umständen sind diese 2.000 noch zu viel, und ich wüßte zwanzig Dinge, worauf der Sold derselben, besonders jener der so unmäßig zahlreichen Officiers nützlicher verwendet werden könnte. Die Armee des Erzbischofs besteht aus einer deutschen Garde von 50 Mann und 25 Pferd, einer Schweitzergarde, einer Schwadron Husaren von 130 Mann, welches seine brauchbarsten Truppen sind, indem sie die Strassen des Landes von Räubern und Mördern säubern, einem Artilleriekorps von 104 Mann, 3 Infanterieregimentern, jedes zu 600 Mann, und einigen zu den oberrheinischen und fränkischen Kreistruppen gehörigen Kompagnien. Mit den hiesigen Vestungswerken verhält es sich beynahe eben so. Nebst Luxenburg wäre Maynz der wichtigste Gränzplatz des Reiches gegen Frankreich, wenn seine Werke so gut ausgeführt und unterhalten würden, als vortreflich ihr Plan ist. Die Natur des Bodens erlaubt zwar keinen regelmäßigen Plan; in Rücksicht auf einzle Theile sah ich aber noch keinen Platz von ähnlicher Beschaffenheit, wo man das Terrein zur Anlage der verschiedenen Werke besser benutzt hätte, als hier. Man erstaunt über die Kühnheit und Grösse derselben. Allein, obschon der oberrheinische Kreis und sogar auch das gesamte Reich schon grosse Summen zum Bau dieser Vestung bewilligt hat, so ist doch ein grosser Theil derselben noch unvollendet, und einige der besten Werke fangen an zu zerfallen. Ihre Weitläufigkeit erfordert auch eine zahlreiche Armee zu ihrer Vertheidigung, und sowohl diese als auch die planmäßige Ausführung und Unterhaltung der Werke übersteigt platterdings die Kräfte des hiesigen Hofes, und würde auch dem gesammten oberrheinischen Kreis zu beschwerlich fallen. In dieser Lage der Sachen dient auch diese Vestung mehr zum Pracht, als zu einem wahren Nutzen. Während daß die grössern Höfe Deutschlands ihre Wirthschaft und Verwaltung so viel als möglich zu vereinfachen, und in ihren Staaten die strengste Oekonomie einzuführen suchen, herrscht unter den kleinern noch eine Verschwendung, Pracht und Scheinliebe, die alle Schranken, und beynahe auch allen Glauben übersteigt. Diese Höfe haben viel Aehnlichkeit mit dem kostbaren Marionettentheater des Fürsten Esterhazy, welches ein vortrefliches Orchester, die schönsten Dekorationen, seinen Maschinenmeister, Dichter u. s. w. hat, aber immer doch nur ein Puppentheater ist. In Ermanglung wahrer innerer Grösse suchen sie durch prächtig aufgestutzte Kleinigkeiten und äussern Schein groß zu werden, wodurch sie freylich nichts als ein Gelächter verdienten, wenn es ohne einen harten Druck ihrer Unterthanen geschähe. Allein in diesem Fall ist die Sache zu ernstlich, als daß der Menschenfreund darüber lachen könnte. Dieser Vorwurf trifft den itztregierenden hiesigen Erzbischof nicht. Vielleicht ist er unter den Fürsten seiner Klasse in Deutschland der einzige, der seine Verwaltung und seinen Hofstaat, in so weit es ihm die Umstände erlauben, mehr zu zweckmäßigem Vortheil als zu eitelm Schein einzurichten sucht; allein in der benachbarten Pfalz, die ich seit 14 Tagen durchwanderte, steigt dieser Greul bis zum Schauern. Als ich die bunten Schwärme von Bedienten, die Kastraten, die unzäligen Tänzer und Sänger, die prächtigen Gärten, und die vielen unnützen Generäle des Hofes zu München sah, setzte ich den größten Theil davon der ehemaligen Landesregierung auf die Rechnung, und glaubte, der itzige Kurfürst habe beym Antritt seiner Regierung von Bayern keine grosse Reduktionen vornehmen wollen, um sich nicht verhaßt zu machen, um so mehr, da durch die Akquisition von Bayern Akquisition von Bayern – nach dem Aussterben der bayrischen Wittelsbacher 1777 erbte Karl Theodor Bayern und verlegte die Residenz nach München, s. a, Zwölfter Brief. seine Finanzen in eine ganz andre Lage gesetzt worden. Allein, wie erstaunte ich, als ich erfuhr, daß er schon zu Mannheim, wo seine Revenüen nicht den dritten Theil von seinen itzigen Einkünften betrugen, den nämlichen Aufwand für Pracht, Wollust und eiteln Schein machte! Glaubst du wohl, Bruder, daß der Hof von Mannheim, der nicht über 3.200.000 rheinische Gulden Einkünfte hatte, bloß für seine Oper und Musik jährlich 200.000 Gulden verwendete? Glaubst du wohl, daß bloß die Unterhaltung des Gartens von Schwetzingen, der jenem von Versailles wenig nachgiebt, so groß auch der Abstand zwischen unserm Monarchen und einem Kurfürsten von der Pfalz ist, jährlich 40.000, und die Unterhaltung der Schlösser von Mannheim und Schwetzingen jährlich gegen 60.000 Gulden gekostet hat, und noch wirklich kostet? Daß der Artikel von Jagden jährlich gegen 80.000 und der vom Hofstall gegen 100.000 Gulden betrug? Daß dieser Hof 11 Regimenter Soldaten nebst eben so vielen Generälen hatte, die zusammen nicht über 5.500 Mann ausmachten, und die Hofbedienten doch beym Anlaß der Streitigkeiten zwischen ihrem Kurfürsten, den Grafen von Leiningen und der Stadt Aachen, von 40.000 Mann sprachen, die sie gegen den Kaiser, der mit Exekution drohte, wollten anrücken lassen, und noch von 15.000 Mann, die sie nach öffentlichen, gedruckten Nachrichten gegen die Reichsstadt Aachen zu beordern willens waren? Daß der pfälzische Hof, um das Marionettentheater vollkommen zu machen, zu 2 bis 3 Rheinjagdschiffen auch einen Großadmiral hält, hab ich dir schon zu München gesagt. Gewiß ist der gute Kurfürst größtentheils an dieser elenden Wirthschaft unschuldig. Seine Bedienten bringen ihm falsche Begriffe von Grösse bey, und schmeicheln seinen Schwachheiten, um sicher den Raub des Landes unter sich theilen zu können. Man nennt die Pfalz das Paradies von Deutschland. Von ihrer Fruchtbarkeit kannst du dir daraus einen Begriff machen, daß sie in manchen Jahren gegen 30.000 Malter Korn, das Malter zu 170 Pfund, nach Frankreich verkauft, und noch eine grosse Menge Getraide ins Maynzische, Trierische und auch in die Schweitz ausgeführt hat. Nebst dem Getraide gewinnt man auch eine grosse Menge Wein, Tobak und Grapp, Grapp – Färberkrapp, eine Pflanze, deren Wurzelsaft zum Erzeugen roter oder gelber Farbe verwendet wird welcher von vorzüglicher Güte ist. Allein, nichts hat mir einen so hohen Begrif von der Ergiebigkeit des Landes gegeben, als die Liste eines kurfürstlichen Einnehmers von den Abgaben der Unterthanen im Vergleich mit ihrem Wohlstand. Für mich wenigstens wäre es ein unauflösliches Problem, eine Rubrik von Auflagen zu erfinden, die nicht auf dieser Liste stünde; es müßte denn eine Akziß von der Luft seyn, die man auf pfälzischem Grund und Boden einathmet. Einige Kontributionen, z. B. für einen Kanal von Frankenthal, Kanal von Frankenthal – ein 1781 fertiggestellter Kanal zum Rhein, 1955 zugeschüttet Rheindämme u. dgl. m. sind sogar beständige Auflagen geworden, da sie doch bey ihrer Entstehung nur zur Bestreitung augenblicklicher Bedürfnisse bestimmt waren, und von selbst wieder wegfallen sollten, da nun die Bedürfnisse, wenn ein ganz überflüßiger und fast unbrauchbarer Kanal diesen Namen verdient, gehoben sind. Aeusserst merkwürdig für einen Politiker sind die pfälzischen Zölle. Bloß um sie zu vermehren, hat man die kurfürstlichen Aemter oder Vogteyen so eingetheilt, daß fast jeder Ort an einer Hauptstrasse zu einer andern Vogtey gehört, und also an jedem Ort auch ein neuer Zoll von den durchgehenden Gütern entrichtet werden muß. So schädlich diese Einrichtung auch für die innere Staatsverwaltung ist, indem ein Dorf öfters dreymal weiter von dem Sitz seines Amtmanns oder Landschreibers entfernt ist, als es seyn würde, wenn man mehr die Natur und das Wohl der Unterthanen als jenes des Fürsten und seiner Bedienten zu Rath gezogen hätte, so ist in diesem Lande, das durchaus von seinen eignen Bedienten geplündert wird, das Privatinteresse der Räuber doch zu überwiegend, und alles Fünkchen von Vaterlandsliebe zu sehr erstickt, als daß sich hierin eine Aenderung hoffen liesse. An manchen Orten ist die Zollstätte an der Strasse nur mit einem Stock bezeichnet, und die Fuhrleute, Viehtreiber u. s. w., wenn sie auch Landesprodukte ausführen, sind gezwungen, eine Stunde und noch weiter von der Strasse wegzulaufen, um in einem entfernten Dorf den Zoll zu entrichten. Ist zwischen der Art des alten deutschen Adels, der noch unter Kaiser Maximilian Kaiser Maximilian – Maximilian I. von Habsburg, genannt »der letzte Ritter«, † 1519 die Kaufleute auf offener Strasse beraubte, oder gewaltthätig Transitgelder von ihnen erpreßte, und der pfälzischen Zollverfassung ein andrer Unterschied, als daß der alte Adel auf Gefahr seiner Haut that, was die pfälzische Regierung ohne alle Gefahr und ohne alle Ahndung thut? Um den Geist der pfälzischen Staatswirthschaft noch besser fassen zu können, mußt du wissen, daß man für die Stadt Mannheim und die Gegend auf einige Meilen in die Runde umher sogar ein Brennholzmonopolium errichtet hat; aber nicht von der Art des Monopoliums von Berlin, welches den Bauern den Verkauf ihres Holzes eher begünstigt als hemmt. Ein natürlicher natürlich – außerehelich Sohn des Kurfürsten, den er in den Grafenstand erhob, machte ein Komplot mit einigen Projekteurs, und wußte sich ein Patent zu diesem Monopolium zu verschaffen, kraft dessen er auf Kosten der Einwohner von Mannheim und der Bauern des benachbarten Landes prächtig leben kann. Die Regierung dieses Landes ist so, daß es mir wirklich eckelt, mehrere Züge zu deiner Erbauung aufzusuchen. Hier muß man besonders Gebrauch von der Regel eines unsrer bekanntesten Schriftsteller machen: »Laßt uns einen Vorhang vorziehn!« Vorhang vorziehn – ein Ausspruch des französischen Dichters Francois Rabelais († 1553) auf dem Sterbebett Alles, was je nur eine Regierung von Pfaffen, Mätressen, natürlichen Fürstensöhnen, Parvenus, Projekteurs, Kastraten, Bankrutiers u. dgl. m. ausgezeichnet hat, findet man in der Pfalz wie in einem Kompendium beysammen. Ich sprach mit mehrern Bedienten dieses in jedem Betracht so merkwürdigen Landes, die gar kein Geheimnis daraus machen, daß sie ihre Stellen erkauft haben. Man hat häufige Beyspiele, daß die Stellen in der Antichambre Antichambre – Vorzimmer einer Mätresse unter den Kandidaten öffentlich gesteigert wurden. Eine Folge davon sind die himmelschreyenden Bedrückungen und Ungerechtigkeiten, welche die sogenannten Landschreiber oder Landvögte begehen, die ächte türkische Paschas sind, und von den Unterthanen ihrer Bezirke durchaus als brandschatzende Feinde angesehen werden. Ich hatte die Ehre, in einer sehr grossen und glänzenden Gesellschaft bey einem dieser Paschas zu speisen. Er und seine zahlreiche Familie schimmerten von kostbaren Ringen, Uhren, Borden und allem Zugehör des ausschweifendsten Luxus. Wir hatten 24 Gerichte auf der Tafel, worunter auch junge Pfauen waren. Das Desert entsprach vollkommen der Pracht der Tafel. Alles war im größten Ton. Der Mann hat seinen hübschen Stall, seine prächtige Equipage und seine Jäger, und doch betragen seine ordentliche Gefälle nicht über 2.000 Gulden. Wie er mit dieser Revenue seinen ungeheuern Aufwand bestreiten könne, kann man von jedem armen Bauern seines Gebietes erfahren, wenn man ihn nur ein wenig vertraut macht. So treiben es fast alle pfälzischen Landschreiber. Ich lernte bey diesem Anlaß auch einen kennen, der von einem andern Stand des heiligen römischen Reiches als ein treuloser Bedienter und als infam des Landes verwiesen wurde, und sich durch die gewöhnlichen krummen Wege und heimlichen Treppen eine ansehnliche Stelle in der Pfalz erschlichen hat, wo er gegen die Anklagen über Malversationen und gegen die Infamie sicher ist. In keinem deutschen Lande können die Avanturiers von jeder Art so leicht ihr Glück machen, als in der Pfalz, und so lange sie ihre Beute treulich mit der fürstlichen Kasse theilen, sind sie gegen alle Angriffe sicher. Das Lotto di Genua, Lotto di Genua – das im 15. Jahrhundert erstmals in Genua praktizierte Lotto mit 5 aus 90 Zahlen welches mit dem gelindesten Namen belegt, doch immer ein Pharaotisch Pharao – Pharo, ein Glücksspiel mit Skatkarten ist, wo der Landesfürst seine Unterthanen einladet, ihr Geld an ihn zu verspielen, hat sich auch nirgends in Deutschland so wohl befunden, als in Mannheim. Es harmonirte mit dem übrigen Finanzsistem des Hofes zu schön, als daß es nicht an demselben sein Glück hätte machen sollen. In einem sogenannten Lottokalender wird mit Privilegium des Kurfürsten und unter seinem Wappen gesagt, »das Lottospiel wäre der kürzeste, sicherste und anständigste Weg für jedermann, sein Glück zu machen.« Nun ist längst schon bekannt, daß alle Vortheile dieses Spieles bloß in der Hand des Reichen sind und daß die Spieler, welche Kreuzer und Batzenweis einsetzen, der Lottokasse die angenehmsten seyn müssen. Welche Begriffe muß man sich von einem Hof machen, der alle Beredsamkeit und alle Charlatanskünste gebraucht, um seine Unterthanen zu einem Spiel zu reitzen, bey welchem sie, im Ganzen, notwendig verlieren müssen, und bey dem er, wie sehr leicht zu berechnen ist, wenigstens 100 pro Cent gewinnen muß! Es ist wahr, fast jeder deutsche Hof hat ein solches Lotto; keiner aber hat so viele Marktschreyerey angewendet, um seine eignen Unterthanen zum Spiel zu reitzen, als der pfälzische. Alle diese Sultanismen kommen noch in keinen Vergleich mit den Religionsbedrückungen, welche die Protestanten des Landes vom Hofe ausstehn müssen. Die herrschende Religion des Landes sollte nach verschiedenen Verträgen und Friedensschlüssen eigentlich die reformirte seyn. Durch unerhörte Gewaltthätigkeiten sind aber die Katholiken, die den Traktaten gemäß nur tolerirt waren, nicht nur herrschend sondern auch mächtig genug geworden, um die Reformirten verfolgen und unterdrücken zu können. Man nahm in den Städten und Dörfern des Landes das verworfenste Gesindel, Zigeuner, Landesverwiesene und die verächtlichsten Konvertiten, auf, bloß um die Zahl der Katholiken zu vermehren. Man schloß die Reformirten nicht nur von allen erledigten Stellen aus, sondern nahm auch den wenigen, die schon bey der Staatsverwaltung angestellt waren, ihre Dienste. Man machte den Schweinhirten eines Dorfes zum Schulzen, weil sonst kein katholischer Einwohner da war. Man begnadigte Diebe und Missethäter von jeder Art, wenn sie zur Hofkirche übergiengen, und bey allen Gerichten herrschte eine Partheylichkeit gegen die Protestanten, welche öfters die ausschweifendsten Ungerechtigkeiten veranlaßte. Und der nämliche Hof, Fußnote im Original: Es versteht sich von selbst, daß der Herr Verfasser nach Art der Franzosen überhaupt unter dem Hof nicht den Fürsten, sondern die Administration versteht. Auch in Frankreich sind itzt die Gesinnungen des Königs von jenen seiner Bedienten sehr verschieden. Linguet ist ein Beweis davon der den grössern und bessern Theil seiner Unterthanen so unmenschlich zu unterdrücken sucht, ward von in= und ausländischen Schriftstellern bis zum Himmel erhoben. Die gedrückten Protestanten hatten kein anderes Rettungsmittel mehr, als ihr Vaterland zu verlassen. Sie wanderten so häufig nach Amerika aus, daß die Engländer in ihrer Sprache alle fremden Kolonisten Pfälzer nennen. So wenig lächerlich diese Grausamkeiten sind, so sehr sind es die Anstalten des Hofes zur Beförderung der Industrie im Abstich mit denselben. Während daß man den vermögendsten und fleißigsten Theil der Unterthanen aus dem Lande vertreibt, legt man zu Lautern eine sogenannte Kameralschule an, wo die vortreflichsten Theorien von Bevölkerung und dem Anbau eines Landes, von Industrie, vom Finanzwesen u. s. w. gelehrt werden, und lokt unzählige Projekteurs nach Frankenthal, um Fabriken anzulegen. So weit ist die Praxis von der Theorie verschieden! Ohne Zweifel trägt die starke Auswanderung viel dazu bey, daß sich die Bauern in der Pfalz bey all den Bedrückungen der Landschreiber und den ungeheuern Auflagen doch noch ziemlich wohl befinden. Die sehr einträglichen Güter werden dadurch unter ihren natürlichen Werth herunter gesetzt, und der Ertrag derselben über den Ankaufpreis erhöht. Soviel Geschrey man auch von den Manufakturen der Pfalz macht, so beruht ihr Werth im ganzen doch auch gleich den übrigen Attributen und Modifikationen des pfälzischen Hofes, mehr auf dem Namen als auf der Sache. Alle Fabriken von Frankenthal, dem Hauptsitz der pfälzischen Industrie, der aber kaum 2.000 Einwohner zählt, sind lange nicht soviel werth, als eine einzige der ansehnlichern Manufakturen von Sachsen, Preussen, Oesterreich, der Schweitz und vielen andern Ländern. Ausser der Porzelänfabrik ist nicht Eine da, die nur 10 Menschen beschäftigte, oder deren Kapital 100.000 Gulden betrüge. Man nennt eine Oblatenbeckerey; wo 3 Menschen, den Jungen mit gezählt, arbeiten, eine Fabrik. In dem Verstand sind alle Werkstätten der Schuster, Schneider u. s. w. in der Pfalz Fabriken und Manufakturen. Nicht einmahl die ersten Materien, welche das Land selbst liefert, weiß man nur in hinlänglicher Menge für die Innere Konsumtion zu verarbeiten. Der pfälzische Tobak wird in ganzen Schifsladungen roh nach Holland geführt, und guten Theils wieder zurück gebracht, wenn er zubereitet ist. Die ökonomische Grundsätze der pfälzischen Regierung kannst du am genausten dadurch abwiegen, daß sie einem Theil ihrer Unterthanen die Ausfuhr der Landesprodukten auf alle Art zu erschweren sucht. Die Stadt Maynz lebte bisher bloß von pfälzischem Brod. Der Hof von Mannheim suchte den von Maynz zu schikaniren, wie denn alle benachbarten Reichsstände in einer ewigen Fehde mit einander begriffen sind, und das Faustrecht trotz allen Landfrieden immer noch, nur mit veränderten Nebenumständen, gegen einander ausüben, und wollte die Bürger von Maynz zwingen, ihr nöthiges Getraide auf pfälzischem Grund und Boden aufzukaufen. Ehedem brachten es die Bauern auf die Märkte der Stadt. In dieser Absicht legte der Hof von Mannheim zu Oppenheim und an andern auf der Grenze vom Maynzischen gelegenen Orten Wochenmärkte an. Ein Vortheil für die Pfälzer wäre es immer gewesen, daß die fremden Käufer auf ihren Märkten etwas Geld verzehrt hätten, und sie die Marktpreise besser hätten machen können, als zu Maynz, wenn diese Stadt und das benachbarte Rheingau so ganz und gar in Rücksicht des Brodes von der Pfalz abgehangen hätte, daß sie gar keine andre Zufuhr hätte bekommen können. Allein dieser Zwang, wodurch für die Maynzer der Preis des Getraides etwas erhöht ward, indem sie es nicht so wohlfeil in die Stadt transportiren konnten, als die pfälzischen Bauern mit ihrem eignen Vieh, setzte einen Theil der wetterauischen Bauern, in der so getraidereichen Gegend von Usingen und Friedberg in den Stand mit den pfälzischen Bauern im Verkauf des Korns zu Maynz zu konkurriren, und diese waren nun gezwungen, einen Theil des Getraides, welches sie sonst der Stadt Maynz lieferten, mit mehr Beschwerde und weniger Gewinn nach Frankreich und der Schweitz zu führen, und so mußten sie eine Grille des Hofes büssen, der immerfort mit seinem eignen Interesse und der guten Sache überhaupt im Streit liegt. Da alle pfälzischen Projekte keinen Bestand haben, so werden seit einigen Jahren die Wochenmärkte von Maynz wieder wie ehedem von den Pfälzern besucht – Auch die Zölle, von denen ich dir oben gesagt, erschweren den Absatz der pfälzischen Landesprodukten ungemein. Mannheim ist eine ganz regelmäßig gebaute und hübsche Stadt, von ohngefähr 25.000 Einwohnern. Seitdem der Hof zu München residirt, soll sie gegen 2.000 Menschen verloren haben. Die Mannheimer thaten dem Kurfürsten den seltsamen Vorschlag, bey ihnen zu bleiben, und Bayern, welches wenigstens fünfmal so groß ist, als die Pfalz, durch einen Statthalter regieren zu lassen. Sie können jezt noch nicht begreifen, wie ihr Landesfürst München vorziehen könne. Sie sind von den Schönheiten ihrer Hauptstadt so sehr eingenommen, daß sie dich unter die Nase auslachen, wenn du ihnen sagst, es gebe noch schönere Städte in der Welt, als Mannheim. Und doch erweist man dieser Stadt noch zu viel Ehre, wenn man sie ein Miniaturgemäldchen von Turin, Berlin und andern Städten nennt. Die in die Länge sehr ennuyante ennyant – ennuyant: langweilig, lästig Regelmäßigkeit abgerechnet, ist München selbst eine viel schönere Stadt als Mannheim, welches ausser dem kurfürstlichen Schloß und der Jesuitenkirche kein einziges nur sehenswürdiges Gebäude hat. Alles übrige, was sie hier groß und schön nennen, fällt so sehr ins Kleinichte und Verkünstelte, daß es das Auge des Kenners anekeln muß. Ueberhaupt sind die Mannheimer das eitelste Völkchen unter der Sonne. Sie haben einen so hohen Begrif von der Macht und dem Reichthum ihres Landes, daß sie ihren Fürsten mit den größten Monarchen parallel setzen. Sie versichern dich in vollem Ernst, daß, wenn derselbe nicht zu sehr den Frieden geliebt und die Vergiessung des Menschenblutes nicht zu sehr verabscheut hätte, es ihm ein leichtes gewesen wäre, sich gegen die Ansprüche des Hauses Oestreich mit Gewalt in Besitz von Bayern zu setzen. Dieser lächerliche Begrif ist ohne Zweifel daher entstanden, daß die Pfalz mit noch kleinern Ländern umgeben, und ihr Fürst also unter den kleinsten der größte ist. Sie sind durchaus das Gepräge ihres Hofes, und ihre Devise ist: Viel Lärmen um nichts. Auch die Wohllust ist durch das Beyspiel der Grossen bis in die Winkel der geringsten Bürger ausgebreitet worden. Es wimmelt da von Mätressen, und eine Bürgersfrau hält es für unartig, ihrem Mann getreu zu seyn. Mit der durchaus herrschenden tiefen Armuth sticht die Wohllust und der Hang zur Kleiderpracht seltsam genug ab. Das Frauenzimmer dieser Stadt ist übrigens sehr schön, artig und reizend. Die Verfassung der Pfalz ist eine der despotischesten in Deutschland. Sie hat keine Landesstände, und die Privilegien der verschiedenen Gemeinden sind ein Spiel des Hofes. Allein hier wird man mehr als an irgend einem andern Ort in der Welt überzeugt, daß der uneingeschränkteste Regent der abhängigste unter allen ist. Er hängt, als Regent, von seinem niedrigsten Bedienten ab, und ist Dupe Dupe – von französisch düpieren: zum Narren halten, prellen, betrügen von allen, die ihn umgeben. Jeder Untergeordnete spielt die nämliche Despotie, in so weit sein Wirkungskreis reicht, und wenn der Regent nicht Muth und Kräfte genug hat, die Regierungsgeschäfte hie und da auch im Detail selbst auf sich zu nehmen, oder wenigstens seine Bedienten streng zu prüfen, so stehn dieselbe unter einander in einem stillschweigenden Komplot gegen ihn und das Land, und niemand ist da, ihm die Wahrheit zu sagen und für die gute Sache das Wort zu nehmen. Der Kurfürst kann keinen Stein zu einem Gebäude bewegen lassen, ohne auf die schrecklichste Art betrogen zu werden – »Ziehen wir den Vorhang vor!« – Sieben und sechzigster Brief. Köln – Wenn mir Gott das Leben fristet, Bruder, so mache ich die Reise von Maynz hieher noch einmal. Wollüstiger wüßte ich für mich nichts. Die Fahrt auf der Donau durch Oestreich ist schön, aber die auf dem Rhein übertrift sie unendlich weit. Ich wüßte ihr nichts gleich zu setzen, als eine Fahrt auf dem Genfer= oder Zürichsee. Meine Reisegesellschaft war wie ausgesucht, und unser Schif war ein ganz andres Gebäude, als die elenden Fahrzeuge, die man auf der Donau Schiffe nennt. Es hatte Mast und Segel, sein ebnes Verdecke mit einem Geländer, seine gemächlichen Kajüten mit Fenstern und einigen Meublen, und war überhaupt so ziemlich im Styl eines holländischen Jagdschiffes gebaut. Als wir unsre Augen auf dem prächtigen und lachenden Rheingau geweidet hatten, fuhren wir in das Dunkel des engen Thales hin, welches sich unter Bingen öfnet, und dessen ganzen Boden der gedrängte Rhein einnimmt. Der Abstich that unsern Augen unbeschreiblich wohl. Die Berge, welche sturzdrohend in diesem Thal über dem Fluß herhangen, sind bald mit dem mannichfaltigsten Grün bedeckt, bald nackte Felsen, hie und da blauer oder rother Schiefer, und oft auch harter Urfels. Ihre Gestalten, ihre Einschnitte, ihre Verkettung, ihre Bekleidung, ihr verschiedener und seltsamer Anbau hie und da, und die beständigen Krümmungen des Stromes machen die Aussichten alle Augenblicke abwechseln. Ungeachtet der grössern Beschwerden sind die Ufer dieses Thales doch ungleich stärker angebaut und bewohnt, als die Ufer der Donau in irgend einer Gegend. Fast alle Stunde hat man eine Stadt vor sich. Fast jeder Berg ist mit den Trümmern eines alten Schlosses gekrönt, worin ehedem ein deutscher Ritter hausete. Die Lage dieser Städte und Flecken hätte die erhabenste Phantasie nicht romantischer und mahlerischer angeben können. Wir hatten einen Schottländer bey uns, der über Suez und über Italien aus Ostindien kam. Der Mann that oft wie rasend. Er hatte hie und da Aehnlichkeiten mit Gegenden seines Vaterlandes gefunden, und da sprang er immer mit gleichen Füssen in die Höhe, und schrie: »Das ist die Küste von N – Das ist die Bucht von N – » Und da nennte er allezeit einen Ort im schottischen Hochland, welcher der Parthie der Rheinlandschaft, die wir vor uns hatten, ähnlich seyn sollte. Die Liebe zu seinem Vaterland, von dem er 10 Jahre entfernt war, und nach welchem er sich so heftig sehnte, grif ihn beym Anblick dieser Aehnlichkeiten wirklich mit gichterischen [dichterischen ?] Zückungen an. Ich hatte Bosheit genug, ihn einigemal zu erinnern, wie weit er noch von seinem Vaterland entfernt sey, welches er auf dem Rhein zu sehen glaubte. Als uns hie und da Weinberge zu Gesicht kamen, fragte ich ihn, ob diese Landschaft auch Aehnlichkeit mit einer Bucht in Schottland hätte. Anfangs that er böse; endlich ward er sehr beredt darüber, um mir zu beweisen, daß der Anblick der Weinberge der traurigste in der ganzen Gegend wäre, die wir durchfahren hätten. Er behauptete die Regelmäßigkeit der gepflanzten Weinstöcke und ihre Einförmigkeit habe so was Ekelhaftes und Beklemmendes, daß er die Augen wegkehren müsse, um sie auf den kahlen und abstürzigen Felsen oder dem wilden und dicken Grün der gegenüber stehenden Berge weiden zu lassen. Das verkünstlende Gewühl der Menschenhände, sagt' er, wäre höchstens nur deswegen in dieser Landschaft zu dulden, um die Reitze der schönen und unverzierten Natur umher auffallender zu machen. Ich antwortete ihm auf seine lange Rede mit einem Glas rothen Asmannshäuser, welches ich ihm zubrachte, und den er sehr trinkbar fand. Die schönsten Gegenden in diesem romantischen Land sind die um Bacharach und Kaub, welche Städte beynahe grade einander gegenüber liegen, um St. Goar, und um Koblenz. Die Lage von Bacharach ist, wie der Ort selbst, finster und schauerlich schön. Der Berg, an dessen Fuß das Städtchen liegt, hängt senkrecht drüber her, und ist zum Theil mit Reben bekleidet, die einen der besten Rheinweine liefern. Die Lage von Kaub ist offener und lachender, und macht mit dem entgegengesezten Bacharacher=Ufer einen unvergleichlichen Kontrast, besonders da sich die Häuser dieses Ortes durch ein lichtes Weiß im tiefen Grün seiner Gegend und im Abstich mit der ehrwürdigen Schwärze von Bacharach ungemein stark ausnehmen. Mitten im Rhein zwischen beyden Städten liegt auf einem Felsen, der kaum über die Oberfläche des Wassers emporragt, ein dicker, hoher und vester Thurm, vester Thurm – der Turm selbst als erster Bauabschnitt wurde 1327 errichtet, 1339 kam der Rest des Gebäudes hinzu. Riesbeck sah also die komplette Burg, nicht nur den Turm. die Pfalz genannt, wie er denn auch, sammt den beyden Städten dem Kurfürsten von der Pfalz zugehört und vom gemeinen Volk für das eigentliche Stammhaus der Pfalzgrafen gehalten wird. Eigensinniger und mahlerischer kann in einer Landschaft nichts gedacht werden, als die Lage dieses Turms, wenn man ihn in einiger Entfernung sieht. Die Gegend um St. Goar ist von ganz andrer Natur. Das rechte Ufer des Rheines ist hier ganz wild. Auf einem der hohen und fast senkrecht abgehauenen Berge, die es bilden, der sich durch seine majestätische Gestalt stark ausnimmt, liegt sehr romantisch ein festes Schloß, vestes Schloß – Burg Katz über St. Goarshausen welches man noch zu erhalten sucht. Das linke Ufer, worauf die Stadt liegt, ist noch steiler; aber zum Theil mit unbeschreiblicher Mühe angebaut. Man hat auf kleinen Terrassen, wie zu Rüdesheim, auf dem abstürzigen Felsen, Weinberge angelegt, die eine ungeheure hohe Treppe bilden. Der Raum zwischen dem Strom und den Felsen ist so enge, daß die Einwohner sich zum Theil in den Fels selbst hineinbauen. Ueber der Stadt ragt die Festung Rheinfels, von welcher ein Ast des heßischen Hauses den Namen trug, die aber nach Absterben desselben samt dem dazu gehörigen, beträchtlichen Lande, dem Landgrafen von Hessenkassel zugefallen ist, majestätisch empor. Die Stadt selbst ist ziemlich lebhaft, und die beste zwischen Bingen und Koblenz. Die Einwohner scheinen ein sehr fleißiges Volk zu seyn. Ein wenig über der Stadt verursachen die kurzen Krümmungen des gedrängten Rheines einen Wirbel, der unter dem Namen der St. Goarerbank sehr verschrieen ist. Von beträchtlichen Unglücksfällen hört man sehr selten; allein wir waren Augenzeugen davon, daß der Ruf dieses Platzes kein leerer Popanz wie der des Donauwirbels ist. Ein großes kölnisches Schiff fuhr eben neben uns herauf. Es hatte von St. Goar einen alten erfahrnen Steuermann mitgenommen, der an der gefährlichen Stelle sehr weit in den Strom hineinstach. Die Pferde zogen stark an. Auf einmal ward der Steuermann von der Gewalt des Stromes so sehr überwältigt, daß das Schiff in einem Augenblick an dem linken Ufer des Flusses lag, ob es schon beynahe 150 Schritt davon entfernt war. Zum Glück stand eben da an der Spitze eines Felsen ein großer Kahn, der wie ein Huth zusammengedrückt ward, ohne den aber das Schiff vielleicht eine große Wunde bekommen hätte. Es saß, dem ungeachtet auf dem Felsen auf, und mußte mit Winden und Hebeln gelichtet werden. Ohngefähr eine Meile über Koblenz bilden einige alte Städtchen und Schlösser am Fuß oder auf dem Gipfel hoher und waldigter Berge ungemein mahlerische Scenen. Man erblickt endlich das Städtchen Lahnstein, über welches ein trotziger und rauher Berg herüber hängt. Nahe bey dem Städtchen bildet ein Schlund, durch den sich der Lahnfluß in den Rhein ergießt, ein großes und prächtiges Perspectiv. Das Thal ist immer noch so enge, daß der Rhein seinen ganzen Boden einnimmt. In der Nähe von Koblenz fängt es an, sich zur Linken zu erweitern. Man erblickt auf einem entfernten Berg ein prächtiges Gebäude, ein Karthäuserkloster, hat die Stadt gerade vor sich und zur Rechten den steilen Felsen, den die Vestung Ehrenbreitstein krönt. Am Fuß dieses Felsen liegt das herrliche kurfürstliche Residenzschloß, kurfürstliches Residenzschloß – die Trierer Fürstbischöfe hatten im 17. Jahrhundert ihre Residenz von Trier nach Schloß Philippsburg bei Koblenz verlegt nebst mehrern prächtigen Gebäuden. Das Ganze thut eine unbeschreiblich gute Wirkung. Koblenz ist eine artige, aber etwas todte Stadt von ohngefähr 12.000 Seelen. Der itzige Kurfürst, itzige Kurfürst – Clemens Wenzeslaus von Sachsen, der letzte Erzbischof und Kurfürst von Trier, † 1812. Er förderte in bescheidenem Rahmen kirchliche Reformen und duldete trotz der Aufhebung des Ordens die Jesuiten in seinem Gebiet. In der Zeit der Französischen Revolution machte er Koblenz zum Zentrum der französischen Royalisten. ein Prinz von Sachsen und Schwager des Kaisers, bleibt dem alten Sistem getreu. Er ist exemplarisch fromm, und ich glaube, daß bloß mißverstandne Frömmigkeit die Ursache seiner Anhänglichkeit an das päbstliche Kirchensistem ist, und die Politik, wie einige glauben, keinen Theil daran hat. Er trieb seine Hochachtung gegen den Pabst bey seiner vor kurzem vorgefallenen Reise durch Augspurg so weit, daß er sich in offener Kirche zu den Füssen desselben niederwarf. Man hat auch einen Brief von ihm an seinen hohen Schwager, hoher Schwager – Joseph II., s. Ein und zwanzigster Brief. worin er ihm Vorstellungen über seine Reformationsanstalten macht. Allein diese Vorstellungen waren nicht gut angebracht. Der Kaiser betrachtet den heiligen Vater in einem ganz andern Licht, als der Herr Erzbischof. Uebrigens ist er ein guter Regent, und seine Frömmigkeit artet nicht, wie bey Regenten gewöhnlich ist, in Indolenz und Schwachheit aus. Er hat seine Beförderung der Betriebsamkeit des kaiserlichen Hofes zu verdanken, der ihn erst dem Dohmkapitel von Lüttich zu einem Bischof vorschlug, welches aber den Vorschlag mit einer ganz unerwarteten Hartnäckigkeit verwarf. Die Dohmkapitel von Maynz, Würzburg und Lüttich sind die einzigen in Deutschland, die ihre Wahlfreyheit so viel als möglich gegen den kaiserlichen Einfluß zu vertheidigen suchen. Wenigstens würde es sehr hart halten, bis sie sich einen Prinzen aufdringen liessen, ob sich gleich die zwey erstere, in so weit der Kaiser Einen aus ihrem Mittel in Vorschlag bringt, dieses Einflusses nicht ganz verwehren können. Als die Wahl zu Lüttich fehlgeschlagen war, empfahl der Kaiser seinen Schwager dem Kapitel von Trier, welches weniger Schwierigkeiten machte. Als Kurfürst hat er ohngefähr 500.000, und als Bischof von Augspurg ohngefähr 150.000 Gulden Einkünfte. Nebst dem ist er Koadjutor Koadjutor – Vertreter und designierter Nachfolger [des Abtes] von Ellwangen, wo er mit der Zeit noch einen jährlichen Zuschuß von ohngefähr 60.000 Gulden zu erwarten hat. Mit drey solchen Pfründen würde man mich auch in starke Versuchung bringen können, gut bellarminisch bellarminisch – Robert Bellarmin, s. Vier und zwanzigster Brief. zu denken. »Macht mich nur zum Pabst, und dann will ich schon ein Krist werden,« sagte ein Patrizier von Rom, den man bekehren wollte. Die Gegend zwischen Koblenz und Köln ist sehr schön und erstaunlich stark bewohnt. Eine schöne Stadt liegt an der andern. Neuwied ist ganz neu und regelmäßig gebaut und voll Industrie. Die Einwohner genießen nicht nur die uneingeschränkteste Religionsfreyheit, sondern auch eine in Deutschland sehr seltene Befreyung von schweren Auflagen. Der Ort ist besonders durch eine zahlreiche Herrnhuter=Kolonie bekannt. Fast grade gegenüber liegt die alte Stadt Andernach am Ufer des Rheines, die zwar nicht so schön als Neuwied, aber doch sehr lebhaft ist. Bonn, die Residenzstadt des Kurfürsten von Köln, Kurfürst von Köln – seit 1288 durfte der Kölner Erzbischof nicht mehr in Köln selbst regieren, Köln wurde Freie Reichsstadt. Die Erzbischöfe nahmen ihren Sitz in Bonn. z. Z. Riesbecks war Maximilian Friedrich, Reichsgraf von Königsegg-Rot(h)enfels Erzbischof von Köln. An Aufklärung oder Fortschritt hatte er kein Interesse und war auch zu faul, seinen Staat selbst zu regieren. † 1784 ist die größte und schönste Stadt zwischen Koblenz und Köln. Sie zählt gegen 12.000 Einwohner. Bis auf drey Meilen über Köln sind die Ufer des Rheines immer noch gebirgigt; nur sind die Bergreihen sanfter, als zwischen Koblenz und Maynz, und werden hie und da von kleinen Ebenen unterbrochen. Aber hier endigt sich das Gebirge zur Rechten mit 7 ungeheuern Pyramiden, die Siebenberge genannt, auf deren jeder ein altes Ritterschloß liegt, und die ein vortrefliches Amphitheater bilden. Von hier bis an das deutsche Meer hinab ist kein erheblicher Berg mehr, und hier schließt sich auch das Gebiete des deutschen Weingottes. Der ganze Strich Landes von hier bis nach Maynz hinauf ist einer der reichsten und bevölkertesten von Deutschland. Man zählt in diesem Strich von 18 deutschen Meilen gegen 20 Städte, die hart am Ufer des Rheines liegen, und größtentheils aus den Zeiten der Römer her sind. Noch sieht man deutlich genug, daß diese Gegend in Deutschland am ersten angebaut wurde. Weder Moräste noch Heiden unterbrechen den Anbau, der sich mit gleichem Fleiß weit von den Ufern des Flusses über das benachbarte Land ausdehnt. Während daß viele Städte und Schlösser, die unter Karl dem Grossen und seinen Nachfolgern, besonders unter Heinrich dem Ersten in andern Gegenden Deutschlands gebaut wurden, wieder eingegangen sind, haben sich in dieser Gegend nicht nur alle alten Orte erhalten, sondern es sind auch viele neue dazu gebaut worden. Der natürliche Reichthum des Bodens in Vergleich mit andern deutschen Ländern, und der leichte Absatz der Produkte vermittelst des Rheines tragen ohne Zweifel das meiste dazu bey. Allein, so sehr man auch in Deutschland gegen die geistlichen Regierungen eingenommen ist, so haben sie doch gewiß auch zu dem blühenden Zustand dieser Gegenden beygetragen. In den drey geistlichen Kurfürstenthümern, welche den größten Theil dieses Landstriches ausmachen, weiß man nichts von den gehäuften Auflagen, worunter die Unterthanen vieler weltlicher Fürsten Deutschlands seufzen. Diese Fürsten haben die Gränzen der alten Steueranlage sehr wenig überschritten. Man weiß in ihren Landen wenig von der Leibeigenschaft. Die Appanage vieler Prinzen und Prinzeßinnen zwingen sie zu keinen Erpressungen. Sie haben kein unmäßiges Militäre und verkaufen ihre Bauernsöhne nicht, und sie haben an den innern und äussern Kriegen Deutschlands nie so viel Theil genommen, als die weltlichen Fürsten. Wenn sie gleich nicht so geschickt sind, ihre Unterthanen zum Kunstfleiß aufzumuntern, so ist doch der mannichfaltige Landbau in ihrem Gebiete auf einem sehr hohen Grad von Vollkommenheit gekommen. Die Natur thut von selbst, was man durch Verordnungen und Gesetze erzwingen will, sobald man ihr nur die Steine des Anstosses aus dem Weg räumt. Von aussen bietet die ungeheure Stadt Köln mit einem Wald von Mastbäumen und den unzähligen Kirchthürmen einen prächtigen Anblick dar. Allein alle Pracht verschwindet, sobald man einen Fuß unter das Thor gesetzt hat. Die Strassen und die Einwohner sind gleich schmutzig und finster. Schon in der ersten dunkeln Strasse hatte ich einen Auftritt, der mir keinen hohen Begriff von der Polizey dieser Reichsstadt machte. Man gab mir, als ich aus dem Schiffe gestiegen, einen Invaliden mit, der im Gasthaus mein Koffer visitiren sollte. Sobald wir allein waren, stellte mir der gute Mann sehr beweglich vor, wie alt er sey, daß es eine Beschwerde für ihn wäre, mit mir ins Wirthshaus zu gehn, und daß er gerne ohne Besichtigung meines Koffers wieder zurückkehrte, wenn ich ihm einige Stüber geben würde. Ich brachte ihn also mit einigen Kreutzern vom Hals. Kaum war ich seiner los, als mich ein ganzer Schwarm von Bettlern anfiel und mich mit grossem Geschrey bis ins Gasthaus begleitete. Einen andern erbaulichen Auf tritt hatte ich im Wirthshaus selbst. Es stand ein schmutziger Pfaff bey der Wirtin, mit dem sie um eine Messe förmlich akkordirte. akkordiren – akkordieren: vereinbaren, übereinkommen Er foderte 14 Stüber, und sie wollte ihm nur 12 Stüber geben. Als sie endlich den Kauf geschlossen hatten, und der Pfaff seines Weges gegangen war, kam ein andrer herzu, der in einiger Entfernung dem Handel zugesehen hatte, und versicherte die Wirthin, daß er ihr eine Messe um 10 Stüber lesen würde, wenn sie es verlangte. – Mit nächster Post mehr von dieser Stadt, die durchaus eine sehr seltsame Miene hat. Acht und sechzigster Brief. Köln – Köln, Bruder, ist in jedem Betracht die abscheulichste Stadt von Deutschland. In ihrem weiten Umfang von 3 Stunden findet man nicht Ein sehenswürdiges Gebäude. Die meisten Häuser drohen den Einsturz. Ein grosser Theil derselben steht ganz leer, und von der Bevölkerung kann ich dir überhaupt keinen bessern Begriff geben, als wenn ich dich auf meine Ehre versichere, daß mein Hauswirth, ein Stadtofficier, bey dem ich mich auf ohngefähr 2 Monate einquartiert habe, für sein schönes und geräumiges Haus, nebst Hof, Stallung und einem grossen Garten jährlich 50 rheinische Gulden Miethe bezahlt. Und das Haus liegt in einer guten Strasse. – Im Umfang der Stadtmauern, die das ganze Gebiethe derselben einschliessen, zählt man einige hundert Bauerngärten, worin alles Gemüs für die Stadt gezogen, und auch so viel Vieh unterhalten wird, als zur Versorgung derselben mit Milch, Käs und Butter hinlänglich ist. In vielen Strassen liegt daher zu beyden Seiten der Mist vor den Häusern. Manche sind so öde, daß man Stundenlang darinn spatzieren kann, ohne ein lebendes Geschöpfe zu erblicken. Schade ists um den schönen Platz, der mitten in der schwarzen Stadt liegt, und in Betracht seiner Grösse und prächtigen Lindenalleen einer der schönsten Plätze wäre, die ich noch in einer Stadt gesehen, wenn er nicht von den schlechten Gebäuden umher verfinstert würde. Einen Drittheil der Einwohner machen privilegirte Bettler aus. Diese bilden hier eine förmliche Zunft. Es ist keine Satyre, sondern voller Ernst, lieber Bruder. Vor jeder Kirche sitzen sie reihenweise auf Stülen, und folgen einander nach der Ancienetät. Ancienetät – Anciennität: Dienstalter Stirbt der voderste ab; so rückt sein nächster Nachbar nach der strengsten Ordnung in der Reihe vor. Die Eltern, welche zu dieser Zunft gehören, geben einen bestimmten Platz vor einer Kirchthüre ihren Söhnen oder Töchtern zur Aussteuer mit, wenn sie heyrathen. Es versteht sich also, daß die meisten Zünfter vor mehrern Kirchthüren solche Plätze besizen, die sie wechselweise besuchen, je nachdem ein Fest in einer Kirche glänzender ist als in der andern, und die sie dann unter ihre Erben vertheilen. An den wenigen Tägen des Jahres, wo hier in keiner Kirche ein besonders Fest ist, ziehn sie dann Familienweise durch die Strassen der Stadt, und fallen die Vorübergehenden mit unbeschreiblicher Wuth und Hartnäkigkeit an. Einen andern Drittheil der Einwohner machen die Pfaffen aus. Man zählt hier bloß 39 Nonnenklöster. Der Mannsklöster und Prälaturen sind über zwanzig und der Stifter über 12. Nebst diesen wimmelt es hier von dem geistlichen Ungeziefer, das man bey uns Abbes nennt, welches hier aber von einer ganz andern Art ist. Es besteht hier nicht aus den bunten, geschmeidigen, niedlichen und schlüpfrigen Geschöpfen, womit unsere Damen spielen; sondern aus groben, ungehobelten Klötzen, über und über mit Tobak und dem Ausfluß der Nase beschmiert, die im diken Tobaksdampf in den offenen Bierhäusern mit den Bauern um Pfenninge auf dem Brett oder mit Karten spielen, Schuhputzer, Lehnlaquayen und Lastträger machen und sich mit Fäusten um eine Messe schlagen. – Nirgends sah ich den schwarzen Stand in einer so verächtlichen Lage, als hier. Es giebt hier eine Menge Geistlicher, die selbst nicht wissen, was sie sind. Ich kenne einen Korherrn, der jährlich von seiner Pfründe 2.000 Gulden zieht, und, wie er mich selbst versicherte, in diesem ganzen Jahr weder eine Messe gelesen, noch seine eigne Kirche gesehen hat. Einen andern Korherrn traf Ich auf einem Kaffeehaus bey einem Mädchen an, auf welches ein Kaufmannsbedienter, der auch zugegen war, ein Aug hatte. Diese Zwey spielten eine Parthie Billard zusammen, und mitten im Spiel fingen sie an, mit den Queuen Queue – Billardstock auf einander zu schlagen. Der Kaufmannsbediente war seinem Gegner so sehr überlegen, daß er den geistlichen Herrn unter das Billard werfen konnte. Als wir Friede gestiftet hatten, gieng der Komptoirschreiber seines Wegs, und nun folgte ein andrer seltsamer Auftritt. Das Korherrchen hatte einen jungen, hübschen Menschen bey sich, der ihm zur Unterhaltung diente, und dem er seit Jahr und Tag den Tisch gegeben hatte. Er nahm es diesem Menschen so übel auf, daß er seine Parthie nicht genommen, und auf seinen überlegnen Feind zugeschlagen hatte, daß er ihm in unsrer Gegenwart augenbliklich alle Freundschaft aufkündigte, und ihm auf die unanständigste Art die Wohlthaten vorwarf, die er Zeither von ihm genossen. Dieser junge Mensch, der in der Lage seiner Finanzen den Schlag hart empfand, erklärte mir beym Weggehn, daß die beyden Schläger schon seit langer Zeit einen Groll der Eifersucht wegen der Tochter des Hauses gegen einander hatten, der während des Spieles wie eine stille Wuth auf einmal ausgebrochen. – Die Rollen unsrer Abbes spielen hier die sogenannten reglirten Korherren, die Antoniter Antoniter – Chorherrenorden, der sich der Krankenpflege widmet und die Priester vom Maltheserorden. In allen vornehmern Häusern sieht man sie um die Damen. – Von den hiesigen Nonnen sind jezt wirklich 4 schwanger, und gegen 6 sind auf ewig eingemauert, auf ewig eingemauert – Nonnen wurden nach der Entbindung lebendig eingemauert. Otto von Corvin berichtet von einem solchen Fall aus dem Jahr 1587 in Gandersheim. Für die Sitte im 18. Jahrhundert fanden sich keine Belege weil sie die Kunst nicht verstanden haben, nicht schwanger zu werden. – Gleich in den ersten Tagen meines hiesigen Aufenthalts führte mich der Sohn eines guten Hauses, an welches ich addreßirt war, in ein Nonnenkloster, worinn er eine Schwester hatte. Sie war nebst einer guten Freundin in dem sogenannten Krankenzimmer, worinn sie Besuche annehmen därfen. In der ersten Minute unsers Besuchs konnte ich leicht bemerken, daß mein Freund eben nicht gekommen war, um seine Schwester zu sehn, und daß ihre Freundin auch nicht wegen einer dringenden Krankheit zur Ader gelassen hatte. Ich fand seine Schwester reitzend genug, um mich nicht zu ennuyieren, während daß er sich mit ihrer Freundin unterhielt. Die folgende Woche wiederholten wir den Besuch, weil seine Schwester purgiert purgieren – ein Abführmittel einnehmen und diese wieder ihre gute Freundin mit sich ins Krankenzimmer genommen hatte. Diese Woche mußte die gute Freundin wegen einem Fluß im Kopf schwitzen, und wir ermangelten nicht, im Krankenzimmer unsre Aufwartung zu machen. Die nächste Woche ist die Reihe, krank zu seyn wieder an der Schwester meines artigen Freundes, und ich sehe wohl, daß wir, solange ich hier bin, alle Woche eine Patientin zu besuchen haben, und die 2 Nonnen den ganzen Kurs durch die Krankheiten machen werden, die in irgend einem medizinischen Kompendium verzeichnet sind. Der Mangel an Aufsicht ist die Ursache der uneingeschränkten Freyheit, welche die Geistlichen hier genießen. Sie leben in der größten Anarchie. Eigentlich sollten sie unter dem Hirtenstab des Erzbischofs von Köln stehn; allein der Magistrat der Stadt ist eifersüchtig auf die Gewalt des Erzbischofs und will in Disciplinsachen keine Verordnungen desselben gelten lassen. Es ist zwischen beyden Mächten schon zu sehr lebhaften Auftritten gekommen. Den lezten, dritten Theil machen einige Patrizierfamilien, die Kaufleute und Handwerker aus, von denen die 2 andern Drittheile leben. Ueberhaupt ist Köln wenigstens noch um ein Jahrhundert hinter dem ganzen übrigen Deutschland zurück, Bayern selbst nicht ausgenommen. Bigotterie, Unsittlichkeit, Trägheit, Grobheit, Sprache, Kleidung, Meublen, kurz alles zeichnet sie so stark von ihren übrigen Landsleuten aus, daß man sie mitten in ihrem Vaterlande für eine fremde Kolonie halten muß. Ich habe nicht nöthig dir zu sagen, daß es auch hier, wie überall Ausnahmen giebt. Ich bin in einigen Häusern bekannt, wo der feinste Geschmack und die beste Lebensart herrscht; allein es sind der Ausnahmen doch sehr wenig. Die Regierungsverfassung sezt diese Stadt so weit hinter die meisten andern Städte Deutschlands zurück. Nebst dem allen Republikanern eigenen Haß gegen Neuerungen, und der gewöhnlichen Ohnmacht und Trägheit ihrer Regenten, herrscht hier das unsinnige Zunftsistem noch mit ungleich mehr Stärke, als in irgend einer andern Reichsstadt. Nur einen Zug will ich dir mittheilen, um dir begreiflich zu machen, wie unmöglich es ist, daß diese Stadt gleiche Schritte mit dem übrigen Deutschland zur Kultur machen kann. Vor einigen Jahren ließ sich hier ein oberrheinischer Becker als Bürger nieder, der sich durch schönes Brod um so geschwinder eine zahlreiche Kundschaft verschaffte, da die übrigen Becker alle ein Brot backen, das nur ein Kölner genießen kann. Eifersüchtig auf das Glück dieses Mannes, stürmten seine Zünfter in sein Haus, und rissen ihm seinen Ofen nieder. Die Sache kam vor den Rath. An dem Tag, wo sie entschieden werden sollte, versammelten sich vor dem Rathaus nicht nur alle Becker, sondern auch ein großer Theil der andern Gildegenossen, Schuster, Schneider u. s. w. und schrieen vor der Thüre des Rathhauses, daß sie allen Rathsherren, wenn sie herunterkämen, die Köpfe einschlagen würden, wenn man der Beckerzunft nicht gegen den Neuling, der, dem alten Zunftgebrauch zuwider, anderes Brod gebacken, als seine Zünfter, Gerechtigkeit verschaffte. Der Rath kannte seine Leute, die auch wirklich schon den sogenannten Gewaltrichter, der den alten Reichsvogt repräsentiren soll, vor ihrem Zug vor das Rathhaus, in den Stadtgraben geworfen hatten. Erbaut durch dieses Beyspiel fällte also der hochweise Rath von Köln das Urtheil: »Daß der Becker, der sich unterfangen, die Gildegerechtsamen zu verletzen und unzunftmäßiges Brod zu baken, seinen eingerissenen Ofen auf seine Kosten wieder aufbauen, und in Zukunft kein anderes Brod baken soll, als wie alle seine Zunftgenossen von alten Zeiten her zu baken gewohnt sind.« In Rücksicht auf die Hartnäckigkeit, womit die verschiedenen Gemeinden hier ihre Privilegien behaupten, so sehr sie auch in Misbräuche ausgeartet sind, auf die Grobheit des Pöbels, die man Gefühl der Freyheit zu nennen beliebt, und auf die durchaus herrschende Ausgelassenheit, die von keiner Polizey eingeschränkt wird, verdient Köln allerdings den Namen des kleinen Londons, womit es einige seiner Einwohner beehren. Es herrscht auch hier die nämliche Verachtung der Fremden und der nämliche Nationalstolz, der den Janhagel von London auszeichnet. Wenn die Stadt sich etwas unartig gegen ihre Nachbarn, die Kurfürsten von Köln und der Pfalz beträgt, so ergreifen diese sogleich das wirksamste Mittel, sie gefälliger zu machen, und schneiden der Stadt die Zufuhr von Lebensmitteln ab. Der geängstigte Rath fertigt sodann augenbliklich einen Kourier an den Kaiser ab, mit unterthänigster Bitte, die beyden Kurfürsten dahin zu vermögen, daß sie die armen Bürger von Köln nicht Hungers sterben machen. Unterdessen rottieren sich die Bürger in allen Wirthshäusern, und auf allen öffentlichen Plätzen zusammen, schwören den Kurfürsten Rache und Tod: Besichtigen ihre rostigen Gewehre, und machen sich zur blutigsten Fehde gefaßt. Der Kaiser, aus Erbarmen über die bedrängte Stadt, hat nun den Kurfürsten wirksame Vorstellungen gemacht, und die Zufuhr wird wieder geöfnet, und nun schreyen die Bürger von Köln Triumph über Triumph. »Gelt, sagen sie, wir haben die Kurfürsten zur Raison gebracht. Sie haben sich vor unserm Anmarsch geförchtet, und thaten wohl daran, daß sie es nicht zum Krieg kommen liessen.« – Ganz im Ton des Janhagels von London. Ein regierender Bürgermeister von Köln (Es sind ihrer sechs, die zu zwey jährlich in der Regierung abwechseln) wird auch mit dem nämlichen Gepränge, wie der Lord Mayor Lord Mayor – Lord-Mayor: Oberbürgermeister von London, behandelt. Er trägt eine römische Toga, halb schwarz und halb Purpurfarb, einen grossen spanischen Hut, spanische Beinkleider und Weste u. s. w. Er hat seine Liktoren, die ihm feyerlich die Fasces Liktoren ... Fasces – die Liktoren waren Amtsdiener römischer Beamter, die ihnen als Zeichen der Macht ein Rutenbündel mit Beil vorantrugen vortragen, wenn er in seinem Karakter öffentlich erscheint. Bey seiner Wahl giebt man Beleuchtungen, macht Knittelverse, besauft sich, förmlich wie zu London, auf seine Gesundheit, und schlägt sich auf sein Wohl Arme und Beine entzwey. – Im lezten Krieg war eines unserer Regimenter im Anmarsch gegen die Stadt. Diese wollte es mit dem König in Preussen nicht verderben, der als Herzog von Kleve und Graf von der Mark ihr Schutzherr ist. Sie ließ also dem Kommandanten des Regiments, der die Thore geöfnet haben wollte, bedeuten: »Sie sey gesinnet, die Neutralität zu beobachten« Umsonst stellte unser Landsmann dem Rath vor, seine Truppen wären Auxiliartruppen Auxiliartruppen – Hilfstruppen des Kaisers, ihres Oberherrn. Man verschloß die Thore, und der rasende Pöbel jauchzte, das Vergnügen zu haben, seine Häuser im Schutt zu sehen. Als der Kommandant seine Kanonen vor ein Thor gepflanzt hatte, und gefaßt war, losbrennen zu lassen, besann sich der Rath eines bessern, und ließ die Thore zum grossen Leidwesen des Janhagels öfnen. Der Kommandant gieng auf das Rathhaus, um den Senatoren Vorwürfe zu machen. Bey Erblickung desselben rief der vorsitzende Bürgermeister seine Liktoren, und gebot ihnen mit den Fasces neben seinem Thron zu stehn. Als der Offizier einige beissende Bemerkungen gemacht hatte, steifte der Konsul den Hals, ließ die Liktoren die Insignien in die Höhe heben, und fragte den Kommandanten mit der ernstlichsten Miene: »Ob er wohl einen Begriff von einem römischen Bürgermeister hätte? Ob er wüßte, daß er des römischen Kaisers Majestät repräsentirte, und daß man die Thore bloß aus gutem Willen gegen den Kaiser geöfnet?« Der Offizier, welcher seine Truppen auf dem öffentlichen Plaz mitten in der Stadt mit geladenen Gewehren und brennenden Lunten postirt hatte, und im unbedingtesten Besitz der Stadt war, konnte sich des lautesten Gelächters nicht enthalten; aber, indem er die Thüre in die Hand nahm, auch nichts anders antworten als: »Sie sind nicht recht bey Verstand.« Der Mangel an Polizey, welcher hier ausschließlich das Wesen der Freyheit ausmacht, lokt vom Oberrhein, aus Westphalen, den kaiserlichen Niederlanden, zum Theil auch aus Holland und Frankreich eine Menge Leute hieher, die Inkognito inkognito – unter falschem Namen leben wollen oder müssen. Der bessere Theil dieser Aventuriers, die Offiziers von den zahlreichen kaiserlichen und preußischen Werbkorps, einige Korherren der hiesigen Stifter und verschiedene Patrizier, und protestantische Handelshäuser lassen es an guter Gesellschaft und artigen Lustparthien nicht fehlen. Die lebhafte Schiffahrt, besonders der Holländer, für welche diese Stadt der Stappelort Stappelort – die Stadt besitzt das Stapelrecht, s. Vier und sechzigster Brief. ist, den sie mit ihren Schiffen nicht überfahren dörfen, der geringe Preis der Lebensmittel, die Nähe von Bonn, die Entfernung von dem beschwerlichen Hof= und Adelton, welcher in den meisten andern Städten herrscht, die gesunde Luft, und die Munterkeit des Volkes in den benachbarten kurkölnischen und bergischen Ländern bergisches Land – Herzogtum Berg, rechtsrheinisch zwischen Ruhr und Sieg gelegen machen diese Stadt für jeden, der etwas vom Stadtleben mit den Reitzen des Ländlichen verbinden will, zu keinem unangenehmen Aufenthalt, so abschrekend auch der grosse Haufen hier ist. Dieser dient einem philosophischen Zuschauer zum Stoff unendlicher Betrachtungen, die er anderstwo nicht so leicht machen kann. Alle Auftritte des bürgerlichen Lebens sind hier stärker karakterisirt als in irgend einem andern Lande. Dieses düstere und schwerfällige Völkchen zeichnet sich eben so stark durch religiöse, als politische Schwärmerey von allen übrigen Europaern aus. In verschiedenen Gegenden der Stadt erblickt man Schandsäulen, worauf Köpfe von Bürgermeistern und Rathsherren an eisernen Spiessen steken, die das Opfer der politischen Begeisterung der hiesigen Bürgerschaft geworden sind. Der republikanische Stolz weiß allen, auch den alltäglichsten Vorfällen hier ein Kolorit zu geben, das den Menschenfreund äusserst intereßiren muß, und sollte es auch nur seyn, um lachen zu können, wie Demokrit Demokrit – griechischer Philosoph, gab eine mechanistisch-materielle Weltdeutung, † v.C. 370. vgl. auch Wieland »Geschichte der Abderiten« die Handlungen seiner Mitbürger von Abdera zur wohlthätigen Erschütterung seiner Lungenblätter gebraucht hat. Die Religionsschwärmerey dieses kleinen Londons übertrift alle Züge, die man von dieser Art kennt. Man begnügt sich hier nicht mit einzeln Heiligen, sondern stellt sie in ganzen Armeen auf. Ich beschaute vor einigen Tagen die Kirche der heiligen Ursula, Heilige Ursula von Köln – wurde mitsamt den 11010 sie begleitenden Jungfrauen bei der Rückkehr von einer Wallfahrt nach Rom von den Hunnen umgebracht, 21.10. † 304 oder 451. Schutzpatronin der Jungfrauen und Lehrerinnen. worin dieselbe nebst 11.000 englischen Jungfrauen begraben liegt. Die Wände und der Boden der Kirche sind mit Gebeinen und Särgen angefüllt. Da diese heilige Prinzeßin aus den Zeiten der sächsischen Heptarchie Heptarchie – Staatenbund der sieben angelsächsischen Kleinkönigreiche ist, so läßt sichs um so weniger fassen, wie sie in dem Gebiete ihres Vaters 11.000 Jungfrauen auffinden konnte, die sie durch Deutschland begleiteten. Unterdessen läuft man hier wirklich Gefahr, dieser heiligen Jungfrau und ihrem schönen Gefolge geschlachtet zu werden, wenn man nur Eine von den 11.000 subtrahiren wollte. So wunderbar diese Geschichte ist, so hat man doch noch einige andre Wunder zur Bestätigung derselben gebraucht. Unter andern ist an einer Säule ein kleiner Sarg angebracht, worauf zu lesen ist: Man habe ein unmündiges Kindlein in die Kirche begraben; aber so unschuldig es auch gewesen, so habe der mit dem reinsten Jungfrauenblut benetzte Boden der Kirche dasselbe doch nicht bey sich behalten, sondern wieder ausgespieen: Man habe also seinen Sarg auf einem Stein über der Erde anbringen müssen. Wenn du mit der Legende dieser heiligen Jungfrauschaften noch nicht bekannt bist, so wird es dir nicht ganz gleichgiltig seyn, zu wissen, daß die Legendenschreiber selbst über diese Geschichte nicht Eins sind. Die Italiäner behaupten, der Mönch, welcher dieselbe geschrieben, oder einer seiner ersten Abschreiber hätte aus Versehen wenigstens Ein Null zu viel gemacht. Ein Deutscher behauptet sogar, Eine der Jungfrauen, welche das Gefolge der Prinzeßin Ursula ausmachen, und von denen die Legende verschiedene nennt, habe Undecimilla geheissen, woraus man in den unkritischen Mönchzeiten leicht Eilf tausend machen konnte. – Auch liegt hier der heilige Gereon nebst 1.200 oder 12.000 heiligen Soldaten, denn auf Ein Null kömmts hier bey Heiligen nicht an, in einer sehr reichen Stiftskirche seines Namens begraben. – Einer der 3 Heumannsbrüder, Heumannsbrüder – Sagengestalten aus der Karolingerzeit, der Mönch Reinhold wurde in Köln ermordet von denen man einen elenden Volksroman in Deutschland hat, wirkt hier auch Wunder über Wunder. – Fast jede der 200 Kirchen, die hier sind, hat einige Heilige, von denen die Mönche und Bettler ihre Leibrenten ziehn. – Was mir von der Art hier am meisten auffiel, waren zwey hölzerne, weiß angestrichne Pferde, die auf dem schönen grossen Platz mitten in der Stadt durch die Fenster eines alten Gebäudes herabschauen. Man erklärte mir dieses Denkmal durch folgende Geschichte: Man begrub eine reiche Frau aus diesem Hause. Der Todtengräber sah viel kostbares Geschmeide an dem Leichnam, und kam nach einigen Tagen in der Nacht, um das Grab zu öfnen, und den Leichnam zu bestehlen. Kaum hatte er den Sarg aufgedekt, als die Frau aufstand, die Laterne, welche der entflohene Todtengräber in der Bestürzung zurükgelassen, in die Hand nahm, und ganz gelassen nach Haus gieng. Sie schellt an. Die Magd fragt zum Fenster heraus: Wer da sey? Auf die Antwort, es sey ihre Frau, läuft sie zum Herrn mit dieser unerwarteten Nachricht. Diesem mochte es nicht sehr lieb seyn, seine Frau wieder zu sehn. Es kann so wenig meine Frau seyn, sagt er, als meine Pferde aus dem Stall ins oberste Stockwerk hinauf laufen, und zum Fenster hinaus sehn. Gesagt, geschehn. Die 2 Schimmel spatzieren die Treppe herauf, und schauen noch auf den heutigen Tag zum Fenster heraus. Der Mann mußte nun seine Frau aufnehmen, die noch 7 Jahre lebte, und ein grosses Stük Leinwand spann und webte, welches man an einem gewissen Tag des Jahres in der benachbarten Apostelkirche dem Volk zeigt, wo man auch die ganze Geschichte gemahlt sehen kann. – Die Stadt ist unerschöpflich reich an solchen Geschichten. Es ist hier nicht, wie an andern finstern Orten Deutschlands, wo solche Legenden bloß zur Unterhaltung des müßigen Pöbels dienen. Nein; der Kölner wird dadurch erhitzt und begeistert. Er betrachtet seine Vaterstadt als den angenehmsten Wohnsitz der Heiligen, und seine Erde selbst als heilig. Er ist bereit, augenblicklich die Wahrheit dieser Geschichten mit seinem Blut zu unterzeichnen, und ein Märterer für sie zu werden, oder den Zweifler zu einem Märterer zu machen. Sein galligter Humor umfaßt diese Gegenstände mit einer Hitze, die ihm beständig den Kopf schwindeln macht. Alle seine Legenden, wie du leicht an den obigen Beyspielen sehen kannst, haben daher auch das Gepräge von dem melankolischen, abentheuerlichen Unsinn und der Schwerfälligkeit, welche mit diesem Humor gepaart zu seyn pflegen. Die meisten Legenden der Katholiken an den Gegenden des Oberrheins, in Franken, Schwaben u. s. w. haben immer einige romantische Züge, die ihrem jovialischen Humor entsprechen, und die sanftern Gefühle reitzen. Die hiesigen Pfaffen, besonders die Mönche, wissen durchaus nichts bessers auf die Kanzeln zu bringen, als solche Legenden. Einige meiner hiesigen Freunde versichern mich, daß sie auch in den Beichtstülen fast die ganze Sittenlehre der Beichtväter ausmachen. Die abscheulichsten Lügen vertreten hier die Stelle der sittlichen Belehrung. Klagt sich ein junger Mensch einer galanten Sünde an; so weiß ihm der Mönch nichts bessers zu sagen, als daß erst vor einigen Tagen in der Stadt 2 junge, unverehligte Leute todt beysammen im Bette gefunden worden, und ihnen der Teufel, dessen Klauen sehr erkenntliche Spuren auf den Körpern der Unglücklichen zurückgelassen, die Hälse herumgedreht hat. – Unter den vielen Predigern, die ich hier gehört habe und nach denen man in jeder Stadt den moralischen Zustand des Volks am sichersten beurtheilen kann, war ein einziger, ein Karmeliter, Karmeliter – Karmeliterorden: ein 1150 am Berg Karmel (Israel) gegründeter Orden der nicht platten Unsinn predigte. Eine nothwendige Folge davon ist, daß die Sitten des hiesigen Janhagels verderbter sind, als in irgend einer andern Stadt. Die Kirchen selbst sind hier das Rendezvous liederlicher junger Leute, wo alle Ausgelassenheit theils begangen, theils verabredet wird. Die Abendsandachten der vielen hiesigen Mönche sind der schönste Pendant zu den Winkeltheatern in den Vorstädten von Wien, in deren paarweis mit jungen Leuten besetzten Parterren man keine Hände sieht, und wo man eine starke Beleuchtung scheut. Die Gärten einiger Wirthshäuser sind ganz zur Paillardise angelegt, und die Labyrinthe und die mit Gesträuche bedeckten Grotten derselben sind auf die Sonn= und Feiertäge mit bunten Paaren angefüllt. An diesen Tägen ist aller Pöbel der Stadt betrunken, und tanzt und spielt und schlägt sich herum, daß er das lebendste Gemählde der alten Scythen und Deutschen darstellt. Neun und sechzigster Brief. Köln – Ehemals zählte Köln gegen 30.000 wehrhafte Männer, und im zwölften Jahrhundert konnte sie gegen das gesammte deutsche Reich eine Belagerung aushalten. Ihre Handlung war so blühend; daß sie das Haupt der Handelsstädte von der zweyten oder dritten Ordnung ward. Ihre Lage an einem der schiffbarsten Flüsse Europens, dessen Ufer so stark bewohnt ist, als irgend ein Land in der Welt, der Stappel, Stappel – Köln besaß das Stapelrecht seit 1259 die republikanische Verfassung, die vortreflichen Landstrassen, die sie mit ganz Deutschland verbinden, und verschiedene andre Umstände begünstigten sie so sehr, daß es unter allen den Wundern, welche die Stadt enthält, gewiß nicht das kleinste Wunder ist, wie sie zum Schatten ihres ehemaligen Wesens, der sie wirklich ist, zusammenschwinden konnte. Sie zählt itzt kaum 25.000 Seelen. Von Manufakturen kennt man hier nichts, als eine Tobaksfabrike, und die Spitzen, welche die Weiber und Töchter der geringern Bürger klöppeln. Aller Industriegeist ist durch das Mönchswesen und die von ihm unzertrennliche Liederlichkeit unterdrückt. Der sogenannten hiesigen Kaufleute, welche zur Bürgerschaft gehören, sind meistens nur Krämer und Kommißionärs für die Kaufleute von Frankfurt, Nürnberg, Augspurg, Straßburg, der Schweitz und anderer Länder. Nebst einigen wenigen Wechslern sind kaum 10 bis 12 Bürgerhäuser hier, die einen beträchtlichen soliden Handel treiben. Dieser beruht auf Spezereyen, womit sie Deutschland ein unbeschreibliches Geld abzapfen, auf Weinen, rohem und verarbeitetem Eisen aus den Nassauischen Bergwerken, die nebst den Steierischen und Kärnthnerischen dieses Metall in der ersten Güte liefern, auf Holz aus den obern Rhein= Main= und Neckerländern, und auf einigen andern unerheblichern Artikeln. Unter diesen wenigen Bürgerhäusern vom Gewicht sind einige Italiäner und Franzosen, die den Eingebohrnen an Verstand, Fleiß und Sparsamkeit unendlich überlegen sind, und mit diesem Kapital leicht hier ihr Glück machen konnten. Den wichtigsten soliden Handel treiben hier einige Dutzend Protestanten, die weder das Bürgerrecht erhalten können, noch öffentlichen Gottesdienst haben. Sie gehen nach Mühllheim, einem schönen und nahrhaften pfälzischen Städtchen, zwey Stunden von hier, in die Kirche. Sie haben nicht nur hier selbst einige Manufakturen, sondern sind auch bey verschiedenen in den benachbarten pfälzischen und preußischen Ländern intereßiert. Wenn man den Kölnern Vorwürfe wegen ihrer Intoleranz gegen diesen bessern Theil der Einwohner ihrer Vaterstadt macht; wenn man ihnen die Stupidität, Trägheit, Liederlichkeit und Armuth ihrer Bürger mit der Aufklärung, dem Fleiß, der Sparsamkeit und dem Reichthum dieser Beysässen Beysässen – Beisassen: Stadtbewohner ohne volles Bürgerrecht in einen Kontrast stellt, so haben sie nicht nur keinen Sinn für diesen so auffallenden Unterschied, sondern sie deuten ihn noch obendrein zum Nachtheil der Protestanten und ihrem eigenen Vortheil aus. »Diese Ketzer, sagen sie, sind verworfene Geschöpfe. Ihre Herzen hängen an den irdischen Gütern, die ihnen Gott zuwirft, damit ihre Verdammniß noch größer werde. Gott hat in der Schrift die Reichen ausdrüklich verflucht, und ihre Schätze sind die Scheiterhaufen, auf denen sie in der andern Welt braten werden.« – Bey diesen Grundsätzen, welche die Mönche hier auf allen Kanzeln predigen, ist es kein Wunder, daß ein Drittheil der Einwohner dieser Stadt bettelt. Die vielen Schiffe, welche man hier immerfort in dem sogenannten Hafen sieht, sind der stärkste Vorwurf gegen die hiesigen Einwohner. Schwerlich ist ein Fluß in Europa, der so weit über seiner Mündung so stark befahren wird, als der Rhein in dieser Gegend. Die ganze Rhede an der Stadt, die beynahe eine Stunde lang ist, ist fast immer dicht mit Schiffen bedeckt. Allein die Güter dieser Schiffe, die dem Stappelrecht gemäß hier auf kölnische oder maynzische Schiffe geladen werden müssen, sind fast bloß für Rechnung auswärtiger Kaufleute. Die holländischen Schiffe sind unter denselben die zahlreichsten, und nehmen sich durch die, den Holländern eigne Pracht und Reinlichkeit unter den übrigen stark aus. Sie sind wenigstens um ein Drittheil länger als unsere gewöhnlichen Seekauffahrtschiffe von zwey Masten, und laden 3.000 bis 3.600 Zentner, also um ein beträchtliches mehr, als besagte Seeschiffe. Sie werden von Pferden heraufgezogen, können aber mitunter auch die Segel gebrauchen, und nach dem Verhältniß ihrer Fracht haben sie kaum die Hälfte der Pferde nöthig, die ein Donauschiff zu seiner Fahrt zwischen Wien und Ulm braucht. Die Eigenthümer dieser ungeheuern Flußschiffe wohnen beständig auf denselben, wenn sie auch in Rotterdam sind. So lange sie vor der hiesigen Rhede liegen, schenken sie alle Gattungen fremder Weine und bedienen die Liebhaber mit verschiedenen Erfrischungen nach holländischer Art. Ich hab mit verschiedenen meiner hiesigen Freunde einige sehr artige Lustparthien auf solche Schiffe gemacht, wobey auch waker getanzt wurde. – Die hiesigen und maynzischen Schiffe, welche hier ausschließlich für den Oberrhein Güter laden dörfen, sind viel kleiner als die holländischen; aber viele derselben sind doch groß genug um 2.400 Zentner, oder soviel als ein ordinäres zweymastiges Seeschiff laden zu können. – Alle diese Schiffe sind von Eichenholz gebaut, wohl vertheert, und ganz nach der Seeart eingerichtet, nur daß sie mehr in die Länge, als Höhe und Breite gebaut sind. Nichts stellt die Verfassung des deutschen Reiches in ein besseres Licht, als die Beschiffung des Rheines. Jeder Fürst, so weit sein Gebiethe am Ufer des Flusses reicht, betrachtet die vorübergehenden Schiffe als Fahrzeuge fremder Nationen, und belegt sie ohne allen Unterschied mit fast unerzwinglichen unerzwinglich – unerschwinglic Zöllen. Es wird hiebey nicht die geringste Rüksicht genommen, ob die vorübergehenden Waaren deutsche oder fremde Produkten sind, ob das deutsche Reich dabey zu gewinnen oder zu verlieren hat. Im Gegentheil werden einige Artikel der Ausfuhr Deutschlands, z. B. Wein, Holz u. a. m. nach dem Verhältnis des Werthes stärker verzollt, als irgend eine fremde Waare. So blühend auch die Ufer des Rheines sind, so würden sie doch ungleich reicher seyn, wenn sie nur einen Oberherrn hätten, und man die Grundsätze einer klugen Staatswirthschaft geltend machen könnte. In den jezigen Umständen wird die Ausfuhr der inländischen Produkte durch die unzähligen Zölle gehemmt, und es ist fast unbegreiflich, wie die Schiffahrth auf diesem Strom noch so stark seyn kann. Im zwölften und dreyzehnten Jahrhundert, als sich Deutschland der Anarchie näherte, in welcher es noch wirklich ist, wußten sich die rheinischen Fürsten, besonders die Geistlichen, von den unmächtigen Kaisern so viele Zölle zu erschmeicheln und zu ertrotzen, daß endlich fast jede Stadt eine Zollstätte ward. Ursprünglich gehörten alle Zölle den Kaisern selbst, allein sie brauchten so oft Geld, Mannschaft und andre Dienste, daß sie die meisten weggeben mußten, um sich Freunde zu machen. Während der Anarchie nahm man ihnen mit Gewalt, was sie nicht gutwillig hergaben, und durch Wahlkapitulationen wußte man sich im Besitz des Raubes zu erhalten. Kaiser Albrecht Kaiser Albrecht – Albrecht I., König seit 1298, † 1308 (im Kloster Königsfelden ermordet) hatte endlich den Einfall, die der Kaiserkrone entzogenen Rheinzölle wieder mit derselben zu verbinden; allein er war dieser Unternehmung nicht gewachsen. In dem kleinen Strich zwischen Maynz und Koblenz, welcher, die Krümmungen des Flusses mitgerechnet, kaum neun deutsche Meilen beträgt, zählt man nicht weniger dann 9 Zollstätte. Zwischen Koblenz und Holland sind ihrer wenigstens noch 16, und jede dieser Zollstätte wirft In einem Jahr selten weniger als 25.000, gemeiniglich aber 30.000 rheinische Gulden und drüber ab. Hier sind eine Menge Artickel, welche in natura verzollt werden und einen Theil der Besoldung der Zollbedienten ausmachen, nicht mitgerechnet. – Ein alter englischer Schriftsteller hat schon dieses Zollsystem der deutschen Fürsten, welches zum allgemeinen Verderben ihrer Länder gereicht, eine unbegreifliche Raserey genennt. Es ist auch gar zu sehr von den Grundsätzen einer Regierung verschieden, die, anstatt von den auszuführenden inländischen Produkten Abgaben zu nehmen, für dieselbe noch Prämien bezahlt. Alles, womit nur feindselige Mächte einander schikaniren können, wird hier zur gegenseitigen Bedrückung gebraucht. Die Stadt Trier behauptet auf der Mosel das Stappelrecht. Nun hat man Beyspiele, daß die Stappelgerechtigkeit eines Ortes an einen gemächlichern Platz des nämlichen Fürstenthums verlegt wurde. Um die Stappelorte Maynz und Köln zu kränken, fiel der Kurfürst von Trier demnach auf den Einfall, sein Stappelrecht von Trier nach Koblenz zu verlegen, wo es für ihn ungleich einträglicher, aber auch für die Schiffahrt auf dem Rhein und die Ausfuhr von Deutschland überhaupt viel verderblicher seyn würde. Zum Glück konnte er wegen zu starkem Widerspruch zu Wien seinen Einfall nicht realisiren. Das ewige Gezerre zwischen diesen Fürsten veranlaßte schon einige Kongresse, woran auch unser Hof wegen Elsaß, welches unbeschreiblich darunter leidet, Theil nahm. Allein alles, was beschlossen ward, diente nur zum Stoff neuer Zerrereyen. Man muß sie sich balgen lassen, bis sie irgendein Mächtiger auf einmal zusammen ausbalgt. – Eine grosse Revolution steht für diese Länder zu erwarten, wenn der Erzherzog Maximilian Erzherzog Maximilian – Erzherzog Maximilian Franz Xaver Joseph Johann Anton de Paula Wenzel von Österreich, wurde 1783 Kurfürst von Köln, 1784 Fürstbischof von Münster. † 1801 einst die Regierung von Köln und Münster wird angetreten haben. Schwerlich könnten diese Länder bey dieser Revolution, sie mag ausfallen, wie sie will, etwas verlieren. Die itzige Regierung des Erzbisthums Köln und des Bisthums Münster Köln ... Münster – beide Bistümer wurden seit Beginn des 18. Jahrhunderts in Personalunion regiert ist ohne Vergleich die aufgeklärteste und thätigste unter allen geistlichen Regierungen Deutschlands. Die ausgesuchtesten Männer bilden das Ministerium des Hofes von Bonn, und nebst dem Einfluß desselben wirkt für das Wohl des Bisthums Münster besonders noch der kluge und warme Patriotismus seiner Landstände. Die Geistlichkeit beyder Fürstenthümer sticht mit jener der Stadt Köln durch gute Sitten und Aufklärung erstaunlich ab. Vortrefliche Erziehungsanstalten, Aufmunterung des Ackerbaues und der Industrie, und Vertreibung des Mönchswesens, sind die einzigen Beschäftigungen des Kabinets von Bonn. Das Kurfürstenthum Köln trägt jährlich gegen eine Million rheinische Gulden ein, und die Einkünfte des Bisthums Münster sollen gar 1.200.000 Gulden betragen. Nebst diesen zwey mächtigen Fürstenthümern soll der Erzherzog Maximilian auch noch das Bisthum Paderborn erhalten, welches jährlich gegen 600.000 Gulden abwirft. Einige lassen es für diesen liebenswürdigen Prinzen noch nicht genug seyn, und behaupten, der kaiserliche Hof habe die Sache auch zu Lüttich schon dahin eingeleitet, daß auch das dortige Kapitel seine alte Halsstarrigkeit vergessen und sich geneigt gezeigt habe, nach dem Tod des jetzigen Fürsten den Erzherzog zum Bischof zu wählen. Dieses Bisthum wirft wenigstens 1.200.000 Gulden ab, wovon aber, so wie zu Münster, der beträchtlichste Theil in die Kasse der Landsstände fließt, die gegen die Eingriffe des Fürsten ziemlich gesichert ist. Der Prinz würde also, die Einkünfte des Deutschmeisterthums, Deutschmeisterthum – der Deutsche Orden, ein geistlicher Ritterorden seit 1190 welche ohngefähr 400.000 Gulden betragen, mitgerechnet, ein Fürst von 4.400.000 Gulden Revenüen, und nach den weltlichen Kurfürsten der mächtigste in Deutschland seyn. In Rücksicht dessen machte der preußische Hof, dessen westphälische Staaten auf diese Art sehr ins Gedränge kommen, nachdrückliche Vorstellungen zu Bonn und Münster gegen die Ernennung des Erzherzogs zu einem Koadjutor, die aber keine Wirkung hatten. Wirklich ist diese Beförderung des kaiserlichen Prinzen ein grosser Schritt zur Aufhebung des Gleichgewichts in Deutschland. Eine Sprosse des übermächtigen kaiserlichen Hauses, welches ihn mit der Macht seiner Niederlande so leicht unterstützen kann, mitten zwischen vielen kleinen Fürstenthümern, die theils mit Kreaturen seines Hauses besetzt sind, theils sich an ihn schmiegen müssen, und so überlegen, wie er den benachbarten westphälischen Staaten des Königs von Preussen und des Kurfürsten von der Pfalz würde, wär nicht nur für den größten Theil des deutschen Reiches, sondern auch für die Republik Holland in gewissen Umständen sehr förchterlich. Er könnte, besonders wenn er mit einigen Subsidien von Wien unterstützt würde, leicht eine Armee von etlichen und zwanzig tausend Mann auf den Beinen halten, die, vereinigt mit den kaiserlichen Truppen in den Niederlanden, in sehr kurzer Zeit eine Armee von etlichen und fünfzig bis sechzig tausend Mann bilden, und weit und breit umher Schrecken verbreiten könnte. Ein Bischof von Münster ganz allein konnte ehedem der Republik Holland genug zu schaffen machen. Siebenzigster Brief. Amsterdam – Ich wollte von Köln auf dem Rhein nach Holland fahren, und versprach mir viel Vergnügen von dieser Wasserreise; der König von Preussen verdarb mir aber die Freude. Er läßt niemand zu Wasser durch das Klevische paßieren, damit seine verpachteten Landposten nicht darunter leiden. Auf der Gränze muß man Post nehmen, oder wenn man einen eignen Wagen oder eine Miethkutsche hat, der Post doch gewisse Abgaben entrichten. Das ist ja gegen das Naturrecht, gegen das Völkerrecht, gegen das Gastrecht und gegen alle Rechte von der Welt, sagte ich zu den Schiffleuten von Rotterdam, die mir das erklärten. Das wissen wir schon lange, antworteten sie. Da ich die Wasserfahrt doch einmal aufgeben mußte, so wollte ich das veste Land so viel als möglich benutzen, und streifte die Kreutz und Quere bald zu Fuß, bald zu Pferd und bald auf der Landkutsche durch die westphälischen Staaten des Königs von Preussen und des Kurfürsten von der Pfalz. Mein Koffre Koffre – Koffer, Gepäck hatte ich auf das Schiff gegeben, und nie hab ich mich so gänzlich der Direktion meiner Nase überlassen, so wie sie jeder Wind und jede Grille, die mir in den Kopf flog, drehte und wendte, als auf dieser irrenden Fahrt. Es lohnt sich aber wirklich der Mühe, diese Länder nach meiner Art zu durchwandern. Ihr Anbau und Reichthum übertraf meine Erwartung so sehr, daß ich nicht genug staunen konnte. Alle Städte und Städtchen wimmeln von Fabrikanten. Mühlheim, Elberfeld, Solingen, Soest, Ham, Duisburg, Meurs, Wesel, Kleve und noch viele andre Städte sind voll der wichtigsten Manufakturen. Man verfertigt eine unglaubliche Menge Leinen und Baumwollenzeuge, versieht fast alle Gegenden des Oberrheins, fast ganz Schwaben und Franken mit gebleichtem Zwirn, hat Tuch, Seiden und Kottonmanufakturen, und verarbeitet, besonders zu Solingen, Stal und Eisen so gut, daß es nach den Engländern keine andre europäische Nation hierin den Einwohnern gleich thut. Ihr Handel breitet sich durch die Niederlande, einen Theil von Frankreich und durch das ganze Reich, nämlich die zerstückten, vorliegenden Kreise aus. Dieser bewundernswürdige Fleiß, verbunden mit der natürlichen Fruchtbarkeit, sezt diese Länder unter die Klasse der reichsten und merkwürdigsten in Deutschland. Eine sanfte Regierung, die von patriotischen Landsständen gegen Despotie gesichert ist, trägt nicht wenig zu ihrem blühenden Zustand bey. Die Einwohner sind munter, gastfrey und wohlgesittet. Sie sind ein neuer Beweis, daß, wie ich schon einigemal bemerkt habe, die Religion wenig Einfluß auf den bürgerlichen Zustand der Menschen hat, wenn ihr nicht zufällige Lokalumstände eine gewisse Richtung geben. Sogar die Protestanten dieser Länder sind lange nicht so aufgeklärt in ihrer Religion und so tolerant, als die Protestanten in andern Gegenden Deutschlands. Auch haben sie ungleich mehr Hang zum Genuß sinnlicher Vergnügungen, als ihre Religionsverwandten gemeiniglich zu haben pflegen. Dessen ungeachtet sind sie das fleißigste Volk, und die besten Bürger, die man finden kann. Die Bigotterie der Katholiken dieser Gegenden schadet dem Kunstfleiß und Anbau des Landes nicht, weil sie durch die Erziehung bloß auf solche Dinge gerichtet wird, die auf die Sitten und das bürgerliche Leben keinen Einfluß haben. Alles hängt von den herrschenden Gebräuchen ab, worunter der Mensch aufwächst. Wenn der Fleiß einmahl Sitte unter einem Volk ist, so ist auch der unsinnigste Aberglauben seinem bürgerlichen Glück nicht hinderlich. Die Pfaffen selbst machen ihre Lehre den Sitten anpassend, und die Mönchstheorien können die herrschenden Sitten nicht überwiegen. Man hat in diesen Ländern so viele Legenden, als in Köln. Man liebt sogar auch die Prozeßionen und Winkelandachten, so stark als zu Köln; aber bey allem dem ist man unendlich fleißiger, nüchterner und reicher, als zu Köln. Nicht die Religion, nicht der Aberglauben, sondern die Regierung ist Schuld, daß der Kölner so liederlich ist, und seine Pfaffen öffentlich die Liederlichkeit predigen dörfen. Durch Verordnung der Erziehung ihrer Unterthanen ließ die Regierung dieser Stadt die Religion zum abscheulichsten Misbrauch ausarten, so wie auch das Zunftwesen durch Indolenz eitel Misbrauch geworden ist, so unschädlich sie es durch etwas mehr Klugheit und Thätigkeit hätte machen können. Polizey=Gerechtigkeit, Regierungsverfassung, alle bürgerliche Verhältnisse sind unter einer indolenten Regierung mit der Religion der nämlichen Verwilderung ausgesezt, und man muß es dann nicht der Religion selbst zur Last legen, wenn sie der bürgerlichen Gesellschaft nachtheilig ist. Der übrige Theil von Westphalen, welcher vom Rhein weiter entfernt ist, als diese Länder, ist überhaupt genommen ungleich weniger angebaut, auch von Natur ungleich weniger ergiebig, als dieselben. Er hat ungeheure Heiden und Moräste, die bloß zum Torfstechen, und an den bessern Plätzen auch allenfalls zu Waiden können gebraucht werden. Einige Gegenden derselben, z. B. ein Theil des Fürstenthums Minden, Fürstentum Minden – seit 1648 zu Preußen, das Gebiet um die Stadt Minden an der Weser der Grafschaft Teklenburg Teklenburg – Tecklenburg: Grafschaft, seit 1707 preußisch, Gegend um die Stadt Tecklenburg Im Emsland und anderer mehr, sind fast unmäßig stark bewohnt; allein desto öder sind verschiedene Bezirke der Bisthümer Münster, Osnabrük und Paderborn, der Grafschaft Bentheim und einiger hannövrischen Herrschaften. Unterdessen ist dieser Theil von Westphalen das eigentliche Vaterland des Hanfes und Flachses, welche unter die vorzüglichsten Produkte Deutschlands gehören. Der größte Theil des Hanfes und Flachses, welcher in den westphälischen Rheinländern, in Holland, in den östreichischen Niederlanden und auch in unsern Niederlanden verarbeitet wird, kömmt aus diesen westphälischen Ländern. Nebstdem wird noch eine ungeheure Menge nach England, Spanien, Portugall und sogar auch unmittelbar nach Amerika roh ausgeführt. Im ganzen übrigen Deutschland, besonders in den hannövrischen Ländern des niedersächsischen Kreises, in Hessen, im Waldekischen und Fuldischen werden diese Produkte auch in erstaunlicher Menge gewonnen; allein ich zweifle, ob aller Flachs und Hanf des übrigen Deutschlands zusammen die Menge aufwiegt, die in Westphalen gebaut wird. Nach dem mäßigen Ueberschlag eines meiner Freunde von Münster wird jährlich für 5 Millionen Gulden Flachs und Hanf, roh und gesponnen, aus allen westphälischen Kreisländern ausgeführt. Hier ist die grosse Menge dieser Produkte nicht mitgerechnet, die auf verschiedne Art in den rheinisch=westphälischen Ländern verwebt und ausgeführt wird. Die ganze Menge des Hanfes und Flachses, welcher roh und verarbeitet aus ganz Westphalen ausgeführt wird, muß wenigstens auf 7 Millionen Gulden geschätzt werden – Der feinste Flachs und Hanf wird in der Gegend von Bielefeld und Hervord gewonnen. Er gleicht fast der Seide. Wenn man auf die Gränze von Holland kömmt, glaubt man aus einem Schweinstall in einen niedlichen Garten zu tretten. Besonders sticht die herrliche Gegend von Nimwegen mit Westphalen zum Erstaunen stark ab. Ich sage dir nichts von der Pracht, Symmetrie und Reinlichkeit der holländischen Städte; nichts von den unzähligen, kostbaren und größtentheils mit schönen Alleen besetzten Kanälen; nichts von den vielen Gärten. Man hat Beschreibungen ohne Zahl und Ende davon. Aber gewiß ist all die Pracht und Herrlichkeit in die Länge verflucht ennuyant. Wenigstens für mich ist die durchaus herrschende Einförmigkeit dieses Landes und seiner Bewohner unausstehlich. Alle Städte, alle Dörfer, alle Strassen und Kanäle sehen sich so gleich, daß man nur immer Kopieen des nähmlichen Gemähldes zu Gesicht bekömmt. Das Land ist bloß zu einer flüchtigen Spazierreise gemacht. Ohne dafür bezahlt zu werden, wird sich selten jemand lange hier aufhalten. Im Grund ist es auch eine frisirte Bettlerin, die in einer gestohlenen, prächtigen Andrienne Andrienne – Adrienne: loses Frauenüberkleid des Rokoko paradiert. Die Rheinpfalz, die nicht den fünften Theil des Umfangs von Holland einnimmt, hat ungleich mehr natürlichen Werth, als dasselbe. Auch die Einwohner, überhaupt genommen, sind im Grund nur geputzte Bettler. Ihr Reichthum gehört nicht ihnen zu, denn sie geniessen ihn nicht: Sie sind nur Wächter ihres Geldes. Kömmst du an die Tafel eines Mannes vom Mittelstand, so läßt dich die Pracht des Tischgeräthes, die Reinlichkeit des Speisezimmers, die kostbare Ausmeublirung ein fürstliches Essen erwarten. Allein wenn die Schüsseln aufgetragen sind, dann hast du nicht mehr noch weniger, als an der Tafel des ersten besten westphälischen Bauers. Alles entspricht der Natur des ganzen Landes, welches einer schlechten Wassersuppe in einer goldnen Schüssel gleicht. Alle Kaufleuthe sitzen die ganze Woche an ihrem Schreibtisch, und schwemmen sich die Bäuche mit Thee auf. Sie sind so fühllos bey ihren Beschäftigungen und werden in ihrem Schlendrian so dik, daß man sie mit Pfriemen Pfriem – ein Schusterwerkzeug zum Stechen von Löchern in den Leib stechen kann, ohne daß sie sich regen. Am Sonnabend ziehn sie in ihre prächtigen Gärten, wo sie den Sonntag zubringen. Da geniessen sie aber soviel, als in ihrem Komtoir. Ich kenne Einen der hiesigen Grossen, den ich in seinem Garten besuchen mußte. Er war von Mittag bis gegen Abend bloß mit Salatputzen für seine Küche beschäftigt. Ein andrer schloß sich ein, und schlug den ganzen Sonntag die Fliegen auf den Wänden seines Lusthauses todt. Linsen, Erbsen und Bohnen belesen für ihre Küchen, ein Pfeiffe Tobak rauchen, und sich die Hosen lüften, die von ihren Bäuchen immer abwärts gedrückt werden, das sind ihre Arbeiten in ihren Erhohlungsstunden. Versammeln sie sich in Gesellschaften, so nageln sie sich an die Stüle an, begaffen einander, und in Pausen von Viertelstunden wissen sie dann von nichts zu sprechen, als was die Zeitungen des Tages darbieten, die unter allen Zeitungen die elendesten sind, die französische von Leiden ausgenommen. Da hörst du nun die Quintessenz von allem politischen Unsinn, so wie du von ihren Pfaffen, die Trotz der Reformation doch ungleich mehr Mönche sind, als die Kapuziner Deutschlands, allen theologischen Unsinn hören kannst. Wären die Fremden, besonders die Offiziers, und einige adeliche nicht, die sich auf Reisen gebildet haben, so würde man in ganz Holland eine unterhaltende Gesellschaft umsonst suchen. Staatsverwaltung und Polizey, alles ist hier so sonderbar als das Land selbst, und hat durchaus das Gepräge von dem schwerfälligen, melancholischen und filzigen Humor der Einwohner. Es ist ein Sprüchwort, daß man hier zu Lande keine Tracht Fische, die das gemeinnützigste Naturprodukt dieses Landes sind, auf die Tafel bringen kann, ohne sie sechsmal dem Staat und einmahl dem Verkäufer bezahlt zu haben. Der Geitz der Einwohner, der sich gegen alle Opfer für das gemeine Beste sträubt, zwang den Staat so unnatürlich hohe Auflagen auf die ersten Bedürfnisse des Lebens zu machen. Diese ungeheuern Akzise tragen eben so viel, als die übertriebne Sparsamkeit der Bürger, dazu bey, daß man in diesem reichen Lande so elend lebt – Von ihrer Polizey will ich dir nur einen Zug mittheilen, der eigensinnig genug ist. Schickt ein Fremder, der der Landesgebräuche und Gesetze nicht kundig ist, seinen Bedienten zu einem Weinhändler, um eine Bouteille zu kaufen, so giebt sie ihm dieser mit aller Willfährigkeit, ohne ihm ein Wörtchen von der Gefahr zu sagen. Der Kerl trägt seine Bouteille offen nach Haus. Unterwegs packt ihn ein Stadtknecht an, und erkundigt sich, wo er den Wein gekauft. Der Pursch nennt ihm ohne allen Argwohn den Weinhändler, und nun wird er arretirt, gestäubt stäuben – stäupen: öffentlich auspeitschen und des Landes verwiesen. Nicht der Kaufmann, der den Wein im Kleinen verkauft, welches nach den Gesetzen das ausschließliche Gewerbe der Weinschenken seyn sollte, auch nicht der Herr, der ihn geschickt, sondern der arme unkundige Kerl allein wird gestraft. Ein und siebenzigster Brief. Amsterdam – Dieses, nach dem Urtheil eines unserer Landsleute, den Fröschen gestohlne Land, Bruder, ist ursprünglich nichts als Sand, den der Rhein aus Helvetien und den obern Gegenden Deutschlands herabgeschwemmt hat, und Seeschlamm, den die Fluthen bey wüthenden Nord= und Westwinden hie und da aufgetragen haben. Es hat nirgends veste Erde, und noch auf den Gränzen des Herzogthums Kleve findet man die deutlichsten Spuren, daß der Landstrich wie das Delta von Aegypten geschaffen worden, nur mit dem Unterschied, daß der Nil mit der fruchtbarsten Erde, der Rhein aber mit dem dürrsten Sand immerfort schwanger geht. Ein Theil von Brabant und Flandern ist von der Schelde, oder Maas, und einigen andern Flüssen auf die nämliche Art gezeugt worden. Man hat unwidersprechliche Beweise davon. Ziemlich weit von der Küste findet man in Flandern unter der guten Erde, die eine Deke ist, welche das lange Gewühl der Menschen, das Düngen, Pflügen, Säen, die Fäulung von Früchten, Bäumen, Wurzeln u. s. w. und zum Theil auch der Schlamm des Meeres aufgetragen haben, trockenen Sand, und unter diesem wieder unregelmäßige Lagen von guter Erde, so wie nämlich bald die Flüsse mit gehäuftem Sand, bald die See mit angespieltem Schlamm das Land nach und nach und wechselweis geschaffen haben. Von gleicher Art ist die ganze Küste Deutschlands bis an die Elbe hin. Nirgends findet man in diesem Strich vesten Boden. An Felsen oder Berge ist da nicht zu gedenken. Die See macht sich selbst ihre Gränzen, die sie nur in der äussersten Wuth überschreitet. Ihre spielenden Wogen bilden die Dünnen, welche von Kalais bis zum Texel Texel – eine Nordseeinsel in Nordholland, die größte der Westfriesischen Inseln. hin das Land, welches an einigen Orten tiefer als die horizontale Oberfläche der See ist, gegen die Fluthen decken. Wird sie aber von den gewaltigen Nord= und Nordwestwinden ausser ihrer gewöhnlichen Laune und in Wuth gebracht, dann verschlingt sie auf einmahl wieder, was sie mit Hülfe der benachbarten Flüsse in Jahrtausenden gebaut hat. Noch zu Zeiten der Römer war die Südsee Südsee – Zuiderzee, ursprünglich ein Binnensee, infolge einer Sturmflut 1228 zu einer Meeresbucht geworden. Seit 1932 durch eine Deichanlage abermals ein See, der seinerseits wieder geteilt ist. Teile wurden trockengelegt. Heutiger Name: IJsselmeer. von Amsterdam bis zum Texel hin ein vestes Land, welches auf der Ostseite von der Yssel, und, wie einige glauben, auf der Westseite vom Rhein bespühlt ward. In einigen Stürmen riß die See ihre Dünnen ein, die von der nördlichen Küste Frießlands bis in die Gegend des Texels standen. Die Flüsse hatten ihre Mündungen in dem Sandboden erweitert, der ihr Geschöpf war, und nun kam eine ausserordentliche Fluth, welche die Flüsse hemmte, und sich mit ihnen vereinigte, um das ganze Land zu verschlingen. Seit der Zeit, besonders aber seit der Unabhängigkeit dieses Landes ist man immerfort beschäftigt, die kleinen Trümmer Landes, welche diese Fluth zurückgelassen, wieder mit dem vesten Land zu verbinden. Diese Trümmer sind eigentlich nur Sandbänke, deren einige man wirklich schon mit Nordholland zusammen gedämmt hat. An andern wird noch gedämmt, weil jeder Fleck Landes, wenn er auch noch so öde ist, für die Einwohner von unsäglichem Werth ist – Zwischen Grönningen und Ostfrießland, bey der Mündung der Ems, geschah der nämliche Auftritt. Der grosse Busen Dollar ist auch durch eine gewaltige Fluth entstanden, und seit dem hat man wieder auf eine grosse Strecke hin den Seeschlamm eingedämmt und vortreflich bebaut. So wie man an einigen Orten dem Meer Land entreißt, so rächt sich dieses an andern. Das Haarlemer=Meer erweitert sich immer, und droht die Dünnen zwischen Leiden und Harlem durchzubrechen, und Nordholland zu einer vollkommenen Insel zu machen – Erst im vorigen Jahrhundert verschlang die See einen grossen Theil der Insel, worauf Dortrecht liegt. Ueberhaupt 60.000 Menschen kamen bey diesem Vorfall um. So schrecklich die See für das veste Land der Republik ist, so ist sie doch für die Inseln, welche die Provinz Seeland bilden, noch ein viel gefährlicherer Feind. Hier thut sie mit List, was sie auf dem vesten Land mit stürmender Hand unternimmt. Die meisten dieser Inseln sind durchaus tiefer als die Oberfläche des Meeres. Gegen die Fluthen haben sich die Einwohner durch unsäglich kostbare Dämme zu decken gesucht. Diese Dämme ruhen auf den größten Bäumen, die durchaus mit breitköpfigten Nägeln beschlagen sind, um den Kakerlak Kakerlak – Mensch oder Tier als Albino, hier als ungebärdige Gewalt zu verstehen abzuhalten. Die See minirt immerfort an ihnen, und spühlt die Erde zwischen ihnen weg. An manchen Orten steht sie schon durch grosse Strecken hin nackt da, und die auf ihnen ruhenden Wälle drohen den Einsturz. Die Einwohner sahen sich deshalb gezwungen, hinter diesen Dämmen noch andre Wälle um ihre Inseln zu ziehn, auf welche das Schicksal der erstern wartet, und so müssen sie endlich ihrem unversöhnlichen Feind unterliegen. Die Bewohner der Mitte des Landes sind nicht besser daran. Die Gegenden von Nimwegen und Arnheim, die schönsten und fruchtbarsten in ganz Holland, werden vom Rhein ins Gedränge gebracht. Dieser setzt ungeheure Sandbänke mitten im Land an, wodurch er mit der Zeit in seinem Lauf gehemmt und gezwungen wird, sich neue Wege mit Gewalt zu öfnen. An verschiedenen Gegenden von Betuve hat er den Sand schon so gehäuft, daß er beym Anschwellen mit förchterlicher Ungestümme an das entgegengesetzte Ufer getrieben wird. Dieses geschieht so lang, bis er durch wiederholte Ausbrüche sich endlich den Grund zu einem neuen Bette gegraben hat, und dann mit seinem Gewässer bedeckt, was itzt gepflügt wird, oder gar mit Städten und Dörfern bebaut ist – nunc Rhenus est ubi Troja fuit nunc Rhenus ... – jetzt fließt dort der Rhein, wo einst Troja stand – Die vielen Kanäle, worein ein Theil des Gewässers der Flüsse vertheilt wird, sind nicht, wie man glaubte, hinreichend, ihre Gewalt zu brechen. Ihr Sand, besonders jener der Maas, setzt sich auch an ihren Mündungen selbst an, und verstopft sie. Die Vertheilung ihres Gewässers dient also zu nichts, als daß sie nicht Stärke genug behalten, ihre alten Mündungen zu behaupten, und bey grossen Ueberschwemmungen mit der Zeit sich desto mehr über die Mitte des Landes ausbreiten können. Diese Kanäle und das unbesonnene häufige Torfstechen nehmen diesem tiefen und lockern Land, welches ohnehin ein Spiel des Rheines, der Maas und der See ist, vollends seine Vestigkeit. In der graden Linie zwischen Rotterdam und Amsterdam ist Teich an Teich, und alle diese Pfützen sind durch das Torfgraben entstanden. Die meisten sind so tief, daß man ihr Gewässer nicht einmal in die Kanäle ableiten kann, welche mit der See gleiche Oberfläche haben. Welche Gefahr, wenn einmahl das Gewässer der benachbarten Flüsse in sie austreten, oder gar sich einen beständigen Weg durch sie öfnen wird! Kein Holländer hat seinen Kindern einen vesten Wohnsitz zu versprechen, die Bewohner eines Theils von Gelderland, welcher aber bloß aus dem unbrauchbarsten Sand besteht, und jene von Oberyssel und Dreuthe ausgenommen, welche Länder aber fast durchaus Moräste und Heiden sind, die immerfort Katharre, Schnuppen und Fieber aushauchen – Wenden wir die Augen von dem physischen Zustand des Landes auf seinen itzigen politischen, der noch viel schlimmer ist. Viele auswärtige Geschichtschreiber von Holland haben die Bemerkung gemacht, die Republik wäre noch zu jung, und ihre Verfassung noch nicht reif und vest genug. Ein ganzer Schwarm von inländischen Schriftstellern suchte dieses Urtheil zu widerlegen. Man führte die glänzenden Thaten dieser Republikaner als einen Beweis an, wie wenig die Verfassung dem Nachdruck gemeinschaftlicher Operationen hinderlich sey, und räsonnirte und deräsonnirte in die Kreutz und Quere. Allein man hat die Erfahrung auf einmahl alle Räsonnemens und Deräsonnemens zu Schanden gemacht. Das Glänzende, was die Väter dieses ausgearteten Volks gethan haben, war theils die Wirkung einer patriotischen Begeisterung, die, besonders in einer bloß handelnden Republik, nie von einiger Dauer ist, auch nach den Gesetzen der Natur von keiner Dauer seyn kann, theils des wohlthätigen, persönlichen Einflusses einiger Halbgötter aus dem Nassauischen Haus Nassauisches Haus – das Haus Nassau-Oranien, die Prinzen von Oranien waren seit 1747 Erbstatthalter der Vereinigten Provinzen . Nie war der Erfolg ihrer Operationen das Resultat einer soliden Verfassung, die den Körper in einer gleichen Stimmung erhält, und zum Agiren geschickt und rund macht. Auch mitten im Lauf der Kriege, wodurch sich die Republik unter die europäischen Mächte vom ersten Rang emporgeschwungen, empfand sie öfters, daß die Fugen ihres Körpers nicht in einander passen. Die Begeisterung der Einwohner, der Drang der Umstände und die erstaunliche Thätigkeit einiger Prinzen von Oranien konnten Wunder thun, und die Republik über sich selbst erheben, als andre Mächte Europens noch nicht vollkommen ausgebildet waren, und ihre Stärke noch nicht ganz zu gebrauchen wußten. Allein diese machten seit der Zeit ungemein grosse Vorschritte, und die Republik blieb zurück. Zum Theil mußte sie auch zurückbleiben, weil es ihr wirklich an innern Kräften gebricht. In den Kriegen, wo die Seemacht der Republik so sehr glänzte, hatte keine europäische Seemacht über 30 unserer Linienschiffe. Linienschiff – der schwerste Typ von Kriegsschiffen, mit Kanonen bewaffnet. Sie fuhren stets in einer Linie, daher der Name. Die Engländer konnten ihr höchstens nur 20 entgegensetzen, und in den blutigsten Gefechten zwischen beyden Nationen waren gemeiniglich auf jeder Seite nur 12 bis 16 Linienschiffe. Der grosse Haufen der Armee bestand aus Fregatten Fregatte – relativ kleines, schnelles Kriegsschiff und andern Fahrzeugen. Diese Zeiten sind längst vorüber. Großbrittanien wuchs so stark heran, daß es nun seine 104 Linienschiffe hat, die vielen 50 Kanonenschiffe ungerechnet. Wenn die Republik auch durch gehäufte ausserordentliche Auflagen die nöthigen Summen zur Herstellung einer ansehnlichen Seemacht aufbringen könnte, so wäre es ihr doch platterdings unmöglich, die Schiffe zu bemannen. Nach den Listen der Admiralitätskollegien sollen künftiges Jahr 60 Linienschiffe, die von 50 Kanonen mitgerechnet, fertig seyn; allein jetzt schon, da sie nicht über 16 solcher Schiffe in segelfertigem Stand haben, fehlt es in allen Ecken an Matrosen. Schon sind die Werbgelder verdoppelt worden, schon hat man Entwürfe gemacht, einen Theil der Landtruppen zum Matrosendienst zu gebrauchen, und schon hört man hier in allen öffentlichen Häusern die Seeleute den Dienst der Republik verfluchen. Die Republik müßte ihre Kräfte aufs äusserste anstrengen, wenn sie sich heut zu Tage nur im zweyten Rang der Seemächte erhalten wollte. Die Einwohner müßten Patrioten genug seyn, um auch zur Friedenszeit dem Staat, der eben so arm ist, als sie reich sind, nach dem Verhältnis ihres Vermögens zu opfern. Die indische Kompagnie, Indische Kompagnie – Niederländische Westindien Kompanie, erhielt 1621 ein Monopol für den Handel mit Westafrika und Amerika, lebte später vom Sklavenhandel, 1791 aufgelöst deren Wirthschaft noch unendlich schlechter ist, als jene der englischen, und die, was fast unglaublich, durch die Räubereyen ihrer Bedienten und den Privatgeitz ihrer Interessenten in drükende Schulden gerathen, müßte unterdrükt, und ihr grosses Reich vom Staat selbst wohl verwaltet werden. Die Landtruppen, die ein plattes Null sind, und unter denen die Schweizer und Deutschen allein den Namen eines Soldaten verdienen, müßten abgeschafft, und ihr ungeheurer Sold bloß zur Seemacht verwendet werden. Alsdann wäre die Republik im Stand, immerfort gegen 50 bis 60 Linienschiffe zu unterhalten. Allein in der jetzigen Lage der Sachen würde man wohl thun, die 60 Linienschiffe, wenn sie, nach dem Versprechen der Admiralitätskollegien künftiges Jahr fertig sind, geradezu an den Meistbiethenden unter den Seemächten zu verkaufen. Der Staat hat jetzt weder Kräfte genug, sie im Fall der Noth hinlänglich zu bemannen und einige Kampagnen durch in Thätigkeit zu setzen, noch guten Willen und Anstrengung genug, sie nach dem Krieg in gutem Stand zu erhalten. Sie müssen wieder verfaulen. – Die Republik hat auswärts Eroberungen gemacht, deren Behauptung in unsern Zeiten wirklich ihre Kräfte übersteigt. Dem guten Willen und der Eifersucht ihrer Nachbarn hat sie es zu verdanken, daß sie noch im Besitz derselben ist. So unbeträchtlich im Grund die innern Kräfte der Republik nach dem jetzigen politischen Verhältnis Europens sind, so wenig läßt es ihre Verfassung zu, von denselben, so gering sie auch seyn mögen, den gehörigen Gebrauch zu machen. Auswärts, und zum Theil auch im Land selbst, stellt man sich die Republik als einen Bund von nicht mehr, als 7, oder, die Landschaft Drenthe mitgerechnet, von 8 Souveräns vor. Dieser Begriff ist grundfalsch. Holland zählt mehr unabhängige Staaten, als die Schweiz, oder auch das ganze Deutsche Reich; und sogar der Bund dieser Länder ist, so sehr auch der Anschein widerspricht, im Grund viel vester, als jener der Staaten von Holland. Jede Stadt, jedes Landgericht dieser Republik ist ein freyer Staat. Die Glieder einer Provinz sollten nur Landesstände seyn, wie sie es auch ursprünglich waren, sind aber wirklich Staaten geworden, so wie sie sich auch betiteln. Die sogenannten Generalstaaten Generalstaaten – Generalstände, das Parlament der Vereinigten Niederlande. Damals bestehend aus Holland, Zeeland, Utrecht, Overijssel, Gelderland oder Gelre, Groningen und Friesland. sind keine Repräsentanten von 7 oder 8 Souveräns, sondern nur Resultate von Berathschlagungen vieler Staaten, die einen besondern Bund unter sich haben, und sich eine Provinz nennen. Die Städte Amsterdam, Rotterdam, Leiden u. a. m. haben während dieses Krieges Während dieses Krieges – der amerikanische Unabhängigkeitskrieg, an dem die Niederländer gegen Großbritannien teilnahmen und am Ende Westindien abtreten mußten. mehrmalen sogar die Provinzialgerichte, die sie mit den übrigen Staaten der Provinz als eine Art von Kongreß errichtet haben, nicht anerkannt, sondern sind ganz eigenmächtig verfahren. Ich sage, als eine Art von Kongreß; denn daß sie keine obersten Tribunalien seyn sollen, sondern die Glieder des Kongresses sich in beliebigen Fällen die höchste Jurisdiktion vorbehalten haben, beweißt die Eigenmächtigkeit, womit sie Sachen von diesen Gerichten vor ihre Stadtgerichte abgefodert haben. Alle sogenannte Gerichte in Holland muß man als Kongresse verschiedener Souveräns betrachten, die sie nach Belieben trennen können. Man geht jetzt sogar damit um, den Kriegsrath aufzuheben, der ein so hohes Ansehn hatte. Die Bezirke von Ostergo, Westergo, Sevenwouden in Frießland u. s. w. die eigentlich nur Vogteyen seyn sollten, sind jetzt damit beschäftigt, sich von den Provinzialversammlungen gänzlich zu trennen, und ihre eigne inappellable inappellabel – durch Berufung nicht anfechtbar Tribunalien auf dem Land zu errichten. Sie haben auch schon ausschließlich in ihrem eignen Namen und ohne Berathung der andern Stände oder Staaten ihrer Provinz häufige Vorstellungen an den Staathalter Staathalter – Statthalter: der Prinz von Oranien, Wilhelm V. von Oranien-Nassau, † 1806 gemacht, worin sie sich ausdrüklich Souveräns nennen. – Die Versammlung der Generalstaaten selbst repräsentirt auch nichts weniger, als Einen selbstständigen Souverän. Die Glieder derselben, ob sie gleich beständig beysammen sind, sind doch nur augenblikliche Gesandten, die jeden Vorfall an die verschiedenen Provinzen berichten müssen, wo dann in allen Städten und in allen Landbezirken unabhängig vom Ganzen, sehr verschiedenlich berathschlaget, und ihnen endlich das Resultat all der Berathschlagungen mitgetheilt wird. So groß nun auch die Anarchie in Rücksicht auf die Fugen des Ganzen ist, so ist sie in den einzeln Städten und Bezirken doch noch grösser. Das Kreuzen der verschiedenen Interesse, der Geitz, der Nationalhumor, die träge Dummheit des grossen Haufens der Mitbürger, alles biethet dem Demagogen Gelegenheit in Ueberfluß dar, sich geltend zu machen. Jede besondre Regierung ist ein Spiel der Faktionen, worin der Geschiktere über die Köpfe der Ungeschikteren zu dem Zweck schreitet, den ihn seine Privatabsichten vorgestekt haben. Während dieses Krieges hatte man häufige Beyspiele, daß sogar wirkliche Staatsverbrecher von irgend einer Faktion einer Stadt gegen alle Ahndung sicher gestellt worden. Hier in Amsterdam sind es 4 bis 5 Häuser, die platterdings machen können, was sie wollen. Man bethört das Publikum durch falsche Gerüchte, bestochene Journalisten und alle politische Marktschreyereyen. So wie diese Stadt mehr Vortheile von Frankreich, und jene mehr von England zieht, so bilden sich auch ohne alle Rüksicht auf das ganze Vaterland bald französische, bald englische Faktionen. Das Interesse der Städte, welche unmittelbaren Seehandel treiben, ist ohnehin von jenem der Städte des festen Landes, die bloß vom Landbau und Kunstfleiß subsistiren, subsistiren – subsistieren: seinen Lebensunterhalt haben sehr verschieden. Der Adel hängt wegen den Beförderungen dem statthalterischen Haus an, und die Bürger müssen eben deswegen gegen dasselbe eingenommen seyn, und so ist das Gezerre unendlich. Das Gefühl der Verlegenheit, worin der Staat durch dieses Gezerre in Fällen, wo Eintracht und schnelle Thätigkeit erfodert wird, gesetzt werden muß, war die Ursache, warum man die Statthalterschaft nicht entbehren konnte, wie man schon öfters wünschte. Allein, der unselige Genius der Republik hat sie fast allezeit in den Fällen, wo sie ihren Zwek erreichen und die Wirkung thun sollte, die man sich von ihr versprach, unwirksam gemacht. Im Fall eines Krieges werden die Gemüther allzeit erhizt, und dann sieht man die Dinge in einem falschen Licht, welches theils durch eigne Leidenschaften, theils durch die gefärbten Gläser der Häupter der Faktionen auf sie geworfen wird. Es geschah fast allzeit, daß man mitten im Krieg die statthalterische oder diktatorische Gewalt einzuschränken suchte, wo sie doch ganz allein für den Staat wohlthätig hätte seyn können, und so hatte die Republik bloß die Ungemächlichkeiten der Statthalterschaft zu tragen, ohne die Vortheile derselben zu geniessen. Es ist platterdings unausstehlich, alle die Vorwürfe zu hören und zu lesen, die man jetzt der Statthalterschaft macht, und die bloß auf Argwohn und falschen, von Demagogen geflissentlich ausgestreuten Gerüchten beruhn. Nicht nur die jetzigen persönlichen Eigenschaften des Statthalters, sondern auch physische und moralische Unmöglichkeiten müßten die Leute beruhigen, wenn sie kaltblütig genug wären, die Gegenstände in ihrem rechten Licht zu sehn. Bald dichtet man ihm eine geheimes Verständnis mit dem Hof von St. James, bald Anschläge auf eine Oberherrschaft über die Republik an. Zuverläßig wünscht der Prinz, mit England in gutem Vernehmen zu stehn; allein er ist weit davon entfernt, ein Verräther des Landes zu werden, von welchem er den größten Theil seines Unterhalts zieht. Sein Wunsch stimmte mit dem Interesse der Republik vollkommen überein, und hatte den Zwek, die Republik möchte sich in den Stand setzen, die Neutralität behaupten zu können. Allein man war taub gegen seine Vorstellungen, und nun muß er die Sünden büssen, die Sünden büssen – der Statthalter (Herzog von Braunschweig) wurde 1781 von reaktionären Kräften verdrängt und des Landes verwiesen die andre aus Geiz und verschiedenen Nebenabsichten begangen haben, und denen er zuvorkommen wollte. Schon lange vor dem Bruch machte er den Generalstaaten die dringendsten Vorstellungen, sie sollten, um das drohende Ungewitter abzuhalten, ihre See= und Landmacht auf einen bessern Fuß setzen. Sie waren umsonst. Nun rächte man sich an ihm und an dem Herzog von Braunschweig, Herzog von Braunschweig – Ludwig Ernst Herzog zu Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern, Vormund Wilhelms V., führte bis 1766 die Staatsgeschäfte, † 1788 welcher der undankbaren Republik sehr wichtige Dienste geleistet, daß sie beyde es mit dem Staat zu gut gemeint haben. Sie sind Märterer der Wahrheit – und wie sollte der Prinz nach der Oberherrschaft über die Republik streben können? Mit 28.000 der elendesten Soldaten von der Welt, die 9.000 Mann Schweitzer und Deutsche ausgenommen, die nicht einmahl zur Einnahme der einzigen Stadt Amsterdam hinreichend wären? Und was hätte er dann, wenn er ganz Holland hätte? Frankreich, England und zum Theil die ostindische Gesellschaft selbst würden dafür sorgen, daß er nichts von den auswärtigen Besitzungen in die Hände bekäme. Die Reichen würden aus dem Lande fliehn, das nach ihren Begriffen keine Freyheit, und also keinen Reitz mehr für sie hat, um sich unter einem andern Himmel, in England oder Amerika anzubauen. Der Kunstfleiß, welcher ganz allein dem Land einigen Werth giebt, würde gehemmt seyn, und dem Prinzen würde nicht so viel übrig bleiben, daß er seine errungene Oberherrschaft gegen das Meer, die Flüsse und Frösche vertheidigen könnte. Die Eifersucht der Eingebohrnen auf die vielen deutschen Prinzen und Adelichen, welcher der Prinz und seine rechte Hand, der Herzog von Braunschweig, in die Dienste der Republik gezogen, trug viel dazu bey, sein Ansehn zu schwächen. Allein es war unumgänglich nothwendig, diese Fremden zu gebrauchen, um wenigstens den Landdienst einigermaassen zu bilden. Die Faktionen unter den Eingebohrnen standen aller Subordination und Regelmäßigkeit aller militärischen Verfassung im Weg. Jedes Söhnchen eines Demagogen von Amsterdam, Rotterdam u. s. w. wollte sich als ein Partikelchen der Souveränität geltend machen, und man fände unerschöpflichen Stof zu Satyren, wenn man alle Züge von Unregelmäßigkeit sammeln wollte, die dadurch im Dienst der Republik veranlaßt wurden – Auch auf die Schweitzer, die allem Adel so gram sind, hat dieß Betragen des Prinzen und des Herzogs keinen guten Eindruck gemacht. Das Uebel, welches die Statthalterschaft allgemach untergräbt, liegt aber noch viel tiefer an der Wurzel. Es ist das nämliche, welches den König Karl in England auf das Blutgerüste und den Kromwell unter dem Titel eines Protektors auf den Thron brachte, auf das Blutgerüste ... auf den Thron brachte – s. Sieben und vierzigster Brief. die Parthey der Whigs Parthey der Whigs – die einflußreiche Fraktion der aristokratischen Grundbesitzer und des Großbürgertums im englischen Parlament erzeugte, und so lange der Gegenstand von Swifts Geissel Swifts Geissel – der Satiriker Swift wandte sich 1710 von den Whigs ab war. Man glaubt, das Beyspiel der Amerikaner habe den demokratischen Geist, womit auf einmal die Holländer besessen wurden, in Aufruhr gebracht; allein er lag schon lange in ihnen. Er schlief nur in der Wiege des Geitzes, bis ihn der itzige Krieg aufweckte. Nicht die Reformirten, deren Grundsätze ohnehin der Demokratie so günstig sind, sondern die Mennoniten, die Gleichheit unter allen Menschen predigen, aber alle, die sie in die Hände bekommen, ohne alle Barmherzigkeit schinden, sind die Triebfedern der Revolution, womit die Statthalterschaft wirklich bedroht wird. Diese Schwärmer sind ohne Vergleich die reichsten Leute in der Republik. Von einigen der wichtigsten Städte, z. B. von Harlem machen sie auch die gröste Zahl der Einwohner aus. In Betracht des Geldes, welches diese Eiferer für die Gleichheit unter den Menschen zu 6, 8 bis 10 Prozent ausleihn, ist ein grosser Theil des inländischen Adels, der sich wie in allen andern europäischen Ländern seit einiger Zeit in schreckliche Schulden gestürzt hat, von ihnen abhängig geworden. Wenn sie gleich nach ihren Religionsgrundsätzen äusserlich keinen Theil an der Regierung haben wollen, so ist doch ihr heimlicher Einfluß unbeschreiblich stark. Sie sind in allen Handlungsgesellschaften, in allen Unternehmungen wegen ihrem Geld am meisten intereßirt, und, nebstdem, daß die Schwärmerey an sich schon so ansteckend ist, so sind ihre Vorschüsse an klingender Münze die überzeugendsten Gründe gegen die Statthalterschaft, die sich mit ihrem Katechismus Katechismus – im Frage-und Antwort-Stil gefaßtes Lehrbuch [einer Kirche so wenig verträgt. Diese Heuchler, die es für eine Sünde halten, Schnallen und Knöpfe von Zinn zu tragen, aber sich durch alle niederträchtigste Schliche auf Kosten jedes ehrlichen Mannes die Börse mit Dukaten füllen, und eben so sehr auf den Wegen der Finsterniß nach der Herrschaft über die Gemüther ihrer Mitbürger streben, als sie öffentlich alle obrigkeitliche Gewalt verabscheuen, haben es wirklich schon so weit gebracht, daß die Statthalterschaft, das wesentlichste und einzige Band der Republik, nah an ihrem Untergang ist Fußnote im Original: Der Herausgeber möchte zuvörderst hinweißen, daß es auf die Parthey der Mennoniten, nicht auf den päbstliche Hof zielt . Aller Unsinn, den nur die unbändigste Schwärmerey ausbrüten kann, hat sich durch die Inspiration dieser Heuchler der Köpfe des Janhagels von Holland bemeistert – Man wußte, daß der Statthalter zu harmlos, zu nachgiebig, zu gutherzig und zum Theil auch zu unerfahren wäre, als daß er allein seiner Gegenparthey die Spitze biethen könnte. Man hatte also nichts angelegeneres, als den schlauen, entschlossenen und hartnäckigen Herzog von Braunschweig von ihm zu entfernen, welches auch gelang. Sein Sturz war das Präludium zum Sturz des Statthalters. Nichts kann ihn retten, als ein baldiger Friede, der diese Republikaner in ihre vorige Unthätigkeit setzt, und den sogenannten Patriotismus durch den Wucher wieder erstickt, der alsdann wieder in seinen alten Glanz kömmt, woraus ihn der Krieg auf einige Zeit sprengte. Genug, dieser Krieg hat die Republik vor den Augen Europens in ihrer Blösse dargestellt. Man sah offenbar, daß sie keine veste Verfassung hat, und nach dem itzigen Verhältniß der andern Mächte nicht stark genug ist, um als Freundin geehrt, aber als Feindin geförchtet zu werden. Seit den vierziger Jahren war sie gänzlich vergessen. Die Gewinnsucht der Einzeln hatte alles Gefühl ihres ehemaligen Gewichtes und des gemeinen Wohls erstickt. Ihre Nachbarn gewannen unterdessen einen gewaltigen Vorsprung. Die Engländer peitschten sie aus ihrem Schlaf auf. Sie rieben sich die Augen, und sahen nun wie weit sie zurück waren. Sie wollten ihre Nachläßigkeit verbessern; ihre Bemühungen waren aber nur Grimassen, die sie in den Augen der Welt lächerlich machten. Zwey und siebenzigster Brief. Ostende – Seitdem diese Stadt Diese Stadt – Ostende war die einzige Hafenstadt der Österreichischen Niederlande, zu diesen gehörten auch die Städte Brüssel, Brügge, Ypern, Gent und Antwerpen zu einem Freyhaven erklärt ist, hat die Handlung beträchtlich zugenommen. Allein, es ist zu beförchten, daß sie nach dem Krieg wieder in ihr voriges Nichts verfallen wird. Alle Engländer, die hier sind, klagen über die schlimme Rhede, über die gefährliche Einfahrt in den Haven, besonders bey stürmischen Nord= Nordwest= und Westwinden, über das enge Baßin und den Mangel an verschiedenen andern Gemächlichkeiten. Antwerpens Lage wäre viel vortheilhafter zur Beförderung der Handlung in den östreichischen Niederlanden. Allein die Holländer haben die Mündung der Rhede gesperrt. Ihre Forts beherrschen nicht nur diesen Fluß Fluß – die Schelde , den Friedensschlüssen gemäß, sondern sie haben die Mündung desselben im wahren Verstand des Wortes verstopft. Versenkte und mit Steinen angefüllte Schiffe, ungeheure Steindämme, Pallisaden u. dgl. m. lassen kaum für Boote Raum genug zur Einfahrt offen. Mit 20 Millionen Gulden und in 50 Jahren Zeit kann der Kaiser die Steine des Anstosses nicht aus dem Weg räumen, welche die Holländer der Handlung von Antwerpen in den Weg gelegt haben. An Geld fehlt es den Brabantern und Flandrern nicht. Antwerpen, Brüssel, Gent und Brügge sind noch mit Schätzen angefüllt, die zur Zeit gesammelt wurden, als diese Länder waren, was itzt Holland oder England ist. Die Bürger dieser Städte sind fast bey allen grossen Unternehmungen der benachbarten Nationen, und bey allen Anleihn intereßirt. Ihr Wechselhandel ist ungemein beträchtlich, und vielleicht wird von den Holländern selbst nicht so viel assekurirt Assekuration – Assekuranz: Versicherung , als von ihnen; wie denn Antwerpen einer der wichtigsten Assekurationsplätze ist. – Im letzten bayrischen Krieg nahm der Hof von Wien ein Anleihn von einigen Millionen Gulden in diesen Ländern auf. Er konnte sein Staunen über die promten Darschüsse des anverlangten Geldes nicht bergen. Die von Antwerpen und Gent liessen die Regierung wissen, »wenn sie noch drey oder viermal so viel nöthig hätte, so würde es eben so promt dargeschossen werden.« Erst seit dieser Zeit scheint der kaiserliche Hof das Gewicht seiner Niederlande zu kennen. Allein, die Industrie dieser Länder hat im ganzen sehr abgenommen. Die Erben der Schätze, die vom 12ten bis ins 16te Jahrhundert gesammelt wurden, suchen die Interessen auf die gemächlichste Art davon zu ziehn. Ihre Lebensart ist auch nicht dazu angelegt, die Schätze wachsen zu machen. Sie sind das seltsamste Gemische von Trägheit und Fleiß, Dummheit und Feinheit, Entschlossenheit und Feigheit, Gutherzigkeit und Betrügerey. Ein Engländer sagt von ihnen: Sie haben das Verschlagne der Franzosen, aber nicht ihre Gefälligkeit; den Stolz und die Bigotterie der Spanier, aber nicht ihr Gefühl von Ehre; die Grobheit und Schwerfälligkeit der Holländer, aber nicht ihre Pünktlichkeit; die Liederlichkeit der Deutschen, aber nicht ihre Redlichkeit; und von Körper sind sie Klötze von Britten, denen der Meissel des ausbildenden Künstlers fehlt. – Das Gemählde ist ungemein treffend, wie denn auch diese Niederländer aus allen benannten Nationen zusammengesetzt sind. – Im Punkt der Ehrlichkeit sind sie am auffallendsten. Zu allen Geschäften des alltäglichen Lebens hat man hier Unterschriften nöthig. Man läuft Gefahr, von jedem Handwerker, bey dem man ein Stück Arbeit auch noch so deutlich bedungen hat, übersetzt und dann gerichtlich zur Zahlung angehalten zu werden, wenn man nicht Schwarz auf Weiß aufzuzeigen hat. Im Ganzen kommen sie in der Gestalt des Leibes nebst den Sachsen den Deutschen des Tacitus am nächsten. Ihre Körper sind wirklich ungeheuer, und ad impetum Valida ad impetum Valida – vom Ungestüm besessen . Allein eben das, was Tacitus von den alten Deutschen sagt, daß sie weder Hunger noch Durst, weder Hitze noch Kälte und besonders auch keine langwierige Arbeit aushalten können, gilt auch bey ihnen. Sie sind bey der kayserlichen Armee als brave Reiter bekannt; allein sie sind nur mit der äussersten Noth zum regelmäßigen Dienst zu bringen. Sie haben einen unbeschreiblichen Abscheu gegen die Disciplin, und jeder hält es für eine schwere Strafe, wenn er zum Dienst gezogen wird. Wenn man ihren Schlägereyen und Räubereyen nicht durch die Finger sieht, so halten sie keinen Feldzug aus. Nur beym Einhauen in den Feind sind sie Soldaten. Ausser Italien, Spanien und Portugall ist gewiß kein Land in Europa so sehr mit Mönchen überladen, als das östreichische Belgien. In mancher Stadt zählt man 40 bis 50 Klöster. Es giebt sehr viele Prälaturen hier, die bis 200.000 Gulden Einkünfte haben. Man kann das Land sicher so eintheilen, daß die Geistlichkeit, der Adel, der Souverän und das Volk, jedes ein Viertheil hat. – Die Bigotterie und Intoleranz der Einwohner ist platterdings über alle Beschreibung, und sticht mit der Ausgelassenheit der Sitten zum Erstaunen ab. Der Adel dieses Landes ist ausserordentlich reich und lebt im größten Ton. Brüssel ist eine der schönsten und glänzendsten Städte in Europa, ob sie schon an den Prinzen Karl viel verloren hat an den Prinzen Karl viel verloren – Prinz Karl Alexander von Lothringen und Bar, Gouverneur und Generalkapitän der Niederlande. † 1780 , der jährlich gegen 700.000 Kaisergulden in der Stadt verzehrte, und dessen Aufwand von dem sparsamen Herzog von Sachsenteschen Herzog von Sachsenteschen – s. Dreysigster Brief. nicht ersetzt wird. Einen schönern Platz, als der hiesige grosse Marktplatz ist, hab ich nirgends gesehn. Alle Häuser auf demselben sind weit über das Bürgerliche, und in einem Stil und mit einer Pracht gebaut, die man ausser Italien nicht zu sehen gewöhnt ist. Man findet hier die vortreflichsten Gesellschaften, deren Zutritt für einen Fremden nicht schwer ist. Viele derselben bilden englische Klubs, wo die äusserste Popularität, die größte Freyheit und Mittheilung herrscht. Eine der vorzüglichsten besteht aus dem Herzog von Aremberg, einem ganz ausgebildeten Mann, dem Herrn von Hopp, holländischen Gesandten, der von jedermann wegen seinen Kenntnissen und seinem guten Betragen ungemein hochgeschätzt wird, aus unserm Gesandten, einigen vom hiesigen Adel und einigen Engländern. Es kann niemand, ausser durchs Ballotieren Ballotieren – mit Kugeln abstimmen, d. h. in geheimer Wahl aller Glieder in dieselbe aufgenommen werden. Die übrigen Grundsätze derselben sind eben so populär. Ihr Gesellschaftssaal beherrscht eine der schönsten Aussichten auf die öffentliche Promenade. Sie versammelt sich die Woche zweymal, und Fremde können von Mitgliedern fast ohne allen Unterschied eingeführt werden: Linguet war auch Mitglied derselben. Für 5 Monathe wurden von jedem Mitglied, ohne allen Nachschuß, vier Louisdor bezahlt, wofür bey jeder Versammlung eine kostbare Tafel gegeben wird. Den Wein zahlt jeder besonders. Es giebt noch viele geringere Gesellschaften von der Art in Brüssel, und nirgends gefiel mirs in Rüksicht dieses wesentlichen Punkts des menschlichen Lebens besser als hier. Seitdem sich die Engländer so häufig zu Ostende niederlassen, und ihnen der kaiserliche Hof mit der Hofnung schmeichelt, sich bey einer Friedensvermittlung für sie zu verwenden, ist man zu Brüssel ganz englisch geworden. Man reitet, spielt, jagt und speißt englisch, und alle Gesellschaften sind Klubs geworden. Die Stadt hat wenigstens nichts dabey verloren. Der Herzog Statthalter Herzog Statthalter – seit 1780 der Herzog von Sachsen-Teschen, s. Dreysigster Brief. lebt mit seiner Gemahlin äusserst still. Ueberhaupt scheint er kein Liebhaber von grossen und lärmenden Gesellschaften und vom Aufwand zu seyn, obschon seine sämmtlichen Revenuen sich über 400.000 Kaisergulden belaufen sollen. Die Erzherzogin zeigt sich manchmal, aber doch selten, in wirklich kaiserlicher Pracht. Ihre Wirthschaftsgrundsätze stimmen mit jenen ihres Gemahls vollkommen überein. Ihre Lieblingsbelustigung ist die Jagd, und schwerlich ist einer ihrer Jäger geschikter als sie, einen Vogel in freyer Luft zu schiessen. Uebrigens hat sie mit allen ihren Geschwistern eine vortrefliche Erziehung gemein, und auch ihr Gemahl macht dem kaiserlichen Hof durch seine Verwaltungsgrundsätze Ehre. In keiner Provinz des östreichischen Erbreiches haben sich die Landesstände in dem Ansehn erhalten, worin jene der Niederlande wirklich sind. Ich glaube, bloß der Wohlstand der Bürger in den Städten ist die Ursache, daß sie ein Gefühl für Freyheit erhalten haben, welches man in Hungarn umsonst sucht. Der Adel und die Geistlichkeit schmiegen sich, ihres Interesses halber, leicht an den Hof, und der Mangel an blühenden Städten hat gewiß dem Hof von Wien die Arbeit sehr erleichtert, als er es nöthig fand, die Macht der Landstände von Hungarn zu untergraben. Auch in der Lombardey war die Macht des Adels nur ein schwacher Damm gegen die Gewalt des Hofes. Der Bürger ist allzeit am meisten dabey intereßirt. Er hat weniger von dem Hof zu erwarten, und doch mehr zu geben, als die Glieder der andern Stände des Landes. Die Entlegenheit von der Residenz des Hofes, besonders aber das Beyspiel von Holland, welches die Einwohner so nahe vor Augen haben, hat ohne Zweifel nicht wenig zur Aufrechterhaltung ihrer alten Verfassung beygetragen. Das Schiksal spielt seltsam genug mit den Staaten dieser Erde. Hier in den östreichischen Niederlanden brach die Revolution aus Revolution – der sog. Achtzigjährige Krieg ab 1579 gegen die spanischen Habsburger , wodurch Holland eine freye Republik ward. Während daß hier schon alles in Gährung war, dachten die Holländer noch nicht daran, sich frey zu machen. Sie wären es auch durch eigne Betriebsamkeit nie geworden. Schon damals, in der Geburth der Republik, äusserten sie die Trägheit, die man noch an ihnen bewundert. Nur ein Prinz von Oranien, ein seltenes Genie, konnte für die die Freyheit erringen, für welche sie gar kein Gefühl zu haben scheinen. Die Religion trennte die jetzigen östreichischen Provinzen von einer Unternehmung, an die sie zuerst Hand angelegt hatten, und endlich liessen sie sich sogar noch zur Unterdrückung der Holländer gebrauchen. Welche Widersprüche ! ! ! – Drey und siebenzigster Brief. Ostende – Morgen, Bruder, geh ich an Bord nach England. Ehe ich Deutschland verlasse, muß ich noch einige Blicke über das Ganze werfen. Deutschland, Slesien mitbegriffen, ist ohngefähr um den fünften Theil grösser als Frankreich. Sein Umfang beträgt gegen 12.000 deutsche Quadratmeilen. Der Boden des Landes ist sehr verschieden; doch ist ein grosser Theil desselben von einem Ertrag, den ausser dem südlichen Europa und Frankreich kein Erdreich irgendeines andern Staates unsers Welttheils hat. Die ungeheuern Felsenmassen in den südlichen Gegenden des bayrischen und östreichischen Kreises, und die Sandländer in Norden, nämlich fast der ganze niedersächsische Kreis, Brandenburg, Pommern, die Lausitz und der Theil von Westphalen, welcher der Lippe gegen Norden liegt, sind freylich nicht eines solchen Anbaues fähig, als die übrigen deutschen Länder; allein ihre Verschiedenheit selbst würde grosse Vortheile für das Ganze haben, wenn das Interesse desselben konzentrirt wäre. Die Bergmassen in Süden liefern fast alle Arten der Metalle in der ersten Güte und in ungeheurer Menge, und die sandigten Ebenen in Norden liefern das beßte Holz zum Schiffbau, Theer, Hanf, Flachs und Wolle in Ueberfluß. Böhmen, Mähren, Slesien, das Erzherzogthum Oestreich, Bayern, Schwaben, Franken, die Rheinländer, jene des westphälischen Kreises mitgerechnet, die östreichischen Niederlande und die Bezirke des obersächsischen Kreises, welche nicht zu den Besitzungen des Königs von Preussen gehören, zeugen soviel Getreide, Vieh, Wein und alle Arten der ersten Bedürfnisse des Lebens, daß sie nicht nur die Gegenden von Deutschland, welche Mangel daran haben, hinlänglich damit versehen, sondern auch noch eine beträchtliche Menge davon ins Ausland führen könnten. – Kurz, Deutschland ist das einzige europäische Reich, welches in allen Bedürfnissen, die ein kultivirtes und reiches Volk zu einer Verzehrung, und der mächtigste Staat zu seiner Vertheidigung nöthig hat, von der ganzen übrigen Welt unabhängig seyn könnte. Frankreich hat Mangel an Holz, an Vieh, besonders Pferden, an den nöthigsten Metallen und an Linnen, und Rußland muß Wein, Wolle, schwere Pferde, und noch einige andre Artikel aus dem Ausland ziehen. Deutschland hat alle Bedürfnisse, welche beyde so verschiedne und an mancherley Produkten so reiche Länder tragen, und auch die, welche denselben mangeln, in Ueberfluß. Die letztbenannten und bessern Provinzen Deutschlands betragen in ihrem Umfang ohngefähr 6.400 deutsche Quadratmeilen. Man kann auf jede Quadratmeile derselben sicher 2.500 Menschen rechnen, um ihre Bevölkerung zu bestimmen. Verschiedene Zählungen stimmen damit überein. Wenn Bayern, Hessen und einige andre Bezirke unter diesem Anschlag sind, so übersteigen ihn andre Gegenden, z. B. Oestreich, Würtemberg, die Niederlande, verschiedne Länder des obersächsischen Krieges [Kreises] u. s. w. In diesem Theil Deutschlands wohnten also gegen 16 Millionen Menschen. Der andre Theil beträgt ohngefähr 5.600 Quadratmeilen. Für diesen ist eine Mittelzahl zur Bestimmung seiner Bevölkerung schwerer zu finden, als für den erstern, weil er zu verschieden ist. Einige Gegenden, z. B. Inneröstreich zählt auf jeder Quadratmeile ohngefähr 2000 Seelen. Magdeburg, Halberstadt, Minden, Braunschweig, Hildesheim u. a. m. zählen gegen 2.500. Dagegen zählen die hannövrischen Länder, Brandenburg, Pommern, Meklenburg u. a. m. nicht viel über 1.000 Menschen auf einer Quadratmeile. Ich glaube, man muß wenigstens doch 1.700 Menschen auf jede Quadratmeile dieses Theils von Deutschland rechnen, um seine Volksmenge zu bestimmen, und so hätte er über 9 1/2 Million, und Deutschland überhaupt, gegen 25 1/2 Million Menschen. Der König von Preussen rechnet in seiner Abhandlung de la Litterature Allemande de la Litterature Allemande – Von der deutschen Literatur 26 Millionen Seelen für Deutschland, und diese Angabe scheint mir unter allen die zuverläßigste zu seyn. Die Kaiserin von Rußland Kaiserin von Rußland – Katharina II., kam durch einen Staatsstreich an die Macht, setzte den regierenden Zaren ab und ermordete ihn, † 1796 sagte in ihrem Manifest an den Hof zu Wien in betreff der letztern bayerschen Streitigkeit: »Alle Mächte Europens müßten darauf sehn, daß das Gleichgewicht in Deutschland nicht gehoben werde, indem wegen der Stärke dieses Reiches und seiner Lage zugleich auch das Gleichgewicht von ganz Europa dadurch gehoben würde.« Gewiß eine unwidersprechliche Wahrheit. Nur Frankreich und Italien können sich im Verhältnis der Bevölkerung zur Grösse des Landes mit Deutschland messen. Dieses weite Reich hat noch lange nicht den Grad von Anbau erreicht, dessen es fähig ist; nicht einmal jenen, den unser Vaterland schon erreicht hat. Der Hubertusburger Friede Hubertusburger Friede – Der Frieden zu Hubertusburg beendete den Siebenjährigen Krieg (1756 –1763) war die Epoche seiner Kultur. Erst seit dieser Zeit ward der Ackerbau und Kunstfleiß allgemein. Deutschland macht ungleich schnellere und grössere Schritte zu seinem Anbau als irgend ein andres europäisches Reich. Auf einmal strengte es alle seine Kräfte an, um die Lücken auszufüllen, welche die verheerenden Kriege seit Gustav Adolph die verheerenden Kriege ... – der pfälzische Erbfolgekrieg, der Dreißigjährige Krieg 1618 bis 1648; der schwedische König Gustav Adolf fiel 1632 in Lützen in seinem Busen gemacht haben. Selbst die Zertheilung, die ihm im äussern Gebrauch seiner Kräfte so nachtheilig, beförderte den innern Anbau. Nun wetteifern die Fürsten Deutschlands in Verbesserung des Justitzwesens, der Polizey, Erziehung, in Aufmunterung zur Industrie und Handlung, wie sie ehedem in Pracht und leerem Gepränge miteinander wetteiferten. Nirgends ist man über den Werth der Menschen und ihrer verschiedenen Beschäftigungen so aufgeklärt, und nirgends bestrebt man sich mehr, diesen Werth geltend zu machen, als in Deutschland. Ueber die Gesetzgebung und das Interesse eines Staats hat man in den meisten Theilen dieses Reiches ein wohlthätiges Licht verbreitet, welches nicht nur, wie in vielen Ländern, besonders in Frankreich, die Lücken sehen läßt, sondern auch die Fürsten und ihre Bedienten zur Verbesserung der Mängel erwärmt. Ohne Widerrede hat Deutschland, so wie ganz Europa, dem jetzigen König von Preussen ungemein viel zu verdanken. Er war in neuern Zeiten der erste praktische Philosoph auf dem Thron. Er gab die Losung zu der glücklichen Revolution, die Deutschland seit 20 Jahren umgeschaffen hat. Er war es, der seine Nachbarn lehrte, daß das Interesse des Regenten mit jenem seiner Unterthanen parallel läuft. Er fieng an die Hülle abzustreifen, womit Religion, Gerechtigkeit und Politik bedekt waren. Er stürzte die kleinen Tyrannen, die Geistlichen und Adelichen, die sich auf Kosten des Bürgers und Bauers mästeten, und so militärisch auch die Verfassung seines Staates dem Anschein nach ist, so hat doch Deutschland dieser so förchterlichen Verfassung und den Kopieen derselben eine Friedensepoche von 20 Jahren zu verdanken, worinn es sich zu fühlen begann, und die es seit Jahrhunderten nicht genoß. Die Gesetzgebung ist jetzt Deutschlands größter Stolz. Sie ist auch ohne Widerrede der Gipfel der Philosophie und alles menschlichen Wissens. Sie allein kann uns glücklich machen. Religion, Erziehung, ja sogar das Klima stehn ihr zu Gebott. Sie allein schaft den gesellschaftlichen Menschen, und bestimmt seinen Werth. Und wie stolz muß nicht Deutschland auf Friedrich Friedrich – Friedrich II., der Große, s. Fünfter Brief. , Joseph Joseph – Joseph II., s. Zehnter Brief. und Katharina Katharina – Katharina II. war eine deutsche Prinzessin (Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst-Dornburg) seyn, drei gleichzeitige gesetzgeberische Genieen, wie sonst Jahrtausende kaum Eines zeugen konnten! Nebst diesen grossen Regenten, die Millionen ihrer Landsleute und Ausländer glücklich machen, hat Deutschland noch mehrere Genieen dieser Art, die nur durch Eingeschränktheit ihres Wirkungskreises von jenen verschieden sind. Die Philosophie scheint überhaupt die Sache der Deutschen zu seyn. Kalte und richtige Beurtheilung, verbunden mit unermüdetem Fleiß, zeichnet sie von allen andern Europäern aus. Erst warfen sie Licht über die Mathematik und Physik, worin wir ihnen so viel zu danken haben; dann beleuchteten sie die Theologie, dann die Geschichte und endlich die Gesetzgebung mit dem nämlichen philosophischen Geist. – Sie thun wohl daran, wenn sie andern Nationen die Spiele des Witzes überlassen, worin sie es denselben doch schwerlich gleich thun können. Wenn sich Deutschland ganz geltend machen könnte; wenn es unter einem Regenten vereint wäre; wenn nicht das gegenseitige Interesse der einzeln Fürsten gar oft dem Wohl des Ganzen widerspräche, wenn alle Theile genau in einen Körper verbunden wären, daß die überflüßigen Säfte eines Theiles leicht in die andern Glieder geleitet werden könnten, so würde das Reich noch viel schnellere Schritte zu seiner Kultur machen können. Aber dann könnte Deutschland auch ganz Europa Gesetze vorschreiben. Wie mächtig sind nicht schon die Häuser Oestreich und Brandenburg, deren größte Stärke auf ihren deutschen Staaten beruht, und die doch bey weitem nicht die Hälfte, und auch nicht den beßten Theil von Deutschland besitzen! Man denke sich dieses Reich in der Lage, wo keine Akzise den innern Handel der verschiedenen Provinzen erschwerten, keine Zölle die Ausfuhr in die übrige Welt hemmten, wo so ungeheure Summen für ausländische Waaren, die Deutschland selbst liefert, erspart würden, wo es eine Seemacht bilden könnte, wozu es die günstigste Lage und alle Bedürfnisse in Ueberfluß hat, wo es die Kolonisten, die es so häufig für fremde Staaten liefert, für sich selbst benutzte – welches europäische Reich könnte sich mit den Deutschen messen? Der Karakter der Menschen ist größtentheils das Resultat ihrer Regierung. Der Karakter der Deutschen ist im ganzen so wenig glänzend, als die Verfassung ihres Reiches. Sie haben nichts von dem Nationalstolz und der Vaterlandsliebe, wodurch sich die Britten, Spanier und unsre Landsleute auszeichnen, so sehr auch ihre Dichter seit einiger Zeit diese Karakterzüge besingen. Ihr Stolz und ihr vaterländisches Gefühl bezieht sich bloß auf den Theil von Deutschland, worinn sie gebohren sind. Gegen ihre übrigen Landsleute sind sie so fremd, als gegen jede Ausländer. Im Gegentheil, in vielen Gegenden Deutschlands ist man ungleich mehr für einige fremde Nationen eingenommen, als für seine eignen Landsleute. Das Gefühl der Schwäche der kleinern Völkerschaften Deutschlands dämpft den Nationalstolz. Auch bloß deßwegen, weil Deutschland seine Kräfte nicht vereint gebrauchen, und seine Stärke andre Nationen fühlen lassen kann, werden seine Einwohner von andern Völkern verachtet, die nichts voraus haben als eine vestere Verbindung unter sich, oder eine lächerliche Eitelkeit. Wir beurtheilen die Menschen selten nach ihrem innern Werth, sondern bloß nach ihrem äussern Bezug. Wir schätzen den Russen, Britten u. s. w. nach dem Gewicht der ganzen Nation; aber nicht nach seinen Eigenschaften, und wenn er auch zehnmal mehr Barbar ist, als der Deutsche, so macht ihn die Stärke seiner vereinten Landsleute in Bezug auf andre Völker doch schätzbarer in unsern Augen. Wenn der Karakter der Deutschen nicht das Glänzende andrer Völker hat, so hat er doch seinen guten innern Gehalt. Der Deutsche ist der Mann für die Welt. Er baut sich unter jedem Himmel an, und besiegt alle Hindernisse der Natur. Sein Fleiß ist unüberwindlich. Polen, Ungarn, Rußland, die englischen und holländischen Kolonien haben den Deutschen viel zu danken. Auch sind die erstern europäischen Staaten einen Theil ihrer Aufklärung den Deutschen schuldig. Nebst dem Fleiß ist die Redlichkeit immer noch ein allgemeiner Karakterzug der Deutschen. Die Sitten der Landleute und Bürger in den kleinern Städten sind auch noch lange nicht so verdorben, als in Frankreich und andern Ländern. Sie sind auch eine Ursache, warum Deutschland bey der starken Auswanderung noch so bevölkert ist. Uebrigens ist Nüchternheit auf Seiten der protestantischen, und Freymüthigkeit und Gutherzigkeit auf Seiten der katholischen Deutschen ein schöner Charakterzug.