Artur Jost Pfleghar Die Islandreiter I Eine dunkle Herbstnacht lag über dem Sandfellhof. In leisem Wogen und Rauschen strich der Wind um seine Hütten, die sich mit ihren grasbewachsenen niedrigen Dächern kaum aus der Landschaft hoben. Sie lagen wie große Steinblöcke zu Füßen eines hochgereckten Bergkammes, der sich hinter ihnen in den Nachthimmel schob mit seinen mächtigen Basteien aus Basalt, in wilden Graten, um die der Nebel braute. Doch fiel aus einer der Hütten noch matter Lichtschimmer über die karge Hofwiese hin, die sie umgab, obschon es bald auf die Mitternacht ging. Und er rührte von der kleinen Erdöllampe her, die mitten im großen Schlafraum des Hofes von der Decke hing. Daß sie noch brannte, daran trug Magnusson die Schuld, der Altknecht von Sandfell, der keuchend in den Decken lag und mit schweißbedeckter Stirn zu den Balken hinaufsah, die über ihm von einer Seite der Wand zur andern liefen. Sein Keuchen stieß wie ein Messer durch die ruhigen Atemzüge der anderen, die mit ihm den Raum teilten, bis es mit einem abbrach und schwieg. Dann klangen ein paar leise gemurmelte Worte durch die Stille, ruhig und weich, und diese Worte kamen von den Lippen Hördis, der Bäuerin, die bei dem Kranken auf dem Bettrand saß und Wache hielt. Es war um die Mitternacht. »Sie kommen noch nicht«, sagte Hördis einmal zu dem Bauern hinüber, der sich auf seinem Lager aufgestützt hatte und auf den Kranken sah, »sie kommen noch nicht. Obwohl es schon auf die Mitte der Nacht geht!« »Was macht er?« frug der Bauer zurück. »Willst du nicht schlafen? Ich werde aufstehen und bei ihm sitzen.« »Bleib«, flüsterte die Frau, »er wird unruhig werden, wenn ich jetzt von ihm weggehe, und vielleicht kommen sie doch noch, – – man weiß es nicht. Anders wird er sterben – –« setzte sie noch leiser hinzu. »Vier Tage ist er schon fort«, überlegte der Bauer, »vier Tage. Aber vielleicht hat er den Arzt nicht getroffen, der Knecht, vielleicht hat ihn ein anderer vor uns geholt!« Die Bäuerin wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Kranken zu. Sie sah zu dem alten Knecht hinab, in ein müdes, altes Antlitz, das zerfurcht und zerrissen war von einem langen Leben. »Seid Ihr da, – – Bäurin?« kam es einmal von den Lippen des Alten, »seid Ihr da? – – – Verlaßt den Hof, Frau – der Gletscher – – der Gletscher – –« »Glaubt mir, bleibt nicht auf dem Hof!« wimmerte er mit halb erloschener Stimme mühsam hinterdrein. Aber Hördis schob ihm die Decke wieder unter das Kinn, die er mit seinen zitternden Händen weggerissen hatte: »Schlaf, Magnus!« »Bauer!« rief der Kranke und hob mit einer krampfhaften Anstrengung den mageren weißhaarigen Kopf aus den Kissen, »so glaubt mir, sie muß gehen, – er kommt, der Gletscher! Ihr alle – – geht fort vom Hof!« »Der Hof ist sicher, Alter!« beruhigte ihn Thorgrimur und stand auf. Er trat an die Seite seiner Frau und beugte sich zu dem Knecht hinab, »du sollst nicht sprechen, Magnus, es ist nicht gut für dich!« »Es ist ein Krater im Gletscher! Ein feuriger Krater. Die Berge werden über den Hof fallen, wenn er ausbricht, – Euer Hof liegt unter den Bergen, Bauer!« »Schweig, Magnus! Schweig jetzt! – Du sollst nicht sprechen – –« »Meine eigenen Augen haben ihn gesehen, – mit diesen Augen habe ich ihn gesehen und – und –« »Schlaf, Magnus!« Erschöpft fiel der greise Kopf des Knechts in die Kissen zurück. Die gefältelten Lider schoben sich langsam über seine trüben, wäßrigen Augen, und magere Knochenhände fuhren suchend über die Decken. Sie suchten nach der Hand Thorgrimurs, des Bauern. »Hörst du, Hördig?« rief dieser plötzlich und horchte mit vorgebeugtem Kopf nach draußen. Dumpfes Rollen lief durch die Nacht, wurde klarer und lauter – – stampfende Hufe. Ein Hund schlug an. Hufschläge dröhnten die Hofwiese herauf. »Sie kommen –« flüsterte das Weib, mit übernächtigen Augen. »Sie kommen!« nickte der Bauer. »Olaf!« rief er gleich darauf. »Nimm die Laterne und geh vors Haus, – he – Olaf!« Ein Knecht stand schläfrig von seinem Lager auf und zündete mit blinzelnden Augen eine Stallaterne an, die neben seiner Bettstatt auf den Dielen gestanden hatte. Und während er mit ihr in den Hausgang hinauslief, fuhr der Bauer in seine hohen Stiefel und langte sich die Jacke vom Haken. Die Leute waren erwacht und lauschten auf die Worte, die schwach von draußen hereintönten, wo der Jungknecht mit den Angekommenen sprach. Sigrid, die Großmagd, schnürte sich das Mieder über ihrer weißen Brust zusammen und schob dabei ihre Füße über die Bettkante hinaus. Mit ein paar schnellen Griffen zog sie die dicken Wollstrümpfe über ihre Beine. »So spät noch in der Nacht, – so spät!« murmelte sie verdrossen dabei und stand gähnend auf. »Mach dich fertig«, sagte der Bauer vom Tisch her, »und sieh zu, daß du ein Essen auf den Tisch bekommst. Sie werden hungrig sein nach dem langen Ritt.« Damit wandte er sich und schritt aus dem Raum. »Es ist alles schon bereit«, rief ihm die Frau noch nach, »im Herd ist Feuer. – Wußte ich nicht, daß sie kommen würden?« seufzte sie auf, »wußte ich es nicht! – Sieh nach, Sigrid, die Teller – Brote – und das Fleisch. Trag schon auf!« * Draußen schnallten ein paar Männer die Sättel von ihren Pferden, und Olaf stand mit seiner Laterne bei ihnen und hielt das Licht über ihre Köpfe. Mit schweißigen Flanken tänzelten die Pferde unruhig zwischen den Reitern umher. »Verdammt, das war ein scharfer Ritt, Thorgrimur!« rief einer von ihnen lachend, als er den Bauern kommen sah. »Seid mir willkommen auf dem Hof und habt Dank, daß Ihr hergeritten seid. Ich glaube, er wäre noch in dieser Nacht gestorben ohne Euch!« fügte er hinzu, »Ihr kommt in der letzten Stunde!« »Ihr setzt großes Vertrauen auf mich, Thorgrimur«, entgegnete der Arzt und ergriff den Bauern bei der Schulter, »zu großes vielleicht. Aber wir werden sehen, – gehen wir doch hinein zu ihm!« »He, Olaf, nimm die Sättel mit in den Hausgang herein. Und die Pferde reitest du zur Koppel! Wen habt Ihr da noch bei Euch, Erlingur – – der andere?« »Es ist ein Mädchen, Bauer, die Tochter meines Bruders im Westen. Sie wollte durchaus mit mir kommen, als sie hörte, daß es sich um einen ordentlichen Ritt handelte. – Her mit dir, Asdis! Laß dich besehen!« rief er lächelnd. »Ich komme schon«, kam eine helle Stimme von den Pferden her, »aber siehst du, habe ich nicht recht gehabt, – der Rappe lahmt doch.» Du mußt nach ihm sehen, sobald du Zeit hast!« »So ist sie nun«, scherzte Erlingur, »erst kommen die Pferde! Und wenn sie den Herrgott selbst begrüßen müßte oder den Teufel, so müßte sie doch erst wissen, ob nicht ihr Gaul am Ende hinkt. Es könnte ja wirklich sein, daß er hinkt, – das ist sie also!« Er zog sie am Arm vor den Bauern. Das Mädchen wandte Thorgrimur ein Paar heller Augen zu und reichte ihm dann die Hand. »Komm mit herein«, fuhr der Arzt fort, »wir dürfen keine Zeit verlieren!« Olaf schwang sich auf eines der Pferde und trabte mit den Tieren zur Koppel hinaus. Der Bauer nahm das Licht auf, das er im Gras hatte stehen lassen, und leuchtete den Fremden in den Hauseingang hinein. »Da ist der Weg! – Hab Dank, Bergsvenn«, er reichte einem Manne die Hand, der drinnen stand und sein Zaumzeug über einem großen Holzhaken ordnete, »du hast dem Alten vielleicht das Leben gerettet mit deinem Ritt. Dank auch!« Der Schein der Laterne fiel über Sättel und Zäume, die überall an der Wand des Ganges hingen. Schwarze Teerkleider waren zwischen ihnen an den grobgehauenen Balken aufgehängt, die die niedrige Decke stützten. Dazwischen staken ein paar Äxte mit ihrer Schneide in den Wandbrettern, und am Boden standen Kübel und Holzfässer umher, die mit Weidenringen umflochten waren. »Seht euch vor«, sagte der Bauer und hob das Licht über seinen grauhaarigen Kopf, von dem ihm die Haare wild und ungeordnet über die Stirn hereinfielen, »es ist niedrig und eng hier! – Ich wollte schon manchmal umbauen – das alles hier«, erklärte er, »aber es fehlt an Holz. Es ist schwer herbeizuschaffen. Ein oder zwei Jahre wird es noch gehen. Die Knechte bringen Holz mit, so oft sie zur Küste reiten, aber es ist ja nicht viel, was ein Pferd zu tragen vermag – hier, geht hinein!« setzte er hinzu und hielt die Tür zum Schlafraum auf, »wir waren schon zu Bett, als ihr kamt. Nur Hördis, mein Weib, hielt Wache bei ihm. Sie wollte niemand anders zu ihm lassen!« »Der Arzt ist da, Magnus!« sagte drüben die Frau zu dem Kranken. Aber der Alte gab kein Zeichen mehr, daß er verstanden hatte. »Er stirbt!« flüsterte sie erschreckt, als der Arzt an ihre Seite trat, »helft ihm, Erlingur – er stirbt!« »Gebt mir Euren Platz, Frau!« sagte der Arzt und schob sie sanft zur Seite, »Ihr habt Euch übernommen. Geht jetzt zu Eurem Lager und versucht zu schlafen.« »Schlafen«, flüsterte der Kranke und schlug die Augen auf, »schlafen...« Erlingur griff nach der dürren Hand, die schlaff über der Decke lag, und fühlte nach dem Puls. Ein dünnes Pochen hämmerte unter dem Geschling der hochgelaufenen Venen hervor, das gleich darauf aussetzte und wieder in langsamen Takten begann, bis es Schritt hielt mit dem raschen Ticken der Uhr, die der Arzt aus der Tasche gezogen hatte, wenn man die siebzig Jahre noch dazu rechnete, die der Alte auf dem Rücken hatte – nun, so konnte es leicht sein, leicht, daß das Herz nicht wieder anlief, wenn es das nächste Mal aussetzte. Die Bäuerin hatte recht. Erlingur öffnete das Hemd des Alten auf der Brust und schob seine kräftige weiße Hand über die Rippen des alten Magnus, ließ sie liegen auf dem Herzen. Er beugte danach seinen Kopf nieder und horchte auf den Schall, den man vernahm, wenn man mit dem gekrümmten Mittelfinger die Brust abklopfte. Unruhig drehte Magnus sein Gesicht dabei in den Kissen hin und her, während er mit geröteten, zurückgesunkenen Augen von der Seite auf das kräftige kluge Antlitz des Arztes blickte. Erlingur drehte behutsam den Alten auf den Bauch, weil er auch noch den Rücken abhören wollte. Dann schob er seine Uhr, die er immer noch in der Hand hielt, in die Brusttasche seiner Jacke zurück und blieb einen Augenblick still sitzen, während die Hofleute um das Bett standen und auf ihn sahen. Er strich Magnus leicht über die eingefallenen Wangen mit den stachligen Backenhaaren: »Hörst du mich, Magnus?« Der Alte wandte ihm das Gesicht zu und schaute ihn starr und schweigend an – gab es hier etwas zu reden? – »Sie hätten dich nicht holen sollen«, sagte er am Ende und drehte sein Gesicht wieder zur Wand, »warum haben sie dich gerufen – dich. Was liegt an mir –« Aber plötzlich drehte er mit einem Ruck seinen Kopf zurück, die Augen traten ihm schier aus den Höhlen, und er sank gleich darauf ächzend zusammen: »Sagt es ihnen – Erlingur – sagt es ihnen – der Berg – ich bitte Euch – der Berg kommt –« »Er fängt wieder an«, flüsterte Thorgrimur dem Arzt zu, »er glaubt, daß der Berg über den Hof kommt, seit dem Tag, an dem das Beben war.« »Das Beben?« »Habt Ihr es nicht auch gespürt, im Osten drüben, – es sind doch nur zwei Tagesritte bis zu Euch!« Erlingur schüttelte den Kopf. »Einer von den Alten hatte etwas davon gesagt, aber wir hielten es für Unsinn. Er redet viel dumme Dinge, der alte Gunnlaugur, – also hatte er doch recht, dieses Mal!« »Ja, – es war ein Beben in der Nähe, – in – der – Nähe. Es muß seinen Ursprung ganz in der Nähe gehabt haben, wenn nur wir es bemerkt haben!« sagte der Bauer nachdenklich, wie zu sich selbst. »Ein Feuerkrater – – ein Krater!« hatte Magnus gesagt. »Feuer ist im Berg!« krächzte der Alte in diesem Augenblick mit unheilvoller Stimme aus den Kissen. Er mußte die Worte Thorgrimurs verstanden haben. »Bringt mir Wasser«, befahl der Arzt und brach das Gespräch damit ab. »Bringt Wasser her«, rief der Bauer zwei Mägden zu, die mit neugierigen Blicken das fremde Mädchen betrachteten, das mit dem Arzt gekommen war. Eilig rannten die Mägde zur Tür. »Ich hätte ihn gerne in ein anderes Zimmer gelegt«, begann der Bauer wieder, »wo er Ruhe hat. Aber in dem anderen Raum haben wir Fleisch aufgehängt, wir haben erst gestern geschlachtet. – Kommt das Wasser endlich?« rief er zur Tür hinaus, »Weibervolk!« »Asdis«, bedeutete Erlingur dem Mädchen, »willst du meine Tasche holen, ich habe sie auf den Sattel geschnallt!« Er wusch den Arm des Alten mit einem reinen Tuch, das die Bäuerin aus der Schublade gezogen hatte, dann nahm er Watte aus der Arzttasche, feuchtete sie mit einer klaren Flüssigkeit an und reinigte eine kleine Stelle am oberen Arm des Greises. Gleich darauf zuckte Magnus ein wenig zusammen, weil er einen feinen Stich an dieser Stelle verspürt hatte, und Erlingur löste die Kanüle von einer blinkenden Spritze, die er in der Hand hielt. »Du wirst nun schlafen, Alter«, sagte er und sah mit ernstem Gesicht auf den Greis nieder, »vielleicht für immer!« fügte er für sich selbst hinzu und strich sich das Haar aus der Stirn. In diesen Jahren hing das Leben an einem Faden; die schwächste Dosis konnte zu stark sein für ein schwaches hämmerndes Herz. Magnus lag noch ein paar Minuten mit offenen Augen und folge den Bewegungen Erlingurs. Dann fielen seine Blicke tiefer und tiefer. Die Lider schlossen sich zuletzt. Der Arzt stand von seinem Platz auf. »Wir müssen warten! Bis morgen!« Die Leute legten sich wieder zum Schlafen nieder, als Erlingur nachher vom Tisch aufstand und dem Bauern Dank sagte für das Mahl und ihm die Hand reichte, wie es die Sitte des Landes gebot. »Ihr müßt vorlieb nehmen mit diesem Raum, Erlingur«, sagte der Bauer. »Wollt Ihr dort in der Ecke schlafen. Für das Mädchen hat die Frau auch ein Bett frei gemacht. Geir ist noch in den Bergen, mein Sohn, – sie kann in seinem Bett schlafen. Er kommt nicht vor zwei Tagen. Soll ich bei dem Alten wachen?« »Er wird vor dem Morgen nicht erwachen. Ihr würdet umsonst bei ihm sitzen. Schlaft wohl, Bauer.« Thorgrimur schraubte den Lampendocht herab, daß nur noch mattes Licht im Dimmer war. Der Hof schlief. – Die Mitternacht war vorüber. * Asdis lag lange wach in dieser Nacht. Sie hörte die ruhigen Atemzüge der Schlafenden um sich und sah unverwandt auf die matthelle Fensterscheibe in der Stirnseite des Raumes, die mit der Zeit klarer und schärfer aus dem Dunkel heraustrat, weil draußen schon das Grauen des Tages über das Land fallen mochte. Einmal hörte sie etwas durch das Zimmer gehen, und einige Augenblicke später sah ein erstauntes Hundegesicht über den Rand des niedrigen Lagers herein, auf dem sie ruhte. Sie streckte die Hand aus und streichelte das Tier, das seine Pfoten auf die Bettkante stellte und seine feuchte Schnauze in ihre Hand schmiegte. Zuletzt kam der zottige Kerl plötzlich auf ihr Bett gesprungen und legte sich am Fußende nieder. Er mochte es nicht anders gewohnt sein; sicher war es der Hund des Burschen, von dem der Bauer gesprochen hatte und der um diese Zeit noch in den Bergen ritt. Sein Name fiel ihr nicht mehr ein. Sie hatte ihn vergessen. Der Hund sah noch eine Weile durch das Dunkel zu ihr herüber. Wenn er den Kopf wandte, funkelten seine Augen in grünem Schimmer aus dem hellen weißen Gesicht mit der schwarzen Nase. Dann war sie die Einzige im Raum, die nicht schlief, denn auch der Hund hatte seine Nase auf die Läufe geduckt und ging im Traumland umher. Aber plötzlich war wieder ein Laut im Zimmer. Ein bebendes Klirren, das über dem Atem der Schlafenden stand. Das Mädchen dachte vergeblich nach, woher es kommen mochte, bis mit einem Mal auch das Bett zu beben begann, auf dem sie lag, und das Klirren stärker wurde, daß es wie ein leises Singen zu hören war. Und nun wußte Asdis auch, daß das Geräusch von der Lampe kam, die über dem Tisch hing. Die Lampe klirrte. Als sie einmal zufällig die Wand berührte, bemerkte sie, daß das Beben auch in den Brettern der Verschalung war. Der Hund richtete den Kopf hoch und sprang darauf mit einem leisen Plumps von ihrem Lager auf die Dielen hinab. Unruhig lief er von da an auf dem Boden hin und her und blieb schließlich winselnd bei der Tür stehen. Dem Mädchen fielen die Worte des Knechtes ein, die er im Fieber gerufen hatte. »Onkel! – Erlingur, hörst du?« rief sie leise durch den Raum. »Onkel!« »Was ist, Asdis?« »Horch, die Lampe!« Verschlafen starrte der Arzt in das Dunkel: »Die Lampe?« »Hör, wie sie klirrt!« »Laß sie klirren, Asdis! – warum schläfst du nicht?« Eine Weile war es still. Bis Erlingur sich plötzlich aufsetzte: »Wirklich – sie klirrt!« »Auch die Wand«, – flüsterte Asdis. »Es muß irgendwo ein leichtes Beben sein«, sagte Erlingur leise. »Oder vielleicht ist ein Geysir in der Nähe, wenn ein Geysir in der Nähe eines Hauses liegt, so klirren die Fenster den ganzen Tag über. Schlafe. Das ist es!« »Ja – es bebt mitunter,« brummelte Thorgrimur von seinem Bett her,« er war durch das Flüstern wach geworden. »Aber das hat nichts zu bedeuten«, fügte er hinzu, »hm, – es hat nichts auf sich. Seit einem Jahr fast klirren die Rampen im Haus hin und wieder. Es hat nichts zu sagen.« Doch das Mädchen schlief nicht mehr in dieser Nacht. Stunde für Stunde horchte Asdis auf das Klirren der Lampe. Bis es plötzlich abbrach. Aber um diese Zeit rührten sich die Leute schon in den Betten, und einige Mägde kleideten sich im Dunkel fertig an, um das Tagwerk zu beginnen. Draußen schlugen manchmal die Hunde an, weil sie gewohnt waren, daß sich in dieser Stunde die Haustür öffnete und die Mägde mit dem Melkeimer zu den Kühen gingen, die da und dort im grauenden Morgen sich erhoben und brüllend im Nebel standen, der in den Mulden der Wiese kroch. Es wurde Tag. Sigrid hantierte schon draußen in der Küche herum, Teller klapperten und Töpfe, da kam plötzlich ein schwerer Tritt den Gang herauf, der nicht gut von einer Magd herrühren konnte. Die Tür ging auf, und ein kräftiger junger Bursche stand auf der Schwelle. Verwundert schickte er seine Augen die Wände entlang, wo die Leute noch in den Betten lagen und blinzelnd in den Morgen hineinsahen. »Sailir – og blessadur« – »Seid gegrüßt und gesegnet!« »Da ist er –« nickte der Bauer und hob den Kopf, und auch der Arzt machte einmal die Lider auf und zu, was so viel wie einen Gruß bedeuten sollte. Erlingur war noch müde von dem vergangenen Tag. Der Bursche lächelte Hördis zu, seiner Mutter. »Er schläft –« sagte sie und gab damit die ganze Sorge wieder, die sie um den alten Magnussen gehabt hatte, daß sie über dem plötzlichen Erscheinen des Burschen doch zuerst an den Alten dachte. Da riß der Neugekommene die Augen auf und starrte mit offenem Mund auf das fremde Mädchen, das auf seinem Lager schlief. Ja, sie war doch noch eingeschlafen, das Mädchen Asdis, und lag nun mit geröteten Wangen auf den Kissen, die Lippen leicht geöffnet wie bei einem schlafenden Kinde. »Du bist schon da?« frug der Bauer dazwischen. »Ja, Vater. Wir waren nicht mehr so weit ab vom Hof und dachten, – nun, wir sind dann die Nacht durchgeritten, Oddur und ich – nun sind wir da!« »Der Arzt ist gekommen, – zu Magnus! Ich habe Bergsvenn zu ihm geschickt, weil wir glaubten, daß er sterben müßte sonst, hm! Er schläft immer noch, der Alte, vielleicht wird es nun wieder gut.« »Jaha!« murmelte der Bursche und sah zu dem Lager des Alten hinüber. Aber dann hatte er seine Augen schon wieder bei dem Mädchen. »Sie ist mit dem Arzt gekommen!« erklärte Thorgrimur, »wir haben ihr dein Bett gegeben, weil wir glaubten, daß du nicht zurückkommen würdest, nicht so früh –« »Ja –« »Bist du jetzt müde?« »Nein, Vater.« »Wo hast du Oddur gelassen?« »Draußen bei den Schafen.« »Habt ihr sie nun alle beisammen?« »Die Schafe? – Ich glaube!« »Sigrid ist schon in der Küche, sie soll dir Essen geben –« »Ja«, erwiderte der Junge, aber er machte trotzdem keine Anstalten, hinauszugehen, sondern sah zwischen den Worten seines Vaters immer wieder verstohlen auf das fremde Mädchen, das in seinem Bett schlief. »Wann ist sie gekommen?« »Der Arzt?« »Ja«, sagte der Bursche und wurde rot dabei, »der Arzt!« »Gestern, – heute nacht! Es war höchste Zeit, daß er kam! Geh nun hinaus – du wirst hungrig sein!« »Nicht sehr – ich setze mich an den Tisch derweil. Es wird doch nicht mehr lange dauern bis zum Frühstück. Ich will auf den Knecht warten – er wird auch gleich hereinkommen.« Thorgrimur nickte und schlug die Decken zur Seite, »ich werde aufstehen – wecke die Leute. Aufstehen! Es ist an der Zeit. Ihr könnt gerne noch schlafen, Arzt!« sagte er zu Erlingur, der wieder erwacht war, »Ihr könnt es brauchen, denk ich mir –« »Morgen – Bauer! Wie steht es mit Magnus?« »Er schläft noch –« Der Arzt drehte den Kopf nach dem Kranken. »Er ist ruhiger geworden, sieht es aus. Das Schlimmste wäre dann geschafft –« »Ja – ruhiger –« bestätigte der Bauer und ging zu dem Altknecht hinüber, »viel besser –« »Nun, Geir«, sagte Erlingur gähnend, »im Berg gewesen?« »Jau, Arzt!« »Müde?« Der Bursche schüttelte den Kopf. »Ja, in deinem Alter, da habe ich noch Berge versetzt – hm, man ist nicht mehr der Jüngste! Nicht wahr, Thorgrimur? Man merkt es erst, wenn man die Jungen ansieht, wie treibst du's?« »Man arbeitet«, sagte Geir. Da wurde auch Asdis wach. Sie sah erst nur ein Paar lehmige Stiefel auf den Dielen stehen, wie sie so vor sich hin blinzelte, aber danach hob sie die Augen höher und sah auch den Burschen, der dazu gehörte. Einen gelben Haarbusch über einem braungebrannten Gesicht, aus dem ein Paar dunkle blaue Augen sie verwundert betrachteten. »Das ist der Sohn vom Bauern«, hörte sie Erlingur sagen, der nun auf seinem Lager saß, »er heißt Geir!« Sie strich sich die Haare aus den schlafroten Wangen und sah dann wieder auf den Burschen. »Der Sohn –« nickte sie. »Ja –« murmelte Geir und ging zu ihr hin, um ihr die Hand zu geben, »ich heiße Geir!« Das Mädchen Asdis bekam ein Lächeln um den Mund, wie der große kecke Bursche unbeholfen und eckig vor ihrem Bett stand und ihr seine Pranke entgegenhielt; sie ließ ihre warme Hand länger als nötig zwischen seinen Fingern liegen und sah an ihm hinauf: »Deine Mutter sagte, daß du nicht so schnell zurückkommen würdest. Nun habe ich dir dein Bett weggenommen. Und sicher bist du müde!« »Nein«, sagte Geir laut und versuchte ein Lachen, um seine Verwirrung zu verbergen. Aber es blieb beim Versuch. »Ich muß noch nach den Pferden sehen«, murmelte er plötzlich und lief mit langen Schritten von ihr weg zur Tür, wo er seine Mütze vom Haken riß und in den Gang hinauspolterte. Als nachher das Essen aufgetragen war und die Leute des Hofes sich um den Tisch gesetzt hatten, – Asdis und der Arzt saßen neben dem Bauern, wie es den Gästen geziemte, – mußte der Junge immer wieder auf das Mädchen sehen, obschon er einem Gespräch mit ihr auswich. Sein Vater schickte ihm einmal einen aufmerksamen Blick herüber, weil er sich über sein Schweigen wunderte, aber sein Blick glitt danach von ihm ab und blieb auf dem Mädchen liegen. Der Arzt folgte den Blicken des Bauern. Und plötzlich war es still um den Tisch. Erlingur ergriff als erster wieder das Wort. »Das ist also – hm, wieviel Schafe habt Ihr nun eigentlich, Thorgrimur?« fragte er und ließ dabei einen flüchtigen Blick über den Jungen gleiten. »Fragt Geir – es mögen eine gute Anzahl Jungtiere dazu gekommen sein. Der Sommer war gut. Auch die Weide. Ja, auch die Weide!« Er strich sich mit den Fingern durch den Bart und sah auf Geir: »Ich denke, – nun, wieviel mögen es sein?« »An zweihundert Stück, – aber ich habe sie nicht gezählt, noch nicht! Morgen wollte ich sie zählen! Oder heute. Ja.« »Ja«, sagte er noch einmal hinterdrein und hatte dabei seine Gedanken überall, nur nicht bei den Schafen, um die es im Augenblick ging. »Schafe –« brummte er nachdenklich und schob sich einen Bissen in den Mund, »Schafe!« Eigentlich verstand nun keiner, was er damit sagen wollte. Und es war wieder still am Tisch. »Sind sie fett in diesem Jahr?« fragte der Arzt, um überhaupt etwas zu sagen. »Ja, sie sind fett!« »Und die Wolle –« »Gut ist sie.« »So.« Der Bursche schob unversehens Gabel und Messer von sich und rückte den Stuhl zurück. »Bist du fertig, Oddur?« rief er einem Knecht zu, der am untern Ende des Tisches saß. »Hm, – was ist?« »Wir wollen wieder zu den Schafen hinaus!« »Hat das nicht Zeit?« Aber Geir antwortete nicht mehr darauf. »Dank fürs Mahl!« sagte er über den Tisch und wandte sich zum Gehen. »Du kommst dann –« rief er noch in der Tür. »Hm –« räusperte sich Erlingur, »er ist kurz angebunden. Hat er das von dir, Thorgrimur?« »Frag die Frau«, sagte der Bauer lachend, »er scheint seine Tage zu haben – oder es ist sonst ein Grund, wer weiß!« »Hm«, knurrte der Knecht vom unteren Ende der Tafel; er machte sich so seine eigenen Gedanken, wo andere Leute nichts zu sehen schienen. Der Bauer hob den Kopf und sah ihn an: »Was ist, Oddur?« »Ich meinte nur so –« grinste Oddur und stiefelte zur Tür, »ich meinte nur!« Aber niemand erfuhr, was Oddur an diesem Morgen meinte – * Geir werkte schon bei den Schafen herum, als der Knecht zu ihm herauskam. Der Alte humpelte zu dem Pferch hin, in den sie die Schafe nach dem Ritt eingetrieben hatten. Sorgfältig stengte er das Gatter hinter sich und lief durch die dichtgedrängten Wollrücken zu dem Burschen. »Warum hattest du es so eilig – drinnen? Wolltest du nicht noch schlafen nach dem Essen? Und jetzt rennst du schon wieder den Schafen nach, daß andere Leute hungrig vom Tisch aufstehen müssen! Ha?« »Halt ihn fest!« sagte Geir und schleifte einen stoßenden Hammel zu ihm hin, »man könnte ihn noch schlachten! – Wir haben nicht genug Fleisch für den Winter!« »Na – und –?« »Red nicht so viel!« »Ich? Red' ich vielleicht, Hölle und Teufel!« »Jau!« knurrte der Bursche, »bring ihn vor die Hürde. Er ist fett. Draußen bindest du ihm die Beine zusammen, damit er nicht davonläuft. So –« Oddur humpelte brummend davon. – Richtig war Oddur nur zu gebrauchen, wenn er im Sattel saß. So oft er auf dem Erdboden entlang gehen mußte, sank seine Laune auf den Gefrierpunkt. Und schuld daran war sein Bein. Vor zwanzig Jahren hatte ihm ein halbwilder Hengst mit einem gutgezielten Hufschlag das Knie zerschmettert, daß der Arzt ratlos vor so viel Knochensplittern stand und schon sein Messer wetzte und mit der blauschimmernden Säge liebäugelte, die in dem weißen Schrank seines Zimmers hinter spiegelnden Glasscheiben lag. Aber Oddur hatte um sein Bein gekämpft wie ein Bär um sein Junges. Und das will ja nicht wenig sagen. Auf jeden Fall hatte der Arzt damals vor Wut seine Pinzette an die Wand gefeuert, mit der er eben noch ein wenig in der Wunde herumgewühlt hatte, während Oddur fluchte, wie eben nur ein isländischer Reiter fluchen kann, und zum Schluß noch den Segen der Hölle auf den Weißkittel herabwünschte. Er flog danach aus dem Haus trotz seines verdammten Beines, denn schließlich kann auch ein Arzt nur ein gestrichenes Maß an guten Wünschen vertragen. Aber Oddur hatte gegrinst, als er endlich aus dem Hause war, in dem man sein Bein in Spiritus legen wollte. Er bat einen Knecht, daß er ihn auf sein Pferd setzen sollte, dann wollte er sehen, daß er auf den Hof zurückkäme. Und tatsächlich schaffte er es auch. Die Sache wäre wohl am Ende noch übel ausgegangen, wenn nicht der Arzt Gewissensbisse bekommen hätte und einen Tag später hinter ihm dreingeritten wäre, um nach dem fluchenden Tollkopf zu sehen, wie er Oddur nannte. Und so kam der Knecht mit einem steifen Knie davon. »Und jetzt?« fragte er, als er wieder bei dem Burschen stand, und sah dabei in der Runde herum, wo die Schafe Kopf an Kopf warteten und auf die beiden Männer blickten. »Wolle besehen! Dort fangen wir an. So!« Er hob den Arm und wies in eine Ecke des Pferchs. Aber weil diese Ecke dem Hof zulag, konnte es ihm nicht entgehen, daß drüben das fremde Mädchen mit wehenden Haaren vor der Tür stand und einen Sattel auf der Schulter trug, mit dem sie zur Pferdekoppel ging. Er ließ den Arm wieder sinken und starrte ihr nach, während der Knecht leise durch die Zähne pfiff und mit dem Kopf wackelte: »Teufel, Teufel!« Es dauerte recht lange, bis der Junge sich wieder auf seine Arbeit besann, dünkte es dem Alten. Viel zu lange! »Wolltest du nicht, hm, – die Schafe –« »Schweig, Dummkopf!« knurrte Geir. »Ich?« »Jahau!« »Ich!« Der Alte funkelte zornig aus seinem einen Auge den Jungen an – hm, ja, Oddur war auch einäugig, – aber dann flog ein breites Grienen über sein Gesicht: »Oh, der alte Oddur ist nicht dumm«, grinste er, »und er sieht verteufelt gut. Siehst du, hm, also das Mädchen –« »Schweig!« »Hm, also was ich noch sagen wollte, hm –« schmunzelte er, »siehst du, da kommt sie ja geritten!« Ja, Oddur hatte ein gutes Auge. Das Mädchen ritt drüben aus der Koppel. Aber als sie vom Sattel aus das Gatter wieder an seinen Platz gerückt hatte, das das Gehege verschloß, wandte sie ihren Grauen und ritt jenseits des Hofes auf die Steppe hinaus, bis sie hinter den Hütten verschwunden blieb. »Weiter!« sagte Geir und stapfte zu der Ecke hinüber. »Den da, den Hammel!« kommandierte er und wartete, bis Oddur den Kerl bei den gewundenen Gehörnen hatte, »her mit ihm!« Aber als der Knecht den Bock auf den Rücken geworfen hatte, damit Geir die Bauchwolle besehen könnte, – er wartete gebückt, daß er kommen sollte – hm, er drehte sich also nach ihm um, warum er nicht kam, – da sah er den Jungen wie ein Standbild im Grase stehen und dem Mädchen nachblicken, das inzwischen wieder hinter den Häusern hervorgekommen war und weit draußen in der Steppe dahinritt. »Du«, schrie er erbost, während der Hammel sich mit aller Gewalt zu befreien suchte, »komm jetzt, ich hab' ihn! Da fängt man nun einen Bock und hält ihn fest, und derweil –« »Mach das Gatter auf und laß die Schafe auf die Wiese hinaus«, sagte der Junge plötzlich, »es hat Zeit bis morgen!« Der Alte spuckte seinen Priem mitten zwischen die Tiere, daß eines von ihnen einen erschreckten Satz machte: »Da sieh einer! Was hab' ich nun gesagt!« Dann schwieg er einen Augenblick lang und sah mit seinem lebenden Auge zwinkernd nach dem Punkt in der Ferne, der zusehens kleiner wurde: »So ist das also! So!« Aber Geir schien ihn nicht einmal zu hören. Er ging aus dem Pferch und schritt zu den Hofgebäuden hinüber. Und kurze Zeit darauf ging er mit einem Sattel zur Koppel. * »Soll ich mit dir reiten?« fragte er das Mädchen, als er seinen Falben bei ihr zügelte. Sie hatte ihr Pferd quer gestellt und sah ihm entgegen. »Ich dachte, daß du zu arbeiten hättest«, lachte sie, »sonst hätte ich dich gebeten, mir das Land zu zeigen, das zu eurem Hof gehört. Du hattest es eilig, heute morgen!« Es klang ein wenig spöttisch, rund heraus gesagt. »Wir sind schon an der Grenze der Steppe«, sagte Geir und überging ihre Bemerkung, »dort drunten liegt der Fluß. Und hinter ihm der Sand. Fünf Tagereisen weit ist dann nichts als Sand.« »Euer Hof liegt einsam.« »Es kommen selten Menschen zu uns. Der Arzt und manchmal der Händler, das ist alles.« Er gab seinem Hengst die Hacken und trabte wieder an. »Komm, wir reiten weiter!« »Du hast ein gutes Pferd«, sagte sie und sah auf den Falben, der mit wehendem Schweif und stechenden Hufen über die Sandlöcher der Steppe zog, daß der Graue ihm kaum zu folgen vermochte. »Wir haben die beste Zucht im Osten«, rief er stolz zurück, »auch der Arzt reitet Pferde von uns!« »Ja, er sagte es mir.« – Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander. Dann hielt der Bursche plötzlich seinen Hengst zurück: »Wir könnten in den Berg reiten«, meinte er, »erst dachte ich, daß wir Nebel bekommen würden, aber nun steht die Sonne am Himmel. Willst du?« Das Mädchen nickte. Lächelnd wechselte sie die Richtung. Eine Stunde später hielten sie auf einer Berghöhe, von der man weit über das Land blicken konnte. Im Osten lag der Sandfellhof als ein kleiner Haufen von Hütten unter den hohen Felsen, die hinter ihm anstiegen. Während man vom Tal aus diese Felswand nur wie eine riesige Mauer sah, die mit ihren Zacken in den Himmel stieg, blickte man von diesem Platz auf hochgetürmte Bergriesen mit verschneiten Häuptern, deren Grundfesten von unabsehbarem Eis umzogen wurden, das sich in einem schimmernden Gletscherrücken dem Norden entgegenwölbte und im Horizont verlor. Die Felsmauer über dem Hof war nur ein kleiner Vorposten von unzähligen Berghäuptern und Spitzen und Graten, die alle von dem gewaltigen Eisfluß des Gletschers umschlungen wurden. »Der Vatna!« sagte Geir und sprang aus dem Sattel. »Nirgends sieht man ihn so schön wie von dieser Stelle aus, den Gletscher.« Grüne dunkle Spalten zerrissen die Decke des Eises, soweit das Auge reichte. Wülste von brauner Erde und zerschrammtem Gestein hatten sich an ihren Rändern hochgehoben, frisch gebrochenes Geröll und nasse schiebende Erde. Moränen umschlangen die Granitflächen der Berge und liefen in schwarzen Strichen auf dem Scheitel der Eiszungen dahin. »Das ist der Vatna!« sagte der Bursche noch einmal und nahm Asdis die Zügel ihres Pferdes aus der Hand: »Steig ab, ich weiß einen Platz drüben. Und einen kleinen Fluß. Oder einen Bach. Die Erde ist dort noch grün, weil der Boden an dieser Stelle wohl wärmer ist als anderswo. Auch der Bach ist nicht kalt. Selbst im Winter nicht. Es ist kein Gletscherbach, sondern er kommt aus einem richtigen Quell in der Erde. Ich habe schon in ihm gebadet.« Er zeigte mit dem ausgestreckten Arm in eine kleine Mulde hinab, während er vor dem Mädchen herschritt und an seiner Seite die Pferde führte: »Siehst du, dort unten ist ein kleines Hochtal. Und da ist auch der Fluß, weiter unterhalb stürzt er über einen hohen Felsbruch in die Tiefe. Aber es ist ein gefährlicher Weg dorthin, und man kann ihn nicht gehen mit den Pferden.« Nach kurzer Zeit fiel zur rechten Hand eine kleine Halde ab, die mit grobem Sand und Steinen aufgefüllt war und in steiler Senkung zu der Talmulde hinabführte. Geir nahm die Pferde kurz am Maul und stampfte durch den losen Schutt bergab. Mißtrauisch setzten die Tiere ihre Hufe auf und schnaubten ängstlich, wenn der Sand unter ihnen zu weichen begann und losgetretene Steine vor ihnen herhüpften, klingend auf den Boden des Tals hinaussprangen. Drunten ließ der Bursche die Pferde frei. »Sie können nirgends aus dem Talkessel heraus«, meinte er, »und über den Bach werden sie nicht gehen. Bleikur kennt übrigens das Tal«, sagte er und nickte zu seinem Falben hinüber, der in schnellem Trab davonlief, »ich bin schon oft mit ihm hier gewesen.« »Eine Wiese! Mitten in den Bergen!« rief das Mädchen Asdis und lief zu dem Bach hinüber. »Und das Gras ist noch grün, obwohl im Tal schon alles verdorrt ist.« Geir hatte sich auf einen Felsblock gesetzt und sah ihr nach, wie sie mit kurzen schnellen Schritten über das Gras lief. Die Sonne flimmerte in ihrem hellen Haar und stand in einem leuchtenden Rand um ihren Körper. Asdis lief mitten in die Sonne hinein, die als feuriger Ball im Osten über dem Gletscher stand. Wie ein gleichmäßiger Teppich lag die Wiese hier im Tal, aber über ihr war wie ein Bild aus den Schöpfungstagen der wilde zerrissene Leib des Gletschers, der in den Strahlen der Sonne gleißte und ihr Licht in tausend Farben brach. Nach einer Weile stand Geir auf und ging zu Asdis hinüber. Die Pferde grasten schon ein gutes Stück in die Wiese hinein. Gemächlich schritten sie vorwärts und hatten die Köpfe auf dem Boden, daß die Zäume wie Schlangen hinter ihnen herschleppten. Mit schlagenden Schweifen stapften sie immer weiter und rupften die Halme aus dem Grund. Eine Möwe flog schreiend über die Mulde hinweg in der Richtung zum Hof, vor dem manchmal wie kleine Punkte ein paar Menschen standen und zwischen den Gebäuden hin und her liefen. »Erlingur wird dich jetzt suchen«, lachte Geir und wies zu der Siedlung hinab, »ich habe niemandem gesagt, daß ich mit dir hierher reiten würde. Zuerst wußte ich selbst nicht, ob wir bis zu diesem Platz reiten sollten. Ich war immer nur allein hier. Aber dann dachte ich, während wir ritten, du solltest ihn auch sehen. Ich wollte ihn dir zeigen, bevor du weiterreitest«, schloß er und machte eine große Bewegung durch die Luft, – »das wollte ich!« »Herrlich ist es hier«, sagte das Mädchen und sah ihn mit einem langen Blick an. Geir wußte nicht, was er mit diesem Blick anfangen sollte. Er starrte ihr ins Gesicht und in die hellen Augen und bearbeitete währenddem seine Stiefelschäfte nachdrücklich mit dem Peitschenriemen, den er noch in den Händen hielt. Dann sah er plötzlich auf die Seite, wo die Pferde standen und das Fressen ganz vergessen hatten. Aufmerksam schauten sie mit ihren klugen Köpfen zu den beiden herüber. Geir wollte sich eben besinnen, was ihre Neugier erregt haben mochte, als Troll, der Schafhund, mit freudigem Bellen an ihm hochsprang und dann jaulend zu dem Mädchen lief. Wie ein weißer Strich war er danach bei den Pferden und umsprang sie kläffend, daß sie mit holprigen Sätzen davontrabten, weil die schleppenden Zügel sie am Gehen hinderten. »Sieh, da hat er uns gefunden«, rief der Bursche hastig. »Ich hatte ihn ganz vergessen über – über dem Ritt. Willst du die Pferde in Ruhe lassen, Troll! Komm her, komm!« »Komm jetzt!« »Laß ihn doch«, sagte das Mädchen dazwischen, »er spielt ja nur, er ist noch jung. – Mir ist heiß«, meinte sie dann und warf sich ins Gras, »wir könnten hier ein wenig liegen, bevor wir heimreiten. Der Tag ist noch lang. Und Erlingur sagte, daß wir nicht vor morgen reiten könnten. Er müßte noch ein wenig nach dem Altknecht sehen. Und dann ist da auch noch der Rappe. Müde bin ich«, lachte sie und ließ den Kopf zurücksinken, daß ihre Haare durch das Gras flossen. »Wie die Kräuter duften! Bald wie im Frühling.« * Der Bursche stand immer noch bei ihr und rührte sich nicht vom Fleck. Er spürte ein wunderlich weiches Gefühl für das Mädchen, dessen Gesicht mit geschlossenen Augen zwischen den zitternden grünen Gräsern lag. Ihre Lippen standen ein wenig offen, wie er sie am Morgen auf seinem Lager gesehen hatte, und die Arme lagen leicht und mit gelösten Händen über dem Leib. Er wußte nicht, warum er sie immerfort betrachten mußte wie eines der Bilder, die er bisweilen in einem Buch des Pastors gesehen hatte, wenn er auf dessen Hof im Osten gewesen war. Wie eines dieser Bilder war sie, die man ohne Aufhören betrachten konnte. Ernst und wortlos sah er auf sie nieder. Am Himmel schwammen ein paar kleine weiße Wolken. Die Sonne war nun höher gekommen. Es roch scharf und würzig aus der Erde, nach Lehm und frischen Krumen. Klar und nahe standen die Linien der Berge um den Horizont. Und weit im Süden schimmerte die See in einem lichten Band herüber. »Warum legst du dich nicht auch ein wenig nieder«, fragte sie einmal und schlug die Augen auf, »die Sonne ist noch warm, – man könnte beinahe schlafen.« »Schlafe«, nickte er und dachte, daß er sie dann länger noch anschauen könnte. »Ja –« »Hast du nicht gesagt, daß man baden kann in dem Bach, er hätte warmes Wasser! – Wir werden baden, hörst du. Herrlich wird es sein.« Sie hatte sich mit einem Ruck aufgesetzt und sah auf den spiegelnden Lauf des kleinen Flusses. Geir hatte plötzlich einen roten Kopf. Er sah verlegen auf Troll, der neben dem Mädchen kauerte und hechelnd die Zunge aus den Fängen rollte. »Ich weiß nicht«, sagte er, »es ist schon im Herbst, vielleicht ist das Wasser jetzt kühl. Es kann zu kalt sein! – Er ist schnell gelaufen«, meinte er dann mit einem wichtigen Blick auf den Hund, »aber gefunden hat er uns doch. Er hat eine gute Nase. Jeder Spur kann er folgen.« Er sandte einen verstohlenen Blick zu Asdis hin, während er sprach und sah, daß sie schon die langen Stiefel von den Beinen gezogen hatte und die Strümpfe. Sie stülpte sich noch schnell das dicke Wollhemd über den Kopf, das sie bis zum Gürtel trug. »Fein wird das, baden!« rief sie fröhlich, »kannst du schwimmen?« »Der Bach ist nicht tief genug dafür«, sagte Geir verwirrt und wollte sich wegwenden, doch streckte das Mädchen gerade in diesem Augenblick die Arme in die Höhe. »Hilf, zieh, die Ärmel sind zu eng!« Er bückte sich nieder und streifte ihr die Bluse über den Kopf, und es war gut, daß sie dabei nicht sein Gesicht sehen konnte, – es war in diesem Augenblick nicht besonders klug. Es wollte nichts helfen, daß er sich einen Dummkopf nannte und sich zum Teufel wünschte mit seinem hölzernen Gehaben. Als ob die Leute vom Hof nicht oft zusammen in der warmen Quelle badeten, die hinter Sandfell lag. So oft sich die Gelegenheit bot, hatten sie dort geschwommen, und niemand hatte dabei jemals einen Unterschied gemacht zwischen langen oder kurzen Haaren. Einmal hatte er die splitternackte Sigrid an ihrer langen Mähne gepackt und sie unter Wasser gezogen, und sogar am Ufer hatte er sich mit ihr noch herumgebalgt. Und das schlimmste war, daß die Magd ihn damals zuletzt noch auf den Boden gelegt hatte wie einen kleinen Jungen, und er war zu der Zeit doch schon ein Bengel von guten vierzehn Jahren gewesen. Er hatte ihr das lange nicht vergessen. Aber hier war das nun eine andere Sache, wenn er auch selbst nicht wußte, warum. Man fühlte das, – es war etwas anderes jetzt. »Ich will nicht baden«, sagte er plötzlich und warf dem Mädchen den Wollkram wieder zu, den er noch in der Hand hielt. Aber Asdis hatte zu der Zeit schon ihr Leinenhemd von sich gestreift und lief in ihrer ganzen strahlenden Nacktheit in den Bach hinaus. Das Wasser spritzte um sie, daß sie in einer sprühenden Wolke zu stehen schien. Sie hatte seine Worte nicht mehr gehört. »Schön ist es!« prustete es aus der Wolke heraus, »komm!« »Warum bist du immer noch draußen?« rief sie nach einer Weile, und die Wolke sank plötzlich in nichts zusammen, »wolltest du nicht baden?« »Ich bade sonst allein hier«, knurrte er und verwünschte sich, noch während er sprach, »sonst – meine ich.« Das Mädchen stand plötzlich still im Bach. Sie hielt die Hände vor sich und sah mit ungewissen Augen nach dem Burschen. Als ob sie nichts davon wüßte, zog sie langsam ihre Arme an den Leib und bedeckte ihre kleinen festen Brüste mit den Händen. Sie schüttelte unwillig ihren Kopf, daß die Haare um sie flogen. »Was meinst du damit?« Geir stand wie ein Stück Holz am Ufer und kriegte seine Augen nicht von ihr los. Er mußte wieder an die Bilder denken, die er in den Büchern des Pastors gesehen hatte und die man immerfort anblicken konnte. Die Sonne spielte in ihren Haaren, und das Wasser lief in hellem Blau an ihren Knien vorbei, daß sich ihr Spiegelbild aus der Tiefe zu heben schien. Auch der Gletscher leuchtete im Wasser wider. »Geh weg!« sagte Asdis plötzlich in seine Gedanken hinein. »Geh zu den Pferden hinüber, – ich – ich möchte mich wieder anziehen. Geh!« Aber sie stand noch eine Weile am selben Platz, als er gegangen war. Und obwohl jetzt höchstens noch die Berge sie sehen konnten oder Troll, der Schafhund, hielt sie immer noch ihre Hände über die kleinen Brüste. Warum hatte er so seltsame Blicke gehabt – und warum badete er nicht auch! dachte sie und sah an ihrem Leib hinab, über den die Wassertropfen rannen. Dann watete sie dem Ufer zu und nahm die Kleider aus dem Gras, um sich anzukleiden. Sie ging danach nicht zu dem Burschen hinüber, sondern kletterte die Halde hinauf, in der die tiefen Huflöcher der Pferde standen. Als sie einmal zurücksah, stieg Geir in den Sattel, und wenig darauf kam er in vollem Galopp die Heide heraufgeprescht, mit schnaubenden Pferden, die polternd ihre Hufe in den Sand stemmten. Die Peitsche klatschte und der Hund sprang bellend um die erregten Tiere. »Warum gehst du«, rief er und riß seinen Pferden die Trense ins Maul, daß Grey mit schlagenden Hufen stieg, »warum wartest du nicht?« »Gib mir mein Pferd«, sagte sie ruhig und sah in die funkelnden Augen des Burschen, »gib her, es ist nicht gewohnt, daß man es schlägt.« Sie ritten danach schweigend auf den Hof zurück. – * Am nächsten Morgen brach der Arzt wieder nach dem Osten auf und das Mädchen mit ihm. Den Rappen ließ er auf den Sandfellhof. »Vielleicht«, meinte er, »vielleicht reiten Eure Knechte einmal nach dem Westen.« Sie könnten dann das Pferd zu Kjarval bringen, seinem Bruder. Es sei ein Pferd von Arnarholt. Es wäre nicht gut, während eines langen Rittes ein lahmendes Tier am Zügel zu führen. Nun, – man könnte sehen! Und Thorgrimur nickte. »Natürlich!« Da war das erledigt. »Seid gesegnet, Arzt!« rief ihm die Bäurin noch zu, und Erlingur winkte zurück. Die Leute von Sandfell waren wieder allein. Geir sattelte an diesem Tag seinen Falben und ritt in den weiten Sand des Westens hinaus. Erst spät in der Nacht hörte Hördis ihn zu seinem Lager gehen. Im gelben Lampenschein hatte sie sein Gesicht gesehen. Es war müde, und die Augen waren wild. Sie hatte den Jungen noch nie so gesehen. »Komm herüber, Geir«, sagte sie leise zu ihm, »komm einmal.« Aber danach hörte sie, daß er sich schon niedergelegt hatte. II Seitdem war bereits eine Woche vergangen, und das Leben auf dem Hof ging wieder im gewohnten Takt. Keinem der Menschen vom Hof fiel es etwa ein, die Tage seit dem Besuch des Arztes oder des Mädchens zu rechnen, sondern man redete davon, daß nun bald der Winter herankäme. Und die Vorräte wären gut eingebracht, sagte der Bauer. Nur der Sohn des Bauern machte eine Ausnahme. Nicht etwa, daß er jetzt noch über den Arzt sprach oder über Asdis, aber er dachte viel um das Mädchen herum und bekam ihr Bild nicht mehr aus dem Kopf, weil es inzwischen schon in seiner Brust saß und nicht mehr herauswollte. Dazu sah er Tag für Tag den Rappen draußen auf der Koppel gehen, – ja, er ging schon wieder ganz leidlich und blieb nicht mehr mit trübe hängendem Kopf auf dem gleichen Fleck stehen von Morgen bis Abend schier, wie er es vorher getan hatte. Und man konnte sich denken, daß er in einigen Tagen wieder zu gebrauchen war. Der Bauer meinte wohl, hm – wer wollte jetzt noch einen Ritt nach dem Westen tun, jetzt, wo man jeden Tag darauf gefaßt sein mußte, daß die Wolken am Himmel tief gingen und plötzlich einmal die Erde in ein weißes Laken verwandelten. Und warum sollte der Rappe nicht den Winter auf Sandfell zubringen, wo sie doch auf Arnarholt gleichwohl keinen Gebrauch für ihn hatten. Denn natürlich hatten sie in Arnarholt eine gute Menge ordentlicher Pferde, – einhundert, vielleicht sogar dreihundert. Arnarholt war der Hof, der dem Bruder des Arztes gehörte. Und an Futter hatte man in diesem Jahr auch keinen Mangel, warum sollte das Pferd also nicht auf dem Hof stehen! Im Frühjahr war Zeit genug, um es in seine Heimat zu reiten. Geir nickte, als Thorgrimur Trygvasson, sein Vater, ihm das sagte. Natürlich! Aber er hatte ein schiefes Gefühl dabei, als er nickte. Denn man hätte sich das auch anders vorstellen können. Er war ein wenig verdrossen seit diesem Gespräch mit seinem Vater. Und danach wurde er widerborstig und wollte mit keinem mehr etwas zu tun haben auf dem Hof. Er ritt viel allein in die Berge, Tag um Tag, und kein Mensch wußte, wohin er nun eigentlich jedesmal ritt. Er stand plötzlich einmal vom Tisch auf und langte sich die Peitsche vom Haken. Draußen nahm er den Sattel auf die Schultern und war für den Rest des Tages verschwunden. Manchmal kam er erst mitten in der Nacht auf den Hof zurück und legte sich in seine Koje, ohne erst Licht zu machen. Und wenn die Mägde morgens aufstanden, fanden sie die Schüsseln, die sie auf den Tisch gestellt hatten, weil er ja doch hungrig sein mußte, – sie fanden also die Schüsseln genau so wieder, wie sie sie am Abend vorher hingestellt hatten. Sigrid machte sich so ihre Gedanken darüber. Und ihr starker weiblicher Instinkt brachte sie auch haarscharf auf den richtigen Weg. Aber als sie einmal Oddur am Ärmel faßte und ihn in die Küche hereinzog, weil sie ihm da etwas sagen wollte, – hm, Geirs wegen, – und ob er nicht auch einsah, daß der Bursche herumging wie ein hungriger Wolf, hm, also, – und da war auch der Grund, und er sollte nicht etwa glauben, daß sie das nicht schon vom ersten Augenblick an gemerkt hätte, und daß es überhaupt keiner übersehen konnte, der nicht so blind war wie ein Huhn, dem man eben den Kopf auf dem Hackpfosten abgehauen hatte. – »Weiber! Diese Weiber!« knurrte Oddur verächtlich und spuckte seinen Priem auf den gescheuerten Küchenboden. Ihr könnt glauben, daß die Unterhaltung damit beendet war, obwohl sie eben erst angefangen hatte. Denn Oddur war noch nie so schnell durch eine Tür gekommen, obwohl er hinkte und nur mit einem Auge sah. Aber er hatte genau verstanden, wo Sigrid hinauswollte, – genau, kann man sagen! »He, Geir«, kam er einen Tag später zu dem Burschen einen Tag später, denn solche Dinge müssen ihre Weile haben, sie müssen ausreifen wie ein Apfel oder wie ein junger Hengst, sozusagen, »he, Geir!« rief er also und hinkte auf den jungen Bauern zu, »was läufst du hier herum wie ein Huhn, dem man eben den Kopf abgehauen hat, – auf dem Hackpfosten, he?« rief er und blinzelte dabei gräßlich mit dem einen Auge den Burschen an. »Was sagst du, – was? Du altes Gerippe! Hast du vielleicht wieder einmal Lampenöl getrunken? Du!« Oddur verzog unwillkürlich sein Gesicht, als er an diese peinliche Sache erinnert wurde. Aber er schluckte seinen Unwillen hinab und versuchte wieder, das zu tun, was er lächeln nannte, wenngleich seine verhauene Maske kein Lächeln mehr zuließ. »Willst du schon wieder wegreiten?« fragte er, als er den Burschen in den Sattel steigen sah. »Du hast es erraten, Alter!« sagte Geir und schob seinen rechten Fuß durch den Bügel. »Los, Bleikur!« Auch diese Unterhaltung war also kurz. Oddur humpelte zu den Schafen hinüber, um sie auf die Weide zu lassen. Er hockte sich dann auf das Wasserfaß und starrte eine gute Stunde in die Luft, denn tatsächlich gab es nichts mehr zu tun, weil es eben auf den Winter zuging. Als er auch einmal wieder auf den Boden starrte, so zur Abwechslung, wunderte er sich über alle Maßen und glaubte nicht recht zu sehen, denn da kam Geir auf seinem Falben wieder zurückgeritten. »Ich habe meine Pfeife vergessen«, sagte er zu dem Alten und stieg aus dem Sattel, obwohl Oddur sich nicht denken konnte, daß die Pfeife nun gerade im Schafpferch zu finden sein sollte. »Warum priemst du nicht auch?« meinte der Alte, »ich habe noch niemals meinen Priem vergessen. Welcher vernünftige Mensch pafft auch den Tabak in die Luft, anstatt ihn zu kauen! Willst du einen Priem haben?« Dabei zog er eine Blechschachtel aus der Hosentasche, in der ein saftstrotzendes Stück Zeitungspapier lag, und in diesem wiederum säuberlich eingewickelt die Prieme. »Nimm!« forderte er den Burschen auf, »nimm schon.« Aber Geir warf nur einen flüchtigen Blick auf den Segen. »Kram –«, knurrte er, »zum Teufel damit!« »Es schmeckt gut!« lächelte Oddur auf seinen braunen Zahnstumpen, »übrigens, – sind es nun nicht schon acht Tage her, daß der Rappe hier ist? Man müßte einmal sehen, daß er vom Hof kommt. Oder denkst du nicht auch so? Es ist allmählich an der Zeit.« »Der Rappe?« tat Geir gedehnt. »Jau!« hackte der Knecht. Schweigen. »Wer soll ihn hinüberbringen?« »Den Rappen?« »Jau!« »Zum Hof? Ich weiß es nicht«, brummte der Bursche und schien die Gräser auf dem Boden zu zählen, »in diesem Jahr soll keiner mehr hinüberreiten, hat der Bauer gesagt.« »Nicht in diesem Jahr? Wann sonst?« »Im nächsten natürlich«, rief Geir unwirsch. »Im nächsten also«, sagte Oddur sanft und nickte. Aber dabei schielte er von der Seite auf den Burschen und überlegte, ob er nun weiterreden sollte. Von dem Mädchen. Oder etwa von dem Arzt, was er von Asdis gesagt hatte, drinnen in der Stube, als er mit dem Bauern sprach. »In ein paar Tagen wird sie wieder nach dem Westen reisen. Sie fährt mit dem Schiff um die Südküste. Ihr Vater wollte, daß sie nun wieder auf den Hof kommen soll.« Oder sollte er ihm sagen, was das Mädchen dem Rappen zuflüsterte, ehe sie mit dem Arzt wegritt? Es waren törichte Worte gewesen, daß sogar der Hengst erstaunt die Ohren aufstellte. Schade, daß der Bursche sie nicht auch gehört hatte, aber er hatte um diese Zeit bei dem Grauschimmel drüben gestanden, den das Mädchen ritt, und ihm über die Nüstern gestrichen, zum Abschied sozusagen. Aber Oddur war nichts von alledem entgangen. Der Teufel wußte, wie verrückt sich die Jungen gebürdeten. Sie redeten mit den Tieren anstatt mit sich selbst, wenn sie etwas füreinander übrig hatten, und Pferde konnten zwar hören, aber natürlich konnten sie nicht sprechen. Deshalb war es ein Glück, daß wenigstens der alte Oddur die Ohren offengehalten hatte, und wenn er nun auch den Kopf schütteln mußte über so viel Dummheit, so war es ihm doch klar, daß man hier ein wenig nachhelfen mußte, wenn die beiden durchaus zusammen wollten. »Willst du nicht selbst den Rappen hinüberreiten!« »Zum Arzt?« »Nein! Nach Arnarholt, meine ich, zu Kjarval! Das Wetter ist just nicht so uneben.« »Warum soll ich denn nach Arnarholt reiten?« Geir zuckte die Schultern. »Steht der Rappe nicht ebensogut beim Arzt!« »Es kann sein, daß du Erlingur gar nicht zu Hause triffst«, sagte Oddur und kraulte sich den Kopf, »hm, und vielleicht ist dann überhaupt niemand zu Hause, siehst du, denn das Mädchen ist ja nun wieder in Arnarholt. Es könnte sein, daß du also niemanden dort triffst, jaha!« Oddur war ein Diplomat. Er blickte gleichgültig in die Luft, nachdem er gesprochen hatte. »Du meinst also, daß man den Rappen nach Arnarholt bringen müßte?« Oddur griente: »Das wird es sein!« »Woher weißt du denn das nun wieder?« »Hm!« »Also – man könnte ja reiten!« »Wohl!« »Kommst du mit, Alter?« »Hm, jau!« griente Oddur, »man könnte vielleicht sehen, was sich machen läßt.« * Wochen danach ritten sie über den weiten Sand, der sich im Süden Islands zwischen hohes Gebirge und die summende, gischtende Brandung des Nordmeers schiebt. Jeder der Männer führte eine Koppel von Lasttieren und ledigen Pferden an der zügelfreien Hand, die in einer bunten Gruppe neben ihm trabten, mit klappernden Lasten und ächzendem Riemenzeug, dem Westen entgegen, wo die Sonne blutrot über dem Sand stand. Müde bewegten sich die Tiere vorwärts. Sie hatten die Köpfe gesenkt, daß ihre Mäuler verstäubt waren von den kleinen Sandwolken, die ihre schleppenden Hufe vor sich her stießen. Ein junger Rappe stolperte, riß sich wieder hoch, die Peitsche pfiff über seinen Rücken hin, und die Pferde fielen danach für eine Weile wieder in eine schärfere Gangart, bis sie wieder zurückblieben, langsamer wurden. Nun gingen sie sogar im Schritt, und kurz darauf blieb eines der Tiere stehen und riß unwillig die Zügel zu sich, daß der Arm des Reiters mit einem Ruck nach hinten gezogen wurde. Er wollte die Peitsche heben, aber als er die müde stierenden Augen des Pferdes sah, ließ er sie wieder sinken und versuchte, es mit schmeichelnden, leisen Worten wieder in Gang zu bringen. Sie waren mitten im Sand. Eine schmale, windgebeugte Stange tauchte aus dem eintönigen Grau auf, das sie nach allen Seiten umgab. Der vordere der Reiter fiel leicht aus dem Kurs, als er sie gewahrte, und nahm Richtung auf sie. Sie war eines der wenigen Wegzeichen in der Öde, dürftig genug, aber sie zeigte an, daß man sich auf dem richtigen Wege befand, wie ein dunkles Band blieben die Huflöcher der Pferde hinter den Reitern zurück, Sand rieselte in die unscharfen Stapfen, die tief in den Grund gewühlt waren und in kleinen Abständen nebeneinander gesetzt. Kleine Schritte von müden Rossen. Sie wandten suchend die Köpfe in der Runde, als die Reiter mit steifen Gliedern bei der Wegstange aus dem Sattel stiegen, und der starke Falbe, den Geir bisher geritten hatte, versuchte seine gelben kräftigen Zähne an dem verwaschenen Holz, das da mitten in der Öde stand. Mit weichen Lippen tastete er an dem Schaft hinab und setzte eben sein Gebiß an, um ihn zu zermalmen, als ein Ruf seines Reiters ihn erschreckt zur Seite tanzen ließ und die Stange klirrend unter seinen zur Kehre angehobenen Hufen zersplitterte. Er riß den Kopf hoch und schickte einen mißtrauischen Blick zu den Männern hinüber, seine weichen Nüstern blähten sich zitternd, doch geschah nichts weiter. Erst nach einer Weile erhob sich Oddur und machte sich humpelnd daran, die Spleißen des Wegzeichens vom Boden aufzuklauben. Er fügte sie wieder zusammen, so gut es gehen wollte, und umband die Bruchstellen mit Schnüren, steckte sie darauf wieder in den Sand und prüfte ihre Festigkeit. Der Bursche hatte ihm mit halbgeschlossenen Augen bei seiner Arbeit zugesehen, während er beinahe unbeweglich neben den Pferden am Boden saß und nur bisweilen seinen Kopf in die Sonne drehte, die bald hinterm Horizont untertauchte. Plötzlich wurde ihr Widerschein von den Tieren genommen und von den Dingen, und kaltes Violett kroch über die graue eintönige Ebene hin, die sich in leichten Wellen um sie dehnte. Die Farben verloschen in einem wesenlosen dunklen Grau. Die Nacht war nahe. Der Alte trat mit gebeugtem Rücken unter die Pferde und schnürte die Satteltasche von der Kruppe seines Tieres. Er holte Brot und getrockneten Dorsch aus ihr hervor und bot von beidem dem Jungen, als er sich bei ihm niedergelassen hatte. Die Pferde kamen näher und sahen verlangend auf die duftenden Scheiben, die die Männer in ihren Händen hielten, und auf den Fisch, von dem sie aßen. Eine Reihe von aufmerksamen Köpfen folgte jeder Bewegung der Menschenhände mit ernsten, hungernden Augen. Nach einer Weile stand Oddur wieder auf und machte sich daran, die Lasten, die die Pferde trugen, zu vertauschen. Er zog die bis dahin ledigen Tiere an ihren langen Zäumen zu sich heran und warf ihnen die Packsäckel über die Kruppen, machte die Gurte fest und sicherte die Lasten. Geir rekelte sich und streckte seine langen Glieder im Sand. Dann sprang er mit einer schnellen Bewegung auf und ging gleichfalls an die Arbeit, bis er plötzlich im Sattel seines Falben war und die Zügel seines Koppels in der flachen Hand ordnete, wenig danach ritt er an der geflickten Wegstange vorüber und hinaus in den offenen Sand, während der Alte noch mit ungelenken Beinen auf sein Tier kletterte, um ihm zu folgen. Geir war schlank und groß gewachsen, und obwohl er noch eher ein Knabe als ein Mann war, lag schon eine eigentümlich geschlossene Reife über seinem Jungengesicht. Ernst und beinahe bedächtig blickten seine Augen und veränderten selten die Richtung, in die sie sahen. Ob er nun zu Pferd saß und sie über die gleichmäßigen weiten Wellen des Sandes schickte, oder ob er wie vorhin bei der Rast ihnen freien Lauf ließ, – es war schwer zu erraten, was hinter diesen Augen und der gewölbten kräftigen Stirn vor sich ging. Der Junge blickte so gleichmäßig über die Dinge, als hätte er das Wissen eines Mannes. Aber eines verriet dennoch die Jugend in seinem Gesicht. Der Mund. Die weich umrissenen Lippen bekundeten in dem Zucken und Leben, das sich in ihnen widerspiegelte, daß sich in ihnen noch die Empfindungen eines Knaben offenbaren wollten. Der Mund sagte das, was die Augen verbergen wollten. Helles Haupthaar wehte in Strähnen um seine Stirn und schlug mitunter im Wind auf den Rand seiner dicken Schaffellmütze hinauf, wo es in den rauhen, geringelten Zotten hängen blieb, als hätte man es an dem Mützenfell hinaufgekämmt. Es gab kaum einen größeren Gegensatz zu dem Anblick und dem Ausdruck des Jüngeren, als ihn Oddur, der Alte, bot, wie er mit seiner ausgemergelten, dürren Gestalt auf den Hals seines Pferdes vornüber hing, daß seine Brust von der dichten Mähne des Tieres fast verdeckt war. Statt des linken Auges gähnte eine leere Höhle in seinem Gesicht und warf einen Schatten über seine zerfurchten Züge. Und der Mund lag verkniffen und spöttisch zwischen unzähligen scharfen Falten, die wie Narben von Hieben unaufhörlich durcheinanderzuckten. Wie Wetterleuchten war es anzusehen, wenn sich bisweilen die Ader des lebenden Auges öffneten und ein Funkeln aus ihrer Spalte schoß, das das ganze Bild, das sich ihm bot, mit Sekundenschnelle in sich hineinzuraffen schien, worauf die Lider wieder verhängt waren, verborgen unter den strahligen Brauen der Augenbögen. Selbst die leere Höhle schien in solchen Augenblicken erregt beteiligt zu sein, die Falten um ihre Ader begannen zu zucken und zu sprühen, und die Lider selbst schienen sich öffnen zu wollen, und mitten in dieser Bewegung konnte es geschehen, daß der schmale, scharfe Mund sich zu einem spöttischen Grinsen verzog, das sich nach den Augen zu ausbreitete und gegen die zuckenden Falten und Schatten kämpfte, die das Gesicht unaufhörlich durchkreuzten. Die Gedanken traten kraß und offen in der Maske des Alten zutage, und auch darin bildete er einen starken Gegensatz zu dem Jüngeren, der nach Kräften bemüht war, sie zu verbergen. Sie ritten schweigend durch die Nacht, Oddur, der Alte, und Geir. Außer den mahlenden Tritten der Pferde war kaum ein Laut zu hören, vielleicht ein kurzer Zuruf an die Tiere oder ein dumpfes Poltern, wenn ihre Lasten zusammenstießen. Der Sand und die Nacht waren weit und groß. Einmal gellte ein heiserer Schrei durch die Stille und das weiche Dunkel, das sie umgab, und der graue Schatten einer Möwe flog rüttelnd über den Köpfen der Reiter und folgte ihnen ein Stück des Weges. Vom Süden rauschte die Brandung des Meeres herüber. Der Junge dachte an den Hof zurück, den sie vor zwei Tagen verlassen hatten, an den Hof seines Vaters mit seinen kleinen geduckten Hütten unter den ragenden Graten des Berges. Von Zeit zu Zeit tauchte wieder eine Stange auf aus dem Sand und blieb zur linken Hand zurück. Der Falbe warf einen scheuen Blick auf sie und griff härter aus, führte weiter zur nächsten. Sein Gesicht war schärfer als das eines Menschen, und der Junge ließ ihm die Zügel. »Die Hofleute sind nun schon schlafen gegangen, daheim«, dachte Geir. Vielleicht saßen die Knechte noch auf ihren Lagerbänken und redeten hin und her mit dem Bauern oder der Frau. Oder sie hatten ihren Spaß mit den Mägden. Bis der magere Magnussen sich niederlegte, weil er schlafen wollte. So richtig war er nicht wieder geworden, der Alte, – eigentlich war er nicht weiter gekommen, als daß er auf schwachen Beinen durchs Haus gehen konnte. Und er hustete schier den ganzen Tag. Er mußte etwas auf der Lunge haben. Nun, das war das Alter, dachte Geir und fröstelte ein wenig, als er daran herumsinnierte, daß er auch so durchs Haus gehen müßte, wenn ihn seine Beine einmal nicht mehr tragen wollten. Magnussen also wollte gewiß noch ein Weilchen schlafen. Und bei ihm war es nun einmal so, daß er nur in den ersten Nachtstunden zur Ruhe kommen konnte. Später war da für gewöhnlich nichts mehr zu machen. Er breitete die Decken über seinen langen knochendürren Leib und drehte sein Gesicht zur Wand, damit er nicht in das Licht der Lampe sehen mußte. Und als erst einer den Anfang gemacht hatte, dauerte es nicht mehr lange, bis überall die Betten knarrten und zuletzt die Mutter den Lampendocht herabdrehte, wie es der Bäuerin zustand, und das Licht zu einem schmalen blauleuchtenden Ring wurde, der noch eine Weile zitternd flackerte, bis er erlosch. Vielleicht lagen danach die Hunde noch wachend vor der Hoftür und bewegten ab und zu die Ohren, ob sie noch nicht das Poltern von Hufen vernähmen, denn sie glaubten natürlich, daß die Reiter heute sicher wieder zurückkommen würden, nachdem sie nun bereits zwei volle Tage ausgeblieben waren. Allen voran wachte Troll, den er vor dem Überreiten des breiten Gletscherflusses wieder zum Hof zurückgeschickt hatte, trotz seines Winselns und seiner bettelnden Augen. Er lag jetzt und hatte die Nase auf die Läufe geduckt, schläfrig linste er mit seinen Sehern nach Westen. In den hohen Felswänden hinter dem Hof schrien noch die Möwen und Alken, die selbst in der Nacht keine Ruhe finden konnten. In Scharen hockten die weißen Brüter auf den Terrassen herum und in den Nistlöchern und machten ein fürchterliches Geschrei um den kleinsten Raum im nackten Basalt. Wozu hatte man auch eine Kehle, die mühelos das durchdringendste Geschrei aus sich herausbringen konnte. Und der Fuchs, der ihm vor einigen Tagen in den Weg gelaufen war, sicher hockte er jetzt unter einem Felsvorsprung und wartete, daß einer der Vögel mit zusammengeklappten Schwingen seinen Hals ins Wetter streckte oder neugierig vom Rand des Felsstücks heruntersehen würde, um sich am Streit der Nachbarn zu erfreuen. Ein lautloser Sprung, ein helles entsetztes Kreischen. War es nicht eine mühelose Jagd? Aber drunten im Hof lagen die Leute schlafend unter den Decken. Bergsvenn schnarchte wie immer, daß die Balken sangen. Hatte er nicht eigens deswegen in der Scheune schlafen müssen, solange Magnussen im Fieber lag und sterben wollte. Er schnarchte also, daß die grobgehauenen Bettstellen zitterten. Der alte Magnussen räkelte seine dürren Glieder unter den Betten und begann zu husten und zu krälen. Schließlich setzte er sich schimpfend auf und ließ trostlos seine nackten eingeschnorrten Beine über die Bettkante heraushängen, weil der Morgen noch so weit war. Es war nicht gut, wenn man immerfort darauf hören mußte, wie gut die andern schliefen, – er meinte Bergsvenn damit. »Er soll doch schlafen!« pflegte der entrüstet zu sagen. Aber man kann ja nicht schlafen, wenn einem die Last von siebzig Jahren auf dem Rücken liegt und in den Lenden zehrt, – es ist schwer, unter solcher Last Ruhe zu finden. Bergsvenn hatte Grund genug, dem Alten einen guten Schlaf zu wünschen. Der Grund hieß Sigrid, wenn nämlich Bergsvenn eine Nacht hindurch etwa nicht schnarchte, so wurde Magnussen auch davon blitzwach und schaute aufmerksam zu Sigrids Bett hinüber – war dieser Bengel nun eigentlich drüben bei der Magd? – Oder wo steckte er sonst? Er fingerte eifrig nach Streichhölzern und ließ dabei die hölzerne Schnupfdose auf den Boden fallen, die er auch im Bett immer bei sich hatte. Aber als das erste Hölzchen aufflammte, setzte drüben an der Wand ein Schnarchen ein, so laut und so tief aus der Brust, daß der Greis das Lichtlein kopfschüttelnd wieder ausblies mit seinem keuchenden Atem, wenn er auch nicht ganz so überzeugt war, – hm, wo hätte Sigrid sonst ihr Kind herbekommen, hm. Und hatte es nicht jetzt schon den gleichen langen Schädel wie der Knecht, hm, – und die Augen? ... Geir sah jetzt durch das Dunkel nach vorn, wo Oddur ritt. Der Falbe ging gleichmäßig unter seinen Schenkeln. Ein und das andere Mal stachen seine Hufe durch den losen Sand oder glitten in eine Grube. Dann ging ein leichtes Wogen durch den starken Leib des Hengstes, wie wenn ein Boot sich bei ruhiger See in die Wellen schmiegt. Er prustete leise und knirschte in der Trense, während er weitertrabte in jener Gangart, von der man in Island sagt, daß ein gutes Pferd sie so lange halten könnte, bis es tot unter seinem Reiter zusammenbreche. Wieder glitt eine Stange vorüber. Die Packtiere hatten sich dicht an den Körper des Falben gedrängt und schoben sich ungestüm zu einem Haufen zusammen, seit die Nacht über den Sand drückte. Als ob sie fürchteten, wild zu gehen in der Tiefe und Weite des Dunkels, das man nur ahnen konnte, ohne es zu erkennen. Wie ein Tropfen waren sie ineinander gesogen und preßten ihre Lasten gegen die Bügel und die Beine des Burschen, daß sich in seinen Füßen das Blut staute. Er mußte zur Peitsche greifen, wenn er seinen Sitz wechseln wollte, um nicht zu ermüden. Im Tageslicht gingen sie weit auseinander und rissen einem schier den Arm aus den Schultern. Aber die Nacht drängte sie zu einem müden Haufen von stoßenden Hufen und schnaubenden Mäulern zusammen wie eine Horde feiger Menschen. »Ist es noch weit zur Hütte, Oddur?« rief Geir hinter dem Alten drein. »Ich weiß nicht genau. Hm, wir müßten schon da sein. Sie steht rechts vom Weg.« Er ließ seine Pferde abfallen, bis der Jüngere ihn aufgeholt hatte. »Dort muß sie sein, reiten wir noch eine Weile!« »Siehst du«, rief er gleich darauf, »rechts der dunkle Schatten! Da sind wir also! Hm, der alte Oddur kann seine Sachen«, schmunzelte er, »da sind wir bei der Hütte!« Die Pferde schienen alle Müdigkeit zu verlieren, sobald sie die Hütte gewahrt hatten. In schnellem Trab bogen sie vom Weg ab und auf sie zu. Dicht bei der Tür standen sie mit einem Ruck an und hoben die Kopfe. Der Ritt war zu Ende. – Nun kam die Ruhe. Und das Futter! Und die Lasten flogen von ihren Rücken. Geir rüttelte an der Tür. Es war kein Riegel da, der sie verschloß. Der Mann, der zuletzt hier gewesen war, hatte einen Zollnagel durch Türbretter und Rahmen getrieben. Der Bursche zog ein Messer aus dem Gürtel und stemmte sein Blatt zwischen die Bretter, daß die Tür mit einem Knall aufsprang und sich kreischend in den verrosteten Angeln drehte. Geruch von verfaultem Heu schlug ihm entgegen, es war lange niemand an diesem Ort gewesen. Er sah einen weißen Kerzenstummel auf einem Querbalken stehen, der in Sitzhöhe mitten durch den Raum lief, als er ein Hölzchen angestrichen hatte. Das Wachs war an dem Balken hinabgetropft, auf den sandigen Boden nieder. Geir brannte den Stummel an und schleppte danach die Packsättel in das erleuchtete Innere. Oddur koppelte den Pferden die Vorderbeine zusammen und warf ihnen frisches Heu vor die Mäuler, als er so weit war. Nicht viel. Gerade so viel, daß die Pferde merkten, daß man sich um sie kümmerte, im Grunde genommen. Ja, etwas Brot bekamen sie noch hinterher, altes Brot. Tiere dürfen ja während einer Reise nicht viel zu fressen bekommen, wenn sie etwas leisten sollen am nächsten Tag! Gerade so viel soll es sein, daß die Ferne lockend für sie bleibt, wo sie fressen können, was ihnen beliebt. Es ist schier das gleiche mit den Menschen. Die Männer waren nicht hungrig. Man machte sich den Sattel zurecht, ein paar Decken, und legte sich auf den Boden, obschon die Nächte jetzt kühl waren. Im Einschlafen aßen sie noch ein wenig Brot und geräuchertes Fleisch. Oddur klappte danach seine Blechschachtel auf und priemte. Die Kerze flackerte auf dem Balken und wurde immer kleiner. »Wir werden keine neue brauchen«, meinte der Bursche, »wenn sie niedergebrannt ist, werden wir schlafen. Ich will noch einmal nach den Pferden sehen nachher, der Rappe ist immer noch nicht so richtig. Der Weg war zu lang für ihn. Er hat auch nicht richtig zu saufen bekommen. Das Wasser reichte nur für die Pferde, die arbeiten mußten. Hm, also ich gehe noch einmal.« Oddur schnaufte behaglich auf seinem harten Lager und zwinkerte mit seinem einen Auge. Er konnte gut verstehen, daß der Junge noch einmal nach dem Rappen sehen mußte. Sie kamen ja immer näher an Arnarholt heran, und den Burschen hatte nun vielleicht das Fieber gepackt. Teufel, es war schon lange her, daß auch ihm einmal das Herz geklopft hatte, wenn er einen gewissen Rock sah. Lange! Und es war seltsam, daß der Alte sich überhaupt noch daran erinnerte. Er hatte damals noch zwei Augen gehabt und hatte nicht gehinkt wie heute. Und auch sonst war er nicht uneben gewesen. Und ein Reiter, nach dem die Mädchen sich umsahen. Teufel – lang war das her! »Jau«, sagte Geir draußen zu dem Rappen, – der Alte hatte sich nicht verrechnet. »Jau«, dieses Mal klang es ein wenig weicher. »Noch vier Tage!« sagte er danach und klopfte dem Rappen dabei den Hals, »hm.« Das war alles. Der Falbe wieherte durch die Nacht und kam mit seinen gefesselten Vorderbeinen herangehüpft. Er war ein wenig eifersüchtig geworden, daß der Junge mit dem Schwarzen redete. Das gehörte sich nicht! Der Falbe drängte sich zwischen den Burschen und den Schwarzen und biß mit einem blitzschnellen Ruck den Rappen in den Hals, als er schnaubend seinen Platz behaupten wollte. Er wußte nicht, daß die Worte Geirs nicht seinem vermeintlichen Nebenbuhler galten, sondern einem Mädchen, das im Westen schlief. Einem Mädchen also. Es waren jetzt nur noch vier Tage. Geir drehte sich um und sah über den Sand. Aber natürlich konnte er Asdis nicht sehen. Vier Tage sind ein gutes Wegstück, wenn man sie umrechnet, wohl! Er ging nachdenklich wieder in die Hütte hinein, die jetzt im Dunkeln lag, denn die Kerze war verlöscht. Über die Packsättel weg suchte er seinen Platz und legte sich hin. Fühlte den blankgerittenen Sattel unter seinen Wangen. Aber obgleich er müde war, wollte der Schlaf nicht kommen. Übrigens war ein leichtes Zittern im Boden, gerade wie auf dem Sandfellhof. Nur daß die Lampe nicht klirrte, weil keine da war. Sonst war alles genau so. Ob das auch mit dem Berg zu tun hatte? Oder mit dem Gletscher, wie der alte Magnussen meinte? Geir wäre in diesem Augenblick vielleicht eingeschlafen, aber als er an den Gletscher dachte, sah er plötzlich wieder den strahlenden Leib des Mädchens vor sich. Es war nicht gut, daß er daran denken mußte. Es war nicht gut für den Schlaf. Das lebende sonnenbeschienene Bild des Mädchens, – dahinter der tote, schweigende Gletscher mit seinen grünen, dunklen Spalten und Riffen – – – Nun, er war nicht immer tot gewesen, der Gletscher. Und er hatte auch nicht immer geschwiegen. Aber das lag schon eine gute Zeit zurück. Und wer wußte, am Ende war es doch nur der Alte, der dürre Magnussen, der sagte, daß es der Gletscher gewesen sei, der geredet hätte. An einem lichten, sonnenklaren Tag war es gewesen, – der Abend lag über dem Hof. Da kam plötzlich mitten in der friedlichen Stille ein dumpfes schütterndes Rollen durch die Erde gelaufen, daß das Vieh brüllend auf der Hofwiese umherrannte und die Menschen erschreckt aus ihren Häusern flohen. Es geschieht mitunter auf der einsamen Felsinsel im Nordmeer, daß die Feuerberge zu leben anfangen, die Hekla etwa oder der Snaefell, und sie würgen wohl auch eine glühende feurige Masse aus dem aufgerissenen Maul, und das ganze Land wackelt währenddem und rollt. Aber im Osten war das Leben immer am schwächsten zu spüren gewesen. Jene Berge waren in der Mitte der Insel oder weit im Westen, weit von Sandfell. Sie hatten nie zuvor das häßliche Murren gehört, das durch die rückende Erde ging an jenem Tag. Die Weiber kreischten, und die Männer liefen mit blassen Gesichtern auf die Hofwiese hinaus. Doch das Grollen schwieg wieder nach ein paar Atemzügen. Und während sie noch angstvoll und verwundert zur Höhe starrten, da war weit im Norden eine Wolke aufgestanden aus dem Eis. Eine kleine graue Wolke, die über ihre Köpfe wegflog in der Richtung zum Meer. Sie färbte sich aus und wurde zu tiefem, unheilvollem Schwarz, als sie die Berge verlassen hatte und hoch in den Lüften über den Hof hinschwamm. Zusehends wuchs sie, wurde größer und drohender. Sagte da nicht Magnussen, der Altknecht: »Sie ist nicht in der Luft geboren, die Wolke! Keine Tropfen sind in ihr, sie ist nicht feucht, die Wolke!« Und als ihn die andern erstaunt ansahen, was er nun damit sagen wollte, hatte er langsam hinzugefügt: »Aus dem Gletscher kommt sie – – hm hm, – – es ist Rauch!« Der Alte war verrückt geworden. »Rauch –?« Einige der Knechte begannen zu witzeln und sahen spöttisch auf den Alten. Sicher war er nicht richtig in seinem alten grauen Kopf. Aber die Wolke stand drei Tage über dem Land, ehe sie wieder verschwand. Sie fraß sich voll aus dem Gletscher, in dem ein großes gähnendes Loch entstanden war, in dessen Tiefe es glühte und zischte. Das dicke Eis, das die Stelle vorher bedeckt hatte, war geschmolzen, und die Flüsse schwollen an von großen Mengen milchigen gelben Wassers. Aber nur der alte Magnussen brachte das in Zusammenhang mit der Wolke, die über der Küste gelegen und sie drei Tage lang in trübes Grau gehüllt hatte. Bis eines Abends Sigrid, die Magd, atemlos auf den Hof gelaufen kam und entsetzt ihre großen Hände auf die wogenden Brüste preßte, während sie mit tierhaft furchtsamen Augen auf die Berghöhen hinausschaute. »Der HERR kommt zum letzten Tag!« schrie sie, »Feuer ist im Eis, Feuerschein! Seht den Berg!« Und als die andern ungläubig ihren ausgestreckten Händen folgten, sahen sie Feuerschein um die Bergspitzen fliegen. Leuchtend trat ein Felshaupt, hellbeschienen, aus dem nachtblauen Eis. »Der HERR – – –« rief die Magd und sank in die Knie. – – – Sturm ächzte in den Balken der Häuser in dieser Nacht, und die Scheiben fingen prasselnde Körner groben Sandes auf, der in dichten Wolken geflogen kam, heulend und schwirrend über die Küste hinstrich und im Meer versank. Es war Sand aus den Randgebieten des Gletschers! Die Weiber hockten betend auf Betten und Stühlen, und die Männer und Jungen krampften stur die Fäuste zusammen, als sie den Höllenlärm hörten, der von den Bergen tobte und in der Luft zu kreisen schien über demselben Erdenfleck. Aber plötzlich trat Totenstille in den Hof. Die Balken an den Wänden leuchteten auf vom Widerschein des Morgens. Die Sonne war wiedergekommen. Die Wolken waren verschwunden. Der Sturm hatte ihn reingefegt, den großen Gletscher, und er hatte nun wieder das Schweigen gelernt. Das hatte der Bauer gesagt. Und die Knechte gingen darauf wieder an die Arbeit. Die Mägde rannten mit ihren Melkeimern zu den Kühen hinaus. Alles war vergessen. Aber da war der alte Magnusson! Er wollte ihm nicht trauen, dem Weißen, der mit seinen Tatzen den ganzen Osten Islands umspannte. Magnusson kannte den Berg. Er kannte auch den Gletscher! Er schüttelte mißbilligend und besorgt den grauen Kopf, wenn er die frohen Gesichter der andern sah, die sich freuten, daß die Sonne wiedergekommen war und der Morgen. Die leichtfertigen! Die Weiber glaubten, daß der Herr sie gehört hätte in der Nacht, in der die Hölle den Hof fressen wollte mit allem, was er barg, bis hinab zu dem Säugling, den Sigrid in ihrem Erschrecken vorzeitig ans Licht gebracht hatte und der nun schreiend und gibbernd an ihren Brüsten hing und Milch und beinahe Blut aus der warmen Quelle sog. Der Alte glaubte nicht, was er nicht sah mit seinen zwinkernden, müden Augen. Und selbst dann hätte er sie noch befühlen wollen mit seinen Händen, die Wahrheit! Eines Tages ritt er durch den nahen Fluß und den Sand zum Berg. Bevor er in das Eis einstieg, jagte er die Pferde mit losen Zügeln zum Hof zurück, weil es lange dauern konnte, bis er den Gletscher wieder verließ, lange. Vielleicht eine Ewigkeit. Er hatte niemandem von seinem Vorhaben gesagt. Vier Tage vergingen darauf, und es war kaum ein Tal oder eine Schlucht, die die Männer vom Hof während dieser Zeit nicht abgestreift hatten auf der Suche nach dem alten Knecht. Sie waren auch zum Gletscher vorgedrungen, aber das blanke Eis trug keine Spuren, und die Stelle trafen sie nicht, an der Magnussen eingestiegen war. Keiner von ihnen hätte übrigens den Alten dort gesucht, – droben. Sie suchten auch noch die Küste auf viele Meilen ab und die Ufer des Flusses, aber am Ende kehrten sie gedrückt zurück und überließen es der Zeit, das Rätsel zu lösen, das der Alte ihnen aufgegeben hatte. Und die Weiber murmelten unter sich von Strafe und Gericht, weil er die Hand des Herrn nicht erkennen wollte in der Nacht, in der der Berg lohte. Nur der junge Geir hatte sich nicht zufriedengegeben. Der Sohn des Bauern. Auch am Abend des vierten Tages noch durchsuchte er mit seinem Falben und Troll, dem Schafhund, den Oberlauf des Flusses, wo er sich in schmäler werdenden Windungen bis ins Eis hinaufzog, in kleine Flüsse und schließlich Rinnsale aufgeteilt war, die aus den unzähligen Spalten des Gletschers rannen. Am Abend sah er plötzlich müden Schrittes einen Mann auf dem Gletscherrücken talwärts kommen, eine hohe, hagere Gestalt, in der er Magnusson erkannte, den Alten, den sie drunten im Tal jetzt tot glaubten und verflucht. Er kam aus der weißen Hölle wieder. Zeitweilig verschwand er in Mulden und Gräben und tauchte rückend, langsam wieder auf, bis er kurz vor einem hohen Eiskamm die Richtung veränderte und in der Seitenmoräne herabgeklettert kam. In voller Kleidung stapfte er durch eiskalte Gletscherbäche, in denen er einmal bis zur Brust versank, – am Ende hielt er aufatmend still und schien zurückzublicken, hinauf zum weißen Bogen, der hinter ihm in die Höhe stieg und im Himmel verlief. Als er sich wandte, um weiterzuschreiten, hatte der Junge ihn erreicht, und Magnussen drehte ihm blinzelnd den Kopf zu, als er neben ihm aus dem Sattel sprang. Aber er sagte kein Wort, wandte nur den Kopf nochmals zum Gletscher hinauf, sah wieder zurück, nieder auf seine Hände, und strich sich dann das Zeug glatt an den Leib, das noch vom Wasser triefte. Der Wind strich singend über die Halden und ging einem wie ein Eishauch über den Rücken. Es war kein Wunder, daß der Junge die Peitsche gebrauchte, um rasch zum Hof zu kommen. Es ging um das Leben des Knechtes. Wohl – der Alte hockte nachher am Tisch, als er ihn nach Hause gebracht hatte. Einen Happen nach dem andern schob er zwischen seine mahlenden Kinnbacken. So saß er eine gute Stunde! Es schien ihm nicht leicht zu werden, was er zu sagen hatte, und er scharrte nachdenklich und langsam noch die letzten Brotkrumen auf seinem Holzteller zusammen, – es schien ihm nicht leichtzufallen. Der Reihe nach ließ er endlich seine Augen auf jedem der Herumsitzenden ruhen, – ja, alle waren gekommen, um zu hören, was er nun zu sagen hätte. »Ja, das ist schon so, ist so!« brummte er endlich vor sich hin und fuhr sich mit dem Rücken seiner knöchernen Hand über den eingefallenen Mund, um einige Speisereste aus den Barthaaren zu wischen. »Ich ritt also erst einen halben Tag stromauf, dann ließ ich die Pferde zurück.« Die andern nickten, rundum. Ja, die Pferde waren angekommen, und eben deshalb hatten sie geglaubt, daß der Alte, – – eben deshalb! Man dachte, – vielleicht im Fluß – – – sie hatten lange nach ihm gesucht! »Dann band ich mir die Bergeisen unter die Füße!« Wieder nickten die Männer. Die Bergeisen waren schon immer der Stolz des Alten gewesen. Als man noch Renntiere jagte im hohen Gebirg', war Magnusson einer der kühnsten Jäger gewesen, – kein Platz, den er nicht kannte, » – die Bergeisen also« – – – Aber nun schwieg der Alte plötzlich und wollte nicht mehr richtig heraus mit der Sprache. »Erzähl!« sagte Thorgrimur, der Bauer vom Hof. Magnusson maß ihn einen Gedanken lang mit eindringlichen Blicken und dachte währenddem, daß ihm der Bauer nicht befehlen konnte, nicht jetzt, vielleicht überhaupt nicht mehr, denn erstens spürte er, wie ihm die Kälte im Leib saß und wahrscheinlich nie wieder herausgehen würde aus ihm, die Kälte fing an, ihn zu beißen! Und dann war da der Berg, der wartete. Der Berg lag schon auf dem Sprung wie der Fuchs nach den Möwen, aber diesmal lauerte er auf die Menschen. Endlich sagte er langsam, als er zu Ende gekommen war mit seinen Überlegungen: »Das ist der Berg! Mit den Wolken – und so – –« Und: »Es ist mitten im Eis! Ein großer Krater!« Betreten sahen sich die Männer an. »Es brodelt im Krater, daß selbst das Eis des Vatna zittert!« Magnusson sagte nichts weiter an jenem Abend, da er aus dem Berg kam. Was kommen sollte, kam doch. Und wenn er heute dem Bauern gesagt hätte: »Räumt Euren Hof, Bauer, – Ihr, – Thorgrimur Tryggvasson, denn da steht der Berg über Euch, und er wird vielleicht auf Wanderschaft gehen – über Eure Hütten und Häuser hinweg, und es wird dann vielleicht nicht viel von ihnen bleiben, und auch nichts von uns, nicht viel, seht Ihr –« »Er ist doch schon sehr alt!« hätte Thorgrimur gesagt. Und die andern hätten sich vielsagend angeblickt, – ja – hm – »er ist alt!« Erst das Fieber hatte den Alten zum Reden gebracht. Lange nachher – * Geir schlief schon eine gute Weile. Es ging auf den Morgen zu. Vor der Hütte im Sand trabten die Pferde unruhig hin und her. Sie liefen durcheinander und blieben wieder stehen und hoben die Nasen in die Luft, dann liefen sie weiter. Der Falbe machte einmal einen Satz und blieb dann stehen wie aus Stein gehauen. Vielleicht sah er Gespenster mitten in der Nacht. Seine großen Augen waren wie gebannt nach Osten gerichtet. Er mußte etwas gesehen haben. Auch die andern Tiere standen still, als ob sie horchten. Es dauerte eine gute Zeit, bis sie wieder aus der Starre erwachten, die ihre Füße an den Boden zu fesseln schien. Geir träumte – – Er träumte, es sei Winter! Es schneite. Lachend stand er vor dem Hof und balgte sich mit den Hunden herum. Troll war noch ein junger Hund, und sein Fell war so weiß wie der Schnee, der ringsum die Wiese bedeckte. Immer wieder kam der Junghund herbeigesprungen, und Geir nahm ihn mit seinen breiten warmen Fäusten und warf ihn in den Schnee. Und der Hund wurde jedesmal kleiner, wenn er sich wieder aufraffte und auf ihn zustürzte. Und immer dünner wurde sein mutwilliges Jaulen. Am Ende war er genau so groß wie ein Schneehuhn, und wirklich, während der Junge sich das dachte, flog Troll aus seiner Hand und schwirrte um ihn in der Luft. Und auch die andern Hunde waren plötzlich zu Schneehühnern geworden, die in dichten Ketten sich vor den Hütten auf und nieder schwangen wie Schmetterlinge, denen man an der Grenze der Sandgebiete begegnen kann und die oft wie weiße Wolken das Pferd umstäuben. Die Schneeflocken tanzten im leichten Wind. Ja, sie waren nun zu Schneeflocken geworden. Es waren keine Hunde mehr zu sehen. Geir lachte im Schlaf. Es war zu seltsam, was alles geschehen konnte. Man sollte es nicht glauben! Nun bekamen sie brennende Augen, die Flocken. Richtige Augen, wie die Menschen sie hatten. Oder waren es nun wirklich Menschen? Gestalten! Man konnte sie leicht sehen. Ja, es waren Menschen – ein Mensch nur noch. Mit einem großen Gesicht, das sich über ihn beugte und seine Wangen streifte. Jetzt sah er, daß es seine Mutter war. Die Mutter, ja. Geir war plötzlich wach. Er starrte auf das kleine Hüttenfenster, das in der Wand stand. Hell und blaugrau kam der Himmel durch das Fenster. Er fühlte Wind über seine Wangen streichen, und tatsächlich, es schneite! Verdammt, – nun ritten sie mitten in den Winter hinein. Und hatten noch zwei Tage lang den Sand vor sich. Es war nicht gut zu reiten in Schnee und Sand zugleich. Doppelt mühselig! Er schlief plötzlich wieder ein darüber. Ein leises Wiegen war um ihn. Nun hatte sich eine Schneeflocke unter seinen Leib geschoben und trug ihn wie auf einem weichen Federkissen durch den Nachthimmel – es schwankte – wiegte – alles – Plötzlich fährt ein Stoß durch die Hütte! Brechend scharf! Die Stirnwand der Hütte neigt sich krachend und schlägt nach außen in den Sand, schräg hängt die Decke im Himmel, sie birst in einem Riß. Wie Trommelwirbel kommt es aus der Ferne! Schwillt – Donnert! Ein zweiter Stoß! Unter schwerem Winddruck beginnt der Sand um die Trümmer der Hütte zu wirbeln – »Geir!« brüllte der Knecht. »Geir!« Der Bursche stand mit bleichem Gesicht und starrte nach den Balken der Decke. »Weg! Sie fällt!« »Die Pferde!« Sie rannten in den Sand hinaus – »Sättel –« keuchte der Junge, »es ist im Osten!« Langhallender Donner schlug bei seinen Worten durch die Nacht, und flammende Lohe rötete im Osten die Wolken. »Beim Hof ist's –« * Es war dieselbe Stunde, als das Schicksal sich an den Menschen erfüllte, die bisher seine Welt gewesen waren. Die Truhen und Tische im Hof begannen zu tanzen, als ob mitten durch den Raum eine Geisterschar zöge und rüttelte an Stühlen und Bänken und Leuchtern – Große Felsblöcke lösten sich vom Berg und krachten zu Tal. Sie schossen in schwingenden Sätzen über die Hofwiese hinaus und schlugen durch die Wände der Hütten – Das Vieh brüllte dumpf auf der Weide, und die Hunde hatten das Kläffen vergessen. In dieser Stunde begannen die Felsen über dem Hof auf ihren Grundfesten zu schwanken und zu schüttern. Einen schaurigen Tanz führten sie auf in der Höhe, bevor sie sich unvermittelt weit ins Leere hinausneigten und in schnellem Sturz die Halden überrannten. Millionen von Tonnen Gestein und Erde rissen sie los auf ihrem Weg, trieben sie mit sich und wälzten sie über Hof und Ställe. Vom Gletscher stand eine Flammensäule aufrecht in den Himmel und vereinte sich mit den grellen Blitzen, die aus schwarz geballten Wolken sprühten. In schwerem Todesröcheln grollte und murrte die Erde. Gerade jetzt lief der alte Magnusson vor dem Tod, hinter den andern, die schreiend und schreckensbleich der Küste zurannten – weg vom Berg – weg von den Häusern. Und hinter allen lief eine donnernde Front von brechendem Stein und hüpfenden Blöcken. Sie hatte den gleichen Weg wie die Menschen – – – Den Alten schlug er zuerst – der Berg! Es half nichts, daß Sigrid in einer wahnsinnigen flehenden Geste die Arme zum Himmel hob, schwer ging der Atem in ihrer Brust, und es hing ihr wie Blei in den Beinen und hinderte sie am Fliehen. Eim Stein heulte durch die Luft und traf ihre Brust und den Säugling, der noch an ihr schlief. Und wenn er auch nun anheben wollte, zu erwachen und zu schreien, es wäre dasselbe gewesen. Schwer fiel das junge Weib hintenüber. Zu ihrem Glück! Denn nun mußte sie nicht sehen, wie die hochragende, brechende Seitenwand auf ihren Leib zurollte und ihn noch einmal spielend in dem gewaltigen Luftdruck, der vor ihr herfegte, in die Höhe schleuderte, bevor sie mit ihren schweren Tatzen über sie hinwegstieg und die andern erreichte – den Bauern – Hördis – die andern – Die Hunde – Es war keiner, der Nachricht bringen konnte vom Hof, den der Berg begraben hatte im Donnern und Jaulen der Natur. Im stäubenden Sand hatten sich die Reiter ihre Pferde eingefangen und trabten durch einen Tag und die Nacht. Sie schlugen auf die ermatteten Tiere ein und rissen an den Zügeln – sie wußten nicht, daß das Urteil schon vollzogen war, das der Vatna über den Hof gesprochen hatte und das der Krater erfüllte, der unter seinem eisigen Schild zum Leben erwacht war und ihn durchbrochen hatte. Wie eine flache Linse, blaß und unscharf, stand die Sonne am Morgen des zweiten Tages durch träge ziehende Wolken und fahlen Rauch, der den ganzen Süden der Insel bedeckte und das Sattelzeug mit seiner Asche und Staub überzog, in den schwitzenden Gesichtern kleben blieb und in Nasen und Augen drang, daß sie sich röteten und schwollen. Fluchend und schnaubend hetzten Reiter und Pferde dem Osten zu. Dunkler wurde der Rauch und ballte sich zuletzt um sie. Rauch aus dem Gletscher! Magnusson hatte es gesagt. Er hatte es gewußt. Sie kamen zum großen Fluß, der sie noch trennte vom Hof, den sie bewahrt zu finden hofften, bewahrt unter dem weiten Himmel, durch den die Hölle gegangen war. Rauschend lag die breite Stromfläche vor ihnen, deren anderes Ufer im Qualm versank. Sie trieben ihre Pferde in die schnell strömenden Wogen, die von dem Schmelzwasser des Gletschers zu einem Meer verwandelt waren. In einem gewundenen Strahl zuckte ein Blitz durch die Berge und beschien grell die eilenden Kämme der Wellen, die kein Ende zu haben schienen. Jeder suchte sich selbst seinen Weg durch den Strom, Geir voraus mit seinem flußgewöhnten Falben, bis er auf freier Steppe nach Osten trabte, während der Knecht mit seinen Tieren noch in den Wellen kämpfte. * Als Oddur nach Stunden dort eintraf, wo vorher der Hof gestanden hatte, fuhr er sich verwundert über die Augen, als narrte ihn ein Blendwerk der Hölle. Eine breite Mur hatte sich über die Steppe geschoben – vom Berg herab – – Hoch auf ihrem Rücken gewahrte er einen Mann bei seinen Pferden. Es mußte Geir sein, der vor ihm geritten war! »Vielleicht –« murmelte er vor sich hin und hieb seinem Pferd die Peitsche über die Flanken, daß es sich schmerzhaft bäumte, »vielleicht – man darf ihn wohl nicht allein lassen jetzt, den Jungen!« Hastig ritt er bergan und sprang bei dem Sohn seines Bauern aus dem Sattel. »Geir!« »He – Geir!« Aber der Bursche schien ihn nicht zu sehen. Stumm, mit einem leichenblassen Gesicht, zog er seinen Falben seitab, ging dem Rand der Mur zu. Er stapfte auf dem groben Geröll entlang, unter dem – unter dem sie lagen. Da und dort bückte er sich. Aber er hatte sich getäuscht. Es war verbrannter Stein – Kein Huf – Er hatte geglaubt, daß es ein Huf sei! Vielleicht hatte der Berg etwas vor sich hergeschoben, als er niederbrach – nur einen Hund – keinen Menschen – nur einen Hund. »Oder einen Balken!« Hatte er das gesagt? »Einen Balken!« sagte er noch einmal laut und wollte dabei nur seine Stimme hören. Er träumte nur – Ein schlechter Traum. Man sollte nicht so träumen – Weil es zu viel war – »Zu viel!« schrie er gellend zu dem Alten hinüber, daß Oddurs zitternden Händen die Zügel entfielen. Dann raffte er sich auf und sprang stolpernd weiter – eine Hand ragte aus dem Schutt – eine Hand! Aber als er näher gekommen war, hielt er jäh. Hatte er nicht eine Hand gesehen? Ein Stück Wurzelwerk ragte aus gelbem Lehm. Hatte er nicht geglaubt, es sei eine Hand! Oder war es doch eine Hand? Er sprang zu und fiel. Als der Alte ihn aufrichtete, hatte er eine blutige Stirn. Er mußte sich an einem Stein verletzt haben. Oddur ließ den Kopf des Burschen hintenüber gleiten und schob ihm dann seine hornige Hand unter den Nacken. Sein alter verkniffener Mund zitterte wie ein Gewirr von durcheinanderlaufenden Narben. »Hör mich, Geir –« »Hör mich!« schrie er und heulte wie ein Kind. »Alter –« murmelte der Bursche. Da griente Oddur in das Wasser hinein, das ihm über die Wangen tropfte. Grinsend hockte er neben Geir. So sah es aus. Aber er weinte, der Alte – – III Weit im Westen lag der Hof Kjarvals, des Bauern von Arnarholt. Unabsehbare Grasflächen dehnten sich um die kleine Erhebung, die die Hofgebäude trug, und zogen sich einige gute Meilen nach West und nach Osten, wo sie durch den Lauf der Markar, eines breiten Stromnetzes, von dem angrenzenden Sandgebiet getrennt wurden. Kjarval war einer der Ersten unter den Bauern des Landes. Sein Wort wurde selbst im großen Thing der Isländer gehört, und die Bauern der Umgebung kamen zuerst zu ihm geritten, wenn es um eine wichtige Sache ging, die einen von ihnen oder alle zugleich betraf, – eine Sache, die wohl und bedächtig überlegt sein wollte. Und Kjarval hatte die Achtung, die sie ihm entgegenbrachten, nicht etwa nur seinem Besitz zu verdanken, wie man es meist finden kann. Natürlich waren einige tausend Schafe und gut dreihundert Pferde, die in den Bergen liefen, wohl geeignet, einem Mann Ansehen zu geben, – hier dienten sie höchstens dazu, die Stellung zu unterstreichen, die Kjarval unter den Bauern der Insel und bis hin zu den Beamten der Regierung inne hatte. Er war ein großer hagerer Mann, der Bauer, und wog seine Worte sorgfältig, ehe er sie an diesen oder jenen gab. Und wenn er sich im ??? allthing Althing des Volkes von seinem Platz erhob, weil er etwas zu sagen hatte, so sandte er einige Gedanken lang seinen grauen Blick wie forschend über die Männer, die mit ihm berieten, und auf das Volk, das zu der Versammlung gekommen war. Er stützte seine harten Bauernfäuste dabei auf den Tisch, vor dem er saß, und sah sich um. Erst dann sprach er, wenn die Gesichter aller bei ihm waren und warteten. Wohl! Hatte er einen Gegner im Thing, so sagte er nicht: »Dies ist kein ganz richtiger Weg, den man eingeschlagen hat, und er müßte so sein – oder so. Und ich denke mir, daß man – vielleicht –« Er stand auf und stand also und stemmte die Fäuste auf die Platte vor sich und rief: »Olafur Björnsson – du bist nicht im Recht mit dem, was du sagst. So muß es sein! – So!« Und er sprach dann langsam weiter und ließ seine Augen nicht von dem Manne, den er geziehen hatte. Selten war es geschehen, daß er dann nicht die runde Zustimmung der andern fand. Aber aus seiner Schweigsamkeit zu schließen, daß er nun etwa ein finsterer Geselle war, – einer, von dem man nicht viel Gutes zu erwarten hätte, einer, der zuerst an sich dachte – das wäre ein verhängnisvoller Fehler gewesen. Kjarval war ein Spiegel des Landes, das ihn und seinen Hof umgab. Aus ihm sprach das Land. Vor vierzig Jahren hatte er seinen Hof aus den Händen des Vaters übernommen. Vierzig Jahre Kampf und Sorgen lagen dazwischen, warum sollte er da nicht einem der grauen Balken gleichen, die die Eckpfosten seines Hauses ausmachten, wetterhart und starr und schweigend. Doch natürlich kann ein solcher Vergleich nur dem Äußeren gelten. Der Oberfläche! Der Haltung! Kjarval war ein Mann, dem gleichwohl ein starkes Herz unter den Rippen pochte und dessen Blut genau so heiß werden konnte und so leidenschaftlich, wie das jedes andern. Aber ich glaube kaum, daß viele sich rühmen konnten, Kjarval von dieser Seite zu kennen. Aus seinem Gesicht war niemals viel zu lesen, ob da nun ein Mann vor ihm stand und über alltägliche Dinge mit ihm sprach oder ob das Weib eines seiner vielen Knechte ihm stolz ihren Jüngsten zeigte und ein anerkennendes Wort von ihm haben wollte, es war dasselbe, Und doch ging jeder von ihm, als hätte Kjarval ihm einen ganzen Bund von Worten und Versicherungen gegeben. Der Bauer hatte nun gesehen und gehört und dachte darüber nach, was in einer Sache zu tun war, – gerade in der seinen. Man konnte ruhig Tag und Stunde abwarten, da der Bauer kam und sagte: »Ja, Pjetur – das also hab' ich mir gedacht. Du mußt das so anfassen – von der Seite! Dann wird es richtig sein!« Oder er wandte sich an das junge Weib: »Hm, dein Jüngster, das ist ein Kerl, ein Prachtbengel. Den hast du richtig fertigbekommen.« So war Kjarval. Eine Eigentümlichkeit hatte der Hof von Arnarholt in den Augen der Knechte und Mägde und der Leute, die in weiten Abständen da und dort auf einem Gehöft saßen. Sie hing nicht genau mit dem Hof zusammen und gab ihm doch ein anderes Gesicht, von den Menschen aus gesehen, die nie ihre engere Heimat verlassen hatten: die einzige Tochter des Bauern war weit in der Ferne zu dieser Zelt – nicht etwa nur auf einem fernen Platz der Insel oder auf den Westmännerbergen, die südlich Islands sich aus dem Meer heben, so hoch und steil, daß man sie bei klarem Wetter selbst vom Hof aus sehen konnte. Nein, Asdis war über das Meer gefahren, viele Tage weit, bis zu der Königsstadt, in der mehr Menschen wohnten, als man auf der ganzen Insel finden konnte. Es mußte eine große und vornehme Stadt sein, wenn selbst der König in ihr sein Schloß hatte, der König der Dänen. Und die Tochter des Bauern lebte nun in derselben Stadt. »Sie kann den König Auge in Auge sehen!« hatte Kristin einmal gesagt, die so alt war, daß die meisten nicht mehr zählen konnten, ob es nun wirklich stimmte. Obendrein sah sie aus wie der Tod selbst, denn sie trug nur noch dünnes mageres Fleisch auf dem Leib und eine welke Haut, die so zerknittert war wie ein Stück Papier, das man in der hohlen Hand zusammenballt und es danach wieder entfaltet. Aber das mußte man ihr lassen, daß sie wie niemand anders das richtige Wort fand für alles. Die Leute hatten zwar den Kopf geschüttelt, als die alte Kristin ihnen das erzählte, das mit dem König, aber einige Wochen danach war der Postreiter auf dem Hof gewesen und hatte dem Bauern Briefe aus der Stadt gebracht, und auf einen dieser Briefe waren Marken aufgeklebt, die man hierzulande bisher nicht gesehen hatte. Dieser Brief war von Asdis gekommen, übers Meer. Als Kjarval ihn öffnete, fiel eine Postkarte heraus, die das Bild eines großen, schlanken Mannes mit vielen glänzenden Orden trug. Und der Bauer sagte nachher – »der König, hm« – ja, das sagte er! Und da war es richtig der König. »Habe ich es nicht gewußt!« sagte der Alte, wie sie wieder einmal mit den Leuten zusammenstand. »Also der König! Wißt ihr, wie das werden kann? Wißt ihr?« Und als die andern es nicht wußten, senkte sie ihre brüchige Stimme, daß sie schier geisterhaft an die Ohren der andern kam: »Und wenn er sie nun – habe ich nicht gesagt, daß es immer etwas Besonderes war mit Asdis – wenn er sie nun – heiratet?« Gerade in diesem Augenblick humpelte ein alter Knecht an der Gruppe vorbei, die mit offenen Mäulern um die Alte sich geschart hatte. Etwas gebückt humpelte er vorbei und schickte nur einen schrägen blinzelnden Blick zu den Leuten hinüber. Und plötzlich lachte er laut heraus, denn er hatte gerade noch etwas von Kristins Worten erwischt. »He – altes Gerippe – he!« lachte er, daß ihm die Tränen kamen. »Ein Gottloser!« kreischte die Alte, »selbst dem Pastor widerspricht er. Dem Herrgott stiehlt er die Tage! Und dem Bauern das Brot! Der fadenscheinige Heuchler! Hört nicht auf ihn! – Wißt ihr, was er tut«, flüsterte sie hinterher, »he – wißt ihr es? Er schreibt in ein Buch! Kann er denn schreiben, sage ich, der Tagedieb! Kann er –« Sie fuchtelte mit ihrem Stock hinter dem Rücken des Knechts, der weitergehumpelt war, und senkte dann ihre Stimme zu einem leisen Gemurmel. Weiß der Teufel, was sie nun wieder wußte, die Leute sandten seltsame Blicke hinter dem Alten her. Ja! Kristine hielt die Stellung. Und sie bestrafte hart, muß man sagen, wenn einer es wagte, mit einem wegwerfenden Lachen an ihr vorüberzustelzen. Eine Weile stand sie noch und blickte mit glitzernden Augen hinter dem Knecht drein. Ihr faltiger Mund war hart und scharf wie ein Messer, wie der Mund eines Richters, der eben ein Urteil gesprochen hat, – vom Leben zum Tod. Dann schaute sie wieder auf die Leute im Kreis und prüfte ihre Gesichter, ob sie etwa Schaden genommen hätten durch das Lachen des Alten, – ich meine, ob sie vielleicht den Respekt verloren hätten. Aber sie schien befriedigt von dem Ergebnis, denn sie stemmte ihren Stock wieder wie ein Schlachtschwert vor sich in den Boden und sagte dann: »Als sie noch so klein war, die blonde Asdis, da habe ich sie schon gestreichelt!« Alle schauten dabei auf den Stock und danach an der großen mageren Alten hinauf. »Hm, so klein! Und nun! Der König!« flüsterte sie, aber es war eine würdige Gelassenheit in diesem Geflüster, wie es sich eben geziemte für ein solches Wort. Sie schaute darauf gleichgültig an sich hinab und zog sich einen schwarzen Faden aus ihrem Wollschal, den sie sich im Herbst gesponnen hatte und danach gestrickt. – »He, jetzt streichelt sie vielleicht der König!« Sie knüllte den Faden zusammen und warf ihn weg, und das hieß nun wieder: »Eh, da rede ich vom König! Aber seht, ich reiße mir dabei einen Faden aus dem Schal und werfe ihn weg, werfe ihn weg! Pah, der König!« Die alte Kristin wußte sich Achtung zu verschaffen. Alle waren stumm im Kreis. Kristin hielt die Stellung! Der Alte, der eben vorüberging, war übrigens Oddur gewesen. Er war schon seit einem Jahr auf Kjarvals Hof. Nicht ein volles Jahr gerade, denn der Heumonat war erst vor kurzem gewesen. Aber es ging wieder auf den Winter zu, – jedenfalls war der Sommer vorbei. Er ging noch gebeugter seit dem Unglück, das ihm sein Brot genommen hatte und ein ruhiges Alter an dem Ort, wo er ein Leben lang gearbeitet hatte und an dem alle seine Erinnerungen hingen. Unablässig sprach er vor sich hin, wenn er allein war, und führte dabei manchmal seine hageren Arme durch die Luft. Und gerade das hatte die alte Kristin mißtrauisch gemacht, denn was hatte ein armseliger Knecht durch die Luft zu fuchteln wie die Herren, die manchmal von der Regierung auf den Hof kamen, um mit dem Bauern zu sprechen. Ein Knecht! Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Es kamen wieder Tage dazwischen, wo er niemanden zu sehen schien und wie ein Gespenst durch den Hof schlich, und wenn einer dann etwas von ihm haben wollte, so nickte er nur mit dem Kopf oder wies mit den Fingern zur Seite. Das war dann seine ganze Antwort auf alles. Es war nicht viel! Als der Bauer ihn einmal fragte, ob ihm etwas fehle, – das war in der ersten Zeit gewesen, – hatte er auch geschwiegen wie ein Stein. Und wenn auch der Bauer diese stumme Antwort mit einemmal verstand und an den Hof dachte im Osten und die Leute, die mit ihm begraben worden waren, und an den Sohn des Bauern, von dem niemand wußte, wo er sich befand, und sich dachte, daß der Alte Heimweh hatte nach alledem, – die alte Kristin hatte sich ihr Teil gedacht, und es kann ja kaum ein Mensch so unbarmherzig denken wie ein altes Weib, das schon in seine Grube sieht und das eigentliche Leben nicht kennengelernt hat Zeit ihres Daseins. »Reit nach Arnarholt hinüber«, hatte der Junge zu Oddur gesagt, als es so weit war mit dem Sandfellhof und sie nur noch die Mur statt der Hütten fanden und keinen Tuchfetzen von einem Leben. »Hier kannst du nicht bleiben«, hatte er noch gesagt, »und auch bei mir nicht. Reit also hinüber, denn das ist ein großer Hof, und sie werden immer noch etwas für dich haben, Brot und Arbeit! Ja, reit nach Arnarholt! Und nimm den Rappen mit. Er gehört ja dem Mädchen – dem Mädchen! Ja!« »Und was tust du?« »Nun –« »Was willst du tun?« hatte Oddur noch einmal gefragt. Doch der Junge schwieg. Sie standen immer noch auf der Mur, die seine Heimat barg und alle die Menschen, die zu ihr gehörten. Sie mußten nun mit atemleeren, zerdrückten Körpern in der Erde liegen und konnten sich nicht wieder aus ihr befreien. Der Berg lag über ihnen und hielt sie auf den Boden gepreßt, daß sie nicht einmal ihre Gesichter wenden konnten, und so würde es immer sein. Sie würden warten und warten, und doch würde es keinen Tag mehr für sie geben und kein Licht. Sie würden vergebens warten eine Ewigkeit hindurch. »Glaubst du, daß sie alle tot sind?« fragte Geir mit einemmal den Alten. »Vielleicht lebt noch einer » und vielleicht wartet er nun, – und wartet –« »Pah«, machte Oddur und rückte etwas zur Seite, wo er stand. Aber er schaute unwillkürlich auf die gelben Lehmbrocken unter seinen Füßen und die Steine, die zwischen ihnen verstreut lagen, und trat dann ganz in Gedanken wieder einen Schritt weiter, weil er vielleicht einem weh tun konnte, der unter der Erde lag. Aber danach schalt er sich einen Dummkopf, denn über dem Hof lag ja jetzt ein Berg, ein neuer Berg, und es mochten einige fünfzig Meter sein, bis weit in der Tiefe drunten ein paar zermalmte Leichen lagen. Er drehte seinen Priem im Munde hin und her und wollte ihn dann ausspucken. Doch kam er nicht soweit, denn er besann sich im letzten Augenblick, daß man nicht auf die Gräber der Toten spuckte, wenn auch kein Zeichen über ihnen stand, das sie als Totenplatz kundgab. Es war nun schon lange her, daß sie auf der Mur gestanden, dachte der Knecht, während er zu der großen Scheune hinüberhumpelte, oder besser zu dem Stall für die Milchrinder, der an sie angebaut war. Er sollte nach einer kranken Kuh sehen, die dort auf dem Lehmboden lag und seit bald zwei Tagen nicht mehr aufstehen wollte. Hm! Das hatte der Bauer gewollt, denn ein alter Knecht verstand mehr vom Vieh, ein Alter wie Oddur, als all die halbwüchsigen Burschen und die alten Weiber zusammen. Aber er hatte seine Gedanken noch nicht zu Ende gebracht, als er in den dunklen Stall hineinging und zum Stand der Kuh, die stöhnend und keuchend auf der Torfstreu ausgestreckt war. Er dachte weniger an die Kuh, obwohl er jetzt dicht vor ihr stand und ihr schwitzendes Fell roch, sondern er spazierte immer noch im Osten herum. Und immer noch auf demselben Platz. Dort, wo er den Sohn seines Bauern zurückgelassen hatte. Er wäre damals nicht weggegangen von ihm, wenn Geir es ihm nicht befohlen hätte. »Einer schlägt sich leichter durchs Leben als zwei zusammen. Und er findet auch leichter Arbeit!« Aber das war alles nur eine Rede von dem Jungen gewesen, die den Alten gefügig machen sollte. »Warum reitest du nicht mit? Sagtest du nicht, es sei ein großer Hof?« »Warum kommst du nicht mit mir?« hatte er nochmals gefragt, als der Bursche schwieg und mit finsterem Gesicht in die Berge hinaufsah, in denen jetzt eine helle Bruchfläche stand, die Stelle, von der aus die Felsen ihre Wanderung begonnen hatten. Er bohrte weiter mit seinen Fragen, als der Bursche immer noch nicht antwortete, bis Geir ihn schließlich barsch anfuhr: »Was geht's dich an. Warum fragst du? Warum kümmerst du dich darum? Kann ich nicht tun, was ich will? Und brauche ich dir Rede zu stehen?« »Wenn es so ist, – so!« hatte der Alte traurig erwidert und kletterte in den Sattel, »hm – so!« Der Junge hatte ein blasses Gesicht gehabt, als er Oddur die Hand gab. »Es waren nicht deine Eltern –« sprach er mit heiserer Stimme, »ich muß allein sein, siehst du!« »Aber wirst du nicht kommen? Soll ich nicht auf dich warten?« »Reit allein.« »Wirst du nicht kommen, Geir?« fragte der Alte wieder und hielt sein Pferd zurück, das auf der Trense kaute und Schaum vor dem Maul hatte, »– nicht?« »Einmal, – einmal werde ich schon kommen!« stieß der Bursche hervor und schickte seine Augen rund über den frischen Hügel, weil der Alte nicht sein Gesicht sehen sollte. »Reit zu!« »Sei gesegnet!« knurrte Oddur und gab die Zügel frei. »Ich warte auf dich! Drüben in Arnarholt!« »Sei gegrüßt und gesegnet!« erwiderte der Junge zum Abschied und blieb neben seinem Hengst stehen, bis der Alte schon bald den Fluß erreicht hatte. Oddur sah ihn immer noch stehen. Für ihn stand er immer noch auf der Mur, unter der die Toten des Hofes lagen. Es war das letzte Bild, das er erblickt hatte von ihm, als er sich nach ihm umgedreht hatte und den Arm zum Abschied hob. Seither war ein Jahr vergangen, und Geir war noch nicht gekommen, und er hatte auch nichts anderes von ihm gehört, als daß er auf einem Hof gearbeitet hätte während des Winters, als Knecht. Doch mit der ersten Sonne im Frühling sei er in die Berge geritten, in die Berge. »– in die Berge!« murmelte der alte Oddur und starrte auf die Kuh hinab, die den Kopf nach ihm umdrehte und ein klägliches dumpfes Brüllen ausstieß. »Halt dein Maul!« schrie der einäugige Alte entrüstet in das Gebrüll hinein. »Jau!« Oder glaubst du, daß du allein Grund hast, zu schreien – puh! He, warum schreist du nun eigentlich?« brummte er noch hinterdrein. »Laß sehen!« Aber er konnte nichts weiter an dem armseligen Hornvieh entdecken. Vielleicht war es die Lunge, die dem klagenden Tier zu schaffen machte. Oder die Leber? Man mußte noch ein wenig zuwarten und sehen. Für alle Fälle ließ er drüben in der Küche einen großen Eimer mit warmem Wasser fertigmachen und mischte ein wenig Kleie und Terpentin in die Brühe. Die Kuh sträubte sich ja nicht wenig, als er ihr danach das Maul aufriß und den Eimer darüber ausstülpte, daß ihr der Saft zu beiden Seiten auf das Brustfell rann. Sie starrte ihrem Arzt mit großen vorwurfsvollen Augen nach, als er darauf brummend aus dem Stall humpelte und etwas knurrte von Weibern und dummen Kühen, mit denen kein Mensch etwas anfangen könnte. Der Tag war erst im Werden, als er diese Arbeit hinter sich hatte. Es war um die Mitte des Morgens, und er mußte zusehen, daß er noch zu einem Häppchen Handwerk gelangte für den Rest des Tages, denn er wollte nicht umsonst das Brot des Bauern essen. Für den Augenblick gab es allerdings nichts zu tun. Er war wohl zu der breiten Scheune hinübergelaufen und stand mit zwinkerndem Blick vor ihren großen Torflügeln still. Trat noch einen Schritt näher, um besser sehen zu können, hing nicht eine der Türen schief in den Angeln? Vielleicht hatte sich ein Nagel im Rahmen gelöst? Er kramte in seinen tiefen Taschen und brachte einen starken vierzölligen Nagel ans Licht, einen Hammer noch dazu. Aber als er nun an den Holzleisten rüttelte, die die Türe umgaben und hielten, – pah, die saßen fest wie noch nie. Er mußte sich getäuscht haben. Hier gab es nichts zu tun. Er hockte sich danach vor der Scheune ins Gras und ließ die Augen in den Himmel klettern, angefangen von den Halmspitzen, die sich in den Horizont zeichneten und leicht im Winde schwankten, bis zu einigen leichten Wölkchen, die im Zenith schwammen. Eben schickten sie sich an, über den Sonnenball hinwegzuwandern, und ein breiter matter Schatten flog über das gewellte Land und die duftenden Wiesen, die den Hof umgaben. Die Farben erloschen. Der Alte dachte nach. Da sprang plötzlich Hufgeklapper in seine Gedanken hinein. Und als er sich umdrehte, schoben sich einige Pferde in schnellem Trab den lehmgelben Reitweg hinauf, der zu Kjarvals Haus führte. Die Pferde hatten wild die Köpfe hochgeworfen und stachen aufgeregt mit ihren Käufen über den Boden. In ihren Sätteln hockten ein paar junge Reiter mit sonnverbrannten Gesichtern und verstaubtem Zeug. Die Kerle mußten von weither geritten kommen, sah es aus. Oddur richtete sich ein wenig auf aus dem Gras und starrte zu den Leuten hinüber, die vor dem Hauptgebäude aus dem Sattel sprangen und im Haus des Bauern verschwanden. Aber mit einemmal stand er auf und humpelte mit schnellen Schritten los, hinüber zu den Pferden. Auf halbem Weg blieb er stehen, als wollte er seinem alten verkniffenen Auge nicht trauen und sah zweifelnd auf ein Tier, das eben mit schleifenden Zügeln aus der Reihe der andern heraustrabte und einer Stelle zuschritt, wo das Gras üppiger und fetter wuchs als auf dem niedergetretenen Platz vor dem Haus. Der Alte stolperte weiter über Gräben und Fässer, – der Falbe! Ist das nicht der Falbe? Einen gellenden Pfiff stieß er durch die Finger und hielt wieder an. Aber der Falbe kümmerte sich nicht um den Knecht, unbekümmert lief er drauflos und hatte nur die saftigen Gräser im Auge, bis plötzlich der Alte bei ihm war und ihn am Halfter hatte. Aufgeregt fuchtelte er mit seinen dürren Armen in der Mähne des Tieres herum, daß der Staub wie eine kleine Wolke aus den Haaren stob. Das Pferd legte die Ohren zurück und wollte steigen, es hatte immer noch nicht verstanden, wer der Kerl war, der da plötzlich auf ihn zugelaufen kam und ihn in den Haaren riß und wie närrisch auf die Rippen klopfte, die noch weich waren vom Satteldruck und höllenmäßig schmerzten. Aber Oddur drückte ihn mit einem vielgeübten Griff auf die Erde zurück, und dann hörte der Falbe plötzlich ein Wort, das ihn aufhorchen ließ: »Geir – Geir.« Der Alte mit dem leeren Auge mußte ein Freund sein. Er stand mit einemmal ruhig und bewegte nur lauschend die kurzen gedrungenen Ohren. Schließlich faßte er sogar mit seinen gelben Zähnen den Alten am Ärmel und schnupperte mit offenen weichen Nüstern. Es roch vertraut, das Tuch! Es roch nach dem Hof, den sie einmal nicht wiedergefunden hatten im Osten. Der am gleichen Tag verschwunden war, als die Erde zu zittern und zu rollen begann. Gut roch das Tuch. Oddur sah gespannt auf das Pferd und das Spiel in seinem Gesicht. Gerade als er wieder zu sprechen anheben wollte, rückte der Falbe plötzlich näher und rieb seinen schönen Kopf an der Schulter des Knechts. »Hehe, Alter, heee«, brummte Oddur und strich ohne Aufhören über den Hals des Hengstes mit seiner ungefügen schweren Hand, »weißt du nun, hast du nun gemerkt? Aber wo hast du den Jungen gelassen, – den Jungen?« Drinnen saß Kjarval á Anarholt inzwischen seinen Knechten gegenüber und hatte ein Gewitter über den Falten seiner Stirn. »Ihr sagt, daß es unmöglich ist, zu ihnen hinüberzukommen?« Magnus, der eine der Knechte, zuckte die Schultern: »Hm, Bauer, schwer für einen einzigen Mann. Der Fels ist steil gerade an dieser Stelle, keine Stufen, keine Griffe!« Er sah sich dabei nach seinem Kameraden um, der hinter ihm stand und bedächtig den langen Riemen seiner Peitsche in den ungeschlachten Händen umherwand und Knoten in ihn flocht. »Aber der Fremde meinte, daß man es wagen könnte, wenn man genügend Seile hätte. Und die Schafe brauchten dann nicht verloren zu sein. Er verstehe sich auf derlei, meinte er. Aus dem Osten sei er –« »Der Fremde? Von wem redest du denn?« »Keiner kennt ihn, Bauer. Er war plötzlich einmal vor meinem Zelt und frug, ob wir Seile hätten.« »Wo kam er her?« »Wir wissen es nicht. Er sagte, er hätte ohnedies eine Rechnung mit dem da – hm, mit dem Berg!« »Mit dem Berg?« »Ja«, sagte der Knecht und sah ungewiß auf den Bauern, »wir meinten auch zuerst, es sei nicht ganz richtig mit ihm, im Kopf«, – Magnus wartete einen Augenblick, ob der Bauer etwas dazu zu sagen hätte, – »aber nachdem sprach er wieder ganz vernünftig, und er sagte auch, daß er sie herausholen wollte. Wir sollten auf den Hof reiten und Seile holen. Da hat der Altknecht uns reiten geheißen, wir sollten uns noch vor Abend auf den Rückweg machen.« Der Bauer sah nachdenklich vor sich hin. Er hatte seine Fäuste auf die breite Tischplatte gelegt und schien die Knöchel der Finger zu betrachten. Dann schloß er die Hände zusammen, daß es in ihren Gelenken krachte. »Es ist nicht wert, daß einer seine Haut dabei wagt. Am Ende sind es nur Tiere. Wieviele, sagtest du?« »An die sechzig! Aber wir konnten sie nicht genau zählen. Man kann die Stelle im Berg nicht einsehen.« Der Bauer stand auf. »Geht jetzt und laßt euch Essen geben. Ich werde mitkommen!« »Es ist ein schwerer Ritt, Bauer, einen Tag, nachher noch die ganze Nacht hindurch«, wandte Magnus ein und schob mit einer schwerfälligen Bewegung seinen Stuhl zur Seite. Er war so müde, daß er wie betrunken auf den Dielen schwankte, jetzt, nachdem er eine Zeitlang still gesessen hatte. Die Beine wollten ihm nicht mehr gehorchen. »So. Nun geht. Macht euch fertig, wir werden frische Tiere holen müssen, aber das läßt sich während des Reitens machen, die Herde steht nicht weitab vom Weg. Läßt sich ordnen!« Er ging zur Tür danach und wollte die Mägde rufen, aber wie er die Hand auf die Klinke legte, wurde sie von draußen geöffnet, und Oddur stand atemlos auf der Schwelle, daß er um weniges dem Bauern auf den Leib rannte. »Der Falbe, Bauer!« »Der Falbe?« »Es ist Geirs Hengst!« Er lief an Kjarval vorüber zu den beiden Knechten hin: »Wo habt ihr ihn her, den Falben?« brüllte er sie an, als Kjarval mit seiner harten Faust nach ihm langte: »Was hast du, Alter? Was gibt's?« »Geirs Pferd ist draußen!« »Geirs –? So, nun red aus und laß uns dann zufrieden, wir haben keine Zeit, reiten in den Berg, stehen sechzig Schafe auf dem Spiel!« »Ich würde ihn unter Hunderten wiedererkennen, – die Narbe am Maul und der kleine gelbe Hornfleck am Huf.« Kjarval baute sich drohend vor ihm auf. »Und was soll das? Jetzt?« Oddur starrte dem Bauern mit seinem einen Auge ins Gesicht, seine dünnen Haare hingen ihm wild in die Stirn: »Natürlich wißt Ihr von dem Bergsturz, jedes Kind weiß davon. Und habe ich Euch nicht alles selbst berichtet? Säße ich hier und äße Euer Brot, wenn nicht, – he, wenn nicht – habt Ihr nicht Thorgrimur Trygvasson selbst gekannt, den Bauern?« »Ein andermal, Oddur. Keine Zeit«, wollte ihn Kjarval beruhigen, »wir müssen reiten.« »Das ist es gerade. Ich will mit Euch reiten, Bauer. He, wo habt ihr ihn gesehen?« brüllte er wieder den beiden Burschen zu. »Geir, – Geir Thors!« »Geir!« tat der Bauer verwundert, »was redest du von ihm?« »Von ihm, ja, – von ihm«, schrie Oddur, »von ihm rede ich. Aber Ihr wolltet es ja nicht hören!« »Er sagte, wir sollten den Falben reiten, waren nicht alle Pferde zur Hand.« »Wer sagte es?« »Nun, der Fremde!« knurrte Magnus und blinzelte den Bauern an, »da nahmen wir den Falben und ritten los!« »Wo ist er jetzt?« »Bei den Schafen wartet er, bis wir zurückkommen!« »Ich reite mit euch«, rief der Alte und wollte zur Tür. »Du?« sagte Magnus gedehnt. »Wir haben keine Zeit zu verlieren«, sagte der Bauer. »Nun, du kannst mit uns reiten«, setzte er nach einigem Nachdenken hinzu und wandte sich, um zu gehen. »Hol Odinn von der Weide, meinen Rappen«, befahl er noch in der Tür, »zäum ihn auf! Und laß dir Mundvorrat geben von den Mägden.« »Laßt mich den Falben reiten, Bauer!« »Wir müssen neue Pferde nehmen für den Ritt«, brummte Kjarval. »Ich kenne ihn, Bauer, es macht ihm nichts, solch ein Ritt! Nichts. Er ist stark, der Falbe!« »Reit ihn«, sagte der Bauer und ging. Sie ritten in den Abendnebel hinein und gönnten den Pferden kaum eine halbe Stunde Zeit, um sich auszuruhen, als der Bauer schon wieder den Befehl zum Aufbruch gab. Nach einer Weile begann der alte Oddur im Sattel zu brummen und zu murmeln und hielt den Kopf schief auf die Seite, als ob er Musik vom Himmel vernommen hätte, wie ein feines Läuten und Klingen lag es über den Bergen im Norden. »Hört Ihr, Kjarval, hört Ihr?« sagte er einmal und hielt sein Pferd an. Ja, er hatte schon lange gehört. »Hier müssen noch Schafe sein!« brummte Oddur wieder. Kjarval schwieg darauf, bis er nach einiger Zeit den Kopf hob und aufmerksam nach vorne sah. »Wir haben es geschafft«, sagte er mit einem, »dort vor uns sind sie«, dabei zeigte er mit ausgestrecktem Arm auf die sanften Hänge eines Berges, »dort ist die Herde!« »Es kann nicht sein«, schrie der eine der Knechte, »sie müssen noch weit im Berg sein!« Aber gleich darauf senkte er beschämt den Kopf, daß er so voreilig geredet hatte, denn in diesem Augenblick stieg eine ganze Wolke von Geschrei und Blöken auf und flog ihnen mit dem Wind entgegen. Und was den Reitern beim Näherkommen zu Augen kam, konnten ja nicht gut Steinblöcke sein, weil Steine nicht in den Halden herumliefen und mit den Stummelschwänzen wedelten. Und sie bauten auch keine Zelte, weil sie das weiß Gott nicht nötig hatten. Zwischen den Zelten waren dazu noch Pferde zu sehen, die ruhig über das Gras schritten und weideten. Und vor einer der Blahen saß ein ganzer Haufen von Männern, die sich erhoben und die Hüte schwangen, als sie die Reiter drunten im Tal bemerkt hatten. Alles in allem schien nicht gerade eine Begräbnisstimmung unter ihnen zu sein, denn sie schickten fröhliche Rufe aus der Höhe herab. Magnus und Helge, die beiden Knechte, die hinter einem Haufen von Seilen in den Sätteln saßen, mit denen man nun die wildgegangenen Hammel aus dem Berg heraufziehen wollte, hoben überrascht die Köpfe und glaubten zu träumen, denn drüben schwang sich ein Mann in den Sattel und kam die Halden herabgeritten. Und als er nähergekommen war, sahen sie, daß es kein anderer als Thorkill war, der mit dem Fremden im Fels zurückgeblieben war und noch einen Tagesritt fast von ihnen entfernt sein mußte, wenn alles seine Richtigkeit haben sollte. »So ist es!« lachte der Altknecht, als er nähergekommen war und den andern auseinandersetzte, was er zu berichten wußte. Einfach genug war es gewesen, und der Bauer konnte gleich wieder zurückreiten, wenn er Lust hatte, denn die Schafe hatten sie wieder herausgeholt aus dem Dreck. Wozu hatte man die Zäume und Bauchgurte und Zeltschnüre, konnte man nicht ein handfestes Tau daraus fertigen? Das hatte der Fremde gesagt! Nun, es war ja nicht jedermanns Sache, meinte Thorkill und schickte dabei ein Grinsen zu Magnus hinüber, weil der am lautesten davon geredet hatte, daß man die Schafe Schafe sein lassen sollte und den Fels den Fels, und seinetwegen sollte alles der Teufel holen, ehe sich ein anständiger Kerl das Genick deswegen brach. Es war also nicht jedermanns Sache, meinte er, sich an ein solches Tau zu hängen, denn natürlich konnte es leicht reißen. Aber es war nun eben nicht gerissen, als der Fremde daran über den Fels hinauskletterte und eines nach dem andern der Schafe drunten festband, bis sie beinahe alle Tiere wieder auf festem Boden hatten. »Einige der Tiere hatten zwar die Läufe gebrochen, und wieder einige waren schon tot gewesen, als der Fremde drunten angekommen war, aber sonst war alles gut abgelaufen –« »Das war so!« fügte der Altknecht abschließend hinzu und dachte an den langen Kerl aus dem Osten, der ihm mit seiner waghalsigen Kletterei in zwei Stunden das Grauen beigebracht hatte, daß er noch nächtelang davon träumen würde. »Los!« befahl der Bauer, als er den Bericht gehört hatte und ritt die Halden hinauf, wo die übrigen Knechte warteten. Auf halber Höhe sah er bereits den alten Oddur bergauf traben. »Geir! Geir Thors!« hörte er ihn rufen und blickte mit einem leisen lächeln dem Alten nach, der wie ein Wilder im Sattel herumrutschte und mit den Armen fuchtelte. In seiner Aufregung hatte er dem Falben die Zügel über den Hals geworfen und ließ ihm unablässig seine dürren Beine gegen die Rippen prasseln, »Geir Thors, Geir Thors!« Mit fliegender Eile ließ er sich droben aus dem Sattel und lief auf einen der Burschen zu, »da bist du gekommen, Geir!« »Jau!« sagte der Lange gerührt, als er die zuckenden alten Hände des Knechts in seinen Fäusten spürte. Er beugte sich zu dem Alten hinab und legte seine Arme um ihn, wie es die Sitte der Väter war, »jau, Oddur, da sind wir! Hast du es gut gehabt in der langen Zeit, seit wir vom Hof sind? Jau!« schloß er unvermittelt und zog die Stirne kraus. Plötzlich war es ihm wieder ganz nahe, das Geschehen, das ihn zum Bettler gemacht hatte und ihm das Erbe nahm und seinen Vater. »Jau!« murmelte er wieder und sah an dem Alten vorbei, den er noch in seinen Armen hielt. Da gewahrte er seitlich die hohe Gestalt des Bauern von Arnarholt, der auf ihn zugeschritten kam. Kühle, graue Augen in einem scharfgeschnittenen Gesicht. Er hob überrascht den Kopf, denn es war ihm nicht anders, als ob sein eigener Vater ihm dort entgegenkäme. Die gleiche Gestalt und derselbe Gang. Starr sah er dem Bauern entgegen. »Der mußte es sein!« dachte Kjarval seinerseits, »der Sohn Thorgrimur Truggvassons! Der Sohn eines Bauern!« »Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, Geir Thors«, sagte er langsam und sah dem Burschen ins Gesicht. »Redet nicht davon, Bauer! Ihr hättet wohl dasselbe getan! Eile tat not, wenn die Tiere nicht umkommen sollten. Da dachte ich an die Gurte und Zäume. Es konnte ja lange dauern, bis Eure Knechte zurück waren vom Hof. Zwei Tage! Wer weiß, was in zwei Tagen geschehen konnte.« Die Knechte hatten um den Bauern aufgeschlossen und hörten zu, wie er mit dem Fremden sprach. »Deinen Vater kannte ich, Geir!« sagte der Bauer in seiner langsamen, bedächtigen Art, »du bist aus dem gleichen Holz wie er. Man könnte stolz auf dich sein!« »Meinen Vater –« »Ich weiß, Junge!« nickte Kjarval à Arnarholt, »weiß! – Es nützt nicht, zu trauern. Und die Toten stehen nicht mehr auf. Und jeder von uns hat einen zu betrauern, der seinen Mund nie mehr öffnen wird. Jeder von uns! Aber über den Toten steht doch das Leben.« »Komm auf meinen Hof!« fügte er plötzlich hinzu, »warum kamst du nicht schon vor einem Jahr? Hat nicht mein Bruder dir gesagt, der Arzt, daß du kommen solltest? Aber du gingst in die Berge! Konntest du nicht wissen, daß du auf Arnarholt willkommen warst?« »Wohl, Bauer«, nickte Geir und sah auf Oddur, der wie unklug zu grienen begann, als er die Worte des Bauern hörte. »So komm, du wirst mir sein wie ein Sohn!« sagte Kjarval und sah unverwandt auf den Burschen, der lang und knochig vor ihm stand. »Der Bauer hat recht«, warf Thorkill, der Altknecht, in das Gespräch, »und er meint, was er sagt, wenn er Euch bietet, so nehmt!« »Überlegt es wohl!« »Ich will zum Osten zurückreiten, zum Hof!« gab der Bursche Zur Antwort. »Zum Hof?« Die Knechte sahen von einem zum andern. »Er ist doch meine Heimat. Man könnte ihn aufbauen. Erst eine Hütte, wieder eine. Ich bin noch jung!« »Du hast Zeit, darüber nachzudenken, Geir Thors«, sagte der Bauer und reichte ihm die Hand, »brecht die Zelte ab, Leute, wir reiten zurück!« Allerorts sanken die Blahen zur Erde nieder, die Knechte liefen nach ihren Pferden und warfen ihnen die Lasten über ihre Kruppen; Hunde jaulten in das Treiben hinein. »Du kommst mit zum Hof jetzt, denk' ich mir«, sagte er noch einmal mit gedämpfter Stimme zu dem Jungen. Und Geir nickte. Den ganzen Tag hindurch ritten sie hinter dem gelben Fluß von trippelnden Füßen und wolligen Rücken. Eine Wolke von Staub zog mit den müden Reitern bergab, bis die Ebene im Süden sich vor ihnen auftat und weit in der Ferne die Gehöfte von Arnarholt herübersahen. IV Es kam wie ein neues Leben über den Hof Kjarvals, seit die Knechte aus den Bergen zurückgekommen waren. Die Mägde mit ihren bunten Röcken und den langen Zöpfen liefen wieder singend und lachend ihrer Arbeit nach, und die alte Kristin kriegte schier den Mund nicht mehr zu, soviel gab es zu berichten von diesem und jenem, von der langen Thorhildur zum Beispiel und Magnus, die zu dieser Zeit nie zu finden waren, wenn man sie rief. Und wenn sie dann endlich zum Vorschein kamen, so war es bestimmt nicht dort, wo sie eigentlich hingehört hätten. Und Thorhildur hatte rote Backen und schlug die Augen nieder, wenn sie dem Bauern einen Teller auf den Tisch setzte. Und Sigga wusch halbe Wochen hindurch drunten am Fluß, wo Einar einen neuen Schafpferch zusammenschlug. Manchmal stand dann der Waschkorb trostlos und verlassen am Ufer, und es war weit und breit niemand zu sehen. Am Pferch lag der große Holzhammer, und die Latten lagen im Gras verstreut. Über einem Pfosten hing Einars Hut, und sein Schimmel graste in der Nähe. Mehr war aber nicht zu sehen. Etwas weiter hinaus kam einmal der Bauer zum Pferch geritten, um nach der Arbeit zu sehen. Er kniff erst das eine und nachher auch noch das andere Auge zu. Und am andern Tag hatte er zwei gute Meilen auf der andern Seite des Hofes eine andere Beschäftigung für Einar; man konnte ja endlich darangehen, den Torf aus dem Moor herauszuschaffen und ihn nachher unter Dach und Fach zu bringen. Wieder einen Tag später redete dann Sigga plötzlich davon, wie kalt das Wasser inzwischen geworden wäre, und man könnte sich leicht den Tod holen, wenn man Stunde für Stunde die Laken in den Fluß tauchte. Das Waschen hörte dann auf. Es ging auch schon mächtig dem Winter entgegen. Eines Tages hatten die Berge im Norden weiße Kuppen, und Tag um Tag breitete sich ihr neues Gewand aus, bis es die Ebene erreicht hatte und die Steppe überdeckte. Von da an war es nicht mehr weit, bis die Knechte des Morgens mit den Schneeschaufeln den Weg zu den Hütten des Hofes frei machen mußten und das Leben sich in den Häusern hielt. Oddur freute sich über jeden Tag, der ging, weil damit seine Befürchtungen immer mehr zusammenschmolzen, daß der Junge den Hof noch vor Wintereinbruch verlassen würde. Und dem Bauern ging es nicht anders, denn es hatte Hand und Fuß, was der Bursche aus dem Osten anfaßte. Und er tat sein Tagewerk nicht halb, sondern eher schon doppelt. »Du bist doch kein Knecht«, sagte Kjarval einmal zu ihm, »gönn dir Ruhe!« Aber Geir hatte nur gelacht und seine Axt weiter auf den kantigen Balken niedersausen lassen, – er zimmerte an einem neuen Stall für die Rinder: »Der Winter wartet nicht, Bauer. Und man denkt weniger bei der Arbeit.« »Jau«, meinte der Bauer, »aber hast du dir jetzt überlegt –eben – wegen des Winters? Bleib auf dem Hof!« »Ja, ich habe nachgedacht. Es wird wohl so sein!« »Bleib, solange es dir gefällt!« »Jau!« »Immer, wenn du willst.« »Ihr scherzt, Bauer.« »Gefällt er dir nicht, mein Hof?« »Euer Hof?« »Hm«, brummte der Bauer nachdenklich und ritt weg. Doch bevor er zum Hof zurückritt, trabte er noch einmal zu dem Burschen hin: »Höre, da läuft ein Hengst bei meiner Herde, Randur, ein roter Schimmel. Es ist ein Teufelspferd. Ich dachte daran, daß du ihn haben könntest, hast du mir doch die Schafe aus dem Berg geholt im Herbst. Willst du ihn haben?« Die Augen des Jungen leuchteten auf. Er hieb die Axt ins Holz, daß die Späne flogen. »Ist das Euer Ernst, Kjarval à Arnarholt?« »Ich wollte ihn selbst einmal reiten«, nickte der Bauer, »aber ich bin zu alt für derlei. Siehst du, es ist eben ein Teufelskerl. Einmal hatte ich ihn fangen lassen und in den Stall gebracht, aber andern Tags hing die Tür in Fetzen, und der Rote galoppierte frei in den Bergen. Er versteht keinen Spaß«, lachte er. »Du sollst ihn haben, wenn du ihn unter den Sattel bekommst.« »Da gehört er mir, Bauer?« Und als Kjarval wieder nickte, holte Geir Jacke und Mütze aus dem Haus und griff sich den Sattel vom Haken, während der Bauer ihm verblüfft nachstarrte. »He, wohin?« »Ich will ihn holen«, schrie Geir zurück. »Warte noch ein wenig, morgen! Ich werde mit dir hinüberreiten«, brüllte der Bauer. »Morgen also«, lachte er und ritt durch die Umzäunung auf die Steppe hinaus, wo einige Knechte arbeiteten, während der Bursche enttäuscht wieder zu seinem Balken ging und die Axt wieder aufnahm. »Er ist gerade so ein Teufelskerl«, lachte der Bauer noch hinterher, wie er weitertrabte, »aber er ist richtig. Es wäre ein Kerl für den Hof!« Er wurde dann plötzlich nachdenklich und hatte ein beinahe finsteres Gesicht, als er bei den Knechten anlangte. Schweigend sah er ihnen eine Zeit hindurch zu und ging wieder weg, ohne auch nur ein Wort gesprochen zu haben. Einar spuckte sich in die Hände und griff nach seiner Hacke, schlug sie in den zähen lehmigen Boden. »Weißt du, was mit ihm los ist, mit dem Bauern?«, und er stieß dabei Magnus in die Rippen, »hm! Der Junge! Ich möchte meinen Kopf verwetten –« »Halt's Maul!« rief der Altknecht zu ihm hinüber, »du! Aber vielleicht hast du recht!« knurrte er dann und schob sich den Hut aus dem Gesicht, »Jau! Und es wäre nicht das schlechteste, was er tun könnte!« Der Bauer dachte dasselbe, indem er seinen Rappen nach Hause lenkte. * In diesen Tagen ritt Gudbrandur Steffansson, der Postreiter, in der Richtung auf Arnarholt. Seine Augen schweiften über die Bergketten im Norden und blieben an den dampfenden Schwaden kleiner Geysire hängen, die da und dort in der Ferne standen und einen seltsamen Gegensatz zu dem Gewand des Winters ausmachten, das die Erde trug. Die großen Postkisten, die der Reiter auf seinen Pferden mit sich führte, knarrten und klapperten auf ihren hölzernen Sattelgestellen, und ein rotes Posthorn, das unter ihren Deckelverschlüssen glänzte, schrie aufdringlich nach Respekt: »Achtung! Ein Beamter, der hier reitet!« Und sie waren auch wirklich nötig, diese Posthörner, am richtigen Platz und beim richtigen Mann. Denn niemand würde in dem mageren Gerippe mit dem schäbigen, verbeulten Hut, nun, verbeult, das wäre noch angegangen, aber er sah aus, als hätte er seinen Erdenwandel überhaupt nicht als Hut angetreten, sondern wäre erst im Laufe vieler Jahre zu einem solchen geworden, keiner also würde in Gudbrandur Steffansson einen Postreiter vermutet haben. Eher schon einen Posträuber vielleicht. In seinem Gesicht stand eine Nase, die wohl zum Brotschneiden getaugt hätte. Und wirklich! Keiner konnte einsehen, daß Gudbrandur eine solche Nase haben mußte. Abgrundtief lagen ihm die Augen im Kopf und waren außerdem meistens überhaupt nicht zu sehen, wenn da nicht ein kräftiger Windstoß sich erbarmte und die Vorhänge der weißstrahlenben Brauen zur Seite wehte. Gerade diese Brauen waren es, die im Verein mit der Nase dem Gesicht Gudbrandurs eine beinahe umheimliche Note gaben, denn sie schienen die Augenhöhlen völlig zu überkleben und standen wie weiße Inseln in der braunen faltigen Haut. Blind schien er zu sein, der Alte. Und wenn man die Sache von dieser Seite her betrachtete, so neigte man vielleicht dazu, in Gudbrandurs Gesicht sogar etwas wie Würde zu sehen. Doch weit danebengegriffen. Die Seher des Postreiters waren scharf wie selten. Trotz der Vorhänge! Und auch trotz seines Alters. Und das mit der Würde! Nun, ich kannte ihn zu gut, den alten ledernen Gesellen. Jedenfalls wäre das ein verteufelt hochtrabender Ausdruck für den langen verschmitzten Mund Gudbrandurs gewesen. Was man nicht alles redete, nun, die Tage waren lang, jetzt im Winter. Die Arbeit rief einen nicht aus dem Bett wie im Sommer und im Herbst. Sicher hatten die Leute nun Muße, sich dies und jenes zu erzählen. Aber der Teufel wollte, daß der lange Gudbrandur oft genug eine gewisse Rolle in diesen Gesprächen zu spielen hatte, viel zu oft. Das konnte schließlich seinen Grund darin haben, daß der Postleiter beinahe die einzige Verbindung darstellte zwischen der großen Stadt im Westen und den einsamen Höfen an der Markar, und daß er darüber zu einer öffentlichen Person geworden war wie nicht viele im Land, den Präsidenten des Allthings natürlich ausgenommen, natürlich! Aber sicher hatte es noch einen anderen Grund daneben, hm. Nun, Gudbrandur konnte zwar keinem braven Weibsbild mehr gefährlich werden, aber er liebte sie nun einmal, verdammt, – er wollte es nie und nimmer wahrhaben, daß er nichts mehr bei den glatten Mädchen zu suchen hätte. Er! Eine Amtsperson! Nichts konnte Gudbrandur davon überzeugen. Und das ist ja schon allerhand von einem Beweis, wie wenig richtigen Erfolg er auf diesem Gebiet in den letzten Jahren gehabt haben mochte. Wirklichen Erfolg! Denn sonst liebten es die verdammten Töchter Evas, ihn an seinen borstigen Barthaaren zu zupfen und mit ihm Schindluder zu treiben, seit sie seine große Leidenschaft kannten. Und eigentlich, wer konnte nachrechnen, wie lange das schon her war. Jahre! Viele Jahre! Aus Säuglingen waren in diesen Jahren hübsche Mädchen geworden, die mit heißen Wangen den Burschen nachsahen und ihren kecken Blicken nicht mehr auswichen. Und wenn nun gerade kein Bursche um den Weg war, so konnte es geschehen, daß sie auch Gudbrandur mal am Bart zupften, wie ich schon sagte. So war es. Der Postreiter ritt also munter vor seinen klappernden Postkisten über das verschneite Land, bis er plötzlich seinen Renner zügelte und aufmerksam nach Norden hinübersah, wo am Fuß der Berge sich einige dunkle Punkte bewegten. Für einen gewöhnlichen Sterblichen waren das Punkte, allenfalls Steine. Für einen Bauern mußten es Pferde sein. Und wenn er schon einen Reiter auf einem der Tiere erblickt hätte, vielleicht auch noch einen dazu oder zwei, so war es von da an noch ein weiter Weg bis zu der Überzeugung, daß einer dieser Reiter vielleicht Kjarval à Arnarholt sein könnte, oder daß er es gar wirklich war. Gudbrandurs Leidenschaft mußte seine Augen geschärft haben, daß er schon auf weiten Halt erkennen konnte, was Hosen trug oder Röcke, und was dieser war oder ein anderer, denn er hatte kaum diese Punkte bemerkt, als er die Peitsche durch die Luft zog und in einem scharfen Winkel aus seinem bisherigen Kurs fiel. Was tut man nicht, wenn man einen Brief in der Tasche hat, der oben in der linken Ecke ein großes rotes fettgedrucktes R trägt, was soviel heißen sollte wie »rekommandiert«, oder hatte der Postvorsteher nicht so gesagt? So viel wie »wichtig«, immerhin so viel, daß man ihn unter keinen Umständen verlieren durfte, wenn man nicht einen Höllenkrach haben wollte nach der Rückkehr in die Stadt. Hm, und dazu sollte er obendrein noch eilig bestellt werden! Zwei, drei Stunden hatte er sich deswegen extra von seinem Schlaf abgezwackt in den letzten Nächten, einmal vorne und das andere Mal hinten, und hatte eine gute Gelegenheit vorübergehen lassen, eine außerordentlich günstige, die Thorhild vom letzten Hof in ihre prallen Beine zu kneifen, als sie auf einem Stuhl stand und die Fenster wusch. »Ein Brief! Hier! Ein Brief! Von Asdis! Seht!« brüllte er dem Bauern zu, der seinen Rappen angehalten hatte, um auf ihn zu warten. Er fuhrwerkte in seinen Taschen herum und brachte endlich aufatmend einen weißen, schmalen Umschlag zum Vorschein, den er mit seinen gichtigen Krallen schmunzelnd dem »Empfänger« überreichte. Es geschah nicht alle Tage, daß Gudbrandur so deutlich zeigen konnte, was für ein Mann er eigentlich war und wie weit seine Macht reichte. Er rückte sich im Sattel zurecht und räusperte sich: »He, Bauer! Eigentlich müßtet Ihr mir den Brief sofort wiedergeben, denn Ihr habt ihn noch nicht unterschrieben. Unterschreiben müßt Ihr, jawohl, daß Ihr ihn bekommen habt! Denn wo käme sonst die Post hin, hm hm, wenn da die Leute einfach solch einen Brief nehmen. Und vielleicht können sie nachher sagen, daß sie ihn überhaupt nicht bekommen haben!« Dabei breitete er einen gelben Amtswisch auf einer der Postkisten aus, nachdem er ihren unlustigen Träger mit einem scharfen Zügelruck zu sich herangeholt hatte. »Hier müßt Ihr Euren Namen hinschreiben, Kjarval!« Der Stolz knisterte geradezu aus den rötlichen Barthaaren, die wild um die Lippen des Postreiters strahlten. Hatte er nicht gesagt: »Ihr müßt, Bauer! Ihr müßt!« Aber sein erhabenes Gesicht sank jäh wieder in graue Falten zusammen, als Kjarval den Kopf hob von dem kleinen gelben Fetzen und dem postreitenden Beamten seinen blauen abgebissenen Tintenstummel zurückgab. »Wie steht es mit dir, Gulli?« fragte der Bauer respektlos, »du reitest ja noch wie ein Junger!« Als ob man so etwa einen anredete, der eben noch eine Amtshandlung vorgenommen hat! Gudbrandur richtete sich im Sattel hoch und schien die Berge zu betrachten. Aber dann wandte er sich mit einem Ruck wieder zu dem Bauern. »He, wollt Ihr ihn nicht lesen, den Brief!« rief er, weil er von der Seite gesehen hatte, daß Kjarval den weißen Umschlag in seiner Tasche verschwinden ließ, ohne ihn zu öffnen. »Er eilt! Kjarval å Arnarholt!« Gudbrandur war beileibe nicht neugierig, aber denke dir, welchen Eindruck es machen mußte, wenn er den andern erzählte: »Ja, da hatte ich einen kleinen Eilbrief für den Bauern, ich fand ihn gerade noch, als er in die Berge reiten wollte. Er war schon zwei gute Stunden von seinem Hof! Welch ein Glück, daß ich ihn noch erwischte, denn seht, hm, was meint ihr, was also in dem Brief stand? Der Bauer kriegte Augen, sage ich euch! Und nachher, nachher.« Gulli war beileibe nicht neugierig. Aber wozu trug man seine Hörner an den Kisten? Schließlich war man eine Amtsperson! Und hatte man nicht Vertrauen zu Amtspersonen? Natürlich hatte man das! Geradezu eine Beleidigung war es, wenn man einen Brief so mir nichts dir nichts in die Tasche steckte. Und dabei eilte er doch! »Er eilt, Lauer!« sagte er nochmals in strengem Ton, – genau wie der Postmeister in Reykjavik sprach, wenn er einen Untergebenen rief, »vielleicht ist er wichtig! Sicher sogar! Nicht wahr, Geir? Man kann eben nie wissen, was in so einem Brief steckt, in solch einem!« Dabei starrte er den Burschen an, der neben dem Bauern hielt. Kjarval sah lächelnd auf den eifrigen Alten und holte den Brief wieder aus seinem Mantel. Er riß die papierne Kante ab und zog ein Bündel von Blättern heraus. Sie schrieb wie immer, das Mädchen. Natürlich gab es nichts wichtiges, das sie schreiben konnte, was sollte es auch sein? Es war herrlich in der Stadt. Doch das wollte sie ihm alles erzählen, wenn sie zurückkäme, denn sie hatte Sehnsucht bekommen nach dem Hof und nach dem Silberschimmel. Ob er richtig fraß und munter war. Und der Rappe? Aber sie kam nicht allein, – nicht. Denn sie hatte – sie hatte also –. Der Bauer las noch etwas weiter und schob dann langsam den Umschlag wieder in seine Tasche. Er schickte dabei einen Blick zu dem Jungen hinüber, einen seltsamen Blick. Abwesend und unsicher. »He, Gulli, du kommst wohl mit auf den Hof? Es wird dir nicht schaden, wenn du etwas in deinen Magen bekommst. He, hm. Und Geir, – du kannst allein mit Oddur weiterreiten. Du weißt ja, wo der Falbe steht. Viel Glück auch!« Danach setzte er seinem Rappen die Hacken ein und trabte den Weg zum Hof zurück. Der Postreiter wackelte erstaunt mit dem dürren Kopf, daß der Bauer es so eilig hatte. Aber mit dem Erzählen würde es nun doch nichts werden, denn der Brief schien nichts Gutes zu enthalten, Und Gudbrandur wollte nun doch nicht mit den Sorgen anderer hausieren gehen. »Friede!« grüßte er die Zurückbleibenden feierlich, »he, schneller! Du verdammtes Luder!« Das galt seiner rasenden Stute, die steil die Ohren aufgesteckt hatte, als der Hengst Kjarvals davontrabte. »Bauer! Wartet ein wenig, ich komme mit!« schrie er hinter Kjarval drein. Die Postkisten schaukelten stürmisch auf den Rücken seiner Gäule und klapperten, als ob Mühlsteine über lockere Dielen hüpften. Oddur spuckte verächtlich in den Schnee, wie er hinter dem postlichen Gespann hersah. »Postreiter, hm, solche Pferde! Hast du schon solche Pferde gesehen? Eine Schande für das Land!« Wie gesagt, Oddur konnte die Beamten nicht leiden. »Hast du gesehen, Geir, – der Brief, den Asdis geschrieben hat– ich sage immer, hm, Briefe! Man weiß nie, was sie nun bringen können. Man sollte sie wegwerfen!« Oddur hatte nie selbst einen Brief bekommen. Aber er konnte Briefe nun einmal nicht leiden. Der Bauer war nicht schlafen gegangen in der folgenden Nacht. Er hockte in seinem Raum und starrte ins Dunkel hinaus, horchte wohl auch mitunter, ob der Junge mit Oddur noch nicht bald zurückkäme, vielleicht war es ihnen gelungen, den Hengst zu fangen. Geir würde den ganzen Winter vor sich haben, um den Starrsinn des halbwilden Tieres zu brechen und den Hengst unter den Sattel zu bringen, bevor die Arbeit des Sommers im Ernst einsetzte. Und wahrhaftig würde es keine leichte Arbeit sein, bis er soweit gekommen war und das Pferd willig unter seinen Schenkeln ging. Aber Kjarval horchte vergebens, obwohl die Mitternachtsstunde bereits vorüber war. Er dachte sich danach, daß die beiden wohl kein Glück gehabt hatten mit dem Falben und nun in der kleinen Schutzhütte im Berg den Tag abwarteten, um die Jagd von vorne zu beginnen. Der langsame Schritt eines Pferdes zog unter seinem Fenster vorüber, daß die Scheiben leise klirrten von den Tritten des schweren Körpers. Kjarval stand auf und versuchte, das Tier zu erkennen, aber er konnte nur noch seinen Schatten sehen, der im Mondlicht auf der mattleuchtenden Schneedecke lag und über die Wehen hinglitt. Es mochte eines von Gudbrandurs Tieren sein. Der Postreiter schlief in dieser Nacht auf dem Hof, und weil er schon in den frühen Morgenstunden weiterreiten wollte, hatte er seine vierbeinigen Kameraden gekoppelt bei den Gebäuden zurückgelassen. Es verging viel Zeit, wenn man die Pferde erst im großen Umkreis aufsammeln mußte, bevor man wegreiten konnte. Vom Dach herab kam das schläfrige Schreien eines Vogels. Vielleicht war es eine Möwe, oder eine Krähe. Es war irgendein charakterloses halbersticktes Geräusch. Vielleicht war auch die Katze über einen Sperling gekommen, wer konnte es sagen? Der Bauer stand noch eine Weile am Fenster und sah in das Land hinaus, wo die Berge nur noch wie graue Schatten im Osten standen und alles ausgelöscht war, was am Tage in tausend einzelnen Dingen über der Landschaft lag und sie vertraut machte. Unwirklich und wesenlos hängt alles im schwarzen hohlen Mantel der Nacht. Auch die Gedanken sind andere, als der Tag sie sieht. Schwerer sind sie und drücken, sie schmerzen auch, die Gedanken. Einmal griff er in seine Rocktasche und holte den Brief des Mädchens aus ihr hervor. Das starke Papier knisterte im Dunkel. Da war also der Brief! Er hatte nur wissen wollen, ob er noch da war, als er in seine Tasche griff. Zu lesen brauchte er ihn nicht. Er hätte im Schlaf noch gewußt, was er enthielt. Die Buchstaben hätte er nachmalen können, steil geschrieben, mit leichter Hand, ungenau und flüchtig, seit heute. Auch die Buchstaben hatten ein anderes Gesicht, seit heute. Doch zwischen den flüchtigen Zeilen stand ein Schatten, der nicht zu der Schrift passen wollte. Schwer und unbekannt und groß. Es kroch aus den Blättern und klammerte sich an der Brust des Bauern fest, daß sich seine Stirn im Unwillen verdüsterte und eine steile Falte aus der Nasenwurzel heraustrat. Wie die Krümmung einer Sichel zog sich diese Falte auf die rechte Stirnseite hinüber und machte das Gesicht Kjarvals sorgenvoll und müde, und mit jeder Stunde wuchs der Schatten, bis er dunkler wurde als die Nacht, die den Raum füllte. Er griff über den Hof hinaus und reichte bis zu der großen Stadt im Westen und streckte einen mageren Arm nach seiner Tochter aus. Der Bauer starrte finster vor sich hin. Sie war das Beste, das er besaß. Seine Erinnerung war sie und seine Zukunft. Man durfte nicht mit einigen leichten Federstrichen über diese Zukunft verfügen, weil sie mehr war, als ein unerfahrenes junges Mädchen von ihr wissen konnte. Sie war die Zukunft des Hofes zugleich, und man schrieb nicht das Schicksal von vielen Generationen mit leichten Strichen auf einige lose Blätter. War sie nicht die einzige, die noch sein Blut trug! Asdis! Gleich nach der Geburt ihres kleinen Bruders war ihre Mutter neben dem dürftigen Holzkirchlein von Hildarenda begraben worden. Einige Tage später hatte man ihr Grab wieder geöffnet, und was sie der jungen Mutter als Grabgabe hinzulegten, war der Leib des Neugeborenen gewesen. Der Bauer bekam harte Augen, als er die Vergangenheit wieder ausgrub und die Toten und die Jahre vor sich ausgebreitet liegen sah, die doch seit langem in die Ewigkeit versunken waren. Er schüttelte seinen grauen Kopf, als er daran dachte, wie der Pastor des Kirchleins auf seinen Hof geritten kam, – es war kaum ein halbes Jahr danach vergangen. »Der Herr will nicht, daß Ihr in Eurer Manneskraft allein seid, Sigurgeir Kjarval!« sagte er in der Sprache, wie sie den Predigern anhängt. »Es sind viele Frauen im Land, die Ihr Euch wählen könnt. Frauen, die wohl Euer Leben teilen wollen und die Eurer Wahl würdig sind. Laßt Euch neue Frucht schenken aus dem Schoß eines Weibes!« Aber der Bauer hatte den Kopf abgewandt und verneint. Keine konnte auf Asdis folgen, die sie begraben hatten. Und der Pastor war gegangen. Als er den Sattelgurt um den Bauch seines Pferdes festzog und den Dorn der Schnalle durch den Riemen stach, hatte er sich noch einmal nach dem Bauern umgesehen, der ihm das Geleit gab. »Denkt an den Hof, Kjarval! Denkt an den Hof!« Und als der Bauer keine Antwort auf seine Worte hatte, meinte er, schon im Wegreiten, und holte die Zügel seines Pferdes dabei an: »Ein ungewiß Spiel ist es, nur ein Pfand in der Hand zu haben, Bauer! Ein ungewiß Spiel, wenn die Fäuste zu schwach geworden sind, ein zweites oder mehr dazu zu schaffen. Das wollt Ihr bedenken, Kjarval! Denkt an Euren Hof!« Dann war er weggeritten. – Über ein Jahr kam der Pastor wieder. Ein Jahr danach. Die Hände des Bauern spielten nachdenklich mit den knisternden Blättern, die er jetzt vor sich auf dem Tisch liegen hatte, obschon er nicht in ihnen las. Es war zu dunkel im Raum. Die Sichel grub sich tiefer in seine Stirn. Ja, er war wiedergekommen. Doch sprach er nicht viel beim zweiten Gang. Kjarval hielt mit seinem Pferd östlich der Farm, wo einige der Knechte dabei waren, einen Abzugsgraben anzulegen, um einen moorigen Strich zu entwässern. »Ihr habt Zeit, Bauer?« fragte der Pfarrer. Und Kjarval wandte sein Pferd. Sie durchritten das weite Gebiet, das zu Arnarholt gehörte. Gedankenvoll saß der Pastor im Sattel und lenkte sein Pferd nachlässig über die Unebenheiten des Bodens. Er hatte weiße Hände, der Prediger, die nicht wohl zu den abgenutzten und verschrammten Zügeln passen wollten, die zwischen ihren Fingern liefen. Kjarval entsann sich, daß diese schmalen Hände einmal über Asdis' Haupt gelegen hatten und auf seiner Schulter – »daß ihr verbunden seid in Lust und Not!« der Bauer entsann sich dessen, als ob es gestern gewesen wäre. Sie standen vor dem Altar des kleinen Kirchleins, der Ton der Glocken hallte vom Gestühl herab, Räuspern kam aus den Kirchenbänken, und vor ihnen stand Sera Egil, legte ihre Hände zusammen und wickelte die Stola um sie. Der Bauer wußte plötzlich, was er dem Pfarrer entgegnen mußte, wenn er wieder zu sprechen anhob. Aber es war, als hätte Sera Egil seine Gedanken erraten, denn es fiel kein weiteres Wort während des ganzen Rittes. Erst als sie sich trennten, um jeder nach seinem Hof zu reiten, sagte der Pastor leichthin, als wäre es ganz absichtslos gesprochen: »Schwer, wenn der Winter über dem Land liegt, Bauer!« Kjarval hatte über die Graswellen gesehen, die sich bis zu den Füßen der Berge hinzogen. Die Spitzen der Halme begannen schon zu gilben. Der Herbst kam über Steppe und Hof. »Ihr vergeßt den Frühling, Pastor. Folgt der Frühling auf jeden Winter!« »So habt Ihr Euch endlich entschlossen, Bauer«, sagte Egil überrascht. »Der Herr gebe, daß Ihr glücklich werdet!« »Ich dachte an meine Tochter«, murmelte der Bauer und richtete seine grauen Augen dabei auf den Pastor. Das war das letzte Wort geblieben. Während er nachher allein seinem Hof zuritt, dachte er an Asdis, die blond und licht herangewachsen war wie eine junge Birke. Aus ihren Augen sah ihm die Liebe seines toten Weibes entgegen, das wiedergeboren war in ihrer Tochter. Vielleicht trug das die Schuld daran, daß er kein anderes Weib auf den Hof führen konnte. Und weniger, je höher sie wuchs und mit jedem Jahr der verstorbenen ähnlicher wurde. Der Bauer stützte müde sein Gesicht auf die Hände. Der Tag wollte noch nicht kommen. Endlos lang waren die Winternächte. Er sah mit geschlossenen Augen das Bild des Mädchens vor sich, ihre hellen Augen und das blonde lichte Haupthaar, das ihr im Eifer oft über die Wangen fiel und schimmernd weich um die Schultern lag, daß er es mit seinen schweren Bauernhänden kaum zu berühren wagte. Oft hatte er das gleiche gefühlt, lange vordem. Als Asdis noch lebte. Die andere Asdis! Lange vordem – Doch plötzlich verblaßten die hellen Augen des Mädchens, und ihre Züge standen nur noch undeutlich im Dunkel. Sie wurden durchkreuzt von starken kräftigen Linien, die sich formten und zusammenschlossen. Braun füllten sich die Flächen zwischen ihnen und wurden zu Geirs Gesicht. Und je länger der Bauer in diesem Gesicht las, desto freier wurden seine Gedanken, und zuversichtlicher. Und er schalt sich bald seines trüben Sinnens wegen, bis sein Blick sich wieder öffnete und auf die Blätter fiel, die vor ihm auf der Tischplatte lagen. Nüchtern, weiß, klar. Die Blätter schnitten alles entzwei. Grausam und kraß. »Ich habe mich ihm versprochen, Vater. Du mußt uns deinen Segen geben. Ein Prediger ist er«, – so stand es in den Blättern. Aber sie hatte nicht an den Hof gedacht, als sie ihm die Hand reichte, und vielleicht – als sie sich ihm gab. In der Stadt im Westen. Und nicht an ihren Vater hatte sie gedacht. Daß seine Hände einmal müde werden mußten. Und der Hof brauchte feste Hände. Fäuste brauchte er! Die harten Fäuste eines Jungen! Er wollte sie bei der Hand nehmen und ihr den Hof zeigen. Er würde von ihrer Mutter sprechen und von dem Glück, aus dem sie hervorgegangen war. War sie nicht noch ein Mädchen! Mußte sie nicht sehen, daß ihr Wille nichts bedeutete angesichts alles dessen, das er geschafft hatte? Und seine Väter vor ihm? Und wenn sie nicht sehen konnte, so sollte sie sehen lernen! Es gab kein Wort außer dem seinen. Und war sie nicht noch ein Kind? Aber danach dachte er an sein Weib und ihren stolzen starken Sinn, und wußte, daß er dem Mädchen nichts einreden konnte, nichts befehlen, weil sie ihre Tochter war. Selbst mußte sie zum Ziel kommen. Das Land mußte sie rufen, die Steppe, die Berge. Und das Land war gegen die Menschen aus der Stadt. Feindlich war es ihnen und ließ sie nicht heimisch werden, weil es mehr Kraft verlangte, als einer aus der Stadt zu geben vermochte. Der Tag begann um den Hof zu grauen. Licht floß von den Bergen und kroch zur Ebene nieder. Aber Kjarval saß immer noch am Tisch. Er hatte sich tief über den Tisch gebeugt, daß man nicht sehen konnte, ob er schlief. Im Nebenraum begann Feuer auf dem Herd zu prasseln. Die Mägde hatten sich ans Tagwerk gemacht. Es dauerte danach nicht mehr lange, bis draußen der lange Gudbrandur fluchend seinen Pferden nachrannte und ihnen endlich die Postkisten mit den rotgemalten Posthörnern vor die Kruppen sattelte. Und nach einer Weile sah man ihn mit seinen Tieren über die verschneite Steppe dem Osten entgegentraben. Da erhob sich der Bauer und ging vor sein Haus, um ihm noch ein Abschiedswort zuzurufen, dem mageren Alten. Der Teufel wußte, daß er ein schweres Handwerk hatte, jahraus und -ein ritt er die halbe Küste ab trotz der sechzig Jahre, die seinen Rücken versteift hatten, in Sturm und Schnee und Regen. Ein treuer Kerl. Aber Kjarval konnte ihn kaum mehr sehen, als er draußen war. Es hatte begonnen zu schneien. Dichte Schleier sanken aufs Land herab. Er hörte nur noch die Rufe durch das Schneetreiben herüber, mit denen der Alte seine Gäule in Fahrt hielt. Sein ganzes Leben ritt Gudbrandur so den schmalen Reitweg zum Osten, ritt ihn wieder zurück, auf derselben Spur, bis er einmal aus dem Sattel sinken würde und neben seinen Pferden liegenblieb. Es konnte nicht anders sein, als daß der Alte einmal im Sattel starb, der lange Gudbrandur, der die glatten Mädchen über alles liebte. Der Bauer nickte vor sich hin und hatte ein kleines Lächeln. Die Wolken verschwanden beinahe von seiner Stirn über den Gedanken, die der lederne Postreiter in ihm zum Leben gebracht hatte, der unermüdlich über die Berge und Ebenen Islands trabte. Fast zur gleichen Zeit wurde es lebendig in der kleinen Hütte, die beinahe unsichtbar am Rücken eines mächtigen Berges lehnte. Erst begann es in ihr zu rumoren, und schließlich hörte man Flüche durch die Bretter herauskommen, und wer jemals den alten Oddur fluchen gehört hat, konnte sich nicht verhehlen, daß die Flüche von ihm stammen mußten, denn Oddur hatte die seltsame Angewohnheit, mit Ausdauer, sozusagen serienweise zu fluchen. Man hätte auch sagen können, daß er mit Genuß fluchte. Und darüber hinaus wollte er eben möglichst lange seine eigenen Worte hören. Für ihn war es wie eine Predigt, wenn er so loslegte. Und in gewissem Sinne hatte er recht damit, denn er sorgte dafür, daß sogar die Namen ganz unbekannter heiliger Personen in seinem Eid vorkamen, insofern war seine Sache also beinahe erbaulich und christlich zu nennen. Plötzlich brach Oddur jedoch ab, und es hörte sich darauf an, als ob von innen ein Sattel gegen die Tür knallte. Man sieht, Oddur war wach geworden und schritt jetzt zur Handlung. Tatsächlich steckte er auch eine Minute später seinen Kopf durch die Tür und starrte wütend mit seinem lebenden Auge über das schneeweiße unschuldige Land hinaus. Er wischte sich einmal mit seinem grobtuchigen Jackenärmel über das Gesicht und wollte damit eine symbolische Waschung kundtun. Dann krächzte er wie ein Rabe, dem man einen Bindfaden an den einen Ständer gebunden hat und der doch gerne fliegen mochte: »Wir reiten also zum Hof zurück! – Oder denkst du vielleicht daran, in einem solchen Wetter auf Pferdefang zu gehen? Etwa? Am besten, wir reiten also sofort zurück!« Geir fuhr drinnen aus den Decken und in seine schweren Stiefel und kam zur Tür gepoltert. »Wird nichts daraus, Lieber!« erklärte er kurz und bündig, als er einen Blick über die Berge hingeschickt hatte. »Da ist Schnee«, wies er vor die Tür, »steck ihn in die Kanne und koch den Kaffee. Heute muß er dran glauben, der Hengst. Ich gehe die Pferde holen, und wenn ich zurück bin, wird losgeritten. Also!« Man konnte leicht sehen, daß Oddur an diesem Morgen keine rosige Laune hatte, und sie wurde auch nicht besser von dem, was der Bursche eben gesagt hatte. Er blieb noch eine Weile brummend im Türrahmen stehen, bis Geir hinter einem kleinen Hügel untergetaucht war. Dann humpelte er in den Schnee hinaus und sammelte mit hohlen Händen von ihm auf, soviel er konnte. Er knurrte auch noch weiter, bis der Schnee über dem Feuer zu kochendem Wasser wurde und der Kessel behaglich zu summen begann. Und weil gleichzeitig mit diesem Summen ein wunderbarer Kaffeeduft durch die Hütte schwebte und gemächlich sogar in der Ecke zu spüren war, wo Oddur sich derweil wieder auf sein Lager niedergelegt hatte, brach er plötzlich seinerseits das Brummen ab. Und am Ende war er sogar nicht übel vergnügt – hoi, heißer Kaffee war doch ein Segen für die geplagte Menschheit. Er machte alles wieder hell und froh, was eine zugige Nacht in der engen Hütte an einem gesündigt hatte. Oder war es nicht wunderbar zu leben, mit der Tasse in der einen Hand und einer Hammelkeule in der anderen? Es schmeckte sogar etwas Sprit aus der Tasse heraus. Sprit, hm! Oddur fühlte sich wohl. – Aber sein Glückstraum konnte nicht lange dauern. Er richtete vorwurfsvoll sein Auge auf die Tür, die eben aufging. Aufbruchbereit stapfte Geir über ihre Schwelle herein. Er schenkte sich eine Tasse mit dem braunen Saft voll und nahm dem Alten vorsorglich die Hammelkeule aus der Hand. Und während er noch kaute und schlang, stieg er schon in den Sattel und rief aus seiner Höhe: »Es geht also los, Oddur. Los!« Dem Alten blieb keine Wahl. Er trabte mürrisch zu seinem Gaul und zog sich an seiner Mähne in den Sattel hinauf. Und er brummte schon wieder dabei. »Hol der Teufel das Wetter und die Hütte und den Burschen dazu!« fluchte er. Aber weil der Bursche nun einmal die Laune hatte, über den wohlgemeinten Morgengruß des Alten zu lachen, blieb Oddur wieder keine andere Wahl, genau wie vorher, und auch er verzog deshalb sein Gesicht zu einem schiefen Grinsen. »Eine gute Miene machen!« nannte er das. Aber ein altes Weib wäre in Gicht gefallen über den Ausdruck um seine Nase herum. Sie ritten danach schweigend den nächsten Hügel an und verschwanden hinter ihm. Arbeiteten sich höher im Berg. Lustig begannen Schneeflocken um sie zu stäuben. Die Umrisse der Landschaft wurden weicher, verschwammen zuletzt. Und es schneite stärker mit jeder Stunde, die sie ritten. Richtig ein Wetter war es, um sich im Sattel vornüberzulehnen und seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, während der schwere Körper des Pferdes unter einem durch den Schnee pflügte. Von Spuren sahen sie nichts. Die Schneedecke lag unberührt, so weit ihre Augen reichten. Nur ihre eigene Fährte stand hinter ihnen. Oddur war richtig zusammengesackt auf seinem Gaul, mit trüben Vorahnungen bis an den Rand seines Pelzkragens gefüllt. Und es lag ja auch ein hartes Stück Arbeit vor ihnen. Erst mußte man die Herde natürlich haben, bevor man den Hengst aus ihr herausfangen konnte, knurrte der Alte, und sicher gingen die Pferde ab wie die Windsbraut, wenn sie Lunte rochen. Dann konnte man von vorne beginnen, einen Tag um den andern. »Hörst du!« flüsterte Geir plötzlich und hielt an. »Hast du gehört? Da! Jetzt, – jetzt wieder!« Der Alte nahm die Zügel auf und suchte das Gelände ab, aber er konnte mit dem besten Willen nichts erkennen. »Zu spät«, knurrte der Bursche plötzlich, während Oddur noch seine großen Ohren nach allen Winden wackeln ließ, bis auch er fluchend seinem Gaul die Hacken einsetzte und davonjagen wollte. Aber Geir fiel ihm mit einem schnellen Griff in die Zügel. »Bleib!« Aus einer Mulde heraus polterten plötzlich weißverschneite Rücken durch den Schnee, warfen sich in hastigen Sprüngen durch die stäubende Fläche. »Bleib hinter ihnen«, hörte Oddur den Jungen rufen, »ich will ihnen den Weg verlegen.« Er spuckte grimmig über den Kopf seines Braunen und sah dem Burschen nach, wie er seitlich davonsetzte. Der Braune unter ihm war kaum zu halten. Er riß in den Zügeln, daß der Alte seine äußersten Kräfte aufbieten mußte, um in einigem Abstand von den flüchtenden Tieren zu bleiben, deren Wiehern und Stampfen die Luft füllte. Nach einiger Zeit sah er Geir in großem Abstand eine Berglehne hochkommen. Er hatte in einem weiten Bogen die Herde umritten und hob nun die Arme zum Zeichen, daß der Alte anreiten sollte, um ihm die Pferde zuzutreiben. An der Spitze der Herde trabte der Leithengst mit flatternder Mähne und schnellen aufgeregten Sätzen, – Raudur, der Rote. Er steilte mitunter wie ein Hirsch über einen Graben und riß den ganzen Strom der dickfelligen Tiere geschlossen hinter sich her, wohin er seine Hufe setzte. »Der und eine Trense«, brummte der Alte und sah mit zwinkernden Lidern zu ihm hin, »Teufel, der hat noch lange keine Trense im Maul.« Es würde wohl nichts anderes übrigbleiben, als die ganze Versammlung der Vierbeiner auf den Hof zu treiben, gute fünfzig Kilometer zurück. Vielleicht konnten sie dann den Roten aus ihnen fangen, im Gatter! Aber hier, hm, jetzt? Doch plötzlich standen zu seinem Erstaunen die Tiere hart an, Köpfe fuhren zu ihm herüber, Unruhe kam in die losen Gruppen. Es war an der Zeit! Die Kerle hatten bemerkt, daß der Angriff nun von zwei Seiten kam. Doch sie zögerten nur einen Augenblick. Dann entstand vorn in der Spitze eine Bewegung, und wie ein Spuk waren die Tiere in wenigen Sekunden hinter dem nächsten Hügel verschwunden. Oddur hieb seinem Gaul die Hacken in die Weichen, daß er unwillig und zornig grunzte. Richtig, da kamen sie wieder hoch, näher am Berg als bisher. Sie hatten den Kurs gewechselt! Noch einmal machte die Spitze des Zuges eine Schwenkung, Geir stand drüben aus dem Schnee heraus. Er hatte sich hoch in den Bügeln aufgerichtet. Wie ein Stier brüllte er über die Köpfe der Herde hinweg, daß die Tiere erschreckt und ratlos zu ihm hinüberstarrten. Er sperrte ihren Fluchtweg. Nun fing auch der Knecht Feuer. Sein Auge begann zu leben in dem verwitterten Gesicht. »Er hat sie!« brüllte er plötzlich, als hätte ihn einer von rückwärts mit dem Messer gekitzelt. »Wahrhaftig, die Herde ist auseinandergegangen!« Das war an sich nicht dasselbe, so oder so, aber es spielte ja keine Rolle, was der Alte brüllte. Die Herde war zerrissen! Drei Pferde suchten drüben einzeln am Hang hinauf, um über einen scharfen Grat ins Nebental zu entfliehen. Und einer von diesen dreien war der Rote. Er hetzte erst wie eine Gemse in den Hängen hoch, aber allmählich wurde er ruhiger, weil er keinen Verfolger mehr hinter sich sah. Oddur ritt ja zu dieser Zeit noch in weitem Abstand von ihm. Er stand also, der Rote. Auf groben Geröllplatten im Steilhang hielt er und sah mit unruhigem Kopf nach unten, wo er vorher Geir gesehen hatte. Aber plötzlich zerriß ein heller Schrei die Morgenluft, ein greller Pfiff jagte hinterdrein. Und als der Rote erschrocken seinen Kopf in die Höhe drehte, sah er den Fluchtweg über den dampfenden Grat des Berges gesperrt. Er spähte darauf nach allen Seiten und ließ seine unbeschlagenen Hufe über die Steine tanzen. Mit spielenden Lauschern sah er unten den Alten näherkommen. Da warf er sich seitlich herum, um nach Westen auszubrechen, aber der Fels dort war steil und unzugänglich. Von oben und aus der Tiefe kamen die beiden Männer geritten. Rasch näherten sie sich! Da stürmte der Rote plötzlich los, querab durch die verschneiten Halden, daß der Schnee wie eine Wolke um ihn flog, einem Gesims zu im Fels, das einen Ausweg zu bieten schien. Aber gleich darauf hielt er schnaubend bei einem hohen Steinblock, der die Fortsetzung des Weges zuriegelte. Er drehte mit funkelnden Lichtern seinen Kopf auf dem kräftig gebogenen Hals und spähte nach einem Ausweg. Das Gesims war eine Falle. Das hatte er zu spät bemerkt. Blieb kein anderer Weg mehr, als die Reiter zu überrennen, sich schnell an ihnen vorbeizudrängen oder durch ihre Reihe zu brechen. Geir und der Alte kamen schon keuchend auf den Weg zugestürmt, der zum Gesims hinaufführte. Es war nur ein schmaler Felssaum, der kaum Platz für die Tiere bot. Drei Pferde standen hintereinander auf diesem Saum. Drei gegen zwei. Mit tückischen Augen sah der Hengst auf die Reiter, deren Pferde müde und angestrengt nach der tollen Jagd verschnauften und ihre zitternden Nüstern im kühlen Schnee badeten. Seine Ohren hatte er nach hinten gelegt und schnaubte aufgeregt, daß der Dampf vor seinem Maul stand und die langen einzelstehenden Haare seiner Nase verreiften. »He, Oddur, sie können uns nicht mehr entgehen!« schrie Geir und starrte bewundernd auf die Tiere, die sich dicht an den Fels gedrängt hatten und mit hohen Köpfen auf sie blickten. »Sie können nicht mehr weiter. Absteigen! Die Seile!« Oddur warf ein paar kräftige Taue von seinem Sattelbug und kletterte vom Rücken des Braunen. Geir nahm die Seile auf und schritt mit ihnen langsam auf die Wildlinge zu. An dem kräftigen Hals des Rotschimmels spielten die Muskeln. Die Lefzen waren leicht über die Zähne hochgeschoben, wie er es bei Pferden gesehen hatte, die in hartem Strom hinter dem Boot schwammen, wenn man über einen reißenden Fluß setzte. Schaum tropfte aus den Lippen auf die Brust herab und auf die Vorderhand, grüner, flockender Schaum. Plötzlich gab der Schnee unter dem Burschen nach. Er knickte leicht zusammen in den Knien. Und als er sich mit demselben Schwung wieder erhoben hatte, sah er einen der braunen Kerle in einem Sprung vorbeischießen, und noch einen. Unter ihm brüllte Oddur wie der Teufel und schwang seinen langen Peitschenriemen. Die Pferde standen für einen Augenblick hart auf. Aber dann duckte sich der Knecht mit einer Geschwindigkeit, die ihm keiner zugetraut hätte. Und er tat es gerade noch in der letzten Minute, bevor die beiden über ihn wegsetzten im Sprung. Die Erregung hatte sie sinnlos gemacht. Aber die Flucht war gelungen, suchend starrte Oddur hinter ihnen her, wie sie sich tiefer schoben im Berg und zuletzt verschwanden. »Laß sie laufen«, schrie ihm Geir zu, »hier, den Roten, den haben wir! Was liegt an den andern!« Oddur strich sich brummend die Hinterhand, weil er hart auf einen Stein zu sitzen gekommen war, als er dachte, in weichen Schnee zu fallen. »Haben wir!« schimpfte er, »hast du ihn vielleicht? Ha?« »Hast du ihn?« krächzte er noch einmal in heller Wut, als er sah, wie der Hengst in einem kurzen Sprung sich gegen den Reiter aufbäumte, als wollte er ihn annehmen. Aber da strich Geir dem Roten mit seiner schweren Peitsche über Hals und Gesicht, und der Hengst fiel wieder zurück. Der Bursche stapfte näher. Mit leisen Worten, die Raudur beruhigen sollten. Das Toben des Hengstes schien nun der Verzweiflung gewichen zu sein, denn sein Kopf fuhr wie hilfesuchend nach allen Seiten. Er sah die steile Felswand zu seinen Häupten hinauf und glitt wieder zurück. Dann schien er die Tiefe unter seinen Hufen zu prüfen. »So, mein Junge! Du mußt ruhig sein, – ruuuhig. Es ist ja doch alles versperrt! Jau, mein Junge! Komm jetzt!« Auf drei Schritt stand er ihm schließlich gegenüber. Mit gesperrten Hufen der Hengst. Geir hatte sich vorgebeugt. Jetzt hob er die Schlinge an, wollte sie werfen, da schoß der Rote plötzlich in einem verwegenen Sprung über den Felsen hinaus. »Teufel! Der Teufel!« Der Fleck war längst leer, auf dem der Hengst gestanden hatte, aber Geir lehnte immer noch an die Felswand gedrückt und hatte auch immer noch die Schlinge in der gehobenen Hand. »Mach schnell! Er steckt fest!« brüllte plötzlich der Alte von unten herauf, »er sitzt! Gut sitzt er!« »Hahaha, richtig sitzt er!« Oddur rannte wie verrückt bergab. »Alle vier Beine hat er in den Schnee gestochen! Er kann nicht mehr heraus! Da ist er!« Als Geir einen Stein umging, sah er den Alten im Schnee liegen. Nach allen Richtungen wurde er durchgebeutelt, der arme Oddur. Aber er ließ nicht locker. Und unter ihm schnaubte der Hengst und peitschte das weiße Pulver mit seinem Schweif. »Das Kopfgeschirr, hol es von meinem Pferd derweil! He, ich habe ihn!« brüllte der Alte in seinem Feuereifer und stöhnte dazwischen von herber Lust, wenn ihm der Rote seinen Kopf gegen die Rippen knallte in seinen Bemühungen, sich zu befreien. Es war verblüffend einfach gewesen. Der Hengst war in ein tiefes Schneeloch gesprungen, an die drei Meter bergab, und dabei war er mit seinen langen Beinen in ihm versunken. wie ein Blitz hatte der Alte sich über ihn geworfen, hatte ihm den Kopf in den Schnee gepreßt und hielt ihn fest. Es war leicht, den Roten nun zu fesseln. Etwas anderes war es schon, ihn nachher zum Hof zu schaffen. Aber endlich kam doch die Zeit, wo in sinkender Nacht die Schatten der Häuser von Arnarholt vor ihnen aus dem dunkeln Schnee traten. Ein kleines gelbes Licht schimmerte noch aus einem der Fenster. Der Bauer wachte. »Wir fesseln ihm die Vorderbeine und pflocken ihn an. Das wird genügen.« Das Gatter der Umzäunung schlossen sie sorgfältig hinter ihrem Gefangenen. »Raudur soll er heißen«, sagte Geir noch, indem sie mit schweren müden Schritten den Gebäuden zustapften, »wie er draußen kämpfte, der Rote!« Hinter ihnen schaute der Rote mit traurigen Sehern in die Nacht und in die Berge zurück. Er konnte nicht verstehen, was das geflochtene Hanftau um seine Fesseln bedeuten sollte, es hemmte seinen Schritt und ließ nur kurze, abgerissene Sprünge zu, ein plumpes Hüpfen. Er grub seine starken Zähne in die Fasern des Taues und zerfetzte sie, bis seine Läufe wieder frei waren, aber als er nun losjagen wollte in voller Freiheit, da rückte ihm plötzlich das Eisen ins Maul, daß er stöhnend zusammenbrach. Der alte Knecht hatte den Pflock drei Fuß tief in den Boden gehauen, an dem er angebunden war. Ruhelos trabte der Hengst in der Runde und blieb nur von Zeit zu Zeit stehen, um still und unbeweglich in die Nacht und in die Berge hineinzutrauern. Als Geir mit dem Knecht in den niedrigen Gang des Hauses eingetreten war, öffnete sich die Tür zu Kjarvals Raum, und der Bauer stand in ihrem Rahmen. Er hielt eine Petroleumlampe in der Hand, wie man sie hierzulande auf den abgelegenen Höfen seit der Zeit der Väter brannte. Ihr gelbes Licht fiel in die Gesichter der beiden und blendete sie nach der warmen Dunkelheit der Nacht. So blieben sie stehen, wo sie gerade standen. Aber als Geirs Augen sich nachdem an den hellen Schein gewöhnt hatten und er weiterschreiten wollte, hielt er von neuem seinen Schritt an und blieb stehen, betroffen von dem müden zerfallenen Ausdruck, der über dem Antlitz Kjarvals lag. »Hast du ihn, mein Junge«, fragte der Bauer aus seiner Ecke heraus »den Hengst?« »Es ist ein prachtvolles Pferd, Bauer, ein feines Tier!« antwortete der Bursche und sah auf den Bauern. »Und ich soll ihn haben?« »Wenn du ihn reiten kannst, Geir«, entgegnete der Bauer lächelnd. »Glaubt Ihr es nicht?« »Es war nur ein Scherz«, murmelte Kjarval mit plötzlich veränderter Stimme, »komm herein! Oder bist du müde? Ich habe mit dir zu reden!« Und als der Junge verwundert seinen Worten folgte, deutete der Bauer auf den Brief. »Das ist es, – ich habe mit dir zu reden. Er ist von ihr, der Brief. Von Asdis!« setzte er hinzu und ließ seine kühlen grauen Augen auf dem jungen Burschen ruhen, »du hast sie ja gekannt!« »Was ist mit ihr?« fragte Geir. »Sie ist gesund«, sagte der Bauer und nahm seine Augen wieder von dem Burschen. »Sie will nun kommen!« sagte er noch dazu und ließ sich schwer in einen Stuhl fallen. Er schwieg dann und wartete darauf, daß der Bursche etwas sagen sollte. Grübelnd starrte er auf die zerknitterten Seiten des Briefes, nahm sie mit seinen harten Bauernhänden vom Tisch und ließ seine Blicke noch einmal über die Linien laufen, mit denen sie beschrieben waren, bis er die Worte fand, deretwegen er nun die zweite Nacht auf die Rückkehr des Jungen gewartet hatte. »Ja, es geht ihr gut.« Er räusperte sich, als er das gesagt hatte und fuhr mit den Fingern über sein graues Schläfenhaar. »Hm, also – da schreibt sie, daß sie kommen will.« Geir sah bald auf den Bauern und wieder auf den Brief und konnte sich nicht zusammenreimen, warum Kjarval so sorgenvoll auf die Blätter sah. Als er den Kopf hob, wandte ihm der Bauer fast gleichzeitig sein Gesicht zu und öffnete den Mund, um zu sprechen. Aber er sagte doch nichts, sondern schob nur mit einer unwilligen Bewegung den Brief auf den Tisch zurück und schien nachzudenken. Geir betrachtete sein müdes Gesicht und die Hände, die schwer auf der Tischplatte lagen, schwer wie das ganze Wesen des Bauern an diesem Tag. Er hatte ihn noch nie so gesehen. »Was ist mit dem Brief, Kjarval å Arnarholt? Freut Ihr Euch nicht, daß Eure Tochter kommt?« Doch der Bauer gab keine Antwort. »Habt Ihr schlechte Neuigkeit?« fragte er am Ende, der Bursche. Kjarval löste eine seiner gekrümmten Hände vom Tisch und wehrte ab. »Wie sollte ich mich nicht freuen. Über ein Jahr ist sie nun fort! Es ist nun über ein Jahr, daß sie mich bat, daß sie reisen dürfte, hinüber zu den Däneninseln. Sie wollte fremde Menschen sehen und das Meer und die Welt! Die große Stadt!« Dann brach er ab. »Sie war gerade aus dem Osten gekommen, von Erlingur, dem Arzt, – damals also.« »Ich habe mir gedacht, Junge«, fuhr er nach einer Pause fort, »sie ist meine Tochter, siehst du, die einzige. Und du kennst den Hof und – ich habe also gedacht, daß du einmal Bauer auf diesem Hof sein würdest!« stieß Kjarval plötzlich hervor und sah ernst auf den Jungen: »Du! Hast du nicht dein Erbe verloren – und – sie ist ein Mädchen und braucht jemanden, der nach dem rechten sieht. Eine Frau kann den Hof nicht halten. Siehst du!« »Bauer –« »Rede nicht!« befahl der Bauer barsch. Aber das habe ich wohl noch nicht gesagt: der andere ist ein Prediger – he – ein Pfaffe –. Ist kein Bauer wie du und ich!« »Von wem sprecht Ihr, Kjarval å Arnarholt!« »Von ihm«, sagte der Bauer langsam, »und von dem Mädchen!« »Von wem?« »Lies den Brief! Du kannst ihn lesen.« »Lies ihn!« wiederholte er und schob ihm die Seiten hinüber, »bist du nicht so gut wie einer von der Familie! Nicht? Doch! Du bist es!« stieß er dann hervor. »Jetzt bist du es! Lies! Beim Teufel!« »Habe ich nicht gesagt, daß du ein Bauer für den Hof sein würdest«, murmelte er noch, »und jetzt, da hat sie sich mit einem versprochen. Ich will nicht umsonst gearbeitet haben, das will ich nicht. Es soll nicht wahr sein!« Er sah wieder auf den Jungen, der die Blätter in den Händen hatte und doch nicht las in ihnen. »Was soll ich lesen, Bauer«, sagte er gepreßt und reichte ihm die Seiten zurück, »Was sollte ich! Habt Ihr nicht gesagt, was in dem Brief steht?« In steifer Haltung saß er am Tisch und sah an dem Bauern vorbei zum Fenster. Es war das erstemal, daß sie zusammen von Asdis sprachen. Ein und das andere Wort war gefallen, wohl, etwa so: »Greye frißt nicht mehr richtig, seit das Mädchen weg ist.« Greye war das graue Pferd, eine weiche Stute, die das Mädchen oft geritten hatte. Auch damals war sie dabei gewesen, in Sandfell. Unterm Vatna. »Auch damals!« nickte der Bursche vor sich hin. »Da hatte es angefangen. – Und jetzt?« Er wußte nicht, daß er laut gesprochen hatte. »Jetzt?« echote der Bauer. »Ich dachte nur, Kjarval.« »Was?« »Zuerst sah ich Asdis in Sandfell, über ein Jahr ist es nun. Sie würde mich kaum wieder kennen!« »Pah«, machte der Bauer wegwerfend. Geir schwieg. »Sie hat von dir gesprochen, als sie zurückkam«, sagte Kjarval nach einer Weile, »das hat sie.« Dabei schickte er wieder einen prüfenden Blick zu dem Jungen, dem ein feines Rot in die Wangen gestiegen war. Doch Geir sah zur Seite, als er die alten Augen auf sich fühlte. »Sie sprach gut von dir!« fügte Kjarval hinzu. Und endlich: »Es war das erstemal, daß sie zu mir von einem Burschen sprach. Vorher hatte sie das nie getan.« »Es geht jetzt um den Hof, Junge! Hätte ich sonst mit dir geredet! Hätte ich vielleicht?« »Nein, Bauer.« Er verfiel in Schweigen darauf, der Alte. Es gab nichts weiter zu sagen über diese Sache. »Geh jetzt!« nickte er nach einiger Zeit zu dem Burschen hinüber, »es ist spät geworden. Geh!« Und der Junge schritt hinaus, zu der Gesindestube hinüber, wo Oddur am Tisch saß und mit vollen Backen kaute. V Es war lange her, daß die Rufe der Bergreiter über die Ebenen hallten. Mühsam suchte wohl noch ein Schaf in den tief verschneiten Hängen seine Nahrung unter der weißen Decke hervor, eines, das vergessen worden war, als der Haufe seiner Brüder unter dem Jaulen der Hunde und den Hetzrufen der Reiter zu Tal wanderte. Und selbst die großen schwarzen Vögel, die den ganzen Sommer hindurch die Türme der Berge umflattert hatten, zogen sich in die Nähe der Höfe und lauerten um die Häuser, wenn die Mägde ihre Eimer mit Asche und Speiseresten zu den Abfallhaufen trugen und ihnen dann wieder den Rücken wandten, während sie dem Haus zuliefen, hüpften sie vorsichtig hinzu, die sonst die freien Räuber der Berge waren, und gruben und scharrten mit ihren scharfen Krallen in den vielerlei Dingen, ob sich etwas darunter fände, mit dem sie ihren Hunger stillen konnten. Der Winter war hart und stürmisch. Und er hatte kein Erbarmen mit den hungernden Mägen der Geschöpfe, wenn sich nicht die Menschen ihrer annahmen und sie betreuten. Selten führten in dieser Zeit menschliche Spuren von den zerstreut liegenden Höfen des Markargebietes über die verschneite Steppe. So hart drückte der Winter auf das Land, daß selbst die Toten, die mancherorts in den Gehöften lagen, warten mußten, bis die gleißende Frühlingssonne ihnen den Weg bahnen würde zu ihrer Grube, die noch nicht geschaufelt war, weil niemand im Winter auf einen Zuwachs für den kleinen Friedhof von Hildarenda rechnete und außerdem der Boden bis in Metertiefe gefroren war, daß selbst die Hacke nur mühselig den Grund aufriß. Still lagen sie also unter den Schneemauern, die man über ihnen errichtet hatte, die Toten, und warteten. Die Berge ragten mit vereisten Kronen in den Nachthimmel, an dem bisweilen die grünen Strahlen des Nordlichts flammten wie eine Verheißung für den Frühling oder wie eine Überhöhung der Nacht. Helle Streifen und windende Schlangenkörper zeichnete es in das stumpfe Graublau des nächtlichen Firmaments. Zuckend fiel sein grünes Licht über Gletscher und Berge und Täler und verlöschte wieder. Hinter ihm blieb die Nacht. Und war danach schwerer denn je. Der Sturm heulte um die Gehöfte der Menschen. Und die Gemeinschaft der Lebenden schloß sich um so enger zusammen, wenn der Wind härter und im tiefen Brausen über die Schneefelder strich und an den Brettern der Häuser zerrte. Schwere Gesänge stiegen auf um die prasselnden Feuer. Lieder aus der stolzen Vergangenheit eines Volkes von Edelingen, das viele Künstler und Skalden geboren hatte, die einst lodernde Gesänge vor den Mächtigen des Landes gesungen hatten, leuchtend von Hingabe und von harter, wilder Kraft. Schweigen sank danach wieder in die Seelen der Menschen, der Männer und Frauen. Und in diesem Schweigen wurde Neues und Großes gezeugt, weil es entstanden war aus der Achtung vor dem Höchsten, was ihre Väter vor ihnen geschaffen hatten, aus demselben Blut, das noch heute in ihren Adern floß und ihren Augen die Kraft gab zu sehen. Nicht nur das Bild zu sehen, sondern das Wesen und den Glauben dessen, der es geschaffen hatte. Es war das große, schwere, tragende Schweigen der Einsamen, von denen die Kraft kommt. Unstet wanderten die Wolken am Himmel. Zusammengeballt, wieder gelöst, in Fahnen und Fetzen. Und tief unter ihnen lagen die Gehöfte der Menschen, niedrig an die Erde geduckt, im Schnee, die kleinen Stätten der Menschen unter dem gewaltigen Schieben und Drängen der Wolkenmassen. Im Westen stach der Schneeberg mit seiner schimmernden Krone aus der Nacht heraus, wenn das Licht des Mondes durch Spalten aus der zerrissenen, jagenden Wolkendecke zur Erde niederfiel. Er war die Heimat aller Toten und Friedlosen, die für immer um seine gleißende Strahlenkrone wandern mußten. Der Glaube der Väter lebte noch, der Glaube der Alten. Es läßt sich nicht auslöschen, was dem Blut mitgegeben wurde für die Wanderung durch ein Leben. Und leicht sieht das Auge des Sohnes die weißen Gestalten der Abgeschiedenen um den Berg wallen, ewig und immer. Derer, die abberufen wurden. Der Väter, der Brüder, der Schwestern – – – Nicht das heilige Buch sagt es, daß der Snaefell den Toten eine Ruhestatt gewährt unter seinen eisglitzernden Hängen und den wilden Schroffen, seinen steilen Hängen und Schrunden. Aber gab es einen besseren Platz für die Toten auf der großen Insel im Nordmeer? Kann man nicht von droben weit hinausschauen über das Land und die stürmenden, peitschenden weißen Kämme der See? Hoch droben mußte man stehen, um die Insel zu übersehen. Doch, der sie sehen wollte, mußte zuerst das dunkle Tor des Todes durchschreiten, denn kein Lebender konnte in diese Höhen gelangen. Der richtige Platz ist der Snaefell für die Liebe der Toten zu ihrer einsamen großen Insel! Die Liebe stirbt ja nicht mit dem Tod! Sie umschirmt die Menschen und das Land für immer, aus dessen Erde sie geboren sind. Wie ein Unsichtbares senkt sie sich in die Herzen der Neugeborenen und wurzelt sich fest in ihren kleinen unwissenden Seelen, daß sie reiche Früchte tragen sollen im Leben. Die Toten vom Snaefell lieben und schirmen ihr Land. Was wunder, daß die Lebenden sie wiederlieben und sie nicht vergessen können, die Toten des Landes, aus deren Samen sie erst wurden! Einst ritten sie über die Ebenen in West und Süd dahin. Staubwolken flogen hinter den Hufen ihrer Rosse auf. Sie saßen auf ihren Höfen zur Winterszeit, saßen um ein loderndes Feuer! Und hatten wenig Denken dafür, daß die Zelt zwischen ihren Händen wie feuchter Schnee zerschmolz! Doch der mußte mit nie endender Klage über die leblosen Schneefelder des Landes wandern, der die erste Pflicht versäumt hatte, für das Leben zu schaffen und zu wirken und für sein Volk. Endlos sind die Reihen derer, die dahinziehen auf einsamen Wegen, sie scheuen sich nicht, den eilig Dahinreitenden auf der Kruppe seines Pferdes zu begleiten, wenn er auf gefährlichen Felssteigen trabt, und warnen ihn vor Rissen und Spalten, die auf ihn warten. Im Tod müssen sie wachen und wandern, Leben wahren und retten. Im Tod müssen sie tun, was sie im Leben versäumten. Wenn ein schwankendes Boot sich im Sturm den Klippen nähert, stehen sie am Ufer und schreien durch die tobende Brandung, und die Männer auf den Planken fahren hoch aus ihrem dumpfen Brüten und Träumen und wenden ihr Steuer wieder in freies Wasser. So wandern die Friedlosen und wachen, bis der Fluch ihres Säumens wieder von ihnen genommen ist. Aber in den Höfen saßen die Lebenden und dachten an ihre Brüder und Frauen. Mitunter zog es rauschend über die weiten Schneeebenen draußen, und Dröhnen hallte durch die Räume. Dann wußten sie, daß das Heer der Toten auf schnellen Rennern durch die Nacht stob, hohe Köpfe und flatternde Mähnen im stäubenden Weiß. Und sie neigten das Haupt, die Männer und Frauen in den einsamen Gehöften des Landes. Das große Schweigen legte dann wieder seine drückende Faust auf ihre Schultern, und häufiger und mehr kamen die Gedanken, die ihre Schritte schleppend machten und ihre Augen müde werden ließen. Der Winter des Nordens ist eine höhere Macht als alle Gewalten der Erde zusammengenommen. Flatterte schon ein Lachen auf zwischen ihnen – es war kein Lachen, das die Brust sprengen wollte in seinem Übermut. »Du siehst es, wir leben!« sagte dieses Lachen, »wir warten auf den Frühling!« Das war es! – Sie warteten! Kjarval saß in dieser Zeit viel in dem dunklen, kahlen Raum, den er einmal an die Außenwand des Hauptgebäudes angereiht hatte, weil sich viele Dinge nicht wohl unter den Augen und Ohren des Gesindes absprechen ließen. Er hatte auch noch einen andern Zweck damit verbunden, denn einmal kamen ja doch die Jahre, wo einem die Zügel aus der Hand genommen wurden von denen, die dann das Leben noch vor sich hatten. Und der Bauer wußte, daß das Alter nicht immer dem Leben der Jugend zusehen soll, weil sein Wort zu schwer ist und sein Auge zu scharf für das durchscheinende und oft durchlöcherte Gewebe junger Gedanken, die lange irren mögen, bevor ihre Kraft sich dem einen großen Ziel zuwendet und stetig an ihm weiterbaut. Vielleicht hatte er sich diesen Raum umsonst erbaut, war ihm oft durch den Sinn gegangen, seit Asdis ihm geschrieben hatte, wie es um sie stand, seitdem sie von Leif geschrieben hatte. Vielleicht gab es für ihn keine Ruhe und kein Alter, bis ihn der Tod von der Arbeit rief und vom Hof. Und nachher würden sich fremde Hände um das kümmern, was er ein Leben hindurch aufgebaut hatte, bis es auf kräftigen Füßen stand und zum größten Besitztum des Landes wurde. Vielleicht würde Asdis nie wiederkehren, sondern würde mit dem Jungen in der Stadt leben. Die Stadt würde sie verschlingen, auch für immer. Der Hof stand dann leer. In den Nächten, die über Arnarholt gingen, nahm Kjarval oft eines der alten Bücher aus dem Schrein und legte es mit behutsamen Händen auf der dunklen Tischplatte nieder. Er schlug die gilben Blätter auf und las mit unbeweglichem Gesicht über die Seiten hin. Aber öfter glitten seine Augen über den Rand der Zeilen hinaus und versanken in der Dunkelheit. Dann las der Bauer nicht mehr in Vergangenem, sondern er suchte in der Zukunft. Doch wurden seine Gedanken nicht leichter davon. Mitunter löste sich das eckige, grobe Antlitz des alten Pastors aus der dunklen Wand oder stieg aus den Buchstaben der gelben Seiten heraus. Und Kjarval dachte darüber nach, ob ihm der Alte von ??? Hilda Hlidarenda drüben, von dem kleinen Pfarrhof, ob er ihm vielleicht etwas zu sagen hätte wie damals, als sie sein Weib begruben. Er ließ eines Tages sein Pferd satteln und ritt zu ihm hinüber. Vielleicht war es mehr, um seinen Gedanken zu entfliehen, als um eine Lösung zu finden. Er traf Sera Egil im Aufbruch, denn hinten in Mulakott, kaum eine halbe Tagereise nach Osten, lag eine Kindsmutter und konnte ihr Leben nicht mehr bei sich halten, weil sie zuviel davon an ihr Kind gegeben hatte. Der Pastor sagte es ihm in ganz nackten Worten, als sei das etwas, das alle Tage geschah. Er sagte auch nicht mehr, sondern hielt es wohl für selbstverständlich, daß der Bauer mit ihm ritt, und lenkte sein Pferd in den kalten Wintermorgen hinaus. Sie trabten erst eine Weile auf dem hohen Markarufer hin und suchten sich nachher einen Weg zum Fluß hinab, weil eine Querschlucht ihren Weg verlegte. Das Wasser zog darauf in harter Strömung um die Leiber der Pferde und schwappte auch bisweilen bis zum Sattel hinauf, daß sich die Schäfte ihrer hohen Stiefel füllten. Im Osten stieg eine schneeig reine Bergspitze in den Himmel und war ihnen für den größten Teil des Rittes ein guter Wegweiser, bis sich auf der linken Seite des Flusses die Gehöfte zeigten, in denen man den Pastor erwartete. Es war ein kleiner Hof, auf dem zwei Schwestern lebten, und seit einem Jahr auch noch ein Mann dazu, den sich die eine von ihnen auf das Anwesen geholt hatte. Es war dann nicht mehr so lange gegangen, bis die beiden starkknochigen Mädchen so weit waren, daß sie ein neues Leben in sich pulsen fühlten. Denn die andre hatte nicht tatenlos dabeistehen können und zusehen, wie die Schwester wuchs und aufblühte und schier wieder zu einem jungen Geschöpf wurde in der Lust des Lebens, die sie in späten Jahren noch kennenlernte. Sie hatte also einem jungen Knecht Gelegenheit gegeben, zu sündigen, nun, was wir gerne Sünde nennen, solange wir abseits stehen oder vielleicht gar ausgeschaltet sind. Aber selbst aus dieser Sünde wurde doch Leben, und dieses Leben schrie und strampelte eigenwillig und vergnügt in den Kissen, während die Schwester nun sterben sollte, obwohl ihre Ehe von Egils Priesterhänden gesegnet worden war. Seltsam kann das Schicksal durch die Reihen der Menschen tanzen, weil es kaum ein Gesetz erkennen will. Die beiden Reiter koppelten ihre Pferde und traten dann durch den dunklen Flur des Hauses in die Stube, wo der Tisch wie zu einem Fest mit Kaffee und Gebäck und Fleischschnitten gedeckt war, während hinten in der Ecke die Schwester mit abwesenden Blicken zur niedrigen Decke hinaufsah und ihre verarbeiteten Schafferhände zwischen die Fäuste und Finger ihres Mannes krampfte, als ob sie sich bei ihm anklammern wollte, um nicht fortgeschwemmt zu werden von der Welle, die pochend im Fieber durch ihren Leib stieß. Die Männer grüßten und setzten sich danach an den Tisch, für eine kurze Weile, wie es die Höflichkeit gebot. Dann stand der Pastor wieder auf und schlang sich den dicken Schal vom Hals, um an seiner Stelle den weißen gefältelten Priesterkragen umzulegen. Und nun trat er mit seinen schweren Reiterstiefeln über die Dielen und hielt vor dem Bett der Kranken. »Sei gesegnet, mein Kind!« grüßte er die Fiebernde und gab ihr die Hand, während der Bauer des Hofes etwas zur Seite rückte, um ihm Platz zu machen. »Du bist mir wie mein eigenes Kind, Lara, nicht wahr?« sprach er zu dem armen Weib, »ich habe dich getauft und konfirmiert und ich gab dir den Segen im letzten Jahr, Lara. Denkst du daran? Lara!« »Ja, Sera Egil.« »Ich will dich auch jetzt segnen.« »Ja, Sera Egil«, flüsterte die Sterbende, während sie ihre Augen auf das Gesicht ihres Mannes heftete. Für eine Weile sank die Stimme des alten Pastors in leises Murmeln hinab, und die Worte des Weibes tropften matt dazwischen, wenn er schwieg. Der Mann hatte sich erhoben und stand vorne am verschneiten Fenster. Er sah durch die fallenden Flocken auf die Bergspitzen hinaus, während die Schwester kerzengerade auf einem Stuhl saß und sich nur bisweilen verstohlen mit dem Handrücken über Nase und Augen fuhr. »Meine liebe Tochter«, kehrte die Stimme Sera Egils zurück, »du gehst nun deinen weg zum Herrn, den wir alle einmal gehen. Das Glück erwartet dich beim Herrn!« Die wächsernen Hände der Sterbenden glitten unruhig über die Decken, öffneten sich und krampften sich wieder zu Fäusten zusammen. »Sie sucht dich, Jon, komm her«, sagte der Alte, und er legte die Hände des Mannes in die des Weibes, wie schon zuvor einmal.– Nachdem ritt er mit Kjarval wieder in den Strom hinaus, in den weißen Tag. »Ihr habt die Antwort gesehen, die ich Euch geben kann auf alles, was Ihr mich fragen wolltet, Bauer!« Sera Egil drehte sich dabei im Sattel um und sah auf den Bauern. Und wieder schwieg Kjarval, – wie vor vielen Jahren. »Ihr tragt Gram um Eure Tochter, Bauer!« »Woher wißt Ihr es, Serga Egil?« »Das Land ist klein. Kennt nicht jeder die Sorgen des andern?« wich der Pastor aus. Und nach einer Weile: »Ihr kamt selten zu mir, Bauer, und nie kamt Ihr um Hilfe. Nun Ihr kommt, kann ich Euch nicht raten. Ihr sahet, das Leben anderer ist nicht in unsre Hand gegeben, wir können es nur segnen. Und warten. – So wenig Ihr den Tod aufhalten könnt, so wenig das Leben. Wollt Ihr mir erzählen?« fügte er hinzu, als sie den Fluß wieder hinter sich gelassen hatten und dem Kirchlein zuritten. Als die Frühjahrssonne wieder übers Land fiel und einen leuchtenden grünen Hauch über die Wiesen zauberte, die da und dort schon schneefrei um die Gehöfte von Arnarholt lagen, kam auch der lange Gudbrandur wieder aus dem Westen geritten. Er lenkte seine Pferde mit den Kisten bis dicht vor die Haustür und hockte grinsend im Sattel, bis der Bauer selbst herauskam und ihn begrüßte. Da zog er langsam einen Brief aus der Tasche und reichte ihn Kjarval aus der Höhe herab. Und wenn Gudbrandur auch dieses Mal nicht sagen konnte: »Ihr müßt Euren Namen auf diesen Zettel schreiben«, weil kein gelber Amtswisch den Brief begleitete, so war der neue Brief doch nicht weniger wichtig als der, den er im Herbst überbracht hatte, denn auf acht langen Seiten stand geschrieben, daß es nun kommen würde, das Mädchen Asdis. Und der Tag war auch schon genannt, an dem ihr Schiff im Handelsplatz einlaufen würde. Der Postreiter schmunzelte, weil er es fertig gebracht hatte, eine so gute Nachricht zu bringen, und war ganz erheblich stolz. Er saß bis zum Abend und auch noch die Hälfte der Nacht hindurch wie ein Fürst zwischen den Knechten und Mägden und gab herablassende Antworten auf ihre vielen Fragen. Und als gar noch der Bauer hereinkam und sich anhörte, was er zu berichten wußte von den vielen Dingen, die während eines langen Winters in der Welt draußen geschehen waren, und bedächtig nickte, wenn der lange Gudbrandur etwas von Amerika erzählte oder von der Regierung, und daß nun ein neuer Präsident für das Allthing gewählt sei, und nun hätten sie in Deutschland Schiffe, die durch die Luft fliegen könnten. – »Hm, was eine Amtsperson nicht alles wußte«, krächzte die alte Kristin und wiegte nachdenklich ihren alten Kopf mit den verblichenen Haarzöpfen auf den Schultern, »hm, also eine Amtsperson! Und natürlich mußte das alles wahr sein, was Gudbrandur da erzählte!« Gudbrandur sah schon wie der König selbst über seine Zuhörer hin, also über seine Untertanen. Aber in diesem Augenblick krächzte die alte Kristin wieder: »He, mußte es nun wahr sein?« Die Mägde kicherten, und Gudbrandur rückte unbehaglich und empört auf seinem Stuhl umher und fluchte, daß es eine Art hatte. Und danach schwor er Stein und Bein, daß er alles selbst gesehen hätte, sogar den Präsidenten. Und was er nicht gesehen hätte, das wäre in den Zeitungen zu lesen, und was die Zeitungen schrieben, das sei nun ebensogut wie ein heiliger Schwur, und man könnte ruhig sterben im Vertrauen darauf. Die Alte sah einige Zelt lang zweifelnd in der Runde umher, und es war ungewiß, ob sie noch etwas sagen wollte oder nicht, aber am Ende kroch sie mit nackten Füßen in ihr Bett und schwieg hartnäckig. Und gleich danach bot Kjarval Feierabend, denn es sei noch genug zu tun, bis die Tochter vom Hof käme. »Ja, die Tochter vom Hof«, sagte Kjarval noch einmal nachdenklich und dachte dabei an die vielen sorglichen Wintertage, die er auf ihr Kommen gewartet hatte. »Hast du alles beisammen, Geir, was du für die Reise brauchst?« fragte er zu Geir hinüber. »He, es wird Zeit, Leute! Zeit!« »Wann wirst du reiten?« wandte er sich noch einmal an den Burschen, bevor er hinausging. »Mit Tagesanbruch. Fünf Tage sind es wohl bis zum Handelsplatz. Da muß ich früh aufbrechen, jau. Jau, dann gute Nacht, Bauer!« »Hm, geht jetzt schlafen, ihr!« Im Morgendämmern ritt Geir vom Hof. Der Bauer hatte neben ihm gestanden und sah ihm zu, wie er sein Pferd bereit machte für den langen Ritt zur Stadt. Er rückte auch wohl mit seiner schweren Hand an den Sätteln oder schob sie unter die Gurte, um zu prüfen, ob sie straff um die Rippen der Gäule saßen. Einmal hob er den Fuß des Grauen an, den der Bursche am Tag vorher noch mit einem blinkenden neuen Eisen versehen hatte. Er sah nach, ob der Hufstrahl richtig ausgeschnitten war. Nickte dabei. Ja, der Graue! Er war das Pferd des Mädchens, auf dem sie nun heimreiten sollte. Der Bauer richtete sich wieder auf und schaute durch den grauen Morgen. Geir war unterdessen zu Pferd gestiegen und schob seine Stiefel durch die Bügel. Der Rote begann zu tänzeln und zerrte an den Zäumen, wechselte auf der Grasfläche hin und her. »He, willst du schon reiten?« rief Kjarval. »Es wird bald Zeit.« »Jau«, murmelte der Bauer, »wird Zeit!« Es war nichts weiter zu sprechen, sah es aus. Der Bursche nahm dem alten Oddur die Zügel der Packpferde aus den Fingern, Kjarval reichte ihm die Zäume des Grauschimmels. »Meinst du nicht, daß ich mitreiten soll«, fragte der alte Oddur, »warum sollte ich nicht mit dir reiten?« »Das verstehst du nicht«, sagte der Bursche, »ich reite also allein!« »Jau, er reitet allein!« knurrte der Bauer von der Seite her. »Das tut er. Du bleibst also hier! Fertig!« »Hm!« »Dann reit ich also!« lachte Geir gezwungen und sah über die Pferde, die sich aneinandergeschoben hatten und unruhig mit den Schweifen schlugen. Er hob die Peitsche und ritt in schnellem Trab los. Kjarval winkte ihm noch mit der Hand zu, dann war er allein. Der Bauer war für einen Tag nicht mehr zu sehen, als der Bursche weggeritten war. Er saß in seinem Raum und brütete vor sich hin. Als Sigga, die Magd, ihm am Abend das Essen hinüberbringen wollte, erschrak sie über das Aussehen des alten Mannes, der mit finsterem Gesicht bei ihrem Eintritt sich hinter dem Tisch erhob und zur Tür wies, durch die sie doch eben erst hereingekommen war. Sie verschwand eiligst wieder und ließ vor Bestürzung draußen den Napf fallen, den sie trug. Am andern Tag stand Kjarval schon in aller Herrgottsfrühe bei den Knechten und meinte, daß die Schaufeln nun lange genug gefeiert hätten und die Hacken, heute sollte es ein Tagwerk geben, das sich sehen lassen könnte. Er hielt auch Wort. Erst als man in der Dunkelheit einen Spaten nicht mehr von einem Pfeifenstiel unterscheiden konnte, kamen die Männer vom Moor zurück, und Einar sagte nachher, daß es sogar drei Tagwerke geworden seien statt des einen, und wenn es so weiterginge, so wäre es keine Freude, den nächsten Tag zu erleben. Und richtig war der Bauer am dritten Tag noch früher auf den Beinen. Einar wollte bereits zu murren anfangen, vielleicht sogar zu schimpfen, aber er verkniff sich seine Empörung noch einmal, denn diesmal galt es nicht das gleiche wie gestern. »Thorkill!« schrie der Bauer, »mach die Pferde fertig!« Der Altknecht starrte mit verschlafenem Gesicht unter den Decken hervor auf den Bauern und stieg dann langsam und ebenso verschlafen in seine Hosenbeine hinein und in die Stiefel, während Kjarval schon wieder die Tür hinter sich ins Schloß geschlagen hatte und weg war. Als er darauf gähnend ins Freie trat und mit der Hand durch die zerzausten Haare strich, sah er neben der Haustür bereits Sattel und Zaumzeug und Peitsche liegen und auch den Kopfzaum für ein zweites Pferd. Lala! Da schien der Bauer einen Ritt vorzuhaben! Er zog Odinn, der als einziges Pferd vom ganzen Hof unter einem festen Dach schlief, aus dem Stall und holte noch ein Pferd dazu von der Weide. Kaum hatte er die beiden Tiere geschirrt, als der Bauer wieder aus seinem Haus trat und ihm die Zügel aus den Fingern nahm. »Für ein paar Tage«, schrie er, als er wegritt, »sieh nach dem Rechten!« Und als er schon bald außer Hörweite war, wies er noch mit dem Arm zum Moor hinüber und nickte dabei, »dort das Moor, weiterarbeiten!« Thorkill starrte ihm verblüfft nach und legte sich darauf wieder in die Decken, nachdem er von den Hosenbeinen und Stiefeln freigekommen war. Und als er aufstand im späten Morgen wußte er den Knechten nichts anderes zu berichten, als daß der Bauer eben weggeritten sei. »Wohin also?« »Hast du nicht gefragt?« »Hat er viele Pferde mitgenommen?« »Für einige Tage!« war alles, was der Altknecht zu sagen wußte. Aber Kjarval ritt zu dieser Stunde bereits weit im Westen und holte aus dem Rappen heraus, was er konnte. Und nach drei Tagen war er dort, wo er sein wollte. Nachdem er um einen Bergvorsprung gebogen war, sah er vier Pferde vor sich traben, und der Reiter, der sie führte, war Geir. Als der Bursche sich einmal umdrehte, riß er vor Verwunderung dem Roten die Zügel ins Maul, daß er wie eine Stakete über dem Boden stand und mit den Vorderhufen in der Luft fuchtelte. Was da hinter ihm geritten kam, er hätte schwören mögen, daß es Kjarval å Arnarholt sein müsse. Aber gleich darauf lachte er und gab dem Roten wieder den Weg frei, denn es war ja gar nicht möglich. Aber er trabte doch etwas langsamer weiter und sah sich bisweilen um. Da sah er plötzlich, daß der andre hinter ihm den Arm hob und etwas zu rufen schien, und jetzt sah er auch, – Teufel, daß es doch der Bauer war! »Weißt du, ich habe mir das nun doch anders überlegt«, knurrte er mit rauher Stimme zu Geir hinüber, »ich möchte doch dabei sein, wenn sie wieder in die Heimat kommt! Sicher hat sie gedacht, daß ich sie selbst abholen werde. – Ich bin ja ihr Vater!« Er warf einen untersuchenden Blick auf Geir, der mit verwundertem Gesicht neben ihm weitertrabte. Hatte der Junge nun vielleicht verstanden, daß den alten Kjarval die Sehnsucht mit glühenden Zangen zwickte, so daß er durchaus Odinn aus dem Stall ziehen mußte, um nach dem Handelsplatz zu reiten? Er atmete schneller, der alte Bauer, und fummelte aufgeregt an seinen Zügeln herum. »Natürlich wird sie froh sein, wenn Ihr selbst kommt, Sigurgeir Kjarval!« »Gerade das, jau, gerade das hab' ich mir auch vorgestellt. Deshalb bin ich hinter dir her geritten«, er atmete erleichtert auf und straffte die Zügel wieder, »just deshalb!« Der Ritt ging darauf schweigend weiter, bis nach einigen Stunden sich das Gelände hob und die Bauwerke eines Hofes vor ihnen auftauchten. »Dort hört das Land auf, bei diesem Hof!« sagte er und nickte zu den Häusern hinüber. »Bis dahin geht die neue Straße, die sie von der Stadt heraus gebaut haben. Von der Stadt! Es ist schlecht auf ihr zu reiten«, sagte er dann, »sie ist aus harten Steinen gebaut, wir werden über sie hinwegreiten, weil auf der anderen Seite drüben ein weicher Reitweg weiterführt, wie der, auf dem wir jetzt sind. Sie taugen nicht für unsere Pferde, die Stadtstraßen!« brummte er. – Am Abend blitzten dann plötzlich im Süden Lichter auf. Ein ganzer Haufe von funkelnden Pünktchen, die leise zu zittern schienen. Sie zogen sich in schimmernden Linien über niedrige Hügel hinweg und in einem weitgeschwungenen Halbkreis an einer Bucht entlang, auf deren Wasser sie vereinzelt dahinschwammen und sich entfernten oder näherkamen. »Dort sieht man schon die Stadt!« rief der Bauer und hielt sein Pferd an. »wir können uns nun Zeit lassen mit den Tieren! Sie wird ja erst morgen kommen, da bleibt uns noch viel Zeit!« wiederholte er und sah auf die Lichter und die grauen Umrisse hoher Türme, die bisweilen schon in der Dämmerung zu erkennen waren. Und während der Jüngere mit klopfendem Herzen das Fremdartige und Neue herankommen sah und unwillkürlich seine Pferde in einen schnelleren Trab hineintrieb, um ihm näherzukommen, sah der Alte in seinen Gedanken immer nur das eine Bild: wie er wieder heraustrabte aus den engen Straßen und Gassen und seine Tiere wieder aufs offene Land hinausführte. Und neben sich sah er seine Tochter reiten, sie sollte sich nicht umwenden nach den vielen Häusern, die dann hinter ihnen blieben, sie sollte ihre Augen dem Land zuwenden, das ihre Heimat war und ihre Heimat bleiben sollte. Die Pferde drängten erschreckt zusammen, als sie nach einigen Stunden zwischen den grauen Wänden der Häuser dahintrabten wie in einem großen Käfig, in dem der weg nach allen Seiten verbaut war und keinen Blick mehr in die Ferne gab. Schnaubend wanden sie sich zwischen den vielen fremdartig gekleideten Menschen hindurch, die mit hastigen Schritten über die Straße liefen und oft dicht vor ihnen den Weg kreuzten. Seltsame, strenge Düfte trafen ihre Nüstern, und ein tiefes Summen begleitete sie wie das Reden und Schreien unzähliger Menschen. Mit gehobenen Köpfen und spielenden Schweifen gingen sie Schritt um Schritt weiter zwischen die Mauern hinein, die die Gassen säumten, und äugten mißtrauisch nach jedem Menschen, der ihnen entgegenkam. Durch den Sattel hindurch konnte man das Zittern spüren, das wie ein Krampf ihre Leiber erschauern ließ. Ihre Reiter saßen mit steifer Haltung in den Sätteln und wandten ihre Gesichter nicht aus der Richtung, in der sie ritten. Bauern von den weiten Grasländern im Osten! Die Stadtleute sollten nicht glauben, daß ein freier Bauer auch nur einen Blick hatte oder ein Wort für die Dinge, die sie mit geschäftigem Eifer und vielem Geschrei zusammengetragen hatten. Nicht die Stadt war Island! Und nur ein freier Bauer war ein Isländer! Aber dennoch war dem Jüngeren ein tiefes Rot in den Wangen hochgestiegen, und seine Blicke suchten verstohlen das neue fremde Geschehen zu erfassen, das in einer erdrückenden Fülle um ihn war, seit sie in die Mauern der Stadt eingedrungen waren. Andern Tags hatte sie plötzlich vor ihnen gestanden. Kjarval hatte seinen Blick immer noch auf den Landungssteg des großen Schiffes geheftet und suchte nach dem Mädchen, bis zuletzt niemand mehr die Treppe herabschritt, außer einigen Beamten, die auf dem Schiff zu tun gehabt hatten und nun plaudernd wieder an Land gingen. Schiffsleute rannten auf dem Deck umher, und der Hebekran vom vorderen Mast schleppte Lasten und Bündel von Koffern aus den Ladeluken heraus und setzte sie auf der Hafenmauer nieder, wo eine Reihe von Gespannen wartete, um sie auf den zweirädrigen Karren wegzuführen, wie man sie überall in der Stadt sah. Die Menschenmenge, die auf die Ankunft des Islandbootes gewartet hatte, begann sich langsam zu zerstreuen und wieder der inneren Stadt zuzufließen. Da sah der Bauer noch immer mit bleichem Gesicht auf die Brücke, die von dem stählernen Leib des Bootes auf den Kai herabführte. Die schweren Rauchwolken aus den Schornsteinen wurden plötzlich fahler und dünner, bis nur noch eine kleine gelbe zitternde Rauchsäule aus ihnen zur Höhe stieg. Auch das Summen der Menge war kaum mehr zu hören, und die beiden Männer standen beinahe allein am Kai. »Gehen wir!« sagte der Bauer schließlich, »es hat ja keinen Zweck, länger auf sie zu warten. Sie wird mit dem nächsten Boot kommen!« Dem Jungen stak es wie ein Klumpen im Hals. Er nickte nur mit dem Kopf zu den Worten Kjarvals und sah wieder auf das Schiff, das mit Menschen beladen in den Hafen hereingezogen kam, mit Hunderten von Menschen. Aber das Mädchen Asdis war nun eben nicht unter ihnen gewesen. Dann drehte er sich schweigend um und wollte dem Bauern in die Stadt folgen, aber sie hatten sich kaum gewandt, als sie einen jubelnden Ausruf hinter sich vernahmen, und eben da geschah es, daß das Mädchen Asdis plötzlich unter Lachen und Weinen ihrem Vater um den Hals hing, daß er gar keine Zeit mehr gefunden hatte, seine Arme auszubreiten. »Vater!« stammelte sie, »Vater! Da seid Ihr den weiten Weg geritten! Da seid Ihr gekommen! Mein alter guter Vater!« Sie legte ihren schmalen Kopf mit den blonden wehenden Locken an seine Schulter und schien die erste Stunde des Wiedersehens nicht überleben zu wollen, so zuckte es über ihren Rücken von verhaltenem Weinen. Kjarval stand da und redete ihr zu, oder vielmehr er wollte es wohl tun, denn richtig genommen bewegten sich nur seine Lippen, aber zu hören war mit dem besten Willen nichts. Und Geir versuchte ihm nach der ersten Überraschung zuzulächeln, als ob er sagen wollte, »eh, – sieh da – das dumme Mädchen! Da heult sie jetzt!« Aber auch sein Lächeln war nicht so richtig echt, und ihm selbst kam es vor, als ob es ein betäubendes unsägliches Glück wäre, wenn er nun mit Kjarval hätte tauschen können in dieser Lage. Und weil ihn dieser Gedanke so plötzlich anfiel, war sein Lachen eigentlich hart an der Grenze dessen, was sich noch mit diesem Wort sagen ließ. »Jau! mein Kind! Nun bist du ja da!« sagte der Bauer am Ende und löste sachte ihre Arme. Es mochte gerade die richtige Zeit gewesen sein, denn als das Mädchen Asdis darauf ihr Gesicht hob, da brachte sie es immerhin fertig, tapfer zu lächeln. Sie wischte sich dann auch die Tränenperlen von den Wangen, wie es sich gehörte. »Da ist ja Geir Thors?« rief sie plötzlich. »Er ist mit Euch gekommen, Vater?« »Jau«, murmelte Kjarval, »du weißt ja, er ist jetzt auf dem Hof.« »Wie er sich verändert hat in diesem Jahr! Seit ich – seit ich auf Sandfell gewesen bin!« »Sei gesegnet, Asdis!« entgegnete Geir in der gemessenen Sprache des Landes und reichte ihr die Hand, – ja, das war Asdis! Und nun kam sie auch zu ihm. Sie hatte ihn noch erkannt. Er versuchte, in ihrem Gesicht zu lesen, und wollte das Mädchen von ehedem in ihm wiederfinden. »Asdis!« wiederholte er noch einmal schier unbewußt. Und als er ihren Namen genannt hatte, flog es wie ein Erstaunen über das Lächeln hin, das ihr Gesicht bedeckte. Sie ließ ihm ihre Hand, während sie ihn forschend betrachtete. Vielleicht war es nur die Ergriffenheit ihrer Seele, die gleich darauf etwas Träumerisches in ihr Gesicht zauberte. Die Stunde war mächtig, in der sie wieder den Boden der Heimat betreten hatte. Der Bauer stand neben den beiden und schmunzelte ein über das andere Mal, denn die Sache ließ sich nicht übel an fürs erste, wollte es ihm vorkommen. »Ich danke dir für dein Willkomm, Geir!« sagte das Mädchen endlich und wandte sich wieder zu ihrem Vater: »Erzählt doch, was alles geschehen ist, solange ich fort war. Was macht die alte Kristin? Hat sie wieder einmal Gespenster gesehen? Und die Mädchen, und die Knechte? Thorkill! wie geht es Thorkill? Der Onkel Arzt hat mir erst vor wenigen Tagen geschrieben, Erlingur von Hornafirdi! Aber jetzt erzählt mir doch!« »Was sollen wir erzählen? Es ist nichts Neues geschehen bei uns. He, geschieht denn viel auf dem Lande?« brummte Kjarval. »Wo ist denn – hm, dein Begleiter? Ist er nicht mitgekommen?« »Leif! Ja, wir müssen auf ihn warten. Er ist noch auf dem Schiff. Aber er wird sicher bald kommen!« »Ja, da warten wir!« sagte der Bauer und verhielt seinen Schritt, und das Lachen war auch plötzlich aus seinen Zügen verschwunden nach der Freude des Wiedersehens. Er sah prüfend an seiner Tochter hinab: »Richtige Stadtleute seid ihr geworden, – das heißt, wenigstens du, – denn er, er ist ja wohl schon immer in der Stadt gewesen. Und Prediger ist er?« »Sieh! Da kommt er!« flüsterte Asdis statt einer Antwort, »da kommt er schon!« Sie hatte unversehens rote Wangen und schickte, ganz ohne darum zu wissen, einen Blick zu dem Burschen hinüber. Der Fremde kam mit einem sorglosen Lächeln die Schiffstreppe herabgeschritten und ging auf die andern zu. Erst als er nähergekommen war, rückte es ein wenig in seinem Gesicht. Es wurde feierlicher und vornehmer zugleich, wie es die Stunde erheischte und es seinem geistlichen Stande geziemte. »Sicher ist das dein Vater, Asdis! Seid gesegnet, Sigurgeir Kjarval! Ich bin Pastor Leif! Eure Tochter hat Euch wohl geschrieben, – hm hm!« räusperte er sich und streckte dem Bauern eln weiße Hand entgegen, »Ihr seid ja nun mein Schwiegervater?« »Guten Tag, Sera Leif!« antwortete der Bauer, »jau, ich bin der Bauer von Arnarholt!« Er ließ seine kühlen Augen auf dem Angekommenen ruhen und tat nichts dazu, um ihnen ein besonders freundliches Aussehen zu geben. »Nun können wir wohl gehen! Wir können im Weitergehen noch sprechen«, sagte er, nachdem er den Namen Geirs noch genannt hatte, um ihn dem Prediger vorzustellen. »Geduldet Euch ein wenig, Sigurgeir Kjarval«, meinte der Pastor, »es ist noch ein wenig Gepäck an Bord zurückgeblieben. Man müßte erst jemanden suchen, der es in die Stadt bringt. Vielleicht könntet Ihr Eurem Knecht sagen, hm!« »Meinem Knecht?« fragte der Bauer. »He, da müßt Ihr ihn schon selbst darum bitten!« fügte er mit leichtem Spott hinzu. Asdis wollte ihn noch zurückhalten. Aber da stand Sera Leif schon vor dem Burschen und deutete nach dem Schiff zurück. »Er ist doch kein Knecht!« flüsterte das Mädchen hinter ihm und schickte Geir einen verlegenen Blick zu; doch der tat, als hätte er den Pastor überhaupt nicht gesehen. »Hast du einen Wunsch, Asdis?« lachte er ihr entgegen und ließ den andern stehen, während Kjarval vergnügt die Entwicklung der Dinge betrachtete, denn hm, natürlich war es eine verdammte Sache, wenn einer einen Bauernsohn für einen Knecht nahm und ihm befehlen wollte. »Einen Wunsch?« stammelte das Mädchen errötend. »Er hat es doch nicht gewußt.« »Warte, ich will zum Schiff zurückgehen. Ich finde euch nachher in der Stadt!« Damit ging er weg. »Kommt, Sera Leif!« rief der Bauer und ergriff den Arm seiner Tochter, um sie mit sich fortzuziehen, »kommt nun! Aber ein andermal müßt Ihr nun wissen, Pastor, hm. Habt Ihr übrigens eine gute Überfahrt gehabt? Die Zeitung schrieb, daß Stürme über den Faröern gewesen seien.« Anderntags lag Nebel über der Stadt. Ihre Gassen und Straßen waren wie kahle Gänge zwischen hohen Mauern, als könnte das Licht der Sonne sie nie wieder erreichen. Feucht kroch die Luft vom Meer über benetzte Scheiben hin und flatterte in Schwaden in der Höhe der Dächer. In der Frühe dieses Tages hielt Geir Thors mit seinen Pferden vor dem Haus, in dem Kjarval auf Arnarholt seit Jahrzehnten zu wohnen pflegte, wenn ihn ein unaufschiebbares Geschäft in die Stadt geführt hatte. Die Tiere schlugen Funken aus dem holprigen Steinpflaster und waren ungeduldig, bis sie wieder das freie Land unter ihren Hufen haben würden und den weichen Steppenboden. Sie trugen schwere Lasten heute. Koffer und Kisten hingen auf beiden Seiten in den Holzgestellen der Packsättel. Aber die Rosse von Arnarholt hatten den ganzen Winter geruht, und sie versuchten nicht wie sonst oft, die Gurte mit Schütteln und Bäumen zu lockern, die die Lasten auf ihren Rücken festhielten. Geir Thors hatte da und dort noch zwischen den Tieren zu tun. Dort war noch ein Gurt zu straffen oder ein Tau festzuschlingen, bevor der Ritt begann. Der Ritt heimwärts. Plötzlich wandte er den Kopf, weil die Tür des Hauses gegangen war. Er sah den Bauern heraustreten. Odinn schickte ein helles Wiehern in den Morgen, als er ihn erkannt hatte, und richtete seine klugen Augen auf ihn. Aber danach stellte er plötzlich die Ohren und sah mißtrauisch auf ein fremdes Mädchen, das hinter seinem Herrn gelaufen kam und mit einem hellen Aufschrei mit beiden Händen zugleich ihm in die Mähne fuhr. Er rückte und steilte an Geirs Hand und stieß den Dampf durch die Nüstern, als ob ihm der Teufel selbst erschienen wäre. Und Geir Thors stand daneben wie ein Stück Holz, hatte die Augen auf das lachende Gesicht des Mädchens gerichtet und konnte doch kaum ein Wort herausbringen. Er nickte nur auf ihren Gruß und hielt einen Augenblick lang ihre Hand und beruhigte den Rappen indessen. Dann schaute er mit abgewandtem Gesicht die Straße hinab. »Da ist ja auch Greye – der alte Greye!« hörte er das Mädchen Asdis rufen, dicht neben sich, und wandte sich darauf wieder um, sah wieder in ihr Gesicht, weil er nicht anders konnte. Er deutete auf den leeren Sattel und reichte ihr mit einer hölzernen Bewegung die Zügel hin. »Wir haben ihn mitgebracht«, sagte er, »wir dachten, daß du dich freuen würdest darüber. Jau! Den Grauen!« Als er es gesagt hatte, schaute er wieder seitwärts, als ob es da etwas anderes zu sehen gäbe als nur kahle graue Wände. Bügel klirrten. Sie saß im Sattel. Die Stimme des Bauern kam von hinten. »Reiten wir!« Da bestieg er den Roten und zog die Packpferde mit sich fort. Helles Klirren und Trappeln rannte die Straße entlang, die Häuser flogen vorüber. Das letzte Haus! Sie kamen an der Koppel vorbei, in der die Pferde die Nacht verbracht hatten. Und dahinter tat sich das Land auf. Viel Zeit verging, in der kein Wort fiel zwischen den Reitern. Langsam hob sich der Nebel vom Boden. Die Erde brach zu beiden Seiten des Weges in blutendem Rot aus dem Steppenboden hervor. Manchmal lag noch ein kleiner Schneerest hinter einem hohen grauen Steinblock oder unter einem der Brückenbögen, über die die Straße hinwegführte. Als das Mädchen sich einmal im Sattel umwandte, sah sie, schon weit entfernt, eine grauweiße Dunstwolke über den Häusern und Türmen des Handelsplatzes liegen. Schwarzer Rauch von den Schiffen, die im Hafen lagen, zog in großen schmutzigen Flecken durch die Wolke. Die Küste war schon weithin klargefegt von einem frischen Morgenwind, nur über der Stadt lag noch jene Wolke von Wärme und blakendem Dunst, die kaum je von ihr wich. Nach einer Weile fiel Kjarval, der die Spitze hielt, von der Straße ab und lenkte Odinn, den Hengst, an losen Zügeln in den Steppenboden hinaus, auf dem sich ein schmaler Pfad vom Grunde abhob, der wie eine dünne Linie nach Osten führte. Wasser schoß in die Stapfen der Pferde, und der Boden gab leicht nach unter ihren Schritten. Prustend griffen die Pferde aus, mit wehenden Schweifen zogen sie über das Land. Nur noch leise war das Stampfen ihrer Hufe zu hören. Und sie liefen zugleich schneller und williger. Die Stadt war hinter ihnen verschwunden. Asdis dachte an ihren Verlobten, der nun in ihren Mauern zurückblieb. Einmal stellte sie sich vor, wie er jetzt neben ihr reiten könnte und mit ihr weiterritte bis zum Hof, und dann fiel ihr ein, daß er nie von dem Land gesprochen hatte, durch das sie nun trabten, in den frischen Morgen hinein, sondern immer von der Stadt. Und in der Stadt würde sie wohl einmal zu ihm ziehen und die Frau des Pastors sein, von dem die Bürger mit Stolz sprachen, von seinen wohlgesetzten und tiefgründigen Worten und Gedanken. Wohl dachte sie an die Worte ihres Vaters, die er an den jungen Prediger richtete: an Sera Leif: »Es ist Zeit genug, bis Ihr zu mir um Asdis kommen könnt. Und erst dürfte es das wichtigste sein, daß Ihr eine Pfarre habt, bevor Ihr in den Stand der Ehe tretet. Bis dahin braucht niemand um die Abmachung zwischen Euch und Asdis zu wissen, und wenn dann das Mädchen noch des gleichen Sinnes ist, so mag es recht sein, wenn Ihr sie von ihrem Vaterhof holt.« »Aber Sera Leif, wir reiten morgen und – und ein Vater will sein Kind bei sich haben, solange er kann. Asdis reitet mit mir, morgen!« Und: »Es ist spät geworden, und man geht früh ans Werk auf dem Land. Ihr würdet gut tun, wenn Ihr jetzt Abschied von dem Mädchen nehmen wolltet. Wir reiten so früh, daß morgen keine Zeit dafür sein wird.« Das hatte er noch dazu gesagt. Sera Leif war nicht des gleichen Sinnes gewesen, und auch Asdis nicht, aber das Wort Sigurgeir Kjarvals war ein Wort, dem man gehorchen mußte. Das hatte Asdis nicht vergessen, seitdem sie von Arnarholt weggeritten war vor einem Jahr. Und sie hatte als seine folgsame Tochter ihrem Verlobten die Hand gereicht und ihm zugeflüstert: »Wenn du kommst, wenn du mich abholen kommst –« Danach war er gegangen. Der Bauer atmete wieder freier. Er reckte sich im Sattel und lächelte seiner Tochter zu, die dicht hinter der Kruppe seines Rappens ritt. »Findest du dich noch zurecht? Wir sind auf dem Weg nach Skålholt. Dort werden wir die Nacht Quartier nehmen, wenn der alte Gunnar uns aufnehmen will. Auf dem Herweg sind wir über Thingvellir geritten, doch jetzt wollen wir uns mehr bei den großen Höfen halten. Es ist behaglicher für dich!« »Glaubt Ihr, daß ich es in der Zwischenzeit verlernt habe, einen ordentlichen Weg hinter mich zu bringen, Vater?« »Nun, du sitzt nicht schlecht im Sattel, wenn man bedenkt, wie lange es her ist seit dem letztenmal!« rief er aus. »Darin hat sich wohl nichts geändert!« »Darin –« fügte er noch hinzu, während das Lachen in seinem Gesicht matter und blasser wurde. »Reit einmal an meine Seite heran!« winkte er ihr und schaute wieder voraus auf seinen Weg. Sie gehorchte und setzte ihren Grauen neben ihn, so dicht, daß ihr Zügel mit dem des Bauern zusammenklirrte. Sie tat auch noch mehr, sie löste ihre Rechte vom Zügel und legte sie besänftigend auf die knochige Hand ihres Vaters, weil sie sah, daß sein Gesicht sich in strenge Falten gerafft hatte. Sie ahnte, was er auf dem Herzen hatte. Es sollte wohl eine Fortsetzung des Gesprächs werden, das schon den größten Teil der vorhergehenden Nacht gewährt hatte. »Wie kamst du denn eigentlich zu ihm?« forschte er nun. »Wie ich zu ihm kam? Nun, ich war bei einer seiner ersten Predigten gewesen, und die Base sagte, er sei Isländer und hätte die ganze Zeit im Land studiert. In seinen frühen Kinderjahren bereits hätte sein Vater Island verlassen, um im fremden Land ein Amt zu übernehmen. Doch der Sohn wollte jetzt wieder nach seiner Heimat zurück. Ob ich dächte, daß sie ihn vielleicht einmal zum Tee einladen sollte«, berichtete das Mädchen Asdis weiterhin und blickte über das wellige Grasland, durch das manchmal breite Striche von erstarrter Lava sich zogen und überall wild hingestreute Felsblöcke lagen, von denen ein Kolkrabe oder ein Regenpfeifer aufflog, wenn die Pferde ihm zu nahe kamen, während die Wolken getürmt über die Ketten der Berge im Norden hinwegeilten. »– zum Tee eingeladen?« schlug Kjarval ihre letzten Worte fest, und das klang so seltsam hier auf dem offenen Land, durch das nun eben ein paar halbwilde Schafe hinflüchteten, während der Kolkrabe wieder aufgeblockt war und mit trägem Quarren zu ihnen hinüberlinste und am Ende entrüstet schimpfte, weil ihm durch die Schuld der Reiter eine Maus entgangen war, die sich eben noch vor ihrem Loch gesonnt hatte und dann plötzlich, erschrocken von dem Lärm der Hufe und dem Dröhnen im Grund, wieder unter ihren Stein zurückgeschlüpft war. »Und –« stammelte das Mädchen errötend, »er hat von der Heimat gesprochen und –« »Ja so – von der Heimat!« knurrte Kjarval. »Und dann – wir haben uns auch wiedergetroffen danach! Eigentlich hatte er schon bald nachdem reisen wollen, aber nun schob er seine Abfahrt hinaus. Und als ich ihn fragte, warum er noch im Land bliebe, da begann er von dem ersten Nachmittag zu reden, Ihr wißt, bei der Base, – und von mir –« sprach sie errötend weiter und schwieg daraufhin, als ob das wohl genügen würde. »Und deshalb –« räusperte sich der Bauer, »hm, und da hast du mich vergessen?« »Ihr könnt das nicht verstehen, Vater?« flüsterte das Mädchen. »Als ich ihn sprechen hörte, von der Kanzel, und die vielen Menschen in der Kirche seinen Worten lauschten, – wie er eine ganze Welt vor ihnen ausbreitete und mit leuchtenden Blicken das Strahlen und Wirken des göttlichen Geistes vor ihren Augen erstehen ließ und ihre Herzen aufrief, dafür zu beten und zu arbeiten, daß auch den ärmsten und nacktesten gnadenlosen Heiden sein Licht erstrahlen möchte, das einzige Licht der Welt in ihrem höllentiefen Dunkel –« »Hm!« brummte der Bauer und sah zu ihr hinüber, in ihre Augen, die noch widerzuleuchten schienen, und auf ihren Mund, »hm, du bist ja selbst schon ein Prediger geworden!« knurrte er noch hinterdrein. »Aber schau, da ist es plötzlich wieder wolkig und verhängt, dort im Norden, und der Regenpfeifer springt und hüpft wie unklug zwischen den Gräsern herum, also, ich schätze, daß wir uns etwas schärfer an den Weg halten müssen. Die Wiesen sind jetzt noch feucht genug, und wenn noch von oben die Brühe herabfällt, so macht das keinen richtigen Spaß mehr. Also wollen wir uns mal dazuhalten.« Damit gab er den Rappen frei und ließ ihn die Hacken fühlen, und mehr brauchte es bei Odinn nicht, daß er loszog wie ein Gewitter. »Richtig verdreht hat er sie mit soviel schönen Worten«, brummelte er, als er allein war und nur das Getrappel der andern noch hörte, aber nichts mehr von ihnen sah, weil sie noch hinter einem kleinen Hügel ritten, während Odinn auf seiner anderen Seite die Tiefe gewonnen hatte. »Und am besten«, sagte er sich dann, »man redet nicht weiter davon, sondern läßt das den andern übrig!« Und während er das dachte, blinzelte er mit einem halben Auge zurück, wo nun Geirs Pferde auf dem Kamm erschienen, und dann der Kopf des Grauen, der neben ihn hertrabte. Man mußte es den Jungen überlassen, sich zu ordnen. »Ich?« sagte Geir hinten zu Asdis und schaute vor sich hin. Und danach langte er zu seinem Packpferd hinüber, um den Koffer ein wenig besser zu befestigen, der bei jedem Schritt rumpelte und knarrte. »Ich? Das kann dich doch nicht kümmern!« Asdis schürzte die Lippen und ritt eine Weile stumm neben Geir. Und dabei dachte sie an die Stadt zurück, wo die Männer mehr Lebensart hatten und auch eine Antwort, wenn man sie etwas gefragt hatte. Aber kaum war sie ein wenig weiter und trabte nun genau vor dem Burschen her, da verwandelte sich sein abweisendes Gesicht. Seine Wangen färbten sich, und er achtete weder auf den Grund mehr und auf den Weg oder auf die Wolken am Horizont. Er sah immerfort nur das Mädchen, das schlank und mit schmalen Hüften vor ihm auf und nieder zu tanzen schien unter den schnellen Schritten des Grauen, während ihre wehenden langen Haare im gleichen Takt wippten, wie das Pferd ging. Und indessen er die Zügel des Roten mit aller Kraft halten mußte, da der Hengst nicht gerne ein Pferd vor sich sah; sondern lieber hinter sich, weil er über bald zwei Jahre niemals ein Tier seiner halbwilden Herde auch nur neben sich geduldet hatte, – indessen er also den Kopf des Roten mit aller Macht zurückhielt, mußte er gleichzeitig sich selbst nicht weniger an die Trense nehmen, sonst wäre auch er zu ihr hingestürzt und hätte ihre Hände ergriffen, und hätte ihr erzählen müssen von einer Stunde nach der andern und vielen Tagen und zuletzt Wochen oder einem ganzen Jahr, wo er sie in seinen Träumen und Wünschen und Gedanken so vor sich gesehen hatte wie eben jetzt und hier. Und in denen er sich ausgemalt hatte, was er zu ihr sagen würde, wenn er sie träfe, – wie er langsam vom Pferd steigen und auf sie zugehen und ihre Hand ergreifen würde, um sie nicht mehr loszulassen, bevor sie ihm nicht auch ihren Mund geboten hatte. Als sie einmal zurückblickte, fand er keine Zeit mehr, seine Augen von ihr zu nehmen, sondern hatte nur ein überraschtes Lächeln, das seinen Gedanken entsprungen war, weil er sich eben bei der Begegnung im Osten aufgehalten hatte und das große gleißende Gletscherbild im Geiste vor sich sah und den schimmernden Bach, in dem sich das Mädchen Asdis gespiegelt hatte. Es war das einzige Bild, in dem sich seine ganze Erinnerung bis dahin verankert hatte, und das Bild, in dem auch ihr Name sich für ihn verkörperte. Asdis ließ plötzlich ihr Pferd zurückfallen und sah in einer Art ständigen Suchens auf ihn, als sie neben ihm hertrabte. Geir bemerkte wohl ihre Nähe, und er fühlte sie noch mehr, sie hüllte ihn ein wie eine Wolke, die auf seine Hände sich niedergesenkt hatte und auf sein Gesicht und an ihm hängen blieb und ihn lähmte. Er saß seltsam starr im Sattel, befangen und linkisch, und wagte kaum, von den Ohren des Roten aufzusehen. »Du!« sagte sie einmal zu ihm, und er fühlte, wie sein Herz rasend zu pochen anfing wegen dieses kleinen unbedeutenden Wörtchens, »der Vater ist anders, als ich ihn verlassen habe. Und auch du warst ein anderer Bursche, als ich dich in Sandfell sah; wenn es auch schon lange her ist, ich weiß es doch noch, siehst du, als wir –.« Aber weiter redete sie dann nichts, sondern sah wieder von der Seite auf Geir. »Was ist es denn mit euch?« stieß sie danach hervor, »mit Vater – und auch du tust, als seien wir uns fremd und hätten uns jetzt zum erstenmal gesehen?« »Jau, wie zum erstenmal!« nickte Geir. »Was, zum erstenmal?« »Nun, ich meine in Sandfell –« »Wir kennen uns schon lange«, fiel sie ihm ins Wort. »Man sollte es jedoch nicht glauben, nach dem, wie du zu mir bist! Wie bist du denn überhaupt auf den Hof meines Vaters gekommen, nachdem der Berg – Oh!« sagte sie leiser, »es war ein großes Unglück – deine Eltern! Ich habe oft an dich denken müssen danach. Oft!« flüsterte sie nachdenklich. »Der ganze Hof und die vielen Menschen. Und was konntest du nun beginnen?« Aber plötzlich lief ein glühendes Rot über ihre Wangen hin, und sie griff verwirrt in die Zäume. Und gleich darauf hob sie den Kopf und schickte ihre Augen über das Land voraus. Sie waren schon wieder hell, ihre Augen. »Wo reitet denn mein Vater, Geir Thors?« rief sie und reckte sich noch ein wenig höher und schien eifrig zu suchen. »Er muß weit vorausgeritten sein, man kann ihn nicht mehr sehen!« »Weißt du«, sagte Asdis und sah ihm fest in die Augen, »natürlich kann man nicht daran vorbeigehen, wenn so viele Menschen umkommen. Und dann, ich habe ja deinen Vater und deine Mutter gekannt, weil ich doch mit Erlingur, meinem Onkel, zu eurem Knecht ritt. Auch die Knechte kannte ich und Sigrid. Natürlich ist es etwas anderes, wenn man einige Wochen vorher noch mit jemanden zusammen war, und dann kommt ein solches Unglück über sie.« Nach einer Stunde langten sie bei dem Bauern an, der den Rappen abgesattelt hatte und ihn grasen ließ. Man mußte von Zeit zu Zeit den Pferden ein wenig Ruhe geben, das lohnte sich auf einem langen Ritt. Vor Skålholt legte sich ein kleines flaches Gewässer in ihren Weg, in das die Pferde nur langsam hineinschritten, während sie wieder und noch einmal die Köpfe auf das Wasser niederstreckten, um zu trinken, bis sie endlich planschend und spritzend das jenseitige Ufer erreichten. Die alte hölzerne Bischofskirche stand im Dämmern des Abends und sah stumm und ehrwürdig über das Land, das nun bald zum Schlafen ging, und vom Hof Gunnars herüber hörte man Rufe und Hundegebell als Zeichen, daß man die drei Reiter schon gewahrt hatte. Kjarval wies durch den blauen Schein der Dämmerung zu dem alten Kirchlein hinüber, das einst dem tapferen Bischof Arason samt einigen Häusern des Skålholthofes als Sitz gedient hatte, bis er unter dem Beil seiner Gegner verblutete und unweit des eisenbeschlagenen Portals zwischen den Gräbern seiner Gläubigen begraben wurde. »Die Leute wollen wissen«, sagte Kjarval, während sie darauf zuritten und der kleine Glockenturm dunkel gegen den Himmel stand, »daß, wenn einer vorüberreitet, der – der –« Ein schütternder Glockenton wehte während seiner Worte durch die Abendluft, verebbte wie der Atem aus dem Mund eines Sterbenden. »Was wolltet Ihr erzählen, Vater?« fragte das Mädchen. »– der«, flüsterte der Bauer, und seine Lippen wollten nicht zu den Worten passen, die er sprach, »der hochzeiten will, mein Kind, so läuten die Glocken, ohne daß eine Menschenhand sie berührt.« »Habt Ihr gehört, Vater, sie läuteten. Ich habe es deutlich gehört!« Sie riß ihren Grauen herum und sah zu dem schiefen Dach der Bischofskirche hinauf und auf den Turm, in dessen Gestühl ein paar Glöcklein hingen. »Wartet doch, vielleicht läuten sie zum andern Male!« Aber Kjarval streifte mit seinem Rappen zu ihr hin und riß ihr die Zügel aus den Händen. »Komm!« schrie er, »sie erwarten uns auf dem Hof!« »Der Herr bewahre dich!« murmelte er seitwärts, »sie ist ja alles, was ich noch habe!« Während des Weiterritts am nächsten Morgen hielt sich Kjarval bei seiner Tochter. Schweigend trabte er neben ihr über das Land, und wenn er sprach, so kam seine Stimme wie von weit her zu ihr, und seine Worte fanden nur mühsam den Weg über die Lippen. Er ließ das Mädchen kaum aus den Augen den ganzen Tag hindurch, schaute bald auf den Grauen und wieder auf das junge Weib. Und wenn ein Fluß sich in die Quere legte mit schnell ziehenden Wassern, so erlaubte er ihr nicht, daß sie selbst die Zügel führte, sondern nahm den Kopf des Grauen dicht an seine Faust und hielt wohl auch den Arm des Mädchens, bis die stärkste Strömung vorüber war. Geir mußte einige Schritte oberhalb der Furt reiten, damit sein Hengst den heftigen Druck des Wassers abfing. Und Kjarval ritt dann mit Asdis in seinem Stromschatten. Und jedesmal atmete er auf, wenn sie einen der blinkenden Flußläufe hinter sich gebracht hatten. Schuld daran waren die Glocken von Skålholt. Doch Geir zerbrach sich umsonst den Kopf darüber, warum der Bauer sich so sonderbar gebärdete und warum er lieber einige Kilometer an einem Flußlauf entlangritt, um ein Boot zu finden, das sie übersetzte, als daß er wie sonst mit einem leichten unbekümmerten Lachen in das Quirlen und Schäumen eines Strombetts hineinritt, – mit leuchtenden Augen, so oft der Rappe prustend gegen die heranlaufenden Wellen kämpfte. Selbst als sie auf dem Hof angekommen waren und die Tage in fröhlicher Kurzweil und vielerlei Plaudern dahingingen, wurde Kjarval nicht anders. Er konnte stundenlang neben dem Mädchen Asdis sitzen und sah ihren flinken Händen zu, die an einem Tuch stickten. Und wenn er sich endlich erhob, um nach der Arbeit der Leute zu sehen, so konnte es wohl sein, daß er die Tochter aufforderte, mit ihm zu reiten, aber zumeist war es das Gegenteil. »Bleib im Hof!« sagte er und sah sie ernst an, »hm, bei den Leuten! Daß du nicht wegreitest! Nicht?« Ein andermal beugte er sich plötzlich zu ihr hinab und küßte sie auf die Wange, ehe er ging. Und nur er wußte, was das für einen Sinn hatte. Nicht die Leute! Denn die schauten ihm nur immer verwundert nach und versuchten, bei sich allerhand zu erklären und zu deuten, wenn sie auch alle nicht das Richtige trafen und nicht die Angst ahnten, die hinter dem ernsten Gesicht Kjarvals zitterte. Ja, zitterte, weil er etwas ahnte, und weil etwas in ihm lebte, Ungewisses, Trauriges, etwas, dem er nicht entrinnen konnte, etwas, das im Begriff war, lähmend in sein Leben einzugreifen. Der schütternde dünne Klang der Bischofsglocken verfolgte ihn, der Glocken, die Tod und Sterben und wieder den Tod verkündet hatten seit den Zeiten ihres ermordeten Herrn... Er sprach auch nicht wieder von Sera Leif, dem Prediger. Nie wieder rührte er an ihm und seinem Namen. Und wenn er zu den Sonntagen nach Hlidarenda hinüberritt, zum Kirchlein unter dem Berg, so blickte er oft wie erschrocken nach oben, wenn das Gebälk des Glockenturms zu knarren und zu knistern begann, und wenn danach die Glocken über die weite Stromfläche des Markar riefen. Unversehens faßte er einmal nach der Hand des Mädchens, das neben ihm auf der Bank saß, als die Glocken anschlugen. Und Asdis fühlte, wie seine Hand zitterte. An jenem Tag fragte sie ihn mit ängstlicher Stimme: »Vater!« flüsterte sie, »Vater! was ist Euch, Vater?« Doch Kjarval brachte es fertig, ein sorgloses Lachen über seine Lippen zu schicken, ein leises Lachen nur, wie es sich für die Kirche geziemte: »Du warst lange fort vom Hof, meine Tochter!« sagte er sachte, »es macht mich froh, wenn ich dich neben mir sehe!« »Guter alter Vater!« flüsterte das Mädchen zurück und sah liebevoll in seine Augen. Was in ihnen Trauer war, in seinen Augen, das hielt sie nachdem für Freude, und die Angst, die sie verdunkelte, konnte sie nicht lesen, weil es in ihrer jungen Brust von anderem Vernehmen zitterte, von anderem! In der fünften Woche nach ihrer Rückkunft auf den Hof und in die Heimat bat der greise Pfarrer den Bauern einmal zu sich in die Pfarrstube, als der Dienst am Herrn zu Ende war und die Bauern von den umliegenden Gehöften ihre Pferde zum Nachhauseritt sattelten. »Auf eine Tasse kommt Ihr herüber? Und bringt die Jugend mit?« lächelte er, »Jau, die Jugend! Es tut alten Augen wohl, Eure Tochter zu sehen!« sagte er noch und lächelte wieder, als Asdis errötend von ihrem Pferd herüberblickte, weil sie die Worte des alten Pastors wohl vernommen hatte. Dann schritt er voraus, dem Pfarrhaus zu, wo er unter der Tür auf die beiden wartete. Als sie nachher drinnen in der Pfarrstube saßen und schon eine gute Weile über allgemeine Dinge geredet hatten, wie sie jeder Unterhaltung vorangehen, da kam der Pfarrherr endlich mit dem heraus, was er sagen wollte. Vielmehr, er ging erst zu seinem Schreibtisch hinüber und kramte in einer Schublade, sah verschiedene Papiere und Briefe durch, bis er einen weißen Umschlag herausnahm und ihn Kjarval entgegenhielt. »Wir haben ja kaum ein Geheimnis in unserem Beruf, wie wir keines in der Pfarre haben. Gibt es denn Geheimnisse auf dem Land, he? Nun, also lest, was mein Amtsbruder schreibt.« »Er schreibt –«, begann er wieder und blickte lächelnd auf das Mädchen, aber als er darauf auf den Bauern sah, war das Lächeln wie weggewischt, »nun denn, was er schreibt: Er soll auf meine Pfarre kommen und mir behilflich sein. Man meint in der Stadt, glaub' ich wohl, man meint, daß ein Landpfarrer im Alter von seinen Bauern geht und sich zur Ruhe setzt. Hm, wie die in der Stadt vielleicht!« »Gehen wollt Ihr, Sera Egil?« »Nicht gerade, Bauer, nicht gerade, seht Ihr«, lächelte der alte Prediger, »nur so ein Wink von den Vorgesetzten, müßt Ihr verstehen, daß es bald Zeit ist. Übrigens, wenn Ihr genau hinseht, so steht da ein Name auf dem Papier. Und mir scheint, als ob Ihr meinen Nachfolger schon kennt, zumindest Eure Tochter! Asdis!« drohte er scherzend mit einem Leuchten in seinen hellen Greisenaugen. »Du kennst ihn wohl, Asdis!« »Meint Ihr Leif?« stammelte das Mädchen errötend, »Leif? Will er – will er nach Hlidarenda kommen?« Dann warf sie einen Seitenblick auf ihren Vater, der mit gerunzelten Brauen das Schreiben aus der Hand legte und an dem Pastor vorbei zum Fenster hinaussah, als sei er allein im Zimmer. »In dem Brief steht Leif Halldorsson, Kandidat der Theologie. Es wird wohl derselbe sein, den du meinst?« sagte Egil. Das Mädchen sah wieder auf ihren Vater. Kjarval hatte noch kein Wort über die Nachricht verloren. Aber nun schien er sich besonnen zu haben. Er wandte dem Mädchen seine Augen zu und hob an zu sprechen; wenig war es, was er sagte: »Komm, Tochter!« sagte er und stand auf: Habt Dank für Eure Gastfreiheit, Sera Egil!« würgte er hervor und griff nach seiner Mütze: »So komm, Mädchen! Nein, es war nicht viel, was er sagte an jenem Sonntagmorgen, an dem die Sommersonne nah und fern in den Gräsern funkelte und gleißend die weißen leichten Wolken am Himmel umränderte. Während des Heimritts stieg sein Rappe mitunter wie von einem scharfen Peitschenhieb getroffen. Und ein andermal war zwar das Pferd ruhig und trabte mit dem gleichen ausdauernden Paßschritt wie immer über die Grashügel und Gräben der Steppe, aber statt seiner konnte der Bauer plötzlich im Sattel zusammenzucken, als ob ihn das Fieber gepackt hätte. »Tochter!« rief er einmal, wie er so dahinritt. Er wandte nicht einmal den Kopf dabei. »Ja, Vater?« »Tochter!« sagte er nochmals. Das Mädchen war an seine Seite getrabt und wartete, was er von ihr wollte. Aber sie wartete wieder umsonst. Die blassen Lippen Kjarvals schwiegen. Von da an ritt das Mädchen Asdis mit gesenktem Kopf und sah nicht mehr die kleinen Blumen, die zwischen dem kargen Gras wuchsen mit farbigen Sternen, und sie hörte auch nicht mehr das muntere Trillern und Flöten des Regenpfeifers, der zwischen den Steinen umherhüpfte. Selbst durch den Strom ritt sie, als sei er gar nicht vorhanden mit seinen Wellen, die bis an den Sattel heraufschlugen und die Schäfte ihrer Stiefel füllten. Oddur war diese ganzen Wochen mißvergnügt gewesen wie ein altes Roß, das ein ganzes Leben lang die feinsten Zäume trug und eine silberne Trense, und eines schönen Tages sehen muß, wie all die Herrlichkeiten einem jungen, unerzogenen und kaum zugerittenen Hengst zugesprochen werden. Als Geir Thors auf den Hof kam, hatte der Alte sich vor Freude und Stolz in die Brust geworfen und war noch mit sechzig Jahren um einen Viertelzoll gewachsen, und selbst sein Humpeln hatte sich bald verloren. Als schließlich das Mädchen wieder da war, da wäre aus dem Viertelzoll bald ein halber geworden, und das Humpeln war so gut wie verschwunden, daß man es kaum mehr merkte. Und jetzt? Jetzt war er mißvergnügt. Und je länger er es war, desto kleiner wurde er wieder. Aus dem Viertelzoll waren zwei Zoll geworden, und diese zwei Zoll gingen dem Boden zu. Er war zusammengeschrumpft bis fast zur alten Kristin hinab, und sein Bein schleppte er hinter sich her, als ob es eigentlich gar nicht mehr zu ihm gehörte. Es waren schlechte Zeiten für den alten Oddur gekommen! Oder was sollte es heißen, wenn er endlich schlüssig geworden war, was er arbeiten wollte und sich anschickte, einen Balken quer über den Hof zu schleppen, – pah, ein paar zwanzig Meter, meinetwegen auch noch weniger, es waren überhaupt nur fünfzehn von der Scheune bis zur Schmiede. Da kam also eines Tages der Jungknecht gerannt, der dafür galt, daß er kaum den Rappen des Bauern am Zügel halten konnte, wenn er ein wenig tanzte, da kam er also herbeigelaufen und sagte zu dem alten Oddur: »Wo soll denn der hin, der Balken?« »Wo der hin soll? Was geht das dich an? Wie kannst du einen alten Mann fragen, wo ein Balken hinkommen soll?« »Du Naseweis!« schimpfte er noch. Da sagte dieser Bengel: »Warum schreit Ihr denn so, Alter? Wo ich Euch doch sonst den Balken hinübergetragen hätte, wo er hingehört! Warum schreit Ihr da? Kommt, ich werde ihn nehmen!« Oddur stand mit mahlenden Kiefern und schaute entgeistert auf den Jungen. Er war so erstaunt, daß er das Langholz aus der Hand ließ, und sah sogar noch zu, wie der Jungknecht mit ihm weglief. Und erst als der Bursche schon ein paar Schritte fort war und fragte: »Jau, wohin denn jetzt mit dem Holz?« – erst da begann er plötzlich zu zetern und humpelte schnell hinter ihm drein, riß ihm den Balken aus den Armen, gerade als Asdis aus dem Hause kam, gerade da. »Scher dich fort!« schrie er und spuckte und krächzte empört, und der Jungbursch blieb verdattert stehen und wußte nicht, was er aus sich machen sollte. »Was gibt es denn?« fragte Asdis und lief zu den beiden hin. Dem Jungen schickte sie einen strafenden Blick zu, denn natürlich ist ein Junge immer schuld, wenn ein Alter mit ihm schilt. »Was hat er denn getan, der?« erkundigte sie sich darauf bei Oddur. »Er, er wollte mir helfen, – den Balken da, er wollte ihn forttragen!« »Weil er doch zu schwer für ihn ist«, sagte der junge Larus dazwischen. »Der Frechdachs!« begann Oddur wieder zu krächzen und hob drohend seine Faust. »Gerade als ob ich keinen Balken mehr heben könnte! Aber so sind nun die Jungen!« schrie er und zockelte einige Schritte weiter. Und der Balken klirrte, weil sein anderes Ende über ein paar Steine schleppte. »Die Pest!« »Aber was schimpfst du denn nun noch, Oddur?« »Als ob man nicht schimpfen sollte! Wenn, nun ja! Und Ihr, Jungfer! Überhaupt Ihr!« »Ich?« »Hm, jau!« Oddur ließ das Holz fallen und wischte sich die Hände an den grauen Hosen ab. »Überhaupt!!!« »Was stehst du denn da?« brüllte er den Jungknecht an. »Da steht er und horcht. Aber, aber ich habe mit Euch zu reden, Jungfer Asdis! Jetzt gleich. Jau! Da hat man gedacht, hat man gedacht, – der Bursche geht da auf dem Hof herum, und gerade Euretwegen ist er erst nach Arnarholt gekommen.« »Von wem redest du denn, Alter?« fragte das Mädchen zurück, obwohl ihr bei den Worten Oddurs das Blut in die Wangen geschossen war. »Von wem denn, eh, von wem also? Natürlich von Geir Thors! Wie Ihr da fragen könnt, in einem solchen Fall, in solch einem!« Er zerrte wild an dem Balken und schleppte ihn wieder ein paar Meter weit von dem Mädchen fort, seinem Bestimmungsort entgegen: »Was fragt Ihr da überhaupt mich, eh! mich?« knurrte er dann herüber und lud den Balken auf seine Schulter, mit Ächzen und Stöhnen, weil er dachte, daß er ihn so vielleicht besser wegschaffen könnte. »Ich wüßte schon, wen ich da zu fragen hätte, bei Gott! Wenn ich ein Mädchen wäre wie Ihr, Jungfer! Hölle und Teufel! So ein Mädchen!« dann griente er und spuckte und keuchte schließlich und war weg, um die Hausecke herum, während das Mädchen Asdis immer noch am gleichen Platze stand und ihm verwundert und halb ärgerlich nachstarrte. Oddur war heute verteufelt in Fahrt. Von ihm aus hätten es zehn Balken sein können statt des einen, was sage ich, hundert oder gar tausend am Ende! So war es nun die ganze Zeit gewesen, bei allen neunschwänzigen Teufeln: Ging der Bursch in das Haus hinein, so kam das Mädchen heraus. Ging das Mädchen zu den Pferden, so konnte man seine Seligkeit darauf verwetten, um nicht zu sagen, einen alten Hut, daß Geir Thors just dann aus der Koppel ritt und vor der Nacht nicht mehr zurückkam. Und saß der Bursche vor der Scheune und flickte an seinem Sattel, so konnte das Mädchen zwar mit den Mägden zusammen Wäsche aufhängen, aber sie ging eher rückwärts hinaus und stolperte über einen Stein, als daß sie in der Richtung auf den Burschen sah, wo sie doch auch den Stein erblickt hätte und nachher nicht einen vollen Tag mit verrenkten Knöcheln im Bett hätte liegen müssen. Oddur wußte bei sich, daß das alles einmal ein Ende nehmen mußte, wie ein Gewitter bebte es in seinem hohlen Auge, und das lebende schoß die Blitze dazu, die nun einmal bei einem Gewitter sein mußten. Bei einem richtigen, versteht sich! Und nun hatte er auch noch etwas läuten hören, – zuerst war es ja wohl nur ein Klingeln gewesen. Aber es hatte einen schlechten und häßlichen Klang gehabt für Oddurs Ohren. Aber wahr mußte es sein, jau, und der Teufel mußte auch seine Hand im Spiel haben, wenn es das war. Und warum redete der Bauer nicht und war überhaupt ein ganz anderer geworden? Warum sah er nicht mehr nach den Knechten und stieg kaum mehr in den Sattel, ausgenommen am Sonntag? Und er lachte auch nicht mehr! Und vor einem Tag kam der junge Geir zu dem alten Oddur und stellte sich neben ihn und sah ihm bei der Arbeit zu. Und was sagte er nachher? »Du kannst hier bleiben, wenn du willst, Alter. Hier hast du einen ruhigen Platz. Aber ich muß nun wohl bald wieder reiten. Es soll vielleicht wieder ein Hof unter den Bergen vom Vatna stehen. Braucht man nicht eine Heimat, Alter?« »Jau, natürlich brauchte man das!« »Das hab ich auch gedacht! Oddur!« »Aber warum solltet Ihr nicht hier bleiben?« hatte er dann den Burschen gefragt, »wo doch, hm, die – die Tochter? Und, und glaubt Ihr vielleicht, daß ich nicht wüßte, daß Ihr sie, die Tochter –?« Da war der Bursche mit einem trüben Lächeln weggegangen. So war es. Und wenn man nun kalkulierte, was die andern wußten, eh? Jau, hmhm? »Kalkulieren« nannte Oddur das. In der folgenden Nacht geschahen seltsame Dinge auf dem Hof von Arnarholt. Geir Thors lag auf seinem Lager ausgestreckt und sagte sich zum hundertsten Male, daß es jetzt nur noch eines für ihn gebe. Und das eine war eben, daß er den Hof verließe, ehe er dastehen mußte und zusehen, wie ein anderer hier aus und ein ging. Morgen wollte er dem Bauern seinen Beschluß mitteilen. Auch den Roten wollte er ihm wieder zurückgeben, den er in den Bergen eingefangen und mit vieler Mühe zugeritten hatte. Er wollte nichts mit sich nehmen, das ihn an Arnarholt erinnerte und an das Mädchen. Und wenn er sich erst eine kleine Hütte an der Stelle gebaut hatte, wo ehedem der Hof seines Vaters stand, so mochte es für den Winter genügen, wenn er ein paar Schafe hielt, und er brauchte dann keine Not zu leiden. Überdies hatte er noch einen Teil des Sommers vor sich und den ganzen Herbst, und es ließ sich ja wohl etwas arbeiten in dieser Zeit. Vielleicht konnte er einem Bauern beim Schaftrieb helfen, wenn der Sommer zu Ende ging. Auch dabei war eine kleine Summe zu verdienen, für die man Proviant und Geräte kaufen konnte. Als er so weit in seinen Überlegungen gekommen war und nüchtern und klar Zug um Zug erwogen hatte, was seine nächsten Schritte sein mußten, – von Hornafirdi wollte er Bretter und Balken nach Sandfell bringen, und vielleicht konnte er an der Küste auch Treibholz finden, es schwammen ja oft da und dort ein paar Stämme oder Balken in der Brandung oder wurden auch an den Strand geworfen, und mitunter waren sogar recht schöne Stücke darunter, übrigens hätte er bald vergessen, daß wenige Meilen nur von Sandfell eine spanische Fischerbark auf Grund gelaufen war und noch mit ihrem halben Rumpf aus der See ragte, von dem man eine Menge guter Bretter lossägen konnte, – nun wohl, es ließ sich wohl machen fürs erste, wenn er sich an die Arbeit hielt und von früh bis spät werkte. Als er so weit gedacht hatte, ging es wie ein Aufatmen durch ihn, weil sich nun doch ein Weg fand, ein Weg! Und es konnte wohl kein anderer sein, weil er doch mit all seinen Gedanken immer in Sandfell war, unterm Gletscher. Er sah sich wieder den schmalen Pfad in den Berg reiten. Erst ritt er ihn zwar allein und kam zu der Stelle, wo das Gras trotz der Sommerhitze nicht vergilbt war, sondern grün und frisch sproßte. Dann kam er zum Bach, der tief in der Schlucht seine Bahn zog, mit klaren schimmernden Wellen, ein Spiegel, in dem sich die Wolken besehen konnten und der hellgrüne gleißende Gletscher. Und mehr noch, – das Bildnis eines jungen Mädchens stieg aus dem Wasser. Ohne sich zu rühren, wie erstarrt, lag Geir auf seinem Lager und sah immerfort auf dieses Bild. Es war sonderbar, daß er erst jetzt das Mädchen selbst gewahrte, von dem jenes Bild ausging. Bis zu den Knien stand es in dem ruhig fließenden Bach, und ihre Augen waren auf ihn gerichtet mit einem Ausdruck, den er sich nicht zu erklären vermochte, – Angst lag in den Augen, oder Verwundern, oder was lag sonst in ihnen? Zorn! Oder war es nur ein Lächeln gewesen, fröhliches, unbekümmertes Lachen? »Warum kommst du nicht, Geir Thors? Herrlich wird es sein!« Er war so gebannt, daß er länger auf sie sah. Lange, lange betrachtete er sie. Ein Knecht begann im Nebengelaß zu husten. Es war wohl der alte Magnusson, – ja, es ging bald zu Ende mit ihm. Das Fieber saß ihm in den Knochen seit der Zeit, da er durch den Gletscherbach gegangen war, in seinem Alter! Plötzlich richtete der Bursche sich auf und sah um sich. Aus dem Knechteraum nebenan kam wieder das Husten. Einer schnarchte, gleichmäßig und unbeirrt. Die Leute schliefen. Er hatte geträumt, er hatte geschlafen. Er sah kein Bild mehr, nicht das Mädchen! Und Magnussen war seit langem tot. Der ganze Hof war ja tot. Ausgelöscht, überrannt vom Berg, was hatte er denn am Abend gedacht? Er wollte gehen, ja! Und er hatte sich vorgestellt, wie er eine Hütte unterm Vatna baute. Das Holz wollte er von der spanischen Bark holen, und auch Treibholz natürlich, wenn es sich fand. Vielleicht lieh ihm der Händler von Hornafirdi einige Pferde, denn es würde viele Holzlasten geben. Und wenn man noch den Proviant und die Geräte dazurechnete, so mußte er oft reiten, bis er alles herangeschafft hatte. Jau! Das war klar! Er hörte den Nachtwind draußen um das Gehöft streichen. Eine Weile lauschte er seinem gleichmäßigen Ziehen und Singen. Leichter Wind aus West! Es war bald wie ein Atmen, das kam und ging. Es schwoll und verebbte, dann war eine Pause. Bis es wieder anstieg. Er fühlte, wie sein Körper wohltuend erschlaffte mit diesem Singen und Ziehen. Die Gedanken wichen. Je länger er auf den Wind hörte, der gegen die Holzwände des Hauses fiel, um so mehr war es ihm, als ob zum Leben kein Wille mehr gehörte, als brauchte man sich nur tragen zu lassen mit geschlossenen Augen und tatenlosen Händen, durch die Zeit, durch die Jahre. Das Leben war von selbst gekommen und lief von selbst weiter, und auch das Ende kam wie von selbst heran. Man brauchte nur zu warten und zu liegen, bis es sich erfüllte. Er träumte weiter, verhehlte sich aber nicht, daß er auf dem Hof von Arnarholt lag und sich überlegte, was alles zu tun war, ehe er reiten mußte. Der Knecht, der im Nebengelaß manchmal hustete, war auch nicht Magnusson, sondern es war Ole. Die Leute hatten die ganzen letzten Wochen im Moor gearbeitet, und Ole hatte sich dabei wohl erkältet. Aber er träumte dennoch. Er wollte träumen! Er warf dem Falben den Sattel über den Rücken und band den Bauchgurt fest. Es sollte einen Ritt in den Berg geben. Er ritt hinter Asdis, bis er sie erreicht hatte. Dann führte er sie in die halbe Höhe der Berge hinauf, wo der Bach floß. Plötzlich war ein seltsames Singen in seinem Körper, aber er wußte, daß es nur von dem Wind herrührte draußen. Er achtete nicht weiter darauf, sondern wandte seine Blicke wieder dem Mädchen zu. Oh, er wußte, daß er nur träumte, denn zu der Zeit lag Asdis ja drüben in ihrem Zimmer und schlief. Aber das Bild aus den Bergen wollte nicht wiederkehren, als er daran dachte. Der Gletscher wollte nicht auftauchen hinter dem Bild des Mädchens Asdis. Auch der Bach floß nicht mehr, er war verschwunden. Es blieb nur der Anblick des Mädchens. Er festete sich dabei und betrachtete sie. Sie war ihm jetzt ganz nahe gekommen. Ein ungewisses Lächeln lag über ihrem Mund. So, als wartete sie, daß er mit ihr sprechen sollte. Er sollte ihr etwas sagen! Da murmelte er ihren Namen. Es war nur ein trockenes Flüstern. Doch er schämte sich sogleich, daß ihm das Wort über die Lippen geglitten war. Unbeherrscht! Eine warme Welle lief durch seinen Leib. Das war die Scham. Er lag mit offenen Augen und sah auf das matte nächtliche Fenster. Er atmete langsam, atmete mit dem Ziehen des Windes, der um die Bretter der Außenwand strich. Am Ende reckte er sich, schlug die Decken zurück, sein Körper war heiß. Wie er so lag, glitten seine Blicke an seinem Leib hinab, schwer und stark waren seine Glieder. Auch sein Atem wurde schwerer. Und plötzlich sah er wieder das Bild des Mädchens vor sich. Nicht der Gletscher stand hinter ihr, sie lag auch nicht drüben in ihrem Gemach, sie war hier, sie war gekommen! Er streckte seinen Arm nach ihr aus, zog sie an sich, wie im Traum, unbewußt, gezwungen. Er umfing sie. Da erwachte er. Das Fenster stand kalt in der Nacht. Grau. Starr. Mit seinen Kanten und dem kleinen Kreuz in seiner matten Fläche. Sein Blut sang, überdröhnte das Ziehen des Windes. Es rauschte, sein Blut! Taumelnd stand er auf. Er wollte sich ankleiden, hinausgehen in die Nacht. Die Peitsche nahm er, die Mütze. Ging leise an den schlafenden Knechten vorbei auf den Flur hinaus. Immer noch zitterten seine Glieder wie im Krampf. Trieben ihn. Ja, er wollte reiten, sein Pferd holen! Doch als er im Gang stand und sich bücken wollte, um den Sattel aufzuheben, kam er nicht so weit! Seine Hand schloß sich um eine Klinke. Er drückte sie nieder und stand vor dem Lager des Mädchens Asdis. – – – – Asdis lag und schlief. Die weichen Wellen ihres Haares lagen um ihr weißes Gesicht wie ein Kranz. Leicht geöffnet waren ihre Lippen, und die Lider träumten. Einmal öffneten sie sich zu einem kleinen Spalt, als ob sie wach geworden wäre. Durch das Dunkel sah sie zur Tür hin, und es war darauf, als ob ein Lächeln um ihre Lippen flöge. Sie schob die Decke von ihrem Hals, um freier atmen zu können, die runden Formen ihrer Brüste hoben sich. Jetzt sah sie Geirs Gesicht im Dunkel und lächelte wieder. Dann war das Lächeln mit einem verflogen. Ihr Kopf fiel auf die Seite, und die Augen schlossen sich. Frierend raffte sie die Decke wieder über ihre Brust und schlief weiter. Sie hatte geträumt: Geir Thors hätte an ihrem Lager gestanden. Geir Thors! Wie hatte der alte Oddur gesagt? Seltsam, sie fühlte immer noch die Augen Geirs auf sich ruhen, als sie nun schlief. Ein Geräusch weckte sie kurz danach aus ihrem Träumen. Ein leises Knarren, als ob die Tür sich in den Angeln drehte. Müde hob sie den Kopf ein wenig aus den Kissen. Doch sie hörte nur den Wind draußen um das Gehöft streichen. Auch Asdis horchte lange auf sein eintöniges Singen ... VI Der alte Oddur hatte recht gehabt mit dem Bauern. Die Knechte bekamen ihn kaum mehr zu sehen. Er nahm auch nicht mehr an den gemeinsamen Mahlzeiten teil, sondern die Mägde mußten ihm in der letzten Zeit die Gerichte hinübertragen in seinen eigenen Raum. Und wenn sie dann wiederkamen, so wußten sie meist dasselbe zu berichten. Er hatte an seinem Tisch gesessen und sie kaum angesehen, als sie eintraten. In Papieren blätterte er, oder er saß da und hatte gar nichts vor. »Er sinniert! Das tut er«, sagte die Kristin einmal. Und die Knechte nickten dazu. Und auch die Mägde. »Jau! Er sinniert also!« Aber keiner wußte, worüber. Nur die alte Kristin war in diesem Fall wieder klug genug, um es zu erraten, aber sie redete nicht darüber, sondern sah nur manchmal lange und nachdenklich auf das Mädchen, aus dessen Gesicht in der Zeit aller Schein gewichen war. Aber die alte Kristin wußte noch mehr. Sie sah, daß das Mädchen Asdis oft unruhig den Kopf hob, wenn irgendwoher die Stimme von Geir Thors kam. Und daß sie dazu auch noch rot wurde, – nicht selten. Wo das hinaus wollte? In einem Hof bei Hlidarenda hatten die Leute erzählt, daß Asdis »einen« von der Stadt hätte. Aber warum wurde sie dann rot, wenn der Bursche kam? Das wußte die Alte nun doch nicht! Als sie an einem Mittag mal zum Haus hinausschlurfte und an ihrem Stock zur Schmiede hinüberhumpelte, aus der Klirren und Hämmern kam, weil Geir Thors dort seinen Hengst beschlug, da hätte sie doch bald mit ihren alten Augen etwas gemerkt; denn wie sie näher kam, sah sie hinter der offenen Tür das Mädchen Asdis stehen. Sie stand richtig da und sah dem Jungen zu. Mit einem versonnenen Blick. Und ganz blaß war sie und ihre Lippen schmal. Und darauf sah sie plötzlich mit ihren hellen Augen über die Wiesen hinaus, als ob sie dort etwas zu suchen hätte, und dann sah sie wieder in die Schmiede hinein, wo Geir arbeitete und sie gar nicht zu gewahren schien. Unverwandt hatte sie ihn betrachtet, bis sie dann plötzlich die alte Kristin sah. Da war ihr Gesicht mit einem Schlag rot geworden, als ob sie einer auf schlimmen Wegen ertappt hätte. Kristin blieb stehen mit ihrem grauen, verwitterten und faltigen Gesicht, genau neben dem Mädchen. Auch Kristin sah jetzt in die Schmiede hinein, wo Geir eben ein Hufeisen glühte und zurechthämmerte, mit zornigen scharfen Schlägen. Da hatten die beiden wohl miteinander geredet! stellte Kristin fest und mußte unwillkürlich an ihren Seligen denken: der hatte es auch immer so gehalten, jau, wenn sie mit ihm gesprochen hatte. Dann hatte er immer am liebsten gehämmert, daß der Amboß dröhnte und die Funken stoben. Jau, das war so seine Art gewesen. Und jetzt der Bursche. Es gab nichts Neues im Leben. Alles kam wieder herangerollt, nur die Leute waren andere, jau, jau! Aber sie mußte sich doch wundern, daß die Tochter des Bauern hier vor der Schmiede stand, obschon sie sonst den Burschen kaum zu sehen schien und nur ein paar Worte für ihn hatte, kärgliche Worte, wenn sie bei der Mahlzeit am gleichen Tisch sitzen mußten. Für den Augenblick gab es nun allerdings anderes zu denken. Die Alte stampfte mit ihrem krummen Stock auf die hölzerne Türschwelle. »Zeit! Zeit! Da ist der Tisch schon angerichtet, und man wartet nur, daß es den Leuten gefallen soll zu kommen.« »Hm!« setzte sie noch mißtrauisch dazu und sah an dem Mädchen hinauf und danach auf Geir, ehe sie forthumpelte. Und richtig war es nachher bei der Mahlzeit dasselbe wie immer. Es fiel kaum ein Wort, weil die Tochter vom Hof auch keines sagte und am Ende nur den üblichen Tischsegen, ehe sie aufstand und weglief. Die alte Kristin nahm sich von da an vor, ein wenig auf die beiden aufzupassen, ganz abgesehen davon, daß sie das heimlich immer schon getan hatte. Sie lief also nach einer halben Stunde wieder zur Schmiede hinaus, aber sie fand dort nur den Burschen, der dem Roten eben das letzte Eisen auf den Hinterhuf nagelte, worauf er die Spitzen der Hufnägel abzwickte und krummschlug und schließlich verfeilte. Asdis aber sah sie nicht. Nur kam eines Tages ein Mann, den der Pastor von Hlidarenda zu dem Bauern geschickt hatte, weil er ihm einen Brief bringen sollte. Die Kristin stand dabei, wie Kjarval ihn aufbrach und las, was Sera Egil geschrieben hatte. Sie schaute nur so von der Seite ein wenig mit ihren schmalen Augenschlitzen auf Kjarval und sah, wie seine Hand samt dem Brief zitterte. »Es ist gut!« sagte er zu dem Boten, »die Mägde haben wohl das Abendbrot gleich fertig, und du kannst dann warten!« Aber Kristin hatte wohl gemerkt, daß es trotzdem nicht gut war mit dem Brief, wenn auch der Bauer das gesagt hatte. Und auch der Botenreiter war weggegangen und hatte nur einen scheuen Blick auf Kjarval geworfen. Ja, er wollte doch lieber gleich wieder reiten, weil es sicher zum Regnen käme noch vor Abend, hatte er gesagt. Oddur wollte mit seinem Sattel in die Stube hinein, als der Bauer noch in der Tür stand. Ein Bügelriemen war abgerissen, und der Alte brauchte Pechdraht und eine Ahle, um ihn zu flicken. Da sagte Kjarval zu ihm und hatte dabei ein böses Lächeln um seinen Mund: »Hast du Lust, einen Ritt zu tun? Du wärst mir der richtige Führer. Es kommt morgen ein Gast auf den Hof, siehst du. Du müßtest ihn auf Gislis Hof abholen, weil er allein den Weg nicht finden kann nach Arnarholt. Willst du?« »Also gut. Dann halt dich bereit morgen nachmittag!« sagte er, als der Alte geschmeichelt sein unglückliches Gesicht in Falten legte und zustimmte. »Dann reitest du also morgen!« Die alte Kristin wiegte bedenklich mit dem Kopf, als der alte Oddur nachher in der Stube saß und schmunzelte, weil der Bauer ausgerechnet ihn unter all den Jungfüchsen und kecken Burschen herausgesucht hatte. Richtig eine Ehre war es! »Wenn es nun der ist?« fragte ihn die Alte plötzlich, »der aus der Stadt!« »Ha?« Oddur legte den Kopf schief und vergaß zu priemen, obwohl er seine Tüte mit den Tabakbissen schon offen auf dem Tische liegen hatte und eben zugreifen wollte, »welcher denn wohl?« »Nun, der ,... der das Mädchen haben will!« Oddur ließ geschlagen die Schultern hängen, als die Kristin darauf ausmalte, was sie alles wußte, und was die Leute wußten und was sie zu guter Letzt noch mit eigenen Augen gemerkt hatte. Und daß es ein Pastor war wie Sera Egil, nur jünger natürlich. Oddur freute sich nicht mehr von da an. Er hockte trübe auf seiner Bank und kraulte sich auch dazwischen hinter seinen Ohren. Und überhaupt dachte er viel nach an diesem Abend. Als das Mädchen Asdis an ihm vorbeikam, nachdem sie fast den ganzen Nachmittag draußen durch die Steppe getrabt war und ihr Gesicht vom Wind brannte, da hob er nicht einmal den Kopf, sondern starrte immer noch trübselig in die gleiche Ecke, daß es sogar dem Mädchen auffiel. »Vielleicht will Euer Vater mit Euch sprechen!« schrie Kristin hinter dem Tisch hervor, wo sie saß und ein paar Löffel putzte, »geht einmal hinein zu ihm!« Und als das Mädchen gegangen war, blieb sie immer noch hocken und wartete auf den Augenblick, da sie wieder in die Stube kam. Die Mägde hatten schon das Abendbrot auf die lange Tafel gestellt. Die alte Kristin wollte sehen, wie Asdis die Nachricht aufgenommen hatte, und ob sie sich darüber freute. Aber Asdis schien nicht glücklich zu sein, als sie nachher mit dem Bauern kam, und der Bauer sich sogar an diesem Abend mit an den Tisch setzte, obwohl das schon lange nicht mehr der Fall gewesen war. Geir Thors war überhaupt nicht gekommen. Nein, ein blasses Gesicht hatte das Mädchen! Die Mägde flüsterten untereinander, und die Knechte hatten gespannte Gesichter, – sah die alte Kristin. Und dabei hatte sie doch nur der Großmagd ein wenig davon gesagt, wen der Bauer morgen erwartete, hm. »Morgen kommt Besuch ins Haus, Leute!« sagte der Bauer einmal und sah auf und an dem Tisch entlang, »es ist ein junger Priester, der drüben dem Pastor helfen soll. Er wird morgen auf den Hof kommen, daß ihr es wißt.« Asdis sah auf ihren Teller, während er sprach. Darauf sah sie zum Fenster und dann an die Wand, und schließlich bückte sie sich auf ihren Schoß hinab, weil da ein Brosam vom Tisch gefallen war. Nachher streifte sie den Platz, an dem Geir Thors sonst saß. »Wo ist denn Geir?« knurrte Kjarval. »Bei den Pferden, er wollte noch reiten!« krähte Oddur zurück. Es war fast, als ob der Bauer erblaßte über dieser Antwort. Er hob gleich darauf die Tafel auf und ging, um nach dem Burschen zu sehen. Andern Tags ward also die Ankunft des Pastors auf einem Hof erwartet, der eine halbe Tagereise nach Westen lag. Gisli Magnussen hauste dort, ein pfiffiger Händler, der mitunter in großen Reisen mit seinen Waren über das Land geritten kam, um sie an den Mann zu bringen. Zu der Zeit lag er aber mit schwerem Reißen zu Bett und starte trübsinnig durch die Fensterscheiben nach draußen, wo der Regen in endlosen Schnüren vom Himmel hing. Außer ihm war noch ein alter Knecht auf dem halb verwahrlosten Hof, kein Weibsbild weit und breit war so mild; daß sie es länger als zehn Tage bei den alten Junggesellen ausgehalten hätte, die wie zornige Knurrhähne durchs Haus und durch die Ställe schlurften oder im Warenraum mit seinen vielerlei Kisten und Säcken herumkramten. Oddur hatte gemeint, daß er den Fremden gut abholen konnte drüben, weil er ein Geschäft mit dem Händler hätte. Er ritt also durch die feuchten Wiesen davon und wählte den Weg durchs Moor, weil er kürzer war als der gewöhnliche Reitweg zum Händler. Richtig ein Wetter, dünkte es den Alten, um einen Pastor abzuholen, richtig. Die Regentropfen schlugen ihm ins Gesicht, und der Schlamm spritzte manchmal bis an den Hals seines Pferdes hinauf, wenn er durch eine der öligen Pfützen ritt, die überall die Wiese durchbrachen und zuletzt zum großen Moor wurden. Der Teufel wußte, daß es kein Vergnügen war, auf dem dünnen Band dahinzutraben, das manchmal schaukelte und schnaufte, wenn das Pferd mit dem Huf unter die Rasendecke gestochen war und sich schnaubend wieder frei machte. Aber Oddur kannte wie kein zweiter den schmalen Weg, der wieder herausführte aus der braunen Hölle. Verächtlich sah er vom hohen Sattel auf die Blasen hinab, die manchmal auf der trügerischen Decke zerplatzten. Ein Meter zu weit ab, nun, nur einen halben oder mitunter auch mal einen Fußbreit, wenn man zu dicht heranritt, es war eigentlich kein Spaß, wenn man die Sache bei Licht betrachtete. Des Pastors wegen hätte ihn kein Hund vom Hof weggelockt, den Alten. Aber er brauchte nun einmal einen neuen Sattel, der Händler hatte zu jeder Zeit ein gutes Dutzend an der Wand hängen. Aber einer großen Stange hingen sie aufgereiht, schönes neues braunes oder schier weißes Leder, mit silbernen Beschlägen oder mit purpurrotem Samt ausgelegt, mit breiten vernickelten Bügeln. Und Oddur wollte für das Ende seines Lebens einen Sattel haben, auf dem es sich bequem und stolz zum Himmel fahren ließ, daß sie droben gleich sehen konnten, was für einen vornehmen Zuwachs sie da bekommen hatten. Das sollten sie, beim Teufel! Natürlich wollte er auch bezahlen, was recht war, denn Oddur war kein Händler. Oddur verachtete die Händler, die nichts weiter tun konnten als den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Das war kein Christenwerk! Aber Oddur hatte noch anderes im Sinn, worüber er sich den Kopf schon seit Tagen zerbrach. Das »Andere« stand ganz oben im Arzneischrank des Händlers. Eine besondere Medizin war es! Und ihrethalben legte er sich die Worte zurecht, die er zum Händler sagen wollte, wenn er das Moor endlich hinter sich hatte. Er linste vor sich hin, ob er noch den richtigen Weg hielt und ob nicht bald das Gehöft Gislis zu sehen war. Nun, das Pferd fand den Weg allein. Er war schon oft hier geritten. Er konnte ruhig weiter überlegen. Gisli sollte heute steife Ohren machen! Er würde mit ihm herumstreiten, daß es eine Art hatte. Hier war Oddur! Oddur! Glaubte Gisli vielleicht, daß Oddur plötzlich sein Gehirn verloren hätte? Er wollte ihm zeigen, hier, – (dabei hob er einen Sattel von der Stange und warf ihn zu Boden!) – Leder nennst du das? Das sind Lumpen! Nichts als Lumpen! Vielleicht hat deine Großmutter sich nun endlich von ihrem Unterrock getrennt, den sie seit ihrer Hochzeit getragen hat. Dann hast du das Sattelgestell mit ihm überzogen, damit ehrliche Leute, hm, hm, damit also ehrliche Leute – ». Aber glaube nur nicht, daß der alte Oddur darauf hereinfällt! Gisli sollte in Oddurs Vorstellung nun versuchen, ihn zu besänftigen. Dafür gab es ein Mittelchen. wie gesagt, stand es im Arzneischrank ganz oben auf der Leiste, so daß man es unmöglich sehen konnte, wenn man sich nicht den Hals nach hinten umbrechen wollte. Es war in einer grünen Flasche mit einem roten Papier darauf. Auf diesem Papier stand zwar »Terpentin«,aber Oddur wußte, daß das nur eine List war von Gisli, hihi, damit niemand auf den Gedanken käme –. Es war nämlich Sprit in der Flasche! Oddur kämpfte verbissen mit seinem trockenen Gaumen und grübelte weiter. Vielleicht auch konnte man es so erreichen: Man geht in den Laden hinein,– dabei sieht man sich gleichgültig um: »Sei gesegnet, Gisli! – (Du alte dicke Ratte!)« »Sei gesegnet und willkommen, Oddur!« Jetzt müßte man schweigen, bis der andere wieder beginnen würde. »Der Pastor ist nicht da.« Oddur: »Noch nicht?« Eben deshalb war Oddur ja schon so früh geritten, damit er vor ihm eintreffen würde. »Näää?« Schweigen. »Willst du vielleicht etwas einkaufen derweil?« »Näää!« »So – ich dachte!« »Nein! Deine Waren sind so schlecht, daß keiner mehr bei dir kaufen will!« »Waas? fragt Gisli erschrocken und zitternd. »Jau!« Und dann: »Ich dachte, daß du Sprit hättest, vielleicht hast du wirklich Sprit?« »Ja, Euer Gnaden, sofort!« – Gisli rennt mit rotem Kopf nach einer Leiter und klettert an dem Arzneischrank hinauf. »Hier, Euer Gnaden! Noch mehr?« und wirklich holt er das grüne Fläschchen herab. Da, so konnte man es machen, dachte Oddur im Weiterreiten. Dieser Weg führte bestimmt zu der Flasche. Er grinste fröhlich vor sich hin, trotz des schlechten Wetters und des Pastors, wenn er sich die Herrlichkeit ausmalte, die auf ihn wartete. Er hatte selten einen so guten Gedanken gehabt, dünkte ihn. Der Schalk blitzte ihm aus seinem einen Auge, aber aus dem andern kam nur ein hohles Zucken, das dem Tod selbst entsprungen schien – Das empfand auch der Pastor noch am gleichen Tag, als er mit Oddur von dem Hof des dicken Gisli wegglitt, um nach Arnarholt zu kommen. Die Nacht hatte sich schon über das Land gelegt, und weil Oddur sich ein gutes Handgeld in den Magen geschlürft hatte für den Heimritt, so schwankte er natürlich etwas im Sattel hin und her. Da er den neuen Sattel vorderhand noch zu schonen gedachte, hatte er ihn auf die Kruppe seines Pferdes gebunden. Er trug einen langen schwarzen Ölmantel über seinen eckigen ausgemergelten Schultern und hatte den Hut herabgekrempt, damit der Regen an ihm ablaufen konnte. So ritt er vor dem »neuen Pastor« her in die Nacht hinein und wandte ihm dabei hin und wieder sein Gesicht mit dem hohlen Auge und den blassen Wangen zu, daß Leif Halldorsson unwillkürlich an ein Skelett denken mußte, das ihm einmal auf einem Gang durch die Katakomben von Paris leibhaftig aus einer Nische entgegengegrinst hatte. Fröstelnd zog er die Schultern zusammen, sooft der alte Oddur sich nach ihm umdrehte, um zu sehen, ob er noch auf dem richtigen Weg hinter ihm war. Es wollte ihn dünken, daß der Boden unter den Füßen seines Pferdes zu schwanken begann, nur hin und wieder, – gewiß war das Gelände moorig, in dem sie ritten. »Ja, es ist ein wenig sumpfig«, knurrte Oddur einmal, als der Prediger von hinten rief, ob der Weg sicher sei? »Es ist gut, Pastor!« Oddur grinste noch hinterher. »Nur, man muß ihn eben kennen. Ihr tut gut, wenn Ihr Euch etwas hinter mir halten wollt, Hochwürden!« Noch während er das sagte, führte er sein Pferd in einem rechten Winkel weiter, obwohl kaum ein Grund dafür zu sehen war und auf jeden Fall kein Weg. Nach einer weiteren halben Stunde hielt Oddur schließlich wieder den alten Kurs, und auch dafür war kein ersichtlicher Grund vorhanden. Der Alte ritt demnach nur nach seinem Gefühl, dachte der Prediger schaudernd und hörte mit bleichem Gesicht zu, wie das Moor unter den Tieren zu stöhnen und zu schwappen begann. Einmal ritt Oddur durch einen Sumpfbach, der sich mitten durch das Moor schlang. Bis an den Sattel tauchte er in das schwarze Wasser hinein, nicht tiefer! Langsam hob sich der Leib seines Pferdes wieder aus den Fluten. Aber diesesmal hatte der Pastor am andern Rand abgewartet, ob der Alte wieder auftauchen würde. »Kommt, Hochwürden!« brüllte Oddur durch die Nacht, »sagte ich nicht, daß Ihr hinter mir reiten solltet?« Der Pastor ließ darauf sein Tier in die Fluten planschen, selbst der Gaul zitterte am ganzen Leibe, dünkte es ihn. Vorne begann Oddur wieder zu denken. Bis jetzt war sein Kopf etwas schwer gewesen von Gislis Flasche. Aber allgemach begann er sich zu besinnen. Einmal lachte er laut vor sich hin, weil er plötzlich wieder auf einen Gedanken gekommen war. Er hatte an Geir gedacht und an das Mädchen. Es sollte ihm keiner sagen, daß sie nicht füreinander geschaffen waren. Jau, sie waren also richtig füreinander geschaffen. Das hatte er gewußt, als der Sandfellhof noch frei unter den Wolken stand und Rauch aus seinem Schornstein stieg. Hm, übrigens der Hof! Es wollte Oddur heiß in der Kehle aufsteigen, als er daran dachte, jetzt und hier, wo der Himmel über einem hing, als ob man selbst schon in einer Grabeskammer läge und das Wasser von den Wänden und Steinen troff. Als ob die Welt um einen verschwunden wäre für immer! Die beiden Jungen fielen ihm wieder ein, wie sie nebeneinander standen: Geir und das Mädel, ein stämmiger Bursche, hoch gewachsen, mit kecken Augen. Und das Mädchen mit wehendem Haar und einem stolzen Gesicht. Jau. Dann kam der Berg. Kjarval kam danach, und am Ende wieder das Mädchen. Nur daß sie jetzt nicht mehr Geir gehören sollte, weil da hinten einer ritt, der sie haben wollte. Ja, Oddurs Gedanken begannen wirklich zu streiten, wie er vor dem andern herritt, der nun Gast seines Bauern werden sollte und doch nicht willkommen war auf dem Hof. Er wollte durchaus nicht begreifen, daß das Mädchen Asdis nach einem andern seine Wünsche schicken konnte als nach Geir Thors, was sollte ein Mädchen mit diesem hier gemein haben, das mit Männern um die Wette ritt und einen Vater hatte, der der erste Bauer war im weiten Kreis? Oder konnte sich vielleicht einer mit Kjarval messen? Und es war längst nicht mehr alles beim alten auf dem Hof von Arnarholt. Sogar die alte Kristin wollte nicht mehr anfangen zu keifen und zu wettern und zu flüstern, sondern sie saß nur da, hatte die Hände in den Schoß gelegt und sah auf das Mädchen. Die alte Kristin war immer nur ein Gerippe gewesen, jetzt aber wurde sie dick wie ein Brot, das eben aus dem Ofen gekommen ist. Was das zu bedeuten hatte? Sie mußte viel hinabschlucken jetzt, was sie vorher immer von sich gespien hatte. Darum wurde sie dick. Natürlich hatte sie das nicht hören wollen, als der alte Oddur einmal den Mägden eine Rede darüber hielt, »Und er wird immer magerer, weil ihn der Teufel reitet, der Lump!« hatte sie gekrält und ihm einen giftigen Blick zugeworfen, während sie ihren abgewetzten Stock hinter ihm herschwang. Hehe! Aber eines war sicher, daß das Mädchen selbst keine Augen machte wie eine Braut, die sich auf die Brautnacht vorbereitet. Hm, was wußte nun Oddur wieder von einer solchen ersten seligen Nacht? Aber natürlich hörte man so manches darüber! Oddur lugte wieder ein wenig hinter sich. Sie waren jetzt mitten in der großen Ebene, die jedoch nur von außen her betrachtet eine Ebene zu sein schien, inwendig aber eine gähnende Grube war, dunkel und braun und ölig. Einmal machte Oddur ein bedenkliches Gesicht, denn er hatte die Zügel seines Gauls etwas zu hart angefaßt, und der Hengst drängte nun unter ihm weg, weil er der Stelle nicht traute, zu der ihn der Ruck des Zügels geführt hatte. Er schnaubte erschreckt und ging gegen den Alten an. Da stob dem Knecht wieder ein Gedanke durch den Kopf, beinahe im selben Augenblick! Etwas schwankend hielt er das Tier an und sah auf den Pastor, der einige fünf Meter hinter ihm kam. Der Sprit begann ihm wieder im Kopf umzugehen, daß er sich im Sattel stützen mußte. Aber deshalb wußte er doch noch genau den Strich im Grund, wo der Weg aufhörte und die Ewigkeit begann. »Hochwürden!« murmelte er langsam und verzog sein Gesicht zu einem Grienen, »Hochwürden!« Der Prediger hielt sein Pferd nun auch zurück und sah aufmerksam auf den Alten, der wie der leibhaftige Tod vor ihm über dem Wege stand. Ja, Oddur war ganz von seinen Gedanken erfaßt. Wer wollte es nun sagen, wo der Pastor geblieben war? Das Moor war so groß! Und vielleicht konnte dann alles noch gut werden mit den beiden Jungen. Es mochte ja schauerlich sein, die Schreie eines Versinkenden zu hören und das Brüllen des armen Pferdes, das der schleichende Tod von hinten nach vorne auffraß, unerbittlich, so sehr es sich auch sträubte. Oddur konnte sich dieses Schreien ganz genau vorstellen. Aber dann lachte er plötzlich leise auf und wieherte schließlich vor Lachen, wie er das nie vorher getan hatte. Er zeigte in das Dunkel hinaus, wo ein paar Irrlichter im Moor sprühten, sonst konnte man kaum einen Unterschied oder ein Merkmal im Sumpf und in der Nacht erkennen, und sagte lachend, so daß das Pferd unter ihm stieß: »Seht das Moor, Herr! Hihi, wie es leuchtet! Drüben, – seht! wie Kerzenflämmchen in der Kirche! Und – – – seid Ihr nicht ein Pastor , – – – Hochwürden?« Sera Leif kniff den Mund zusammen, indem er auf den Knecht sah und sein verrücktes Gebaren. Ein Feigling war er nie gewesen, der junge Prediger: »Reitet weiter, Alter!« rief er ruhig Zu dem Alten hinüber, »Kjarval å Arnarholt erwartet mich noch heute zu Gast! Und mir dünkt, wir müssen eilen, wenn wir zu angemessener Stunde auf dem Hof sein wollen!« Oddur sank plötzlich wieder im Sattel zusammen. »Hoh!« trieb er auf seinen Gaul ein und ließ ihm die regennasse Peitsche über die Schenkel sausen. »Gast, – jau! Der Gast des Bauern!« murmelte er vor sich hin. Der Pastor dachte, – er dachte bei sich, wie ihm das Mädchen Asdis unter der Tür von Arnarholt entgegenkommen würde, – mit einem frohen Ausruf und mit Augen, in denen es schwamm und glitzerte von unterdrückter Freude. Sie mußte an sich halten, damit die Leute vom Hof nicht zuviel sehen konnten, nicht mehr, als dem Gesinde nun einmal offenbar werden durfte von dem, was die Tochter des Bauern in solcher Stunde empfand. Natürlich! Und er würde ihre Hand nehmen und spüren, wie sie zitterte, – – eine warme Hand, die ihn liebkoste und sich dann scheu wieder aus seinen Fingern löste, weil die Leute ja nicht zuviel sehen durften. Nicht zuviel! »Nun ist alles in seiner Ordnung!« würde dann der Bauer sprechen, »Ihr wißt ja, Hochwürden«, redete er weiter und sah dabei mit einem stolzen Blick auf seine Tochter, »Sera Leif, was ich Euch damals in der Stadt sagte, daß Ihr kommen solltet, wenn Ihr Euer Amt erhalten hättet. Hier ist meine Tochter. Und nun –« Sie saßen allein in den Räumen des Bauern. Leise hörte man die Knechte im Zimmer nebenan reden, weil sie wußten, daß der Bauer einen Gast bei sich hatte, einen Prediger. Und die Mägde sahen einander mit blanken Augen an und redeten so viel, wie eben Frauen redeten. Eine Predigersfrau! Ja, denn nun war es eine abgemachte Sache, in einigen Wochen war es so weit. War es nicht seltsam, daß Sera Leif unter den vielen Damen der Stadt, in all dem Zauber der Feste und der rauschenden Gesellschaften gerade das Mädchen Asdis erwählt hatte, daß sie sein Leben mit ihm teilen sollte, ein ganzes Leben? Und hatten nicht viele Mädchen gehofft, daß vielleicht ihnen das Glück winkte, das Glück eines Lebens an seiner Seite? Es waren Mädchen, deren Väter wohl gesehen waren bei Hofe, er aber hatte die Tochter eines Bauern erwählt. Und er bereute es nicht. Die Knechte machten ihm – so malte er sich weiter aus – in den nächsten Tagen ehrfürchtig Platz, wenn er zwischen den Gebäuden umherging, und er dankte ihnen freundlich, aber ohne viel mit ihnen zu sprechen. »Ja, das Wetter!« sagte er wohl zu einem grauhaarigen Alten und nickte dazu. Und der andere rückte ein wenig am Hut, denn natürlich nahm der Knecht nicht den Hut ab wie die Stadtleute, wenn sie mit dem Pastor sprachen. Aber was wollte das schon bedeuten! Man las aus dem Gesicht des Alten, daß er stolz war, weil der Pastor mit ihm über das Wetter sprach. »Ja, das Wetter, Sera Leif –« sagte er und rückte wieder am Hut – – » Aber der Pastor hatte ganz vergessen, daß er noch im Moor ritt zu dieser Zeit. Und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht Oddur in demselben Augenblick sich wieder umgewandt hätte, als Sera Leif schnurgerade dort weiterritt, wo Oddur vorher sorgfältig einen Bogen gemacht hatte. Gerade an dieser Stelle war ein mannstiefes Loch im Grund, das selbst beim lichten Tag dem Bauern von Arnarholt einmal um ein weniges das Leben gekostet hätte. Die dünne Rasendecke begann bereits unter den Hufen des Pferdes zu schlingern und zu wogen, als der Alte geritten kam und den Gaul beiseite zerrte und nach achtern, worauf er wieder schweigend weiterritt, als ob nichts geschehen wäre, und als hätte er dem Stadtmenschen nicht eben das Leben ein wenig verlängert. »Warum habe ich ihn nicht reiten lassen, wenn er schon durchaus wollte?« schimpfte er sich nachher. »Dummkopf!« Aber der Pastor hatte gar nicht bemerkt, wie nahe er der Hölle gewesen war. Nur hielt er sich jetzt dicht hinter seinem Vorreiter, bis nach einer guten Zeit ein paar Lichter trüb durch die Regenschleier blinkten, gelb und unscharf. »Dort seht ihr den Hof, Hochwürden!« sagte der Knecht. Doch als der Prediger darauf fragte, wie es dem Bauern ginge und seiner Tochter, Jungfer Asdis, und ob alles wohl wäre und dergleichen Fragen mehr, da hielt es Oddur nicht für nötig, ihm eine Antwort drauf zu geben. Und Sera Leif wollte es vorkommen, als ob er nie einen mürrischeren und unheimlicheren Begleiter gehabt hätte als in dieser Nacht. Als die dunklen Hofgebäude über der Anhöhe von Arnarholt gegen die grauen Nachtwolken standen, für den Städter anzusehen wie ein paar rohgetürmte Felsen oder Erdhügel, aus denen eine dünne Lichtbahn in die Nacht fiel, da wollte ihn bald die Angst überfallen, die er schon im Moor empfunden hatte. Erst der grinsende einäugige Knecht, der sein Pferd vor ihm den lehmigen Reitweg hinaufführte, dessen Weichen und Läufe bis zum Rücken hinauf verdreckt waren, der strömende Regen, und nun die niedrigen unförmigen Hütten, – ein beklemmendes Gefühl legte sich Sera Leif auf die Brust, bald als hätte er Abschied genommen von der Welt und für immer. Oddur koppelte die Pferde und ging vor ihm her zwischen den Gebäuden hindurch, bis er vor dem Wohnhaus haltmachte und die Tür zum Gang aufstieß, während plötzlich aus dem Nichts eine Meute von Hunden aufgetaucht war und den Fremden bellend umsprang. »Tretet ein, Hochwürden!« knurrte der Alte in demselben Augenblick, in dem sich im Hintergrund eine Tür öffnete, in deren Rahmen er die hohe Gestalt des Bauern gewahrte. Kjarval å Arnarholt trat einen Schritt in den Gang hinaus und hieß Leif als seinen Gast willkommen, mit feierlichem Gesicht und gleicher Gebärde, ehe er ihn in die Hofstube führte, wo das Gesinde ihm mit neugierigen Augen entgegensah. Scharrend erhoben sich die Männer und Burschen hinter dem Tisch und von den Bänken, und jeder von ihnen sagte seinen Gruß, zuletzt auch die Mägde. Sera Leif ließ nachdem seine Blicke durch den niedrigen Raum gehen, weil er auf das Mädchen Asdis wartete. Doch wurde seine Geduld auf eine lange Probe gestellt, weil er nicht die Sitte des Landes kannte. Er hätte sonst wohl nicht geglaubt, daß die Tochter des Bauern einem Gast mit unbeherrschter Freude und einem klingenden Lachen entgegeneilen würde. Mit höflichem Nicken beantwortete er die Fragen des Bauern nach seiner Reise und ob er ein gutes Pferd für den langen Ritt gehabt hätte. Die Thiorsa führte wohl nicht viel Wasser zu dieser Zeit, und der Lachsfluß? Es war ja nun mitten im Sommer, wer ihn über den Fluß geführt hätte? Etwa der Knecht Gislis? Sera Leif nickte und sah dabei verstohlen nach der Tür hin, durch die das Mädchen hereinkommen mußte. »Ihr seid doch nicht wohl durch das Moor gekommen, oder seid Ihr, Sera Leif?« fragte der Bauer plötzlich und sah auf die schmutzigen Stiefel seines Gastes. Der alte Oddur hatte sich in die unterste Ecke des Raumes gedrückt, weil er diese Frage schon lange erwartet hatte. »Ja, wir ritten durch das Moor«, murmelte der Gefragte, der langsam unruhig zu werden begann. Es war ein Glück, daß er in seiner Ungeduld vergaß, näher auf diesen Gegenstand einzugehen, obschon ihm unwillkürlich noch ein Schauer über den Rücken lief, als er daran erinnert wurde. »Das Moor –« ging es unter den Knechten um, »das Moor, jetzt in der Nacht!« Oddur war ganz klein geworden in seiner Ecke, man konnte bald nichts mehr von ihm sehen. Zum Glück öffnete sich gerade jetzt die Tür – Asdis stand auf der Schwelle. Sera Leif sprang von seinem Stuhl auf und eilte auf sie zu, um sie zu begrüßen, aber er blieb auf halbem Wege wie festgewurzelt stehen, während sie in feierlicher Haltung näherschritt und ihm die Hand entgegenhielt wie einem Fremden. Er sah bestürzt in ihr Gesicht und wußte nicht, wie ihm geschah. Hilflos hielt er ihre warme weiße Hand. Nun erst kam ein unterdrücktes Lächeln in das Gesicht des Mädchens. Sie nickte ihm zu und führte ihn zum Tisch, zu den andern, und bot ihm Platz. Es war das zweitemal, daß Sera Leif die Sitte des Landes nicht verstand: daß soeben nicht das Mädchen Asdis ihn begrüßt hatte, sondern die Frau des Hofes. Obschon es bald auf die Mitternacht ging, war der Tisch zu einem großen Mahl gedeckt, an dem die Leute des Hofes teilnahmen, während das Mädchen zu Häupten des Tisches saß und für das Wohl eines jeden einzelnen von ihnen Sorge trug. Zu ihrer Rechten saß Sera Leif, ihr Vater zur Linken. Steif und gehemmt nur wurde gesprochen. Es war das Gastmahl. Ungläubig hingen die Blicke des jungen Predigers an dem Mädchen, als sie ihr Haupt neigte und mit klarer Stimme den Tischsegen betete. Die Knechte rückten darauf hinter dem Tisch hervor und kamen in einer langen Reihe zu dem Bauern hingeschritten, um ihm die Hand zu reichen und für das Mahl zu danken. Dann wiederholte sich dasselbe mit Asdis. Sie legten ihre schweren Pranken in die zarte Hand des Mädchens: »Dank, Frau!« »Dank!« Darauf polterten sie plaudernd aus der Stube und warfen wohl auch im Hinausgehn noch dem Pastor einen kurzen Blick zu. Die Mägde trugen ab. Das Mahl war zu Ende! »Ich werde Euch zu Eurem Schlafraum begleiten!« sagte Kjarval å Arnarholt danach zu seinem Gast und führte ihn durch das Haus, nachdem er dem Mädchen gedankt hatte und gerade noch Zeit fand, ihr ein Wort zuzuflüstern, nur ein Wort! Asdis blieb zurück. Das war der Willkomm gewesen! Es war der Willkomm auf dem freien Land, das nichts anderes so ehrte wie die Sitten der Vorfahren. Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, als Leif allein war und sich auszukleiden begann. Dunkle Wolken jagten am Nachthimmel, und weit draußen im Westen lag der schwere Saum des Moores, über das er mit dem Knecht geritten war. Das Land ringsum war tot, flach, so weit das Auge reichte, und öde. In den Gedanken Sera Leifs war es wie ein Gegenstück zu den verschlossenen Gesichtern seiner Bewohner, den niedrigen, gedrückten Hütten, in denen sie hausten seit Hunderten von Jahren, und auf die sie gleichwohl stolz waren mit dem eigenwilligen Selbstbewußtsein des Bauern. Was ahnte der Mann aus der Stadt von den Hochweiden, auf denen Tausende von Schafen Jahr um Jahr zogen, von Hang zu Hang und von Berg zu Berg? Was wußte er von den stolzen jagenden Herden der Pferde, die mit wehenden Schweifen und unbeschlagenen Hufen durch die Brüche brausten! Hatte er jemals geträumt, daß er auf dem Rücken eines schnaubenden Hengstes hinter ihnen hetzte, während der Sturm in seinen wehenden Haaren riß und der Schaum seines Pferdes in Flocken auf seine Wangen stäubte? Und hatte er auf den Bergen gestanden und über die Schlünde hingesehen, die so geheimnisvoll das Land zerrissen, zwischen denen die Berggeister geschäftig hin und her rannten und sie mit Leben erfüllten? Nie war er auf einem müden Roß durch tiefen Schnee geritten, mit klammen Fäusten um die Zügel, auf denen der Atem des Tieres sich in glasigem Eis niedergeschlagen hatte und bei jedem Zügelruck in seinen Kristallen losbrach und wegstäubte. Wer dann seiner Heimat entgegenritt und seiner Hütte, dem war es oft, als ritte er in das Paradies. Und wenn noch ein Weib ihn am steinernen Herd erwartete und eine jubelnde Kinderschar, so ließ er wohl seine Blicke zurückfliegen über das Land, das die Hufe seines Pferdes an diesem Tag bewältigt hatten, und wieder voraus zum Ziel. Und mußte er dann nicht dieses Land lieben, in dem er lebte und kämpfte, und in dem das Glück ihn erwartete? Selbst dann hätte er es lieben müssen, wenn es nur eine Wüste von harten zerrissenen Felsen und Steintrümmern gewesen wäre und nicht die freie offene Steppe, die sich weit nach Norden bis zu den Bergen zog und im Süden erst ihre Grenze fand an dem weißen Gischt des Meeres. Die Wolken schienen sich mit der Erde vereinigen zu wollen. Sie drückten tiefer aus den Höhen. Nur ein Bauer wußte daraus zu schließen, daß nach einer Stunde der Regen enden würde, daß Nebel über die Wiese kriechen würde, Nebel, der die Nacht hindurch noch auf dem Land stand, die Gräser benetzte und des Morgens dann im Licht der strahlenden Sonne weit über die Ebene hingleißen würde in Myriaden von grünen und roten funkelnden Tausternen, und daß die Erde dann schöner war als je zuvor. Der Fremde streckte sich auf sein Lager hin und hörte auf das Klopfen und Rinnen des Regens, eine Möwe hörte er in der Nacht kreischen, ein Hund antwortete mit einem verschlafenen Knurren, und mitunter schlug eine Tür, die die Mägde zu schließen vergaßen, als die Nacht hereinbrach, weil sie doch heute einen Gast erwartet hatten, auf den sie neugierig gewesen waren. Ein eigentümlicher strenger Duft war in dem Raum, in dem Leif lag und auf den Schlaf wartete. Er kam von den Rasen- und Torfstücken, aus denen die Wände der Bauernhäuser bis zur halben Höhe bestanden und die auch das Dach bedeckten. Erdgeruch war im Zimmer und auch draußen im Gang, war überall in den Räumen. Der herbe Duft der Erde begleitete den Bauern bis in seine Hütten hinein, in denen er schlief. Auch in diesem Duft lag etwas von bäurischem Wesen. Feindlich und abweisend, so kam es Leif vor. Und es war doch die Heimat des Mädchens, das er liebte! In diesen Wänden war sie geboren und hatte als Gespielen nur die Knechte gehabt und die kräftigen vollbrüstigen Mägde, hier war ihre Jugend gewesen. Die wachsende Blume auf den rauhen Feldern des Landes. Rauh war das Land! So dachte Leif zum andern Mal, weil er nichts wußte von der silbernen Herrlichkeit blinkender Tümpel und Seen, in denen sich schreiend und lachend weiße Vogelschwärme badeten, und auch nichts von kleinen Lämmern, die mit wedelnden Stummeln ihre rosigen Mäulchen in das Euter des Mutterschafs stießen und saugten und rissen, bis sie auf ihren schwachen Vorderläufen zusammenbrachen und nachher verträumt im grünen Gras lagen und im Schlaf blökten. Die Gedanken Leifs wollten sich um das Mädchen ranken, er wollte ihr über das schimmernde Haar streichen wie oft vorher. Aber die strenge Tracht des Landes, in der er sie heute gesehen hatte, wies seine Hände zurück, ließ sie niedersinken. Und das leise, beinah schelmische Lächeln, mit dem sie ihn heimlich und forschend während des Gastmahls betrachtet hatte, selbst das verblaßte vor der Feierlichkeit, mit der sie ihn bewirtet hatte wie einen Landfremden. Morgen wollte er zu ihr sprechen, ohne die vielen Augen der Knechte. Selbst ihr Vater sollte nicht zusehen dürfen, der stolze sichere Bauer, dem alle geistliche Würde und der Stand nichts zu gelten schienen, sondern nur das Alter. Und Sera Leif war im Vergleich zu ihm noch bald ein Junge, wenngleich er ein Prediger war, – er war noch ein Junge nach seinen Jahren. Auf dem Hof draußen stampfte plötzlich ein Pferd, Bügel klirrten. Dann kam ein langsamer Schritt auf das Haus zu, während das Pferd sich trappelnd zu entfernen schien. Die Tür ging, und jemand bewegte sich an dem Gastzimmer vorüber den Gang hinauf, bis die Schritte verschwanden. Es war Geir, der spät in der Nacht auf den Hof zurückgeritten kam. Als Sera Leif anderntags erwachte, gleißte die Sonne durch das kleine Fenster zu seinen Häupten. Ihre Strahlenbahnen fielen wie goldene Balken durch den Raum und zauberten ein Lichtmuster auf die langen Bodendielen und die Tür. Und als er den Blick wandte und auf die Steppe hinausschaute, dehnte sich grünes frisches Gras bis zum Horizont. Vogelstimmen jubelten durch den taufeuchten Morgen. Ein paar Rinder zogen mit gehörnten Stirnen und großen feuchten Augen über die Weide, und vor der Scheune balgten sich die Hunde. Freude funkelte über diesem Morgen. Glück! Es war das Land – das offene, freie, atmende Land, das nun erwacht war unter einem blauen, weitgespannten Himmel. Ein junges weißes Füllen strich am Haus entlang und rupfte Gras von der Rasenwand, mit der die Hütten umbaut waren. Und auf dem Dach gegenüber saß eine große Raubmöwe und schaute mit schnellen ruckenden Blicken um sich – das war der Morgen. Jemand pochte an die Tür des Gastzimmers, ein leises scheues Pochen. Und als Sera Leif zur Antwort rief, ging die Klinke nieder, und Leif Halldorsson starrte mit weitgeöffneten Augen auf das Bild, das sich ihm bot. Er glaubte zu träumen. Ein festlich gekleidetes junges Weib stand auf der Schwelle. Im langen buntgewirkten Seidengewand. Ihre Hüften waren von einem vielgliedrigen Gürtel aus funkelndem, gelbem Gold gehalten. Goldene schmale Kettchen schlangen sich durch das runde Mieder mit den schwellenden Kuppen der Brüste, über die die langen blonden Flechten des Haupthaares fielen. Mit einem herzlichen Lächeln und rot überhauchten Wangen trat das Mädchen Asdis an sein Bett und bot ihm aus silbernen Geräten den Morgentrunk. Sera Leifs Hand zitterte, als er die Gefäße berührte und ihre Finger streifte, die die Platte hielten. Atemlos betrachtete er das junge Weib, – Asdis, das Mädchen, das sein war. All die drückenden Gedanken der Nacht waren ausgelöscht. Er fieberte nach ihrer Hand, nach ihrem Munde und nach ihrem Gruß. Stammelnd griff er nach ihrem Arm und wollte sie zu sich niederziehen, wollte ihre Lippen berühren, sie umfangen, wissen, jetzt, sofort, daß sie sein war, immer, immer. In der leuchtenden Sonne – im erwachten Morgen! »Du hast mich gequält in der Nacht mit deinen Worten. Ich war wie ein Fremder!« stieß er leidenschaftlich hervor und suchte nach ihren Augen, weil er fühlte, wie ihr Leib bebte und sie ihm widerstand, während ihr Lächeln jäh verblaßte. »Leif!« flüsterte sie, »Leif! Besinne dich! Ich kam, um dir den Gasttrunk zu bringen. Es ist nicht die Stunde jetzt!« sagte sie beinahe unhörbar und trat von seinem Lager zurück um hinauszugehen. Doch bevor sie die Tür öffnete, tastete sie nach ihren Flechten, ob sie noch wohlgeordnet über die Schulter fielen. »Die Mägde haben schon angerichtet, Sera Leif!« sagte sie dann laut und klar, als sie durch die Tür trat. Leif sah, wie die Klinke von außen niedergedrückt wurde, sich wieder aufrichtete, er hörte noch ihre Schritte, – sie ging. Das Wunder war verblichen. Erst jetzt wurde Sera Leif gewahr, daß er die Gastfreiheit verletzt hatte, indem er sich von seinen Gefühlen hatte hinreißen lassen. Zum drittenmal stand das freie Land gegen ihn mit seinen alten feierlichen Gesetzen, die es dem Leben seiner Menschen gegeben hatte. Sera Leif wußte nicht, daß auch der Bettler, der nach Arnarholt kam, ein Gast war wie er. Auch ihm reichte die Frau des Hofes den Morgentrunk an seinem Lager. Im Süden des Hofes lag eine Lagune mit stillen Wassern, die nur durch einen schmalen Durchbruch mit dem Meer verbunden war, das vor ihr mit Rauschen und gischtenden Wellen wogte. Möwen stiegen in Wolken von den Rändern des flachen Sees auf, wenn einer vom Hof sich ihnen näherte. Aber auch Enten und Schwäne ruderten auf dem blanken Wasser umher, und wenn die Sonne in der Mittagshöhe vom Himmel brannte, lagen Seehunde im warmen Ufersand, faul und unbeweglich wie runde Walzen. Wenn die Flut schwoll nach jeder zwölften Stunde, schob sich die Brandung in sprühenden Kämmen über den niedrigen Sandwall hinein, der die Lagune von dem großen Bruder Atlantik trennte. Und für eine Zeit begann der Wasserspiegel sich zu trüben und brodelte unter den Stößen der langen wandernden Wellenzüge, die über ihn hereinbrachen. Die Seehunde glitten mißmutig und zögernd von ihren Ruheplätzen ab, schwammen durch die Lagune hindurch und krochen an ihrem jenseitigen Uferrand wieder auf den trockenen Sand hinauf, um tief und ungestört weiterzuschlafen, während die Vögel kreischend über die Wellen hinstrichen und nach allerhand Getier fischten, das mit der Flut über die Sandbank hereingeschwemmt war, Schalentiere und Muscheln oder Schwärme kleiner Fische, die springend und glitzernd dicht unter der Oberfläche des niedrigen Gewässers dahinstürzten und einen Ausweg suchten vor den spitzen Schnäbeln der Gefiederten, denen sie nicht mehr wie im freien Meer durch schnelles Tauchen entgehen konnten. Der Tisch war gut gedeckt zur Zeit der Hochflut. Und das Leben, das sie brachte, die schwirrenden Flüge der Enten und die kreischenden Scharen der Möwen, das Leben wollte fast nicht zur Ruhe kommen danach. Es war kein Wunder, daß das Mädchen Asdis seit ihren frühesten Kinderjahren an den Ufern der Lagune zu liegen liebte und Stunde um Stunde über das Meer hinsehen konnte, ohne sich zu rühren, mit der Vertieftheit des Kindes oder den halbwachen suchenden Gedanken des erwachenden jungen Weibes, das den Geheimnissen des Lebens entgegenreift mit einem drängenden unruhigen Leib, über dem es nun sinnt und träumt und Wünsche hat, die sich erst spät, spät erfüllen sollen. Spät, wenn man die Stunden zählt, die Jahre, die sie schon wuchsen und wurden, die Gedanken und das Sehnen, von dem die Jungen glauben, daß es einmal zur Ruhe kommen werde, einmal, wenn sie ihre Kraft verströmen könnten in starker Liebe, – als ob die Menschen nicht bis zu ihrem Tode von diesem Sehnen getragen würden und erst dann starben, wenn sie nichts mehr besaßen, um das sie kämpfen konnten! Es war natürlich, daß das Mädchen Asdis ihren Gast zu der Lagune hinausführte, die so viel von ihrem Leben gesehen und erlauscht hatte, zu dem stillen blinkenden Wasser im Süden von Arnarholt. Während sie neben Sera Leif durch die feuchten Wiesen ritt, war es ihr, als ob das ganze Bild ihrer Jugend sich wieder vor ihr aufrollte und in einer langen Kette alle die kleinen und oft so unbedeutenden Geschehnisse an ihr vorüberzogen, die ihr als Kind begegnet waren. Sie sah sich wieder am See sitzen als kleines Mädchen, das noch nicht so alt war, daß die Mägde es für nötig hielten, trotz alles Bittens und vieler Tränen, ihr die Haare in Zöpfen zu flechten, wie die Erwachsenen sie trugen. Ihre Mutter hatte sie kaum gesehen, weil man sie früh bei dem Kirchlein von Hlidarenda begraben hatte, so früh, daß dem Kind keine andere Erinnerung geblieben war als das Gefühl von einer großen Wärme und Zärtlichkeit, mit der eine hohe blonde Frau sie umhüllt hatte. Das kleine Mädchen hatte einst an dem blanken Wasser gesessen und so viel Unerhörtes und Wichtiges gesehen an jenem Tag, daß es sich nicht trennen konnte von dem Ort, selbst als die Sonne schon lange hinter das Meer getaucht war und blaue Schatten sich über das Land und die Wiesen schlichen. Es kauerte an einen Stein gelehnt im warmen Sand und schlief darüber ein in der milden Sommernacht. Als es wieder erwachte, ritten viele Reiter in der Lagune umher, von einem Ende zum andern, und schienen eifrig etwas zu suchen, – viele dunkle Reiter kreuzten das Gewässer und riefen oft mit dumpfen Stimmen einander an. Und die kleine Asdis sah hinter ihrem Stein hervor auf das gespenstische Treiben und wagte nicht, sich zu rühren, damit nicht einer der Männer sie erblickte. Die kleine Asdis fürchtete sich. Aber unversehens war doch einer der Männer zu ihr hinübergeritten und wurde sie gewahr. Er sprang mit einem Freudenschrei vom Pferd und drückte sie an seine Brust. Und erst im letzten Augenblick hatte Asdis ein angstvolles Weinen unterdrückt, weil sie sah, daß der große starke Mann ihr Vater war. Das war die erste Erinnerung, die das Mädchen Asdis mit der Lagune verband, die wie ein silberner Streifen sich allmählich vor ihnen aus dem Grase hob. Und viele andere folgten ihr, – Punkte und Marksteine auf ihrem Weg bis zu diesem Tag, an dem sie mit einem Manne zur Lagune ritt, dem sie viel von dem geschenkt hatte, was auf diesem Lebensweg in ihr herangereift und geworden war. Und der nun gekommen war und sie begehrte. Stumm ritt das Mädchen dahin. Die Bilder wechselten. Sie dachte an eine Nacht vor wenigen Tagen, in der ein anderes Gesicht sich über sie gebeugt hatte – im Traum! Und was sie nie vorher in ihrem Leib gespürt hatte, das war plötzlich aufgerauscht und zum Leben gekommen, als diese Augen auf sie hinabblickten, während sie – schlief. Und Unruhe war seitdem in ihr. Sie ließ ihr Pferd an dem kleinen Bach trinken, der über Steine in vielen Windungen zum See hinlief und sich in fröhlichem Geplauder mit ihm vereinigte. Und als sie den Sand der Lagune erreicht hatte, sprang sie aus dem Sattel und setzte sich am Ufer nieder, während der Graue und das Pferd Leifs einträchtig nebeneinander zum Gras zurücktrotteten und zu weiden begannen. Auf das Meer sah sie hinaus; Sera Leif saß an ihrer Seite und sprach davon, was ihn bewegte. Er wandte seine Augen nicht von ihrem erglühenden Gesicht, während er von seiner Liebe sprach und seiner Hoffnung. Und von seinem Glück, das nur in ihr ruhte und ohne sie zerrinnen mußte. Sie fühlte seinen Arm um ihre Schulter und seine Hand über ihrem Haar, und gab ihm ihren Mund, als er sie bat, – ihre warmen weichen Lippen, zitternd vor Erwartung. Doch löste sie sich darauf behutsam von ihm und sah wieder stumm auf die Wellen hinaus, sah übers Meer, aber ihre Augen waren geschlossen dabei. Ihre Erwartung galt einem Traum. Nur Sand und Steppe und das große Meer waren um sie, und doch war es ihr, als sähe sie einen Gletscher, der mit grünen Eisrücken und getürmten Berghäuptern bis in den Himmel stieg. »Deine Liebe, Asdis –«, flüsterte der Pastor und wollte sie umfangen und liebkosen. Seine Hand streifte zärtlich über ihre atmende Brust und ihren Arm. Und wie im Traum ließ das Mädchen es geschehen, daß er sie berührte. Doch sprang sie mit einemmal zitternd auf und strich sich verwirrt durch das Haar. Stumm ging sie zu ihrem Pferd und begann heimwärts zu reiten. »Bist du da, Tochter?« fragte Kjarval å Arnarholt, als sie mit ihrem Gast auf den Hof hineintrabte. In seiner Stimme schwang Sorge mit und Kummer. Zärtlich hob er sie vom Pferd herab und nahm die Zügel des Grauen. »Es erwartet Euch drinnen einer«, sagte er zu Sera Leif, »der Pfarrer von Hlidarenda ist gekommen, um Euch seine Pfarre zu zeigen. Vielleicht hören wir am nächsten Sonntag Eure Predigt«, scherzte er, »aber seht Euch vor«, meinte er noch danach, »es ist nicht leicht, es den Bauern recht zu machen, weil sie selbst gewohnt sind, zu säen und zu ernten. Doch geht nun hinein zu Sera Egil. Er hat Euch mit Ungeduld erwartet!« Noch am selben Abend ritt der Greis mit seinem jungen Amtsbruder dem Kirchlein zu, das mit seinem steilen schlanken Turm in den Vorläufern des Berges stand. Er führte ihn nicht zuerst zum Pfarrhaus, sondern ritt an ihm vorbei die kleine gewundene Steigung zu der hölzernen Kirche hinauf, wo er sein Tier anhielt und einen großen unförmigen Schlüssel aus der Tasche seines Pastorenrockes hervorholte. »Der Herr segne Euren Eintritt, Kandidate!« sagte er freundlich, als der Schlüssel kreischend das Schloß geöffnet hatte und das Portal sich auftat. »Es ist eine arme Pfarre, hier im Osten«, erläuterte er darauf, indessen seine schweren Reiterstiefel auf die gelockerten Steinfliesen des Mittelgangs hindröhnten. Kahl und karg standen die Bänke an den Seiten, poliert waren sie zwar, doch nur durch den Gebrauch der Kirchleute, die seit einem guten Jahrhundert auf ihnen gesessen hatten, jeden Sonntag, den der Herr seither gegeben hatte. Sera Egil schritt auf den Altar zu. Und fast war es dem Vikar, als hätte sein Gang sich plötzlich verändert, – der Greis hatte sich aufgerichtet und sein Blick flößte Ehrerbietung ein, seine Augen schauten durchdringend und klar. Seine linke Hand trug er an der Brust, als läge die Bibel zwischen ihren Fingern. Er trat die zwei abgeschliffenen Stufen zum Altar hinauf und hob wie flüchtig die rechte Hand über den Jungen, im Zeichen des Kreuzes: »Der Herr segne Euch, Leif Halldorsson, an dieser Stätte, an der Ihr wirken wollt. Ein Leben lang war es mir gegönnt, Worte des Lebens von diesen Stufen aus zu sprechen. Des Lebens!« klang es nach, »vergeßt es nicht, wenn ich drüben im Freithof liegen werde, Worte des Lebens!« Er sah die kahlen wenigen Reihen der Bänke hinab, als ob er Abschied nehmen wollte von ihnen, und sah zu den Fenstern auf, durch die Abendröte fiel, in der Berge draußen lohten, senkte sein Haupt und trat langsam die Stufen herab – ein Greis! Auch Leif hatte unbewußt den Kopf geneigt vor der Erscheinung des armen Bauernpfarrers in seinem altmodischen grobgeschnittenen Rock, der nun wieder wie verwandelt vor ihm stand und ihn am Arm ergriff. »Kommt, Leif Halldorsson, ich will Euch noch die Orgel zeigen! Es kommt selten einer von der Stadt, der sich darauf versteht, eine Orgel auszubessern, wenn es not tut, – es fehlen deswegen ein paar Stimmen, – doch wenn man sie durch die Begleitung ersetzt, dann kann man kaum bemerken, daß sie fehlen, die Stimmen.« Sera Egil blieb vor einem niedrigen Harmonium stehen und schlug den Deckel der Manuale auf. »Hier und hier! Ihr müßt Euch ein wenig üben, bevor Ihr zu ihr singt vor der Gemeinde! Oder ich werde Euch begleiten, wenn Ihr wollt! Doch kommt nun zum Haus hinüber!« sagte er mit seinem freundlichen abgeklärten Lächeln. »Es wird sich alles geben. Und wie ich Euch schon sagte, ich werde Euch auf der Orgel begleiten.« Als er schon vor das Portal getreten war, sah er die Sonne hinter den Bergen untergehen und ging darauf wieder in das Dunkel der Kirche zurück, wo im Mittelgang zwei Seile aus dem Turm herabhingen, in deren Ende jeweils eine Adlerklaue eingeknotet war. Der Abendsegen klang über das Land, das zum Schlafen ging, hinauf zu den trotzigen eisbedeckten Höhen des Blauen Berges und hin über die Markar, die unterhalb des Pfarrwesens mit dreißig breiten Armen durch die Steppe floß, mit schmutzigen Gletscherwassern, die auf der breiten Stromfläche in Wirbeln dahintrieben. Ein paar kärgliche Holzkreuze lugten hinter der Kirche hervor, schief und gedrückt, neben ihnen zwei neugezimmerte Kreuze, die noch nicht lange an diesem Ort sich erheben mochten. Die Glocken verklangen. Sera Egil drehte seinen großen Kirchenschlüssel im Schloß und kam herbei. »Es ist das Land!« sagte er leise, als ob er die Gedanken seines jungen Amtsbruders erraten hätte, »seht, dort drüben bin ich geboren, dort unter der Felsspitze. Ihr seht sie wohl, der Bergrücken hinter ihr, der nach Süden verläuft, unter ihm steht ein Hof, Hamragardar, der Hammerhof! Dort wurde ich geboren vor bald achtzig Jahren.« Und obschon es nur hundert Meter bis hinab zum Pfarrhaus waren, kletterte er auf seinen Schimmel und ritt bis zur Haustür. »Tretet ein, Leif Halldorsson!« Bald gingen Reden unter den Bauern der benachbarten Höfe um, die zum Kirchspiel gehörten. Und im Mittelpunkt dieser Reden stand Sera Leif, der Vikar des Pastors. Die einen lobten seine Predigten und wußten zu erzählen, wie schön er seine Worte setzen konnte. »Vielleicht wird er noch ein Bischof«, sagte die blinde Ahne des Bauern von Storolfsvoll, die keinen Kirchgang versäumt hatte, obwohl sie der Bauer, ihr Sohn, jeden Sonntag wie eine Packlast neben sich herführen mußte, während sie mit geschlossenen Augen auf ihrem Pferd saß und nur bisweilen fragte, ob jetzt vielleicht bald der Lummenfelsen zu sehen wäre, – oder später, wie weit es noch sei bis zur Markar. Aber kam das Wegstück, das durch die alten zerfressenen Lavafelsen führte, so merkte sie das von allein, weil dort die Hufschläge der Pferde nicht mehr dumpf und hohl klangen, sondern hell und scharf, daß sie trotz ihrer blinden Augen die gereckten Steintrümmer um sich zu sehen vermeinte, genau wie sie aus dem Krächzen eines Kolkraben schloß, daß der Vogel sich jetzt drüben zur rechten Hand von einem Felsen löste und langsam durch die Windungen der Schlucht strich, bis er dicht vor den Nasen der Pferde über den Weg schoß – klatsch! Das letzte hatte sie nun wiederum an dem erschrockenen Zittern ihres Pferdes gemerkt und daran, daß es plötzlich mitten im Trab hielt und nicht mehr weiter wollte. Wohl! Da mußte der Rabe jetzt über den Weg geflogen sein! »Schön predigt er schon, der junge Pastor!« Das sagten all die Leute vom Kirchspiel. Doch seit dem Tag, da die Ahne nicht mehr zum Kirchlein reiten konnte, weil sie sich zum Sterben niedergelegt hatte und daraufhin dann auch richtig gestorben war – sie war so sanft hinübergegangen, daß ihr Sohn, der Bauer, zuerst wirklich nicht gewußt hatte, ob sie nicht vielleicht doch bloß schliefe und nach einiger Zeit wieder erwachen würde, – seit der Zeit sagten die Leute auch noch etwas anderes. Sie meinten, daß Sera Egil stets den Leuten die Augen zugemacht hätte, wenn sie ihren letzten Atemzug getan hatten. So war es auch immer Sitte gewesen. Doch der neue Pastor hätte am Sterbebett der Ahne gestanden und hätte das nicht getan, obwohl der Bauer lange darauf gewartet hätte, weil es doch so der Brauch war. Nun hatte die Ahne zu Lebzeiten zwar immer ihre Augen geschlossen gehabt, weil sie ihr ja ohnehin nichts nützten, aber in der Sterbestunde waren sie offen geblieben. Als der Bauer deshalb den jungen Prediger bat, daß er mit seinen geweihten Händen die Lider des Weibes schließen möchte, da hatte der Vikarius nur mit blassen Lippen die Alte betrachtet und hatte keine Antwort gesagt, sondern nur mit einem so eigentümlichen, abweisenden Blick auf den Bittsteller gesehen, daß der Bauer zuletzt stumm an das Totenlager getreten war, weil er dachte, daß es auch einem Sohn gut anstehe, seiner Mutter diesen letzten Dienst zu erweisen. Sera Leif war gleich darauf gegangen und hatte den Imbiß, der in der Stube für ihn angerichtet war, damit er sich vor seinem Ritt erfrischen könnte, nicht einmal berührt. Der Bauer hatte wohl nichts gesagt, aber deshalb hatte er doch auch nichts vergessen davon. Und zum Begräbnis bat er Sera Egil, den Greis, daß er den Segen über das Grab sprechen sollte. So kam es, daß die Bauern und Mädchen, als am Sonntag danach Sera Leif seine Predigt beendet hatte, nicht andächtig auf den Bänken sitzen blieben und viele von ihnen auch nicht die Nummer des Psalms in ihrem Gesangbuch aufgeschlagen hatten, den sie nachher singen sollten. Sie saßen nur schweigend da und blickten auf den jungen Priester mit sonderbar kühlen Augen. Ein wenig später murmelten sie untereinander, anstatt zu singen, und jene, die sangen, hatten darauf schwache und dünne Stimmen, weil sie den Chor der vielen Männer nicht hinter sich hörten, der sie sonst getragen hatte. Als Sera Leif schließlich am Ende die Arme hob und der Gemeinde den Segen gab, hatte er das Gefühl, als ob viele von den Bauern keinen Segen haben wollten, so wie sie aussahen. Aufmerksam zwar, aber unbewegt blickten die Bauern auf ihn. So weit reichte die Macht der blinden Augen der Ahne, die er nicht geschlossen hatte, weil er sich davor gescheut hatte, einen erkaltenden Leichnam zu berühren, der doch ein ganzes Leben lang warm gewesen war wie er selbst und zudem viele Früchte aus seinem Schoß herausgeboren hatte. Der alte Oddur machte sich seine eigenen Gedanken um all diese Dinge, die er seit der Ankunft Sera Leifs hören und sehen mußte. Und zu sehen gab es viel, wenn man seine Augen offen hielt. Es fiel kein frohes Wort mehr auf dem Hof, seit Wochen schon nicht mehr. Und wenn der alte Oddur auch kein Bauer war, sondern nur ein Knecht, so merkte er doch, daß es so nicht weitergehen konnte und daß man einen Strich unter diese Rechnung setzen mußte, auch wenn sie nicht von selbst aufgehen wollte. Es kam wieder die Zeit heran, wo auf Arnarholt emsiges Treiben herrschte, die Berge waren schon des öfteren über Nacht verschneit. Und wenn auch der Schnee nicht weit ins Tal herabreichte, sondern nur dünn und wie feiner Zucker die Kuppen und Bergspitzen bedeckte, eines Tages hatten doch die Knechte vom Hof aus gesehen, wie ein schwerer Schneesturm in Nordost über die Schroffen des Eyasjallegletschers hereinfegte und wirbelnde Fahnen über seinem Eisrücken in den Himmel standen. Kjarval hatte sich die Sache angesehen und nichts weiter gesprochen, aber am dritten Tag nachdem kamen ein paar lange Keile unter den Wolken nach Süden geflogen, heisere Schreie hörte man in der Herbststille über dem Hof. Die Wildgänse verließen die Nordinsel und machten sich auf den Weg zu wärmeren Küsten. Da gab Kjarval å Arnarholt den Befehl, alles für den Berg zu rüsten, zum Abtrieb der Schafe. Es schien, daß der Winter in diesem Jahr früh über das Land kam. Die Knechte machten sich daran, die Geräte nachzusehen, die sie im Berg brauchten. Sie flickten die Zeltblahen zusammen, die den Sommer über auf dem Dachboden gelegen hatten, und drehten neue Schnüre oder schnitzten an den Holzpflöcken herum, mit denen das Zelt im Boden verankert wurde. Andere richteten Sättel her und Taue, und wieder andere setzten neue Bahnen auf ihre Ölmäntel oder machten feste Sohlen unter die Stiefel. Ein emsiges Treiben war über den Hof gekommen. Die Mägde buken und räucherten Fleisch, und selbst die Hunde wurden aufgeregt und sahen mit wedelnden Ruten zu, wie die Männer ihre Vorbereitungen trafen. Doch einmal horchten die Männer plötzlich auf, – das war, als der Bauer ihnen sagte, daß in diesem Jahr Sera Leif mit ihnen in den Berg reiten wollte. Geir Thors legte den Hammer aus der Hand, mit dem er eben ein paar kupferne Nieten in ein langes Lederband geschlagen hatte, weil der Rote neue kräftige Zügel brauchte und die alten schon ganz schwach und brüchig geworden waren. Er legte den Hammer beiseite und ging danach weg. Und das Mädchen Asdis sah ihm mit einem Blicke nach, der dem alten Oddur ins Herz schnitt. Die Knechte murmelten unter sich, daß sie gerne allein reiten wollten, und überdies sei es ein gefährliches Reiten im Berg, und der Pastor säße noch nicht sicher genug im Sattel dafür. Aber es blieb dabei, was der Bauer gesagt hatte. Sera Leif wollte mit in den Berg. VII Der Tag des Aufbruchs war gekommen. Schulter an Schulter hockten die Knechte in der Hofstube hinter den Tischen und hörten zu, was Kjarval å Arnarholt ihnen zu sagen hatte. Und in der Tür standen die Mägde, oder sie liefen auch zwischen den Knechten hin und her und gossen ihnen die geleerten Tassen wieder voll aus großen dickbauchigen Kaffeekannen. »Thorkill soll also den Nordstrich nehmen, das habe ich die Tage mit ihm besprochen. Und du bleibst bei mir, Geir, und Ihr wohl auch, Sera Leif! Wollt Ihr wirklich mit uns reiten?« »Mein Amtsbruder meinte«, räusperte sich der Prediger und schaute auf den Bauern, »es gäbe nicht viel zu tun in der Pfarre, zur Herbstzeit ohnedies nicht! – Ja, ich will schon mit in den Berg.« »Nun, dann ist das abgemacht! Ihr reitet dann bei mir. Geir kann ein Auge auf Euch haben«, fügte er bei, »bis Ihr Euch zurechtgefunden habt!« Sera Leif schickte einen Blick zu Asdis hinüber, die neben ihrem Vater stand, die Hand auf seine Schulter gestützt hatte und dem Gespräch der Männer zuhörte. Aber sie begegnete seinen Augen nicht, sondern sah nur schweigend auf das Papier, das Kjarval vor sich ausgebreitet hatte. Es war eine Karte der Berggebiete, die er sich mit vieler Mühe selbst zusammengezeichnet hatte nach seinen vielen Ritten durch das Innere des Landes. Die Pferde, die auf der Hofwiese herumliefen, schienen den bevorstehenden Aufbruch zu wittern. Sie schritten nicht, gemächlich wie zu andern Zeiten weidend, die Steinmauer entlang, die einen großen Teil des Hofes gegen die Steppe hin abschloß, sie rupften nicht da und dort mit gelangweiltem Senken des Kopfes einen Grashalm los. Es war anders! Jeden Augenblick fuhren ihre Köpfe hoch und wandten sich wie auf ein Kommando alle zugleich den Hütten zu, vor denen Sättel und Zaumzeug in einer langen Reihe lagen. Und oft, wenn sie schon ein Glasbüschel gefaßt hatten, vergaßen sie, es loszureißen, weil drüben im Haus eine Tür gegangen war oder ein Fenster. Jeder Augenblick konnte etwas Neues bringen, etwas, das man nicht übersehen durfte. Aufbruch! riefen die Sättel und Zäume, Aufbruch ins Gebirg! Der Rote lief würdevoll zwischen den andern Tieren umher. Er fraß sich manchmal zu einem von ihnen hin und drängte ihn weg von seinem Weidegrund. Nicht etwa, weil dort fetteres Gras gewachsen wäre als anderswo. Das spielte keine Rolle. Aber es galt zu zeigen, daß er hier der Herr war, dem sie widerstandslos zu gehorchen hatten. Oh, es war nur ein verschwindend kleines Bruchstückchen der Macht, die er in den Bergen besessen hatte. Wenn einer sein Näherkommen übersehen wollte, so blieb er stehen und sah mit starren großen Augen auf ihn hin, – hm, ob er noch nicht bemerkt hatte – dann warf er den Kopf steil zurück und schaute von der Seite nach ihm, und wenn auch das nicht genügen wollte, so stieß er geräuschvoll die Luft durch die Nüstern und trabte an, stellte mit schlagenden Hufen an ihm hoch, daß der andere verdutzt zur Seite wich und davonlief. Denn diese Geste war nicht zu übersehen. Und die Augen des Hengstes blitzten verdächtig dabei, tückisch! Oddur, der Alte, saß auf einem zweirädrigen Karren vor dem Haus, während sie drinnen den Trieb besprachen. Er hörte das Murmeln und Rufen der Stimmen sogar durch die Tür hindurch. Ja, es ging nicht eben leise zu im Haus drinnen. Und Oddur wollte sich nicht mehr die Kehle wundschreien auf seine alten Tage. So saß er in der Sonne und taute sich die Knochen auf. Es gab ja so allerhand zu denken, jau! Viel! Er hatte sein Leben lang nicht so viel denken müssen wie heute. Als er glaubte, endlich zu Rande gekommen zu sein, zu einem Entschluß also, da wollte er gerne die Probe aufs Exempel machen, wie er es immer bei wichtigen Dingen getan hatte. Er nannte es die Sonnenprobe. Sie war ganz einfach. Er fixierte ein wenig einen Pfahl, der vor dem Haus stand, weil die Mägde ja etwas haben mußten, an dem sie die Wäsche aufhängen konnten zum Trocknen, hm. Dann holte er aus und traf auch richtig den Balken mit etwas, mit etwas also, das nicht näher beschrieben werden soll. Als er sah, daß er gut getroffen hatte, begann er nach der Sonne zu blinzeln. Er hob sogar die Hand über die Augen oder vielmehr über sein Auge, denn man mußte sich schonen, wenn man deren nicht mehr zwei hatte wie gewöhnliche Sterbliche. Hm, und dann drehte er den dürren Kopf und sah also wieder auf den Pfahl, an dem die – hm, also die Feuchtigkeit herablief. Und wenn nun die Sonne sie austrocknete, bevor sie den Boden erreicht hatte und im Gras versickerte, dann war alles in Ordnung, was sich der alte Oddur gedachte hatte. Der Alte rutschte aber am Ende aufgeregt auf der Wagendeichsel hin und her, denn die Brühe lief schnurstracks dem Boden zu. Er schaute erst empört auf den feurigen Sonnenball und dann wieder auf den Pfahl, und wurde noch aufgeregter. Die Sache war schon in der Höhe der Grasspitzen angelangt, die an dem Pfahl heraufwucherten. Mißtrauisch blinzelte er hinüber. Aber plötzlich grinste er, denn es war deutlich, jetzt war Schluß mit dem Fluß. Er rannte hinüber und bückte sich hinab, um genau zu sehen. Vorsichtig schob er die Grashalme am Ende des Balkens zur Seite. Jau! Die Sonne hatte gesiegt, im Verein mit dem alten Oddur. Hm, es war also klar! Mittlerweile hatte er einen Zuschauer bekommen. Ein helles Lachen flog ihm plötzlich um die Ohren, über die ihm die Haare so dicht hereinwucherten wie die Gräser um den Pfahl. Als er sich umwandte, sah er Asdis in der Tür stehen, wahrhaftig, zum erstenmal seit vielen Wochen sah er sie lachen, zum erstenmal lachen. Am Ende lachte sie ihm doch ein wenig zu viel. Sicherlich ging das Lachen auf seine Kosten jetzt. Es war also zu viel. Er stand brummend auf und wollte abstreichen. Aber dann besann er sich anders und blieb stehen. »Eh, Jungfer, da lacht Ihr –« sagte er böse. Er sah so komisch aus in seinem Harm, daß ihre Schultern zu zucken begannen und sie schließlich am ganzen Leib flog vor eitel Vergnügen. »Da lacht Ihr nun«, brummte er nochmals, »aber, hm, ich könnte Euch sagen, also, warum lacht Ihr jetzt?« »Hast du etwas verloren, Alter?« »Ich habe etwas gefunden!« sagte Oddur streng und begann nun plötzlich auch zu grienen. »Und es betrifft Euch!« »Mich?« »Just gerade Euch!« »Was ist es denn? Du?« fragte sie plötzlich eifrig, »hast du die Spange gefunden hier? Hab' ich sie hier verloren?« »Hup, Spange?« tat der Alte und machte eine Bewegung, als wollte er eine Fliege verscheuchen. »Hm, also!« flüsterte er dann, »jetzt geht es um andere Dinge! Das sag' ich! Um andere!« Asdis trat einen Schritt näher zu ihm und bekam ihn am Rockärmel zu fassen. »Erzähl doch, Oddur, was ist es denn?« Oddur wurde weich unter ihrem Blick, – er war jetzt nur noch ein weicher Lappen, der jederzeit in sich zusammenfallen und auf dem Boden liegen konnte vor lauter Glück. Das Mädchen war ganz nahe bei ihm, daß er sogar die kleinen Flimmerhärchen betrachten konnte, die um ihre Wangen standen wie silberne Pünktchen. Und er sah ihre Augen so nahe. Er verzieh ihr sogar ihr Lachen in diesem Augenblick. »So, jetzt erzähl doch!« »Hm, es ist nichts, nichts.« Oddur war standhaft. »Oh – « tat sie enttäuscht, während ihr der Schalk aus den Augen blitzte und funkelte. »Jau, es ist schon etwas!« knurrte er vor sich hin und wandte seinen Kopf weg von ihr, »aber das werdet Ihr noch sehen, es ist schon etwas. Wartet nur!« Sie war nun wirklich neugierig geworden, die Asdis, aber in diesem Augenblick kamen ein paar Knechte zur Tür heraus und blieben verwundert stehen. Einer von ihnen lachte. Es war Einar. »He, da sie einer«, rief er laut, – und jetzt kam auch noch der Bauer heraus, »Oddur geht auf Freiersfüßen!« Oddur stand geschmeichelt vor den Knechten und nickte: »Da habt ihr es nun gemerkt, he, hihihi, – nun haben sie es gemerkt.« Auch in Kjarvals Augenwinkeln wollte ein Lächeln hochkriechen. Aber da geschah etwas anderes, auf der Wiese drüben. Das helle Wiehern des Roten riß die Köpfe der Männer herum. Hufschläge dröhnten im Grund. Sie sahen den Roten hoch aufgerichtet vom Boden wegstehen. Er hatte die Hufe bis an das Maul gehoben, und sein wehender Schweif schlug die Luft. Nur für die Länge eines Gedankens währte dieses Bild. Die Augen des Hengstes funkelten tückisch auf seinen Gegner nieder, und seine kurzen Ohren legten sich gedrückt in den Schwung des kräftigen Halses. Alle wußten, was jetzt kommen würde, und doch standen die Männer wie gelähmt. Keiner der Leute hätte auch nur mit einem Ruf Einhalt geboten, keiner der Reiter. Geir stand mit vorgeneigtem Kopf und griff nach dem Arm des Bauern, da krachte der Hengst mit der ganzen schwingenden Kraft seines schweren Körpers auf den Gegner nieder, weit geöffnete und dampfend das Maul, und sein Gegner war Odinn, der Schwarze. Der Huf des Roten rammte ihn zwischen den Ohren, daß er schwankend zurücktaumelte, in die Knie ging und seine Weichen entblößte, schutzlos. Und die schweren Eisen des Roten trafen beim zweiten Ausholen stampfend den Leib des Rappen. Ein blutiger Riß zog durch seine Decke. Die Reiter standen atemlos. Langsam dämmerte es in ihren Gehirnen, daß hier etwas geschehen war, was nicht hätte sein dürfen, was man verhindern mußte. Noch einmal bäumte der Rappe sich auf die Seite. Seine Beine ruderten lächerlich, ziellos in der Luft. Da fuhr der Rote dem Besiegten an die Kehle und biß zu. »Ho, Raudur!« Die Männer stürzten zum Kampfplatz. Flüche, Schreie, eine Peitsche pfiff durch die Luft. Der Rote sah sie auf sich zurennen. Er hob den Kopf, was hatten hier Menschen zu suchen! War es nicht, daß er auf freier Steppe einen zu Boden geschlagen hatte, der sich gegen ihn auflehnte? Mit einem federnden Satz sprang er über den Körper des Rappen und stand noch schnaubend, als plötzlich ein Dutzend Männer über ihn herfielen. Fäuste fuhren in seine Mähne. Er versuchte sie abzuschütteln, kämpfte wie ein Teufel mit den Männern, bis er sich ihnen ergeben mußte. Den Rappen mußten sie töten. Kjarval hatte sein Messer freigemacht, der Schwarze starb von seiner Hand. Ein großes Schweigen kam an diesem Tag über den Hof. Die Knechte murmelten in der Stube. Den Bauern sah niemand bis zum Morgen, wo die Männer sich zum Abritt fertig gemacht hatten. Erst dann kam er vors Haus und sah ihnen zu, wie sie sattelten und die Packpferde beluden. »Hört her, Leute«, rief er plötzlich und hob die Hand, »Thorkill!« Geir blieb bei dem Roten stehen, der immer noch unwillig an seinem Eisen kaute und wild an den Zügeln riß. Thorkill schritt langsam auf den Bauern zu, und die Knechte ließen ihre Pferde stehen, wo sie waren, und wer den Sattel noch nicht festgeschnallt hatte, nahm ihn wieder vom Rücken seines Pferdes und legte ihn ins Gras, derweil. Der Altknecht dachte, daß der Trieb nun beginnen sollte. Er reichte dem Bauern die Hand, wie es seit langem Sitte gewesen war, und wünschte ihm viel Glück im Berg, zum Abtrieb. Kjarval sollte ja ihr Führer sein wie die ganzen Jahre hindurch. Aber Kjarval hob nicht den Kopf, um ihm zu danken. » Welches Pferd wollt Ihr reiten, Bauer?« frug Thorkill. »Da ist der Graue, er geht sicher im Berg. Ihn vielleicht?« Er stand unbeholfen vor Kjarval, eckig, er wußte nicht, was er sagen sollte, er schaute auf seine Kameraden, die hinter ihm standen. »Hört, Leute!« sagte der Bauer plötzlich, »ich bin alt geworden. Ihr werdet dieses Jahr ohne mich reiten müssen.« Verblüfft sahen die Knechte auf ihn. »Wenn es sich so verhält, Kjarval«, sprach Thorkill unsicher, »wer soll, – habt Ihr einen Vorschlag? Wer soll der Führer sein?« Der Bauer schickte seine kühlen Augen über die Männer hin und kam wieder zu dem Altknecht zurück. »Schon zu meines Urgroßvatern Zeiten haben sich die Bergreiter ihren Führer selbst gewählt. Ich habe nichts dazu zu sagen. Aber ihr solltet nicht das Alter wählen, dünkt mich. Es ist eine leichte Wahl, sich dem Älteren zu fügen. Ihr müßt dem Mann in die Augen sehen, den ihr wählt.« Keiner der Knechte erinnerte sich, daß Kjarval jemals so zu ihnen gesprochen hatte. Und keinem entging es, daß die dünnen Lippen des Bauern zitterten. »Er nimmt es schwer«, flüsterte Einar hinter Thorkill, »das mit dem Rappen. – Es ist doch nur ein Tier.« Thorkill wandte sich um und sah über seine Leute hin: »Habt ihr einen Vorschlag?« Als er sich wieder umwandte, sah er, daß der Bauer weggeschritten war, seinem Hause zu. »Redet also!« drehte er sich nach einer Pause wieder zu den Männern, die um ihn herumstanden. Es waren lauter sehnige Gestalten, und wenn einer von ihnen mit den Jahren krumm geworden war, so hatte das nichts zu bedeuten. Das machten die Augen wieder wett und das, was in ihnen zu lesen war. Da waren Gunnlaugur und Magnus und Einar – Einar war noch jung und doch schon alt genug, um ein Mann zu sein wie die andern. Dann war noch Helge da, Pjetur, Ole. Thorkill schaute zu Ole hin. Ole hatte flachsblonde Haare, und sein Bart stand ihm wie ein Brand von den braungebeizten Wangen weg. Seine Beine waren nach der Sattelwölbung gebogen, und sein ganzer Körper hing leicht vornüber, daß es aussah, als suchte er beständig und erwartete, etwas zwischen den Steinen am Boden zu finden. Er war einer von den Alten gleich Thorkill und brauchte nicht mehr geprüft zu werden, weil er bald zwei Jahrzehnte lang den Beweis geliefert hatte, wer er war und was man von ihm erwarten durfte, – alles nämlich! Der Altknecht heftete also seinen Blick auf Ole. »Ole! Ole!« begannen die Knechte zu murmeln, und der dunkelhaarige Pjetur kam schließlich laut mit dem Namen des Alten heraus, »der müßte es sein, jau!« Aber da begann der Flachsblonde sich zu räuspern und hüstelte vor sich hin, wie er merkte, wo die andern hinauswollten. »Kein Wort hätte ich gesagt«, rief er, »kein Wort, wenn es also nötig wäre, wenn es nun durchaus sein müßte. Aber es muß nicht sein!« brummte er hinterher, »oder vielleicht doch?« Nach dieser Unmenge von Worten drehte er seinen Daumen über die Schulter zurück und nickte mit dem Kopf dazu: »Da ist einer, dort drüben! Fragt doch ihn! Oder warum führst du nicht selbst den Trieb, frage ich? Warum nicht?« »Thorkill!« Aber der Altknecht tat, als hätte er seinen Namen gar nicht gehört. »Geir!« rief er über die Wiese hinüber. »Der Bauer hat ihn gemeint!« sagte er zu sich selbst, als der Gerufene herbeikam und wissen wollte, was sie hier besprachen. »Der Bauer kommt nicht mit in den Berg, dieses Jahr!« sagte er laut zu Geir. »Es wird am besten sein, wenn du zu ihm hineingehst und ihm sagst, daß du den Trieb führen wirst. Ist das nicht richtig, Männer?« Zustimmendes Murmeln kam von allen Seiten. »Da hörst du es!« brummte Thorkill dann. »Geh also hinein zu Kjarval.« »Es ist schon der Richtige!« schrie Ole. »Oder hat er nicht im letzten Jahr gezeigt, was für ein Kerl er ist?« »Nun dann, wenn ihr es wollt?« stieß Geir Thors überrascht hervor, »ihr alle?« »Jau, du sollst uns führen!« rief Ole wieder, obwohl er bald dreimal so alt wie der Bursche war. »Geh nun hinein!« drängte Thorkill und ergriff seinen Arm, »drinnen wartet der Bauer und will hören, wie wir uns entschlossen haben.« »Da geht er nun!« griente der alte Oddur, »wer hätte das gedacht. Bergkönig, he!« Aber während der Junge drinnen vor dem Bauern stand und der ihm die Hand reichte, – »Glück ab vom Berg, Geir Thors!' Ich habe gehofft, daß sie dich wählen würden!« – da war der Alte wieder auf seine Wagendeichsel geklettert und hatte das Gesicht in bedenkliche Falten gelegt. »Teufel, Teufel!« fluchte er unausgesetzt und schickte darauf einen scharfen Blick zu Thorkill hinüber, der mit dem Pastor sprach, wußte man nun, was der Schwarze drüben mit dem Altknecht vorhatte, he? Am Ende wollte er nun mit Thorkills Gruppe in den Berg reiten, seit der Bursche die Führung übernommen hatte? Denn natürlich wollte der Pastor nicht gerade tagaus und tagein neben Geir Thors herreiten, das war es wohl, was sie zu sprechen hatten. Als der alte Oddur merkte, wie Thorkill mit dem Kopf nickte und schließlich auch noch Einar herbeirief, ah, nun sollte Einar also während des Rittes ein wenig auf den Pastor aufpassen, auch er nickte und reichte dann Sera Leif seine braune Hand – da kratzte sich Oddur bedenklich hinter den Ohren und dachte nach, daß ihm der Kopf rauchte. Und als Geir Thors schließlich mit dem Bauern wieder aus dem Hause herauskam und die Reiter schon überall bei ihren Pferden standen, lief er zu ihm hin und meinte mit gleichmütigem Gesicht: »Wie wäre es nun, wenn ich mit Thorkill reiten konnte? Da hatte ich mich nun so mit dem langen Ole angefreundet, – hm! Könnte ich nicht mit Thorkills Gruppe in den Berg?« »Ole?« lachte der Bauer, der neben Geir Thors dahinschritt, »jau, die Alten wollen eben nun gerne zusammenbleiben, warum solltest du nicht mit der andern Gruppe gehen?« »Sag Thorkill Bescheid!« setzte Geir noch hinzu, »warte, da kommt er schon, richtig, Thorkill! Ist alles fertig zum Aufbruch?« »Nur der Pastor –« knurrte der Altknecht. »Eben war er bei mir und sagte, daß er bei meiner Abteilung mitreiten wolle. Und ich habe es ihm zugestanden! Wenn er durchaus, will!« Er zuckte die Achseln und tat nicht sehr erfreut darüber. Aber es war ja auch kein leichtes Ding, einen Neuling mit sich zu schleppen. »Dafür kannst du noch den Alten haben, den hier!« scherzte der Bauer und wies auf Oddur. »Er tut seine Arbeit noch wie ein Junger!« Thorkill schien durch diese Neuigkeit wieder bessere Laune zu bekommen. Ein Mann mehr! Das ließ sich hören! »Jetzt ist wohl alles klar. Oder gibt es noch etwas? Die Leute sollen noch einmal ihre Sachen nachsehen! In einer Stunde geht es los!« In dieser einen Stunde schien die Hofwiese zu einem Heerlager geworden zu sein. Die Mägde hatten sich zum Abschied noch einmal fein herausgemacht und liefen mit roten Backen zwischen den Männern umher. Es war ein Lachen und Lärmen, und einer wollte den andern überbieten darin. Manchmal waren auch zwei Köpfe reichlich dicht beieinander, und es setzte Küsse und sogar Tränen. Sigga stand neben Einar und strich bald ihm und bald seinem jungen Schimmelhengst übers Haar und drückte sich auch dann und wann stürmisch an ihn, an den Knecht nämlich. Und der liebe Einar hatte Mühe, all die süßen Brotfladen und das Rauchfleisch in seinem Mantelsack zu verstauen, die sie ihm so nach und nach aus der Küche herbeischleppte, damit er keine Not leiden sollte, solange er fort war. Gunnlaugur hockte mit Lara zusammen im Gras und hatte den Arm um sie geschlungen. Und immer, wenn er glaubte, daß es niemand sehen könnte, kitzelte er sie ein wenig am Hals oder an den Knien, je nachdem, und griente dabei wie der Leibhaftige. An die Genüsse des Magens dachte Gunnlaugur offenbar nicht dabei. Nur der alte Oddur saß still neben den Füßen seines Braunen am Boden und wartete, bis es losging. Nach einer Weile kam dann der Bauer wieder heraus, und neben ihm Geir und der Pastor. Der Vikar hatte die Hand auf Asdis' Unterarm gelegt und sprach eifrig auf sie ein. Man konnte sich ja denken, was er zu sprechen hatte, dachte Oddur sich wieder und sah zu, wie Geir mit rotem Gesicht in den Sattel stieg und Kjarval noch einmal die Hand hinabreichte. Der Pastor kletterte danach auch auf den Rücken seines Tieres und sprach immer noch. Scheinbar wollte er so lange noch reden, bis der Ritt begann. Aber das Mädchen Asdis zog plötzlich ihre Hand aus der seinen und schob sich zwischen ihren Vater und Geir Thors, um auch von ihm Abschied zu nehmen. – »Geir«, sagte sie leise zu ihm und sah zu ihm auf mit ihren hellen Augen. Seltsamerweise sagte sie nicht mehr, sondern bot ihm ihre beiden Hände zugleich in einer plötzlichen Aufwallung. Hernach trat sie zurück, weil der Rote zu steigen begann, so stark preßte der Junge ihm seine Schenkel um die Rippen. Und plötzlich machte sie kehrt und lief ins Haus hinein, ohne sich noch um den Pastor zu kümmern, der mit einem kalkweißen Gesicht hinter ihr hersah. In diesem Augenblick nahm auch Kjarval seine Hand von den Zügeln des Roten, und das Pferd drehte eine Pirouette um die andere vor Aufregung. »Dann reiten wir!« rief Geir lachend zu dem Bauern und winkte den Mägden einen Gruß zu, während der Boden von den vielen Pferden erzitterte, die mit schlagenden Schweifen Gruppe auf Gruppe in die Steppe hinaustrabten. Lara rannte in das Haus hinein und holte ein Bettlaken herbei, als die Reiter so weit weg waren, daß sie kein Taschentuch von einem Mädchengesicht mehr unterscheiden konnten. Und damit winkte sie noch lange und ausdauernd, mit dem Bettlaken. Blökend und schreiend suchte eine gewaltige Herde von Schafen ihren Weg durch die Berge. Wie träge schiebendes Geröll trabten die Tiere Leib an Leib dahin, ergossen sich wie ein raupender Fluß in die engen Schluchten, die ins Tal hinabführten. Da und dort tauchte ein Reiter aus Mulden und Gräben hoch und hetzte mit grellen Pfiffen ein Flock abgesprengter Schafe zur großen Herde zurück, die dann mit kläglichem, entsetztem Geschrei vor den jaulenden Hunden dahinrannten und sich kopfüber in die Hauptherde stürzten, um den reißenden Fängen ihrer Wächter zu entgehen. Dunst und Staub zog wie eine Wolke mit den vielen Tieren. Träg zitterte die warme Luft auf den baumlosen Geröllfeldern. Die Männer hockten lässig in den Sätteln, während sich ihre Pferde mit vorsichtigen Hufen den Weg zwischen bleichen brüchigen Steinen suchten, die Sonne und harter Winterfrost in kantige, nadelscharfe Spitzen und Brocken zerrissen hatte. Dürre knisterte über dem kargen Steinfeld. Die Sättel ächzten und knarrten unter der Last der Reiter, die hinter den Schafen folgten, tief die Hüte in die braune schwitzende Stirn gezogen, eckig Kinn und Wangen. Flogen wohl mitunter Worte von einem zum andern, ein Scherz vielleicht, häufiger aber war es ein Fluch. Meist jedoch war es still zwischen ihnen, und die Lippen blieben geschlossen. Der Staub drang brennend in Mund und Nasenlöcher, drückte den Atem und preßte die Brust zusammen. Der Haufen der Tiere zog vor ihnen, und geduldig blieben die Pferde in seiner Spur. Die Jungschafe brüllten kläglich und wehleidig, wenn sie von ihren Muttertieren abgesprengt worden waren und sich plötzlich von einer Menge fremder Gesichter umgeben sahen, von drohenden gewundenen Gehörnen. Ein alter Bock hustete angestrengt und ???brakte danach laut über das Geschrei der andern hinaus, das wie eine lärmende Wolke in die Luft stieg und weithin den Berg erfüllte. Es waren viele Reiter aufgeboten worden, die die Schafe im Berg sammeln und talab treiben sollten. Der Spätherbst kam bald heran, in dem Schneestürme auf die höher gelegenen Ebenen niederstießen und fegenden Schnee durch die Schluchten wirbelten, lange, ehe der Winter hereinbrach. Tausende von Tieren galt es zu sammeln, die sich meist in Gruppen zu zweit oder dritt im Berg herumtrieben und wie scheue Gemsen schon von weitem die Männer witterten, die nach ihnen suchten, weil sie in der großen Freiheit der Berge verwildert waren und ihre Sinne geschärft hatten. Schwere Wochen lagen hinter den Männern, die mit abgespannten Gesichtern der Herde zu Tal folgten. Man trieb in großen Gruppen, die sich über Hunderte von Quadratkilometern im Berge verteilten und gleichzeitig mit dem großen Kesseltreiben begannen, das sein Ende erst in Arnarholt haben sollte, wo sich alle Gruppen wieder vereinigen mußten. Da war die Nordgruppe unter Thorkills Führung, hier im Osten trieb Geir Thors. Und diese beiden Hauptteile des Triebs waren wieder aufgeteilt in kleinere Teile von zwei bis fünf Männern, die aus den entlegensten Bergebenen die aufgesammelten Schafe zur Hauptherde führten und mit ihr weiterzogen, zum Ziel, wo die Kette des Triebs geschlossen sein sollte. – – – Geir Thors hielt den Roten erst an, als die Abendnebel über den Berg hereinkrochen. Sein Ruf zum Halten ging von Reiter zu Reiter, bis er den Knecht erreicht hatte, der an der Spitze der Herde ritt. Überall ritten die Männer gegen die Herde an, um ihren Fluß zu hemmen, während die Hunde kläffend sie umkreisten und zum Stehen brachten. Weiter unterhalb sah man eine Hütte, die sich grau und alt in der Lehne einer hohen säulenverstrebten Basaltwand auf den Boden duckte. Es mochten noch eineinhalbtausend Meter zu ihr sein, und man hätte die Herde wohl noch bis dort hinabführen können. Aber die Hütte stand auf versandetem Boden, und kein Grashalm hatte sich in ihrer Umgebung festzuhalten vermocht, weil kaum einen Fingerbreit unter dem Sand schwere, geronnene und erstarrte Steinplatten den Unterbau bildeten, erstarrt in den gleichen Strömen und Windungen, wie sie dahingeflossen waren, als die Erde erbebte und feuriger Schleim aus ihren Wunden quoll. Es blieb deshalb nur ein Wächter bei der Herde zurück, während die übrigen Knechte sich aus dem Haufen von schmutziger Wolle und unaufhörlichem Geschrei herauslösten und weiter bergab trabten. Einer nach dem andern trat danach in den halbdunklen Raum des Rasthauses ein, hatte den Sattel unter den Arm festgeklemmt oder über die Schulter gehängt – und warf ihn mit einem Aufatmen in die nächste Ecke. Geir steckte eine kleine Kerze an, während die Männer durch das Dunkel stolperten und sich einen päßlichen Platz suchten, auf dem man seine Beine wenigstens zur Hälfte dehnen und strecken konnte. Es war verflucht kalt zuerst, aber das wurde anders, als die vielen Männer auch nur eine halbe Stunde in der Hütte gewesen waren und sie mit ihrem Atem und ihrem Schweiß wohl angeheizt hatten. Einige von ihnen hatten Brotfladen und Käse und geräuchertes Schaffleisch auf den Knien liegen. Wieder andere hielten es für lohnender, erst einmal ein wenig zu verschnaufen und dann zu mahlzeiten. Sie erzählten untereinander vom Trieb, und wo die Schafe jetzt standen, und was sie also heute für ein Wegstück hinter sich gebracht hatten! Das sollte ihnen einer nachmachen, jawohl, das! In ihre Worte hinein schrie plötzlich vor der Hütte draußen ein Schafbock, dem ein Knecht das Fell über die Ohren zog, da nahm ihr Gespräch eine andere Wendung. Teufel, das sollte eine Sache sein, knusprigen Hammelbraten zwischen die Zähne Zu bekommen, nachdem man den ganzen Tag im Gebirge umhergekrochen war, daß die Hosen jetzt noch schweißig an den Schenkeln klebten. Aber da war das Gespräch schon wieder in andere Bahnen gekommen, die Männer begannen plötzlich zu schnuppern und drehten verwundert die Köpfe, weil der Duft von starkem Kaffee ihre Nasen traf. Es war ein Tag, an dem man das Fest schon im voraus riechen konnte, richtig riechen, dem sie morgen entgegenritten, das Fest des Herbstes, das immer zusammenfiel mit der Rückkehr der vielen Reiter und Schafe aus dem Berg! Mit glänzenden Augen schlürften sie nacheinander den heißen Trunk und gaben die Tasse weiter an den nächsten und sahen zu, wie sich auch sein Gesicht verklärte und seine Nasenflügel im Genuß sich blähten. Und nachher fielen ihre Worte schneller, Scherze flogen durch die alte Hütte im Berg, die plötzlich aus ihrer alten toten Ruhe erwacht und von lärmendem Leben erfüllt war. Draußen polterte mitunter ein Pferd, oder ein Rabe krächzte in den Basaltfeldern, weil er sich nicht erklären konnte, wo mit einemmal die vielen Leute hergekommen waren. Und auch seine Eheliebste krächzte erstaunt und legte den Kopf schief. Aber sie sah nicht auf die Hütte hinab dabei, sondern zu der Herde hinauf, die weiter droben im Berg sich niedergetan hatte. Munter schlug und wetzte sie den scharfen schwarzen Schnabel auf dem Steingesims und ließ sich plötzlich in die Tiefe fallen, wo sie sich in pfeifendem Flug wieder fing und mit den schwarzen Lappen ihrer Flügel emsig bergan durch die Abendluft ruderte, um nach den Schafen zu sehen, nach den jungen Lämmern, denn man konnte nicht wissen, ob sich vielleicht eine Gelegenheit fand, einem der dummen wolligen Vierfüßler den Garaus zu machen. Die Hunde kläfften zwar hitzig auf, als sie den großen schwarzen Vogel über die Herde hereinschweben sahen. Aber dergleichen hatte nichts zu sagen. Sie kreiste eine Zeitlang über den ängstlich schreienden Tieren und stieß dann auf ein Lamm hinab, im Vorbeirauschen versetzte sie ihm einen scharfen Hieb in das Auge, und wieder einen, noch einen dazu, während das Jungtier kläglich schrie und blökte und zu seiner Mutter hindrängte, die es mit seinen blinden Augen nicht mehr zu finden vermochte. Und der Rabe strich darauf wieder den Felsen zu, wo der Gemahl saß und seine Ehehälfte mit einem trockenen Quarren empfing. »Krak!« sagte sie zu ihm, als sie einen Meter neben ihm aufblockte. Und das wollte heißen, daß morgen früh, wenn die Herde weiterzog, sich schon irgendwo ein kleiner wolliger Klumpen finden würde, der mit zitternden Läufen auf der Bergebene umherirrte. »Krak!« Und man konnte dann nach ihm sehen. Man mußte sich nur noch ein wenig gedulden, »krak!« Gegen Morgen legte sich leichter Reif über die Halme und Grasspitzen. Aber die Sonne wischte ihn wieder weg, noch ehe sie richtig hinter den Bergen heraufgestiegen war. In perlenden Tautropfen sickerte er jetzt an den Halmen herab in den Boden hinein. Als die Sonne dann wie ein leuchtender roter Ball über die Matten hereinkam, wurden die Schafe unruhig. Die Tiere, die sich niedergetan hatten, standen auf. Und die Hunde, die während der Nacht ihre Nasen am Boden gehabt hatten und nur bisweilen ein Blinzeln zu ihnen hinübergeschickt hatten, sprangen wieder kläffend um die Herde und fuhren bisweilen aus reinem Übermut den Wollträgern an die Hinterkeulen oder zwickten sie in die wedelnden Stummelschwänze. Der Morgen war heraufgekommen. »Da beginnt das Tagwerk wieder!« schrie Geir Thors in der Hütte drunten und stieg über die schlafenden Männer hinweg zur Tür, die er aufstieß, daß die gleißende Helle der Sonne auf all die verträumten und schnarchenden Kerle fiel und sie sich räkelten und dehnten und wohl auch fluchten, jau, daß es nun wieder begann. Und dabei war es ihnen, als ob sie eben erst eingeschlafen wären! Ein schweres Tagwerk war es auf den Hochebenen der Berge! »Aufstehen, ihr Faulpelze!« »Jau, man kommt schon, man kommt schon!« murrte der lange Gunnlaugur und wischte sich die Augenwinkel aus, »man kommt eh schon!« Und eine halbe Stunde später wetzte wieder das Trippeln der tausend Schafe über die steinigen Halden bergab, während die Männer noch halb schlafend in den Sätteln hockten und in der warmen Sonne dösten. Hinter ihnen strichen die beiden Kolkraben vom Fels und holten sich den Tribut, den sie sich am Abend vorher gesichert hatten. Mühelos heimsten sie ihn ein, obwohl er jetzt noch schreiend über die Matte lief, getrieben von den schweren rauschenden Schwingen der schwarzen Vogel, die ihn umflatterten. Die Landschaft, durch die die Herde zog, wurde ebenmäßiger und breiter. Die Felsen wichen zurück, und die Tiefebene kam heraufgezogen, den Schafen und Reitern entgegen. Das breite Band eines Flusses schimmerte herauf. Die Augen der Knechte begannen zu glänzen, als sie ihn gewahrten. Denn wenn sie ihn überritten hatten, so gab es nur noch eine breite Bahn zum Hof, die sie ziehen mußten. Und die Gebäude von Arnarholt würden bald dahinter aufsteigen! Die Schafe schauten verblüfft in die Gegend, als sie am Rande des breiten Wassers standen, das sich ihnen nach Stunden in den Weg legte. Die ersten stutzten und sperrten sich mit der Kraft der Verzweiflung vor den schimmernden Fluten, die da so eilig durch die Ebene rannten und stießen. Sie drehten sich mit bedeutsamen Blicken die Köpfe mit den gewundenen Gehörnen zu, bis die andern hinter ihnen aufschlossen und endlich eine breite Front von dummen ängstlichen Gesichtern an der Uferböschung stand und auf die vorbeitanzenden Wellen glotzte. Aber dann trabten plötzlich ein paar Reiter seitwärts heran und schwangen die langen Peitschen, »Ho, ihr Biester! Marsch!« Da stürzten sich die Mutigsten, – kann auch sein, die Ängstlichsten, – prustend und jammernd in das nasse Element. Es war beinahe dasselbe Bild, wie man es bei den Flössern sehen kann, wenn ein riesiger Haufe gelber Stämme sich vor dem Wehr staut, bevor sie durch nachschiebende Hölzer in einem berstenden Ruck über den Damm hinausgedrängt werden und in den Fluten weiterschwimmen. Der ganze Fluß war von gelben Rücken übersät, die eilfertig zum andern Ufer hinzielten in Angst und Bangen. Zwischen ihnen stakten die Pferde durch den harten Strom, solange die Tiefe des Flußbettes es zulassen wollte. Die Rufe der Reiter schwirrten, und die Schafe schrien, ein Hund kläffte gellend, weil ihm unter Wasser der Huf eines Pferdes an den Rippen vorbeigestreift war. Der Hof kam näher und näher. Reiter tauchten plötzlich im Süden auf, die ihnen zum Willkommen entgegenritten. Erst einige, nach und nach ein Dutzend und mehr. Es gab ein Händeschütteln und Reden und Fragen, wie man es kaum noch erlebt hatte. Als die Tausende von Schafen wie ein Mahlstrom bei den Hofgebäuden in der Runde liefen und drängten, kam Kjarval über die Wiese gelaufen. Und obschon ihm seine Bauernwürde eigentlich gebot, ruhig und stet dahinzuschreiten, – man sah es seinen Schritten an, daß er am liebsten gerannt wäre. Lachend lief Geir Thors ihm entgegen. Erst als er ihn erreicht hatte, machte er ein würdigeres Gesicht: »Da sind wir, Bauer, zweitausend Tiere, und sonst alles in der Ordnung!« Kjarval å Arnarholt reichte ihm erst seine Hand. Aber darauf zog er plötzlich den Kopf des Jungen zu sich hin und küßte ihn auf beide Wangen, wie es sonst nur unter Verwandten Sitte war. »Was ist mit Thorkills Gruppe?« fragte er nach einer Weile. »Wir hatten einmal Fühlung mit ihm«, antwortete Geir, »er muß schon ganz in der Nähe sein, vielleicht ist er morgen schon da!« Der Hof war wie zu einer Hochzeit gerüstet. Fremde Gesichter liefen zwischen den Häusern hin und her, Bauern aus der weiteren Nachbarschaft, Jungvolk und Bäuerinnen mit festlichen Gewändern. Sie saßen auch drinnen in den Stuben und labten sich an großen Tafeln, die beinahe unter der Last des Gebotenen brachen. Aber als das Meer der Schafe den Häusern zuflutete, als Staub und Dunst im Scharren der vielen trippelnden Beine wie eine Wolke in der klaren Nachmittagssonne hing, da standen die langen Tische plötzlich leer, und alles was Beine hatte lief und ging und humpelte, so schnell es gerade ging, auf die Wiesen hinaus. Sogar die alte Kristin kroch auf ihren Stock gebückt hinterher. Sie hatte nun schon den vierten Schlaganfall hinter sich gebracht und ließ sich deshalb ein wenig mehr Zeit als die übrigen, die sie bald um die Hälfte hinter sich ließ an Jahren, obschon sie jetzt doppelt so weit voraus waren mit ihren Beinen. Sie hustete und hielt sich die Brust zwar. Aber rennen tat sie doch, für ihre Begriffe wenigstens. Hoch in den Bergen zog indessen noch Thorkill mit seinen Reitern und Tieren. Der Altknecht war guten Mutes, denn er brauchte nur noch einen schmalen Felssteig hinter sich zu lassen, bis er sich anschicken konnte, zur Tiefebene hinabzusteigen. Nun, mit diesem Tag war es noch nicht zu schaffen. Aber morgen in der Frühe war es so weit. Nur noch die Nacht lag dazwischen und der Steig, bis er die Verantwortung für das Treiben aus seinen Händen geben konnte. Thorkill war guten Mutes. Auch die breiten Bänder von grauem feuchtem Nebel konnten ihm nicht die Stimmung verderben, die nun langsam begannen, von der hohen Kuppe des Torfamassivs herabzufließen, wo sie den ganzen Tag wie eine Schlafhaube gethront hatten. Wenn die Nebel kamen, so hatte er sicher den Saumweg weit hinter sich. Nun ja, er nickte immerhin mit dem Kopf, vielleicht war er doch etwas bedenklich geworden? Nach einigem Überlegen gab er den Befehl, daß die beiden Knechte schneller traben sollten, die die Spitze der Herde führten, es war immerhin sicherer. Dem Prediger, der neben ihm ritt, brummte er etwas von einem schmalen Weg und von Nebel zu, und vielleicht wäre es besser, wenn er etwas mehr nach hinten ritte, denn der Weg war nur schmal und es konnte sein, daß die Schafe sich aus irgendeinem Grund aufstauten mitten an seiner schmalsten Stelle, – wenn man auf sie eindrängte, zum Beispiel! Und es wäre dann kein Platz für alle auf dem Steig gewesen, sondern einige von ihnen hätten über den steilen Felsen hinausspringen müssen. Er wollte darauf anspielen, daß der Pastor hie und da sein Pferd nicht so in der Gewalt hatte, wie es gut gewesen wäre. Schon des öfteren waren die Schafe erschreckt vor den Hufen seines tänzelnden Pferdes weggerannt und hatten die andern Tiere kopfscheu gemacht. Und das ging wohl, so lange nach allen Seiten Platz genug war. Aber niemals ging das auf einem schmalen Steig. Der Pastor biß sich ein wenig auf die Lippen, als der Altknecht ihm das zu verstehen gegeben hatte. Aber er hielt sich von da an zu Einar, der weiter hinten ritt. Es wurde plötzlich kühler. So kühl schließlich, daß man den Atem der Pferde sehen konnte. Der Nebel kam nun mehr aus der Höhe herab, und die Haare der Pferde wurden feucht. Thorkill brummte nach einiger Zeit jedoch schon wieder gemütlich vor sich hin, weil er nun an den Beginn des Saumpfades gekommen war. Denn das wollte besagen, daß der Großteil der Herde ihn bereits hinter sich gelassen hatte. Sachte trieb er auf die Schafe ein und hatte sogar einen Kosenamen für das eine und das andere der Tiere, für den schwarzen Teufel etwa, der dicht vor den Hufen seines Gaules trippelte und nicht einmal schrie, wenn das Pferd ihm zu nahe gekommen war, sondern nur vorwurfsvoll seinen Kopf mit den gewundenen Hörnern umwandte und dann machte, daß er weiterkam. Er war schier ein Musterkind unter den Schafen. Er zog so brav seines Weges, daß Thorkill wünschte, alle Schafe wären schwarz und solche Musterschüler. Jau! Aber es war doch ein wenig dunkler geworden, dachte Thorkill dann, schwerer Nebel, aber es war jetzt geschafft. Hauptsache, die Schafe waren nun bald über die gefährliche Wegstrecke hinüber, dann kam die Rast! Und morgen! Morgen also, da war Schluß mit der Arbeit und Schluß mit dem Berg. Und auf dem Hof begann das Fest! Just das gleiche dachte auch Einar, der einige hundert Längen hinter ihm ritt. Er ließ seinen jungen Schimmel eine Zeitlang auf der Stelle treten, als der Pastor an seine Seite kam, weil Sera Leif etwas an seinen Zügeln zu ordnen hatte, wie er meinte. Sein Pferd sei so unruhig, meinte er noch dazu, weil ihm war, als ob er sich rechtfertigen müßte gegenüber dem Altknecht, der ihn zurückgeschickt hatte. Über Einars Lippen flog ein kleines Lächeln, als er das hörte, denn ihn wollte dünken, daß Sera Leif ein so braves Pferd ritt, wie er es kaum vorher gesehen hatte. Solche Pferde, wie der Pastor eines ritt, verwendeten die Bauern sonst nur als Arbeitstiere, etwa zum Heueinholen im Herbst oder zum Tragen von Lasten. Aber wenn der Pastor nun einmal meinte? Und weil Einar an diesem Tag so glückselig war wie ein kleiner Junge, so oft er an Sigga dachte, die er morgen von früh bis spät küssen wollte, so weit es die Mahlzeiten jedenfalls zuließen, denn man mußte natürlich auch etwas anderes zu sich nehmen als Küsse, weil man von ihnen allein nicht hätte leben können, – weil er also so übermütig war, so wollte er dem Pastor zeigen, was ein richtiges Pferd sei und kitzelte seinen jungen Hengst ein wenig in den Seiten, daß er schnaubend mit den Läufen in die Luft fuhr, während sein breiter weißer Schweif wie ein Fächer über die Steine am Grund hinpeitschte. Und weil es unweit von dieser Stelle einige hundert Fuß in die Tiefe ging, so war es immerhin ein Kunststückchen, auf dem kleinen Platz, der noch blieb, eine jagende Volte zu reiten, hm. Aber er hatte dem Pastor nur zeigen wollen, was ein richtiger unbeschnittener Hengst war. Seitlich von den beiden hatte Oddur angehalten und den wilden Sprüngen des Schimmels zugesehen. Und weiter hinten ritt noch eine kleine Gruppe von Knechten. Oddur linste mit seinen zweierlei Augen in das trübe Dämmerlicht des Abends. Die beiden hatten ihn bis jetzt gar nicht bemerkt. Als Einar wieder neben dem Pastor weiterritt, gab er seinem Braunen die Hacken und schloß auf hinter ihnen. Sein neuer hellfarbener Sattel mit den Nickelbeschlägen quietschte und knarrte eintönig unter seinen Schenkeln. Es brauchte eben lange, bis solch ein Sattel endlich schweigen lernte. Und verrückt konnte man werden, wenn man den ganzen Tag seine trostlose traurige Musik vernehmen mußte, wenn er dann wirklich einmal nicht knarrte und schrie und man sich schon freute, daß er nun Vernunft angenommen hätte, so mußte man nach einer halben Stunde erkennen, daß nur der Wetterumschwung schuld daran gewesen war, daß er schwieg. Wie, war ein Sattel nun etwa ein Barometer? Ist das ein Sattel, der unter einem quietscht und stöhnt zum Gottserbarmen? Richtig schön war er anzusehen mit seinen glänzenden Nickelrändern! Nur, – was nicht zu ihm paßte, das war der Alte selbst, der ihn unter sich hatte. Ein junger Kerl hätte in diesen Sattel gehört, einer mit wehenden Locken und schmalen Schenkeln. »Jau!« grunzte der Alte, wenn etwa Geir in diesem Sattel gesessen hätte! Und hätte er dann nicht wenigstens ein gutes Erbstück von dem alten Oddur gehabt? Und was für ein Erbstück! Oddur war heute richtig nachdenklich gestimmt. Er war traurig. Er dachte an die Sonnenprobe im Hof drunten und an das Mädchen Asdis, das aus der Tür herausgekommen war, um zu sehen, was er da suchte im Gras. Eine Brosche? Als ob man wegen einer Brosche eigens die Sonne bemühen müßte! Und dabei hatte Oddur doch den Pastor gesucht, natürlich nicht im gemeinen Verstand. Aber hätte er das dem Mädchen sagen können, daß er da den Pastor unter den Grashalmen gesucht hatte? Richtig den Pastor! Natürlich auf eine andere Weise als man das sonst verstand. Natürlich! Aber es war eine wichtige Probe gewesen, die Sonnenprobe. Wenn nämlich die Sonne nicht gesiegt hätte, so hätte er jetzt nicht so absonderliche Gedanken in seinem Kopf haben müssen. Gedanken um den Pastor und um den Weg, den sie noch vor sich hatten. Der Alte sah einmal hinter sich, wo die letzte Gruppe der Knechte sie nun bald erreicht hatte, und wünschte, daß sie sie überholen mochten, denn Oddur wollte nicht gerne jemanden hinter sich reiten haben, wenn es auf den schmalen Weg hinausging, dessen erste Windung jetzt vor ihnen auftauchte. Er blinzelte einmal zu Einar hinüber und dann auf Leif. Eben bog Thorkill vor ihnen um die Felsen und war verschwunden. Der Steilweg war schon ganz nahe. Plötzlich hatte der alte Oddur einen Gedanken, wie es zu machen war, daß die Knechte zuerst auf den Weg einritten. »He, Einar!« rief er, »willst du nicht meinen Sattel haben? Sollen wir tauschen?« Der Junge fiel beinahe von seinem Pferd vor Erstaunen. Er drehte ungläubig den Kopf zu ihm hin: »Ob ich, ob ich?« – »Jau!« knurrte Oddur. »Deinen Sattel?« rief Einar noch einmal und kam herbeigetrabt, der Eifer glänzte nur so in seinen Augen: »Wieviel Aufgeld willst du haben, wenn ich dir den meinen dafür gebe?« »Nichts!« tat Oddur gelassen und stieg ab, um den Bauchgurt loszuschnallen, innerlich war er wohl betrübt, weil nun Geir nicht auf den Nickelbeschlägen sitzen sollte. Aber zuerst galt es, Zeit zu gewinnen. Es mußte sein, und Einar war ja auch ein frischer Junge! Nur, hatte sich der Alte nicht ausgemalt, daß es sich schön auf dem funkelnagelneuen Zeug in den Himmel reiten ließe? Jau, aber es mußte nun einmal sein! Schnell hob er das Gestell von dem warmen dampfenden Rücken seines Braunen und reichte ihn dem jungen Einar hinüber. »da!« sagte er mit einem leisen Beben in der Stimme, »da, nimm ihn schon!« »Hätten wir nicht während der Rast tauschen können?« staunte Einar. »Hm, nur noch der Saumpfad liegt dazwischen! Wir werden ja gleich dort sein! Aber wenn du nun durchaus willst, meinetwegen!« lachte er dann und stieg ab. Man mußte alten Leuten ihren Willen lassen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatten. Sigga würde Augen machen, wenn er nun angeritten käme wie ein General! Gerade als der Tausch zu Ende war, ritten die Knechte an ihnen vorüber und verschwanden auf dem Steilweg. Man hörte sie noch eine Zeitlang lärmen und scherzen. Auch in ihren Köpfen spukte schon das Fest. Keiner von ihnen war mehr zu sehen. Sie waren nun so gut wie allein im Berg, die drei. Oddur nahm den Sattel über, den ihm der Junge reichte, und schnallte ihn fest. »Ein schlechter Sattel!« murrte er erbost, als er dann aufgesessen war und weitertrabte. »Hm, warum wolltest du dann durchaus tauschen, Alter?« fragte Einar und machte Augen wie ein Kater, dem der Spatz vor der Nase wegflog, »hm, also warum dann?« »Reit zu!« meinte der Alte und zwinkerte ihm verdrossen zu, »was für ein Naseweis du bist! Zu meinen Zeiten fragte man einen alten Mann nicht nach Gott und der Welt. Hm, da hielt man den Mund! Früher!« Er rückte sich zurecht und fragte dann nochmals: »Jau? Ist das jetzt wohl Sitte, daß man einen alten Mann fragt, warum er einen Sattel eintauschen will? Reit zu!« Einar lachte fröhlich über das krause Getue des Alten. Er hatte genau den Unterton in den Worten Oddurs vernommen. Pfeifend lenkte er seinen Hengst auf den Felssteig hinaus. Nur der Pastor schüttelte den Kopf und schickte Oddur einen mißbilligenden Blick zu, dann ritt er hinter dem Knecht her, während der Alte auf seinem Braunen den Abschluß bildete. Über ihnen stieg der Fels kahl und naßschwarz in die Höhe. Und unten an der Wegkante war es dasselbe. Nur daß er dort abfiel. Wie in der Innenwand einer hohlen Kugel, so ritten sie im Nebel. Und er war nun nicht mehr weiß oder grau, sondern schwarz, der Nebel. Es war dunkel geworden. Die Nacht fiel früher ein, wenn Nebel überm Land stand. Übrigens war die Wegkante etwas zerrissen. Manchmal fehlte eine kleine Ecke in ihr, oder ein Stein war ausgebrochen. Oder eine Wasserrinne hatte in der Frühjahrsschmelze eine Furche durch sie gerissen. Es war ein Weg, auf dem man leicht ausgleiten konnte, wenn man ein Pferd hatte, das nicht berggewohnt war. Auf einem solchen Weg gab man am besten seinem Gaul den Kopf frei und rührte nicht einmal an den Zügeln. Nur etwas ausgleichen mußte man im Sattel, sein Gewicht etwas gegen den Berg zu halten, nur so, wenn das Pferd vielleicht einmal stolpern sollte. Oder konnte nicht mitten auf dem Weg einmal ein Stein liegen, der von den Felsen herabgefallen war? Das geschah nicht selten. Und jetzt hätte das Pferd einen solchen Stein nicht sehen können, es war schon zu dunkel dafür. Dann konnte ein Pferd wohl einmal stolpern! Oddur hatte seine Augen auf dem Rücken seines Vorreiters. Er hatte sich das just so vorgestellt, daß sie einmal einen solchen Weg reiten würden. Er dachte daran, daß dieser Weg im Grunde genommen genau so war wie der Weg durchs Moor. Es war ein sonderbarer Gedanke, denn das Moor lag doch bald einige tausend Fuß tiefer, während sie hier in der Höhe dahinritten, hoch unter den Wolken beinahe. Und dennoch glaubte Oddur bald, daß er wieder im Sumpf reite wie damals, – aber natürlich nicht im gemeinen Verstand! »Nein!« nickte Oddur, »nicht im gemeinen Verstand.« Aber in einiger Hinsicht doch, hm. Heute war der letzte Tag des Rittes! Morgen waren sie in der Ebene. Da hätte er seine Sonnenprobe umsonst gemacht. Hm, es war jetzt der letzte Tag! Wer wollte es Oddur verdenken, daß er nun ernste Gedanken hatte? Und während er weiterdachte, nun, er konnte seine Gedanken nicht bei sich behalten, wenn er nicht von Zeit zu Zeit auf Sera Leif sah, der vor ihm ritt. Manchmal sah er auch scheu in den Abgrund zur linken Hand hinab. Auch von dorther fanden seine Gedanken ein wenig Halt. Er durfte jetzt nicht den Faden verlieren, der sich durch die Gedanken zog, fast wie der Bindfaden, an dem die kleinen Mädchen ihre Glaskugeln aufreihten, bevor sie sich die um den Hals hingen und spielten und sangen, wie eine solche Kette waren die Gedanken des Alten, nur daß die Glaskugeln Gesichter hatten, – sie waren eigentlich lauter Köpfe, von Männern und Mädchen und Kindern. Kjarvals Gesicht war darunter zu finden. Und natürlich auch Asdis'. Links von ihr war Geir auf den Faden gereiht und rechts der Pastor Sera Leif! Aber Oddur dachte sich noch weiter, daß die bunten Perlen nicht auf demselben Faden bleiben konnten, hm, – er mußte wohl eines Tages den Faden abreißen, eines Tages! Und natürlich hatte er damit richtig kalkuliert! Schon im Moor hatte er das gedacht, und die ganzen letzten Wochen in den Bergen war er nicht mehr fertig geworden mit diesen Gedanken – Und es wollte ihm scheinen, wie er so ritt, daß der Faden schon recht dünn geworden war. Jeden Augenblick konnte er reißen! Sera Leif sah einmal zurück zu dem Alten. Er wagte sich nicht ganz im Sattel umzudrehen, weil er dachte, daß es gefährlich sei, die Zügel auch nur für einen Augenblick zu lockern. Er hatte bisher sein Pferd sorgsam um jede Windung des Weges gelenkt, weil er dachte, daß das so sein müßte, wie konnte er auch wissen, daß man ein Pferd am besten sich selbst überläßt auf einem solchen Steig? Und weil er sich nur halb gedreht hatte, vermochte er nur die dunkle Gestalt des alten Oddur zu erkennen. Aber nicht sein Gesicht – Der Pastor ritt ruhig weiter. In seinen Gedanken sah er schon den Hof von Arnarholt aus der sonnenbeschienenen Ebene auftauchen. Und das Mädchen Asdis stand vor den Gebäuden, um ihm zuzuwinken. Sie war jetzt lange allein gewesen und mochte wohl Sehnsucht nach ihm haben. Und vielleicht würde sie ihm nun endlich das gewähren, was sie ihm bis jetzt versagt hatte. Er war ja nun bald wie einer der Knechte geworden auf diesem Ritt. Die Berge hatten ihn verwandelt, seine Wangen gebräunt. Und seine weißen Hände waren von der Dorschleber zerfressen, die die Knechte auf das Sattelzeug schmierten, damit das Leder weich und geschmeidig blieb. Richtige Arbeiterhände hatte er. Sera Leif war stolz geworden auf die Männer, auf die er zuerst heruntergesehen und nicht als seinesgleichen hatte ansehen wollen. Auch darin hatten ihn die Berge belehrt. Wenn er jetzt an das Mädel dachte, so sah er sie auch nicht mehr im städtischen Gewand, sondern in der schweren strengen Tracht der Bäuerinnen. Aber zumeist sah er sie auch noch anders in seinen Gedanken. Als ein Mädchen oder als – als ein Weib. Zumeist sah er sie so. Und auch daran mochten die Berge mit ihrem harten Leben schuld sein, mit ihrer himmelfernen Einsamkeit und Verschlossenheit. Denn Sera Leif war noch nicht so weit, daß sich die Berge ihm geöffnet hatten. Er sah Asdis vor sich mit einem Lächeln, das ihm galt. Und er riß sie in seine Arme, weil er nun ein Mann geworden war. Und weil er ein Knecht war wie die andern, so bettete er sie in duftendes Heu und nahm sie in seine Arme mit der Kraft, die ein Weib zu sich zwingt. So sah es Leif, sollte sie nicht ohnedies in wenigen Wochen sein Weib werden? Sein Weib! »Mein Weib!« Sera Leif sah in Gedanken die Sonne strahlend über der Ebene aufgehen. Aber hinter ihm hockte Oddur schief im Sattel und keuchte bei jedem Schritt seines Pferdes. Er spähte mit vorgeneigtem Kopf um jede Windung des Weges, bis der Nebel die nächste nach ihr erkennen ließ. Feucht kam die Nacht über die Felsen herab. Er griff fester in die Zügel, daß der Braune verwundert den Kopf aufwarf und mit gesperrtem Maul auf der Trense kaute. Speichel tropfte ihm von der Zunge, die er drehte und dehnte, damit der Druck des Eisens von ihr lassen sollte. Seine Augen flackerten, weil ihm die Stange schmerzend wie eine Zwinge in die weichen Lippen schnitt. Unruhig hob er den rechten Huf vom Boden und begann zu tanzen und zu zerren. Der Fels trat einmal in einer schroffen Zinne über den Weg hinaus. »Das ist die Stelle!« hörte der Prediger den Jungknecht sagen. »Vor Jahren ritt hier der Vater von Ksarval, – an dieser Stelle fand er den Tod. Man hat ihn nicht wiedergefunden.« »Man sagt«, fuhr Einar fort und wies in die Tiefe hinab, »man sagt, daß er umgehe, wenn Leute vom Hof hier vorbeireiten!« »Leute vom Hof?« frug Sera Leif. »Jau!« brummte der Alte hinter ihm, und um seinen dünnen Mund war ein seltenes Lächeln, ein vergessenes! Der Fels war da. Oddur war ganz auf dem Hals seines Pferdes zusammengekrochen, damit er nicht die Tiefe sah, die von drunten heraufkam und nach ihm faßte, er wollte sie nicht sehen. Einar hatte den Felsen umrundet. Nun ritt Leif auf ihn zu. Da tat das Pferd des alten Oddur plötzlich einen wilden Sprung im Berg und schoß auf den Felsen zu. Polternd krachten Hufe an der Wand. Schnaubend verschwand eine dunkle Gestalt vom Weg und eine zweite – Steine begannen drunten im Fels loszuspringen und knatterten durch die Hänge. Erschreckt riß Einar in den Zügeln, als er das Getümmel hinter sich hörte. Sein Hengst stand einen Augenblick lang frei über der Tiefe, er glitt und schwankte. Mit einem Sprung wollte der Knecht aus dem Sattel. Da erfüllte ihn lähmendes Entsetzen, sein Fuß hing im Bügel, Herrgott, sein Fuß hing fest! Einige Steine fielen hinter ihm her und sprangen polternd über die Felsen hinaus. Ein paar Steine – – – – – – – Am Ende des Saumweges wandten die Knechte ihre Köpfe. Es waren dieselben, die vorher überholt hatten. »Ja, – man weiß doch nie, Hölle und Teufel! Habt ihr gehört? Da ist nun wieder ein Steinschlag niedergegangen!« »Nein, man weiß nie im Berge!« – VIII Als der Abend kam, drangen fröhliche Lieder aus den vielen Zelten, die überall auf der Hofwiese errichtet waren, damit die Gäste ihr Unterkommen hätten, die von den weiter entfernt liegenden Höfen gekommen waren. Nur ein kleiner Teil von ihnen hatte in den Gebäuden des Hofes Platz gefunden, und zumeist waren es die Älteren, die eine Nacht im Zelt nicht mehr gut vertrugen. Das junge Volk blieb draußen und war außerdem froh über diese Anordnung. Ein Abend war es, an dem die Sonne wie ein Purpurball hinter die Berge niederstieg. Und als sie ihre Grate erreicht hatte und ihre letzten Strahlen nur noch vereinzelt über die Wiesen blitzten, begann plötzlich der Himmel in Nordwest von einer schweren qualmenden Glut zu brennen, in deren Widerschein die Gesichter leuchteten und verklärt wurden. Feine Schleier krochen nach einiger Zeit durch die Niederungen und Gräben, die sich zuletzt zusammentaten und die Wiese in ein wogendes Meer verwandelten, in dem die Schatten der Pferde und Menschen nur noch schwer zu sehen waren. Der Hof versank in diesem Meer, als die Nacht hereinbrach. Es wurde eine Nacht, wie geschaffen zu heimlichem Wispern und heimlichem Tun. Kjarval stand wohl lange vor dem Haus und schaute in der Richtung nach den Bergen, die verschwunden waren in den wallenden Nebeln. Es sah aus, als ob das milchige weiße Branden ihm nicht gefallen wollte, nicht gerade. Und als er sich einmal umdrehte, weil er dachte, daß er einen Schritt hinter sich gehört hätte, da stand Geir Thors in der Tür und hatte kleine Augen, genau wie er selbst, Und auch Geir Thors sah zu den Bergen hin. »Hm, also –« räusperte sich der Bauer und tat einen Schritt weiter auf die Wiese hinaus. Und Geir folgte ihm. »Das da! – Meinst du, – was meinst du, wo sie nun sein werden?« Er dachte an Thorkill und seine Leute, die doch bald die Berge hinter sich gelassen haben mußten. »Schwer zu sagen, das!« nickte Geir, denn sicher hatte der Bauer keine Antwort erwartet. Wer konnte auch wissen, wie weit sie nun gekommen waren. »Jedenfalls, – man reitet nicht im Nebel!« brummte er noch und dachte an den schmalen Felssteig, der die letzte Wegstrecke vor dem Tal bildete und in die großen Grasebenen des Südens hinüberführte. »Sie haben Halt gemacht, – ich denke, jenseits!« Kjarval drehte sich um und blickte auf den Burschen. Aber er konnte nichts herauslesen aus seinem Gesicht. Starr war es. Es war nichts aus ihm zu lesen, nein! »Jau, du wirst wohl recht haben. Jenseits werden sie sein. Jau!« – »Wo seid Ihr, Vater?« Asdis kam zu den beiden Männern heraus. Ihr Gesicht war noch blasser als sonst an diesem Abend. Vielleicht kam das nur von dem schwarzen Festkleid ihrer Mutter, das sie zur Begrüßung der vielen Menschen angelegt hatte, über dem fein und schmal ihr Kopf stand mit seinen blonden Haaren und dem kleinen niedrigen Samtbarett, das sie auf dem Scheitel trug. So dachte der Bauer erst. Aber als das Mädchen neben ihm stand und kein Wort weiter fand, sondern nur blaß in die Nacht blickte, da dachte er sich noch mehr und dachte dabei daran, daß sie auf Leif wartete. Und sich also nach ihm sehnte, – das Mädchen. Er reckte sich auf danach und stand plötzlich steif wie ein Stück Holz und preßte die Lippen zusammen, weil er sich dachte, daß nun alles vorbei sei und sein Warten umsonst und seine Hoffnung, daß am Ende alles noch gut gehen könnte. Es war die schwerste Stunde seit dem Tag, da er ihren Brief erhalten hatte mit der Nachricht von Leif. Asdis stand neben ihm und schob leise ihre Hand unter seinen Arm, als wollte sie sich an ihm festhalten und Hilfe von ihm haben, irgendeine Hilfe, vielleicht Verstehen. Endlich! Vielleicht sollte Kjarval endlich wissen, daß ein warmes lebendes Menschenkind mehr war als ein Hof und mehr als Hunderte von Pferden und Schafen. So dachte Kjarval å Arnarholt, als er die Bewegung des Mädchens wahrnahm. Er knurrte vor sich hin, als Asdis plötzlich ihren Kopf an seine Brust legte. Danach sah er zu Geir hinüber. Aber der Bursche war weggegangen. Der Vater legte seine schwere Hand auf den Rücken des Mädchens und spürte, daß es bebte und zuckte in ihrem Leib. Gerade so, als ob sie nun weinte. Da nahm er auch noch die andere Hand und legte sie auf die Schulter seiner Tochter und hielt sie stumm bei sich. Mochte der Teufel wissen, daß er nichts anderes tun konnte. Seine Sorgen mußten klein werden und gering, wenn sein eigen Blut im Schmerz an ihm hing und bei ihm Zuflucht suchen wollte und Schonung, weil es vielleicht zu viel geworden war, was das Mädchen sich in den vergangenen Tagen und Wochen zusammengedacht hatte. Und weil es nun einen Ausweg suchte. Er beugte danach sogar seinen grauen Kopf herab zu seinem Kind, während er ihr unaufhörlich übers Haar strich, weil das Beben in ihrem Leib immer stärker wurde. Der große harte Kjarval brummte wie ein gutmütiger Bär, bis das Mädchen Asdis sich langsam wieder von ihm löste und wortlos ins Haus hineinging, ohne sich nach ihm umzusehen. Kjarval hörte sie gehen und stand trotzdem immer noch und schaute in den Nachtnebel hinein. In einem der Zelte ging es laut her. Dort saß Helge zusammen mit ein paar anderen Knechten. Und die andere Seite war natürlich auch vertreten. Die blonde Lara saß auf Helges Schoß, weil er das durchaus so haben wollte. Und daneben saß Hildur bei Gunnlaugur und kicherte und tat ein wenig, als ob sie sich schämte. Und auch andere Mägde waren noch da und Burschen. Helges Gesicht war nicht besonders fröhlich, obwohl er in die lustigen Lieder der anderen einstimmte. Durchaus nicht fröhlich also. Er dachte sich, daß hier zu viele Leute waren, zehn, zwölf, meinetwegen auch mehr. Und das waren zuviel, wenn ebensogut zwei allein genügt hätten. Er ließ einmal sein Mädel von den Knien gleiten und kroch zum Zelt hinaus, um sich das Wetter zu betrachten. Dann griff er nach hinten wieder unter die Blahe und zog die blonde Lara an ihren Bändern und Schleifen ins Freie heraus, weil er spazierengehen wollte. »Gehen wir, gehen wir dann«, war alles, was er zu den Zurückbleibenden sagte. »Ja, wir gehen also noch spazieren!« Dann tauchte er im Nebel unter. Das war Helge. Aber gleich darauf kam auch Gunnlaugur aus dem Zelt hervor, und auch er war nicht allein. Die kleine Hildur kicherte in einemfort, als er mit ihr nachher über die Wiese zum Hof hinüberlief, weil Gunnlaugur nicht mehr zu wissen schien, in welcher Richtung man zur Haustür kam. Der Nebel – Die Wiesen dufteten, und Gunnlaugurs Augen glänzten. Er hielt die Hand des Mädchens fest in seiner Pranke und dachte nicht daran, den Hof anzusteuern. Er wollte zur Scheune. In dieser Stunde gab es nur einen Weg für ihn. Zu zwei großen Torflügeln, hinter denen das Heu in hohen Lagen aufgestockt war. Während Gunnlaugur so neben dem Mädchen trabte, bekam Hildur immer rötere Wangen trotz des Nebels, und ihr Kichern wurde immer verlegener und leiser. Am Ende hörte es sogar ganz auf. Zu der Zeit hatten sie die Scheunentür schon hinter sich, und der Knecht nahm sie in seine Arme, daß ihr der Atem zu eng wurde. Sie flüsterten jetzt nur noch, und Gunnlaugur begann sich nach der langen spinklen Leiter umzusehen, die sonst gewöhnlich hier stand und auf der man zum ersten Stockwerk hinaufgelangen konnte. Hm, also die Leiter war nicht zu sehen. Sie war weg! Erst war der Knecht verdutzt. Er suchte ratlos im Dunkel herum und begann dann zu fluchen und zu knurren. Und dann war plötzlich die Leiter an ihrem Ort, und aus der Höhe kam unterdrücktes Flüstern. »Schnell!« flüsterte Gunni und hob Hildur über die ersten vier Sprossen hinauf, während er selbst hinterherkletterte, »schnell!« Es flüsterte noch die halbe Nacht auf dem Heuboden. Die Nacht war warm, und das Heu duftete betäubend. Und mitunter hörte man draußen ein Lied. Es lagen Melodien in der Nacht, die im Blut mitschwangen. Die Erde war so nahe! In allen Stuben des Hofes saßen drinnen noch die Gäste bis lange nach Mitternacht. Der junge Gisli von Thiorsa, ein schlanker hochaufgeschossener Bursche, dem die Haare zu beiden Seiten ungebändigt über die Ohren fielen, saß mit langen Beinen auf den Dielen und spielte auf einem Ziehharmonium, und manche von den alten Bauern, die zum Fest des Herbstes den langen Weg nicht gescheut hatten, nickten mit den alten Köpfen wohlgefällig zu seinen Liedern, wenn sie sonst auch schon lange das Singen vergessen hatten und nur unwillig murrten, wenn mal eine Jungmagd an ihnen vorbeilief und trällerte. Das war Weiberkram und Flatterei und dergleichen. Aber heute nickten sie also mit den Köpfen und waren wohl einverstanden mit allem, was der junge Gisli zu singen hatte. Mitunter griff sich einer der Jüngeren auch eine Dirn beim Arm und tanzte polternd über die Bretter. Und die ganz Alten hockten über den Tisch gebeugt und hatten plötzlich wieder blanke Augen, wo sie sonst schon lange trüb waren. Und daran war nun wieder eine Flasche schuld, die plötzlich einmal auf dem Tisch stand oder vielmehr in den Händen herumwanderte, bis sie richtig leer war. Kjarval å Arnarholt war bald an diesem und wieder an einem andern Tisch, um jedem die Ehre anzutun, daß der Gastgeber auch bei ihm saß. Darauf wurde streng gehalten auf dem freien Land. Selbst die alte Kristin wollte nicht darauf verzichten. Und heute schon gar nicht, wo so viele großspurige Fremde da waren, – Fremde, ja, wenn sie auch von den nächstgelegenen Höfen stammten, zehn bis dreißig Meilen in der Runde. Der Rauch stand in den Räumen schlimmer noch als draußen der Nebel, aber wer achtete darauf an solch einem Tag, an dem die Kaffeekanne zwanzigmal die Runde machte und der Kuchen in Bergen auf den Tischen stand! Von Zeit zu Zeit stand einer der Bauern auf und humpelte vor die Tür, um zu sehen, ob sich noch nicht die Reiter von der Nordgruppe eingefunden hätten. Ein breiter bärtiger Bauer, Haraldur von Storolfsvoll, war schon zu zwanzig Malen draußen gewesen, aber immer wieder kam er enttäuscht zurück. Es rührte sich noch nichts in der Steppe. Am Ende waren sie noch im Berg und mußten abwarten, bis der Nebel hochging. Man hätte sicher das Bellen der Hunde gehört oder das Blöken der Schafe, denn der Nebel trug ja jedes Geräusch vervielfacht weiter. Nein, es hatte keinen Zweck, sie in der Nacht zu erwarten. Asdis saß unter den Leuten und sprach mit ihnen. Sie war die Hausfrau auf Arnarholt. Die Bäuerin! Zumindest hatte sie ihre Pflichten. Aber ihre Gedanken waren nicht bei den Worten, die aus ihren Lippen kamen. Oft suchte ihr Blick zu ihrem Vater hinüber, – ein müder schwerer Blick. Ihre Wangen waren schmal und weiß wie Leinen und ihre Augen halb von den Lidern bedeckt, die Lippen blaß. Jedesmal, wenn eine Tür ging, hob sie unruhig das Haupt und lauschte auf den Schritt, der zu hören war, bis sie erkannt hatte, daß es nicht der war, der in ihren Gedanken umging. Plötzlich konnte dann um ihren Mund ein Lächeln ausbrechen, aber es war nur, weil jemand zu ihr gesprochen hatte. Es war eigentlich kein Lächeln, sondern nur ein Zucken um ihre blutleeren Lippen. Die Augen taten nicht mit dabei und ihre Finger spielten wie vorher weiter an den Flechten, die über ihre Schulter hereinfielen. Sie flochten und wanden und drehten an ihnen ohne Aufhören. Einmal zuckte sie hart zusammen, der alte Haraldur hatte ihr seine Hand auf die Schulter gelegt, der Alte von Storolfsvoll. Er funkelte ihr von oben herab listig zu und zeigte mit der anderen Hand auf Gisli, der am Boden saß und mit verträumten Augen immerfort auf sie starrte. Die Ziehharmonika lag mit ausgezogenem Balg über seinen spitzen Jungensknien wie ein Hase, dem man die Faust hinter die Ohren gehauen hat und der nun leblos mit weißem Bauch und langen Läufen ausgestreckt liegt. Gisli hatte sie ganz vergessen, seine Ziehharmonika! Mit roten Ohren fummelte er hastig nach ihr, als er mit einem die Blicke der Männer und Frauen auf sich gerichtet sah und Mittelpunkt ihres Interesses geworden schien. »Ihr habt eine Liebschaft, Jungfer Asdis«, sprudelte der Alte hervor, von dessen ganzem Gesicht eigentlich nur ein einziger großer Bart zu sehen war, »wann schickt Ihr uns den Hochzeiter?« Der alte Haraldur war vom nächsten Hof. Ein anderer hätte sich kaum getraut, eine so offene Sprache zu führen. Einige der Männer sahen zu dem Bauern hinüber, was er zu der Sache meinte, und wieder einige blickten auf Geir. Die Leute wußten alle, wie die Dinge standen, hm, und sie waren gespannt, wie der Scherz des Alten also wohl aufgenommen werden würde, der eigentlich gar kein Scherz war, sondern harter Ernst. »He, Gisli!« krähte die dürre Kristin aus ihrer Ecke herüber, »willst du sie haben?« Der Junge stand von den Dielen auf, die Ziehharmonika baumelte immer noch wie ein Hase an seinen langen Beinen herunter, und sein Gesicht war wie mit Blut übergossen. Er wäre am liebsten in den Boden versunken vor Scham. Mit ein paar Schritten wollte er verschwinden. Aber da holte ihn der bärtige Alte mit einem raschen Griff zu sich heran: »Heraus mit der Sprache, he!« Gisli war ein kecker Bursche, der nicht leicht um eine Antwort verlegen war, trotz seiner fünfzehn Jahre. Er schaute erst bedenklich zu dem Bauern hin, zu Kjarval, und als er in seinen Augen langsam ein Lächeln kommen sah, sagte er mit heller Jungenstimme: »Ich möchte schon!« Er sah dabei von der Seite zu Asdis hin, mit seinen großen Augen, mit dem Brand von Haaren und seinem kirschroten Jungensmund. Da zog das Mädchen ihn zu sich und gab ihm vor allen Leuten einen Kuß, nicht nur auf die Wangen, sondern richtig auf den Mund. Aber wenn Gisli vorher selig gestrahlt hatte, so war das jetzt etwas ganz anderes. Er packte hastig seine Harmonika zusammen und lief unter dem Gelächter der andern aus dem Zimmer hinaus, weiter fort, vors Haus, wo er sich an die regennasse Wand lehnte und – weinte. Gerade als ob er jetzt schon gemerkt hätte, daß viel Trauer und Bitternis in der Liebe sein kann. Aber daran war nur eine Träne schuld, die ihm aus den Augen der Jungfer Asdis über die Backen gerollt war. Haraldur å Storolfsvoll mußte sich schütteln vor Lachen, als der Junge so geschwind verschwand. Aber da geschah etwas Unerwartetes. Erst war es nichts Besonderes, – nur daß Geir Thors plötzlich in der Tür stand. Er hatte den jungen Gisli bei sich und schob ihn in die Stube hinein. Es war nichts Besonderes. Aber dem alten Haraldur blieb plötzlich der Spaß im Halse stecken, den er noch machen wollte. Und auch über die andern war ein lähmendes Schweigen gekommen. Haraldur trat einen Schritt zurück, und daran war Geirs Gesicht schuld. Oder vielmehr seine Augen. Er suchte nach einer Stuhllehne, der Bauer von Storolfsvoll. »Hm, war es nicht ein Scherz gewesen?« murmelte er endlich und schickte einen hilfesuchenden Blick über die Leute hin, »hm, also ein Scherz!« »Haraldur å Storolfsvoll!« sagte der Bursche an der Tür. Er sagte es so leichthin, schien es. Nicht eben laut. Aber Haraldur war es, als ob er gebrüllt hätte. Und auch den andern klang es so. »Ihr fragt nach einem Hochzeiter, Haraldur å Storolfsvoll? Habt Ihr nicht gefragt?« Der Bauer wich gegen die Leute hin zurück, als Geir auf ihn zuschritt. Kjarval hatte sich erhoben, er wollte etwas sagen, vielleicht wollte er auch den Jungen zurückhalten, aber seine Füße waren wie festgewurzelt. »Ihr wolltet den Hochzeiter sehen? Haraldur!« wiederholte Geir und blieb mit funkelnden Augen vor ihm stehen, während der Bauer schützend den Arm vor sich hob. »Leute!« preßte er hervor, »Leute!« »Seht mich doch an, Haraldur!« lachte Geir spöttisch, so spöttisch, daß den Leuten graute, »seht ihn doch an, den Hochzeiter!« »Spiel ein wenig, Gisli!« fuhr er im gleichen Tonfall fort, »spiel!« Und ging dann auf das Mädchen zu, das sich wie im Traum von ihrem Platz erhoben hatte. Er reichte ihr die Hand und zog sie zur Mitte des Tanzbodens, während der Junge von Thiorsa mit klammen Fingern seine Harmonika auszog und ungeschickt und hölzern zu spielen begann. »Unser Ehrentanz!« flüsterte Geir Thors dem Mädchen zu, das mit geschlossenen Augen in seinen Armen hing, »es ist jetzt zu Ende, das Spiel! Der Tanz beginnt!« Und wahrlich hatte keiner der Leute einen solchen Tanz bis dahin gesehen. Der Bursche riß das Mädchen an sich, daß ihr der Kopf in den Nacken fiel und ihre Flechten sich lösten. So führte er sie die ersten Schritte, bis sie aus ihrer Erstarrung zu erwachen schien und von weither ihre hellen Augen auf ihn heftete, in sein braunes dunkles Gesicht, über das der Zorn eine Blutwelle auf die andre sagte. »Weißt du noch«, flüsterte er heiser, »im Berg – damals im Berg! Ich mußte dich betrachten, wie ein Bild. Und hinter dir stieg der Gletscher gegen die Wolken. Du liefst in den Bach hinaus. Heut bist du schöner als ein Bild! Warum schwankst du, Asdis, warum kommst du nicht zu mir? Warum kamst du nicht – die ganze Zeit? Wußtest du nicht, daß es sein mußte, wie es nun ist? Jetzt! Jetzt! wußtest du es nicht? Sag es!« Und als sie nickte, leise, leicht, und zu lächeln begann, zag wie ein Kind: »Es ist unser Hochzeitstanz!« flüsterte er weiter und preßte sie ungestüm an sich und wild. »Sag es! Es ist unser Hochzeitstanz!« Da nickte sie zum andern Mal und hob ihr Gesicht zu ihm auf mit zuckenden Lippen, aber in ihren Augen stand jetzt ein Leuchten, daß es ihm war, als ob mitten in der Nacht die Sonne über ihnen aufgegangen sei. »Asdis?« flüsterte er, »Asdis!« – Unter den Leuten begann ein Raunen und Summen. Gisli stand mit seinem brandroten Schopf auf den Dielen und spielte und starrte und spielte und sah abwechselnd wieder auf das Mädchen, bis ihm mitten in einem Polka die Finger von den Tasten glitten vor Schreck, » die Leute hatten sich von den Tischen erhoben und machten drohende Gesichter, weil das nie Sitte gewesen war auf dem freien Land: der Bursche hatte das Mädchen Asdis an sich gerissen und küßte sie, mitten im Saal und vor allen Menschen. Sie sahen auf Geir Thors mit scheelen Augen, und einer rief ihn an. Doch da gab es die zweite Überraschung in dieser Nacht. Geir stand bei dem Mädchen. Er hielt sie bei der Hand. Und so standen sie beide vor dem Kreis der Bauern. Und plötzlich stand noch ein Dritter bei ihnen. Und der dritte war Kjarval! Erwartungsvoll wandten die Bauern ihre Köpfe zu ihm hin, und es war so still im Raum, daß man den Wind draußen gegen die Bretter der Außenwand streichen hörte: »Es könnte sein«, hub der Bauer langsam an, »es könnte sein, daß Arnarholt einen neuen Bauern bekommt. Ihr da, hört ihr es? Und es müßte dann Geir Thors sein!« Keiner sagte ein Wort. Sie glaubten wohl, daß Kjarval noch mehr zu sagen hätte. Der Pastor – Sera Leif –? Aber Kjarval å Arnarholt sandte nur seine kühlen grauen Augen über sie hin und ergriff dann die Hand des Mädchens, um sie aus dem Raum zu führen. Geir blieb zurück und sah ihn gehen. Da trat als erster der Bauer von Storolfsvoll aus der Reihe der Männer heraus und reichte ihm die Hand: »Ich wünsch Euch Glück, Geir å Arnarholt!« sprach er klar und offen. Aber leise fügte er hinzu: »Und wegen des andern – vorher –« Das sollten die andern nicht hören, aber es war doch am besten, wenn man derlei gleich abmachte. Er wußte nicht, Haraldur å Storolfsvoll, daß die Vorsehung ihn als Amboß benutzt hatte, und daß ohne ihn nichts hätte geschehen können. Draußen war Wind aufgekommen. Der Nebel wanderte in Fetzen über die Wiesen und wehte aufs Meer hinaus. Ruhe lag über Arnarholt nach dem Lärm und den Ereignissen der Nacht. Geir Thors lag in der kleinen Schmiede, die am Ende der Gehöfte stand. Die Dorfleute mußten zurücktreten, wenn so viele Gäste beherbergt werden sollten. Deshalb hatte er sich eine Decke aus dem Haus geholt, um auf dem Boden der Schmiede zu schlafen. Es war ja nicht anders gewesen in den Bergen. Er versuchte schon seit Stunden, das mächtige Gefühl des Glückes zu betäuben, das in ihm schwang und sein Blut wie im Fieber durch die Adern jagte. Aber der Schlaf kam nicht zu ihm. Es war vergebens, gegen das Glück zu kämpfen. Einmal, wie er so lag, hörte er ein leises Rollen in der Ferne. Er hob den Kopf und horchte. Dann ließ er sich wieder zurückfallen, vielleicht kamen sie nun aus dem Berg. Auch der eine, – aber das Spiel war zu Ende, wenn er nun kam. Ausgespielt! Und wenn er es nicht wissen wollte, nichts davon, so sollte er es erfahren! Es war zu Ende gespielt worden! Und er sollte sich wahren, der Schwarze! Das Land kannte nicht die höflichen Sitten der Stadt. Das Land konnte den Tod in sich tragen, es war nicht fein genug, das Land! Noch einmal hob er den Kopf und horchte auf das ferne Rollen. Es mußten Pferde sein. Ja, im Einschlafen hörte er schnelles Pferdegetrappel. Dicht vor der Hütte zog es vorbei. Es mochten Leute sein, die zu einem Frühritt aufbrachen. Das Poltern der Hufe begleitete ihn in seinen Schlaf hinüber. Es schwoll an und sank wieder weg. Plötzlich riefen Stimmen dazwischen. Die Schritte von Männern eilten hin und her. Einmal waren die Stimmen laut, ein andermal wieder gedämpfter. Sie schienen einen zu suchen, denn jetzt riefen sie laut. Ganz nahe kamen sie zu ihm heran, Schritte, viele Schritte. Jetzt schienen sie ganz nahe bei ihm zu sein. Einer wollte ihn am Arm fassen. Aber Geir drehte sich zornig auf die Seite und stieß ihn mit erhobener Hand weg. Wickelte sich dann fester in die Decke, weil es kühler geworden war. Nun rief wieder einer seinen Namen. Aber er wollte schlafen, – endlich jetzt! »He, Geir, Geir!« »Geir Thors!« rief man. »Geir Thors!« Da öffnete er die Augen. Gesichter sah er über sich gebeugt! Übernächtig! Bleich. Ein Knecht! Das war Gunnlaugur. Helge! Neben ihm Kjarval, mit verkniffenem Mund, schmal wie ein Strich! »Nun?« stieß Geir hervor, »was steht ihr hier? Was ist denn?« »Kjarval!« Auch der Bauer schwieg. Jeder schwieg. Endlich nickte der Bauer mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung nach draußen, über seine Schultern zurück, »draußen, du wirst es erfahren! Komm einmal mit! Du kannst es dann selbst sehen.« Er zog ihn am Arm in die Höhe, und Geir torkelte noch halb schlafend mit ihm zur Schmiede hinaus. Die Knechte kamen hinter ihnen. Ihre Stiefel dröhnten über die Schwelle. Draußen warteten zwei Männer und sahen ihnen entgegen. Ein dritter lehnte am Sattelknauf, an der Vorderhand seines Hengstes, zu Tode erschöpft. »Was ist? Da seid ihr ja! Bist du zurück jetzt, Thorkill?« Es war wirklich Thorkill von der Nordgruppe und ein paar seiner Leute. Thorkill antwortete nicht. Er wandte nur den Kopf nach der Seite. »Dort!« murmelte Kjarval. »Geh einmal hinüber.« Einige Schritte abseits lag ein Bündel Decken, das Geir vorher gar nicht bemerkt hatte. Ein Mann mußte darunterliegen, denn die Formen eines Körpers zeichneten sich durch das Tuch ab, und die Spitze eines Reiterstiefels ragte ein wenig unter den Decken hervor. Geir sah wieder auf Thorkill, bevor er zu dem Bündel aus Decken hinüberschritt. »Und?« Keine Antwort. »Wer ist es denn? Einer vom Hof?« »Jau.« Die Bergreiter sahen verlegen auf Kjarval, der neben dem Burschen stand. Es zuckte in ihren scharfen ledernen Gesichtern. Da lief der Bursche hinüber und hob die Decke auf. Ein Gesicht starrte ihn an, von blutigen Rissen durchzogen, ein Auge, halb geöffnet, über dem ein paar verklebte Haarsträhnen lagen. Ein dünner Blutstreifen floß aus den geöffneten Lippen über das stopplige Kinn. » »Das ist doch –« Ja, es war Oddur! Der Bursche ließ die Decke langsam wieder aus seinen Fingern gleiten und drehte sich um. Thorkill sah ihm blaß entgegen. Die andern hatten ihre Köpfe auf dem Boden. »Wo? Wo ist es geschehen?« »Thiorså«, sagte der Altknecht kurz. Nach einer Weile: »Es war wohl ein Steinschlag! Sicher war es ein Steinschlag!« »Einar ist der andre!« »Noch einer? Einar!« »Auch der junge Pastor! – Drei sind es!« sagte Thorkill noch dazu. Geir Thors schien etwas sagen zu wollen. Aber er hob nur abwehrend die Hand. Kam ihm kein Wort über die Lippen. »Es waren Steine«, fuhr Thorkill fort und schlang einen Knoten in seinen Zügel, ohne es zu wissen, »Leif stürzte zuerst, hinter ihm ritt Oddur. Hinter ihm! Er war sofort tot!« »Wer?« »Nun, der Pastor! Sein Pferd schien getroffen worden zu sein, denn es lag noch auf dem Felsabsatz, als wir hinkamen. Ein Stein war genau drauf niedergeschlagen. Der Pastor muß wohl im Fallen über den Felsen hinausgestürzt sein.« Er holte Atem und wies darauf zu Oddur hinüber: »Er lebte noch, deshalb haben wir ihn mitgenommen. Aber unterwegs starb er dann. Auch Einar wird tot sein, wir sahen nichts von ihm! Der drüben meinte, – er meinte, daß einer geschrien hätte im Berg«, murmelte er hinterdrein, »aber er muß sich getäuscht haben. Keiner außer ihm hat etwas gehört!« »Jau, er schrie um Hilfe!« warf der jüngste der Reiter dazwischen und trat neben Thorkill, »aber nur einmal hab ich ihn gehört, nur einmal!« »Habt ihr nicht versucht, zu ihm hinabzukommen, zu dem, der schrie? Es kann doch sein, – er könnte noch leben!« »Du oder einer von den andern!« stieß Geir hervor und packte Thorkill beim Arm, »habt ihr es nicht versucht?« »Fünf Kinder habe ich«, sagte Thorkill heiser, »und auch mein Weib lebt nicht mehr!« Er wischte sich mit seiner braunen verarbeiteten Hand über die Stirn, auf der der Schweiß in kleinen Perlen stand. »Und die Taue!« murmelte er noch gepreßt, »sie hätten nicht gereicht. Die Taue, Bauer!« Alle schwiegen! Ein paar Mägde standen im Hintergrund und schauten flüsternd auf die Männer, einer und der andere der Bauern, die zu Gaste waren, kam aus der Hoftür. »Da sind sie ja endlich!« schrie einer mit lauter Stimme. »He, man hat euch schon lange erwartet! Jetzt erst kommt ihr?« »Schafft den Toten in die Schmiede!« flüsterte Kjarval. »Her mit euch, rasch! Sie brauchen noch nicht alles zu wissen, die andern!« »Der Fels –« murmelte der Altknecht, als er die Leiche aufhob. »Soll keiner etwas davon reden jetzt! Ich werde es den Leuten sagen.« »Ging alles klar im Berg?« kam der alte Haraldur zum Bauern. »Jau, sie sind nun bald da!« erwiderte Kjarval å Arnarholt, »sie werden nun gleich kommen! Das waren nur eben ein paar Mann. Jau, sie kommen schon!« Aber hinter den Gebäuden sattelte Geir Thors den Roten. »Du reitest mit zurück, Thorkill!« befahl er dem Führer der Nordgruppe. Frische Pferde! Gunnlaugur und Helge! Los! Kommt mit!« Die beiden sind schon aufgesessen. Hinter der Schmiede kam noch der jüngste der Leute Thorkills hervorgeritten. »Nimm mich mit, Geir Thors!« rief er schon von weitem, obwohl er sich vor Müdigkeit kaum auf dem Pferd halten konnte. Kjarval kam um die Ecke und reichte den Männern die Hand. Jedem einzelnen von ihnen. »Los!« Geir ritt an und warf noch einen Blick zu dem Bauern zurück. Los mit den drängenden Pferden – – Kjarval schritt wieder ins Haus zurück, als die Gestalten der Reiter kleiner und kleiner wurden. Müde und gebeugt ging er und mit gesenktem Kopf. Der Hof ging schweren Zeiten entgegen. Drinnen deckten einige Mägde die langen Tische zum Morgenmahl der Gäste. Sie zogen steife weiße Leinentücher über die Bretter, trugen Tassen und Teller heran, während andere noch dabei waren, die Dielen zu säubern. Unter ihnen war Sigga, die kaum zwanzig Lenze erlebt hatte. Mit erschrockenen Augen sah sie den Bauern vorbeigehen. Dann setzte sie geschwind die Brote, die sie herbeigetragen hatte, auf eine Bank und lief ihm nach. »Bauer! Es gehen seltsame Reden um unter den Knechten, und – Ihr wißt – daß auch Einar bei der Nordgruppe ist, und Einar, Bauer, Einar! – Sie reden von einem Unglück!« »Wer redet?« sagte Kjarval langsam und sah sie finster an, »wer redet also?« »Die Knechte sprachen miteinander, nur so!« Sigga fuhr zusammen. »Aber ich habe es gehört, ich habe es gehört! – Bauer!« schrie sie plötzlich und packte ihn am Arm, »Ihr! was sagt Ihr? Ihr wollt mir nicht antworten! Bauer! Ist es wahr, was die Knechte sagen, – ist etwas geschehen?« »Nun –« »Bauer!« »Was schreist du da? Was sollte denn geschehen sein, was denn?« »Im Berg!« flüsterte die Magd mit weißen Lippen, »es hat einer gesagt, ein Pferd lag auf dem Weg, Bauer! Ein Pferd!« »Das war es wohl?« sagte Kjarval, »es war ein Pferd!« »Ein Pferd nur?« »Jau, Sigga!« »Keiner von –? Ihr sagt nicht die Wahrheit, Bauer! Wißt Ihr, Bauer –«, sie begann zu schluchzen, »Ihr sollt es wissen, jetzt gleich –« Sie sah auf ihren Leib hinab und wagte kaum weiter zu sprechen, »Wir wollen heiraten, Einar und ich. Er ist arm, und ich auch. Aber wenn er im Dienst bleibt bei Euch, Bauer, so können wir heiraten!« »Einar?« »Sagt, daß Ihr es erlaubt, Bauer. Warum sagt Ihr denn nichts?« Kjarval nahm sie bei der Hand und zog sie zu seinem Zimmer. »Komm herein! Komm einmal herein! Wegen des Kindes –« begann er dann zögernd, »wegen des Kindes, ich – ich will es versorgen. Ich schenke dir zehn Schafe, zwanzig! Und ein paar Ziegen kannst du haben. Und natürlich bleibst du immer auf dem Hof!« »Bauer! – Warum sagt Ihr das? Wir, Einar und ich – Bauer! Wo ist Einar?« schrie sie erschreckt und krallte ihm ihre Finger in den Rock. »Der Berg, – wenn Nebel im Berg ist, Sigga, und – sieh! Eben sind sie weggeritten, Geir und Thorkill und Gunnlaugur, um nach ihnen, – sie wollen nach ihnen sehen!« murmelte der Bauer und sah sie mit unbeweglichem Gesicht an. »Und jetzt, wenn sie zurückkommen –« Das Mädchen stand wie versteinert. Kjarval hielt sie am Arm und wollte ihr tröstend zureden, aber plötzlich riß sie sich los und rannte mit gellenden Schreien zur Tür hinaus. »Tot! Tot! Tot! Und er wollte es mir nicht sagen! Tot!« Sie lief zu den Mägden hinüber. »Tot! – Er ist tot!« schrie sie mit überschlagender Stimme durch die Gänge und rannte ins Freie hinaus, während die Menschen hinter ihr her aus dem Hause drangen und erschreckt unter sich riefen und redeten. »Was ist, was ist geschehen? Wo ist der Bauer?« Kjarval trat unter die Leute. »Was ist, Bauer?« fragte Haraldur å Storolfsvoll, der hinter ihm aus dem Hause kam. »Hört jetzt!« hob Kjarval seine Hand, nachdem er ihm einen kurzen Blick zugeworfen und danach wieder seine durchdringenden Augen auf die andern gerichtet hatte, »hört her! – Es ist ein Unglück geschehen im Berg!« fuhr er fort, nachdem er einen Augenblick gewartet hatte, »drei von den Männern sind gestürzt. Der alte Oddur ist es, und Leif, und – und Einar!« Die Lippen Kjarvals begannen zu beben, als er soviel gesagt hatte. »Es kam ein Unglück über den Hof!« murmelte er und zwang sich mit aller Macht zur Ruhe. Und hob wieder seine Stimme: »Sie sind sofort in den Berg geritten, Geir Thors und Thorkill und die Knechte, um zu helfen, wenn es möglich ist, wenn noch einer zu retten ist. Sie haben den Alten in der Frühe gebracht. Er ist auf dem Hof.« Die Leute schwiegen und sahen bedrückt einander an, als der Bauer zu Ende gekommen war, mit dem, was er zu sagen hatte. Sie waren geschlagen von dem Neuen und Grausamen, mit dem sie erwacht waren. »Der Herr –« flüsterte die alte Kristin und sah mit ihren alten schwimmenden Augen zu den Bergen hinüber, die im Norden blau gegen die Wolken standen, mit schneeigen Flecken und Graten, hart und verschlossen. Erst gemach kam wieder Leben in die Menschen. »Wo ist es geschehen, Kjarval å Arnarholt?« fragte einer der fremden Bauern, »vielleicht sollten wir reiten, meint Ihr nicht? Wir stehen hier umher, aber vielleicht könnten sie uns brauchen?« »Habt Dank, Ingolfur!« sagte der Bauer gepreßt, »aber es wird keinen Sinn mehr haben, versteht Ihr!« Und Ingolfur hatte verstanden. Er ging ins Haus zurück, wenn der Berg seine Opfer haben wollte – und ein Landfremder war dabei – und ein Pastor, – schade um die beiden Jungen! Der Alte, jau, der alte Oddur! Für ihn war es richtig gewesen. Es hätte wohl auch sonst nicht mehr lange mit ihm gedauert. Nur – die Jungen! Aber wer wollte etwas gegen den Berg? Asdis war auf ihr Lager hingekauert, als der Bauer sie endlich aufgefunden hatte. Sie gab keine Antwort auf seine ängstlichen Fragen. Sie hob nicht einmal den Kopf. Und als er sie aufrichten wollte, um sie zu beruhigen, brach sie in ein lautloses Weinen aus, das ihre schmalen Schultern zittern ließ. Ratlos setzte er sich neben sie auf das Lager und wartete, bis sie von selbst zu reden anfangen wollte. War er nicht ihr Vater? Wußte sie das nicht? Ihr Vater! Mählich wurde sie wieder still und lag wie ein unbewegliches Bild neben ihm. »Tochter!« sagte er leise, »es war eine Fügung – es war wie eine Fügung!« »Ihr versündigt Euch, Vater«, murmelte sie und begann wieder zu weinen. Plötzlich richtete sie sich auf und sah ihm mit ihrem tränennassen Gesicht in die Augen. »Ich hätte es ihm gesagt, heute noch, daß es nicht sein konnte. Nun kann ich es ihm nie mehr sagen, Vater, es wird wie eine Unwahrheit sein, – für immer! Ich konnte es ihm nicht mehr sagen! Es ist vorbei.« Schluchzend fiel sie in die Kissen zurück. »Nie mehr, nie –« Erschrocken beugte der Bauer sich zu ihr hinab: »Sieh mich an, mein Kind!« »Laßt mich, Vater!« »Ich habe es ihm nicht gewünscht«, murmelte der Bauer, »nicht so! Ich wollte dich wiederhaben für – für den Hof, Asdis! Verstehst du mich! Aber nicht so! Das wollte ich nicht, bei Gott!« »Grausam!« flüsterte das Mädchen, »– in den Felsen!« Der Bauer atmete schwer, wie er da neben ihr saß. »Denk nicht daran, Mädchen.« Hilflos streiften seine Blicke die dunkle Bretterwand entlang. »In den Felsen, sagst du? Starb nicht Gunnar im Berg, dein Großvater? Der Sturm riß ihn vom Weg in die Schlucht. Und Eirik, er ritt fehl im Nebel. Und Björn damals. Helge ritt mit ihm. Und als sie zur Tür am oberen Gatter kamen und er sie vom Pferd aus öffnen wollte, da entglitt sie seiner Hand und schlug gegen den Kopf seines Tieres. Helge sah, wie es sich bäumte, Björn verlor die Bügel und riß im Fallen das Pferd mit sich in die Tiefe. Und dann Magnus. Und der dänische Leutnant, der vor drei Jahren auf dem Hof war, auch er blieb im Berg liegen. Und die zwei Deutschen, die über dem Krater hingen und zuletzt keine Kraft mehr hatten! Der Berg hat vielen den Tod gebracht, aber du siehst nur dies eine – jetzt – nur das –« »Ja, Vater! Es ist so schwer!« flüsterte sie. »Und ich kann ihm nun nicht mehr sagen –« »Schlaf, Tochter, versuche zu schlafen. Ich will dir eine Magd schicken. Du mußt nicht mehr daran denken! Nicht jetzt! Es ist zuviel für dich, – das alles! – Soll ich gehen?« »Ja, geht, Vater!« Der Bauer war noch am selben Tag in Hlidarenda drüben, bei Sera Egil, dem Priestergreis. Als er eintrat, fand er den Pastor an seinem Schreibtisch sitzend. Er las in einem großen Buch, das er vor sich aufgeschlagen hatte, wie bei alten Männern, die viel vom Leben gesehen haben und müde davon geworden sind, müde von den Sorgen anderer, an denen sie teilnahmen, krochen ihm die Lider seiner Augen tief über die grauen Pupillen, daß nur noch ein wäßriges Schimmern aus den schmalen Lidspalten hervorkam. Ein müdes, altes, wissendes Sehen, das das äußere Bild nicht mehr zu brauchen schien für ein reifes und gerechtes Urteilen. Sera Egil war alt. Es war lange her, seit er den Menschen von Gottes Wort erzählt hatte und von seinen Gesetzen. Lange her, obwohl er jeden Feiertag auf der Kanzel stand und zu ihnen sprach, wenn sie sich räuspernd und mit feierlichen Gesichtern auf ihren angestammten Plätzen im kleinen Kirchlein niederließen und darauf warteten, daß er die zwei Stufen zum Predigtstuhl hinaufgehen sollte, was er den Bauern und Weiblein heute und schon seit vielen Jahren gesagt hatte und was er ihnen gab, das hatte nichts mehr gemein mit den Gedanken, die er als junger Priester in seinem Kopf und auf den Lippen getragen hatte und mit der ganzen Leidenschaft seines Herzens in ihren Seelen festpflanzen wollte. Die Jahre hatten ihn belehrt, daß die Pflanzungen verödet waren, obgleich sie sich Woche um Woche in den Kirchenbänken eingefunden hatten, nachdem sie draußen vor dem Pfarrhof ihren Pferden die Sättel abgenommen hatten und sie koppelten, damit sie während des Kirchdienstes nicht in die Berge liefen. Sie schlugen keinen tot, die Bauern – aber das hätten sie ohnedies nicht getan, auch ohne die Gesetze Gottes nicht! Und hätte einer unter ihnen Lust dazu verspürt, so hätte Egil ihn wiederum nicht davon abhalten können, indem er ihm die Bibel vor die Nase hielt und auch vielleicht aus ihr vorlas! Es hätte nichts genützt! Was anderes wäre es natürlich gewesen, wenn er ihm die eisenbeschlagene Urkunde Gottes an den halsstarrigen Schädel geworfen hätte. Damit ließ sich wohl ein Mord noch besser verhüten als mit dem Wort allein. Sera Egil hatte bald den Priestereifer abgestreift wie ein altes Hemd, den heiligen Eifer der Kirche. Und was er heute seinen Bauern gab, das war er selbst, sein Eigenes und sein Leben. Von da ab war es aufwärts gegangen mit dem Christentum, wenn es noch diesen Namen verdiente. Nun ja, das Gewand war noch echt und die Kelche, die im kleinen Altarschrank aufbewahrt wurden, – es gab damals noch keine eigene Sakristei für die Meßgeräte. Nur er selbst, der Pfarrer, er war zu sehr ein Mensch, um noch ein Pfarrer zu sein. Das Leben hatte ihn gelehrt, daß sich der leibhaftige Gott nicht aus Büchern erkennen lassen wollte, der wirkliche Gott nicht aus dem, was fiebernde und schreckerfüllte Gehirne aus sich herausgeboren hatten, wenn ihnen das Wasser schon an der Gurgel stand und sie die schwarzen Schwingen aus dem Jenseits herüberrauschen hörten. Sondern daß Gott aus seinen eigenen Werken erkannt sein wollte, aus dem, was er selbst geschaffen hatte, aus den Felsen, die er in den Himmel türmte, aus den Tieren und Pflanzen, aus der großen Bruderschaft alles Lebenden. Darum dünkte ihn ein Fluch echter als ein Wort, das nicht in der eigenen Seele geboren war, und das Schreien eines gebärenden Weibes war mehr im Geiste Gottes und des Lebens als ein Buch der Weisheit von tausend Weisen. So hatte Sera Egil sein Amt verstanden. Und so kam es auch, daß das Buch, in dem er las, nicht die Bibel war, sondern es war das Buch, in dem die Namen aller Schäflein seiner Pfarre bis auf zweihundert Jahre zurück getreulich aufgeschrieben waren, ihre Geburt und ihr Leben und ihr Tod! Und auch wohl der Tag ihrer Hochzeit dazu, und was an Früchten aus ihrer gottgefälligen Vereinigung gekommen war. Unbegreiflich viel Leben und Sterben faßte dieses vergriffene dicke Lederbuch, das erst vor zwanzig Jahren neu geleimt werden mußte, weil es aus dem Band gegangen war mit seinen vielen Namen samt ihren Schicksalen. Sigurgeir Kjarval nahm seine Mütze ab, als er in das Zimmer des Pfarrers trat. Dann ging er zu Sera Egil hinüber und reichte ihm die Hand, seine braune Bauernhand! Und der Pastor legte die seine hinein, da war es eine Hand von schier gleicher Art, obschon es die Hand eines Predigers war. Sie blickten sich an mit den gleichen ernsten Augen, und Sigurgeir Kjarval wußte danach, daß er dem Pastor nichts neues zu sagen hatte. Es war bereits aufgeschrieben im Buch der Lebenden, was er ihm berichten wollte. Und drei Kreuze standen dahinter, für jeden von ihnen eines! Der Bauer nahm den Stuhl, den ihm der Pastor bot. Umständlich holte er sein Schnupftuch aus der Tasche hervor und strich sich den Schweiß von der Stirn. Dann steckte er das Tuch wieder in die Tasche und hatte derweil noch nichts gesprochen. Der Pastor saß und blickte durch die Fensterscheiben in das herbstliche Land hinaus, das in leiser Wehmut mit seinen Wiesen und Sandflächen um den Pfarrhof lag. Wolken schleierten tief über die Ebene. Und über die Grasplätze ging es wie Wellen und Wogen im Wind. Es lag eine stille Trauer über der Erde. Weiches trauerndes Land. Doch war seine Trauer nicht tödlich, nicht starr und verschlossen. Die Hoffnung war noch nicht tot, die Hoffnung. Er blickte auf sein Buch hinab, der Pfarrer von Hlidarenda, und sah es aus seinen Seiten hervorquellen, weinend und lachend und lebend, Menschen, Menschen, Generationen von Menschen, die sich aneinanderreihten. Nein, da war die Hoffnung nicht tot. Im Schatten sterbender Stämme wuchsen junge Bäume! Und die mächtige Krone des Alten hielt den Sturm von ihnen ab, daß er sie nicht brechen konnte vor der Zeit. »Es ist noch die Hoffnung da, Sigurgeir Kjarval!« sagte er und sah mit einem milden Lächeln dem Bauer ins Gesicht. Aber der Bauer wehrte ab: »Laßt es gut sein, Sera Egil, ich brauche keinen Trost. Aber«, sagte er mühsam und sah auf das Buch, »sprecht zu meiner Tochter von Trost. Helft ihr, Pastor«, preßte er hervor, »sie grämt sich um die Toten!« Seine Wangen färbten sich tiefrot, als er soweit gesprochen hatte. Und in seinen grauen Augen flackerte die Angst um sein eigen Blut. Seine starken Hände, die die Fron des Landes zu Schalen gewölbt hatte, tasteten unruhig über die schmale Gesimskante des Fensters an seiner Seite. Und in seinem Gesicht lagen die Falten tiefer als sonst. Oder war es nur der Widerschein der Sonne, die in diesem Augenblick noch einmal gleißend auflohte, bevor sie versank, – ihr Schein mochte die Schatten zwischen den Furchen seines Gesichts vertiefen. »Sendet sie herüber zu mir!« murmelte der greise Priester mit kummervollem Gesicht. »Es mag zu schwer sein für ein junges Weib.« »Und die Gräber«, begann der Bauer wieder, »drei Gruben, Pastor, für die Leute vom Berg, für die Toten!« »Laßt das meine Sorge sein, Sigurgeir Kjarval. – Er hat es mit seinem Leben bezahlt, mein junger Amtsbruder«, fügte er noch hinzu und erhob sich vom Tisch. Aber mehr sagte er nicht. Er sah die Gedanken des Bauern wie in einem Buch! Und dennoch schwieg er. Als Kjarval schon weit in der Ebene draußen ritt, läutete der Priester den Totensegen über das Land, auf das die Dämmerung sich senkte. Mit hohen Stimmen riefen die Glocken. Und schwiegen dann wieder für die Dauer eines Gebets, worauf sie von neuem durch den Wind dröhnten in zwei abgehackten Schlägen, und wieder. Aber der Greis betete nicht in den Pausen der Trauer, er sann über dem Leben. * Sigurgeir Kjarval nahm die Mütze von seinen grauen Haaren, als die Totenglocken in das emsige Trappeln seines Pferdes hineinklangen. Er sah sich scheu um nach dem Kirchlein und wieder voraus auf den Weg! »Dem Herrn sei Dank!« flüsterte er und hatte ein schlimmes Funkeln in den Augen, »er hat mir meine Tochter gerettet!« Aber es schien, als ob die Sorge ihre Fänge nicht mehr lösen wollte von seinem Hof. Er hatte sein Pferd abgeschirrt und wollte eben ins Haus treten, als der Lichtschein einer Laterne aufflammte, die ein Knecht aus der Scheune heraustrug. Ihr gelbes Licht flog schwankend über die Wände der Häuser und Ställe und kam langsam näher, bis Kjarval in seinem hellen Kreis stand. »Bauer!« »Die Gäste sind weggeritten, Bauer!« »Sie sind –?« »Es ist etwas geschehen, Bauer!« sprach der Knecht weiter und rückte langsam näher, »ein Unglück, Bauer!« »Das Mädchen »« stammelte Kjarval und griff nach einem Halt, »das Mädchen!« »Jau, Bauer!« sagte der Knecht traurig und blieb stehen, weil er sich vor ihm fürchtete, »Ihr wißt es schon?« Er hüstelte vor sich hin und trat wieder einen Schritt zurück, und noch einen. Die Augen Kjarvals glommen seltsam auf im Licht. Sie waren wie die Augen eines Wahnsinnigen. »Das Mädchen!« stöhnte er und schwankte, als ob er zusammenbrechen wollte. Aber plötzlich war er über dem Knecht und riß ihm die Laterne aus der erhobenen Hand. »Gib!« brüllte er, »gib, bei den Verdammten! Gib das Licht!« Doch der Knecht taumelte zurück, klirrend verlosch die Lampe auf den Steinen. Kreischend rannten Mägde vor die Haustür. Hunde heulten auf. »Sigga!« schrie der Knecht hinter dem Bauern drein, »es ist Sigga!« Erst jetzt kam ihm zum Bewußtsein, um was es ging, und daß Kjarval glaubte, seine Tochter, – seine Tochter sei tot! Sigga!« brüllte er über den Hof. Aber da schlugen schon die Tore der Scheune zurück und knallten gegen die Wände, daß es schaurig durch die Nacht krachte. »Ein Licht! Bringt ein Licht! Der Bauer, Gott, der Bauer! – – – Ein Licht!« In diesem Augenblick kam Kjarval wieder aus dem Schober und schritt auf das Haus zu. Eine Last baumelte ihm von der Brust, um die er seine beiden Arme geschlossen hatte. Die langen Haare des toten Mädchens fielen von seinen Armen herab und wehten im Dunkel wie ein Schatten hinter ihm her. So schritt er auf die Hofleute zu, die gelähmt an ihren Plätzen standen und ihn erwarteten und kein Wort aus dem Munde brachten. Nur der langsame schwere Schritt des Bauern dröhnte über den Boden, die Arme der Toten baumelten bei jedem Tritt an seiner Seite. Im Hausgang wurde es hell. Thorhildur trug eine Lampe heraus, sie sprang, so schnell sie ihre Füße tragen wollten. Aber dicht vor der Tür prallte sie entsetzt zurück über dem Bild des Bauern, der in diesem Augenblick den Eingang erreicht hatte. Er blieb mit starrem Gesicht vor der Magd stehen, mitten im hellen Lichtkreis, und nickte ihr zu, schwer, und nickte noch einmal: »Nicht wahr, Thorhildur!« murmelte er, »sie hat dich immer lieb gehabt, nicht wahr, Thorhildur?« Dann wollte er weiterschreiten, wie im Traum. Nur ganz unbewußt sah er auf das tote Mädchen in seinen Armen hinab. »Es ist Sigga, Herr!« kreischte die Magd, »Herr, es ist nicht Eure Tochter!« Der Bauer verfärbte sich jäh, als er das Gesicht der Magd erkannte. »Das Licht!« flüsterte er heiser, »das Licht!« »Sigga!« flüsterte er weiter, »es ist Sigga!«, während die Mägde und Knechte atemlos auf ihn sahen. Aber plötzlich ging ein Murmeln durch ihre Reihen. Draußen stand hart ein Pferd auf. Asdis kehrte von einem Ritt durch die Wiesen zurück! »Bauer, Eure Tochter ist da! Sie weiß noch nichts von Sigga. Bauer, sie darf Euch nicht sehen – und die Tote!« redete Thorhildur auf ihn ein, »so geht doch, Bauer!« Aber Kjarval stand noch immer halb von Sinnen an der Wand des Ganges und sah auf das Gesicht der toten Magd, die schlaff in seinen Armen hing. Abwesend irrte sein Blick danach über die Gesichter hin, die ihn umgaben und auf ihn starrten. »– nicht meine Tochter!« Er hörte Asdis' Stimme draußen. »Du lebst!« stieß er hervor. »Asdis! Du lebst!« »Laßt mich hinein! Was ist geschehen?« rief das Mädchen. »So laßt mich doch hinein!« Doch als sie durch die Tür trat, weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen bei dem Anblick ihres Vaters. Ihre Lippen zitterten im Krampf. Lautlos brach sie zusammen. Da erst kam Leben in den Bauern. Er ließ die Tote auf den Boden gleiten und beugte sich über sein Mädchen. Mit bebenden Händen strich er über ihre Wangen und rief ihren Namen. »Dem Herrn sei Dank, daß du lebst!« murmelte er ein um das andere Mal, »Asdis! Meine Tochter! Komm, Asdis!« flüsterte er und trug sie zu ihrem Zimmer – »Unglück ist über dem Hof, Vater!« schrie Asdis die Nacht hindurch, »Unglück, Vater!« »Ihr habt sie getötet, Vater! – Sigga, die kleine Sigga! Tot, tot – –« wimmerte sie dazwischen. Der Bauer saß an ihrem Lager. Er hielt ihre fieberheiße Hand und legte seine Arme um ihren Leib, wenn die Schauer sie packten und umherstießen. »Unglück ist über dem Hof!« murmelte er wie ihr Echo und senkte seinen grauen Kopf auf die Brust. »Geht, Bauer«, kam die alte Kristin nach Mitternacht zur Tür hereingehumpelt und stieß ihren Stock auf die Dielen, »geht! Ihr könnt ihr nicht helfen! Die alte Kristin wird bei ihr sitzen und für sie sorgen.« »Geht!« sagte sie nochmals. Da stand Kjarval auf und ging hinaus. »Ich fand sie, als ich draußen bei der Lagune war, wißt Ihr, in dem schmalen Wasser, wo das Meer mit dem Haff verbunden ist. Dort hatte ich meine Netze ausgelegt, um Lachse zu fangen. Viele Steinblöcke liegen da umher, aber ich habe sie trotzdem gleich gesehen, ihr rotes Mieder.« Der Knecht machte eine Pause und sah zu Kjarval auf. »Wir wußten, daß sie heiraten wollten, jeder wußte darum. Aber weil ihn der Steinschlag getroffen hat, so – so ist es geschehen, Bauer! So habe ich sie gefunden, die Sigga!« Darauf schwieg er und drehte seine Mütze in den ungeschlachten Fäusten hin und her. Er sah wieder auf den Bauern, aber er konnte sein Gesicht nicht erkennen, weil Kjarval mit dem Rücken zum Fenster stand. »Sie hatte doch ein Kind von ihm –«, hob er wieder an. »Schon gut, Magnus!« Der Bauer winkte müde mit der Hand. »Nun ist es geschehen! Geh doch jetzt!« »Bauer?« »Nun?« »Da sind keine Bretter mehr.« »Bretter?« »Jau, Bauer, für den Sarg.« Hatte Kjarval nicht gehört? »Bauer, die Lade! Svenn hat kein Holz mehr, meint er. Und das Mädchen muß doch –« »Der Sarg? Jau! Ihr könnt sie in meinem Sarg begraben. Er steht droben auf dem Dachboden. Viel zu groß ist er für sie. Aber das ist nun gleich, wir können ihn holen!« Er ging vor dem Knecht her die knarrende Stiege zum Dach hinauf, wo viel altes Gerät war. In einer Ecke stand die Totenlade, – bald seit zwanzig Jahren, seit der Zeit stand sie dort, als sie sein Weib in Hlidarenda begraben hatten, seither! »Einer von euch soll nach Thiorså reiten zum Händler. Wir brauchen noch Bretter, wenn Geir zurückkommt«, sagte der Bauer keuchend, als sie den schweren Sarg die Treppe hinabtrugen, »wir werden noch mehr Bretter brauchen.« Scheu sahen die Mägde aus der Küchentür hervor, als sie danach über den Hof hinüberliefen und in der Scheune verschwanden, wo sie die Lade in der Ecke zunächst der Tür niedersetzten. Der Knecht hob den Deckel von ihr und stellte ihn an die Wand, während Kjarval zu der kleinen schmalen Gestalt hinüberging, die im Halbdunkel des Stadels auf ein paar Heubüscheln ausgestreckt lag. »Jau, das war nun die kleine Sigga.« Aber sie lag jetzt reglos am Boden, wo sie vor ein paar Tagen noch mit emsigen Händen umhergegangen war und mit Freude daran gedacht hatte, daß sie nun bald das junge Leben in denselben Händen halten könnte, das jetzt noch schwer und warm in ihrem Leib behütet lag. Und überdies mußte er jeden Augenblick eintreffen, von den Bergen herabreiten, ihr Liebster, aus dem ???Torfa! Behutsam deckte der Bauer wieder das weiße Laken über den Leib, der jetzt starr war und kalt, und über ihr Gesicht mit den blonden gelösten Haaren. »Das waren die Toten!« murmelte er und sah auf das grobe Tuch, unter dem der alte Oddur lag. Und er spähte noch weiter umher, als erwartete er, noch ein solches Bild und wieder eines zu sehen. Es war noch viel Platz in der Scheune, viel Platz! Das Tor des Schobers knarrte. Svenn brachte den Sarg für den Alten. Er war nicht so prächtig und schwer wie der des Bauern. Aber was machte das. Brauchte Oddur einen prächtigen Sarg? »Holt dann die Bretter!« sagte Kjarval, ehe er die Scheune verließ. Und die Knechte nickten. Wenig danach hörten sie vor dem Haus drüben das aufgeregte Trampeln eines Pferdes. Sie sahen von ihrer Arbeit auf, und Svenn streckte seinen Kopf durch das Tor. Der Knecht äugte über seine Schulter hinweg gleichfalls hinaus. Doch es war nur der Bauer mit Glaesir, seinem neuen Pferd. Er führte es einige Schritte und stieg dann in den Sattel. Mit einem Sprung fast schoß das Pferd davon. Das Klappern seiner Hufe ging im Steppenboden verloren. »Es leidet ihn nicht mehr auf dem Hof!« sagte Svenn und sah ihm nach. »Vielleicht reitet er in die Berge?« murmelte der andre und spuckte aus. »Was sagst du dazu, daß die Gäste aufgebrochen sind? Sie wollten nicht mehr auf dem Hof bleiben. Er sei verrucht und verflucht! hat einer gesagt. Und man könnte es mit auf seinen eigenen Hof schleppen wie eine Krankheit!« »Glaubst du vielleicht etwas davon?« »Hm!« »Vielleicht stirbt auch das Mädchen noch. Sie hat die ganze Nacht geschrien!« flüsterte der Knecht wieder. »Hm! Der Bauer würde es nicht überleben.« »Faß jetzt an!« schrie Svenn plötzlich nach seinen Worten. Er stand über die tote Magd gebeugt und wollte sie aufheben, um sie in den Sarg zu legen. Aber in diesem Augenblick scholl ein rasender Aufschlag dicht unter der Scheunentür mit ihren großen offenen Flügeln vorbei. Svenn schnellte wie ein Pfeil in die Höhe und hatte wachsbleiche zitternde Lippen, und der Knecht stöhnte vor Schreck im Dunkel. Keiner war fähig, ein Glied zu rühren. »Das war kein richtiges Pferd!« murmelte Svenn endlich und sah mißtrauisch auf die Toten, langsam wich er von der Magd zurück an die Wand und von da weiter zum Tor. »Am hellen Tag!« keuchte er und war mit einem Sprung im Freien. »Die Toten haben sich gemeldet!« murmelte der Knecht und rannte hinter ihm her. Und sie nickten bedeutsam, als sie dann vor der Scheune standen. Nirgends war ein Pferd zu gewahren oder ein Reiter. »Die Toten –« Aber es war nur die Tochter vom Hof gewesen, die einen Augenblick, in dem die Magd aus ihrem Zimmer hinausgegangen war, benützte, um aus dem Haus zu fliehen. Das Fieber glänzte noch in ihren Augen, und ihre Arme vermochten kaum den Sattel vom Haken zu heben. Aber unter Aufbietung aller Kräfte kam sie doch zu dem Stall hinüber, in dem der Graue stand und ihr wiehernd entgegenblickte. Seit Raudur den Rappen des Bauern geschlagen hatte, stand Greye an der Raufe, aus der vordem Odinn gefressen hatte. Mit zitternden Händen befestigte das Mädchen den Sattel auf seinem weichen Rücken mit den schimmernden weißlichen Haarspitzen und führte ihn über das holprige Pflaster auf den Hofraum hinaus. »Wir müssen reiten!« flüsterte sie ihm zu und strich ihm über die Nüstern, mit bebenden bettwarmen Fingern. Dann stieg sie mühsam auf seinen Rücken und nahm die Zügel auf, während es in ihrem Kopf flammte und stieß von quälenden Bildern, die sie zu sehen vermeinte. Sie sah hoch in den Felsen einen Burschen, der sich über eine steile Wand in die Tiefe hinabseilte, um nach einem Toten zu suchen. Und nun hatte die Angst sie gepackt, sie sah den Tod auch nach ihm die knöchernen Finger krümmen. Helfen mußte sie, helfen! Dann gab sie Greye den Weg frei. Aber als sie nun über die Steppe hinaustritt, begannen bereits wieder die Schleier des Fiebers ihre Sinne zu betäuben, wie im Traum nur sah sie die Berge im Norden aus der Ebene heraufkommen und sich nähern. Und wie im Traum hielt sie von den Bergen ab. Unter den Hängen des Vatna hockte ein halbwüchsiger Bursche auf einem Steinblock und sah zu den Felsen hinauf, in denen sich einige Punkte bewegten, die man mit Mühe noch als Pferde und Männer ausmachen konnte. Der Junge folgte eifrig den Bewegungen der Punkte und hatte kaum ein Auge für die Riesenherde von Schafen, die um ihn herumtrippelte und wogte und die Luft mit lärmendem Geschrei erfüllte. Unverwandt blickte er auf die Stelle, über die in der letzten Nacht der Steinschlag gegangen war und die Reiter in die Tiefe hinausgefegt hatte. »Jetzt sind sie dort!« murmelte er vor sich hin und sprang aufgeregt von seinem Platz auf. »Gerade da ist die Stelle!« redete er weiter, obgleich außer den Schafen und ein paar Hunden kein Wesen in der weiten Runde war, das ihn hören konnte, »Und geschrien hätte einer«, das hatte ein Knecht gesagt, der mit Thorkill zum Hof geritten war, um Hilfe zu holen. Dem Jungen lief es kalt über den Rücken hinab, als er daran dachte, daß einer in den Felsen hängen konnte und schrie. Schrie! Fröstelnd zog er die Schultern in die Höhe. Aber plötzlich drehte er sich um und horchte. Durch das Blöken und Wärmen der Schafe hörte man schnelles Trappeln von Pferden. »Da müssen sie kommen!« Er sprang zu seinem Pferd und kletterte in den Sattel. Noch einmal lauschte er nach Süden hin. »Jau, das sind sie!« schrie er plötzlich und trabte davon, »jetzt kommen sie.« Ein einzelner Reiter erschien auf der Rundung eines Hügels, und der Junge wollte schon enttäuscht seinen Gaul parieren, als noch andere dem ersten folgten und in scharfem Trab auf den Jungen zuhielten. Es war Geir mit Thorkill und den andern. »Wo sind die übrigen?« rief Thorkill schon von weitem, als er den Jungen gewahrt hatte. »Droben«, nickte der Junge zum Berg hin, »alle! Sie waren die ganze Nacht droben!« sagte er dann, als er die Reiter erreicht hatte. »Dort!« zeigte er zu den Punkten hinauf, die langsam sich auf der Stelle hin und her bewegten, an der das Unglück geschehen war. »Sie haben noch nichts gefunden!« murmelte der Altknecht, während er zu den Punkten hinaufstarrte, »wenn sie etwas gefunden hätten, so hätten sie sicher einen von den Leuten zu Tal geschickt. Ja, Geir Thors, ich weiß nicht, ob Ihr Euch getraut, dort droben in den Fels einzusteigen. Und bedenkt, wenn Ihr nun auch noch Euer Leben drangeben würdet! Bedenkt das!« »Es wird nicht mehr lange dauern«, fuhr er dann fort und wies auf die Wolken, die in tiefem Flug über die verschneiten Kuppen des ??? Torfa hineinflogen, zerfetzt und eilig drängend, »es wird nicht mehr lange dauern, bis der Berg wieder verhüllt ist und man kaum einen Schritt in ihm tun kann, wollt Ihr nicht besseres Wetter abwarten?« Er holte die Schnupfdose aus seiner Rocktasche und stopfte sich umständlich die Nasenlöcher. »Wir fanden kaum unsere Pferde wieder in der Unglücksnacht, so dicht hing der Nebel über dem Berg! Man kann nicht in ihn einsteigen.« »Man kann nicht!« nickte Geir und wandte seine Augen nicht von den Schroffen und schwarzen Basaltsäulen, die in die rauchende Wolkenkappe des Gebirgskammes eintauchten. »Es wird natürlich nicht leicht sein!« murmelte er danach und trabte wieder an, und die andern folgten ihm, bis auf den Jungknecht, der wieder zu seiner Herde zurückritt. »Aber man muß es trotzdem versuchen!« hob er zum drittenmal zu sprechen an, »wir wollen auf den Steig hinaufreiten zu den andern.« Die Männer im Berg blickten ihnen bedrückt entgegen, als sie sie herankommen sahen. Sie hatten nun schon seit Sonnenaufgang dort oben gestanden, und einer von ihnen hatte versucht, über den Felsen hinauszuklettern und zu sehen, ob er nicht vielleicht einen Weg finden könnte zu dem einen, der die halbe Nacht hindurch gewimmert und gestöhnt hatte, – jau, einer von ihnen mußte nun doch noch am Leben sein wie durch ein Wunder, denn anders konnte man sich das nicht erklären. Geir Thors wurde leichenblaß, als er sie reden hörte: »Und da habt ihr nicht versucht,– und während der ganzen Zeit hängt noch einer im Berg!« »Er ist ja ???hinausgestiegen, der da«, sprach der Knecht wieder weiter, aber wir hatten Mühe, bis wir ihn zu guter Letzt wieder auf den Weg heraufgezogen hatten. Niemand wird dem da unten helfen können.« Seine Augen wurden plötzlich stier; er packte Geir am Arm und zeigte in die Tiefe: »Hört Ihr's. Hört Ihr's? Da ist er wieder!« Kaum vernehmbar klang ein Wimmern von unten herauf. »Geir Thors! Ihr denkt doch nicht, – Ihr wollt doch nicht hinab zu ihm?« »Warum nicht? Thorkill!« gab der Bursche mit blassen Lippen zurück. »Wenn nun Ihr im Berg drunten hingt und darauf wartetet, daß man Euch herausholen würde? Wenn nun Ihr an seiner Stelle wäret, oder ich, oder einer von euch!« Er sah sich in den Gesichtern der Knechte um. »Aber es kommt Regen, und vielleicht wieder Nebel. Wie wollt Ihr da herausfinden?« »Man muß sehen, man muß eben warten! Abwarten! Ein Leben ist das andere wert! Hast du die Taue?« wandte er sich an Thorkill. »Dann gib sie her!« »Aber, Geir Thors, Ihr könnt nicht jetzt einsteigen! Seht doch nach oben! Die Wolken sind noch tiefer gekommen.« »Gib her!« »Jau. Da! Und – und – dann segne Euch der Herr! Nun, da sind sie also, die Taue!« »Und wenn mir etwas zustoßen sollte, dann grüß die drunten auf dem Hof!« Er sah einen Augenblick auf Thorkill. »Auch das Mädchen mußt du dann grüßen! Vergiß es nicht!« »Kannst du nicht von Zeit zu Zeit rufen, damit wir wissen, wo du bist!« stieß der Altknecht heraus, als Geir schon über den Rand des Steigs hinausgeklettert war. Er legte sich glatt auf den Bauch und schob seinen Kopf über den Abhang hinaus. »Du mußt also rufen!« »Jau, Alter!« Der Fels war steil. Aber wenn man erst über eine Wand von einigen dreißig Fuß hinabgekommen war, waren genug wagerechte Bänder da, die einige Bewegungsfreiheit gaben. Den Blicken der Knechte entzogen, arbeitete sich Geir auf das erste Querband hinab und schritt auf ihm entlang, während er seine Augen in jede Schrunde und auf jede Nadel heftete, die er einsehen konnte von seinem Platze aus. Nun stand er schon auf der zweiten Terrasse, und auf der dritten, und wischte sich den Schweiß von der Stirn, – er hatte keine noch so geringe Spur gewahren können. Er blickte auf ein Kar hinab, das sich bald hundert Meter unter seinen Füßen befand. Von nadelscharfen grotesken Zacken war es umrandet, zwischen denen Schluchten sich eingehängt hatten, von Schneewänden ausgekleidet, die selbst die Sonne eines ganzen Sommers nicht zu schmelzen vermocht hatte. Als ob der Berg lange nach seinem Erstehen sich noch einmal gereckt und gedehnt und seinen alten Mantel gesprengt hätte, so standen die Grate und Schluchten in wirrem Durcheinander und wilden Formen um das Kar, das sie umschlossen. Das Poltern eines niedergehenden Steines schlug plötzlich durch die Stille. Droben schrien sie dazu, um ihn zu warnen. Er sah nach oben und sah den Stein über sich aus den Felsen herauskommen und mit einem schleudernden Satz ins Kar niederstürzen. Darauf blickte er wieder dorthin, weil er sich dachte, daß, wenn ein Stein diesen Weg genommen hatte, es mit einem Menschen wohl nicht anders sein würde. Aber er sah ein, daß es doch ein Unterschied war, ein Stein schnellte sich wieder ab vom Fels. Das tat ein Körper nicht, wenn er über die Wand herabkam! Er spürte ein kaltes lähmendes Gefühl in seinen Beinen und suchte nach einem Griff im Gestein, um weiterzukommen. Er wollte sich nun doch zum Kar hinabseilen. Vielleicht, wenn man von unten aus die Wand einsehen konnte, vielleicht konnte man dann einen von ihnen finden. Drunten suchte er die Wand ab, über die er herabgeklettert war. Die Rufe der Knechte hörte er nur noch schwach aus der Höhe. Er schickte eine Antwort zurück, damit sie sich beruhigen sollten. Dabei gewahrte er mit einem, wie die Nebelfetzen nun schon um den Platz rauchten, an dem er den Steig verlassen hatte. Sein Ruf flatterte wie ein Echo zu ihm zurück. Auch die Helle des Tages war matter geworden und der Berg farblos. Aus den Spalten klirrte das Tropfen und Plätschern von dünnen Wasserrinnen, die sich im Innern des Berges ihren Weg zu Tal suchten. Und plötzlich waren dann die Flächen des Gesteins mit kleinen feuchten Perlen beschlagen. Als er mit der Hand über sie strich, blieb ein schwärzlicher nasser Streifen zurück. Der Nebel kam nun auch zu ihm. Er schaute nach dem Weg, den er bisher zurückgelegt hatte, um ihn wiederzufinden, wenn es sein mußte, daß er die Suche aufgab. Aber er sah überall nur Nebel und Schwaden zwischen den Schroffen brauen. Im Südosten lohte die Sonne unversehens noch einmal durch den Dunst, flackerte trüb und gelb wie eine Fackel, Funken schienen aus dem Fels zu stäuben. Um so drückender war danach die Dämmerung, die sich an den Hängen festklammerte, feucht und kalt. Dann kam die Nacht! Geir begann wieder aufwärts zu steigen im Fels. Wollte zu einer Terrasse, die mehr Platz bot, als die Stelle, an der er sich jetzt befand. Aber plötzlich hielt er ein und horchte, hatte seine Fäuste im Stein verkrampft und horchte. Hatte er sich getäuscht? Lautlose Stille war um ihn, nur das Wasser rann in den Poren des Berges. Er mußte sich verhört haben. Da war wieder ein Laut! Seitwärts von ihm! Als ob sich etwas im Dunkel regte! Geir zuckte zusammen! Aber nun war es besser zu hören, jetzt kam es ganz nahe, ein Rabe strich durch die Wand! – Stille! Nur ein Rabe. – Dicht unter ihm streiften die Schwingen mit einemmal vorüber, kehrten wieder zurück. Dann hörte er den Vogel aufblocken. Ein leises Quarren kam durch das Dunkel, von der Seite herüber, – ein wenig oberhalb, – er saß wohl jetzt und linste durch die Nacht zu ihm herüber. Aber plötzlich rann ihm ein Schauer über den Leib, als er an den schwarzen Vogel dachte, was wollte der hier im Berg? Im Berg, in dem die Leichen der Männer irgendwo hängen mußten? Der Rabe – Geir suchte nach einem Griff, um weiterzukommen, stieg an. Kaum konnte er mehr die einzelnen Absätze unterscheiden, so dunkel war es geworden, – einmal glitt er aus und blieb danach eine ganze Weile dort stehen, wo er sich gerade befand, weil er seinen Füßen nicht mehr trauen wollte. Aber als er sich gefaßt hatte und weiterkletterte, hörte er, wie der Kolkrabe wieder abstrich und pfeifend dicht an ihm vorbeiruderte, als ob er sich vergewissern wollte, was er hier treibe. Dumpf setzte er danach auf einem Stein auf, etwas klirrte durch die Felsen und fiel. Wieder! Er mochte ein paar Steinkrümel über den Fels hinaus gewetzt haben. Eine Weile horchte der Bursche noch mit angehaltenem Atem – Und plötzlich war ein eigentümlicher schnarrender Ton in der Nacht, rätselhaft – Geir horchte, mit zuckenden Fingern, auf dieses Schnarren. Das Blut stieg ihm in den Kopf und hämmerte wild in den Schläfen, obwohl er noch nicht wußte, woher das Schnarren rühren mochte, von dem Vogel vielleicht, von dem Raben! Es mußte von ihm sein! Da fiel ihm unversehens ein Geschehen ein, das schon weit zurücklag. Der Vater seines Vaters hatte auf dem Sterbebett gelegen – er begann zu röcheln in seinen letzten Augenblicken. – »Bring die Kinder hinaus!« hatte Hordis zu einer Magd gesagt. Und Sigrid hatte bei ihnen gesessen und ihnen Geschichten erzählt, während der Großvater im Nebenraum starb ... Der Bursche lauschte, während ihm die Augen aus den Höhlen traten vor Grauen. Dort unten röchelte ein Mensch! Und bei ihm saß der Rabe und wartete. Mitunter stieß er ein trockenes Quarren in den Nebel und wartete weiter. »Einar!« brüllte Geir. »Leif!« »Einar!« Der Rabe strich wieder ab und fiel über ihm in die Wand ein. »Kraak, kraak!« Stille! »Einar!« Nichts war zu hören. Bis ein leises Wimmern anhob und sich steigerte und schließlich schrie, grausam durch die Nacht schrie! Geir hörte weit über sich die Stimmen der Knechte schallen. Sie riefen ihn mit seinem Namen. Aber wie ihr Echo stieg wieder der Schrei aus der Tiefe herauf, schneidend. »Ich komme, ich komme!« brüllte der Bursche und tastete mit seinen Füßen über das feuchte Gestein unter sich, um einen Halt zu suchen. »Ich komme!« schrie er und stand doch mit gefesselten Gliedern an den Fels gedrückt und vermochte nicht, die verkrampften Finger aus den Steinen zu lösen, weil er keine Kraft mehr gehabt hätte, ihnen neue Griffe abzuzwingen. Seine Knie begannen zu zittern. Da schlug aus der Tiefe ein dumpfes Geräusch zu ihm herauf. So tönt kein fallender Stein. Und kein Schrei kam danach mehr durch die Nacht. Als die Knechte ihn im Morgengrauen wieder über den Felssteig hereinklettern sahen, schraken sie zurück vor seinem Gesicht! Keiner wagte ihn zu fragen. »Ihr könnt reiten!« sagte er nur und sah sich scheu unter ihnen um. Darauf ließ er sich von Thorkill den Platz zeigen, wo die Pferde die Nacht hindurch gestanden hatten, und kletterte müde auf den Rücken des Roten, nachdem der Altknecht ihn gesattelt hatte. »Ihr kommt ja wohl auch zum Hof?« Der Altknecht nickte und trat zur Seite, um ihn mit seinem Pferd vorbeizulassen. Dann griff er mit zitternden Händen nach seiner Tabaksdose. Er war plötzlich ein Greis geworden, zwischen seinen fummelnden Fingern rieselte der Tabakstaub auf den Boden hinab. Die Knechte sammelten die Seile auf und ritten auch talab. Der Jungknecht bei der Herde war eben dabei, die Zeltpflöcke aus dem Grund zu reißen und die Leinen aufzurollen. »Was sagst du, Thorkill?« fragte er den Alten, als der bei ihm aus dem Sattel stieg und ihm über die Haare strich, als ob er irgendeinem Menschen etwas Gutes antun müßte oder sich vergewissern wollte, daß noch nicht alles Leben in dieser Bergnacht erstorben war. »Fertig!« murmelte Thorkill. »Ist Geir Thors bei dir gewesen, als er wegritt?« »Jau!« Der Jungknecht senkte den Kopf. »Hat er vielleicht etwas gesagt!« fragte Thorkill vorsichtig. »Geir? – Er ritt vorbei, als ich ihn grüßte, sagte er nur: ›Du kannst auch reiten, du!‹« »Sonst nichts?« »Was sollte er mir sagen?« »Hm, jau!« Thorkill stieg wieder in den Sattel. »Leute!« schrie er. »Wir können reiten!« IX Man nannte sie die Unn vom Geysir. Und ihr Alter war wenig unter hundert Jahren. In ihrem Gesicht konnte man keine noch so kleine Stelle finden, die nicht von Runzeln und Falten bedeckt war, angefangen von der Stirn bis zum Ansatz des Halses hin, der ein ganzes Bündel von Furchen zu den hervorstehenden Schlüsselbeinen hinabschickte. Ihr spärliches weißblondes Haar fiel in dünnen Zöpfen auf die ausgemergelten Schultern nieder, auf ein farbloses, verwaschenes Hemd, dessen Ausschnitt wegen der fehlenden Knöpfe meist so weit offen war, daß man die magere faltige Brust sehen konnte. Männerhosen umschlotterten ihre langen dürren Beine bis zu den Waden hinab, wo sie, in lange Fransen zerrissen, endeten. Ihre knochigen breitzehigen Füße verrieten, daß sie zumeist nackt über den Boden gelaufen waren, und tatsächlich gab es keinen Menschen, der jemals Schuhe an ihnen gesehen hatte. Das war die alte Unn. Man sagte, daß sie wahnsinnig sei. Aber trotzdem hatte auch noch keiner die Worte vergessen, die die Alte einmal zu ihm gesagt oder besser gekrächzt hatte, die Worte der dürren alten Unn. Und das hatte seinen Grund nun wieder darin, daß die Leute glaubten, die Alte könnte mit ihren armen verwitterten Gedanken doch noch mehr erkennen als viele, die ihre Sinne beisammen hatten und wohlgeordnet, – sie konnte in die Zukunft sehen, die Alte! Das kleine Grasdach, unter dem sie schlief und wohnte, war windschief und halb zerfallen, und es stand wohl eine gute Stunde Ritt von der nächsten Siedlung im Süden. Die einzigen Fenster an der Vorderseite ihres »Hauses« waren blind in ihren Scheiben, und über die rechte untere Glaseinfassung war ein Sack genagelt, ein leerer Rupfen, damit der Wind nicht durch die Öffnung hereinblasen konnte. So kam es, daß wohl ein Fenster in dem dunklen Raum war, den die Alte vom Geysir bewohnte, aber wenn man innen vor dieses Fenster trat, so konnte man doch nichts anderes sehen, als daß eben Licht durch die matten Scheiben hereinfiel. Vom Land draußen war so gut wie gar nichts zu bemerken. Aber was hatte das schon zu sagen! Die Alte zog es vor, keine Glaswand zwischen sich und dem hügeligen Land zu haben, das in saftigem Grün, sumpfig wegen der Nähe eines ruhig ziehenden Flusses, um ihren Wohnplatz lag. Man traf sie deshalb selten in oder besser unter ihrer Hütte; sie steckte nämlich ein gutes Stück im Boden, das, was Unn die »Hütte« nannte. Eigentlich war sie nur ein Grasdach, das sich in ganz niedrigem Bogen über ein Erdloch spannte. Die dürre Unn war also allermeist im Freien zu finden, wo sie ihren zwei, drei Ziegen nachrannte oder einmal eine Hucke selbstgestochenen Torfes vom erhöht gelegenen Trockenplatz holte. Hatte sie diese beiden Geschäfte erledigt, dazu vielleicht noch die Milch in einem dicken braunen Topf in den Wohnraum hineingetragen, so war gewöhnlich ihr Tagwerk erschöpft. Sie hatte dann Zeit, den ganzen Tag hindurch ihren verrückten Gedanken nachzuhängen. Wenn aber nun diese Freistunde angebrochen war, so legte sie nicht etwa sofort die Hände in den Schoß, sondern sie begann erst einmal ihr Besitztum sorgfältig zu untersuchen, ob nun alles in der Reihe war, wie es sein sollte. Erst kroch sie in der dunklen Höhle umher und füllte die Petroleumlampe auf, jeden Tag, solange nicht die Sonne ohne Aufhören am Himmel stand; dann rückte sie einen Kübel zurecht und glättete die Decke auf dem einfachen Holzschragen, der ihr Bett vorstellte. Schließlich ging sie durch die klapprige Tür nach draußen und lief ein paarmal um ihre Rasenhütte herum, sah nach den verwitterten Balken und sah auf jeden der rostigen Nägel, mit denen sie zusammengeschlagen waren, auf jeden Riß, der in ihnen klaffte. Wenn die Alte auch das hinter sich hatte, so rief sie Thora, die Ziege, die meist währenddem schon hinter ihr hergetrabt war und mit großen blauschimmernden Augenovalen an der Gebieterin hing. Und Thora lief darauf langsam herbei oder ging auch gleich zu dem Platz, an dem sich die alte Unn um diese Tagesstunde gewöhnlich ins Gras niederkauerte und zu denken begann. Zu denken , denn die alte Unn wußte bei sich selbst, daß sie im ganzen Lande die einzige war, die wirklich denken konnte. Und bei sich selbst sagte sie auch, daß sie nur deshalb in der Einsamkeit wohnte, weil sie eben denken wollte. Gedanken dürfen ja nicht gestört werden, dürfen nicht auf lebende Wesen treffen in der Richtung, in der sie gehen, und deshalb hatte die Alte das große Sandgebiet im Innern Islands gewählt, weil sie weit über dieses Land hinausträumen konnte, ohne befürchten zu müssen, daß sie so leicht und häufig gestört werden würde. Es waren ja keine Lebewesen im großen Sand, die nächsten Nachbarn, so Sigurgeir Kjarval, wohnten im größeren Umkreis rundherum. Die Alte sah Tag für Tag in derselben Richtung, wenn sie ihren Platz eingenommen hatte; denn hinter ihr waren Berge und Matten, in denen man überall Tiere finden konnte und auch Menschen, wenn man Augen oder ein gutes Gefühl hatte. Die Bergrichtung war also kein Tummelplatz für die alte Unn. Entweder hockte ein Rabe oder ein Adler in den Felsenterrassen, oder halbwilde Pferde und Schafe grasten auf den Matten. Und die Gedanken der Wahnsinnigen durften nun einmal nicht auf lebende Wesen treffen auf ihrem Weg. Unn wußte wohl, daß jedes Tier, und war es auch nur ein jämmerlicher kleiner Regenpfeifer, eine Wolke um sich hatte, die neben ihm herlief und es umhüllte. Und eine solche Wolke hielt die Gedanken auf und verschluckte sie nicht selten, so daß Unns Abgesandte schon oft nicht mehr den Weg zu ihrem Kopf und ihrer Seele zurückgefunden hatten. Nur in der Sandöde waren die Überlegungen der Alten sicher vor einem unverhofften Zugriff. Wie immer hatte sich also Thora, die Ziege, einen Platz in der Nähe der reglos sitzenden Alten ausgewählt. Thora schleckte sich mit ihrer langen Zunge die Vorderläufe und wischte sich dann anmutig die feuchten Nasenlöcher mit ihr aus. Oder sie legte die Zunge wie eine Schlinge um ein paar Grashalme, rupfte sie los und hob mit einem Ruck den Kopf mit den spitzen Hörnern, sah die Alte an, bevor sie mit eingefallenen Backen zu kauen begann, aus Langeweile nur. Unn war heute nicht so ruhig, wie es sonst ihre Gewohnheit war. Ihr Atem ging kurz, und sie kniff manchmal die Lider zu und schüttelte dabei aufgeregt den Kopf, unwillig und böse, daß es am Ende sogar der Ziege auffiel und sie zuletzt zu kauen vergaß. Sie glotzte auf die Alte und war so eifrig bei der Sache, daß sie ganz vergessen hatte, daß ihr noch ein Büschel Gras aus dem Maul hing. Und plötzlich hustete sie, trocken und rauh, weil eines der Gräser ihren Schlund gekitzelt hatte. Es hörte sich an wie das bellende Husten eines altersschwachen Gaules. Die alte Unn warf plötzlich den mageren Arm in die Höhe, als ob sie damit eine Hummel verscheuchen wollte. Sie hatte die Augen stier nach Norden gerichtet, wo eine Anzahl verwitterter Steinblöcke den Beginn des Sandgebietes anzeigte, in dem meilenweit nur noch flache Hügel neben Mulden lagen, und da und dort kochendheiße Schlammkrater in der Erde bullerten und ihre giftigen Dampfschwaden über die Öde trieben. Sie warf also den Arm hoch, als ob eine Mücke sie angeflogen hätte. Aber es steckte doch etwas ganz anderes hinter dieser Bewegung. In der Sandwüste schien ein Feind zu sein! Die Gedanken der Alten waren verwirrt und verwundet zu ihr zurückgekommen, und sie hatte sie nun aufs neue hinausgeschickt. Deshalb der Arm! Ein Störenfried mußte im Sand sein. Die Unn murmelte unwirsche Worte aus ihren dünnen blassen Lippen. Sie hatte noch nicht ausmachen können, was dort über dem Weg war. Aber mit einemmal sprang sie von ihrem Platz auf. Sie spreizte die Zehen in den Boden und hielt die Hand über ihre alten Augen. Es schien ihr, als hätte sich zwischen den Steinblöcken etwas geregt. Nun war es wieder da. Gleichzeitig kamen ihre Gedanken in heller Flucht zurück und schlüpften ihr hastig in den Kopf hinein, um sich zu verbergen. Es war ein Feind im Sand. Und jetzt kam er näher. Plötzlich schrak die Alte zusammen. Sie sah ein Pferd auf den Sand hinaustraben. Es trug einen Reiter. Die alte Unn rannte in ihre Hütte hinein und versuchte durch die Scheiben zu sehen, was aus dem Ganzen werden sollte. Sie schob den Sack etwas zur Seite, der die eine Scheibe verdeckte und spähte hinaus. Das Pferd war bereits aus den Felsen heraus. Sein Reiter schien müde zu sein, denn er hing weit im Sattel vornüber. Als sie soviel gesehen hatte, kroch sie wieder durch die Tür und kauerte sich draußen wie eine Katze ins Gras nieder. Die Knie hatte sie bis an die dürre Brust hochgezogen. So sah sie auf den Reiter, der ein Feind war und doch keiner sein konnte, denn Unn hatte längst erkannt, daß er sich kaum mehr im Sattel halten konnte. Sie sah auch, daß die Zügel aus seinen Händen geglitten waren. Das Pferd kam in gerader Linie zur Hütte getrabt. Unn saß noch starr und unbeweglich, als es schon auf wenige Meter herangekommen war. Der Reiter hatte die Augen geschlossen und sein Körper schwankte mit jedem Tritt des Tieres. Die Fäuste hatte er in die dichte Halsmähne eingekrallt und hielt sich krampfhaft an ihr fest. Unn hatte mit einem vergessen, daß der Fremde mitten in ihre Gedanken hineingeritten war. Sie sprang auf und wollte den Grauen bei seinen Zügeln fassen. Aber das Pferd wurde durch ihre schnelle Bewegung scheu und stellte, und sein Reiter glitt aus dem Sattel und schlug auf den Grasboden nieder. Unn stand eine gute Zeit und betrachtete den Gefallenen, der wie leblos vor ihr auf dem Boden lag. Dann bückte sie sich nieder und versuchte ihn auf die Seite zu drehen, um sein Gesicht zu sehen. Aber gleich darauf fuhr sie verwundert zurück, als ob sie ihren Augen nicht traute: es war ein Weib, das das Schicksal da zu ihrer Hütte geschleppt hatte! Ein Mädchen noch! Es schien jetzt zu erwachen, es rührte sich. Aber danach lag es doch wieder leblos wie vorher. Die Alte versuchte, sich aufzurichten. Und als es ihr nicht gelingen wollte, faßte sie die Fremde schließlich an den Stiefeln und schleifte sie auf dem Boden hin zur Hüttentür. Sie ließ sie darauf vorsichtig die wenigen Stufen hinabgleiten, die in die Tiefe ihrer Behausung führten, und schaffte sie mit ihren letzten Kräften auf ihr Lager. Ermattet hockte sie sich danach auf den Rand der Bettstatt nieder, während ihr das Blut von der Anstrengung rasend durch die schwache Brust klopfte. Ihre Gedanken rannten zwischen ihrem Kopf und der Fremden hin und her, daß sie ihnen kaum mehr zu folgen vermochte. Sie flüsterten ihr von Arzneien und Tränklein, und meinten, daß sie einen Topf auf das Feuer setzen sollte, um einen Labetrunk für die Erschöpfte zu kochen. Unn nickte vor sich hin, als sie das verstanden hatte. Sie ging zum Herd und werkte eine Zeitlang geschäftig im Halbdunkel der Hütte herum. Aber die Wirkung der Heilkräuter ließ lange auf sich warten. Der Puls schlug sogar eine gute Weile noch schneller als vorher, und die Kranke lag immer noch mit geschlossenen Lidern. Es schien ein großer Kampf in dem schwachen Weibskörper zu toben. Einmal schlug das Mädchen die Augen auf, es blickte zur niedrigen Decke hoch, wo die Wurzeln des Grasdaches zwischen den morschen Balken hereinhingen. Aber gleichwohl sahen die Augen dabei aus, als könnten sie nichts erfassen. Der Blick hatte immer dieselbe Richtung. So lag die Fremde zwei Tage und zwei Nächte hindurch. Ihre Wangen zeigten glühendes Rot derweil. Eines Nachmittags, – Unn kam eben von einem Gang zurück und hatte frische Brote in den Händen, die sie in einer Höhle fertiggebacken hatte, durch die der Dampf eines heißen Springquells zog – eines Tages also, es war der dritte, seit die Fremde auf ihrem Bett lag, hörte sie sie flüstern und sah, wie ihre Hände unruhig die Decken kneteten. Unn konnte nicht verstehen, was das Mädchen gemurmelt hatte. Nein, es war nicht zu verstehen! Doch gleich danach begann die Kranke noch einmal zu sprechen, und zur Antwort kicherte die alte Unn leise in sich hinein. »Hihihi«, machte sie, denn das Mädchen hatte einen Namen gesagt. Hihihi, einen Namen! Es mußte wohl der Name eines Mannes gewesen sein! Oder war es nicht so? Hihihi, früher hatte die alte Unn auch solche Namen gesagt. Und einer hatte ihr Haar gestreichelt, hihi! Das Antlitz des zermürbten alten Weibes stand weiß aus dem Dunkel des Raumes heraus. Ihre Augen, die sonst unruhig glitzerten und fortwährend zu spähen schienen, lagen still auf dem Gesicht des Mädchens. Kein Laut war in der Hütte. Die ganzen Nächte hockte die Alte so neben dem Lager und schaute in dieses Gesicht, während ihre Gedanken gleichwohl über das Land hinausliefen als ihre Sendlinge und überall sahen und horten und der Alten viel zu berichten wußten von dem, was draußen geschah. Sie brachten Erlebnisse und Schicksale in den kümmerlichen niedrigen Raum und breiteten sie aus vor den Blicken der Alten, daß sie sie aus nächster Nähe besehen konnte. Die Gedanken der armen alten Unn. – – Gegen seine Gewohnheit bog Gudbrandur Steffansson, der Postreiter, von dem Kurs ab, den er sonst in dieser Gegend einhielt. Jau, Gudbrandur hatte also etwas entdeckt, oder besser, er hatte gemerkt, daß etwas nicht da war, was man um diese Zeit hier zu sehen gewohnt war, – an einem bestimmten Platz und bei einem solchen Wetter, wo die Wolken wie runde weiße Federkissen auf dem blauen Grund des Himmels lagen. Gudbrandur vermißte den Anblick der alten Unn, die sonst immer wie ein Häufchen Erde vor der Hütte saß und träumte. Nirgends konnte er sie bemerken. Nur das eckige Gestell ihrer Ziege stand unbeweglich vom Horizont weg, wie ein steifer schwarzer Schatten. Gudbrandur hatte so ein Vernehmen, als ob nicht alles so sei, bei der Hütte drüben und mit der Alten, wie es nun einmal seit beinahe historischen Zeiten gewesen war. Und natürlich mußte sich die Obrigkeit für dergleichen interessieren, wer sonst, wenn nicht er als ihr Vertreter? Er bog also aus dem Kurs und strich sich vor Erstaunen seinen Schnauzbart ein ums andere Mal, denn nun hatte er doch recht gehabt mit seiner Vermutung. Was seit Jahrtausenden nicht geschehen war, das sah er nun mit eigenen Augen aus einer Mulde hervortreten, – ein Pferd, das in ruhigen Weideschritten an der Hütte der alten Unn vorüberzog, ohne den Kopf von seiner Äsung zu heben. Als hätte es schon seit ewigen Zeiten vor der Hütte gegrast, als sei es ein Pferd; das der alten Unn gehörte. Ein Pferd! Der Postreiter schüttelte ungläubig den Kopf über diese Entdeckung. Dann kniff er sich in den Schenkel, um zu sehen, ob er nicht träumte oder am Ende vielleicht schon lange gestorben war und hier nur umging als Gespenst, wirklich, ein Pferd! Er sah es deutlich! Und dabei haßte die Alte nichts so sehr wie ein Pferd, weil es mit seinem großen Körper und seinen starken Hufen so schlimm in ihre Gedanken hineintrampelte wie kaum ein Lebewesen sonst auf der weiten Erde. Und sie hielt dafür, daß Pferde als die direkten Blutsbrüder des Teufels anzusehen wären! Und war der Grimm, den die Alte gegen ihn, Gudbrandur Steffansson, hegte, etwa nicht einzig und allein darauf zurückzuführen, daß die dürre Unn jedesmal, wenn er vorübergeritten war, bemerken mußte, daß seine Pferde nun wieder alle ihre Gedanken mit Stumpf und Stiel aufgefressen hatten? Natürlich war das der Grund! Übrigens war die Hütte der Alten verschrien im weiten Umkreis, weil es dort nicht geheuer sein sollte. Und wenn einer von den beuten die alte Unn brauchte, ein Tränklein fürs Vieh vielleicht, oder auch eines für einen jungen Burschen, der blind an einer Magd vorbeilief und nichts zu sehen schien von den feinen Dingen, die sie ihm restlos schenken wollte, wenn er sie nur gewahr geworden wäre, – in solchen Fällen also kam man an einem Schönwettertag, wie es heute einer war, und fand dann die alte Unn vor der Hütte sitzen, ohne daß man ihren Bau zu betreten brauchte. Heute aber kräuselte dünnen blauer Rauch aus der halbverrosteten Eisenröhre, die aus dem Grasdach der Alten hervorstak. Ein dritter Verdachtsgrund für Gudbrandur, der nun entschlossen war, das Geheimnis zu lüften, das sich vor seinen witternden Nasenflügeln mehr und mehr verdichtete, anstatt sich aufzulösen. Er schnupperte mit seiner langen Nase, ob vielleicht der Rauch ihm Aufschluß geben könnte, denn natürlich mußte es ein besonderer Rauch sein, der aus Unns Palast aufstieg. Man mußte gewissermaßen schon am Rauch merken können, was da drinnen vor sich ging, hm! Aber er wurde nicht klüger, obwohl der Wind setzt die bläulichen Schwaden genau quer vor seine Nüstern trieb. Da ließ er seine Packpferde zurück, weil das Klappern ihrer Tragkisten vielleicht die Alte vorzeitig auf ihn aufmerksam gemacht hätte, und ritt auf leisen Sohlen, falls man das so nennen konnte, und unter Benutzung dichtbewachsenen welchen Grasbodens bis an die Tür der Kate hin, die er wegen ihrer windschiefen Bretter mißbilligend betrachtete, er, der Beamte, dessen staatliche Postkisten nach allen Seiten haargenau im Lot standen! »Kann man das vielleicht noch eine Tür nennen?« murmelte er verächtlich und spie vielsagend zu Boden. »Ein Schafgatter ist dagegen noch ein Kirchenportal, ho!« Statt der Klinke war eine grau verwitterte Schnur um einen Nagel gewunden, die aussah, als zerfiele sie, wenn man sie nur mit den Fingerspitzen berührte. Und zwischen den Bretterritzen wucherte bleichgrünes Moos heraus. Es war ein richtiges Hexenhaus. Gudbrandur stieg langsam und vorsichtig von seiner Stute herab und warf ihr die Zügel über den Kopf. Dann machte er sich daran, die Schnur, die nun einmal eine Klinke vorstellen sollte, von dem rostigen Nagelkopf loszuwickeln. Er wollte einen kleinen Spalt der Tür öffnen, damit er einen Blick auf das Blendwerk werfen könnte, das Unn wohl drinnen aus schmutzigen Töpfen zusammenleimte. Er hörte keinen Laut, nichts! Man mußte vielleicht das Ohr an die morschen Bretter halten, bevor man mit dem Recht, das der Obrigkeit zustand, unverhofft in ihre Hütte eindrang. Plötzlich vernahm er ein Wimmern von drinnen – und ein Stöhnen – eine andere Stimme sprach dazwischen hinein. Gudbrandur wurde blaß bis unter den Hut dabei, und seine Lippen begannen in den Winkeln zu tanzen. »Höll und Teufel!« murmelte er, »Höll und Teufel!« Da war die Alte dabei und hatte Besuch bekommen! Und vielleicht war es der Pferdeschwänzige selbst, der sich anschickte, die Hexe abzuwürgen. Er horchte atemlos, – ein Schrei kam durch die Bretter. Gudbrandur spuckte abergläubig über seine linke Schulter zurück. »Teufel! Jetzt hat er sie!« Aber nie im Leben spie Gudbrandur seitdem mehr über seine Schulter zurück. Denn als er seinen Kopf wieder in eine normale Lage bringen wollte, verlor er vor lauter Lauschen plötzlich das Gleichgewicht und sauste mit der Hirnschale voraus durch die morsche Brettertür in Unns Höhle hinein. Es war ihm im Fallen, als ob die Welt um ihn zusammengebrochen wäre und als sähe er die Hölle brennen. Ein markerschütternder Schreckensschrei schlug ihm entgegen. Eine lange weiße Gestalt schien über ihm zu stehen und nach ihm zu fassen. Danach ging ein Gezeter los, – das waren die Teufel, die sich nun auf ihn stürzen wollten, um ihn, den armen dürren Gudbrandur, in tausend Fetzen zu zerreißen. Er lag am Boden und suchte krampfhaft nach einem Halt in seinem Schrecken. Aber entsetzt fuhr er zurück, als wieder ein Schrei durch die Hölle hallte, und noch einer. Jetzt schrie die alte Unn! Zeternd lief sie um ihre Bettstatt und schraubte den Docht in ihrer Lampe in die Höhe, die sie dann mit zitternden Fingern über den Eindringling hielt, um ihn zu beleuchten und sein Gesicht zu erkennen. Eckige Schatten und Lichter flogen über den Mannskörper am Boden, über sein bleiches fahles Gesicht, in dem sich der Schnurrbart wie eine Bürste sträubte. Und der Mannskörper streckte zwei abwehrende Hände vor sich hin. »Hihihi!« zwitscherte die alte Unn plötzlich aus ihrer vertrockneten Kehle, »hihi, ist das nicht Gudbrandur Steffansson, der Postreiter, hihi, der sich hier in fremde Häuser einschleicht!« – Sprachlos hockte das Gerippe von einem Postreiter vor der Alten, mit starren, entsetzten Augen. Ein Gebet nach dem andern flüsterte er mit bleichen Lippen. Dann plötzlich schrägelte er hoch und wollte entwischen. »Hihi!« machte die Alte und erfaßte ihn noch rechtzeitig am Hosenbein, als er die drei Stufen hinauftaumelte, in die lockende Freiheit! »Hihihi, sie ist schwach, die alte Unn! Und du mußt ihr helfen!« flehte sie und hob hilflos die dünnen Arme hoch, worauf sie auf etwas Weißes zeigte, das auf dem Lehmboden lag, der Lagerstatt zu Füßen. Gudbrandur wollte sich mit aller Macht befreien. Er schickte einen angstvollen Blick in das Gesicht des alten Weibleins, und er sah... ein paar Tropfen, die ihr über die Wangen liefen, und wie sie zitternd den Mund bewegte, durchaus nicht so, wie man es sonst von Hexen kannte. Jäh war seine Zuversicht wieder zurückgekommen. In einem Sprung sozusagen. Hm, war man nicht ein Mann, ein richtiger Mann! Nun, seine Augen waren immer noch etwas scheu, indem er auf der untersten Stufe stand und sah, was da auf dem Boden lag. Das war ja ein Weib! Ein Mädchen! – Teufel! Das war ja das Mädchen von Arnarholt! Kjarvals Tochter! Nach der sie seit drei Tagen das halbe Land abgeritten hatten, um sie zu finden. Und da lag sie nun! – »Gemordet hast du sie!« wimmerte die Alte, »vom Bett ist sie gefallen! Heb sie wieder auf, Verfluchter!« Da riß er seine brüchigen Knochen zusammen. Vorsichtig schob er Asdis seine schwieligen Pranken unter den bebenden Rücken und legte sie auf das Bett zurück. Dann rannte er mit einem Satz aus der Kate und kletterte in den Sattel. Vergessen waren die Postkisten und die Packpferde. Mit einem schäumenden Gaul galoppierte er durch die Steppe nach Kjarvals Hof, während die alte Unn ihre Öllampe wieder über der Lagerstatt aufhängte und sich neben der Kranken niederkauerte, um sie unentwegt zu betrachten. Ihre Gedanken sandte sie zu IHM, daß er dem kranken Mädchen das Leben erhalten mochte. Geir sattelte bei den Hofgebäuden von Arnarholt ab, als er am dritten Tag dort wieder anlangte. Dem Roten gab er einen leichten Schlag auf die Hinterhand und sah ihm nach, wie er langsam zu einer Gruppe werdender Kameraden hintrabte. Auch der Hengst war müde. So müde wie der Bursche, der nun den Häusern zulief und sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Er hatte gedacht, daß er zu Asdis gehen müßte und sie umfangen und bei ihr ausruhen, so müde war er. Aber er schlug sich diesen Gedanken wieder aus dem Kopf, weil er fürchtete, daß sie seinen Zustand erkennen könnte und seine Schwäche, die ihn im Berg überfallen hatte. Es war am besten, wenn er zur Scheune ging und sich im Heu vergrub, bis die Sonne wieder hinter den Bergen aufstieg und die Nacht aus ihnen vertrieb, die Nacht, das Grauen und den Tod. Wenn die lebendigen Strahlen der Sonne über den Klippen und Schrunden lichterten und lohten, mußte dann nicht der Tod aus ihnen weichen? Er schlug die Scheunentore zurück, wo die geöffneten Särge standen. – Er trat auch langsam näher und begann wieder am ganzen Leib zu beben, während er doch Ruhe suchen wollte und Alleinsein. Aber es war wohl so, daß man nicht allein war, solange die Erde nicht hatte, was ihr gebührte. Er schlug das Tuch von Oddurs Gesicht zurück – jau, den kannte er! Trotz der Risse, die durch sein Antlitz liefen, hatte Oddur jetzt ein freundliches Gesicht, seit die Starre des Todes sich wieder ein wenig gelöst hatte. Er sah beinahe pfiffig aus, – keiner hatte ihm das eine Auge zugemacht! Sie hatten sich wohl davor gescheut! Aber nun mußte es doch geschehen. Er mußte ja nun endlich zur Ruhe kommen, der Alte! Und es war gut, daß es der Sohn seines Bauern war, der ihm diesen kleinen Dienst erwies zum Dank für das ganze Leben, das er ihm geopfert hatte, wenn er Oddur etwa bei Lebzeiten einmal über dieses eine Auge gefahren wäre, so behutsam und weich, wie er es jetzt tat, so hätte der Dummkopf von einem Alten natürlich geheult. Deshalb war es gut, daß er nun tot war. Ein richtiger Toter kann doch nicht heulen. Aber die Lebenden natürlich, hm, natürlich ist das eine andere Sache! Geir Thors, der ein Schluchzen unterdrückte, bückte sich und zog seine silberbeschlagene Peitsche aus dem Stiefelschaft, an deren unterem Ende die Initialen seines Namens eingegraben waren. Der Griff war aus gelblich schimmerndem Walbein gearbeitet. Er hatte es selbst aus dem Gerippe eines Blauwals geschnitten, der einmal südlich vom Sandfellhof an der Küste gestrandet war. Eine Peitsche, wie man sie selten auf Island gesehen hatte. Mit reichem Schnitzwerk und einem kräftigen Riemen aus Seehundshaut. Er streichelte ein wenig über ihren Schaft und ließ den Riemen durch seine Finger gleiten. Dann steckte er sie dem alten Oddur zwischen die eine Knochenhand, die so hart eingekrümmt war, als ob er in seinem letzten Augenblick noch etwas in ihr gehalten hätte. Es war nicht leicht, ihm den Stiel in seine Hand zu zwingen. Aber am Ende ging es. Und sieh, da fiel etwas aus den verkrampften Fingern des Alten. Ein kleiner Zeugfetzen. Schwarz! Es war ein Glück, daß Geir ihn achtlos beiseite warf, – es hätte sonst sein können, daß er ihn zu Boden gedrückt hätte und er nie wieder aufgestanden wäre nachdem, – es war ein kleiner Fetzen von einer schwarzen Pfarrhose, der dem Alten in den Fingern geblieben war. Sera Leif hatte auch im Berg seine Predigerhose getragen, damit er wenigstens mit einem Kleidungsstück noch ein Pastor war unter den rauhen Knechten. Geir streichelte dem Alten noch einmal über die Wange und deckte ihn dann wieder zu. Aber am nächsten Sarg blieb er noch viel länger stehen und starrte in das Gesicht der kleinen Sigga. So vertieft war er dabei, daß er nicht hörte, wie die alte Kristin hinter ihm in den Schober humpelte und murmelte, – hm, daß sie nun doch geglaubt hätte, es sei ein Schritt über den Hof gegangen, sie fürchtete sich ja vor den Särgen, hmhm, – aber weil die Scheune schon einmal offen gestanden hätte, so hätte sie also gedacht, daß man doch einen Blick hineinwerfen könnte. »Und da steht Ihr!« hob sie dann die Stimme, daß Geir Thors herumfuhr, mit einem Gesicht, das nicht viel besser war als das der stummen Leute in den Särgen, »also da steht Ihr! wißt Ihr nicht, daß kein Mensch auf dem Hof ist, weil sie derweil das Mädchen suchen? Seit drei Tagen schon!« »Das Mädchen?« flüsterte der Bursche und sah wie aus einem Traum auf die Alte. »Jau, das Mädchen!« »Ihr meint doch nicht, meint Ihr vielleicht die Asdis?« »Just die Asdis! Und der Bauer meinte, daß sie in die Berge geritten sei, weil sie Euch suchen wollte! Aber Ihr denkt wohl, es sei besser, bei andern Leuten zu stehen indessen!« Und nach diesen Worten begann sie zu flennen und zu wimmern, daß der Bursche ratlos an ihr vorbei zur Tür ging, weil er doch nichts Genaueres aus ihrem Gestammel heraushören konnte. Er holte sich ein frisches Pferd unter den vorhandenen Tieren heraus und warf ihm den Sattel über den Rücken, der noch von seinem letzten Ritt schweißig war. Dann saß er auf und ritt Zum Hausgang, weil er noch eine Peitsche holen wollte, denn er wußte nicht, was für einen Gaul er sich in der Eile gerade gegriffen hatte. Und es mochte ein saures Reiten geben, wenn man ihm nicht etwas nachhelfen konnte, sofern es vonnöten war. Als er den ganzen Hausgang nachgesucht hatte und auch noch die Knechtstube, ohne auch nur einen ellenlangen Riemen zu finden, ging er wieder hinaus und zur Scheune hinüber. »Es ist nur so – du weißt schon!« sagte er zu dem alten Oddur, »ich war etwas voreilig, das mußt du einsehen! Ich verspreche dir aber, daß ich sie dir zurückbringen will, siehst du!« Damit nahm er ihm die Peitsche wieder aus den Fingern und verließ den Heuboden, um zu seinem Pferd zu kommen. Er wußte zu der Zeit noch nicht, daß ihm der Alte nun zum zweitenmal einen unschätzbaren Dienst erwiesen hatte, als er ihn noch eine Zeitlang auf dem Hof zurückhielt. Denn gerade jetzt ritt der lange Gudbrandur schon ganz nahe am Hof mit seiner Stute, die die Beine wie ein Kamel hinter sich warf und doch kaum mehr vorwärtskam, weil ein solches Rennen, wie es der Postreiter heute mit ihr anstellte, sowohl über ihre Begriffe als auch über ihre Kräfte ging. Und wer weiß, was geschehen wäre, wenn der dürre Gudbrandur etwa ein Händler oder ein Brettschneider gewesen wäre, und nicht ein postreitender Beamter, der natürlich überall genau zur rechten Zeit eintraf, wie jetzt zum Beispiel. »Wißt Ihr es schon, he? Bei der Unn! Bei der Unn!« brüllte er und schwenkte die Arme, daß seine Stute nun vor Schreck wirklich noch das laufen lernte. »Da ist sie, jau, bei der Unn!« »Hsss!« krächzte die Kristin und hob ihrerseits die Arme, »wißt Ihr nicht, daß Tote im Haus sind? Und da schreit Ihr wie ein richtiger Flegel!« »Der Flegel –« schrie sie noch ingrimmig, als er schon vorbeigebraust war und beinahe den Burschen samt seinem Pferd umrannte, weil die Stute nun nicht mehr so leicht zu bremsen war, nachdem sie nun endlich in Fahrt gekommen war. Aber Gudbrandur Steffansson hatte nicht umsonst ein ganzes Leben lang mit bald siebzig Jahren mehr im Sattel gesessen als auf einer Bank oder gar im Bett. Er führte die Stute nach kurzem Kampf dahin, wo sie hingehörte nach dem Willen des Allmächtigen und Gudbrandur Steffanssons, des postreitenden Beamten. Darauf neigte er sich aus dem Sattel zu Geir hinüber und sagte: »Ich weiß ja, nun, ich weiß, was alles geschehen ist!« Dann machte er eine großzügige Handbewegung. Das war nun also vergeben und vergessen, und kein Hahn sollte mehr darüber krähen! Hierauf machte er wieder eine Pause und schrie dann plötzlich: »Aber jetzt ist sie bei der alten Unn vom Geysir! Und krank ist sie auch! Und am Ende wärt Ihr der beste Arzt für sie, he?« Er schnaufte tief aus seiner trockenen Kehle und blinzelte vielsagend und doch zugleich wegwerfend und brummte schließlich: »Daß Ihr es wißt! So sind nun einmal die Weiber.« Der Bursche saß vorgeneigt auf seinem Pferd und hörte auf den Alten, und dabei war er das eine Mal aschfahl über das ganze Gesicht und wieder glühend rot. Und er hatte dem alten Postreiter auch noch kein Dankeswort gesagt, als er nachher bei ihm in der Knechtstube auf einer Bank saß und ihn erzählen hörte, wie das nun alles eigentlich gekommen war. Doch als Gudbrandur an der Stelle angekommen war, wo er seine Pferde zurückgelassen hatte und die Postkisten, da schob er plötzlich mit einem Ruck die Teller und Tassen von sich und das Brot dazu, das er in der Hand hielt. Unruhig rutschte er auf der Bank herum und sprang schließlich mit einem Fluch auf seine Ständer. Und keine Minute mehr hielt es ihn darauf im Haus. Die Postkisten! Die hatte er ja ganz vergessen! Der Teufel mochte wissen, wo sich die Postkisten nun herumtrieben, denn er hatte ja nicht einmal Zeit gefunden, sie von den Pferden zu schnallen. Er rannte auf die Wiese hinaus, wo seine Stute graste. Erst hatte er gedacht, sie auf dem Hof zu lassen und ein frisches Pferd für den Rückritt zu borgen. Aber nun mußte er sie auf jeden Fall wieder mitnehmen, jau, sie war nämlich rossig. Und dem Herrn sei Dank, daß sie es war, denn wenn die Postkisten nun etwa weggerannt waren, so würden sie wie ein geölter Blitz wieder angelaufen kommen, sobald die beiden Hengste, die sie trugen, auf zehn Kilometer im Umkreis die brave Stute rochen. Geir Thors war hinter dem Alten hergelaufen und ging zu seinem Pferd, während der lange Gudbrandur schon im Sattel war und losgaloppierte. Im Wegreiten schrie er noch zur alten Kristin hinein, daß sie den Bauern hinter ihm herschicken sollte, sobald der wiedergekommen sei. Noch auf dem Wege zum Großen Sand holte Kjarval mit seinen Knechten den Postreiter und Geir Thors ein. – Dem Mädchen Asdis schien es an diesem Tag, als ob die Zeit zurückgerollt wäre, als sei sie wieder ein Kind wie ehedem, das der große starke Mann, der ihr Vater war, freudig an seine Brust drückte und es vor sich auf den Rücken seines Pferdes hob, um mit ihm in den Abend hineinzureiten und zum Hof. Und es folgten ihm wie damals viele Reiter auf schnellen Pferden, die Knechte von Arnarholt! Die herbstliche Steppe stäubte unter den vielen Hufen der Tiere, Bügel klirrten, und die Männer redeten freudig miteinander, als seien sie froh, daß sie die Hoftochter gefunden hatten. Doch neben dem starkknochigen Roß des Bauern ritt noch ein andrer Mann in der Schar. Es war schier noch ein Jüngling, der neben Kjarval dahinritt auf Raudur, dem Roten. Der Bauer sah bald auf seine Tochter, die er in seinen Armen hielt, sorgsam, daß die Schritte des Pferdes ihr nicht schaden sollten, bald sah er wieder auf den Jungen an seiner Seite und lächelte ihm vertraut und froh zu. Und Kjarval hatte doch seit vielen Monaten nicht mehr zu lächeln vermocht, sondern nur Angst und Sorge mit sich herumgetragen, wo er auch ging. Einmal hielt er plötzlich sein Roß an, sah erst auf Geir und schließlich auf die Knechte. Er hatte ein sonderbares Gebaren dabei, als er sich so im Kreis all der Leute umsah. Die Männer konnten sich nicht erklären, was er damit meinte und warum er überhaupt mitten im Traben angehalten hatte. Nur der lange Gunnlaugur begann plötzlich zu schmunzeln und nickte, als ob er ahnte, was nun geschehen würde, wie unklug mit dem Kopf und lachte schließlich richtig heraus. Und danach brüllte er begeistert, weil er sah, wie Kjarval å Arnarholt das Mädchen Asdis dem jungen Geir auf seinen Sattel hinüberhob und ihn dabei fragte, ob er wohl dächte, daß es auf diese Weise eine bessere Ordnung mit den Dingen sei. ??? Anschluß»- auf diese Weise!« hatte Kjarval gesagt und sein Pferd danach hinter das des Burschen gesetzt, weil jetzt Geir die Spitze des Trupps übernehmen sollte. Aber nach den fröhlichen Rufen der Männer trat gleich wieder Stille ein, in der man nur die Pferde über den trockenen Steppenboden trappeln hörte, doch nicht das leiseste Murmeln unter den vielen Reitern. Das war in dem Augenblick, in dem das Mädchen Asdis wie unbewußt ihre Arme um den Hals des Jungen schloß, vielleicht weil ihr der Tausch gar nicht zum Bewußtsein gekommen war. Sie drückte sich fest an den Mann, der sie im Sattel vor sich hielt. Und das war wohl nur, weil sie sich vor den Stoßen des trabenden Pferdes bergen wollte. Sicher war es das. Nur Gunnlaugur begann wieder zu schmunzeln, als er das gewahrte, denn er hatte einmal den Roten geritten, damals im Berg, als Geir Thors in den Felsen suchte, – nun, damals! Da hatte er ihn den Bergsteig hinabgeritten bis zu einem Ort, an dem er weiden konnte, bis der Bursche wieder zurückkam. Just deshalb schmunzelte Gunnlaugur, denn dabei hatte er gemerkt – der Teufel sollte ihn holen, wenn auf ganz Island ein einziges Pferd so weich ging wie der Rote! Die alte dürre Unn war vor ihrer Hütte zurückgeblieben und hatte die ganze Zeit über nur haßerfüllt auf die vielen Rosse gesehen, die den Rasen um ihre Hütte zerstampften. »Herr, nun reitet! Reitet!« hatte sie unwillkürlich gemurrt. Und als Kjarval frug, wie sie darum dächte, sie sollte nach Arnarholt kommen für den Rest ihres Lebens – »Reitet, Herr, reitet!« erwiderte sie nur wieder, und wies dabei in den Sand hinaus, der öd und grau sich hinter der Hütte nach Norden zog: »Die Gedanken, Herr! Die Gedanken!«