Johannes Dose Die ›erschreckliche Flut‹ von 1634 und der Untergang von Alt-Nordstrand Neuauflage des 1900 erschienenen Romans Der Kirchherr von Westerwohld M.-G.-Schmitz-Verlag Nordstrand/Nordsee 2010 Das Werk einschließlich aller seine Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in elektronische Medien. Gesamtherstellung und Copyright by M.-G.-Schmitz-Verlag Herrendeich 5, 25845 Nordstrand/Nordsee Telefon: 04842 900 215 / Fax: 04842 900 220 kontakt@schmitz-verlag.de www.schmitz-verlag.de * Aus dem Jahre 1903 stammt dieses zeitgenössische Urteil über Johannes Dose und sein Werk: [Johannes] Dose hat ein gewaltiges Vorbild in seinem Landsmann Storm, und obwohl er ein ganz anderes Genre vertritt als dieser, so hat er doch von ihm gelernt; und auch dazu kann man ihm nur gratulieren. Die gewaltige, oft so unheimliche Natur seiner Heimat versteht er zu packen und ergreifend in die Handlung zu verweben. … Die Dose'schen Bücher sind wie kaum andere eine fördernde ernste Lektüre für das deutsche evangelische Haus; daher ist auch ihre Anschaffung in Leihbibliotheken aufs wärmste zu empfehlen. Volksbibliotheken haben einen Schatz an ihm.« Professor Dr. Karl Kinzel * Nordsee – Mordsee Husum, die graue Stadt am Meere! Mit ihrem einzigartigen Kirchturme, der aus weiter Ferne wie ein maurisches Bauwerk anmutet, in nächster Nähe aber keinen, weder einen unchristlichen noch christlichen Baustil geschichtlicher Zeit erkennen läßt, liegt sie am Fuße des sandig-kahlen Geestrückens und schmiegt sich dicht an die grasreich-grüne Marsch. Dieser Kirchturm, von einem ihrer besten Söhne die Pfefferbüchse Husums genannt, verschaffte der Stadt einen gewissen, aber zweifelhaften Ruf in cimbrischen Landen. Durch den Sohn selbst aber – durch Theodor Storm – ist die graue Stadt am Meere im besten Sinne des Wortes namenskundig geworden vor vielen fleißig-friedsamen und unberühmten Landstädtchen Deutschlands. Die graue Stadt – ich habe sie gesehen an trüben Tagen, wenn der Westsee-Nebel wie schweigsame Wehmut sie umwallte. Heute jedoch, wo der Sonnenaufgang eines hellen Mittsommertages auf ihren Gassen lag und ihre Dächer vergoldete, war nichts Graues noch Grämliches an ihr. Nein, lächelnd und frohgelaunt, als ob der Himmel sie um ein paar Jahrhunderte verjüngt habe, blickte sie über die Marsch und das Wattenmeer dahinter. Träumte sie etwa von ihrer glücklichen Jugend, als sie noch ein überaus fruchtbares Hinterland besaß, dort draußen, wo jetzt das Meer in Flut und Ebbe wogt und wechselt, als Husum noch der große Hauptmarkt und Stapelplatz des Westens war? Ist sie darum meist so grau und trübe, und schaut sie darum so schwermütig über das Wattenmeer, weil es der Kirchhof ist von Rungholt und dem alten Nordstrande, weil ihr Herz trauert um eine ganze, große, untergegangene Inselwelt? Über das Wattenmeer wollte ich fahren, und zum Hafen lenkte ich meine Schritte. Aber staunend beugte ich mich über das haushohe Bollwerk, welches fast bis zum Grunde trocken war. Das Schiff lag behaglich-träge, in den schlammigen Grund eingewühlt, und sonnte sich. Da kam die Flut, nicht mächtig vom Meere draußen hereinströmend, nein, leise gurgelnd und fast geräuschlos, als brächen unsichtbare Quellen im Grunde auf, welche allmählich das Hafenbecken füllten. Mit steigender Flut verließen wir Husum. Es war ein eigentümlicher Anblick. In der Rinne gerade genug Wasser, daß das Schiff flott bleiben konnte, und zu beiden Seiten im Sonnenlicht blank glänzende Schlickflächen, die sich von einer großen Anzahl noch hellerer Wasserlachen abhoben. Zu unserer Linken lag das flache Vorland der Südermarsch, zur Rechten der hohe Festlandsdeich. Immer mehr schwollen die Tümpel an, lautlos versanken die grauen Schlickflächen. Ehe wir's uns versahen, war Meer rings um uns her; wir schwammen mitten darauf, unser Auge sah nur glitzerndes Wasser. Vor uns tauchte ein flaches Eiland mit seinen Windmühlen und Baumgruppen auf, das heutige Nordstrand. So niedrig wie die Watten, die eben zu Meer geworden waren, lag es da, aber ruhig und wohlgemut hinter seinen starken und hohen Deichen und sorglos die steigende Flut betrachtend. Große Scharen von Seeschwalben und schreienden Möwen umschwärmten unser Fahrzeug. Kaum einen Steinwurf von dem Buge desselben spielte ein Tümmler daseinsfreudig in den Wellen. Drüben auf einem hohen Watt wurden wir eines Seehundes ansichtig, der unbeholfen von seinem sonnigen Plätzchen herunter watschelte und seewärts strich. Unsere Augen suchten auf dem unendlichen Meere, dessen Wellengekräusel wie flüssige Silberflut leuchtete, geblendet suchten sie einen Ruheort und sahen in weiter Ferne kleine, dunkle Punkte. Bald hoben sie sich deutlich ab, und nur ein fein gezogener Schattenstrich verband sie. Das waren die Halligen der Westsee! Die Schattenlinie ist das flache Land, und die dunklen Punkte sind die Erdhügel, sind die Warfe mit den menschlichen Wohnungen. Von milder Ostbrise unhörbar getrieben, glitt unser Schiff immer näher den Inseln. Es war ein märchenhafter Anblick. Die Eilande schwammen in einem Lichtmeere, glänzend warf der Strand den Widerschein der Luft zurück. Wie mittelalterliche Burgen sahen die Warfe aus, und ihre Dächer ragten empor wie aus rasenbekleideten Ringwällen. Der Schiffer streckte die von Salzluft und Sonne braun gebeizte Hand aus und nannte ihre Namen. In einem Halbkreise von Norden nach Süden lagen sie, das kleine Habel, das lang gestreckte Nordmarsch-Langeness, Hooge, das heißt die Hohe, und drunten im Süden Norderoog und Süderoog, die beiden letzten und kleinsten Liliputaner dieser Zwerginselwelt. Und der Schiffer verdolmetschte ihre Namen: »Das Nordauge und das Südauge der Halligensee!« Ja, mit ihrem Grün blicken die Halligen wie lebendige Augen aus der großen%%%, grauen Meerfläche und halten nach Westen scharfen Auslug als die letzten Zeugen, die den Untergang überlebt haben. Wer weiß, wann auch sie sich schließen werden und der tote Schlick ihr lebendiges Grün für immer bedecken und begraben wird? – Ich stand auf der Hallig, und Rickmer, der Alte, ein Greis mit silberweißen Haaren, aber mit geradem Nacken und scharfem Blick, stand neben mir. Um den Feding herum, den kleinen Süßwasserteich, dahin das Regenwasser, das einzige Trinkwasser der Halligenleute, floß, lagen die blank gescheuerten Häuser und die sauberen Schafställe. Die Hallig ist ein weicher Teppich von saftig-kurzem Grase. Eine grünere Flur meine ich nimmer gesehen zu haben. Und doch wie weiße Wölkchen lag es im Grase – das waren die weidenden Schafherden mit ihren Lämmchen; wie eine weiße Wolke wob es über der Hallig hin und her – ein unzählbares Heer von zänkischen Möwen und friedlich-stillen Alken und Lummen. Rings um das Eiland lief ein dunkler Streifen mit eingestreuten weißen Pünktchen; und dieser Saum, aus Seegräsern und Muscheln gebildet, sagte: Bis hieher ging die letzte Flut! Als gegen Mittag die Vögel ihre Nester aufsuchten, war eine unsagbare Stille weltferner Einsamkeit auf der Insel. Mancher möchte die Halligenwelt arm und einförmig nennen. Aber sie hat auch ihre Schöne. Ihre Blumen blühten im Grase, der goldgelbe Hahnenfuß, der hellgraue Strandwermut und die violette Strandnelke. Sehet die Blumen auf dem Felde und die Gräser am Strande! Jene zeugen von der ewigen Meisterhand, die das Schönste schafft, und die Gräser predigen von der Vorsehung Weisheit! Denn das Gras am äußersten Strande ist der Queller, die allererste Pflanze des Vorufers, welche aus salzigem Grunde emporschießt. Mit ihren steifen Blättern hält sie die feinen, von der Flut heran gespülten Schlickmassen fest, daß sie sich lagern und den Grund erhöhen. Damit die Menschen des nächsten Jahrhunderts kommen und ihren Deich bauen um neu gewonnenes, Meer entrissenes Land. Die Queller, die unscheinbaren Gräser, nickten einander zu: Was, wenn wir wieder gut machten, was die böse Flut zerstörte! Und zäh und stille halten sie das Land fest. Das ist ihre Arbeit, ihre Treue im Kleinen und ihr Zukunftstraum. Auf der Hallig wird der Blick groß und weit. Im fernsten Osten verschwamm das Festland, aber deutlich sah ich den schlanken Kirchturm und die Mühle auf dem Bredstedter Berge, zwei alte Landzeichen für den Fischer und Wattenschiffer. Im Norden hob sich Föhr mit seinen Türmen, Mühlen und Dörfern; weit, weit dahinter schimmerte etwas. Der Alte sagte, es seien die Dünen von Sylt. Westwärts glänzten Amrums Sandberge in der Sonne, im Süden breitete sich die Marschinsel Pellworm, sicher hinter ihren Deichen und selbstgenügsam in ihrer fruchtbaren Fülle. Nach Südwesten aber war kein Land zu schauen, soweit mein Auge reichte, nichts als Wasser, wenn die Flut kommt, nichts als Watten und große Sandbänke, wenn die Ebbe geht. Einzelne Segel zogen am Gesichtskreise vorüber, Schmacken und Gallioten, die nach Hamburg oder Amsterdam fuhren. Dann erhob der Alte den Finger, wies eine kleine Strecke hinaus ins Meer und sprach ruhig: »Dort stand das Haus meiner Väter und meine Wiege, längst ist es verschlungen von der gefräßigen Flut.« Schlicht redete er davon, als von etwas Alltäglichem im Leben der Halligbewohner. Mein Sinn aber ward ernst und wehmütig, und ich dachte: Ob nicht diese Inselwelt versunken sein wird, ehe denn der Queller seine stille, Land gewinnende Arbeit vollendet haben wird? Es war Nachmittag geworden und draußen ebbte es. Rickmer, der Alte, reichte mir die ungeheuren Wasserstiefel. Wir waren gerüstet zum Schlicklauf und traten den Wattengang an. Die Lerche schwebte über der Hallig und schmetterte auch hier ihr Lied. Die Mücken tanzten in der Sonne, aber mitten in ihrem lustigen Reigen kam die Schwalbe angeschwirrt und machte ihrem Dasein ein Ende. Unzählige Nester befanden sich am Rande des Eilandes. Die Möwen stoben auf, und der Kiebitz umschrie uns. Auf dem grauen Watt wanderten wir, und der Schlamm quietschte unter unsern Füßen. Das war hier kein Gehen mehr, sondern ein mühsames Nachschleppen der schweren Stiefel. Ei, wie behände dagegen der graue Strandläufer auf dem Watt hin- und herlief, man hätte diesen leichtfüßigen Schlickläufer beneiden mögen. Wie geschickt der Regenpfeiffer über das Weichste hintrippelte, wie bedächtig der Austernfischer mit seinen roten Beinen auf dem Schlamme stolzierte! Müßte man nur nicht die zahllosen Wasserlachen umgehen, hätte man Flügel wie jener Fischadler, der über die Tümpel hin streicht, mit scharfem Auge sie bis auf den Grund durchspähend! Wären nur nicht die vielen Wattströme! Die kleinen Rinnsale sind wie Bäche und heißen Priele und wollen übersprungen werden; die grossen sind Flüsse und heißen Seegossen und müssen umgangen werden. Sind die Halligen grün in grün, so sind die Watten ein grau in grau gespanntes Netz mit eingestreuten Silberfäden. Die Fäden aber sind die Priele und Ströme. Am äußersten Rande des Wattenfeldes erblickte ich eine lange Reihe kleiner, tanzender, mit Schaum bedeckter Wasserkegel. So weit reichte das Meer zur Stunde, und welches Spiel trieb es! Mein Führer erklärte mir: Es seien Sandbänke dort, an denen die Wogen auf Widerstand stoßen und schäumend zerstieben, und das Kegelspiel der Wellen sei die Brandung. Wir stampften weiter. Schlamm und Schlick, wohin wir sahen! Was die Amphibien im Tierreiche, das sind die Watten unter den Landflächen der Erde. Ein halbes und geteiltes und trauriges Dasein führen sie, denn die Hälfte ihrer Zeit sonnen sie sich im süßen Himmelslichte, aber die andere Hälfte wogt die ätzende Salzflut über sie hin. Das im frischen Grün prangende Festland verachtet sie und nennt sie tot und trostlos, und auch die unergründliche Westsee achtet die Watten mit ihren Sandbänken und seichten Untiefen nimmermehr als ihresgleichen. Die Watten, ein ausgestoßenes Stiefkind der salzigen See und des grünen Landes, haben infolge dieses Zwitterdaseins ein so schwermütiges Gepräge, und ihre Farbe ist die graue der Melancholie. Dennoch sind sie nicht tot, sondern voll von Leben. In ihren Tümpeln wimmelt es von Krabben und kleinem Getier, über sie hin fliegt und flattert ein zahlloses Vogelheer in hundert Arten, welches hier Beute und reichliche Atzung findet. Eine rote Brandente, welche fleißig in einer Wasserlache fischte, sah uns mit ihren großen Augen höchst unwillig an und verließ mürrisch ihr Gewerbe. Sie mochte glauben, daß wir Krabbenfischer seien und ihr ins Handwerk pfuschen wollten. Leblos sind die Watten nicht. Und doch ist dieses amphibienhafte Meerland ein Denkmal der Vergänglichkeit und voll von deutlichen Fußspuren des Todes. Diesen Spuren gingen wir nach. Neben einem der größten Wattströme, der so genannten Pellwormer Tiefe, ragte aus der Sandbank ein Gerippe hervor – das mächtige Holzgerippe eines Ostindienfahrers, der vor Jahrzehnten hier gescheitert war. Rickmer murmelte geheimnisvoll von Schätzen, die, von Seetang und Muscheln umsponnen, noch ungehoben in der Tiefe liegen. Dann erzählte er, auf den Wattstrom zeigend: »Vor nunmehr vierzig Jahren legte sich hier im Strom ein Schiff vor Anker, um die Flut abzuwarten. Als sie den Anker aufwanden, deuchte er ihnen von ungewöhnlicher Schwere, und da er endlich empor tauchte aus dem Wasser, hing an der Spitze der Ankerhand eine große Kirchenglocke, welche einmal leise klang und dann lautlos hinab sank in das ewige Schweigen der Tiefe. War es eine der Totenglocken des alten Nordstrand, welche am jüngsten Tage dieser Insel zum letzten Mal geläutet hatte? * Wir näherten uns einer Sandplatte, aus der wie Hünengräber sechs hügelartige Erhöhungen empor ragten. Was sind sie und wie entstanden? Von der Flut abgenagte Warfe sind es, vor Jahrhunderten von Menschenhänden aufgeworfen, mit Häusern bebaut und dann von der Flut verspült. Auf der Stätte dieses untergegangenen Inseldorfes suchte ich. Pfahlstümpfe bezeichneten den Ort, wo der Wasserbehälter gewesen war. Die Zisterne selbst war versandet bis zum Rande. Daneben lagen einzelne Mauertrümmer, die Grundsteine des Hauses, und zahlreiche Scherben von zertrümmertem Hausgerät rings verstreut. Im Sande wühlte ich und förderte eine altertümliche Tranlampe zu Tage. Geleuchtet hatte sie in der letzten Nacht und war jäh erloschen, wie das Lebenslicht der vom Verderben Überraschten. Schätze fanden wir nicht, nur eine grün umsponnene Silbermünze, deren Umschrift ich entzifferte: Friedericus II, rex Danorum. Die Münze war gangbar um 1600. Rickmer, der Siebzigjährige, redete und ich lauschte: »Als ich noch ein Knabe war, bin ich oft mit meinem Großvater hinübergefahren zur Kirchwarf des alten Illgrof … bei Ostwind und niedriger Ebbe lagen die Trümmer der alten Kirche trocken … wir holten uns dort die Mauersteine für den Bau unseres Hauses, das jetzt auch längst vom Meere zerstört ist … rote, gewaltig große und gut gebrannte Steine waren es und nicht bröckelig, trotzdem sie ihre acht Stieg Jahre im Wasser gelegen hatten.« Ich hörte die Worte und wollte zur Illgrofer Kirchwarf. Auf den Gräbern der alten Friesen wandelten wir. Ein halb zertrümmerter Leichenstein ragte aus dem Grunde. »Hier ruht in Gott …!« lasen wir und weiter nichts. Ja, ihr unsterbliches Teil mag ruhen in Gott, aber ihre Gebeine haben keine Ruhe gefunden, sondern sind aufgewühlt worden von der rastlosen Flut, nur ihre Steine sind geblieben und haben sich vergraben im Schlicke. Auf der Illgrofer Kirchwarf stand ich sinnend und sah über das weite Wattenfeld. Und mein Führer erklärte: »Diese große, zusammenhängende Sand- und Schlickplatte wird von der Pellwormer Tiefe, der alten Hever- und der Schmaltiefe begrenzt, ist an vier Meilen lang und mehr als zwei Meilen breit und das größte von allen Wattenfeldern Nordfrieslands.« Da stand das Tote und Vergangene lebendig vor meiner Seele. Was ich schaute, war das alte, das untergegangene Nordstrand! Wo jetzt das Meer wellet und der Kahn des Kielwassers Furche zieht, zog einst der Pflüger seine Ackerfurchen und wogte das Weizenfeld. Mein Traum flog zurück um zwei Jahrtausende in Cimbriens Urzeit. Da war Land, Land, Land! Und von Röm über Sylt nach Helgoland reichte Cimbriens westliche Küste. Aber in einer Sturm- und Sündflutnacht brach das Wüten des Weltmeeres sich Weg zwischen Britannien und Gallien und stürzte durch die Straße von Dover auf das ahnungslose Flachland im Norden der Elbe. Verrückt waren Cimbriens Grenzen und seine Westgaue zerschlagen in kleine Inseltrümmer. Man richtete Bollwerke, Dämme und Deiche auf wieder den dräuenden Feind. Aber das Meer ruhte nicht, sondern sandte Flut auf Flut. Die wühlte und nagte, und ihr Tosen sagte: Wartet nur, ihr Dünen und ihr Deiche der Marschen, ihr sollt mein werden! Und sie wurden des Salzwassers Beute. Der Alte trieb zur Rückkehr. Wir richteten unsere Schritte heimwärts zur Hallig. Als wir sie betraten, hörten wir von draußen ein leises, dumpfes Rauschen. Die Flut kam, schon stieg das Wasser in den Rinnsalen und Prielen der Hallig. Im Halligenpesel standen Bücher auf dem Borte über der Tür. Begierig griff ich nach den Chronisten Nordfrieslands. Immer das alte und ewig neue Lied von Frieslands Fluten, von Sturm und Sterben; immer dieselbe Totenklage um versunkene Kirchen und verschwundene Dörfer! Was ich dort las und heute mit eigenen Augen gesehen hatte, klang fast einförmig und doch sehr grausig, klang wie der uralte Reimspruch dieses Landes: Nordsee – Mordsee! – Nordsee – Mordsee! Auf dem Hallig-Eiland hatte ich, während meine Augen auf dem weiten Wattenfelde ruhten, einen wachen Traum. Ich stand auf geschichtlichem Boden. Vor meinem Geiste stieg auf das alte Nordstrand mit seinen 20 Kirchspielen, seinen reich bebauten Warfen und seinen 9 000 Bewohnern. Ich sah es, wie es grünte und wie es groß war vor der im Jahre 1634 hereinbrechenden, landverderblichen Sündflut. Auf dem Kaland und in der Spinnstube Es war im Weinmonde, am Tage Burchardi des Jahres 1633. Die Tenne war zum Notstall eingerichtet worden. Sieben schwere Dänenrosse standen auf derselben und knusperten behaglich den Zehntenhafer. Das Korn war heuer trefflich geraten und trocken geborgen. Die sieben waren Kenner, die sich auf Hafer verstanden; und er mundete zwiefach gut, weil sie nicht im Schweiße ihres Leibes die Saatfurche gezogen, noch die Garbe heimgeholt hatten. Alle sieben waren nämlich Pastorengäule. Im getäfelten Pesel des Hauses saßen auch sieben – und noch ein Achter – und man sah auf den ersten Blick, daß alle acht geistlichen Standes waren. Am Gewande erkannte man's, wie den Vogel an den Federn, aber auch am redefrohen Gezwitscher und dem Gespräch, das sie pflogen, denn von Zehnten und Pastoreien und Neubestallungen, von Kometen, von Konkordienformel und kalvinischen Irrtümern redeten sie, von den zwei letzten Dingen am längsten und am lautesten jedoch. Der in dem großen, mit Kissen belegten Armstuhle saß, füllte mit seinem gewichtigen Leibe seinen Platz völlig aus und war der Präpositus und Propst Vincentius von Buptee. Die Mehrheit der Acht hatte runde Wangen und ein zwiefaches Kinn, welches darauf deutete, daß auch die Herren der Rosse Kenner wären und sich auf Speise und Trank wohl verstünden. Das Haus stand auf der Kirchwarf. Der Pastor loci nannte sich deutsch und schlicht Hermann Schröder, war ein schüchterner Mann und saß auf dem schlechtesten Stuhle von Strohgeflecht, hieß zwar von Amts wegen Kirchherr von Illgrof, stand aber im Hause unter dem Regiment seiner Hausehre und seiner zwei Töchter – unter einem Triumfeminat, wie der Präpositus zu scherzen beliebte. Heute war die Versammlung in Illgrof anberaumt, und die Pastores der Beltring Harde hielten ihren Kaland ab. Ein neues Buchwerk lag aufgeschlagen auf dem Tische, das Opus Cimbricum , darin die griechische, lateinische und deutsche Bibel gegeneinander gestellt waren und ein kurzer Anhang von den Sternruten, so man Kometa heisset, handelte. Es war von Pfarrhaus zu Pfarrhaus gewandert und sollte jetzo in amtsbrüderlichem Disputat besprochen werden. Herr Schröder blätterte unruhig nach hinten, bis zum Titel des Anhangs. Nur den letzteren hatte er mit Fleiß studiert und sprach furchtsam: »Ob nicht die Sternrute, welche letztlich am Himmel gestanden und mit ihrem gräulichen Schweife viele Gemüter erschreckt hat, ein Unglück für diese Meer- und Marschländer vorbedeutet …? Schon zuvor …« Der im Armstuhle seinen Platz ausfüllte, schnitt ihm die Rede ab: »Schon zuvor haben die Menschen Wahrsager gesucht und sind in den Wahnglauben verfallen, als wären die Wandelsterne böse Omina. Sie haben aber ihren Lauf und sind von Natur!« Ehren Schröder verstummte, ein in der Kunst des Schweigens geübter Mann. Aber ein anderer schwieg nicht. »Redet nicht Gott im Wetter, obschon Blitz und Donner aus natürlicher Ursach entstehen? Auch der Regenbogen ist von Natur und dennoch von Gott zum Bundeszeichen gesetzt, daß hinfüro keine allgemeine Sündflut mehr sein soll.« Es war eine Stimme, klangvoll wie Erz, die also gesprochen, eine kraftstrotzende Gestalt, ein knochiges, sonnengebräuntes Antlitz ohne Doppelkinn und mit schmalen Lippen. Es war der Pastor Peter Boethius von Westerwohld, der die buschigen Brauen zusammenzog und mit den grauen Augen den Propst fest ansah. Dieser lehnte sich kalt zurück. Einer der Amtsbrüder sprach ruhig und ließ die Tatsachen reden: »Anno 1572 ist ein neuer Wandelstern von dem Mathematiko Tycho Brahe observieret worden, worauf in den Niederlanden der Herzog von Alba 30 000 Menschen hat hinrichten lassen. In Frankreich schien ein Komet, dessen feuriger Schweif an 70 himmlische Grade lang war, und sind daselbst auf der so genannten Pariser Bluthochzeit an die 72 000 Menschen massakrieret worden.« Ein Zweiter fragte: »Und was der neuliche Komet, welcher im Jahre 1618 kurz vor dem grausamen, noch immer in Deutschland wütenden Kriege erschien und die größeste unter allen bisherigen Sternruten gewesen ist? Ich stehe nicht an zu glauben, daß sie Krieg, Seuche und großes Sterben bedeuten und daß diejenigen Länder, welche unter dem himmlischen Zeichen, so der Komet durchwandert, belegen sind, davon betroffen werden.« Der Präpositus richtete sich auf: »Ich gestehe, Eure Astrologie stehet mir gar nicht an; besser gefällt mir, was ein verständiger Mathematikus davon demonstrieret: Sie seien keine festen Körper, sondern nur leere Dünste, von den Planeten ausgehauchet und von den Sonnenstrahlen beleuchtet, mithin ihr Feuerschweif nur ein Widerschein und sie selbst nichts anderes als eine harmlose Himmelswolke! Miraculi non sunt fingenda , das heißet, wir sollen uns mutwillig keine Mirakel machen, auch nicht glauben, daß Gott durch übernatürliche Zeichen uns etwas sagen oder gar uns Menschenkinder erschrecken wolle.« Peter Boethius von Westerwohld sprach: »Mit Verlaub! Wenn ich sah, daß mein Knabe unten auf der Warf ein unnütz und ungeziemend Werk übte, zeigte ich ihm wohl die Rute am Fenster, und alsogleich ließ er davon ab. Also stecket Gott seine Sternrute an das Himmelsfenster, zum Zeichen, daß er sich anschicke und seine grimme Zornesrute hervorhole, uns zu stäupen mit Krieg und großem Sterben, wofern wir nicht ablassen von der Sünde und Bosheit.« Der Propst Vincentius betrachtete den Sprechenden mit halb zugekniffenen Augen. Sein feistes Antlitz hatte etwas Lauerndes und Arglistiges zur Stunde. Als Boethius geendet, murmelte er spöttisch: »Sapienti sat« , schlug im Opus Cimbricum nach vorne und legte die fleischige Hand auf Römer 9: »Hat keiner der Brüder die Stelle angemerkt und Unrat gefunden?« Das Buch ging von Hand zu Hand, zwei Kurzsichtige steckten gleichzeitig die Nasen tief hinein. Einer, der eine gute Witterung hatte, äußerte: »Es sind Irrtümer drin …« Der Präpositus schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: »Ja kalvinische Irrtümer in der Übersetzung dieses Kapitels von der Prädestinatio, der göttlichen Vorherbestimmung!« »Haben sich eingeschlichen …?«, meinte die Spürnase. »Oder sind mit Fleiß hineingestellt worden!«, meinte der Präpositus. Erschrecktes, aber kurzes Schweigen! Der Verfasser des Werkes war ein lutherischer Pastor in Hamburg! Dann ein Geschwirr vieler Stimmen, vier Köpfe beugten sich gleichzeitig über das Buch, eine große Unruhe war in die geistlichen Herren gefahren. Die Konkordienformel ward geholt und eifrig verglichen. Immer lauter ward das Gespräch, klang fast wie ein Gezänk und war doch ein einmütiges Verdammen der kalvinischen Irrtümer. Dem Propsten wurde so warm dabei, daß er sich ein paar Mal mit dem Nas-Tüchlein über die Stirn fahren musste. Nur einer teilte nicht die Aufregung der Amtsgenossen, sondern lehnte fast gleichgiltig an seinem Stuhle. Der Prediger von Volksbüll machte den Vorschlag, die Irrtümer auszuziehen, eine kräftige Verwahrung dagegen einzulegen, mit den nötigen Beweisen zu versehen und an den Verfasser einzusenden. Aber der Propst sprach: »Mitnichten an den Verfasser, sondern an den Senior des Hamburger Ministeriums, damit er selbigen zur Rechenschaft ziehe wegen Religionsvermengung und grober kalvinischer Ketzerei.« Da regte sich der Gleichgiltige, Boethius' markige Stimme klang sanft, und die scharf geprägten Züge mühten sich, einen milden, fast bittenden Ausdruck zu gewinnen: »Warum dem Mann solch Leid antun? Er wird ein fremdes Werk benutzt und unwissentlich die Translation gebraucht haben! Warum eine peinliche Anklage, wo eine freundliche Belehrung Wandel schaffen mag?« Vincentius sah, daß die Mehrheit der Köpfe bei diesem Vorschlage leise nickte. Die Pastores der Beltring Harde wussten nämlich, wie unangenehm Anzeigen bei einem Präpositus werden können, und wünschten keine Denunziation. »Ei, Konfrater Boethius, Ihr habt am Ende selber eine kleine kalvinische Ader …« Der Angeredete gab schnelle Antwort: »Hochwürden, wolltet Ihr geistliche Baderarbeit verrichten und mir die Ader stechen, würde nicht viel herauskommen, denn einen besseren Lutheraner als mich wird man in den Fünfharden nicht finden.« Derb und etwas despektierlich klang die Rede in Vincentius' Ohren, und der würde nicht geschwiegen haben, wenn nicht die Frau des Hauses hinein getreten und mit höflicher Referenz vor ihm die Meldung getan hätte, daß sie ein wenig Speise und Trank für die Gäste bereitet habe. Fast behände erhob sich die schwere Gestalt und leistete ihrem Wunsche bereitwilligen Gehorsam. Auf der großen Diele, welche durch die ganze Breite des Hauses ging und von lieblichen Bratengerüchen, aber auch von leichtem Rauchgewölk erfüllt war, hatte man den Tisch gestellt. Unter zinnernen Tellern und Krügen prangte ein einziger Krug aus gediegenem Silber. Der Propst sah ihn und wußte, wo sein Platz war, die übrigen Herren setzten sich, jeder hinter seinen Zinnkrug. Die Töchter, welche nicht die friesische Kleidung Nordstrands, sondern die städtische des Festlands trugen, warteten auf bei Tische. Eine Vorsiedung, d. %%%i. eine Suppe mit darin schwimmenden, großen Stücken Ochsenfleisch, wurde gereicht, zum andern ein ganzer gekochter Schinken. Peter Boethius aß fast schnell und zur reichlichen Sättigung von diesen zwei Gerichten. Dann legte er sein Eßgerät von sich und verneigte sich dankend vor der Tochter, wenn sie ihm die weiteren Schüsseln hinhielt. Denn es gab noch zum dritten gesottenes Rindfleisch in einem Stücke, zum vierten gekochten Fisch, zum fünften gedämpftes Schaffleisch, zum sechsten einen feinen Gerstenbrei, mit Gewürz bestreut und mit süßem Biere dazu, zum siebenten und letzten aber Butter und Käse. Das Mahl dehnte sich nun schon über zwei Stunden aus. Eine bauchige Tonne war auf einen Stuhl gestellt. Schnell füllte die jüngere Tochter die fleißig geleerten Krüge. Insbesondere der Silberkrug machte oft die Wanderung und ging mit einem guten Beispiele voran. Das Antlitz des Präpositus wurde leutselig, und seine kleinen Augen bekamen allgemach einen feucht-fröhlichen Glanz. Immer röter wurden die Wangen und immer lauter die Reden, oft sprachen zur selben Zeit alle durcheinander – bis auf den einen, der im Trinken ein sehr mäßiger Mann zu sein schien und immer schweigsamer wurde. Es war nach acht Uhr, und Peter Boethius' knochiges Gesicht hatte nichts Leutseliges noch Fröhliches, sondern einen so gestrengen Zug, daß ein Fremder ihn für den Präpositus gehalten hätte. Der Pastor von Volksbüll ergriff das Wort und ehrte die Hausfrau für Speise und Trank, die trefflich seien. Dann aber setzte er hinzu: »In einem reichen und fetten Lande wohnen wir, das fast mit einem Erdenparadiese zu vergleichen, denn es hat Korn und Fleisch die Fülle, dazu auch Malz und Bier. Ich gedenke der vorigen Zeit, da ich auf der hohen Geest des Festlandes in Viöl Pastor war und ein Wallensteinsches Regiment unser armes Dörflein gänzlich ausgeraubt hatte. War dazumal sehr böse Zeit, und ich bin in das Haus eines armen Kätners gekommen, wo ein Gericht auf dem Tische gestanden, das ich noch nimmer gekostet, denn das Essen war nichts als in Wasser gekochte Kohlstrünke. Wir wollen Gott loben, daß unser Los aufs Lieblichste gefallen und daß wir in einem Lande wohnen, dessen Fruchtbarkeit schier unermeßlich zu nennen, auf einer Insula und Meerburg, dahin der Feind, der rings in Deutschland brennt und mordet, nimmer gekommen ist und noch hingelangen wird.« Die Rede fand Beifall. Dankbar wurden sämtliche Krüge geleert – bis auf einen. Boethius murmelte: »Wir haben zwei schlimmere Feinde als Tilly und Wallenstein – das salze Wasser und den Weststurm.«%%% Mehrmals äugte Vincentius mit halb gesenktem Lidern hinüber; jetzt wandte er sich an ihn: »Konfrater Boethius, seid Ihr nicht wohl an Eurem Leibe, daß Ihr Speise und Trank verschmähet?« »Ich habe sattsam gegessen und getrunken zur Aufrechterhaltung des Leibes, wie es sich gebühret!« Vincentius krauste die Stirn und fragte spöttisch: »%%%Oder sinnet Euer Geist über tiefe Spekulationen?« Schlagfertig kam die Gegenrede: »Ich sinne über die Bestimmung unserer Kalandsbeliebung, welche am fünften lautet: Es soll den Brüdern eine nüchterne und mäßige Erquickung gegeben werden, nämlich zum ersten eine Vorsiedung, zum anderen ein gesottenes Gericht, zum dritten Grütze oder Brei, mit Safran zubereitet … Darüber hinaus aber darf nur Butter und Käse hinzugetan werden.« Wie ein Schlag auf den Mund wirkte die Rede, alle verstummten. Der Präpositus gab zuerst einen Laut von sich, der wie ein Grunzen klang: »O-ho, o-ho … Ihr wollt mich und die Brüder meistern, daß wir der Gottesgabe uns erfreuen und fröhlich und guter Dinge sind?« Dann hob er die Stimme und sprach die folgenden Worte, wie der Richter, der den Malefikanten das Gesetz verliest: »Es stehet zum achten in unserer Beliebung: Alle sollen zur brüderlichen Liebe verpflichtet sein, item soll bei der Kalands-Gasterei der Brüder kein Gezänk geduldet werden, auch nicht einer den andern durch kränkende Reden anzwacken.« Peter Boethius schwieg. Es war ein beredtes Schweigen. Die Sieben vergaßen bald des Zwischenfalles und wurden redselig wie zuvor. Der Pastor loci , der schüchterne Schröder, schaute fast kecklich drein und erzählte eine lustige Geschichte. Die älteste Tochter kehrte das Sandglas um, ein Zeichen, daß die neunte Stunde überschritten sei. Ein wenig beschwert schon vom Biere, erhob sich der Propst, lächelte selig und brachte stückweise die Rede hervor: »Es ist eine schlechte Sitte auf hiesiger Insel, daß viele das Malz zum Biere bei Torffeuer rösten, wodurch das Getränk einen unfeinen Beigeschmack erhält. Wenn es aber bei Holz gedörrt ist, als die Kundigen tun, ist das Nordstrandinger Bier sehr gut, wofern denn nicht des lieben Wassers zu viel dazu getan wird. Der löblichen Wirtin zu Ehren, welche am Malze nicht gespart hat, aber mit dem Wasser schonsam umgegangen ist!« Man trank und lachte. Nur der Pastor Boethius lachte nicht, sondern erhob sich schweigend. »Wollt Ihr gehen?« »Ja, ich will nicht gebrücht werden, noch unter das Gesetz der Beliebung fallen, daß keiner der Brüderschaft bei der Kollation über die neunte Stunde spät abends sitze, bei acht Schilling Busse für jeden.«%%% Alle gafften ihn sprachlos an, und Boethius ging mit kurzem Gruß. Als dieser auf der Tenne seinen Gaul anschirren ließ und selbst mit Hand anlegte, fanden die Herren auf der Diele wieder Worte. Zuerst Vincentius: »Unserm Konfrater Boethius scheint feine Sitte fremd, und er weiß nicht, daß es mir zukommt, die Tafel zu beenden.« Da fiel das Wort: Pastor rusticus ! Der Bauernpastor! Und alle lachten. Der von Volksbüll erkundigte sich, woher der Beiname rühre. Und die Antwort lautete: »Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre, ehe er den Gänsekiel zu führen lernte, hat er mit der dreizinkigen Feder, so man gemeiniglich Mistgabel nennt, geschrieben. In Westerwohld und umliegenden Kirchspielen ist viel Gerede vom ›Bauernpastor‹, und jedes Kind weiß, daß Boethius gemeint ist.« Der, welcher also Gegenstand des Kalandsgesprächs geworden war, bestieg sein Gefährt – einen schlichten Kastenwagen –, setzte sich in den Stuhl, der in Ledergurten hing, und drückte eine Münze in die Hand des Pferdeknechts, welcher ihm die Zügel gereicht hatte. Es war ein Vier-Schilling-Stück. Der Beschenkte schnalzte mit der Zunge und schmunzelte: Herr Boethius weiß, wie einem armen Ackerknechte zu Mute ist und was ihm Not tut! Boethius fuhr heimwärts in der mondhellen Herbstnacht, denn die Kalandsversammlungen wurden mit Ab- und Fürsicht auf Vollmondzeiten verlegt. Die Gräben zu beiden Seiten standen voll Wasser. Auf dem Wiesengrunde wob leichtes Nebelgewölk, darüber lag das weiße Mondlicht wie unendliche Stille. Er hörte nur zuweilen eine spät weidende Kuh, die das Gras rupfte, und immerzu das Aufspritzen des Schlammes unter den Rädern, die im ausgefahrenen Wege versanken. Der Gaul bedurfte keiner Leitung, sondern fand selbst den Weg in seinem Stalle. Dachte Boethius an die Ereignisse des Tages? Oder worüber sann er, so nachdenklich in die flache Mondlandschaft hinaus starrend? Das derb geschnittene Gesicht hatte etwas Vergeistigtes und der Mann seine schwermütige Stunde, denn er dachte an sein vor Jahren verstorbenes Eheweib, auf deren Grab er die Inschrift gesetzt hatte: Hier ruhet Gunna, die mit ihrem Mann fünfundzwanzig Jahre ohne irgend einen Streit oder Klage gelebt hat! Dann verfloß allmählich die Gestalt der Toten und wurde zur lebendigen Erinnerung. Seine Gedanken beschäftigten sich mit seiner Tochter Etta, die der Mutter leibhaftiges Ebenbild war. Der Weg ging aufwärts und dann auf einem Erdwalle entlang. Während er auf dem hohen Deiche, welcher von Süd nach Nord die Insel in einer Länge von zwei Meilen durchschnitt, heimwärts fährt, betreten wir die Pastorei in Westerwohld. Grau und alt ist das Haus und bietet den Einkehrenden einen ernsten Willkommensgruß, denn über dem Rundbogen seiner Tür steht die alte Inschrift, groß und lesbar im Mondlichte: Du mußt dervan – Gedenke dran! In seiner ganzen Breite ist das Haus durchquert von der großen Diele, und die Küche mit dem Herde, auf dem ein Torffeuer brennt, ist nur ein offener Seitenraum derselben. Niedrig hängen die ellenbreiten Eichenplanken der Decke, bis hinauf an sie reichen zwei hohe Schränke. Auch stehen auf der Diele zwei Truhen mit eigenartigem Schnitzwerk und blanken Beschlägen. Am Eisenhenkel der einen hatte Boje, der Knecht, das Ende des Strohseils, welches er flocht, befestigt. Alget, die spinnende Magd, stieß mit dem ledigen Fuße das verschüttete Stroh aus ihrer Nähe. Boje fragte sanft: »Warum schaust du so scheel und verziehst den Mund? Ich werde es nachher auskehren.« Sogleich strammte sie die Lippen fest zusammen und schwieg. Algets Hände waren rauh, und ihre Gestalt derb und gedrungen, aber das Antlitz, durch das Kopftuch gegen Sonne und Wind geschützt, wäre fast wohl geraten, wenn nicht der Mund ein wenig schief im Gesicht stände. Ein hervor stehender Zahn nämlich hatte sich nicht in die Ordnung der Zähne gefügt, sondern die Oberlippe aus ihrer Lage verdrängt. Darum preßte Alget die Lippen zusammen und schwieg. An einem Pfosten hängt die Lampe mit doppeltem Rohr und Docht, wie eine kleine Gießkanne gestaltet, und verbreitet sparsame Helle. Aber diese mächtigen Pfosten, die unsern Blick auf sich ziehen und die innerhalb der Außenwand in der ganzen Länge und Breite des Hauses stehen und das Dach tragen, was sollen sie? Mit weiser Rücksicht auf die Sturmfluten sind sie errichtet und sollen das Dach tragen, wenn die Wogen hereinbrechen und die Wände zerschlagen sind. Und diese Pfosten reden auch; sie besagen gewissermaßen daßelbe wie die Türinschrift: Du mußt dervan – gedenke dran! Unter der Lampe lehnte Etta, des Hauses Tochter und Herrin, verknüpfte den Wollfaden des Strumpfes und schaute einem Kätzchen zu, das mit dem Knäuel in seiner zierlich-drolligen Weise spielte. Die großen, blauen Augen der zwanzigjährigen Maid, deren frisches und fast rundes Antlitz auf weichem Schneegrunde rosigen Hauch hatte, lächelten kindlich und gütig, als sie sich erhob und das Kätzchen auf den Schoß nahm. Dabei fielen ihr zwei schwere, roggengelbe Zöpfe über den Gürtel hinab. Ettas Gestalt wäre etwas zu groß unter dem Frauengeschlecht unserer Tage, war sie doch die stattlichste unter den Friesenfrauen Nordstrands, aber trotz der kräftigen Körperfülle dennoch schlank und biegsam. Im halbdunklen Hintergrunde saß ein stilles Paar, das zu träumen schien, und die Hände lässig im Schoße hielt, ein junges Mädchen mit braunem Haar und fast übergroßen Augen in dem schmächtigen Antlitz – das war Hertie, die eine Waise war und als Pflegetochter des Hauses gehalten wurde – und ein junger Mann mit einem sanften, milden Ausdruck in den blassen Zügen. Karl Heimreich Boethius war nicht wie die Schwester, sondern ein von Geburt an schwächliches Kind gewesen. Seit einem Jahr kränkelte er an der Brust, litt am bösen Seitenstich und hatte nach der Ostervakanz, nicht wieder auf die hohe Schule, wo er fleißig Theologika getrieben hatte, ziehen dürfen. Nun harrte er geduldig und hoffnungsvoll auf Genesung, und erholte sich sehr allmählich von seinen Gebresten, indem die Ruhe und die kräftige Salzluft der Heimat seinem Leibe wohl tat. Außer den fünf Genannten, welche zum festen Hausbestande der Pastorei gehörten, waren noch andere Personen, durch Nachbarschaft oder gelegentliches Dienstverhältnis dem Pfarrhause zugetan, auf der Diele versammelt und jeder mit seiner Handarbeit beschäftigt. Der große Raum mutete wie eine große Spinnstube an, wenn auch das wortkarge Wesen sich weniger mit einer solchen zu reimen schien. Doch das war friesische Weise. Dem glühenden Torffeuer des Herdes am nächsten saß ein Greis mit sehr starkem, aber schneeweißem Haar. Mit seinen Händen griff er zwei Weidenkörbe, nahm aus jedem ein Büschel und kratzte dann die Wolle, und zwar weiße und schwarze, durcheinander, denn also sparte man den Färber. Dabei nickte er beständig mit dem weißen Haupte auf und nieder. Doch war es ein unfreiwilliges Nicken, darüber er keine Gewalt hatte. Seitdem er nämlich von der schlimmen Gesichtsgicht heimgesucht worden, hatte er diese Zuckungen, und der alte Kopf wollte nimmer ganz still halten. Aber die Hände des Alten zitterten nicht, sondern griffen fest und fleißig zu, auch die Füße des Achtzigjährigen verrichteten ihre Hantierung wie vor dreißig Jahren, klommen die steile Leiter hinauf und machten sichere Tritte auf den schwankenden Dachsparren. Sönke war nämlich ein Dachdecker, welcher in seinem Häuschen auf der Nachbarwarf wohnte und tagtäglich seinem Berufe nachging, solange es Arbeit gab. Zwei Dirnen drehten das Spinnrad, die eine war Alma, sein Enkelkind. Stumpfnasig und lebhaft, drehte dieselbe nicht bloß das Rad, sondern auch die Augen – zwei lustig-lose Augen – beständig hin und her, als suchten sie Kurzweil. Da fanden sie solche. Algets Rad surrte nicht mehr, ihr Kopf neigte sich sanft und seitwärts, die müden Magd, die seit vier Uhr morgens auf den Beinen gewesen war, wollte entschlummern. Almas übermütige Augen forderten den Knecht auf, neckischen Unfug zu üben. Boje aber reichte ihr aus dem Strohbunde den längsten Halm. Doch Etta Boethius erhob die Hand und rief: »Alget, Alget!«, wandte den Kopf nach Sönke hin und sprach: »Wir möchten bessere Unterhaltung … erzählt Ihr etwas, was die Hände munter und die Augen offen hält. Und wenn es auch ein altes Stücklein wär'.« Der Alte schmunzelte, denn er war wohl bewandert in Frieslands Historie und redete gern. »Von Rungholt, das in der großen Manndränke untergegangen ist?«, fragte er, »welches mit allen seinen Häusern in der See steht und dessen Türme bei hellem Wetter sichtbar werden, so daß Vorüberfahrende den Glockenklang gehört zu haben vermeinen.« »Habe nichts gesehen und nichts vernommen, obschon ich oft bis zum äußersten Watt gelaufen bin und auf die Rungholter Tiefe hinaus gelugt habe«, fiel ihm seine Enkelin in die Rede, »die Fabel von Rungholt weiß auch jedes Kind im ganzen Nordstrande.« Der Alte nickte mit dem weißen Kopfe und murmelte, als spräche er mit sich selber: »Ist keine Fabel, und zwiefach ist Frieslands Feind … der eine kommt vom Westen und ist das salze Wasser und die Springflut, der andere bricht vom Osten, vom Festland ein, der Däne und der Holstenherzog, der uns Landrecht und Gerechtsame nehmen und seine Gesetze geben will …« Dann fuhr er wie aus einem Traume empor und sagte laut: »Soll ich erzählen von Wessel Hummer, dem Rademacher von Pellworm?« »Hebt an, Sönke!«, ermunterte Etta freundlich, obschon sie nicht zum ersten Mal vom Rademacher hörte. Der Hochbetagte ließ die Hände ruhen und begann: »Ich zähle jetzt vier Stieg Jahre … rechnet zurück, etwa um das Vierfache meiner Zeit, da lebte ein König in Dänemark, der hieß Abel und war doch ein Kain, ein Brudermörder, denn meuchlings ließ er seinen Bruder, den König Erik, auf dem Schleistrome, wo er am schmälsten ist, töten, reinigte sich durch einen falschen Schwur, tat also Meineid zum Mord und setzte sich die blutige Krone aufs Haupt. Erik war tot, aber der ewige Gott lebte, und Abel fand nicht einen bequemen Strohtod in hohen Jahren, sondern erlitt ein baldiges und böses Ende. In Geldnot, wie alle Dänenkönige, ließ er sogleich eine allgemeine Landsteuer ausschreiben, aber die Friesen hatten ihr Gut auf Deiche und Dämme verwandt und sandten seine Säckelmeister leer heim. Da zog Abel auf Schiffen den Eiderstrom hinab, mit Gewalt das freie Friesland zu zwingen. Aber das alte Sprüchlein: Lewer dod as Slav! scholl rings in den Uthlanden, und die Männer von Siebenharden liefen zu Hauf. Das Meer, sonst Frieslands Feind, kam ihnen zu Hilfe und ebbte so tief wie kaum zuvor, daß des Königs Schmacken in Schlick und Schlamm stecken blieben. Seine schwer gewappneten Mannen versanken im Sumpfe und wurden erschlagen. König Abel floh und suche die hohe Geest zu gewinnen. Auf seinem Hengste sprengte er über den Milderdamm und schien gerettet. Aber hinterrücks kam der Tod, denn hinter einem Brückenpfeiler stand Wessel, und des Rademachers wohl gezielte Axt zerschmetterte dem Brudermörder das Haupt.« Der Sprecher schwieg und nickte weiter. Die Räder hatten nicht aufgehört zu surren, und keine Spannung war auf den Gesichtern zu lesen, denn es war eine alte Historie. »Wir sollten von Wessels Geschick hören«, mahnte Etta. »Wessel ward wiederum ein Rademacher in Pellworm und verschwieg seine Tat«, sprach Sönke, »denn hinterrücks deuchte sie ihm, und die Axt … die Axt, mit der er sein Handwerk trieb, brannte ihm von nun an in der Hand. Darum warf er sie von sich und ging als Schiffer aufs Meer, dort Ruhe zu suchen. Auf allen Gewässern trieb er sich umher, und seine Genossen wunderten sich, warum der stille Mann so verdrossen und unfroh sei, bis einer vom Festlande ein dunkles Gerücht mitbrachte, daß an der Axt, mit der Wessel vom Milderdamme heimgekehrt, Blut gesehen worden sei. Eines Tages nun erhob sich ein wilder Sturm in der Nordsee, und das Schiff, auf welchem Wessel fuhr, wollte vergehen. Jeder schrie zu seinem Heiligen in großen Nöten. Auch der Schweigsame tat plötzlich den Mund auf, aber nicht zum Gebet, sondern zu den Worten: ›Ich war's, der König Abel auf dem Milderdamme erschlug, und es ist um meinetwillen, daß Sturm und Wellen sich wider uns empören. Stoßet mich ins Meer, daß Ruhe werde und Gott meiner Seele gnädig sei!‹ Die Schiffsleute taten ihm seinen Willen, und kaum war er verschlungen von der See, als sie aufhörte zu toben und es ganz still wurde.« Sönke schwieg. Längst kreisten die Räder nicht mehr. Ganz still und lautlos war es auf der großen Diele der Westerwohlder Pastorei geworden. Der Greis nickte mit verschlossenen Augen und murmelte dumpf: »In vierhundert Jahren kommen und gehen zehn Geschlechter der Menschen … das Geschlecht der Wessels ist geblieben auf diesem Eiland, drunten in der Pellwormer und hier in unserer Beltringharde …« Etta hing an dem Mund des Alten mit großen, fast schreckhaften Augen und hielt den Atem an, daß kein Laut ihr entgehe. Aber Sönke langte nach dem Wollkratzer, um seine Arbeit wieder aufzunehmen. Da entglitt das Kätzchen ihrem Schoße, und sie stieß die Worte hervor: »Alles, was im heutigen Nordstrande Wessel heißt, wollt Ihr herleiten von jenem Wessel, dem Pellwormer Rademacher und Königsmörder … wo steht das geschrieben?« Sönke erwiderte ruhig: »So sagte mein Großvater uns vor siebzig Jahren … und der hatte gehört, daß sein Urgroßvater es erzählte … Als ein hartes Geschlecht werden die Wessels von jeher geschildert, bei allen der starke Wille und der ruhelose Sinn … bei einigen zum rechten Männerstolz geworden, der einstand für Frieslands Freiheit, bei den meisten aber zum ruchlosen Treiben und Tun …« Was jagte das Blut in Ettas Wangen? Nach einer Weile fragte sie scheu und leise: »Volquart Wessel, unser Kirchspielvogt … und … sein Sohn Edleff …?« »Stammen im zehnten oder zwölften Gliede vom Rademacher her und sind so gut wie die in Pellworm und Trindermarsch Wessels«, sprach Sönke. »Ja, echte und rechte Wessels!«, bestätigte der Knecht Boje. Etta starrte ins Leere. Nach einer Weile wandte sie den Kopf so eilig, daß zwei Locken ihr in die Stirn fielen. Sie wurden nicht zurück gestrichen und mehrten den Eindruck der Verwirrung, welchen das Mädchen machte. »Was wolltest du sagen, Boje?« Der Knecht machte ein verschlagenes Gesicht: »Davor soll mich Gott und das achte Gebot bewahren, daß ich unsern Nachbarn afterreden und etwas Übles nachsagen sollte dem löblichen Kirchspielvogte oder seinem langen Sohne …« Er grinste unbemerkt beim letzten Worte und fuhr fort: »Aber der Vater, mithin Edleffs Großvater, Bernt Wessel, der jetzt unter dem stattlichsten Leichensteine der Kirchwarf liegt, hat zwar unermeßlich viel Geld und Gut, aber eben nicht das beste Gerede hier oben auf de Erde hinter sich gelassen.« Der Sprecher dämpfte die Stimme zum Flüstern: »Hat nicht Eure Frau, Sönke, ihn nächtlicherweile umgehen sehen, wie er an den Grenzsteinen rückte?« – Der Greis schüttelte das Haupt. – »Sonsten, alle alten Weiber in Westerwohld wollen ihn gesehen haben. Obschon er mit großem Gepränge und vollem Geläut beigesetzt ist, will er nicht liegen bleiben in seinem Eichensarg, sondern der alte Sünder stehet auf wie ein Geist und Gespenst und erschrecket die Lebenden, dieweil er stumme Sünden begangen hat …« Aller Augen hingen gespannt, Ettas aber mit einem angstvollen Ausdruck an den Lippen des Knechts. Nur Alget schien gleichmütig und erkundigte sich: »Stumme Sünden … was soll das heißen?« Der Knecht verzog den Mund: »Meinest etwa, wer wortkarg ist und gerne schweiget, begehe stumme Sünden? Dann hättest du nichts zu fürchten, Alget, denn deine Zunge ist wohl geschliffen.« Ehe die Gehänselte Antwort geben und Gebrauch von ihrer Zunge machen konnte, hatte Etta Schweigen geboten. Und der Greis sprach ernst: »Stumme Sünden begeht, wer Grenzsteine verrückt, dem Armen den Acker nimmt und Waisen und Witwen übervorteilt … es ist richtig, daß Bernt Wessel üble Nachrede hinterlassen.« »Aber auch vier Kisten, die sechzehn Männer mit Not hätten tragen können, voll von Lübschem Gelde und schweren Joachims-Talern standen im Pesel, als er in seinem Todbette lag, dazu vierzehn große Truhen mit heimlichem Reichtume, mit Kleidern und Geschmeide rings im Haus.« Boje sprach's mit funkelnden Augen. Etta nickte traurig: »Auf unrechte Weise ist er zu seinem großen Gut gekommen.« Der Knecht zuckte die Schultern: »Wer Geld leihen wollte, kam zum reichen Bernt … Wenn das Landrecht sagt: ›Keiner soll mehr denn einen Schilling Zins von der Mark nehmen!‹, sagte Bernt: ›Zwei‹, nahm auch drei oder vier, wenn er es haben konnte, ließ sich ein paar Äcker verschreiben und legte sie zu seinem Hofe, sobald die Frist verstrichen war. Als er zu seinen Vätern, den Wessels, versammelt war, fand die Erbteilung statt. Es verblieben aber dem Ältesten, unserm Kirchspielvogt, an Kleiland 200 Demat, außer dem Moor und den Salzgräsungen, auch etliche Kisten und Truhen, die sich inzwischen zur vorigen Zahl gemehret haben sollen …« Er brach ab, und jedes Ohr horchte, denn draußen auf den Steinen vor der Dielentür stampften zwei den zähen Klei des Weges von den Stiefeln. Die Tür ward aufgestoßen. Auf allen Vieren kroch ein Ungetüm, ganz in Seehundsfell vermummt, herein: nur die großen, groben Menschenhände sah man über den Boden patschen. Mit diesen Händen umschlang der Riesen-Seehund Algets Kniee, daß die Magd zuerst laut aufschrie. Dann aber die Fäuste kräftig gegen die Gestalt stemmte, so daß die über den Kopf gezogene Kapuze zurück glitt. Ein bärtiges, breit grinsendes Gesicht kam zum Vorschein. »Was soll die Narretei«, sprach Etta, sich mühend, einem Lächeln zu wehren und gestreng zu blicken, »bist du wiederum zu Biere gewesen, Hans Pauls?« »Weit gefehlt, Jungfer! Zu Wasser waren wir und auf den Watten und haben beim Mondschein den Seehunden nachgestellt.« Und Hans Pauls verzog das Gesicht zu einer Grimasse, daß die Mägde vor Lachen bersten wollten. Der, welcher langsam hinter ihm eintrat, stand nur zwei Handbreit unter dem Balken. Unter der zurück geschlagenen Kapuze schoß ein hastiger Blick nach Etta hin, dann bot er allen seinen Gruß, ruhig und gemessen. Sie rückte einen Stuhl zurecht, aber weit von ihrem, drüben am Herdfeuer, strich auf dem Wege sich die Locken zurück und sagte dann: »Mein Vater ist nicht im Hause, Edleff, sondern zum Kaland in Illgrof.« Der zuletzt Eingetretene war Edleff Wessel, des Kirchspielvogtes Sohn. Eine reckenhafte Gestalt, die an sieben Fuß in ihren Stiefeln stand, und hatte doch nichts von dem linkischen Wesen, welches oft langen Leuten anhängt. Man sah es an der Weise, wie er sich setzte, denn mit gemessenem Anstand und beweglicher Anmut ließ er sich nieder. Als er die Kapuze ganz in den Nacken strich, quoll eine braune Lockenfülle hervor. Das bartlose, stark gebräunte Antlitz zeigte feine und fest geschnittene Züge. Für gewöhnlich schauten seine Augen scharf und fast kalt um sich, jetzt leuchteten sie in ihrem freundlichsten Glanze, aber immer lag etwas Unergründliches in ihrem Blick, das man nicht scheiden konnte in gut und böse. Hans Pauls setzte seine Narrenstreiche fort, und die Mägde schlugen ihm auf die großen, dreisten Hände. »Laß' die Hanswurst-Gebärden!«, befahl Edleff. Und Hans sprang auf eine Truhe, schlug kreuzweise die Beine unter sich wie ein Schneider, sperrte den Mund halb auf und machte Glotzaugen wie ein Trottel. »Ich höre auf eure Weisheit.« Da barst ein Kichern sogar aus Ettas Munde. »Abends auf der Diele müssen Rad und Zunge um die Wette gehen … setzet eure Rede fort!«, meinte Edleff. »Wir waren just am Ende, Herr«, antwortete Boje. »Nennt den Pastor und den Staller Herr, ich aber heiße Edleff Wessel!«, kam's kurz und dann die Frage: »Wovon handeltet ihr?« »Ein wenig von den alten, freien und frommen Geschlechtern dieses Nordstrandes«, blinzelte der Knecht. Der Vogtsohn wandte sich ab und an Etta. Voll trafen sich ihre Blicke, und er sagte: »Vielleicht geziemt es sich nicht, daß ich hier verweile, da Euer Vater abwesend und der Mann nicht im Hause?« Im Hintergrunde erhob sich Karl Heimreich, lächelte und antwortete an ihrer Statt: »Bleibet nur, Edleff, wofern Ihr denn mich zu den Männern zählt. Und gebet ein Stücklein zum Besten, denn Ihr seid ja weit herum gewesen, in Dänemark und bis Amsterdam in Holland.« Hans Pauls kraulte sich die vorstehenden Ohren: »Ich wüßte ein Stücklein, das wäre noch kürzer und besser, und ich wette, es wird Beifall finden, so daß Alget nicht den Mund verziehen wird und Almas Augen leuchten werden wie zwei feurige Kohlen. Mein Stück ist kurz und lautet: Wir treten insgesamt zum langen Reigen an und richten ihn aus mit Tritten und Handgebärden!« Es geschah, wie er gesagt. Alle Magdaugen leuchteten, und der anfangs säuerliche Zug um Algets Mund wurde zum seligen Grinsen. Boje schob mit den Füßen hastig sein Stroh in den Winkel und sprach: »So, nun wäre die Diele des Westerwohlder Pastors gekehrt zum Tanze.« Etta schüttelte den Kopf, mit einem Lächeln aber. Edleff summte eine Weise, blickte sie fröhlich-launig an und sagte dann singend die Worte: »Ich weiß mir eine feine Magd, die meinem Herzen wohl behagt, die nähme ich mir zum Weibe, könnt' sie von Haferstroh oder Heu spinnen mir ein Wämslein neu.« Ettas Lippen kräuselten sich, und flugs entströmte ihnen die Antwort im gleichen Singtone: »Soll ich von Haferstroh und Heu spinnen dir ein Wämslein neu, dann sollst du zum Schneiden des Kleides holen der Seejungfer güldne Scher', tauchend hinunter ins tiefste Meer.« Nach kurzem Besinnen sang er: »Soll ich der Meerjungfer güldne Scher' holen dir aus dem tiefsten Meer, mußt du mir am hellen Mittage weisen am Himmel das Siebengestirn, Weg mir zu finden, vielkluge Dirn!« Und sie entgegnete schnell und neckisch: »Ehe dir die kluge Dirn zeiget am Himmel das Siebengestirn, sollst du mit den Händen mir reiben drunten am Strand den gröbsten Stein, scharf wie Pfeffer, wie Mehl so fein.« Sein Auge suchte ihr Auge, und was in seinem lächelnden Blick lag, war nicht unergründlich, sondern leicht zu lesen, und geschwinde sang er: »Soll ich dir reiben den harten Stein, scharf wie Pfeffer, wie Mehlstaub fein, dann sollst du zum Weibe mir geben unter den Jungfrauen zart und lind wohl deiner Mutter eigenes Kind.« Etta sprang vom Stuhle, sah zur Seite, wo die Mägde saßen, und schloß das Reimspiel also: »Eh' ich von Jungfrauen zart und lind gäb' dir meiner Mutter Kind, du müßtest zum Leben rückkommen, nachdem du sieben geschlagene Jahr' gleichwie am Halse gehangen fürwahr.« Sie hatte den Schluß des Liedes selbst gereimt und geändert. Die Stühle und Spinnräder waren zur Seite gerückt. Alget stemmte die Hände in die Hüften und wiegte sich. Alma trippelte ungeduldig mit den Füßen. Schon räusperte Hans Pauls die belegte Stimme, um vorzusingen, als Edleff auf einen Wink von Etta vor ihn trat und das Amt des Vorsängers und Vortänzers übernahm. Alle bildeten eine lange Reihe, der Vorsänger stimmte die eben gehörte Weise an, die übrigen fielen ein, und insgesamt richtete man sich nach den Bewegungen des Vortänzers in Treten und Hüpfen und Handgebärden. Die Gesichter röteten sich, und der Staub flog zur Decke. Nach einer anderen Singweise ward ein zweiter und dritter Reigen getanzt. Es waren aber sehr zierliche und sehr züchtige Tänze. Nur drei beteiligten sich nicht daran. Sönke karrte seine Wolle und nickte mit dem Kopfe. Mitten im Getriebe der Jugend verweilten seine Gedanken in vergangener Zeit … Werden die Sünden der Väter heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied …? Ja, sogar was jene an Deichen und Dämmen versäumt haben, müssen die Enkel büßen … Karl Heimreich und Hertie saßen im Hintergrunde. »Tue du mit den andern!«, flüsterte er, »ich vermag es nicht.« »Und ich mag es nicht!«, erwiderte sie. Dennoch fand sie Gefallen an dem lustigen Spiel der andern. Was hatte Alma, die Dirne mit der Stumpfnase und den losen Augen, dem bärtigen Hans Pauls von hinten ins Ohr geflüstert? Gewiß ist, daß dieser den Vorschlag machte, einmal zur Abwechslung einen Zweipaarentanz zu erproben. Etta erhob mit der Hand Einspruch. Aber es war zu spät. Des Hauses Herrin konnte der entfesselten Tanzlust der Männer und insonderheit der Weibsen nicht mehr wehren. Schon hatten Hans Pauls und Boje die Hand nach Alma ausgestreckt, und die Dirne hatte den Bärtigen gewählt, Boje aber mit Alget fürlieb nehmen müssen. Etta stellte sich in den Hintergrund neben Hertie. A%%%ber Edleff stand vor ihr, bat und drängte. Hans Pauls sang aus baßtiefer Kehle die Weise und schwenkte seine Tänzerin vorbei. Ettas Mieder wogte. Sie gab nicht ihre Zustimmung, aber sie ließ es geschehen, daß Edleff den Arm um ihren Gürtel legte. Da taten ihre Füße, was ihr Sinn nicht wollte, und ehe sie es sich versah, war sie mitten im Zweipaar-Wirbel der anderen. Sönke hob den Kopf und folgte den beiden. Zwei Menschenkinder von ungewöhnlichem Wuchs und fast vollkommener Leibesschöne. Mit großer Anmut schwebten sie über den ausgetretenen Fußboden, und sittig lehnte sie sich an ihn. Aber beim zweiten Tanze wollte schon heißer sein das Blut, und fester faßte sein Arm die Tänzerin. Und beim dritten Tanze? Da geschah es, daß der tolle Hans Pauls seine Maid mit starkem Griffe hob und die Aufjauchzende in die Runde schwenkte. Solche Tanztollheit steckte an. Der Grund entwich plötzlich unter Ettas Füßen. Vom Schwung seiner Arme bis zur Decke gehoben, schwebte sie fast über Edleffs Haupt und sah seinen glühenden Blick. Sie hielt den Atem eine Weile an, dann war's wie ein kurzes Ringen, ein kräftiges Entwinden, ein behendes Entfliehen. Neben Sönke sank sie in einen Stuhl, als suchte sie Schutz beim Alter. Edleff trank aus dem Wasserkruge ein paar tiefe Züge und stand vor ihr. Über seine Lippen kam ein »Verzeiht«, welches de- und reumütig klang. Aber kalt war ihr Blick und kurz die Antwort: »Ich will nicht mehr tanzen noch mittun!« Dann wandte sie sich an Sönke: »Mach' Feierabend, es ist genug für heute, Alter!« Sollte es auch ihm eine Mahnung zum Aufbruch sein? Edleff kehrte sich ab, aber nicht zum Gehen, sondern mischte sich mit einem trotzigen Zug um den Mund ins Getümmel und schwenkte gelassen die Mägde der Reihe nach über die Diele, von einem Pfosten zum andern. Boje, der Knecht, war es, welcher dem Tanz ein Ende machte. An der Haustür kam er aus dem Tritt, hielt die Hand ans Ohr und horchte. Dann meldete er gelassen: »Ich höre einen Wagen über das Pflaster unter der Kirchwarf rollen und eines Gaules Trott, den ich kennen sollte;« und schloß schmunzelnd: »Herr Boethius kommt noch rechtzeitig zum letzten Dreiritt.« Die Mägde fuhren hin und her, rückten die Stühle zurecht und saßen ehrsam hinter den Spinnrädern. Edleff schien in Zweifel, was er täte, näherte sich der Tür, blieb aber und lehnte sich an eine Truhe. Der Knecht lief hinaus und hatte sich nicht geirrt. Pastor Boethius hatte sein Dorf erreicht und fuhr über das Pflaster unterhalb der Kirchwarf. Dort begegnete ihm ein Mann, der einen Leuchter aus Eisenstäben mit darüber gespannter Schweinsblase trug und neugierig ihn hob, so daß sein Licht auf beide Gesichter fiel. Es war ein gefurchtes Antlitz, umrahmt von einem grau gesprenkelten Barte, das einen lauernden, fast feindseligen Blick auf den Pastor schoß. Beide murmelten einen flüchtigen Gruß, der mürrisch klang. Der Mann mit dem Leuchter war der Kirchspielvogt, und es ging das Gerede, daß er abends gern um die Häuser herumschleiche und spähe. Das Gefährt hielt auf der Hofstelle der Pastorei. Boje nahm dem Pastor den Zügel ab und löste die Stränge. Und der Herr erkundigte sich wohlwollend: »Nun, wie steht's? Habt Ihr gut auf Feuer und Licht Obacht gegeben?« »Ja, Herr!«, sprach der Knecht, schob an der Mütze und schleppte die Rede nach. »Sonst … wo junge Männer und Weiber auf der Diele beisammen sind, ist es nicht leicht, auf Funken und Feuer Obacht zu geben.« Boethius fragte nicht weiter, sondern stieß hastig die Tür auf und trat über die Schwelle. Sein erster Blick fiel auf Edleff, welcher mit gekreuzten Armen an der Truhe lehnte, und er nickte kalt. Dann gewahrte er die Staubwolke, welche sich legte, und die Wangen der Mägde, die wie Feuer brannten, zog die buschigen Brauen zusammen und räusperte sich: »Karl Heimreich, geh' in deine Kemenate, du verträgst nicht, den Staub zu schlucken, und der Husten wird dich plagen.« Keiner entging seinem Blick, nur Hans Pauls, der sich hinter Algets rundliche Gestalt geduckt hatte und närrische Gesichter schnitt. Der Pastor trat fest über die Diele, auf die errötende Etta zu, sah den versteckten Kauz und lächelte unliebsam: »Ei, Hans Pauls, nicht im Bierhause, sondern im Pfarrhofe! Ihr wollt auf besseren Wegen wandeln.« »Ja, Ehrwürden, wir wandelten just nicht, sondern sprangen ganz ehrbarlich ein wenig.« Boethius kniff die Lippen zusammen, kehrte sich und sagte sehr laut: »Gäste sind mir%%% allzeit willkommen, doch sehe ich sie lieber in meinem Hause, wenn ich selber darinnen bin.« Die Worte galten allen und schienen doch an einen gerichtet. Wenigstens war der, welcher an der Truhe lehnte, des Glaubens, denn er ging zuerst und ohne Abschied. Hans Pauls war unbemerkt verschwunden. Die Mägde schieden mit einem schüchternen Gruß, nur Sönke erhielt einen herzlichen Händedruck des Pastors. Dieser schritt zum Herde, entzündete den Leuchter, winkte seiner Tochter und trat in die Stube, die hinter der Küche lag. Zitterte seine Hand von der mancherlei Gemütsbewegung des Tages, da das Talglicht auf die blendend weiße Bretterdiele tröpfelte? Er setzte es auf den Tisch und wärmte sich die Hände am Beileger-Ofen, der eine neue Einrichtung war und vom Herde aus geheizt wurde. Biblische Bilder, von denen das eine Adam und Eva, das andere wohl die Gottesmutter mit dem Kinde darstellen sollte, zierten die Seitenflächen desselben und hohe, blank geputzte Messingknöpfe die obere Platte. Pastor Boethius ließ seinem Unwillen Zeit, sich zu setzen. Dann trat er vor Etta. Sie schlug nicht die Augen nieder, sondern richtete sie zu ihm empor, als wenn sie einen Tadel erwarte und willig hinnehmen wolle. Aber sein Auge war milde. Er strich über das Haar und küßte sie auf die Stirn. »Vater, es geschah, ohne daß ich es wollte, aber ich hätte es wehren können.« »Laß es, Etta«, nickte er gedankenvoll, »es ist nichts Ungeziemendes geschehen und war doch nicht gut, daß auf meiner Diele gestampft und gesprungen wurde … setze dich, mein Kind, ich möchte dir eine kurze Historie erzählen … wenn du willst, einen Abschnitt aus dem Curriculum vitae , dem Lebenslauf eines Mannes.« Sie horchte auf und hing an seinem Munde. Er blieb stehen, an den Beileger-Ofen gelehnt. »Vor mehr als 35 Jahren, im Nachbarkirchspiel Osterwohld war es …, dort diente auf einem Hofe ein Knecht schon einige Jahre, war nicht unfleißig und vergnügt in seinem geringen Stande. Hinter dem Pfluge, wenn der Möwenschwarm der Furche folgte und die Lerche droben schmetterte, sang und flötete er immer seine Weisen. Aber von einem Marientage an verstummte der Knecht, denn er hatte mit des Bauern jüngsten Tochter Disteln gestochen im Haferfelde und wußte, daß sie ihm gut sei, und war dennoch traurig, trotz des Treugelübdes, das sie ihm gab. Der Vater nämlich hatte einen reichen Freier, den Sohn des Vogtes im Nachbarkirchspiele, das Mägdlein aber ein treues Herz und einen starken Sinn. Dem Vogtsohne gönnte sie kein freundliches Wort, obgleich er immer häufiger sein Rößlein vor der Tür anband und immer deutlicher warb. Da geschah es eines Tages – wahrlich, es war der Burchardi-Tag wie heute – als sie das Herbstfeld bestellten und den Weizen säeten, daß der Bauer über das Feld kam und den Knecht anschrie, daß er den Samen ungeschickt streue, dann aber nicht mehr schalt, sondern mit der Hand nach ihm ausschlug. Der Knecht wich aus und ging stracks von dannen, hörte aber noch hinter sich, wie der Bauer sich verschwur, daß er nimmer einem Knechte sich verschwägern wolle. Ein Geraune der Leute mochte dem Bauern zu Ohren gekommen sein. Dem Knecht aber schien das Joch allzu schwer und sein Stand mißfiel ihm dermaßen, daß er sogleich vom Nordstrande entlief auf das Festland hinüber, wo er nach Schleswig ging und in die Domschule sich hineinbettelte …« Etta, welche mit steigender Spannung zugehört hatte, sprang empor. »Vater, ich weiß ja, daß du in deiner Jugend ein Ackerknecht gewesen bist … wer war der Bauer?« »Dein Großvater Gert Tetens in Osterwohld, und das Mägdlein war deine selige Mutter, mein vielliebes Weib. Vier Jahre saß ich auf der Schulbank, und weitere vier studierte ich die Theologika und trieb's mit saurer Mühe; im zehnten Jahr aber war ich zum Pastor in Westerwohld vociert worden, und Gunna Tetens ward mein Weib. Einem Pastor sich zu verschwägern, hatte der Bauer nicht verschworen. Der Vogtsohn war bis ins vierte Jahr alle Sonntage gekommen, Gunna konnte es nicht wehren, schüttelte aber den Kopf und schwieg und harrte … Etta, Etta, wo ist eine Treue gewesen wie deiner Mutter Treue?« Die Erinnerung überwältigte den Mann. Nach einer Weile hauchte die Tochter: »Wer war der Vogtsohn?« Fest sah er ihr in die Augen und sprach langsam: »Er ist jetzt selber Vogt und heißet Volquart Wessel.« Man hörte einen tiefen Atemzug, der in der Stille des Gemachs fast wie ein leiser Seufzer klang. »Die Historie hast du gehört, mein Kind, und was dir daraus zu wissen und zu nehmen Not tut«, schloß der Vater. Dann zog ein leises Lächeln über das knochige Gesicht. »Den Bauernpastor nennen mich die Laien und geringen Leute, insonderheit, wenn sie beim Bier sitzen, und die Lateiner der Insel haben es in pastor rusticus verdolmetscht … es betrübt mich nicht, es freut und ehrt mich, wenn es gleich ein Schelmenname ist … Volquart Wessel soll ihn bei meiner Installation aufgebracht haben.« Nachdenklich schaute sie das Ofenbild an, und wie ein fürsichtiges Tasten kam ihr Wort: »Du zürnest … ihm … Vater?« »Wie sollte ich Zorn hegen, da die Mutter mich erwählet und ihn verworfen hat! Aber in seinem Auge, wenn es unbemerkt auf mir ruht, liegt Arglist und ein Hinterhalt, vor dem ich fünfundzwanzig Jahre lang auf der Hut gestanden habe.« Ihre Wangen röteten sich, indem sie redete: »Ich spreche gewiß einfältig. Aber ich habe gehört, daß der Sieger, wenn er dem Überwundenen die Hand hinhält, durch Sanftmut und Milde zum zweiten Male siegen mag … bist du nicht der Sieger, Vater? Und kann die Feindschaft nicht enden?« Es war anders gekommen, als der Pastor gewollt hatte, Über die Diele schritt er und warf einen Blick auf die Uhr: »Schon Mitternacht! Geh schlafen, Etta!« Gehorsam erhob sie sich. »Ja, ich bin Sieger, warum sollte ich hassen? Er aber kann nicht vergessen, daß ich es war! Wo wir bei einander sind, sind unsere Meinungen wider einander, sowohl in Kirchen- als auch in Welt-Sachen auf dem Dorfdinge. Das ist eine lange und heimliche Fehde, und manche Grube hat er mir gegraben. Höre, mein Kind! Also ist eine große, unwegbare Kluft geworden zwischen seinem und meinem Hause, und er hat sie geschaufelt!« Erblaßte sie? Hurtig hatte sie sich gewandt und war zum Wandschrank gegangen, entnahm demselben ein Holzstäbchen und reichte es dem Vater. Das lenkte seine Augen von ihr ab. Sogleich griff er danach und entzifferte die Zeichen, denn der Pflock war ein Dingstock mit eingeschnittenen Marken und ging in bestimmter Reihenfolge von Haus zu Haus. Welche Bestellung richtete er aus? Der Pastor folgte mit den Fingern den Kerben und murmelte: »Diese Woche … Sonnabend … nach dem Abendläuten.« Dann schleuderte er den Stock auf den Tisch. »Da siehst du, Etta, zum Greifen mit der Hand, was es ist zwischen dem Vogte und mir! Auf dem Ding soll meine Sache, der Neubau der einen Haushälfte der Pastorei, verhandelt werden. Weil er nun weiß, daß ich den Sonnabend wie einen Sabbat halte, mit stillem Sinnen über die Predigt hinbringe, und nicht das Haus verlasse, hat er es mit Fleiß und Willen auf den Sonnabend anberaumt! Immer hinterrücks und fein ersonnen … es soll ohne mich verhandelt werden.« Über der Stirnfalte stießen die buschigen Brauen zusammen. Er schritt hart auf und nieder. »Ist Karl Heimreich heute vom Husten geplagt worden?« »Nein, er ist fröhlicher gewesen, als seit langem, und hat gegen Abend gesungen gar.« Boethius stand still: »Sehr wohl! Auf einen Schelm gehören zweie! Karl Heimreich wird am Sonntag an meiner Statt predigen, und ich werde trotz alledem zum Ding gehen. Sage es ihm morgen, Etta, daß er zeitig anfängt zu meditieren.« »Ja, Vater, er wird eilfertig aus dem Bette springen, wenn er es hört.« Sie hielt die Stirn zum Kusse hin und ging. Hatte sie ihn beim Gutenachtgruß angeschaut wie sonsten? Er wußte es nicht und blickte ihr nach. Wie sie den Fuß so fest und doch so leicht aufsetzte! Wo hatte er es schon geschaut? Ja, so von hinten war sie der Mutter Ebenbild und ganz die Gunna, die vor 35 Jahren im Hofe ging. Der Hausherr nahm die Laterne, durchschritt das Haus, wie er allabendlich tat, und verriegelte die Türen. Alget schlief auf der Diele im Alkoven, man sah sie nicht, aber man hörte sie. Der Pastor hielt die Laterne hoch und bückte tief den Kopf, denn er betrat den Stall, welcher sehr niedrig und dumpf war, auch so beschränkt, daß die Tiere bis auf den Gang hinaus lagen. Mit Mühe wand er sich hindurch, und einer Kuh, die sich erheben wollte, rief er kosend zu: »Still, Bless, bleib liegen!« Die Pferde wühlten im Häckselhafer, er strich ihnen über den breiten Rücken. Man sah am Gebaren des Alten, daß er tierlieb war. Und er murmelte: »Es ist eine Schand' und wehleidige Sache! Ihr sollt bessere Unterkunft haben, so wahr ich Boethius, der Bauernpastor, heiße … das Kirchspiel muss bauen!« Karl Heimreichs erste Predigt Ehe die Sonne ins Westmeer versank, durchbrach sie den Wolkenvorhang und sandte ihre blaßgoldigen Strahlen wie einen Gutenachtgruß über das Eiland. Da glitzerten die Gräben und im Grase die Tropfen des letzten Regenschauers. Leer waren die Stoppelfelder in der ganzen Sehweite, nur auf einem Acker standen lange Reihen von schwärzlichen Bohnengarben, viel belächelt wie ein öffentliches Leumundszeugnis, das der lässige Bauer sich selbst ausgestellt habe. Die Pflüger sahen den Scheidegruß der Sonne als ein gebieterisches Feierabendsgebot an, riefen ihr ›Prrr‹ und ihre vier Gäule leisteten augenblicklichen Gehorsam. Alles, was müde war, zog fröhlich heim zu seiner Ruhe, denn es war Samstagabend. Nur der Kleier – das ist ein Mann, welcher den Schlamm der Gräben auswirft und die Ränder schräg abglättet – kümmerte sich nicht um den Scheidegruß der Sonne, denn nicht nach Tag-, sondern nach Ellenmaß richtete sich seine Arbeit und ihr Lohn. Eilig wie ein Verspäteter kletterte der Glöckner die steile Stiege des Westerwohlder Kirchturms hinauf und zog schneller als sonst an den Seilen, als wolle er das Versäumte nachholen. Friedsam und feierlich klang das Läuten am Mitteldeiche bis zum Meer und verhallte in langsamen Bet-Schlägen. Die jungen Knechte trieben pfeifend und mit den Beinen baumelnd vorbei, aber der Kleier hielt still und lüftete die Mütze nach alter und frommer Weise. Klaus Rickmers hieß er und war Sönkes Sohn und Almas Vater. Unter der Kirchwarf befand sich ein freier Platz, über den eine sehr alte Esche ihre Zweige breitete. Und im Kreise rings um den Stamm des Baumes, in regelmäßigen Abständen von einander, lagen große, unbehauene Feldsteine, etwa anderthalb Dutzend an der Zahl. Seit Menschengedenken und länger hatten sie hier gelegen. Unter der Dorfesche nämlich war des Kirchspiels Dingstätte von jeher. Nur wer Klei hatte, d. %%%h. über eine bestimmte Menge von Demat Landes verfügte, hatte Sitz und Stimme im Ding. Wie es sich gehörte, daß der Vogt den Vorsitz und das erste Wort hatte, so schien es auch ein Herkommen, daß er stets als Letzter zur Versammlung kam. Mehrere Männer in kurzen Jacken mit Silber- und Messing-Knöpfen standen wortkarg umher. Hans Pauls strich sich den Bart und machte ein ehrbares Gesicht, erhob sich halb und heimlich hinter seinen Nachbar und heftete ihm etwas hinten am Wamse – ein Stäbchen mit einem Lederlappen daran. Dann wechselte er unauffällig seinen Platz. Nach einer Weile sagte eine sanfte Stimme: »Hast du schon Bohnen gedroschen, Tolke? Gehen Sie gut in die Tonne?« Alle machten ein belustigtes Gesicht, nur der Angeredete ein verdrießliches. Tolke war ein Mann um die dreißig herum, von robustem Körperbau; in dem fetten, fleischigen Gesicht saßen zwei kleine, verschwommene Augen und zwei große, wulstige Lippen, die er zu einem Knurren öffnete: »Tedje, frage nicht mich, sondern den Herrgott, warum er seit drei Wochen Regenwetter gemacht hat.« Tedje, auch ein Bauer, aber ein sehr hagerer, mit einem überlangen Gesicht und spärlichem Bartwuchs, sah in die Luft, als wenn er den Himmel fragen wollte. Die Sache schien beendigt, als Hans Pauls wie zufällig zurücktrat und in gerechtem Erstaunen herauspolterte: »Tolke, hat man dir heuer so viele Fliegenklappen ins Haus gesandt, daß sie dir am Wamse baumeln?« Ein tastender Griff, und Tolke, welcher der Eigentümer des noch nicht eingeheimsten Bohnenfeldes war, gaffte das angehängte Zierstück an. Das laute Gelächter erregte seine Wut, und er schrie: »Das hast du, des Dorfes Hansnarr, getan, und ich will dir das Ding rechts und links um die Eselsrohren klatschen.« Er wollte sogleich sein Dräuen in Maulschellen umsetzen und hätte es getan, wenn nicht der Kirchspielvogt gekommen wäre und, in den Kreis tretend, ruhig, aber herrisch das eine Wort: »Dingfriede!« gesprochen hätte. Sofort war Stille und geziemendes Schweigen. Die Älteren setzten sich auf die Steine, einige Jüngere standen, und der Kirchspielvogt Volquart Wessel gab kund, was auf diesem Dinge verhandelt werden solle. Eine tönende Stimme war's, gebieterisch und im Befehlen geübt, in kurzen und kernigen Sätzen sprechend. Reichliches Grau mischte sich in Bart- und Haupt-Haar, zu große Röte hatte das Gesicht und zu reichliche Rundung der Körper in den letzten Jahren gewonnen, und die einstige Mannesschöne war verwischt worden, sowohl durch des Alters zehrende, als insonderheit durch allzu nährende Kraft von leckerer Speise und gutem Trunke. Aber ob er mit stolz erhobenem Haupte über die Versammlung hinsah oder gemessenen Schrittes einherging oder gar im Bierhause saß, immer wußte das Antlitz die ehrfurchtgebietende Würde zu wahren und auf der trotzig-hohen Stirn las man, daß er ein Dorfgewaltiger sei, der sich ins Regiment nicht reden lasse. Der erste Gegenstand der Verhandlung war verkündet worden. Pastor Boethius wünschte eine neue und nützliche Einrichtung auf dem Nordstrande eingeführt, nämlich eine so genannte Brandgilde errichtet, und hatte den Entwurf einer solchen eigenhändig aufgestellt. Volquart Wessel sprach: »Wer das Wort in dieser Sache begehrt, rede jetzo auf dem Dinge und schweige hintennach. Es wäre unbillig, Herrn Boethius zu erwarten, da ein Priester am Samstage über seiner Predigt sitzen muss.« »Herr Boethius stehet zu Diensten!«, scholl es hinter dem Vogt. Kein Zug veränderte sich in Wessels Gesicht, nur in den Augen zuckte ein Strahl wie aus dunkler Tiefe. Überhaupt die Augen mit ihrem ruhelosen Blick, welcher nirgends haften zu können schien; waren wie ein heimlicher Hinterhalt und das Häßliche am Manne. Boethius hatte das Wort: »Den gegenwärtigen Umständen muss durch eine Brandgilde abgeholfen werden. Wer jetzo durch eine Feuersbrunst heimgesucht wird, ist um Hab und Gut gekommen und ziehet gleichwie ein Gardebruder auf der ganzen Insel, womöglich auch auf dem Festlande zu Wagen umher, um milde Gaben zu erbitten und einen Teil des Verlorenen wieder zu erlangen. Das ist eine unfeine und unrühmliche Weise, und wie verträgt es sich mit dem stolzen Friesensinn, daß ein freier Bauer zum gemeinen Bettler wird und mit dem Armensacke geht?« Der Sprecher sah um sich im Kreise. Hans Pauls machte ein pfiffiges Gesicht. »Es soll schon manch einer auf diese Weise zu Hab und Gut gekommen sein und die Hälfte des Verlorenen … vier Mal wiedererlangt haben.« Boethius zog die Brauen zusammen: »Um so schlimmer und um so nötiger, daß die Gesamtheit eine Gilde bildet, dem Einzelnen beizuspringen, also daß wer von Feuersnot übereilet wird, eine Zulage von 50 bis 200 Mark zum Wiederaufbau des Hauses erhält.« Die meisten nickten. Nach längerem Schweigen sprach eine sanfte Stimme: »Es ist ja recht, daß einer mit dem andern trage und leide und, wer fürsichtig ist mit Feuer und Licht, dem, der lässig gewesen, brüderlich beistehe …« Laut fiel der Pastor ein: »Was schwatzet Ihr, Tedje? Es stehet zum Fünften: Wer durch mutwilliges oder fahrlässiges Wesen den Brand selbst verschuldet hat, soll nichts erhalten. Das meiste Feuer entstehet aus unbekannter Ursach, einiges durch Verschulden der Kinder oder des Gesindes, wofür der Eigner nicht haften soll, anderes durch Einäscherung infolge einschlagenden Blitzes … in solchen Fällen soll die gemeine Kasse zahlen.« Tolke stand breitspurig einen Schritt vor seinem Steine und öffnete wohlgefällig die wulstigen Lippen: »Mit Vergunst, Herr Boethius! Ich bin kein Pastor, aber hinsichtlich des letzten Stückes, der Einäscherung durch Blitz, so will es sich meinem Bauernverstande nicht reimen« – er kraulte sich nachdrücklich – »uns ist von geistlichen Herren gesagt worden, daß Flut und Unwetter, Pest, teure Zeit, Hagel und Blitz eine Schickung oder gar eine Strafe des Himmels seien; da will mich dünken, daß wir durch besagte Brandgilde dem Himmel in sein Recht und dem Herrgott in die Hand greifen …« An dem Lächeln, welches die Lippen des Vogts umspielte, sah man, daß die Rede ihm nicht mißfiel. Umso mehr aber dem Pastor, welcher die Hand gegen Tolke ausstreckte. »Habt Ihr noch mehr von solcher Weisheit? Wohl sind des Himmels Gewalten göttliche Mittel zur Warnung und Zucht, darum aber sollen wir nicht der menschlichen Mittel entraten … Sonsten dürfen wir auch keine Dämme und Deiche bauen, sintemal Gott das Ungestüm des salzen Wassers erregt, keine Gräben ziehen, um des Himmels Regengüsse abzulenken, und allerdinge kein Ding tun, sondern müßten die Hände in den Schoß legen und warten darauf, daß das Korn von selber wüchse und die Bohnen uns von Engeln in die Scheuer getragen würden.« Nicht die Gründe, aber das von den Bohnen brachte Tolke zum Schweigen, doch auch in Grimm. Boethius wandte sich an den Vogt: »Volquart Wessel, ich möchte des Dings Entscheidung.« Dieser hatte immer das letzte Wort, und seine Meinung lautete kurz: »Es ist zwar eine neue, aber nützliche Einrichtung.« Nun war kein Einspruch mehr. Das Ding beschloß, besagte Gilde zu errichten. Man schritt zu den folgenden Gegenständen, die glatt erledigt wurden, und dann zum letzten. Die Dunkelheit war angebrochen und mehrere hatten die mitgenommenen Leuchter angezündet. Der Schein eines Leuchters fiel auf Volquarts Gesicht, daß es wie ein grelles Aufleuchten war, er trat zur Seite und sprach: »Diese Sache betrifft die Pastorei. Herr Boethius tut kund und wissentlich, daß er einen neuen Stall gebaut haben will, da sein Stall dumpf und undicht sei, auch seinen Viehstand nicht mehr räumen könne. Wer das Wort in dieser Sache begehrt, rede jetzo auf dem Dinge und schweige hintennach!« Fast alle sahen auf den Grund, als wenn diese Sache sie nichts angehe. Boethius erklärte: »Die Pastorei bestehet aus zwei Haushälften, die eine ist nach der Flut 1570 neu gebaut worden und fast gut noch, aber die andere Haushälfte, welche den Stall umfaßt, ist in der Flut geblieben und kümmerlich ausgebessert worden. Über die Maßen klein ist der Raum, daß das Vieh kaum Platz zur Nachtrast findet, auch gehet Wind und Regen hindurch, daß es mich erbarmen muss … Es ist zum Niederreißen, und ein Gebäu muss errichtet werden, welches Raum bietet für sechs Kühe, etliches Jungvieh und zwei Pferde.« Die sanfte Stimme meldete sich zur Frage: »Könnte ein Pastor nicht Landheuer nehmen und die Gemeinde durch Unkosten nicht beschweren?« »Das Land ist der Stelle beigelegt worden, damit ich nach eigenem Gutdünken es verheure oder selbst beackere … Ich will es aber nicht verheuren.« Derbere Frage stellte eine Baßstimme, nämlich Tolkes: »Soll nicht der Bauer hinter dem Pfluge, der Schuster beim Leisten und der Pastor bei der Bibel bleiben?« Die Antwort zögerte nicht: »Ja, der Bauer soll hinterm Pfluge bleiben, aber nichtsdestoweniger wollte ich, daß er in seiner Muße statt hinterm Biere hinter einem guten Buche betroffen würde. Was ich, der Pastor, tun und lassen soll, will ich nicht von der Gemeinde, und am wenigsten von Euch wissen, Tolke!« Schweigen trat ein im Kreise, aber nicht das der Zustimmung, sondern das zähe, verneinende des Nordstrander Bauern, wenn es neue Auflagen galt und ihm an den Geldbeutel ging. Endlich ward eine Stimme laut: »Was ein rechter Bauer ist, sorget zum ersten für sein Vieh, daß es Unterstand und Nahrung habe, zum andern für Weib und Kind … Wir können es dem Pastor nicht verübeln, daß er darin eines Sinnes mit uns ist.« Hans Pauls hatte in seiner Weise zu Gunsten des Pastors geredet. Boethius erwiderte: »Euch will ich Rede stehen, Hans Pauls. Ich habe Freude am Felde und, von den Büchern aufstehend, ist es meine Muße und Lust, über den Acker zu schreiten und anzuschauen, wie alles gründet und gedeihet. Auch im Winter höre ich gern das Raufen der Kühe im Heu und das Knuspern der Pferde am Hafer. Dazu bin ich der Meinung, daß ein Pastor Freud und Leid und alle Wechselfälle von Saat und Ernte mit der Gemeinde teilen muss … Kirchspielvogt, was saget Ihr?« »Daß wir an unseren Dämmen genug zu schaffen und die große Wehle im Balumer Haffdeiche zu verstopfen haben, ehe wir ans Bauen denken können … Es muss um ein oder zwei Jahre verschoben werden.« »Es muss im kommenden Jahre nach der Frühjahrs-Saat geschehen«, sprach Boethius fest. Die Blicke der beiden maßen sich: Wer der Stärkere sei und Sieger bleiben werde? »Wohlan, der Westerwohlder Ding soll sprechen!«, sagte der Vogt. Die Mehrheit entschied sich für den Vogt. Boethius aber richtete sich zu seiner vollen Höhe empor, und der Zorn fing an, in ihm zu steigen. »Wohlan, ich habe von meinem seligen Weibe noch ein Kleifeld, die hohe Wurt, und mehrere Graswische! Wofern ihr mir den Stall nicht baut, tue ich euch den Willen und verheure den Pfarracker an meinen Knecht Boje und baue mir selbst ein geziemend Unterkommen auf meinem eigenen Grunde.« Auf den Gesichtern trat ein harter Zug hervor. Tedjes Stimme klang nicht sanft, sondern schreiend: »Soll man etwa den Pastor eine halbe Wegmeile vom Dorfe auf der Außenmark des Kirchspiels holen?« Höhnend sprach der Vogt: »Ho, ho! Wir haben ein altes Herkommen in friesischen Uthlanden: Man soll den Schulmeister in der Schule, den Kapellan in der Kapellanei und den Pastor in der Pastorei suchen!« Boethius Geblüt stieg bis in die Schläfen, und er rief: »So werde ich suchen, daß ich anderswohin vociert werde!« Dann wandte er sich stracks aus dem Kreis. Der Vogt folgte ihm mit einem lauernden Blick und warf über die Schulter das Wort nach ihm: »Ihr sagtet, daß Ihr kündiget …?« Boethius kehrte den Kopf zurück: » Dixi! Was ich gesagt habe, das habe ich gesagt!« und ging von dannen. – Als er außer Hörweite war, wurden Stimmen laut. Tedjes lachende: »Er hat den Dienst aufgesagt.« Des Vogts bedächtige: »So habe ich es vernommen und verstanden.« Tolkes triumphierende: »Laß ihn laufen … dieser Zuchtrute wären wir los und ledig.« Hans Pauls strich sich den Bart: »Meine Ohren – und sie sind groß und gut – haben nur gehört, daß er anderweitige Vokation suchen wolle.« – Mehrere kleine Brüchen für Wege- und Deichversäumnisse waren noch einzuziehen. Sie wurden aber nach der Landessitte zum Besten der Bauernschaft, wie es hieß, in Bier abgetragen. Also endete das Westerwohlder Ding gemeiniglich und auch heute im Bierhause. Eine halbe Tonne ward aufgelegt, denn vier hatten jeder ein Achtel zu büßen. Trotz der Dingsatzung ›Ein jeder rede jetzo und schweige hintennach!‹ wurde nicht geschwiegen, sondern fleißiger geredet als zuvor. Und es hätte in Pastor Boethius' Ohren bis nach Mitternacht geklungen, ja%%% geschmettert, wenn er nicht in festem Schlaf gelegen hätte. Ein wenig unwirsch zwar kam er im Hause an. Aber er verlangte sein Nachtmahl und verzehrte es. Dem Manne konnten Widerwärtigkeiten weder Eßlust noch Schlaf verderben. Der Sonntag nach diesem war der Gallus-Tag. Einen schlechten Ruf hatte dieser Heilige im Lande, und sein Tag war einer von den bösen Tagen, die Friesland wohl beklagen mag, denn St. Gallus brachte Sturm und Flut, und des Landes Chroniken wussten von zehn und mehr so genannten Gallen-Fluten zu berichten. Heute ließ sich der Heilige gar heiter an. Die Wetterfahne zeigte nach Osten, aber kein Windzug wehte, und die Herbstsonne schien am Himmel. Wie große, grüne Maulwurfshügel lagen die Warfe, die Glocken klangen, die Menschen wanderten an den Dingsteinen vorbei zum Gotteshause. Dort lag die Fliegenklatsche noch von gestern Abend. Ein Kind hob sie auf, aber die Mutter nahm das Spielzeug weg und verwahrte es im Zaume bis zum Heimgange. Zu zweien und dreien kamen die Kirchgänger, aber viele kleine Scharen machen ein volles Haus. Wenn es immer so war, konnte der Pastor von Westerwohld nicht über unkirchliches Wesen der Gemeinde klagen. Aber es war nicht immer, sondern sehr selten und nur an den drei hohen Festen so wie heute. Lockte das Wetter die Menge ins Freie? Nein, ruchbar war's geworden, daß Karl Heimreich – der Sohn für den Vater – predigen werde. Es ist überall so und vor hundert Jahren und mehr schon also gewesen, daß die Leute einem%%% neuen Prediger nachlaufen und lieber einen jungen Grünschnabel hören als ihren alten und grauen Prediger, dem die Zunge schon gewetzt ist und der fünfundzwanzig Jahre lang auf derselben Kanzel gestanden hat! – Das waren Boethius' Gedanken, als er von der Sakristei aus das gedrängt volle Gotteshaus sah. Aber schnell zog er den Kopf vom kleinen Guckloche der Tür und sah durch die bleigefaßten Fensterscheiben auf den Kirchhof. Ei, Volquart Wessel – ein seltener Gast! Auch Tolke, der rohe Gesell, den er auf der Kirchbank gesehen zu haben sich kaum besinnen konnte! Und mit ihm Leute, die nicht des besten Leumunds sich erfreuten! Karl Heimreich saß in einem Stuhle der Sakristei mit gefalteten Händen. Man konnte nicht sehen, ob er bete oder nur im Kopfe die Predigt hersage. Der Vater stand vor ihm: »Karl Heimreich, es kommen viele Leute, die mit dem Zuchtmeister, dem Gesetz, gefasst werden wollen!« Immer neue Kirchgänger kamen über den Friedhof. Die Männer trugen Kniehosen und den kurzen Rock mit blanken Knöpfen und großen Seitentaschen, nur mit dem Unterschiede, daß die Knöpfe aus edlem oder schlechtem Metall und der Rock selbst bei den Geringeren aus Want, d. %%%i. eigen gemachtem Gewebe, bei den Vornehmeren aber aus gekauftem Sindal war. Die letzteren hatten den dreieckigen Sonntagshut aufgesetzt, während jene mit der Mütze aus Schaffell sich das Haupt bedeckt hatten. Alle Frauen – auch die Mädchen, welche die Zöpfe am Gürtel festgebunden hatten, trotzdem es ganz windstilles Wetter war – trugen den »Pei«, ein rotes oder buntfarbiges Überkleid, dessen Ärmel bis zu den Händen, dessen Rock aber knapp über die Waden reichte. Vorn auf der Brust stand das Kleid offen, aber geziemend war die Öffnung ausgefüllt von dem Busentuch, das wie ein Latz anzusehen war und Brustlappen hieß. Aus feinstem Tuche, aus rotem Leder oder gar aus Brokat gefertigt, hing auf seiner rechten Seite eine Kette und saß eine lange Reihe von Knöpfen, die von Zinn, oder vergüldete Sechslinge und Dreilinge, oder schwere Joachims-Taler, mithin sichtbare Zeugnisse von Stand und Vermögen der Trägerinnen waren. Auch an der Kopfbedeckung der Frauen sah man einen Unterschied: Die Geringeren hatten das alltägliche Kopftuch umgeschlagen, die Vornehmeren aber den sonntäglichen Kopfschmuck, eine runde Krone aus Samt mit köstlichen Zieraten, aufgesetzt. Großer Bauernreichtum war auf dem Nordstrande, und die Friesenfrauen verbargen nicht ihren Wohlstand in Kisten und Truhen, sondern trugen ihn gern an Sonntagen zur Schau. An der Kirchwarf klebte ein windschiefes Häuschen wie ein Deichschwalbennest. In die Tür trat Alma, Dachdecker Sönkes Enkelin und Klaus Rickmers, des Kleiers, Tochter. Mit großer Ausdauer und nach bestem Vermögen hatte sie sich geputzt, das bunte Brusttuch angelegt und ihre paar Schmucksachen mit Geschmack an ihrem Leibe verteilt. Von oben herunter warf sie einen wohlgefälligen Blick über ihre Gestalt und wandte sich zurück. Im engen Hausflure saß auf dem Strohgeflecht des Holzstuhles ein altes, zusammengesunkenes Mütterchen mit schneeweißen Haaren, aber mit hellen Augen in dem verrunzelten Gesicht; es war Sönkes Eheweib und Almas Großmutter. Hinter dem Stuhle standen Etta Boethius und Hertie Völkers. Etta trug Schnallenschuhe und schneeweiße Strümpfe, an den Händen weißledernde Handschuhe und ein Brusttuch von Brokat, sonst aber war ihr Gewand schlicht, auch die Knöpfe klein und nur versilbert. Aus dem Häuschen traten sie, und die Höhe hinan bewegte sich ein sonderbarer Kirchzug, wie das Kirchspiel Westerwohld ihn nicht alle Sonntage sah. Etta und Alma nämlich hatten jede eine Stuhllehne gefasst und trugen das Mütterchen, das, seit vielen Jahren von der Gicht geplagt, kaum ein Glied rühren konnte und diese ganze Zeit gekrümmt und an Händen und Füßen gelähmt, aber geduldig in seinem Stuhl gesessen hatte. Sönkes Weib vergoß Zähren, als sie hörte, daß Karl Heimreich predigen solle, denn als Säugling hatte sie ihn auf den Armen getragen. Nun geschah, was sie nimmer gehofft: Etta war gekommen, und sie kam dennoch in die Kirche. In ihren Augen war ein großer Glanz. Sönke schritt hinter dem Stuhle und nickte zufrieden mit dem greisen Kopfe. Zwar eine langsame Kirchfahrt war es, und Alma keuchte, denn die Trägerin auf der anderen Seite war zu groß. Schon wollte die schmächtige Hertie hinzuspringen, als ein Mann mit langen Schritten vom Friedhof herunterstieg. Edleff Wessel nickte seinen Gruß und sprach: »Setzet den Stuhl und lasset mich machen, Etta!« Die Trägerinnen holten tief Atem. Flugs ergriff er den Stuhl mit starken Händen, trug ihn vor sich mit geraden Armen, als wenn es eine Kinderlast wäre die Höhe hinan, durch die Kirchtür, den Mittelgang hinauf und setzte ihn behutsam dicht unter der Kanzel im Seitengange nieder. Alle Köpfe hatten sich gedreht und mehr als ein Sinn verwunderte sich über den Vogtsohn. Etta ging wie im Traume, und als er zurück- und an ihr vorüber schritt im Gange, traf ihn ein dankbarer, fast inniger Strahl aus ihren Augen. Pastor Boethius hatte den Altardienst verrichtet, und die Gemeinde stimmte das Predigtlied an. Warum schwieg Etta, die sonst doch gut und gerne sang? Ein peinlich-gewisses Gefühl, daß zwei Augen von hinten auf ihrem Nacken ruhten, bannte sie, und es bedurfte einer Kraftanstrengung ihres Willens, um sich zurückzuwenden. Ja, sie hatte sich nicht getäuscht! Aber nicht Edleff saß hinter ihr, sondern Tolkes kleine, verschwommene Augen blinzelten sie an, daß ihr ein Widerwille kam und sie erschrocken zurückfuhr. Karl Heimreich stand auf der Kanzel mit einem verschüchterten Gesicht. Die Köpfe drunten fingen einen wirbelnden Reigen an, und der horror vacui, der Schwindel, wollte ihn fassen. Da gewahrte er unter dem Haufen Hertie, faßte nur ihr Antlitz ins Auge und wurde stark. Zwar eine dünne und schmächtige Stimme war es, die den Text zu lesen anhub. Das Evangelium am XIX. post Trinitatem handelte vom Gichtbrüchigen, der aufstand und wandelte. Vom Gichtbrüchigen! Der Greisin im Stuhle klang es wie Geläut vom Himmel, und sie glaubte, daß der Herrgott vor vielen Jahrhunderten schon an sie gedacht und um ihretwillen den Text auf diesen Sonntag habe stellen lassen. Der Introitus, der Eingang, war lang, und Karl Heimreich handelte vom Leide, von Kreuz und Kümmernis und den mancherlei Gebresten der Menschen, und daß jeder vom Weibe Geborene irgendwo seinen Gichtbruch und Schaden habe. Pastor Boethius horchte von unten herauf und dachte: ›Weiß er gar nicht, daß es der Gallustag ist, und will er nichts von Gallenfluten und vorigen Strafgerichten den verstockten Herzen vorhalten?‹ Aber der Heilige des Tages wurde in der ganzen Predigt mit keinem Sterbensworte erwähnt. Auch vom Zuchtmeister war nicht die Rede, um so mehr aber von dem großen Arzt und Bader, welcher heißt Christus, und von seiner Heilsalbe für alle Gebresten, welche ist die Sündenvergebung. Nicht mit%%% starker, sondern mit sanfter Stimme sprach Karl Heimreich, und nicht kernige Kraft-, sondern milde Trostworte flossen aus seinem Munde. In der ganzen Predigt von Anfang bis Ende, war es wie große Milde, wie stiller Sonnenschein und Friede auf Erden. Mehr Augen als der Greisin wurden naß. Jedes Ohr lauschte, Alget weinte und Hans Pauls wischte sich den Bart. Nur ein einziger, Tolke, schien nichts zu hören, sondern sein Satyrblick hing an Ettas Nacken, auch streiften die kleinen, lüsternen Augen zuweilen die Nachbarin, Almas weiche gerundete Gestalt. Der aber dicht unter der Kanzel saß, zog die Brauen zusammen wie in erwartender Ungeduld. Wo bleibt das Gesetz, sowie Zerknirschung und Buße? Vergebens war sein Warten, von Zerknirschung und Buße verlautete nichts. Karl Heimreichs blasse Wangen röteten sich, sein ganzes Wesen war erleuchtet wie von innen heraus, und gegen das Ende hin nahm die Stimme merklich zu an Kraft. Dennoch war er von Herzen froh, als das Amen gesprochen war, und stieg ernst und gemessen die Stufen hinunter. Als er aber die Sakristei hinter sich hatte, verließ ihn die Würde, er warf sich schnell in einen Stuhl und lächelte wie ein frohes Kind. Auf den Vater und das erste Wort desselben wartete er. Aber Boethius schritt inmitten der Menge und einem halblauten Gesumme von Stimmen zur Kirchtür hinaus. Sein scharfes Ohr hörte deutlich einzelne Worte … »Eine feine Auslegung! … Eine treffliche, eine tröstliche Predigt …« Zu dreimalen ein sehr laut Gesprochenes »War das nicht das reine Wort Gottes und das rechte Evangelium?« Zuletzt aber ein leise Geflüstertes: »Hätten wir diesen alle Sonntage auf dem Predigtstuhle!« Die Stimmen umschwirrten noch sein Ohr, als er draußen an die Greisin herantrat, die in ihrem Stuhle hockte, und ihr die Hand reichte: »Ich sehe, Gunne, der Herr hat Euch erquickt heute.« »Ja, eine Predigt war's, daß Stumme singen und Lahme springen könnten; danket Eurem Sohne von der alten Gunne, Herr Boethius, es war eine wundersam-liebliche Auslegung, die mir ans Herz gegangen ist«, sagte sie und drückte seine Hand mit den unsicher tastenden Händen … »Sendet mir den Karl Heimreich, ich muss ihn sehen.« »Ich werd' es ausrichten«, sprach Boethius, »aber Gunne, Gunne, saget das nicht dem Knaben, der Teufel der Hoffart hat es ihm schon vorgeredet: Karl Heimreich, du hast deine Sache gut gemacht und vortrefflich gepredigt!« Die Greisin sah ihm nach, als wenn sie den Sinn des Gehörten erst ergrübeln müsse. Karl Heimreich ging zuletzt und allein aus der Kirche und zur Predigerwarf hinüber. Das stille Lächeln war nicht von seinem Antlitz gewichen, als er in die Stube zum Vater trat. Dieser reichte ihm die Hand und fragte: »Nun, wie verträgt deine Brust das Sprechen, mein Sohn?« »Ich habe keinen Stich gespürt und mich an meinem Leibe so leicht und frei gefühlt wie seit langem nicht … Der Sonntag heute gab mir die frohe Zuversicht, daß ich noch ein Prediger werden mag.« »Und was dünket dir von der Predigt, Karl Heimreich?«, sagte der Vater. Der junge Mann blickte empor und antwortete mit der Frage: »Was haltet Ihr davon, mein Vater?« »Soll ich sprechen ohne Streicheln und ohne Schminke, so war sie gut für Spittelweiber, für alte und fromme Leute, und der Prediger am St. Jürgensstifte in Husum hätte sich Ehre damit einlegen können, aber es ist nichts für diese Art … Das harte, starrköpfige Geschlecht unseres Eilandes muss mit anderen Händen angefaßt werden.« Jäh war das stille Lächeln gewichen. Karl Heimreich aber blieb nicht lange traurig, denn Etta sprach anders als der Vater und verschwieg nicht, was die Leute auf dem Kirchwege geredet hatten. Noch besser aber tröstete ihn der innig beredte Augengruß, den Hertie verstohlen ihm zuwarf. Darin lag mehr als stummes Lob, mehr und anderes, als er je darin gelesen hatte. Nachmittag war es und wie Altweibersommer. Behaglich sonnte sich die Insel in den warmen Spätherbststrahlen. Auf den Steinbänken vor den Häusern saßen Dirnen und strickten. Auf dem Dorfanger rollten Knaben ihre Kugeln ins Loch, öfter aber ums Loch. Knechte standen auf der Gasse und warfen eine kleine Kupfermünze um die Wette, das Spiel schien um den Gewinn und Verlust von weiß geschälten Weidenstäbchen zu gehen, wurde aber mit Ernst und Eifer betrieben, denn ein Dutzend Holzstäbe galt so viel als des Landes kleinste Kupfermünze. Schläfrig schlugen hier und da die Hofhunde an und blinzelten dann wieder in den Sonnenschein. Ein Mann kam mit kräftigen Schritten die Dorfgasse entlang. Pastor Boethius machte nach Gewohnheit einen Gang und suchte gern am Sonntage die auf, so von Alter oder Krankheit beschwert waren, denn am Sabbattage war keiner auf dem Felde und auch die Rüstigen konnten hören, was er den Siechen zu sagen hatte. Karl Heimreich hütete allein das Haus. Etta pflegte zuweilen zum Hofe des Gert Hinrichs, der Kirchenjurat war und eine gleichaltrige Tochter hatte, zu gehen. Hertie, aufgefordert, ihr Gesellschaft zu leisten, war nach kurzem unschlüssigen Zaudern mitgegangen. Karl Heimreich bemerkte ihr Zögern, und seine Gedanken spintisierten also: Es zog sie nicht aus dem Hause, und nach ihrem Willen wäre sie lieber geblieben, aber seltsam ist oft ihr Wesen, kennt keinen Widerspruch und macht immer seinen Willen andern untertan. Dann dachte er an den Vormittag und die Predigt und des Vaters Wort. Seine erste Predigt war's! Ob es seine letzte bleiben und er nimmer zum rechten Prediger taugen werde? Nein, eine Kraft hatte er gespürt, und eine Erleuchtung war über ihn gekommen! Und dennoch des Vaters Urteil, daran war nicht zu rütteln. Er müsse noch lernen, in anderen Zungen zu reden und mit derberen Händen anzufassen. Des Vaters Weise erwog und verglich er. Ein Für und Wider regte sich in seinen Gedanken; aber das Letztere wehrte er von sich. Karl Heimreich war von jeher dem Willen des Vaters wie einer unerschütterlichen Weltordnung untertan gewesen. Kaum ein Stündchen mochte verronnen sein, als er das Aufklinken der Tür und auf der Diele einen Schritt hörte. Er kannte sogleich den leichten, leisen Tritt und hätte ihn herausgehört, wenn alle Füße des Dorfes nach einander über die Diele gegangen wären. Ettas festen Schritt vernahm er nicht, also war sie allein, und er trat ihr entgegen. Herties blasse Wangen waren vom schnellen Gange gerötet, und über des Antlitzes Röte lag ein glückseliger Schein. Unter der Schürze trug sie etwas und sprach schalkhaft: »Rate, was ich bringe, Karl Heimreich!« Er tastete mit der Hand und spürte etwas Lebendes. »Wir haben fast Katzen genug im Hause.« »Es ist keine Katz', dir bring ich's«, jubelte sie und setzte ihre Last, ein gelbzottiges Knäuel, auf den Fußboden. »Ein Hündchen!« Schreckhaft legte es die Schnauze auf den Grund und streckte täppisch die Beine von sich. Es lag wie gelähmt, kein Locken und keine Liebkosung regte es von der Stelle, nur die Augen beobachteten genau, was vorging. Hertie eilte in die Küche und schnitt vom Rauchfleische einen Fetzen herunter. Da wurde das von Furcht Gelähmte lebendig, zuerst rührte sich das Schwänzlein ein wenig, dann schnoberte die Schnauze und schnappte schließlich zu. Bald sprang es auf die täppischen Beine, so leckere Bissen war es im Hause des Kirchenjuraten nicht gewohnt. Ein feines und zottiges Hündchen, dem die langen Haare in das drollige Gesicht herunterhingen und wie ein Ziegenbart die Schnauze umrahmten! Hertie sah die helle Freude, welche Karl Heimreich daran hatte, und fragte: »Wie soll es heißen? Etwa Grips? Oder Flink?« »Flink wäre ein guter Name«, sprach er, »aber wir wollen es latinisieren, weil es ein Pastorenhund ist, und ihn ›Cito‹ heißen.« Das Hündchen hieß Cito. »Ei, er hört schon auf den lateinischen Namen«, lachte sie. »Ja, wenn ihm gleichzeitig ein Bissen gut nordstrandischen Rauchfleisches hingehalten wird«, gab er zurück. Wie zwei fröhliche Kinder spielten sie eine Weile mit dem Tiere und setzten sich dann. Es war stille zwischen ihnen, als bedrücke sie das Alleinsein mit einander. Sie saßen, als suchten sie ein Wort. Endlich flüsterte er: »Und du kamst zu mir, Hertie, um mir das Hündlein zu bringen?« »Nicht darum nur kam ich«, sprach sie ehrlich, »auch um deiner Predigt willen …« Sie stockte, und er sah sie erschrocken an. »%%%Sie hat dir mißfallen wie dem Vater! Es war eine süße Speise, der es an Kraft und Würze gebricht?« »O, mich bedünket, du hast von dem Süßesten und Schönsten geredet, von der großen gewaltigen Liebe Gottes, wie ich es nimmer in diesen Kirchen gehört habe … Und das wollte ich dir sagen, Karl Heimreich.« Er hatte ihre Hand ergriffen und lächelte: »Weißt du, was große, gewaltige Liebe sei?« Ein Kindesblick war es, mit dem sie sagte: »Habe weder Vater noch Mutter und wüßte es nicht, wenn ich nicht Etta und dich hätte.« »Und es ist kein Unterschied zwischen Etta und mir?«, drängte er mit leisem Händedruck. »Ja, da ist einer«, hauchte sie, »ich liebe dich fast anders und mehr …« Da war den beiden die Gottesliebe unversehens zur Menschenliebe geworden. Sie küßten sich zum ersten, zum einzigen Male für lange, lange Zeit. Still war es in der Stube, die selige Stille des Alleinseins auf der Welt, des Ineinanderseins zweier Herzen. Nach einer Weile klang es von Herties Lippen wie ein Mißton fast: »Was wird der Vater dazu sagen?« »Liebst du denn nicht den Vater?«, sprach er. »Ja, ich liebe … und fürchte ihn –« »Ich will es ihm nicht verschweigen, sondern heut' noch sagen«, nickte er, »auch bist du ja schon sein Kind, Hertie!« »Eben darum, darum – wär' ich es nicht!«, flüsterte sie wie in banger Ahnung. – – – Etta war zurückgekehrt. Während sie das Kopftuch löste, glitt ihr Blick forschend über die beiden und sah an den Gesichtern, was geschehen sei, denn der Frauenblick ist scharf in solchen Dingen. Aber sie schwieg. Auch Peter Boethius kam heim, merkte nur die Anwesenheit des neuen Hofinsassen und spielte gut gelaunt mit dem Hunde. »Ei, du wirst ein Rattenfänger werden!«, sprach er, denn an allem, was Tier hieß, hatte er Gefallen – mit alleiniger Ausnahme der Ratten, die ihm den alten Stall unterwühlt hatten. Neun schlug die Uhr, und es war Schlafenszeit in der Pastorei. Vater und Sohn waren die letzten im Zimmer. Boethius trat an das Eichengehäuse der großen holländischen Schlaguhr, die ein teures und seltenes Hausstück auf der Insel war, öffnete die Tür und zog bedächtig die schweren Lote auf. Sonst ein sparsamer Mann, hatte er die Uhr von Amsterdam mit einem Schiffer zu sich kommen lassen und diese große Ausgabe nicht gescheut, weil er es mit der Zeiteinteilung des Tages sehr genau nahm und auf die Sanduhren kein rechter Verlaß war. »Geh in deine Kemenate, es ist Rüstzeit«, sprach der Vater. Der Sohn aber erwiderte: »Mein Herz ist erregt, ich kann nicht schlafen.« »Ich kenn' es wohl, es ist die erste Predigt, die nicht zur Ruhe kommen läßt … so wisse denn zu deinem Troste, daß sie den Leuten gefallen hat.« »Es ist nicht die Predigt, Vater, Hertie und ich … wir haben …« »Was haben Hertie und du?« »Wir haben uns geküßt …« Boethius drehte den Kopf unwillig.%%% »%%%Pueri puerilia tractant , Kinder treiben kindische Dinge! Laß das Gespiel, sie ist ein Kind, aber du bist keins mehr und hast schon auf der Kanzel gestanden.« »Kein Spiel ist es, mein Vater«, sagte Karl Heimreich schüchtern, »wir haben uns gesagt, daß wir einander lieb hätten wie keinen Menschen sonst.« Peter Boethius' Gesicht verdüsterte sich jäh, aber nicht von Zorn, sondern von Weh. »O, Karl Heimreich, ich wollte, du hättest dir und mir so großes Leid erspart! Wußtest Du nicht, daß ihr Bruder und Schwester seid?« »Ich weiß, daß wir nicht Bruder und Schwester sind«, antwortete der Sohn fest. »Nein, aber so wisse und höre denn! Deine Mutter hatte eine Halbschwester Anna, die ehelichte einen Bauer in Everschop drüben auf dem festen Lande, einen starken, jähblütigen und hochfahrenden Mann, namens Völkers. Der trug immer einen langen Stoßdegen an der Seite, obgleich ein Artikel des Landrechts verordnet, daß zur Verhütung aller Ungelegenheit die Gäste nicht mit Dolchen oder Messern auf Gilden und Gastereien gehen sollen, gab ihn auch nicht dem Wirt oder Schaffer bis auf den morgenden Tag, wie einige tun. Das gräuliche Unglück ist geschehen bei einem Gelage, denn die Sünde ist der Leute Verderben. Mit dem Staller Jakob von Krummendieck, auf den er einen alten Hass hatte, geriet Völkers in Streit, und im Verlauf desselben erstach er den Staller mit seinem Stoßdegen … Dann floh er und verschanzte sich in seinem Hause. Aber die Knechte des Stallers überwältigten ihn, schleppten ihn hinweg und verwahrten ihn, daß er auf dem nächsten Hardesdinge auf den Hals verklagt werde. Der Totschläger ist auch auf den Hals gefällt worden und also gestorben. Sein armes Weib jedoch, deiner Mutter Schwester, welche ein Kind unter dem Herzen trug, verfiel in Krämpfe, als die Häscher ihren Mann hinweg gerissen. Dann redete sie irre … und ihre Stunde kam. Hertie ist eine Frühgeburt um fünf Wochen, ihre Mutter aber verschied und ward erlöst aus so großem und gräulichen Elende.« Karl Heimreich war todbleich geworden, sank in einen Stuhl und stöhnte: »Hertie, Hertie! Weiß sie von ihren Eltern?« »Sie war von Kind an ein zartes und schwaches Wesen und hat nur erfahren, daß sie früh verstorben sind.« Pastor Boethius legte die Hände auf des Sohnes Schultern, als müsse er ihn zurückhalten von einer Tiefe, daß er nicht darin versänke, und sprach sehr mild und sehr traurig: »Wir haben ein Gesetz in diesen Fünfharden, daß niemand eine Person freie oder zu Ehe nehme, er könne sich denn mit ihr ins dritte Glied rechnen, sowohl hinsichtlich der Blutsverwandtschaft als der Verschwägerung. Ihr seid Blutsverwandte und Geschwisterkinder. Karl Heimreich, der Sohn des Pastor Boethius, wird nicht im verbotenen Grade ein Weib nehmen!« Karl Heimreich senkte den Kopf sehr tief, wie unter einem Gottesgericht und -Urteil, und sprach leise: »Mein Vater, wir sind Bruder und Schwester.« Der Vater strich ihm über das Haupt, und der Sohn schritt aus dem Zimmer, aber sein Gang hatte etwas Wankendes. – Auf der Diele neben dem Herdfeuer saßen Etta und Hertie, als hätten sie seiner geharrt, und sahen ihm ins Antlitz. Er sprach nichts, nur die traurigen Augen redeten, und aus ihrem trostlos-wehen Blick wussten sie, was geschehen sei. Langsam und lautlos klommen die beiden Mädchen in ihre Kemenate hinauf. Etta entkleidete sich, aber Hertie saß reglos auf ihrer Bettstatt mit geschlossenen Augen. »Versuche zu schlafen«, mahnte jene, aber erhielt keine Antwort. Da legte sich Etta hin, ließ das brennende Talglicht auf dem Tische und lugte aufmerksam hinter dem Kopfkissen hervor. – Ein Knarren und Rasseln kam von unten herauf, die Uhr schlug elf Schläge. »Hertie!«, rief eine mitleidsvolle Stimme, »ich habe dich lieb und möchte dich trösten.« Die Gerufene hob den Kopf und schlug die Lider auf. In dem schneeweißen Gesicht standen zwei große, starre Augen, als wäre der Geist abwesend und in anderen Welten, und die blutlosen Lippen murmelten: »Dort stehet ein Mann im Scharlachmantel mit dem Richtbeil in der Hand … und das Haupt fällt … das ist mein Vater …« Etta schrie entsetzt: »Hertie! Um der Barmherzigkeit Gottes willen!« Denn sie glaubte, das Mägdlein sei irre und rede im Wahnwitz. Weder sie noch Hertie hatten gelauscht an der Tür, noch wussten sie irgendetwas von dem gewaltsamen und grausamen Ende, welches Hans Völkers von Everschop vor neunzehn Jahren genommen hatte. Die Hellsehende sah nichts um sich her und hörte nicht Stimmen dieser Erde. Dennoch horchte sie, als höre sie etwas, und flüsterte gedämpft und abgebrochen: »Pastor Boethius wird Herzleid haben … erst um seinet-, und dann um meinetwillen … horch, wie sie heiß gegeneinander reden und hart wider hart setzen … aber die Schrift und das Siegel … hütet das Siegel …« Etta sprang im Nachtgewande aus dem Bette. Keinen Sinn fand sie in den dunklen Worten, und dennoch machten sie ihr Herz bedrückt und angstvoll, wie eine böse Zukunftsahnung. Mit ihren Armen umschlang sie die Kranke, welche die Augen schloß, und liebkoste sie: »Komm zu dir, Hertie.« So saß sie lange, in den Armen sie haltend, bis ein Frösteln sie überlief. Endlich öffnete Hertie die Lider halb, als werde sie aus tiefem Schlafe aufgestört, und murmelte: »Ich bin so müde … will schlafen …« und schloß sie wieder und schlief in der Tat! Nichts merkte sie davon, daß Etta sie entkleidete, behutsam bettete und warm zudeckte. Dann löschte Boethius' Tochter das Licht und grübelte lange: Was war es? Was war es? Aber sie fand keine Erklärung des rätselhaften Vorganges und der dunklen Rede, und eine große Furcht beschlich sie. Wie konnte sie auch den krankhaften Zustand der Seele kennen, den eine spätere Zeit somnambul nannte und wofür jenes Jahrhundert noch keinen Namen hatte! Als Hertie am hellen Morgen erwachte, war sie wie zerschlagen am Leibe und wußte kein Wörtchen von dem, was sie geredet hatte. Etta bewahrte alles wie ein Geheimnis, davon sie nichts verlauten ließ. Karl Heimreich saß traurig und streichelte sein Hündchen. Dann nahm er die Bücher wie sonst, und gegen Abend war ein Ausdruck von sanfter Ergebung auf seinem Gesicht und Gebaren. Pastor Boethius schritt nachdenklich über das Feld und sah viel auf den Grund, aber es war nicht die auflaufende Herbstsaat, auf die seine Augen achteten. In diesen Wochen lag es über der Westerwohlder Pastorei wie das Schweigen eines stille getragenen Leides. Die Bierkumpane und der Wirtshausprediger Wieder war Sonntag, aber ohne Sonnenschein. Wie die ersten Akkorde des großen Sturmliedes der Tag- und Nachtgleiche des Herbstes fuhren zuweilen starke Windstöße von Westen her über das Land, und immer flogen wie graue Winterboten die Wolken am Himmel her und schlugen gelegentlich ihre naßkalten Schauer gegen die bleigefaßten Fensterscheiben. Unfroh und fröstelnd machte das Wetter, nur am Feuerschein hatten die Menschen ihre Freude. Wir betreten den Pesel der Pastorei, des Hauses Prunkzimmer. Die Wände sind getäfelt, die Rahmenstücke dunkel gebeizt und die Füllungen mit Bildern und Blumensträußen geziert. Auf dem Borte über dem Eckschranke stehen die silberbeschlagene Prachtbibel und andere schlichte, schweinslederne, aber gelehrte Buchgenossen. Ein Schrank, mit kunstreichem Schnitzwerk verziert, enthält den so genannten heimlichen Reichtum, des Hauses Silber- und Leinenzeug. Auf den Bänken und Stühlen liegen Polster und Kissen von feiner Webung. Ja, des Hauses Prunkzimmer war der Pesel, aber ohne Feuerstelle und darum feucht und frostig von jetzt bis zur Maienzeit. Dennoch wärmten Pastor Boethius und der Kirchenjurat Gert Hinrichs sich die Hände, während sie sich unterhielten. Es war nämlich eine bewegliche Feuerstelle, die nichts anderes als eine auf Rollen gesetzte und mit Steinen belegte Lehmkiste war, aus der Küche herein geschoben worden. Das unförmige Gerät, in welchem ein Kohlenfeuer brannte, paßte nicht in das Zimmer, aber der Anblick desselben gab doch eine Art von Wärmegefühl und die verklammten Finger spürten eine wohltuende Wirkung. »Der Stall ist zu klein, und die Mauern verfallen«, sprach Boethius. »J – a, j – a«, antwortete der Kirchenjurat, ein gemütsruhiger Mann mit apfelrunden Wangen. »Unwürdig einer Pastorei ist das Gebäu!« »J – a, j – a …« »Ein Rattenloch ist es!« »J – a, j – a.« Dieses zwiefache, lang gezogene Ja reizte den Pastor wie ein halbes Nein, und er legte Wucht in die Worte: »Sie werden und müssen mit bauen!« »J – a, j – a … sie werden es müssen, wenn ein Sturm kommt und es umwirft!« »Nein, noch vor der Lenzsaat werden sie Steine und Holz fahren!« »J – a, j – a … wenn der Vogt ansagt, müssen sie Wagen stellen.« »Ich kenne meine Leute«, sprach der Pastor überlegen, »daß sie mit Ja, Ja eine Zeitlang sich rücken und drücken und zum Letzten es dennoch tun.« »Doch rücken auch einige von den Westerwohldern ihren Sinn nicht von der Stelle«, war die Antwort. Unmut lagerte sich auf Boethius' Gesicht und Sinn, und das Wort entfuhr ihm: »So wollte ich, daß der Wind es verwehte!« Die Glocken läuteten. Einzelne Kirchgänger kamen, aber die meisten Westerwohlder scheuten das Wetter und die aufgeweichten Wege. Peter Boethius stand auf der Kanzel und begann: »Von hier oben siehet das Gotteshaus aus wie ein übel geratenes Roggen- und Gerstenfeld mit großen kahlen Stellen darin … Es kann am schlechten Säemann liegen, und dann bin ich's, der schweigen sollte. Es mag aber auch der Same nichts taugen und darum nicht aufgehen. Die meisten jedoch werden sprechen, das schlechte Wetter sei schuld, und also dem Herrgott es in die Schuhe schieben. Der gehet jetzo über dem Nordstrande und redet im Winde: Wartet, ich will euch schnellfüßig machen! Vor achtzig Jahren ist die Pest, der schwarze Tod, gekommen in diese Länder und hat den Leuten Beine gemacht zum Gotteshause, daß an einem Sonntage mehr als dreihundert das heilige Nachtmahl begehrt und bekommen haben. So stehet im Westerwohlder Kirchenbuche zu lesen. Ja, das Wetter! Diese Wochen um die Herbst-Tag- und Nacht-Gleiche sind Frieslands böse Gezeiten! Freilich, den Gallustag hätten wir hinter uns, und der Heilige ist uns heuer gnädig gewesen, so denket ihr. Auch dieser Wind ist glimpflich und wird gegen unsere Deiche nichts ausrichten, vertröstet ihr euch. Aber wir haben noch den Allerheiligentag zu gewärtigen, den bösen und viel beklagten Tag, der schon viel tausend Seelen aus diesen Marsch- und Meerländern hinweg gerafft hat. In Ansehung dessen, daß wir zehn große Wasserfluten und mehr, welche zu dieser Zeit geschehen sind, in unseren Jahrbüchern zählen, könnte man wohl meinen, es käme von der Menschen Unheiligkeit und Sünde, daß der allerheilige Tag so oft ein Tag der Zornheimsuchung gewesen ist. Darum, hütet euch vor Allerheiligen! Es kommen aber die klugen Köpfe und schwatzen ihre Weisheit: Auch die Fluten haben ihr Gesetz, und es ist ein alter und gemeiner Glaube in Friesland, daß alle vierzig Jahre ein großes Überstürzen des Wassers über diese Örter verhänget ist. Sie haben allezeit ihre Beweise zur Hand und rechnen uns vor: Im Jahre 1162 in der großen Manndränke sind viel tausend Menschen im salzen Wasser umgekommen, dann ist anno 1204 und 1250 auch eine große Flut gewesen, 1300 aber eine zweite Manndränke gekommen, darin Rungholt mit sieben Kirchspielen untergegangen ist. Wer zählen kann, der zähle, so sagen sie und weiter dann: Gehen wir auf unsere Zeit! 1532 am Montage nach Allerheiligen ist eine schreckliche Springflut ergangen, welche achtzehn Wehlen in unsere Deiche gerissen und 1600 Menschen ersäufet hat, und danach 1570 ergossen sich die Wasser von neuem über die Insel. Haben wir selber nicht die Septemberflut anno 1615, vor nunmehr achtzehn Jahren, erlebt? Die Rechnung stimmt bis auf ein paar Jahre, und männiglich ziehet daraus den Schluß, daß alle 40 Jahre eine große Flut beschlossen sei. Ei, ein feiner und sehr tröstlicher Gedanke, sintemal wir hiernach gute Weile hätten und volle 25 Jahre noch ohne Sorge schlafen und nach Herzlust essen und trinken, freien und fröhlich sein könnten. Aber wahrlich, ich sage euch, nicht ist der Herr des Himmels und des Meeres an gewisse Zeiten gebunden, sondern er sendet seine Winde und Fluten, wann er will, so daß mit der Sünde auch die Sündfluten gekommen sind und mit der Vermehrung der Bosheit auch die Ergießungen der Wasser des öfteren sich vermehren werden. Hütet euch vor Allerheiligen! Das lehret die Historie. Und vor dem Neumonde, denn mit solchem sind die allerschlimmsten Springfluten eingetreten! Das lehret die Erfahrung!« Markig war die Stimme wie klangvolles Erz, gegen das Ende aber wie dröhnender Posaunenschall. Manche horchten auf, als ließen sie die Rede eingehen, die meisten aber duckten die Köpfe, als warteten sie ruhig, bis das Wetter von oben vorüber gegangen sei. Der Prediger von Westerwohld hatte seine eigene Predigtweise und ging nicht in den hergebrachten Geleisen der Homiletik, sondern geriet auf Seitenwege. Eine Zeit lang wandelte der Redner am Faden des Textes entlang, aber ein Wort kam ihm in den Weg, daß er einen Seitensprung machte und in neu entdeckte Gedankengefilde die Zuhörer führte. Im heutigen Evangelium war es das Wort von der Mahlzeit, die bereitet sei, vor dem er stutzte. »Das Himmelreich ist gleich einem Könige, der seinen Gästen ein Mahl bereitete«, las er zwei Mal aus dem Buche … »Ei, ein verlockendes Wort, und der Himmel wäre ein gar feiner Ort, wenn allda Gastereien gegeben würden, und meine Nordstrandinger möchten alle hinein, denn nichts gehet ihnen über den Ruf: Kommet zum Essen! Alltäglich zu sechs oder sieben Malen erschallt er, und alle zwei Stunden wird gespeiset, warm oder kalt wechselweise. Zuerst die Biersuppe, dann die Vormittagsvesper mit kaltem Fleische und danach die Mittagskost … Die Nachmittagsvesper und die Abendkost dürfen beileibe nicht versäumt und vor dem Schlafengehen muss noch ein Spätmahl oben drauf gesetzt werden. Wehe, wer daran rühren und gegen solche Gewohnheit reden wollte! So ist es Sitte von unsern Vätern her, sagen sie; um der salzigen, zehrenden Luft willen, und um die vorfallende schwere Arbeit bestehen zu können, müssen wir uns derart mit reichlicher Nahrung versorgen. Dennoch will ich nicht verhehlen, daß es eine üble Sitte ist, sich dermaßen zu beschweren. Von euren Hochzeiten und Gilden aber, und welche Völlerei darauf im Schwange geht, davon will ich lieber schweigen, damit ihr mir nicht allzu gram werdet. Euer Name ist Friesen, und in der Landessprache nennt ihr euch Fresen, und wenn ihr euch stolz dünkt, freie, fromme Fresen! Woher der Name? Diejenigen, welche nur auf ihre vielen Mahlzeiten sehen, erachten, daß sie Fresen geheißen worden sind vom vielen Fressen! – So saget – nicht Peter Boethius von Westerwohld, sondern der Chronist Peter Saxus in seiner kurzen Beschreibung des löblichen friesischen Landes.« Mit diesem Wortspiele und Seitenhiebe endete der Seitensprung, und für eine Weile kam der Text zu seinem Rechte. Tolke hatte seinen Nachbar angesehen und bedeutungsvoll gegrunzt. Dann richtete er wieder den Blick auf Ettas Nacken, und die kleinen lüsternen Ferkelaugen ergötzten sich an der weich gesundeten Gestalt. Warum kam der Mann an zwei Sonntagen hintereinander ins Gotteshaus? Das war noch nie gesehen, so lange Sönke, der älteste Kirchgänger, sich erinnern konnte. Unterdessen gestaltete sich die Predigt immer mehr zur Strafrede: »Ach, daß ein Prediger auf dem Nordstrande immer wider den Saufteufel zu Felde liegen muss. Die jungen Männer können nicht zusammen gehen, ohne daß eine Tonne Bier auf den Stuhl gelegt wird, und je mehr es gießt, desto besser gedeihen unehrbares Wesen, Lediggang und alle Laster. Die Brüchen werden zum Besten der Dorfschaft in Bier bezahlt und von den Alten vertrunken, zu ihres Leibes Verderb und Schaden. Es ist zum Erbarmen, daß der Erzvater Noah ein so schlechtes Exempel gegeben und so viele Kinder und Nachfolger gefunden hat, welche die edle Gabe Gottes mißbrauchen und nicht gedenken, daß gleichwie ein lieblicher, gelinder Tau das Kraut erquickt und gegen Hitze erfrischt, ein Schlagregen aber daßelbe zur Erde wirft – also auch ein mäßiger Trunk das Herz und Gemüt erfreut, ein Übermaß aber den Menschen seiner Sinne beraubt und unter dem lieben Vieh erniedrigt. In diesem Stücke werden vernünftige Geschöpfe von den unverständigen Kreaturen weit überwunden, so daß sie hierin einen Hund oder eine Katze um ihrer natürlichen Mäßigkeit willen für ihre Doktoren und Ehrenspiegel halten müßten. Ich möchte aber fast, daß allerdinge kein Weinstock gepflanzt und kein Malz erfunden worden wär'!« Tolke grunzte laut, denn er meinte, der Pastor habe ihn nur angesehen und die Worte auf ihn gemünzt. Es fielen noch mehr von ähnlicher Prägung. Die Kirche war aus, und der Pastor schien trotz des schwachen Besuches nicht unbefriedigt zu sein. Den süßlich-schalen Geschmack, welchen der vorige Sonntag in ihm hinterlassen hatte, war er losgeworden durch reichliche Zugabe von Salz. Vielleicht eine zu starke Gabe, denn vor der Kirchtür sah man herb gekräuselte Lippen und hörte man bittere Worte. »Der Buernpastor!«, so begann's kurz und hart. »Gleich einem Dreschflegel handhabt er das Wort … heißa, wie es heute auf unsere Köpfe hagelte!« »Ei, nun wissen wir, warum wir Fresen heißen …« »Und daß wir insgesamt Dickwanste und volle Zapfen sind.« So ging es weiter. Eine zornige Stimme sprach: »Sollen wir uns von dem Pfäfflein wie Schulbuben schmähen und schelten lassen?« Eine sanfte redete dazwischen: »Die längste Zeit hat es gewähret, er hat ja gekündigt.« Da rief Tolke: »Trutz dem Pastor! Wer will mithalten? Eine halbe Tonne Tonder Bier legt Tolke von Olufswarf heute Nachmittag auf!« Seine Kumpane grinsten beifällig, und Hans Pauls schmunzelte: »Das war ein frommer Beschluß!« So endete der Kirchgang des um Tolke versammelten Haufens. * Im Pfarrhause saß Karl Heimreich in seiner Kammer und sah einem zerrinnenden Traumbilde nach. Heute war es ihm aufgegangen, wie ein Prediger auf dem Nordstrande das Wort auslegen müsse, und daß er nimmer zum Kanzelamt taugen werde. Doch war es kein großer Schmerz, sondern eine leise, fast wohltuende Wehmut, denn dieser Verzicht war klein und gering nur, gemessen mit dem Größeren, dem er entsagt hatte. Am Spätnachmittage, als die ersten Schatten des heraufdämmernden Abends in die Winkel der Stube sich legten, saß er noch ebendaselbst und spürte ein Gefühl der Unlust zu jeglichem Tun. Selbst von den Büchern, den sonst liebsten Genossen, wandte er müde den Blick. Um diese Zeit war der Vater auf dem Heimwege von seinem Sonntagsgange. Zu seiner Rechten lag das Wirtshaus, dem er einen schrägen Seitenblick gönnte. An den Ringen der Mauer standen fünf Gäule angebunden, die sein Auge flüchtig streifte, und er wußte sogleich fünf von den Wirtshausgästen. Es war nämlich kein Ross im Kirchspiel, das der Pastor nicht gekannt und von dem er nicht ein unterscheidend Merkmal und Abzeichen hätte nennen können. Seine Tochter kam des Weges, ihm entgegen; wegen der Abendkühle hatte sie einen Schafpelz über die Schultern geworfen und schien etwas unter dem Arme zu tragen. »Wohin so spät, mein Kind?« »Dem siechen Johann Maat will ich ein Süpplein bringen und vielleicht noch schleunig bei meiner Gunne einsehen.« Er nickte und trat vom schmalen, erhöhten Seitenpfade, ihr freie Bahn zu machen. Am Fuße des Hügels, auf dem sein Haus lag, horchte er zurück. Der Wind trug johlende Töne herüber. Zechende Leute, die ihren Umzug halten von Haus zu Haus, einen Trunk bekommen und den Mann mit sich nehmen, bis ein toller und voller Haufe daraus geworden ist, so deutete er die Laute und stieß zornig die Tür auf. Etta hatte den Lärm noch eher gehört, aber es kam ihr nicht in den Sinn umzukehren, sondern sie setzte ruhig ihren Weg fort, trotzdem das Schreien und Singen sich ihr näherte. Die halbe Tonne des starken Tonder Bieres war geleert. Jeder, der seine fünf Sinne beisammen hatte, merkte es sogleich. Man sah es an der Weise, wie sie mit den langen Stiefeln durch Dick und Dünn stampften, man hörte es an der Redelust und dem heiseren Gelächter. Sechs Zechkumpane kamen des Weges, Tedje trällerte vergnügt eine Weise, und Tolke überschrie ihn: »Schweige mit dem Geplärr!« Diesen aber wiederum Hans Pauls: »Halt's Maul, Tolke, wir wollen singen!« Gehörte auch der siebente, welcher schweigsam sich verhielt und fünf Schritte zurückblieb, zur Kumpanei? Gewißlich war Edleff Wessel der Nüchternste, und ein verdrossen-verächtlicher Zug saß um seinen Mund. Beim Vogte hatten die aus dem Bierhause kommenden Gesellen zuerst vorgesprochen, und sein Sohn hatte, wie es sich bei Trinkumzügen geziemte, den Krug zwei Mal die Runde machen lassen, dann aber ihrer Aufforderung, mitzutun, sich nicht entziehen können. Um des so genannten Anstandes willen und um nicht im ganzen Dorfe verschrien zu werden! So groß war die Macht der Unsitte, daß er ihr gehorchte. Aber geflissentlich hielt er sich in einem Abstande, als gehöre er nur halb zu diesen, oder als spähe er nach schicklicher Gelegenheit zum Entweichen. – Was Tedje leise geträllert hatte, wurde laut gesungen, der Kehrreim aber gebrüllt. Ein Schelmlied auf die Prediger war es, und sein Kehrreim lautete: Der Propst im Süderteil ist schiel und blinket, der in dem Mittelteil ist lahm und hinket, und der im Vorderteil ist dull und drinket. Da hatten die Pröpste ihren Teil weg und der Präpositus Vincentius, obgleich er kein Eiferer um ehrbares Wesen war, den schlechtesten Ruf bekommen. »Ist du – l – l und dri – inn – ket!«, juchzte Hans Pauls noch einmal. Auch der, welcher heute Vormittag wider den Saufteufel zu Felde gelegen hatte, ging nicht leer aus. Der Herr von Westerwohld verträgt kein Pimpen, Der Herr von Westerwohld versteht kein Schimpen Und führt den Flegel ohne Gnad' und Glimpen! Hatte Hans Pauls die Worte gereimt, die von wieherndem Beifall begrüßt und dann wiederholt wurden? Immer von neuem lallte Tolkes Stimme diesen Reim. Da sahen sie Etta. Sogar Tolke wurde stumm. Seine verschwommenen Augen blinzelten begehrlich, torkelnd tappte er auf den erhöhten Fußsteig hinauf, straffte seine Gestalt und seinen Gang, so gut es gelang, und schritt ihr entgegen. – Wollte er nicht zur Seite weichen? Nein, der Tölpel vertrat ihr den Weg! Kalt und furchtlos sah sie ihn an: »Machet nur Platz, Tolke, Ihr habt Wasserstiefel an, und ich werde mit meinen Schuhen nicht in den Klei treten.« »Die feinste Jungfer im ganzen Nordstrande seid Ihr und voll Lieblichkeit.« Es sollte ein süßliches Gelispel sein und war doch nur ein widerliches Gelalle. »Und Ihr voll Bieres!«, sagte sie scharf und schneidend und stellte die Fußspitze auf einen Stein, einen Herumweg suchend. »Wartet, ich will Euch darüber tragen!« Ehe sie sich's versah, hatte er mit beiden Armen sie fest umschlungen. Aber ihr Fuß stand fest, ihr Körper stemmte sich zurück, ihr Auge blitzte. Den Topf, welchen sie trug, hielt sie weit von sich und herrschte Hans Pauls an: »Faß ihn, aber behutsam!« Edleff Wessel machte vier lange Schritte. Doch ehe er den letzten getan und den Arm erhoben, hatte sie mit den freigewordenen Händen Tolke gepackt. Ein sekundenlanges Ringen! Das Friesenmädchen überragte den Mann, in ihr war Wille und Wut, mit einem schnellen Stoß schleuderte sie Tolke von sich, daß er taumelte, die Füße verlor und mit lautem Geplatsch in den Graben purzelte. Vom Regen standen die Gräben voll Wasser. Bewundernd sah Edleff empor zu dem Mädchen, welches hoch aufgerichtet auf dem Seitenpfade stand, und rief: »Jungfer Boethius, Ihr habt meinen Beifall!« »Ist mehr als ich von Euch und Euren Genossen sagen könnte!«, sprach sie und schritt stolz vorüber. Dabei ruhte ihr Auge voll auf Edleff, aber fremd und frostig. Tolke, bis zur Brust durchnäßt, kroch ernüchtert und auf allen Vieren aus dem Wasser. Er blähte die Backen auf und prustete: »Der Kröte will ich es vergelten!« Die Burschen aber hielten sich den Bauch vor Lachen und schrieen: »Sieh da, ein Frosch, ein riesiger Frosch ist in unsere Gräben geraten!« Der Gefoppte machte sich flugs auf den Heimweg – zum Wirtshause. Bald saß er am Herde, legte Torfsoden aufs Feuer, goß die vollen Wasserstiefel aus und ließ sich einen Krug füllen. Die ganze Kumpanei war zur Stelle, nur einer fehlte. »Wo ist Edleff?« Keiner konnte es sagen, er war unbemerkt abhanden gekommen. »Der Priesterdirn wird er nachgelaufen sein«, sprach Tedje wie entschuldigend und wandte schnell den Kopf, denn Tolke hatte geflucht. Inzwischen hatte Etta den Suppentopf an Ort und Stelle abgeliefert, einen anderen Rückweg eingeschlagen und stand nunmehr vor dem Häuschen am Abhange der Kirchwarf, der Dachdeckerwohnung. Ein windschiefes Gebäude, das nach Osten neigte, wie die Bäume der Insel. Sie sprach den Gedanken aus. Sönke, welcher in der Tür nach Wind und Wetter ausgeschaut hatte, nickte: »Es ist mit den Häusern wie mit den Menschen … Die alten windschiefen und verkrümmten sind die zähesten … Dieses hier hat mehr als eine Flut bestanden und mag noch mein Enkelkind überdauern.« Auf der Diele, die Etta betrat, wob ein blaugrauer Nebel – das war der Rauch vom Herde, welcher durch das Loch im Firste und die Haustür sich Ausgänge suchen musste. Allen bot sie ihren Gruß und blickte dann wie suchend empor. Schwärzlich schimmerte die Decke durch den Nebel, ihre Bretter waren mit einer dicken Lage von glänzendem Ruß überzogen. Von den Balken vor dem Herde aber hing der Kienruß pfundweise herab. Das war der Ort, wo des Hauses Rauch- und Fleischwaren zu hängen pflegten, und er war leer, denn längst hatte man den Vorrat verzehrt und das Weihnachtsschwein noch nicht geschlachtet. Solches sah Etta, zog unter ihrem Pelze ein Päckchen, das die längliche Form einer Wurst hatte, hervor und legte es schnell und verstohlen auf den Tisch. Doch merkte die alte Gunne es und rief ihren Namen: »Etta.« Aber die Geberin wehrte jedem Dank, und beide dämpften ihre Stimme zu einem Flüstern, das man nicht verstand. An den Wänden der Diele standen roh gezimmerte Bänke, Kasten und Bütten, an Holzpflöcken hingen Arbeitskleider, Stiefel und mancherlei Gerät. Außer der Diele, welche Küche und Wohnung war, hatte das Haus nur zwei kleine Räume mit eingemauerten Bettverschlägen, einen Schlafraum für die Alten und einen zweiten für den Sohn, der Witmann wat, und seine Tochter Alma. Letztere war vorzeitig aus dem Dienst gelaufen und seit sechs Wochen im Hause. Zur Stunde machte sie ein höchst verdrießliches Gesicht, weil ihr der Abendgang untersagt worden war, und auch aus anderer Ursache maulte sie. Derjenige, welcher am Herd saß und ein dickes Buch aufgeschlagen auf den Knien hielt, ließ sich durch Ettas Eintritt nicht stören. Das Buch aber war die Bibel. Silbenweise wurden die Worte gesammelt und halblaut hergemurmelt, sonst gelang dem Klaus Rickmers die Kunst des Lesens nicht, und der Sinn ging ihm verloren. Man hörte das einförmige Gemurmel – hinter dem Bretterverschlage das schläfrige Krah – Krah einer Henne, als spräche sie im Traume – und drüben das Flüstern der alten Gunne. »Es ist ja Gottes Wort und darum gut … und will mir doch nicht gefallen … So treibt er es, seitdem er vom Bluthusten befallen worden ist, zu jeder Stunde, wenn er im Hause sitzt. Am emsigsten aber liest er die dunklen Stellen und spricht, der Geist werde ihm die rechte Deutung geben.« Also flüsterte die Greisin vom Sohne und dann, ihren Mund noch näher an Ettas Ohr neigend, von der Enkelin. Diese merkte wohl, daß von ihr die Rede sei, denn als Etta aufstand und sie anredete: »Alma, du schauest so unlustig drein!«, steckte sie Stumpfnase zur Decke empor und verzog den Mund. »Was fragt Ihr? Die Großmutter hat Euch schon Antwort gegeben.« »Tolke ist ein roher Gesell, ich hab's erfahren«, sprach Etta bedächtig, »gehe nicht in seinen Dienst, Alma! Ein lediger und noch dazu loser Mann ist er und keine Hausfrau im Hofe.« »Darum just, weil keine Bäuerin im Hofe ist, gehe ich hin … Kein Unband von einer Herrin wie die letzte, die mit dem Holzlöffel nach mir schlug.« »Eine Großmagd ist da, welcher du untertan bist«, rief Gunne. »Ja, aber doch nur eine Magd wie ich«, blies sie geringschätzig durch die Lippen. Ettas Stimme wurde ernst und eindringlich: »Nicht viel Gutes wird vom Hofe geredet, ein unordentliches und lässiges Wesen herrscht in Haus und Feld … Und dann die Trinkgelage, die dort im Schwange gehen sollen … Leicht kommt eine ehrbare Dirn ins Gerede, und eines Mädchens Ruf ist wie ein Metallspiegel, darauf ein schmutziges Maul haucht … Ich warne dich, Alma!« Schnelle und schnippische Antwort kam. »Als wenn unsereines, was eine geringe Kuhmagd ist, nicht so gut wie eine feine Jungfer sich zu wahren wüßte! Laß sie hauchen und fauchen dagegen, ich gehe dennoch in den Dienst!« Da fuhr Sönke zornig vom Stuhle: »Du törichtes und trotziges Kind! Bist noch unter deinem Vormunde und Vater und hast keinen Willen! Er soll entscheiden! Klaus, Klaus!«, rief er. Der Leser blickte empor und hielt den Finger auf die Stelle: »Was soll ich entscheiden? Alles gehet, wie der Herr will! Ist es sein Wille, dann wird sie Handgeld nehmen, ist es aber nicht, dann wird es ohne mich verhindert werden.« Triumphierend schaute Alma um sich und sagte: »Ich habe schon Handgeld genommen, also ist es des Herrn Wille.« Etta seufzte und Gunna schrie: »Sie hat Handgeld genommen!« Von neuem hörte man das Silben sammelnde Gemurmel, es klang wie das Wort des Jesaias: Der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe das Übel. Die Außentür wurde aufgeklinkt – und wer trat über die Schwelle? Edleff Wessel! War er ihr heimlich nachgegangen? Nein und ja, denn ihre Gestalt entschwand ihm im Dunkel. Aber die Tritte ihrer Füße hinterließen Eindrücke auf dem regnerischen Pfade. Und wie ein Hündlein, das seine Herrin verloren hat und ihr nachwittert, so spürte sein scharfes Auge auf dem Grunde. Die Stapfen eines schmalen Fußes leiteten ihn recht. Nun standen sie einander gegenüber. Auf seinem Antlitz helle, rückhaltslose Bewunderung, in ihrem Blick aber die stutzende und kühle Frage: »Was willst du hier?« »Muß sagen, Etta, Ihr habt eine schnelle Hand und einen festen Griff; ehe ich den Arm erheben und Euch beispringen konnte, hattet Ihr Euren Gegner gestreckt.« »Brauche keinen Hüter und kann mich und meine Ehre selbst wehren!«, entgegnete sie und schritt an ihm vorbei zur Tür. »Wenn ich Euch das Geleit geben dürfte, es wäre besser …«, seine Stimme wurde bittend. Ihre aber klang herb und bitter, als sie den Kopf halb wandte und die Antwort zurückwarf: »Gebt Euren Gesellen das Geleit, damit sie nicht in die Gräben torkeln, leicht kann ich meinen Heimweg finden.« Seine Lippen schlossen sich so fest, daß all seine Willenskraft nicht vermocht hätte, sie zu öffnen. Jetzt, wo es ihm selber klar und deutlich aufging, warum er ihr nachgelaufen sei, und daß er ihr um jeden Preis sagen müsse, wie er in Tolkes Gesellschaft geraten, jetzt schwieg er und musste schweigen. Zu seiner Rechtfertigung hätte er nicht ein einziges Wörtlein über die Lippen bringen können. Sie war fort. Und Gunne sowohl als Sönke redeten von der Predigertochter, wie gut und milde und edel sie sei, daß sie stets der Armen Notdurft gedenke und nimmer komme, ohne durch irgend eine Gabe zu erfreuen. Es tat ihm wohl, sie rühmen zu hören, und schmerzte dennoch. Was sie den Ärmsten tat, versagte sie ihm. Sanft war ihr Wort und gütig ihr Wesen gegen jedermann, und mit allen Menschen handelte sie gut und gerecht. Warum gegen ihn allein so herb in ihrer Rede und so ungerecht in ihrem Urteil? Ja, lieblos und hart hatte sie mit ihm gehandelt. Und da kam der Trutz. Als er ging, trat Alma mit ihm über die Schwelle, als wäre sie nicht ungeneigt, ihm ein Stück Weges das Geleit zu geben. Aber er begehrte es nicht. In der Stube nickte Sönke: »Sie hat das Handgeld genommen, und mir%%% banget …« Gunne aber sprach laut, daß der Leser am Herde es höre: »Das Mädchen hat eine lose Art und bedürfte strenger Zucht. Sie trachtet nur, mit Tand und buntem Flitter sich zu behängen, und ist unlustig, wenn sie nicht tanzen und springen kann … Von wem hat sie es? Es wäre besser gewesen, wenn Klaus nicht die Stadtdirn aus Husum als Eheweib ins Haus gebracht hätte.« Der Leser hörte gar nicht die Rede, und Sönke erwiderte darauf: »Ihre Mutter liegt in ihrem Grabe auf der Kirchwarf … Laß die Toten ruhen, Gunne!« – Des Neumondes schmale Scheibe war aufgegangen am Himmel. Edleff Wessel aber brauchte kein Licht, um seinen Weg zu finden. Er wollte in das Wirtshaus und machte lange Schritte, als wenn er Eile hätte. Tolke hatte sich von seinem Wasserbade erholt, von aussen seinen Leib ziemlich getrocknet und von innen hin%%% wiederum weidlich angefeuchtet. Wenn er ins Zechen geriet, hatte er seine drei Zeiten und Zustände und befand sich noch im ersten Stadium, wo er von Spiel- und Wettlust besessen war. Im zweiten befiel ihn die Sang- und Schreilust, zum dritten und letzten aber kam die Stänkerei, die Streit- und Rauflust zu ihrem Rechte bei ihm. Eine ganze Weile schüttelte er die Würfel. Aber vergeblich, denn es war wirtshauskundig, daß er bei den Schelmbeinen zu sehr in Gunst und Gnade stand. Sein Verlangen, wohlfeil zu einem Trunke zu kommen, wuchs, und er versuchte es mit dem Wetten. »Hei, wer hält die Wette? Kann irgend einer eine gemessene Tonne Weizen von der Diele heben, auf seine Schulter schaffen und hinaustragen, dann zahlt Tolke von Olufswarf eine halbe Tonne Bier, vermag er es aber nicht, dann muss selbiger in den Beutel greifen.« Keiner meldete sich, und kecklicher schrie Tolke: »Eine Viertel Tonne gegen eine Achtel setze ich! Wer wagt's?« »Ich halte die Wette!« Alle Augen sahen empor. Edleff Wessel stand auf der Türschwelle und streifte die Jacke ab. Es schien Tolke nicht genehm zu sein, denn er schwieg, aber an seiner Statt brüllte der ganze Haufe: »Es gilt, es gilt!« Zwei Männer trugen einen Sack mit Weizen herbei und stellten ihn mitten auf die Diele. Edleff setzte sich in die Kniee, faßte unter den Sack, schob ihn langsam auf die Schulter, richtete sich mühelos auf und trug ihn an seinen Ort, als wenn nicht Korn, sondern Kleie darin wäre. Tobender Beifallslärm schallte ihm nach. Nur Tolke winkte schweigsam dem Wirte, welcher schmunzelnd den Zapfen in eine Vierteltonne schlug. Dennoch konnte der Bauer wider seine Natur nicht handeln, noch vom Wettgelüst lassen, auch brannte das Verlangen nach Vergeltung in ihm. Wohl wußte er wie jedermann im Dorfe, daß Edleff ein sehr starker Mann sei, aber unter manchem tiefsinnigen Trunke bedachte er, daß jedem Arm Maß und Schranke gesetzt sei. Also rückte er mit seinem Vorschlage, der ein Anschlag war, hervor und schlug kräftig auf den Tisch: »Wer hält's? Eine ganze Tonne gegen eine ganze! Ich sah in Husum ein Stücklein – einen Mann, der sprang über den vollen Graben und hielt im recht%%%en Arme eine volle Tonne Bier …« »Ich tu es!«, sprach Edleff kurz. » … Unter dem linken Arm aber auch eine volle Tonne – nun habe ich ausgeredet!«, brüllte Tolke und barst in ein höhnendes Gelächter aus, denn der Anschlag war gelungen. Der Vogtsohn zog einen Augenblick die Brauen hoch, aber durch den Lärm klang gelassen seine Stimme: »Ich halte dennoch die Wette!« Und er hielt sie. Mit seinen Armen vermochte er nicht die bauchigen Fässer zu umspannen, aber jeder Muskel seines Körpers straffte sich, und mit kurzem Anlaufe und mächtigem Satze setzte er über den drei Ellen breiten Graben. Sogleich kehrte er sich und sprang so flugs zurück, daß der hoch aufspritzende Schlamm den weit vorgebeugten und nunmehr laut fluchenden Tolke arg besudelte. Dieser hatte nämlich zuversichtlich geglaubt, daß ein Riesenfrosch im Graben zappeln werde. Nun war er selbst der Gehänselte. Neue Gäste kamen und nahmen teil am Umtrunke. Die Köpfe röteten und die Gemüter erhitzten sich merklich. Im Übermute des Erfolges und seiner strotzenden Kraft gab der Vogtsohn etliche freiwillige Proben seiner Stärke zum Besten. Mit beiden Händen faßte er eine leere Tonne und schleuderte sie wie einen Federball hoch und über des Hauses First hinweg. Hans Pauls gaffte mit offenem Maule ihr nach. Da hob er diesen mit einem Griffe und sprach: »Wir wollen der leeren Tonne ein volles Faß nachwerfen«, trug aber statt dessen den närrisch Zappelnden, der ein schwerer Mann war, auf den flachen Händen und mit steif vorgestreckten Armen ins Wirtshaus hinein. Das Bier war billig heute Abend, und der Lärm lockte immer mehr Leute herbei. Einer drückte sich an den Fenstern entlang und so unauffällig durch die Tür, daß keiner sein Kommen bemerkte. Das war Boje, der Predigerknecht, welcher sogleich begann, dem Wirte zur Hand zu gehen und den anderen Mundschenkdienste zu leisten, dabei aber nicht seinen eigenen Durst zu löschen vergaß. Ganz anders, mit sperrweitem Öffnen der Tür, machte der nächste Gast sein Erscheinen. Eine kurze, ehrerbietige Stille begrüßte den Vogt, welcher mit dreist-spöttischem Auge auf jedem anwesenden Gesicht das Maß des schon Genossenen abzulesen schien, seinen Sohn aber mit einem schrägen Blick streifte. Dann begann er: »Eine gute Predigt sollte bessere Frucht tragen.« »Zum Teufel mit dem Pastor!«, schrie Tolke und schlug auf den Tisch. »Er tut, was seines Amtes ist, und straft die Schlemmer«, sprach der Vogt. »Ja, ja, das Predigtamt ist ein Zucht- und Zehntamt«, bestätigte Hans Pauls mit possenhaftem Ernst. Ein andrer rief: »Wir haben ein Herzogliches Reskript, daß die Prediger der anzüglichen und scheltenden Rede auf der Kanzel sich enthalten sollen.« »Laß mir den Herrn Boethius in Ehren, er versteht mit dem Worte und den Westerwohldern umzugehen«, sagte der Vogt. Sogleich hörte man: »Das ist eine kleine Kunst, den Mund weit aufzutun, wo niemand dawider reden darf.« Volquart Wessel fuhrt fort in seiner Verteidigung: »Dennoch ist der Pastor ein gewaltiger Kirchherr, den wir fürchten müssen, und dem wir nicht widerstehen können.« »Trutz dem Buernpastor!«, krächzte Tolke. Durch die Trinkstube schwirrte es: »Was? Ein Ehrabschneider ist er! Ein Zuchtmeister! Ein Prediger, den der Herr in seinem Zorn erschaffen hat!« Als der Lärm sich legte, flötete Tedjes sanfte Stimme: »Was soll das Geschrei? Er hat ja gekündigt!« Jetzo hub das Lärmen und Durcheinanderschreien toller an als zuvor. Der Vogt aber blinzelte über den Krug hinweg, aus dem er einen tiefen und behaglichen Zug tat. Währenddessen duckte Boje sich hinter dem Fasse, spitzte die Ohren und netzte fleißig die Lippen – und dann war er in seiner stillen, unbemerkten Weise verschwunden. Sein Herr wollte just die Tür verriegeln, als er keuchend ankam: »Woher so spät?« Er hielt den gestrengen Blick aus und antwortete: »Aus dem Wirtshause, Herr!« »Du weißt, daß ich es nicht leide, und wirst die längste Zeit in der Westerwohlder Pastorei gewesen sein!« »Wollt Ihr mich denn mitnehmen, wenn Ihr von hier verziehet?« »Bist du trunken?« »Nein«, antwortete Boje mit schief gesenktem Kopfe und berichtete, was er gehört habe, wie das halbe Dorf im Kruge versammelt sei und sich anschicke, einen neuen Pastor zu wählen, einen fügsamen Mann nach ihrem Herzen. Zuletzt klang seine Stimme wie ein verhaltenes Schluchzen. Boethius stellte noch die Frage, ob der Vogt zugegen sei, und entließ ihn. Dann trat er in die offene Tür und sah zum hellen Nachthimmel empor. Als sein Angesicht sich zu einer festen Ruhe geglättet hatte, ging er hin, nahm Hut und Knotenstock und verließ das Haus. Wie tobende Schulbuben beim Anblick des Bakelmeisters jach verstummen und furchtsam sich ducken, so geschah es – das Getümmel im Bierhause wandelte sich in Mäuschenstille, als der Pastor plötzlich eintrat und heftig den Knotenstock in die Diele stieß. Der Kirchherr von Westerwohld war, wie Wessel gesagt hatte, ein mutiger und gewaltiger Mann. »Hier stehe ich!«, begann er, die Runde überblickend, »mir hat's in die Ohren geklungen, daß über mich verhandelt werde, und da möchte ich zugegen sein.« Keine Antwort, nur ein grunzender Laut von drüben, wo Tolke saß. Um Boethius' schmale Lippen spielte es wie Hohn: »Warum redet der Vogt nicht, welcher in Dorfschaftssachen das erste Wort hat?« Wessel gab in gleicher Münze zurück: »Vom Umzuge wurde gesprochen, und waren etliche, welche dem Pastor freiwillige Fuhren stellen wollten …« Boethius' Blut stieg in die Schläfen, seine Hand hob den Stock und schlug dröhnend auf den Tisch: »Ich habe noch nicht gekündigt! Wer etwas wider mich hat, der stehe Rede, nicht hinter meinem Rücken, sondern in mein Angesicht!« Tedje zog sein langes Gesicht noch mehr in die Länge und lispelte: »Wir werden unseren Hals hüten … Es ist in den Dreiharden dekretiert, daß alle, die sich mit ihren Predigern auf dem Stuhl ins Gespräch geben oder ihn mit unnützen Reden verstören, dieselben sollen auf den Hals gestraft werden.« »Nur halb verstehe ich Euch …« Schon kraute Hans Pauls sich und murmelte höflich: »Ehrwürdiger Herr, es ist uns etwas hart eingegangen, daß wir allzumal arge Schlemmer und verdammte Sünder seien.« »Ich widerrufe nichts, sondern wiederhole in diesem Hause: Das Schlemmen und übermäßige Trinken ist des Nordstrandes Verderb und Untergang!« Tolke spitzte die wulstigen Lippen: »Oho! Es haben kluge Leute ungescheut gesagt, daß es in diesem Lande nie besser zugestanden habe, als wenn jedermann weidlich habe essen und bankettieren können.« »Oho, Tolke! Es hat noch mehr törichte Leute gegeben, welche durch Bankettieren ihr Patrimonium und Erbe hindurch gebracht haben, von Haus und Hof gegangen und als Gardebrüder mit dem Bettelsacke einher gezogen sind.« Man hörte ein Kichern, denn es war dorfbekannt, daß Tolkes Gut sich nicht mehrte, wohl aber seine Schuldverschreibung beim Vogte. Boethius richtete sich zu seiner vollen, stattlichen Höhe empor, und wie ein Menetekel klangen seine Worte über den Tisch der Zecher: »Überreichlich ist dieses Land vom Herrn gesegnet worden, daß es wie ein Garten Gottes anzusehen ist … Von einer Tonne Roggen erntet man vierundzwanzig, und von Gerste ist es schier unglaublich, daß auf meinem eigenen Felde nach einer Tonne Aussaat achtundvierzig gewachsen sind. Aber wie danket man es? Die Güte Gottes ist zu Üppigkeit und Hoffart mißbraucht worden! Und er läßt sich nicht spotten, sondern sendet seine brausenden Boten, die Fluten, die wie ein Dieb kommen und in einer Nacht die Mühe vieler Jahre verderben. Alles Elends Ursach, das von jeher über diese Marschländer gekommen, ist die nun eine hauptsächliche Ursach, ist nun und immerdar die Übermacht der Sünde und Bosheit gewesen …« Er ward unterbrochen. »Und die andere Hauptursach ist, daß die Deiche gar gering und niedrig gewesen sind und die Leute sich nicht so wohl auf das Deichwesen verstanden haben wie in unseren Tagen.« Edleff Wessel stand dem Pastor gegenüber, sein Haupt ragte bis an den Deckenbalken. Boethius maß den Gegner mit denselben Augen, mit denen er den Vater auf dem Dinge angesehen hatte; ein alter, heimlicher Hass lag darin. Und er sprach: »Ei, unsere Deiche sind aufs Beste bestellt? Ihr scheint nicht zu wissen, daß wir bei Buptee einen schlechten Moordeich haben, daß die große Wehle bei Balum nicht verstopfet ist und der Deich selber, auf dem kahlen Schlicke stehend, bis oben an den Kamm viel zu steil geführt worden ist und nur von hohen Pfahlwänden gehalten wird.« »Ja, weiß es! Ein häßlich Wort hat sich bei uns eingeschlichen, das lautet: Meine Zeit hält es wohl! Darum trieb jeder es lässig, und die Deichgesetze blieben Glocken ohne Klöppel. Darum beschränkten sich die hinterliegenden Nachbarn auf die Instandhaltung ihrer Mitteldeiche und überließen uns die Haffdeiche, während wir nur mit vereinten Kräften diese halten können. Fluch der Rede: Meine Zeit hält es wohl!« Boethius' Augen hatten einen andern Ausdruck gewonnen. Edleffs Stimme klang mit hinreißender Redekraft durch den niedrigen Raum. »Wir wollen Trutz bieten dem blanken Hans, dem Feinde Frieslands, der mit dem Spaten bekämpft werden muss, und einen eisernen Wall bauen. Denen von Osterwohld, von Buptee und Buphever wollen wir so lange mit dem Deichrechte in die Ohren läuten, bis sie an ihrem Parte Hand- und Spanndienste tun, wir selbst aber wollen morgen zur Frühe den Spaten in den Deich setzen und alle für einen Mann stehen, bis er vollendet und die Balumer Wehle verstopfet ist.« »Wir wollen es!«, schrie die Versammlung wie mit einer Stimme. Gezündet hatten die Worte. Auch in Boethius' Augen brannte es wie unfreiwillige Bewunderung, die man dem Feinde zollen muss. Und er sprach laut: »Gut! Obschon ich nicht pflichtig bin, will ich mein Gespann und einen Mann zum Deichwerk stellen«, wandte sich mit kurzem Gruß um und ging. Wer von den zwei Gegnern war Sieger in diesem Kampf geblieben? Edleff setzte sich. Tolke schielte nach der geschlossenen Tür und schnaubte auf: »Soll er uns auch das Bierhaus ausschänden und zum Predigthaus machen? Und du, Hans Pauls; bist auch des Pfaffen Freund!« Der Gescholtene machte ein pfiffiges Gesicht: »Sollte ich es mit einem Manne verderben, der mich in meinem Sarge noch schelten und ausschänden kann?« »Dennoch hat er gekündigt!«, sprach der hartnäckige Tedje. Andere riefen: »Wir wollen ihn bei seinem Präpositus Vincentius verklagen.« »Der Dicke ist nicht sein Freund«, lachte der Vogt und trank sein Bier aus, »einige könnten versuchen, den Weg nach Buptee zu gehen …« Das Faß war leer. Tiefsinnig blickte Tolke auf den Rest in seinem Kruge, und die Wettlust kam von neuem über ihn: »He, Edleff! Du könntest einem Müller zwei Knechte und das Lasttier sparen …, wüßtest du behendere Stücke zu praktizieren, vier Wegmeilen in drei Stunden zu laufen oder über ein Pferd hinwegzusetzen, oder, wie einer tat, in einem Baumkahne von hier nach Holland zu fahren, wollte ich noch einmal mit dir wetten …« »Ein Baumkahn hat Balken … Ich will in einem Strohkahne zur Ebbezeit über die Schmaltiefe hin- und zurückfahren.« »Du prahlst!« »Ich sage es: Kein Holz noch Hanf, nur Stroh soll an meiner Schmacke sein!« »Die Wette halte ich um zwei ganze Tonnen!« »Getrunken habe ich genug, und nach einem guten Essen gelüstet mich mehr … Es gilt den feistesten Ochsen, den du dir aus meinem Stall holen kannst – oder ich mir aus deinem.« Die Wette galt und sollte in den nächsten Tagen zum Austrag gebracht werden. Allgemach geriet Tolke in seinen dritten Zustand, und die Stänkerei kam zu ihrem Rechte: »Die Pre–di–ger–dirne!«, lallte er. »Laß sie aus dem Wirtshause!«, kam es aus Edleffs Mund wie ein bissiges Knurren. »Ha–ben will ich sie, und wenn ich sie ehe–lichen sollte …« »Oho, ein kühles Ehebett hat sie dir heute bereitet!«, spottete Hans Pauls. Da wollte den wulstigen Lippen ein häßliches Wort entfahren; aber ehe er es ausgesprochen, sahen seine trunkenen Augen hündisch-feige einen Arm in seinem Nacken, und er stammelte: »Es war ein Spa–ßen!« – Doch der Arm hob ihn am Genicke empor wie einen jungen Hund. »Halt, Ed–leff, das ist kein Spaß!« »Ich fange auch an zu glauben, daß es keiner sei«, erwiderte dieser und warf den Zappelnden zur Tür hinaus. Immer leerer ward das Wirtshaus, und Hans Pauls war der letzte. Unsicher war sein Schritt, und er stampfte durch den Schmutz, wo er am tiefsten war. Zwei Mädchen, die vom Tanze kamen, standen am Hause, als hätten sie gewartet, und kicherten, denn er stolperte über einen Stein und wäre fast auf die Nase gefallen. »Alget, Alget!«, wimmerte er, »komm zu Hilfe, denn Hans Pauls ist in Nöten.« »Ei, du voller Zapf, ein Schwein legt sich, wo der Dreck am tiefsten«, schnippte sie und trat dennoch so nahe, daß er sie plötzlich mit seinen Armen umhalste. »So geht es, sagte der Mann, da konnte er nicht mehr gehen und musste nach Hause getragen werden«, lachte er. – Sie tat ihm den Samariterdienst, und also wanderten sie eine Weile und ein wenig im Zickzack selbeinander. »Hans, du hast ein gutes Haus, zwei große Äcker, zwei Graswische und ein paar Salzgräsungen … Warum bleibst du ein solcher Saufaus dein Lebelang?« »O, ich bin ein trauriger Gesell … Die unglückselige Minne macht mich so elend.« »Laß mich«, schrie sie erbost, »und lauf zu Alma, daß sie dich heim schleppe!« »Alget, höre mich!« Sie stemmte die Füße in den Grund und die Hände in die Hüften. – Er sah schmachtend zum Monde empor und sang mir heiserer Stimme: »Alles, wat ick heff, dat heff ick up min Pans, alles, wat ick verdeen, dat verteer ick ok ganz. Willst du mi, Alget, dann wullen wi frien, und willst du mi nicht, dann lat dat sin!« Schämig senkte die Maid den Kopf und flüsterte: »Hans, du hast richtig zu mir gefreiet …« »Ich hab es!«, sprach er bier- und liebesselig und schnoberte mit dem Barte nach ihrem Gesichte. Alget bog es zurück: »Aber du bist trunken und wirst morgen sagen: Ich wußte nicht, was ich tat!« »Ich bin nicht trunken; das Bier fährt mir in die Beine, aber der Kopf ist klar und das Herz nüchtern.« »Willst du morgen früh mit nüchternem Herzen zum Pastor gehen und das Verlöbnis ausrichten?« »Zum Pa–stor, zum Pa–stor?«, schluckte er zwei Mal und schien in den tränenseligen Zustand zu geraten. »Geh von mir, du voller Zapf!« »Ich will zum Pastor gehen, Alget, und zum Propsten, wenn es sein muss.« Da neigte sie ihr rundes Antlitz, und er schnoberte wieder mit dem Bart daran. Der erste Kuß saß recht und schmatzte. Beim zweiten aber stieß sich der unsichere Gesell an dem hervorstehenden Eckzahne, wischte sich unliebsam den Mund und sprach: »Gehe auf meine andere Seite, Alget, du bist eine linkshändige Minne.« Als die Hähne krähten und der Tag kaum graute, war Edleff Wessel schon auf den Beinen. Er hatte eine schlechte und schlaflose Nacht gehabt. Dumpf lag es auf seinem Sinn, und nicht von den Nachwehen des gestrigen Trunkes, wohl aber des gestrigen Tages. Er fühlte etwas wie Reue. Im Freien kühlte er sich die Stirn und umstrich das Dachdeckerhaus, kehrte nach seiner Wohnung zurück und machte sich nach einer Weile wieder bei Sönkes Stalltür zu schaffen. Was trieb ihn in den Bannkreis der Stätte, wo gestern der Trutz über ihn gekommen war? Hell schien die Morgensonne durch die bleigefaßten Scheiben der Pastorei-Diele, und die lange Reihe der Teller und Schüsseln blitzte in ihrem Scheine. Dennoch wurden die blanken von Etta und Alget herunter genommen und kräftig gerieben, um noch heller glänzen zu können. Unfroh war Ettas Antlitz und Algets nachdenklich. Ob er kommt? Sie schrak empor, als die Tür aufging: »Ach, nur du, Sönke!« Der Greis kam atemlos und drückte Ettas Hände und dankte. »Wofür?« »Für die zwei Laib Brot und den Vollkäse, die wir heute morgen im Holzstalle gefunden haben.« Etta verneinte stutzend, daß die Gabe von ihr herrühre. Aber dann zog, wie ein jäher Sonnenstrahl, ein stilles Lächeln über ihr Antlitz. Es konnte kein anderer dies getan haben, es musste Edleff gewesen sein! Ihr Herz wurde fröhlich wie seit langem nicht, und sie begann bei der Arbeit ein Liedchen vor sich herzuträllern. Sönke ging nickend heim, mit einem ungelösten Rätsel auf dem Herzen. Ihm begegnete Hans Pauls. »Was machest du für ein klägliches Gesicht, Hans?%%% Gehest du zur Leich' zu bitten?« »So ungefähr, den Pastor will ich bestellen … Mit einem lustigen Gesell ist es Matthäi am letzten … Er soll im Ehebett beigesetzt werden.« Beim Anblick der Pastorei schüttelte Hans Pauls sich, wie fröstelnd, und murmelte: »Was ein trunkener Mann braut, muss er nüchtern austrinken.« Unter der Predigerwarf aber kehrte er um: »Ich muss durch einen Schluck zu diesem letzten Gang mich stärken!« Algets rundes Gesicht wurde immer länger und blässer. Die Liebesunruhe ihrer Seele ward endlich so groß, daß sie sich Etta offenbaren musste. »Was flennst du, Alget?« »Hans Pauls hat gestern Abend zu mir gefreit …« »Ich hörte, er war im Wirtshause … Es wird Biergeschwätz gewesen sein.« »Nein, die Ehe hat er mir versprochen … Auch fährt es ihm nur in die Beine, aber der Kopf bleibt nüchtern.« »Alget, Alget! Des Menschen Frei'n und Werben, ist sein Gedeih'n und Verderben! – Auch hat er schlechte Gewöhnung …« »Ich will es schon gedeihlich machen und ihn entwöhnen …« Boje, der Knecht, kam über die Diele und klopfte an die Peseltür. Diese Morgenstunde schien im günstig, um Ablaß für vergangene und zukünftige Sünden zu bekommen. »Was ist's, Boje?«, fragte der Pastor. Bojes Finger drehten die Mütze, und sein Mund beichtete: »Mit dem Zehntenhafer ist es … Der Bauern Maß ist immer kärglich gemessen, die vielen Ratten wollen ihr Teil … Und ein Weniges mag ich verschüttet haben …« »Wie viel fehlt?« »Einige Tonnen mögen es sein«, kam es wie verhaltenes Schluchzen. »Tröste dich, ich muss Größeres verschmerzen.« Seinen Ablaß hatte er und bekam noch mehr. »Du bist mir ja gestern ein getreuer Knecht gewesen, ich will zu deinem Lohne alljährlich ein Paar neue Stiefel hinzulegen.« Boje verschwand in seiner lautlosen Weise, machte auf der Diele einen Bockssprung und lachte. Peter Boethius, der so scharf und tief blicken konnte, hatte in seinem Hause einen Schalksknecht, der seinen Hafer veruntreute – und den er seinen getreuen Knecht nannte. Wie erging es der harrenden Magd? Als ihr am allerwehesten geworden war, wurde ihr am wohlsten. Hans Pauls stapfte den Hügel hinan. Ein leichtfertiger, aber ehrlicher Bursche, der den nötigen Mut bekommen hatte und sein Wort halten wollte! An seiner Statt klopfte sie an die Peseltür, legte die Hand auf seinen breiten Rücken und schob ihn sachte hinein. Lang währte die Unterredung, wie ein Beichtender stand Hans Pauls vor dem Pastor, und gleich dem de- und wehmütigen Ja eines solchen klang es nach der Schlußfrage: »Ihr begehrt mit freiem Willen und wohlberatenem Sinne Alget zum Eheweibe?« »J–a!« Der große Kirchspielsiegel »Ein Wunder geschieht in unserem Hause; seit zwei Wochen, jeden dritten oder vierten Tag, finden wir im Holzstalle bald ein Brot, bald ein Stück Rauchfleisch und heute einen guten Schinkenknochen«, erzählte Gunne in großer Erregung. »Ei, wie den Kindern Israel das Manna, so fällt Euch über Nacht die Speise vom Himmel«, lächelte Etta. »Wir hörten von dem Propheten, den der Herr durch gefräßige Raben mit Brot und Fleisch versorgen ließ … Dürfen wir glauben, daß Gott in unseren Tagen und noch dazu an einen schlechten Tagelöhner in Westerwohld solche Wunder tut?« »Gott kann es tun«, sprach Etta, »aber es werden in unseren Tagen wohl nicht mehr Raben, sondern Menschen sein, durch die er es ausrichtet.« Die fragesüchtige Neugier erwachte in der Alten: »Warum, wenn es ein Mensch ist, geschieht es insgeheim? Und da es ein gutes Werk ist, doch gleichwie ein Nachtwerk, welches das Licht scheut? Ich will Sönke sagen, daß er in der dritten Nacht auf die Lauer sich stelle.« »Gunne, Gunne, wißt Ihr nicht, daß Gott einen jeden Geber liebt, aber einen geheimen noch viel mehr? Ihr werdet ihm nicht in seinen Weg greifen!« Dann fragte Etta: »Wie fährt Alma auf Olufswarf?« »Ach, Alma … Mit der Großmagd hat sie einen Zwist gehabt, aber Tolke hat ihr recht gegeben und die andere aus dem Dienst gesandt.« »Ich wollte, er hätte ihr unrecht gegeben«, murmelte Etta leise. Die Alte hatte es gehört und blickte unruhig empor. Schon faßte die Predigertochter den Türpflock, als sie sich zögernd wandte: »Habt Ihr Edleff Wessel in Eurem Hause letztlich gesehen?« »Nein, er war nicht hier und hat ja die tolle Wette mit Tolke gemacht.« »Welche Wette?« Jetzt hatte die Junge den unruhigen Blick. »In einem Strohkahne, daran kein Holz noch Hanf sein darf, soll er über die Schmaltiefe fahren.« »Um des Himmels willen, warum denn?« »Um eines Ochsen willen, sagt man, will er Gefahr laufen, jämmerlich zu versaufen … Heute oder morgen wird das waghalsige Stück getan.« Etta ging hinaus in den nebelgrauen, grämlichen Novembertag. Ein Widerstreit war in ihr wie von Angst und Freude zumal, und ihr Fuß stand unentschlossen am Scheidewege, der zum Haffdeiche herunter führte. Der geheime Geber war niemand, denn er, und sein Herz gut in dessen tiefinnersten Gründen. Diese Art der Barmherzigkeit, diese feine und fast verschämte Weise des Wohltuns gefiel ihr. Und daß es ihres Exempels bedurft, daß er in Ansehung desselben sein Werk begonnen hatte, nahm demselben nichts von seinem Ruhme; nein, es mehrte den Gedanken, daß er gut sei, und es stärkte das Gefühl, daß sie ihm unrecht getan habe. Etta stand am Scheidewege. Edleff! Heißet das nicht: Edles Leben? Ja, unter rauher Kruste war edler Kern! Und dieser Mann, größer und stärker und stattlicher als alle, alle – dennoch ein törichter, törichter Knabe, der sein Leben um ein Nichts verspielen wollte. Um eines gemeinen Gewinnes willen ein zu edler Einsatz! Dem musste gewehrt werden, und das wollte sie verhindern. Entschlossen wandte sie sich rechts, dem Meere zu, wo die Deicharbeit begonnen hatte. Eine plötzliche Helle fiel auf ihren Weg, sie sah empor: Im Grau des Himmels eine lichte Stelle, die immer größer wurde. Die Sonne brach durch, vor ihren Strahlen wichen die Wolken, wie die gemeine Menge beim Anblick der Majestät. Ob es in ihrem Leben je zum Durchbruch kommen und eine Macht und Majestät des Himmels dem Grauen und Gemeinen gebieten werde: Weiche von hinnen! Und dem Glücke; gehe auf!? Auf dem Haffdeiche, der bis zur Balumer Landspitze führte, erblickte sie ein Gewimmel von Menschen, alle, wie es schien, in emsiger Tätigkeit. Sie zählte bis sechzig, es waren aber noch mehr, und einer gewißlich der Vogtsohn, aber welcher? Am Ende des Mitteldeiches, auf dem sie gekommen war, breitete sich das grüne Vorland aus und dahinter die graue Wattenfläche. Durch den Haufen mochte sie nicht schreiten, darum stieg sie hinab und schritt auf dem Vorlande dem Deiche entlang nach Süden. Ein Friesenmädchen hat Sinn für Deichwesen, und das Werk erregte ihre Aufmerksamkeit in hohem Maße. Fuhrwerke mit Buschwerk, welches spärlich auf der Insel wuchs, und mehrere andere mit Stroh, davon genug Vorrat war, zogen auf dem Deiche hin. An sieben Ruten breit mochte der Erddamm sein. Hier weiterhin waren die Männer beim Bestecken. Schichtweise legten sie Reisig und Stroh und Grassoden darüber, schlugen kleine Pflöcke dazwischen und befestigten sie mit Riemen. Das war die neueste Weise, den Deich zu sichern, und sie gefiel ihr: nur wollte ihr scheinen, daß er nach dem Meere zu weniger steil hätte stehen sollen. Einen Steinwurf weiter fuhr man die vom Vorlande abgetragene Schlickerde an den Deich, und Arbeiter karrten sie hinauf. Mit Kopfschütteln betrachtete sie die durch das Abgraben entstandenen großen Löcher. Dort wird das Meer sich hineinwühlen und den Deich bedrohen! Auch hörte sie, wie die Karrenden untereinander rechteten und schalten: »Für deine faule Haut sollen wir unseren Schweiß zu Markte tragen!« Nicht alle waren so emsig, wie es aus der Ferne schien. Etta stand still. Hier hörte der Damm, welcher drüben wieder anfing, plötzlich auf, und zwischen den beiden Deichenden lag ein kleiner, stiller Landsee. Daselbst hatte der letzte Deichbruch stattgefunden, und das war die große Wehle, die nicht verstopfet werden konnte. Nun rückte man mit so genannten Häuptern gegeneinander vor, um durch Hineinschütten von Erde die gewaltige, durch das Ein- und Ausströmen der Hochfluten sich ständig vergrößernde Auskolkung auszufüllen. Etta betrachtete die Wehle aufmerksam und hielt den Zeigefinger an die Zähne, wie sie bei tiefem Nachdenken zu tun pflegte. Ob sie das Werk vollenden? Wenn es nicht gelinget, bricht das Meer hier durch und scheidet den Nordstrand in zwei Hälften, sagt mein Vater. Geschehen aber muss es und des Meeres Gewalt durch Menschenhand gebrochen werden. Einige Männer kamen und stießen mit einem Springstocke in das Wasser der Wehle, dann mit einem Ruder, aber vergebens, zuletzt mit einer langen Stange, und schienen damit den Grund zu erreichen. Sie maßen die Tiefe des Auskolkung. Etta schrak zusammen, denn das war Tolkes widerwärtige Stimme. »Sechs Ellen und mehr! Wären wir davon geblieben, denn wir könnten ebenso gut den Heverstrom mit Erde ausfüllen wollen. War Edleff Wessels kluger Rat und nicht meiner! Bei unseren Lebzeiten werden wir es nimmer gewinnen, und wenn wir es gewönnen, das Land wird keine fünf Schilling das Demat wert sein.« – Sie war von dannen gehastet und umging die Wehle in weitem Bogen. Der hätte nicht das Maul so weit aufgetan, wenn Edleff in der Nähe gewesen wäre. Dennoch trieb es sie vorwärts, und den Deich jenseits der Wehle, von wo man weite Rundsicht hatte, klomm sie hinauf. Ihr Gewand flatterte im Winde, und sie hielt die Hand über die Augen. Wie eilig die Sonne es hat mit dem Sinken! Ich muss heimkehren! Aber sie wandte sich nicht von der Sonne und den Watten im Westen. Drüben schlängelte sich die Schmaltiefe – und wie breit, wie breit sie war. Aber nichts Lebendes als nur Vogelschwärme an ihren Rändern, kein Strandläufer noch Wattenfischer zu sehen. Ihre Augen täuschten sich nicht, denn der Friesenblick, abgehärtet durch Wind und Salzluft, sieht deutlich in große Ferne. Dort in ihrer Nähe lag Hooge, die Hallig im grauen, von Silberfäden durchsponnenen Wattennetze, wie ein blaßgrüner Tangbüschel. Von hinter diesem Eiland her kam eine Gestalt übers Watt, eine reckenhafte und wohl vom täuschenden Licht der sinkenden Sonne so riesig vergrößert. Sie nahm die Hand von den Augen. Das konnte kein anderer als Edleff Wessel sein. Ich muss gehen!, dachte Etta und blickte über die Wehle hinweg bis zum Türmlein von Westerwohld. Ihre Füße traten zwei Schritte. Und ihre Gedanken wiederholten, wie traumbefangen: Ich muss gehen! Aber die ungehorsamen Füße regten sich nicht. Da erschrak sie vor dem Laut einer Stimme, es war ihre eigene, welche murmelte: Ich muss wahrhaft gehen! Und Etta ging nicht. Der Riesenschatten eines Mannes glitt die Höhe hinauf, unter Menschentritten rollte Erdreich hinab, eine Stimme rief jubelnd: »Seid gegrüßet, Etta!« Seine leuchtenden Augen lugten unter das Kopftuch, denn sie senkte das Kinn. Aber sie wich zurück und wehrte ab: »Pfui, was habt Ihr da in Eurer Hand?« Er trug ein langes, lebendiges Schleimtier, das sich krümmte und wand. »Das ist die Schlange aus dem Paradiese«, lachte er, »nun aber soll sie den Tod erleiden und langsam über dem Feuer schmoren.« »Laßt die Schlange!«, schauderte sie. »Etta, seht Ihr denn nicht, daß es ein Riesenaal ist, den ich draußen in den Reusen gefangen habe und dessen Länge mehr als zwei Ellen beträgt?« Staunend betrachtete sie das Tier, desgleichen sie nimmer gesehen hatte. »Mit beiden Händen könnt' ich ihn nicht umspannen, und ich tät's auch nicht.« »Wollte wetten, daß er an Umfang Euren Arm übertrifft … Sollen wir messen, Etta?« Schalkhaft war sein Blick, aber ihr schien er zudringlich, und sie schalt fast: »Ei, mich bedünkt, Ihr hättet genug gewettet, und wenn ich Eurer Vater wär', wollte ich mit einem anderen Maßstab Euren Rücken messen. Das mit dem Strohkahn ist ein törichter und toller Bubenstreich, und wenn ich von meines Vaters Amt ein wenig Vollmacht hätte, würde ich einfach sagen: Ich will die Wette mit Tolke nicht leiden, denn es ist eine Sünde, ich will es nicht!« Edleff schaute mit gebührender Beschämung, aber just nicht mit großer Betrübnis darein: »Hätte ich es gewusst, würde ich es unterlassen haben um Euretwillen, aber die Wette ist gestern schon zum Austrag gebracht und von mir gewonnen worden!« Beim Worte ›gewonnen‹ blickte er kecklich unter das Kopftuch. Sie atmete wieder auf. »Edleff hütet Euch vor dem jäh zufahrenden Augenblick und dem zäh festhaltenden Trutz! Ihr seid wie die Nordsee, die starke und trotzige, welche den Schlick aus dem Grunde heraufführt und in jahrhundertelanger Mühe diese Meer- und Marschländer gebildet hat. Aber in einem Augenblicke des tobenden Wahnwitzes zerreißt sie die Watten und zerstört ihr eigenes Werk … Ihr habt höhere Gedanken als alle in diesem Haufen, und Ihr allein habt den Deichbau begonnen. So setzet Euren ganzen, großen Willen an dieses Werk! Aber hütet Euch vor dem Augenblick, daß nicht das Gute jach vom Bösen überwältigt werde!« Es war nicht mehr die Strafpredigerin, die an ihres Vaters Platz sich stellte, welche redete, sondern das Weib, dessen sänftigliche, durch Lob versüßte Vorhaltung der Mann gerne hört. »Wir wollen der Wehle Herr werden und das Meer durch einen eisernen Deich dämpfen!«, sprach er fest und setzte leise hinzu: »Dann wird auch der Wille des Pastors von Westerwohld nicht stärker sein, als daß wir ihn übermöchten.« »Stille, stille!«, flüsterte sie. Seine Lippen öffneten sich voll, und was sie vor Wochen im Hause des Dachdeckers verschlossen hatten, bekannten sie frei: Daß er von ungefähr und ohne sein Verschulden in Tolkes Kumpanei geraten, nachher aber aus Zorn zu den Zechern gegangen sei. »Ich habe Euch ein Unrecht angetan«, sprach sie weich.%%% Und ihre Hände faßten sich. Lange standen die beiden auf dem Deiche in den Strahlen der untergehenden Sonne, und ihre Zwiesprach war innig, aber das Wort Liebe wagte sich nicht über ihre Lippen. Jenseits der Wehle, unter dem gegenüberliegenden Deichhaupt, hockte Tolke und folgte jeder ihrer Bewegungen. Immer feindseliger wurde sein Späherblick, und über die breiten Lippen kroch ein zischender Fluch: »Tod und Teufel! Um den Ochsen hat er mich betrogen, aber dieses Vöglein soll nicht in sein Netz gehen!« Hoch ragten die beiden auf dem einsamen Deiche, und immer heller hoben die Gestalten sich ab im scheidenden Tageslichte, als schwebten sie über der Erde. Weit drüben unter dem arbeitenden Haufen stand ein Mann und schattete lange mit der Hand über die Augen, die weitsichtig waren wie eines Schiffers und sich nicht täuschten. »Es ist der Vogtsohn und mein Kind«, murmelte Peter Boethius, der gekommen war, um das Werk zu beschauen. Eine Finsternis zog über seine Züge, wie ein plötzlich aufsteigendes Gewitter, und ein Arbeiter, den er von ungefähr ansah, erschrak dermaßen, daß er eilig zum Spaten griff. Etta sah nach dem Turme von Westerwohld. »Ich muss gehen!« – »Ich auch, wir haben ja dieselbe Straße und können sie selbander schreiten.« »Nein, nein!«, wehrte sie heftig ab, »hier ist meine Strasse, und Ihr müßt querfeldein über die Gräben Euren Weg nehmen.« »Ihr wollt nicht zusammen mit mir gesehen werden … Habt Ihr denn schon einen Liebsten, Etta?«, entfuhr es ihm. Die Frage grub zwei Grübchen in ihre Wangen: »Einen Liebsten? Ich habe drei …« »Drei––e?«, stotterte er und war sprachlos. »Ja, ich habe zum ersten« – sie begann mit dem Daumen – »Karl Heimreich, meinen Bruder; zum anderen Hertie und zum dritten meinen Vater …« »Zum vierten, am Ringfinger aber …?« Der Stotterer war schnellzüngig geworden. »Ich habe drei«, wiederholte sie. »Und Ihr habt Euren Vater so lieb?«, fragte er kopfschüttelnd und in aufrichtigem Erstaunen. Sie sah empor: »Habt Ihr denn nicht den Kirchspielvogt lieb?« Er aber blickte auf den Grund und antwortete: »Lieb? Nein!« Das Nein klang eisig, daß ein Frostschauer sie durchfuhr. »Ich muss gehen, Edleff!« Kalt lag ihre Hand in seiner, aber aus ihren Augen brach ein Strahl, nicht heiß wie wonnige Minne, aber warm und weich wie herztiefes Mitleid. Und sie ging. Etta umschritt die Wehle, bemerkte nicht die Riesenkröte, welche mit aufgeblasenen Backen und häßlichen Glotzaugen am Deiche hing, sondern wanderte rüstig dahin auf dem Vorlande. Ein unsagbar süßes Gefühl durchrieselte sie, und ein Traum umfing ihr Herz, als wäre sie im Paradiese. Aber jach und verstört blickte sie um sich, denn das harte Wort ›Lieb? Nein!‹ gellte ihr ins Ohr, und vor ihren Augen stand das häßliche Schleimtier. Das kam und krümmte sich wie eine Schlange, wie die Schlange im Paradiese. Den Gespannen, welche Erdreich aufluden, näherte Etta sich und glaubte einen Menschenauflauf um den einen Wagen zu bemerken. Sie irrte sich nicht, lief schneller und einem großen Leid entgegen. Denn sie ward Augenzeugin vom Ende eines sehr bösen Vorfalles. Auf dem Wagen in der Mitte der Reihe lag der kleinste Erdhaufen; und vor demselben standen des Pastors Rosse angeschirrt; das eine Pferd legte liebkosend seinen Kopf über die Mähne des anderen. Boje, der Knecht, und Hinrik, der Schneider, ein kränklicher und schmächtiger Mann, der wegen Mangel an Arbeit und mehr aus Mitleid vom Pastor in Tagelohn angenommen worden war, handhabten die Schaufel, aber langsam, um die Wette langsam. Lang war der Arbeitstag gewesen, und die Kleierde leistete zähen Widerstand. Von den Nachbarn flogen höhnende Reden hinüber. »Die scharren im Grunde, wie die Hühner im Kohlhofe.« Und ein anderer: »Ei, wisset Ihr nicht, die sind vom geistlichen Stande, der mit Faulenzen durch die Welt kommt?« Da kam just Peter Boethius des Weges, und das düstere Unwetter auf seinem Antlitz verfinsterte sich noch mehr. Ein Dritter schrie laut, damit er es höre: »Des Pastors Gespann muss ausscheiden, es hindert uns und hemmt nur das ganze Werk.« Unheimlich lohte es auf in den tief liegenden Augen, und das Gewitter entlud sich in einem jähen Zorn, der nicht weiß, was er tut. Boethius rief: »Du lässiger Hund, willst mich zum Dorfgespött machen!«, entriß dem Schneider die Schaufel und hob sie dräuend wie zum Schlage empor. Aber er schlug nicht, sondern seine Augen wurden stier. Der Mann war hinterrücks der Länge nach hingestürzt, als hätte der Schlag ihn gerührt oder der große Schock ihn plötzlich getötet. Ein Menschenauflauf entstand, und um den Pastor her ging ein Zischeln: »Ein Totschlag ist geschehen auf dem Werke.« Hinrik aber war nicht tot, sondern sein Leib fing an sich zu wälzen in heftigen Zuckungen, Schaum stand ihm vor dem Munde, und die Daumen bohrten sich in die geballte Faust hinein. Boethius, der in seinem Leben noch nie die Fassung verloren hatte, stützte sich wie gelähmt auf die Schaufel. In dem Augenblick brach Etta durch die Menge und beugte sich über den hingestreckten Mann, dessen Krampf nachließ. »Bringt ein Strohbund, ihm den Kopf zu stützen! … Wie geschah es?« Ein Kreis von finsteren Blicken umgab die drei, und irgendwoher aus demselben kam dumpf: »Er … der Pastor schlug ihn mit der Schaufel.« Boethius sprang zurück und reckte die eine Hand empor: »Der Allsehende ist mein Zeuge, daß dieses Werkzeug sein Gewand nicht gestreift, noch ein Haar auf seinem Haupte berührt hat. Ihr aber sollt mir bestätigen, daß Hinrik schon seit Jahren an der fallenden Sucht leidet, und ich will bekennen, daß er aus Schreck vor meinem Zorn vom Krampf befallen worden ist. Jetzo aber helft mir den Wagen entleeren, daß ich den Kranken nach seinem Hause schaffe.« Der Kreis von finsteren Blicken regte sich nicht. Nun fühlte Boethius keine Schwäche mehr, sondern eine große Kraft. Ein viermaliger Ruck – und seine Hände hatten die Seitenbretter des Wagens empor gerissen, daß ein großer Teil der Ladung herabrollte; einige ebenso gewandte als kräftige Stöße mit der Schaufel, und der Wagen war leer. Vater und Tochter hatten ohne Beistand den Kranken hinauf gehoben und behutsam gebettet. Er lag ruhig und atmete regelmäßig, als wenn er schliefe. Auf Geheiß trieb Boje die Pferde an. Sogleich wurden die Schweigsamen laut, und vielerlei Stimmen vernahm man. »Es fehlte nicht viel, und wir hätten auf dem Werke unsern Totschlag gehabt …Und ich, der Tagelöhner, hätte mit dem Pastor nicht den Hals tauschen mögen.« »Dennoch wird's ihn um Amt und Ehre bringen, sintemal er dem armseligen Schneider die fallende Sucht an den Leib geschlagen hat.« »O, dann wird Boethius tagelöhnern und nicht verderben … Wir sahen ja, er hat nicht verlernt, mit Schaufel und Spaten umzugehen.« Am Abende war kein Hof und keine Hütte in Westerwohld, wo nicht das Geschehnis am Deiche besprochen worden wäre. Die meisten entstellten und vergrößerten es zum Bösen, einige suchten es zum Guten zu kehren, aber auch die freundlich Gesinnten schüttelten den Kopf. Tolke kehrte heim, und obgleich es kalt war, brannte doch ein Feuer in ihm. Ettas Gestalt hatte sein Blut in Wallung gebracht, und die Glut wuchs wider seinen Willen. Der Anblick der beiden auf dem Deiche hatte sie nicht gelöscht, sondern nur Hass, Ekel und Eifersucht wie heißes, stinkendes Öl dazu gegossen, daß die Flammen unreiner und verzehrender wie zuvor empor schlugen. Der Wirt im Bierhause berichtete ihm das große Geschehnis des Tages. Ein fröhlicher Fluch entfuhr seinen Lippen und dann ein blasendes Fauchen. Spät stieg er die Warf zum Vogthofe hinauf, der ein altes, aber wohl erhaltenes Gebäu war, durch nichts vor den großen Höfen der Insel ausgezeichnet, es sei denn durch die Unzahl von Kasten und Truhen, die an allen Wänden, von der Diele bis zu den Hinterkammern standen. Wenn die Großmagd, welche die Rechenkunst nur mit der Kreide auf dem Tische übte, nach der Zahl derselben gefragt wurde – und solches geschah nicht selten – antwortete sie: »Ein ganzes Stieg und ein halbes, außer den vieren im Pesel, in die nie einer die Nase gesteckt hat außer Volquart selber.« Als Tolke hinter der Peseltür verschwunden war, wisperten zwei Knechte: »Was will der?« »Ich weiß nicht, was er will, aber ich weiß, was er muss.« »Was muss er denn?« »Der muss mehr als zehn Schilling Zins von der Mark zahlen.« Volquart las in einem Buche, dessen aufgeschlagene Blätter mit wenig Worten, aber vielen Zahlen beschrieben waren. Er übte die Rechenkunst gern und gleichsam zur Erholung. Unliebsam schien ihm die Störung seiner Abendmuße, und er grüßte Tolke mit dem schrägen Blick. Dieser platzte mit seinem Anliegen heraus: »Jetzt haben wir eine volle und gute Sache wider den Pfaff … Den Schneiderhinrik hat er zu Schanden geschlagen.« »Ich weiß; wenn Ihr nichts anderes bringen wolltet als diese Botschaft …«, sprach der Vogt mit kühler Würde und schlug geflissentlich im Buch zurück bis zum Blatte, welches Tolke gewidmet war, »und wo ist jetzo der Schneider?« »Er hat ihn in die Pastorei hinaufgeschafft.« »Ja, ja, Peter Boethius ist ein anschlägiger Kopf … Den Mann wird er heilen und die Wunde mit einigem Gelde verpflastern, daß er nichts wider ihn aussage.« »Ich hab' vom Hörensagen, die Westerwohlder hätten einen Kopf, der noch anschlägiger sei.« Der Vogt schmunzelte und klappte das Buch zu, denn auch der klügste Mann wird vom Schmeichler überlistet. »Ein Pastor muss mehr Gesetzen gehorchen, als wir gemeinen Leute, denn er ist geistlichem und weltlichem Gericht unterstellt, und es ist fast unmöglich, daß er sich nicht in irgend einem verstricke …«, begann er versteckt. Derb drückte es der Bauer aus: »Dem Wolfe legt man eine Schlinge und gräbt eine Grube davor, damit er, sofern er entwische, doch in diese falle … So haben wir wider diesen bellenden Hund eine zwiefache Ursach: Seinen Dienst hat er gekündigt, und das ist die Schlinge, die wir anziehen müssen; sollte er dennoch entschlüpfen, ist die Gewalttat von heute die Fallgrube, in die er stürzen muss.« Volquart nickte nachdenklich: »Ja, wenn der Wolf nur ein bellender Hund und nicht auch ein schlaues Füchslein wär' …Hätten wir ein Geschriebenes von seine Hand, daß er seinen Dienst zum Frühjahr aufsage, aber wir haben nur ein unbedacht entflohenes Wort, das sich deuteln und drehen läßt …!« »Zu einer Schlinge für seinen Hals«, knurrte Tolke. »Aber auch sich zerpflücken läßt zu einem losen Spinnengewebe, welches der Wind verweht!« D%%%ie wulstigen Lippen fauchten grimmig. »Haben wir nicht schriftkundige Leute in Husum, welche für eine Mark und weniger ein Geschriebenes aufsetzen?« »Aber es muss seine Handschrift sein … Ihr verstehet …« Der Vogt sah auf mit dem lauernden Blick, in dem ein Hinterhalt war. Dumm glotzten die kleinen verschwommenen Augen ihn an, bis es aus der Tiefe grell aufblitzte wie höllische Tücke. Die beiden Augenpaare hatten sich verstanden. Sogleich hatte der Vogt die gemessene Würde und die begonnene Rede wieder aufgenommen. »Ihr verstehet, daß ich nichts tun werde wider Recht und Gesetz …« »Nein«, grinste der andere, »aber was soll ich tun? Nach Husum fahren?« Volquart Wessel sah ihn verständnislos an. »Habt Ihr einen Handel in Husum? Dann verschiebt ihn und reitet morgen zum Staller von Bestenborstel und zum Propsten Vincentius.« In der Nacht kehrte Tolke heim. Sonst ein starker Schläfer und Schnarcher, brütete er in seinem Bette zwei Stunden lang. Frühe vor Tag klopfte er mit Gepolter den verdutzten Knecht aus den Federn, trat zum Alkoven der Magd, aber mit möglichst wenig Geräusch, öffnete die Läden, lugte mit lüsternen Augen hinein und streckte die Hand aus. Alma schrie und zog die Bettdecke bis zum Halse empor. Eine jähe Röte bedeckte ihr Gesicht – aber sie lächelte. Tolke entnahm der Truhe sein bestes Gewand, die Jacke mit silbernen Knöpfen, die Pelzmütze und die Stiefel von feinem Leder. Nachdem er hastig eine Biersuppe verschlungen, schwang er sich auf das gesattelte Ross und ritt in den Morgennebel hinaus. August von Bestenborstel war ein sehr langer und sehr dünner und sehr vornehmer Mann, der einzige von Adel auf dem ganzen Nordstrande und des Herzogs höchster Beamter. Viel überlaufen von den Leuten, liebte er kurze Verhandlung und bot keinem einen Sitz, er sei denn Vogt oder Prediger. Tolke berichtete stehend, mit vorsichtigen Umschweifen und vielen Wiederholungen. Eine hohe Fistelstimme krähte in kurzen Zwischenräumen drei Mal: »Weiter, weiter – faßt Euch kurz!« Dann schnitt sie ihm die Rede ab und gab wie ein bündiges Verdikt folgenden Bescheid: »Was kommt Ihr zu mir mit Dingen, die jeder Vogtschreiber beantworten kann? Ein Prediger stehet, wie jedermann, unter dem gemeinen Landrecht – hat er geschlagen, soll er zahlen die vorgeschriebene Mannbuße. Wollt Ihr Beschwer wider ihn, so setzet eine Klage auf mit der Unterschrift zweier Augenzeugen und sendet sie an mich – auf dem Dreihardending wird's entschieden – Punktum.« Tolke begaffte den langen und schmalen Rücken des Stallers von oben bis unten und wartete. Aber er bekam das Angesicht des Gestrengen nicht mehr zu sehen und ging. Oben auf dem Deiche nach Buptee zu trabte er und stand bald vor einem andern Bilde. Der geistliche und der weltliche Oberherr der Insel bildeten einen so großen Gegensatz, als gehörten sie nicht zu der einen und selben Gattung von Wesen. Der Präpositus Vincentius war ein sehr kurzer und sehr dicker und auch sehr leutseliger Herr gegen jedermann, er sei denn ein Prediger in seinem Sprengel, gegen die er es nicht immer war. Sein Gesicht schien noch feister geworden in der kurzen Frist, seit wir auf dem Kaland von ihm schieden, und die Äuglein drohten gänzlich zu verschwinden. Ihm mangelte es nie an Zeit, und als er hörte, was Tolke auf dem Herzen habe, hatte er eine rechte Muße, ihn anzuhören. Ein Dorfgerede ist wie ein Gang durch ein aufgeweichtes Feld – tiefe Stapfen hinterläßt es, und immer mehr Kot- und Kleierde hängt sich daran. Tolke gab das Gerücht mit allem, was sich daran gehängt hatte, und seine Rede war nachdrücklich wie eines Augenzeugen und umständlich wie eines Spittelweibes. Dennoch meinte der Propst: Es seien in Anbetracht dieses Kasus' noch etliche Punkte, die besser erhellt werden müßten. Ob das Instrument, besagter Spaten, ein todbringendes gewesen sei? »Es sind damit auf diesem Nordstrande mehr Menschen erschlagen worden als mit dem Schwerte.« Ob der vorbenannte Schneider-Hinrik einen sichtbaren Schaden davon getragen habe? »Er ist in Zuckungen verfallen wie ein Sterbender!« Ob es zu erwarten, daß er den Tod davon nehmen würde? »Die fallende Sucht hat er bekommen, und es ist gewißlich wahr, daß er sterben wird.« »Ergo mittelbarer Totschlag!« Der Bauer gab noch einmal seinen Bericht, und das Geblinzle der kleinen Augen des Propsten erinnerte an den Blick der Katze, wenn sie nach dem Vogel schaut. »Und nun zum letzten, hochwürdiger Herr!« Tolke hatte endlich von der Kündigung berichten können, und am Schluß seiner Erzählung saß er wie ein Spieler, der die Hauptkarte hingeschleudert hat. Doch er erschrak, denn der dicke Hals verschwand in den hochgezogenen Schultern, und der geistliche Herr schnaubte fast: »Was berennet ihr Bauern von Westerwohld mich immerzu und blast mir in die Ohren: Unser Pastor hat seinem Dienste entsagt!, wenn ihr mir nicht schwarz auf weiß es zeigen könnt? Ein Wort wird widerrufen und war nur Drohung oder leerer Dunst. Ich will es nicht glauben, ehe denn ich ein Geschriebenes sehe mit des Boethius' Unterschrift und des Kirchspiels Sigill!« Tolke glotzte mit seinen Froschaugen drein, wie nach einer verlorenen Wette, und ging. Doch war der Gruß, mit dem er entlassen wurde, gnädig und die begleitende Handgebärde wie ein Fingerzeig. Als er fort war, legte sich der Propst zurück im Polsterstuhle und schloß die Augen, fast beschaulich wie nach reichlich beendetem Mittagsmahl. Er schlief aber nicht, sondern sein Kopf verdaute das Gehörte. Der Gaul trottete in gemächlicher Gangart, und dem Reiter rief ein Wegfahrender zu: »He, du sitzest im Sattel wie die Feuerzange auf der Sau.« Tolkes lange Beine schlenkerten weiter, und sein Oberkörper blieb vornüber hängen, krumm und kraftlos, denn das Denken nahm alle seine Kraft in Anspruch. ›Schwarz auf weiß!‹, murmelte er vor sich hin. ›Ein Geschriebenes!‹, so hatten beide gesagt, der Fuchs von Vogt und der Dickwanst von Pfaff, und dieser überdies noch vom Kirchspielssigill geschwatzt. Tolke schimpfte sich selbst einen dummen Bauer, der nichts von Schrift und Siegel verstünde. Der Satan schaffe das Sigill! Urplötzlich erhellte sich sein Gesicht. Der Gerufene war gekommen, und der Teufel hatte ihm einen guten Gedanken eingegeben. Alma stand in der Küche und sah zu ihrem Hausherrn mit einem verstohlen-vielsagenden Blick empor. Der aber hatte keine Zeit, die Dirne zu beachten. Seine Jacke zog er sogleich aus. Ehe er sie aber in die Truhe schloß, besann er sich: ›Ich brauche Geld, der Blutsauger von Vogt begehrt Zins und wird nichts herausgeben.‹ Mit hastigem Entschlusse schnitt er die Silberknöpfe vom Wams herunter, wie einer, der sein Letztes zu opfern gewillt ist. Nachdem er im Bierhause die Silberknöpfe in gangbare Münze umgesetzt hatte, machte er sich auf den Weg und umschlich die Pastorei. Durch die kleinen, unverhängten Scheiben lugte er. Unter der Lampe saß Etta und schaute träumerisch ins Herdfeuer. Der Anblick entfachte die unreine Glut von neuem und bestärkte ihn in seinem Vorhaben. Mit der Hand griff er auf den Grund, schleuderte eine Handvoll Erde gegen die Scheiben und versteckte sich hinter der Westmauer des Hauses, mit der Nase um die Ecke witternd. »Siehe zu, Boje, wer draußen Unfug übt!«, gebot Etta gleichmütig. Der Knecht klinkte die Tür auf und steckte den Kopf hinaus. »Pst, pst!«, flüsterte es von hinter der Mauer. Da wagte sich Boje zwei Schritte vor. Tolke raunte ihm zu: »Willst du ein paar Mark mit leichter Mühe verdienen?« und zog ihn am Ärmel um das Haus herum. Im Krautgarten wisperten sie miteinander, aber so leise, daß kein Lauscher einen Sinn erfaßt hätte. Nun aber wurden sie lauter, sie schienen einen Handel zu treiben und dangen mit einander. »Zehn Silberstücke!« – »Nein, nicht unter fünfzehn!« – »Gut, elf dann, Boje!« – »Nicht unter vierzehn!« »Bei meiner Seligkeit, nicht mehr als dreizehn!« Das war Tolke. Und ihre Hände faßten sich handelseinig. Man hörte ein Klimpern und sah im Dunkel die Stücke nicht. Boje aber betastete an jeder Münze den Rand und die Prägung. In der Pastorei war alles zur Ruhe gegangen, und der Hausherr machte mit der Laterne seinen Rundgang durch das Haus. Als er in den Stall trat, schlich Boje sich aus der Kammer an der Tenne, huschte durch die Diele und Stube und in den Pesel hinein, woselbst er schleunig in den unbenutzten Alkoven hineinkroch und die Läden zuzog. Ihm war sehr erschrocken zu Mute, obschon er seine Angst zu beschwichtigen suchte mit dem Gedanken: ›Sollte er mich hier betreffen, als wenn ich trunken wäre und mich im Lager vergriffen hätte.‹ Boje wurde nicht betroffen. Unheimlich still und finster war der Alkoven, wie eine dumpfe versperrte Gruft. Er scheute das Licht, aber dieses schwere, undurchdringliche Dunkel lag auf ihm als ein erstickender Alb. An seinem ganzen Leibe brach der Schweiß aus, und er stieß die Alkoventür auf. Im Zimmer dieselbe Finsternis, dick und drückend! In seiner Angst begann er zu rechnen. Das Zwiefache eines Jahrlohns im Handumdrehen, gleichsam im Schlafe, verdient! Da drang ein Knarren und Ächzen durch die Nacht. Sein Haar sträubte sich. Die Holländer-Uhr schlug zwölf Schläge. Boje entlockte dem%%% Feuerstein einen Funken, blies den Zunder an, entzündete die Kerze und blinzelte in das lustige Licht, das auch die Lichtscheuen lieben. Bald war das erste Stück des Nachtwerks getan und mühelos das Hängeschloß der kleinen Truhe erbrochen. Viel schwerer war das zweite. Die täppischen Finger verbrannten sich, und das siedend heiße Wachs überträufelte den ganzen Bogen. Endlich traf er das rechte Maß, und in dem aufgeschmierten Wachsfleck stand deutlich eingedrückt das große Kirchsiegel – aber auf dem Kopfe. ›Verteufelt, auch das will gelernt sein!‹, brummte er. Als ihm aber die Kunst geriet und er schmunzelnd das erste, wohl gelungene Sigill betrachtete, fand er so viel Gefallen daran, daß er fleißig fortfuhr und flugs drei weitere Sigille auf leere Bogen setzte. ES könnte mehr Nachfrage kommen nach wächsernem Papier! In derselben Truhe waren zwei Denkmünzen, von denen die eine In memoriam magni cataclysmi Nordstrandici geschlagen worden war. Sie verschwanden in seiner Tasche. Jeden Verschluß öffnete er und zerstreute geflissentlich seinen Inhalt, fand nur einen kleinen Beutel mit Armenpfennigen und grollte: ›Gemeines Kupfer!‹ Aber der Beutel glitt in die Tasche und gesellte sich zu den Denkmünzen. Boje öffnete das Fenster, stieß die Läden auf und sprang hinaus in den Kohlhof. Die kleine Tür des Schweinekobens, durch welche der Dung hinausgeworfen wurde, schloß schlecht. Daß der Haken mit der Messerklinge von draußen angehoben werden konnte, wußte der Hausherr nicht. Auf diesem Geheimwege, den Boje nächtlicherweile nicht zum ersten Male beschritt, gelangte er ins Haus. Bald lag er in seinem Bette und schnarchte ruhig, wie nur irgendein Dorfknecht nach saurer Arbeit und redlichem Schweiße schläft und schnarcht. Unter dem friedlichen Dache der frommen Pastorei sind alle Lider geschlossen, und ist einer darunter, der ein Dieb ist und im Stockhause sie aufschlagen müßte. O, Pastor Boethius! Dein guter und getreuer Knecht ist jahrelang ein Augendiener und Schalksknecht gewesen, nun aber zum Diebe und Schurken an dir geworden! Wo war Tolke? Und was geschah um eben diese Stunde auf Olufswarf? Hätte der Böse Buhlschaft getrieben mit dieser rabenschwarzen Novembernacht, daß sie schwanger ging mit Ruchlosigkeit und so höllische Werke gebar, zwei so scheußliche Zwillingstaten? Tolke kehrte spät heim. Ihm war warm vom genossenen Getränk. Aber auch ein anderes erhitzte sein Geblüt – eines Weibes Gestalt umgaukelte ihn, so fühlbar nahe, daß es ihn durchrieselte. Im Hofe brannte noch Licht. Alma saß am Herdfeuer, saß lange nach Schlafenszeit auf nach ihrem Hausherrn. O, die sorgsame Magd, die mehr tat, als zu ihrem Gesindedienste gehörte, und mehr, als ihr geheißen war. Als er sie mit behaglichem Grunzen eine brave Dirn nannte, senkte sie bescheiden den Kopf. Leutselig kniff er die Wange der Magd, und aus seinen Augen glitt es heimlich und lüstern über ihren Busen hin. Sie sah empor mit scheuen, sehnsüchtigen Augen. Ein Feuer fuhr in ihn, und er umschlang sie, seine Lippen auf Nacken und Antlitz pressend. Geschickt und stark entrang sie sich ihm: »Was wollt Ihr von Eurer Magd, Tolke?« – »Sie zu meiner Frau Liebsten machen.« – »Ich will aber nicht lose Minne mit Euch treiben … und zum Eheweibe meint Ihr es nicht.« »Möchte Hans Rickmers Tochter Bauerfrau auf Olufswarf werden?« – »Wollt Ihr darauf einen Schwur tun, Tolke?« – »Ja, bei dem großen Kirchspielssiegel von Westerwohld! Einen heiligen Schwur will ich tun.« Er schloß sie in die Arme, bedeckte sie mit Küssen und lispelte: »O, Etta, Etta, wie weich du bist!« – Unter seinen Küssen schrie auf die Magd: »Er ist trunken, daß er mich Etta nennt!« – »Nein, ich bin nicht trunken, und du bist Alma, meine Frau Liebste!« – Da nahm er sie auf seine Arme und trug sie hinweg. Am Tage nach dieser Nacht, als die Vormittagsflut kam, bestieg Tolke eine Schmacke, die im tiefen Priel an der Ladestätte lag und mit günstigem Wind nach Husum die Segel setzte. An Bord des Schiffes schwatzten die Leute vom Einbruch, so in der Nacht geschehen sei, und daß seit fünfzehn Jahren solches im Dorf nicht vorgekommen. Peter Boethius trug den Verlust wie ein geringes Übel und ersetzte die fehlenden Armenpfennige aus seinem eigenen Beutel. Aber das Geschehnis selbst erfüllte ihn mit schwerer Betrübnis, wie ein unverkennbares Zeichen der Zeit, die böse geworden war. Der Deich fordert ein Lebendes Die drei dunklen Wintermonate kamen und gingen. So lange der Nebel zog, wurde in kurzer Tagarbeit am Werke rüstig geschafft. Nur wenn die Feuchtigkeit als naßkalter Regen niederschlug, stoben die von Osterwohld und Buphever als die ersten von dannen, und auch die Westerwohlder hielt der Vogtsohn nicht lange am Deiche zurück. Edleff Wessel, welcher vor Taganbruch sein Ross sattelte und die Lässigen zusammen trieb, war die treibende Kraft und auch die leitende Hand, denn zum neuen Jahre war er mit voller Befugnis eines Deichgrafen vom Staller betraut worden, doch nicht alleingewaltig, sondern an Rat und Zustimmung der ordentlichen Deichrichter gebunden. Zuweilen nahm er einem Arbeiter den Spaten aus der Hand, um ein Beispiel zu geben. Das aber und seine kurze gebietende Art gefiel nicht allen. Zwar wuchs sein Ansehen in der Harde, und keiner weigerte den Gehorsam, aber auch die heimlichen Widersacher wuchsen wie Pilze aus der Erde. Als der Frost die Priele und Gräben in Fesseln schlug und den Schlick in Stein verwandelte, musste der Deichbau ruhen, wurde aber um Lichtmeß, da Tauwetter eintrat und die Tage sich verlängerten, mit neuem Eifer aufgenommen. Mehr als zehn Ellen hoch, in schräger Abdachung gegen das Meer, sauber mit Stroh bestickt und mit Soden belegt, stand der Deich wie eine feste Mauer, der ganze Haffdeich von der Nordspitze der Insel bis hinab, wo die Pellwormer Harde begann. Seit Menschengedenken hatte Nordstrand kein so großes und gemeinsames Unternehmen gesehen, und die ältesten Leute wussten sich nicht auf ein Deichwerk zu besinnen, das mit so wenig Zwietracht und so vielem Fleiße ausgerichtet sei. Dennoch war der Wall unvollendet, und die Wehle lag offen dem Feinde wie eine große, gähnende Bresche. Oft suchte Edleff die Stätte auf und maß die Breite und Tiefe mit finsterem Blick, Dann konnte wohl ein hartes Wort ihm entfallen, und mit herrischer Ungeduld trieb er vorwärts, daß die Wehle verstopfet werde noch vor der Frühjahrsbestellung. Solches erregte bei den meisten ein Kopfschütteln. Wie konnte eine Zeit, die in allen Dingen langsam ging und gute Weile liebte, den hastigen Mann verstehen? Peter Boethius saß in seiner Stube zwischen dem Beileger-Ofen und der beweglichen Feuerstelle – in einiger Ungeduld, und auch er hätte gern eine Sache, die ihn betraf, zu schnellerer Gangart angespornt. Diese faule, ihm auf den Tod verhaßte Weise, die alles aufschiebe, verschleppe und am Ende ganz verlege! Haderte er mit seinem Knecht oder Tagelöhner? Seinen Knecht wollte er wohl in Trab bringen, aber dem wohlgesetzten und gehorsamen Bitt- und Bewerbungsgesuche um die ledige Predigerstelle in Hattstede vermochte er nicht schnellere Füße zu machen. Der Pastor, dem man auf einem zweiten Dinge den Neubau rundweg abgeschlagen hatte, wollte sich anderswohin vocieren lassen. Aber die Vokation blieb aus. Darum haderte er mit dem lotterhaft-lässigen Geschäftsgange seiner Zeit. Er hätte mit dieser Gepflogenheit nicht hadern sollen, denn kraft derselben war seine Dienstentsagung, mit seiner Unterschrift versehen und mit dem Kirchensiegel bestätigt, irgendwo auf Gottorp im herzoglichen Archiv verlegt worden. Und neben ihr lag eine Beschwerdeschrift von einigen Eingesessenen der Gemeinde, welche ausführte: Zum ersten, daß Herr Boethius unflätiger Scheltreden auf der Kanzel sich bediene; zum zweiten, daß er im Zorn einen Tagelöhner fast zu Tode geschlagen habe; und zum dritten, daß er um seiner Hoffart willen die Gemeinde mit neuen Auflagen beschweren wolle. Den Propsten Vincentius traf keine Schuld an der Verzögerung, denn in der Präpositur waren beide Sachen so schleunig erledigt worden, daß man nicht Zeit gefunden hatte, den Verklagten zu verhören. Boethius wußte nichts von dem Schurkenstreiche, der an ihm verübt worden war, von den Ränken, die man spann, noch den schwarzen Wolken, die über seinem Hause aufzogen. Werden sie sich entladen, und wird die Botschaft wie ein Blitz aus heiterem Himmel ihn treffen, wenn er das Schreiben erbricht, darin es in kurzem Kurialstil heißet: Der Pastor ist seines Amtes entledigt worden!? Wie aber konnte eine Sache, die nicht wenigen vertraut war, ihm ganz verborgen bleiben? Der Friese ist schweigsamer Art und kargt immer mit den Worten. Wo aber sein Vorteil es erheischt, ist sein Mund mit sieben Siegeln verschlossen. Dennoch plauderte einer, und zwar der, von dem die andern es am wenigsten sich versehen hätten. Seit drei Tagen hatten die Frühlingsgüsse eingesetzt, alles niedrige Land überschwemmt und auf dem Nordstrande viele und große Seen über Nacht geschaffen. Ein ständiger Platzregen, der in dicken Strähnen nieder goß und nun zu einem dichten Sprühregen sich gelegt hatte! Wer wird bei solchem Wetter und so beschaffenen Wegen am Westerwohlder Gotteshause vorbei nach Buptee zur Kirche reiten? Der Kirchspielvogt hatte sich vorgenommen, heute den Propst Vincentius zu hören. Und Volquart Wessel hörte die feste Stimme laut vom Gestühl herunter schallen und hintennach in der Sakristei, wo sie zu zweien waren, gedämpfter klingen. Das Ross watete behutsam durch die seichten Gewässer heimwärts. Wie Baken und Seezeichen die schmale Fahrrinne des Wattenmeeres begrenzen, so hatte man mit Stangen, an denen Strohwische befestigt waren, den Weg im Wasser bezeichnet, damit nicht Wagen und Ross in die tiefen Gräben zu beiden Seiten gerieten. Eine tröstliche Predigt mochte es gewesen sein, denn der Reiter sah wohlgemut auf den unlustigen Weg und das unerquicksame Wetter. Im Hause wurde sein Angesicht noch heller, besonders als die Altmagd sogleich das Essen auf den Tisch stellte. Edleff war ausgegangen, und den Vater schien es nicht zu verdrießen. Volquart gehörte zu den Leuten, die am liebsten allein speisen und ohne Zwang und Störung sich dem Hochgenusse des Essens hingeben. Mit Bedacht zerlegte er die zart gebräunte Wildente, und mit Behagen verzehrte er ein Stück nach dem anderen, bis nur ein Knochengerippe auf der Schüssel lag. Volquart hatte seine frohe Stunde. Darum holte er eigenhändig einen Krug, gefüllt mit altem, echtem Claret, aus dem Keller. Dieser Sonntag forderte einen Wein, wie er nur an den drei hohen Festen oder nach einem glücklich abgeschlossenen Handel auf seinen Tisch kam. Dem ersten Kruge folgte ein zweiter. Immer froher wurde Volquarts Stunde. Seine Lippen schlürften, seine Augen blinzelten in stiller Daseinsfreude durch die lustig flimmernde Stube. Beim dritten Kruge tasteten sich seine Füße in wohlangebrachter Fürsicht die steile Kellertreppe hinunter und wieder hinauf. Der Kirchspielvogt war ein willensstarker Mann, der nimmer im Bierhause oder bei gemeinsamen Gelagen über das geziemende Maß hinausging. Aber! Derselbe hatte dennoch seine schwachen Gezeiten, eben diese frohen Stunden, wo er dem Trunke als ein heimlich-verschwiegener Zecher huldigte. Der Sohn, welcher eintrat, streifte mit einem vielsagenden Blick den Krug und dann mit einem verächtlichen den Vater, dessen Wangen grellrot wie Purpur glühten. »Was machst du für ein Bettagsgesicht? Hat eine Dirne dir das Herz verkümmert?«%%%, lachte der Vogt, und seine Zunge stolperte über einzelne Silben. Der Sohn wandte sich ab und sah aus dem Fenster. »Laß die Weiber, denn sie sind leidig verkleidete Engel …, hasse Würfel, denn sie sind das offenbare Satanswerk, aber im Weine, wenn er mit Maßen genossen wird, ist Wahrheit«, lallte der Vogt, mit dem Kruge liebäugelnd. »Koste! Es ist noch Claret drin … %%% sei guter Dinge, mein Sohn, denn das Leben ist kurz …, so gemahnte der Propst uns …, ha, ha!« »Es ist kurz … und darf ich ein Wort sagen? Ihr werdet durch dieses Gelage Eure Tage noch mehr verkürzen, denn Ihr vertragt es nicht, das starke Essen und Trinken. Die Leute von Eurer Art sollen sich hüten, daß sich ihr Geblüt nicht plötzlich verdicke und ein Schlagfluß sie befalle …, sagt der Bader.« »Zum Teufel mit dem Bader! Du solltest an Boetius' Statt auf dem Gestühl stehen und die Leute mit dem Sterben wie mit einem Kindergespenst bange machen …, hu, hu!«, höhnte der Vogt. Also schlug er die Warnung des Sohnes, der unwillig aus dem Fenster sah, in den Wind. Nach einer Weile hatte er die Weinlaune wieder gewonnen und begann mit listig zwinkernden Augen: »Sollte ich nicht guter Dinge sein und den Claret mir schmecken lassen? Ist es dir nicht ein frohsames Gefühl, wenn dir ein feister Aal in die Reuse gegangen ist und du siehest, wie er zappelt und den Schwanz durch die Maschen steckt, um durchzubrechen? …Hi, hi!« Edleff horchte auf. Im Affekte schlug der Vater auf den Tisch: »Er läuft ins Garn …, der große und glatte Aal von Westerwohld ist gefangen … Und da sollte Volquart Wessel nicht fröhlich sein?« »Redet ohne Runen! Was ist mit dem Aal?«, kam es hastig von hinten. Der Vater sah nicht den finster durchdringenden Blick des Sohnes, sondern sprach: »Nichts anderes, als daß die herzoglichen Köche auf Gottorp ihn säuberlich enthäuten werden …« »Mit anderen Worten«, brauste Edleff auf, »dem Pastor soll der Rock ausgezogen und das Amt genommen werden.« Sogleich verwandelte sich der Vogt und glotzte mit leeren, verständnislosen Augen empor: »Dem Pastor? Bin ich trunken oder bist du es? Ich rede von deinen Reusen mit dir und du vom Pastor …« Edleff antwortete nichts und fragte auch nichts mehr. Der Regen hatte nachgelassen, und noch denselben Nachmittag verließ Edleff das Haus. Volquart saß beim vierten Kruge, den die Magd herbeigeholt hatte, und schien trunken, denn seine Stimmung schwankte zwischen Zorn und Schadenfreude hin und her, und seine Lippen murmelten Unverständliches. War ein Wetter just wie heute und mehr als dreißig Jahre her … Der Weg stand unter Wasser, und zum letzten Male ritt der von Westerwohld heim … Gunna, die des Pastors Eheweib geworden, hatte es ihm wie eine geheime Beichte gestanden …Der Reiter hatte sein Ross in den Graben hineingetrieben, aber es schwamm und erreichte den Grund … Nichts war geschehen, nur der weichherzige Tor in ihm war ersäuft worden in dem Wasserbade. Volquart lachte hart, und seine Augen funkelten schadenfröhlich im Vorgenuß der Rache. – Der Predigerknecht Boje blickte aus dem Fenster und anscheinend nach der Wetterfahne und dann nach Westen. In Wirklichkeit aber folgten seine Augen jenem Manne drunten auf dem Wege, der zögernd auf- und abschritt und in Zweifel schien, ob er sich in die Pastorei hinauftrauen dürfe. Jetzt aber kam er den Hügel hinan und sah auf den Grund. Flugs sprang Boje auf die Tenne, ergriff eine Schaufel, schob sie behutsam durch den Spalt der leise geöffneten Tür, so daß sie gegen den Pfosten lehnte, sah durchs Fenster und grinste vor sich hin. Da kommt der Freiersmann zu unserer Jungfer, ich muss das Gesicht sehen, welches er schneidet! Es galt nämlich auf dem Nordstrande als ein böses Omen und ein unfehlbares Vorzeichen des Abschlages, wenn der Freiwerber zufällig vor der Tür des Hauses eine Schaufel vorfand, und es ging von einem solchen das Sprichwort: Ihm hängen die Kleider am Leibe, als wären sie ihm mit Schaufeln daran geworfen! Kaum ein Freier, der nicht, von Schreck befallen, sogleich umgekehrt wäre. Aber es kam anders. Der hämische Knecht schnitt ein verdutztes Gesicht. Edleff Wessel hatte einfach der Schaufel einen Fußtritt versetzt, daß sie polternd herunterfiel%%%. Als er schon hinter der Peseltür verschwand, erhaschte Etta von der Stube aus einen Blick von ihm und ließ das Handgewebe in den Schoß sinken. Ihr Herz stand einen Augenblick ganz still und ging dann in starken stürmischen Stößen. Der Vogtsohn kam nicht als Freiwerber und verneigte sich kurz. Boethius' Gestalt drehte sich im Stuhle, und die grauen Augen hielten unfreundliche Musterung. Edleff besann sich auf die vorbedachten Worte. Da entfuhr den schmalen Lippen die Anrede: »Wisset Ihr nicht, daß es Sonntag ist, wo ich kein Werk tue, es sei denn in Sakraments- oder dringlicher Sache, die mein Amt gilt?« »Es gilt Euer Amt, und es geht um Euren Dienst! Ihr habt Widersacher, die Euch durch bösen Leumund verdrängen wollen … Hohl geht die See, und ich hörte die Dünung heute – seit beizeiten auf dem Auslug, Kirchherr von Westerwohld! Das Wörtlein wollte ich Euch ins Ohr raunen.« »Die Rauner sind leidige Rater, und gegen falschen Leumund setze ich ein gut Gewissen. Als man mir das Notdürftigste verwehrte und den Stall nicht bauen wollte, gedachte ich zu verziehen – nun aber spreche ich den gottlosen Leuten zum Trutz: Hier stehe ich als Pastor in Westerwohld, und hier will ich bleiben! Mögen einige lose Mäuler den Propsten Vincentius belaufen, wie mir längst zugetragen ist – sie werden keine Sache wider mich finden, und ich lache ihrer!« Edleff beugte sich vor: »So will ich Euch dennoch meine Warnung ins Ohr raunen: Die Sache ist viel weiter gediehen, als Ihr glaubt, und bis nach Gottorp gegangen!« Bei dem Worte Gottorp horchte Boethius auf. Nach kurzem Schweigen sah er finster empor: »%%%Und aus welchem Antriebe kommt Ihr, es mir zu künden? … Aus Liebe etwa … oder um Lohn?« »Nicht aus Liebe und nicht aus Lohn, sondern um des Hasses willen, den ich wider jegliche Unbill hege … Vielleicht auch Eurem Trutz zum Trutze! Nun hütet Euch, Kirchherr von Westerwohld!« »Ich stehe in Gottes Hut und Hand!« Der Pastor faltete unwillkürlich die Hände, aber es waren nicht eitel fromme Gedanken, mit denen er dem Vogtsohne nachsah. Dann schritt er heftig auf und ab. Der gehe jetzt im Glauben, eine Schuld an ihm zu haben, und just diesem einen Manne wollte er keinen Dank wissen! Dennoch war ein Zwiespalt in ihm, da er wandelte und alles bewegte. Dem Vogtsohn erstand ein Verteidiger in seiner Seele, der leise zur Versöhnung redete. Aber der Angreifer, der Argwohn, sprach immer lauter: Diesem und dem eigenen unbeugsamen Willen gab Peter Boethius Raum. Auf seinen Zügen lag keine Milde, als er die Tür halb öffnete und laut rief: »Etta, Etta!« Heiß und scheu stand die Tochter vor dem Vater. »Wie in den Tagen Noahs ist es, und die Bosheit groß geworden auf dem Nordstrande …« Ein Zittern befiel sie, weil Edleff beim Vater gewesen war. »Morgen in aller Frühe schon muss ich eine Fahrt auf das Festland machen und, so der Herr will und Weg und Wetter mir günstig sind, werde ich nach vier Tagen zurück sein.« »Was ist geschehen, mein Vater, daß Ihr so plötzlich reisen müßt, und wohin?« »Heimlich wider heimlich und hart gegen hart«, murmelte er, »Du wirst es hernach erfahren, wenn die Sache mit Gottes Beistand zu einem guten Austrag gekommen ist.« In kindlichem Gehorsam fragte sie nicht mehr, sondern beugte schweigend das Haupt. Da beschlich den starken Mann eine bange Furcht um die Seinen, er umschlang seine Tochter und liebkoste sie. »Etta, mein Kind, mein liebstes Kind!« Sie hub an zu weinen. Bald ermannte er sich. »Dir, Etta, und deiner treuen Obhut befehle ich alles, Haus und Gesinde. Laß Karl Heimreich die Abend- und Morgenandacht verrichten und fleißiges Gebet für uns und unser Haus nicht versäumen, denn es tut not. Halte lose Leute und unnütze Reden fern und laß stillen Ernst walten, denn Gottes Hand ist ausgereckt über uns, und ich weiß nicht, ob zur Heimsuchung oder zum Heile. Und noch ein Letztes, Etta! Habe Acht auf Licht und Feuer! Ein kleiner Funke kann zum fressenden Feuer werden und mir meine einzige Habe, mein höchstes Gut verderben.« Sein Blick sagte mehr als sein Wort. In den Augen, die sie unter den noch tränenfeuchten Wimpern zu ihm aufschlug, lag durchsichtig ihre Seele und ein großer Schmerz: »Mein Vater, was ist mit Edleff Wessel, der bei Euch war?« »Edleff Wessel?« Seine Stimme war hart. »Ich versehe mich zu meiner Tochter, daß sie dem Vogtsohne mein Haus verschließe und seinen Weg meide! Willst du darauf deine Hand in meine Hand legen, damit ich ohne Sorge den schweren Gang gehen kann?« Traurig neigte sie das Haupt, aber bedachtsam sprach sie die Worte: »Ich gelobe Euch, daß ich in Eurer Abwesenheit ihm das Haus verwehren und an keinem Orte ihm Rede und Antwort stehen will.« Unten an der Ladestätte lag dieselbe Schmacke, mit der vor Monden Tolke seine Fahrt nach Husum angetreten hatte, – eines fetten Priesterhandels wegen, zu dem ihm günstige Gelegenheit geboten sei, wie er lachend seinen Reisegefährten antwortete. Die steigende Flut trug das flache Boot, und der Schiffer löste die Taue vom Bollwerk. War ein Neues und Ungewohntes, daß der Westerwohlder auf Reisen ging, und neugierig gaffende Blicke schielten nach dem letzten Fahrgast hinüber. Der Schiffer, ein auf dem ganzen Nordstrande bekannter Kauz, der ohne Ansehen des Standes und der Person jeden mit du anredete, verhörte jeden Fahrgast nach Reisezweck und Ziel, und auch den Pastor inquirierte er: »Ich sehe, hochwürdiger Herr, du bist nicht wie die Laien, die sich lieber einen Finger abbrechen, als an einem Montage ein wichtiges Werk beginnen …?« »Alle Tage sind Gottes, auch beginnt mein Werk erst morgen oder übermorgen.« »In der Stadt Husum?« »Dorthin habe ich meine Fahrschillinge bezahlt.« In Husum, in der Straße am Osterende, dang Peter Boethius einen Fuhrmann für eine Mark die Meile und freie Wegzehrung für ihn, seine beiden Klepper und die zwei großen Wolfshunde, die er der unsicheren Straße wegen mit sich führen wollte. An vier Meilen zog sich der Weg durch Sand- und Heidegegend hin und wurde ohne Fährlichkeit zurückgelegt. Überall in den wenigen und armseligen Dörfern viel Verfall und wucherndes Unkraut – das waren die sichtbaren Fußstapfen, welche die Wallensteinsche Kriegsfurie hinterlassen hatte. Der Anblick weckte in ihm schwere und zukunftsbange Gedanken. Wie ungesegnet sei dieses kümmerliche Land und noch dazu wie hart vom Herrn geplagt worden! Und wir haben in all diesen Elends- und Unfriedenszeiten auf unserer Inselburg in üppigem Wohlleben und satter Ruhe gesessen, und die Güte Gottes hat uns nicht zur Buße getrieben … Wir haben unser Gericht zu erwarten, ich sehe es ergehen über meinem Nordstrande. Des Pastors Angesichts wandelte sich, und sein Auge leuchtete plötzlich. Im Osten tauchte der dunkle Waldsaum des großen herzoglichen Geheges auf. Wald, Wald! Zwar hatten die Eichen und Buchen noch kein Laub, aber der Anblick der hohen Stämme und des dichten Gezweiges machte sein Herz sehr fröhlich, denn er hatte seit fünfzehn Jahren keinen Wald mehr gesehen. Nun tat es sich auf wie ein plötzlich geöffnetes Tor zu einem großen und herrlichen Gebilde. Drunten auf der Schleii%%%nsel lag das feste und starke Haus Gottorp mit seinen weißen Mauern und vielen Türmen, dahinter das breite und blaue Wasser und drüben im Osten die Sonne und ihr leuchtender Schein auf waldigen Höhen. Auf Gottorp, hinter einem der zahllosen Fenster, befand sich die herzogliche Kammer mit ihren hohen Aktenstößen und ihrer langsamen Rechtsprechung. Auf Gottorp sollte sich des Kirchherrn Geschick entscheiden. * Es war eine alte Wetterregel, die sich schon oft bewährt auf dem Nordstrande, daß der März seine gewisse, wenn auch vom Himmel arg beschnittene Anzahl von Lenztagen haben müsse. Auch der vom Jahre 1634 hatte sie. Ein linder, nach langer Wintertrübe doppelt willkommener Märzsonnenschein lag über dem Baum- und Krautgarten der Westerwohlder Pastorei und lockte die Menschen ins Freie. Hertie erging sich im Garten, und die Sonne küßte ihr braunes Haar und das Antlitz, das über Winter so weiß geworden war. Ein Tritt knirschte hinter ihr, sie kannte ihn und kehrte sich langsam um. Beiden stockte der Fuß, und sie sahen sich staunend an. Der Bann, unter dem sie so viele Monde gestanden und kraft dessen sie neben einander einhergegangen, als wären sie erdenweit von einander, hemmte zur Stunde noch ihren Schritt und löste sich erst allmählich von ihrer Seele. Sie lächelte zum ersten Male: »Wir sind selbeinander im Garten, Karl Heimreich.« »Was hast du in deiner Hand?« »Ich habe das erste Schneeglöckchen im Grase gefunden.« »Du bist das Schneeglöckchen, Hertie, und dein Antlitz schauet aus dem dunklen Kleide so weiß und zart, wie der Kelch dieser bleichen und süßen Frühlingsblume. »Ach, es hat unter viel Schnee geschlafen, ihm war so kalt, und es nickte mich so traurig an.« »Dennoch ist es ein lieblicher Bote und gibt den Menschen die erste Lenzhoffnung.« »Aber wenn der rechte Lenz kommt mit seiner warmen und wonnigen Pracht, dann ist seine Zeit hin, und es muss frühe sterben.« Er faßte ihre Hand. »Hertie, mein herzliebes Schwesterlein, warum bist du so gar traurig?« Sie sah scheu auf den Grund und flüsterte: »Dürfen auch Bruder und Schwester sich … in Wahrheit herzlieb haben?« »Ja, ich vermeine, also haben die ersten Menschen sich lieb gehabt im Garten Gottes.« »Und das ist das Paradies? Ich hätte es mir anders … und süßer gedacht.« »O Hertie, ich will dich lieb haben Tage und Jahre, in Lenz und Winter, für alle Gezeiten und bis zum Grabe mit dieser stetig-stillen Gottesminne!« »Karl Heimreich, zur Stunde, wo ich dein Antlitz schaue, fühle ich wohl ihre Süße, aber auch einen Schmerz … Ist das die Seligkeit der Minne?« »Ja, denn sie ist stark und überdauert die Zeit und das Alter, daß die grauen Haare ihr nichts anhaben, und überwindet gar den Tod, den gewaltigen Scheider, und das Grab, das geschlossene …« »Und was weiter?«, hauchte sie. »Sie stehet geduldig über jedem Geschehnis, wie Gottes Liebe über allen bösen Erdendingen.« »Und was ist das Süßeste an ihr?« »Daß sie schlechthin ohne Sünde ist!« »Horch, Karl Heimreich, ich höre ein leises Singen im Gezweig.« »Es ist der kleine Heckenläufer dort«, sprach er. Sie gingen Hand in Hand im Garten und schwiegen und lauschten der Goldammer und ihrem Gezwitscher und beugten sich lächelnd über die ersten Schneeglöckchen im Grase. Vor Mittag wurde Hertie von Etta gerufen. Er wanderte allein mit seinem Traume. Keine Wolke flog über den Himmel. Die Sonne schien immerzu, nicht grell und heiß, wie zur Maien- und Minnezeit, wohl aber mit lindem Schein und sanftem Schimmer, wie herzinnige und treue Geschwisterliebe. Als Karl Heimreich den Garten verließ und in den Schatten des Hauses trat, umwehte ihn eine Kühle. Und es fröstelte ihn dennoch mitten am Märztage. Über der Pastorei lag schweigsamer Ernst, wie der Vater es gewollt hatte. Die beiden Mädchen saßen in der Stube und besprachen sich nicht. Man hörte nur das eintönige Klappern der flink gewordenen Klöppel. Etta beugte sich über ihre Lieblingsarbeit, die sie wie eine Kunst handhabte, und hatte nicht Augen für irgendetwas um sich her. Aber ihr Ohr hielt gleichsam Wache wider jede Störung und horchte. War das nicht ein Seufzer, wie er nur aus den Abgründen des tiefsten Schmerzes emporquillt? Sie wandte ein wenig das Haupt, und ein jäher Geisterschreck durchzitterte sie am hellen, lichten Tage. Denn da war das Rätsel wieder und das Grauenhafte jener Nacht! O, die blutlosen Lippen und die übermenschlich großen Augen in dem todblassen Antlitz! »Hertie, Hertie!« Vergebens war ihr Schrei. Die Gerufene hörte nicht mehr auf Menschensprache, und ihr Geist wandelte in anderen Welten. Ihre Lippen murmelten etwas, und dann kamen verständlich die Worte: »Wehe, wehe … Zweie tragen ihn … Und ein Dritter schreitet zur Seite und hält sein Haupt … Linnenweiß ist es wie das Schneeglöckchen, das ich brach, und seine Lider schlafen …« Etta, von einem Grausen erfaßt, schrie auf: »Sie weissaget wieder! Dem Vater ist ein Leid zugestoßen auf dem Wege.« Und sie hing an den Lippen, deren Reden sie entsetzten. Die lauschende Magd, welche draußen den Schrei gehört hatte, steckte behutsam den Kopf durch die Tür – ihr rundes Angesicht blieb in gaffender Versteinerung stehen. Die Hellsehende schwieg, und Etta bedrängte sie: »Wenn du schauen kannst, was Menschenaugen verborgen ist, so verhehle mir nichts! Hertie, was ist mit meinem Vater?« Die Kranke blickte ins Leere und horchte, dann sprach sie deutlich die Worte: »Ein weißes Haus mit starken Mauern … ein gewölbtes Gemach … auf einem Stuhle sitzt Pastor Boethius unter hohen Herren …« »Und er wird heimkehren?«, fragte die andere, noch immer in banger Sorge, »und er wird nicht sterben auf dem Wege? Sage es mir, um des Himmels willen, wenn du es vermagst!« »Karl Heimreich wird nicht sterben«, flüsterte die Somnambule mit einem geisterhaften Lächeln. »Sie redet von meinem Bruder!«, jammerte die Schwester in neuen Ängsten, »wo ist mein Bruder?« »Ich sah ihn vor einer Stunde mit dem Hunde gehen«, antwortete Alget schnell, deren Anwesenheit jetzt erst bemerkt wurde. Trotz ihrer großen Nöte verlor Boethius' Tochter die Besinnung nicht, als sie die Magd gewahrte, sondern drängte selbige hastig zur Tür hinaus: »Hole Wasser, ihr die Stirn zu kühlen … Siehst du denn nicht, daß Hertie in Ohnmacht gefallen ist?« Das Geheimnis jener Nacht, das ihr mit größerem Grauen heute am hellen Tage erschienen war, sollte um keinen Preis ruchbar werden, sondern verborgen bleiben im Hause. Darum nahm sie alsogleich die Kranke wie ein Kind auf ihre starken Arme, trug sie hinauf in die Kammer und verriegelte die Tür. Aber Algets Augen hatten mehr wahrgenommen, als einer redseligen Magd zu sehen gut tut. Wo war Karl Heimreich? Er hatte geregelte Tagzeit und zur gewöhnlichen Stunde seinen Nachmittagsgang über die Felder, welcher nur bei Regen oder sehr rauhem Wetter versäumt wurde, angetreten. Der gelbzottige Hund mit dem drollig-dreisten Gesicht war sein ständiger Gesell. Cito hieß er, und ein schneller Springinsfeld war er. Aber auch das Schnauzel, ein Schlucker und ein Schatz wurde er genannt, und die Zahl seiner Kosenamen mehrte sich noch immer. Unter lustigem Gebell hüpfte er wie ein Kreisel die Warf hinunter. Auf der Dorfstraße trabte er hin und her, und nichts entging seiner naseweisen Aufmerksamkeit und neugierigen Beschnupperung. Die kleineren Hunde wurden mit einem herablassenden Schweifwedeln begrüßt und die großen mit vorsichtiger Verachtung umgangen. Draußen aber hob er den Kopf in kecker Weidmannslust und, sintemal kein anderes Wild war, setzte er einer Möwe oder Krähe nach, die auf der Wiese saß und sich sonnte. Im Eifer solcher Krähenhatz geschah es wohl, daß er die kleinen Zwischengräben nicht beachtete und mit einigen Purzelbäumen sich überschlug. Dann lächelte Karl Heimreich, rief das Tier und trieb sein Spiel mit demselben, warf ihm Steine oder Holzstückchen hin, die es mit Windesschnelle holte und mit stolz leuchtenden Augen zurückbrachte. Fast zärtlich strich ihm dann Karl Heimreich über das zottige Fell. Cito war ein vergnüglicher Wandergesell und ein trauter Genoß. Der sonnige Märztag lockte immer weiter ins Feld hinaus. Als sie den Haffdeich erreicht hatten, blieb der Herr stehen, zur Umkehr entschlossen. Der Hund aber war anderen Sinnes, sprang eine kleine Strecke voraus und sah zurück mit bittenden Augen und mit dem Schweife wedelnd. Als der Herr sich trotzdem nicht regte, gab er durch lautes Bellen seinem Wunsche Ausdruck. So herzbeweglichen Bitten vermochte Karl Heimreich nicht zu widerstehen. Dem Tiere zu Liebe ging er auf dem Haffdeiche weiter, träumerisch über das flutende Meer blickend, während der Hund in tollen Sprüngen hin- und widersprang, auch zu unzähligen Malen die steile Böschung hinunterstob und heraufklomm. Dort arbeiteten sie schon am Werke! Edleff hatte gestern die Warfe beritten und die Leute zusammengetrieben. Der Deichgraf ließ den Spaten nicht lange rosten, nach seinem Willen sollte die Wehle verstopft sein, bevor die Frühlingsfluten einsetzten. Zufällig und ungewollt dem Werke so nahe gekommen, gedachte Karl Heimreich es in Augenschein zu nehmen, obschon er wenig Sinn für derlei Dinge hatte. Von beiden Seiten, den hochragenden Deichhäuptern, aus war die Arbeit in Angriff genommen worden. Der ganze Grund war ein so genanntes Sandwatt, welches, weich und widerstandslos, von der Gewalt des Wassers zu einem tiefen Teiche ausgehöhlt worden war. Die Leute, aus ihrer bequemen Winterruhe gerissen, führten absprechende und höhnische Reden. »Wo gestern das Hineingeschüttete wie ein niederer Damm stand, war heute in der Frühe alles versunken und nichts als blankes Wasser zu sehen«, sprach einer. »Das mehret nicht den Mut«, antwortete Tedje, »auch ist die Bosheit des Grundes sattsam daraus zu ersehen, daß, wenn man den Spaten hineinstößt, das ganze umliegende Land sich reget.« Mit Karren, die neu aufgekommen waren, fuhr man das Erdreich bis an den Abhang und schüttete es durch geschicktes Umkippen hinab. Dem Deichgrafen, welcher weiter nach hinten die Schaufel ergriffen hatte und Tolkes Karre belud, entging das Gerede nicht; aus der gewaltsamen Weise seiner Bewegungen war sein Grimm zu ersehen. Ein so genannter Gardebruder, der gelegentlich einen Taglohn machte, um ihn im Bierhause zu vertrinken, sonst aber mit dem Bettelsacke einherging und in den Scheunen sein Nachtlager hielt, richtete sich auf. Ein verlaufener und verkommener Mann, welcher einst bessere Tage gesehen und aus seiner Schülerzeit sogar einige lateinische Brocken behalten hatte, schwatzte er gern klug und sprach also: »Ich bin auf manchem Werk gewesen, und in Dithmarsia drüben hatten wir einen gleichen Casus … Es war ein ebenso boshaft-teuflischer Ort, und die Delver konnten ihn nicht dämpfen, noch das Loch stopfen, obgleich sie mit großen Unkosten sich daran versucht und es mit Sand und Holz, mit Ballen und Strauchwerk wohl zwei Mal angefüllt hatten. Doch dieweil die Alten schon gesagt haben: Animam quaeri , das heißt, der Deich fordert ein Lebendes, man soll eine Katz oder einen Hund hineinwerfen, haben die Delver also getan, und als das geschehen, ist die Wehle mit Leichtigkeit zugeschlossen worden. Karl Heimreich war hinzugetreten und sah erstaunt über die abschüssig-steile Wand mit ihren überhängenden Erdmassen in die Tiefe hinunter. Auch der Hund schnupperte mit der neugierigen Schnauze am äußersten Rande und äugte hinab. Sein Vorwitz wurde sein Verderben. Tedje versetzte ihm von hinten einen tückischen Fußtritt, daß er sogleich abstürzte in die Tiefe. Tolke aber, welcher just mit seiner Karre kam, schüttete sie an derselben Stelle aus, murmelte wie ein Zaubersprüchlein ›Der Deich fordert ein Lebendes!‹ und schlug eine laute Lache auf. Schier entsetzt starrte Karl Heimreich über das Deichhaupt und dem Hunde nach. Verschüttet und lebendig begraben! Nein, die kurzen Stutzohren ragten noch aus dem Grunde, und die zu Tode geängsteten, flehenden Augen blickten nach oben. »Mein Tier; mein treues!«, schrie Karl Heimreich in grosser Qual und hörte das Heranrollen der nächsten Karre hinter sich. Blindlings und ohne Besinnen sprang er dem Hunde nach. Es waren aber mehr als sechs Ellen bis zum Grunde. Flugs rissen seine Hände den zottigen Freund empor, und seine Arme umschlangen ihn. Cito schmiegte den Kopf an die Brust seines Herrn und legte die Pfoten ihm um den Hals. Aber schon hatten sich die vorgehängten Erdmassen mit lautem Krachen vom Deichhaupte gelöst und stürzten donnernd und polternd in den Abgrund. Eine Stimme von oben schrie: »Wahrt Euch!« Zu spät! Verschüttet bis zur Schulterhöhe; stöhnte Karl Heimreich ein paar Mal unter der erdrückenden Last der schweren Kleierde und schloß die Augen. Der Hund arbeitete sich empor und floh eine kleine Strecke, sah dann zurück nach seinem Herrn, hob den Kopf gen Himmel und heulte kläglich. Oben auf dem Deichrande stand einer mit erhobener Schaufel, als sollte sie zerschmetternd niederfahren. Des Deichgrafen Stimme brauste wild auf: »Wer stürzte den arglosen Mann hinab? Gardebruder, warst du es?« »Nein, Tedje warf den Hund hinab …, weil die Wehle ein Lebendes will …« »Tedje!« Dieser sah die Augen des Vogts und floh in langen Sätzen. Edleff schrie ihm nach: »Ich will dich noch darüber hinauswerfen, daß du wie ein Hund im Wasser der Wehle ersäufst … Dann hat sie ihr Lebendes … Verdammter Aberglaube, der also den Deich verschließen und keine ehrliche Arbeit tun will!« Auf der Böschung machte er den Abstieg und befahl barsch: »Mir nach mit eurem Gerät!« War Karl Heimreich tot? Edleff wußte es nicht, sondern schaufelte nur, wie noch nie auf dem Nordstrande geschaufelt worden war. Dabei mahnte er die andern, welche auch zugriffen: »Schonsam, schonsam, daß wir ihm keinen Schaden tun!« Immer wieder glitschten und rollten die höheren Schichten nach. Das herzbrechende Geheul des Hundes verstummte nicht. Aber mit erneuter Riesengewalt umgrub Edleff den Verschütteten, entriß ihn endlich dem Grabe und trug ihn allein die steile Höhe hinauf. Fahl und reglos wie ein Toter lag Karl Heimreich auf der Bahre, die man aus zwei Brettern und darüber gelegtem Buschwerk schnell hergerichtet hatte. An seine Lippen legte der Vogtsohn das Ohr und horchte und hörte nicht den leisesten Odem des Lebens. Ein betrübsamer Zug kam langsam die Pastoreiwarf hinan. Hans Pauls und der Gardebruder trugen die Bahre, Edleff schritt zur Seite und hielt das Haupt in seiner Hand gebettet. Etta sah den Zug: »Wehe, schon haben Herties Gesichter sich erfüllt!« Aber sie schrie nicht, noch fiel sie in Ohnmacht oder Leibesschwäche. Nein, gemeinsam mit dem Vogtsohn trug sie den Leblosen hinauf in die Kemenate und legte ihn auf die Bettstatt. Der zottige Gesell trottete hinterdrein, das gestutzte Schwänzlein hing so tief, und die kurzen Ohren spitzten sich bei keinem Geräusch. Aber die Nachmittagssonne des Märztages schien wie zuvor durch die Fensterscheiben. Etta öffnete ihm das Wams und tastete auf seiner Brust. O, sie spürte den Herzstoß wie ein leises Zittern des Lebens. »Er lebet, er lebet!« Als Edleff ihm eine Weile das Haupt mit Wasser gekühlt und die Schwester ihm einige Kampfer-Tropfen zwischen die Lippen geträufelt hatte, schlug der Kranke die Augen auf. »Wie ist dir, mein Bruder, und wo sind deine Schmerzen?« Karl Heimreich hauchte etwas, es war die Frage: »Wo ist Cito?« Etta hob schnell den Hund, der dicht am Bette saß, in ihren Armen empor und hielt ihm das gerettete Tier vor die Augen. Da lächelten sie einmal und schlossen sich wieder. In dem niederen Dachgemache beugten sich zwei über den Schlummernden, der regelmäßig Atem holte. Und Edleff fühlte ihre Nähe wie einen zuckenden Herzschlag, wie ein ziehendes Heimweh fast. »Wie ist es gekommen? … Sein Gewand starret von Kleierde!«, fragte sie. Er erzählte den Hergang und schloß: »Ich kam zu spät, um die Übeltat zu hindern … Dennoch werdet Ihr mir eine Schuld beimessen, denn nicht des Guten, sondern des Schlimmen versehet Ihr Euch zu mir.« »Nein, Edleff, Ihr habt meinen Bruder dem Grabe entrissen, und ich muss Euch danken, aber mein Herz ist so schwer, als wäre es auf allen Seiten von Leid verschüttet …« »Seid zuversichtlich, er wird genesen.« »Ja, Karl Heimreich wird nicht sterben, aber … mir ist zur Stunde, Edleff, als wenn das Sterben und die lange, dunkle Nacht vor meiner Tür stünde.« So flüsterte sie und ein Ahnen durchschauerte ihren Leib. Jetzt geschah, was nimmer geschehen sollte. Sein Arm legte sich leise um ihren Nacken, seine schwielige Hand strich so unendlich sanft über ihr Haar hin. Ihr Wille war unmächtig, ihr Haupt neigte sich an seine Schulter, und sie weinte. Wie der flüchtige Hauch eines seligen Augenblicks war es, und dann ein jäher, stechender Schmerz, als ginge ein Schwert durch ihre Seele. Verängstet fuhr sie zurück und wehklagte: »Es ist die Sünde, die Sünde; mein Wort war verpfändet, Ihr durftet nicht über diese Schwelle treten, und mein Wort ist gebrochen.« Der zuckende Herzschlag übermochte ihn, daß er die Arme ausstreckte: »Nein, es ist die Liebe, und nun weiß ich, daß auch Ihr herzinnig mir zugetan seid.« »Gehet, gehet, um des Kranken – um meinetwillen –«, wie gelähmt preßte sie die Worte hervor. Er ging, und sie sank auf die Bettstatt neben den Bruder. Der Deichgraf schritt zurück zu seinem Werke mit einem festen Zug um den Mund. Er befehligte in einer Weise, daß in den drei Spätstunden dieses Nachmittags mehr als ein volles Tagewerk ausgerichtet wurde. Blank wie das reinste Metall und friedlich wie Ewigkeitsstille glitzerte die Flut. War das die Nordsee und Mordsee, deren blanke Gewässer auf Nordstrands grünen Triften so oft gestanden hatten, daß das Meer im Volksmunde der blanke Hans hieß? Der Deichgraf schaute darüber hin und umklammerte den Spaten, Nordfrieslands Waffe. Wer diesen großen Herrn besiegt und den blanken Hans bezähmt, der wird wohl auch einem Herrlein von Westerwohld und einem starrköpfigen Peter den Willen brechen! – Karl Heimreichs schwache Brust hatte vom Druck der Erdmassen einigen Schaden genommen, und sein Auswurf war blutgefärbt. Die Schwester verließ seine Kammer nicht und pflegte ihn getreulich Tag und Nacht. Diese Sorge war ihr gut, denn dem eigenen Leide ward weniger Raum gegeben. Dennoch litt ihr Herz große Pein, und ihr Gewissen war schwer angefochten um des Vaters willen und des Wortes, das sie nicht gehalten hatte. Auch ein anderer Gesell war nicht aus der Kammer zu vertreiben. Der Hund lag zu den Füßen der Bettstatt mit verständigem Blick, als wäre er mit der Wache und Wartung seines Herrn betraut worden. Karl Heimreich genas. Schon am Freitage saß er am Peselfenster und sah hinaus in den Garten und nach den weißen Schneeglöckchen, die jetzt überall auf jedem Rasen und an jedem Raine sproßten. Seine Hand streichelte den Kopf des Hundes, dessen Augen unverwandt den Herrn anblickten, als wenn sie etwas sagen wollten. Hertie hatte die große Hausbibel genommen und die Spangen gelöst. Und sie las laut den Psalm vom guten Hirten, der die Seelen erquickt und die Menschen auf grünen Auen weidet und zu frischen Wassern führet. Dorfherr und Kirchherr Die Reise des Herrn Boethius war sehr bald ruchbar geworden. Knecht und Magd, die sonst jedes Geschehnis der Pastorei der Gemeinde vermittelten, verhielten sich schweigsam, weil sie selbst nichts wussten über Zweck und Ziel der plötzlich unternommenen Fahrt. Viele Vermutungen wurden laut. Aber die unter den Dorfinsassen um ihres anschlägigen Kopfes willen in Ansehen standen, meinten verschmitzt, es sei kein Zweifel, daß der Pastor auf dem Festland%%%e umgehe, um anderweitig Amt und Berufung zu erbitten. Diese Ansicht, weil die wahrscheinlichste, wurde gegen Ende der Woche die allgemeine in Westerwohld. Am Samstage, um die vierte Stunde, trat Peter Boethius über die Schwelle des Hauses. Er küßte seine Kinder und herzte sie fast. Sein ganzes Wesen war so frohgelaunt, daß Etta sich verwunderte und alsogleich fragte: »Wie ist es dir ergangen, Vater?« »Ei, du Evakind, wenn du bis morgen dich gedulden müßtest …«, lächelte er geheimnisvoll. Etta dachte: Also blicket kein Mann, der schlimme Botschaft bringt. Auch als sie vom Mutwillen der Deichleute berichtete, war es nur eine kleine Wolke, und der Vater blieb wohlgemut wie zuvor. Im Berichte wurde Edleffs Name nicht genannt, und auch der Bruder schwieg, als hätten die Geschwister geheime Verabredung getroffen. Sie hatten es aber nicht. Boethius hatte die holländische Wanduhr, nachdem sie neun Schläge ausgeschlagen, bedächtig aufgezogen. Auf dem Tische brannten zwei Lichter, und die Hausbibel lag aufgeschlagen. Der Pastor hatte sein ganzes Haus, Knecht und Magd und die Kinder, zusammengerufen. Aus dem Psalmbuche las er, und über den fünfunddreißigsten von David hielt er die Abendandacht dieses Tages. »Herr, hadere mit meinen Haderern und streite wider meine Bestreiter!«, begann der mit volltönender Stimme. »Zücke den Spieß und schütze mich wider meine Verfolger! Es müssen sich schämen und zu Schanden werden, die nach meiner Seele stehen, ihr Weg müsse finster und schlüpfrig werden. Denn sie haben mir ohne Ursach gestellet ihre Netze und haben ohne Ursach meiner Seele Gruben zugerichtet.« Seine Stimme wurde stärker und sein Antlitz triumphierender. »Herr, wie lange willst du zusehen? Errette doch meine Seele aus ihrem Getümmel! Erwecke dich und wache auf zu meinem Recht und zu meiner Sache, mein Herr und Gott!« Und in trutzigem Glauben schloß er: »Rühmen und freuen müssen sich, die mir gönnen, daß ich recht behalte, und immer sagen: Der Herr müsse hochgelobet sein, der seinem Knechte wohl will!« Also war des Pastors Boethius' Abendandacht nach seiner Heimkehr am Samstage. Die Glocken des Sonntags Lätare läuteten. Wie ein ›Freuet euch, freuet euch‹ klang das Geläut dem Pastor, der sein Amtsgewand anlegte. Viele Dorfleute standen auf den Gängen und zwischen den Grabstätten der Kirchwarf. Die gewisse Erwartung, daß man vor einem Kirchspielereignis stände, hatte die meisten hergetrieben. Man sah den Kirchspielvogt Wessel und sogar Tolke von Olufswarf. Boethius schritt durch die Menge und zur Sakristei. Sein Haupt trug er aufrecht, und sein Gruß war leutselig. Als die Versammelten den Ausdruck seines Gesichts wahrgenommen hatten, ging hinter ihm her ein Wispern: »Bald werden wir eine Valetpredigt hören in Westerwohld … Es ist ihm gelungen, anderswohin vociert zu werden.« Die Gemeinde kam nicht aus der Verwunderung heraus. Der Mann auf dem Gestühle legte das Lätare-Evangelium von der Speisung der Fünftausend aus wie eine rechte Trost- und Friedenspredigt, und eitel milde, herzbewegende Worte entströmten seinem Munde. Kein Wort von Hader, kein Wehen des alttestamentarischen Geistes, kein Durchklingen vom Triumphe Davids über seine Feinde! Nein, ein sanftes Säuseln der Gnade, ein lautes Gotteslob nach großen Nöten war diese Predigt! Nach dem Amen sprach der Prediger auf der Kanzel: »Ich habe der Gemeinde eine Ankündigung zu machen und ein Reskript zu verlesen.« Die unwillkürliche Bewegung, die durch den Haufen ging, legte sich sogleich zu einer geräuschlosen Stille. Boethius entfaltete ein Pergament und las mit langsamem Nachdruck: »Im Namen des Herzogs Friedrich! Es haben Eingesessene des Kirchspiels Westerwohld in unserer Beltringharde ein libellum supplice , eine Klag- und Bittgesuch, überreichet, dahin zielend: Der Pastor Petrus Boethius möge seines Amtes entledigt werden, sintemal er zum ersten bei Verrichtung der Predigt höchst lästerlicher und unpriesterlicher Rede sich bediene, zum andern durch Brief und Siegel seinen Dienst gekündigt und seinem Amte entsagt habe. In Sachen der Kirchspielsleute, als Kläger an einem Teile, wider Ehren Petrus Boethius, Beklagten am anderen Teile, wird von seiner hochfürstlichen Durchlaucht dieser bündige Bescheid gegeben, und tun wir jedermann kund und wissentlich: Zum ersten, daß besagter Brief sich als ein jämmerliches Falsum erwiesen hat, zum anderen, daß denen von Westerwohld eine kräftige Vorhaltung und Vermahnung zur Buße förderlich und heilsam sei, zum dritten, daß Kläger sich gegen Beklagten, ihren Seelsorger, wie Pfarrkindern wohl anstehet, bescheidentlich und gehorsam zeigen, zum Gehör der Predigt fleißig kommen und solches alles ohne Verzug tun sollen, bei Vermeidung Ihro fürstlichen Gnaden höchster Ungnade und anderweitigen ernstlichen Einsehens. Wonach jedermann sich zu richten hat. – Gegeben auf Schloß Gottorp, den zehnten des Frühlingsmonds 1634. – In seiner Herzoglichen Gnaden Kanzleisekretariat.« Boethius faltete das Schreiben zusammen, sah mit einem Blick über die ganze Gemeinde und stieg langsam vom Stuhle herab. Als Gesang nach der Predigt hatte er das alte Schutz- und Trutzlied »Ein feste Burg ist unser Gott!« gewählt. Der Küster sang allein mit einer tremulierenden, fast meckernden Stimme. Die Erregung der Kirchleute war so groß, daß sie insgesamt das Einstimmen unterließen. Was aber war das ? Ein Poltern, ein rallender Mißklang übertönte das unschöne Küstergesinge. Alle blickten nach dem reich verzierten Seitengestühl, das von alters her die Wessels inne gehabt hatten. Von dannen war der sonderbare Laut gekommen. Ein Getümmel, ein Auflauf um das Gestühl her entstand. Volquart Wessel war in kraftlosen Zuckungen auf den Stein-Estrich herunter gefallen, die rollenden Augen schauten sinnlos empor, seine Brust arbeitete schwer, und sein Gesicht war rubinrot, aber nicht vom Weine. Vier Männer hoben ihn empor, trugen ihn aus der Kirche und nach seinem Hause hin, und sein Sohn ging zur Seite. Das Gesinge tönte, ohne abzubrechen, bis zum Ende des Liedes, aber der Altardienst und der Segen fiel aus, dieweil das Gotteshaus schon gänzlich sich entleert hatte. Sehr gefasst war der Sohn. Als die Männer den Kranken auf das Bett gelegt hatten, sprach er: »Obgleich er die ganze Nacht in Schweiß gelegen hatte und in der Frühe große Schwäche spürte, widerstand er meiner Warnung und beharrte auf seinem Willen, diesen Gottesdienste dürfe er beileibe nicht versäumen! Was meinet ihr, ist es der Schlagfluß?« Einer von ihnen lief eilig nach dem Bader, daß er ihm eine Ader steche. Mit den Kirchleuten lief die Kunde durch alle Gassen: Der Vogt Volquart ist von einem Schlagflusse betroffen worden! Und die andere kam hintennach gehinkt: Herr Boethius wird bei uns bleiben, und wir müssen ihn verschleißen, wie er ist; auch ist uns vom Herzoge der Text verlesen und die höchste Ungnade angedroht worden! Zwei Stunden des Sandglases waren verronnen. Die letzten Sekunden eines Lebens, das noch nicht sechzig Jahre gewährt hatte, verrieselten. Nach dem Aderlaß des Baders war zwar das Geblüt gesunken, aber eine todähnliche Ohnmacht gekommen. Edleff beugte sich in den Alkoven hinein und über den Kranken. Die Sinne schienen wiedergekehrt, aber die Sprache fehlte. Welche Angst in den Augen, und wie die Lippen sich mühten! Einen letzten Willen wollte der Vogt seinem Sohne kundtun, und horch, ein Lallen kam aus der Tiefe und lautete: »Fl – uch … wenn du … fr – eist …« Volquart beendete nicht den Satz, sondern rang mit dem Tode. Zurück fuhr Edleff und murmelte erbleichend: »Fluch, wenn du freiest das Predigerkind …?« War es das? War es das? Der Vater verschied. Nach einer Weile drückte ihm der Sohn die starren Augen zu und schloß behutsam die halb geöffneten Lippen, als hätten sie nichts gesprochen. Er wischte sich keine Träne aus dem Auge, sondern traf die nötigsten Anordnungen und ließ die Leichenfrau holen. Auch in der Pastorei waren zwei Stunden verstrichen. Seit dem Essen saß Boethius im Pesel und stützte das Haupt in die Hände. Er sprach immerfort mit einem, den er nicht sah und dessen Nähe er spürte. Als er sich erhob, war auf seinem Antlitz kein Triumph mehr und kein Trutz. Etta trat zum Vater. Eines folterte sie gestern und heute, und sie musste ein Geständnis ablegen, um Ruhe zu finden vor einer Gewissenspein. Stockend begann sie zu beichten von demjenigen, der Karl Heimreich aus der Gefahr gerissen und ins Haus getragen habe. »Ich weiß!«, sprach der Vater. Woher wußte er es? Boje, der Schalksknecht hatte es ihm zugetragen. Boethius strich gütig über ihr Haus: »Not und höhere Gewalt bricht jedes Gebot.« Die Beichte war ihr leicht geworden. In diesem Augenblick stürzte Alget, den Respekt vergessend, zur Tür hinein und rief die eben gehörte Neuigkeit weiter: »Volquart Wessel ist tot!« Der Bartscher und die Leichenfrau hatten mit vieler Umsicht ihr Werk getan und der Sargmeister mit seinem Gesellen Tag und Nacht gearbeitet, um der großen Leiche ein standesgemäßes Haus zu zimmern. Im schweren, reich verzierten Eichensarg lag Volquart aufgebahrt im Pesel seines Hauses, ganz allein. Nur die Truhen standen umher, als hielten sie die Leichenwacht. Der Sohn schritt in gewohnter Weise durch Haus und Hof, aber diesen Raum betrat er nicht. Nein, er umging geflissentlich das Zimmer, als wenn er Scheu habe vor dem Toten. Oder zürnte er dem stillen Manne, dessen Lippen er fest zugedrückt hatte? Und deren letzter Laut gewißlich nicht ein Vatersegen gewesen war? Edleff, der starke und furchtlose Mann, graute sich fast vor dem Gemache! Kein Herzleid quälte ihn, wie es ein Kind bedrücken soll, wenn Vater oder Mutter ihm verblichen sind und auf der Bahre liegen. Darum brannte ein anderes Leid, ein Gewissenswurm, in ihm, und er sah scheu nach dem Gemache, weil er nicht trauern konnte um den Toten, wie ein Sohn um seinen Vater sich betrübet. Die Leichenbitter waren ausgegangen und hatten die ganze Freundschaft und Verwandtschaft geladen. Am Tage vor der Beisetzung kamen sie, die Wessels von der Pellwormer Harde und die weitverzweigte Sippschaft aus der Trindermarsch. Ihre Rosse füllten die Tenne, wühlten im Hafer und wälzten sich im Heu, als wäre es Streu. Die Leidtragenden setzten sich den Umständen nach fast wohlgemut an die reich besetzten Tische. An einem solchen Tage durfte nicht gespart werden, und mehr als eines Mannes Totenfeier auf dem Nordstrande hatte die Hälfte seines Gutes verschlungen. Die Wessels waren starke Esser und griffen weidlich zu. Nach den Schüsseln kamen die Krüge auf den Tisch. Zwar sollte nach der Landessitte das Grabbier dem Verstorbenen zu Ehr und Frommen erst am morgenden Tage, dem der Beisetzung, getrunken werden, es wurde aber zu größerer Ehr und besserer Tröstung ein so genannter kleiner Vortrunk von der engeren Sippschaft gehalten. Sehr fleißig tranken die Wessels-Leute dem Sohne zu und suchten also seinen Kummer zu vertreiben. Aber sparsamen Bescheid tat Edleff und gab nur kurze Antworten. Um so lauter wurden die andern. Gegen Mitternacht waren mehrere trunken geworden und machten ein ärgerliches Wesen auf der Diele. Da hielt der Vogtsohn nicht länger an sich, sondern sprang empor: »Ist dies ein Bankettiergelage, oder sind wir in einem Totenhause?« Alle erhoben sich, aber nicht alle standen fest auf den Füßen. Die in den Nachbarhöfen ihre Schlafstelle hatten, brachen auf. Einer, der trunken war und Henning Wessel hieß, sollte in einer Kammer auf dem Boden schlafen und nahm den Leuchter, um ihn anzuzünden am Herde. In der Nähe des Herdes aber hing Garn, welches die Mägde von der Bleiche genommen und dort zum Trocknen hingehängt hatten. Der Trunkene wollte einen brennenden Span zum Leuchter führen, und da er ins Wanken geriet, streifte er das Garn. Eine Flamme schlug lichterloh empor und versengte ihm den Bart. Wie Zunder brannte das Garn gegen die Decke. Die Speckseiten, welche unter den Balken hingen, hatten Feuer gefangen, und von der offenen Tür her fuhr ein Windstoß, die Flamme anfachend zur vollen Feuersbrunst. Gekommen war das Unglück wie der jäh einschlagende Wetterstrahl, dessen Lohe das Haus durchläuft. Schon brannte das Heu, welches über dem Bretterboden lagerte. Edleff fand sogleich die Besinnung und rief: »Helft mir, daß ich von meiner Habe einiges heraustrage!« Aber die Gäste, welche nicht zur Tür hinausstoben, rannten auf die Tenne, um ihre Gäule zu retten. Mehrere vom Gesinde liefen mit ihren schnell aufgerafften Habseligkeiten über die Diele. Zwei Knechte, von den Fäusten des Hausherrn beim Schopfe gepackt, verloren den Grund unter den Füßen und beschrieben einen Bogen durch die Luft. »Faßt an!« Verdutzt ließen sie ihre Bündel fallen und erfaßten den Henkel der schweren Truhe, während er selbst, rückwärts schreitend, die Hälfte der Last trug. »Flugs die zweite!« Und er griff nicht kopflos zu, wie Leute in Feuersnöten tun, sondern wählte mit Bedacht die wertvollste Kiste. Im Freien trachteten die Knechte zu entwischen; aber mit einigen Rippenstößen trieb er sie immer wieder zurück in das brennende Haus. Schon strömte der Schweiß von ihrem Leibe, ihre Brust keuchte von der Anstrengung und großen Angst. Draußen im Dunkel der Nacht Getümmel und Geschrei vieler Menschen und bald das winselnde Läuten der Feuerglocken vom nahen Turme! Hier drüben ein klägliches Brüllen, ein qualvoller Todesaufschrei vieler Tiere! Und über dem Haupte die höllenheiße Glut mit taghellem Schein! Das war ein grausiges Rennen und Retten! Erschöpft sanken die Knechte nieder und ließen sich weder durch Worte noch Gewalt mehr treiben. Aber was an Kisten und Truhen in Stube und Diele gestanden hatte, war geborgen. Edleff holte Atem und warf sein Wams von sich. Immer höher schlugen die Flammen aus dem Dachfirst zum nächtlichen Himmel empor. Ein banger Aufblick, ein kurzes Besinnen! Dann stürzte er hinein in das brennende Haus. Vor der Peseltür hielt er inne, als durchriesele ihn die Scheu vor diesem Gemache. Leise klinkte er sie auf und sah beim Feuerschein, der durch das Fenster zitterte, den Eichensarg und an den Wänden die drei Truhen mit eisernen Reifen und großen Hängeschlössern, welche die Totenwacht hielten. Es waren die kleinsten, aber auch die wichtigsten unter allen Truhen und enthielten den großen gemünzten Reichtum des Hauses. Edleff bog sich nieder, umklammerte die Griffe und spannte die ganze Kraft seiner Arme an. Zu drei Malen ging er durch qualmenden Rauch und fliegende Funken hin und her. Der beste Teil seines Erbes war geborgen! Um zum vierten Mal brach er sich Bahn und betrat den Pesel. Seine Kraft war am Ermatten. Zwar hob er mit Leichtigkeit das Kopfende des Sarges, aber in der Mitte vermochten seine Arme ihn nicht zu umspannen, und seine Augen irrten ratlos darüber hin. Da hörte er ein Prasseln und Brechen rings um sich her, einen laut hallenden Schrei vieler Stimmen. Barmherziger Gott! Das Strohdach stürzet nieder! Der Lebende riß den Toten aus seinem Sarge und rannte dem Ausgange des Hauses zu. Wo die Tür gewesen, schlug eine einzige Lohe wie aus einem Rauchfange ihm entgegen. Zwei weitere Ausgänge hatte das Haus. Aber Feuer, Feuer allerwege! Die Flucht war ihm versperrt, und das Todesgrausen befiel ihn. Im Hin- und Herirren erblickte er plötzlich den Sarg und war wieder im Pesel. Eine Faust zerschmetterte das Fenster von draußen. Im Nu sprang der Lebende, mit seinen Armen die Leiche umklammernd, hinaus und stürzte hin. Das brennende Strohdach schoß nieder und überschüttete ihn. Aber die Faust, die draußen war, entriß beide dem Feuertode. Sie rollte ihn im feuchten Grase hin und her, denn seine Kleider hatten Feuer gefangen. Edleff, nur an Händen und Haaren ein wenig versenget und sonst unversehrt, richtete sich auf von der Erde und sah dem Pastor Boethius ins Angesicht. Endlich sprach er: »Mein Leben, und daß der Leib meines Vaters ein ehrliches Grab findet, verdanke ich Euch!« »Ich denke, wir sind quitt, Vogtsohn, und haben einander nichts zu danken«, antwortete Boethius und ging von dannen. * Auf der Vogtwarf war ein großer, rauchender Trümmerhaufen zu sehen, und ein übler Gestank stieg auf von der Stätte. Viel Vieh nämlich war umgekommen bei dem Brande, und die aufgeschwollenen, geschwärzten Tierleiber lagen noch unverscharrt. Die Glocken läuteten vom Turme, es waren die Totenglocken für Volquart Wessel, dessen Leib endlich Ruhe finden sollte im Grabe. Weil die Arbeit drängte, hatte der Zimmerer rohe Bretter zu einem Sarge zusammengeschlagen. Der Westerwohler Pastor war bekannt dafür, daß er, der sonst kein Ende des Predigens finden konnte, an den Gräbern mit Worten karge. Und der heutige Sermon, bevor er Erde auf den Sarg warf, war noch kürzer. Des Mannes, der zur Erde bestattet wurde, und des Dorfgewaltigen, der in Ansehen gestanden hatte bei den Leuten, erwähnte er mit keinem Worte. Nein, von der Vergänglichkeit aller Erdendinge, von des Todes Gewalt und Macht über alle Menschenkinder redete Boethius mit tönender Stimme. Doch noch lauter predigte der weiße Armesündersarg in seiner Grube und die rauchende Trümmerstätte drüben zu der zahlreich versammelten Gemeinde. Die Dorfleute gingen heim und redeten leise. Die Sippe der Wessels ließ sogleich anspannen und beschleunigte die Heimkehr. Ein Leichenschmaus wurde nicht gehalten und das Grabbier nicht getrunken. Der, welcher durch seinen trunkenen Unverstand das Unglück angerichtet hatte, hatte schon in der Morgenfrühe sich heimlich davon gemacht. Lange nach diesen Tagen ging ein Gerede auf dem ganzen Nordstrande von dem Kirchspielvogte zu Westerwohld, der als ein Reicher gestorben und als ein Armseliger begraben worden sei. Edleff Wessel, der Deichgraf, war an seines Vaters Statt zum Kirchspielvogte erwählt und von des Herzogs Staller bestätigt worden. »Neue Besen kehren schnell!«, sprachen die Leute. Da hielten sie den ersten Dingstock in Händen, welchen der neue Vogt hatte ausgehen lassen, und in dem er eine allgemeine Versammlung der Brandgilde auf den Mittwoch nach Sonneuntergang berief . Unter der Dorfesche stand ein Haufe im Kreise, und jedes Auge achtete auf den Vogt und sein Gebaren. In jedem Falle kein Mann, der Weitschweifigkeit und Wortschwall liebte. Denn er sprach kurz und klar: »Da mein Hof durch Feuer eingeäschert worden ist, begehre ich von der Gilde eine Zulage von 200 Mark zum Wiederaufbau der Gebäude.« Ein mehrfaches Räuspern wurde gehört. Edleff sah kalt und überlegen in die Runde: »Wer das Wort in dieser Sache will, der rede jetzo und schweige hintennach!« Peter Boethius, der sehr rechtzeitig sich eingefunden hatte, trat einen Schritt vor: »Ich will die Satzung der Gilde reden lassen, denn sie lautet zum fünften: Wer durch mutwilliges oder fahrlässiges Wesen den Brand verschuldet hat, soll nichts erhalten!« Einige nickten leise, und auf allen Gesichtern zeigte sich ein zufriedener Zug. Der Vogt kniff den Mund zusammen und öffnete ihn dann: »Ihr habt ein Wörtlein ausgelassen, denn es heißt: Wer den Brand selbst verschuldet hat … Auch ist dem Herrn Boethius seine eigene Rede von dazumal entfallen, denn er sprach: In Fällen, wo das Feuer durch Verschulden der Kinder oder des Gesindes entstanden ist, soll die gemeine Kasse zahlen.« »Hat Euer Gesinde durch Fahrlässigkeit gesündigt? Nein! Und was verschuldete das Feuer? Das schandbare Leichenbier! Wer aber verabreichte es den Leuten im Übermaße? So haltet Euch an den Mann und an den trunkenen Gesellen aus Eurer Sippschaft, welcher das Unglück anrichtete, und beschweret die Gilde nicht!« Einige lächelten hart, und von drüben kam ein deutliches Gemurmel: »Er hat recht!« Lauter unverkennbare Zeichen der Zustimmung sah Edleff. Er trat vor und blickte jeden einzelnen an. Auf allen Gesichtern lag ein zäher, festhaltender Zug. Der Vogt erhob die Stimme: »Ich verzichte auf mein Recht! Nicht will ich die Gilde beschweren, auch nicht mit einem Brandbriefe einherziehen und eine Beisteuer mir erbetteln … Nein, aus eigenem Vermögen werde ich mir ein Haus bauen, wie es noch nicht auf dem Nordstrande gesehen worden ist.« Die Gilde ging auseinander. Der zähe Zug, welcher sich zeigte, wenn es Umlagen galt und an den Geldbeutel ging, wich einem zufriedenen. Ja, an diesem Abende waren Pastor und Gemeinde eines Sinnes gewesen, und keiner redete Übles von Boethius. * Der ständig wehende Westwind trocknete das Land ab, daß Pflug und Egge hineingesetzt werden konnten. Die für den Marschbauer geschäftige Jahreszeit begann, denn die Aussaat an Sommergetreide war sehr groß und in den wenigen Wochen von der Mitte des Aprils bis zur Mitte des Wonnemonds musste die ganze Frühjahrssaat bestellt werden. Selbstverständlich ruhte das Deichwerk völlig. Aber auch die Brand- und Trümmerstätte lag wüst und ungesäubert alle diese Wochen hindurch, nur ein Notschuppen für die Pferde war errichtet worden. Erst als der letzte Scheffel gesäet war, dann aber auch sogleich und an demselben Nachmittage begann ein geschäftiges Treiben auf der Vogtwarf. Nach dem Aufräumen erhöhte man die Warf und das Fundament des Hauses um volle zwei Ellen. Edleff Wessel war drüben auf dem Festlande, besichtigte im Eiderstedtischen einige der neuesten Bauten und brachte die Mauerleute mit. Unten an der Ladestätte lagen flache Prähme vertaut, aus denen man große, rote Ziegelsteine von Hand zu Hand warf und auf die Wagen lud. Der Bau des Hauses begann und wurde mit vielem Eifer gefördert. Schon war das Fundament fertig, und die Pfosten wurden aufgerichtet. Aber wie erging es dem Deichwerke derweil? Zwar war es in Angriff genommen worden, wurde aber lässig betrieben und geriet vor Mittsommer ganz ins Stocken, denn das Auge des Herrn fehlte und der Deichgraf hatte genug mit seinem eigenen Werke zu schaffen. Die Vogtwarf wurde nicht leer von müßigen Zuschauern, dazu hatten die Westerwohlder hinlänglich Zeit. Alles begafften und beurteilten sie. Das Fundament dünkte ihnen von schier unglaublichem Umfange, und sie fragten sich erstaunt und zweifelhaft, was das für ein Gebäu werden solle. Wenn einer ihn befragte, und weil das Herumlungern ihn verdross, gab Edleff zweideutig-spöttische Antwort. Allmählich und doch in wenig mehr als zwei Monden, als wüchse es aus der Erde, erstand ein Haus von unerhörter Länge und Breite, mit Mauern von zwei Fuß Dicke. Als nun ein Floß unten an der Ladestätte anlegte und die ungeheuerlichen Dachbalken durch das Dorf geführt wurden, stieg die Verwunderung aufs höchste, denn kein Inselbewohner hatte je solche Dachbalken gesehen. In diesen Tagen geschah es, daß Hans Pauls die Braut heimführte. Die Hochzeit war unter sotanen Umständen ein kleines Ereignis. Und der Ärgernis erregende Umstand, daß er nicht eines Kleinbauern Tochter, sondern eine Dirne ohne Klei an den Füßen und noch dazu die Predigermagd zum Eheweib sich erkoren hatte, wurde lange nicht in dem Maße besprochen, wie es sonst der Fall gewesen wäre. Das Vogthaus war unter Dach und Fach gebracht, und an der inneren Ausstattung arbeiteten die vier Gewerke der Maurer und Streicher, der Zimmerer und Schnitzer. Weithin schimmerte das hochragende Strohdach und war sichtbar im ganzen Flachlande. Eines Tages nach Mittsommer kam Karl Heimreich mit seinem Hunde des Weges, hob stillstehend die Augen auf und schritt dann langsam über die Steinbrücke. Ein Graben nämlich von fünfzehn Fuß Breite umfloß die ganze Warf, an seinen Rändern wuchs mannshohes Schilf, umwuchert von üppigen Schlinggewächsen. Über dem dunklen und stillen Gewässer desselben hing eine Blütenpracht von brennendem Goldregen und blauen Syringen, dazwischen standen Hollunder- und Weidenbüsche, und mächtige Eschen wölbten ihr Laubdach darüber. Auf dem Graben tummelte sich ein zahlloses Volk von schnatternden Enten, und ein weißes Schwanenpaar zog mit seinen großen, grauen Jungen in stolzer Ruhe dahin. Karl Heimreich lächelte dem Hofherrn entgegen. »Es fehlt nur noch die Zugbrücke zur festen Zwingburg, und wie in einem Schloß und Palatium werdet Ihr wohnen.« »Mein Haus ist meine Burg«, antwortete Edleff, »doch ist es nur schlecht und recht ein Bauernhaus, wie ich es zu meiner Augenweide im Eiderstedtischen drüben gesehen habe … Und verständig ist die Bauart, denn die vier Wände und das hohe Dach räumen alles, vorne Pesel und Stube, an den Seiten Ställe und Tennen und in der Mitte Heuberg und Kornscheuer … Man spart viel Fachwerk und Außenmauern.« Dem Sohne des Boethius' ward keine spöttische Antwort zuteil, sondern diesem gab der Vogt in dem Maße willige Auskunft, daß er mit Karl Heimreich wanderte und das ganze Gebäu ihm wies. Nach Süden stand der Vogthof mit seiner Giebelseite, und durch hohe und helle Fenster drang das Sonnenlicht. Die kunstreichen Schnitzer täfelten den Pesel, aber die Wände der Stuben wurden gesetzt von weißen holländischen Kacheln mit blauer Bemalung. Und jede Kachel war ein ländliches Bildnis und stellte dar Windmühlen mit reglosen Flügeln und weidende Kühe, auch Mäher im mannshohen Korne und barfüßige Melkerinnen. Über die Dreschtenne und durch die leeren Ställe gingen die beiden, und Karl Heimreich kam nicht aus dem Staunen heraus. »An diesem hohen und geräumigen Stalle würde mein Vater seine Lust haben«, murmelte er. In der Mitte des großen Gebäudes war ein unermeßlicher Raum, das so genannte Vierkant für die Heu- und Kornvorräte. Selbst an diesem sonnenhellen Tage war Düsternis darin, da es sein Licht nur durch ein einziges Loch in dem First, welches fünfzig Fuß über dem Erdboden sich befand, empfing. Erst allmählich gewöhnte sich Karl Heimreichs Auge daran und gewahrte die breite Schattenmasse des gewaltigen Daches und erkannte das Zimmerwerk mit seinen schweren Pfeilern und zahlreichen Kopfbändern. »Hier ist es höher als in einer Kirche!«, sprach er. »Ja, des Bauern Werktagskirche ist hier«, nickte der andere, »und wenn er des Morgens hindurchschreitet, wird sein Sinn feierlich und froh.« Hinter dem Hause lag zur Rechten der Obsthof mit seinen hochstämmigen Bäumen, zur Linken ein grüner Graswisch, auf dem die Kälber sprangen. Noch einmal warf Karl Heimreich einen Blick über den Bau und die Warf, dieses Bild behäbigen Reichtums und zufriedener Ruhe. »Ei, Edleff Wessel, Ihr seid ein glückseliger Mann!« »Ich könnte es wohl sein«, sprach dieser und sah zur Stunde nicht aus, als wenn er es wäre. »Zürnet Ihr noch der Brandgilde und meinem Vater?«, kam es leise. »Ach, die paar Schillinge der Gilde hätten zum Fundament nicht ausgereicht«, kam es stolz zurück. »Habt Ihr soviel von Eurem Vermögen aufgewendet?« Statt einer Antwort schmunzelte der Vogt, und er verriet nicht, daß von seinen drei Truhen mit gemünztem Gelde die eine leer geworden und die zweite nicht unverschont geblieben war. * Schön war der Sommertag. Boethius' Sohn erging sich mit seinem Hunde, bald zwischen wogenden Kornfeldern, deren Halme rohrdick standen, bald zwischen Wiesen und Weidengründen, die wegen der großen Anzahl der rotbunten und scheckigen Kühe wie ungeheure Melkplätze aussahen. Hier lag das gemähte Gras in dichten Schwaden, und er sog den würzigen Heuduft ein. Weit reichte sein Blick, und zahlreiche Gehöfte lagen auf ihre Warfe hingesäet, von alten Eschen und Ulmen überschattet. Nun kam er an einem weiß blühenden Bohnenfelde vorbei, und der süße Blütengeruch erfüllte die warme Sommerluft. Am Haffdeiche hielt er an und ließ sich einen Krug bräunlichen Wassers geben. Dort klebten nämlich auf der Innenseite des Deiches ein paar Häuser, deren Wetterfahnen, in Gestalt eines Fisches aus Holz geschnitzt, den Erwerb der Bewohner andeuteten. In dem Gärtchen neben dem Ziehbrunnen blühte der Hollunder; die hohe Weißdornhecke und die wenigen Obstbäume ragten genau bis zum Deichrande empor, wo der Westwind sie faßte und die Spitzen so säuberlich hinwegschnitt, als wären sie mit der Schere beschnitten worden. Karl Heimreich ging heimwärts. Der Hund Cito sprang kreuz und quer über die Gräben nach Möwen und Regenpfeifern, stutzte plötzlich vor einer springenden Kröte, und beide glotzten sich an; oder er wühlte mit tapfer schaufelnden Füßen nach einem Maulwurf, den er doch nimmer erhaschte. Hoch oben in den Lüften, wie ein winziges Pünktchen unter dem unendlichen Himmel, schwebte die Lerche und schmetterte laut. Da ging ein Jubilieren durch Karl Heimreichs Brust, und seine Seele sang ein Loblied seiner Heimat. Wolkenloser Himmel und wonnige Zeit! Welch ein Blühen und Duften und Prangen, welch eine Gottespracht und Fülle ist ausgeschüttet über dir. Du Meerentrissene und Deichumschlungene bist reich und köstlich wie ein Erstgeburtserbe! Wie Silber glänzen die Wasser deiner Gräben, wie Gold deine Äcker und deine Triften grün wie Smaragd. Bist du nicht das Land, das von Fettigkeit trieft und darinnen Milch und Honig fließt? Nordstrand, du meine Heimatinsula und die Edelperle unter allen Eilanden Frieslands! Die Bauern, welche ihm begegneten und freundlichen Gruß boten, sahen – wohl wegen des starken Sonnenlichts – mit halb geschlossenen, aber satt zufriedenen Blicken über die Felder. Alle Anzeichen deuteten auf eine reiche und ungewöhnliche Ernte. * Hans Pauls und Alget waren Mann und Frau geworden und verlebten die Flitterwochen. Die erste Woche verlief sehr frohsam. Er war sehr zärtlich und küßte sein Weib linkshändig, wie er sagte. Die zweite ging in ruhigem Ehefrieden hin. Aber in der dritten erfuhr Alget, daß der Ehestand ein Wehstand sei. Hans Paul hatte nämlich mehrmals – wie die Katze den Brei – das Wirtshaus umgangen, dann aber mit männlich-schnellem Entschlusse es betreten. Er kam auch wieder heraus und froh und koselustig heim zu seinem jungen Weib. Sie stieß ihn aber zurück, und Reden fielen von ihrer Seite: »Ein alter Zapf läßt nicht vom Fasse!« Von seiner aber: »Und ein alter Bock nicht vom Stoßen!« Immer häufiger suchte Hans Pauls die Schenke auf, um wider sein Hauskreuz Tröstung zu suchen. Und immer bieriger kehrte er heim zu seinem keifenden und stößigen Ehegesponse. Alget faßte kurzen Entschluss und ging mit langen, mannhaften Schritten zum Kirchherrn, der sie ihrem Manne angetraut hatte, als wenn dieser für alle Folgen seiner Amtshandlung die Verantwortung trage und wider alle Mißstände der von ihm geschlossenen Ehen Rat wissen müsse. Boethius aber zuckte die Achseln und murmelte ein Sprüchlein, welches sie nicht verstand. Es lautete: » Naturam furca pellas ex , sie kommt doch wieder, die alte Hex'.« Alget verharrte einige Tage im Hause und weinte viel in ihrem Wehstande. Danach zerbrach sie sich den Kopf mit neuen Spekulationen, denn das Wort des Kirchherrn klang ihr ins Ohr, und daß er unzweideutig von einer alten Hexe etwas habe fallen lassen. Es mangelte im Dorfe nicht an klugen Weibern, welche die Schwarzkunst betrieben. Und die alte Grete hatte – vielleicht um ihrer roten Augen willen – am meisten Ansehen und Zuspruch von den Leuten. Krankes Vieh konnte sie besprechen und rinnendes Blut stillen, auch jungen Dirnen die Zukunft künden und kräftige Liebestränke brauen. Zur alten Gret ging Alget. Ob sie nicht Rat und Hilfe wisse für ein armseliges Weib, das sich mit einem bösen und bierigen Manne übel zu plagen habe? Gret erwiderte, daß sie wider trunkfälliges Wesen ein Heilmittel wisse, welches probat sei. Mit ihrem zahnlosen Munde zischelte sie der andern das Rezept und seine rechte Anwendung ins Ohr. Alget ging nickend heim, und in ihren Augen funkelte eine feste Entschlossenheit. Spät saß sie auf und wartete mit einer merkwürdigen und tapferen Ruhe auf ihren Gemahl. Ihre Ruhe wurde zur Sanftmut, als sie den schwer bezechten Hans Pauls sah, ja mit hilfreichen Händen sprang sie herzu, geleitete den Taumelnden zur Bettstatt und entkleidete ihn. Das Licht brannte, und sie schien besorgt auf seine Atemzüge zu horchen. Sobald ein lautes Schnarchen von ihm ausging, trat sie an den Alkoven. Katzenhaft war ihr Schritt, bissig trat der Eckzahn hervor, und ihre Fäuste ballten sich. Und wie zwei flinke Hämmer handhabte sie die Fäuste. Derb und wuchtig fielen die Schläge von unten nach oben, zuletzt zielte sie nach dem bärtigen Gesicht und traf ihn unter den Augen am kräftigsten. Der Trunkene stöhnte, wälzte sich herum und wollte erwachen. Flugs löschte sie das Licht aus und verhielt sich wie ein stilles und horchendes Mäuslein. Sein Rausch war zu schwer. Sobald der Schlaf ihn bewältigte und das Sägen im Alkoven wieder anhub, holte sie das Mangelbrett, welches zum Glätten des Linnens diente, hinter der Bank hervor und bearbeitete damit seinen Leib, insonderheit seine Beine und Arme. »Warte, du verlotterter Waschlappen, ich will dich glatt und sauber bügeln.« Der windelweich Geprügelte winselte im Schlafe, und es dünkte ihr, daß sie für heute genug von der verschriebenen Salbe ihm aufgestrichen habe. Alget stellte das Mangelbrett an seinen Ort, bestieg ihr Ehebett und entschlief bald an der Seite ihres Gemahls. In der Morgenfrühe trug sie ihm die Schüssel mit der Biersuppe an den Alkoven, und er versuchte zu lächeln, denn solche Liebe war ihm noch nimmer von seinem Weibe erwiesen worden. Die Eßlust aber fehlte, und er klagte: »Ach, mir ist so wehleidig und zerschlagen an meinem ganzen Leibe.« »Es ist vom Rausche«, sprach sie sanft, »auch hast du dir zwei blaue Augen geholt …« »Was ist geschehen?«, stöhnte Hans, »mir ist, als wenn ich in einem Raufhandel gewesen wär' …, aber ich kann mich nicht besinnen.« »Du weißt ja, mein Mann«, redete die verständige Frau, »daß dir zwar nicht die Sinne, aber die Füße vom Trunke entweichen … Matt und müde hast du dich gefallen und das Gesicht dir verschlagen … Wem es also in die Beine fährt, daß er fallsüchtig wird, der ist durchgetrunken, wie sie es nennen … Hans, du wirst noch in die Gräben stürzen und mich zur Wittib machen!« Und Alget heulte laut. Hans Pauls betastete sich von oben bis unten die zerschlagenen Gliedmaßen und grübelte lange. Ob er schon durchgetrunken sei? Das Fallen war bedenklich! Auch hatte er sein Leben sehr lieb. Und man hörte von mehr als einem auf dem Nordstrande, der in die Gräben geraten und jämmerlich umgekommen sei. Das von Alget wider die Trunkfälligkeit ihres Mannes angewendete Heilmittel schlug an; mehrere Wochen lang hielt er sich ehrbar in Haus und Hof. Zwar zur Erntezeit, in Anlass der Hundstagshitze, kam ein bedenklicher Rückfall und nach dem Einfahren der letzten Garbe ein zweiter und letzter. Aber prompt wurde das Mittel in verstärkter Gabe verabfolgt und die nächtliche Prozedur mit dem Mangelbrette wiederholt. Nach der letztlich und weidlich aufgestrichenen Salbe lag er zwei Tage lang grübelnd im Bette, und die verschwollenen Augen schauten sehr ängstlich drein. Dann rief er sein Weib, faßte ihre Hand und tat ein Gelübde. Beendet war die Kur, Hans schien geheilt vom Durste, das eheliche Minneglück wohnte wieder im Hause. Es waren aber mehr Ehefrauen in Westerwohld, die einen bierigen Mann hatten und nun zu Alget kamen und guten Rat begehrten. Eine Zeitlang schwieg sie klüglich. Dann aber verriet sie einer guten Freundin das Rezept, welches sich so probat erwiesen hatte. Selbige mochte es ungeschickt angewandt haben, denn ihr Mann ertappte sie dabei, und sie musste beichten. Der Mann aber ging stracks hin und verriet es Hans Pauls. Da raufte sich dieser die Haar' und lief zur Schenke, allwo er tiefsinnig saß und die langen Ohren kraulte. Über die Diele torkelte er ärger als je. Alget hatte vor Wut geweint und das Mangelbrett zurechtgestellt. Kaum bezwang sie die Galle und biß die Zähne zusammen, als er mit großem Gepolter zu ihren Füßen hinstürzte. Er kehrte sich nicht an ihr Zureden, sondern lag steif und starr und stieß einen schnarchenden Laut durch die Nase. »Muß ich mich müde und außer Atem an dir schleppen«, sprach sie und zerrte ihn auf sein Lager. Doch war ihre Hand sehr flink im Ergreifen des Mangelbrettes, mit kräftigem Schwunge holte sie aus. Aber o weh, was ist dir Alget? Ihr Arm erstarrt, ihr Gesicht versteinert! Der trunkene Klotz schnarchte nicht mehr, sondern schreit: »Warte, ich will dich bügeln!«, springt mit einem Satze aus dem Bette und packt sie. Auf das eheliche Lager kommt Alget zu liegen, und die Salbe wider trunkfälliges Wesen wird ihr auf den Rücken dermaßen gestrichen, daß sie keinen Laut von sich gibt. Nachdem Hans, welcher nüchtern war und sich nur trunken gestellt hatte, Vergeltung geübt hatte, legte er sich nieder und schlief einen festen und ruhigen Schlaf. Am Morgen keifte Alget nicht, sondern blieb auf dem verschwollenen Rücken liegen mit einer ergebungsvollen Gedulds- und Leidensmiene, als wenn ihr letztes Stündlein gekommen wäre. Mit immer unruhigeren Blicken schob er sich am Alkoven vorbei, etwas wie Reue beschlich ihn, und er bereitete ihr das Biersüpplein. Solches rührte ihr Herz. Hans redete: »Ich will von der Schenke lassen und kein Saufaus mehr sein! Alget, wir haben es gütlich ausgeglichen und wollen den Vergleicher, das Bügelbrett, zum Zeichen, daß hinfort Ehefriede sein soll, an den Alkoven nageln.« Also geschah es, und Hans Pauls hat sein Wort gehalten. * Auf dem Nordstrande war für den Bauer gesegnete Zeit, für Knechte und Mägde aber waren's saure Wochen. Mit der Handsichel hieben die Schnitter das mannshohe Getreide, dem man in diesen Marschländern mit der Sense nicht beizukommen vermochte, und die Mägde banden es in Garben. Mit Hilfe eines halbwüchsigen Burschen stellte der Bauer die Garben in Hocken und wanderte dann, vergnüglich und halblaut zählend, die langen Reihen auf und nieder, um die Schockzahl festzustellen. Dem Himmel fiel es schwer, den Westerwohldern es recht zu machen, aber auch der ärgste Griesgram vermochte an dem Wetter und dem ständigen Ostwind dieses Erntemonds nichts auszusetzen. An große Erträge gewöhnt, lobte der Nordstrandinger nicht leicht. Aber diese Ernte im Jahre 1634 wurde von allen die reichste und beste seit vielen Jahren bezeichnet. Bald waren Haus und Scheuer bis zum Dachfirst gefüllt. Und auf jeder Warf stand der Erntesegen in größeren oder kleineren Diemen. Nach jenen Schnittern kamen die andern, die Armen, welche kein Feld hatten und keinen Samen ausstreuten, dennoch aber, mit Sack und Schere ausgehend, ihre Ernte hielten und reiche Nachlese fanden. Unter den Ährensammlern war Sönke, der Greis. Eine hämische Zunge sprach zu ihm: »Wenn Eure Alma Bauerfrau auf Olufswarf wird, braucht Ihr Euch nicht mit dem Sacke zu schleppen.« Die Stichelrede tat ihm weh, doch er schwieg. Als aber nach einiger Zeit ein boshaftes Weib eine derbe und deutliche Frage stellte, da verließ er sogleich das Feld und seine alten Beine versagten ihm fast den Dienst. Lange schon waren im Dorfe üble Gerüchte gegangen von Olufswarf, von Tolke und seiner Magd, aber an das Ohr der ahnungslosen Großeltern war bis heute kein Laut davon gedrungen. Auch Klaus Rickmers hatte sich also in das Wort vertieft, wie er es nannte, das heißt, in die Weissagungen des Alten Testaments und der Apokalypse sich eingesponnen, daß er von der Außenwelt nichts vernahm. Als Sönke mit seiner Last, keuchend und schweißtriefend, sein Haus erreichte, stand die Tür der rauchgeschwärzten Diele noch offen – Etta und Hertie waren soeben über die Schwelle getreten. Ihr ernster Gruß, und daß sie nichts sprachen, als wäre ihnen die Kehle zugeschnürt, und der tieftraurige Blick, mit dem sie ihn ansahen, bestätigten seine Ahnung. Es entfloh ihm ein Schrei: »Alma, mein Enkelkind! Gunna, mein armes Weib, mit Gram werden wir in die Grube fahren!« Etta ging sogleich in die Pastorei und in den Pesel zum Vater. Im Dachdeckerhäuschen war groß Weinen und Wehklagen. Von allem Menschenleid machet das Leid der Sünde am elendsten doch, und viele werden im Fall des einen mitverstricket. Dann schmilzt die Seele wie Wachs im Feuer, und die Gedanken verdorren in versengender Trübsalshitze. Als Klaus Rickmers von seiner Arbeit heimkehrte und hörte, was ihn betroffen habe, stieg in seine Augen eine sonderbare Glut, sie irrten nach oben, und er sprach feierlich: »Wie sollte es uns verschonen, da die Zornesschalen ausgegossen werden über dieses Land! Am Hause des Herrn wird das Gericht anheben!« Danach nahm er die Bibel vom Borte und las in gewohnter Weise, halblaut die Silben zu Worten sammelnd. Sönkes weißes Haupt nickte heftiger als je und wie das hartnäckige Nein der Verzweiflung, die jeden Trost von sich weiset. Nur Gunne faltete die Hände. Sie, die vieljährige Kreuzträgerin, trug auch dieses Kreuz am stillsten und stärksten von allen. Im Glauben wußte sie, daß es das größte, aber auch das letzte Leid ihres Lebens sei. Der Pastor Boethius hatte seine Tochter angehört und immer dichter und dräuender die Brauen zusammengezogen. Nun stülpte er den Hut auf und ergriff den Handstock, als müsse er dreinschlagen unter dieses Gezücht. Der Kirchherr von Westerwohld stürmte wie ein zürnender Richter und Rächer durch sein Dorf; die ihm begegneten, sahen betroffen empor. Auf Olufswarf stieß er seinen Handstock in die Diele und stemmte sich darauf. Tolke, welcher auf der Langbank gelegen hatte, rieb sich den Schlaf aus den Augen und fuhr knurrend in die Höhe. »Tolke von Olufswarf. Von Euch verlange ich, daß Ihr am nächsten Sonntage das Aufgebot ergehen lasset und von heut' über drei Wochen des Kleiers Tochter zu Eurem Eheweib machet!« Der Bauer lachte roh: »Wenn sie nach dem Ehebette trachtet, mag sie in ihrem Stande freien!« »Tolke, Tolke! Ein Ehegelöbnis habt Ihr der betörten Magd gegeben und einen Schwur ihr getan. Wer einen Meineid schwört, dem sollen nach unserm Recht die Schwurfinger abgehauen werden!« Grinste der Bauer nicht? Ja, denn er dachte an den Eid bei dem großen Kirchensiegel, der kein Schwur gewesen war, und er antwortete höhnisch: »Das ist erlogenes Geplapper einer verschlagenen Weiberzunge! Ei, die Magd möchte Bauerfrau auf Olufswarf werden und hat es fein gesponnen, aber Tolke wird nicht in die Falle gehen.« Boethius umklammerte fester den Handstock, seine Augen sprühten Zornblitze. »Tolke, ich klage vor Gott und vor Menschen! So hört denn das Urteil, welches das Landrecht über den Verführer spricht: Er werde gestoßen in ein unbeweglich Wasser, daß er mit seinen Augen weder Himmel noch Erde sehen kann, noch auch den Grund erreichen weder mit Händen noch Füßen!« Der Gestrafte erbleichte und entgegnete mit gezwungener Gelassenheit: »Gehet zum Staller, Herr Boethius … Ich werde zu schwimmen wissen.« Boethius schwieg und wandte sich von hinnen. Verbissen und vergrimmt sah Tolke ihm nach. Er haßte diesen Mann, wie die Sünde das Heilige hasset, welches ihr eine Pest ist. Nachdem der Pastor seines Strafamtes gewaltet hatte, trieb es ihn zum Dachdeckerhause, als hätte er dort ein Versäumtes nachzuholen. Stoßweise fuhr durch den hinteren Hüttenraum ein herzzerbrechendes Schluchzen der Enkelin. Die beiden alten Leute waren verstummt und beugten ihr greises Haupt unter der unglimpflichen Hand des Züchtigers, der sie schlug. Boethius bückte sich unter den Dachbalken. Wie milde leuchtete das gestrenge Antlitz! Welch ein Bronnen erbarmender Liebe war dennoch in diesem Manne! Wohl bei dem Trostmeistersänger David war er in die Schule gegangen, nur bei diesem konnte er gelernt haben mit seinem: »Tröstet, tröstet mein Volk!« also über die Menschenseele hinzufahren. Aus der Tiefe schöpfte er, und aus seinem Munde floß es wie Tau des Himmels über verschmachtetes Erdreich, daß des Zweifels Warum zum Dennoch des Glaubens wurde. Wahrlich, der von Westerwohld wußte auch des Trostamtes zu walten! Klaus Rickmers stand auf von seinem Sitze, und die Augen brannten in den tiefen Höhlen des hageren Gesichts: »Siehe, Gog und Magog! Es sind die letzten Zeiten, die siebente Posaune gellt, und das Gericht beginnt am Hause Gottes!« Boethius sah auf, verwunderte sich des Mannes und sprach: »Ja, Klaus Rickmers, auch mir banget vor unsern Gezeiten. Die Menschen dieses Landes sind wie zu den Tagen Noahs, ehe die Schleusen des Himmels aufgetan wurden und die Sündflut kam. O, daß der Herr aus Laien und schlichten Leuten einen Mann sich erweckte, welcher, wie einst der großen Stadt Ninive, Bekehrung und Buße predigt diesem üppigen Eilande und zuchtlosen Gezüchte!« Der Kleier horchte auf bei dieser Rede und durchgrübelte sie in der schlaflosen Nacht. Beim Tageinbrechen ward es licht um ihn, und er verstand sie, aber in einem anderen Sinne, als der Pastor es gemeint hatte. An diesem Tage wurde das von Etta bewahrte Geheimnis der Pastorei offenkundig, dem Vater und allen Hausleuten. Hertie nämlich vertrug nicht so große Erregung des Gemüts und saß verstört auf der Diele, allwo sie um die Vesperstunde, während Etta einen Brotlaib zerschnitt, von ihrem krankhaften Zustande befallen wurde. Wohl umschlang Etta sie, um sie eilig in die Kammer hinaufzutragen. Aber zu spät. Soeben trat der Vater über die Schwelle und forschte sogleich: »Was ist mit dem Mädchen?« Etta bekannte: »Mehrere solche Zufälle haben sie in letzten Zeit betroffen …, sobald sie die Augen öffnet, ist sie hellsehend und eine Prophetin, und mir grauet vor dem, was sie künden wird, denn was sie weissagte, ist eingetroffen … Hintennach aber ist ihr alles entfallen.« Da hoben sich die Lider des Mägdleins wie eine Decke von den Augen, der starre Blick haftete an Boethius, und die weißen Lippen bewegten sich: »Horch, was spricht sie?«, hauchte er. »Als ich in Schwermütigkeit über die Kirchwarf ging und zu Gott betete, sah ich eitel neue Gräber aufgeworfen, so viele, daß ich sie nicht zu zählen vermochte …« »Ein großes Sterben wird der Herr uns senden«, murmelte der Pastor Boethius ergriffen und unwillkürlich es deutend. Lauter erhob die Magd ihre Stimme: »Sage dem Pastor Boethius, daß er das Totenregister des Kirchenbuches aufschlage und niederschreibe … Klaus und Alma … Tolke und Tedje … Gert Hinrichs und sein Weib … und Gret … und …« Zum unheimlichen Geflüster verstarb es, und die Namen gingen verloren. »Wird der schwarze Tod kommen, oder werden alle diese in den Wassern der Springflut ersäufen?«, fragte Boethius mit vorgestrecktem Körper. »Stille, stille … Schiffe fahren über die Kirchwarf hin, auf welchen ein Volk, das ich nicht kenne, mit langen Riemen rudert … Und es wird kommen die Zeit, wo der Schiffer zu dem Steuermann sagt: Hüte dich vor dem Wohlder Sand!« Ein Schauer durchlief alle, und Boethius stieß die Worte hervor: »Die Maid redet aus Eingebung des Geistes! Wehe, wehe, denn Westerwohld wird werden zur Sandbank im Wattenmeere!« »Du sagst es, vergehen wird die Beltringharde im salzen Wasser.« Ein Übernatürliches durchwob den Raum, jeder Atemzug stockte. Minutenlang hingen die Blicke gebannt an dem rätselhaften Munde, der so ruhig die Siegel der Zukunft erbrach und so grause Dinge kündete. Hertie aber schloß die hellsehenden Augen zum müden Schlaf. Sie hatte ihr letztes Gesicht gesehen und ihre große Weissagung vom Untergang des Nordstrandes getan. – Trotzdem man abgewichen war von den frommen Sitten der Väter und frecher Übermut und üppige Unsitte wie geil wucherndes Unkraut aufgingen im fetten Lande, war dennoch eine Tat wie Tolkes und ein Fall wie Almas ein so Unerhörtes auf der Insel, daß nur sehr wenige hämisch lächelten und alle Besseren in hellem Entsetzen die Hände zusammenschlugen und ein herzliches Erbarmen mit den alten Großeltern hatten. Es bestand eine scharfe Verordnung des alten Landrechts, welche besagte, daß eine ledige Weibsperson, die contra sextum gesündigt habe und schuldig befunden worden sei, mit Stäupenschlägen öffentlich gestraft werden solle. Aber längst war sie kraftlos geworden und ruhte wie ein schartig-rostiges Schwert in der Rumpelkammer des Staller-Archivs. Alma Rickmers ist nicht mit Rutenschlägen gestäupt, auch der Verführer nicht in unbewegliches Wasser gestoßen worden, sondern mit einer gelinden Geldbuße recht glimpflich davongekommen. Die Gesetze des Nordstrandes waren, wie einer ihrer Chronisten schreibt, »Glocken ohne Knepeln« geworden. Trutz dem blanken Hans Die Linden und Eschen schüttelten s%%%ich im Winde, als fröstelten%%% sie; und müde fielen die ersten dürren Blätter von Baum und Strauch. Tiefer und tiefer sank das große Himmelslicht und verlor an strahlender Helle, daß man es sichtbarlich spüren konnte von Tag zu Tag. Eine graue Öde legte sich auf die weite Flur, die so grün und goldig gestanden, und ein Schweigen auf alles Lebendige, das so viel Sangton und zirpende Sprache gehabt hatte. Das Jahr 1634, das sonnenreiche, herbstete schon. Auf dem Grunde huschte das raschelnde Laub hin, und durch die Lüfte ging ein Rauschen, wie ein leises Ahnen, daß die Welt zum großen Wintersterben sich anschicke. Überall ein Schwermütiges, unter schillerndem Herbstgewande verborgen, und in allen Wipfeln säuselte die uralte Weise der Vergänglichkeit. Die große Herbstpredigt vom Ende und der Eitelkeit aller Erdendinge, vom Welken und Vergehen, vom Sterben und Staubwerden lag über dem ganzen Lande. Aber nicht alle vernahmen sie, nur wer Ohren hatte zum Hören, horchte ihr. Hatte Boethius sie vernommen in diesen ersten Oktobertagen, hatte er gelegen und ihr gelauscht in dunklen Herbstnächten? Ein schwermütig und fast finster blickender Mann bestieg die Kanzel von Westerwohld. Er sollte die Erntedankpredigt des Jahres 1634 halten vor einem vollen Gotteshause; und auf den Bänken sah er sie sitzen, Kopf an Kopf. Seine Seele war schwer vom Leide, die Stimme hatte einen eigentümlich geborstenen Klang. »Viele Augen, an vierhundert wohl, lugen heute herauf zu mir, hell und lebendig … Aber in Jahres- oder Mondesfrist … wie viele von diesen Augen werden gebrochen sein und sich geschlossen haben zum ewigen Schlafe?« Ein Kuck der Köpfe, in allen Augen ein Schreck, und dann in manchem Blick die bange Frage: »Bin ich's?« »Es sprach Jehova, der Herr des Himmels und der Erde, des Feuers und des Wassers: Die Bosheit der Menschen ist groß geworden auf dem Nordstrande, und die Menschen wollen sich von meinem Gott nicht mehr strafen lassen, denn sie sind Fleisch. Und ich habe billig mit ihnen gehandelt, seit der letzten Dezemberflut eine Frist von achtzehn Jahren ihnen gegeben. Nun aber begehret mein Grimm auf wider meine Gnade: Es ist genug! Verfallen ist die Frist! Das Gericht ergehe, und der große, schreckliche Tag breche an!« Inne hielt der Redner, als wenn er einen Widerspruch höre, und begegnete ihm also: »Wenn es nicht bei strenger Pön verboten wäre, einem Prediger dazwischenzureden, würdet ihr den Mund aufreißen und mir zurufen: Was stehest du droben auf dem Stuhle, Herr Peter, und schwatzest von künftigen Dingen, als wenn du ein Petrus wärest und wie ein Geheimkrämer im Rate des Himmels gesessen und vertrauliche Zwiesprach' mit Gott gehalten hättest! Antwort: Im Gebet auf meinen Knien habe ich solche Zwiesprach' mit Gott gehalten. Und fürwahr nicht der Mann, der gemeiniglich Peter Boethius genannt wird und ein schlichter Bauernpastor ist, sondern ein anderer, an dessen Statt ich stehe, kündigt euch heute, und aus Antrieb des heiligen Geistes darf ich es nicht verhehlen: Böse Gezeit und schweres Unheil stehet diesen Marsch- und Meerländern bevor! Ach, daß ich Stimme besäße, zu weinen um dieses verlorene Paradies, und eines Abraham Fürbitte, um den Zorn zu wenden. Wehe dir, Wester- und Osterwohld, wehe dir, Balum und Buptee, und der ganzen Beltringharde, darinnen ihr gelegen seid! Vergehen werdet ihr im salzen Wasser, und eine grüne Trift ist geworden zum grauen Watt! … Ihr aber verklebet eure Ohren und keifet dawider: Stehet nicht geschrieben, daß vor dem letzten Tage Zeichen geschehen sollen am Himmel und auf Erden? Und die Zeichen sind geschehen! Haben nicht das Meer und die Wasserwogen genug gebrauset? Kommt nicht die Flut zwei Mal des Tages, und die Wellen klatschen an das Ameisenwerk eurer Dämme, und ihr hört nicht ihr Dräuen: Wartet, ihr Haff- und Stackdeiche, ihr Moor- und Mitteldeiche, wir werden euch übermögen! Ihr aber seid nicht verschmachtet vor Furcht und Warten der Dinge, die kommen sollen, sondern habt euch getröstet: Meine Zeit stehet es wohl! … In der ehegestrigen Nacht hat der ganze Nordhimmel gebrannt, als renneten zwei feurige Heere wider einander, und mir grauste. Ihr aber achtet es als eine gemeine Erscheinung: Da ist das Nordlicht und bedeutet eine Veränderung des Wetters! Darum will ich vor so klugen und wetterkundigen Leuten lieber schweigen von der Sternrute, die letztlich am Himmel gesehen worden ist …, sonst könnte ich den Kometen wohl deuten, daß der Herr die Sternrute am Himmelsfenster aufgesteckt zum Winke, daß er nunmehr die Zorn- und Zuchtrute hervorhole, die Menschenkinder zu stäupen … Bist du aftergläubig? Sprechet ihr. Nein, solche Vorzeichen und Vorbedeutungen kommen als Bußprädikanten und Schnellboten Gottes, daß sein Grimm keine Weile und keine Rast mehr habe. Aber der letzte und schlimmste Bote heißet Allerheiligen …, der alte und böse Unfriedbringer stehet vor der Tür und klopfet an mit der knöchernen Hand: Tuet Buße und bekehret euch, daß eure Seele nicht sterbe in ihren Sünden …« Ein heiliges Rasen ergriff den Mann. Unversehens und unter der zwingenden Gewalt seiner Gedanken war das Erntedankfest zur Weltuntergangspredigt geworden. Gegen den Schluß hin wurde die markige Stimme gedämpft zum scheuen Flüstern, und von der Kanzel herab offenbarte er der Gemeinde das Geheimnis des Hauses: »Ich habe in meinem Hause eine reine Jungfer …, die ward ehegestern entrückt im Geiste und hat ein Gesicht gesehen und vor mehreren Zeugen geweissagt: … Kommen wird die Zeit, wo der Schiffer zum Steuermann sagen wird: Hüte dich vor dem Wohlder Sande.« Grabesstille folgte den Worten, und dann das laute Geräusch eines Männerschrittes. Mitten im Gange stand er, nach oben den glühenden Blick gerichtet und zu dreien Malen den Ruf wiederholend: »Wohlder, bekehret euch! Wohlder bekehret euch!« Der Mann war Klaus Rickmers, und die Rede wirkte fast wie ein eingeschlagener Blitz auf die Menge. Alsogleich aber donnerte es von der Kanzel%%% herab und auf sein erhobenes Haupt: »Du Bußprediger und Bileam, we%%%r hat dich berufen? Weißt du nicht, wer sich mit seinem Prediger auf dem Gestühl ins Gespräch begibt, der soll auf seinen störrigen Hals gestraft werden!?« Gert Hinrichs, der Kirchenjurat, führte den Kleier zur Tür hinaus, wie man einen Kranken geleitet. In einem andern Sinne, als Boethius es gemeint hatte, war aus Laien und schlichten Leuten ein Mann erstanden, welcher Bekehrung und Buße predigte dem zuchtlosen Geschlecht. Mitten in der Feldarbeit stützte Sönkes Sohn sich auf die Schaufel und hielt tiefsinnige Reden aus Schrift und Prophetie vor den blöde gaffenden Genossen. Es ging über ihren Tagelöhnerverstand, und gutmütig ließen sie ihn gewähren als einen, der unwirsch geworden sei von der Schmach der Tochter. Auch wenn der Kleier im Graben stand, grüßte er die Wegfahrenden mit einem Bibelwort und rief ihnen ein dumpfes: »Bekehret euch!« nach. Dem Geiste, wenn er über ihn kam, tat er seinen Willen. Und es geschah eines Abends auf der Dorfgasse, daß Ackerknechte und übermütige Dirnen ihn umringten: »Predige uns, Klaus Rickmers, predige uns!« Stracks willfahrte er ihrem Begehr, sah reglos zu den Wolken empor und hielt einen langen Sermon, eintönig und wie ein auswendig Gelerntes. Sie aber trieben ihr Gespött mit ihm, und er merkte nicht ihre Arglist, noch auch, daß einige ihn von hinten mit Kleiklumpen bewarfen. Da kam Boethius des Weges und fuhr mit seinem Stocke dazwischen, so daß sie wie ein Haufe von Gassenbuben auseinander stoben. Den Kleier aber schalt und bedräute er: »Fahre aus, du unsauberer Geist!« Heimwärts ging der Pastor und kam an einem Hause vorbei, in dem Tolke und Tedje und mehrere, die zu ihrer Sippe gehörten, versammelt waren. Der Wegfahrende sah nicht die kleinen, lauernden Augen hinter den halb erblindeten Bleischeiben, nicht die glimmende Tücke in Tedjes, noch den glühenden Hass in Tolkes Blick. Auch klangen dem Schreitenden nicht die Ohren von der üblen Nachrede, die sie hinter ihm führten von nun an und wohl die halbe Nacht. Die Erntedankpredigt war der Gegenstand aller Gespräche im ganzen Westerwohld. Den Kirchleuten war sie in den Körper gefahren. Gert Hinrichs und andere spürten keine rechte Eßlust und saßen mit einem nachdenklich sinnenden und verhagelten Gesicht vor dem Tische. Einige wenige von denen, die eine Bibel hatten, holten das verstäubte Buch vom Wandbort herunter, schlugen aufs Geratewohl auf, stabten die großen Buchstaben zusammen und mühten sich, einen Sinn zu finden. Aber die meisten erholten sich noch vor dem Vesperbrote und aßen und tranken wie zuvor. Am Montag wehte es scharf aus Südwesten, die Mühlen hatten großen Zuspruch. Man vertrieb sich die Wartezeit mit Schwatzen von Wind und Wetter. Dieser Südwest werde nichts tun, sondern sei ein Krümper, wie sie es nannten, der bald umspringe. Dann kam Boethius weidlich vor, und die Predigt wurde durchgehechelt. Die Frechsten spotteten und führten gottlose Reden. Aber die Zaghaften schüttelten den Kopf und hatten ihre Bedenken, just nicht wegen der Predigt, sondern um der Jungfer und ihrer Prophezeiung willen. Solches sei von früheren Fluten her gemeldet worden, auch hätten Knechte und Mägde im Dorf verkündet, daß Hertie eine Weissagung getan habe. Die Frechen überschrien die Furchtsamen, und die letzteren verließen die Mühle, sobald sie ihre Gewerbe ausgerichtet hatten. Tolke saß inmitten seiner Kumpane, und obgleich er nicht in der Kirche gewesen war, schlug er dennoch mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Das war die Erntepredigt dieses Jahres! Ein Pastor soll Regen und Sonnenschein herabreden zur rechten Zeit und weiter nichts, dafür bezahlet die Gemeinde ihn …« »Was, die Kindtaufen?«, wisperte Tedjes boshafte Zunge. Nach einem wütenden Grunzen fu%%%hr der von Olufswarf fort: »Er hat schon vorher%%% auf der Kanzel die Pest herabgeredet, daß sie kommen und uns Beine machen möge … Nun aber hat er den blanken Hans gerufen und das Meer und die Flut und den bittern Tod des Ersäufens im schändlichen Wasser uns allen an den Hals gewünscht. Lasset uns ihm die Predigt versalzen!« Die um Tolke Gescharten gerieten in Eifer und redeten hin und her. »Wir haben ein Gesetz wider Wahrsager und Zauberer!« »Jetzt ist es straßenkundig und mühlenrüchtig geworden, auch haben wir Zeugnis aus seinem eigenen Munde, daß er ein Weib, das höllische Künste treibt, in seinem Hause beherbergt.« »Eine reine Jungfrau nennt er sie, und sie ist eine unflätige Zauberin, mit deren Worten er die Leute zu schrecken und zum Gehorsam zu kuschen denkt.« »Wohlan, wir wollen ihn bei Vogt und Staller verklagen und bis an die herzogliche Kammer gehen … Die Hexe muss eingeäschert werden, und er soll als teilhaftig ihrer Zauberei mithangen und mitbrennen.« »Ei, dann will ich Heizer sein!«, lachte Tolke roh. Also geiferte diese Sippe. Dieweil fuhr der pfeifende Wind um das Haus, und es klang wie ein Winseln der Lüfte. Um Mitternacht aber hob er sich und heulte durch das Land, als wären alle Hunde losgelassen auf der Dorfgasse. Das heisere Bellen der Westsee bedeutete nichts Gutes, unheimlich klang das Ächzen der Bäume, deren Wipfel sich bogen. Bei Taganbruch, als der Osthimmel sich hellte, stand Edleff auf der Warf, sah nach den Wolken und der Wetterfahne, die um keinen Strich gerückt war, und nahm nach allen Seiten die Witterung wie ein seekundiger Mann. Der Deichgraf begehrte keinen Morgenimbiß, sondern rief nach seiner braunen Stute, daß sie flugs gesattelt werde. Die war ein edles Halbblut und rechnete sich im zweiten Gliede aus dem Gottorpischen Gestüte. Warum riß er die schwere Lederpeitsche vom Haken? Das Tier bedurfte nicht des Sporns und duldete nicht die Gerte. Von dannen sprengte er, fest umklammerte seine Faust den kurzen Stiel, und um die Lippen saß der harte Zug: Wenn es Not täte, wider alle Widerspenstigkeit davon Gebrauch zu machen! Kreuz und quer ritt er von Warf zu Warf, rief bündigen Befehl durch die offene Dielentür, und weiter flog die Stute auf unbetretenen Richtstegen, über aufgeweichtes Feld und angeschwollene Gräben. Das Wesen des Deichgrafen hatte etwas Eisernes, das Furcht einflößte. In der ganzen, an Unbotmäßigkeit so reichen Geschichte der Dreiharden war kein Exempel so schnellen Gehorsams. In zwei Stunden stand die gesamte aufgebotene Mannschaft auf dem Plane. Der Deichgraf gab dem Knechte die Zügel, aber die Lederpeitsche ließ er nicht aus der Hand. Auf den beiden Deichhäuptern der Balumer Wehle, die noch zwanzig Ellen von einander standen, wimmelte es von Menschen, Wagen und Karren. An vierhundert Hände regten sich. Aber wegen der Tücke des Grundes versanken die Erdmassen wie Wasser, das man in ein Sieb gießet. Am Nachmittage sprachen die Mutlosen wie zuvor: »Die Wehle ist nicht zu stopfen!« Aber der Deichgraf stampfte mit dem Fuße und schrie einen Befehl. Draußen im Siele lagen die großen Prähme, welche die Steine zum Bau seines Hauses herbeigeschafft hatten. Auf Walzen rollte man den ersten Prahm heran und versenkte ihn im Loche. Dann füllte man ihn mit Steinen und Erde bis oben an und verpfählte ihn auf allen Seiten mit starken Latten. Der Prahm sank nur um zwei Fuß. Der zweite, in gleicher Weise gehandhabt, stand fest, und die zwei letzten füllten die Wehle. Ein hallender Jubelschrei stieg auf vom Deiche und übertönte den heulenden Wind. Gedämpft war die Wehle und das ungeheure Loch überwältigt von Wohlder Kraft! Nicht wie ein Dankruf, sondern wie ein Triumph- und Siegesgeschrei brach es aus zweihundert Kehlen und schlug gen Himmel. Alle Hände griffen zu mit verdoppelter Kraft. Bald war alles geebnet, mit Buschwerk besteckt und mit Soden belegt. Kein Riß und kein Deichhaupt mehr, nein, soweit das Auge reichte gen Süden und Norden, nur ein einziger unabsehbar langer Damm, breit wie ein Königsweg und hoch wie die höchsten Warfe. Geschlossen waren die Mauern der Meerburg, und der Nordstrand eine unbezwingliche Feste. Der Deichgraf warf die Peitsche weg und tat den letzten Spatenstich, um das Werk zu weihen, wie es Sitte war und ihm gebührte. Stolzen Blickes maß er sein Werk und sprach langsam: »Wir haben jetzo einen eisernen Deich!« Dann stieß er wuchtig den Spaten in den Grund, sah über das Meer, das von seinem Wüten in weißem Gischte stand, wie ein Sieger hinschauet über den ergrimmten Gegner, der zu seinen Füßen lieget, und seine Stimme übertönte den Sturm: »Trutz dir da draußen! Komme nur, blanker Hans, wir wollen dir begegnen!« Das war der Weihespruch des Deichgrafen, da der Deich geschlossen und die Balumer Wehle verstopfet war. Ein Schweigen folgte den Worten. Fast zur selben Stunde sprang der Wind um nach Süden und legte sich dann plötzlich zur gänzlichen Windstille, wie es nicht selten geschieht in diesen Marschländern. Nur die See ging noch in hoher Dünung. Scheu sahen die Wohlder nach dem Mann, der auf seiner Stute heim ritt. War der Wessel ein Mann, der das Wetter besprechen und den Wind bedräuen konnte? Ob auch der blanke Hans ihm untertänig sei? Nein, horch, wie er grollte in seinem Grimm, denn hinter sich hörten sie das Donnern der Dünung. Einzelne Nachzügler blieben zurück hinter dem Haufen, aber nicht von den alten und engbrüstigen, sondern just von den jungen und kräftigsten Leuten. Der Vogt, welcher in dem Steigbügel stand und sich zurück bog, bemerkte es wohl. »Was soll's?«. Schon strebten sie mit langen Schritten zurück zum Haffdeiche. Edleff war aus dem Sattel gesprungen und hatte dem Knecht das Pferd übergeben. »Ich muss zum Deiche, denn es ist die Stunde des Seewechsels, und ich will sehen, ob es ebben wird zu seiner Zeit.« Auch ihm war das Segel draußen auf der Schmaltiefe, mit dem die Wellenberge ihr Spiel trieben, nicht entgangen. Noch ging das Meer hoch und hohl, und die Flut brandete über das Vorland, aber mit brechender Kraft, denn ihre Stunde war gekommen. Hinter dem Deichkamme lagen die lautlosen Männer, wie spähende Landsknechte hinter der Brustwehr, und starrten unverwandt hinaus in die rollende See. Die Friesen haben scharfe Augen. Und alle Sehkraft dieser Augen war aufs Äußerste geschärft und auf einen einzigen Punkt gerichtet. Die hüpfenden Wasserkegel dort drüben – es war die Brandung. Mitten darin sahen sie ein Schiff wie eine taumelnde Nußschale hervorspringen und verschwinden. »Gott segne unsern Strand, es wird zerschellen!«, lachte einer der Strandwächter. Die Stimme war Tolkes. Nein, das Gebet ward nicht erhört. Diesseits der Brandung stampfte es, deutlich sichtbar waren die beiden Masten und die gerefften Segel. »Daß die Ebbe käme! Es müßte sich festrennen auf der Sandplatt' …«, murmelte ein anderer. Das Meer schien diesem frommen Wunsche zu willfahren. Erschöpft von seiner Arbeit, holte es Atem in tiefen Zügen, und die aufgesaugten Gewässer wichen zurück vom Vorlande. Der schwer beladene Holländer schlingerte stark, dann ein Stoß, und er stand fest auf der Sandbank. Die Strandwächter sprangen auf und stoben auseinander. Einige rannten nach den Böten im Sielzuge, andere dem Dorf zu, und unter diesen Edleff Wessel. Mit Wasserstiefeln und Seehundsjacke angetan, zur Bootfahrt und Bergung gerüstet, eilte er aus seinem Hause und den Strandweg hinab. Eine hohe Frauengestalt, das Antlitz vom Kopftuch verhüllt und die Zöpfe am Gürtel festgebunden, kam ihm entgegen. Er kannte sie von weitem, denn in der ganzen Harde war nur eine so stattliche Maid. Und ihm dünkte, daß sie in Wahrheit das einzige Weib dieses großen Eilandes sei. Hatte Etta Boethius vergessen, was sie dem Vater vor seiner Reise nach Gottorp geloben musste? Sie nämlich tat die Anrede: »Wohin wollt Ihr, Edleff?« In froher Laune trällerte er als Antwort. Frie ist de Fichfang und frie ist de Jagd, frie ist de Strandgang und frie ist de Nacht.« Ein fast trauriges Kopfschütteln: »Leid tut mir der zappelnde Fisch und das schreiende Häslein; der freie Jägersmann ist mir ein leidiger Totschläger, und der Strandläufer … ist er nicht erpicht auf seines Nächsten Habe? Wie könnte Unheil mir zum Glücke gereichen? Und eines andern Weh meine Wonne sein? Oft fragte ich mich, ob nicht Strandgewinn ein unrecht Gut sei.« Verständnislos sah er sie an, solche Sprache ging über seine Begriffe und den engen Gesichtskreis seines Standes und seiner Zeit. »Es ist ja ein Gesetz … Wie hätte sonst der Herzog seine Strandvögte dazu bestellt, daß sie das Dritteil für die herzogliche Kammer vorwegnehmen …?« »Ich wollte, der Herzog hätte statt der sieben Strandvögte sieben Leuchtfeuer mit weithin warnendem Schein an diesen unseren Küsten bestallt! … Zahllose würden dem bittern Tod im salzen Wasser entrinnen.« »Aber der Strand bliebe ungesegnet …« Sie strich das Kopftuch zurück, und trotz seiner Worte sah sie bewundernd empor zu dem Manne, der vor ihr stand. »Sie rufen durch das Dorf, der Deich sei vollendet, und Ihr seid der Mann.« »Darum war ich Deichgraf«, sprach er bescheiden. »Mächtig war Euer Wille, und nicht ohne Gewalt habt Ihr das Höchste ausgerichtet.« »Ach, mein Wille ist gar unmächtig in dem Einen … Und was ist das Höchste und das Beste und das eine und letzte Ziel meines Willens?« »Mein Vater sagt, es sei ein seliges Sterben … Mir aber stehet es nicht so düster, sondern es schwebet mir vor wie steter Frühling, wie Freiheit von aller Fehde und seliger Friede.« Da brach es aus der verschlossenen Herzenstiefe: »Etta, Etta, Ihr seid das Höchste und das Beste auf diesem Eilande und das eine und letzte Ziel mir in aller Welt!« Seine Arme streckten sich nach ihr. »Ich weiß, daß du mein bist … Erst wenn der Minne Gewalt dich hinwegreißt und treibt zu mir …, dann, dann ist Seligkeit …« Ein Erschauern durchbebte ihren Leib, und ihre Stimme erzitterte: »Mir graut vor einem Himmel der friedelosen Seligkeit.« Auf einem Ackergaule, den er unbarmherzig zu Sprüngen antrieb, jagte Tolke vorbei und lachte laut auf. Das Schlammwasser der Wegpfütze überspritzte beide. Etta Boethius ging. Mit dem Nas-Tüchlein wischte und rieb sie am Rock des Kleides, aber zäh und klebrig war der Schlamm. Es blieben vom heutigen Gange Flecken haften an ihrem Gewande. Die Strandläufer sprangen in das Boot und griffen in die Riemen. Edleff steuerte den Priel hinab und ins offene Wasser. Seitwärts geneigt stand die große Schmacke auf der Sandbank, und die seichten Wasser klatschten harmlos gegen ihren Bug. Des Bootes Steuermann übersah mit einem kundigen Blick die Lage und sprach: »Die nächste Flut wird ihn flott machen.« »Pst, pst«, machten die Ruderer, damit solche Reden nicht an das Ohr des Schiffers, der über die Reling sich lehnte, dringe. Der schwer befrachtete Holländer war nach Husum bestimmt, und seine reiche Ladung bestand aus fremdländischen Tuchen und kostbaren Südweinen. Durch das Sprachrohr der vorgehaltenen Hände schrieen die Ruderer: »Die Schmacke sitzet gut und ist verloren … Wir wollen Mann und Ladung bergen!« Aber van der Huyt, der Schiffsherr und Eigentümer, wollte sich nicht bergen lassen, denn er kannte das Strandrecht dieser Küsten. Einen Teil nämlich nahm der Berger hinweg, auf einen andern legten die Strandvögte im Namen der herzoglichen Kammer die Hände, und das letzte Drittel seiner Habe durfte der Besitzer behalten, das heißet, so viel oder besser so wenig, als die vielen und unbefugten Hände der mannigfachen Strandläufer davon übrig gelassen hatten. Umständliche Verhandlungen begannen, und in dem Boote waren viele Wortführer, aber der Steuermann schwieg. Mit menschenfreundlicher Rede drängten sie die Schiffbrüchigen, ihr Leben zu retten und in das Boot zu steigen. »Wohlan, wollt ihr mit Mann und Maus elendiglich ersäufen? Die Fässer und Kisten werden uns nicht entgehen.« Der grauhaarige Holländer war ein beharrlicher Mann und weigerte sich, sein Schiff zu verlassen, denn er wußte, sobald er den Fuß von den Planken setzte, war die Schmacke herrenloses Strandgut. Die Mannschaft aber murrte laut und immer lauter. Dicht unter dem Buge stand die Nordstrandinger Schute. Tolke sprang auf die Ruderbank und verschwor sich bei St. Christian, dem Schutzpatron der Schiffer: »Bei dem Himmel und allen Heiligen! Wir kennen die See und die Tücke dieses Ortes. So wahr die Flut in vier Stunden kommt, wird sie das Schiff in vier und mehr Stücke zerschlagen.« Da meuterte die Mannschaft wider ihren Herrn, kletterte über die Reling und sprang in die Schute. Was konnte der starrköpfige Schiffer ausrichten wider Meer und Menschen? Als letzter setzte er den Fuß von den Planken, und in den eisgrauen Wimpern standen zwei Tränen. Groß war die Lustigkeit der Bootsleute, mit lautem Singsang griffen sie in die Ruder. Auch konnten sie nicht lassen, grinsende Blicke sich heimlich zuzuwerfen. Van der Huyts graue, schlaue Augen merkten wohl Unrat, aber zu spät. Nach kurzer Dämmerung lag die dunkle Herbstnacht auf dem Meere, und der Wind schlief ein. Nur die tote Dünung rollte hin und her wie ein Träumender, der auf seinem Lager sich wälzet. Der Deichgraf lud den Schiffer und sechs von der Mannschaft bei sich zu Gaste. Die anderen Berger zogen toll und wild vor Freude zur Schenke, um die Segnung ihres Strandes zu feiern. Auch berieten sie sich und beschlossen, bis zum Morgen wach zu bleiben und in der Frühe das Schiff, ganz und heil und mit seiner Ladung an Bord, zu bergen. Mitternacht war vorüber. Einige schliefen auf den Bänken, zwei schnarchten unter dem Tische, andere saßen und schrieben mit Kreide auf dem Tische und berechneten den Gewinn und eines jeden Anteil an der Beute. In der Vogtburg, wie die Leute mit scheelsüchtigem Spott das neue Haus nannten, lag van der Huyt in dem hoch geschichteten Federbette, die Sorge ließ ihn kein Auge zutun. Auch Edleff Wessel konnte keinen Schlaf finden. Eine heiße Unruhe war in seinem Geblüt und in seinem Haupte eine Hatz von vielen und widersprechenden Gedanken. Ettas Gestalt, wie sie das Kopftuch zurückstrich auf dem Wege, wich nicht von ihm, und ihre Rede kam wieder Wort für Wort. Einen jähen Entschluss faßte er und sprang aus dem Bette. Der wache Schiffer hörte seinen Schritt und griff nach dem Messer. Aber barsch hieß Edleff ihn aufstehen und weckte die Mannschaft. Gegen diesen, der in Seehundsjacke vor ihnen stand, murrten und meuterten sie nicht, sondern in Unwissenheit, was er von ihnen wolle, gehorchten sie seinem Befehl. Zu achten gingen sie die Dorfstraße hinab. In dem Bierhause war noch Licht, aber kein Lärmen drang an ihr Ohr. Edleff wandte sich nach hinten und sprach kurz: »Strandgut ist ehrlich Gut! Aber in diesem ist Tücke und Trug … Wohlan, wir wollen zur Nacht Schiff und Ladung bergen und nach Husum bringen … Die Flut ist gekommen und wird es flott machen.« Kein Wort ward mehr gewechselt. Kein Stern leuchtete am Himmel, als sie ins Boot stiegen. Dennoch fand Wessel seinen Weg durch die finstere Nacht und über das Wattenmeer mit seinem verschlungenen Labyrinth von Seegossen und Sandbänken. Ein leises Morgenwehen hauchte vom Westen her über das Wasser. Als sie die Segel gesetzt hatten, blähten sie sich, und der Kiel knirschte über den Sand. Bald strich die Schmacke auf der Schmaltiefe hin, und ihr Steven war nach Osten gerichtet. Ei, was waren das für Strandläufer, die bei Taganbruch auf dem Haffdeich hin- und her rannten und sich mit bei beiden Fäusten den Schlaf aus den übernächtigten Augen rieben? Die Sandplatt war leer! Es nützte nichts, daß sie sich gegenseitig der Trunkenheit beschuldigten und keiner seinen eigenen Augen trauen wollte. Die Schmacke war spurlos verschwunden! Und wo war die Schute? Da fing ein Fluchen und Wettern an bei dem Teufel und allen seinen Gefolgsleuten, und hinterdrein zeterten und zankten sie miteinander, denn jeder wollte böse Ahnung gehabt oder guten, aber ungehörten Rat gegeben haben. Wo war das Schiff? Mit seiner kostbaren Ladung an Bord, heil und unversehrt lag es am Husumer Bollwerk vertäut und schickte sich zum Löschen an. Van der Huyt war kein Knauser und schnallte die schwere Geldkatze auf. »Vogt, wie viel Bergelohn wollt Ihr?«, sprach der Schiffer. Und der Vogt: »So lange der Schiffsherr auf seinen Planken steht, ist keine Strandung nach unserem Recht … Ich war nur Euer Lotse.« »Gut, so will ich Euch an Lotsengeld tausend Gulden geben.« In schimmernden Stücken wurden sie bedächtig auf den Tisch gezählt. Und die Vogthand zögerte. Dann aber raffte sie mit jähem Entschluss und hastigem Griff den Lotsenlohn zusammen. Edleff segelte aus dem Hafen von Husum. Die vielen Stücke des gleißenden Metalls beschwerten ihm alle Taschen des Wamses. Der Wohlstand der Wessels hatte sich gemehrt in einer Nacht um mehr als fünf Jahre Zins und Wucher zu den Zeiten des Vaters. Edleff sagte sich, daß es ein gesetzliches Tun sei, dem kein Tadel etwas anhaben könne. An der Ladestelle im Sielzuge befestigte er die Schute und stieg an Land. Viele, völlig bewegungslose Männer standen am Ufer, und unter ihnen die meisten Gesellen der gestrigen Strandfahrt. Keiner rührte ein Glied oder redete ein Wort, nur die Augen rollten und richteten sich auf jenen. Edleff sah den verbissenen Grimm der Gesichter und den grollenden Gruß der Augen, und wie zum Gegengruß legte er die Hand auf das Dolchmesser, welches er stets an der Seite trug. Kalt war sein Blick, wie eine Besichtigung, und sehr langsam und fest das Aufsetzen seiner Füße beim Vorüberschreiten. Droben auf dem Deichkamme aber stand eine Gestalt mit flatterndem Gewande. Es war Etta, und er meinte, den herzigen Gruß ihrer Augen sehen zu können. Hoch hob sich sein Haupt, und das Westlicht flutete über sein Antlitz. Eine wunderbare Weichheit und Helle war darüber ausgegossen. Zu drei Malen hatte die auf dem Deiche ihm zugewinkt. Das sollte ihr Dank sein dem Sieger, der sich selbst besiegte. Bald aber ging er vornüber gebeugt wie ein Belasteter, denn das Gold im Wamse beschwerte ihn beim Gange. Ein Flachboot lag an der Ladestätte und entlud sein Stückgut. Zwei Männer trugen einen leeren Sarg vom Verdecke und setzten ihn auf den Strand. Dann kehrte einer zurück und brachte ein anderes Bettlein, eine Wiege, die er oben auf den Sarg legte. Mit dieser zwiefachen Last wateten sie durch den Sand und die Höhe hinan. Tolke aber schielte nach ihnen und ihrer Bürde und schlich sich von dannen. Sönke, der Lebende, hatte für die letzten Stücke seiner Ersparnis sich den Sarg aus Husum mitbringen lassen. Denn er hatte mit dem Kopfe genickt und gesprochen: Diese Truhe soll mein Totenbett sein, und darinnen will ich schlafen von nun an bis zum letzten und längsten Schlafe. Die Wiege aber? Sie war bestimmt für Almas Kind. In diesem Bettlein sollte Sönkes Urenkel seinen ersten Schlaf tun und seinen ersten Traum träumen. Von eben denselbigen Tagen an tat Klaus Rickmers keine Kleiarbeit mehr, sondern predigte nur. Und wenn er in höchster Verzückung dastand, ward er plötzlich bleich wie der Tod und ein Blutsturz brach aus seinem Munde. Er konnte aber den Leuten vorher künden, zu welcher Stunde er bluten werde. Auch hatte er aus Hesekiel am sechzehnten eine Weissagung wider Sodom aufgestellt und vermaß sich, aus Daniel am letzten die Wochen und Tage zu wissen, und daß der große Gerichtstag und der Untergang der Welt kommen werde am letzten Sonntage vor dem Advent dieses selben Jahres. Auf seine Worte hörten mehr Leute als auf Boethius' Predigt. Ja, an diesen, den Kleier, weil er predigte und blutete, glaubten sogar einige, so daß sie anfingen, verwunderlich sich zu gebärden mit Beten und Händeringen. In der Dachdeckerhütte lag Sönke in seinem Sarge und schlief. Hinten am Herde beim Scheine des Kienspans beugte sich Alma über die Wiege, darinnen ein Kind lag. Es ihr Kind; das unter ihrem Herzen geruht hatte, und sie lächelte mutterselig. Dann setzte sie ihm das fertige Häubchen von Linnen, auf dem nach Nordstrander Sitte ein Kreuz von schwarzem Tuche genäht war, auf das Köpfchen und zog die Stirnbänder immer fester und fester. Denn man sagte, daß solchen, welche später seekrank geworden, die Bänder nicht eisenfest genug gewunden worden wären. Und das Kindlein weinte. Alma legte es an die Brust, koste und flüsterte: »Ei, du sollst mir nicht bleiben auf diesem bösen Strande, sondern wirst als ein starker Schiffer fahren auf freiem Meere … Darum darfst du nimmer seekrank werden … Warte nur, du Schalk, der Jahre zwanzig noch, dann ziehest du auf eigener Schmacke von hinnen, weit, weit, wo kein Nordstrandinger je gewesen, und deine arme Mutter wirst du mit%%% dir nehmen …« In dem Kinde erträumte die Mutter ihren Trost. Die Sakramentsschänder Wenn man ins glimmende Feuer bläst, schlägt die züngelnde Flamme empor, wenn man ins Hellodernde heftig stößt, stiebt ein sprühender Funkenregen nach allen Seiten. In der Mehrheit derer, die zum Kirchspiel Westerwohld gezählt wurden, glomm es lange gegen den Pastor und Kirchherrn, und es waren Bläser und Ohrenbläser genug im Dorfe, die anzufachen verstanden. In Tolke und seiner Sippe aber lohte eine brennende Glut, in die es wie mit zwickender Zange hinein fuhr, so oft sie ihren vermeintlichen Widersacher sahen. Die von ihnen ausgesprühten Funken flogen auf allen Wegen und allen Warfen. Sie entzündeten ein Feuer der Feindschaft wider Boethius, und Tolkes breite Lippen spieen Gift und Galle wider den Mann, der ihm den Tod des Ersäufens im schändlichen Wasser an den Hals gewünscht haben sollte. Bei dem jungen Kirchspielvogte, zu dem sie seines Amtes wegen kamen, fanden sie kein Gehör. Jener schroffe Blick, vor dem sie sich fürchteten, wies sie ab, ehe sie zu Wort kommen konnten. Aber sie machten eine Verschwörung und ritten zuhauf zum herzoglichen Staller, damit die Menge ihrer Zahl der Anklage das etwa fehlende Gewicht verleihe. Schon am vierten Wochentage nach jenem Erntedankfeste hielt der Kirchspielvogt ein Schreiben in Händen, das der Läufer des Stallers gebracht hatte. Er erbrach es, und seine große, muskelstarke Hand zitterte merklich. Der Herr von Bestenborstel war ein wort- und schreibkarger Mann. Er verwies auf das letztlich erlassene Reskript des Herzogs Friedrich von Gottorp, welches besage: Es wird den Predigern auferlegt, das abscheuliche Hexenwerk öffentlich in ihren Predigten verhaßt zu machen. Wer sich aber mit Zauberern und Wahrsagern abgibt, der soll im gelinden zu öffentlicher Kirchenbuße, im gestrengen zu harter Einkerkerung verurteilt werden! Wie es sich in diesem Stücke mit dem von Westerwohld verhalte, und ob er eine Wahrsagersche und Hexe zu öffentlichem Ärgernis in seiner Pastorei beherberge? Derhalben sei stracks zu berichten. Des Stallers Läufer trug kein Antwortschreiben, wohl aber etwas andres heim, denn viele neugierige Augen hatten ihn gesehen und viele gastfreie Hände ihn von der Dorfgasse hereingenötigt. Auch lief er nicht, sondern kreuzte langsam hin und her, als solle er die ganze Wegbreite zwischen den Gräben ausmessen. Von jeher kamen Kirchspielleute, die ein Geschriebenes aufgesetzt haben wollten, mit%%% ihrem Anliegen zum Pastor, und er hatte keinem etwas verweigert. Heute aber begehrte ein Mann Schreiberdienste von ihm, der es nimmer getan. Verlegen drehte Edleff die Mütze, und fast wie ein stotternder Schulbube, der vor seinem Bakelmeister steht, brachte er die Worte hervor: »Meine Finger haben den Zitterkrampf … Wollt Ihr für mich die Feder führen und auf diese Schrift die rechte Erwiderung aufsetzen?« Boethius stutzte und griff verwundert nach dem hingehaltenen Briefe. Seine Augen glitten von unten, von der Unterschrift aufwärts. Edleff sah, wie sein Gesicht erblaßte und dann fahlgelb wurde. Über die Lippen kam ein barsches Nein. Diesem Manne verweigerte er den Dienst. Aber derselbe sprach ohne Kränkung: »Tuet Ihr, Herr Boethius, Eure Rechtfertigung, und ich will meinen Namen darunter setzen.« »Nein, der Herr ist mein Richter und meine Rechtfertigung, tuet Ihr, was Eures Amtes ist!« Aber der starrköpfige Vogt ging nicht, sondern wie ein demütig Bittender blieb er stehen vor dem Pastor. »So beschwöre ich Euch, daß Ihr die Jungfer von hinnen aufs Festland führet, daß sie eine Weile bei ihrer Verwandtschaft Unterstand finde, bis dieser erste Sturm beschwichtigt ist!« Das dritte Nein war das schroffste. »Trutz ihrer Verlästerung und Bosheit, die Maid wird bleiben!« Als Boethius allein war, sank sein Haupt schwer auf die Brust, und er murmelte: »Der Kirchherr soll Kirchenbuße tun … Es ist nur ein kleiner Schimpf gegen die Dornenkrone … Und wenn ich ins Stockhaus geworfen würde – was ist es dem Diener, dessen Herr gekreuzigt worden?« Auf der Diele standen Etta und Edleff Angesicht zu Angesicht eine winzige Weile, und sie sagten kein Wort. Aber man sah, daß ihre Seelen sich umschlungen hielten und ihr Geschick sich entschieden hatte in dieser Stunde. Auch Hertie mochte es gewahrt haben, denn sie schmiegte sich an Etta und hauchte: »Nun weiß ich … nur der Tod wird euch scheiden.« Weissagte das Mägdlein? Ihr Blick war klar und auf ihrem Antlitz ein Strahl, als sonne sie sich im Liebesglück einer andern. An diesem Abend stand der Vogt auf dem Dinge, hochgereckt und zornblitzend, als würfe er allen den Fehdehandschuh hin. »Wer Anklage erhebt wider den Pastor Boethius, daß er eine Wahrsagerin in seinem Hause und selbst teilhabe an ihren Künsten, der trete vor, und ich, Edleff Wessel, will ihm Rede stehen!« Kein Glied regte sich, um die Fehde mit diesem aufzunehmen, und es war so stille, daß man deutlich hörte, wie die welken Blätter der Dorfesche nieder rieselten. Später gewannen Tolke und Tedje die Sprache wieder und schrieen durch alle Schenken, daß, wie in der Bibel zu lesen von Herodes und Pilatus, Vogt und Pastor Freunde geworden seien in diesen Tagen, und daß auf dem Nordstrande schlechterdings kein Recht zu finden sei für gemeine Leute. – Die Menschen sagen der Zeit böse Dinge nach, die frohen tadeln ihren flüchtigen Lauf, und die leidvollen schelten ihren Schneckenschritt. Dennoch ist nichts gesetz- und gleichmäßiger als sie. Die Jahre schreiten mit ihren großen, gleichen Riesenschritten dahin, einerlei ob es die Jahre des dreißigjährigen Krieges oder des tausendjährigen Friedens gewesen sein mögen. Und die flinken Wochen trippeln den vorgeschriebenen Weg und machen mit derselben Gesetzmäßigkeit ihre kurzen Tritte – die Stunden. Dann sind sie am Ziele und gehen zu ihrer Ruhe. Diese Woche hatte noch sechs kurze Schritte zu tun, dann durfte sie nach der Unruhe ihrer Zeit ausruhen in der Ewigkeit. Man schrieb den zehnten des Weinmonats, und es war um die fünfte Stunde des letzten Wochentages. »Der dritte Samstag vor Allerheiligen!«, murmelte der Westerwohlder, welcher nach diesem Tage seine Zeit zu rechnen schien. Eine unruhevolle Woche war es gewesen, und noch heute lag ihm ein sonderbares Unstetsein in allen Gliedern, daß er bei keinem Werk bleiben konnte. Warum war ihm dieser Samstag nicht wie sonst ein kleiner Vorsabbat, den er mit stillem Sinnen über seine Predigt hinbrachte? Seine Gedanken wollten sich nicht schwichtigen zu jener tief innerlichen Ruhe. Darum nahm er gegen alle Gewohnheit dieses Tages seinen Hut und ging ins Freie. Auf dem Friedhofe schritt er hin und wieder zwischen den Gräberreihen. In Trübnis und Unfriede ziehet es den Menschen zu den Toten als zu denen, die keinen Kampf mehr haben, daß er sich sehne nach Frieden und träume von seiner rückständigen Ruhe. Lange stand Boethius über dem Leichensteine, welcher die Inschrift trug: Hier ruhet Gunne, die mit ihrem Manne fünfundzwanzig Jahre ohne irgend welchen Streit oder Klage gelebt hat. Dort war Raum gelassen neben seinem Weibe für ihn. Ach, deren Seelen eins gewesen sind im Leben, die wollen auch im Staube beieinander sein. Der starke Mann war so sterbensmüde und ruhesüchtig. »Balde, balde!«, murmelte er. Seines Weibes Gestalt stand lebendig vor ihm, die Gewißheit des Wiedersehens stärkte ihn in dieser Stunde. Dann kam aber wie ein plötzliches Gesicht der Nacht der Gedanke und ängstigte ihn: Ob unser sterbliches Teil ruhen darf beieinander? Ob unsere Gebeine nicht verspült werden von der Flut? Und ein Grauenhaftes dünkte es ihm wie ein erstickender Zweifel, als wäre sein Auferstehungsglaube wankend geworden. Von den Gräbern entwich er. Die Stiege klomm er hinauf in den hölzernen Glockenturm, daß er die Erde und ihren Tod hinter sich lasse und höhenwärts käme und den Himmel schaue. Finsternisschwere Wolken zogen auf im Westen und Süden, aber der Wind ruhte. Boethius schaute über das Land und die Lebenden. Drunten lag es, das fruchtbare, noch immer grüne Tiefland, die Krone und Kraft der friesischen Uthlande, sein Heimats-Eiland, sein vieltreues, und rings darum der Kranz seiner Halligen und jenseits derselben der glänzende Schaumgürtel der Brandung. Dort zu seinen Füßen lag es mit seinen zwanzig Gotteshäusern – und wo war die Furcht Gottes bei diesem Geschlecht? Mit seinen mehr als 8 000 Seelen – wie viele hatten eine Seele, eine gerettete, todentnommene Ewigkeitseele? Und drüben die finstere See, als brüte sie heimtückisch in ihrem Groll! Tiefer wurden die Schatten. Die Düsternis schlich sich über ihn. Schon saß die schwarze Nacht in den Winkeln des Turms. Er stieg die Leiter hinab und nickte und murmelte: »Warum streicht die vorsichtige Krähe zum Festland? Warum flüchtet die ahnungsvolle Seemöwe ans Ufer und klammert sich an die Warf?« Als er seine Haustür öffnete, wetterleuchtete es im Westen. Aber kein Donner, den die Menschen Gottes warnende Stimme nennen, hallte durch diese Nacht. Das Herdfeuer war ausgelöscht worden, wie es bei Gewittern stets geschah, nur ein Kienspan qualmte trübe. Bald stand die Diele in tiefster Finsternis und dann in gelblichem Feuer. Diese grellen, geräuschlosen Blitze hatten etwas Unheimliches. Karl Heimreich und Hertie hockten in einer Ecke wie zwei gewitterbange Kinder. Immer heftiger zuckte sie zusammen, und immer näher schmiegte sie sich an ihn. Zuletzt ruhte ihr Haupt fast an seiner Brust. Er faßte ihre Hand und flüsterte: »Fürchtest du dich, Hertie?« »Nein, mir ist wohl, als wäre ich für alle Zeiten geborgen.« »Sehr groß ist die Dunkelheit, daß die Finsternis in Ägypten nicht ärger gewesen sein kann …« »Aber bei den Kindern Israel war es licht, und sie gingen aus dem Frondienst in die Freiheit.« »Viele mußten sterben um ihretwillen … Ach, Hertie, ich wollte, diese Nacht wäre vergangen!« »Vergehen wird die Nacht und kommen der Tag, wo alle Finsternis gewichen und alle Fesseln gefallen und wir frei sind, Karl Heimreich!«, sprach sie zu ihm empor, und der Blitz beleuchtete ihr Antlitz, das von prophetischer Gewißheit erstrahlte. Das Wetterleuchten hörte auf in dieser Nacht vom zehnten auf den elften Oktober. Nur die ägyptische Finsternis blieb liegen auf dem ganzen Nordstrande, so schwer und dicht, wie Augenzeugen bekunden, daß man es mit den Händen hat greifen können, so schwarz und schreckhaft, daß ein beherzter Mann wie Boethius aufstand und das Licht anzündete. Schlaflos verbrachte er die lange Nacht, aber ohne Frieden zu finden, und wie eine Furcht blieb es in seinen Gebeinen. In der Tagfrühe trat er vor das Haus und blickte gen Himmel. Die Sonne des elften Oktobers stieg blutrot hinter Eiderstede auf und beschien und beschaute noch einmal das große Eiland, darinnen viel Volks war in seinen Häusern, dazu auch viel tausende von weidenden Tieren auf seinen Triften. Alle Kreatur und was einen lebendigen Odem hatte, begann sich zu regen. Aber die Sonne verbarg sogleich ihr Antlitz hinter Wolken, und vom Himmel fiel es wie einzelne Tränentropfen. Dann zog es immer schwärzer über Westerwohld auf, die Schleusen von oben wurden aufgetan, und der Regen goß in Strömen hernieder. Noch einmal läuteten alle Glocken auf dem Nordstrande zum Gottesdienste. Die spärlichen Kirchgänger sammelten sich unter den Altären des Höchsten und stimmten ihr Loblied an »Allein Gott in der Höh' sei Ehr«, während der Regen niederschlug und der Donner über ihre Häupter hinrollte. Boethius stand auf der Kanzel und übersah die wenigen Zuhörer. Tolke, Tedje und noch etliche von ihren Leuten waren gekommen und saßen beieinander auf einer Bank. Er merkte ihre Angst wohl, und daß sie auf seine Worte lauerten, um sie zu verdrehen und neue Verlästerung wider ihn zu finden. Sein Text war das sechzehnte Kapitel des Hesekiel, dasselbe, aus welchem Klaus Rickmers seine Weissagungen wider Sodom ausgeklügelt hatte, über welches falsche Propheten hergefallen wären, und davon er der Gemeinde eine rechte Auslegung geben wolle. »Friesland, Friesland, wie hat der Herr sich deiner erbarmet und aus dem Wasser dich gezogen und zum festen und fruchtbaren Lande dich gemacht, daß deinesgleichen nicht zu finden ist in diesen Königreichen. Nordstrand, Nordstrand, du bist gewachsen und groß geworden und aller Eilande Haupt und Kron'. Deine Truhen sind voll Gold und Silber, Leinewand, Seide und Gesticktem. Gezieret warst du mit allem Schmucke und gesegnet mit jedem Erdengute. Aber du hast dich verlassen nicht auf den Herrn, der dich erschaffen hat, sondern auf deine Schöne und deine Kraft, und du hast Buhlschaft getrieben mit jeder Sünde.« Der Pastor von Westerwohld kam auf ihr Buhlen zu sprechen und ihre Sünden wider das sechste Gebot. Ihrer sei viel wie Sand, und ihr Unflat größer, denn aller Schlick und Schlamm, der rings um Friesland her lagere, daß nicht die Westsee mit ihrer beißenden Salzflut, noch auch des Weltmeers Gewässer eine Lauge dawider sei und den Unflat von ihnen abwaschen könne. Tolke duckte den Kopf, er ertrug nicht den flammenden Blick, der auf ihm haftete. Da strafte Boethius ihn in aller Öffentlichkeit von der Kanzel herab, und gleich einem Bannstrahl schleuderte er die Worte gegen ihn: »Tolke von Olufswarf, ich klage dich an, daß du einem Weibe dieser Gemeinde Schmach angetan hast! Unter vier Augen habe ich dich brüderlich ermahnet, ob nicht diese böse Tat dich gereuen und du umkehren möchtest von deinem Weg und Willen. Aber du hast nicht gewollt! Es stehet geschrieben: Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen, und welchen ihr die Sünden behaltet, denen sind sie behalten. Kraft meines Schlüsselamtes und kraft der Gewalt, die mir gegeben ist, zu binden und zu lösen, übergebe ich dich, Tolke von Olufswarf, dem Satanas zum Verderben deines Fleisches, daß du ausgetan sein sollst von der Gemeinde Gottes und ausgeschlossen von seinem heiligen Nachtmahl, bis daß du reuig geworden und aufrichtige Buße getan hast!« Der mit dem Banne Belegte und zur Kirchenbuße Verurteilte tat nicht den Mund auf, sondern biß die Lippen zusammen, und man hörte das Knirschen seiner Zähne. Die Kirchgänger verliefen sich. Der Regen hatte aufgehört, nur der Donner grollte in der Ferne. Noch war Windstille, und die Blätter regten sich nicht, sondern hingen in greisenhafter Ruhe, schlaff und herbstmüde an den Bäumen. Boethius hatte das Tischgebet gesprochen, aber rührte die Speise nicht an. »Was ist mir, daß ich nicht schlafen noch essen mag?«, sprach er. Und dann: »In den tausend Häusern dieses Eilandes setzen sie sich jetzo nieder am Herde und um den Tisch, aber wie viele sind unter den Tausenden, die mit Danksagung ihr täglich Brot empfangen … Und wer gedenket dessen, daß es seine letzte Speise sein könnte?« Auf Olufswarf war schwüle Luft und das Gesicht des Herrn ein Gewitter, welches nach Anlass suchte, um loszuprasseln. Obgleich Tolke keinen Hunger hatte, schrie er nach seinem Essen. Und da es auf dem Tische stand, nannte er das gekochte Huhn ein zähes Leder und die Vorsiedung eine versalzene Gerberbrühe. Wütend schalt er die Magd mit unsäuberlichen Worten, setzte die Schüssel auf den Fußboden und pfiff dem Hunde. Dieser, ein großes, sehr betagtes und häßliches Tier mit ergrauter Schnauze und blöden Augen, schnupperte an der Schüssel und wollte mit eingeklemmter Rute eilig von dannen, denn er witterte den Zorn des Herrn. Da kam die Entladung: »Verdammtes Vieh, ich will dir gut sein!« und zugleich ein so gewaltiger Fußtritt, daß der Hund hinstürzte und in Zuckungen sich wälzte. Er litt außer an Gicht und Altersgebresten auch zuweilen an Krämpfen und war von allen unvernünftigen Kreaturen der älteste Hofinsasse, der als Achtwochensäugling vor nunmehr sechzehn Jahren von Tolke vom Tode des Ersäufens errettet und mit heimgebracht worden war. Wahrlich, selbst dem Manne von Olufswarf war die Reue nicht ganz fremd – er beugte sich nieder und streichelte den Hund. Was noch an menschlicher Herzregung sich in seiner Brust verkrochen haben mochte, war diesem räudigen Tiere zugetan. Dennoch polterte er bald von neuem und suchte Anlass zum Streit mit dem Gesinde. In der Küche wetterte er gegen die Jungmagd, im Hofe schleuderte er mit dem Fuße eine Schaufel, die ihm nicht einmal im Wege stand, so weit und so ungeschickt, daß sie eine tönerne Butterschüssel in Scherben schlug. Über den Knecht, den alten und grauköpfigen Henning, welcher schon seinem Vater gedient hatte, ging es am unglimpflichsten her. Mit rohen Püffen traktierte er ihn, daß er laut zeterte. Tolke hielt inne und besann sich. Nach einer Weile sprach er: »Halte dein Maul, du krächzende Eule, krieche in deine Federn und bleibe im Bette heute und morgen … Sage der Magd nicht, daß ich dich schlug, aber daß du von Krankheit, von Bauchgrimmen oder Gliederreißen oder besser noch vom bösen Herzwurm befallen seiest … Verstehest du?« Henning ging schmunzelnd in die Kammer und legte sich stracks auf das Ohr. Der alte und stumpfe Knecht achtete Schlafen köstlicher sogar als Essen und Trinken. Seine einzige Sonntagsfreude war ein ununterbrochener Nachmittagsschlaf, dem er nunmehr auf Befehl seines Herrn frönen konnte. Was hörte er von dem Liede, welches die Westsee mit dumpfem Brausen anstimmte! Wie ein majestätisches Rauschen ging der Sturm in seinem ersten Stoße durch das Land, und die Bäume neigten sich tief vor dem Gewaltigen der Luft. Aber bald mischten sich häßliche Mißtöne in die Melodie des Blasenden. Scheußlich pfiff der Wind um die Häuser und durch die Schornsteine herab, ein hohles Heulen tönte von der Gasse herauf. Nachmittag war's, und zum vollen Sturme hatte der Südwest sich entfesselt. Auf Olufswarf horchten die Mägde und sperrten die Türen zu. Schlief Tolke? Nein, Tedje und andere Freunde und Tröster waren gekommen, um dem in den Bann getanen Sünder ihr Beileid auszusprechen und zu seinem Troste einen Trunk mit ihm zu tun. Sie zechten, lärmten und schrieen, daß sie nicht hörten den Aufruhr der Lüfte, noch die laute Stimme des Windes. Immer wüster ging es her auf Olufswarf, und in Stube und Pesel wurde ein so wildes Wesen mit Flüchen und gotteslästerlichen Reden laut, daß die Feder es nicht sagen noch schildern will. Ängstlich schlich sich der Hund dazwischen, legte sich in einen Winkel und winselte, denn er war krank, und die Gicht plagte ihn. Das sah Tolke und fühlte etwas wie ein wirkliches Erbarmen mit dem Tiere: »Ei, du alter und elender Kerl, das Gliederreißen hat dich befallen … Ha, ha, dich wollen wir warm betten!« Sogleich schlug er die Alkoventür auf und riß das Federbett zurück, hob mit den Armen das große Tier empor und warf es auf das weiche Pfühl. Dann deckte er den Hund zu, welcher das Wohltuende der Wärme zu spüren schien, auch ganz stille lag wie ein Mensch und nur die Schnauze hervor steckte, um nach Atem schnappen zu können. Immer neues Getränk brachte Tolke, daß alle schon um die fünfte Stunde wie toll sich gebärdeten. Mitten im bänglichen Wüten der Elemente der trunkene Wahnsinn dieser Menschen, ihr rohes Gespött und ihr wieherndes Gelächter! »Die Pest dem Pastor!«, brüllte er mit dröhnendem Faustschlag. Und als wären seine Sinne nur dieses einen Gedankens noch mächtig, schrie er es immer wieder, und die Genossen lallten es ihm nach: »Die Pest dem Pastor!« Der pfeifende Wind ist zum gellenden Sturm geworden, und ein Stoß trifft das Haus, daß es in seinen Grundfesten zittert. Tolke schwankt auf den Füßen, und seine Glotzaugen haften am Alkoven, als müsse er sich besinnen, wer darin liege. Über sein gedunsenes Gesicht geht ein Grinsen. »Ha, ha, ha!« Der von Olufswarf schlägt eine kreischende Lache auf und stürmt hinaus und über den Hof, und noch immer lacht er wie ein Wahnwitziger oder wie ein Teufel. Im Stalle drehen die Pferde die Köpfe und wiehern, denn ihre Vesperzeit ist gekommen. Ihr Pfleger, der alte Knecht Henning, liegt in seinem Bette und schnarcht. Zurück rennt Tolke, und sein Atem fliegt. Wie von Schreck ernüchtert, ringt er die Hände und ruft der Jungmagd in der Küche zu: »Henning ist plötzlich vom Herzwurm betroffen worden, und es gehet zum Letzten mit ihm! Dirne, eile zum Pastor, so schnell dich deine Füße tragen … Ein Todkranker auf Olufswarf begehre seiner, um berichtet zu werden und das Sterbesakrament zu bekommen.« Drinnen im Pesel, inmitten der Kumpane, lacht Tolke wiederum: »Die Pest dem Pastor! Trotz den Rungholtern wollen wir dem Bannmeister einen Tort antun, daß der bissige Hund das Bellen verlerne.« Die Jungmagd bindet ihr Kopftuch um und geht. Atemlos erreicht sie die Pastorei und tut ihre Meldung. Boethius stutzt und hört der Magd Bericht und Begehr. Dann schreitet er zum Wandschranke. Etta umklammert ihn und fleht: »Gehet nicht bei dem grausen Wetter und nicht nach Olufswarf, mein Vater!« Fast unwillig löste er ihre Arme von seinem Halse: »Was Wetter und was Olufswarf! Wo immer man den Pastor ruft, muss er kommen und seines Amtes walten.« Er wirft sich in sein Predigergewand und nimmt das Gerät mit dem Heiligen. Etta faltet die Hände und tut einen Seufzer. Zu groß ist die Ahnung und die Angst ihres Herzens. Sie eilt hinaus und die Kirchwarf hinan, um dem Vater nachzuschauen. Nach Osten geht sein Weg. Er stemmt die Füße kräftig in den Grund, daß nicht der Sturm ihn verwehe und von hinten in den Graben werfe. Wie hilfesuchend schweift ihr Blick gen Himmel und dann über die Warfe der Menschen. Wer stehet auf der Vogtwarf drüben, nach dem Wetter ausschauend? Mit beiden Händen winkt sie dem Manne. Edleff Wessel, wie von Sturmfittichen von Warf zu Warf getragen, stehet bei ihr und hält ihre Hände. Er trägt sein Sonntagswams und statt des Dolchmessers den langen Stoßdegen an der Seite. Die Angstvolle neigt ihr Haupt, als suche sie Schutz bei ihm, und warm streift ihr Odem sein Gesicht. Des Windes Gewalt fährt daher und führt sie zusammen – einen kurzen, kleinen Augenblick. Dann wehrt sie ab und weist mit dem Finger nach Osten: »Schreckhaftes schwant mir … Edleff, bleibe bei meinem Vater, daß auf Olufswarf kein Leid ihm geschehe!« – Schon stürmt er davon, als flöge er vor dem Winde. Sie gehet ruhelos im Hause; eine zwiefache Sorge, um den Vater und um ihn, quält ihren Sinn. Dann sieht sie Boje, den Knecht, und befiehlt ihm, seinem Herrn nachzueilen und ihn heim zu geleiten. Der Pastor hat den Hof erreicht! Sieht er nicht die Tücke und Bosheit in Tolkes Blick, da dieser sich ungelenk verneigt und spricht: »Tretet näher, Herr Boethius!« Nein, sein Auge gleitet kalt über ihn weg, als wäre er nicht vorhanden. Erst in der Peseltür stockt sein Fuß, aber sein Haupt hebt sich in stolzer, gestrenger Würde, als er des Dorfes Zechgesellen und die Spuren des Gelages gewahrt. »Was führ mich in dieses Trinkhaus, wo ich zu einem Sterbenden gerufen worden bin?« »Nur gemach, Herr Boethius!«, wispert eine Stimme hinter ihm, »der Sieche, den Ihr berichten sollt, ist sorgsam im Alkoven gebettet worden.« Sechs Männer stehen bewegungslos im Kreise. Rasch tritt er an das Wandbett, schlägt die halboffene Tür zurück und spricht: »Henning!« Ein zorniges Zähnefletschen, ein heiseres Gekläff! Boethius fährt zurück, wie von einer Viper gestochen, und das Gerät entfällt seinen Händen. Man hört, wie Tolke eine wilde, wiehernde Lache aufschlägt, und dann das laute Gelächter der sechs Männer im Kreise. Boethius' Haar sträubt sich empor, sein Herz steht still, und zur Todblässe gerinnt sein Blut. Dann packt ihn ein wirbelnder Strudel, als wanke die Erde im Weltuntergange, und alle Stärke verläßt den Starken, Er wäre hingestürzt neben dem Ciborium, wenn nicht eine andere und übermenschliche Kraft ihn gehalten hätte. Mit einer Gewaltanstrengung seiner Seele reißt er sich aus der Starre und rafft eilig das entfallene Gerät vom besudelten Fußboden empor. In den weit vorgestreckten Händen das Heilige wie eine Wehr haltend, steht er vor Tolke, als wäre Satanas leibhaftig ihm erschienen, und wie ein Rächer oder Richter schleudert er ihm sein Urteil ins Gesicht. »Tolke, du hast Gott und sein Heiliges gelästert und die Sünde wider den heiligen Geist begangen, die weder in diesem, noch in jenem Leben vergeben werden kann! Fahre hin zum Gericht und zum ewigen Unfrieden! Dein Wurm wird nicht sterben und dein Feuer nicht erlöschen.« Draußen vor den kleinen Fensterscheiben taucht es flüchtig auf wie ein Menschenantlitz und verschwindet wieder. Im Pesel entsteht ein wildes Getümmel, man sieht geballte Fäuste und hört das Knirschen der Zähne. Tolkes Augen funkeln nicht mehr von Tücke, sondern von Mord, der nach Blut lechzt, und in seinem Wüten geifert er die Worte hervor: »Die Sündflut und das Höllenfeuer hat er auf uns gehetzt! Nun soll der Pfaff sterben!« Am Halse packt und würgt er ihn, die anderen stoßen von hinten. Aber der Kirchherr von Westerwohld ist ein starker Mann, der heftig mit ihnen um sein Leben ringt. Da wird die Tür von einem Fußtritt aufgestoßen. Einer mit entblößtem Degen – der Kirchspielvogt Edleff Wessel steht mitten im Pesel. Die sechs Männer werden bei seinem Anblick bewegungslos, als wie zuvor. Nur Tolke rast weiter und sucht den Pastor zu werfen. Eine herrische Stimme donnert durch das Gemach: »Halt ein, oder ich schlage!« Tolke aber fährt auf seinen Gegner mit weit ausgeholter Faust. Ein Zischen und Blinken zuckt durch die Luft. Der Vogt hat geschlagen und nach dem Haupte gezielt, aber nur die Haut der Schläfe getroffen und einen Zipfel vom rechten Ohr ihm abgehauen. Wie ein verwundetes Raubtier brüllte Tolke, lugt scheu hinter sich und flieht feige in einen Winkel, wo er sich in einen Stuhl wirft. Dann preßt er stöhnend die Hand gegen das Ohr und knirscht vor Grimm: »Warte, Vogt, das sollst du mir bezahlen!« Eisig gleitet Edleffs Blick über ihn und seine Genossen, und höhnisch antwortet er: »Gewiß, ich will zahlen! Ein schlechtes Ohr, wie dieses, welches nicht hören wollte, werden fünfzig Mark lübsch aufwägen, denn es stehet im Landrecht: Wer Fäuste hat, mag schlagen, und wer Geld hat, soll zahlen!« Der Vogt sprach's, faßte den Pastor am Arme und führte ihn hinaus. In der Küche stand Boje, zitternd wie Espenlaub, und war Zeuge des Vorganges gewesen. Jetzt stob er von dannen, denn er fürchtete sich vor dem entblößten Schwert und lief nach der Pastorei. Edleff fragte kurz: »Soll ich Euch sicher heim geleiten, Boethius?« Und kürzer noch kam es zurück: »Nein, ich habe mein Geleit!« Alsdann sehr leise wie ein furchtsames Anklopfen: »Und sonst hättet Ihr mir nichts zu sagen, Boethius?« Die Antwort lautete: »Ja, noch eins … Stecket das Schwert ein! Wer hieß es Euch ziehen, wo Ihr mit den bloßen Händen hättet helfen können? Euer Wille war gut, Ihr habt mir Beistand geleistet in Gefahr des Leibes, aber Euer Werk kann ich nicht loben, denn um eines Haares Breite hättet Ihr einen Totschlag begangen.« Das war des Kirchherrn Dank. Und die beiden gingen voneinander. Boethius wandte sich zur Rechten und der Vogt zur Linken. Bald aber lenkte dieser um und folgte jenem aus der Ferne, denn er sollte dieselbe Straße nach seiner Warf, und er sah, wie der Pastor mit großer Anstrengung gegen den Wind sich stemmte. Edleff hielt den Kopf gegen den Sturm und blickte nach den Wolken. Wehe, er war nach Nordwesten umgesprungen! Dieses entsetzliche Gebrause war nicht mehr Wind und nicht mehr Sturm, sondern der voll entfesselte Westorkan, der gellend durch die Lüfte fuhr, als wäre ein böses Geisterheer vom Himmel losgelassen auf die zitternde Erde. Über das Flachland fegte er hin, die Bäume entwurzelnd und die Strohdächer hinweg tragend. Und das donnerähnliche Getöse von draußen, welches den Orkan überhallte? Das waren die rollenden, stürzenden, brechenden Wogen der in ihren Tiefen aufgewühlten See! Da war der blanke Hans, der brüllend Sturm lief wider die Deiche! Edleff lauschte, er hatte noch feste Zuversicht zum neuen Haffdeiche, aber der trutzige Zug auf seinem Gesichte entwich. Langsam näherte er sich der Mitte des Dorfes und sah, wie der Mann im langen, flatternden Priestergewande mühsam zur Kirche hinauf klomm und in der Kirchtür verschwand. Warum ging der Vogt über die Kirchwarf und den Friedhof, da er doch anderen Richtweg hätte wählen können? Dicht an der östlichen Mauer entlang, welche Schutz vor dem Sturme gewährte, glitt seine Gestalt und blieb dann stehen unter der Sonnenuhr an der Mauer, dort, wo die Warf am höchsten war. Wollte der ungesehene Geleitsmann hier Wache halten, oder wartete er auf den, der ins Gotteshaus gegangen war? Boje hatte die Pastorei erreicht. Von ihm erfuhr Etta das Geschehnis auf Olufswarf, wie sie den Herrn Boethius vergewaltigt und gewürgt hätten, und daß der Vogt mit seinem Schwerte dreingeschlagen und den Mord gehindert habe. Wie wurde ihr beim Anhören dieser Kunde? Wohl zitterte sie um den Vater, und ihre Wangen erbleichten, denn so Gottloses und Grausiges war noch nicht an ihr Ohr gedrungen. Aber Edleffs rasche, rettende Tat, und wie er vortrat in seinem edlen, mannhaften Zorn – das nur blieb vor ihr stehen und wischte gleichsam alle Schrecknisse hinweg. Heiß stieg es aus ihrem Herzen empor und rötete ihr Gesicht, und leuchtend lag es in ihren Augen. Ihr war heute die frohe, Friede bringende Botschaft ihres Lebens gebracht worden von diesem Knecht. Und wie eine jauchzende, zukunftsgewisse Melodei klang es in ihrer Seele, daß jetzo die Scheidewand gefallen und Weg sei zwischen ihren Warfen, zwischen ihm und ihr. Nun hatte Boethius' Tochter erst recht keine Ruhe im Hause mehr. Ach, wie der Sturmwind toset und das Meer donnert! Aber warte nur, es muss enden mit Sonnenschein, und alles wird gut und ganz still werden. Auf dem Vorplatze stand Etta und schaute nach dem Vater aus, wo er wohl bliebe; und der spähende Blick gewahrte den Schatten eines Mannes, der an der Kirchmauer lehnte. Wessen war die hohe Gestalt? Ihr Ahnen sagte es ihr, und sie gehorchte seinem Flüstern, lief die Warf hinab und dann bergan. Nun erkannte ihr Auge ihn, und alles, was in ihr war, flog ihm entgegen mit zwingender Gewalt, bis er sie in seinen vorgestreckten Armen auffing. Dort ruhte sie lange ohne Wort und Willen … Überall war Unruhe und alle Welt in Aufruhr und Angst. Aber hier war Friede und eine stille geborgene Stätte, denn an dem starken Gemäuer brach sich das Unwetter. Edleff strich ihr das wirre Haar: »Etta, du Edle und Einzige, du Starke und Süße! Sagte ich dir nicht, es würde dich hinwegraffen, wie ein Orkan ein Schifflein von seinem Ankergrunde reißt, und hinweg tragen zu mir … Und nun bist du zu mir gekommen, du meine starke Sturmbraut!« »Mein Edleff, nichts mehr wird uns scheiden …« »Nein, ob alle Welt dagegen wär', du sollst mein Weib sein, und ich will dich halten wider jegliches, stünde es mit der Hölle oder dem Himmel im Bunde.« »O schweige, mein Liebster!«, flehte sie, »du hast Gewalt gewonnen über meinen Vater … Denn warst du nicht sein Schirmer, der sein Leben vom Tod errettete? Nun muss er uns segnen, und du wirst sein Sohn sein.« Edleff schwieg, er wußte es besser. Heiß und heftig umschlang sie ihn: »O, rede, mein Liebster, und sage mir, wie lieb du mich hast!« An der Kirchmauer verhallte im Sturm ihr kosendes Flüstern. O, diese Minne, die mächtiger ist als der Mensch! Wer entzündet sie? Von wannen strömt sie? Und wo ist ihr Urquell, in der Ätherhöhe droben oder in der Abgrundtiefe drunten? Etta und Edleff gaben sich völlig weltentrückt dem Augenblicke hin. Sahen sie nicht die vom Nordwest gehetzten Wolken, welche wie dräuende Schicksalsboten über ihre Häupter hinflogen? Hörten sie nicht das Brüllen des Meeres, das auf Springflut stand? Die beiden sahen und hörten nichts mehr. Nur schaute jeder des andern verzücktes Antlitz, und die Blicke tauchten immer tiefer ineinander. Über das Kirchendach pfiff der Wind wehklagend herab, und um die Ecken heulte der Sturm, häßlich und höhnend. Drinnen vor dem Altare lag ein Mann auf den Knien. Müde war er, ermattet von diesem steten Gegenangehen wider Sturm und Strom, müde von dem fruchtlosen Werk seines Lebens. Seine Seele war bis in die Tiefen erschüttert und seine Kraft wie gebrochen von dem, was man ihm heute getan. All sein Leben dünkte ihm nutzlos und nichtig, eitel und elend. Wo war seine Stärke? Zerschmolzen wie Wachs, verschüttet wie Salz, das nichts tauget! Wie ein todmüder Mann klagte er: Es ist genug. Herr, mehr als genug! Und er bat, daß seine Seele stürbe. Aber ein Engel stärkte ihn. Dieser elende, unmächtige Mann, der zerschlagen und zermalmt vor den Altären seines Herrn lag, fing an zu reden und zu ringen mit seinem Gott. »Der du bist ein eifriger Gott und im Wetter einherschreitest, bald wie ersäufende Flut und bald wie verzehrendes Feuer, verschone dieses Meerlandes und verhalte den Weltuntergang und deine Gerichte! Ich, der ich Erde und Asche bin, unterfange mich zu reden mit dem Ewigen. Siehe, es möchten auf dem Nordstrande dreißig oder zwanzig oder zehn Sünder sein, die gerecht geworden sind durch den Glauben. Herr, Herr! Ich weiß zehne … Sind da nicht Sönke und sein Weib, Gert Hinrichs und sein Geschlecht, auch ich und mein Haus und viele andere, welche dich fürchten und den falschen Göttern nicht gedient haben? Laß noch ein letztes Mal deine Gnade walten und erbarme dich Frieslands, des großen und gesegneten Landes, darinnen viel Volks und viel Vieh!« Boethius rang am Altare die Hände zu dem Kruzifixe empor und begann zu beten für die Gemeinde Westerwohld und jede einzelne Seele, die seiner Hut anvertraut worden war. Für alle, alle rang er flehend mit Gott. Aber da er an Tolke von Olufswarf kam, versagte seine Kraft, und seine Stimme schwieg. Trotzdem hörte er eine Stimme, die zu ihm nieder hallte, wie aus dem Munde des Gekreuzigten da droben: Segnet, die euch fluchen, und tut wohl denen, die euch hassen! Und dennoch blieb sein Mund verschlossen. Er vermochte kein Gebet zu tun für Tolke, welcher den Greuel an ihm und dem Heiligen verübt hatte. Was hilft mein Beten für eine verlorene Seele? Hat er nicht die Sünde wider den heiligen Geist begangen, die weder in diesem, noch in dem zukünftigen Leben vergeben werden kann? Boethius erhob sich schwerfällig vom Altar, aber nicht wie ein Sieger … Die Kirchtür kreischte in ihren Angeln. Die beiden, die sich umschlungen hielten, vernahmen es nicht, noch sahen sie das leichenhafte Antlitz des Mannes, welcher drei Schritte hinter ihnen stand. Boethius' Füße taumelten unter ihm. Mehr als von dem Sakrileg in Tolkes Hause war seine Seele entsetzt und erschüttert. Ein gellender Aufschrei ward gehört: »Wehe mir, wehe! Die Erde vergehet in diesem Wetter, alles, was fest war, löset sich, und des Himmels Kräfte wanken und stürzen … Etta, mein Kind, hinweg … hinweg von diesem und her zu mir!« Sie blieb mit großen, träumenden Augen bei dem anderen, ohne Macht und Willen, und sprach mit unfaßbarer Ruhe: »Ich kann nicht, mein Vater … Mein Geschick entschied sich in dieser Stunde … Darum scheide uns nicht mehr! …« Des Pastors Blick bohrte sich in jenen, und er sprach die Worte: »Wehe dir, Wessel, du hast sie mit dem Taumeltrunke deiner Leidenschaft verzaubert, daß sie vergessen konnte des großen Gebots, das eine Verheißung hat, und der heiligen Schriften, die ihr Vater sie lehrte!« An Edleffs Statt antwortete sie: »Es stehet geschrieben in der heiligen Schrift meines Herzens, daß er mich erkämpft hat durch edle Tat, daß ich ihn lieben muss und alles verlassen um seinetwillen. Darum fluche mir nicht, sondern segne uns, mein Vater, segne uns!« »%%%Ich will nicht fluchen, und ich darf des Kindes Sünde und Ungehorsam nicht segnen!« Die Kirchwarf schwankte er hinab, gelangte taumelnd über die Diele seines Hauses und verriegelte die Peseltür hinter sich. Dort blieb er stundenlang liegen im Priestergewande und mit dem Haupte auf dem Tische, auf den es dröhnend aufschlug. Ein Mann auf schäumendem Pferde sprengte unten an der Kirchwarf vorbei und schrie durch den Sturm hinauf: »Deichgraf, Deichgraf, es bricht dein Damm an der Balumer Wehle!« Die Sündflut Edleff Wessel wollte die ihm verlobte Braut in sein hoch gelegenes Haus führen, bis er schicklichen Unterstand für sie fände. Aber sie schlug die Hände vor das schamhafte Antlitz und tat keinen Schritt mit ihm. »Hier im Gotteshause will ich harren, bis du zurückgekehrt bist, dann wollen wir selbander noch einmal zum Vater gehen.« Schon brach die frühe Oktobernacht herein. Mit geblähten Nüstern und keuchenden Flanken sprengte die braune Stute mühsam gegen den Orkan an, als durchschnitte ihre Brust eine reißende Meeresströmung. Im Sattel saß der Deichgraf, tief über die Mähne gebeugt. Was ging durch seinen Sinn? Nicht das Geschehnis der letzten Stunde und nicht der Gedanke an Etta, sondern nur eine bange Sorge um den Balumer Deich. Bei seinen Lebzeiten war kein solches Unwetter über die Insel gegangen. Wer beschreibt die blinde Berserkerwut der rasenden Elemente, das Aufblasen des Nordwests zum Sturmlaufe und das Brüllen der gehetzten Meereswellen? Der Reiter vernahm das Krachen der wie ein Rohr geknickten, uralten Dorfesche, das Zittern des Grundes, das Ächzen der Dachsparren und das pfeifende Schwirren des fort getragenen Strohdaches. Und den Mann, der stärker war als irgendeiner in den Dreiharden, überlief ein kalter Schauder. Aber er spornte die Stute. Wenn die furchtbar erschütternden Luftstöße wie zu kurzem Atemholen einen Augenblick anhielten, trat ängstliche Stille ein, und durch die Luft drangen wimmernde Laute. Das waren die Sturmglocken, drunten in Buptee und drüben in Volksbüll. Ihr anhaltendes Gewimmer war ein Hilfeschrei, welcher alle Hände zu den gefährdeten Deichen rief; und schauerlich klang es durch die dämmernde Düsternis wie das Grabgeläute über Massengräbern nach einem großen Sterben. Oben auf dem Damme reitet der Vogt. Zu seinen Füßen drunten ein Gischt und Strudel und alles dahinter, das Vorland und das Watt, eine weiße, kochende Brandung. Wie in Regen und Schneegestöber zumal reitet er, denn das sprühende Salzwasser überschüttet Ross und Reiter, und der Schaum, der wie handgroße Schneeflocken stiebt, blendet ihm den Blick. Ein donnerndes, ohrenbetäubendes Getöse! In langen Zügen kommen die Wellenberge, und vom Wogenanpralle geht ein stets Zittern durch den Deich, den eisernen, wie er sagte. Ach, wie klein und armselig stehet der Wall und die von Menschen geschaffene Mauer wider solche Gewalten! Niedergebeugt über die Mähne, haftet Edleffs scharf prüfender Blick an der Böschung. Vielfach ist die Sodenbestickung hinweg gerissen und stellenweise das Erdreich aufgewühlt zu fußtiefen Löchern. Aber der Damm wird halten – und die Ebbe muss kommen! Das schreckhafte Tier steigt. Der im Sattel sitzt, preßt den Sporn in die Flanken und treibt es vorwärts bis zu dem Ort, wo einst die große Wehle war und jetzt über versenkten Prähmen und Erdmassen der Haffdeich steht. Das Pferd bäumt sich und steht dann mit seinen Vorderhufen an einem Abgrunde, an einer langen und tiefen Auskolkung des Dammes, die bald zum völligen Deichbruch werden muss. Unter der Seehundsmütze sträubt sich das Haar des Mannes. Hier wütet die See in ihrem wildesten Ungestüm, und wider den schwächsten Ort der ganzen Küste wälzt sie ihre höchsten Wellen und ihre stärkste Brandung. Warum just hier, wo der Deich auf tückischem Grunde steht? Weiß Frieslands Feind, daß er dort am leichtesten Sturm laufen und Bresche legen mag? Jeder Deichkundige kennt des Westmeers Weise, und auch der Deichgraf von Westerwohld wußte es aus Erfahrung: Hartnäckig und starrsinnig ist das Meer! Wohin es einmal einen Zug hat, dahin wird es in seinen Strömungen und Wellen gehen bei jeder Flut. Seine Priele und Wasserläufe mag der Mensch mit vieler Mühe abgraben und ablenken, in einer einzigen Sturmnacht wird es den alten Weg wählen und zum Deiche sich wühlen. Es ist, als wenn es einen Hass geworfen hätte auf gewisse Örter. Wo es einmal durchbrach, wird der Wall am höchsten getürmt und die Deichwache wird am schärfsten Auslug halten, denn – so gewiß wie ein Gesetz – wird sich auf eben diesen Ort die nächste Springflut stürzen und ebendaselbst die Brandung am wildesten sieden. Auf die so genannte Balumer Wehle hat das Meer ein tückisches Absehen und hat schon in seinen ersten Anläufen den halben Deich bis zur Kammhöhe hinweg gerissen. Wehe, wie soll es enden? Des Deichgrafen Stimme überhallt den Sturm: »Ohoi, ohoi!!« Von den Leuten, welche Wache halten sollen, scharen die wenigen, die nicht geflohen sind, sich um ihn. Am Fuße der Innenböschung stößt er eine lange Stange in den Grund und bindet sein Ross daran. Alle, und er voran, schaufeln Sand in die Säcke und schleppen sie die Höhe hinauf. Eine kleine Welle verspült dieselben. Zwerghaft sehen die keuchenden Männer aus, welche auf und nieder klimmen. Was vermögen zwanzig Hände auszurichten wider des Sturmes Riesenstärke und die Springflut der Titanengewalt? Ihr Werk mutet an wie der Kinder Gespiel, die im Meersande wühlen und eine Burg sich bauen! Eine Stunde lang arbeiteten sie ausdauernd, und ein sekundenlanger Wellenschlag fegt es hinweg. Dennoch spornt der Deichgraf die Lässigen und feuert die Mutlosen an: »Ohoi, ohoi! Fällt nicht das Wasser schon …? In kurzem kommt die Ebbe!« Um die achte Stunde des Oktobertages war es, aber die Ebbe kümmerte sich nicht um ihre Gezeit. Im Kampfesungestüm vergaß das Meer, seinen Atem zu holen. Die finstere Nacht war gekommen. – Deine letzte Nacht, Nordstrand, ist angebrochen, und diese Nacht ist dein jüngster Tag. Wehe dir, Friesland, und allen deinen Marschen zwischen Eider und Königsau! Die um den Deichgrafen Versammelten lassen den Spaten sinken, ein Sturzregen überschüttet sie. Der Nordwest donnert! Die höchste Woge wälzt sich heran und wandelt sich in wirbelnde, weiß siedende Brandung. Ein kurzes Erdbeben! Ein Krachen und Bersten! Der Deich bricht und ist wieder geworden zur Balumer Wehle, durch welche ein haushoch brodelnder Wasserstrudel stürzt. Ein Ertrinkender versinkt mit gellendem Todesschrei. Edleff Wessel reißt die Stange aus dem Grunde, schwingt sich in den Sattel und schlägt die Schenkel wie Eisenklammern um den Leib des Tieres. Sei es Leben oder Tod, Reiter und Ross werden sich nicht trennen. Beide reißt die Strömung hinweg, und sie tauchen in die Tiefe. Aber die braune Stute ist ein starkes und behendes Tier, welches um sein Leben kämpfend sich empor ringt, mit den Füßen gegen den Strudel stampft und schwimmend das stehen gebliebene Deichhaupt erreicht. Das Pferd schüttelt sich und schnauft. Sein Reiter, ohne Mütze, mit wirr gesträubtem Haar, steht in den Steigbügeln und stiert hinter sich. Hatten sich nicht zwei Hände an den Schweif geklammert? Wo sind sie? Und die anderen, die neun mutigen Männer, die mit ihm standhielten? Alle ertrunken im Wassersturz der Wehle, und er inmitten dieses Weltunterganges der einzig Überlebende! Seinem pochenden Haupt fällt das Besinnen so schwer. Etta, Etta!, klingt es ihm ins Ohr, und er weiß nicht, daß seine eigene Stimme ihren Namen gerufen hat. Aber der Name gibt dem von Schrecknis Gelähmten die alte Reckenkraft wieder und eine klare Ruhe im tobenden Chaos. Was ist ihm der Deich? Und was ist ihm ganz Westerwohld und der Nordstrand mit allen seinen Menschen? Nur sie, sie ist seine Welt, die vom Tode errettet, vor dem Wasser geborgen und an einen hohen Ort gebracht werden muss. Er klopft den Hals des treuen Renners: »Laufe, mein Rößlein, zur Kirchwarf, so schnell dich deine Hufe tragen!« Oben auf dem Damme, zwischen zwei Abgründen, sprengt er dahin, zur Linken die weiße Meerbrandung, deren Schaumwogen ihn überschütten, zur Rechten die schwarze, gurgelnde Tiefe des Balumer Kooges, der im Nu voll Wasser gelaufen und zum Salzsee geworden ist. Sein Haar flattert. Das Ross wendet sich nach Osten und fliegt auf dem Mitteldeiche dahin, wie vom Sturme getragen. Die Springflut kehrt sich nicht an die Gesetze noch Gezeiten. Um die neunte Stunde des elften Oktobertages, da es längst hätte ebben sollen, stieg der Orkan aufs Höchste und die Wasser schwollen zur Sündflut an. Von sämtlichen zwanzig Kirchtürmen des Landes klagten die Glocken und heulten durch die Nacht um Hilfe. Aber kann ein todsiecher Mann seinem sterbenden Nachbar beistehen? An sehr vielen Stellen nämlich brachen die Deiche um diese Stunde. Edleff Wessel musste den Westerwohlder Koog durchqueren, um das Dorf und die Kirchwarf zu gewinnen. Auch von diesem Kooge hatte der blanke Hans schon Besitz ergriffen – zwar nicht blank, sondern schwarz und unheimlich plätscherte das Wasser gegen den Mitteldeich und stieg reißend schnell im Kooge. Edleff trieb sein Ross hinein. Des Lenkers Auge bohrte sich in den Grund, die Tiefe zu messen. Des Tieres Nüstern blähten sich, als könnten sie den Weg wittern, seine Hufe tappten sich schrittweise vorwärts, als wüßten sie die Fallgruben der tiefen Gräben zu vermeiden. Endlich ging es aufwärts. Der ermattete Fuß stolperte über einen Leichenstein – erklommen war die Kirchwarf. Nur eines grabesstille, leblose Finsternis gähnte ihm entgegen, als er die Kirchtür aufwarf, und sein suchender Angstruf: »Etta, Etta!« hallte von der leeren Empore zurück. Aber ein Gewand raschelte, eine Gestalt erhob sich vom Altare, vor dem sie bis jetzt wie hingestürzt gelegen hatte; durch das Dunkel leuchtete das weiße Antlitz ihm entgegen. Er riß sie an seine Brust: »Meine Liebste, mein Leben!« – Und die drei Worte: »Die Wehle brach!« kündeten ihr alles. – Dann zog er sie hinweg: »Eile, meine Etta, und schlinge deine Arme um meinen Hals, daß wir reiten, ob wir noch den Moordeich und das hohe Moor erreichen … Dort bist du geborgen, mein Leben!« Aber gewaltsam bog sie sich zurück und hielt sich fest am Gestühle: »Nein, nein … Mein Vater wird sterben, und er hat mich nicht gesegnet … Niedriger ist keine Warf als seine, und das Haus und die Pfosten vermorscht; aber deine Wohnung ist höher und stärker als alle … Eile, Edleff, um Christi willen, und rette meinen Vater und führte ihn nach deiner Warf.« Er beschwor sie, daß sie mit ihm nach dem sicheren Moore fliehe. Aber Etta blieb fest. Zwiefache Last trug das erschöpfte Tier und wollte durchaus nicht ins Wasser hinein, als sage sein Instinkt ihm, wie tief es geworden sei, und es musste mit Schlägen hineingetrieben werden. Wie das in wenigen Minuten schwoll, als wären tausend unsichtbare Quellen aufgebrochen! Die Stute gab einen stöhnenden Laut von sich und verlor den Grund unter den Füßen. Aber beim kosenden Zuruf des Herrn »Schwimme, mein Rößlein, schwimme!« spitzte sie die hängenden Ohren und tat eine letzte Kraftanstrengung, welche anhielt, bis sie festen Grund fühlte. Auf der Vogtwarf brach sie zusammen und blieb wie tot liegen, mit dem Hinterkörper im Wasser und den Hals weit von sich gestreckt. Zum ersten Male betrat Etta Boethius dieses Haus, und sie verstand, warum die Leute es den Vogtpalast geheißen hatten. Trotz der großen Erregnis, in der sie war, stutzte sie beim Betreten des prächtigen Pesels, und ihr Auge glitt bewundernd über den Schmuck der Wände und das kostbare Hausgerät hin. Nur eine flüchtige Minute! Dann warf sie sich weinend an seine Brust und drängte: »Eile, mein Edleff, und rette meinen Vater!« Über die Diele rannte er und durch den Stall, wie ein Suchender, aber es standen vor den Krippen, ruhig und im Heu raufend, nur schwerfällige Ackergäule, denen er solches Rettungswerk nicht zutrauen durfte. Vor der Hoftür schaute er ratlos nach der nahen Pastoreiwarf hinüber, und sein Blick fiel auf einen großen und schweren Braubottich, den die Mägde gestern gesäubert und zum Trocknen gegen die Südwand gelehnt hatten. Schnell holte er eine lange Heustange von der Tenne und seiner Kraft war es ein Kleines, das unförmige Gefäß zu handhaben und den Abhang hinunterzurollen. Dem Manne, der in einem Strohkahn über die Schmaltiefe setzte, dünkte der Braubottich ein gutes und starkes Boot, in dem er leichtlich zur Pastoreiwarf hinüberfahren könne. Wie eine runde Nußschale taumelte es auf der Flut. Aber mit der Stange trieb er es vorwärts gegen Sturm und Strömung, und dieser Steuermann zwang sein ungelenkes Fahrzeug zum Gehorsam. Im hell erleuchteten Pastoreipesel saßen alle Insassen des Hauses, Peter Boethius, sein Sohn Karl Heimreich, Hertie und die Magd, nur Boje, der Knecht, war spurlos verschwunden. Schon am Spätnachmittage war der Umsichtige nach dem hohen Moor gelaufen, wo er ein Geschwisterkind hatte, einen armen und nicht gut beleumundeten Torfstecher. Drei Lichter brannten auf dem Tische. Daneben waren die Kirchenbücher aufeinander gehäuft, und was Boethius sonst an schätzbarem Schreibwerk und kleinen Kostbarkeiten besaß, hatte er zusammengetragen, damit es bei der Hand sei, wenn man auf den Dachboden fliehen müsse. An den Fensterläden rüttelte der Sturm, als wollte er hinein, durch die Wände ging ein stetes Zittern und durch die Dachbalken und Sparren droben ein banges Ächzen. Die Hausbibel lag vor ihm aufgeschlagen, und er las mit starker Stimme: »Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibet, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich traue.« Die Tür flog auf. Ein von Nässe triefender Mann trat über die Schwelle. »Pastor Boethius! Das Wasser sickert schon über den Estrich Eurer Diele … Ich habe einen Kahn draußen.« »Ich kenne Euch nicht! …« »Diese ist eine der geringsten Warfen … Um des Himmels willen, hört Ihr denn nicht, daß die Mauern schon wanken? Boethius, um Eures Kindes, um Eures Sohnes willen, folget mir nach der hohen Warf meines Hauses!« »Wollt auch Ihr ein Sakrileg mir antun?« Wessel prallte zurück: »Boethius – Boethius!« Die eiserne Ruhe verließ den Pastor, er erhob sich. »Meine zwei Kinder hier und die Magd mögen wählen, ob sie mit Euch gehen wollen … Auch die Kirchbücher wüßte ich gern geborgen, wenn Ihr die an einen sichern Ort schaffen wolltet … Ich aber muss in meinem Hause bleiben!« Ohne Antwort ergriff Edleff den hohen Bücherhaufen. Zollweise wuchs das Wasser mit jeder Sekunde, daß er hindurchwaten musste bis zur Hoftür, gegen deren Schwelle der schaukelnde Bottich schlug. Behutsam legte er die Bücher hinein, den geschriebenen Kirchspielschatz, der mehr als dreihundert Jahre bis zur Rungholter Sündflut zurückreichte. Wieder stand der Vogt im Pesel, über dessen Bretterdiele ein Bächlein rieselte. Auf seinem Gesicht eine eiserne Ruhe, ein unbeugsamer Entschluss! Die Lippen öffneten sich: »Schnell, schnell. Einer zur Zeit und Ihr zuerst, Boethius!« »Habe ich Euch als Fährmann gedungen?« »Ich aber habe ein Menschenamt von Gott bekommen und dazu auch Befehl und Auftrag von Eurer Tochter, daß ich ihres Vaters Leben retten soll.« »Von meinem Gott, in dessen Hände ich meine Seele befehle und in dessen Hut mein Leib und Leben stehet, habe ich kein Gebot, Euch zu folgen …« »Wohlan, hier stehet Wille gegen Wille und Gewalt gegen Gewalt … Ihr müßt mir gehorchen, Boethius!« Die beiden starken Männer rangen miteinander – der Pastor fühlte sich von einer Riesenkraft umfaßt, umklammert, daß er kein Glied regen konnte – Wessel war der Stärkere und der Sieger in diesem – in ihrem letzten Kampfe. Boethius ward hinweg getragen und stand erst im Boote wieder auf seinen Füßen. Da streckte er die Hände aus und umklammerte den Türpfosten seines Hauses. Der Fährmann beugte sich nach der Stange. Ein schauerliches Brausen erscholl und alsogleich ein Bersten – eine hohe Flutwelle schoß durch die Tür. Edleff taumelte zurück und stand bis zur Brust im Wasser. Aus der Finsternis draußen kam ein Schrei, die Meereswogen übertönend, und es war des Pastors Stimme: »Gnad mit Gott! Ich scheide! Sage meinem Kinde, daß ich sie segne …« Die von der Mauer zurückprallende Brandung riß das Boot hinweg und Boethius' Hände vom Pfosten seines Hauses. Der Kirchherr von Westerwohld trieb in dem Bottich hinaus in die Sündflutnacht. Edleffs stiere Augen sahen ihn nicht mehr, aber sein Ohr vernahm einen dreifachen Schrei. Die Peselwand des Hauses war eingeschlagen worden. Den Frauen reichte das Wasser bis zum Halse. Cito, der Hund, schwamm hin und her und umstrich winselnd seinen Herrn, welcher wie geistesabwesend das Tier aufhob und seinen Liebling an sich preßte. Schon hatte die verständige Magd die Stiege erfaßt und klomm aufwärts, als Edleff die versinkende Hertie auffing und jener eilig folgte. Auch Karl Heimreich erreichte mit seiner Last den Heuboden unter dem Dache. Das ist des Friesen letzter Zufluchtsort im Sturmgeflute. Hier saßen drei von Frost und Todesfurcht durchschauerte Menschen, umgeben von Grabesfinsternis, und hörten, wie unter ihnen die Gewässer tobten und an den Pfosten rüttelten. Nur der vierte, welcher nicht zum Hause gehörte, zitterte nicht, sondern zog sein Dolchmesser aus der Scheide und schnitt einen Spalt in das Strohdach, wie ein kleines Auslugfenster. Auch nicht der matteste Lichtstrahl, auch nicht der leiseste Sternenschimmer drang herein. Gegen den Spalt legte Edleff die heiße Stirn, sein sehnsüchtiges Auge suchte die Finsternis zu durchmessen und vermochte es nicht. Wo war seine Warf und seine Wohnung? Und wo war sie, Etta – sein Weib? Denn als wäre sie es schon, also eins und unzertrennlich fühlte er sich mit ihr. Und der Vater hatte in seiner Todesnot sie gesegnet. Aber sein Auge sah nichts als schäumende Flut und die scheidende Kluft, und daß sein Dorf Westerwohld zur Westsee geworden sei. Seine Stimme rief: »Etta, Etta!« Und seine Seele war verzehrt von unendlicher Sehnsucht. Hörte sie den Ruf? Ein Licht flackerte dort drüben auf wie ein matt verlöschendes Sternlein, und er erkannte seine Warf. Mit dem Messer schnitt er im Spalte, bis eine gähnende Öffnung im Dache entstand, warf Stiefel und Jacke von sich, zwängte den Körper hindurch und sprang hinunter und in die Flut. Wessel war der beste Schwimmer auf dem Nordstrande und durchschnitt mit starken Armen die Wellen; aber fast hätte die Strömung ihn übermocht, und er rang lange und bis zu seiner letzten Kraft mit ihr. Dennoch blieb er Sieger auch in diesem Kampfe. Triefend entstieg er dem Meere, und die Laterne, die Etta hielt, erlosch. Zum Hause wateten sie Hand in Hand. Schon an die Schwelle klatschte und klopfte die Flut. Sie lagen sich in den Armen und hielten sich umschlungen mitten im Weltuntergange und ließen nicht mehr von einander. Etta weinte um den Vater. Er aber sprach: »Etta, meine starke Sturmbraut! Nun soll weder das Leben, noch der Tod uns mehr scheiden!« – Der Orkan wächst, das Meer wallt höher, die Nacht ist zur Finsternis und die Springflut zur Sündflut geworden. Längst verstummten die Sturmglocken, kein Glöckner reißt mehr an ihren Strängen, sondern jeder sinnt nur, sein armseliges Leben, und wenn es hoch kommt, Frau und Kind an einen hohen Ort zu retten. An die Dachsparren klammerten sie sich, Mann und Weib, Mutter und Kind, mit Seilen und Stricken binden sie sich aneinander fest. Das Zittern der Heubarge und Häuser im Wogendrange, das Ächzen der brechenden Pfosten, das Krachen der stürzenden Mauern, das Angstgebrüll der ertrinkenden Tiere, die Sterbeseufzer und Gebete der lebendigen Seelen! Dieser vielstimmige Todesschrei einer sterbenden Inselwelt schlägt zum Himmel empor. Hört der Herr ihn, und gebietet er nicht seinen Winden und Wellen, Einhalt zu tun? Um neun Uhr ist kein Anzeichen, daß Ebbe und Ende der Not werden will. Nein, das Ende dieser Welt ist gekommen. * Um zehn Uhr abends war alles vorbei. Da war Nordstrand nicht mehr, in einer Stunde war es untergegangen im salzen Wasser mit mehr als 6 200 Menschen und mehr als 50 000 Stück Vieh. 1 300 Wohnungen der Menschen waren zerstört, zwanzig Gotteshäuser zertrümmert und die blühende Heimat von 8 000 Inselbewohnern vernichtet. Nicht bloß 44 Wehlen waren gerissen, sondern das Wasser lief an vielen Stellen über die Deiche hinweg. Und die Westsee-Gewässer sind dahin gekommen, wo sie niemals, weder vorher noch nachher, gewesen sind. * In der Kirche zu Tondern ist in der Mauer ein eiserner Strich zu sehen, auch in andern Gotteshäusern der hohen Geest findet man ihn und über demselben die kurze Inschrift: »Anno 1634!« Diese Striche der Geestkirchen sind bleibende Wahrzeichen, daß die Westsee in jener Nacht war, wo nimmer sonst ihre Welle rollte. Zeitgenossen schildern uns die entsetzliche Größe dieser landverderblichen Flut, welche die ganze Westküste Nordalbingiens von der Elbe bis zur Königsau verheerte und die Tausende von Menschen hinwegraffte. Aber die wenigen, wirklichen Augenzeugen, welche den Untergang Nordstrands überlebten und schreibkundig waren, haben nur spärliche Nachrichten hinterlassen. Kurz gedrängte, aber ergreifende Notizen sind es, die wir haben, gleichsam Randzeichnungen und Anmerkungen der verloren gegangenen Historie dieser großen Flut. Der Schreiber dieses hat überall Nachspürung getan und geringe Nachlese gefunden. Aber von solchen kurzen Notizen und Anmerkungen der Augenzeugen mögen etliche hierher gestellt sein. »In Westerwohld waren an dem Sonntage Leute beisammen im Kruge. Da das Wasser unversehens kam, liefen sie eilig die Stiege hinauf, und der Wirt watete noch unten im Hause, um von seiner Habe einiges zusammen zu raffen. Aber ein voller Zapf unter ihnen, welcher bereits unter dem Dache saß, hat herunter geschrieen und Bier gefordert, worauf ihm einer seiner Genossen Antwort gab: »Warte, du wirst bald genug zu trinken bekommen!« Der Mann, der nach Getränk schrie, war Tolke, und der ihm die Antwort gab, war Tedje. Bald klammerten sich die Kumpane von Olufswarf an den Dachsparren und kämpften miteinander, um den höchsten und festesten Ort zu gewinnen. »In dieser Wassersnot ist ein Haus samt allem Volke verbrannt, weil die Magd ein brennendes Licht auf dem Tische hinterlassen hat und der Tisch, als das Wasser eindrang, mit dem Licht in die Höhe geschwemmt und bis an die Decke gehoben wurde, woselbst das Stroh entzündet worden ist.« Dieses Haus war das Westerwohlder Bierhaus. Wie Gezisch vieler Schlangen züngelte die Flamme im Stroh empor, als sollten die Kumpane von Olufswarf nicht im Wasser ertrinken, sondern des Feuertodes sterben. Tolkes Glotzaugen traten aus ihren Höhlen. Keine Minute, um ein Stoßgebet zu sprechen! Schon sanken sie hinunter in die rote Glut. Aber zweie klommen hinan, brachen mit ihrem Körper durch den First und sprangen in die weiß brandende Flut. Beide erhaschten ein treibendes Gebälk. Aber das Holz trug nicht beide. Und sie rangen Brust an Brust miteinander um die Planke und fluchten und stießen sich. Da versank Tedje mit einem Schrei. Der andere hatte heimlich sein Dolchmesser gezogen und hinterrücks gezückt. Tolke trieb auf dem Wasser, an das Gebälk sich klammernd, eine volle Stunde lang, und sie dünkte ihm wie eine Ewigkeit der Qual. Zuletzt kam eine starke Welle und schlug ihn herab, wie man mit einem einzigen Wasserguß einen Unratflecken ins Nichts hinwegspült. Was das Landrecht über den Jungfernschänder aussprach, hatte sich erfüllt an ihm: Er war gestoßen in ein tiefes Wasser, daß er mit seinen Augen weder Erde noch Himmel sehen konnte, noch auch den Grund erreichen weder mit Händen noch Füßen. Blättern wir weiter in den Anmerkungen der Augenzeugen – und wir sehen ein anderes Bild, wie es den Frommen, die auf den Herrn hoffen, ergangen ist. »In einem sehr geringen Häuschen, das zu allererst zerschlagen worden ist, wohnte eine alte, gottesfürchtige Frau. Die hat in Stille sich Gott befohlen, und als das Haus brach, ist sie in ihrem Bette die Warf hinauf geschleudert und in die Kirchtür hineingetrieben, und ist ihre Oberdecke nicht einmal naß geworden von dem vielen Wasser.« Die Frau war das Weib des Westerwohlder Dachdeckers, war Gunne, die Greisin, welche gelähmt in ihrem Bette lag. In der Kirche rief man ihr zwar zu: Es ist kein Raum hier für Euch! Denn die nächstwohnenden Bauern hatten ihr Vieh auf die Kirchwarf getrieben und, als das Wasser wieder stieg, das Gotteshaus mit ihren Kühen und Kälbern angefüllt. Und einige Hände wollten ihr Bett wieder hinaus stoßen in die Flut. Aber es waren in dem Haufen auch vier barmherzige Samariterhände, welche die hilflose Greisin mitsamt ihrem Lager flugs hinweg rissen und die Stiege zum Kirchboden hinauftrugen. Dort lag Gunne gebettet in der Weltuntergangsnacht. Hans Pauls und Alget hielten ihre Hände und hörten, wie das hinfällige Weib Worte des Lebens sprach, darinnen eine große Kraft und eine gewaltige Tröstung war. Immer mehr Menschen, von Furcht und Kälte zitternd, sammelten sich auf dem Kirchboden und lagen auf den Knien ringsumher und lauschten ihren Worten und ihren Gebeten. War ein Gottesdienst, wie er noch niemals in der Kirche zu Westerwohld gehalten worden war. Die Mauern wurden zertrümmert, und was an Menschen und Vieh drunten in der Kirche und zwischen den Gestühlen sich befand, verging in der Flut, auch der Turm mit seinen Glocken versank, aber die Pfosten des Gotteshauses waren fest gegründet, und der Kirchboden mit dem Dache hielt stand bis zum Morgen, wo die Sonne aufging und die Winde still wurden. Die Geretteten begrüßten ihre Strahlen, die durch das kleine Dachfenster ihrer Arche brachen, als sähen sie Gott und seine Gnade von Angesicht zu Angesicht. Beim Morgengrauen des neuen Tages waren sämtliche Köge Nordstrands Salzseen, aus denen einzelne Warfe emporragten. Überall sah man Trümmer, Gebälk und Hausgerät treiben, ertrunkenes Vieh und tote Menschen, oft eine ganze Familie zu vieren oder fünfen mit Seilen aneinander gebunden. Die meisten Wohnungen waren spurlos verschwunden, hier und dort flatterte von einem Dache, dessen Einsturz drohte, die schwarze Notflagge. O, dieser Morgen des zwölften Oktobers! Ein Notschrei ging auf vom Nordstrande und von allen Meerländern. Aber die barmherzigkeitsarme Zeit des siebzehnten Jahrhunderts tat wenig für den Nächsten, nur ein paar Böte stießen ins Wasser, um die Überlebenden aufzunehmen. Die meisten mußten in Backtrögen und auf schnell gezimmerten Flößen sich selbst in Sicherheit bringen. Ein Augenzeuge, der auf das hohe Moor sich rettete, berichtet: »An tausend Menschen mögen hierselbst zusammengekommen sein, und mancher hat durch ein Mirakel sein Leben behalten. Als wir ausgingen, um das Strandgut aufzulesen, welches uns, da wir nackt und hungrig waren, gute Dienste leisten mochte, fanden wir einen Sarg angeschwemmt. Und wir wollten ihn verscharren, wie wir mit den anderen Toten, die angetrieben, getan hatten. Als wir aber den Sarg aufhoben, schüttelte der Tote den weißen Kopf, als wolle er Einsprache tun gegen unser Vorhaben. Er war auch gar nicht tot, sondern lebte, und nachdem er die Sprache wiedergewonnen hatte, erzählte er, daß er drüben von Westerwohld sei.« Dem alten Sönke, der sich den Sarg zur Schlafkammer gewählt und in jener Nacht zum Sterben sich hingelegt hatte, war der Sarg zur rettenden Arche geworden, die ihn auf den Wassern der Sündflut trug! Weiterhin heißt es: »Es sollen von den Predigern Nordstrands die elfe oder zwölfe in dieser Flut umgekommen sein … Einer aber, der vornehmlich gegen das übermäßige Trinken in seiner Gemeinde geeifert hat, ist – mirabile ductu – in einem großen Braubottich, als wie in einem Boote, auf dem stürmischen Meere gefahren und heil und unversehrt zu uns gekommen.« Pastor Boethius stieg mitsamt den erhaltenen Kirchenbüchern des untergegangenen Kirchspiels Westerwohld auf dem Moore ans Land und war gerettet. Zum Schlusse noch zwei Anmerkungen dieser Sündfluthistorie. »Um die zehnte Vormittagsstunde standen wir auf dem Festlandsdeiche von Hattstede und sahen nach dem Westen und nach dem verschwundenen Lande. Hell und lieblich schien die Sonne über diesem großen Greuel der Verwüstung. Ein Heuberg schwamm auf dem Wasser und trieb gegen den Strand zu. Unsere Augen gewahrten bald, daß lebende Wesen darauf waren, und wir unterschieden, daß es ein Mann war und ein Weib, und daß ein Hund zwischen ihnen saß, welcher laut und freudig zu bellen begann.« Der Heuberg der Westerwohlder Pastorei wurde von den Wogen in zwei Teile zerschlagen, und der eine mitsamt der Magd ist nicht mehr gesehen worden. Aber die andere Hälfte, auf die Karl Heimreich und Hertie mit dem Hunde sich geflüchtet hatten, trieb drei Meilen über das Meer und bis an den Festlandsdeich, wo Bewohner von Hattstede sie ans Land trugen und sorgsam pflegten, bis sie von den ausgestandenen Leiden und Ängsten sich erholt hatten. Ja, selig sind die Stillen im Lande, denn sie werden durch Feuer und Wasser gehen! »Plötzlich in der Morgenfrühe hat sich der Wind gänzlich gelegt, und es ist eine Stille geworden, daß man mit dem brennenden Lichte in freier Luft hätte gehen können. Am Tage nach dieser Nacht aber fuhren einzelne entartete Menschen in leichten Kähnen einher, um treibendes Gut aufzufangen und die Häuser zu berauben …« Boje, der elende Predigerknecht, ruderte im Boote über dem untergegangenen Westerwohld, und seine habgierigen Augen blickten immerfort nach der Vogtwarf, deren Schätze er heben wollte. Schauderte ihn nicht, als sein Ruder an einen Menschenleib stieß? Es waren zweie, die sich im Tode noch umschlungen hielten, und ein langes, goldblondes Haar floß auf dem Wasser. Schreckten ihn nicht die todesstarren Augen des Vogts, die auf ihn gerichtet waren, daß er hinwegeilte von dieser Stätte? Nein, mit ein paar Ruderschlägen trieb er sein Boot an die Warf. Einzelne Teile des Gemäuers standen noch, und mit den gierigen Augen durchstöberte er jeden Raum. Hart unter der sich neigenden und überhängenden Wand stand eine Truhe – er zerrte sie mit den Händen hervor – ein lautes Krachen und Stürzen – ein gellender Schrei – und dann wieder die einsame Todesstille, die über dem Ort brütete. Das unterwühlte Gemäuer hatte seinen letzten Halt verloren und in seinem Sturze ihn erschlagen und begraben zumal. Der Knecht, der heimliche Schandtat übte und um Judaslohn seinen Herrn verriet, fand seinen Tod am Tage nach der Flut und ein Grab, das kein Menschenauge gefunden hat. Reiche Ernte hatte der Tod gehalten auf dem Nordstrande in dieser Oktobernacht. Tot war Edleff, der starke Deichgraf, der einen eisernen Deich bauen wollte, und mit ihm im Tode vereint Etta, welche ihres Vaters liebstes Kind gewesen war, und die der Sturmwind ihres Herzens verweht hatte. Tot war Klaus Rickmers, der Kleier und Prophet, der sich vermessen hatte, vorauszuwissen Tag und Stunde, und daß der große Gerichtstag und der Untergang aller Welt kommen werde am letzten Sonntage vor dem Advent dieses selben Jahres. Das Gericht war gekommen, aber um vier Wochen seiner Weissagung zuvor. Tot war seine Tochter, die einst mit ihrem Sohne hinausfahren wollte auf das freie Meer und weit, weit, wohin kein Nordstrandinger je gekommen. Und sie trieb mit der Strömung hinaus in das Westmeer, und die Arme der toten Mutter drückten noch das Kind ihrer Schmach an die kalte Brust. Tot waren sie, mehr als sechstausend Menschen, und wer zählt ihre Namen? Sie sind in kein Totenregister eingetragen und in keinem Kirchenbuche der zwanzig untergegangenen Kirchspiele aufgezeichnet worden. Das Häuflein der Geretteten Was sich nach ergangener Flut auf dem Nordstrande zugetragen habe – davon meldet Nordfrieslands Chronik noch einiges, und von den Geschehnissen der Folgezeit soll dieser Schlußabschnitt handeln. Gebückte Männer mit schweren Schritten und sorgenvollen Angesichtern gingen zur Ebbezeit aus und traten auf die äußerste Spitze des stehen gebliebenen Dammes, um den Deichbruch zu überschauen. Was sah ihr Auge? Wo der Deich gewesen war, tat sich ein Abgrund auf, der sechzig Ruten breit und zehn Ruten tief sein mochte! Welche Gewalt hatte die versenkten, mit schweren Felsblöcken belasteten Prähme ausgegraben und einen Steinwurf weit ins Land hineingeschleudert? Wie das Erdreich aufgewühlt und als Schlammasse über den Koog verstreut worden war! Wunderliche Zerstörungsgebilde schafft die allmächtige Springflut der Westsee. Hier hatte das Wasser einen pyramidenförmigen Erdkegel aufgetürmt und dort einen steilen Schlund ausgegraben, in dem es wie in einem Teiche stand. Dort war kein grüner, grasreicher Koog mehr, sondern nur schmutzig-schlammiges Watt zu sehen, und hier zu ihren Füßen, zwischen den Deichhäuptern eine gewaltige Aushöhlung, eine entsetzliche Grundkaule, wie die sorgenvollen Männer es nannten. Eine bittere Träne trat in jedes Auge. Sie hatten die Wehlen gezählt, und sie wussten, daß der Deich an vierundzwanzig Stellen zerrissen war, und die Männer erkannten, daß sie keine Heimat mehr hätten. Nicht das alte Nordstrand mit allen seinen Menschen und seiner Manneskraft würde vermocht haben, diese Abgründe auszufüllen und diese zerfallenen Deiche wieder aufzurichten. Wie sollte denn das kleine, verarmte und verkümmerte Häuflein derer, die übrig geblieben waren, ein so hoffnungsloses Werk beginnen, geschweige denn vollenden? Den Männern sank schlaff die Hand, und müde schritten sie heimwärts, dieweil die Flut kommen sollte. Und die Flut kam. Zwei Mal täglich strömte das erbarmungslose Meer durch sämtliche Wehlen frei aus und ein, Und wenn der Westwind und die Wellen gingen, stürzte das brausende Salzwasser hindurch und riß noch weiter die gähnenden Breschen auf, unterwühlte die Warfe, ebnete die Höhen, verschlickte das ganze Land und vollendete sein Werk der Verwüstung. Nordstrand, das große Eiland, war zerschlagen worden in zahlreiche Trümmer. Seine armseligen Reste sind die Halligen, von denen noch heutigen Tages Nordstrandischmoor – das ist das hohe Moor jener Zeit – die Hamburger Hallig, Behnshallig und andere im Wattenmeer zu finden sind. Wie das Chaos des zweiten Schöpfungstages, da noch keine Scheidung geschehen war zwischen dem Wasser und dem festen Lande, so war auch diese Stätte eine schauerliche Schlick- und Wasserwüste und keine Scheidung zwischen Meer und Erde. Aus dem Tohuwabohu, aus diesem großen Kirchhofe einer begrabenen Welt ragten einzelne Kirchtürme wie trauernde Grabmäler hervor. Die überlebenden Bewohner, welche ihr Vatererbe verloren hatten, standen verzweifelt und starrten auf die Ruinen ihrer Häuser, auf die Tausende von Menschen- und Tierleichen, die im Schlamm und Wasser trieben, und auf den nahen Winter, der mit seinem Frost und seiner Kälte, mit neuen Stürmen und neuem Jammer vor der Tür stand. Wie sollten sie ihr nacktes, ihr elendes Dasein fristen inmitten dieser Wasserwüste? Nach dem ersten lähmenden Entsetzen rafften sie sich auf. Erst in der Not zeiget sich die Stärke des Menschen, und wenn auch das Dasein ihm elend und unwert dünket, wird er dennoch aus aller Kraft kämpfen, es zu erhalten. Bretter und treibendes Gebälk fischten sie auf und zimmerten sich eine Hütte zurecht, daß sie wenigstens Dach über dem Haupte hätten. Aber nach frischem Süßwasser schmachteten viele, denn alle Brunnen waren von der Salzsee verdorben worden, und von weither mußten sie das Trinkwasser holen. In kleinen Häuflein drängten sich an 2 600 Menschen auf den Halligen und dem hohen Moore zusammen. Ihre Vorräte waren vernichtet und ihr Vieh umgekommen in der Flut. Woher sollten so viele Nahrung nehmen, daß sie nicht des Hungers stürben? Die barmherzigkeitsarme Zeit reichte ihnen keine Samariterhand, sondern es hieß in jenem Jahrhundert: Hilf dir selber oder stirb! Doch das frierende, zagende Häuflein ist nicht verdorben noch Hungers gestorben. Der große Helfer in Nöten reckte die Hand aus. Und die Augenzeugen berichten mit tränendem Auge von der Errettung, die vom Herrn geschehen sei, und von der wunderbaren Bespeisung der 2 600 Überlebenden. »Es hat der Himmel ein Einsehen gehabt und einen äußerst gelinden Winter in diesem Jahr gegeben. Auch ist ein früher nie gewesener, unglaublicher Reichtum von Fischen in diese Gewässer gekommen, und haben wir so große Fänge getan, daß wir davon in die Salztonnen legen und in den Rauch hängen mußten und bis in den Sommer hinein einen Überfluß an Speise hatten. Solches aber ist nicht von ungefähr geschehen, sondern vom Herrn.« Vom Sommer 1635 an und in der Folgezeit ernährten sich die einst so wohlhabenden Marschbauern kümmerlich genug von den Salzgräsungen, auf denen sie ihre Schafe und ein paar Stück Vieh weiden ließen, vom Fischfang und vom Stechen des Torfes, den sie auf Flachböten nach Husum verschifften. Das genügsame Geschlecht der Halligbewohner wuchs heran. Nur die Pellwormer dachten ans Eindeichen, hatten 1635 schon fünf Wehlen verstopfet und arbeiteten rüstig weiter. Aber die Reste der Beltring- und Edoms-Harde konnten nicht Herr des Wassers werden und haben kaum ernstliche Versuche gemacht, ihr Land wiederzugewinnen. Das große Mittelstück des alten Nordstrandes – das sind vier Fünftel des ganzen Landes – ist nach und nach gänzlich im Meere verschwunden. Nur die östlichste und die westlichste Landspitze sind im Laufe der Zeit wieder bedeicht worden, und sie bilden das heutige Nordstrand und Pellworm. Die Kirche zu Odenbüll, welches südlich vom Moore liegt, ist notdürftig instand gesetzt worden. Nimmer hat eine so große und andächtige Gemeinde das Gotteshaus gefüllt. Vom Altare herab erscholl die gesungene Litanei: »Vor Feuers- und Wassersnot behüt' uns gnädig, Herre Gott!« Wie tief sie alle das Haupt bei diesem Wort beugten, als müßten sie sich bekreuzigen, als beteten sie mit aus tiefstem Herzensgrunde. Es war der erste Gottesdienst, welcher nach ergangener Flut auf dem Nordstrande gehalten wurde. Welche Gefühle mögen die Seelen dieser Geretteten durchlebt haben. Kein Auge blieb trocken, und die Tränen des Dankes und der Tröstung nach großem Leide rannen die wettergebräunten Wangen herab, als sie lauschten den Worten des Predigers, welcher redete über den 46. Psalm: »Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken.« Aus einem reichen Trostborne schöpft der Prediger und schüttet lebendiges Wasser aus über das schmachtende Häuflein. Sanft ist seine Stimme, und eine große Milde entströmt seinem Munde, daß sie sitzen wie einer, den seine Mutter tröstet. Wir kennen die Stimme des Predigers zu Odenbüll. Nicht mehr hat sie die Kraft und den ehernen Klangton von einst, aber wie ein leises Loblied nach großer Erlösung, wie eine gedämpfte Friedensweise fährt sie hin über die Saiten der Menschenherzen, und ein Säuseln vom Berge Horeb wehet durch das Kirchlein. Der Odenbüller Prediger heißt Boethius. Nach dem Gottesdienste tritt er zu Karl Heimreich und Hertie, seinen beiden Kindern, welche der Herr der Stürme und Fluten ihm gelassen hat. Tief bewegt ist seine Seele, wie großes, getröstetes Menschenweh, wenn es endlich Frieden gefunden hat. Hinter ihm liegt seines Lebens schwerster und letzter Kampf, denn er hat mondelang gerungen mit Gott; und was in ihm war an Eigenwille und eigener Stärke, an Menschengewalt und kirchenherrlichem Wesen, ist gebrochen worden in seinem Streite, und er hat als ein Jakobszeichen seines Kampfes eine tiefe und brennende Herzwunde davongetragen, von der er nimmer ganz genesen wird. Aber ihm, dem gestrengen Richter der Menschen, der das Gesetz halten wollte und das höchste Gebot der Liebe brach, ist dennoch von seinem Gott Gnade geworden und viel Vergebung. Herzlich küßt er seine Kinder, und sein Mund hebt an zu rühmen und zu preisen: »Lobe den Herrn, meine Seele, und alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen! Denn er gab mir noch Raum zur Buße und ließ mich nicht hinfahren in meines Sinnes verstockter Härte, und mir wurde mehr Erbarmen als dem großen Dulder Hiob, denn Gottes Hand tat Wunder und trug mir den Sohn und von den Töchtern die eine …; die eine auf den Wassern der Sündflut …« Es ist; als wenn seine Stimme bräche, und er klagt und wehklagt: »Etta, Etta! Meiner Gunna Ebenbild, mein süßes und herziges Mägdlein! Die ich am innigsten liebte, der habe ich am meisten Leides getan von allen Menschen. Wehe mir, wehe! Meine Seele ist betrübt bis zum Tode und trauert um die Tote, das ich fast scheiden möchte und gehen an ihren Ort. Mein Herr und Gott, mein Gott und Herr …« Zwei Tränen quellen unter den buschigen Brauen hervor. Dann beugt sein Haupt sich tief, sehr tief, und er bekennt und beichtet vor seinen Kindern: »Ich dünkte mich stark in meiner Kraft und wollte mit dem Gesetz Gottes wie ein Elias dreinfahren unter dem zuchtlosen Geschlecht, und liebelos war mein Wort, daß es leer zu mir zurückkehrte. Aber der Mann, der Peter Boethius hieß und als ein Kirchherr von Westerwohld im alten Bunde stand, starb und ward ersäufet in diesen Wasserfluten. Heil mir, dem armen Hirten von Odenbüll, denn Gott schloß einen neuen Bund mit mir, einen Bund der Gnade und der Vergebung in und durch meinen Herrn und Heiland Jesum Christum.« Ein Regenschauer hat gegen die Scheiben geschlagen, aber die Sonne bricht jetzt hindurch. Boethius tritt ans Fenster und blickt empor. Siehe, siehe! Ein prächtiger Regenbogen steht am Himmel und spannt sich über die ganze Westsee, in die seine Enden zu tauchen scheinen. Gott hat sein ewiges Bundeszeichen in die Wolken gesetzt, zu Trost und Verheißung, daß Sommer und Winter, Saat und Ernte nicht aufhören und keine Sündflut mehr kommen soll auf Erden. Peter Boethius hat die Verstreuten der untergegangenen Kirchspiele zu einer Gemeinde versammelt und den ersten Gottesdienst nach der Flut gehalten. Zehn Prediger Nordstrands – und unter diesen Propst Vincentius – sind in jener Oktobernacht ertrunken; die neun, welche ihr Leben behielten, flohen entsetzt und sind nicht mehr vom festen Lande zurückgekehrt zu ihrer Gemeinde. Ein Grauen soll in ihren Gliedern gelegen haben, daß sie kein Salzwasser mehr zu sehen vermochten. Peter Boethius war in diesen Tagen ein anderer Mann geworden. Sein Haar war ergraut, seine starke Gestalt ging nicht mehr so straff, und die buschigen Brauen zogen sich selten zusammen. Er war auch ein stiller Mann, und in seinem Kämmerlein lag oft ein Müdes über ihm, aber es wich stracks, sobald er ausging, um seine Seelsorgerarbeit zu tun. Und er hat eine große und gesegnete Arbeit getan und ist der verstreuten Herde ein rechter Hirte gewesen. Sonderbar! Jetzo trat immer mehr die große Ähnlichkeit zwischen dem alten und dem jungen Boethius hervor, und die Leute sahen's verwundert, und es schien fast, als wenn der Vater vom Sohne die Weise entlehnt und das stille und sanfte Wesen erlernt habe. Viel Hass und Leiden, viel unverdiente Verkennung und Verfolgung hatte der Kirchherr in Westerwohld erfahren, aber von seiner neuen Halliggemeinde ist er wie ein Vater geachtet und mit unendlicher Liebe getragen worden. Karl Heimreich und Hertie lebten bei ihm, und sie gingen nebeneinander her wie Schwester und Bruder, die ohne Wort und Händedruck dennoch einander zugetan sind. Von allen Haustieren und allem Vieh, welcher der Bauernpastor in Westerwohld%%% hielt, hatte nur ein einziges die Flut überleb%%%t – nämlich Cito, der Hund, welcher noch lange ein lustiger Springinsfeld blieb und dann, im warmen Ofenwinkel ruhig alternd, es zu hohen Hundejahren brachte. Den schwer heimgesuchten Nordstrandingern stand noch die letzte und herbste Prüfung bevor, und Pastor Boethius hat auf seiner Odenbüller Kanzel noch eine schwere Predigt halten und eine sehr böse Verkündung der Gemeinde verlesen müssen. Der Herzog Friedrich III. zu Gottorp nämlich hatte durch den Untergang der Insel den zehnten Teil des ihm steuerbaren Landes und den zwanzigsten Teil seiner Untertanen verloren, und in seiner Habgier verfuhr er mit unglaublicher Härte und Ungerechtigkeit gegen die Bewohner und Eigentümer des alten Nordstrandes. Ein herzogliches Reskript von diesem land- und steuergierigen Fürsten von Gottes Zorn: »Sintemal die bisherigen Einwohner sich als völlig unvermögend erwiesen hätten, die Wiederbedeichung zu unternehmen, seien sie hiermit des Landes ledig, und Seine hochfürstliche Gnaden habe selbiges durch ein Oktroy einer holländischen Gesellschaft übergeben, welcher er zugleich freie Ausübung des katholischen und des reformierten Gottesdienste gestatte.« Mit einem Federstrich waren sie heimatlos und rechtlos gemacht von Fürstengewalt und Unrecht. Dieses erbarmungslose Edikt seines Landesfürsten hat Boethius am sechzehnten Sonntage nach Trinitatis auf der Kanzel publizieren müssen, und es war der letzte Schmerzenskelch, den dieser Mann leeren musste. Nicht ohne heiße Zähren der alten Landeigner ist die Verlesung geschehen, die ganze Gemeinde brach in Schluchzen aus, und eine große Bitternis zog durch ihr Herz. Die Holländer, Katholiken und Remonstranten haben das Werk angegriffen und das jetzige Nordstrand bedeicht. Die von ihrer meerumspülten Scholle Vertriebenen wanderten aus nach Husum und Föhr und den andern friesischen Inseln. Ein zusammengeschmolzenes Häuflein blieb bei der Odenbüller Kirche und auf dem hohen Moore. An diese Kirche von Nordstrandischmoor, wie sie von nun an hieß, ist Karl Heimreich Boethius als Pastor und Seelsorger berufen und vom Herzoge bestallt worden. Drei Tage nach geschehener Vokation, an einem sonnigen Maienmorgen, trat der Vater ins Zimmer und mitten zwischen Karl Heimreich und Hertie. Seine Hand hielt ein bedrucktes Blatt, welches ein herzogliches Reskript den Kirchherren und durch diese den Kirchspielen kundtat, und es müßte eine fröhliche Verordnung sein, denn der Vater lächelte still. Wes Inhalts war sie? Von den Ehen in verbotenen Verwandtschaftsgraden handelte sie, und Seine Gnaden, der Herzog, gab eine gnädige Erweiterung der zu Recht bestehenden, gestrengen Gesetzesbestimmungen. Das Edikt besagte: Unstreitig gehöre es zu einer guten Polizei, Ehen unter nahen Verwandten zu verbieten. Aber es sei hart und grausam, keine Ausnahme zu gestatten. Doch sei die Entscheidung in jedem Fall nicht der Willkür der einzelnen, sondern der Weisheit der Regierung zu überlassen. Und er, der Landesherr, welcher wissen würde, wie weit zu gehen sei, behalte sich selbst vor, in allen näheren Graden als dem dritten Erlass zu geben. Für jeden ausgestellten Dispens aber seien zwanzig Taler an die herzogliche Kasse zu entrichten. Der Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorp konnte auch ein gnädiger Herr sein! Peter Boethius hielt das Blatt in der Hand, und mit einem milden Lächeln betrachtete er seine beiden Kinder. Endlich hub er an zu sprechen, seine Stimme zitterte, und eine Träne trat in seine Wimpern: »Was nützet des Menschen Ringen und Rennen? Und was ist seine Kraft und Stärke? Edleff Wessel ist tot, und Etta, mein Kind, ist nicht mehr! Selig aber sind die Sanftmütigen und die Stillen im Lande, denn das Himmelreich ist ihr, und sie werden auch das Erdreich besitzen. Karl Heimreich, mein Sohn, und du, meine Tochter! Ihr seid stille gewesen und ihr seid geblieben in der Hoffnung und in der Geduld die vielen Jahre, darum soll euer Herz getröstet werden und seinen Frieden finden. Ich werde vom Herzog Dispens für euch begehren, denn ich habe die Gewißheit bekommen, daß ich euch segnen muss.« Und er legte die Hände auf ihre Häupter und segnete sie. Die beiden sahen sich an wie die Träumenden und faßten noch nicht, daß sie in Wahrheit und von Herzen sich lieb haben durften wie Mann und Weib. Die Sonne, nicht die Märzensonne, die mit lindem Scheine wie treue Geschwisterliebe glänzet, sondern die warme, wonnige Maiensonne lag hell und leuchtend im Zimmer und auf ihren Angesichtern. Unter ihrem Kusse erwachten sie zu neuem Leben. * Karl Heimreich Boethius lebte und wirkte vierzig Jahre lang als Prediger auf der Hallig Nordstrandischmoor. Gunne, die Greisin, ist gestorben im Glauben, und er hat sie begraben. Sönke, der Achtzigjährige, aber, welcher müde von Gram in die Grube fahren wollte und seinen Sarg sich kommen ließ? – Seine Gedanken waren nicht Gottes Gedanken! Er lebte noch achtzehn Sommer und Winter nach der Flut und erreichte ein Alter von neunundneunzig Jahren. Seine Sinne waren nicht stumpf geworden, und sein Gesicht hatte nicht abgenommen, nur das weiße Haupt wollte nimmer stille halten. Von dem fast hundertjährigen Greise ging ein Gerede auf den Halligen und umliegenden Inseln als von dem Manne, der unter fünf Herzögen gelebt habe. Als einst der Gottorper Landesfürst nach Nordstrandischmoor kam, ließ er Sönke Rickmers zu sich kommen und redete leutselig mit dem alten Nickekopf, der in seinem Sarge die Flut überlebt habe. Anno 1653 aber war Sönkes Zeit um, und er entschlief sanft in seinem Wandbette. Über seinem Grabe redete Karl Heimreich und sprach das Wort: »Die Knaben werden müde und matt, und die Jünglinge fallen. Aber die auf den Herrn hoffen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.«