J. J. Rudolphi (Johann Jakob Rutz) Schneeglöckchen Ein Mährchenkranz für Kinder. 1826 Das Perlhühnchen und das Rehchen Es war einmal ein Perlhuhn, das wohnte in einem Holzstalle. Am Tage ging es in einem großen Hof spazieren, und des Nachts schlief es in einem Neste, das es sich von Stroh und dürrem Laube in der Ecke des Stalles gemacht hatte. Es führte aber ein sehr vergnügtes Leben, nur wünschte es, einen Freund zu haben. Mit den Hühnern wollte es sich nicht vertraut machen, denn das waren gar neidische Thiere, und vor dem Hofhunde fürchtete es sich. Darum blieb es allein, und sang für sich des Morgens sein Morgenlied so schön, als die Perlhühner singen können, und sah dabei zu einem Loche heraus, das es sein Fenster nannte. Eines Tages aber brachte ein fremder Mann ein junges Reh, das er im Walde seiner Mutter, dem alten Reh, genommen hatte. Das arme Thierchen war sehr betrübt und schüchtern, und fürchtete sich vor allen andern Thieren, die auf dem Hofe waren. Als diese die Furcht des Rehes merkten, hatten die eine Freude daran, es noch mehr zu ängstigen. Bald lief der Haushahn mit aufgeblasenem Halse gegen es hin, da lief es in großen Sätzen in eine andere Ecke; dort aber streckten ein Paar Gänse ihre langen Hälse gegen es aus, und als es denen entflohen war, kam es an die Hütte des Hofhundes, der mit lautem Bellen herausfuhr, und es zu zerreißen drohte. So ward es ohne Aufhören auf dem Hofe herumgejagt, bis es endlich die Thüre des Holzstalles fand. Da schlüpfte es hinein, und barg sich in dem Stroh hinter einen abgehauenen Eichbaum. Aber das Perlhuhn schlich ihm nach, und setzte sich auf den Balken, und sprach ihm Muth zu. Fürchte dich nicht, sagte es zu ihm, du kannst hier bleiben, und wir wollen Freundschaft schließen. Darauf ging es hinaus auf den Hof, und schalt die Hühner und die Gänse, und befahl ihnen, das Rehchen in Zukunft ruhen zu lassen. Dann kam es wieder herein, und die beiden Thierchen lebten fortan in zutraulicher Freundschaft. Der Mann aber, dem der Hofes gehörte, hatte ein Paar Kinder, die gewannen das Rehchen sehr lieb. Es hatte ein schönes, geflecktes Fell und freundliche Augen, und wenn es in dem Hofe mit lustigen Sätzen auf und absprang, so lockten sie es zu sich, und streichelten es, und brachten ihm allerlei Gutes zu essen. Nach und nach gewöhnten sie es, daß es in's Haus lief, und es kam jeden Morgen, wenn die Kinder frühstückten, und die gaben ihm Milch und Zucker zu essen, und es lebte herrlich und in Freuden. Aber das Perlhühnchen schüttelte sein kleines Köpfchen und sagte bei sich: Ich fürchte, mein Freund wird wohl verwöhnt werden, wo nicht gar stolz und übermüthig, wenn ihm wegen seines schönen Fellchens und seiner schwarzen Augen so geschmeichelt wird. Darum redete es einmal mit ihm des Abends, als es aus dem Hause zurückkam. Liebes Rehchen, sagte es zu ihm, ich freue mich, daß es dir so gut geht; du hast dich jetzt auf unserem Hofe eingewöhnt: du hast nichts mehr zu fürchten; denn jedermann vertheidigt dich; du bist geliebt und gepriesen von allen Hausgenossen, aber hüte dich, daß du dich nicht von deinem Glücke verblenden lässest. In dem Hause gibt es allerlei gefährliche Dinge, die du nicht kennst, bleibe daher lieber hier im Hofe auf ebener Erde, wie ich. Das Rehchen aber meinte, das hätte nichts zu sagen, denn es war über sein Glück schon ganz stolz geworden. »Was habe ich denn hier in dem einfältigen Hofe,« sagte es zum Perlhuhn. »Da hat man keine andere Gesellschaft, als die dummen Hühner, die zu Nichts taugen, als Eier zu legen, und dabei zu schreien, wenn man mich gerne im Hause sieht, warum soll ich da nicht hingehn? Ich habe noch nichts Gefährliches darin gesehn.« Das bescheidene Perlhühnchen aber schüttelte wieder sein Köpfchen, denn es merkte, daß das Rehchen schon ganz hochmüthig geworden war, und daß es sich um seine Freundschaft nicht viel mehr kümmere. Darum schwieg es still, und sagte blos: »Rehchen, denke an mich, es wird dich einmal gereuen.« Aber das Rehchen hörte nicht auf die Stimme des klugen Perlhühnchens, sondern fing an, dasselbe zu verachten. Wenn es Morgens aufstand, so lief es sogleich in das Haus zu den Kindern, stieg mit ihnen die Treppe hinauf, und sah ganz hochmüthig zum Fenster heraus; wann es dann wieder in den Hof herabkam, um darin spazieren zu gehen, so that es, als ob es das Perlhuhn gar nicht sähe, sondern lief an ihm vorbei, und achtete es nicht, ja endlich wollte es nicht mehr bei ihm wohnen, sondern es versteckte sich in dem Hause, wenn der alte Hausknecht die Thüren zuschloß, und schlief auf einem Teppich, der auf dem Boden ausgebreitet war. Das Perlhühnchen aber betrübte sich sehr über die Undankbarkeit seines Freundes, aber es wagte nicht, ihm Vorwürfe zu machen. Aber dennoch konnte es nicht aufhören, es lieb zu haben, und für sein Bestes besorgt zu seyn. Darum, als es sah, daß das Rehchen immer mit den Kindern die hohe Treppe hinaufstieg, und sich an's Fenster setzte, sagte es wieder zu ihm: »Lieb' Rehchen, wenn du meinem Rathe folgen willst, so steige nicht so hoch; wer hoch steigt, der fällt auch hoch.« Aber das Rehchen lachte, und sprach: »Warum kümmerst du dich so um mich? Ich muß doch selbst am Besten wissen, was gefährlich ist oder nicht. Hier hat man eine gar schöne Aussicht, und die einfältigen Hühner da unten sind ganz klein, wie die Tauben.« Das Perlhuhn aber sah, daß alle seine guten Ermahnungen und Worte verloren waren. Hochmuth kommt vor dem Fall, sagte es, und schwieg still, und schlich sich in seinen Holzstall. Aber was das Perlhühnchen vorausgesagt hatte, das traf leider ein. Das Rehchen saß wieder einmal oben am Fenster, und sah recht hochmüthig auf die Thiere im Hofe herab. Da kam ein starker Wind, und braußte durch das Haus, und schlug eine Thüre zu, so stark, daß das Rehchen voller Schrecken aufsprang. Da es aber so schnell nicht wußte, wo es hinspringen sollte, sprang es zum Fenster hinaus, und fiel mit dem Kopf auf einen harten Stein, und blieb todt liegen. Das Perlhühnchen aber schrie, so laut es konnte, um Hülfe. Es kamen auch die Kinder und Hans der Hausknecht, und schüttelten es, und stellten es auf seine Beine, aber es fiel immer wieder todt hin. Da trug man es in den Garten, und begrub es unter einen Hollunderbaum, der eben blühte. Das Perlhühnchen aber sagte: »O! Wenn du mir gefolgt hättest, so wärest du nicht gestorben,« und alle Jahre, wenn der Baum blühte, setzte es sich darunter, und weinte über seinen unglücklichen Freund. Das Wunderschäfchen Es war einmal ein Schäfchen, das war krank, und sah sehr elend aus; es stand nur auf drei Beinen, und wenn es ging, so hinkte es, und seufzte dabei, und stand wieder still, wenn es nur ein Paar Schritte gegangen war. Zu diesem Schäfchen kam einmal ein Schäfer mit seiner Heerde. Da hinkte das kranke Schäfchen herbei, und suchte Gesellschaft und Pflege bei den anderen Schaafen. Aber der Schäfer war ein harter und böser Mann. Was thust du da? fuhr er das arme Thierchen an, das ihn mit bittenden Augen ansah, gleich als ob es sagen wollte: »sei so gut, und laß mich mit deinen Schaafen gehen, und hilf mir, daß ich wieder gehen kann.« Aber der Mann kehrte sich nicht an seinen bittenden Blick, noch an seinen hülflosen Zustand, sondern er jagte es mit seinem Stock hinweg, und trieb seine Heerde brummend von dannen. Das arme Schäfchen sah sich verlassen, und legte sich auf die Erde. Rechts und links rupfte es die Grashalmen ab, die sparsam aus dem ausgetrockneten Boden hervorwuchsen, und fristete kümmerlich sein Leben. Da kam ein anderer Mann, der trieb Schweine und Ziegen vor sich her, und ein großer zottiger Hund lief hinter ihm, und half ihm die Heerde in Ordnung halten. Der Mann sah das Schäfchen nicht, aber der Hund spürte es auf, und bellte laut. Da trat der Mann hinzu, und es sah ihn wieder mit beweglichen Blicken an, gleich als ob es ihn um Hülfe bitten wollte. »Was ist denn das für ein elendes Thier, das da liegt?« sagte er mit rauher Stimme. »das hat gewiß mein Nachbar hier liegen lassen, weil er es nicht mag. Aber ich mag es auch nicht! Was soll ich mit ihm anfangen? Wenn ich es davon brächte, ja dann könnte es mir vielleicht mit seiner Wolle die Mühe bezahlen, die ich mit ihm hätte. Allein wer steht mir dafür, daß es mir nicht in den nächsten Tagen stirbt? Dann muß ich mir noch dazu die Mühe nehmen, und ein Loch graben, um es zu verscharren. Nein, daraus wird nichts. So sagte er, und wandte sich von ihm, und trieb seine Heerde weiter. Wie er aber so über das Feld hinging, so hörte er das arme Thierchen seufzen und stöhnen, und der Klageton ging ihm doch durchs Herz. »Wie wäre es,« sagte er, »wenn ich es einmal probirte? Das arme Thier muß doch hier jämmerlich verkümmern, vielleicht errett' ich's noch vom Tode.« Da kehrte er wieder um, und stellte es auf seine Beine, und trieb es fortzugehen. Aber es fiel nach den ersten Schritten wieder um, und seufzte auf der Erde. Da nahm er es auf die Schultern, und trug es heim, und legte es hinter seinen Ofen, und gab ihm ein wenig Ziegenmilch zu trinken. Er brachte ihm auch eine Handvoll kräftiger Kräuter, und glaubte, davon werde es bald geheilt seyn. Aber als er es am andern Morgen mit seiner Heerde hinaustreiben wollte, konnte es noch nicht aufstehen. Da gab er ihm noch einmal Milch zu trinken und kräftige Kräuter zu essen, und machte es am Abend eben so. Als es aber am dritten Tage noch nicht aufstehen wollte, ward er ungeduldig. »Was soll ich mich um nichts und wieder nichts mit dir plagen?« sagte er, und nahm's und trug es wieder hinaus an die Stelle, wo er es gefunden hatte. »Da liege,« sagte er, und es hob sein Köpfchen, und leckte ihm die Hand und sah ihn bittend an. Aber er ließ sich nicht rühren, sondern ging mit seiner Heerde weiter. Es geschah aber, daß in die Nähe des Schäfchens ein kleines Mädchen kam, das trieb eine Ziege vor sich her, und sang allerlei muntere Lieder. Da hörte es das Schäfchen seufzen, und trat zu ihm, und sah es an. »Armes Thierchen,« sagte es, »wer hat dich denn so unbarmherzig da liegen lassen? Komm mit mir!« Es versuchte, das Schäfchen aufzurichten, aber es fiel immer wieder nieder. »Warte, da will ich geschwind einen Korb holen, und ich will dich heimtragen.« Da lief es zu seiner Mutter, die wohnte in einem kleinen Häuschen, und saß und spann mit der Spindel Tag und Nacht, denn es war eine gar arme Frau, die nichts hatte, als das Häuschen und die Ziege. »Mutter,« sagte Marie zu ihr, »da hab ich draussen auf dem Stoppelfeld ein krankes Schäfchen gefunden, das will ich heimholen, und ich will es pflegen, daß es wieder gesund wird!« »Das ist recht gut,« sagte die Mutter, »aber was wollen wir ihm denn zu essen geben? Es muß Milch trinken, und wir haben doch keine, als die uns die Ziege gibt, und davon müssen wir beide leben.« »Das will ich schon machen,« sagte Marie, »gib mir nur einen Korb.«. Da gab ihr die Mutter einen Korb, und sie ging hin, und füllte den Korb halb mit Laub und weichem Moos, und trug es heim. Wann ihr aber die Mutter zum Frühstück und Abendessen ihren Antheil an der Ziegenmilch gab, so brachte sie es sogleich dem Schäfchen, und gab sie ihm zu trinken; sie selber aß ihr Stückchen Brod, und freute sich, wenn ihr das Schäfchen zur Dankbarkeit die Hand leckte. Es dauerte aber sehr lange, und das Schäfchen lag immer noch krank. Aber Marie ließ sich's nicht verdrießen, sondern theilte endlich mit ihm, was sie selbst zu essen bekam. Eines Morgens aber, als Marie im Bette lag, fühlte sie ihre Hand sanft bewegt, sie wachte auf, und sah, daß ihr liebes Schäfchen vor dem Bette stand, und sein Köpfchen auf ihre Hand gelegt hatte. Da stand sie schnell auf, und das Thierchen hüpfte in der Kammer herum, und war ganz fröhlich. Sogleich nahm sie es mit sich auf die Weide, und es hüpfte und sprang vor ihr her, und kam auf ihren Ruf zu ihr zurück. So ging es jeden Tag, und Marie hatte ihre herzliche Freude an dem schönen Thierchen. Seine Wolle, die vorher schmutzig und rauh war, wurde jetzt so weiß wie der Schnee, und so zart und fein, wie Seide. Auf der Stirne aber hatte es drei braune Flecken. Eines Tages aber, als das kleine Mädchen sein Schäfchen und seine Ziege weidete, kam ein Schäfer mit seiner Heerde daher. Es war aber derselbe böse Mann, der zuerst das Schäfchen auf dem Felde gefunden und hülflos hatte liegen lassen. Er kannte es an den drei braunen Flecken auf der Stirne, und sah mit Neid, wie es so groß und so schön geworden war. Darum sann er darauf, wie er es sich zueignen konnte. Am Abend aber, als er dachte, daß das Mädchen mit dem Schäfchen zu Hause sein würde, nahm er einen großen Sack, und ging in Mariens Haus, und sagte: »Das Schäfchen mit den drei braunen Flecken gehört mir; es hat sich von meiner Heerde verlaufen, und ich habe es lange gesucht; seid so gut, und gebt mir mein Schäfchen wieder.« Marie aber und ihre Mutter glaubten, der Mann redete wahr, und gaben ihm das Lämmchen, wiewohl ungern. Das Mädchen weinte, und bat den Mann, noch einen Augenblick zu warten, da nahm es ein weißes Bändchen, das es um ihr Hütchen gebunden hatte, und band es dem Lämmchen um den Hals. Darauf küßte sie es, und der Mann steckte es in seinen Sack, und trug es heim. Auf dem Wege aber wurde ihm das Lämmchen so leicht, so leicht, daß er sich nicht genug darüber verwundern konnte. Das ist ein Wunderlämmchen, sagte er; sonst wird einem die Last, die man trägt, immer schwerer, aber das wird immer leichter. Er konnte kaum erwarten, bis er nach Hause kam, da zündete er ein Licht an, und band den Sack auf, aber statt des Lämmchens sprang ein weißes Mäuschen heraus, und lief, ehe er sich noch recht besinnen konnte, in ein Loch in dem Boden. Da sah er in den Sack hinein, aber er sah nichts als ein großes Loch. »Aha!« sagte er, »jetzt weiß ich, warum der Sack so leicht geworden ist; du bist mir davon gelaufen, warte, ich will dich schon wieder bekommen!« Da nahm er einen andern Sack, und besah ihn genau, ob auch kein Loch darin sey, und ging damit wieder zu Mariens Häuschen hin. Er klopfte an dem Fenster, und sagte: »Mein Schäfchen ist mir davon gelaufen, ist es nicht zu euch gekommen?« »Ja,« sagte die Mutter, »es ist wieder gekommen; da habt ihr's.« Da steckte er es wieder in den Sack, und trug es in der Nacht heim. Aber auf dem Wege ward ihm der Sack wieder leichter und leichter, und er wußte gar nicht, was das sein sollte. Da legte er ihn geschwind unter einem Baum nieder, und knüpfte ihn auf, und husch! flog eine weiße Taube heraus, und ehe er sich noch recht besinnen konnte, war sie schon weit fortgeflogen. Da ward er sehr ärgerlich, und schüttelte und rüttelte an dem Sack, aber es kam nichts heraus; da wendete er ihn um; er sah aber nichts als ein großes Loch am Ende des Sackes. »Ah!« sagte er, »jetzt weiß ichs; ich bin vorhin an einem großen Dornbusch vorbeigegangen, der hat mir gewiß ein Loch in den Sack gerissen, und das Schäfchen ist durchgeschlüpft. Jetzt will ichs aber besser machen!« Da ging er heim, und holte einen ganz neuen Sack, und ging noch einmal zu dem Hause des Mädchens. »Ist mein Schäfchen nicht da?« rief er zum Fenster hinein. »Ja, es ist da,« sagte die Mutter, und schloß ihm die Thüre auf. Aber das arme Mädchen weinte, und bat ihn, er möchte ihr doch das Schäfchen lassen; aber er hörte nicht darauf, sondern sagte zu dem Lamm: »wart, du sollst mir nicht wieder davon laufen.« Da nahm er einen Strick, und band ihm die Füße fest zusammen, und steckte es so in seinen Sack, und trug es davon. Auf dem Wege aber ward ihm der Sack sehr schwer. Da sagte er: »nicht wahr, ich habs gefunden; du sollst mir nicht wieder davon laufen.« Der Sack ward ihm aber immer schwerer und schwerer, also, daß er einmal ausruhen mußte. Da legte er den Sack neben sich, und setzte sich auf einen großen Stein, der neben am Wege lag. Als er aber den Sack so betrachtete, so hörte er ein so sonderbares Brummen und Stöhnen darin. Ich will doch einmal sehen, was dem Schäfchen fehlt, sagte er. Er knüpfte daher schnell den Sack auf, aber statt einem Lämmchen, sprang ein großer Wolf heraus, und ehe er sich recht besinnen konnte, hatte ihn der Wolf auch schon zerrissen. Unterdessen aber war das kleine Mädchen sehr betrübt, daß es sein Schäfchen zum drittenmale verloren hatte. Es wollte sich aber nicht schlafen legen, sondern stand am Fenster, und sah mit thränenden Augen hinaus; da sprang auf einmal das Lämmchen herbei, und blieb vor der Thüre stehen. Marie aber lief hinaus, und führte es herein, und legte es in seinen Korb hinter dem Ofen, und sagte: »Jetzt soll es aber der böse Mann gewiß nicht mehr holen. Es gehört ihm gewiß nicht, sonst wäre es nicht zum drittenmal wiedergekommen.« Das Schäfchen war aber kein wirkliches Schäfchen, sondern eine Waldnymphe hatte sich in seine Gestalt verwandelt, und wollte sehen, ob die Menschen auch mitleidig wären. Sie konnte sich aber in alle Gestalten verwandeln; das wußte aber das Mädchen nicht, sondern glaubte, das Schäfchen sey dem Mann wirklich entlaufen. Darum führte sie es den andern Tag wieder auf die Weide. Als sie noch nicht lange da war, kam ein Hirte, der trieb Schweine und Ziegen vor sich her. Als dieser das Schäfchen mit seinen drei braunen Flecken auf der Stirne sah, erkannte er es für das, was er zwei Tage gepflegt, am dritten Tage aber wieder aufs Feld gesetzt, und verlassen hatte. Als er sah, wie schön es war, und welche weiße, feine Wolle es hatte, erwachte der Neid in ihm, und er besann sich auf eine Lüge, wie er das Schäfchen oder wenigstens seine Wolle in seine Gewalt bekäme. Darum sagte er: »höre Mädchen, wo hast du denn das Schäfchen her?« »Ich habe es hier gefunden,« sagte das Mädchen, »es war krank, und ich nahm es mit mir, und pflegte es, bis es gesund ward. Gestern aber war ein Mann da, der sagte, es gehöre ihm. Er hat es auch mitgenommen; aber es ist ihm dreimal entlaufen, und die Leute sagen, der Mann sei von einem grimmigen Wolf zerrissen worden.« Als das der Hirte hörte, so erschrack er, denn er wußte wohl, daß der Schäfer sich das Lämmchen unrechtmäßigerweise hatte nehmen wollen; um aber doch nicht ganz leer auszugehen, sprach er: »ja ich sage nicht, daß das Lämmchen mir gehört, auch ich habe es hier in einem betrübten Zustand gefunden, habe es mit mir genommen, und lange gepflegt; ja ich habe mich recht viel mit ihm geplagt, aber was war am Ende mein Dank? Es lief mir davon, und ich habe alle Mühe und Arbeit umsonst gehabt. Jetzt ist es aber billig, daß es mir wenigstens seine Wolle gibt; eigentlich gehörte es ganz mir.« Das kleine Mädchen konnte nichts dagegen sagen. Sie setzte sich also, und ließ den Hirten gewähren, wie er wollte. Dieser legte das Schäfchen auf seinen Schoos, zog eine große Scheere hervor, und fing an, das Schäfchen zu scheren. Die Wolle fiel in zarten Löckchen auf die Erde, und ein wohlriechender Duft stieg aus ihr empor, wie von Rosen mit Veilchenduft vermischt. »Aha« dachte der Hirte, »das wird einmal eine Wolle geben! die soll mir theuer bezahlt werden!« Wie er aber so begierig schnitt, und über seine gelungene List sich innerlich erfreute, da flog ein großer Vogel über sie hin, der hielt eine Schlange in seinen Krallen. Der Hirte sah dem wunderbaren Vogel nach; aber aus großer Begierde schnitt er immer fort und fort, und schnitt sich auf einmal die Hand ab. Da that er einen lauten Schrei, und lief davon, aber auch das Mädchen lief weg, und die Ziege sprang ihr erschrocken nach. Das Schäfchen jedoch blieb auf der Stelle liegen, und rief durch sein Blöken das Mädchen wieder herbei. Es nahte sich ihm schüchtern, und sah verwundert, wie die abgeschorene Wolle wieder mit Wolle bewachsen war wie vorher; die abgeschnittene lag auf der Erde. Sie hob sie auf, und ging mit ihren Thieren heim zur Mutter, und erzählte ihr, was geschehen sey. Da holte die Mutter ein neues Spinnrädchen aus ihrer Lade, welche die Großmutter einst ihrem Enkel geschenkt hatte, und sagte: »Da spinne mir die Wolle zu einem schönen Faden, du kannst dir dann daraus ein Paar Handschuhe stricken für den Winter; die Wolle ist so zart und weich.« Da fing das Mädchen an das Rädchen zu drehen, und spann und spann, und eine unsichtbare Hand zog die Wolle zu einem langen, langen Faden, daß sich die Mutter sehr verwunderte. Als sie aber das letzte Löckchen durch die Hand gleiten ließ, löschte plötzlich das Licht aus, und ein wundersamer Glanz erleuchtete das kleine Stübchen, und ein Duft wie Rosen und Veilchen zog durch das Zimmer. Da kam aus der Wand eine Frau von königlichem Ansehen; ein freundliches Lächeln spielte um ihren Mund, braune Locken wallten über ihren Nacken herab, und eine Krone, die aus goldnem Eichenlaub zusammengesetzt war, ruhte auf ihrem Haupte. »Seyd mir gegrüßt,« redete sie die Verwunderten an, »es ist Zeit, daß ich mich euch zu erkennen gebe. Ich war dein Schäfchen Marie, das du so sorgsam gepflegt hast: ich wollte sehen, ob die Menschen mitleidig sind. Zwei böse Menschen habe ich kennen gelernt; ich habe sie dafür bestraft; für deine Sorgfallt um mich, will ich dich belohnen. Behalte die gesponnene Wolle, und schenke sie der Königin, aber verkaufe sie ihr nicht. Die letzte Locke aber behalte zum Andenken an mich.« Als die königliche Frau das gesagt hatte, verschwand sie, wie sie gekommen war; die Wände des Stübchens waren wieder so schwarz wie vorher, und statt des Rosendufts zog sich wieder der Oehldampf der Lampe in die Höhe. Zu der Zeit aber reis'te die Königin des Landes umher, und wollte gesponnene Wolle kaufen für ihr Töchterchen, das stricken lernen sollte. Da kam sie auch in die Gegend, wo Marie wohnte, und ließ überall durch ihre Diener bekannt machen, wer recht schöne gesponnene Wolle hätte, der solle sie herbeibringen, die Königin wolle sie kaufen. Als das die Spinnerinnen der Umgegend hörten, kamen sie alle herbei, und jede glaubte, die schönste Wolle zu haben. »Die wollen wir einmal recht theuer verkaufen,« sagten sie, »Die Königin mag es bezahlen.« Sie kamen also zusammen auf einer großen Wiese, da hatte die Königin sich ein Zelt aufschlagen lassen, und trat heraus und besah die Wolle einer jeden. Wenn sie aber nach dem Preise fragte, so forderten die Mädchen so viel, daß die Königin über ihre Unbescheidenheit erstaunte. Doch kaufte sie von jeder ein klein wenig. Zuletzt kam sie auch dahin, wo die kleine Marie stand. Auch ihre Wolle nahm die Königin in die Hand, befühlte sie, und erstaunte über ihre Feine und Zartheit. »Was willst du für diese Wolle?« fragte die Königin. »Ich verkaufe sie nicht,« antwortete Marie. »Nun, warum bist du denn hier hergekommen?« fuhr die Königin fort. »Um sie Euch zum Geschenk zu bringen, wenn sie Euch gefällt,« sagte Marie lächelnd. Da nahm die Königin die Wolle und sprach: »es ist billig, daß ich dir ein Gegengeschenk gebe.« Darauf ließ sie den Faden an dem Zelte festknüpfen, und ging mit Marie weiter, und sprach: »so weit der Faden reicht, so weit soll das Land dein seyn!« Da wickelte Marie den Faden ab, und ging in einem großen Kreise umher, und der Faden wurde länger, und wollte gar kein Ende nehmen. Endlich aber kam sie wieder an das Zelt zurück, und band das andere Ende an. »Das Land soll dein seyn,« sagte die Königin, und ließ es darauf mit einem breiten Graben einschließen und einen Bach hineinleiten, daß es zu einer schönen Insel wurde. Statt des Zeltes aber ließ sie ein großes prächtiges Haus erbauen, und einen Garten darum anlegen, und als alles fertig war, zog Marie mit ihrer Mutter dahin, und sie lebten noch lange auf der glücklichen Insel. – Das Schneeglöckchen An einem Fenster eines Königspallastes saß einmal ein junger Königssohn, der schaute in den Garten hinaus, und der Mond brach eben durch die Wolken und erleuchtete mit mildem Glanze die königlichen Gärten, die der Schnee mit weißem glänzenden Kleide gedeckt hatte; denn es war im Februar. Der Königssohn aber war sehr betrübt, und seine Thränen fielen in den Garten herab, und schmolzen den Schnee. Dann nahm er eine Laute, stellte sich an's offene Fenster, und sang zu dem Klange der Saiten: Wo find' ich dich Glöckchen silberweiß, Das dem silbernen Boden entsprieße, Wo find' ich euch Thränen so freudig und heiß, Daß das Silber zum Bächlein zerfließe! Und find ich euch nicht in baldiger Frist, Um das Schwesterlein dann es geschehen ist. Diese Worte hatte aber der Sohn des königlichen Gärtners gehört, der eben auch zu seinem kleinen Fenster in den Mondschein hinaus sah. »Was soll denn das eigentlich heißen?« dachte er bei sich. »Warum ist denn unser guter Königssohn so sehr betrübt? Das muß ich wissen, vielleicht kann ich ihm helfen; in dem Schlosse sehe ich noch ein Lichtchen brennen.« Er schlich sich also zu dem Lichtchen hin, da wohnte der Pförtner, der die Gartenthüre bewachte. Er klopfte leise an dem Fensterchen, und der Pförtner rief: »Wer kommt denn da noch so spät an's Schloß?« »Macht mir ein wenig auf,« sagte der Gärtnerssohn, »ich habe etwas mit euch zu reden.« Da kam der Pförtner heraus mit einem großen Bund Schlüsseln, und schloß auf und schob die schweren Riegel zurück. Als sie aber in dem Pförtnersstübchen saßen am warmen Kamine, da sagte der Gärtnerssohn: »Sagt mir doch, was fehlt unserm jungen Königssohne? Ich habe eben im Mondschein gesehen, wie er geweint hat, und er hat etwas gesungen, was ich nicht habe verstehen können.« »Das will ich dir sagen, mein Sohn,« sagte der Alte. »Der junge Königssohn hat seine Schwester sehr lieb; diese ist aber seit einigen Tagen krank, und kein Mensch kann ihr helfen, so viel Aerzte man auch gerufen hat. In der verflossenen Nacht aber hat die Königstochter einen seltsamen Traum gehabt. Sie träumte nämlich, man hätte ihr ein silbernes Glöckchen gebracht, das war auf einem silbernen Boden gewachsen. Da hätte ihr Bruder vor Freude geweint, und seine Thränen hätten das Silber geschmolzen, und es sey in einem silbernen Bächlein auf den Boden gelaufen, davon sey sie gesund geworden. Diesen Traum hat sie ihrem Bruder, dem Königssohn erzählt; aber er weiß das silberne Glöckchen nicht zu finden. Nach allen Ländern hat er Boten ausgesandt, aber er glaubt nicht, daß ihm einer das Verlangte bringen wird, und wenn es lange dauert, so stirbt die Königstochter gewiß, denn sie wird jeden Tag kränker. Darum ist der Königssohn so betrübt.« »Jetzt verstehe ich die Worte,« sagte der Gärtnerssohn; »ich dank euch für eure Nachricht, ich will mich aufmachen, und das Glöckchen suchen.« »Bleibe zu Hause,« sagte der Alte, »dein Suchen ist vergeblich. Die Gelehrten haben in allen ihren Büchern nachgeschlagen, ob sie nichts von einem Lande erfahren können, wo die Glocken aus der Erde hervorwachsen, aber sie haben nichts gefunden. Du wirst doch nicht gescheidter sein wollen, als sie?« »Es hat nichts zu sagen,« sprach er, »ich habe den Königssohn so lieb, und für ihn will ich die ganze Welt durchreisen.» Er ließ sich nicht halten, sondern schlüpfte eilig zur Pforte hinaus, ging auf sein Stübchen, füllte seinen Reisesack mit einigen Lebensmitteln, und wanderte in der Nacht noch zum Thore hinaus. Er war aber noch nicht lange gegangen, da kam er in einen großen Wald. Damit er aber den Rückweg wieder finden könnte, hieb er mit seinem großen Jagdmesser bald rechts bald links Baumäste zur Hälfte ab, und ließ sie so herabhängen. Gegen Morgen, als eben der Tag graute, kam er auf eine große Haide, auf der gingen drei Irrlichter Arm in Arm spazieren, und sangen dabei: Irret, irret, irret, Daß ihr euch verwirret In des Waldes Schluchten, An des Ufers Buchten; Aus dem Sumpf und aus dem Moor Komme keiner mehr hervor! »Was sind denn das für sonderbare Gesellen? Mit denen muß ich Bekanntschaft machen.« Er ging auf sie zu, als sie ihn aber sahen, fuhren sie wie ein Blitz auseinander, und jeder rief ihm, zu folgen. Aber er kannte die Schelmen schon längst, blieb stehen und sagte: »kommt einmal zu mir her, ich habe euch etwas zu sagen.« Da kamen sie neugierig herbeigelaufen, und sagten: »was willst du denn von uns?« »Ich will weiter nichts, als daß ihr mich begleitet. Ich habe eine große Reise vor, und das geht Tag und Nacht; da will ich euch denn des Tages über verköstigen, und des Nachts geht ihr vor mir her, und leuchtet mir.« »Das wollen wir thun,« sagten sie; »aber vorher mußt du uns ein Räthsel auflösen.« Da fragte der Aelteste unter ihnen: ›Es ist ein Licht, das löscht die andern Lichter aus, Es hat es Niemand angezündet; Durch goldne Pforten geht es aus dem Haus, Das einst ein Meister hat gegründet. Und wir erkennen schüchtern seine Macht, Und sagen, wenn es kommt, einander gute Nacht.‹ »Oho!« sagte der Gärtnerssohn, »wenn ihr mir nichts schwereres gebt, damit will ich schon fertig werden! Das Licht, das die andern Lichter auslöscht, ist die Sonne; die goldnen Pforten sind die Morgenröthe, aus der sie hervorgeht, und ihr erkennet ihre Macht, denn natürlich, wenn sie kommt, so müßt ihr Irrlichter vor ihr verbleichen.« Indem er aber dieß gesagt hatte, färbte sich der Morgenhimmel immer rother und rother, und die Irrlichter wurden blass er und blasser, und der Gärtnerssohn hatte aber noch Zeit, seinen Ranzen zu öffnen, und die drei Nachtwandler hinein schlüpfen zu lassen. Da stieg die Sonne über die fernsten Berge empor, und glänzte über der Haide. Der Schnee aber funkelte in ihren Strahlen, wie Millionen Diamanten, aber er schmolz nicht von dem himmlischen Feuer. Der Gärtnerssohn aber ging weiter, und ruhte nicht eher bis am Abend. Da kam er an eine Höhle, in der brannte ein Feuer und ein dicker Dampf quoll heraus, und zog sich durch die Bäume den Berg hinauf. In der Höhle aber wohnte ein Mann, der galt für einen großen Weisen, der in die Zukunft sehen und alles offenbaren konnte. Zu diesem trat er hinein, warf seinen Ranzen in eine Ecke, und grüßte ihn. Der Alte aber war in seinen Büchern so vertieft, daß er es gar nicht gemerkt hatte, daß der Gärtnerssohn hereingetreten war. Dieser mochte ihn anreden wie er wollte, er hörte nicht, sondern sah durch sieben Prillen in sein Buch, in dem allerlei sonderbare Figuren gezeichnet waren. Der Gärtnerssohn zupfte ihn am Ermel und rief: »Heda! Herr Brillenmann, hört mich doch!« Aber er hörte nicht; da zupfte er ihn am Ohrläppchen, und sagte: »Gebt doch acht wer da ist!« aber es war vergebens. Da schnallte der Gärtnerssohn seinen Ranzen auf, und setzte eines der Irrlichter zwischen die sechste und siebente Brille, also, daß der Alte vor Lichtglanz nichts sehen konnte. Da sah er plötzlich um sich, und fragte mit tiefem Ernste: »was willst du?« »Guter Alter,« sagte der Gärtnerssohn, »ich habe von euch sagen hören, ihr wäret der weiseste Mann in der ganzen Gegend und wüßtet alles Verborgene anzuzeigen. So sagt mir doch, wo die silbernen Glocken aus silbernem Boden hervorwachsen. Da runzelte der Alte nachdenklich die Stirne, und strich seinen weißen Bart, der ihm bis auf den Schoos herabhing, und sah lange nachdenklich auf seine Figuren. Endlich aber holte er aus einem Schränkchen ein kleines Kästchen, das schloß er auf, und nahm daraus ein kleines bucklieches Männlein, das ritt auf einem Stecken. Das Männlein aber setzte er auf die Hand, gab ihm einen kleinen Schlag auf den Rücken, und sagte: »Nicht eher, als bis die halbe Welt durchreist ist.« »Das wird eine lange Fahrt geben,« dachte der Gärtnerssohn bei sich; aber das Männlein flog davon mit Blitzeseile, und der Alte setzte sich nieder, hob die sieben Brillen auf die Nase, und studirte in seinem Buche, wie vorher. Der Gärtnerssohn aber setzte sich auch nieder, holte sein Brod hervor, und schnitt sich ein Stück von seinem Fleische ab, das er mit gutem Appetit verzehrte. Die drei Irrlichter aber, die von der Luft leben, setzten sich in den hintersten Winkel der Höhle auf den Boden, und sogen begierig die Dünste ein, die aus dem feuchten Boden hervorkamen. Sie fanden dort so reichliche Nahrung, daß sie ganz dick wurden, und in hellen Flammen aufloderten. Der Gärtnerssohn war aber kaum mit seiner Abendmahlzeit zu Ende, so kam der kleine Reiter im Galopp herbeigeritten; er war aber ganz außer Athem. Nachdem er auf dem Boden einen Augenblick ausgeruht hatte, hüpfte er dem Alten auf die Hand. »Du hast deine Sache brav gemacht, mein Sohn; jetzt sage mir auch, hast du das Land gesehen, wo die silbernen Glocken aus der Erde wachsen?« »Nein,« sagte das Männchen, »ich bin in der halben Welt herumgekommen, aber nirgends hab' ich die silbernen Glöckchen gesehen. Ich war im Meer und unter der Erde, und war in der Luft und im Feuer; aber ich fand nicht, was ich suchte. Selbst im unterirdischen Reiche, wo die Erde smaragdene Bäume trägt mit goldenen und silbernen Aepfeln, habe ich wohl allerlei Gewächse gesehen, aber silberne Glocken sind mir nirgends zu Gesichte gekommen. Da ging ich endlich zu meinem Bruder, der die andere Hälfte der Welt zu bereisen hat, und fragte ihn darum. Er gab mir aber zur Antwort, der Mann, der das wissen wollte, müßte selbst zu ihm kommen. Mit dieser Antwort bin ich sogleich nach Hause geritten.« Da verzog der Alte seine hohe Stirne zu tausend Falten, und strich seinen langen weißen Bart, und sagte endlich: »jetzt kann ich dir nicht helfen; du mußt hinreisen, wo die beiden Hälften der Erde verbunden sind. Dort ist ein sehr hoher Berg, und auf dem Berg steht ein Haus, und alles was von der einen Seite des Berges herabfließt, bewässert die eine Hälfte der Erde, und was von der andern Seite herabkommt, fließt in das große Meer, das die andere Erdhälfte umschließt. Dort wohnt mein Bruder, der wird dir das übrige sagen. Aber du wirst viel zu überwinden haben. Du kommst durch das Land der zehnäugigen Riesen, und durch das Land der Zwerge; glücklich bist du, wenn du durchkommst.« »Ich wills versuchen,« sagte der Gärtnerssohn, und nachdem er dem Alten für seine Nachricht gedankt hatte, nahm er den Ranzen auf den Rücken, die drei Irrlichter aber gingen vor ihm her, und erleuchteten ihm den Weg in der dunklen Mitternacht. Aber ein zehnäugiger Riese stand auf einem hohen waldigen Berge, der nicht weit von einem großen Meere lag. Er sah aber, wie die Irrlichter daher wandelten, und dachte, das muß ein vornehmer Herr sein, der drei Fackelträger vor sich hergehen hat. Er rief darum die andern zehnäugigen Riesen zusammen, die stimmten ein lautes Geheule an, und liefen dem Gärtnerssohne entgegen. Da sagte der Gartnerssohn zu den Irrlichtern: »Jetzt thut eure Schuldigkeit, ihr meine Diener.« Da faßten sich die drei Irrlichter im Arm, und tanzten unten am Berge herum, und sangen dabei: Irret, irret, irret, Daß ihr euch verwirret In des Waldes Schluchten, An des Meeres Buchten, Aus dem Sumpf und feuchten Moor Komme keiner mehr hervor. So tanzten sie zusammen fort, bis sie an die zehnäugigen Riesen kamen. Da schrieen diese mit lauter Stimme: »Wo ist euer Herr?« »Hier ist er,« riefen sie, und flogen nach zwei Seiten auseinander. Da folgte ein Theil dem einen Irrlicht, das führte sie in den Wald; das andere Irrlicht führte sie ans Meeresufer, das dritte aber blieb bei dem Gärtnerssohne. Die Riesen aber schrieen immer: »wo ist er?« da antwortete ihnen das Echo: »hier ist er.« Nun glaubten sie, er sey jetzt da, dann wieder dort, und die Irrlichter fuhren vor ihnen hin und der, daß sie nicht mehr wußten, wo sie hin sollten. Aber das eine Irrlicht rief jetzt noch einmal: »Kommt, hier ist er!« und senkte sich in eine tiefe Bergschlucht hinab; da eilten sie ihm nach, aber der Boden wich unter ihren Füßen, und sie stürzten mit gräßlichem Geschrei in die endlose Tiefe; das andere Irrlicht aber hatte die übrigen so verwirrt, daß sie mit ihren zehn Augen hundert Lichter zu erblicken glaubten. Da kam ihnen eine Furcht, daß sie alle davon liefen; als sie aber an das steile Meeresufer kamen, fielen sie hinab, und ertranken sämmtlich in dem tiefen Wasser. »Mit euch wäre ich fertig geworden,« sagte der Gärtnerssohn, und lobte seine treuen Diener, welche die Gegend von den zehnäugigen Riesen auf einmal gesäubert hatten; »dafür,« sprach er, »sollt ihr einmal königlich belohnt werden. Ich würde euch gerne ein wenig rasten lassen, aber es treibt mich fort zu dem Bruder des Steckenreiters, um zu erfahren, wo die silbernen Glocken wachsen. Wenn ihr aber sehr müde seyd, so will ich euch tragen. Da setzte er sie in seinen Ranzen, und trug sie weiter. Sie streckten aber auf beiden Seiten die Köpfe ein wenig heraus, und erleuchteten den Weg. Bald aber kam die Sonne hinter den Bergen hervor, da sanken sie in den Sack hinab, und schliefen den ganzen Tag. Der Gärtnerssohn zog aber immer weiter und weiter, und am dritten Tage kam er in das Land der Zwerge, und sah schon von weitem den hohen Berg, der die zwei Halbkugeln der Erde zusammenhält. Er stieg aber gerade von einem Hügel herab, da sah er auf einer Ebene eine unzählige Menge von Zwergen versammelt. Sie feierten eben ein Siegesfest, das sie über ein anderes Zwergenvolk davon getragen hatten, und erfüllten die Luft mit seltsamem Rufen. Sie hatten ihn aber nicht sobald gesehen, als sie sich schnell auf einen Haufen zusammenzogen, und drei Gesandten zu ihm schickten. Das pflegten aber die Zwerge gewöhnlich zu thun, wenn ein Fremder in das Land kam, dann legten sie ihm eine Frage vor, und wenn er diese nicht lösen konnte, so nahmen sie ihn gefangen, und stellten ihn an einen Ausgang der Stadt als Thor, und marschirten zwischen seinen Beinen hindurch. Beantwortete er aber ihre Frage, so durfte er sich hundert Zwerge zum Eigenthum auswählen, die alle auf kleinen Pferden ritten. Die drei Abgesandten kamen also zu dem Gärtnerssohn herbeigeritten, und befahlen ihm, am Grenzsteine zu halten. »Ehe du hineintrittst,« sagten sie, »löse uns eine Frage. Wirst du sie beantworten, so wähle dir hundert berittene Zwerge, und ziehe damit hin, wohin du willst; kannst du es aber nicht, so bist du unser Gefangener.« »Hört,« sagte er, »wir wollen es umkehren, ich will euch einmal eine Frage vorlegen, beantwortet ihr sie gut, so bin ich euer mit Leib und Leben, könnt ihr's aber nicht, so wähle ich hundert unter euch, und ziehe mit ihnen in mein Vaterland.« Da traten die Abgesandten bei Seite und rathschlagten unter einander, ob sie den Vorschlag eingehen sollten. Sie hielten sich aber für so klug und weise, daß sie gang gewiß glaubten, jede Frage beantworten zu können. »Gib deine Frage,« sagten sie, »wir wollen sie beantworten.« Da sprach er lächelnd: »Nun, so sagt mir, wo wachsen die silbernen Glocken auf silbernem Boden?« Dies wußte aber keiner zu beantworten. Sie besannen sich hin und her, und rieben sich die Stirne, aber sie brachten's nicht heraus. »Wir wissen es nicht,« sagten sie endlich. »So weiß ich es auch nicht,« sagte der Gärtnerssohn, und schritt über die Grenze. Da führten ihn die Abgeordneten zu dem Könige und sagten ihm, wie er ihnen eine Frage vorgelegt, und welchen Vertrag sie gemacht hätten. Da ließ der Zwergenkönig sein ganzes Heer sich in eine Reihe stellen, und der Gärtnerssohn wählte sich fünfzig Zwerge mit schwarzen Pferden, und fünfzig mit weißen, dann zog er weiter und die Zwerge hinter ihm nach. Als er aber an die Stadt kam, da sah er statt der Thore viele Männer stehen, die waren vor Alter schon ganz versteinert. Er getraute sich aber nicht, durch die Stadt zu gehen, denn er fürchtete unterwegs ein Paar hundert Zwerge zu zertreten. Darum wandte er sich seitwärts, und kam an den großen Berg. Auf dem Berge aber stand ein hoher Thurm und dabei rechts auf der Spitze des Berges ein kleines, kleines Häuschen. Auf dem Thurme muß man eine schöne Aussicht haben, dachte der Gärtnerssohn, und trat hinzu, um ihn recht in der Nähe zu betrachten. Aber was er sah, war kein Thurm, sondern ein großer, großer Mann, der fragte den Gärtnerssohn, zu wem er wolle? »Es soll hier ein Mann wohnen,« sprach der Gärtnerssohn, »der hat einen Diener, der die halbe Welt durchreis't, den will ich um etwas fragen.« »Setze dich auf den Boden,« sagte der Riese. Da setzte sich der Gärtnerssohn auf den Boden, und aus dem Häuschen trat ein winziges, kleines Männlein, das hatte eine weiße, gepuderte Perücke auf dem Kopfe, und unter dem Arme trug es ein kleines Rohr. »Was willst du von mir?« redete er den Gärtnerssohn an. »Seyd ihr der Bruder von dem kleinen Steckenreiter, der mich hierher geschickt hat?« »Der bin ich ,« brüllte der Riese, »und der vor dir steht, ist mein hochgebietender Herr.« »Ach, ich bitte Euch um Verzeihung,« sagte der Gärtnerssohn; »seyd so gut, und sagt mir, wo die silbernen Glocken wachsen.« Da winkte das winzige Männlein dem Riesen, der nahm es, und setzte es auf seine Faust, und hielt es hoch in die Luft hinaus. Da schaute es durch sein Rohr, aber es sah nichts. Nun setzte es der Riese auf seinen Hut, und es ging rings herum, wie auf der Zinne eines Thurmes, und schaute nach allen Gegenden der Welt. Auf einmal winkte es wieder dem Riesen, der nahm es, und setzte es sanft auf die Erde. »Gehe nur wieder hin, wo du hergekommen bist, sagte es. »In dem königlichen Garten wirst du finden, was du suchst.« »Da haben wir's,« sagte der Gärtnerssohn, »warum hab' ich das nicht früher gewußt? Jetzt habe ich die beschwerli Reise hierher gemacht, und muß nun wieder zurück.« »Tröste dich,« sagte das winzige Männchen, »ich will dich schnell nach Hause bringen.« Da winkte es dem Riesen, der nahm einen großen Korb, in den ritten die hundert Zwerge über eine Brücke hinein; der Gärtnerssohn selbst aber legte seinen Ranzen hinein, und setzte sich darauf. Da hob der Riese den Korb auf seinen Kopf, und fing an zu gehen. Er hatte aber noch nicht zwanzig Schritte gemacht, so stand er schon auf der großen Haide, wo der Gärtnerssohn die Irrlichter gefunden hatte. Da setzte er den Korb ab, und sagte: »weiter darf ich nicht gehen, ich wünsche euch glückliche Reise.« Darauf nahm er seinen Korb, und schritt mit Sturmeseile von dannen. Aber der Gärtnerssohn zog mit seinen Zwergen weiter, und als es Nacht wurde, holte er die Irrlichter aus seinem Sack, die leuchteten ihm durch den großen Wald, wo er die Aeste abgehauen hatte. Als er den Wald hinter sich hatte, kam er bald in die Stadt, und in den Königsgarten; dort ließ er seine Zwerge in einem Holzstalle absteigen. Er selbst aber ging im Mondschein durch den Garten. Da sah er den Königssohn wieder am Fenster stehen, und seine Thränen fielen herab in den Schnee, dann nahm er eine Laute und sang: ›Wo find' ich das Glöckchen silberweiß, Das dem silbernen Boden entsprieße? Wo find' ich euch Thränen so freudig und heiß, Daß das Silber zum Bächlein zerfließe? Und find' ich euch nicht in schneller Frist, Um das Schwesterlein dann es geschehen ist.‹ »Ich hab' es gefunden, rief der Gärtnerssohn auf einmal in freudiger Bewegung; denn er stand eben im Garten und sah, wie der Mond ein Schneeglöckchen beleuchtete, das unter dem Schnee hervorgewachsen war, und glänzender Reif hatte es überzogen, und es sah aus wie Silber, mit Diamanten besetzt. Da lief er hin, und holte eine Grabscheit, und grub es mit dem Schnee heraus, und setzte es in ein Körbchen. Er lief aber alsbald damit zum Schloß hinein. Die Königstochter war aber sehr krank, und der Königssohn saß vor ihrem Bette, und ihr Vater und ihre Mutter erwarteten jeden Augenblick, daß sie sterben würde. Da trat der Gärtnerssohn mit dem Schneeglöckchen herein. Kaum aber hatte ihn die Königstochter erblickt, so rief sie: »das ist das silberne Glöckchen, das ich im Traume gesehen habe; jetzt bin ich gesund.« »Gib es her,« sagte der Königssohn, daß ich es sehe.« Da nahm er es in seine Hand, und wie er es so betrachtete, fielen seine Thränen herab auf den Schnee, daß er schmolz, und in einem glänzenden Bächlein auf den Boden tröpfelte. Da stand aber der alte König und die Königin auf, und der König sagte zu dem Gärtnerssohne: »Ich habe meine Tochter demjenigen zur ehelichen Gemahlin versprochen, der ihr das Silberglöckchen bringen würde. Sie soll dein seyn.« Da reichte ihm die Königstochter ihre weiße Hand, und die Königin steckte ihrem Eidam einen goldenen Ring an den Finger. Den andern Tag aber ward durchs ganze Land bekannt gemacht, daß die Königstochter genesen sey, und daß Hochzeit seyn werde im königlichen Pallaste. Da versammelten sich alle Freunde des Königs, und es ward eine große Tafel gedeckt. In der Mitte der Tafel aber ließ man einen Zwischenraum, auf dem ritten die Zwerge auf und ab, und reichten jedem Gaste die Speisen und den Wein, und es war große Freude und Fröhlichkeit. Der Gärtnerssohn lebte aber sehr glücklich, und der Königssohn liebte ihn wie seinen Bruder, und als der alte König starb, so theilte er das Reich, und behielt für sich die eine Hälfte, die andere aber gab er dem Gärtnerssohne und seiner königlichen Schwester. Den drei Irrlichtern aber wieß der König ein altes Bergwerk zur Belohnung an, und eine Wiese, worauf sie spazieren gehen konnten. Sie mußten ihm aber versprechen, in seinen Diensten zu bleiben, und Niemand irre zu führen. Das thaten sie denn auch, und wenn am Hofe ein großes Fest gefeiert wurde, so lud sie der König zu sich ein und sie leuchteten ihm vor, wenn er mit den hundert Zwergen am Abende durch die Stadt ritt. Klein Wölfchen Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Wolfgang, wie auch sein Pathe geheißen hatte. Weil aber seinen Spielkameraden der Name zu lang vor kam, so nannten sie ihn Klein Wölfchen. Er hatte aber keinen Vater und keine Mutter mehr; da machte er sich auf, und ging in die Fremde, und trug eine kleine Geige bei sich, die einzige Erbschaft von seinen Eltern; mit dieser spielte er und wo er hinkam, war er wohlgelitten, und die Leute beherbergten ihn, und gaben ihm zu essen. Eines Tages ging er durch ein grünes Gehölz, und die Vögel sangen und zwitscherten darin gar lustig. Da setzte sich klein Wölfchen hin und stimmte seine Geige, und spielte, was ihm eben einfiel. Es hörten ihn aber zwei Staaren, die saßen auf einem großen Eichbaum, und fingen an, mit einander zu streiten, denn jeder glaubte, er sänge am schönsten; denn da sie beide die Töne der Geige hörten, so glaubte jeder, das sey seine Stimme. Darum stritten sie lange mit Worten gegen einander, als aber keiner nachgeben wollte, fielen sie über einander her, und bissen und kratzten sich. Endlich aber fiel einer vom Baum gerade neben das Wölfchen, denn sein einer Flügel war ihm gebrochen. Da haschte klein Wölfchen nach ihm, und fing den Staar. Der Staar schrie ganz gewaltig, aber Wölfchen ließ ihn nicht los, sondern als er sich müde geschrieen hatte, sagte er: »Was schreist du denn so, du kleiner Narr; bleib bei mir, du sollst es gut haben!« Da gab sich der Staar zufrieden, und blickte traurig nach seinem lahmen Flügel; klein Wölfchen aber nahm ein Paar Hölzchen und legte eins über, und eins unter den gebrochenen Flügel, und band es mit einer Waldbinse zusammen. Dann setzte er ihn auf seine Schulter, nahm seine kleine Geige und ging weiter. Der Staar war aber noch nie aus dem Walde herausgekommen; darum wunderte er sich gewaltig, als er auf das freie Feld kam, und die Aehrenfelder sah, und die Schnitter singen hörte, denn es war gerade Erndtezeit. Als sie aber zu den Schnittern gekommen waren, stimmte klein Wölfchen seine Geige und spielte ein lustiges Stückchen. Da schnitten ihm die Schnitter ein großes Butterbrod. Klein Wölfchen aber gab dem Staaren auch ein Stückchen davon, und sagte: »Da Matz, hast du auch etwas, das schmeckt gut!« »Schmeckt gut!« sagte der Staar. Da merkte klein Wölfchen, daß der Staar reden konnte, doch wußte er nicht gewiß, ob der Vogel das gesagt hatte, oder einer der Schnitter. Darum brach er noch ein Stückchen ab, und sagte: »Da hast du noch mehr!« »Noch mehr! Noch mehr!« rief der Staar. »Ey, du unverschämter Geselle,« rief klein Wölfchen, »wenn du alles willst, so bleibt mir nichts übrig!« Er freute sich aber, daß er jetzt mit dem Vogel reden konnte, dankte den Leuten, und ging seiner Straße weiter. Er war aber noch nicht weit gegangen, da kam ein Mann daher gelaufen, der rief immer: »meine Schaafe, meine Schaafe.« »Was fehlt euch denn?« fragte ihn klein Wölfchen. »Wo sind denn eure Schaafe?« »Wo sie sind? Fort sind sie, der Wolf hat sie mir zur Hälfte geholt. Da habe ich einen kleinen Jungen gehabt, der mir sie hütete,« sagte der Mann, »aber er war so unachtsam, und folgte mir nicht, und trieb die Heerde nahe an den Wald. Da kam der Wolf und holte sie zur Hälfte!« Da sprach der Staar: »Nimm einen Wolf zum Schäfer, so werden dir keine mehr gefressen werden!« »Was sagst du?« rief der Mann erboßt. »Du willst mich in meinem Unglück noch verspotten? Ich soll den Wolf zum Schäfer nehmen? Heißt das nicht, ich soll den Bock zum Gärtner setzen?« »Erzürnt euch nicht so sehr,« sagte klein Wölfchen, »er meint es gut mit euch und mir, er will nämlich damit nur sagen, ihr solltet mich zum Schäfer bestellen, weil ich klein Wölfchen heiße.« Da besann sich der Mann ein Weilchen, dann sagte er: »ja du sollst mein Schäfer seyn.« Da nahm er ihn mit sich in sein Haus, und versprach ihm außer Essen, Trinken und Kleidung noch sechs Heller Schäferlohn. Klein Wölfchen aber versah sein Amt getreulich. Am Tage führte er seine Schaafe auf einen Berg, und des Nachts schlief er in einem Häuschen, das auf einen Karren gebaut war, er hatte darin sein Bettchen, und oben war ein kleines Fensterchen, zu dem guckte er des Morgens heraus, wenn er sehen wollte, wie viel Uhr es sey; dann kam des Schäfers Töchterchen, die hieß Rinka, und brachte ihm ein großes Butterbrod. Da setzte sich klein Wölfchen und Rinka zusammen, und plauderten über allerlei, was ihnen eben einfiel. Eines Tages, als sie eben so beisammen saßen, kam eine alte Frau über den Berg her gegangen, die hatte ein schmutziges, zerrissenes Kleid an, und ging ganz gebückt an einem Stocke. Auf ihrem Kopfe aber hatte sie einen Strohhut, den hielt sie mit der einen Hand fest zusammen, so daß man ihr Gesicht gar nicht sehen konnte; nur ein Paar feurige Augen blitzten unter dem Strohut hervor, und wenn sie sprach, so hatte sie eine ganz rauhe Stimme. Sie grüßte aber die Kinder, und setzte sich zu ihnen auf das Gras. »Seyd doch so gut,« sagte sie, »und gehet hinunter und ruft mir euren Herrn herauf, ich will unterdessen auf die Schaafe Acht geben.« Klein Wölfchen aber sagte: »Das geht nicht an, ich darf nicht von meinen Schaafen weg gehen, wenn aber Rinka hingehen will, so mag sie es thun!« Da ging Rinka den Berg hinab, und die Alte sah ihr nach, bis sie ganz drunten war. Da schlug sie auf einmal ihren Mantel auseinander und zog ihren Strohhut vom Kopf, und statt einer alten Frau stand ein grimmiger Wolf da, der klein Wölfchen zerreißen wollte. Klein Wölfchen aber schlüpfte wie ein Blitz in sein Stübchen, und schloß die Thüre hinter sich zu. Der Wolf aber spannte sich in das Wägelchen, und wollte es fortziehen in den wilden Wald, aber der Staar fing auf einmal an mit tiefer Stimme zu schreien: »was gibts da?« Da ließ der Wolf den kleinen Wagen fahren, und lief eilig davon. Der Staar aber flog ihm nach, und schrie immer: »Räuber! Mörder!« so daß der Wolf vor Angst nicht wußte, wo er hin sollte. Durch das Schreien aber wurden die Arbeitsleute auf dem Felde aufmerksam gemacht; die liefen herbei, und schlugen so lange auf den Wolf, bis er todt war. Unterdessen war Rinka's Vater herbeigekommen, und wie er die zerstreuten Kleider auf dem Boden sah, und die vielen Menschen, glaubte er, ein Wolf habe seine Großmutter zerrissen, als man ihm aber die Geschichte erzählte, so sah er, daß der Wolf nur ihre Kleider genommen hatte, die am Hausdach aufgehängt waren, damit der Wind durch sie hindurchginge. Da nahm er den Wolf, und zog ihm sein Fell ab, stopfte es aus mit Stroh und dürrem Laub, und legte ihn an einer großen Kette an die Hausthüre. Wenn dann Diebe kamen, und den Wolf sahen, so glaubten sie, er wäre lebendig, und gingen eilig davon. Als aber klein Wölfchen ein Jahr lang als Schäfer treu gedient hatte, da sagte er zu seinem Herrn: »Gebt mir meinen Lohn, ich will weiter in die Welt gehen.« Der Mann war aber mit klein Wölfchen sehr zufrieden gewesen, darum schenkte er ihm außer den sechs Hellern noch sein Wägelchen und einen Schaafbock mit großen krummen Hörnern, den er vor das Wägelchen spannte. Darauf fuhr er mit seinem Gespanne von dannen. Rinka aber begleitete ihn noch eine gute Strecke, und als er von ihr ging, schenkte sie ihm ein Heideröslein. Sie sagte ihm aber, so lange das Heideröslein blühe, so lange lebe sie noch, finge es aber an zu welken, so sey sie krank, und fielen gar die Blätter ab, so sey sie ganz gewiß todt. Klein Wölfchen aber steckte das Heideröslein auf seinen Käpplein, trieb den Schaafbock mit einem langen Stecken an, und zog dann in die weite Welt. Nachdem er also sieben Tage fortgegangen war, kam er eines Tages auf eine schöne Wiese, die war mit einem dichtem Gehölze umgeben, und aus dem Felsen rieselte eine Quelle, und schlängelte sich als kleines Bächlein durch die Wiese hin. Klein Wölfchen aber schirrte seinen Schaafbock aus, und ließ ihn auf dem üppigen Grase weiden. Er selbst aber schlief ein, und träumte von vergangenen Tagen, wie er mit Rinka zusammen die Schaafe geweidet, und wie er sie so lieb gehabt habe, wie ihn aber eine unwiderstehliche Sehnsucht hinausgetrieben habe in die weite Welt. Wie er aber so träumte, kamen ein Paar Bergnymphen, die bewohnten eine Höhle unter der Erde. Als sie aber den Knaben da liegen sahen, beschlossen sie, ihn zu entführen. Die eine haschte den Staar, ohne daß er es merkte, und hielt ihm den Schnabel zu, damit er nicht rufen konnte; die anderen aber zogen das Wägelchen sanft fort, und brachten ihn in die Höhle hinein, dort senkten sie es tiefer hinab bis in ihr Haus, und führten es durch den Garten, wo die silbernen und goldenen Lämmer weideten. Da stellten sie sich hinter einen großen Baum, und begannen eine wunderbar tönende Musik. Davon wachte der Knabe auf, und ging aus seinem Häuschen, und sah mit Verwunderung um sich her. Er wußte gar nicht wie geschehen war; er schaute sich nach seinem Schaafbock um, der war aber verschwunden, da rief er seinem Staare, aber er war nicht da; er sah sich nach der Musik um, die er gehört hatte, aber er konnte nichts gewahren. Da traten endlich die drei Schwestern hervor, als er sie aber sah, nahm er schnell sein Käpplein herunter, und stand ganz bescheiden vor ihnen. »Gefällt es dir hier?« sagte die eine. »O ja,« sagte klein Wölfchen, und sah dabei ganz verlegen um sich, »aber sagt mir doch, ich sehe ja keine Sonne am Himmel, und doch ist es so hell.« »Das ist eben hier so,« sagten sie, und blickten dabei an die Decke des Gewölbes, das aus einem großen himmelblauen Krystalle gehauen war. Nachdem er nun alles betrachtet hatte, fragten sie ihn, ob er bei ihnen bleiben, und ihre Gold- und Silberschaafe hüten wollte. Da wußte er nicht, was er sagen sollte. Wie er aber so verlegen auf sein Käpplein blickte, fiel sein Blick auf das Heideröslein, das ihm Rinka geschenkt hatte. Da sagte er: »ja ich wollte wohl bei euch bleiben, aber seht, ich bin schon einmal Schäfer gewesen, und habe eine gar gute Freundin gehabt, die habe ich verlassen, um in die Welt zu ziehen. Wenn sie es nun erführe, so würde sie böse werden, daß ich zu euch gegangen bin. Ich will also lieber weiter ziehen.« Da wollten ihn die drei Schwestern nicht weiter zwingen, sondern brachten ihm allerlei köstliche Speisen zu essen, und gaben ihm einen süßen Trank zu trinken. Als er aber den getrunken hatte, schlief er ein; da legten sie ihn auf sein Bettchen und zogen das Wägelchen wieder auf die Wiese, sie selbst aber gingen in die Höhle, und diese schloß sich sogleich hinter ihnen zu, daß man nicht sah, wo sie vorher gewesen war. Klein Wölfchen aber wachte auf, und sah sich verwundert um. »Das war doch ein sonderbarer Traum, den ich gehabt habe; meinte ich doch, ich sey in einem Zauberlande gewesen, und hätte goldene und silberne Schaafe gesehen, jetzt sehe ich nichts, als meinen alten Schaafbock und meinen Staarmatz.« »Du magst wohl in einem Zauberlande gewesen seyn,« sagte Matz, »die eine der Nymphen hat mir fast die Kehle zugedrückt, als ich dich wecken wollte, da sie dich unter die Erde führten.« Darauf erzählte er ihm alles, wie es geschehen war; klein Wölfchen aber sagte: »Wenn ich die Schaafe hüten will, so will ich sie mit Rinka hüten.« Dann spannte er den Schaafbock wieder ein, und fuhr mit ihm weiter. Klein Wölfchen kam aber mit seinem Gespann an einen Platz, da waren drei Wege, die nach verschiedenen Seiten gingen. Er besann sich einen Augenblick, welchen Weg er fahren sollte, aber der Staar flog voraus und schrie: »Die Mittelstraße ist die beste.« Da fuhr ihm klein Wölfchen nach, und kam bald an ein Haus, in dem wohnte ein klein wunderlich Männchen, dem waren am Knie die beiden Beine in eines zusammengewachsen, so daß er nicht gehen, sondern nur hüpfen konnte. Er hüpfte aber so schnell, daß ihn Niemand einholen konnte, so schnell auch einer laufen mochte, und wenn ein Fremder die Straße zog, so mußte er mit ihm um die Wette laufen. Kam er aber später an's Ziel, als das Männchen, so mußte er ihm ein ganzes Jahr lang dienen, und seinen Schuh flicken; denn durch das beständige Hüpfen zerriß er jeden Tag seinen großen Schuh. Wie also klein Wölfchen herbeikam, so hüpfte das Männchen herzu, und sagte: »Steige aus, Bursche, und laufe mit mir um die Wette.« »Hier bin ich,« rief der Staar. Da meynte das Männchen, klein Wölfchen stünde hinter dem Häuschen, und hüpfte geschwind zu ihm hin, der Staar flog aber vorn hin, und rief wieder: »Hier bin ich,« das Männchen hüpfte ihm nach, aber der Staar war viel geschwinder, so daß das Männchen endlich so müde würde, daß es in einen Graben fiel. Da trieb klein Wölfchen seinen Schaafbock an, und fuhr eilig von dannen. Er kam aber bald darauf an ein großes Wasser, und über dem Wasser lag eine große Stadt, worin ein mächtiger König herrschte. Klein Wölfchen aber wäre gern drüben gewesen, aber er fürchtete, er möchte nicht so viel Geld haben, um für sich, sein Wägelchen, seinen Schaafbock und seinen Staar die Ueberfahrt zu bezahlen. Darum sagte er: »Hört, ihr Schiffer, wollt ihr mich nicht umsonst hinüberfahren?« »Nein, das können wir nicht,« sagten sie. »Nun so will ich euch etwas sagen,« sprach klein Wölfchen, »ich will euch ein Räthsel aufgeben, könnt ihr mir's lösen, so will ich euch meinen Schaafbock und mein Wägelchen geben; könnt ihrs aber nicht, so fahrt ihr mich umsonst über.« Damit waren die Schiffer zufrieden. »Nun so sage dein Räthsel!« sprachen sie. Klein Wölfchen aber besann sich hin und her, aber es wollte ihm keines einfallen; sie waren schon in der Mitte des Wassers, und er wußte noch keines, und konnte er ihnen keines aufgeben, so mußte er ihnen sein Wägelchen und seinen Schaafbock lassen. Da sah er ein Paar Fischerknaben, die hatten ihre Netze ausgespannt und saßen am Ufer; sie suchten aber auf ihren Kleidern nach Ameisen, die darauf gelaufen waren. Da sagte klein Wölfchen: »Hört ihr Schiffer, es war einmal ein Mann, der ging an dem Ufer eines Flusses, da saßen drei Fischer die hatten ihre Netze ausgespannt; was sie fingen, das warfen sie von sich; was sie aber nicht fingen, das nahmen sie mit sich. Jetzt sagt mir, was haben sie gefangen?« Da besannen sich die Schiffer hin und her; aber keiner wußte es zu errathen. Besonders machte ihnen das viel zu schaffen, daß er sagte: »was sie nicht fingen, das nahmen sie mit sich.« »Höre,« sagten sie, »du willst uns etwas vormachen. Das ist ganz unmöglich, daß sie das mit sich nehmen konnten, was sie nicht gefangen hatten.« »Es ist aber doch so,« sagte klein Wölfchen, und lachte, daß er ihnen mit seinem Räthsel so viel zu schaffen gemacht hatte. »Nun so will ichs euch denn sagen,« sprach er: »Die drei Fischer waren vorher auf einem Ameisenhaufen gesessen, und lasen sich jetzt die Ameisen von ihren Kleidern ab, diejenigen, die sie fingen, warfen sie von sich, die aber, die sie nicht bekommen konnten, mußten sie natürlich mit ihren Kleidern mit nach Hause nehmen.« Da sahen die Schiffer, daß klein Wölfchen ein listiges Bürschchen sey, und ließen ihn friedlich von dannen ziehen. Klein Wölfchen zog aber gegen die Königsstadt, da kam der König herausgeritten auf einem gelben Pferd, das hatte silberne Hufeisen mit goldenen Nägeln. Wie ihn aber klein Wölfchen sah, so ging er aus seinem Karren heraus, stellte sich an den Weg, und hielt sein Käpplein in der Hand, unter dem Arm aber hatte er seine kleine Geige. Der König aber hatte noch niemals ein solches Instrument weder gesehen noch gehört, darum sagte er: »Was hast du denn da für ein kurioses Instrument unter dem Arm?« »Das ist eine Geige, Herr König,« sagte klein Wölfchen, »damit macht man Musik!« »Nun, so laß einmal hören,« sagte der König. Da stimmte klein Wölfchen seine Geige, und spielte ein gar schönes Stückchen. Der König aber konnte sich nicht genug über seine Kunst verwundern. Bitte etwas von mir, sagte er, ich will dir eine Gnade gewähren. Klein Wölfchen besann sich nicht lange, sondern sagte: »Nun, so gebt mir denn eins der silbernen Hufeisen mit goldenen Nägeln.« Da ließ der König durch seinen Hufschmid, der ihn immer begleitete, dem Pferd ein silbernes Hufeisen mit goldenen Nägeln abziehen, und ihm wieder ein anderes aufnageln. Das Hufeisen aber steckte klein Wölfchen in seinen Brodsack, dankte dem König, und wollte weiter ziehen; der König aber kehrte mit ihm um, und sagte: »Du sollst bei mir bleiben.« Da führte er klein Wölfchen mit sich in seine königliche Burg, ließ den Schaafbock in einen Stall stellen, wo die andern Schaafe aus marmornen Krippen fraßen: klein Wölfchen aber nahm er mit sich in einen großen Saal, und ließ ihm allerlei köstliche Speisen vorsetzen. Er behielt aber klein Wölfchen bei sich, und hatte ihn sehr lieb; denn wenn er von seinen schweren Regierungsgeschäften Abends ganz müde war, so spielte ihm klein Wölfchen ein Stückchen auf der Geige, dann wurde der König wieder ganz munter und guter Dinge. Eines Tags saß der König auf seinem Throne, und sprach Recht allen, die zu ihm kamen, und eine Klagsache hatten. Es wurden aber dießmal zwei Männer zu ihm geführt, die warfen sich vor seinem Throne nieder, und berührten die Erde mit ihrer Stirne. Der König aber sprach: »Was ist eure Klage?« »Gnädiger König, sprach der eine; dieser Mann ist mir heute ganz allein in dem Walde begegnet, als ich eben ein Schaaf, das sich von meiner Heerde verlaufen hatte, wieder zurücktragen wollte; da befahl er mir, ich sollte ihm das Schaaf überlassen, denn es sey seyn. Es hat ihm aber niemals gehört, sondern es ist bei meiner Heerde geboren und groß gezogen geworden. Ich bitte euch, verhelft mir zu meinem Eigenthume.« Da fragte der König: »Hast du Zeugen, die es beweisen können, daß er dir das Schaaf mit Gewalt genommen hat?« »Nein« sagte der Mann. Da wußte der König nicht, wie er gerecht urtheilen sollte, denn der andere behauptete auch, das Schaaf sey sein, und der, der ihn angeklagt, hätte es ihm geraubt; Niemand aber war dabei zugegen gewesen; da sagte der König: »kommt morgen zu dieser Stunde wieder.« Aber als sie den andern Tag wieder kamen, wußte der König noch nicht, wie er gerecht urtheilen sollte, und sagte: »kommt morgen zu dieser Stunde wieder.« Er war aber sehr in Gedanken über diese Sache, und als ihm am Abend klein Wölfchen, wie gewöhnlich auf der Geige spielte, gab er gar nicht acht, sondern hing seinen tiefen Gedanken nach. Da fragte ihn klein Wölfchen, und sprach: »Herr König was fehlt euch? Ihr seyd heute so stumm und tiefsinnig.« Da erzählte ihm der König, wie die beiden Männer zu ihm gekommen seyen und wie er nicht wüßte, wie er gerecht urtheilen sollte. »Gefällt es euch, Herr König, so laßt mich morgen in die Gerichtssitzung kommen, so will ich die Sache entscheiden.« Als aber am andern Morgen die beiden Männer wieder vor den König kamen, sagte klein Wölfchen: »laßt doch auch das Schaaf herbeibringen, um das ihr euch streitet.« Da brachte man das Schaaf herbei, und klein Wölfchen bedeckte es mit einem weißen Tuche über und über, so daß man nichts mehr davon sehen konnte. Dann fragte es beide Männer, und sagte: »Das Schaaf hat an einem Ohre einen braunen Fleck; wer sagt mir, am rechten oder linken?« Da sagte der, welcher es dem andern genommen hatte, »am linken,« der andere aber sagte, »es hat weder am rechten noch am linken Ohre einen Flecken, sondern es ist eines wie das andere.« Da zog klein Wölfchen die Decke von dem Schäfchen weg, und Jedermann betrachtete es; es hatte aber keinen braunen Fleck, sondern beide waren weiß, eins wie das andere. Da sah man, daß der Angeklagte der Dieb sey; dem andern aber wurde sein Schäfchen wieder gegeben, und der Dieb mußte ihm noch dazu fünf andere schenken. Der König bewunderte den Verstand des kleinen Wölfchens und gewann ihn täglich lieber; ja er wollte ihn zu seinem ersten Minister machen. Klein Wölfchen aber hatte wieder einmal nach seinem Heideröslein gesehen; da sah er, daß seine Blätter anfingen ganz blaß und welk zu werden. Daran aber erkannte er, daß Rinka krank sey. Da ließ sich nicht mehr halten, sondern bat den König um seinen Abschied. Der König gab ihm aber denselben mit großem Bedauern, denn er vermißte ungern seine angenehme Gesellschaft. Klein Wölfchen aber ging des Morgens aus dem Schlosse, und wollte seinen Schaafbock wieder an sein Wägelchen spannen, aber statt des Schaafbocks stand ein prächtiges Pferd im Hofe, das hatte silberne Hufeisen mit goldenen Nägeln. »Das soll dein sein,« sagte der König. Da nahm klein Wölfchen noch ein silbernes Körbchen mit goldenen Henkeln, das er sich aus dem silbernen Hufeisen hatte machen lassen, das ihm der König vor dem Thore geschenkt hatte. Darauf nahm er Abschied, und ritt voller Sehnsucht der Heimath zu. Unterdessen aber hatten die Schiffer sich sehr darüber geärgert, daß klein Wölfchen ihnen ein Räthsel aufgegeben hatte, das sie nicht lösen konnten. Sie hatten sich aber Tag und Nacht und Jahrelang auf ein anderes besonnen, das sie ihm aufgeben wollten. Als er nun daher geritten kam und übergefahren seyn wollte, so sagten sie: ja, wir wollen dich wohl überfahren, aber wir wollen dir ein Räthsel geben. Kannst du es uns auflösen, so sollst du umsonst übergefahren werden, kannst du es aber nicht, so gibst du uns dein silbernes Körbchen zum Lohne. Nun so laßt hören, sagte klein Wölfchen. Da sagte der eine Fischer: Es war einmal ein Schiffer, der sollte einen Korb mit Kohl, eine Ziege und einen Wolf über den Fluß führen, sein Kahn war aber so klein, daß er jedesmal nur eines überführen konnte. Da besann sich der gute Mann lange, wie er es machen sollte. Führte er den Kohlkorb zuerst hinüber, so fraß unterdeß der Wolf die Ziege, führte er aber den Wolf zuerst hinüber, so fraß die Ziege den Kohl, und führte er die Ziege zuerst hinüber, so mußte er nach ihr entweder den Kohl überführen, den fraß aber die Ziege, oder den Wolf, der fraß aber die Ziege, bis er mit dem Kohl ankam. Endlich aber fiel es dem Manne ein, und er brachte alle drei glücklich hinüber, ohne daß eins aufgefressen wurde; und sage mir, wie hat er es angefangen?« »O, das ist nicht schwer,« sagte klein Wölfchen, »das hat mir meine Großmutter oft erzählt. Der Mann hat zuerst die Ziege übergefahren, da konnte der Wolf den Kohl nicht fressen, dann führte er den Kohl hinüber, nahm aber die Ziege wieder mit zurück und setzte sie wieder ans Ufer, dann nahm er geschwind den Wolf und führte ihn hinüber zum Kohlkorb, und endlich brachte er auch die Ziege hinüber, und das Räthsel war gelößt. Da sahen die Schiffer, daß sie ihn in Räthseln nicht überwinden konnten, und fuhren ihn auf die andere Seite des Flusses. Dort aber gab er seinem Pferde die Spornen, und ritt davon. Er nahm aber dießmal einen andern Weg, damit er nicht noch einmal dem wunderlichen Männchen mit dem einen Beine begegnen möchte. Den Staar aber schickte er voraus, damit er Rinka von seiner baldigen Ankunft benachrichtigen möchte; als sie aber hörte, daß er wieder käme, ward sie sogleich gesund. Klein Wölfchen aber kam am dritten Tag nach dem Staare an, und wurde von Rinka und ihrem Vater gar freundlich empfangen. Rinka aber war seit dieser Zeit zu einer schönen großen Jungfrau herangewachsen, und auch klein Wölfchen war ein schöner, großer Mann geworden. Da legte der Vater die Hände in einander und sprach: »Lebt glücklich mit einander.« da lebten sie beisammen noch viele Jahre; sie hatten aber die silbernen Hufeisen mit den goldenen Nägeln verkauft, und ein großes, schönes Gut dafür erhalten. Das silberne Körbchen aber hingen sie zum Andenken im Kleiderschranke auf, und als Matz, der kluge Staar, vor Alter starb, stopften sie ihn aus, und setzten ihn auf den Spiegel. Rinka freute sich allemal, wenn sie ihren Kindern von dem klugen Staarmatz erzählen konnte. Das Himmelsschäfchen Eine Mutter hatte ein kleines Töchterchen, mit diesem ging sie spazieren, hinaus auf das grüne Feld. Die Sonne aber schien gar warm, und der Himmel war mit tausend und tausend silberweißen Wölkchen bedeckt. »Was sind denn das für Schäfchen?« fragte das Kind. »Das sind Himmelsschäfchen,« sagte die Mutter, »die treibt ein freundlicher Hirte auf die Weide, und wenn es vorher lange geregnet hat, und die Silberschäfchen kommen an den Himmel, so scheint gewiß die liebe Sonne bald wieder.« »Ach, Mutter,« sagte das Kind, »kauf mir doch so ein Silberlämmchen!« »Das kann ich nicht,« sagte die Mutter, »denn auf der Erde gibt es keine solche schöne Schaafe, die gibts nur am Himmel, und der Hirte, der sie weidet, hat alle seine Schäfchen gezählt, und gibt keines davon her.« »Ach bitte ihn einmal darum,« sagte das Kind. Da versprach die Mutter, den Hirten einmal darum zu bitten, und sie gingen mit einander heim. Das Kind aber konnte die Himmelsschäfchen nicht vergessen, und wenn auch die Mutter, um sie zu beruhigen, sagte, sie hätte den Schäfer vergeblich darum gebeten, so verlangte sie nur um so begieriger ein Schäfchen, und ward endlich krank vor Sehnsucht und Bekümmerniß. »Ich will ja gewiß recht brav seyn,« sagte das Kind, »aber gib mir nur ein Himmelsschäfchen.« Da ward aber die Mutter um ihr Kind sehr besorgt, und sie ging hin zu einem Manne, der verfertigte ihr ein ganz kleines Schäfchen von Holz mit einem goldenen Halsbändchen, und strich es an mit Silberfarbe. Das brachte die Mutter dem Kindchen, und sagte: »hier hast du ein Himmelsschäfchen, das hat mir ein Mann gebracht.« Aber das Kindchen sprach: »das ist kein Himmelsschäfchen, die Himmelsschäfchen sind viel größer und schöner; gib mir ein Himmelsschäfchen.« Da ging die Mutter wieder zu demselben Manne, der machte ihr ein anderes Schäfchen, so groß als die Schaafe gewöhnlich sind, und bedeckte es ganz mit weißer Wolle; in die waren Silberflittern eingewoben. Die Mutter brachte aber ihrem Töchterchen dieß Schäfchen, und sagte: »Da hat mir der Mann ein anderes Schäfchen gebracht, das wird wohl ein Himmelsschäfchen seyn; sieh, wie es groß ist, und welch' schöne Wolle es hat!« Aber das Kind weinte, und sagte: »das ist kein Himmelsschäfchen. Die Himmelsschäfchen haben durchsichtige Wolle; gib mir ein Himmelsschäfchen oder ich sterbe.« Da ward die gute Mutter aber sehr betrübt, denn ihr Kindchen wurde kränker und kränker, und sie wußte nicht, wie sie ein Himmelsschäfchen bekommen sollte. Da setzte sie sich des Nachts in das Kämmerlein, wo ihr Töchterchen krank lag, und weinte vor Sehnsucht und Bekümmerniß, und vergoß heiße Thränen. Als sie aber so traurig vor sich hin sah auf den dunklen Boden, da kam ihr vor, als thäte sich die Wand auf, und sie sehe hinaus an den weiten, weiten Himmel, und in der Ferne gewahrte sie eine weibliche Gestalt die trug ein silberweißes Lämmchen auf ihrem Arm, und schwebte, auf Wolken getragen, zu ihr her. Da füllte sich aber das Kämmerlein mit wundersamem Glanze, und die Wände, die vorher dunkel waren, glänzten jetzt wie das sanfte Licht der Morgenröthe. Die königliche Frau aber stellte das Schäfchen in das kleine Blumengärtchen, das vor dem Fenster war, und sprach: »Ich habe Mitleid gehabt mit deinem Kummer, und habe deinem Töchterlein ein Himmelsschäfchen gebracht.« Da wachte das Kind in seinem Bettchen auf, und sah die königliche Frau und das Himmelsschäfchen, das ging im Blumengärtchen auf und ab. Da ward ihm ganz wohl. Die königliche Frau aber sprach zu ihm: »ich schenke dir, was du so sehr gewünscht hast; aber gib acht, daß du nicht ungehorsam bist oder eine Unwahrheit redest; denn erfahre ich einen einzigen Ungehorsam von dir, so ist dein Schäfchen verloren.« Da gelobte das Kind seiner Mutter, zu thun, was die königliche Frau gesagt hatte. Diese aber verschwand, wie sie gekommen war; der Lichtglanz verblaßte allmählig, aber statt dessen stieg die Sonne über den blauen Bergen hervor, und schien ins Kämmerchen und ins Blumengärtchen, wo das Himmelsschäfchen weidete. Es hatte aber silberglänzende Wolle, die war ganz durchsichtig, wenn die Sonne darauf schien, und um den Hals hatte es ein Band, das hatte sieben glänzende Farben, wie der Regenbogen. Es blöckte aber nicht wie die anderen Schaafe, sondern es sang zuweilen mit wunderschöner Stimme. Da lief das Kind zu ihm hinaus, und streichelte es und brach ihm frischen Klee ab, aber es wollte nichts fressen, es roch aber zuweilen an den süß duftenden Rosen und den weißen Lilien – das war seine Speise. Das Kindchen aber hatte seine große Freude an dem schönen Lämmchen, und rief alle seine Gespielinnen herzu, und zeigte ihnen das Himmelsschäfchen. Es folgte ihr auf ihren Ruf, wenn sie es hinausführte auf die Wiese, wo die duftenden Kräuter wachsen, und ging mit ihr, wenn sie nach Hause zog; des Nachts aber schlief sie bei ihm in einem Bettchen; wenn sie aber des Morgens aufwachte, so stand das Schäfchen schon wieder im Blumengärtchen vor dem Fenster, und roch an den Rosen und Lilien. Eines Tages aber ging das Mädchen mit dem Himmelsschäfchen wieder hinaus auf eine große schöne Wiese, durch die Wiese aber floß ein silberklares Bächlein, und über den Bach ging eine kleine Brücke. Die Mutter aber sagte: »gehe mir nicht weiter, als bis an die Brücke, ich fürchte, das Himmelsschäfchen möchte in den Bach fallen und ertrinken.« Das Mädchen aber ging mit dem Schäfchen auf die Wiese, und spielte mit ihm, wie sie immer gethan hatte. Da kamen ihre Gespielinnen zu ihr, die sagten: »Komm, wir wollen einmal dort über den Bach gehen auf jenen Berg, dort ist's gar schön!« Das Mädchen aber sagte: »nein, das darf ich nicht thun; meine Mutter hat mir's verboten.« »Ey, warum denn,« sagten ihre Gespielinnen, »wir können ja dort viel schöner spielen, als hier.« »Ja,« sagte das Mädchen, »ich fürchte, wenn wir über die Brücke gehen, so möchte mein Schäfchen in den Bach fallen und ertrinken.« »Ey, dafür laß uns sorgen,« sagten ihre Gespielinnen, »wir wollens schon halten, daß es nicht hinein fällt.« Da gab das Mädchen nach, und ging mit ihren Gespielinnen an den Bach. Als sie aber an die Brücke kamen, dachte das Mädchen doch an die Worte der königlichen Frau, als sie ihr gesagt hatte, sie solle ihrer Mutter nicht ungehorsam seyn. Darum sagte sie: »nein ich darf meiner Mutter nicht ungehorsam seyn, sonst wird mir mein Himmelsschäfchen genommen.« »Ey, wer wird dirs dann nehmen?« sagten ihre Gespielinnen; »das hat die königliche Frau nur so gesagt. Und damit es ja nicht in den Bach fällt, so nimm es in den Arm und trage es hinüber.« Da nahm das Mädchen das Himmelsschäfchen auf den Arm, und trug es hinüber. Wie sie aber auf die Mitte der Brücke kamen, da brach die Brücke, und die Mädchen, die vor ihr gingen, fielen alle in den Bach; sie selbst aber erschrack so sehr, daß sie das Himmelsschäfchen fallen ließ. Es fiel aber nicht in den Bach, sondern in dem Augenblicke tauchte dieselbe königliche Frau, die es ihr gebracht hatte, aus dem Wasser hervor, und fing es mit den Armen auf; dann aber erhob sie sich, und ein Paar Wolken trugen sie hin an den Himmel, und sie setzte das Lämmchen wieder zu den andern Himmelsschäfchen, wo es früher gewesen war. Das Mädchen aber weinte sich die Aeuglein roth, und bat ihre Mutter, sie möchte ihr ein anderes Himmelsschäfchen verschaffen, aber die Mutter sagte: das ist die Strafe des Ungehorsams. Ihre Gespielinnen, die sie zu dem Ungehorsame verleitet hatten, kamen dießmal mit dem bloßen Schrecken davon. Ihre Kleider aber waren ganz naß und schmutzig geworden, und sie mußten so nach Hause gehen; da wurden sie von allen andern ausgelacht, und sie haben nachher nie mehr jemand zum Ungehorsam verleitet. Die Grasmücke Eine Grasmücke hatte einmal zwei Eyer in ihr Nestchen gelegt, und war dann davon geflogen, um sich ein Paar Raupen und Fliegen zum Mittagessen zu holen. Es hatte sie aber ein träger Kukuk von ihrem Neste wegfliehen sehen; da flog er hin, warf eins von den Grasmückeneyern heraus, und legte dafür sein Kukuksey hinein. Dann flog er wieder fort, und dachte: »Die Grasmücke mag das Ey ausbrüten und mein Kukukssöhnchen groß ziehen!« Die Grasmücke hatte es aber nicht gemerkt, daß sie ein fremdes Ey in ihrem Neste habe, sondern brütete Tag und Nacht, bis sie nach einiger Zeit zwei junge Vögelchen ausgebrütet hatte. Sie sahen aber einander gar nicht ähnlich. Das junge Grasmückchen war gar zart gebaut, aber der junge Kukuk hatte einen gewaltig großen Bauch, und schrie den ganzen Tag: »Mutter, essen, essen!« und wenn die Mutter mit einer Raupe oder einer Fliege nach Haus geflogen kam, so schnappte der Kukuk immer zuerst darnach, so daß das kleine Grasmückchen fast nichts bekam. Er machte sich auch in dem Nestchen so breit, daß das kleine Grasmückchen keinen Platz hatte zum Sitzen. Es waren aber noch nicht zwei Wochen vergangen, da sagte einmal der Kukuk zum Grasmückchen: »mache mir Platz!« Da sagte Grasmückchen: »ich kann gar nicht mehr weiter rücken, du nimmst ja das ganze Nestchen allein ein!« »Mache mir Platz!« schrie der Kukuk, »oder ich fresse dich.« Da setzte sich klein Grasmückchen auf den Rand des Nestes, und hielt sich mit dem Schnabel fest: aber der Kukuk schüttelte und rüttelte sich, da fiel das arme Grasmückchen hinunter auf den Boden, denn seine Flügel waren noch nicht gewachsen. Es ging aber ein kleiner Knabe am Baume vorbei, der hörte das Grasmückchen schreien, da nahm er es mit sich nach Haus, und fütterte es mit Würmern und Brosamen, und das Grasmückchen wuchs und ward stark und munter. Es flog aber in der Stube umher und fraß die Fliegen und zwitscherte und sang gar munter und lustig. Wenn ihm aber der kleine Knabe rief: »Grasmückchen komm',« so flog Grasmückchen herbei, und setzte sich auf seinen Finger. Grasmückchen aber lebte bei dem Knaben den Herbst und Winter über, und ergötzte alle durch seine Fröhlichkeit und sein munteres Wesen. Als aber im Frühjahr der Schnee von den Bergen geschmolzen war, und die Erde fing an wieder grün zu werden, und die Bäume bekamen Blätter und die Vögel sangen lustig darin, und die Sonne schien so freundlich zum Fenster herein, da ward es dem Grasmückchen zu enge in dem kleinen Stübchen, und es wäre gerne draußen gewesen im grünen Walde bei seiner Mutter. Der Knabe merkte sein Begehren, und öffnete ihm das Fenster; da flog es hinaus zu dem Baum, wo seiner Mutter Nest gestanden hatte, aber es war nicht mehr da; auf dem Boden lagen aber Heu, Pferdehaare und ausgerupfte Federn herumgestreut, und es sah, daß jemand das Nest zerrissen haben mußte. Darüber betrübte sich Grasmückchen sehr, und flog in den Wald hinein, und fragte alle Vögel, ob sie seine Mutter nicht gesehen hätten. Aber Niemand konnte ihr etwas von ihr sagen. Mit der alten Grasmücke aber war es also zugegangen. Nachdem nämlich der Kukuk das Grasmückchen aus dem Neste geworfen hatte, war die Mutter nach Hause gekommen; da fragte sie, wo klein Grasmückchen sey. Der Kukuk aber sagte: »ja das ist ein recht boshaftes Kind, es hat mich aus dem Neste jagen wollen, ich habe mich aber gewehrt, und da ist es davon geflogen!« Die alte Grasmücke hatte das geglaubt, und war fortgeflogen um dem Kukuck Fressen zu hohlen; der war aber nicht mehr zu sättigen, und die alte Grasmücke wurde ganz matt vom vielen Hin- und Herfliegen. Als sie aber eines Abends sehr müde nach Hause gekommen war, wollte er, daß sie noch einmal ausflöge; da sagte sie aber, du kannst satt sein für heute, du fauler Vielfresser, warte bis morgen.« Da riß er aber seinen Schnabel ganz schrecklich auf, und sagte: »Wenn du mir nicht gleich zu essen gibst, so fresse ich dich.« Da fürchtete sich die alte Grasmücke und flog davon; als aber am andern Morgen der Kukuk sah, daß die alte Grasmücke nicht mehr zurückkommen wollte, sah er sich gezwungen, jetzt selbst seine Nahrung zu suchen; er flog darum aus dem Nest, aus Bosheit aber zerriß er es, und warf es auf die Erde. Die alte Grasmücke aber hatte ihr Grasmückentöchterchen überall aufgesucht, hatte es aber nicht finden können; da flog sie auf einen Busch, dessen Blätter hatte ein Knabe mit Vogelleim bestrichen. Als sie aber wieder weg fliegen wollte, konnte sie nicht; da fing sie an zu schreien und mit den Flügeln zu schlagen, aber sie konnte nicht los kommen, und der Knabe kam hinzu und nahm sie, und setzte sie in einen Käfig. Er gab ihr aber zu essen und zu trinken, und behielt sie den Herbst und Winter über bei sich. Unterdessen hatte aber auch klein Grasmückchen seine Mutter vergeblich gesucht; da kam sie einmal zu einer Nachtigall, die sagte: »ich will dir einen guten Rath geben. Wir reisen jetzt bald in das Land nach Mittag, da gehe du mit uns, vielleicht findest du deine Mutter.« Das war Grasmückchen zufrieden, und als es Nacht war, flog es mit den Nachtigallen fort, die wurden von einer Königin angeführt. Sie flogen nur des Nachts, am Tage aber schliefen sie in dichtem Gehölze, oder sie suchten ihre Nahrung und aßen und tranken. Nachdem sie aber über ein großes Meer geflogen waren, kamen sie in ein Land, das war lauter Sand, so weit man sehen konnte. Ganz am Ende aber sah man einen erhabenen Punkt, das war eine Insel in dem Sandmeere, die grünte das ganze Jahr, während rings herum alles verdorrt und erstorben war. Mitten auf der Insel war eine kleine Quelle, die floß aus einem Felsen heraus, und lief über eine Wiese, wo sie aber in den Sand kam, versiegte sie plötzlich vor der großen Hitze; auf der Insel hingegen war es kühl und schattig und die Nachtigallen sangen wunderschön, und wenn sie gesungen hatten, badeten sie sich in dem klaren Wässerchen. Grasmückchen aber suchte vergeblich nach seiner Mutter, sie war nirgends zu finden. Die Nachtigallen blieben aber so lange hier, bis in ihrer Heimath der Winter vorbei war, und auf der Insel der Herbst anfing; da flogen sie wieder fort ihrer Heimath zu, die Nachtigallenkönigin aber flog voraus. Ehe sie aber über das große Meer flogen, machten sie einmal Halt, und setzten sich am Ufer nieder, um Kräfte zur Ueberfahrt zu sammeln. Da scharrte Grasmückchen ein wenig im Sand, und fand zwei schwarze glänzende Kugeln. Da dachte es, die will ich mit nehmen, und will sie dem Knaben schenken, der mich gefüttert und gepflegt hat. Sie nahm sie also in ihre Klauen, und flog mit ihnen über das Meer in ihre Heimath. Es war aber gerade Frühling, und die Sonne schien so freundlich durch das Fensterlein, hinter welchem Grasmückchens Mutter im Käfig gefangen saß; sie wäre aber gar gerne draußen gewesen in der frischen, freien Luft. Das merkte der Knabe, und hing den Käfig vor das Fenster, und die Grasmücke wurde gar lustig und munter. Da sah sie eine andere Grasmücke herbeifliegen, die hatte zwei Kugeln in ihren Krallen; es war aber ihr Töchterchen, das junge Grasmückchen. Da rief sie schnell, »mach auf, mach auf!« Da schob klein Grasmückchen den Riegel vor dem Thürchen zurück, und husch, flog die Alte heraus; als sie sich aber einander wiedersahen, da weinten beide vor Freude, und erzählten sich auf einem nahen Baume alles, was ihnen seitdem begegnet war. Als sie aber fertig waren mit Erzählen, sagte die Alte: »willst du denn nicht dem Knaben, der mich den ganzen Winter gefüttert hat, eine von deinen Kugeln schenken? Du hast ja noch eine!« »Ach ja,« sagte klein Grasmückchen, und flog hin zum Käfig, und legte die eine Kugel in das Nestchen. Dann flogen sie fort zu dem Knaben, der klein Grasmückchen gepflegt hatte, und warf ihm die andere Kugel zum Fenster hinein, wie sie aber auf den Boden fiel, zerbrach sie in zwei Stücke, aber aus der Höhlung fiel ein Diamant heraus, der glänzte wie Feuer. Den fand der Knabe, und sein Vater trug ihn in die Stadt, und verkaufte ihn für vieles Geld, so daß der Knabe sehr reich wurde. Der andere Knabe hatte aber auch seine Kugel gefunden. Da betrachtete er sie lange, und hielt sie für ein Ey. Das will ich ausbrüten lassen, sagte er, darin muß ein sonderbarer Vogel stecken. Während dem er die Kugel so in der Hand betrachtete, hörte er an dem Busch mit Vogelleim ganz gewaltig schreien, er lief hinaus, um zu schauen, was es gäbe, und siehe da, es hatte sich ein großer Kukuk in den Vogelleim festgeklebt. Das war derselbe, der die junge und die alte Grasmücke aus dem Nest getrieben hatte. Da nahm ihn der Knabe und setzte ihn auf das Nest in seinen Käfig und sagte: »jetzt brüte mir einmal das Ey aus!« Der Kukuk aber, weil er sonst gar nichts zu thun hatte, brütete und brütete recht lange; da zerplatzte auf einmal das Ey, aber statt eines Vögelchens kam eine junge Schlange heraus, die wickelte sich um seinen Hals und erwürgte ihn, dann schlüpfte sie zum Käfig hinaus, und verkroch sich in die Erde. Die beiden Grasmücken aber bauten sich ihr zerrissenes Nestchen wieder, und lebten noch lange in Friede und Eintracht bei einander. Prinz Siegmund Es war einmal ein König, der hieß Christoph, und beherrschte eine große, fruchtbare Insel im weiten Meere. Seine Gemahlin aber gebar ihm ein Söhnlein, das nannte er Siegmund. In jenem Lande aber wohnten drei Schwestern auf einem Berge, die waren so alt, daß auch die ältesten Leute auf der Insel sie nicht jung gesehen hatten. Sie verstanden aber das Verborgene zu offenbaren, und besaßen einen Spiegel, in dem war die Zukunft abgebildet, und sie sagten einem jeden voraus, was ihm in späteren Jahren Wunderbares widerfahren werde. Drum wurden sie in großen Ehren gehalten, und wenn ein Paar Eltern mit einem Söhnlein oder einem Töchterlein beschenkt wurden, so gingen sie hin zu den drei Schwestern, die sagten ihnen, was aus ihrem Kinde werden würde. Darum ging auch der König Christoph einige Zeit darnach hin zu den drei Schwestern und sprach: »Ich habe gehört, daß ihr das Verborgene offenbaret und in dem Spiegel der Zukunft sehet, was einem jeden begegnen wird; so sagt mir doch, was wird aus meinem Söhnlein werden?« Da schüttelten die drei Schwestern ihre grauen Häupter, sahen in den Spiegel, und sprachen: »Dein Sohn wird dich nicht kennen, und wenn er dich kennt, wird er dich umbringen!« Da faßte der König Christoph einen schweren Haß gegen das Kindlein, und ging heim und ließ seinen Schäfer rufen, der weidete des Königs Schaafe auf den Bergen. Zu dem sprach er: »Dieß Kind nimm, und leg es in den wildesten Wald, wo die reißenden Thiere ihre Herberge haben, und sieh morgen wieder nach; wenn sie es gefressen haben, so bring mir zum Zeichen dessen, ein Paar Knöchelchen mit.« Das versprach ihm der Hirte zu thun, wie er gesagt hatte, und trug das Kindlein hinaus in den wilden Wald. Wie er es aber hinsetzen wollte, so jammerte ihn des armen Geschöpfes, und es gereuete ihn, daß er dem Willen des Königs gewillfahret hatte. »Wie wäre es,« sagte er, »wenn ich das Kindchen heimlich erzöge. Der König kann es nicht wissen, ob es mein rechter Sohn ist, oder nicht, denn wir wohnen so abgelegen und einsam, daß uns Niemand auf die Spur kommen wird, und so habe ich doch ein armes Kind vom schmählichen Tode gerettet.« Da nahm er das Kind, und trug es heim zu seiner Frau, und sagte ihr: »siehe, da hab' ich draußen im Walde ein Kindlein gefunden, es hat mich gejammert, daß es so verlassen umkommen soll; drum hab' ichs mitgebracht; ich denke, wo sechse essen und schlafen, da wird wohl auch das siebente noch einen Platz finden.« Seine Frau war es zufrieden, gab dem Kindlein Milch zu trinken, und kochte ihm einen Brei von Habermehl; dann machte sie ihm ein Bettlein hinter dem Ofen, und pflegte es wie ihr eigenes Kind. Der Hirt aber ging den folgenden Tag auf den Berg, dort hatte er einmal ein Schäfchen begraben, das von einem Felsen gestürzt und gestorben war; davon nahm er ein Paar Knöchelchen, und brachte sie dem König. »Das sind des Kindes Knöchelchen,« sagte er, »die wilden Thiere haben es zerrissen!« Da lobte ihn der König und entließ ihn mit reichen Geschenken. Der Knabe aber wuchs heran mit den anderen Kindern des Hirten, und er zog mit ihnen hinaus auf die Berge, und half die Schaafe des Königs hüten. Er war aber in allen Dingen sehr geschickt, und keiner konnte schönere Rohrpfeifen verfertigen, und lieblicher auf dem Horn blasen, als er. Dabei war er sehr muthig und gewandt und kletterte auf die höchsten Bäume. Der Hirt aber, den er für seinen Vater hielt, hatte ihm eine Armbrust geschnitzt; damit ging er in den Wald und schoß allerlei Vögel, und andere kleine Thiere. Er wußte auch allerley Schlingen zu stellen, wormit er Vögel fing, und er zähmte sie und sie folgten ihm, wo er hinging. Eines Tages war er auch einmal in den Wald gegangen, da sah er in einem Busche eine Goldamsel sitzen. Sobald sie ihn sah, flog sie weiter, und da er ihr immer begierig folgte, so lockte sie ihn immer weiter und weiter von seiner Heerde ab in den Wald hinein. Die Goldamsel aber blieb immer sitzen, bis er ganz nahe bei ihr war, und flog wieder fort, wenn er sie eben zu erhaschen glaubte. Da er sie aber gar nicht bekommen konnte, so dachte er wieder an den Rückweg, aber er konnte ihn nicht finden; er rief seinen Kameraden aber er bekam keine Antwort. Da stieg er auf einen großen Baum, und sah in der Gegend umher, aber er konnte nichts sehen, als lauter Wald und Wald. Die Sonne aber neigte sich zu ihrem Untergange. Darum stieg er herab, und beschloß hier zu übernachten und den folgenden Morgen zu den Seinigen zurückzukehren. In seiner Hirtentasche fand er noch ein Paar Kartoffeln und ein Stück Brod; darum suchte er sich ein Paar dürre Hölzer, zündete ein Feuer an, und briet sich seine Kartoffeln. Wie er aber so am Feuer saß, und sah, wie die Flamme knisterte und der Rauch durch die Aeste sich empor zog, gewahrte er oben auf einem Zweige die Goldamsel, die ihn so irre geführt hatte. »Warte,« sagte er, »du sollst mich nicht mehr irre führen.« Da nahm er einen Feuerbrand, und wollte sie damit todt werfen, aber sie fing ihn mit dem Schnabel auf, und flog herunter, und legte den Brand wieder auf's Feuer, dann setzte sie sich auf einen Stein ihm gerade gegenüber. Da merkte aber Siegmund, daß das keine gemeine Goldamsel sein mußte, und sah sie lange Zeit ganz stumm an. Auf einmal aber flog ihm der Vogel dreimal um den Kopf, setzte sich in die Flammen, und ein dichter Rauch bedeckte ihn ganz und gar. Aus dem Rauche aber erhob sich die Gestalt eines alten Mannes, der sprach: »Siegmund folge mir!« Da nahm er einen Feuerbrand in die Hand, und ging in eine große, große Eiche, die that sich ihm auf, und er trat hinein. Die Eiche war aber inwendig hohl, und eine Wendeltreppe wandte sich tief in den Boden hinab. Siegmund folgte ihm nach, und sie kamen endlich in ein rundes Gemach, in dem war nichts als ein großer runder Spiegel, der mit einem Vorhange bedeckt war. Da nahm der Alte den Teppich weg, und hieß den Knaben in den Spiegel sehen. Als Siegmund lange verwundert hinein geblickt hatte, fragte ihn der Alte: »was siehst du?« »Ich sehe ein prächtiges Gemach,« sagte der Knabe, »darin sitzt ein junger König auf dem Throne, und hält einen goldenen Scepter in seiner Hand; um ihn herum aber stehen sechs Knaben und sechs Mädchen, die halten Blumenkränze in ihren Händen, und scheinen ihm zuzurufen: »Heil unserm König!«« »Dieser König wirst du einmal seyn,« sagte der Alte, »wenn du thun willst, was ich dir sage.« Da versprach Siegmund ihm gehorsam zu seyn. Der Alte aber führte ihn aus dem Gemache in einen langen, langen Gang, der sich endlich auf einem sehr hohen Berg endigte. Es war Nacht, und der Alte setzte sich mit Siegmund auf eine Rasenbank. Kühle Winde spielten um ihren Sitz herum, und nach kurzer Zeit schlief der Knabe ein. Die Sonne war eben aufgegangen, und ein frischer Morgenwind strich über die Seite des Berges hin; da wachte der Knabe aus seinem Schlafe auf, und sah sich verwundert umher, denn er wußte nicht, wo er war. Er saß in einer Laube, die von ein Paar Sträuchern gebildet war, an denen sich wildes Geißblatt in die Höhe gewunden hatte. Vor sich sah er auf eine weite, weite Ebene herab, die von einem breiten Strome durchflossen war. Eine Menge von Städten und Dörfern glänzten ihm entgegen, und unten am Berg hörte er die Hirten blasen, und sah das Vieh auf die Weide treiben. »Ey, wo bin ich denn,« sagte er bei sich, »wie bin ich hierher gekommen?« Indem er aber so bei sich überlegte, sah er auf einem Baum neben sich die Goldamsel sitzen. Da erinnerte er sich schnell an den vergangenen Tag, und was ihm da begegnet war. Die Goldamsel aber verschwand in dem Gebüsche, und ein alter Greis trat wieder statt ihrer hervor. »Ich werde dich jetzt allein gehen lassen, sprach er zu ihm; weiter kann ich dich nicht begleiten. Handle recht und scheue Niemand! Damit du aber doch ein Andenken von mir hast, so nimm hier diesen Spiegel; den trage auf deiner Brust und besieh dich jeden Abend darin; er hat einige Eigenschaften, die dir nicht lange unbekannt bleiben werden. Mehr brauche ich nicht zu sagen. Lebe wohl.« Mit diesen Worten verschwand der Greis, und Siegmund stieg vom Berge herab in die Ebene. Er wanderte aber selbigen Tag sehr weit, und kam am Abend bei einer großen Stadt an. Es war aber bereits Nacht geworden, und die Thore der Stadt waren verschlossen. Da dachte Siegmund: »wenn ich doch nur irgendwo ein Haus sehen könnte, das mich diese Nacht über beherbergte; aber hier ist alles wie ausgestorben.« Er wanderte noch eine Strecke an der Mauer fort, mit welcher die Gärten vor der Stadt eingeschlossen waren, und kam an eine Thüre, die führte in einen großen, prächtigen Garten. Er versuchte, ob sie sich nicht öffnen ließe, und zu seiner Freude that sie sich auf. Er trat hinein, und befand sich in einem langen Laubgang, der führte ihn an ein kleines Gebäude, das einem Tempel ähnlich sah. Die Thüre war verschlossen, aber vor der Thüre war ein weicher Rasensitz, der von einem großen Baume beschattet war. Er setzte sich darauf, und da er ihn groß fand, sich darauf zu legen, so beschloß er, hier zu übernachten. Bevor er sich aber niederlegte, zog er den kleinen Spiegel hervor, den ihm der Alte geschenkt hatte, und blickte hinein. Er sah darin sein eigenes Bild in hellem Tageslichte, und wunderte sich darüber, daß der Spiegel einen solchen Glanz von sich gab, daß alles um ihn her davon erleuchtet wurde. Froh über diese Erscheinung steckte er ihn in seinen Busen, und legte sich zur Ruhe; da er aber den Tag über weit gegangen war, so schlief er bald ein. Er mochte aber noch nicht lange geschlafen haben, da fühlte er, daß ihn jemand am Arm gefaßt hatte; er wachte auf, und sah vor sich einen alten Mann, der trug eine Laterne in der Hand, und fragte ihn, wie er in den Garten gekommen sey. Siegmund erzählte ihm alles genau, und nachdem er geendet hatte, bat er den Mann, ob er ihm nicht erlauben wolle, bis morgen da zu bleiben. Der Mann, dem der Knabe gefallen mochte, gab ihm zur Antwort: komm mit mir! Da folgte ihm Siegmund, und der Mann schloß die Thüre des Gartens zu, und führte ihn dann in ein kleines Häuschen, das in ein dichtes Gehölze gebaut war. »Du kannst heute Nacht bei mir bleiben,« sprach er und setzte ihm etwas zu essen vor, das sich der Knabe trefflich schmecken ließ. Dann führte er ihn in ein kleines Zimmer, wo ein Bettchen stand, und wünschte ihm eine gute Nacht. Der Knabe legte sich nieder, und schlief bis in den andern Morgen, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. »Das heißt aber lange schlafen,« sagte er, und kleidete sich schnell an, um von seinem freundlichen Wirthe Abschied zu nehmen. Dieser aber nahm ihn bei der Hand, und sagte: »Höre, Knabe, wenn es dir gefällt, so bleibe bei mir. Ich brauche gerade so einen Jungen, wie du bist, der mir im Garten hilft. Du sollst es gut bei mir haben.« Da versprach ihm der Knabe zu bleiben. Der Mann aber war ein Gärtner, der des Königs Garten zu besorgen hatte. Des Morgens schickte er den Knaben an einen Bach, der rings um den Garten floß, und ließ ihn dort Wasser schöpfen. Damit mußte er dann die Blumen und Citronenbäume begießen, die wie ein ordentlicher Wald in dem Garten gepflanzt waren. Dasselbe that er am Abend; am Mittag aber durfte er für sich in dem Garten herumgehen und arbeiten, was er wollte. Er besah dann die schönen Springbrunnen und die Vogelhäuser mit den wunderschönen Vögeln und die Teiche mit ihren weißen Schwanen und glänzenden Goldfischen. Er hatte aber Freundschaft gemacht mit einem anderen Knaben, der kam des Nachmittags zu ihm, und sie gingen dann mit einander durch den königlichen Garten. Einmal standen sie an dem Teiche, in welchem die Goldfische waren, und sahen zu, wie sie lustig auf und ab schwammen, und warfen ihnen Brosamen hinein zum Fressen. Da sagte der Nachbarsknabe, »wenn ich doch auch nur so ein Fischchen hätte! Du könntest mir wohl eins davon geben, ihr habt ja eine große Menge.« »Das darf ich nicht,« sagte Siegmund, »sie gehören dem König, und ich darf nicht verschenken, was nicht mein ist.« »Ey was thut es denn,« sagte der andere, »auf so ein Fischchen wird es nicht ankommen. Ich schenke dir auch einen recht schönen Vogel dafür.« Da dachte Siegmund: »nun das wird nichts zu sagen haben.« Er holte also ein kleines Netz, lockte die Fische herbei, und haschte mit leichter Mühe ein Fischchen heraus. Der Nachbarsknabe aber trug es fort, und brachte ihm einen schönen gelben Vogel, es war eine Goldamsel. Wie aber Siegmund die Goldamsel sah, da ward es ihm doch sonderbar zu Muthe, und er dachte an die Warnung des Alten, als er ihn am Berg verlassen hatte. Er schämte sich aber, das Goldfischchen zurückzufordern, und trug den Vogel auf sein Zimmer. Am Abend aber, als er sich eben schlafen legen wollte, da blickte er noch einmal in seinen Spiegel, wie ihm der Alte gesagt hatte; da sah er auf seiner Stirne einen schwarzen Flecken. Er glaubte anfangs, das läge wohl am Glase, und rieb daran; aber der Flecken wollte sich nicht abwischen lassen. Als er aber noch einmal an dem Glas rieb, da hüpfte die Goldamsel aus ihrem Käfig heraus, und verwandelte sich in den Alten, der mit ernstem Gesichte und drohendem Finger den erschrockenen Knaben anredete: »Siegmund, Siegmund! hast du mir nicht versprochen, treu und redlich zu seyn! Glaube mir, der Spiegel trügt nicht, und der Fleck haftet nicht im Glase, sondern in deiner Seele.« Da erkannte Siegmund, wie sehr er gefehlt hatte, daß er den Goldfisch verschenkte. Er bat unter Thränen den Alten um Verzeihung, und versprach ihm auf's Heiligste, nie wieder so etwas Aehnliches zu thun. Der Alte ließ sich durch seine Reue bewegen; er griff in die Tasche und brachte einen Goldfisch hervor. »Setze diesen in den Teich,« sagte er, »und hüte dich in Zukunft vor den Flecken.« Siegmund that wie ihm der Alte gesagt hatte; er setzte das Fischlein zu den andern, und ließ sich niemals so etwas zu Schulden kommen. Er hatte aber schon mehrere Jahre bei dem Gärtner gelebt, und war zu einem kräftigen Jüngling herangewachsen. Da kam eines Tages der König in den Garten, und der Gärtner führte ihn umher, und zeigte ihm alles, was neu angelegt war, denn es war schon lange Zeit, daß der König nicht mehr im Garten gewesen war. Er kam aber auch zu einem Apfelbaume, den er einst in seiner Jugend pflanzte, und hatte selbst eine Verzäunung darum gemacht und diese mit einer Thüre verschlossen. Der Baum hatte aber dieses Jahr zwölf Aepfel getragen; gelb mit purpurrothen Punkten. Daran hatte der König eine große Freude, und befahl dem Gärtner, sie wohl zu hüten, daß keiner entwendet würde. »Ich werde in ein Paar Tagen wieder kommen, und sie abbrechen,« sagte er, und entfernte sich. Der Gärtner kannte aber die heftige Gemüthsart des Königs, und beschloß, Tag und Nacht zu wachen, daß keiner der Königsäpfel entwendet würde. Wir wollen abwechseln, sagte er zu Siegmund. Wache du die Hälfte der Nacht und die Hälfte des Tages, so will ich die andere Hälfte wachen. Also wachten sie drei Tage. Am vierten aber, als der Gärtner bei dem Baume stand, hörte er in einem andern Theile des Gartens ein großes Geschrei, und mehrere Menschen riefen um Hülfe. Da lief er schnell in die Gegend, wo er die Stimme gehört, und sah, wie ein Paar Knaben, die immer um den König waren, einen ihrer Kameraden aus dem Teiche zogen, in den er gefallen war. Der alte Gärtner half ihnen dabei, führte den Knaben, der in's Wasser gefallen war, in sein Haus, und ließ seine Kleider am Feuer trocknen, er selbst aber ging eilig zu dem Baume. Als er aber angekommen war, sah er, daß sechs der Königsäpfel fehlten. »Ich bin verloren,« schrie er, »ich bin verloren, wenn der König erfährt, daß die Aepfel fehlen!« So schrie er, und rannte wie wahnsinnig um den Baum herum, und rief: »ich bin verloren, ich bin verloren!« Auf sein Geschrei kam Siegmund hinzu, und fragte, was es gäbe: »Siehst du nicht,« sagte der Alte, »daß nur noch sechs Aepfel da sind! Wir sind beide verloren, wenn der König kommt.« Siegmund suchte ihn zu trösten, und versprach den König zu beruhigen, aber es half nichts, der Gärtner war untröstlich, und in dem Augenblicke trat auch der König in den Garten, begleitet von allen seinen Knaben, die ihn bedienten. Der Gärtner senkte den Blick zur Erde, und erwartete sein Urtheil. »Was fehlt dir?« fragte ihn der König. Der arme Alte konnte kein Wort sprechen, sondern deutete mit der Hand auf den Baum, und die andere legte er auf sein Herz und sprach: »Ich bin unschuldig.« Da blickte der König nach dem Apfelbaum, und runzelte die Stirne vor Zorn und sprach: »Wenn du mir den nicht schaffst, der dir die Aepfel genommen hat, so nehme ich dich statt jenem.« Damit ging er weiter. Der Gärtner stand da in stummer Verzweiflung. Wie war es ihm möglich, den Schuldigen zu finden? Er hatte Niemand gesehen. »Ich bin verloren!« rief er aus; »Niemand kann mich retten.« Siegmund aber betrübte sich sehr über das Unglück seines geliebten Herrn. Er ging herum und sann auf Mittel zur Entdeckung, aber er fand nichts. Es ward Abend, und er hatte noch nichts ausgedacht. Als er aber am Abend wie gewöhnlich in seinen Spiegel sah, kam ihm ein Gedanke, der ihm Hoffnung gab. »Wenn der Spiegel,« dachte er, »mir meine Vergehungen anzeigt, so wird er es wohl auch bei andern thun. Geschwind zu dem König.« So dachte er, schlich sich heimlich und schnell in den Pallast des Königs, und begehrte, mit dem König zu reden. Als er vor den König kam, warf er sich vor ihm nieder, und sprach: »Gnädiger Herr, das Mitleid mit eurem alten, unschuldigen Diener führt mich zu Euch; erlaubet, daß ich in Eurem Pallaste den suche, der die Aepfel entwendet hat.« »Das magst du thun!« sagte der König, »aber kannst du den Schuldigen mir nicht nennen, so daß er selbst sein Vergehen eingesteht, so erhältst du seine Strafe! Ich will alle meine Diener in einen Saal schicken, da suche den Schuldigen, wenn du kannst.« Darauf ließ er Siegmund in einen Saal führen, und alle seine Diener mußten nach einander hineintreten. Siegmund aber hielt einem jeden seinen Spiegel vor, und sagte: wer frei ist von Schuld, der sieht sein klares Angesicht, wer sich aber des Vergehens bewußt ist, dem wird ein schwarzer Fleck die Stirne bedecken. Es sahen aber viele hinein, und sahen nichts als ihr Angesicht, endlich aber kam auch ein Knabe, den liebte der König sehr. Als ihm aber Siegmund den Spiegel vorhielt, wurde er blaß, und trat zurück, denn er sah, daß ein großer schwarzer Fleck auf seiner Stirne stand. »Nun, wer ist der Dieb?« fragte Siegmund. »Ich bin's!« stotterte der Knabe, und sank vor ihm nieder; »o, bitte für mich bei'm König; sonst bin ich verloren.« Da ging Siegmund zu dem Könige, und stellte ihm den Knaben vor. »Gnädiger König,« sagte er; »der ist's, der die Aepfel genommen hat.« Der König aber wollte seinen Augen nicht trauen. »Ist es möglich,« rief er aus, »daß du, den ich mit Wohlthaten überhäuft habe, so schändlich mein Gebot übertreten konntest. Man nehme ihn, und hänge ihn an seinem Halse an jenen Apfelbaum.« Da fiel aber Siegmund vor dem Könige nieder, und sprach: »O! seyd gnädig, mein Herr, und vergebt ihm noch diesesmal. Vergeben ist besser, als strafen, und gütig sein besser als zürnen.« Da ließ sich der König bewegen, und verzieh dem Knaben. Zu Siegmund aber sprach er: »Du bleibst bei mir, ich kann deine Dienste noch mehr gebrauchen.« Da blieb Siegmund am Hofe des Königes, und ward geachtet wie die andern königlichen Diener und Räthe, die an dem Hofe des Königes waren. Sein Spiegel aber ward noch oft gebraucht, und die Furcht vor der Entdeckung war so groß, daß kein Bösewicht es wagte, irgend ein Vergehen zu begehen. Daher kam es, daß Siegmund dem Könige täglich lieber und unentbehrlicher wurde. Eines Tages aber ließ der König Siegmund zu sich rufen, und schloß sich mit ihm in ein kleines Zimmer ein. Dann setzten sie sich, und der König sprach zu Siegmund: »Ich vertraue deiner Verschwiegenheit, wenn ich dir ein Geheimniß mittheile. Ich bedarf deines Rathes und deines Beistandes. Aber du mußt mir bei Verlust deines Lebens versprechen, Niemandem ein Wort von dem zu entdecken, was ich dir sagen werde.« Da versprach ihm Siegmund, das Geheimniß aufs verschwiegenste zu bewahren. »Nun denn,« sagte der König, »so höre: Ich habe einst einen Sohn gehabt, den habe ich unter die wilden Thiere setzen lassen, weil man mir gesagt hatte, der Sohn würde mich einst tödten. Diese Handlung hat mich seitdem sehr gereut; ich hätte vieles darum gegeben, wenn es nicht geschehen wäre. Ich habe keinen Sohn, der mich in meinem Alter unterstützen könnte; ich habe keinen Nachfolger, dem ich dereinst, wenn ich sterbe, Krone und Reich übergeben könnte; meine Statthalter werden sich dann um meine Länder streiten, und Unheil und Blutvergießen wird die Folge davon seyn. Das habe ich mir gestern so recht lebhaft gedacht, ich schlief darüber ein, und hatte einen Traum. Ein alter Mann, däuchte mir, kam zu mir, und sagte: »Siehe, dein Sohn lebt noch!« Ist das nur eine Täuschung, oder ist es Wahrheit, kurz ich konnte nicht mehr schlafen. Ich schickte sogleich nach dem Hirten, dem ich einst den Knaben zum Aussetzen gegeben hatte, allein der war längst todt, und seine Kinder hatten sich zerstreut. Darum mache du dich auf, und reise durch mein ganzes Land und erkundige dich, ob du nichts von meinem Sohn Siegmund hörest. Kannst du mir ihn zurückbringen, so sey meines Dankes gewiß.« Damit entließ ihn der König, und Siegmund rüstete sich noch in der Nacht zur Abreise. Am folgenden Morgen ritt er zum Thore hinaus, begleitet von zwei Dienern, die er sich auserlesen hatte. Ohne zu wissen, wohin er gehen sollte, ritt er eben gegen Sonnenaufgang zu und kam am Mittag in ein kleines Gehölz. Da die Sonne so warm schien, machte er Halt, stieg er mit seinen Dienern ab, und lagerte sich im Grase, an einer Stelle, wo man die Aussicht auf ein kleines Thälchen hatte. In dem Thälchen lag ein einziges Haus, und ein Paar muntere Jungen weideten Schaafe und Ziegen auf den nahe liegenden Höhen. Da ergriff ihn ein sonderbares wehmüthiges Gefühl, es regte sich in seinem Innern, als er den Ton der Rohrpfeifen hörte, und es kam ihm vor, als ob er in seiner Jugend schon einmal da gewesen wäre und die Schaafe gehütet hätte. Als er so nachdenklich um sich her blickte, nahte sich ein Wanderer, der lagerte sich unter einem Baum, zog ein kleines Buch heraus, und las darin gar eifrig. Dabei lachte er bisweilen, und schien dann wieder recht betrübt zu seyn. »Darf man wohl wissen,« fragte ihn Siegmund, »was für ein Buch das ist, in dem ihr so eifrig leset?« »O ja,« sagte der Wanderer, »es ist die Geschichte des Prinzen Siegmund, der unter dem Meere leben soll, und von dem man allerlei erzählt. Da bin ich vor ein Paar Tagen an das Meeresufer gekommen, wo ein steiler Fels in die Luft hinausragt, da saß ein alter Mann, der sagte mir, da unten sey noch eine Welt, und ein Prinz Siegmund lebe dort, und schenkte mir das Büchelchen.« Da erkundigte sich Siegmund genau nach dem Orte und der Fremde beschrieb es ihm, daß er gar nicht irren konnte. Da machte er sich sogleich auf, und am dritten Tage kam er an den Ort, den ihm der Fremde bezeichnet hatte. Ein hoher Felsen ragte über das Meer hinaus, und die Wellen schlugen an ihn, und braußten ohne Aufhören. Siegmund stand lange, und sah in das schäumende Meer hinab, und dachte bei sich, »da drunten soll Prinz Siegmund wohnen? Wie soll ich da hinab kommen?« Da setzte er sich nieder, und wartete, ob nicht vielleicht der Alte herkommen möchte, von dem ihm der fremde Wanderer gesagt hatte. Aber er kam nicht. Da wurde es Nacht, und der Mond erschien am Himmel und leuchtete mit stillem Glanz auf das Meer herab. Da rauschte das Wasser mächtiger auf, und aus den Fluthen tauchte ein alter Mann heraus, und kletterte mit bewunderungswürdiger Geschwindigkeit an dem Felsen herauf. Als er vor ihnen stand, winkte er sogleich den beiden Dienern Siegmunds, sich zu entfernen, zu Siegmund aber sprach er: »Ich weiß, warum du gekommen bist, du willst den Prinzen Siegmund befreien, der hier schon lange gefangen sitzt; es wird dir aber nicht so leicht gelingen, und du kannst dein Leben dabei verlieren. Darum will ich dir einen Vorschlag thun, der für uns beide sehr vortheilhaft ist, und dich nur ein kleines Opfer kostet. Du ziehst wieder nach Hause zu dem König Christoph, und sagst ihm, ich hätte dir erklärt, du seyst sein Sohn. Er wird dir es gewiß glauben, denn ich werde ihm noch einmal im Traume erscheinen, wie ich ihm schon erschienen bin. Darüber wird er eine große Freude haben, und wird dich zu seinem Mitregenten erklären, und wenn er stirbt, so bist du König. Den eigentlichen Prinzen will ich schon so bewachen, daß er das Tageslicht nicht mehr erblicken soll. Und für diesen großen Dienst, den ich dir erweise, verlange ich weiter gar nichts, als das Leben deiner zwei Diener. Du stürzest sie in's Meer, und sagst denn, wenn dich der König je darnach fragen sollte, sie seyen zufällig umgekommen. Ich bin nämlich der sogenannte Meergreis, und muß alle Paar Jahre einige Menschen haben, die mir auf diese Weise geopfert werden, und da du siehst, daß ich große Gewalt besitze und nicht undankbar bin, so könntest du mir wohl den Gefallen thun!« Er wollte noch weiter reden, aber Siegmund sprach voller Unwillen: »Wie, du schändlicher Greis, du willst mich durch deine Versprechung anlocken, daß ich den König belüge, und meine treuen Diener dir opfere? Mache dich davon, oder ich stoße dir mein Schwerdt durch den Leib!« »Das wirst du wohl bleiben lassen,« sagte der Alte, »ein menschliches Schwerdt kann mir nichts anhaben, und meine Macht ist so, daß ich dich im Augenblicke vernichten kann, wenn ich nur will. Aber ich bin großmüthig, und lasse mich sogar zu Bitten herab, was ich doch durch Gewalt erzwingen könnte. Wenn du mir nicht deine zwei Diener geben willst, so gib mir wenigstens einen , und ich verspreche dir alle Schätze des Meeres. Ich will dir einen Pallast von Perlen bauen, und ihn mit Diamanten besetzen, aber gib mir einen deiner Diener.« »Mache dich fort, Unverschämter!« sagte Siegmund, und rief seine Diener herbei; da blitzte es am klaren Himmel, und die Oberfläche des Meeres hob sich in die Höhe, und eine Wolke zog sich vom Himmel herab, und vereinigte sich mit dem Meere. Wo sie aber zusammen hingen, bildeten sie eine Säule, die sich im Wirbel herumdrehte, und Siegmund näherte. Er hatte nicht Zeit zu entfliehen. Der Wirbel erfaßte ihn und drehte ihn im Kreise unter die Wellen. Als er wieder zu sich kam, saß er in einem Gemache, dessen Wände waren von Perlenmutter, und an der Wand hing ein großer Spiegel, der war mit einem grüner Vorhange bedeckt. Vor ihm aber stand ein Greis, der nämliche, mit dem er oben auf dem Felsen gesprochen hatte. »Siegmund,« redete er ihn mit sanfter Stimme an, »kennst du mich?« »Ja, ich kenne dich,« sagte Siegmund, »und ob ich gleich in deiner Gewalt bin, so werde ich doch nie dein Begehren willigen.« Da lächelte der Alte und sprach: »Nun ich freue mich, daß du mein Wort bewahret hast, das ich dir mitgab, als ich dich durch den Felsengang auf den Berg führte: Thue recht und scheue niemand. Ich habe sehen wollen, ob der Ehrgeiz dir mehr ist, als deine Pflicht, du hast die Probe glücklich bestanden. Du bist also entschlossen, den Prinzen Siegmund zu seinem Vater zu bringen; wohlan denn, hier ist er.« Mit diesen Worten zog er die Decke vor dem Spiegel weg, und Siegmund erblickte darin sein eigenes Bild. Darauf erklärte ihm der Alte, wie es mit seiner Geburt zugegangen, und wie der Hirte ihn erzogen, und wie er ihn als Goldamsel durch die Erde auf den Berg geführt hatte. »Jetzt ziehe wieder nach Haus,« sagte er. »der König wird dich als seinen Sohn erkennen.« Da nahm ihn der Alte bei der Hand und führte ihn durch einen langen Gang aufwärts, und als er sich umsah, stand er auf dem Felsen, und seine Diener waren eingeschlafen. Da weckte er sie auf, und sie sattelten die Pferde, setzten sich darauf, und ritten eilig der Stadt zu. Unterdessen aber war dem König Christoph der Alte wieder im Traume erschienen, und hatte ihm erklärt, wie Siegmund sein Sohn sey. Da wußte sich der alte König vor Freude nicht zu fassen. Er rief alle seine Diener, und zog am frühen Morgen hinaus seinem Sohn entgegen. Seine Augen spähten auf der Ebene umher, aber er sah ihn nicht; als sie aber gegen Mittag in ein Thal kamen, und um eine Bergecke herumbogen, da hielt Siegmund mit seinen Dienern vor ihm. »Mein Sohn!« rief der Alte im höchsten Entzücken, und ließ sich geschwind vom Pferde helfen, aber seine Füße wollten ihn nicht mehr weiter tragen. Da sprang Siegmund schnell vom Pferde, und eilte zu ihm hin. »Mein Sohn,« sprach der König, »ich habe dich, nachdem ich so lange gesucht habe, ich habe dich wieder gefunden, aber die Weissagung wird in Erfüllung gehen. »Er wird dich nicht kennen, und wenn er dich kennt, wird er dich tödten,« sprachen die drei Schwestern; die Freude tödtet mich.« Da ließ der König Christoph sein Haupt sinken und starb. Siegmund aber betrauerte von Herzen seinen Vater. Er ließ ihn in die Stadt bringen, und verließ drei Tage sein Lager nicht; am vierten aber ward er begraben mit aller Pracht, und die ganze Stadt folgte seinem Leichenzuge. Darauf ward Prinz Siegmund zum König ausgerufen, und man feierte große Feste. Als diese aber vorbei waren, suchte Prinz Siegmund die Kinder des Hirten auf, der ihn erzogen hatte, und nahm sie zu sich an seinen Hof, und ließ einem jeden einen eigenen Pallast bauen. Dem alten Gärtner aber, bei dem er gearbeitet, schenkte er den ganzen Garten; blos den Apfelbaum behielt er für sich, der die Königsäpfel trug. Darauf lebte er noch viele Jahre, und erreichte ein hohes, glückliches Alter. Das Schneiderlein und die zwölf Rothhöschen Es war einmal ein Schneiderlein, das saß vor seinem Häuschen auf einem Stuhle, und nähte fleißig darauf los. Zu dem Schneiderlein kam einmal ein Mann, der trug unter seinem Arm ein rothes Tuch, und sprach: »Meisterlein, könnt ihr mir nicht aus dem Stücke ein Paar Beinkleider machen?« »O ja,« sagte das Schneiderlein, und maß das Stück am Arm aus. »Vielleicht gäbe es auch zwei Paar,« sagte der Mann. Da nickte das Schneiderlein mit seinem Köpfchen, lächelte und sagte: »o ja, das kann geschehen!« Da dachte der Mann, seht doch, was das für ein Schalk ist; hätte ich's bei einem Paare gelassen, so hätte das Schneiderlein den Rest für sich behalten. »Aber es gibt vielleicht gar drei Paar,« fragte er das Schneiderlein. »O ja!« sagte das Schneiderlein, und lächelte schelmisch. Da fuhr der Mann fort mit ihm zu handeln, und das Schneiderlein erbot sich endlich, ihm ein Dutzend Beinkleider aus dem Stücke Tuch zu verfertigen. »Bis Morgen könnt' ihr sie haben,« sagte das Schneiderlein, und der Mann ging weiter. Als aber der Fremde weggegangen war, da fuhr das Schneiderlein mit seiner Schere in das Tuch, und schnitt, und schnitt, bis die zwölf Beinkleider in Stücken da lagen. Dann setzte er sich hin, und nähete Tag und Nacht, und ruhte nicht, bis die zwölf Beinkleider fertig waren; als er aber das letzte Paar an den Nagel gehängt hatte, da that er einen großen Biß in ein Butterbrod, und sprach mit sichtbarem Wohlgefallen: »nach gethaner Arbeit ist gut ruhen; der Fremde wird sich über meine Geschicklichkeit wundern.« Der Fremde kam aber, wie er gesagt hatte, und fragte nach seinen zwölf Paar Beinkleidern. »Da sind sie,« sagte das Schneiderlein, und hob sie mit seiner Elle herunter; »da hängt ein Paar schöner als das andere.« Die zwölf Höschen waren aber so klein ausgefallen, daß das Schneiderlein eines in die Hand nahm, die zwei Finger durch die Beine steckte und den Daumen der anderen Hand dahinter hielt, da sah es aus wie ein Männchen. »Seyd ihr zufrieden mit meiner Arbeit?« sagte das Schneiderlein. »Ihr seyd ein Schelm, Meister, aber ein Schelm, wie ich ihn brauche. Kommt mit mir, ihr sollt es bei mir gut haben. Da holte das Schneiderlein aus seinem Kleiderschrank seinen Sonntagsrock und sein Hütchen, und vergaß auch nicht den Knotenstock, der in der Ecke hinterm Ofen stand. Seine Paar Habseligkeiten aber band er in ein Sacktuch; vor allem aber steckte er Nadel, Fingerhut und Scheere zu sich. Auf die vordere Spitze seines Hutes aber steckte er einen Knäuel Zwirn, und sagte: man muß doch auch sehen, daß ich ein Schneider bin! Die beiden zogen aber mit einander fort, und kamen am Abend in einen großen Wald, in dem wohnte der Fremde. Es waren aber zwei Häuser da gebaut; das eine war stattlich und groß, das andere winzig und klein; an dem kleinen Hause aber waren Fenster und Thüren, wie an dem großen, und wenn der Storch auf den Schornstein des großen Hauses ein Nest gebaut hatte, so hatte sich auf dem kleinen ein Zaunkönig niedergelassen, und zwitscherte recht anmuthig, wenn der langbeinige Storch sein altmodisches Liedchen herplapperte. »Wer wohnt denn da in dem Häuschen?« fragte das Schneiderlein. Darin wohnen meine Kinder, antwortete der Mann. »Eure Kinder?« sagte das Schneiderlein, und sah ihn mit großen Augen an, so groß nämlich, als ein Schneiderlein von seiner Statue Augen machen kann; »der Himmel stehe mir bei,« fuhr er fort, »da müßte ich ja meinen Kopf zum Schornstein heraus strecken, wenn ich darin wäre, und bin doch auch keiner von den Größten!« »Ja, es ist so,« sagte der Fremde, und klatschte in die Hände; da kamen zwölf Männchen zur Thüre herausspaziert, etwas größer als eine Faust. »Da habe ich euch etwas mitgebracht!« sagte der Alte; »kommt einmal her!« da zog er aus seiner Tasche die zwölf Rothhöschen, und reichte jedem ein Paar dar; »seht,« fuhr er fort, »das habt ihr eurem Oheim zu verdanken, der hier vor euch steht,« und zeigte dabei auf den Schneider, »kommt her, und küßt eurem Ohm die Hand.« Das Schneiderlein aber wußte nicht, was es sagen oder denken sollte; er reichte aber doch seine knollige Hand hin, und sagte: »kommt her, meine lieben Vettern, seyd mir vielmals gegrüßt!« Da kamen sie herbei, einer nach dem andern, und hatten ihre große Noth, bis sie dem Ohm die Hand herumdrehten, denn aus Ungeschicklichkeit hatte er ihnen die innere Seite der Hand zum Küssen hingereicht. Sie brachten es aber doch am Ende fertig, und das Schneiderlein ward recht freundlich und vertraut mit seinen neuen Verwandten; darauf gingen sie mit einander in das große Haus, und setzten sich an den Tisch zum Essen; die zwölf Rothhöschen aber aßen an einem besonderen Tischchen, und banden sorgfältig ein Tüchelchen in das Knopfloch, um ihre neuen Höschen nicht zu beschmutzen. Der Tisch war gedeckt, und jeder hatte einen Teller und einen Löffel vor sich; aber es kam Niemand, der ihnen Speise brachte. Dem Schneiderlein aber ward es ganz unheimlich im Magen; er saß, und wartete und wartete, aber es wollte nichts kommen. Die andern aber aßen ganz eifrig von ihren Tellern, so daß das Schneiderlein nicht wußte, was das bedeuten solle. »Ey so eßt doch Oheim,« sagte eines der Rothhöschen, »thut nur nicht so fremd! denkt, ihr seyd jetzt ganz bei uns zu Hause!« »Ja, das ist eine Kunst,« sagte das Schneiderlein. »Wo nichts ist, davon kann man nichts nehmen; gebt mir nur erst etwas.« »Ja so,« sagte der Alte, »ich habe wirklich vergessen, Oheim, Euch mit unserer Einrichtung bekannt zu machen; wir leben von der Luft, und speisen die Sonnenstrahlen. Das ist ein ganz vortreffliches Gericht, das den Körper immer wohl und gesund erhält. Daher kommt's, daß wir nie etwas von Krankheit spüren; wir haben kein Kopf- und kein Zahnweh, und keine Brustbeschwerde, kein Podagra und keine Bauchgrimmen; so habe ich immer gelebt, und so ziehe ich auch meine Kinder groß.« »Ja man sieht's,« sagte das Schneiderlein, »wie gut es bei ihnen anschlägt, aber aufrichtig gesagt, werther Oheim, nehmt mir nicht übel, diese Lebensart scheint mir doch ein wenig mager zu seyn, und ich glaube, daß schon eine ordentliche Portion Sonnenstrahlen dazu gehört, um sich zu sättigen. Ich bin zwar nicht gegen das Neue eingenommen, Oheim, aber es wäre mir doch eine Schüssel Sauerkraut mit einer Bratwurst lieber.« »Das versteht ihr nicht,« sagte der Alte, »wer sich einmal an unsere Lebensart gewöhnt hat, der vertauscht sie um alles in der Welt nicht mit einer andern, probiert's nur einmal.« Als das Schneiderlein sah, daß nichts anders mehr kam, gab er sich in Geduld darein, aß von den leeren Tellern Sonnenstrahlen, wie die andern, und wischte sich zuletzt den Mund mit seiner Serviette ab, und sagte, um sich seinen neuen Verwandten gefällig zu erweisen: »ihr habt recht, meine Vettern, Sonnenstrahlen sind ein köstliches Essen;« zugleich aber schnürte er seinen Gürtel um ein Loch fester zusammen, plauderte, und vergaß darüber seinen nagenden Hunger. Am Abende aber ward gar nicht der Tisch gedeckt, und das Schneiderlein sah auch diese Hoffnung verschwinden, etwas in seinen hungrigen Magen zu bekommen, denn er hatte gedacht, am Abend, wenn die Sonne nicht mehr scheint, so können sie doch keine Sonnenstrahlen essen. Sie stellten sich aber alle ans Fenster und sahen eine Zeitlang den Mond mit offenem Munde an, und versäumten nicht, das Schneiderlein einzuladen. »Wir haben des Abends kalte Küche,« sagten sie; »aber es ist der Gesundheit sehr zuträglich; warme Speisen hindern die Verdauung, und auf so einige Mundvoll Mondschein schläft sich's ganz vortrefflich.« »Ihr habt ganz recht, meine werthen Vettern,« sagte das Schneiderlein, und that, als ob er begierig den Mondschein einschlürfe, insgeheim aber zog er seinen Gürtel wieder um ein Loch zusammen, und dachte dabei: »o säße ich doch daheim in meinem Häuschen, so stünde doch ein Topf mit Kartoffeln am Feuer, woran ich mich laben könnte, aber hier ist's nicht auszuhalten.« Er schwieg aber doch stille, und sagte, er wolle jetzt schlafen gehen, er sey etwas müde geworden. »Wir gehen sogleich mit euch,« sagte der Alte. Da führte er das Schneiderlein und die zwölf Rothhöschen in ein großes Zimmer; in dem stand aber weder Bett, Stuhl noch Tisch. »Ihr werdet wahrscheinlich auch nicht wissen, wie man hier schläft,« sagte der Alte, »seht, wir machen es so.« Da stellte sich der Alte mit den zwölf Rothhöschen an die Wand, und zog ein Bein in die Höhe, so daß er nur auf einem stand. Dann faßte er den Ellenbogen des rechten Armes mit der linken Hand; den Zeigefinger der rechten Hand aber legte er auf die Spitze seiner Nase, machte die Augen zu, und that als ob er schliefe. »Seht,« sagte er zu dem Schneiderlein, »so schlafen wir, und ich rathe euch, es eben so zu machen.« »Ländlich, sittlich,« sagte das Schneiderlein, und that, was man ihm sagte. Er hielt es aber nicht lange aus, denn der Schlaf überwältigte ihn bald, und er sank auf den Boden zusammen. Er schlief aber fest, und wachte nicht eher auf, als bis die Sonne zum Fenster herein schien, und der Storch sein Morgenlied klapperte. Da rieb er sich die Augen, und sah um sich. Die Rothhöschen aber waren mit ihrem Vater verschwunden, darum raffte er seine Habseligkeiten zusammen, nahm seinen Knotenstock, und trat zum Hause heraus. Vor der Thüre aber stand der Alte mit den Rothhöschen und frühstückten im Sonnenschein. »Wollt ihr nicht auch eine Tasse trinken, Oheim?« sagte der Alte. »Ich danke,« sagte das Schneiderlein, und zog seinen Gürtel wieder enger zusammen; »ich bin noch ganz satt von gestern Abend. Wenn ihr aber erlaubt, so will ich meine Reise weiter fortsetzen.« »Wie, unser werthester Oheim,« sagten die Rothhöschen, »ihr wollt uns schon wieder verlassen? Ihr seyd ja eben erst angekommen. Bleibt doch noch eine Zeitlang hier.« »Meine Kunden möchten sich vielleicht unterdessen an einen andern Meister wenden,« sagte das Schneiderlein, »wenn ich solange ausbleibe.« »Lebt recht wohl, lieber Oheim,« sagten die Rothhöschen. »Lebt wohl, meine lieben Vettern, und besucht mich bald.« Damit empfahl er sich ihnen, und ging eilig durch den Wald; er wußte aber gar nicht, wo er hinging, und wollte lieber an jedem andern Orte seyn, als bei diesen Sonnenscheinessern. Er marschierte aber den ganzen Vormittag hindurch, ohne ein einzigesmal auszuruhen. Endlich setzte er sich müde und matt unter einen alten Eichbaum, und seufzte: »wenn ich doch nur auch ein Stückchen Brod hätte,« und suchte alle seine Taschen durch. Er hatte aber nicht auf das Acht gehabt, was um ihn vorging, denn als er vor sich hinblickte, sah er auf dem Boden einen Laib Brod da liegen, so schön und appetitlich, als das Schneiderlein in seinem Leben je gegessen hatte. »Ey, wie geht denn das zu,« rief er aus, »wo kommt denn auf einmal das Brod her? Es war doch nicht da, ehe ich her kam, und es hat mir's doch auch Niemand gebracht. Doch, was thut's? Ich habe seit gestern so manches gesehen, was ich für eine Erdichtung gehalten haben würde, wenn mir's ein anderer erzählt hätte; ich will mir's schmecken lassen!« Damit zog er sein Taschenmesser heraus, und schnitt sich ein tüchtiges Stück herunter. Er kaute aber mit vollen Backen, und sagte: »das schmeckt doch ganz anders, als Sonnenstrahlen; aber so ein Stück Schinken als Zugabe wäre doch auch nicht so übel.« Indem er das sagte, hörte er hinter sich ein Geräusch, das ihn bewog, um sich zu sehen; es war aber nur ein Blatt, das von einem Baum gefallen war. Als er aber vor sich sah, siehe, da lag ein großes Kohlblatt auf dem Grase, und darauf lagen Schnitten von Schinken aufgehäuft, daß es aussah, wie ein kleiner Berg. »Gesegnet sey die unsichtbare Hand,« rief er aus, »die mich so herrlich traktirt; wahrlich, seit meiner Eltern goldener Hochzeit habe ich so herrlich nicht mehr gelebt; jetzt noch einen Schluck Wein, und dann tausch ich nicht mit allen Königen der Welt.« Er hatte aber kaum ausgesprochen, da fühlte er in seiner linken Rocktasche etwas schweres. Er griff hinein, und zog eine ganze Flasche Wein heraus. »Jetzt bin ich zufrieden,« rief er im höchsten Entzücken aus, sprang auf, und tanzte mit der Flasche im Kreise herum. Dann zog er den Stöpsel heraus, und nahm einen Schluck. »Ach, ist der köstlich,« sagte er; »so hat unser gnädiger Herr im Dorfe keinen im Keller. Jetzt kommt mir noch einmal, ihr Sonnenscheinesser und Mondscheintrinker; hier gehts anders zu, als bei euch!« »Hahaha, du kleiner Narr!« rief eine lachende Stimme hinter dem Gebüsch, »sieh einmal wer da ist?« Zugleich trat der Sonnenscheinesser mit seinen zwölf Rothhöschen hervor, und wünschte dem Schneiderlein, dem vor Schreck die Weinflasche aus der Hand geglitten war, guten Appetit. »Seyd mir willkommen,« stammelte endlich das Schneiderlein, und verzog sein vor Schrecken erblaßtes Gesicht so freundlich, als er es vermochte. »Wollt ihr euch nicht nieder lassen, meine werthen Vettern? Es ist mir leid, daß ich euch von meiner Mahlzeit nichts anbieten kann, da euch diese Speisen zuwieder sind: geht aber nur hier vor den Wald hinaus, da scheint die Sonne recht warm vom Himmel herab, und ihr könnt nach Herzenslust schmaußen.« Er hoffte, sie los zu werden, aber der Alte nahm ihn bei Seite, und sagte: »Meisterlein, laßt euch nicht bange werden, ich habe euch nur versuchen wollen. Kehrt mit mir um, und bleibt bei mir; ihr sollt es gut haben. Ich habe schon manchen Fremden beherbergt, aber alle sind grob und unverschämt geworden, wenn ich sie gebeten habe, mit mir zu essen; ihr allein wart höflich, und habt euern Hunger unterdrückt, ihr sollt haben, was ihr begehrt.« »Werthester Oheim,« sagte das Schneiderlein, »vor allem bitte ich mir aus, etwas dauerhaftere Speisen zu geben, als ihr überirdischen Personen, denn das seyd ihr allem Anscheine nach, zu genießen pflegt. Zum Exempel, ich würde täglich mit so einer Mahlzeit zufrieden seyn, wie ich sie heute gehabt habe.« »Das soll euch werden,« sagte der Alte, »denn was ihr eben gegessen habt, kommt von mir; denn wißt, ich verstehe mich ein wenig darauf, etwas unsichtbar herbei zu zaubern.« »Nun, wenn das ist,« entgegnete das Schneiderlein, »so bin ich zufrieden.« »Was soll aber mein Geschäft bei euch seyn?« fragte er dann weiter. »Ihr sollt meine Söhne in euerm Handwerk unterrichten,« sagte der Alte, »ich habe immer sagen hören, Handwerk hat einen goldenen Boden; das sollen meine Söhne probiren.« »Von Herzen gern,« sagte das Schneiderchen, »ihr sollt eure Freude erleben an euern Söhnen, wenn sie mein Handwerk lernen.« Er packte also sein Bündelchen unter den Arm, nahm seinen Stock, und wanderte mit dem Alten weiter. Sie waren aber noch gar nicht weit gegangen, so sahen sie die zwei Häuser schon vor sich liegen, von denen der Schneider des Morgens ausgegangen war; denn in seiner Eile hatte er nicht Acht auf den Weg gehabt, und war in einem großen Kreise herumgegangen. Der Alte führte ihn aber ins Haus, und wieß ihm ein hübsches Zimmer an, in dem stand ein Tisch und ein gutes Federbett, für die Söhne aber war ein besonderes Tischchen mit zwölf kleinen Stühlchen. Das Schneiderlein begann aber alsbald sein Lehramt, und die jungen Rothhöschen machten so schnelle Fortschritte, daß nach drei Wochen schon drei derselben die Wanderschaft antreten konnten. Ihr Vater aber steckte einem jeden einen Ring an den Finger, und ließ sie ziehen. Als aber zwölf Wochen vergangen waren, da waren auch die letzten drei Rothhöschen als ausgelernte Schneider in die weite Welt gegangen. Der Alte aber sprach: »Meisterlein, ich bin euch unendlichen Dank schuldig für das gute Werk, das ihr an meinen Söhnen gethan habt, und ich weiß gar nicht, wie ich es euch vergelten soll. Geld habe ich keines, und halte es auch nicht für würdig, so große Dienste zu belohnen. Ich will euch aber hier ein kleines Pfeifchen geben, das hat zwei merkwürdige Eigenschaften an sich, die euch dereinst von Nutzen seyn können. Blaset ihr zu dem einen Ende hinein, so wird alles von euch fliehen.« »Ich danke euch,« sagte das Schneiderlein, »für euer schönes Geschenk; ich werde es gut gebrauchen können. So leer auch daheim mein Häuschen ist, so werde ich doch zuweilen von Mäusen und anderem Ungeziefer geplagt; das kann ich nun auf eine gute Art los werden.« Damit schnallte er sein Ränzchen, nahm Abschied, und nachdem ihm der Alte den Weg gezeigt hatte, machte er sich auf in seine Heimath. Er gelangte ohne Hinderniß nach Haus, und fand seine Wohnung, wie er sie verlassen hatte. Nachdem er mit den mitgebrachten Lebensmitteln eine gute Abendmahlzeit gehalten hatte, legte er sich nieder, und den andern Morgen saß er schon frühzeitig wieder vor seiner Thüre und arbeitete fleißig darauf los, wie vorher. Als seine Nachbarn und Freunde von seiner Ankunft hörten, kamen sie, und brachten ihm Arbeit, aber Meister Schneiderlein konnte sich nicht mehr recht an seine Heimath gewöhnen. Er hatte jetzt schon ein Stückchen von der Welt gesehen, und die Begierde, weiter zu kommen, wurde so stark in ihm, daß er eines Morgens wieder sein Ränzchen schnallte, seinen Knotenstock in die Hand nahm, die Hausthüre zuschloß, und lustigen Sinnes davon ging. An Lebensunterhalt konnte es ihm nicht fehlen, denn wenn er Appetit bekam, so pfiff er mit dem Pfeifchen, und sogleich kamen ein Paar Feldhühner oder Krammetsvögel herbeigeflogen, davon rupfte er sich ein Paar, zündete ein Feuer an, und briet dieselben. So lebte er im Ueberfluß, und zog neu gestärkt von dannen. Am dritten Tage aber gelangte er in einen Wald, da kamen Räuber, die wollten ihn umbringen. Meister Schneiderlein aber pfiff auf seinem Pfeifchen, und die Räuber liefen über Hals und Kopf davon. Eines Tages aber hatte sich das Schneiderlein am Fuß eines Berges gelagert, und unter einer alten Eiche sein Mittagsschläfchen gehalten. Als er aber weiterging, ließ er unglücklicher Weise sein Pfeifchen liegen. Er merkte es aber nicht, sondern stieg munter den Berg hinan, bis er auf der Höhe ankam. Dort aber wohnte ein rauher, wilder Mann, der pflegte alle Fremde, die sich hierher verirrten, in ein tiefes Loch im Berg zu werfen, wo Niemand mehr herauskam. Er saß immer vor seiner Thüre und kämmte seinen langen, langen Bart; neben sich aber hatte er einen weißen Stab liegen, an dessen Ende ein Gemsenhorn befestigt war. Der Stab aber hatte die Eigenschaft, daß er länger und kürzer werden konnte, und kam denn nun ein Fremder in seine Nähe, so strekte er seinen Stab nach ihm aus, und zog ihn am Kragen herbei. Also erging es auch dem armen Schneiderlein. Er hatte kaum den alten Graubart erblickt, da wuchs in seiner Hand der Stab zu einer langen Stange, und packte ihn bei'm Nacken. Schnell griff er nach seinem Pfeifchen, aber er suchte vergebens; er durchwühlte in aller Geschwindigkeit seine Säcke, aber er konnte das Pfeifchen nicht finden, und als er eben die letzte Tasche umwendete, hatte ihn auch schon der Alte zu sich hingezogen. »Was bist du denn für ein sonderbarer Geselle?« redete er ihn in einem barschem Tone an. »Ich bin meines Handwerks ein Schneider,« sagte er, »und steh euch mit meiner Geschicklichkeit zu Diensten.« »Ach so!« sagte der Alte, »solche Leute kann ich brauchen. Ich habe da einen Sack, worin ich meine Hirse aufbewahre. Er ist aber vor Alter schon ein Bischen durchlöchert. Den kannst du mir flicken,« sagte der Greis, »aber hüte dich, daß du kein Loch übersiehst; wenn ein einziges Körnlein durchfällt, so bist du verloren.« Da ward es aber dem Schneiderlein sehr angst und bange. Doch ließ er sich's nicht merken, sondern sagte: »gebt ihn nur her, ich will gleich damit fertig seyn.« Da reichte ihm der Alte einen alten zerlumpten Sack, der hatte tausend und tausend Löcher. Das Schneiderlein ließ sich aber nicht abschrecken, sondern fing an zu nähen und zu nähen, und wandte den Sack rechts und links, und fuhr mit der Nadel so weit aus, daß sich der Alte über seine Geschicklichkeit gewaltig wunderte. Endlich glaubte er damit fertig zu seyn; er besah ihn von allen Seiten und konnte nirgends mehr ein Löchelchen entdecken. »Da wäre die Arbeit gethan,« sagte er, »jetzt gebt mir meinen Lohn!« Der Alte aber schöpfte von einem Haufen Hirse, der daneben lag, etwas in den Sack, und hielt ihn in die Höhe. Aber zu des Schneiderleins Schrecken lief die Hirse zu einem Loch heraus auf die Erde. »Komm, ich will dir den versprochenen Lohn geben,« sagte der Alte, »da unten sollst du mehr Arbeit finden.« Mit diesen Worten packte er das Schneiderlein, steckte ihn in den Sack, und warf ihn in das Loch hinab. Es dauerte aber lange Zeit, bis das Schneiderlein wieder zum Gebrauch seiner fünf Sinne kam. Das erste, was er that, war, daß er seine Scheere heraus zog, und ein großes Loch in den Sack schnitt. Er schlüpfte dann heraus, und sah sich um; er befand sich in einer weiten Höhle, in welcher eine Menge Leichname von Menschen lagen, die von dem Alten hineingeworfen waren. Er war aber in großer Angst, wie er da heraus kommen sollte, denn nirgends konnte er einen Ausweg entdecken. Zudem war es ganz dunkel um ihn her, und das Licht von oben war kaum hinreichend, daß man dabei die verwirrten Gestalten unterscheiden konnte. Wie er aber so in seinen Gedanken vertieft da saß, sah er, daß ein Fuchs an einem Leichnam nagte. Da ging ihm ein Strahl der Hoffnung auf. »Wo du hereingekommen bist,« sagte er, »da kann ich auch hinaus.« Er schlich sich also leise hinzu, und packte den Fuchs beim Schwanze. Der Fuchs aber lief mit ihm in einen dunkeln Gang, der sich in einem kleinen Loche endigte, das, obgleich das Schneiderlein von sehr schmächtiger Natur war, doch für ihn zu klein war, um hindurch zu kommen. Allein er wußte sich zu helfen; mit seiner Schere stieß er nach rechts und links, und arbeitete sich so zum Berge hinaus. Er verwunderte sich sehr, daß er gerade da herauskam, wo er am Mittag sein Schläfchen gehalten hatte, und fand er zu seiner großen Freude sein Pfeifchen wieder. Das nahm er, und zog damit weiter. Er war aber noch nicht weit gekommen, da sah er, wie auf der Straße sich ein Staub erhob, er konnte aber nicht erkennen, von was er herkäme. Als er näher hinzutrat, sah er, daß es zwölf kleine Bürschchen waren, alle mit roten Höschen angethan, die schritten so keck einher, daß sie eine große Staubwolke vor sich hintrieben. »Ey, seyd uns gegrüßt, werthester Oheim,« sagten sie, »wo kommt ihr her?« Da sah Meister Schneiderlein, daß es seine zwölf Vettern, die Rothhöschen waren. Er begrüßte sie aber gar freundlich, und sie setzten sich zusammen unter einen Baum. Das Schneiderlein zündete ein Feuer an, zu dem setzten sie sich hin, und jeder erzählte, was ihm auf der langen Reise durch die Welt begegnet war. Als sie aber mit Erzählen fertig waren, stellte sich jeder auf ein Bein, und schlief; das Schneiderlein legte aber sein Ränzchen unter den Kopf, und schlief bis am andern Morgen. Als sie wach geworden waren, sprach das Schneiderlein: »Meine werthen Vettern! ich will Euch einen Vorschlag thun; wir wollen mit einander reisen, und Freude und Leid zusammen tragen. Machen wir denn einmal ein Glück, so teilen wir es redlich.« Die zwölf Rothhöschen waren es zufrieden. Da beschlossen sie in eine große Stadt zu gehen, die nicht weit von ihnen lag. Um aber ganz unerkannt hinein zu kommen, so beschloß das Schneiderlein, die zwölf Rothhöschen in seinen Ranzen zu stecken. Er marschirte also lustig darauf los, und kam am Mittag in die Stadt. Er war aber kaum zum Thor hereingetreten, da hörte er einen Mann zu seinem Nachbar sagen: »Wenn ich doch nur einen Gehülfen hätte, ich habe so viele Kleider zu machen, daß ich mir gar nicht mehr zu helfen weiß.« »Da steh ich euch zu Diensten!« sagte das Schneiderlein; »ihr sollt mit mir zufrieden seyn; denn ich arbeite für dreizehn!« »Oho!« sagte der Mann, »was ist denn das für ein kleiner Prahler? Für einen halben Mann, willst du sagen.« »Gewiß nicht,« antwortete das Schneiderlein, »macht nur einmal die Probe.« Der Mann aber dachte, ein halber Arbeiter ist doch besser als gar keiner; ich will ihn einmal zu mir nehmen. Da führte er ihn in sein Haus, und setzte ihn in sein Zimmer an einen großen Tisch, und legte ihm einen Rock zum Nähen vor. »Seyd so gut,« sagte das Schneiderlein, »und gebt mir gleich noch zwölf andere, damit ich Euch beweise, daß ich nicht unwahr geredet habe.« Der Mann aber wußte nicht, was er sagen sollte; um ihm aber doch den Willen zu thun, brachte er noch zwölf zugeschnittene Röcke herbei, darauf ging er weg. Meister Schneiderlein aber verschloß die Thüre, holte die zwölf Rothhöschen heraus, und sagte: »jetzt macht eurem Meister keine Schande.« Da fingen die zwölf Rothhöschen an zu nähen, und ruhten und rasteten nicht, bis alles fertig war; als sie aber den letzten Rock an die Wand gehängt hatten, stellte sich ein jeder ans Fenster, und nahm ein reichliches Mahl von Sonnenstrahlen ein; der Schneider aber begnügte sich mit einem Butterbrod. Darauf steckte er die Rothhöschen in seinen Ranzen, und rief den Meister. Als der aber hereintrat, und die dreizehn Röcke erblickte, da wußte er gar nicht, was er sagen sollte. »O du Herzensschneiderlein,« sagte er, und fiel ihm um den Hals, »du bist die schönste Perle in meiner Schneiderkrone; bleibe bei mir, du sollst es gut haben.« Meister Schneiderlein aber lächelte ganz zufrieden, und sagte: »macht nur nicht so viel Wesens daraus; das ist mir eine Kleinigkeit gewesen; ich kann noch ganz andere Dinge.« »O! ich bin mit diesen schon zufrieden,« sagte der Mann; »jetzt laßt's Euch wohl seyn.« Damit brachte er ein Fläschchen mit Wein, und trank auf des Schneiderleins Gesundheit. Das Schneiderlein arbeitete fortan zur großen Zufriedenheit seines Herrn, so daß alle anderen Meister der Stadt ihm neidisch und gram wurden. Zu dieser Zeit aber brach ein Krieg aus, und der König, der in der Stadt wohnte, ließ alle seine Zeichendeuter vor sich kommen, und befragte sie, wen er zum obersten Befehlshaber seiner Kriegsheere setzen sollte. Da nannten sie ihm den Namen eines vornehmen Mannes, den ließ der König kommen, und umgürtete ihn mit einem silbernen Schwerdt, und schnallte ihm silberne Spornen an seine Stiefeln. Dann ließ er ihn auf ein schönes Pferd sitzen, und begleitete ihn vor die Stadt hinaus; das Heer aber zog gegen die Feinde, und am dritten Tage ward es geschlagen, daß es auf schmähliche Weise nach Hause kam. Da ließ der König den Mann, den er zum Kriegsobersten gesetzt hatte, in einen Thurm werfen, nachdem er ihm das silberne Schwerdt und die silberne Spornen genommen hatte. Darauf berief er wiederum die Zeichendeuter zu sich, und fragte sie noch einmal, wen er zum Oberbefehlshaber über das Kriegsheer setzen sollte. Da nannten sie ihm einen noch viel vornehmern Mann, den ließ der König vor sich kommen, und umgürtete ihn mit einem goldenen Schwerdte, und schnallte ihm ein Paar goldene Spornen an seine Stiefeln. Darauf setzte er ihn auf ein schönes Pferd, und begleitete ihn bis vor die Stadt. Das Kriegsheer aber zog dem Feind entgegen, es ward aber geschlagen gleich dem vorigen, und kam in schimpflicher Flucht zurück. Da ward der König sehr erzürnt; er nahm dem Kriegsobersten sein goldenes Schwerdt und seine goldenen Spornen, und warf ihn zu dem andern in den Thurm hinab; die Zeichendeuter aber jagte er aus der Stadt bis auf einen, zu dem sprach er: »Wenn du mir nicht einen Kriegsobersten nennest, der meinem Heere Sieg verschafft, so lass' ich dich in einen eisernen Käfig setzen, und ins Feuer werfen.« Da erschrack der Zeichendeuter, und schlug alle seine Bücher nach, aber er konnte den Mann nicht nennen. Schon waren zwei Tage von der Frist verflossen, die ihm der König gesetzt hatte, da hatte er in der dritten Nacht einen Traum, darin ward ihm gesagt: in der Stadt sey ein Mann, der arbeite soviel als dreizehn andere; den solle der König zum Heerführer machen. Froh über diese Entdeckung lief er alsbald zu dem König, und erzählte ihm den Traum. Da ließ der König alle große und starke Leute vor sich kommen, aber keiner konnte mit Wahrheit behaupten, daß er für mehr, als höchstens zwei Mann arbeiten könne. Der König aber ließ nun öffentlich ausrufen, daß er demjenigen eine große Belohnung zugedacht habe, der das vermögte. Aber Niemand wollte sich melden. Der Herold aber, der dies öffentlich bekannt machte, kam auch in die Gegend der Stadt, wo das Schneiderlein arbeitete, und sein Meister hörte es. Da sagte dieser zu seiner Frau: »Schweige mir ja still, und sag es Niemand, daß bei uns der Mann ist, wie ihn der König verlangt. Denn wird er uns genommen, so ist unser bestes Kleinod dahin.« Die Frau aber versprach ihm zu schweigen. Als aber der Herold zum drittenmal in die Gegend kam, da konnte sie sich nicht mehr zurückhalten, denn er versprach auch demjenigen eine große Belohnung, der dem Könige nur sagen könnte, wo ein solcher Wundermann zu finden sey. Darum, als ihr Mann gerade ausgegangen war, stellte sie sich unter die Haustüre und rief den Herold herein. »Wenn ihr mir versprecht zu schweigen,« sagte sie, »so will ich Euch wohl sagen, wo der Mann zu finden ist; er sitzt oben in einem Stübchen, und arbeitet täglich so viel als dreizehn andere; mein Mann hat die Hälfte seiner Gesellen entlassen.« Der Herold versprach ihr zu schweigen, aber er that es nicht, sondern kam eilend zum König, ihm die neue Nachricht zu verkünden. Der König ließ aber alsbald den Schneider rufen, bei welchem klein Schneiderlein arbeitete, und fragte ihn, ob er wirklich einen solchen Mann im Hause hätte. Der Schneider konnte nicht läugnen. »So bringt ihn auf der Stelle hierher,« sagte er. Der Frau des Schneiders aber schickte er ein prächtiges, goldgesticktes Kleid, und ein Paar goldene Ohrringe zum Geschenk. Also ward das Schneiderlein von seiner Arbeit weggenommen, in eine prächtige Kutsche gesetzt, und zum König gefahren. Als ihn aber der König sah, da brach dieser in ein so lautes Lachen aus, daß sein goldener Thron wankte, und der königliche Scepter ihm aus der Hand fiel. »Das soll der berühmte Mann seyn?« sagte er, und brach in neues Lachen aus. »Nun gut,« sagte er, »komm, ich will dich ausstaffiren, wie es dir geziemt.« Da nahm er ihn, und zog ihm ein Paar rothe Strümpfe an, und ein gelbes Röckchen, das Röckchen aber hatte am Kragen eine Krause von Goldpapier, das war in tausend und tausend Falten gelegt, und stand ihm weit um den Hals herum; auf den Kopf aber setzte er ihm einen blauen Hut, und steckte eine große Hahnenfeder darauf. Nun nahm er noch eine große, große Nadel, die steckte er ihm statt eines Degens an die Seite, und ließ ihm auch ein Paar Nähnadeln in die Absätze seiner Schuhe schlagen statt der Spornen; das Schneiderlein aber meinte, es müßte so seyn, und als er so ausstaffirt war, beschaute er sich in einen großen Spiegel, und besah sich von vorn und von hinten, und bekam eine hohe Meinung von seiner ansehnlichen Gestalt: darauf ließ ihm der König ein kleines Pferdchen vorführen, und ihn darauf setzen. Als er ihn aber eben fortbegleiten wollte, da sprach das Schneiderlein: »Herr König! ihr werdet mir zu gute halten, wenn ich mir vorher noch eine Gnade ausbitte. Ich habe noch zwölf Vettern, die müssen nothwendig mit mir in den Krieg ziehen.« Da lachte der König aufs Neue und sprach: »Ja, laß sie nur kommen.« Da rief das Schneiderlein den Herold herbei, der mußte ihm seinen Ranzen bringen. Als er geöffnet war, spazierten die zwölf Rothhöschen heraus, und verneigten sich gar ehrerbietig vor dem Könige. Der konnte sich aber vor Verwunderung gar nicht fassen. »Bringt geschwind noch zwei Pferde.« Da brachte man ihm zwei weiße Pferde, und auf jedes setzten sich sechs Rothhöschen. So zogen sie aus der Stadt, und die ganze Stadt lachte, als sie den sonderbaren Kriegshelden sahen. Der König aber begleitete sie noch eine Strecke, und kehrte dann in seinen Pallast zurück. Am dritten Tage aber kamen sie auf eine große Ebene, die war ganz von vielen Tausenden von Feinden bedeckt. Da stellte das Schneiderlein sein Heer in eine große Reihe, und ritt ganz ernsthaft, wie ein wahrer General an der Linie herunter. Er sprach aber seinen Soldaten Muth ein, und versicherte sie im Voraus des vollkommensten Sieges. »Seht,« sprach er, »hier habe ich ein Pfeifchen, damit werde ich euch ein Zeichen geben, wenn ihr den Feind angreifen sollt. Pfeife ich aber noch einmal, so kommt ihr schnell wieder zurück!« Darauf ritt er mit den zwölf Rothhöschen ein Paar Schritte zurück auf einen Hügel, und als der Trompeter bließ, hielt er sich fest am Sattelknopf, weil er fürchtete, der starke Schall möchte ihn herunter werfen. Unterdessen hatten aber auch die Feinde eine Schlachtordnung gemacht, und rückten heran; da zog das Schneiderlein sein Pfeifchen heraus, und pfiff dreimal. Kaum war der Ton zu den Ohren des Feindes gekommen, so warfen sie ihre Waffen weg, des Schneiderleins Heer aber verfolgte sie bis an einen Fluß, wo sich die Feinde theils hinabstürzten, theils lebendig gefangen wurden. Dann pfiff er abermals, und als die Seinigen zurückkamen, zog er siegreich an der Spitze der Truppen zurück. Der König hatte aber unterdeß in seinem Pallaste nachgedacht, wie er dem Schneiderlein bei seiner Rückkunft begegnen wollte; denn das hätte er sich nimmermehr vorgestellt, daß dieser der Mann seyn könne, der ein feindliches Heer in die Flucht schlüge. Bald hatte er gedacht, er wolle ihn zu den andern in den Thurm werfen, bald hielt er es für lustiger, ihn noch abentheuerlicher anzukleiden, und ihn auf einem Esel durch die Stadt reiten zu lassen: da verkündete ihm der Thurmwächter, daß das Heer in guter Ordnung zurückkäme. Das konnte er nicht glauben. Er wollte sich selbst davon überzeugen, und ritt mit seinem ganzen Hof zur Stadt hinaus. Er war aber noch nicht weit geritten, da begegnete ihm ein großer Zug gefangener Feinde, darauf kam das Schneiderlein mit gezogenem Degen und zu seiner Rechten und Linken die zwölf Rothhöschen auf ihren weißen Pferdchen, hinter ihnen kam das ganze Heer, und jeder der Soldaten trug eine Waffe oder ein Kleidungsstück, das er erbeutet hatte. Das Schneiderlein aber ritt vor den König, verneigte sich tief, und sprach: »es soll mich freuen, Herr König, wenn ihr zufrieden seyd.« Der König aber war erstaunt über die Thaten seines Generales. »Zierde meines Reiches,« sprach er, »wie soll ich dich belohnen? Soll ich dich zum Statthalter einer Provinz machen? Soll ich dir einen Pallast anweisen? Soll ich dir meine Schatzkammer öffnen? Bitte von mir, was du willst, ich werde es dir gewähren!« Das Schneiderlein bückte sich tief vor dem König, und sprach: »Gnädiger Herr, wenn ich Euch um eine Gnade bitten darf, so laßt mein Häuschen ein wenig größer bauen, damit ich mit meinen werthen Vettern gemächlich darin leben kann.« »Das soll geschehen,« sagte der König, und zog mit ihm im Triumph in die Stadt. Das Schneiderlein aber blieb noch eine Zeitlang beim König, und ward in hohen Ehren gehalten. Der König ließ einen geschickten Maler rufen, der mußte die ganze Begebenheit malen, besonders aber war das Schneiderlein und die zwölf Rothhöschen ganz vorn darauf gemalt, so natürlich, als ob sie lebten. Dann verabschiedete er sich bei'm König und zog in seine Heimath. Aber statt seines Häuschens fand er einen großen Pallast, und dabei war ein prächtiger Garten. In dem Garten aber war ein kleines Gärtchen und in dem Gärtchen stand ein kleines Häuschen, das war des Schneiderleins Häuschen noch gerade so, wie es vordem gewesen war. Er schloß es auf, und es stand noch alles, wie es gestanden hatte, sogar der Topf mit Kartoffeln stand noch auf dem Feuerheerd. Da beschloß er von jetzt an, in Ruhe zu leben, und sein Glück zu genießen. Damit er sich aber immer seines ehemaligen Lebens erinnere, nahm er sich vor, jede Woche einen Tag in dem Häuschen zuzubringen und zu arbeiten, wie er vordem gethan hatte. Die zwölf Rothhöschen aber blieben bei ihm, und vertrieben ihm die Zeit mit angenehmen Erzählungen von ihren weiten Wanderungen, die sie gemacht hatten, und führten also ein höchst angenehmes und zufriedenes Leben. – Die Sonnenfäden Am Bergesrand Ein Kindchen stand, Und sah auf die Ebne dahin, Und zart wie Flaum, Um Gras und Baum Sich lange Fädchen ziehn. »Wer spinnt doch, o Mutter, die Fädchen so fein, Und bleichet sie glänzend im Sonnenschein? O, sage mir doch, wo die Spinnerin geht, die so künstliche Fäden zu spinnen versteht! Wo hat sie ihr Rädchen, so zart und klein, Und den Rocken mit silbernem Band? Wo holt sie das Spinnsel aus niedlichem Schrein, Und spinnt es mit fleißiger Hand?« Und die Mutter darauf zum Kindchen spricht: Komm, setz' dich, und höre mich an, Und was ich dir sage, vergiß mir nicht, Gewiß hast du Freude daran. Mit Hut und Band Im Sommergewand Eine Mutter geht; Sie kommt, wenn im Frühling mit stiller Pracht, Die Erde vom langen Schlaf erwacht, Und wandelt einher auf der grünenden Flur, Und es folget der Segen ihr auf der Spur. Da regt sich die Knospe am dürren Reis, Es keimet das Gräschen im Grund, Und bald steht die Wiese von Blümchen weiß, Und das trauernde Gärtchen wird bunt. Drauf lockt sie die Vögel aus fernem Land, Und streut ihnen Futter mit gütiger Hand; Jetzt ruft sie den Schmetterling zu sich heran, Und sieht jedes mit freundlichem Auge an. Und silberweiß In fröhlichem Kreis Umgibt sie der Kinder Schaar; Sie führt sie hinaus, wo die Furchen sich ziehn, Und wo duftende Veilchen verborgen blühn. Geschwind jetzt, so spricht sie, die Kleidchen gemacht, Für jedes ein Sommergewand; Das nehmt denn ja ordentlich immer in Acht, Und knüpft auf das Hütchen ein Band. Drauf setzt sie sich nieder im Sonnenschein, Und holet das Spinnsel aus goldenem Schrein, Und trillert das Rädchen zum raschen Lauf, Und spinnet die goldenen Fäden darauf. Und sie hat die Spule bis oben zum Rand, Mit zartem Gespinnste jetzt völlig umspannt, So winden die Kinder mit regsamem Fleiß Den Faden herunter so zart und weiß. Und eines von ihnen das Ende hält, Sie spannen den Faden weit über das Feld, Drauf bleicht ihn die Sonne mit warmem Licht, Und die Mutter sodann zu den Kindchen spricht: Jetzt wickelt den Faden mir wieder auf; Ich setze den Webstuhl, und ziehe ihn drauf, Und ihr habt die Arbeit zu Stande gebracht, So sind eure Kleidchen in Eile gemacht. Da regen die Kinder die fleißigen Hände, Und wickeln den Faden von Anfang zu Ende, Und die Mutter ihn auf den Webstuhl spannt, Und regieret das Schiffchen mit eilender Hand. Und eh' noch die Sonne zur stillen Nacht Hinabsieht durch's goldene Thor, Hat die Mutter die Kleidchen zu Stande gebracht, Und zieht sie vom Webstuhl hervor; Drauf heftet an jedes Hütchens Rand Sie ein weißes, flatterndes, glänzendes Band. Am Morgen aber in kühler Luft Die Kinder zur Arbeit sind; Sie sauchen den Veilchen den süßen Duft, Und schlingen ein Blumengewind, Und feuchten's mit glänzendem, perlendem Thau' Und färben's mit Grün und mit Himmelblau, Und wirken vom Morgen bis spät in die Nacht, Bis des Sommers Werke zu Stand sind gebracht. Drauf ruft sie die Mutter, und leise sie spricht: Kommt Kinder, der Sommer ist aus; Wir bleiben den Sommer, den Winter nicht; Da gehn wir in's heimische Haus. Doch schnell noch vor'm Scheiden die Kleidchen gemacht, Für jedes ein Wintergewand, Das nehmt mir ja ordentlich immer in Acht, Und knüpft auf das Hütchen ein Band. Drauf spinnt sie auf's Neue mit emsigem Fleiß, Und webet die Kleidchen so flockig und weiß, Und kleidet die Kinder, und gehet voraus, Und sie wandeln in's heimische, sonnige Haus. Was aber vom Spinsel im Schreine noch lag, Das fliegt durch die Luft ihrem Fluge nach; Sie ziehens bald hier, und ziehens bald dort, Und der Sommer fliegt scherzend mit ihnen fort. Drum wenn nach dem Winter die Fädchen sich ziehn, Kommt bald dann der Sommer mit lieblichem Grün; Doch wenn sie die Lüfte des Herbstes verwehn, So ist's um den Sommer gar bald dann geschehn. Und was ich dir sage, vergiß mir nicht, Zum Kinde die freundliche Mutter noch spricht; Viel Engelein wandeln mit stillem Schritt, Es sieht sie kein Auge, du hörst nicht den Tritt, Sie wachen am Bettlein, und folgen am Tag, Wenn du gut bist, dir auf dem Schritte nach; Sag, willst du nicht auch einmal lieblich und rein So ein Englein werden? Nun, ja oder nein? Die Geschichte von der Henne und ihren drei Kindern Es war einmal eine Henne, die saß auf ihren Eyern und brütete Tag und Nacht, und als die Zeit um war, hatte sie drei junge Hühnchen ausgebrütet, wie sie meinte, die nahm sie unter ihre Flügel, und wärmte, fütterte und liebte sie, wie eine Mutter ihre Kindlein liebt. Nach ein Paar Tagen aber, als die Frühlingssonne so warm in den Hühnerstall hereinschien, und die Vögel auf dem Birnbaum so lustig sangen, da führte die alte Henne ihre Jungen heraus auf den Hof, und gluckte recht ernstlich dabei, und krazte und scharrte den Boden mit den Füßen, und wo sie ein Körnchen oder Würmchen fand, das zerhackte sie mit dem Schnabel, und warfs ihren Jungen vor. Wie sie aber die jungen Thiere so ansah, da kamen ihr sonderbare Gedanken, denn ihre Kinder waren einander sehr ungleich. Eines davon war viel größer als die andern; es hatte einen längeren Schnabel, als die Hühner gewöhnlich haben, und seine Füße waren viel größer als Hühnchensfüße, und wenn es pipte, so lautete es auch anders. Das andere hatte keinen länglichen Kopf und einen breiten Schnabel, und an den Füßen hatte es eine Haut zwischen den Zehen, wenn es ging, so wackelte es rechts und links, dabei blieb es nicht bei seiner Mutter, sondern lief an eine Pfütze, die im Hof war, und trank, und machte Miene, als wolle es hineingehen, und sich baden. Nur das Kleinste blieb bei seiner Mutter, und barg sich unter ihre Flügel, so oft ein rauher Wind über den Hof strich. Als das die alte Henne sah, schüttelte sie den Kopf, und sprach bei sich selbst: »ich weiß gar nicht, was ich von meinen Kindern denken soll! Sie sind so ungleich an Gestalt und Gebehrde, und ich habe sie doch ausgebrütet eins wie das andere. Ich fürchte fast, sie werden sich einmal nicht gut mit einander vertragen!« Sie rief sie aber zu sich, und als sich der Himmel mit dunklen Wolken überzog, und die Sonne erlosch, führte sie ihre Kinder wieder in den Stall. Aber je größer die Jungen wurden, desto mehr zeigte sich die Verschiedenheit, und die alte Henne erkannte, daß sie ein Hühnchen, einen Pfau, und eine Ente ausgebrütet hatte. Darüber betrübte sie sich anfangs sehr, nach und nach aber tröstete sie sich, und dachte: »nun, wenn meine Kinder sich auch nicht gleich sind in ihrer Gestalt und ihrem Wesen, so können sie doch einmal brav werden, und mir Freude machen!« Als aber die Ente jetzt heranwuchs, und in der Pfütze im Hof lustig herumschwamm, und untertauchte, und dann wieder ans Land kam, und ihren Geschwistern mit lautem Quaken zunickte, da betrübten sich die beiden andern, daß sie nicht auch ins Wasser gehen, und mit der jungen Ente herumschwimmen konnten. Da gingen sie zu ihrer Mutter, der alten Henne, und sprachen zu ihr: »lehre uns doch auch ins Wasser gehen und schwimmen, wie es unsere Schwester, die Ente kann!« Aber die alte Henne sprach: »Das kann ich nicht, wenn ich auch noch so gern wollte. Sie ist eine Ente, und ihre Natur treibt sie ins Wasser, und es ist ihr wohl darin, aber euch würde es schädlich seyn, ja vielleicht gar den Tod bringen. Seht, ich lebe ja auch auf dem Lande, warum wollt ihr nicht bei eurer Mutter bleiben?« Damit trösteten sich die beiden, das Hühnchen und der Pfau, und blieben bei ihrer Mutter, der alten Henne; aber wenn sie ihre Schwester, die junge Ente auf dem Wasser schwimmen sahen, konnten sie sich doch nicht des Neides erwehren. Die alte Henne aber tröstete sie so gut sie konnte, und belehrte sie, daß jedes in seiner Art glücklich seyn könne. Die Jungen aber wuchsen heran, und wurden größer und schöner. Besonders schön aber war der Pfau, dessen Gefieder weit das Gefieder seiner Geschwister übertraf. Sein Hals war blau, sein Rücken glänzte wie Gold, und sein Schweif war wie ein großer köstlicher Fächer, und wenn die Sonne darauf schien, glänzten hundert Augen in seinem Gefieder, und wer ihn sah, blieb stehen, und sprach: »ey, seht doch, was für ein herrliches Thier ist der Pfau! Er ist der König der Vögel!« Aber seine beiden Geschwister, das junge Hühnchen und die Ente, als sie die Farbenpracht des Pfauen sahen, und wie alle Menschen nur auf ihn deuteten, und nur von ihm redeten, wurden neidisch, und gingen zu ihrer Mutter, der alten Henne, und sagten zu ihr: »warum gibst du uns nicht auch so schöne Federn, wie dem Pfau? Alle Leute deuten nur auf ihn, und loben ihn, von uns spricht Niemand.« Da rief die alte Henne ihre Jungen zusammen, und sagte: »Ihr seyd unverständige, neidische Thiere. Jener ist ein Pfau, und die Natur hat ihm die schönen Federn gegeben, die seine Zierden sind. Das ist sein Vorzug, aber was hat er denn sonst? Hat er nicht häßliche Füße, und wie übel klingt seine Stimme, wenn er schreit? Ein jedes von euch hat seine eigenen Vorzüge und Fehler, die das andere nicht hat; so seyd doch verträglich unter einander, und liebt euch, wie gute Geschwister sich lieben sollen!« Aber die verständigen Worte der alten Henne wurden nicht von allen ihren Kindern angenommen. Die Ente sagte trotzig: »geht, ich mag gar nicht mehr bei euch leben.« Damit ging sie aus dem Stall, und machte sich ein Nest in eine Ecke des Hofes unter ein Paar Brettern, und wohnte darin; der Pfau aber schämte sich auch, in einem so niederen, schlechten Häuschen zu wohnen, und flog auf den Birnbaum. Dort saß er, und putzte seine Federn, und sah auf die Vorbeigehenden mit stolzem Blick herab, als wollte er sagen: »Bin ich nicht der König der Vögel?« Nur das kleine Hühnchen blieb bei seiner Mutter, der alten Henne, und pflegte ihrer, und wo es ein Körnchen oder ein Würmchen fand, das brachte es ihrer Mutter, die sich über den Neid und die Undankbarkeit ihrer beiden andern Kinder sehr betrübte. Aber nach einiger Zeit ward einmal das junge Hühnchen nicht wohl. Das sah die Hausfrau, und betrübte sich, und sprach : »es sollte mir doch leid thun, wenn mein Hühnchen stürbe. Es ist so zahm und so bescheiden; es versorgt meine Küche mit Eyern, und wenn es stirbt, so weiß ich nicht, woher ich ein anderes nehmen soll; denn die alte Henne wird ohnedem nicht mehr lange leben. Aber wart, ich will es recht fleißig pflegen; vielleicht erholt es sich wieder.« Da ging sie hin, und bereitete ihm ein Futter von weißem Brod mit Milch und gehackten Eyern: sie that ihm auch heilsame Kräuter hinein, und kam, und streichelte es, und ließ es aus ihrer Hand fressen, und es erholte sich zusehends. Darauf setzte sie es in einen Korb, der mit weichem Heu gefüllt war, und kam jeden Tag, und brachte ihm von der zubereiteten Speise. Als das aber seine Geschwister, die Ente und der Pfau sahen, wurden sie neidisch über das arme Hühnchen. Sie waren längst einander feind gewesen, und hatten sich gar nicht mehr angesehen; als sie aber sahen, wie sorgfältig das Hühnchen von der Hausfrau gepflegt wurde, und welch gute Speise es bekam, da gingen sie zusammen, und sagten: »ey, seht doch, was unsere Herrin mit dem einfältigen Hühnchen für eine Sorge hat! Seht doch, wie sie es streichelt, und wie sie ihm die besten Bissen bringt! So etwas kommt nicht an uns. Wir sind die Zierde des Hofes, jedermann lobt und bewundert uns, aber wir bekommen deswegen doch nichts Besseres zu fressen. Was hat denn das einfältige Ding für schätzbare Eigenschaften an sich, daß man sich so viele Mühe mit ihm gibt? Hat es schöne Federn? Nein! Hat es eine schöne Stimme? Nein! Kann es ins Wasser gehen oder in der Luft fliegen? Nein! Nun, was hat es denn?« »Es hat gar nichts,« fuhr die Ente scheltend fort, »und ich begreife nicht, wie unsere Herrin so ein unnützes Thier auf dem Hofe dulden mag.« »Höre,« sagte der Pfau, »ich will dir da einen Gedanken mittheilen, den du aber sorgfältig als ein Geheimnis bewahren mußt. Wir wollen sehen, daß wir das Hühnchen auf eine gute Weise vom Hof wegbringen; und dann sind wir die Herren! dann bekommen wir das Futter, das jetzt das Hühnchen bekommt, da wollen wir uns mästen. Dann wollen wir als Freunde zusammen leben, und uns um die alte grämliche Henne gar nicht mehr kümmern.« »Ja, das wollen wir thun!« sagte die Ente. »Es fragt sich nur, wie wir es am Besten anfangen, daß es die Herrin nicht merkt.« »Laß mich nur machen,« sagte der Pfau, »ich will das Hühnchen bald vertrieben haben.« Damit flog er auf seinen Baum, und die Ente setzte sich auf ihr Nest hinter den Brettern, und sann mit boshafter Freude auf den Untergang des armen Hühnchens. Als es aber Nacht war, und das alte und das junge Huhn schon lange auf ihrem Neste saßen und schliefen, da wurde der alte Sultan, der Hofhund von seiner Kette gelassen, damit er die Nacht über das Haus und den Hof bewachte. Er ging mit bedächtigen Schritten rings um den Hof, und beroch alle Ecken, ob nichts Verdächtiges da sey, wie er gewöhnlich zu thun pflegte. Da flog der Pfau von seinem Baum herab und setzte sich auf den Gartenzaun, denn er getraute sich doch nicht auf ebener Erde mit dem Hund zu sprechen, ob er gleich in ziemlicher Freundschaft mit ihm lebte. Der Hund aber sprach zu ihm: »Guten Abend Pfau! Was thust du denn noch so spät hier?« »Ich habe etwas mit dir zu reden,« sagte der Pfau, »das ich dir am Tage nicht gut sagen kann.« »Nun so sag es,« sprach der Hund, aber er dachte bei sich, »das muß doch etwas besonderes seyn, daß es der Pfau nicht am Tage sagen will.« Da sprach der Pfau: »Ich weiß nicht, ob du schon davon gehört hast, was für ein boshaftes Thier das junge Huhn ist. Man sollte es ihm freilich nicht ansehen, es sieht so unschuldig und bescheiden aus, aber in seinem Herzen hegt es arge Gedanken. Es verläumdet uns bei unserer Herrin, und hofft dadurch in große Gunst bei ihr zu kommen, und es ist ihm auch schon gelungen. Hast du noch nicht gesehen, wie ihm seit ein Paar Tagen die Hausfrau schmeichelt, und wie sie ihm das beste Futter gibt? An uns kommt so etwas nicht. Ist das nicht recht ärgerlich?« »Ja, das ist wahr,« sagte der Hund, »wenn alles so ist, wie du sagst, aber was können wir denn thun?« »Was wir thun wollen? das will ich dir sagen,« antwortete der Pfau. »Das Hühnchen muß vom Hofe weg, und dann sind wir die Herren, und bekommen das gute Futter, was die Herrin jetzt dem Hühnchen gibt.« »Aber was habe ich denn damit zu thun?« fragte der Hund. »O sehr viel,« sagte der Pfau, »du sollst uns eben helfen, um das Hühnchen fortzuschaffen.« »Aber wie soll ich denn das anfangen?« fragte der Hund. »Ach das ist leicht geschehen,« sagte der Pfau. »Morgen früh, wenn das junge Huhn aufsteht, denn es steht früh auf; es thut nur so, damit die Leute meinen sollen, es wäre so fleißig – und wenn es denn auf den Hof kommt, so thust du, als ob du es zerreissen wolltest; und bellst es recht an, dann wird es schon einen solchen Schrecken bekommen, daß es davon fliegt, und so leicht nicht wieder kommen wird. Die Herrin wird freilich ein Paar Tage darnach fragen, aber bald hat sie es vergessen, und wir werden ihr dann umso lieber.« »Höre,« sagte der Hund, »das Ding kommt mir doch sehr bedenklich vor. Ob das Hühnchen uns, wie du sagst, bei unserer Herrin verläumdet hat, weiß ich nicht; warum sagst du das aber nicht eher deiner Mutter, der alten Henne, daß sie ihr Kind bestraft.« »Ach, die ist so grämlich,« sagte der Pfau, »und partheiisch; sie hat mich und meine Schwester, die Ente, aus dem Stall gejagt, und nur das kleine Nestvögelchen, das Hühnchen, hat sie bei sich behalten.« Der Hund hatte bisher ganz ruhig gesprochen, aber jetzt merkte er, daß nur der Neid aus dem Pfau redete, und daß er ein schändlicher Lügner sey. Denn er hatte es wohl gehört, wie sie mit ihrer Mutter sich gezankt, und wie sie dieselbe verlassen hatten. Darum bellte er auf einmal ganz laut und sprach: »Du solltest dich aber doch schämen, daß du so schändliche Lügen gegen deine Mutter ersinnst. Meinst du, ich hätte es nicht gesehen, wie stolz du gegen sie warst, wie du dich geschämt hast, unter einem Dach mit ihr zu leben? Und jetzt willst du, daß ich dir helfen soll, das arme Hühnchen zu vertreiben? Gewiß ist das nur der Neid, der aus dir spricht. Wahr ist's, das Hühnchen wird seit ein Paar Tagen von unserer Herrin besser gepflegt, als sonst. Allein was geht das uns an? Können wir wissen, warum die Herrin das thut? Ich bin mit meinen Knochen zufrieden, die ich jeden Tag bekomme, und ihr habt täglich satt zu essen, warum willst du das, was deine Schwester, das Hühnchen, bekommt, ihm nicht gönnen? Geh, und mach dich auf deinen Baum, und schäme dich!« Damit trollte der Hund seiner Hütte zu. Aber der Pfau ärgerte sich, daß ihm sein Anschlag nicht gelungen sey. »Wir müssen es anders anfangen,« sagte er den andern Tag zur Ente, welcher er seine Unterredung mit dem Hofhund erzählt hatte. Darauf sprachen sie ganz leise mit einander, und machten allerlei Pläne, wie sie das arme Hühnchen vom Hof vertreiben oder gar umbringen wollten, wie die Ente das Hühnchen ins Wasser locken und darin ersäufen sollte. Da kam der Hausherr mit der Hausfrau auf den Hof, und sie redeten allerlei mit einander, von Krieg und theuren Zeiten. »Höre,« sagte der Hausherr zu seiner Frau, »es wird mir täglich schwerer, das viele Futter anzuschaffen, das diese Thiere fressen, wir wollen das Federvieh schlachten, und nur den Hund behalten, der nützt uns doch am meisten durch seine Wachsamkeit.« »Du hast recht,« sagte die Frau, »ich habe das auch schon gedacht. Was nützt uns der Pfau und die Ente? Sie sind schön, das ist wahr; aber das ist auch alles, sie fressen und das Futter, und legen keine Eyer, wir wollen die unnützen Fresser gleich morgen schlachten. Die beiden Hühner wollen wir leben lassen, meinst du nicht?« »Meinetwegen,« sagte der Mann, »es sind so fromme nützliche Thiere, und mit Wenigem zufrieden.« Damit gingen sie wieder in das Haus. Aber der Pfau und die Ente hatten das Gespräch gehört, und waren in der größten Bestürzung. »Was sollen wir anfangen?« sagte der Pfau. »Wohin sollen wir uns retten? Ach, wir sind verloren!« »Ach liebe Schwester,« sagte der Pfau, »wir haben uns doch an unserer Mutter und unserer Schwester versündigt. Das ist die Strafe für unsern Undank.« »Ja,« sagte die Ente, »ich seh es ein, wir haben sehr unrecht gehandelt. Komm, wir wollen zu ihnen gehen, und sie um Verzeihung bitten, ehe wir sterben.« Sie gingen hin, und erzählten der alten Henne, was sie gehört, und gestanden ihr alle die bösen Anschläge, die sie gefaßt hatten, um das arme Hühnchen zu verderben. Die alte Henne aber erschrack auf das Heftigste, und wußte sich vor Angst nicht zu fassen. Aber das junge Hühnchen sprach: »ich will euch erretten! Seht, hier liegt viel Stroh, davon machen wir euch ein Nest, und heute Abend kommt ihr herein, und wir decken euch ganz zu. Der Hausherr wird glauben, ihr seyet davon geflogen, und da es ihm nur darum zu thun war, das Futter zu ersparen, so wird er sich nicht sehr grämen. Wir wollen denn unser tägliches Futter mit euch theilen, und sehen, wie es weiter geht.« Als der Pfau und die Ente diesen Edelmuth ihrer Schwester hörten, konnten sie nicht aufhören, ihr zu danken, sie gelobten ihr aber, für die Zukunft sich zu bessern, und die Liebe ihre Schwester mit gleicher Liebe zu vergelten. Darauf bereiteten sie sich das Nest in eine Ecke des Stalles, und als es Nacht war, kamen sie herein, und das Hühnchen und die alte Henne deckten sie zu bis über den Kopf, so daß man gar nichts von ihnen sehen konnte. Am andern Morgen aber kam die Hausfrau in den Hof, und trug in ihrer Hand ein großes Messer, das wetzte sie auf der Schwelle der Hausthüre. Als es scharf genug war, ging sie hin an den Birnbaum, wo der Pfau gewöhnlich gesessen hatte, aber der Pfau war nicht mehr da. Da schüttelte sie den Kopf, und ging sie zu den Brettern, wo die Ente sonst saß, aber die Ente war fort. Da ging sie im ganzen Hofe herum, und suchte den Pfau und die Ente, und kam zum Hühnerhaus, und bückte sich, und sah hinein, aber es war nichts darin, als ein Haufen Stroh. Da rief sie ihren Mann, und sagte: »Seh doch, der Pfau und die Ente sind davon geflogen, ich kann sie nirgends finden!« »Je nun,« sprach der Mann, »laß sie davon fliegen, so sind wir doch die unnützen Fresser los; die haben gewiß gehört, was wir gestern zusammen gesprochen haben. Wenn bessere Zeiten kommen, so kauf ich dir einen andern Pfau, und eine andere Ente.« Damit gingen sie wieder ins Haus. Der alten und jungen Henne hatte aber das Herz gebebt vor Angst. Sie waren froh, daß die Gefahr glücklich vorüber war, und wenn die Hausfrau kam, und warf ihnen Futter hin, so trugen sie ein Körnchen nach dem andern in das Häuschen, und theilten redlich mit dem Pfau und der Ente. Sie hatten es schon lange so getrieben, da sah einmal die Hausfrau zu, wie die beiden Hühner das Futter in das Häuschen trugen, und verwunderte sich darüber. »Was soll denn das bedeuten,« sprach sie bei sich, »daß die Thiere ihr Futter so aufsparen? Ich will doch einmal näher sehen.« Da ging sie hinter das Häuschen und sah durch einen Spalt, und sah, wie der Pfau und die Ente aus dem Stroh hervorschlüpften, und wie die alte Henne das Futter in vier Theile theilte, für sich aber behielt sie das kleinste. Wie sie aber gefressen hatten, hüllten sie sich wieder in den Strohhaufen, und die Hühner deckten sie zu, daß man nichts mehr von ihnen sehen konnte. Da rief die Frau ihrem Mann, und erzählte ihm, was sie gesehen, und wie die Henne ihre Kinder verborgen habe, und sie insgeheim füttere. Das konnte der Mann nicht glauben. Aber die Frau führte ihren Mann heraus zu dem Hühnerhäuschen, und er bückte sich, und sah hinein, und sagte: »ich sehe ja nichts als einen Haufen Stroh!« »Thu' das einmal weg,« sagte die Frau. Da wollte er es wegziehen, aber das alte und das junge Huhn fingen gewaltig an zu schreien, und mit den Flügeln zu schlagen; er nahm es aber doch weg, und da saßen der Pfau und die Ente beisammen, und dachten, jetzt müßten sie sterben. Der Mann aber sprach: »Fürchtet euch nicht, ihr sollt nicht sterben,« und aus seiner freundlichen Miene sahen die Thiere, daß es ihm Ernst sey. Da ging der Mann hin, und holte frisches Futter, und warfs hin, und rief ihnen, aber sie traten ganz schüchtern hervor. »Komm, wir wollen uns auf die Seite stellen,« sagte der Mann zu seiner Frau. Da kamen die beiden Hühner, der Pfau und die Ente, und fraßen, und waren lustig und wohlgemuth, und der Hausvater und die Hausmutter hatten ihre Freude an den Thieren. Von nun an aber lebten sie in einträchtiger Freundschaft, und keines war mehr stolz oder neidisch auf das andere, sondern sie beeiferten sich, ihrer Mutter, der alten Henne, zu dienen und ihrer zu pflegen, bis diese nach einigen Jahren vor Alter und Schwachheit starb. Wer aber an den Hof kam, und die drei Thiere sah, dem erzählte die Hausfrau ihre wunderbare Geschichte. Peter Siebensack Es war einmal ein alter Bettler, der hieß Peter, der bettelte von Thüre zu Thüre, und was er bekam, das steckte er in einen seiner sieben Säcke, alles besonders; in den einen das Brod, in den andern das Fleisch, in den dritten das Geld, und so in jeden etwas Besonderes, und weil er gerade sieben solcher Säcke hatte, so nannte man ihn nur den Peter Siebensack. Der alte Peter aber war ein gar genügsamer und zufriedener Mann, und dachte, wenn ich an zwei Thüren abgewiesen werde, so bleibt mir die dritte gewiß; ohne Mühe hat man einmal nichts in der Welt, und wenn gleich der König ein gar vornehmer und mächtiger Herr ist, so hat er doch auch seine Sorgen, und schläft vielleicht nicht so ruhig auf seinem goldenen Bette, wie ich in dem Laubstall meines Hausherrn. Und er hatte sehr wahr geredet, der alte Peter Siebensack, denn der König, ob er gleich reich und mächtig war, so konnte doch nicht verhindern, daß nicht sein einziges, vielgeliebtes Töchterlein krank wurde, und trotz aller geschickten Aerzte am siebenten Tage starb. Da betrübte sich der gute König, und aß nichts und trank nichts mehr, und gedachte zu sterben vor bitterem Kummer. Seine Diener aber suchten ihn zu trösten, und seinen Kummer zu lindern. Aber er sprach immer: »könnt ihr meine Tochter von den Todten erwecken?« »Das können wir nicht,« sprachen sie. »Nun, so laßt mich auch in Ruhe,« sprach er, »und erneuert nicht meinen Schmerz durch euern unmächtigen Trost.« Des Königs Töchterchen aber ward begraben mit aller Pracht, wie es einer Königstochter geziemte, und das ganze Land trauerte, denn es war ein gar gutes und frommes Kind gewesen. Am andern Tage aber ward dem Könige gemeldet, es sey ein weiser da, der verspräche, seine Tochter von den Todten zu erwecken. »Ruft mir ihn geschwind hierher,« sprach der König, »ich will ihn sprechen.« Da kam der fremde Mann, und neigte sich tief vor dem Könige, und fragte ihn, was er befehle. »Ich habe dir nichts zu befehlen,« sprach der König: »aber dich zu bitten. Ich höre, du seyst ein Mann, der Todten erwecken könne; wenn du mich lieb hast, so gib mir mein einziges Töchterchen wieder. Ich will dich belohnen, wie dich noch kein König belohnt hat.« »Das will ich recht gerne thun,« sprach der Mann, »und das Mittel ist nicht schwer. Ihr dürft nur die Namen von drei vollkommen Glücklichen auf den Grabstein eurer Tochter schreiben, und sie wird sogleich zum Leben erwachen.« »Ist das möglich?« fragte der König verwundert, »o so laßt uns sogleich hingehen, und sie erwecken.« »Das wird nicht so schnell gehen,« sagte der Weise, »nehmt euch doch erst die Mühe, die drei Glücklichen zu suchen.« »O, die werde ich nicht weit zu suchen brauchen,« sprach der König; »in meinem unermeßlichen Reiche sollten nicht mehr, als drei Glückliche seyn? Doch ich will thun, was du sagst, du sollst dich selbst davon überzeugen. Und damit Niemand aus Gefälligkeit gegen mich sich glücklich nenne, wenn er es nicht ist, so will ich mich verkleiden, und du sollst mit mir gehen.« Da zog der König das Kleid eines Bettlers an, und ging mit dem Weisen durch die Stadt. Sie kamen aber an einen prächtigen Pallast, darin wohnte ein vornehmer Minister des Königs. Eben, als sie hineingehen wollten, kam der Minister heraus, und eine große Zahl prächtig gekleideter Diener begleitete ihn. Der König zog seinen alten Hut vom Haupte, und sprach: »seyd doch so gut, und schenkt einem armen Manne eine Kleinigkeit.« Da winkte der Minister einem Diener, der zog einen Beutel hervor, und gab dem Bettler ein großes Silberstück. »Ich danke euch,« sagte der Bettler; »ihr seid aber doch ein recht glücklicher Mann!« »Das wollen wir dahin gestellt seyn lassen,« sagte der Minister, »wer weiß, ob ihr nicht glücklicher seyd, als ich.« »Wie?« sagte der Bettler verwundert, »habt ihr nicht durch des Königs Gnade diesen herrlichen Pallast mit seinen prächtigen Gärten, und habt ihr nicht mehr Goldstücke, als ich Brodkrümmen in meinem Bettelsack trage?« »Ja, guter Freund, das ist's eben; ich habe alles durch des Königs Gnade, wie ihr recht sagtet, aber bin ich deswegen glücklich zu nennen? Kann mir's der König nicht täglich wieder nehmen, und mich zu einem armen Manne machen? Es ist mir viele Macht gegeben, das ist wahr, aber wer einen Mächtigeren über sich erkennen muß, der ist nicht glücklich zu preißen. Nur der, der nicht von der Gnade eines Höhern abhängt, der ist der wahrhaft Glückliche.« Mit diesen Worten ging der Minister weiter, und der König sah den Weisen mit einem Blick voll Verwunderung und Trauer an. »Hätte ich doch in meinem Leben nicht gedacht, daß dieser Mann so reden könnte! Ich habe meine Gnade reichlich auf ihn fließen lassen, ich habe ihn mit Schätzen überhäuft, seine Söhne und Töchter blühen heran, die Freude ihrer Eltern, und doch nicht glücklich?« Er schüttelte er sein graues Haupt, und eine Thräne fiel ihm über die Wangen. »Wenn das so ist,« sprach er, »so werden wir freilich die drei Glücklichen nicht so schnell gefunden haben, wie ich dachte. Aber ich will es nun klüger machen. Ich will seinen Ausspruch befolgen, und jemand aufsuchen, der nicht von meiner Gnade abhängt.« Er ging darauf mit dem Weisen vor ein anderes prächtiges Haus, in dem wohnte ein reicher Mann, der unermeßliche Schätze von seinem Vater geerbt hatte. Er bekleidete kein Amt, sondern begnügte sich mit seinen Freunden zu essen und zu trinken und herrlich zu leben. »Der ist gewiß der Glückliche,« sprach der König. Sie traten also hinein, und kamen zum Hausherrn. Er lag auf einem weißen Sopha, und vor ihm stand ein Tisch mit den ausgesuchtesten Speisen und Getränken. Die schönsten wohlriechendsten Blumen dufteten rings umher, und der Fußboden war mit feinem Rosenwasser benetzt. »Beneidenswerther Mann,« sprach der König im Bettlergewand; »ihr, der ihr im Schooße des Glückes lebt, habt die Güte, und laßt einem armen Manne etwas von eurem Ueberflusse zukommen.« »Kommt nur näher,« sprach der reiche Mann zu ihnen, »und setzt euch hierher; es soll niemand sagen, daß er hungrig von meinem Tische gegangen sey.« Er winkte darauf einem Diener, der brachte Beiden Teller, und legte ihnen von allen Speisen vor. »Ihr seyd doch recht zu beneiden,« sprach der König, indem er um sich her auf alle Pracht sah, »ihr seyd der glücklichste Mann, den ich je gesehen habe. Ihr seyd ein freier Mann, und hängt von Niemanden's Gnade ab, ihr könnt thun, was euch beliebt, und Niemand darf euch in eurem Glücke stören.« Da seufzte der reiche Mann, und sprach: »lieber Freund! mäßige dich in deinen Lobeserhebungen. Auch ich habe meine vielen und schweren Sorgen, und bin weit entfernt, mich für glücklich zu halten. Siehe, ich habe die geschicktesten Köche in der ganzen Stadt, aber trotz aller ihrer Geschicklichkeit verderben sie mir oft die Speisen, und mein Magen muß dafür entgelten. Dann darf ich nicht alles essen was ich will, und nicht soviel als ich will, denn ich habe schon einigemal die traurigen Folgen davon empfunden. Ist das nicht ein Unglück, wenn man bei allem Ueberfluß so enthaltsam leben muß, um sich keine Unverdaulichkeit zuzuziehen? Und dann bedenke, ich bin ein Mensch wie du; ich kann krank werden, welche Besorgniß? ja, ich kann sterben, welche Angst? O du bist wahrhaft glücklicher zu preisen als ich.« Da dankte der König dem reichen Manne für seine köstliche Tafel und ging weg. Unwillen beflügelte seine Schritte, und er sprach nicht eher, als bis er vor der Stadt war. »Komm,« sprach er, »wir wollen auf das Land gehen; in der Stadt sind die Menschen verwöhnt und verdorben, dort finden wir den Glücklichen nicht.« Sie durchwanderten nun ein Paar Dörfer, aber wo auch der König sich mit jemand in ein Gespräch einließ, und nach seiner Zufriedenheit forschte, hörte er nur Klagen und Unzufriedenheit. Da fing er an, daran zu verzweifeln, ob er wohl jemals die drei Glücklichen finden werde. Er ging stumm und in sich gekehrt einher, und setzte sich endlich müde unter einem Baume nieder, der am Eingang eines Waldes stand. Die Sonne senkte sich am Himmel herunter, und die Heerden verließen das Feld, und zogen ihren Ställen zu. Da wanderte durch den Wald ein alter Bettler, und sang sein Abendlied so froh und munter, als ob noch kein rauher Wind über sein kahles Haupt gegangen wäre, oder als ob ihn heute noch keine unfreundliche Hand von der Thüre zurückgewiesen hätte. Als er zu ihnen kam, grüßte er sie, und setzte sich zu ihnen nieder. »Wie geht's euch, mein Bruder,« sprach er zu dem König, »denn an euerm Kleide sehe ich, daß ihr einer meines Handwerks seyd.« »Schlecht,« antwortete der [König. Aber da rief der] Bettler, der kein anderer, als der Peter Siebensack war, »das sollte kein rechtschaffener Bettler sagen, daß es ihm schlecht gehe. Im Gegentheil glaube ich, daß es keinen glücklicheren Mann auf Erden gibt, als ein ehrlicher Bettler. Seht, wenn der Peter Siebensack so auf der Landstraße wandelt, und sieht die Vögel des Himmels lustig herumfliegen, so denkt er, er sey auch so ein Vogel, dem den ganzen Tag der Tisch gedeckt ist. Und er ist's auch. Ich bin noch keinen Tag hungrig schlafen gegangen, ja ich habe noch Ueberfluß gehabt, und schon manchen andern damit erquickt. Steht die Sonne am Himmel, so scheint sie auf den alten Peter so warm, als auf den vornehmen Herrn, und rieselt aus einem Felsen eine Quelle, so fragt sie nicht darnach, ob der König aus ihr trinkt oder der Peter Siebensack. Nein, es geht mir nichts über meinen Stand, und wenn ich durch ein Dorf gehe, so laufen die Kinder zu mir, und hängen sich an mich, und ich erzähle ihnen dann allerlei alte und neue Geschichten, die ich gehört oder selber erlebt habe. Dann geben mir ihre Eltern satt zu essen, und füllen mir meine Säcke für den Abend – seht da,« sprach er, und legte seine sieben Säcke vor sie hin, »da eßt, und laßt euch wohl seyn, und lernt von mir, wie man glücklich leben soll; ja, und wann auch der König käme, er sollte sich meines Abendbrodes nicht schämen, und ich würde mit seiner Krone nicht tauschen.« »Ist das euer Ernst, Peter?« fragte der König. »Ja, mein vollkommener Ernst!« antwortete er. »Ich bin in meiner Jugend weit in der Welt herumgekommen, habe viel Glanz und Herrlichkeit gesehen, aber das macht das Glück noch nicht aus. Ja ich bin selbst so ein Thor gewesen, und habe nach Reichtum und Macht gestrebt, und hatte es schon weit gebracht, aber ich verlangte immer mehr, und je größer mein Beutel wurde, desto schwerer drückten mich die Sorgen; da kam endlich glücklicher Weise ein Dieb, und stahl mir den Beutel, und mit ihm meine Sorgen; der Narr glaubte gewiß, ich würde mich zu Tode grämen – nein, das thut der Peter Siebensack nicht. Wer genug hat, um zu leben, der mag zufrieden seyn; aber wer noch mehr hat als er bedarf und will, und noch andern damit dienen kann, der ist wahrhaft glücklich zu nennen, und ich rechne mir's zur Ehre, unter die letzten zu gehören. Jetzt laßt euch wohl seyn; es soll Niemand sagen, daß Peter Siebensack nicht redlich mit ihm getheilt hätte.« Er kramte nun seine Säcke aus, und theilte mit ihnen sein Brod und Fleisch, seine Butter und Käse und gebratene Kartoffeln und zuletzt ein Paar Borsdorfer Aepfel, und ein großes Stück Kuchen, das er von einer Bäuerin, die heute Hochzeit gehalten, geschenkt bekommen hatte. Den siebenten Sack schüttelte er lachend, und sprach: »Geld kann ich euch keins geben, denn ich habe selber keins; aber wenn ihr mit mir gehen wollt, so biete ich euch ein Nachtlager auf weichem Laub, daß noch kein ehrlicher Bettler auf weicherem geschlafen haben soll.« Der König aber, nachdem er mit dem Bettler gegessen, und ihm herzlich gedankt hatte, ging mit dem Weisen wieder der Stadt zu. » Einen Glücklichen hätten wir,« sprach er, »aber ich zweifle sehr, ob wir die andern noch finden.« Und seine Besorgniß war nur zu sehr gegründet. Zwar wanderte er noch manchmal in allerlei Verkleidung in der Stadt und auf dem Lande umher, vergebens war es, daß er Boten durch sein ganzes Reich sandte, und nach Glücklichen forschen ließ, vergebens ließ er endlich öffentlich bekannt machen, daß, wer sich wahrhaft glücklich fühle, seinen Namen auf das Grabmal seiner Tochter setzen möchte – außer dem Namen von Peter Siebensack konnte er keinen finden. Da legte der König seine Krone und seinen Scepter ab, und übergab den Thron einem nahen Verwandten; er selbst aber lebte in stiller Zurückgezogenheit, und erwartete den Tod, der ihn mit seinem geliebten Kind vereinigen würde, und er erwartete ihn nicht lange. An einem Abend saß er nach seiner Gewohnheit auf dem Balkon seines Schlosses, um die Sonne untergehn zu sehen, da fingen seine Augen an zu ermatten, die müden Augenlieder senkten sich, und er schlummerte ein, um nie mehr zu erwachen. Peter Siebensack aber lebte noch eine Zeitlang und war mit seinen lustigen Geschichten die Freude der Alten und Jungen. Endlich aber starb er, und man begrub ihn in den Garten in ein Grab, das er sich selber gegraben hatte. Seine sieben Säcke aber hinterließ er seinem Hausherrn und sagte: »wenn einer kommt, der so glücklich lebt, wie ich gelebt habe, dem schenkt sie.« Es ist aber seitdem keiner gekommen. Die Haidenfrau Ueber eine große Haide ging einmal ein Mädchen mit einem großen Topf süßer Milch, die wollte sie in die Stadt tragen, und dort verkaufen. Unterwegs dachte sie allerlei, wie schön es doch wäre, in der Stadt zu leben, wo man nicht zu arbeiten nöthig hätte, und könnte sich kleiden in Silber und Seide und könnte fahren in Kutschen mit prächtigen Rossen, und glaubte, das könnte sie auch einmal werden. »Ist nicht schon manches arme Mädchen vornehm und reich geworden, wie mir meine Großmutter erzählt hat vor alten Zeiten? Freilich bin ich's noch nicht, aber was nicht ist, das kann noch werden. Ich will jetzt einmal denken, ich wäre es. Da wohne ich in einem großen Haus, das hat viele Thüren und Fenster, und vor den Fenstern stehen die schönsten Blumen, und hinter den Fenstern hängen kostbare Vorhänge, und hinter den Vorhängen sind kostbare Stuben mit prächtigen Tischen, Stühlen, Spiegeln und Schränken und in den Schränken hängen Kleider, ach so schön! Da nehme ich mir jeden Morgen eins heraus, und ziehe es an – nein, ich lasse mir's anziehen, denn ich habe ja viele Mägde, die mir thun, was ich will. Da ruf' ich der einen: Sybille, komm. Da kommt sie, und ich rede recht vornehm mit ihr, und befehl ihr, jetzt thu' sie dieß, und jetzt thu' sie das, und dann, wann ich angezogen bin, setz ich mich in eine Kutsche mit vier prächtigen Rappen und fahre durch die Stadt, und wenn ich an den Markt komme, da stehen meine Gespielinnen in ihrer einfältigen Dorftracht mit einem Topf Milch da; was werden die sagen, wenn sie mich sehen! O, die werden mich gar nicht mehr kennen, und wenn sie mich auch kennen, und zu mir sagen, guten Morgen Liese, so werde ich sagen, so heiße ich nicht, ich heiß jetzt Jungfer Lisette, und dann wend' ich ihnen den Rücken und fahre fort. Und dann geht's im Galopp durch die Straße, und vor's Königsschloß« – Da hüpfte die gute Liese, und ihr Milchtopf fiel auf die Erde und zerbrach in tausend Stücken. Sie that einen lauten Schrei und weinte und zerraufte sich die Haare, denn die Milch war das Einzige, was ihre arme Mutter zu verkaufen hatte. Als sie aber so jammerte und weinte, und die Scherben ihres zerbrochenen Topfes zusammenlas, kam eine alte Frau daher gegangen, die trug ein Bündlein dürren Reises unter dem Arm und kam und grüßte sie, und sprach: »Was ist dir denn geschehen, daß du so weinst?« »Ach, seht ihr denn nicht,« sagte das Mädchen, »was geschehen ist? Ich sollte für meine arme Mutter einen Topf Milch in die Stadt tragen, und da bin ich über einen Stein gestolpert, und der Topf ist mir zerbrochen, und wenn ich heimkomme und habe das Geld nicht, so bekomme ich Schläge.« Da jammerte die alte Frau das Unglück des Mädchens, und sie sprach: »komm mit mir.« Da führte sie sie über einen Berg in einen Wald, und in dem Wald stand eine Hütte, da wohnte die Alte. In der Stube aber standen eine Menge Milchtöpfe, von denen nahm sie einen, und gab ihn dem Mädchen, und sprach: »Da nimm den Topf und trage ihn in die Stadt, und verkaufe ihn; wenn du aber mehr dafür bekommst, als gewöhnlich, so schenke das Uebrige einem Armen.« Da dankte ihr das Mädchen, nahm den Milchtopf, und trug ihn in die Stadt. Weil aber die Milch so gut war, bekam sie einen Kreuzer mehr dafür, wie gewöhnlich; da steckte sie ihr Geld in den Sack, und ging fröhlich ihrem Dorfe zu. Auf dem Wege aber dachte sie, »das ist doch sonderbar von der alten Frau, daß sie mir anbefohlen hat, ich soll das, was ich mehr bekomme, einem Armen schenken. Wozu kann sie das gesagt haben? Ich bin selbst arm genug, und kann es brauchen. Den Kreuzer hebe ich mir auf, und an Neujahr bekomme ich noch einen Kreuzer, das sind zwei, und dafür kaufe ich mir ein rothes Bändchen auf meinen Strohhut, ach, das wird schön stehen! Was werden da meine Gespielinnen neidisch werden! Ey Liese, werden sie sagen, wo hast du denn das schöne Bändchen her? Das sage ich nicht! werde ich ihnen antworten, das braucht ihr nicht zu wissen.« Als sie das gesagt hatte, und eben an einen Kreuzweg gekommen war, da stand ein armer, alter Mann an der Straße, der war mit Lumpen bekleidet, und bat sie um eine kleine Gabe. Aber Liese that, als ob sie ihn gar nicht sehe, und ging schnell an ihm vorbei. Als sie aber auf den Hügel kam, setzte sie sich hin, und zog ihren Kreuzer hervor, und betrachtete ihn mit Wohlgefallen. Aber wie sie so da saß, kam ein großer Adler herbeigeflogen, der packte das Geldstück und wollte es ihr rauben. Da sie es aber nicht loslassen wollte, flatterte der Vogel, kratzte und biß, schlug ihr mit den Flügeln in's Gesicht, zerriß ihr die Wangen, dann packte er den Kreuzer, flog davon. Aber Liese weinte sich die Augen roth vor brennendem Schmerz, kam heim, und konnte sich eine Zeitlang gar nicht mehr sehen lassen, so sehr war ihr Gesicht verunstaltet. Ihre Gespielinnen aber nannten sie nachher immer nur die Narbenliese, von den vielen Narben, die sie im Gesicht hatte. Aber zu einer andern Zeit ging ein anderes Mädchen über die Haide, die trug auf ihrem Kopf einen Blumentopf, darin war ein Nelkenstock mit vielen prächtigen Blumen, und wo sie ging, da stieg ein wohlriechender Duft von den Blumen auf, Schmetterlinge flogen ihr nach, setzten sich auf die Blumen und sogen den süßen Duft ein. Aber das Mädchen war traurig, denn ihre Mutter war krank, und sie war so arm, daß sie nichts hatte, als den Nelkenstock, den sie selber gepflanzt und gepflegt hatte. Aber als das letzte Brod verzehrt war, da sagte die Mutter: Mariechen nimm den Nelkenstock, und trag ihn in die Stadt, und verkaufe ihn, wir wollen uns Brod dafür kaufen. Da nahm das Mädchen den Blumenstock mit schwerem Herzen, und reichte ihn der Mutter noch einmal ans Bett, daß sie sich an seinem kräftigen Geruche labe, und ging mit ihm fort der Stadt zu. Unterwegs aber dachte sie mancherlei, wie arm sie doch sey, und wie Reichtum und Glück doch so ungleich vertheilt seyen, und vertiefte sich in ihren Gedanken und wie sie eben an einem Dornbusch vorbei ging, blieb der Nelkenbusch in den Aesten hängen, fiel zu Boden, und seine herrlichen Blumen brachen oder wurden zerknickt, und der Blumentopf zersprang in tausend Scherben. Da stand das arme Mädchen ein Paar Augenblicke in sprachloser Verwirrung, dann aber brach sie in ein lautes Jammern aus: »Ach, was soll ich jetzt anfangen, was soll ich meiner Mutter sagen, wenn ich heim komme, und wo soll ich das Geld hernehmen, um Brod zu kaufen?« Da las sie die abgebrochenen Blumen auf, und setzte sich an den Weg und weinte, und ihre Thränen fielen auf das Gras, und vermischten sich mit dem Thau, der darauf lag. Wie sie aber so da saß, da kam eine alte Frau über die Haide gegangen, die trug auf dem Kopfe einen Korb mit grünem Grase, und kam, grüßte sie, und sprach: »was fehlt dir denn, daß du so weinst?« »Ach, seht ihr denn nicht, was geschehen ist,« sagte das Mädchen, »meine Mutter hatte einen einzigen Nelkenbusch, den sollte ich in die Stadt tragen, und für den Erlös ihr Brod mitbringen; da bin ich denn an dem Dornbusch hängen geblieben, und der Blumentopf ist mir auf die Erde gefallen, und ist ganz zerbrochen, die Blumen zerknickt, und meine Mutter liegt daheim und ist krank, und hat nichts zu essen.« Da jammerte die Alte die Noth des armen Mädchens, und sprach: »komm mit mir.« Da nahm sie sie mit sich, ging mit ihr über den Berg, kam in einen Wald, in dem Wald stand ein kleines Häuschen, hinter dem Häuschen war ein Gärtchen, darin standen eine Menge Nelken, roth, braun, blau und gesprenkelt. Da grub die Frau einen der schönsten Büsche aus, pflanzte ihn in einen Blumentopf, gab ihn dem Mädchen, und sprach: »Da nimm den Topf, trage ihn in die Stadt, verkauf ihn, die Hälfte des Geldes aber nimm, und wenn du über die Brücke gehst, wirf es ins Wasser und wo dir jemand begegnet, und dich um einen Dienst anspricht, so thu ihn.« Da dankte ihr das Mädchen, versprach ihr alles zu thun, wie sie gesagt habe, nahm den Blumentopf, und ging damit zur Stadt. Sie war aber noch nicht lange in den Straßen auf und abgegangen, da rief sie eine vornehme Frau zu sich, die verwunderte sich über die Schönheit des Nelkenbusches, und sagte: »Da hat mir vor ein Paar Tagen der Wind einen Blumentopf vom Fenster geworfen, da könnte ich den deinigen brauchen.« Darauf gab ihr die vornehme Frau zwei Silberstücke und sprach: »bist du damit zufrieden?« »Ich danke euch,« sagte das Mädchen und ging vergnügt damit weiter. Als sie aber aus der Stadt gekommen war, und über die Brücke ging, da dachte sie, es ist doch sonderbar, daß mir die alte Frau gesagt hat, ich solle die Hälfte des Geldes ins Wasser werfen. Wozu kann sie das gesagt haben? Wir sind selbst arm genug, und könnten es wohl brauchen, meine Mutter und ich. Ja, wenn es noch jemand nützte, dann wollte ich's gelten lassen, aber das ist gerade weggeworfen und verloren, und nützt keinem Menschen was.« Sie wollte schon vorbei gehen, da dachte sie, »es ist aber doch von mir nicht recht, wenn ichs nicht thue. Die gute alte Frau hat mir doch aus so großer Noth geholfen, und hat mir den schönen Nelkenstock geschenkt – wer weiß, ob ich für meinigen so viel bekommen hätte?« Da nahm sie das eine Geldstück, seufzete, und warfs hinab in den Fluß, dann ging sie eilig ihrem Dorfe zu. Als sie aber an dem Ufer des Flusses hinging, und daran dachte, wie sich ihre Mutter freuen würde, da stand ein Fischer an seinem Kahn und hatte sein Netz ausgeworfen. Er war gerade daran, das Netz herauszuziehen, aber es war so schwer, daß er es allein nicht herausbringen konnte. Da rief er dem Mädchen, und bat sie, ihm zu helfen. Das Mädchen bedachte sich nicht lange, sondern ging hin, half ihm ziehen, und der Fischer that einen reichen Zug. »Da hast du auch etwas,« sagte er, nahm einen großen Fisch und gab ihr ihn. Da dankte ihm das Mädchen, und ging weiter. Als sie aber auf den Hügel gekommen war, begann die Sonne sich zu neigen, und sie eilte nach Haus zu kommen. Aber ein Vogelsteller saß am Wege, und rief dem Mädchen: »Siehe,« sagte er, »da ist ein Raubvogel an meine Schlinge gekommen, und hat mir sie zerrissen, willst du mir nicht knüpfen helfen? denn wenn ich nicht schnell damit fertig werde, so komm ich zu spät.« Da bedachte sich das Mädchen einen Augenblick, denn es war schon spät, und sie eilte, nach Haus zu kommen. Sie that es aber doch, half dem Manne, und als er fertig war, zog er einen Vogel aus seiner Tasche und sprach: »Es ist der einzige, den ich bis jetzt gefangen habe, ich will ihn dir aber für deine Gefälligkeit schenken, jetzt kann mir's nicht mehr fehlen.« Da nahm das Mädchen den Vogel, dankte dem Manne, und ging eilenden Schrittes weiter. Die Sonne aber ging unter, und es begann dunkel zu werden. Da eilte sie sich mehr und mehr; als sie aber an einen Kreuzweg kam, stand da ein alter Mann, der jammerte und rang die Hände. »Ach, sey so barmherzig,« sagte er zu dem Mädchen, »und helfe mir!« »Was fehlt euch denn,« sagte das Mädchen. »Ach,« antwortete der alte Mann, »da sollte ich für meinen Herrn einen Sack mit Erbsen holen, der ist mir aufgegangen, und es sind eine Menge Erbsen herausgefallen. Meine Augen sind aber so blöde, daß ich sie nicht mehr finden kann, und wenn ich sie nicht alle nach Hause bringe, so werde ich von meinem Herrn fortgejagt.« Da hatte das Mädchen Mitleid mit dem armen alten Mann und half ihm suchen, und als sie alle Erbsen aufgelesen hatte, wünschte sie ihm eine gute Nacht, und wollte weiter gehen. Aber der Alte sagte: »ich kann deine Gefälligkeit mit nichts belohnen, denn ich habe nichts Eigenes, aber vielleicht findet sich doch einmal Gelegenheit, wo ich dir dienen kann.« Da ging das Mädchen weiter, und kam zu ihrer Mutter, als es schon ganz Nacht war. Ihre Mutter war sehr besorgt um sie gewesen, als sie aber gehört hatte, was ihr begegnet war, freute sie sich. Mariechen aber sagte: »jetzt will ich zurecht machen, was ich mitgebracht habe.« Da nahm sie den Fisch, schnitt ihn auf, und nahm sein Eingeweide heraus. Da schien ihr, als ob in dem Magen des Fisches etwas Hartes wäre, sie schnitt ihn darum auf, und siehe da, in dem Magen lag das nämliche Geldstück, das sie ins Wasser geworfen hatte. Sie kam und brachte es voller Freude ihrer Mutter, diese aber sagte: »Das muß eine wunderbare Frau seyn, die dir den Nelkenstock gegeben hat; wenn es nur keine Zauberin ist, geh, ich mag den Fisch gar nicht essen.« Das Mädchen aber betrübte sich, daß der schöne Fisch verderben sollte; sie bereitete ihn aber doch zu, und als er fertig war, redete sie ihrer Mutter zu, und sprach: »ach seht doch, wie der Fisch so köstlich riecht, der schmeckt gewiß recht gut.« Da ließ sich die Mutter bereden, und aß ihn, und es ward ihr sehr wohl; den andern Morgen aber stand sie auf, und konnte wieder im Hause herumgehen. Am nächsten Tage aber sagte das Mädchen: »ich will heute den Vogel zubereiten, den mir der Vogelsteller geschenkt hat.« Da nahm sie ihn, schnitt ihn auf, und nahm sein Eingeweide heraus. In dem Kropfe aber waren eine Menge kleiner Körner von verschiedener Größe. »Was mögen denn das für Körner seyn?« dachte das Mädchen, ich will sie doch einmal meiner Mutter zeigen. Aber die Mutter wußte es nicht, sie sagte aber, »wir wollen sie aufheben und sie im Gärtchen säen.« Als aber der Vogel zubereitet war, aß sie ihn, und sie wurde so gesund, daß sie aus dem Hause gehen, und ihr kleines Feld bearbeiten konnte, wie vorher. So verging der Sommer; der Winter kam, Mutter und Tochter spannen Flachs, Wolle und ernährten sich redlich. Aber als der Frühling gekommen war, und jeder seine Felder bestellte, da grub die Mutter mit ihrer Tochter auch ihr Gärtchen um, und pflanzte allerlei Gemüße. »Ey sich doch,« sagte die Mutter, »da hätte ich bald die Körner vergessen, die du vorigen Sommer in dem Kropf des Vogels gefunden hast!« Da ging sie hin, holte sie aus dem Wandschrank, und säete sie in eine Ecke des Gartens. Nach einiger Zeit kamen allerlei Pflänzchen hervor, und sie wuchsen heran, und fingen an zu blühen. Es waren aber ganz köstliche Blumen. Die Büsche waren groß und frisch und aus den Stengeln wuchsen große Kronen hervor, und neigten sich zur Erde, wenn man sie aber aufhob, so sah man ein Paar Tropfen darin, wie Thautropfen, und alle Nachbarn, die vorbei gingen, blieben stehen, und sagten, seht doch, was für schöne Blumen das sind. Aber Niemand wußte zu sagen, was für Blumen das waren, oder wie man sie nannte. Aber ein vornehmer Mann, der in der Gegend einen prächtigen Garten hatte, bekam einst ein Buch, in dem waren alle Kräuter und alle Blumen gezeichnet und nach der Natur gemahlt. Da schickte er dann seinen Gärtner aus in fremde Länder, wo die Pflanzen wuchsen, und ließ sie kaufen und in seinen Garten verpflanzen. Er hatte nach und nach alle bei sich einheimisch gemacht, bis auf eine, die nannte man Kaiserkrone, die konnte er nirgends finden, so viele Mühe er sich auch gab. Schon zweimal hatte sein Gärtner alle Länder durchreis't, er hatte überall gefragt und geforscht, aber die Kaiserkrone konnte ihm Niemand schaffen. Da ging der Mann einmal auf die Jagd, und kam an dem Gärtchen vorbei, wo Mariechen mit ihrer Mutter wohnte. Da sah er in der Ecke des Gartens die seltene Pflanze stehen, und sah, daß es die Kaiserkrone war. »Die muß ich haben,« dachte er. Da trat er hinein in das Haus, und fragte, ob sie ihm nicht eine der Kaiserkronen verkaufen wollten. »Von Herzen gern,« antwortete die Frau, und bat den vornehmen Mann, sich eine herauszusuchen, oder sie alle mitzunehmen. Er wählte aber nur eine und wollte nun der Frau ein ansehnliches Geschenk dafür machen, aber sie nahm nichts an. Inzwischen zog am Himmel ein Gewitter herauf und es fing an, zu regnen, so daß der Graf sich entschließen mußte, den Regen hier abzuwarten. Unterdessen erzählte ihm die Mutter ihre Geschichte und besonders, wie sie zu den Kaiserkronen gekommen sey. Darüber verwunderte sich der Graf und sprach: »ich sehe an allem, daß ihr ein besseres Schicksal verdient; kommt mit mir auf mein Schloß, dort will ich euch versorgen.« Darauf ging er weg und schickte einen großen schönen Wagen, und die Mutter setzte sich mit Mariechen darauf und fuhren auf das Schloß. Dort wieß ihnen der Graf ein hübsches Häuschen im Garten an, und sie begossen die Blumen und fütterten die Hühner und lebten recht glücklich. Aber nach einiger Zeit ward einmal aus dem Hause ein goldenes Löffelchen entwendet, und der Graf fragte Jedermann darnach, aber Niemand wollte etwas davon wissen. Da faßte er den Verdacht, ob nicht Mariechen sich vergessen, und den Löffel entwendet haben sollte. Er ließ sich aber doch nichts merken, sondern wollte noch einige Tage warten. Am folgenden Tage aber kam ein alter Mann, der verlangte mit dem Grafen zu sprechen. Als er zu ihm kam, zog er das goldne Löffelchen heraus und sprach: »Das Löffelchen wird wohl euch gehören, Herr Graf, ich kenne es am Wappen.« »Und wo habt ihr es her?« fragte ihn der Graf. »Ich habe es von einem Mädchen,« sprach er, »die nennt man die Narbenliese, weil sie so viele Narben im Gesicht hat. Sie sagte, sie hätte es gefunden, und gab mir's, ich sollte es verkaufen; ich dachte mir aber sogleich, daß es nicht ganz richtig mit dem Finden sey, und hab's euch hergebracht!« Da schenkte der Graf dem Mann noch einmal so viel, als das Löffelchen werth war; die Narbenliese wurde aber als eine Diebin gefangen gesetzt; aber auf Mariechen verwendete der Graf von der Zeit eine große Sorgfalt; er ließ sie sehr gut erziehen, und sie lebte nachher noch lange sehr glücklich; der alte Mann aber war derselbe, dem Mariechen einst die Erbsen hatte auflesen helfen. Der Wunderhahn Mit einem großen Tragkorb auf dem Rücken, in dem allerlei Federvieh saß, ging ein alter Mann der Stadt zu, um sein Geflügel dort zu verkaufen. Schon Jahre lang hatte er sein Geschäft getrieben, und sein dürftiges Auskommen dabei gehabt, aber ersparen konnte er sich nichts, und was er heute verdiente, das brauchte er auch morgen. Aber jetzt waren nun durch die Last der Jahre seine Glieder steif geworden, und er gedachte mit ängstlicher Besorgniß an das Ende seines Lebens. »Wie wird es mir noch ergehen,« sprach er zu sich selbst, »wenn mich nun meine Beine nicht mehr in die Stadt tragen können? Weib und Kind hab' ich nicht, die meiner pflegen könnten, und wer wird sich meiner annehmen, wenn ich vor Altersschwäche mir und andern zur Last bin?« Während er so mit sich selber sprach, hörte er hinter sich ganz in der Nähe eine Stimme, die klang so sanft wie Flötenton, und er sah sich um, aber er sah nichts. Da ging er weiter, aber die Stimme ertönte auf's Neue, und er sah sich um, aber er konnte nicht erkennen, woher die liebliche Stimme komme. Da stellte er seinen dicken Knotenstock unter seinen Tragkorb, und lehnte ihn an einen Eichbaum, er selbst aber zog die Arme aus den Tragriemen, um sich besser umsehen zu können, da schien es ihm, als käme der Flötenton aus seinem Korbe, und er hielt das Ohr daran, und deckte das alte Tuch, das er darüber gehängt hatte, ein wenig auf, da sah er, wie ein Hahn auf der Stange saß, und die schönen Töne sang. »Ey, das ist ja ein Wundervogel, den ich da habe,« sprach er erfreut, »ich trage schon dreißig Jahre Hühner in die Stadt, aber ein solcher Hahn ist mir noch niemals vorgekommen. Der soll mir einmal gut bezahlt werden!« »Nur nicht zu gut,« sagte auf einmal der Hahn, »es möchte dich sonst gereuen!« Als der Mann hörte, daß der Hahn auch sprechen konnte, verstummte er eine Zeitlang vor Erstaunen, dann aber nahm er eilig den Tragkorb auf den Rücken, und lief, was er laufen konnte, der Stadt zu. Aber sein allzu großer Eifer war bald erkaltet, denn der Weg war weit, und er begann müde zu werden. Darum setzte er den Korb nieder, und sah mit Begierde nach, ob er auch den kostbaren Hahn noch habe. Der Hahn saß noch auf der Stange, und sprach: »Lieber Mann, wenn du mir einen großen Dienst erweisen, und dir manches Unangenehme ersparen willst, so öffne deinen Korb, und laß mich fliehen!« »Dich soll ich fliegen lassen?« sagte der Mann. »Wie kommst du zu einem solchen Gedanken! Ich will dich um Gold verkaufen, und dann meine alten Tage in Freude verleben. So einen seltenen Vogel fängt man nicht alle Tage.« »Nun, wenn ich doch verkauft werden soll,« sagte der Hahn, »so verkaufe mich der Königin. Sie wird dich ohne Zweifel reichlich belohnen, aber wenn du mir folgen willst, so behalte von dem, was sie dir gibt, nur das, was dir das Geringste däucht, und laß ihr das Uebrige; es bringt dir doch keinen Segen.« »Dafür laß mich nur sorgen,« sagte der Alte, »ich will schon nehmen, was mir gut dünkt.« Damit nahm er den Korb wieder auf den Rücken, und ging, wiewohl weniger eilig, in die Stadt. Der Hahn aber ließ von Zeit zu Zeit seine Flötentöne hören, und wer dem Manne begegnete, der fragte ihn, und sagte: »ey sagt mir doch, was für einen kostbaren Vogel habt ihr denn in eurem Korb, ihr handelt ja sonst nur mit Hühnern und Gänsen?« »Das ist ein Königsvogel!« erwiderte der Alte ganz kurz und ging in die Stadt. Diesmal aber ging er gar nicht auf den Markt, wie er sonst that, wenn er Hühner verkaufte, sondern eilte gerade zum königlichen Schloß. Dort ging er in die Schloßküche und setzte seinen Korb auf den Heerd nieder. »Wir brauchen keine Hahnen,« sagte der Koch, »ich habe gestern schon eingekauft.« »Das glaube ich,« lachte der Mann, »aber einen Hahn, wie ich einen habe, den habt ihr gewiß nicht. Hört nur einmal.« Bei diesen Worten sang der Wunderhahn wieder mit wunderschöner Stimme, so daß der Koch und alle Küchenjungen verwundert um ihn her standen. »Das ist etwas Unerhörtes,« sagte der königliche Koch, »den muß ich unserer gnädigen Frau, der Königin, bringen.« Da holte er aus einem Zimmer einen prächtigen großen Käfig mit vergoldeten Dräthen, und setzte den Wunderhahn hinein. Darauf hieß er den Mann warten, und trug ihn zur Königin. »Gnädige Königin,« sprach er, »da bring ich euch einen Vogel, wie gewiß noch keiner in Eurem königlichen Pallaste gesehen worden ist,« und zeigte auf den Hahn. »Nun was ist denn das?« sagte die Königin. »Das ist ein ganz gewöhnlicher Haushahn, wie man sie alle Tage sieht. Ich habe geglaubt, du bringst mir vielleicht einen seltenen Vogel aus fernen Landen, aber der Hahn da sieht aus, wie alle andere Hühner auch, oder hat er vielleicht besondere Eigenschaften an sich!« »Das ist es eben, gnädige Königin,« sagte der Koch, »den sollt ihr einmal singen hören.« Da fing der Vogel, als ob er es verstanden hätte, an zu singen, und die Königin war entzückt von seiner wunderbaren Stimme. »Den muß ich haben,« sagte sie, »rufe mir sogleich denjenigen, dem er gehört.« Da rief der Koch den Alten herauf zur Königin und er verbeugte sich tief vor ihr und fragte, was sie von ihm begehre. »Den wunderbaren Hahn,« sprach sie, »möchte ich haben; was fordert ihr dafür?« »Er steht zu Euren Diensten,« sagte der Mann, »gebt mir dafür, was Euch beliebt!« Da ging die Königin an einen Schrank, und schloß ihn auf, und nahm daraus einen Beutel, der war gefüllt mit Goldstücken bis oben an. Den nahm sie, und gab ihn dem Manne und sprach: »ich denke, ihr werdet zufrieden seyn.« Der Alte aber verbeugte sich tief, und ging fort; aber als er schon vor der Thüre war, ließ ihn die Königin noch einmal rufen, und sprach: »Hört, ich habe mich bedacht, und gefunden, daß die Belohnung, die ich euch für den seltenen Vogel gegeben habe, doch zu gering sey. Solche Seltenheiten können nur mit anderen Seltenheiten bezahlt werden. Da hat mir vor einiger Zeit ein Mann, der fremde Länder durchreis't hat, drei Stückchen Holz mitgebracht, die die Kraft haben sollen, den glücklich zu machen, der sich desselben auf die gehörige Weise bedient. Du darfst denn nur, wenn du in einem Unglück bist, ein Stückchen davon abschneiden, und es verbrennen, so wird sich dir bald eine Gelegenheit darbieten, wo du Jemand einen großen Dienst erweisen kannst; den thue ihm, und du wirst reichlich dafür belohnt werden. Aber sehe dich wohl vor, daß du ihm auch alles erfüllst, um das was er dich bittet, denn sonst wird es dich nicht viel nützen.« Der Alte schüttelte aber dabei ungläubig den Kopf, er nahm es aber doch an, und ging eilig von dannen, so eilig, daß er vergaß, seinen Hühnerkorb aus der Küche mitzunehmen. Als es ihm aber vor der Stadt einfiel, da dachte er: »nun an dem Korbe ist mir jetzt nichts mehr gelegen, den mag nun ein anderer tragen. Jetzt will ich mir's wohl seyn lassen.« Da ging er heim, und sogleich zum Zimmermann, der mußte sein Häuschen niederreißen, und ihm ein neues, viel größeres Haus erbauen; er kaufte sich schöne Stühle, Tische, und schöne Kleider; aß, trank, lebte herrlich und in Freuden. Seine Nachbarn aber konnten nicht begreifen, wo der Mann den Reichtum her habe. »Bei dem ist das Glück recht eingekehrt,« sagten sie, »wenn es uns doch auch einmal so über Nacht käme!« Der Alte lebte nun eine Zeit lang sehr vergnügt in seiner neuen Wohnung. Aber wenn er in seinen Garten hinausging, und sah die schönen Felder seiner Nachbarn, und das Ritterschloß, das vor ihm auf einem Berge lag, und hörte die Jagdhunde bellen, und gedachte, was der Ritter doch für ein lustiges Leben da oben führe, da kam es ihm vor, als sey sein Häuschen doch gar zu klein, und sein Reichtum sey gegen den des Ritters doch für nicht mehr zu achten, als ein Glas Wasser in einem Brunnen. Da ward er denn traurig, und es gereute ihn, daß er den kostbaren Hahn so wohlfeil weggegeben hatte. »Was bin ich denn jetzt,« sprach er zu sich, »mehr als ich vorher war? Es ist wahr, ich habe ein neues Haus, und einen schönen Garten. Ich brauche nicht dreimal in der Woche in die Stadt zu gehen, und meinen schweren Korb zu tragen, ich kann essen und trinken mehr und besser, als meine Nachbarn, – aber was habe ich im Ganzen gewonnen? Werde ich darum von andern mehr geehrt? Meine Nachbarn reden noch gerade mit mir, und wenn sie mich grüßen, so sagen sie, guten Abend Hans, als wenn ich noch den Hühnerkorb auf dem Rücken hätte! Nein, das muß anders werden! Aber wie? Nun, da fällt mir ein, die Königin hat mir da ein Stückchen Holz gegeben, das soll die wunderbare Eigenschaft an sich haben, Unglückliche glücklich zu machen. Das will ich doch einmal probiren. Unglücklich bin ich zwar nicht, was man so sagen kann, aber bin ich denn glücklich? Das ist eine andere Frage. Nein, ich bin's nicht, bis ich ein Rittergut habe, und so ein Schloß, wie der gestrenge Herr da oben.« Damit ging er in sein Haus und suchte in einem Schranke das Stückchen Holz, das er, als kaum der Mühe werth, in eine Ecke geworfen hatte. Das nahm er, ging in die Küche, und zündete ein Feuer an. Dann schnitt er ein kleines Stückchen ab, und warf es in's Feuer. Er erwartete nun, daß die Mauer sich öffnen, und eine Fee heraustreten werde, die ein Paar kleine Dienstleistungen von ihm begehren, und ihn dann reichlich belohnen werde; aber die Mauer that sich nicht auf. Statt dessen klopfte es an seiner Thüre, und er ging hin, um zu sehen, wer da sey. Als er die Hausthüre öffnete, stand ein armer alter Mann, noch älter als er selbst, da, und bat um ein Stückchen Brod. »Ich habe jetzt keine Zeit,« sagte der Alte, schloß die Thüre schnell hinter sich zu und ging wieder in die Küche, um zu sehen, ob die Fee noch nicht da sey. Aber sie war noch nicht da. Da dachte er, vielleicht war das Stückchen Holz zu klein, daß der Geruch nicht zu ihr kommen konnte. Er schnitt darum ein größeres ab, und warf's in die Flammen, aber die Mauer that sich nicht auf. Aber an der Thüre jedoch klopfte es noch einmal. Da ging er schnell hin, und öffnete sie, und der Alte bat gar kläglich um eine kleine Gabe. »Ich habe jetzt keine Zeit,« gab er ihm zur Antwort, »ich habe wichtigere Geschäfte.« Da verschloß er die Thüre, und ging wieder in die Küche, und sah nach der Fee, aber sie war noch nicht da; da schnitt er ein drittes Stück ab, und warfs in die Flammen, so daß ihm nur ein kleines Stückchen übrig blieb. Aber es verbrannte wie die vorigen, und er sah und hörte nichts, als das Klopfen des Armen an der Thüre. »Ich hab' euch schon gesagt,« sprach er, »daß ich jetzt keine Zeit habe. Laßt mich in Ruhe, und geht eurer Wege.« Darauf ging er wieder in die Küche, und sah nach der Fee, aber sie war noch nicht da. Da ward er ungeduldig. »Ich habe es gleich gedacht, daß nichts an dem einfältigen Holze sey. So wird man in der Welt angeführt. Da hat mir der Wunderhahn gesagt, ich soll von dem, was die Königin mir gäbe, nur das Geringste nehmen. Hätt' ich's gethan, was hätt' ich jetzt? Und die Königin glaubte mir was rechtes zu geben, als sie mir das Wunderholz gab, wie sie sagte. Da habe ich was rechtes daran! Fort mit ihm, sonst ärgert es mich, wenn ich es ansehe.« Damit warf er es zum Fenster hinaus in den Garten, wo eine Menge Holzspäne aufgehäuft waren. Dort lag es, und er kümmerte sich nicht mehr darum. In der Nacht aber kamen Diebe, die stiegen zum Schornstein herein, und schlichen zu ihm an's Bett, und drohten ihm mit dem Tode, wenn er einen Laut von sich gebe. Dann räumten sie seine Schränke und Kisten aus, und nahmen ihm sein Geld, und seine schönen Kleider, und als sie alles leer gemacht hatten, gingen sie davon. Der alte Hans machte zwar viel Lärm und rief seine Nachbarn zusammen, aber die Diebe waren nicht mehr einzuholen. Da betrübte er sich, und schloß sich einen ganzen Tag ins Haus, und ließ sich gar nicht mehr sehen. Aber der Hunger trieb ihn am Abend heraus. Er ging zu einem Nachbarn, und bat ihn, ihm einiges Geld zu leihen. Das that auch der Nachbar. Da kaufte sich Hans Lebensmittel, und lebte einige Tage davon, er ging aber nicht aus, denn er schämte sich in den alten Kleidern, die ihm die Diebe glücklicher Weise gelassen hatten, sich zu zeigen. Aber in der dritten Nacht brach Feuer in seinem Hause aus, und es brannte so schnell, daß er sich kaum retten konnte. An's Löschen war gar nicht zu denken, denn ein brausender Sturmwind trieb die Flammen immer zu neuer Wuth an, und es war keine Stunde vergangen, da war Hans so arm, als er vorher gewesen war. Denn sein Nachbar, der ihm das Geld geliehen hatte, nahm seinen Garten dafür in Beschlag und unserm Hans blieb nichts übrig, als sein alter Rock, ein Stab und ein Bettelsack, und ein Herz voll Kummer und Sorge. Da verwünschte er den Tag wo er den Wunderhahn in seinem Tragkorb gehabt hatte, und die Stunde, wo er ihn der Königin verkaufte. »Jetzt bin ich ärmer, als arm,« sagte er, und ging jammernd um die Brandstätte, wo sein Haus gestanden hatte, und in den Garten, dessen Früchte nun ein anderer einerndten sollte. Wie er aber so über die Trümmer hinging, da sah er auf einem Haufen ausgebrannter Kohlen das Stückchen Holz liegen, das er vor ein Paar Tagen zum Fenster hinausgeworfen hatte. Er hob es auf, und verwunderte sich, daß es bei dem gewaltigen Feuer nicht verbrannt sey. »Das ist doch wunderbar,« sprach er bei sich, »das Holz muß doch etwas besonderes an sich haben. Sollte es vielleicht möglich seyn, daß es mir noch Glück brächte? Nun, ich will es einmal versuchen.« Darauf nahm er Abschied von seinen Nachbarn, und jeder schenkte ihm ein großes Stück Brod oder einen Kreuzer Reisegeld, denn der arme Hans dauerte sie doch in seinem Unglück, ob er gleich im Glück so hochmüthig gewesen war. Er ging nun fort, und wußte nicht, wo er hinging. Da kam er in einem großen Wald, und als er an eine freie Stelle kam, sammelte er eine Handvoll dürres Gras und Reiser, und zündete ein kleines Feuer an, dann warf er das Stückchen Holz hinein, und seufzte dabei, und sagte: »Das ist das Letzte, wenn das nicht hilft, so weiß ich nicht, was ich anfangen soll.« Das Stückchen Holz war aber noch nicht völlig verbrannt, da rauschte etwas oben in den Aesten der Bäume, und er sah, wie ein Adler herabflog und etwas in seinen Klauen trug, und es auf den Boden legte. Er besann sich nicht lange, sondern griff nach einem Stein, und traf den Adler so geschickt auf den Kopf, daß er todt niederfiel. Dann lief er hin, um zu sehen, was der Adler in seinen Krallen gehabt habe, und glaubte gewiß eine Kostbarkeit darin anzutreffen, aber wie erstaunte er, als er statt dessen ein kleines Kind darin fand, das in feine Windeln und Decken eingehüllt war. »Das ist mir ein wahres Unglücksholz,« rief er aus, »das mir die Königin da geschenkt hat. Kaum hatte ich das erste Stück verbrannt, so kommen auch gleich Diebe, und rauben mir, was ich habe; ein Wunder ist's, daß sie mich am Leben gelassen haben; dann brennt mir gar das Haus ab, und ich bin ein elender Bettler. Nun, da ich mein Glück zum Letztenmal versuche, führt mir das Unglück den Adler daher, und der bringt mir ein Kind. Was soll ich damit anfangen? Bin ich nicht selber arm genug, wie werd' ich für das arme Würmchen sorgen können? Aber doch darf ich's nicht liegen lassen, das wäre gottlos gehandelt.« Darauf nahm er das Kind auf seinen Arm, und wollte weiter gehen, da fiel ihm der Adler ein. »Den will ich doch mitnehmen,« sagte er, »die Leute glauben mir sonst nicht, wenn ich ihnen die Geschichte erzähle.« Darauf ging er weiter, und kam auf einen einzelnen Hof, dort gab ihm eine mitleidige Bäuerin zu essen, und kochte dem Kindlein einen Brei, und fütterte es, bis es satt war. Dann schlief es wieder ein, und der Alte nahm's auf den Arm, und ging mit ihm weiter. Er war noch nicht weit gekommen, da hörte er hinter sich Pferdegetrapp, und ein wohlgekleideter Reiter hielt bei ihm an, und sprach: »Sagt, habt ihr nicht einen Adler gesehen, der etwas in den Klauen trug?« »Ja freilich,« sagte der Alte, »wenn ihr ihn sehen wollt, da ist er, aber ich will euch lieber zuerst zeigen, was er getragen hat.« Damit wickelte er die obere Decke ab, und darunter lag das Kind und schlief so ruhig, als ob ihm heute noch nichts geschehen sey. Als aber der Reiter das Kind erblickte, nahm er's in seine Arme, und rief hocherfreut: Gott sey gedankt, ich habe mein Kindchen wieder. Darauf mußte ihm der Alte erzählen, wie er dazu gekommen sey. Der Reiter aber sprach: »ihr sollt dafür belohnt werden.« »Was soll ich euch geben? Soll ich euch Geld geben, oder soll ich euch ein Haus bauen?« »Ich danke euch dafür,« sagte der Alte, der durch Unglück weise geworden war: »wer Geld besitzt, dem stellen die Diebe nach, und wer ein Haus hat, dem kann es abbrennen, und er wird ärmer, als er zuvor war. Wenn ihr mir aber eine Gnade erweisen wollt, so nehmt mich zu euch, und behaltet mich bis an mein Ende, denn ich bin alt, und meine Beine werden mich nicht mehr weit tragen.« »Das soll geschehen,« sagte der Reiter, »für jetzt setzt euch einen Augenblick nieder, ihr sollt gleich bei mir seyn.« Darauf nahm er das Kind unter seinen Mantel, und ritt so schnell, als das Pferd laufen konnte, davon. Der Reiter aber war ein vornehmer, reicher Graf, der hatte sein Schloß auf einem Berge, und er wohnte dort mit seiner Gemahlin und seinem einzigen Söhnlein. Da war am Morgen die Amme mit dem Kinde in den Garten gegangen, und hatte es unter einen blühenden Rosenstock gelegt, und war einen Augenblick von ihm gegangen. Da kam ein großer Adler herabgeflogen, und packte das Kind, und trug es davon, und ehe die Wärterin noch hinzueilen konnte, war er auch schon davon geflogen. Der vornehme Graf und seine Gemahlin aber waren vor Schrecken und Betrübniß außer sich, daß sie ihr einziges Kindlein sollten verloren haben sollten. Er schickte darum Boten in alle Gegenden, und ließ nach dem Adler und dem Kindlein forschen, und ritt selbst durch alle Dörfer und fragte alle Menschen, die ihm begegneten. Aber jetzt, da er sein liebes Kindlein wieder hatte, und mit ihm in den Schloßhof hereinritt, da lief ihm seine Gemahlin entgegen und rief ihm ängstlich zu: »hast du unser Kindlein?« Da reichte er es ihr hin, und sie nahm es und küßte es, und vergoß Thränen der Freude, wie nur eine Mutter über ihr verloren geglaubtes Kindlein weinen kann. Dann aber erzählte ihr der Graf, wie er dazu gekommen sey, und schickte einen schönen Wagen hinaus mit gepolsterten Sitzen, der mußte den alten Hans auf das Schloß führen, und der Graf und die Gräfin konnten nicht aufhören, ihm ihre Dankbarkeit zu bezeugen. Da erkannte Hans, daß es doch noch kostbarere Güter gebe, als Gold und Silber, nämlich den Dank aus lauterem Herzen, den man sich verdient. Der Graf aber sprach: »ihr sollt bei mir bleiben, so lang ihr lebt!« Darauf wieß er ihm eine schöne Stube an, so schön, wie Hans auch in seinem neuen Hause keine gehabt hatte, und ein Bett stand darin, dessen sich ein Graf nicht hätte schämen dürfen. Da lebte denn Hans ruhig und zufrieden, und fütterte die Hühner und die Tauben, und die Pfauen und die Fasanen, und als der kleine Graf heranwuchs, schnitt er ihm schöne Steckenpferde, und lehrte ihn Ball werfen und Kegel schieben, wie er's selber in seiner Jugend gethan hatte. Er lebte aber noch manches Jahr in ruhiger Zufriedenheit, und starb endlich, betrauert von allen, die ihn kannten. Die Schlangenkrone An dem Ufer eines klaren Bächleins ritt einmal ein Königssohn, und sah, wie die kleinen Fischchen lustig im Wasser herumschwammen, und wie die Sonnenstrahlen in den kleinen Wellen sich mannichfaltig brachen, und die Farben des Regenbogens in schönem Glanze ihm entgegenwarfen, denn es war an einem warmen Sommertage. Da sah er auf einmal, wie eine Schlange aus einem Felsen hervorkam, und sich dem Bächlein näherte: er hielt darum sein Pferd an, und betrachtete die Schlange. Sie war von wunderschöner Farbe. Goldene und silberne Schuppen wechselten auf ihrem Rücken und leuchteten weithin, wenn die Sonnenstrahlen darauf fielen. Auf ihrem Kopfe aber trug sie eine Krone, die übertraf an Pracht alle Schätze der Welt. Sie schien aus einem einzigen Diamanten gemacht, und glänzte so stark, daß er sich fast die Augen zuhalten mußte. Die Schlange aber legte die Krone auf einen großen Stein, der am Wege lag, und ging dann in das kühle Wasser, um sich darin zu baden. Der Königssohn hatte nur so lange gewartet; er ritt an die Stelle hin, stieg schnell ab, nahm die Krone, und schwang sich wieder auf sein Pferd, das im Galopp davon lief. »Das ist eine Kostbarkeit,« sagte er, »wie mein Vater keine in seiner Schatzkammer hat. Aber was für ein dummes Thier ist die Schlange doch; ich habe immer von der Klugheit der Schlangen sprechen hören, und die Schlangenkönigin – denn das muß sie wohl seyn – legt ihre Krone an den Weg, wo sie jeder nehmen kann, wer Lust dazu hat.« So sprach er für sich, und betrachtete bald das köstliche Kleinod, bald machte er sich über die Schlange lustig, und bald gedachte er an die große Belohnung, die ihm sein Vater, der König, ertheilen werde. Auf einmal aber hörte er hinter sich ein sonderbares Pfeifen und Zischen. Es wird der Wind seyn, dachte er, der durch die Zweige der Bäume streicht. Aber das Pfeifen und Zischen kam immer näher, und es rauschte dicht hinter ihm. Da sah er sich um, und hinter sich gewahrte er viele tausend Schlangen, die hatten ihre Königin an der Spitze, und verfolgten ihn. Es war vergeblich, daß er sein Pferd zu stärkerem Springen antrieb, die Schlangen übertrafen es an Schnelligkeit. Schon wollten sich einige um des Pferdes Füße winden, und es niederstürzen, da ward ihm um sein Leben bange, und er warf die Krone ihnen zu, in der Hoffnung, daß sie ihn verlassen würden. Die Schlangen ließen auch wirklich von ihm ab; aber als die Königin ihre Krone aufgesetzt hatte, verdoppelten sie ihre Schnelligkeit, und waren schon wieder nahe hinter ihm. Er warf ihnen seinen Hut herab, aber obgleich ein Theil der Schlangen zurückblieb, und ihn ganz durchlöcherte, so verfolgte ihn doch der größte Theil derselben, hing sich an das Pferd und wickelte sich um seine Beine, bis es niederfiel. Da ließ der Königssohn sein Pferd, und floh zu Fuß der Stadt zu. Sein Vater aber, der König, stand oben an einem Fenster, und sah, wie der Jüngling voll Schrecken in den Pallast hereintrat. »Was ist dir wiederfahren?« fragte er ihn eilig. Da erzählte ihm der Königssohn, was ihm begegnet sey. Der alte König aber hörte ihm aufmerksam zu, dann sprach er: »so weiß ich dann endlich, wo der Schatz zu finden ist. Schon seit zehen Jahren schicke ich insgeheim Boten durch alle Länder, um eine Schlangenkrone zu suchen, aber nie konnte ich dazu kommen, und doch hat mir ein weiser Mann versichert, daß eine Schlangenkrone mir großes Glück verschaffen würde. Geschwind, mein Sohn zeige mir den Platz, wo du sie gesehen hast, ich will, ich muß diese Krone besitzen.« Der Königssohn aber rieth seinem Vater von einem so gefährlichen Unternehmen ab. »Seht,« sprach er, »ich bin selbst mit Mühe der Todesgefahr entronnen, begebt euch nicht in gleiche Gefahr.« Aber der König ließ sich nicht abhalten. »Wenn du nicht mitgehen willst, so will ich es allein versuchen.« Da ließ er sich sein schnellstes Pferd satteln, und ritt hinaus an den Ort, den ihm sein Sohn bezeichnet hatte. Er war aber kaum an den Bach gekommen, als ein zahlloses Heer von Schlangen sich ihm entgegenstellte, und ihm eine solche Furcht einjagte, daß er augenblicklich wieder umkehrte. Der König gab aber deswegen die Hoffnung noch nicht auf, zum Besitze der Schlangenkrone zu gelangen. Er schickte viele seiner besten Reiter und Soldaten an den Platz, aber alle erschracken vor der Menge und dem Zorne der Schlangen, so daß sich keiner getraute, unter sie hin zu reiten, und kehrten unverrichteter Sache zurück. Da versprach der König dem, der ihm eine Schlangenkrone bringen würde, einen Theil seines Landes, und ließ dies in seinem ganzen Reiche bekannt machen. Zu dieser Zeit aber lebte in einem Thale ein Mann und eine Frau, die hatten keine Kinder gehabt. Der Mann war einst in den Wald gegangen, und hatte da ein kleines Kind gefunden, das hatte er zu sich genommen und es auferzogen; er und seine Frau aber hielten es wie ihr eigenes Kind, und liebten es als eine Tochter. Das Mädchen aber wuchs heran, und ward schön und fromm, und hütete die Paar Ziegen und Schaafe, die den Reichtum ihrer Eltern ausmachten; denn für das hielt sie die Leute, bei denen sie war, und nannte sie Vater und Mutter. Eines Tages aber, als das Mädchen auf einem Berge ihre Ziegen und Schaafe weidete, verlief sich ein Schaaf in das Gebüsch. Das Mädchen lief ihm nach, aber das Schaaf ging immer weiter und weiter, bis es ihr endlich ganz aus den Augen war. Da kam das Mädchen an den Eingang einer Höhle, und glaubte, das Lamm möchte sich wohl darin verlaufen haben, und trat hinein. Doch sie fand es nicht. Da ihr aber am Ende der Höhle ein sonderbares Licht entgegenstrahlte, ging sie weiter und weiter. Der Glanz zog sich aber immer vor ihr zurück; da fürchtete sie, sie möchte den Rückweg nicht mehr finden und wandte sich um; sobald sie aber den ersten Schritt gethan hatte, wich der Boden unter ihren Füßen, und sie sank in eine tiefe, tiefe Höhle hinab. Sie war aber nicht gefallen, sondern nur ganz sanft hinabgeglitten. Als sie sich umsah, befand sie sich in einem großen, unterirdischen Gemache, das ward von glänzenden Säulen getragen; die Wände aber glänzten von Edelsteinen, und erleuchteten es, wie Tageslicht: die rundgewölbte Decke war von einem himmelblauen, glänzenden Marmorstücke, und goldene Sterne bewegten sich daran, wie am Himmel. An dem einen Ende des Gemaches aber stand auf einem weißen Gestelle eine grüne Urne, die war aus einem Steine wie ein Blatt gearbeitet, und darauf lag die Schlangenkönigin mit ihrer Krone auf dem Haupte. Das Mädchen aber war von Staunen und Schrecken ergriffen, als sie die große Schlange sah; die Königin aber sah sie aber eine Zeitlang mit unverwandtem Blicke an, dann pfiff sie, und durch eine Oeffnung in der Wand kamen zwei andere Schlangen, die eine trug in ihrem Maule ein Halsband mit Edelsteinen, und die andere ein verschlossenes Kästchen in einem mit Diamanten besetzten Ringe; sie näherten sich dem Mädchen, und richteten sich empor, gleichsam als ob sie es ihr geben wollten. Das Mädchen zögerte anfangs es anzunehmen; als ihr aber die Schlangen mit dem Kopfe zunickten, nahm sie es ihnen ab. In demselben Augenblick aber ward sie in die Höhe gehoben, und stand in der Höhle, in die sie hereingetreten war. Sie trat hinaus und kam auf dem Berg bald wieder zu ihrer kleinen Heerde, die trieb sie eilig nach Haus, und erzählte ihren Eltern, was ihr begegnet war. Das öffnete sie das Kästchen und fand darin eine prächtige Krone, die glänzte wie die Sonne am Mittag, denn sie war aus einem Diamanten gemacht. »Das ist eine Schlangenkrone,« sagte ihr Vater, »komm, laß uns zum König gehen, und ihm die Krone bringen.« Da zog das Mädchen ihre Sonntagskleider an, und wollte das Halsband um ihren Hals legen, aber es war viel zu klein; da knüpfte sie noch ein rotes Band daran, und legte es so um ihren Hals, und ging mit ihrem Vater zum König. Als sie vor den König kam, sprach der Mann: »wir bringen euch die Schlangenkrone, nach der Ihr so lange gesucht habt.« Dabei öffnete er das Kästchen und zeigte ihm die diamantene Krone, die wie die Sonne glänzte. Der König war hocherfreut, und ließ sich ausführlich erzählen, wie sie zu der Krone gekommen seyen. Als sie aber mit der Erzählung fertig waren, da ward der König sehr nachdenklich; er sah das Mädchen an und blickte dann wieder nach einem Bilde, auf dem seine verstorbene Gemahlin gemalt war. Dann ließ er eine Dienerin rufen, und sprach zu ihr: »kennst du dieß Mädchen?« Die Dienerin aber hatte sie kaum angesehen, da rief sie laut: »Herr König, das ist Eure Tochter, die Euch als Kind geraubt worden ist; seht hier das Halsband, das sie damals angehabt hat, seht, wie sie Eurer Gemahlin ähnlich sieht.« Da erzählte auch des Mädchens Vater, wie er das Kind gefunden und wie er es erzogen hatte. Da erkannte der König, daß es seine Tochter sey, die als ein kleines Kind geraubt worden war. »So ist denn die Vorhersagung erfüllt worden,« sprach er, »ich habe mit der Schlangenkrone ein großes Glück erhalten, ich habe mein lange verlornes Kind wieder gefunden.« Da ließ er dem Mädchen köstliche Kleider anziehen, und setzte ihr die kostbare Krone auf's Haupt, dem Manne aber, der sie erzogen hatte, schenkte er ein großes Land, und ließ im ganzen Reiche bekannt machen, wie er seine verloren geglaubte Tochter wiedergefunden habe. Darauf lebte er noch lange, und erreichte ein hohes glückliches Alter. Der Goldkäfer In einer leeren Haselnußschaale, in die eine Maus ein Loch gebissen hatte, lebten einst zwei Käfer, die Mutter und der Sohn. Lange Zeit hatten sie sich mit dem düstern Aufenthalt begnügt, und hatten friedlich zusammengewohnt; aber endlich ward es dem Söhnchen zu eng in der kleinen Wohnung. »Mutter,« sprach der junge Käfer zum alten Käfer, »gebt mir ein Reisekleid; ich will in die Welt gehen, und mir ein eigenes Haus suchen, es gefällt mir hier nicht mehr.« »Bedenke wohl mein Sohn, was du thust,« sprach der alte Käfer, »und verachte nicht das, was du gewiß hast. Freilich, ich gestehe es, unsere Wohnung ist etwas unbequem und eng, aber wenn wir uns ordentlich eintheilen, so haben wir beide Platz. Sie ist auch keineswegs schön gelegen hier in der dichten Hecke, unter dem feuchten Laub, und die Sonne, ich will vom Mond gar nicht reden, muß schon recht hell scheinen, wenn sie uns zur Hausthüre herein leuchten will. Aber wohnen wir nicht sicher? Der Regen dringt nicht zum Dache herein, und der Sturm geht über uns hinweg. Freilich haben wir eine schlechte Aussicht, aber wie wäre es, wenn unser Haus draußen im Freien an der Straße läge? Wie leicht könnte es beschädigt werden? Darum bedenke, was du thust; ohne Zweifel wirst du viel schönere Wohnungen finden, als die unsrige ist, aber glaube nicht, daß alles, was schön und angenehm ist, auch Dauer hat, und Schutz gewährt. Ich fürchte, du wirst einmal durch Schaden klug werden.« »Das wüßte ich doch nicht,« sagte der junge Käfer, »die Welt ist groß, und ich traue mir so viel Einsicht zu, um unterscheiden zu können, was für mich paßt oder nicht. Ich hoffe im Gegentheil euch selbst von meinem guten Geschmacke zu überzeugen, und euch aus diesem düsteren Gefängniß zu erlösen.« »Ich wünsche dir alles Glück, mein Sohn,« sprach der alte Käfer, »und wenn du durchaus dein Vorhaben nicht ändern willst, so kann ich nichts anderes thun, als dich ziehen lassen.« Darauf zog er ihm ein neues, goldglänzendes Röcklein an, und nachdem er sein liebes Söhnlein noch einmal geküßt, und von ihm Abschied genommen hatte, flog dieser fort. Nicht weit von seiner Heimath floß eine klare Quelle aus einem Felsen, da setzte sich der junge Goldkäfer auf einen Zweig, der über das Wasser hinragte, und sah hinab und betrachtete mit Wohlgefallen seine schöne Gestalt und den Goldglanz seiner Flügel in dem spiegelnden Wiederschein des Wassers. Er fühlte zum erstenmal die Regungen der Eitelkeit, und begann, eine sehr hohe Meinung von sich zu fassen. »Ich will mir ein Haus suchen, sagte ich zu meiner Mutter, ja, das will ich thun, aber es muß ein Haus seyn, das meiner würdig ist, keine so einfältige Haselnußschale, die kein Mensch ansieht, wenn sie da liegt im feuchten Laube – es muß schön gebaut seyn, hoch gelegen und von Wohlgerüchen umduftet, und gebaut für die Ewigkeit.« Mit dem festen Vorsatz, nicht eher sich niederzulassen, als bis er ein Haus, seiner würdig, gefunden hätte, flog er davon, und kam bald in einen großen schönen Garten, in dem die schönsten Blumen von allen Farben und Gestalten blühten. »Da will ich mir einmal ein Haus suchen,« sprach er, »so schön, wie noch kein Goldkäfer eines bewohnt hat!« Er flog darum auf alle Blumen, und setzte sich auf die Blätter, und schaute herum, aber keine dünkte ihm schön genug. Da sah er, daß in einem Glashause noch einen neuer Garten war von seltsamen ausländischen Gewächsen, Bäumen und herrlichen Blumen. Er kroch darum unter dem Fenster hinein, und sah um sich und verwunderte sich über die Pracht und Anmuth der seltenen Pflanzen. Unter allen Blumen aber gefiel ihm eine besonders. Sie war auf einer sonderbaren Pflanze gewachsen, die fast wie ein behaarter Stock an einem kleinen Pfahle befestigt war, und wenig Angenehmes an sich hatte. Aber ganz oben war eine Blume hervorgewachsen, die übertraf an Schönheit alles, was er je gesehen hatte. Von einem Kelch, der aus hundert grünen, spitzigen Blättchen bestand, rings umschlossen, bildete sie ein hohles Haus, aus dem ein langer Büschel weißer Staubfäden sich hervorstreckte, und einen köstlichen Geruch ausduftete. Sie stand auf der höchsten Stufe eines Gestelles allein, und alle anderen Blumen standen unter ihr, und schienen ihre Dienerinnen zu seyn. »Das muß die Königin der Blumen seyn!« sprach der Käfer, »ich werde sie mir zur Wohnung wählen.« Er flog daher auf sie hin, und ging auf ihren Staubfäden, wie auf einer Brücke hinein. Es war eine herrliche Wohnung, groß und schön gewölbt, und von den feinsten reizendsten Wohlgerüchen. Der Käfer konnte sich nicht genug über ihre Pracht wundern, und sein Glück preisen, eine so herrliche Wohnung zu besitzen. Er breitete seine Flügel aus, und wiegte sich auf den zarten, spitzen Blättern, und sprach voller Freuden bei sich: »O, wie bedaure ich meine Mutter, die in einem so schlechten Hause leben muß! O, wäre sie hier, was sollte sie sich wundern? Wie groß, wie geräumig ist meine Wohnung. Wie schön ist sie gewölbt? Da kann kein Regen mir schaden, und kein Sturmwind mich berühren.« Er fuhr fort, sein Glück zu preisen, und herrliche Pläne für die Zukunft zu entwerfen. Endlich ward es Nacht, und er schlief ein, so sanft, wie er in seinem Leben noch nie geschlafen hatte. Er träumte von allen Herrlichkeiten, von denen ein Goldkäfer träumen kann, und wachte nicht eher auf, als bis die Sonne zum Fenster hereinschien und summende Fliegen ihn aus seinem süßen Schlummer weckten. Er sag um sich her, aber es war alles viel anders, als es gewesen war. Die zarten Blätter waren verwelkt, und hingen schlaff herab, die schönen langen Staubfäden waren zusammengeschrumpft, und der köstliche Duft war fast verschwunden. Er konnte nicht begreifen, wie das zugegangen sey; er glaubte, er täusche sich, und rieb die Augen aus, aber die herrliche Königsblume war verwelkt, ihre Blätter senkten sich mehr und mehr, und er mußte fürchten, daß sie ihn ganz einschließen möchten. Er schlüpfte darum heraus, und sah sich traurig um; da kam der Gärtner, und schnitt die verwelkte Blume ab, und warf sie auf den Boden zu andern Blättern, die rings herum zerstreut da lagen. Dann nahm er die Pflanze, an der die Königsblume gewachsen war, und setzte sie in ein Eck auf ein Brett, wo sie unscheinbar unter den andern da stand. »Meine Mutter hat doch recht gehabt!« sagte der Goldkäfer zu sich selbst; »schön war sie, die Wohnung, aber die Herrlichkeit war doch gar kurz. Aber ich weiß, woran es liegt. Das sind lauter ausländische Gewächse, die hier in diesem Hause gezogen werden, die haben keine Kraft und Dauer. Aber ich will hinausgehen ins Freie, wo die Blumen ohne Pflege blühen, dort will ich mir ein Haus suchen.« Damit flog er durch ein geöffnetes Fenster hinaus, und flog über den Garten auf einen hohen Berg, dort stand ein wilder Rosenstock, und eine weiße Rose entfaltete eben ihre Blätter in den warmen Strahlen der Sonne, und hauchte ihren natürlichen Wohlgeruch aus. »Die Rose ist eine Königin der Blumen, das habe ich oft sagen hören,« sprach er, »sie soll meine Wohnung seyn.« Er flog ohne Umstände hinein, und setzte sich in ihre Mitte. Je höher die Sonne am Himmel stieg, desto mehr bogen sich die Blätter zurück, kam aber eine dunkle Wolke an den Himmel, oder strich ein rauher Wind über die Haide daher, so schien sie ihre Blätter zurückzuziehen, und ein schützendes Dach über ihm zu bilden. »Das ist eine herrliche Wohnung,« sprach der Käfer, »sie ist freilich nicht so groß, wie die vorige, nicht so zart, und auch nicht ganz so wohlriechend, aber wie schön weiß sie sich nach dem Wetter zu richten, wie aufmerksam ist sie für ihren Gast? Ich bin überzeugt, sie wird heute Abend sich schließen und morgen früh, wenn die Sonne kömmt, die Hausthüre wieder öffnen.« Er hatte ganz richtig vorhergesagt; als es Abend ward, bogen sich die Blätter zusammen, und schlossen sich endlich ganz zu. Der Käfer legte sich ganz zufrieden zu Bette, Wie er am andern Morgen erwachte, und die Sonne an den Himmel kam, schloß sie nach und nach ihre Blätter wieder auf, und der Käfer flog heraus und summte sein Morgenlied, so fröhlich wie er's noch nie gesungen hatte. Noch eh es Abend ward, kam er nach Haus; »ich will sie nicht warten lassen,« dachte er, »sie wird die Thüre bei Zeit schließen.« Er war noch nicht lange zu Haus, da ging die Sonne unter, und die Rose schloß ihre Blätter wie am vorigen Abend, und da der Goldkäfer immer in der Meinung war, es geschehe aus Sorgfalt für ihn, so schlief er so zufrieden und selbstgefällig ein, daß er mit keinem Käfer in der ganzen Welt getauscht haben würde. So ging es ein Paar Tage, und der Goldkäfer fing wieder an, die kurzsichtige Bedachtsamkeit seiner Mutter zu bedauern. »Ich begreife nicht, wie sie nur so eigensinnig an ihrer elenden Wohnung in der engen Hasselnußschaale hängen mag? Kann man schöner wohnen als ich? Jetzt bleibe ich noch ein Paar Tage hier, um mich lustig zu machen, dann will ich heim gehen, und meine Mutter holen; sie soll mit meinem Geschmacke zufrieden seyn, und mein Glück mit mir theilen.« Er that wie er gesagt hatte, flog noch ein Paar Tage im Sonnenschein umher, aß und trank und schlief in der Nacht in seiner gesicherten Wohnung. In der dritten Nacht aber erhob sich ein starker Wind, und braußte durch den Rosenstock mit stürmischer Wuth. Anfangs freute sich der Käfer, daß er so schön in den Schlaf gewiegt wurde; als aber der Sturm ärger tobte, und ein gewaltiger Platzregen vom Himmel stürzte, da ward ihm angst um sein schönes Haus. Und er fürchtete nicht ohne Grund, denn ein starker Windstoß riß die Blätter ab, und der Regen strömte hinein, so daß der Käfer sich festhalten mußte, um nicht herausgeschwemmt zu werden. Endlich riß der Wind alle Blätter los und warf den Käfer aus der Rose hinaus. Er breitete eilig seine Flügel aus und ward vom Winde weit hinweggeführt, bis er endlich auf einer weiten Haide niederfiel. In der dunklen Nacht wußte der arme Käfer nicht, wo er hin sollte; er kroch lange auf dem Boden umher, bis er endlich unter einem Steine eine dürftige Zuflucht fand. Er kroch darunter, und erwartete den Tag. Als der Morgen anbrach, und Sturm und Regen sich gelegt hatte, kroch er hervor auf den Stein, und trocknete sein beschmutztes Röcklein. »Was soll ich jetzt anfangen,« sprach er bei sich, »mein kurzes Glück ist mir schrecklich verbittert worden. Ach, meine Mutter hat doch recht gehabt, als sie sagte, ich solle nicht auf das Schöne, sondern auf das Dauerhafte sehen! Aber soll ich wieder nach Hause gehen! Nein, da müßt ich mich schämen! Was würde meine Mutter sagen? wie würden mich die Kameraden auslachen? Besser such ich mir ein anderes Haus.« Er flog nun lange auf der Haide umher und gewahrte endlich eine Strohblume, die ihre dürren stachlichen Blätter eben ein wenig öffnete, denn die Sonne stand schon hoch, und hatte die Feuchtigkeit aufgetrocknet. Er schlüpfte mit vieler Mühe hinein und rüttelte und schüttelte so lang, bis er die innersten Blätter ein wenig aus einander gedrückt hatte. »Es ist freilich ein schlechtes Bett,« sagte er, »aber es scheint doch dauerhaft und fest, das wird so leicht kein Sturm zerreißen.« Und er hatte sich nicht geirrt. Denn wenn ein Regen oder ein Sturm kam, so schloß sie ihre Blätter fest zu, und kein Wind war im Stande, sie zu zerstören. Der Käfer gewöhnte sich in wenigen Tagen an seine neue Wohnung, und ward endlich recht zufrieden. »Freilich wohne ich nicht so bequem, wie in der Rose,« sprach er, und seufzte dabei; »die Blätter sind gar zu stachlich und hart, und an Wohlgerüche darf ich nicht denken; aber ich wohne doch sicher und frei. Seht doch, die Sonne scheint so lustig in mein Kämmerlein, und seh ich zum Fenster hinaus, so liegt die Welt vor mir ausgebreitet, und fliegt eine Mücke oder ein Schmetterling an mir vorüber, so denkt er, seht doch, wie sitzt der Goldkäfer so zufrieden in seinem Nestchen!« Er hatte einige Zeit so zufrieden mit sich selbst gesprochen, da kam ein seltsames Thier über die Haide daher geschritten; es war grau, hatte einen dicken haarigen Kopf und ein Paar lange Ohren saßen daran, die es bald vor- bald rückwärts beugte. Es suchte auf dem Boden das sparsame Gras und die Disteln, die kümmerlich hier und da zwischen den Steinen hervorwuchsen. Der Goldkäfer sah ihm lange zu, und prieß sich glücklich, daß der Esel nur Gras und gemeine Disteln fresse. Endlich aber sah er die Strohblume. Er biß sie ohne Umstände ab, und fing an, sie mit seinem scharfen Gebiß zu zermalmen. Der Goldkäfer gerieth darüber in einen solchen Schrecken, daß er bewußtlos aus der Blume heraus und auf den Boden fiel. Als er wieder zu sich kam, sah er das schreckliche Thier noch in seiner Nähe, was ihn auf's Neue so erschreckte, daß er eilig davon flog, und nicht eher ruhte, als bis er zu Hause war. Seine Mutter saß eben vor der Thüre, und wunderte sich nicht wenig, ihr liebes Söhnlein, das auf ewig Abschied von ihr genommen hatte, so bald wieder zu sehen. Aber er sprach kein Wort, sondern kroch eilig durch die enge Thüre in die Hasselnußschale. »Nun, wie ist es dir denn gegangen, mein lieber Sohn,« sprach der alte Käfer, »erzähle mir doch« »Ach, ich bitte euch tausendmal um Vergebung,« sagte der junge Käfer; »es ist mir sehr schlecht gegangen.« Darauf erzählte er ihr seine ganze Geschichte, und sprach zuletzt: »Möchten sich doch alle dadurch warnen lassen, die wie ich, das bescheidene Gewisse verachten, und unklug nach dem glänzenden, aber gefahrvollen Ungewissen streben. Aber durch Schaden wird man klug!« Springpeterchen Es war einmal ein kleines possirliches Kerlchen, das hieß Peterchen, das war ungestalt und so klein gewachsen, daß es sich einst im hohen Grase, wie in einem Walde verirrte. Dabei aber war Peterchen von aufgewecktem Geiste, und weil er hohe Sätze machen, und wie ein Eichhorn von einem Baum zum andern hüpfen konnte, nannte ihn Jedermann das Springpeterchen. Als Springpeterchen so alt war, daß er aus der Schule entlassen wurde, dachte er daran, ein gutes Handwerk zu erlernen, damit er ordentlich durch die Welt käme. Es ging darum zu einem Schmied, der wohnte in einem Berg vor einem großen Wald. Zu dem kam er und sprach ganz keck: »Meister, was muß ich euch geben, wenn Ihr mich euer Handwerk lehrt?« Da sah ihn der Meister an und erwiderte lächelnd: »Nichts, Peterchen; aber sage mir, wozu soll ich dich denn brauchen? Was kannst du denn?« »Mehr als Brod essen,« sagte Peterchen. »Nun, wenn das so ist,« sagte der Schmied, »so will ich dich behalten.« Da nahm er einen Stein, und legte ihn in die Esse, und setzte Springpeterchen darauf, und sprach: »schüre mir das Feuer, das soll deine Arbeit seyn!« Da schürte Peterchen das Feuer, und warf Kohlen hinein, und der Schmied freute sich, daß Peterchen schon so viel konnte. Wie aber das Eisen recht glühend war, sprang Peterchen aus der Esse, und ehe es der Schmied merkte, war er schon wieder da. – Er hatte aber einen Tropfen Wasser auf den Ambos getröpfelt, und als der Schmied das heiße Eisen darauf brachte, und mit dem großen Hammer zuschlug, gab es einen Knall, daß der ganze Berg davon erzitterte. Da sah sich der Schmied um, und sagte: »Peterchen, hast du das gethan?« »Ja, Meister,« sagte Peterchen. »Ich sage dir Peterchen,« antwortete der Schmied »du hast mich rechtschaffen erschreckt.« »Das glaube ich,« entgegnete Peterchen, »hab' ich euch nicht gesagt, daß ich mehr kann, als Brod essen?« Da bekam der Meister einen ordentlichen Respekt vor seinem Lehrjungen und sprach: »ich sehe schon, ich muß dich gleich weiter fördern; du bist zu gut zum Feuerschüren.« Darauf hob er ihn aus der Esse, und stellte ihn an den Blasbalg. Das war dem Peterchen recht, da konnte er springen nach Herzenslust; denn weil er so klein war, so mußte er immer in die Höhe springen, um die Stange zu erreichen. Er versah aber sein Amt so gut, daß ihn der Schmied täglich lieber gewann. Einmal brachte man ein Pferd, und dabei waren zehn starke Männer, die sollten es festhalten, wenn es beschlagen würde, denn es wollte sich kein Eisen aufschlagen lassen. Da sprach Springpeterchen: »laßt mich nur gewähren, ich will dem Pferd etwas ins Ohr sagen, daß es ruhig stehen soll.« Da ward das Eisen geschmiedet, und als es ihm aufgeschlagen werden sollte, sprang Peterchen dem Pferde auf den Hals, und sagte ihm ganz leise etwas ins Ohr. Zu gleicher Zeit aber steckte er eine Fliege hinein, und hielt das Ohr zu. Da vergaß das Pferd über dem Summen, daß es beschlagen wurde, schüttelte den Kopf hin und her, nickte, und alle Leute sagten: »seht, das Pferd hat ihn verstanden,« und glaubten, wenn es den Kopf schüttle, so sage es nein, und wenn es nicke, so sage es ja; der Meister aber eilte sich, und schlug das Eisen auf, und sagte zu den Leuten, die verwundert herumstanden: »der kann mehr, als Brod essen.« Zu einer andern Zeit aber brachte man einen Esel, dem sollte auch ein Eisen aufgeschlagen werden. Da lief Springpeterchen herbei, und sprach: »Meister, ich will ihm erst ins Ohr sagen, daß er stille steht!« »Das ist nicht nöthig!« sagte der Meister, »der steht schon von selbst still.« »So,« sagte Springpeterchen, »gebt einmal acht, ich will ihm jetzt sagen, daß er nicht still stehet, und Ihr sollt ihn mit all Eurer Kraft nicht halten können.« »Das möchte ich doch einmal sehen,« sagte der Schmied, und stemmte die Arme in die Seite. Da that Springpeterchen, als wolle er ihm etwas ins Ohr sagen, warf ihm aber zu gleicher Zeit eine glühende Kohle ins Ohr. Da wurde der Esel ganz toll, schlug den Schmied zu Boden, riß sich los, und lief davon. Da stand der Schmied auf, und sagte: »Peterchen, du hast bei mir ausgelernt, denn du kannst mehr als dein Meister, du kannst jetzt in die Fremde gehen.« Da machte Peterchen seinen Bündel, nahm Abschied von seinem Meister, und ging in die weite Welt. Er war aber noch nicht weit gekommen, da stand er auf einem Berge, und darunter breitete sich ein großes Meer aus, und viele Schiffe gingen auf dem Meer, und andere liefen in den Hafen ein, und andere machten sich bereit, wieder abzusegeln. Da stieg er hinab, und mischte sich unter das Schiffsvolk, und blieb endlich vor einem großen Schiffe stehen, das eben in See stechen sollte. Die Leute aber trugen noch große Balken und schwere Steine hinein. »Wozu soll denn das dienen?« fragte er einen, und das war der Schiffsherr. »Das ist Ballast,« sagte der Mann. » Ballast , was ist denn das?« fragte Peterchen. »Je nun,« sagte der Mann, »weil unser Schiff sonst zu leicht wäre, darum legen wir allerlei schwere Sachen hinein, damit es hübsch im Gleichgewicht bleibt.« Endlich war das gehörige Gewicht im Schiffe, und man wollte die Anker lichten, aber Peterchen sagte: »dem Ballast fehlt noch etwas an Gewicht, so schwer ungefähr, als ich bin; wenn ich euch rathen soll, so nehmt mich auf euer Schiff; sonst wird's euch nicht gut ergehen!« Da lachte der Schiffsherr und sagte: »ja Bürschchen, komm, dich kann ich brauchen!« Da nahm er ihn auf's Schiff, das gleich darauf die Anker lichtete und absegelte. Springpeterchen aber kletterte an der Strickleiter hinauf, und setzte sich in den Mastkorb. »Da will ich wohnen,« sagte er, »hier bin ich in meinem Element.« Dort saß er denn am Tage und sah hinaus auf's weite Meer, und wo der Wind herkomme, und die Seevögel; am Abend aber kam er herunter, und aß mit dem Schiffsherrn und vertrieb ihm die Zeit mit allerlei lustigen Geschichten und Spässen. Das Schiff aber segelte glücklich, und kam bald in ein fernes Land; dort hielt sich der Schiffsherr eine Zeitlang auf, und kaufte allerlei kostbare Waaren wohlfeil ein, denn die Leute dort wußten die Kostbarkeiten ihres Landes nicht so zu schätzen. Eines Tags aber war Peterchen auch ans Land gegangen, und als er am Abend heimgehen wollte, verirrte er sich, und kam in ein großes Kornfeld, das wollte gar kein Ende nehmen. Da half ihm seine Gelenkigkeit nichts, und wenn er auch in die Höhe sprang, so konnte er doch nicht über die Halmen hinaus sehen. Darüber ward es Nacht, und er mußte die Hoffnung aufgeben, heute noch auf das Schiff zu kommen. Er brach also einen Arm voll Korn ab, bereitete sich ein Lager, und schlief die Nacht ganz ruhig; am andern Morgen aber ging er weiter und kam bald an einen Weg, der ihn an's Meer führte. Als er aber dorthin kam, war das Schiff verschwunden, und wen er auch fragte, der konnte ihm keine Nachricht davon geben. Da dachte er, je nun, da mußt du eben hier bleiben. Wenn's ganz fehlt, so kannst ich mehr als Brod essen, und damit will ich mich schon durchbringen. Darauf ging er der Stadt zu, und kam bald an eine Bude vor der Stadt, in der verkaufte man frische Würste und Weißbrod, und da er seit gestern nichts gegessen hatte, fing der Hunger an, ihn unwiderstehlich zu plagen. Er trat darum vor die Bude, und sprach zu dem Manne: »hört einmal: wollt ihr für ein Frühstück von mir lernen, wie Ihr es machen müßt, daß Euch die Würste nicht verderben, und das Brod nicht trocken wird.« »Ja freilich,« sagte der Mann, »komm her und sag mir's ins Ohr, daß es mein Nachbar nicht hört!« Da ging Peterchen zu ihm, und sagte ganz leise: »Ihr müßt Eure Würste verkaufen, ehe sie schlecht sind, und euer Brod, ehe es trocken wird, so verdirbt Euch nichts.« Da sagte der Mann: »Höre Kerlchen, du bist ein Schelm, und weil du mehr kannst als Brod essen, so will ich dir auch was dazu geben.« Da gab er ihm ein großes Stück frisches Brod und ein Stück Schinken. Das ließ sich Peterchen trefflich schmecken, dankte dem Manne und ging weiter. Darauf ging er an das königliche Schloß, und wie eben der König mit einem großen Gefolge herausritt, kletterte er auf eine Säule und stellte sich oben darauf, um von da alles recht gut sehen zu können. Auf die Säule aber wollte der König das aus Stein gehauene Bild seines Leibzwergen setzen lassen, der vor Kurzem gestorben war. Als der König daher ritt, sah er schon von Weitem dahin, und wunderte sich, daß das Bild schon fertig sey. Als er aber kam, zog Springpeterchen sein Käppchen vom Kopf und verneigte sich gerade wie es der Zwerg des Königs gethan hatte. Da war der König auf's Höchste erstaunt, und glaubte bald, der Künstler hätte da ein Wunderwerk gemacht, oder der Zwerg sey wieder lebendig geworden; er winkte ihm aber mit der Hand zu sich, da rutschte Peterchen flink an der Säule herab, und sprach zum König: »was befehlt Ihr?« »Wer bist du?« fragte ihn der König. »Ich bin ein Mensch,« sagte Peterchen, »der den Leuten die Wahrheit umsonst sagt, und keinen Dank dafür verlangt, übrigens heiß ich Peter.« »Dich kann ich brauchen,« sagte der König. Da ließ er den Schneider rufen, und ihm ein neues Kleid anmessen; darüber freute sich Peterchen ungemein, und wenn der König ausritt, so mußte er auf einem kleinen Pferdchen neben ihm reiten. Er ging aber einmal mit dem Könige spazieren, da saß am Wege ein alter Bettler mit einem Bein, der sagte, er hätte in des Königs Dienst das andere verloren. Dessen erbarmte sich der König, und gab ihm ein sehr reichliches Almosen. Als sie von ihm weggegangen waren, zupfte Peterchen den König am Rock, und sprach: »Herr König, ich hab' Euch eine Wahrheit zu sagen.« »So,« sagte der König, »laß hören!« »Nun so wißt denn,« sprach Peterchen, »daß ihr ein großer Narr seyd.« »Was sagst du? Kerl! ich sey ein Narr.« »Ja,« sprach Peterchen, »das seyd Ihr, daß ihr dem Bettler da geglaubt habt. Meint Ihr denn, der Kerl hätte wirklich nur ein Bein, wie er sagt? der hat so gut zwei Füße, als ich, und holt Euch noch einen Hasen, wenn Ihr ihn laufen laßt.« »Aber Peterchen,« sagte der König, »wie ist das möglich, ich habe es selbst gesehen.« »Nun, Ihr sollt aber das Gegentheil davon sehen,« sprach Peterchen, »kommt nur mit, und stellt Euch da hinter den Busch, und seht zu, was vorgeht.« Darauf ging Peterchen zu dem Bettler, und sprach: »Der König hat sich bedacht, und gefunden, daß das Almosen, das er Euch gegeben hat, doch zu gering sey; Ihr sollt darum zu ihm kommen, er will Euch besser versorgen.« »Lieber Sohn,« sprach der Bettler, »das kann ich nicht, denn siehe, ich habe nur ein Bein.« »Ey nun,« sagte Peterchen, »so will ich Euch helfen, wenn wir unsere drei Beine zusammennehmen, wollen wir schon zum König kommen.« »Ja, lieber Sohn,« sagte der Bettler, »dazu bist du doch zu schwach; sage dem König, meinem Herrn, ich ließe ihm für seine Güte danken, er hätte mich schon reichlich genug belohnt.« »Ja das geht nicht,« sagte Peterchen, »Ihr müßt zum Könige, und er wird Euch noch einen viel besseren Lohn geben; wartet nur ein wenig, ich will des Königs Thürsteher rufen, wißt ihr, den mit dem Stock, der ist stark genug, um Euch zum König zu führen.« Damit that er, als ob er fortlaufen wollte; er hatte aber kaum dem Bettler den Rücken gewandt, als dieser sein Bein hervorzog, das er in die Erde gegraben hatte, und so schnell er konnte, davon lief. Da sah der König, daß Peterchen recht gehabt hatte, und gewann ihn täglich lieber. Nach einiger Zeit brach ein Krieg aus, und der König schickte ein großes Heer ins Feld. Die Soldaten aber fochten glücklich, und trugen einen Sieg über die Feinde davon. Als ein Bote dem König diese Nachricht brachte, überhäufte er diesen mit Geschenken, und entließ ihn in Gnaden. Da dachte Peterchen, wenn der Mann die Wahrheit geredet hat, so hat er diesen Dank verdient, ich will doch sehen, ob ich nicht dem Könige auch eine Nachricht bringen kann, vielleicht belohnt er mich auch. Da nahm er den Boten bei Seite und sprach: »warte hie ein wenig!« Dann lief er schnell in den Taubenschlag und nahm eine Taube von ihren Eyern, und brachte sie dem Boten und sprach: »wenn das Heer wieder siegt, so binde der Taube ein rothes Bändchen um den Hals, und laß sie fliegen, wird es aber geschlagen, so binde ihr ein schwarzes an.« Da nahm der Bote die Taube und ritt eilig zum Heere. Nach ein Paar Tagen aber ward es geschlagen. Da nahm er ein schwarzes Bändchen, und band es ihr um den Hals, und ließ sie fliegen. Sie flog in einem halben Tage nach Haus, ob er gleich acht Tage zu der Reise gebraucht hatte. Als die Taube mit dem schwarzen Bändchen ankam, ging Peterchen sogleich zum König und sprach: »Herr König, ich hab' Euch eine Wahrheit zu sagen, und verlange keinen Lohn dafür.« »Und was ist denn das?« fragte der König. »Ich habe Euch zu melden,« antwortete Peterchen, »daß heute Morgen Euer Kriegsheer geschlagen werden ist; das Nähere werdet ihr in Kurzem erfahren.« »Wenn das wahr ist,« sagte der König, »so laß ich dich peitschen.« »So,« sagte Peterchen, »ist das mein Lohn, daß ich Euch die Wahrheit gesagt habe? In Zukunft werde ich wohl die Wahrheit schonen müssen.« Da lachte der König, denn er hatte das Ganze für einen Scherz gehalten. Nach acht Tagen aber kam ein Bote, der sagte, daß an dem Tage, Morgens das Heer sich etwas zurückgezogen hätte. Da merkte der König, daß Peterchen Recht gehabt hatte, ob er gleich nicht begreifen konnte, wie er es hatte wissen können. Da ließ er ihm ein neues rothes Käppchen machen mit schönen silbernen Schellen, worüber Peterchen sehr zufrieden war. Endlich starb der alte König, und vermachte Peterchen ein kleines Häuschen mit allen Bequemlichkeiten. Dort lebte er noch lange, und erfreute alle, die ihn sahen, durch sein munteres, lustiges Wesen. Endlich starb er auch und vermachte er seine Kappe dem jungen König, und ließ ihm sagen, er möge sie dem Würdigsten geben. Aber es wollte sich kein zweites Peterchen mehr finden. Da ließ er das Peterchen in Stein aushauen und setzte ihm die Kappe auf, und wer ihn sah, der mußte über ihn lachen, ob er gleich nur von Stein war. Die Geschichte von dem Raben und den Tauben Es waren einmal ein Paar weiße Tauben, die lebten auf einem Hühnerhofe, und waren gar fromm und zahm; sie fraßen den Kindern aus der Hand und lebten mit allen Thieren, die auf dem Hofe waren, in Freundschaft. Selbst der alte Packan, der Hofhund, der sonst ein mürrischer Kerl war, sah ihnen ruhig zu, wenn sie um ihn herumliefen, und die Haferkörner aus dem Stroh lasen, auf dem er schlief. Die Tauben aber flogen von dem Hofe nicht weg, sondern des Hausherrn Töchterchen fütterte sie am Fenster, vor dem ein breites Brett befestiget war; dort warf sie ihnen Gerste hin und Wicken, und rief sie jeden Morgen und Abend zum Fressen. Am Nachmittag aber flogen sie auf einen Acker, der dicht neben dem Hofe lag, und lasen dort allerlei Gewürme und Saamen auf. Aber weiter entfernten sie sich nicht. Wie sie einmal auf dem frischgepflügten Acker herumgingen, kam ein Rabe daher geflogen und setzte sich zu ihnen. Der Rabe aber hatte schon längst die Tauben um ihr stilles, ruhiges Leben beneidet, und hätte es gar zu gerne auch so gut gehabt. Darum sprach er zu ihnen: »Hört, ihr Tauben, wollt ihr mich nicht zu eurem Freunde annehmen? Ich will Euch gefällig und dienstfertig sein in Allem und ihr sollt nicht Ursache haben, über mich zu klagen.« Da sprachen die Tauben: »ja das wollen wir wohl thun, aber ob dich unsre Herrschaft auf dem Hof leiden wird, das ist eine andere Frage. Sie werden dir's gleich ansehen, daß du ein wilder Vogel bist!« »O laßt mich nur machen,« sprach er, »ich gebe mich für eine Taube aus, und eine schwarze Taube unter sechs weißen Tauben, das läßt recht schön.« »Nun, wir haben nichts dagegen,« sagten die Tauben, »du kannst mit uns kommen, aber vorher mußt du uns einiges versprechen.« »Fordert von mir, was ihr wollt,« sagte der Rabe, »nur nicht, daß ich meine Flügel soll beschneiden lassen oder den Schnabel zubinden, sonst will ich alles thun.« »Das verlangen wir nicht,« sagten die Tauben, »aber wir fordern etwas anders. Erstens seyd ihr Raben schmutzige Gesellen, und freßt alles, was euch vorkommt, das mußt du dir hier abgewöhnen; du darfst nichts fressen, als was man dir gibt, und auf dem Acker allenfalls ein Paar zarte Würmchen und Saamenkörner, aber schmutzige Dinge oder gar Aas darfst du nicht mehr anrühren, sonst wird dich unsere Herrin gleich am Geruch erkennen. Sodann seid ihr Raben gar diebische Gesellen, und stehlt, wo ihr könnt; das darf hier durchaus nicht geschehen, und du begnügst dich blos mit dem, was du bekommst. Und endlich, drittens verlangen wir, daß du dir die garstige Haare am Schnabel, deinen Bart abmachen lassest, damit du ein zahmes Ansehen bekommst.« »Das verspreche ich alles,« sagte der Rabe; »nur was meinen Bart betrifft, den laß ich mir nicht gerne nehmen.« »Das thun wir aber nicht anders,« sprachen die Tauben, »wir wollen eine Maus bestellen, die soll die Barbiersdienste thun.« Da gab sich der Rabe darein, und die Tauben riefen sogleich einer Maus, die ihre Freundin war, die kam, und biß ihm die Haare von der Wurzel weg, daß er ganz anders aussah. Der Rabe aber hätte gerne die Maus angepackt, als sie ihm so am Schnabel nagte, aber er getraute sich jetzt noch nicht, seine neuen Freundinnen zu beleidigen. Darauf flogen sie mit einander auf den Hof. Da sprach des Hausherren Töchterchen zu ihrem Vater: »ey, sieh doch, Vater, da ist eine ganz schwarze Taube unter unseren weißen, wo mag die hergekommen seyn?« »Das ist keine Taube,« sagte der Vater, »das ist ein Rabe.« »Aber er ist doch so freundlich mit den Tauben,« sagte sie, »und sieh einmal, er hat gar keinen Bart, wie sonst die Raben haben.« Darüber verwunderte sich der Vater selbst, der Rabe aber, der das gehört hatte, gab sich nun alle Mühe, in allem als eine Taube zu erscheinen. Darum als er sah, daß die Tauben, wenn sie mit einander redeten, den Kropf aufbließen, und sich tief bückten, wollte er es auch so machen, und verbeugte sich tief, und hielt den Athem an sich, aber auf einmal aber machte sich seine Stimme Luft, und er krächzte, daß die Tauben erschrocken aufflogen. Aber um ihren neuen Freund nicht in Verlegenheit zu bringen, blieben sie doch bei ihm sitzen, und baten ihn, seine ungeschickte Höflichkeiten einstweilen noch zu lassen. Darauf streute ihnen das Mädchen Futter an's Fenster; es war ihm aber gar unheimlich, und er war froh, als die Tauben wieder wegflogen. Nach und nach aber gewöhnte er sich an seine neue Lebensart, und ließ sich von dem Mädchen streicheln, wie die andern Tauben, und schien gar sittsam und bescheiden. Eines Tages aber saß er auf der Mauer, und sah auf dem Boden einen todten Maulwurf liegen. Da konnte er sich nicht enthalten, von seinem Fleische zu kosten. »Ich habe nun lauter mehlige Speisen gegessen,« sagte er, »ein Stück Fleisch wird wohl nichts schaden.« Er flog deswegen herab, und packte den Maulwurf. »Nun, was soll denn das geben,« rief ihm auf einmal eine Taube zu. »Hast du schon vergessen, was du versprochen hast? Geschwind lasse es liegen, oder wir jagen dich fort.« Da ließ er den Maulwurf liegen und flog wieder auf die Mauer; in seinem Herzen aber verwünschte er die strengen Tauben, die ihm gar nichts hingehen ließen. »Ich muß mich auf andere Art entschädigen,« sagte er, »aber ich muß es klüger anfangen.« Da sah er eines Tages, wie die Hausfrau frischen Käse bereitete, und wie die Käse so auf dem Brett lagen, sie kamen ihm gar appetitlich vor: »davon muß ich meinen Theil haben,« dachte er, er ließ sich aber nichts merken, sondern flog mit den Tauben auf den Acker und suchte Würmer; auf einmal aber sagte er, er habe etwas vergessen. Er flog nun schnell an das Fenster, vor welchem die Käse lagen, und ließ sich's wohl schmecken. Als er satt war, flog er wieder weg. Wie nun die Hausfrau nach ihren Käsen sah, merkte sie, daß ein Thier davon gefressen hatte. »Die Tauben können das doch nicht gethan haben,« dachte sie, »die sind so genügsam mit ihrem Futter, und haben mir noch nie etwas gestohlen, das muß die Katze gewesen seyn.« Die arme Katze hörte, was die Hausfrau gesagt hatte und kam miauend hervor, um ihre Unschuld zu bezeugen, aber die Hausfrau ergriff einen Besen und wollte sie züchtigen, da machte sie sich auf, und lief davon. An einem andern Tage, als die Tauben mit dem Raben am Fenster saßen, und von dem Mädchen gefüttert wurden, sah er auf dem Tisch etwas Glänzendes liegen, das war ein goldener Ring, der dem Hausherrn gehörte. Der gefiel dem Raben, und er sprach: »den muß ich haben.« Darum, als die Tauben auf dem Felde saßen, sprach er: »ich habe etwas vergessen.« Dann flog er hin vor das Fenster, und da es offen stand, und Niemand im Zimmer war, flog er hinein und packte den Ring mit dem Schnabel, dann setzte er sich im Hof in eine Ecke, und wollte ihn verschlingen; da er das aber nicht konnte, so verscharrte er ihn in den Sand. Es hatte ihn aber Niemand gesehen, als die Katze, die unter dem Ofen gelegen und gethan hatte, als ob sie schlief. Kurz darauf kam der Hausherr in die Stube, und wollte seinen Ring holen. Als er nicht da war, fragte er seine Frau, aber die wußte nichts davon, dann fragte er seine Tochter, aber die wußte auch nichts davon. »Den kann doch die Katze nicht gefressen haben,« sprachen sie, »das ist doch unerhört. Sie hat zwar schon manches weggemaußt, aber Ringe hat sie doch noch nicht gestohlen.« Da kam die Katze hervor und miaute und lief an die Thüre als ob sie sagen wollte, sie sollten mit ihr gehen. Aber der Hausherr besann sich lange, und sprach dann, »gebt acht, ob nicht die schwarze Taube, die doch nichts, als ein verkappter Rabe ist, den Ring geholt hat.« Die Katze aber miaute dabei immer stärker, daß ihr endlich der Hausherr die Thüre aufmachte, da lief sie ein Paar Schritte fort, und sah sich um, daß man ihr folgen sollte. Da ging ihr der Hausherr und die Hausfrau und ihr Töchterchen nach, voll Verwunderung, wo sie die Katze hinführen würde. Sie führte sie aber über den Hof in eine Ecke, dort krazte sie im Sand, und scharrte den Ring heraus. Jetzt sah man, daß der Rabe der Dieb gewesen sein mußte. »Wart, du sollst deine Strafe haben,« sprach der Hausherr. Als dann am andern Tage sein Töchterchen die Tauben wieder fütterte, ließ er ein Becken mit glühenden Kohlen auf den Tisch setzen. Als die der Rabe sah, dachte er, »davon muß ich auch meinen Teil haben.« Darauf flog er mit den Tauben auf einen Acker, und sprach: »ich habe etwas vergessen,« dann flog er vor das Fenster, und weil niemand in der Stube war, flog er hinein, packte eine Kohle und verschlang sie im Augenblick. Die Kohle aber verbrannte ihm den Hals und er konnte das Fenster nicht mehr erreichen. Da fiel er zu Boden und starb eines elenden Todes. Der Hausherr aber, der hinter der Thüre gestanden, und durch das Schlüsselloch alles gesehen hatte, nahm ihn, und warf ihn auf die Straße und sprach: »Der Dieb kann seine Natur nicht verläugnen, und wenn er auch äußerlich noch so sittsam ist.« Aber die Tauben, denen die Katze die ganze Geschichte erzählte, haben sich seitdem vor den Raben gehütet, und haben keine Freundschaft mehr mit ihnen geschlossen. Nählädchen Es war einmal ein Mädchen, das hieß Nählädchen, die war berühmt im ganzen Lande wegen ihrem schönen Nähen, und kein Mädchen auf zehn Meilen konnte so feine Stiche machen, wie sie, noch mit Nadel und Faden so schönes Bildwerk darstellen, als die berühmte Nähterin. Nählädchen aber wußte es auch, wie schön sie nähte, und wenn sie am Sonntag ihr schneeweißes Schürzchen aus der Kiste nahm, und damit im Dorf herumging, so war sie nicht wenig stolz darauf, wenn alle Leute stehen blieben, und zu einander sagten: »ey seht doch, welch schöne Namen das Nählädchen auf der Schürze hat; das ist die Meisterin im ganzen Lande.« Die Königin aber hörte von Nählädchens großer Geschicklichkeit, und ließ sie zu sich rufen. Da gab sie ihm ein großes feines Stück Leinwand, und sprach zu ihr: »Das Stück Linnen säume mir, und ziere es so gut du kannst; wenn es wird, wie ich wünsche, so sollst du gut dafür belohnt werden.« Da nahm Nählädchen das Linnen, und ging damit heim, und holte Nadeln und Faden, und fing an, es zu säumen, und nähte allerlei Figuren darauf, Rosen und Vergißmeinnicht und Pomeranzenbäume und Granatäpfel, und arbeitete so emsig, daß sie in ein Paar Tagen damit fertig war. Dann setzte sie ihr Häubchen auf, zog das gefaltete Schürzchen an, und ging zur Königin. Die Königin aber war sehr erstaunt über die Kunst des Nähmädchens. »Hätte ich doch nimmer geglaubt,« sprach sie, »daß du so was schönes machen könntest. Komm, jetzt will ich dir auch deinen Lohn geben.« Da schloß sie einen Schrank auf, und nahm daraus ein goldenes Häubchen, das setzte sie dem Nählädchen auf, und nahm eine Schnur schöner Granaten, woran ein Goldstück hing, die legte sie ihr um den Hals, dann zog sie ihr ein seidenes Kleidchen an, und gab ihr ein Paar rothe Strümpfe und rothe Schuhe mit blauen Bändchen, und als sie ganz fertig war, stellte sie sie vor einen großen Spiegel, der ging vom Fußboden bis zur Decke, und sprach: »jetzt besieh dich einmal!« Nählädchen konnte sich nicht satt an sich selber sehen; sie drehte sich rechts und links, und schüttelte den Kopf, daß auch die Bänder recht flatterten, und hob den Fuß in die Höhe, um auch die rothen Strümpfe und Schuhe recht zu sehen. Dann bedankte sie sich bei der Königin, und nachdem sie ein Knixchen gemacht hatte, so gut sie es konnte, ging sie nach Hause. Von der Zeit an war Nählädchen ganz stolz, und wenn ihre Gespielinnen sie grüßten, so nickte sie so eben ein wenig mit dem Kopfe, und ging an ihnen vorüber; sie saß aber meistens zu Hause, und nähte an einer Leinwand, die sollte noch viel schöner werden, als die vorige war. Nählädchen aber hatte eine Großmutter, die war sehr alt und konnte nicht mehr viel sehen; die saß hinter dem Ofen und erzählte allerlei alte Geschichten, und manchmal auch von einer wunderbaren Frau, die eine Fee war, und auf einem Berge wohnte. »Dort,« sprach sie, »hat sie ein Haus, und wenn sie daheim ist, so näht sie wie du, aber noch viel schöner. Da ist kein Baum im Feld, da ist kein Vogel im Wald, da ist kein Fisch im Wasser, den sie nicht schon wunderbar abgebildet hätte; ja so wunderbar weiß sie es zu stellen, daß man meinen sollte, es lebe, und wolle sich eben bewegen.« Und wenn dann die Großmutter so fortfuhr zu erzählen, da steckte Nählädchen ihre Nadel bei Seite, und saß in tiefen Gedanken. »Das wird doch auch nicht so arg seyn,« sagte sie endlich, »ich möcht es nur einmal sehen, und setze alles daran, ich will es eben so schön machen, wo nicht noch besser.« »Liebes Kind,« sagte die Großmutter, »bedenke, was du sagst. Einer Fee kannst du es unmöglich gleich thun, und wenn du noch zehnmal geschickter wärest, als du wirklich bist! Und dann nimm dich in Acht, daß sie es nicht erfährt, denn sie hat gar feine Ohren, und hört einem zu, wenn man sie gar nicht sieht; ich sage dir, vermesse dich nicht gegen die Bergfee.« Darauf erzählte denn die Alte gewöhnlich, wie mächtig diese Fee sey im Guten wie im Bösen, und wie sie schon oft die Bescheidenen herrlich belohnt, und die Hochmüthigen bestraft habe. Nählädchen aber hörte darauf nicht, sondern dachte daran wie sie sich mit der Bergfee in einen Wettstreit einlassen und sie überwinden wollte. Eines Tags – es war eben ein schöner Sommermorgen, da sprach die alte Großmutter: »Kind,« sprach sie, »ich will mich ein wenig hinter das Haus setzen, damit die Sonne meine alten Glieder noch einmal wärme; bleib du indessen hier, und sey fleißig.« Darauf nahm sie ihren Stock, und schlich mühsam hinaus, und setzte sich auf einen Baumstamm, der auf der Erde lag, und sonnte sich; Nählädchen aber saß an ihrer Arbeit, und nähte emsig. Da klopfte es an ihrer Thüre, und herein trat eine alte Frau mit eisgrauen Haaren. »Guten Tag mein Kind,« sprach sie, aber man verstand sie nicht recht, denn ihre Zähne waren ihr fast alle ausgefallen. »Guten Tag,« sprach Nählädchen, »wollt ihr zu meiner Großmutter?« »Nein Kind,« sprach die Alte, »ich will zu dir.« Darauf setzte sie sich nieder, und sagte: »ich habe so viel gehört von deiner Geschicklichkeit und großen Kunst im Nähen, und wollte einmal etwas von deiner Arbeit sehen, und da ich es in meiner Jugend auch weit darin gebracht habe, so könnte ich dir vielleicht manches sagen, und dir helfen.« »Ich brauch Euch nicht zum helfen,« sagte Nählädchen ganz kurz: »was könnt denn ihr mit euren steifen Fingern und mit euren blöden Augen machen?« »Ey, ey, Nählädchen,« sagte die Alte, »sey nur nicht gar zu stolz, ich meine es ja gut mit dir, und so dürr meine Finger sind, und blöd meine Augen, so solltest du doch einmal sehen, was ich kann, wenn ich will.« »O ihr närrische Alte,« sprach Nählädchen, und lachte dabei, »meint Ihr, ich werde mich in einen Wettstreit mit Euch einlassen? Da will ich Euch ein altes Hemd geben zum Flicken oder ein Paar Strümpfe zum Stopfen, und das sage ich Euch, ich messe mich mit Niemand, als mit der Bergfee selbst, die eine gute Näherin seyn soll, und hoffe, den Preis über sie davon zu tragen.« »Liebes Kind,« sprach die Alte, »ich bitte dich, vermesse dich nicht gegen die Fee. Man sagt vielerlei von ihr, wie sie unsichtbar in den Häusern wandle, und Kindern, die sie gerne habe, stricken lehre und nähen, ohne daß sie's merken, und wer weiß, ob sie dir nicht unsichtbarer Weise geholfen hat an deiner Arbeit, womit du so viel Ruhm dir erworben hast bei der Königin. An deiner Statt würde ich die Fee bitten, dich noch mehr zu lehren, und würde es dankbar annehmen, wenn mir Jemand diesen Dienst erweisen wollte. Du solltest wahrlich mehr Ehrfurcht haben vor einem grauen Haupte, wie meines ist.« »Ihr seyd eine alte Schwätzerin,« sagte Nählädchen, »ich muß es doch am Besten wissen, wer mich's gelehrt hat, zu nähen. Ich selber und sonst Niemand, und ich sag's Euch noch einmal, die Fee soll selber kommen, und ich will mit ihr um die Wette nähen. Aber mit Eurer Weisheit verschont mich.« Sie hätte gerne gehabt, wenn die Alte fortgegangen wäre, da sie es aber doch für unschicklich fand, sie gerade fortzuschicken, so sagte sie: »nun, wenn Ihr denn doch so geschickt seyd, so laßt mich doch einmal etwas sehen von Eurer Arbeit.« »Ich habe jetzt gerade nichts da,« sprach die Alte, »aber wenn du mir zusehen willst, so will ich dir eine Probe davon geben.« Da griff die Alte in ihre Tasche, und zog daraus eine Citrone, die schnitt sie entzwei, und nahm daraus Nadel und Faden von verschiedenen Farben und einen Fingerhut; dann nahm sie eine andere Citrone, schnitt sie auf wie die erste, und zog daraus ein dünnes feines Gewebe, das war wie weißer Sammet, und so groß, daß es gar kein Ende nehmen wollte. Das befestigte sie an der Wand, und fing an zu nähen. Zuerst nähte sie einen großen Eichbaum mit grünem Laube. Auf seinen Zweigen hatten Vögel ihre Nester gebaut, und unter ihm saß ein Schäfer, der hütete eine Heerde Schaafe, die auf einer grünen Wiese gingen. Die Wiese lag in einem Thale, und vom Berge herab stürzte ein Wasserfall, und der Bach floß durch die Wiese zwischen Erlenbäumen und Weiden. In der Ferne sah man Leute, die mähten das Heu, und Mädchen mit gelben Strohhüten trockneten es, und Knechte legten es auf einen hohen Wagen mit vier Pferden bespannt. Ganz am Ende ragte auf einem Berge eine stattliche Burg empor, und dahinter senkte sich die Sonne zu ihrem Untergange, und ihre Strahlen brachen einzeln durch das dichte Laub des Eichbaums. Darauf fing sie ein neues Bild an, das war ein Wald, und Jäger waren darauf, Hirsche und Rehe, und viele Hunde verfolgten sie. Da sah man den schlauen Fuchs, wie er auf einen Baum kletterte, und das wachsame Kaninchen, wie es sich auf die Hinterbeine setzte, und ganz oben auf dem zackigen Felsen die Himmelsnachbarin, die Gemse und der langgehörnte Steinbock. Und auf dem dritten Bilde sah man eine Stadt und eine Kirche, und ein kleines Kind ward hineingetragen zur Taufe. Sein Schwesterchen trug es auf dem Arm, und war geschmückt mit blauen und rothen Bändchen, und auf dem Häubchen hatte es ein silbernes Kränzchen, aber der Vater und die Verwandten der Mutter gingen ehrbar daneben, und der Pförtner stand an der Kirchenthüre und hielt einen großen Bund Schlüssel in der Hand. Das alles nähte sie kunstreich in allen lebendigen Farben, und man meinte, man sehe die Sonne wirklich scheinen, und höre die Vögel singen, und sehe die Lämmer grasen und fühle das weiche Grün der Wiese. Zuletzt nähte sie rings herum einen Blumenkranz von Rosen, Traubenlaub und Bärenklau, und vollendete das Ganze in unbegreiflich geschwinder Zeit. Nählädchen aber hatte ihr zugesehen mit einem Auge voll Neid und Eifersucht. Als die Alte fertig war, sagte sie mit gezwungenem Lächeln: »ja, meiner Treu, ich hätte nicht geglaubt, daß Ihr so künstlich nähen könntet; jetzt will ich es auch probiren, aber ich lasse mir nicht gerne zusehen, geht darum ein wenig da in die Kammer, ich bin gleich fertig.« Darauf nahm sie geschwind das Gewebe, was die Alte gemacht hatte, und wollte es hinaustragen, und ins Feuer werfen; als sie aber an den Heerd kam, stand die Alte schon da, und riß ihr das Gewebe aus der Hand. »O du undankbares Ding,« sprach sie mit zornglühenden Augen, und in demselben Augenblicke verwandelte sie sich in die königlich gestaltete Fee. »Sieh, ich war's, die dich unsichtbar unterwiesen hat, jetzt empfange deine Strafe.« Da ward aus Nählädchen auf einmal ein altes Mütterchen mit eisgrauen Haaren, und wenn sie sprach, so verstand man sie kaum, denn es fehlten ihr fast alle Zähne. Ihre Augen waren so blöd, daß sie fast nichts sah, und eine Brille tragen mußte, ihre Geschicklichkeit hatte sie ganz vergessen, und sie war froh, wenn sie mit grobem Zwirn ihre Hemden ausbessern konnte. Die Fee aber verschwand, um ein anderes Mädchen aufzusuchen, das dankbarer gegen sie wäre, als es Nählädchen war. –